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Читать книгу: «La San Felice Band 4»

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Vierter Theil

Erstes Capitel.
Giovannina

Unsere Leser werden bemerken, mit welcher Sorgfalt wir sie durch unbekannte Gegenden und Persönlichkeiten hindurchführen, um unseren Erzählungen gleichzeitig die Festigkeit des Ganzen und die bunte Abwechslung der Einzelheiten zu bewahren.

Wir sind dadurch ganz natürlich zu einigen Weitschweifigkeiten verleitet worden, welche nun nicht mehr vorkommen werden, denn bis auf nur wenige Individualitäten, denen wir noch begegnen werden, stehen unsere sämtlichen Personen nun auf der Bühne und haben, so viel als es in unserer Macht gestanden, ihren Charakter durch ihr eigenes Handeln entwickelt.

Uebrigens sind nach unserer Meinung Länge oder Kürze einer Sache nicht einem materiellen Maß unterworfen. Ist ein Werk interessant, so wird es, selbst wenn es zwanzig Bände hätte, dem Publikum kurz erscheinen. Ist es dagegen langweilig, so wird der Leser, und wenn es blos zehn Seiten zählte, es fortwerfen, noch ehe er damit zu Ende gekommen ist.

Was uns betrifft, so haben in der Regel unsere längsten Bücher, das heißt die, in welchen es uns gestattet gewesen, die Charaktere genau zu entwickeln, und eine längere Reihe von Ereignissen vorzuführen, das meiste Glück gemacht und sind am begierigsten gelesen worden.

Unter den dem Leser schon bekannten Personen, oder solchen, denen wir nur noch einige Pinselstriche zu geben brauchen, knüpfen wir daher jetzt unsere Erzählung wieder an, welche für den ersten Blick von ihrem Wege abgewichen ist, um unserem Gesandten und dem Grafen Ruvo nach Rom zu folgen, eine, wie man später sehen wird, ganz nothwendige Abweichung —um acht Tage später, nach der Abreise Hektors Caraffa nach Mailand und des Bürgers Garat nach Frankreich, wieder nach Neapel zurückzukehren.

Wir befinden uns daher gegen zehn Uhr Morgens auf dem Kai Margellina. Wir sehen auf demselben ein buntes Gewimmel von Fischern und Lazzaroni, so wie von allerhand Leuten aus dem Volke, welche, mit Köchen aus vornehmen Häusern untermischt, nach dem Markte eilen, welchen seinem Casino gegenüber der König Ferdinand eröffnet hat, der, als Fischer gekleidet, hinter dem mit Fischen bedeckten Tische stehend, das Ergebniß seines Fischfangs selbst verkauft.

Trotz der Aufregung, in welche ihn die politischen Angelegenheiten versetzt, trotzdem, daß er jeden Augenblick die Antwort seines Neffen, des Kaisers, erwartet, trotz der Schwierigkeit, die es ihm macht, die von Sir William Hamilton unterschriebene und von Nelson im Namen Pitt’s endossirte Tratte schnell in klingende Münze zu verwandeln, hat er doch nicht seinen beiden Lieblingsvergnügungem dem Fischfang und der Jagd, entsagen können.

Gestern hat er in Persano gejagt, heute Morgen hat er in Pausilippo gefischt.

Unter der Menge, welche durch dieses häufige, für das Volk von Neapel aber stets neue Schauspiel herbeigelockt wird, würden wir uns versucht fühlen, unsern alten Freund Michele, den Narren, zu suchen, welcher, wie wir uns zu sagen beeilen, mit dem Michele, welchen wir nach Peppinas Ermordung in das Gebirg entfliehen gesehen, nichts gemein hat, sondern unsern Michele, welcher, anstatt wie die Andern den Kai weiter hinaufzugehen, an der kleinen Thür jenes unsern Lesern schon bekannten Gartens stehen bleibt.

Allerdings steht an der Thür dieses Gartens an die Mauer gelehnt und mit den Augen in dem Azur des Himmels, oder vielmehr in den Regionen ihrer Gedanken umherschweifend, ein junges Mädchen, welcher wir in Folge ihrer untergeordneten Stellung bis jetzt nur eine Aufmerksamkeit zu widmen vermocht, welche eben so untergeordnet gewesen ist, wie die Stelle dieser Person selbst.

Es ist dies Giovanna oder Giovannina, die Zofe Luisa’s San Felice, gewöhnlich kurzweg Nina genannt.

Sie repräsentiert einen bei den Landleuten in der Umgegend von Neapel eigenthümlichen Typus, eine Art Ausnahmswesen, welches man ganz erstaunt ist unter der brennenden Sonne des Südens zu finden.

Sie ist ein junges Mädchen von neunzehn bis zwanzig Jahren, von mittlerem Wuchs und dennoch mehr groß als klein. Dabei ist ihre Gestalt vollkommen geformt und ihr Verweilen in der Nähe einer vornehmen Dame hat ihr einen Geschmack an Sauberkeit beigebracht, welche unter der Volksklasse, der sie angehört, nur selten anzutreffen ist.

Ihr volles, wohlgepflegtes, durch ein himmelblaues Band zusammengehaltenes Haar ist von jenem brennenden Blond, welches die auf der Stirn der bösen Engel umherhüpfende Flamme zu sein scheint.

Ihr milchweißes Gesicht ist mit Sommerflecken bedeckt, welche sie durch die der Toilette ihrer Herrin entlehnten Schönheitsmittel und Essenzen zu entfernen sucht.

Ihre Augen sind grün und irisiren wie die der Katzen, deren sich bald öffnende, bald schließende Pupille sie ebenfalls besitzt.

Ihre Lippen sind dünn und bleich, werden aber bei der geringsten Gemüthsbewegung blutroth.

Ihre Zähne sind untadelhaft und sie pflegt dieselben eben so sorgfältig und scheint eben so stolz daraus zu sein, als ob sie eine Marquise wäre.

Ihre Hände, aus denen keine Spur von einer Ader zu sehen, sind weiß und kalt wie Marmor.

Bis zu der Zeit, wo wir sie unsern Lesern kennen gelehrt, hat sie ihrer Herrin sehr zugethan zu sein geschienen und ihr nur jene Veranlassungen zur Unzufriedenheit gegeben, welche in dem Leichtsinn der Jugend und in den Wunderlichkeiten eines erst in der Ausbildung begriffenen Charakters ihren Entstehungsgrund haben.

Wenn die Wahrsagerin Nanno da wäre und ihre Hand geprüft hätte, wie sie die ihrer Herrin geprüft hat, so würde sie sagen, daß ganz im Gegensatz zu Luisa, welche unter dem glücklichen Einfluß der Venus und des Mondes geboren, Giovannina unter der schlimmen Vereinigung des Mondes und des Merkur geboren ist, und daß sie dieser verderblichen Zusammenstellung jene neidischen Regungen, welche ihr zuweilen das Herz zusammenschnüren, und jene ehrgeizigen Wallungen verdankt, welche ihr Gemüth bewegen.

Giovannina ist demnach, mit kurzen Worten gesagt, weder schön nach auch nur hübsch, dennoch aber ist sie ein seltsames Wesen, welches den Blick vieler jungen Männer auf sich zieht.

Viele, die unter ihr oder ihr gleich stehen, haben ihr Aufmerksamkeiten erwiesen, aber sie hat dieselben stets unbeachtet gelassen. Ihr Ehrgeiz trachtet höher hinaus und wohl zwanzigmal hat sie gesagt, daß sie lieber ihr ganzes Leben lang Mädchen bleiben, als einen Mann heiraten will, welcher einem niedrigeren Stande oder auch einem dem ihrigen gleichen angehört.

Michele und Giovannina sind alte Bekannte.

Seit den sechs Jahren, wo Giovannian bei Luisa San Felice ist, haben sie Gelegenheit gehabt, einander oft zu sehen. Michele hat sogar, wie die andern jungen Leute, durch die physische und moralische Seltsamkeit des Mädchens verlockt, ihr den Hof zu machen versucht.

Sie hat aber dem jungen Lazzarone ohne Umschweife erklärt, daß sie nur einen Signore lieben würde, selbst auf die Gefahr hin, daß der Signore, den sie liebte, ihre Liebe nicht erwiederte.

Michele, der nichts weniger als Platoniker ist, hat ihr sofort alles mögliche Glück gewünscht und sich Assunta zugewendet, welche da sie nicht dieselben aristokratischen Ansprüche machte wie Nina, sich vollkommen mit Michele begnügt hat.

Da übrigens Luisas Milchbruder, abgesehen von seinen ein wenig exaltierten politischen Ansichten, ein ganz vortrefflicher, guter Junge ist, so hat er, anstatt Giovannina ihre Weigerung übel zu nehmen, sie um ihre Freundschaft ersucht und ihr die seinige angeboten. In der Freundschaft weniger wählerisch als in der Liebe, hat Giovannina ihm die Hand gereicht und mit ihm das Gelübde einer guten und aufrichtigen Freundschaft ausgetauscht.

Anstatt daher seinen Weg bis auf den königlichen Markt fortzusetzen blieb Michele, der ohnehin wahrscheinlich seiner Milchschwester einen Besuch machen wollte, als er Giovannina gedankenvoll an der Gartenthür stehen sah, ebenfalls stehen.

»Was machst Du da, und siehst den Himmel an?« fragte er sie.

Nina zuckte die Achseln.

»Du siehst es ja,« sagte sie, »ich träume.«

»Ich glaubte bis jetzt, nur die vornehmen Damen träumten und wir armen Leute begnügten uns mit dem Nachdenken. Ich vergaß aber, daß, wenn Du auch noch keine vornehme Dame bist, Du doch eine zu werden gedenkst. Welch ein Unglück, daß Nanno deine Hand nicht gesehen! Wahrscheinlich hätte sie Dir prophezeit, daß Du Herzogin werden würdest, ebenso wie sie mir prophezeit hat, daß ich einmal Oberst werde.«

»Ich bin keine vornehme Dante und kann nicht verlangen, daß Nanno ihre Zeit dazu anwende, mir wahrzusagen.«

»Nun, bin ich vielleicht ein vornehmer Herr? Dennoch hat sie mir wahrgesagt. Freilich that sie es wahrscheinlich blos, um mich zum Besten zu haben.«

Nina schüttelte verneinend den Kopf.

»Nanno lügt nicht,« sagte sie.

»Dann werde ich also wirklich gehängt werden?«

»Das ist allerdings sehr wahrscheinlich.«

»Sehr verbunden! Und warum glaubst Du, daß Nanno nicht lüge?«

»Weil sie meiner Herrin die Wahrheit gesagt hat.«

»Wieso die Wahrheit?«

»Hat sie ihr nicht den jungen Mann, welcher vom Pausilippo herabkam, ganz genau geschildert? Groß, schön jung, fünfundzwanzig Jahre. Hat sie ihr nicht gesagt, daß er von vier, dann von sechs Männern belauert werde? Hat sie ihr nicht gesagt, daß dieser Unbekannte, dessen Bekanntschaft wir seitdem gemacht, in großer Gefahr schwebe? Hat sie ihr endlich nicht gesagt, daß es ein Glück für sie wäre, wenn dieser junge Mann getödtet würde, weil, wenn dies nicht der Fall wäre, sie ihn lieben und diese Liebe einen verderblichen Einfluß aus ihr Schicksal ausüben würde?«

»Nun, und?«

»Nun, Alles dies ist eingetroffen. Der Unbekannte kam vom Pausilippo. Er war jung und schön. Er zählte fünfundzwanzig Jahre. Er ward von sechs Männern verfolgt. Er schwebte in großer Gefahr, denn er ward an dieser Thür beinahe tödtlich verwundet. Hierzu,« fuhr Giovannina mit einer fast unbemerkbaren Aenderung in ihrem Tone fort, »hierzu kommt, daß, als ob die Prophezeiung in jeder Beziehung in Erfüllung gehen sollte, Signora ihn liebt.«

»Was sagst Du da?« rief Michele. »So schweig doch!«

Giovannina schaute sich um.

»Hört uns vielleicht Jemandt?« fragte sie. »Nein. Nun gut,« fuhr sie dann fort. »was kommt dann weiter darauf an? Bist Du deiner Milchschwester nicht eben so ergeben, wie ich meiner Herrin?«

»Allerdings! Auf Leben und Tod! Dessen kann sie sich rühmen.«

»In diesem Falle wird sie wahrscheinlich eines Tages deiner ebenso bedürfen, wie sie meiner bedürfen wird. Was glaubst Du wohl, was ich an dieser Thür machese?«

»Du hast es mir schon gesagt. Du schaust in’s Weite.»

»Bist Du auf dem Wege nicht dem Chevalier San Felice begegnet?»

»Auf der Höhe von Pie di Gratia? Ja.«

»Ich stand hier, um zu sehen, ob er nicht vielleicht wieder umkehrte, wie er gestern gethan.«

»Was? Er kehrte um? Argwohnte er etwas?«

»Er etwas argwohnen? Ach der arme gute Herr! Lieber würde er glauben, was er neulich nicht glauben wollte, nämlich, daß die Erde ein durch einen Kometen von der Sonne abgesprengtes Bruchstück sei, als daß seine Frau ihn hintergeht. Uebrigens hintergeht sie ihn auch nicht, oder hat es wenigstens bis jetzt noch nicht gethan. Sie liebt den Signor Salvato, das ist Alles. Dennoch aber ist es nicht weniger wahr, daß ich, wenn der Chevalier mich gefragt hätte, in große Verlegenheit gekommen wäre, denn sie ist jetzt schon bei ihrem theuren Verwundeten, den sie weder Tag noch Nacht verläßt.«

»Dann hat sie Dich wohl beauftragt, Dich zu überzeugen, daß der Chevalier heute seinen Weg nach dem königlichen Palast ununterbrochen fortsetze?«

»O nein! Gott sei Dank, so weit ist sie bis jetzt noch nicht, aber sei unbesorgt, es wird nach so weit kommen. Nein, ich sah blos, daß sie unruhig war, fortwährend hin und her ging, einmal nach dem Corridor, das andere Mal nach dem Garten hinausschaute und sich gern ans Fenster gestellt hätte, was sie aber nicht wagte. Ich sagte zu ihr: »Wollen Sie nicht sehen, Signora, ob Signor Salvato Ihrer bedarf? Sie sind ja seit zwei Uhr Morgens nicht mehr bei ihm gewesen. – »Ich wage es nicht, liebe Nina,« antwortete sie. »Ich fürchte, daß mein Gemahl wie gestern etwas vergessen habe und Du weißt, daß der Doctor Cirillo gesagt hat, es sei von der größten Wichtigkeit, daß mein Gemahl von der Anwesenheit dieses jungen Mannes in dem Hause der Herzogin Fusco nichts erfahre.« – »O, deswegen machen Sie sich keine Sorge, Signora,« antwortete ich ihr. »Ich kann ja die Straße überwachen, und wenn der Chevalier zufällig wie gestern wieder kommen sollte, so werde ich es, sobald ich ihn von Weitem kommen sehe, Ihnen sofort melden.« – »Ach meine gute kleine Nina,« entgegnete sie, »willst Du wirklich so freundlich sein?«– — »Ja wohl, Signora,« antwortete ich, »es wird mir dies sogar selbst wohlthätig sein, denn ich bedarf der frischen Luft.« – Und somit habe ich mich als Schildwache hierhergestellt und genieße das Vergnügen, mit Dir zu plaudern, während Signora mit ihrem Verwundeten plaudert.«

Michele betrachtete Giovannina mit einem gewissen Erstaunen. Es lag in den Worten und in dem Tone des jungen Mädchens etwas Bitteres und Schroffes.

»Und der junge Mann, der Verwundete?« fragte Michele.

»Ich höre.«

»Liebt er Signora wieder?«

»Ob er sie wieder liebt? Das wollte ich meinen. Er betrachtet sie mit verzehrenden Blicken. Sobald sie das Zimmer verläßt, schließen sich seine Augenlider, als oh er nichts mehr zu sehen brauchte, nicht einmal das Tageslicht. Cirillo, der Arzt, derselbe, welcher verbietet, daß die Männer es erfahren, « wenn ihre Frauen schöne verwundete junge Männer pflegen, hat ihm allerdings das Sprechen untersagt, weil er sich leicht ein Lungengefäß sprengten könne, aber der junge Herr gehorcht ihm in diesem Punkte eben so wenig als in einem andern. Kaum sind sie allein, so fangen sie an zu sprechen, ohne auch nur eine Minute zu schweigen.«

»Und wovon sprechen sie?«

»Das weiß ich nicht.«

»Dann halten sie Dich also entfernt?«

»O nein, im Gegentheile, Signora gibt mir fast allemal durch eine Geberde zu verstehen, daß ich bleiben soll.«

»Dann sprechen sie wohl leise?«

»Nein, sie sprechen laut, aber englisch oder französisch. Der Chevalier ist ein vorsichtiger Mann,« setzte Nina mit seltsamem Lächeln hinzu; »er hat seiner Frau zwei fremde Sprachen gelernt, damit sie mit den Fremden ungehindert von ihren Angelegenheiten sprechen könne, ohne daß die Leute im Hause etwas davon verstehen.«

»Ich kam, um Luisa zu sprechen,« sagte Michele, »aber nach dem, was Du mir da sagst, würde ich sie wahrscheinlich stören. Ich werde mich daher begnügen, zu wünschen, daß Alles für sie und für mich einen bessern Ausgang nehme, als Nanno prophezeit hat.«

»Nein, Du wirst bleiben, Michele. Das letzte Mal, als Du hier warst, schalt sie mich aus, daß ich Dich hatte gehen lassen, ohne sie gesprochen zu haben. Wie es scheint, will der Verwundete sich auch bei Dir bedanken.«

»Meiner Treu, ich hätte ebenfalls große Lust, ihm meinerseits einige Schmeicheleien zu sagen. Er ist ein famoser Schläger und der Beccajo hat die Wucht seines Armes kennen gelernt.«

»Nun, dann wollen wir eintreten, und da jetzt nicht mehr zu befürchten steht, daß der Chevalier wieder komme, so will ich Signora melden, daß Du da bist.«

»Du weißt also gewiß, daß mein Besuch ihr nicht unangenehm sein wird?«

»Ich sage Dir, sie wird sich darüber freuen.«

»Nun, dann wollen wir hineingehen.«

Und die Beiden verschwanden in dem Garten, um bald darauf wieder auf der Höhe der Terrasse zum Vorschein zu kommen und dann abermals in dem Hause zu verschwinden.

Ganz wie Nina gesagt, befand sich ihre Herrin seit schon beinahe einer halben Stunde in dem Zimmer des Verwundeten.

Von sieben Uhr Morgens an, zu welcher Stunde sie aufstand, bis um zehn Uhr, wo ihr Gemahl das Haus verließ, wagte Luisa, obschon sie keinen Augenblick aufhörte an den Verwundeten zu denken, nicht, ihm einen Besuch abzustatten.

Diese Zeit war vollständig den Sorgen und Verrichtungen des Hauswesens gewidmet, welches wir sie am Tage von Cirillas Besuch vernachlässigen sahen, was sie aber seitdem sorgfältig vermieden.

Dafür wich sie von zehn Uhr Morgens bis zwei Uhr Nachmittags, wo, wie man sich erinnern wird, ihr Gemahl gewöhnlich wieder nach Hause kam, von Salvato keinen Augenblick.

Nach Tische gegen vier Uhr begab sich der Chevalier San Felice in sein Cabinet und blieb eine oder zwei Stunden darin.

Eine Stunde wenigstens weilte Luisa, wie man glaubte, ruhig und unter dem Vorwande, etwas an ihrer Toilette abzuändern, ebenfalls in ihrem Zimmer. Leicht wie ein Vogel war sie aber fortwährend in dem Corridor und machte es möglich, dem Verwundeten drei oder vier Besuche abzustatten, indem sie ihm bei jedem dieser Besuche Ruhe und Schweigen empfahl.

Später, von sieben bis zehn Uhr, welche Zeit dem Empfange von Besuchen oder einem Spaziergange gewidmet war, verließ sie Salvato abermals, der nun unter Ninas Obhut blieb und bei dem sie sich gegen elf Uhr wieder einfand, das heißt, sobald als ihr Gemahl sich in sein Zimmer begeben hatte.

Hier blieb sie bis zwei Uhr Morgens an seinem Bette sitzen.

Um zwei Uhr begab sie sich in ihr Zimmer, welches sie nun, wie wir schon bemerkt, nicht eher wieder verließ, als bis um sieben Uhr.

So war es ohne die geringste Abänderung seit dem Tage von Cirillas erstem Besuche, das heißt seit neun Tagen, gegangen.

Obschon Salvato den Augenblick, wo Luisa zu erscheinen pflegte, mit immer neuer Ungeduld erwartete, so schien er doch an diesem Tage, die Augen auf die Wanduhr heftend, dem Erscheinen seiner Freundin mit größerer Ungeduld als gewöhnlich entgegen zu sehen.

Wie leicht auch ihr Tritt war, so war doch das Ohr des Verwundete so daran gewöhnt, diesen Tritt und ganz besonders die Art und Weise, auf welche Luisa die Verbindungsthür öffnete, zu erkennen, daß beim ersten Knarren dieser Thür und beim ersten Knistern eines Atlaspantoffels auf dem Fußboden das Lächeln, welches seit dem Weggange Luisa’s seine Lippen geflohen, wieder dieselben theilte und seine Augen sich auf diese Thür hefteten, auf welcher sie mit derselben Unbeweglichkeit weilten, wie die Magnetnadel auf den Polarstern zeigt.

Endlich erschien Luisa.

»Ah,« sagte er, »da sind Sie. Ich zitterte schon, daß Sie, eine unerwartete Rückkehr wie gestern fürchtend, erst später kämen. Gott sei aber Dank, Sie kommen heute wie immer und zwar zu derselben Stunde wie gewöhnlich.«

»Ja, ich komme, Dank unserer guten Nina, welche sich freiwillig erbot, hinunterzugehen und an der Gartenthür Wache zu halten. Wie haben Sie die Nacht zugebracht?«

»Sehr gut, aber sagen Sie mir – Salvato faßte die beiden Hände der an seinem Bette stehenden jungen Frau, richtete sich auf, um ihr näher zu sein, und betrachtete sie mit unverwandtem Blicke.

Luisa, welche nicht wußte, was er sie fragen walle, betrachtete ihn verwundert ebenfalls Es lag in dem Blick des jungen Mannes nichts, was sie hätte bewegen müssen, die Augen niederzuschlagen. Der Blick war allerdings zärtlich, aber mehr fragend als leidenschaftlich.

»Was wollen Sie wissen?,« fragte sie.

»Sie haben heute früh um zwei Uhr mein Zimmer verlassen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Sind Sie dann nochmals hereingekommen?«

»Nein.«

»Nein? Sie sagen nein?«

»Ja wohl, ich sage nein.«

»Dann,« sagte der junge Mann, mit sich selbst sprechend, »dann ist sie es gewesen.«

»Wer denn?e fragte Luisa immer verwunderter.

»Meine Mutter,« entgegnete der junge Mann, dessen Augen einen unbestimmt träumerischen Ausdruck gewannen und dessen Kopf mit einem Seufzer, in welchem weder etwas Schmerzliches noch etwas Trauriges lag, auf die Brust herabsank.

Bei den Worten »Meine Mutter« zuckte Luisa zusammen.

»Aber,« fragte sie, »ist Ihre Mutter nicht todt?«

»Haben Sie, theure Luisa,« antwortete der junge Mann, ohne daß seine Augen ihren träumerischen Ausdruck verloren, »nie davon gehört, daß es unter den Menschen bevorrechtete Wesen gibt, welche, ohne daß man sie an äußeren Zeichen erkennen kann und ohne daß sie sich ihre Macht selbst zu erklären im Stande wären, die Fähigkeit besitzen, sich mit Geistern in Beziehung zu setzen?«

»Allerdings habe ich den Chevalier San Felice hierüber mit Gelehrten und deutschen Philosophen disputiren hören, welche diese Mittheilungen zwischen den Bewohnern dieser Welt und denen des Jenseits als Beweise zu Gunsten der Unsterblichkeit der Seele ausübten. Sie nannten ein solches Individuum einen Sehenden oder ein Medium.«

»Es ist bewunderungswürdig,« sagte Salvato, »daß Sie, ohne daß Sie es ahnen, Luisa, mit der Grazie des Weibes die Bildung eines Gelehrten und die Wissenschaft eines Philosophen verschmelzen. Die Folge davon ist, daß man mit Ihnen von allen Dingen, selbst von übernatürlichen, sprechen kann.«

»Dann,« sagte Luisa sehr bewegt, »dann glauben Sie wohl, daß diese Nacht —«

»Ich glaube, daß, wenn nicht Sie in meinem Zimmer gewesen sind und sich über mein Bett geneigt haben, ich dann einen Besuch von meiner Mutter empfangen habe.«

»Aber mein Freund,« fragte Luisa, von einem Schauer überrieselt, »wir erklären Sie sich das Erscheinen einer von ihrem Körper getrennten Seele?«

»Es gibt, wie Sie recht wohl wissen, Luisa, Dinge, welche sich nicht erklären lassen. Sagt Hamlet in dem Augenblick, wo ihm der Schatten seines Vaters erscheint, nicht: There are more things in heaven and earth, Horazio, than there are dream of in your philosophy? – Es gibt zwischen Himmel und Erde mehr Dinge, Horazio, als deine Philosophie sich träumen läßt. – Wohlan, Luisa, das Geheimniß, von welchem ich Ihnen erzähle, ist eines von diesen.«

»Mein Freund,« sagte Luisa, »wissen Sie, daß Sie mir zuweilen Furcht einflößen?«

Der junge Mann drückte ihr die Hand und betrachtete sie mit seinem zärtlichsten Blick.

»Und wie könnte ich Ihnen Furcht einflößen?« fragte er; »ich, der ich für Sie das Leben hingeben würde, welches Sie mir gerettet haben. Sagen Sie mir das!«

»Sie kommen,« fuhr die junge Frau fort, »mir zuweilen vor wie ein Wesen, welches nicht dieser Welt angehört.«

»Der Grund davon,« sagte Salvato lachend, »liegt vielleicht darin, daß ich diese Welt beinahe schon wieder verlassen hatte, ehe ich dieselbe noch betreten.«

»Wäre es also wahr, daß Sie, wie die Wahrsagerin Nanno behauptete, von einer Todten geboren sind?« fragte Luisa erbleichend.

»Das hat die Wahrsagerin Ihnen mitgetheilt?« fragte der junge Mann, indem er sich erstaunt auf seinem Bett emporrichtete.

»Ja; aber nicht wahr, es ist nicht möglich?«

»Die Wahrsagerin hat Ihnen blos die Wahrheit gesagt, Luisa. Es ist dies eine Geschichte, die ich kämen einmal erzählen werde, theure Freundin.«

»Ja, und ich werde derselben mit allen Fasern meines Herzens lauschen.«

»Aber später.«

»Wann Sie wollen.«

»Heute,« fuhr der junge Mann auf sein Bett zurücksinkend fort, »würde diese Erzählung meine Kräfte übersteigen. Wie ich Ihnen eben sage, mit Gewalt dem Schoße meiner Mutter entrissen, mischten die ersten Regungen meines Lebens sich mit den letzten Zuckungen des Todes und ein seltsames Band hat trotz des Grabes uns fortdauernd aneinander gefesselt. Sei es nun die Sinnestäuschung eines übermäßig erregten Geistes, sei es eine wirkliche Erscheinung, sei es endlich, daß unter gewissen abnormen Bedingungen die Gesetze, welche für andere Menschen bestehen, für solche, die außerhalb dieser Gesetze geboren worden, nicht vorhanden sind, so erhält von Zelt zu Zeit – ich wage kaum dies zu sagen, so unwahrscheinlich klingt es – meine Mutter, ohne Zweifel weil sie gleichzeitig Heilige und Märthrerin war, von Gott die Erlaubniß, mich besuchen zu dürfen.«

»Was sagen Sie da?« murmelte Luisa schaudernd.

»Ich sage Ihnen das,« was ist; das aber, was für mich ist, ist vielleicht für Sie nicht und dennoch habe ich jene theure Erscheinung nicht allein gesehen.«

»Jemand Anders als Sie hat sie auch gesehen?« rief Luisa.

»Ja, eine sehr einfache Frau, eine Bäuerin, die nicht fähig gewesen wäre, eine solche Geschichte zu erfinden, nämlich meine Amme.«

»Ihre Amme hat den Schatten Ihrer Mutter gesehen?«

»Ja. Wollen Sie, daß ich Ihnen dies erzähle?« fragte der junge Mann lächelnd.

Luisas Antwort bestand darin, daß sie den Verwundeten bei beiden Händen faßte und ihn begierig anschaute.

»Wir wohnten in Frankreich – denn wenn meine Augen sich auch nicht in Frankreich erschlossen haben, so fingen sie doch hier erst an zu sehen. Wir wohnten in der Mitte eines großen Waldes. Mein Vater hatte für mich eine Amme aus einem Dorfe angenommen, welches ungefähr eine Stunde von dem Hause entfernt war, in welchem wir wohnten.

»Eines Nachmittags bat sie meinen Vater um Erlaubniß, einmal nach Hause gehen zu dürfen, um ihr Kind zu sehen, welches wie man ihr gesagt, krank war. Es war dies dasselbe, welches sie entwöhnt, um mir die Stelle desselben einzuräumen. Mein Vater ertheilte ihr nicht blos die gewünschte Erlaubniß, sondern begleitete sie auch, um sich ebenfalls von dem Befinden ihres Kindes zu überzeugen. Man gab mir zu trinken man legte mich in meine Wiege und da ich niemals eher als um zehn Uhr des Abends erwachte und mein Vater mit seinem Cabriolet zum Hin- und Rückweg nach dem Dorfe höchstens anderthalb Stunden gebrauchte, so schloß er die Thür zu, und steckte den Schlüssel in die Tasche, ließ die Amme mit in dem leichten Wagen Platz nehmen und brach unbesorgt auf.

»Ihr Kind litt, wie sich ergab, blos an einigen unbedenklichen Verdauungsbeschwerden. Mein Vater beruhigte die gute Frau, ließ ihrem Mann ein Recept und einen Louisdor zurück, damit das Recept auch gemacht würde, und wollte mit der Amme wieder nach seiner Wohnung zurückkehren, als ein junger Mann ganz verzweiflungsvoll herbeigestürzt kam und sagte, daß sein Vater, ein Waldhüter in der vergangenen Nacht durch einen Wildschützen schwer verwundet worden sei. Meinem Vater fiel es nicht ein, eine solche Ansprache an seinen Beistand zurückzuweisen. Deshalb übergab er der Amme, den Schlüssel zum Hause und empfahl ihr, sich unverweilt auf den Rückweg zu machen und zwar um so mehr, als ein Gewitter im Anzuge zu sein schien.

Die Amme machte sich auf. Es war sieben Uhr Abends. Sie hoffte noch vor acht Uhr das Haus erreicht zu haben, und mein Vater ging seines Weges, nachdem er sie vorher sich in der Richtung entfernen gesehen, welche sie wieder zu mir führen mußte. Eine halbe Stunde ging Alles gut, dann aber umzog sich der Himmel plötzlich, der Donner grollte und unter Blitzen und wolkenbruchartigem Regen kam ein furchtbares Gewitter zum Ausbruch.

»Zum Unglücke wählte die gute Frau, anstatt auf dem gebahnten Wege weiter zu gehen, um schneller an Ort und Stelle zu gelangen, einen Fußsteig welcher die Entfernung allerdings etwas abkürzte, den aber die Nacht sehr schwierig zu begehen machte. Ein Wolf, welcher, selbst durch das Gewitter erschreckt, ihr über den Weg lief, jagte ihr Furcht ein. Sie sprang seitwärts in ein Dickicht hinein, verirrte sich darin und lief, durch das Gewitter immer mehr beunruhigt, rufend, weinend und schreiend aufs Gerathewohl darin herum, ohne jedoch auf ihr Rufen eine andere Antwort zu erhalten, als das Geschrei der Uhu’s und Nachteulen.

»So irrte sie drei Stunden lang umher, an Bäume und auf der Erde liegende Stämme anrennend, oft in Schluchten stürzend und mitten unter dem Rollen des Donners neun, zehn und elf Uhr schlagen hörend.

»Endlich, gerade als sie den ersten Schlag der Mitternachtsstunde vernahm, zeigte ihr ein Blitz unser so lange gesuchtes Haus in einer Entfernung von kaum hundert Schritten und als der Blitz erloschen, als der Wald wieder in Finsterniß gehüllt war, ward sie durch einen Lichtschein geleitet, der aus dem Zimmer fiel, in welchem meine Wiege stand.

»Sie glaubte, mein Vater wäre vor ihr nach Hause gelangt und verdoppelte ihren Schritt.

»Aber wie war er dann hineingekommen da er ja ihr den Schlüssel gegeben hatte? Besaß er vielleicht noch einen zweiten? Dies dachte sie und durchnäßt vom Regen mit zerstoßenen und geschundenen Händen und Füßen und durch die Blitze geblendet, schloß sie die Thür auf, stieß sie hinter sich zu, ging rasch die Treppe hinauf, durchschritt das Zimmer meines Vaters und öffnete die Thür des meinigen.

»Auf der Schwelle aber blieb sie, einen lauten Schrei ausstoßend, stehen.

»Mein Freund! mein Freund!« rief Luisa, die Hände des jungen Mannes drückend.

»Eine weiß gekleidete Frau stand an meinem Bette,« fuhr der junge Mann mit veränderter Stimme fort. »Sie murmelte leise eines jener mütterlichen Lieder, womit man die Kinder in den Schlaf lullt, und schaukelte zugleich mit der Hand meine Wiege. Diese Frau war jung und schön, aber ihr todtenbleiches Antlitz zeigte mitten auf der Stirn einen rothen Flecken.

»Die Amme stützte sich an das Thürgewand, um nicht umzusinken. Ihre Füße versagten ihr den Dienst.

»Sie begriff recht wohl, daß sie sich einem übernatürlichen Wesen aus dem Lande der Seligen gegenüber befand, denn das Licht, welches das Zimmer erhellte, ging von der Erscheinung aus. Uebrigens wurden die anfangs vollkommen scharfen Umrisse derselben allmälig undeutlich; mit den Zügen des Gesichts war dasselbe der Fall, die Gewänder verschwammen, der Körper ward Wolke, die Wolke verwandelte sich in Dunst, welcher dann seinerseits verschwand und die vollkommenste Finsterniß und in derselben einen unbekannten Wohlduft zurückließ.

»In diesem Augenblick kam mein Vater selbst nach Hause. Die Amme hörte ihn und rief mehr todt als lebendig seinen Namen. Als er ihre Stimme hörte, stieg er die Treppe hinauf, zündete Licht an und fand die gute Frau zitternd, mit schweißtriefender Stirn und nur noch mit Mühe athmend an derselben Stelle stehen, von wo aus sie die Erscheinung gesehen.

»Durch die Nähe meines Vaters und das Licht der Kerze wieder ermuthigt, eilte sie auf meine Wiege zu und nahm mich in ihre Arme.

»Ich schlief friedlich und fest. In der Meinung, daß ich seit vier Uhr Nachmittags nichts zu mir genommen und daß ich Hunger und Durst haben müsse, reichte sie mir die Brust, aber ich weigerte mich, dieselbe zu nehmen.

»Nun erzählte sie Alles meinem Vater-, welcher sich dieses Dunkel, ihre Aufregung, ihre Angst und ganz besonders jenen geheimnißvollen Wohlgeruch der das Zimmer noch erfüllte, nicht erklären konnte.

»Mein Vater hörte die Amme aufmerksam au, wie ein Mann, der, nachdem er alle Geheimnisse der Natur zu ergründen gesucht, sich über keines derselben wunderte.

»Als die Amme die Erscheinung der Frau beschrieb, welche mich gewiegt und mir ein Schlummerlied gesungen, und als sie ihm sagte, daß diese Frau aus der Mitte der Stirn einen rothen Fleck gehabt, begnügte er sich zu antworten: »Das ist seine Mutter gewesen!«

Mehr als einmal,« fuhr der Verwundete mit noch mehr veränderter Stimme fort, »erzähltes mein Vater mir später diesen Vorfall und dieser starke, gewaltige Geist zweifelte nicht, daß auf mein Geschrei der glückselige Schatten der Mutter von Gott die Erlaubniß erhalten, vom Himmel herabzusteigen, um den Hunger und das Wehklagen ihres Kindes zu stillen.«

»Und späten,« fragte Luisa bleich und selbst schaudernd, »später haben Sie Ihre Mutter nochmals gesehen?«

»Dreimal,« antwortete der junge Mann. »Das erste Mal war es in der Nacht, welche dem Tage voranging, wo ich sie rächte. Ich sah sie mit jenem rothen Flecken mitten aus der Stirn sich meinem Bette nähern. Sie neigte sich über mich, um mich zu küssen. Ich fühlte die Berührung ihrer kalten Lippen und etwas, was einer Thräne glich, fiel in dem Augenblick, wo sie sich aufrichtete, auf meine Stirn. Ich wollte sie nun in meine Arme fassen und festhalten, aber sie verschwand. Ich sprang aus dem Bett und eilte in das Zimmer meines Vaters. Eine Kerze brannte hier. Ich näherte mich einem Spiegel. Das, was ich für eine Thräne gehalten, war ein Blutstropfen, der ihrer Wunde entfallen war. Mein Vater härte, nachdem ich ihn geweckt, meine Erzählung ruhig an und sagte lächelnd:

»Morgen wird sich die Wunde geschlossen haben.«

»Am nächsten Tage erschoß ich den Mörder meiner Mutter.«

Luisa barg erschrocken ihr Haupt in dem Kopfkissen des Verwundeten.

»Zweimal seit jener Nacht habe ich sie wiedergesehen.« fuhr Salvato mit beinahe erloschener Stimme fort. »Da sie aber nun gerächt war, so war der Blutflecken von ihrer Stirn verschwunden.

Als Salvato diese Erzählung, welche für seine Kräfte sehr lang gewesen, beendet hatte, sank er theils vor Ermüdung, theils vor Gemüthsbewegung, bleich und erschöpft auf seinen Pfühl zurück.

Luisa stieß einen Schrei aus.

Sie eilte nach der Thür und hätte, indem sie dieselbe öffnete, Nina, welche an dieser Thür horchte, beinahe über den Haufen gerannt.

Sie achtete indeß jetzt nur wenig darauf.

»Das Riechfläschchen!« rief sie. »Er ist ohnmächtig geworden.«

»Das Riechfläschchen befindet sich in Ihrem Zimmer, Signora,« antwortete Nina.

Luisa eilte sofort in das Zimmer,« suchte aber vergebens. Als sie zu dem Verwundeten zurückkehrte, stützte Giovannina den Kopf des jungen Mannes mit ihrem Arme, drückte ihn an ihre Brust und ließ ihn den Inhalt des Flacons athmen.

»Zürnen Sie mir nicht, Signora,« sagte Nina. »Das Flacon stand auf dem Kamin hinter der Pendule. Als ich Sie so bestürzt sah, verlor ich ebenfalls den Kopf. Es ist aber Alles wieder gut. Signor Salvato kommt eben wieder zu sich.

In der That schlug der junge Mann in diesem Augenblick die Augen auf, welche sofort Luisa suchten.

Giovannina, welche die Richtung dieses Blickes recht wohl bemerkte, legte den Kopf des Verwundeten behutsam wieder auf seine Kissen, und trat dann in eine Fensterbrüstung zurück, wo sie sich eine Thräne trocknete, während Luisa ihre Stelle zu Häuptern des Verwundeten einnahm, und Michele, den Kopf zu der halb geöffnet gebliebenen Thür hereinsteckend fragte:«

»Bedarfst Du vielleicht meiner, Schwesterchen?«

Zweites Capitel.
Andreas Backer

Luisas ganze Seele lag in ihren Augen und diese Augen waren auf die Salvatos geheftet, welcher seine Pflegerin erkennend lächelnd wieder zum Bewußtsein erwachte.

Er schlug die Augen vollends auf und murmelte:

»O, so zu sterben!«

»O nein, nein, nicht sterben!« rief Luisa.

