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MORNŠTAJNOVÁ • HANA
Zur Aussprache tschechischer Buchstaben mit diakritischen Zeichen:
| á | langes a |
| Č, č | stimmloses tsch wie in Tschechische Republik |
| é | langes e |
| ě | je |
| í | langes i |
| ň | nj |
| ř | gerolltes r gleichzeitig mit stimmhaftem sch |
| Š, š | stimmloses Sch, sch wie in Schule |
| t’ | tj |
| ú, ů | langes u |
| ý | langes i |
| Z, z | stimmhaftes S, s wie in Rose |
| Ž, ž | stimmhaftes sch wie in Journal |
ALENA MORNŠTAJNOVÁ
Hana
Roman
Aus dem Tschechischen
von
Raija Hauck

Die Herausgabe dieses Buches wurde vom Kulturministerium der Tschechischen Republik unterstützt.

Originaltitel: Hana
© HOST, Brno 2017
Umschlaggestaltung nach einem Werk von Veronika Kopečková

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12
Tel. +43(0)463 370 36, Fax. +43(0)463 376 35
www.wieser-verlag.com
Copyright © 2020 bei Wieser Verlag GmbH,
Klagenfurt/Celovec
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Josef G. Pichler
ISBN 978-3-99047-109-8
ERSTER TEIL
Ich, Mira
1954–1963
ERSTES KAPITEL
Februar 1954
Ich habe noch nie verstanden, warum die Erwachsenen den Kindern einreden, es lohne sich, artig und gehorsam zu sein. Wäre ich eine gehorsame Tochter gewesen, stünde heute mein Name in den Grabstein gemeißelt – so wie die Namen von Mamas Eltern, Oma Elsa und Opa Ervin, die lange vor meiner Geburt verstorben waren, oder Oma Ludmila und Opa Mojmír, an deren Grab Mama und ich jedes Mal kleine braune Grablichter anzündeten, obwohl wir dafür bis ans Ende des Friedhofs gehen mussten.
Während meine Freundinnen an Sonntagnachmittagen bei schönem Wetter mit den Familien in den Park oder durch die Stadt spazieren gingen, steckte Mama Dagmara, Ota und mich in Sonntagskleider und schickte uns vor die Tür der Uhrmacherei, die früher uns gehörte. Zu dieser Zeit durfte Papa hier aber nur noch für miese Bezahlung arbeiten und Mama hatte die Erlaubnis, umsonst in dem dunklen Lädchen im Erdgeschoss den ausgetretenen Fußboden zu wischen.
Jeden Sonntag nach dem Mittagessen wusch Mama das Geschirr ab, setzte sich das schwarze Hütchen auf, setzte Otík in den Kinderwagen, oder nahm ihn, als er schon größer war, bei der Hand und führte uns in Richtung Friedhof. Der Weg schien mir endlos. Wir mussten an der Kirche vorbei zum Fluss, über die Brücke, durch die ganze Unterstadt, die aus einem mir unbekannten Grunde Krásno – Schönheit – hieß, uns am langen Schloss-park entlangschleppen, bis hinter die letzten Häuschen, durch das Friedhofstor treten und warten, bis Mama die Grabsteine abgefegt, die Blumen ordentlich in Vasen gestellt und Kerzen angezündet hatte. Während der Arbeit sprach sie mit den Toten und erzählte ihnen, was es in Meziříčí Neues gab, wer geboren worden war, wer gestorben, was man sich in der Stadt so erzählte, wie es den Nachbarn ging und was wir Kinder wieder angestellt hatten.
Ich traute mich nie, etwas zu sagen, seufzte nur schwer, damit Mama verstünde, wie sehr mir das Warten zuwider war, aber auch so sagte sie jedes Mal vorwurfsvoll zu mir: »Mach nicht so ein Gesicht, wären sie nicht gewesen, gäbe es dich nicht.«
Als auf den Grabsteinen neue Namen hinzukamen und der von Mama dabei war, dachte ich daran, wie sie jeden Sonntag an den Gräbern gestanden und mit ihren Nächsten gesprochen hatte. Es tröstete mich, dass sie jetzt mit denen zusammen war, die sie so sehr vermisst hatte.
Mein Name ist nur deshalb nicht unter den in Gold ausgeführten Inschriften auf den Grabsteinen, weil es sich manchmal lohnt, ungehorsam und frech zu sein. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, lesen Sie nicht weiter. Und geben zur Sicherheit dieses Buch nie Ihren Kindern in die Hand.
Der Winter dieses Jahres, als ich neun Jahre alt war und sich mein ganzes Leben komplett änderte, war herrlich weiß und frostig, aber im Februar schien er gar kein Ende mehr nehmen zu wollen. Erst in den letzten Februartagen wurde es wärmer, der Schnee begann zu tauen und das Eis zu brechen.
Der Fluss, der Meziříčí und Krásno teilte, zog sich stellenweise nur träge dahin, statt in Richtung der größeren Flüsse zu eilen, und weil der Schnee in den nahen Bergen nur langsam taute und der Fluss davon bis jetzt nur geringfügig schneller geworden und angestiegen war, schien er uns wie geschaffen dafür, ein Stück auf den losen Eisschollen zu schwimmen.
In diesem Februar des Jahres 1954, als das Böse schon in der Tiefe unter der Stadt lauerte, liefen wir jeden Tag nach der Schule geradewegs zum Fluss und warteten ungeduldig, ob das Eis schon nachgab und brach, und ob das Wasser so stark floss, dass wir auf die Schollen springen, ein paar Meter mitgleiten und das Abenteuer genießen könnten, das die Zwillinge Eda und Mirek Zedníček aus der Sechsten in den Pausen beschrieben. Die hatten vor ein paar Jahren schon einen strengen Winter erlebt und die Schollenfahrt selbst ausprobiert.
Nach ein paar Tagen riss das Eis endlich, die Mitte des Flusses wurde frei und die Schollen wanderten langsam stromabwärts. Unsere Zeit war gekommen, lang ersehnt und sorgfältig geplant.
Ich stand in der Küchentür, in der einen Hand die rote Bommelmütze, in der anderen die Handschuhe.
»Was fällt euch da bloß ein?«, wunderte sich Mama, als ich sie fragte, ob ich mit Jarmila rodeln gehen dürfe. In der Küche war es gemütlich warm und es roch gut, weil Mama Kuchen für ihre Geburtstagsfeier buk. »Der Schnee taut, der ist feucht, du wirst durch und durch nass werden.«
Ich streckte mich nach einem Stück Kuchen vom Blech, zuckte aber gleich zurück, weil es noch heiß war. »Ja eben. Was, wenn das die letzte Möglichkeit ist, ein bisschen zu rodeln?«
Mama sah mich misstrauisch an. »Mira, lass dir nicht einfallen, zum Fluss zu gehen.«
Daraus, dass Mama ahnte, was Jarmilka Stejskalová, die Zedníček-Jungen und ich planten, und mir streng verbot, zum Fluss zu gehen, schloss ich, dass auch sie zu Zeiten, in denen sie noch nicht erwachsen und übertrieben vorsichtig war, selbst Eisschollenfahrten unternommen hatte. Aber Dinge, die ich nicht tun durfte, um mich nicht zu verletzen, gab es so viele!
Ich durfte nicht auf den Dachboden gehen, um nicht über irgendwelchen Kram zu stolpern oder aus dem Fenster zu fallen. Ich durfte nicht in den Keller gehen, um nicht auf den Stufen abzurutschen. Ich durfte nicht hinaus in die Loggia, weil ich wegen ihrer baufälligen Konstruktion auf den gepflasterten Hof stürzen könnte. Kein Wunder, dass der Mensch das »Du darfst nicht« nicht ernst nimmt, wenn er das in jedem Satz hört.
»Natürlich nicht. Jarmilka und ich gehen nur auf den Hügel hinter Zedníčeks Garten«, sagte ich und stopfte mir ein heißes Stück Kuchen in die Tasche.
Mama war sehr schön, und wenn sie mich umarmte, wärmte sie wie ein Ofen und duftete wunderbar nach Vanillezucker. Aber in diesem Augenblick sahen mich ihre großen braunen Augen, die mir immer so traurig erschienen, dass ich mich fürchtete hineinzuschauen, so misstrauisch an, als könnten sie meine geheimsten Gedanken lesen.
Jarmilka wartet schon«, sagte ich, knöpfte den Mantel zu, schnürte die warmen Knöchelschuhe und zog mir die Mütze bis in die Stirn.
Mama gab mir noch ein Kuchenstück. »Hier, für Jarmilka.«
Ich lief hinaus, packte Jarmilkas Schlitten am Seil und ging los in Richtung Marktplatz. Im Rücken brannte mir Mamas Blick.
»Auf Wiedersehen, Frau Karásková«, rief Jarmilka, »und danke schön.« Sie warf ihren langen blonden Zopf herum, um den ich sie ganz unfreundschaftlich beneidete, weil alle Jungen aus der Klasse sie bewundernd daran zogen, lächelte Mama unschuldig an und biss in den Kuchen.
Am Ende der Straße bogen wir nach links ab.
»Wo gehst du hin?«, fragte Jarmilka und zog am Seil, um mich zu stoppen. »Wir wollen doch nicht um die ganze Stadt herumlaufen.«
»Ich möchte nicht, dass Mama sieht, dass ich zum Fluss gehe.«
»Sie kann doch nicht um die Ecke gucken.«
Ich sah mich auf der Straße um. Im ersten Stock eines Hauses mit abgeblätterter Farbe bewegte sich die Gardine. Vielleicht schien es mir nur so, aber vielleicht hielt die alte Beneška am Fenster Wacht, um alles mitzubekommen, was sich um den Platz herum tat. Ich ging schneller. »Man kann nie wissen. Wenn wir jemanden treffen, gibt es Ärger.«
»Und zum Abendbrot bekommst du Erbsen«, lachte Jarmilka und trippelte ergeben hinter mir her.
Erbsen konnte ich wirklich nicht ausstehen und Mama wusste das, also bekam ich sie zum Mittag oder zum Abendbrot, wenn ich Widerworte gab oder etwas getan hatte, was ich nach Meinung der Eltern nicht hätte tun sollen. Ich saß mit den anderen am Tisch, schaute zu, wie sie sich ihre Kartoffelpuffer mit selbstgemachter Marmelade oder etwas anderes Gutes schmecken ließen, und aß von dem grünen Püree. Im Stillen zog ich ein Gesicht, laut sagte ich: »Immer noch besser, als wenn Papa seinen Gürtel abschnallt.« Was ich manchmal, öfter als meine beiden kleineren Geschwister, nicht vermeiden konnte. Und heute würde es für den Gürtel reichen. Daran hatte ich keinen Zweifel.
Die braunen Schuhe waren durchnass, noch bevor wir am Fluss angekommen waren, und meine Finger froren trotz der Handschuhe. Die Zedníček-Jungen warteten schon am Ufer unterhalb der weiß geputzten Kapelle mit dem Holzschindeldach auf uns. Sie liefen in dem matschigen Schnee herum und versuchten mit langen Stangen die Schollen abzustoßen, die am Ufer aufgeschwemmt waren. Sowie sich eine Scholle löste, erfasste die Strömung sie und trieb sie erst langsam, dann immer schneller zum fünfzig Meter entfernten niedrigen Wehr, wo die Scholle in dem angehäuften gesplitterten Eis steckenblieb.
In diesem Moment verließ mich der Mut, und Jarmilka wohl auch, denn sie setzte sich auf den Schlitten und sagte: »Ich schau nur zu.«
»Feigling«, sagte Eda Zedníček verächtlich, und ich begriff, dass ich zwar nicht an Schönheit, so doch mit Mut Jarmilka übertreffen könnte. Die Jungen ziehen sie vielleicht am Zopf, aber auf mich werden sie noch nach Jahren zeigen und dabei den jüngeren Mitschülern erzählen: »Das ist die, die auf der Eisscholle den Fluss langgefahren ist.«
Ich schaute zu, wie Eda geschickt ein weiteres Eisstück ablöste, so groß wie der gewebte Läufer vor Mamas und Papas Bett, direkt in die Mitte trat, sich mit der Stange vom Grund abstieß und langsam mit der Strömung in Richtung Wehr glitt. Wir liefen am Ufer entlang, während Eda breitbeinig auf der Scholle stehend sein provisorisches Wasserfahrzeug mit einem Knüppel in ruhigen Wassern hielt, in den Boden stakte und in sicherer Entfernung vom Ufer zum Wehr steuerte. Mit dem Knüppel schwächte er den Aufprall ab und lief über das angehäufte Eis zum Ufer zurück.
Einfach, dachte ich mir. Bis auf das Klettern von Scholle zu Scholle.
Auf dem Rückweg zum Schlitten bekam ich eine Reihe wohlgemeinter Ratschläge, die mir wieder den Schneid abkauften. »Vor allem musst du dich in die Mitte der Scholle stellen, damit du nicht ins Wasser rutschst. Und halt dich ans Ufer, da ist es flach. In der Mitte ist die Strömung, die könnte dich wegreißen, das könnte nicht mal ich schaffen. Und mit der Stange musst du dich von der Seite aus abstoßen, nicht nach vorne stechen, da würdest du drüberfallen.«
Die Beine zitterten mir jetzt nicht mehr nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Eda und Mirek halfen mir, eine Scholle zu lösen. »Spring rauf!«, rief Eda und ich sprang, nur war das Eis in der Zwischenzeit ein Stück weitergeschwommen, den Strom hinab, sodass ich auf dem Rand aufkam, das Eis hochhüpfte, und ich ausrutschte.
Im Flug warf ich die Arme hoch und ich fühlte, wie ich auf dem Wasser aufkam und hineinsank und das Wasser mir zuerst gar nicht kalt vorkam. Aber dann packte es mich wie eine riesige Zange, floss mir in die Ohren, die Augen, die Nase, drückte mich hinunter und irgendwohin in die Dunkelheit. Bevor ich einen Schreck bekommen konnte, schnappte mich eine Hand am Mantelaufschlag und hob mich aus dem Wasser.
»Hab ich dir nicht gesagt, du sollst nicht auf den Rand treten!«, rief Eda, drehte sich dann zu Mirek um und fügte voller Verachtung hinzu: »Das war deine blöde Idee, die Mädchen hierher mitzuschleppen. Jetzt haben wir den Schlamassel.«
Jarmilka stand am Ufer und jammerte. Schnell schälte ich mich aus dem schweren Mantel, der sich mit Wasser vollgesogen hatte, und fing an ihn auszuwringen. So konnte ich nicht nach Hause, aber mir war schrecklich kalt. Mir fiel ein, wir könnten ein Feuer machen und ich könnte daran meine Sachen ein bisschen trocknen und mich wärmen, und ich wollte die Jungen um Streichhölzer bitte, aber meine Zähne klapperten so, dass ich nicht sprechen konnte.
»Heul hier nicht rum, leih ihr deinen Mantel und bring sie nach Hause!«, schrie Eda Jarmilka an. Lustlos knöpfte sie den Wintermantel auf und warf ihn mir über die Schultern. Das half nicht sehr. Vielmehr zitterten wir jetzt beide.
»Wenn ihr jemandem petzt, dass wir zusammen hier waren, verklopp ich euch, obwohl ihr Mädchen seid«, fuhr Eda fort. »Und jetzt ab nach Hause mit euch«, er nickte Mirek zu und beide liefen los, den Abhang hinauf.
Ich warf den nassen Mantel auf den Schlitten und wir machten uns auf kürzestem Wege auf nach Hause. Die Kälte biss sich in meine Haut und trieb mich zu größerer Eile an. Zwei Straßen vor unserem Haus gab ich Jarmilka den feucht gewordenen Mantel zurück, die zog ihn mit sichtlicher Freude wieder an, schenkte mir einen mitleidsvollen Blick und überließ mich meinem Schicksal. Ich hoffte immer noch, dass ich es mit ein bisschen Glück die Treppe hoch schaffte, ohne bemerkt zu werden, schaffte, an der Küche vorbeizuschleichen, in die zweite Etage hochzulaufen, wo ich mit meinen Geschwistern schlief, und mir heimlich etwas Trockenes anzuziehen.
Vorher hatte ich nie bemerkt, dass die schwere Eingangstür geschmiert werden musste, die Treppe knarrte, und wenn kein Licht war, das ich natürlich nicht anmachen konnte, die nächste Treppenstufe nicht zu sehen war.
»Ist das Licht kaputt?«, erklang von oben eine Stimme, dann flackerte die Glühbirne auf und ich blieb mitten auf der Treppe stehen. Als ich mich umschaute, wurde mir klar, dass ich sowieso nicht unentdeckt geblieben wäre. Ich hatte auf jeder Treppenstufe eine kleine Pfütze hinterlassen.
»Das kann doch nicht wahr sein!«, rief Mama, schnappte mich, zog mich die Treppe hinauf, und fing dort an, mir die nassen Sachen herunterzureißen. »Was hast du denn jetzt wieder angestellt? Ich habe doch gesagt, dass du nicht an den Fluss darfst.«
Mit einer Hand zog sie mir die nasse Strumpfhose herunter, mit der anderen schlug sie auf meinen eiskalten Po ein. Das überraschte mich. Das war das erste Mal, dass ich von Mama etwas abbekam. Die Schläge taten nicht weh, waren aber fürchterlich erniedrigend.
»Nein!«, schrie ich. »Das ist nicht wahr! Ich war nicht am Fluss. Ich war mit Jarmilka rodeln. Der Schnee ist nur noch Matsch. Deswegen bin ich auch ganz nass.«
Vor Scham und Kälte und diesem ganzen Schreck fing ich an zu heulen. In der Küchentür erschienen meine Geschwister, aber als sie die Prügel sahen, zogen sie sich lieber wieder zurück. Unten ging die Eingangstür auf, weil Papa unser Geschrei bis in die Uhrmacherei gehört hatte und nun angelaufen kam, um zu sehen, was los war.
»Du verflixte Lügnerin«, Mama war böse. Sie rubbelte mich mit dem Handtuch ab, dass die Haut schmerzte, und steckte mich ins Bett. »Mach schnell einen Tee«, rief sie Papa zu und warf mir das dicke Federbett über. »Willst du eine Lungenentzündung bekommen und sterben?«
Was war das für eine Frage? Warum sollte ich sterben wollen? »Ich war nicht am Fluss, ich bin in eine Pfütze gefallen. Ich kann wirklich nichts dafür«, schluchzte ich.
Mama stellte die Teetasse auf den Nachttisch, setzte mir eine Strickmütze auf den Kopf, steckte eine Wärmflasche zu den Füßen und schloss die Tür hinter sich. Ich kuschelte mich in das Federbett, versuchte die Wärmflasche zwischen die Fußsohlen zu pressen und weinte leise vor mich hin. Mir war kalt und es tat mir leid, dass Mama und Papa mit mir böse waren. Vielleicht hätte ich nicht lügen sollen, vielleicht hätte ich sagen sollen, dass mich jemand ins Wasser gestoßen hat, vielleicht …
Nach einer Weile floss angenehme Wärme durch meinen Körper und ich hörte im Halbschlaf, wie immer mal wieder die Tür aufging, ich fühlte eine Hand auf meiner Stirn und dachte, dass Mama vielleicht doch nicht ganz so böse war und ich dem Riemen vielleicht doch entgehe und sich alles durch Erbsenpüree zum Abendbrot einrenkt.
Papa hatte die seltsame Fähigkeit, völlig geräuschlos zu gehen, sodass es manchmal schien, als sei er nicht durch die Tür gekommen, sondern wie ein Geist durch die Wände und Fußböden. Die Tage verbrachte er im Erdgeschoss in der Uhrmacherwerkstatt, über seinen Arbeitstisch gebeugt reparierte er Uhrwerke. Vom unablässigen Sitzen hatte er einen krummen Rücken und ging leicht nach vorn gebeugt. Seine Haare waren dicht, aber fast grau, sodass er eher wie Mamas Vater statt Ehemann aussah.
