Читайте только на Литрес

Книгу нельзя скачать файлом, но можно читать в нашем приложении или онлайн на сайте.

Читать книгу: «Der Page des Herzogs von Savoyen»

Шрифт:

Erster Theil

I.
Was man am 5. Mai 1555 gegen zwei Uhr Nachmittags von dem höchsten Thurme von Hesdin-Fert aus sehen konnte

Versetzen wir sofort, ohne Vorrede, diejenigen unserer Leser, welche mit uns einen Sprung von dreihundert Jahren in die Vergangenheit thun wollen, zu den Männern, mit denen wir sie bekannt zu machen haben, und in die Ereignisse, denen sie beiwohnen sollen.

Es ist der 5. Mai des Jahres 1555.

Heinrich II. regiert über Frankreich.

Maria Tudor über England.

Carl V. über Spanien, die Niederlande, Deutschland, Italien und die beiden Indien, also über ein Sechstheil der Erde.

Der Schauplatz ist in der Nähe der kleinen Stadt Hesdin-Fert, welche Emanuel Philibert, Fürst von Piemont, statt des alten Hesdin wieder aufbaute, welches er im vorigen Jahre eingenommen und rasirt hat. Wir befinden uns also in dem Theile des ehemaligen Frankreichs, welches damals das Artois hieß und jetzt das Departement Pas-de-Calais ist.

Wir sagen des »ehemaligen Frankreichs«, denn Artois war eine kurze Zeit durch Philipp August, den Sieger von St. Jean-d’Acre, mit dem Besitz der Könige von Frankreich vereinigt worden, wurde dann 1237 von Ludwig dem Heiligen seinem jungen Bruder Robert übergeben und kam in den Händen dreier Frauen, Mahaud, Johanna I. und Johanna II. an drei verschiedene Häuser. Mit Margarethe, Schwester Johanna’s II. und Tochter Johanna’s I., gelangte es an den Grafen Ludwig von Mâle, dessen Tochter es gleichzeitig mit den Grafschaften Flandern und Nevers dem Hause der Herzoge von Burgund zubrachte. Als endlich Carl der Kühne todt war, vereinigte Maria von Burgund , die letzte Erbin des riesigen Namens und der unermeßlichen Besitzungen ihres Vaters, als sie sich mit Maximilian, dem Sohne des Kaisers Friedrich II., vermählte, ihren Namen und ihre Reichthümer mit dem Besitz des Hauses Oesterreich.

Das war ein großer Verlust für Frankreich, denn Artois war eine schöne und reiche Provinz. Auch kämpften Heinrich II. und Carl V. seit drei Jahren mit wechselndem Erfolge, Carl V. um sie zu behalten, Heinrich II. um sie wieder zu erlangen.

Während dieses erbitterten Krieges, in welchem der Sohn den alten Gegner seines Vaters wieder fand und, wie sein Vater, sein Marignan und sein Pavia haben sollte, hatte ein Jeder seine guten und schlimmen Tage, seine Siege und seine Niederlagen gehabt. Frankreich hatte das Heer Carl’s V. in Unordnung die Belagerung von Metz aufgeben sehen und Marienburg, Bouvines und Dinant genommen, das Reich dagegen Thérouanne und Hesdin mit Sturm genommen und in Zorn über die Niederlage von Metz das eine verbrannt und das andere rasirt.

Wir haben Metz mit Marignan verglichen und übertreiben nicht. Ein durch die Kälte, Krankheiten und auch den Muth des Herzogs Franz von Guise und der französischen Besatzung geschwächtes Heer von fünfzigtausend Mann Fußvolk und vierzehntausend Reitern verschwand wie Dunst, wie Rauch und ließ als Zeugen seines Daseyns zehntausend Todte, zweitausend Zelte und hundertundzwanzig Geschütze zurück.

Die Entmuthigung war so groß, daß die Fliehenden nicht einmal sich zu vertheidigen versuchten. Carl von Bourbon verfolgte ein Corps spanischer Reiter; der Offizier, welcher dasselbe befehligte, hielt sein Pferd an, ritt dann zu dem feindlichen Anführer und sagte:

»Prinz, Herzog oder blos Edelmann, wer Du auch seyn magst, suche eine andere Gelegenheit, wenn Du um Ruhm kämpfst, denn heute würdest Du Leute tödten, die zu schwach sind Dir zu widerstehen, ja zu schwach zu fliehen.«

Carl von Bourbon steckte das Schwert in die Scheide und gebot seinen Leuten dasselbe zu thun, der spanische Offizier aber konnte so mit seinen Leuten den Rückzug fortsetzen, ohne weiter belästigt zu werden.

Carl V. war weit entfernt diese Milde nachzuahmen. Als Thérouanne genommen war, hatte er befohlen, die Stadt zu plündern und bis auf den Grund zu rasiren; nicht blos die Privatgebäude, sondern auch die Kirchen, Klöster und Hospitäler zu zerstören, kurz keinen Stein auf dem andern zu lassen, und damit man die Steine nicht wieder auflege, ließ er Leute von Flandern und Artois kommen, dieselben wegzuholen.

Die Aufforderung zur Zerstörung wurde vernommen. Die Leute von Artois und in Flandern, welchen die Besatzung von Thérouanne großen Schaden zugefügt hatte, kamen mit Hacken, Schaufeln und Spaten herbei, und die Stadt verschwand wie Sagunt unter den Füßen Hannibals, wie Karthago vor Scipio.

Wie mit Thérouanne war es mit Hesdin ergangen.

Unterdeß aber wurde Emanuel Philibert zum Oberbefehlshaber der Reichstruppen in den Niederlanden ernannt, und wenn er auch Thérouanne nicht zu retten vermochte, erlangte er wenigstens die Genehmigung, Hesdin wieder aufzubauen.

Binnen einigen Monaten hatte er diese unermeßliche Arbeit vollendet, und wie durch Zauberei erhob sich eine neue Stadt etwa eine Viertelstunde weit von der alten. Diese neue Stadt, am Ufer der Canche, war so gut befestigt, daß Vauban sie noch hundertundfünfzig Jahre später bewunderte, obgleich in diesen anderthalbhundert Jahren die Befestigungskunst sich gänzlich verändert hatte.

Ihr Gründer hatte die Stadt Hesdin-Fert genannt, d. h. er hatte, um die neue Stadt stets an ihren Ursprung zu erinnern, dem Namen die vier Buchstaben F.E.R.T. hinzugefügt, welche der deutsche Kaiser dem dreizehnten Grafen von Savoyen, Amadeus dem Großen, nach der Belagerung von Rhodus nebst dem weißen Kreuze gegeben hatte und die bedeuteten: Fortitudo ejus Rhodum tenuit, d. h, sein Muth erhielt Rhodus.

Dies war indeß nicht das einzige Wunder, welches der junge Feldherr bewirkte, dem Carl V. die Führung seines Heeres anvertraut hatte. In Folge der strengen Mannszucht, die er herzustellen vermocht hatte, begann das unglückliche Land, welches seit vier Jahren der Schauplatz des Krieges gewesen, sich wieder zu erholen; er hatte Raub und Plünderung auf’s Strengste untersagt, der Offizier, welcher dawider handelte, wurde entwaffnet und, im Angesichte des ganzen Heeres, in seinem Zelte längere oder kürzere Zeit gefangen gehalten, jeder Soldat aber, der auf der That ergriffen, gehangen.

Da der Winter von 1554 zu 1555 auch die Feindseligkeiten unterbrochen, so hatten die Bewohner von Artois vier bis fünf Monate verleben können, welche im Vergleich zu den drei Jahren zwischen der Belagerung von Metz und dem Wiederaufbau von Hesdin, ein Stück goldenes Zeitalter erschienen waren.

Zwar wurde von Zeit zu Zeit bald hier bald da, entweder von den Franzosen, die Abbeville, Doulens und Montreuil am Meere besetzt hielten und Einfälle in das feindliche Gebiet machten, oder von den unverbesserlichen Plünderern, Lanzknechten und Zigeunern, irgend ein Schloß in Brand gesteckt, eine Meierei geplündert, ein Haus ausgeraubt; aber Emanuel Philibert machte so gut Jagd auf die Franzosen und hielt so strenge Justiz unter den Kaiserlichen, daß solche traurige Vorfälle von Tag zu Tag seltener wurden.

So stand es denn in der Provinz Artois und namentlich in der Gegend von Hesdin-Fert an dem Tage, an welchem unsere Erzählung beginnt, d. h. am 5. Mai 1555.

Nachdem wir den Lesern nur einen Ueberblick von dem politischen Zustande des Landes gegeben haben, müssen wir, um das Bild vollständig zu machen, auch das äußere Aussehen beschreiben, das sich in Folge der Entwicklung der Industrie und der Verbesserungen des Ackerbaues seit jener Zeit völlig verändert hat.

Um zu diesem schwierigen Resultate zu kommen, d. h. eine fast verschwundene Vergangenheit wieder hervorzurufen, wollen wir auszählen, was ein Mann gesehen hätte, der gegen zwei Uhr Nachmittags am 5. Mai 1555 auf den höchsten Thurm von Hesdin gestiegen wäre und den Rücken dem Meere zugewandt, und den Horizont überschaut hätte, der sich im Halbkreise vor seinem Blicke von dem nördlichen Ende der kleinen Hügelkette, hinter welcher sich Bethune verbirgt, bis zu den letzten südlichen Anhöhen derselben Kette hinzieht, an deren Fuße Doulens liegt.

Gerade vor sich hätte er zuerst, spitz nach dem Ufer der Canche vorlaufend, den dunkeln dichten Wald von Saint-Pol-sur-Ternoise gehabt, dessen großer grüner Teppich, gleich einem Mantel der Hügel, unten am entgegengesetzten Abhange den Saum an der Quelle der Scarpe netzte, welche für die Schelde das, was die Saône für die Rhone und die Mosel, für den Rhein ist.

Rechts von diesem Walde – folglich links von dem Umschauenden, den wir uns auf dem höchsten Thurme von Hesdin denken – in der Ebene, im Schirme derselben Hügel, welche den Horizont schließen, die Flecken Henchin und Fruges, im bläulichen Rauch ihrer Schornsteine versteckt, der sie wie ein durchsichtigen-Schleier umhüllte und andeutete, daß die frostigen Bewohner dieser nördlichen Provinzen, trotz dem Erscheinen der ersten Frühlingstage, dem Feuer, dem lustigen und getreuen Freunde ihrer Wintertage, noch nicht Lebewohl gesagt hatten.

Vor diesen beiden kleinen Ortschaften stand wie eine Schildwache, die sich ans dem Walde herausgewagt hätte, aber sich doch nicht hätte entschließen können weit davon hinwegzugehen, eine kleine hübsche Wohnung, halb Meierei, halb Schloß, Parcq geheißen.

Gleich einem goldigen Bande auf dem grünen Kleide der Ebene lag der Weg da, der unweit von dem einzigen Zugange dieser Wohnung sich in zwei theilte, von denen der eine gerade nach Hesdin ging, der andere aber sich um den Wald herumzog und den Verkehr der Bewohner von Parcq mit den Dörfern Frévent, Auxy-le-Château und Nouvion-en-Pouthieu andeutete.

Die Ebene, welche sich von diesen drei Orten nach Hesdin zog, bildete das dem beschriebenen entgegengesetzte Bassin, d.h. sie lag links von dem Bassin des Waldes von St. Pol und folglich rechts von dem Manne, den wir uns auf dem Thurme denken.

Dies war denn der bemerkenswertheste Theil der Landschaft, nicht ihrer natürlichen Beschaffenheit wegen, sondern wegen des zufälligen Umstandes, der ihr jetzt eben Leben gab.

Während die Ebene an der andern Seite nur mit grünenden Saaten bedeckt war, wurde diese von dem Lager des Kaisers Carl V. fast ganz eingenommen.

Dieses von Gräben umgebene und mit Palisaden bewehrte Lager enthielt eine ganze Stadt, nicht von Häusern, sondern von Zelten.

In der Mitte dieser Zelle, wie die Notre-Dame-Kirche von Paris in der Altstadt, wie das päpstliche Schloß in Avignon oder wie ein Dreidecker unter den kleinen Wogen des Oceans, erhob sich das Kaiserzelt Carls V. an dessen vier Seiten vier Standarten wehren, von denen eine einzige dem menschlichen Ehrgeize gewöhnlich genügt: die Standarte des deutschen Reiches, die Standarte Spaniens, die Standarte Roms und die der Lombardei, denn dieser Eroberer, dieser Tapfere, dieser Siegreiche, wie man ihn nannte, war viermal gekrönt: in Toledo mit der Diamantkrone als König von Spanien und Indien; in Aachen mit der Silberkrone als deutscher Kaiser und endlich in Bologna mit der goldenen Krone als römischer König und mit der eisernen als König der Lombardei. Wenn man seinem Willen entgegenzutreten versuchte, in Bologna sich krönen zu lassen, statt der Gewohnheit gemäß nach Rom und nach Mailand zu gehen, wenn man ihm das Breve des Papstes Stephan entgegenhielt, welches verbietet, die goldene Krone aus dem Vatican zu bringen, und das Decret Carls des Großen, welches verordnet, daß die eiserne Krone in Monza verbleibe, antwortete der Besieger Franz I., Solimans und Luthers stolz, er sey gewöhnt, daß die Kronen zu ihm kämen, nicht er zu den Kronen.

Auch bemerke man wohl, daß über jene vier Fahnen seine eigene Fahne hinwegragte, welche die Säulen des Herkules zeigte, nicht mehr als die Grenze der alten Welt, sondern als die Pforte der neuen und in allen Winden die ehregeizige Devise flattern ließ, die durch ihre Verstümmelung größer geworden war: Plus ultra!

Etwa fünfzig Schritte von dem Kaiserzelt stand das Zelt des Oberbefehlshabers Emanuel Philibert, das sich von denen der andern Anführer durch nichts als eine doppelte Fahne auszeichnete. Eine mit dem Wappen Savoyens – ein weißes Kreuz in rothem Felde mit den bereits erklärten vier Buchstaben F. E. R. T. – und eine zweite mit dem Wappen Emanuels selbst, eine Hand, welche eine Trophäe von Lanzen, Schwertern und Pistolen gen Himmel hob, mit der Devise: Spoliatis arma supersunt, das heißt: Den Beraubten bleiben die Waffen.

Das Lager, über welches diese beiden Zelte hinausragten, war in vier Quartiere oder Viertel getheilt, zwischen denen der mit drei Brücken überspannte Fluß sich hineinschlängelte.

Das erste Quartier (Viertel) war für die Deutschen, das zweite für die Spanier, das dritte für die Engländer bestimmt. Das vierte enthielt den Geschützpark, welcher seit der Niederlage von Metz vollständig erneuert und durch die in Thérouanne und Hesdin erlangten französischen Geschütze auf hundertundzwanzig Kanonen gebracht worden war.

Auf jedes der Geschütze von den Franzosen hatte der Kaiser seine Devise graben lassen: Plus ultra.

Hinter den Geschützen standen in drei Reihen die Pulver- und Kugelwagen und Schildwachen mit dem Säbel in der Hand, aber ohne Schießgewehr sorgten dafür, daß Niemand diesen Vulkanen sich nähere, die nach einem Funken ungeheure Flammen ausgeworfen haben würden.

Andere Wachen standen außerhalb des Raumes.

In den Lagergassen bewegten sich Tausende von Menschen mit militärischer Rührigkeit hin und her, welche indeß durch die deutsche Bedächtigkeit, den spanischen Stolz und das englische Phlegma gemildert wurde.

Die Sonne spiegelte sich auf allen Waffen, die ihr die Strahlen in Blitzen zurückwarfen, und der Wind spielte mit allen Fahnen, Bannern und Standarten, deren seidene glänzende Falten er bald zusammen-, bald aufrollte.

Diese Rührigkeit, diese Bewegung, dieses Geräusch, die stets über Menschenmengen und über dem Meere schweben, stachen seltsam von der Stille und Einsamkeit an der andern Seite der Ebene ab, wo die Sonne nur die Saatfelder in verschiedenem Grün beschien und der Wind nur mit den Feldblumen spielte, welche die Mädchen gar gern in Kränze zum Sonntagsputze flechten.

Nachdem wir so in dem ersten Capitel unseres Buches erwähnt haben, was man am 5. Mai 1555 von dem höchsten Thurme von Hesdin-Fert gesehen haben würde, werden wir im zweiten nachtragen, was dem schärfsten Blicke auf jenem Thurme sicherlich entgangen wäre.

II.
Das Abenteuer

Dem schärfsten Blicke eines Jeden wäre das entgangen, wer in dem dichtesten und folglich dunkelsten Theile des Waldes von Saint-Pol-sur-Ternoise in einer Höhle geschah, welche die Bäume mit ihrem Schatten deckten und Epheuranken mit ihren Blättern umschlangen, während zur größern Sicherheit der Inhaber dieser Höhle, eine Schildwache im Gebüsch, unbeweglich wie ein Baumstamm, daneben auf dem Bauche lag und darauf achtete, daß kein Uneingeweihter die wichtige Berathung störe, zu welcher wir als Romandichter, das heißt als Zauberer, vor dem sich alle Thüren öffnen, unsere Leser führen wollen.

Benutzen wir den Augenblick, in welchem die Schildwache, durch das Geräusch eines scheu vorüberspringenden Rehs aufmerksam gemacht, dahin blickt, uns also nicht sieht, schlüpfen wir unbemerkt in die Höhle hinein und beachten, hinter einem vorstehenden Felsenstück versteckt, genau alles was darin vorgeht.

In der Höhle befinden sich acht Männer von verschiedenem Gesicht, verschiedener Tracht und verschiedenem Temperament, obgleich sie nach den Waffen, die sie tragen oder die umherliegen, eine und dieselbe Laufbahn gewählt zu haben scheinen.

Der Eine, mit Tintenflecken an den Fingern und pfiffigem Gesichte, taucht eine Feder – von deren Schnabel von Zeit zu Zeit er eines der Fädchen nahm, die sich auf schlecht gearbeiteten Papiere finden – in eines der Tintenfässer von Horn, welche die Schreiber und Studenten am Gürtel tragen, und schreibt auf einer Art Tisch, einer auf zwei massiven Füssen ruhenden Steinplatte, während ein Anderer mit der Geduld und Unbeweglichkeit eines Leuchters, einen brennenden Fichtenzweig hält und nicht nur den Schreiber, den Tisch und das Papier beleuchtet, sondern auch mehr oder minder helle Lichter, je nach der Nähe oder Entfernung, auf sich selbst und selbst auf die andern Genossen fallen läßt.

Ohne Zweifel handelt es sich um etwas, das für die Gesellschaft von Wichtigkeit ist, wie man leicht an dem Eifer sehen kann, mit welchem Jeder an der Abfassung der Schrift Theil nimmt.

Drei der Männer indeß scheinen sich weniger mit dieser ganz materiellen Sorge zu beschäftigen.

Der Erste ist ein schöner junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren in einem Büffellederkoller, das, wenn nicht vor Kugeln, doch vor Hieb und Stich sichert. Ein Wamms von braunem Sammt, das allerdings etwas verschossen, aber noch immer ansehnlich ist, mit spanisch geschlitzten Aermeln, also nach der neuesten Mode, geht vier Finger breit über das Lederkoller unten hinweg und fällt in ziemlich weiten Falten auf die ebenfalls geschlitzte Hose von grünem Tuch, welche sich in großen Stiefeln verliert, die so hoch heraufgehen, daß sie zu Pferd die Schenkel schützen und so weich sind, daß sie bei dem zu Fußegehen bis unter das Knie zurückgeschlagen werden können.

Er trällert ein Liedchen von Clément Marot, während er mit der einen Hand seinen feinen schwarzen Schnurrbart streicht und mit der andern das Haar kämmt, das er etwas länger trägt, als es die Mode verlangt, wahrscheinlich um die weichen Lockenwellen nicht zu verlieren, die ihm die Natur gegeben hat.

Der Zweite ist ein Mann von kaum sechsunddreißig Jahren, sein Gesicht aber von Narben nach allen Richtungen hin so durchzogen, daß man darnach unmöglich sein Alter bestimmen könnte. Der Arm und ein Theil der Brust ist bloß und auf dem was man so von seinem Körper sieht, kann man eine Reihe nicht minder zahlreicher Narben erkennen als in dem Gesicht. Er ist eben beschäftigt, eine Wunde zu verbinden, die ihm zum Theil den zweiköpfigen Muskel am linken Arme bloßgelegt hat, die aber für ihn nicht eben hinderlich ist, wie sie es seyn würde, wenn sie sich an dem rechten Arme befände. Mit den Zähnen hält er das Ende einer Leinwandbinde, mit der er eine Hand voll Charpie zusammendrückt, die er vorher in einem Balsam getränkt hat, den ihm ein Zigeuner gab und der ihm, wie er sagt, sehr gut thut. Uebrigens geht kein Klagelaut aus seinem Munde und er scheint gegen Schmerz so unempfindlich zu seyn, als wenn der Arm, mit dessen Heilung er sich beschäftigt, von Holz wäre.

Der Dritte ist ein Mann von vierzig Jahren, groß und hager, mit blassem Gesicht und frommer Haltung. Er kniet in einem Winkel, hat den Rosenkranz in der Hand und sagt mit nur ihm eigenthümlicher Zungenfertigkeit ein Dutzend Paternoster und ein Dutzend Ave her. Von Zeit zu Zeit läßt seine rechte Hand den Rosenkranz los und klingt auf der Brust wie der Schlägel des Böttchers auf einem leeren Fasse, nachdem er aber zwei- oder dreimal mea culpa gesprochen hat, greift er wieder nach dem Rosenkranze.

Die drei noch übrigen Personen haben, Gott sey Dank, keinen so hervortretenden Charakter als die fünf, welche wir den Lesern bereits vorgeführt haben.

Einer dieser letzten Drei stemmte beide Hände auf den Tisch, an welchem der Schreiber arbeitete, folgte jedem Zuge der Feder und macht die meisten Bemerkungen über die Abfassung; auch sind seine Bemerkungen, wenn auch etwas egoistisch gefärbt, fast alle durch Schlauheit und gesunden Verstand ausgezeichnet. Er ist fünfundvierzig Jahre alt und hat kleine kluge Augen, die tief unter blonden dicken Brauen liegen.

Ein Anderer liegt am Boden; er hat einen Stein gefunden, der zum Wetzen der Schwerter und Dolche dienen kann, und benutzt dies, um mit Aufwand von vielem Speichel und durch vielfaches Reihen auf dem Steine eine neue Spitze an seinen ganz stumpfen Dolch zu machen. Seine Zunge, die er fest zwischen den Zähnen hält und die am Mundwinkel heraussteht, verräth die große Aufmerksamkeit, wir möchten fast sagen das Interesse, das er an seiner Arbeit nimmt. Indeß ist seine Aufmerksamkeit nicht ausschließlich darauf gerichtet; er hört auch auf die Erörterung. Wenn das Schreiben seinen Beifall hat, so begnügt er sich mit dem Kopfe zu nicken; wenn es dagegen gegen seine Erwartung und Berechnung ausfällt, steht er auf, tritt zu dem Schreiber, weiset mit der Spitze seines Dolches auf das Papier und sagt; »mit Verlaub,… Ihr sagt?… « Den Dolch nimmt er nicht eher hinweg, bis er eine vollkommen befriedigende Auskunft erhalten hat, was er durch reichlicheres Ausspucken auf den Stein und eifrigeres Wetzen des Dolches zu erkennen gibt, der denn wirklich auch bald seine ursprüngliche spitze Form wieder zu erhalten scheint.

Der Letzte – und wir erkennen unser Unrecht, daß wir ihn zu Jenen gerechnet haben, welche sich mit den in Frage stehenden materiellen Interessen beschäftigen sollen – der Letzte lehnt an der Wand der Höhle, läßt die Arme herabhängen, sieht nach dem Himmel oder vielmehr nach der dunklen feuchten Höhlenwölbung hinauf, an welcher das flackernde Licht spielt, und sieht aus wie ein Träumer und Dichter. Was sucht er in diesem Augenblicke? Die Lösung eines Problems gleich dem, welches Christoph Columbus und Galilei gelöst hatten? Die Form einer der Terzinen, wie sie Dante schrieb, oder der Octaven wie sie Tasso sang? Das würde nur der Geist sagen können, der in ihm wacht und so wenig sich um das Materielle kümmert, daß er alles an dem Anzuge des Dichters, was nicht von Eisen, Stahl oder Kupfer ist, in Fetzen zerfallen läßt.

Das sind die wohl oder übel gezeichneten Porträts. Sehen wir nun die Namen darunter.

Der welcher die Feder führt, heißt Procop; er ist Normanne von Geburt und seiner Bildung nach fast Jurist; er spickt seine Reden mit Aussprüchen des römischen Rechtes und Aphorismen aus den Capitularien Carl des Großen. Sobald man aber etwas Schriftliches von ihm hat oder ihm gibt, muß man auf einen Prozeß gefaßt seyn; begnügt man sich mit seinem Worte, so findet man es treu wie Gold, nur stimmt die Art, es zu halten, nicht immer mit der gewöhnlichen Moral überein. Nur ein Beispiel davon und zwar das, welches ihn in das Abenteuerleben getrieben hatte, in welchem wir ihn finden. Ein Herr vom Hofe Franz I. hatte eines Tages ihm und dreien seiner Genossen ein Geschäft angetragen; er wußte, daß der königliche Schatzmeister denselben Abend tausend Goldthaler aus dem Arsenale nach dem Louvre bringen sollte. Das Geschäft bestand nun darin, den Schatzmeister an der Ecke der Straße St. Paul anzuhalten, ihm die tausend Goldthaler abzunehmen und sie so zu theilen, daß fünfhundert der vornehme Herr erhalte, welcher auf dem Königsplatze warten wollte, bis die Sache geschehen seyn würde, und eben als vornehmer Herr die Hälfte der Summe verlangte; die andere Hälfte sollte Procop mit seinen drei Gefährten theilen. Man gab einander gegenseitig das Wort und die Sache geschah, wie verabredet. Als aber der Schatzmeister beraubt, erschlagen und in den Fluß geworfen war, machten die Gefährten Procops den Vorschlag, nach der Notre-Dame zu statt nach dem Königsplatze zu gehen und die tausend Goldthaler zu behalten, statt die Hälfte an den großen Herrn abzugeben. Procop erinnerte sie an ihr Wort.

»Meine Herren,« sagte er ernsthaft, »Ihr vergesset, daß dies ein Bruch des Vertrages, eine Uebervortheilung eines Clienten wäre. Ehrlich währt am längsten. Wir wollen dem Herzoge (der vornehme Herr war ein Herzog) die fünfhundert Goldthaler übergeben, die ihm zukommen, so daß nicht einer fehle, aber,« fuhr er fort als er bemerkte, daß der Vorschlag mißbilligendes Gemurmel veranlaßte, »distinguimus; sobald er das Geld eingesteckt und uns für ehrliche Leute anerkannt hat, steht nichts entgegen, daß wir uns am Johannesgottesacker, an dem er vorüber muß, in Hinterhalt legen; es ist dies ein abgelegener und ganz passender Ort. Wir machen es dann mit dem Herzoge, wie wir es mit dem Schatzmeister gemacht haben, und da der Gottesacker gar nicht weit von der Seine entfernt ist, so kann man morgen Beide in den Netzen zu St. Clous finden. Wir bekommen dann ein jeder zweihundertfünfzig Goldthaler, über die wir ohne Gewissensbisse verfügen können, da wir dem guten Herzoge getreulich das Wort gehalten haben.«

Der Vorschlag wurde mit Begeisterung, angenommen und ausgeführt. Nur bemerkten die vier Verbündeten in ihrem Eifer nicht, daß der Herzog noch lebte, als sie ihn in den Fluß warfen; die Kühle in demselben gab ihm aber seine Kraft wieder, er gelangte an das Ufer, begab sich in das Châtelet und gab dem Prévot von Paris, der damals Herr von Estourville hieß, eine so genaue Beschreibung der vier Banditen, daß dieselben es am andern Morgen schon für gerathen hielten,Paris zu verlassen, um einem Prozesse zu entgehen, in welchem sie trotz der tiefen Rechtskenntnissen Procops recht wohl dasjenige verlieren konnten, auf welches man immer großen Werth legt, nemlich das Leben.

Unsere vier Helden hatten demnach Paris verlassen und sich nach verschiedenen Gegenden gewendet. Der Norden war unserem Procop zugefallen und deshalb haben wir das Glück , ihn mit der Feder in der Hand in der Höhle zu finden, wo er, nach der Wahl seiner neuen Genossen, die seine Verdienste anerkannten, das wichtige Schriftstück abfaßte, mit dem wir uns sogleich zu beschäftigen haben werden.

Der, welcher dem Schreibenden leuchtet, heißt Heinrich Scharfenstein und ist ein Anhänger Luther’s, welchen das üble Verfahren Carls V. gegen die Hugenotten in die Reihen, des französischen Heeres getrieben hat und zwar sogleich mit seinem Neffen Franz Scharfenstein, welcher in diesem Augenblicke draußen Wache hält. Sie sind zwei Riesen, die, könnte man sagen, Eine Seele bewegt und Ein Geist leitet. Viele behaupten, dieser Eine Geist genüge nicht für zwei so riesige Körper, sie selbst aber sind dieser Meinung nicht und finden Alles so wie es ist gut. In dem gewöhnlichen Leben halten sie es meist unter ihrer Würde, irgend eine Hilfe von Menschen, ein Werkzeug, in Anspruch zu nehmen, um ihren Zweck zu erreichen. Handelt es sich darum, irgend eine Masse zu bewegen, so sinnen sie nicht nach wie unsere neuen Gelehrten, durch welche Mittel Cleopatra ihre Schiffe aus dem Mittelmeere in das rothe Meer brachte oder mit welchen Maschinen Titus die riesigen Blöcke des Flavianischen Circus emporhob, sondern sie packen einfach den zu beseitigenden Gegenstand mit ihren Armen, bringen ihre Eisenfinger unauflöslich in einander, machen gleichzeitig eine Anstrengung mit jener Regelmäßigkeit, die alle ihre Bewegungen auszeichnet, und der Gegenstand kommt dahin, wohin sie ihn haben wollen. Ist eine Mauer zu ersteigen oder ein Fenster zu erreichen, so schleppen sie keineswegs, wie es ihre Gefährten thun, eine schwere Leiter, die sie nur im Gehen hindert, wenn das Unternehmen gelingt, und die sie im Stiche lassen müssen, wenn es mißlingt, sondern sie gehen mit leeren Händen an Ort und Stelle; der Eine, gleichviel welcher, lehnt sich an die Wand, der Andere steigt auf die Achseln und im Nothfalle auf die über den Kopf gestreckten Hände. Mit Hilfe seiner eigenen Arme erreicht der Zweite so eine Höhe von achtzehn bis zwanzig Fuß, welche fast immer genügt, um über eine Mauer oder in ein Fenster zu gelangen. Auch im Kampfe gilt dieses Associationssystem, sie gehen neben einander in gleichem Schritte, aber der Eine haut und der Andere eignet sich zu; ist der Eine des Dreinschlagens müde, so gibt er dem Andern das Schwert, die Streitaxt oder das Beil und sagt: »nun Du,« er und sie wechseln die Rollen; der, welcher erst hieb, eignet sich zu und der Andere haut. Uebrigens ist die Art des Zuschlagens bekannt und sehr geschätzt, indeß legt man, wie gesagt, überhaupt mehr Werth auf ihre Faust als auf ihren Geist. Deshalb hat denn auch der Eine den Auftrag erhalten Schildwache zu stehen und der Andere zu leuchten.

Der junge Mann mit dem Schnurrbarte und mit dem Lockenhaare, welcher den Bart streicht und das Haar kämmt, heißt Yvonnet und ist ein Pariser von Geburt, ein Franzose von ganzem Herzen. Seinen bereits erwähnten körperlichen Vorzügen sind noch zierliche Hände und Füße hinzuzufügen. Im Frieden klagt er fortwährend und über Alles; wie den Sybariten in der alten Zeit drückt ihn ein gerunzeltes Rosenblatt; er ist faul, wenn er gehen soll; er leidet an Schwindel, wenn zu steigen ist, und er hat Kopfschmerzen, wenn er denken soll. Er ist empfindlich und reizbar wie ein junges Mädchen und muß deshalb äußerst schonend behandelt werden. Um sich in das Dunkel zu wagen, das ihm zuwider ist, muß ihn eine starke Leidenschaft außer sich bringen. Am Tage fürchtet er sich vor Mäusen und der Anblick von Spinnen oder Kröten macht ihm übel. Uebrigens muß man ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er immer eine starke Leidenschaft hat, nur kommt er, wenn es in der Nacht ist, erschrocken und zitternd zu der Geliebten, und es bedarf so vieler beruhigender Worte, so warmer Liebkosungen und so schmeichelhafter Aufmerksamkeit, wie Hero dem Leander gewährt, wenn er triefend von dem Wasser der Dardanellen in ihren Thurm trat. Freilich, sobald er die Trompete hörte, sobald er Pulver roch, sobald er die Fahnen sah, ist Yvonnet nicht mehr derselbe und es geht in ihm eine vollständige Umwandlung vor. Der mädchenhafte Jüngling wird ein rauher Soldat, der um sich haut und sticht, ein wahrer Löwe mit eisernen Klauen und stählernen Zähnen. Er, der sich zögernd bedachte, eine Treppe hinaufzusteigen, um in das Schlafzimmer einer hübschen Frau zu gelangen, klettert auf eine Leiter, klammert sich an einen Strick, hängt sich an einen Faden, um zuerst auf die Mauer zu kommen. Ist der Kampf vorbei, so wäscht er sich mit der grüßten Sorgfalt die Hände und das Gesicht und, wechselt die Wäsche und den Anzug, dann wird er allmälig wieder der zarte Jüngling, den wir in diesem Augenblicke den Schnurrbart streichen, das Haar kämmen und Stäubchen von dem Anzuge blasen sehen.

Der, welcher die Wunde am linken Arme verbindet, heißt Malemort. Er ist ein finsterer, melancholischer Charakter, der nur eine Liebe, eine Leidenschaft, eine Freude kennt: den Krieg, eine unglückliche Leidenschaft, eine schlimm vergoltene Liebe, eine kurze, traurige Freude, denn kaum hat er sich an der Metzelei zu weiden begonnen, als er, wegen des blinden, wüthigen Eifers, mit dem er sich in das Gedräng stürzt, und wegen der wenigen Vorsicht zu seinem Schutze einen fürchterlichen Pikenstich oder einen Schuß bekommt, der ihn zu Boden streckt, wo er kläglich jammert, nicht aus Schmerz in der Wunde, sondern aus Verdruß, daß die Andern ohne ihn bei dem Feste bleiben. Zum Glück heilt bei ihm Fleisch und Knochen schnell. Jetzt zählt er fünfundzwanzig Wunden, drei mehr als Cäsar, und er hofft, wenn der Krieg fortdauert, noch fünfundzwanzig wie jene zu erhalten, welche dieser Laufbahn voll Ruhm und Schmerzen unfehlbar ein Ende machen müssen.

Der Hagere, der in einem Winkel kniet und betet, heißt Lactantius. Er ist ein eifriger Katholik und duldet kaum die Nähe der beiden Scharfenstein, von deren Ketzerei er besudelt zu werden fürchtete. Da er sich gegen seine Brüder in Christus schlagen und so viele derselben als möglich umbringen muß, so legt er sich alle erdenklichen Bußen auf, um jener grausamen Nothwendigkeit das Gleichgewicht zu halten. Das Tuchgewand, das er trägt und zwar, ohne Weste und Hemd auf der Haut, ist mit einem Panzerhemd gefüttert, wenn nicht das Tuch das Futter des Panzerhemdes ist. Im Kampfe trägt er jedenfalls das Panzerhemd nach außen; nach dem Kampfe wendet er sein Gewand um, damit das Panzerhemd nach innen kommt. Uebrigens ist es offenbar ein Gewinn von ihm getödtet zu werden, wenigstens kann der, welcher von den Händen des frommen Mannes stirbt, sicher seyn, daß viel für ihn gebetet wird. In dem letzten Gefechte hat er zwei Spanier und einen Engländer getödtet, und da er ihretwegen im Rückstande ist, namentlich wegen der Ketzerei des Engländers, der sich nicht wohl mit dem gewöhnlichen de profundis begnügen kann, betet er, wie wir gesehen haben, eifrig viele Pater und ave und überläßt es seinen Gefährten sich mit den weltlichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Hat er seine Rechnung mit dem Himmel geschlossen, so wird er auf die Erde herabsteigen und seine Bemerkungen gegen Procop machen.

Der, welcher beide Hände auf den Tisch stützt und ganz das Gegentheil von Lactantius, mit ausdauernder Aufmerksamkeit jedem Federzuge Procops folgte, heißt Maldent. Er, ist in Noyon geboren, hat eine tolle, verschwenderische Jugend durchgemacht, will in reiferem Alter die verlorene Zeit einholen und für »sein Bestes« sorgen. Er hat eine Menge Abenteuer gehabt, die er in ganz hübscher naiver Weise erzählt, welche aber sofort und gänzlich schwindet, wenn er mit Procop in einen juridischen Streit geräth. Uebrigens ertheilt und empfängt Maldent tüchtig Säbelhiebe, und wenn er auch nicht die Kraft der Brüder Scharfenstein, nicht den Muth Yvonnet’s, nicht den Ungestüm Malemort’s besitzt, ist er doch im Nothfalle ein Genosse, auf den man rechnen kann und der sicherlich keinen Freund im Stiche läßt.

Der Schleifer, welcher den Dolch spitzig zu machen sucht und die Spitze auf dem Fingernagel probirt, heißt Pille-Trousse. Er ist ein Vollblutsoldat und diente abwechselnd den Spaniern und den Engländern, aber die Engländer handeln zu viel und die Spanier bezahlen nicht viel. Deshalb entschloß er sich für eigene Rechnung zu arbeiten. Pille-Trousse treibt sich auf den Landstraßen umher; namentlich in der Nacht gibt es Räuber aller Nationen auf den Landstraßen: Pille-Trousse beraubt die Räuber und schont nur die Franzosen, seine halben Landsleute – er ist ein Provençale; er hat auch ein gutes Herz, wenn sie arm sind, hilft er ihnen; sind sie schwach, so unterstützt er sie; sind sie krank, so pflegt er sie, – trifft er aber einen wirklichen Landsmann, das heißt Einen, der zwischen dem Berge Viso und der Rhône geboren ist, so kann derselbe über Pille-Trousse ganz und gar, über Leib und Leben, Blut und Geld verfügen und Pille-Trousse wird ihm noch Dank schuldig zu seyn glauben.

Der Neunte und Letzte endlich, der an der Wand lehnt, die Arme hängen läßt und nach der Decke sieht, heißt Fracasso. Er ist, wie wir gesagt haben, ein Träumer und Dichter; weit entfernt, Yvonnet zu gleichen, welchem das Dunkel zuwider ist, liebt er die schönen sternenhellen Nächte, die blumengeschmückten Flußufer und den Strand des Meeres. Da er leider dem französischen Heere folgen muß, wohin es zieht – denn, obgleich Italiener, hat er doch sein Schwert der Sache Heinrichs II. gewidmet – so kann er seiner Neigung zum Umherschweifen nicht folgen, aber gleichviel: für den Dichter wird alles Begeisterung, für den Träumer alles Traum, nur ist den Dichtern und Träumern Zerstreutheit eigen und diese ist in der Laufbahn, die Fracasso gewählt hat, sehr verderblich. So bleibt denn Fracasso oftmals mitten im Schlachtgedränge mit erhobenem Schwerte stehen, um auf eine Trompete zu hören, nach einer vorüberziehenden Wolke zu sehen oder eine schöne Waffenthat in seiner Nähe zu bewundern. Da benutzt der Feind Fracasso gegenüber diese Zerstreutheit, um ihm in aller Bequemlichkeit einen fürchterlichen Hieb zu versetzen, welcher den Träumer weckt. Aber wehe auch diesem Feinde, wenn er trotz der Bequemlichkeit nicht recht gezielt oder getroffen und Fracasso nicht betäubt hat! Fracasso wird Vergeltung üben, nicht um sich für den empfangenen Hieb zu rächen, sondern um den Störer zu züchtigen, der ihn aus dem siebenten Himmel zurückzerrte, in dem er sich auf den bunten Fittigen der Phantasie wiegte.

Nachdem wir so unsere Abenteuerer vorgeführt haben – von denen einige den Lesern der »zwei Dianen« und »Ascanio« nicht ganz unbekannt seyn werden, werden wir erzählen, welcher Zufall sie in der Höhle zusammenbrachte und was sie so bedächtig niederschrieben.

III.
Der Leser macht weitere Bekanntschaft mit den Helden, die wir ihm vorgestellt haben

Am Morgen desselben Tages, 5. Mai 1555, hatte eine Gesellschaft von vier Männern – welche zu der Besatzung von Doulens zu gehören schienen – die Stadt verlassen, indem sie sich durch das Thor schlichen, sobald dasselbe nur halb aufgemacht war.

Diese vier Männer, welche in große Mäntel gehüllt waren, die eben so wohl dazu dienen konnten ihre Waffen zu verbergen, als sie gegen die Morgenkühle zu schützen, waren unter jeder möglichen Vorsicht am Ufer des kleinen Flusses hin nach der Quelle desselben hingegangen. Von da hatten sie die Hügelkette erreicht, von der wir bereits mehrmals gesprochen haben, und waren, immer gleich vorsichtig, an dem westlichen Abhange hingegangen. Nach zweistündigem Marsche betten sie endlich den Saum des Waldes von Saint-Pol-sur-Ternoise erreicht. Hier hatte der Eine, welcher in der Gegend am bekanntesten zu seyn schien, die Leitung der kleinen Schaar übernommen und war ohne langes Zögern an den Eingang der Höhle gelangt, in die wir selbst unsere Leser im Anfange des vorigen Kapitels geführt haben.

Hier hatte er den Andern gewinkt, einen Augenblick zu warten, mit einiger Besorgniß auf das Gras gesehen, das erst kürzlich niedergetreten zu seyn schien, sich platt auf den Bauch gelegt und war wie eine Schlange in, die Höhle hineingekrochen. Bald hatten seine außen zurückgebliebenen Cameraden seine Stimme gehört, aber diese Stimme klang nicht beunruhigend. Er hatte die Höhle durchsucht und darin gerufen und da er nichts Verdächtiges darin vernommen, so erschien er bald wieder am Eingange, um den Cameraden zu sagen, daß sie ihm folgen könnten.

Sie folgten ihm und befanden sich nach Ueberwindung einiger unbedeutender Schwierigkeiten mitten darin.

»Ah,« sagte der, welcher sie so gut geführt hatte, freudig aufathmend, »tandem ad terminum eamus.«

»Was heißt das?« fragte Einer der drei Andern.

»Das heißt, lieber Maldent, daß mir dem Ziele unserer Wanderung nahe oder vielmehr eben bei ihm sind.«

»Wie war das?« fragte ein Anderer. »Hast Du’s verstanden, Heinrich?«

»Ich habe gar nichts verstanden.«

»Warum wollet Ihr deutlicher es verstehen,« – die beiden Scharfenstein hatten zuletzt gesprochen – »wenn Maldent und ich uns nur verstehen, ist das nicht genug?«

»Unsertwegen!« antworteten die beiden Scharfenstein. »Es mag gehen wie’s will, wenn’s nur gut geht.«

»Also,« sagte Procop, »setzen wir uns, essen wir einen Bissen und trinken wir einen Schluck um die Zeit zu vertreiben; beim Essen und Trinken will ich Euch meinen Plan erklären.

»Ja, ein paar Bissen wollen wir essen und ein paar tüchtige Schluck wollen wir nehmen,« meinte Franz Scharfenstein.

Die Abenteurer sahen sich um und da ihre Augen allmälig sich an das Dunkel gewöhnten, das übrigens in der Nähe des Eingangs der Höhle nicht so bedeutend war als in der Tiefe, so erblickten sie drei Steine, die sie aneinander rückten, um traulicher plaudern zu können.

Da ein vierter fehlte, so bot Scharfenstein den seinigen höflich Procop an, der keinen hatte, Procop dankte aber ebenso höflich, legte seinen Mantel an den Boden und streckte sich darauf aus.

Dann nahm man aus den Säcken, welche die beiden Riesen getragen hatten, Brot, kaltes Fleisch und Wein und legte alles in die Mitte des Halbkreises, dessen Bogen die da sitzenden Abenteurer bildeten, Procop aber die Sehne, und dann machte sich ein Jeder mit einem Eifer an das Frühstück, welcher bewies, daß der Morgenspazirgang trefflich auf den Appetit gewirkt hatte.

Etwa zehn Minuten lang hätte man nichts als das Knirschen der Kinnladen, die mit Maschinenregelmäßigkeit das Brot, das Fleisch und selbst die Knochen der Hühner zermalmten, welche man von den benachbarten Landgütern »mitgenommen« hatte.

Maldent fand zuerst das Wort wieder.

»Du sagtest also, mein lieber Procop, daß Du beim Essen uns deinen Plan mittheilen wolltest. Der erste Appetit könnte nun wohl gestillt seyn, fange also mit deiner Mittheilung an.

»Wir essen,« sagte Franz Scharfenstein; »aber hören können wir doch dabei.«

»Die Sache ist die… ecce res judicanda, wie man vor Gericht sagt.«

»Die Scharfensteins sollen still seyn, man hört kein Wort!« sagte Maldent.

»Ich habe ja kein Sterbenswörtchen gesagt,« entgegnete Franz verlegen.

»Ich, mein Seel, auch nicht,« betheuerte Heinrich.

»Mir war’s, als räsonnirtet Ihr inwendig…« sagte Maldent.

»Das bin ich, mein Seel’, nicht gewesen. Vielleicht raschelt was.«

»Die Sache ist also die,« wiederholte Procop. »Eine Viertelstunde von hier liegt ein hübsches Gütchen.«

»Ein Schloß hattest Du uns versprochen,« fiel Maldent ein.

»Mein Gott, Maldent, wenn Du nur das Sylbenstechen lassen wolltest!« entgegnete Procop. »Meinetwegen als ein hübsches Schlößchen…«

»Mein Seel’,« fiel Heinrich Scharfenstein ein, »mir ist’s einerlei, ob Gütchen oder Schlößchen, wenn nur brav daraus zu holen ist!«

»Das ist einmal vernünftig gesprochen, so gefällst Du mir, Scharfenstein; der Maldent hat immer Einwendungen,« sagte Procop.

»Nur weiter!«

»Also ein Viertelstündchen von hier liegt ein hübsches Landhäuschen, das nur von dem Besitzer, einem Diener und einer Magd bewohnt wird. Im Dorfe freilich wohnt der Pächter mit seinen Leuten.«

»Wie viel sind’s zusammengerechnet?« fragte Heinrich Scharfenstein.

»Etwa Zehn,« antwortete Procop.

»Zehn nur? Ein Dutzend übernehmen wir, Franz und ich, nicht wahr?«

»Ein Dutzend,« bestätigte Franz lakonisch.

»Die Sache ist also – so,« fuhr Procop fort. »Wir essen hier, trinken, erzählen Geschichten und warten so die Nacht ab.«

»Wenn wir essen und trinken, vergeht schon die Zeit,« sagte Heinrich Scharfenstein.

»Ist’s Nacht,« sprach Procop weiter, »so schleichen wir still fort von hier, wie wir hergekommen sind, bis an den Waldsaum, von da in einem Hohlwege, den ich kenne, bis an die Mauer. An der Mauer steigt Franz auf die Achsel seines Onkels oder der Onkel auf die Achseln des Neffen, das bleibt sich gleich, der Scharfenstein aber, der auf den Achseln des Andern steht, klettert über die, Mauer und macht uns die Thür auf. Ist die Thür auf – verstehst Du, Maldent? – ist die Thür auf – Ihr begreift mich doch alle? – ist also die Thür auf, so – gehen wir hinein.«

»Hoffentlich nicht ohne uns,« sagte etwa zwei Schritte hinter den Abenteurern eine Stimme in so entschiedenem Tone, daß nicht blos Procop, nicht blos Maldent erschrak, sondern selbst die beiden deutschen Riesen.

»Verrath!« rief Procop, indem er aufsprang und einen Schritt zurücktrat.

»Verrath!« rief Maldent, indem er durch das Dunkel zu blicken suchte, aber auf seinem Platze blieb.

»Verflucht!« riefen die beiden Scharfenstein, indem sie die Degen zogen und einen Schritt vortraten.

»Kampf wollt Ihr?« sprach die Stimme wieder. »Ihr sollt ihn haben! Drauf, Lactantius! Drauf, Fracasso! Drauf, Malemort!«

Die drei Aufgerufenen antworteten in der Tiefe der Höhle kampfbereit.

»Einen Augenblick, Pille-Trousse!« sagte Procop, der nun die Stimme erkannte. »Wir sind ja keine Türken und Heiden, daß wir einander im Finstern die Hälse brechen sollten, ehe wir versuchten uns unter einander zu verständigen.«

»Erst Licht auf beiden Seiten und sehen wir einander ins Auge, damit wir wissen, wen wir vor uns haben.« Können wir uns vergleichen, gut; können wir’s nicht, dann drauf!«

»Erst drauf!« rief eine schauerliche Stimme aus dem Dunkel hervor wie aus der Hölle herauf.

»Ruhig, Malemort!« sagte Pille-Trousse; »Procop scheint mir einen ganz annehmlichen Vorschlag gemacht zu haben. Was meinst Du, Lactantius und Du, Fracasso?«

»Wenn der Vorschlag einem unserer Brüder das Leben retten kann, so nehme ich ihn an,« antwortete Lactantius.

»Es wäre aber doch poetisch gewesen, in einer Höhle zu kämpfen, die dann gleich das Grab der Erschlagenen geblieben, da man aber die materiellen Interessen der Poesie nicht aufopfern soll,« fuhr Fracasso schwermüthig fort, »so trete ich der Meinung Pille-Trousse’s und Lactantius bei.«

»Und ich will mich schlagen!« schrie Malemort.

»Verbinde dann deinen Arm, und laß uns in Ruhe,« sagte Pille-Trousse.

»Wir sind Drei gegen Dich, und Procop, der’s versteht, wird Dir sagen, daß Drei gegen Einen immer Recht haben.«

Malemort seufzte laut bedauernd, daß ihm eine so schöne Gelegenheit entging eine neue Wunde zu erhalten, aber er gab nach.

Unterdeß hatten Lactantius auf der einen und Maldent auf der andern Seite Feuer angeschlagen und da beide sich Parteien sich für den Fall, daß sie Licht brauchen würden, in Voraus mit Kienfackeln versehen hatten, so leuchteten bald zwei derselben und ließen ihr grelles Licht auf die Personen in der Höhle fallen.

Wir kennen bereits die Höhle und die Personen, die darin waren; nur die gegenseitige Stellung der Letzteren haben wir zu beschreiben.

Am Ende der Höhle befanden sich Pille-Trousse, Malemort, Lactantius und Fracasso, mehr nach dem Eingange zu die beiden Scharfenstein, Maldent und Procop.

Pille-Trousse stand von der hintern Gruppe am weitesten vor; hinter ihm kaute Malemort vor Wuth an den Nägeln, neben ihm stand Lactantius mit der Fackel und suchte seine kampflustigen Cameraden zu beruhigen; Fracasso kniete und befestigte etwas an seiner Fußbekleidung.

Auf der entgegengesetzten Seite bildeten, wie erwähnt, die beiden Scharfenstein die Avantgarde, einen Schritt hinter ihnen stand Maldent und hinter diesem Procop.

Die beiden Fackeln beleuchteten die ganze runde Höhle, nur eine Vertiefung in der Nähe des Einganges, in welchem ein Haufen dürren Farnkrautes lag, blieb im Halbschatten.

Das Ganze sah wild und schauerlich genug aus.

Die Abenteurer kannten einander bereits meist und hatten sich gegenseitig auf dem Schlachtfelde thätig gegen den gemeinschaftlichen Feind gesehen.

Procop trat setzt einen Schritt vor, aber nicht über die beiden Scharfenstein hinaus.

»Meine Herren,« sagte er, »wir hatten gegenseitig den Wunsch einander zu sehen und nun sehen wir einander, das ist schon etwas. Wir sind Vier gegen Vier, wir auf unserer Seite haben aber die Beiden da (und er zeigte auf die Scharfenstein), was mich fast berechtiget zu sagen, wir sind Acht gegen Vier.

Auf diese unkluge Prahlerei flogen nicht blos trotzige Worte über die Lippen Pille-Trousse’s, Malemort’s, Lactantius und Fracasso’s, sondern auch deren Schwerter aus den Scheiden.

Procop bemerkte, daß er gegen seine gewöhnliche Klugheit gesündigt hatte und sich auf falschem Wege befinde. Er versuchte also umzukehren.

»Meine Herren,« sagte er, »ich behaupte damit nicht, daß uns der Sieg nun auch gewiß wäre, da die vier Gegner Pille-Trousse, Malemort, Lactantius und Fracasso heißen.«

Dieser Nachsatz schien die Gemüther wieder etwas zu beruhigen, nur Malemort brummte noch.

»Zur Sache!« rief Pille-Trousse.

»Ja,« antwortete Procop, »ad eventum festina. Ich sagte also, daß wir den innern zufälligen und ungewissen Eingang eines Kampfes bei Seite lassen und uns zu verständigen suchen müßten. Es schwebt gewissermaßen ein Prozeß zwischen uns, jacens sub judice lis est; wie werden wir den Prozeß beendigen? Zuerst durch eine klare und einfache Auseinandersetzung der Lage, aus welcher unser Recht hervorgehen wird. Wer hat gestern den Gedanken gehabt, in nächster Nacht das Gütchen oder Schlößchen Parcq zu überfallen? Ich und die Herren da. Wer ist heute Früh von Doulens fortgegangen, um den Plan auszuführen? Ich und die Herren da. Wer hat sich in diese Höhle begeben, um da Position für die Nacht zu nehmen? Wiederum ich und die Herren da. Wer hat endlich den Plan zur Reife gebracht, vor Euch entwickelt und so den Wunsch in Euch erregt, Euch an der Sache zu betheiligen? Immer ich und die Herren da. Antworte darauf, Pille-Trousse, und sage selbst, ob nicht die Leitung eines Unternehmens ungehindert denen gehört, welche zuerst den Gedanken dazu gehabt und den Plan entworfen haben. Dixi.«

Pille-Trousse lachte; Fracasso zuckte die Achseln; Lactantius schüttelte die Fackel und Malemort brummte von »Dreinschlagen!«

»Worüber lachst Du, Pille-Trousse?« fragte Procop ernsthaft und würdevoll.

»Ich lache, lieber Procop,« antwortete der Abenteurer, an den die Frage gerichtet worden war, »über das gewaltige Vertrauen, mit dem Du dein Recht und deine Ansprüche auseinandergesetzt hast und darüber, daß Du gleich geschlagen bist, wenn wir gelten lassen, was Du sagst. Ja, die Leitung eines Unternehmens gehört denen, welche zuerst den Gedanken daran gehabt und den Plan entworfen haben.«

»Also!« fiel Procop triumphirend ein.

»Ja, aber ich fahre nun fort,« sagte Pille-Trousse; »gestern seyd Ihr aus den Gedanken gekommen, das Gütchen oder Schlößchen Parcq zu überfallen? Wir haben den Gedanken schon vorgestern gehabt. Ihr seyd heute Früh von Doulens aufgebrochen, um den Plan auszuführen? Wir sind in derselben Absicht schon gestern Abend von Montreuil hergekommen. Ihr seyd seit einer Stunde in der Höhle? Wir waren schon da, als Ihr kamt. Ihr habt den Plan vor uns entwickelt? Wir hatten ihn schon vorher zur Reife gebracht und entwickelt. Ihr gedachtet das Schlößchen in der Nacht anzugreifen? Wir wollten es gegen Abend thun. Wir haben also den Gedanken und den Plan vor Euch gehabt und so kommt uns die Leitung des Unternehmens zu. Dixi!« setzte er in der Art Procops hinzu.

»Aber,« fragte Procop, den diese Beweisführung einigermaßen in Verlegenheit brachte, »wer bürgt mir dafür, daß Du die Wahrheit sagst?«

»Mein Wort, mein Ehrenwort!« sagte Pille-Trousse.

»Eine andere Bürgschaft wäre mir lieber.«

»Hm!« machte Procop unvorsichtig.

Die Gemüther waren gereizt, der Zweifel an Pille-Trousse’s Wort erbitterte, und Fracasso und Lactantius riefen gleichzeitig :

»Kampf!«

»Ja dreinschlagen, dreinschlagen!«

»Kampf denn, wenn Ihr nicht anders wollt,« sagte Procop.

»Kampf, da es kein anderes Mittel zur Verständigung gibt.«

»Kommt nur heran!« riefen die Scharfenstein, die schon hauen wollten.

Jeder zog Schwert oder Dolch, suchte sich einen Gegner und schickte sich an auf denselben sich zu stürzen.

Mit einem Male bewegte es sich aus dem Farnkrauthaufen in der Vertiefung der Höhle; ein zierlich gekleideter junger Mann erhob sich, trat aus dem Dunkel heraus und in das Licht, breitete die Arme aus und rief :

»Die Waffen nieder, Cameraden! Ich übernehme es, die Sache auszugleichen.«

Aller Augen wendeten sich aus den, welcher so unerwartet erschien und Alle riefen:

»Yvonnet!«

»Wo, zum Teufel! kommst Du her?« fragte Pille-Trousse und Procop.

»Das sollt Ihr hören,« antwortete Yvonnet, »zuerst die Degen und Dolche eingesteckt! Der Anblick solcher bloßer Dinger greift meine Nerven an.«

Alle gehorchten bis aus Malemort.

»Nun, Camerad,« sagte Yvonnet zu ihm, »was soll’s?«

»Ach!« jammerte Malemort mit tiefem Seufzer, »soll man denn niemals in Ruhe einen Stich geben oder nehmen können?«

Er stieß mit höchst ärgerlicher und verdrießlicher Geberde den Degen in die Scheide.

IV.
Der Gesellschaftsvertrag

Yvonnet sah sich um und da er erkannte, daß wenigstens die Schwerter in die Scheide zurückgekehrt wären, wenn auch der Zorn noch nicht ganz aus den Herzen geschwunden, so wendete er sich bald an Pille-Trousse, bald an Procop, welche bekanntlich beide die Frage an ihn gerichtet hatten.

»Woher ich komme?« wiederholte er. »Wahrhaftig eine schöne Frage! Von dem Farnkrauthaufen komme ich, wo ich mich versteckte, als ich zuerst Pille-Trousse, Lactantius, Malemort und Fracasso angekommen sah und den ich auch nicht verließ, als dann Procop, Maldent und die beiden Scharfenstein erschienen.«

»Aber was thatest Du zu solcher Zeit in dieser Höhle? Wir kamen ja au als es noch nicht Tag geworden war.«

»Das ist mein Geheimniß,« antwortete Yvonnet, »aber ich werde es Euch sagen; wenn Ihr vernünftig seyd. Zuerst von dem Dringendsten!«

Gegen Pille-Trousse gewendet fuhr er fort: »Ihr waret also in der Absicht gekommen, einen Besuch in Parcq, in dem Gütchen oder Schlößchen, wie man es nennen will, zu machen?«

»Ja,« antwortete Pille-Trousse.

»Und Ihr auch?« fragte Yvonnet Procop.

»Wir auch,« antwortete Procop.

»Und Ihr wolltet einander in die Haare fahren, um herauszubringen, wer zuerst den klugen Gedanken gehabt?«

»Das sollte geschehen,« sagten Procop und Pille-Trousse.

»Pfui!« entgegnete Yvonnet, »Cameraden, Franzosen oder doch wenigstens Leute, die Frankreich dienen!«

»Wir konnten nicht anders, da die Herren da von ihrer Behauptung nicht abgehen wollten,« sagte Procop.

»Wir konnten nicht anders, weil die Herren da uns den Vortritt nicht lassen wollten.«

»Ihr konntet nicht anders?« wiederholte Yvonnet, welcher es den beiden Sprechern nachmachte. »Ihr mußtet Euch untereinander massacriren, nicht wahr? Ihr konntet nichts anders als Euch die Hälse brechen? Und Ihr waret da, Lactantius, habt die Vorbereitungen zu dem Blutvergießen mit angesehen und euer christliches Gemüth wehklagte nicht?«

»Es hat gejammert, laut gejammert,« sagte Lactantius.

»Und zu weiterem hat es Euer frommer Glaube nicht gebracht?«

»Nach dem Kampfe,« antwortete Lactantius, durch die Vorwürfe von Yvonnets etwas beschämt, »würde ich für die Todten gebetet haben.«

»Sieh! Sieh!«

»Was hätte ich sonst thun sollen, Yvonnet?«

»Was ich thue, und ich bin kein Frommer, kein Augenverdreher, kein Betbruder. Ihr hättet Euch zwischen die Schwerter und Degen stürzen sollen, inter gladios et enses, um mit unserem Advocaten Procop zu reden; Ihr hättet mit der salbungsvollen Miene, die Euch so wohl ansteht, zu euern verirrten Brüdern sagen sollen, wie ich sage: »Cameraden, wenn es etwas für Vier ist, so ist’s auch für Acht; wenn das Erste, was wir unternehmen wollen, nicht genug einbringt, so versuchen wir es anderswo. Die Menschen sind dazu da, daß sie einander auf den rauhen Pfaden des Lebens unterstützen, nicht aber um ihnen Steine und Knüppel vor die Beine zu werfen auf Wegen, die so schon so beschwerlich sind. Wir wollen uns nicht trennen, sondern zusammen treten; was Vier nur unter großen Wagnissen ausführen können, hat für Acht gar keine Gefahr. Behalten wir unsern Haß, unsere Dolche, unsere Degen für unsere Feinde, während wir für einander nur freundliche Worte und Dienste haben. Gott, der Frankreich schützt, wenn er nichts Nöthigeres zu thun hat, wird zu unserem Bunde lachen und ihm seinen Segen geben!« So hättet Ihr reden sollen, Lactantius, Ihr habt es aber nicht gethan.«

»Allerdings,« antwortete Lactantius, indem er an seine Brust schlug: »mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa!«

Er löschte seine Fackel aus, da man sie nicht gerade brauchte, kniete nieder und betete andächtig.

»Nun,« fuhr Yvonnet fort, »so will ich es an eurer Stelle sagen, und setze hinzu, den göttlichen Segen, den Euch Lactantius verheißen haben würde, bringe ich gleich mit.«

»Du, Yvonnet?« fragte Procop zweifelnd.

»Ja, ich… ich habe denselben Gedanken gehabt, und früher.«

»Wie, Du hättest auch den Gedanken gehabt, in das Schloß zu dringen, das wir im Auge haben?«

»Ich habe nicht blos den Gedanken gehabt,« antwortete Yvonnet, »sondern ihn sogar ausgeführt.«

»Ah!« riefen alle Anwesenden und sie horchten mit neuer Aufmerksamkeit auf Yvonnet.

»Ja,« ich habe gute Freunde in dem Hause,« fuhr dieser fort, »ein allerliebstes Kammerkätzchen, Gertrude,« sagte er, den Schnurrbart drehend, »die bereit ist, um meinetwillen Vater und Mutter, Gebieter und Gebieterin zu verläugnen, – eine Seele, die ich dem Teufel zuführe.«

Lactantius seufzte tief.

»Und Du bist in dem Schlosse gewesen?«

»In voriger Nacht kam ich heraus, aber Ihr wisset, wie zuwider mir Gänge im Dunkel sind, besonders allein. Ehe ich drei Stunden bis Doulens, oder sechs bis Abbeville ging, wanderte ich eine Viertelstunde bis hierher in die Grotte, die mir bekannt und lieb ist, weil ich mit meiner Schönen darin zuerst zusammen gekommen bin. Ich fand tappend dies Lager, das ich eben auch schon kannte, und schlief mit dem Gedanken ein, dem ersten besten unter Euch, den ich sehen würde, das Unternehmen anzutragen, als Pille-Trousse mit den Seinen und dann Procop mit den Seinen kam. Beide Theile kamen um einer und derselben Sache willen; das Streben nach einer und derselben Sache führte den Zank herbei, und dieser hätte ohne Zweifel einen tragischen Ausgang genommen, als ich es für Zeit hielt einzuschreiten und wirklich einschritt. – Jetzt sage ich Euch: Wollen wir zusammentreten, statt einander die Hälse zu brechen? Wollt Ihr durch List in das Haus kommen, statt mit Gewalt? Wollt Ihr, daß man Euch die Thüren öffne, statt daß Ihr sie mit Gewalt öffnen müßt? Wollt Ihr nicht erst lange nach dem Golde, den Juwelen, dem Silberzeuge suchen, sondern geradenwegs dahin geführt werden? Schlagt ein, dazu bin ich der Mann, und um mit dem guten Beispiele der Uneigennützigkeit voranzugehen, verlange ich nur denselben Theil wie die Andern trotz dem wichtigen Dienste, den ich dabei leiste. Wer nun etwas Besseres zu sagen weiß, der komme und rede, – ich trete ihm das Wort ab und höre.«

Ein Murmeln der Bewunderung verbreitete sich in der Versammlung Lactantius unterbrach sein Gebet, trat zu Yvonnet und küßte ihm demüthig den Saum des Mantels. Procop, Pille-Trousse, Maldent und Fracasso drückten ihm die Hand und die beiden Scharfenstein erdrückten ihn beinahe in ihren Armen. Nur Malemort brummte in einem Winkel:

»Ihr werdet sehen, daß es nicht den kleinsten Hieb oder Stich giebt; es ist eine Erbärmlichkeit.«

»Nun also,« sagte Yvonnet, der schon lange an eine solche Verbrüderung gedacht hatte und da das Glück so nahe an ihn heran kam, die Gelegenheit nicht vorüber lassen wollte, dasselbe zu fassen, »nun also, keinen Augenblick verloren! Wir sind hier neun Kerls beisammen, die weder Gott noch den Teufel fürchten.«

»Ei, ei,« fiel Lactantius sich bekreuzend ein, »Gott fürchten wir wohl.«

»Nun ja, freilich, Lactantius, es ist so eine Redensart. Ich sagte also, der Zufall habe hier neun Männer zusammengeführt.«

»Die Vorsehung, Yvonnet, die Vorsehung!« fiel Lactantius wiederum ein.

