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Alexander Laszlo
Wem gehört das Huhn?
Wie ich Donald Trump beinahe zu einem besseren Menschen gemacht hätte
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Inhaltsverzeichnis
Titel
»Prolog«
»Die Ankündigung« Sonntag, 27.Oktober 2024. Noch 9 Tage bis zur Wahl.
»Unsere Ankunft in den USA« Anfang Oktober 2020.
»Santa Roca« 2020–2024.
»Die Falle schnappt zu« Dienstag, 29. Oktober 2024, 8:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
»In der Falle« Dienstag, 29. Oktober 2024, 10:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
»Meine letzten Minuten in den USA« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Abflug und Absturz« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Tag 1 auf der Insel« Donnerstag, 31. Oktober 2024. Noch 5 Tage bis zur Wahl.
»Tag 2 auf der Insel« Freitag, 01. November 2024. Noch 4 Tage bis zur Wahl.
»Tag 3 auf der Insel« Samstag, 02. November 2024. Noch 3 Tage bis zur Wahl.
»Tag 4 auf der Insel« Sonntag, 03.November 2024. Noch 2 Tage bis zur Wahl.
»Tag 5 auf der Insel« Montag, 04. November 2024. Noch 1 Tag bis zur Wahl.
»Tag 6 auf der Insel« Dienstag, 05. November 2024. Tag der Wahl.
»Tag 7 auf der Insel« Mittwoch, 06. November 2024. Tag 1 nach der Wahl.
»Im Oval Office« Sonntag, 22. Dezember 2024.
Impressum neobooks
»Prolog«
»Entscheide Dich im Zweifel für das Richtige, dann kann Dir nichts geschehen.«
Wem gehört das Huhn?
Wie ich Donald Trump beinahe zu einem besseren Menschen gemacht hätte
Eine Utopie.
Alexander Laszlo
Mein Name ist Luis Olivares. Geboren wurde ich vor fünfunddreißig Jahren in Mexiko. Aber das glückliche Leben in meiner Heimat ist lange her. In diesem Augenblick befinde ich mich in den USA, in Washington D.C., im Weißen Haus, im Oval Office, umringt von Journalisten, die alle meinetwegen hier sind.
Ich warte auf den neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, damit er mir die Hand reicht. Heute ist der 22. Dezember 2024. Doch die unglaubliche Geschichte, die mich hierhergeführt hat, beginnt zwei Monate zuvor, am 27. Oktober, einem Sonntag zehn Tage vor der Präsidentschaftswahl.
Covid scheint zu diesem Zeitpunkt völlig aus den Köpfen der Menschen verschwunden. Verdrängt, als hätte es diesen verheerenden Ausnahmezustand nie gegeben. Seit dem endgültigen Sieg über die Pandemie wächst die Wirtschaft unaufhaltsam im Rekordtempo, auch dank massiver Steuersenkungen durch den Präsidenten. Die Menschen haben wieder Arbeit, sie gehen raus und geben ihr Geld mit vollen Händen aus. Sie sind im Rausch der rastlosen Gegenwart, nach den bitteren Covidjahren fühlen sie sich endlich wieder frei. Und mittendrin in diesem Hoch: der Präsident. Und der heißt am 27. Oktober 2024 noch immer Donald Trump.
Sicher, er hatte die Wahl 2020 verloren, auch wenn er das bis heute bestreitet und seine Niederlage zur historischen Lüge erklärt hat, so wie die meisten Republikaner. Aber nach dem Sturm auf das Kapitol im Januar 2021 war der Versuch gescheitert, Trump wegen Amtsuntauglichkeit aus dem Präsidentenamt zu entfernen. Die Mehrheit der Republikaner in Senat und Kongress stand fest hinter ihm, sie tut es bis heute und verhindert eine echte Aufarbeitung der Geschehnisse. Donald Trump fühlte sich in jenen Tagen unbesiegbar, und wie sich schon kurze Zeit später zeigen sollte, war er es auch. Er hatte nach seiner Wahlniederlage sein Büro einfach nicht verlassen, er hatte sich einfach geweigert zu gehen, und es gab niemanden, der ihn vor die Tür gesetzt hätte. Und gegen alle Wahrscheinlichkeiten hat der Supreme Court ihn im Amt bestätigt. Die Richter wollten keinen Bürgerkrieg riskieren. Trump hatte also eine zweite Amtszeit angetreten, und damit war für ihn alles, was davor geschehen war, erledigt.
Er hat sich sofort ans Werk gemacht und schon im ersten Jahr seiner neuen Präsidentschaft mit Schützenhilfe seiner Partei und des Supreme Court die Verfassung geändert. Die Begrenzung auf zwei Amtszeiten für Präsidenten wurde aufgehoben. Und dann, nach drei weiteren Jahren im Amt, die Trump im Wesentlichen mit Golfspielen und der Wiedererlangung seines Twitteraccounts verbracht hatte, trat er 2024 erneut als Präsident an. Er will eine dritte Amtszeit, mindestens. Laut Verfassung könnte er auch bis an sein Lebensende Präsident sein. Und genau das ist es, was sein Ego will, und sonst nichts: an der Spitze stehen. Trump wollte nie gestalten, und er kümmert sich nicht um die Menschen. Er will einfach immer ganz oben sein, wo ihn jeder sehen kann.
Aber vor allem duldet er niemanden neben sich. Tatsächlich stehen seine Chancen auf den Wahlsieg keine zwei Wochen vor der Wahl gar nicht schlecht. Die Demokraten sind tief zerstritten. Sie haben Trumps Coup in seine zweite Amtszeit nie überwunden. Sie sind noch immer gespalten über den richtigen Umgang mit Trump. Ihr Präsidentschaftskandidat ist ein parteiinterner Kompromiss, aber er steht ohne klaren Kurs zwischen den Fronten, ist blass und schwach. Kurzum: Er ist eigentlich nicht der Rede wert. Und obendrein sieht er sich mit dem stärksten Wirtschaftswachstum der amerikanischen Geschichte konfrontiert, das sich Trump höchstpersönlich auf seine Fahnen schreibt. Die Menschen trauen dem demokratischen Kandidaten nicht zu, den Präsidenten aus dem Amt zu drängen.
Trumps Anhänger hingegen verherrlichen ihren Präsidenten. Und jeder Politiker, der in der Republikanischen Partei etwas werden oder bleiben will, steht in einer Reihe stramm hinter Donald Trump. Es sieht also so aus, als müsste Trump dieses Mal das Gesetz nicht brechen, um Präsident zu bleiben. Dennoch will er ganz sichergehen und hat für den Wahlkampf seinen Lieblingsfeind reaktiviert. Seit Wochen schwört er seine Anhänger auf eine in seinen Augen zu Unrecht in den Hintergrund gerückte Bedrohung ein, die trotz der amerikanischen Stärke nichts von ihrer Gefährlichkeit für die Freiheit aller echten Amerikaner verloren hat und die es unter seiner Führung mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt: Mexiko! Genauer gesagt Mexikaner, die in Amerika leben. Mexikaner wie ich, Luis Olivares.
»Die Ankündigung« Sonntag, 27.Oktober 2024. Noch 9 Tage bis zur Wahl.
Eben hatte ich die Mädchen ins Bett gebracht und war die kleine Stufe hinab zur Küche gestiegen, wo Rosalie auf mich wartete. Vor ihr auf dem Tisch lag ihr silbernes iPad. Sie machte einen tief besorgten Eindruck. Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich dicht neben sie.
„Was ist los?“
„Trump gibt gleich eine Erklärung ab, live.“
Rosalie flüsterte. In ihrer Stimme lag so viel Unheil, dass mein Herz schwerer schlug.
„Warum besorgt dich das so?“
„Es ist so ein Gefühl, ein böses.“
Ich konnte es nicht sofort einordnen. Hatte ihr Gefühl etwas mit Donald Trump zu tun? Der meldete sich doch ständig zu Wort, was hatte das mit uns zu tun? Im Nachhinein kann ich nur sagen, es war wohl einfach Intuition gewesen. Ein großes Unheil war in unser Haus geschlichen, während ich im Kinderzimmer war und die Mädchen zugedeckt hatte. Und Rosalie hatte es sofort gespürt.
Ihre Hände zitterten, als sie das iPad hochhob. Ich nahm es ihr ab und stellte es vor uns auf den Tisch. Das Siegel des Präsidenten erschien auf dem Bildschirm, untermalt von der Nationalhymne. Eine Texteinblendung kündigte eine Rede des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika an. Dann erschien Donald Trump. Er saß hinter seinem Schreibtisch im Oval Office. Prominent hatte er darauf eine kleine US-Flagge drapiert, sodass die Zuschauer unwillkürlich auf diese schauen mussten. Seine Botschaft war klar: Wo ich bin, ist Amerika. Ich bin Amerika! Dann begann er zu sprechen.
„Amerikaner! Meine lieben, patriotischen Amerikaner! Ich spreche zu euch in der Stunde des Schicksals für unsere großartige Nation.
Seit ich im Amt bin, ist Amerika ein besseres Land geworden, ein stärkeres! Amerika ist so erfolgreich wie nie. Ich habe das China-Virus gestoppt. Die amerikanische Wirtschaft ist seit Jahren auf einem Rekordhoch und wird immer stärker, die Arbeitslosenzahlen so niedrig wie nie. Nie hatten mehr Frauen, Afroamerikaner und Latinos eine Arbeit, als unter meiner Führung. Ich habe internationale Abkommen beendet, die schlecht für Amerika waren, und ich habe neue ausgehandelt, die gut sind für unser Land. Ich habe den Ruf Amerikas in der Welt wiederhergestellt. Wir sind die großartigste Nation der Welt, wir sind von Gott berufen, diese Welt anzuführen und das Böse zu bekämpfen. Und niemand kann unser großartiges Land besser führen als ich.“
Trump fuhr gleich die ganz großen Geschütze auf. Andere gab es für ihn auch nicht mehr. Die Aussicht auf weitere Jahre als mächtigster Mann der Welt hatte sein narzisstisches Ego endgültig entfesselt. Er fuhr fort.
„Die Demokraten wollen euer Land verkaufen und euch verbieten, echte Amerikaner zu sein. Sie hassen Amerika und sind in Wahrheit linke Terroristen. Amerikaner! Ihr müsst euch entscheiden. Wollt ihr weiterhin die Freiheit und das stärkste Amerika, das es je gab, oder Chaos und Sozialismus?
Die Demokraten verachten amerikanische Traditionen und Werte. Vor allem aber verachten sie amerikanische Helden! Sie machen gemeinsame Sache mit den Feinden Amerikas! Und noch immer laden sie schlechte Menschen in unser Land ein, Tausende jeden Tag! Ihr wisst, von wem ich spreche. Mexikaner!
Millionen sind schon hier und Zehntausende in diesem Moment, in dem ich zu euch spreche, auf dem Weg zu uns. Sie kommen, um euch euer Land wegzunehmen. Dahinter stecken die Demokraten, finanziert und gesteuert von fremden Mächten, Feinden Amerikas, die es nicht ertragen können, dass wir die großartigste Nation der Welt sind. Amerika wird angegriffen. Jeden Tag kommen Menschen illegal in unser Land, euer Land. Sie spazieren einfach über die Grenze, sie laufen nachts durch eure Vorgärten. Sie holen sich, wonach ihnen ihr böser Geist steht. Sie morden, sie vergewaltigen, sie bringen Drogen und Gewalt! Doch damit ist jetzt ein für alle Mal Schluss!
Wählt mich am 5. November, mich, Donald John Trump, den großartigsten Mann für das großartigste Amt der Welt, und ich gebe euch ein Versprechen, nehmt mich beim Wort. Ihr wisst, dass ich mein Wort halte. In einem Jahr, in genau 365 Tagen, von Morgen an, wird kein einziger Mexikaner mehr in den USA leben, der nicht hierhergehört! Sie werden alle weg sein. Ich habe einen Plan, einen wunderschönen Plan, ihr werdet es sehen. Alle werden es sehen!“
Der bedrohliche Ton in seiner Stimme war selbst für Trumps Verhältnisse außergewöhnlich. Im ganzen Land würden sich Menschen in diesem Augenblick in ihrem Hass gegen Mexikaner bestätigt fühlen. Der mächtigste Mann der Welt erklärte gerade der Nation, dass es richtig ist, zu hassen. Hass ist gut für Amerika!
„Ich habe ein präsidiales Dekret erlassen, denn ich bin der Präsident. Meine Macht ist allumfassend. Es wird morgen Mittag in Kraft treten und wirft ein für alle Mal alle unrechtmäßigen Mexikaner aus unserem Land! Ob Mann oder Frau, Kind oder Greis, vorbestraft oder nicht: Wer bis morgen Mittag, 12:00 Uhr keine unbefristete Aufenthaltserlaubnis oder eine Einbürgerungsurkunde vorweisen kann, wird dahin zurückgeschickt, wo er herkam. Alle laufenden Asylverfahren werden von Mexiko aus weitergeführt. Wer freiwillig gehen will, soll das tun, eine Belohnung gibt es dafür nicht. In einem Jahr sind alle weg, so oder so.
Dieses Versprechen gebe ich Amerika! Und ich habe bewiesen, dass ich meine Versprechen halte. Wählt mich, und ich befreie Amerika von seinen Feinden! Und wenn ich sage, ich werde persönlich für Ordnung sorgen, dann meine ich es auch so. Ich mache es selbst, höchstpersönlich. Ja, ihr habt richtig gehört, stolze Amerikaner, ich mache es selbst. So machen wir das in Amerika. Wir nehmen die Dinge selbst in die Hand. Den ersten Mexikaner werde ich eigenhändig zurück nach Mexiko bringen. In einem Flugzeug. Nicht in einer großen Regierungsmaschine mit Dutzenden Menschen an Bord, sondern mit einem kleinen, schnellen Flugzeug! Einem Flugzeug MADE IN USA!“
Trump legte eine kurze Pause ein, um die Dramatik der folgenden Worte so groß wie möglich zu machen:
„Ich werde dieses Flugzeug selbst steuern!”
Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief ein. Der Präsident weidete sich an der Aufmerksamkeit seiner Zuschauer, auch wenn er sie nicht sehen konnte. Er spürte sie, da war ich mir sicher. Mit vorgeschobenem Kinn und geschürzten Lippen, die Arme vor der mächtigen Brust verschränkt, lehnte er sich zurück und fixierte die Kamera mit zusammengekniffenen Augen. Erneut atmete er tief ein, seine Nasenhöhlen blähten sich auf zu zwei schwarzen Löchern, die so groß und böse aussahen, als wären sie der Eingang zur wahrhaftigen Hölle.
„Niemand wird im Flugzeug sein außer mir und einem illegalen Mexikaner, irgendeinem. Ich bin der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, der großartigsten Nation auf der Welt, und als Präsident gehe ich voran, damit Amerika mir in eine großartige Zukunft folgen kann. In drei Tagen hebt die Maschine ab, und niemand kann sie stoppen.“
Er zog die kleine Flagge vom Rand des Schreibtisches zu sich heran und küsste sie mit seinen dünnen, bösen Lippen.
„Morgen wird ein großartiger Tag für Amerika sein. Morgen beginnt eine noch glorreichere Zukunft für Amerika. Jetzt ist die Zeit zu handeln. Und jeder echte Amerikaner kann etwas tun. Wählt mich am 5. November, und die Großartigkeit Amerikas wird unendlich werden! Gute Nacht, patriotische Amerikaner!“
Schock. Rosalie und ich blickten uns ungläubig an. „Was, wenn er es wahr macht? Was, wenn die Abschiebeliste schon in seiner Schublade liegt? Was, wenn es uns trifft?“ Rosalie war eine Kämpferin, aber in diesem Moment sah ich zum ersten Mal in meinem Leben echte Hilflosigkeit in ihren Augen.