Als ich klein war, so klein, dass ich noch nicht zur Schule ging und mein Bruder Otík sich unter Mamas Rock versteckte, ging mir die Frage im Kopf herum, wie meine schöne Mama so einen alten Mann heiraten konnte, also fragte ich.
»Sie musste mich nehmen«, sagte Papa, »schließlich sind meine Haare ihretwegen grau geworden.«
»Das stimmt«, sagte Mama und klopfte ihm auf die krumme Schulter. »Aber du bist froh darüber, stimmt’s? Wer würde dir sonst literweise Tee hinunter in die Werkstatt tragen? Weißt du, wie viele Stufen das sind?«
Achtzehn. Die enge Treppe hatte achtzehn Stufen, und seitdem der Laden nicht mehr unserer war, sondern staatlich, und die Maurer den Durchgang zwischen Treppenhaus und Laden zugemauert hatten, musste Mama mit jedem Becher Tee hinauslaufen auf die Straße und durch den Haupteingang hineingehen, was im Winter und im Regen besonders unangenehm war.
Im Laden zwischen den Uhren verbrachte Papa viel Zeit nicht nur an Arbeitstagen, wenn das Geschäft geöffnet war, sondern auch sonntags. Nach oben in unsere Wohnung im ersten Stock kam er nur zum Essen und Schlafen. Beim Mittagessen und beim Abendbrot erzählte er Mama von den Uhrwerken, die er gerade reparierte, und Mama hörte ihm zu, als ob er die wundersamsten Abenteuer berichtete. Mit uns Kindern redete er nicht viel, und wenn Mama weg musste und er auf uns aufpassen sollte, brachte ihn das ganz durcheinander. Sicher lag es nicht daran, dass er uns nicht gern gehabt hätte. Eher konnte er nicht mit Kindern umgehen und wartete, dass wir größer würden und seinen Erzählungen über die Uhrwerke mit dem gleichen Enthusiasmus lauschten wie Mama.
An dem Sonntag, als meine Welt sich in die falsche Richtung zu drehen begann, war Papa ganz mürrisch, trotzdem bemühte er sich, das nicht zu zeigen. Zuerst dachte ich, er sei böse wegen meines Eisbades, aber diesmal war ich daran unschuldig. Mama feierte ihren dreißigsten Geburtstag und Papa war nicht er selbst, weil die Feier seinen gewohnten Tagesablauf störte. Er konnte nicht in seine Werkstatt gehen, und in Ordnung bringen, was in Ordnung zu bringen ging. Er musste sich im Wohnzimmer an den festlich gedeckten Tisch setzen, mit seiner Frau, seinen drei Kindern und seiner Schwägerin Hana, zu der er die Beziehung einfach nicht in Ordnung bringen konnte, selbst wenn er gewollt hätte.
Der Grund war einfach – die Schwägerin war der personifizierte Vorwurf. Jedes Wort von ihr, jede Bewegung, jeder Blick zeigten ihm, wie sehr sie ihn verabscheute. Mit ihr an einem Tisch Zeit zu verbringen, war für Papa genauso eine Qual wie für mich.
Ich hatte Angst vor Tante Hana. Sie saß auf dem Stuhl wie ein schwarzer Nachtfalter und starrte nur. Nie zog sie etwas Farbiges an. Über dem schwarzen langärmligen Kleid trug sie winters wie sommers einen schwarzen Pullover mit Taschen, an den Beinen schwarze Strümpfe und knöchelhohe Schnürstiefel. Nie sah ich sie ohne Tuch, was ich eigentlich verstand, denn unter dem Tuch schauten weiße Haare hervor, auch wenn sie noch gar nicht alt sein konnte.
»Warum zieht sie nicht manchmal den Pullover aus?«, fragte ich Mama.
»Du hast gesehen, wie dünn sie ist«, sagte Mama. »Dünne Menschen frieren sehr leicht.«
»Wenn sie essen würde, wie es sich gehört, wäre sie nicht so dünn. Sie isst nur ein bisschen von dem Brot, das sie in ihren Taschen rumträgt, warum isst sie nichts Ordentliches?« Oder dürfen Erwachsene vielleicht überall krümeln, wo sie gehen und stehen, und Kinder nicht?
»Immer nur warum warum. Was geht dich das an? Sagt Tante Hana dir vielleicht, was du tun und lassen sollst?«
Und das war die reine Wahrheit. Tante Hana war die einzige Erwachsene, von der ich nie »Du darfst nicht« hörte. Eigentlich hörte ich auch nichts anderes von ihr, denn Tante Hana sprach fast nie, sie starrte nur. So seltsam. Als ob sie schauen würde, ohne zu sehen. Als ob sie weggegangen wäre und ihren Körper auf dem Stuhl vergessen hätte. Manchmal hatte ich Angst, dass sie zu Boden rutscht und nur noch ein Haufen schwarzer Sachen von ihr übrigbleibt.
Das hätte ich mir denken können, dass Mama Tante Hana verteidigt. Tante Hana war ihre ältere Schwester und eigentlich die einzige Verwandte, die wir hatten. Mama hatte sie schrecklich gern, was mich ziemlich verwunderte, denn Tante Hana zeigte nie, dass ihr an irgendjemandem von uns etwas liegen würde. Einmal sah ich, wie die Tante zu uns kam und Mama sie umarmen wollte, aber die Tante zuckte zurück, als ob sie sich an ihr verbrannt hätte. Mama lächelte sie immer an, sprach beruhigend mit ihr, wie mit einem kleinen Mädchen, und wenn die Tante darum gebeten hätte, hätte Mama ihr wohl auch das Blaue vom Himmel geholt. Aber die Tante bat weder sie noch sonst jemanden je um irgendwas. Sie saß einfach nur im Wohnzimmer, starrte vor sich ins Leere und gab manchmal eine kurze Antwort von sich, mit einer Stimme, die ganz und gar wie Mamas klang.
Wir setzten uns zum festlichen Mittagessen an den Tisch und ich erwartete so halb, dass auf meinem Teller anstelle des Lendenbratens das Erbsenpüree landete. Ich hatte zwar während der vormittäglichen Expeditionen in die Küche nicht entdecken können, dass die Mama Erbsen für mich kochte, aber aus ihrem reservierten Benehmen schloss ich, dass die Angelegenheit mit dem gestrigen Bad noch nicht ganz abgeschlossen war.
Ich bekam das gleiche Essen wie die anderen. Hatte Mama mich etwa aus Anlass ihres dreißigsten Geburtstags begnadigt?
Ich begann schon zu hoffen, aber dann kam die Zeit für das Dessert. Großartige, wundervolle Spritzkringel mit Eiercreme und glänzendem Zuckerguss, zu diesem besonderen und außergewöhnlichen Ereignis direkt in der Konditorei am Platz gekauft.
Mama nahm sie mit einer kleinen silbernen Zange vom Tablett und legte sie einen nach dem anderen auf die Goldrandtellerchen, die sie nur zu feierlichen Anlässen aus dem Schränkchen nahm. Den ersten stellte sie der Tante hin, dann je einen vor Papa, Dagmarka und Ota. Dann sah sie sich um und sagte: »So, und jetzt noch einer für mich.«
»Und was ist mit mir?«, fragte ich etwas voreilig, weil ich wusste, wie die Antwort lauten würde.
»Du hast kein Törtchen verdient. Du bist zum Fluss gegangen, obwohl du wusstest, dass es dir verboten war, und dann hast du mich auch noch angelogen.«
Ich begann zu flennen. Alle sahen mich an. Die Geschwister mitfühlend, die Tante verständnislos. Und Papa nickte nur mit dem Kopf und sagte: »Heul nicht, oder ich nehme den Gürtel. Auch so bist du billig davongekommen.«
»Na dann guten Appetit«, sagte ich, stieß den Stuhl zurück, dass er fast umkippte, und floh aus dem Zimmer.
»Und frech ist sie auch noch«, hörte ich Papas Stimme. »Ich hätte sie verhauen sollen.«
»Aber ich habe doch Geburtstag«, besänftigte ihn Mama, und was dann kam, hörte ich nicht mehr, weil ich die Holztreppe in den zweiten Stock ins Kinderzimmer hinaufgelaufen war. Dort warf ich mich aufs Bett und heulte laut vor Wut.
So laut, dass ich das Böse nicht hörte, das unter der Stadt auf die Welt gekommen und an diesem Tag in unser Haus gedrungen war. Mit verweinten Augen sah ich nicht, wie es seine gierigen Finger nach uns ausstreckte, Hoffnungen erstickte und Tod säte. Ich ahnte nicht, dass es ungesehen und ungehört unten am Tisch lauerte und sich seine Opfer aussuchte.
ZWEITES KAPITEL
Februar 1954
Gleich am nächsten Morgen schaute ich heimlich in die Speisekammer, ob nicht wenigstens ein gefüllter Spritzkuchen für mich übriggeblieben war, fand aber nicht mal ein Krümelchen. Eine Weile überlegte ich, bockig zu sein, aber dann sagte ich mir, dass ich mir auch die von Papa versprochenen Schläge ertrotzen könnte, und beschloss, den Eltern großzügig zu verzeihen und zu tun, als wäre überhaupt nichts geschehen. Vom obersten Regal nahm ich mir wenigstens ein paar harte Pfefferkuchen, aus denen Brösel gemacht wurden, die Mama über Pflaumenknödel, Brei oder Nudeln gab. Sie versteckte sie hinter den Kompottgläsern und dachte, ich wüsste das nicht. Dann fand ich die Tüte mit den Erbsen und stopfte sie vorsorglich ganz nach hinten.
Am Freitag stand Dagmarka nicht aus dem Bett auf. Ich trieb sie an, puffte sie, zog an ihrer Bettdecke, aber alles umsonst. Als sie sich an den Kopf griff und leise zu weinen anfing, begriff auch ich, dass sie wohl krank war und nicht zur Schule ging. Ich lief die Treppe hinunter in die Küche und teilte Mama mit, dass es Dagmarka schlecht ging und mein Kopf auch zu schmerzen begann.
Mama fasste mir an die Stirn. »Iss und ab in die Schule«, sagte sie und deutete mit dem Zeigefinger auf den Platz am Küchentisch neben Papa. Verdrossen setzte ich mich und probierte zu husten, aber Papa sah mich drohend an und so ließ ich das lieber.
Um eins kam ich ordentlich ausgehungert aus der Schule heim, denn ich hatte in dem morgendlichen Durcheinander meine Schulbrote vergessen. Keiner beachtete mich, denn Dagmarka hatte hohes Fieber und erkannte niemanden. Sie schrie immerzu etwas von Glöckchen über der Tür und Mama machte ihr mit Hilfe des alten Herrn Doktor Janotka Umschläge.
»Das wird Ziegenpeter sein«, sagte der Doktor. »Stellen Sie sich darauf ein, dass diese zwei das auch bekommen.« Er zeigte auf Otík und mich. Ehrlich gesagt, als ich sah, wie schlecht es Dagmarka ging, wäre ich lieber in die Schule gegangen.
Der Herr Doktor hatte recht. Otík wurde am nächsten Tag auch krank und es ging ihm vielleicht noch schlechter als Dagmarka. Dann kam der Doktor jeden Tag zu uns und sah sehr beunruhigt aus, weil das Fieber nicht nachließ, und obwohl die beiden ständig Kopfschmerzen hatten und vor Schwäche nicht aus dem Bett hochkamen, bekamen sie die bei Ziegenpeter typischen Beulen hinter den Ohren nicht. Der Doktor versuchte ihnen den Kopf zum Brustkorb zu beugen, ob sie nicht Hirnhautentzündung hätten, Mama weinte vor Angst und Erschöpfung, Papa versuchte so gut es ging zu helfen, stand aber in der Küche eher im Weg herum, und ich wartete noch, wann ich auch krank werde.
Schließlich erkrankte nicht ich, sondern Mama und Papa, aber da wussten wir schon, dass wir nicht die Einzigen waren, die diese seltsame Krankheit ereilt hatte, denn in der Stadt wurden es immer mehr Kranke. Es war klar, dass es sich um etwas Ansteckendes handelte und man die Kranken von den Gesunden trennen musste, und weil es in Meziříčí kein Krankenhaus gab, brachten sie meine ganze Familie in die Infektionsabteilung in der Kreisstadt.
»Lauf zu Tante Hana«, sagte Mama zu mir. Ihre Wangen brannten, sie sprach schwerfällig und ihre Zunge war ungewöhnlich braun. »Vergiss nicht abzuschließen. Und nicht, dass du wieder was anstellst.« Sie streichelte meine Wange und ließ sich in den Krankenwagen bringen. Ihr Kopf war gebeugt und der Blick so gleichgültig, wie ich es oft bei Tante Hana sah. Sie setzte sich neben Papa und legte ihm den Kopf auf die Schulter. Er öffnete die Augen, fragte: »Hast du die Uhren aufgezogen?« Und schloss die Augen wieder. Mama antwortete nicht, auch ihre Lider klappten zu.
Ein Mann im weißen Kittel schlug die Krankenwagentür zu und ich blieb allein auf dem Bürgersteig vor der Uhrmacherei zurück. Niemand war da, der mir verboten hätte, auf den Dachboden zu gehen, in den Keller oder auch an den Fluss. Niemand, der mich lieb gehabt hätte.
Ich ging die Treppe hoch, setzte mich auf das Sofa in der leeren Küche, die auf einmal schrecklich groß war, und hörte dem lauten Ticken der Uhr zu. Zu Tante Hana zu gehen, hatte ich überhaupt keine Lust, aber was blieb mir übrig. Entschlossen holte ich Luft und auf einmal schien es mir, als hörte ich aus dem oberen Stockwerk ein schlurfendes Geräusch. Ich erstarrte, drückte mich ganz in die Sofaecke und zog mir ein Kissen auf den Schoß. Nein, das war mir nur so vorgekommen. Mir wurde klar, dass ich noch nie ganz allein im Haus gewesen war. Ich griff nach der Tasche, die mir noch Mama geholfen hatte zu packen, und hörte wieder dieses Geräusch. Als ob jemand auf dem Dachboden herumginge. Ich schoss aus der Küche, riss unten vor der Tür nur den Mantel vom Haken, nahm die Schuhe in die Hand und lief los. Erst auf dem Platz fiel mir ein, dass ich nicht abgeschlossen hatte.
Tante Hana wohnte in dem Haus, in dem Oma Else und Opa Ervin sie und meine Mama zur Welt gebracht hatten. Vier große Fenster zeigten auf den Platz und ich beneidete Tante Hana, dass sie auf dem breiten Fensterbrett sitzen und das menschliche Gewimmel unter sich beobachten konnte. Unser Haus war zwar zweigeschossig, aber wenn ich weiter als bis in das enge Sträßchen sehen wollte, müsste ich bis auf den Dachboden klettern, von wo aus man die ganze Stadt überblicken konnte. Aber da durfte ich natürlich nicht hin. Gleichzeitig war mir völlig klar, dass Tante Hana nie aus dem Fenster schaute, da sie keine Menschen mochte und sich überhaupt nicht für sie interessierte.
Stufe für Stufe stieg ich die Treppe zu Tante Hanas Wohnung hinauf und versuchte mir vorzustellen, wie sie es aufnimmt, wenn ich ihr sage, dass ich ein paar Tage bei ihr blieben soll. Freuen wird sie sich nicht, da war ich mir sicher. Sie war so an ihre Einsamkeit gewöhnt, dass sie zu sprechen vergaß. Sie ging nur für dringende Einkäufe oder die seltenen Besuche bei meiner Mama aus dem Haus. Eigentlich war ich nicht einmal sicher, ob sie wusste, wie ich heiße. Ich konnte mich nicht erinnern, dass sie mich je angeredet hätte. Bestimmt nicht – sie hatte noch nie mit mir gesprochen.
Ich klingelte an der Wohnungstür, aber nichts war zu hören. Ich klingelte noch einmal, diesmal ordentlich. Drinnen war es noch immer still. Ich drückte mein Ohr an die Tür. Das müsste schon großes Pech sein, wenn die Tante gerade nicht zu Hause wäre. Ich drückte die Klinke, es war nicht abgeschlossen.
»Tante?«, rief ich in die halboffene Tür, aber es war nichts zu hören. »Tante. Ich bin das, Mira. Mama hat mich zu dir geschickt.« Ich überlegte, dass sie am Tisch sitzen könnte, wieder mit diesem seltsamen Ausdruck in den Augen, und nichts mitbekam. Ich ging also in den Flur, schaute in die Küche und schließlich ins Schlafzimmer.
Und dort fand ich sie. Sie lag angekleidet auf dem Bett, so, wie sie immer zu uns kam, auch das schwarze Kopftuch hatte sie umgebunden, obwohl es jetzt von ihren weißen Haaren auf die Schultern gerutscht war. Sie lag auf dem Rücken, seltsam durchgebogen, als ob ein schmerzhafter Krampf sie gepackt hätte, das Kinn war zurückgebeugt, die Augen offen und aus ihrem halboffenen Mund drang ein seltsames Röcheln.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Ich ging zwei Schritte vor. »Tante?« Aber da sah ich schon, dass sie dieselbe Gesichtsfarbe wie Dagmarka hatte. Ihre Augen waren trübe und sie zitterte – noch mehr als ich, als ich ins eiskalte Wasser gefallen war.
»Mama!«, schrie sie auf einmal. »Mama, ich … ich wusste, dass ihr zurückkommt.« Sie warf heftig den Kopf von einer Seite zur anderen. »Sie sind nicht hier, nicht hier.« Tränen flossen ihr aus den Augen. So viele Tränen hatte ich nicht einmal bei Otík gesehen, und der konnte wütend sein.
Ich weiß nicht, was mich mehr erschreckte, die heftigen Fieberzuckungen, die schmerzhaften Krämpfe, die Schreie oder die Tränen. Ich lief durch die Wohnung, die Treppe hinunter und packte draußen den ersten Menschen, der mir begegnete, und hängte mich verzweifelt an seinen Ärmel. »Was soll ich machen? Was soll ich machen? Der Tante geht es furchtbar schlecht.« Und damit meine Bitte noch ernster klang, fügte ich hinzu: »Sie ist ohnmachtslos.«
Der Mann in dem langen Mantel stieß mich unsanft weg und trat ein Stück zurück. Zu der Zeit war schon klar, dass sich in der Stadt eine Seuche ausbreitete. In sicherer Entfernung blieb er stehen und fragte: »Wo ist sie?«
»Hier oben. Sie ist ganz allein da und ich weiß nicht, was ich tun soll.«
»Komm mit«, sagte er und ging in die geöffnete Tür der Bäckerei. »Und fass nichts an.«
Drin war es warm und die Luft duftete nach Brot. Dieses Brot kaufte sich hier Tante Hana immer, schnitt dünne Scheibchen davon ab und trug sie in ihren Taschen herum.
Der Mann im langen Mantel beachtete die ärgerlichen Blicke der Käuferinnen in der Schlange nicht, ging geradewegs nach vorn und fragte die Verkäuferin: »Haben Sie hier ein Telefon?«
»Dienstlich«, entgegnete die Frau scharf. »Sie sind hier doch nicht auf der Post.«
»Rufen Sie den Rettungswagen«, sagte mein Helfer. »Die Kleine sagt Ihnen Namen und Adresse.«
Die Verkäuferin wollte etwas sagen, aber der Mann brüllte sie an: »Oder wollen Sie sich die Kranke zuerst selbst anschauen gehen?«
Die Leute in der Schlange gingen auf sicheren Abstand. Ich weiß nicht, ob sie sich mehr vor der Ansteckung oder vor dem verärgerten Mann fürchteten. Ich dachte, dass es vor allem großes Glück war, dass ich gerade seinen Ärmel gepackt hatte. Sicher rät er mir auch, wohin ich gehen soll, wo ich doch jetzt ganz allein war. Auf einmal fühlte ich mich sicherer.
