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ALEX WHEATLE

LICCLE BIT

DER KLEINE AUS

CRONGTON

ROMAN

Aus dem Englischen

von Conny Lösch

Verlag Antje Kunstmann

Zum Buch

Ein mit großer Empathie und Witz erzählter Roman über Freundschaft, Familie, die erste Liebe, und was es heißt, sich gegen widrige Umstände durchzusetzen und das Richtige zu tun.

Lemar Jackson ist 14 Jahre alt, und obwohl er nur der Zweitkleinste in seinem Jahrgang ist, nennen ihn, zu seinem großen Missfallen, alle »Liccle Bit«. Jonah und McKay sind seine besten Freunde, und dennoch ziehen sie ihn ständig damit auf, dass er keine Chancen bei Mädchen hat. Erst recht nicht bei Venetia King, dem heißesten Mädchen der Schule. Umso erstaunter sind alle, als Venetia ihn bittet, ein Porträt von ihr zu zeichnen. Ist das etwa ein erstes Date?

Doch auch Manjaro, der berüchtigte Anführer der Gang von South Crongton, beginnt auf einmal, sich für ihn zu interessieren, und bevor Lemar sich versieht, erledigt er kleine Aufträge für ihn. Als der erste Tote im Viertel auftaucht, erkennt Lemar, dass er schon viel zu tief in dem eskalierenden Bandenkrieg steckt und so auf keinen Fall weitermachen kann. Aber wie soll er seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, die sich immer weiter zuschnürt?

Über den Autor

Alex Wheatle wurde 1963 in Brixton geboren und wuchs größtenteils in einem Kinderheim auf. Mit 16 gründete er ein Reggae Soundsystem und trat unter dem Namen Yardman Irie auf. Während der Brixton Riots wurde er verhaftet und verbrachte einige Zeit im Gefängnis, wo er seine Liebe zur Literatur entdeckte. Er hat mehrere von der Kritik gefeierte Romane veröffentlicht, bevor er sich der Jugendliteratur zuwandte. Er lebt mit seiner Familie in London.

Für Clement, Peter und Dorothy

1
DIE SCHÖNE UND DAS BIEST

ANGEFANGEN HAT ALLES VOR ZWEI MONATEN. An einem stinknormalen Schultag, sofern an meiner Schule überhaupt irgendwas stinknormal ist. Die Klingel läutete zum Ende der letzten Stunde. Ein Mittwoch. Mittwochs trainieren die Mädchen aus meinem Jahrgang Streetdance in der Turnhalle. Jonah Hani, McKay Tambo und ich rannten durch die Gänge, rempelten dabei andere Schüler und Lehrer an, nur um den besten Blick durch das Fenster in der Turnhallentür zu bekommen.

Als wir dort ankamen, standen schon zwei Jungs aus unserem Jahrgang auf unseren Plätzen. Als sie den riesigen McKay entdeckten, verzogen sie sich. Wie immer machte er sich vor dem Fenster breit.

»Schieb deinen fetten Schädel aus meiner Sichtlinie, Mann«, meckerte Jonah.

»Mach Platz, Alter!«, maulte ich.

Obwohl ich McKays Kopf nur von hinten sah, wusste ich, dass er grinste. »Ruhig Blut, meine Brüder«, sagte McKay. »Liebreiz starrt mir ins Gesicht. Venetia ist vollreif, ich sag’s euch. Mann! Die hat Beine bis zum Mond. Könnt ihr glauben!«

Mit vereinter Kraft gelang es Jonah und mir, McKay beiseitezuschieben und selbst einen Blick in die Halle zu werfen. McKay hatte sich nicht getäuscht. Venetia ging voll ab in ihrem pinken Oberteil und den weißen Shorts. Die anderen Mädchen sahen sie an, versuchten mitzuhalten, aber Alter, Venetia hatte es einfach drauf. Ms Lane, die Street-dance-Lehrerin, nickte und wippte mit den Füßen. Und wie! Venetia tanzte besser als sie!

»Mann! Wenn ich nur zehn Minuten mit Venetia alleine wäre«, meinte Jonah.

»Dann wüsstest du nicht, was du machen sollst, Bro«, lachte McKay.

»Zehn Minuten? Halb so lang und sie wär mein Mädchen! Glaub mir!«, behauptete ich.

McKay und Jonah krümmten sich vor Lachen, hielten sich die Bäuche und warfen sich auf den Boden. »Du, Bit?«, fragte McKay.

Ich war nicht der Größte in unserem Jahrgang. Tatsächlich sogar der Zweitkleinste. Einmal in der sechsten hatte mich ein Mädchen »Liccle Bit« genannt und der Name war hängen geblieben.

»Mit deiner Sklavenfrisur siehst du aus wie ein Umpa-Lumpa!«, stichelte McKay. »Eher spielt Lionel Messi für die Crongton Wanderers.«

»Okay«, sagte Jonah und rappelte sich auf. »Wenn du dich für so einen großen Gangsta hältst, dann quatsch Venetia doch nach der Stunde an.«

»Genau«, sagte McKay und schob mich weg, um selbst durchs Fenster zu schauen. »Traust dich ja doch nicht, sie zu fragen, ob sie sich mit dir trifft.«

»Wenn ihr beide dabei seid, bestimmt nicht«, sagte ich.

»Mann! Du kackst dir doch in die Hose, ich kann’s schon riechen«, machte Jonah sich weiter lustig.

»Für ein Mädchen wie Venetia brauchst du das volle Programm, Bro«, erklärte McKay. »Ein iPhone, Dr-Dre-Kopfhörer, die neuesten Sneaker von Adidas, einen anständig ausrasierten Iro und außerdem musst du groß genug sein, dass sie dir unters Kinn passt. Topmädchen wollen einen Bruder, zu dem sie aufschauen können.«

»Und Bit, nichts davon trifft auf dich zu«, sagte Jonah. »Also geh mir aus dem Weg und vergiss es, eine Spitzenfrau wie Venetia anzubaggern.«

Ich setzte mich in Bewegung, weil ich wusste, dass ich, selbst wenn ich Dr-Dre-Kopfhörer und alles andere hätte, mich trotzdem nicht trauen würde, Venetia anzusprechen. Jonah und McKay holten mich ein und wir rannten aus dem Gebäude.

Wir wohnten alle in South Crongton, zehn Minuten zu Fuß von der Schule entfernt. Jonah Hani im selben Haus wie ich, er im zweiten Stock und ich im fünften. McKay Tambo lebte mit seinem Dad und seinem älteren Bruder im Block gegenüber. Gott weiß, was die in der Wohnung dort verbaut hatten, weil alle in der Familie aussahen wie Wrestler aus dem Bezahlfernsehen.

»Glaub’s mir, Mann«, prahlte McKay. »In fünf Jahren fahr ich einen kranken Wagen, und auf meinem Schoß sitzen zwei Mädchen, neben denen Venetia aussieht, als wär ihr ein Elefant über die Fresse getrampelt.«

»Und woher hast du das Geld für deinen kranken Wagen?«, wollte Jonah wissen.

»Ich werde Unternehmer!«, sagte McKay. »Kein Scheiß. Ich mach eine Kette auf mit meinem Hot-Wings-Spezialrezept. Wenn der Bruder aus Ashburton das mit seiner Sauce kann, wieso ich nicht? Vertrau mir. Meine Wings werden schärfer und leckerer als der ganze Scheiß, den’s bei Kentucky und Alabama gibt. Kannst du glauben! Bei mir bedienen Frauen mit Bleistiftabsätzen, Sonnenbrillen und kurzen Schürzen mit nix drunter. Und in allen meinen Läden läuft Musik.«

»Aber wenn du Unternehmer werden willst, musst du auf die Uni und lernen, wie das geht«, sagte ich. »Was ist mit Mathe? Du kannst nicht mal rechnen. Wie willst du das Geld zählen? Du brauchst einen Abschluss …«

»Und der dauert drei Jahre«, ergänzte Jonah.

»Drei Jahre zusätzlich, nachdem du deine A-Levels bestanden hast«, sagte ich. »Außerdem kostet die Uni einen Batzen Geld.«

»Mann!«, rief McKay. »Ihr Brüder versteht es echt, einem den Wind aus den Segeln zu nehmen.«

»Du wirst sowieso kein Geld verdienen«, lachte Jonah. »Du kriegst einen Fressflash und verfutterst den ganzen Profit. Wenn du in deinem Laden aufkreuzt, kriegen die Kunden keine Wings mehr zu sehen. Glaub mir!«

»Du kannst mich mal!«

McKay jagte Jonah den ganzen Weg bis zu unserer Siedlung, aber als wir dort ankamen, schnaufte McKay schon ganz komisch.

»Jonah, morgen mach ich dich fertig«, drohte McKay. »Dein kleiner Kugelkopf wird mit meiner großen Faust Bekanntschaft schließen. Und hinterher stopf ich ihn ins Klo! «

»Und deine große Klappe schließt Bekanntschaft mit meinem Frisbee, ich schieb ihn dir quer rein, dann kriegst du keinen einzigen Hot Wing mehr runter«, revanchierte sich Jonah.

McKay, der inzwischen keuchte wie ein Weißer beim olympischen Zehntausenmeterlauf, hatte keine Energie mehr, Jonah weiter zu jagen, und schlappte seinem Block entgegen. Jonah und ich gingen zu unserem Betonklotz. »Machst du heute Abend Hausaufgaben?«, fragte er.

»Kunst«, erwiderte ich. »Ich will Gran zeichnen. Lieber mal ich Porträts als irgendeinen bescheuerten Apfel oder so.«

»Und Mathe?«

»Ich werd nie gut drin sein, also wozu?«

Oben im zweiten Stock flitzte Jonah über den Balkon zu seiner Wohnungstür. Ich hoffte, seine sechzehnjährige Schwester Heather würde ihm aufmachen. Die sah echt super aus, was ich Jonah natürlich niemals sagen würde.

Aber sie ließ sich nicht blicken.

Anstatt den Lift zu nehmen, ging ich lieber über die Treppe rauf, schleppte mich bis in den vierten. Als ich laute Stimmen hörte, blieb ich stehen. Meine Schwester Elaine und Manjaro, ihr Ex.

»Spinnst du oder was!«, brüllte Manjaro. Mir fiel wieder ein, dass er so eine irre Ader am Hals hatte, die hervortrat, wenn er die Stimme hob. Irgendwie stellte ich mir immer vor, dass es eine schlafende Babyschlange war. »Nimm das Geld und kauf dem Kleinen was anzuziehen. Windeln und Spielzeug, oder so.«

»Ich will dein dreckiges Geld nicht«, schrie Elaine. »Wieso kannst du mich nicht in Ruhe lassen? Mum kommt gleich zurück. Kapierst du’s nicht? Das mit uns ist vorbei! Dein Konto ist abgelaufen! Der Automat spuckt deine Karte aus. Ich lass mir keinen Scheiß mehr von dir gefallen, also geh mir aus der Sonne!«

»Heißt das, ich darf für meinen Sohn kein Vater sein? Ist es das, was du mir sagen willst, Elaine? Kennst du mich nicht? Du weißt, dass ich das nicht zulassen kann. Nimm wenigstens das Geld.«

»Scheiß auf dein Geld! Lass mich in Ruhe!«

»Das wirst du noch bereuen.«

»Du kapierst nicht mal, was du mir angetan hast!«, brüllte Elaine. »Du schnallst es einfach nicht. Du bist so bescheuert, dass du denkst, du hast nichts falsch gemacht. Glaub mir! Du brauchst Hilfe. Schieb deinen traurigen Arsch aus meinem Blickfeld und lass mich in Ruhe.«

Ich hörte die Schritte meiner Schwester auf den Betonstufen oben, dann knallte die Wohnungstür zu. In diesem Moment klingelte mein Handy. Ich ging dran, stieg dabei weiter die Stufen rauf. Es war Gran. »Wo bist du, Lemar?«

»Unterwegs, Gran. Bin in einer Sekunde da.«

Ich guckte hoch. Manjaro kam die Treppe runter. Er warf einen Blick auf mein billiges Handy und grinste. »Zeig mal«, sagte er.