»Nun ja, die Vorsehung, meinetwegen. Zum Glück haben wir da Procop unter uns, einen Gesetzkundigen; zum Glücke trägt dieser Gesetzkundige Dinte und Feder am Gürtel und in der Tasche hat er, ich wollte wetten, Papier mit dem Stempel unseres guten Königs Heinrichs II.«

»So ist’s« antwortete Procop, »ich habe das bei mir, und es ist ein Glück, wie Yvonnet mit Recht sagt.«

»Demnach rasch ans Werk! Einen Tisch zurecht gemacht und unsern Gesellschaftsvertrag entworfen, während Einer von uns im Walde draußen, in der Nähe der Höhle Wache hält, damit wir nicht gestört werden.«

»Ich,« fiel Malemort ein, »werde mich als Schildwache hinausstellen und so viel Spanier, Engländer und Deutsche sich in dem Walde zeigen, so viele Todte gibt es.«

»Nein, nein, lieber Malemort, das darf gar nicht seyn,« antwortete Yvonnet. »In unserer Lage, das heißt kaum zweihundert Schritte von dem Lager Sr. Majestät Carls V. und unter einem Manne, der ein so feines Gehör und ein so geübtes Auge hat wie der Herr Emanuel Philibert von Savoyen, dürfen wir Niemanden ums Leben, bringen, außer wo es gar nicht zu umgehen ist, weil man nicht immer den Tod gibt, wie sicher man auch seines Stoßes ist… Auf das Hilfegeschrei der Verwundeten würde man aber herbeikommen, und wenn einmal der Wald besetzt ist, dann weiß Gott, was aus uns werden könnte. Nein, mein lieber Malemort, Du bleibst hier und Einer der beiden Scharfenstein bezieht die Wache; sie sind beide Deutsche; wenn der Wachehaltende entdeckt wird, kann er sich für einen Lanzknecht des Herzogs von Aremberg oder für einen Reiter des Grafen von Waldeck ausgeben.

»Ich will lieber der Graf von Waldeck seyn,« sagte Heinrich Scharfenstein.

»Dieser Riese ist außerordentlich geschickt,« entgegnete Yvonnet.

»Ja, Du sollst der Graf Waldeck seyn, weil der Graf Waldeck auch gern mitnimmt. Das meintest Du doch auch, Scharfenstein?«

»Ganz eben dasselbige.«

»Und weil man sich nicht wundern würde, Einen von den Leuten dieses Grafen im Walde versteckt zu finden.«

»Das wollte ich sagen.«

»Nur möge der wachhaltende Scharfenstein sich versehen, als Beutelustiger von dem Grafen Waldeck nicht in die Hände des Herzogs von Savoyen zu fallen. Er versteht in solchen Dingen keinen Spaß.«

»Leider Gottes,« antwortete Heinrich Scharfenstein; »gestern hat er zwei Soldaten aufknüpfen lassen.«

»Drei!« sagte Franz.

»Nun, welcher von Euch übernimmt die Wache??«

»Ich,« antworteten Onkel und Neffe Scharfenstein zusammen.

»Lieben Freunde, diese Aufopferung wird von uns nach Verdienst gewürdigt,« sagte Yvonnet, »aber eine Schildwache ist vollkommen genug. Loset Ihr! Für den, welcher hier bleibt, findet sich ein Ehrenposten.«

Die beiden Scharfenstein beriethen sich einen Augenblick mit einander.

»Franz,« sagte Heinrich, »hat gute Augen und tüchtige Ohren; er wird Schildwache stehen.«

»Gut,« sagte Yvonnet, »so gehe Franz auf seinen Posten.«

Franz ging mit seiner gewöhnlichen Ruhe nach dem Ausgange der Höhle zu.

»Hörst Du, Franz,« sagte Yvonnet, »wenn Du die Andern fangen lässest, so hat das nicht gerade viel zu bedeuten, wenn Du aber von dem Herzoge von Savoyen gefangen wirst, mußt Du baumeln.«

»Ah, unbesorgt! Ich lasse mich von Niemanden fangen,« antwortete Franz.

Er verließ die Höhle, um sich aus seinen Posten zu begeben.

»Und mein Ehrenposten?« fragte nun Heinrich Scharfenstein.

Yvonnet nahm die Fackel aus der Hand Maldent’s, reichte sie dem Scharfenstein und sagte:

»So, stelle Dich hierher… leuchte unserem gelehrten Freunde Procop und rühre Dich nicht.«

»Ich werde stehen wie ein Stock!« sagte Heinrich.

Procop setzte sich und nahm ein Papier aus der Tasche, sein Tintenfaß von dem Gürtel und auch die Feder.

Wir haben ihn schreiben sehen, als wir in die Höhle von Saint-Pol-sur-Ternoise traten, in der sich zufällig so viele Personen befanden.

Wir haben angedeutet, daß es keine leichte Aufgabe war, die Arbeit, welche Procop übernommen hatte, zu Aller Zufriedenheit zwischen elf Uhr Vormittags und drei Uhr Nachmittags am 5. Mai 1555 zu Ende zu führen.

Als handle es sich um einen Gesetzentwurf, der in einer modernen Kammer discutirt werden sollte, so hatte ein Jeder nach seinem Interesse oder seinen Fähigkeiten »Amendements« und »Unteramendements« gestellt.

Die genannten Amendements und Unteramendements waren einer Abstimmung unterworfen worden und zur Ehre unserer Abenteurer müssen wir sagen, daß sie im Ganzen ziemlich richtig, dabei ruhig und unparteiisch abgestimmt hatten.

Es gibt Dummköpfe und kecke Verleumder der Gesetzgeber, der Richter und der Justiz, welche behaupten, ein Gesetzbuch, welches von Spitzbuben entworfen wäre, würde vollständiger und namentlich billiger seyn als ein von rechtlichen Männern abgefaßtes.

Wir beklagen die Verblendung dieser Unglücklichen, wie wir die Irrthümer der Calvinisten und Lutheraner beklagen, und bitten Gott, er möge beiden verzeihen.

In dem Augenblicke endlich als die Uhr Yvonnet’s ein Viertel auf Vier zeigte – so selten in jener Zeit eine Uhr war, müssen wir doch bestätigen, daß der cokette Abenteurer sich eine verschafft hatte – ein Viertel auf Vier also sah Procop auf legte die Feder hin, faßte sein Papier mit beiden Händen, sah es mit Befriedigung an und sagte: »Nun ich glaube das wäre gethan und nicht übel, – exigi monumentum.«

Bei dieser Meldung machte Heinrich Scharfenstein, welcher die Fackel seit beinahe vierthalb Stunden hielt, eine Bewegung, um den Arm zu strecken, der müde zu werden anfing. Yvonnet unterbrach sein Trällern, strich und drehte aber noch immer den Bart. Malemort war fertig mit dem Verbinden des Armes und steckte den Verband mit einer Nadel fest; Lactantius sprach sein letztes Ave: Maldent, welcher beide Hände auf den Tisch gestützt hatte, richtete sich empor; Pille-Trousse steckte den nun spitz genug gewordenen Dolch in die Scheide und Fracasso erwachte aus dem poetischen Träumen und Sinnen, sehr befriedigt von dem Sonett, an das er die letzte Hand gelegt, nachdem er sich einen Monat lang damit getragen hatte.

Alle traten an den Tisch, mit Ausnahme von Franz, welcher sich wegen der gemeinschaftlichen Interessen auf seinen Oheim verließ und sich, wie gesagt, etwa zwanzig Schritte von dem Eingange der Höhle Wache haltend auf den Bauch gelegt hatte, fest entschlossen nicht nur für seine Cameraden gut zu wachen, sondern auch sich selbst von Niemanden überrumpeln zu lassen, namentlich nicht von Emanuel Philibert von Savoyen, der so geschwind hängen ließ.

»Meine Herren,« sagte Procop, indem er sich, selbstzufrieden, in dem Kreise umsah, der sich um ihn her gebildet hatte und zwar so regelmäßig wie um einen Offizier, der seinen Soldaten einen Befehl ertheilt, »meine Herren, sind Alle da?«

»Ja, antworteten die Abenteurer im Chor.

»Sind auch Alle bereit, die achtzehn Artikel vorlesen zu hören, aus welchen die Urkunde besteht, die wir im Verein entworfen haben und die der Gesellschaftsvertrag heißen konnte? Eine Art Gesellschaft wollen wir doch gründen, stiften und ordnen.«

Die Antwort lautete allgemein zustimmend, wobei Heinrich Scharfenstein selbst verständlich mit für seinen Neffen sprach.

»Also hört,« fuhr Procop fort.

Er hustete, spuckte aus und sing an:

»Zwischen den Unterzeichneten… «

»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Lactantius, »ich kann nicht unterzeichnen.«

»Das will nichts sagen,« antwortete Procop; »Du machst ein Kreuz darunter.«

»Ah,« murmelte Lactantius, »um so heiliger wird meine Verpflichtung seyn. Fahre also fort, Bruder.

Procop begann von neuem:

»Zwischen den Unterzeichneten,

»Johann Chrysostomus Procop .…«

»Nun, gar bescheiden bist Du nicht,« sagte Yvonnet; »Du setzest Dich gleich oben an…«

»Einer mußte doch anfangen,« antwortete Procop unbefangen.

»Weiter! Weiter!« drängte Maldent.

»Johann Chrysostomus Procop, ehemaliger Procurator zu Caën, auch zu Nauen, Cherbourg, Valognes…«

»Na,« fiel Pille-Trousse ein, »nun wundere ich mich nicht mehr, daß Du mit dem Schreiben drei und eine halbe Stunde zugebracht hast, wenn Du Jedem wie Dir vollständige Titel und Würden anhängtest; im Gegentheil, ich wundere mich, daß Du schon fertig bist.«

»Nein,« antworete Procop, »ich habe Euch Allen einen Titel gegeben, glaubte aber, daß bei mir, dem Concipienten der Urkunde, die Aufzählung meiner Titel nicht nur geeignet, sondern sogar durchaus nothwendig sey.«

»Das ist etwas Anderes,« sagte Pille-Trousse.

»So hört doch endlich einmal auf,« schrie Malemort; »wir werden ja nicht fertig, wenn Ihr bei jedem Worte unterbrecht.«

»Ich werde unterbrochen,« entgegnete Procop. Dann fuhr er fort:

»Zwischen den Unterzeichneten,

»Johann Chrysostomus Procop und so weiter, Honorius Joseph Maldent, Victor Felix Yvonnet, Chrillus Nepomuk Lacantius, Cäsar Hannibal Malemort, Martin Pille-Trousse, Vittorio Albani Fracasso, Heinrich und Franz Scharfenstein, sämmtlich Capitänen in Diensten des Königs Heinrich II.…«

Ein schmeichelhaftes Gemurmel unterbrach Procop und Niemand dachte mehr daran, ihm die Titel streitig zu machen, welche er sich beigelegt hatte, da ein Jeder damit beschäftigt war, durch Schärpe, Schnupftuch oder einen Lumpen den Titel »Capitän« im Dienste Frankreichs zu rechtfertigen, den er empfangen hatte.

Procop ließ dem Beifallsgemurmel Zeit, sich zu beruhigen, und fuhr fort:

»Ist beschlossen und festgesetzt worden wie folgt…«

»Halt!« rief Maldent. »Die Urkunde gilt nicht.«

»Warum gilt sie nicht?« fragte Procop.

»Du hast etwas Wichtiges darin vergessen.«

»Was.«

»Das Datum.«

»Das Datum kommt zuletzt.«

»Das ist etwas Anderes,« entgegnete Maldent; »besser wäre es aber doch, wenn es am Anfange stände.«

»Am Anfange oder am Ende, das bleibt sich gleich,« sagte Procop. »Die Institutionen Justinian’s sagen ausdrücklich: »Omne actum quo tempore scriptum sit, indicato, seu initio, seu fine, ut paciscentibus libuerit,« das heißt, jede Urkunde muß ihr Datum an sich tragen, entweder am Anfange oder am Ende, wie es den Contrahirenden beliebt.«

»Eine abscheuliche Sprache, die Advocatensprache!« sagte Fracasso. »Was für ein Unterschied zwischen diesem Latein und dem Latein Virgil’s und Horazens!«

Und er scandirte wohlgefällig die Verse aus der dritten Ecloge Virgils:

 
Malo me Galatea petit, lasciva puella:
Et fugit ad salices, et se cupit ante videri…
 

»Ruhe, Fracasso!« sagte Procop.

»Gebiete Du Ruhe so lange Du willst,« antwortete Fracasso, »es ist und bleibt doch wahr, daß ich Justinian I., ein so großer Kaiser er meinetwegen auch gewesen ist, Homer den Zweiten vorziehe und lieber die Bucolica, die Eclogen und selbst die Aeneïs verfaßt haben möchte als die Institutionen, die Pandecten und das ganze corpus juris civilis.«

Ueber diesen wichtigen Punkt wäre es zwischen Fracasso und Procop sicherlich zum Streite gekommen – dessen Ende und Folgen nicht abzusehen waren – aber vor der Höhle ließ sich ein unterdrückter Ruf hören, welcher die Aufmerksamkeit der Abenteurer dahin richtete.

Bald zeigte sich auch ein dunkler Schatten an dem Eingange und endlich erschien ein Wesen, dessen Art nicht zu bestimmen war, so seltsame Formen hatte es in dem Halbdunkel, von dem aus es sich in den Kreis hereinbewegte, der sich vor ihm öffnete.

Da erst und in dem Lichte der Fackel, welche die Gruppe beleuchtete, erkannte man Franz Scharfenstein, der in seinen Armen ein Mädchen trug und demselben als Knebel die breite Hand auf den Mund gelegt hatte.

Jeder wartete auf die Lösung des neuen Vorfalles.

»Cameraden,« sagte der Riese, »das Weibsbildchen schlich um den Eingang der Höhle her; ich hab sie gehascht und bringe sie. Was machen wir mit ihr?«

»Zuerst,« antwortete Pille-Trousse, »laß sie los; sie wird doch nicht uns alle Neun beißen.«

»Ah, vor dem Beißen fürcht ich mich nicht,« antwortete Franz lachend; »sie sieht selber anbeißerlich aus.«

Mitten im Kreise, wie ihm Pille-Trousse angedeutet hatte, ließ er das Mädchen los und trat dann rasch zurück.

Das Mädchen war jung und hübsch und schien der Kleidung nach der achtungswerthen Classe der Köchinnen eines guten Hauses anzugehören, sah sich ängstlich rund im Kreise um, zu erkennen, unter welcher Gesellschaft sie sich befinde, die ihr auf den ersten Blick wohl etwas gemischt vorkommen mochte.

Sie kam indeß nicht einmal rund herum in dem Kreise, als ihr Blick aus dem jüngsten und zierlichsten der Abenteurer ruhte.

»Herr Yvonnet,« rief sie, »um Gottes Willen schützet mich! vertheidigt mich!«

Zitternd umschlang sie zugleich den jungen Mann.

»Sieh, sieh,« sagte Yvonnet, »die Jungfer Gertrude!«

Er drückte das Mädchen an seine Brust, um sie zu beruhigen, und sagte:

»Nun, Ihr Herren, da werden wir ganz frische Nachrichten aus dem Schlosse Parcq erhalten, denn das schöne Kind kommt daher.«

Da die Nachrichten, welche Yvonnet durch den Mund Gertrudens ankündigte, alle Anwesenden im höchsten Grade interessierten, so gaben die Abenteurer für den Augenblick wenigstens, die Vorlesung ihres Gesellschaftsvertrages auf, traten um das junge Paar herum und warteten mit Ungeduld, daß Jungfer Gertrude sich so weit beruhigt haben werde, um sprechen zu können.

V.
Der Graf von Waldeck

Es vergingen noch einige Minuten: dann hatte sich Jungfer Gertrude durch das freundliche Zureden Yvonnet’s besänftigt und sie begann zu erzählen.

Da aber ihre Erzählung häufig bald durch einen Rest von Angst, bald durch die Fragen der Abenteurer unterbrochen wurde, so würde sie unseren Lesern keine hinreichende Deutlichkeit gewähren; wir wollen also an ihre Stelle treten und so kurz als wir es vermögen das tragische Ereigniß erzählen, welches das Mädchen gezwungen hatte, das Schloß Parcq zu verlassen und eine Zuflucht anderswo zu suchen, wobei sie unter die Abenteurer gerathen war.

Zwei Stunden nach der Entfernung Yvonnet’s, in dem Augenblicke als Jungfer Gertrude, ohne Zweifel etwas ermüdet von der nächtlichen Unterhaltung mit dem schönen Pariser, endlich sich entschloß, ihr Bett zu verlassen und zu ihrer Herrin hinunter zu gehen, die zum dritten Mal sie rufen ließ, trat der Sohn des Pächters, ein Bursche von sechzehn bis siebenzehn Jahren, Philipp mit Namen, ängstlich in das Zimmer der Dame und meldete ihr, es komme ein Haufe von vierzig oder fünfzig Mann, die den schwarzgelben Schärpen nach wohl zu dem Heere Carls V. gehören möchten, auf das Schloß zu, nachdem sie seinen Vater, der auf dem Felde gearbeitet, gefangengenommen hätten.

Philipp, der einige hundert Schritte von seinem Vater gearbeitet, hatte gesehen, wie der Anführer ihn erfaßt und dann an den Geberden der Soldaten und des Gefangenen errathen, daß von dem Schlosse die Rede sey. Er hatte sich meist kriechend bis an den Hohlweg geschlichen und weil er da nichts mehr habe sehen können, war er so schnell als möglich herbeigekommen, um der Herrin das Vorgegangene zu melden, damit sie noch Zeit habe sich zu etwas zu entschließen.

Die Frau vom Hause stand auf, trat an das Fenster und erblickte in der That die Soldaten etwa hundert Schritte von dem Schlosse; es mochten fünfzig Mann seyn, wie es Philipp gesagt hatte, mit etwa drei Anführern. Neben derer Pferde eines derselben ging der Pächter, dem die Hände auf den Rücken zusammengebunden waren; der Offizier, neben dem er ging, hielt das Ende des Strickes, damit der Mann nicht zu entfliehen suche oder, wenn er dies versuchte, damit er sogleich festgehalten werden könne.

Dieser Anblick war nichts weniger als beruhigend. Da indeß die Leute,– welche herankamen, die Reichsschärpe trugen; da ferner die drei Anführer Kronen auf dem Helmbusche und Wappen auf der Brust ihrer Harnische trugen; da der Herzog Emanuel Philibert sehr bestimmte Befehle in Bezug auf das Plündern gegeben hatte, da endlich eine Frau unmöglich durch die Flucht sich retten konnte; so war die Frau vom Hause entschlossen, die Ankommenden so gut als möglich zu empfangen. Sie verließ deshalb ihr Zimmer, ging die Treppe hinunter und erwartete sie als Zeichen der Ehre, die sie ihnen anthat, auf der ersten Stufe der Vortreppe.

Jungfer Gertrude indeß hatte sich bei dem Anblicke der Männer so sehr gefürchtet, daß sie nicht mit ihrer Herrin ging, wie es doch ihre Pflicht gewesen wäre, sondern sich an Philipp klammerte und ihn um Gottes Willen bat, ihr ein sicheres Versteck zu zeigen, in welchem sie sich so lange verborgen halten könnte, als die Soldaten im Schlosse blieben und wohin ihr Philipp von Zeit zu Zeit Nachricht von ihrer Herrin bringen möchte.

Obgleich Jungfer Gertrude an Philipp seit einiger Zeit sehr unfreundlich gehandelt hatte und dieser ihr Gleiches mit Gleichem zu vergelten sich vorgenommen hatte, wenn sie ihn brauche, weil er sich nicht erklären konnte, warum sie mit einem Male ein ganz anderes Benehmen gegen ihn angenommen hatte, war sie doch so schön, wenn sie sich fürchtete, und so verführerisch wenn sie bat, daß Philipp sich noch einmal erweichen ließ und sie in den Hof, aus dem Hof in den Garten führte und da in einer Grube versteckte, in welcher er und sein Vater das Werkzeug aufbewahrten.

Wahrscheinlich beschäftigten sich die Soldaten, welche die Absicht zu haben schienen das Schloß zu besehen, nur mit den Kellern und der Küche, suchten sie aber gewiß nicht da, wo sich höchstens etwas Wasser befand.

Gertrude hätte gewiß den Philipp gern bei sich behalten und Philipp wäre wahrscheinlich auch vorn Herzen gern bei Jungfer Gertrude geblieben, aber die Schöne war noch neugieriger als furchtsam, so daß der Wunsch, zu erfahren was verging, die Furcht allein zu bleiben überwog.

Der größeren Sicherheit wegen klappte übrigens Philipp die Thür über die Grube und schloß das Schloß daran zu, was Gertrude im Anfange gewaltig ängstigte, was sie aber nach reiflicher Ueberlegung endlich beruhigte.

Sie hielt den Athem an und horchte aufmerksam; anfangs hörte sie großes Geklirr von Waffen und Getrappel von Pferden, Geschrei und Gewieher, aber alles schien sich bald in dem Hofe zu sammeln.

Die Versteckte und Gefangene zitterte vor Ungeduld und verging fast vor Neugierde. Mehr als einmal versuchte sie die Thür aufzuheben. Wäre es ihr gelungen, so hätte sie gewiß auf die Gefahr hin, daß ihr etwas Unangenehmes dabei begegnete, zu hören versucht, was man spreche, oder zu sehen, was vorgehe.

Endlich hörte sie leise Tritte ihr näher kommen; der Schlüssel wurde in das Schloß gesteckt und die Thür langsam und bedächtig geöffnet, dann aber schnell wieder niedergelassen, nachdem Philipp hereingekommen war.

»Nun,« fragte Gertrude noch ehe die Thür ordentlich wieder zu war.

»Nun,« antwortete Philipp, des scheinen wirklich adelige Herren zu seyn, wie die gnädige Frau gleich erkannte, aber was für Herren, wenn Du sie fluchen und wettern hörtest, würdest Du sie für Heiden halten.«

»Mein Gott, was Du da sagst!« entgegnete das Mädchen ganz erschrocken.

»Es ist die reine Wahrheit, Jungfer Gertrude. Der Herr Caplan wollte ihnen Vorstellungen machen, aber sie antworteten, sie würden ihn an den Bäumen aufhängen, den Kopf nach unten und ihn hin und her zerren wie eine Glocke, die geläutet wird, und ihr Caplan scheint ein wahrer Heide zu sehn; auch trägt er einen gewaltigen Schnauzbart und flucht mit den Andern um die Wette.«

»Aber dann sind es ja keine ordentlichen adeligen Herren,« sagte Gertrude.

»Doch, doch, vom besten deutschen Adel. Sie schämten sich gar nicht ihre Namen zu sagen und das ist gewiß viel nach der Art, wie sie sich benehmen. Der Aelteste ist ein Mann von etwa fünfzig Jahren und er heißt Graf von Waldeck. Er befehligt vier tausend Reiter in dem Heere Sr. Majestät Carls V. Von den beiden Andern kann der Eine vier- bis fünfundzwanzig, der Zweite neunzehn bis zwanzig Jahre alt seyn und der Eine ist sein ehelicher, der andere ein unehelicher Sohn. Wie ich aber gesehen habe – man sagt, es wäre oft so – scheint er den ehelichen Sohn weniger zu lieben als den andern. Der erstere ist ein schöner Mann mit blassem Gesicht, großen braunen Augen und schwarzem Bart und Haar; auch glaube ich, daß sich mit dem ein verständiges Wort reden ließe. Anders ist es mit dem Bastard, der hat rothes Haar und wahre Eulenaugen Gertrude, der ist ein wahrer Teufel. Gott verhüte, daß Du dem in den Wurf kämest! Er sah die gnädige Frau an, so… mir lief’s kalt über den Rücken.«

»Wirklich?« fragte Jungfer Gertrude, die neugierig zu seyn schien, wie wohl ein Blick wäre, bei dem es Einem kalt über den Rücken läuft.

»Gewiß und wahrhaftig,« betheuerte Philipp, »da bin ich aber fortgegangen. Jetzt will ich mich wieder hinschleichen, um zu sehen was weiter geschieht; ich komme bald wieder und erzähle es Dir.«

»Ja, ja,« sagte Gertrude, »komm aber bald wieder und sieh Dich vor, daß Du kein Unglück nimmst.«

»Da kannst Du unbesorgt seyn, Gertrude,« antwortete Philipp, »ich zeige mich nicht anders als mit einer Flasche in jeder Hand und da ich weiß, wo im Keller die gute Sorte liegt, so meinen es die Spitzbuben sehr gut mit mir.«

Philipp ging wieder fort und schloß Gertrude von neuem ein, die nun reiflich darüber nachdachte, wie wohl die Augen aussehen möchten, die so schreckliche Blicke geben könnten.

Noch hatte sie sich die Sache nicht ganz erklären können, obgleich sie wohl eine Stunde darüber gesonnen, als ihr Bote und Freund von neuem erschien.

Einen Oelzweig brachte er indeß nicht mit. Der Graf von Waldeck und seine Söhne hatten durch Drohungen und Mißhandlungen die gnädige Frau gezwungen ihnen ihren Schmuck, ihr Silbergeschirr und alles Gold im Schlosse zu geben. Damit waren sie aber nicht zufrieden gewesen und die arme Frau war in dem Augenblicke, als sie die adeligen Räuber los zu seyn glaubte, ergriffen, geknebelt, an ihr Bett gelegt und in ihrem Zimmer eingesperrt worden, mit dem Versprechen, binnen zwei Stunden werde man das Schloß in Brand stecken, wenn sie bis dahin nicht zweihundert Rosenthaler aufgetrieben hätte.

Jungfer Gertrude beklagte gebührendermaßen das Schicksal ihrer Herrin, da sie aber die fraglichen zweihundert Rosenthaler nicht besaß, sie ihr also nicht leihen und damit sie nicht befreien konnte, so bemühte sie sich an etwas Anderes zu denken und fragte Philipp, was der schändliche Bastard Waldeck mit dem rothen Haar und den schrecklichen Augen mache.

Philipp antwortete, der Bastard sey eben daran sich zu betrinken, wobei ihn sein Vater getreulich unterstütze. Nur der junge Graf von Waldeck behalte unter den Schändlichkeiten so viel als möglich Kaltblütigkeit.

Jungfer Gertrude hatte sehr große Lust, mit eigenen Augen zu sehen, wie die Schändlichkeiten denn eigentlich beschaffen wären… Das Plündern kannte sie schon, denn sie hatte Thérouanne plündern sehen, aber die andern Schändlichkeiten!

Philipp erklärte ihr so gut als möglich was er meinte, nemlich daß die wilden Männer dasäßen, unmäßig tränken, äßen, schlechte Reden führten und namentlich sich ganz besonders gegen die Mädchen und Frauen benähmen, die ihnen in die Hände fielen.

Diese Schilderung erhöhte denn natürlich die Neugierde Gertrudens noch viel mehr. Sie bat deshalb Philipp, er möge sie herauslassen, nur auf zehn Minuten; dieser wiederholte aber so oft und so ernsthaft, daß sie ihr Leben aufs Spiel setze, wenn sie sich herauswage, daß sie sich endlich vornahm, doch lieber in ihrem Versteck zu bleiben und auf den dritten Besuch Philipps zu warten, um dann einen Entschluß zu fassen.

Dieser Entschluß war vor der Rückkunft Philipps gefaßt, nemlich mit Gewalt, wenn, es nicht anders gehe, aus dem Versteck zu flüchten, sich in das Schloß zu begeben, auf den geheimen Gängen hinzuschleichen und mit eigenen Augen zu sehen, was vorgehe, da denn jede Beschreibung, wie beredt sie auch seyn möge, immer hinter dem Beschriebenen zurückbleibe.

Sobald sie zum dritten Male den Schlüssel hörte, wollte sie hinauseilen, es mochte Philipps Meinung seyn oder nicht, aber als sie den jungen Mann sah, wich sie entsetzt zurück.

Philipp sah todtenbleich aus; sein Mund stammelte unzusammenhängende Worte und seine Augen hatten den stieren Ausdruck behalten, den das Entsetzen dem Blicke des Menschen gibt, welcher etwas Schauerliches, Grauenhaftes gesehen hat.

Gertrude wollte ihn fragen, aber sie fühlte sich von dem Entsetzen Philipps selbst eiskalt berührt; die Blässe Philipps ging auf ihr Gesicht über und sie wurde vor seinem Schweigen stumm.

Ohne etwas zu sagen, aber mit der Kraft des Entsetzens, dem Mancher nicht zu widerstehen versucht, ergriff er sie am Handgelenk und zog sie an die kleine Gartenthür, welche auf das Feld führte, während er stammelte:

»Todt… ermordet… erdolcht!«

Gertrude ließ sich führen; Philipp ließ sie einen Augenblick los, um die Thür des Gartens hinter ihnen zuzumachen; aber es war dies eine nutzlose Vorsicht, denn Niemand dachte, daran sie zu verfolgen.

Aber die Erschütterung, welche der arme Philipp erfahren hatte, war zu gewaltsam gewesen, als daß die Bewegung, in die sie ihn versetzt, hätte anhalten können. Nach fünf Minuten verließ ihn die Kraft, er sank athemlos nieder und murmelte rauh, wie ein Mann, den der Tod bereits erfaßt hat, die schrecklichen Worte, die einzigen, die er über die Zunge brachte:

»Todt… ermordet… erdolcht!«

Gertrude hatte sich da umgesehen, sie war nur etwa zweihundert Schritte von dem Waldsaume; sie kannte diesen Wald, sie kannte die Höhle darin, es war also ein doppelter Zufluchtsort. Uebrigens traf sie am Ende gar in der Höhle Yvonnet.

Zwar fühlte sie einigermaßen Gewissensbisse, daß sie den armen Philipp so am Rande eines Grabens in Ohnmacht liegen lasse, aber sie sah auch fünf bis sechs Reiter auf sich zukommen. Vielleicht gehörten diese zu den Leuten des Grafen Waldeck und sie hatte also gar keine Zeit zu verlieren, wenn sie ihnen entkommen wollte. Sie lief also nach dem Walde hin, ohne zurück zu sehen, sie lief wie gehetzt, bis sie das Gebüsch erreicht hatte; da erst blieb sie stehen, lehnte sich an einen Baum, um nicht zu fallen, und blickte ins Freie hinaus.

Die fünf oder sechs Reiter waren an der Stelle angekommen, wo sie den ohnmächtigen Philipp verlassen hatte. Sie hatten ihn aufgehoben, da er aber keinen Schritt gehen konnte, legte ihn einer quer vor sich über den Sattel und so jagten sie fort.

Uebrigens schienen die Leute nur gute Absichten zu haben und Gertrude fing an zu glauben, es hätte dem armen Philipp nichts Besseres geschehen können, als in solche Hände zu fallen, die so mitleidig zu seyn schienen.

Als Gertrude sich so über das Schicksal ihres Begleiters beruhigt, auch sich etwas erholt hatte und zu Athem gekommen war, lief sie weiter in der Richtung hin, in welcher sie die Höhle zu finden glaubte, aber der Kopf war ihr so wüst, daß ihre Augen nicht auf die Zeichen merkten, die sie sonst auf ihrem Gange leiteten. Sie verirrte sich also und erst nach einer Stunde kam sie zufällig oder aus Instinkt in die Nähe der Höhle, wo Franz Scharfenstein sie ergriff.

Das Uebrige erräth man: Franz streckte einen Arm aus, den er um Gertrude legte, mit der andern Hand hielt er ihr den Mund zu, dann hob er das Mädchen leicht auf, trug sie in die Höhle und setzte sie dann erschrocken mitten unter den Abenteurern nieder, denen sie, durch freundliche Worte Yvonnet’s beruhigt, das erzählte, was wir eben den Lesern mitgetheilt haben und was von den Zuhörern mit einem Schrei des Unwillens aufgenommen wurde.

Aber, man irre sich nicht, dieser Unwille hatte eine selbstsüchtige Quelle. Die Abenteurer fühlten sich keineswegs durch den Mangel an Moral empört, welchen die Plünderer in dem Schlosse Parcq bewiesen hatten; nein, sondern darüber, daß Graf Waldeck mit seinen Söhnen das Schloß früh ausgeraubt hatte, welches sie Abends hatten plündern wollen.

Dieser Unwille sprach sich in lauten Verwünschungen aus, denen dann der einmüthig gefaßte Beschluß folgte, auf Entdeckung auszugehen und zuzusehen, was draußen geschehe, sowohl nach der Seite hin, nach welcher man Philipp gebracht, als auch in der Gegend des Schlosses, in welcher das Drama gespielt, welches Gertrude mit aller Beredsamkeit und Energie der Angst beschrieben hatte.

Der Unwille schloß indeß bei den Abenteurern die Vorsicht nicht aus. So beschlossen sie denn ein Zuverlässiger und Gutwilliger solle vorher den Wald durchsuchen und dann den Andern Bericht erstatten. Je nach den Aussichten auf Sicherheit oder Unsicherheit, welche diese Musterung gäbe, wollte man handeln.

Yvonnet erbot sich die Durchsuchung des Waldes zu übernehmen. Auch war er allerdings am geeignetsten dazu, denn er kannte den Wald genau und war gewandt wie ein Reh und schlau wie ein Fuchs.

Gertrude protestirte laut dagegen, daß ihr Geliebter einen so gefährlichen Auftrag übernehme, aber man machte ihr mit sehr wenigen Worten begreiflich, daß sie die Zeit übel wähle, um Liebesbesorgnisse in einer Gesellschaft zu äußern, die an dergleichen Zartheiten und Zärtlichkeiten nicht gewöhnt sey. Sie war denn auch im Grunde ein sehr verständiges Mädchen und beruhigte sich, da sie sah, daß ihre Klagen und Thränen nicht nur nichts nützten, sondern am Ende gar für sie schlecht ablaufen könnten. Auch setzte ihr Yvonnet heimlich auseinander, die Geliebte eines Abenteurers dürfe nicht so reizbar und empfindlich seyn wie eine Romanprinzessin, dann übergab er sie den Händen seines Freundes Fracasso, unter der besondern Obhut der beiden Scharfenstein, und verließ die Höhle, um den wichtigen Auftrag auszuführen, den er übernommen hatte.

Nach zehn Minuten war er zurück.

Der Wald war vollkommen frei und schien durchaus keine Gefahr zu bieten.

Da die Neugierde der Abenteurer in der Höhle durch die Erzählung der Jungfer Gertrude fast so gereizt worden war, wie die Gertrude’s durch die Erzählung Philipps und der vielerprobte Lanzknecht schicklicherweise nicht dieselben Gründe zur Vorsicht haben konnte wie ein schönes schüchternes junges Mädchen, so verließen sie die Höhle und ließen den Gesellschaftsvertrag Procops unter der Bewachung der Erdgeister, forderten Yvonnet auf, sich an ihre Spitze zu stellen, und gingen unter seiner Führung nach dem Waldsaume zu, freilich nicht ohne daß ein Jeder sich vorher überzeugt hatte, daß sein Schwert oder Dolch in der Scheide nicht eingerostet sey.

VI.
Der Richter

In dem Maße wie die Abenteurer sich der Spitze des Waldes näherten, die sich wie eine Lanzenspitze bis eine Viertelstunde von Hesdin vorschob und die unsern Lesern bereits bekannten Becken der Ebene trennte, folgte dem Hochwalde dichtes Unterholz, das, weil die Bäume da nahe neben einander standen und ihre Zweige in einander flochten, die Sicherheit derer mehrte, welche sich in seinem Schatten bargen. Die kleine Schaar gelangte also an den Waldsaum ohne von einem lebendigen Wesen gesehen worden zu seyn.

Etwa fünfzehn Schritte von dem Graben, welcher den Wald von der Ebene trennte und um den Weg herumging, auf welchen wir die Aufmerksamkeit der Leser schon im ersten Capitel dieses Buches gelenkt haben und der eine Verbindung zwischen dem Schloß Parcq, dem Lager des Kaisers und den benachbarten Dörfern bildete, blieben unsere Abenteurer stehen.

Der Ort war dazu auch gut gewählt; eine riesige Eiche, die mit einigen ähnlichen Bäumen geblieben war, um anzudeuten, welche Riesen sonst da gestanden hatten, breitete ihren buschigen Wipfel über ihre Köpfe aus, während sie, sobald sie einige Schritte thaten, über die Ebene hinblicken konnten, ohne gesehen zu werden.

Alle erhoben sich gleichzeitig zu dem mächtigen hundertjährigen Baume. Yvonnet errieth, was man noch von ihm erwartete, er nickte deshalb zustimmend, ließ sich die Schreibtafel Fracasso’s geben, in welcher sich ein einziges reines Papierblatt befand, das ihm der Dichter mit der Empfehlung zeigte, die andern zu schonen, da auf ihnen seine dichterischen Ereignisse ruhten. Er lehnte einen der beiden Scharfenstein an den Baumstamm, den er mit seinen Armen nicht umfassen konnte, stieg in die zusammengehaltenen Hände des Riesen, von den Händen ihm auf die Achseln, von diesen zu den ersten Zweigen des Baumes und im nächsten Augenblicke ritt er auf einem der gewaltigen Aeste so sicher und bequem wie ein Matrose auf der Rat eines Mastes.

Gertrude hatte ihm bei diesem Kletterwerke ängstlich nachgesehen, aber auch, bereits gelernt ihre Besorgnisse bei sich zu behalten und ihr lautes Schreien zu unterdrücken. Als sie überdies die Gewandtheit bemerkte, mit welcher sich Yvonnet auf den Ast geschwungen hatte, und die Leichtigkeit, mit welcher er nach rechts und links blickte, überredete sie sich, daß er gar nicht in Gefahr sey.

Yvonnet, welcher die Hand als Schirm über die Augen hielt und so bald nach Norden bald nach Süden sah, schien übrigens auf beiden Seiten gleich Beachtenswürdiges zu bemerken.

Sein öfteres Hinüber- und Herüberblicken erregte die Neugierde der Abenteurer sehr, welche unten in dem dichten Gebüsche nichts von dem erblicken konnten, was Yvonnet von seinem hohen Sitzpunkte sah. Auch begriff Yvonnet ihre Ungeduld, da sie ihn so fragend ansahen, ja leise zu fragen wagten: »Aber was gibt es denn?«

Zu den Ungeduldigsten, das läßt sich nicht läugnen, gehörte Jungfer Gertrude.

Yvonnet, gab endlich seinen Gefährten zu verstehen, daß sie nach wenigen Minuten so viel wissen sollten als er. Er öffnete die Schreibtafel Fracasso’s, riß das letzte weiße Blatt heraus, schrieb darauf mit Bleistift einige Zeilen, rollte dann das Papier zusammen, damit es nicht hinwegfliege, und ließ es hinunterfallen.

Alle Hände streckten sich darnach aus, auch die weißen, kleinen Hände Gertrudens, aber es gelangte in die tüchtigen Fäuste des Franz Scharfenstein.

Der Riese lachte über sein Glück, gab aber das Papier seinem Nachbar und sagte:

»Du, Procop, lesen kann ich wenig, französisch gar nicht.«

Procop, der so neugierig war wie die Andern, rollte das Blättchen auseinander, und las unter allgemeiner Aufmerksamkeit:

»Das Schloß Parcq steht in Feuer.

»Der Graf Waldeck, seine beiden Söhne und vierzig Reiter sind wieder aufgebrochen und kommen auf dem Wege her, der von Parcq nach dem Lager führt.

»Sie sind etwa zweihundert Schritte von unserer Waldspitze fern.

»Das zur Rechten.

»Eine andere kleine Schaar kommt dagegen auf dem Wege vom Lager nach dem Schlosse zu.

»Sie besteht aus sieben Mann, einem Vornehmen, einem Knappen, einem Pagen und vier Soldaten.

»So viel ich von hier aus erkennen kann, ist der Vornehme der Herzog Emmanuel Philibert.

»Seine Schaar ist ungefähr eben so weit auf unserer Linken entfernt als die des Grafen Waldeck auf der Rechten.

»Wenn Beide in gleichem Schritte sich bewegen, müssen sie gerade an der Waldecke einander begegnen.

»Wenn der Herzog Emanuel, wie es wahrscheinlich ist, durch Philipp Nachricht von dem erhalten hat, was im Schlosse geschehen ist, so können wir etwas Merkwürdiges zu sehen bekommen.

»Achtung, Cameraden, – es ist der Herzog!«

Damit endete das Billet Yvonnet’s, aber es ließ sich schwerlich mehr in so wenigen Worten sagen und einfacher ein Schauspiel versprechen, das in der That sehr sehenswürdig seyn mußte, wenn der Abenteurer sich in den Personen und deren Absichten nicht täuschte.

Alle schlichen sich denn auch vorsichtig an den Waldsaum, um unter so wenig Gefahr und so bequem als möglich das Schauspiel mit anzusehen, das ihnen Yvonnet versprochen hatte.

Wenn der Leser dem Beispiele unserer Abenteurer folgen will, so kümmern wir uns nicht um den Grafen von Waldeck und dessen Söhne, die wir bereits aus der Beschreibung Gertrudens kennen, sondern schlüpfen ebenfalls an den linken Waldsaum und achten auf die neue Person, die uns Yvonnet angekündigt hat und die keine geringere ist als der Held unserer Geschichte.

Yvonnet hatte sich nicht geirrt. Der Herr, welcher zwischen seinem Pagen und Knappen herankam und vor dem, als gelte es eine einfache Patrouille, nur vier Bewaffnete ritten, war in der That der Herzog Emanuel Philibert, Oberbefehlshaber des Kaisers Carl  V. in den Niederlanden.

Er war um so leichter zu erkennen, als er seiner Gewohnheit gemäß seinen Helm nicht auf dem Kopfe trug, sondern an der linken Seite seines Sattels hängen hatte, wie er es fast immer that, im Sonnenschein und Regen, ja bisweilen sogar in der Schlacht, weshalb denn auch die Soldaten ihn seiner Unempfindlichkeit gegen die Witterung wegen Eisenkopf genannt hatten.

In der Zeit, in welcher wir uns befinden, war er ein schöner junger Mann von siebenundzwanzig Jahren, von mittlerer aber kräftiger Gestalt, mit sehr kurz geschnittenen Haar, hoher und freier Stirn, braunen schön geformten Augenbrauen, lebhaften blauen Augen, gerader Nase, vollem Schnurrbart, spitz geschnittenem Kinnbart und einem Halse, der etwas tief zwischen den Achseln saß, wie es fast bei allen Nachkommen kriegerischer Geschlechter der Fall ist, deren Vorfahren seit mehren Generationen den Helm getragen haben.

Wenn er sprach, war seine Stimme zu gleicher Zeit unendlich sanft und auffallend fest. Seltsam! Sie konnte sich zur heftigsten Drohung erheben, ohne um einen Ton höher zu werden.

Die Folge davon war, daß nur die Personen, die ihn ganz genau kannten, die Gefahr errathen konnten, welcher die Unvorsichtigen sich aussetzten, welche seinen Zorn weckten und die ihm trotzten, jenen Zorn, den er so fest in sich niederhielt, daß man die Stärke dessen nur dann erkennen und seinen Umfang ermessen konnte, wenn er, nach einem Blitze in seinen Augen, wie der Blitz losbrach, donnerte und zermalmte. Wie aber auch, nachdem der Blitz gefallen ist, das Gewitter sich verzieht und das Wetter sich wieder aufklärt, so erhielt nach dem Losbruche des Zornes das Gesicht des Herzogs seine gewöhnliche Ruhe wieder, sein Auge den festen wilden Blick und sein Mund das wohlwollende königliche Lächeln.

Der Knappe der zu seiner Rechten ritt und das Visir aufgeschlagen hatte, war ein blonder junger Mann etwa von demselben Alter und genau von derselben Größe wie der Herzog. Alles an ihm zeugte von ungewöhnlicher Körperkraft: seine hellblauen stolzen Augen, sein voller Bart von röthlicher Farbe, seine Nase mit den weiten Löchern, seine Lippen, deren Fülle und Röthe der Bart nicht bergen konnte, die rothbraune Farbe des Gesichts, eine Folge des Wetters und der Gesundheit. Nicht an der Seite, sondern auf dem Rücken trug er eines jener fürchterlichen Schwerter, die mit beiden Händen gefaßt werden mußten, deren Franz I. drei in der Schlacht von Marignan zerhieb und die man ihrer Länge wegen über die Achsel hing, während sich am Sattelbogen eines der Schlachtbeile oder eine der Streitäxte befand, welche an der einen Seite eine Schneide, an der andern eine Keule und an der Spitze ein scharfes, dreieckiges Eisen hatten, so daß man mit dieser Maße allein, je nach Gelegenheit spalten konnte wie mit einem Beile, daraufschlagen wie mit einem Hammer und durchbohren wie mit einem Dolche.

Links von dem Herzoge ritt sein Page, ein schöner Jüngling von kaum sechzehn oder achtzehn Jahren mit blauschwarzem Haar, das deutsch geschnitten war, so wie es die Ritter Holbeins und die Engel Raphaels tragen. Seine Augen, die von langen Sammtwimpern beschattet wurden, hatten jene unbeschreibliche und unbenennbare Farbe zwischen Braun und Violett, welche man nur an arabischen und an sicilianischen Augen findet. Seine mattweiße Gesichtsfarbe – jenes eigenthümliche schöne Mattweiß in den nördlichen Theilen der italienischen Halbinsel – glich der Farbe des carrarischen Marmors, der lange und liebreich von der römischen Sonne geküßt worden ist. Seine kleinen schmalen weißen Hände lenkten mit bemerkenswerther Geschicklichkeit ein kleines tunesisches Pferd, das keinen Sattel, sondern nur einen Sitz von Leopardenfell mit Glasaugen und Zähnen wie Klauen von Gold und statt des Zügels eine leichte seidene Schnur hatte. Die einfache aber zierliche Kleidung des Pagen bestand in einem Wamms von schwarzem Sammt, das sich über einem kirschrothen Koller öffnete, mit weißen Atlaspuffen, um den Leib durch eine goldene Schnur zusammengehalten, welche einen Dolch trug, dessen Griff aus einem einzigen Achatstück geschnitzt war. Sein zierlich geformter Fuß befand sich in einem Stiefel von Maroquin, in dessen oberem Theile, in der Gegend der Knie, eine Hose von schwarzem Summt gleich dem des Wammses sich verlor. Auf dem Kopfe endlich trug er ein Baret von demselben Stoffe und derselben Farbe wie die Kleidung und um das sich, über der Stirn durch eine Diamantagraffe festgehalten, eine kirschrothe Feder legte, deren in jedem Windhauche sich bewegende Spitze anmuthig zwischen den beiden Schultern niederfiel.

Nachdem wir so die neu auftretenden Personen geschildert haben, können wir zu der Handlung zurückkehren, die wir unterdeß aus den Augen verloren haben.

Während unserer Beschreibung setzten der Herzog Emanuel Philibert, dessen zwei Begleiter und vier Soldaten den Weg fort, ohne den Schritt ihrer Pferde zu beschleunigen noch anzuhalten. Je mehr sie sich aber der Waldecke näherten, um so mehr verdüsterte sich das Gesicht des Herzogs, als habe er im voraus das Schauspiel der Verwüstung erwartet, das sich seinen Augen darbieten sollte, sobald sie über die Waldecke hinausgekommen seyn würden. Mit einem Male befanden sich, wie Yvonnet es vorausgesehen hatte, an der äußersten Ecke die beiden Trupps einander gegenüber und merkwürdiger Weise hielt der zahlreichste an, übermannt von Ueberraschung, in welche sich sichtlich auch einige Furcht mischte.

Emanuel Philibert dagegen verrieth das, was in ihm vorgehen mochte, weder durch ein Zucken seines Körpers, noch durch eine Geberde seiner Hand, noch durch eine Bewegung in seinem Gesichte, sondern ritt gerade auf den Grafen von Waldeck zu, der ihn zwischen seinen beiden Söhnen erwartete.

Zehn Schritte von dem Grafen winkte Emanuel seinem Knappem seinem Pagen und seinen Reitern, die mit militärischer Regelmäßigkeit hielten und ihn allein den Weg fortsetzen ließen.

Als er so weit herangekommen war, daß er den jungen Grafen von Waldeck mit der Hand erreichen konnte, der wie eine Mauer zwischen ihm und seinem Vater hielt, machte der Herzog ebenfalls Halt.

Die drei Herren legten zum Zeichen des Grußes die Hand an den Helm, der Bastard von Waldeck aber ließ dabei zugleich das Visir herab, um auf jedes Ereigniß gefaßt zu seyn.

Der Herzog antwortete auf den dreifachen Gruß nur durch ein leichtes Nicken seines bloßen Kopfes.

Dann wendete er sich an den jungen Grafen und sagte mit dem herzgewinnenden Tone, der seine Stimme so wohlgefällig machte:

»Herr Graf, Ihr seyd ein tapferer und würdiger Edelmann, wie sie mein hoher Herr, der Kaiser Carl  V. liebt. Lange schon gedachte ich etwas für Euch zu thun; vor einer Viertelstunde bot sich eine Gelegenheit dazu, und ich benützte sie. Ich empfing soeben die Nachricht, daß ein Fähnlein von hundert Lanzen, das auf Befehl des Kaisers am linken Rheinufer zusammengebracht worden ist, in Speier steht; ich ernenne Euch zum Capitän desselben.«

»Gnädigster Herr,« stammelte der junge Mann erstaunt und freudig erröthend.

»Hier ist das Patent, von mir unterzeichnet und mit dem Reichssiegel bedruckt,« fuhr der Herzog fort, indem er von der Brust ein Pergament nahm, das er dem jungen Grafen reichte, »nehmt es und brecht augenblicklich ohne allen Verzug auf. Wir ziehen wahrscheinlich bald wieder in das Feld; ich werde Euch und eure Leute brauchen. Herr Graf, zeigt Euch der Gunst würdig, die Euch geschehen ist, und Gott behüte Euch!«

Die Gunst war in der That groß, auch gehorchte der junge Mann, ohne ein Wort einzuwenden, dem Befehle, den er erhalten hatte, verabschiedete sich von seinem Vater und seinem Bruder und sagte dann zu Emanuel:

»Gnädigster Herr, Ihr seyd in der That ein Richter, wie man Euch nennt, ein Richter für das Gute und das Schlechte. Ihr vertrauet mir, und euer Vertrauen wird gerechtfertigt werden. Gehabt Euch wohl!«

Der junge Graf setzte sein Pferd in Galopp und verschwand hinter der Waldecke.

Emanuel Philibert sah ihm nach, bis er ihn ganz aus den Augen verloren hattet dann richtete er einen strengen Blick auf den Grafen von Waldeck und sagte:

»Nun zu Euch, Herr Graf.«

»Gnädiger Herr,« unterbrach ihn der Graf, »erlaubt mir zuerst meinen Dank für die Gunst auszusprechen, die Ihr meinem Sohne erwiesen habt.«

»Sie verdient keinen Dank,« antwortete Emanuel kalt, »weil er derselben vollkommen würdig ist; Ihr habt aber gehört, daß er mich einen Richter im Guten und Bösen nannte; übergeht mir euren Degen, Herr Graf.«

»Meinen Degen? Und warum?«

»Ihr wißt, daß ich den Soldaten bei Ruthenstrafe oder Galgen, den Führern bei Gefängniß Rauben und Plündern verboten habe. Ihr habt gegen mein Verbot gehandelt, indem Ihr trotz den Vorstellungen eures ältesten Sohnes mit Gewalt in das Schloß Parcq eingedrungen seyd und das Gold, die Juwelen und das Silbergeschirr der Dame darin geraubt habt. Ihr seyd ein Dieb und Räuber, – übergeht mir euern Degen, Graf von Waldeck!«

Der Herzog hatte diese Worte gesprochen, ohne daß der Ton seiner Stimme erkenntlich sich veränderte; nur der Knappe und der Page sahen einander besorgt an, denn sie erriethen, was geschehen werde.

Der Graf von Waldeck erbleichte, aber, wie gesagt, es war für einen Fremden schwer, am Tone der Stimme Emanuel Philiberts genau zu erkennen, zu welchem Grade der Drohung sein Zorn gestiegen.

»Meinen Degen?« wiederholte Waldeck. »Wahrscheinlich habe ich etwas Anderes noch begangen, denn um so wenig wird einem Edelmanne der Degen nicht abgefordert.«

Und er versuchte verächtlich zu lachen.

»Ja,« antwortete Emanuel, »Ihr habt noch etwas Anderes begangen, aber ich schwieg darüber zur Ehre des deutschen Adels. Ihr wollet, daß ich rede, wohl, so hört: als Ihr das Gold, die Juwelen, das Silbergeschirr geraubt hattet, genügte das Euch nicht; Ihr ließet die Frau vom Hause am Fuße ihres Bettes anbinden und sagtet zu ihr: wenn Ihr mir nicht binnen zwei Stunden zweihundert Rosenobels übergeben habt, lasse ich das Schloß anzünden. Da Euch die arme Frau Alles gegeben hatte, was sie besaß, so war es ihr völlig unmöglich Euch die verlangten zweihundert Rosenobels zu geben; und Ihr ließet, trotz den Bitten eures ältesten Sohnes, das Pachthaus in Brand stecken, damit das unglückliche Opfer Zeit zum Nachdenken habe, ehe die Flammen das Schloß selbst ergriffen. Und Ihr werdet, das nicht läugnen, – man sieht von hier die Flammen und den Rauch. Ihr seyd Brandstifter, – übergebt mir euren Degen, Graf Waldeck.«

Der Graf knirschte mit den Zähnen, denn er begann zu errathen, welche feste Entschlossenheit in den so ruhigen, gemessenen Worten des Herzogs lag.

»Da Ihr über den Anfang so genau unterrichtet seyd,« sagte er, »werdet Ihr ohne Zweifel auch das Ende kennen.«

»Ihr habt Recht, ich weiß alles und ich sagte nicht alles, weil ich Euch – den Strick ersparen wollte.«

»Durchlaucht!« rief Waldeck in drohendem Tone.

»Schweigt!« gebot Emanuel Philibert, »achtet euern Ankläger und zittert vor eurem Richter. Auch das Ende will ich Euch nun vorhalten. Bei dem Anblicke der Flammen, die emporstiegen, trat euer Bastard, der den Schlüssel hatte, in das Gemach, in welchem die Gefangene gebunden lag. Die Unglückliche hatte nicht geschrien, als sie die Flammen gesehen, da ihr diese doch nur den Tod bringen konnten, sie schrie aber, als sie euern Bastard eintreten sah und er sie in die Arme nahm, denn ihr drohte Entehrung. Auf ihr Hilfegeschrei kam euer ältester Sohn herbei; er forderte seinen Bruder auf die Frau loszulassen, er hörte aber auf den Ruf der Ehre nicht, sondern warf die Frau gebunden auf das Bett und zog seinen Degen. Euer ältester Sohn zog den seinigen ebenfalls, da er entschlossen war, die Frau mit Gefahr seines eigenen Lebens zu retten. Die beiden Brüder griffen einander mit Ungestüm an, denn sie haßten einander schon lange. Da tratet Ihr selbst ein und da Ihr wähntet, eure Söhne kämpften um den Besitz der Frau, sagtet Ihr: » Das schönste Weib auf Erden ist nicht einen Tropfen Blutes aus den Adern eines Kriegers werth; legt die Waffen nieder, Jungen, ich werde Euch vereinigen.« Die Sühne senkten die Waffen; Ihr ginget an ihnen vorbei und beide sahen Euch nach, denn sie wußten nicht, was Ihr thun wolltet. Ihr tratet zu der Frau, die gefesselt auf dem Bette lag, und ehe einer von euren Söhnen Zeit hatte die schmachvolle Handlung zu verhindern, stießet Ihr ihr den Dolch in die Brust. Sagt nicht, es sey nicht also gewesen, denn euer Dolch ist noch feucht und eure Hände sind noch vom Blute geröthet; Ihr seyd ein Mörder, – übergeht euren Degen, Graf Waldeck!«

»Das ist leicht gesagt, Durchlaucht,« antwortete der Graf, »aber ein Graf von Waldeck würde Euch, Ihr mögts eine Krone tragen oder nicht, seinen Degen nicht übergeben, wäre er auch allein gegen Sieben; ich werde es also um so weniger thun, da ich meinen Sohn neben mir und vierzig Reiter hinter mir habe.«

»Wenn Ihr mir den Degen nicht gutwillig geben wollet, antwortete Emanuel mit geringer Veränderung im Tone, »so werde ich ihn mit Gewalt nehmen müssen.«

Er ließ sein Pferd einen Satz thun und befand sich nun dicht neben dem Grafen.

Dieser wurde von dem Pferde des Herzogs zu sehr beengt, als daß er hätte den Degen ziehen können, und er griff deshalb nach den Holftern, aber ehe er den Knopf aufgemacht hatte, der sie schloß, hatte Emanuel in die seinige gegriffen und ein Pistol hervorgezogen.

Die Bewegung erfolgte so blitzschnell, daß sie weder von dem Bastard des Grafen von Waldeck, noch von dem Knappen oder Pagen des Herzogs gehindert werden konnte. Emanuel Philibert drückte mit ruhiger und sicherer Hand das Pistol so nahe an dem Grafen ab, daß das brennende Pulver diesem das Gesicht verbrannte, während ihm die Kugel den Kopf zertrümmerte.

Der Graf konnte kaum einen Schrei ausstoßen; er breitete nur die Arme aus, sank langsam rücklings auf das Pferd, verlor den linken, dann den rechten Steigbügel und fiel dann schwer herunter.

Der Richter hatte gerichtet; der Graf war auf der Stelle todt.

Während des Vorgehenden hatte der Bastard von Waldeck in voller Rüstung unbeweglich da gehalten wie eine Reiterstatue, als er aber den Schuß hörte, als er seinen Vater fallen sah, stieß er einen Wuthschrei aus; dann rief er den erschrockenen Reitern zu:

»Cameraden zu mir! der Mann ist kein Deutscher. Nieder mit dem Herzog Emanuel!«

Die Reiter aber hielten ruhig und schüttelten nur den Kopf.

»Ah,« schrie da der Bastard, dessen Zorn höher und höher stieg, »Ihr weigert Euch den zu rächen, der Euch wie seine Kinder liebte und Euch mit Beute belud! Wohl, da Ihr feige Memmen und undankbar seyd, werde ich ihn rächen.«

Er zog sein Schwert, um sich auf den Herzog zu stürzen, zwei Reiter aber jagten zu ihm und faßten zu beiden Seiten den Zügel, während ein Dritter ihn selbst festhielt.

Er sträubte sich und überschüttete seine Gegner mit Schimpfworten.

Der Herzog sah mit Bedauern zu; er begriff die Verzweiflung des Sohnes, der seinen Vater zu seinen Füßen hatte fallen sehen.

»Durchlaucht,« fragten die Reiter, »was soll mit dem Mann geschehen?«

»Lasset ihn frei,« antwortete der Herzog, »wenn ich ihn verhaften ließe, da er mich bedroht hat, könnte er glauben, ich fürchte mich.«

Die Reiter entwanden dem Bastard das Schwert und ließen ihn los.

Er spornte sein Pferd heftig, daß es in einem gewaltigen Satze bis dicht an Emanuel Philibert flog.

Dieser hatte die Hand an dem zweiten Pistol und erwartete ihn so.

»Emanuel Philibert, Herzog von Savoyen, Fürst von Piemont,« rief der Bastard von Waldeck indem er drohend die Hand nach ihm ausstreckte, »Du verstehst wohl, daß von heute an Todfeindschaft zwischen Dir und mir besteht? Emanuel Philibert, Du hast meinen Vater getödtet,« – er schlug das Visir seines Helmes auf – »betrachte mein Gesicht genau; so oft Du es sehen wirst, in der Nacht oder am Tage bei einem Feste oder im Kampfe… Wehe, Wehe Dir, Emanuel Philibert!«

Er riß darauf sein Pferd herum, jagte im Galopp davon, schüttelte seine Hand, als wolle er noch einen Fluch gegen den Herzog schleudern und rief zum legten Male:

»Wehe!«

»Elender!« brummte der Knappe Emanuels, indem er seinem Pferde die Sporen gab, um ihn zu verfolgen; der Herzog machte aber eine gebieterische Bewegung mit der Hand und sagte:

»Keinen Schritt weiter, Scianca-Ferro! Ich verbiete es!«

Er wendete sich dann zu dem Pagen, der todtenbleich auf dem Pferde saß, als müsse er herunter fallen.

»Was ist das, Leon?« fragte er, indem er ihm die Hand reichte, »wahrhaftig, ich könnte Dich für ein Mädchen halten, wenn ich Dich so bleich und zitternd neben mir sehe.«

»Ach, theurer Herzog,« antwortete der Page, »sagt mir, daß Ihr nicht verwundet seyd, oder ich sterbe.«

»Kind, « entgegnete der Herzog, »stehe ich nicht in Gottes Hand?«

Zu den Reitern sagte er, indem er auf den todten Grafen zeigte:

»Freunde, gebt dem Manne ein christliches Begräbniß und möge die Gerechtigkeit, die ich an ihm geübt habe, Euch als Beweis dienen, daß es in meinen Augen wie in den Augen Gottes weder Große noch Kleine gibt.«

Er winkte Scianca-Ferro und Leon und kehrte mit ihnen nach dem Lager zurück, ohne daß sich in seinem Gesichte eine andere Spur von dem schrecklichen Ereignisse, das geschehen war, zeigte, als die gewöhnliche Runzel auf seiner Stirn, die sich nur ein wenig tiefer gegraben zu haben schien.

VII.
Geschichte und Roman

Während die Abenteurer, die ungesehen Zeugen der Katastrophe gewesen, welche wir geschildert, mit einem traurigen Blicke auf die rauchenden Trümmer des Schlosses Parcq in ihre Höhle zurückkehren, um die letzte Hand an den Gesellschaftsvertrag zu legen, der zwar vor der Hand nutzlos geworden ist, aber in Zukunft den Verbündeten doch die wunderbarsten Früchte tragen kann; während auf der andern Seite die Retter auf den Befehl oder vielmehr aus die Empfehlung ihrem ehemaligen Anführer ein christliches Begräbnis zu gewähren, in einem Winkel des Friedhofes von Hesdin das Grab dessen gruben, welcher die Strafe für sein Verbrechen auf der Erde empfangen hat und nun auf die göttliche Barmherzigkeit hofft; während endlich Philibert Emanuel zwischen seinem Knappen Scianca-Ferro und seinem Pagen Leon nach seinem Zelte zurückkehrt, wollen wir Alles das, was nur Prolog war, die Inscenesetzung und die untergeordneten Personen unseres Dramas bei Seite setzen, uns mit der Wirklichkeit und den Hauptpersonen beschäftigen, welche hervorgetreten sind, und um – die Leser gründlicher mit den Charakteren bekannt zu machen, – einen historisch-romantischen Ausflug oder Abstecher in die Vergangenheit machen, jenes glänzende Reich des Dichters und Geschichtschreibers, das ihnen keine Revolution entziehen kann.

Emanuel Philibert, der dritte Sohn Carls III., des Gütigen, und der Beatrice von Portugal, wurde am 8. Juli 1528 in dem Schlosse zu Chambéry geboren.

Er empfing einen doppelten Namen: Emanuel zu Ehren seines mütterlichen Ahns, Emanuel, Königs von Portugal, und Philibert in Folge eines Gelübdes, welches sein Vater dem heiligen Philibert von Tours gethan hatte. Er wurde um vier Uhr Nachmittags geboren und erschien an der Pforte des Lebens so schwächlich, daß der Athem des Kindes nur durch den Hauch erhalten wurde, den ihm eine der Frauen seiner Mutter einblies und daß er bis zum dritten Jahre den Kopf nicht emporrichten, auch nicht sich auf den Füßen erheben konnte.

Als das Horoskop, das damals bei der Geburt jedes Prinzen gestellt wurde, verkündete, der eben Geborene werde ein großer Kriegsheld werden und dem Hause Savoyen einen größern Glanz geben, als vorher Peter, genannt der kleine Carl der Große, oder Amadeus V., genannt der Große, oder Amadeus VI., genannt der grüne Graf, konnte seine Mutter die Thränen nicht unterdrücken, während sein Vater, ein frommer, gottergebener Mann, kopfschüttelnd und zweifelnd zu dem Astrologen sagte, welcher ihm diese Prophezeiung brachte:

 
»Gott erhöre Euch, guter Freund!«
 

Emanuel Philibert war durch seine Mutter, Beatrice von Portugal, die schönste und gebildetste Fürstin ihrer Zeit, der Neffe Carls V., und durch seine Taute, Louise von Savoyen, unter deren Bett der Connétable von Bourbon sein Heiligen-Geist-Ordensband gelassen haben sollte, der Vetter Franz I.

