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Alexander Kobs

Die zehn
Lebensempfehlungen
des Yoga

Bewusst leben

mit den Yamas und Niyamas


2. Auflage 2018

© 2012 Windpferd Verlagsgesellschaft mbH, Oberstdorf

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Guter Punkt GmbH & Co. KG, München

Bildquelle Cover: il67/shutterstock

Layout und Grafik: Marx Grafik & ArtWork

Lektorat: Doris Wolter

Korrektorat: Barbara Wermann

eISBN 978-3-86410-167-0

www.windpferd.de

Widmung

In Dankbarkeit

für Elke Bürger, Oliver Gerken und Sabine Schimon.

Die Welt in ihrer Tiefe verstehen heißt den Widerspruch verstehen.

FRIEDRICH WILHELM NIETZSCHE1

Inhalt

Einleitung

Die Bedeutung der Yamas und Niyamas im Yoga

Warum kommen Menschen zum Yoga?

Der königliche Weg des Raja-Yoga

Die zehn Lebensempfehlungen im Überblick

YAMAS – IM EINKLANG MIT DER WELT LEBEN

Ahimsa – Gewaltlosigkeit

Die Gegenspieler der Gewaltlosigkeit: Gier, Täuschung und Zorn

Gewaltlosigkeit – Ein spirituelles Dilemma?

Falsch verstandene Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit vs. Anhaftung und Abneigung?

Strategien für die Umsetzung friedlichen Widerstands

Risiken und Potenziale der Gewaltlosigkeit

Zusammenfassung

Satya – Wahrhaftigkeit

Die Inflation der Lügen

Folgen der Nicht-Wahrhaftigkeit

Die Folgen der Wahrhaftigkeit

Grenzbereiche zwischen Wahrheit und Unwahrheit

Lüge vs. Gewissen – Eine Geschichte aus dem Mahabharata

Zusammenfassung

Asteya – Nicht stehlen

Zeitgeist Korruption – Bestechung und Bestechlichkeit

Sich selbst und andere schützen

Zusammenfassung

Brahmacharya – Sinnliches Maßhalten

Sexuelle Energie im Yoga – Ojas

Brahmacharya in verschiedenen Lebensphasen

Zusammenfassung

Aparigraha – Anspruchslosigkeit

Genug ist nicht genug – Die Kraft des „Nein“

Unabhängigkeit und Geschenke

Wahres Loslassen von Besitz – Ein Beispiel aus der Katho Upanishad

Zusammenfassung

NIYAMAS – IM EINKLANG MIT SICH LEBEN

Exkurs: Die drei Gunas – Sattva, Rajas und Tamas

Saucha – Reinigung

Übungsfelder für Reinigung im Alltag

Zusammenfassung

Santosha – Zufriedenheit

Die Entstehung von Verlangen

Die Bilder des Verlangens

Zufriedenheit durch Dankbarkeit

Genügsamkeit im alltäglichen Leben

Zusammenfassung

Tapas – Das Feuer der Selbstdisziplin

Selbstdisziplin vs. Disziplin von außen

Sankalpa Shakti – Die gerichtete Willenskraft

Tapas im Licht der drei Gunas

Die Übungspraxis von Tapas

Zusammenfassung

Svadhyaya – Das Selbst-Studium

Die Essenz von Svadhyaya

Grundzüge der Mantra-Wissenschaft

Zusammenfassung

Ishvara Pranidhana – Hingabe zum Göttlichen

Hin zur Gotteserfahrung – Die vier Yoga-Wege

Zum Instrument des Göttlichen werden – Meditation in Aktion

Zusammenfassung

Üben, Leben und Wirken mit Yamas und Niyamas

Epilog – Unser Bestes geben

ANHANG

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Über den Autor

Danksagung

Einleitung

Wir verfolgen unterschiedliche Ziele im Leben, aber uns verbindet letztendlich ein gemeinsames Bedürfnis: Jeder Mensch versucht Gesundheit und Lebenssinn zu finden, sein Glück und seine Zufriedenheit zu erhöhen, sowie sein Leiden zu vermindern – und dies auf seine ganz persönliche Art und Weise.

Um das zu erreichen, sind jeden Tag Entscheidungen zu fällen, so zum Beispiel:

•wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten wollen,

•welchen Lebensstil wir bevorzugen,

•welcher Tätigkeit wir nachgehen wollen,

•mit welchen Menschen wir Zeit verbringen möchten

•und welche Werte und Visionen für uns essenziell sind.

Unsere komplexe Welt bietet ungezählte Möglichkeiten, die uns täglich viele solcher Entscheidungen abverlangen. Welche ethischen Grundwerte liegen meinen Entscheidungen dabei zugrunde? Wie will ich mein eigenes Leben verwirklichen – und das möglichst auf integere und authentische Weise? Wo kann ich meine individuellen Bedürfnisse mit denen meiner Umgebung verknüpfen, ohne mir selbst oder anderen in irgendeiner Form Gewalt anzutun?

Die zehn Yamas und Niyamas geben Antwort auf solche Fragen – als freiwillige Selbstverpflichtungen, Handlungsregeln oder als Lebensempfehlungen des Yoga. Martin Luther King, Mahatma Gandhi und Nelson Mandela beispielsweise setzten einige dieser yogischen Prinzipien so erfolgreich um, dass die politische und gesellschaftliche Landkarte des letzten Jahrhunderts dadurch entscheidend verändert und nachhaltig geprägt wurde. Eine konsequente Anwendung dieser ethischen Leitlinien könnte transformierende Wirkung auf unseren Planeten haben – wenn wir sie ernst nehmen und im täglichen Leben praktizieren.

Yamas und Niyamas wirken durch unser Wesen und Verhalten, ohne uns selbst und andere dogmatisch zu beeinflussen oder gar zu entmündigen. Bei stetiger Anwendung werden wir durch sie darin unterstützt, das Leben zu vereinfachen. Potenzielle Probleme werden im Vorfeld angegangen und kommen dadurch nicht zur Entfaltung. Stress und Konfusion reduzieren sich, auch für unsere unmittelbare Umgebung. Denn ist es nicht manchmal so, dass wir nicht nur Probleme mit uns selbst haben, sondern das eigene Verhalten gleichzeitig auch ein Problem für andere darstellt?

Das Anwenden dieser yogischen Prinzipien erfordert Mut und Konsequenz, jedoch immer innerhalb der eigenen, individuellen Kapazität. Niemand verlangt „Unmögliches“. Wir sollten in der alltäglichen Umsetzung nicht die eigenen Grenzen oder die der Mitmenschen überschreiten. Gleichwohl besitzt Yoga ein forderndes Element. Yoga ermuntert uns, das Beste zu geben und dennoch „Fehlschläge“ liebevoll zu akzeptieren.

Die Devise lautet also: ausprobieren – Erfahrungen sammeln, diese reflektieren und behutsam ins Leben integrieren. Der Weg des Selbststudiums und der Selbsttransformation kann dem Leben eine Richtung geben und es mit neuer Qualität bereichern. Fortgeschrittene und praktische Spiritualität beginnt und endet für einen Yoga-Praktizierenden mit dem Üben vieler Facetten der zehn Lebensprinzipien.

In jedem Menschen liegt die Kraft und das Potenzial, die Welt positiv zu gestalten – selbst wenn der eigene Beitrag klein erscheinen mag und für andere Menschen unsichtbar ist. Deswegen ist er nicht weniger wert. Wichtig ist, einen Schritt zu tun. In welche Richtung dieser Schritt geht, liegt vollständig bei uns.

Die Yamas und Niyamas bergen eine umfassende Philosophie in sich, die unterschiedliche Yogarichtungen und Yogaschulen unterschiedlich gewichtet interpretieren, teilweise mit weit auseinanderliegenden Polaritäten und Deutungen, die in einem Buch nicht komplett wiedergegeben werden können und sollen. Bitte denken Sie daran, dass kein Weiser oder Heiliger dieses Buch geschrieben hat. Als Autor erhebe ich weder Anspruch auf komplette Vollständigkeit noch auf eine absolute Wahrheit, die letztlich nur meine Wahrheit und Wertigkeit wäre und andere Gedanken und Meinungen über Yamas und Niyamas ausschließt. Die yogischen Lebensempfehlungen ermöglichen uns einen weiten Raum für Dialog und Diskussion.

Abschließend sei der Hinweis erlaubt, dass niemand eine Reise in den Fußstapfen eines anderen beginnen kann. Gehen Sie eigene Schritte. Starten Sie dort, wo Sie heute sind, und haben Sie Vertrauen in sich selbst; der Rest entwickelt sich.

Beim Kennenlernen und Üben der Yamas und Niyamas wünsche ich Ihnen Geduld, Ausdauer, Freude und viel Erfolg.

Herzlichst

Alexander Kobs

Hamburg, Juli 2012

Die Bedeutung der Yamas und Niyamas im Yoga
Warum kommen Menschen zum Yoga?

Wie bleibe ich gesund? Wie halte ich den Anforderungen von Beruf und Familie besser stand? Wo verbergen sich innere Ressourcen und Kraftquellen? Wie kann ich mich von körperlichen Spannungen und mentalem Ballast lösen?

Stress ist ein weit verbreitetes Phänomen in der modernen Gesellschaft. Bereits 1994 titelte das Magazin Focus Stress – der Krankmacher Nr. 1 und Seuche des 20. Jahrhunderts, und diese Headline lässt sich problemlos auch ins 21. Jahrhundert übertragen. Im Januar 2011 lautete der Leitartikel des Magazins Spiegel Ausgebrannt – Das überforderte Ich; anhand von Einzelschicksalen und Untersuchungen wird hier gezeigt, wie Burn-out, Stress und Depressionen Millionen Deutsche epidemienartig heimsuchen.2 Solche Aufmacher zieren also auch heutzutage regelmäßig die Titelseiten der Zeitschriften und anderer Medien in Deutschland. Beruflicher Stress wurde inzwischen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu „einer der größten Gefahren des 21. Jahrhunderts“ erklärt.

Durch ständig steigende Anforderungen und zunehmende Leistungsverdichtung bleiben Gesundheit und Ganzheitlichkeit oft auf der Strecke – mit schwerwiegenden physischen und mentalen Konsequenzen.

Yoga unterstützt uns dabei, wirksam gegen Stress vorzugehen und eine gesunde Stressresistenz aufzubauen. Da der Mensch im Yoga als mehrdimensionales Wesen gesehen wird, kann der Praktizierende die für ihn passenden Übungen auf vier Ebenen auswählen.


Abbildung 1: Warum kommen Menschen zum Yoga?