»Ich weiß wohl, daß es besser wäre so zu leben,« fuhr Salvato fort; »aber —«

Er stieß einen Seufzer aus, welcher das Antlitz der jungen Frau berührte wie der glühende Athem des Sirocco.

Sie schüttelte den Kopf, ohne Zweifel um das magnetische Fluidum zu entfernen, von welchem dieser flammende Seufzer begleitet war, legte den Kopf des Verwundeten auf das Kissen, setzte sich auf den Lehnstuhl am oberen Ende des Bettes, drehte sich dann nach Michele herum und sagte, seine Frage ein wenig spät beantwortend:

»Nein, ich bedarf deiner glücklicherweise nicht. Komm aber nur herein und sieh, wie gut es mit unserem Patienten geht.«

Michele näherte sich auf den Fußspitzen, als ob er fürchtete einen Schlafenden zu wecken.

»Er sieht jetzt wirklich besser aus, als da wir, die alte Nanno und ich, ihn verließen.«

»Mein Freund,« sagte die Gattin des Chevaliers San Felice zu dem Verwundeten, »es ist der junge Mann, welcher in der Nacht, wo Sie beinahe ermordet worden wären, Ihnen Beistand leisten half.«

»O, ich erkenne ihn,« sagte Salvato lächelnd. »Er stampfte auch die Kräuter« welche jene Frau, die ich nicht wieder gesehen, mir auf meine Wunde legte.«

»Er ist schon mehrmals wieder da gewesen, denn er nimmt, wie wir Alle, großes Interesse an Ihnen, man hat ihn aber nicht hineingelassen.«

»Na, das habe ich weiter nicht übel genommen,« sagte Michele. »Ich bin nicht so empfindlich.«

Salvato lachte und reichte ihm die Hand.

Michele ergriff die Hund, welche Salvato ihm bot, und betrachtete sie, indem er sie in den seinigen festhielt.

»Sieh nur, Schwesterchen,« sagte er, »man sollte meinen, es sei dies eine Damenhand. Man sollte kaum glauben, daß eine solche kleine, niedliche Hand den Säbel so kräftig zu führen verstünde.«

Salvato lächelte.

Michele schaute sich um.

»Was suchst Du?« fragte Luisa.

»Jetzt, nachdem ich die Hand gesehen, suche ich den, Säbel. Es muß eine schöne Waffe sein.«

»Du möchtest wohl einen solchen haben, wenn Du einmal Oberst sein wirst? Nicht wahr Michele?« sagte Luisa lächelnd.

»Michele soll Oberst werden?« fragte Salvato.

»O, nun kann mir das nicht fehlen,« antwortete der Lazzarone.

»Wieso kann Dir denn das nun nicht mehr fehlen?« fragte Luisa.

»Die alte Nanno hat es mir prophezeit, und Alles, was diese prophezeit, geht auch in Erfüllung.«

»Michele!« rief die Gattin des Chevaliers San Felice.

»Nun, hat sie Dir nicht gesagt, daß ein schöner junger Mann, welcher vom Pausilippo herabkäme, in großer Gefahr schwebe, daß er von sechs Männern angefallen würde und daß es ein großes Glück für Dich wäre, wenn diese sechs Männer ihn umbrächten, denn außerdem würdest Du Dich in ihn verlieben und diese Liebe würde die Ursache deines Todes sein?«

»Michele! Michele!» rief Luisa, indem sie ihren Sessel von dem Bette hinwegrückte, während Giovannian ihr bleiches Gesicht hinter dem rothen Fenstervorhange hervorsteckte.

Der Verwundete betrachtete Michele und Luisa mit aufmerksamem Blick.

»Wie,« fragte dann Letzterer, »man hat Ihnen prophezeit, daß ich die Ursache Ihres Todes sein würde?«

»Ja wohl,« mischte Michele sich ein.

»Und Sie, die Sie mich nicht konnten, und folglich auch kein Interesse an mir haben konnten, Sie haben den Sbirren nicht gestattet, ihr Werk zu vollenden?«

»Nun, sehen Sie,« sagte Michele an Luisa’s Statt antwortend, »als sie die Pistolen knallen, als sie die Säbel klirren hörte, als sie sah, daß ich, ein Mann, und zwar ein Mann, der keine Furcht kennt, gleichwohl nicht wagte, Ihnen zu Hilfe zu eilen, weil Sie es mit den Sbirren der Königin zu thun hatten, da sagte sie: »Nun, dann muß ich ihn retten!» und sofort eilte sie in den Garten. Ha, Sie hätten sie sehen sollen! Sie lief nicht, sie flog.«

»O Michele! Michele!«

»Nun« hast Du das nicht vielleicht gesagt« Schwesterchen? Hast Du es vielleicht nicht gethan?«

»Aber wozu brauchst Du es wieder zu erzählen?« rief Luisa, indem sie das Gesicht in den Händen barg. – Salvato streckte den Arm aus und zog die Hände weg, in welchen die junge Frau ihr schamrothes Antlitz und ihre thränenfeuchten Augen barg.

»Sie weinen?« sagte er. »Bereuen Sie also jetzt wohl, mir das Leben gerettet zu haben?«

»Nein, aber ich schäme mich dessen, was dieser Knabe Ihnen gesagt hat. Man nennt ihn Michele den Narren, und er verdient diesen Beinamen in der That.«

Dann wendete sie sich zu der Zofe und fuhr fort:

»Ich habe sehr unrecht daran gethan, Nina, daß ich Dich ausschalt, weil Du ihn nicht eingelassen. Du hattest sehr wohl daran gethan.«

Ei, ei, Schwesterchen, das, was Du sagst, ist Nicht schön,« sagte der Lazzarone, »und diesmal sprichst Du nicht mit deinem Herzen.«

»Ihre Hand, Luisa! Ihre Hand!« sagte der Verwundete in bittendem Tone.

Die durch so viele widerstreitende Gefühle erschöpfte und ermattete Frau ließ ihren Kopf an die Lehne des Sessels sinken, schloß die Augen und legte ihre zitternde Hand in die des jungen Mannes.

Salvato ergriff sie begierig. Luisa ließ einen Seufzer hören. Dieser Seufzer bestätigte Alles, was der Lazzarone gesagt hatte.

Michele sah diesen Auftritt, von welchem er nichts verstand und der dagegen von Giovannina, die mit krampfhaft geballten Händen und stierem Blick gleich einer Bildsäule der Eifersucht da stand, nur zu gut begriffen ward.

»Wohlan, sei unbesorgt, mein Freund,« sagte Salvato in heiterem Tone zu dem Lazzarone. Ich selbst werde Dir deinen Officierssäbel geben – nicht den, womit ich die Schurken, die mich anfielen, tractirt habe, denn sie haben mir denselben genommen, wohl aber einen andern, der eben so viel Werth besitzen wird.«

»Nun, die Sache läßt sieh immer besser an,« sagte Michele; » es fehlt mir nun weiter nichts mehr als das Patent, die Epauletten, die Uniform und das Pferd.«

Dann wendete er sich zu der Zofe und sagte:

»Aber hörst Du denn nicht, Nina? Man läutet ja, daß der Klingeldraht reißen möchte!«

Nina schien wie aus einem Schlafe zu erwachen.

»Man läutet?« sagte sie. »Wo denn?«

»An der Thür, wie es scheint.«

»Ja, an der Hausthür,« setzte Luisa hinzu und sagte dann rasch und leise zu Salvato: »Mein Gemahl ist es nicht, denn dieser kommt stets durch die Gartenthür zurück. Geh!« fuhr sie zu Nina gewendet fort, »lauf! Eile! ich bin nicht zu Hause, hörst Du?«

»Schwesterchen ist nicht zu Hause, hörst Du wohl, Nina?« wiederholte Michele.

Nina verließ das Zimmer, ohne zu antworten.

Luisa näherte sich dem Verwundeten. Sie fühlte sich, ohne zu wissen warum, bei dem Geschwätz des redseligen Michele wohler und ungezwungener als unter dem Blick der schweigenden Nina.

Es geschah dies aber, wie gesagt, instinktartig und ohne daß sie über die guten Gesinnungen ihres Milchbruders oder die bösen Triebe ihrer Zofe weiter nachgedacht hätte.

Nach Verlauf von etwa fünf Minuten trat Nina wieder ein, näherte sich ihrer Gebieterin geheimnißvoll und sagte leise zu ihr:

»Signora, Signor Andreas Backer ist da und wünscht Sie zu sprechen.«

»Nun, hast Du ihm nicht gesagt, daß ich nicht zu Hause sei?« entgegnete Luisa so laut, daß Salvato, wenn er auch die Frage nicht gehört, wenigstens die Antwort hören konnte.

»Ich wußte nicht, ob ich das dürfte, Signora,« antwortete Nina immer noch leise; »erstens weil ich weiß, daß er Ihr Bankier ist, und zweitens, weil er sagte, es handle sich um eine wichtige Angelegenheit.«

»Wichtige Angelegenheiten werden mit meinem Gemahl abgemacht, aber nicht mit mir.«

»Sehr richtig, Signora,« fuhr Giovannina immer noch in demselben Tone fort; »ich fürchtete aber, er könne wiederkommen, wenn der Herr Chevalier da wäre und diesem dann sagen, er habe Signora nicht zu Hause angetroffen, und da Sie nicht zu lügen verstehen, Signora, so glaube ich, es wäre vielleicht besser, wenn Sie ihn empfingen.«

»Also dies hast Du für gut gefunden?« sagte Luisa, indem sie ihre Dienerin ansah.

Nina schlug die Augen nieder.

»Wenn ich unrecht gehandelt habe, Signora, so ist es noch Zeit die Sache zu ändern; es wird ihn aber sehr kränken, den armen jungen Mann.«

»Nein,« sagte Luisa, nachdem sie einen Augenblick nachgedacht; »es ist in der That besser, wenn ich ihn empfange, und Du hast recht gethan, mein Kind.«

Dann sagte sie zu Salvato, welcher sich abgewendet hatte, als er sah, daß Giovannina leise mit ihrer Herrin sprach:

»Ich komme sogleich wieder. Bleiben Sie mittlerweile ruhig. Die Audienz wird nicht lange dauern.«

Dann wechselte sie mit ihm noch einen Händedruck und ein Lächeln, erhob sich und verließ das Zimmer.

Kaum hatte die Thür sich hinter ihr geschlossen, so machte Salvato die Augen zu, wie er allemal zu thun pflegte, wenn Luisa nicht mehr im Zimmer war.

Michele glaubte, er wolle schlafen und näherte sich daher Giovannina.

»Wer kam denn?« fragte er in gedämpftem Tone mit der Neugier eines Halbwilden, dessen Instinkt nicht den gesellschaftlichen Convenienzen unterworfen ist.

Nina, welche mit ihrer Herrin sehr leise gesprochen, erhob die Stimme ein wenig, so daß Salvato, welcher das, was sie zu ihrer Herrin gesagt, nicht gehört, hören konnte, was sie zu Michele sagte.

»Es ist jener reiche, elegante junge Bankier,« sagte sie. »Du kennst ihn doch?«

»Nicht übel!« entgegnete Michele, »nun soll ich gar noch die Bankiers kennen.«

»Wie, Du kennst Signor Andreas Backer nicht?«

»Wer ist Signor Andreas Backer?«

»Wie, Du entsinnst Dich nicht? Es ist ja jener hübsche, blonde junge Mann – ein Deutscher oder ein Engländer, ich weiß es selbst nicht recht, der aber unserer Herrin, ehe sie den Chevalier heiratete, den Hof machte.«

»Ah, ganz recht. Ist es nicht derselbe, bei dem Luisa ihr ganzes Vermögen stehen hat?«

»Ja wohl, derselbe.«

»Schön, schön. Wenn ich Oberst sein werde, wenn ich die Epauletten und den mir von Signor Salvato versprochenen Säbel habe, wird es mir, um vollständig equipirt zu sein, nur noch an einem Pferde fehlen wie das, auf welchem dieser Signor Backer spazieren reitet«

Nina gab keine Antwort; sie hatte, während sie sprach, ihren Blick auf den Verwundeten geheftet und an dem beinahe unbemerkbaren Zucken seiner Gesichtsmuskeln bemerkt, daß der vermeinte Schläfer von dem, was sie zu Michele gesagt, kein Wort verloren.

Luisa hatte sich mittlerweile in den Salon begeben, wo der angemeldete Besuch wartete.

Im ersten Augenblick kostete es ihr Mühe Andreas Backer zu erkennen. Er war im Hofkostüm gekleidet und hatte seinen langen englischen Backenbart – eine Zierde, welche, beiläufig gesagt, König Ferdinand verabscheute – abgeschnitten; er trug das Comthurkreuz des Ordens vom heiligen Georg am Halse, den dazugehörigen Stern auf dem Frack, kurze Beinkleider und den Degen an der Seite.

Ein leichtes Lächeln umspielte Luisa’s Lippen. In welcher Absicht machte der junge Bankier ihr in diesem Kostüm einen solchen Besuch um halb zwölf Uhr Morgens?

Ohne Zweifel stand sie im Begriff es zu erfahren.

Uebrigens müssen wir uns beeilen zu sagen, daß Andreas Backer von angelsächsischer Abstammung und ein sehr hübscher junger Mann war. Er zählte sechs- bis achtundzwanzig Jahre, war blond, frisch, rosig und hatte den viereckigen Kopf der Rechnungsmenschen, das hervorragende Kinn des hartnäckigen Speculanten und die spatelförmige Hand des Geldzählers.

In der Regel anmuthig und ungezwungen, schien er in diesem Kostbar, welches er nicht gewöhnlich trug, sich ein wenig befangen zu fühlen.

Gleichwohl aber schien er auch stolz darauf zu sein, denn er hatte sich, wie rein zufällig, vor einen Spiegel gestellt, um die Wirkung zu sehen, welche das St. Georgs Kreuz an seinem Halse und der Stern desselben Ordens auf seiner Brust machte.

»Mein Gott, Signor Andreas»e sagte Luisa. nachdem sie ihn einen Augenblick betrachtet und ihm Zeit gelassen, sich ehrerbietig zu verneigen. »Sie nehmen sich ja heute ganz prachtvoll aus! Nun wundere ich mich nicht mehr, daß Sie mich heute besuchen. Ohne Zweifel wünschen Sie, daß ich das Vergnügen habe, Sie in Ihrer ganzen Glorie zu sehen. Was haben Sie denn vor? Denn um mir einen Geschäftsbesuch zu machen, haben Sie dieses Hofkostüm doch ganz gewiß nicht angelegt.«

»Wenn ich geglaubt hätte, Signora, daß es Ihnen mehr Vergnügen machte, mich in diesem Kostüm als in meinen gewöhnlichen Kleidern zu sehen, so hätte ich nicht erst den heutigen Tag abgewartet, um es anzulegen. Ich weiß aber, Signora, daß Sie zur Zahl jener intelligenten Frauen gehören, welche, stets die Kleidung wählend, welche ihnen am besten zusagt, sehr wenig die Art und Weise betrachten, auf welche Andere gekleidet sind. Mein Besuch ist eine Wirkung meines Willens, das Kostüm aber, in welchem ich bei Ihnen erscheine, ist das Ergebniß der Umstände. Der König hat vor drei Tagen geruht wich zum Comthur des St. Georg-Ordens zu ernennen und auf heute nach Caserta zur Tafel einzuladen.«

»Sie sind heute zur königlichen Tafel in Caserta eingeladen?« sagte Luisa mit einem Ausdruck von Ueberraschung, welcher einen eben nicht schmeichelhaften Grad von Erstaunen in Bezug auf die Rechte verrieth, welche der junge Mann sich vielleicht wegen dieser Einladung zur Tafel des Königs beilegte, welcher in den Straßen der tollste Lazzarone, in seinem Schlosse aber der aristokratischste König war. »Ich bringe Ihnen meinen aufrichtigsten Glückwunsch dar, Signor Backer,« setzte Luisa nach einer kleinen Pause hinzu.

»Sie haben Recht, wenn Sie sich wundern, Signora, daß dem Sohne eines Bankiers eine solche Ehre widerfährt,« entgegnete der junge Mann, der sich durch die Art und Weise, auf welche Luisa ihm Glück wünschte, ein wenig verletzt fühlte. »Sie haben wahrscheinlich noch nicht gehört, daß Ludwig der Vierzehnte von Frankreich, ein so großer Aristokrat er auch war, eines Tags den Bankier S. Bernard, welchem er fünfundzwanzig Millionen abborgen wollte, einlud, bei ihm in Versailles zu speisen. Wie es scheint, bedarf jetzt der König Ferdinand eben so nothwendig Geld als sein Ahn, Ludwig der Vierzehnte, und da mein Vater der Samuel Bernard von Neapel ist, so ladet der König seinen Sohn Andreas Backer ein, mit ihm in Caserta zu speisen, was das Versailles Sr. Majestät des Königs ist. Um sicher zu sein, daß die fünfundzwanzig Millionen ihm nicht entgehen, hat er dem Lump, den er zu seiner Tafel einladet, diese Halfter über den Hals geworfen, mit deren Hilfe er ihn dann zur Geldkasse zu führen hofft.«

»Sie sind ein Mann von Geist, Signor Andreas. Ich bemerke dies nicht erst heute und wenn der Geist genügte, um die Thore der königlichen Schlösser zu öffnen, so könnten Sie zur Tafel aller Könige eingeladen werden. Sie verglichen Ihren Vater mit Samuel Bernard und ich, die ich seine unverbrüchliche Rechtschaffenheit und coulante Geschäftsführung kenne, nehme für meine Person den Vergleich an. Samuel Bernard besaß ein edles Herz und leistete nicht blos unter Ludwig dem Vierzehnten, sondern auch unter Ludwig dem Fünfzehnten Frankreich wichtige und hohe Dienste. Nun, was sehen Sie mich so an?«

»Ich sehe Sie nicht an, Signora, ich bewundere Sie.«

»Und warum?«

»Weil ich glaube, daß Sie wahrscheinlich in Neapel die einzige Frau sind, die etwas von Samuel Bernard weiß, und welche das Talent besitzt, einem Manne, der recht wohl fühlt, daß er, da es sich um einen einfachen Besuch handelt, sich Ihnen in einem lächerlichen Aufzuge präsentiert, ein Compliment zu machen.«

»Soll ich mich deswegen bei Ihnen entschuldigen, Signor Andreas? Ich bin dazu bereit.«

»O nein, Signora, nein. Selbst der Spott würde in Ihrem Munde eine reizende Plauderei, welche der eitelste Mann, selbst auf Kosten seiner Eigenliebe, so viel als möglich zu verlängern wünscht.«

»In der That, Signor Andreas,« entgegnete Luisa, »Sie fangen an mich in Verlegenheit zu bringen und um mich derselben zu entreißen, beeile ich mich, Sie zu fragen, ob es vielleicht einen neuen Weg gibt, welcher über Mergellina nach Caserta führt.«

»Nein, da ich aber erst in zwei Stunden in Caserta zu sein brauche, so glaubte ich, Signora, diese Zeit benutzen zu können, um mit Ihnen über eine Angelegenheit zu sprechen, welche eben mit dieser Fahrt nach Caserta in enger Verbindung steht.«

»Mein Gott, lieber Signor Andreas, Sie werden doch nicht die Ihnen bewiesene königliche Gunst benützen wollen, um mich zur Ehrendame der Königin ernennen zu lassen? Ich sage Ihnen im Voraus, daß ich diese Ehre ablehnen würde.«

»Davor bewahre mich Gott! Obgleich ein eifriger Diener der königlichen Familie, für welche ich mein Leben, ja für die ich – was für einen Bankier mehr bedeutet als das Leben – mein Geld opfern würde, so weiß ich doch, daß es reine Seelen gibt, welche sich von Regionen, in welchen man eine gewisse Atmosphäre athmet, fern halten müssen, ebenso wie Der, welcher gesund bleiben will, die Miasmen der pontinischen Sümpfe und die Dünste des Sees von Agnano meiden muß. Das Gold aber, welches ein unveränderliches Metall ist, kann sich kühn da zeigen, wo der leicht zu trübende Krystall sich nicht hinwagen würde. Unser Haus steht jetzt in Begriff, – ein großes Geschäft mit dem König abzuschließen. Der König erzeigt uns die Ehre, uns unter einer Garantie Englands fünfundzwanzig Millionen abzuborgen. Es ist dies ein sicheres Geschäft, mit welchem das angelegte Geld anstatt vier oder fünf Procent Nutzen dessen sieben bis acht Procent abwerfen kann. Man wird sich beeilen, uns Coupons zu dieser Anleihe abzuverlangen, bei welcher unser Haus persönlich mit acht Millionen betheiligt sein wird. Ich komme daher, um Sie, ehe wir die Sache öffentlich bekannt werden lassen, zu fragen, ob Sie sich vielleicht auch mit dabei zu betheiligen wünschen.

»Mein werther Signor Backer, ich bin Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit unendlich verpflichtet,« entgegnete Luisa. »Sie wissen aber, daß Geschäfte und zwar ganz besonders Geldgeschäfte nicht mich, sondern blos den Chevalier angehen. Gegenwärtig nun plaudert derselbe, wie Ihnen bekannt sein wird, höchst wahrscheinlich auf der obersten Sprosse seiner Leiter sitzend mit Seiner königlichen Hoheit dem Prinzen von Calabrien. Sie hätten daher in die Bibliothek des Palastes gehen sollen, aber nicht hierher kommen. Uebrigens wäre auch in der Nähe des Thronerben Ihr Galakostüm weit eher am Platze gewesen als in der meinigen.«

»Signora, Sie sind grausam gegen einen Mann, welcher, da er so selten Gelegenheit hat, Ihnen seine Huldigungen darzubringen, diese Gelegenheit, wenn dieselbe sich darbietet, mit Begier ergreift.«

»Ich glaubte,« entgegnete Luisa im naivsten Tone, »der Chevalier hätte Ihnen gesagt, daß wir alle Donnerstage von sechs bis zehn Uhr Abends bereit sind, Besuche zu empfangen. Sollte er es vergessen haben, so sage ich es Ihnen hiermit zugleich in seinem Namen. Hütten Sie es blos vergessen, so will ich Sie hiermit daran erinnert haben.«

»O Signora, Signora!« stammelte der junge Bankier; »wenn Sie gewollt hätten, so hätten Sie einen Mann, der Sie liebte und der sich nun gezwungen siebt, Sie blos anzubeten, sehr glücklich machen können.«

Luisa betrachtete den jungen Backer mit ihrem großen schwarzen Auge, welches ruhig und durchsichtig war wie ein Diamant Nigritiens. Dann trat sie ihm einen Schritt näher, bot ihm die Hand und sagte:

»Signor Backer, Sie haben mir die Ehre erzeigt, Luisa Molina um die Hand zu bitten, welche jetzt die Gattin des Chevaliers San Felice Ihnen bietet. Wenn ich erlauben wollte, daß Sie dieselbe mit einem andern Rechte als dem eines Freundes drückten, so würden Sie sich in mir täuschen und mit einer Frau sprechen, die Ihrer nicht würdig wäre. Es war nicht die Laune eines Augenblicks, welche mich bewog, Ihnen den Chevalier vorzuziehen, der beinahe dreimal so alt ist als ich, und zweimal so alt als Sie. Der Grund lag vielmehr in dem tiefen Gefühle kindlicher Dankbarkeit, welches ich ihm geweiht. Was er mir vor zwei Jahren war, ist er heute noch. Bleiben Sie Ihrerseits das, was der Chevalier, der Sie achtet, Ihnen angeboten hat zu sein, nämlich mein Freund, und beweisen Sie mir, daß Sie dieser Freundschaft würdig sind, dadurch, daß Sie mich nie wieder an einen Umstand erinnern, wo ich gezwungen war, durch eine abschlägige Antwort ein edles Herz zu verwunden, welches weder Groll noch Hoffnung hegen darf.«

Sie verneigte sich würdevoll und setzte hinzu:

»Der Chevalier wird die Ehre haben, bei Ihrem Herrn Vater vorzusprechen und ihm die Antwort auf Ihren Vorschlag zu bringen.«

»Wenn Sie nicht erlauben, daß man Sie liebe oder bewundere, antwortete der junge Mann, »so können Sie wenigstens nicht verhindern, daß man Sie anbete.«

Und sich seinerseits mit dem Ausdrucke der tiefsten Ehrerbietung verneigend, entfernte er sich, einen Seufzer unterdrückend.

Was Luisa betraf, so hörte sie, ohne in ihrer jugendlichen Unschuld zu bedenken, daß sie die Moral, welche sie predigte, vielleicht durch ihr Handeln Lügen strafte, kaum die Hausthür sich hinter dem jungen Bankier schließen und seine Equipage davonrollen, als sie auch schon mit der Schnelligkeit des Vogels, welcher in sein Nest zurückkehrt, nach dem Zimmer des Verwundeten eilte.

Ihr erster Blick, als sie in das Zimmer trat, galt natürlich Salvato.

Dieser war sehr bleich. Seine Augen waren geschlossen und aus seinem marmorähnlichen Gesichte ruhte der Ausdruck eines lebhaften Schmerzes.

Erschrocken eilte Luisa auf ihn zu, und da er bei ihrer Annäherung nicht, wie er sonst zu thun pflegte, die Augen aufschlug, so fragte sie auf französisch:

»Schlafen Sie, mein Freund, oder sollten Sie ohnmächtig geworden sein?«

»Ich schlafe nicht und ich bin auch nicht ohnmächtig. Machen Sie sich keine Sorge, Signora,« antwortete Salvato, indem er die Augen ein wenig öffnete, aber ohne Luisa anzusehen.

»Signora,« wiederholte Luisa erstaunt, »Sie nennen mich Signora!«

»Entschuldigen Sie,« hob der junge Mann wieder an, »ich habe Schmerzen.«

»Wo?«

»In meiner Wunde.«

»Sie täuschen mich, mein Freund! O, ich habe den Ausdruck Ihrer Züge drei schmerzvolle Tage lang studiert. Nein« Sie leiden nicht an dem Schmerze Ihrer Wunde; Sie leiden an einem moralischen Schmerz.«

Salvato schüttelte den Kopf.

»Sagen Sie mir sofort, von welcher Art dieser Schmerz ist,« rief Luisa, »ich will es!«

»Sie wollen es?« fragte Salvato. »Sie wollen es – verstehen Sie wohl?«

»Ja, denn ich habe das Recht dazu. Hat der Arzt nicht gesagt, daß ich jede Gemüthsbewegung von Ihnen fern halten solle?«

»Wohlan; da Sie es wollen, so will ich es Ihnen sagen,« entgegnete Salvato, indem er Luisa fest anschaute. »Ich bin eifersüchtig.«

»Eifersüchtig! Mein Gott, auf wen denn?« fragte Luisa.

»Auf Sie.«

»Auf mich!« rief sie, ohne daß sie auch nur daran dachte, diesmal sich zu erzürnen. »Warum? Wie? In wie fern? Um eifersüchtig zu sein, muß man nothwendig einen Beweggrund haben.«

»Wie kommt es, daß Sie eine halbe Stunde aus diesem Zimmer weggeblieben sind, während Sie doch nur einige Minuten bleiben wollten? Und wer ist dieser Signor Backer, welcher das Vorrecht genießt, mir eine halbe Stunde von Ihrer Gegenwart zu stehlen?«

Das Gesicht der jungen Frau gewann einen Ausdruck von himmlischem Glück. Salvato hatte ihr somit gesagt, daß er sie liebte, ohne dabei das Wort Liebe auszusprechen.

Sie senkte das Haupt so tief zu ihm herab, daß ihr Haar beinahe sein Gesicht berührte, welches sie mit ihrem Athem fächelte und mit ihrem Blicke bedeckte.

»Seien Sie doch kein Kind,« sagte sie mit jener Melodie der Stimme, welche ihren Ursprung in den tiefsten Fasern des Herzens hat. »Sie wollen wissen, wer jener Mann ist? was er hier gewollt hat? warum er solange geblieben ist? Ich will es Ihnen sagen.«

»Nein, nein, nein!« murmelte der Verwundete; »nein, ich brauche nichts mehr zu wissen. Ich danke, ich danke!«

»Wofür danken Sie? Warum danken Sie?«

»Weil Ihre Augen mir Alles gesagt haben, geliebte Luisa. Ha, Ihre Hand! Ihre Hand!«

Luisa reichte ihre Hand dem Verwundeten, welcher krampfhaft seine Lippen darauf drückte, während eine Thräne aus seinem Auge rollte und als flüssige Perle auf dieser Hand zitterte.

Der Mann mit dem ehernen Herzen hatte geweint. Ohne sich von dem, was sie that, Rechenschaft zu geben, hob Luisa ihre Hand an die Lippen und trank diese Thräne.

Es war dies der Zaubertrank jener unwiderstehlichen und unbeugsamen Liebe, welche die Wahrsagerin Nanno prophezeit hatte.

Drittes Capitel.
Die Känguruhs

Der König Ferdinand hatte Andreas Backer zur Tafel in Caserta eingeladen, erstens weil er ohne Zweifel fand, daß der Empfang eines Bankiers an seiner Tafel auf dem Lande weniger zu sagen habe als in der Stadt, und zweitens weil er ans England und von Rom kostbare Sendungen erhalten hatte, von welchen wir später sprechen werden.

Aus diesem Grunde hatte er den Verkauf seiner Fische in Mergellina mehr als gewöhnlich beschleunigt, einen Verkauf, welcher trotz dieser Eile zur größten Befriedigung seines Stolzes und seines Beutels bewirkt worden.

Caserta, das Versailles von Neapel, wie wir es genannt haben, ist wirklich ein Bauwerk in dem kalten, schwerfälligen Geschmack der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts.

Die Neapolitaner, welche nicht in Frankreich gewesen sind, behaupten, Caserta sei schöner als Versailles. Diejenigen, welche Frankreich bereist haben, begnügen sich zu sagen, Caserta sei eben so schön wie Versailles. Die unparteiischen Reifenden endlich, welche die fabelhafte Vorliebe der Neapolitaner für ihr Vaterland nicht theilen, stellen, ohne Versailles sehr hoch anzuschlagen, Caserta doch tief unter ersteres. Es ist dies auch unsere Meinung und wir fürchten nicht, daß Leute von Geschmack und Kunstbildung uns widersprechen.

Vor diesem modernen Schloß Caserta und vor dem Caserta der Ebene gab es das alte Schloß und das alte Caserta des Berges, von welchem mitten unter verfallenen Mauern nur noch drei oder vier Thürme stehen.

Hier war sonst der Sitz der alten Herren von Caserta, von welchen einer der letzteren, indem er Manfred, seinen Schwager, verrieth, zum Theil die Ursache des Verlustes der Schlacht von Benevento war.

Man hat Ludwig dem Vierzehnten vielfach die unglückliche Wahl der Lage von Versailles vorgeworfen, welches man einen Günstling ohne Verdienst genannt hat.

Wir machen dem König Karl dem Dritten denselben Vorwurf, Ludwig der Vierzehnte aber hatte wenigstens die Entschuldigung kindlicher Pietät, weil er innerhalb eines neuen Gebäudes jenes reizende kleine Marmorschlößchen bewahren wollte, welches seinem Vater als Jagdstelldichein gedient. Diese kindliche Pietät kostete Frankreich eine Milliarde.

Karl dem Dritten dagegen steht keine Entschuldigung zur Seite. In einem Lande, wo es herrliche Gegenden in Fülle gibt, war er durch nichts genöthigt, eine dürre, wasserlose, unfruchtbare Ebene am Fuße eines waldigen Berges zu wählen. Der Architect Vanvitelli, welcher Caserta baute, mußte um den alten Park der Schloßherren herum einen förmlichen Garten anpflanzen und Wasser von dem Berge Taburno herunterleiten, eben so wie im Gegensatze hierzu Benuequin Sualem das seinige mit Hilfe der Maschine von Marly aus dem Flusse auf den Berg hinauftreiben mußte.

Karl der Dritte begann die Erbauung des Schlosses Caserta gegen das Jahr 1752. Ferdinand, welcher im Jahre 1759 den Thron bestieg, setzte sie fort und war zu Anfang des Monats October 1798, bei welcher Epoche wir jetzt angelangt sind, noch nicht fertig damit.

Nur seine Gemächer, ebenso wie die der Königin, der Prinzen und der Prinzessinnen, das heißt kaum der dritte Theil des Schlosses – waren möbliert.

Seit acht Tagen aber enthielt Caserta Schätze, welche verdienten, die Freunde der Bildhauerkunst, der Malerei und selbst der Naturkunde aus allen vier Welttheilen herbeizulocken.

Ferdinand hatte nämlich, weil die Säle und Zimmer des Schlosses von Capodimonte noch nicht dazu in Bereitschaft gesetzt waren, das künstlerische Erbtheil seines Ahns, des Papstes Paul des Dritten, desselben, welcher Heinrich den Achten excommunicirte, welcher mit Karl dem Fünften und Venedig ein Bündniß gegen die Türken schloß und durch Michael Angeln den Bau der Peterskirche wieder aufnehmen ließ, von Rom hierher in einstweilige Verwahrung bringen lassen.

Zu derselben Zeit eben, wo die Meisterwerke des griechischen Meißels und der Maler des Mittelalters von Rom anlangten, war eine zweite Expedition aus England eingetroffen, welche das Interesse Sr. Majestät beider Sicilien in ganz anderer Weise in Anspruch nahm.

Es handelte sich hier nämlich erstens um ein ethnologisches Museum, das auf den Sandwichinseln durch die Expedition gesammelt worden, welche auf die gefolgt war, bei welcher Capitän Cook das Leben verloren, und zweitens um achtzehn Stück lebendige Känguruhs, Männchen und Weibchen, welche man aus Neuseeland mitgebracht.

Für diese interessanten Vierfüßler – wenn man nämlich mit diesem Namen diese mißgestalteten Beutelthiere mit ihren ungeheuren Hinterpfoten, die ihnen gestatten Sprünge von zwanzig Fuß Länge zu machen, und den Stummeln, welche ihnen als Vorderpfoten dienen, bezeichnen kann – hatte Ferdinand mitten in dem Park von Caserta eine prachtvolle Einhegung anlegen lassen.

Eben hatte man die Thiere aus ihren Käfigen heraus in diese Umzäunung gelassen und der König Ferdinand erstaunte über die ungeheuren Sprünge, die sie ausführten, denn die armen Thiere erschraken über Jupiters Gebell.

Während er noch so beschäftigt war, meldete man ihm die Ankunft des jungen Bankiers.

»Gut, gut,« sagte der König, »führt ihn hierher. Ich will ihm etwas zeigen, was er noch niemals gesehen und was er sich für alle seine Millionen nicht kaufen könnte.«

Der König setzte sich gewöhnlich erst um vier Uhr zu Tische; um aber vollauf Zeit zu haben; mit dem jungen Bankier zu plaudern, hatte er ihn schon um zwei Uhr bestellt.

Ein Lakai führte Andreas Backer nach dem Theile des Parkes, wo sich die Wohnung der Känguruhs befand.

Als der König den jungen Mann von Weitem erblickte, ging er ihm einige Schritte entgegen.

Er kannte Vater und Sohn nur als die ersten Bankiers von Neapel und das ihnen ertheilte Prädicat als Hofbankiers hatte sie wohl mit dem Intendanten und dem Finanzminister des Königs, niemals aber mit diesem selbst in Berührung gebracht.

Corradino war es, welcher bis jetzt wegen der Anleihe mit ihnen unterhandelt und um sie fügsamer zu machen und ihrem Stolze zu schmeicheln, dem Könige angerathen hatte, dem Vater oder dem Sohne das Kreuz des St. Georgordens zu verleihen.

Dieses Kreuz war natürlich zuerst dem Chef dieses Hauses, das heißt dem alten Simon Backer, angeboten worden. Dieser aber, ein einfacher, schlichter Mann, hatte gebeten diese Gunst auf seinen Sohn zu übertragen, indem er sich zugleich erbot, in dessen Namen eine Comthurei von fünfzigtausend Livres zu gründen – eine Stiftung, die nur mit der speciellen Genehmigung des Königs zu Stande kommen konnte.

Der Vorschlag war angenommen und sein Sohn, dem diese Auszeichnung von Nutzen sein konnte, besonders vielleicht um bei Gelegenheit einer Heirat die Geldaristokratie der Geburtsaristokratie zu nähern, an seiner Statt zum Comthur ernannt worden.

Wir haben gesehen, daß der junge Bankier eine gute Haltung besaß, daß er zu den eleganten jungen Herren Neapels gehörte und wir haben auch aus dem Gespräche, welches er mit Luisa San Felice gepflogen, abgenommen, daß er ein Mann von Geist und Bildung war.

Es hegten daher auch viele Damen von Neapel gegen ihn keineswegs dieselbe Gleichgültigkeit wie unsere Heldin, und viele Familienmütter hätten gewünscht, daß der schöne, reiche, elegante junge Bankier ihnen in Bezug auf ihre Töchter denselben Antrag machen möchte, welchen er dem Chevalier hinsichtlich seiner Mündel gemacht.

Er näherte sich dem Könige mit Bescheidenheit und Ehrerbietung, dabei aber mit weit geringerer Verlegenheit, als womit er eine Stunde vorher sich der Gattin des Chevaliers genähert.

Nachdem die Begrüßung vorüber war, wartete er, daß der König selbst zuerst das Wort an ihn richtete.

Der König musterte ihn vom Kopfe bis zum Fuße, und verzog dann ein wenig das Gesicht.

Allerdings trug Andreas Backer weder Backen- noch Schnurrbart, aber auch weder Puder noch Zopf, welche letztere Zierathen gleichwohl nach Ansicht des Königs ein vollkommen wohlgesinnter Mensch nicht entbehren konnte.

Indessen, da dem Könige viel daran lag, seine fünfundzwanzig Millionen einzustreichen und es ihm dagegen im Grunde genommen sehr gleichgültig sein konnte, ab der, welcher das Geld zahlte, gepudertes Haar und einen Zopf trüge,« so gab er, die Hände auf den Rücken haltend, dem jungen Bankier seinen Gruß gnädig zurück.

»Nun, Mr. Backer, sagte er, »wir weit ist Ihre Unterhandlung gediehen?«

»Erlauben Ew. Majestät mir vielleicht zu fragen, von welcher Unterhandlung Sie sprechen?« entgegnete der junge Mann.

»Ich meine die wegen der fünfundzwanzig Millionen.«

»Ich glaubte, Sire, mein Vater hätte die Ehre gehabt, dem Finanzminister Ew. Majestät zu antworten, daß die Sache arrangiert sei.«

»Oder daß sie arrangirt werden würde.«

»Nein, Sire, daß sie arrangirt sei. Die Wünsche des Königs sind für uns Befehle.«

»Dann melden Sie mir also —?«

»Daß, Ew. Majestät, die Sache als abgemacht betrachtet werden kann. Morgen werden die verschiedenen Häuser, welche mein Vater sich an der Anleihe betheiligen läßt, ihre Einzahlungen an uns zu leisten beginnen.«

»Und mit welcher Summe betheiligt sich das Haus Backer selbst dabei?«

»Mit acht Millionen, Sire, welche schon jetzt Ew. Majestät zur Verfügung stehen.«

»Zu meiner Verfügung?«

»Ja, Sire.«

»Und wann?«

»Morgen oder heute Abends noch. Ew. Majestät kann die Summe gegen eine einfache Quittung Ihres Finanzministers in Empfang nehmen lassen.«

»Wäre die meinige nicht eben so gut?« fragte der König.

»Noch besser, Sire; ich hoffte aber nicht, daß der König unserm Hause die Ehre erzeigen würde, ihm eine eigenhändige Quittung auszustellen.«

»O doch, und zwar mit dem größten Vergnügen. – Also, Sie sagen heute Abend?«

»Ja, heute Abend, wenn Ew. Majestät es wünscht. In diesem Falle aber müßte, da die Kasse um sechs Uhr geschlossen wird, Ew. Majestät erlauben, daß ich einen expressen Boten an meinen Vater absende.«

»Es liegt mir daran, mein lieber Mr. Backer, nicht bekannt werden zu lassen, daß ich dieses Geld ausgezahlt erhalte,« sagte der König, sich hinter dem Ohre kratzend. »Ich habe es zu einer Ueberraschung bestimmt und ich würde daher gern sehen, wenn es noch diese Nacht in den Palast transportiert würde.«

»Das soll geschehen, Sire, nur muß, wie ich bereits die Ehre gehabt, Ew. Majestät zu sagen, mein Vater vorher in Kenntniß gesetzt werden.«

»Wollen Sie in den Palast zurückkehren, um ihm zu schreiben?« fragte der König.