Seine Tante war auch die geistreiche Margaretha von Oesterreich, welche ein Heft eigenhändig geschriebener Lieder hinterlassen hat, die man heute noch in der kaiserlichen Bibliothek in Paris sehen kann, und welche im Sturme unterwegs nach Spanien, wo sie sich mit dem Infanten, dem Sohne Ferdinands und Isabellens, vermählen sollte, nachdem sie mit dem Dauphin von Frankreich und dem Könige von England verlobt gewesen war, die seltsame Grabschrift für sich schrieb, weil sie glaubte, ihr Ende sey gekommen:

 
»Weinet, weinet, Liebesgötter, über die schöne Margarethe,
Die dreimal verlobt war und als Jungfrau starb.
 

Emanuel Philibert war, wie gesagt, so schwächlich, daß ihn sein Vater trotz der Prophezeiung, die einen gewaltigen Kriegsmann in ihm sah, für die Kirche bestimmte. Im Alter von drei Jahren schon wurde er nach Bologna gesandt, damit er den Fuß des Papstes Clemens VII. küsse, welcher seinem Oheim, dem Kaiser Carl  V., die Krone gegeben hatte, auf dessen Empfehlung der junge Prinz von dem Papste den Cardinalshut zugesagt erhielt. Daher der Name Cardinälchen, den man ihm als Kind gab und der ihn gewaltig aufbrachte, denn er wollte viel lieber ein großer Krieger als eine fromme Eminenz werden.

Man erinnert sich der Dienerin oder vielmehr der Freundin der Herzogin von Savoyen, welche nach der Geburt des Prinzen das im Verscheiden liegende Kind dadurch erhalten hatte, daß sie ihm Luft in die Lungen geblasen. Sechs Monate vorher gebar sie selbst einen Sohn, der so stark und kräftig zur Welt kam wie jener der Herzogin schwächlich. Als die Herzogin sah, daß ihr Kind durch jene Getreue gerettet worden, sagte sie:

»Meine liebe Lucretia, das Kind gehört nun Dir sowohl als mir; ich gebe es Dir, nähre es mit deiner Milch, wie Du es mit deinem Athem erhalten hast und ich werde Dir mehr verdanken als er selbst, denn er verdankt Dir nur das Leben, ich aber danke Dir mein Kind.«

Lucretia nahm das Kind, zu dessen halber Mutter man sie machte, als etwas Heiliges in Verwahrung; es schien indeß als solle der Erbe des Herzogs von Savoyen auf Kosten des kleinen Rinaldo, wie sein Milchbruder hieß, Leben und Kraft gewinnen, weil die Nahrung, welche der kleine Emanuel beanspruchte, die Rinaldo’s um so viel verminderte.

Rinaldo aber war nach sechs Monaten so stark und kräftig wie ein anderes Kind kaum in einem Jahre. Die Natur hat ja ihre Wunder und so tranken die beiden Kinder an derselben Brust, ohne daß die Muttermilch einen Augenblick versiegte.

Die Herzogin seufzte, wenn sie an einer Brust das so starke fremde Kind und ihr eigenes schwächliches sah.

Der kleine Rinaldo schien übrigens die Schwäche seines Milchbruders zu erkennen und zu bemitleiden; oft wollte das herzogliche Kind die Brust, an welcher das andere Kind trank, und dieses überließ, lächelnd mit den milchnassen Lippen, bereitwillig dem eigensinnigen Herzoge den Platz.

So wuchsen die beiden Kinder auf dem Schooße Lucretia’s heran. Im dritten Jahre sah Rinaldo aus wie fünfjährig, während Emanuel in seinem dritten Jahre kaum gehen und nur mit Mühe den gesenkten Kopf emporrichten konnte.

Da ließ man ihn die Reise nach Bologna machen, bei welcher der Papst Clemens VII. ihm den Cardinalshut versprach.

Man hätte glauben können, dieses Versprechen habe ihm Glück gebracht und der Name Cardinälchen den besondern Schutz Gottes zugewendet, denn von seinem dritten Jahre an begann seine Gesundheit sich zu befestigen und sein Körper zu kräftigen.

Wahrhaft wunderbare Fortschritte in dieser Art aber machte Rinaldo; seine dauerhaftesten Spielzeuge brachen in Stücke unter seinen Fingern, er konnte nichts angreifen ohne es zu zerbrechen. Da kam man auf den Gedanken ihm eiserne machen zu lassen, aber er zerbrach sie auch, als wären sie von Töpferzeug. Darum nannte denn auch der gute Herzog Carl III., der oftmals die beiden Kinder spielen sah, den Spielgenossen seines Emanuel Scianca-Ferro, was in dem piemontesischen Dialekt »Eisenbrecher« heißt.

Den Namen behielt er.

Merkwürdig dabei war, daß Scianca-Ferro seiner bewunderungswürdigen Körperkraft sich nur bediente, um Emanuel zu schützen, den er über alles liebte, statt neidisch auf ihn zu seyn, wie es vielleicht ein anderes Kind gewesen wäre.

Der kleine Emanuel dagegen beneidete seinen Milchbruder gar sehr um diese Körperkraft und hätte seinen Namen Cardinälchen gern für Scianca-Ferro hingegeben.

Er schien indeß im Umgange mit dem Kräftigen auch allmälig eine gewisse Kraft zu erlangen. Scianca-Ferro, der allerdings nicht seine ganze Kraft anwandte, rang mit ihm, lief mit ihm und ließ sich bisweilen, um ihn zu ermuthigen, im Kampfe besiegen, im Laufe einholen.

Alle körperlichen Uebungen trieben sie gemeinschaftlich: Neuen, Fechten, Schwimmen; in allen war Scianca-Ferro für den Augenblick überlegen, aber man sah doch auch ein, daß es nur eine Sache der Zeit sey und Emanuel vielleicht noch Vieles nachhole.

Die beiden Kinder verließen einander nicht und liebten einander wie Brüder; Einer war eifersüchtig auf den Andern, wie eine Geliebte eifersüchtig auf den Geliebten ist und doch nahte die Zeit, in der ein dritter Genosse, den sie mit gleicher Liebe aufnahmen, an ihren Spielen Theil nehmen sollte.

Eines Tages, als der Hof des Herzogs Carl III. in Vercelli war, wegen Unruhen, die in Mailand ausgebrochen, ritten die beiden Knaben mit ihrem Reitlehrer aus, machten einen langen Ausflug am linken Ufer der Sesia, kamen über Novara hinaus und wagten sich bis an den Ticino. Das Pferd des jungen Herzogs war voraus, als plötzlich ein Stier, der auf einem Weideplatze eingesperrt war, die Schranken zerbrach, die ihn einschlossen und das Pferd des Prinzen scheu machte, das über die Wiesen hinweg durchging und über Gräben, Bäche und Hecken setzte. Emanuel war bereits ein trefflicher Reiter, man hatte deshalb nichts zu besorgen; Scianca-Ferro jagte ihm indeß geradenwegs nach und setzte über dieselben Hindernisse hinweg. Der Reitlehrer machte einen Umweg, so daß er sicherer an die Stelle kommen mußte, nach welcher die Jagd der beiden jungen Leute hinging.

Nach einer Viertelstunde wahnsinnigen Jagens sah Scianca-Ferro Emanuel nicht mehr, und fürchtete, daß ihm ein Unglück begegnet sey und rief mit aller Kraft. Zweimal blieb sein Rufen ohne Antwort; endlich aber war es ihm als höre er die Stimme des Prinzen nach dem Dorfe Oleggio hin. Er jagte dahin und bald fand er Emanuel an einem Beiflusse des Ticino.

Zu seinen Füßen lag eine Todte, die in ihren Armen einen fast todten Knaben von vier bis fünf Jahren hielt.

Das Pferd, das sich wieder beruhigt hatte, fraß ruhig die jungen Baumtriebe ab, während der Prinz das Kind zum Bewußtseyn zu bringen suchte. An die Frau brauchte er nicht zu denken, denn die war wirklich todt.

Sie schien der Anstrengung, der Armuth und dem Hunger erlegen zu seyn und das Kind schien auch dem Hungertode nahe.

Das Dorf Oleggio war nicht weit entfernt und Scianca-Ferro ritt sofort dahin.

Emanuel wäre gern selbst geritten, statt seinen Milchbruder zu schicken, das Kind hatte sich aber an ihn geschmiegt, schien an seiner Seite allmälig wieder aufzuleben und wollte ihn nicht loslassen.

Der arme Kleine hatte ihn dicht an die Todte gezogen und sagte in dem herzzerreißenden Tone des Kindes, dem man nie das Bewußtseyn seines Unglücks geben kann:

»Wache auf, Mütterchen! Wache auf, Mütterchen!» Emanuel hatte Thränen in den Augen. Was konnte er thun? Er selbst sah zum ersten Male den Tod; er hatte nichts als seine Thränen und die gab er.

Scianca-Ferro erschien wieder; er brachte Brot und eine Flasche Wein.

Man versuchte einige Tropfen des Weines in den Mund der Mutter zu bringen, aber vergebens; sie war eine Leiche.

Nur mit dem Kinde konnte man sich beschäftigen.

Das Kind weinte über die Mutter, die nicht erwachen wollte, trank aber, aß und erholte sich ein wenig.

In diesem Augenblicke kamen die Landleute an, welche Scianca-Ferro berufen hatte; sie hatten auch den Begleiter des Prinzen getroffen, der ganz trostlos gewesen war, und brachten ihn mit an die Stelle, welche Scianca-Ferro ihnen beschrieben.

Sie wußten also, daß sie den jungen Prinzen von Savoyen vor sich hatten und da der Herzog Carl III. allgemein geliebt war, so erboten sie sich sogleich Alles zu thun, was Emanuel ihnen wegen der todten Frau und des Kindes befehlen würde.

Emanuel wählte unter den Leuten eine Frau aus, die er für gutmüthig und mitleidig hielt; er gab ihr alles Geld, das er und Scianca-Ferro bei sich hatten, schrieb den Namen der Frau auf und bat sie für das Begräbniß der Todten und die Bedürfnisse des Kindes zu sorgen.

Da es spät wurde, so bestand der Reitlehrer, der Stallmeister, darauf, daß sie ohne Zögern zurückkehrten. Der kleine Waise weinte sehr; das Kind wollte seinen guten Freund Emanuel nicht verlassen, dessen Namen es kannte, aber nicht den Stand. Emanuel versprach wieder zu kommen und es zu besuchen; dieses Versprechen beruhigte es etwas, aber als Emanuel fortritt, weinte es nur um so heftiger.

Wie schnell man auch ritt, man kam erst spät am Abend zurück. Man war in der herzoglichen Familie sehr besorgt gewesen und hatte nach allen Richtungen hin Boten ausgeschickt. Auch wollte die Herzogin ernstlich schelten, als Emanuel die Geschichte von dem Kinde mit seiner sanften Stimme traurig erzählte. Da konnte man ihn nicht mehr schelten, sondern mußte ihn loben und die Herzogin, welche innigen Antheil an dem armen Kinde nahm, erklärte sie selbst würde am nächsten Tage, nachdem die Mutter begraben, ihm einen Besuch machen.

So geschah es; die Herzogin reiste in der Sänfte und die beiden Jünglinge begleiteten sie zu Pferde.

Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, konnte Emanuel nicht an sich halten; er gab seinem Pferde die Sporen und jagte dahin, um das von ihm gerettete Kind etwas früher zu sehen.

Seine Ankunft war eine große Freude für das arme Kind; man hatte es mit Gewalt von der Leiche der Mutter wegreißen müssen; es wollte nicht glauben, daß sie todt sey und rief immer:

»Verscharrt sie nicht! Legt sie nicht in das Grab! Sie wacht gewiß wieder auf.«

Als man den Sarg fortgetragen, hatte man das Kind in dem Hause einsperren müssen.

Der Anblick seines Retters tröstete es ein wenig. Als Emanuel ihm sagte, seine Mutter habe es auch sehen wollen und sie werde sogleich kommen, rief es:

»Ach, Du hast eine Mutter? Dann will ich den lieben Gott recht bitten, daß sie nicht auch einschläft wie die meine.«

Für die Bauern war es etwas Unerhörtes, daß die Herzogin selbst in das Dorf und in das Haus kommen werde, in welchem das Kind Aufnahme gefunden; sie liefen ihr entgegen.

Endlich kam der Zug an und an der Spitze desselben ritt Scianca-Ferro.

Emanuel führte seinen Schützling der Mutter vor und die Herzogin fragte, was Emanuel vergessen hatte, nemlich wie es heiße und wer seine Mutter gewesen.

Das Kind antwortete, es heiße Leone und seine Mutter Leona, Weiteres wollte es nicht sagen und auf alle Fragen, die man that, antwortete es: »Ich weiß nicht.«

Man errieth indeß leicht, daß dies Nichtwissen nur erheuchelt war und ein Geheimniß dahinter lag.

Ohne Zweifel hatte ihm die Mutter im Sterben befohlen weiter nichts zu antworten, als was es eben sagte, denn gewiß konnte nur die Empfehlung einer sterbenden Mutter einen solchen Eindruck auf ein vierjähriges Kind machen.

Die Herzogin beobachtete das Kind mit echt weiblicher Neugierde; obwohl es schlecht gekleidet war, hatte es doch feine und weiße Hände, und man erkannte, daß sie von einer eleganten und vornehmen Mutter gepflegt worden waren. Auch seine Sprache deutete Aristokratie an, und es sprach im vierten Jahre richtig italienisch und französisch.

Die Herzogin ließ sich die Kleider der Mutter des Kindes vorlegen; es waren die einer Bäuerin.

Die Bauern aber, die sie ausgekleidet und begraben hatten, behaupteten, sie hätten nie eine weißere Haut, zartere Hände und zierlichere Füße gesehen.

Ein Umstand verrieth die Classe der Gesellschaft, welcher die arme Frau angehört hatte; sie trug zu ihrem Bäuerinanzug, in den plumpen Schuhen, seidene Strümpfe.

Ohne Zweifel war sie in einer Verkleidung geflohen und hatte von dem Anzuge, den sie der Flucht wegen abgelegt, die seidenen Strümpfe behalten, die sie nach dem Tode verriethen.

Die Herzogin kehrte dann zu dem kleinen Leone zurück und fragte ihn über alles aus, aber er antwortete standhaft: »Ich weiß nicht.« Etwas Anderes brachte sie nicht aus ihm. Sie empfahl ihn von neuem den Leuten, die ihn aufgenommen hatten, gab denselben noch einmal so viel Geld, als sie bereits bekommen hatten, trug ihnen auf, Nachforschungen in der Umgegend über die Mutter und das Kind anzustellen und versprach ihnen eine gute Belohnung, wenn sie ihr eine Aufklärung gäben.

Der kleine Leone wollte durchaus Emanuel folgen und dieser drang seinerseits in die Mutter ihn mitzunehmen, denn er hatte das innigste Mitleid mit dem Verwaisten. Da ihm indeß sein Wille nicht erfüllt wurde, so versprach er sobald als möglich wieder zu kommen und auch die Herzogin sagte einen zweiten Besuch zu.

Leider traten um dieselbe Zeit Ereignisse ein, welche es der Herzogin unmöglich machten ihr gegebenes Wort zu halten.

Franz I. erklärte zum dritten Male den Krieg an Carl V. und zwar wegen des Herzogthums Mailand, dessen Erbe er von Valentine Visconti, der Gemahlin Ludwigs von Orléans, Bruders Carls VII., zu seyn behauptete.

Das erste Mal hatte er die Schlacht von Marignan gewonnen.

Das zweite Mal hatte er die Schlacht von Pavia verloren.

Nach dem Vertrage von Madrid, nach dem Gefängnisse von Toledo, nach seinem Schwure namentlich hätte man glauben sollen, Franz I. habe alle Ansprüche auf das unglückliche Herzogthum aufgegeben, welches ihn, den König von Frankreich, überdies zum Vasallen des römisch-deutschen Kaisers gemacht hätte. Im Gegentheil, er wartete nur auf eine Gelegenheit, um es nochmals zu beanspruchen, und er ergriff die erste, die sich darbot.

Es war zufällig eine gute, er würde aber auch eine schlechte ergriffen haben. (Franz I. war bekanntlich nicht sehr bedenklich in Sachen, welche die Leute abhalten, die man ehrliche nennt.)

Die Gelegenheit, welche sich darbot, war folgende:

Maria Francesco Sforza, der zweite Sohn Ludwigs »il moro« regierte in Mailand, aber ganz und gar unter der Oberherrlichkeit und der Schutzherrschaft des Kaisers, dem er am 23. December 1529 sein Herzogthum für die Summe von viermal hunderttausend Ducaten, im ersten Jahre der Regierung zahlbar, und für die von fünfmal hunderttausend abgekauft hatte, die in den folgenden zehn Jahren bezahlt werden sollten.

Der Sicherheit wegen blieben die Castelle von Mailand, Como und Pavia in den Händen der Kaiserlichen.

Um das Jahr 1534 nun beglaubigte Franz I. bei dem Herzoge Sforza einen mailändischen Adeligen, dessen Glück er, Franz I. gemacht hatte.

Der Mann hieß Francesco Maraviglia.

Er war am französischen Hofe sehr reich geworden und kehrte mit Freude und Stolz mit allem Pomp eines Gesandten in seine Geburtsstadt zurück.

Er hatte seine Frau und seine dreijährige Tochter mitgebracht, in Paris aber, unter den Pagen des Königs von Frankreich, seinen zwölfjährigen Sohn Odoardo zurückgelassen.

Warum erregte dieser Gesandte den Argwohn Carls V.? Warum forderte dieser den Herzog auf, ihn bei der ersten Gelegenheit zu entfernen? Das weiß man nicht und man könnte es nur erfahren, wenn man seine geheime Correspondenz mit Cosmo von Medici fände; genug, als die Diener Maraviglias Streit mit Leuten im Lande angefangen und das Unglück gehabt hatten, dabei zwei Unterthanen des Herzogs Sforza zu tödten, ließ dieser Maraviglia verhaften und in das Castell zu Mailand bringen, das, wie man weiß, von Kaiserlichen besetzt war.

Was da aus ihm geworden ist, hat man nie mit Bestimmtheit erfahren. Einige sagten, er sey vergiftet worden. Andere meinen, er sey ausgeglitten und durch eine Fallthür hinabgestürzt, von deren Daseyn man ihn zu unterrichten vergessen; das Wahrscheinlichste ist, daß er insgeheim in seinem Gefängnisse ermordet wurde. Gewiß ist, daß er nicht wieder zum Vorschein kam und daß gleichzeitig mit ihm seine Frau und seine Tochter verschwanden, ohne daß man jemals wieder von ihnen hörte.

Diese Ereignisse waren ganz kürzlich, kaum einige Tage vor dem Zusammentreffen Emanuels mit dem Kinde und der todten Frau, vorgekommen und sie sollten einen schrecklichen Einfluß aus das Geschick des Herzogs Carl haben.

Franz I. ergriff die Gelegenheit.

Nicht die Klagen des Kindes, das bei ihm geblieben war und Rache für den Mord seines Vaters verlangte, nicht die in der Person des Gesandten beleidigte Majestät, auch nicht das durch einen Mord verletzte Völkerrecht neigten bei ihm die Wage zum Kriege, sondern der alte Sauerteig der Rachsucht, der noch im Herzen des Besiegten von Pavia und des Gefangenen von Toledo lag.

Ein dritter Feldzug nach Italien wurde beschlossen.

Der Augenblick war gut gewählt. Carl  V. kriegte in Africa gegen den berühmten Khaïr Eddin, genannt Rothbart.

Bei diesem Feldzuge mußte er den Weg durch Savoyen nehmen. Savoyen stand unter Carl dem Guten, dem Vater Emanuel Philiberts, dem Oheime Franz I. und Schwager Carls V.

Für wen erklärte sich Carl der Gute? Für den Schwager oder für den Neffen? Die Frage war wichtig.

Aller Wahrscheinlichkeit nach wurde der Herzog von Savoyen der Verbündete des Kaisers und der Feind Franz I.

Der Herzog von Savoyen hatte in der That dem Kaiser Carl  V. als Pfand seiner Treue seinen ältesten Sohn, Ludwig, Prinzen von Piemont, gegeben; er hatte sich geweigert von Franz I., das Band des heiligen Michael und eine Compagnie mit zwölftausend Thalern Gehalt anzunehmen; er hatte Ländereien besetzt, die ein Lehen der Dauphins waren; er verweigerte Frankreich die Huldigung wegen Faucigny; er hatte schriftlich gegen den Kaiser seine Freude über den Sieg von Pavia und die Gefangennehmung des Königs Franz I. ausgesprochen und endlich dem Connétable von Bourbon in dem Augenblicke Geld geliehen, als dieser durch sein Land reiste, um sich durch Benvenuto Cellini bei der Belagerung von Rom tödten zu lassen.

Man mußte sich vergewissern.

Zu diesem Zwecke schickte Franz I. den Präsidenten des Parlamentes von Paris, Wilhelm Poyet, mit dem Auftrage nach Turin, von dem Herzog Carl Zweierlei zu verlangen: erstens die Erlaubniß zum Durchmarsche des französischen Heeres durch Savoyen und Piemont, und zweitens die Uebergabe der Plätze Montmeillan, Chivas, Veillane und Vercelli.

Dagegen erbot sich Franz ihm Ländereien in Frankreich zu geben und seine Tochter Margarethe mit dem Prinzen Ludwig von Piemont zu vermählen.

Carl III. schickte zur Verhandlung mit Wilhelm Poyet den piemontesischen Präsidenten Purpurat, welcher ermächtigt war, den Durchmarsch der französischen Truppen durch Savoyen und Piemont zu gestatten, aber wegen Uebergabe der vier Plätze anfangs ausweichend, bei weiterem Drängen aber ablehnend zu antworten.

Die Verhandlungen zwischen den beiden Bevollmächtigten wurden hitzig, so daß Poyet, als er auf die guten Gründe Purpuratis nichts mehr entgegnen konnte, ausrief:

»Es geschieht aber, denn der König will es.»

»Um Vergebung,« antwortete Purpurat, »dieses Gesetz finde ich in unsern Landesgesetzen nicht.«

Er stand auf und überließ die Zukunft der Allmacht des Königs von Frankreich und der Weisheit des Höchsten.

Die Unterhandlungen wurden abgebrochen und als der Herzog Carl im Februar 1535 sich in dem Schloß zu Vercelli befand, wurde ein Herold zu ihm gebracht, der ihm von Seiten Franz I. den Krieg erklärte.

Der Herzog hörte ihn ruhig an und als derselbe die kriegerische Botschaft beendigt hatte, sagte er mit ruhiger Stimme:

»Lieber Freund, ich habe dem Könige von Frankreich immer nur Dienste geleistet und glaubte, die Namen »Bundesgenosse,« »Freund,« »Diener« und »Oheim« verdienten ein anderes Verfahren. Ich habe alles gethan, was ich thun konnte, um in Eintracht mit ihm zu leben und nichts versäumt, um ihn wissen zu lassen, wie Unrecht er hat, sich gegen mich zu erzürnen. Ich weiß wohl, daß meine Streitmacht mit der seinigen nicht verglichen werden kann, da er denn aber durchaus nicht auf den Beistand hören will und entschlossen zu seyn scheint, meiner Staaten sich zu bemächtigen, so saget ihm, er werde mich an der Grenze finden und ich hoffe mit Hilfe meiner Verbündeten und Freunde mich zu vertheidigen. Uebrigens kennt der König, mein Neffe, meine Devise: Dem fehlt nichts, welchem Gott bleibt.«

Er schickte darauf den Herold zurück, nachdem er ihm einen sehr kostbaren Anzug und ein Paar Handschuhe voll Thaler hatte geben lassen.

Nach einer solchen Antwort hatte man nichts zu thun als sich zum Kriege vorzubereiten.

Zuerst brachte Carl III. seine Gemahlin und sein Kind in Sicherheit in seinem Castell zu Nizza.

Die Abreise dahin wurde demnach als nahe bevorstehend angekündigt.

Da hielt es Emanuel Philibert für Zeit, seine Mutter zu vermögen, Leone aus der Bauernfamilie wegzunehmen, bei der man ihn überhaupt nur vorläufig gelassen hatte. Man war schon damit einig, den Knaben wie Scianca-Ferro zum Genossen des Prinzen zu machen.

Die Herzogin Beatrice war, wie schon gesagt, eine kluge Frau. Alles was sie an dem Verwaisten bemerkt hatte, die feinen Züge, die zarten Hände, die gewählte Sprache, brachte sie zu dem Glauben, es liege dahinter irgend ein großes Geheimniß. Die Herzogin war ferner eine religiöse Frau; sie sah darin, daß Emanuel das Kind nach einer Gefahr gefunden hatte, einen Fingerzeig Gottes; sie meinte, jetzt, da das Unglück ihrem Hause sich nahe und der Engel der finstern Nächte ihrem Gemahl, ihr selbst und ihrem Sohne den Weg in das Exil zeige, sey es die Zeit nicht den Verwaisten zurückzuweisen, der einmal als Mann ihr Freund seyn könne. Sie gedachte des Boten Gottes, der als gewöhnlicher Wanderer auf der Schwelle des blinden Tobias erschienen war, dem er später durch die Hände des Sohnes Licht und Freude zurückgegeben. Statt also dem Verlangen Emanuels entgegen zu seyn, ging sie bereitwillig auf dasselbe ein und ermächtigte, mit der Erlaubniß des Herzogs, ihren Sohn, die Nachricht selbst seinem Schützlinge zu bringen.

Leone sollte die Reise nach Nizza mit den beiden andern Kindern machen. Emanuel wartete nur bis zum andern Tage, Leone die angenehme Nachricht zu bringen. Gleich bei Tagesanbruch ging er in den Stall, sattelte sich selbst sein kleines Pferd, überließ Scianca-Ferro das Uebrige und ritt so schnell sein Pferd laufen konnte nach Oleggio.

Er fand Leone in Trauer. Der Arme hatte gehört, daß seine reichen und mächtigen Beschützer nun auch vom Unglück bedroht würden. Man hatte von der Abreise des Hofes nach Nizza gesprochen, das heißt in eine Gegend, von welcher das Kind nie etwas gehört, und als Emanuel athemlos und freudig zugleich ankam, weinte Leone, als habe er die Mutter zum zweiten Male verloren.

Die Kinder aber sehen vorzugsweise durch die Thränen der Engel und wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, daß Emanuel dem weinenden Leone wie ein Engel erschien.

Mit wenigen Worten wurde alles gesagt, erklärt, verabredet und auf die Thränen folgte Lachen. Es gibt bei den Menschen eine Zeit – es ist die glückliche – wo Weinen und Lachen sich berühren wie die Nacht und die Morgenröthe.

Zwei Stunden nach Emanuel kam Scianca-Ferro mit dem ersten Knappen des Prinzen und zwei Dienern an und einer derselben führte den Zelter der Herzogin. Man gab dem Bauer, welcher Leone sechs Wochen bei sich gesehen hatte, eine gute Summe Geldes. Das Kind nahm herzlichen Abschied, aber wenn auch mit Thränen, so doch auch mit Freude. Emanuel half Leone auf das Pferd und wollte dasselbe auch selbst am Zügel führen, damit seinem Schützlinge ja nichts geschehe.

Scianca-Ferro war auf diese neue Freundschaft nicht eifersüchtig, sondern galoppirte an der Seite hin und her und lächelte dem Freunde seines Freundes mit dem Jugendlächeln zu, das alle Zähne und das ganze Herz zeigt.

So gelangte man nach Vercelli. Der Herzog und die Herzogin empfingen Leone freundlich und er gehörte von nun an zur Familie.

Den nächsten Tag bereits brach man nach Nizza auf, wo man ohne Unfall anlangte.

VIII.
Der Knappe und der Page

Unsere Absicht ist es gar nicht – denn Andere haben es viel besser gethan, als wir es thun könnten – die Geschichte der großen Rivalität zu erzählen, welche im Anfang des sechzehnten Jahrhunderts so viel Unglück und Elend erzeugte. Gott hat uns eine bescheidene, aber zugleich doch auch angenehmere und für unsere Leser unterhaltendere Aufgabe gestellt. Wir werden also in der nachfolgenden Erzählung nur, die Gipfel der großen Ereignisse sehen, die gleich den hohen Gipfeln der Alpen sich über die Wolken in schneebedeckten Zacken erheben.

Franz I. zog durch Savoyen, durch Piemont und verbreitete sich über Italien.

Drei Jahre lang donnerten die Kanonen des Reiches und Frankreichs bald in der Provence, bald im Mailändischen.

Nur der Engel des Todes weiß, wie viele Leichen dazu gehörten, um euch, ihr schönen Ebenen der Lombardei und Piemonts, die unerschöpfliche Fruchtbarkeit zu geben!

Unterdeß wuchsen die Kinder unter dem Auge der Herzogin Beatrice und unter dem Auge Gottes unter dem schönen Himmel Nizzas auf, der am Tage reines Blau und in der Nacht voll Flammen ist und unter dem selbst die Insecten fliegende Funken sind.

Leone war ein unentbehrliches Mitglied des lustigen Kleeblattes geworden; er theilte alle Spiele, aber nicht alle Leibesübungen; die zu gewaltsamen Studien der Kriegskunst paßten nicht für seine kleinen Hände, und seine Arme schienen den Meistern jener Kunst zu schwach zu seyn, als daß sie jemals Schild und Lanze in kriegerischer Weise würden führen können. Allerdings war Leone drei Jahre jünger als seine Gefährten, aber es schien ein Unterschied von zehn Jahren zwischen ihnen zu seyn, besonders seit Emanuel, ohne Zweifel durch die Gnade Gottes, der ihn zu großen Dingen ausersehen hatte, an Kraft und Gesundheit rüstig zunahm, als wolle er nachholen, was sein Milchbruder Scianca-Ferro ihm voraus war.

So theilten sich denn auch die Rollen ganz naturgemäß den beiden Gefährten des jungen Herzogs zu: Scianca-Ferro wurde der Knappe, der minder ehrgeizige Leon begnügte sich der Page zu seyn.

Unterdeß erfuhr man, daß der älteste Sohn des Herzogs der Prinz Ludwig, in Madrid gestorben sey.

Es war ein großer Schmerz für den Herzog Carl und die Herzogin Beatrice; indeß gab ihnen Gott nach dem Schmerze einen Trost, wenn es für einen Vater, besonders aber für eine Mutter, einen Trost über den Tod ihres Kindes gibt.

Der Prinz Ludwig war seit langer Zeit von seinen Eltern entfernt, während Emanuel Philibert, der jeden Tag die Prophezeiung des Astrologen glaubhafter machen zu wollen schien, wie eine Lilie blühte und wie eine Eiche wuchs unter den Augen des Vaters und der Mutter.

Gott, der die Vertriebenen wohl nur hatte prüfen wollen, suchte sie alle darauf mit weit schmerzlicherem Schlage heim. Die Herzogin Beatrice erkrankte und trotz der Kunst der Aerzte, der Pflege des Gemahls, des Sohnes und ihrer Damen und Dienerinen starb sie am 8. Jänner 1538.

Der Schmerz des Herzogs war tief, aber voll Ergebung; die Trauer Emanuels grenzte an Verzweiflung. Zum Glück hatte der junge Prinz auch eine Waise bei sich, welche die Thränen schon kannte. Was wäre aus ihm geworden ohne den sanften Gefährten, der nicht zu trösten versuchte, sondern mit ihm weinte?

Scianca-Ferro fühlte bei diesem Verluste gewiß auch Schmerz; hätte er der Herzogin das Leben wieder geben können, wenn er irgend einen schrecklichen Riesen in dessen Thurme herausgefordert oder einen Drachen in der Höhle ausgesucht, der Ritter von elf Jahren würde augenblicklich und ohne, Zögern aufgebrochen seyn, um die That zu verrichten, welche, wenn auch, mit Verlust seines eigenen Lebens, seinen Freunden Glück und Freude wieder geben sollte; darauf aber beschränkte sich der Trost, den er bieten konnte; seine mächtige Natur eignete sich nicht für erweichende Thränen; eine Wunde konnte Blut aus seinen Adern ziehen, kein Schmerz vermochte Thränen in seine Augen zu locken.

Was that er also, während Emanuel Philibert mit und bei Leone weinte? Er sattelte sein Pferd, schnallte sein Schwert um, hing die Streitaxt an den Sattelbogen und ritt an den Hügeln hin, welche am Mittelmeere stehen, stellte sich vor, er habe mit den Ketzern Deutschlands oder den Saracenen in Afrika zu kämpfen, sah in leblosen Gegenständen Feinde aller Art, hieb mit der Streitaxt auf Steine statt auf Eisenhelme und mit dem Degen nach Fichtenzweigen und suchte seinen Schmerz durch körperliche Anstrengung zu überwinden.

Die Stunden, die Tage, die Monate vergingen, die Thränen versiegten, der Schmerz, der noch als Sehnen und Erinnerungen in dem Herzen lag, verschwand allmälig von den Gesichtern und die Augen, die vergebens nach der Gemahlin, der Mutter und Freundin blickten, richteten sich empor, um den Engel zu suchen.

Das Herz, das sich Gott zuwendet, findet bald Trost.

Die Ereignisse gingen übrigens ihren Gang und setzten dem Schmerze ihre Zerstreuungskraft entgegen.

Ein Congreß war zwischen dem Papste Paul III. (Alexander Farnese), Franz I. und Carl  V. beschlossen worden. Es handelte sich darum, die Türken aus Europa zu vertreiben, dem Ludwig Farnese ein Herzogthum zu schaffen und dem Herzoge von Savoyen seine Staaten zurückzugeben.

Der Congreß sollte in Nizza gehalten werden.

Nizza war durch den Papst und Carl  V. gewählt worden, weil sie hofften, der König Franz I. werde aus Dankbarkeit für die gastliche Aufnahme bei seinem Oheime gegen denselben nachgiebiger seyn.

Dann war auch eine Art Aussöhnung zwischen dem Papste Paul III. und Kaiser Carl V. zu bewerkstelligen. Alexander Farnese hatte seinem ältesten Sohne Ludwig die Städte Parma und Piacenza zum Tausche für die Fürstenthümer Camerino und Nepi gegeben, die er ihm genommen, um sie seinem zweiten Sohne Octavio zu übertragen. Dies hatte Carl  V. mißfallen, der eben nach dem Tode Franz Maria Sforza’s 1535 dem Papste, welche Summe dieser ihm auch dafür bot, das Herzogthum Mailand versagt hatte, die Ursache oder doch wenigstens der Vorwand des endlosen Krieges zwischen Frankreich und dem Reiche.

Carl  V. hatte übrigens vollkommen Recht, denn der neue Herzog von Parma war jener schändliche Ludwig Farnese, welcher sagte, es sey ihm sehr gleichgültig, ob er geliebt werde, wenn man ihn nur fürchte, und der die Adeligen entwaffnete, den Frauen Gewalt anthat und die Bischöfe peitschte.

Der Congreß von Nizza hatte also den Zweck, nicht blos den Herzog von Savoyen mit dem Könige von Frankreich, sondern auch den Papst mit dem Kaiser wieder zu versöhnen.

Carl III. aber, den das Unglück klug gemacht hatte, sah seinen Neffen, seinen Schwager und deren heiligen Schiedsrichter nicht ohne Besorgniß in seinen letzten befestigten Ort kommen.

Wer gab ihm die Bürgschaft, daß man ihm die letzte Stadt, die man ihm gelassen, nicht auch nehme, statt ihm das Land zurückzugeben, das man ihm genommen?

Er brachte deshalb für jeden Fall und um größerer Sicherheit willen Emanuel Philibert, seinen letzten Erben, in das Castell, welches die Stadt beherrschte, und empfahl dem Commandanten, das Castell durchaus keinen Truppen zu öffnen, sie möchten vom Kaiser, von dem Könige Franz oder von dem Papste kommen.

Dann reiste er selbst dem Papste Paul III. entgegen, welcher nach der getroffenen Bestimmung einige Tage vor dem Kaiser und dem Könige ankommen sollte.

Der Papst war nur noch eine Stunde von Nizza entfernt, als der Herzog einen Brief an den Commandanten absandte und diesem befahl, die Wohnung des Papstes in dem Schlosse bereit zu machen.

Diesen Brief brachte der Capitän der Leibwache Seiner Heiligkeit, welcher an der Spitze von zweihundert Mann ankam und Einlaß verlangte, damit er Dienst bei seinem Souverain thun könne.

Der Herzog sprach in seinem Briefe von dem Papste, aber weder von dem Capitän der Leibwache noch von den zweihundert Mann.

Es war jedenfalls eine Verlegenheit: der Papst verlangte ausdrücklich, was der Herzog ausdrücklich verboten hatte.

Der Commandant berief einen Rath.

Emanuel Philibert wohnte diesem Rathe bei, obgleich er erst elf Jahre alt war; wahrscheinlich war er mit beschieden worden, um den Muth der Vertheidiger noch mehr zu steigern.

Während man berathschlagte, bemerkte der Knabe an der Wand das hölzerne Modell der Veste, welche der Gegenstand der Uneinigkeit zwischen dem Papste und Carl III. war.

»Ihr Herren,« sagte er zu den versammelten Räthen, die seit einigen Stunden deliberirten, ohne zu etwas zu gelangen, »Ihr seyd wegen sehr wenig in Verlegenheit; da wir eine Veste von Holz und eine von Stein haben, so wollen wir die hölzerne dem Papste geben und die steinerne für uns behalten.«

»Meine Herren,« fiel der Commandant ein, »unsere Pflicht ist durch das Wort eines Kindes dictirt. Seine Heiligkeit soll, wenn man darauf besteht, die hölzerne Veste haben, so lange ich aber lebe die steinerne nicht, das schwöre ich bei Gott.«

Die Antwort des Knaben und des Commandanten wurde dem Papst überbracht, der sich damit begnügte und im Franciscanerkloster abstieg.

Der Kaiser kam an, dann der König von Frankreich.

Ein jeder nahm seinen Aufenthalt unter einem Zelte, der an der einen, jener an der andern Seite der Stadt, so daß sich der Papst in ihrer Mitte befand.

Der Congreß begann, er gab aber leider bei Weitem die Resultate nicht, welche man davon erwartete.

Der Kaiser verlangte Savoyen und Piemont für seinen Schwager zurück; Franz I. wollte das Herzogthum Mailands für seinen zweiten Sohn, den Herzog von Orléans, haben, und der Papst, der auch seinen Sohn unterzubringen wünschte, verlangte, daß ein Prinz, der weder zu der Familie Franz I. noch zu der Carls V. gehörte, zum Herzoge von Mailand erwählt werde und zwar unter der Bedingung, daß er sein Herzogthum von dem Kaiser zum Lehen nehme und dem König von Frankreich Tribut zahle.

Ein jeder wollte also das Unmögliche, weil er eben gerade das Gegentheil von dem wollte, was die Andern verlangten.

So kam man denn zu einem Waffenstillstand, den Alle wünschten.

Franz I. um seinen Soldaten Ruhe zu gönnen, die halb erschöpft waren, und um seine Finanzen, die es ganz waren, sich erholen zu lassen.

Carl  V. um die Einfälle zurückzutreiben, welche die Türken in seine Reiche Neapel und Sicilien machten.

Paul III., um seinen Sohn Ludwig Farnese wenigstens in den Fürstenthümern Parma und Piacenza festsetzen zu lassen, da er ihm Mailand nicht verschaffen konnte.

Es wurde ein Waffenstillstand von zehn Jahren beschlossen. Franz selbst bestimmte diese Dauer, »zehn Jahre oder nichts,« sagte er.

Die zehn Jahre wurden bewilligt, und Franz war es, welcher den Waffenstillstand nach vier Jahren brach.

Carl III., welcher fürchtete, die Unterhandlungen würden mit der Beschlagnahme des geringen Gebietes endigen, das ihm geblieben war, sah seine erlauchten Gäste freudiger abreisen, als er sie hatte kommen sehen.

Sie verließen ihn, wie sie ihn gefunden hatten, nur ärmer um die Kosten, welche ihm ihr Aufenthalt verursacht hatte und die sie nicht bezahlten.

Nur der Papst hatte etwas von der Sache gehabt, nemlich zwei Heirathen zu Stande gebracht: die seines zweiten Sohnes Octavian Farnese mit Margarethe von Oesterreich, der Witwe Julians von Medici, welcher in der Kirche St. Maria der Blumen in Florenz ermordet worden war, und die seiner Nichte Viktoria mit Anton, dem ältesten Sohn Carls von Vendôme.

Da Carl  V. sich nun nicht mehr wegen Franz I. zu beunruhigen hatte, begann er in Genua Rüstungen gegen die Türken, die so ungeheuer waren, daß sie zwei Jahre in Anspruch nahmen.

Nach diesen zwei Jahren, als die Flotte auf dem Punkte stand unter Segel zu gehen, entschloß sich Carl III. seinem Schwager einen Besuch zu machen und ihm seinen Sohn Emanuel Philibert vorzustellen, der sein dreizehntes Jahr erreicht hatte.

Es versteht sich von selbst, daß Scianca-Ferro und Leone ihn begleiteten.

Seit einiger Zeit beschäftigte den jungen Prinzen fast ausschließlich eine Rede, die er seinen Lehrern nicht zeigen wollte und die er nur seinem Knappen und seinem Pagen mittheilte.

Er wollte nemlich den Kaiser Carl  V. um die Erlaubniß bitten, ihn auf dem Kriegszuge zu begleiten.

Scianca-Ferro lehnte die Mitwirkung ab, und zwar weil er nichts von der Abfassung einer Rede verstehe; Leone that dasselbe, weil er nicht zwei Worte werde zusammenbringen können, wenn er an die Gefahren denke, welchen Emanuel sich aussetze.

Der junge Prinz war also auf sich selbst angewiesen und er verfaßte mit Hilfe von Livius, Quintus Curtius, Plutarch u.s.w. die Rede, welche er an den Kaiser halten wollte.

Der Kaiser wohnte bei seinem Freunde Andreas Doria, in jenem schönen Palaste, welcher der König des Hafens von Genua zu seyn scheint, beaufsichtigte die Arbeiten auf der Flotte und ging auf den herrlichen Terrassen umher, von welchen der Admiral sein Silbergeschirr in das Meer werfen ließ, nachdem er die Gesandten von Venedig bewirthet.

Der Herzog und sein Gefolge wurden zu dem Kaisergeführt, sobald sie angemeldet waren.

Der Kaiser umarmte seinen Schwager und wollte auch seinen Neffen umarmen.

Emanuel Philibert aber machte sich ehrerbietig aus den kaiserlichen Armen los, ließ sich auf ein Knie nieder zwischen seinem Knappen und seinem Pagen, so daß selbst sein Vater nicht wußte, was er beginnen wollte, und sprach im größten Ernst:

»Da ich mich der Unterstützung Eurer Würde und Eurer Sache weihe, welche jene Gottes und der heiligen Religion sind, so komme ich freiwillig und mit Freuden, Euch zu bitten, hoher Kaiser, mich als Freiwilligen unter die Krieger aufzunehmen, welche von allen Seiten sich unter Eure Fahnen stellen, denn ich würde mich glücklich preisen, unter dem Größten der Fürsten, unter einem unbesieglichen Kaiser die Kriegskunst zu erlernen.«

Der Kaiser sah ihn lächelnd an und antwortete, während Scianca-Ferro laut seine Bewunderung über die Rede des Prinzen aussprach, Leone aber zu Gott betete, er möge dem Kaiser den guten Gedanken eingehen, das Anerbieten zurückzuweisen:

»Ich danke, Prinz, für diesen Beweis von Zuneigung; verharre in diesen Gesinnungen und wir werden beide nützlich seyn; Du bist nur noch zu jung, mir in den Krieg zu folgen, wenn Du aber diesen Willen und Eifer behältst, wird es nach einigen Jahren an Gelegenheiten nicht fehlen.«

Er hob den jungen Prinzen auf, küßte ihn, nahm, um ihn zu trösten, sein eigenes goldenes Vließ ab und hing es ihm um den Hals.

»Ach, bei Gott!« rief Scianca-Ferro, »das ist besser als der Cardinalshut!«

»Du hast da einen kecken Begleiter, Neffe,« sagte Carl V., »und wir wollen ihm vorläufig eine Kette geben, bis wir ihm später ein Kreuz anhängen können.«

Er nahm eine goldene Kette von dem Halse eines der Herren, die da standen, warf sie Scianca-Ferro zu und sagte:

»Da, junger Knappe!«

So schnell auch, die Bewegung Carls V. gewesen war, Scianca-Ferro hatte Zeit sich auf ein Knie niederzulassen, so daß er in dieser ehrerbietigen Stellung das Geschenk des Kaisers empfing.

»Nun,« sagte der Sieger von Pavia, der in guter Laune war, »Jeder soll seinen Theil bekommen, selbst der Page.«

Er nahm einen Diamantring vom Finger und sagte :

»Dies für Dich, schöner Page!«

Zum großen Erstaunen Emanuel Philiberts, Scianca-Ferro’s und aller Anwesenden schien Leone nicht gehört zu haben und blieb unbeweglich stehen.

»Da scheinen wir einen tauben Pagen zu haben,« fuhr Carl V. fort und er sprach lauter: »Komm zu mir, schöner Page!«

Leone gehorchte nicht, sondern trat einen Schritt zurück.

»Leone,« sagte Emanuel, indem er die Hand des Freundes erfaßte, um ihn zu dem Kaiser zu führen.

Seltsam! Leone machte sich von der Hand Emanuels los, stieß einen Schrei aus und eilte aus dem Gemache hinaus.

»Da haben wir einen Pagen, der nicht eigennützig ist,« sagte Carl V. »Du mußt mir sagen, Neffe, wo Du dergleichen findest; sie sind sehr selten. Der Diamant, den ich ihm geben wollte, ist tausend Pistolen werth.«

Er wendete sich zu den Höflingen und sagte:

»Ihr Herren, Ihr seht da ein nachahmungswerthes Beispiel!«

IX.
Leone Leona

Welche Mühe Emanuel Philibert sich auch gab, als er in den Palast zurück kam, in welchem er mit seinem Vater wohnte, von Leone zu erfahren, was ihn veranlaßt habe den Diamantring auszuschlagen und sogar mit einem Angstschrei zu entfliehen, das Kind blieb stumm und kein Bitten vermochte ein Wort aus seinem Munde zu bringen.

Es war dasselbe hartnäckige Schweigen, welches früher die Herzogin Beatrice nicht hatte brechen können, als sie Näheres über die Mutter des Kindes zu erfahren sich bemüht.

Wie aber konnte der Kaiser Carl V. mit dem Unglücke, welches den Pagen zur Waise gemacht hatte, in Verbindung stehen? Das vermochte Emanuel Philibert nicht zu errathen. Wie dem auch seyn mochte, er gab lieber im Voraus Jederman und selbst seinem Oheime Unrecht, als daß er Leone einen Augenblick beschuldigte.

Zwei Jahre waren seit dem Waffenstillstande von Nizza verstrichen, und König Franz I. hatte also sehr lange bereits sein Wort gehalten. Auch wunderte sich Jedermann darüber, besonders Carl V. welcher bei der erwähnten Unterredung mit seinem Schwager fortwährend sein Mißtrauen gegen Franz I. ausgesprochen hatte, der dem Herzoge gewiß etwas zu Leide thue, sobald er, der Kaiser, nicht da sey ihn zu schützen.

Carl V. war in der That kaum unter Segel gegangen, als der Herzog von Savoyen bei seiner Rückkehr nach Nizza eine Botschaft von Franz I. empfing.

Franz I. machte dem Oheime den Antrag, ihm Savoyen zurück zu geben, wenn ihm dafür Piemont abgetreten werde, so daß es der Krone Frankreichs einverleibt werden könnte.

Der Herzog war höchst unwillig über einen solchen Antrag, entließ die Boten seines Neffen und verbot ihnen wieder vor ihm zu erscheinen.

Was hatte Franz I. die Zuversicht gegeben, dem Kaiser zum vierten Male den Krieg zu erklären? Er hatte zwei neue Verbündete: Luther und Soliman, die Ketzer in Deutschland und die Saracenen in Afrika.

Seltsame Bundesgenossen für den allerchristlichsten König, für den ältesten Sohn der Kirche! In dem langen Kampfe zwischen Franz I. und Carl V. nennt man den Erstern immer den ritterlichen König und gleichwohl bricht er fortwährend sein Wort. Nachdem er auf dem Schlachtfelde von Pavia Alles verloren, nur die Ehre nicht, befleckte er in unverlöschlicher Weise jene trotz der Niederlage unverletzt gebliebene Ehre durch Unterzeichnung eines Vertrags, den er nicht halten wollte.

Dieser König, den die Historiker aus der Geschichte peitschen sollten, wie Jesus die Wechsler aus dem Tempel trieb; dieser Soldat, den Bayard zum Ritter schlug und den St. Vallier verfluchte, scheint in Wahnsinn zu verfallen, sobald er sein Wort gebrochen hat; er ist der Freund des Türken und des Ketzers, er reicht die rechte Hand Soliman und die linke Luther; er der Nachkomme Ludwigs des Heiligen, geht mit dem Nachkommen Mohameds! Freilich sandte ihm Gott auch, nachdem er ihm die Niederlage gesandt, die Tochter seines Zornes, die Pest, die Tochter seiner Rache.

**Und Carl V. erkannte so deutlich, daß Gott für ihn sey, daß er, der kluge Kaiser, der schlaue Staatsmann, der zu den Waffen erst greift, nachdem alle Hilfsmittel der Diplomatie erschöpft sind, dem Riesen trotzt, dem Manne, welcher einen Harnisch, einen Helm und einen Schild führt, die Niemand außer ihm in seinem Reiche regieren kann. Den König, den man bei Marignan Reiter bis zum Gürtel spalten sah, so daß seine Schmeichler ihn mit Ajax oder mit Judas Maccabäus verglichen, diesen Goliath forderte Carl V. heraus zum Zweikampfe, auf jede beliebige Waffe, nackt bis zum Gürtel, allein in einem Bote oder auf einer Brücke.**

Und der König Franz I. schlug diesen Zweikampf aus, was indeß nicht hindert, daß er in den Büchern der ritterliche König heißt.

Wir Dichter freilich, wir nennen ihn den ehrlosen König, welcher seinen Feinden, seinen Freunden und Gott selbst des beschworne Wort brach.

Diesmal bedrohte er Nizza, als er die Antwort des Herzogs von Savoyen erhalten hatte.

Der Herzog ließ in Nizza einen tapfern Ritter, Odinet von Montfort, und begab sich selbst nach Vercelli, wo er die wenigen Streitkräfte sammelte, über die er noch verfügen konnte.

Emanuel Philibert hatte seinen Vetter um die Erlaubniß gebeten in Nizza bleiben zu dürfen, um da zuerst seine Waffen zu versuchen, da er aber der einzige und letzte Sprößling seines Hauses war, so hielt ihn der Herzog für zu kostbar, als daß er ihm ein solches Gesuch hätte bewilligen können.

Scianca-Ferro dagegen erhielt die Erlaubniß und er machte Gebrauch davon.

Kaum war der Herzog mit seinem Sohne, Leone und dem Gefolge abgereist, so sah man eine Flotte von zweihundert Segeln mit türkischer und französischer Flagge erscheinen, welche zehntausend Türken unter Khaïr-Eddin und zwölftausend Franzosen unter dem Herzoge von Enghien aussetzte.

Die Belagerung war fürchterlich; die Besatzung vertheidigte jeden Fußbreit Boden und Alle, Soldaten und Bürger, thaten Wunder der Tapferkeit. Die Stadt wurde an zehn Stellen geöffnet; Türken und Franzosen drangen durch zehn Breschen ein; man vertheidigte jede Straße, jeden Platz, jedes Haus; das Feuer rückte mit den Belagerern vor; Odinet zog sich in das Castell zurück und überließ dem Feinde eine Stadt in Trümmern.

Am andern Tage forderte ein Herold ihn auf sich zu ergeben, er aber schüttelte den Kopf und sagte:

Guter Freund, Du bist aus falschem Wege, wenn Du Dich zu einer solchen Feigheit an mich wendest. Ich heiße Montfort; meine Wappen sind Pfähle und meine Devise lautet: Aushalten.«

Montfort war seiner Devise, seines Wappens und seines Namens würdig; er hielt aus, bis auf der einen Seite der Herzog selbst mit viertausend Piemontesen und auf der andern Don Alfonso von Avallos im Namen des Kaisers mit zehntausend Spaniern ankam, da hoben Türken und Franzosen die Belagerung auf.

Es war ein großes Fest für den Herzog Carl und seine Unterthanen, als er in Nizza einzog, so verfallen auch die Stadt war.

Es war auch ein großes Fest für Emanuel Philibert und dessen Knappen Scianca-Ferro hatte den Namen verdient, welchen ihm Carl III. gegeben, und als sein Milchbruder ihn fragte, wie es gegangen, da er auf wirkliche Harnische und wirkliche Schilde habe schlagen müssen, antwortete er:

»Es ist nicht so hart wie Eichen zu spalten, nicht so schwer wie Felsen zu zermalmen.«

»Ach, warum war ich nicht dabei!« murmelte Emanuel Philibert, ohne zu bemerken, daß Leone, der sich an seinen Arm festhielt, bei dem Gedanken an die Gefahren erbleichte, die Scianca-Ferro bereits bestanden hatte und denen Emanuel auch einmal sich aussetzen werde.

Allerdings wurde der arme Page einige Zeit nachher durch den Frieden von Crespy vollständig beruhigt, die Folge des Einfalles Carls in die Provence und gleichzeitig der Schlacht von Cérisolles.

Der Friede wurde am 4. October 1544 unterzeichnet.

Er setzte fest, daß Philipp von Orléans, der zweite Sohn Franz I., nach zwei Jahren sich mit der Tochter des Kaisers vermähle, und als Mitgift das Herzogthum Mailand und die Niederlande erhalte, daß der König von Frankreich seinerseits seinem Anspruche auf das Königreich Neapel entsage und dem Herzoge von Savoyen alles zurückgebe, was er ihm genommen, mit Ausnahme der Festungen Pignerolles und Montmeillant, welche mit dem französischen Gebiete vereinigt bleiben sollten.

Der Vertrag sollte seine Ausführung nach zwei Jahren erhalten, das heißt bei der Vermählung des Herzogs von Orléans mit der Tochter des Kaisers.

Wie man sieht, war man zum Jahre 1545 gelangt, die Kinder waren herangewachsen, Leone, der jüngste von den Dreien, zählte vierzehn Jahre, Emanuel siebenzehn und Scianca-Ferro noch sechs Monate mehr.

Was ging in dem Herzen Leone’s vor und warum wurde er von Tag zu Tag trauriger? Das fragten einander Scianca-Ferro und Emanuel vergeblich, das fragte Emanuel auch Leone umsonst.

Seltsam! Je älter Leone wurde, um so weniger folgte er dem Beispiele seiner beiden Gefährten. Emanuel und Scianca-Ferro übten sich den ganzen Tag in dem Gebrauche der Waffen, der erstere, um den Namen Cardinälchen vergessen zu lassen, der letztere, um seinen Namen immer mehr zu verdienen. Emanuel hatte denn auch bereits alles erlangt, was Geschicklichkeit geben kann, und Scianca-Ferro hatte von Gott alles empfangen, was er menschlichen Muskeln an Kraft gibt.

Währenddessen befand Leone sich auf irgend einem Thurm, von wo er den Uebungen der beiden Freunde zusehen konnte, und wenn sie ihr Eifer zu weit hinwegtrieb, nahm er ein Buch, setzte sich in einen Winkel des Gartens, und las.

Das Einzige was Leone mit Freuden erlernt hatte, ohne Zweifel, weil er darin ein Mittel sah Emanuel zu folgen, war das Reiten, aber seit einiger Zeit entsagte der Page auch diesem und zwar in demselben Maße, als er trauriger wurde.

Eines besonders setzte Emanuel immer in Verwunderung, nemlich, daß das Gesicht Leone’s sich stets verdüsterte, wenn davon die Rede war, daß er, Emanuel, einmal ein reicher mächtiger Fürst werde.

Eines Tages erhielt der Herzog ein Schreiben von dem Kaiser Carl V., in welchem von einer Vermälung zwischen Emanuel Philibert und der Tochter des Königs Ferdinand, des Bruders des Kaisers, die Rede war. Leone hörte dieses Schreiben vorlesen, er konnte die Wirkung nicht verheimlichen, die es auf ihn machte, und eilte schluchzend hinaus, zum großen Erstaunen des Herzogs Carl III. und Scianca-Ferro’s, welche vergebens nach den Gründen eines solchen Schmerzes suchten.

Sobald der Herzog sich in seine Gemächer begeben hatte, eilte Emanuel seinem Pagen nach. Das, was er für Leone empfand, war etwas ganz Anderes, als was er für Scianca-Ferro fühlte. Er hätte sein Leben hingegeben, um das Leben Scianca-Ferro’s zu retten, sein eigenes Blut vergossen, um das seines Milchbruders zu schonen; aber Leben und alles Blut hätte er freudig hingegeben, um eine Thräne zurückzuhalten, die an den sammtgleichen Lidern und an den langte schwarzen Wimpern Leone’s zitterte.

Da er ihn jetzt hatte weinen sehen, wollte er die Ursache des Schmerzes kennen. Seit länger als einem Jahr bemerkte er die zunehmende Traurigkeit des Pagen und oftmals hatte er ihn um den Grund derselben gefragt, aber alsbald hatte auch Leone seine Kraft zusammengenommen, den Kopf geschüttelt, um trübe Gedanken zu verscheuchen, und dann lächelnd geantwortet:

»Ich bin zu glücklich, Prinz Emanuel, und ich fürchte immer, ein solches Glück könne nicht von Dauer seyn.«

Da hatte Emanuel seinerseits den Kopf geschüttelt, weil er aber schon wußte, daß Leone noch trauriger würde, wenn man in ihn drang, so begnügte er sich, die Hände des Freundes zu fassen und ihn fest anzusehen, als wollte er ihn mit allen Sinnen zugleich fragen; aber Leone wendete langsam die Augen ab und entzog Emanuel sanft die Hände.

Emanuel ging dann selbst traurig zu Scianca-Ferro, der nicht daran dachte, ihn zu fragen, und dem es nicht eingefallen seyn würde, die Hände zu fassen, so sehr war die Freundschaft zwischen Scianca-Ferro und Emanuel verschieden von der zwischen Emanuel und Leon.

An diesem Tage suchte Emanuel den Pagen vergebens länger als eine Stunde in dem Schlosse und im Park; er erkundigte sich bei Jedermann; Niemand hatte Leone gesehen. Endlich sagte ein Stalldiener, Leone sey in die Kirche gegangen und müsse wohl noch da seyn.

Emanuel eilte in die Kirche, überschaute sogleich den ganzen düstern Raum und sah wirklich Leone in der dunkelsten Ecke der verstecktesten Capelle knien.

Er trat so nahe an ihn, daß er ihn fast berührte, ohne daß der Page in seinem inbrünstigen Gebete seine Gegenwart zu bemerken schien.

Da klopfte er ihm leicht auf die Achsel und nannte seinen Namen.

Leone erschrak und sah Emanuel fast furchtsam an.

»Was thust Du zu dieser Stunde in der Kirche?« fragte Emanuel besorgt.

»Ich bete zu Gott,« antwortete Leone schwermüthig, »daß er mir die Kraft gebe das auszuführen, was ich im Sinne habe.«

»Und was hast Du im Sinne?« fragte Emanuel, »darf ich es nicht wissen?«

»Ihr werdet es im Gegentheil zuerst erfahren,« antwortete Leone.

»Du schwörst es mir, Leone?«

»Ja wohl,« antwortete dieser mit traurigem Lächeln.

Emanuel ergriff seine Hand und versuchte ihn aus der Kirche hinauszuziehen, aber Leone machte sanft seine Hand los, wie er es seit einiger Zeit immer zu thun pflegte, kniete wieder nieder und bat mit einer Geberde den jungen Herzog ihn allein zu lassen, dann setzte er hinzu:

»Ich muß noch einen Augenblick mit Gott allein seyn.«

Es lag in dem Tone des Pagen etwas so Feierliches und so Schwermüthiges, daß Emanuel gar keinen Versuch machte ihm entgegen zu seyn.

Er verließ die Kirche, wartete aber an der Thür auf Leone.

Dieser zuckte zusammen, als er ihn bemerkte, schien sich aber gleichwohl nicht zu wundern ihn da zu finden.

»Nun,« fragte Emanuel, »kann ich das Geheimniß nun erfahren?«

»Morgen hoffe ich die Kraft zu haben, es Euch mittheilen zu können,« antwortete Leone.

»Wo?«

»Hier in der Kirche.«

»Zu welcher Zeit?«

»Kommt um dieselbe Stunde wie heute.«

»Und bis dahin, Leone?« fragte Emanuel fast bittend.

»Bis dahin werdet Ihr hoffentlich mich nicht nöthigen, mein Zimmer zu verlassen. Ich bedarf der Einsamkeit und des Nachdenkens.«

Emanuel sah seinen Pagen mit unbeschreiblicher Herzbeklemmung an und begleitete ihn bis an die Thür; hier wollte Leone die Hand des Prinzen ergreifen und küssen, aber jetzt zog Emanuel sie zurück und streckte beide Arme aus, um den Knaben an sich zu ziehen und ihn zu küssen; Leone hielt ihn indeß sanft von sich zurück, machte sich aus Emanuels Armen los und sagte in einem Tone unbeschreiblicher Trauer:

»Morgen, gnädiger Prinz.«

Er ging darauf in sein Zimmer.

Emanuel blieb einen Augenblick an der Thür stehen und hörte so, daß Leone den Riegel vorschob.

»Mein Gott!« dachte der Prinz bei sich, »was geht in mir vor? was empfinde ich?«

»Zum Teufel, was machst Du da?« fragte hinter Emanuel eine rauhe Stimme, während eine kräftige Hand sich ihm auf die Achsel legte.

Emanuel seufzte, faßte den Arm Scianca-Ferro’s und zog ihn mit sich in den Garten.

Da setzten sie sich neben einander auf eine Bank.

Emanuel erzählte, was zwischen ihm und Leone vorgegangen war.

Scianca-Ferro dachte einen Augenblick nach, sah empor und und biß sich in die Hand.

Mit einem Male sagte er dann:

»Ich wette, daß ich weiß was es ist.«

»Was?«

»Leone ist verliebt.«

Emanuel war es als erhalte er einen Stich in das Herz.

»Unmöglich!« stammelte er.

»Unmöglich? Warum unmöglich?« fragte Scianca-Ferro, »ich bin es ja auch.«

»Du? und in wen?« fragte Emanuel.

»In Lucia, die Tochter des Pförtners. Die Arme fürchtete sich entsetzlich während der Belagerung, besonders in der Nacht, und ich that alles, um sie zu beruhigen.«

Emanuel zuckte mit den Achseln, um anzudeuten, daß er gewiß sey, Leone liebe die Lucia nicht.

Scianca-Ferro verstand die Geberde Emanuels falsch, indem er in ihr ein Zeichen der Geringschätzung sah.

»Cardinälchen,« sagte er, denn er nannte den Prinzen noch immer so, trotz dem Orden des goldenen Vließes, den derselbe bisweilen trug, »spielen wir nicht den Unzufriedenen? Ich für meine Person ziehe die Lucia allen denen am Hofe vor, und wenn einmal ein Turnier gehalten wird, will ich ihre Farben tragen und ihre Schönheit gegen Jeden vertheidigen.«

»Ich würde die beklagen, die nicht deiner Meinung wären, lieber Scianca-Ferro,« antwortete Emanuel.

»Da hast Du Recht, denn ich würde für sie so derb zerschlagen wie für die Tochter eines Königs.«

Emanuel drückte ihm die Hand, stand auf und ging in sein Zimmer.

Scianca-Ferro, dachte er, bekümmert sich doch zu viel um das Zuschlagen, als daß er begreifen könne, was in seinem und Emanuels Herzen vorgehe oder in der Seele Leone’s.

Aber auch Emanuel, dem es doch an Scharfsinn und Geist nicht, fehlte, sann in der Einsamkeit seines Zimmers und in der Stille der Nacht vergeblich darüber nach, was die Seele Leone’s wohl beunruhige und was sein eigenes Herz beängstige.

Er wartete also mit Spannung auf den andern Tag.

Der Vormittag verging langsam ohne, daß Emanuel Leone sah. Zur bestimmten Stunde ging er endlich nach der Kirche und zwar mit dem Gefühle, als müsse etwas äußerst Wichtiges in seinem Leben sich entscheiden.

Der Vertrag von Crespy, der vor einem Jahre unterzeichnet worden war und der ihm seine Staaten definitiv entziehen oder zurückgeben sollte, war ihm minder wichtig und bedeutsam vorgekommen als das Geheimniß, das ihm Leone mitzutheilen versprochen.

