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Alex Mann

Coronagangster

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Coronagangster

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Alex Mann

Coronagangster

Alex Mann

Coronagangster

Thriller


Texte: © 2020 Copyright by Alex Mann

Umschlag: © 2020 Copyright by Alexander Eisfeld

Verantwortlich

für den Inhalt: Alex Mann

Druck: neobooks – ein Service der Neopubli GmbH, Berlin

Coronagangster

Alex Mann

1

Einen Laden wie das Arizona hätte man nie im Keller des alten, etwas heruntergekommenen Neustädter Jugendstilhauses erwartet. Es war einem typischen amerikanischen Diner nachempfunden, mit knalligen grün-gelben Sitzbänken, die einen angenehmen Kontrast zu dem grellen Neonlicht abgaben, welches von den langen kastenförmigen Deckenstrahlern herableuchtete. Die Wände waren voll mit alten Reklametafeln, Nummernschildern, allen möglichen amerikanischen Souvenirs, die überall sonst kitschig gewirkt hätten, dem Laden aber ein gewisses Flair gaben. Und natürlich alte Kinoplakate und großformatige Fotos von Hollywoodstars. Charles Bronson als Vince Majestyk. Paul Newman als Hombre. Der Duke in irgendeinem seiner unzähligen Western. Clint Eastwood als Dirty Harry. Tim Olyphant als Raylan Givens. Es waren die Leinwandhelden des Besitzers, Frank Becker, der mit einer Flasche Radler in der Hand gelangweilt auf der Sitzbank an einem seiner Tische saß und auf jemanden wartete. Frank war Mitte vierzig, sein einst kastanienbraunes Haar war blasser und struppiger geworden, seine Haut trockener und faltiger. Er trug ein leichtes Jeanshemd, dass er sauber in seine braune Cordhose gesteckt hatte, deren weite Enden über ein paar abgewetzte Cowboystiefel gestülpt waren. Er passte gut zu diesem Laden, aber weder er noch sein Laden schienen in diese Stadt mit ihrem alten, barocken Charme zu passen, den man auf der anderen Seite der Elbe in Disneylandmanier neuaufleben lassen wollte.

Er hörte, wie die Tür geöffnet wurde und von allein wieder zuschlug, während weiche Gummisohlen die Treppe heruntertippelten. Ein Mann, der gute zehn Jahre jünger war als Frank, aber ohne Probleme auch für zwanzig Jahre jünger gehalten werden konnte, kam in den Raum, sah sich um, sah all die Stühle, die mit den Beinen nach oben auf den Tischen abgestellt waren, damit man darunter wischen konnte, sah die im Dunkel liegende Bar mit dem riesigen Spiegelregal voller Whiskyflaschen aller möglichen Sorten. Dieser junge Mann schien so gar nicht in den Laden zu passen. Eher in die Plastikwelt von Neu-Disneydresden mit seinem Hipsterdress, dem markenlosen Jackett, blassblauen Hemd, dem ein Bügeleisen gut getan hätte, der roten Hose und der ebenso markenlosen Kopie italienischer Schuhe, die nur dann gut aussahen, wenn sie frisch geputzt waren, was bei diesen hier schon eine Weile her war.

„Wie geht´s dir, Franky?“, fragte der junge Mann grußlos und schlenderte auf den Tisch zu.

Frank breitete die Arme aus. „Wie soll´s mir schon gehen? Ich hab` so viel Freizeit wie noch nie und hab` die besten Serien auf Netflix schon zwei Mal gesehen. Mir scheint die Sonne aus dem Arsch, Mann. Corona ist das Beste, was mir passieren kann.“

„Schon gut, Mann“, sagte der junge Kerl und zog sich den Stuhl zurecht, der am Kopfende des Tisches für ihn bereit stand. „War nur so ´ne Höflichkeitsfloskel. Kannst du mir vielleicht ´n Burger oder so was machen? Ich hab tierisch Kohldampf.“

„Was willst du, Seb?“

„´n Burger. Sagte ich doch.“

„Du kriegst jetzt keinen Scheiß-Burger. Weißt du, was mich der verdammte Laden kostet, Tag für Tag, nur weil er existiert? Miete, Versicherungen, Bereitstellungskosten für Strom und Wasser, obwohl ich nichts davon nutze.“

„Na dann nutz ihn doch und mach mir ´n Burger.“

„Du hast echt den Arsch offen, oder? Sobald ich die Küche anschmeiße, explodiert mein Energieverbrauch und das für ´nen Scheiß-Burger, den du als Freund wahrscheinlich auch noch umsonst-gratis haben willst?“

„Das ist doppelt gemoppelt?“

„Was?“

„Umsonst-gratis. Das sind zwei Worte, die das gleiche bedeuten.“

„Ja und die brauch´ ich, weil du´s beim ersten Mal anscheinend nicht raffst.“

„Also gibt´s keinen Burger?“

„Nein Mann!“, sagte Frank genervt.

„Kann ich dann wenigstens ´n Radler oder so haben? Durst hab` ich nämlich auch.“

Fluchend stand Frank Becker auf und ging zur Bar. Der junge Kerl hörte das Klappern eines Kühlschrankes, der anscheinend mit kleinen Flaschen vollgestopft war.

„Hast du vielleicht wenigstens was zu knabbern? ´n paar Erdnüsse oder so was, Frank?“

„Hast du Geld?“, fragte Frank hinter der Theke hervor.

„Nein, Mann.“

Der Kühlschrank wurde mit mehr Wucht, als notwendig war, wieder zugestoßen. Ein Zischen, als der Kronkorken von der Flasche gehebelt wurde und eine kleine Tüte Erdnüsse flog durch den Raum, klatsche vor Sebastian Hilbert auf den Tisch, rutschte über die lackierte Tischplatte und fiel ihm direkt in den Schoß.

„Bedien` dich“, sagte Frank Becker und kam mit zwei Radlerflaschen an den Tisch zurück. „Geht auf´s Haus.“

„Du bist zu großzügig.“

„Na an ´ner Scheißtüte mit Erdnüssen geh ich jetzt auch nicht pleite.“

„Dir geht´s dreckig, was?“

„Bist du gekommen, um mir was zu erzählen, was ich schon weiß?“, fragte Frank Becker genervt und leerte den Rest seiner ersten Flasche. „Der Laden lief richtig gut. Ich hatte schon einen Großteil meiner Küche abbezahlt, ich hatte ein Team zusammen, das brauchbar war und dann kam die verfickte Kung-Flu-Seuche.“

„Kung-Flu-Seuche?“

Frank Becker grinste breit. „Ja. Is´n Wortspiel. Kapierst du?“

Sebastian Hilbert überlegte einen Moment. „Ach so. Verstehe. Flu ist englisch für Grippe und Kung Flu, weil´s aus China kommt. Passt in den Laden. Guter Gag.“

„Ne. Scheißgag. Ich war schon oft pleite im Leben, aber gerade dachte ich, ich hab´s geschafft und könn´t mir ´ne schöne Rente aufbauen, da passiert so´n Scheiß. Ich hab ´n Arsch voll Schulden, die von Tag zu Tag wachsen, weil ich nicht einen Cent mehr einnehme und der Laden Kohle frisst und frisst.“

„Verkauf ihn doch.“

Frank seufzte schwer und nahm einen tiefen Schluck aus seiner neuen Flasche. „Ganz ehrlich? Ich hab` schon drüber nachgedacht. Das Problem ist, dass jetzt keiner ein Restaurant kauft und wenn, dann nur zu Dumpingpreisen. Statt großer hätt´ ich dann nur kleine Schulden. Aber wenn man nicht zahlen kann, ist´s letztlich scheißegal, ob man mit 200 oder 200.000 in der Kreide steht. Die Bank hat einen an den Eiern.“

„Was ist denn mit diesen ganzen staatlichen Hilfsprogrammen?“

„Die garantieren mir, dass ich nicht unter der Brücke leben oder verhungern muss, aber sie nützen mir einen Scheiß mit dem Laden.“

„Ehrlich? Ich hab´ mal gelesen, dass das gar nicht so wenig Geld ist, dass viele nur nicht die richtigen Summen abrufen, die ihnen zustehen.“

„Kann sein und weißt du, woran dass liegt? Weil´s hunderte Formulare gibt und keiner auf so einem Scheißamt, der einen eigentlich beraten soll, einem erklärt, was man machen muss. Sie erklären einem nur, dass man in die Zeile, wo Name steht, seinen Namen eintragen muss, als wäre man zu blöd zum Lesen. Aber wo, wann und wie ich vielleicht noch einen anderen Antrag besorgen kann, von dem ich nichts weiß, der mir aber helfen würde, dass wissen die Pfeifen nicht. Interessiert die ja auch nicht. Beamte werden ja schön weiter bezahlt.“

„Ja, die Welt ist ungerecht.“ Sebastian riss die Tüte auf, streute ein paar Erdnüsse auf den Tisch und fing an, sie zu essen.

„Und wie zum Hohn muss mir mein Nachbar das dumme Arschloch immer vorschwärmen, was für eine Chance ihm Corona doch bietet, weil er Zeit für die Kinder hat. Seine Frau ist Lehrerin im Elternurlaub, er ist freischaffender Künstler – also defacto schon immer arbeitslos – und jetzt machen sie sich jeden Tag einen Bunten, weil Sie für´s Nichtstun bezahlt wird. Sie fahren ins Gebirge, sie fahren in die Lausitz zum Baden oder nach Leipzig. Sie machen all das, was man noch machen darf, was – so schwärmt mir der Wichser immer vor – gar nicht mal so wenig ist. Er hat gerade ein tolles Leben, der Honk, und das Einzige, was bei mir weiterläuft, ist die Scheiß-Schuldenuhr. Jede Sekunde, die ich hier mit dir quatsche, nehmen meine Schulden zu. Ist wie mit dieser Scheiß-Anzeige, die dir zeigt, wie die Staatsschulden wachsen.“

„Wie groß sind denn deine Schulden?“

„Ich war mal runter auf vierzigtausend. Ein Klacks. In spätestens zwei Jahren wäre ich schuldenfrei gewesen und hätte noch jemanden eingestellt. Dann wäre ich nur noch zum Essen in meinen eigenen Laden gekommen. Jetzt haben sie sich mehr als verdreifacht. Müssten jetzt gute hundertfünfzigtausend sein. Aber wie gesagt, es wird sekündlich mehr. Am Ende des Quartals werden es um die hundertachtzigtausend sein. Aber das ist scheiß egal, weil ich keine Einnahmen hab`, weder für vierzig, noch für hundertachtzigtausend.“

„Wie lange hälst du noch durch?“, fragte Sebastian, holte eine angerissene Schachtel Zigaretten unter seinem Jackett hervor und ließ eine davon in seine linke Hand gleiten.