Fünf Millionen Menschen würden betroffen sein. Menschen, von denen die meisten gute Menschen waren. So wie die meisten Menschen auf der Welt gut sind, und die bösen nicht wegen ihrer Staatsangehörigkeit bösartig. Jeder Mensch wird gut geboren, und wieviel davon im Laufe seines Lebens verloren geht, hängt davon ab, wie ein Mensch selbst behandelt wird.
Auch in einer anderen Hinsicht machte Trump einen großen Fehler. Und wenn er wirklich etwas von Wirtschaft verstehen würde, dann würde er das erkennen. Die vielen Millionen Mexikaner, die in den USA lebten, unter ganz unterschiedlichen Bedingungen, praktisch alle aber ohne permanente Aufenthaltserlaubnis, waren schon immer eine lebenswichtige Stütze für die amerikanische Wirtschaft. Viele amerikanische Handwerksbetriebe konnten überhaupt nur bestehen, weil sie auf die zahlreichen mexikanischen Arbeiter zurückgreifen konnten, die sie illegal beschäftigten. Das waren einfach Fakten, doch Fakten interessierten den Präsidenten nicht. Zumindest nicht die echten, was absurd genug war, denn Fakten waren nun mal Fakten, auch wenn es seit Donald Trumps Amtsübernahme vor acht Jahren auch alternative Fakten gab. Trump würde immer eine Erklärung parat haben, wenn Dinge nicht liefen, wie sie sollten. Und diese Erklärungen hatten eines gemeinsam: Die Verantwortung trug nie er, sondern es trugen sie immer die anderen. Die Fake News, die linksradikalen Demokraten oder fremde Nationen.
Obwohl Rosalie und ich nach acht Jahren der Präsidentschaft Trumps schon viel Menschenverachtendes vom ihm gehört hatten, spürten wir, dass es dieses Mal größer war. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet uns traf, bei eins zu fünf Millionen stand und nicht mal klar war, ob Trump damit überhaupt durchkommen würde, hatte Rosalie echte Angst. Ich nicht, zumindest nicht zu diesem Zeitpunkt. Ein Fehler, wie ich schon bald spüren sollte.
„Einen wird es also treffen, vorausgesetzt, das alles findet wirklich statt. Wie hoch ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass es ausgerechnet uns trifft?“, versuchte ich Rosalie zu beruhigen. „Eins zu fünf Millionen, würde ich sagen. Da gewinnen wir eher im Lotto.“
„Richtig, eins zu fünf Millionen“, erwiderte Rosalie und fing heftig an zu weinen.
Trumps Ankündigung hatte ihre Wirkung nicht verfehlt. Nicht nur bei uns. Seit Wochen schon schlug er immer härtere Töne gegen die Mexikaner in den USA an, und viele seiner Anhänger hörten ebendiese Töne nur zu gerne. Acht Jahre Donald Trump hatten einen tiefen Graben durch Amerika gerissen. Er trennte Familien, Freunde und Arbeitskollegen in zwei Lager, die sich immer verbitterter gegenüberstanden. Aber bisher hatte es stets noch eine leise Hoffnung gegeben, diesen Graben eines Tages auch wieder überwinden zu können, sobald Donald Trump nicht mehr Präsident war. Doch mit seiner Ankündigung und der immer realistischer werdenden Möglichkeit, dass Trump die Wahl tatsächlich gewinnen konnte, hatte er den Graben in Zement gegossen und bis zum Rand mit Hass gefüllt. Die Zeit der Argumente und der Suche nach Gemeinsamkeiten war endgültig vorbei.
Mit einer einzigen Rede hatte Trump die Nation endgültig in für ihn oder gegen ihn geteilt, dazwischen gab es nichts mehr. Er ließ den Menschen keinen Raum, sich nicht der einen oder der anderen Seite anzuschließen. Er hatte die Nation am Nacken gepackt und hielt sie über den Abgrund. Jedem sollte klar sein, dass er jederzeit bereit war loszulassen. Aber meinte er es mit seiner Ankündigung wirklich ernst? Er konnte es nicht ernst meinen! Man würde in einer ganzen Woche nicht genügend Zeit finden, um all die Argumente aufzuzählen, die gegen diesen völlig irrsinnigen Plan sprachen. Und trotzdem erwarteten die Menschen, dass er ihn umsetzen würde. Die einen erwarteten es mit Freude, die anderen mit Angst. Wen würde es zuerst treffen? Das wussten nur die Menschen, die für den Präsidenten die Abschiebelisten erstellt hatten. Und auf denen standen ganz oben sicher nicht die bösen Menschen, die es unter Mexikanern wie unter allen anderen Menschen, Amerikanern zum Beispiel, natürlich gab. Auf diesen Listen standen diejenigen ganz oben, die ein vorbildliches Leben führten, von denen die Behörden wussten, wo sie waren und dass sie bei einer Abschiebung keinen Widerstand leisten würden. Menschen wie wir.
War der Plan überhaupt mit dem Gesetz vereinbar? Das war Trump ganz sicher egal. Und erst recht seinen Anhängern. Für sie war der Präsident der einzige Politiker, der tat, was getan werden musste. Und Trump wurde nicht müde, den Menschen zu erklären, dass er gar kein Politiker sei, sondern ein Manager, der Dealmaker, der das Beste für Amerika rausholte. Und nur für Amerika. Dass er sich und seine engste Familie auf Kosten der Steuerzahler persönlich bereicherte, störte seine Anhänger dabei ganz offensichtlich nicht. Der Präsident verfuhr hier wie in so vielen anderen Bereichen seiner Präsidentschaft: Er handelte. Ob und inwieweit dieses Handeln mit dem Gesetz in Einklang stand, sollten andere klären. Und wenn irgendein hawaiianischer Richter meinte, es sei mit der Verfassung nicht vereinbar, würde es eben der Supreme Court richten, den Trump für seine Zwecke auf dem Altar der christlichen Rechten geopfert hatte. Trump gab den Law-and-Order-Mann, der sich mit ernster Miene fotografieren ließ, wahlweise mit Bibel oder halbautomatischer Waffe in der Hand, immer aber mit einer Kirche im Hintergrund. Und wenigstens die Hälfte der Amerikaner liebte ihn dafür. Die größere Hälfte, wie Trump bei jeder Gelegenheit deutlich machte. Die andere Hälfte hasste oder fürchtete ihn. Oder beides gleichzeitig.
Doch Trumps Ankündigung war in der Welt. In drei Tagen sollte ein Flugzeug von einem Militärflugplatz im Süden Arizonas Richtung Mexiko starten, 70 Kilometer geradeaus bei schönem Wetter bis zur privaten Landebahn eines Geschäftsfreundes des Präsidenten. Niemand wusste, wer das war oder wo diese ominöse Landebahn sein sollte. Es gab Gerüchte, dass Trumps Maschine gar nicht nach Mexiko, sondern auf einen geheimen Militärstützpunkt, irgendwo außerhalb der Vereinigten Staaten, landen sollte. Und Trump selbst heizte die Gerüchte per Twitter nur zu gerne an.
„Die Menschen werden es sehen. Es ist eine wunderschöne Landebahn, sie ist perfekt.“ Mehr hatte er dazu nicht zu sagen.
In der Nacht von Trumps Ankündigung gab es sicher keinen Mexikaner in den USA, der ruhig schlief. Obwohl sicher kaum jemand ernsthaft daran glaubte, dass der Präsident diesen Plan wirklich in die Tat würde umsetzen können. Doch wenn Trump es wirklich ernst meinte, würde es morgen einen Mexikaner treffen. Irgendeinen.
»Unsere Ankunft in den USA« Anfang Oktober 2020.
Als ich mit Rosalie und den damals zweijährigen Mädchen im Oktober 2020 die USA erreichte, waren wir durch die Hölle gegangen. Wir waren einfach nur dankbar, mit dem Leben davongekommen zu sein. Doch was nun? Wir hatten unser gesamtes Leben von einem Moment auf den nächsten zurücklassen müssen. Unser gutes Leben. Und nun waren wir illegale Einwanderer! Doch für uns hatte es keine andere Möglichkeit gegeben, Mexiko zu verlassen, als durch einen illegalen Grenzübertritt.
Im Oktober 2020 waren wir keine wohlhabende mexikanische Familie mehr, die glücklich in ihrer Heimat lebte, sondern Asylbewerber in den USA, die das Land mit einem illegalen Grenzübertritt betreten hatten, was in den Augen von großen Teilen der Amerikaner so ziemlich das Schlimmste war, was man als Mexikaner Amerikanern antun konnte. Wir hatten genau das getan, wovor Trump seine Anhänger jeden Tag lautstark warnte. Damals wie heute. Wir waren zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt gekommen, aber wir hatten einfach keine Wahl gehabt. Wären wir in Mexiko geblieben, so wären Rosalie und ich jetzt tot und die Mädchen verschleppt.
Die ersten achtundvierzig Stunden in den USA verbrachten wir in einer Flüchtlingssammelstelle, wo wir als Familie zusammenbleiben durften, was nicht selbstverständlich war, wie ich im Nachhinein erfuhr. Hunderte Migrantenkinder waren bei der Einreise von ihren Eltern getrennt worden. Und viele blieben es sehr lang. Dutzende haben ihre Eltern gar nicht mehr wiedergesehen. In dieser Hinsicht hatten wir großes Glück. Direkt nach unserer Ankunft hatten wir den Beamten der Einwanderungsbehörde gegenüber zugegeben, dass wir ohne Visum in die USA eingereist waren. Nach den Gründen wurde in diesem Verhör nicht gefragt. Ein Haken in einem Formular war alles. Wir mussten Angaben zu unseren finanziellen und persönlichen Verhältnissen machen und schließlich unsere Pässe abgeben. Bis ein Beamter mit Entscheidungsgewalt Zeit für ein Interview mit uns hatte, waren wir zum tatenlosen Warten verurteilt.
In unseren ersten zwei Tagen in den USA waren wir, von kurzen Gängen zur Toilette abgesehen, die ganze Zeit über in einem großen fensterlosen Raum. Auch gegessen haben wir dort. Wir hatten Angst und wollten um jeden Preis zusammenbleiben. Der Raum war vielleicht dreißig Quadratmeter groß, und wir hatten ihn ganz für uns allein. Die Wände waren beige gestrichen, mit einem braunen Streifen auf Brusthöhe, der sich einmal um den ganzen Raum zog, nur unterbrochen von einer schweren grauen Metalltür mit Glaseinsatz, die aussah wie eine Gefängnistür. Und praktisch gesehen war sie das auch. Wir waren an diesem Ort gefangen, unfähig über unser eigenes Schicksal zu entscheiden. Auf dem Flur brannten vierundzwanzig Stunden am Tag grelle Neonlampen und warfen ihr kaltes Licht durch das Glas in der Tür auf den steinernen Fußboden in unserem Raum. Die Einrichtung bestand aus acht einfachen, schmalen Betten, einem Tisch, sechs Stühlen, zwei Schränken und einer Kommode mit etwas Spielzeug darin. Ich schaute mich um und fühlte nichts. Ich dachte an unser sonniges Haus und den großen Garten. Doch es war noch zu früh für Sehnsucht nach dem Verlorenen. Zu groß war in diesem Augenblick meine Angst vor unserer ungewissen Zukunft. Ich schüttelte den Kopf, um die Gedanken an die Heimat loszuwerden, und blickte zu Rosalie. Sie hatte Tränen in den Augen, aber sie bewahrte die Fassung vor den Mädchen. Für die waren die letzten Tage einfach ein großes Abenteuer gewesen, doch langsam schienen sie zu begreifen, dass dies nicht einfach nur ein Ausflug war.
Nach zwei quälend langen Tagen, in denen praktisch niemand mit uns gesprochen hatte, klopfte es am Morgen laut an der Tür. Eine kräftige afroamerikanische Frau in Zolluniform erschien. Sie war gekommen, um mich zu einem leitenden Beamten der Einwanderungsbehörde zu bringen. Aber nur mich. Rosalie und die Mädchen sollten zurückbleiben.
„Ohne meine Familie gehe ich nirgends hin. Wir werden uns nicht trennen“, protestierte ich, so energisch ich konnte, ohne dabei aggressiv zu sein.
„Beruhigen Sie sich und kommen Sie mit, Sie haben jetzt ein Interview, und wenn Sie zurückkommen, wird Ihre Familie genau hier sein. Ich verspreche es Ihnen. Doch auch wenn ich das nicht tun würde, haben Sie keine Wahl. Also gehen Sie den einfachen Weg und kommen Sie einfach mit. In zwei oder drei Stunden werden Sie wieder mit Ihrer Familie zusammen sein. Die wird in Ihrer Abwesenheit nirgends hingehen. Auch das verspreche ich Ihnen.“
Ich zweifelte nicht an ihren aufrichtigen Absichten, wohl aber an ihren Möglichkeiten, ihre Versprechen einzuhalten.
„Warum nur ich?“ Ich bemühte mich, ruhig zu bleiben. Doch die Narbe an meinem Kinn zeigte mir, dass ich es ganz und gar nicht war. Sie pochte. Ich habe mir diese Narbe als Kind beim Sturz aus dem Küchenfenster meiner Großeltern zugezogen, mit fünf Stichen musste sie genäht werden. An dieser Stelle ist mein Bart nie gewachsen, und immer wenn ich nervös bin, juckt sie.
„Das weiß ich nicht. Ich mache die Regeln hier nicht, ich führe sie aus. Aber glauben Sie mir, Einzelinterviews sind ganz normal. Davon abgesehen haben Sie auch keine Wahl. Das habe ich Ihnen doch gerade erklärt.“
Die Beamtin wurde ungeduldig.
„Sie kommen jetzt entweder mit, oder ich hole ein paar Kollegen, und wir bringen Sie zu Ihrem Interview.“
Dann machte sie einen Schritt auf mich zu, lächelte und legte ihre Hand aufmunternd auf meine Schulter.
„Denken Sie daran, Sie sind zu uns gekommen, Sie sind sozusagen freiwillig hier.“
Besorgt blickte ich zu Rosalie, die mit den Mädchen auf einem der Betten saß und ein Bilderbuch in ihrem Schoß hatte. Sie rang sich ein Lächeln ab und nickte mir aufmunternd zu. „Geh mit ihr, für die Mädchen ist das bestimmt besser so. Wir werden hier sein, wenn du zurückkommst.“ Eine Träne kullerte über ihre Wange und tropfte auf das Buch. Dann schloss sich die Tür hinter mir, und ich lief, die Beamtin dicht hinter mir, einen grauen Flur entlang. In einem Punkt hatte sie ganz und gar nicht recht. Ich war nicht freiwillig hier, wir waren nicht freiwillig hier. Sicher, wir waren aus eigenem Antrieb in die USA gekommen und hatten dabei die Grenze illegal überquert, aber wenn wir eine Wahl gehabt hätten, wären wir in unserer Heimat geblieben. Doch hätten wir das getan, dann wären wir jetzt wahrscheinlich nicht mehr am Leben. Ich hoffte, dass auch der Beamte der Einwanderungsbehörde, der mich zu dem Interview erwartete, dies einsehen würde.
Ich war nicht mit meiner Familie in die USA gekommen, weil wir hier ein besseres Leben suchten. Unser Leben in Mexiko war perfekt. Nein, wir waren hier, weil wir keine andere Wahl gehabt hatten. Leider hatte das zu diesem Zeitpunkt, nach achtundvierzig Stunden in den USA, noch niemanden interessiert. Im Umgang mit den amerikanischen Behörden hatten wir schnell gelernt, dass man als Flüchtling erst mal nur ein Flüchtling ist. Ein Fall, eine Nummer. Solange bis irgendjemand dir zuhört. Erst dann wirst du wieder von einer Nummer zu einem Menschen. Wenn du Glück hast.