Physische Ebene: Viele Menschen besuchen Yoga-Kurse aufgrund von körperlichen Beschwerden, wie zum Beispiel Verspannungen, Kopfschmerzen, Rückenschmerzen, Problemen mit der Schilddrüse oder Bluthochdruck. Bestimmte Reinigungstechniken (Shatkarmas) lösen festsitzende Schlacken im Körper und stärken das Immunsystem. Flexibilität und Stärke werden durch Körperübungen (Asanas) wiedergewonnen. Darüber hinaus ist Yoga ein anerkanntes Mittel, um Krankheiten vorzubeugen und das Wohlbefinden aufrechtzuerhalten.

Mentale Ebene: Spezielle Übungen wie systematische Entspannungsübungen oder Konzentration auf den Atem helfen zum Beispiel bei Konzentrationsschwäche. Des Weiteren kann auch die Instanz eines inneren neutralen Beobachters erfahren werden – verknüpft mit einem „Loslassen“ sowie einem „Im-Hier-und-Jetzt-Sein“. Solche Kompetenzen tragen zur besseren Bewältigung diverser persönlicher, beruflicher und familiärer Herausforderungen bei. Das Loslassen half mir beispielsweise sehr konkret bei jahrelangen, schweren Schlafstörungen. Heute schlafe ich schnell und tief ein, was mich morgens ausgeruht und mental stabil in den Alltag gehen lässt.

Energetische Ebene: Energie beeinflusst unsere Stimmungen und Gedanken: Beispielsweise verspüren wir eine innere Schwere oder innere Leichtigkeit, wir sind träge oder beschwingt. Yoga kann – je nach angewandter Übungsform – Energien in uns aufbauen oder besänftigen und dadurch ausgleichend wirken. Nach meinen ersten Yoga-Stunden als Teilnehmer registrierte ich zudem erstaunt, wie erleichtert und energetisch aufgeladen ich mich fühlte, obwohl doch scheinbar im Unterricht so wenig passierte. Es tat mir gut, wieder aufrecht zu gehen und tiefer zu atmen. Bekannte fragten ernsthaft, ob ich „gewachsen“ sei. Durch die Energiearbeit des Yoga kam ich auch mit meinem Alltag besser zurecht.

Spirituelle Ebene: Die innere Auseinandersetzung mit dem Yoga führt zu der Erkenntnis, dass der Mensch aus mehr besteht als nur aus dem sichtbaren physischen Körper. Während wir uns körperlich, energetisch, gedanklich und gefühlsmäßig besser kennen lernen und verstehen, entwickeln wir zusätzlich mithilfe der Yoga-Philosophie eine Vorstellung davon, wer wir im Kern unseres spirituellen Wesens eigentlich sind und in welchen Lebensbereichen wir eventuell noch weiter an uns arbeiten sollten. Hier können beispielsweise folgende Fragen auftauchen:

•Wer bin ich?

•Was ist der Sinn meines Daseins?

•Wo liegen die Potenziale, die ich im Leben entdecken will?

•Wo stoße ich auf (eventuell immer dieselben) Schwierigkeiten?

•Wie kann ich mit weniger Furcht und Schmerz leben – und stattdessen mit mehr Freude und Leichtigkeit?

•Wie kann ich tieferen Zugang zu meiner Spiritualität erlangen?

Möglicherweise gibt das Studium des Yoga hierauf tiefgreifende Antworten. Beeinflusst werden diese Fragen:

•dadurch, wer wir sind,

•dadurch, was wir denken und fühlen,

•dadurch, was wir von uns selbst halten,

•dadurch, was wir tatsächlich tun (oder auch nicht tun),

•durch die Situationen, in die wir uns begeben oder geraten,

•durch die Menschen, mit denen wir zusammen arbeiten und leben,

•durch Einflüsse, die aus der planetarischen Gemeinschaft wirken (wirtschaftlich, politisch, sozial und ökologisch).

In diesen Spannungsfeldern voller Herausforderungen geben Yamas und Niyamas wertvolle Hinweise. Welcher Art diese Empfehlungen sind, ist Thema dieses Buches.

Der königliche Weg des Raja-Yoga

Ein Haus bedarf fester Fundamente. Ohne die Grundregeln von Yama und Niyama zu praktizieren, die ein festes Fundament für den Aufbau des Charakters bilden, kann es keine einheitliche Persönlichkeit geben. Wenn man die Asanas ohne Yama und Niyama ausführt, sind sie nichts anderes als Akrobatik.

B. K. S. IYENGAR3

Yoga definiert sich als praktisch-methodischer und zugleich als psychologischer und mystischer Übungsweg, der seit Jahrtausenden hilft, verborgenes Potenzial im Menschen zu erkennen und zu entfalten. Die Philosophie des Yoga beinhaltet eine reichhaltige Sammlung von Empfehlungen, Techniken und ethischen Grundhaltungen, mit denen der Schüler durch Selbststudium und regelmäßige Übungspraxis schrittweise Erfahrungen auf seinem Weg sammelt. Ziel ist letztlich, den Suchenden seiner wahren Wesensnatur entgegenzuführen.

In einer Zeit von zunehmendem Stress, größer werdender Komplexität und ständig wachsenden Bedürfnissen bietet der Yoga Werkzeuge, die die Entwicklung von Gesundung, innerer Harmonie, geistiger Klarheit und friedvollen Beziehungen fördern. Seine Lehren sind dabei nicht auf eine bestimmte Erdregion, Menschengruppe, Religion oder ein bestimmtes Alter oder Geschlecht beschränkt. Der Wissens- und Erfahrungsschatz ist für jeden verfügbar und nutzbar. Was zählt, ist die eigene Bereitschaft, sich auf die Übungen und Philosophie einzulassen und diese umzusetzen.

Yoga blickt auf eine lebendige Tradition zurück, deren Anfänge im Mysterium der frühen Menschheitsgeschichte verschwinden. Niemand gilt als „Erfinder“, aber unter vielen schriftlichen Überlieferungen ragt ein Lehrer namens Patanjali hervor. Er verschlüsselte seine Erkenntnisse und Praktiken in einer Sammlung von 196 Versen, den Yoga-Sutras. Wann genau das geschah, ist unbekannt, aber manche Gelehrte datieren die Entstehung dieser Yogaschrift um etwa 200 Jahre vor unserer Zeitrechnung, also auf einen Zeitpunkt vor gut 2200 Jahren.

Patanjali beschreibt als ein Ziel des Yoga die Beseitigung allen Leidens. Als Weg dorthin empfiehlt er Ashtanga-Yoga, die achtblättrige Blüte des Yoga. Swami Vivekananda nannte diese Übungsmethodik Raja-Yoga, den königlichen Weg.

Abbildung 2: Raja-Yoga – Der königliche Yoga-Weg

Der achtgliedrige Aufbau beleuchtet die systematische Struktur des Raja-Yoga. Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, egal ob Familienvater oder Eremit, können ihn gleichermaßen beschreiten. Patanjali verspricht Balance und Harmonie auf physischer, mentaler, energetischer und spiritueller Ebene – mit anschließender Verwirklichung und Entfaltung der innersten Persönlichkeit. Die Erkenntnis über das wahre Selbst wird nicht im Außen gesucht. Tief im Inneren vergraben, aber nicht hoffnungslos verschüttet, liegt ein verborgener Schatz, der durch aufrichtiges und ernsthaftes Üben des Raja-Yoga gehoben wird. Die Übenden werden Stufe für Stufe zum Samadhi geführt: einem Bewusstseinszustand, der in der Innenschau als „Eins-mit-Allem“ erlebt wird und der uns erkennen lässt, dass wir selbst Teil des kosmischen Bewusstseins sind.

Die einzelnen Stufen in der Übersicht:

1. Yamas sind fünf Empfehlungen hinsichtlich der inneren Einstellung und dem sozialen Verhalten zu anderen gegenüber. Sie fördern positive zwischenmenschliche Beziehungen in der Familie und der Gesellschaft. Ohne sie würden Auseinandersetzungen, Konflikte und Ablenkungen in einem Maße auftreten, die den Yoga-Weg massiv stören würden. Gewaltlosigkeit ist der Eckpfeiler und oberstes Gebot, auf dem jede soziale Interaktion mit anderen Lebensformen beruht. Die weiteren vier Yamas lauten: Wahrhaftigkeit, Nicht-Stehlen, sinnliches Maßhalten sowie Anspruchslosigkeit.

2. Niyamas beeinflussen unser Verhalten uns selbst gegenüber. Sie fördern die positive, zielorientierte Entwicklung einer erwachsenen Persönlichkeit und beschreiben eine innere Grundhaltung des Übenden, die nach Befreiung und Verminderung seines Leidens strebt. Die Niyamas umfassen Reinlichkeit, Zufriedenheit, Selbstdisziplin, Selbst-Studium sowie Hingabe (zum Göttlichen).

3. Asana bedeutet Körperhaltung; im populären Hatha-Yoga also physische Körperübungen, die Kraft, Flexibilität und Entspannung bewirken. Es wird unterschieden zwischen meditativen Körperhaltungen und Haltungen, welche die allgemeine Gesundheit fördern.

4. Pranayama beinhaltet Atem- und Energieübungen. Die „Wissenschaft vom Atem“ führt zu erhöhter Energie und Konzentration, verbunden mit gleichzeitiger Reinigung und Entgiftung des Körpers über die Atemwege.

5. Pratyahara reguliert eingehende Informationen, die als vielfältige Sinneswahrnehmungen in unseren Geist hineinströmen. Die Menge und die Qualität der empfangenen Eindrücke können die Ausgeglichenheit, Klarheit und Konzentration des Geistes beeinträchtigen. Mithilfe von Pratyahara können daher beispielsweise nicht förderliche Sinneseindrücke früher erkannt werden, wodurch einer Reizüberflutung Einhalt geboten werden kann.

6. Dharana – Konzentration. Diese Stufe ist nicht nur hilfreich auf spiritueller Ebene, sondern auf allen Ebenen des privaten und beruflichen Lebens. Sie hilft Aktivitäten schneller und fehlerfreier abzuwickeln und in den sogenannten „Flow“ zu kommen, indem wir mit einer Handlung vollständig verschmelzen. Stunden vergehen hierbei wie Minuten. In der Konzentration wird der zerstreute Geist gebündelt und durch bewusste Achtsamkeit zur Einpunktigkeit geführt.

7. Dhyana – Meditation. Sie ist das Ergebnis fortwährender, ununterbrochener Konzentration. Dharana macht den Geist einpunktig, klar und ruhig. Dhyana lässt eine Expansion des Geistes entstehen, über alle bewussten und unbewussten Ebenen hin zu Samadhi, dem überbewussten Zustand. Meditation erweckt inneres, intuitives Wissen und ist ein kraftvolles Instrument, den Alltag ruhiger und gelassener anzugehen.