Er fand Leone an derselben Stelle wie am vorigen Tages; wahrscheinlich betete er schon lange, und in seinem Gesichte sprach sich schwermuthsvolle Ergebung aus. Offenbar stand sein Entschluß fest, welcher in der vorigen Woche noch geschwankt.

Emanuel trat rasch zu ihm; Leone empfing ihn mit sanftem, aber traurigem Lächeln.

»Nun?« fragte Emanuel.

»Nun, gnädiger Prinz,« entgegnete Leone, »ich habe Euch um eine Gnade zu bitten…«

»Welche, Leone?«

»Ihr sehet wie schwach und ungeeignet ich für körperliche Uebungen bin. Ihr werdet in eurer fast königlichen Zukunft starker Männer bedürfen wie Scianca-Ferro, nicht schüchterner Kinder wie ich eins bin. Gnädiger Prinz…« Leone nahm alle seine Kräfte zusammen, aber große Thränen rannen über seine Wangen, »ich bitte um die Gnade Euch verlassen zu dürfen.«

Emanuel trat einen Schritt zurück; er hatte sich sein Leben, das zwischen Scianca-Ferro und Leone begonnen, in der Zukunft nie ohne Einen der Freunde gedacht.

»Mich verlassen?« fragte er also Leone in höchster Verwunderung.

Leone senkte den Kopf und antwortete nicht.

»Mich verlassen?« fuhr Emanuel fort im Tone des tiefsten Schmerzes. »Du mich verlassen? Das ist nicht möglich.«

»Es muß seyn,« antwortete Leone kaum vornehmlich.

Emanuel legte die Hand auf die Stirn, blickte nach dem Altar und ließ die Arme schlaff herabhängen.

In einigen Augenblicken hatte er sich, hatte er Gott gefragt, und da er keine Antwort erhalten, verließ ihn der Muth.

»Mich verlassen!« wiederholte er zum dritten Male, als könne er sich an das Wort gar nicht gewöhnen. »Ich habe Dich sterbend gefunden, Leone, ich habe Dich aufgenommen, wie mir von der Vorsehung selbst zugesandt… ich habe Dich behandelt wie einen Bruder und…«

»Eben deshalb, gnädiger Prinz, weil ich Euch zu viel verdanke und weil ich Euch nichts vergelten kann, wenn ich hier bleibe, deshalb möchte ich mein Leben lang nur für meinen Wohlthäter beten.«

»Für mich beten?« fragte Emanuel immer mehr erstaunt. »Wo das?«

»In irgend einem Kloster, das mir ein weit geeigneterer Platz für einen armen Verwaisten zu seyn scheint als der, welchen ich an diesem glänzenden Hofe einnehme.«

»Ach, meine Mutter, meine arme Mutter!« flüsterte Emanuel. »Du liebtest ihn so sehr, was würdest Du sagen, wenn Du ihn jetzt hörtest?«

»Vor Gott, der uns hört und sieht,« sagte Leone feierlich, indem er die Hand des Prinzen ergriff, »vor Gott, der uns hört, sie würde sagen, daß ich Recht thue.«

Es lag ein solcher Ton der Wahrheit, eine solche Ueberzeugung des Gewissens in der Antwort Leone’s, daß Emanuel erschüttert wurde.

»Leone,« sagte er, »thue was Du willst, es steht Dir frei… Ich habe versucht, dein Herz zu fesseln, aber nie wird es mir in den Sinn kommen deinen Körper zu fesseln… Nur bitte ich Dich, übereile Dich nicht mit deinem Vorsatze… Nimm Dir einen Monat Bedenkzeit…«

Leone schüttelte den Kopf.

»Nimm acht Tage, nimm…«

»Ach,« unterbrach ihn Leone, »ach, Emanuel, wenn ich nicht gehe in dem Augenblicke, da mir Gott die Kraft dazu gibt, gehe ich nimmer und ich sage,« setzte er schluchzend hinzu, »ich muß fort.«

»Aber warum? Warum mußt Du fort?« fragte Philibert.

Auf diese Frage antwortete Leone nur mit einem unerschütterlichen Schweigen, wie schon bei zwei frühern Gelegenheiten, als nemlich in Oleggio die Herzogin ihn nach seinen Eltern und seiner Geburt gefragt hatte und dann als Emanuel hatte wissen wollen, warum er den Diamantring von Carl V. nicht angenommen.

Der Prinz wollte weiter in ihn dringen, als er Tritte in der Kirche hörte.

Es war ein Diener seines Vaters, der ihn suchte und ihm meldete, der Herzog Carl wünsche sogleich mit ihm zu sprechen. Man habe wichtige Nachrichten aus Frankreich erhalten.

»Du siehst, Leone,« sagte Emanuel, »ich muß Dich jetzt verlassen. Heute Abend werde ich Dich wiedersehen und wenn Du bei deinem Beschlusse verharrst, nun – so bist Du frei, Du magst mich morgen, noch in der Nacht verlassen, wenn Du glaubst, nicht länger bei mir bleiben zu dürfen.«

Leone antwortete nicht; er sank mit tiefem Seufzen auf seine Knie und man hätte meinen können, sein Herz breche.

Emanuel entfernte sich, aber ehe er die Kirche verließ, drehte er sich zwei- dreimal um, als wolle er sehen, ob Leone ihn so ungern scheiden sehe, wie er von ihm gehe.

Leone blieb noch eine Stunde im Gebete, dann begab er sich ruhiger in sein Zimmer.

In Abwesenheit Emanuels, vor dem er schwankte, richtete sich sein Vorsatz fast wieder auf; aber der Gedanke beunruhigte ihn, daß Emanuel jeden Augenblick noch einmal kommen könne, um einen letzten Versuch zu machen.

Er erschrak bei jedem Geräusch, das er aus der Treppe hörte.

Zwei Stunden vergingen… da machte sich ein Tritt bemerklich… Diesmal konnte Leone nicht irren, es war der Tritt Emanuels.

Die Thür öffnete sich, Emanuel trat ein.

Er war traurig und doch glänzte bei dieser Trauer ein Strahl der Freude.

»Nun, Leone,« fragte er, als er die Thür verschlossen und indem er auf den Freund zutrat, »hast Du nachgedacht?«

»Gnädiger Prinz,« antwortete Leone, »als Ihr mich verließet, hatte ich nicht weiter nachzudenken.«

»So bleibst Du bei deinem Vorsatze mich zu verlassen?«

Leone hatte nicht die Kraft zu antworten, aber er nickte.

»Und nur,« fragte Emanuel mit schwermüthigem Lächeln, »weil ich ein großer Fürst seyn und einen glänzenden Hof haben werde?«

Leone neigte nochmals den Kopf.

»Nun,« sprach Emanuel mit einer gewissen Bitterkeit, »über diesen Punkt beruhige Dich: ich bin jetzt ärmer als ich es je gewesen.«

Leone richtete rasch den Kopf empor und Emanuel konnte in den schönen Augen die Veränderung durch die Thränen glänzen sehen.

»Der zweite Sohn Franz I., der Herzog von Orléans, ist gestorben,« fuhr Emanuel fort, »so daß der Vertrag von Crespy aufgehoben ist…«

»Und?« fragte Leone, der Emanuel mit allen Muskeln seines Gesichtes fragte.

»Und da der Kaiser Carl V., mein Oheim, das Herzogthum Mailand meinem Vetter Franz I. nicht gibt, so wird dieser meinem Vater das Land nicht herausgeben.«

»Und,« fragte Leone in dem Tone, unbeschreiblicher Hast, »und die Heirath mit der Tochter des Königs Ferdinand, die Heirath, welche der Kaiser vorgeschlagen hat?«

»Armer Leone,« antwortete Emanuel, »der, welchem der Kaiser seine Nichte geben wollte, war der Herzog von Savoyen, der Fürst von Piemont, kurz ein gekrönter Gemahl, nicht aber der arme Emanuel Philibert, der, von allen seinen Staaten nichts mehr besitzt als die Stadt Nizza, das Thal Aosta und drei oder vier Güter hier und da in Savoyen und Piemont.

»Ach!« rief Leone mit einem Gefühle der Freude, die er unmöglich unterdrücken konnte.

Aber fast in demselben Augenblicke gewann er die Selbstbeherrschung wieder, die ihm hatte entschlüpfen wollen, und er sagte:

»Gleichviel, nichts darf geändert werden in dem, was beschlossen war.«

»Also,« fragte Emanuel, trauriger über den Entschluß des Freundes als über die Nachricht von dem Verluste seines Landes, »also verlässest Du mich doch?«

»Wie es gestern eine Nothwendigkeit war, so ist es noch heute.«

»Gestern, Leone, war ich reich und mächtig, ich hatte eine Herzogskrone auf dem Haupte, heute bin ich arm und machtlos und habe nichts mehr, als meinen Degen. Als Du gestern von mir gehen wolltest, Leone, warst Du nur grausam, wenn Du heute noch gehst, bist Du undankbar, Leone.«

»Undankbar?« wiederholte Leone. »Mein Gott, Du hörst es! Er sagt, ich sey undankbar!«

Da der Prinz sich anschickte mit gerunzelter Stirn und finsterem Auge fortzugehen, rief Leone:

»Ach, Emanuel, Emanuel, gehe nicht so von mir… ich würde daran sterben.«

Emanuel drehte sich um und sah, daß Leone mit nach ihm ausgebreiteten Armen dastand, bleich, wankend, einer Ohnmacht nahe.

Er eilte zu ihm, er hielt ihn in seinen Armen und drückte in einem ihm selbst unerklärlichen unwiderstehlichen Drange seine Lippen auf die Lippen Leone’s.

Leone stieß einen schmerzlichen Schrei aus, als sey er von einem glühenden Eisen berührt worden und wurde ohnmächtig.

Der Haftel am Kragen schnürte ihm die Kehle zusammen, Emanuel machte ihn auf und da Leone ersticken zu müssen schien, riß er ihm mit einem kräftigen Rucke alle Knöpfe des Wammses auf.

Da aber stieß er einen Schrei aus, nicht einen Schrei des Schmerzes, sondern der Ueberraschung, des Staunens, der Freude.

Leone war ein Mädchen.

Als die Ohnmacht vorüber, war auch Leone verschwunden und Leona die Geliebte Emanuel Philiberts.

Nun war nicht mehr die Rede davon, den Geliebten zu verlassen, dem ohne ein Wort der Erläuterung alles erklärt war: Traurigkeit, Liebe zur Einsamkeit und der Wunsch zu entfliehen. Leona hatte, als sie erkannte, daß sie den Prinzen liebe, sich von ihm trennen wollen, aber so bald Emanuel ihre Liebe theilte, gab sie ihm ihr Leben hin.

Für Alle, selbst Scianca-Ferro, blieb der Page Leone… ein junger Mann.

Nur für Emanuel Philibert war Leone ein schönes junges Mädchen und hieß Leona.

Als Prinz hatte Emanuel Philibert Bresse, Piemont und Savoyen mit Ausnahme von Nizza, Vercelli und dem Thale Aosta verloren, als Mann dagegen hatte er nichts verloren, da ihm Gott Scianca-Ferro und Leona gab, d. h. die beiden kostbarsten Geschenke, welche Gott in seiner himmlischen Güte seinen Auserwählten gewähren kann: hingebende Freundschaft und Liebe.

X.
Die drei Botschafter

Erwähnen wir nun mit wenigen Worten was in der Zeit zwischen dem, was wir eben erzählten, und dem, was wir von nun an zu erzählen haben, vorgegangen war.

Emanuel Philibert hatte zu Leone gesagt, es bleibe ihm nichts mehr als sein Degen.

Der Bund der Protestanten in Deutschland, welcher durch den Churfürsten Johann Friedrich von Sachsen angeregt worden war, gab dem jungen Prinzen die Gelegenheit, Carl V. seinen Degen anzubieten.

Diesmal wurde er angenommen.

Die protestantischen Fürsten stellten die Ansicht auf, daß, so lange der Kaiser lebe, dessen Bruder Ferdinand nicht König von Rom seyn könne.

Der Bund bildete sich in der kleinen Stadt Schmalkalden, von der er auch den Namen hat.

Heinrich VII. hatte Bedenklichkeiten gehabt und war dem Bunde nicht beigetreten, Franz I. dagegen schloß sich demselben bereitwillig an.

Es war schon etwas Altes, da er sich vom 22. December 1530 her schrieb.

Wenn auch Soliman dem Bunde nicht eigentlich angehörte, so unterstützte er ihn doch dadurch, daß er 1532 Messina belagerte.

Carl V. war mit einem Heere von neunzigtausend Mann Fußvolk und dreißigtausend Reitern gegen ihn gezogen und hatte ihn genöthigt die Belagerung aufzuheben.

Er hatte ferner, mit Beihilfe der Pest, das Heer Franz I. in Italien vernichtet und die Folge davon war auf der einen Seite der Vertrag von Cambrai vom 5. August 1529, auf der andern jener von Nürnberg vom 23. Juli 1532 gewesen, welche Europa auf einige Zeit wieder den Frieden gaben.

Die Dauer der mit Franz I. geschlossenen Verträge kennt man schon. Der Vertrag von Nürnberg wurde gebrochen, und der schmalkaldische Bund, der alle seine Kräfte hatte sammeln können, regte sich.

Der Kaiser marschirte in eigener Person gegen die Verbündeten, denn das, was in Deutschland vorging, schien ihn immer näher anzugehen als das, was anderswo geschah. Carl V. erkannte, daß seit dem Verfalle der pästlichen Macht die größte Macht der Erde das Reich sey.

Unter solchen Umständen reiste Emanuel Philibert am 27. Mai 1545 nach Worms ab, wo sich der Kaiser befand. Den jungen Prinzen begleitete wie immer Scianca-Ferro und Leone.

Auch folgten ihm vierzig Herren.

Das war die ganze Armee, welche derjenige in seinen Staaten hatte ausheben und seinem Schwager senden können, welcher auf immer Herzog von Savoyen, Chablais und Aosta, Fürst von Piemont, Achaja und Morea, Graf von Genf, Nizza, Bresse und Romond, Freiherr von Waadt, Gex und Faucigny, Herr von Vercelli, Beaufort, Bugey und Freiburg, Fürst und erblicher Verweser des Reiches, Marchese von Italien und König von Cypern hieß.

Carl V. nahm seinen Neffen sehr freundlich auf und gestattete, daß man denselben in seiner Gegenwart Majestät nenne wegen des Königreichs Cypern, auf welches sein Vater Ansprüche zu haben glaubte.

Emanuel vergalt diese Aufnahme dadurch, daß er in der Schlacht von Ingolstadt und Mühlberg Wunder der Tapferkeit that.

Diese letztere Schlacht beendigte den Kampf; zehn von von den vierzig Edlen, die Emanuel Philibert mit sich gebracht hatte, fehlten Abends, sie waren todt oder verwundet.1

Scianca-Ferro hätte in dieser Schlacht seinen Namen verdient, wenn er ihn nicht bereits gehabt.2

Einen Monat vorher war Franz I. gestorben. Auf dem Sterbebette hatte er seinem Sohne gesagt, alles Unglück Frankreichs sey von seinem Bündnisse mit den Protestanten gekommen, er hatte erkannt, Carl V. habe Gott, den Allmächtigen, für sich und deshalb dem künftigen Könige von Frankreich empfohlen, in Frieden mit dem Kaiser zu leben.

So folgte eine Ruhezeit, in welcher Emanuel Philibert seinen Vater in Vercelli besuchte. Das Wiedersehen war ein sehr zärtliches und liebreiches, der Herzog von Savoyen schien zu ahnen, daß er seinen Sohn zum letzten Male in seine Arme schließe.

Die Empfehlung Franz I. an Heinrich II. schlug keine tiefen Wurzeln in den Herzen dieses Königs ohne militärisches Genie, aber voll Kriegslust, und der Krieg begann von neuem in Italien wegen der Ermordung des Herzogs von Piacenza, Paul Ludwig Farnese, ältesten Sohnes Pauls III.

Er wurde 1548 in Piacenza durch Pallavicini, Landi, Anguisciola und Gonfalonieri ermordet, welche gleich darauf die Stadt an Ferdinand von Gonzaga, den Statthalter Carls V. in Mailand, übergaben.

Auf der andern Seite hatte Octavio Farnese, der zweite Sohn Pauls III., Parma’s sich bemächtigt und, um dasselbe nicht wieder herausgeben zu müssen, den Schutz des Königs Heinrich II. von Frankreich angerufen.

Bei Lebzeiten Pauls III. noch hatte Carl V. nicht aufgehört Parma und Piacenza als zu dem Herzogthume Mailand gehörige Städte zu reclamiren. Man erinnert sich der Streitigkeiten, die es deswegen in Nizza mit Papst Paul III. gegeben hatte. Es gehörte nicht viel mehr dazu, den Krieg von neuem zu entzünden, der gleichzeitig, in Italien und den Niederlanden ausbrach.

In Flandern, wie immer, brachte Carl V. die größte Macht zusammen; nach Norden also haben sich im Anfange dieses Buches unsere Augen gewendet, welche Emanuel Philibert suchten.

Wir haben erzählt, daß der Kaiser nach der Belagerung von Metz und nach der Einnahme von Thérouanne und Hesdin seinem Neffen aufgetragen, die letztere Stadt wieder aufzubauen und ihn zu gleicher Zeit zum Oberbefehlshaber seines Heeres in Flandern wie zum Statthalter in den Niederlanden ernannt hatte.

Gleichsam um dieser großen Ehre ein Gegengewicht zu geben, war das Herz Emanuel Philiberts von einem tiefen Schmerze betroffen worden.

Am 17. September 1553 war sein Vater, der Herzog von Savoyen, gestorben.

Mit dem Range als Oberbefehlshaber und mit der Trauer über den Tod seines Vaters, die er zwar nicht in seiner Kleidung zeigte wie Hamlet, die aber in seinen Zügen lag, sahen wir ihn von dem kaiserlichen Lager aus erscheinen und wir sehen ihn dahin zurückkehren, nachdem er als strenger Richter gehandelt hatte.

Ein Bote des Kaisers Carl V. erwartete ihn vor seinem Zelte, der Kaiser wünschte augenblicklich mit ihm zu sprechen.

Emanuel stieg sogleich ab, warf den Zügel seines Pferdes einem seiner Leute zu, nickte seinem Knappen und Pagen zu, um ihnen anzudeuten, daß er sich von ihnen so lange nur entferne, als ihn der Kaiser bei sich behalte, schnallte den Schwertgurt ab und nahm das Schwert unter den Arm, wie er es immer zu thun pflegte, wenn er zu Fuße ging und zwar, um es sogleich bei der Hand zu haben, sobald er genöthiget werde, davon Gebrauch zu machen. So schritt er nach dem Zelte des modernen Cäsars hin.

Die Wache präsentirte vor ihm und er trat hinter dem Boten ein, welcher dem Kaiser seine Ankunft zu melden hatte.

Das Zelt des Kaisers war in vier Abtheilungen getheilt, ungerechnet eine Art Vorzimmer oder Halle mit vier Säulen.

Eine der vier Abtheilungen des Kaiserzeltes diente als Speisezimmer, eine als Empfangszimmer, eine als Schlafzimmer und eine als Arbeitszimmer.

Eine jede war durch das Geschenk einer Stadt möblirt und durch die Trophäe eines Sieges geschmückt.

Die einzige Trophäe in dem Schlafzimmer des Kaisers war der Degen Franz I., welcher über dem Bette hing. Es war eine einfache Trophäe, aber in den Augen Carls V. hatte der Degen, den er selbst in das Kloster Saint-Just mitnahm, mehr werth als die Trophäen in den andern Gemächern zusammengenommen.

Der, welcher diese Zeilen schreibt, hat oftmals mit traurigem Blicke nach der Vergangenheit diesen Degen gehalten und herausgezogen, welchen Franz I. geführt und an den Sieger übergeben, Carl V. empfangen und Napoleon zurückgenommen hatte.

O, wie nichtig sind die Dinge dieser Welt! Der Degen war fast die alleinige Mitgift einer schönen Prinzessin und ist nun das Eigenthum des Urenkels eines Dieners Catharina’s II.

O Franz I.! O Carl V.! O Napoleon!

In dem Vorzimmer bemerkte Emanuel Philibert mit jenem Feldherrnblicke, der Alles sofort überschaut, einen Mann, dem die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren und den vier Soldaten bewachten.

Der Gebundene trug Bauernkleidung, Emanuel Philibert glaubte aber zu bemerken, daß weder das Haar noch die Gesichtsfarbe des Mannes zu der Kleidung paßten.

Er glaubte deshalb, man habe einen französischen Spion ergriffen und der Kaiser habe ihn dieses Spions wegen rufen lassen.

Carl V. befand sich in seinem Arbeitscabinet und der Herzog wurde eingeführt, sobald er angemeldet war.

Carl V. war, da er mit dem 16. Jahrhundert geboren worden, damals ein Mann von fünfundfünfzig Jahren, klein von Gestalt aber kräftig; sein lebhaftes Auge glänzte unter den Brauen hervor, wenn nicht der Schmerz diesen Glanz erlöschte; sein Haut begann zu ergrauen, sein mehr dichter als langer Bart aber war brennendroth geblieben.

Er lag auf einer Art türkischen Diwans, der mit orientalischen Stoffen aus dem Zelte Solimans vor Wien bedeckt war… Unweit von seiner Hand glänzte eine Trophäe von arabischen Säbeln und Dolchen.

Er hatte sich in einen langen mit Marder gefütterten Schlafrock von schwarzem Sammt gehüllt; sein Gesicht war finster und er schien mit Ungeduld auf Emanuel Philibert zu warten.

In dem Augenblicke aber, als man ihm die Ankunft des Herzogs meldete, verschwand dieser Ausdruck der Ungeduld, wie vor dem Winde die Wolke schwindet, welche das Tageslicht verdunkelte. In einer vierzigjährigen Regierungszeit hatte der Kaiser sein Gesicht zu beherrschen gelernt und Niemand übertraf ihn in dieser Kunst.

Emanuel Philibert erkannte trotzdem auf den ersten Blick, daß der Kaiser von wichtigen Dingen mit ihm zu sprechen gedenke.

Carl V. wendete, als er seinen Neffen bemerkte, das Gesicht nach ihm hin, machte eine Anstrengung seine Stellung zu ändern und grüßte ihn mit einer Bewegung der Hand und des Kopfes freundschaftlich.

Emanuel Philibert verbeugte sich ehrerbietig.

Der Kaiser begann das Gespräch italienisch. Er bedauerte es sein Leben lang, daß er nie griechisch und lateinisch habe erlernen können, sprach aber gleich gut fünf lebende Sprachen, nemlich italienisch, spanisch, englisch, deutsch und französisch.

Er selbst soll über den Gebrauch dieser fünf Sprachen gesagt haben:

»Ich lernte italienisch, um mit dem Papste zu sprechen, spanisch, um mit meiner Mutter Johanna zu reden, englisch, um mit meiner Tante Catharina zu sprechen, deutsch, um mit meinen Landsleuten und Freunden sprechen zu können und französisch, um mit mir selbst zu sprechen.«

So dringend es auch seyn mochte, mit den Personen, die er zu sich bescheiden ließ, von seinen Angelegenheiten zu sprechen, so begann der Kaiser doch stets mit denen der Andern.

»Nun,« fragte er italienisch, »was Neues im Lager?«

»Sire,« antwortete Emanuel Philibert in der Sprache, deren Carl V. sich bedient hatte und die ja seine Muttersprache war, »etwas, das Ew. Majestät doch bald erfahren würden, wenn ich es nicht selbst meldete. Ich bin genöthigt gewesen, ein Exempel zu statuiren, damit man meinen Titel und eure Autorität achte.«

»Ein großes Exempel?« fragte der Kaiser zerstreut, der bereits mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt war.

»Welches?«

Emanuel Philibert begann die Erzählung dessen was zwischen ihm und dem Grafen von Waldeck geschehen war; wie wichtig aber auch die Sache war; Carl V. hörte sie offenbar sehr zerstreut an.

»Gut!« sagte er zum dritten Male als Emanuel Philibert zu Ende gekommen war. Offenbar aber hatte er von dem Berichte seines Feldherrn kein Wort vernommen.

In der ganzen Zeit, welche die Erzählung währte, hatte der Kaiser, wahrscheinlich um seine Zerstreutheit zu verbergen, auf die von der Gicht verdrehten Finger seiner rechten Hand gesehen und dieselben mit Anstrengung bewegt.

Die Gicht! Sie war die eigentliche Feindin Carls V. und weit erbitterter gegen ihn als Soliman, Franz I. und Heinrich II.

Die Gicht und – Luther ließen ihm fast keine Ruhe.

Er stellte deshalb auch Beide gleich.

»Ach,« sagte er oft, indem er seinen rothen Bart faßte, wenn er ermüdet von einem langen Ritte oder von einer heißen Schlacht vom Pferde stieg, »ach, wie wollte ich diese Nacht schlafen, wenn die Gicht und Luther nicht wären!«

Zwischen der Erzählung Emanuel Philiberts und der Wiederaufnahme des Gesprächs durch den Kaiser trat eine Pause ein.

»Ich habe Dir auch, Nachrichten mitzutheilen,« sagte er endlich, »schlechte Nachrichten.«

»Woher, kaiserliche Majestät?«

»Von Rom.«

»Ist der Papst erwählt?«

»Und wie heißt er?«

»Pietro Caraffa. Der, welchen er ersetzt, war genau in meinem Alter, Emanuel, in demselben Jahre mit mir geboren. Armer Marcellus! Sagt mir sein Tod nicht, daß auch ich mich zum Sterben vorzubereiten habe?«

»Sire,« antwortete Emanuel, »ich glaube, Ihr dürfet den Tod des Papstes Marcellus nicht wie einen gewöhnlichen Todesfall ansehen. Marcello Corrino, der Cardinal, war gesund und rüstig und wäre vielleicht hundert Jahre alt geworden. Als er Papst geworden, starb er nach zwanzig Tagen.«

»Ja, ich weiß,« sagte Carl V. nachdenklich, »er beeilte sich wohl zu sehr Papst zu werden. Er ließ sich die dreifache Krone am Charfreitage aufsetzen, also an dem Tage, an welchem unser Herr die Dornenkrone trug. Das wird ihm Unglück gebracht haben, auch denke ich weniger an diesen Tod als an die Wahl Pauls IV.«

»Und doch, Sire,« entgegnete Emanuel, »ist Paul IV. wenn ich nicht irre, ein Neapolitaner, folglich ein Unterthan Ew. Majestät.«

»Ja, ohne Zweifel, aber man hat mir immer schlechte Berichte von diesem Cardinal gesandt, und so lange er persönlich an dem spanischen Hofe war, hatte ich mich über ihn zu beklagen. Ach,« fuhr Carl V. mit dem Ausdrucke der Ermüdung fort, »ich werde mit ihm den Kampf von neuem anfangen müssen, den ich seit zwanzig Jahren mit seinen Vorgängern führe, und und ich bin am Ende meiner Kräfte.«

»Ach, Sire…«

Carl V. versank in Gedanken, aber sehr bald raffte er sich auf.

»Uebrigens,« setzte er hinzu, als wenn er mit sich selbst spräche und seufzend, »täuscht er mich, wie die andern Päpste mich getäuscht haben. Sie sind fast immer das Gegentheil von dem, was sie als Cardinale waren. Ich hielt den Medici, den Clemens VII., für einen friedfertigen, festen und beständigen Mann; man ernennt ihn zum Papst, und es zeigt sich, daß ich mich in allen Punkten geirrt habe, er ist unruhig, streitsüchtig und wankelmüthig. Dagegen hatte ich mir eingebildet, Julius III. werde seine Angelegenheiten über den Vergnügungen vernachlässigten und nur an Feste und Unterhaltungen denken. Peccato! Es gab kaum einen fleißigeren, aufmerksameren und weniger an Freuden dieser Welt denkenden Papst. Was hat er und sein Cardinal Polus uns wegen der Heirath Philipps II. mit seiner Cousine, Marie Tudor, zu schaffen gemacht! Härten wir den tollen Polus in Innsbruck nicht festnehmen lassen, wer weiß, ob die Heirath zu Stande gekommen wäre. Armer Marcell,« sagte der Kaiser mit einem zweiten noch ausdrucksvolleren Seufzer, »nicht weil Du Dich am Charfreitage krönen ließest, lebtest Du nur noch zwanzig Tage, sondern weil Du mein Freund warst!«

»Lassen wir die Zeit das Ihrige thun, kaiserliche Majestät,« sagte Emanuel Philibert. »Ihr gesteht selbst, daß Ihr Euch in Clemens VII. und Julius III. täuschtet; vielleicht täuschet Ihr Euch auch über Paul IV.«

»Gott gebe es! Ich zweifle.«

Man hörte Geräusch draußen.

»Was gibt es?« fragte Carl V. ungeduldig, »ich hatte doch gesagt, man solle uns nicht stören. Sieh doch zu, Emanuel, was es ist.«

Emanuel hob die Draperie, welche vor dem Eingange hing, wechselte eine Frage und Antwort mit den Personen, die in dem anstoßenden Raume sich befanden, wendete sich dann zu dem Kaiser und sagte:

»Sire, ein Courier, der aus Spanien ankommt, von Tordesillas.«

»So laß ihn eintreten; gewiß Nachrichten von meiner guten Mutter.«

Der Eilbote erschien.

»Nicht wahr,« fragte Carl V. spanisch, »Nachrichten von meiner Mutter?«

Der Bote reichte, ohne zu antworten, einen Brief Emanuel Philibert, der ihn nahm.

»Gib her, Emanuel,« sagte der Kaisers »sie befindet sich wohl, nicht wahr?«

Der Bote gab auch diesmal keine Antwort.

Emanuel seinerseits zögerte den Brief dem Kaiser zu übergeben: er war schwarz gesiegelt.

Carl V. sah das Siegel und er zitterte.

»Da bringt mir die Wahl Pauls IV. schon Unglück!« sagte er. »Gib her, Kind,« fuhr er fort, indem er die Hand ausstreckte.

Emanuel gehorchte.

»Kaiserliche Majestät,« sagte er, »gedenke, daß Du Mensch bist.«

»Ja,« entgegnete Carl V., »so sagte man zu den ehemaligen Triumphatoren.«

Und zitternd erbrach er das Schreiben.

Es enthielt nur einige Zeilen, und doch fing der Kaiser das Lesen zwei- oder dreimal an.

Thränen trübten seinen Blick; die von dem Ehrgeize ausgetrockneten Augen wunderten sich selbst über das Wunder, noch einmal Thränen zu finden.

Als er gelesen hatte, reichte er das Schreiben Emanuel Philibert und legte sich auf den Diwan zurück.

»Todt!« sagte er. »Gestorben am 13. April 1555, gerade an dem Tage, an welchem Pietro Caraffa zum Papste erwählt wurde! Ich sagte Dir, mein Sohn, dieser Mann bringe mir Unglück.«

Emanuel hatte in das Schreiben geblickt; es war von dem königlichen Notar von Tordesillas unterzeichnet und meldete in der That den Tod Johanna’s von Castilien, der Mutter Carls V., die in der Geschichte bekannter ist als Johanna die Wahnsinnige.

Einen Augenblick stand er unbeweglich vor diesem großen Schmerze, und er wußte nicht, wo er ihn berühren sollte, denn Carl V. liebte seine Mutter über Alles.

»Kaiserliche Majestät,« sagte er endlich, »erinnere Dich was Du mir sagtest, als auch ich vor zwei Jahren das Unglück hatte meinen Vater zu verlieren.«

»Ja, ja, man spricht so,« entgegnete der Kaisers »man findet Gründe Andere zu trösten; wenn dann die Reihe an uns selbst kommt, vermögen wir uns selbst nicht zu trösten.«

»Ich tröste Dich auch nicht, Majestät,« sagte Emanuel, »im Gegentheil, ich sage: weine, weine, denn Du bist auch nur ein Mensch.«

»Welch schmerzenreiches Leben hat sie gelebt, Emanuel!« fuhr Carl V. fort. »Im Jahre 1496 vermählte sie sich mit meinem Vater, Philipp dem Schönen; sie liebte ihn über Alles. Im Jahre 1506 starb er, vergiftet durch ein Glas Wasser, das er beim Ballspiel trank, und sie wurde geisteskrank vor Schmerz. Seit fünfzig Jahren wartete sie auf das Wiederauferstehen ihres Gatten, das ihr ein Mönch zu ihrem Troste versprochen hatte, und seit fünfzig Jahren hatte sie Tordesillas nicht verlassen, außer als sie, 1517, mir nach Villaviciosa entgegenkam und mir selbst die spanische Krone aufsetzte. Obwohl sie geisteskrank war aus Liebe zu ihrem Gatten, fand sie doch den Verstand wieder, wenn sie sich mit mir, ihrem Sohne, beschäftigte. Die arme Mutter! Meine Achtung gegen sie wird aber meine ganze Regierung bezeugen. Seit vierzig Jahren ist in Spanien nichts Wichtiges geschehen, ohne daß man ihren Rath gehört hat; freilich konnte sie ihn nicht immer geben, aber es war meine Pflicht, sie darum anzugehen. Weißt Du, daß sie, obgleich Spanierin, nach Flandern kam, um da von mir entbunden zu werden, damit ich einst an der Stelle Maximilians Kaiser werden könne? Weißt Du, daß sie trotz ihrer Mutterliebe es aufgab, mich selbst zu nähren, damit man mir nicht nachsage, ich sey zu sehr Spanier, weil ich ihre Milch getrunken! Und in der That waren die beiden Hauptgründe, denen ich die Kaiserkrone verdankte, die, daß ich von Anna Sterel gestillt worden und Bürger von Gent war. Siehst Du, schon vor meiner Geburt hatte meine Mutter für alles das gesorgt. Was kann ich für sie nach ihrem Tode thun? Ein prächtiges Begräbniß ihr geben, und das soll sie haben. Ach, Kaiser von Deutschland, König von Spanien, Neapel, Sicilien und den beiden Indien zu seyn, ein Reich zu besitzen, in welchem die Sonne nie untergeht, wie meine Schmeichler sagen, und der verstorbenen Mutter doch nichts gewähren zu können als ein pomphaftes Leichenbegräbniß! Emanuel, die Macht auch des mächtigsten Menschen ist doch sehr beschränkt!«

In diesem Augenblicke öffnete sich die Zeltthür vom neuem und in der Oeffnung erblickte man einen staubbedeckten Offizier, welcher ebenfalls eilige Nachrichten zu bringen schien.

Der Ausdruck des Gesichtes des Kaisers war so schmerzlich, daß der Diener, welcher der Dringlichkeit der Nachrichten wegen es über sich genommen hatte, gegen die erhaltenen Befehle zu handeln und zu dem Kaiser einzutreten, verwundert und bestürzt stehen blieb.

Aber Carl V. hatte den staubbedeckten Offizier gesehen.

»Tretet ein,« redete er ihn deutsch an, »was gibt es?«

»Kaiserliche Majestät,« sagte der Offizier nach einer Verbeugung, »der König Heinrich II. ist mit drei Heerhaufen ins Feld gerückt; der erste steht unter ihm selbst und dem Connétable Montmorency, der zweite unter dem Marschall St. André und der dritte unter dem Herzog von Nevers.«

»Nun und…?« fragte der Kaiser.

»Der König von Frankreich hat Marienburg belagert und genommen und rückt jetzt gegen Bouvines.«

»Wann hat er Marienburg belagert?« fragte Carl V.

»Am 13. April, Sire.«

Carl V. wendete sich an Emanuel Philibert und fragte diesen französisch:

»Was sagst Du zu diesem Tage?«

»Es ist in der That seltsam,« antwortete dieser.

»Schon gut,« sagte der Kaiser zu dem Boten, »geht.«

Zudem Diener aber setzte er hinzu: »Man sorge für den Capitän, als wenn er dem Kaiser eine gute Nachricht überbracht hätte.«

Diesmal wartete Emanuel Philibert nicht bis der Kaiser ihn fragte. Ehe noch der Thürvorhang niedergefallen war, nahm er das Wort und sagte:

»Wenn wir auch, kaiserliche Majestät, gegen die Wahl Pauls IV. und gegen den Tod Eurer vielgeliebten Mutter nichts thun können, so vermögen wir doch gegen die Einnahme von Marienburg etwas zu unternehmen.«

»Was vermögen wir?«

»Es wieder zu nehmen.«

»Ja Du kannst es, Emanuel, ich nicht.«

»Ihr nicht?« fragte der Fürst von Piemont.

Carl V. erhob sich von dem Diwan, stand auf, versuchte zu gehen und that hinkend einige Schritte.

Er schüttelte den Kopf, wendete sich wieder zu seinem Neffen und sagte:

»Da siehe meine Beine; sie halten mich nicht mehr, ich mag gehen oder reiten wollen; siehe meine Hände, sie vermögen nicht mehr ein Schwert zu halten. Das ist ein Fingerzeig, Emanuel. Wer das Schwert nicht mehr halten kann, vermag auch das Scepter nicht mehr zu führen.«

»Was sagt Ihr, Sire?«

»Etwas, worüber ich schon lange nachgedacht habe und worüber ich noch viel denken werde. Emanuel, Alles deutet darauf hin, daß es Zeit sey, meinen Platz einem Andern zu überlassen. Der Ueberfall von Innsbruck, von wo ich halbbekleidet entfliehen mußte; der Rückzug von Metz, wo ich den dritten Theil meines Heeres und die Hälfte meines Rufes ließ und mehr als alles das, siehst Du, das Leiden, dem die menschlichen Kräfte nicht lange widerstehen werden, das Leiden, welches kein Arzt heilen kann, das schreckliche, unerbittliche, grausame Leiden, das meinen Körper von dem Scheitel bis zur Fußsohle durchzieht und keinen Theil gesund läßt, das mir die Nerven in unerträglichen Schmerzen zusammenzieht, durch die Knochen dringt, das Mark erkältet und in feste Kreide das wohlthätige Oel verwandelt, welches die Natur in unsere Gelenke gebracht hat, damit sie sich leichter bewegen, – das Leiden, welches den Menschen Glied nach Glied schmerzlicher und sicherer verstümmelt, als es das Eisen thut oder das Feuer, das die Heiterkeit die Kraft und die Freiheit des Geistes unter den Qualen zerstört, das Leiden ruft fortwährend: Genug der Gewalt, genug der Regierung, genug der Macht! Kehre in das Nichts des Lebens zurück, bevor Du in das Nichts des Grabes sinkest! Carl, von Gottes Gnaden römischer Kaiser, Carl, König von Deutschland, Castilien, Leon, Granada, Aragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, Sardinien, den Inseln von Indien, Beherrscher des Meeres, überlasse Alles einem Andern!«

Emanuel wollte sprechen, der Kaiser aber winkte.

»Und dann,« fuhr er fort, »habe ich noch etwas Dir zu sagen vergessen. Als ob die Auflösung dieses armen Körpers den Wünschen meiner Feinde zu langsam erfolge, als ob ich an den Niederlagen, Ketzereien und der Gicht nicht schon genug hätte, mischt sich auch noch der Dolch ein.«

»Der Dolch?« wiederholte Emanuel.

Das Gesicht Carls V. verdüsterte sich.

»Man hat heute den Versuch gemacht mich zu ermorden,« sagte er.

»Man wollte Ew. Majestät ermorden?« fragte Emanuel erstaunt.

»Warum nicht?« antwortete Carl V. mit finsterem Lächeln. »Hast Du nicht selbst eben mich daran erinnert, daß ich ein Mensch sey?«

»Ah,« fragte Emanuel, der sich von dem Entsetzen über diese Nachricht noch nicht erholt hatte, »und wer ist der Elende?«

»Ja, wer ist der Elende?« wiederholte der Kaiser. »Ich habe den Dolch, aber nicht die Hand.«

»Der Mann, den ich draußen gefesselt sah…?« fragte Emanuel.

»Er ist der Elende, Emanuel, wie Du ihn nennst. Wer aber hat ihn gesandt? Ist er ein Türke? Ich glaube es nicht; Soliman ist ein ehrlicher Gegner. Heinrich II.? Ich habe ihn nicht in Verdacht. Paul IV. Er ist noch nicht lange genug erwählt. Octavio Farnese? Er wird sich nicht an mich wagen, den Kaiseradler, den Moritz nicht zu fangen wagte, weil er, wie er sagte, keinen Käfig groß genug habe ihn einzusperren. Sandten ihn die Lutheraner von Augsburg, oder die Calvinisten von Genf? Ich vermag es nicht zu errathen und doch möchte ich es wissen. Emanuel, der Mann weigerte sich auf meine Fragen zu antworten; nimm ihn mit in dein Zelt, verhöre Du ihn und mache mit ihm was Dir gefällt, ich überlasse ihn Dir. Aber sprechen muß er, verstehst Du? Je mächtiger und näher der Feind mir ist, umso wichtiger ist es, ihn zu kennen.«

Nach einer kurzen Pause richtete er seinen Blick auf Emanuel Philibert, welcher nachdenklich zur Erde blickte.

»Und,« sagte er, »dein Vetter Philipp II. ist in Brüssel angekommen.«

Der Uebergang war so plötzlich, daß Emanuel erschrak. Er blickte auf und sein Blick begegnete dem des Kaisers.

Diesmal schauderte er.

»Nun?« fragte er.

»Nun,« entgegnete Carl V., »ich werde mich freuen, meinen Sohn wieder zu sehen. Könnte man nicht sagen, er errathe, daß der Augenblick günstig und die Stunde gekommen sey, mir zu folgen? Aber ehe ich ihn wiedersehe, Emanuel, empfehle ich Dir meinen Mörder.«

»Nach einer Stunde,« antwortete Emanuel, »wird Ew. Majestät alles wissen, was Ihr zu wissen wünscht.«

Emanuel Philibert verbeugte sich vor dem Kaiser, der ihm die Hand reichte und entfernte sich mit der Ueberzeugung, daß das, wovon Carl V. nur flüchtig zuletzt gesprochen hatte, von allen Ereignissen des Tages das wichtigste sey.

XI.
Odoardo Maraviglia

Im Fortgehen warf Emanuel Philibert noch einen Blick auf den Gefangenen und dieser Blick bestärkte ihn in seinem ersten Gedanken, nemlich, daß er einen Adeligen vor sich habe.

Er winkte einen der vier wachhaltenden Soldaten zu sich.

»Freund,« sagte er, »auf Befehl des Kaisers wirst Du nach fünf Minuten den Gefangenen in mein Zelt bringen.«

Emanuel hätte nicht nöthig gehabt den Namen des Kaisers anzurufen; man wußte, daß dieser alle Macht auf ihn übertragen hatte, und die Soldaten, die ihn liebten, gehorchten ihm, wie sie dem Kaiser selbst gehorcht haben würden.

»Euer Befehl wird vollzogen werden,« antwortete der Mann.

Der Herzog setzte seinen Weg fort nach seinem Zelte.

Dies war nicht wie das des Kaisers prächtig und in vier Gemächer abgetheilt, sondern ein Soldatenzelt, durch Leinwand in zwei Hälften geschieden.

Scianca-Ferro saß vor dem Eingange.

»Bleibe wo Du bist,« sagte Emanuel zu ihm, »aber nimm irgend eine Waffe zur Hand.«

»Warum?« fragte Scianca-Ferro.

»Man wird einen Menschen hierher bringen, welcher den Kaiser zu ermorden versuchte. Ich gedenke ihn unter vier Augen zu verhören; sieh ihn an, wenn er eintritt und wenn er das Wort bricht, das er mir vielleicht gibt, und zu entfliehen versucht, so halte ihn fest, aber lebendig, hörst Du? Es ist von Wichtigkeit, daß er am Leben bleibe.«

»Dann brauche ich keine Waffen und meine Arme genügen.«

»Wie Du willst. Du kennst die Sache.«

» Sey unbesorgt,« antwortete Scianca-Ferro.

Er nannte den Milchbruder noch immer Du oder dieser hatte vielmehr in Erinnerung an die Jugendzeit verlangt, daß ihn Scianca-Ferro Du nenne wie sonst.

Der Fürst trat in sein Zelt und fand da Leone oder vielmehr Leona, die auf ihn wartete.

Da er allein eintrat und die Zeltthür hinter ihm zurücksank, kam Leona ihm mit offenen Armen entgegen.

»Da bist Du endlich! Ach, welchen schrecklichen Anblick hatten wir! Du hattest wohl Recht als Du sagtest, man hätte mich nach meiner Angst und meiner Blässe für ein Mädchen halten können.«

»Leona, solche Auftritte kommen in dem Leben eines Soldaten oft vor, und Du solltest nun daran gewöhnt seyn. Siehe Scianca-Ferro an,« setzte er lächelnd hinzu, »und nimm Dir an ihm ein Beispiel.«

»Wie Du das sagst, und lächelnd, Emanuel! Scianca-Ferro ist ein Mann und liebt Dich wie ein Mann einen anderen lieben kann, ich weiß es wohl; ich aber Emanuel, ich liebe Dich, wie ich es nicht sagen kann, wie etwas, ohne was man nicht leben kann, wie die Blume den Thau, wie der Vogel den Wald, wie die Morgenröthe die Sonne. Mit Dir bin ich, lebe ich, liebe ich; ohne Dich bin ich nicht mehr.«

»Du Liebe,« antwortete Emanuel, »ja, ich weiß es, Du bist die Anmuth, die Hingebung und die Liebe; ich weiß, daß Du neben mir gehest, aber eigentlich in mir lebst, und deshalb habe ich vor Dir keine Geheimnisse.«

»Warum sagst Du das?«

»Weil man einen Mann hierher bringen wird, weil dieser Mann ein großer Verbrecher ist, den ich verhören will und weil er vielleicht wichtige Angaben macht, die möglicherweise hochgestellte Personen compromittiren. Gehe nebenan und höre zu, wenn Du willst; ich weiß doch, daß ich das, was ich gehört, allein gehört habe.«

Leona zuckte leicht die Achseln.

» Was ist mir außer Dir die ganze Welt?« sagte sie.

Das Mädchen warf dem Geliebten einen Kuß zu und verschwand hinter dem Vorhange.

Es war die höchste Zeit. Die fünf Minuten waren vergangen und der Feldwebel brachte mit militärischer Pünktlichkeit den Gefangenen.

Emanuel empfing ihn sitzend, halb im Dunkel von wo aus er zum dritten Male den Mann mustern konnte.

Er war dreißig bis fünfunddreißig Jahre alt, groß von Gestalt und von so vornehmen Gesicht, daß selbst seine Verkleidung Emanuel Philibert nicht gehindert hatte, einen Edelmann in ihm zu erkennen.

»Lasset den Herrn allein mit mir,« sagte der Fürst zu den Soldaten.

Der Feldwebel gehorchte und ging mit seinen drei Mann hinaus.

Der Gefangene sah Emanuel Philibert mit seinen lebhaften, scharfen Augen an.

Dieser stand auf und ging auf ihn zu.

»Die Leute wußten nicht, mit wem sie es zu thun hatten,« sagte er, »und haben Euch gebunden; Ihr werdet mir euer Ehrenwort als Edelmann geben, keinen Fluchtversuch zu machen, dann löse ich Euch die Hände.«

»Ich bin ein Bauer und kein Edelmann,« sagte der Mörder, »ich kann Euch also auch nicht mein Ehrenwort als Edelmann geben.«

»Wenn Ihr ein Bauer seyd, so verpflichtet Euch ein solcher Schwur nicht; gebt ihn also immerhin, da er das einzige Pfand ist, das ich von Euch verlange.»

Der Gefangene antwortete nicht.

»So werde ich Euch die Hände frei machen ohne Ehrenwort; ich fürchte mich nicht einem Manne gegenüber zu stehen, wenn dieser Mann auch kein Ehrenwort zu geben, keine Ehre zu verpfänden hat.«

Der Fürst begann die Hände des Unbekannten loszubinden.

Dieser trat einen Schritt zurück.

»Wartet,« sagte er, »ich gebe Euch mein Ehrenwort als Edelmann, daß ich nicht versuchen werde zu entfliehen.«

»Seht Ihr,« entgegnete Emanuel Philibert lächelnd. »Ja, man versteht sich auf Hunde, Pferde und Menschen.«

Er machte dem Gefangenen die Hände vollends los.

»So. Jetzt seyd Ihr frei,« sagte er, »nun lasset uns miteinander reden.«

Der Gefangene betrachtete kaltblütig seine Hände und ließ sie dann sinken.

»Reden?« wiederholte er ironisch, »von was?«

»Nun,« antwortete Emanuel Philibert, »von dem was Euch veranlaßte, das Verbrechen zu begehen.«

»Ich habe bisher nichts gesagt, habe also nichts zu sagen.«

»Ihr sagtet dem Kaiser nichts, den Ihr zu ermorden versuchtet, das begreift sich; Ihr wolltet den Soldaten nichts sagen, die Euch festnahmen, auch das begreift sich. Mir aber, dem Edelmanne, der Euch nicht als gemeinen Mörder, sondern als Edelmann behandelt, werdet Ihr alles sagen.«

»Wozu?«

»Wozu? das will ich Euch sagen. Damit ich Euch nicht für einen Mann halte, welcher von einem Feigen bezahlt wurde und sich eures Armes bediente, weil er den seinigen nicht zu gebrauchen wagte. Wozu? Damit Ihr nicht als Strauchdieb und Wegelagerer gehangen, sondern als ein Edelmann enthauptet werdet.«

»Man hat mir mit der Folter gedroht, um mich zum Reden zu bringen,« sagte der Gefangene, »man bringe mich dahin.«

»Die Folter würde eine unnöthige Grausamkeit seyn; Ihr würdet sie ertragen und nicht sprechen; Ihr würdet verstümmelt, aber nicht besiegt werden; Ihr würdet euer Geheimniß bewahren und die Schande euern Peinigern lassen. Nein, das will ich nicht, ich will Vertrauen und Wahrheit; Ihr sollet mir, dem Edelmanne, dem General und Fürsten, sagen, was Ihr einem Priester sagen würdet, und wenn Ihr mich für unwürdig haltet, Euch anzuhören, so seyd Ihr unwürdig, mit mir zu sprechen, so seyd ihr einer der Elenden, unter die ich Euch nicht rechnen wollte, so habt Ihr unter dem Einflusse einer niedrigen Leidenschaft gehandelt, die Ihr nicht eingestanden so…«

Der Gefangene richtete sich auf und unterbrach den Fürsten mit den Worten:

»Ich heiße Odoardo Maraviglia; erinnert Euch und hört auf mich zu beleidigen.«

Bei dem Namen Odoardo Maraviglia glaubte Emanuel einen nicht völlig erstickten Aufschrei in dem andern Theile des Zeltes zu vernehmen, gewiß aber bewegte sich die Zeltwand.

Auch in Emanuel hatte dieser Name Erinnerungen aufgerufen.

Dieser Name hatte dem Kriege, welcher ihm seine Staaten gekostet, als Vorwand gedient.

»Odoardo Maraviglia,« sagte er, »wäret Ihr der Sohn des französischen Gesandten in Mailand, Franceseo Maraviglia?«

»Ich bin dessen Sohn.«

Emanuel blickte in die Ferne seiner Jugend zurück; er fand da jenen Namen, aber derselbe klärte die jetzige Lage nicht auf.

»Euer Name,« sagte Emanuel, »ist allerdings der eines Edelmannes, aber er erinnert mich an nichts, das mit dem Verbrechen in Verbindung stünde, dessen Ihr beschuldigt seyd.«

Odoardo lächelte verächtlich.

»Fragt den Kaiser,« sagte er, »ob er in seinen Erinnerungen so wenig findet als Ihr.«

»Zur Zeit,« entgegnete Emanuel, »als der Graf Francesco Maraviglia verschwand, war ich noch ein Kind, ich war kaum acht Jahre alt; es ist also kein Wunder, daß ich über das Verschwinden nicht genau unterrichtet bin, das, wie ich glaube, für Jedermann ein Geheimniß geblieben ist.«

»Dieses Geheimniß will ich Euch aufklären… Ihr wisset, welch erbärmlicher Fürst der letzte Sforza war, der unaufhörlich zwischen Franz I. und Carl V. hin und her schwankte, nachdem der Sieg den Einen oder den Andern begünstigte. Mein Vater, Francesco Maraviglia, wurde von dem Könige Franz l. zu ihm gesandt. Es war im Jahre 1534. Der Kaiser war in Afrika beschäftigt; der Churfürst von Sachsen hatte Friede mit dem Könige von Rom geschlossen; Clemens VII. hatte Heinrich VIII. von England in den Bann gethan, und alles wendete sich also in Italien zum Nachtheile des Kaisers, Sforza wandte sich wie alle, verließ Carl V., dem er noch vierhunderttausend Ducaten zu zahlen hatte, und überließ sich ganz dem außerordentlichen Gesandten des Königs Franz I.. Das war ein großer Triumph; Francesco Maraviglia beging die Unvorsichtigkeit, sich dessen zu rühmen; die Worte, die er gebraucht hatte, drangen über das Meer und gelangten zu Carl V. vor Tunis. Das Glück ist wankelmüthig, zwei Monate darauf starb Clemens VII., welcher die Stütze der Franzosen in Italien war; Tunis fiel in die Hände Carls V. und der Kaiser gelangte mit seinem siegreichen Heere nach Italien. Ein Opfer zur Sühne mußte fallen und das Schicksal bezeichnete als solches Francesco Maraviglia. In Folge eines Streites mit gemeinen Leuten wurden zwei Mailänder von den Dienern des Grafen Maraviglia getödtet. Der Herzog wartete nur auf einen Vorwand, um sein Wort zu lösen, das er dem Kaiser gegeben hatte. Der Mann, welcher in Mailand seit einem Jahre mehr galt als der Herzog selbst, wurde wie ein gemeiner Uebelthäter verhaftet und in die Citadelle gebracht. Meine Mutter war da und sie hatte meine Schwester bei sich, ein Kind von vier Jahren; ich war in Paris im Louvre unter den Pagen des Königs Franz I. Man riß den Grafen aus den Armen meiner Mutter und schleppte ihn fort, ohne der armen Frau zu sagen, was man mit ihrem Gatten vornehmen wolle oder wohin man ihn führe. Es vergingen acht Tage, in welchen die Gräfin trotz allen ihren Bemühungen nichts von dem Schicksale ihres Gatten erfahren konnte. Maraviglia war unermeßlich reich, wußte man, seine Frau konnte seine Freiheit mit großen Summen erkaufen. In einer Nacht klopfte ein Mann an die Thür des Palastes meiner Mutter man öffnete ihm und er verlangte, ohne Zeugen mit der Gräfin zu sprechen. Unter den Umständen, in welchen sie sich befand, war alles wichtig. Meine Mutter hatte durch ihre Freunde, die Franzosen, in der Stadt bekannt machen lassen, sie werde dem fünfhundert Ducaten zahlen, welcher ihr mit Bestimmtheit sage, wo ihr Gatte sey. Wahrscheinlich kam also der Mann, der ohne Zeugen mit ihr sprechen wollte, um ihr Nachricht von dem Grafen zu geben, und wollte vor Verrath sicher seyn. Sie irrte sich auch nicht. Der Mann war einer der Gefängnißwärter der Citadelle von Mailand, und er sagte ihr nicht nur, wo mein Vater war, sondern brachte ihr sogar einen Brief von ihm. Als meine Mutter die Handschrift erkannte, zahlte sie dem Manne die fünfhundert Dukaten aus. Der Brief meines Vaters meldete seine Verhaftung, äußerte aber keine besonderen Besorgnisse. Meine Mutter antwortete, mein Vater möge über sie verfügen, ihr Leben und Vermögen stünden bereit. Es vergingen wieder fünf Tage. Da klopfte in der Nacht derselbe Mann; man öffnete ihm und er wurde sogleich zu meiner Mutter, geführt. Die Lage des Gefangenen hatte sich verschlimmert: er war in ein anderes Gefängniß gebracht worden; sein Leben stand in Gefahr, wie der Mann sagte. Wollte er der Gräfin eine hohe Summe ablocken oder sagte er die Wahrheit? Nur Eines von Beiden konnte wahr seyn. Die Furcht siegte in dem Herzen meiner Mutter und der Mann sprach so ehrlich. Sie gab ihm noch einmal die Summe wie das erste Mal und sagte ihm, er möge darüber nachdenken, wie der Graf entfliehen könne. Der Fluchtplan wurde entworfen, der Mann erhielt fünftausend Ducaten baar und sobald der Graf frei sey, sollte er noch zwanzigtausend erhalten. Der Mann versprach über Alles reiflich nachzudenken. Die Gräfin erkundigte sich selbst wie die Sache stünde; sie hatte Freunde in der Umgebung des Herzogs und so erfuhr sie, daß die Umstände noch schlimmer wären, als der Kerkermeister gesagt hatte. Es sollte dem Grafen der Prozeß als Spion gemacht werden. So wartete sie denn ungeduldig auf den Besuch des Mannes aus dem Gefängnisse; sie kannte dessen Namen nicht einmal und würde sie nicht den Mann und sich selbst ins Unglück gestürzt haben, wenn sie seinen Namen gekannt und ihn zu sich beschieden hätte? Etwas beruhigte sie einigermaßen, der Prozeß nemlich, von dem die Rede war. Wessen konnte man meinen Vater anklagend. Des Todes der beiden Mailänder? Das war eine Sache zwischen den Dienern und den Bauern, mit welcher ein Edelmann, ein Gesandter nichts zu schaffen hatte. Einige Stimmen sagten freilich leise, es würde gar nicht zu einem Prozesse kommen und das waren gewiß die beunruhigendsten, denn sie gaben zugleich zu verstehen, daß der Graf trotzdem verurtheilt werden würde. In einer Nacht endlich hörte meine Mutter an die Thür pochen; sie kannte bereits die Art wie der nächtliche Besucher klopfte, und sie erwartete ihn an der Schwelle ihres Schlafzimmers. Er redete sie noch geheimnißvoller als gewöhnlich an; er hatte, wie er sagte, ein Mittel zur Flucht gefunden und schlug es der Gräfin vor. Das Mittel bestand in Folgendem: der Kerker des Gefangenen wurde von der Wohnung des Schließers durch einen andern Kerker getrennt, welcher auf eine eiserne Thür stieß. Der Schließer hatte den Schlüssel zu diesem zweiten Kerker wie zu dem ersten. Er schlug also vor, die Mauer seiner Stube hinter dem Bette zu durchbrechen und zwar an einer Stelle, welche allen Blicken verborgen bleiben könnte. Aus dieser Oeffnung gelange man in den leeren Kerker und aus diesem zu den des Grafen. Nachdem dem Grafen die Ketten abgenommen worden, gehe er aus seinem Kerker in den leeren und aus diesem in die Stube des Schließers. Hier würde er eine Strickleiter finden und auf derselben in den Graben, an der dunkelsten und einsamsten Stelle hinuntersteigen; hundert Schritte von der Mauer erwarte den Grafen ein Wagen und bringe ihn so rasch als möglich aus den Staaten des Herzogs. Der Plan war gut: die Gräfin nahm ihn an, nur fürchtete sie, daß man sich in Bezug auf den Grafen täusche, daß man ihr sage, er sey gerettet und doch in der Gefangenschaft bleibe; sie verlangte deshalb bei der Flucht zugegen seyn zu dürfen. Der Schließer hielt ihr entgegen wie schwierig es sey, sie in die Feste hineinzubringen, aber die Gräfin hob diese Schwierigkeit mit einem Worte. Sie hatte für sich und ihre Tochter die Erlaubniß erlangt, ihren Mann zu besuchen und von derselben noch keinen Gebrauch gemacht. An dem für die Flucht bestimmten Tage also wollte sie gegen Abend in die Feste gehen und den Grafen sehen, dann aber nicht die Feste verlassen, sondern in die Stube des Schließers gehen, hier auf den Augenblick der Flucht warten und dem Schließer, der mit dem Grafen fliehen sollte, den Rest der verabredeten Summe übergeben. Der Wagen, welcher warten sollte, sollte hunderttausend Ducaten enthalten. Der Schließer meinte es mit seinen Anerbietungen ehrlich. Die Flucht sollte in der zweitnächsten Nacht stattfinden. Ehe der Schließer die Gräfin verließ, erhielt er fünftausend Ducaten und bezeichnete die Stelle, wo der Wagen halten sollte. Die Ueberwachung des Wagens übertrug die Gräfin einem Diener, einem Manne von erprobter Treue. Aber verzeiht,« unterbrach sich der Erzählende, »ich vergesse, daß ich mit einem Fremden spreche, und daß diese Einzelheiten für ihn gleichgültig sind.«

»Darin irrt Ihr Euch,« entgegnete Emanuel, »ich wünsche vielmehr, daß Ihr mir Alles so ausführlich erzählt, als es Euch euer Gedächtniß erlaubt.«

Odoardo fuhr fort:

»Die beiden Tage vergingen in der ängstlichen Aufregung, welche der Ausführung eines wichtigen Unternehmens immer vorausgeht; nur etwas beruhigte die Gräfin: das Interesse, welches der Schließer selbst bei dem Gelingen der Flucht hatte. Hundert Jahre Treue gaben dem Manne nicht, was ihm eine Viertelstunde Verrath einbrachte. Zehnmal fragte sich die Gräfin, warum sie so langer gezögert und die Flucht erst auf achtundvierzig Stunden bestimmt habe. Es war ihr als vergingen die letzten vierundzwanzig Stunden nie, als führten sie in ihrem Verlaufe irgend eine Katastrophe herbei, nach welcher der Plan scheitere… Die Zeit verging indessen in dem Laufe, der ihr zugemessen ist, und endlich kam die Stunde, in welcher die Gräfin sich in das Gefängniß begeben sollte. Im Beiseyn der Gräfin wurden alle für die Flucht des Grafen erforderlichen Gegenstände in den Wagen gebracht, so daß derselbe nirgends anzuhalten brauche. Zwei Pferde waren bereits über Pavia gebracht worden, so daß man dreißig Stunden ohne Aufenthalt zurücklegen konnte. Um elf Uhr sollte der Wagen angespannt werden, um zwölf Uhr an der bezeichneten Stelle halten. Nachdem der Flüchtige der Gefahr entgangen, sollte er der Gräfin Anzeige machen, und sie wollte zu ihm kommen. Die Stunde schlug. Die Gräfin nahm ihre kleine Tochter an der Hand und ging nach dem Gefängnisse; unterwegs überfiel sie Angst, sie dachte nemlich erst jetzt daran, ob die Erlaubniß ihren Mann zu besuchen, noch gültig seyn werde, da sie bereits vor acht Tagen ausgestellt worden. Aber man ließ sie, ohne Schwierigkeit zu dem Gefangenen.

»Man hatte ihr nicht zu viel gesagt und nach der Art, wie man einen Mann von seinem Range behandeln, ließ sich nicht zweifeln, welches Schicksal ihn erwarte. Der Gesandte des Königs von Frankreich hatte eine Kette am Fuße wie ein gemeiner Verbrecher. Das Wiedersehen würde ein sehr schmerzliches gewesen seyn, wenn nicht die Flucht so nahe bevorgestanden. In dieser Unterredung wurde alles festgesetzt, was er wußte, was er zu erwarten hatte, denn der Kaiser hatte ganz bestimmt seinen Tod verlangt.«

Emanuel Philibert machte eine Bewegung.

»Wißt Ihr gewiß, was Ihr da sagt?« fragte er streng, »es ist das eine schwere Anklage, die Ihr gegen einen so großen Fürsten, wie der Kaiser Carl V. ist, richtet.«

»Befehlt Ihr, daß ich aufhöre oder weiter fortfahre?«

»Fahrt fort; aber warum antwortet Ihr nicht erst auf meine Frage?«

»Weil der Verlauf meiner Erzählung die Antwort überflüssig machen wird.«

»So erzählt weiter,« sagte Emanuel Philibert.

Zweiter Theil

I.
Was in der Nacht vom 14. zum 15. November 1534 in einem Kerker der Feste von Mailand vorging

Einige Minuten vor neun Uhr,« fuhr Odoardo fort, »zeigte der Schließer der Gräfin an, daß es Zeit sey, sich zu entfernen; die Wachen würden abgelöst werden, und es sey gut, daß die Wache, welche sie hereinkommen sah, auch wieder sie fortgehen sehe. Die Trennung war eine schmerzliche und doch sollte man einander nach drei Stunden wiedersehen und bald auf immer mit einander vereinigt seyn. Das Kind weinte heftig und wollte den Vater nicht loslassen, Die Gräfin brachte es fast mit Gewalt fort; man ging wiederum vor der Schildwache und dem Schließer vorbei und gelangte in das tiefste Dunkel des Hofes. Von da kamen sie wirklich glücklich in die Wohnung des Schließers, ohne gesehen worden zu seyn. Hier schloß man die Gräfin und deren Kind in eine Kammer ein und empfahl ihnen, kein Wort zu sprechen und sich nicht zu rühren. Es konnte jeden Augenblick ein Aufseher eintreten; die Gräfin und das Kind verhielten sich stumm und unbeweglich. Die drei Stunden, welche sie noch von Mitternacht trennten, erschienen der Gräfin so lang, wie die achtundvierzig Stunden, welche vergangen waren; endlich öffnete der Schließer die Thür wieder.

»Kommt,« sagte er kaum hörbar leise.

Die Mutter hatte das Kind nicht lassen mögen, damit der Vater bei der Flucht ihm einen letzten Kuß geben könne; es gibt ja auch Augenblicke, in denen man sich um ein Reich nicht von dein trennen würde, was man liebt.