Zwei Frauen verließen ihren Platz in der Schlange, gingen im Bogen um uns herum und eilten fort. Ich diktierte Tantes Namen und die Verkäuferin ging nach hinten ins Büro, um zu telefonieren. Mich schickten sie zum Warten vor Tantes Haus.
Der Rettungswagen kam schnell. Die vordere Tür ging auf und ein dicker Doktor krabbelte heraus. Er schaute zur Treppe, seufzte ergeben, ging schwankenden Schrittes zum Haus, blieb wieder stehen, atmete tief ein und verschwand leise fluchend im Haus. Die Tante wurde auf einer Trage herausgebracht. Ich wusste, dass sie noch lebte, denn das Betttuch, das sie ihr übergeworfen hatten, bebte. Die Trage luden sie ins Auto, der dicke Doktor kletterte schnaufend hinein, schlug die Tür hinter sich zu, der Rettungswagen heulte ein paar Mal leer auf und setzte sich holpernd in Bewegung.
Ich sah dem weißen Auto hinterher und wartete, dass der Mann in dem langen Mantel wieder auftauchte, damit ich ihn noch einmal um Rat bitten konnte. Aber er zeigte sich nicht mehr.
Gut zehn Minuten trampelte ich auf dem Bürgersteig von einem Fuß auf den anderen und langsam wurde mir ordentlich kalt. Ich begriff, dass mir niemand helfen würde, dass ich selbst jemanden finden musste, der sich meiner annimmt.
Die erste, die mir einfiel, war meine goldhaarige Freundin Jarmilka Stejskalová. Ihre genauso hellhaarige Mama war immer sehr nett zu mir. Bestimmt konnte ich ein paar Tage bei ihnen bleiben.
Wieder stand ich vor einer fremden Tür und griff hilfesuchend nach der Klinke. Diesmal wurde die Tür nach dem ersten Klingeln geöffnet, aber nur zu einem Spalt.
»Hallo Mira, Jarmilka kommt heute nicht raus.«
»Ich will nicht zu Jarmilka. Mama und Papa sind ins Krankenhaus gekommen und ich bin allein zurückgeblieben. Könnte ich nicht bei Ihnen bleiben, bis sie zurückkommen?«
Der Spalt in der Tür wurde noch enger. »Jetzt passt das gerade nicht. Wir sind alle irgendwie erkältet. Du könntest das auch bekommen.«
»Wohin soll ich gehen?«, fragte ich, aber die Tür war schon geschlossen.
Ich sah mich auf der Straße um. In den Fenstern gingen langsam die Lichter an und hinter Gardinen und Vorhängen tauchte manchmal eine Gestalt auf, aber weit und breit gab es niemanden, den ich kannte. Ich machte mich langsam nach Hause auf, aber bei der Erinnerung an die Geräusche vom Dachboden, die sich wie Schritte anhörten, wurde ich immer langsamer. Ich kam am Schaufenster der Uhrmacherei vorbei, finster wegen der fortgeschrittenen Stunde, hielt vor der Eingangstür an und wartete, ob etwas passierte. Es passierte gar nichts, nur auf der Straße war immer weniger zu sehen und ich spürte jetzt neben der Kälte auch noch Angst vor der Nacht.
Ich schließe wenigstens ab, sagte ich mir. Und dann bleibt mir nichts übrig, als bei den Nachbarn zu klopfen und um Rat zu fragen. Ich gehe von Haus zu Haus, irgendjemand wird mir bestimmt helfen.
Ich hatte einen Plan und das machte mir Mut. Ich war mir sicher, dass ich nicht hineingehen musste, denn wir ließen den Schlüssel gewöhnlich im Schloss stecken. Es müsste reichen, auf die andere Seite der Tür zu greifen, ihn schnell herauszuziehen, die Tür wieder zuzuschlagen und abzuschließen. Ich tastete die Türinnenseite ab, nur war der Schlüssel nicht da. Wie konnte das sein? Ich war überzeugt, dass ich ihn da gesehen hatte. Er musste also an der Garderobe ein paar Schritte von der Tür hängen.
Ich schaute in den dunklen Gang. Ich hatte Angst, Licht zu machen, um nicht die Aufmerksamkeit des Eindringlings zu wecken, dessen Anwesenheit ich nur ahnte. Von der dämmrigen Straße hinter mir drang schwaches Licht herein und mein Schatten war auf einmal so lang, dass er bis zum schmalen Treppenhaus reichte und mit jedem meiner Schritte die Treppe hochkletterte. Die Garderobe war im Dunkeln kaum zu sehen. Hätte ich nicht gewusst, dass da Papas Wintermantel hing, hätte ich gedacht, dass sich eine schwarze Gestalt an die Wand presst. Was, wenn da wirklich jemand ist?
Ich blieb stehen und versuchte, in der Dunkelheit den Schlüssel auszumachen. Auf einmal hörte ich Schritte, sie kamen näher und näher und zu meinem Schatten auf der Treppe gesellte sich ein weiterer. Ich versuchte gar nicht zu erkennen, woher er kam, ich drehte mich um und wollte aus der Tür laufen. Die Schritte kamen aber nicht von oben, wie ich dachte. Sie kamen von einer Gestalt, die mir den Weg nach draußen versperrte. Ich versuchte, an ihr vorbeizuhuschen, aber sie packte mich an der Schulter. »Mira! Hast du mir einen Schreck eingejagt.«
DRITTES KAPITEL
März 1954
Einmal fragte ich Mama, warum sie keine richtige Freundin habe. Sie wunderte sich, wie ich überhaupt darauf kommen konnte, und sagte dann, die Freundschaft von Erwachsenen sei ganz anders.
»Erwachsene Freundinnen gehen nicht jeden Nachmittag raus, wie du das mit Jarmilka machst«, erklärte sie mir. »Sie warten nicht aufeinander, wenn sie zur Arbeit gehen, und teilen nicht ihr zweites Frühstück. Sie sehen sich nicht jeden Tag, manchmal treffen sie sich sogar wochenlang nicht, aber sie wissen voneinander, und wenn es nötig ist, helfen sie sich.«
Und Ivana Horáčková war wohl so eine »richtige« Freundin, weil sie gleich kam, als sie erfuhr, dass meine Familie ins Krankenhaus gebracht wurde, um sich zu überzeugen, ob bei mir alles in Ordnung war.
Unsere Haustür stand weit offen und Ivana Horáčková erspähte im dunklen Flur eine Bewegung. Als ich aus dem Dunkel auf sie zustürzte, erschrak sie zuerst ordentlich, fasste sich aber schnell, machte Licht und half mir, die Schlüssel von unserem Haus zu finden, das wie durch Zauberhand wieder unser sicheres und gemütliches Heim war. Dann nahm sie meine Tasche und brachte mich, zittrig wie ich noch war, zu sich nach Hause.
Sie war eine »richtige« Freundin, weil sie, obwohl ihr Mann Jarda schimpfte und wollte, dass sie mich irgendeinem Ausschuss überbrachte, mir auf einem alten, eisernen Bettgestell in der ehemaligen Kammer für das Dienstmädchen ein Bett machte. Ich war so müde, dass ich nur etwas warme Milch trank und unter das Federbett kroch. Aber noch bevor ich einschlief, hörte ich Herrn Horáček sagen: »Warum hast du sie hierher gebracht? Willst du, dass wir alle sterben?«
Die Antwort verstand ich nicht, aber mir schien das wirklich sehr komisch, dass so ein großer Mann vor einem kleinen Mädchen Angst hatte.
Am nächsten Tag sagte mir Frau Ivana, dass ich sie Tante nennen sollte, obwohl sie gar nicht meine Tante war, und erklärte mir, in der Stadt sei eine Typhusepidemie ausgebrochen, und weil meine Familie erkrankt war, sei es gut möglich, dass ich auch so einen Bazillus in mir hätte und also zu einer Kontrolle gehen müsste und die Horáčeks auch, weil sie Kontakt mit mir hatten.
Herr Horáček war wohl immer noch böse auf mich. Er bot mir nicht an, ihn Onkel zu nennen, und zu Tante Ivana sagte er empört, dass er ihretwegen niemandem seinen nackten Hintern hinstrecken würde. Diese Bemerkung verstand ich erst im Arztsprechzimmer, als die Schwester uns Proben nahm, die sie dann, meinte sie, irgendwohin zur Kontrolle schickte.
Tante Ivana war sehr nett zu mir. Sie versprach, ich könne bei ihnen bleiben, bis die Eltern aus dem Krankenhaus zurück seien. Die Horáčeks hatten jetzt viel Platz, weil sie beim ersten Verdacht, in der Stadt wüte eine Epidemie, ihre beiden Kinder zu den Verwandten bis irgendwo bei Kroměříž gebracht hatten.
Daran hatten sie gut getan, denn Meziříčí wurde zur geschlossenen Stadt. Zwei Flüsse gleichen Namens, die sonst die Häuser wie zwei freundliche Arme umfassten, hielten die Stadt jetzt in festem Griff. Sie waren Grenze geworden, die niemand überschreiten sollte, damit die Seuche sich nicht in die umliegenden Gemeinden ausbreitete.
Aushänge und der örtliche Rundfunk forderten die Einwohner auf, nicht zu reisen, aber die Menschen waren verstört und wenn sie konnten, flüchteten sie zu Verwandten und Bekannten. Die weigerten sich aber bald, sie aufzunehmen, denn die Flüchtenden bedrohten sie und trugen den Typhus weiter über den Bezirk hinaus.
Alle Familien, in denen jemand erkrankt war, unterlagen strenger Quarantäne. Ich durfte nicht in die Schule und die Horáčeks nicht auf die Arbeit. Wir waren aufgefordert, unseren Aufenthalt an Orten, wo wir andere anstecken konnten, einzuschränken, und in Restaurants durften wir gar nicht. Dieser Regel widersetzte sich Herr Horáček, der abends gern auf ein frisch Gezapftes ging, genauso wie der ärztlichen Kontrolle.
Männer und Frauen in weißen Kitteln gingen von Haus zu Haus, untersuchten die Wasserversorgung und fahndeten nach der Ursache der unerwarteten Katastrophe. Die Stadt hatte keine Wasserleitung und deshalb holten die Bewohner das Wasser aus den Brunnen in ihren Höfen und Kellern. Und in einem der Brunnen, die sich die Menschen schon vor langer Zeit gegraben hatten und wo sie seit hundert Jahren Wasser holten, kam der Tod auf die Welt.
Vielleicht waren Verunreinigungen aus dem Abwasser hineingelangt oder eine tote Ratte verweste darin – man fand es nicht heraus. Sicher war aber, dass sich todbringende Bakterien im Wasser zu vermehren begannen. Und aus eben diesem Brunnen schöpfte die örtliche Konditorei ihr Wasser. Alle Kolatschen, Cremerollen, Baisers, Schnittchen und Kipferl trugen den tödlichen Keim in sich.
Und auch in den Spritzkringeln mit der Eiercreme und dem glänzenden Zuckerguss, die sich meine Familie bei Mamas Geburtstagsfeier schmecken ließ, verbargen sie sich.
Ich saß allein in der fremden Küche. Sie roch ganz anders als Mamas Küche. Der Fußboden war kühl an den Füßen, weil er ganz aus großen braunen Fliesen war. Am weißen Tisch standen vier Holzstühle mit geraden Lehnen und an die Wand gegenüber dem Fenster lehnte sich ein durchgesessenes Sofa mit einem runden Häkelkissen. Die große, cremefarben gestrichene Anrichte war mit wunderschönen Schnitzereien verziert und die Fächer waren aus Milchglas.
Ich rutschte vom Stuhl, schob mir einen Hocker an die Spüle, tauchte die Hände in das nach Essig riechende Wasser und spülte die Teller vom Mittagessen ab. Ich bemühte mich, leise zu arbeiten, und spitzte die Ohren, um so viel wie möglich von dem Gespräch zu hören, das Tante Ivana mit ihrem Mann im Nebenzimmer führte. Mir war klar, dass sie von etwas Wichtigem sprachen, etwas, was ich nicht hören sollte, obwohl es auch mich anging. Warum sonst sollte Tante Ivana die angefangene Arbeit unterbrechen, das Wasser kalt werden lassen, das sie lange in dem großen Topf erhitzt hatte, bis es siedete, und dann unter großer Anstrengung vorsichtig in das Spülbecken gegossen hatte?
Ich scheuerte den letzten Topf aus, stellte ihn zu dem restlichen Geschirr auf die Platte des Abwaschtisches und schlich mich zur Tür. Ich legte das Ohr aufs Holz, aber ich hörte trotzdem nichts. Dann öffnete sich die Tür und ich bekam einen Schlag mitten ins Gesicht.
»Mira! Was machst du hier?«
»Was soll sie machen. Spionieren.« Herr Horáček hatte sich mit meiner Gegenwart immer noch nicht ausgesöhnt.
»Ich habe das Geschirr abgewaschen«, meldete ich und rieb mir das verletzte Gesicht. Mir war zum Heulen, aber ich wusste, dass ich mir diesen Schmerz selbst zuzuschreiben hatte. Ich griff nach dem Geschirrtuch. »Und jetzt trockne ich es ab.«
Herr Horáček murmelte nur etwas, nahm die Zeitung vom Küchentisch und kehrte ins Zimmer zurück. Tante Ivana sagte nichts, streichelte nur über meine Schulter.
»Ich habe nicht spioniert«, sagte ich und begann abzutrocknen. Zu Hause riss ich mich nicht so ums Helfen, aber ich wusste aus Erfahrung, dass die Erwachsenen bei gemeinsamer Arbeit mitteilsamer sind. »Ich wüsste nur sehr gern etwas über die Familie und Tante Hana. Vielleicht wann sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.«
Die Tante zuckte die Achseln. »So schnell wird das nichts.«
Das war seltsam. »Das können Sie nicht wissen, ich war nie länger als eine Woche krank.« Und da habe ich zum Schluss ein bisschen übertrieben, um noch nicht in die Schule zu müssen.
»Typhus ist kein Schnupfen. Aber du musst dir keine Sorgen machen, gestern Nachmittag haben sie gemeldet, dass der Zustand eurer Familie zufriedenstellend ist.«
Das war neu. »Wo haben sie das gemeldet?«
Tante Ivana wurde unsicher. »Auf dem Marktplatz.« Als sie meinen verständnislosen Blick sah, fuhr sie zögernd fort. »Es gibt viele Kranke, aber in die Krankenhäuser darf man nicht, also meldet der Stadtfunk beim Nationalausschuss, wie es wem geht.«
»Jeden Tag?«
»Ja.«
»Auch heute Nachmittag?«
»Bestimmt. Onkel Jarek geht wieder hin und erzählt uns dann alles.«
Also das war das Geheimnis, über das sie hinter verschlossener Tür geflüstert haben. Warum machten sie so ein Gewese darum? Hatten sie Angst, dass ich auch hingehen wollte?
»Darf ich mir heute die Durchsage anhören gehen?«
»Das ist nichts für Kinder. Und es ist kalt dort, du wirst dich noch erkälten.«
Tante Ivana sagte das so entschlossen, dass ich weitere Überredungsversuche von vornherein aufgab und mir sagte, dass ich mir etwas anderes ausdenken musste, wenn ich auf den Platz und mehr über meine Familie erfahren wollte.
In diesem Jahr lag anstelle des Frühlingsdufts der Gestank von Desinfektionsmittel in der Luft. Die Häuser schmiegten sich aneinander, als wollten sie sich in dieser Trostlosigkeit beistehen, die auch die Gestalten umgab, die durch die Straßen der Stadt gingen. Zwietracht und Nachbarschaftsstreitigkeiten, die noch vor ein paar Wochen so wichtig waren, wurden beiseitegeschoben und die Gespräche drehten sich nur um die Ohnmacht, die Angst und die Krankheit.
Desinfektionstrupps gingen durch die Stadt, blieben bei jedem Haus stehen, in dem jemand erkrankt war, und hinterließen auseinandergeworfene Betten ohne Bettzeug, einen starken Geruch, der Übelkeit hervorrief, und ein Zeichen, das mit weißer Kreide an die Eingangstür geschrieben wurde.
Auch unser Haus musste diese schmachvolle Prozedur über sich ergehen lassen und ich sollte Zeuge sein, weil ich die Einzige aus dem Haus war, die nicht in der Infektionsabteilung eingeschlossen war. Ich kam mit Tante Ivana zur verabredeten Zeit in unsere Straße, schloss die Tür zum dunklen Gang auf und ließ zwei Männer in weißen Kitteln und mit Mund- und Nasenschutz ein. Lange, unendlich lange – oder so kam es mir wenigstens vor – standen wir unten im Gang und warteten, bis sie mit ihrer Arbeit fertig waren.
»Fertig?«, fragte Tante Ivana, als sie die Treppe heruntergelaufen kamen.
»Noch die Uhrmacherei«, antwortete einer der Männer. »Hier sollen irgendwo die Schlüssel sein.«
Ich zeigte auf die Garderobe neben der Eingangstür, und als sie aufschlossen und hineingingen, schaute ich hinter ihnen hinein. Alles war auf seinem Platz und doch war etwas seltsam am Laden.
Die Stille. Das war die fremde, unheilverkündende Stille, die mich überraschte. Ich hörte nicht das Ticken der Uhrwerke. Die Pendel hingen unbeweglich herunter und die Zeiger zeigten auf den Zifferblättern die Uhrzeit, zu der sie stehengeblieben waren. Niemand war im Haus, der die zig Uhren, vielleicht sogar hundert Uhren aufzog, niemand war da, der sie brauchte. Es war, als seien sie gestorben.
Die Männer waren fertig und gaben Tante Ivana ein Papier zum Unterschreiben, das bezeugte, dass sie ihre Arbeit gründlich und ohne Komplikationen erledigt hatten, wovon schließlich auch der fürchterliche Gestank zeugte, den sie hinterließen.
Wir schlossen wieder ab, gingen durch unsere schmale Gasse und bogen auf den Platz ein. In den Straßen waren mehr Menschen als gewöhnlich und alle gingen in eine Richtung.
»Sie gehen sich die Durchsage anhören«, sagte Tante Ivana, packte meine Hand fester und beschleunigte den Schritt. Offensichtlich hatte sie nicht die Absicht, auf dem Platz anzuhalten.
»Tante«, bat ich, »wir wollen hierbleiben. Sehen Sie, da sind auch Kinder.«
Ich weiß ganz bestimmt, dass es nicht meine Bettelei war, die Tante Ivana anhalten und der endlosen Abfolge von Namen und Mitteilungen über den Zustand der Kranken zuhören ließ. Angehalten hatte sie, weil sie der Anblick der stillen Menge neugierig machte, die dort mit dem Gesicht dem Gebäude des städtischen Nationalausschusses zugewandt stand. Was sie nicht gehen ließ, war das Raunen, das manchmal durch das Menschenmeer fuhr, wenn sich der Zustand eines Kranken verschlechtert hatte, unheilvolles Geflüster und Schluchzer. Sie blieb stehen und hörte reglos zu, ob sie einen Namen hörte, den sie kannte. Sie stand da, obwohl sie wusste, dass sie weitergehen sollte, aber die Neugier klebte ihre Füße auf dem gepflasterten Bürgersteig fest.