8. Samadhi – kosmisches Bewusstsein und All-Eins-Sein. In diesem Zustand wird die Einheit mit dem höheren Selbst gefunden. Alle Begrenzungen werden überwunden – es gibt keine Fragen und keine Antworten mehr, da alle Polaritäten aufgehoben sind. Die Erfahrung dieses unbegrenzten Bewusstseins jenseits des Wachens, Träumens und Tiefschlafes ist das praktische und eigentliche Ziel des Yoga. Es ist das Ende aller Furcht, aller Wünsche, aller Fragen und allen Mangels.

Yamas und Niyamas bilden die ersten beiden Stufen auf der Treppe des königlichen Yoga-Weges. Für einen Yoga-Meister wie Iyengar wird durch sie das Fundament gegossen, auf dem das Haus des Yoga steht. Wie solche universellen Prinzipien ins Leben integriert werden und wie wir mit uns selber, mit anderen Wesen, der Umwelt und dem Planeten umgehen, hat entscheidende Bedeutung für die eigene, spirituelle Persönlichkeitsentwicklung. Auf dem Weg der Selbst-Transformation liegen viele mentale und körperliche Hindernisse, Ablenkungen und Zerstreuungen. Die Yamas und Niyamas halten die Konzentration aufs Wesentliche ausgerichtet und führen zu mehr individueller Zufriedenheit und Wohl-Sein (Well-Being).

In der Begeisterung für neue Asanas oder Atemübungen schenken Yoga-Übende manchmal diesen ersten beiden Schritten des Yoga-Weges weniger Beachtung. Aber Körper- und Energieübungen entfalten nur oberflächliche Wirkung, selbst wenn sie auf körperlicher und energetischer Ebene Gesundheit und Stressabbau fördern können.

Frieden sollte beispielsweise zuerst im Inneren aufblühen. Denn ist es sinnvoll, scheinbar perfekte und anspruchsvolle Körperhaltungen einzunehmen, wenn sie nicht mit Gewaltlosigkeit (Ahimsa, dem ersten Yama) praktiziert werden? Verletzungen könnten die Folge sein. Was nützt ein friedvoller und ausgeglichener Geist in dreißig Minuten Meditation, wenn wir den Rest des Tages auf den Mitmenschen herumtrampeln?

Unabhängig von den gewählten Methoden der Selbsttransformation sollte der Alltag so organisiert sein, dass persönliches Verhalten keine Störung oder existenzielle Bedrohung für irgendeinen Teil der Schöpfung hervorruft. Dazu dienen die zehn Lebensempfehlungen als essenzieller Teil eines „Yogic Lifestyle“. Sie entstressen das Leben, indem sie es vereinfachen. Durch sie entwickeln wir gesunde, heilsame und verantwortungsvolle Beziehungen sowie Respekt für uns und andere. Dadurch wird Liebe, Verständnis und Mitgefühl zu allem auf der Erde existierenden Leben geweckt. Ebenso finden wir die Kraft und Entschlossenheit, mit deutlichen Worten Missstände und notwendige Veränderungen anzusprechen.

Es ist kein leichtes Unterfangen, die gewonnenen Erfahrungen mit den Yamas und Niyamas in den Alltag zu integrieren. Trotzdem sollte das bisherige Leben nicht aufgegeben werden und weltliche Verpflichtungen, Bindungen und Freundschaften sollten nicht vernachlässigt werden. Ein Rückzug in Höhlen oder ins Schweigen ist nicht notwendig – im Gegenteil: Die unmittelbare Umgebung liefert ein mannigfaltiges Geflecht von Übungsmöglichkeiten. Anfangs fallen wir vielleicht in alte Gewohnheiten und Verhaltensmuster zurück. Wir ängstigen uns vielleicht, dass Mitmenschen unsere Bemühungen kritisieren und belächeln und nicht ernst nehmen könnten. Diese mangelnde Zustimmung sollte uns jedoch nicht entmutigen. Bevor beispielsweise Gewaltlosigkeit auf allen Ebenen perfekt praktiziert wird, werden wir bereits viele kleinere friedvolle Veränderungen an uns und unseren Mitmenschen wahrnehmen.

Die zehn Lebensempfehlungen im Überblick

Durch die Yamas werden gesunde und harmonische Beziehungen zu anderen entwickelt; Niyamas werden praktiziert, um diese Art von Beziehungen auch zu uns selbst aufzubauen. Beide Übungsformen beinhalten, Verantwortung für das Leben zu übernehmen und dieses aktiv, bewusst und freudvoll zu gestalten.

Die zehn Lebensempfehlungen werden auch als Mahavratas, als große Gelübde bezeichnet. Yogis betrachten diese ethischen Prinzipien als tiefes Bekenntnis, die eigene Persönlichkeit freiwillig zum Positiven zu verändern. Sie werden als universell gültig betrachtet, und können ihren Wert nicht durch Veränderungen von Zeit, Ort, Geschlecht, Situation oder Lebensumständen verlieren. Andere spirituelle Traditionen besitzen ebenfalls ethische Verhaltensempfehlungen – zur Anregung im Folgenden zwei Aufstellungen aus der christlichen und buddhistischen Lehre.

Die erste Stufe des Raja-Yoga (s. Abb. 2, S. 18 und Abb. 3, S. 24) definiert einen sozialen Verhaltenskodex. Das Wort Yama bedeutet „das, was hilft, innerhalb unserer Grenzen zu bleiben und nicht die Grenzen anderer zu überschreiten“. Verkürzt ausgedrückt: „Leben und leben lassen.“ Handlungen, die anderen oder einem selbst Schaden zufügen, sollten nicht begangen werden. Yama stammt von der Wortwurzel yam, was kontrollieren meint: die bewusste Kontrolle und Pflege unserer Beziehungen zu allen Geschöpfen ohne Ausnahme und ohne Ausschluss.

Christentum 4

1.Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

2.Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.

3.Du sollst den Feiertag heiligen.

4.Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

5.Du sollst nicht töten.

6.Du sollst nicht ehebrechen.

7.Du sollst nicht stehlen.

8.Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

9.Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10.Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Buddhismus 5

1.Enthaltung vom Töten

2.Enthaltung vom Stehlen

3.Enthaltung von allen sexuellen Aktivitäten

4.Enthaltung vom Lügen

5.Enthaltung von Rauschmitteln

6.Enthaltung von Nahrungszufuhr nach 12 Uhr

7.Enthaltung von sinnlichen Vergnügungen und kostbaren Gewändern und Schmuck

8.Enthaltung von hohen und luxuriösen Betten

YAMAS

Ahimsa

1. Nicht verletzen, nicht schaden, nicht töten

· Gewaltlosigkeit; Verschwinden von Feindschaft

· Entwickeln von Mitgefühl, Toleranz, Offenheit

· Erkennen wechselseitiger Beziehungen aller Lebewesen auf der Welt

· Befreiung von Isolation und Trennung;

Dialog- und Kooperationsbereitschaft

· Entwicklung von Mut, Eindeutigkeit, Selbstvertrauen

Satya

2. Nicht lügen

· Wahrhaftigkeit

· Mutiges Ansprechen von Missständen

· Vermeiden von Übertreibungen, Heucheleien, Falschheit

· Andere Menschen und Situationen nicht als Bedrohung empfinden

Asteya

3. Nicht stehlen

· Beenden von gierigem oder eifersüchtigem Verhalten

· Respektieren von Eigentum und Beziehungen anderer Menschen

· Sich nicht korrumpieren und bestechen lassen

Brahmacharya

4. Nicht Energie verschwenden

· Regulieren und Halten der eigenen Lebensenergie; z. B. durch sinnliche/sexuelle Mäßigung

· Wandeln im Göttlichen (Brahman): geistige Konzentration und Transformation zum Göttlichen

Aparigraha

5. Nicht Besitz anhäufen

· Nicht nach materiellem Besitz streben

· Bescheidenheit, Genügsamkeit

· Angemessene Verwendung von Ressourcen

· Ende der Anhaftung an äußere Objekte

· Beenden von Abhängigkeiten: mehr Zeit und Raum zur Erforschung des Sinns des Lebens

Abbildung 3: Yamas – Ausgewählte Facetten des ethischen Umgangs mit anderen

NIYAMAS

Saucha

1. Sich reinigen

· Körperliche Hygiene und geistige Reinheit

· Gesunde Ernährung und Atmung

· Reinigungsübungen (Shatkarmas)

· Relativieren der Bedeutung des Körpers

· Üben von Unterscheidungsvermögen und Achtsamkeit

Santosha

2. Zufrieden sein

· Innere Ruhe des Geistes

· Zufriedenheit und Gelassenheit unter allen Umständen

· Entwickeln von Dankbarkeit und innerer Freude

· Akzeptanz von Wandel

Tapas

3. Sich selbst disziplinieren

· Askese

· Entzünden des „inneren Feuers“, Motivation

· Zielorientierung, Willenskraft, Selbstvertrauen, Beharrlichkeit

· Freiwillige Entbehrung, Freude an Selbstdisziplin

· Loslösung von der inneren Bindung an Objekte

Svadhyaya

4. Sich und das Selbst studieren

· Studium der Schriften

· Selbstreflektion

· Verständnis der eigenen Natur

· Mantra-Meditation

· Lernen mit kompetenten Lehrern

· Erkennen des Ziels des Yoga

Ishvara Pranidhana

5. Sich Höherem hingeben

· Überwinden der Ichbezogenheit

· Öffnung und Hingabe an Gott

· Meditation in Aktion (Karma Yoga)

· Erleben einer Gotteserfahrung

· Teil eines allumfassenden Ganzen werden

Abbildung 4: Niyamas – Ausgewählte Facetten des Umgangs mit sich selbst

Yamas definieren zunächst Beziehungen zwischen Lebewesen. Das eigene Leben wird durch Einsicht und Selbstverpflichtung so gestaltet, dass Stress sich verringert. Schädigendes Verhalten reduzieren wir so zum Wohle anderer, ohne uns selbst dabei zu verleugnen. Da ist zuallererst Gewaltlosigkeit – wenn man freundlich und liebevoll zu Menschen ist, hat man tendenziell weniger Stress. Wahrhaftigkeit – sind wir ehrlich zu Menschen, kommt es tendenziell zu weniger Stress. Gleiches gilt für das Nicht-Stehlen, das sinnliche Maßhalten, und die Anspruchslosigkeit. Beim Anwenden und Üben werden wir immer weniger zur Quelle von Anspannung und Bedrohung für andere – auch wenn es manchmal gar nicht vorstellbar erscheint, dass wir in anderen Menschen Stress hervorrufen könnten! Friedfertigkeit entwickelt sich zunehmend im Umgang mit uns selbst und mit den Mitmenschen. Wie dies genau geschieht, wird in den folgenden Kapiteln detaillierter erläutert werden.