„Keine Ahnung. Schätze mein einziges Glück ist im Moment, dass die Scheiß-Banken nicht wissen, welchen ihrer vielen Gläubiger sie zuerst ins Grab bringen sollen. Theoretisch bin ich mit drei Raten im Rückstand, mein Dispo ist aufgebraucht und seit zwei Wochen bezahle ich meine Einkäufe durch meine Plattensammlung, die ich bei Ebay verhökere.“ Frank hielt inne und runzelte die Stirn, als Sebastian sich die Zigarette zwischen die Lippen schob und ein Feuerzeug hervorholte. „Ey, das ist ein Nichtraucherladen.“

„Ist doch eh grad´ keine Sau da“, sagte Sebastian und breitete die Arme aus, um die Leere des Raumes zu betonen.

„Ist mir scheißegal, ob jemand da ist, oder nicht, das ist mein Laden und hier wird nicht geraucht.“

„Ich will dir helfen Mann, da kannst du mich auch eine rauchen lassen.“

„Bisher trinkst du nur mein Bier, frisst meine Erdnüsse und klaust mir die Zeit.“

„Ach, hast du Termindruck?“

„Das geht dich ´n Scheiß an und jetzt pack die verdammte Fluppe weg. Ich bin kurz vor´m Explodieren und du bist grad dabei, mir ´n Grund zu liefern, meine Scheiß-Wut an dir auszulassen.“

„Okay, okay.“ Sebastian hob beschwichtigend die Hände, nahm die Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger der Rechten, hielt sie Frank vor das Gesicht und ließ sie demonstrativ in der Brusttasche seines Jacketts verschwinden. „Also wie gesagt, ich will dir helfen. Ich hab` da ´nen Freund, der bereit wäre, dir etwas Geld zu leihen.“

„Und was soll mir das bringen?“

„Naja, du könntest erst mal deine Raten bei der Bank abbezahlen und wärst bei denen aus dem Schneider. Könntest deine Miete bezahlen, den Strom und den ganzen Quatsch.“

Franks linkes Auge verzog sich zu einem schmalen Schlitz als er Sebastian Hilbert musterte. Sie waren keine guten Freunde. Sebastian war nicht der Typ guter Freund. Er war der Typ, der sich an andere ranhing, sie irgendwie kannte und ab und zu von seinen Bekanntschaften profitierte. Aber er war sicherlich kein selbstloser Freund und Helfer und diese Erkenntnis machte Frank misstrauisch.

„Und was soll das bitte für ein Freund sein? Ich hab` keinen Bock auf irgendwelchen illegalen Scheiß. Mit so was bin ich durch.“

„Ich denke, du brauchst dir da keine Sorgen machen. Mein Freund will etwas Geld anlegen. Gut, du zahlst ein bisschen mehr Zinsen, als bei ´ner Bank, aber du verschaffst dir Zeit. Ich meine, wie lang soll der ganze Coronakack noch gehen? Einen Monat, zwei?“

„Ich hab` das Gefühl, das hört nie wieder auf. Besonders für uns kleine Restaurantbesitzer. Erst erzählen sie uns, tut dies, tut das, kauft Wegwerfbesteck und schiebt die Tische auseinander, halbiert eure Kapazitäten und dann, wenn alles läuft und man alles arrangiert hat, um wenigstens ein bisschen Geschäft zu machen, heißt es, ´Sorry, die verfickten Zahlen gehen gerade wieder hoch, ihr müsst leider doch zu machen.` Zweihundert Arbeitsstunden musste ich bezahlen, um alles vorzubereiten, ich habe zwei Säcke voller Scheiß-Plastebesteck, ´nen beschissenen Luftfilter hab` ich gekauft, weil alle sagten, so was hilft und dann kommt so ‘n Scheißer vom Gesundheitsamt und sagt, ´Zumachen`.“

„Ja, ich kann mir vorstellen, dass das nervig ist.“

„´n Scheiß kannst du!“, sagte Frank genervt und leerte sein Radler.

„Ja, vielleicht kann ich´s auch nicht. Die Sache ist die, wenn jetzt auch noch deine Bank kommt, bist du fertig, Franky. Dann ist dein Laden nicht nur zu, sondern auch weg. Mit Hilfe meines Freundes verschaffst du dir Zeit. Ich sag nicht, dass die Lage dadurch soviel besser wird. Aber noch hast du ´ne Chance. Ich meine, denk mal weiter, dein Laden lief super, die Leute wollen alle wieder weiter leben, wie vorher. Sobald die Kacke vorbei ist, werden sie dir die Bude einrennen und dann kannst du das kleine Darlehen auch schnell zurückzahlen.“

Frank fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Ihm gefiel die Sache nicht. Wenn er eins in seinen siebenundvierzig Jahren gelernt hatte, dann dass Leute, die dir ihr Geld anboten, meist mehr zurückverlangten, als du bereit bist, zu geben. Eine Bank ist schon ein harter Geschäftspartner. Aber die nimmt dir wenigstens nur den Laden weg und bricht dir nicht die Beine.

„Was springt für dich dabei rum?“, fragte Frank.

Sebastian zuckte mit den Schultern. Er wollte lässig und cool wirken. Und das war das Problem. Er wollte lässiger und cooler wirken, als er war. Frank war sich sicher, dass er selber irgendwelche Probleme hatte. Und jetzt versuchte er, ihn da mit reinzuziehen und es auch noch wie einen Freundschaftsdienst aussehen zu lassen.

„Wenn ihr beide ins Geschäft kommt, schuldet mir dieser Freund einen kleinen Gefallen.“

„Verstehe. Und was ist das für Geld?“

Sebastian lächelte schräg. „Frag lieber nicht so viel, Frank.“

„Ich tu´s aber. Ich hab` Zeit zu fragen.“

„In Ordnung. Es ist Geld, dass er so nicht ausgeben kann. Aber du kannst es. Und wenn du es ihm zurückzahlst, kann er es endlich auch.“

„Verstehe. Ich helfe also irgendeinem Gangster, seine Kohle zu waschen.“

„Wie gesagt, du solltest nicht zu viel drüber nachdenken. Ich meine, was soll dir passieren? Nehmen wir mal an, irgendjemand fragt dich nach dem Geld. Dann sagst du, du hast es von einem Freund geliehen. Du kannst sogar sagen, von wem du es geliehen hast, denn es ist ja nichts Illegales dabei, wenn ein Mann einem anderen Geld leiht. Und dass jemand in deiner Situation in den Zeiten in denen wir gerade leben, einen Privatkredit aufnimmt, kann ihm ja wohl auch niemand verübeln. Ist also kein Risiko dabei.“

„Kein Risiko? Hälst du mich für bescheuert? Natürlich ist da ein Risiko dabei, denn wenn die Scheiße hier noch ein Jahr weiter geht und ich deinem Freund seine Kohle nicht zurückzahlen kann, was passiert dann?“

„Mach dir keine Sorgen, Franky. Mein Freund ist etwas geduldiger, als irgend ´ne Bank. Mit dem kann man reden.“

Frank seufzte und lehnte sich zurück gegen das Kunststoffpolster des Stuhls. Er wusste, dass auf diese Art und Weise Probleme anfingen. Wenn man weiß, dass der Weg, denn man gehen wird, mit Ärger verbunden ist. Aber wenn es nun mal keinen anderen Weg gab.

„Ich will deinen Freund kennen lernen.“

2

Ein paar Stunden zuvor.

Mirko Banowani klopfte an die Tür, rieb sich mit dem Zeigefinger die Nase und schob dann beide Hände in die Taschen seiner Sportjacke.

„Wer ist da?“, fragte eine männliche Stimme von der anderen Seite der Tür.

„Mach auf Seb“, sagte Mirko, ohne die Frage direkt zu beantworten.

Für ein paar Sekunden war es still.

„Du weißt schon, dass diese Tür gleich aufgehen wird? Aber es wird entspannter laufen, wenn du sie aufmachst, kapierst du das?“

Es war immer dasselbe, dachte Mirko. Wenn er seinen zweiten oder dritten Besuch machte und die Leute seine Stimme erkannten, zögerten sie, zu öffnen. Als ob das dann noch irgendetwas zu bedeuten hätte. Immerhin wohnte Sebastian Hilbert im vierten Stock und Mirko glaubte nicht, dass er ein so guter Fassadenkletterer war, als dass er über das Fenster entkommen konnte.

Tatsächlich hörte er gleich darauf, wie ein Speerriegel geöffnet wurde, ein Schlüssel sich zwei Mal im Schloss drehte und dann ging die Tür auf.

Sebastian Hilber schaute unsicher durch den Türspalt.

„Ich musste mir nur noch was anziehen“, sagte der Hipster und zog, wie um seine Worte zu unterstreichen, am Kragen seines Hemds.

„Schon klar.“ Mirko trat durch die Tür und rüffelte die Nase. „Mann, du solltest echt öfter mal lüften. Von dem Mief allein wird man ja schon high. Ist ‘n Wunder, dass deine Nachbarn den Bullen noch nichts gesteckt haben.“

Sebastian grinste. „Och, das sind alles Studenten. Die haben sogar schon des Öfteren bei mir geklingelt und mir was abgekauft“, sagte er. Immer noch trug er lediglich das Hemd und eine Boxershorts.

„Ach ehrlich?“ Mirko ging durch die Tür ins Wohnzimmer. Die Wohnung war mit schlichten IKEA-Möbeln eingerichtet, nicht unelegant, aber eben auch billig. Ein großer Flachbildfernseher hing an der Wand. Auf einem Sideboard stand eine zertrümmerte Stereoanlage.

„Immer noch kaputt?“, fragte Mirko, ließ sich auf einen grauen Sessel fallen und nickte in Richtung der Stereoanlage.