Wußte die arme Mutter was geschehen sollte, die arme Mutter, welche das Leben ihres Mannes den Henkern zu entreißen suchte? Konnte sie nicht auch gezwungen werden, zu fliehen, entweder mit dem Grafen oder nach einer andern Seite hin? Und wenn sie fliehen mußte, konnte sie ihr Kind zurücklassen? Der Schließer zog das Bett zurück; es befand sich dahinter ein Loch in der Wand, groß genug selbst für einen starken Mann. Hinter dem Schließer gingen Mutter und Kind in den Kerker und als sie hindurch waren, schob die Frau des Schließers das Bett wieder vor, in welchem ein Knabe von vier Jahren schlief. Der Schließer hatte, wie gesagt, den Schlüssel zu diesem ersten Kerker; er öffnete die Thür, deren Angeln er vorher sorgsam eingeölt hatte und man befand sich in dem Kerker des Grafen. Dieser hatte, eine Stunde vorher eine Feile erhalten, damit seine Kette durchzufeilen; da er aber ungeübt in dieser Arbeit war und übrigens gefürchtet hatte von der Schildwache gehört zu werden, die auf dem Gange draußen hin und her ging, so war er kaum zur Hälfte fertig. Der Schließer nahm nun seinerseits die Feile und fing an die Kette durchzufeilen. Plötzlich sah er empor, blieb auf einem Knie liegen, streckte die Hand nach der Thür hinaus und horchte. Der Graf wollte fragen.

»Still,« sagte der Schließer leise, »es geht etwas Ungewöhnliches vor.«

»Mein Gott!« jammerte die Gräfin.

»Still,« wiederholte der Schließer.

»Alle schwiegen; sie wagten kaum zu athmen; die vier Personen glichen einer Gruppe von Bronze, welche alle Grade der Angst vorstellte. Man hörte ein langsames gedehntes Geräusch, das näher kam, die Tritte mehrerer Personen, und an dem gemessenen Tritt erkannte man, daß Soldaten sich darunter befanden.

»Kommt,« sagte der Schließer, indem er die Gräfin und das Kind umfaßte und sie mit sich fortzog. »Kommt; es ist ohne Zweifel eine nächtliche Visitation; in jedem Falle dürft Ihr nicht gesehen werden. Sind die Leute wieder fort, angenommen, sie gehen in den Kerker des Grafen, so kehren wir zu ihm zurück.«

»Die Gräfin und das Kind leisteten keinen Widerstand; der Gefangene selbst trieb sie hinweg; sie gingen durch die Thür, die sich hinter ihnen schloß, die Thür des zweiten Kerkers. In diesem Kerker befand sich eine vergitterte Oeffnung, die in den andern führte und durch die man hinein sehen konnte, ohne gesehen zu werden. Die Gräfin hielt ihre Tochter im Arme und blickte mit ihr durch jenes Gitter, um zu sehen, was vorgehen werde. Die Hoffnung, die man eine kurze Zeit gehegt hatte, die Ankommenden würden nicht zu dem Grafen sich begeben, schwand; sie blieben an der Thür seines Kerkers stehen und man hörte den Schlüssel in dem Schlosse sich drehen. Bei dem Anblicke, der sich der Gräfin bot, war sie nahe daran einen Schrei auszustoßen; es war aber als errathe dies der Schließer.

»Kein Wort,« flüsterte er, »keinen Laut, keine Geberde, was auch geschehen mag, oder…«

Er besann sich, welche schreckliche Drohung er wohl aussprechen könnte, um der Gräfin Schweigen aufzulegen; so zog er endlich einen Dolch von der Brust und sagte: »Oder ich erdolche euer Kind!

»Unglücklicher!« stammelte die Gräfin.

»Hier geht es um eines Jeden Leben und mein Leben ist mir so lieb als Euch das eurige.«

Die Gräfin legte der Tochter die Hand auf den Mund, damit diese schweige. Sie selbst, das wußte sie, ließ keinen Laut über ihre Lippen, nachdem sie die Drohung vernommen hatte. Sie sah nun Folgendes: Zuerst zwei schwarz gekleidete Männer, deren jeder eine Fackel trug; hinter ihnen ein dritter mit einem Pergament, an dem unten ein großes rothes Siegel hing; hinter diesem Manne ein Anderer mit einer Maske, in einem großen braunen Mantel und hinter ihm ein Priester. Sie traten nacheinander in den Kerker, ohne daß die Gräfin ihre Angst durch ein Wort, einen Laut oder eine Geberde verrieth, obwohl sie hinter den Eintretenden draußen eine noch schauerlichere Gruppe bemerkte. Der Thür gegenüber stand ein halb schwarz halb roth gekleideter Mann, welcher beide Hände auf den Griff eines langen, breiten, geraden Schwertes stützte; hinter ihm sah man die sechs barmherzigen Brüder mit den schwarzen Capuzen, welche auf ihren Achseln einen Sarg trugen, und über Alles hinweg blitzten die Gewehre eines Dutzend Soldaten, die an der Wand aufgestellt waren. Die beiden Männer mit den Fackeln, der Mann mit dem Pergament, der Maskirte und der Geistliche traten, wie gesagt, in den Kerker ein, worauf die Thür geschlossen wurde, so daß der Henker, die barmherzigen Brüder und die Soldaten draußen blieben. Der Graf stand an der dicken Gefängnißwand, an der sein bleiches Gesicht abstach; sein Blick suchte hinter dem Gitter den Blick der angstvollen Augen zwar vergebens zu erkennen, aber er errieth, daß sie da waren. So unerwartet und stumm die Erscheinung war, welche sich in seinem Kerker einfand, ließ sie ihm doch keinen Zweifel über sein Schicksal. Wäre er auch so glücklich gewesen zu zweifeln, so würde der Zweifel nicht lange gedauert haben: die beiden Männer mit den Fackeln stellten sich rechts und links auf; der Maskirte und der Geistliche blieben an der Thür, der Mann mit dem Pergamente aber trat vor und fragte:

»Graf, glaubt Ihr mit eurem Gott gut zu stehen?«

»So gut wie ein Mensch mit ihm stehen kann, der sich nichts vorzuwerfen hat,« antwortete der Graf mit ruhiger Stimme.

»Um so besser.« entgegnete der Mann mit dem Pergamente, »denn Ihr seyd verurtheilt und ich habe den Auftrag Euch das Todesurtheil vorzulesen.«

»Von welchem Gerichtshofe ist es gesprochen?« fragte der Graf ironisch.

»Durch die alles vermögende Justiz des Herzogs.«

»Und auf welche Anklage?«

»Auf die des Kaisers Carl V. Majestät.«

»Ich bin bereit, das Urtheil anzuhören.«

»So kniet nieder, denn es ziemt sich, daß ein Mann in der Nähe des Todes sein Urtheil kniend anhöre.«

»Ja, wenn er schuldig ist, aber nicht wenn er unschuldig ist.«

»Graf, Ihr steht nicht außerhalb des Gesetzes, kniet also nieder, damit wir nicht genöthigt sind, Gewalt zu brauchen.«

»Versucht es,« sagte der Graf.

»Lasset ihn stehen,« fiel der Maskirte ein, »er möge sich nur bekreuzigen, um sich unter den Schutz des Herrn zu stellen.«

»Der Graf erbebte bei dem Klange dieser Stimme.«

»Herzog Sforza?« sagte er, indem er sich nach dem Maskirten umdrehte, »ich danke Dir.«

»Ach, wenn es der Herzog ist, könnte man vielleicht Gnade von ihm erlangen,« flüsterte die Gräfin.

»Still, wenn Euch das Leben eures Kindes lieb ist,« sagte der Schließer leise.

»Die Gräfin seufzte so stark, daß es der Graf hörte und erbebte. Er machte eine Bewegung der Hand, welche sagen sollte: Muth! dann sagte er laut, wie ihn der Maskirte aufgefordert hatte: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

»Amen!« fielen alle Anwesenden leise ein.

»Dann begann der Mann mit dem Pergamente das Urtheil zu lesen; es war im Namen des Herzogs Francesco Maria Sforza auf Ansuchen des Kaisers Carl V. erlassen und verurtheilte Francesco Maraviglia, den Gesandten des Königs von Frankreich, in der Nacht in seinem Kerker enthauptet zu werden als Verräther, Spion und Verbreiter von Staatsgeheimnissen. Ein tiefer Seufzer drang wiederum zu dem Ohre des Grafen, aber er war so leise, daß nur er ihn zu vernehmen und zu verstehen vermochte. Er wendete den Blick dahin, von wo der schmerzliche Seufzer kam und sagte ohne Unruhe und ohne Zorn:

»So ungerecht das Urtheil des Herzogs ist, so unterwerfe ich mich ihm doch; aber der Mann, der sein Leben nicht mehr vertheidigen kann, muß noch immer seine Ehre vertheidigen, und so appelliere ich von dem Spruche des Herzogs.«

»An wen?« fragte der Mann mit der Maske.

»An meinen König und Herrn, Franz I., zuerst, dann an die Zukunft und an Gott, an Gott, unter dem alle Menschen stehen, namentlich die Fürsten, die Könige und Kaiser.«

»Das ist allein das Tribunal, dem Du Dich empfiehlst?« fragte der Mann mit der Maske.

»Ja,« antwortete der Graf, »und ich berufe Dich, Herzog Francesco Maria Sforza, vor diesem Tribunale zu erscheinen.«

»Wann?« fragte der Maskirte.

»Zu derselben Zeit, welche Jacob von Molay, der Großmeister der Tempelritter, seinem Richter bestimmte, d.h. nach einem Jahre und einem Tage. Wir haben heute den 15. November 1534, also am 16. November 1535, verstehst Du, Herzog Francesco Maria Sforza?«

Er streckte dabei die Hand nach dem Maskierten aus, zum Zeichen der Berufung und der Drohung. Wäre der Herzog nicht maskiert gewesen, man hätte gewiß ihn erbleichen sehen können, denn er war es wirklich, der so mit der Maske dem Tode seines Opfers beiwohnen wollte. So triumphirte der Verurtheilte einen Augenblick vor dem Richter, der vor ihm zitterte.

»Schon gut,« antwortete der Herzog, »Du hast eine Viertelstunde Zeit, Dich mit dem frommen Manne da – er deutete auf den Geistlichen – vorzubereiten; sorge dafür, daß Du nach einer Viertelstunde bereit bist, denn es wird Dir keine Minute mehr gewährt.«

Dann wendete er sich an den Mann Gottes und sagte: »Herr Pater, thut eure Schuldigkeit.«

Er ging hinaus und nahm die beiden Fackelträger und den Mann mit dem Pergamente mit sich; aber er ließ die Thür weit offen, damit er wie die Soldaten in den Kerker hineinsehen und jede Bewegung des Gefangenen beobachten könnte, von dem er sich aus Ehrfurcht vor der Beichte entfernt hatte, damit er nichts hören könne. Nochmals drang ein Seufzer von dem Gitter her zu dem Ohr und dem Herzen des Verurtheilten. Die Gräfin hatte gehofft, daß die Thür sich schließen werde und wer weiß? der Mann Gottes hätte vielleicht durch Bitten und Thränen einer knienden Frau und eines knienden Kindes sich bewegen lassen den Kopf abzuwenden und den Grafen fliehen zu lassen.

Es war die letzte Hoffnung meiner armen Mutter und sie entging ihr.«

Emanuel Philibert erbebte; bisweilen vergaß er, daß ihm ein Sohn die letzten Augenblicke seines Vaters beschrieb, und es war ihm als lese er eine schreckliche Legende.

Ein Wort erinnerte ihn endlich an die Wirklichkeit und ließ ihn erkennen, daß die Erzählung nicht aus der Feder eines unbetheiligten Geschichtschreibers, sondern aus dem Munde eines Sohnes komme.

»Es war die letzte Hoffnung meiner Mutter und sie entging ihr,« sagte Odoardo nochmals, welcher seine Erzählung einen Augenblick unterbrochen hatte, »denn,« fuhr er fort, »an der andern Seite der offenen Thür blieben die Vorbereitungen zum Tode und die Zuschauer. Der Geistliche allein war bei dem Verurtheilten geblieben, wie ich sagte; der Graf kniete vor ihm nieder, ohne zu beachten, wer ihn gesandt hatte, und nun begann die Beichte, eine seltsame Beichte, bei welcher der, welcher sterben sollte, an sich selbst gar nicht zu denken schien und sich nur mit Andern beschäftigte, bei welcher die Worte, welche scheinbar an den Geistlichen gerichtet wurden, eigentlich der Frau und dem Kinde galten und zu Gott erst hinaufstiegen, nachdem sie durch das Herz einer Mutter und einer Tochter gegangen waren. Nur meine Schwester, wenn sie noch lebte, könnte die Thränen beschreiben, unter welchen sie vernommen wurden, denn ich selbst war nicht dabei, ich wußte nicht was dreihundert Stunden von mir vorging, ich spielte, ich lachte, ich sang vielleicht gerade in dem Augenblicke als mein Vater an der Pforte des Todes mit meiner weinenden Mutter und Schwester von mir, dem Abwesenden, sprach.«

Odoardo mußte, von dieser Erinnerung überwältigt, sich einen Augenblick unterbrechen, dann fuhr er mit einem unterdrückten Seufzer fort:

»Die Viertelstunde war bald vorüber. Der Maskirte folgte mit einer Uhr in der Hand dem Gange der Beichte auf dem Gesichte des Priesters und des Verurtheilten und als die Minuten abgelaufen waren, sagte er:

»Graf, die Zeit, die Dir gegeben war, noch unter den Lebenden zu seyn, ist vorüber; der Geistliche hat gethan, was seines Amtes ist, jetzt kommt die Reihe an den Nachrichter.«

Der Geistliche gab dem Grafen die Absolution und stand auf, dann wies er ihm das Crucifix und ging nach der Thür zurück, während gleichzeitig der Henker vortrat. Der Graf war auf den Knien geblieben.

»Hast Du dem Herzoge Sforza oder dem Kaiser Carl V. noch etwas zu sagen?« fragte der Mann mit der Maske.

»Ich habe mich nur Gott zu empfehlen,« antwortete der Graf.

»So bist Du bereit?« fragte derselbe Mann noch einmal.

»Du siehst es, da ich knie.«

Der Graf kniete mit dem Gesicht nach dem Gitter gewendet, durch welches seine Frau und seine Tochter auf ihn sahen. Sein Mund, der weiter zu beten schien, sandte ihnen Worte der Liebe zu und war auch ein Gebet.

»Wenn Ihr nicht wünscht, Herr Graf, daß meine Hand Euch beflecke,« sagte eine Stimme hinter dem Verurtheilten, »so schlaget den Kragen eures Hemdes selbst zurück. Ihr seyd ein Edelmann und ich habe nicht das Recht, Euch anders zu berühren als mit der Schärfe meines Schwertes.«

Der Graf schlug, ohne eine Antwort zu geben, den Kragen seines Hemdes bis zu der Achsel zurück, so daß sein Hals ganz bloß war.

»Empfehlt Euch Gott!« sagte der Henker.

»Gütiger und barmherziger Gott!« sagte der Graf, »Allmächtiger Gott, in deine Hände empfehle ich meine Seele!«

Kaum hatte er das lehre Wort gesprochen, so blitzte und pfiff das Schwert des Henkers im Dunkel und der Kopf des Verurtheilten rollte, von dem Rumpfe getrennt, an die Thür mit dem Gitter, nach den Geliebten hinter derselben zu. Gleichzeitig mit dem dumpfen Falle eines Körpers ließ sich ein halbunterdrückter Schrei hören, die Anwesenden aber hielten diesen Schrei für den letzten Laut des Verurtheilten und den Fall für den des Körpers des Grafen. Verzeiht,« unterbrach sich Odoado, »aber wenn Ihr das Uebrige hören wollt, müsset Ihr mir ein Glas Wasser geben lassen, denn meine Kräfte wollen mich verlassen.«

Emanuel Philibert sah in der That den, welcher ihm diese schreckliche Geschichte erzählt hatte, wanken und erbleichen; er trat rasch hinzu, um ihn zu halten, ließ ihn auf einen Haufen Kissen sich setzen und reichte ihm selbst das Glas Wasser.

Der Schweiß stand dem Prinzen auf der Stirne und obwohl er als Soldat an die Scenen auf den Schlachtfeldern gewöhnt war, schien er doch einer Ohnmacht fast so nahe zu seyn wie der, welchem er beistand.

Nach fünf Minuten hatte Odoardo sich gesammelt.

»Wollet Ihr noch mehr wissen?« fragte er.

»Ich will Alles wissen,« antwortete Emanuel, »solche Erzählungen sind große Lehren für Fürsten, die einmal regieren sollen.«

»So ist es,« sagte Odoardo, »auch ist das Schrecklichste vorüber.«

Er strich mit der Hand über die schweißbedeckte Stirn, vielleicht zugleich über die thränenfeuchten Augen und fuhr fort:

»Als meine Mutter wieder zu sich kam, war alles verschwunden wie ein Traum und sie hätte glauben können, sie habe einen bösen Traum gehabt, wenn sie sich nicht auf dem Bette des Schließers befunden hätte. Sie hatte meiner Schwester in so eindringlicher Weise empfohlen, nicht zu weinen, damit ihr Schluchzen nicht etwa gehört werde, daß das arme Kind, das Vater und Mutter gleichzeitig verloren zu haben glaubte, die letztere mit weit aufgerissenen Augen ansah, aus denen doch Thränen flossen, aber still wie die für den Vater. Der Schließer war nicht mehr da, sondern nur die Frau desselben; sie hatte Mitleid mit der Gräfin gehabt und gab ihr ihre Kleider; meine Schwester kleidete sie in einen Anzug ihres Sohnes und mit Tagesanbruch ging sie mit ihnen hinaus bis auf die Straße von Novara; dann gab sie ihr zwei Dukaten und empfahl sie Gott. Meine arme Mutter schien von einem schrecklichen Gesicht verfolgt zu werden; sie dachte nicht daran in ihren Palast zurückzukehren und Geld zu holen, auch nicht, sich nach dem Wagen zu erkundigen, welcher den Grafen hätte fortbringen sollen. Sie war wie irr vor Schrecken und dachte an nichts als zu fliehen, über die Grenze zu gelangen, aus dem Lande des Herzogs Sforza zu kommen. Sie verschwand mit ihrem Kinde nach Novara zu und man hat nie wieder etwas von ihr gehört. Was ist aus meiner Mutter, aus meiner Schwester geworden? Ich weiß es nicht. Ich erhielt in Paris die Nachricht von dem Tode meines Vaters; der König selbst theilte sie mir mit und er setzte hinzu, sein Schutz werde mir nie fehlen und ein Krieg die Ermordung des Grafen rächen. Ich bat den König um die Erlaubniß ihn begleiten zu dürfen; das Glück fing an die Waffen Frankreichs zu begünstigen; wir zogen durch das Land eures Vaters, das der König an sich nahm und dann gelangten wir nach Mailand. Der Herzog Sforza hatte sich nach Rom geflüchtet zu dem Papste Paul III. Man stellte Nachforschungen über den Tod meines Vaters an, aber es war nicht möglich, einen von denen ausfindig zu machen, welcher bei dem Morde zugegen war. Drei Tage nach der Hinrichtung war der Henker plötzlich gestorben; den Namen des Gerichtsdieners, welcher das Urteil vorgelesen hatte kannte man nicht, eben so wenig den Geistlichen, welcher die Beichte des Grafen gehört, der Schließer war mit Frau und Kind entflohen. So konnte ich auch nicht einmal ermitteln, wo die Ueberreste meines Vaters ruhen. Zwanzig Jahre waren seit jenen nutzlosen Nachforschungen vergangen, als ich einen Brief aus Avignon erhielt. Ein Mann, welcher sich nur mit den Anfangsbuchstaben seines Namens unterschrieben hatte, forderte mich auf ihn sofort in Avignon aufzusuchen, wenn ich sichere und ausführliche Nachrichten über den Tod meines Vaters haben wolle. Er gab mir Namen und Wohnung eines Geistlichen an, welcher den Auftrag habe, mich zu ihm zu führen. Was mir der Brief bot, war der Wunsch meines ganzen Lebens gewesen und ich reiste augenblicklich ab. Ich begab mich zu dem Geistlichen, welcher bereits benachrichtigt war und mich zu dem Manne brachte, der mir geschrieben hatte, jenem Schließer aus der Feste von Mailand. Da mein Vater todt gewesen war und er den Ort gekannt hatte, wo der Wagen mit den hunderttausend Ducaten hielt, hatte ihn der böse Feind versucht. Er hatte meine Mutter auf das Bett gelegt und sie seiner Frau empfohlen, dann war er auf der Strickleiter hinuntergestiegen, hatte sich nach dem Wagen begeben, sich zu dem Kutscher geschlichen, ihm gesagt, er komme im Auftrage des Grafen, den treuen Diener ermordet, den Leichnam in den Graben geworfen und war mit dem Wagen fortgefahren. Da niemals Jemand nach dem Inhalte gefragt, hatte er sich denselben angeeignet. Später hatte er seiner Frau geschrieben, sie möge mit dem Sohne zu ihm kommen. Die Frau lebte nicht lange und nach zehnjährigem Leiden folgte der Mutter der Sohn nach. Endlich fühlte auch er, daß sein Ende nahe und er Gott werde Rechenschaft ablegen müssen über das was er auf Erden gethan. Da war ihm die Reue gekommen, und er hatte an mich gedacht. Ihr könnt Euch denken, in welcher Absicht er mich sehen wollte: um mir alles zu erzählen und mich um Verzeihung zu bitten, nicht wegen des Todes meines Vaters, denn an diesem war er unschuldig, sondern wegen der Ermordung des Kutschers und des Diebstahls von hunderttausend Ducaten. Dem Ermordeten konnte er freilich das Leben nicht wieder geben. Von dem gestohlenen Gelde hatte er bei Avignon eine herrliche Besitzung gekauft, von deren Ertrage er lebte. Zuerst ließ ich mir so ausführlich als möglich den Tod meines Vaters erzählen, nicht einmal, sondern zehnmal… Jene schauerliche Nacht hatte einen so tiefen, unvergänglichen Eindruck auf ihn gemacht, daß er sich aller, selbst der geringfügigsten Ereignisse in derselben so genau erinnerte, als wären sie erst am vorigen Tage geschehen. Leider wußte er von meiner Mutter und Schwester nichts, als was ihm seine Frau erzählt hatte, die immer geäußert, sie würden beide der Anstrengung und dem Hungertode erlegen seyn.

Ich war reich, ich bedurfte die Vermehrung des Vermögens nicht, aber meine Mutter oder meine Schwester konnte doch am Ende irgend einmal wieder erscheinen. Um also den Mann durch ein öffentliches Geständniß seiner Verbrechen nicht zu entehren, ließ ich ihn seine Besitzung der Gräfin Maraviglia und deren Tochter schenken und ich verzieh ihm, so weit ich es vermochte, aber darauf beschränkte sich auch mein Erbarmen. Francesco Maria Sforza war 1535, ein Jahr und einen Tag nach der Ermordung gestorben, bei welcher ihn mein Vater vor das Gericht Gottes beschieden hatte. Er war also meiner Rache entgangen, er hatte seine Strafe bereits erlitten; aber der Kaiser Carl V. lebte noch, der Kaiser auf dem Gipfel seiner Macht, seines Ruhmes und seines Glückes. Er war ungestraft geblieben und an ihm also beschloß ich Vergeltung zu üben. Ihr werdet mir sagen, die Menschen, die Scepter und Krone tragen, wären nur Gott verantwortlich; aber der liebe Gott scheint bisweilen zu vergessen, und dann müssen die Menschen sich erinnern. Ich that das, ich erinnerte mich. Nur wußte ich nicht, daß der Kaiser unter seiner Kleidung ein Panzerhemd trägt, – auch er also hatte nicht vergessen. Ihr wolltet wissen, wer ich sey und warum ich das Verbrechen begangen. Ich bin Odoardo Maraviglia und ich wollte den Kaiser tödten, weil er meinen Vater im Kerker umbringen und meine Mutter und Schwester verschmachten und verhungern ließ. Ich bin zu Ende. Ihr wisst die Wahrheit; ich habe tödten wollen und verdiene den Tod, aber ich bin Edelmann und verlange den Tod eines solchen.«

Emanuel Philibert neigte den Kopf zum Zeichen der Zustimmung.

»Ganz recht und euer Verlangen soll Euch gewährt werden,« sagte er. »Wünscht Ihr bis zur Stunde der Hinrichtung frei zu bleiben, das heißt ungefesselt?«

»Was müßte ich dann thun?«

»Mir euer Wort geben, keinen Fluchtversuch zu machen.«

»Das habe ich schon gethan.«

»Mir es also wiederholen.«

»Ich wiederhole es, aber beeilt Euch, das Verbrechen ist bekannt und das Geständniß erfolgt, warum mich also warten lassen?«

»Mir steht es nicht zu, die Stunde des Todes eines Menschen zu bestimmen; es wird geschehen nach der Entscheidung des Kaisers.«

Er rief sodann den Soldaten und sagte:

»Führt den Mann in ein besonderes Zelt und lasset es ihm an nichts fehlen; eine einzige Schildwache genügt, ich habe sein Ehrenwort.«

Der Gefangene wurde abgeführt und Emanuel Philibert sah ihm nach, so lange er ihn erblicken konnte.

Dann glaubte er ein leichtes Geräusch hinter sich zu hören und er drehte sich um.

Leona stand hinter ihm.

Das Herabfallen der Zeltthür hatte das Geräusch verursacht.

Leona erschien mit gefalteten Händen, auf ihrem Gesichte sah man Spuren von Thränen, die sie wahrscheinlich bei der Erzählung des Gefangenen vergossen hatte.

»Was willst Du?« fragte Emanuel.

»Dir sagen,« entgegnete Leona, »daß der junge Mann nicht sterben kann, nicht sterben darf.«

Das Gesicht Emanuel Philiberts verdüsterte sich.

»Leona,« antwortete er, »Du hast nicht nachgedacht über das was Du verlangst. Der Mann hat ein schreckliches Verbrechen, wenn nicht begangen, so doch begehen wollen.«

»Gleichviel,« entgegnete Leona, indem sie die Arme um Emanuel schlang, »ich wiederhole Dir, er kann nicht sterben.«

»Der Kaiser wird über sein Schicksal entscheiden, Leona; ich kann nichts thun, als dem Kaiser alles berichten.«

»Und ich sage Dir, mein Emanuel, Du würdest seine Begnadigung erlangen, nicht wahr, wenn der Kaiser ihn verurtheilte?«

»Leona, Du glaubst ich habe einen Einfluß auf den Kaiser, den ich nicht besitze; die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben und wenn sie verurtheilt…«

»Sollte sie verurtheilen, so muß Odoardo Maraviglia doch leben, Emanuel, er muß, Geliebter.«

»Und warum muß er?«

»Weil er,« entgegnete Leona, »weil er – mein Bruder ist.«

Emanuel konnte eine laute Aeußerung seines Staunens nicht unterdrücken.

Alles war durch die Worte Leona’s über Odoardo Maraviglia: »er ist mein Bruder,« erklärt. Die vor Erschöpfung und Hunger sterbende Frau am Ufer der Sesia, das Kind, das so hartnäckig seine Herkunft und sein Geschlecht verheimlichte, der Page, welcher den Diamanten Carls V. nicht annahm.

II.
Der Dämon des Südens

Gleichzeitig mit dem, was in dem Zelte Emanuels vorging, brachte ein großes Ereigniß, das durch Trompetenfanfaren und Vivats der Soldaten verkündigt wurde, das kaiserliche Lager in Bewegung.

Ein kleiner Reiterhaufen war auf dem Wege von Brüssel her erkannt worden; man hatte ihm Boten entgegen gesandt, die Boten waren im Galopp zurückgekommen, gaben ihre Freude zu erkennen, und meldeten, der Anführer der Reiter sey kein anderer als der einzige Sohn des Kaisers, Philipp, Prinz von Spanien, König von Neapel und Gemahl der Königin von England.

Bei den Fanfaren und dem Vivatrufen der Ersten, welche den Prinzen erblickten, eilten Alle aus den Zelten heraus den Ankommenden entgegen.

Philipp ritt auf einem schönen Schimmel, den er ziemlich anmuthig tummelte; er trug einen violetten Mantel und ein schwarzes Wamms, Doppeltrauerfarbe bei den Königen, violette Beinkleider, große Büffellederstiefel und ein schwarzes Barret, wie damals die Mode verlangte, mit einer goldenen Schnur und einer schwarzen Feder.

Am Halse hing ihm das goldene Vließ.

Er war damals ein Mann von achtundzwanzig Jahren, von mittlerer Größe, mehr dick als hager, mit etwas aufgetriebenen Wangen, einem blonden Bart, festem selten lächelnden Munde, gerader Nase und Augen, die unter ihren Lidern zitterten wie die der Hasen. Obgleich er eher schön als häßlich war, hatte doch das Ganze seines Gesichtes nichts Anziehendes und man erkannte, daß unter dieser vor der Zeit gerunzelten Stirn mehr finstere als heitere Gedanken lagen.

Der Kaiser hatte große Liebe zu ihm; wie er seine Mutter geliebt hatte, so liebte er den Sohn; aber in dem Augenblicke, wenn eine Liebkosung die beiden Herzen einander nähern sollte, hatte er stets um das des Prinzen von Spanien jene Eisrinde empfunden, welche unter keiner Umarmung geschmolzen war.

Bisweilen, wenn er seinen Sohn lange nicht gesehen, wenn er den hinter dem blinzelnden Blicke des Prinzen verborgen liegenden Gedanken aus dem Gesichte verloren hatte, beunruhigte es ihn, wohin den jungen Mann sein geheimes Werk des Ehrgeizes treibe. Gegen die gemeinschaftlichen Feinde oder gegen ihn selbst? Im Zweifel seines Herzens ließ er dann wohl so schreckliche Worte fallen wie an demselben Morgen gegen Emanuel Philibert über den Gefangenen.

Die Geburt des jungen Prinzen war unheimlich wie sein ganzes Leben seyn sollte. Manches Morgenroth spiegelt sich über das ganze Leben. Der Kaiser hatte die Nachricht von seiner Geburt Dienstags, 31. Mai 1527, gleichzeitig mit der von dem Tode des Connétable von Bourbon, von der Plünderung Roms und von der Gefangenschaft des Papstes Clemens VII. erhalten. Jede Freudenäußerung war also untersagt, damit sie nicht zu grell von der Trauer der Christenheit absteche.

Erst ein Jahr später war der königliche Sprößling als Prinz von Spanien anerkannt worden; da gab es große Festlichkeiten, aber das Kind, das als Mann so viele Thränen auspressen sollte, hatte während dieser Feste nur geweint.

Er hatte sein sechzehntes Jahr erreicht, als der Kaiser, um ihn an den Krieg zu gewöhnen, ihm auftrug, die Franzosen unter dem Dauphin zu zwingen, die Belagerung von Perpignan aufzuheben. Damit er aber bei dieser Unternehmung der Gefahr nicht ausgesetzt sey, eine Schlappe zu erleiden, gab man ihm sechs Granden von Spanien, vierzehn Barone, achthundert Edelleute, zweitausend Reiter und fünftausend Mann Fußvolk mit.

Gegen eine solche Verstärkung durch frische Truppen war nichts zu thun; die Franzosen hoben die Belagerung auf und der Infant von Spanien betrat seine kriegerische Laufbahn mit einem Siege.

Aus dem Bericht aber, welchen der Kaiser sich über den Feldzug hatte erstatten lassen, erkannte Carl V. leicht, daß der Sinn seines Sohnes nicht kriegerisch sey; er behielt also die Wagnisse des Krieges und die Wechselfälle der Schlachten für sich und überließ dem Erben seiner Macht das Studium der Politik, für welches er ganz besonders befähigt zu seyn schien.

Mit dem sechzehnten Jahre hatte der Prinz bereits solche Fortschritte in der großen Kunst der Regierung gemacht, daß Carl V. nicht zögerte, ihn zum Statthalter aller spanischen Provinzen zu ernennen.

Im Jahre 1543 hatte er sich mit Maria von Portugal vermählt, die mit ihm in demselben Jahre geboren war, ja an demselben Tage fast in derselben Stunde.

Er hatte von ihr einen Sohn, Don Carlos, den Helden des tragischen Geschickes; dieser Sohn war 1545 geboren.

Endlich 1548 verließ Philipp Barcelona bei einem fürchterlichen Sturm, welcher die Flotte Doria’s zerstreute und sie nöthigte in diesem Hafen Schutz zu suchen. Er wollte Italien besuchen. Bei Gegenwind unternahm er die Reise nochmal, stieg in Genua ans Land, begab sich von da nach Mailand; besichtigte das Schlachtfeld von Pavia, ließ sich die Stelle zeigen, wo Franz I. den Degen übergeben hatte, und besah den Graben, in welchem die französische Monarchie beinahe begraben worden wäre. Er war dabei immer still und schweigsam, verließ Mailand wieder, reiste durch Mittelitalien und erreichte den Kaiser zu Worms.

Da hatte Carl V. der von Geburt und Herz ein Niederländer war, ihn seinen Landsleuten zu Namur und Brüssel vorgestellt.

In Namur hatte Emanuel Philibert ihn gesehen und ihm die Merkwürdigkeiten der Stadt gezeigt; die beiden Vettern hatten einander zärtlich umarmt, und dann hatte ihm Emanuel Philibert das Schauspiel eines kleinen Krieges gegeben, bei dem Philipp aber selbst keine Rolle spielte.

In Brüssel waren die Festlichkeiten nicht minder glänzend als in Namur. Siebenhundert Fürsten, Barone und Edelleute empfingen den Erben der größten Monarchie in der Welt vor dem Thore der Stadt.

Später schickte der Vater diesen Erben wieder nach Spanien zurück.

Emanuel Philibert begleitete ihn bis Genua und auf dieser Reise sah der Prinz von Piemont seinen Vater zum letzten Male.

Drei Jahre nach dieser Rückkehr Philipps nach Spanien war der König Eduard VI. von England gestorben und hatte die Krone seiner Schwester Maria, der Tochter Catharina’s, jener Tante des Kaisers, hinterlassen, welche dieser so liebte, daß er englisch gelernt hatte, um mit ihr sprechen zu können.

Die neue Königin mußte so schnell als möglich einen Gemahl wählen. Sie zählte bereits sechsundvierzig Jahre und folglich war keine Zeit zu verlieren. Carl V. schlug seinen Sohn Philipp vor.

Philipp hatte die reizende Maria von Portugal verloren. Vier Tage nach der Geburt ihres Sohnes Don Carlos hatten die Frauen der Königin aus Neugierde ein glänzendes Autodafé von Protestanten zu sehen, die Wöchnerin allein gelassen und zwar neben einem Tisch, auf welchem Obst stand. Die Königin durfte noch kein Obst essen, die arme Prinzessin war aber eine echte Evastochter und handelte gegen das Verbot; sie stand auf, aß von einer Melone und vierundzwanzig Stunden darauf war sie todt.

Nichts also hinderte den Infanten Philipp, Maria Tudor zu heirathen, England mit Spanien zu verbinden und so Frankreich zwischen der Insel im Norden und der Halbinsel im Süden zu erdrücken.

Das war der große Zweck der Verbindung.

Philipp hatte zwei Mitbewerber um die Hand seiner Cousine, nemlich: den Cardinal Polus, der Cardinal war, ohne Priester zu seyn, den Sohn Georgs, Herzog von Clarence, Bruder Eduard IV. und folglich mit der Königin so nahe verwandt wie Philipp, – und zweitens den Prinzen von Courtenay, Neffen Heinrichs VIII., und folglich eben so nahe verwandt.

Carl V. versicherte sich zunächst der Unterstützung der Königin Marie selbst, und als er dieser gewiß war, welche er durch den Einfluß des Paters Revesby, des Beichtvaters der königlichen Braut, erlangt hatte, bedachte er sich nicht lange zu handeln.

Die Prinzessin Marie war eine eifrige Katholikin und der Titel »die blutige Marie,« welchen ihr die Geschichtschreiber beigegeben haben, zeugt davon.

Der Kaiser entfernte zuerst den Prinzen von Courtenay von ihr, einen Mann von zweiunddreißig Jahren, schön wie ein Engel, muthig wie ein Courtenay, und zwar indem er ihn beschuldigte, er sey ein eifriger Gönner und Beschützer der Ketzerei. Die Königin bemerkte dann auch, daß diejenigen ihrer Minister, welche ihr Courtenay als Gemahl empfahlen, die waren, welche sie für angesteckt hielt von der falschen Lehre, zu deren Papste sich ihr Vater, Heinrich VIII. erklärt hatte; um nichts mehr mit den Bischöfen von Rom zu thun zu haben, wie er sie nannte.

Sobald dies bei der Königin feststand, war der Prinz von Courtenay nicht mehr zu fürchten.

Es blieb also noch der Cardinal Polus, der vielleicht weniger muthig war als Courtenay, aber eben so schön und sicherlich ein größerer Staatsmann als dieser, da er in der Schule der Päpste gebildet war.

Der Cardinal Polus war um so mehr zu fürchten, als Marie Tudor vor ihrer Krönung, mit oder ohne Absicht, an den Papst Julius III. geschrieben hatte, er möge als apostolischen Legaten den Cardinal Polus zu ihr senden, damit dieser mit ihr an dem frommen Werke der Wiederherstellung des wahren Glaubens arbeite. Zum Glück für Carl V. wußte Julius III., was Polus unter Heinrich VIII. gelitten hatte und welchen Gefahren er ausgesetzt gewesen war, er zögerte also, bei der Gährung, welche in England herrschte, einen so bedeutenden Prälaten dahin zu senden. Er ließ darum Commendon vorausgehen, da aber Marie Polus haben wollte, nicht Commendon, so schickte sie diesen mit dem Auftrage zurück, die Ankunft des Cardinals Polus zu betreiben.

Polus reisete ab, aber der Kaiser hatte seine Spione in Rom; er erfuhr die Abreise und da der Legat durch Deutschland reisen und durch Innsbruck kommen sollte, gab Carl V. Mendoza, der ein Reitercorps in dieser Stadt befehligte, den Auftrag, den Cardinal Polus unter dem Vorwande anzuhalten, er sey ein zu naher Verwandter der Königin, als daß er ihr in Sachen der Vermählung mit dem Infanten Don Philipp uneigennützigen Rath geben könne.

Mendoza war ein echter Soldat; erkannte nichts als was ihm befohlen wurde; befohlen war ihm, den Cardinal Polus anzuhalten; er hielt ihn an und gefangen, bis der Heirathscontraet zwischen Philipp von Spanien und Marie von England unterzeichnet war.

Nach dieser Unterzeichnung ließ man ihn los. Polus handelte als Mann von Klugheit und handelte nach seinem Amte als Legat a latere nicht blos bei Marie, sondern auch bei Philipp.

Ein Artikel des Heirathscontractes lautete, daß Marie Tudor sich nur mit einem Könige vermählen könne. Für Carl V. war das keine Verlegenheit und er machte seinen Sohn Philipp zum König von Neapel.

Dieser Erfolg tröstete den Kaiser ein wenig, den zwei Unfälle verstimmt hatten, einer zu Innsbruck, wo er durch Moritz in der Nacht überfallen worden und so eilig entflohen war, daß er nicht einmal bemerkte, er habe zwar sein Bandelier umgehangen, aber den Degen vergessen; der andere vor Metz, von dem er die Belagerung hatte aufheben müssen, wobei er in dem Schmutze des Aufthauens seine Kanonen, sein Kriegsmaterial und ein Drittheil seiner Leute verloren hatte.

»Ah,« hatte er ausgerufen, »so kehrt das Glück endlich wieder zu mir zurück!«

Am 25. Juli 1554 endlich, das heißt neun Monate vor der Zeit, in welcher wir angekommen sind, am Tage des Festes des heiligen Jacob, des Schutzheiligen Spaniens, war Marie von England wirklich mit Philipp II. getraut worden. Die also, welche man die nordische Tigerin nennen sollte, hatte sich mit dem vermählt, welcher den Namen Dämon des Südens erhalten sollte.

Philipp war mit zweiundzwanzig Kriegsschiffen und sechstausend Mann von Spanien abgefahren, hatte aber, ehe er in dem Hafen von Hampton landete, alle seine Schiffe zurückgeschickt, um in England nur mit denen anzukommen, welche die königliche Braut ihm entgegen gesandt.

Dies waren achtzehn und vor ihnen segelte das größte Schiff, welches die Engländer bis dahin gebaut hatten und welches bei dieser Gelegenheit von Stapel gelassen worden war.

Diese Schiffe segelten dem Prinzen von Spanien drei Stunden weit auf das hohe Meer hinaus entgegen und hier ging Philipp unter dem Donner der Kanonen, unter dem Wirbeln der Trommeln, unter den Fanfaren der Trompeten von seinem Schiffe auf das über, welches ihm seine Braut sandte.

Ihm folgten sechzig Edelleute, darunter zwölf Granden von Spanien. Vier unter ihnen, der Amirandes von Castilien, der Herzog von Medina-Cœli, Ruy Gomez de Silva und der Herzog von Alba, hatten jeder vierzig Pagen und Diener, »kurz, man zählte, was merkwürdig und bis dahin von Niemanden gesehen worden war,« sagt Gregorio Leti, der Geschichtschreiber Carls V., »daß diese sechzig Herren zwölfhundert und dreißig Pagen und Diener bei sich hatten.«

Die Vermälung fand in Winchester statt. Diejenigen, welche wissen wollen, wie die Königin Marie Tudor ihrem Bräutigam entgegenkam, welches Kleid und welchen Schmuck sie trug, von welcher Gestalt das Amphitheater mit den beiden Thronen war, welche die Gatten erwarteten; diejenigen, welche noch weiter eindringen und wissen wollen, wie die Messe gelesen wurde, wie man sich an die Tafel setzte und wie Ihre Majestäten von derselben so gewandt aufstanden, daß sie, obwohl sehr viele Herren und Damen zugegen waren, durch eine geheime Thür verschwanden und sich in ihr Gemach begaben, werden darüber und über Anderes bei dem eben genannten Geschichtschreiber Auskunft finden.

Wir würden durch Mittheilung solcher Dinge zu weit geführt werden, kehren vielmehr zu dem Könige von England und Neapel zurück, der nach neunmonatlicher Ehe sich wieder auf das Festland begab und in dem Augenblicke als man es am wenigsten erwartete, wie wir erzählten, laut begrüßt an dem Lager erschien.

Carl V. war natürlich zunächst von der unerwarteten Ankunft seines Sohnes benachrichtigt worden und in der Freude darüber, daß Philipp – wie es wenigstens schien – keinen Grund hatte, seine Ankunft in Flandern ihm zu verheimlichen, weil er ja bei ihm im Lager erschien, machte er eine Anstrengung und schleppte sich am Arme eines seiner Offiziere an den Zelteingang.

Kaum war er da, so sah er Philipp auf sich zukommen unter lautem Geschrei, unter Trommelwirbel und Trompetengeschmetter, als wäre er bereits Herr und Gebieter.

»Nun, nun,« flüsterte Carl V. »Gott will es.«

Philipp aber hielt sein Pferd an, sobald er seinen Vater erblickte, und stieg vom Pferde. Mit ausgebreiteten Armen, mit gesenktem und entblößtem Haupte sank er vor dem Kaiser auf die Knie.

Diese Demuth verscheuchte alle bösen Gedanken aus dem Sinne Carls V. Er hob Philipp auf, schloß ihn in seine Arme, wendete sich zu denen, welche den Prinzen begleitet hatten, und sagte:

»Ich danke, Ihr Herren, daß Ihr die Freude errathen habt, welche mir die Anwesenheit meines vielgeliebten Sohnes machen würde, und daß Ihr mir dieselbe im voraus durch euer Vivatrufen verkündigtet.«

Zu seinem Sohne aber sagte er:

»Don Philipp, fast fünf Jahre haben wir einander nicht gesehen; komm, wir werden einander viel zu sagen haben.«

Er nickte darauf der vor seinem Zelte versammelten Menge von Soldaten und Offizieren zu, stützte sich auf den Arm seines Sohnes und kehrte in sein Zelt zurück, während die Truppen draußen riefen: »Es lebe der König von England! Es lebe der Kaiser von Deutschland! Es lebe Don Philipp! Es lebe Carl V.!«

Wie der Kaiser vermuthet, hatten Vater und Sohn einander wirklich viel zu sagen und doch trat eine Pause ein, nachdem Carl V. auf dem Diwan Platz genommen, Philipp aber die Ehre, neben seinem Vater zu sitzen, abgelehnt und sich auf einen Stuhl gesetzt hatte.

Carl V. brach das Schweigen zuerst, das Philipp vielleicht aus Ehrfurcht vor dem Vater nicht zu unterbrechen gewagt hatte.

»Mein Sohn,« begann der Kaiser, »nichts Geringeres als deine liebe Gegenwart konnte den Eindruck der schlimmen Nachrichten verwischen, die ich heute erhalten habe.«

»Eine dieser Nachrichten und zwar die schlimmste ist mir bereits bekannt, wie Ihr an meiner Kleidung sehen könnet, Vater,« antwortete Philipp. »Wir haben das Unglück gehabt eure Mutter zu verlieren.«

»Du hast diese Nachricht in Belgien erfahren, mein Sohn?«

Philipp verbeugte sich.

»In England, Sire,« antwortete er. »Wir haben directe Verbindungen mit Spanien, während der Courier, welchen Ew. Majestät empfing, zu Lande von Genua hierher kommen mußte, was ihn aufgehalten haben wird.«

»So wird es seyn,« entgegnete Carl V. »aber mein Sohn, ich habe außer diesem Gegenstande des Schmerzes noch andere Besorgniß.«

»Ew. Majestät meint die Erwählung Pauls IV. und das Bündniß, das er dem Könige von Frankreich angetragen hat und das vielleicht in diesem Augenblicke bereits unterzeichnet ist?«

Carl sah Don Philipp erstaunt an.

»Mein Sohn,« sprach er, »bist Du auch in diesem Stücke durch ein englisches Schiff so genau unterrichtet worden? Die Fahrt von Civita Vecchia nach Portsmouth ist lang.«

»Nein, Sire, diese Nachricht ist uns über Frankreich zugekommen. Dies der Grund, warum sie mir vor Euch bekannt war. Die Pässe über die Alpen und nach Tirol sind noch verschneit und haben euern Boten aufgehalten, während der unserige gerade von Ostia nach Marseille, von Marseille nach Boulogne und von da nach London kam.«

Carl V. runzelte die Stirn. Er hatte lange geglaubt, es sey sein Recht, von jedem wichtigen Ereignisse, das in dieser Welt vorgehe, zuerst unterrichtet zu seyn, und nun hatte sein Sohn nicht nur den Tod der Königin Johanna und die Wahl Pauls IV. früher gekannt als er, er meldete ihm auch etwas, das er noch gar nicht wußte, nemlich das Bündniß zwischen Heinrich II. von Frankreich und dem neuen Papste.

Philipp schien die Verwunderung seines Vaters nicht zu bemerken.

»Uebrigens,« fuhr er fort, »waren die Maßregeln von den Caraffa und deren Anhängern so gut getroffen, daß der Bündnißvertrag während des Conclave an den König von Frankreich gesandt worden ist. Dies erklärt denn auch die Kühnheit, mit welcher Heinrich II. gegen Bouvines gezogen ist, wahrscheinlich in der Absicht Euch den Rückzug abzuschneiden.«

»Ah,« entgegnete Carl V., »ist er so weit, wie Du sagst, und sollte ich von einem zweiten Ueberfalle wie in Insbruck bedroht seyn?«

»Nein,« antwortete Philipp, »denn Ew. Majestät wird es hoffentlich nicht zurückweisen, einen Waffenstillstand mit Heinrich von Frankreich zu schließen.«

»Meiner Seel!« entgegnete der Kaiser, »ein rechter Tor wäre ich, wenn ich ihn zurückwiese, ja ihn nicht beantrüge.«

»Sire,« sagte Philipp, »würde dieser Waffenstillstand von Euch vorgeschlagen, so dürfte der König von Frankreich zu stolz werden. Darum haben wir, die Königin Marie und ich, den Gedanken gehabt, im Interesse Eurer Würde Hand ans Werk zu legen.«

»Und Du kommst, um meine Ermächtigung zu holen? Gut! Handle und versäume keine Zeit; schicke deine gewandtesten Gesandten nach Frankreich, sie werden nie zeitig genug ans Ziel kommen.«

»Das meinten wir auch, Sire, und wir haben, wobei Euch natürlich unbenommen bleibt unsere Schritte nicht anzuerkennen, den Cardinal Polus zu dem Könige Heinrich gesandt, um ihn zu einem Waffenstillstande zu veranlassen.«

Carl V. schüttelte den Kopf.

»Er wird nicht zeitig genug kommen,« sagte er, »und Heinrich wird in Brüssel seyn, ehe der Cardinal Polus in Calais landet.«

»Auch ist der Cardinal Polus über Ostende gekommen und nach Dinant zu dem Könige von Frankreich gegangen.«

»Ein so gewandter Unterhändler er auch seyn mag,« sagte Carl V. mit einem Seufzer, »ich zweifle, daß er seinen Zweck erreicht.«

»So schätze ich mich glücklich, Ew. Majestät melden zu können, daß er ihn erreicht hat,« sagte Philipp. »Der König von Frankreich nimmt, wenn nicht gerade einen Waffenstillstand, so doch eine Einstellung der Feindseligkeiten an, während welcher die Bedingungen eines Waffenstillstandes unterhandelt werden können. Das Kloster Vocelles bei Cambray ist von ihm als Verhandlungsort gewählt worden und als der Cardinal Polus in Brüssel mir dies Resultat meldete, sagte er zugleich, er habe geglaubt, darüber keine Schwierigkeiten machen zu dürfen.«

Carl V. betrachtete Don Philipp mit einer gewissen Bewunderung. Dieser hatte ihm in der bescheidensten Weise die glückliche Beendigung einer Unterhandlung gemeldet, welche er, Carl V. für unmöglich hielt.

»Welche Dauer soll der Waffenstillstand haben?«

»In der That oder nach dem Vertrage?«

»Nach dem Vertrage.«

»Fünf Jahre, Sire.«

»Und in der That?«

»Wie es Gott gefällt.«

»Wie lange würde es, deiner Meinung nach, Gott wohl gefallen?«

»Nun,« entgegnete der König von England und Neapel mit kaum bemerklichem Lächeln, »so lange als Ihr braucht, um eine Verstärkung von zehntausend Mann aus Spanien zu ziehen und bis ich aus England ein Hilfscorps von zehntausend Mann schicken könnte.«

»Mein Sohn,« sagte Carl V., »erlange diesen Vertrag und… da Du ihn erlangt haben wirst, so verspreche ich, Du sollst ihn nach deinem Belieben halten oder brechen.«

»Ich verstehe nicht, was Ew. kaiserliche Majestät sagt,« antwortete Philipp, dessen Selbstbeherrschung doch nicht so weit ging, daß er einen Blitz der Hoffnung und des Begehrens in seinen Augen hätte zurückhalten können.

Er sah ja nahe vor sich das Scepter Spaniens und der Niederlande, ja, wer weiß? die Kaiserkrone.

Acht Tage nachher war ein Waffenstillstandsvertrag unter folgenden Worten abgeschlossen:

»Es soll auf fünf Jahre sowohl zu Wasser als zu Lande Waffenstillstand seyn und die Wohlthat desselben sollen gleicherweise alle Völker, Staaten, Reiche und Provinzen sowohl des Kaisers als des Königs von Frankreich oder des Königs Philipp genießen.

»Während dieser ganzen Zeit von fünf Jahren werden die Waffen ruhen, aber jeder der Potentaten behält Alles das, was er im Laufe des Krieges erlangt hat.

»Seine Heiligkeit der Papst Paul IV. ist in diesem Vertrage eingeschlossen.«

Philipp selbst überreichte dem Kaiser den Vertrag, welcher einen fast ängstlichen Blick auf das unveränderliche Gesicht seines Sohnes warf.

Es fehlte dem Vertrage nichts mehr als die Unterschrift des Kaisers.

Carl V. unterzeichnete ihn.

Als er die Buchstaben seines Namens mit sehr großer Anstrengung zu Stande gebracht hatte, sagte er, und er gab zum ersten Male dem Sohne diesen Titel:

»Sire, kehrt nach London zurück, haltet Euch aber bereit, auf meinen Wunsch sogleich wieder nach Brüssel zu kommen.«

III.
Carl V. hält das Versprechen, das er seinem Sohne gegeben

Am Freitag, 25. October 1555, war großer Zusammenfluß von Menschen in den Straßen von Brüssel, nicht blos von dem gemeinen Volke der Hauptstadt von Südbrabant, sondern auch von dem aus den andern flandrischen Staaten des Kaisers Carl V.

Die Menge drängte sich nach dem Palaste, der heut zu Tage nicht mehr steht, der aber damals oben an der Stadt stand.

Eine große Versammlung, deren Veranlassung man noch nicht kannte, war von dem Kaiser berufen worden und sollte an diesem Tage stattfinden.

Der große Saal war ausgeschmückt und nach Abend zu mit einer Art Erhöhung das Gerüst versehen worden, zu dem sechs bis sieben Stufen führten, das mit prächtigen Teppichen belegt war und über dem sich ein Baldachin mit dem kaiserlichen Wappen wölbte. Unter diesem Baldachin standen drei Sessel, von denen der mittlere offenbar für den Kaiser bestimmt war, der zur Rechten für den König Don Philipp, der am vorigen Tage angekommen, und der zur Linken für die verwitwete Königin von Ungarn, Marie von Oesterreich, Schwester Carls V.

Bänke, die in derselben Richtung liefen, begleiteten diese drei Sessel und bildeten mit denselben eine Art Halbkreis.

Andere Stühle befanden sich der Erhöhung gegenüber.

Der König Philipp; die Königin Marie; die Königin Eleonore, Witwe Franz I.; Maximilian, König von Böhmen; Christine, Herzogin von Lothringen, hatten ihre Wohnung in dem Palaste genommen.

Carl V. selbst dagegen bewohnte auch diesmal sein sogenanntes kleines Haus im Park.

Um vier Uhr Nachmittags verließ er dies kleine Haus auf einem Maulthiere, bei dessen sanftem Gange er weniger litt, als bei jeder andern Bewegung… An das Gehen zu Fuß war nicht zu denken; die Gichtanfälle waren mit gesteigerter Heftigkeit zurückgekehrt, und der König wußte selbst nicht, ob er über die Schwelle des Saales mit dem Gerüste werde gehen können, oder ob man ihn werde tragen müssen.

Könige und Fürsten folgten dem Maulthiere des Kaisers zu Fuß.

Der Kaiser trug das Kaisergewand ganz von Goldstoff, auf welches die große Kette des Ordens vom goldenen Vlies fiel. Er hatte die Krone auf dem Haupte und vor ihm, auf einem Kissen von rothem Sammt, trug man das Scepter, welches seine schwache Hand nicht würde halten können.

Die Personen, welche auf den Bänken zu beiden Seiten der Sessel und der Erhöhung gegenüber Platz nehmen sollten, waren vorher in den Saal eingelassen worden.

Rechts von den Sesseln waren die Ritter vom goldenen Vließ auf einer gepolsterten Bank, links, auf einer eben solchen Bank, die Fürsten, die Granden von Spanien und die Herren.

Hinter diesen, auf nicht gepolsterten Bänken, saßen die Mitglieder des Staatsrathes, des geheimen Rathes und des Finanzrathes, endlich auf den Bänken gegenüber die Stände von Brabant, die Stände von Flandern und die andern Stände.

Galerien, die sich in dem ganzen Saale herumzogen; waren bereits vom Morgen an mit Zuschauern gefüllt.

Kurz nach vier Uhr erschien der Kaiser. Er stützte sich auf Wilhelm von Oranien, der später der Schweigsame genannt wurde.

Neben Wilhelm von Oranien ging Emanuel Philibert, mit seinen Pagen und Knappen.

An der andern Seite, vor Königen und Fürsten, einige Schritte rechts vor dem Kaiser, ging ein Allen unbekannter Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, der eben so erstaunt zu seyn schien sich da zu befinden, wie die Zuschauer ihn da zu finden.

Es war Odoardo Maraviglia, den man aus dem Gefängnisse geholt und in reichem Anzuge hierher gebracht hatte, ohne daß er wußte, wohin er ging und zu welchem Zwecke er sich da befand.

Bei dem Erscheinen des Kaisers und des glänzenden Gefolges hinter ihm erhoben sich Alle.

Der Kaiser Carl V. begab sich zu der Erhöhung, vermochte aber kaum zu gehen, obwohl er sich aufstützte. Man konnte leicht sehen, daß ein außerordentlicher Muth, namentlich aber lange Gewöhnung an den Schmerz dazu gehörte, um nicht bei jedem Schritte, den er that, einen Ausruf des Schmerzes laut werden zu lassen.

Er setzte sich, so daß er Don Philipp zu seiner Rechten, die Königin Marie zu seiner Linken hatte.

Auf einen Wink von ihm nahmen sodann alle Andern ebenfalls Platz, ausgenommen der Prinz von Oranien, Emanuel Philibert und die beiden Personen des Gefolges desselben, so wie auf der andern Seite Odoardo Maraviglia, der frei und, wie gesagt, in glänzender Kleidung, verwundert das Schauspiel betrachtete.

Nachdem Alle sich gesetzt hatten, winkte der Kaiser dem Rathe Philibert Brusselles das Wort zu nehmen.

Alle warteten gespannt, nur das Gesicht Philipps blieb ruhig und unverändert; sein umschleiertes Auge schien gar nichts zu sehen und kaum errieth man, daß unter seiner bleichen, gleichsam leblosen Haut Blut fließe.

Der Redner setzte mit wenigen Worten auseinander, daß die Könige, Fürsten, Granden von Spanien, Ritter des goldenen Vließes und Mitglieder der Stände berufen worden sehen, um Zeugen der Abdankung des Kaisers Carl V. zu Gunsten seines Sohnes Philipp zu seyn, welcher ihm von diesem Augenblicke an in seinen Titeln folge: König von Castilien, Leon, Granada, Navarra, Arragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, der Inseln, Indiens und der Länder des Oceans; Erzherzog von Oesterreich, Herzog von Brabant, Burgund, Limburg, Luxemburg und Geldern; Graf von Flandern, Artois und Burgund u.s.w., auch Herr der Städte und Länder Unecht, Ober-Yssel und Gröningen.

Die Kaiserkrone sey für Ferdinand bestimmt, welcher bereits römischer König war.

Nur bei dieser Ausnahme zog eine leichenhafte Blässe über das Gesicht Philipps und die Muskeln seiner Wangen zuckten leicht.

Diese Abdankung, über welche alle Anwesenden höchlich staunten, schrieb der Redner dem Wunsche des Kaisers zu, Spanien wieder zu sehen, von dem er seit zwölf Jahren fern gewesen, hauptsächlich aber seinen Leiden, welche sich in dem Klima Flanderns und Deutschlands noch verschlimmerten.

Nach dieser Rede, die er mit der Bitte an Gott schloß, er möge Se. Majestät den Kaiser stets in seinen heiligen Schutz nehmen, schwieg Philibert von Brusselles und ließ sich wiederum nieder.

Da erhob sich seinerseits der Kaiser. Er war bleich und Schmerzensschweiß stand ihm aus dem Gesicht. Er wollte sprechen und hielt in der Hand ein Papier, auf welchem seine Rede für den Fall geschrieben stand, daß ihn sein Gedächtniß verlasse.

Auf den ersten Wink, daß er zu sprechen wünsche, schwieg alsbald das Geräusch, welches nach der Rede des Rathes den Saal erfüllt hatte und so schwach auch die Stimme des Kaisers war, so ging doch kein Wort von dem verloren, was er sagte. Je weiter er in seiner Rede kam, als er einen Rückblick auf sein Leben warf und an seine Arbeiten, seine Gefahren, seine Thaten und Pläne erinnerte, hob sich allerdings auch seine Stimme, leuchtete ein seltsam Leben in seinem Auge und fand er den feierlichen Ton, welcher den Sterbenden eigen ist.

»Lieben Freunde,« sagte er,3 »Ihr habet die Gründe vernommen, welche mich bewogen haben, das Scepter und die Krone den Händen des Königs, meines Sohnes, zu übergeben; lasset mich einige Worte hinzufügen, welche Euch meinen Entschluß und Gedanken noch deutlicher machen werden. Lieben Freunde, mehre unter denen, die mich hören, müssen sich erinnern, daß es am 5. Jänner d. J. gerade vierzig Jahre waren, als der Kaiser Maximilian, glorreichen Andenkens, mich seiner Vormundschaft entledigte und mir hier in demselben Saale und zu gleicher Stunde alle meine Rechte übergab, obgleich ich kaum fünfzehn Jahre zählte. Als im folgenden Jahre der König Ferdinand der Katholische, mein Großvater von mütterlicher Seite, gestorben war, setzte ich, im sechzehnten Jahre, die Krone auf. Meine Mutter lebte noch, aber obgleich sie lebte und selbst noch jung war, hatte der Tod ihres Gemahls ihren Geist doch so erschüttert, wie Ihr wisst, daß sie die Reiche nicht selbst regieren konnte und ich im siebzehnten Jahre meine Reisen über die Meere beginnen mußte, um Besitz von Spanien zu nehmen. Endlich, als vor sechsunddreißig Jahren der Kaiser Maximilian starb und ich in meinem neunzehnten Jahre stand, wagte ich nach der Kaiserkrone zu streben, die er getragen hatte, nicht aus Sucht über eine größere Anzahl Länder zu herrschen, sondern um wirksamer für das Wohl Deutschlands, meiner andern Länder und namentlich meines geliebten Flanderns sorgen zu können.

»Zu diesem Zwecke habe ich so viele Reisen unternommen und vollbracht. Zählen wir sie und Ihr werdet Euch wundern über ihre Zahl und Ausdehnung. Ich reiste neunmal nach Deutschland, sechsmal nach Spanien, siebenmal nach Italien, zehnmal nach Belgien, viermal nach Frankreich, zweimal nach England und zweimal nach Afrika, was also vierzig Reisen und Feldzüge macht. In diesen vierzig Reisen und Zügen sind die kleinen Ausflüge nicht begriffen, welche ich nach unterworfenen Inseln oder Provinzen machte.