Die eintönige Stimme las eine endlose Liste vor, sprach die Namen sorgfältig aus und ordnete sie Kategorien zu. Ich hörte den Namen Hana Helerová. Ich zog Tante Ivana am Ärmel und kam mir sehr wichtig vor. Von meiner Tante wurde im Stadtfunk gesprochen.
»Zustand sehr kritisch.« Das war nichts Neues für mich, ich hatte selbst gesehen, dass es der Tante schlecht ging. Ich hörte weiter zu. Ein Name, eine kurze Mitteilung. Zustand kritisch, Zustand unverändert, Zustand zufriedenstellend, außer Gefahr … Dann las der Sprecher den nächsten Namen und mir schien, dass er irgendwie stockte. Nach einer Weile fuhr er fort. »Verstorben«, sagte er und las langsam weiter.
Schrecken überfiel mich. Davor war mir überhaupt nicht in den Sinn gekommen, dass Mama, Papa, Dagmarka oder Otík sterben könnten. Es sterben doch nur schrecklich alte Leute, und Papa sagte immer, seine Haare seien nicht vom Alter grau geworden, sondern von Sorgen, und Mama hatte keine einzige Falte. Und meine Geschwister waren noch Kinder. Ich fühlte, wie sich die Hand der Tante fester um meinen Arm schloss und sie mich wegzog.
»Sie sind schon beim Buchstaben J!«, schrie ich und versuchte sie aufzuhalten. »Gleich werden sie über unsere Familie sprechen.«
Tante Ivana zog mich weiter. Ich stemmte die Hacken in das Pflaster und hielt mich am Türrahmen der Bäckerei fest, vor der ich vor zwei Wochen auf den Rettungswagen für die kranke Hana gewartet hatte. Die Tante löste mein Finger und schleifte mich weiter. Sie rannte fast, so eilig hatte sie es, aber es war schon zu spät.
»Kalaš Jan«, meldete der Funk. »Zustand zufriedenstellend. Kalašová Marta, Zustand kritisch. Karásková Dagmara, Zustand unverändert, Karásek Karel, Zustand kritisch, Karásek Ota, Zustand unverändert, Karásková Rosa …« Das war Mama. Die Stimme schwieg für einen Moment. Die Tante zog mich weiter und ich zerrte nicht mehr an ihr. Auf einmal wollte ich so weit wie möglich fort und den Worten entkommen, die ich ahnte.
»Verstorben«, sagte die Stimme und mehr hörte ich nicht, denn ich fing schrecklich zu heulen an. Ich schluchzte laut und kreischte: »Nein, Mama, nein!«
Die Leute drehten sich nach uns um, aber sie dachten wohl, dass ich nur ein unartiges Kind war, das sich seiner Mutter widersetzte, und sahen uns empört an. Nichts davon bekam ich mit. Ich fühlte nur furchtbaren Kummer, Einsamkeit und Kälte und wollte auch sterben. Ich bemerkte, dass mich jemand aufhob und an sich drückte, und für den Bruchteil einer Sekunde hoffte ich, dass es ein Versehen war und Mama gekommen war, um mich zu trösten, aber es war nur Tante Ivana. Sie trug mich fort vom Platz. Über ihre Wangen liefen Tränen.
VIERTES KAPITEL
März–Mai 1954
Auch wenn ich dachte, ich könne nicht noch mehr Kummer und Hilflosigkeit erleben, als mir das Schicksal durch Mamas Tod auferlegte, hatte ich mich geirrt. Innerhalb einer Woche starben Dagmara, dann Otík und zuletzt auch Papa. Ich war noch nicht ganz neun Jahre alt und war ganz allein. Mein Leben blieb genauso stehen wie die Uhren, die in Papas Geschäft an der Wand hingen. Ich war wehmütig, hatte Angst vor der Zukunft und fühlte mich unendlich einsam.
Tante Ivana brachte mich aus dem Kämmerchen ins Zimmer ihrer Kinder. Sie legte mich ins Bett des älteren Sohnes Gustav, saß am Kopfende und hielt meine Hand so lange, bis ich einschlief. Sie war morgens da, wenn ich aufwachte, wischte mir die Tränen ab, die ich nicht aufhalten konnte, sprach zu mir, wann immer sie das Gefühl hatte, dass ich der Verzweiflung nachgebe.
Am schlimmsten war es morgens. Im Schlaf verschwand die Gegenwart und im Traum kehrte ich in das Haus zurück, in dem ich geboren wurde. Mama stand wieder am Küchentisch, backte Kuchen nach dem Rezept von Großmutter Karásková, weil Papa den am liebsten mochte, oder saß auf dem Sofa und las eines ihrer geliebten Romanhefte »Abende im Lampenlicht«. Die legte sie immer in die Schuhschachtel auf dem Schrank im Schlafzimmer und Papa musste sie herunterreichen, weil sie dort nicht herankam. Otík baute einen Turm aus bunten Holzklötzen und Dagmarka und ich machten Hausaufgaben.
Der Traum endete jedes Mal gleich. Die Tür ging auf, Papa kam herein und ich sagte: »Auf dem Platz haben sie gemeldet, dass ihr gestorben seid.« Und sie schauten mich an und lachten. »Das hast du nur geträumt, du siehst doch, dass wir hier sind«, und ich war glücklich. Nur wachte ich dann auf und es war, als ob sie noch einmal stürben. Jeden Morgen erlebte ich den Kummer wieder und wieder, und schließlich hatte ich abends Angst, schlafen zu gehen, um meine Familie nicht wieder zu verlieren.
Die Horáčeks waren sehr freundlich zu mir. Tante Ivanas Mann Jarek sagte sogar, ich könne bei ihnen bleiben, solange es nötig war, aber das machte mich noch wehmütiger, denn ich wollte nach Hause gehen. In mein altes Leben zurückkehren.
Die Typhusepidemie ließ langsam nach. Die Hygienemaßnahmen waren nicht mehr so streng, die ersten Auskurierten kehrten aus den Krankenhäusern zurück, Herr Horáček – eigentlich zu der Zeit schon Onkel Jarek – konnte wieder zur Arbeit gehen, Tante Ivana ging wieder zum Kochen in die Schulküche und ich in die Schule.
In der Klasse war alles genauso, und doch anders. Ich setzte mich in meine Bank neben Jarmilka Stejskalová, schaute auf die Tafel, aber ich sah nicht, was dort geschrieben stand, ich schrieb Zahlen in mein Heft, begriff aber nicht, was sie bedeuteten. Ich fühlte die mitleidigen Blicke der Mitschüler auf mir und hasste sie, weil sie nach dem Unterricht nach Hause gehen konnten, zu ihren Mamas, Papas und Geschwistern, aber ich kein Zuhause mehr hatte. Nicht einmal Jarmilka wusste, was sie sagen sollte, und so bot sie mir in der großen Pause wenigstens an, dass ich von ihrem Brot kosten sollte. Ich schüttelte nur den Kopf und schaute weiter vor mich hin.
Während der nächsten Tage kehrte das Leben der meisten Einwohner der Stadt wieder in die alten Bahnen zurück und die Kranken und Toten wurden nur mehr zu Zahlen in den Statistiken der Hygienestation. Insgesamt waren fast 500 Menschen erkrankt und mehr als zwanzig von ihnen waren gestorben.
Von Tante Hana hatte ich keine Nachrichten und ich forschte auch nicht nach. Mamas Schwester Hana Helerová war ein fremder Mensch für mich. Weiter entfernt als Tante Ivana, bei der ich zwar erst ein paar Wochen wohnte, aber sie brachte mir in der Zeit mehr Gefühl entgegen als Tante Hana im ganzen Leben.
Ich wusste nicht einmal, ob Hana lebte. Ich verstand, dass »Zustand sehr kritisch« eine Vorstufe des Todes war. Ohne darüber extra nachzudenken, nahm ich an, dass sie genauso aus meinem Leben gegangen war wie die Eltern und Geschwister, und die Horáčeks das verschwiegen, um meine Einsamkeit nicht noch zu verstärken.
Tante Ivana dachte sich, man müsse mich irgendwie beschäftigen, damit ich keine Zeit zum Nachdenken hatte, und versuchte mich am häuslichen Leben zu beteiligen. Es schien zu wirken. Ich fühlte zwar immer die Trauer, aber Angst und Schrecken, die mich in den ersten Tagen nach der Beerdigung kaum atmen ließen, verloren sich langsam. Ich begann mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich bei den Horáčeks blieb.
Nach einiger Zeit beschlossen die Horáčeks, dass die Gefahr vorbei und es an der Zeit war, dass ihre Kinder wieder von den Großeltern zurück nach Hause zogen. Tante Ivana machte sich freudig an die Vorbereitungen und bezog mich in das Bettenbeziehen und die große Wäsche ein.
»In ein paar Tagen kommen Ida und Gustav von der Oma zurück, dann wirst du Freunde haben«, versprach sie mir beim Einsprengen der Bett- und Kissenbezüge. Wir machten die Finger in Wassertöpfchen nass und schüttelten dann die Tropfen so gleichmäßig wie möglich auf die gestärkte Wäsche. Die Tante konnte das, aber bei mir bildeten sich nur große Pfützen.
»Iduška wollte immer ein Schwesterchen, sie wird sich freuen, dass sie jemandem zum Spielen hat. Und Gustík ist ein feiner Junge. Du wirst sehen, ihr werdet euch verstehen.« Sie lachte zufrieden und reichte mir eine Seite des besprengten Lakens, damit ich half, es vor dem Mangeln auseinanderzuziehen. Wir packten die Ecken und zogen daran. »Sie werden dich so mögen, als ob du eine von uns wärst«, lächelte Tante Ivana und griff nach dem nächsten Wäschestück.
Nun ja, da hatte sie sich ordentlich getäuscht.
Ich kannte weder Ida noch Gustav, weil die Horáčeks am Stadtrand wohnten, wo kleine zweistöckige Villen mit schönen Gärten und hochgewachsenen Obstbäumen standen. Mama war bei schönem Wetter oft mit uns hierher spaziert und sagte immer, sie würde gern später in so einem Häuschen mit Garten wohnen. Manchmal blieb sie stehen und schaute eins der Häuschen aufmerksam an, als ob sie wirklich plante, es zu kaufen, und sagte: »Hier würde ich ein Gewächshaus hinstellen.« Oder: »Die Bäume müssten beschnitten werden.«
Dagmarka und ich liefen voraus, damit wir den Pflichtspaziergang bald hinter uns brachten und uns angenehmeren Dingen widmen konnten, und Papa – wenn er beim Familienspaziergang dabei war – stützte sich auf den Kinderwagen, in dem Otík saß, und sagte: »Aber Rosi, wir wohnen doch auch sehr schön.« Und Mama antwortete jedes Mal. »Das ja, aber so ein Gärtchen, das hätte ich später gern.«
Den Horáčeks gehörte das Haus nicht, die Wohnung im ersten Stock hatten sie von der Armee zugeteilt bekommen, weil Onkel Jarek Berufssoldat war und in der hiesigen Kaserne diente.
Das Häuschen sah von weitem wie ein Dampfer aus, den eine große Welle ans Ufer geworfen hatte. Auf einer Seite war es ganz gewöhnlich eckig, aber auf der anderen war eine Ecke abgerundet, als ob der Baumeister ursprünglich ein Türmchen erschaffen wollte, es sich dann aber anders überlegte. Das Dach war flach und die Wände waren weiß verputzt. Von der Straße aus gesehen strahlten sie, bei näherer Betrachtung war zu erkennen, dass der Putz schon schmutzig war, grau und stellenweise locker wurde. Die Fenster bestanden aus quadratischen Glasscheiben und sahen wie vergittert aus. Aus dem Erdgeschoss führte eine große Glastür in den Garten. Niemand ging je da hinaus und von innen war sie mit undurchsichtigen Vorhängen verdeckt, sodass sie traurig überflüssig wirkte.
Unten wohnte ein merkwürdiges altes Ehepaar. Der Mann ging kaum vor die Tür, weil er nicht mehr vom Sessel hochkam, und seine Frau ging nur zum Einkaufen und am Sonntag in die Kirche. Mir kreiste im Kopf herum, warum sie dorthin ging, wenn sie doch ganz taub war, und deshalb fragte ich Tante Ivana danach.
»Wie kommst du darauf, dass Frau Prášilová nichts hört?«
»Sie hat noch nie auf meinen Gruß geantwortet. Und auf Ihren auch nicht.«
»Aber nicht, weil sie taub wäre. Sie mag uns nicht, deshalb spricht sie nicht mit uns.«
»Warum mag sie uns nicht?«
An Tante Ivanas Gesichtsausdruck erkannte ich, dass sie keine große Lust hatte zu antworten, aber schließlich sagte sie: »Dieses Haus gehörte den Prášils, und nach dem Umbruch ließ man ihnen nur das Erdgeschoss. Den ersten Stock beschlagnahmte die Armee und teilte ihn uns zu. Und die Prášils wollen nicht begreifen, dass wir nichts dafürkönnen. Dass, wenn wir nicht hier wohnen, jemand anderes hier wohnt.«
Das gefiel mir an Tante Ivana – sie antwortete auf meine Fragen. Wenn ich Mama etwas fragte – zum Beispiel nach Großmutter und Großvater oder ob Tante Hana schon immer so komisch war – speiste sie mich ab: »Wer viel fragt, wird schnell alt.« Oder mit irgendeiner anderen erwachsenen Weisheit, und so fragte ich lieber nichts.
Unter anderen Umständen hätte ich das Entgegenkommen der Tante ausgenutzt und sie ordentlich ausgefragt, aber bei der Erinnerung an meine Mama verflüchtigten sich die Fragen aus meinem Kopf.
Obwohl Ida nur zwei Monate jünger als ich war, war sie gut einen halben Kopf kleiner. Auf den ersten Blick sah sie wie eine Porzellanpuppe aus. Sie hatte fast durchsichtige Haut, ein hübsch geschürztes Mündchen und die Haare waren zu zwei schicken Zöpfen geflochten. Sie ging leise, sah so ordentlich und perfekt aus und mir war gleich klar, dass wir beide uns nicht verstehen würden, selbst wenn der Blick aus ihren blauen Augen, genauso blauen Augen wie sie Tante Ivana hatte, nicht so eisig wäre.
»Also das ist Mira«, sagte Onkel Jarek, nachdem sie sich stürmisch im Flur begrüßt und Ida und Gustav ihre Koffer abgestellt hatten und dem Duft der Hefebuchteln folgend in die Küche gestürzt waren. »Ich habe euch von ihr erzählt«, fügte er hinzu, als sie stehenblieben und mich schweigend anstarrten.
»Ahoj«, sagte ich, stand vom Tisch auf und stellte mich neben Tante Ivana.
»Das ist mein Stuhl«, sagte Ida. »Auf diesem Platz sitze immer ich.«
»Ida«, ermahnte sie Tante Ivana. »Das ist doch egal, wer wo sitzt.«
»Siehst du«, wandte sich Ida an Gustav, »was habe ich dir gesagt.«
Gustav sah mich völlig desinteressiert an und drehte sich zu Tante Ivana um: »Kann ich mir eine Buchtel nehmen? Sind sie mit Mohn oder mit Powidl?«
Er stopfte sich eine Buchtel nach der anderen rein und ich fragte mich, wo sie hingingen, denn er war so dünn, dass die Kleidung an ihm wie an einem Kleiderbügel hing. Ich stand neben Tante Ivana, hielt mich an ihrer Hand fest, als wäre sie meine Rettungsleine, schaute diesen gleichgültigen, kurzhaarigen Viertklässler und die feindselige Porzellanpuppe an und fühlte, dass meine Welt sich schon wieder in die falsche Richtung drehte.
»Gustík«, sagte Tante Ivana. »Wir haben eine Überraschung für dich. Mira und ich haben das Kämmerchen ausgeräumt und dir ein schönes Zimmer daraus gemacht – nur für dich. Und Mira wird mit Iduška in einem Zimmer sein.«
»Siehst du«, sagte Ida wieder. »Ich habe dir gesagt, dass du im Kämmerchen landest.«
Tante Ivana seufzte und löste unauffällig ihre Hand aus meiner.
Die Horáčeks schlugen vor, ich solle in dieselbe Schule wie ihre Kinder gehen. Ich wollte nicht und die Tante sah ein, dass ich in der letzten Zeit – wie sie sagte – schon ziemlich viele Veränderungen erlebt hatte. »Wenn du möchtest, kannst du ab September in die neue Schule gehen«, versprach sie, aber bei der Vorstellung, dass ich in einer Klasse mit der Porzellan-Ida wäre, beschloss ich, mich lieber ans andere Ende der Stadt zu schleppen.
Ida mochte mich nicht und bemühte sich nicht einmal, das zu verbergen. Sie sprach nicht mit mir, und wenn mich Gustav zufällig ansprach, der sonst den Eindruck machte, als bemerke er mich nicht, war sie auf ihn böse. Unablässig flüsterte sie ihm etwas zu, und wenn ich auf Hörweite herankam, verstummte sie, und beide betrachteten mich misstrauisch.
Tante Ivana kam jeden Abend zum Lesen zu uns, nur saß sie nicht mehr an meinem Kopfende, sondern auf einem Stuhl mitten im Zimmer. Am ersten Abend setzte sie sich zu mir und Ida heulte los.
»Du hast uns nicht mehr lieb, Mama, du hast uns vergessen. Jetzt hast du dieses Mädchen lieber.«
»Iduška«, sagte Tante Ivana, »das stimmt doch nicht. Ich hab euch lieb.«
»Und warum hast du sie dann hierhergebracht?«
»Mira hat niemanden mehr«, sagte die Tante vorsichtig.
»Warum muss sie dann gerade bei uns sein, warum? Sag, dass du mich lieber hast als sie, sag es.«
Ich sah, dass Tante Ivana verwirrt war. Sie wusste überhaupt nicht, was sie antworten sollte. Und ich sah auch, wie Idas Augen boshaft blitzten, als die Tante aufstand und sagte: »Dann setze ich mich in die Mitte.«
Seitdem gab sie gut acht, dass sie mich bei nichts bevorzugte, sie strich über meinen Kopf nur, wenn niemand es sah, und redete mit mir nicht mehr so viel wie früher. Aber als Ida einmal losheulte, als die Tante meine Hausaufgabe vor ihrer kontrollierte, schrie sie: »Hör auf damit. Du benimmst dich wie ein verwöhntes Balg. Mira lebt bei uns, finde dich damit ab.«
Ida hatte aber nicht die Absicht, sich damit abzufinden.
»Papa sagt, dass wir sie nicht aufnehmen mussten, dass du sie den Behörden hättest bringen können. Er sagt, die hätten sie ins Heim gebracht. Mami, Mami, gib sie ins Heim.« Sie heulte laut los, und als Tante Ivana sie an der Hand nahm, sie aus dem Zimmer zog und die Tür hinter ihren Schluchzern zuschlug, sah ich, dass sie Tränen in den Augen hatte, und mir schien, dass sie wohl auch einen Augenblick daran dachte, dass es vielleicht für alle das Beste wäre.
Am anderen Tag hatte ich völlig zerkrümeltes Schulbrot im Ranzen und am Tag darauf verschüttete Milch. Dann konnte ich den Beutel mit den Wechselschuhen nicht finden und saß den ganzen Vormittag barfuß in der Schule. Der Beutel tauchte nie wieder auf.
An den Pullovern hatte ich abgerissene Knöpfe und als ich mich morgens zur Schule anzog, fand ich ein aufgeschnittenes Loch in der Strumpfhose. Da war auch Tante Ivana klar, dass es keine Zufälle sein konnten, und nahm sich Ida wieder ordentlich vor. Ida leugnete natürlich, aber es nützte nichts. Diesmal trug es ihr Prügel ein.