„Ja, Mann, das war echt scheiße. Mit dem Fernseher hätte ich eher leben können, als mit meiner Anlage, zumal sie doppelt so teuer war.“

Sebastian knöpfte sein Hemd zu und steckte es sich in die Shorts.

Mirko zog eine Schachtel Zigaretten aus der Jackentasche, klopfte zweimal auf die Lehne des Sessels, steckte sich dann eine in den Mund und holte ein Klappfeuerzeug hervor.

„Ej, Mann“, sagte Sebastian. „Kannst du das lassen? Das ist ‘n Nichtraucherhaushalt.“

„Nichtraucherhaushalt?“, fragte Mirko lachend und zündete die Zigarette an. „Mann, hier riechts, als hätten zwanzig Kiffer ´ne Woche lang Party gefeiert und du regst dich über ´ne Fluppe auf? Ernst jetzt?“

„Ist halt was anderes.“

„Durchaus.“ Mirko nahm einen tiefen Zug, wandte den Kopf zu der Stereoanlage und bliess dabei blauen Rauch durch das halbe Zimmer. „Was das anbelangt, ist´s nun mal Pech, aber ´ne erste Warnung ist ´ne erste Warnung. Die muss halt auch schon weh tun. Was sollte ich denn deiner Meinung nach zertrümmern? ´n Blumentopf?“

„Nein, Mann. Siehst du hier irgendwelche Scheißblumen? Man muss sich ja aber auch steigern können.“

„Hast du ´n Aschenbecher?“

Sebastian schüttelte mit dem Kopf, woraufhin Mirko einmal mit dem Zeigefinger auf seine Zigarette klopfte und ein Aschwölkchen auf den braunen Flokati rieselte.

„Du willst mir also sagen, ich hätte erst deinen Fernseher und dann deine Anlage zertrümmern sollen? Das heißt, du hast Jaschas Geld immer noch nicht?“

„Man woher denn? Es ist Scheiß-Corona. Alles hat dicht. Wie soll man denn jetzt Geschäfte machen?“

„Keine Ahnung. Hättest in ein Scheiß-Restaurant einbrechen können, die Einrichtung klauen und bei Ebay verhökern. Hast du keine Eltern?“

„Die haben schon vor Jahren aufgehört, mir Geld zu leihen.“

„Tja, Mann, dann sieht´s wirklich schlecht für dich aus, denn in dem Fall wird das heute die zweite Warnung. Und wie du selbst schon festgestellt hast, kann ich mich mit dem Fernseher nicht wirklich steigern.“

Sebastian schluckte schwer und musterte Mirko. Er war ein junger Georgier, vielleicht Ende zwanzig, mit breiten Schultern und muskulösen Armen, die durch drei Fitnessstudiobesuche pro Woche in Form gehalten wurden. Er trug Sportklamotten, ein Goldkettchen und sah wie so viele der weißen Jungs aus, die mit ihrem Look schwarze Rapper imitieren wollten, wobei sein kurzer Bürstenhaarschnitt und die kantige Physiognomie immer noch den Osteuropäer verrieten.

„Was schaust du mich so an, wie ein Schweinchen den Schlachter? Ich werd` dich ja nicht gleich umlegen.“

„Und was willst du mir abschneiden?“

„Abschneiden? Mann, du guckst zu viele Scheißfilme. Ich werd` dir nichts abschneiden und ich werd` dir auch nicht das Gesicht zu Brei schlagen. Elimar, der hätte dir schon zwei Rippen gebrochen, einfach weil er dich für ´n schwulen Hipster hält und für die Sache mit der Tür hätte er dir gleich die nächste reingewürgt. Nein, wenn man was abschneidet oder das Gesicht zu stark malträtiert, musst du ins Krankenhaus und die dort rufen gleich die Bullen und auch wenn´s echt dumm wäre, würde dabei immer das Risiko bestehen, dass die was aus dir rauskitzeln und darauf hab ich echt keinen Bock. Ich brech´ dir einen oder zwei Finger. Das kann dir auch bei ´nem x-beliebigen Unfall passiert sein.“

Sebastian schluckte vor Angst und räusperte sich sogleich, um es zu überdecken. „Kann … Jascha mir nicht ´n kleinen Aufschub gewähren? Ich meine, bis der verdammte Lockdown vorbei ist und ich wenigstens ´ne Chance hab, Kohle zu verdienen?“

„Was brauchst du denn für ´ne Chance? Mann, Seb, dein Problem ist, dass du faul bist und dich dann auch noch blöder anstellst, als du bist. Ich meine, den Fernseher, den ich dir gelassen habe, der ist doch bestimmt immer noch seine vier-, fünfhundert Tacken wert. Dann erzählst du mir, dass diese Studenten hier dir Stoff abkaufen. Ich an deiner Stelle hätte Jascha längst ein Geschäft vorgeschlagen. Gerade jetzt sind Studenten gute Kunden, die kriegen ihr Bafög nämlich auch unabhängig von Corona.“

„Ich bin kein Dealer.“

„Wenn ich mit zwei Riesen bei Jascha in der Kreide stehen würde und soviel Schiss vor zwei gebrochenen Fingern hätte, wie du, dann würde ich langsam anfangen, abzuwägen.“ Mirko hob die Hände auf und nieder, warf einen Blick auf seine fast aufgerauchte Zigarette, ließ den Stummel in den Flokati fallen und zog die Schachtel wieder aus der Tasche.

Sebastian räusperte sich abermals. „Meinst du, du könntest da was anleiern?“

Mirko seufzte, zog die Augenbrauen hoch und zündete sich die neue Zigarette an. „Man, das kommt jetzt ´n bisschen spät. Zumal du so gar nichts hast, um ihn zu besänftigen.“

„Du würdest mir wohl kaum helfen, jetzt noch ein Restaurant leerzuräumen“, sagte Sebastian im Versuch eines Scherzes.

Mirkos Mund verzog sich zu einem Lächeln. „Nicht bei Tag.“

Sebastian nickte langsam. Und dabei kam ihm eine Idee.

„Vielleicht hätte ich doch was für Jascha.“

„Ich bin ganz Ohr. Hab´ auch nicht sonderlich Lust, dir die Finger zu brechen.“

„’nem alten Kumpel von mir gehört ein Restaurant. Das Arizona. ´n American Dinner.“

„Du willst ´n alten Kumpel beklauen?“

„Nein, Mann. Aber wie alle Gastronomen steckt dieser Kumpel, sein Name ist Frank Becker, gerade richtig in der Scheiße. Hat Schulden bei der Bank, laufende Kosten und den ganzen Hickhack. Müssten so um die zwanzigtausend sein und er hat keine Chance, sie zurückzuzahlen.“

„Und was hat Jascha damit zu tun?“

„Wenn er ihm die Kohle leiht, damit er die Bank bezahlen kann, hat er seine Hand auf dem Laden.“

„Glaub` nicht, dass Jascha daran großes Interesse hat. Was soll er denn mit ´ner Frittenbude?“

„Ej Mann, das ist nicht einfach ´ne Frittenbude. Ist ´n echt geiler Laden. Worauf ich aber hinaus will ist, dass es ein Laden ist, in dem – wenn er dann irgendwann mal wieder aufmachen darf – ein Haufen Bargeld hin- und herbewegt wird.“

„Und?“

„Verstehst du das nicht? Ich hab mal davon gelesen. Die Italiener machen das so. Ich meine die Mafia. Die nutzen ihre Pizzerias um Geld zu waschen. Und gleichzeitig machen sie damit weiter Kohle.“

Mirko nahm zwei tiefe Züge von seiner Zigarette und dachte nach. So etwas war eigentlich nicht sein Ding. Er war kein Geschäftsmann. Er war Geldeintreiber und er war gut darin, weil er die meisten von Jaschas Kunden dazu brachte, zu bezahlen, ohne die Aufmerksamkeit der Bullen auf sich zu ziehen.

„Und du meinst, dass ist ´n sicheres Ding?“, fragte er nach einer Weile in der ihn Sebastian mit weit aufgerissenen, hoffnungsvollen Augen angesehen hatte.

„Klar. Ich meine, er kriegt ´nen fertigen Laden, der sofort wieder loslegen kann, wenn die Scheiße hier vorbei ist. Er könnte sogar meinen Kumpel als Geschäftsführer einsetzen. Der hat ´ne komplette Mannschaft, ´n guten Koch. Null Arbeit für Jascha.“

Mirko rauchte den Rest seiner Zigarette auf, warf den Stummel auf den Flokati und drückte ihn mit der Fußspitze aus. Dann tippelten seine Hände nervös auf der Armlehne.

Jascha war eigentlich nicht der Typ für so etwas. Wenn er sagte, ´Hol mir mein Geld`, dann hieß das ´Hol mir mein Geld` und eben nicht ´Hol mir mein Geld oder bring irgend ´ne dumme Idee mit.` Wenn ihm die Sache nicht gefiel, konnte man sich ganz schnell bei ihm unbeliebt machen. Andererseits war Mirko jetzt auch nicht irgendein Geldeintreiber. Einen Ausrutscher konnte er sich bestimmt leisten, wenn Jascha die Sache nicht gefiel und wenn doch, dann umso besser.

„Alles klar Mann, ich rede mit ihm“, sagte Mirko langsam und erhob sich aus dem Sessel. „Aber an deiner Stelle würde ich trotzdem zusehen, dass ich zügig ´n bisschen Kohle ranschaffe, denn wenn Jascha deine Idee Scheiße findet und ich wieder herkommen muss, dann werd` ich dir nicht nur zwei Finger brechen. Echt Mann, ich mach´ so was nicht gern, aber ich würd´s tun, denn ich häng` an meinem Job, hast du mich verstanden?“

„Schon klar.“

„Ich fahr jetzt gleich zu Jascha und rede mit ihm. Wenn ihm die Sache gefällt, rufe ich dich an, also hab´ dein Handy griffbereit.“

„Hab´ ich.“

Mirko ging zur Tür und drehte sich noch mal um. „Ej, Mann, du hast doch nicht etwa vor, abzuhauen?“

„Nein. Wo sollte ich auch hin?“

„Ist gut. Wär´ auch ´ne beschissene Idee.“

Vor der Tür blieb Mirko stehen und durchwühlte die Taschen seiner Jacke.

„Suchst du was?“, fragte Sebastian.