»Ich bin dabei achtmal über das mittelländische Meer und drei Mal über das Westmeer geschifft, das ich zum letzten Male zu befahren heute mich anschicke. Ich übergehe meine Reise durch Frankreich, die ich von Spanien aus nach den Niederlanden machte, eine Reise, zu der mich, wie Euch bekannt, ernste Dinge veranlaßten.,4 Wegen meiner zahlreichen und häufigen Abwesenheiten mußte ich an die Spitze der Regierung dieser Provinzen hier meine zweite Schwester, die hier anwesende Königin stellen. Ich weiß es und die verschiedenen anwesenden Stände wissen es wie ich, wie sie ihr Amt verwaltet hat. Ich habe gleichzeitig mit diesen Reisen mehre Kriege geführt und alle wurden gegen meinen Willen unter- oder angenommen und heute, da ich von Euch scheide, betrübt es mich, Euch nicht einen festern Frieden, eine gesichertere Ruhe hinterlassen zu können. Alles dies konnte, wie Ihr wohl denkt, nicht geschehen ohne lange Arbeiten und große Anstrengungen, und an meiner Blässe, an meiner Schwäche kann man die Schwere dieser Arbeiten, die Last jener Anstrengungen erkennen. Auch glaube man nicht, daß ich, wenn ich die Last, welche mir die Ereignisse zutheilten, mit der Kraft verglich, welche mir Gott gegeben, nicht erkannt hätte, ich reiche nicht aus für den Auftrag, der mir geworden; aber wegen des Daseyns meiner Mutter und der Jugend meines Sohnes hielt ich es für ein Verbrechen, vor der Zeit die Last abzuwerfen, wie schwer sie auch seyn mochte, welche die Vorsehung mir aufgeladen, als sie mir Krone und Scepter gab. Indeß schon als ich das letzte Mal Flandern verließ, um nach Deutschland zu gehen, hatte ich die Absicht, welche ich heute ausführe. Als ich aber den traurigen Zustand der Dinge sah, noch einen Rest von Kraft in mir fühlte und mich von den Umwälzungen beherrscht fand, welche die Christenheit bedrohten, welche gleichzeitig von den Türken und den Lutheranern angegriffen wurde, hielt ich es für meine Pflicht, das Ausruhen zu verschieben und den Ueberrest meiner Kräfte und meines Lebens meinen Völkern zu opfern. Ich war auf gutem Wege das Ziel zu erreichen, als die deutschen Fürsten und der König von Frankreich das gegebene Wort brachen und mich von neuem in Unruhen und Schlachten stürzten. Die Einen griffen meine Person an und hätten in Innsbruck beinahe mich gefangengenommen, die Andern bemächtigten sich der Stadt Metz, welche zu dem Reiche gehörte. Da eilte ich herbei, um sie selbst mit einem zahlreichen Heere zu belagern. Ich wurde besiegt und mein Heer vernichtet, aber nicht durch die Menschen, sondern durch die Elemente. Für das verlorene Metz nahm ich den Franzosen Therouanne und Hesdin ab; ich that mehr noch: ich ging bis Valenciennes dem Könige von Frankreich entgegen, nöthigte ihn, sich zurückzuziehen, und that, was ich konnte, in der Schlacht von Penty, obwohl es mir sehr leid that, nicht mehr thun zu können. Jetzt ist es nicht mehr blos die Unvermögenheit, die ich stets in mir erkannt habe, die Krankheit nimmt zu und drückt mich nieder; zum Glück gibt mir Gott in dem Augenblicke, da er mir die Mutter nimmt, einen Sohn, der das Alter erreicht hat, regieren zu können. Jetzt, da die Kräfte mich verlassen und ich dem Tode nahe komme, hüte ich mich wohl die Leidenschaft des Herrschens dem Wohle und der Ruhe meiner Unterthanen vorzuziehen; statt eines gebrechlichen Greises, welcher den besten Theil seines Selbst bereits absterben sah, gebe ich Euch einen kräftigen Fürsten, den blühende Jugend und Kraft empfehlen. Schwöret also ihm die Liebe und die Treue, die Ihr mir so wohl gehalten habt. Vor allem hütet Euch, daß die Ketzereien, die Euch umringen, nicht unter Euch sich einschleichen und die brüderliche Liebe stören, welche Euch vereinigen soll; sehet Ihr, daß sie irgendwo Wurzel schlagen, so beeilt Euch sie auszureißen und wegzuwerfen. Um endlich noch zu allem, was ich gesagt habe, etwas über mich selbst zu sprechen, füge ich hinzu, daß ich viele Fehler begangen habe theils aus Unkenntniß in meiner Jugend, theils aus Stolz in meinem reifern Alter, theils aus andern Schwächen der menschlichen Natur; ich erkläre indeß hier, daß ich niemals wissentlich oder mit Willen irgend Jemanden Unrecht oder Gewalt angethan habe, daß ich vielmehr, wenn Unrecht oder Gewalt geschehen war und ich Kenntniß davon erhielt, es immer wieder gut gemacht habe, wie ich es vor Euch allen jetzt eben einem hier Anwesenden gegenüber thun werde, den ich ersuche mit Geduld und Erbarmen darauf zu warten.«

Er wendete sich darauf gegen Don Philipp, welcher zu Ende der Rede niedergekniet war, und sprach:

»Mein Sohn, wenn Du nur durch meinen Tod in den Besitz so vieler Reiche und Provinzen gekommen wärst, würde ich schon darum ein Verdienst um Dich gehabt haben, daß ich Dir ein so reiches Erbe hinterlasse, welches ich um so viele Güter vermehrt habe; da Dir aber dieses große Erbe heute nicht durch meinen Tod, sondern nach meinem freien Willen zufällt; da dein Vater sterben wollte, ehe er in sein Grab hinabsteigt, damit Du noch bei seinen Lebzeiten seine Hinterlassenschaft antreten möchtest, so verlange ich, und ich habe das Recht, dies zu verlangen, daß Du alles an Liebe und Fürsorge, was Du mir für diese frühere Ueberlassung deines Erbes schuldig zu seyn scheinst, deinen Völkern zuwendest. Die andern Könige freuen sich, ihren Kindern das Leben gegeben zu haben und ihnen Reiche zu hinterlassen; ich wollte dem Tode den Ruhm nehmen, Dir dieses Geschenk zu machen, weil ich eine doppelte Freude zu erhalten glaubte, wenn ich Dich nicht blos durch mich leben, sondern auch regieren sähe. Es werden sich wenige finden, die mein Beispiel nachahmen, wie ich in der Vergangenheit wenige gefunden habe, deren Beispiel nachahmungswerth gewesen wäre. Man wird aber wenigstens meine Absicht loben, wenn man sieht, daß Du verdientest, daß an Dir der erste Versuch gemacht wurde, und diesen Vortheil wirst Du haben, mein Sohn, wenn Du die Weisheit bewahrst, die Du bisher immer gezeigt hast, wenn Du immer die Furcht Gottes, des höchsten Herrn aller Dinge, in Dir trägst, wenn Du Dir die Vertheidigung der katholischen Religion und den Schutz der Gerechtigkeit und der Gesetze angelegen seyn lässest, welche die festesten Stützen und die stärksten Kräfte der Reiche sind. Endlich bleibt mir nur noch zu wünschen übrig, daß deine Kinder so glücklich gedeihen mögen, damit Du ihnen dein Reich und deine Macht ebenfalls freiwillig und ohne allen Zwang, wie ich, übertragen kannst.«

Nach diesen Worten stockte die Stimme des Kaisers, entweder aus Rührung oder weil seine Rede wirklich zu Ende war, er legte die Hand auf das Haupt seines Sohnes, der vor ihm kniete, und blieb einen Augenblick stumm und unbeweglich stehen, während zahlreiche Thränen still über seine Wangen rannen.

Nach diesem Schweigen, das noch beredter war als die Worte, welche er gesprochen, streckte er, als verließen ihn die Kräfte, die Hand nach seiner Schwester aus, während Don Philipp aus seiner knienden Stellung sich erhob und ihm als Stütze den Arm um den Leib legte.

Die Königin Marie aber nahm aus ihrer Tasche ein geschliffenes Gläschen mit einer rosenrothen Flüssigkeit, goß den Inhalt desselben in einen kleinen goldenen Becher und reichte denselben dem Kaiser.

Während der Kaiser trank, ließ ein Jeder seinem Gefühle freien Lauf und unter den Anwesenden, mochten sie dem Throne nahe stehen oder nicht, gab es wenige Herzen, die nicht ergriffen waren, wenige Augen, die thränenleer blieben.

Ein großes Schauspiel wurde der Welt von diesem Fürsten, diesem Krieger, diesem Cäsar gegeben, welcher nach vierzigjährigem Besitze einer Macht, wie sie wenige Sterbliche von der Vorsehung erhalten, freiwillig von dem Throne herabstieg und ermüdet an Körper und Geist, laut die Richtigkeit aller menschlichen Größe vor dem Nachfolger verkündete, dem er sie überließ.

Aber ein noch großartigeres Schauspiel wurde erwartet, da es der Kaiser selbst verkündet hatte: ein Mann erkannte öffentlich an, daß er einen Fehler begangen habe und bat den, welcher dadurch benachtheiligt worden, um Verzeihung.

Der Kaiser erkannte, daß man dies erwarte; er nahm seine Kraft nochmals zusammen und schob seinen Sohn sanft bei Seite.

Man sah, daß er noch einmal sprechen wolle, und Alles wurde still.

»Werthen Freunde,« begann der Kaiser, »ich habe eben einem Manne, den ich gekränkt, öffentliche Genugthuung versprochen; seyd also Alle Zeugen, daß ich mich zwar des Guten gerühmt, das ich gethan zu haben geglaubt, mich aber auch des Unrechtes, das ich gethan, selbst angeklagt habe.«

Er wendete sich zu dem Unbekannten in glänzender Kleidung, den ein Jeder bereits bemerkt hatte.

»Odoardo Maraviglia,« sprach er mit fester Stimme, »tretet vor.«

Der junge Mann, an den diese Worte gerichtet waren, erbleichte und trat wankend näher.

»Graf,« sagte der Kaiser zu ihm, »ich habe Euch mit und ohne Willen schweres Unrecht gethan in der Person eures Vaters, der in dem Gefängnisse zu Mailand einen grausamen Tod starb. Oft mal ist diese That meinem Gedächtnisse unter dem Schleier des Zweifels erschienen, heute aber tritt sie gespenstisch vor mich mit dem Leichentuche der Reue. Graf Maraviglia, vor Allen hier, im Angesichte der Menschen und unter dem Auge Gottes, in dem Augenblicke, da ich den Kaisermantel ablege, der sechsunddreißig Jahre schwer auf mir gelastet hat, demüthige ich mich vor Euch und bitte Euch nicht nur mir zu verzeihen, sondern auch Gott den Herrn zu bitten, mir zu verzeihen, da er es leichter auf die Bitten des Opfers als auf das Flehen des Mörders thun wird.«

Odoardo Maraviglia sank auf seine Knie und sprach:

»Herrlicher Kaiser, nicht mit Unrecht hat die Welt Dich den Erhabenen genannt. Ja, ja, ich verzeihe Dir in meinem Namen und in dem Namen meines Vaters, ja, auch Gott wird Dir verzeihen. Aber, erhabener Kaiser, von wem soll ich nun die Verzeihung erbitten, die ich mir selbst nicht gewähre?« Er stand auf und fuhr fort: »Meine Herren, Ihr sehet in mir einen Mann, welcher den Kaiser ermorden wollte, und dem der Kaiser nicht nur verziehen hat, den er sogar selbst um Verzeihung bittet. König Don Philipp,« fügte er hinzu, indem er sich vor dem neigte, welcher von diesem Augenblicke an Philipp II. heißen sollte, »der Mörder überliefert sich euren Händen.«

»Mein Sohn,« fiel Carl V. ein, den die Kräfte zum zweiten Male verließen, »ich empfehle Dir diesen Mann; laß Dir sein Leben heilig seyn!«

Und er sank fast ohnmächtig auf seinen Sessel.

»Ach, mein geliebter Emanuel,« sagte der Page des Herzogs von Savoyen, indem er zu seinem Herrn schlüpfte, als in Folge des Unfalls des Kaisers eine allgemeine Bewegung entstand, »wie gut, wie groß bist Du und wie ganz erkenne ich Dich in dem, was eben geschehen ist!«

Und ehe Emanuel Philibert es verhindern konnte, hatte ihm Leone-Leona die Hand fast so ehrfurchtsvoll als liebevoll geküßt.

Die Ceremonie, welche durch den unerwarteten Vorgang unterbrochen worden, der indeß einer der ergreifendsten an diesem feierlichen Tage war, sollte ihren weiteren Verlauf nehmen, denn wenn die Abdankung vollständig seyn sollte, mußte Philipp II. sie annehmen.

Philipp, der durch ein zustimmendes Zeichen auf die Empfehlung seines Vaters geantwortet hatte, neigte sich also von neuem demüthig vor ihm und sprach in spanischer Sprache, welche die meisten Anwesenden zwar verstanden, aber nicht selbst redeten, und in einem Tone, in welchem sich, vielleicht zum ersten Male, ein Schein von Rührung zeigte:

»Niemals, unbesieglicher Kaiser, mein gütiger Vater, habe ich eine so große väterliche Liebe, wie sie ihresgleichen niemals in der Welt gehabt, verdient oder zu verdienen geglaubt, so daß ich wegen meiner geringen Verdienste in großer Verlegenheit, aber auch von Achtung und Dankbarkeit gegen Euch erfüllt bin. Da es Euch aber gefiel, gegen mich so liebreich und freigebig zu handeln in eurer großen Güte, so übet diese Güte nochmals, mein sehr theuerer Vater, und haltet Euch überzeugt, daß ich von meiner Seite alles thun werde, was in meiner Macht steht, damit euer Entschluß zu meinen Gunsten allgemein gebilligt werde, indem ich mich bemühe, so zu regieren, daß die Staaten von meiner Liebe überzeugt seyn können, die ich stets für sie gehabt habe.«

Bei diesen Worten küßte er zu wiederholten Malen die Hand seines Vaters, während dieser ihn an sein Herz drückte und sagte:

»Ich wünsche Dir, mein lieber Sohn, den herrlichsten Segen vom Himmel und seinen göttlichen Beistand.«

Da drückte Don Philipp zum letzten Male die Hand seines Vaters an die Lippen, wischte eine Thräne, die aber vielleicht gar nicht da war, aus dem Auge, erhob sich, wendete sich gegen die versammelten Stände, begrüßte sie und sprach, mit dem Hute in der Hand, wie alle Anwesenden, während der Kaiser allein sitzen und bedeckt blieb, in französischer Sprache folgende wenige Worte:

»Ich möchte die Sprache dieses Landes besser sprechen können, als ich es vermag, um Euch meine Liebe zu Euch und meine Gnade besser erkennen geben zu können. Da ich es aber nicht so gut im Stande bin, als es nöthig seyn dürfte, so beziehe ich mich auf den Bischof von Arras, der es für mich thun wird.«

Alsbald nahm Anton Perrenot von Granvella, derselbe welcher später Cardinal wurde, das Wort, um die Gefühle des Prinzen auszusprechen, rühmte den Eifer Don Philipps für das Wohl seiner Unterthanen und sprach den Entschluß aus, sich genau nach den weisen Lehren zu richten, welche der Kaiser ihm gegeben.

Dann erhob sich ihrerseits die Königin Marie, die Schwester des Kaisers, welche sechsundzwanzig Jahre lang die Regierung der Niederlande geführt hatte, und legte mit wenigen Worten die Regentschaft, die sie von ihrem Bruder erhalten hatte, in die Hände ihres Neffen.

Darauf schwur der König Don Philipp die Rechte, und Privilegien seiner Unterthanen aufrecht zu erhalten, und so alle Mitglieder der Versammlung, Fürsten, Granden von Spanien, Ritter des goldenen Vließes und Abgeordnete der Stände, schwuren ihm dagegen im eigenen Namen oder im Namen derer, welche sie gesandt hatten, Gehorsam.

Nach diesem doppelten Schwure erhob sich Carl V. ließ Don Philipp auf dem Throne Platz nehmen, setzte ihm die Krone auf und sprach mit lauter Stimme:

»Herr, mein Gott, gib, daß diese Krone für deinen Erwählten nicht zu einer Dornenkrone werde!«

Darauf ging er nach der Thür zu.

Alsbald eilten Don Philipp, der Prinz von Oranien, Emanuel Philibert und die Fürsten und Herren herbei, alle, die zugegen waren, um den Kaiser bei dem Gange zu unterstützen; er aber winkte Maraviglia, der zögernd herbeikam, denn er konnte nicht errathen, was der Kaiser von ihm wünschte.

Der Kaiser wollte bei seinem Fortgange keine andere Stütze haben als die Maraviglia's, dessen Vater er hatte umbringen lassen und der ihn für diese blutige That hatte ermorden wollen.

Da indeß der zweite Arm des Kaisers matt herab hing, sagte Emanuel Philibert:

»Erlaubt, Sire, daß mein Page Leone die zweite Stütze sey, auf welcher Ew. Majestät ruhe; ich werde die Ehre, die Ihr ihm dadurch erweiset, ansehen, als sey sie mir selbst erwiesen worden.«

Er schob Leone vor zu dem Kaiser.

Carl V. sah den Pagen an und erkannte ihn.

»Ah,« sagte er, indem er seinen Arm erhob, damit Leone ihm die Achsel reichen könne, »es ist der junge Mann mit dem Diamant. Willst Du Dich mit mir aussöhnen, schöner Page?»

Er blickte darauf auf seine Hand, an deren kleinem Finger er nur wegen der Schmerzen einen einfachen Ring hatte behalten können.

»Du wirst durch das Warten verloren haben, schöner Page,« sagte er, »statt des Diamanten wirst Du nur diesen einfachen Ring erhalten. Er trägt freilich meinen Namenszug, der vielleicht eine Entschädigung für Dich ist.«

Er zog den Ring von dem kleinen Finger und steckte ihn an den Daumen Leone's, da dieser allein so stark war, daß er den Ring halten konnte.

Dann verließ er den Saal unter den Blicken und dem Zurufe der Versammlung, die noch neugieriger und begeisterter gewesen seyn würde, wenn die Anwesenden hätten errathen können, daß dieser Kaiser, der von dem Throne herabstieg, der Christ, der sich in die Einsamkeit begab, der Sünder, welcher sich unter der Verzeihung neigte, seinem nahen Grabe zu wankte, gestützt nicht blos auf den Sohn, sondern auch auf die Tochter jenes unglücklichen Francesco Maraviglia, den er vor elf Jahren in einer dunkeln Septembernacht in einem Kerker der Citadelle von Mailand hatte ermorden lassen.

Es war die Reue, gestützt auf das Gebet, also nach dem Ausspruche von Jesus Christus, der Anblick, welcher hienieden dem Herrn der liebste ist.

An der Thür zu der öden Straße aber, wo das Maulthier wartete, das ihn hergetragen hatte, verlangte der Kaiser, daß keiner der beiden jungen Männer einen Schritt weiter thue, und schickte Odoardo zu dem neuen Herrn, Leone aber zu dem seinigen, Emanuel Philibert.

Ohne eine andere Bedeckung oder Begleitung als den Mann, welcher das friedliche Thier am Zügel führte, setzte er seinen Weg nach dem kleinen Hause im Park fort, so daß Niemand, der ihn so im Dunkel reiten sah, ahnen konnte, daß der bescheidene Reiter der Mann sey, dessen Abdankung Brüssel beschäftigte und bald die ganze Welt beschäftigen sollte.

Als Carl V. an der Thür des kleinen Hauses ankam, an dessen Stelle jetzt die Deputirtenkammer steht, fand er das Gitter offen und er konnte ohne Aufenthalt hineinreiten.

Der Diener ließ dann das Maulthier so nahe als möglich in die zweite Thür treten, hob den Kaiser herunter und setzte ihn an der Schwelle des Zimmers nieder.

Diese zweite Thür war offen wie die erste.

Der Kaiser achtete auf diesen Umstand nicht, da er ganz und gar mit seinen Gedanken beschäftigt war, wie man dies begreifen wird. Auf der einen Seite auf seinen Stock gestützt, den er an derselben Stelle fand, wo er ihn vor zwei Stunden gelassen, nemlich hinter der Thür, auf der andern auf den Arm des Dieners, trat er in das Zimmer, das mit dicken Teppichen belegt, mit schweren Vorhängen versehen war und in dessen Camine ein großes Feuer brannte.

Das Zimmer wurde nur durch den Schein der Flamme erleuchtet, welche in dem Camine knisterte; aber dieses Halbdunkel paßte besser als große Helle für die Gemüthsstimmung, in welcher sich der Kaiser befand.

Er legte sich also auf das Canapé, entließ den Diener und bedachte die Ereignisse seines Lebens während des letzten halben Jahrhunderts. Und welches Jahrhundert! Das Jahrhundert, in welchem Heinrich VIII., Maximilian, Clemens VII., Franz I. und Luther gelebt hatten. Er zwang sein Gedächtniß den durchlaufenen Weg noch einmal zurückzuwandeln. Diese Wanderung war eine unermeßliche, herrliche, wunderbare, zwischen knieenden Höflingen, unter dem Jubel der Welt.

Mitten in diesem Traume, den weniger ein Mensch als ein Gott träumen konnte, zerbrach ein brennendes Holzstück im Camine; die eine Hälfte davon fiel in die Asche, die andere rollte auf den Teppich, von dem sogleich ein dicker Rauch aufstieg.

Dieser Vorfall, so gewöhnlich er war, brachte Carl V., vielleicht eben seiner Gewöhnlichkeit wegen, zur Gegenwart zurück.

»He!« rief er. »Wer hat den Dienst hier? Schnell, Jemand! Ist Niemand da?«

Es antwortete Niemand.

»Ist Niemand im Vorzimmer?« rief der ehemalige Kaiser, der die Geduld verlor und mit dem Stock auf den Boden stieß.

Der zweite Ruf erlangte so wenig eine Antwort als der erste.

»So komme doch Jemand und bringe das Feuer in Ordnung und schnell!« rief Carl V. noch ungeduldiger als das erste Mal.

Gleiches Schweigen.

»Hm, hm!« murmelte er, indem er sich von einem Möbel zum andern schleppte, um an den Camin zu gelangen.

»Schon allein, schon verlassen? Wenn die Vorsehung mir Reue geben wollte über das was ich gethan habe, kommt die Lehre sehr bald.«

Und er selbst nahm mit den schmerzenden Händen die Zange und brachte mit unendlicher Mühe das Feuer in Ordnung, da Niemand kam und ihm half.

Alle, von den Fürsten bis zu den Dienern, waren um den neuen König Don Philipp beschäftigt.

Der Kaiser stieß die letzten auf dem Teppich rauchenden Kohlen mit dem Fuße fort, als sich Tritte in dem Vorzimmer vernehmen ließen und eine menschliche Gestalt in der Thür erschien.

»Endlich!« murmelte der Kaiser.

»Sire,« sagte der Eintretende, als er sah, daß Carl V. in der Person sich irrte, »ich bitte Ew. Majestät um Verzeihung, daß ich also vor Euch erscheine; da ich aber alle Thüren offen fand und in den Vorzimmern Niemanden sah, der mich anmelden konnte, so wagte ich mich selbst zu melden.«

»So meldet Euch, Herr,« antwortete Carl V., der wie man sieht, sein Leben als Privatmann sogleich antreten und erlernen mußte. »Wer seyd Ihr?«

»Sire,« antwortete der Unbekannte im ehrerbietigsten Tone und mit einer sehr tiefen Verbeugung, »ich bin Caspar von Chatillon, Herr von Coligny, Admiral von Frankreich und außerordentlicher Gesandter Sr. Majestät des Königs Heinrichs II.«

»Herr außerordentlicher Gesandter Sr. Majestät des Königs Heinrichs II.,« entgegnete Carl V. und er lächelte mit einer gewissen Bitterkeit, »Ihr habt die rechte Thür verfehlt. Ihr habt nicht mit mir zu thun, sondern mit dem Könige Philipp II., meinem Nachfolger auf dem Throne Neapels seit neun Monaten und auf dem Throne Spaniens und Indiens seit einer halben Stunde.«

»Sire,« antwortete Coligny in demselben ehrfurchtsvollen Tone und mit einer zweiten tiefen Verbeugung, »welche Veränderungen in den Verhältnissen des Königs Philipp II. seit neun Monaten oder seit einer halben Stunde eingetreten seyn mögen, Ihr seyd noch immer der Erwählte Deutschlands, der allergrößte, allerheiligste und allererhabenste Kaiser Carl V. und da das Schreiben meines Königs an Ew. Majestät gerichtet ist, so erlaubt, daß ich es Ew. Majestät überreiche.«

»Dann, Herr Admiral,« sagte Carl V., »helft mir Kerzen anzünden, denn seit der Thronbesteigung meines Sohnes Philipp II. hat man mir, wie es scheint, auch den letzten Diener genommen.«

Der Kaiser zündete mit Hilfe des Admirals die Wachskerzen an, die auf den Leuchtern bereit standen, um das Schreiben lesen zu können, welches der König Heinrich II. an ihn richtete, vielleicht aber auch um sobald als möglich den Mann zu sehen, der ein so gefährlicher Gegner für ihn seit drei Jahren gewesen war.

IV.
Coligny

Caspar von Chatillon, Herr von Coligny, war in jener Zeit ein Mann von acht- bis neununddreißig Jahren mit lebhaftem Auge, kriegerischem Gesichte und hoher schöner Gestalt. Als getreues unerschrockenes Herz hatte er in so großem Ansehen bei dem Könige Franz I. gestanden, wie er bei dem Könige Heinrich II. stand und bei dem Könige Franz II. stehen sollte.

Nur der erbliche Haß Heinrichs von Guise in Verbindung mit der Heuchelei der Catharina von Medici und der Schwäche Carls IX. vermochten einen solchen Mann zu ermorden, wie unermeßlich auch die Metzelei vom 24. August 1572 seyn mochte.

Dieser Haß, welcher an dem Tage, da wir den berühmten Admiral vorführen, ihn von seinem ehemaligen Freunde, Franz von Guise, zu trennen begann, hatte seinen Ursprung auf dem Schlachtfelde von Penty gehabt. In ihrer Jugend waren die beiden großen Feldherren, deren Genie im Verein so viele wunderbare Dinge auszuführen vermochte, vertraute Freunde gewesen. Alle ihre Vergnügungen, Arbeiten und Uebungen hatten sie gemeinschaftlich und in ihrem Studium des Alterthums nahmen sie sich nicht blos die Männer zum Muster, welche glänzende Beispiele von Muth hinterlassen haben, sondern auch die, welche sich durch Freundschaft auszeichneten.

Die gegenseitige innige Liebe der beiden jungen Leute ging so weit, daß sie, wie Brantôme sagt, selbst gleichen Putz und gleiche Livréen hatten.

Da der König Heinrich II. einen Gesandten an den Kaiser Carl V. schickte und dieser Gesandte der Connétable von Montmorency nicht war, so konnte es kein anderer seyn, als der Admiral Coligny oder der Herzog von Guise.

Der Kaiser betrachtete den Admiral mit einer großen Bewunderung. Die Geschichtschreiber sagen aber auch, es sey unmöglich gewesen einen Mann zu sehen, der ein besseres Bild von einem großen Feldherrn gegeben.

In demselben Augenblicke fiel es aber Carl V. ein, daß der Admiral Coligny nach Brüssel gesandt worden war, nicht gerade um ihm das Schreiben zu überreichen, das er in der Hand hielt, sondern vielmehr um dem französischen Hofe zu berichten, was an dem denkwürdigen Tage des 25. Octobers 1555 in dem Palaste zu Brüssel geschehen.

Auch war die erste Frage des Kaisers an Coligny, nachdem er durch einen langen Blick auf den Gesandten Heinrichs II. seine Neugierde befriedigt hatte: »Seit wann seyd Ihr angekommen, Herr Admiral?«

»Seit diesem Morgen, Sire,« antwortete Coligny.

»Und Ihr bringt mir…?«

»Dieses Schreiben Sr. Majestät des Königs Heinrichs II.«

Er reichte dasselbe dem Kaiser.

Carl V. nahm es und bemühte sich eine Zeitlang vergebens das Siegel zu erbrechen, so schmerzhaft und so verdreht von der Gicht waren seine Hände.

Der Admiral erbot sich ihm die Mühe abzunehmen.

Carl V. reichte ihm lächelnd das Schreiben und sagte:

»In der That, Herr Admiral, bin ich nicht ein guter Reiter, eine Lanze zu brechen, da ich nicht einmal mehr ein Siegel erbrechen kann.«

Der Admiral übergab dem Kaiser den Brief geöffnet.

»Nein, nein,« sagte der Kaiser, »sehet, Herr Admiral, meine Augen sind so schlecht wie meine Hände. Ihr werdet also wie ich anerkennen, daß ich wohl gethan habe, alles, Kraft und Macht, den Händen eines Jüngern und Gewandteren zu übergeben.«

Der Kaiser betonte das Letztere stärker.

Der Admiral antwortete nicht, sondern begann das Schreiben vorzulesen; unterdessen musterte Carl V. der nicht gut mehr sehen zu können befürchtete, Coligny mit Adlerblicken.

Das Schreiben enthielt nur eine Anzeige des Königs von Frankreich, die dem Kaiser meldete, er sende ihm die definitive Arbeit über den Waffenstillstand.

Nachdem Coligny dies gelesen hatte, zog er auch die Pergamente hervor, welche von den Bevollmächtigten unterzeichnet und mit dem königlichen Siegel Frankreichs bedruckt waren.

Es war dies der Austausch gegen die ähnlichen Papiere, welche Carl V. an Heinrich II. geschickt hatte mit den Unterschriften des spanischen, deutschen und englischen Bevollmächtigten und mit dem deutschen Reichssiegel.

Der Kaiser blickte auf diese politischen Verträge und legte sie, als erriethe er, daß sie noch vor Verlauf eines Jahres gebrochen werden würden, auf einen großen Tisch, der mit einem schwarzen Teppich bedeckt war, ergriff dann den Arm des Admirals, damit ihn derselbe an seinen Platz zurückgeleite, und sagte:

»Herr Admiral, ist es nicht ein Wunder der Vorsehung, daß ich, schwach und von der Welt zurückgetreten, auf den Arm mich stütze, der mich zur Zeit meiner größten Macht beinahe gestürzt hätte.«

»Ach, Sire,« antwortete der Admiral, »nur Ein Mann konnte Carl V. stürzen, – Carl V. selbst, und wenn wir als Zwerge mit einem Riesen kämpfen durften, so ließ es Gott nur geschehen, um der Welt recht offenbar unsere Schwäche und eure Macht zu zeigen.«

Carl V. lächelte.

Dieses Compliment mißfiel ihm offenbar nicht, da es von einem Manne wie der Admiral kam.

Er setzte sich jedoch, winkte Coligny ebenfalls Platz zu nehmen und sagte:

»Genug, Admiral, genug. Ich bin nicht mehr Kaiser, nicht mehr König, nicht mehr Fürst und muß mit allen Schmeicheleien brechen. Reden wir also von etwas Anderem. Wie geht es meinem Bruder Heinrich?«

»Seht gut, Sire,« antwortete der Admiral, indem er der zum dritten Male wiederholten Aufforderung des Kaisers nachgab, Platz zu nehmen.

»Das freut mich,« entgegnete Carl V. »Das freut mich so, daß mir das Herz lacht und nicht ohne Ursache, denn ich halte es für eine große Ehre, mütterlicher Seits von der Blume abzustammen, welche die schönste Krone der Welt trägt. Aber,« fuhr er fort, indem er das Gespräch auf gewöhnliche Dinge des Lebens zu führen suchte, »man hat mir doch gesagt, mein lieber Bruder fange auch an grau zu werden, während mir es ist, als sey es erst drei Tage her, daß er, ein Kind noch und ohne Bart, in Spanien war. Und doch sind fast zwanzig Jahre seitdem vergangen.«

Carl V. seufzte, als wenn bei diesen Worten, die ihm entschlüpft waren, der weite Horizont der Vergangenheit sich vor ihm neu aufgethan hätte.

»Es ist so, Sire,« entgegnete der Admiral, der auf die Frage des Kaisers antwortete, »Se. Majestät fängt an graues Haar zu bekommen, aber diese grauen Haare sind noch zu zählen. Und wer hätte nicht einzelne weiße Haare, selbst in noch früherer Zeit gehabt?«

»Das ist wahr, mein lieber Admiral,« entgegnete der Kaiser. »Ich frage Euch über die ersten grauen Haare des Königs Heinrich, will Euch aber dafür auch die Geschichte der meinigen erzählen. Ich war fast so alt wie er, sechs- oder siebenunddreißig Jahre kaum, und bei meiner Rückkehr nach Neapel, Ihr kennt die Schönheit der Stadt Neapel, Herr Admiral, und die Anmuth und die Reize der Damen dort.«

Coligny verbeugte sich lächelnd.

»Ich bin ein Mann,« fuhr Carl V. fort, »ich wollte mir also auch ihre Gunst erwerben. Den Tag nach meiner Ankunft ließ ich also meinen Barbier rufen, damit er mich rasiere und parfumire. Der Mann hielt mir einen Spiegel vor, damit ich der Arbeit folgen könne. Ich hatte mich lange nicht angesehen; der Krieg gegen die Türken, die Bundesgenossen meines guten Bruders Franz I. war ein harter Krieg. Mit einem male rief ich denn aus: »Freund Barbier, was ist das?« – »Sire,« antwortete er mir, es sind zwei oder drei weiße Haare.« Ich muß Euch sagen, daß der Schmeichler log; es waren nicht blos zwei oder drei, wie er sagte, sondern wohl ein Dutzend. »Schnell, schnell, Herr Barbier,« entgegnete ich, »weg mit den weißen Haaren und lasset nicht ein einziges übrig.« Er gehorchte und wisst Ihr was geschah? Einige Zeit nachher wollte ich mich wieder im Spiegel besehen und bemerkte, daß wenigstens zehn graue Haare wieder erschienen waren, so daß ich, wenn es so fortging, in einem Jahre weiß wie ein Schwan gewesen seyn würde. Sagt also meinem Bruder Heinrich, Herr Admiral, er möge seine drei weißen Haare behalten und sich dieselben nicht ausziehen lassen, nicht einmal von den schönen Händen der Frau von Valentinois. Je mehr man auszieht, um so mehr wachsen nach. Noch etwas, denn ich kann Euch nicht gehen lassen, mein lieber Admiral, ohne mich nach Allen erkundigt zu haben. Wie geht es der Tochter unseres alten Freundes Franz I.?«

Carl V. betonte lächelnd die Worte »unseres alten Freundes.«

»Sehr gut, Sire,« antwortete Coligny lächelnd.

»Und bei der Frau von Valentinois fällt mir ein,« fuhr der Kaiser fort, der durch diesen Uebergang bewies, daß ihm die bösen Reden vom Hofe König Heinrichs II. nicht unbekannt waren, »wie geht es, Herr Admiral, eurem werthen Oheim, dem Großconnétable?«

»Vortrefflich,« entgegnete der Admiral, »obgleich er einen ganz weißen Kopf hat.«

»Ja,« sagte Carl V., »einen weißen Kopf hat er, aber bei ihm ist es wie bei dem Lauch, der auch einen weißen Kopf aber einen grünen frischen Körper hat. Das muß auch der Fall seyn, da er sich noch mit den schönen Damen am Hofe zu schaffen macht.«

»Meint Ew. Majestät Margarethe von Frankreich?«

»Nennt man sie noch immer die vierte Grazie und die zehnte Muse?«

»Noch immer, Sire, und sie verdient auch diesen zweifachen Namen täglich mehr durch den Schutz, welchen sie unsern großen Geistern gewährt, den Herren L'Hospital, Ronsard und Dorat.«

»Ei, ei,« fiel Carl V. ein, »es scheint fast als wolle unser Bruder Heinrich II. diese Perle für sich ganz allein behalten, denn ich höre noch nichts von einer Vermälung Margarethens und doch muß sie…«

Carl V. stellte sich als denke er nach.

»Fast zweiunddreißig Jahre alt seyn,« sagte er.

»Ja, Sire, aber sie sieht kaum aus wie zwanzig. Sie wird jeden Tag schöner und frischer.«

»Es ist das Vorrecht der Rosen jeden Frühling neu zu grünen und zu knospen,« sagte Carl V. »Aber bei den Rosenknospen fällt mir ein: sagt mir doch, mein lieber Admiral, was macht man am französischen Hofe mit unserer jungen Königin von Schottland? Könnte ich nicht behilflich seyn, ihre Sache mit meiner Schwiegertochter, der Königin von England, auszugleichen?«

»Ach, Sire, es hat keine Eile,« antwortete der Admiral, »und Ew. Majestät, welche das Alter unserer Prinzessinnen so genau kennt, weiß auch, daß die Königin von Schottland kaum dreizehn Jahre alt ist. Sie ist – ich glaube nicht ein Staatsgeheimniß zu verrathen, wenn ich Ew. Majestät dies mittheile – sie ist für den Dauphin Franz bestimmt und die Vermälung kann und soll nicht vor etwa zwei Jahren erfolgen.«

»Wartet, wartet, Herr Admiral, daß ich mich erinnere,« sagte Carl V., »denn es ist mir, als hätte ich meinem Bruder Heinrich II. einen guten Rath geben wollen. Ah ja. Aber zuerst könnt Ihr mir sagen, mein werther Admiral, was aus einem jungen Herrn Gabriel von Lorge, Grafen von Montgomery, geworden ist?«

»Gewiß. Er ist am Hofe des Königs, steht in großer Gunst bei demselben und ist Capitän in der schottischen Garde.«

»In großer Gunst! hm!« sagte Carl V. nachdenklich.

»Hättet Ihr etwas gegen den jungen Herrn zu sagen, Sire?«

»Nein… Hört nur eine Geschichte Als ich, mit Erlaubniß meines Bruders Franz I., durch Frankreich reiste, um den Aufstand meiner geliebten Unterthanen und Landsleute, der Genfer, zu züchtigen, erzeigte mir der König von Frankreich allerlei Ehren, wie Ihr Euch werdet erinnern können, obgleich Ihr damals noch ein sehr junger Bart wart: zum Beispiel er sandte mir bis Fontainebleau den Dauphin mit vielen jungen Herren und Pagen entgegen. Ich muß Euch sagen, mein werther Admiral, daß mich nur die harte Nothwendigkeit zwang, durch Frankreich zu reisen und daß ich lieber jeden andern Weg eingeschlagen hätte. Man hatte alles Mögliche gethan, um mich gegen die Redlichkeit des Königs Franz I. einzunehmen und ich selbst, ich gestehe es, war etwas besorgt – sehr mit Unrecht, wie es sich zeigte – mein Bruder von Frankreich möge die Gelegenheit benutzen, um sich wegen des Vertrags von Madrid zu entschädigen. Ich hatte also – als ob die menschliche Wissenschaft gegen die Beschlüsse der Vorsehung etwas vermöchte – einen sehr geschickten Mann und höchst berühmten Astrologen mitgenommen, welcher nach dem ersten Anblicke eines Gesichtes beurtheilte, ob in den Linien dieses Gesichtes eine Drohung für die Freiheit oder das Leben desjenigen liege, welcher sein Leben und seine Freiheit vor diesem Menschen wagte.«

Der Admiral lächelte und sagte:

»Es war eine gute Vorsichtsmaßregel, würdig eines so weisen Kaisers wie Ihr seyd; aber Ew. Majesiät hat gesehen, daß eine gute Vorsichtsmaßregel bisweilen doch nutzlos werden kann.«

»Wartet nur, Ihr werdet sehen… Wir waren also auf dem Wege von Orléans nach Fontainebleau, als wir plötzlich einen großen Zug uns entgegenkommen sahen. Es war, wie ich gesagt habe, der Dauphin von Frankreich mit einer großen Anzahl Herren und Pagen. Anfangs und von weitem, da wir nur die große Staubwolke sahen, glaubten wir es sey eine Schaar Reiter, Soldaten und hielten an, bald aber sahen wir durch die graue Staubwolke Atlas, Sammt und Gold glänzen. Offenbar kam man nicht in feindlicher Absicht, sondern um uns eine Ehre zu erzeigen. Wir setzten also unsern Weg fort voll Vertrauen auf das Wort des Königs Franz I. Bald begegneten einander die beiden Reiterzüge und der Herr Dauphin kam auf mich zu, um mich im Namen seines Vaters zu becomplimentiren. Das Compliment war so artig und kam so gelegen, Alle zu beruhigen, nicht mich aber, denn Gott, dem ich von nun an mein Leben weihen werde, ist mein Zeuge, daß ich keine Minute lang Argwohn gegen meinen Bruder von Frankreich gehegt habe, – das Compliment also war so freundlich, daß ich den jungen Prinzen, der mir es brachte, sogleich umarmen wollte. Während ich ihn nun so herzlich in die Arme schloß, daß es wohl eine ganze Minute währte, hatten sich die beiden Reiterhaufen untereinander gemischt und die jungen Herren und Pagen in dem Gefolge des Herrn Dauphin, die wohl, etwas neugierig waren mich zu sehen, weil ich einigen Lärm in der Welt gemacht habe, hatten mich völlig umringt und waren so nahe als möglich an mich herangekommen. Da bemerkte ich, daß mein Astrolog, der Angelo Policastro hieß und ein Italiener aus Mailand war, sein Pferd so weit vorgedrängt hatte, daß es meine linke Seite vollständig deckte. Es kam mir sehr keck vor, daß dieser Mann sich so unter den schönen reichen Adel mischte und ich sagte also zu ihm:

»Herr Angelo, was macht Ihr hier?«

»Sire,« antwortete er mir, »ich bin an meinem Platze.«

»Gleichviel, Herr Angelo; lasset den Andern auch Platz.«

»Das kann, das darf ich nicht, kaiserliche Majestät,« antwortete er mir.

Da meinte ich, die Harmonie meiner Reise werde durch etwas gestört, ich fürchtete nun, der Astrolog werde doch meiner ersten Aufforderung gehorchen und sagte also:

»So bleibt, Signor Angelo, da Ihr in guter Absicht da seyd, Ihr werdet mir aber gleich nach der Ankunft im Schlosse sagen, warum Ihr so handelt, nicht wahr?«

»Das werde ich nicht unterlassen, Sire, denn es ist meine Pflicht. Wendet den Kopf einmal links und betrachtet genau den blonden jungen Herrn, der langes Haar trägt.«

Ich blickte von der Seite hin.

Der junge Mann, der etwas Ausländisches, etwas Englisches, an sich hatte, war um so leichter zu erkennen, da er allein das Haar lang trug.

»Ich sehe ihn,« antwortete ich.

»So ist es gut, für den Augenblick wenigstens,« sagte der Astrolog. »Später werde ich mit Ew. Majestät sprechen.«

Kaum war ich in dem Schlosse angekommen, so begab ich mich in mein Gemach unter dem Vorwande, meine Kleider zu wechseln. Signor Angelo folgte mir.

»Nun?« fragte ich, »was habt Ihr mir von dem jungen Manne zu sagen?«

»Sire, habt Ihr bemerkt, daß er trotz seiner Jugend bereits eine Falte zwischen den beiden Augenbrauen hat?«

»Nein,« antwortete ich, »so genau habe ich ihn nicht! angesehen.«

»Diese Falte nennen wir Cabbalisten die Todeslinie; Sire, dieser junge Mann wird einen König tödten.«

»Einen König oder einen Kaiser?«

»Das kann ich nicht sagen: ein gekröntes Haupt.«

»Und ermitteln könnt Ihr nicht, ob das gekrönte Haupt das meinige ist?«

»Doch, Sire, aber dazu brauchte ich etwas von seinem Haar.«

»Wie wäre dies zu erlangen?«

»Ich weiß es nicht, man müßte darüber nachdenken.«

»Ich dachte nach. Gerade in dem Augenblicke trat die Tochter des Gärtners mit vielen schönen Blumen ein, die sie in die Vasen aus dem Camine und den Spiegeltischen that. Als sie fertig war, nahm ich sie bei der Hand und zog sie an mich, darauf holte ich zwei ganz neue Maximiliansdor aus der Tasche und gab sie ihr. Sie dankte mir und ich küßte sie auf die Stirn.

»Schönes Kind,« sagte ich, »willst Du noch zehnmal so viel verdienen?«

Sie schlug die Augen nieder und erröthete.

»Nein, nein,« fiel ich ein, »darum handelt es sich nicht.«

»Von was sonst, Herr Kaiser?« fragte sie mich.

»Sieh,« sagte ich, führte sie an das Fenster und zeigte ihr den blonden jungen Herrn. »Siehst Du den jungen Herrn dort?«

»Ja.«

»Wie findest Du ihn?«

»Recht schön und hübsch gekleidet.«

»Wenn Du mir morgen Früh einige seiner Haare bringst, erhältst Du zwanzig solcher Goldstücke?«

»Wie sollte ich es anfangen, um Haare von dem jungen Herrn zu erhalten?« fragte sie unschuldig.

»Ja, Kind, das ist nicht meine Sache; Du hast ein Mittel auszudenken. Ich kann nichts thun, als Dir meine Bibel geben.«

»Eine Bibel?«

»Ja damit Du siehst, wie es Delila machte, als sie Simsons Haar abschneiden wollte.«

»Das Mädchen wurde wieder roth, aber meine Andeutungen scheinen hinreichend gewesen zu seyn, denn sie ging nachdenklich und lächelnd fort und am andern Morgen brachte sie eine goldblonde Locke. Herr Admiral, das unerfahrenste Mädchen ist schlauer und klüger als wir.«

»Ew. Majestät theilt mir die Geschichte nicht ganz mit?«

»Ei doch. Ich gab die Locke dem Signor Angelo, der damit seine cabbalisiischen Versuche machte und endlich sagte, das Horoskop bedrohe nicht mich, sondern einen Fürsten, der Lilien in seinem Wappen trage. Und nun, mein werther Admiral, der blonde junge Mann, welcher zwischen den Augenbrauen die Todeslinie hat, ist der Herr von Lorge, Graf von Montgomery, Capitän in der schottischen Garde meines Bruders Heinrich II. von Frankreich.«

»Wie? Ew. Majestät könnte den Verdacht haben…?«

»Ich hege keinen Verdacht, davor behüte mich Gott,« antwortete der Kaiser, indem er aufstand, um dem Admiral anzudeuten, daß die Audienz zu Ende sey. »Ich wiederhole nur Wort für Wort das Horoskop des Signor Angelo, da die Sache meinem Bruder von Frankreich doch von Nutzen seyn könnte, und sage Seiner allerchristlichen Majestät, er möge auf die Linie wohl achten, welche sein Capitän in der schottischen Garde zwischen den Augenbrauen hat und die man die Todeslinie nennt, zumal da sie ausdrücklich einen Fürsten bedrohen soll, der Lilien in seinem Wappen führt.«

»Sire,« entgegnete Coligny, »ich werde die Warnung von eurer Seite dem König von Frankreich mittheilen.«

»Und da, damit Ihr es nicht vergesset, mein werther Admiral« sagte Carl V. indem er dem Gesandten die kostbare Kette umhing, die er trug und an welcher sich der Diamantenstern befand, welchen man den Abendstern nannte wegen der Besitzungen der Könige von Spanien im Westen.

Coligny wollte das Geschenk knieend empfangen, aber Carl V. gestattete nicht, daß er ihm diesen Beweis seiner Verehrung gebe, indem er ihn an dem Arme hielt und auf beide Wangen küßte.

An der Thür begegnete er Emanuel Philibert, der nach kaum beendigter Ceremonie alles verließ, um seine Huldigungen dem Kaiser zu Füßen zu legen, der in seinen Augen um so größer war, seit er seiner Größe entsagt hatte.

Die beiden Feidherren begrüßten einander höflich. Beide hatten einander auf dem Schlachtfelde gesehen und achteten einander nach ihrem Werthe, das heißt gar hoch.

»Und Ew Majestät hat mir sonst nichts an den König aufzutragen?« fragte Coligny nochmals.

»Nein… nichts,« antwortete Carl V., indem er lächelnd Emanuel Philibert ansah, »außer, mein werther Admiral, wenn die Sorge für unser Seelenheil uns einen Augenblick Zeit läßt, werden wir uns bemühen einen Gemahl für Margarethe von Frankreich zu finden.«

Er stützte sich dabei auf den Arm Emanuels und sagte:

»Komm, mein lieber Emanuel; mir ist es als hätte ich Dich lange, lange Zeit nicht gesehen.«

V.
Nach der Abdankung

Für diejenigen unserer Leser, welche die Folge aller Dinge sehen und das Für und Wider jedes Ereignisses abwägen wollen, schreiben wir dieses Capitel, welches den Gang unserer Erzählung vielleicht aufhält, dem Blicke aber, der jetzt auf dem Kaiser Carl V. ruhte, das erloschene große Geschick durch das Dunkel des neuen Lebens, von dem Tage der Abdankung an bis an seinen Tod, das heißt vom 25. October 1555 bis zum 21. September 1558, zu verfolgen gestattet.

Ist der Besieger Franz I. in das Grab hinabgestiegen, in das ihm sein Nebenbuhler seit neun Jahren vorausgegangen, so kehren wir zu dem Leben, den Kämpfen, den Festen, dem Hasse und der Liebe über, zu jenem unermeßlichen Gesumme, welches selbst die Todten in ihren Gräbern wiegt.

Die verschiedenen Staatsgeschäfte, welche Carl V. in den Niederlanden zu ordnen hatte, die Niederlegung der Kaiserkrone zu Gunsten seines Bruders Ferdinand, welche der Abdankung zu Gunsten seines Sohnes Philipp folgen sollte, hielten den ehemaligen Kaiser fast noch ein Jahr lang in Brüssel fest, so daß er erst in den ersten Tagen des September 1556 diese Stadt verlassen und in Begleitung aller Großen, Gesandten, Adeligen, Magistratspersonen und Offiziere Belgiens sich nach Gent begeben konnte.

Der König Philipp hatte ausdrücklich seinen Vater bis an den Einschiffungsort, das heißt bis nach Vließingen begleiten wollen, wohin sich der Kaiser im Tragsessel begab und wohin ihn die beiden Königinnen, seine Schwestern, mit ihren Damen, der König Philipp mit seinem Hofe und Emanuel Philibert mit seinen beiden unzertrennlichen Gefährten, Leone und Scianca-Ferro, begleiteten.

Der Abschied war lang und traurig. Der Mann, welcher die Welt mit seinen Armen umfaßt hatte, trennte sich nicht nur von seinen Schwestern, seinem Sohne und einem dankbaren und ergebenen Neffen, sondern auch von der Welt, fast vom Leben, da er die Absicht hatte, gleich nach seiner Ankunft in Spanien sich in ein Kloster zurückzuziehen.

Auch wollte der Kaiser am Tage vor seiner Abreise Abschied nehmen, denn er sagte, wenn am Hafen erst die Trennung erfolgen sollte, werde er den Muth nicht finden das Schiff zu betreten.

Der Erste, von welchem Carl V. Abschied nahm, weil er denselben in seinem Herzen vielleicht am wenigsten liebte, war sein Sohn Don Philipp.

Nachdem dieser König von Spanien den Abschiedskuß des Vaters erhalten hatte, kniete er nieder und bat um den väterlichen Segen. Carl V. gab ihm denselben mit der großen Majestät, welche er bei solchen Umständen zu zeigen verstand, empfahl ihm Frieden mit den Mächten und vor Allem, wenn es möglich sey, mit Frankreich.

Don Philipp versprach seinem Vater nach den Absichten desselben zu handeln und obwohl er zweifelte, daß dies in Bezug aus Frankreich möglich seyn werde, schwur er doch seinerseits die Verträge getreulich zu halten, so lange Heinrich II. sie nicht breche.

Darauf umarmte Carl V. Emanuel Philibert. Er hielt ihn lange umschlossen und konnte sich gar nicht entschließen, ihn loszulassen.

Endlich rief er Don Philipp mit bewegter Stimme und Thränen in den Augen und sagte:

»Mein lieber Sohn, ich habe Dir viel gegeben: Neapel, Flandern und Indien, ich habe Alles Dir überlassen, was ich besaß, aber merke Dir wohl: Neapel und seine Paläste, die Niederlande und ihr Handel, Indien und ihre Gold, Silber- und Edelsteingruben kommen dem Schatze nicht gleich, den ich Dir in deinem Vetter Emanuel Philibert hinterlasse, der ein Mann von großem Verstand, ein guter Staatsmann und ein großer Feldherr ist. Ich empfehle Dir also, ihn nicht als Unterthan zu behandeln, sondern als Bruder und auch da, sage ich, wird er kaum nach Verdienst behandelt seyn.«

Emanuel wollte die Knie seines Oheims küssen, dieser aber hielt ihn in seinen Armen, dann aber schob er ihn aus den seinigen in die Don Philipps und sagte:

»Geht! geht! Es ist schmählich für Männer so zu ächzen und zu weinen wegen einer kurzen Trennung in dieser Welt. Sorgen wir durch gute Thaten, Tugenden und ein christliches Leben dafür, daß wir einander in jener Welt wieder finden, – das ist die Hauptsache.«

Er wendete sich von den beiden jungen Männern ab seinen Schwestern zu und winkte ihnen sich zu entfernen. So blieb er, den Rücken ihnen zugekehrt, bis sie aus dem Zimmer waren.

Don Philipp und Emanuel Philibert stiegen zu Pferde und reisten sofort nach Brüssel.

Der ehemalige Kaiser schiffte sich am nächsten Tag, 10. September 1556, auf einem »in Größe und Schmuck wahrhaft königlichen Schiffe« ein, wie der Geschichtschreiber Carls V. sagt, kaum aber war es auf dem Meere, so näherte sich ihm ein englisches Fahrzeug, welches den Grafen Arundel trug, den die Königin Marie an ihren Schwiegervater sandte, um ihn bitten zu lassen, nicht so nahe an den Küsten Englands vorüberzufahren, ohne ihr einen Besuch zu machen.

Carl V. aber zuckte die Achseln und sagte in einem Tone, der nicht frei von Bitterkeit war:

»Welches Vergnügen könnte eine so große Königin haben, sich als Schwiegertochter eines so alten Mannes zu sehen?«

Trotz dieser Antwort wiederholte der Graf Arundel die Einladung mit so höflichen Bitten und so ehrfurchtsvoll, daß Carl V. nicht wußte wie er sich derselben erwehren sollte und sagte:

»Nun, Herr Graf, alles wird von den Winden abhängen.«

Die beiden Königinnen befanden sich auf dem Schiffe bei ihrem Bruder; sechzig Fahrzeuge begleiteten das Kaiserschiff. Als Graf Arundel sah, daß der Kaiser, obgleich der Wind nicht ungünstig war, an Yarmouth, London und Portsmouth vorüberfuhr, drang er nicht weiter in ihn, begleitete ihn aber mit seinem Schiffe bis nach Laredo, dem Hafen von Biscaja, wo Carl V. von dem Großconnétable von Castilien empfangen wurde.

Kaum hatte er die spanische Erde betreten, auf welcher er so glorreich regiert, so kniete er, ehe er den Großconnétable anredete, nieder und küßte den spanischen Boden, der für ihn ein zweites Vaterland geworden war.

»Ich grüße Dich mit aller Ehrfurcht, gemeinsame Mutter!« sprach er. »Wie ich nackt aus dem Schooße meiner Mutter gekommen bin, um so viele Schätze von der Welt zu empfangen, so will ich nackt in deinen Schooß zurückkehren, mein theures Mutterland.«

Kaum hatte er dies gesprochen, so begann der Wind zu wehen und ein Sturm erhob sich mit solchem Ungestüm, daß die ganze Flotte, die ihn begleitet hatte, in dem Hafen unterging, das Kaiserschiff selbst, das mit den Schätzen und kostbarsten Geschenken beladen war, welche der Kaiser aus Belgien und Deutschland mitbrachte, um sie den Kirchen Spaniens zu übergeben, so daß Jemand aus dem Gefolge Carls V. sagte, das Schiff habe gewußt, daß es nie wieder so viel Ruhm tragen werde und sey in das Meer gesunken, um zu gleicher Zeit seine Ehrfurcht, sein Bedauern und seinen Schmerz zu zeigen.

Und es war gut, daß unbelebte Dinge dem Kaiser solche Beweise von Ehrfurcht und Schmerz gaben, denn die Menschen wurden bald kalt gegen diese gefallene Größe. Durch Burgos z.B. kam der Kaiser, ohne daß eine Deputation ihn empfing und ohne daß die Bürger nur an die Thür traten, um ihn zu sehen.

Da schüttelte der Kaiser den Kopf und flüsterte:

»Es scheint fast, als hätten die Leute in Bourgos es gehörte als ich in Laredo sagte, ich kehre nackt nach Spanien zurück.«

Abends jedoch kam ein Edelmann, Don Bartolomeo Miranda, zu ihm und sagte:

»Es ist heute genau ein Jahr, Sire, daß Ew. Majestät anfing die Welt zu verlassen, um sich ganz dem Dienste Gottes zu widmen.«

»Ja,« antwortete Carl, »und es ist heute auch gerade ein Jahr, daß ich zu bereuen anfing, was ich gethan.«

Carl V. gedachte des traurigen und einsamen Abends nach seiner Abdankung, als er Niemanden als den Admiral Coligny gehabt hatte, die Kohlen, die auf die Teppiche gefallen, wieder in den Camin zu bringen.

Von Burgos gelangte der Kaiser nach Valladolid, welches damals die Hauptstadt von Spanien war. Eine halbe Stunde vor der Stadt traf er einen Zug, der ihm entgegen kam, die Adeligen und Herren mit seinem Enkel Don Carlos, der sein elftes Jahr erreicht hatte.

Der Knabe wußte sein Pferd trefflich zu tummeln und ritt an der Seite des Tragsessels des Kaisers. Ihn sah zum ersten Male der Großvater und betrachtete ihn mit einer Aufmerksamkeit, die jeden Andern als den jungen Prinzen in Verlegenheit, gebracht haben würde. Dieser schlug nicht einmal die Augen nieder und nahm nur jedes Mal, wenn der Blick des alten Kaisers sich auf ihn heftete, sein Barret ab, das er wieder aufsetzte, sobald Carl V. seine Augen abwandte.

Kaum war der Kaiser in seine Gemächer gelangt, so ließ er den Prinzen rufen, um ihn in der Nähe zu sehen und mit ihm zu sprechen.

Der Knabe erschien in ehrfurchtsvoller Haltung, aber ohne alle Verlegenheit.

»Es war recht von Dir, mein Enkel, daß Du mir entgegen kamst,« sagte Carl V.

»Das war meine Pflicht,« antwortete der Knabe, »denn ich stehe doppelt unter Euch, da Ihr mein Großvater und mein Kaiser seyd.«

»Sieh! Sieh!« sagte der Kaiser, der sich über diese Sicherheit und Festigkeit in so großer Jugend wunderte.

»Ich wäre Euch auch aus Neugierde entgegengekommen, wenn ich es nicht aus Pflicht gethan hätte,« setzte der Knabe hinzu.

»Warum?«

»Weil ich oft gehört habe, Ihr wäret ein großer Kaiser und hättet große Dinge gethan.«

»Hm!« sagte Carl V. dem der Charakter des Knaben gefiel. »Soll ich Dir von diesen großen Dingen erzählen?«

»Das wäre ein großes Vergnügen und eine sehr große Ehre für mich,« antwortete der junge Prinz.

»So setze Dich daher.«

»Mit der Erlaubniß Ew. Majestät werde ich stehend zuhören.«

Und Carl V. erzählte ihm von allen seinen Kriegen gegen den König Franz I. gegen die Türken und die Protestanten.

Don Carlos hörte mit großer Aufmerksamkeit zu und als der Großvater schwieg, antwortete er, um zu zeigen, daß ihm nicht alles neu gewesen:

»Ja, so ist es.«

»Aber,« entgegnete der Kaiser, »Du sagst mir nicht, was Du von meinen Abenteuern hältst und ob ich mich tapfer gehalten habe.«

»Nun,« antwortete der junge Prinz, »es gefällt mir alles ganz gut, etwas aber kann ich Euch nicht verzeihen…«

»Ach! was wäre das?« fragte der Kaiser.

»Daß Ihr einmal in der Nacht halb nackt aus Innsbruck vor dem Herzog Moritz entflohet.«

»Das,« entgegnete der Kaiser lächelnd, »that ich Dir wahrhaftig nicht freiwillig. Er überfiel mich…«

»Ich wäre nicht geflohen,« sagte Don Carlos.

»Ich mußte wohl fliehen, weil ich ihm nicht widerstehen konnte.«

»Ich wäre doch nicht geflohen,« erwiederte der Prinz.

»So sollte ich mich fangen lassen? Das wäre eine große Unklugheit gewesen, um derentwillen man mich noch viel mehr getadelt haben würde.«

»Ich wäre nicht geflohen,« sagte der Prinz zum dritten Male.

»So sage mir auch, was Du in einem solchen Falle gethan haben würdest. Was würdest Du z.B. jetzt thun, wenn ich etwa dreißig Pagen gegen Dich schickte?«

»Ich würde nicht fliehen,« weiter antwortete der Knabe nicht.

Der Kaiser runzelte die Stirn, rief den Erzieher des Prinzen und sagte:

»Nehmt meinen Enkel mit Euch… ich mache Euch mein Compliment über die Erziehung, die er empfängt. Wenn er so fortfährt, wird er der größte Krieger in unserer Familie werden.«

An demselben Abende sagte er zu seiner Schwester Eleonora, die er in Valladelid ließ:

»Der König Don Philipp scheint mit seinem Sohne Don Carlos kein Glück zu haben. Sein Wesen und Aussehen in dieser frühen Jugend gefällt mir nicht, da es nicht natürlich ist… Ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn er sein zwanzigstes Jahre erreicht hat… Beachte die Worte und das Thun des Knaben, und sage mir aufrichtig, wenn Du mir schreibst, deine Meinung.«

Am zweiten Tage darauf reiste Carl V. nach Palanca ab und einen Tag später schrieb ihm die Königin Eleonora:

»Wenn Dir, Bruder, das Wesen deines Enkels mißfallen hat, da Du ihn doch nur einen Tag gesehen, so mißfällt es mir um so mehr, da ich ihn nun drei Tage sah.«

Der Knabe, welcher in Innsbruck nicht hatte fliehen wollen, war derselbe, welchen Don Philipp, sein Vater, zwölf Jahre später unter dem Vorwande tödten ließ, er stehe mit den Aufständischen in den Niederlanden in Verbindung.

In Valladolid hatte der Kaiser seinen ganzen Hof entlassen mit Ausnahme von zwölf Dienern und zwölf Pferden, auch behielt er für sich nur einige seltene und kostbare Geräthe, alles Uebrige vertheilte er unter die Herren, die ihn begleitet hatten. Nachdem er von den beiden Königinnen Abschied genommen, setzte er seine Reise nach Palanca fort.

Palanca liegt nur achtzehn Meilen von dem Kloster St. Just, welches Carl V. für seinen Aufenthalt gewählt und wohin er schon im Jahre vorher einen Baumeister geschickt hatte, welcher ihm sechs an einander gehende Zimmer bauen sollte, darunter vier wie Mönchszellen und zwei etwas größer. Auch sollte ein Garten angelegt werden, zu dem der Kaiser den Entwurf selbst gemacht hatte.

Dieser Garten war das Schönste von dem kaiserlichen Aufenthalte. Er wurde auf zwei Seiten von einem kleinen Flusse mit hellem Wasser bespült und war ganz mit Orangen und Cedern bepflanzt, deren Zweige die Fenster des ehemaligen Kaisers beschatten sollten.

Im Jahre 1542 hatte Carl V. dieses Kloster besucht und beim Fortgehen gesagt:

»Das wäre ein rechter Ort, wo ein anderer Diocletian zurückgezogen leben könnte!«

Am 24. Juli 1557 nahm der Kaiser Besitz von seiner Wohnung in dem Kloster. Es war am Jahrestag seiner Geburt, der ihm immer Glück gebracht hatte.

Als er die Schwelle des Klosters überschritt, sagte er:

»Ich will für den Himmel an demselben Tage geboren werden, an welchem ich für die Erde geboren wurde.

Von den zwölf Pferden, die er behalten hatte, schickte er elf wieder fort. Auf dem letzten ritt er bisweilen nach dem lieblichen Thale von Serandilla, das nur eine Meile entfernt war und das man den Garten von Estremadura nannte.

Von diesem Augenblicke an hatte er wenig Verkehr mit der Welt und nur selten empfing er Besuche von seinen ehemaligen Höflingen, ein- oder zweimal jährlich Briefe von dem Könige Philipp, von Kaiser Ferdinand und den beiden Königinnen, seinen Schwestern. Seine einzige Zerstreuung waren die erwähnten Ausflüge, die Essen, welche er zufällig einigen der Herren gab, die ihn besuchten, die er zum Abende bei sich behielt und zu denen er sagte: »Bleibt bei mir, Freunde, um wie Mönche zu leben.« Eine Unterhaltung für ihn waren auch die kleinen Vögel aller Art, die er in großen Käfigen bei sich hatte.

Das Leben währte ein Jahr, aber nach einem Jahre kam es dem erlauchten Klausner noch immer zu weltlich vor, und am Jahrestage seiner Geburt, an welchem er vor einem Jahre das Kloster betreten hatte, sagte er zu dem Erzbischofe von Toledo, der zu ihm gekommen war, um ihm seine Glückwünsche zu bringen:

»Ich habe siebenundfünfzig Jahre für die Welt, ein Jahr in dieser Zurückgezogenheit für meine vertrautesten Freunde und Diener gelebt, nun will ich dem Herrn die wenigen Monate darbringen, die ich noch zu leben habe«

Er dankte deshalb dem Prälaten zwar für den Besuch, bat ihn aber sich nicht ferner zu ihm zu bemühen, als wenn er ihn wegen seines Seelenheiles rufen lasse.

Vom 25. Februar 1558 an lebte dann der Kaiser wirklich wie die Mönche, er aß mit denselben, ging pünktlich zu den bestimmten Stunden in die Kirche und gestattete sich keine andere Unterhaltung als die, Messen für die zahllosen Krieger lesen zu lassen, welche in seinem Dienste in den verschiedenen Kämpfen und Schlachten gefallen waren, welche er selbst geliefert hatte oder hatte liefern lassen.

Für die Generale, Räthe, Minister und Gesandte, von deren Todestagen er ein genaues Verzeichniß hatte, ließ er besondere Altäre errichten und besondere Messen lesen, als wollte er nun über die Todten herrschen wie sonst über die Lebenden.

Zu Ende des Monats Juli des Jahres 1558 endlich war er es müde immer nur der Bestattung Anderer beizuwohnen und wollte seine eigene sehen. Er brauchte indeß einige Zeit, ehe er sich an diesen seltenen Gedanken gewöhnte; er fürchtete, man werde Stolz oder Wunderlichkeit darin sehen, wenn er seinen Wunsch ausführen lasse, aber das Verlangen wurde so unwiderstehlich, daß er mit einem Mönche des Klosters, Juan Regola, darüber sprach.

Der Mönch antwortete, er sehe nichts Unrechtes in dem Vorhaben, obwohl es ein ungewöhnliches sey, erbot sich auch die Meinung des Erzbischofs von Toledo darüber einzuholen.

Der Mönch reisete ab und Carl V. hat wohl nie in den Zeiten seiner Macht so ungeduldig auf die Rückkehr eines Boten gewartet als diesmal.

Nach vierzehn Tagen erschien der Mönch wieder; die Antwort lautete günstig und man beschäftigte sich nun in dem ganzen Kloster mit den Vorbereitungen zu der Ceremonie, die des großen Kaisers würdig seyn sollte.

Man erbaute zuerst ein kostbares Mausoleum mitten in der Kirche.

Am 24. August sollte die Scheinbestattung erfolgen.

Um fünf Uhr früh wurden fünfhundert große schwarze: Kerzen an dem Sarkophage aufgestellt und angezündet, um welchen die Diener des ehemaligen Kaisers barhäuptig und mit einer Kerze in der Hand standen.

Um sieben Uhr trat Carl V. in einem langen Trauergewande ein zwischen zwei ebenso gekleideten Mönchen. Ebenfalls mit einer Kerze in der Hand setzte er sich auf einen Stuhl vor dem Altare und da hörte er, der Lebendige, alle Gesänge für die Todten an vom Requiem bis zum Requiescat, während sechs Mönche von verschiedenen Orden stille Messen an den sechs Seitenaltären der Kirche hielten.