Ich ahnte, dass diese Entwicklung unserer Freundschaft nicht förderlich war, aber zu dieser Zeit konnte ich Ida ehrlich nicht mehr ertragen, wünschte ihr schadenfroh ein paar auf den Hintern und versagte mir auch ein Siegergrinsen nicht. Dann schaute ich Gustav an und bemerkte, dass er mich argwöhnisch betrachtete.
»Siehst du«, sagte Ida zu ihm und floh beleidigt und mit Tränen in den Augen ins Kinderzimmer.
Am Abend kroch ich unters Federbett und fühlte selbst durch das Leinennachthemd, wie sich bei jeder Bewegung etwas in meine Haut bohrte. Ich warf die Decke ab und stellte fest, dass alles voller Krümel war. Ida wollte offensichtlich nicht aufgeben, aber ich hatte von den Kämpfen genug und so stand ich nur auf und fing wortlos an, die Krümel in die Handfläche zu sammeln. In diesem Moment kam Tante Ivana. »Was machst du denn da?«
Ich schwieg.
»Das ist ein schreckliches Ferkel, sie hat ins Bett gekrümelt«, sagte Ida.
»Ich war das nicht«, sagte ich.
»Und dazu lügt sie immer«, fügte Ida an.
Die Tante sagte dazu nichts, seufzte nur tief, drehte sich in der Tür um und ging. An diesem Abend las sie kein Märchen vor. Ich rollte mich auf die Seite, das Gesicht zur Wand, und wünschte mir zu sterben und bei Mama zu sein. Tante Ivana behauptete zwar, meine Familie sei im Himmel, aber das war schwer zu glauben. Mama sagte immer, es gäbe keinen Himmel, dass die Leute sich ihn nur ausgedacht haben. Ich wünschte mir sehr, dass es einen Himmel gäbe, weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass ein Mensch stirbt, ganz verschwindet und gar nichts von ihm bleibt.
In der Nacht weckte mich ein Schatten, der mir über die Lider strich. Ich öffnete die Augen und schaute ins Dunkel. An meinem Bett standen zwei Gestalten. Ich erkannte sie sofort. Porzellanpuppe Ida hielt ein Kissen in der Hand, steckte es Gustav zu und flüsterte: »Mach du das, du hast mehr Kraft.«
»Was soll er machen?«, fragte ich schläfrig und die Schatten verschwanden. Das erschreckte mich. Ich schaltete die Nachtlampe an und schaute mich im Zimmer um. Ida lag im Bett, und obwohl ihre Augen fest geschlossen waren, sah ich, dass sie nicht schlief. Die Kinderzimmertür stand leicht offen und im Gang war es dunkel. Ich löschte das Licht, aber der Schreck hatte mich so wach gemacht, dass ich nicht mehr einschlief, ich sah ins Leere und konnte kaum den Morgen erwarten.
Wieder hatte sich das Böse in meine Nähe geschlichen, aber diesmal versteckte es sich nicht im Untergrund und wartete auf ein zufälliges Opfer, diesmal versteckte es sich hinter einem netten Gesichtchen und streckte die Hände direkt nach mir aus.
Der Frühling wollte in diesem Jahr einfach nicht kommen. Es war schon Ende Mai, aber das Wetter war grau und trübe, als trauerte es um die, die der Typhusepidemie zum Opfer gefallen waren. Ich verbrachte viel Zeit allein, weil meine Schulfreundinnen weit weg wohnten, Tante Ivana nach der Arbeit in der Schulküche müde war und Ida und Gustav mir aus dem Weg gingen. Immer häufiger sah ich sie die Köpfe zusammenstecken und flüstern. Gustav hob manchmal den Kopf, sah mich forschend an, senkte den Kopf wieder und antwortete leise etwas.
Einmal saßen sie im Garten auf der Bank, steckten verschwörerisch die Köpfe zusammen und bemerkten nicht, dass das Fenster im Erdgeschoss leicht offen stand. Und seitdem war ich mir ganz sicher, dass Frau Prášilová nicht taub war – im Gegenteil, sie hörte wie ein Luchs. Und das, was sie hörte, entrüstete sie entweder so, dass sie ihren Hass gegenüber den Horáčeks überwand, oder bestätigte sie darin, dass die Horáčeks Gesindel waren, denn sie war nicht faul, sondern stieg auf ihren alten Beinen die Treppe hoch und teilte Tante Ivana und Onkel Jarek den Gesprächsinhalt mit.
»Sie wollte von ihm, dass er die Kleine die Treppe hinunterwirft«, vermeldete sie. »Sie erklärte ihm, sie sei ein Kuckuck. Wirft die Vögelchen aus dem eigenen Nest und besetzt es ganz für sich.« Sie schüttelte den Kopf. »Was sind Sie für Menschen, dass Sie solche Ganoven erzogen haben. Da muss man ja im eigenen Hause Angst haben.« Sie drehte sich um, hielt sich am Geländer fest, ging vorsichtig hinunter und wiederholte auf jeder Stufe halblaut: »Ganoven. Ganoven.«
Tante Ivana weinte und Onkel Jarek schrie sie an: »Das ist deine Schuld. Wegen deiner Menschenfreundlichkeit werden noch Mörder aus unseren Kindern. Was tust du ihnen an? Kannst du den eigenen Kindern keine schöne Kindheit gönnen?«
Die Tante schluchzte lauter, lief an mir vorbei ins Schlafzimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Onkel Jarek schaute mich nicht an, nahm die Mütze vom Haken und ging fort.
Ich blieb im Flur stehen und hörte die lauten Schluchzer, die aus dem Schlafzimmer zu mir drangen. Ich hatte schreckliche Angst, denn ich wusste, dass ich nicht bei den Horáčeks bleiben konnte. Ich hatte Angst, dass sie mich in den Nationalausschuss bringen, damit ich ins Heim komme. Und im Heim würde es mehr solcher Idas geben.
Ich rollte mich auf dem Bett zusammen, weinte ein bisschen und bat im Stillen Mama, sie solle mich nicht allein lassen, soll mich abholen kommen. Ich war wohl ein bisschen eingeschlafen, weil mich die Klingel weckte und ich aus dem Flur Mamas Stimme hörte. »Ich komme Mira holen.«
Ich sprang auf und lief zur Tür. Als Tante Ivana ein Stück zur Seite trat, sah ich eine dürre Gestalt in einem großen schwarzen Pullover.
Tante Hana war zurückgekehrt.
FÜNFTES KAPITEL
Februar–Mai 1954
Eine Woche nach der Geburtstagsfeier ihrer Schwester Rosa stand meine Tante Hana Helerová um sieben Uhr auf, zog sich an, kochte sich einen Topf weißen Kaffee und aß eine Scheibe Brot. Nach dem Frühstück saß sie eine Weile unbeweglich da, die Augen ins Leere gerichtet, dann zuckte sie zusammen, kehrte mit den Gedanken in die Gegenwart zurück, schnitt eine dünne Scheibe vom harten Brot der letzten Woche ab und steckte sie in die Tasche im warmen schwarzen Pullover.
Sie wusch ordentlich das Geschirr ab, wischte den Tisch ab, fegte auf und schaute sich in der Küche um, ob alles war, wie es sein sollte. Dann ging sie ins Schlafzimmer, um das Fenster zu schließen und das gelüftete Bett zu machen. Sie klopfte das Kissen auf und dachte dabei an ihre Mutter, meine Oma Elsa, die zu sagen pflegte, dass das Bett erst auskühlen muss und nicht gemacht werden darf, solange es warm ist.
Mit der Hand strich sie über das weiße Federbett und fühlte, wie die Erde unter ihr schwankte. Sie atmete tief ein, richtete sich auf und ging in die Speisekammer, um den Leinenbeutel zu holen. Es war Montag, und montags ging sie in der Bäckerei im Nachbarhaus frisches Brot kaufen und ein paar notwendige Dinge im Laden unterhalb des Platzes.
Sie ging nirgendwo anders hin. Menschen mochte sie nicht und traute ihnen nicht. Nur manchmal ging sie ihre Schwester besuchen. Rosa ging zwar fast jeden Tag zu ihr, hatte aber ihr eigenes Leben, in das Hana nicht gehörte.
Nur zu Allerseelen ließ sie sich von Rosa überzeugen und ging mit ihr auf den Friedhof einen Strauß auf das Grab der Mutter legen. Warum sollte sie öfter dahin gehen, wenn niemand wusste, wo ihr Körper wirklich lag? Was für einen Sinn hatte es, sich vor einem Namen in Goldbuchstaben auf kaltem Marmor zu verneigen?
Als sie die Tasche vom Haken nahm, überfiel sie große Schwäche. Nichts Überraschendes. Atemnot, Schwärze vor Augen, zitternde Beine und Arme, Magenkrämpfe – das war nichts, was sie nicht kannte. Sie war mit ihren Beschwerden und Krankheiten ausgesöhnt und hatte gelernt, mit dem Gedanken zu leben, dass andere Frauen Mann und Kinder hatten und sie Krankheiten.
Sie setzte sich und wartete, dass die Schwäche vorbeiging. Früher oder später verschwand sie immer. Aus Gewohnheit griff sie in die Tasche, brach ein Stück Kruste ab und steckte es in den Mund. Ihr wurde schlecht, der Kopf drehte sich und die Küche schaukelte in wilden Kreisen. Sie stand vorsichtig auf, ging vom Tisch zur Wand, hielt sich an den Möbeln fest und schlurfte ins Schlafzimmer. Das Schaukeln wurde stärker, es warf sie von einer Seite auf die andere und zog ihr die Beine weg. Endlich ertastete sie das Kopfende des Betts und fiel auf das sorgfältig gemachte Federbett. Im letzten Moment, denn ihr Bewusstsein trübte sich und Hana fiel in eine andere Welt.
Auf einmal war sie nicht mehr zu Hause, sondern im Zug. Der Zug pfiff und ruckelte, durch die offenen Fenster kam eiskalte Luft und Hana erzitterte vor Kälte. Sie nahm nur die Kälte und den regelmäßigen Rhythmus der eisernen Räder wahr, die über die Gleise dahinjagten und sie an Orte brachten, von denen kein Weg zurückführte. Dann löschte jemand im Zug das Licht, Dunkelheit verschluckte alles. Aus dem Halbdunkel traten Gestalten hervor, sprachen zu ihr, zerrten sie dorthin, wohin sie nie wieder zurückwollte. Sie stopfte sich die Ohren zu, wollte ihnen entwischen, aber sie konnte sich nirgendwo verstecken.
Die Bäckerin erinnerte sich am Abend, dass die merkwürdige Hexe Helerová, die nicht einmal ordentlich grüßen konnte, kein Brot geholt hatte, aber gleich sprangen ihre Gedanken zu den 23 Kronen, die am Ende des Tages in der Kasse fehlten.
Der Verkäuferin im kleinen Kramladen fehlte Hana Helerová überhaupt nicht, obwohl sie regelmäßig jeden Montagmorgen nach neun ins Geschäft kam. Viel mehr ärgerte sie, dass die Käufer entgegen den vielen Hinweisen und Aushängen der Hygieniker die Ware befühlten, und sie musste sie neben der ganzen Hektik noch beaufsichtigen und ermahnen, damit sie keine Unannehmlichkeiten bekam.
Die Leute in der Stadt hatten ihre eigenen Sorgen, und so bemerkte niemand, dass zwei Abende hintereinander die Fenster ihrer Nachbarin Hana Helerová schwarz blieben und die Vorhänge aufgezogen.
Als ich die Treppe zu ihrer Wohnung hochstieg, fantasierte sie und kämpfte im Fieber mit ihren Schrecken. Die Ankunft des dicken Doktors und den Transport ins Krankenhaus nahm sie nicht wahr. Zu der Zeit stand sie schon an der Grenze und es blieben nur ein paar kleine Schritte, um die unsichtbare Wand zu durchschreiten, zu ihren Lieben zu kommen und endlich zu erfahren, wo das Leben ihrer Mama Elsa und der Großeltern geendet hatte.
Während ich auf dem Platz herumtrampelte, der damals Stalingradplatz hieß, und nach der hohen Gestalt meines Retters Ausschau hielt, brachte man Tante Hana ins Kreiskrankenhaus. Die Infektionsabteilung war voll. Die Kranken lagen auf den Gängen und die Mediziner waren müde und verschreckt, genauso wie ihre Patienten, und so verwiesen sie den Rettungswagen gleich an der Pforte ans Krankenhaus in Hradiště. Der dicke Doktor stieg aus, er befand, seine Anwesenheit sei nicht nötig, weil man der halbtoten Patientin im Unterschied zu anderen nicht mehr helfen konnte. Die Kranke war nach zwei Tagen in hohem Fieber ohne zu essen und zu trinken so entkräftet, dass er keine Hoffnung für sie hatte.
In dem Moment, als ich im dunklen Flur unseres Hauses verzweifelt nach den Schlüsseln tastete, nahmen sie Tante Hana im Krankenhaus in Hradiště auf. Die Schwestern zogen ihr den schwarzen Pullover aus, das Kleid, die Strümpfe und die Wäsche, stopften alles in einen Sack und schickten es zum Desinfizieren. Dann wuschen sie sie, zogen ihr ein Leinenhemd an, flößten ihr etwas süßen Tee ein und brachten sie in ein Zimmer, wo sie auf den Tod warten sollte.
Ich schlief an diesem Abend im warmen Kämmerchen im ersten Stock des Hauses ein, das wie ein Schiff aussah, und nicht einmal im Traum fiel mir ein, dass ich nicht mehr nach Hause zurückkehren würde.
Tante Hana lag mit zwei Sterbenden in einem kleinen Krankenhauszimmer und flüchtete vor ihren Albträumen. Sie wehrte sich gegen die Arme, die sie wieder und wieder aus dem Eisenbahnwaggon stießen, sie hielt sich an der Metalltür fest, hatte aber keine Kraft in den Fingern. Ihr Körper schmerzte, verzweifelte Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, ihr Mund war angstverzerrt und ein einziger Gedanke jagte durch ihren Kopf: Nein, nicht dorthin, dorthin gehe ich nie mehr zurück, lieber sterbe ich.
Dann stieß sie jemand und Hana fiel hinaus auf den kalten Betonbahnsteig. Sie nahm alle Kraft zusammen, erhob sich und humpelte weiter weg vom Zug. Das Geschrei hinter ihr war noch immer laut, aber als sie sich umsah, sah sie niemanden. Sie wusste, wenn sie entkommen wollte, musste sie so schnell wie möglich fort. Der Eingang zum Bahnhofsgebäude war offen und Hana lief durch die lange Halle und suchte den Ausgang. Alle Türen waren verschlossen und die Fenster vergittert. Schon gingen ihre Kräfte zur Neige. Ihre Beine waren schwach, die Knie knickten ein und ihre Hände zitterten. Sie stolperte von einer Tür zur nächsten, bis endlich eine nachgab.
Sie kam in einen kleinen, weiß gekachelten Raum. Auf der rechten Seite stand eine Reihe Waschbecken, auf der linken Kabinen mit Toilettenbecken. Und das Fenster in der Mitte der gegenüberliegenden Wand war offen und unvergittert. Sie schlug die Tür hinter sich zu, aber die Stimmen der Verfolger wurden nicht leiser. Sie fühlte, dass sie vor der Tür waren und jeden Augenblick hineinkommen und sie schnappen würden. Ihr blieb eine einzige Möglichkeit.
Sie zog einen in der Ecke stehenden Stuhl heran, stellte ihn unters Fenster, kletterte hinauf, setzte sich aufs Fensterbrett und streckte ein Bein hinüber. Sie schaute aus dem Fenster und sah in der Dunkelheit die Umrisse des Marktplatzes von Meziříčí. Sie muss nur noch hinüberlaufen und ist gleich in der Sicherheit ihres Hauses. Sie schließt die Tür hinter sich und macht nie wieder jemandem auf.
Sie streckte auch das zweite Bein hinüber, rutschte auf den Sims, der das ganze Gebäude umgab, und langsam, mit dem Rücken an die raue Wand gedrückt, glitt sie vom Fenster weg. Erst nach ein paar Schritten sah sie nach unten. Der Platz war fort. Unter ihren Füßen lag ein bodenloser Abgrund. Sie schloss die Augen, aber es war schon zu spät. Eine unsichtbare Macht ergriff sie und riss sie in die Tiefe.
Hanas Krankenbett stand am entfernten Ende des Raums und von der Tür trennten es die Betten der beiden Schwerkranken. Die Schwester schaute jede Stunde ins Zimmer, hörte ein bisschen auf den pfeifenden Atem und das Stöhnen der Sterbenden, aber die Abteilung war überfüllt mit Menschen, die ihre Hilfe viel mehr brauchten, und so ging sie nicht hinein und bemerkte Hanas Verschwinden überhaupt nicht.
Erst in den frühen Morgenstunden fand der Heizer auf dem Rasen vor dem Gebäude den reglosen Frauenkörper. Er stolperte fast darüber, als er von der Nachtschicht kam. Kaum hatte er den ersten Schreck überwunden, lief er ins Bereitschaftszimmer im Erdgeschoss, hämmerte an die Tür, und als sie aufging, platzte er hinein. »Ihr habt hier draußen eine Leiche«, brachte er heraus. »Die ist wohl aus dem Fenster gefallen.«
Der schlaftrunkene Doktor Jarolím, der in jener Nacht Dienst hatte und dem es geglückt war, vor einer knappen Stunde, nachdem der letzte Patient gegangen war, einzuschlafen, begriff nach einem Blick auf den verschreckten Heizer sofort, dass der Alte diesmal nicht betrunken war, auch wenn das ziemlich oft vorkam. Er nickte der Schwester zu, sie solle den Sanitäter rufen, und sie liefen schnell hinaus.
Hana lag auf dem Rücken, die Arme weit ausgebreitet, das Nachthemd war hochgerutscht und der weiße Kopf zur Seite geneigt. Der Doktor prüfte nicht erst, ob sie lebte oder nicht, er packte sie unter den Achseln und gemeinsam mit dem Sanitäter legten sie ihren ganz ausgekühlten, ausgemergelten Körper auf die Trage, warfen ein Laken darüber und trugen ihn hinein. Dann schoben sie den Heizer aus der Tür und verboten ihm unter Androhung des Rauswurfs über das zu sprechen, wovon er zufällig Zeuge geworden war.
»Ich weiß doch, was ein Arztgeheimnis ist, ich sage keinen Pieps«, schwor der Heizer, aber unter dem Einfluss der getrunkenen Wacholderschnäpse, die den Schock vertreiben sollten, vergaß er sein Versprechen schon am Mittag und beschrieb das schreckliche Erlebnis haarklein nicht nur seiner Frau und den Nachbarn sondern auch den Kumpanen in der Kneipe am Bahnhof.
Doktor Jarolím arbeitete schon viele Jahre im Krankenhaus. Seine Vorstellungen von der Schönheit und Nützlichkeit des Arztberufs und dem Dienst an den Bedürftigen verwandelten sich im Laufe der langen Praxis in alltägliche Routine, aber trotzdem mochte er seine Arbeit noch immer. Ein wesentlicher Teil seines Charakters war Dickköpfigkeit, und die brachte ihn dazu, auch gegen das Schicksal zu kämpfen, das dieser dünnen, weißhaarigen Frau ins halbtote Gesicht geschrieben stand. Er wollte sie nicht sterben lassen, wie ihm die Schwestern und die Kollegen einflüsterten, die gut wussten, dass es ihr Versagen war, dass die Patientin aus dem Fenster gefallen war, und dass früher oder später sich jemand finden würde, der sie daran erinnert.