„Wir sind da.“ Die Worte der Beamtin holten mich aus meinen Gedanken zurück in die Realität. Wir standen vor einer braunen Holztür, auf der in schwarzen Lettern ein Name prangte. William Brown. Ich weiß nicht mehr, warum, aber der Name gab mir Zuversicht. „Warten Sie hier, gehen Sie nicht weg.“ Die Beamtin klopfte kurz an der Tür und verschwand dann in Mr. Browns Büro. Nach wenigen Sekunden öffnete sie die Tür von innen. „Kommen Sie, Mr. Brown erwartet Sie jetzt.“ Mit diesen Worten verschwand sie, und ich betrat das Büro.
Mr. Brown saß hinter seinem breiten Schreibtisch und begrüßte mich höflich, während er auf einen Stuhl vor seinem Tisch deutete. „Mr. Olivares. Bitte setzen Sie sich. Willkommen in den USA.“ Ich setzte mich.
Browns Gesicht schmückten ein beachtlicher dunkler Schnauzer und eine dicke schwarze Hornbrille. Sein angegrautes Haar lockte sich über den Ohren. Er stand auf, ging um den Schreibtisch herum, gab mir die Hand und fixierte mich mit seinen funkelnden grünen Augen. Ich wollte aufstehen, aber da hatte Brown schon meine Hand ergriffen. Rückblickend kann ich nicht mehr sagen, warum, aber William Browns Händedruck machte mir Mut. Es fühlte sich an, als ströme positive Energie durch ihn hindurch direkt in mich hinein. Er lächelte, löste seinen Händedruck und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
Vor dem Tisch waren zwei Holzstühle mit dünnen Kissen, an der Seite stand ein braunes Ledersofa, eingerahmt von zwei Pflanzen in goldenen Töpfen. An der Wand hing ein großes Bild, ein Foto, wie ich bei genauer Betrachtung feststellte. Darauf war eine Palme vor blauem Meer. Es fesselte mich. Das Bild gab nicht preis, wo diese Palme stand, denn es war nur der obere Teil sichtbar. Stand sie auf einer einsamen Insel oder an einer vielbefahrenen Strandpromenade? Man konnte es nicht sagen, aber beides war möglich. Hinter der Palme erstreckte sich scheinbar endlos dunkelblaues Wasser, das in der Sonne glitzerte. Dieses Bild strahlte eine große Ruhe aus und aus irgendeinem Grund auch Hoffnung.
„Ich habe dieses Foto selbst gemacht.” Ich hörte Brown zu, aber ich sah ihn nicht an, mein Blick verweilte auf dem Bild. „Vor der mexikanischen Küste, ganz unten im Süden der Baja California. Früher habe ich oft Urlaub dort gemacht. Angeln, das ist meine Leidenschaft. Aber in den letzten Jahren war ich nicht mehr dort.“
„Meine Heimat“, murmelte ich leise. Brown hörte mich nicht.
„Wenn Sie ganz genau hinschauen, sehen Sie da ganz hinten, ganz klein, dunkle Schatten im Wasser. Das sind Wale, sie ziehen um diese Jahreszeit nach Süden, um in der Antarktis ihre Jungen zu gebären. Die Reise ihres Lebens.“ Brown drehte sich zu mir um. „Lassen Sie uns jetzt mit dem Interview beginnen. Der Verlauf dieses Gesprächs wird darüber entscheiden, wie es für Sie und Ihre Familie weitergeht.“
Mit einer geübten Handbewegung hob er eine Akte von seinem Schreibtisch. Er zog das rote Gummi zur Seite, mit dem die Akte verschlossen war, und holte eine einzelne Seite heraus. Darauf stand alles, was wir im ersten Verhör zu Protokoll gegeben hatten. Viel war das nicht.
„Viel steht hier nicht“, begann Brown das Interview mit ruhiger Stimme. „Aber hier ganz oben steht: Illegal in die USA eingereist. Sie haben die Grenze zu Fuß am helllichten Tag überquert, einfach so. Ist das soweit korrekt?“
Ich wusste nicht, was ich antworten sollte oder vielmehr, wie. Mr. Browns Worte waren klar und deutlich und obendrein wahr.
„Ja, das ist korrekt“, antwortete ich unsicher.
„In Ordnung. Ich lese hier außerdem, dass Sie über größere Geldmengen verfügen. Auch auf amerikanischen Konten, ist das korrekt?“
„Das ist korrekt.“
„Woher stammt dieses Geld?“ Mr. Brown sah mich über den Rand seiner schwarzen Hornbrille ernst an.
„Erspartes. Für die Kinder und für unseren Ruhestand. Wir haben dafür hart gearbeitet. In Mexiko besaß ich einen eigenen Betrieb und meine Frau auch. Dieses Geld haben wir legal erwirtschaftet.“
„Ich habe nichts anderes behauptet, und ich habe auch erst mal keinen Grund, Ihnen nicht zu glauben. Wissen Sie, die wenigsten Menschen, die mir hier gegenübersitzen, verfügen über solche Mittel. Aus wirtschaftlicher Not sind Sie also vermutlich nicht in die USA gekommen.“
„Nein.“
„Aber das bedeutet nicht automatisch, dass Sie nicht in schlechter Absicht in die USA gekommen sind.“
„Glauben Sie, ich habe freiwillig ein glückliches Leben in Mexiko zurückgelassen?“
„Es kommt nicht darauf an, was ich glaube, sondern was ich weiß. Über Sie. Das ist bisher nicht viel. Seien Sie versichert. Die Vereinigten Staaten sind ein starkes Land, und es wird Menschen, die etwas Böses im Schilde führen, daran hindern. Aber auf der anderen Seite hilft dieses Land Menschen, die Hilfe brauchen. Menschen, die wirklich Hilfe brauchen.“ Brown ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er seine Arbeit ernst nahm. „Erzählen Sie mir Ihre Geschichte. Und denken Sie immer daran, die Wahrheit ist immer die Wahrheit, und sie bleibt es auch. Die Wahrheit kann niemand ändern. Auch wenn sie nicht immer sofort ans Licht kommt, so bleibt sie doch die Wahrheit. Erzählen Sie mir, warum Sie mit Ihrer Familie in die USA gekommen sind. Beginnen Sie einfach ganz von vorne.“
„Von ganz vorne?“, entgegnete ich verunsichert.
„Fangen Sie einfach an, wo Sie wollen. Ich habe Zeit. Alle Zeit der Welt. Na ja, vielleicht nicht alle.“ Brown lächelte und blickte auf die Uhr an der Wand „Aber genügend. Erzählen Sie einfach.“
Ich setzte mich aufrecht in meinem Stuhl und begann zu erzählen.
„Mein Name ist Luis Olivares. Ein ganz normaler Name für einen ganz normalen Menschen. Und auch der allergrößte Teil meines Lebens ist normal verlaufen, damit meine ich so, wie ich es mir vorgenommen hatte. Geboren wurde ich vor fünfunddreißig Jahren in einem kleinen Dorf im Süden der Baja California. Ich habe dort eine sehr glückliche Kindheit verbracht. Auch wenn ich keine Geschwister hatte, so habe ich mich nie allein gefühlt. Mit meinen Freunden habe ich viel Zeit in der Natur verbracht. Als ich sechs Jahre alt war, sind meine Eltern in die Nähe einer Stadt gezogen, die in den Jahren zuvor immer mehr Touristen angezogen hatte und wirtschaftliche Chancen versprach. Sie heißt Los Santos und war früher einmal ein verschlafener Küstenort mit einem wunderschönen Strand, einem kleinen Hafen und einer Handvoll Hotels.
Mein Vater hatte Geld von seinem Großvater geerbt und in Los Santos einen Fischereibetrieb gegründet. Sein ganzes Leben schon hatte er als Fischer auf unzähligen Kuttern gearbeitet, nun war er sein eigener Chef. Und er arbeitete hart für seine Familie. Er hat zwei Kutter gekauft und zehn Männer beschäftigt. Mit siebzehn habe ich eine Lehre bei ihm begonnen. So bin auch ich Fischer geworden. Mit neunzehn habe ich meine Jugendliebe Rosalie geheiratet, die bei ihrer Großtante lebte, ihre Eltern waren früh gestorben.“
Ich wollte Brown ein Foto von Rosalie auf meinem Handy zeigen, doch der schaute nur kurz hin und forderte mich mit einer Handbewegung auf weiterzuerzählen.
„Mein Vater besaß also zwei Kutter und beschäftigte zehn Angestellte. Im Hafen hatte er eine große Halle gebaut, in der seine Leute den Fang verarbeiteten. Der Betrieb lief gut, die Netze waren immer voll. Er hätte noch ein oder zwei weitere Kutter anschaffen können, die Nachfrage nach Fisch wurde immer größer, als mit den Jahren die Stadt und die ganze Region immer touristischer wurde. Ein Großhändler wollte sogar seinen ganzen Fang abnehmen, aber mein Vater zog es vor, auch weiterhin direkt an Restaurants und Hotels zu liefern. Er hatte sich einen Namen gemacht, und viele Restaurantbetreiber waren über die Jahre so etwas wie Freunde für ihn geworden. Das war ihm wichtiger als noch mehr Profit. Er war zufrieden mit den Dingen, wie sie waren. Die Zeit mit seiner Familie war für ihn kostbarer als Geld. Es fehlte uns an nichts, wozu brauchten wir also mehr, hat er gesagt. Ich habe das schon damals anders gesehen, aber im Betrieb meines alten Herrn hatte ich nicht viel zu melden. In der Lehre hat er mich hart rangenommen, die anderen Männer, raue, aber herzliche Kerle, hatten manchmal richtig Mitleid mit mir. Geschenkt habe ich nichts bekommen. Aber es war eine gute Zeit mit guten Menschen, in der ich gelernt habe, hart und ehrlich zu arbeiten.
Mit meinen Eltern lebte ich auf einer kleinen Ranch oberhalb von Los Santos. Meine Mutter hatte hinter dem Haus kleine Felder, auf denen sie Obst und Gemüse anbaute. Ringsherum war nichts als Sand, Steine und Kakteen und vor uns der mächtige Pazifische Ozean, den man von unserer Terrasse aus sehen konnte. Von der Hauptstraße schlängelte sich eine schmale Schotterpiste zu unserem Grundstück, jede Autofahrt verursachte eine riesige Staubwolke, die man schon von Weitem sah. Die Zeit verging, rückblickend eine glückliche, wundervolle Zeit.“
Ich geriet ins Träumen und schüttelte mich kurz, bevor ich mich versicherte, dass Brown noch zuhörte. Er tat es.
„Wir hatten wirklich Glück mit dem Leben, das uns zuteil geworden war. Aber dann ist das Glück von einem Tag auf den nächsten verschwunden. Meine Eltern sind bei einem Autounfall gestorben. Ein Wagen hat sie überholt, dabei von der Straße gedrängt. Der Fahrer ist einfach weitergefahren. Man hat ihn nie erwischt.
Da war ich zweiundzwanzig und musste plötzlich das gesamte Leben meiner Eltern übernehmen. Ich war von einem Tag auf den nächsten ein Unternehmer geworden und trug die Verantwortung für die zehn Angestellten meines Vaters und deren Familien. Rosalie ist zu mir auf die Ranch gezogen und wir beschlossen, die eigentlich schon fest geplante Familiengründung erst mal zu verschieben.
Drei Jahre warteten wir, dann wurde Rosalie mit Ana und Teresa schwanger. Die Mädchen wurden geboren, und Rosalie arbeitete auf der Ranch und kümmerte sich dort um die Kinder. So konnte sie arbeiten und gleichzeitig für Ana und Teresa da sein. Sie hat den Gemüseanbau meiner Mutter um eine Zucht für Orchideen und seltene Kakteen erweitert. Beides haben wir zur Dekoration an die Hotels verkauft, von denen es immer mehr gab. Die Nachfrage wuchs ständig und damit unser Geschäft. Wir haben ein großes Gewächshaus hinter dem Haus gebaut, dann ein zweites, in denen Rosalie ganz besonders empfindliche und wertvolle Orchideen züchtete. Das Geld wuchs bei uns praktisch aus der Erde. Wir mussten es nur ernten. Auch die Fischerei lief gut. Sehr gut sogar. Die Nachfrage stieg mit der Zahl an Touristen, die jetzt hier Urlaub machten. Als ich ein Kind war, gab es gerade mal eine Handvoll Hotels, und die Gäste waren vor allem amerikanische Rentner, die hier den Winter verbrachten.
Doch dann hatten einige Reiseveranstalter das Potenzial von Los Santos entdeckt und begonnen, es in den USA massiv zu bewerben. Immer mehr Besucher kamen, und die Urlaubssaison wurde immer länger, bis die Menschen hier praktisch das ganze Jahr über Urlaub machten. Irgendwann sah man immer seltener entspannte Rentner, dann gar nicht mehr. Die Gäste kamen noch immer aus den Vereinigten Staaten, aber sie wurden immer jünger und waren nicht an einem ruhigen und entspannten Urlaub interessiert. Es wurden immer mehr Hotels gebaut, größere Hotels, mehr Restaurants, was zunächst gut für mein Geschäft war, mehr Bars, Supermärkte und mehr Verkehr. Die Stadt wuchs ständig und wurde innerhalb weniger Jahre voll, laut und rücksichtslos.
Auch unser Leben änderte sich, und ehrlich gesagt empfand ich das anfangs als etwas Positives, denn unsere Geschäfte liefen besser denn je. Alles war bezahlt, und auch die Ranch gehörte uns, wir konnten das meiste Geld also zurücklegen. Aber anders als mein Vater habe ich auch weiter in den Betrieb investiert. Ich charterte einen weiteren Kutter und drei Mann Besatzung. So oft es ging, fuhren alle Kutter raus aufs Meer und kamen jedes Mal mit vollen Netzen zurück. Die Hälfte des Fangs verkaufte ich nun an den Großhändler, die andere Hälfte, mit den besonders schönen Fischen, lieferte ich noch immer persönlich an verschiedene Restaurants. Während ich im Lieferwagen in der Stadt unterwegs war, den frischen Fisch auslieferte und die Kontakte pflegte, waren die Kutter draußen. Fast Tag und Nacht ging das so. Das Geschäft brummte. Ich hatte mich anstecken lassen vom Goldrausch in der Stadt. Vier Jahre lang habe ich praktisch nur gearbeitet. Auch die Gärtnerei machte gute Gewinne. In wenigen Jahren sind wir sehr wohlhabend geworden, nicht nur für mexikanische Verhältnisse. Einen großen Teil haben wir für die Ausbildungen unsere Töchter und unsere Altersvorsorge auf amerikanischen Konten fest angelegt.“
Ich deutete auf die Akte auf dem Tisch. Brown nickte.
„Los Santos war also nicht mehr der Ort meiner Kindheit und Jugend. Statt amerikanischer Pensionäre kamen nun Zahnärzte, Anwälte, Bänker. Doch das brave und angepasste Leben, das sie in den USA lebten, das brachten sie nicht mit. Bei uns entledigten sie sich all ihrer Hemmungen, ihrer Moral und vor allem ihres Geldes. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen, bis davon die organisierte Kriminalität angezogen wurde. Prostitution und Drogen waren das Geschäft. Vor allem Kokain. Sehr gutes und sehr teures Kokain. Und immer mehr Touristen bedeutete immer mehr Kokain.