»Vor allen Dingen möchte ich Ew. Majestät nicht in Ihrer Promenade stören. Es bedarf daher blos zweier mit Bleistift geschriebener Worte. Diese zwei Worte übergebe ich meinem Lakai, er nimmt ein Postpferd und überbringt sie meinem Vater.«

»Es gibt ein nach weit einfacheres Mittel. Schicken Sie Ihren Wagen zurück.«

»Auch das. Der Kutscher wird die Pferde wechseln und dann wiederkommen, um mich abzuholen.«

»Das ist nicht nöthig. Ich kehre gegen sieben Uhr selbst nach Neapel zurück und werde Sie in meinem Wagen mit dahin zurücknehmen.«

»Sire, dies wäre eine beispiellose Ehre für einen armen Bankier,« sagte der junge Mann, sich verneigend.

»Was muß ich sagen! Einen Mann, der mir in einer Woche einen Wechsel von fünfundzwanzig Millionen discontirt und binnen heute und morgen acht davon zu meiner Disposition stellt, nennen Sie einen armen Bankier! Ich bin König, mein junger Freund, König beider Sicilien, wenigstens sagt man es, aber ich gestehe, wenn ich Ihnen binnen heute und morgen acht Millionen zahlen sollte, so würde ich bitten, mir damit Zeit zu lassen.«

Andreas Backer zog ein kleines Notizbuch aus der Tasche, riß ein leeres Blatt daraus, schrieb mit dem Bleistift einige Worte daraus, wendete sich dann zu dem König und fragte:

»Erlauben mir Ew. Majestät diesem Manne einen Befehl zu ertheilen?«

Er zeigte, indem er dies sagte, auf den Lakai, welcher ihn zum König geführt und der, nachdem er auf die Seite getreten war, die Erlaubniß zur Rückkehr nach dem Schloß erwartete.

»Ja wohl, ja wohl,« sagte der König.

»Mein Freund,– sagte nun der junge Bankier zu dem Lakai, »gebt dieses Blatt meinem Kutscher, welcher damit sofort nach Neapel fahren und es meinem Vater übergeben soll. Er braucht nicht wiederzukommen; Seine Majestät will mir die Ehre erzeigen, mich in Ihrer Equipage mit zurückzunehmen.«

Indem er diese letzteren Worte sprach, verneigte er sich ehrerbietig nach der Seite, wo der König stand.

»Wenn dieser junge Mann Puder und Zopf trüge,« sagte Ferdinand, »so gäbe es in Neapel keinen Herzog und keinen Marquis der es ihm zuvor thäte. Indessen man kann nicht Alles verlangen.«

Dann setzte er laut hinzu:

»Kommen Sie, kommen Sie, Mr. Backer, ich will Ihnen Thiere zeigen, welche Sie gewiß noch nicht kennen.«

Backer gehorchte dem Befehl des Königs und ging neben ihm her, wobei er Sorge trug, sich ein wenig hinter ihm zu halten.

Der König führte ihn geraden Weges nach der Einhegung, in welcher sich die Thiere befanden, die nach seiner Ansicht dem jungen Bankier unbekannt sein mußten.

»Ah,« sagte dieser, »das sind Känguruhs.«

»Sie kennen sie? rief der König.

»O, Sire.« sagte der junge Backen »ich habe deren zu Hunderten erlegt.«

»Wie, Sie haben hunderte von Känguruhs erlegt?«

»Ja, Sire.«

»Aber wo denn?«

»Nun, in Australien.«

»Sie sind in Australien gewesen?«

»Vor drei Jahren bin ich von dort zurückgekehrt.«

»Aber was zum Teufel haben Sie in Australien gemacht?«

»Mein Vater, dessen einziger-Sohn ich bin, ist sehr gut gegen mich. Nachdem er mich von meinem zwölften bis zum fünfzehnten Jahre auf der Universität Jena unterrichten lassen, schickte er mich, um meine Ausbildung zu beenden, auf die Zeit von meinem fünfzehnten bis zum achtzehnten Jahre nach England, und als ich dann eine Reise um die Welt zu machen wünschte, war mein Vater damit einverstanden. Der Capitän Flinders stand gerade im Begriff, seine erste Erdumseglung zu beginnen und ich erlangte von der englischen Regierung die Erlaubniß, ihn zu begleiten. Unsere Reise dauerte drei Jahre. Bei dieser Gelegenheit entdeckte er an der südlichen Küste von Neu-Holland einige unbekannte Inseln, denen er wegen der ungeheuren Menge Känguruhs, welche er dort antraf, den Namen der Känguruh-Inseln gab. Da ich weiter nichts zu thun hatte, so machte ich den ganzen Tag Jagd auf diese Thiere und schickte jeden Abend davon so viel an Bord, daß jeder von der Mannschaft eine Ration frisches Fleisch bekommen konnte. Flinders hat seitdem mit Baß eine zweite Reise gemacht und, wie ich lese, haben sie kürzlich eine Meerenge entdeckt, welche Vandiemensland von dem Festlande trennt.«

»Vandiemensland von dem Festlande! Eine Meerenge! Ah so!« rief der König, der in seinem Leben noch nichts von Vandiemensland gehört und kaum wüßte, was man unter Festland versteht. »Also, Sie kennen diese Thiere und ich glaubte Ihnen etwas Neues zu zeigen!«

»Es ist auch etwas Neues, Sire, und zwar etwas sehr Neues, nicht blos für Neapel, sondern auch für Europa, und was die Seltenheit betrifft, so glaube ich, daß Neapel und London die einzigen Städte sind, welche Exemplare von dieser Thiergattung besitzen.«

»Dann hat Hamilton mich also nicht belogen, als er mir sagte, das Känguruh sei ein sehr seltenes Thier?«

»Nein, durchaus nicht. Er hat die Wahrheit gesagt, Sire.«

»Nun dann bedauere ich meine Papyrus weiter nicht.«

»Eure Majestät hat diese Thiere gegen Papyrus eingetauscht?« rief der junge Bankier.

»Allerdings. Man hatte in Herculanum fünfundzwanzig bis dreißig halbverkohlte Rollen gefunden, welche man sich beeilte, mir als etwas höchst Kostbares zu überbringen. Hamilton sah sie bei mir. Er ist ein großer Freund von dergleichen altem Gerüll. Er erzählte mir von den Känguruhs. Ich hatte ihm den Wunsch zu erkennen gegeben, einige solche Thiere zu besitzen, um zu versuchen, ob ich sie in meinen Wäldern acclimatisiren könnte. Er fragte mich, ob ich dem Museum von London eben so viel Papyrusrollen schenken würde, als der zoologische Garten von London mir Känguruhs lieferte. Ich sagte: »Lassen Sie Ihre Känguruhs kommen und zwar recht schnell.« Vorgestern meldete er mir, daß meine achtzehn Känguruhs eingetroffen seien und ich gab ihm seine achtzehn Papyrus.«

Da hat Sir William gar kein schlechtes Geschäft gemacht,« sagte Backer lächelnd. »Wird man aber dort auch diese Papyrus aufzurollen und zu entziffern verstehen wie hier?«

»Was soll man aufrollen?«

»Die Papyrus.«

»Die können aufgerollt werden?«

»Ja wohl, Sire. Man hat auf diese Weise mehrere kostbare Manuskripte aufgefunden, die man für immer verloren glaubte. Vielleicht findet man mit der Zeit noch die Lobrede ans Virginius von Tacitus seine Rede gegen den Proconsul Marcus Priscus und seine Poesien, die uns noch mangeln. Vielleicht befinden sich dieselben sogar unter den Papyrus deren Werth Sie nicht gekannt haben, Sire, und welches Sie Sir William gegeben haben.«

»Zum Teufel! zum Teufel! zum Teufel!« sagte der König. »Und Sie meinen, es wäre dies ein Verlust, Mr. Backer?«

»Ein , unersetzlicher Verlust, Sire!«

»Ein unersetzlicher Verlust, sagen Sie? Aber es wäre doch leicht möglich, daß meine Känguruhs sich fortpflanzten und vermehrten. Dann käme ich meinem Schaden wieder bei. Was denken Sie, Mr. Backer?«

»Ich bezweifle es sehr, Sirte.«

»Zum Teufel! Für Hamiltons polynesisches Museum, welches, wie Sie selbst sehen werden, sehr merkwürdig ist, habe ich ihm aber nur zwei alte zerbrochene irdene Vasen gegeben. Kommen Sie und nehmen Sie Sir William Hamilton’s polynesischesMuseum in Augenschein. Kommen Sie!«

Der König lenkte seine Schritte nach dem Schlosse. Barker folgte ihm.

Sir William Hamiltons Museum setzte den jungen Backer eben so wenig in Erstaunen, als die Känguruhs gethan. Er hatte auf seiner Reise mit Flinders selbst auf den Sandwichinseln verweilt und konnte mit Hilfe des von ihm zusammengestellten polynesischen Wörterbuchs dem Könige nicht blos den Gebrauch jeder Waffe und den Zweck jedes Werkzeuges erklären, sondern ihm auch die Namen sagen, mit welchen diese Waffen und Werkzeuge in jenen Ländern bezeichnet wurden.

Er erkundigte sich hierauf nach den alten zerbrochenen Töpfen, gegen welche der König diesen Trödelkram eingetauscht hatte, und der König zeigte ihm fünf oder sechs prachtvolle griechische Vasen, die man bei den Nachgrabungen in Sant Agata bei Goti gefunden, kostbare Ueberreste einer entschwundenen Civilisation, welche den Reichthum der ersten Museen der Welt noch vermehrt haben würden.

Einige dieser Vasen waren allerdings zerbrochen, man weiß aber, wie kunstvoll diese Meisterwerke an Form und Malerei restaurirt werden, und daß andererseits die Spuren, welche die schwere Hand der Zeit darauf zurückgelassen, sie nur um so kostbarer machen, weil sie Beweise ihres Alters und ihrer abenteuerlichen Reise durch so viele Jahrhunderte sind.

Backer seufzte. Gern hätte er hunderttausend Franks für diese alten zerbrochenen Töpfe, wie Ferdinand sie nannte, gegeben, dagegen aber nicht zehn Dukaten für die Keulen, Bogen und Pfeile, welche man in dem Königreiche Sr. Majestät Kamehameha des Ersten gesammelt, welcher, obschon ein Wilder, unter solchen Umständen gewiß klüger gehandelt hätte, als sein europäischer College, Ferdinand der Vierte.

Der König, welcher sich durch die geringe Bewunderung, die sein Gast für die australischen Känguruhs und das polynesische Museum an den Tag legte, ein wenig enttäuscht sah, hoffte vor seinen Statuen und Gemälden Revanche zu nehmen.

In der That ließ hier der junge Bankier seine Bewunderung, aber nicht sein Erstaunen zu Tage treten. Während seiner häufigen Reisen nach Rom hatte er als gründlich gebildete Freund der schönen Künste das Museum Farnese besucht, so daß er es war, welcher jetzt den König mit seinem kostbaren Erbtheile erst ordentlich bekannt machte.

Er nannte ihm die wahrscheinlichen Namen der beiden Verfertiger des sarnesischen Stiers – Apollonins und Taureseus – und ohne diese Namen behaupten oder bestätigen zu können, versicherte er wenigstens, daß die Gruppe, bei welcher er den König auf die modernen Partien aufmerksam machte, aus der Schule Agesanders von Rhodus, des Verfertigers des Laokoom herrührte.

Er erzählte ihm die Geschichte der Dirce, der Hauptperson dieser Gruppe, eine Geschichte, von welcher der König bisher noch nicht die leiseste Ahnung gehabt.

Er half ihm die drei griechischen Worte entziffern, welche am Fuße des kolossalen Herkules eingegraben sind, der auch unter dem Namen des farnesischen Herkules bekannt ist.

Er erklärte ihm, daß diese drei Worte »Glikon, der Athenienser, hat es gemacht,« bedeuteten.

Dann sagte er zu ihm, daß eines der Meisterwerkes dieses Museums eine Hoffnung sei, welche ein moderner Bildhauer als Flora restaurirt und welche daher Allen unter dem Namen der farnesischen Flora bekannt ist.

Unter den Gemälden bezeichnete er ihm als Meisterwerke von Titian die »Danaë, welche den goldenen Regen empfängt, und das prachtvolle Porträt Philipps des Zweiten, dieses Königs, welcher niemals gelacht und der ohne Zweifel zur Strafe für die vielen Menschen, die er geopfert, von der Hand Gottes getroffen an jener furchtbaren Krankheit starb, an welcher Sylla gestorben und woran auch Ferdinand der Zweite, der damals noch nicht geboren war, sterben sollte.

Er durchblätterte mit ihm das Officium der heiligen Jungfrau von Giulio Clovio, ein Meisterwerk der Miniaturmalerei und Schönschreibekunst des sechzehnten Jahrhunderts, welches vor sieben oder acht Jahren aus dem bourbonischen Museum in den königlichen Palast übergetragen ward und jetzt verschwunden ist, wie in Neapel so viele kostbare Dinge verschwinden, ohne daß dabei jene wahnsinnige und unbezähmbare Kunstliebe zu Grunde läge, welche Cardillar zum Meuchelmörder und den Marquis Campana zu einem unehrlichen Manne machte, der das in ihn gesetzte Vertrauen täuschte.

Kurz, der junge Bankier setzte den König, der in ihm einen unwissenden eitlen Gecken zu finden erwartete und nun im Gegentheile einen gelehrten und doch nicht pedantischen Kunstfreund in ihm entdeckte, in immer größeres Erstaunen.

Ferdinand war von Haus aus ein Fürst von vielem gesunden Menschenverstand und Geist. Es fiel ihm daher nicht ein, es dem jungen Bankier übel zu nehmen, daß er ein unterrichteter Mensch war, während er, der König, wie er selbst sagte, nicht viel mehr Bildung besaß als ein Esel. Die Folge hiervon war, daß er den jungen Barker der Königin, dem Minister Acton, Sir William und Emma Lyonna vorstellte.

Es geschah dies übrigens nicht mit jener zweifelhaften Rücksicht, welche man dem bloßen Geldmenschen erweist, sondern mit jener anerkennungsvollen Protection, welche intelligente Fürsten geistvollen und gelehrten Männern stets gewähren. Diese Vorstellung war für den jungen Bankier abermals eine Gelegenheit, um mit seinen anderweiten Kenntnissen und Fertigkeiten glänzen zu können. Er sprach mit der Königin deutsch, mit Sir William und Lady Hamilton englisch, mit Acton französisch, blieb aber bei all diesem so bescheiden und anspruchlos, daß der König, als er mit ihm in den Wagen stieg, um mit ihm nach Neapel zurückzukehren, sagte:

»Mr. Backer, wenn Sie auch Ihren Wagen hier behalten hätten, so würde ich Sie dennoch ersucht haben, sich mit in den meinigen zu setzen, um mir das Vergnügen Ihrer Conversation noch ein wenig länger zu gewähren.«

Wir werden später sehen, daß der König während dieses Tages in der That große Zuneigung zu Andreas Barker gefaßt hatte und unsere Erzählung wird in der Folge zeigen, durch welche unversöhnliche Rache er diesem unglücklichen jungen Mann, dem Opfer seiner Hingebung für die königliche Sache, die Aufrichtigkeit seiner Freundschaft für ihn bewies.

Viertes Capitel.
Der Mensch denkt

Kaum war der König mit Andreas Backer fort, so erhob sich die Königin, welche bis jetzt mit dem erst in dem Augenblick, wo man sich zur Tafel setzen wollte, angelangten Generalcapitän Acton nicht hatte sprechen können, winkte ihm, ihr zu folgen, trug Emma und Sir William auf, die Honneurs des Salons zu machen, wenn vielleicht vor ihrer Rückkehr einige der eingeladenen Personen ankämen, und begab sich in ihr Cabinet.

Acton trat unmittelbar nach ihr ein.

Sie setzte sich und lud Acton durch eine Handbewegung ein, ebenfalls Platz zu nehmen.

»Nun?« fragte sie ihn.

»Eure Majestät,« entgegnete Acton, »befragen mich wahrscheinlich wegen jenes Briefes.«

»Allerdings; haben Sie nicht zwei Billets von mir erhalten, worin ich Sie ersucht habe, das Experiment anzustellen? Ich fühle mich von Dolchen und Complotten umringt und möchte gern so bald als möglich in dieser Sache klar sehen.«

»Wie ich Eurer Majestät versprochen, ist es mir gelungen, das Blut zu entfernen.«

»Dies war nicht die eigentliche Frage. Es handelte sich vielmehr darum, zu wissen, ob nach Entfernung des Blutes die Schrift bleiben würde. Ist die Schrift geblieben?«

»Ja, wenigstens noch deutlich genug, um mit einer Loupe gelesen zu werden.«

»Und Sie haben sie gelesen?«

»Ja, Madame.«

»Es war also wohl eine sehr schwierige Operation, da Sie so lange Zeit dazu gebraucht haben?«

»Ich darf wohl wagen, Eurer Majestät bemerklich zu machen, daß ich außerdem noch mehr zu thun hatte. Hiernächst gestehe ich, daß ich eben um der Wichtigkeit willen, welches Sie auf das Gelingen des Experimente legten, erst fünf oder sechs verschiedene Versuche gemacht habe, nicht mit dem Briefe selbst, sondern mit anderen, welche ich mich in ähnlichen Zustand zu versetzen bemühte. Ich versuchte es mit kleesaurer Soda, mit Weinsteinsäure, mit Salzsäure, aber jede dieser Substanzen nahm mit dem Blut auch die Tinte hinweg. Erst gestern, als ich überlegte, daß das menschliche Blut unter gewöhnlichen Bedingungen 65 bis 70 Theile Wasser enthält und nur durch die Verflüchtung dieses Wassers gerinnt, kam ich auf den Gedanken, den Brief dem Wasserdampf auszusetzen, um dem geronnenen Blute eine zum Flüssigwerden hinreichender Quantität Wasser wiederzugeben, dann das Blut mit einem Battisttuch aufzutupfen und auf den schräg gehaltenen Brief Wasser zu gießen. Auf diese Weise gelangte ich auch wirklich zu einem Resultat, welches ich Euer Majestät sofort vorgelegt haben würde, wenn ich nicht gewußt hätte, daß, ganz im Gegensatz zu anderen Frauen, die Mittel Sie bei Ihrer Vertrautheit mit jeder Wissenschaft eben so sehr interessieren als das Resultat.«

Die Königin lächelte. Eine solche Lobrede mußte ihrer Eigenliebe unbedingt schmeicheln.

»Nun lassen Sie das Resultat sehen,« sagte sie.

Acton reichte der Königin den Brief, den er von ihr in der Nacht vom 22. zum 23. September erhalten und den sie ihm gegeben, um das Blut davon verschwinden zu machen.

Das Blut war allerdings auch davon verschwunden, überall aber, wo dessen gewesen war, hatte die Tinte eine so schwache Spur zurückgelassen, daß die Königin auf den ersten Anblick rief:

»Das kann man aber unmöglich lesen.«

»O doch, Madame,« antwortete Acton. »Sie werden sehen, daß es mit Hilfe einer Loupe und ein wenig Phantasie uns gelingen wird, den ganzen Brief wieder zusammenzusetzen.«

»Haben Sie eine Loupe?«

»Ja, hier ist sie.«

»Geben Sie her.«

Die Königin schien Recht zu haben, denn abgesehen von den ersten drei oder vier Zeilen, welche von dem Blute beinahe gar nicht berührt worden, konnte man mit bloßem Auge und mit Hilfe zweier Kerzen von dem ganzen Briefe weiter nichts lesen als Folgendes:

»Lieber Nicolino.

»Entschuldige deine arme Freundin, daß sie nicht an dem bewußten Orte hat erscheinen können, wo sie sich so viel versprach. Es war durchaus nicht meine Schuld, dies schwöre     Erst     sprochen, ward ich von der     benachricht     mit den andern Damen des Hofes     halten     Nelson entgegen zu gehen     ihm prachtvo     und die Königin will sich ihm     ganzen     hat mir die Ehre er     sei einer     mit sie den     blenden gedenke. Es wird     sein, zu welcher     auf diesen Mann weniger     andern, denn hat nur     süchtig. Acis     stets lieber     phem.     »Uebermor     von mir     bezeichnen, wo ich     werde.

Deine     treue

»21. September 1798. E.«

Die Königin versuchte anfangs, obschon sie die Loupe in den Händen hatte, die Worte ohne Hilfe des Glases miteinander in Verbindung zu bringen. Bei ihrem ungeduldigen Charakter aber ward sie dieser unfruchtbaren Mühe sehr bald überdrüssig. Sie hielt daher die Loupe ans Auge und auf diese Weise gelang es ihr sehr bald die folgenden Zeilen zu lesen, welche den gesamten Inhalt des Briefes ausmachten:

»Lieber Nicolino!

»Entschuldige deine arme Freundin, daß sie nicht an dem bewußten Orte hat erscheinen können, wo sie sich so viel Glück versprach. Es war durchaus nicht meine Schuld, dies schwöre ich Dir. Erst nachdem ich Dich bereits gesprochen, ward ich von der Königin benachrichtigt, daß ich mich mit den andern Damen des Hofes bereithalten sollte, dem Admiral Nelson entgegenzugehen. Man wird ihm prachtvolle Feste geben und die Königin will sich ihm in ihrem ganzen Glanze zeigen. Sie hat mir die Ehre erzeigt, mir zu sagen, ich sei einer der Strahlen, womit sie den Sieger vom Nil zu blenden gedenke. Es wird dies jedoch eine Operation sein, zu welcher in Bezug auf diesen Mann weniger Kunst gehört als bei jedem Andern, denn er hat nur ein Auge. Sei daher nicht eifersüchtig. Acis wird mir stets lieber sein als Polyphem.

»Uebermorgen wird ein Wort von mir Dir den Tag bezeichnen, wo ich frei sein werde.

»Deine zärtliche und treue

»21. September 1798. »E.«

»Hm!« sagte die Königin, nachdem sie gelesen, »wissen Sie, lieber General, daß uns Alles dies keinen sonderlichen Aufschluß gibt? Man sollte meinen, die Person, welche diesen Brief geschrieben, hätte geahnt, daß er von Jemand Anderm, als dem eigentlichen Adressaten gelesen werden würde. O, diese Dame ist eine sehr vorsichtige Frau.«

»Ew. Majestät weiß, daß, wenn man den Hofdamen einen Vorwurf machen kann, es sicherlich nicht der einer zu großen Unschuld ist. Die Schreiberin dieses Briefes ist indessen doch noch nicht vorsichtig genug gewesen, denn noch heute Abend werden wir erfahren, woran wir uns in Bezug auf sie zu halten haben.«

»Wie so?«

»Haben Ew. Majestät die Güte gehabt, auf heute Abend nach Caserta alle Hofdomen einluden zu lassen, deren Taufnamen mit einem E anfangen und welche die Ehre gehabt haben, bei der feierlichen Einholung des Admirals Nelson Ihr Gefolge zu bilden?«

»Ja, es sind ihrer sieben.«

»Und wie heißen sie, wenn ich fragen darf, Madame?«

»Es sind die Fürstin von Curiati, welche Emilia, die Gräfin von San Marco, welche Eleonora, die Marquise San Clemente, welche Elena, die Herzogin von Termoli, welche Elisabetta, die Herzogin von Tursi, welche Elisa, die Marquise von Altavilla, welche Eufrasia, und die Gräfin von Policastro, welche Eugenia heißt. Lady Hamilton, welche Emma heißt, zähle ich nicht. Sie würde mit einer solchen Sache nichts zu thun haben. Sie sehen also, daß wir sieben Personen haben, gegen welche unser Verdacht sich kehren könnte.«

»Ja,« entgegnete Acton lachend« »aber unter diesen sieben Personen gibt es zwei, welche nicht mehr in dem Alter stehen, wo man seine Briefe blos mit Anfangsbuchstaben unterzeichnet.«

»Sehr richtig. Es bleiben sonach nur fünf. Und dann?«

»Dann ist die Sache so einfach, daß ich nicht einmal weiß, ob Euer Majestät sich die Mühe nehmen wird, meinen noch übrigen Plan anzuhören.«

»Was wollen Sie, mein lieber Acton? Es gibt Tage, wo ich förmlich dumm bin und, wie es scheint, ist heute ein solcher Tag.«

»Euer Majestät hat wahrscheinlich Lust, mir die grobe Beleidigung zu sagen, welche sie soeben von sich selbst gesagt hat.«

»Ja« denn Sie machen mich durch diese Umschweife ungeduldig.«

»Ach,« Madame, man ist nicht umsonst Diplomat.«

»Kommen wir zu Ende.«

»Dies wird mit zwei Worten geschehen.«

»Nun dann sagen Sie diese zwei Worte,« rief die Königin immer ungeduldiger.

»Eure Majestät erfinde ein Mittel, um jeder dieser Damen eine Feder in die Hand zu geben und durch Vergleichung der verschiedenen Handschriften —«

»Sie haben Recht,« sagte die Königin, indem sie ihre Hand auf die Actons legte. »Sobald die Dame bekannt ist, wird der Liebhaber es dann auch bald sein. Kehren wir jetzt zurück.«

Mit diesen Worten erhob sie sich.

»Wenn Eure Majestät erlauben, mochte ich Sie noch um zehn Minuten Audienz bitten.

»In wichtigen Angelegenheiten?«

»Ja, wegen Angelegenheiten die von der größten Bedeutung sind.«

»Nun so sprechen Sie,« sagte die Königin, indem sie sich wieder setzte.

»Eure Majestät erinnert sich wohl, daß in der Nacht, wo Sie mir diesen Brief übergaben, um drei Uhr Morgens das Zimmer des Königs noch erleuchtet war?«

»Ja, ich schrieb ja an ihn und —«

»Wissen Eure Majestät, mit wem der König sich noch so spät unterhielt?«

»Mit dem Cardinal Ruffo; mein Thürsteher sagte es mir.«

»Wohlan, in Folge seiner Conversation mit dem Cardinal Ruffo sendete der König in dieser Nacht noch einen Courier ab.«

»Allerdings hörte ich den Hufschlag eines durch das Thorgewölbe galoppierenden Pferdes.«

»Wer war dieser Courier?«

»Ferrari, der Vertraute des Königs.«

»Woher wissen Sie das?«

»Mein englischer Jokei Tom schläft im Stalle. Er hat gesehen, wie um drei Uhr Morgens Ferrari im Reisekostüm in den Stall trat, selbst ein Pferd sattelte und fortritt. Als er am andern Morgen mir die Steigbügel hielt, sagte er mir es.«

»Nun und?«

»Nun, Madame, ich habe mich gefragt, an wen nach einer Unterredung mit dem Cardinal Seine Majestät einen Courier habe abschicken können, und ich glaube, er hat ihn an Niemand anders geschickt als an seinen Neffen, den Kaiser von Oesterreich.«

»Sollte der König dies gethan haben, ohne mich davon zu unterrichten?«

»Der König hat es nicht gethan, sondern der Cardinal,« antwortete Acton.

»Oho!« rief die Königin, indem sie die Stirn runzelte; »ich bin nicht Anna von Oesterreich und Ruffo ist nicht Richelieu. Er möge sich in Acht nehmen.«

»Nach meiner Meinung ist die Sache sehr ernst.«

»Wissen Sie gewiß, daß Ferrari nach Wien gereist ist?«

»Anfangs hegte ich in dieser Beziehung einige Zweifel, diese aber sind bald entschwunden. Ich schickte Tom nach, um zu erfahren, ob Ferrari mit der Post weiter gereist sei.«

»Nun, und?«

»In Copua hat er dies gethan und dort sein Pferd zurückgelassen, indem er dem Postmeister gesagt, er solle es gut verpflegen lassen, es sei ein Pferd aus dem königlichen Stall und er werde es bei seiner Rückkunft, das heißt in der Nacht des 3. October oder am Morgen des vierten wieder abholen.«

»Das wären elf bis zwölf Tage.«

»Genau die Zeit, deren man bedarf, um nach Wien und wieder zurück zu gelangen.«

»Und was haben Sie in Folge aller dieser Entdeckungen beschlossen?«

»Vor allen Dingen Eure Majestät davon zu unterrichten, was ich so eben gethan. Dann scheint es mir in Bezug auf unsere Kriegspläne – denn Eure Majestät ist doch immer noch zum Krieg entschlossen?«

»Ja wohl, immer noch. Es bereitet sich jetzt eine Coalition vor, welche die Franzosen aus Italien hinaustreiben wird. Sind die Franzosen einmal vertrieben, so wird mein Neffe, der Kaiser von Oesterreich, die Hand nicht blos auf die Provinzen legen, welche er vor dem Frieden von Campo Formio besaß, sondern auch auf die Romagna. Bei dergleichen Kriegen behält ein Jeder, was er genommen, und man gibt nur Theile davon zurück. Bemächtigen wir uns daher allein und ehe Jemand anders es thut, der römischen Staaten. Rom, welches wir einmal nicht behalten können, geben wir dem Papst zurück und in Bezug auf das Uebrige werden wir unsere Bedingungen stellen.«

»Da Eure Majestät sonach immer noch zum Kriege entschlossen ist, so müssen Sie erfahren, daß der König, welchem weniger am Kriege liegt, wahrscheinlich auf den Rath des Cardinals Ruffo an den Kaiser von Oesterreich geschrieben, und daß dieser ihm geantwortet hat.«

»Wissen Sie etwas, General?«

»Was denn?«

»Daß wir von Ferrari keine Gefälligkeit erwarten dürfen. Er ist dem König vollständig ergeben und man versichert, er sei unbestechlich.«

»Philipp, der Vater Alexander des Großen, sagte, es gäbe keine uneinnehmbare Festung, so lange ein mit Gold beladenes Maulthier hereinkommen könne. Wir werden sehen, wie hoch der Courier Ferrari seine Unbestechlichkeit anschlägt.«

»Und wenn nun Ferrari, wie groß auch die gebotene Summe sei, sich weigert; wenn er dem König sagt, daß die Königin und seine Minister ihn zu verführen gesucht, was wird dann der König denken, der ohnehin immer mißtrauischer wird?«

»Eure Majestät weiß, daß nach meiner Ansicht der König von jeher mißtrauisch gewesen ist. Ich glaube aber, daß es ein Mittel gibt, welches Eure Majestät und mich außer Spiel bringt.«

»Und was ist das für ein Mittel?«

»Es besteht darin, daß wir unsere Vorschläge durch Sir William machen lassen. Wenn Ferrari sich erkaufen läßt, so wird er es durch Sir William ebenso gut thun lassen wie durch uns, und zwar um so mehr, als Sir William, der Gesandte Englands, den Vorwand geltend machen kann, daß er seinen Hof von den eigentlichen Gesinnungen des Kaisers von Oesterreich in Kenntniß setzen wolle. Wenn er sich versteht zu thun, was man von ihm verlangt – und er läuft dabei durchaus keine Gefahr, denn man wird weiter nichts verlangen als den Brief zu lesen, denselben wieder in das Couvert zu stecken und dieses wieder zu versiegeln – wenn er dies that, sage ich, so geht Alles gut. Verkennt er dagegen sein eigenes Interesse so sehr, daß er sich weigert, so gibt Sir Hamilton ihm hundert Louisd’or, damit er in Bezug auf den gemachten Versuch reinen Mund halte. Im schlimmsten Falle, wenn er nämlich die hundert Louisd’or zurückweist und nicht reinen Mund hält, schiebt Sir William das Gewagte, was dieser Versuch hat, einzig und allein auf die große Freundschaft, welche er für seinen Milchbruder den König Georg hegt. Wenn diese Entschuldigung genügt, so wird er den König auf sein Ehrenwort fragen, ob er unter solchen Umständen nicht ebenso handeln würde wie er, Sir William. Der König wird lachen und sein Ehrenwort nicht geben. Ueberhaupt bedarf der König in der Lage, worin er sich befindet, Sir William Hamiltons zu sehr, als daß er lange Groll gegen ihn hegen könnte.»

»Sie glauben also, daß Sie William sich dazu verstehen werde?«

»Ich werde mit ihm darüber sprechen, und wenn dies nicht genügt, so werden Ew. Majestät durch seine Frau mit ihm sprechen lassen.«

»Aber fürchten Sie nicht, daß Ferrari ankomme, ohne daß wir etwas davon erfahren?«

»Nichts ist einfacher, als dieser Furcht zu begegnen, und ich habe dazu blos auf Ihre Zustimmung gewartet, weil ich nichts ohne Ihren Befehl thun will.«

»Sprechen Sie.«

»Ferrari wird diese Nacht oder morgen Früh wieder die Post von Capua passieren, wo er sein Pferd zurückgelassen. Ich schicke meinen Secretär dorthin damit man Ferrari benachrichtige, der König sei in Caserta und erwarte dort seine Depeschen. Wir bleiben diese Nacht und morgen den ganzen Tag hier. Anstatt an dem Schlosse vorüber zu reiten, tritt Ferrari in dasselbe ein, fragt nach dem König und findet Sir William.«

»Alles dies kann in der That gelingen,« antwortete die Königin nachdenklich, »aber eben so gut kann es auch scheitern.«

»Es ist schon viel, wenn man unter gleichen Möglichkeiten kämpft, und wenn man Weib und Königin ist, so hat man den Zufall für sich.«

»Sie haben Recht, Acton. Uebrigens muß man in allen Dingen die Rolle des Feuers spielen. Wenn das Feuer nicht Alles ergreift, um so besser; ergreift es aber Alles, nun, dann wird man versuchen, es zu löschen. Schicken Sie Ihren Secretär nach Capua und setzen Sie Sir William Hamilton in Kenntniß.«

Die Königin schüttelte ihr noch schönes, aber sorgenbeladenes Haupt, wie um sich der tausend darauf lastenden Gedanken zu entledigen, und kehrte dann mit leichtem Schritt und lächelndem Munde in den Solon zurück.

Fünftes Capitel.
Das Akrostichon

Es waren schon mehrere Personen versammelt und unter denselben befanden sich die sieben Damen, deren Taufname mit einem E anfing. Diese sieben Damen waren, wie wir schon gesagt haben, die Fürstin von Cariati, die Gräfin von San Maria, die Marquise von San Clemente, die Herzogin von Termoli, die Herzogin von Tursi, die Marquise von Altavilla und die Gräfin von Policastro.

Die Herren waren: der Admiral Nelson und zwei seiner Officiere, oder vielmehr zwei seiner Freunde, der Capitän Truebridge und der Capitän Ball.

Ersterer war ein liebenswürdigen phantasiereicher, humoristischer Geist, der zweite ernst und steif wie ein echter Großbritannier.

Die anderen eingeladenen Gäste waren der elegante Herzog von Rocca Romana, Bruder von Nicolino Caracciolo, welcher letztere weit entfernt war zu ahnen, daß ein Minister und eine Königin sich in diesem Augenblicke so viel Mühe gaben, um seine heitere, sorglose Persönlichkeit zu entdecken; der Herzog von Avalos, gewöhnlicher Marquis del Vasto genannt, dessen uralte Familie in zwei Linien sich theilte und von welchem ein Ahn, Capitän Karls des Fünften – derselbe, welcher bei Ravenna gefangen genommen ward, die bekannte Vittorio Colonna heiratete und im Gefängnisse für sie seinen Dialog von der Liebe schrieb – und bei Pavia aus den Händen des besiegten Franz des Ersten den Degen empfing, von welchem nur noch der Griff übrig war, während der Andere unter dem Namen eines Marquis del Guasto der Geliebte Margarethens von Frankreich ward und von Mörderhand fiel; der Herzog de la Salandra, königlicher Oberjägermeister, welchen wir später das den Händen Mack’s entschlüpfte Commando übernehmen sehen werden; der Fürst Pignatelli, welchem der König bei seiner Flucht das schwere Amt eines Generalvicars hinterließ, und noch einige Andere, lauter sehr herabgekommene Abkömmlinge der vornehmsten neopolitanischen und spanischen Adelsfamilien.

Alle erwarteten die Ankunft der Königin und verneigten sich ehrerbietig bei ihrem Anblick.

Es waren ganz besonders zwei Dinge, welche die Königin an diesem Abend beschäftigten.

Erstens wollte sie Emma Lyonna in ihrer ganzen verführerischen Schönheit sich zeigen lassen, um Nelson immer verliebter in sie zu machen, und zweitens an der Handschrift die Dame erkennen, welche jenen Brief geschrieben, weil, so bald man diese entdeckte, es, wie Karoline sehr scharfsinnig bemerkt, dann nicht schwer halten konnte, auch den Mann zu ermitteln, an welchen dieser Brief gerichtet war.

Nur wer jenen vertraulichen und berauschenden Soiréen der Königin von Neapel beigewohnt hat, Soiréen deren größter Reiz und verlockendste Zierde eben Emma Lyonna war, hat seinen Zeitgenossen erzählen können, bis zu welchem Grade von Enthusiasmus und Delirium die moderne Armida ihre Zuhörer und Zuschauer zu begeistern wußte.

Wenn ihre zauberhaften Stellungen und wollüstigen Pantomimen schon auf die kalten Temperamente des Nordens den von uns beschriebenen Einfluß äußersten, wie weit mehr mußte sie dann jene feurigen Naturen des Südens elektrisiren, welche Gesang, Musik und Poesie so leidenschaftlich liebten, welche Cimarosa und Metastasio auswendig wußten.

Wir für unsere Person haben auf unsern ersten Reisen in Neapel und Sicilien alte Leute gekannt und befragt, welche diesen magnetischen Soiréen beigewohnt hatten und die jetzt noch, nach fünfzig Jahren, bei der Erinnerung daran von Wonneschauern durchrieselt wurden wie heißblütige Jünglinge.

Emma Lyonna war schön, selbst ohne es zu wollen. Man denke sich, was sie an diesem Abend war, wo sie sowohl für die Königin als für Nelson schön sein wollte, mitten unter allen jenen eleganten Kostümen des Endes des achtzehnten Jahrhunderts welche der Hof von Neapel hartnäckigerweise als Protest gegen die französische Revolution trug.

Anstatt des Puders, welcher noch jene hohen, in lächerlicher Weise auf dem Gipfels des Kopfes aufgebauten Coiffuren bedeckte, anstatt jener engen Kleider, welche selbst die Anmuth Terpsichores erwürgt hätten, anstatt jenes grellen Roth, welches die Frauen in Bacchantinnen umwandelte, trug Emma Lyonna, den Traditionen der Kunst und Freiheit treu, ein Kostüm, welches sich schon in weiteren Kreisen zu verbreiten begann und in Frankreich bereits von den berühmtesten Schönheiten angenommen worden, nämlich eine lange Tunica von hellblauem Kashmir, welche in Falten um sie herum auf eine Weise fiel, die eine antike Statue hätte verleiten können, neidisch zu werden.

Ihr Haar wallte auf die Schultern in langen Locken herab, welche zwei Rubinen hervorblitzen ließen, die den fabelhaften Karfunkeln des Alterthums glichen.

Ihr Gürtel, ein Geschenk der Königin, bestand aus einer Kette kostbarer Diamanten, die bis auf die Knie herab fiel. Ihre Arme waren von der Schulter an bis auf die Fingerspitzen entblößt und einer ihrer Arme ward an der Schulter und am Handgelenk von zwei Diamantenschlangen mit Rubinaugen umschlossen. Die eine ihrer Hände, nämlich die, deren Arm ohne Schmuck, war mit Ringen beladen, während die andere dagegen nur durch die schimmernde Feinheit ihrer Haut und ihrer schmalen Nägel glänzte, deren durchsichtiges Incarnat aus Rosenblättern zu bestehen schien, während ihre mit fleischfarbenen Strümpfen bekleideten Füße in ihren blauen Kothurnen mit goldenen Schnüren eben so nackt zu sein schienen wie ihre Hände.