In einem bestimmten Augenblicke stand er auf, verbeugte sich immer in Begleitung der beiden Mönche, vor dem Hochaltare, kniete nieder, betete laut und empfahl seine Seele der Barmherzigkeit des Höchsten.

Dann setzte er sich wieder auf seinen Stuhl.

Nach der Messe ließ der Kaiser eine Steinplatte im Chor aufheben und befahl, daß auf den Boden einer zu dem Zwecke gegrabenen Grube eine schwarze Sammtdecke und ein Kissen von schwarzem Sammt gelegt werde.

Mit den beiden Mönchen stieg er da hinein, legte sich steif hin, hielt die Hände auf die Brust und spielte die Leiche so gut als möglich.

Die Priester stimmten das De profundis an und während das Chor weiter sang, zogen alle Mönche und alle andern Anwesenden, mit den Kerzen in der Hand, weinend an dem sogenannten Verstorbenen vorüber, besprengten ihn mit Weihwasser und wünschten seiner Seele Ruh.

Diese Ceremonie dauerte über zwei Stunden, denn derer, welche ihn mit Weihwasser bespritzten, waren viele, auch wurde der Kaiser ganz durchnäßt, so daß er endlich frierend sich erhob, obgleich er sagte:

»Ich weiß nicht ob es die Mühe lohnt, daß ich aufstehe.«

Als er in seine Zelle zurückkam, mußte er sich in das Bett legen, das er nicht wieder verließ, so daß man einen Monat nach dem Scheinbegräbniß ihn wirklich begrub.

Am 21. September 1558 hauchte Carl V. seine große Seele in den Armen des Erzbischofs von Toledo aus, den er seinem Versprechen gemäß zu sich rufen ließ.

Er hatte siebenundfünfzig Jahre sieben Monate und einundzwanzig Tage gelebt und vierundvierzig Jahre regiert und achtundzwanzig Jahre die Kaiserkrone getragen. Wie er an einem Aposteltag, am Feste des heiligen Mathias, 24. Februar geboren worden, so starb er am Feste des heiligen Matthäus, 21. September.

Der Pater Strador erzählt in seiner G e s c h i c h t e v o n F l a n d e r n, in der Nacht des Todes Carl V. sey eine Lilie im Garten des Klosters St. Just aufgeblüht und man habe dieselbe, als Zeichen der Seelenreinheit des Kaisers, auf den Hauptaltar gebracht.

Es ist etwas Schönes um die Geschichte, darum halten wir uns auch nicht würdig Geschichtschreiber zu seyn, sondern schreiben nur Romane.

VI.
Der Hof von Frankreich

Etwas über ein Jahr nach der Abdankung Carls V. in Brüssel und etwa zu der Zeit, als sich der ehemalige Kaiser im Kloster St. Just einschloß, in dem Augenblicke als der Frühling in seinem grünsten Neu blühte, wie Ronsard sagte, damals der Lieblingsdichter des französischen Hofes, das heißt, im Anfange des Monats April kam ein glänzender Reiterzug aus dem alten Schlosse St. Germain und bewegte sich nach dem Parke zu, dessen große schöne Bäume sich mit den ersten Knospen zu bedecken begannen, um ihnen das grüne Sommerkleid zu bereiten. Glänzend war der Reiterzug, denn er bestand aus dem Könige Heinrich II. seiner Schwester Margaretha von Frankreich, der schönen Herzogin von Valentinois, seiner Geliebten; dem Dauphin Franz, seinem älteren Sohne; seiner Tochter Elisabeth von Valois; der jungen Königin von Schottland, Maria Stuart; dem Herzoge von Nemours und den ersten Herren und Damen, welche damals den Schmuck und Ruhm des Hauses Valois ausmachten, das in der Person Franz I. auf den Thron gekommen war.

Auf dem lustigen Balcon des Schlosses, welcher auf einer wunderbar zarten Eisenarbeit ruhte, befanden sich außerdem die Königin Catharina von Medici mit den beiden jungen Prinzen, von denen der Eine Carl IX. und der Andere Heinrich III. wurde, der erste sieben und der zweite sechs Jahre alt war, und der kleinen Prinzessin Margarethe, welche später Königin von Navarra werden sollte und erst fünf Jahre zählte. Alle drei waren also noch zu jung, um ihren Vater auf die Jagd begleiten zu können.

Die Königin Catharina von Medici hatte, um ebenfalls von der Jagd wegzubleiben, ein leichtes Unwohlseyn vorgeschützt und da sie eine der Frauen war, welche nichts ohne Grund thun, so war sie entweder wirklich unwohl oder sie hatte einen Grund unwohl zu erscheinen.

Da alle Personen, welche wir genannt haben, eine hervorragende Rolle in der Geschichte spielen werden, die wir zu erzählen unternommen haben, so werden die Leser erlauben, daß wir diese Personen genauer beschreiben, ehe wir den abgerissenen Faden der Ereignisse wieder aufnehmen.

Beginnen wir mit dem Könige Heinrich II. der voraus ritt und zu seiner Rechten seine Schwester Margarethe, zur Linken die schöne Herzogin von Valentinois hatte.

Er war damals ein schöner stolzer Herr von neununddreißig Jahren mit schwarzen Brauen, schwarzen Augen, schwarzem Bart, dunkler Farbe, Adlernase und schönen weißen Zähnen, nicht so groß und nicht so stark musculös wie sein Vater, aber trefflich gebaut und über mittelgroß, in den Krieg so gar förmlich verliebt, daß er wenigstens ein Bild davon an seinem Hofe und bei seinen Vergnügungen haben wollte, wenn er nicht den wirklichen in seinen oder in den Nachbarstaaten hatte.

So war denn auch der König, der von Literatur und Gelehrsamkeit eben nur so viel wußte, um die Dichter ehrenvoll zu belohnen, über welche er die Meinungen seiner Schwester Margarethe, seiner Geliebten, der schönen Diana, und seiner reizenden Mündel Maria Stuart hörte, der am mindesten müßige Mann in seinem Lande.

Er theilte seinen Tag in folgender Weise ein.

Seine Morgen und Abende, das heißt, die Zeit nach seinem Aufstehen und vor seinem Schlafengehen, gehörten den Geschäften. Zwei Stunden Vormittags genügten ihm meist sie abzutun, dann hörte er sehr andächtig die Messe, denn er war ein guter Katholik, wie er bewies als er mit eigenen Augen den Parlamentsrath Anna Dubourg verbrennen sehen wollte, welches Vergnügen er indeß nicht haben konnte, da er ein halbes Jahr vor der Verurtheilung des armen Hugenotten starb. Schlag zwölf Uhr Mittags speiste er, dann machte er mit den Herren seines Hofes der Königin Catharina von Medici einen Besuch, bei der er, wie Brantôme sich ausdrückt, eine Anzahl menschlicher Göttinnen traf, eine schöner wie die andere. Während er hier mit der Königin, seiner Schwester, der kleinen Königin Maria Stuart oder den ältern Prinzessinnen, seinen Töchtern, sprach, unterhielt sich nach seinem Beispiele jeder Herr mit der Dame, die ihm am besten gefiel. Dies dauerte etwa zwei Stunden, worauf der König zu seinen Leibesübungen überging. Diese waren im Sommer Ball- und Kegelspiel.

Heinrich II. liebte das Ballspiel leidenschaftlich und spielte es meisterlich, wobei er seinem Charakter gemäß stets die gefährlichsten und schwierigsten Stellen wählte. Er war deshalb der Erste, Zweite und Dritte (im Ballspiel) in dem Lande, wie man sich damals ausdrückte. So gern er aber spielte, so trug er doch immer die Kosten; wenn er gewann, überließ er den Gewinn seinen Partnern und wenn diese verloren, bezahlte er für sie.

Die Partien waren gewöhnlich fünf- bis sechshundert Thaler, nicht wie bei seinen Nachfolgern vier-, sechs- und zehntausend Thaler. »Aber,« sagte Brantôme naiv, »zur Zeit des Königs Heinrich II. wurde bar bezahlt, während man heutzutage das Bezahlen gern vergißt.«

Im Winter, es mochte noch so kalt seyn, ging er nach Fontainebleau, wo man entweder in den Gängen oder auf den Teichen fuhr. Gab es zu viel Schnee, so baute man von demselben Bastionen und kämpfte mit Schneebällen. Regnete es dagegen, so begab man sich in die Säle und focht.

Ein Opfer des Fechtens war von Boncard. Der König hatte ihm als Dauphin ein Auge ausgestochen, ein Unfall, um deswillen er ihn artig um Verzeihung bat, sagt der Schriftsteller, dem wir diese Einzelheiten entlehnen.

Die Hofdamen wohnten allen diesen Uebungen im Sommer und Winter bei, denn der König meinte, die Anwesenheit der Damen verderbe nie etwas, verschönere aber immer.

Abends, nach dem Essen, begab man sich wiederum zu der Königin und wenn kein Ball war – etwas Seltenes damals – plauderte man zwei Stunden. Es war dies die Zeit, in welcher man die Dichter und Gelehrten vorstellte, wie Ronsard, Dorat und Muret, Danesius und Amyot, und dann begannen unter diesen Herren Turniere und Kampfspiele in Poesie und Wissenschaft, was die Damen sehr erfreute.

Nur etwas – wenn man zufällig daran dachte – breitete einen Trauerschleier über den glänzenden Hof, die unselige Prophezeiung nemlich, welche bei der Thronbesteigung des Königs Heinrich erfolgt war.

Ein Zauberer, welcher in das Schloß berufen worden, war, um die Nativität zu stellen, hatte im Beiseyn des Connétable von Montmorency erklärt, der König werde in einem Zweikampfe sterben. Der König freute sich über eine solche Todesart, drehte sich zu dem Connétable um und fragte:

»Hört Ihr, was der Mann mir verspricht?«

Der Connétable glaubte, der König sey über die Prophezeiung erschrocken und antwortete mit seiner gewöhnlichen Plumpheit:

»Sire, wollt Ihr diesen Kerlen glauben, die nur lügen und schwatzen? Erlaubt, daß ich die Prophezeiung und den Propheten dazu in ein gutes Feuer werfe zur Strafe, daß er Euch solche Dinge sagt.«

Der König aber erwiederte:

»Nein, nein; es geschieht bisweilen, daß solche Leute die Wahrheit sagen. Auch ist die Prophezeiung meiner Meinung nach nicht schlecht. Ich will lieber einen solchen Tod sterben als einen andern, vorausgesetzt, daß mein Gegner ein tapferer Edelmann ist und mir die Ehre bleibt.«

Statt die Prophezeiung und den Propheten ins Feuer werfen zu lassen, hatte er den Mann reich belohnt und die Prophezeiung Herrn von Aubespine, einem seiner Räthe, den er besonders in diplomatischen Dingen benutzte, zur Bewahrung übergeben.

Diese Prophezeiung war einigermaßen wieder aufgefrischt worden, als Herr von Chatillon von Brüssel zurückgekommen, denn man erinnert sich, daß der Kaiser Carl V. den Admiral ersucht hatte, seinem Freunde Heinrich zu sagen, er möge auf der Hut seyn vor dem Hauptmann der schottischen Garde, Gabriel von Lorge, Grafen von Montgomery, weil derselbe zwischen den Augen ein gewisses Zeichen habe, das auf den Tod eines der Fürsten der Lilie deute.

König Heinrich II. hatte darüber nachgedacht und erkannt, wie wenig wahrscheinlich es sey, daß er mit dem Hauptmann seiner Garde einen Zweikampf haben werde. Wie er die erste Prophezeiung zu den möglichen Dingen gerechnet hatte, die wohl Beachtung verdienen, so zählte er die zweite zu den unmöglichen, die nicht werth sind, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Auch entfernte er Gabriel von Lorge nicht von sich, wie es wohl ein furchtsamerer Fürst gethan hatte, sondern schenkte ihm seine Gunst vielmehr in höherem Maße.

Wir haben gesagt, daß zu seiner Rechten Margarethe von Frankreich, die Tochter Franz I., ritt. Mit ihr werden wir uns einen Augenblick beschäftigen, denn sie war eine der ausgezeichnetsten Damen ihrer Zeit und sieht mit unserem Gegenstande in besonderer Verbindung.

Die Prinzessin Margarethe war am 5. Juni 1523 in demselben Schloß St. Germain geboren, aus welchem sie jetzt mit der Gesellschaft kam, und sie stand also in dem Augenblicke, da wir sie dem Leser verführen, im einunddreißigsten Jahre.

Warum war eine so schöne Prinzessin von Frankreich bis dahin unvermählt geblieben? Aus zwei Gründen. Den ersten hatte sie laut vor Allen ausgesprochen, den zweiten wagte sie vielleicht sich selbst nicht einmal zu sagen.

König Franz I. hatte sie, als sie noch sehr jung war, mit Herrn von Vendôme, dem ersten Prinzen von Geblüt, vermählen wollen, sie aber hatte in ihrem außerordentlichen Stolze geantwortet, sie werde nie einen Mann nehmen, welcher einmal der Unterthan des Königs ihres Bruders werde. Dies war der Grund, den sie laut ausgesprochen hatte, zur Erklärung, daß sie unvermählt geblieben.

Welcher aber war der, den sie sich selbst kaum sagte und der wahrscheinlich der rechte war? Bei der Zusammenkunft zwischen Papst Paul III. und König Franz I. in Nizza sollte auf Befehl des Königs die Königin von Navarra ihren Vater, den Herzog von Savoyen, im Schloß zu Nizza besuchen und sie nahm ihre Nichte Margaretha mit dahin. Der alte Herzog hatte die junge Prinzessin reizend gefunden und von einer Vermälung zwischen ihr und Emanuel Philibert gesprochen. Die beiden Kinder hatten einander also gesehen. Emanuel aber, der ganz mit seinen Uebungen, seiner Zärtlichkeit für Leone und seiner Freundschaft für Scianca-Ferro beschäftigt war, sah die Prinzessin kaum an. Nicht so diese: das Bild des jungen Prinzen hatte sich sehr fest und tief in ihr Herz eingeprägt, und als die Verhandlungen abgebrochen wurden, als der Krieg von neuem ausbrach, empfand sie wahren Schmerz, Kindesschmerz, auf den Niemand achtete und der, lang mit Thränen genährt, sich allmälig in milde Schwermuth umwandelte, die durch jene Hoffnung unterhalten wurde, welche liebende, gläubige Herzen nie verläßt.

Zwanzig Jahre waren seit jener Zeit vergangen und die Prinzessin hatte bald unter diesem bald unter jenem Vorwande alle Partien ausgeschlagen, die man ihr geboten.

In der Erwartung, daß der Zufall, das Schicksal oder die Beschlüsse der Vorsehung ihre geheimen Wünsche begünstigten, war sie herangewachsen, älter und schön, voll Anmuth, Lieblichkeit und Mitleid geworden mit schönem blonden Haare, braunen Augen, einer etwas starken Nase, dicken Lippen und einer Haut wie »Milch und Blut.«

An der andern Seite des Königs befand sich, wie gesagt, Diana von Saint-Vallier, Gräfin von Breze, Tochter des Herrn von Saint-Vallier, der als Mitschuldiger des Connétable von Bourbon verurtheilt worden war, auf dem Grèveplatze enthauptet zu werden, als er bereits auf dem Schaffote kniete und unter dem Schwerte des Nachrichters als Gnade – wenn dies eine Gnade zu nennen ist – die Umwandlung seiner Strafe in lebenslängliches Gefängniß erhalten hatte, »welches Gefängniß aus vier steinernen Mauern ohne ein Fenster bestehen sollte, ausgenommen das kleine, durch welches man ihm Essen und Trinken reiche.«

Alles war Geheimniß und Wunder bei Diana, die 1499 geboren, in der Zeit, in welcher wir angelangt sind, achtundfünfzig Jahre zählte, durch ihr jugendliches Aussehen und ihre wirkliche Schönheit aber selbst die schönsten und jüngsten Damen am Hofe verdunkelte, so daß der König sie denn auch vor allen und über alle liebte.

Man sagte Folgendes von dem Geheimniß und Wunder an der schönen Diana, welche der König Heinrich II. 1548 zur Herzogin von Valentinois ernannt hatte.

Zuerst, sagte man, stammte sie von der Fee Melusine ab und die Liebe des Königs zu ihr und die wunderbare Schönheit, welche sie behalten, wären eine Folge dieser Abstammung, denn Diana von St. Vallier habe von ihrer Ahnfrau, der großen Zauberin, das zweifache Geheimniß geerbt, immer schön zu seyn und immer geliebt zu werden.

Diese ewige Schönheit verdanke Diana, versicherte man, trinkbarem Golde, das sie genieße. Man weiß welche Rolle trinkbares Gold in allen chemischen Präparaten des Mittelalters spielte.

Die endlose Liebe dagegen verdanke sie einem Zauber- ringe, welchen der König von ihr erhalten habe und der die Kraft besitze, den König, so lange er ihn trage, in sie verliebt zu erhalten.

Dieses letztere Gerücht wurde fast allgemein geglaubt, denn Frau von Nemours erzählte Allen, die sie hören wollten, die Anekdote, die wir ebenfalls erzählen wollen.

Der König war erkrankt und die Königin Catharina von Medici hatte zu Frau von Nemours gesagt:

»Meine liebe Herzogin, der König hat eine besondere große Zuneigung für Euch; geht zu ihm in sein Gemach, setzt Euch an sein Bett und sehet zu, daß Ihr im Gespräch ihm vom dritten Finger der linken Hand den Ring ziehen könnt, den er da trägt und der ein Talisman ist, welchen ihm die Valentinois gegeben hat, um ihn in sie verliebt zu machen.«

Niemand am Hofe liebte die Herzogin von Valentinois sehr, nicht weil sie boshaft war, aber die Jungen liebten sie nicht, weil sie, wie gesagt, immer jung blieb, und die Alten haßten sie, weil sie nicht alt wurde. Die Herzogin von Nemours übernahm also gern den Auftrag, begab sich in das Zimmer des Königs, setzte sich an das Bett und zog im Spiele in der That dem Kranken den Ring ab, dessen Eigenschaft Heinrich selbst nicht kannte. Kaum aber war der Ring von dem Finger des Königs, als dieser die Herzogin ersuchte, seinem Kammerdiener zu rufen, d.h. ihm zu pfeifen. Man weiß, daß bis zur Frau von Maintenon, welche die Klingeln erfand, Könige, Fürsten und vornehme Herren ihre Leute durch Pfeifen auf silbernen oder goldenen Pfeifen herbeiriefen. Die Herzogin von Nemours that was der König wünschte, der Kammerdiener trat ein und erhielt den Befehl durchaus Niemanden herein zu lassen.

»Auch nicht die Frau Herzogin von Valentinois?« fragte der Diener verwundert.

»Die Herzogin so wenig als sonst Jemanden,« antwortete der König übellaunig, »der Befehl leidet keine Ausnahme.«

Eine Viertelstunde darauf war die Herzogin von Valentinois erschienen und nicht vorgelassen worden. Dasselbe geschah nach einer Stunde zum zweiten Male. Nach abermals zwei Stunden, als man sie wiederum abweisen wollte, drang sie mit Gewalt ein, trat zu dem Könige, ergriff die Hand desselben, bemerkte, daß der Ring fehlte, erfuhr was geschehen war und forderte von dem Könige, daß er den Ring sofort von der Herzogin von Nemours zurückverlange. Der Befehl des Königs, den Ring abzugeben, lautete so bestimmt, daß die Nemours, welche ihn der Königin noch nicht überliefert hatte, Schlimmes befürchtete und den Ring zurückstellte. Sobald der Ring wieder an dem Finger des Königs war, hatte die Fee auch ihre ganze Gewalt wieder erlangt, die übrigens von diesem Tage an größer und größer wurde.

Trotz der gewichtigen Autoritäten, welche die Geschichte anführt – in Bezug auf das trinkbare Gold haben wir das Zeugniß Brantôme’s, in Bezug auf den Ring Bestätigungen von de Thou und Nicolaus Pasquier – möchten wir doch glauben, daß bei dem Wunder der schönen Diana keine Zauberei im Spiele war und daß es hundert Jahre später Ninon d’Enclos erneuern sollte. Wir sind auch geneigt, für die einzige und wirkliche Zauberei das Recept zu halten, das sie selbst Jedermann mittheilte, der sie darum fragte, nemlich bei jeder Witterung und selbst bei der größten Kälte ein Bad in Brunnenwasser. Uebrigens stand die Herzogin jeden Tag mit der Sonne auf, machte einen zweistündigen Spazierritt und legte sich dann wieder in das Bett, in welchem sie las oder mit ihren Frauen plauderte.

Das war noch nicht alles; alles bei der schönen Diana wurde in Zweifel gezogen und bekritelt.

Mézeray erzählt, Franz I. habe Johann von Poitiers, den Vater Dianas nur begnadigt, nachdem er der Tochter das Kostbarste genommen. Nun geschah dies 1523. Diana, die 1499 geboren, war vierundzwanzig Jahre alt und seit zehn Jahren mit Ludwig von Breze verheirathet. Wir bestreiten nicht, daß Franz I. der schönen Diana gewisse Bedingungen gestellt hat, aber das geschah nicht, wie Mézeray sagt, einem vierzehnjährigen Mädchen und wenn man den armen Breze nicht sehr verleumden will, dem seine Witwe das kostbare Grabmal erbauen ließ, das man in Rouen noch bewundert, kann man nicht wohl annehmen, daß er der Frau von vierundzwanzig Jahren das durch den König habe nehmen lassen, was das Kostbarste des vierzehnjährigen Mädchens war.

Kurz und gut, Diana, die seit sechsundzwanzig Jahren Witwe und seit einundzwanzig Jahren die Geliebte Heinrich II. war, hatte trotz ihren achtundfünfzig Jahren den frischesten, schönsten Teint, den man sehen konnte, das schönste lockige schwarze Haar, einen wunderbar schönen Wuchs, und einen Hals und Busen ohne Mängel.

Das war wenigstens die Meinung des alten Connétable von Montmorency, der, obwohl selbst vierundsechzig Jahre alt, ganz besondere Vorrechte haben wollte, welche den König sehr eifersüchtig gemacht haben würden, wenn nicht stets diejenigen, die eine Sache zuerst wissen sollten, am letzten etwas davon erführen, ja sehr oft gar nichts davon wissen.

Hinter dem Könige, der zwischen seiner Schwester und der Herzogin ritt, folgte der Dauphin Franz, welcher ebenfalls zu seiner Rechten seine Schwester Elisabeth und zu seiner Linken seine Braut Maria Stuart hatte.

Der Dauphin war vierzehn, seine Schwester Elisabeth dreizehn und Maria Stuart ebenfalls dreizehn Jahre alt.

Der Dauphin war ein schwächliches, kränkliches Kind mit blassem Gesicht, braunem Haar und matten Augen ohne einen bestimmten Ausdruck, außer wenn sie die junge Königin Maria Stuart ansahen, denn dann belebten sie sich und nahmen einen begehrlichen Ausdruck an, welcher den Knaben zum jungen Manne machte. Uebrigens hatte er wenig Neigung zu den starken Leibesübungen, die sein Vater so sehr liebte und er schien einem unablässigen Schmachten und Sehnen verfallen zu seyn, dessen Ursache die Aerzte vergebens zu ergründen suchten. Sie hätten dieselbe vielleicht, wenn sie sich durch die Flugschriften jener Zeit hätten leiten lassen, in dem Capitel von den zwölf Cäsaren gefunden, wo Sueton die Promenaden Nero’s mit seiner Mutter Agrippina im Tragsessel beschreibt. Wir müssen indeß sogleich auch hinzusehen, daß Catharina von Medici als Fremde und als Katholikin sehr verhaßt war und daß man nicht alles ohne Prüfung glauben darf, was die Flugschriften, Lieder und Satyren jener Zeit, die fast alle von Calvinisten herrührten, von ihr sagen. Der frühzeitige Tod der jungen Prinzen Franz und Carl, denen ihre Mutter Heinrich vorzog, trug nicht wenig dazu bei allen jenen boshaften Gerüchten, die fast als historische Wahrheiten zu uns gelangt sind, Glauben zu verschaffen. Die Prinzessin Elisabeth war, obgleich ein Jahr jünger als der Dauphin, weit mehr ein junges Mädchen als er ein junger Mann. Ihre Geburt war gleichzeitig eine Privatfreude und ein Staatsglück gewesen, denn in dem Augenblicke, als sie das Licht erblickte, wurde der Friede zwischen Franz I. und Heinrich VIII. unterzeichnet. So brachte die, welche durch ihre Heirath den Frieden mit Spanien bringen sollte, mit ihrer Geburt den Frieden mit England. Uebrigens hielt ihr Vater Heinrich II. ihre Schönheit und ihren Charakter so hoch, daß er, als er die junge Schwester Claude vorher an den Herzog von Lothringen vermählt hatte, zu Jemanden sagte, der sich darüber aussprach: »Meine Tochter Elisabeth gehört nicht zu denen, die sich mit einem Herzogthume begnügen, sie muß ein Königreich haben.«

Sie bekam das Königreich, mit demselben aber auch Unglück und Tod.

Ein besseres Geschick erwartete leider auch die schöne Marie nicht, die links von dem jungen Dauphin, ihrem Bräutigam, ritt.

Manches Unglück hat ein Echo durch die ganze Welt gefunden und zieht nicht blos die Blicke der Zeitgenossen auf sich, sondern auf Jahrhunderte hindurch, so oft der Name genannt wird, die Augen der Nachwelt. Solcher Art ist das allerdings etwas verdiente Unglück der schönen Marie, welches soweit das gewöhnliche Maß überstieg, daß die Fehler, ja die Verbrechen der Schuldigen vor der Strenge der Strafe verschwunden sind.

Am 20. August 1548 war sie in Morlaix angekommen und hatte zum ersten Male den Boden Frankreichs betreten, wo sie ihre einzigen schönen Tage verleben sollte. Sie brachte jene Guirlanden schottischer Rosen mit, welche man die vier Marien nannte, die in demselben Jahr, ja in demselben Monate wie sie geboren waren und hießen: Marie Fleming, Marie Seaton, Marie Livington und Marie Beatoun. Sie war damals ein schönes liebenswürdiges Kind und wurde allmälig ein schönes Mädchen. Ihre Oheime, die Guise, welche in ihr die Verwirklichung ihrer großen ehrgeizigen Pläne zu sehen glaubten und ihre Herrschaft nicht blos über Frankreich, sondern durch Marie über Schottland, vielleicht selbst über England ausbreiten wollten, behandelten sie wie eine Gottheit.

So schrieb der Cardinal von Lothringen an seine Schwester Marie von Guise:

»Deine Tochter wuchs und wächst alle Tage an Schönheit und Tugend. Der König plaudert gern mit ihr und sie weiß ihn so gut zu unterhalten wie Eine von fünfundzwanzig Jahren.«

Ja es war die Knospe jener Rose, die sich der Liebe und dem Genusse öffnen sollte. Sie that nichts was ihr nicht Vergnügen machte, dagegen mit Leidenschaft Alles, was ihr gefiel. Sie tanzte bis sie ermattet umsank; sie ritt im Galopp, bis der beste Renner erschöpft war, und wenn sie einem Concerte beiwohnte, so verursachte ihr die Musik electrische Zuckungen. Von Juwelen blitzend, geliebkoset, geliebt und verehrt, war sie in ihrem dreizehnten Jahre eines der Wunder des an Wundern so reichen Hofes der Valois. Catharina von Medici, welche außer ihrem Sohne Heinrich wenig liebte, sagte: »Unsere kleine schottische Königin braucht nur zu lächeln, um alle französischen Köpfe zu verdrehen.« Und Ronsard sagte in glatten Versen:

 
»Im Frühling entstand sie zwischen Lilien
Und beschämt selbst die Lilien durch ihre Weiße
Und die Rosen, welche das Blut des Adonis färbten,
Erbleichten vor ihrer Farbe.
Amor bildete ihre Augen aus seinen schönen Pfeilen
Und die Grazien, die drei Töchter des Himmels,
Schmückten diese Königin mit ihren besten Gaben und
Stiegen selbst vom Himmel herab, um sie besser bedienen zu können.«
 

Das königliche Kind verstand die Feinheiten aller solcher Schmeicheleien; weder Prosa noch Verse hatten Geheimnisse für sie; sie sprach griechisch, lateinisch, italienisch, englisch, spanisch und französisch, und wie die Poesie und die Wissenschaft ihr eine Krone reichten, ersuchten auch die andern Künste um ihre Gunst. Sie begab sich mit dem Hofe von Saint-Germain nach Chambord, von Chambord nach Fontainebleau und von Fontainebleau nach dem Louvre. Hier blühte sie unter Gemälden von Titian, unter Fresken von Rosso, unter den Meisterwerken Leonardo da Vinci’s, unter Statuen Pilon's, unter Sculpturen Goujon’s, unter Capellen und Portiken Philibert Delorme’s, so daß man zu glauben versucht wird, wenn man sie unter so vielen Wundern des Genies so reizend, so poetisch, so vollkommen sieht, sie sey kein menschliches Wesen, sondern eine Venus, die von der Leinwand herabgetreten, eine Hebe, die von ihrem Piedestal gestiegen.

Da uns der Pinsel des Maler's fehlt, versuchen wir mit der Feder des Romandichters ein Bild von dieser reizenden Schönheit zu geben.

Sie war, wie gesagt, vierzehn Jahre alt. Ihre Gesichtsfarbe hatte etwas von der Lilie, der Pfirsich, der Rose, vielleicht von der Lilie mehr, als von den andern. Ihre hohe, an dem obern Theile gewölbte Stirn schien der Sitz einer stolzen Würde zu seyn, zugleich – eine ungewöhnliche Mischung – voll Sanftmuth, Klugheit und Kühnheit. Man fühlte, daß der Wille, der unter dieser Stirn ruhte und nach Leben und Genuß strebte, über die gewöhnlichen Leidenschaften hinausgehen und im Nothfalle zur Befriedigung ihrer sinnlichen und despotischen Triebe selbst bis zum Verbrechen gehen würde. Ihre zarte, feine, aber feste Nase war die Adlernase der Guisen. Ihr Ohr lag klein wie eine Perlenmuschel flach schimmernd unter den klopfenden Schläfen. Ihre Augen, die eine braune oder vielmehr zwischen Braun und Violett liegende Farbe hatten, waren von feuchter Durchsichtigkeit, aber doch voll Feuer unter ihren braunen Wimpern und schön gezeichneten Brauen. Zwei reizende Grübchen endlich vollendeten an den beiden Winkeln einen Mund mit halbgeöffneten Purpurlippen, der im Lächeln Freude um sich zu verbreiten schien und über dem frischen rundlichen Kinne thronte.

So war die, welche Ronsard und Du Bellay ihre zehnte Muse nannten; so war der Kopf, welcher einunddreißig Jahre später in Fotheringay durch den Henker Elisabeths abgeschlagen werden sollte.

Hätte ein Zauberer der Menge, welche den glänzenden Reiterzug unter den großen Bäumen des Parkes von St. Germain verschwinden sah, das Schicksal verkündet, welches diese Könige, Prinzen, Prinzessinnen, vornehme Herren und Damen erwartete, würde einer in grobem Kittel sein Geschick mit dem der Herren in Seide und Sammt und der Damen mit perlengestickten Miedern und Röcken von Goldbrocat vertauschen wollen? Lassen wir sie unter dem grünen Dorne der Buchen und Kastanienblätter verschwinden und kehren wir nach St. Germain zurück, wo Catharina von Medici unter dem Vorwande leichten Unwohlseyns zurückgeblieben war.

VII.
Die Jagd des Königs

Kaum waren die Pagen und Knappen, welche den Zug schlossen, ebenfalls in das Dickicht hinein geritten, welches damals gleichsam einen Gürtel um den Park von St. Germain zog, so trat Catharina von dem Balcon zurück, nahm Carl und Heinrich mit sich, schickte den älteren zu seinem Lehrer, den jüngeren zu seinem Oheim und behielt nur die kleine Margarethe bei sich, welche noch so jung war, daß sie alles sehen und hören konnte.

Sie hatte ihre beiden Söhne entfernt, als ihr vertrauter Diener eintrat und ihr meldete, daß die von ihr erwarteten beiden Personen in ihrem Cabinet ihrer Befehle harrten.

Sie stand sogleich auf, schwankte einen Augenblick, ob sie nicht auch die kleine Prinzessin fortschicke, hielt aber doch wohl die Anwesenheit derselben nicht für gefährlich, nahm sie an der Hand und ging nach ihrem Cabinet hin.

Catharina von Medici war damals eine Frau von achtunddreißig Jahren und schöner voller majestätischer Gestalt. Sie hatte ein edles Gesicht, einen sehr schönen Busen und herrliche Hände. Ihre schwarzen Augen waren fast immer halb verschleiert, ausgenommen, wenn sie in den Herzen ihrer Gegner lesen wollte; dann hatte ihr Blick den doppelten Glanz und die doppelte Spitze zweier Schwerter, die gleichzeitig aus der Scheide gerissen und in eine Brust gestoßen wurden, wo sie einige Zeit verweilten, bis sie auch die äußersten Tiefen erforscht.

Sie hatte viel gelitten und viel gelächelt, um ihre Leiden zu verbergen. Anfangs, in den ersten zehn Jahren ihrer Ehe, welche unfruchtbar waren und wo man zwanzigmal davon sprach sie zu verstoßen und dem Dauphin eine andere Gemahlin zu gehen, schützte die Liebe des Dauphins sie allein und kämpfte gegen die schrecklichsten und unerbittlichsten aller, Gründe, gegen – Staatsgründe. Endlich 1544, nach elfjähriger Ehe, gebar sie den Prinzen Franz.

Aber schon seit neun Jahren war ihr Gemahl der Liebhaber der Diana von Poitiers.

Wenn sie gleich im Anfange ihrer Ehe eine glückliche Mutter und fruchtbare Gattin gewesen wäre, hätte sie vielleicht als Frau und als Königin gegen die schöne Herzogin angekämpft, aber ihre Unfruchtbarkeit setzte sie unter eine Maitresse herab, statt zu kämpfen, beugte sie sich und gewann sich durch ihre Demuth den Schutz ihrer Nebenbuhlerin.

Der ganze Adel vom Schwert, alle glänzenden Krieger, welche den Adel nur achteten, wenn er eine aus Blut ausgewachsene und auf dem Schlachtfelde gepflückte Blume war, hielten überdies nicht gar viel von dem Handelsgeschlechte der Medici. Man scherzte und höhnte über den Namen und das Wappen: ihre Ahnen wären Aerzte (Medici) und ihre Wappen nicht Kanonenkugeln, wie sie sagten, sondern Pillen. Selbst Maria Stuart, welche die Herzogin von Valentinois mit ihrer schönen Hand liebkoste, wußte Catharina gelegentlich zu trotzen. »Geht Ihr mit uns zur flotentinischen Krämerin?« fragte sie den Connétable von Montmorency.

Catharina ertrug alle diese Beleidigungen; sie wartete. Worauf wartete sie? Sie wußte es gewiß selbst nicht. Heinrich II. ihr königlicher Gemahl, war in gleichem Alter mit ihr und so gesund, daß er lange Tage zu leben hoffen durfte. Gleichviel, sie wartete mit der zähen Ausdauer des Genies, das seinen eigenen Werth fühlt und schätzt und begreift, daß die Zukunft ihm nicht fehlen könne, da Gott nichts umsonst thue.

Sie hatte sich damals den Guisen zugewendet.

Heinrich, ein schwacher Charakter, verstand nie allein Herr zu seyn; bald war er der Herr mit dem Connétable und die Guisen unterlagen, bald war er der Herr mit den Guisen und der Connétable stand in Mißgunst.5

Uebrigens waren die Guisen eine gar edle und stolze Familie. Eines Tages, als der Herzog Claude mit seinen sechs Söhnen dem Könige Franz I. bei dem Lever im Louvre seine Aufwartung machte, hatte der König zu ihm gesagt:

»Vetter, ich halte Euch für einen sehr glücklichen Mann, da Ihr Euch vor eurem Tode noch in so schöner und reicher Nachkommenschaft wieder aufleben sehet.«

Und Claude hinterließ in der That, als er starb, die reichste, gewandteste und ehrgeizigste Familie im Lande. Diese sechs Brüder, welche ihr Vater dem Könige Franz I. vorgestellt hatte, besaßen allein ungefähr achtmal hunderttausend Livres jährlicher Einnahmen, das heißt mehr als vier Millionen unseres jetzigen Geldes.

Voran stand der Aelteste, der Herzog Franz, der Benarbte6, der große Herzog von Guise. Seine Stellung am Hofe war fast die eines Prinzen von Geblüt. Er hatte einen Almosenier, acht Secretäre, zwanzig Pagen und achtzig Leute im Dienst, Hunde, die nur den grauen des Königs nachstanden, Ställe voll edler Pferde, die er aus Afrika, der Türkei und Spanien besaß, und kostbare Falken, welche ihm von Soliman und allen ungläubigen Fürsten gesandt wurden seines Ruhmes wegen. Der König von Navarra schrieb ihm, um ihm die Geburt eines Sohnes zu melden, der später Heinrich IV. wurde. Selbst der Connétable von Montmorency, der stolzeste Baron seiner Zeit, schloß einen Brief an ihn mit den Worten: Euer ganz ergebener und gehorsamer Diener und er dagegen schrieb nur: Euer guter Freund, was übrigens nicht wahr war, da das Haus Guise und das Haus Montmorency in ewiger Fehde lagen.

Man muß die Chroniken jener Zeit gelesen haben, um sich eine Vorstellung von der Macht dieses bevorzugten Geschlechts zu machen, das auf den Straßen wie dem Schlachtfelde stark war und auf den Märkten wie in den Cabineten des Louvre, von Windsor und dem Vatikan gehört wurde, besonders wenn es durch den Mund des Herzogs selbst sprach. Man lasse sich einmal im Artilleriemuseum zu Paris den Harnisch zeigen, welchen dieser Aelteste der Guisen bei der Belagerung von Metz trug, und man wird daran die Spur von fünf Kugeln sehen, von denen drei tödtlich gewesen seyn würden, wenn sie sich nicht an diesem Stahlwall gebrochen hätten.

Auch war es eine Freude für die Pariser, wenn er aus seinem Palaste kam und, bekannter und beliebter als selbst der König, auf einem seiner Lieblingspferde, mit Wamms und Hosen von rother Seide, dem Sammtmantel, dem Barret mit rother Feder, gefolgt von vierhundert Herren, durch die Straßen der Hauptstadt ritt; alle liefen dann hinzu, brachen Zweige von den Bäumen, pflückten Blumen ab, warfen die Zweige und die Blumen vor sein Pferd und riefen: »Es lebe unser Herzog!«

Er richtete sich dann in den Steigbügeln auf, wie er es an Schlachttagen that, um weiter zu sehen und die Schüsse auf sich zu ziehen, oder verbeugte sich nach rechts und links, begrüßte artig die Frauen, die Männer und die Greise, lächelte den jungen Mädchen zu, liebkosete die Kinder und war so der wahre König, nicht der König des Louvre, der König von St. Germain, Fontainebleau oder Tournelles, sondern der König der Straßen, Plätze und Märkte, der wahre, wirkliche König, der König der Herzen.

Auch zögerte der König nicht, auf die Gefahr hin, den Waffenstillstand zu brechen, dessen Frankreich zu sehr bedurfte, den Herzog Franz von Guise zum Befehlshaber des Heeres zu ernennen, das er nach Italien sandte, als der Papst Paul III., wegen eines Streites mit den Colonna, welche die Aussicht auf Beistand durch Philipp II. so kühn gemacht hatte, die Waffen gegen den heiligen Stuhl zu ergreifen, den König von Spanien der Krone Spaniens für verlustig erklärte und dieselbe Heinrich II. antrug.

Diesmal, vielleicht zum ersten Male, waren Guise und Montmorency einig. Hatte Franz von Guise Frankreich verlassen, so war Anne von Montmorency der erste Mann im Lande und während der große Feldherr jenseits der Berge seine Pläne des Ruhmes verfolgte, arbeitete er, der sich für einen großen Staatsmann hielt, am Hofe für seine ehrgeizigen Entwürfe, unter denen vor der Hand der liebste der war, seinen Sohn mit Diana zu vermählen, der rechtmäßigen Tochter der Herzogin von Valentinois, Witwe des Herzogs von Castro aus dem Hause Farnese, der bei der Erstürmung von Hesdin gefallen.

Der Herzog Franz von Guise befand sich also in Rom und kriegte gegen den Herzog von Alba.

Nach dem Herzog Franz von Guise kam der Cardinal von Lothringen, ein großer Herr der Kirche, welcher seinem Bruder wenig nachstand und den Pius V. den Papst über den Bergen nannte. Er war ein zweischneidiger Unterhändler, stolz wie ein Guise und schlau wie ein Italiener. Später sollte er den großen Gedanken der Ligue entwerfen und ausführen, welcher seinen Neffen allmälig die Stufen des Thrones hinaufführte, bis Oheim und Neffe von dem Schwerte der Fünfundvierzig getroffen wurden. Wenn die sechs Guisen am Hoflager waren, verfehlten nie die vier jüngern, der Herzog von Aumale, der Großprior, der Marquis von Elbeuf und der Cardinal von Guise, zuerst zu dem Cardinal Carl zu gehen, dann gingen alle fünf zu dem Herzoge Franz, der sie zum König führte.

Uebrigens hatten beide, der Kriegsmann und der Geistliche, ihre Batterien für die Zukunft aufgeführt: der Herzog Franz hatte sich zum Herrn des Königs und der Cardinal Carl zum Liebhaber der Königin gemacht. Der ernste Estoile erzählt die Sache so, daß auch der ungläubigste Leser keinen Zweifel über diesen Punkt hegen kann. »Einer meiner Freunde,« sagt er, »hat mir erzählt, daß er mit dem Diener des Cardinals in einem Zimmer schlief, welches an das der Königin Mutter ging, und gegen Mitternacht den genannten Cardinal, nur mit einem Schlafrocke bekleidet, zur Königin gehen sah und sein Freund ihm mittheilte, er würde das Leben verlieren, wenn er von dem, was er gesehen, etwas sage.«

Die vier andern Fürsten des Hauses Guise, welche eine sehr unbedeutende Rolle in dieser Geschichte spielen, brauchen wir nicht weiter zu schildern.

Jener Cardinal Carl, welchen man in der Nacht nur mit einem Schlafrocke bekleidet hatte zur Königin gehen sehen, erwartete jetzt Catharina von Medici in ihrem Cabinet.

Catharina wußte es, aber unbekannt war ihr, daß sie ihn nicht allein finden werde.

Ihn begleitete nemlich ein Mann von fünf- bis sechsundzwanzig Jahren in eleganter Reisekleidung.

»Ah, Ihr seyd es, Herr von Nemours!« sagte die Königin, als sie den jungen Mann erblickte. »Ihr kommt aus Italien… Welche Nachrichten bringt Ihr aus Rom?«

»Schlechte, Madame,« antwortete der Cardinal, während der Herzog von Nemours sich vor der Königin verbeugte.

»Schlechte? Sollte unser werther Vetter von Guise geschlagen worden seyn?« fragte Catharina. »Und wenn Ihr ja sagtet, würde ich es nicht glauben, so wenig halte ich es für möglich.«

»Nein, Guise ist nicht geschlagen,« antwortete Nemours, »das ist unmöglich wie Ihr sagt; aber er wurde von den Caraffa’s verrathen und von dem Papste selbst verlassen; darum sandte er mich zu dem Könige, ihm zu sagen, seine Stellung sey weder für seinen noch Frankreichs Ruhm länger haltbar und man möge ihn zurückrufen oder Verstärkungen senden.«

»Und unserer Uebereinkunft gemäß,« sagte der Cardinal, »führe ich Herrn von Nemours vorher zu Euch.«

»Aber,« entgegnete Catharina, »wenn der König, Herrn von Guise zurückruft, gibt er seine Ansprüche auf das Königreich Neapel und die meinigen auf das Herzogthum Toscana auf.«

»Allerdings,« antwortete der Cardinal, »aber bemerkt wohl, daß wir sehr bald den Krieg in Frankreich haben werden und daß dann nicht Neapel und Florenz zu erobern, sondern Paris zu schützen ist.«

»Paris? Ihr scherzet, Herr Cardinal. Ich glaube, Frankreich kann Frankreich vertheidigen und Paris schützt sich allein.«

»Ich fürchte, daß Ihr im Irrthum befangen seyd,« antwortete der Cardinal. »Der beste Theil unserer Truppen ist im Vertrauen auf den Waffenstillstand mit meinem Bruder nach Italien gegangen und ohne das zweideutige Benehmen des Cardinals Caraffa, ohne den Verrath des Herzogs von Parma, der vergaß, was er dem König von Frankreich schuldig war und zu dem Kaiser überging, würden uns die Fortschritte in Neapel und die Nothwendigkeit, daß der König Philipp zum Schutze Neapels sich ebenfalls schwächte, vor einem Angriffe geschützt haben; jetzt aber, da Philipp II. weiß, seine Mannschaft in Italien reiche hin, uns im Schach zu halten, wird er nach Frankreich blicken und aus dessen Schwäche Vortheil zu ziehen suchen, abgesehen davon, daß der Neffe des Herrn Connétable einen Streich gemacht hat, welcher den König von Spanien fast entschuldigt, wenn er den Waffenstillstand bricht.«

»Ihr meint die Unternehmung gegen Douay?« fragte Catharina.

»Allerdings.«

»Ihr wißt,« fuhr die Königin fort, »daß ich den Admiral so wenig liebe wie Ihr, stürzt ihn also, ich werde Euch nicht hindern, vielmehr mit aller Macht dazu behilflich seyn.«

»Und was beschließt Ihr vorläufig?« fragte der Cardinal, der fortfuhr als Catharina zögerte: »O, Ihr könnt vor Herrn von Nemours offen sprechen; er ist zwar auch aus Savoyen, aber so sehr unser Freund, als sein Vetter Emanuel Philibert unser Feind.«

»Beschließt Ihr, lieber Cardinal,« antwortete Catharina mit einem Seitenblicke auf den Prälaten, »ich bin nur ein Weib, das in Politik nicht viel versteht.«

Der Cardinal hatte den Blick Catharina’s verstanden. Sie hatte keine Freunde, nur Verbündete.

»Gebt nur immer eine Meinung ab, Madame,« sagte Carl von Guise, »ich werde mir erlauben sie zu bekämpfen, wenn sie der meinigen widerspricht.«

»Nun,« sagte Catharina, »da der König das alleinige Haupt des Staates ist, so muß er vor Allem von wichtigen Dingen benachrichtigt werden. Meiner Meinung nach hat also Herr von Nemours, ist er nicht zu ermüdet, ein Pferd zu nehmen, den König aufzusuchen, wo er sich auch befinden mag, und ihm die Nachrichten mitzutheilen, die Ihr mir, werther Cardinal, in eurer Freundschaft zu mir, zu meinem Bedauern vor ihm gemeldet habt.«

Der Cardinal wendete sich zu dem Herzoge von Nemours, wie um ihn zu fragen, dieser aber antwortete mit einer Verbeugung:

»Handelt es sich um den Dienst des Königs, so bin ich nie ermüdet.«

»Ja diesem Falle,« sagte der Cardinal, »werde ich Euch ein Pferd geben lassen und den Secretären anzeigen, daß nach der Rückkehr des Königs von der Jagd eine Rathssitzung gehalten werden wird. Kommt, Herr von Nemours.«

Der junge Herzog verbeugte sich ehrerbietig vor der Königin und schickte sich, an dem Cardinal von Lothringen zu folgen, als Catharina den Arm des Letzteren leicht berührte.

»Geht voraus, Herr von Nemours,« sagte Carl von Guise.

»Gnädiger Herr…« fiel Jakob von Nemours zögernd ein.

»Ich bitte darum.«

»Und ich,« sagte die Königin, indem sie ihm die schöne Hand reichte, »befehle es, Herr Herzog.«

Der Herzog errieth, daß die Königin dem Cardinale ohne Zweifel noch etwas zu sagen habe, gehorchte ohne weiteres, küßte die Hand der Königin, ging voraus und ließ den Thürvorhang absichtlich hinter sich niederfallen.

»Was wollt Ihr mir sagen, werthe Königin?« fragte der Cardinal.

»Ich wollte sagen,« antwortete Catharina, »daß der gute König Ludwig XI., der für fünfmal hunderttausend Thaler, die ihm geliehen wurden, unseren Ahnherrn Lorenzo di Medici die Erlaubniß gab, drei Lilien in unser Wappen zu nehmen, häufig sprach: »Wenn meine Nachtmütze mein Geheimniß wüßte, würde ich meine Nachtmütze verbrennen.« Bedenkt diese Worte des guten Königs Ludwig XI. lieber Cardinal… Ihr schenkt zu leicht Vertrauen.«

Der Cardinal lächelte über den Rath, der ihm gegeben wurde. Der, welcher für den mißtrauischsten Diplomaten jener Zeit galt, hatte größeres Mißtrauen gefunden. Freilich bei der Florentinerin Catharina von Medici.

Der Cardinal entfernte sich mit diesem guten Rathe und sah, daß der junge Mann zehn Schritte weit in dem Corridor hingegangen war, damit er nicht neugierig erscheine.

Beide gingen in den Hof hinunter, wo der Cardinal einem Pagen befahl, sofort ein gesatteltes Pferd herbeizubringen.

Der Page kam nach fünf Minuten mit dem Pferde.

Nemours schwang sich mit der Zierlichkeit eines vollendeten Reiters in den Sattel und jagte im Galopp durch die große Allee des Parkes.

Er hatte sich erkundigt, welche Richtung der König eingeschlagen und erfahren, daß er sich nach Poissy zu wenden habe.

Das hatte er gethan und hoffte, der Hörnerruf werde ihm schon anzeigen, wo der König sich befinde.

Er sah und hörte nichts.

Ein Arbeiter meldete ihm, die Jagd habe sich nach Conflans gezogen.

Er ritt also nach dieser Seite hin.

Nach einer Viertelstunde bemerkte er einen Reiter, der sich in den Steigbügeln emporrichten, um weiter sehen zu können und die Hand an das Ohr hielt, um besser zu hören.

Der Reiter gehörte offenbar zur Jagd und suchte sich zurechtzufinden.

Wenn er aber auch nicht bei der Jagd war, wußte er jedenfalls besser als der eben aus Italien angekommene junge Herzog wissen, wo der König zu treffen seyn werde.

Nemours ritt also auf den Jäger zu.

Dieser glaubte von dem Ankommenden Auskunft erhalten zu können und ritt ihm auch entgegen.

Bald ritten sie rascher, denn sie erkannten einander.

Der Jäger, welcher sich wieder zurechtzufinden gesucht hatte, war der Capitän der schottischen Garde. Sie näherten sich einander mit der artigen Vertraulichkeit, welche die jungen Herren jener Zeit auszeichnete. Uebrigens war der Eine, Nemours, aus fürstlichem Hause und der Andere, Graf von Montgomery, vom ältesten normannischen Adel.

Damals gab es in Frankreich einige alte Namen, welche mit den Mächtigsten und Ruhmreichsten gleichzustehen meinten, wenn sie auch geringere Würden bekleideten. So war es zum Beispiele mit den Montgomerys, den Rohans, den Coucys und den Montmorencys.

Wie es Nemours erwartet, hatte Montgomery sich von der Jagd verirrt und suchte sich wieder zurechtzufinden. Der Ort, wo er war, eignete sich auch ganz gut dazu, denn es war ein freier Platz auf einer Anhöhe, zu welcher jedes Geräusch hinaufbringen mußte, und von wo man sechs Wege übersehen konnte.

Die beiden jungen Männer, die einander seit einem halben Jahre nicht gesehen, hatten wichtige Fragen einander vorzulegen, Montgomery über die Armee und die kriegerischen Unternehmungen Guise’s, Nemours dagegen über den Hof und die Liebesabenteuer, die unterdeß da vorgekommen.

Sie befanden sich im lebhaftesten Gespräche, als der Graf von Montgomery die Hand auf den Arm des jungen Nemours legte.

Er glaubte Hundegebell zu hören.

Beide horchten. Der Graf hatte sich wirklich nicht getäuscht: am Ende einer langen Allee sahen, sie plötzlich pfeilschnell einen ungeheuern Eber erscheinen und fünfzig Schritte hinter ihm folgten die Hunde.

In demselben Augenblicke setzte Montgomery das Horn an den Mund, um denen, welche gleich ihm abgekommen seyn möchten, die Zeichen zu geben. Und es schienen viele zu fehlen, denn den Hunden folgten nur drei Personen, ein Herr und zwei Damen.

Nach dem Eifer, mit welchem der Herr sein Pferd antrieb, glaubten die beiden jungen Männer den König zu erkennen, aber die Entfernung war zu groß, als daß sie hätten erkennen können, welche Damen so kühn und so nahe ihm folgten.

Nemours und Montgomery jagten sogleich fort, um dem Eber entgegenzukommen.

Der König hatte allerdings einen Eber aufgejagt. Dieser wendete sich aber nicht an einer Stelle im Walde, wo nur hohe Bäume standen, sondern nach dem dichtesten Gestrüpp, so daß nach einer Viertelstunde nur noch die eifrigsten Jäger hinter dem Könige waren und von allen Damen nur noch drei: Margarethe, die Schwester des Königs, Diana von Poitiers und die kleine Königin Maria Stuart. Von ihnen waren noch mehre zurückgeblieben, so daß der König endlich nur noch die Valentinois und die kleine Marie bei sich sah, das heißt, die beste und kühnste Reiterin.

Endlich stand der Eber und die Hunde versuchten ihn zu packen.

Der König blies ins Horn und sah sich nach seinem Waffenträger um. Alle fehlten, selbst die, deren Pflicht es war, ihn nie zu verlassen. Nur die beiden Damen erschienen. Die kleine Marie hatte Schleier und Barret verloren und ihr schönes braunes Haar hing lose um ihre gerötheten Wangen.

Die Leute kamen allmälig auf.

Der Eber wehrte sich tapfer. Obgleich von sechzig Hunden angegriffen, hielt er doch noch immer Stand. Der König mußte der Sache ein Ende machen, wenn er nicht seine besten Hunde verlieren wollte.

Er ließ sich das Gewehr reichen.

Die Lunte war schon im voraus angebrannt.

Heinrich war ein vortrefflicher Schütze und fehlte selten.

Er näherte sich dein Eber, dessen Augen glühten wie zwei Kohlen, auf fünfundzwanzig Schritte, zielte nach den Augen des Thieres und schoß.

Das Thier hatte den Schuß in den Kopf erhalten, aber weil es sich während des Abdrückens bewegte, schief in die Stirn, so daß die Kugel von dem Knochen abprallte und einen Hund niederstreckte.

Man konnte am Kopfe des Thieres zwischen Auge und Ohr die blutige Spur der Kugel sehen.

Heinrich wunderte sich eine Zeit lang, daß der Eber auf den Schuß nicht fiel, während sein Pferd zitternd sich auf die Hinterbeine gesetzt hatte und mit den vorderen arbeitete.

Er reichte das abgeschossene Gewehr zurück und verlangte ein anderes.

Das andere war bereit und wurde ihm gereicht!

Der König setzte es an.

Ehe er aber Zeit hatte zu zielen, schüttelte der Eber, der sich wahrscheinlich einem zweiten Schusse nicht aussetzen wollte, die Hunde plötzlich mit aller Kraft ab, fuhr blutig unter ihnen hindurch und unter den Beinen des Pferdes des Königs hin, das sich bäumte und schmerzlich wieherte und bald blutend mit dem Könige zusammenbrach.

Alles war so blitzschnell geschehen, daß Niemand hatte daran denken können, gegen den Eber zu eilen, welcher sich zu dem König wandte, ehe dieser Zeit hatte seinen Hirschfänger zu ziehen. Jetzt versuchte er darnach zu greifen, aber es war nicht möglich; der Hirschfänger lag unter dem König.

So muthig der König war, wollte er doch schon um Hilfe rufen, denn der häßliche Kopf des Ebers mit den glühenden Augen, dem blutigen Nachen und den scharfen Hauern war nur noch einige Zoll von seiner Brust, als er plötzlich neben sich eine Stimme vernahm, die in festem Tone zu ihm sprach:

»Sire, rührt Euch nicht; ich stehe für Alles.«

Dann fühlte er einen Arm, welcher den seinigen emporhob und sah eine breite scharfe Klinge blitzen, welche sich hinter dem Schulterblatt in den Leib des Ebers bis an das Heft bohrte.

Gleichzeitig zogen zwei kräftige Arme den König zurück, so daß den Hauern des verendenden Thieres nur der neue Gegner ausgesetzt blieb.

Der, welcher den König zurückzog, war der Herzog von Nemours; der, welcher den Eber ins Herz gestoßen hatte, der Graf von Montgomery.

Dieser zog den Degen aus dem Leibe des Thieres, wischte ihn auf dem grünen Rasen ab, steckte ihn wieder in die Scheide, trat zu Heinrich II., als ob nichts Außerordentliches geschehen sey, und sagte:

»Sire, ich habe die Ehre dem Könige den Herzog von Nemours vorzustellen, der aus Italien kommt und dem Könige Nachrichten von dem Herzog von Guise und der tapfern Armee bringt.«

VIII.
Connétable und Cardinal

Zwei Stunden nach dem Auftritte, den wir beschrieben haben, nach der Beruhigung der aufrichtigen und officiellen Besorgniß, nach den Glückwünschen an Gabriel de Lorge, Grafen von Montgomery und Jakob von Savoyen, Herzog von Nemours, die beiden Lebensretter des Königs, über den Muth und die Gewandtheit, welche sie bewiesen und nachdem – die Hauptsache, die unter keinen Umständen vernachlässigt werden durfte – das Thier im großen Hofe des Schlosses im Beiseyn des Königs, der Königin und aller in Saint-Germain anwesenden Herren und Damen ausgeweidet war, trat Heinrich II. lächelnd wie ein Mann, der einer Todesgefahr entgangen ist und sich um so lebensfrischer fühlt je größer die Gefahr war, in sein Cabinet, in welchem ihn außer seinen gewöhnlichen Räthen der Cardinal Carl von Lothringen und der Connétable von Montmorency erwarteten.

Wir haben den Connétable schon einige male genannt, aber bisher versäumt, was wir für die andern Helden dieser Geschichte thaten, ihn nemlich aus seinem Grabe zu holen und vor die Leser zu stellen wie den großen Connétable von Bourbon, den seine Soldaten nach dem Tode zu einem Maler trugen, damit derselbe ihnen ein Bild von ihm male, stehend und in voller Rüstung, als lebe er.

Anne von Montmorency war damals das Haupt jener alten Familie christlicher oder französischer Barone, wie sie sich nannten, welche dem Lande zehn Connétables gegeben hat.

Er nannte und betitelte sich Anne von Montmorency, Herzog, Pair, Marschall, Großmeister, Connétable und erster Baron Frankreichs, Ritter des St. Michaels- und Hosenbandordens, Capitän der hundert Ordonanzen des Königs, Gouverneur von Languedoc, Graf von Beaumont, Dammartin und von La Fère-en-Tardenois und von Châteaubriant, Vicomte von Melun und Montreuil, Baron von Amville, Préaux, Montbron, Offemont, Mello, Châteauneuf, Dangu, Méru, Thoré, Savoisy, Gourville &c., Herr von Écouen, Chantilly, Isle-Adam, Conflans, Nogent &c.7

Da er im Jahre 1493 geboren, so war er jetzt ein Mann von vierundsechzig Jahren, aber er hatte noch die Kraft eines Dreißigers, damit aber auch alle rohen Eigenschaften des Soldaten; sein Muth war blind, er achtete nie auf die Gefahr und kümmerte sich nicht um Anstrengung, Hunger und Durst. In seinem Stolze und seiner Eitelkeit ließ er nur dem Herzoge von Guise den Vortritt, aber auch nur als Prinzen von Lothringen, denn als General und Commandant glaubte er weit über dem Vertheidiger von Metz und dem Sieger von Penty zu stehen. Für ihn war Heinrich II. nur der kleine, Franz I. aber der große Herr, und Andere mochte er nicht anerkennen. Als seltsamer Hofmann und in seinem hartnäckigen Ehrgeiz erlangte er zum Vortheile seiner Größe und seines Reichthums durch plumpes und rohes Wesen, was ein Anderer durch Schmiegsamkeit und Schmeichelei erhalten haben würde. Uebrigens war ihm Diana von Poitiers da behilflich, wo er gescheitert seyn würde; sie kam hinter ihm mit ihrer lieblichen Stimme, ihrem lieblichen Blicke und lieblichen Gesichte und glich das wieder aus, was der ewige Zorn des Soldaten verdorben hatte. Er hatte bereits vier großen Schlachten beigewohnt und hatte in jeder als tüchtiger Soldat, der dreinschlägt, gehandelt, in keiner als kluger Führer. Diese vier Schlachten waren zuerst die von Ravenna… Er war damals achtzehn Jahre alt und folgte als Dilettant und zu seinem Vergnügen der allgemeinen Fahne, wie man es nannte, d.h. der Fahne der Freiwilligen. Die zweite Schlacht war die von Marignan. Da führte er eine Compagnie von hundert Mann und er hätte sich rühmen können, daß die gewaltigsten Schwerthiebe und Streitaxtschläge von ihm ertheilt worden wären, wenn nicht sein großer Herr, Franz I., dieser Riese oft neben oder gar vor ihm gewesen wäre, der seinerseits die Welt erobert hätte, wenn die Eroberung dem zugefallen wäre, welcher am stärksten, oder wie man damals sagte am härtesten zuschlug. Die dritte Schlacht war die von Bicoque, wo er Oberst der Schweizer war und als todt liegen blieb; die vierte endlich die von Pavia, der er als Marschall beiwohnte. Da er nicht vermuthete, daß die Schlacht am nächsten Tage stattfinden solle, hatte er in der Nacht eine Recognoscirung vorgenommen; erst bei dem Donner der Kanonen kam er zurück und wurde gefangen wie die Andern, sagt Brantôme;8

Während der Herzog von Guise bei den Bürgern und Angestellten beliebt war, haßte der Connétable Bürger und Angestellte und gab seinen Haß bei jeder Gelegenheit zu erkennen. Eines Tages war es sehr heiß, ein Präsident kam zu ihm, um von Amtswegen mit ihm zu sprechen, Montmorency empfing ihn mit der Mütze in der Hand und sagte:

»Nun, Herr Präsident, heraus, was Ihr mir zu sagen habt und bedeckt Euch.«

Der Präsident aber glaubte, Montmorency bleibe ihm zu Ehren unbedeckt und antwortete:

»Ich werde mich nicht eher bedecken, bis Ihr es selbst thut.«

Da sagte der Connétable:

»Herr, Ihr seyd ein großer Esel. Glaubt Ihr denn, ich bliebe euretwegen unbedeckt? Ihr irrt dann, ich thu’s meinetwegen, weil es mir zu warm ist. Aber… redet.«

Der Präsident war so verblüfft, daß er nur stotterte, und Montmorency fuhr deshalb fort:

»Herr Präsident, Ihr seyd wahrhaftig ein Esel. Geht nach Hause und lernt eure Lection, und wenn Ihr sie könnt, so kommt wieder, aber nicht eher.«

Und er drehte ihm den Rücken zu.

Die Einwohner von Bordeaux hatten sich empört und den Gouverneur getödtet; da wurde der Connétable gegen sie geschickt. Sie zitterten vor Angst, zogen ihm zwei Tagereisen entgegen und brachten ihm die Schlüssel der Stadt. Er aber, der in voller Rüstung zu Pferde saß, antwortete:

»Ihr Herren von Bordeaux, geht mit euern Schlüsseln; ich habe dergleichen und bessere selbst.«

Und er zeigte auf seine Kanonen.

»Beseht sie Euch; die machen besser auf… Ich will Euch lehren, gegen den König aufzustehen und seinen Gouverneur zu morden. Alle lasse ich Euch hängen.«

Und er hielt Wort.

Herr von Strozzi, der den Tag vorher mit seinen Leuten vor ihm manövrirt hatte, ging zu ihm, um ihm seine Aufwartung zu machen, obgleich er ein Verwandter der Königin war. Sobald Montmorency ihn sah, rief er:

»Ei guten Tag, Strozzi! Eure Leute haben ihre Sache gestern trefflich gemacht, und es sah sich gut zu. Sie haben heute aber auch Geld bekommen?«

»Ich danke, Herr Connétable,« antwortete Strozzi, »und ich freue mich sehr, daß Ihr mit den Leuten zufrieden seyd, denn ich habe Euch eine Bitte von ihnen zu überbringen.«

»Welche, Strozzi? Sprechen Sie.«

»Das Holz ist sehr theuer in der Stadt, das Wetter aber kalt; sie bitten darum, Ihr möchtet Ihnen doch ein Schiff geben, das am Strande liegt, nichts taugt und Montréal heißt. Sie wollen es zerschlagen und Feuer von den Stücken anmachen.«

»Das will ich, ja. Sie mögen sich recht wärmen daran.«

Während er speiste, kamen die Räthe des Hofes und Beamten der Stadt. Strozzi hatte entweder nicht gut gesehen oder verstand sich nicht auf Schiffe; genug, das von ihm bezeichnete war noch vollkommen seetüchtig. Die würdigen Beamten kamen deshalb, um dem Connétable vorzustellen, welcher Schaden geschehe, wenn ein noch in gutem Stande befindliches Schiff zerschlagen werde.