Die kleine Kommunalverwaltung war mit dem rasanten Tempo, in dem Los Santos gewachsen war, völlig überfordert. Neue Leute zogen ins Rathaus, und die brachten wiederum ihre Leute mit. Schnell war der alte, verschlafene Verwaltungsapparat ausgetauscht gegen junge und hungrige Beamte. Vor allem aber korrupte Beamte. Die Drogenbanden machten ihre Geschäfte, und die Beamten kassierten mit. Baugenehmigungen und Restaurantkonzessionen wurden im Rekordtempo erteilt, immer begleitet von üppigen Schmiergeldern. Sogar ein großes Kasino eröffnete mit einer Sondergenehmigung. Die ehemals so friedliche Stadt wusch das schwarze Drogengeld blendend weiß. Die Korruption war offensichtlich. Jeder wusste es, doch jeder schien zu profitieren. Auch wir, obwohl wir uns so gut es ging aus dem Treiben in der Stadt raushielten. Unsere Ranch war eine Oase des Friedens und der Ruhe, hoch oben über der Stadt. Hier fühlten wir uns sicher und unerreichbar vor dem schmutzigen Griff der Stadt. Doch diese Ruhe war trügerisch und nicht von Dauer. Mit etwas Abstand frage ich mich nun, warum ich uns für unantastbar hielt.“
Ich blickte auf die Uhr an der Wand. Es war bereits eine volle Stunde vergangen, seit ich Browns Büro betreten hatte. Ich holte tief Luft und drückte den Rücken durch.
„Ok“, sagte ich energisch und atmete kräftig aus, „ich versuche es nun wirklich kurz zu machen.“
Brown hob die Augenbrauen und räumte mit seinen Händen einen imaginären Weg frei, damit ich meine Geschichte in Ruhe weitererzählen konnte.
„Wir haben also profitiert, ohne dass sich für uns persönlich zunächst viel geändert hatte. Doch das änderte sich von einem auf den nächsten Tag. Zuerst sind zwei Mitarbeiter vom Gewerbeamt bei mir im Hafen aufgetaucht. Junge Typen in Anzügen. Ich hatte eben die letzte Kiste mit Fisch in den Transporter geladen, Schwertfisch, ich erinnere mich genau, und wollte gerade los.
Sie wollten sich mal mein Geschäft anschauen, sagten die beiden in einem Tonfall, der mir sofort klarmachte, dass es hier um etwas ganz anderes ging. Ich war inzwischen einer der größten Fischlieferanten der ganzen Region, und das hatte offenbar Begehrlichkeiten geweckt, ohne dass ich dies bemerkt hatte. Offiziell wollten die Männer die Einhaltung der Hygienevorschriften kontrollieren. Offiziell. Zunächst gaben sie sich Mühe, nicht direkt den wahren Grund ihres Besuches anzusprechen, aber dann dauerte ihnen ihr eigenes Spielchen selbst zu lang, und sie redeten Klartext. Schmiergeld. Darum ging es. Oder vielmehr, denn es gab ja keine Gegenleistung, blanke Erpressung. Entweder sie verdienen mit an meinem Geschäft, oder die Verwaltung würde mir Probleme bereiten.
Mit ein paar besonders schönen Fischen konnte ich den ersten Versuch noch abwiegeln und die Männer loswerden. Aber nach ein paar Tagen kamen sie zurück. Und sie kamen nicht allein. Zwei finstere, muskelbepackte Typen folgten ihnen, einer hielt einen Pitbull nur mit Mühe an seiner Leine. Mein Herz blieb fast stehen. Das würde nicht gut ausgehen, und so war es. Diese beiden Typen gehörten der größten Drogenbande an, die in der Stadt mittlerweile das Sagen hatte. Und dass sie von Offiziellen der Stadt begleitet wurden, war eine klare Botschaft. Das Gesetz hatte die Seiten gewechselt. Und ich hatte ein riesiges Problem, denn es ging ihnen gar nicht um Schutzgeld. Zumindest nicht um Schutzgeld allein.
Ab sofort sollte ich nicht mehr nur Fisch transportieren, sondern auch Kokain, das auf diese Weise unauffällig über die ganze Stadt verteilt werden sollte. Ich verstand überhaupt nicht, warum solch eine Tarnung überhaupt notwendig war, schließlich hatte es den Anschein, als stünden die gesamte Polizei und alle Mitarbeiter der Stadtverwaltung auf der Lohnliste der Kriminellen. Doch anscheinend gab es doch noch ein paar letzte aufrichtige Beamte, an denen vorbei es zumindest einer gewissen Tarnung der Drogengeschäfte bedurfte. Und das Risiko, erwischt zu werden, lag bei mir. Doch diese bösen Menschen wollten noch mehr. In den Gewächshäusern auf unserem Grundstück sollte von nun an Marihuana angepflanzt werden. Schon in ein paar Tagen würden die ersten Pflanzen geliefert. Ich war geschockt und hilflos.
Eine Woche verging, doch nichts geschah. Dann noch eine Woche, in der wir weder von den korrupten Behördenmitarbeitern noch von den Kriminellen etwas hörten. Aber wir wussten, dass sich das jeden Tag ändern konnte. Und so hatten wir längst einen Entschluss gefasst, auch wenn der unser Leben auf den Kopf stellen würde. Wir wollten alles verkaufen! Die Fischerei, die Gärtnerei und nicht zuletzt auch mein Elternhaus, so schwer mir das auch fiel. Aber an solch einem Ort konnten wir nicht mehr leben, und auf gar keinen Fall sollten unsere Mädchen hier aufwachsen.
So rasch es möglich war, leiteten wir alles in die Wege. Die Fischerei mit dem gesamten Kundenstamm übernahm ein Konkurrent, und meine Mitarbeiter behielten ihre Arbeit. Die Ranch verkauften wir mitsamt der Gärtnerei an unsere Bank. In der boomenden Stadt war unser Grundstück begehrt und für beide Seiten ein gutes Geschäft. Innerhalb weniger Tage hatten wir unser gesamtes bisheriges Leben aufgelöst. Aber wir hatten zu wenig Zeit und zu viel Angst, ihm nachzutrauern. Wo sollten wir jetzt hin? Innerhalb einer Woche mussten wir die Ranch verlassen haben. Wir entschlossen uns, in der Baja California zu bleiben, und hatten die Hoffnung, dass es einhundert Kilometer weiter nördlich möglich war, ein neues Leben aufzubauen, ohne in der Reichweite des alten zu sein.“
„Was ist dann geschehen?“ Mr. Brown nahm einen Schluck Wasser aus einer Kaffeetasse.
„Was dann passiert ist, fragen Sie …“, ich stockte. Was ich nun erzählen musste, brachte mein Herz schon beim Gedanken daran fast zum Stehen, und ich wusste nicht so recht, wo ich beginnen sollte, also begann ich mittendrin.
„In der Küche sind sie über sie hergefallen.“ Ich bemühte mich, stark zu bleiben und nicht in Tränen auszubrechen.
„Hergefallen?“ Brown zog sich mit einer raschen Handbewegung die Brille von der Nase.
„Rosalie war mit Ana und Teresa allein auf der Ranch, als plötzlich vier Männer aufgetaucht sind, einer von ihnen war sogar Polizist, zumindest trug er eine Polizeiuniform. Sie sind mit einem kleinen Lastwagen gekommen und hatten die ersten Marihuanapflanzen dabei, die wir für sie anbauen sollten. Ohne Vorwarnung standen sie plötzlich vor dem Haus. Zwei haben angefangen, die Pflanzen abzuladen, die anderen beiden aber haben bemerkt, dass Rosalie allein war und sie sofort ins Haus gedrängt. Einer von ihnen war der Polizist. Der andere ein dicker, widerlicher Kerl.“
Ich holte tief Luft.
„Das waren Tiere. Nach Schweiß stinkende, wilde Tiere. In der Küche sind sie über sie hergefallen, sie haben Rosalie vergewaltigt, ich meine, sie haben es versucht, sie haben ihre Kleider zerrissen, Rosalie hat sie angefleht. Und die ganze Zeit über hatte sie Angst, dass die Mädchen plötzlich im Zimmer stehen würden. Doch die Männer ließen sich nicht von ihrem Plan abbringen. Sie haben Rosalie mit einem Messer bedroht. Der Polizist war ein brutaler Sadist. Der Dicke hat Rosalie dann auf die Knie gezwungen, sie musste ...“
„Ist gut, ist gut!“ Brown stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch auf und nahm einen weiteren Schluck aus seiner Tasse. „Sie müssen nicht jedes Detail erzählen. Versuchen Sie, ganz nüchtern zu erzählen, was passiert ist. Wie gesagt, Sie müssen nicht jedes Detail erzählen.“
„Doch, ich muss. Es geht nicht anders. Denn wenn in unserer Akte später steht, meine Frau sei eine Mörderin, dann müssen Sie wissen, dass sie es nicht ist. Stellen Sie sich die Situation genau vor, denn genau so war es.“
Ich blickte Brown eindringlich an.
„Rosalie kniet auf dem Küchenboden, zitternd, flehend, doch der sadistische Polizist lacht nur. Mit seinen gelben Zähnen lacht er immer lauter, dann holt er seinen verschwitzten Schwanz aus der Hose und hält ihn drohend in der Hand wie eine Waffe. Der Dicke hat das Messer in der Hand, er leckt es ab, fuchtelt damit vor Rosalies Gesicht rum.
Dann macht er einen Schritt vorwärts, doch er rutscht auf dem Teppich aus. Er stolpert, taumelt und fällt schließlich vornüber. Mit der vollen Wucht seines schweren Körpers knallt sein Kopf auf die Glasplatte vom Wohnzimmertisch. Blut spritzt, er bleibt sofort regungslos liegen. Das Messer liegt auf dem Boden. Rosalie erkennt ihre Chance, sie will fliehen, aber der Polizist lässt sie nicht. Er packt sie am Bein, sie fällt hin, er zieht sie zu sich heran. Wieder lacht er, immer lauter, immer lauter. Rosalie reißt sich los, will wegrennen, aber er tritt ihr die Beine weg und sie fällt erneut zu Boden, direkt auf den Dicken, er bremst ihren Sturz. Von Adrenalin gepeitscht greift sie das Messer. Der Polizist stürmt auf sie zu. Sie hebt das Messer und rammt es ihm in die Brust. Er schreit auf, ist jetzt völlig außer sich und greift Rosalie weiter an. Aber sie ist im Überlebensmodus. Immer und immer wieder rammt sie das Messer in seine Brust und seine Arme, bis sie es der Bestie schließlich mit der allerletzten Kraft in den Hals rammt und er zu Boden sinkt. Blut schießt im Takt des Pulses aus seinem Hals. Dann hört sein Herz auf zu schlagen, das Blut spritzt nun nicht mehr, sondern quillt dick und dunkel aus seinen Wunden und verteilt sich auf dem Teppich.“
„Wo waren Ihre Kinder?“
„Sie haben geschlafen, im ersten Stock. Gott sei Dank haben sie von all dem nichts mitbekommen. Auch die beiden Männer im Gewächshaus haben nichts gehört. Rosalie ist nach oben gerannt, hat die Mädchen geschnappt, sich mit ihnen aus dem Hinterausgang geschlichen, ist zum Auto gerannt und losgefahren. Panisch hat sie immer wieder in den Rückspiegel geblickt. Aber sie hat dort nur ihre eigene Staubwolke gesehen. Folgten die Typen ihr? Es war unmöglich zu erkennen. Aber niemand ist ihr gefolgt. Sie ist direkt zu mir in den Hafen gekommen. Können Sie sich vorstellen, was ich gefühlt habe, als ich sie so gesehen habe? Die Mädchen in ihren blutverschmierten Armen?
Ich mache mir solche Vorwürfe. Wie hatte ich sie allein auf der Ranch lassen können? Wir wussten doch, dass diese Leute hinter uns her waren! Rosalie hat am ganzen Körper heftig gezittert, sie war nicht in der Lage, auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Ich wusste, ihr war das Schlimmste passiert, an das ich denken konnte, und habe sie einfach nur festgehalten. Können Sie sich das vorstellen?“ Jetzt konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten. „Meine Frau hat einen Mann getötet! Aber sie ist keine Mörderin!“
„Notwehr! Das war Notwehr!“, rief Brown lautstark. Dann versuchte er, sich wieder zu beruhigen und professionell zu bleiben. Aber unsere Geschichte ließ ihn nicht kalt, obwohl er sicher schon eine Menge schlimmer Geschichten gehört hatte. Es schien für ihn etwas Persönliches zu sein.
„Wir konnten nicht klar denken. Ein Polizistenmord, wir waren uns sicher, niemand würde uns glauben, nicht unter diesen Umständen, nicht im korrupten Los Santos. Wir hatten nichts als die Kleider am Leib, unser Auto und unsere Papiere im Safe. Auf die Ranch konnten wir nicht zurück, in der Stadt bleiben auch nicht. Und zur Polizei? Nein, nein, nein. Wir waren uns sicher, dass wir das nicht überleben würden. In unserer Panik gab es nur einen Ausweg. Wir mussten weg, ganz weit weg und in Ruhe überlegen, was zu tun ist. Wo sollten wir hin? In Mexiko konnten wir nicht bleiben. Wir mussten das Land verlassen. Aber wie? Bis wir an der Grenze wären, würden die Behörden sicher schon nach uns suchen. Wegen Polizistenmord! Man würde uns sofort verhaften! Auf legalem Wege würden wir das Land also nicht verlassen können. Wir hatten ja nicht mal richtige Ausweise, nur die Kopien, die ich in meinem Büro hatte. Das war alles so schlimm! Würde ich noch mal so reagieren? Ich weiß es nicht! Aber ich bete, dass ich nie wieder solch eine Entscheidung treffen muss.
Wir sind fast ohne Pause bis zur Grenze gefahren. Nur einmal haben wir angehalten, um den Mädchen etwas zu trinken zu kaufen. Und die ganze Zeit über haben wir gedacht, gleich werden wir verhaftet. Wir hatten das Gefühl, jeder Polizist sah uns an, was wir getan hatten. Was wir hatten tun müssen. Den halben Tag und die ganze Nacht waren wir unterwegs. Im Morgengrauen haben wir schließlich die Grenze erreicht. Es war wahnsinnig viel los. Hunderte Menschen überquerten den Grenzübergang in beide Richtungen. Wir haben das Auto geparkt, die Mädchen auf den Arm genommen und sind einfach im Gewusel der Menschenmassen zu Fuß über die Grenze marschiert. Wir mussten uns so sehr zusammenreißen, nicht zu rennen! Wir haben uns nicht umgedreht und zu Gott gebetet, er möge uns beschützen! Und tatsächlich hat uns niemand aufgehalten. Auf der amerikanischen Seite sind wir in den nächsten Bus gestiegen und einfach nach Norden gefahren. Nach einer halben Stunde, weit genug entfernt von der Grenze, sind wir ausgestiegen und haben uns der Polizei gestellt. Und jetzt sind wir hier. Vielleicht war es die falsche Entscheidung, illegal in Ihr Land zu kommen, aber für uns war es die einzige, die wir hatten.
Und jetzt sind wir hier. Wir haben unser gutes Leben verloren, doch wir sind gute Menschen geblieben, wir haben nichts Unrechtes getan. Aber in Mexiko können wir keine Gerechtigkeit erwarten.“
Mr. Brown stoppte mich, indem er energisch die Hand hob. „Geben Sie mir einen Moment, Mr. Olivares. Ich muss verdauen, was Sie mir da gerade erzählt haben. Menschen können bestialisch sein. Aber Menschen können auch gut sein. Ich muss entscheiden, wie es für Sie und Ihre Familie weitergeht. Und ich muss entscheiden, ob ich Ihnen glaube, dass Sie mir die Wahrheit erzählt haben. Ich werde auch mit Ihrer Frau sprechen, gleich im Anschluss. Sie werden vorher nicht mit ihr sprechen können.“
Er atmete tief durch, klopfte die Akte auf den Schreibtisch und legte sie wieder hin.