„Ja, Mann. Meine Maske.“

„Wozu?“

„Für die Straßenbahn.“

„Du fährst Straßenbahn?“

„Jo, warum nicht? Der Verkehr über die Elbe kann zu Stoßzeiten echt nervtötend sein. Außerdem schau ich mir beim Straßenbahnfahren gern einfach die Stadt an. Das entspannt mich. Es gibt keine schönere Stadt zum Straßenbahnfahren.“

„Na wenn du denkst“, sagte Sebastian kopfschüttelnd, als Mirko seine FFP-2 Maske aus der Tasche zog und die Wohnung verließ.

3

Es war ein schöner Tag zum Straßenbahnfahren. Die Sonne schien und die Plätze waren eng besetzt, als gäbe es keinen Virus, der das Leben der Menschen einschränkte. Nur die Masken der anderen Fahrgäste in der Straßenbahn erinnerten daran. Aber wenn Mirko aus dem Fenster sah, entdeckte er geschlossene Restaurants, abgedunkelte Läden und nur selten Mal einen Fußgänger.

Mirko fuhr hinaus bis Laubegast, wo Jascha Robakidse eine alte Villa mit Blick auf die Elbe bewohnte. Jascha lebte seit etwa zehn Jahren in der Stadt und hatte sich seitdem ein respektables Leben aufgebaut. Sein Aushängeschild war ein Gebrauchtwagenhandel mit dem er alte deutsche Autos nach Osteuropa verschob. Alles legal und durchaus nicht unlukrativ. Damit bezahlte er seine Steuern und präsentierte sich als integriertes Mitglied der Gesellschaft. Seine großen Geschäfte machte er jedoch mit Drogen und Frauen, die er beide über sein offizielles Geschäft nach Deutschland holte. Das brachte noch mehr gutes Geld, wobei Jascha clever genug war, den ganz Großen der Branche nicht zu sehr auf die Füße zu treten. Er hatte nur zwei Mädchen in der Stadt und ein halbes Dutzend in den kleineren Städten im Umland, wo er auch einen Großteil seiner Drogengeschäfte abwickelte. Die Gewinne verlieh er, zum Einen, um sie zu waschen und zum anderen, um noch mehr Geld daraus zu machen.

Hast du einmal etwas Geld über, um es zu investieren, ist es gar nicht so schwer, mehr daraus zu machen, wenn du nicht so doof bist, es zur Bank zu bringen, dachte Mirko während er an dem rostigen mit vertrockneten Ranken überwucherten gusseisernen Zaun entlang ging, der das Grundstück umgab. Von außen machte die Villa einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Die Fenster waren mal erneuert worden, aber es fehlte an frischer Farbe, der Putz bröckelte an einigen Stellen. Der Garten war ungepflegt, das Gras stand hoch und fing an zu vertrocknen, da es bereits seit mehreren Tagen nicht mehr geregnet hatte. Es hätte Jascha keine Mühe gekostet, dass alles mit einem Gärtner und einer Hausfrau auf Vordermann zu bringen. Doch ihm gefiel es so. Er war es von zu Hause nicht anders gewohnt, wo man Häuser bewohnte und nicht ständig renovierte. Allenfalls verbesserte man sie durch den Kauf eines moderneren Kühlschranks oder eines größeren und besseren Fernsehers.

Mirko hörte das Planschen von Wasser und als er vor der gusseisernen Gittertür neben dem Tor stand, erkannte er ein halbes Dutzend Kinder in Badesachen, die um einen großen, aquablauen Pool herumsprangen, der in dem unkrautüberwucherten Garten mit Blick auf den Fluss aufgebaut war. Mirko drückte auf die elektrische Klingel, auf der mit Kugelschreiber ROBAKIDSE geschrieben stand, und wartete. Als das elektrische Surren ertönte, welches die ganze Gittertür unter Strom zu setzen schien, stieß er vorsichtig mit seinem Fuß dagegen. Die Tür schwang auf und Mirko ging, leicht nervös durch den Garten.

Am hinteren Ende des Hauses befand sich eine großzügige Veranda, von der aus die Bauherren ebenso wie der neue Besitzer den Blick auf die Elbe genossen. Etliche Radfahrer zogen am Flussufer entlang. Nur Dampfer waren seit einer Weile keine mehr zu sehen, denn auch die Weiße Flotte hatte pandemiebedingt ihren Betrieb einstellen müssen und das, obwohl der Fluss ausreichend Wasser führte, was durchaus nicht in all den letzten Jahren der Fall gewesen war.

Auf der Veranda stand ein Campingtisch der billigsten Sorte, umgeben von drei weißen Plastikstühlen. Ein kleines Radio stand in einem Fensterrahmen und spielte Ostrock. Jascha Robakidse saß mit einer aufgeschlagenen Zeitung in der Hand in einem der Stühle. Er trug eine grüne Badehose, deren Bund von seinem herabhängenden Bauch verdeckt wurde, denn zumindest seiner Körperfühle konnte man den Wohlstand ein wenig ansehen. Jascha war nicht sehr groß. Als junger Kerl musste er einmal recht ansehnlich gewesen sein, doch davon war nicht mehr viel übrig geblieben. Sein schütteres weißes Haar war streng nach hinten gekämmt. Die große Hakennase war das Einzige, was in seinem sonst etwas eingefallen wirkenden Gesicht noch die Form gewahrt hatte. Er trug eine Steve McQueen Sonnenbrille, die wohl jedermann gestanden hätte, nur nicht ihm und die er sich jetzt von der Nase zog, als Mirko die drei Stufen zur Veranda erklomm.

„Mirko, mein Bester“, sagte Jascha gut gelaunt und wies auf einen der Plastikstühle. „Setz dich. Willst du was trinken? Einen Eistee?“

„Sehr gern“, sagte Mirko und setzte sich.

Jascha wandte den Kopf um und schrie durch die geöffnete Flügeltür ins Innere des Hauses: „Daria, bring mal noch ein Glas raus. Und einen Aschenbecher.“ Dann wandte er sich wieder Mirko zu. „Rauch ruhig eine. Dir erlaube ich das.“

Mirko nickte dankend. Jascha erlaubte es durchaus nicht allen seinen Gästen auf seiner Veranda oder gar in seinem Haus zu rauchen und es war ein Zeichen der Wertschätzung für Mirkos Arbeit, welches ihm zumindest ein bisschen die Angst nahm.

Als er sich eine Zigarette anzündete, erschien eine Frau von Mitte dreißig in einem weiten geblümten Sommerkleid, welches die wenigen kleinen Rundungen geschickt verdeckte, die sie nach sechs Schwangerschaften an Bauch, Hüfte und Hintern angesetzt hatte. Dennoch war Daria immer noch eine viel zu schöne Frau für einen hässlichen Mann, wie Jascha einer war und es war offensichtlich, das Geld die Grundlage dieser Ehe bildete. Allerdings musste man es Jascha zugutehalten, dass seine liebevolle Art als Ehemann und Vater durchaus dazu beigetragen hatte, den Respekt, den Daria ursprünglich nur seinem Geld entgegengebrachte, auch auf ihn übergehen zu lassen.

Sie begrüßte Mirko mit einem Lächeln, stellte den Aschenbecher neben ihm ab und füllte das Glas aus der bereits bereitstehenden Karaffe mit Eistee, ehe sie wieder im Haus verschwand.

Jascha sah ihr zufrieden hinterher und wandte sich dann Mirko zu, der schnell einen Schluck Eistee nahm.

„Und, hat der kleine Hipster geweint, als du ihm die Finger gebrochen hast?“, fragte er mit einem vorfreudigen Lächeln. Obwohl Jascha sehr vielen Leuten Geld verlieh und bei weitem nicht mit allen persönliche Bekanntschaft machte, wusste er doch sehr genau über sie Bescheid. „Oder hat er irgendwoher Geld beschafft?“

„Weder noch“, sagte Mirko bedächtig und zog hastig an seiner Zigarette, weil er eine Reaktion abwarten wollte und auch immer noch nicht richtig wusste, wie er sagen sollte, was er zu sagen hatte.

Doch zu seiner Überraschung und Verwunderung bestand Jaschas einzige Reaktion darin, die rechte Augenbraue hochzuziehen und als Mirko einen weiteren Schluck Eistee nahm, um die sich ausbreitende Trockenheit in seinem Rachen zu bekämpfen, deutete er mit einer drehenden Bewegung der rechten Hand an, dass er doch endlich fortfahren solle.

„Er hat kein Geld und wenn ich ihm die Finger breche, hat er nächste Woche auch noch keins“, sagte Mirko langsam, woraufhin sich Jaschas Gesicht verfinsterte.

„Ja, solche Typen gibt es“, sagte der Gangsterboss. „Bei manchen geht die Kohle verloren. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen nicht trotzdem die Knochen brechen.“

„Wenn du das willst, fahre ich gleich wieder los und hole das nach. Allerdings hatte Sebastian zwei gute Vorschläge, die dir ordentlich Geld einbringen können und mit denen er seine Schulden begleichen will.“

Jascha beugte sich ein wenig über den Tisch und stützte sich auf seinen linken Unterarm. „Mirko, wenn ich Geschäfte mit dem kleinen Hipster machen wollte, hätte ich meinen Buchmacher hingeschickt. Aber mit solchen Typen macht man keine Geschäfte. Man bricht ihnen die Knochen und holt aus ihnen heraus, was geht, denn zu mehr taugen sie einfach nicht. Der kleine Penner ist ein Versager.“ Er machte eine kurze Pause. „Und er ist dir auf der Nase herumgetanzt.“

Mirko straffte sich ein wenig im Versuch, Selbstvertrauen zurückzugewinnen. „Vielleicht. Aber für mich haben sich seine Vorschläge gar nicht mal so dumm angehört, weswegen ich mich dazu entschieden habe, dir erst davon zu erzählen, ehe ich das mache, was wir immer machen, was uns aber letztlich kein Geld einbringen wird.“

„Na dann schieß mal los“, sagte Jascha seufzend und lehnte sich wenig hoffnungsvoll in seinem Stuhl zurück, wobei er die Arme über dem dicken weißen Bauch verschränkte.