Mit den Niyamas nehmen wir die zweite Stufe des Raja-Yoga (s. Abb. 2, S. 18 und Abb. 4, S. 25). In älteren Yoga-Büchern werden diese als Selbstzucht und Beherrschung umschrieben, als fünf Grundtugenden und Selbstverpflichtungen. Mit ihnen werden eigene Gewohnheits- und Verhaltensmuster durchdrungen und verändert. Der Politikwissenschaftler Ulrich Fritsch, Yogalehrer, BDY-Referent und -Moderator führt zu den Niyamas weiter aus:

Die Niyamas beschreiben einen Reifungsprozess, der über die Entfaltung der Persönlichkeit zur Transzendenz führt.

Im Gegensatz zu den Yamas kann die Reihenfolge bei den Niyamas nicht verändert werden. Denn bei den Niyamas steht der Entwicklungsprozess, den wir mit unserem Üben durchlaufen, im Vordergrund. Sie stehen in einer hierarchischen Abhängigkeit zueinander. Ihre Reihenfolge ist nicht austauschbar, denn sie bauen aufeinander auf.6

Die Abgrenzung zwischen Yamas und Niyamas ist nicht so scharf und eindeutig, wie man zuerst vermuten könnte. Ahimsa wird bei den Yamas als Grundstein für gewaltloses Zusammenleben mit der Schöpfung benannt. Gleichzeitig ist nicht-verletzendes Handeln essenziell für sämtliche Niyamas, um keine Rigidität und Verletzungen für sich selber heraufzubeschwören. Dass die Yamas für äußere Beziehungen und die Niyamas in Beziehungen zu uns selbst geübt werden, gilt vorerst als Faustregel und erste Annäherung an das Thema. Es gibt Wechselwirkungen, die in den Einzelbeschreibungen der verschiedenen Lebensempfehlungen noch sichtbar werden.

Yamas – Im Einklang mit der Welt leben

Ahimsa – Gewaltlosigkeit

In der Präsenz eines Yogi, der fest gegründet steht in der Gewaltlosigkeit, erlischt alle Feindseligkeit.

YOGA-SUTRAS, KAP. 2, V. 357

Als erste ethische Maxime nennt der Raja-Yoga Ahimsa – gelebte Gewaltlosigkeit und bedingungslose Liebe. Warum wird dieses Prinzip den anderen Tugenden wie Wahrheit, Nichtstehlen usw. vorangestellt?

Das Wort Ahimsa setzt sich aus dem Buchstaben a (nicht) und dem Wort himsa (töten, Gewalttätigkeit, Schmerzen verursachen) zusammen. Ahimsa bedeutet, von vorsätzlicher Gewalt in jeder Form Abstand zu nehmen. Weder in Gedanken, in der Sprache noch in Handlungen soll eine Beteiligung an den Verletzungen, Verwundungen oder Schmerzen anderer stattfinden. Und zusätzlich wäre es genauso falsch, den gewalttätigen Handlungen anderer schweigend zuzustimmen.

Gewaltlosigkeit ist das Herzstück der Yamas und Niyamas – die erste Stufe des Raja-Yoga sowie das wichtigste Grundprinzip der Tradition der Weisen der Himalayas. Dieser Orden wurde offiziell um 1200 unserer Zeitrechnung von dem Weisen Shankaracharya gegründet, jedoch reicht seine Gründung nach anderen Quellen bis zu 5000 Jahre und mehr in die Vergangenheit zurück. Manche Yogis halten Gewaltlosigkeit für die wesentlichste Richtschnur zur vollständigen Entfaltung unserer menschlichen Potenziale. Wird dieses Leitprinzip vollständig verinnerlicht und gelebt, sind die weiteren Yamas leicht zu befolgen.

Stellen wir zu Beginn eine einfache Frage, um Ahimsa als ethisches Prinzip zu verdeutlichen: „Wer oder was ist verantwortlich, damit zu Hause das Licht angeht?“ Bin ich es selbst, da mein Finger den Lichtschalter drückt? Dieser Gedanke ist aber nicht vollständig, denn jemand …

•hat den notwendigen Lichtschalter konzipiert und hergestellt,

•hat die Rohstoffe dafür abgebaut,

•hat sie an die Lichtschalterfabrik geliefert,

•hat sie vielleicht über das Meer verschifft,

•hat vielleicht ebenfalls in einem fernen Land die Fahrzeuge, die für den Transport benötigt wurden, geplant und montiert,

•hat die Menschen für diese Arbeit ausgebildet,

•hat den Schalter in ein Regal im Baumarkt einsortiert,

•hat ihn für die Installation gekauft,

•hat an der Kasse das Geld entgegengenommen …

Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollständig. So stecken zum Beispiel die Erfahrungen seit dem ersten Benzinmotor (und seit dem ersten Straßenbau der Menschheit!) in diesem kleinen Schalter. Er ist nur ein kleiner Pfennigartikel in einem großen Haus – dennoch brennt ohne ihn kein elektrisches Licht.

Egal, ob ich in meiner Wohnung Lebensmittel, Kleidung, Pflanzen oder Möbel betrachte: Alles wurde von tausenden Menschen erstellt und berührt. Viele Erdenbürger trugen einen kleinen, oftmals nicht wahrnehmbaren Teil dazu bei. Die Quintessenz daraus lautet, dass sämtliche Gedanken, Worte und Handlungen selbst aus weiter Entfernung Dinge und Menschen beeinflussen. Wir sind miteinander in einer komplexen, menschlichen Gemeinschaft verbunden. Jede gewaltsame wie auch gewaltlose Tat zeigt irgendwo und irgendwann Folgen für einen uns vielleicht unbekannten Mitmenschen. Im Zeitalter der Globalisierung wird dies immer deutlicher sichtbar. Deswegen erlangt gewaltfreies und nachhaltiges Handeln zunehmend eine gewichtigere Bedeutung.

Ein drastisches Beispiel sind meines Erachtens die steigenden hohen Lebensmittelpreise in den Entwicklungsländern, die bereits zu gewaltsamen Unruhen führten. Neben einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung scheint u.a. der erhöhte Bedarf der Industrieländer an Bio-Sprit mitverantwortlich zu sein. Dieser wird in Entwicklungsländern unter teilweise menschenunwürdigen Arbeitsverhältnissen produziert. Dadurch wird die eigene landwirtschaftliche Produktion zugunsten des Exports reduziert, was zur Lebensmittelknappheit führt. Zunehmend wird auch mit der Ware „Lebensmittel“ an den Finanzmärkten spekuliert, einzig im Hinblick auf Gewinn- und Profitmaximierung – und ohne an die verheerenden Folgen wie Kostenexplosion, Armut und Hunger für weite Bevölkerungsgruppen zu denken.

Wenn von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgehen soll, müssen wir zum Beispiel auch die heimische Rüstungsindustrie kritisch hinterfragen. Trotz aller Abrüstungsinitiativen boomt der Waffenhandel durch die Aufrüstung unserer Welt und weltweit ist die Bundesrepublik Deutschland nach Russland und den USA der drittgrößte Waffenexporteur der Welt8. Fördern wir Deutschen dadurch nicht Krieg, Gewalt und die Unterdrückung von Freiheitsbewegungen, indem wir diesen Industriezweig stillschweigend dulden? Vielleicht aus der versteckten Sorge um den Verlust von Arbeitsplätzen? Vielleicht weil Waffenhandel finanziell sehr lukrativ ist?

Der immer sichtbarere Klimawandel bietet ein weiteres globales Handlungsfeld für Ahimsa. Als ein Aspekt, der für die klimatischen Veränderung mit verantwortlich ist, wird aktuell die Massentierhaltung diskutiert, die aufgrund des zunehmenden Fleischverzehrs ein profitables Geschäft geworden ist. Aber die Konsequenzen scheinen dramatisch: Rodung der Regenwälder, Auslöschung vieler Pflanzen- und Tierarten, Änderung des Wasserhaushalts und des Kohlendioxidgehaltes der Luft sowie erhöhte Treibhausgas-Emissionen.9 Gleichzeitig werden zum Beispiel subventionierte Fleischüberschüsse aus der EU zu Dumpingpreisen in afrikanische Entwicklungsländer verkauft, wo sie die dortige Landwirtschaft massiv schädigen und ruinieren. Das simple Fazit: Weniger Fleischverzehr würde Menschen, Tiere und die Umwelt dieses Planeten enorm bei seiner Gesundung unterstützen.

Die Erde ist „kleiner geworden“, Menschen rücken näher zusammen. Daraus ergibt sich für den Einzelnen eine besondere Verantwortung für die gesamte Menschheit – wir können uns dem nicht mehr entziehen.

Zusammenleben bedeutet Beziehungen zu Menschen aufbauen und pflegen. Dies Miteinander und Aufeinander-Zugehen erfolgt zunächst in der Familie, später kommen Partner, Freunde und Kollegen in Schule und Berufswelt hinzu. Dieses sind wichtige Übungsfelder in einer miteinander verflochtenen und verzahnten planetarischen Gemeinschaft. Unsere größte Stärke liegt nicht darin, inwieweit wir uns voneinander unterscheiden, sondern in dem, was uns gemeinsam ist.

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.

ALBERT SCHWEITZER10


Ahimsa ist eine Grundlage im Aufbau reifer, achtungsvoller Beziehungen in unserer Gesellschaft, aber auch im Umgang mit der eigenen Persönlichkeit. „Sei gut zu dir und anderen“ ist eine saloppe Umschreibung dieses Prinzips, das – richtig verinnerlicht – eine besondere Tiefe in das eigene Leben, in Beziehungen, sowie in das Arbeitsleben bringt.