Diese blendende Schönheit, die durch dieses seltsame Kostüm noch gesteigert ward, hatte etwas Unnatürliches und folglich Furchtbares und Unheimliches. Die Frauen entfernten sich von dieser Auferstehung des Heidenthums mit Eifersucht, die Männer mit banger Scheu.

Wer das Unglück hatte sich in diese Venus Astarte zu verlieben, dem blieb nichts weiter übrig als ihr Besitz oder der Selbstmord.

Die Folge hiervon war, daß Emma, so schön sie auch war, eben wegen ihrer bezaubernden Schönheit ganz allein in der Ecke eines Sophas mitten in einem Kreise saß, der sich um sie herum gebildet hatte.

Nelson, der allein das Recht gehabt hatte, sich an ihre Seite zu setzen, verschlang sie mit den Augen und taumelte geblendet an Truebridge’s Arm, indem er sich fragte, in Folge welches Geheimnisses der Liebe oder welcher politischen Berechnung ihm, dem rauhen Seemann, dem in zwanzig Schlachten verstümmelten Veteran, sich dieses bevorrechtete Wesen hingegeben, welches alle Vollkommenheiten in sich vereinigte.

Was Emma selbst betraf, so war sie auf jenem Apollobett, wo Graham sie früher den neugierigen Blicken einer ganzen Stadt preisgegeben, weniger befangen gewesen als in diesem königlichen Salon, wo so viele neidische und lüsterne Blicke aus ihr ruhten.

»O Majestät,« rief sie, als sie die Königin eintreten sah und indem sie auf dieselbe zueilte, wie um ihren Beistand anzurufen; kommen Sie schnell und verbergen Sie mich in Ihrem Schatten. Sagen Sie diesen Herren und Damen, daß man, wenn man mir sich nähert, nicht die Gefahr läuft, wie wenn man unter dem Manschenillenapfelbaum einschläft oder sich unter den Bohon Upas setzt.«

»Welch ein undankbares Geschöpf sind Sie, daß Sie sich über so etwas beklagen!« sagte die Königin lachend. »Warum sind Sie so schön, daß Sie alle Herzen mit Liebe und Eifersucht erfüllen, so daß es hier Niemand weiter gibt, als mich, der so bescheiden und so wenig kokett wäre, daß er sein Gesicht dem ihrigen zu nähern und Sie auf beide Wangen zu küssen wagte.»

Mit diesen Worten umarmte die Königin sie und flüsterte ihr dabei die Worte zu:

»Sei heute Abend liebenswürdig. Es muß geschehen.«

Dann schlang sie ihren Arm um den Hals ihrer Günstlingin, zog sie auf das Sopha, um welches sich nun die ganze Gesellschaft gruppierte – die Herren, um Emma den Hof zu machen, indem sie denselben der Königin machten, und die Damen, um der Königin den Hof zu machen, indem sie denselben der schönen Emma machten.

In diesem Augenblick trat Acton wieder ein. Ein Blick, welchen die Königin mit ihm wechselte, verrieth ihm, daß Alles nach ihrem Wunsche ging.

Sie führte Emma in eine Ecke und nachdem sie einige Minuten lang leise mit ihr gesprochen, sagte sie:

»Meine Damen, ich habe soeben von meiner Freundin, Lady Hamilton, das Versprechen erhalten, uns diesen Abend eine Probe von allen ihren Talenten zu geben, das heißt sie wird uns eine Ballade ihres Landes oder ein alterthümliches Lied singen. Dann wird sie uns eine Scene von Shakespeare vorspielen und dann ihren Shawltanz produciren, den sie bis jetzt nur für mich und vor mir allein aufgeführt hat.«

Ein Ruf der Begierde und Freude hallte in dem ganzen Saale wieder.

»Aber,« sagte Emma, »Eure Majestät weiß, daß es nur unter einer Bedingung geschehen kann —«

»Unter welcher?« fragten die Damen, in ihren Wünschen noch eifriger als die Männer.

»Unter welchen?« wiederholten die Männer nach ihnen.

»Die Königin,« sagte Emma, »hat mir so eben bemerklich gemacht, daß in Folge eines eigenthümlichen Zufalls die Taufnamen der acht in diesem Solon versammelten Damen, mit Ausnahme dessen der Königin, mit einem E anfangen.«

»Ja das ist wahr,« sagten die Damen, indem sie einander ansahen.

»Wohlan, wenn ich thue, was man von mir verlangt, so will ich auch, daß man thue, was ich verlangen werde.«

»Meine Damen,« mischte die Königin sich ein, »Sie werden zugeben, daß dies nicht mehr als gerecht ist.«

»Ja wohl. Was verlangen Sie, Mylady? Sagen Sie es!« riefen mehrere Stimmen.

»Ich wünsche,« sagte Emma, »ein kostbares Andenken an diesen Abend zu bewahren. Ihres Majestät die Königin wird ihren Namen CAROLINA auf ein Stück Papier schreiben und jeder Buchstabe dieses theuren, erhabenen Namens wird der Anfangsbuchstabe eines von einer jeden von uns geschriebenen Verses. Ich werde die Erste sein, die einen solchen Vers schreibt; dann folgen die Andern mit ihren guten oder schlechten Versen, und ich hoffe, daß mit Einschluß des meinigen mehr schlechte als gute zum Vorschein kommen werden. Zum Andenken an diesen Abend, an welchem ich die Ehre gehabt haben werde, mit der schönsten Königin der Welt und den edelsten Damen Neapels und Siciliens beisammen zu sein, werde ich dann dieses kostbare und poetische Autograph meinem Album einverleiben.«

»So soll es sein,« sagte die Königin.

Mit diesen Worten näherte sie sich einem Tisch und schrieb quer über ein Blatt Papier den Namen CAROLINA.

»Aber, Majestät,« riefen die Damen, welche nun sofort Verse improvisiren sollten, »wir sind ja keine Dichterinnen!«

»Rufen Sie den Apollo an, und Sie werden es sein,« sagte die Königin.

Man konnte sich nicht länger weigern, übrigens trat auch Emma schon an den Tisch, wie sie gesagt, daß sie thun würde, schrieb dem ersten Buchstaben des Namens der Königin, das heißt dem C gegenüber den ersten Vers des Akrostichons und unterzeichnete »Emma Hamilton«.

Die andern Damen ergaben sich in das Unvermeidliche und eine nach der andern näherte sich dem Tisch, ergriff die Feder, schrieb einen Vers und unterzeichnete ihren Namen.

Als die letzte, die Marquise von San Clemente, den ihrigen unterzeichnet hatte, ergriff die Königin rasch das Papier. Die gemeinschaftliche Thätigkeit der acht Musen hatte folgendes Resultat geliefert.

Die Königin las das französisch geschriebene Akrostichon vor; es lautete:

Cest par trop abuser de la grandour suprème

Emma Hamilton.

Ayant le sceptre en main, au front le diadème

Emilia Cariati.

Réunissant déjà de si riches tributs

Eléonora San-Marco.

Oreine! De vouloir qu’en un instant Phébus

Elisabetta Termoli.

Lorsque le mont Vésuv est si loin du Parnasse

Elisa Tursi.

Initie au bet art de Pétrarque et du Tasse

Eufrasia d’Altavilla.

Nos couers, qui n’ont jamais pour vous jusqu’à ce your

Eugenia da Policastro.

Aspiré qu’a lutter de respect et d’amour

Elena san—Clemente.

(Zu viel, o Königin, heißt es der erhabenen Majestät, die mit dem Scepter in der Hand und dem Diadem auf der Stirn schon so kostbare Attribute vereinigt, zumuthen. wenn wir verlangen, daß Phöbus, während der Vesuv vom Parnaß so weit entfernt ist, in einem Augenblicke in die schöne Kunst Petrarcas und Tassos unsere Herzen einweihe, welche bis zum heutigen Tage nur darnach getrachtet, an Ehrfurcht und Liebe zu Dir zu wetteifern.)

»Sehen Sie,« sagte die Königin, während die Herren das Akrostichon bewunderten und die Damen selbst erstaunten, daß sie ihre Sache so gut gemacht, »sehen Sie, General Acton, was für eine allerliebste Hand die Marquise von San Clemente schreibt!«

Der General Aetan näherte sich einer Kerze, indem er gleichzeitig von der Gruppe hinwegtrat, als ob er das Akrostichon nach einmal lesen wollte, verglich die Handschrift des Briefes mit der des achten Verses, gab das werthvolle und furchtbare Autograph lächelnd an die Königin zurück und sagte:

»In der That, die Hand ist allerliebst.«

Sechstes Capitel.
Die sapphischen Verse

Die doppelte Lobrede der Königin und des Generalcapitäns Acton in Bezug auf die Handschrift der Marquise von San Clemente ging vorüber, ohne daß es Jemandem, selbst nicht der Person, welche der Gegenstand dieser Lobrede war, einfiel, derselben die Bedeutung beizulegen, die sie in der That hatte.

Die Königin bemächtigte sich des Akrostichons, indem sie Emma versprach, es ihr den nächstfolgenden Tag wiederzugeben, und da nun das erste Eis, welches die Kälte des Anfangs einer jeden Abendgesellschaft erzeugt, gebrochen war, so mischte Jeder sich in jene reizende Verwirrung welche die Königin in ihrer vertrauten Umgebung durch die Kunst zu schaffen verstand, womit sie jeden Zwang und jede Etikette zu bannen wußte.

Die Conversation ward lebendig. Die Lippen ließen nicht mehr die Worte fallen, sondern schleuderten dieselben; das Lächeln zeigte seine weißen Zähne, Herren und Damen kreuzten sich, Jeder ging, um seiner Sympathie folgend Geist oder Schönheit zu suchen, und mitten unter diesem angenehmen Getöse, welches dem Vogelgezwitscher glich, fühlte man, wie die wohlduftenden Ausströmungen der Jugend die Atmosphäre erfüllten und erwärmten, welche durch frischen Hauch, süße Wohlgerüche in eine Art unsichtbaren, ungreifbaren berauschenden, aus Liebe, Wünschen und Wollust zusammengesetzten Liebestrank verwandelt ward.

In derartigen Gesellschaften vergaß Carolina nicht blos, daß sie Königin war, sondern erinnerte sich auch zuweilen nicht genug, daß sie Weib war. Eine Art elektrische Flamme entzündete sich in ihren Augen, ihre Nüstern erweiterten sich, ihr schwellender Busen ahmte, sich hebend und senkend, die wellenförmige Bewegung des Ozeans nach, ihre Stimme ward rauh und kurz und Niemand würde sich gewundert haben, aus diesem schönen Munde das Gebrüll eines Panthers oder einer Bacchantin zu vernehmen.

Sie näherte sich Emma, legte auf deren bloße Schulter ihre bloße Hand, welche einer rosenfarbenen Korallenhand auf einer Alabasterschulter glich und sagte:

»Nun, meine schöne Lady, haben Sie vergessen, daß Sie heute Abend nicht sich selbst angehören? Sie haben uns Wunderdinge versprochen und wir möchten Ihnen gern Beifall zujubeln.«

Emma schien, ganz im Gegensatz zu der Königin, sich einer süßen Erschlaffung hingegeben zu haben. Ihr Hals hatte nicht mehr Kraft genug, den Kopf zu tragen, welcher sich bald auf die eine, bald auf die andere Schulter neigte, und zuweilen, wie mit krampfhaft wollüstiger Bewegung, hintenüber fiel. Ihre halbgeschlossenen Augen bargen ihre Sterne unter den langen Wimpern ihrer Lider. Ihr halboffener Mund ließ hinter den Purpurlippen die blendend weißen Zähne sehen, und die schwarzen Locken ihres Haares contrastirten mit der matten Weiße ihrer Brust. Sie sah nicht, aber sie fühlte die Hand der Königin sich auf ihre Schulter legen. Ein Schauer durchrieselte ihren Körper.

»Was begehren Sie von mir, theure Königin?« sagte sie schmachtend und mit unaussprechlich graziöser Kopfbewegung. »Ich bin bereit, Ihnen zu gehorchen. Wollen Sie die Balconscene aus »Romea und Julie?« Sie wissen aber, um diese Scene auszuführen, bedarf es zweier Personen und ich habe keinen Romeo.«

»Nein, nein,« sagte die Königin lachend, »nur keine Liebesscene. Du würdest Allen, die hier sind, den Verstand rauben und wer weiß, ob ich nicht selbst dieses Schicksal theilte. Nein, trage lieber etwas vor, was die Zuhörer erschreckt. Julie auf dem Balcon? Nein! Juliens Monolog, ehe sie den Trank nimmt, dies ist Alles, was ich Dir heute Abend erlaube.«

»Gut. Geben Sie mir ein großes weißes Tuch, meine Königin, und lassen Sie mir Platz machen.«

Die Königin nahm von einem Sopha einen großen Shawl von weißem chinesischen Krepp, den sie ohne Zweifel mit Absicht dorthin geworfen, gab ihn Emma und befahl mit einer Geberde, in welcher sie wieder Königin ward, Allen, auf die Seite zu treten.

Binnen einer Secunde sah Emma sich in der Mitte des Salans allein.

»Madame,« sagte sie zur Königin, »Sie werden die Güte haben, die Situation zu erklären. Die Aufmerksamkeit würde sonst nicht ausschließlich auf mich gerichtet sein und ich bedarf dieses kleinen Kunstgriffes, um den gewünschten Effect zu machen.«

»Sie kennen wohl Alle die Geschichte der Mautecchi und Capuleti in Verona, nicht wahr?« sagte die Königin. »Man will Julie zwingen, den Grafen Paris, den sie nicht liebt, zu heiraten, während ihr Geliebter der arme verkannte Romeo ist. Bruder Larenzo, welcher sie mit ihrem Geliebten heimlich vermählt hat, gibt ihr einen Trank, der sie in den Zustand des Scheintodes versetzen soll. Man wird sie in die Gruft der Capuleti bringen und hier soll Larenzo sie abholen und nach Mantua führen, wo Romeo sie erwartet. Ihre Mutter und ihre Amme haben ihr Zimmer soeben verlassen, nachdem sie ihr erklärt, daß sie den nächstfolgenden Morgen bei Tagesanbruch den Grafen Paris heiraten müsse.«

Kaum hatte die Königin diese kurze Darlegung, bei welcher sich Aller Augen auf sie gerichtet, beendet,« als ein schmerzlicher Seufzer dieselben auf Emma Lyonna zurückführte.

Sie hatte nur weniger Secunden bedurft, um sich in den umfangreichen Shawl so zu drapiren, daß von ihrem ersten Kostüm nichts mehr zu sehen war.

Das Gesicht hielt sie mit den Händen bedeckt, ließ dieselben langsam herabgleiten, richtete gleichzeitig das bleiche Antlitz empor, auf welchem der tiefste Schmerz geschrieben stand und in welchem jetzt keine Spur mehr von jener süßen Erschlaffung zu finden war, welche wir zu schildern versucht.

Es war im Gegentheile die auf ihrem höchsten Gipfel angelangte Angst und Verzweiflung.

Sie drehte sich langsam um sich selbst herum, wie um ihrer bereits verschwundenen Mutter und Amme mit den Augen zu folgen, und mit einer Stimme, deren Vibrationen bis ins innerste Herz drangen, während sie zugleich den Arm ausstreckte, wie um der Welt aus ewig Lebewohl zu sagen, declamirte sie:

 
»Seht wohl! – Gott weiß, wann wir uns wiedersehen.
Kalt rieselt matter Schau’r durch meine Adern,
Der fast die Lebenswärm’ erstarren macht.
Ich will zurück sie rufen mir zum Trost.—
Amme! – Doch was soll sie hier? —
Mein düstres Spiel muß ich allein vollenden.
Komm Du, mein Kelch! —
Doch wie? wenn dieser Trank nun gar nichts wirkte,
Wird man dem Grafen mit Gewalt mich geben?
Nein, nein! Dies sollte dieser Dolch verwehren!
Wie? wär es Gift, das mir mit schlauer Kunst
Der Mönch bereitet, mir den Tod zu bringen,
Auf daß ihn diese Heirat nicht entlehre,
Weil er zuvor mich Romeo vermählt?
 
 
So, fürcht’ ich, ist’s; doch dünkt mich, kann’s nicht sein,
Denn er ward stets ein frommer Mann erfunden.
Ich will nicht Raum so bösem Argwohn geben.—
Wie aber? wenn ich, in die Gruft gelegt.
Erwache vor der Zeit, da Romeo
Mich zu erlösen kommt? Furchtbarer Fall!
Werd’ ich dann nicht in dem Gewölb’ ersticken,
Deß’ gift’ger Mund nie reine Lüste einhaucht,
Und so erwürgt da liegen, wenn er kommt?
Und leb ich auch, könnt, es nicht leicht geschehen.
Daß mich das grause Bild von Tod und Nacht,
Zusammen mit den Schrecken jenes Ortes,
Dort im Gewölbe in alter Kathakombe,
Wo die Gebeine aller meiner Ahnen
Seit vielen hundert Jahren aufgehäuft,
Wo frisch beerdigt erst der blut’ge Tybalt
Im Leichentuch verwest; wo, wie man sagt.
In mitternächt’ger Stunde Geister hausen —
Weh, weh! könnt’ es nicht leicht geschehen, daß ich
Zu früh erwachend – und nun ekler Dunst,
Gekreisch wie von Alraunen, die man aufwühlt,
Das Sterbliche, dies hören, sinnlos macht —
O, wach’ ich auf, werd’ ich nicht rasend werden,
Umringt von all den gräuelvollen Schrecken,
Und toll mit meiner Väter Gliedern spielen ?
Und in der Wuth, mit eines großen Ahnherrn
Gebein zerschlagen mein zerrüttet Hirn?
O seht!i mich dünkt, ich sehe Tybalt’s Geist!
Er späht nach Romeo, der seinen Leib
Auf einem Degen spießte. – Weile, Tybalt!
(Sie setzt das Fläschchen an die Lippen.)
Ich komme, Romeo! Dies trink ich Dir!«
 

Sie that, als ab sie den Trank hinabstürzte, sank dann in sich selbst zusammen und blieb regungslos auf dem Teppich liegen.

Die Illusion war so groß, daß Nelson, der rauhe Seemann, der mit den Stürmen des Oceans vertrauter war als mit den Leistungen der Kunst, ganz vergessend, daß das, was er hier vor sich sah, nur ein Spiel war, einen lauten Schrei ausstieß, auf Emma zustürzte und sie mit seinem einzigen Arm vom Boden aufhob, wie er mit einem Kind gethan haben würde.

Er ward dafür belohnt. Als sie die Augen wieder aufschlug, galt ihr erstes Lächeln ihm. Nun erst begriff er seinen Irrthum und zog sich verlegen in eine Ecke des Salons zurück.

Die Königin folgte ihm und alle Uebrigen umringten die falsche Julie.

Niemals war die Magie der Kunst, wenn auch bis auf diesem Punkte angelangt, über denselben hinausgekommen. Obschon in einer fremden Sprache ausgedrückt, war doch keines der Gefühle, welche das Herz der Geliebten Romeos bewegt, ihren Zuhörern entgangen.

Der Schmerz, als sie nachdem ihre Mutter und ihre Amme sich entfernt sich allein sieht mit der Drohung, das Weib des Grafen Paris werden zu müssen, der Zweifel, als sie, den Trank beschauend, fürchtet, daß es ein Gift sei; der Entschluß, als sie, einen Dolch ergreifend, in ihrer Verzweiflung an das Eisen, das heißt an den Tod, appellieren will; die Angst, als sie fürchtet, in der Familiengruft lebendig vergessen und von den Gespenstern gezwungen zu werden, sich mit in ihren unheiligen Tanz zu mischen; ihr Schrecken endlich, als sie den am Abend vorher begrabenen Tybalt blutig sich erheben zu sehen glaubt, um Romeo niederzustoßen – alle diese verschiedenen Eindrücke hatte sie mit solcher Zauberkraft und solcher Wahrheit wiedergegeben, daß für die Anwesenden die Dichtung zur Wirklichkeit geworden war.

Die durch dieses Schauspiel, von welchem die den Geheimnissen der Poesie des Nordens vollständig fremde Gesellschaft bis jetzt keine Ahnung gehabt, aufgeregten Gefühle bedurften einige Zeit, ehe sie sich wieder beruhigten.

Auf das Schweigen der Bestürzung und Betäubung folgte der laute Sturm des Enthusiasmus. Dann kamen die Lobsprüche und die liebenswürdigen Schmeicheleien, welche der Eigenliebe der Künstler so angenehm sind.

Emma, die geboren war, um auf der literarischen Bühne zu glänzen, durch ihr unwiderstehliches Schicksal aber auf die politische Bühne gedrängt worden, ward bei jeder Gelegenheit wieder die feurige, leidenschaftliche Schauspielerin, bereit, ihre Schöpfungen des künstlichen Lebens, welche man Julie, Lady Macbeth oder Cleopatra nennt, in das wirkliche Leben überzutragen.

Dann widmete sie ihrem erloschenen Traum alle Seufzer ihres Herzens und fragte, ob die dramatischen Triumphe einer Siddans und einer Rancourt nicht mehr werth seien als die königlichen Apotheosen der Lady Hamilton.

Dann erwachte in ihr, mitten unter den Lobsprüchen der Zuhörer, ja selbst den Liebkosungen der Königin, eine tiefe Traurigkeit, und wenn sie sich gehen ließ, so verfiel sie in jene Melancholie, welche bei ihr ein neuer verführerischer Reiz war.

Die Königin aber, welche mit Recht glaubte, daß diese Melancholie nicht frei von Sehnsucht und selbst von Reue sei, trieb sie schnell irgend einem neuen Triumph entgegen, von welchem berauscht sie die Augen von der Vergangenheit abwendete, um nur noch in die Zukunft zu schauen.

So faßte sie auch jetzt sie beim Arme und schüttelte sie, wie man thut, um eine Nachtwandlerin aus dem magnetischen Schlafe aufzurütteln.

»Nicht geträumt!« sagte sie zu ihr.

»Du weißt, daß ich dies nicht liebe. Singe oder tanze! Ich habe Dir schon gesagt, daß Du diesen Abend nicht Dir selbst, sondern uns gehörst. Also sing oder tanze!«

»Wenn Ew. Majestät erlaubt,« sagte Emma, »so werde ich singen. Ich spiele diese Scene niemals, ohne nach einige Zeit ein nervöses Zittern zu behalten, welches mich aller physischen Kraft beraubt, dagegen aber meiner Stimme einen ganz besonders ergreifenden Ausdruck gibt. Was soll ich singen? Ich stehe zu Befehl.«

»Singe etwas aus jener Handschrift der Sappho, die man kürzlich im Herculanum gefunden. Hast Du mir nicht gesagt, daß Du mehrere ihrer Dichtungen in Musik gesetzt?«

»Eine einzige, Madame; aber —«

»Was willst Du sagen?« fragte die Königin.

»Dieser Gesang, der eigentlich nur für uns in unsern vertrauten Augenblicken bestimmt ist,« sagte Emma leise.

»Du meinst das Lied auf das geliebte Weib, nicht wahr?« fragte die Königin eben so leise.

Emma lächelte und betrachtete die Königin mit einem eigenthümlichen Ausdruck von Lüsternheit.

»Sehr richtig,« sagte die Königin. »Singe dieses; ich will es.«

Dann, indem sie Emma ganz verblüfft über den Ton, womit sie gesagt: »Ich will es,« stehen ließ, rief sie den Herzog von Rocca Romana, welcher, wie man versicherte, der Gegenstand einer jener zärtlichen und vorübergehenden Launen gewesen, welchen die Semiramis des Südens eben so unterworfen war, wie die Semiramis des Nordens, begann sie, nachdem sie ihn neben sich auf dem Sopha Platz nehmen lassen, mit ihm ein Gespräch, welches, wenn auch mit leiser Stimme geführt, doch nicht wenig lebhaft zu sein schien.

Emma warf einen Blick auf die Königin, verließ rasch den Solon und trat wenige Augenblicke später wieder ein. Sie trug jetzt einen Lorbeerkranz im Haare, einen rothen Mantel auf den Schultern und in ihrem runden Arme jene lesbische Lyra, welche kein Weib wieder zu berühren gewagt, seitdem die Muse von Mitylene sie, indem sie sich vom leukadischen Felsen hinabstürzte, ihren Händen entfallen ließ.

Ein Ruf des Erstaunens entrang sich Aller Munde. Man erkannte sie kaum.

Es war dies nicht mehr die sanfte, portische Julie. Eine verzehrendere Flamme als die, welche die rächende Venus in den Augen Phädras entzündete, sprühte ans ihren Augen.

Mit raschem Schritte, der etwas Männliches hatte, näherte sie sich, indem sie zugleich einen unbekannten Wohlgeruch um sich her verbreitete.

Alle unreinen Leidenschaften des Alterthums, die Myrrhas für ihren Vater, die Pasiphaë’s für den Stier von Kreta, schienen mit ihrer frechen Schminke das Antlitz der Künstlerin übertüncht zu haben. Es war die Jungfrau, welche sich gegen die Liebe empört, erhaben in ihrer verbrecherischen Auflehnung Sie blieb vor der Königin stehen und mit einer Leidenschaft, welche die Saiten der Lyra erdröhnen ließ, als ob sie von Erz wären, sank sie auf einen Sessel und sang nach einer wilden Melodie folgende von ihr in’s Französische übertragene Worte:

 
»Assis à tes côtés, celui-là qui soupire,
Ecoutant de ta voix les sons melodieux,
Celui-là qui te voit, o rage! lui soiire,
Celui-là, je le dis, il est l’egal des dieux!
 
 
»Dès que je t’aperçois, la voix manquae à ma lévre,
ma langue se dessèche et veut en vain parler.
Daus mes tempes en feu j’entends battre la fièvre,
Et me sens tout ensemble et trausir et brûler.
 
 
»Plus pâle que la fleur qui se soutient à peine,
Quand le Lion brûlant la sècha tout un jour.
Je tremble, je pâlis, je reste hors d’haleine,
Et meurs, sans expirer, de désir et d’amour.«
 

(Wer an deiner Seite sitzt, wer seufzend die melodischen Töne deiner Stimme hört; wer, o Wahnsinn! Dich ihm lächeln sieht, der, sage ich, ist den Göttern gleich!

Sobald ich Dich erblicke, mangelt die Stimme meiner Lippe; meine Zunge vertrocknet und will vergebens sprechen. In meinen brennenden Schläfen höre ich das Fieber pochen und fühle, wie flammendes Entzücken mich verzehrt.

Bleicher als die Blume, welche sich kaum aufrecht hält, wenn der glühende Löwe sie einen ganzen Tag gedörrt hat, zittere ich, bleich und athemlos, und sterbe, ohne zu verhauchen, vor Begier und Liebe.)

Mit den letzten Schwingungen ihrer Saiten glitt die Lyra von den Knien der Dichterin auf den Teppich und ihr Kopf neigte sich rückwärts über die Lehne des Sessels.

Die Königin, welche schon von der zweiten Strophe an Rocca Romana von sich entfernt hatte, kam, noch ehe der letzte Vers zu Ende war, herbeigeeilt und richtete in ihren Armen die Sängerin empor, deren Kopf träg auf ihre Schulter sank, als ob sie ohnmächtig wäre.

Diesmal wußte man einen Augenblick lang nicht, ob man applaudieren sollte. In einem Kampfe aber, wo jeder moralische Gedanke der feurigen Exaltation der Sinne weichen mußte, ward die Schamhaftigkeit bald besiegt. Männer und Frauen umringten Emma. Jeder wetteiferte, einen Blick, ein Wort von ihr zu erhaschen, ihre Hand, ihr Haar, ihre Kleider zu berühren.

Nelson that wie die Uebrigen und zitterte noch mehr als diese, denn er war verliebter.

Die Königin nahm den Lorbeerkranz von Emma’s Haupte und setzte ihn auf das Nelson’s.

Er riß ihn, als ob er sich dadurch glühend berührt fühlte, herab und drückte ihn an sein Herz.

In diesem Augenblick fühlte die Königin eine Hand, welche sie am Arm faßte. Sie drehte sich herum; es war Acton.

»Kommen Sie,« sagte er zu ihr, »kommen Sie, ohne einen Augenblick zu verlieren, Gott thut für uns mehr, als wir hoffen konnten.«

»Meine Damen,« sagte die Königin, »in meiner Abwesenheit – denn ich bin gezwungen mich auf einige Augenblicke zu entfernen – in meiner Abwesenheit ist Emma Königin. Ich lasse Ihnen anstatt der Macht das Genie und die Schönheit zurück.«

Dann flüsterte sie Nelson ins Ohr:

»Sagen Sie ihr, sie solle Ihnen den Shawltanz vortanzen, den sie mir vortanzen sollte. Sie wird es thun.«

Dann folgte sie Acton und verließ Emma berauscht von Stolz, und Nelson wahnsinnig vor Liebe.

Siebentes Capitel.
Gott lenkt

Die Königin folgte Aeton, denn sie begriff, daß in der That etwas Ernstes vorgehen mußte, weil er sich erlaubt hatte, sie in so gebieterischer Weise aus dem Solon zu rufen.

In dem Corridor angelangt, wollte sie ihn befragen; er antwortete aber blos:

»Ich bitte, Madame, kommen Sie schnell! Wir haben keinen Augenblick zu verlieren. In einigen Minuten sollen Sie Alles erfahren.«

Acton betrat die Stufen einer kleinen Nebentreppe, welche in die Apotheke des Schlosses hinabführte. In dieser Apotheke fanden die Aerzte und Wundärzte des Königs – Vairo, Troja, Cottugno – ein ziemlich vollständiges Assortiment von Medicamenten, um den Kranken oder Verwundeten, zu welchen sie gerufen worden, die erste nothwendige Hilfe leisten zu können.

Die Königin errieth, wohin Acton sie führte.

»Es ist doch keinem meiner Kinder etwas zugestoßen?« fragte sie.

»Nein, Madame, beruhigen Sie sich,« sagte Acton, »und wenn wir ein Experiment zu machen haben, so können wir es wenigstens in anima vili vornehmen.«

Acton öffnete die Thür. Die Königin trat ein und warf einen raschen Blick in das Zimmer.

Auf einem Bett lag ein Ohnmächtiger.

Mit mehr Neugier als Furcht näherte sie sich demselben.

»Ferrari!« rief sie.

Dann drehte sie sich mit stierem Blick nach Anton herum.

»Ist er todt?« fragte sie in einem Tone, als ob sie gesagt hätte: »Haben Sie ihn umgebracht?«

»Nein, Madame,« antwortete Acton; »er ist nur ohnmächtig.«

Die Königin sah ihn an; ihr Blick verlangte eine nähere Erklärung.

»Mein Gott, Madame,« sagte Arten, »die Sache ist die einfachste von der Welt. Ich schickte verabredetermaßen meinen Secretär zu dem Postmeister von Capua und ließ diesem auftragen, dem Courier Ferrari, wenn dieser durch passierte, zu sagen, daß der König ihn in Caserta erwartete. Der Postmeister richtete dies aus. Ferrari gönnte sich nur so viel Zeit, als er brauchte, um das Pferd zu wechseln. Als er aber unter das große Thor des Schlosses kam, lenkte er, durch die Equipagen unserer Gäste beengt, sein Pferd zu kurz herum; es stürzte und der Reiter schlug mit dem Kopf an einen Eckstein. Man hob den Besinnungslosen auf und ich ließ ihn hierhertragen, indem ich zugleich sagte, man brauche keinen Arzt zu holen, weil ich das Nöthige selbst besorgen würde.«

»Aber,« sagte die Königin sofort auf Actons Gedanken eingehend, »dann brauchen wir nicht mehr ihn zu verführen, oder sein Schweigen zu erkaufen zu suchen. Wir haben nicht mehr zu fürchten, daß er spreche, und dafern er nur so lange ohnmächtig bleibt, daß wir den Brief öffnen, lesen und wieder versiegeln können, so brauchen wir dann weiter nichts. Nur, Sie verstehen dies wohl, Anton, darf er nicht erwachen, während wir bei der Arbeit sind.«

»Dafür habe ich schon gesorgt und bereits an Alles gedacht, woran Sie jetzt denken, Madame.«

»Wie so?«

»Ich habe diesem Unglücklichen zwanzig Tropfen Laudanum eingeflößt.«

»Zwanzig Tropfen.« sagte die Königin. »Ist das auch genug für einen Menschen, der an Wein und starke Getränke gewöhnt ist, wie es dieser Courier sein muß?«

»Sie haben vielleicht Recht, Madame, und man kann ihm noch zehn Tropfen mehr geben.«

Mit diesen Warten träufelte Arton zehn Tropfen von einer gelblichen Flüssigkeit in einen kleinen Löffel und flößte sie dem Bewußtlosen ein.

»Und Sie glauben,« fragte die Königin, »daß in Folge dieses Trankes er jetzt nicht wieder zur Besinnung kommen werde?«

»Wenigstens nicht in dem Grade, daß er sich von dem, was um ihn her vorgeht, Rechenschaft geben könnte.«

»Aber,« sagte die Königin, »ich sehe keine verschlossene Umhängtasche an ihm.«

»Da er ein vertrauter Bote des Königs ist,« sagte Acton, »so bringt dieser bei ihm nicht die gewöhnliche Vorsicht in Anwendung und wenn es sich um eine einfache Depesche handelt, so trägt Ferrari diese und die Antwort in einer inwendig in seiner Weste angebrachten Ledertasche.«

»Lassen Sie sehen,« sagte die Königin, ohne zu zögern.

Acton öffnete die Weste des Couriers, suchte in der betreffenden Tasche und nahm einen Brief heraus, der mit dem Privatsiegel des Kaisers von Oesterreich, das heißt, wie Acton vorausgesehen, mit einem Mark Aurel-Kopfe, verschlossen war.

»Alles geht gut,« sagte Acton.

Die Königin wollte ihm den Brief aus der Hand nehmen, um ihn zu entsiegeln.

»O nein, nein,« sagte Arten, »nicht so!«

Und indem er den Brief zurückzog, hielt er ihn in einer gewissen Höhe über die brennende Kerze, das Siegel ward allmälig weich, und eine der vier Ecken hob sich.

Die Königin fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

»Was werden wir lesen?« sagte sie.

Acton zog den Brief aus dem Couvert, verneigte sich und überreichte ihn der Königin.

Diese schlug den Brief auseinander und las laut:

»Schönbrunn den 28. September 1798.

»Werthgeschätzter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse.

»Ich antworte Eurer Majestät eigenhändig, ebenso wie Sie mir geschrieben haben. Meine, mit dem meines Hofkriegsrathes übereinstimmende Meinung ist, daß wir den Krieg gegen Frankreich nicht eher beginnen dürfen, als bis wir alle Möglichkeiten des Erfolgs beisammen haben, und eine dieser Aussichten, auf welche es mir erlaubt ist zu rechnen, ist die Mitwirkung der vierzigtausend Mann russischer Truppen unter dem Feldmarschall Suwarow, dem ich das Obercommando unserer Armeen zu übertragen gedenke. Diese vierzigtausend Mann werden aber erst gegen Ende März hier sein. Suchen Sie, mein werthgeschätzter Bruder, Cousin und Onkel, daher Zeit zu gewinnen und verzögern Sie die Eröffnung der Feindseligkeiten durch alle möglichen Mittel. Ich glaube nicht, daß Frankreich eher als wir Lust hat, Krieg zu führen. Benutzen Sie diese friedliche Stimmung. Geben Sie für das, was geschehen, einen guten oder schlechten Grund an, und im Monat April werden wir dann mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln den Feldzug beginnen

»Somit und da das Gegenwärtige keinen andern Zweck hat, mein viel geliebter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse, bitte ich Gott, Sie in seinen heiligen Schutz zu nehmen.

»Franz.«

»Das ist aber etwas ganz Anderes, als wir erwarteten,« sagte die Königin.

»Was mich betrifft, Madame,« entgegnete Acton, »so habe ich niemals geglaubt, daß Se. Majestät der Kaiser vor nächstem Frühling einen Feldzug beginnen würde.«

»Was sollen wir nun thun?«

»Ich erwarte Ew. Majestät Befehle.«

»Sie kennen, General, die Gründe, aus welchen ich einen sofortigen Krieg wünsche.«

»Wollen Ew. Majestät auch die Verantwortlichkeit dafür übernehmen?«

»Welche Verantwortlichkeit soll ich bei einem solchen Briefe übernehmen?«

»Der Brief des Kaisers wird sein, was wir wünschen, daß er sei.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Das Papier, sagt das Sprichwort, ist geduldig, und man kann es sagen lassen, was man will. Die ganze Frage ist, zu berechnen, ob es besser ist, den Krieg sofort oder erst später zu beginnen, anzugreifen oder zu warten, bis wir angegriffen werden.«

»Hierüber kann nach meiner Ansicht nur eine Meinung zwischen uns herrschen. Wir kennen den Zustand, in welchem sich die französische Armee befindet. Gegenwärtig kann sie uns nicht widerstehen; wenn wir ihr aber Zeit lassen, sich zu organisieren, so sind wir es, die keinen Widerstand werden leisten können.«

»Und mit diesem Briefe halten Sie es für unmöglich, daß der König in’s Feld rücke?«

»Der Königs Dieser wird nur zu froh sein, einen Vorwand zu finden, um in Neapel bleiben zu können«

»Dann, Madame, kenne ich nur ein Mittel,« sagte Acton in entschlossenem Tone.

»Welches?«

»Es besteht darin, daß wir den Brief das Gegentheil von dem sagen lassen, was er jetzt sagt.«

Die Königin faßte Acton beim Arme.

»Ist dies möglich?» fragte sie, indem sie ihn starr ansah.

»Nichts leichter, als dies.«

»Erklären Sie mir es. – Doch warten Sie.«

»Warum?«

»Hörten Sie nicht« wie dieser Mensch stöhnte?«

»Was kommt weiter darauf an?«

»Er richtet sich auf seinem Bette empor.«

»Aber nur, um wieder niederzusinken; sehen Sie.«

Und in der That sank der unglückliche Ferrari ächzend auf seinem Bette zurück.

»Also Sie sagten?« hob die Königin wieder an.

»Ich sage, das Papier dieser Depesche ist dick, farblos und nur auf einer Seite beschrieben.«

»Nun, und?«

»Nun, mit Hilfe einer Säure kann man die Schrift entfernen, indem man von der Hand des Kaisers blos die drei letzten Zeilen und die Unterschrift stehen läßt. Dann kann man statt der ausgetilgten Schrift anstatt des Rathes, die Feindseligkeiten erst im Monate April zu beginnen, die Aufforderung hineinschreiben, dieselben unverweilt zu eröffnen.«

»Aber was Sie mir da vorschlagen, General, ist etwas sehr Bedenkliches.«

»Deshalb sagte ich auch, daß es nur der Königin zukomme, eine solche Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen.«

Die Königin dachte einen Augenblick nach, ihre Stirn runzelte sich, ihre Augenbrauen zogen sich zusammen, ihr Auge gewann einen harten Ausdruck, ihre Hand ballte sich.

»Es ist gut,« sagte sie. »Ich übernehme die Verantwortlichkeit.«

Acton sah sie an.

»Ich habe Ihnen gesagt, daß ich die Verantwortlichkeit übernehme; an’s Werk!«

Acton näherte sich dem Bett des Verwundeten, fühlte ihm an den Puls, drehte sich dann nach der Königin herum und sagte:

»Unter zwei Stunden wird er nicht wieder zu sich kommen.«

»Bedürfen Sie etwas?« fragte die Königin, als sie bemerkte, daß Arton sich umschaute.

»Ich brauche ein Kohlenbecken, Feuer und ein Plätteisen.«

»Weiß man, daß Sie hier bei dem Verwundeten sind?«

»Ja.«

»Nun dann klingeln Sie und verlangen Sie die Gegenstände, deren Sie bedürfen.«

»Aber man weiß nicht, daß Sie hier sind, Majestät.«

»Das ist wahr,« sagte die Königin.

Und sie versteckte sich hinter den Fenstervorhang.

Acton klingelte.