„Wissen Sie, wenn Familien mir ihre Geschichte erzählen und mich anlügen, dann merke ich das. Wissen Sie, woran?“
Panik stieg in mir auf. Hatte ich mir Browns gutmütige und gerechte Art nur eingebildet?
„Nein, ich weiß es nicht.“
„Sie erzählen dieselbe Geschichte. Und zwar nicht irgendwie, sondern wörtlich. Und beim nächsten Interview genauso. Immer und immer wieder dieselben Worte. Sie haben ihre Geschichte auswendig gelernt. So unterscheide ich eine Lüge von der Wahrheit. Mr. Olivares, ich glaube Ihnen, aber ich werde mit Ihrer Frau sprechen, und dann entscheide ich, ob das auch so bleibt. Erzählt mir Ihre Frau dieselbe Geschichte wie Sie, nur aus ihrer Perspektive, ist alles gut. Erzählt Sie mir Ihre Geschichte mit denselben Worten wie Sie, ist nicht alles gut. Dann muss ich davon ausgehen, dass Sie sich abgesprochen haben.“
Mein Herz setzte einen Schlag aus. „Wenn Sie uns nach Mexiko zurückschicken, schicken Sie uns in unseren Untergang. Bitte …“
„Beruhigen Sie sich, Mr. Olivares. Ich habe es Ihnen gesagt, wer wirklich Hilfe braucht, der bekommt sie auch.”
„Und wie geht es jetzt für uns weiter?“
„Vorausgesetzt, das Gespräch mit Ihrer Frau verläuft positiv, werden Sie diese Unterkunft noch heute verlassen. Und dann beantragen Sie offiziell Asyl in den Vereinigten Staaten. Es gibt besondere Orte für Flüchtlinge wie Sie. Immer vorausgesetzt, Sie haben die Wahrheit erzählt.“
„Flüchtlinge wie wir? Was bedeutet das?“
„Das bedeutet, dass sie keine Wirtschaftsflüchtlinge sind und ich Ihnen eine gute Sozialprognose ausstelle. Vorausgesetzt, das Gespräch mit Ihrer Frau verläuft gut. Wenn das so ist, werden Sie mit Ihrer Familie hier in Kalifornien bleiben, in einem kleinen Ort namens Santa Roca. Und, Mr. Olivares, eines noch …“
Verunsichert blickte ich Brown an. „Ja?“
„Herzlich willkommen in Amerika! Es wird sicher alles gut werden. Glauben Sie an das Gute!“
„Das tue ich. Noch immer.“
»Santa Roca« 2020–2024.
Drei Stunden nach dem Gespräch mit William Brown saßen wir in einem Auto der Einwanderungsbehörde Richtung Santa Roca. Das Gespräch zwischen Mr. Brown und Rosalie war gut verlaufen, und noch in Browns Büro hatten wir offiziell einen Asylantrag gestellt. Bis über den entschieden wurde, würden wir in einem Haus der Kirchengemeinde von Santa Roca wohnen, und der Gemeindepfarrer würde sich um uns kümmern. Sein Name war Kevin Brown! Er hieß tatsächlich auch Brown. Er hatte denselben Nachnamen wie William Brown von der Einwanderungsbehörde, mit dem wir eine so gute Erfahrung gemacht hatten. Es war wahrscheinlich einfach Zufall, schließlich war dieser Name in den USA weit verbreitet, aber für mich war es ein Zeichen. Die Zukunft meinte es gut mit uns.
Pfarrer Brown war, wie ich William Brown nur zu gerne glaubte, ein herzensguter Mensch, der sich freuen würde, uns seine Nächstenliebe schenken zu können. Ein Mensch, der das Gute in sich nie aus den Augen verloren hatte.
Nach all dem Schlimmen, das uns widerfahren war, verhieß Santa Roca die Chance, zur Ruhe zu kommen, und die Möglichkeit, wenigstens damit zu beginnen zu verarbeiten, was uns widerfahren war. Wir hatten unser gesamtes Leben verloren, und es gab keine Chance, es zurückzubekommen. Denn was geschehen war, war geschehen. Das konnte niemand ändern. Ich hatte die Verantwortung für meine Familie, ich musste stark sein und schwor mir selbst, den Blick nur nach vorne zu richten. Ich musste Rosalie und den Mädchen der stärkste Rückhalt sein, der ich sein konnte. Am besten noch mehr als das. Wenn ich jetzt nicht die beste Version von mir sein würde, die ich sein konnte, dann würde ich es nie sein.
Obwohl es in ganz kleinen Schritten wieder bergauf ging, gab es ein grundlegendes Problem. Solange nicht über unseren Asylantrag entschieden war, durften wir nicht arbeiten. Wir würden von unseren Ersparnissen leben müssen, denn wir waren zu wohlhabend für staatliche Unterstützung.
Unser Fahrer sprach die ganze Fahrt über praktisch kein Wort mit uns. Auf der Rückbank des riesigen Kombis schliefen die Mädchen links und rechts an Rosalie gekuschelt, die sich ein Lächeln für mich abrang, als ich nach hinten blickte. Ich lächelte zurück, aber wir wussten beide, dass es sehr lange dauern würde, bis wir wieder richtig lachen konnten. Erschöpft lehnte ich meinen Kopf an das Fenster und ließ die Welt an mir vorbeiziehen. Eine Welt, von der ich im Moment so weit entfernt war, dass sie genauso gut auf einem weit entfernten Planeten hätte sein können.
Mir kamen die Worte ins Gedächtnis, die William Brown mir vor dem Gehen noch mitgegeben hatte.
„Ein wichtiger Ratschlag noch“, hatte er gesagt, als wir sein Büro schon verlassen hatten und er mir auf den Flur gefolgt war, „halten Sie sich an die Regeln. Nach allem, was ich aus Santa Roca höre, sind die Menschen dort warmherzig und offen, mit einer Ausnahme: Bezirksrichterin Ruth Buttworth. Sie wissen, dass Sie sich alle drei Monate bei ihr melden müssen, denn sie entscheidet über ihren Asylantrag. Aber denken Sie immer daran, pünktlich zu sein. Geben Sie Richterin Buttworth keinen Anlass für Kritik. Am besten sind sie immer ein paar Minuten früher da. Sie wollen nicht, dass Ihr Antrag abgelehnt wird, nur weil Sie fünf Minuten zu spät kommen.“
„Wir werden pünktlich und höflich sein.“ Das waren die letzten Worte, die ich zu Brown sagte. Aber warum hatte ich sie gesagt? Für mich war es selbstverständlich, pünktlich und höflich zu sein.
Der Weg nach Santa Roca war ein verheißungsvoller, und für einen kurzen, glücklichen Augenblick gelang es mir, alles auszublenden, was uns hierhergebracht hatte, und einfach im Moment der Gegenwart aufzugehen. Im warmen Licht der Abendsonne rollten wir langsam über die breite Straße durch eine kleine Stadt. Ich kurbelte das Fenster ein Stück herunter. Die Luft war schwül und roch nach süßen Blüten. Eine ganze Weile starrte ich gedankenversunken aus dem Seitenfenster, bis ich mir dessen bewusst wurde und meinen Blick wieder fokussierte. Gerade fuhren wir an einem Basketballplatz vorbei, der von einem hohen Zaun umgeben war. Im grellen Licht der Scheinwerfer spielten Jugendliche hitzig gegeneinander. Vor den großen Flutlichtern, die den Platz hell erleuchteten, hatten sich Schwärme von Insekten zu einem riesigen Ball geformt, der sich scheinbar chaotisch und doch präzise durch die Luft bewegte und jedem Ball auswich, den die Jugendlichen nach ihm warfen.
Ich blickte auf die Rückbank. Rosalie lächelte mich an. Sie hatte mich die ganze Zeit über beobachtet. Neben ihr schliefen die Mädchen erschöpft. Sie waren noch so klein und verstanden nicht, was vor sich ging. Kein einziges Mal hatten sie gefragt, warum wir so weit weggefahren waren. Aber das würde nicht mehr lange so bleiben. Ich sah Rosalie tief in die Augen und spürte, dass sie dasselbe fühlte wie ich in diesem Moment – Hoffnung! Die Hoffnung, das Leben der Kinder zu einem guten zu machen, und irgendwann auch wieder unser eigenes. Wir würden es schaffen, diese Geschichte würde kein schlechtes Ende für uns nehmen. Wir würden eine glückliche Familie bleiben, auch wenn das hieß, dass wir in den USA ganz von vorne beginnen mussten. Das flüsterten wir uns in Gedanken zu, vorbei an der Angst vor einer ungewissen Zukunft.
Behäbig rollten wir weiter die Straße entlang, dann einen Hügel hinauf, als am Horizont langsam Santa Roca in Sicht kam. Ein pfirsichfarbener Wolkenschleier hatte sich an die Stelle geschoben, an der eben noch tief und groß die Sonne hing. Ich war fest entschlossen, nach vorne zu schauen. Nicht nur die Straße hinunter auf Santa Roca, sondern in unsere Zukunft. Wir mussten neu starten, nachdem wir fast alles verloren hatten, aber ich spürte, dass es uns gelingen würde, Ana und Teresa ein gutes Leben zu ermöglichen.
Wir passierten eben das Ortsschild, als das Wageninnere plötzlich von köstlichem Grillduft erfüllt wurde und mein Magen laut zu knurren begann. Im Hof eines Barbecue-Restaurants grillte ein großer Afroamerikaner auf einem riesigen Grill Steaks, die eine Kellnerin dann zu den Gästen nach drinnen trug. „Wir sind gleich da, noch fünf Minuten”, meldete sich plötzlich der Fahrer, der nicht gesprochen hatte, seit wir losgefahren waren. Wahrscheinlich hatte er uns einfach in Ruhe lassen wollen, er machte einen sanftmütigen Eindruck.
Kurz darauf stiegen wir aus dem Auto und wurden von Pfarrer Brown und seiner Frau herzlich begrüßt. Pfarrer Brown war ein groß gewachsener Mann mit scharfen Gesichtszügen, einer markanten Nase, die unweigerlich an Julius Cäsar erinnerte, und gutmütigen, blauen Augen. Wie wir schon bald feststellten, war er von ruhiger Natur und nur schwer aus der Reserve zu locken. Was nicht hieß, dass er nicht auch sehr deutliche Worte finden konnte, wenn sie seinen Zwecken dienten, wie wir nach wenigen Wochen feststellten. Und so waren seine Predigten in der Kirche manchmal ebenso scharf wie der Haken seiner Nase. Seine Ehefrau Dorothy muss einmal eine sehr schöne Frau gewesen sein, immer wieder blitzte das durch, auch wenn ihr Äußeres nicht mehr dasselbe war. Gesicht und Körper waren aufgeschwemmt. Eine Nebenwirkung der Medikamente, die sie wegen einer schweren Hormonstörung bis an ihr Lebensende einnehmen musste, wie wir später erfuhren. Auch wenn sie von außen keine Schönheit mehr war, so strahlte ihr Herz so viel Liebe aus, dass ausnahmslos jeder, der mit ihr in Kontakt kam, sofort von ihrer Aura eingenommen wurde. Kevin und Dorothy Brown waren ein glückliches Paar, das sich so sehr über die späte Geburt seiner Tochter gefreut hatte, dass sie das Mädchen Donata tauften – die Geschenkte. Donata war ein bildhübsches, pausbäckiges Mädchen von zehn Jahren. Schon bald war sie wie eine große Schwester für unsere Mädchen.
Unser neues Zuhause war eine achtzig Quadratmeter große Wohnung, die im Obergeschoss eines zweistöckigen Hauses lag, das der Kirchengemeinde gehörte und von einer schönen Gartenanlage umgeben war. Im Haus nebenan, nur einen Steinwurf entfernt, lebte Familie Brown. Nachdem Pfarrer Brown und seine Frau uns in die Wohnung geführt und mit dem Wichtigsten vertraut gemacht hatten, ließen sie uns allein, damit wir erst mal in Ruhe ankommen konnten. Im Hinausgehen fragte Dorothy, ob wir noch etwas bräuchten. Rosalie beugte sich vor und flüsterte ihr etwas ins Ohr, das ich nicht verstehen konnte. Pfarrer Brown blickte mich an und lächelte. „Das bedeutet bestimmt etwas Gutes.“ Er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter und verließ die Wohnung. Rosalie lächelte mich an. „Ich habe eine Überraschung für dich, aber die gibt es später. Umarme mich mal.“
Oh, wie sehr liebte ich Rosalie dafür, dass sie so liebevoll war! Wir hielten uns in den Armen, und Rosalie drückte mich so fest wie nie zuvor. Ich spürte, wie sehr sie mich jetzt brauchte. Mir ging es ganz genauso. Nie sollte etwas zwischen uns kommen. Rosalie löste sich und gab mir einen Kuss, dann ging sie in die Küche.
Ich blickte aus dem Fenster und sah Dorothy, die mit zwei großen Papiertüten bepackt zu uns herüberkam und kurz darauf mit Rosalie in der Küche verschwand. Pfarrer Brown hatte recht, das bedeutete bestimmt etwas Gutes. Ich ließ die beiden allein und öffnete die Tür zum Zimmer der Mädchen. Sie schliefen noch immer tief und fest, wir hatten sie aus dem Auto getragen und direkt in ihre Betten gelegt. Ihr Anblick erfüllte mich mit Wehmut, aber auch Zuversicht. Behutsam schloss ich die Tür, ging auf den Balkon und legte meine Hände auf die steinerne Brüstung. Es war schon beinahe ganz dunkel, aber noch immer angenehm warm. Ich schloss die Augen und atmete tief durch. Nach allem, was wir durchgemacht hatten, waren wir in Sicherheit. Zumindest vorerst. Es war noch zu früh, das alles wirklich zu begreifen, vor ein paar Tagen noch lebten wir in Mexiko und jetzt fragten wir uns völlig ungewiss, ob wir jemals dorthin zurückkehren würden. Doch Hauptsache, wir waren zusammen.
Kurze Zeit später löste mich köstlicher Duft aus meinen Gedanken. Ich kannte diesen Geruch nur zu gut. Rinderhackfleisch, erst scharf angebraten, dann in Rosalies selbstgemachter Tomatensalsa mit Koriander geschmort. Mit frischem Salat, geriebenem Cheddar und garniert mit einem Klecks saurer Sahne landete diese köstliche Mischung in einer knusprigen Maisschale – gefüllte Tacos! Ich aß sie für mein Leben gerne! Schon als Kind waren sie mein absolutes Lieblingsgericht, und ich kann mich an keine einzige Woche in meinem Leben erinnern, in der meine Mutter nicht mindestens einmal selbstgemachte Tacos auf den Tisch gestellt hatte. Wenn es um köstlich gefüllte Tacos ging, war ich schon immer ein echter Mexikaner, auch wenn ich damit ein Klischee erfüllte. Mexikaner essen gerne Tacos, sagen die gutmütigen Menschen. Mexikaner sind Tacofresser, die bösen.
Rosalie wusste, wie sehr sie mit diesem Essen für unseren Zusammenhalt sorgte. Sie zauberte uns damit ein Stück Heimat nach Santa Roca. An diesem Abend konnten wir die Sorgen beiseiteschieben, wenigstens für ein paar glückliche Momente. Nach dem Essen setzten wir uns mit einer Flasche Rotwein auf den Balkon und blickten Hand in Hand in den prächtigen Sternenhimmel. Es war der erste Abend in unserer neuen Heimat und einer der letzten, an dem die Dinge zwischen Rosalie und mir so harmonisch waren. Denn unser Asylverfahren sollte schon bald zu einer schweren Belastungsprobe für unsere Beziehung werden. Doch davon war an diesem ersten Abend in Santa Roca nichts zu erahnen. In dieser wunderbaren Nacht war alles gut, und wir schliefen eng umschlungen ein.