Gewaltlosigkeit bedeutet nicht nur, gegenüber anderen gewaltfrei zu handeln, sondern sie sollte zuerst auf uns selbst angewandt werden. Wie kann ich anderen gewaltlos entgegentreten, wenn ich mich selbst innerlich trete und verletze? Sich selbst zu verurteilen und sich ständig einzureden, wie hilflos, hoffnungslos, schlecht, ineffektiv und zu nichts nütze man sei, stellt eine grobe Selbstverletzung dar. Auf dem größten spirituellen Fest der Welt, der Maha Kumbha Mela in Indien, traf ich 2001 den Yogi Sri Tapasvi Baba, der auf die Frage nach der Ursache seines Glücks sinngemäß erwiderte:

„Ich mag, wer ich bin und ich mag, was ich tue.“

Frieden beginnt in uns selbst: als ein fortwährender Prozess von Selbstbeobachtung und -erkenntnis, der sich schrittweise ausdrückt in Vergebung, Mitgefühl und Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Helga Walter, Yogalehrerin und Leiterin der Shakti-Yoga-Schule, beschreibt folgende Indizien, die anzeigen, wann Gewaltlosigkeit stärker in den Blickpunkt persönlicher Übungspraxis treten könnte:

•Neige ich dazu, mich im Alltag zu verletzen (sogenannte Haushaltsunfälle)?

•Habe ich mehr von mir verlangt, als eigentlich möglich war (über Grenzen gehen)?

•Respektiere ich meine Einschränkungen wie Kopfschmerz, Grippe etc. und handle entsprechend?

•Habe ich mich beim Sport, Yoga übernommen, meinen Atem gezwungen?

•Nähre ich mich mit meinen Nahrungsmitteln oder stille ich meinen Hunger?

•Schade ich mir durch Drogen wie Medikamente, Rauchen, Alkohol?

•Strapaziere ich mich durch zu viel Tun und zu wenig Sein?

•Habe ich gewaltvolle Gedanken und neige zu Abwertungen meiner Person und Selbstbeschimpfung?11

Gewaltlosigkeit bedeutet, eigene Stärken und Schwächen liebevoll anzunehmen und zu akzeptieren. Aus einer Haltung der Selbst-Liebe und Selbst-Umarmung werden die nächsten konkreten Schritte angegangen, beispielweise mit der Arbeit an weiteren Yamas und Niyamas.

Andererseits ist es auch nicht richtig, wenn ein Gegenüber mir Schaden zufügt. Manchmal treffen wir die Entscheidung, uns verletzen zu lassen. Ich muss mir aber nicht alles gefallen lassen – Notwehr ist manchmal „vonnöten“. Dazu bedarf es innerer Kraft und eines starken Selbstbewusstseins.

Ahimsa ermutigt, behutsam und geduldig zu agieren, damit man sich in der Welt in friedlicher Koexistenz und im Dialog respektvoll begegnen kann. Dies bildet die Grundlage jeden Bemühens um dauerhaften Frieden. In der Übung der Gewaltlosigkeit wird beispielsweise gelernt, andere nicht zu stören, sondern sie zu akzeptieren und zu fördern. Jeder soll sich schrittweise, in einem für ihn passenden Tempo entfalten können.

Gewalt existiert nur partiell auf einer äußerlich sichtbaren, aggressiven, schlagkräftigen oder „blutrünstigen“ Ebene. Durch die Androhung juristischer Bestrafung und sozialer Ächtung wird sie in unserer Gesellschaft im Zaum gehalten; sie findet stattdessen aber andere Ventile und verletzende Ausdrucksformen:

•Gewalt wirkt im Individuum selbstzerstörend (zum Beispiel als Minderwertigkeitsgefühl oder Selbsthass).

•In Beziehungen versteckt sie sich zuweilen in zynisch-sarkastischer Sprache. Negativität und Einschüchterung verletzen mittels subtilem Witz und Ironie („Man wird auf den Arm genommen“). Vielen Menschen fällt es schwer, mit solch hintergründiger Gewalt adäquat umzugehen.

•Im Fernsehen haben gewaltverherrlichende Sendungen einen festen und selbstverständlichen Programmplatz.

•Terror, Unterdrückung, die Ausgrenzung von Randgruppen oder Fundamentalismus sind Zeichen von staatlicher, ideologischer oder religiös geprägter Gewalt.

Behandele andere so, wie du selbst behandelt werden willst – wie es in den Wald hineinschallt, so schallt es heraus. Eigene Gereiztheit, Ärger und Wut werden in einer Begegnung schnell gespiegelt. Wenn ich in diesen Momenten nicht mit achtsamen Menschen spreche, die meine momentane Gemütsverfassung richtig einschätzen und ihr gegebenenfalls entgegenwirken, entstehen schnell Missverständnisse, Diskussionen und Streit.

Eigene Frustration und eigenen Ärger rechtzeitig zu erkennen und in nicht-verletzende Handlungsweisen umzusetzen, führt zu gelebter Gewaltlosigkeit. Wenn das Verbindende mit anderen Menschen geachtet und wahrgenommen wird – nämlich das gemeinsame Streben nach Gesundheit, Zufriedenheit, Erfolg und Erfüllung – kann jeder Begegnung mit Dankbarkeit und Verständnis einfühlsam entgegengesehen werden. Ahimsa bedeutet so auch Entwicklung von Empathie, Mitgefühl und Dialogfähigkeit.

Bei kritischen Äußerungen ist die Verletzungsgefahr besonders hoch. Menschen handeln aus Motiven und Gründen, die für sie selbst schlüssig und erklärbar sind. Sie dafür zu kritisieren bedeutet, ihre Erfahrungen, Beweggründe, Wertesysteme und Glaubenssätze, aus denen heraus sie sich identifizieren, anzuzweifeln. Wir kritisieren ohne zu erkennen, dass alle Menschen eine ebenso essenzielle Rolle im Weltgeschehen spielen wie wir selber. Wie vertragen wir selbst harsche Kritik? Ist sie nicht auch für uns schmerzhaft?

Meine persönliche Erfahrung: Eine vorsätzliche und harsche Verletzung des Gegenübers, versteckt unter dem Deckmantel einer vermeintlichen „objektiven“ Wahrheit, ist selten hilfreich. In dem Film „Gandhi“ gibt es eine Szene, in der Gandhi dem Vizekönig von England gegenübersteht. Bereits zuvor wurde durch den Kampf gegen die gewaltsame Unterdrückung Indiens das Vorgehen der britischen Kolonialmacht wiederholt öffentlich an den Pranger gestellt.

Gandhi begrüßt den Vizekönig mit den Worten: „Ich bin mir bewusst, dass ich Sie mit meinen Aktionen sehr irritiert haben muss, Eure Exzellenz, aber ich hoffe, dies steht nicht zwischen uns als Menschen.“ Der Vizekönig nimmt Gandhis Worte mit versteinertem Gesicht auf und lädt ihn dann zu einer Konferenz nach London ein, um die Möglichkeit eines unabhängigen Indiens zu erörtern.12 Gandhi wusste, dass er in seinem Streben nach Freiheit den Vizekönig verletzt hatte; aber er fühlte sich dem höheren Wert der Freiheit verpflichtet und wählte die friedliche Auseinandersetzung. Bei passivem Verhalten der Inder hätten die Briten ihre Kolonialherrschaft nicht aufgegeben. Gandhi sah im Vizekönig einen Weggefährten auf einem gemeinsamen Weg und betrachtete ihn nicht als Gegner.

1994 traf ich eine Frau, die etwas sehr Verletzendes über mein Aussehen sagte. Als ich sie daraufhin ansprach, kam als lapidare Antwort: „Ich muss halt immer die Wahrheit sagen!“ Nach all den Jahren ist dies noch in bleibender Erinnerung. Hier treffen die Prinzipien von Ahimsa, der Gewaltlosigkeit und Satya, dem Yama der Wahrhaftigkeit aufeinander. In der Beziehung zu anderen Menschen ist eine solche Form von „Aufrichtigkeit“ keine Entschuldigung dafür, einem Gegenüber alles an den Kopf zu werfen, was einem gerade in den Sinn kommt. Zuallererst kommt Ahimsa; Gewaltlosigkeit wird im Yoga noch über das Prinzip der Wahrhaftigkeit gestellt.

Taktlosigkeit und verletzende Wahrheiten fördern nicht. Sie sind eher eine Bewertung, im schlimmsten Fall bedeuten sie die Abwertung eines Mitmenschen. Sie sagt vieles über den inneren Zustand des Bewertenden aus – und nichts über den Kritisierten. Ein schönes Beispiel ist ein Friseurbesuch. „Du siehst mit deiner neuen Friseur supertoll aus“ entzückt den Zuhörer. Dagegen wird die Äußerung „Den Prozess gegen deinen Friseur wirst du gewinnen“ definitiv nicht aufbauend wirken. Beide Meinungen sagen aber nichts über den Friseurbesucher, sondern einzig etwas über die urteilende Person aus.


Ahimsa führt gekoppelt mit Aufrichtigkeit zu der Erkenntnis, dass das Aussprechen von Unangenehmem sehr verletzend sein mag. Freundlichkeit, Mitgefühl, Klarheit und Taktgefühl sind unabdingbar, um unbequeme und dennoch notwendige Dinge anzusprechen.

Aber um es klar zu sagen: Wahrheit kann durchaus unangenehm sein. Sie wird dadurch zum Motor für Nachdenken und Veränderung. Nur weil wir etwas hören, was uns partout nicht gefällt, bedeutet dies keinesfalls, dass es nicht der Wahrheit entspricht. Aber wie wir Wahrheit bzw. eine andere Meinung mitgeteilt bekommen, macht einen entscheidenden Unterschied.

Niemand hindert uns daran, andere ehrlich zu loben und deren Bemühungen und Fortschritte anzuerkennen. Doppelt so viel zu loben anstatt zu kritisieren würde ein Zusammenleben deutlich positiv verändern. Der Versuch lohnt sich.

Im Dialog ist also wichtig, nichts vorsätzlich Verletzendes zu sagen. Dennoch müssen bei der Umsetzung der Gewaltlosigkeit deutliche Worte gesprochen werden. Klartext zu reden bedeutet auch Wertschätzung und Interesse auszudrücken. Martin Luther King und Gandhi sprachen sich selbstbewusst, offen und kämpferisch gegen Unterdrückung und Missstände aus. Ihre Reden inspirierten Millionen Menschen, die bis in die heutige Zeit nachwirken. Ihre klaren Botschaften wirkten oft auch verletzend und riefen Wut in den angeprangerten Unterdrückern hervor, aber ebenfalls Respekt. Offen und direkt und dabei gleichzeitig einfühlsam und aufbauend zu kommunizieren, ist eine Gratwanderung in der Übung von Ahimsa.