Ich wollte ihm nicht in die Augen schauen. Er war so gebaut, dass man sich lieber nicht mit ihm anlegte, und er hatte einen schmalen Schnurrbart wie mein Opa früher, dazu noch ein Ziegenbärtchen. Der Stecker in seinem linken Ohrläppchen war wohl ein Diamant und seine Haare waren immer voll korrekt geschnitten. Aber keine Markenklamotten, nur ein schlichtes blaues T-Shirt, ein Anorak, schwarze Jeans und coole Reeboks. Immer wenn ich ihn sah, raste mein Herz wie Usain Bolt. McKay behauptete, Manjaro hätte zwei Brüder umgebracht. Gerüchte besagten, er sei der Enkel von einem legendären Gangsta namens Herbman Blue. Wieso hatte meine Schwester ausgerechnet von ihm ein Baby bekommen müssen?

»Hast du nicht gehört, Kleiner?«, sagte er. »Lass mal dein Handy sehen und hör auf, so eine Fresse zu ziehen. Ich tu dir schon nichts. Reg dich ab.«

Ich hasste es, wenn er mich Kleiner nannte. Aber was sollte ich machen? Manjaro war ungefähr zehn Jahre älter als ich und der OG, der absolute Obergangsta hier bei uns in der Siedlung. Widerwillig gab ich ihm mein Handy. Er betrachtete es wie die Typen in den weißen Anzügen alles, was sie am Tatort eines Verbrechens finden – ein paar Mal hatten wir die in South Crongton schon gesehen. »Weißt du«, sagte er. »Vielleicht kann ich dir ein Upgrade beschaffen, wenn du eine Kleinigkeit für mich erledigst.«

Ich sagte nichts. Er sah mich an und lachte. Dann wuschelte er mir mit der rechten Hand durch die Haare. »Könntest einen Haarschnitt vertragen«, sagte er. »Erledige was für mich, dann schneid ich dir die Haare vielleicht sogar selbst. Ich kümmere mich immer um die Brüder, die für mich arbeiten, das weißt du.«

Er gab mir mein Handy “wieder und sprang fünf Stufen weiter runter. Ich stieß einen langen Seufzer aus. Dann blieb er aber noch mal stehen und drehte sich um. Wieder raste mein Herz. »Sag deiner Schwester, sie hätte das Geld nehmen sollen. Ich weiß, dass ihr nicht viel habt. Deine Mum kann nicht viel verdienen.«

Ich musste mir verdammt große Mühe geben, mir meine Wut nicht anmerken zu lassen, weil er über meine Mum redete – sie tat, was sie konnte. Er schaute mich ein letztes Mal an, dann war er weg.

2
AN DER HEIMATFRONT

ICH DREHTE DEN SCHLÜSSEL IN DER WOHNÜNGSTÜR und trat ein. Gran war am Kochen. Elaine versuchte Jerome irgendwas aus einem Gläschen zu füttern, aber mein Neffe wollte nichts davon wissen. Er brüllte das ganze Haus zusammen. Hätte ich schlucken müssen, was Jerome vorgesetzt bekam, hätte ich auch Zeter und Mordio geschrien.

»Du wolltest einfach an mir vorbeispazieren«, erwischte Gran mich im Flur. »Komm her, Lemar! Lass dich anschauen.«

Ich ging zu Gran, linste in den Topf und sah die Bolognese friedlich vor sich hin blubbern. Auch die Spaghetti warteten schon darauf, in einem anderen Topf gekocht zu werden. Gran umarmte mich, als würde es Glück bringen – ihre Unterarme waren so dick wie die Zweiliterflaschen Coke, die Mum immer kaufte. Sie drückte mir einen dicken Kuss auf die Stirn und umarmte mich gleich noch mal. »Spazier nicht an mir vorbei, als würdest du mich nicht kennen!«, ermahnte sie mich.

Ich vermied es möglichst, mich mit Gran auf der Straße blicken zu lassen, weil sie echt peinlich sein konnte.

Nachdem ich Elaine kurz ein Hallo zugenickt hatte, ging ich in mein Zimmer, meinen Skizzenblock holen. Anschließend kehrte ich mit Bleistiften und Block in die Küche zurück. »Also, Gran, bist du bereit?«

»Siehst du nicht, dass ich am Kochen bin? Wenn wir gegessen haben, setz ich mich für dich hin. Aber jetzt verschwinde und mach deine anderen Hausaufgaben.«

»Und lass sie mich sehen, wenn du fertig bist«, setzte Elaine hinzu.

Jerome machte immer noch einen Riesenkrawall und verweigerte sein Essen.

In unserer Wohnung gab’s drei Zimmer, außerdem ein Wohnzimmer. Eins für Gran, eins für Elaine und Jerome und das kleinste war meins. Mum schlief unter der Woche auf dem Sofa, aber am Wochenende tauschte sie mit Gran. Elaine und Jerome warteten auf eine Sozialwohnung, eine Million Leute vom Wohnungs- und Sozialamt waren schon vorbeigekommen. Inzwischen war Jerome schon elf Monate alt und die beiden hatten immer noch keine eigene Bleibe.

Als ich in mein Zimmer kam, warf ich meinen Rucksack aufs Bett und überlegte, ob ich meine Mathe-Hausaufgaben machen sollte. Mum hatte mir einen kleinen Tisch in die Ecke gestellt und einen gebrauchten Drehstuhl dazu, den sie von der Arbeit mit nach Hause geschleppt hatte. Ich setzte mich auf den Stuhl, schlug mein Mathebuch auf und sah die ganzen Fragen, die alle irgendwas mit Kreisen, Radius und einem gewissen Pi zu tun hatten. Ich wurde nicht schlau draus, also klappte ich das Buch wieder zu und legte mich aufs Ohr.

Eine Stunde später gab’s Essen. Am Tisch saßen nur Gran und ich. Mum war noch nicht von der Arbeit zurück und Elaine brachte Jerome gerade ins Bett.

»Hast du heute mit dem Mädchen geredet, in das du dich verguckt hast?«, wollte Gran augenzwinkernd wissen. Ihre Augen waren karamellfarben mit unzähligen kleinen Muttermalen drum herum – die würde ich auch zeichnen müssen.

Noch bevor ich antworten konnte, hörten wir den Schlüssel in der Wohnungstür. Mum kam rein, wirkte müde und geistesabwesend. Sie stellte ein paar Tüten in die Küche, drückte Gran ein Küsschen auf die Wange, wuschelte mir durchs Haar und holte sich eine Dose Bier aus dem Kühlschrank.

»Hi, Mum«, sagte ich. »Guter Tag auf der Arbeit?«

»Nicht wirklich. Diese scheiß Kunden sind manchmal so dreist.«

»Was haben sie denn heute wieder gemacht?«

»Jetzt nicht, Lemar«, erwiderte Mum. »Ich kann mich nicht zum Essen hinsetzen. Im Wohnzimmer steht ein Sack schmutzige Wäsche, und die wird sich nicht von alleine waschen. Hast du die Leute wegen der Waschmaschine angerufen, Mum?«

Gran starrte ihr Essen an, drehte ein paar Spaghetti auf die Gabel und schob sie sich in den Mund. Erst als sie den Mund voll hatte, antwortete sie. »Das hast du mir gestern Abend ganz spät gesagt, Yvonne«, erklärte Gran. »Ich hab schon halb geschlafen! Tut mir leid … ich hab’s vergessen.«

»Mum! Ich brauche eine funktionierende Waschmaschine. Die Trommel ist verzogen. Ruf wenigstens jetzt da an. Ich muss in den Waschsalon.«

»Soll ich helfen, Mum?«, bot ich an.

»Hast du keine Hausaufgaben?«

»Doch, aber …«

»Mach deine Hausaufgaben, Lemar!«

Anderthalb Stunden später zeichnete ich Gran im Wohnzimmer. Andauernd machte sie’s mir schwer, indem sie lächelte oder den Kopf drehte. Ich hatte gerade so den Umriss ihres Gesichts, dann fing ich mit den Augen an. Ihr Doppelkinn richtig hinzubekommen war schwer, auf ihrer Stirn fuhren zwei tiefe Falten Achterbahn. Ich vermutete, dass Gran Ende sechzig war, aber sie hat mir ihr Alter nie verraten. Einmal hatte Mum mich gebeten, sie lieber nicht danach zu fragen. Inzwischen hatte Elaine es endlich geschafft, Jerome zum Schlafen zu bringen, und jetzt sah sie irgendeinen Musiksender im Fernsehen.

»Du hast meine Frage nicht beantwortet«, sagte Gran. »Hast du mit dem Mädchen gesprochen, das es dir angetan hat?«

Meine Festplatte suchte nach einer Entgegnung, während mein Gesicht aufheizte, als wär’s an den Wasserkocher angeschlossen. Meine Schwester antwortete für mich. »Venetia heißt die, die ihm gefällt«, verriet sie. »Lemar hat größere Chancen, X Factor zu gewinnen, als an sie ranzukommen. Alle aus dem Jahrgang und sogar die aus der Zehnten fahren auf sie ab. Ich kenne sogar ein paar Mädchen, die auf sie stehen.«

»Venetia ist es nicht«, protestierte ich. »Was weißt du denn? Du gehst nicht mal mehr auf meine Schule.«

»Ich hab immer noch Freundinnen da«, widersprach Elaine.

»Das reicht«, sagte Gran.

In dem Moment hörten wir die Wohnungstür. Mum kam mit zwei Riesenladungen Wäsche rein. Ich rannte los, um ihr zu helfen, hängte die Sachen auf den Ständer im Bad. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, war Gran aufgestanden, um sich einen Kaffee zu machen.

»Gran!«

»Bin gleich wieder da, Lemar. Nur die Ruhe.«

Ich nahm meinen Skizzenblock, Mum sah mein viertelfertiges Porträt von Gran. »Das ist echt gut«, meinte sie. »Weiter so.«

»Aber Mathe hat er noch nicht gemacht«, warf Elaine ein.

»Mach ich später, Mum.«

Mum nickte immer noch, würdigte mein Kunstwerk. Das war schön. Mum nahm sich sonst fast nie Zeit für meinen Schulkram. »Mum, gehst du am Wochenende mit mir zum Friseur?«

Sie stemmte die Hände in die Hüften und schenkte mir einen ihrer Blicke. Dann zeigte sie mit dem rechten Zeigefinger auf mich. »Lemar, du weißt, dass die Waschmaschine kaputt ist. Hast du eine Ahnung, was es kostet, wenn wir eine neue Trommel brauchen? Die vom Kabelfernsehen rufen mich jetzt schon auf der Arbeit an und beschweren sich, weil ich die Rechnung nicht bezahlt habe, die vom Bestelkatalog hab ich auch jeden Tag am Handy, und jetzt willst du verdammt noch mal zum Friseur!«

»Er will einen Iro, Mum«, schaltete Elaine sich ein. »Bei den Jungs in seinem Alter ist das der letzte Schrei.«

»Der letzte Schrei muss warten«, sagte Mum. »Sonst sorg ich dafür, dass Lemar zum letzten Mal schreit!«

Mum dampfte in die Küche ab, machte sich ihr Essen in der Mikrowelle heiß. Gran kam mit ihrem Kaffee wieder rein, und ich arbeitete zwanzig Minuten lang weiter an dem Porträt, bis Gran müde wurde und sich hinlegen wollte.