„Also zum Einen wohnen bei ihm im Haus haufenweise Studenten, denen er wohl schon ab und zu mal was von seinem Stoff vertickt hat.“

„Du meinst wohl meinen Stoff, denn er hat ihn ja nicht bezahlt.“

„Das ist doch genau der Punkt. In dem Haus gibt es einen Markt und den hat er schon erschlossen. Wir müssen ihn nur mit mehr Stoff versorgen und er vertickt ihn weiter an diese Studenten. Na und die haben doch ihre eigenen Netzwerke. Es wird nicht bei dem Haus bleiben. Studenten haben Geld, selbst jetzt und so kommen wir in einen Markt rein, in den wir schon lange rein wollten.“

„Auf dem die Tschechen und die Italiener ihre Hände haben.“ Jascha rieb sich nachdenklich das Kinn. „Gerade zu diesen Zeiten werden die bestimmt nicht vor Freude in die Luft springen, wenn denen da jemand Konkurrenz macht.“

„Das kann schon sein, aber wie sollen die das herausbekommen? Ich meine, Seb stellt sich ja nicht irgendwo auf die Straße, er macht es von zu Hause aus. Die Tschechen und die Ithaker werden es gar nicht mitbekommen und wenn doch, dann können wir immer noch behaupten, dass Sebastian sein eigenes Ding durchgezogen hat.“

Wenig überzeugt wog Jascha den Kopf hin und her. „Ganz schlecht ist die Idee nicht. Ich werde eine Nacht darüber schlafen. Und der zweite Vorschlag?“

„Er hat da so ´n Kumpel, der ´n Diner betreibt, das Arizona. Wie alle in dem Geschäft steht ihm das Wasser gerade bis zum Hals. Er hat Schulden bei der Bank, die er nicht zurückzahlen kann, weswegen es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis sie ihm den Laden wegnehmen. Sebastian meinte, du könntest ihm das Geld leihen und dann, wenn er es dir nicht zurückzahlen kann, den Laden übernehmen.“

Jascha rümpfte die Nase und schien einen Moment zu überlegen.

„Wie viel?“, fragte er schließlich.

„Seb meinte, so etwa hundertfünfzigtausend.“

Jascha kicherte und schüttelte ein paar Mal langsam den Kopf, was Mirko eher als schlechtes Zeichen deutete. Dann beugte sich der dicke Mann wieder langsam über den Tisch.

„Versteh ich dich richtig? Ich schicke dich zu dem kleinen Hipster, damit du mir meine zweitausend eintreibst – nicht, dass ich damit gerechnet habe, dass er sie wirklich hätte – aber stattdessen lässt du dir ein Geschäft“, er deutete große Gänsefüßen mit seinen fleischigen Fingern an, „aufschwatzen, dass mich weitere hundertfünfzigtausend kosten soll? Um in eine sterbende Branche zu investieren?“ Jascha lachte und schüttelte noch einmal mit dem Kopf. „Mirko, Mirko … ich hab` dich nie für besonders clever gehalten. Deinen Job hast du bisher immer zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt. Aber das… das ist jetzt schon der zweite Schnitzer, den du dir leistest.“

„Der zweite?“ Überrascht kniff Mirko die Augen zusammen. „Was war denn der erste?“

„Darüber reden wir gleich“, sagte Jascha mit einem Unterton, der Mirkos Unruhe noch weiter steigerte. „Kannst du mir erstmal verraten, was ich mit ´nem Scheiß-Diner soll? Seh` ich vielleicht aus, wie ein beschissener Frittenhändler?“

Ein bisschen schon, dachte Mirko, schob den Gedanken aber schnell beiseite, damit er ihm nicht noch aus Versehen über die Lippen kam. „Sebastian meinte, dass so ein Laden super wäre, um Geld zu waschen. So machen´s die Spaghettis auch. Ich mein`, irgendwann ist der Coronascheiß ja wieder vorbei und dann machen auch die Restaurants wieder auf. Das Arizona soll bis zum Lockdown gut gelaufen sein. Da wechselt jeden Tag ein Haufen Bargeld den Besitzer.“

Jascha lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und sog tief die Luft ein, sodass sich sein großer Bauch langsam anhob. Seine kleinen Schneidezähne zupften an einer Unterlippe, was er immer dann tat, wenn er angestrengt nachdachte. Mirko spürte, wie er vom Haken hüpfte.

Schließlich schlug Jascha mit seiner schweren Hand auf die Tischplatte, dass die Eiswürfel in der leeren Glaskaraffe klapperten.

„Ich sag dir was. Ich sprech` die Sache mit meinem Buchhalter durch. Aber bist du auch sicher, dass der Hipster in der Zeit nicht einfach die Fliege macht?“

„Ganz sicher. Der hat viel zu viel Schiss vor dem, was ich mit ihm machen würde, wenn ich ihn dabei erwischen sollte.“

„Hoffen wir es für dich.“ Jascha rieb sich die Nase und wandte sich wieder der Flügeltür zu. „Daria! Bring neuen Eistee!“

Mirko drückte nervös seine noch nicht vollständig aufgerauchte Zigarette in den sauberen Aschenbecher und holte eine neue aus seiner Schachtel. Jascha bemerkte es und lächelte. „Bist du wegen irgendetwas nervös, mein Freund?“

„Du sprachst von zwei Fehlern. Was ist denn der zweite?“

„Du hast wirklich keine Ahnung?“

Mirko hatte durchaus eine Ahnung, zog es aber vor, unschuldig mit den Kopf zu schütteln.

„Warte einen Moment“, sagte Jascha, als Daria die leere Karaffe vom Tisch nahm.

Mirko nahm nervöse kurze Züge. Es war nicht allein die sommerliche Hitze, die ihm die Schweißperlen auf die Stirn trieb, als ihn plötzlich ein Schlag am linken Oberarm traf.

Erschrocken fuhr er zusammen.

Ein Fußball prallte vom Geländer der Veranda ab, sprang gegen das Stuhlbein und tippelte dann über die Steinplatten, ehe Jascha ihn mit dem Fuß zum Stehen brachte. Mühsam erhob er sich, hob den Ball auf und trat an die Stufen, von wo er auf vier vor Schreck versteinerte Jungs herabblickte. „Tariel, Levani, was soll das? Ihr sollt doch aufpassen!“

„Entschuldige Papa“, sagte einer der Jungs mit gesenktem Kopf und auf dem Rücken verschränkten Armen.

„Entschuldigt euch nicht bei mir. Mich habt ihr ja nicht angeschossen.“

„Entschuldige, Onkel Mirko“, sagten drei der Jungs im Chor, während der Vierte und jüngste verlegen auf seine schmutzigen Füße schaute.

„Seid vorsichtig“, sagte Jascha, trat unbeholfen gegen den Ball und schoss ihn mitten in den Pool, in dem zwei kleine Mädchen planschten.

„Ups“, murmelte der dicke Gangsterboss und deutete damit an, dass es mit seinen fußballerischen Qualitäten auch nicht sonderlich weit her war. Mit einem verschmitzten Lächeln ließ er sich wieder in seinen Stuhl fallen, als Daria durch die Tür schritt, die beiden Gläser füllte, die somit gleich wieder halbleere Karaffe auf den Tisch stellte und im Haus verschwand.

Mirko fragte sich kurz, was sie dort wohl machte.

Jascha nahm sein Glas, schob sich den Strohhalm zwischen die fleischigen Lippen und saugte kräftig daran.

Nachdem er das halbe Glas geleert hatte, stellte er es ab und faltete die Hände über seinem dicken Bauch.

„Dann wäre da noch diese zweite Sache.“

„Bin ganz Ohr“, sagte Mirko und versuchte, sich betont lässig zu geben.

Jascha hob drohend den Zeigefinger seiner rechten Hand. „Ich seh´s dir genau an, mein Freund, dass du weißt, wovon ich rede.“

Betreten senkte Mirko den Blick auf die Tischkante.

„Hör auf, meine Cousine zu vögeln. Ich sag` dir das jetzt im Guten.“

„Wer erzählt den so was?“, fragte Mirko, wagte es aber immer noch nicht, seinem Boss ins Gesicht zu sehen.

„Ich sag´s mal so: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern. Ich hab´ fünf Cousinen und keine von denen kann irgendjemandem heimlich auch nur einen Blowjob verpassen, ohne dass ich das spitz kriege. Den Rest verrät mir die Fresse, die du gerade ziehst.“

Mirko griff selbst zu seinem Eistee und legte sich vorsichtig zurecht, was er nun sagen wollte. „Das… das hat alles nichts mit fehlendem Respekt meinerseits zu tun, Jascha. Und es ging auch nicht nur um einen … einen…“

„Ja, ja, ja, nicht nur um einen Blowjob. Ich kann´s mir denken.“ Jascha machte eine wegwerfende Handbewegung. „Marissa ist nun einmal von allen fünf die Heißeste und sicherlich auch die Cleverste. Es ist nicht so, dass ich dich nicht verstehen kann, mein Freund.“

„Aber?“, fragte Mirko und seine Stimme klang trotzig, da er ahnte, was jetzt kommen würde.

Jascha registrierte diese Aufwallung des Zorns sehr genau. Wieder schoss der mahnende Zeigefinger nach oben. „Vorsichtig, Freundchen. Ja, Marissa ist heiß und klug. Sie ist zu heiß und klug für dich. Der Sohn von diesen neapolitanischen Spaghettifressern denkt wohl genauso wie du.“

„Gigi Caporetta?“

„Genau der.“

„Heißt dass, das sie ihre Cousine einem der Scheiß-Italiener übergeben wollen?“

„Die Scheiß-Italiener machen hier nun mal mit Abstand das beste Geschäft. Sogar in diesen Scheiß-Zeiten. Denk bloß nicht, dass die Sache mit den Restaurants mir neu ist. Es steht ja sogar schon in den Zeitungen, dass die Camorra das macht. Nur die Bullen kriegen sie nicht dran.“

„Und was hat das mit Marissa zu tun?“

„Wenn die verfickten Italiener weiter so groß werden, dann werden sie die kleinen Leute irgendwann ganz aus dem Geschäft drängen. Bisher waren sie nicht zu groß und ich nicht zu klein, aber schon vor der Scheiß-Seuche ist dieses Verhältnis immer mehr gekippt. Ich hab meine besten Huren-Wohnungen an die Bastarde verloren und meine Mädchen müssen jetzt in irgendwelche Provinznester auf dem Land oder in die letzten Pennerviertel, nach Gorbitz, Prohlis oder nach Heidenau. Und irgendwann ist das Einzige, was ich hier in der Stadt noch habe, mein Haus, aber kein Geschäft. Aber ´ne Verbindung zwischen meiner Familie und den Caporettas würde sicherstellen, dass ich meine Geschäfte in dem Maß, wie ich sie jetzt betreibe weiterführen kann. Verstehst du das? Und ob du Marissa jetzt liebst oder nur ihre Muschi geil findest, ist mir dabei scheißegal.“

„Was sagt sie dazu?“

Jascha hob verzweifelt die Arme über den Kopf. „Herr im Himmel er versteht es nicht.“ Seine linke Hand klatschte schwer auf die Tischplatte. „Mirko, Mann: was Marissa denkt ist mir auch scheißegal, so lang der Spaghettifresser glaubt, dass er in sie verleibt ist oder nur geil auf ihre Muschi ist. Hauptsache, er heiratet sie. Aber damit das so bleibt, lässt du gefälligst die Finger von ihr.“

Betreten biss Mirko auf seiner Lippe herum. Er wusste, dass es nichts gab, was er sagen konnte. Jascha traf die Entscheidungen. Er selbst konnte nur „ja“ sagen oder musste die Konsequenzen tragen.