Es war nicht ein Diener, welcher eintrat, sondern sein Secretär.

»Ah, Sie sind es, Dick?« sagte Acton.

»Ja, gnädiger Herr. Ich glaubte, Sie bedürften etwas, was Ihnen ein Diener, vielleicht nicht schaffen könnte.«

»Sie haben Recht. Verschaffen Sie mir vor allen Dingen und so schnell als möglich ein Becken, glühende Kohlen und ein Plätteisen.«

»Ist dies Alles, gnädiger Herr?«

»Ja, für den Augenblick. Sie werden sich aber nicht entfernen, denn ich werde Ihrer wahrscheinlich später wieder bedürfen.«

Der junge Mann verließ das Zimmer, um die empfangenen Befehle auszuführen, und Acton schloß die Thür hinter ihm.

»Sind Sie dieses jungen Mannes sicher?« fragte die Königin.

»Wie meiner selbst, Madame.«

»Wie heißt er?«

»Richard Menden.«

»Aber Sie nannten ihn ja Dick.«

»Dies ist die englische Abkürzung von Richard.«

»Ja, das ist wahr.«

Fünf Minuten später hörte man Jemanden die Treppe heraufkommen.

»Es ist Richard,« sagte Acton, »und Sie brauchen sich daher nicht wieder zu verstecken, Madame. Uebrigens werden wir seiner auch sogleich bedürfen.«

»Warum?«

»Wenn es sich darum handelt, den Brief umzuschreiben, so kann dies weder von Eurer Majestät noch von mir geschehen, weil der König unsere Handschriften kennt. Wir müssen uns zu diesem Zwecke vielmehr dieses jungen Mannes bedienen.«

»Sie haben Recht.«

Die Königin setzte sich so, daß sie der Thür den Rücken zukehrte.

Der junge Mann trat mit den drei verlangten Gegenständen ein, die er in der Nähe des Kamins niedersetzte. Dann ging er wieder hinaus, ohne, wie es schien, bemerkt zu haben, daß eine Person im Zimmer war, welche er bei seinem ersten Eintreten nicht gesehen.

Acton verschloß die Thür zum zweiten Mal hinter ihm, legte das Plätteisen auf die Kohlen, öffnete den Schrank, in welchem sich die Apotheke befand, nahm aus derselben ein kleines Fläschchen mit Oxalsäure, schnitt von einer Schreibfeder die Fahne ab, um mit derselben die Flüssigkeit auf das Papier zu streifen, faltete den Brief so, daß die drei letzten Linien die kaiserliche Unterschrift von jeder Berührung der Flüssigkeit frei bleiben mußten, goß dann die Säure auf den Brief und strich sie mit der Feder gleichmäßig nach allen Richtungen.

Die Königin verfolgte diese Operation mit einer Neugier, die nicht ganz frei von Unruhe war, denn sie fürchtete, daß das Experiment gar nicht oder doch nicht in geeigneter Weise gelingen würde. Zu ihrer großen Befriedigung aber sah sie unter der Einwirkung der Flüssigkeit die Tinte erst gelb, dann grau werden und zuletzt ganz verschwinden.

Acton zog sein Tuch aus der Tasche, ballte es zusammen und betupfte den Brief damit.

Nachdem dies geschehen, war das Papier vollkommen weiß geworden. Aeton nahm das Plätteisen, legte den Brief auf ein Heft Papier und bügelte ihn, wie man ein Stück Wäsche plättet.

»So,« sagte er; Während nun das Papier vollends trocknet, wollen wir die Antwort Sr. Majestät des Kaisers von Oesterreich abfassen.«

Die Königin war es, welche diese Antwort diktierte.

Dieselbe lautete Wort für Wort folgendermaßen:

»Schönbrunn, den 28. September 1798.

»Werthgeschätzter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse!

»Nichts konnte mir angenehmer sein, als der Brief, welchen Sie mir geschrieben und, in welchem Sie mir versprechen, sich in allen Dingen nach meinem Rathe zu richten.

»Die Nachrichten, welche ich aus Rom erhalten, melden mir, daß die französische Armee dort sich in dem erbärmlichsten Zustande befindet. Mit der Armee von Oberitalien ist ganz dasselbe der Fall.

»Nehmen Sie, mein werthgeschätzter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse, die eine auf sich, ich werde auf mich die andere nehmen. Sobald ich erfahren, daß Sie in Rom eingerückt sind, rücke ich mit hundertvierzigtausend Mann in’s Feld. Sie haben Ihrerseits sechzigtausend, ich erwarte vierzigtausend Mann Russen. Dies ist mehr, als nöthig ist, damit der nächste Friedensschluß, anstatt der Friede von Campo Formio, der Friede von Paris heiße.«

»Ist es so recht?« fragte die Königin.

»Ausgezeichnet!« sagte Acton.

»Dann gibt es also nun weiter nichts zu thun, als dieses Concept aufs Reine zu schreiben.«

Acton überzeugte sich, daß das Papier vollkommen trocken war, ließ mit Hilfe des Plätteisens den schützenden Bruch verschwinden, ging abermals nach der Thür und rief Dick.

Wie er vorausgesehen, hatte sich der junge Mann blos so weit entfernt, daß er es sofort hören mußte, wenn man ihn rief.

»Hier bin ich gnädiger Herr,« sagte er.

»Setzen Sie sich hierher, an diesen Tisch,« sagte Acton, »und schreiben Sie, was hier auf diesem Blatte steht, auf diesen Brief, wobei Sie jedoch bedacht sein müssen, Ihre Hand ein wenig zu verstellen.«

Der junge Mann setzte sich, ohne eine Frage zu thun, und ohne, wie es schien, sich zu wundern, an den Tisch, ergriff, als ob es sich um die einfachste Sache von der Welt handelte, die Feder, vollzog den ihm ertheilten Befehl und erhob sich, fernerweite Instructionen erwartend.

Acton betrachtete das Papier beim Schein der brennenden Kerzen. Nichts verrieth die mit dem Briefe vorgegangene Fälschung. Er steckte den Brief wieder in das Couvert hielt das Siegel über die Flamme, so daß es wieder weich ward, brachte dann um jede Spur von der stattgehabten Eröffnung des Briefes zu vertilgen, auf die erste Schicht Siegellack eine zweite und drückte dann das Petschaft darauf, welches er nach dem des Kaisers hatte stechen lassen.

Nachdem dies geschehen, steckte er den Brief wieder in die Ledertasche, knüpfte die Weste des Couriers zu, nahm dann ein Licht und untersuchte nun erst die Wunde des Mannes.

Er hatte eine bedeutende Contusion am Kopfe. Die Haut war unter dem Haar etwa zwei Zoll lang ausgerissen, der Hirnschädel selbst jedoch unversehrt.

»Dick,« sagte Acton, »hören Sie genau, was ich Ihnen jetzt auftrage.«

Der junge Mann verneigte sich.

»Schicken Sie jetzt nach Santa Maria nach einem Arzte. Bis derselbe kommt, was nicht unter einer Stunde wird geschehen können, flößen Sie diesem Manne löffelweise einen Absud von grünem Kaffee ein.«

»Zu! Befehl, Excellenz.«

»Der Arzt wird glauben, es seien die Salze, welche er, ihn wird athmen lassen, oder der Aether, womit er ihm die Schläfe reiben wird, was den Verwundeten wieder zum Bewußtsein gebracht hat. Sie werden ihn dies immerhin glauben lassen. Er wird den Verwundeten verbinden, der dann je nach dem Zustande seiner Kräfte seinen Weg zu Fuße oder zu Wagen weiter fortsetzen wird.«

»Ja, Excellenz.«

»Der Verwundete,« fuhr Acton jedes seiner Worte betonend fort,« ist nach seinem Sturze von den Leuten des Hauses aufgehoben, auf Ihren Befehl in die Apotheke getragen und von Ihnen und dem Arzte behandelt worden. Er hat weder mich noch die Königin gesehen, und die Königin und ich wir haben ihn nicht gesehen. Sie verstehen wohl?«

»Ja, Excellenz.«

»Und nun,« sagte Acton, indem er sich nach der Königin herumdrehte, »können Sie die Dinge ihren Gang gehen lassen, und ohne Besorgniß in den Solon zurückkehren. Alles wird ausgeführt werden, wie es angeordnet worden.«

Die Königin warf einen letzten Blick auf den Secretär. Sie fand, daß er die intelligente und entschlossene Miene eines Mannes besaß, welcher berufen ist, dereinst sein Glück zu machen.

Als die Thür sich geschlossen hatte, sagte die Königin:

»Sie haben da einen kostbaren jungen Mann, General.«

»Er gehört nicht mir, sondern Ihnen Madame, wie Alles, was ich besitze,« antwortete Acton.

Und er verneigte sich, indem er die Königin an sich vorbeigehen ließ.

Als er wieder in den Solon trat, ließ Emma Lyonna, in einen purpurrothen Kashemir mit goldenen Fransen gehüllt, sich mitten unter dem wahnsinnigen Beifall der Zuschauer, ganz nach Art einer Ballettänzerin, welche ihren schönsten Erfolg feiert, auf ein Sopha niedersinken.

In der That hatte nie eine Tänzerin des San Carlo-Theaters ihr Publikum in einen ähnlichen Rausch versetzt. Der Kreis, in dessen Mitte sie den Tanz begonnen, hatte sich ihr, allmälig der unwiderstehlichen Anziehungskraft folgend, genähert, so daß ein Augenblick eingetreten war, wo, weil ein jeder begierig war sie zu sehen und sie zu berühren, den von ihr ausströmenden Wohlduft zu athmen ihr nicht blos der Raum, sondern auch die Luft gemangelt hatte.

Mit halberstickter Stimme »Platz! Platz!« rufend, war sie daher unter wollüstigen Zuckungen auf das Sopha niedergesunken, wo die Königin sie jetzt fand.

Beim Anblick der Königin theilte sich die Menge, um sie zu ihrer Favoritin gelangen zu lassen. Der Beifall verdoppelte sich. Man wußte, daß man nur Emma’s Anmuth, Talent und Zauberkraft zu rühmen brauchte, um Karolinens Gunst zu erwerben.

»Nach dem was ich sehe und höre,« sagte die Königin, »hat Emma ihr Wort gehalten. Jetzt gilt es, sie ausruhen zu lassen. Uebrigens ist es ein Uhr Morgens und Caserta – ich bin Ihnen dankbar dafür, daß Sie es vergessen haben – ist mehrere Meilen von Neapel entfernt.«

Alle begriffen, daß es für sie eine Weisung war, sich zu entfernen, und daß in der That die Stunde des Abschieds gekommen sei. Man faßte alle Vergnügungen des Abends in einem letzten Ausdruck enthusiastischer Bewunderung zusammen, die Königin reichte vier oder fünf der am meisten Bevorzugten – der Fürst Maliterno und der Herzog von Rocca-Romana waren unter dieser Zahl – die Hand zum Kusse, hielt Nelson und seine beiden Freunde, welchen sie einige Worte allein zu sagen hatte, zurück, rief dann die Marquise von San Clemente und sagte:

»Liebe Elena, übermorgen haben Sie Dienst bei mir.«

»Morgen, wollen Ew. Majestät sagen, denn, wie Sie uns eben bemerklich gemacht haben, es ist ein Uhr Morgens. Ich schätze die mir in Aussicht gestellte Ehre zu hoch, als daß ich dieselbe um einen Tag verzögert sehen möchte.«

»Dann muß ich leider Ihre Erwartung täuschen, liebe Elena,« sagte die Königin mit einem Lächeln, dessen Ausdruck schwer zu errathen gewesen wäre. »Denken Sie sich, daß die Gräfin San Marco mich um die Erlaubniß gebeten hat – wohlverstanden mit Ihrer Zustimmung – Ihren Platz einzunehmen, indem sie Sie durch mich bitten läßt, den ihrigen einzunehmen, weil sie nächste Woche, ich weiß nicht was für eine wichtige Angelegenheit vorhat. Sind Sie mit diesem Tausch einverstanden?«

»Jawohl, Majestät; ich bedaure nur, wie gesagt, daß das Glück, in Ihrer Nähe zu sein, für mich sonach um einen Tag verzögert wird.«

»Nun gut, dann ist die Sache also abgemacht, den morgenden Tag haben Sie vollständig für sich, meine liebe Marquise.«

»Und ich werde diese Freiheit wahrscheinlich benutzen, um mit meinem Gemahl aufs Land zu gehen.«

»So ist’s recht,« sagte die Königin. »Das nenne ich musterhaft.«

Und sie begrüßte die Marquise, welche, von ihr zurückgehalten, die Letzte war, welche ihre Reverenz machte und den Solon verließ.

Die Königin sah sich nun mit Acton, Emma, den beiden englischen Officieren und Nelson allein.

»Mylord,« sagte sie zu Nelson, »ich habe Grund zu glauben, daß morgen oder übermorgen der König von Wien Mittheilungen erhalten werde, die in Bezug auf den Krieg mit Ihren Ansichten übereinstimmen, denn Sie sind doch immer noch der Meinung, daß man den Feldzug je eher desto lieber beginnen müsse?«

»Ich bin nicht blos dieser Meinung, Madame, sondern, wenn dieselbe Annahme findet, auch bereit, Ihnen die Mitwirkung der englischen Flotte zu leihen.«

»Wir werden von diesem Anerbieten Gebrauch machen, Mylord. Das, um was ich Sie jedoch in diesem Augenblick bitten möchte, ist etwas Anderes.«

»Eure Majestät haben nur zu befehlen. Ich bin bereit, zu gehorchen.«

»Ich weiß, Mylord, welches Vertrauen der König auf Sie setzt. Wie günstig auch für den Krieg die Antwort von Wien morgen lauten möge, so wird er doch immer noch zögern. Ein Brief von Ihnen dagegen in demselben Sinne wie der des Kaisers würde seiner Unentschlossenheit sofort ein Ende machen.«

»Soll dieser Brief an den König gerichtet werden, Madame?«

»Nein, ich kenne meinen erhabenen Gemahl. Er hat einen unüberwindlichen Widerwillen, den Rathschlägen zu folgen, welche ihm direct gegeben werden. Deshalb wünschte ich, daß dieselben lieber in einem vertraulichen Briefe an Lady Hamilton enthalten seien. Schreiben Sie daher gemeinschaftlich an diese und Sir William – an Emma als an die beste Freundin, die ich habe, an Sir William, als an den besten Freund des Königs. Wenn dieser so von zwei Seiten gefaßt wird, so wird dieses Mittel weit größere Wirkung haben.«

»Eure Majestät weiß,« sagte Nelson« »daß ich weder Diplomat noch Politiker bin. Mein Brief wird der eines Seemanns sein, welcher offen und selbst in rauher Weise sagt, was er denkt, und nichts Anderes.«

»Weiter verlange ich auch von Ihnen nichts, Mylord. Uebrigens begleiten Sie jetzt den Generalcapitän. Sie werden unterwegs sich mit einander besprechen. Da morgen früh ohne Zweifel etwas Wichtiges entschieden werden wird, so diniren Sie im Palast. Der Baron Mark wird auch mit da speisen und Sie können Ihre Bewegungen combiniren.«

Nelson verneigte sich.

»Es wird ein Diner im engeren Kreise sein,« fuhr die Königin fort. »Emma und Sir William werden auch da sein. Es gilt den König zu treiben und zu drängen. Ich würde selbst diese Nacht nach Neapel zurückkehren, wenn meine arme Emma nicht so müde wäre. Uebrigens wissen Sie,« setzte die Königin, die Stimme senkend, hinzu, »daß sie für Sie, und nur für Sie allein, mein lieber Admiral, alle jene schönen Dinge gesagt und gethan, welche Sie gesehen und gehört haben.«

Dann senkte sie die Stimme noch tiefer und sagte:

»Sie weigerte sich hartnäckig; ich sagte ihr aber, daß ich überzeugt wäre, sie würde Sie entzücken. Dieser Hoffnung gegenüber hat ihre Hartnäckigkeit nicht Stand zu halten vermocht.«

»O Madame, was sagen Sie!« rief Emma und schlug die Augen nieder.

»Nun, erröthen Sie nur nicht und reichen Sie lieber unserem Helden Ihre schöne Hand. Ich würde ihm gern die meinige geben, aber ich bin überzeugt, daß ihm die Ihrige lieber ist. Die meinige gehört daher diesen Herren.«

Und in der That reichte sie ihre beiden Hände den Officieren, welcher jeder eine küßte,« während Nelson, die Emmas vielleicht mit mehr Leidenschaft ergreifend, als die königliche Etikette gestattete, sie an seine Lippen drückte.

»Ist es wahr,« fragte er leise, »daß Sie, wie die Königin sagte, um meinetwillen sich dazu verstanden haben, zu declamiren, zu singen und jenen Tanz auszuführen, der mich vor Eifersucht fast wahnsinnig gemacht hätte?«

Emma sah ihn an, wie sie die Männer anzusehen verstand, wenn sie ihren Liebhabern den Rest von Verstand, den sie noch besaßen, vollends rauben wollte. Dann sagte sie mit einem Ausdrucke, der noch berauschender war als ihr Blick:

»Sie Undankbarer! Sie fragen noch!«

»Der Wagen Sr. Excellenz des Herrn Generalcapitäns ist bereit,« meldete ein Lakai.

»Meine Herren,« sagte Acton, »wenn es Ihnen beliebt.«

Nelson und die beiden Officiere verneigten sich.

»Haben Ew. Majestät mir noch besondere Befehle zu ertheilen?« sagte Acton in dem Augenblicke, wo sie sich entfernten, zu der Königin.

»Allerdings,« entgegnete diese, »heute Abend werden die drei Staatsinquisitoren in dem schwarzen Zimmer sein.«

Acton verneigte sich und verließ den Salon. Die beiden Officiere waren schon im Vorzimmer.

»Endlich!« sagte die Königin, indem sie ihren Arm um Emma’s Hals schlang und sie mit dem Ungestüm küßte, welches ihr ganzes Thun kennzeichnete. »Ich fürchtete schon, man würde uns nimmermehr allein lassen.«

Achtes Capitel.
Die Krippe des Königs Ferdinand

Die Ueberschrift dieses Capitels wird unsern Lesern ein wenig unverständlich erscheinen und wir wollen ihnen daher eine nähere Erläuterung darüber geben.

Eines der größten Feste in Neapel ist das Weihnachtsfest, – Natale, wie man es nennt. Drei Monate lang vorher legen sich die ärmsten Familien alle möglichen Entbehrungen auf, um einige Ersparnisse zu machen, wovon ein Theil der Lotterie anheimfällt, weil man hofft zu gewinnen und mit diesem Gewinne die heilige Nacht zuzubringen, während der andere Theil für den Fall reserviert wird, daß die Madonna der Lotterie – denn in Neapel gibt es Madonnen für Alles – unbeugsam sein sollte.

Diejenigen, welchen es nicht gelingt, einige Ersparnisse zu machen, tragen ihre armseligen Schmucksachen, ihre erbärmlichen Kleidungsstücke, ja sogar die Matratzen ihrer Betten aufs Leihhaus.

Diejenigen, welche weder Schmucksachen, noch Kleider, noch Matratzen zu versetzen haben, stehlen.

Man hat bemerkt, daß in Neapel die Zahl der Diebstähle während des Monats December allemal am bedeutendsten ist.

Jede neapolitanische Familie, wie arm sie auch sein möge, muß am Weihnachtsabende wenigstens drei Gerichte Fische auf dem Tische haben.

Am Tage nach Weihnacht leidet ein Drittel der Einwohner von Neapel an Verdauungsbeschwerden und dreißigtausend Personen lassen zur Ader.

Ueberhaupt läßt man in Neapel bei jeder Gelegenheit zur Ader.

Man läßt sich Ader, weil einem zu warm ist, weil man feiert, weil der Sirocco geht, weil der Nordwind oder Tramontane weht.

Ich habe einen kleinen, elfjährigen Laufburschen, welcher von den zehn Franks, die ich ihm monatlich gebe, sieben in die Lotterie setzt, einem Mönch, der ihm seit drei Jahren Nummern angibt, von welchen noch nicht eine einzige herausgekommen ist, eine Rente von einem Saus täglich zahlt und die noch übrigen dreißig Saus aufhebt, um sich dafür zur Ader zu lassen.

Von Zeit zu Zeit tritt er in mein Arbeitscabinet und sagt in ernstem Tone:

»Herr, ich muß zur Ader lassen.«

Und er läßt zur Ader, als ob der Schnitt der Lanzette in die Ader das größte Vergnügen von der Welt wäre.

Von fünfzig zu fünfzig Schritten stößt man in Neapel und stieß man besonders zu der Zeit, welche wir hier bemüht sind zu schildern, auf Buden von Barbieren, Salassatori, welche, wie zur Zeit Figaro’s, das Rasiermesser in der einen und die Lanzette in der andern Hand halten.

Man verzeihe uns diese Abschweifung. Der Aderlaß ist aber einmal ein Zug der neapolitanischen Sitten, den wir nicht mit Schweigen übergehen dürfen.

Kommen wir jetzt auf das Weihnachtsfest und besonders auf das zurück, was wir in Bezug auf Neapel sagen wollten.

Wir wollten sagen, daß eine der Hauptvergnügungen in Neapel bei Annäherung der Natale, ein Vergnügen, welches bei den Neapolitanern von altem Schrot und Korn sich nach bis auf den heutigen Tag erhalten hat, in der Anfertigung von Krippen besteht.

Im Jahre 1798 gab es in Neapel wenig große Häuser, die nicht ihre Krippen gehabt hätten, entweder eine kleine zum Ergötzen der Kinder, oder eine riesig große zur Erbauung der Erwachsenen.

Der König Ferdinand war ganz besonders berühmt wegen der Art und Weise, auf welche er seine Krippe zu machen verstand, und in dem größten Parterresaale des königlichen Palastes hatte er eine Bühne von der Größe des Théâtre français aufschlagen lassen, um seine Krippe aufzustellen.

Es war dies eine Unterhaltung, womit der Fürst von San Nicandro ihn in seiner Jugend beschäftigt, und an welcher er noch im reifen Alter mit ganz des anderer Vorliebe, ja mit einem gewissen Grad von Fanatismus hing.

In den Privathäusern bediente und bedient man sich heute noch derselben Gegenstände aus welchen die Krippen bei jeder Wiederkehr des Weihnachtsfestes zusammengesetzt werden. Der einzige Unterschied bestand blos in der Anordnung.

Bei dem König aber war es nicht so. Nachdem die königliche Krippe ein paar Monate lang der Bewunderung der Beschauer überlassen gewesen, ward sie auseinandergenommen, und der König machte aus den verschiedenen Gegenständen, woraus sie zusammengesetzt war, Geschenke für seine Günstlinge, welche dieselben als einen kostbaren Beweis der königlichen Huld betrachteten.

Die Krippen der Privatpersonen kosteten je nach den Vermögensumständen derselben fünfhundert bis zehntausend, ja sogar fünfzehntausend Francs, die des Königs Ferdinand aber kostete in Folge der Mitwirkung von Malern, Bildschnitzern, Architecten, Maschinisten und Handwerkern bis zu zwei- oder dreihunderttausend Francs.

Schon sechs Monate lang vorher beschäftigte sich der König damit und widmete die ganze Zeit, welche er nicht auf die Jagd und den Fischfang verwendete, seiner Krippe.

Die Krippe des Jahres 1798 sollte ganz besonders schön werden und der König hatte schon sehr bedeutende Summen darauf verwendet, obschon sie noch nicht ganz fertig war; deshalb hatte er den Abend vorher, weil es in Folge der Kosten, welche die Kriegsrüstungen verursacht, mit dem Gelde bei ihm sehr knapp stand, mit einem gewissen, seinem Charakter eigenthümlichen Ungestüm die Einzahlung des Antheiles verlangt, welchen das Haus Backer und Sohn bei Realisation des Wechsels aus fünfundzwanzig Millionen für seine eigene Rechnung machen wollte.

Die acht Millionen waren während des Abends gezählt und gewogen und Andreas Backer’s Versprechen gemäß während der Nacht aus den Kellern seines Bankhauses in die des königlichen Palastes transportiert worden.

Ferdinand hatte nun, heiter und guter Dinge und ohne Furcht, daß es ihm künftig an Geld fehle, seinen Freund, den Cardinal Ruffo, holen lassen, erstens um ihm seine Krippe zu zeigen und ihn zu fragen, was er dazu meine, zweitens um mit ihm die Rückkehr des Couriers Antonio Ferrari zu erwarten, welcher, pünktlich wie er war, im Laufe der Nacht in Neapel hätte ankommen sollen, und da dies nicht geschehen, höchst wahrscheinlich nicht länger als bis zum nächstfolgenden Morgen auf sich warten ließ.

Mittlerweile plauderte er mit Fra Pacifico, unserem alten Bekannten, dem seine besonders seitdem man um seinetwillen jene beiden Jacobiner geopfert, stets im Steigen begriffene Popularität die hohe Ehre verschafft, einen Platz in der Krippe des Königs Ferdinand einzunehmen.

Demzufolge standen in einer Ecke des Theiles des Saales, welcher bestimmt war, bei Eröffnung der Krippe der Zuschauerraum zu werden, Fra Pacifico und sein Esel Giacobino vor einem Bildschnitzer, der beide in Thonerde nachbildete, um die Gruppe dann in Holz auszuführen.

Wir werden sogleich sagen, welcher Platz ihnen in der großen Zusammenstellung angewiesen war, welche wir den Augen unserer Leser zu entrollen im Begriff stehen.

Versuchen wir daher, wie mühsam auch diese Aufgabe sei, eine Idee von dem zu geben, was die Krippe des Königs Ferdinand war.

Wir haben bereits gesagt, daß sie auf einem Theater von der Höhe und Tiefe des Théâtres français stand, das heißt sie war vierunddreißig Fuß lang, sechsunddreißig Fuß breit und fast eben so tief.

Dieser ganze Raum ward von den verschiedenen Figuren eingenommen, welche in mehrere Felder vertheilt, die hauptsächlichsten Scenen aus dem Leben Jesu vorstellten – von der Geburt in der Krippe in der ersten Abtheilung bis zur Kreuzigung in der letzten, welche, da sie die oberste war, beinahe die Decke berührte.

Ein Weg schlängelte sich über das ganze Theater hinweg und schien von Bethlehem nach Golgatha zu führen.

Die erste und wichtigste aller dieser Scenen, welche sich dem Auge darstellte, war, wie wir bereits gesagt haben, die Geburt Christi in der Grotte zu Bethlehem.

Die Grotte war in zwei Abtheilungen geschieden. In der einen, der größeren, befand sich die Jungfrau mit dem Jesuskind, welches sie in den Armen oder vielmehr auf den Knien hielt. Zu ihrer Rechten befand sich der Esel, welcher blökte, und zu ihrer Linken der Ochs, welcher die Hand leckte, die das Jesuskind nach ihm ausstreckte.

In der kleinen Abtheilung kniete der heilige Joseph und betete.

Ueber der großen Abtheilung standen die Worte geschrieben:

»Der Natur treu nachgebildete Grotte in Bethlehem, worin die Jungfrau gebar.«

Ueber der kleinen Abtheilung stand geschrieben:

»Höhle, in welche sich der heilige Joseph während der Geburt Christi zurückzog.«

Die heilige Jungfrau war reich in Goldbrocat gekleidet. Aus dem Kopf trug sie ein Diadem von Diamanten, Ohrringe und Armbänder von Smaragden, einen Gürtel von Edelsteinen und Ringe an allen Fingern.

Das Jesuskind hatte ein Blatt Gold um den Kopf, welches einen Heiligenschein vorstellte.

In der Abtheilung der heiligen Jungfrau und des Jesuskindes befand sich der Stamm eines Palmbaumes, welcher durch die Gewölbe ging und sich im hellen Tageslicht entfaltete. Es war dies der Palmbaum der Legende, welcher, seit langer Zeit todt und vertrocknet, in dem Augenblick, wo die Jungfrau ihn im Schmerz des Gebärens in die Arme geschlossen, wieder grüne Blätter und Früchte bekommen hatte.

An der Thür der Krippe knieten die drei Könige aus dem Morgenlande, welche dem göttlichen Kinde Schmucksachen, kostbare Gefäße und prachtvolle Stoffe darbrachten. Alle diese Schmucksachen, Gefäße und Stoffe waren echt und aus dem Schatze der Krone oder dem beurbonischen Museum entnommen.

Die drei Könige trugen den St. Januariusorden am Halse und eine große Anzahl Diener bildeten ihr Gefolge. Letztere führten sechs an eine prachtvolle Carrosse gespannte Pferde am Zaume,

Diese Grotte mit ihren Personen in halber Lebensgröße befand sich links vom Zuschauer, das heißt auf der Gartensseite, wie man in der Coulissensprache sagt.

Aus der Hofseite, das heißt rechts vom Zuschauer, sah man die drei Schäfer, welche dem Sterne folgten, und ein Seitenstück zu den drei Königen bildeten. Zwei von den drei Schäfern führten Schafe an bunten Bändern und der dritte trug in seinen Armen ein Lamm, welchem die Mutter blökend folgte.

Ueber den Schäfern im zweiten Felde sah man die Flucht nach Egypten. Die aus einem Esel sitzende heilige Jungfrau hielt das Jesuskind in den Armen, der heilige Joseph ging zu Fuße hinter ihr her, während über ihr vier in der Luft schwebende Engel sie vor der Sonnenhitze schützten, indem sie einen Mantel von blauem Sammet mit goldenen Fransen über ihrem Kopfe ausgebreitet hielten.

Ueber der Anbetung der Hirten sah man die Facade des Klosters von St. Ephraim.

Die Gruppe, welche bestimmt war, das Seitenstück zu der Flucht nach Egypten zu bilden, sollte aus Fra Pacifico und seinem Esel bestehen, die man, ebenso wie die Grotte von Bethlehem, treu der Natur nachbilden wollte. Damit diese Aehnlichkeit vollkommen sei, und Mann und Thier sofort auf den ersten Blick erkannt würden, hatte eben Fra Pacifico drei Tage vorher, als er am Largo Castello vorüber kam, einen Ruf in den Palast erhalten, wo der König ihn zu sprechen wünschte.

Fra Pacifico gehorchte, während er nachdachte, was der König von ihm wollen könne. Man hatte ihn in den Saal der Krippe geführt, und hier hatte er aus dem Munde Sr. Majestät selbst die große Ehre vernommen, welche der König dem Kloster der Kapuciner von St. Ephraim zu erzeigen gedachte, indem er den Bruder Almosensammler und seinen Esel mit in die Krippe stellte.

Fra Pacifico ward demgemäß bedeutet, daß er während der ganzen Zeit der Sitzungen, deren der Bildschnitzer bedurfte, nicht Almosen zu sammeln brauche, weil der Hausmeister des Königs seine Körbe füllen würde.

So war es schon seit drei Tagen gegangen, zur großen Befriedigung Fra Pacificos und Giacobinos, welche in ihren ehrgeizigsten Träumen niemals gehofft hatten, eines Tages die Ehre der unmittelbaren Nähe des Königs zu genießen.

Kaum kannte Fra Pacifico sich auch enthalten auszurufen: »Es lebe der König!« Giacobino, welcher seinen Bruder in der Krippe blöken hörte, mußte sich den größten Zwang anthun, um es nicht ebenso zu machen.

Die andern Scenen, welche an dem Auge des Zuschauers vorübergingen, waren: Jesus im Tempel, die Samaritanerin, der wunderbare Fischfang, Jesus auf dem Wasser gehend und den kleingläubigen Petrus stützend, Jesus und die Ehebrecherin, welche letztere, sei es nun aus Zufall oder in Folge einer cynischen Bosheit von Seiten des Königs, das blonde Haar der Königin und auch in ihren sonstigen Zügen auffallende Aehnlichkeit mit dieser hatte.

Ja der vierten Abtheilung sah man das Gastmahl bei Martha, bei welcher Gelegenheit Magdalena Christi Füße mit kostbarem Oel salbte, und mit ihrem Haar trocknete. Dann folgte der Einzug des Heilandes in Jerusalem am Palmsonntage. Leibgardisten in der Uniform des Königs bewachten die Thore der Stadt, und präsentieren vor Jesus das Gewehr.

Jerusalem bot übrigens hier noch die seltsame Erscheinung, daß es nach dem System Baudans befestigt und mit Kanonen armirt war, obschon es bekanntlich deswegen von Titus doch erobert ward.

Zu dem andern Thore Jerusalems sah man mitten unter Wachen und Leuten aus dem Volke Jesus mit dem Kreuze auf der Schulter herauskommen und nach dem Calvarienberge gehen, dessen aufeinanderfolgende Stationen mit Kreuzen bezeichnet waren.

Das Golgatha endlich schloß die Perspective links von dem Zuschauer, während die linke Seite der Krippe in derselben Abtheilung das Thal Josaphat vorstellte. Hier sah man die Todten aus ihren Gräbern mit hoffnungsvollen oder furchtsamen Geberden hervorkommen und das jüngste Gericht erwarten, zu welchem die Posaune des über ihnen schwebenden Engels sie zusammengerufen hatte.

In den Zwischenräumen und auf dem Wege, welcher durch die verschiedenen Abtheilungen hindurch von der Krippe nach dem Calvarienberge führte, sah man eine Menge Gruppen, welche mit der Archäologie nichts zu schaffen hatten – tanzende Pantaleoni, streitende Paglietti, Lazzaroni, welche sich darüber lustig machten, und endlich Polichinelle, welche ihre Maccaroni mit dem Wonnegenusse verzehrten, welchen dieses von dem Olymp auf die Erde gefallene Nahrungsmittel den Neapolitanern bereitet, bei welchen die Maccaroni die Stelle der mythologischen Ambrosia vertreten.

Kein Platz der geraden Flächen war unbenützt gelassen. Ohne Rücksicht auf den Monat, in welchem Jesus geboren ward, mähten die Schnitter ihre Ernte, während auf den schiefen Ebenen Weinlese gehalten ward oder Hirten ihre Herden weideten.

Alle diese Figuren, deren Zahl sich auf beinahe dreihundert belief, hatten, von geschickten Künstlern ausgeführt, genau die der Umgebung, in der sie sich befanden, angemessene Größe, so daß sie eine Perspective darboten, welche unermeßlich zu sein schien.

Der König ließ sich eben, während er dann und wann einen Blick auf seine Krippe warf, in welcher der Maschinenmeister des San Carlo-Theaters eben den verschiedenen Figuren ihre Platze anwies, von Fra Pacifico die Sage von dem Beccajo erzählen, welche jeden Tag riesigere Dimensionen gewann. In der That hatte der tapfere Bocktödter, nachdem er von einem, dann von zwei, dann von drei Jakobinern angefallen worden, zuletzt seine Gegner gar nicht mehr gezählt, und war, wenn man es glauben wollte, wie Fallstaff jetzt von einer ganzen Armee angegriffen worden, nur behauptete er nicht, daß dieselbe in grüne Steifleinwand gekleidet gewesen sei.

Mitten unter Fra Pacificos Erzählung trat der Cardinal Ruffo ein, welchen wie wir bereits gesagt, der König hatte rufen lassen.

Ferdinand unterbrach seine Conversation mit Fra Pacifico, um den Cardinal zu begrüßen, welcher den Mönch erkennend und wohl wissend, welches furchtbare Verbrechen derselbe veranlaßt, sich unter dem Vorwande, die Krippe des Königs zu bewundern, von ihm entfernte.

Fra Pacifico’s drei Sitzungen waren beendet. Außer den drei Ladungen Fischen, Gemüsen, Obst, Fleisch und Wein, die er aus den Vorrathskammern und Kellern des Königs erhalten und welche Giacobino, der Last fast erliegend, in das Kloster geschleppt hatte, erhielt er auf Befehl des Königs noch hundert Dukaten für jede Sitzung unter dem Titel eines Almosens. Dann verabschiedete Ferdinand ihn und bat ihn um seinen Segen. Während dann der Mönch mit vor Stolz hochklopfendem Herzen sich auf seinem Esel entfernte, näherte der König sich wieder dem Cardinal.

»Nun, Eminenz,« sagte er, »heute haben wir den vierten Oktober und von Wien noch immer keine Nachricht. Ferrari hat sich, ganz gegen seine Gewohnheit, um fünf bis sechs Stunden verspätet. Ich habe Sie auch schon holen lassen, weil ich überzeugt war, er könne nun nicht lange mehr ausbleiben.«

»Sie haben daran sehr wohl gethan, Sire,« antwortete Ruffo, »denn als ich durch den Hof schritt, sah ich ein von Schweiß triefendes Pferd in den Stall führen und bemerkte von weitem einen Mann, welchen man unter beiden Armen stützte. An seinen großen Stiefeln, an seinen ledernen Beinkleidern, an seiner mit Schnüren besetzten Jacke glaubte ich den armen Teufel zu erkennen, den Sie erwarten. Wahrscheinlich ist ihm ein Unfall zugestoßen.«

In diesem Augenblick zeigte sich ein Lakai an der Thür.

»Sire,« sagte derselbe, »der Courier Antonio Ferrari ist angekommen und erwartet in Eurer Majestät Cabinet, daß es Ihnen gefalle, die Depeschen, welche er bringt, in Empfang zu nehmen.«

»Eminenz,« sagte der König, »da kommt unsere Antwort.«

Und ohne sich erst bei dem Lakai zu erkundigen, ob Ferrari Schaden genommen oder verwundet worden sei, ging Ferdinand rasch eine geheime Treppe hinauf und befand sich mit Ruffo in seinem Cabinet, ehe der Courier, der in Folge seiner Wunde nur langsam gehen konnte und alle zehn Schritte einmal stehen bleiben mußte, dasselbe erreichte.

Einige Secunden später öffnete sich die Thür des Cabinets und Antonio Ferrari erschien, immer noch von den beiden Männern gestützt, welche ihn die Treppe hinaufgeführt, bleich und mit einer blutigen Binde um den Kopf auf der Schwelle.

Neuntes Capitel.
Pontius Pilatus

Als Ferrari den König erblickte, schob er die beiden Männer, die ihn führten, zur Seite, that, als ob die Gegenwart seines Herrn schon hinreichte, ihm die Kräfte wiederzugeben, allein drei Schritte vorwärts und zog, während die beiden Männer sich entfernten und die Thür hinter sich schlossen, mit der rechten Hand die Depesche aus der Tasche und überreichte sie dem König, während er die linke militärisch grüßend an seine Stirn legte.

»Gut,« sagte der König kurz, indem er die Depesche ergriff. »Wie es scheint, hast Du Dich abwerfen lassen, Dummkopf.«

»Sire,« antwortete Ferrari, »Eure Majestät weiß, daß es in allen Ställen des Königreichs kein Pferd gibt, welches im Stande wäre mich abzuwerfen. Mein Pferd stürzte, nicht ich, und wenn das Pferd stürzt, Sire, so muß der Reiter, und wäre er König, dasselbe thun.«

»Und wo begegnete Dir dieser Unfall?« fragte Ferdinand.

»Im Schloßhofe zu Caserta, Sire.«

»Aber was zum Teufel machtest Du denn in dem Schloßhofe zu Caserta?«

»Der Postmeister hatte mir gesagt, der König sei im Schlosse.«

»Allerdings war ich dort,« murrte der König, »aber schon um sieben Uhr Abends fuhr ich von dort wieder zurück.«

»Sire,« sagte der Cardinal, welcher Ferrari erbleichen und taumeln sah, »wenn Sie diese Befragung fortsetzen wollen, so müssen Sie diesem Manne erlauben, sich zu setzen, sonst könnte er leicht ohnmächtig werden.«

»Gut,« sagte Ferdinand. »Setze Dich, Dummkopf.«

Der Cardinal schob rasch einen Sessel herbei.

Es war die höchste Zeit. Noch einige Secunden und Ferrari wäre niedergestürzt, so aber sank er blos in den Sessel.

Als der Cardinal den Stuhl zurechtgerückt hatte, nahm der König, der über die Mühe, die Ruffo sich wegen seines Couriers gab, ganz erstaunt zu sein schien, ihn bei Seite und sagte:

»Sie haben gehört, Cardinal, in Caserta.«

»Ja, Sire.«

»Gerade in Caserta!« wiederholte der König mit Nachdruck.