»Es ist sinnlos«, sagten sie. »Die war schon dem Tode geweiht, als sie hergebracht wurde.«
Doktor Jarolím untersuchte den knochigen Körper, der von Qualen gezeichnet war, die kein lebendiges Wesen erleiden sollte, schob den Ärmel des schmutzigen Nachthemds hoch und ertastete einen kaum spürbaren Puls. Er drehte Hanas Kopf von einer Seite auf die andere, tastete Arme und Beine ab und organisierte blitzschnell das Röntgen. Er begleitete selbst die Liege mit der Kranken den langen Gang bis zum Aufzug, schob sie bis zur Röntgentür und verschaffte sich durch nervöses Klopfen Einlass. Dann trieb er die Laborantinnen an, als ob sie die chemischen Prozesse beschleunigen könnten, prüfte lange die Bilder und kam zufrieden zu dem Schluss, dass diese Frau, die die Haare einer Greisin und den Körper einer Märtyrerin hatte, in Wahrheit aber nur 35 Jahre alt war, nach dem Sturz aus dem zweiten Stock nur beide Schienbeine, die rechte Hand und ein paar Rippen gebrochen hatte.
Es war fast Mittag, als er die ganz eingegipste Hana, immer noch ohne Bewusstsein, persönlich in die Infektionsabteilung zurückbrachte, sie dem Chefarzt übergab und höhnisch bemerkte: »Jetzt wird sie Ihnen wohl nicht mehr weglaufen.«
»Sie sollten wissen, Herr Kollege, dass bei hohem Fieber …«
»Das weiß ich«, unterbrach ihn Jarolím. »Aber wenn sie stirbt, werde ich Sie nicht decken, Kollege hin Kollege her.«
Jedes Mal, wenn einer der Kranken den Kampf gegen den Typhus verlor und eine Schwester den Körper mit einem Laken bedeckte und fortbrachte, wendeten sich Patienten aller Konfessionen und politischer Zugehörigkeiten an den, an dessen Existenz sie auf einmal gern glauben wollten. Sie falteten die Hände und baten darum, dass er gerade sie verschonen und die Rückkehr in ihr altes Leben erlauben möge.
Tante Hana erwachte nach ein paar Tagen aus dem hohen Fieber und begann ihre Umgebung wahrzunehmen. Die Hände falten konnte sie allerdings nicht, denn ihr rechter Arm war bis über den Ellbogen im Gips. Sie hätte sowieso nicht gebetet. Sie verstand nicht, wie man ein Wesen um etwas bitten konnte, das im besten Falle nicht existierte, und im schlechtesten das ganze Leid über sie gebracht hatte, oder aber – obwohl es allmächtig war – es nicht wenigstens verhindert hatte.
Mit dem Abklingen der Typhusepidemie verringerten sich die Sterbefälle und die Patienten gingen einer nach dem anderen aus dem Krankenhaus nach Hause. Auch Hana, für die man noch vor ein paar Wochen keine Hoffnung hatte, erholte sich schnell, konnte sich aber immer noch nicht selbst versorgen, weil ihre Beine in einem Gipspanzer eingesperrt waren.
Von der Familie ihrer Schwester wusste sie nichts, aber sie wunderte sich überhaupt nicht, dass sie die ganze Zeit im Krankenhaus niemand besuchte, weil Besuche in der Infektionsabteilung verboten waren. Sie erinnerte sich nicht, wie sie zu den Brüchen kam, und erst allmählich, eher von den Mitpatienten als vom Personal, erfuhr sie, wie sie im Fieber durch die Gänge irrte und auf dieser umnebelten Flucht vor nichtexistierenden Verfolgern aus dem Fenster im zweiten Stock fiel. Weil niemand gesehen hatte, wie sie umherirrte und fiel, tauchten verschiedene Versionen auf. Einigen zufolge versuchte sich Hana umzubringen, andere wiederum behaupteten, sie sei im Gegenteil Opfer eines Verbrechens geworden. Es gab auch eine Variante, in der übernatürliche Wesen auftraten, denn genau wie Hana hatten auch die anderen Kranken im Fieber Wahnvorstellungen und wussten jetzt nicht, was Wirklichkeit war und was Traum. Bald fürchteten sich die Patienten so, dass sie zu zweit auf die Toilette gingen. Schließlich musste Doktor Jarolím eingreifen und Hana offiziell erklären, was wirklich passiert war.
Nicht im Traum wäre ihr eingefallen, jemand anderem als sich selbst die Schuld an ihrem Sturz zu geben, wofür ihr die Schwestern unendlich dankbar waren und sich um die wortkarge Patientin kümmerten, als sei sie ihre liebste Freundin.
Erst Mitte Mai waren die Beinknochen so weit geheilt, dass sie das Gewicht von Hanas dünnem Körper tragen konnten, der Arm ließ sich schon bewegen, wenn auch nicht ganz ausstrecken, die Rippen waren zusammengewachsen, sodass sie sich nachts auf die Seite drehen konnte und tags tief einatmen. Hana hatte längst verlernt, ihre Gefühle zu erforschen, sie beherrschte die Kunst, nicht über die Zukunft nachzudenken und bei Tageslicht die Vergangenheit zu vergessen. Nur manchmal traf eine plötzliche Erinnerung sie unvorbereitet, hüllte sie wie eine dunkle Decke ein und stoppte sie auf der Stelle. Sie hatte gelernt, nicht an Menschen und Dingen zu hängen, und deshalb war der Krankenhausaufenthalt für sie erträglich und die Heimkehr weckte weder Gefühle noch Erwartungen.
Der Krankenwagen brachte sie bis vor die Haustür. Mit einem Kopfnicken verabschiedete sie sich vom Fahrer. Der schlug nur die Autotür zu und war froh, dass er diese seltsame Frau los war. Er plauderte gern mit seinen Fahrgästen, aber dieses Weibsstück saß den ganzen Weg regungslos da und sagte kein Wort. Hätte sie nicht aufrecht gesessen, hätte er gedacht, sie sei gestorben. Er musste immerzu hinschauen. Er war so von ihr aus der Fassung gebracht, dass er ein paarmal fast jemanden rammte. Beim nächsten Mal nimmt er lieber keinen Fahrgast mehr in die Kabine. Sollen die schön hinten sitzen.
Hana schloss die Henkel ihrer Tasche und ging zum Haus. Ihr fiel gar nicht ein, tief die Frühlingsluft einzuatmen und sich auf dem Marktplatz der Heimatstadt umzuschauen. Sie forschte nicht nach Neuigkeiten, es interessierte sie nicht, wie es den Nachbarn und Bekannten während der Epidemie erging. Sie stieg geradewegs in ihre Wohnung im ersten Stock, öffnete die Fenster, um die schwere Luft hinauszubekommen, und erst beim Blick auf das nichtgemachte Bett und die vertrocknete Klivie, die einzige Pflanze, die sie besaß, weil sie sie vor langem von ihrer Schwester zum Geburtstag bekam, wunderte sie sich, warum Rosa nicht ein einziges Mal hier gewesen war. Sie setzte sich an den Küchentisch und schaute auf den Leinenbeutel, der noch immer da lag, wo sie ihn vor fast einem viertel Jahr fallen gelassen hatte, und dachte nach.
Rosa war die einzige Verwandte, die ihr geblieben war – also außer ihren ekelhaften Sprösslingen. Sie war ein paar Jahre jünger und die Mutter hatte sich vor langen Zeiten in den Kopf gesetzt, sie sei kränklich, und so hatte Hana sie die ganze Kindheit am Hals. Dann drehte sich das irgendwie um. Als nur noch sie beide auf der Welt übrig waren, hatte Hana keine Kraft mehr, sich um sich zu kümmern und erst recht nicht um andere. Aber Rosa hatte auf einmal Kraft und Liebe im Überfluss. Sie liebte ihre Kinder, ihren Mann und es blieb noch genug Liebe für ihre Schwester übrig. Sie sorgte für Hana wie für ein viertes Kind, auch wenn die das gar nicht wollte. Sie lehnte es ab, sich von den Gefühlen der Schwester versklaven zu lassen, und ging ihrer Familie mit Absicht aus dem Weg. Rosa ließ sich nicht wegstoßen, drängte sich ihr auf, umgab sie mit ihrer Liebe und ließ nicht zu, dass sie sich ganz von der Welt zurückzog und in befreiender Gleichgültigkeit versank.
Hana sah sich die graue Staubschicht auf Fußboden, Möbeln und Fensterbrettern an und begriff im selben Moment, warum kein Brief ins Krankenhaus kam, warum sich niemand für ihren Gesundheitszustand interessierte oder Obst schickte. Sie fühlte einen scharfen Schmerz, ihr Brustkorb öffnete sich, und wie aus einem aufgerissenen Sack der Sand unaufhaltsam auf die Erde herausrieselt, so verflog aus ihr alles, was sie noch an die Welt band.
Sie begriff, dass Rosa tot war.
Sie stand auf und ging schneller aus der Wohnung, als es jahrelang ihre Gewohnheit war. Auf ihren wunden Beinen ging sie die Treppe hinab, über den gepflasterten Platz, an der Pestsäule vorbei, ging am Haus Zu den zwölf Aposteln vorüber und bog in die schmale Gasse ein, die zum Fluss führte. Das Schaufenster der Uhrmacherei war schmutzig, die Zeiger auf den staubigen Zifferblättern standen still. Sie drückte die große, gehämmerte Klinke und rüttelte an der Tür. Sie versuchte es noch einmal und dann sah sie sich ratlos auf der Straße um. Ihr schien, als schaute jemand aus dem gegenüberliegenden Fenster und zog gleich wieder den Kopf zurück.
Eine Weile stand sie unentschlossen da und ging dann auf die andere Straßenseite. »Guten Tag«, entschloss sie sich, Richtung Fenster zu rufen. Niemand erschien, also haute sie mit der Faust an die Tür. Zwischen frisch gepflanzten Geranien tauchte ein bebrilltes Gesicht auf.
»Guten Tag«, grüßte sie wieder. »Ich bin die Schwester von Frau Karásková.« Sie überlegte, wie weiter. »Wissen Sie vielleicht, wo ich sie finde?«
»Da müssen Sie zum Nationalausschuss«, antwortete die Frauenstimme. Die Augen hinter den Brillengläsern schauten sie forschend an und Hana fühlte sie noch im Rücken, als sie in die Straße einbog, die zurück zum Platz führte.
Und dort, in dem Haus mit den schön gewölbten Decken schob ihr die Standesbeamtin eine lange, alphabetisch geordnete Liste zu und ging fort. Auf dem Papier standen die Namen der während der Epidemie Erkrankten, die Krankenhäuser, wohin man sie gebracht hatte, Datum der Aufnahme und der Entlassung. Bei zwanzig Namen standen außer dem Datum auch Kreuze.
So erfuhr Hana Helerová, dass Rosa, Karel und ihre zwei Kinder gestorben waren. Als die Beamtin zurückkehrte, saß Hana noch immer am Tisch und sah auf den mit der Schreibmaschine getippten Namen ihrer Schwester. Ihre Augen waren trocken und der Kopf völlig leer. Es drangen keine Laute zu ihr durch, nur mitten in der Brust wuchs die eisige Kälte und breitete sich im ganzen Körper aus. Sie erhob sich.
»Da ist noch die Angelegenheit mit der Beerdigung«, sagte die Beamtin. »Sie sind auf Stadtkosten beerdigt worden, weil man nicht wusste, wann … ob … Aber wenn ein lebender Verwandter gefunden wird …«, sie räusperte sich verlegen. »Das ist Gesetz, wissen Sie? Das muss bezahlt werden.« Sie schob Hana einen Umschlag zu.
Hana sah nicht einmal hin, ließ den Umschlag auf dem Tisch liegen und drehte sich zur Tür.
»Dann schicken wir Ihnen das per Post«, rief die Beamtin ihr hinterher.
Hana schloss die Bürotür hinter sich. Nach mir, ihrer einzigen Verwandten, fragte sie nicht einmal.
SECHSTES KAPITEL
Mai 1954
Jaroslav Horáček beschloss Soldat zu werden, als er vier Jahre alt war. Er erinnerte sich ziemlich genau, dass er auf Vaters Schultern saß und aus einer Höhe, um die ihn die Leute, die sich in der Menge um den Platz herum drängten, beneiden konnten, die Militärparade zur Feier des ersten Jahrestages der neuen Tschechoslowakischen Republik anschaute. Die gleichmäßigen Reihen und regelmäßig vorschwingenden Beine der Soldaten verzauberten ihn so, dass er den ganzen Weg nach Hause marschierte, marschierte, wenn er mit Mama einkaufen ging, und trotz der Proteste seiner Eltern marschierte er sogar beim sonntäglichen Kirchgang. Als ich noch bei den Horáčeks wohnte und Onkel Jarek gute Laune hatte, erzählte er beim Abendessen manchmal lachend, wie schön das Getrampel der kleinen Beine unter dem Steingewölbe widerhallte. »Dann hat mir Papa aber gesagt, dass die Statue der Jungfrau Marie mich böse anschaute. In dem Moment habe ich zwar aufgehört zu trampeln, aber ich habe jedes Mal gebrüllt, wenn ich in die Kirche sollte. So wurde ich Atheist.« Ich wusste nicht, was ein Atheist war, dachte mir aber, das sei irgendein militärischer Rang, weil Onkel Jarek ja am Ende wirklich Soldat geworden war. Zuerst lernte er aber bei seinem Onkel Metzger.
Wenn ich so darüber nachdachte, war das für einen Soldaten eine passende Vorbereitung. Immer wenn Horáčeks Fleisch zum Mittag hatten, übernahm er das Portionieren. Er packte das Messer – immer das größte, das sich in der Schublade fand – und ich musste wegschauen, weil sich sein Metzgerberuf in meinem Kopf mit dem Soldatenberuf vermischte und seltsame Bilder vor meinen Augen auftauchten.
»Dann wurde ich eingezogen und blieb dann bei der Armee. Weil die Armee für den Menschen sorgt.« Bei diesen Worten wussten wir alle, dass die folgende Passage an Gustav gerichtet war, und wir sahen ihn an. Er tat immer, als sei er gar nicht in der Küche. Er schrumpfte, fiel ganz in sich zusammen und seine Augen bekamen einen gleichgültigen Ausdruck, so ähnlich wie bei Tante Hana.
»Die Armee gibt dem Menschen Disziplin und wird eine zweite Familie für ihn.«
Je mehr sich Onkel Jarek ereiferte, desto kleiner wurde Gustav in Erwartung des vorhersehbaren Schlusses. »Ich konnte nicht an der Militärschule studieren, Gustav. Aber aus dir wird bestimmt einmal ein Offizier.« Er klopfte seinem Sohn auf die Schulter und ließ sich von dessen fehlender Begeisterung nicht aufhalten. Offensichtlich hoffte er, dass steter Tropfen den Stein höhlte, wenn er Gustav seinen Wunsch nur Abend für Abend wiederholte.
Tante Ivana hatte eine etwas andere Sicht auf die Armee und ich war mir recht sicher, dass auch sie nicht begeistert von dem Gedanken war, dass Gustav Soldat werden sollte. Sie wollte nur nicht mit ihrem Mann streiten und zum hundertsten Mal hören, dass sie alles, was sie hatten, der Armee verdankten.
Meiner Meinung nach war Tante Ivana der einzige Mensch – wenigsten von denen, die ich kannte – dem der Krieg etwas Gutes im Leben gebracht hatte. Onkel Jarek war nämlich in der Armee der ersten Republik Unteroffizier und die durften ohne Armeeerlaubnis nicht heiraten. Und Onkel Jarek hätte die Erlaubnis nicht bekommen, weil seine Auserwählte keine ausreichend große Mitgift hatte. Als die Republik von den Deutschen besetzt wurde, trat Onkel Jarek aus der Armee aus und arbeitete wieder bei seinem Onkel als Metzger. Denen redete beim Heiraten niemand hinein und so konnte er Ivana endlich heiraten und Frau Horáčková aus ihr machen. Nach dem Krieg wurde aus dem Metzger Horáček wieder der Feldwebel Horáček, aber das waren schon andere Zeiten und außerdem war er verheiratet, also teilte ihm die Armee nach einer gewissen Zeit die Wohnung im ersten Stock einer bourgeoisen Villa zu, und er marschierte zu Paraden wieder an der Seite seiner Genossen.
Was er sonst noch machte, wusste ich nicht, aber ich erfuhr, was er an dem Tag tat, als seine zwei Sprösslinge mich die Treppe hinunterwerfen wollten. Er setzte sich die flache Mütze auf und marschierte in Richtung Platz. Vor Tante Hanas Haus zögerte er, weil er sich nicht ganz sicher war, ob es richtig war, was er tun wollte, aber dann lief er entschlossen die Treppe hoch. Bestimmt nahm er zwei Stufen auf einmal, weil er außerordentlich stolz auf seine Kondition war und sie stärkte, wann immer die Gelegenheit dazu war.
Er klingelte und musste ein bisschen warten. Tante Hana bekam nie Besuch, also dachte sie, es sei ein Versehen, und bequemte sich nicht zu öffnen.
Jaroslav Horáček klingelte ein zweites Mal. Da waren schon leise Geräusche von innen zu hören. Tante Hana war aus ihrem dämmrigen Zustand erwacht, schob den Stuhl zurück und ging zur Tür. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte sie, ihre Schwester Rosa sei gekommen, aber dann erinnerte sie sich, dass Rosa nie mehr kommen würde, weil sie tot war. Im Gegensatz zu mir war sie nicht so töricht zu hoffen, es sei ein Irrtum, und beeilte sich deshalb nicht.
Jaroslav Horáček kannte Tante Hana von früher, er hatte gehört, sie sei wunderlich, aber trotzdem erschauerte er wörtlich vor dem schwarzen Weibsbild, das ihm öffnete.
Nach dem Tod meiner Mutter Rosa ging Hana nur noch aus dem Haus, wenn ihr das Brot ausging. Etwas anderes kaufte sie nicht. Sie saß ganze Tage am Tisch, brach manchmal ein Stück Rinde ab und steckte es in den Mund. Sie war immer dünn, aber während des langen Krankenhausaufenthaltes hatte sie ein bisschen zugenommen. Diese Kilos waren zu dem Zeitpunkt schon wieder weg, die schwarze Kleidung hing an ihr herunter, ihre Wangen waren eingefallen, die Augen tot.
»Dieser Blick, der erschreckte mich am meisten«, erzählte Onkel Jarek dann, aber in dem Moment drang der Gestank aus der Wohnung in seine Nase und schob ihn zwei Schritte zurück. »Das Erste, was mir in den Sinn kam, war, dass wir Mira da nicht hinschicken können«, sagte er.
Aber Hanas Blick änderte sich auf einmal. »Was willst du denn hier?«
In diesem Abschnitt der Erzählung wurde Jaroslav Horáčeks Stimme aggressiv. »Was sollte ich denn sagen? Ich sagte, dass Mira bei uns ist und nicht länger dableiben kann. Sie solle sie abholen, oder wir bringen sie zur Stadt, sollen die doch mit ihr machen, was sie wollen. Wir sind doch keine Versorgungsanstalt.«
Er drehte sich um, weil er so schnell wie möglich wegwollte. Er musste den sauren Geruch, der aus der Wohnung kam, und das schwarze Weibsbild loswerden, musste diese toten Augen loswerden.
»Warte.«
Er blieb stehen.
»Wo ist sie?«
Er sagte die Adresse. Dann lief er die Treppe hinunter und ging in die Kneipe. Er wollte nicht dabei sein, wenn die schwarze Hana vor ihrer Tür auftauchte.
Ich glaube, dass Ivana Horáčková genauso überrascht und erschrocken war wie ich, als Tante Hana mich holen kam. Sie stand in der Tür und sah Tante Hana an, als ob sie das Gefühl hätte, etwas sagen zu müssen, aber ihr nichts einfallen wollte. Ich blieb ein Stück hinter ihr stehen und wusste nur eins, dass ich nicht mit Tante Hana gehen wollte, aber gehen musste, weil die Horáčeks mich nicht bei sich lassen würden.