Jascha bemerkte es und beruhigte sich langsam wieder. „Jetzt lass doch den Kopf nicht hängen, Kleiner. Ich sag dir was. Du hast freien Zugang zu all meinen anderen Mädels. Du kannst dir sogar eine aussuchen. Ich hab´ schöne Mädels. In Gorbitz hab´ ich eine, die ist sogar gar nicht mal so dumm. Die wollte studieren. Oder sie hat glaube ich sogar ein oder zwei Semester studiert, bis ihr das Geld ausging und meine Jungs in der Heimat sie aufgefischt haben. Eine süße Maus. Kleiner Birnenarsch und auf jeder Seite…“, er hielt abwiegend seine Hände vor die Brust, „ also ich würde sagen, mehr, als nur eine Handvoll. Sogar die würde ich dir überlassen, wenn du es willst. Aber halt dich in Zukunft von Marissa fern. Wenn du willst ruf ich sie an. Wegen der ganzen Coronascheiße sind die Mädels eh´ alle nicht ausgelastet. Ist einfach zu gefährlich, wegen der Scheißbullen. Wir leben quasi von Mundpropaganda.“ Er lachte, wegen der Doppeldeutigkeit. „Also, überleg´ es dir.“

Mirko schob sich die Mütze zurecht und nickte langsam. „Mach ich, Jascha.“ Er stand auf. „Hast du sonst noch Anweisungen für mich?“

„Ich ruf dich an, wegen dieser Bar. Wie hieß der Laden gleich noch mal?“

„Arizona.“

„Ja, ich geb` gleich meinem Buchhalter Bescheid. Aber wenn der sagt, dass es eine bescheuerte Idee ist, dann schneidest du dem Hipster einen seiner Scheiß-Kiffer-Finger ab.“

„So was ist mehr Elimars Sache.“

„Ja, aber Elimar bringt mir auch immer meine Kohlen und nicht irgendwelche Geschäftsvorschläge.“

„Das ist `ne gute Idee, Jascha.“

„Wir werden sehen. Verzieh dich.“

Mirko versenkte die Hände in seiner Jackentasche und verließ die Villa. Dabei musste er ständig an Marissa denken und fragte sich, ob er sie wirklich einfach nur heiß fand, oder ob mehr dahinter steckte. Es hatte keine Rolle gespielt, so lange sie zusammen waren. Aber jetzt, wo alles mit einem Schlag vorbei sein sollte, war er geneigt zu glauben, dass ihn mehr an ihr anzog, als ihr toller Körper.

4

Zwei Tage später betraten drei Männer das Arizona. Einer war Mirko, der andere Elimar, ein noch wesentlich kräftiger wirkender Kerl, der nur eine Jeans und ein blütenweißes T-Shirt trug, dessen kurze Ärmel zwei über und über mit Tattoos übersäte Arme freilegten. Der dritte Mann war etwas kleiner, trug eine sommerliche Kombi mit Leinenhose, Jackett mit aufgekrempelten Ärmeln, einem blauen T-Shirt und einer Ray-Ban Sonnenbrille. Sein lichter werdendes Haar war schulterlang. Alles in allem wirkte er so, als würde er mit Macht Don Johnson in seinen Miami Vice-Zeiten imitieren wollen. Nur das ihm dazu so ziemlich alles fehlte, was Don Johnson in den Achtzigern ausgezeichnet hatte.

Noch immer war der Gastraum verwaist. Nur ein einziger Tisch war für Besucher vorbereitet. Er befand sich gegenüber der Bar. Ein großer Pitcher mit eiswürfelgekühltem Eistee und ein halbes Dutzend Gläser standen bereit. Frank saß an dem Tisch, den Rücken an das grüngelbe Kunstlederpolster gelehnt, den Eingang im Blick behaltend.

Während Elimar und Mirko sich neugierig in dem Laden umsahen, ging das Sonny-Crockett-Imitat zielgerichtet auf den Tisch zu, nahm seine Sonnenbrille ab, da er in dem schwachen Neonlicht des Kellers nur schlecht damit sah und reichte Frank Becker die Hand.

„Guten Tag. Sind Sie Herr Becker?“

„Sonst wäre ich nicht hier“, sagte Frank, stand von seinem Platz auf und ergriff die Hand. „Und Sie sind?“

„Meinen Namen brauchen Sie nicht zu wissen.“

„Ich weiß aber gern, mit wem ich verhandle.“

Das Sonny-Crockett-Imitat setzte sich, schenkte sich ein Glas Eistee ein und sagte dabei: „Herr Becker. Sie missverstehen uns. Ich bin nicht hier, um mit Ihnen zu verhandeln, ich bin hier, um Ihnen unser Angebot vorzulegen. Sie können es annehmen, oder sein lassen.“

Frank räusperte sich, zog seine Hand zurück und setzte sich.

„Ist die echt?“, fragte plötzlich Elimar und wies auf eine Schrotflinte, die an einem Holzschild über der Bar hing.

„Klar“, sagte Frank mit einem sarkastischen Unterton. „´ne Remington 870 Express Magnum kann man bei uns so einfach an die Wand hängen, wo jeder rankommt.“

Elimar beugte sich über die Bar, kniff prüfend die Augen zusammen und betrachtete die Waffe ganz genau. „Man, die sieht täuschend echt aus. Wusste gar nichts, dass es davon Modelle gibt. Was soll´n das sein? Soft-Air? CO2?“

„Ich hab´ nicht gesagt, dass sie nicht echt ist“, sagte Frank mit einem Lächeln.

Elimar wandte sich zu ihm um. „Die ist echt oder? Mann ist das ein geiles Teil. Kann ich die mal nehmen?“

Frank schüttelte mit dem Kopf. „Waffen und Frauen verleiht man nicht.“

„Aber echt ist sie?“

„Tja, jeder Gast, der in meinem Laden richtig Stunk machen will, wird mal die Chance kriegen, es rauszufinden.“

Ein breites Grinsen zog sich über Elimars Gesicht. „Ich mag Sie, Frank. Aber wenn ich jetzt Stunk machen wollte, wäre ich viel näher an dem guten Stück dran, als Sie.“

„Und wer sagt ihnen, dass ich Sie ranlassen würde?“

„Wollen Sie damit sagen, dass Sie noch `ne Knarre einstecken haben?“

Frank zuckte lässig mit den Schultern. „Für die Antwort bezahlen Sie.“

Elimar lachte zufrieden und scheinbar unbeeindruckt. „Sie sind echt eiskalt. Eier haben Sie, Frank.“

„Können wir wieder zum Geschäft kommen?“, fragte das Sonny-Crockett-Imitat. „Unser Angebot ist, wie ich bereits sagte, nicht verhandelbar, dafür habe ich zwei Optionen für Sie, zwischen denen Sie wählen kommen.“

„Aha“, sagte Frank skeptisch, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme.

Mirko hatte sich inzwischen genug im Laden umgesehen, ebenfalls Platz genommen und sich ein Glas Eistee eingeschenkt. Elimar war noch immer von der Pumpgun fasziniert.

„Ihre Schulden bei der Bank betragen hundertfünfzigtausend Euro?“

„Eher hundertachtzig.“

„Hundertachtzig?“, fragte der Buchhalter ein wenig überrascht.

„Ist das ein Problem?“

„Nicht wirklich. Wir hatten nur mit weniger gerechnet. Option Nummer eins: wir übernehmen sämtliche Schulden und Sie übertragen uns ihren Laden. Wir behalten Sie als Geschäftsführer mit einem monatlichen Gehalt von dreitausend Euro.“

Bei diesen Worten klappte Frank Becker die Kinnlade herunter. „Ich wollte mir Geld leihen, nicht meinen Laden verkaufen.“

„Was spricht gegen das Angebot? Sie sind ihre Schulden los und erhalten im Gegenzug einen sehr gut bezahlten Job frei von unternehmerischem Risiko.“

„Hören Sie zu, Mister-ich-bin-so-cool-ich-muss-ihnen-meinen-Namen-nicht-nennen. Ich steh vielleicht bis über beide Ohren in ´ner fetten Schuldenkrise, aber ich bin nicht doof. Und vor allem bin ich kein dreißigjähriger Dauerstudent, der denkt, dreitausend Euro wären richtig viel Kohle für einen ersten Job. Und unternehmerisches Risiko? Scheiße, ich hätte Chancen ohne Ende irgendwo zu arbeiten, wo ich viertausend im Monat kriege. Aber ich will mein eigener Herr sein. Kapieren Sie das, Mister?“

„Ey“, sagte Mirko gelassen und streckte beruhigend eine Hand aus. „Wie er schon sagte. Wir machen ihnen nur Angebote. Sie können jederzeit ´Nein` sagen. Aber bleiben Sie ruhig.“

„Muss ich mir jetzt in meinem eigenen Laden sagen lassen, wie ich mich verhalten soll?“, fragte Frank genervt.