Am Abend ging ich mit dem Gefühl ins Bett, betrogen worden zu sein. Ich hab Elaine nicht gesagt, dass sie ein Baby kriegen soll, dachte ich.Ist nicht meine Schuld, dass Gran bei uns wohnt, und auch nicht, dass Mum den Leuten vom Bestellkatalog Geld schuldet; das meiste, was sie bestellt hat, waren Buggys und so ein Zeug für Jerome. Und jetzt hat sie nicht mal zehn Pfund für mich, damit ich mir die Haare schneiden lassen kann. Was sind schon zehn Pfund? Morgen muss ich in die Schule, und am Tag danach auch, und Jonah und McKay werden mich bis zum Umfallen wegen meiner scheiß Haare verarschen.

3
MANJAROS AUFTRAG

AM NÄCHSTEN TAG HATTE ICH KEINE ZEIT nachzudenken über das, was Manjaro gesagt hatte. Ein Junge aus meinem Jahrgang wurde beim Skunk ticken in der Bibliothek erwischt. Tavari Wilkins hieß er. Genau genommen hatte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich meine, was hat er sich eigentlich dabei gedacht, den Shit in der Bibliothek zu verkaufen, wo Mrs Parfitt mit ihren Google-Maps-Augen über alle Anwesenden wachte? Er kam aus North Crongton, wo sie immer die ganzen Alleinerziehenden, Asylsucher und Flüchtlinge hinstecken; meine Schwester meinte, wenn die ihr da eine Wohnung anbieten, nimmt sie sie nicht.

Als McKay, Jonah und ich aus der Schule kamen, fragte Jonah: »Und was wird jetzt aus Tavari?«

»Die Bullen vernehmen ihn«, sagte McKay. »Die bringen ihn auf die Wache, verprügeln ihn zu zehnt und zwingen ihn, den Shit nicht mehr für sich selbst, sondern für sie zu dealen.«

»So was machen die Bullen?«, staunte Jonah.

»Glaub mir, wenn er über sechzehn wäre, würden die noch viel Schlimmeres machen. Die würden ihn mit einem Holzhammer vergewaltigen, ihm eine Spritze setzen, eine Niere rausnehmen und sagen: ›Du kriegst deine Niere erst wieder, wenn du uns verrätst, woher du die Drogen hast.‹ «

»Ist das nicht ein bisschen zu Hollywood?«, fragte ich.

»Was willst du sagen, Bit?«, legte sich McKay mit mir an. »Was weißt du denn schon? Die Bullen kommen mit allem durch. Guck dir doch an, wie die den Bruder auf der Northside abgeknallt haben, mit einer Bazooka …«

»Er wurde erschossen«, behauptete ich.

»Das wollen sie dir in den Nachrichten so verkaufen«, beharrte McKay. »Der Bruder wurde mit einer Panzerbüchse kaltgemacht. So wie die, die sie in Afghanistan verwenden. Der hatte Brocken von der Straße, Autoblech, Motorteile und Reifengummi in der Fresse. In der Straße ist ein Krater. Die Bullen können sich jeden Scheiß erlauben.«

»Stimmt«, sagte Jonah. »Meine Schwester hat mir erzählt, ihren Freund haben sie in einem Secondhandladen festgehalten und durchsucht.«

»Deine Schwester hat einen Freund?«, fragte ich.

»Ja«, bestätigte Jonah. »Geht aufs Crongton College, spielt Basketball. Krass definierte Armmuskeln und ein irre kahl rasierter Schädel.«

Mir rutschte das Herz in die Hose, und plötzlich hatte ich ein ganz komisches Gefühl im Bauch. Wieso ich gedacht hatte, dass ich jemals bei Heather eine Chance haben könnte, weiß ich nicht.

Wir gingen weiter zum Laden an der Ecke. Wie immer standen dort Leute Schlange, um ihre Strom- und Gaskarten aufzuladen. McKay kaufte ein Twix, ein Mars und eine Cola, Jonah eine Packung Custard Creams, und ich bekam gerade genug Kleingeld für ein Twirl zusammen. Wir kamen aus dem Laden und futterten. Ich schlug meine Zähne in mein Twirl, schaute hoch und sah Manjaro und seine Crew auf uns zuradeln. Scheiße!, dachte ich. Ich hätte nie geglaubt, Manjaro mal auf einem Fahrrad zu sehen. Er hatte noch dasselbe blaue T-Shirt an. Die anderen beiden trugen blaue Basecaps. Die schlafende Babyschlange an seinem Hals war heute dünner. Lässig versuchte ich mich umzudrehen, aber er hatte mich schon entdeckt.

Bevor ich wusste, was los war, hatte Jonah die Beine in die Hand genommen und war wie ein Jamaikaner, der dringend pissen muss, zu unserem Block gerast. McKay verzog sich wieder in den Laden und ich blieb alleine mit Manjaro stehen. Er wusste, dass ich ihn gesehen hatte, also konnte ich nicht einfach so tun, wie wenn nicht. Sein Mountainbike kam quietschend vor mir zum Stehen. »Kleiner!«, grüßte er mich.

»Was geht, Manjaro?« Ich versuchte, cooler und älter zu klingen, als ich war, aber mein Herz pumpte wie das eines Pudels, kurz bevor ihn der Tiger zerfleischt.

»Kommst du gerade aus der Schule?«, fragte er.

»Ja.« Es ist Viertel vor vier und ich hab meine Schuluniform an. Blöde Frage, dachte ich.

»Zeitverschwendung, Bro«, meinte Manjaro. Er stieg vom Rad und kam auf mich zu. »Du machst, was die von dir wollen.«

»Hä?«

»Um in dieser Welt zu überleben«, erklärte Manjaro. »Die wollen, dass du in die Schule gehst, danach auf die Uni, und zum Schluss sollst du dir einen Job suchen, damit sie Steuern von dir kassieren können. Die interessieren sich einen Scheiß für dich, es sei denn, sie bekommen kein Geld von dir.«

Ich sagte nichts.

»Tu mir einen Gefallen, Kleiner«, bat Manjaro.

»Was für einen?«, fragte ich.

»Geh in den Laden und kauf mir drei Choc-Nut-Eis.«

Ich war noch am Überlegen, als Manjaro schon eine dicke Brieftasche hinten aus der Jeans zog. Kam mir nicht real vor – der OG aus unserem Viertel wollte ein Eis am Stiel? Er zog einen Zwanziger raus und gab ihn mir. Der Schein war frisch und nagelneu. Ich konnte ihn fast riechen.

»Drei Mal Choc-Nut«, wiederholte Manjaro. »Und wenn du willst, auch eins für dich.«

Manjaros zwei Freunde sahen einander an und lachten. Ich ging in den Laden. McKay war immer noch drin, blätterte in einer Fußballzeitschrift. »Ich höre zu und behalte alles im Blick, Bro«, flüsterte er.

»Danke für die Rückendeckung!«, sagte ich.

»Kauf das Eis, und dann verziehst du dich.«

»Das war mein Plan.«

»Wenn du dir auch eins holst, gibst du mir die Hälfte ab?«

»Nein! Lies lieber weiter den Scheiß über Cristiano Ronaldo!«

Ich ging wieder raus und gab Manjaro seine Choc-Nuts. Seine beiden Brüder waren immer noch am Kichern. Durch sie kam ich mir noch kleiner vor, als ich sowieso schon war. Wenn ich größer und älter gewesen wäre, hätte ich ihnen eine reingehauen. Oder mir gewünscht, dass ich ihnen eine hätte reinhauen können. Ich ging rüber, wollte Manjaro den Zehnpfundschein und das Kleingeld zurückgeben.

»Behalt’s«, sagte er.

»Was?«

»Kannst es behalten. Und du musst nicht mal Steuern dafür zahlen. Ich bin weg!«

Manjaro und seine Brüder eierten einhändig die Straße runter, leckten ihr Eis am Stiel. Ich hoffte, sie würden das Gleichgewicht verlieren und die kalten Köstlichkeiten fallen lassen.

Ich starrte den Zehnpfundschein an wie einen Gold-Nugget im Stummfilm. Davon könnte ich mir einen echt geilen Haarschnitt organisieren, dachte ich. Oder lieber eine neue Cap kaufen? Oder es beiseitelegen für ein paar neue Sneaker? Bevor mir noch mehr Verwendungsmöglichkeiten einfielen, spürte ich McKays große rechte Hand auf meiner Schulter. »Kaufst du mir ein Eis?« Er grinste. »Werd bloß nicht knausrig. Du weißt, dass ich dasselbe für dich tun würde.«

»Würdest du nicht«, sagte ich.

»Bruder!«, protestierte McKay. »Wie kannst du so schlecht über mich sprechen? Wenn meine Großmutter an einem heißen Sommertag in ihrer Wohnung im neunundneunzigsten Stock verdursten würde, ich würde dir trotzdem erst mal ein Eis kaufen, bevor ich nach ihr sehe. Das weißt du!«

McKays Großmutter wohnte im dritten Stock in einem Block gegenüber. Ich kaufte McKay ein Eis, nur damit er die Klappe hielt, und steckte das Wechselgeld ein. Als ich mich auf den Weg zu meinem Block machte, erklärte mir McKay, ich sei sein bester Freund, aber ich hatte auch schon mal gehört, wie er es zu Jonah gesagt hatte, als der ihm was gekauft hatte.

Ich ging die Stufen hoch und hörte plötzlich eine vertraute Stimme von oben. Mein Dad. Aber es war Mittwoch. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich Dad das letzte Mal an einem Mittwoch gesehen hatte, dem Tag, an dem Mum ihren freien Nachmittag hatte. Ich wartete auf dem Treppenabsatz unter meinen Eltern.

»Also, was stehst du mit deinem nutzlosen Arsch vor meiner Tür?«, fuhr ihn Mum an.

»Ich will meine Kinder besuchen«, erwiderte Dad. »Und meinen Enkel. Hab ihn eine ganze Weile nicht gesehen.«

»Verzieh dich mit deiner traurigen Existenz, Mann!« Mum hob die Stimme. »Ich will nicht, dass du ihnen Flöhe in die Ohren setzt. Du versprichst, dass du kommst, und dann lässt du dich nicht blicken, und plötzlich stehst du mit deinen dreckigen Füßen hier auf der Matte. Du hast die beiden schon viel zu oft enttäuscht.«

»Aber ich hab’s erklärt«, flehte Dad. »Stefanie war krank. Wir mussten sie ins Krankenhaus bringen …«

»Bevor du mit dieser Frau gefickt hast, hattest du hier Kinder. Und die hast du immer noch, aber du enttäuschst sie andauernd, also schieb deinen nutzlosen Arsch aus der Bahn und geh zurück zu deiner dreckigen Schlampe …«

»Sie hat einen Namen.«

»Genau, den hat sie, und ich hab sie gerade bei ihrem Namen genannt! Hast du mir meine Alimente mitgebracht?«

Langes Schweigen. »Nein. Nein, es war sehr schwierig, als Shirley nicht arbeiten konnte. Sie musste sich um Stefanie kümmern, weißt du …« Wieder Pause. »Ich will nur wissen, ob Elaine und Lemar zu Hause sind. Mich ein paar Minuten mit ihnen unterhalten, meinen Enkel sehen und ihnen erklären, was passiert ist …«

»Elaine und Lemar sind nicht da!«

»Ich bin hier, Mum«, sagte ich und kam die Treppe hoch. Ich wollte nicht, dass sie Dad verjagte, bevor ich mit ihm geredet hatte.

Er sah mich erstaunt an und grinste irgendwie ein bisschen. Über seinem Paketauslieferer-Pulli trug er eine Jeansjacke. Ich sah Mum am Gesichtsausdruck an, dass ihr mein Timing nicht gefiel. Ganz und gar nicht. »Lemar, mach, dass du reinkommst. Du hast bestimmt Hausaufgaben, um die du dich kümmern musst.«

Ich warf Dad einen Blick zu und grinste andeutungsweise im Vorbeigehen. »Hi, Dad«, grüßte ich. Eigentlich hätte ich ihn gerne gefragt, wie’s Stefanie ging, aber ich wollte Mum nicht ärgern. Nicht wenn sie ihr Ich-bin-im-Krieg-Gesicht machte.