Am nächsten Morgen weckte mich die frühe Sonne, während Rosalie noch tief und fest weiterschlief, und auch die Mädchen lagen noch in ihren Betten. Leise schlich ich mich in die Küche, kochte mir einen Kaffee und ging damit raus auf den Balkon. Die Sonne lachte mich an, ich lächelte ihr zu und ließ meinen Blick über den wunderschönen Garten hinter dem Haus schweifen. Er sollte schon bald zu dem Ort werden, an dem Rosalie viel Zeit verbrachte. Mit jedem Tag blühte sie wieder ein Stück mehr auf.
Die Gartenarbeit half ihr dabei, mit dem Verlust unseres Lebens in Mexiko umzugehen. Ein mexikanisches Sprichwort sagt: Heilen heißt, das Herz glücklich zu machen. Und genau das tat dieser Garten. Er heilte Rosalies Herz, in kleinen Schritten, aber er tat es. Ich war glücklich, dass sie eine Beschäftigung gefunden hatte, die ihr Freude bereitete. Was mich anging, so machte ich mir in der Gemeinde schnell einen Namen als Handwerker. Natürlich ohne Bezahlung, denn solange wir keinen positiven Asylbescheid bekamen, durften wir keine bezahlte Arbeit annehmen. Und wenn unser Antrag abgelehnt würde, dann hätten wir ohnehin andere Sorgen.
In Santa Roca lebten etwa 5000 Menschen, und von einer kanadischen Großfamilie abgesehen waren wir die einzigen Ausländer und damit etwas Besonderes. Natürlich kann ich nicht sagen, dass wir alle Menschen im Ort persönlich kannten, doch schon nach ein paar Monaten fühlte es sich so an. Jeder, der regelmäßig Pfarrer Browns Gottesdienst besuchte, kannte uns. Dort hatte er den Menschen von den Neuankömmlingen in der Gemeinde berichtet, und alle schienen sich darüber zu freuen. Santa Roca war ein Ort von guten Menschen. Und war es ein Zufall, dass es kein republikanischer Ort war? Die Menschen hier wählten schon seit Jahrzehnten fast geschlossen demokratisch.
Rosalie hatte wieder begonnen, Blumen zu züchten, die schon bald zahlreiche Wohnzimmer und Küchen in Santa Roca schmückten. Dorothy Brown, selbst eine leidenschaftliche Gärtnerin, hatte Rosalie geholfen, seltene Orchideensamen zu besorgen. Als Handwerker hatte ich irgendwann praktisch für jeden schon mal irgendetwas repariert. Regelmäßig wurden wir zu Grillfesten oder zum Kaffeetrinken eingeladen. Niemand mit Ausnahme der Browns kannte unsere ganze Geschichte, aber Pfarrer Brown hatte jedem von Anfang an versichert, dass wir gute Menschen waren. Und sein Wort hatte Gewicht in der Gemeinde.
Drei Jahre vergingen, und es waren für uns als Familie und besonders die Mädchen drei gute Jahre, doch kamen wir mit unserem Asylantrag keinen Schritt voran. Rosalie und ich stritten uns deswegen jetzt immer öfter und leider auch immer heftiger. Nur für Ana und Teresa rauften wir uns immer wieder zusammen. Die Zwillinge blühten in ihrer neuen Heimat richtig auf, sie durften in den Gemeindekindergarten und hatten schnell Freunde gefunden, was auch uns half, uns noch mehr zu integrieren. Aber eine Entscheidung über unseren Asylantrag wurde alle drei Monate auf den nächsten Termin vertagt, nur um an diesem dann erneut um drei Monate verschoben zu werden. Das hatte System. Und dieses System hieß Ruth Buttworth.
Sie war eine unangenehme, geradezu bösartige Person. Klein, hager und verhärmt, um ihren Mund lagen böse Züge. Ihre grünen Augen waren winzig und von durchdringendem Blick hinter einer großen schwarzen Hornbrille. Die grauen Haare hatte sie zu einem strengen Dutt gebunden, der in einem Netz am Hinterkopf steckte. Bezirksrichterin Buttworth mochte keine Mexikaner und gab sich nur wenig Mühe, dies zu verhehlen. Aber es gab etwas, das sie mochte, sehr sogar, ja geradezu verehrte. Den amerikanischen Präsidenten und seine Art, das höchste Amt im Staate auszuführen. Seit Trump wieder unverhohlen gegen Mexikaner hetzte, gegen die man sich nur mit absoluter Härte zur Wehr setzen konnte, fühlte sich Ruth Buttworth bestätigt.
Bei unseren Anhörungen genoss sie es, uns ihre Macht zu demonstrieren. Wenn wir sprachen, schnitt sie uns das Wort ab, setzten wir erneut an, hob sie drohend ihren knochigen Zeigefinger, an dem sie einen riesigen Siegelring trug. Sie verachtete uns einzig, weil wir Mexikaner waren. Seit Trump vor acht Jahren das Präsidentenamt übernommen und vor vier Jahren schmutzig und blutig verteidigt hatte, war es für viele Amerikaner immer normaler geworden, Menschen nur aufgrund ihrer Herkunft öffentlich zu schlechten Menschen zu erklären, zu unerwünschten Menschen. Der Präsident selbst machte es ihnen vor und forderte sogar in den USA geborene Menschen, deren Wurzeln außerhalb der Vereinigten Staaten lagen, auf, in die Scheißlochländer zurückzukehren, aus denen ihre Eltern einst in die USA emigriert waren.
Donald Trump hatte die Amerikaner endgültig gegeneinander aufgehetzt. Und je näher die schicksalhafte Wahl rückte, mit der Trump eine dritte Amtszeit erreichen wollte, desto drastischer wurden seine Worte, und er wandte sich nun wieder dem Thema zu, das schon in seinem ersten Wahlkampf vor acht Jahren so gut funktioniert hatte: kriminelle Mexikaner. Und damit meinte er alle Mexikaner. Die demokratische Partei hatte er längst zu Komplizen Mexikos erklärt, zu Kommunisten, Sozialisten, Linksradikalen, kurzum zu Feinden Amerikas. Wer die Demokraten wählt, greift damit all das Großartige an, für das Amerika steht. Das war seine simple Botschaft. Und er hatte Erfolg damit. Trump saß fester im Oval Office als je zuvor. Mindestens die Hälfte der Amerikaner unterstützte ihn, die andere Hälfte nicht. Fünfzig-fünfzig ist eine denkbar schlechte Ausgangslage für eine Versöhnung.
Für Bezirksrichterin Ruth Buttworth waren die Obama-Jahre acht verlorene Jahre gewesen. Die beiden Amtszeiten, in denen Trump jetzt schon das Sagen hatte, schien Amerika für sie wieder zu dem Ort gemacht zu haben, der er sein sollte. Ein Ort, an dem amerikanische Interessen immer an erster Stelle kamen. Wie schmutzig und skrupellos sich Trump seine zweite Amtszeit ergaunert hatte, spielte für sie überhaupt keine Rolle, im Gegenteil. Wie so viele Amerikaner war auch sie fest davon überzeugt, dass die Demokraten bei der letzten Wahl betrogen hatten und Trump in Wahrheit gewonnen hatte. Und war er nicht im Recht? Wie sonst hätte er sich im Amt halten können? Das war die krude Logik von Menschen wie Bezirksrichterin Ruth Buttworth.
Und so fand sie alle drei Monate einen weiteren Grund, warum nicht jetzt über unseren Asylantrag entschieden werden konnte. Und alle drei Monate mussten wir damit rechnen, noch in Buttworths Büro festgesetzt und abgeschoben zu werden. Es führte kein Weg an der knochigen Richterin vorbei zu einer höheren Instanz. In diesem Bezirk hatte sie das Sagen. Und woanders leben durften wir nicht. Wir waren an Santa Roca gebunden und Ruth Buttworth ausgeliefert. Hätte sie unseren Antrag abgelehnt, so hätten wir dagegen Einspruch einlegen können, und über den würden dann andere Richter entscheiden. Aber Buttworth ließ uns nicht von ihrem Haken.
Nach jeder Anhörung waren wir am Boden zerstört, und Pfarrer Brown hatte seine rechte Mühe, uns wieder aufzurichten. Er begleitete uns fast zu jedem Termin und wartete geduldig vor der Tür. Auch ihm entging nicht, dass Buttworth im Begriff war, Rosalie und mich zu entzweien. Doch er war klug genug, nicht alleinige Partei für einen von uns beiden zu ergreifen. Aber selbst dem stets zuversichtlichen Pfarrer Brown fiel es von Anhörung zu Anhörung schwerer, nicht die Hoffnung zu verlieren. Sosehr er sich auch bemühte, uns das nicht spüren zu lassen, so gelang es ihm von Mal zu Mal weniger.
Doch was Rosalie und mich anging, so war es nicht die Art, wie Richterin Buttworth uns behandelte, sondern vielmehr die Art, wie ich mich ihr gegenüber verhielt. Was Rosalie jeden Tag ein Stück weiter von mir entfernte, war mein Glaube, dass in jedem Menschen, selbst in Bezirksrichterin Ruth Buttworth, irgendwo tief drinnen ein guter Kern steckte. So hatte ich es von meinem Pfarrer aus Kindheitstagen gelernt. Jeder Mensch kommt gut und rein auf die Welt, niemand kommt böse auf die Welt. Und diesen guten Kern trägt ein Mensch sein Leben lang in sich, auch wenn er nicht immer sichtbar ist. Wenn ein Mensch Böses tut, dann nur, weil ihm selbst Böses widerfahren ist. Und umso mehr braucht er die Nachsicht der guten Menschen. So schwer das fallen mag. „In Richterin Buttworth existiert nichts Gutes mehr. Wenn es das jemals gab, dann ist es schon lange verschwunden.“ Rosalies Meinung war klar, und Richterin Buttworth zeigte uns bei jedem Besuch deutlich, dass es naiv von mir war, daran zu zweifeln.
Rosalie hatte das früh erkannt, ich aber nicht. Jetzt weiß ich, ich wollte es nicht erkennen. Vielmehr wollte ich weiterhin daran glauben, dass selbst Ruth Buttworth in ihrem tiefsten Inneren noch etwas von dem Guten hatte, mit dem sie, wie alle Menschen, auf die Welt gekommen war. Und daran, dass wir irgendwann von diesem guten Kern profitieren würden und einen positiven Asylbescheid erhielten, wenn es uns gelang, ihn durch unsere beharrliche Freundlichkeit freizulegen. Doch in Wahrheit trieb Bezirksrichterin Buttworth Rosalie und mich immer weiter auseinander.
Nach drei Jahren zwischen Stillstand und der ständigen Angst, beim nächsten Gerichtstermin festgesetzt und abgeschoben zu werden, waren wir irgendwann sogar an den Punkt gelangt, an dem wir ernsthaft darüber nachdachten, unter welchen Umständen wir nach Mexiko zurückkehren könnten. Doch was würde dann aus Ana und Teresa? Die USA waren ihre Heimat geworden, und sie hatten inzwischen mehr Zeit ihres Lebens hier verbracht als in Mexiko. Die Situation zermürbte mich so sehr, dass ich begann, nachts mit den Zähnen zu knirschen. So heftig, dass immer wieder kleine Stücke abbrachen. Wenn ich am Morgen aufwachte, schmerzte mir der Kiefer. Doch wenn wir an Richterin Buttworths Bösartigkeit nicht zugrunde gehen wollten, durften wir nicht aufhören, an eine Zukunft zu glauben, in der alles gut werden würde. Auch wenn wir unterschiedliche Vorstellungen von dem Weg in diese Zukunft hatten. Der Blick zurück, der Streit zum Umgang mit Buttworth, all das richtete sich letztlich nur gegen uns selbst.
Inzwischen waren es nur noch wenige Wochen bis zur schicksalhaften Wahl, bei der Donald Trump sein schmutzig erkämpftes Amt verteidigen wollte. In den vergangenen acht Jahren hatte er das Land an den Rand des Abgrundes geführt oder sogar schon ein Stück darüber hinaus, was Hunderttausende Amerikaner so sahen, die durch Trumps miserables Management der Covid-Krise Angehörige verloren hatten. Aber Trump erklärte sich weiterhin zum perfekten Krisenmanager, der durch sein konsequentes Handeln im Kampf gegen das China-Virus, wie er es hartnäckig nannte, Millionen amerikanische Leben gerettet habe. Dann war der erste Impfstoff auf den Markt gekommen, weitere folgten und beendeten die Pandemie innerhalb eines Dreivierteljahres. Für Trump war das die Bestätigung, dass sein Handeln zu jedem Zeitpunkt richtig gewesen war. Er hatte den Menschen einen schnellen Impfstoff versprochen, und tatsächlich war der noch im Jahr 2020 gefunden. Dass dies ausgerechnet ein paar Tage nach der Wahl bekannt gegeben wurde, war für Trump ein weiterer Beweis dafür, dass eine große Verschwörung gegen ihn im Gange war. Und seine Anhänger glaubten ihm. Wahrscheinlich war es sogar besser für Trump gewesen, dass der Impfstoff nicht ein paar Wochen früher entwickelt worden war. Trump erklärte den Menschen, dass die Verschwörung gegen ihn, hinter der selbstverständlich die Demokraten steckten, eine halbe Millionen Amerikaner das Leben gekostet hatte.
Aber Trump sprach jetzt nicht mehr über das Virus, sondern nur noch über Mexiko. Wie versprochen habe er die Mauer fertiggestellt und Mexiko dafür bezahlen lassen. Alle wussten, dass dies nicht stimmte, aber Trump ignorierte es stumpf. Er hetzte gegen die Mexikaner im Land, die nicht nur jede Menge Straftaten begingen, sondern vor allem den Amerikanern die Jobs streitig machten. Jobs, die er geschaffen habe – für Amerikaner! Die Demokraten wollten seinen Erfolg zerstören, denn sie ertrügen es nicht, dass kein Präsident der Geschichte, nicht mal Abraham Lincoln, mehr für das Land getan habe als er, Donald John Trump. Für ihn war die Sache klar: Er hatte in den Geschichtsbüchern die Führung übernommen!
America first! Wer dieser Losung nicht uneingeschränkt folgte, wurde vom Präsidenten pauschal zum Feind Amerikas erklärt. Mit seinen Worten säte er Wind, und im ganzen Land folgte der Sturm. Die Amerikaner standen sich unversöhnlicher gegenüber als jemals zuvor. Auf den Straßen, an der Arbeit, in den Familien. Doch die Demokraten konnten davon nicht profitieren, ihr schwacher Präsidentschaftskandidat kam gegen Trumps Gebrüll nicht an. Der Präsident lag in den Umfragen vorn.
Das Land war tief gespalten und voller Hass. Aber das Leben in Santa Roca hingegen war eine friedliche Oase, die selbst Richterin Buttworth nicht vollends zerstören konnte. Und zum Glück lebte sie nicht in der Gemeinde, sondern in der Bezirkshauptstadt einige Meilen entfernt. Unsere Situation war einigermaßen schizophren. Während im ganzen Land gegen Mexikaner gehetzt wurde, erfuhren wir in Santa Roca Liebe. Bei den Gerichtsanhörungen dann wieder Hass. Und wenn wir zurück nach Hause kamen, das Lächeln in den Gesichtern der Menschen. Wir waren in diesem Widerspruch gefangen und konnten weder vor noch zurück. Aber wir waren fest entschlossen, niemals aufzugeben.