„Sehen Sie´s, wie Sie wollen, aber Sie wollen Kohle von uns, nicht umgekehrt. Also zeigen Sie ein wenig Respekt.“

Es entging Frank keineswegs, dass der junge Kerl ihm gegenüber seine fitnessstudiogestählten Muskeln ein wenig anspannte. Er schaute kurz zu Elimar hinüber, der sich jetzt auf einen der Barhocker geschwungen hatte und mit beiden Armen auf der Theke abstützte.

Frank seufzte kaum hörbar und sah wieder zu dem Mann im Anzug. „Und ihr zweites Angebot?“

„Hundertfünfzigtausend – oder von mir aus hundertachtzig – für zehn Prozent.“

„Was?“, fragte Frank und prustete vor Lachen. „Sie scherzen?“

„Wie lustig finden Sie die Angebote, die ihre Bank ihnen macht?“, fragte der Mann.

Frank verschränkte die Hände ineinander, stützte die Ellbogen auf den Tisch und lehnte sein Kinn dagegen. Eines der Angebote war schlechter, als das andere. Er hatte so etwas geahnt. Aber die Kerle hatten ihre in jeglicher Hinsicht inakzeptablen „Optionen“ mit einem schmackhaften Köder versehen. Seinem eigenen Laden. Denn darauf zielte der Kommentar dieses Miami-Vice-Verschnitts ab: die Bank würde ihm das Arizona auf jeden Fall wegnehmen.“

„Ich muss mal ´ne Nacht darüber schlafen“, sagte er.

Der Buchhalter verzog keine Miene. „Herr Becker, wir haben Ihnen zwei Optionen offeriert und jetzt haben Sie zwei Antwortoptionen: Ja oder Nein. Mit einem ´Vielleicht` werde ich nicht nach Hause gehen.“

„Hören Sie, Mister. So wie ich das sehe, machen Sie mit beiden ihrer Scheiß-Optionen ein exzellentes Geschäft, bei dem Sie mich ordentlich über den Tisch ziehen und dabei ist es scheißegal, ob ich heute, morgen oder in ´ner Woche zusage. Aber wenn Sie mir jetzt nur diese beiden Antworten zulassen, werde ich Nein sagen.“

„Dann wünsche ich ihnen viel Spaß, wenn Sie mit ihrer Bank sprechen. Die hat ihnen nämlich im Gegensatz zu uns nichts mehr zu bieten.“

„Na dann sollten Sie mir die Zeit lassen, mir das ins Gedächtnis zu rufen.“

Der Buchhalter zuckte mit den Schultern. „Wenn Sie meinen. Ich kann Ihnen allerdings nicht garantieren, dass unser Angebot morgen noch dasselbe sein wird.“

„Das Risiko muss ich wohl eingehen.“

Mirko, Elimar und der Buchhalter trennten sich, sobald sie das Arizona verlassen hatten. Der Buchhalter stieg in einen schwarzen Audi, Elimar schwang sich auf ein Ducati-Motorrad und Mirko vergrub seine Hände in den Jackentaschen und schlenderte zur Königsbrücker Straße vor, um die Straßenbahn zu nehmen.

Dabei passierte er eine scheinbar unauffällige dunkelblaue BMW-Limousine. Auf dem Fahrersitz des Wagens saß eine junge Frau, vielleicht Mitte dreißig, die ihre rotbraunen Haare zu einem kurzen Pferdeschwanz geflochten hatte und eine blaue Damenkombi trug. Der Mann neben ihr war etwa in dem gleichen Alter, seine Frisur und sein Bart wirkten etwas weniger gepflegt und auch seine sommerliche Kombi schien nicht ordentlich zu sitzen.

„Das sind die drei, oder?“, fragte der Mann, als Elimar, Mirko und der Buchhalter das Arizona verlassen hatten. Denn zufällig hatten sie von ihrem Parkplatz aus den Eingang des Gebäudes genau im Blick.

„Ja“, sagte die Frau. „Der hässliche Typ, der sich in seinen Klamotten so cool vorkommt, ist Christian Dreger. Das ist sein Buchhalter. Die anderen beiden sind seine Knochenbrecher.“

„Also hat dein Informant die Wahrheit gesagt.“

„Scheint so.“

„An wen hängen wir uns ran?“

„Warum sollten wir uns an jemanden ranhängen?“, fragte sie und warf ihrem Kollegen einen fragenden Blick zu.

„Na, wozu soll die ganze Sache hier sonst gut sein?“

„Die Sache diente dazu, uns davon zu überzeugen, dass das stimmt, was mein Informant gesagt hat.“

„Also ist es ein Kerl?“

„Warum?“

„Na weil du Informant gesagt hast.“

Ein etwas überheblich wirkendes Lächeln zeichnete sich um die Mundwinkel der Frau ab. „Pass mal auf. Ich spar mir diesen ganzen Gendersternchenmüll. Denkst du, nur weil ich `ne Frau bin, muss ich jedes Mal meine Zunge verschlucken, weil ich noch irgendwo ein *innen ranhängen soll? Verfickte Scheiße, wenn ich Informant sage, nutze ich den maskulinen Genitiv. Es kann also auch eine Frau sein.“

Der Mann hob abwehrend die Hände. “Schon okay. Wollte nur sehen, ob sich hier nicht vielleicht ´ne Spur ergibt.“

„Ja, schon klar. Ich weiß nicht, ob dein Spürsinn Erklärung dafür ist, dass du es in zehn Dienstjahren noch nicht weitergebracht hast oder ob ich mich nicht eher wundern soll, dass du überhaupt noch dabei bist.“

„Ist ja gut“, sagte der Mann schmollend.

„Warum sollten wir einen der Kerle verfolgen?“, fragte sie. „Die beiden Knochenbrecher sind kleine Fische. Der eine heißt Elimar. Den kriegen wir auf seinem Motorrad sowieso nicht, höchstens für Geschwindigkeitsüberschreitung. Aber der ist doof genug und legt es auf eine Verfolgungsjagd an, wenn wir es nur versuchen. Der andere heißt Mirko. Fährt immer mit der Bahn. Die arbeiten jetzt wahrscheinlich noch ein paar von Jaschas Kunden ab. Kleine Fische. Der Buchhalter wäre interessant. Aber der ist zu glatt. Der fährt jetzt in sein Büro, um Jascha anzurufen und ihm zu sagen, wie´s gelaufen ist. Und dann kümmert er sich wahrscheinlich um die Bücher von irgend ´nem kleinen Autohändler oder so was.“

„Also halten wir uns an den Typen, dem der Laden gehört?“

„Aha“, sagte sie mit einem ironischen Unterton. „Der Herr hat seinen Kopf doch nicht nur als Hutständer.“

„Weißt du, wer der Kerl ist?“

„Frank Becker. War mal Zeitsoldat gewesen. Hat Einsätze im Kosovo und Afghanistan mitgemacht. Ist aber sauber. Corona hat ihn halt richtig in die Scheiße geritten, wie so viele andere auch.“

„Na dann wird er sich ja freuen, uns zu sehen.“

„Vermutlich“, sagte sie und öffnete die Tür.

„Vergiss deine Maske nicht“, rief er hinterher.

Der Frühsommer war nicht sonderlich heiß, zumindest nicht wie in den Jahren zuvor. Trotzdem empfanden sie die Kühle im Arizona als äußerst angenehm.

Frank Becker saß inzwischen auf einem der Barhocker, knabberte Erdnüsse und schien seine eigene Bar zu betrachten.

„Fünf Minuten ist nicht das, was ich unter Bedenkzeit verstehe“, sagte er, als die Tür zufiel und er die Schritte auf der Treppe wahrnahm.

„Wofür brauchen Sie denn Bedenkzeit?“, fragte die Frau.

Frank Becker fuhr erschrocken herum. „Teufel noch eins, haben Sie mich erschreckt. Wer zur Hölle sind Sie?“ Er musterte das ungleiche Pärchen. „Sind Sie vom Gesundheitsamt, oder so? Falls Sie´s noch nicht mitbekommen haben, wir müssen eh alle dichtmachen. Oder wollen Sie meine Desinfektionsspender für die nicht zugelassenen Gäste prüfen?“

„Wir sind von der Polizei, Herr Becker“, sagte sie und zog einen Ausweis aus der Innentasche ihres eng sitzenden Jacketts. „Ich bin Kriminalhauptkommissarin Susanne Richter und mein Kollege ist Kriminaloberkommissar Jan Dreske.“

„Und Sie wollen mich jetzt wegen der fehlenden Desinfektionsspender festnehmen? Da müssen Sie sich hinten anstellen, Süße, ich lande nämlich bald im Schuldenturm.“

Susanne Richter bemühte sich, ein freundliches Lächeln aufzusetzen, was ihr nur unzureichend gelang. „Hören Sie, Frank. Ich kann verstehen, dass Sie frustriert sind. Es sind schwere Zeiten...“

„Ach für Beamte auch?“

Susanne Richter senkte und schüttelte den Kopf. Dann sah sie Frank an und machte eine warnende Geste mit der rechten Hand, indem sie Daumen und Zeigefinger aufeinanderlegte. „Hören Sie Frank, wir sind nicht hierhergekommen, um Sie festzunehmen. Aber wenn Sie mich noch mal Süße nennen oder unterbrechen, sorg ich dafür, dass ihre Zeiten noch ein bisschen härter werden. Und zwar jetzt gleich. Verstehen wir uns?“

Frank nickte langsam. „Sind Sie fertig? Kann ich jetzt was sagen?“

„Bitte.“

„Okay. Für die Süße bitte ich um Verzeihung. Aber nur meine Freunde dürfen mich Frank nennen.“

„Verstehe. Wir hatten offensichtlich einen miesen Start. Fangen wir noch einmal von vorn an, Herr Becker?“

„Was kann ich für Sie tun, Frau Kriminalhauptkommissarin?“

„Sie sagten, Sie brauchen Bedenkzeit. Wofür?“

„Ein geschäftliches Angebot. Es geht um viel Geld und wie Sie schon feststellten, sind die Zeiten hart. Da sollte man keine übereilten Entscheidungen treffen.“

„Ihren Laden gibt´s noch nicht so lange, Sie mussten jetzt bereits eine ganze Weile geschlossen bleiben, bei weiterlaufenden Kosten, daher gehe ich davon aus, dass Sie das viele Geld, von dem Sie gerade sprachen, leihen müssen?“

„Verzeihen Sie, Frau Hauptkriminalkommissarin“, sagte Frank und nahm sich eine Handvoll Erdnüsse, „aber ich komme mir hier ein wenig vor, wie in einem Verhör. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, daher kann ich gerade nicht ganz nachvollziehen, warum ich Ihnen über meine Geschäfte Auskunft erteilen sollte?“

Susanne Richter setzte sich auf einen der Barhocker. „Haben Sie eine kalte Cola für mich, Frank? Es ist verdammt heiß, draußen.“

„Ist aber nicht umsonst“, sagte Frank, dem keinesfalls entgangen war, dass sie wieder seinen Vornamen benutzte. Aber ihr plötzlich entspanntes Lächeln ließ ihn darüber hinwegsehen.