Auch in einer Partnerschaft ist Gewaltlosigkeit nicht immer einfach zu leben. Gemeint ist hier nicht die oft vorhandene physische und psychische Brutalität in Familien, egal ob gegenüber Männern, Frauen und Kindern. Wenn man müde und abgespannt von der Arbeit nach Hause kommt, mag die Hemmschwelle selbst gegenüber geliebten Menschen sehr niedrig sein. Nervöse Gereiztheit, eine dumme Bemerkung, ein unbedachtes Wort zu viel schaffen schnell eine Atmosphäre, in der Gewaltlosigkeit einen schweren Stand hat. Aber auch Gelächter zur falschen Zeit, Schadenfreude, Sarkasmus, Zynismus, Ironie, Spott oder jemanden liebevoll „auf die Schippe“ zu nehmen stellen subtile Formen von Gewalt dar, da ein Gegenüber oftmals diese versteckten Signale nicht recht einschätzen kann. Deswegen ist die Familie das erste und wichtigste Feld für das regelmäßige Üben von Gewaltlosigkeit, auch um Kindern diesen ethischen Wert so früh und so oft wie möglich zu verdeutlichen.

Gewaltlosigkeit wird manchmal als Wehrlosigkeit, Passivität, Tatenlosigkeit, Utopie oder schlichtweg als weinerliches Getue von „Weicheiern“ belächelt. In Wirklichkeit erfordert sie aber viel Mut und Opferbereitschaft. Im indischen Freiheitskampf wurden Demonstranten im Protest gegen die britische Krone brutal niedergeknüppelt. Dennoch traten sie den britischen Polizeikompanien ruhig, unbewaffnet und friedlich gegenüber. Keine Hand erhob sich gegen die Besatzer, obwohl es zahlreiche und teilweise schwere Verletzungen der Demonstranten gab.

Sich Gewalt in dieser scheinbar „passiven“ Haltung gegenüberzustellen erscheint zunächst nicht als kraftvolle und deutliche Alternative. Daher wurden bewaffneter Widerstand und Terroranschläge von den indischen Rebellen zeitweilig als Möglichkeit erwogen, um die Unterdrückung zu bekämpfen. Die friedlichen Kräfte setzten sich letztendlich durch.

Martin Luther King und Nelson Mandela brauchten Jahrzehnte geduldigen Ringens für die Erfüllung ihres Lebenstraumes: der respektvollen Gleichbehandlung aller Menschen ihres Landes. Geduld und Beständigkeit sind Schlüssel zum besseren Verständnis der immensen Kraft von Ahimsa.


Als das World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001 durch einen Terrorschlag zusammenstürzten, sandte ich Kondolenzschreiben an Bekannte in den USA. Eine Rückantwort lautete: „Wir werden die Terroristen auslöschen, ausbomben, vernichten, wo immer sie sich versteckt halten: Wir werden sie ‚finden‘.“ Der Schmerz war groß, ebenso der folgende Verlust an Menschenleben. Der Krieg in Afghanistan und im Irak folgte als Antwort – allein im Irak verloren nach US-Regierungsangaben mehr als 4.500 US-Soldaten ihr Leben. An zivilen Opfern sind schätzungsweise 114.000 Menschen ums Leben gekommen. Täglich kommen durch Terroranschläge neue Opfer hinzu. Gewalt scheint zu noch mehr Gewalt zu führen.13 Martin Luther King und Mahatma Gandhi führten die unterdrückte Bevölkerung ihrer Nationen zu Freiheit und Unabhängigkeit, ohne dass ein Schuss ihrerseits fiel. Die friedliche Revolution in der Deutschen Demokratischen Republik 1989 ist ein weiteres Beispiel, wie Gewaltlosigkeit und der Wunsch nach Freiheit und Selbstentfaltung zum Sturz einer „Mauer“ führte. Millionen von Menschen lassen Gewaltlosigkeit zu einer mächtigen Kraft werden, die Nationen und Geschichte verändert. Jeder Einzelne kann dazu seinen persönlichen Beitrag im „Nicht-Verletzen“ leisten, wodurch eine Gesellschaft oder ein System sich letztendlich verändern mag. Gewalt erlischt und Frieden erwacht in uns sowie in unserer Umgebung, wenn Gewaltlosigkeit im Einklang von Gedanken, Worten und Handlungen von jedem Einzelnen authentisch gelebt und Ahimsa auf diesen drei Ebenen verinnerlicht wird.

Wenn Gedanken gewalttätig sind, wird die Sprache davon gefärbt. Wenn Kommunikation solche Impulse verrät, wirkt sich dies wieder auf unser Tun aus. Gewalt im Inneren geht also der Gewalt im Außen voraus. Sich selbst und andere mehr zu akzeptieren und gleichzeitig weniger zu verdammen oder zu verurteilen, führt zu einer inneren Haltung, in der stetig mehr Liebe und Verständnis für alles wachsen können.

Die Gegenspieler der Gewaltlosigkeit: Gier, Täuschung und Zorn

Gewalt ist verführerisch. Wenn wir auf unser Leben zurückschauen, werden wir wahrscheinlich eine große Zahl von Menschen verletzt haben – sei es aus Unwissenheit, Müdigkeit, Unachtsamkeit oder manchmal auch aus reinem Vorsatz. In dieser Erkenntnis können wir versuchen, die Gewaltbereitschaft durch bewusstes Verhalten einzudämmen. Im Yoga werden hier insbesondere drei Emotionen als schädlich für uns selbst und für andere eingestuft: Gier (Lobha), Täuschung (Moha) und Zorn (Krodha) bilden oft die treibenden Kräfte hinter Gedanken und Taten.


Abbildung 5: Ahimsa – Potenziale und Risiken der Gewaltlosigkeit

Indem ein Mensch über interessante Objekte nachdenkt, entsteht ein Verlangen nach ihnen, woraus wiederum Wünsche entstehen. Erlange ich dann nicht das Gewünschte, entstehen Unbehagen, Zorn und Wut, aus denen wiederum Täuschung („Betörung“) entsteht. Diese Täuschung besteht in dem Glauben, dass mich der Besitz des gewünschten Objekts dauerhaft zufrieden und glücklich machen würde. In der Folge drohen Verwirrung, der Verlust des Gedächtnisses sowie das Schwinden von Erinnerung, Achtsamkeit und Unterscheidungsfähigkeit. Diese Beobachtungen des menschlichen Verhaltens werden in den Quellschriften des Yoga (wie beispielsweise der Bhagavad Gita) ausführlich beschrieben.

Bei dem Menschen, der über die Objekte nachdenkt, entsteht ein Hang zu ihnen; aus dem Hang geht die Begierde hervor, aus der Begierde entsteht der Zorn.

Aus dem Zorn entspringt die Betörung, aus der Betörung die Verwirrung des Gedächtnisses, aus der Störung des Gedächtnisses der Verlust der Vernunft, und infolge des Verlustes der Vernunft geht man zugrunde.

Wer aber, sich selbst beherrschend, an die Objekte herantritt mit Sinnen, die frei sind von Begierde und Abneigung und in seiner Gewalt stehen, der gelangt zum Frieden.

BHAGAVAD GITA, KAP. 2, V. 62 F.14

Die in diesen Versen liegende tiefe Weisheit erschloss sich mir persönlich erst spät, und zwar mithilfe einer konkreten Situation in meinem Leben. Im Himalaya Yoga Zentrum Hamburg wurde ein Akhanda Japa geplant, eine für Meditierende aller Richtungen offene Veranstaltung, in der über längere Zeit ein Mantra lautlos im Geiste rezitiert wird. Seit 2006 wird in einem jährlichen Treffen das bekannte Gayatri-Mantra von den Teilnehmern wiederholt.

Als Organisator entwickelte ich bestimmte Vorstellungen für „die runde und perfekte“ Veranstaltung. Mit dem Team von Yoga-Lehrern gut abgestimmt und vorbereitet schien alles sanft und zielgerichtet abzulaufen. Plötzlich kam Gegenwind auf, Kritik wurde laut, ich fühlte mich angegriffen. Eine langjährige und geschätzte Yoga-Weggefährtin schien plötzlich die Länge und den Ablauf der Veranstaltung nicht gut zu finden. Weitere Fragen und Probleme tauchten auf. In mir entstand das Gefühl, dass ich trotz besten Bemühens niemandem mehr etwas recht machen konnte.

In den darauf folgenden Wochen entwickelten sich immer mehr Wut und Frustration. Schlafstörungen und Selbstgespräche tauchten auf. Meine Gedanken begannen einzig um dieses Thema zu kreisen. Ärger und Zorn kochten in mir hoch und führten dazu, jede gemachte Äußerung gedanklich zu zerlegen und innerliche Rechtfertigungen zu stricken. Eine Wegbegleiterin wurde zur Gegnerin – Jahre des gemeinsamen Yoga-Wegs waren sofort in mir vergessen. Indem ich mich mehr und mehr in fiktive Streitgespräche hineinsteigerte, entschloss ich frustriert und müde, dass dies meine letzte Veranstaltung von Akhanda Japa sein würde („Sollen sie’s doch selber machen …“).

Das Thema hielt mich weiter in seinen Fängen. Mehrere Wochen später trafen wir uns zu einer gemeinsamen Aussprache. Hier wurde klar, dass sie mir mit ihren Anregungen einzig hatte helfen wollen. Meine ganzen Gedankenspielereien und meine innerliche Aufregung waren umsonst gewesen. Im Nachhinein bin ich ihr sehr dankbar für diese Erfahrung. Monate später war meine Yoga-Gefährtin eine der tragenden Säulen des Akhanda Japa, die mit ihrer Kraft, Energie und Erfahrung stundenlang meditierte und das Mantra viele hundert Male rezitierte.

Wie ist dieses Geschehen in meinem Inneren abgelaufen?

•Verlangen (nach Lob für „meine“ gute Organisation),

•Wünsche („Meine“ Veranstaltung wird perfekt),

•Wut („Ich kann machen, was ich will“),

•Täuschung („Es gibt nichts Gemeinsames mehr“),

•Verwirrung des Gedächtnisses und der Erinnerung (Alles Positive der Kameradin war vergessen),

•Verlust der Achtsamkeit (Die Gedanken- und Frustrationsspirale läuft permanent, bewusst und unterbewusst),

•Verlust der Unterscheidungsfähigkeit, Zugrundegehen (Müdigkeit, Aufgeben, Resignieren).