»Die Falle schnappt zu« Dienstag, 29. Oktober 2024, 8:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
Dieser Morgen begann mit dem positiven Gefühl eines guten Tages. Verliebt blickte ich auf das Kissen neben mir und gab Rosalie einen zärtlichen Kuss auf die Stirn. Aller Zwietracht zum Trotz, die Buttworth zwischen uns gebracht hatte, verband mich mit Rosalie eine tiefe Liebe.
„Guten Morgen“, flüsterte ich ihr ins Ohr. Verschlafen vergrub sie ihr süßes Gesicht tief im Kissen. Ich betrachtete sie eine Weile, bevor eine Bewegung in meinem Augenwinkel meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Jimmy, der Nachbarskater, war auf den Fenstersims gesprungen und hatte sich dort zur Fellpflege niedergelassen. Als er mich entdeckte, legte er seinen Kopf zur Seite, blickte mich mit seinen leuchtend grünen Augen an und machte schließlich einen großen Satz zurück auf den Baum, vom dem aus er hier hochgeklettert war. Jimmy saß oft vor unserem Schlafzimmerfenster. Von hier aus hatte er nicht nur den Vorgarten im Blick, sondern auch den schmalen Fußweg hin zur Straße und all das Geschehen darauf.
„Mach dir keine Sorgen. Wenn wir zusammenhalten, dann kann uns der Präsident nichts anhaben“, flüsterte ich Rosalie ins Ohr, die zwar wach war, aber noch keinerlei Lust verspürte, das Bett zu verlassen. „Wir sehen uns heute Mittag, ich gehe jetzt zu Pfarrer Brown und repariere mit ihm das Dach des Gemeindehauses. In den nächsten Tagen soll es regnen.“ Mit geschlossenen Augen zog Rosalie mich zu sich und drückte ihr Stupsnäschen in meine Wange. „Du hast recht, alles wird gut, wenn wir zusammenhalten. Wir dürfen uns nicht auseinanderbringen lassen. Wir sehen uns heute Mittag. Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch“, flüsterte ich zurück und gab ihr einen zarten Kuss auf die Stirn. Vor dem Fenster glitzerte die warme Herbstsonne durch die goldenen Blätter der Bäume. Ein Tag, der so perfekt begann, konnte doch gar nicht schlecht enden, dachte ich und machte mich beschwingt auf den Weg.
Pfarrer Brown war bereits auf dem Dach, als ich das Gemeindehaus erreichte. Das Gebäude war schon etwas in die Jahre gekommen, das Dach hatte an einigen Stellen Löcher, die nur notdürftig mit Holzplanken und einer Plane abgedeckt waren. Doch jetzt, wo es nicht mehr lang bis zum nächsten Winter war, sollte das Dach endlich geflickt werden, und die Gemeinde hatte genügend Geld gesammelt, um das nötige Baumaterial zu kaufen. Pfarrer Brown war nicht nur ein Mann wahrer, notwendiger und freundlicher Worte, er war auch ein Mann der Tat. Diese Leidenschaft teilten wir, und so war ich inzwischen so etwas wie der Generalhausmeister für die ganze Gemeinde und die Häuser ihrer Mitglieder geworden. Ehrenamtlich, denn richtig arbeiten durfte ich noch immer nicht, solange über unseren Asylantrag nicht entschieden war. Daran hatten auch mehrere Anträge von uns aus nichts geändert. Und so lebten wird nun schon seit fast vier Jahren von unseren Rücklagen und der Unterstützung der Gemeinde, die unsere Wohnung bezahlte.
Ich erreichte das Gemeindehaus. „Luis! Pünktlich wie immer. Komm hoch, ich habe Kaffee hier oben!“, rief Pfarrer Brown mir vom Dach aus zu, als er mich sah. Mit einer Hand hielt er sich am Dach fest, während er mit der anderen eine weiße Thermoskanne mit blauem Deckel griff und in die Höhe hielt.
„Brauchen Sie mich denn überhaupt?“, scherzte ich. „Das sieht doch mehr nach einem Ein-Mann-Job aus, einem Pfarrer-Brown-Job!“
„Schwing Deinen Hintern auf die Leiter, bis heute Mittag müssen wir …“ Doch seine Worte blieben ihm im Hals stecken. Ich verstand nicht, was geschah. Alles ging so schnell. Im gefühlten Bruchteil einer Sekunde rasten drei dunkle Autos heran, preschten mit quietschenden Reifen den Bordstein hinauf und kamen auf der Wiese vor dem Gemeindehaus zum Stehen. Sechs Männer in dunklen Anzügen sprangen heraus und kreisten mich ein.
„Luis Olivares?“, fragte einer der Männer, ein großer, drahtiger. „Wir sind vom FBI.“ Hilflos blickte ich zu Pfarrer Brown. Und im Gegensatz zu mir schien er genau zu verstehen, was gerade geschah.
„Lauf, Luis! Lauf in die Kirche, da dürfen sie dich nicht festnehmen.“ Doch zum Weglaufen war es zu spät. Ich war umzingelt. Die Männer trugen ihre Waffen gut sichtbar, zogen sie aber nicht aus den Halterungen. Mussten sie auch nicht. Allein ihre Körpersprache machte unmissverständlich klar, dass sie jederzeit bereit waren, die Waffen zu zücken und, wenn es sein musste, auch einzusetzen.
„Luis Olivares?“, wiederholte der drahtige Mann, der hier ganz offensichtlich das Sagen hatte. Die anderen blickten ihn erwartungsvoll an, jederzeit bereit, mich zu überwältigen.
„Mein Name ist John Barnett. Ich trage hier die Verantwortung. Wir sind hier, um sie mitzunehmen, wir haben das Recht dazu und die Pflicht. Wir wollen, dass es friedlich abläuft. Bleiben Sie ruhig stehen, und auch wir werden ruhig bleiben. Wir hätten Sie auch in Ihrem Haus verhaften können, vor den Augen Ihrer Familie, aber ich habe die Anweisung gegeben, dies nicht zu tun und Ihnen zu folgen, damit das hier in Ruhe über die Bühne geht. Sie sehen also, ich bin Ihnen schon ein Stück entgegengekommen. Also, Mr. Olivares, bleiben Sie ruhig, wenn meine Kollegen Ihnen jetzt Handschellen anlegen.“
Es hätte diese Ansage nicht gebraucht, nichts anderes als ruhig zu bleiben war jetzt das Richtige.
„Was wollen Sie von mir? Warum werde ich verhaftet? Habe ich gegen das Gesetz verstoßen?“ Panik flutete mich, mein Hirn ratterte. Was hatte ich getan, warum wurde ich verhaftet? Es musste sich um ein Missverständnis handeln. An das Naheliegendste dachte ich nicht. Aber dann stürmte dieser Gedanke heiß kribbelnd über meinen Nacken in meinen Kopf. Trumps Abschiebepläne! Hatte dieser Wahnsinn tatsächlich begonnen, und konnte es sein, dass ich Trumps erstes Opfer war? Ich versuchte, die Panik niederzukämpfen, und drehte mich zu Pfarrer Brown. Ich blickte ihn Hilfe suchend an, doch es kam kein Wort über meine Lippen.
„Wo bringen Sie Mr. Olivares hin?“, rief er den Beamten zu, während er sich daran machte, die Leiter herunterzuklettern.
„Das darf ich Ihnen nicht sagen, Sir. Und bleiben Sie bitte, wo Sie sind. Kommen Sie nicht runter“, sagte Barnett in einem Tonfall, der mehr als deutlich machte, dass er es sehr ernst meinte.
„Was werfen Sie Mr. Olivares vor?“
„Auch das darf ich Ihnen nicht sagen.“
„Aber mir.“ Alle blickten mich an. „Sagen Sie mir, was man mir vorwirft, und sagen Sie es laut, ich will, dass auch Pfarrer Brown es hört.“
„In Ordnung, das ist Ihr Recht, Mr Olivares. Sie sind illegal in die USA eingereist.“
„Ich bin kein Illegaler! Ich habe mit meiner Familie offiziell Asyl beantragt. Das Verfahren läuft noch. Also, warum ich?“
„Dazu kann ich nichts sagen“, antwortete Barnett. „Sie werden Ihre Antworten bekommen. Aber nicht jetzt und nicht von mir. Wir werden das hier jetzt zu Ende bringen. Es gibt Regeln, und wenn sich alle an sie halten, dann kann das hier für alle gut ausgehen.“
„Für alle? Also auch für mich?“
Barnett blickte mich schweigend an. Panik, Adrenalin, Schweiß, Angst. Ich konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Mein Schicksal lag jetzt nicht mehr in meinen eigenen Händen.
„Mache dir keine Sorgen, Luis! Ich hole dich da raus und kümmere mich um Rosalie und die Mädchen.“
„Drehen Sie sich jetzt um, Mr. Olivares, strecken Sie Ihre Hände auf den Rücken.“
„Was geschieht mit meiner Familie?“
„Wir sind nur hier, um Sie abzuholen, alles Weitere wird sich zeigen.“
Besorgt schaute ich ein letztes Mal zu Pfarrer Brown auf dem Dach. Er nickte mir beruhigend zu.
„Müssen die Handschellen wirklich sein? Glauben Sie, ich bin gefährlich?
„Ja, das ist Vorschrift.“
Das waren die letzten Worte, die ich in Freiheit hörte, bevor sich die Handschellen auf meinem Rücken schlossen und ich unsanft auf den Rücksitz eines der Wagen bugsiert wurde. Es war schmerzhaft, auf meinen Armen zu sitzen, die hinter meinem Rücken fixiert waren. Barnett setzte sich auf den Beifahrersitz, sein Kollege hatte sich auf der Rückbank neben mich gesetzt und sagte kein Wort. Als der Fahrer den Rückwärtsgang einlegte, trafen sich ein letztes Mal die Blicke von Pfarrer Brown und mir durch das halb geöffnete Wagenfenster. „Küssen Sie die Menschen, die ich liebe. Sagen Sie Ihnen, sie sollen nicht weinen. Wenn ich mich darauf verlassen kann, dann kann ich stark bleiben.“
„Das wissen sie!“, rief mir Pfarrer Brown hinterher, während sich unsere kleine Wagenkolonne schnell in Bewegung setzte. Pfarrer Brown rief mir noch etwas hinterher, aber ich konnte ihn nicht mehr verstehen, während wir davonrasten. Es gab überhaupt keinen vernünftigen Grund, so schnell zu fahren.
„Wir werden jetzt eine halbe Stunde unterwegs sein, in der Zeit herrscht hier Ruhe“, machte Barnett vom Beifahrersitz aus den beiden Beamten im Wagen klar. „Geht es Ihnen soweit gut, Mr. Olivares?“ Ich antwortete nicht. Was hätte ich auf diese Frage auch entgegnen sollen? Stattdessen blickte ich stumm aus dem Seitenfenster, wie das Leben wortwörtlich an mir vorbeizog. Im Auto herrschte angespannte Stille. Die Narbe an meinem Kinn juckte, aber ich konnte sie nicht kratzen.
Nach ein paar Minuten schweigender Fahrt war es dem jungen Agenten am Steuer wohl zu ruhig, und er schaltete kurzerhand das Radio an. Barnett blickte ihn kurz ernst an, ließ ihn dann aber gewähren. Im Radio lief eine Wahlkampfdiskussion mit Zuhöreranrufen. Eine Anruferin, eine junge Frau aus Texas, redete sich in Rage für Trump und gegen alle, die gegen den Präsidenten waren. Ihr Name war Jill, sie war erst 19 Jahre alt, wie sie auf Nachfrage mitteilte, und trotz ihres geringen Alters war sie schon voller Hass, den sie sich unmöglich ganz allein hatte aufladen können. Acht Jahre Trump hatten deutliche Spuren bei ihr hinterlassen, sie kannte ja praktisch keinen anderen Präsidenten.
Sie schimpfte auf alle, die Trump kritisierten. Sie wünschte sich, dass die Mauer fertiggestellt würde und Mexiko auch dafür bezahlte. „Warum?“, wollte der Moderator wissen, doch Jill wusste keine Antwort. Alles, was ihr dazu einfiel, war: „Mexikaner sind schlimme Menschen.“
Tatsächlich war Trumps Mauer beinahe fertiggestellt. Mexiko hatte keinen einzigen Dollar dafür bezahlt und würde das auch ganz sicher niemals tun. Egal, wie oft Trump das Gegenteil behauptete. Barnett schaltete das Radio aus und ließ keinen Zweifel daran, dass dies für den Rest der Fahrt auch so bleiben würde. Die Radiosendung war symptomatisch für die Stimmung im Land eine Woche vor der Präsidentschaftswahl. Der Graben durch die amerikanische Gesellschaft war mittlerweile so tief, dass sich kein Amerikaner mehr vorstellen konnte, wie er je wieder zugeschüttet werden sollte. Und nicht wenige wollten das auch gar nicht. Niemand hatte eine Idee zur Überwindung, und schon gar nicht die Demokraten. Ihr Präsidentschaftskandidat war vollkommen überfordert von der Wucht, mit der Trump die Dinge vorantrieb. Niemand hörte ihn, aber alle hörten den Präsidenten und seine apokalyptische Warnung vor Sozialismus und linkem Terror, den die Demokraten angeblich über das Land bringen wollten.
Wie Landminen hatte Donald Trump den Hass unter den Menschen gesät, und eine nach der anderen ging jetzt hoch. Die Botschaft an seine Anhänger war klar: Jeder kann etwas tun, um Amerika wieder groß zu machen und all diejenigen auszuschalten, die Amerika hassen. Was so ziemlich jeden einschloss, der Trump auch nur irgendwie kritisierte. Vor vier Jahren hatte Trump ein Amtsenthebungsverfahren überstanden und sich erfolgreich in eine zweite Amtszeit geklagt. Selbst der wütende Sturm seiner Anhänger auf das Capitol hatte das nicht verhindert. Trumps Gegner zweifelten weiterhin öffentlich an seinen mentalen Fähigkeiten, sein Amt auszuführen, aber den Präsidenten scherte das nicht – er fühlte sich unbesiegbar! Und die Tatsache, dass er noch immer im Amt war, gab ihm recht. So war es in seiner Logik nur konsequent, dass er sich nicht mit vier weiteren Jahren begnügen wollte. Kaum hatte er seine zweite Amtszeit angetreten, fingen er und seine willigen Helfer an, die öffentliche Meinung zu manipulieren wie nie zuvor. Er verkaufte den Menschen seine eigenen Wünsche als die ihren und twitterte immer häufiger, dass er bereitstehe, wenn Amerika ihn länger als weitere vier Jahre an der Spitze bräuchte.
Für seine Tweets nutzte er nun immer häufiger die Accounts prominenter Freunde, weil Twitter ihn immer wieder sperrte. Doch das stoppte Trump nicht. Im Gegenteil, es spielte ihm in die Karten, denn so konnte er seinen Anhängern beweisen, dass die Lügenpresse und die großen Medienunternehmen ihn Hand in Hand mit den Demokraten zum Schweigen bringen wollten. Natürlich war das nicht der Fall, aber seine Fans glaubten es nur zu gerne. Trump wurde jeden Tag größenwahnsinniger. POTUS klang plötzlich viel mehr nach einem römischen Kaiser als nach President of the United States. Doch je absurder Trumps Äußerungen wurden, desto mehr verehrten ihn seine Anhänger. Jeder einzelne von ihnen, und das waren fast fünfundsiebzig Millionen Amerikaner, hatte bei der letzten Wahl einen ganz persönlichen Grund gehabt, für Trump zu stimmen. Auch Schwarze, Latinos und Frauen. Selbst tiefgläubige Christen haben für den Ehebrecher und überführten Lügner gestimmt. Und so wie die Meinungsumfragen aussahen, würden sie es bei der anstehenden Wahl wieder tun. Die Stimmung im Land war so aggressiv wie nie zuvor und Donald Trumps Boshaftigkeit auf ihrem bisherigen Höhepunkt. Er hatte den Graben, der das Land seit seinem Amtsantritt immer weiter gespalten hatte, scheinbar unüberwindbar gemacht.