„Umsonst dürfte ich sie auch gar nicht annehmen.“

„Macht zwei-fünfzig“, sagte Frank und drehte sich von seinem Barhocker, wobei er peinlich genau darum bemüht war, seine rechte Hüfte zu verbergen, wo er sich einen Revolver in den Hosenbund geschoben hatte. Er trat hinter die Theke, öffnete einen kleinen Kühlschrank und holte eine Flasche Cola hervor.

„Ich nehm` auch eine“, sagte Jan Dreske.

Frank holte eine zweite Flasche heraus, öffnete beide und schob sie den beiden Polizisten über die Bar hinweg zu. Dann stützte er sich mit beiden Armen auf das lackierte Holz, während Susanne Richter ihm einen Fünfer zuschob und einen Schluck aus ihrer Flasche nahm.

„Hören Sie Frank, es wird Sie vielleicht nicht wundern, wenn ich Ihnen sage, dass wir uns ein kleinwenig über Sie informiert haben. Daher wissen wir, dass Sie ein cleverer Bursche sind. Wir können uns also das Vorgeplänkel sparen, wo Sie so tun, als wüssten Sie nicht, weswegen wir hier sind. Wir haben die drei Männer aus ihrem Laden kommen sehen und wir wissen genauso gut, wie Sie, dass das keine Bankangestellten waren.“

„Das habe ich auch nicht behauptet.“

„Nein, Sie haben behauptet, dass Sie sich Geld von Ihnen leihen.“

„Stimmt nicht. Ich habe nur gesagt, dass es um viel Geld geht. Den Rest haben Sie geschlussfolgert.“

„Hören Sie auf mit dem Scheiß, Frank“, sagte Susanne Richter und spielte mit ihrem Zeigefinger am Mundstück der Flasche herum. „Wir sind nicht hier, um Ihnen Ärger zu machen. Im Gegenteil. Wir wollen Ihnen helfen. Und ich glaube, Ihnen ist noch nicht zu einhundert Prozent klar, was das für Typen sind.“

„So, Sie wollen mir helfen?“, fragte Frank, spürbar gereizt. „Und Sie meinen, ich weiß nicht, worauf ich mich eventuell einlasse? Darf ich Sie mal was fragen, ohne dass Sie mir gleich wieder wegen vermeintlicher Beamtenbeleidigung blöd kommen? Haben Sie eigentlich den Schuss nicht gehört? Die Frage, ob Sie als Beamte auch ´ne schwere Zeit durchmachen, die war vollkommen ernst gemeint. Ich kriege nämlich nicht mein üppiges Gehalt weiter gezahlt und darf arbeiten, als gäb´s keine beschissene Coronakrise. Mein Laden ist dicht, schon seit Wochen.“ Frank hob abwehrend die Hände. „Ist ´ne scheißgefährliche Seuche, sagen die Experten. Ansteckend, sehr gefährlich, wir müssen was tun, Kontakte reduzieren und und und. Kann ich alles verstehen. Was ich nicht verstehen kann, ist, dass es dann heißt, ihr könnt eure Läden wieder aufmachen, wenn ihr diese Latte an Forderungen erfüllt, einen Haufen Wegwerfbesteck und Luftfilter und Desinfektionsmittel kauft, Hygienekonzepte erstellt und was weiß ich…“

„Sie müssen uns nicht ihre Lage auseinandersetze, Frank. Wir wissen…“

„Einen Scheiß wissen Sie, Frau Hauptkriminalkommissarin! Und ich sag Ihnen was. Sie haben von mir verlangt, Sie nicht zu unterbrechen, also hören Sie jetzt mir zu, wenn Sie sich weiter unterhalten wollen. Ich hab all die Forderungen erfüllt, Geld in die Hand genommen, dass ich nicht hatte. Und was passiert? Kaum ist alles fertig, heißt es, Nein, es geht doch nicht. Schön, da habe ich noch mehr Zeit, um auf dem Balkon für die Krankenschwestern zu klatschen. Dann heißt es, es gibt beschissene Hilfsfonds und der Staat lässt uns nicht allein. Ich weiß gar nicht, wie die so schnell so viele verfickte Antragsbögen erstellen konnten. Aber gut, ich hab´ ja Zeit den ganzen Mist auszufüllen. Schnell sollte die Kohle kommen. Und was passierte? Nichts! Die Bearbeitung würde wegen der hohen Nachfrage viel Zeit in Anspruch nehmen. Auch okay, von mir aus. Aber warum kriegt´s der Staat dann nicht gebacken, den Vermietern, Strom- und Wasseranbietern und all den anderen Aasgeiern mal eine Stundung aufzudrücken? Die ziehen nämlich konsequent Monat für Monat ihr Scheißgeld ein. Und die Banken? Haben die wegen der harten Zeiten mehr Mitleid? Die reiben sich doch die Hände.

Wenn ich mir also Geld leihen muss, um meinen Laden nicht zu verlieren, in den ich alles investiert habe, dann ist das so. Und dann nehme ich es, von wem ich es kriegen kann. Wenn Ihnen die Kerle nicht gefallen, dann halten Sie sich an die. Aber es ist nicht verboten, wenn sich jemand privat von jemand anderem Geld leiht und ich bin nicht verpflichtet, zu überprüfen, woher derjenige es hat.“

Susanne Richter schnalzte mit der Zunge und nahm noch einen Schluck Cola. „Stellen Sie sich das nicht so einfach vor, Frank. Natürlich sind wir nicht daran interessiert, den Leuten, die sich in die Fänge von Kredithaien begeben, irgendwelchen Ärger zu machen. Den kriegen sie von allein. Aber man könnte es natürlich auch so auslegen, dass Sie sich an einem Geldwäschegeschäft beteiligen und dann sieht die Sache schon ganz anders aus.“

„Wollen Sie mir drohen?“

„Ich zeige ihnen die Optionen auf, Frank“, sagte Susanne Richter, immer wieder vertraulich seinen Vornamen nutzend. „Wir können ihnen Ärger machen. Die Kerle, die hier gerade herausspaziert sind, werden ihnen definitiv Ärger machen. Okay, ihre Lage ist vielleicht so beschissen, wie ich es mir mit meinem Konto nicht ausmalen kann. Aber diese Männer werden Ihnen kein Geld leihen, um Ihnen zu helfen. Die wollen sich selber helfen.“

„Das wollen die Banken auch.“

„Ist die echt?“, fragte Jan Dreske und nickte in Richtung der Pumpgun.

„Als Polizist müssten Sie es eigentlich besser wissen“, antwortete Frank gelassen, aber ausweichend.

„Entschärft?“

Frank setzte ein smartes Grinsen auf und zuckte mit den Schultern, wobei er einen kurzen Moment seine Hüfte entblößte. In eben jenem Moment fiel Susanne Richters Blick auf den kleinen Revolver, dessen schwarzer Griff unter seiner Jeansjacke hervorlugte.

„Und ist der echt?“, fragte sie.

Franks Lippen schoben sich ernst zusammen. Er stützte sich auf die Ellbogen und schob den Hintern heraus, als müsse er jetzt noch unbedingt die Waffe verstecken.

„Sie sagten doch selbst, dass die Kerle, die hier waren, gefährlich sind.“

„Ja, aber Sie haben so getan, als wäre das für Sie nicht relevant. Sie wissen also ziemlich genau, mit was für Leuten Sie sich da einlassen.“

„Ich bin schließlich nicht blöd.“

„Also helfen Sie uns?“

„Dann müsste ich schon ziemlich blöd sein, was?“ Frank nippte an seiner Flasche und sah Susanne Richter tief in die Augen. Die distanzierte Kühle in ihrem Blick wirkte durchaus reizvoll auf ihn.

Ihr Gesicht näherte sich seinem und jetzt lächelte sie sogar, wodurch sie noch schöner wirkte. „Frank, ich halte es für besser, wenn wir dieses Gespräch auf der Dienststelle fortsetzen.“

„Ich kann mir schönere Orte vorstellen.“

„Ich nehme Sie wegen illegalen Waffenbesitzes fest.“

„Das glaube ich kaum.“

„Dann wegen Führens einer Waffe in der Öffentlichkeit.“

„Ein zwangsweise geschlossenes Restaurant kann man wohl kaum als öffentlichen Raum betrachten.“

„Haben Sie ihre Waffenbesitzkarte dabei?“

„Gerade nicht.“

„Dann lassen Sie jetzt die Hände lieber da wo Sie sind. Jan du schnappst dir seine Waffe. Herr Becker kommt mit uns, bis wir das mit seiner WBK überprüft haben.“

Jan ließ den Kopf hängen und schüttelte ihn. „Mann, Lady, Sie wollen es echt wissen, was?“

„Sie haben es drauf angelegt, Frank.“

Sie musste Jan Dreske noch mal einen auffordernden Blick zuwerfen, da dieser selbst kaum glauben konnte, dass seine Kollegin die Sache mit der Festnahme ernst meinte. Er ging hinter die Theke, tastete Frank ab und fand den kleinen Revolver. Er zog ihn aus dem Hosenbund und klappte die Trommel auf.

„Tatsächlich, das Ding ist echt“, sagte Dreske mit Blick auf die fünf Messinghülsen in der Trommel.

„Mit ´ner falschen Knarre zu so einem Treff zu gehen, wäre ja wohl auch reichlich dämlich“, sagte Frank, als der Kommissar ihm die Arme auf den Rücken bog und Handschellen anlegte.

„Ob das wirklich ihre dämlichste Entscheidung war, werden wir noch sehen“, sagte Susanne Richter.

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201 стр. 2 иллюстрации
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9783754171295
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