Dann fuhr er zu Ferrari gewendet fort:

»Wie geschah denn Alles eigentlich?«

»Sire, es war Abendgesellschaft bei der Königin,« antwortete der Courier. »Der Hof war mit einer Menge Wagen angefüllt. Ich lenkte mein Pferd zu scharf um die Ecke und hielt es dabei nicht straff genug. Es stürzte und ich schlug mit dem Kopfe an einen Eckstein.«

»Hm!« sagte der König.

Dann drehte er den Brief mehrmals in der Hand herum, als ob er zögerte ihn zu öffnen.

»Und dieser Brief,« sagte er, »ist vom Kaiser?«

»Ja, Sire, ich mußte zwei Stunden länger warten, als ich berechnet, denn der Kaiser war in Schönbrunn.«

»Nun sehen wir, was mein Neffe schreibt. Kommen Sie, Cardinal.«

»Erlauben Sie, Sire, daß ich diesem Manne ein Glas Wasser reiche und ihm ein Riechfläschchen in die Hand gebe, dafern Ew. Majestät ihm nicht gestattet, sich in sein Zimmer zurückzuziehen, in welchem Falle ich die Leute rufen würde, die ihn hierher gebracht, um ihn wieder zurückführen zu lassen.«

»Nein, nein, Eminentissime. Sie können sich doch denken, daß ich ihn zu befragen habe.«

In diesem Augenblick hörte man an der Thür kratzen, welche aus dem Cabinet in das Schlafzimmer führte, und hinter der Thür ächzen und winseln.

Es war Jupiter, welcher Ferrari erkannte und der, um seinen Freund besorgter als Ferdinand um seinen Diener, hineingelassen zu werden verlangte.

Auch Ferrari erkannte Jupiter und streckte unwillkürlich den Arm nach der Thür aus.

»Willst Du wohl schweigen, Bestie!« rief Ferdinand, mit dem Fuße stampfend.

Ferrari ließ seinen Arm sinken.

»Sire,« sagte Ruffo, »wollen Sie nicht erlauben, daß zwei Freunde, nachdem sie einander bei der Abreise Lebewohl gesagt, bei der Ankunft einander guten Tag sagen?«

Und in der Voraussetzung, daß Jupiter bei dem Courier die Stelle eines Glases Wasser und eines Riechfläschchens vertreten würde, benutzte der Cardinal den Umstand, daß der König nachdem er die Depesche entsiegelt, sich in das Lesen derselben versenkte, um dem Hunde die Thür des Schlafzimmers zu öffnen.

Jupiter schien zu errathen, wem er diese Gefälligkeit verdankte, und daß dieselbe ihm gegen den Willen seines Herrn erzeigt worden, denn er kroch leise und so weit als möglich von dem König entfernt auf Ferrari zu, ging um den Sessel desselben herum, und versteckte sich hinter diesem – und dem darauf Sitzenden, indem er blos verstohlen seinen Kopf liebkosend zwischen den Schenkel und die Hand seines Pflegevaters schob.

»Cardinal,« sagte der König, »mein lieber Cardinal.«

»Hier bin ich, Sire,« antwortete Ruffo.

»Lesen Sie.«

Während der Cardinal den Brief ergriff, und seinerseits las, wendete der König sich wieder zu dem Courier mit der Frage:

»Hat der Kaiser diesen Brief selbst geschrieben?«

»Das weiß ich nicht, Sire,« antwortete der Courier, »wohl aber weiß ich, daß er mir ihn selbst gegeben.

»Und seitdem er ihn Dir gegeben, hat Niemand diesen Brief zu Gesicht bekommen?«

»Nein, das kann ich beschwören, Sire.«

»Du hast ihn stets bei Dir getragen?«

»Ich hatte ihn in dem Augenblick, wo ich ohnmächtig ward, in meiner Tasche und als ich wieder zu mir kam, war er noch darin.«

»Du bist also ohnmächtig gewesen?«

»Ich konnte nichts dafür; der Sturz war ein zu heftiger, Sire.«

»Und was hat man mit Dir gemacht, als Du ohnmächtig wurdest?«

»Man hat mich in die Apotheke getragen.«

»Wer hat dies gethan?«

»Signor Richard.«

»Wer ist Signor Richard? Ich kenne ihn nicht.«

»Der Secretär des Generalcapitäns Acton.«

»Und wer hat Dich verbunden?«

»Der Arzt von Santa Maria.«

»Sonst Niemand?«

»Ich habe sonst Niemand gesehen als diesen und Richard, Sire.«

Ruffo näherte sich dem Könige.

»Haben Ew. Majestät gelesen?« fragte er.

»Ja wohl,« sagte der König, »und Sie?«

»Ich habe auch gelesen.«

»Was sagen Sie dazu?«

»Ich sage, Sire, daß der Brief sehr bestimmt lautet. Die Nachrichten, welche der Kaiser von Rom erhält, sind, wie es scheint, dieselben wie die unsrigen. Er sagt, Ew. Majestät sollten die Armee des Generals Championnet auf sich nehmen; er werde mit der des Generals Joubert dasselbe thun.«

»Ja,« sagte der König, »und sehen Sie, er fügt hinzu, daß er, sobald ich in Rom sein werde, mit hundertundfünfzigtausend Mann über die Grenze rücken wird.«

»Diese Erklärung läßt keinen Zweifel zu.«

»Der Hauptinhalt des Briefes,« hob Ferdinand mit mißtrauischer Miene wieder an, »ist eben nicht von der Hand des Kaisers.«

»Nein; der Gruß aber und die Unterschrift sind eigenhändig. Vielleicht ist Se. kaiserliche Majestät Ihres Secretärs sicher genug gewesen, um ihm dieses Geheimniß anzuvertrauen.«

Der König nahm den Brief wieder aus Ruffo’s Händen und drehte ihn mehrmals herum.

»Wollen Sie mir das Siegel zeigen, Sire?«

»O,« sagte der König, »was das Siegel betrifft, so ist daran nichts auszusetzen. Es ist wirklich der Kopf des Kaisers Marcus Antonius. Ich habe ihn sofort erkannt.«

»Marcus Aurelius, wollen Sie sagen, Sire.«

»Marcus Antonius oder Marcus Aurelius,« murmelte der König, »läuft dies nicht auf Eins hinaus?«

»Nicht ganz, Sire,« entgegnete Ruffo lächelnd. »Dies ist jedoch nicht die Frage, um welche es sich jetzt handelt. Die Adresse ist von der Hand des Kaisers, die Unterschrift ist von der Hand des Kaisers – in der That, Sire, mehr können Sie nicht verlangen. Haben Sie noch weitere Fragen an Ihren Courier zu richten?«

»Nein, er möge gehen und sich verbinden lassen.«

Mit diesen Worten drehte der König seinem Courier den Rücken.

»Das sind die Menschen« für welche man sich todtschlagen läßt,« murmelte Ruffo, indem er sich nach der Klingelschnur bewegte.

Auf den Ruf der Glocke trat der dienstthuende Lakai ein.

»Ruft einmal die beiden Lakaien zurück, welche Ferrari hierhergeführt haben,« sagte der Cardinal.

»O« ich danke, Eminenz,« bemerkte der Courier. Ich habe mich so ziemlich wieder erholt, und werde mein Zimmer recht wohl allein erreichen können.«

In der That erhob sich Ferrari, verneigte sich gegen den König und lenkte, von Jupiter gefolgt, seine Schritte nach der Thür.

»Hierher, Jupiter!« rief der König.

Jupiter blieb nur halb gehorchend stehen, begleitete Ferrari mit den Augen, bis dieser im Vorzimmer war, und legte sich dann winselnd unter den Tisch des Königs.

»Nun, Dummkopf, was willst Du?« fragte Ferdinand den Lakai, der immer noch an der Thür stand.

»Sire,« antwortete dieser fast erschrocken, »Se. Excellenz Sir William Hamilton, der Gesandte Englands, läßt fragen, ob Ew. Majestät ihm die Ehre erzeigen will, ihn zu empfangen.«

»Zum Henker! weißt Du nicht, daß ich ihn stets empfange?«

Der Lakai entfernte sich.

»Soll ich mich zurückziehen, Sire?« fragte der Cardinal.

»Nein, durchaus nicht, Eminentissime, Sie bleiben. Die Feierlichkeit, womit man diese Audienz von mir verlangt, verräth eine officielle Mittheilung und es wird mir höchst wahrscheinlich lieb sein, Sie über diese Mittheilung zu Rathe ziehen zu können.«

Die Thür öffnete sich wieder.

»Se. Excellenz der Gesandte des englischen Hofes,« sagte der Lakai, ohne sich wieder zu zeigen.

»Zitto!« sagte der König, indem er den Brief des Kaisers dem Cardinal zeigte und dann in die Tasche steckte.

Der Cardinal machte eine Geberde, welche so viel bedeutete wie: »Sire, diese Ermahnung ist überflüssig.«

Sir William Hamilton trat ein.

Er grüßte den König und dann den Cardinal.

»Seien Sie mir willkommen,« sagte der König, »und zwar um so willkommener, als ich Sie in Caserta glaubte.«

»Ich war allerdings dort, Sire, die Königin hat uns aber die Ehre erzeigt, Lady Hamilton und mich in ihrem Wagen mit zurückzunehmen.«

»Ah, die Königin ist also wieder da?«

»Ja, Sire.«

»Sind Sie schon lange zurück?«

»Nein, erst seit einigen Augenblicken und da ich Eurer Majestät eine Mittheilung zu machen habe —«

Der König sah Ruffo an und blinzelte mit dem Auge.

»Ist es eine geheime Mittheilung?« fragte er.

»Das kommt darauf an, Sire,« hob Sir William an.

»Wohl in Bezug auf den Krieg.« fragte der König.

»Sehr richtig, Sire, in Bezug auf den Krieg.«

»In diesem Falle können Sie in Gegenwart Sr. Eminenz sprechen. Wir unterhielten uns eben über diesen Gegenstand, als man Sie meldete.«

Der Cardinal und Sir William begrüßten sich, was sie nur thaten, wenn sie nicht anders konnten.

»Wohlan,« sagte Sir William, die Conversation wieder anknüpfend, »Lord Nelson hat den gestrigen Abend in Caserta zugebracht und uns, Lady Hamilton und mir, einen Brief zurückgelassen, welchen ich für meine Pflicht halte Eurer Majestät mitzutheilen.«

»Ist dieser Brief englisch geschrieben?«

»Lord Nelson spricht nur diese Sprache, wenn aber Eure Majestät es wünschen, so werde ich die Ehre haben, Ihnen den Brief in’s Italienische zu übersetzen.«

»Lesen Sie, Sir William,« sagte der König; »wir hören.«

Und in der That gab der König, um den von ihm gebrauchten Plural zu rechtfertigen, Ruffo einen Wink, ebenfalls mit zuzuhören.

Der Brief – ein historisches Aktenstück von der größten Bedeutung, weil er es war, wodurch Ferdinand der Vierte sich bestimmen ließ, Frankreich den Krieg zu erklären – lautete wie folgt:

»An Lady Hamilton.

»Neapel« den 3. October 1798.

»Mylady.

»Das Interesse, welches Sie und Sir William Hamilton stets für Ihre sicilischen Majestäten gehegt, ist seit sechs Jahren meinem Herzen eingegraben und ich kann in Wahrheit sagen, daß ich bei allen Gelegenheiten, welche sich dargeboten, und dieselben sind zahlreich gewesen, niemals aufgehört habe, meine aufrichtige Sympathie für das Glück dieses Königreichs kundzugeben.

»In Folge dieser Anhänglichkeit Mylady, kann ich gegen das, was in dem Königreich der beiden Sicilien vorgegangen ist und gegenwärtig darin vorgeht, ebensowenig gleichgültig bleiben, wie gegen das Unglück, welches nach dem, was ich, ohne Diplomat zu sein, klar voraussehe, dieses ganze so loyale Land heimsuchen wird und zwar in Folge der schlechtesten Politik, die es geben kann, nämlich der des Zauderns.

»Seit meiner Ankunft in diesen Meeren, das heißt seit dem letztvergangenen Monat Mai, habe ich in dem sicilianischen Volke ein seinem Monarchen treuergebenes Volk kennen gelernt, welches die Franzosen und die Grundsätze derselben gründlich verabscheut. Seit meinem Verweilen in Neapel habe ich dieselbe Erfahrung gemacht und die Neapolitaner vom ersten bis zum letzten bereit gefunden, Krieg gegen die Franzosen zu führen, welche, wie man weiß, eine Armee von Räubern organisiren, um dieses Königreich zu plündern und die Monarchie zu stürzen.

»Und in der That ist die Politik Frankreichs nicht immer die gewesen, die Regierungen in trügerische Sicherheit zu wiegen und dann zu vernichten? Und wie ich schon versichert habe, weiß man vielleicht nicht, daß Neapel das Land ist, welches die Franzosen vorzugsweise der Plünderung preisgeben möchten.

»Da ich dies weiß und mir zugleich bekannt ist, daß Seine sicilische Majestät eine mächtige Armee besitzt, welche, wie man mir versichert, bereit ist, in ein Land zu rücken, welches ihr die Arme öffnet und wobei sich der Vortheil bietet, den Krieg anderwärts hinzutragen, anstatt ihn hier festen Fußes zu erwarten, so wundere ich mich, daß diese Armee nicht schon seit einem Monat auf dem Marsche ist.

»Ich hoffe ganz bestimmt, daß die so glückliche Ankunft des Generals Mack die Regierung drängen wird, den günstigsten Augenblick zu benutzen, welchen die Vorsehung ihm gewährt hat, denn wenn er wartet, bis er hier angegriffen wird, anstatt den Krieg nach auswärts zu tragen, so braucht man kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, daß diese Königreiche verloren sind und die Monarchie vernichtet wird.

»Wenn nun unglücklicher Weise die neapolitanische Regierung bei diesem verwerflichen und unheilvollen System des Zauderns beharrt, so empfehle ich Ihnen, meine Freundin, Ihre Kostbarkeiten und Ihre Personen bei der ersten Nachricht von einer Invasion zum Einschiffen bereit zu halten. Es ist meine Pflicht an Ihre Sicherheit zu denken und dafür zu sorgen. Es thut mir leid, bedenken zu müssen, daß dies auch in Bezug auf die liebenswürdige Königin von Neapel und ihre Familie nothwendig werden kann; das Beste aber wäre, wenn die Worte des großen William Pitt: »Die kühnsten Maßregeln sind stets die sichersten,« zur Richtschnur für die Handlungsweise der Minister dieses Landes würden.

»Dies, Mylady, ist der aufrichtige Wunsch Ihres ergebenen Bewunderers und Freundes

Horaz Nelson.«

»Ist dies Alles?« fragte der König.

»Es ist noch eine Nachschrift da, Sire,« antwortete Sir William.

»Lassen Sie uns die Nachschrift hören. Es müßte denn —«

Er machte eine Bewegung, welche unverkennbar sagen wollte:

»Es müßte denn sein, daß dieselbe blos für Lady Hamilton bestimmt wäre.«

Sir William nahm den Brief sofort wieder zur Hand und beeilte sich weiter zu lesen:

»Ich bitte Sie, Mylady, diesen Brief für Sir William Hamilton, an welchen ich mit aller ihm gebührenden Ehrfurcht schreibe, als einen Beweis der festen und unabänderlichen Meinung eines englischen Admirals zu betrachten, welcher seine Treue gegen seinen Monarchen zu bethätigen wünscht, indem er zugleich für das Glück Ihrer sicilischen Majestäten und ihres Königreichs Alles thut, was in seinen Kräften steht.«

»Ist dies nun Alles?« fragte der König wieder.

»Ja, Sire,« antwortete Sir William.

»Dieser Brief verdient, daß man darüber nachdenket,« sagte der König.

»Er enthält die Rathschläge eines wahrhaften Freundes,« antwortete Sir William.

»Ich glaube, Lord Nelson hat versprochen, uns mehr als Freund zu sein, mein lieber Sir William. Er hat versprochen, unser Bundesgenoß zu sein.«

»Und er wird sein Versprechen halten. So lange als Lord Nelson und seine Flotte das tyrrhenische und sicilische Meer halten, haben Eure Majestäten nicht zu fürchten, daß Ihre Küsten durch ein einziges französisches Schiff isultirt werden; er glaubt aber, Sire, binnen hier und sechs bis acht Wochen eine andere Bestimmung zu erhalten. Deswegen wäre es zweckmäßig, keine Zeit zu verlieren.«

»Man sollte in der That meinen, sie hätten sich miteinander verabredet,« sagte der König leise zum Cardinal.

»Und wenn dies der Fall wäre,« antwortete dieser in demselben Tone wie der König, »so wäre dies nur um so besser.«

»Sagen Sie mir einmal Ihre aufrichtige Meinung über diesen Krieg, Cardinal.«

»Ich glaube, Sire, daß, wenn der Kaiser von Oesterreich das gegebene Versprechen hält und Nelson Ihre Küsten gewissenhaft bewacht, es dann in der That besser wäre, die Franzosen zu überrumpeln und anzugreifen, als zu warten, bis sie dasselbe mit Ihnen thun.«

»Dann wollen Sie also den Krieg, Cardinal?«

»Ich glaube, daß unter den Umständen, in welchen Eure Majestät sich befindet, Warten das Schlimmste ist.«

»Will Nelson den Krieg?« fragte der König den englischen Gesandten.

»Er räth wenigstens dazu mit der Wärme einer aufrichtigen und unerschütterlichen Anhänglichkeit.«

»Und wollen auch Sie den Krieg?« fuhr der König fort, indem er Sir William selbst befragte.

»Als Gesandter Englands antworte ich, daß, wenn ich ja sage, ich die Wünsche meines Monarchen fördere.«

»Cardinal,« sagte der König, indem er mit dem Finger auf seinen Nachttisch zeigte, »thun Sie mir den Gefallen, Wasser in dieses Becken zu gießen und mir dann zu geben.«

Der Cardinal gehorchte, ohne die mindeste Bemerkung zu machen, goß Wasser in das Becken und hielt dieses dem König hin.

Der König schlug seine Manschetten zurück und wusch sich die Hände, indem er sie mit einem gewissen Grade von Wuth rieb.

»Sie sehen wohl, was ich mache, Sir William?« fragte er.

»Allerdings sehe ich es,« sagte der Gesandte Englands, »aber ich kann es mir nicht recht erklären.«

»Nun wohl, dann will ich es Ihnen erklären,« sagte der König. »Ich mache es wie Pontius Pilatus: ich wasche meine Hände in Unschuld.«

Zehntes Capitel.
Die Staatsinquisitoren

Der Generalcapitän Acton hatte nicht den Befehl vergessen, welchen die Königin ihm an demselben Morgen ertheilt, sondern die Staatsinquisitoren in des schwarze oder dunkle Zimmer zusammenberufen.

Die neunte Stunde war die zu dieser Versammlung bestimmte, erstens aber um seinen Eifer zu beweisen und zweitens aus persönlicher Unruhe hatte jeder zuerst kommen wollen, so daß um halb neun Uhr schon alle drei beisammen waren.

Diese drei Männer, deren Namen noch jetzt in Neapel verwünscht werden und von dem Historiker neben denen eines Laffemas und selbst eines Jeffrey genannt zu werden verdienen, hießen Fürst von Castelcicala, Guidobaldi und Vanni.

Der Fürst von Castelcicala, der erste dem Range nach, war Gesandter in London, als die Königin, welche ihre öffentliche und geheime Rache unter den Schutz eines der ersten Namen von Neapel zu stellen wünschte, ihn von seinem Posten zurückrief.

Sie brauchte einen vornehmen Herrn, welcher geneigt war, Alles ihrem Ehrgeize zu opfern und bereit, jeden Kelch der Schmach zu leeren, dafern er nur auf dem Boden desselben Gold und Gunstbezeigungen fand.

Sie dachte an den Fürsten von Castelcicala. Derselbe nahm ihr Anerbieten ohne Widerspruch an. Er hatte begriffen, daß beim Herabsteigen zuweilen mehr zu gewinnen ist, als beim Hinaufsteigen, und nachdem er berechnet, was der Mann, welcher dem Hasse einer Königin diente, von der Dankbarkeit einer solchen erwarten konnte, verwandelte er sich aus einem Fürsten in einen Sbirren und aus einem Gesandten in einen Spion.

Guidobaldi war, indem er die ihm dargebotene Mission annahm, weder höher noch tiefer gestiegen. Schon früher ungerechter Richter, war er derselbe gewissenlose Mensch geblieben, welcher er immer gewesen. Mit der königlichen Gunst beehrt und als Mitglied einer Staatsjunta anstatt Mitglied eines einfachen Gerichtshofes zu sein, hatte er nun für seine Handlungsweise blos eine umfänglichere Basis.

Wie gefürchtet und verabscheut aber auch der Fürst von Castelcicala und der Richter Guidobaldi waren, so waren sie dies doch immer noch weniger als der Procurator Vanni. Dieser hatte unter dem Menschengeschlecht bis jetzt noch nicht seines gleichen, und wenn die Zukunft in dem Sicilianer Speciale ein widerwärtiges Seitenstück zu ihm lieferte, so war dasselbe doch damals noch nicht bekannt.

Glich er nicht Fouquier-Tinville?« wird mich der Leser vielleicht fragen.

Nein, man muß gerecht sein gegen Alle, selbst gegen die Fouquier-Tinville.

Dieser war Ankläger des Wohlfahrtsausschusses. Wie dem Opferer führte man ihm das Schlachtopfer zu und sagte zu ihm: »Tödte!« Er ging aber nicht aus, um Opfer zu suchen. Er war nicht wie Vanni gleichzeitig Spion, um zu entdecken, Sbirre, um festzunehmen, Richter, um zu verdummen.

»Was wirft man mir vor?« rief Fauquier-Tinville seinen Richtern zu, welche ihn beschuldigten, daß er dreitausend Köpfe fallen gemacht. »Bin ich wohl ein Mensch? Ich bin ein Beil. Wenn Sie mich in Anklagezustand versetzen, so müssen Sie es mit dem Messer der Guillotine auch thun.«

Nein, unter den Thieren, in der Familie der des Nachts auf Raub ausgehenden wilden Bestien muß man ein Seitenstück zu Vanni suchen.

Er glich dem Wolf und der Hyäne nicht blos in moralischer, sondern auch in physischer Beziehung; er that die unvorhergesehenen Sprünge des erstern, wenn es galt, die Beute zu fassen, den krummen und geräuschlosen Gang der letztern, wenn es galt, sich an die Beute heranzuschleichen.

Er war mehr groß als klein. Sein Blick war düster und concentrirt. Sein Gesicht war aschfahl und gleich jenem furchtbaren Carl von Anjou, von welchem Villani uns ein so prachtvolles Porträt hinterlassen, lachte er niemals und schlief wenig.

Das erste Mal, wo er an der ersten Junta, welcher er angehörte, seinen Platz einnahm, trat er mit von Angst und Unruhe verstörten Zügen in den Sitzungssaal. War dieser Ausdruck erheuchelt oder wahr?«

Mit auf die Stirn hinaufgeschobener Brille, an alle Möbel anstoßend, näherte er sich seinen Collegen und rief:

»Meine Herren, meine Herren, seit zwei Monaten schlafe ich keinen Augenblick, weil ich die Gefahren sehe, welcher mein König ausgesetzt ist.«

Und da er bei jeder Gelegenheit nicht aufhörte zu sagen: mein König, so antwortete der Präsident der Junta, die Geduld verlierend, und rief:

»Ihr König? Was verstehen Sie unter diesen Worten, hinter welchen sich unter dem Anschein des Eifers blos Ihr Stolz versteckt? Warum sagen Sie nicht wie wir einfach: unser König?«

Vanni antwortete hierauf nichts, wir aber wollen an seiner Stelle antworten:

Der, welcher unter einer schwachen und despotischen Regierung sagt: mein König, muß nothwendig die Oberhand über den gewinnen, welcher blos unser König sagt.

In Folge des Eifers, welchen Vanni, wie wir bereits gesagt, entwickelte, füllten die Gefängnisse sich mit Verdächtigen. Angeblich Schuldige wurden in Kerker zusammengepfercht, wo sie Luft, Licht und Brot entbehren mußten. Einmal in eines dieser Gräber eingeschlossen, wußte der Gefangene, der oft nicht einmal die Ursache seiner Verhaftung kannte, nicht blos nicht, wann er wieder in Freiheit gesetzt, sondern auch nicht, wann er überhaupt nur vor Gericht gestellt werden würde.

Vanni beschäftigte sich mit denen, welche ins Gefängniß gebracht worden, sobald sie nur einmal darin waren, nicht weiter, sondern blos mit denen, die es noch einzukerkern gab. Wenn eine Mutter, eine Frau, ein Sohn, eine Schwester, eine Geliebte zu Vanni kam, um für einen Sohn, einen Gatten, einen Bruder, einen Geliebten zu bitten, so erschwerte diese Bitte das Verbrechen des Gefangenen noch. Wenn die Advocaten an den König recurrirten, so ward die Sache mehr als vergeblich, sie ward gefährlich, weil Vanni dann von dem König an die Königin appellierte, und weil, wenn der König auch zuweilen verzieh, dies doch von der Königin niemals geschah.

Vanni hatte sich ganz im Gegensatze zu Guidobaldi – und dies war es, was ihn noch furchtbarer machte – den Ruf eines gerechten, aber unbeugsamen Richters erworben. Er vereinigte mit einem grenzenlosen Ehrgeize eben so grenzenlose Grausamkeit und zum Unglücke für die Menschheit war er gleichzeitig Enthusiast. Die Angelegenheit, welche ihn beschäftigte, war stets eine unermeßliche Angelegenheit, weil er sie im Mikroskop seiner Phantasie betrachtete.

Solche Menschen sind nicht blos gefährlich für die, welche sie zu richten haben, sondern auch verderblich für die, von welchen sie zu Richtern gemacht werden, weil sie ihren Ehrgeiz nicht durch wahrhaft große Thaten zu befriedigen wissen, und deshalb ihren kleinen Thaten, den einzigen, wozu sie fähig sind, eine eingebildete Größe andichten.

Diesen Ruf als gerechter, aber unbeugsamer Richter hatte er sich zunächst durch das Verfahren begründet, welches er in Bezug auf den Fürsten von Tarsia beobachtet.

Der Fürst von Tarsia hatte vor dem Cardinal Ruffo die Seidenfabrik in San Leucio dirigiert. Es war dies ein doppelter Fehler sowohl von Seiten des Königs als auch des Fürsten, denn der König hätte den Fürsten von Tarsia nicht zu einem solchen Posten ernennen und der Fürst von Tarsia ihn nicht annehmen sollen. Unbekannt mit dem Rechnungswesen, aber unfähig, einen Betrug zu begehen, selbst ehrlicher Mann, verstand der Fürst gleichwohl nicht, sich mit ehrlichen Leuten zu umgeben und so kam es, daß nach Verlauf von einigen Jahren sich in der Rechnungsführung des Fürsten ein Deficit von hunderttausend Thalern herausstellte, welches Vanni beauftragt ward zu liquidieren.

Nichts war leichter als diese Liquidation. Der Fürst besaß ein Vermögen von einer Million Dukaten und erbot sich, zu bezahlen. Wenn er aber bezahlte, so machte die Sache kein Aufsehen, keinen Lärm mehr und der Vortheil, welchen Vanni von dieser Angelegenheit hoffte, löste sich in nichts auf. Binnen zwei Stunden konnte die Sache beendet und das Deficit gedeckt sein, ohne daß das Vermögen des Fürsten eine fühlbare Verminderung erlitt. Auf die Art und Weise aber, wie der Liquidator die Sache führte, dauerte der Proreß zehn Jahre, das Deficit blieb ungedeckt und der Prinz kam um Vermögen und guten Namen.

Vanni besaß nun aber einen Namen, welcher ihm die blutige Ehre verschaffte, zum Mitgliede der Staatsjunta von 1796 ernannt zu werden. Sobald er einmal ernannt war, begann er laut und überall zu schreien, daß er für die Sicherheit seiner erhabenen Monarchen nicht bürgen könne, wenn man ihn nicht in Neapel allein wenigstens zwanzigtausend Jakobiner einkerkern ließe. Jedesmal, wo er die Königin sah, näherte er sich ihr entweder mit einem jener Sprünge, die er dem Wolf nachahmte, oder mit jenem krummen Gange, den er der Hyäne abgelernt, und sagte:

»Madame« ich habe den Faden einer Verschwörung in Händen – Madame, ich bin einem neuen Complotte auf die Spur gekommen.«

Und Carolina welche sich fortwährend von Complotten und Verschwörungen umringt glaubte, sagte:

»Fahren Sie so fort, Vanni; dienen Sie Ihrer Königin gut und Sie werden dafür belohnt werden.«

Dieses Schreckenssystem dauerte über drei Jahre. Nach Verlauf dieser Zeit wuchs die öffentliche Entrüstung wie eine Sturmflut, und schlug gewissermaßen an die Mauern der Gefängnisse, wo so Viele eingekerkert saßen, ohne daß man auch nur einem Einzigen etwas Strafbares zu beweisen im Stande gewesen wäre. Nach Verlauf von drei Jahren hatten die mit der Wuth des politischen Hasses geführten Untersuchungen kein Vergehen zu constatiren vermocht. Vanni nahm nun zu einer letzten Hoffnung, zu einem letzten Hilfsmittel seine Zuflucht, nämlich zur Tortur.

Für Vanni aber war die gewöhnliche Tortur noch nicht genug. Traditionen, welche bis in das Mittelalter, einer Epoche, seit welcher die Tortur nicht wieder in Anwendung gekommen, zurückreichten, erzählen, daß feste Gemüther und rüstige Körper diese Qualen ausgehalten hatten. Er verlangte daher die außerordentliche Tortur, welche die Gesetzgeber des Alterthums in den Fällen autorisierten, wo es sich um Majestätsverbrechen handelte. Er verlangte, daß die Anführer des Complotts, nämlich der Chevalier von Medici, der Herzog von Cancano, der Abbé Monticelli und sieben oder acht andere jener Tortur unterworfen würden, welche er selbst mit jenem unheilverkündenden Lächeln, welches seinen Mund verzerrte, als er hoffte, daß seine Gunst ihm bewilligt werden würde, näher bezeichnete, indem er sagte:

»Tormenti spietati come sopra cadaveri,« das heißt: »Martern gleich denen, welche man den Leichnamen zufügen würde.«

Das Gewissen der Richter empörte sich, und obschon Guidobaldi und Castelcicala für die Tortur »wir an Leichnamen« sich erklärten, so verwarf das Tribunal doch, mit Ausnahme dieser beiden Mitglieder, den Antrag einstimmig.

Diese Einstimmigkeit war die Rettung der Gefangenen und der Sturz Vannis.

Die Gefangenen wurden in Freiheit gesetzt, die Junta ward durch die öffentliche Entrüstung gezwungen, sich aufzulösen, und Vanni von seinem Platz als Fiscalprocurator herabgestoßen.

Nun war es die Königin, welche ihm die Hand reichte. Sie ließ ihn zum Marquis ernennen, und bildete aus diesen drei Männern, auf welchen die allgemeine Verwünschung lastete, ihr eigenes Tribunal, ihre Privatinquisition, welche in der Einsamkeit richtete und im Finstern ihre Streiche führte, aber nicht mit dem Schwert des Henkers, sondern mit dem Dolche des Sbirren.

Pasquale de Simone haben wir bereits bei der Arbeit gesehen, wir werden auch Guidobaldi, Castelcicala und Vanni dabei sehen.

Die drei Staatsinquisitoren waren also in dem schwarzen Zimmer versammelt.

Unruhig und düster saßen sie um den von der Bronzelampe beleuchteten grünen Tisch herum. Der Schirm der Lampe ließ ihre Gesichter im Schatten, so daß sie einander selbst nicht erkannt haben würden, wenn sie nicht schon gewußt hätten, wer sie wären.

Die Botschaft der Königin beunruhigte sie. Hatte ein Spion, der geschickter war als sie ein Complott entdeckt?

Jeder war daher mit seinen eigenen peinlichen Gedanken beschäftigt, ohne sich darüber gegen seine Collegen auszusprechen, und alle erwarteten mit Spannung, daß die Thür der königlichen Gemächer sich öffne und die Königin zum Vorschein käme.

Von Zeit zu Zeit warf jeder einen raschen und verstohlenen Blick in den dunkelsten Winkel des Zimmers.

In diesem Winkel saß nämlich, ganz im Schatten und kaum sichtbar, der Sbirre Pasquale de Simone.

Vielleicht wußte er mehr als sie, denn er war mehr als sie in die Geheimnisse der Königin eingeweiht. Obschon sie ihm aber Befehle ertheilten, so hätte doch keiner der Staatsinquisitoren jetzt gewagt, ihn zu befragen.

Seine Anwesenheit bewies blos, daß es sich um eine ernste Angelegenheit handle.

Pasquale de Simone war selbst in den Augen der Staatsinquisitoren eine weit furchtbarere Persönlichkeit als Meister Donato.

Meister Donato war der öffentliche und patentierte Henker. Pasquale de Simone dagegen war der geheime und geheimnißvolle Henker. Der Eine war der Vollstrecker des Gesetzes, der Andere des königlichen Gutdünkens.

Wenn das königliche Gutdünken aufhörte, Guidobaldi, Castelcicala und Vanni für treuergebene Diener zu halten, so konnte es dieselben nicht durch das Gesetz zur Verantwortung ziehen lassen. Sie wußten zu viel und hätten zu Vieles an den Tag gebracht. Wohl aber konnte das königliche Gutdünken sie dem heimlichen Henker Pasquale de Simone überweisen. Es bedurfte einer einzigen Geberde und Alles, was sie wußten, Alles, was sie sagen konnten, schützte sie nicht mehr, sondern gereichte ihnen im Gegentheil zum Verderben. Ein zwischen der sechsten und siebenten Rippe links gut angebrachter Stoß und es war Alles aus. Die Geheimnisse starben mit dem Manne und sein letzter Seufzer war für den, welcher zehn Schritte von dem Ort, wo er niedersank, vorüberging, weiter nichts als ein Windhauch, der blos trauriger und melancholischer klang als ein anderer.

Neun Uhr schlug es auf jener Glocke, bei deren Schall wir die Königin das erste Mal, wo wir den Leser mit ihr in dieses Zimmer treten ließen, zusammenfahren sahen und während der letzte Schlag noch in der Luft summte, öffnete sich die Thür und Caroline erschien.

Die drei Staatsinquisitoren erhoben sich wie ein Mann, begrüßten die Königin und gingen ihr entgegen.

Sie hielt mehrere Gegenstände unter einem großen Kashemirshawl verborgen, den sie mehr wie einen Mantel als wie einen Shawl über die linke Schulter geworfen.

Pasquale de Simone rührte sich nicht von der Stelle. Der starre Schattenriß des Sbirren haftete an der Wand wie eine Figur der Tapete.

Die Königin nahm das Wort, ohne den Staatsinquisitoren Zeit zu lassen, ihre Huldigungen darzubringen.

»Diesmal, Signor Vanni,« sagte sie, »sind nicht Sie es, der den Faden eines Complots in der Hand hält, oder einer Verschwörung auf der Spur ist, sondern ich bin es. Glücklicher als Sie aber, der Sie so viel Schuldige gefunden, ohne zugleich die Beweise zu finden, habe ich zunächst die Beweise gefunden und bringe Ihnen eben durch diese Beweise das Mittel, die Schuldigen ausfindig zu machen.«

»Aber dennoch ist es nicht der Eifer, was uns mangelt, Majestät,« sagte Vanni.

»Nein,« antwortete die Königin, denn Viele beschuldigen Sie sogar, daß Sie dessen zu viel hätten.«

»Das kann nie der Fall sein, wenn es sich um Eure Majestät handelt,« sagte der Fürst von Castelcicala.

»Nie!« wiederholte Guidobaldi wie ein Echo.

Während dieses kurzen Gesprächs hatte die Königin sich dem Tische genähert. Sie schlug ihren Shawl auf die Seite und legte ein Paar Pistolen und einen noch leicht mit Blut befleckten Brief aus den Tisch.

Die drei Inquisitoren sahen ihr mit dem größten Erstaunen zu.

»Setzen Sie sich, meine Herren,« sagte die Königin. »Marquis Vanni, nehmen Sie die Feder und schreiben Sie die Instruction nieder, welche ich Ihnen geben werde.«

Die drei Männer setzten sich und die Königin dictierte, stehen bleibend, die geballte Faust auf den Tisch stützend und in ihren Purpurshawl gehüllt wie eine römische Kaiserin, die folgenden Worte:

»In der Nacht vom 22. zum 23. September dieses Jahres waren sechs Männer in den Ruinen des Schlosses der Königin Johanna versammelt. Sie erwarteten einen siebenten, den der General Championnet von Rom abgesendet. Dieser Abgesandte hatte sein Pferd in Pozzuolo gelassen, dort ein Boot genommen und trotz des drohenden Ungewitters, welches einige Zeit darauf auch wirklich zum Ausbruch kam, steuerte er nach dem verfallenen Palast, wo er erwartet ward. In dem Augenblick, wo das Boot ans Land stoßen sollte, scheiterte es. Die beiden Fischer, welche es ruderten, ertranken. Der Abgesandte stürzte eben so wie sie in’s Wasser, war aber, glücklicher als sie, im Stande sich zu retten. Die sechs Verschworenen und er beriethen sich bis ziemlich eine halbe Stunde nach Mitternacht. Der Abgesandte verließ das Schloß zuerst und lenkte seine Schritte nach der Chiaja; die sechs anderen verließen die Ruinen ebenfalls. Drei davon gingen den Pausilippo hinauf, die drei anderen ruderten in einem Boot die Küste entlang nach dem Castell d’Uovo zu. Kurz zuvor ehe der Abgesandte den sogenannten Löwenbrunnen erreicht, ward er ermordet.«

»Ermordet!« rief Vannis, »und durch wen?«

»Das geht uns weiter nichts an,« antwortete die Königin in eisigem Tone. »Wir haben seinen Mörder nicht zu verfolgen.«

Vanni bemerkte, daß er einen falschen Weg betreten, und schwieg.

»Ehe er fiel, schoß er mit den Pistolen hier zwei Mann nieder und verwundete zwei mit dem Säbel, den Sie in diesem Schrank finden werden,« fuhr die Königin fort und zeigte auf den Schrank, in welchem sie vor vierzehn Tagen den Säbel und den Mantel verwahrt. Der Säbel ist, wie Sie sehen werden, französisches Fabrikat; die Pistolen aber sind, wie Sie ebenfalls sehen werden, aus der königlichen Gewehrfabrik von Neapel. Ueberdies sind sie mit einem N., dem Anfangsbuchstaben des Taufnamens ihres Besitzers, bezeichnet.«

Nicht ein Hauch unterbrach die Königin. Es war, als ob ihre Zuhörer von Marmor wären.

»Ich habe Ihnen gesagt,« fuhr sie fort, »daß der Säbel französisches Fabrikat ist; anstatt der Uniform aber, welche der Abgesandte bei seiner Ankunft trug und welche durch den Regen und das Seewasser durchnäßt worden, trug er einen kürzeren Rock von grünem Sammt, mit Schnüren besetzt, den er von einem der sechs Verschworenen geliehen. Der, welcher ihm diesen Rock geliehen, hatte in der Tasche desselben einen Brief stecken gelassen. Es ist dies ein Brief von Frauenhand, ein Liebesbrief, an einen jungen Mann Namens Nicolino gerichtet. Das auf den Pistolen eingravierte N. beweist, daß diese derselben Person gehören, an welche der Brief gerichtet ist und die, indem sie den Rock geliehen, auch die Pistolen geliehen hat.«

»Die Unterschrift dieses Briefes, sagte Castelcicala, nachdem er ihn sorgfältig besichtigt, »besteht blos in einem Anfangsbuchstaben, einem E.«

»Dieser Brief,« sagte die Königin, ist von der Marquise Elena de San Clemente.«

Die drei Inquisitoren sahen einander an.

»Es ist dies eine der Ehrendamen Eurer Majestät, glaube ich,« sagte Guidobaldi.