Und offensichtlich führte dieser Riss auch mitten durch das Auto, in dem ich jetzt gezwungen war zu sitzen, bewacht von gleich drei FBI-Agenten. Nach einer Dreiviertelstunde erreichten wir einen flachen, weißen Gebäudekomplex und verschwanden kurz darauf in dessen weitläufiger Tiefgarage. Barnett las eine Nachricht auf seinem Mobiltelefon und zog mich kurz zur Seite, als wir den Wagen verließen. Die restlichen fünf Beamten ließ er ein paar Meter weiter warten. „Ihre Frau und Ihre Töchter wurden nicht festgesetzt. Sie befinden sich in Kirchenasyl. Ich habe gerade eine Nachricht bekommen. Ihrer Familie geht es gut, und es wird ihr nichts geschehen. Denken Sie immer daran, heute und in den nächsten Tagen. Egal, was passiert.“
„Was wird passieren?“, fragte ich. Inzwischen fühlte ich gar nichts mehr. Meinen unerschütterlichen Glauben daran, dass am Ende immer alles gut wird, hatte ich noch nie verloren, nicht mal in dieser ausweglosen Situation. Doch schlimme Beklemmungen packten und schüttelten mich immer wieder heftig durch, bevor der Optimismus wieder die Oberhand gewann.
„Gehen wir“, antwortete Barnett, ohne auf meine Frage einzugehen.
Eine Stunde, nachdem die sechs FBI-Agenten mich im Vorgarten des Gemeindehauses von Santa Roca verhaftet hatten, eskortierten sie durch einen langen Flur mit blassgrünen Wänden, in den das Licht nur durch milchige Oberlichter fiel, bevor wir schließlich vor einer schweren grauen Metalltür stehen blieben. Durch einen Sicherheitsglaseinsatz in der Tür konnte ich einen kleinen offenen Innenhof sehen. Er sah aus wie ein Gefängnishof und war umgeben von einer Mauer, vielleicht drei Meter hoch. Zur rechten Seite schloss sich ein flaches Gebäude an. Dem gegenüber war ein großes Gitter in die Mauer eingelassen, durch das ich auf eine belebte Straße blicken konnte. Die Menschen fuhren dort in ihren Autos, liefen auf dem Bürgersteig oder saßen auf Bänken, lasen Zeitung oder aßen ein Sandwich. Alles ganz normal. Was Menschen eben normalerweise so tun. Diese Normalität versetzte mir einen heftigen Stich ins Herz, denn ich war nur wenige Meter von ihr entfernt, und doch war sie unerreichbar. Noch nie in meinem Leben hatte ich mich so einsam und hilflos gefühlt wie in diesem Moment.
»In der Falle« Dienstag, 29. Oktober 2024, 10:00 Uhr. Noch 7 Tage bis zur Wahl.
Ich war in Trumps Menschenfalle getappt wie in eine Bärenfalle, die sich schmerzhaft tief in mein Fleisch riss und bei jeder Bewegung noch tiefer eindrang. Ich war unfähig, mich zu bewegen, fest im Würgegriff eines Amtes, das von einem größenwahnsinnigen, schweren Narzissten gekapert worden war. Ein Teil des Präsidenten-Apparates führte dessen Befehle sicher nicht gerne aus, doch das Einzige, was für mich zählte, war die Tatsache, dass er es tat.
Seit zwanzig Minuten warteten wir nun schon im Halbdunkel des Flurs. Niemand sprach ein Wort. Eine Uhr an der Wand tickte laut. Ich fragte nach einem Anwalt. „Nicht jetzt“, war die knappe Antwort. Endlich öffnete einer der Beamten die schwere Tür mit einem heftigen Ruck und ich trat, eingerahmt von den Agenten, auf den Hof und atmete tief ein. Ich erinnere mich noch ganz genau an das Wetter an diesem Tag. Es war schwül und heiß, schon am Morgen hatte es fünfundzwanzig Grad gehabt, jetzt waren es sicher über dreißig. Es war ein ungewöhnlich heißer Herbsttag. Ein Wolkenfetzen schob sich vor die Sonne. Die Luft war feucht und stickig. Nicht das kleinste Lüftchen bewegte sich hier unten an diesem grauen und trostlosen Ort.
Die Stimmung war gedrückt, auch die Agenten in ihren dunkelblauen Bomberjacken machten nicht den Eindruck, als wären sie gerne hier. Nur einer von ihnen, ein junger Weißer mit kahlrasiertem Schädel, ich schätzte ihn auf höchstens fünfundzwanzig, hörte nicht auf, mich anzustarren, während seine Kollegen es vorzogen, ins unscharfe Nichts zu blicken. Es war derselbe Agent, der im Auto das Radio eingeschaltet hatte. Noch immer sprach niemand ein Wort, auch der Kahlschädel nicht. Er starrte mich einfach nur an. Ich konnte nicht sagen, was in seinem Kopf vorging. War er überzeugt davon, gerade das Richtige zu tun und seinem Land zu dienen, indem er einen schlechten Menschen (mich!) verhaftet hatte? Oder war er fasziniert, einen dieser mordenden und vergewaltigenden Mexikaner, von denen er durch seinen Präsidenten so viel gehört hatte, endlich mal aus der Nähe zu sehen? Vielleicht war sein regungsloser Blick aber auch einfach Ausdruck seines Nachdenkens über die Situation und seine Rolle darin. Vielleich war er privat ein feiner Kerl.
Bis zu diesem Tag hatte mich in meinem Leben der tiefe Glaube an das Gute in jedem Menschen geleitet. Es waren dieser Glaube und die unerschütterliche Zuversicht, dass ich jede Situation meines Lebens kontrollieren konnte, was mich so stark machte. Doch jetzt spürte ich diese Zuversicht nicht mehr. Sollte ich mich mein ganzes Leben lang geirrt haben?
Ich löste meinen Blick von dem des Agenten und schaute über die Mauer hinter ihm. Dort stand ein großer Baum mit einer dichten grünen Krone. Irgendwo zwischen seinen Blättern musste ein Vogelnest sein. Ich konnte es nicht sehen, doch die Schreie des hungrigen Nachwuchses waren nicht zu überhören – jedes Mal, wenn sich eines der Elterntiere mit einem saftigen Wurm im Schnabel näherte und vorsichtshalber noch eine Runde um den Baum flog, um Feinden nicht das Versteck der Kleinen zu verraten. Ich spürte, dass ich die Luft angehalten hatte, und atmete tief aus.
Die Handschellen schmerzten und machten diese Situation noch unerträglicher. Was hatte ich getan, um diese Behandlung zu verdienen? Welche Gefahr ging von mir aus, dass man mich fesseln und von sechs bewaffneten Beamten bewachen lassen musste? Mein Herz schlug schwer, sehr schwer. Es fühlte sich an, als wäre es mit Stacheldraht umwickelt, der sich mit jedem Schlag tiefer in meinen Lebensmuskel riss und das Blut herauspresste, bis nichts mehr davon übrig war. Mein Nacken brannte heiß, mir wurde schwindelig. Nur mit Mühe hielt ich mich aufrecht und konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Das Rasseln eines großen Schlüsselbundes riss mich schließlich aus meinem Gedankenkarussell. Eine schwere schwarze Metalltür wurde langsam von innen geöffnet und einen kleinen Spalt weit aufgeschoben. Was im Raum dahinter lag, konnte ich nicht sehen, denn es war alles schwarz. Nur das unverwechselbare Licht eines Fernsehers flackerte im Dunkel.
„Ok, los geht`s”, sagte Barnett, der direkt neben mir stand. Er schien sich nicht nur als Leiter dieser Truppe verantwortlich für mich zu fühlen. Vielmehr hatte ich das Gefühl, er habe Mitleid mit mir. Vielleicht weil er wusste, was hinter dieser Tür auf mich wartete. Eskortiert von sechs FBI-Agenten, mit den Händen auf dem Rücken gefesselt, bewegte ich mich langsam auf die halbgeöffnete Tür zu. Ich holte tief Luft, drückte die Brust durch und nahm mir vor, stark zu sein, was immer mich hinter dieser Tür erwarten würde. Ein Agent zog sie auf, wir betraten den Raum und da stand er plötzlich: Donald Trump! Der Präsident der Vereinigten Staaten höchstpersönlich und in voller Leibesfülle. Er sah in Wirklichkeit noch massiger aus als im Fernsehen. Doch Trump hatte nicht bemerkt, dass wir den Raum betreten hatten. Gebannt starrte er auf einen Fernseher an der Wand. Es lief FOX News. Der Fernseher war ziemlich laut.
In dem fensterlosen Raum mit niedriger Decke waren neben Trump noch fünf weitere Personen anwesend. Zwei Leibwächter mit Sonnenbrillen und verschränkten Armen bewachten eine Tür im hinteren Teil des Raumes. Direkt neben Trump hielt eine junge Assistentin ein Klemmbrett fest vor ihrer Brust und blickte ihren Chef erwartungsvoll an. Hinter ihr stand ein hochdekorierter grauhaariger Militäroffizier, der den Eindruck machte, als habe er keine Ahnung, wie er hierhergekommen war und vor allem, warum.
Und dann war da noch Trumps Sprecherin. Ich kannte sie aus dem Fernsehen von vielen Auftritten im Weißen Haus, wo sie die Fragen von Journalisten mit völlig absurden persönlichen Gegenfragen abblockte und jede noch so unsinnige Aussage des Präsidenten verteidigte. Ich war ungefähr zwei Meter vom Präsidenten entfernt. Zwischen uns stand ein großer Holztisch, auf dem zwei geöffnete Dosen Diet Coke standen und ein Pappeimer mit Resten von frittierten Hühnerteilen. Trump folgte der Fernsehsendung gebannt, die Fernbedienung fest in seiner kleinen dicken Hand. Barnett tauschte fragende Blicke mit Trumps Sprecherin aus. Der Fernseher war wirklich unglaublich laut, offensichtlich hörte Trump schlecht. Seine Sprecherin trat an Trump heran, legte vorsichtig ihre Hand auf seine Schulter und flüsterte ihm ins Ohr, was er aber offensichtlich nicht verstand und sie mit einer Geste aufforderte, lauter zu sprechen. Sie nahm die Fernbedienung an sich und schaltete den Ton aus.
„Sir, das FBI ist jetzt da, und sie haben Nummer eins dabei.“
Endlich drehte sich Trump zu uns um und blickte mich direkt an, ohne ein Wort zu sagen. Stattdessen schürzte er auf die ihm ganz eigene, ekelhafte Art die Lippen, kniff seine kleinen Augen zusammen und fixierte mich. Niemand im Raum sagte ein Wort.
Ich sah den Präsidenten zum ersten Mal in Natura und dann auch gleich aus solcher Nähe. Seine Haut hatte tatsächlich diese ungesunde orange Farbe wie Cheddarkäse, sie war fleckig, helle und dunkle Stellen wechselten sich unregelmäßig ab. Seine Augen waren weiß umrandet und merkwürdig aufgequollen. Das lichte Haar sah aus, als wäre jedes einzelne von Hand eingepflanzt worden. Vielleicht etwas zu fest, und nun pieksten sie unkontrolliert in sein Hirn und machten ihn zu dem völlig unberechenbaren Typen, der er definitiv war. Der Geruch seines Rasierwassers erfüllte den ganzen Raum. Er beugte sich vor, stützte seinen massigen Körper mit den Armen auf dem Tisch ab und schaute mich an, so als wollte er sich versichern, dass ich auch wirklich ein Mexikaner war. Dann kam ihm ein Lächeln auf die Lippen oder vielmehr das, was er dafür hielt. Er hob die Augenbrauen und blickte den jungen glatzköpfigen Agenten an.
„Gut gemacht.“
Der junge Agent war sichtlich stolz.
„Sir, ich …“
„Gut gemacht, das habe ich mal wieder sehr gut gemacht. Großartig, das wird alles ganz großartig, wunderschön“, murmelte Trump zu sich selbst. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder Mitleid haben sollte mit dem jungen Agenten, der den Präsidenten völlig perplex ansah und sich dann auch noch einen strengen Blick von Barnett einhandelte.
Trump zog ein Smartphone aus der Tasche und fing an, darauf zu tippen. Er machte das erstaunlich gekonnt trotz seiner kurzen wurstigen Finger. Dann steckte er das Smartphone in die Außentasche seines Jacketts und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum.
Trumps Sprecherin schob ihren ausgemergelten Körper zwischen uns und die Tür, durch die ihr Chef gerade verschwunden war.
„Barnett, Sie wissen, was zu tun ist“, sagte sie knapp und verließ dann ebenfalls den Raum. Die Assistentin folgte ihr. Noch immer hielt sie das Klemmbrett fest vor ihrer Brust umklammert wie einen Schutzschild. Nur der Militäroffizier blieb zunächst unschlüssig stehen, schüttelte dann den Kopf und ging. Diesen grotesken Termin hier hatte es offenbar nur gegeben, damit Trump persönlich begutachten konnte, was ihm da ins Netz gegangen war. Als wir kommentarlos den Raum verließen, drehte ich mich noch einmal um und konnte einen letzten Blick auf den Präsidenten werfen. Er hatte wieder sein Smartphone in der Hand.
Ich war mir sicher, dass er gerade Tweets auf die Welt losließ, und wie ich später erfuhr, hatte ich recht. Ich war doch einigermaßen erstaunt, offenbar schrieb er seine Tweets tatsächlich selbst, was auch die Rechtschreibfehler erklärte, die fast schon zu seinem Markenzeichen geworden waren. Manchmal konnte man sich aber einfach nicht sicher sein, ob Trump nur die falsche Taste gedrückt oder schlicht keine Ahnung hatte, nicht mal von den grundlegendsten Fakten wie der Anzahl von Mexikanern in den USA. Sein nächster Tweet, der Sekunden später um die Welt ging, war da keine Ausnahme. Barnett zeigte mir die Nachricht, während wir einen langen Flur, der in das Untergeschoss des Gebäudes führte, entlangliefen. Barnett verstieß damit ganz sicher gegen seine Vorschriften, aber er war wohl einfach kein Anhänger von Präsident Trump.
Es geht los! Die großartigen Agenten vom @FBI haben den ersten Mexikaner festgesetzt. Er ist illegal in unser wunderbares Land gekommen, jetzt ist die Zeit zu gehen. In weniger als 48 Stunden verlässt der erste Mexikaner die USA, 50 Millionen werden folgen! Versprechen gegeben, Versprechen gehalten. #MAKE AMERICA GREAT AGAIN. #KEEP AMERICA GREAT!
Mein Leben war nun in der Gewalt des Präsidenten, der fähig und willens war, alles zu tun, um die nächste Wahl zu gewinnen. Er hatte dem amerikanischen Volk dieses Versprechen gegeben und damit die moralische Limbostange ein weiteres Mal tiefer gehängt. Sehr viel tiefer, sie berührte jetzt beinahe den Boden.
Es gab nichts, was ich dagegen tun konnte und auch sonst niemand. Denn über meine Identität wurde nichts preisgegeben, sie wurde zur Frage der nationalen Sicherheit erklärt. Und so konnte auch Pfarrer Brown nichts ausrichten. Niemand konnte es.
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