Tante Hana trat von einem Bein aufs andere. Ihre gebrochenen Beine wurden immer noch dick und schmerzten. Sie sah mich an, als sähe sie mich zum ersten Mal im Leben, betrachtete mich prüfend. Mir schien, sie wollte sich überzeugen, ob ich ihrer Schwester Rosa überhaupt ähnlich sehe, wenn sie mich schon am Hals hat. Damals sahen nur meine Augen aus wie die von Mama. Erst mit dem Alter begann ich ihre Züge in meinem Gesicht zu entdecken, und jetzt kann ich mir schon vorstellen, wie sie ausgesehen hätte, wenn sie hätte alt werden können.
»Gehen wir.« Aus Hanas Stimme sprach solch eine Müdigkeit, dass Ivana Horáčková ihre Angst vergaß und sich zwang, etwas zu sagen.
»Hanička, es tut mir leid, was passiert ist …«
»Gehen wir«, sagte Tante Hana wieder, und diesmal klang es unglücklich und ungeduldig. Als ob sie nicht hören wollte, was Ivana sagen wollte.
»Wenn ich könnte …«
Damals dachte ich, sie spreche über den Tod meiner Familie, sie wolle Tante Hana ihr Mitgefühl ausdrücken. Was sie wirklich sagen wollte, begriff ich erst viel später.
Tante Hana machte sich auf einmal gerade und aus der Verzweiflung, die der schwarz gekleidete, ausgemergelte Körper ausstrahlte, wurde Wut. Sie packte mich an der Schulter. Ihre knochigen Finger bohrten sich schmerzhaft in meine Haut und die Kraft ihres Ärgers zog mich mit sich fort. »Du konntest«, schrie Mamas Stimme aus dem Mund der Tante. »Du konntest sehr wohl.«
Ich war so erschrocken, dass ich anfing zu heulen. Selbst das Leben neben Ida und Gustav erschien mir erträglicher als das Zusammenleben mit Tante Hana. Die zwei kannte ich wenigstens schon und wusste, dass ich nichts Gutes von ihnen zu erwarten hatte. Was aber hatte ich von der verrückten Hana zu erwarten? Ich hoffte, Tante Ivana würde vielleicht doch noch sagen, ich könne bei ihnen bleiben. Sie musste doch sehen, dass Hana Helerová nicht richtig im Kopf war. Aber Ivana Horáčková stand nur da, bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Ich stolperte neben Hana her und spürte dieselbe Verzweiflung, die aus einem mir unbekannten Grund auch Hanas Gesicht ausstrahlte.
Auf der Straße vor dem Haus ließ mich Tante Hana los und wurde langsamer. Der kurze Ausbruch hatte sie erschöpft, und so drosselte sie das Tempo und ging mit gleichmäßigen, vom Schmerz gezeichneten Schritten durch die Stadt zum Haus am Marktplatz. Ich ging gehorsam neben ihr. Blieb mir denn etwas anderes übrig? Ich traute mich nicht zu sagen, dass alle meine Sachen bei den Horáčeks waren – alles, von Zahnbürste und Schlafanzug bis zum Schulranzen. Auf dem ganzen Weg fiel kein Wort. Damals dachte ich, Tante Hana sei böse, aber heute weiß ich, dass sie genauso verstört war wie ich. Sie schaffte es nicht, sich um sich selbst zu kümmern, und hatte sich gerade ein kleines Mädchen aufgehalst.
Wir waren ein seltsames Paar. Eine müde Frau in einem schwarzen, ausgeleierten Pullover, langem Rock, Schnürschuhen und in die Stirn gezogenem Kopftuch führte eine verheulte, zerzauste Neunjährige in einer dünnen Kittelschürze und Hauspantoffeln durch die Stadt. Bevor wir am Haus ankamen, zitterte ich vor Kälte.
Im ersten Stock des Hauses auf dem Platz setzte sich Tante Hana an den Küchentisch und ich öffnete schnell alle Fenster, obwohl ich ganz durchgefroren war, um die dicke Luft hinauszulassen, von der mir schlecht wurde.
»Ich habe weder Zahnbürste noch Schlafanzug«, sagte ich zu Hanas Rücken.
Sie bewegte sich nicht.
»Ich muss morgen in die Schule, aber mein Ranzen ist bei den Horáčeks«, fuhr ich fort.
Tante Hana griff in die Tasche und legte eine Brotscheibe auf den Tisch. Auch von weitem sah ich, dass schwarze Wollfussel daran waren. Ich drehte mich zum Fenster, um das ich Tante Hana immer beneidet hatte, wickelte mir den Sofaüberwurf um, setzte mich aufs Fensterbrett und schaute auf die Leute, die über den Platz gingen.
Am Morgen weckte mich Kälte. Ich lag in der Küche auf der Ottomane und die Federn drückten in meine Rippen. Ich hatte dieselbe Schürze an, mit der ich gekommen war, und zugedeckt war ich nur mit dem gehäkelten Überwurf, in den ich mich vor dem Einschlafen gewickelt hatte. Die Fenster waren noch immer geöffnet, und so zog die kalte Morgenluft herein und strich über meine Haut. Ich kroch heraus, schloss die Fenster und rollte mich wieder auf dem Sofa zusammen, um wenigstens ein bisschen warm zu werden. Die Küchenuhr war vor Monaten stehengeblieben, aber nach den Geräuschen, die vom Platz hereindrangen, urteilte ich, dass ich aufstehen und zur Schule gehen sollte. Das war wohl das erste Mal im Leben, dass ich sehr gern hingegangen wäre.
Die Kirchturmuhr schlug und ich zählte sieben Schläge. Mir schien, als hörte ich aus dem Nebenzimmer Geraschel, und nach einer Weile öffnete sich die Tür und Tante Hana tauchte auf.
Bei meinem Anblick stockte sie, als hätte sie vergessen, dass ich da war, und starrte mich genauso an wie ich sie. Ich konnte den Blick nicht von ihr reißen, denn ich sah sie zum ersten Mal in einer anderen Farbe als schwarz. Sie hatte ein langes weißes Leinenhemd an und darin sah sie noch dünner und erbärmlicher aus als in ihrem schwarzen Pullover. Die weißen Haare waren zu einem Zopf gebunden und das Einzige, was an ihr schwarz war, waren die Augen. Am Vorabend musste sie sich gewaschen haben, denn sie roch nicht mehr so schrecklich, aber das weiß ich nicht genau, weil ich Angst hatte, tief einzuatmen.
»Du musst zur Schule«, sagte sie.
Von einer so verwirrten Person war das eine überraschend richtige Überlegung.
»So kann ich nicht zur Schule gehen«, schniefte ich, weil mir das in dem Moment ehrlich leidtat. »Ich habe weder Schuhe noch meinen Ranzen.«
Tante Hana machte Feuer im Herd und setzte Teewasser auf. Sie nahm eine Tasse aus der Anrichte und schaute sie konzentriert an. »Am Nachmittag holst du deine Sachen.«
Ich begriff, dass sie nicht die Tasse zu den Horáčeks schickte, sondern mich, und ich sah mich schon den schweren Holzkoffer durch die Stadt schleppen und den Ranzen, aber ich wagte nicht, etwas einzuwenden. In den Häkelüberwurf gewickelt siedelte ich zum Küchentisch über.
Tante Hana schob mir den Korb mit dem altbackenen Brot hin. »Es ist Montag, ich gehe heute einkaufen.«
Das Brot war zwar alt, aber wenigstens nicht in der Tasche zerdrückt und es waren keine Fussel daran und ich hatte seit dem sonntäglichen Mittagessen nichts gegessen, also protestierte ich nicht. Tante Hana zog sich um, goss dann Tee ein und setzte sich mir gegenüber. Ich bemühte mich, nicht hinzusehen, wie sie das Brot brach, die Rinde in die Tasse tauchte und dann in den Mund stopfte. So wird also jeder Morgen aussehen, dachte ich mir, als Tante Hana die Krümel in die Handfläche sammelte und sie zum Mund hob.
Während des Frühstücks fiel kein Wort. Die Tante war mit dem Essen fertig, saß aber weiter da und starrte mit ihrem seltsamen Blick durch mich hindurch. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, also brachte ich die leere Tasse zur Spüle und rollte mich wieder auf dem Sofa zusammen. Auf einmal stand die Tante auf, goss Wasser in die Schüssel und begann abzuwaschen. Es war nicht viel Geschirr, aber sicher lag es schon ziemlich lange in der Schüssel. Ich schlurfte zu ihr hin und nahm das Geschirrtuch in die Hand. Überrascht sah sie mich an, sagte aber nichts. Dann wischte sie den Tisch ab, fegte den Boden und verschwand im Schlafzimmer.
Absichtlich trocknete ich das Geschirr sehr langsam ab, um beschäftigt zu sein, aber trotzdem war ich lange, bevor die Tante zurückkam, fertig. Sie sah mich nicht an, nahm den Beutel vom Haken und ging zur Tür. Sie streckte sich nach der Klinke aus und erinnerte sich wohl in diesem Moment, dass sie nicht allein war.
Sie drehte sich wieder um und sah mich so seltsam an. »Dann kaufe ich Kartoffeln«, teilte sie mit, als ob ihrer Entscheidung eine besonders lange Debatte vorausgegangen wäre, und öffnete die Tür. Da stand ein großer Koffer und darauf lag mein schwarzer Ranzen. Ich war erleichtert, dass ich nicht die schweren Sachen durch die ganze Stadt schleppen musste, aber zugleich wurde mir klar, dass mein Umzug zu Tante Hana jetzt unumstößlich war. Die Horáčeks hatten meinen Koffer gepackt und bis vor Tante Hanas Tür gebracht, um mich und Hana nicht mehr sehen zu müssen.
»Ich habe Tante Ivana nicht einmal gedankt.« Ich glitt an Hana vorbei und zog den Koffer hinein. Damit hatte ich zu tun, ganz von den Horáčeks hätte ich ihn sicher nicht herschleppen können.
Tante Hana sagte nichts. Sie schnaubte nur abschätzig und schloss die Tür hinter sich.
Ich zog die Sachen aus dem Koffer und dachte nach, wohin ich meine Wäsche, Strumpfhosen, Blusen und Kleider legen konnte. Und ob ich einen Platz für die wenigen Spielzeuge und Bücher fand, die mir Tante Ivana erlaubt hatte, aus unserem Haus mitzunehmen. Ein Großteil meiner Sachen und die ganze Winterkleidung waren in unserem alten Haus geblieben, weil – wie Tante Ivana sagte – die Wohnung der Horáčeks nicht aufblasbar war.
Ich nutzte die Abwesenheit der Tante und schaute in alle Schubladen und Schränkchen in der Küche, untersuchte das Schlafzimmer der Tante, die Speisekammer, und war überrascht, wie wenig Dinge Tante Hana hatte. In der Anrichte waren zwei Töpfe, ein paar Teller und Tassen. Die Schubladen waren bis auf eine leer und im Kleiderschrank hingen ein Mantel und ein paar Pullover – schwarz, natürlich. Und im Nachttisch lag eine dünne Brotscheibe. In der Speisekammer standen Leinensäckchen mit Graupen, Mehl und Erbsen. Zur Sicherheit schob ich die Erbsen ganz nach hinten und ging aus der Küche in den Flur, um festzustellen, was sich hinter der Holztür verbarg.
In dem dunklen Flur waren vier Türen. Die gegenüber dem Haupteingang wurde nie verschlossen und führte direkt in die große Küche. Aber gegenüber der Badtür auf der linken Seite war eine geheimnisvolle, weiß gestrichene Tür, über die ich aus den seltenen Besuchen bei Tante Hana nur erfahren hatte, dass dahinter früher das Zimmer der Großmutter war. Nur Großmutters Zimmer, weil ihr Ehemann, mein Großvater Ervin, gestorben war, als Mama und die Tante noch ganz klein waren. Mir war nicht klar, warum ich nicht hineinschauen konnte. Oma Elsa konnte das doch nicht stören, da sie tot war, aber Mama klopfte immer warnend auf meine Schulter und sagte, wir wollen Tante Hana nicht an die Oma erinnern, damit sie nicht traurig wird. Als ob Tante Hana je fröhlich gewesen wäre.
Auf Zehenspitzen lief ich zu dem verbotenen Zimmer und drückte leise die Klinke. Es war abgeschlossen. Verärgert trat ich gegen die Tür und kehrte wieder an den Tisch zurück. So musterhaft sitzend traf mich Tante Hana an.
Sie stellte sich an den Tisch und begann auszupacken. Ein großer Sack Kartoffeln – mindestens drei Kilo, Sellerie, Zwiebeln, Möhren und ein weiteres Säckchen Erbsen. Fragend sah ich sie an. »Vitamine sind wichtig«, sagte sie. »Für Kinder«, fügte sie hinzu und zog einen Laib Brot und Milch aus der Tasche. Ratlos sah sie sich um. Sie wartete wohl, dass ihr jemand riet, was weiter. Mir wurde langsam klar, warum Tante Hana so dürr war und warum Mama ihr manchmal Mittagessen gebracht hatte.
Während ich das gekaufte Gemüse in die Speisekammer trug und die Erbsen wieder in der dunkelsten Ecke versteckte, setzte sich die Tante an den Tisch und vergrub den Kopf in den Händen. Ich hatte jetzt nicht mehr so sehr Angst vor ihr, aber ihre Ratlosigkeit erschreckte mich.
»Das schaffen wir«, sagte ich, mehr um mich selbst zu überzeugen, und setzte mich neben sie. Ich hatte Angst, sie zu berühren, denn ich wusste, dass das nicht einmal Mama durfte.
Unter den fest ans Gesicht gedrückten Händen drang ein Seufzer hervor. Hana nickte.
»Und warum seufzt du dann?«, fragte ich.
Tanta Hana schniefte, löste die Hände von den Augen und sah mich an. Mich ärgerte der Tropfen, der ihr langsam die Nase herabfloss. Ich war versucht, ihr ein Taschentuch zu reichen, aber das schien mir unpassend.
Die Tante schwieg eine Weile und sagte dann: »Weil ich jetzt nicht mehr sterben kann.«
SIEBENTES KAPITEL
Mai–September 1954
Tante Hana erhob sich, griff auf die Anrichte und ertastete den Schlüssel. Eine Weile knetete sie ihn in der Hand, als könne sie sich nicht erinnern, zu welcher Tür er gehörte, runzelte die Stirn und ging seufzend zu Großmutters Zimmer. Schnell glitt ich vom Stuhl und lief hinterher.
Die Tante schloss auf, ging ohne sich umzusehen zum Fenster und öffnete weit beide Flügel. Ich war enttäuscht. Warum machten sie so ein Geheimnis um das Zimmer? An der Wand stand ein Holzbett, daneben ein Kleiderschrank und gegenüber zwei Kommoden. Kein Teppich, keine Vorhänge, Deckchen oder Bilder. Nur gelb gestrichene Wände und ein Fenster zum Hof. Ich wartete, bis die Tante Bettbezüge holen ging, und schaute schnell in die Schubladen. In der untersten blitzten gestärkte weiße Häkeldeckchen aus Packpapier hervor. Sonst nichts, überhaupt nichts.
»Warum war das Zimmer verschlossen?«, fragte ich, aber die Tante hörte mich nicht oder dachte schon wieder an etwas anderes. Ich begann mich daran zu gewöhnen, dass ich mit Tante Hana nicht viel reden konnte.
Ich trug meine Sachen hinüber und füllte damit drei ganze Schubladen. Meinen Lieblingsteddy, dem Ida die Augen ausgebohrt hatte und Tante Ivana sie wieder angenäht hatte, setzte ich aufs Bett. Dann setzte ich mich daneben und sah mich in meinem neuen Heim um. In dieser kurzen Zeit schon das dritte.
Ich hatte ein ganzes Zimmer für mich allein, konnte mich aber überhaupt nicht darüber freuen.
Es dauerte ein paar Tage, bis es mir gelang, Tante Hana zu überreden, mit mir in das alte Haus in der Straße, die zur Kirche führte, zu gehen. Ich wollte mir ein paar Dinge holen, die ich dringend brauchte, wofür aber bei den Horáčeks kein Platz war. Zum Beispiel meine Tasse, die Laufpuppe mit den Klimperaugen und kämmbaren Haaren, die ich letzte Weihnachten bekommen hatte, und fast neue Wasserfarben. Ursprünglich wollte ich auch noch Dagmaras Puppengeschirr holen, mit dem ich nur heimlich spielte, wenn sie nicht zu Hause war, denn sie wollte es mir nicht mehr leihen, seit ich einmal eine Tasse zerbrochen hatte. Aber als ich das Geschirr auf dem Regal in unserem gemeinsamen Zimmer sah, gefiel es mir auf einmal nicht mehr und ich begann ein bisschen zu verstehen, warum Tante Hana Großmutters Zimmer verschlossen hatte und nicht oft hineinging.
In eine große Leinentasche stopfte ich meine ganze Wäsche, Schlafanzüge und Wintersachen und verschloss die Tür des Hauses, das mir zwar gehörte, aber nicht mehr mein Heim war.
Vielleicht hätten wir nicht dahin gehen sollen, weil mir schrecklich schwer ums Herz war, obwohl wir nur ganz kurz in der alten Wohnung über der Uhrmacherei waren. Und obwohl sie die ganze Zeit auf der Treppe gewartete hatte, antwortete die Tante nach der Rückkehr in ihre Küche wieder gar nicht mehr, saß nur da und starrte ins Leere.
Ansonsten bemühte sich Tante Hana aber. Zum Mittag gab es Kartoffeln mit Milch oder Kartoffelpuffer oder Kartoffelkuchen oder was auch immer aus Kartoffeln, Gemüse oder Hülsenfrüchten – außer Erbsen – und ich begriff aus dem Blick der Tante in das abgewetzte Portemonnaie, dass es nicht so sehr an mangelnder Fantasie lag, sondern vielmehr am Geldmangel. Ich aß mittags in der Schulkantine, war also satt, aber Tante Hana begnügte sich mit Kartoffeln und Brot.
Mich quälte, wie wenig ihr an ihr selbst lag.
Ich schämte mich, mit der Tante in dem ausgeleierten schwarzen Pullover und den ausgetretenen Schuhen durch die Stadt zu gehen, und suchte alle möglichen Ausreden. Mir war unangenehm, dass die Leute sich nach uns umdrehten, manche sich sogar angeekelt abwendeten und wieder andere, vor allem Kinder, Beschimpfungen riefen. Ihr war das völlig egal.
»Warum trägst du nur Schwarz?«, griff ich sie an. »Und warum grüßt du nicht wenigstens, wenn du in ein Geschäft kommst? Warum sitzt du hier nur immer so herum?«
Die Tante antwortete nicht. Meine Fragen glitten an ihr ab wie Wassertropfen von Wachstuch und ich hörte irgendwann auf zu fragen.
Die Geldnot spürten wir immer drückender. Die Tante arbeitete nicht. Sie konnte auch nicht. Welcher Beruf hätte zu ihr gepasst? Verkäuferin? Ich stellte mir vor, wie das aussähe, wenn sie auf einmal mitten im Laden stehenbleiben und bewegungslos starren würde. Lehrerin? Wer würde seine Kinder so einer merkwürdigen Frau anvertrauen? Putzfrau oder Köchin? Sie war ja schwach wie eine Fliege.