Dad wirkte ganz schön gestresst um die Augen. »Was geht, Lemar?«

»Alles wie immer«, erwiderte ich. »Nur …«

»Mach, dass du reinkommst verdammt!«, befahl Mum. Sie verschränkte die Arme und ich wusste, dass sie mir den Fernseher aus dem Zimmer holen würde, so ernst war’s ihr. Ich spürte den Luftzug, als sie hinter mir die Tür zuschlug. Wenig später hörte ich laute Stimmen.

Der Geruch nach Makkaroni-Käse-Auflauf stieg mir in die Nase und ich fand Gran in der Küche, wie sie gerade in den Ofen schaute. »Sieht gut aus.« Sie lächelte mich an, richtete sich auf. »Kleiner, mach dir keine Sorgen, weil deine Mutter und dein Vater streiten. Das machen sie nur, weil sie dich lieb haben.«

»Wo ist Elaine?«, fragte ich.

»Oh, die ist mit Jerome los, eine Freundin besuchen.«

Gran konnte nichts tun, damit es mir besser ging. Konnte sie nie, wenn Mum und Dad stritten. Sie fing an, ihren Lieblingssong von Bob Marley zu singen. »Don’t worry about a thing, cos every liccle thing, is gonna be all right!« Sie lächelte mich voller Hoffnung an und ich zwang mich, ihr Lächeln zu erwidern. Ich wünschte, ich hätte behaupten können, dass es mir durch Grans Song besser ging, aber ich hatte ihn viel zu oft gehört und inzwischen war ich auch schon zu alt dafür.

Ich ging in mein Zimmer und warf meinen Rucksack aufs Bett. Dann betrachtete ich den Druck eines Gemäldes von L. S. Lowry, auf dem Männer und Frauen vor riesigen Fabriken und Schornsteinen zu sehen waren. Dad hatte ihn mir zu meinem letzten Geburtstag geschenkt, und jetzt hing er über meinem Bett. Stefanie war meine fünfjährige Halbschwester, und seit ihrer Geburt hatte sie immer wieder zum Arzt gemusst. Dad hatte nie richtig erklärt, was ihr fehlte, aber anscheinend stimmte was nicht mit ihrem Blut.

Dad hatte Mum verlassen, als ich sieben Jahre alt war. Mum hat ihm nie verziehen, dass er sie sitzen gelassen hat und zu Shirley, Stefanies Mum, gezogen war. Mum und er waren schon lange befreundet gewesen und sogar zusammen zur Schule gegangen. Bis ich auf die weiterführende Schule kam, hatte ich Dad ganz lange nicht gesehen. Ich glaube, er hatte Schiss, uns zu besuchen, aber Elaine ist heimlich zu ihm hin und hat sich bei Shirley zu Hause mit ihm getroffen. Wenn Mum das mitbekommen hätte, hätte sie Elaine an einen Buggy und einen Hochstuhl gefesselt und über die Balkonbrüstung geworfen. Dad fing erst ungefähr vor einem Jahr an, uns wieder zu besuchen, ungefähr zu der Zeit, als Stefanie zum ersten Mal ins Krankenhaus musste. Erst hat Mum fürchterlich geschimpft, aber dann war sie damit einverstanden, dass Dad mich jeden zweiten Samstag abholte. Wenn er mich zu spät abgeliefert hatte, schimpfte Mum so lange mit ihm, bis er wieder in seinem Transporter saß. Mum gab mir zwei Anweisungen, an die ich mich zu halten hatte, wenn Dad was mit mir unternahm. Erstens durfte ich niemals »Mum« zu Shirley sagen und zweitens nach meiner Rückkehr auf keinen Fall Stefanie erwähnen. Dad und ich waren uns mit der Zeit wieder nähergekommen, aber jetzt hatte er schon seit Monaten nichts mehr mit mir gemacht. Nur das Bild zu meinem letzten Geburtstag geschickt. Meine Familie hatte einwandfrei alles, was man für einen Auftritt in der Sendung von Jeremy Kyle brauchte, ein bisschen wunderte es mich, dass uns die Produzenten noch nicht viel Geld geboten und eingeladen hatten.

Als ich auf dem Bett lag, hörte ich die Wohnungstür knallen und danach Stimmen in der Küche. Ich ging ans Fenster und lehnte mich raus, schaute auf den Parkplatz unten. Ich sah Dad in seinen Transporter steigen und alleine wegfahren. Ich fragte mich, ob er sich in diesem Moment genauso schlecht fühlte wie ich.

4
EIN ECHTER GANGSTA FRAGT IMMER ZWEIMAL

AM NÄCHSTEN SAMSTAG SPIELTEN JONAH UND ICH God of War bei McKay auf der Playstation 3. Wie immer verlor ich, aber ich war gut drauf, weil McKays Dad uns einen Eimer voll Chickenwings mit Pommes gekauft hatte. Wir spülten alles mit zwei Flaschen kalter Cola runter und hatten danach eine Wagenladung voll Energie, die wir irgendwie wieder loswerden mussten. Wir gingen in den Park zwischen North und South Crongton, um ein bisschen zu chillen und den Älteren beim Fußball zuzusehen. Manchmal hingen da auch ein paar Mädchen rum, also machte ich mich locker und ging, als würde mir halb New York gehören. McKay und Jonah lachten mich aus, war mir aber egal.

Es war ein schöner Tag, warm genug, sodass man nur im T-Shirt rumlaufen konnte. Im Park trugen die meisten Brüder blaue Oberteile und Schweißbänder – das Standard-Outfit von South Crong. Die North Crongs auf der anderen Seite des Parks spielten auch Fußball, aber in Schwarz. Hinter ihnen ragten die Bäume von Gully Wood auf. Da unten hin würde sich nur ein besonders tapferer oder bescheuerter South Crong trauen. Zu gefährlich. Der Crongton teilte den Wald, schlängelte sich mal so und mal so rum, die letzte Leiche von einem aus dem Viertel wurde dort gefunden. Am liebsten hätte ich das Niemandsland gezeichnet, aber was hätten die North Crong Brüder von mir, meinen Bleistiften und dem Din-A3-Skizzenblock gehalten?

Der, den sie umgebracht hatten, war ein North Crong gewesen. Die Bullen hatten ihn mit dem Gesicht nach unten im Wasser gefunden, die Hälfte von der Nase war ab. McKay behauptete, dass Manjaro ihm die verkorkste Schönheitsoperation verpasst hatte. Die ganze Sache war völlig bescheuert, wenn meine Gran auf einem ihrer Nachmittagsspaziergänge nach North Crong gewandert wäre, wäre sie da viel sicherer gewesen als ich. O Gott! Wenn Manjaro mich noch öfter um einen Gefallen bitten würde, dann hoffte ich wirklich, dass es bei Eis holen blieb.

Um uns herum fuhren ein paar Typen Wheelies. Andere chillten, hörten Rap, Grime und R&B, der aus ihren Gettoblastern dröhnte. Alle anderen spielten mit ihren Handys. Ein paar zweitklassige Mädchen stellten ihre tätowierten Hälse und Waden aus, sie hatten billige Extensions oder Kiss Curls. Aus ihren falschen Wimpern hätte man gut Gartenrechen basteln können. Ich sah mich kurz um, konnte Venetia aber nirgendwo entdecken. Erstklassige Mädchen wie sie gingen nicht in den Park. Während wir uns nach einer Stelle umguckten, um unsere Ärsche zu parken, hörten wir ein paar Brüder erzählen, dass es kurz vorher Ärger zwischen ein paar South Crongs und einem North Crong gegeben hatte.

Es hatte schon öfter Drohungen und wilde Beschimpfungen gehagelt, aber meistens ging’s nicht weiter, nicht im Park, wo jeder zuguckte und alle ihre Handys in den Fingern hatten, bereit, jederzeit mitzufilmen. Die Brüder und Schwestern hier waren also alle einigermaßen entspannt.

Wir fanden eine Stelle direkt hinter einem der Tore.

»Wir hätten eine Cola mitbringen sollen«, sagte McKay. »Jonah, Mann! Wieso hast du die letzte Flasche alle gemacht?«

»Das war ich nicht«, protestierte Jonah. »Das war Bit.«

»Den Vorwurf weise ich strikt von mir, Mann! Hör bloß auf!«

»Da ihr beiden die letzte Flasche vernichtet habt, müsst ihr auch die Kröten für die nächste zusammenkratzen«, verlangte McKay. »Ich glaub’s nicht, Brüder! Jetzt sind wir hier, wollen das Spiel sehen und ich hab nichts für den Durst … außerdem ist mir nach Erdnüssen!«

Genau in dem Augenblick schoss einer mit blauem T-Shirt ein Tor. Der Ball rollte zu McKay und er hob ihn auf. »Hey, du Milchmade, gib mir den Ball, Mann«, motzte der Torwart.

»Wer ist hier eine Milchmade, du dürres Stück Scheiße!«, gab McKay es ihm zurück.

Jonah und ich tauschten Blicke und schüttelten die Köpfe.

»Bist du zum Sportmachen im Park, du kleiner Fettsack?«, ärgerte ihn der Torwart, drehte sich zu den anderen Spielern um, wollte sehen, ob sie lachten. »Du brauchst eine ganze Mannschaft von Personaltrainern, Bro. Pass auf, dass du keine Kuhle in den Rasen machst, wenn du dich setzt!«

»Ich mach ‘ne Kuhle in den Rasen, wenn ich’s deiner Freundin besorge, du Lauch!«

Jetzt konnte ich mir das Lachen nicht mehr verkneifen und Jonah und die anderen Zuhörer ebenso wenig. Als ich die Wut in den Augen des Torwarts sah, verging mir das Lachen allerdings schnell.

»Komm her, Fettsack, und sag das noch mal, dann sehen wir, wer den Park auf einer Trage verlässt!«

McKay stand auf und kickte den Ball weg. Der Torwart ignorierte es und kam auf McKay zu. Alle waren nervös. Wir hörten eine andere Stimme. Ruhig, aber mit Autorität.

»Lass den Jungen in Ruhe, Bruder.«

Wir drehten uns alle um. Es war Manjaro. Immer wenn ich ihn sah, hatte ich so ein Gefühl im ganzen Körper, wie wenn ein Eiswürfel auf einem schmerzenden Wackelzahn liegt. Er trug ein blaues Muskelshirt mit einem kleinen weißen Handtuch über der linken Schulter. Seine Arme waren so dick wie die eines olympischen Gewichthebers, und er sah aus, als wäre er gerade beim Trainieren gewesen. Drei von seinen Jungs waren bei ihm. Einer war weiß, einer gemischt und der andere schwarz. Alle hatten sie blaue Caps auf.

Der Torwart grinste betreten. »Respekt, Manjaro, ich mach bloß Spaß mit den Kleinen, kennst mich doch.«

McKay setzte sich, und als ich mich zu Jonah umdrehte, merkte ich, dass er schon auf zehn Meter Abstand gegangen war.

»Ich seh’s nicht gern, wenn ein großer Mann einem kleineren Kummer macht«, sagte Manjaro. »Auch der größte Mann war mal ein Baby, also lass die Kleinen da in Ruhe. Du weißt nie, wie groß die werden.«

»Kein Problem, Manjaro.« Der Torwart machte einen Rückzieher. »Wie gesagt, war bloß Spaß. Sonst nichts.«

»Dann ist ja gut«, sagte Manjaro. »Ich seh’s auch nicht gern, wenn ein South Crong einem anderen South Crong Kummer macht. Hast du kapiert?«

»Hab ich kapiert, Manjaro.« Der Torwart versuchte, seine Nerven mit einem Lachen zu beruhigen. »Na klar, kapiert.«

Dann sammelte er den Ball ein, trat ihn zurück aufs Feld und bezog erneut Stellung im Tor. Er schaute sich nicht noch mal um. Ich wollte mich gerade näher an Jonah heranschieben, als Manjaro sich umdrehte und sein Blick mich erfasste. Scheiße!