Während dieser Zeit fühlte ich mich ständig verwundet: Ich ahnte nicht, dass sich durch das wiederholte negative Denken innerliche Verletzungen weiter verstärkten. Ich hatte die Prinzipien von Ahimsa vergessen und so setzte mein Verlangen eine Kette von Gewalt (Himsa) in Gang. Sukadev Volker Bretz beschreibt diese Abfolge in seinem Kommentar der Yoga-Sutras sehr klar:

Zuerst kommt der Wunsch. Der Wunsch führt zu Ärger. Aus Ärger kommen Täuschung, Verblendung und Vergessen; und dann tut der Mensch Dinge, die er normalerweise niemals tun würde.15

Gedanken und Emotionen sind der Motor unseres Tuns. Die Geistesschulung des Yoga regt Handlungen an, die für uns nicht-verletzend und unterstützend sind. Diese Disziplinierung des Geistes wird Sadhana, spirituelle Praxis genannt. Wesentliche Bausteine dieser Schulung sind Abhyasa (die Übung) und Vairagya (die Nichtanhaftung). Dies wird beim fünften Niyama Ishvara Pranidhana mit der „Meditation in Aktion“ vertieft erläutert werden.

Gewaltlosigkeit – Ein spirituelles Dilemma?

Wenn alle und alles verschiedene Manifestationen einer einzigen Gottesinstanz sind, dann ist prinzipiell jeder Akt von Unterdrückung und Zerstörung ein Ausdruck gegen die Schöpfungsmacht.

Dem steht entgegen, dass Vernichtung und Gewalt integraler Teil der Welt und wesentlicher Bestandteil menschlichen Verhaltens sind. Beim Spaziergang durch den Stadtpark werden vermutlich Hunderte von kleinsten Lebewesen schlicht durch meine bloße Anwesenheit und durch den Druck meines Körpergewichts getötet. Beim Zähneputzen und durch Mundspülungen vernichte ich Bakterien, die Zähne und Zahnfleisch angreifen. Und um zu leben, müssen wir essen – wodurch pflanzliches und tierisches Leben ausgelöscht wird. Durch übermäßiges Konsumverhalten verschmutze ich mit meinen gefällten Entscheidungen die Umwelt, zerstöre Regenwälder, unterstütze Monokulturen und fördere den Einsatz giftiger Pestizide.

Verstößt nicht ein Polizist gegen Ahimsa, wenn er eine Demonstration auf Befehl notfalls gewaltsam auflöst, selbst wenn es zum Schutze der eigenen Bevölkerung dient? Dient ein Wehrdienstverweigerer mehr dem Prinzip der Gewaltlosigkeit als ein Soldat, der auf dem Schlachtfeld seine Pflicht für Freiheit und Gerechtigkeit erfüllt? Wenn zwei Soldaten sich zum Kampf bereit auf dem Schlachtfeld begegnen, ist die Pflicht des einen höher zu bewerten als die Pflicht des anderen?

Eine Mutter, die ihrem Kind eine Ohrfeige gibt, weil es seinem Ball über die Straße nachrennt – ist diese Frau gewalttätig, wenn sie das Beste für ihr Kind zu tun glaubt? Ein Yoga-Meister, der seinen Schüler vor „versammelter Mannschaft“ lautstark korrigiert – lebt dieser Yogi wirklich Ahimsa vor?

Ahimsa ist eine Lebensempfehlung mit unterschiedlichsten Facetten: beeinflusst von unserer Lebenssituation, Gesellschaftskultur, Alter und je nach Bewusstseinsgrad und Absicht, wie im Leben aktuell gehandelt wird.

Gewaltlosigkeit schließt Zwang und Druck nicht aus, wenn gesellschaftliche Ordnung und friedvolles Zusammenleben in besonderer Weise gefährdet sind. Alle Menschen haben das Recht, das eigene Leben in der von ihnen gewünschten Art und Weise zu leben. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Wenn Terroristen drohen oder Verbrecher und Chaoten das Leben von Bürgern einschränken, ist es die Pflicht von Polizisten, dem entgegenzutreten und die gewählte Ordnung zu sichern. Dagegen kann ein Ordnungshüter in einer Diktatur – hier als Werkzeug von Unterdrückung – Ahimsa massiv verletzen. In beiden aufgeführten Situationen werden Schlagstöcke, Handschellen, Wasserwerfer oder Hunde eingesetzt, was von außen betrachtet keinen Unterschied ausmacht. Die zugrunde liegende Intention des Handelnden ist das entscheidende Kriterium dafür, ob Ahimsa geachtet wird oder nicht.

Neben der Absicht ist die Angemessenheit unserer Reaktionen zu beachten. Ein Terrorist mag nur mit einem finalen Todesschuss aufzuhalten sein, wenn er ein Passagierflugzeug in die Luft sprengen will. Bei einem Kind, das Spielzeug stiehlt, würde man solch ultimative Mittel nicht ernsthaft erwägen. Das mag sich in der Theorie schlüssig und nachvollziehbar anhören, aber wie sieht es im persönlichen konkreten Handeln aus?

In der Silvester-Nacht 2004 geriet ich in Berlin in eine Demonstration von Jugendlichen, die gegen die Haftbedingungen und Verhaftungen von Altersgenossen protestierten. Die Demonstration fand vor dem Jugendgefängnis Berlin-Moabit statt, wo zu meinem Pech mein Wagen parkte. Die Polizei marschierte auf und die Situation eskalierte. Ich konnte weder vor noch zurück. Plötzlich schleuderte ein Demonstrant eine Schnapsflasche gegen mein Auto. Ohne nur den Bruchteil einer Sekunde abzuwarten, stürzte ich mich laut brüllend auf den Werfer. In letzter Sekunde ging ein anderer Demonstrant dazwischen und drängte mich ab. Der Werfer war mit Sicherheit größer und kräftiger als ich, aber er zog sich vor meiner gewaltbereiten Energie zurück. Die Polizisten griffen nicht ein, schafften aber letztendlich endlich eine Gasse und ließen mich wegfahren.

Erstaunlicherweise hatte ich einige Wochen zuvor im Fernsehen hunderte brennender Fahrzeuge gesehen, angezündet durch perspektivlose und frustrierte Jugendliche in den französischen Banlieues (Vorstädten). Ich war damals erstaunt, aber letztlich saß ich ohne innere Anteilnahme vor dem Fernseher.

Was war der Unterschied zu der Situation in Berlin? Es ging um „meinen“ neuen Wagen, und alle sogenannte yogische Ausgeglichenheit war in Sekundenschnelle vergessen. Ich vergaß Ahimsa durch die Bindung an meinen Besitz, an mein Auto, und nahm Kampf und Verletzung für mich und den anderen billigend in Kauf – ohne nachzudenken, ohne innezuhalten, ohne zu reflektieren. Gewaltlosigkeit braucht Achtsamkeit, Nachdenken sowie das Suchen von Alternativen. Es benötigt mehr als rasche, gedankenlose Gewaltbereitschaft. Eine Ausnahme mag aber reine Notwehr sein, wenn es um das nackte Überleben und instinktive Reaktionen geht und keine Zeit mehr für eine achtsame Reflektion vorhanden ist.

Falsch verstandene Gewaltlosigkeit

Gewaltlosigkeit mag ihre Schattenseiten und Risiken dort haben, wo sie falsch ausgelegt wird. Eine beliebte indische Geschichte verdeutlicht, wie Ahimsa missinterpretiert werden kann.

Einst ging ein weiser Lehrer durch ein friedvolles Dorf. Als er sich dort ausruhte, näherten sich die Dorfbewohner und baten ihn um Hilfe.

Eine riesige Schlange erschreckte und biss seit Monaten die Dorfkinder auf dem Weg zur Wasserquelle. Sie waren so verängstigt, dass sie sich weigerten, Wasser zu holen oder entfernt von ihren Häusern zu spielen. Die Dorfbewohner wussten schließlich keinen Rat mehr.

Der Meister versprach zu helfen. Er setzte sich zu der Schlange und begann, ihr das Gesetz von Karma zu erklären.

„Karma ist das Gesetz der perfekten Gerechtigkeit“, sagte er. „Was du säst, erntest du. Säst du Schmerz, wird Schmerz deine Ernte sein. Dein Gift ist nun einmal schädlich – wenn du die Kinder beißt, fügst du ihnen schreckliche Qual zu. Du magst denken, dass dies nicht dein Problem ist, aber es wird dein Problem werden. Welchen Schaden du den Kindern auch zufügst – in der Zukunft wird er zu dir zurückkehren.“

Die Schlange hörte sehr konzentriert zu und nahm sich diese Wahrheit zu Herzen. Sie gab dem Meister das Versprechen, dass sie von nun an die Kinder nicht mehr beißen würde. Dieser kehrte mit den guten Neuigkeiten zu den Dorfbewohnern zurück und wanderte dann weiter.

Einige Zeit später kehrte er ins Dorf zurück. Als er zur Wasserstelle lief, bemerkte er ein merkwürdiges Objekt auf dem Boden. Näherkommend erkannte er eine Schlange, die mühsam über den staubigen Pfad kroch. Vollständig ausgemergelt und zerschunden, die Haut zerrissen, sah sie so aus, als ob kaum noch Leben in ihr steckte.

Bewegt von ihrem bedauernswerten Zustand kniete sich der Meister neben sie und fragte: „Wer bist Du? Was ist der Grund für dein Elend?“

„Du kannst dich nicht mehr an mich erinnern?“, schluchzte die Schlange bitterlich. „Du erklärtest mir das Gesetz des Karma und warum ich die Kinder nicht mehr beißen sollte. Ich gehorchte und nun sieh, was geschehen ist! Die Kinder drangsalierten mich und warfen Steine und Äste nach mir. Sie knoteten mich an einen Stock, schleuderten mich durch die Luft und banden mich um Bäume. Mein Leben ist nicht mehr zu ertragen und bald werde ich daran sterben.“

„Oh, du Ärmste“, erwiderte der Meister, „du hast mich nicht korrekt verstanden. Ich sagte, dass es das Beste ist, andere nicht zu verletzen, und das ist wahr. Aber ich sagte dir nicht, dass du einwilligen solltest, selbst verletzt zu werden. Ich bat dich, nicht zu beißen, aber ich habe dir nicht verboten zu zischen!“

Das Üben von Gewaltlosigkeit heißt nicht Verzicht auf Selbstverteidigung und Notwehr. Als ich 1992 im Himalaya Institut of Yoga Science and Philosophy in Honesdale, USA eintraf, machte ich eine Besichtigungstour durch die Gebäude. Mein Erstaunen war groß, als ich im Auditorium etwa 50 Menschen aller Altersstufen Karate trainieren sah. Viele der Yoga-Lehrer trugen den Schwarzen Gürtel und brüllten Kampfrufe, während ein anerkannter japanischer Sensei die Kämpfe beobachtete und seine Schülerschar korrigierte. Später erfuhr ich, dass der Leiter des Ashrams es für wichtig hielt, sich selbst verteidigen zu können.