»Eine meiner Ehrendamen, ja,« antwortete die Königin mit einem eigenthümlichen Lächeln, welches der Marquise von Clemente die Qualification einer Ehrendame, welche Guidobaldi ihr beigelegt, abzusprechen schien. »Da nun,« fuhr sie fort, »wie es scheint, die Liebenden noch in ihrem Honigmonat zu stehen scheinen, so habe ich heute Morgen der Marquise, welche morgen Dienst bei mir haben sollte, aber durch die Gräfin von San Marco ersetzt werden wird, Urlaub gegeben. Jetzt hören Sie aufmerksam, was ich sage.«

Die drei Inquisitoren näherten sich der Königin, indem sie die Hälse über den Tisch streckten und in den von der Lampe geworfenen erleuchteten Ring geriethen, so daß die bis jetzt im Schatten befindlich gewesenen drei Köpfe plötzlich deutlich sichtbar wurden.

»Also hören Sie mich aufmerksam an,« fuhr die Königin fort. »Es ist wahrscheinlich, daß die Marquise von San Clemente, meine Ehrendame, wie Sie, Guidobaldi, sie nennen, ihrem Gatten von dem Urlaub, den ich ihr ertheilt, kein Wort sagt, sondern den ganzen morgenden Tag ihrem theuren Nicolino widmet. Nun verstehen Sie wohl, nicht wahr?«

Die drei Männer hoben ihre Augen fragend zur Königin empor. Sie hatten nicht verstanden.

Caroline fuhr fort:

»Die Sache ist gleichwohl sehr einfach. Pasquale de Simone umstellt mit seinen Leuten den Palast der Marquise von San Clemente. Sie sehen die Marquise herauskommen, sie folgen ihr, ohne daß sie es bemerken kann. Das Stelldichein ist in einem dritten Haus. Sie erkennen Nicolino, sie lassen den Liebenden vollauf Zeit, beisammen zu sein. Die Marquise kommt wahrscheinlich zuerst wieder heraus und wenn Nicolino seinerseits herauskommt, so nehmen sie ihn fest, ohne ihm etwas zu Leide zu thun. Wer ihn härter anrührt, als nothwendig ist, um ihn gefangen zu nehmen,« sagte die Königin mit erhobener Stimme und die Stirn runzelnd, Würde mit seinem Kopfe dafür haften. Pasquale’s Leute nehmen ihn also fest, führen ihn nach dem Castell San Elmo, und empfehlen ihn der ganz besondern Obhut des Gouverneurs, der für ihn einen seiner festesten Kerker auswählen wird. Wenn er sich dazu versteht, seine Mitschuldigen zu nennen, so wird Alles gut gehen. Weigert er sich aber, Vanni, so ist dies dann Ihre Sache. Sie haben dann nicht mehr mit einem kurzsichtigen Tribunal zu thun, welches Sie hindert, die Tortur in Anwendung zu bringen, und Sie werden mit ihm verfahren wie mit einem Leichnam. Ist Ihnen dies klar, meine Herren? Und bin ich, wenn ich mich mit Entdeckung von Complotten befasse, ein guter Spürhund?«

»Alles, was die Königin thut, trägt das Gepräge des Genialen, sagte Vanni, sich verneigend. »Haben Ew. Majestät uns noch andere Befehle zu ertheilen?«

»Nein,« antwortete die Königin. »Was der Marquis Vanni so eben niedergeschrieben wird Ihnen allen Dreien zur Richtschnur dienen. Nach dem ersten Verhör werden Sie mir Bericht erstatten. Nehmen Sie den Mantel und den Säbel, die Sie in diesem Schranke finden werden, die Pistolen und den Brief, der auf diesem Tische liegt, als Ueberführungsbeweise mit, und Gott nehme Sie in seinen Schutz.«

Die Königin begrüßte die drei Inquisitoren durch eine Handbewegung. Alle Drei verneigten sich tief und bewegten sich rückwärts zur Thür hinaus.

Als die Thür sich hinter ihnen geschlossen, gab Caroline dem bis jetzt immer noch im Schatten gebliebenen Pasquale de Simone ein Zeichen, und der Sbirre näherte sich, so daß er von der Königin nur durch die Breite des Tisches getrennt war.

»Hast Du gehört?« fragte ihn die Königin, indem sie ihm eine mit Gold gefüllte Börse aus den Tisch warf.

»Ja, Majestät,« antwortete der Sbirre, indem er die Börse ergriff, und sich durch eine tiefe Verbeugung bedankte.

»Morgen wirst Du zur selben Stunde wieder hier sein, um mir zu berichten, was geschehen sein wird.«

Am nächstfolgenden Tage, zu derselben Stunde, erfuhr die Königin aus Pasquale’s Munde, daß der Geliebte der Marquise von Sau Clemente unversehens überfallen, um drei Uhr Nachmittags, ohne Widerstand leisten zu können, festgenommen, nach dem Castell San Elmo gebracht und hier eingekerkert worden sei.

Ueberdies erfuhr sie, daß dieser Geliebte Nicolino Caracciolo, Bruder des Herzogs von Rocca-Romana und Neffe des Admirals Caracciolo sei.

»Ha!« murmelte sie, »und wenn wir so glücklich wären, daß der Admiral auch die Hand hier mit im Spiele hätte?«

Elftes Capitel.
Der Ausmarsch

Vierzehn Tage nach den Ereignissen welche wir im vorigen Capitel erzählt, das heißt nach Nicolino Caracciolo’s Gefangennehmung, an einem jener schönen Tage, wo der neapolitanisehe Herbst mit dem Frühling und Sommer anderer Länder wetteifert, drängte sich die Bevölkerung nicht blos ganz Neapels, sondern auch der benachbarten Städte und Dörfer nach dem königlichen Palaste.

Die Ausgänge aller Straßen aber, welche auf den Platz vor dem königlichen Palaste mündeten, waren durch Truppen gesperrt, so daß das Volk nicht weiter konnte.

Auf der Mitte dieses Platzes paradierte der General Mack, umringt von einem glänzenden Generalstabe, der aus höheren Officieren zusammengesetzt war, unter welchen man den General Micheroux und den General von Damas, zwei französische Emigranten, welche ihren Haß und ihren Degen dem Dienste des eingefleischtesten Feindes Frankreichs geweiht, den General Raselli, welcher das nach Toscana bestimmte Expeditionscorps commandiren sollte; den General Parisi, den General von Gambs und den General Fonseca, die Obersten San Filippo und Giustini und neben ihnen die im Range von Ordonnanzofficieren stehenden Vertreter der vornehmsten Familien Neapels unterschied.

Diese Officiere waren mit Orden aller Länder und von allen Farben bedeckt, und ihre Uniformen funkelten von Goldstickereien. Auf ihren dreieckigen Hüten wallten jene von den südlichen Ländern so gern gesehenen Federbüsche.

Sie galoppierten fortwährend von einem Ende des Platzes nach dem andern unter dem Vorwande, Befehle zu überbringen, in der That aber blos um ihre gute Haltung und die Anmuth bewundern zu lassen, womit sie ihre Pferde zu tummeln wußten.

An allen auf den Platz gehenden Fenstern, an allen, welche die Aussicht darauf möglich machten, grüßten Damen in großer Toilette, von den weißen Fahnen der Bourbonen und den rothen Fahnen Englands beschattet und ihre Tücher schwenkend.

Der Ruf: »Es lebe der König! Es lebe England! Es lebe Nelson! Nieder mit den Franzosen!« erhob sich von Zeit zu Zeit wie ein drohender Windstoß mitten unter diesem Menschenmeere, dessen Wogen an die Dämme anschlagen, welche er jeden Augenblick zu durchbrechen drohte.

Diese im Hintergrunde der Straße beginnenden Rufe kletterten von Fenster zu Fenster wie jene feurigen Schlangen, welche ein Feuerwerk entzünden, bis hinauf zu den letzten Stockwerken und verhallten auf den mit Zuschauern bedeckten Dächern.

Dieser ganze auf dem Platze umher galoppierende Generalstab, dieses ganze in den Straßen sich drängende Volk, alle diese ihre Tücher schwenkenden Damen, alle diese die Dächer bevölkernden Zuschauer erwarteten den König Ferdinand, welcher sich an die Spitze seiner Armee stellen wollte, um in eigener Person gegen die Franzosen zu marschieren.

Schon seit acht Tagen war der Krieg laut und offen entschieden. Die Priester predigten in den Kirchen, die Mönche auf den freien Plätzen oder auf Ecksteinen stehend. Die Proklamationen des Königs bedeckten alle Mauern. Sie erklärten, der König habe Alles gethan, was er gekannt, um die Freundschaft der Franzosen zu erhalten, die neapolitanische Ehre sei aber durch die Besetzung von Malta, einem Lehen des Königreichs Sicilien, beleidigt worden; er könne die Besetzung der Staaten des Papstes, den er als seinen alten Bundesgenossen liebe und als Oberhaupt der Kirche achte, nicht dulden und er werde deshalb seine Armee in Marsch setzen, um Rom seinem rechtmäßigen Herrscher zurückzugeben.

Dann wendete er sich direct an das Volk und sagte:

»Wenn ich diesen Vortheil durch irgend ein anderes Opfer hätte erlangen können, so würde ich nicht gezögert haben, es zu bringen. Welche Hoffnung auf Erfolg könnte es aber nach so vielen verderblichen Beispielen geben, die Euch Allen wohlbekannt sind? Erfüllt von Vertrauen auf die Güte des Herrn der Heerschaaren, welche meine Schritte leiten und meine Unternehmungen lenken wird, stelle ich mich an die Spitze der muthigen Vertheidiger des Vaterlands. Ich gehe mit der größten Freude, um aus Liebe zu meinen Landsleuten, meinen Brüdern und meinen Kindern, denn als solche habe ich Euch stets betrachtet, allen Gefahren zu trotzen. Bewahrt die Treue gegen Gott und gehorcht den Befehlen meiner vielgeliebten Gemahlin, der ich die Sorge der Regierung in meiner Abwesenheit übertrage. Ich empfehle Euch, sie zu achten und zu lieben wie eine Mutter.

»Ich lasse Euch auch meine Kinder zurück, die Euch nicht weniger theuer sein müssen als mir. Wie die Ereignisse auch kommen mögen, so vergeßt nicht, daß Ihr Neapolitaner seid, daß man, um tapfer zu sein, es nur zu wollen braucht und daß es besser ist, ruhmreich für die Sache Gottes und des Vaterlandes zu sterben, als unter verderblichem Druck zu leben. Der Himmel spende Euch seinen Segen!

»Dies ist der Wunsch dessen, der, so lange er lebt, für Euch die zärtlichen Gesinnungen eines Monarchen und eines Vaters bewahren wird.«

Es war dies das erste Mal, daß der König von Neapel sich direct an sein Volk wendete, von seiner Liebe zu demselben sprach, seine väterliche Gesinnung rühmte, an den Muth des Volkes appellirte und ihm seine Gattin und seine Kinder anvertraute.

Seit der Schlacht von Velletri, welche im Jahre 1744 durch die Spanier gegen die Deutschen gewonnen und wodurch der Thron Karls des Dritten gesichert ward, hatten die Neapolitaner nur an großen Festtagen Kanonendonner gehört, was sie aber in ihrem Nationalstolz nicht abhielt, sich für die ersten Soldaten der Welt zu halten.

Was Ferdinand betraf, so hatte er niemals Gelegenheit gehabt, Beweise von seinem Muth und seinen militärischen Talenten zu geben. Man konnte ihn deshalb im Voraus weder der Unfähigkeit noch der Schwäche beschuldigen. Er allein wußte, was er von sich zu denken hatte, und er hatte sich, wie man gesehen, in Gegenwart des Generals Mack mit seinem gewöhnlichen Cynismus darüber ausgesprochen.

Nun war es schon ein großer socialer Fortschritt, daß er, als es einen so ernsten Entschluß zu fassen galt, welcher zum Kampfe mit einem so gefährlichen Feind wie die Franzosen führen mußte, sich an sein Volk wendete, um sich wohl oder übel vor seinen Unterthanen in Bezug auf die Nothwendigkeit zu rechtfertigen, in welche er sie gesetzt, sich tödten zu lassen.

Allerdings rechnete er, abgesehen von der Hilfe Oesterreichs, an welcher er, nach dem Briefe, den er empfangen, nicht zweifelte, auf eine Division von Piemont. Der Fürst Belmonte hatte an den Chevalier Priocca, Minister des Königs von Sardinien, eine vertrauliche Depesche geschrieben.

Wenn wir den Text dieser Depesche nicht vor uns liegen hätten und folglich der Echtheit derselben nicht sicher wären, so würden wir zögern, sie hier mitzutheilen, so sehr scheinen uns das Völkerrecht ebenso wie die göttliche und menschliche Moral darin verletzt zu werden.

Diese Depesche lautete:

»Herr Chevalier.

»Wir wissen, daß in dem Cabinetsrath Sr. Majestät des Königs von Sardinien mehrere vorsichtige, um nicht zu sagen furchtsame Minister vor dem Gedanken an Meineid und Mord zurückschaudern, als ob der letzte Allianzvertrag zwischen Frankreich und Sardinien ein politischer Act von der Art wäre, daß er respektiert werden müßte. Ist er aber vielleicht nicht durch die Uebermacht des Siegers dictirt worden? Hat man ihn nicht blos dem Zwange der Nothwendigkeit zufolge angenommen? Dergleichen Verträge sind weiter nichts als Ungerechtigkeiten des Stärkern gegen den Unterdrückten, welcher, indem er sie verletzt, sich ihrer bei der ersten Gelegenheit entledigt, welche die Gunst des Geschicks ihm darbietet.

»Wie! In Gegenwart Ihres Königs, der in seiner Hauptstadt gefangen gehalten wird und von feindlichen Bajonetten umringt ist, nennen Sie es Meineid, wenn die durch die Nothwendigkeit erpreßten, durch das Gewissen gemißbilligten Versprechungen nicht gehalten werden? Sie nennen die Ausrottung Ihrer Tyrannen Meuchelmord? Die Schwäche der Unterdrückten kann also niemals rechtmäßigen Beistand gegen die Macht hoffen, die sie unterdrückt?

»Die von Sicherheit und Vertrauen auf den Frieden erfüllten französischen Bataillone stehen in Piemont vereinzelt umher. Stacheln Sie den Patriotismus des Volkes bis zum Enthusiasmus und zur Wuth an, so daß jeder Piemontese nach der Ehre trachtet, einen Feind des Vaterlands niederzuschlagen.

»Diese vereinzelten Ermordungen werden Piemont mehr nützen als auf dem Schlachtfeld erfochtene Siege und niemals wird die billigdenkende Nachwelt energische Thaten eines ganzen Volkes, welches über die Leichen seiner Unterdrücker hinwegschreitet, um seine Freiheit wieder zu erobern, mit dem Namen des Verraths belegen.

»Unsere tapfern Neapolitaner werden unter Führung des Generals Mack zuerst das Todessignal gegen den Feind der Throne und der Völker geben und sind vielleicht schon auf dem Marsche, wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt.«

Alle diese Aufreizungen hatten in dem neapolitanischen Volke, welches sich so leicht zu Extremen hinreißen läßt, einen Enthusiasmus angefacht, welcher an Wahnsinn streifte.

Der König, der als ein zweiter Gottfried von Bouillon den heiligen Krieg begann, dieser Vorkämpfer der Kirche, welcher den umgestürzten Altären, der entweihten Religion zu Hilfe eilte, war der Abgott Neapels, und jeder, der sich in langen Beinkleidern und mit kurz abgeschnittenem Haar unter diese Menge gewagt, hätte sein Leben riskiert.

Alle, welche des Jakobinismus verdächtig waren, das heißt, welche Fortschritt und Aufklärung wünschten, welche mit einem Wort Frankreich als die die Völker der Civilisation entgegenführende Macht betrachteten, hielten sich daher klüglich in ihre Wohnungen eingeschlossen und hüteten sich wohl, sich unter diese Menge zu mischen.

Und dennoch, so gut gesinnt dieselbe auch war, so begann sie doch nichtsdestoweniger ungeduldig zu werden, denn es war dieselbe, welche auf den heiligen Januarius schimpft, wenn er zögert, sein Wunder zu verrichten.

Der König, dessen Ankunft um neun Uhr erfolgen sollte, war immer noch nicht da, obschon es auf allen Uhren aller Kirchen von Neapel schon halb elf geschlagen.

Nun wußte man aber, daß der König in der Regel nicht auf sich warten ließ. Bei den Versammlungen zur Jagd war er allemal der Erste auf dem Platz. Ins Theater kam er, obschon er recht wohl wußte, daß der Vorhang nicht eher ausgehen würde, als bis er in seiner Loge erschiene, stets zur richtigen Zeit. so daß er dieselbe in seinem ganzen Leben kaum drei- oder viermal versäumt hatte.

Was das Verzehren seiner Maccaroni, dieses Amüsement, welchem, wie er wußte, das ganze Parterre ungeduldig entgegensah, betraf, so wartete er damit nie länger als bis zu dem Augenblick, wo der Saturn, welcher im San Carlotheater die Stelle der Uhr vertritt, mit der Spitze seiner Sense die zehnte Stunde bezeichnete.

Was war sonach der Grund dieser Saumseligkeit, sich den Wünschen eines Volkes zu fügen, an welchem er, seiner Proclamation zufolge, mit so großer Liebe hing?

Freilich aber begann der König jetzt ein Unternehmen, welches ein wenig gewagter war als eine Hirsch- oder Eberjagd oder der Besuch einer Oper und des Ballets. Er stand im Begriff, ein Spiel zu spielen, welches er noch nicht versucht und zu welchem, wie sein Bewußtsein ihm sagte, er wenig Geschick besaß. Er hatte daher durchaus keine Eile, seine Karten in die Hand zu nehmen.

Endlich wirbelten die Trommeln, die an den vier Ecken des Platzes aufgestellten Musikchöre spielten sämtlich mit einem Male auf, die auf die Balcons des Palastes führenden Fenster öffneten sich und die Balcons selbst füllten sich.

Aus dem mittelsten erschienen die Königin, der Kronprinz, die Prinzessin von Calabrien und die übrigen Prinzen und Prinzessinnen von königlichem Geblüt, Sir William und Lady Hamilton, Nelson, Truebridge und Ball, sowie die sieben Minister.

Auf den andern Balcons befanden sich die Ehrendamen, die Ehrencavaliere, die dienstthuenden Kammerherren und Alle, die nah oder fern zum Hofe gehörten.

Gleichzeitig, mitten unter betäubendem Jubelgeschrei, erschien der König selbst unter dem Hauptportal des Schlosses zu Pferde, begleitet von den Prinzen von Sachsen und Hessen-Philippthal und gefolgt von seinem vertrauten Adjutanten, dem Marquis Malapina, den wir schon in seiner Nähe auf der Galera Capitana gesehen, und seinem speciellen Freund, dem Herzog von Ascoli, dessen Bekanntschaft für uns von demselben Tage datiert, einem Freund, welchen der König nicht entbehren zu können behauptete und der, obschon er in der Armee keinen Grad bekleidete, doch mit Freuden eingewilligt hatte, seinem Monarchen zu folgen.

Wenn der König zu Pferd saß, so nahm er sich viel besser aus als zu Fuße. Uebrigens war er, nächst dem Herzog von Rocca-Romana, der beste Reiter in seinem ganzen Königreich und obschon er sich ein wenig krumm hielt, so entwickelte er doch in dieser Situation weit mehr körperliche Anmuth als in jeder andern.

Dennoch aber und ehe er noch das große Portal passiert hatte, that, mochte es nun Zufall oder Vorbedeutung sein, sein sonst so sicheres und frommes Pferd einen Seitensprung, der jeden andern Reiter aus dem Sattel geworfen haben würde. Dann wollte es wieder nicht auf den freien Platz heraus, sondern bäumte sich so, daß es sich beinahe überschlagen hätte.

Der König gab ihm jedoch die Hilfe, stieß ihm die Sporen in die Flanken und mit einem einzigen Satze, als ob es über ein unsichtbares Hinderniß hinwegspränge, stand das Pferd auf dem Platze.

»Ein schlimmes Omen!« sagte der Marquis, ein Mann von Geist und entschiedener Feind der Regierung, zu dem Herzoge von Ascoli. »Ein Römer würde umkehren.«

Der König aber, welcher genug moderne Vorurtheile hatte, ohne noch die des Alterthums, die er übrigens auch gar nicht kannte, zu bedürfen, sprengte lächelnd und stolz, seine Gewandtheit vor einem solchen Publikum zeigen zu können, mitten in den Kreis hinein, welchen die Generale gebildet, um ihn zu empfangen.

Er trug eine brillante, mit Stickereien und Schnüren beladene Feldmarschallsuniform. Auf seinem Hute wallte ein Federbusch, der an Weiße und Umfang mit dem seines Ahns, Heinrichs des Vierten, bei Ivry wetteiferte, dem aber die Armee nicht wie dem des Siegers von Mayonne auf dem Wege der Ehren und des Sieges, sondern auf dem der Niederlage und der Schmach folgen sollte.

Beim Anblick des Königs erhob sich, wie wir bereits bemerkt, ein betäubendes Jubelgeschrei. Der König hatte, stolz auf seinen Triumph, ohne Zweifel jetzt einen Augenblick lang Vertrauen zu sich selbst.

Er warf sein Pferd nach der Seite herum, wo die Königin auf dem Balcon stand, und begrüßte sie durch das Heben des Hutes.

Nun ward es auf sämtlichen Balcons des Palastes ebenfalls lebendig. Man erhob auch hier lauten Beifallsruf, die Tücher flatterten in der Luft, die kleinen Prinzen und Prinzessinnen streckten die Arme nach dem König aus, die große Menge schloß sich dieser Demonstration an, welche allgemein ward, und an welcher sich die Schiffe aus der Rede durch Flaggen und die Kanonen der Forts durch immer neue Geschützsalven ebenfalls betheiligten.

Gleichzeitig kamen vom Arsenal heraus mit kriegerischem Gerassel fünfundzwanzig Stück Geschützt mit Mannschaft und Munitionswagen.

Diese fünfundzwanzig Kanonen waren für das Armeecorps des Centrums, das heißt für das bestimmt, an dessen Spitze der König und General Mack marschieren sollten.

Zuletzt kam die Kriegskasse, die sich in mehreren eisernen Wagen befand.

Auf der St. Ferdinandskirche schlug es elf Uhr.

Dies war die Stunde des Abmarsches, oder vielmehr man hatte sich um eine Stunde verspätet, denn ursprünglich war die zehnte Stunde dazu festgesetzt worden.

Der König wollte das Schauspiel mit einem Knalleffect schließen.

»Meine Kinder!« rief er, indem er die Arme nach dem Balcon ausstreckte, auf welchem neben den jungen Prinzessinnen, die kleinen Prinzen Leopold und Albert standen.

Es waren dies die beiden jüngsten Söhne des Königs, – der eine, Leopold, neun Jahre alt und später Prinz von Salerno, Lieblingssohn der Königin, der andere, Albert, sechs Jahre alt, Lieblingssohn des Königs. Leider waren die Tage dieses jüngsten Prinzen schon gezählt.

Die beiden Prinzen verschwanden, als sie sich von dem König rufen hörten, von dem Balcon, gingen mit ihren Hofmeistern hinunter, entschlüpften denselben auf der Treppe, eilten zu dem großen Thor hinaus, wagten sich mit dem leichtsinnigen Muth der Jugend mitten unter die den Platz anfüllenden Pferde, und eilten auf den König zu.

Der König hob sie einen nach dem andern zu sich herauf und küßte sie.

Dann zeigte er sie dem Volke, und rief mit starker Stimme, so daß er von den ersten Reihen, die es den letzten wieder erzählten, gehört ward:

»Ich empfehle sie Euch, meine Freunde. Sie sind nächst der Königin das Theuerste, was ich auf der Welt mein nenne.«

Und nachdem er die Knaben ihren Hofmeistern zurückgegeben, setzte er, indem er den Degen mit derselben Geberde zog, die er, als Mack den seinigen gezogen, so lächerlich gefunden, hinzu:

»Und ich, ich werde für Euch siegen oder sterben.«

Bei diesen Worten stieg die allgemeine Bewegung aufs Höchste. Die jungen Prinzen weinten, die Königin drückte ihr Tuch an die Augen, der Herzog von Calabrien hob die Hände gen Himmel, wie um den Segen Gottes auf das Haupt seines Vaters herabzurufen, die Hofmeister faßten die jungen Prinzen in ihre Arme, um sie trotz ihres Geschreies hinwegzutragen, und die Menge brach in lautes Schluchzen und erneuten Jubelruf aus.

Der gewünschte Effekt war erzeugt. Denselben verlängern, hätte zugleich ihn mindern geheißen.

Die Trompeter gaben daher das Signal zum Abmarsch und setzten sich in Bewegung.

Eine kleine Abtheilung Cavallerie, die an dem Largo San Ferdinando gehalten, folgte ihnen und bildete die Spitze der Colonne.

Der König folgte unmittelbar hinterdrein in der Mitte eines großen freien Zwischenraumes und begrüßte das Volk, welches mit dem tausendstimmig wiederholten Rufe: »Es lebe Ferdinand der Vierte! Es lebe Pius der Sechste! Nieder mit den Franzosen!« antwortete.

Mack und der ganze Generalstab folgten hinter dem Könige, nach dem Generalstabe kamen die Geschütze, auf welche wiederum eine kleine Abtheilung Cavallerie folgte, wie die, welche den Zug eröffnete.

Ehe der König den Platz vor dem Schlosse ganz verließ, drehte er sich noch ein letztes Mal herum, um die Königin zu begrüßen und seinen Kindern Lebewohl zu sagen. Dann bog er in die lange Toledostraße ein, welche ihn über den Largo Mercatello, Port Alba und Largo delle Pigne auf die Straße von Capua führen sollte, wo das Gefolge des Königs Halt zu machen bestimmt war, während der König in Caserta seiner Gemahlin und seinen Kindern noch einmal Lebewohl sagte und seinen Känguruhs einen letzten Besuch abstattete.

Das, was der König am meisten bedauerte, war seine Krippe, die er unvollendet in Neapel zurücklassen mußte.

Außerhalb der Stadt erwartete ihn ein Wagen. Er bestieg denselben mit dem Herzog von Ascoli, dem Marquis Malapina und dem General Mack, worauf alle Vier nach Caserta fuhren und hier ruhig warteten, bis zwei Stunden später die Königin, die Prinzen und Prinzessinnen und die vertrauten Personen des Hofes nachkamen, denn erst den nächstfolgenden Tag fand der eigentliche Aufbruch statt.

Zwölftes Capitel.
Einige Seiten Geschichte

Obschon wir keineswegs die Absicht haben, uns zum Geschichtschreiber dieses Feldzuges zu machen, so müssen wir doch dem König Ferdinand auf seinem Triumphzuge wenigstens bis Rom folgen und die wichtigsten Ereignisse dieses Marsches zusammenfassen.

Die Armee des Königs von Sicilien hatte schon seit länger als einem Monate ihre Cantonnementspositionen eingenommen.

Sie war in drei Corps getheilt.

Zweiundzwanzigtausend Mann campirten in San Germano, sechzehntausend in den Abruzzen, achttausend in der Ebene von Sessa, ohne sechstausend Mann in Gaëta zu zählen, die bereit waren, sich als Arrieregarde bei dem ersten Schritt, den die drei ersten Corps vorwärts thun würden, in Marsch zu setzen, und achttausend, welche sich bereit hielten, unter den Befehlen des Generals Naselli nach Livorno unter Segel zu gehen.

Das erste Corps sollte unter den Befehlen des Königs in eigener Person, das zweite unter denen des Generals Micheroux und das dritte unter denen des Generals von Damas marschieren.

Mark führte, wie wir bereits gesagt haben, das erste Corps. Es waren also zweiundfünfzigtausend Mann – ohne das Corps Naselli’s – welche gegen Championnet und seine neun- oder zehntausend Mann marschierten.

Nachdem man drei oder vier Tage im Lager von San Germano zugebracht, wo die Königin und Emma Lyonna, beide als Amazonen gekleidet und feurige Pferde reitend, um ihre Gewandtheit bewundern zu lassen, das erste Armeecorps die Musterung passieren ließen und durch alle möglichen Mittel, schöne Worte und huldreiche Mienen für die Officiere, doppelten Sold und Weinrationen für die Soldaten, die Begeisterung der Armee aufs Höchste steigerten, verließ man sich in überschwänglichen Siegeshoffnungen.

Während die Königin, Emma Lyonna, Sir William Hamilton, Horaz Nelson, die fremden Gesandten und die zu diesen kriegerischen Festen geladenen Gäste nach Caserta zurückkehrten, setzte sich die Armee auf ein gegebenes Signal an einem und demselben Tage, zu einer und derselben Stunde auf drei verschiedenen Punkten in Marsch.

Wir haben gesehen, welche Befehle der General Macdonald im Namen des Generals Championnet an dem Tage ertheilte, wo wir unsere Leser in den Palast Corsini einführten und wo wir sie der Ankunft des französischen Gesandten und des Grafen Ruvo beiwohnen ließen.

Diese Befehle lauteten, wie man sich entsinnen wird, dahin, beim Heranrücken der Neapolitaner alle Plätze und alle Positionen zu räumen.

Man wird sich daher nicht wundern, die ganze französische Armee vor dem im Anzuge begriffenen König Ferdinand den Rückzug antreten zu sehen.

Der General Micheroux, welcher mit zehntausend Mann den rechten Flügel bildete, ging über den Tronto, trieb die schwache französische Garnison von Ascoli vor sich her und nahm auf der ämilianischen Straße dir Richtung von Porto de Fermo.

Der General von Damas, welcher den linken Flügel bildete, folgte der appischen Straße und der König, welcher das Centrum führte, rückte von San Germano ab und marschierte, wie Mack in seinem Feldzugsplan bestimmt, auf der Straße von Ceperano und Frosinone nach Rom.

Das Armeecorps des Königs langte gegen neun Uhr Morgens in Ceperano an und der König stieg in dem Hause des Syndicus ab, um zu frühstücken.

Nach dem Frühstück bat der General Mack, welchem der König seit dem Abmarsch von San Germano die Ehre erzeigte, ihn zur Tafel zu ziehen, um die Erlaubniß, seinen Adjutanten, den Major Reischach, rufen zu lassen.

Es war dies ein junger Oesterreicher von sechs- bis achtundzwanzig Jahren, der eine vortreffliche Erziehung genoß, das Französische redete wie seine Muttersprache und sich in seiner eleganten Uniform sehr gut ausnahm.

Er leistete dem Befehl seines Generals sofort Folge.

Der junge Officier begrüßte ehrerbietig erst den König, dann seinen General und erwartete die Befehle, die er gekommen war zu empfangen.

»Sire,« sagte Mack, »unter civilisirten Nationen ist es Kriegsgebrauch, daß man den Feind, den man angreifen will, vorher davon unterrichtet. Ich halte es daher für meine Pflicht, dem republikanischen General zu melden, daß wir im Begriff stehen, die Grenze zu überschreiten.«

»Sie sagen, es sei dies Kriegsgebrauch?« sagte der König.

»Ja, Sire.«

»Nun dann thun Sie es, General; thun Sie es.«

»Uebrigens wird er, wenn er erfährt, daß wir mit einer imposanten Streitmacht anrücken, vielleicht den Platz freiwillig räumen.«

»Ah,« sagte der König, »das wäre sehr manierlich von ihm.«

»Sie erlauben also, Sire?«

»Versteht sich! Ja wohl, ich erlaube es.«

Mack drehte sich auf dem Stuhl herum, stützte sich mit dem Ellbogen auf den Tisch und sagte:

»Major, setzen Sie sich und nehmen Sie die Feder zur Hand.«

Der Major that, wie ihm geheißen ward.

»Schreiben Sie,« fuhr Mark fort, »aber so schön, als Sie es im Stande sind, denn es wäre sehr leicht möglich, daß der republikanische General, an welchen der Brief gerichtet ist, nicht sehr geläufig zu lesen verstünde. Diese Herren sind, was Schulkenntnisse betrifft, in der Regel nicht weit her,« fuhr Mack fort. »Wenn er hartnäckigerweise Stand halten sollte, so soll er wenigstens dann nicht sagen können, er habe den Brief nicht verstanden.«

»Wenn der Brief an den General Championnet gerichtet ist, Excellenz,« entgegnete der junge Mann, »so glaube ich nicht, daß so etwas zu befürchten steht. Ich habe gehört, es sei dies einer der gelehrtesten Männer unter der ganzen französischen Armee, aber deswegen bin ich nicht weniger bereit, Ihre Befehle auszuführen.«

»Das ist auch das Beste, was Sie thun können,« entgegnete Mack, durch die Bemerkung des jungen Mannes ein wenig verletzt und indem er eine gebieterische Kopfbewegung machte.

Der Major machte sich schreibfertig.

»Gestatten Sie mir in der Abfassung des Briefes völlige Freiheit, Sire?« fragte der General den König.

»Jawohl, jawohl,« antwortete der König, »denn wenn ich selbst schriebe, so glaube ich, würde der Bürger General, so gelehrt er auch sein mag, gleichwohl Mühe haben, daraus klug zu werden.«

»Schreiben Sie, Major,« sagte Mack.

Und er dictirte den folgenden Brief oder vielmehr das folgende Ultimatum welches noch in keinem Geschichtswerke mitgetheilt worden. Wir copiren dieses Musterstück von Impertinenz und Uebermuth nach dem der Königin zugesendeten officiellen Duplicat.

»Herr General!

»Ich zeige Ihnen hiermit an, daß die sicilianische Armee, welche ich die Ehre habe, unter den Befehlen des Königs in eigener Person zu commandiren, so eben die Grenze überschritten hat, um sich in Besitz der römischen Staaten zu setzen, welche seit dem Frieden von Campo Formio revolutionisirt und usurpiert worden sind.

»Diese Revolution und Usurpation sind weder durch Seine sicilische Majestät noch durch seinen erhabenen Verbündeten, den Kaiser und König, anerkannt worden. Ich verlange daher, daß Sie ohne Verzug die römischen Staaten von den französischen Truppen räumen lassen, und mit allen andern Plätzen, welche sie besetzt halten dasselbe thun.

»Die die verschiedenen Truppencolonnen Seiner sicilischen Majestät commandirenden Generale haben ausdrücklichen Befehl, die Feindseligkeiten da, wo die französischen Truppen sich auf meine Notification zurückziehen werden, nicht zu beginnen, dagegen aber, im Fall sie sich widersetzen sollten, sofort zur Gewalt zu schreiten.

»Uebrigens erkläre ich, Bürger General, daß ich es als einen Art der Feindseligkeit betrachten werde, wenn die französischen Truppen den Fuß auf das Gebiet des Großherzogs von Toscana setzen.

»Ich erwarte Ihre Antwort ohne den mindesten Verzug und bitte Sie, mir den Major Reischach, der Ihnen diesen Brief überbringt, vier Stunden nach Empfang desselben wieder zurückzusenden. Ihre Antwort muß positiv und bestimmt gehalten sein.

»Was die Forderung, die römischen Staaten zu räumen und das Großherzogthum Toscana nicht zu betreten, betrifft, so wird eine negative Antwort als eine Kriegserklärung von Ihrer Seite betrachtet werden und Seine sicilische Majestät mit dem Degen in der Hand die gerechten Forderungen, die ich in ihrem Namen an Sie richte, aufrecht zu halten wissen.

»Ich habe die Ehre u.s.w.

»Ich bin fertig, Excellenz,« sagte der junge Officier.

»Und Eure Majestät haben weiter keine Bemerkung zu machen?« fragte Mack.

»Sie werden den Brief selbst unterzeichnen, nicht wahr?« fragte der König dagegen.

»Allerdings, Sire.«

»Nun dann —«

Und er beendete den Redesatz durch eine Bewegung mit den Schultern, welche vermuthlich heißen sollte: »Machen Sie, was Sie wollen.«

»Uebrigens,« sagte Mack, »müssen wir loyalen Leute auf diese Weise mit solchen Sansculotten von Republikanern sprechen.«

Dann nahm er dem Major die Feder aus der Hand, unterzeichnete den Brief, gab die Feder zurück und sagte:

»Nun schreiben Sie die Adresse.«

»Wollen Sie mir dieselbe dictiren, wie Sie mir den Brief dictirt haben, Excellenz?« fragte der junge Officier.

»Wie? Wissen Sie denn nicht einmal eine Adresse zu schreiben?«

»Ich weiß nicht, ob ich sagen soll: Herr General, oder Bürger General.«

»Schreiben Sie Bürger,« sagte Mack; Warum soll man solchen Leuten einen andern Titel geben als den welchen sie sich selbst beilegen?«

Der junge Mann schrieb die Adresse, siegelte den Brief zu und erhob sich.

»Nun, Major,« sagte Mack, »werden Sie zu Pferde steigen und diesen Brief so rasch als möglich dem französischen General überbringen. Ich gebe ihm, wie Sie gesehen haben, vier Stunden Bedenkzeit, Sie können folglich vier Stunden warten, aber keine Minute länger. Was uns betrifft, so werden wir mittlerweile unsern Marsch weiter fortsetzen und es ist wahrscheinlich, daß Sie uns auf Ihrem Rückweg zwischen Anagni und Volmonte treffen.«

Der junge Mann grüßte den General, verneigte sich ehrfurchtsvoll vor dem König und entfernte sich, um seine Mission zu vollziehen.

Von den französischen Vorposten, auf die er in Frosinone stieß, ward er natürlich angehalten, als er aber dem General Duchesme, welcher den Rückzug auf diesem Punkte leitete, seinen Auftrag mitgetheilt und die Depesche, mit deren Ueberbringung an Championnet er beauftragt war, gezeigt, befahl der General, ihn passieren zu lassen.

Nachdem das Hinderniß beseitigt war, setzte der Bote seinen Weg weiter fort nach Rom, wo er am nächstfolgenden Tage gegen halb zehn Uhr des Vormittags anlangte.

Am dem Thore San Giovanni machte man ihm neue Schwierigkeiten. Auf das Vorzeigen seiner Depesche aber fragte der französische Officier, der an diesem Thore die Wache hatte, ob er in Rom bekannt sei, und als der Major diese Frage verneinte, gab er ihm einen Soldaten mit, um ihn nach dem Palast des Generals zu geleiten.

Championnet hatte so eben mit seinem Adjutanten Thiébaut, dem, welcher ihm nächst Salvato von allen seinen Officieren der liebste war, einen Spazierritt auf den Wällen oder vielmehr um die Wälle herum gemacht.

Sein zweiter Begleiter auf diesem Spazierritt war der erst seit zwei Tagen angelangte Geniegeneral Eblé.

Als er an die Thür des Palastes Corsini kam, fand er einen Bauer, der ihn erwartete, und seinem Kostüm nach zu urtheilen, der alten Provinz Samnium anzugehören schien.

Der General stieg vom Pferde und näherte sich ihm, denn er begriff sofort, daß dieser Mann zu ihm wollte. Thiébaut wollte Championnet zurückhalten, denn die Meuchelmörder Bassevilles und Duphots waren seiner Erinnerung noch gegenwärtig. Der General schob jedoch seinen Adjutanten auf die Seite und ging auf den Bauer zu.

»Wo kommst Du her?« fragte er ihn.

»Aus dem Süden,« antwortete der Samniter.

»Hast Du ein Erkennungswort?«

»Ich habe deren zwei. Neapel und Rom.«

»Ist deine Botschaft mündlich oder schriftlich?«

»Schriftlich.«

Und er überreichte einen Brief.

»Immer wieder von derselben Person?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sollst du auf Antwort warten?«

»Nein.«

Championnet öffnete den Brief. Derselbe war fünf Tage alt. Er las:

»Es steht noch Alles gut. Der Verwundete ist gestern zum ersten Male aufgestanden und auf den Arm seiner barmherzigen Schwester gestützt mehrmals in seinem Zimmer auf- und abgegangen. Im Fall er sich nicht einer schweren Unklugheit schuldig macht, kann man für sein Leben stehen.«

»Ah, bravo!« rief Championnet.