»Kleiner!«, rief er. Die Schlange an seinem Hals vollführte ein Tänzchen. Er kam großspurig zu mir gelatscht und wischte sich mit der Hand über die Stirn. Aus dem Augenwinkel sah ich Jonah noch ein Stück weiter auf Abstand gehen.

»Was geht, Manjaro?«, erwiderte ich.

»Bist du noch eine Stunde hier im Park am Chillen?«

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich sah Jonah an, er nickte. Dann sah ich McKay an und er schüttelte den Kopf.

»Äh, ja, wir gucken Fußball«, erwiderte ich schließlich.

»Das ist gut«, sagte Manjaro. »Muss was besorgen, danach komme ich wieder her, okay?«

»Ist gut.« Ich nickte.

McKay schüttelte immer noch den Kopf.

»Also warte, bis ich wieder da bin, kapiert?«, fragte Manjaro.

Ich nickte, obwohl McKay verzweifelt die Augen schloss.

Manjaro und seine Crew zogen ab. Jonah kam wieder angekrochen, schaute dabei misstrauisch über die eigene Schulter. Er wartete, dass Manjaro außer Hörweite war, dann erst redete er. »Kluger Schachzug, Kleiner«, sagte er. »So einem schlägt man keine Bitte ab. Ich frag mich nur, was er von dir will?«

»Du hättest Nein sagen sollen«, unterbrach McKay ihn. »Der will bestimmt irgendeinen Scheiß von dir. Was machst du, wenn er verlangt, dass du als Kurier für ihn arbeitest, nach Thailand fliegst und mit einem Sack voll Drogen im Bauch zurückkommst?«

»Ich glaube nicht, dass er das von mir verlangen wird, McKay.« Aber was will er sonst von mir? Ich machte mir Sorgen. Vielleicht lag McKay gar nicht so falsch.

»Woher willst du das wissen?«, fragte McKay. »Lass dich nicht zum Kurier machen, Bro! Das bedeutet Dünnschiss für den Rest deines Lebens. Und es ist kein Spaß, ständig Klopapier mit sich rumschleppen zu müssen. Du weißt, dass die dir in Ländern wie Thailand siebenhundert Jahre ohne Bewährung aufbrummen, wenn sie dich mit Drogen erwischen. Und die Gefängnisse da sind die schlimmsten auf der Welt, Bro. Die lassen dir die Wahl, ob du lieber einen Arm oder ein Bein abgehackt haben willst. Das gehört alles zum Urteil, glaub mir! Dann ziehen sie dich aus bis auf die Unterhose und werfen dich in ein drei Kilometer tiefes Loch. Einmal pro Tag schmeißen sie trockenes Brot, Rattenleber und Paviansuppe rein und die Gefangenen müssen sich drum streiten. Wirklich, Bro. Zum Schluss wünschst du dir, sie würden dich exekutieren und dir den Kopf abschneiden.«

»Ich fliege nicht nach Thailand«, protestierte ich. O Gott! Ich wünschte, ich könnte Witze darüber machen. Ich wollte mir nicht anmerken lassen, was für eine Riesenangst ich hatte. »Mum bringt mich um, beim bloßen Gedanken«, sagte ich. »Ich hab nicht mal einen Pass.«

»Wenn er mir eine Million bietet, mach ich’s vielleicht«, sagte Jonah. Seine Augen leuchteten bei dem Gedanken an schöne Autos, Häuser mit Swimmingpool und möglicherweise auch Venetia im Bikini.

»Jonah, manchmal kommt aus deinem Arsch was Vernünftigeres als aus deinem Mund.« McKay lachte. »Bit, wieso hast du dir keine Ausrede einfallen lassen, irgendwas mit deiner Mutter. Man muss immer eine Mutter-Ausrede parat haben. Ich an deiner Stelle hätte gesagt, dass meine Mum will, dass ich mit ihr einkaufen gehe. Oder dass ich kochen muss, weil Mum sich um Gran kümmert, die einen Schlaganfall hatte oder so. Sei kreativ, Mann.«

»Als Manjaro mich angesehen hat, ist mir keine Lüge eingefallen.«

»Sag nicht, ich hab dich nicht gewarnt«, sagte McKay.

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, mich auf den Fußball zu konzentrieren. In den beiden nächsten Stunden kamen und gingen alle möglichen Brüder. Mädchen posten und nölten rum. Eine Weile spielte ich mit, aber die größeren stießen mich einfach vom Ball weg oder gaben erst gar nicht an mich ab. Ich setzte mich wieder und sah zu, wie die Fußballer foulten und fluchten.

McKay erzählte uns noch ein paar Horrorgeschichten über Raketenabschussstationen, die die Bullen auf North und South Crongton richteten, um endlich das Gang-Problem in unserer Gegend in den Griff zu bekommen. »Kein Witz, Brüder«, sagte McKay und tat total entrüstet. »Die Raketen stecken unter dem Asphalt vor der Bullenwache. Könnt ihr mir glauben, wenn das mit den Messerstechereien und den Morden nicht aufhört, bomben die uns die Iros und Afros von den Schädeln. Danach stellen sie sich ins Fernsehen und erzählen der Nation, ein Bruder von uns hätte eine Bombe bei der Armee geklaut und irgendwie dran rumgebastelt, bis sie hochgegangen ist. Könnt ihr glauben …«

McKay machte eine Pause. Von links sah er Manjaro und drei aus seiner Crew auf uns zukommen. Wieder so ein Eis-auf-Knochen-Gefühl. Verflucht! Die hatten Einkaufstüten dabei. Das war vielleicht ein abgefahrener Anblick – normalerweise sah man die Gangsta von South Crong nicht mit Einkaufstüten in der Hand.

»Kleiner«, rief Manjaro. »Danke und Respekt, dass du auf mich gewartet hast.«

Ich konnte nicht glauben, dass er das gesagt hatte. Der große Manjaro bedankt sich bei mir! Jonah hatte seinen Ach-du-Scheiße-Blick drauf; McKay schüttelte den Kopf. Manjaro und seine Crew stellten die Einkauftstüten vor mir ab. Die Tüten waren voll mit Markenklamotten, Markenschuhen und Spielsachen.

»Für Jerome«, erklärte Manjaro. »Achte drauf, dass er’s auch kriegt. Hast du kapiert?«

Ich nickte. Ich konnte nichts Schlimmes dran erkennen, wenn ich ein paar neue Klamotten für Jerome mit nach Hause brachte. Mann! Der wird das am besten gekleidete Baby von ganz Crongton sein! Einschließlich Crongton Village, wo in den Auffahrten nur Autos mit Allradantrieb und Audi Cabrios parkten. Und vielleicht helfen die Spielsachen ja, sodass Jerome aufhört, ununterbrochen zu schreien. McKay schüttelte immer noch den Kopf, aber Jonah nickte.

»Komm mal her«, beharrte Manjaro.

Ich stand auf. Manjaro legte mir eine Hand auf die Schulter und grinste. Der kalte Hauch von Voldemort fuhr mir durch die Blutbahn. Wir setzten uns in Bewegung. Seine Jungs sahen uns ganz komisch an. Ich muss zugeben, dass ich mir echt wichtig vorkam, so wie ich da neben Manjaro herlief. Ja. Ich war jemand und nicht mehr nur der blöde kleine Niemand, der beim Fußball nie einen Ball abbekam.

»Ist irgendwie scheiße, dass es mit deiner Schwester nicht so geklappt hat«, fing Manjaro an, kaum dass wir weit genug von den anderen weg waren. »Aber mir ist das mit dem Vatersein wichtig, hast du kapiert?«

Vatersein ist ihm wichtig? Für meine Festplatte war das ganz schön viel zu verarbeiten, aber ich dachte, besser nicken.

»Ich will an Jeromes Leben teilhaben«, fuhr Manjaro fort. Seine Stimme war ruhig und überzeugend. »Du vermisst deinen Dad doch auch in deinem Leben, oder?«

»Ja«, gab ich nach einer Weile zu. »Ich wünschte, er würde noch bei uns wohnen.«

»Jerome ist ein Teil von mir, hast du kapiert? Elaine und ich kriegen es zusammen nicht hin, aber ich finde es unfair, dass ich kein guter Dad für ihn sein darf. Mein Dad war kein guter …« Ich riskierte einen Blick zu ihm nach oben. Auf seinem Gesicht lag ein Schweißfilm und die Schlange an seinem Hals zuckte, als er die Schultern nach hinten durchdrückte. »Ich sag dir das, Kleiner, weil ich dir vertraue. Du kommst mir ehrlich vor, anders als die meisten Brüder hier. Kannst du glauben.« Er blieb stehen und starrte mir direkt ins Gesicht. Ich zwang mich zurückzuschauen. »Also, ich wäre dir sehr dankbar, wenn du die Sachen für Jerome mit nach Hause nimmst.«

»Cool, Bro«, erwiderte ich. »Mach ich.«

Manjaro grinste wieder. »Bin froh, dass bei dir ankommt, was ich sagen will.« Er zog seine Brieftasche raus, leckte den rechten Daumen und den Zeigefinger an und zog zwei Zehnpfundscheine raus. Dann gab er mir das Geld. »Für deine Unannehmlichkeiten.«

»Welche Unannehmlichkeiten?«, fragte ich.

»Könnte sein, dass du Krach mit deiner Schwester kriegst.«

Er machte mir erneut Mut, indem er mir auf die Schulter klopfte, dann war er weg, seine drei Brüder gingen mit ihm über den Fußballplatz. Das Spiel wurde unterbrochen, die Spieler senkten respektvoll die Köpfe, bis alle vorbeigelaufen waren. Mann! Das würden die nicht mal machen, wenn die Bürgermeisterin dieser irren Stadt hier höchstpersönlich vorbeikäme.

Jonah und McKay schoben sich wieder an mich ran. »Jetzt kannst du ja Cola kaufen«, meinte Jonah.

»Und Erdnüsse«, ergänzte McKay.

»Nur wenn ihr mir helft, den Kram nach Hause zu schleppen.«

McKay und Jonah trugen jeder eine Tüte und folgten mir zum Supermarkt, wo ich zwei Literflaschen Cola und zwei Tüten Erdnüsse kaufte. Auf dem Mäuerchen vor dem Laden haben wir erst mal getrunken und gefuttert. Wir sahen Leute kommen und gehen. War ein gutes Gefühl, kaufen zu können, egal was wir wollten, aber dann hatte ich irgendwann so viel Cola intus, dass mir schlecht war. Ich musste mich echt hartnäckig gegen meine beiden Brüder wehren, weil sie jetzt auch noch Schokoriegel, Eis und Handyguthaben von mir wollten. McKay brachte gute Argumente vor, meinte, sein Dad hätte mir ja auch Chickenwings und Pommes spendiert, und jetzt würde ich mein Geld in der Tasche behalten.

Ich trank den Rest von der Cola, dann machte ich mich auf den Weg nach Hause. Jonah half mir, die Tüten schleppen, und McKay ging in der entgegengesetzten Richtung davon. Ich drehte den Schlüssel in der Wohnungstür und dachte möglichst nicht daran, was Manjaro gesagt hatte von wegen Krach mit meiner Schwester. Wird alles cool, sagte ich mir. Jerome braucht schließlich was Neues zum Anziehen. »Elaine!«, rief ich, als ich eintrat. »Ich hab was für dich!«

5
EIN DÄMLICHES ARSCHLOCH

»HÖR AUF RUMZUSCHREIEN, LEMAR.«Gran kam in den Flur. Mit einem Finger stocherte sie in Richtung von Elaines Zimmer. »Klopf an die Tür. Oder willst du Jerome wecken?«

»Wo ist Mum?«, fragte ich leise.