Da fiel mir eine Geschichte ein, die ich als Junge über japanischen Kampfsport gelesen hatte. Ein Karate-Meister wird nachts von Dieben in die Ecke gedrängt. Anstatt sich zu wehren und seine Überlegenheit auszuspielen, täuscht er einen Schlag an, taucht ab und sucht das Weite. Während er die Begebenheit einem Journalisten erzählt, zertrümmert er mehrere Ziegelsteine mit einem einzigen Schlag. „Wie hätte ich eine solche Waffe guten Gewissens gebrauchen können?“, fragt er. Dies beschreibt meiner Ansicht nach gut den kraftvollen Aspekt von Ahimsa.


1992, Schweigeseminar am Langsee in Güldenholm/Schleswig-Holstein. Während der täglichen Fragestunde an den Seminarleiter erzählt ein Teilnehmer, wie sich heute während der Meditation eine Mücke auf seiner Hand niederließ. Er scheuchte sie nicht weg, er brachte sie nicht um, und das Insekt flog wieder davon. Es gab keine typischen Anzeichen eines Mückenbisses.

2007, Schweigeseminar im buddhistischen WAT PO Kloster, Khonkhaen, Thailand. Die Ventilatoren im Tempel laufen unaufhörlich, damit der kühle Zugwind alle Moskitos aus der Meditationshalle hinaus treibt. Auf die Frage an den Abt Dr. Somchai Kantasilo, ob ich Moskitos – auch zum Schutz vor Krankheiten – während der Meditationszeit totschlagen darf, antwortet er sinngemäß:

Menschen sind intelligent, Kakerlaken und Moskitos nicht. Sie wissen nicht, dass du der Besitzer dieses Hauses bist. Der Mensch wiederum weiß, dass diese Tiere keine Intelligenz haben und muss sich daher erstens vor ihnen schützen, zum Beispiel durch ein Moskitonetz oder einen Ventilator. Zweitens darfst du sie nicht bewusst und mutwillig vernichten. Im Gegenteil, wenn möglich, solltest du ihnen einen Weg aus dem Haus eröffnen, sodass sie in die Freiheit gelangen. Damit beschützt du diejenigen, die eigentlich schwächer sind als du. Wenn das Feuer der Feindseligkeit nicht geschürt wird, erlischt es.

Regelmäßig kommen viele Weberknechte und Kreuzspinnen in meine Wohnung auf dem Land. Die Fenster öffnend helfe ich ihnen behutsam hinaus. Ich zerstöre nicht ihre Netze, sondern bewundere ihre Kunstfertigkeit. Es geht um leben und leben lassen.

Andererseits kam kürzlich ein Kammerjäger, der Wolllauskäfer mit allerlei Chemie und tödlichen Giften bekämpfte. Diese Insekten hatten unsere Kleidung angriffen und mit reichlich Löchern versehen. Sie hätten die Wohnung nicht verlassen, und so entschloss ich mich zu diesem gewalttätigen Schritt.

Gewaltlosigkeit bedeutet nicht Wehrlosigkeit um jeden Preis. Und es geht nicht darum, Lebewesen auf gar keinen Fall umzubringen, sondern abzuwägen und sich bewusst zu machen, dass andere – aber auch ich – ein Recht auf Unversehrtheit haben. Und dennoch: Selbst in Notwehr ist nur soviel Selbstverteidigung wie nötig angeraten, nicht mehr. Notwehr artet nicht aus in Rache und weitere übertriebene Reaktionen, da dann die Gegenwehr wiederum zu einem Gewaltakt führen würde.

Yogis von hoher Entwicklungsstufe würden allerdings solche Argumentationsketten strikt ablehnen, wenn sie in der Gewaltlosigkeit als höchstes Lebensprinzip fest verankert sind. Noch nicht mal eine einzige gewalttätige Aktion ist dann angemessen, egal wie klein das Lebewesen ist (z.B. eine summende Mücke totzuschlagen, weil sie einen schier zum Wahnsinn treibt).

Solche Yogis erheben dann nicht mal mehr die Hand zur Verteidigung, wenn ihr eigenes Leben ernsthaft bedroht wird. Sukadev Bretz beschreibt beispielsweise in seinem Kommentar der Yoga-Sutras, wie Swami Sivananda von einem Attentäter mit einer Axt angegriffen wird. Dieser verteidigt sich nicht selber; erst sein Assistent rettet ihm das Leben. Und die anschließende Reaktion ist erstaunlich: Swami Sivananda belehrt zunächst seinen Retter, um dessen Zorn zu mäßigen – und der Attentäter wird nach Hause geschickt und später als sein Schüler angenommen.


In manchen Berufen ist Gewalt alltäglich und durch die Ausübung einer Arbeit bedingt. Ein Metzger schlachtet beispielsweise Vieh, ein Fischer fängt Fische. Beide vernichten tierisches Leben. Ahimsa könnte für den Fischer folgendermaßen interpretiert werden: „Ich lebe das Prinzip der Gewaltlosigkeit, aber ich fische. Mit meinem Beruf verdiene ich den Lebensunterhalt. Ich bin nicht gewalttätig, aber diese Art der Gewalt des Fischens ist dadurch akzeptiert, dass ich ein Fischer bin und für mein Leben und das meiner Familie sorgen muss; und (andere) Menschen müssen auch essen.“

Rutscht Ahimsa damit in willfährige Beliebigkeit? Ein Angestellter in der Rüstungsindustrie beispielsweise verdient seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung von Waffen, welche oft in Entwicklungs- und Schwellenländer exportiert werden. Trotzdem hätte dieser Arbeitnehmer sicherlich Möglichkeiten, in einem anderen Wirtschaftszweig zu arbeiten. Es ist seine Entscheidung, in der Waffenherstellung zu arbeiten, und dadurch trägt er auch Verantwortung dafür. Ein Fischer in einem Entwicklungsland besitzt vermutlich weniger Wahlmöglichkeiten. Anmaßend wäre, für beide den gleichen Maßstab anzusetzen.

Gewaltlosigkeit vs. Anhaftung und Abneigung?

Ahimsa bedeutet, alle Menschen gleichermaßen zu lieben, zu schätzen und zu respektieren und niemanden von dieser Liebe auszuschließen. Es gibt keine Unterteilung in Freund oder Feind: Zwischen diesen Polaritäten herrschen keine Abstufungen. In der Tat eine schwierige Übung: Schließlich steht uns beispielsweise die eigene Familie normalerweise näher als die Arbeitskollegen. Selbst zwischen den eigenen Arbeitskollegen mag Achtung und Wertschätzung je nach persönlicher Wellenlänge unterschiedlich verteilt sein.

In der Nähe von Freunden fühle ich mich wohl. Menschen, die ich nicht mag, begegne ich dagegen mit Distanz. Zu Fußgängern auf einer vollen Shoppingmeile entwickele ich gar kein Empfinden, während Bettler und Obdachlose vielleicht Mitleid, Abscheu oder ein schnelles Wegschauen verursachen.

Ein vorurteilloser, mit Mitgefühl, Verbundenheit und Offenheit gepaarter Blick ist hilfreich, um Menschen mit Gewaltlosigkeit zu begegnen. Swami Anubhavananda sagte während eines Seminars in Österreich sinngemäß zu mir: „Schau, bevor ich nach Österreich kam, war ich dieses Jahr in Australien, Neuseeland, USA, Großbritannien und Deutschland. Niemals bleibe ich länger als sieben Tage an einem Ort. Warum sollte ich in sieben Tagen Freundschaften oder Feindschaften entwickeln?“ Auf diese Weise kann das Leben in seiner Ganzheit betrachtet werden – 70 Jahre vergehen sehr schnell. Wenn der Tod gewiss ist, warum sollen wir in Anhaftung Freundschaften pflegen oder Feindschaften aufbauen?

Vertraute Menschen bewahren uns nicht vor dem Tod. Allein auf die Welt gekommen, werden wir sie wieder allein verlassen. Das bedeutet aber keineswegs als „einsamer Wolf“ oder „Lonesome Cowboy“ bindungsunfähig durchs Leben zu gehen, Gemeinschaft und Nähe zu anderen zu meiden oder menschliche Begleitung gering zu schätzen. In diesem Aspekt von Ahimsa wird keine Kraft zehrende Energie für die Entscheidung vergeudet, wen wir beispielsweise als:

•„gut“ oder „böse“,

•„sympathisch“ oder „unsympathisch“,

•„attraktiv“ oder „unattraktiv“,

•„hilfreich“ oder „nicht hilfreich“ betrachten.

Die gewohnte Tendenz des Sich-Vergleichens und Unterscheidens erlischt dann. Wertschätzung, Offenheit, Freude, Neugierde und aufrichtiges Interesse am anderen sind Werte, die aus diesem kraftvollen Verhaltenskodex entstehen. Ist Gewaltlosigkeit fest etabliert, erlöschen idealerweise Ängste, Konflikte, Feindschaft und Trennung in uns und anderen gegenüber – eine Voraussetzung für Frieden auf Erden.

Wenn mir aber nun jemand gegenübersteht, den ich partout nicht leiden kann? Die meisten von uns sind bei aller Bemühung keine fortgeschrittenen Yogis. Wir sind Menschen, die bewerten und beurteilen, manchmal bei der ersten Begegnung und auf den ersten Blick.

Vor Jahren verblüffte mich ein Seminarleiter, der vor seinem Publikum von etwa 70 Leuten sinngemäß erklärte: „Wissen Sie, auch hier im Publikum gibt es Menschen, die mir nicht sympathisch sind. Aber wenn ich mit ihnen in der Einzelarbeit zusammentreffe, ihre Lebensgeschichte erfahre, ihre Träume, Drehbücher und Verletzungen, dann bleibt nur Mitgefühl und Liebe für diese Menschen übrig.“ Vorschnell Menschen in Schubladen zu stecken ist leichtfertig. In uns allen steckt mehr, als im ersten Augenblick wahrgenommen wird.


„Du sollst alle Menschen lieben, aber manche aus größtmöglicher Entfernung“, sagte einmal ein Yogalehrer zu mir. Seine Worte begleiteten mich jahrelang. Auf sehr pragmatische Weise halfen sie im Umgang mit Menschen, die mir – aus welchem Grund auch immer – nicht „gut“ tun. Niemanden aus dem Herzen auszuschließen und gleichzeitig bei Bedarf ein Schutzschild aufzubauen, ist ein wichtiger Aspekt der Gewaltlosigkeit. In einem freien Land lebend bin ich nicht verpflichtet, mich verletzen zu lassen, von wem auch immer. Abstand kann manchmal die beste Verteidigung sein.

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213 стр. 22 иллюстрации
ISBN:
9783864101670
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Bookwire
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