Dann heftete er die Augen wieder auf den Brief und las weiter:

»Einer der Unsrigen ist verrathen worden. Man glaubt, er sei in das Castell San Elmo gebracht worden; wenn aber auch für ihn zu fürchten steht, so steht doch nichts für uns zu fürchten. Er ist ein Mann von Muth und Herz, der sich eher in Stücke hacken lassen, als etwas sagen würde.

»Der König und die Armee sind, sagt man, gestern von San Germano aufgebrochen. Die Armee besteht aus zweiundfünfzigtausend Mann, dreißigtausend hiervon marschieren unter dem Befehl des Königs, zwölftausend unter den Befehlen des Generals Micheroux, zehntausend unter dem Befehl des Generals Damas. Hier kommen achttausend Mann, die unter dem Commando des Generals Naselli in Gaeta stehen und bestimmt sind, von Nelson und einem Theile des englischen Geschwaders escortirt, in Toskana zu landen.

»Die Armee führt einen Port von hundert Geschützen und ist reichlich mit Allem versehen.

»Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit.

»Nachschrift. – Das Losungswort des nächsten Boten ist: San Angelo und San Elmo.«

Championnet sah sich nach dem Bauer um, dieser war aber verschwunden.

Dann gab er den Brief dem General Eblé, indem er diesen zugleich durch eine Kopfbewegung bedeutete, in den Palast hineinzugehen.

»Hier, Eblé,« sagte er, »sehen Sie das. Es steht darin, wie man bei uns sagt, zu essen und zu trinken.«

Dann fuhr er zu seinem Adjutanten Thiébaut gewendet fort:

»Die Hauptsache ist, daß es mit unserm Freund Salvato Palmieri immer besser und besser geht. Der, welcher mir schreibt und der, wie es scheint, selbst Arzt ist, bürgt mir jetzt für sein Leben. Uebrigens scheint man dort die Sache sehr gut organisiert zu haben. Es ist dies schon der dritte Brief, den ich durch verschiedene Boten erhalte, welche jedesmal ein anderes Losungswort haben und nicht auf Antwort warten.«

Dann wendete er sich wieder zu dem General Eblé und fragte diesen:

»Nun, Eblé, was meinen Sie dazu?«

»Ich sage,« antwortete dieser, indem er zuerst in das große Zimmer trat, in welchem wir Championnet schon mit Macdonald über die Größe und den Verfall der Römer disputiren gehört, »ich sage, daß zweiundfünfzigtausend Mann und hundert Stück Geschützt eine hübsche Ziffer sind. Und Sie, wie viel haben Sie Kanonen?«

»Neun.«

»Und Soldaten?«

»Elf- bis zwölftausend Mann, während das Directorium obendrein noch diesen Augenblick wählt, um mir dreitausend zur Verstärkung der Garnison von Corfu abzuverlangen.«

»Aber,« sagte Thiébaut, »wir mir scheint, können Sie unter den Umständen, in welchen wir uns befinden und welche dem Directorium nicht bekannt sind, sich weigern, einem solchen Befehle zu gehorchen.«

»Was!« rief Championnet, »glauben Sie nicht, Eblé, daß in einer von Ihnen befestigten guten Position neun- bis zehntausend Mann Franzosen zweiundfünfzigtausend Neapolitanern die Spitze bieten können, besonders wenn sie von dem General Mack commandirt werden?«

»O,« sagte Eblé lachend, »ich weiß, daß Ihnen nichts unmöglich ist, und übrigens kenne ich die Neapolitaner besser als Sie.«

»Wo haben Sie denn die Bekanntschaft dieser Leute gemacht? Man hat ja seit einem halben Jahrhundert ihre Kanonen nicht gehört, ausgenommen bei Toulon, wo Sie nicht mit waren.«

»Als ich noch Lieutenant war,« entgegnete Eblé, – »es sind dies jetzt zwölf Jahre her – ward ich von dem Baron von Salis mit Augereau, der damals erst Sergeant war, und mit dem Oberst von Pommereuil, welcher jetzt noch Oberst ist, nach Neapel geschickt.«

»Aber was zum Teufel sollten Sie denn dort machen?«

»Wir sollten auf Befehl der Königin und des Generalcapitäns, Sir John Acton, die Armee auf französischen Fuß organisieren.«

»Das ist eine schlimme Mittheilung, die Sie mir da machen, Eblé. Wenn ich es mit einer von Ihnen und Augereau organisieren Armee zu thun habe, so wird die Sache nicht so leicht gehen, als ich glaubte. Der Prinz Eugen sagte, als er hörte, daß man eine Armee gegen ihn schickte, in seiner Ungewißheit über den General, der dieselbe commandirte: »Wenn es Villeroy ist, so schlage ich ihn; ist es Beaufort, so schlagen wir uns; ist es aber Catinat, so schlägt er mich.« Ich könnte dasselbe sagen.«

»O, in dieser Beziehung beruhigen Sie sich. Ich weiß nicht, welcher Zwist sich damals zwischen Herrn von Salis und der Königin entspann, aber Thatsache ist, daß wir nach Verlauf von einem Monate sämtlich zur Thür hinausgeworfen und durch österreichische Instructioner ersetzt wurden.«

»Aber Sie blieben doch einen Monat in Neapel, wie Sie sagen?«

»Ja, vier oder sechs Wochen; ich weiß es nicht mehr genau.«

»Dann bin ich ruhig, und ich begreife, warum das Directorium Sie mir schickt. Sie werden während jener vier Wochen Ihre Zeit nicht verloren haben.«

»Nein, ich habe die Stadt und ihre Zugänge studiert.«

»Ich kann noch nicht sagen, ob dies uns etwas nützen wird, aber wer weiß?«

»Mitlerweile, Thiébaut,« fuhr der General fort, »und da der Feind binnen drei oder vier Tagen hier sein kann, und es nicht in meinem Plane liegt, mich seinem Marsche zu widersetzen, so geben Sie Befehl, daß man auf der Engelsburg die Lärmkanone löse, in der ganzen Stadt Generalmarsch schlage und die Garnison sich unter dem Befehle des Generals Mathieu Maurice auf dem Platze des Volkes versammle.«

»Ich gehe, mein General.«

Der Adjutant verließ ohne eine Miene des Erstaunens und mit jenem passiven Gehorsam, welcher die Officiere charakterisirt, die bestimmt sind, später zu commandiren, das Zimmer, kam aber sofort wieder zurück.

»Nun, was gibts?« fragte Championnet.

»Mein General,« antwortete der junge Mann« »soeben kommt ein Adjutant des Generals Mack von San Germano und verlangt mit Ihnen zu sprechen. Er ist, wie er sagt, Ueberbringer einer wichtigen Depesche.«

»Er möge hereinkommen,« sagte Championnet; »er möge hereinkommen. Seine Freunde darf man niemals warten lassen, seine Feinde aber noch weniger.«

Der junge Mann trat ein. Er hatte die letzten Worte des Generals gehört und nachdem er sich anmuthig und ehrerbietig verneigt, sagte er, während Thiébaut die drei Befehle, welche Championnet ihm soeben ertheilt, dem diensthabenden Officier übermittelte:

»In Folge der Anwendung dieser Maxime werden Ihre Freunde sich stets wohl und Ihre Feinde stets übel befinden, mein General. Betrachten Sie mich daher nicht als Ihren Feind.«

Championnet ging ihm entgegen, bot ihm die Hand und sagte:

»Unter meinem Dache gibt es keine Feinde, sondern nur Gäste. Seien Sie daher willkommen, selbst wenn Sie mir in den Falten Ihres Mantels den Krieg brächten.«

Der junge Mann verneigte sich abermals und übergab dem Obercommandanten Mack’s Depesche.

»Wenn es nicht der Krieg ist,« sagte er, »so ist es stets etwas, was große Aehnlichkeit damit hat.«

Championnet entsiegelte den Brief und las ihn, ohne daß eine einzige Bewegung seines Gesichts den Eindruck verrieth, den diese Lectüre auf ihn machte.

Was den Boten betraf, der den Inhalt der Depesche kannte, da er sie ja selbst geschrieben, wenn auch ohne Form und Text zu billigen, so folgte er mit Unruhe den Augen des Generals.

Als Championnet bei der letzten Zeile angelangt war, lächelte er und steckte die Depesche in die Tasche.

»Mein Herr,« sagte er zu dem jungen Officier, »der General Mack sagt mir, daß Sie vier Stunden bei mir zubringen dürfen. Ich danke ihm dafür und erkläre Ihnen hiermit, daß ich Ihnen auch nicht eine Minute davon schenke.«

Er zog die Uhr.

»Es ist jetzt ein Viertel auf elf Vormittag; ein Viertel auf drei Uhr Nachmittag sollen Sie frei sein. Thiébaut,« sagte er zu seinem Adjutanten, der, nachdem er die Befehle des Generals weitergegeben, soeben wieder ins Zimmer getreten war, »Sie werden ein Couvert mehr auflegen lassen. Dieser Herr wird uns die Ehre erzeigen, mit uns zu frühstücken.«

»General,« stammelte der junge Officier verblüfft über die Höflichkeit gegen einen Boten, der einen so wenig höflichen Brief überbracht, »ich weiß wirklich nicht —«

»Ob Sie das Frühstück von armen Teufeln theilen sollen, welchen es an Allem fehlt, während Sie soeben eine reichlich besetzte königliche Tafel verlassen haben, nicht wahr?« sagte Championnet lachend. »Nehmen Sie aber die Einladung nur an, Major. Wenn man Alcibades in eigener Person wäre, so stirbt man nicht, wenn man zufällig einmal Lykurg’s schwarze Suppe mitgegessen.«

»General,« entgegnete der Adjutant, »dann lassen Sie mich doppelt für die Einladung und die Bedingungen danken, unter welchen sie erfolgt. Es ist möglich, daß ich die Mahlzeit eines Spartaners theile, aber nur ein Franzose konnte die Courtoisie besitzen« mich dazu einzuladen.«

»General,« sagte Thiébaut, indem er wieder eintrat, »das Frühstück ist serviert!«

Dreizehntes Capitel.
Die Diplomatie des Generale Championnet

Championnet lud den Major ein, zuerst in das Speisezimmer zu treten, und wies ihm zwischen dem General Eblé und sich selbst seinen Platz an.

Das Frühstück war, ohne das eines Sybariten zu sein, doch auch nicht gerade das eines Spartaners. Es hielt zwischen beiden die Mitte und, Dank dem päpstlichen Keller waren ganz besonders die Weine ausgezeichnet.

In dem Augenblick, wo man sich zu Tische setzte, dröhnte ein Kanonenschuß, dann ein zweiter, dann ein dritter.

Bei dem ersten Schusse stutzte der junge Mann, beim zweiten horchte er, beim dritten schien er wieder gleichgültig zu werden. Er that keine Frage.

»Hören Sie, Major?« sagte Championnet, als er sah, daß sein Gast nicht Miene machte, zu sprechen.

»Ja, ich höre, General, aber ich gestehe, daß ich nicht begreife.«

»Es ist die Lärmkanone.«

Fast gleichzeitig begann man Generalmarsch zu schlagen.

»Und dieser Trommelschall?« fragte der österreichische Officier lächelnd.

»Das ist der Generalmarsch.«

»Ich dachte es mir.«

»Zum Teufel, Sie können sich denken, daß nach einem solchen Brief, wie der General Mack mir die Ehre erzeigt hat, zu schreiben – Sie kennen wohl den Inhalt dieses Briefes?«

»Ich habe ihn ja selbst geschrieben«

»Sie schreiben eine sehr schöne Hand, Major.«

»Der General Mark hat ihn aber dictirt.«

»Dann hat der General Mack einen sehr schönen Styl.«

»Aber wie kommt es?« fuhr der junge Mann fort, als er hörte, daß noch mehr Kanonenschüsse gelöst wurden und der Generalmarsch fortwirbelte. »Ich habe Sie doch keinen Befehl geben hören. Ihre Trommeln und Ihre Kanonen haben mich wohl erkannt, oder sind dieselben behext?«

»Unsere Kanonen hätten allerdings sehr nöthig, es zu sein, denn Sie wissen oder Sie wissen nicht, daß wir deren nicht mehr als neun haben. Sie sehen, daß dies nicht viel ist, wenn es gilt, einem Artilleriepark von hundert Geschützen zu antworten. Soll ich Ihnen noch ein Kotelett vorlegen?«

»Wenn Sie die Güte haben wollen, General.«

»Nein, meine Kanonen schießen nicht von selbst und meine Trommeln schlagen sich nicht von selbst. Ich hatte vielmehr schon Befehl dazu gegeben, ehe ich die Ehre hatte, Sie zu sehen.«

»Dann waren Sie wohl von unserem Marsch unterrichtet?«

»O, ich habe wie Sokrates einen vertrauten Geist. Ich wußte, daß der König und der General Mack vor sechs Tagen, das heißt am vergangenen Montag, mit dreißigtausend Mann von San Germano, Micheroux mit zwölftausend von Aquila, und Damas mit zehntausend von Sessa abmarschiert sind, abgesehen von dem General Naselli und seinen achttausend Mann, welche, von dem berühmten Admiral Nelson escortirt, gegenwärtig in Livorno landen sollen, um uns den Rückzug nach Toscana abzuschneiden. O, er ist ein großer Stratege, dieser General Mack, das weiß ganz Europa. Da ich nun im Ganzen nur zwölftausend Mann habe, von welchen das Directorium mir jetzt auch noch dreitausend nimmt, um die Garnison von Korfu zu verstärken – Apropos,« unterbrach sich Championnet, zu Thiébaut gewendet, »haben Sie schon Befehl gegeben, daß diese dreitausend Mann nach Ancona marschieren, um dort eingeschifft zu werden?«

»Nein, mein General,« antwortete Thiébaut »denn da ich wußte, daß wir, wie Sie eben selbst sagten, im Ganzen nur zwölftausend Mann haben, so habe ich Anstand genommen, unsere Streitmacht noch um dreitausend Mann zu vermindern.«

»So,« sagte der General mit seiner gewöhnlichen heitern Ruhe lächelnd; »Sie haben vergessen, Thiébaut, daß die Spartaner nur dreihundert Mann zählten. Zum Sterben ist man immer genug. Vollziehen Sie daher meinen Befehl, und lassen Sie die Mannschaften augenblicklich abmarschieren.«

Thiébaut erhob sich und verließ das Zimmer.

»Nehmen Sie doch einen Flügel von diesem Huhne, Major,« sagte Championnet. »Sie essen nicht. Scipio, welcher gleichzeitig mein Intendant, mein Kammerdiener und mein Koch ist, wird glauben, seine Küche schmecke Ihnen nicht und er wird sich zu Tode härmen.«

Der junge Mann, welcher sich in der That unterbrochen hatte, um den General zu hören, begann wieder zu essen. Augenscheinlich aber beunruhigte ihn diese unerschütterliche Heiterkeit Championnet’s, welche er anfing für einen Fallstrick zu halten.

»Eblé,« fuhr der General fort, »sogleich nach dem Frühstücke und während wir mit dem Major die Garnison von Rom die Musterung passieren lassen, werden Sie sich bereit halten die Brücke von Tivoli über den Teverone und die Brücke von Borghetto über die Tiber sprengen zu lassen, sobald die französischen Truppen diese beiden Flüsse passiert haben werden.«

»Ja, mein General,« sagte Eblé einfach.

Der junge Mann sah Championnet an.

»Ein Glas von diesem Albaneser, Major,« sagte Championnet. »Er ist aus dem päpstlichen Keller und die Liebhaber finden ihn gut.«

»Dann, General,« sagte der Major, seinen Wein schlürfend, »dann verlassen Sie also Rom?«

»Sie sind ein zu erfahrener Kriegsmann, mein lieber Major,« antwortete Championnet, »nur nicht zu wissen, daß man eine im Jahre 274 von dem Kaiser Aurelian befestigte Stadt im Jahre 1799 unter dem Bürger Barras nicht vertheidigt. Wenn der General Mack mit den Pfeilen der Parther, den Schleudern der Balearen oder auch mit jenen gefürchteten fünfundsiebzig Fuß langen Mauerbrechern des Antonius zu mir käme, so würde ich es allenfalls riskieren, aber hundert Kanonen die Spitze bieten zu wollen, wäre Wahnsinn.«

Thiébaut trat wieder ein.

»Ihre Befehle sind vollzogen, General,« sagte er, Championnet dankte ihm durch eine Kopfbewegung.

»Dennoch,« fuhr er dann fort, »verlasse ich Rom nicht ganz. Thiébaut wird sich mit fünfhundert Mann in die Engelsburg einschließen, nicht wahr, Thiébaut?«

»Wenn Sie es befehlen, mein General, so geschieht es.«

»Und Sie werden sich unter keinem Vorwande ergeben.«

»Unter keinem Vorwande – darauf können Sie sich verlassen, General.«

»Sie werden selbst Ihre Leute wählen. Glauben Sie deren fünfhundert zu finden, welche bereit sind für die Ehre Frankreichs zu sterben? Es wird durchaus nicht schwer halten. Uebrigens marschieren wir heute ab. Ich bitte um Entschuldigung, Major, daß ich so in Ihrer Gegenwart von allen unsern kleinen Angelegenheiten spreche, aber Sie gehören ja zum Handwerke und wissen, was es zu bedeuten hat. Wir marschieren heute ab. Ich verlange, daß Sie sich nur zwanzig Tage halten, Thiébaut. Nach Verlauf von zwanzig Tagen bin ich wieder in Rom.«

»O genieren Sie sich nicht, mein General, sagen Sie zwanzig Tage, sagen Sie fünfundzwanzig, sagen Sie dreißig.«

»Ich brauche nicht mehr als zwanzig und gebe Ihnen obendrein mein Ehrenwort, Thiébaut, daß ich Sie befreie, ehe noch zwanzig Tage um sind. Eblé,« fuhr der General fort, »Sie werden sich mir in Civitià Castellane wieder anschließen. Dort werde ich mich contentriren. Die Position ist gut. Mittlerweile wird es gerathen sein, einige Außenwerke anzulegen. Sie entschuldigen doch, mein lieber Major, daß ich immer noch von solchen Dingen spreche?«

»Ich kann nur wiederholen, was soeben mein Camerad Thiébaut zu Ihnen sagte: Geniren Sie sich meinetwegen nicht.«

»Sie sehen, ich bin einer von den Spielern, welche die Karten auf den Tisch legen. Sie haben sechzigtausend Mann, hundert Kanonen, so viel Munition, daß Sie nicht wissen, was Sie damit machen sollen. Ich habe, dafern Joubert mir nicht die verlangten dreitausend Mann schickt – neuntausend Mann, fünfzehntausend Stück Geschützkugeln und zwei Millionen Patronen. Wenn man so im Nachtheil ist, begreifen Sie wohl, daß man seine Vorsichtsmaßregeln treffen muß.«

Da der junge Mann über dem Eifer des Zuhörens seinen Kaffee kalt werden ließ, fuhr Championnet fort:

»Trinken Sie doch Ihren Kaffee, so lange er heiß ist, Major. Scipio bildet sich auf seinen Kaffee nicht wenig ein, empfiehlt aber stets ihn kochend heiß zu trinken.«

»Der Kaffee ist vortrefflich,« sagte der Major.

»Nun dann trinken Sie Ihre Tasse aus, mein junger Freund, denn wenn es Ihnen recht ist, so wollen wir zu Pferde steigen, um die Garnison zu mustern, aus welcher gleichzeitig Thiébaut seine fünfhundert Mann wählen wird.«

Der Major trank seinen Kaffee bis auf den letzten Tropfen aus, erhob sich und gab, indem er sich verneigte, zu verstehen, daß er bereit sei.

Scipio näherte sich.

»Wie es scheint, brechen wir auf, mein General?« fragte er.

»Allerdings, mein lieber Scipio! Du weißt, bei unserm verteufelten Handwerk ist man seiner Sache nie sicher.«

»Dann, mein General, müssen die Koffer gepackt, die Bücher emballirt und die Karten und Pläne aufgewickelt werden.«

»Nein, nein. Laß Alles, wie es ist. Wir werden es bei unserer Rückkehr wiederfinden. Mein lieber Major,« fuhr Championnet fort, indem er seinen Säbel umschnallte, »ich glaube, der General Mack wird sehr wohl thun, wenn er in diesem Palast logiert. Er findet hier eine gute Bibliothek und vortreffliche Karten. Sie werden ihm meine Bücher und meine Pläne empfehlen, denn ich halte sehr viel auf dieselben. Ich leihe sie ihm, wie meinen ganzen Palast, und stelle Alles unter Ihre Obhut. Die Sache wird um so bequemer sein, als Ihnen gegenüber, wie Sie sehen, der unermeßliche Palast Farnese steht, wo aller Wahrscheinlichkeit nach der König logieren wird. Se. Majestät und der General können dann von den Fenstern aus einander telegraphieren.

»Wenn der General diesen Palast bewohnt,« antwortete der Major, »so kann ich Ihnen dafür stehen, daß Alles, was Ihnen gehört, ihm heilig sein wird.«

»Scipio,« sagte der General, »packe für mich eine Uniform und sechs Hemden in einen Mantelsack. Du kannst denselben gleich hinten am Sattel schnallen lassen. Wenn die Musterung vorüber ist, setzen wir uns sofort in Marsch.«

Fünf Minuten später waren Championnet’s Befehle ausgeführt und vier oder fünf Pferde erwarteten ihre Reiter am Thore des Palastes Corsini.

Der junge Major suchte mit den Augen das seinige, aber vergebens. Der Reitknecht des Generals brachte ihm ein schönes frisches Pferd mit Pistolen in den Holftern.

Er sah den General fragend an.

»Ihr Pferd war müde, Herr Major,« sagte Championnet. »Lassen Sie ihm Zeit auszuruhen. Man wird es Ihnen hier zurücklassen.«

Der Major verneigte sich dankend und schwang sich in den Sattel. Eblé und Thiébaut thaten dasselbe.

Eine kleine Escorte, unter welcher unser alter Freund, der Brigadier Martin, glänzte, der noch ganz stolz darauf war, den Weg von Itri nach Rom im Wagen eines Gesandten zurückgelegt zu haben, folgte dem General in kurzer Entfernung. Scipio, welcher noch mit häuslichen Angelegenheiten zu thun hatte, sollte später nachkommen.

Der Palast Corsini, in welchem, beiläufig gesagt, Christine von Schweden starb, steht auf dem rechten Ufer der Tiber. Der, welcher ihn bewohnt, kann, wenn er die Hand ausstreckt, auf der andern Seite der Via Lungara das von Raphael unsterblich gemachte anmuthige Bauwerk der Farnesina berühren.

Der kolossale Palast Farnese und das reizende Gebäude, das nur ein Anhängsel dazu ist, war es, aus welchem Ferdinand jene Meisterwerke des Alterthums und des Mittelalters hatte kommen lassen, welche wir ihn im Schlosse von Caserta dem jungen Bankier Andreas Backer haben zeigen sehen.

Der kleine Trupp ritt das rechte Tiberufer die Via Lungara hinauf, der Major Reischach links, der General Eblé rechts neben Championnet.

Der ein wenig dahinter reitende Oberst Thiébaut diente zwischen der Haupttruppe und der kleinen Escorte gewissermaßen als Bindestrich.

Man ritt eine Weile schweigend entlang, dann nahm Championnet das Wort.

»Das Wunderbare auf diesem römischen Boden,« sagte er, »ist, daß man, mag man den Fuß setzen, wohin man will, die Geschichte des Alterthums oder die des Mittelalters berührt. Sehen Sie,« setzte er hinzu, indem er eine Hand nach der der Tiber entgegengesetzten Richtung ausstreckte, »dort auf dem Gipfel jenes Hügels steht San Onofrio, wo Tasso starb. Das Fieber raffte ihn in dem Augenblicke hinweg, wo Clemens der Achte ihn nach Rom gerufen, um ihn hier feierlich krönen zu lassen. Zehn Jahre später ließ derselbe Clemens der Achte, der einzige Mann, welchen Sixtus der Fünfte, wie er erklärte, in Rom gefunden, hier zu unserer Rechten in das Gefängniß Savella die bekannte Beatrice Cenci einsperren. In diesem Gefängniß und am Tage vor ihrem Tode fertigte Guido Reni von ihr das schöne Porträt, welches Sie in vier oder fünf Tagen, wenn Sie in Rom eingezogen sein werden, im Palast Colonna sehen können. Auf dem der Engelsburg gegenüberliegenden Tiberufer werde ich Ihnen die Trümmer des Gefängnisses von Tordinone zeigen, wo Beatrix’s Brüder gefangen saßen. In Folge einer besonderen Gnade ward sie nur zur Enthauptung verurtheilt, während ihr Bruder Giacomo, ehe er nach dem Schaffot gebracht ward, an dessen Fuße er mit seiner Schwester zusammentreffen sollte, auf einem Karten in der ganzen Stadt herumgefahren ward, während der Henker ihm dabei mit glühenden Zangen das Fleisch von der Brust riß, und dies alles um den Tod eines Nichtswürdigen zu rächen, welcher zwei seiner Söhne umgebracht, eine Tochter geschändet und der selbst der rächenden Gerechtigkeit nur dadurch entrann, daß er seine Richter mit einem goldenen Regen überschwemmte. Einen Augenblick lang war Clemens der Achte geneigt, dieser Familie Cenci, deren einziges Verbrechen darin bestand, daß sie das Amt des Henkers verrichtet, wenigstens das Leben zu schenken; zum Unglück für Beatrice aber brachte zu derselben Zeit der Fürst von Santa Croce seine Mutter um, eine Art Messalina, welche durch ihre Liebschaften mit Lakaien den väterlichen Namen entehrte. Der Papst erschrak, in den Kindern mehr Moralität als in den Vätern, in den Mördern mehr Gerechtigkeit als in den Richtern zu finden und die Köpfe der beiden Brüder, der Schwester und der Schwiegermutter fielen alle auf einem und demselben Schaffot; von hier aus können Sie auf der andern Seite der Tiber den Platz sehen, wo man es aufgeschlagen hatte. Die Sage behauptet, Clemens der Achte habe der Hinrichtung von einem Fenster der Engelsburg aus beigewohnt, wohin er durch jene lange bedeckte Gallerie gelangt war, welche Sie zu unserer Linken sehen und die von Alexander dem Sechsten erbaut worden, welcher seinem Nachfolger im Falle einer Belagerung oder einer Revolution die Möglichkeit gewähren wollte, den Vatikan zu verlassen und sich in die Engelsburg zu flüchten. Er benutzte ihn selbst mehr als einmal, wie man versichert, um die Cardinäle zu besuchen, welche er in dem Grabmale Hadrians gefangen hielt.«

»Sie sind ein bewundernswürdiger Cicerone, General, und ich bedaure sehr, daß ich anstatt vier Stunden, wovon unglücklicherweise zwei schon verflossen sind, nicht wenigstens vier Tage bei Ihnen zuzubringen habe.«

»Vier Tage wären zu wenig für dieses wunderbare Land. Nach vier Tagen würden Sie vier Monate, nach vier Monaten vier Jahre verlangen. Ein ganzes Menschenleben würde nicht hinreichen, um die Register der Erinnerungen zu fertigen, welche die Stadt in sich schließt, die man mit Recht die ewige nennt. Sehen Sie jene Spuren, welche noch an beiden Seiten des Ufers haften. Dort war die Triumphbrücke, dort sind nach einander, aus dem Marstempel kommend, der da stand, wo gegenwärtig die Peterskirche steht, Paulus Aemilius, der Sieger über Perseus, Pompejus, der Besieger Tigran’s, des Königs von Armenien, des Artoces, Königs von Iberien, des Oroses, Königs von Albanien, des Darius, Königs von Medien, des Antiochus, Königs von Comagenes und der Seeräuber, vorüber gezogen. Er hatte tausend feste Schlösser, neunhundert Städte, achthundert Schiffe genommen und neun Städte gegründet oder wieder bevölkert. In Folge des Triumphes baute er mit seinem Antheil an der Beute jenen schönen Minerventempel, welcher den Platz der Septa Julia in der Nähe des Aquaducts der Virgo schmückte und auf dessen Vorderseite er in ehernen Buchstaben die Inschrift hatte anbringen lassen: »Pompejus der Große, Imperator, nachdem er einen dreißigjährigen Krieg beendet, zwölf Millionen hundertundachtzigtausend Menschen besiegt, in die Flucht geschlagen, getödtet oder gezwungen, sich zu ergeben, achthundertsechsundvierztg Schiffe in den Grund gebohrt oder genommen, eintausend fünfhundertachtunddreißig Städte oder Schlösser unterworfen und das ganze Land vom See Möris bis zum rothen Meer erobert, löst das Gelübde, welches er der Minerva gethan.« Und über dieselbe Brücke zogen nach ihm Julius Cäsar und Augustus Tiberius. Zum Glück ist sie eingestürzt.« fuhr der republicanische General mit wehmüthigem Lächeln fort, »denn sonst wären wir in unserm Stolze ebenfalls darübergezogen. Und wer sind wir, daß wir wagen sollten, in die Fußstapen solcher Männer treten zu wollen?«

Die Betrachtungen, welche sich Championnet aufdrängten, ließen ihm die Stimme auf den Lippen verlöschen und er bewahrte ein Schweigen, welches der junge Officier nicht zu unterbrechen wagte, von der Triumphbrücke an, welche er zu seiner Rechten ließ, bis zur Engelsbrücke, welche er dann betreten mußte, um auf das linke Tiberufer zu gelangen.

Mitten auf dieser Brücke jedoch fragte der Major, selbst auf die Gefahr hin, indiscret zu erscheinen:

»Ist das nicht das Grabmal Hadrians, welches wir hinter uns lassen?«

Championnet sah sich um, als ob er aus einem Traume erwachte.

»Ja,« sagte er. »und die Brücke, auf welcher wir uns jetzt befinden, ward ohne Zweifel erbaut, um ihn dahin zu führen. Bernin hat sie restauriert und seine gewöhnlichen Koketterien daran verschwendet. In dieses Monument wird Thiébaut sich einschließen und es wird dies nicht die erste Belagerung sein, welche es ausgehalten haben wird. Sehen Sie, hier ist der Platz, welchen Sie von Weitem gesehen, und auf welchem Beatrice und ihre Familie enthauptet wurden. Wenn wir uns noch weiter links halten, so können wir den Platz des Tardinone selbst berühren. Auf dem kleinen Platze, wo wir jetzt anlangen, steht die Herberge »zum Bären« mit noch demselben Aushängeschild, welches sie zu der Zeit hatte, wo Montaigne, jener große Skeptiker, hier wohnte, dessen Wahlspruch aus den drei Worten: »Was weiß ich?« bestand. Es war dies nach sechstausend Jahren das letzte Wort des Menschengeistes, in abermals sechstausend Jahren kommt ein anderer Skeptiker, welcher sagen wird: »Vielleicht.«

»Und Sie, mein General,« fragte der Major, »was sagen Sie?«

»Ich sage, daß diese Regierung die letzte ist – sehen Sie einmal links; – ich meine die Regierung, welche beinahe im Herzen einer Stadt solche Wüsten entstehen läßt. Alle diese Sümpfe, in welchen acht Monate des Jahres hindurch die Malaria wohnt, gehören dem König, dem sie dienen. Es ist das Erbtheil der Farnese. Paul der Dritte ahnte, als er diese umfangreichen Strecken seinem Sohn, dem Herzog von Parma, vermachte, nicht, daß er ihm das Fieber vererbte. Sagen Sie daher Ihrem König Ferdinand, daß er nicht blos ein frommer Erbe, sondern auch ein frommer Christ sein würde, wenn er diese Fluren trockenlegen und anbauen ließe, die ihn dann durch reichliche Ernten dafür belohnen würden. Eine hier gebaute Brücke würde einem neuen Stadttheil genügen. Die Stadt würde den Fluß überschreiten, Häuser würden sich in diesem ganzen leeren Raume von der Engelsburg bis zum Volksplatze erheben und das Leben würde den Tod davon verscheuchen. Dazu aber bedürfte es einer Regierung, welche sich mit dem Wohlbefinden ihrer Unterthanen beschäftigte. Es bedürfte dazu jener großen Wohlthat, welche Sie, obschon ein unterrichteter und intelligenter Mann, bekämpfen wollen, es bedürfte der Freiheit. Und sie wird auch eines Tages kommen, nicht zeitweilig und zufällig, wie die, welche wir bringen, sondern die unsterbliche Tochter des Fortschrittes und der Zeit. Hier ist das Gäßchen, in welchem die St. Hieronymuskirche steht, aus welcher eines Morgens vier Männer zu Fuße und ein Reiter kamen. Der Reiter trug über die Croupe seines Pferdes hinweg einen Leichnam, dessen Füße auf der einen und dessen Kopf auf der andern Seite herabhingen.«

»Sehet ihr nichts?« fragte der Reiter.

»Zwei der Fußgänger schauten nach der Seite der Engelsburg, zwei nach der Seite des Volksplatzes.«

»Nein, wir sehen nichts,« sagten sie.

»Nun ritt der Reiter bis an den Rand des Flusses und drehte sein Pferd so herum, daß die Croupe dem Wasser sich zukehrte. Zwei der andern Männer faßten nun den Leichnam, der eine beim Kopfe, der andere bei den Füßen, schwenkten ihn dreimal hin und her und schleuderten ihn dann weit in den Fluß hinein.«

»Bei dem Geräusch, welches der Leichnam beim Hineinstürzen ins Wasser machte,« fragte der Reiter:

»Ist’s geschehen?«

»Ja, gnädiger Herr,« antworteten die Männer.

»Der Reiter drehte sich herum.

»Und was schwimmt auf dem Wasser?« fragte er.

»Gnädiger Herr,« antwortete einer der Männer, »es ist sein Mantel.«

»Ein anderer hob Steine auf, lief flußabwärts das Ufer entlang und warf Steine in den Mantel, bis derselbe verschwand.

»Alles geht gut,« sagte nun der Reiter. Und ergab den Männern eine Börse, setzte sein Pferd in Galopp und verschwand.

»Der Todte war der Herzog von Candia, der Reiter war Cäsar Borgia. Eifersüchtig auf seine Schwester Lucretia, hatte Cäsar Borgia so eben seinen Bruder, den Herzog von Candia, umgebracht. – Zum Glück,« fuhr Championnet fort, »sind wir nun zur Stelle. Der Zufall, lieber Freund, der Rächer der Könige und anderen Herrscher, hatte Ihnen diese Geschichte bis zuletzt aufgehoben. Es war, wie Sie sehen, nicht die am wenigsten interessante.«

In der That kam jetzt der Trupp, dem wir von dem Palast Corsini bis an das äußerste Ende von Ripetta gefolgt sind, auf den sogenannten Volksplatz heraus, wo die Garnison von Rom in Schlachtordnung aufgestellt stand. Diese Garnison bestand aus ziemlich dreitausend Mann – zwei Dritteln Franzosen und einem Drittel Polen.

Als man den General erblickte, riefen dreitausend Stimmen wie aus einem Munde:

»Es lebe die Republik!«

Der General ritt bis in die Mitte der ersten Reihe und gab zu verstehen, daß er sprechen wolle. Das Geschrei verstummte.

»Meine Freunde,« sagte der General, »ich sehe mich genöthigt, Rom zu verlassen, aber ich gebe es nicht auf. Ich lasse den Oberst Thiébaut zurück. Er wird die Engelsburg mit fünfhundert Mann besetzen. Ich habe mein Wort gegeben, binnen zwanzig Tagen wiederzukommen, und ihn zu befreien. Macht Ihr Euch mit mir hier verbindlich?«

»Ja! Ja!l ja!« riefen dreitausend Stimmen.

»Auf eure Ehre?« fragte Championnet.

»Ja, auf unsere Ehre!« wiederholten die dreitausend Stimmen.

»Nun,« fuhr Championnet fort, »dann wählt aus eurer Mitte fünfhundert Mann, welche bereit sind, sich lieber unter den Trümmern der Engelsburg zu begraben, als sich zu ergeben.«

»Alle! alle! Wir sind alle dazu bereit!« riefen die Soldaten.

»Sergeanten,« sagte Championnet, »tretet vor und wählet von jeder Compagnie fünfzehn Mann.«

Binnen zehn Minuten standen vierhundert achtzig Mann ausgewählt beisammen.

»Freunde,« sagte Championnet zu ihnen, »Ihr werdet die Fahnen der beiden Regimenter behalten und wir werden dieselben wieder in Empfang nehmen. Die Fahnenträger haben sich daher in die Reihen der für die Engelsburg bestimmten Mannschaften zu begeben.«

Die Fahnenträger gehorchten unter dem jubelnden Rufe: »Es lebe Championnet! Es lebe die Republik!«

»Oberst Thiébaut,« fuhr Championnet fort, »schwören Sie und lassen Sie auch Ihre Leute schwören, daß Sie sich lieber bis auf den letzten Mann tödten lassen, als sich ergeben wollen.«

Alle streckten die Hände empor und riefen:

»Wir schwören!«

Championnet näherte sich seinem Adjutanten.

»Umarmen Sie mich, Thiébaut,« sagte er zu ihm. »Wenn ich einen Sohn hätte, so würde ich diesem die glorreiche Mission übertragen, welche ich Ihnen anvertraue.«

Der General und sein Adjutant umarmten einander unter dem Hurrah- und Vivatgeschrei der Garnison.

Auf der St. Marienkirche schlug es zwei Uhr.

»Major,« sagte Championnet zu dem jungen Oesterreicher, »die vier Stunden sind um, und zu meinem großen Bedauern habe ich nicht mehr das Recht, Sie zurückzuhalten.«

Der Major warf einen Blick in der Richtung von Ripetta.

»Warten Sie auf etwas?« fragte ihn Championnet.

»Ich sitze auf einem Ihrer Pferde, General.«

»Ich hoffe, daß Sie mir die Ehre erzeigen werden, es zu behalten – zur Erinnerung an die nur zu kurzen Augenblicke, die wir mit einander verlebt.«

»Das Geschenk, welches Sie mir machen,« nicht annehmen, oder auch nur zögern es anzunehmen, hieße sich weniger artig zeigen, als Sie, mein General. Ich sage Ihnen daher meinen innigen Dank.«

Der Major legte die Hand auf die Brust und verneigte sich.

»Und welche Antwort soll ich dem General Mark bringen?« fragte er dann.

»Berichten Sie ihm, was Sie gesehen und gehört haben, und setzen Sie hinzu, daß an dem Tage, wo ich Paris verließ und von den Mitgliedern des Directoriums Abschied nahm, der Bürger Barras mir die Hand auf die Schulter legte und sagte: »Wenn der Krieg zum Ausbrach kommt, so sollen Sie zur Belohnung fürs Ihre Dienste der erste der republikanischen Generale sein, welcher von der Republik beauftragt wird, einen König zu entthronen.«

»Und was antworteten Sie darauf?«

»Ich antwortete darauf: Die Absichten der Republik werden ausgeführt werden, darauf gebe ich mein Wort, und im ich mein Ehrenwort niemals gebrochen, so sagen Sie dem Könige Ferdinand, er solle sich so gut als möglich halten.«

»Ich werde es ihm sagen, General,« entgegnete der junge Mann, »denn mit einem Anführer wie Sie und Soldaten wie diese ist Alles möglich. Und nun haben Sie die Güte, mir bin Weg zeigen zu lassen.«

»Brigadier Martin,« sagte Championnet, »nehmen Sie vier Mann und geleiten Sie den Herrn Major bis an das Thor San Giovanni. Auf der Straße von Storta werden Sie sich uns dann wieder anschließen.«

Die beiden Männer begrüßten einander zum letzten Mal. Der von dem Brigadier Martin geführte und von dessen vier Dragonern escortirte Major ritt in scharfem Trabe in die Via del Babuino hinein. Der Oberst Thiébaut und seine fünfhundert Mann marschierten über Ripetta in die Engelsburg, in welche sie sich einschlossen, und die übrige Garnison zog mit Championnet und seinem Generalstabe an der Spitze durch das Thor del Popolo mit klingendem Spiele zur Stadt hinaus.

– Ende des vierten Theiles -
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Дата выхода на Литрес:
30 ноября 2019
Объем:
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