»Hast du dein Hirn heute nicht eingeschaltet, Lemar? Weißt du nicht, dass Samstag ist? Sie ist bei der Arbeit. Müsste eigentlich schon auf dem Nachhauseweg sein.«

Ich hatte gehofft, dass Mum da sein würde. Ich wollte ihr zeigen, dass ich was für Jerome mitgebracht hatte. Zwar hatte ich die Klamotten nicht selbst gekauft, aber immerhin lieferte ich sie ab. Wer weiß?, dachte ich. Vielleicht versuchen Manjaro und Elaine es danach noch mal auf diplomatischem Wege und vertragen sich wieder. Manjaro hat recht. Ein Dad muss im Leben seiner Kinder vorkommen. Das wird Elaine einsehen.

Als ich an ihre Tür klopfte, war ich eigentlich ganz zuversichtlich.

»Komm rein«, rief Elaine.

Sie saß auf dem Bett, schaukelte Jerome in den Schlaf. Ein jamaikanisches Kopftuch zierte ihre Stirn und ihr Afro schien direkt da rauszuwachsen. Wenn sie grinste, wurden die Grübchen in ihren Wangen tiefer. Aus Elaines Gettoblaster kam leise »New Me Dawning« von Tasha’s World – sie glaubte, entspannte Grooves würden Jerome beim Einschlafen helfen. Sie berührte Jeromes Lippen mit dem rechten Zeigefinger. War ein gutes Gefühl, sein Onkel zu sein. »Ich hab was für ihn«, sagte ich.

»Was denn?«, fragte Elaine, schaute dabei aber weiter Jerome an.

»Steht draußen im Flur.«

»Kannst du mir nicht sagen, was es ist?«

»Komm und sieh’s dir an.« Ich grinste.

»Verschwende bloß nicht meine Zeit, Lemar. Ich muss noch Jeromes Fläschchen spülen, seine Klamotten waschen und mir die Haare machen.«

»Ich verschwende deine Zeit schon nicht, Sis.«

Sie ließ die Tür offen und kam mit mir raus in den Flur.

»Alles für Jerome«, sagte ich stolz und zeigte auf die Tüten.

Elaine stemmte die Hände in die Hüften und verlagerte ihr Gewicht auf ein Bein. Ihre Augen sprühten Funken. »Woher hast du das Geld, Lemar?«

Meine Zuversicht schwand. »Ich … ich hab Manjaro im Park getroffen. Er wollte ein paar Sachen für Jerome besorgen …«

Elaine erstarrte. »Spinnst du, Lemar? Ich kann den Scheiß nicht annehmen! Das weißt du doch!«

»Elaine! Wieso benutzt du solche schmutzigen Wörter hier zu Hause?«, schimpfte Gran und kam aus der Küche.

»Ich … ich wollte nur helfen«, erklärte ich.

»Damit hilfst du nicht!«, fuhr Elaine mich an. »Du weißt, dass ich mit ihm nichts zu tun haben will, und dann schleppst du Sachen für Jerome hier an? Hast du sie noch alle? Hat dir jemand ins Gehirn geschissen oder was …«

»Jetzt reicht’s!«, sagte Gran. »Und hör auf mit den Schimpfwörtern, sonst platzt mir der Kragen! Lemar wollte bloß helfen.« Sie ging an die Tüten und sah sie durch.

»Dann erklär du diesem schwachsinnigen Vollpfosten, dass ich nichts von meinem Ex haben will. Du hast keine Ahnung, was ich wegen diesem Geisteskranken durchgemacht hab.«

»Aber ich …«

Bevor ich den Satz beenden konnte, schlug Elaine mir auf den Arm. »Manchmal hast du echt den Verstand verloren, Lemar! Bring ihm die Tüten zurück und sag ihm, dass ich sie nicht will! Sag ihm, den Kram kann er sich hinschieben, wo die Sonne niemals scheint! Hast du verstanden? Und jetzt geh mir aus den Augen!«

Genau in diesem Moment öffnete sich die Wohnungstür und Mum kam rein, schaute von einem zum anderen. »Was ist denn hier los? Elaine! Ich hab dich bis unten schreien hören …«

»Sag deinem bescheuerten Sohn, er soll keine Sachen von meinem Ex hier anschleppen! Ich kann nicht glauben, dass er das gemacht hat!«

»Du hörst jetzt auf zu schreien, Elaine, sonst fängst du eine«, warnte Mum sie und zog den Mantel aus.

»Beruhigt euch erst mal alle«, sagte Gran, hob beschwichtigend die Hände. »Jetzt wird nicht mehr geflucht.« Allmählich standen zu viele Leute im Flur. Plötzlich verspürte ich das dringende Bedürfnis, in mein Zimmer zu flüchten.

Dann hörten wir alle, wie Jerome zu schreien anfing. »Siehst du, was du gemacht hast, Lemar?«, brüllte Elaine mich an. »Manchmal bist du echt ein verdammt dämliches Arschloch von einem Bruder!«

»Wenn du weiter so redest, kannst du dir eine andere Wohnung suchen!«, explodierte Mum.

»Ich kann’s nicht abwarten! Meinst du, ich bin gerne hier? Vielleicht erziehe ich Jerome ja besser als du uns!«

Elaine tobte davon, um nach Jerome zu sehen. Mum blieb im Flur stehen, schüttelte den Kopf. Dann durchbohrte sie mich mit den Augen. Gran verschwand in die Küche. »Wieso musstest du dich mit Manjaro einlassen?«, fragte Mum. So wie sie mich ansah, war es ganz egal, was ich antwortete. Sie gab sowieso mir an allem die Schuld.

»Elaine mault immer rum, dass sie kein Geld hat, um Jerome Klamotten zu kaufen, und als Manjaro kam und …«

»Wir brauchen sein Geld nicht«, fiel mir Mum ins Wort.

»Aber …«

»Aber gar nichts, Lemar! Du hast deine Schwester wütend gemacht und Jerome schreit hier alles zusammen. Ich hab den ganzen Tag gearbeitet, und nicht mal in meiner eigenen Wohnung hab ich meine Ruhe! Weißt du eigentlich, wie müde ich bin?«

»Ich wollte nur helfen …«

»Geh mir aus den Augen, Lemar! Verschwinde in dein Zimmer und zeichne was oder so! Ich hatte einen langen Tag, mir tun die Füße weh und ich brauch das nicht!«

Ich ging in mein Zimmer, knallte die Tür hinter mir zu und ließ mich aufs Bett fallen.

»Wenn du die Tür kaputt machst, brech ich dir die Knochen!«, schrie Mum aus dem Flur.

Was ist bloß los mit dieser scheiß Familie?, dachte ich. Wieso bin immer ich an allem schuld? Wieso kapieren meine Mum und meine Schwester nicht, dass ich Jerome nur was Gutes tun wollte? Ich bin vierzehn, verdammt noch mal!! Wieso reden alle mit mir, als wäre ich ein kleines Stück Scheiße? Wenn Elaine den Kram nicht will, soll sie ihn selbst zu Manjaro zurückbringen. Ich mach’s jedenfalls nicht!

Über eine Stunde rührte ich mich nicht, ignorierte den Essensgeruch und das Besteckklappern, obwohl mein Magen allmählich knurrte. Ich starrte nur an die Decke und dachte, was für ein verkorkstes scheiß Leben ich lebte. Sobald es Ärger gab, zeigten alle mit dem Finger auf mich. Wenn ich nicht hier wäre, wem hätten sie dann die Schuld gegeben?

Schließlich klopfte es an meine Tür und ich stand vom Bett auf. Ich wusste, dass es Gran war, weil Elaine oder Mum gar nicht erst anklopfen würden. Sie brachte mir einen Teller mit einer großen Portion Karottenkuchen. »Wir hatten alle schon ein Stück«, sagte Gran. »Ich will nur sicher sein, dass du deins auch bekommst.«

»Danke, Gran.«

Ich biss zweimal in den Karottenkuchen und Gran setzte sich neben mich. »Elaine meint das nicht so, wie sie’s sagt«, erklärte sie. »Sie hat’s nicht leicht – Jerome ganz alleine großziehen und eine Wohnung beantragen. Außerdem ist sie ein kluges Mädchen. Sie sollte was aus sich machen, aber seit Jerome auf der Welt ist … na ja, sie hat’s jedenfalls nicht leicht. Weißt du noch, wie wir gefeiert haben, als Elaine ihre Prüfungsergebnisse bekommen hat?«

»Ja, Mum und du seid mit uns in den Cheesecake-Laden um die Ecke an der Crongton High Street gegangen. Trotzdem muss sie ihren Scheiß nicht an mir auslassen. Mum und Elaine lassen immer alles an mir aus! Ich hab Elaine nicht gebeten, sich schwängern zu lassen und die Schule zu schmeißen! Und ich bin auch nicht schuld dran, dass Dad abgehauen ist.«

»Nein, bist du nicht«, gab Gran mir recht. »Alle haben Stress. Ist nicht leicht.«

»Deshalb hab ich die Tüten von Manjaro angenommen«, sagte ich. »Und ich finde immer noch nichts Schlimmes dabei, Gran. Aber was krieg ich dafür? Elaine beschimpft mich und Mum stellt sich auf ihre Seite. Sie ist immer auf ihrer Seite.«

»Nein, das ist sie nicht, Lemar.«

»Doch, ist sie wohl! Hast du nicht gehört, wie sie geflucht hat? Und was macht Mum? Nichts! Hätte ich mich das getraut, hätte sie mir den Reistopf über den Schädel gezogen!«

»Iss deinen Kuchen, Lemar. Morgen geht’s dir besser.«

Gran legte mir eine Hand auf die Wange, lächelte und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. Dann ging sie raus und ich futterte erst mal.

Der Karottenkuchen war gut. Als ich aufgegessen hatte, legte ich das Geld, das nach der Cola und den Erdnüssen noch übrig war, in den Schuhkarton in meinem Schrank. Immerhin wusste ich jetzt, was Manjaro mit »Unannehmlichkeiten« gemeint hatte.

6
KRIEG IN CRONGTON

AM NÄCHSTEN MORGEN WACHTE ICH um 6.45 Uhr auf und es ging mir nicht besser. Ich dachte, dass ich vielleicht Dad fragen sollte, ob ich eine Weile bei ihm wohnen durfte, aber hätte ich davon auch nur andeutungsweise angefangen, wäre Mum abgegangen wie ein Tornado, der verstopfte Kloschüsseln aus der Verankerung reißt. Ich machte den Fernseher an und merkte, dass mein Handy blinkte. Ich nahm es und sah eine SMS von Jonah. Wieso schickt der mir so früh schon Nachrichten? Ich öffnete sie.

South Crong im Wareika Way ermordet. Bullen haben alles abgesperrt. McKay ist unterwegs. Treffen uns dort.

Scheiße! Es geht los. Wareika Way war nicht weit vom Park entfernt. Größtenteils bestand er aus vierstöckigen Wohnblocks, nur am Anfang und am Ende standen fünfzehnstöckige Hochhäuser. Eigentlich kam es dort nicht häufig zu Messerstechereien oder sonstigem Ärger, weil Manjaro die Gegend kontrollierte. Die meisten, die da wohnten, gehörten zu Manjaros Crew, deshalb war ich auch so geschockt, dass es den Bruder ausgerechnet dort erwischt hatte. Ich antwortete Jonah.

Bin unterwegs

Ich wusch mich in Windeseile, zog mich an, und als ich am Wareika Way eintraf, fuhr gerade der Krankenwagen davon, aber nicht besonders schnell und die Sirene war auch nicht eingeschaltet. Die Bullen hatten die ganze Straße abgesperrt, aber an beiden Enden hatten sich Menschentrauben gebildet. Leute ungefähr im selben Alter wie meine Mum standen in ihren Morgenmänteln da. Ich hörte eine Frau weinen, konnte sie aber nicht sehen. Andere starrten aus den Fenstern, und ein paar Brüder standen auf Mauern oder waren an Laternenmasten hochgeklettert. Alle beobachteten sie die Typen von der Spurensicherung in ihren weißen Overalls. Einige von denen hatten sogar Gesichtsmasken übergezogen. Wär’s keine Messerstecherei gewesen, hätte man auch denken können, irgendeine fiese leberzerfressende Pest hätte Crongton heimgesucht. Die Bullen untersuchten jeden Zentimeter. Sie hatten kleine Pinselchen und Plastiktütchen in den Händen, und insgeheim dachte ich, dass ich den Boden lieber nicht so genau unter die Lupe nehmen würde, weil ich mindestens eine Million Typen da schon hatte hinpissen und hinrotzen sehen. Mir schoss in den Kopf, dass der Tatort ein gutes Motiv für eine Skizze oder ein Gemälde gewesen wäre.