Unaufhörlich hielt sie sich das Herz, den Rücken oder den Bauch und manchmal atmete sie so schwer, dass ich Angst hatte, sie könnte ersticken. Ich glaube, sie könnte nicht arbeiten, selbst wenn sie nicht so ein bisschen verwirrt wäre. Verwirrt hatte Papa sie genannt, aber Mama war für sie eingetreten. »Sie ist nicht verwirrt«, widersprach sie, »sie ist nur seelisch erschöpft.« Während des Zusammenlebens mit Tante Hana gab ich eher Papa recht.
Tante Hana bekam eine kleine Rente, und nachdem eine Frau aus dem Nationalausschuss mit dem höchsten Dutt, den ich je gesehen hatte, bei uns zur Kontrolle war, bekam sie auch für mich Geld, und es wurde etwas leichter für uns. Ihren Speiseplan besserte die Tante zwar nicht auf, aber sie tat jedes Mal ein paar Banknoten zur Seite, und wenn ich neue Strumpfhosen brauchte oder Buntstifte, war Geld da. An den Tag, an dem die Frau vom Ausschuss kam, erinnere ich mich genau. Damals wohnte ich schon drei Monate bei Tante Hana. Ich hatte mich ganz gut eingewöhnt und hatte Angst, wieder wegziehen zu müssen.
Das Zusammenleben mit Tante Hana hatte seine Vor- und Nachteile. Ihre Küche war nicht sehr vielfältig und viel unterhalten konnte man sich mit der sonderbaren Tante auch nicht. Aber nach einer Weile war es nicht mehr seltsam, dass sie nicht antwortete. Ich setzte mich ihr gegenüber und erzählte ihr alles, was in der Schule passierte, wer was gesagt hatte, was Jarmilka Stejskalová zum Essen dabei hatte – einfach alles, was mir auf die Zunge kam. Die Tante unterbrach mich nie, aber manchmal stand sie auf und ging ins Schlafzimmer.
Ein weiterer Vorteil war, dass sie mir nichts verbot oder vorschrieb. Hätte ich mich entschlossen, nicht zur Schule zu gehen, oder wäre ich barfuß losgegangen – sie hätte es nicht bemerkt. Erstaunlicherweise tat ich das nie.
Die Frau vom Ausschuss setzte sich auf den Stuhlrand, nahm ihre Brille und sah sich in der Küche um. Mit dem, was sie sah, konnte sie zufrieden sein, denn die Tante putzte jeden Tag. Sie erwartete wohl, dass die Tante ihr wenigstens Tee anbot, aber Hana zog sich nur einen Stuhl ihr gegenüber zurecht und schwieg. Die Beamtin legte Papiere vor sich aus und ergriff das Wort.
Sie erklärte Vorschriften, nannte Gesetze, stellte Fragen und beantwortete sie sich selbst, fragte, warum wir keine Waisenrente beantragt hätten, und füllte gleich den Antrag aus und schob ihn der Tante nur zum Unterschreiben hin. Und wir beide schauten sie nur an und ich glaube, dass Tantes begriffsstutziger Blick sich nicht von meinem unterschied, also kam er der Beamtin überhaupt nicht seltsam vor.
Nach einer Viertelstunde Selbstgespräch, von dem ich mir nur merkte, dass ich bei der Tante bleibe und dass jeden 15. die Briefträgerin das Geld bringt, raffte die Frau ihre Papiere zusammen, sprang behände auf und kniff mich in die Wange. »Also gefällt es dir bei der Tante?«
Ich öffnete den Mund für eine Antwort, aber die Beamtin tätschelte meine Wange und antwortete sich selbst: »Natürlich gefällt es dir hier, Kindchen«, und verschwand.
Ich drehte mich zur Tante, um ihr meine Meinung mitzuteilen, aber die erhob sich und ging ins Schlafzimmer, woran ich erkannte, dass sie für heute genug von den Menschen hatte und Ruhe brauchte. Draußen regnete es und so legte ich mir ein Kissen aufs breite Fensterbrett und holte mir aus der untersten Schublade in meinem Zimmer mein Lieblingsbuch über das verwaiste Mädchen Pollyanna. Ich nahm es jedes Mal zur Hand, wenn ich traurig war. Ich mochte es so, dass ich es nicht in die Bücherei zurückbrachte und der Bibliothekarin sagte, ich hätte es verloren. Ursprünglich dachte ich, wenn ich ausreichend zerknirscht tat, würde die Bibliothekarin nicht böse sein. Das war sie auch nicht, sie sagte sogar, dass das eben vorkam, aber ich musste Strafe zahlen. Ich bezahlte es von dem Geld für das Schulessen, und dann lebte ich ein paar Tage nur von Brot, hatte also das Gefühl, für meine Schuld gebüßt zu haben, und hatte keine Gewissensbisse.
Ich setzte mich aufs Kissen, blätterte zu meinem Lieblingskapitel, in dem Pollyanna die Regeln ihres Sei-glücklich-Spiels erklärt, und wünschte mir, dass auch bei mir sich alles zum Guten wenden möge, damit ich wieder nur das Schöne in der Welt sehen konnte und Tante Hana sich in eine liebende Tante verwandelte, wie Pollyannas Tante Polly. Nur war ich ganz allein in der Küche, als ich den Kopf hob, und draußen regnete es immer noch.
Bald erkannte ich, dass die Tage der Tante eine eingespielte Ordnung hatten. Sie stand zur immer gleichen Zeit auf, aß und ging schlafen. Sie kaufte an denselben Tagen an denselben Orten ein, gewaschen werden musste am Samstag und jegliche Abweichung vom gewohnten Rhythmus versetzte sie für lange Zeit in diese seltsame Starre, die ich von ihren Besuchen in unserem Haus kannte. Ihre schweigsam dumpfen Zustände schreckten mich nicht mehr, aber sie ärgerten mich sehr. Konnte sie sich denn nicht beherrschen wie andere Menschen?, sagte ich mir. War sie so feige oder bequem? Genauso wenig verstand ich ihre ständige Müdigkeit. Ich war voller Leben und das Seufzen der Tante störte mich, auch wenn ich mit der Zeit lernte, es zu überhören.
Wenn es ging, verbrachte ich ganze Nachmittage draußen mit Jarmilka Stejskalová. Ich hatte auch andere Freundinnen, aber keine war mir so nah wie die blonde Jarmilka, der ich sogar verzeihen konnte, dass sie so hübsch war. Bei schönem Wetter spielten wir draußen, meistens auf dem Hof der Stejskals. Ich konnte es einfach einrichten, weil es Tante Hana völlig egal war, wo ich war, und ich bezweifelte, dass sie bemerkt hätte, wäre ich gar nicht heimgekommen.
Bei kaltem Wetter waren wir zu Hause bei den Stejskals, aber mit der Zeit bemerkte ich, dass Jarmilkas Mama mich nicht gern sah. Früher sprach sie mit mir, bot mir etwas zu essen an, fragte nach Mama und ließ Papa grüßen, aber seit ich bei meiner Tante wohnte, fragte sie mich nichts und bot mir nicht einmal Sirupwasser an. Dann lud mich Jarmilka gar nicht mehr ein. Ich machte mir Gedanken, hatte aber Angst zu fragen, um nichts Unangenehmes zu hören zu bekommen, aber zum Schluss hielt ich es doch nicht aus. Es regnete, wir konnten nicht draußen sein, und so unterhielten wir uns eine Weile im Trockenen unter den Laubengängen, und amüsierten uns mit dem Zählen von Regenschirmen.
»Jarmilka«, begann ich, »warum lädst du mich nicht mehr zu euch nach Hause ein?«
Jarmilka wurde unübersehbar rot. »Was wollen wir da?«
»Wir könnten da spielen, wenn es regnet.«
»Und warum gehen wir nicht zu euch?«, wand sich Jarmilka heraus. Sie wusste sehr gut, dass wir nicht zu uns konnten.
»Du meinst zu Tante Hana? Du weißt doch, dass sie Angst hat vor Besuchen.«
»Ja eben.«
Überrascht sah ich meine beste Freundin an.
»Wie meinst du das?«
»Deine Tante ist verrückt.«
»Ist sie nicht, sie ist nur seelisch erschöpft.« In diesem Moment passte mir Mamas gemilderter Ausdruck.
Jarmilka zögerte, aber dann sagte sie: »Mama sagt, dass deine Tante verrückt ist und dass wir uns nicht mit solchen Leuten zeigen sollten.«
Als ob sie einen Eimer Eiswasser über mich gegossen hätte. »Aber du bist doch mit mir befreundet, nicht mit Tante Hana. Was hat das mit mir zu tun?«, fuhr ich auf.
Jarmilka weinte fast. »Ich denke das ja nicht, wirklich nicht, aber Mama hat gesagt, dass man das schon sehen kann an dir. Dass du neben der Tante verwahrlost und sie nicht wünscht, dass du meine beste Freundin bist. Und außerdem sollst du Jude sein.«
»Also das bin ich nicht«, wehrte ich mich. Ich konnte kein Jude sein, wenn ich nicht einmal wusste, was das hieß.
Jarmilka nahm meine Hand. »Mich stört das nicht, wirklich nicht. Du wirst immer meine beste Freundin bleiben – für ewig.« Sie wischte sich die Nase am Ärmel ab und ich sagte mir, dass ich wohl wirklich einen schlechten Einfluss hatte, denn früher hätte sie ordentlich ins Taschentuch geschnaubt.
Obwohl es regnete, begleitete Jarmilka mich bis vor die Haustür und versprach, am nächsten Tag nach der Schule ganz bestimmt mit mir rauszugehen. Ich ging die Treppe hinauf und wälzte das seltsame Wort auf der Zunge herum.
Tante Hana saß am Tisch in der mustergültig aufgeräumten Küche. Obwohl sie mich hören musste, schaute sie mich nicht an. Ich nahm den Ranzen vom Rücken, blieb in der Tür stehen und schaute zu, wie sie konzentriert die Kartoffeln schälte. Das Tuch hatte sie sehr locker gebunden, sodass es verrutscht war und die Haare freilagen. Sie waren ganz weiß, aber genauso dicht wie meine. Entweder hatte ich mich an sie gewöhnt, oder sie hatte in der letzten Zeit zugenommen. Mir schien, dass ihre Wangen nicht mehr so eingefallen waren und das Kinn nicht mehr so spitz wie früher. Wenn sie alle Zähne hätte, müsste sie nicht so trostlos aussehen, fiel mir ein. Aber ihr war das wohl nicht wichtig.
Ich schlurfte näher und setzte mich zu ihr. »Tante?«
Es dauerte eine Weile, bis sie sich zu mir drehte.
»Was heißt das, Jude sein?«
Sie schaute mich schweigend an, legte dann das Messer ab, schob den Ärmel hoch und zeigte eine lange, in den Unterarm tätowierte Nummer.
Dann stand sie auf, wusch sich nicht einmal die von den Kartoffeln schmutzigen Hände und ging wieder in ihr Zimmer.
Also konnte ich am nächsten Tag Jarmilka ruhigen Gewissens sagen, dass ich kein Jude war, weil auf meinem Unterarm keine Nummer geschrieben stand.
Nur lösten sich damit unsere Schwierigkeiten nicht. Immer noch war ich bei den Stejskals nicht willkommen, zur Tante konnten wir nicht und draußen regnete es. Wir standen an derselben Stelle wie am Vortag unter den Laubengängen und ich bekam schon Angst, dass mich ein weiterer einsamer Nachmittag erwartete. Ich hob den Blick, aber der niedrig über den Dächern hängende Himmel war grau und traurig wie meine Zukunftsaussichten.
Und in dem Moment kam mir die Idee. Ich hatte doch ein ganzes Haus. Seit dem Tod meiner Familie war mehr als ein Jahr vergangen, aber das Haus der Eltern stand immer noch leer. Der Laden im Erdgeschoss war verlassen, weil die Stadt passendere Räume für einen neuen Betrieb gefunden hatte, und der kleine Raum, in dem Papa Hunderte Uhrwerke repariert und gesäubert hatte, war dunkel und taugte für niemanden. Der Rest des Hauses gehörte immer noch mir. Als die Frau vom Ausschuss bei uns war, sagte sie, ich könnte das Haus verkaufen, die Stadt würde es kaufen, aber dann fügte sie irgendwie verlegen hinzu, dass das natürlich unsere Sache wäre, aber sie würde es nicht empfehlen. »Nicht, dass ich denken würde, dass die Währung wie im vergangenen Jahr …«, sagte sie, und das war ein einziges Mal, dass sie kurz schwieg. »Naja, entscheiden Sie selbst.«
Das Haus verkauften wir natürlich nicht, aber ganz sicher war das nicht wegen der Dutt-Frau vom Amt, sondern eher wegen der Unfähigkeit der Tante, etwas zu erledigen.
Ich war also Besitzerin des Hauses in der Straße bei der Kirche und wusste ziemlich sicher, wo der Schlüssel lag. »Warte hier«, sagte ich zu Jarmilka und lief nach Hause. »Ich bin gleich zurück«, rief ich über die Schulter.
Ich lief die Treppe hoch, warf den Ranzen in Großmutter Elsas ehemaligem Zimmer auf den Boden und schaute in die Küche. Die Tante war nicht dort. Wahrscheinlich starrte sie gerade in ihrem Zimmer an die Wand oder lag mit einer ihrer mir unverständlichen Krankheiten im Bett. Ich schob mir einen Stuhl zur Anrichte, griff nach oben und ertastete den Schlüssel. Mir war völlig klar, dass die Tante nicht in der Lage war, ein neues Versteck auszudenken.
Ich sprang hinunter, räumte den Stuhl wieder weg – damit es die Tante nicht aufregte, dass etwas anders war als gewohnt –, zog mir wieder die Gummischuhe über und rannte zu Jarmilka zurück. Auf dem Weg die Treppe hinunter wurde ich langsamer. Ich erinnerte mich an die seltsamen, beunruhigenden Laute vom Dachboden unseres alten Hauses und das beklemmende Gefühl, das ich nicht loswerden konnte, als wir die Sachen zur Tante holen wollten. Vor der Beklemmung und der Verzweiflung hatte ich mehr Angst als vor den raschelnden Schritten auf dem Speicher.
Dann sagte ich mir, dass ich schon zehn war, also kein kleines Kind mehr, und zudem wären Jarmilka und ich zwei gegen die Angst. Und außerdem hoffte ich ein bisschen, dass meine vernünftige Freundin nicht einverstanden wäre.
Aber Jarmilka war regelrecht begeistert und so zogen wir die Kapuzen der grünen Regencapes über den Kopf und wateten durch die Pfützen zu meinem alten Haus.
Der Schlüssel drehte sich so leicht im Schloss, wie ich es gewohnt war, das Licht im Treppenhaus ging an, aber die Luft war kalt und modrig feucht. Wir schauten in die Wohnung, gingen aber nicht weiter. Die Stühle waren hochgestellt, als ob die Hausfrau gerade den Boden gewischt hätte, die Fenster waren ohne Gardinen und Vorhänge. Das Haus sah genauso aus, wie es der Desinfektionstrupp hinterlassen hatte. »Pfui, das stinkt aber hier«, sagte Jarmilka. »Wollen wir nicht lieber auf den Speicher gehen? Du hast gesagt, dass man von da die ganze Stadt sehen kann.«
Ja, das habe ich gesagt, aber in Wahrheit war es nur ausgedacht, dass man die ganze Stadt von da oben sehen kann, denn ich war nie auf dem Dachboden. Mama sagte, ich würde mich schmutzig machen, weil da überall viel Staub war, und dass ich mir etwas tun könnte, weil es dunkel war, oder dass ich sogar aus dem Fenster fallen könnte, weil ich unvorsichtig war. Aber die Wahrheit war, dass auch sie nicht auf den Speicher ging. Sie behauptete, Höhen nicht zu mögen.
Jarmilka und ich gingen die Treppe in den zweiten Stock hoch, kamen am Zimmer vorbei, das ich mir mit meiner jüngeren Schwester geteilt hatte, die schon … Schnell zwang ich mich, an etwas anderes zu denken.
Zum Dachboden führte eine enge, steile Treppe. »Kletter du zuerst«, forderte mich Jarmilka auf. »Du bist geschickter.«
Da war ich mir nicht so sicher, aber ich begann zum Deckel hochzuklettern, der den Zugang zum Boden versperrte. Vielleicht war abgeschlossen, hoffte ich. Oder ich bekam ihn nicht hoch.
Der Holzdeckel ließ sich aber sehr leicht öffnen. Ich schaute hinein und vergaß meine Angst. Obwohl es draußen regnete, war es auf dem Dachboden hell. Dafür sorgten Giebelfenster und zwei Oberlichter. Meiner Meinung nach war Mama nie auf dem Boden, weil sie sonst gewusst hätte, dass die Fenster so hoch lagen, dass man einfach nicht aus ihnen herausfallen konnte.
Ich kletterte hoch und Jarmilka kam mir nach. Unsere Schritte wirbelten den Staub von den Bohlen auf. »Hier stinkt es nicht so«, sagte sie und sie hatte recht. Einige Dachziegel waren lose und schlossen nicht dicht, sodass frische Luft hereinkam. Der Speicher roch alt, aber von dem modrigen Geruch aus der Wohnung war kein bisschen zu spüren.
An den schrägen Wänden standen alte Kommoden, schwere Holztruhen, ein Nachttisch mit ausgebrochener Tür und Stühle, die so gestapelt waren, dass sie so wenig wie möglich Platz wegnahmen. In der Mitte des Speichers, wo das Dach am höchsten war, standen quer zwei hohe Kleiderschränke. Unter dem Giebelfenster in Richtung Stadt stand ein Holzbett mit durchgelegenem Drahtgestell. Darauf lagen drei graue Rosshaarmatratzen und auf Schnüren, die zwischen den Balken gespannt waren, hingen Federbetten und dicke Kissen in gestreiften Bezügen zum Lüften.
Ich öffnete den größten Schrank. Der war vollgestopft mit Mänteln, aussortierter Kleidung und Hüten und auf dem Schrankboden und im oberen Fach lagen unordentlich übereinander getürmte Schachteln. Der Inhalt des nächsten Schrankes sah ähnlich aus, nur dass hier anstelle der Hüte Pelzmützen und Muffe von oben auf mich herunterfielen. Mit vereinten Kräften hoben Jarmilka und ich den schweren Truhendeckel an und fanden dort einen echten Schatz. Die Truhe war voller Bücher und Zeitschriften. Eine Weile gruben wir uns durch die entdeckten Bücher, blätterten in vergilbten Zeitschriften, und während ich unter den schweren gebundenen Bänden dünne Romanhefte über die Abenteuer des Affenmenschen Tarzan heraussuchte, über die Mammutjäger jubilierte und alle Teile der beliebten Serie über die Schwestern Gabra und Málinka aufhäufte, probierte Jarmilka vor dem Spiegel an der Innenseite des Schranks Hüte auf.
Dann schoben wir einen Stuhl unters Fenster, aus dem man einen Ausblick auf die Unterstadt hatte. Es regnete und wir schauten auf den leicht angestiegenen Fluss unter uns. Wir sahen das dicht mit Büschen bewachsene rechte Ufer und die Uferstraße, die sich dort entlang zog, niedrige Häuser im Hintergrund, das Sägewerk mit dem hohen Ziegelschornstein, die Gleise, die vom Bahnhof fortführten, die großen Bäume im Stadtpark und die bewaldeten Hügel in der Ferne hinter der Stadt.
Wir standen da und beobachteten die Gestalten, die unter Schirmen oder Regencapes versteckt waren, wie sie an diesem Spätnachmittag nach Hause eilten.
Damals hatte ich keine Ahnung, dass meine Mama vor dreizehn Jahren an derselben Stelle stand und versuchte, die dunklen Gestalten auszumachen, die durch die Stadt gingen. Und ihr Ausblick war nicht von Regentropfen verschleiert, sondern von Tränen.
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