Dann entdeckte ich McKay und Jonah am anderen Ende vom Wareika Way, ich musste also noch mal ganz außen rum, um zu ihnen zu kommen. Als ich dort war, schoben uns die Bullen noch mal ein Stück weiter zurück.

»Zurücktreten, bitte, bitte, weiter zurück«, sagte einer von ihnen und hielt die Hände ausgestreckt vor sich. »Das ist ein Tatort.«

In Augenblicken wie diesen hasste ich es wirklich, so klein zu sein. Ich sah nur Schultern und Köpfe vor mir.

»Das war Nightlife«, flüsterte McKay mir ins Ohr. »Durchlöchert wie ein Sieb. Die haben ihm sogar ein Stück vom Ohr abgerissen – typisch für die North Crongs. Patricia Byrne, die da oben im vierten Stock wohnt, hat gesagt, da sind Sturzbäche von Blut in den Gully gelaufen.«

»Du meinst, den großen Weißen, der immer amerikanische Footballtrikots anhatte?«

»Genau den.« McKay nickte. »Stand auf die Washington Redskins. Vor ein paar Jahren hat ihm sein Dad einen Redskins-Helm zum Geburtstag geschenkt, kurz bevor er auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.«

»Nightlife war einer von Manjaros besten Kumpels«, meinte Jonah.

»Wieso wurde er so genannt?«, fragte ich.

»Weil er nachts immer raus ist. Seine Mum hat ihm nicht erlaubt, in der Wohnung zu kiffen«, erwiderte McKay.

»Und deshalb wussten die auch, wo sie ihn kriegen«, flüsterte ich.

»Genau«, erwiderte McKay. »Vielleicht haben ihn die North Crongs schon eine Weile beobachtet. Die Kacke wird so was von überkochen. Manjaro muss sich ernsthaft was einfallen lassen. Überleg dir das mal: ein North-Crong auf South Crong-Gebiet – im Wareika Way –, und dann macht er einen South Crong alle? Genauso gut hätten sie Manjaro persönlich aus einem Hubschrauber raus auf den Kopf kacken können.«

Ich sah mich um und entdeckte nur einen South Crong mit einer blauen Basecap. Er machte irgendwas mit seinem Handy.

»Wahrscheinlich werden die Bullen überall rumfragen«, sagte McKay. »Halt bloß dicht, wenn die bei euch auf der Matte stehen.«

»Ich weiß eh nichts«, erwiderte Jonah.

Wir verzogen uns wieder in Richtung unserer Blocks und fragten uns, wie’s jetzt weitergehen würde in diesem South-Crong-North-Crong-Krieg. Als wir eine Abkürzung durch eine schmale Gasse nahmen, fing McKay zu mosern an, weil er noch nichts zum Frühstück gehabt hatte.

Ich weiß nicht warum, aber ich hatte das Gefühl, dass uns jemand folgte. Um mich zu vergewissern, schaute ich mir drei Mal über die Schulter, aber da war keiner.

»Was ist los mit dir, Bit?«, fragte McKay. »Glaubst du, die Bullen sind dir auf den Fersen?«

»Nein«, erwiderte ich. »Hab nur kurz gedacht, es wäre jemand hinter uns.«

Jonah drehte sich auf der Stelle um, schaute hier- und dorthin. Ich hatte immer noch so ein komisches Gefühl und dachte, dass es Jonah und McKay genauso ging, auch wenn sie sich’s niemals anmerken lassen würden.

»Kein Wunder, dass du Paranoia schiebst«, sagte McKay. »Ich kann’s auch kaum glauben, dass die Nightlife auf South-Crong-Gebiet abgestochen haben. Manjaro poliert bestimmt schon seine Kalaschnikows und schnallt sich Granaten vor die Brust. Würde mich nicht wundern, wenn der Flugabwehrraketen und so einen Scheiß hat. Wisst ihr, solche, wie die arabischen Brüder hinten auf die Ladeflächen von ihren Lastern bauen.«

Jonah und ich schüttelten die Köpfe und verdrehten die Augen.

Wir bogen in einen schmalen Weg hinter einer Reihe von kleinen Häusern ein. Die Hinterhöfe waren kaum größer als Hobbithöhlen. Überall hingen Schilder mit »Achtung bissiger Hund« an den Toren, obwohl ich wusste, dass viele gar keine Hunde hatten.

»Keine Ahnung, wie’s euch geht, aber auf mich warten ein paar fette Würstchen, Speck, Bohnen und gebratene Tomate«, sagte McKay. »Das muss ich mal eben schnell mit Mango- und Ananassaft runterspülen. Also gehabt euch wohl und lasst euch nicht abstechen.«

McKay joggte davon, während Jonah und ich um die nächste Ecke bogen. Rumms! Fast wären wir gegen Manjaro gedonnert. Mein Rückgrat erstarrte zum Eiszapfen. Mit dem Rücken zur Wand stand er da. Alleine. Eine Sekunde lang dachte ich, er wäre uns gefolgt. Nee, aber wieso sollte er mir nachlaufen? Er trug ein schwarzes T-Shirt und schwarze Schweißbänder an den Handgelenken. Die Morgensonne glänzte auf seinem rasierten Schädel. Er schaute in den Himmel, als würde er sich eine böse alttestamentarische Rache ausdenken. Ich sah Jonah an, und einen Augenblick lang war er starr vor Angst, dann machte er kehrt und rannte los, als hätte er gerade erfahren, dass einer aus der Siebten sein Lieblings-PS3-Spiel konfisziert hatte.

»Wieso haut dein Bro ständig ab?«, wollte Manjaro “wissen. »Ich tu ihm doch nichts.«

»Der ist ein bisschen nervös«, sagte ich.

»Verständlich.« Manjaro nickte. Er richtete den Blick nach Osten, dann nach Westen, misstrauisch gegenüber jedem, der ihn zur Kenntnis nahm. Ich spürte mein Herz in meiner Kehle poltern. »Ich hab dich im Wareika Way gesehen.«

»Wir … wir haben gehört, was passiert ist«, brachte ich heraus.

»Nightlife … das war ein loyaler Bruder«, sagte Manjaro. Seine Stimme war schwer vor lauter Trauer. Sein Tonfall überraschte mich. »Wenn ein Bruder in der Scheiße gesessen hat, war er immer der Erste, der angerannt kam, um zu helfen, hast du kapiert? Der hat nicht gezögert, Renegaten an die Wand zu drücken.«

»Rene … was? Klar, kapiert… tut mir leid, du weißt schon, tut mir echt leid.«

»Das weiß ich zu schätzen, Kleiner, ja wirklich. Ich werde mich um seine Familie kümmern, weißt du, denen was spenden. Die brauchen es, sein Dad hat sich schon lange verpisst. Keine Ahnung, wieso er die einfach hat sitzen lassen.« Pause. »Ich will, dass du mir einen Gefallen tust.«

»Ich?«

Ich hoffte, dass es was Leichtes sein würde, wie zum Beispiel Eis aus dem Laden holen. Aber irgendwie wusste ich schon, dass es das nicht war.

»Ja, du«, sagte er. »Ich hab das Gefühl, ich kann dir vertrauen. Du bist ehrlich.«

Ich stellte mir Elaine und Mum vor, wie sie mich beschimpften, aber schließlich konnte ich meine eigenen Entscheidungen treffen, oder? Außerdem war egal, was ich machte, die beiden hassten mich sowieso.

»Was soll ich machen?«, platzte es aus mir heraus.

»Bloß wo hingehen und was abholen«, erwiderte Manjaro. »Kein großes Ding, aber wenn du mir den Gefallen tust, spende ich dir was.«

Ich fragte mich, wie viel das sein würde. Wenn ich noch öfter was für Manjaro erledigen könnte, wäre vielleicht außer den neuen Sneakern auch noch ein neues Adidas-Trikot drin. Gar nicht so schlecht, oder? Nur eine kleine Besorgung, dann konnte ich mir neue Klamotten kaufen. Vielleicht würde Venetia mich dann endlich mal zur Kenntnis nehmen. »Ist es weit?«

»Nein, ungefähr zwanzig Minuten zu Fuß hinter den alten Fabriken. Nicht weit von Crong Village.«

»Und soll ich heute da hin?«

»Nein, nicht heute. Heute trauern wir um Nightlife und in den nächsten Tagen auch noch. Gib mir deine Handynummer, dann bekommst du einen Anruf, wenn das Ding abgeholt werden muss.«

Muss ich wirklich meine Nummer rausrücken? Und wenn er mich zu Hause anruft, wenn Elaine da ist? Von jetzt an stell ich mein Handy lieber auf lautlos.

»Was ist es denn?«, wollte ich wissen.

»Kein großes Ding«, sagte Manjaro schulterzuckend. »Ich würd’s selbst holen, aber sobald ich das Viertel hier verlasse, hab ich die Bullen an den Fersen. Du weißt doch, wie das ist, wenn die einen anhalten und durchsuchen, die ganze Scheiße, hast du kapiert? Jetzt wo Nightlife tot ist, wird’s noch schlimmer – der wusste, was es bedeutet, ein wahrer Bruder zu sein. Ich will mich nicht mit den Bullen anlegen, solange ich um Nightlife trauere.«

»Kann ich verstehen«, erwiderte ich.

»Und du hast doch noch nie Ärger mit den Bullen gehabt, oder? Wenn du was rumschleppst, dann doch meistens deine Schultasche und deine Zeichnungen, oder?«

»Ich und Ärger? Meine Mum würde mir so die Ohren lang ziehen, das würdest du noch am anderen Ende von Crongton hören.«

Manjaro grinste, aber kurz danach war sein Gesicht wieder wie Beton.

Ich gab Manjaro meine Nummer. Ich fand’s komisch, dass er sie sich aufschrieb und nicht in sein Telefon einspeicherte.

»Du hörst von uns«, sagte er.

»Okay«, sagte ich.

Dann schob er sich die Hände in die Taschen und verzog sich. Ich sah ihm nach, bis er um eine Ecke bog, und fragte mich, ob es richtig gewesen war, ihm meine Nummer zu geben. Gar kein Ding, fand ich. Wahrscheinlich soll ich ein paar Sneaker oder so was bei einer Freundin abholen – McKay schätzt, Manjaro hat in ganz Crongton an die sechs Ladys verteilt. Wahrscheinlich war das auch der Grund, weshalb meine Schwester ihn abgesägt hatte.

7
KURIERDIENST

DIE NÄCHSTEN FÜNF TAGE VERGINGEN, ohne dass ich was von Manjaro hörte. Allerdings umso mehr von Mum und Elaine. Sie meckerten, weil ich vergessen hatte, den Flur und die Küche zu wischen, schimpften, weil ich den Abfall am Montag nach dem Essen nicht runtergebracht hatte, und brüllten mich an, weil ich drei Gläser Ribena getrunken und die Flasche leer gemacht hatte. Am Dienstagabend nahm Mum mir den Fernseher weg, weil ich zurückgemotzt hatte, als sie mich einen »kleinen Gierschlund, der immer nur Geld will« geschimpft hatte. Dabei hatte ich es nur gewagt, sie um ein paar Pfund für einen Haarschnitt zu bitten.

Ich fing ein neues Bild an. Ich hatte noch genau im Kopf, wie die Bullen am Tatort ermittelten, und zeichnete die Blocks im Wareika Way mit den Leuten an den Fenstern. Gran kam ab und zu in mein Zimmer und schaute schweigend zu, wie ich zeichnete, und wenn sie aufstand und wieder rausging, sagte sie immer: »Weiter so, Lemar. Gott hat dich mit Talent gesegnet.«

Mum und Elaine nahmen es nicht mal zur Kenntnis.

Am Mittwochabend, als ich die Menschenmenge dazu zeichnete, hörte ich mein Handy piepen. Es war kurz nach sieben und ich dachte, Jonah oder McKay würden mir eine SMS schicken – dass Manjaro was von mir wollte, hatte ich schon vergessen. Ich öffnete die Nachricht.

Ware abholen in der Crongton Lane 269 – 20 Uhr

Von wem die Nachricht kam, wurde nicht angezeigt. Keine Ahnung, was das war, aber irgendwas in mir prickelte vor Aufregung. Ich sah auf meinem Handy nach der Uhrzeit. 19.10 Uhr. Dann las ich die Nachricht noch einmal. Soll ich sie ignorieren? Vielleicht sollte ich Manjaro sagen, dass ich schon schlief? Nee, das kauft er mir nie ab. Wieso hab ich jetzt Schiss? Er will doch nur, dass ich was abhole, und dafür krieg ich was. Genau. Ich gehe. Die Crongton Lane ist auch gar nicht so weit.

Ich ging ins Wohnzimmer. Gran glotzte irgendeine Talkshow, und Mum hatte sich auf dem Sofa zusammengekauert und pennte. »Ich … ich geh rüber zu McKay. Ich … brauch Hilfe bei den Mathe-Hausaufgaben.«

»Macht aber wirklich Hausaufgaben und verschwendet nicht eure Zeit mit der blöden Playstation«, sagte Gran. »Und sei vorsichtig da draußen.«

»Klar Gran, wir lernen.« Ich hob die Stimme ein bisschen, hoffte, dass Mum mich hören würde. »Mum! Ich geh zu McKay. Bis später!«

»Glaubst du, ich steh im zehnten Stock?«, erwiderte Mum und öffnete schläfrig ein Auge. »Hab’s schon beim ersten Mal gehört. Jetzt lass mich schlafen.«

Ich ging noch mal zurück in mein Zimmer, holte tief Luft und zog meine Sneaker an. Wer wohl dort sein würde? Einer, den ich kannte? Vielleicht jemand von ganz oben aus Manjaros Crew. Was sollte ich holen? Ich musste zugeben, dass ich ganz schön Angst im Bauch hatte, aber ich fand’s auch echt aufregend. Manjaro bittet mich um einen Gefallen, und er wird mir was spenden. Ich setzte mich auf mein Bett, dachte über die Vor- und Nachteile der Situation nach.

Als ich eine Viertelstunde später das Haus verließ, sah ich mich immer wieder um, dachte, dass mir Mum oder Gran vielleicht hinterhergingen. Ich kam vorbei an dem kaputt randalierten Jugendklub, wo mein Dad früher immer gewesen war, und an der alten verfallenen Fabrik, in der jetzt Penner übernachteten. Immer weiter Richtung Central Crongton.

Fünfzig Meter vor der High Street ging die Crongton Lane links ab. Vor den Häusern führten Betonstufen zu breiten Haustüren hinauf und in einigen Häusern standen Billardtische im Keller. BMWs, Mercedesse und andere schweineteure Autos parkten in den schräg eingezeichneten Lücken. Ich hörte kein irres Geschrei aus den Häusern, wie bei uns im Block.

Ich suchte die Hausnummer. Zweihunderteinundfünfzig, zweihundertdreiundfünfzig, ich blieb stehen. Noch kann ich mich umdrehen und nach Hause verschwinden, dachte ich. Ich muss das nicht machen. Ich bin sicher, Manjaro findet auch einen anderen Bruder, der ihm holt, was er haben will. Aber, hey-ho, ich brauchte ein paar neue Sneaker und ich hatte keine Lust, mich noch mal mit meiner bekloppten Frisur vor Miss Fitness Venetia King blicken zu lassen. Ich brauchte unbedingt einen Haarschnitt. Zweihundertsiebenundfünfzig, zweihundertneunundfünfzig. Ich holte tief Luft und joggte den Rest des Weges. Zweihundertneunundsechzig. Langsam stieg ich die Stufen hinauf und las noch mal die Adresse vom Handydisplay ab. Ich war da. Zehn Sekunden lang stierte ich auf die Türklingel, als wär’s eine Sprengkapsel. Aus irgendeinem Grund fielen mir lauter alte Zeichentrickfilme mit irren Explosionen ein. Wile E. Coyote, der den Road Runner jagt und sich dabei aus Versehen selbst in die Luft sprengt. Den mochte mein Dad immer am liebsten, glaube ich. Dann schloss ich die Augen und klingelte.

Sekunden später ging drinnen Licht an. Ich stieg eine Stufe runter. Etwas Feuchtes und Kaltes lief mir den Rücken runter. Durch die Milchglasscheibe sah ich einen Schatten auf mich zukommen. Die Tür ging auf und ein weißes Mädchen, ungefähr neunzehn Jahre alt, stand vor mir. Sie hatte die Haare zum Pferdeschwanz zurückgebunden und trug ein ausgeleiertes blaues T-Shirt und eine blaue Trainingshose. An den Handgelenken blaue Schweißbänder. Nichts an den Füßen. Ihre krummen Zehen sahen aus, als hätte sie versucht, barfuß in Eierbechern zu laufen.

»Bit?«, fragte sie.

Ich nickte.

»Gib mir dein Handy«, verlangte sie.

»Wieso?«

»Gib mir einfach dein scheiß Handy!«, beharrte sie.

Ich gab ihr mein Handy. Sie nahm es mir ab, markierte meine Nachrichten und löschte alle. Dann gab sie’s mir wieder und sagte: »Warte hier.«

Ein eiskalter Dämon trieb in meinem Blutkreislauf. Sie schloss die Tür und ich sah ihren Schatten im Haus verschwinden. Zwei Minuten später kam sie mit einem braunen Päckchen, das mit braunem Paketband zugeklebt war, wieder raus. Ungefähr so groß wie mein Schuhkarton im Schrank, aber nicht ganz so hoch. Dann gab sie mir einen zusammengefalteten Zettel. Ich faltete ihn auseinander und erkannte eine Adresse in meiner Siedlung. »Remington House 9?«, fragte ich.

Das Mädchen nickte. »Deine Spende«, sagte sie und zog einen frischen Zehner aus der Hosentasche.

»Danke.«

»Bring’s dorthin, jetzt«, verlangte sie. »Geh nicht erst nach Hause oder sonst wohin. Hast du kapiert?«

»Kapiert.«

»Gib mir den Zettel wieder«, befahl sie.

Ich las noch mal die Adresse, dann gab ich ihn ihr zurück. Sie riss den Zettel in winzige Fetzen und zerknüllte sie in der Faust.

»Denk dran«, sagte sie und hielt mir den rechten Zeigefinger vor die Nase. »Geh jetzt da hin, wenn du da bist, kriegst du noch eine Spende. Die wissen, dass du kommst.«

Ich fragte mich, wer die waren.

Sie machte die Tür zu, bevor ich weitere Fragen stellen konnte. Eine Weile blieb ich stehen, betrachtete das Päckchen. Es war sehr sorgfältig zugeklebt, als wäre was Wertvolles drin. Scheiße! Auf was hab ich mich da eingelassen? In dem Päckchen konnten Drogen sein, Munition oder sonst was. Vielleicht sollte ich es zurückgeben und das Geld auch? Andererseits weiß ich nicht, was die Schwester mit mir macht oder jemand anderen mit mir machen lässt. Wahrscheinlich ist sie eine ganz große Nummer in Manjaros Crew. Und ich bin bloß ein kleiner Hosenscheißer, dachte ich. Was richtig Überkrasses würden die mir doch gar nicht anvertrauen.

Das Päckchen war so schwer wie mehrere Schulbücher, vielleicht drei, ich würde das bloß durchziehen können, wenn ich nicht drüber nachdachte, was drin war.

Ich drehte mich um und sprang die Stufen runter, nahm zwei auf einmal. Remington House war der Block hinter dem von McKay. Ich vermutete, dass es eine Erdgeschosswohnung war, wegen der Nummer neun. Vielleicht würde ich auf dem Heimweg noch mal bei McKay reinschauen.

Halb joggte ich zu meiner Lieferadresse, fragte mich, wer wohl da sein würde. Vielleicht Manjaro selbst? Oder eins seiner Mädchen. Elaine hatte nicht allzu viel darüber verraten, wo sie sich mit Manjaro getroffen hatte, als sie noch mit ihm zusammen war. Jedenfalls mir nicht.

In fünfzehn Minuten war ich dort. Schweiß rann mir über die Schläfen. Ich wartete, bis ich wieder normal atmete, dann klopfte ich an die lackierte Holztür und drehte mich um, aber es war niemand in der Nähe. Oben hörte ich einen Hund bellen, und einer der Nachbarn hatte den Fernseher viel zu laut laufen, aber das war ganz normal in South Crongton. Zwei Minuten wartete ich, ohne dass jemand kam. Ich checkte die Nummer an der Tür. Neun. Ich klopfte noch mal, dieses Mal lauter.

Eine Minute später hörte ich einen Schlüssel im Schloss. Die Tür ging zehn Zentimeter weit auf. Ich hörte noch, wie sich der Spülkasten vom Klo wieder füllte. Das Gesicht eines Mischlingstypen von ungefähr zwanzig Jahren tauchte in dem Spalt auf. Seine Brust war breiter als der alte Kleiderschrank von meiner Gran und er hatte oberschwere Fäuste. Die blaue Cap saß verkehrt rum auf seinem Kopf und in seinem Mund blinkte ein einzelner Goldzahn. Mein Herz trommelte ein Solo.

»Bist du Bit?«, fragte er.

»Ja«, erwiderte ich.

Er drehte den Kopf. »Bit ist da!«, schrie er.

»Lass den Bruder rein!«, schrie jemand zurück.

Der Schwergewichtler ließ mich rein, musterte mich dabei mit einem Blick, als wäre ich eine unerwünschte Fliege. Dann zeigte er den Flur entlang. »Hinten rechts«, wies er mich an.

Lackierter Holzboden. Ich schwitzte schon, weil ich mir die Füße nicht abgewischt hatte. Schwarz-Weiß-Fotos von Filmstars hingen an den Wänden. Irgendein Putzmittel oder Raumspray kitzelte mir in der Nase. Ich ging vorbei an einer leeren Küche und bog in ein Wohnzimmer ab, aber da war niemand. Ein großer Flachbildfernseher hing an der Wand und ein Nachrichtensprecher berichtete bei runtergedrehter Lautstärke über den Nahen Osten. Auf dem Boden lag ein dreiteiliger schwarzer Lederanzug, bildete einen Halbkreis neben einem langen Tisch mit aufgezeichnetem Schachbrett. Die Figuren waren aus Glas oder irgendeinem durchsichtigen Plastik und mir fiel wieder ein, wie mein Dad mal versucht hatte, es mir beizubringen.

»Setz dich«, sagte eine Frauenstimme.

Ich drehte mich um und sah ein braunhäutiges Mädchen von ungefähr einundzwanzig Jahren, vollkommen blau angezogen und mit großen goldenen, pyramidenförmigen Ohrringen. Sie war so hübsch wie ein Bond-Girl.

Ich tat, wie mir geheißen, hielt immer noch das Päckchen fest in beiden Händen.

»Willst du was trinken?«, fragte das Mädchen. Wahrscheinlich hatte sie die Schweißtropfen auf meiner Stirn gesehen.

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Дата выхода на Литрес:
02 октября 2024
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270 стр. 1 иллюстрация
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9783956142451
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