Bei dem vierten Worte unterbrach sie der Connétable in seiner gewöhnlichen Weise:

»Gut! Gut! Gut! Wer seyd Ihr Dummköpfe, die Ihr mich controliren wollt? Wenn ich es für gut finde – und ich weiß nicht was mich abhält? – werde ich eure Häuser statt des Schiffes abtragen lassen. Ich werde es thun, wenn Ihr nicht bald macht, daß Ihr fortkommt. Geht und bekümmert Euch um eure Angelegenheiten, nicht um die meinigen.«

Das Schiff wurde noch an demselben Tage zerhauen.

Seit man Friede hatte, ließ der Connétable seinen größten Zorn an den Geistlichen der reformierten Kirche aus, gegen die er den heftigsten Haß hegte. Seine Erholung und Unterhaltung bestand zum Beispiel darin, daß er in die protestantischen Kirchen ging und die Geistlichen von der Kanzel jagte. Eines Tages hatte er erfahren, daß sie mit Erlaubniß des Königs ein Consistorium hielten; er begab sich sofort nach Popincourt, trat in die Versammlung, warf die Kanzel um, zerbrach die Bänke und richtete ein großes Feuer darin an. Deshalb erhielt er den Namen Bänkeverbrenner.

Alle diese Rohheiten beging der Connétable, während er Gebete murmelte, besonders das Vater unser, sein Lieblingsgebet, das er in der groteskesten Weise mit den barbarischen Befehlen vermischte, die er nie zurücknahm.

Wehe wenn man ihn den Anfang seines Gebetes murmeln hörte!

»Vater unser, der Du bist im Himmel,« sagte er; packet mir den oder den; dein Name werde geheiliget, hängt mir den an den Baum da; dein Reich komme; jagt den durch die Piken; dein Wille geschehe; schießt mir den Hund vor meinen Augen nieder; auf Erden wie im Himmel; haut mir die Kerle in Stücke, die den Thurm gegen den König zu halten wagten; unser tägliches Brot gib uns heute; steckt das Dorf in Brand; vergib uns unsere Schuld wie wir vergeben unsern Schuldigern; steckt’s an allen vier Ecken an, kein Haus darf stehen bleiben; und führe uns nicht in Versuchung; wenn die Kerle schreien, werft sie ins Feuer. Amen!

Das nannte man das Pater noster des Connétable.

Das war denn der Mann, welchen König Heinrich II., als er in das Cabinet trat, dem schlauen, geistreichen aristokratischen Cardinal von Lothringen, dem wichtigsten Herrn der Kirche, dem gewandtesten Diplomaten seiner Zeit, gegenüber sitzen sah.

Man kann sich denken, welche Opposition diese beiden einander so ganz entgegengesetzten Naturen einander machen oder welche Unruhen solch doppelter Ehrgeiz in dem Staate verbreiten mußte. Und dies um so mehr als die Familie Montmorency nicht minder zahlreich war als die Familie Guise, da der Connétable von seiner Frau – Frau von Savoyen, Tochter des Bastards René von Savoyen – fünf Söhne hatte, die-Herren von Montmorency, von Amville, von Méru, von Montbron und von Thoré, und fünf Töchter, von denen vier an die Herren von La Trémouille, Turenne, Ventadour und Candale verheirathet waren, die fünfte aber und schönste Äbtissin von St. Peter in Rheims wurde.

Diese ganze zahlreiche Nachkommenschaft mußte versorgt werden und der Connétable war zu geizig, etwas zu thun, da ja der König da war.

Alle standen auf und entblößten das Haupt als Heinrich erschien.

Er begrüßte Montmorency mit einer freundschaftlichen und fast soldatischen Handbewegung, während er den Kopf vor Carl von Lothringen neigte.

»Ich habe Euch rufen lassen,« sagte er, »denn der Gegenstand, über den ich euern Rath hören will, ist ernst. Herr von Nemours ist aus Italien angekommen, wo die Sachen schlecht stehen wegen des Wortbruchs Sr. Heiligkeit und des Verrathes der Meisten unserer Verbündeten. Anfangs ging alles gut; Strozzi hatte Ostia genommen. Freilich hatten wir in den Gräben der Stadt Herrn von Montluc verloren, einen lieben Herrn, für dessen Seele ich um euer Gebet bitte. Dann hatte sich der Herzog von Alba, welcher die nahe Ankunft eures erlauchten Bruders, werther Cardinal, kannte, nach Neapel zurückgezogen. Alle Plätze in der Umgegend von Rom waren demnach vor uns nach einander besetzt worden. Der Herzog rückte gegen Reggio, wo ihn sein Schwiegervater, der Herzog von Ferrara, mit achthundert Pferden und zehntausend Mann Fußvolk erwartete. Hier wurde Rath gehalten zwischen dem Cardinal Caraffa und Johann von Lodève, dem Gesandten des Königs. Einige glaubten, man müsse Cremona oder Pavia angreifen, während der Marschall von Brissac die Feinde in Athem erhielt; Andere stellten vor, ehe man sich dieser beiden Plätze, der festesten in Italien, bemächtigen könnte, würde der Herzog von Alba seine Armee durch Aushebungen in Toscana und dem Königreiche Neapel verdoppelt haben. Der Cardinal Caraffa war anderer Ansicht; er schlug vor in die Mark Ancona einzurücken, deren schlecht befestigte Plätze sich, wie er meinte, auf die erste Aufforderung ergeben würden, der Herzog von Ferrara aber stellte vor, da die Vertheidigung des heiligen Stuhles der Hauptzweck des Unternehmens sey, müsse der Herzog von Guise geradewegs nach Rom marschieren. Der Herzog von Guise entschied sich für diese Ansicht und wollte die zehntausend Mann Fußvolk und achthundert Reiter Ferrara’s mit sich nehmen; dieser hielt sie aber unter dem Vorgehen zurück, er könne jeden Augenblick entweder von dem Großherzog Cosmo die Medici oder von dem Herzog von Parma angegriffen werden, welcher zu Spanien übergegangen. Der Herzog von Guise mußte also seinen Weg mit den wenigen Truppen fortsetzen, die ihn begleiteten und konnte nichts hoffen, als auf die Zusammenziehung der Truppen, welche, nach der Aussage des Cardinal Caraffa, in Bologna warteten. Als der Herzog mit dem Cardinal in Bologna ankam, sah er sich vergeblich nach Truppen um. Euer Bruder, werther Cardinal beklagte sich laut, aber man antwortete ihm, er werde in der Mark Ancona zehntausend Mann treffen, welche Se. Heiligkeit habe ausheben lassen. Der Herzog glaubte diesem Versprechen und setzte seinen Weg durch die Romagna fort. Da erwartete ihn keine Verstärkung; er ließ unsere Armee unter dem Herzog von Aumale zurück und reiste direct nach Rom, um von Sr. Heiligkeit selbst zu erfahren was er zu thun habe. Da der Papst nicht ausweichen konnte, so antwortete er, er habe allerdings fünfundzwanzigtausend Mann zu diesem Kriege zu liefern; aber darunter seyen die Besatzungen in den festen Plänen der Kirche begriffen. Da achtzehntausend Mann päpstliche Truppen zu diesem Zwecke verwendet waren, sah der Herzog von Guise ein, daß er nur auf die Truppen zu rechnen habe, welche er mit sich gebracht. Auch würden diese hinreichen, versicherte Se. Heiligkeit, da die Franzosen bisher in ihren Unternehmungen gegen Neapel nur dadurch gescheitert waren, weil sie das Oberhaupt der Kirche gegen sich gehabt hätten. Jetzt sey dies mit ihnen, und in Folge dieses, wenn auch nur geistigen oder geistlichen Beistandes könnte ihnen der Sieg nicht fehlen. Der Herr von Guise ist in dieser Hinsicht so ziemlich wie Ihr, werther Connétable,« fuhr Heinrich fort, »er zweifelt an seinem Glücke nicht, so lang er sein gutes Schwert an der Seite hat und einige tausend Tapfere hinter ihm marschieren. Er beschleunigte also die Ankunft seines Heeres und sobald es angelangt war, verließ er Rom, nahm Campli mit Sturm und ließ Männer, Weiber und Kinder über die Klinge springen.«

Der Connétable nahm die Nachricht von dieser Execution mit dem ersten billigenden Zeichen auf, das er bis dahin gegeben hatte. Der Cardinal blieb gelassen.

»Von Campli,« fuhr der König fort, »brach der Herzog auf, um Civitella zu belagern, das, wie es scheint, auf einem steilen Berge liegt und gute Befestigungen hat. Man beschoß die Citadelle, aber ehe die Bresche gangbar wurde, wollte unsere Armee in ihrer gewöhnlichen Ungeduld einen Sturm unternehmen. Leider war der Ort auf allen Seiten, von Bastionen umgeben und die Folge war, daß die Unsern mit Verlust von zweihundert Todten und dreihundert Verwundeten zurückgetrieben wurden.«

Ein vergnügtes Lächeln spielte um die Lippen des Connétable, der Unbesiegliche hatte vor einer kleinen Feste zurückweichen müssen.

»Unterdeß,« fuhr der König fort, »hatte der Herzog von Alba seine Truppen in Chieti gesammelt, rückte den Belagerten mit 3000 Spaniern, 6000 Deutschen, 3000 Italienern und 300 Calabresen entgegen. Der Herzog von Guise besaß nicht die Hälfte einer solchen Macht und er entschloß sich deshalb die Belagerung aufzuheben und den Feind im, freien Felde, zwischen Fermo und Ascoli, zu erwarten. Er hoffte, der Herzog von Alba werde die ihm gebotene Schlacht annehmen. Dieser weiß aber, daß wir uns an sich nicht halten können, und weicht so dem Kampfe aus oder nimmt ihn nur in solchen Stellungen an, die uns keine Aussicht auf Erfolg lassen. In dieser Lage und, weil er von dem Papste weder Geld noch Mannschaft erhalten kann, schickt der Herzog von Guise den Herzog von Nemours zu mir, um entweder eine ansehnliche Verstärkung oder die Erlaubniß zu erhalten, Italien zu verlassen. Eure Meinung nun? Sollen wir eine letzte Anstrengung machen, unserm geliebten Herzog von Guise die Truppen und das Geld senden, die er braucht, oder sollen wir ihn zu uns zurückrufen und damit jeden Anspruch auf das Königreich Neapel aufgeben, das ich, auf das Versprechen Sr. Heiligkeit, bereits meinem Sohne Carl bestimmt hatte?«

Der Connétable machte eine Geberde als wolle er um das Wort bitten, er deutete aber auch an, er sey bereit, zuerst den Cardinal sprechen zu lassen. Dieser indeß gab zu verstehen, der Connétable möge nun sprechen. Es war das überhaupt die Tactik des Cardinals seinen Gegner zuerst sprechen zu lassen.

»Sire,« sagte der Connétable, »nach meiner Meinung darf man eine so gut angefangene Sache nicht aufgeben und keine Anstrengung scheuen, um euer Heer und euren General in Italien zu halten.«

»Und Ihr, Herr Cardinal?« fragte der König.

»Ich,« antwortete Carl von Lothringen, »ich bitte den Herrn Connétable um Verzeihung, aber ich bin ganz entgegengesetzter Ansicht.«

»Das wundert mich nicht, Herr Cardinal,« sagte der Connétable mit Bitterkeit, »es wäre auch das erste Mal, daß wir miteinander übereinstimmten. Eurer Meinung nach soll also euer Bruder zurückkommen?«

»Es wäre, glaube ich, gute Politik, ihn zurückzurufen.«

»Allein oder mit der Armee?« fragte der Connétable.

»Mit der ganzen Armee.«

»Und warum? Meint Ihr, es gäbe noch nicht genug Straßenräuber?«

»Straßenräuber gibt es vielleicht genug, Herr Connétable, überflüssig viel gute Soldaten und große Feldherren hat man aber nicht.«

»Ihr vergesst, Herr Cardinal, daß wir mitten im Frieden sind und daß man im Frieden mit großartigen Eroberern nichts anzufangen weiß.«

»Ich bitte Ew. Majestät,« wendete der Cardinal sich an den König, »den Herrn Connétable zu fragen, ob er ernstlich an die Dauer des Friedens glaubt.«

»Freilich glaube ich daran,« antwortete der Connétable. »Schöne Frage!«

»Und ich,« entgegnete der Cardinal, »glaube nicht nur nicht daran, sondern bin sogar der Meinung, Ew. Majestät, müssen den König von Spanien sobald als möglich angreifen, wenn diesem der Ruhm nicht werden soll, Euch anzugreifen.«

»Trotz dem feierlich beschworenen Waffenstillstande?« fragte der Connétable mit einem Eifer, daß man hätte glauben können, er denke, wie er spreche, »vergeßt Ihr denn, Herr Cardinal, daß es eine Pflicht ist seinen Schwur zu halten? daß das Wort der Könige noch unverletzlicher seyn muß als ein anderes Wort, und daß Frankreich sein Wort nie gebrochen hat, nicht einmal gegen die Türken und Saracenen?«

»Warum, wenn dem so ist,« fragte der Cardinal, »hat euer Neffe Chatillon, statt sich ruhig in seinem Gouvernement der Picardie zu halten, einen Ueberrumplungsversuch gemacht, der ihm gelungen wäre ohne eine alte Frau, die zufällig da vorüberging, wo man die Sturmleitern anlegte, und Lärm machte.«

»Warum mein Neffe das gethan hat?« fragte der Connétable, der in die Falle ging, »das will ich Euch sagen.«

»Hören wir,« sagte der Cardinal, der sich dann an den König wandte und mit besonderer Betonung hinzusetzte: »Höret, Sire.«

»Ah, Se. Majestät weiß es so gut wie ich,« antwortete der Connétable, »denn wie sehr er sich auch mit seinen Liebschaften zu beschäftigen scheint, lassen wir ihn doch in keinem Punkte in Unkenntniß.«

»Wir hören, Herr Connétable,« sagte der Cardinal nochmals kalt. »Ihr wollt uns sagen, was die Unternehmung des Admirals gegen Douai motivieren könnte.«

»Zehn Gründe kann ich angeben.«

»So nennt dieselben.«

»Zuerst,« sagte der Connétable, »zuerst der Versuch, den der Graf von Mégue, Gouverneur von Luxemburg, durch seinen Haushofmeister gemacht hatte, welcher mit tausend Thalern baar und dem Versprechen einer Pension von gleicher Summe drei Soldaten der Garnison von Metz bestach, welche die Stadt überliefern sollten…«

»Welche mein Bruder so ruhmvoll vertheidigt hat,« sagte der Cardinal, »wir haben von diesem Versuche gehört, welcher wie der eures Neffen, des Admirals, zum Glück scheiterte. Aber das ist nur Eine Entschuldigung und Ihr verspracht uns zehn, Herr Connétable.«

»Wartet nur. Ihr wisst noch nicht, Herr Cardinal, daß derselbe Graf von Mégue einen Soldaten der Garnison von Marienburg gewonnen, der sich für eine große Summe, welche er erhalten, verpflichtet hatte, alle Brunnen des Ortes zu vergiften, und daß das Unternehmen nur mißlang, weil er fürchtete, ein Einziger werde nicht hinreichen, darum sich an Andere wendete und diese Andern die Sache verriethen. Ihr werdet nicht behaupten, Herr Cardinal, die Sache sey falsch, da ja der Soldat gerädert worden ist.«

»Das würde allerdings kein Grund seyn mich zu überzeugen; Ihr, Herr Connétable, habt in eurem Leben so viele Leute hängen und rädern lassen, die ich für so unschuldig halte wie die, welche die heidnischen Kaiser Nero, Commodus und Domitian in dem Circus sterben ließen.«

»Herr Cardinal, wollt Ihr vielleicht gar das Unternehmen des Grafen von Mégue gegen die Brunnen von Marienburg läugnen?«

»Im Gegentheil, Herr Connétable, ich habe schon gesagt, daß ich es zugebe, aber Ihr habt uns zehn Entschuldigungen eures Neffen versprochen und wir kennen erst zwei.«

»Sie werden gefunden werden, sie werden gefunden werden, verlaßt Euch darauf. Sollte Euch vielleicht unbekannt seyn, daß der Graf von Berlaimont, der Intendant der Finanzen von Flandern, mit zwei Soldaten aus der Gascogne ein Complott machte, indem diese versprachen, mit Hilfe des Herrn von Vèze, Capitän eines Fähnchens zu Fuß, dem Könige von Spanien die Stadt Bordeaux zu überliefern, vorausgesetzt, daß sie durch fünf- bis sechshundert Mann unterstützt würden? Läugnet einmal dies neue Complott des katholischen Königs, und ich werde Euch antworten, ich, daß einer der beiden Soldaten, der bei St.-Quentin verhaftet wurde, alles ausgesagt und auch gestanden hat, er habe den versprochenen Lohn im Beiseyn des Bischofs von Arras, Anton Perrenot, empfangen. Läugnet das einmal, Herr Cardinal, läugnet das!«

»Ich werde mich wohl hüten,« antwortete der Cardinal lächelnd, »da es in der That die Wahrheit ist, Herr Connétable, und ich nicht daran denke, meine Seele durch eine so große Lüge zu gefährden; aber das alles gibt doch nur erst drei Verletzungen des Vertrages durch den König von Spanien und Ihr spracht von zehn.«

»Sie sollen Euch geliefert werden, alle zehn und im Nothfalle gehe ich sogar bis zum Dutzend. Hat man nicht den Jacob la Flèche, einen der besten Ingenieure Philipps II., beim Sondiren der Furten der Oise überrascht und nach La Ferté gebracht, wo er gestand, der Herzog von Savoyen, Emanuel Philibert, habe ihm durch Berlaimont Geld dafür zahlen lassen, daß er die Pläne von Montreuil, Roye, Doullens, St.-Quentin und Mézières aufnehme, die Plätze, deren sich die Spanier bemächtigen wollen, um die Verproviantirung von Marienburg zu verhindern.«

»Auch das ist wahr, Herr Connétable, aber wir sind noch immer weit von zehn.«

»Müssen denn gerade zehn Beweise seyn, daß der Vertrag in der That durch die Spanier gebrochen worden ist und mein Neffe ein Recht hatte, einen Versuch gegen Douai zu machen?«

»Ich hatte auch keinen andern Zweck, als Euch zu diesem Anführen zu bringen, Herr Connétable, und ich werde mich durch diese vier Beweise überzeugen lassen, daß der Vertrag durch Philipp II. gebrochen ist. Wenn aber der Vertrag nicht einmal, sondern viermal gebrochen wurde, so hatte der König von Spanien sein Wort nicht gehalten, so wird der König von Frankreich das seinige nicht verletzen, wenn er seine Armee und seinen General aus Italien zurückruft und sich zum Kriege rüstet.«

Der Connétable biß sich auf den weißen Schnurbart, sein schlauer Gegner hatte ihn dahin gebracht, daß er gerade das Gegentheil von dem zugegeben, was er hatte sagen wollen.

Uebrigens hatte der Cardinal kaum ausgesprochen und der Connétable biß noch immer auf seinen Schnurbart, als eine Trompete, die eine fremde Melodie blies, im Hofe des Schlosses Saint-Germain sich hören ließ.

»Welcher Page macht den schlechten Spaß mir das Ohr durch eine englische Melodie zu zerreißen? Erkundigt Euch, Herr von Aubespine, und sorgt dafür, daß der Page für seinen Muthwillen eine Züchtigung bekomme.«

Herr von Aubespine ging hinaus, um die Befehle des Königs auszuführen, nach fünf Minuten aber kam er zurück.

»Sire,« sagte er, »weder ein Page noch ein Knappe noch ein Piqueur hat geblasen, sondern ein wirklicher englischer Trompeter, welcher einen Herold begleitet, den Euch eure Cousine, die Königin Marie, sendet.«

Herr von Aubespine war kaum zu Ende, als von neuem eine Trompete sich hören ließ und man eine spanische Melodie erkannte.

»Aha,« sagte der König, »erst die Frau und dann der Mann, wie es scheint.«

Und mit der Majestät, welche bei Gelegenheit die alten Könige von Frankreich anzunehmen verstanden, setzte er hinzu:

»Meine Herren, in den Thronsaal! Benachrichtigt eure Leute, ich werde es dem Hofe melden lassen. Was uns auch unsere Cousine Marie und unser Vetter Philipp melden lassen, ihr Bote muß mit den gebührenden Ehren empfangen werden.«

IX.
Der Krieg

Man hatte die Klänge der englischen und spanischen Trompete nicht blos in dem Rathssaale, sondern in dem ganzen Palaste gleich einem doppelten Echo von Norden und Süden vernommen.

Der König fand den Hof schon vorbereitet; alle Damen standen an den Fenstern und blickten neugierig nach den beiden Herolden und dem Gefolge derselben.

An der Thür des Rathssaales redete den Connétable ein junger Offizier an, den ihm sein Neffe, der Admiral, sandte, derselbe welchen wir bei dem Kaiser Carl V. an dem Abende nach der Abdankung sahen.

Der Admiral war Gouverneur der Picardie, hatte also im Falle eines Angriffs den ersten Stoß auszuhalten.

»Ah, Ihr seyd es, Théligny,«9 sagte der Connétable halb laut. »Ihr bringt mir Nachrichten von dem Admiral?«

»Ja, gnädiger Herr.«

»Habt Ihr schon Jemand gesehen und eure Nachrichten mitgetheilt?«

»Diese Nachrichten sind für den König,« antwortete der junge Offizier,,es ist mir aber empfohlen worden, sie vorher Euch mitzutheilen.«

»So folgt mir.«

Wie der Cardinal von Lothringen den Herzog von Nemours zu Catharina von Medici geführt hatte, geleitete der Connétable Herrn von Théligny zu der Herzogin von Valentinois.

Unterdeß versammelte man sich in dem Empfangssaal.

Nach einer Viertelstunde hatte der König zu seiner Rechten die Königin, auf den Stufen des Thrones die großen Kronbeamten, um sich her auf den Stühlen Margarethe und Elisabeth von Frankreich, Maria Stuart, die Herzogin von Valentinois, die vier Marien, kurz den ganzen glänzenden Hof der Valois und er befahl den englischen Herold eintreten zu lassen.

Lange vorher, ehe man ihn eintreten sah, hörte man in dem Nebenzimmer das Klirren seiner Sporen und jener seiner Begleiter, dann endlich trat er über die Schwelle des Saales, im Wappenrock mit den Wappen Englands und Frankreichs, bedeckten Hauptes und blieb erst zehn Schritte vor dem Throne des Königs stehen.

Hier entblößte er das Haupt, ließ sich auf ein Knie nieder und sprach mit lauter Stimme folgende Worte:

»Marie, Königin von England, Irland und Frankreich, entbietet Heinrich, König von Frankreich, ihren Gruß. Weil Du Verkehr und Freundschaft mit den englischen Protestanten, den Feinden unserer Person, unseres Glaubens und unseres Staates, unterhalten und ihnen Hilfe und Schutz gegen die gerechten Verfolgungen zugesagt hast, die gegen sie gerichtet sind, erklären wir, Wilhelm Norry, Kronherold von England, Dir den Krieg zu Land und zu Wasser und werfen Dir hiermit zum Zeichen der Aufforderung den Handschuh hin.«

Der Herold warf nach diesen Worten seinen eisernen Handschuh, der klappernd an den Boden fiel, vor die Füße des Königs.

»Gut,« antwortete der König ohne aufzustehen, »ich nehme die Kriegserklärung an, aber Jedermann soll wissen, daß ich getreulich alles gethan und gehalten habe, was ich der Freundschaft für die Königin schuldig war. Da sie Frankreich in so ungerechter Sache angreifen will, so hoffe ich von der Gnade Gottes, es werde ihr nicht gelingen so wie ihren Vorgängern. Uebrigens spreche ich so ruhig und artig, weil eine Königin Euch sendet, wäre es ein König, so würde ich einen andern Ton annehmen.«

Dann wendete er sich an Maria Stuart und sagte:

»Da Euch, meine freundliche Königin von Schottland, der Krieg nicht minder angeht als mich und Ihr auf die Krone Englands so viel wenn nicht mehr Rechte habt als unsere Schwester Marie auf den von Frankreich, so hebt, bitte ich, den Handschuh auf und schenkt dem tapfern Sir William Norry die goldene Kette, die Ihr am Halse tragt und welche meine liebe Herzogin von Valentinois durch die Perlenschnur ersetzen wird, die sie trägt und die ich dann selbst in einer Art ersetzen werde, daß sie nicht zu viel dabei verliert. Geht, nur eine Frauenhand kann den Handschuh einer Frau aufheben.«

Maria Stuart stand auf, löste mit ihrer lieblichen Anmuth die goldene Kette von ihrem schönen Halse, hing sie dem Herold um und sagte dann mit dem Stolze, der ihrem Gesichte so gut stand:

»Ich hebe diesen Handschuh auf nicht nur im Namen Frankreichs, sondern auch im Namen Schottlands. Herold, meldet dies meiner Schwester Maria.«

Der Herold erhob sich, neigte leicht den Kopf und trat zur Linken des Thrones, während er sprach:

»Es wird nach den Wünschen des Königs Heinrich von Frankreich und der Königin Maria von Schottland geschehen.«

»Man lasse den Herold unseres Bruders Philipp II. eintreten,« sagte Heinrich.

Dasselbe Sporengeklirr meldete den spanischen Herold, der stolzer noch als sein englischer College eintrat, den castilianischen Schnurbart streichend sich zehn Schritte von dem Könige stellte und ohne niederzuknien nur mit einer Verbeugung sprach:

»Philipp von Gottes Gnaden König von Castilien, Leon, Granada, Navarra, Aragonien, Neapel, Sicilien, Majorca, Sardinien, der Inseln Indiens und der Länder des Oceans, Erzherzog von Oesterreich, Herzog von Burgund, Lothier, Brabant, Limburg, Luxemburg und Geldern, Graf von Flandern und Artois,10 Herr von Friesland, Mecheln, den Städten und Gebieten Utrecht, Ober-Yssel und Gröningen, Herrscher in Asien und Afrika, thun Dir, Heinrich von Frankreich, zu wissen, daß wir wegen der Unternehmungen gegen die Stadt Douai und wegen der Plünderung der Stadt Sens auf Befehl und unter Leitung deines Gouverneurs der Picardie den von uns beschworenen Waffenstillstand für gebrochen halten und Dir den Krieg erklären zu Wasser und zu Lande. Zum Zeichen dieser Aufforderung werfe ich im Namen meines genannten Königs und Herrn, ich, Guzman von Avila, Herold von Castilien, Leon, Granada, Navarra und Aragonien, Dir meinen Handschuh hin.«

Er zog den rechten Handschuh ab und warf ihn keck und trotzig vor die Füße des Königs.

Da konnte man das gebräunte Gesicht des Königs Heinrich II. erbleichen sehen und mit leicht bewegter Stimme sprach er:

»Unser Bruder Philipp II. kommt uns zuvor und richtet an uns die Vorwürfe, die er verdiente, aber da er so viele persönliche Beschwerden gegen uns hat, würde er besser gethan haben, wenn er uns persönlich herausgefordert hätte. Wir würden gern mit unserm Leibe für unsere Thaten eingetreten seyn und Gott der Herr dann zwischen uns entschieden haben. Sagt ihm, Don Guzman von Avila, daß wir trotzdem gern den Krieg annehmen, den er uns erklärt, daß ich aber mit noch größerem Vergnügen auf einen Zweikampf eingehen werde, wenn er diesen jetzt noch vorziehen sollte.«

Da der Connétable ihm den Arm berührte, fuhr Heinrich fort:

»Setzt hinzu, daß Ihr gesehen, wie bei diesem Vorschlage mein guter Freund, der Connétable, meinen Arm berührte, weil er weiß, daß eine Prophezeiung sagt, ich würde mein Leben in einem Zweikampfe verlieren. Auf die Gefahr hin, daß diese Prophezeiung in Erfüllung gehe, bleibe ich bei dem Antrage, obgleich ich zweifle ob die Prophezeiung meinen Bruder so weit beruhigen dürfte, um ihn zu entscheiden, den Zweikampf anzunehmen. Herr von Montmorency, hebt Ihr, als Connétable von Frankreich, den Handschuh des Königs Philipp auf.«

Zu dem Herold aber sagte er ferner, indem er hinter sich hervor ein bereitgestelltes Säckchen mit Gold nahm:

»Nehmt, es ist weit von hier nach Valladolid, und da Ihr mir eine so gute Nachricht überbracht habt, ist es nicht recht, daß Ihr unterwegs von eurem Gelde oder dem eures Herrn zehrt. Nehmt also diese hundert Goldthaler als Reisekosten.«

»Sire,« antwortete der Herold, »mein Herr und ich sind aus dem Lande, in welchem das Gold wächst und wir brauchen uns nur zu bücken, wenn wir dergleichen bedürfen.«

Er verbeugte sich vor dem Könige und trat einen Schritt zurück.

»Ach, stolz wie ein Castilianer!« flüsterte Heinrich. »Herr von Montgomery, nehmt das Säckchen und werft seinen Inhalt durch das Fenster den Leuten unten zu.«

Montgomery nahm das Säckchen, öffnete das Fenster und warf das Gold den Dienstleuten im Hofe zu, die es mit Jubel auflasen.

»Meine Herren,« fuhr Heinrich fort, indem er aufstand, »gewöhnlich ist Fest bei dem Könige von Frankreich, wenn ein benachbarter König ihm den Krieg erklärt. Heute wird also Doppelfest seyn, da wir gleichzeitig die Kriegserklärung eines Königs und einer Königin erhalten haben.«

Darauf wendete er sich an die beiden Herolde, von denen der eine links, der andere rechts stand, und sagte:

»Sir William Norry, Don Guzman von Avila, da Ihr die Veranlassung des Festes, so seyd Ihr als Vertreter der Königin Maria und des Königs Philipp von rechtswegen eingeladen.«

»Sire,« flüsterte der Connétable dem Könige zu, »wollt Ihr geruhen die neuen Nachrichten aus der Picardie anzuhören, welche mir mein Neffe durch einen Lieutenant Théligny sendet?«

»Ja wohl,« antwortete der König. »Bringt mir den Offizier, Vetter; er soll willkommen seyn.«

Fünf Minuten nachher verbeugte sich der junge Mann vor dem Könige und wartete dann, daß dieser das Wort an ihn richte.

»Nun?« fragte der König, »welche Nachrichten bringt Ihr von dem Befinden des Admirals?«

»Von dieser Seite sehr gute, denn der Herr Admiral hat sich nie wohler befunden.«

»Dann möge Gott ihn bei Gesundheit Erhalten und alles wird gut gehen. Wo habt Ihr ihn verlassen?«

»In La Fère, Sire.«

»Und welche Nachrichten solltet Ihr mir überbringen?«

»Sire, er beauftragte mich, Euch zu sagen, Ew. Majestät möge sich auf einen schweren Krieg vorbereiten. Der Feind hat über fünfzigtausend Mann zusammengezogen und der Admiral glaubt, alles, was derselbe bisher gethan, sey nur eine falsche Demonstration, um seine wahren Absichten zu verbergen.«

»Und was that der Feind bisher?«

»Der Herzog von Savoyen der Oberbefehlshaber,« « antwortete der junge Lieutenant, »rückte in Begleitung des Herzogs von Aerschoot, des Grafen von Mansfeld, des Grafen von Egmont und der ersten Offiziere seines Heeres bis Givet, wo der Sammelplatz der feindlichen Truppen war.«

»Das habe ich durch den Gouverneur der Champagne, den Herzog von Nevers, erfahren,« antwortete der König, »er setzte in seiner Depesche sogar hinzu, er glaube, Emanuel Philibert habe es besonders auf Rocroy und Mézières abgesehen, und weil ich das neu befestigte Rocroy nicht für fähig hielt, eine lange Belagerung auszuhalten, habe ich dem Herzog von Nevers empfohlen, zu sehen, ob es nicht besser sey, es aufzugeben. Seit dieser Zeit habe ich keine Nachrichten erhalten.«

»Diese bringe ich, Sire,« sagte Théligny. »Herr von Nevers hält den Ort für fest genug, hat sich darin eingeschlossen und den Feind hinter den Mauern so gut empfangen, daß derselbe nach einigen Gefechten in denen er einige hundert Mann verloren, sich durch die Furt von Houssu zurückziehen mußte. Der Admiral zweifelt nicht, daß er nun Guise belagern werde, in dem sich Herr von Vassé befindet.«

»Welche Truppen befehligt der Herzog von Savoyen?«

»Flammändische, spanische und deutsche, Sire, vierzigtausend Mann Fußvolk und etwa fünfzehntausend Reiter.«

»Und über wie viele können Chatillon und Nevers verfügen?«

»Wenn sie alle ihre Leute zusammennehmen, werden sie kaum achtzehntausend Mann Fußvolk und fünf bis sechstausend Reiter zur Verfügung haben, ungerechnet, Sire, daß unter den letzteren tausend fünfhundert bis zweitausend Engländer sind, auf die man sich nicht würde verlassen können, wenn ein Krieg mit England ausbräche.«

»Da Besatzung in den Städten gelassen werden muß, so werden wir Euch also kaum zwölf- bis vierzehntausend Mann geben können, lieber Connétable,« sagte Heinrich zu Montmorency.

»Nun ich werde mit den Wenigen mein Bestes thun. Ich habe gehört, daß ein berühmter General im Alterthum, Xenophon mit Namen, nur zehntausend Mann hatte und einen glänzenden Rückzug fast hundertfünfzig Stunden weit ausführte und daß Leonidas, König von Sparta kaum tausend Mann bei sich hatte, als er an den Thermopylen das Heer des Königs Xerxes, das weit zahlreicher war als das des Herzogs von Savoyen, acht Tage lang aufhielt.«

»So verliert Ihr den Muth nicht, guter Connétable?«

»Im Gegentheil, Sire, ich bin, bei Gott! nie so freudig und voll Hoffnung gewesen. Ich möchte nur Jemanden haben, der mir über den Zustand der Stadt St.-Quentin Auskunft geben könnte.«

»Warum, Connétable?« fragte der König.

»Weil man mit den Schlüsseln von St.-Quentin die Thore von Paris öffnet, Sire, das ist ein altes Soldatenwort… Kennt Ihr St.-Quentin, Herr von Théligny?«

»Nein, aber wenn ich wagte… «

»Immer wagt, der König erlaubt es.«

»Nun, Herr Connétable, so will ich sagen, daß ich einen Knappen habe, den mir der Herr Admiral gegeben hat und der Euch Auskunft über die Stadt geben könnte, wenn er wollte.«

»Wenn er wollte?« fiel der Connétable ein. »Er muß wollen.«

»Er wird sich gewiß nicht weigern auf die Fragen des Herrn Connétable zu antworten, da er aber ein pfiffiger Mensch ist, wird er nach seinem Belieben antworten.«

»Nach seinem Belieben, Herr Lieutenant? Ich denke nach dem meinigen.«

»Das eben ist der Punkt, über den Ew. Gnaden sich nicht täuschen mag. Er wird antworten, wie es ihm gefällt, und da der Herr Connétable St.-Quentin nicht kennt, werdet Ihr nicht wissen, ob er die Wahrheit sagt oder nicht.«

»Wenn er nicht die Wahrheit sagt, lasse ich ihn hängen.«

»Das ist allerdings ein Mittel, ihn zu strafen, doch nicht um Nutzen aus ihm zu ziehen. Glaubt mir, Herr Connétable, er ist sehr schlau, pfiffig und tapfer, wenn er will.«

»Wie so, wenn er will? Er ist also nicht immer tapfer?« fiel der Connétable ein.

»Er ist tapfer, wenn es in seinem Interesse, liegt sich zu schlagen; von einem Abenteurer kann man nicht mehr erwarten.«

»Mein lieber Connétable,« sagte der König, »wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen. Der Mann kann uns nützlich seyn; Herr von Théligny kennt ihn; lasset diesen ihn ausfragen.«

»Meinetwegen,« antwortete der Connétable, »aber Sire, ich habe eine Art mit den Leuten zu reden…«

»Ja,« antwortete Théligny lächelnd, »diese Art kennen wir; sie hat ihre gute Seite, aber bei dem Yvonnet, den ich meine, würde sie bewirken, daß er bei der ersten Gelegenheit zum Feinde überginge und die Dienste, die er uns hätte leisten können, jenem zuwendete.«

»Dem Feinde? Donner… dem Feinde?« rief der Connétable aus. »So muß man ihn auf der Stelle hängen lassen. So ist euer Knappe ein Bandit, ein Verräther, Herr von Théligny?«

»Er ist ein Abenteurer!«

»Und solcher Leute bedient sich mein Neffe?«

»Krieg ist Krieg, Herr Connétable!« entgegnete Théligny lächelnd. Dann wendete er sich an den König und sagte:

»Ich stelle meinen armen Yvonnet unter den Schutz Ew. Majestät und bitte, daß ich ihn mit mir nehmen darf, so wie ich ihn hergebracht habe, was er auch thun und sagen möge.«

»Ihr habt mein Wort!« entgegnete der König. »Holt euern Diener.«

»Wenn es der König erlaubt, so werde ich ihm nur winken und er wird erscheinen.«

»Thut das.«

Théligny trat an das Fenster, das auf den Rasen des Parkes sah, öffnete und rief. Nach fünf Minuten erschien Yvonnet in der Thür in demselben Lederkoller, in demselben braunen Sammetwamms in denselben Stiefeln, wie wir ihn den Lesern schon vorgeführt haben.

In der Hand hielt er dasselbe Barret mit derselben Feder.

Er war nur um zwei Jahre älter geworden.

Eine kupferne Kette, die einmal vergoldet gewesen war, hing von seinem Halse auf die Brust.

Er brauchte sich nur einmal umzusehen, um zu erkennen, wen er vor sich habe, und er erkannte ohne Zweifel den König oder den Connétable, vielleicht sogar Beide, denn er blieb ehrerbietig an der Thür.

»Komm nur näher, Yvonnet,« sagte der Lieutenant. »Du stehst vor Sr. Majestät dem König Heinrich II. und dem Herrn Connétable, die Dich zu sehen wünschten, nachdem ich deine Verdienste gerühmt.«

Zum großen Erstaunen des Connétable schien sich Yvonnet gar nicht zu wundern, daß seine Verdienste ihm solche Gunst gewonnen.

»Ich danke, Herr Lieutenant,« sagte Yvonnet, der drei Schritte vortrat und dann halb aus Mißtrauen halb aus Ehrfurcht stehen blieb, »meine Verdienste, so klein sie sind, lege ich Sr. Majestät zu Füßen und stelle mich dem Herrn Connétable zu Diensten.«

Der König bemerkte wohl, wie verschieden er seine Huldigung aussprach. Dies fiel wahrscheinlich auch dem Connétable auf, denn er sagte:

»Schon gut, schon gut, keine Redensarten, Stutzer! Man antwortet bestimmt oder…«

Yvonnet sah Théligny von der Seite an, als wolle er in fragen: »Bin ich hier einer Gefahr ausgesetzt oder erweiset man mir eine Ehre?«

Théligny begann nach dem Wunsche des Königs und auf dessen Versprechen vertrauend das Verhör.

»Lieber Yvonnet,« sagte er, »der König weiß, daß Du ein galanter Mann, bei den Schönen beliebt bist und alles Geld, das Du durch Klugheit und Muth erlangst, auf deinen Anzug verwendest. Der König will deine Klugheit sofort, deinen Muth später erproben und hat mich beauftragt, Dir zehn Goldthaler zu bieten, wenn Du ihm oder dem Herrn Connétable einige bestimmte Auskunft über die Stadt St.-Quentin geben willst.«

»Hat mein Lieutenant Sr. Majestät zu sagen die Güte gehabt, daß ich zu einer Gesellschaft gehöre, welche geschworen hat, die Hälfte des Verdienstes eines Jeden in eine gemeinsame Casse zu legen, so daß also von den zehn Goldthalern, die mir geboten werden, für mich nur fünf bleiben, die andern fünf aber in die Casse fließen?«

»Was hindert Dich, Schwachkopf, sie alle zehn zu behalten und von deinem Glücke nichts zu sagen?« fiel der Connétable ein.

»Mein Wort, Herr Connétable. Hm! Wir sind zu kleine Leute, als daß wir unser Wort brechen dürfen.«

»Sire,« bemerkte der Connétable, »ich traue allen denen nicht, welche alles nur für Geld thun wollen.«

Yvonnet verbeugte sich vor dem Könige und sagte: »Ich bitte Ew. Majestät um die Erlaubniß zwei Worte sagen zu dürfen.«

»Dieser Kerl…«

»Connétable,« fiel der König ein, »ich bitte…« Und lächelnd setzte er hinzu:

»Sprich Du.«

Der Connétable zuckte die Achseln, trat drei Schritte zurück und ging auf und ab, als wolle er von dem Gespräch nichts weiter hören.

»Sire,« sagte Yvonnet mit einer Anmuth, welche einem vollendeten Hofmanne Ehre gemacht haben würde, »ich ersuche Ew. Majestät sich erinnern zu wollen, daß ich keinen Preis auf die kleinen oder großen Dienste gesetzt habe, die ich Euch leisten kann und als ergebener und gehorsamer Unterthan leisten muß; mein Lieutenant, Herr von Théligny, hat von zehn Goldthalern gesprochen. Da Ew. Majestät ganz gewiß von der Gesellschaft nichts weiß, welche zwischen mir und acht Cameraden im Dienste des Herrn Admirals besteht, so glaubte ich davon sprechen zu müssen, weil Ihr mir zehn Goldthaler zu geben glaubtet, mir aber nur fünf geben würdet, da die fünf andern in die gemeinschaftliche Casse fließen müssen. Möge Ew. Majestät jetzt mich zu befragen geruhen; ich bin bereit zu antworten und zwar ohne daß von fünf, zehn oder zwanzig Goldthalern die Rede ist, rein und einfach aus Ehrfurcht, aus Gehorsam und Hingebung, die ich meinem Könige schuldig bin.«

Der Abenteurer verbeugte sich vor Heinrich so würdevoll, als wäre er der Gesandte eines italienischen oder deutschen Fürsten gewesen.

»Ganz recht,« entgegnete der Königs »rechnen wir nicht vorher, Ihr werdet Euch wohl dabei befinden.«

Yvonnet lächelte, was bedeutete: »Oh ich weiß schon, mit wem ich es zu thun habe.«

Aber alle diese kleinen Verzögerungen reizten die Ungeduld des Connétable, der sich wieder an den jungen Mann stellte, mit dem Fuße stampfte und sagte:

»Nun, da die Bedingungen gemacht, wirst Du mir sagen, Kerl, was Du von St.-Quentin weißt?«

Yvonnet sah den Connétable an und antwortete mit dem jovialen neckischen Gesicht, welches den Parisern eigen ist:

»St.-Quentin? St.-Quentin ist eine Stadt an der Somme, sechs Stunden von La Fère, dreizehn Stunden von Laon, vierunddreißig Stunden von Paris, sie hat zwanzigtausend Einwohner und eine Stadtbehörde von fünfundzwanzig Personen, nemlich einen regierenden Bürgermeister, einen abtretenden Bürgermeister, elf Geschworne, elf Schöppen. Diese Behörde wählt selbst ihre Nachfolger, welche sie nach einem Parlamentsbeschlusse vom 16. December 1335 und einer Charte des Königs Carl V. vom Jahre 1412 unter den Bürgern wählt.«

»Na, na, na!« rief der Connétable. »Was soll das? Ich will wissen was Du von St.-Quentin weißt, Kerl!«

»Ich sage Euch ja eben, was ich weiß und ich kann meine Angaben verbürgen, denn ich habe sie von meinem Freunde Maldent, der aus Noyen stammt und drei Jahre bei einem Sachwalter in St.-Quentin war.«

»Sire,« fiel der Connétable ein, »glaubt mir, wir bringen aus dem Kerl nichts heraus, so lange er nicht auf dem hölzernen Pferde sitzt und an jedem Beine vier Zwölfpfünder trägt.«

Yvonnet verzog keine Miene.

»Ich bin doch nicht ganz eurer Meinung, Connétable; ich glaube nur, daß wir nichts aus ihm bringen, so lange wir ihn fragen, daß er aber alles sagen wird, was wir zu wissen wünschen, wenn wir ihn durch Herrn von Théligny befragen lassen. Wenn er weiß, was er eben gesagt hat, so weiß er gewiß auch mehr. Nicht wahr, Yvonnet, Du hast nicht blos die Geographie und die Constitution der Stadt St.-Quentin studirt, sondern kennst auch den Zustand ihrer Wälle und die Stimmung der Bewohner?«

»Möge mein Lieutenant mich befragen oder der König mir die Ehre erzeigen, die Fragen an mich zu richten, auf die er eine Antwort wünscht, und ich werde mein Bestes thun, meinen Lieutenant zu befriedigen oder dem Könige zu gehorchen.«

»Der Kerl fließt über von Süßigkeit!« murmelte der Connétable.

»Nun, lieber Yvonnet,« sagte Théligny, »beweise Sr. Majestät, daß ich nicht gelogen als ich ihm deine Klugheit rühmte, und sage ihm und dem Herrn Connétable, in welchem Zustande sich die Wälle der Stadt in diesem Augenblicke befinden.«

Yvonnet schüttelte den Kopf.

»Er weiß nichts!« fiel der Connétable ein.

»Sire,« antwortete Yvonnet, den die Bemerkung des Connétable an der Ambition faßte, »ich werde die Ehre haben, Ew. Majestät zu sagen, daß die Stadt St.-Quentin kaum vor einem Handstreiche geschützt ist, weil sie nicht weiß, daß sie irgend einer Gefahr ausgesetzt ist und folglich auch an eine Vertheidigung nicht gedacht hat.»

»Aber sie hat Wälle?« fragte der König.

»Allerdings,« antwortete Yvonnet, »Wälle mit runden und viereckigen Thürmen, die durch Courtinen verbunden sind und mit zwei Hornwerken, von denen das eine die Inselvorstadt vertheidigt; Brustwehren fehlen und es ist nur ein Graben vorhanden; an vielen Stellen ragen die Höhen in der Nähe darüber hinaus und selbst mehre Häuser am Rande des äußern Grabens; rechts vom Wege nach Guise zwischen der Somme und dem Inselthore ist die alte Mauer – so heißt der Wall an dieser Stelle – dermaßen verfallen, daß ein halbwegs gewandter Mann sie leicht ersteigen kann.«

»Kerl, wenn Du Ingenieur bist, warum sagtest Du es nicht gleich?« rief der Connétable aus.

»Ich bin nicht Ingenieur, Herr Connétable.«

»Was bist Du sonst?«

Yvonnet schlug die Augen mit affectirter Bescheidenheit nieder.

»Er ist verliebt, Herr Connétable,« antwortete Théligny. »Um zu seiner Geliebten zu gelangen, welche in der Inselvorstadt, in der Nähe des Thores derselben, wohnt, mußte er den Zustand der Mauer genau kennen lernen.«

»Das ist ein Grund,« sagte der Connétable.

»Nun weiter,« fiel der König ein, »und ich werde Dir ein schönes goldenes Kreuz gehen, das Du deinem Mädchen bringst, sobald Du sie wieder besuchst.«

»Nun, nie wird ein goldenes Kreuz, das kann ich mit Gewißheit behaupten, an einem schönern Halse geglänzt haben, Sire, als an Gudula’s.«

»Ich glaube gar, der Kerl will uns nun sein Mädchen beschreiben,« sagte der Connétable.

»Warum nicht, Vetter, wenn sie hübsch ist?« fragte der König lächelnd.

»Du bekommst das Kreuz, Yvonnet. Sage aber, ist wenigstens eine Besatzung in St.-Quentin?«

»Nein.«

»Nein?« wiederholte der Connétable. »Warum nicht?«

»Weil die Stadt quartierfrei und die Vertheidigung derselben ein Recht der Bürgerschaft ist, auf das man viel hält.«

»Die Bürgerschaft! Recht!… Sire, glaubt mir, es geht alles schlecht, so lange die Bürgerschaft, die Gemeinden, Gott weiß was für Rechte in Anspruch nehmen, die sie wer weiß woher haben.«

»Woher? das will ich Euch sagen, Vetter: von den Königen, meinen Vorgängern.«

»Ew. Majestät beauftragt mich, der Bürgerschaft die Rechte wieder zu nehmen und die Sache wird schnell gethan seyn.«

»Das werden wir uns später überlegen, lieber Connétable; vor der Hand wollen wir uns mit dem Spanier beschäftigen, das ist die Hauptsache. Es muß eine tüchtige Besatzung nach St.-Quentin gelegt werden.«

»Darüber unterhandelte der Herr Admiral eben als ich abreiste,« sagte Théligny.

»Und er wird seinen Zweck erreicht haben,« bemerkte Yvonnet, »da er Meister Johann Pauquet für sich hatte.«

»Wer ist der Meister Johann Pauquet?« fragte der König.

»Der Oheim Gudula’s, Sire,« antwortete Yvonnet in einem Tone, aus welchem ziemliche Eitelkeit sprach.

»Wie, Kerl,« fiel der Connétable ein, »Du machst der Nichte einer Magistratsperson den Hof?«

»Johann Pauquet ist keine Magistratsperson, Herr Connétable.«

»Was ist dein Pauquet sonst?«

»Der Syndicus der Weber.«

»Herr Jesus!« rief der Connétable aus. »In welcher Zeit leben wir, daß man mit einem Syndicus der Weber unterhandeln muß, wenn es dem Könige beliebt, eine Besatzung in eine Stadt zu legen! Sage deinem Hans Pauquet, ich würde ihn hängen lassen, wenn er den Soldaten, die ich schicken werde, nicht nur die Thore der Stadt, sondern auch die Thüre seines Hauses aufmachte.«

»Ich glaube, der Herr Connétable wird wohl thun, wenn er die Sache durch Herrn Chatillon leiten läßt,« entgegnete Yvonnet kopfschüttelnd, »der weiß besser wie man mit Johann Pauquet spricht.«

»Kerl, willst Du raisonniren?« fiel der Connétable mir einer drohenden Geberde ein.

»Vetter, Vetter,« sagte Heinrich, »ich bitte, laßt den Mann ausreden. Ihr werdet Euch selbst von der Wahrheit seiner Angaben überzeugen können, da die Armee unter eurem Befehl steht und Ihr sobald als möglich Euch zu derselben begebt.«

»Und morgen schon!« entgegnete der Connétable. »Es juckt mich die Bürger zur Raison zu bringen… Ein Weber-Syndicus!… Ein schöner Kerl zum Unterhandeln mit einem Admiral! Pfui!«

Und er trat ärgerlich an ein Fenster.

»Ist der Zugang zur Stadt leicht?« fragte der König.

»Von drei Seiten ja, Sire: von der Inselvorstadt, von Rémicourt und von der Capelle her; von Tourrival aber geht es durch den Sumpf von Grosnard, der gefährlich ist.«

Der Connétable war wieder näher getreten, um diese Einzelheiten zu hören, die ihn interessierten.

»Würdest Du Dich im Nothfalle verpflichten, ein Truppencorps durch den Sumpf in die Stadt oder aus der Stadt zu führen?«

»Ohne Zweifel, aber ich habe dem Herrn Connétable bereits gesagt, daß einer aus unserer Verbindung oder Gesellschaft, Maldent, dies noch besser thun könnte, weil er drei Jahre in St.-Quentin wohnte, während ich nur in der Nacht in der Stadt war und den Weg immer sehr schnell machte.«

»Warum schnell?«

»Weil ich in der Nacht und allein mich fürchte.«

»Du fürchtest Dich? Und das gestehst Du?«

»Warum nicht, weil es so ist? Ich fürchte mich vor den Sterblichen, den Gespenstern und Werwölfen.«

Der Connétable lachte laut aus, während es Yvonnet eiskalt über den Rücken lief.

»Mein lieber Théligny,« entgegnete der Connétable, »ich gratuliere zu dem Knappen; ich werde ihn in der Nacht nicht benutzen.«

»Es wird besser seyn, wenn Ihr mich am Tage verwendet.«

»Und wenn man Dich in der Nacht zu Gudula gehen lässet, nicht wahr?«

»Herr Connétable, meine Besuche bei ihr sind nicht nutzlos gewesen, wie Ihr seht, und der König ist auch der Meinung, da er mir ein Kreuz versprochen hat.«

»Herr Connétable, lasset dem jungen Mann vierzig Goldthaler für die Nachrichten zahlen, die er uns gegeben hat und für die Dienste, die er uns weiter leisten will. Besonders fügt zehn Thaler dazu für ein Kreuz.«

Der Connétable zuckte die Achseln und brummte:

»Vierzig Thaler? Vierzig Hiebe!«

»Ihr hört, Vetter, ich habe mein Wort gegeben; sorgt dafür, daß darnach geschehe.« Zu Théligny fügte er hinzu: »Herr Lieutenant, der Herr Connétable wird anordnen, daß Ihr Pferde hier und in Compiègne findet, damit Ihr rasch vorwärts kommt. Scheut Euch nicht sie todt zu reiten, wenn Ihr nur morgen in Fère ankommt. Der Admiral kann nicht schnell genug erfahren, daß der Krieg erklärt ist.

Der Lieutenant und Yvonnet verbeugten sich und folgten dem Connétable.

Zehn Minuten später jagten sie fort, und der Connétable begab sich wieder zu dem Könige.

Dritter Theil

I.
Der Leser befindet sich wieder unter Bekannten

Heinrich II. erwartete den Connétable, um Befehle von der höchsten Wichtigkeit zu geben.

Herr von Montgomery, der bereits vor einigen Jahren der Regentin von Schottland französische Hilfetruppen zugeführt hatte, wurde nach Edinburg gesandt, um zu verlangen, daß die Schotten in Folge des Vertrags mit Frankreich England den Krieg erklärten und die Herren im Regentschaftsrathe Abgeordnete mit Vollmacht nach Frankreich schickten, um den Ehevertrag der jungen Königin mit dem Dauphin abzuschließen.

Gleichzeitig wurde eine Urkunde entworfen, durch welche Maria Stuart dem Könige von Frankreich ihr Land Schottland so wie ihre Ansprüche auf England für den Fall abtrat, daß sie ohne männlichen Erden sterbe.

Nach der Vermählung, sollte Maria Stuart den Titel: Königin von Frankreich, England und Schottland annehmen. Vor der Hand ließ man wenigstens auf das Silbergeschirr der jungen Königin das dreifache Wappen der Valois, der Stuart und der Tudors stechen.

Abends fand, wie der König Heinrich II. es gesagt hatte, ein glänzendes Fest im Schlosse Saint-Germain statt und die beiden Herolde konnten nach ihrer Rückkehr melden, wie lustig und heiter man in Frankreich die Kriegserklärung aufgenommen habe.

Ehe aber das erste Fenster im Schlosse Saint-Germain erleuchtet war, sprengten zwei Reiter auf herrlichen Pferden aus dem Hofe des Louvre und ritten von da in scharfem Trabe auf der Straße nach La Fère hin.

In Louvres hielten sie einen Augenblick an, um ihre Pferde verschnaufen zu lassen, die sie in Compiègne wechselten, wie es verabredet war, worauf sie, trotz der späten Nachtstunde und der wenigen Ruhe, die sie sich gegönnt hatten, von neuem aufbrachen. Royon erreichten sie mit Tagesanbruch, und da ruhten sie eine Stunde aus, dann ritten sie nach La Fère weiter, wo sie um acht Uhr ankamen.

Es war nichts Neues da geschehen seit der Abreise Théligny’s und Yvonnet’s.

So kurze Zeit der Letztere in Paris zugebracht, hatte er doch Zeit gefunden, bei einem ihm bekannten Trödler seine Garderobe zu erneuern. Er hatte ein Wamms und Hosen von grünem Sammt mit Goldtressen und ein kirschrothes Barret mit einer weißen Feder gewählt, dazu fast untadelige Stiefel mit riesigen kupfernen Sporen. War der Anzug auch nicht ganz neu, so war er doch wenigstens so kurze Zeit und von einem so sorgsamen Herrn getragen worden, daß es kaum zu bemerken war, er komme von einem Trödler und nicht von einem Schneider.

Die Kette hatte Yvonnet aufmerksam besehen und war zu der Ueberzeugung gekommen, es sey noch Gold genug daran, um diejenigen zu täuschen, die sie nicht so sehr genau betrachteten. Und seine Sache war es zu verhindern, daß sie nicht genau betrachtet werde.

Das goldene Kreuz war ebenfalls getreulich gekauft worden, aber Niemand wußte freilich, ob Yvonnet die zehn Thaler ganz zu diesem Ankaufe verwendet hatte. Wir unsererseits glauben, er habe es nicht gethan und von dem zurückbehaltenen Gelde nicht blos den einen Anzug sondern auch noch einen Harnisch gekauft, der als Mantelsack hinten auf dem Pferde aufgeschnallt war und bei jeder Bewegung desselben einen metallischen Klang von sich gab.

Da freilich alles dies dazu diente, seine Person zu schmücken und zu schützen, seine Person aber Gudula angehörte, so war das für Gudula bestimmte Geld allerdings seinem Zwecke gemäß verwendet worden.

Kaum hatte er übrigens das Thor von La Fère hinter sich, als er erfuhr, welchen Eindruck seine neue Kleidung machte. Franz und Heinrich Scharfenstein waren als Lieferanten der Gesellschaft eben beschäftigt einen Ochsen, den sie erworben hatten und der nicht gehen wollte, nach dem Lager zu bringen. Franz zog ihn an einem Horne und Heinrich schob ihn hinten.

Heinrich sah auf, als er Pferdehufe aus dem Pflaster hörte, erkannte Yvonnet und rief:

»Franz, sieh wie der Yvonnet sich herausgeputzt hat.«

Vor Bewunderung ließ er sogar das Horn des Ochsen los, der die ihm gelassene Freiheit sofort auch benutzte, eine Schwenkung machte und sicherlich entkommen wäre, wenn nicht Heinrich ihn noch rechtzeitig am Schwanze erfaßt und mit seiner Riesenkraft festgehalten hätte.

Yvonnet winkte nur leicht grüßend mir der Hand.

Man gelangte zu dem Admiral.

Der junge Lieutenant meldete sich und ging sogleich in das Cabinet Coligny’s hinein, während Yvonnet an der Thür stehen blieb.

Der Admiral bückte sich über eine der unvollständigen Karten, die man damals hatte, und versuchte sie durch die Angaben zu vervollständigen, die ihm ein Mann mit schlauem Gesicht, spitzer Nase und klugem Auge gab, der vor ihm stand.

Dieser Mann war unser alter Bekannter Maldent, der, wie Yvonnet bereits gesagt, drei Jahre in Saint-Quentin gewesen war und die Stadt wie die Umgegend so genau wie sein Schreibzeug kannte.

Der Admiral blickte auf, als Théligny eintrat.

Maldent sah nach der Thür und erkannte Yvonnet.

Der Admiral reichte Théligny die Hand und Maldent tauschte einen Blick mit Yvonnet, welcher aus der Tasche den Beutel zog, um anzudeuten, daß die Reise nicht unfruchtbar gewesen sey.

Théligny berichtete in kurzen Worten und übergab denn Admiral ein Schreiben von dem Connétable.

»Ja,« sagte Coligny im Lesen, »daran habe ich auch gedacht. Saint-Quentin ist in der That eine Stadt, die man bewahren muß. Eure Compagnie, Théligny, ist seit gestern da eingerückt. Ihr werdet Euch heute noch ebenfalls dahin begeben und meine baldige Ankunft melden.«

Dann bückte er sich wieder auf die Karte und machte da Notizen.

Théligny kannte den Admiral, den man in der Arbeit nicht stören durfte, er glaubte indeß weitere Befehle zu erhalten und sagte deshalb zu Yvonnet:

»Erwarte mich im Lager,« sagte er leise, »ich werde Dich abholen, wenn ich die letzten Instructionen von dem Admiral erhalten habe.«

Yvonnet verbeugte sich schweigend und ging.

Er fand an der Thür sein Pferd und war im nächsten Augenblicke aus der Stadt hinaus.

Das Lager des Admirals befand sich bei La Fère. Da er zu schwach war, um sich mit seinen sechzehn- oder achtzehntausend Mann, im freien Felde halten zu können und eine Ueberrumpelung fürchtete, hatte er die Nähe einer befestigten Stadt gesucht, weil er meinte, daß seine, wenn auch schwache Armee, hinter guten Mauern sich wohl halten werde.

Nachdem Yvonnet die Linie des Lagers erreicht hatte, richtete er sich in den Steigbügeln auf, um wo möglich einen seiner Gefährten zu erkennen und zu erfahren, wo sie ihr Domicil aufgeschlagen.

Bald wurde sein Blick durch eine Gruppe angezogen, in deren Mitte er Procop zu erkennen glaubte, der auf einem Steine saß und auf den Knien schrieb.

Procop benutzte seine Schreibkunst: er machte für einen bestimmten geringen Preis Testamente in dem Augenblicke, als man jeden Augenblick mit dem Feinde zusammentreffen konnte.

Yvonnet glaubte den Freund nicht stören zu dürfen, zumal ihm ein weiterer Blick Heinrich und Franz von Scharfenstein zeigte, welche es aufgegeben, den Ochsen in das Lager zu führen, ihm die Beine gebunden hatten und auf einer Wagendeichsel trugen.

Ein Mann, der kein Anderer war als Pille-Trousse, winkte ihnen vor einem ziemlich gut aussehenden Zelte.

Yvonnet erkannte das Zelt, an welchem er den neunten Antheil hatte und in der nächsten Minute war er bei Pille-Trousse, der, ehe er den Cameraden bewillkommte, ein-, zwei-, dreimal um ihn herumging, der wie eine Reiterstatue mit zufriedenem Lächeln sich nicht rührte.

Dann blieb Pille-Trousse stehen und sagte mit Zungenklatschen, das seine Bewunderung ausdrücken sollte:

»Das ist einmal ein Pferd! Seine vierzig Goldthaler werth! Wo beim Teufel hast Du das gestohlen?«

»Still!« sagte Yvonnet. »Mit Respect von dem Pferde gesprochen! Es kommt aus dem Marstalle Sr. Majestät und gehört mir nur leihweise.«

»Das ist Schade,« meinte Pille-Trousse.

»Warum?«

»Weil ich einen Käufer dafür wüßte.

»Wer wäre das?«

»Ich!« antwortete eine Stimme hinter Yvonnet.

Yvonnet drehte sich um und blickte den an, welcher sich so stolz mit dem kleinen Worte vorstellte.

Der Liebhaber des Pferdes war ein junger Mann von drei- bis vierundzwanzig Jahren, nur halb bewaffnet, wie sich die Kriegsleute in dem Lager zu zeigen pflegten.

Yvonnet brauchte die breiten Schultern, den Kopf mit dem rothen Haar und Bart, die hellblauen eigensinnigen und rohen Augen nur zu sehen, um den zu erkennen, welcher ihn anredete.

»Herr,« sagte er, »Ihr habt meine Antwort schon gehört, das Pferd gehört in der That Sr. Majestät dem König von Frankreich, der die Güte hatte, es mir zu leihen, um in das Lager zurückzukommen. Wenn er es zurückfordert, muß ich es abliefern; wenn er es mir läßt, steht es Euch zu Diensten, nachdem, wie sich versteht, wir über den Preis einig geworden sind.«

»So meine ich es,« antwortete der junge Mann, »hebe es also auf für mich; ich bin reich und lasse mit mir handeln. Uebrigens ist das nicht das einzige, was ich mit Euch zu verhandeln habe.«

Yvonnet und Pille-Trousse verbeugten sich.

»Wie viele seyd Ihr in eurer Bande?«

»In unserer Gesellschaft, wollt Ihr sagen,« fiel Yvonnet ein, den dies Wort verletzte.

»In eurer Gesellschaft, wenn Euch das besser gefällt.«

»Wenn nicht in meiner Abwesenheit einem meiner Cameraden ein Unglück zugestoßen ist,« antwortete Yvonnet mit einem fragenden Blicke auf Pille-Trousse, »so sind wir neun.«

»Und neun Muthige?« fragte der junge Herr.

Yvonnet lächelte; Pille-Trousse zuckte die Achseln.

»Eine hübsche Probe habt Ihr da,« sagte der junge Mann, indem er aus Heinrich und Franz Scharfenstein zeigte, »wenn die Beiden zu der Gesellschaft gehören.«

»Sie gehören dazu.«

»So könnte man unterhandeln…«

»Mit Verlaub, wir gehören dem Herrn Admiral an.«

»Bis auf zwei Tage in der Woche, an denen wir für eigene Rechnung arbeiten können,« erläuterte Pille-Trousse. »Procop hat diese Clausel noch in den Vertrag gebracht für die zwei Fälle, daß wir eine Unternehmung für uns selbst hätten und dafür ein ehrbarer Mann uns einen Antrag der Art machte, wie der Herr da ihn machen zu wollen scheint.«

»Es ist nur für einen Tag oder eine Nacht. Es trifft sich also ganz gut. Wo finde ich Euch, wenn ich Euch brauche?«

»Wahrscheinlich in Saint-Quentin,« antwortete Yvonnet, »ich persönlich wenigstens werde dort seyn.«

»Und Zwei von uns,« sagte Pille-Trousse, »sind schon da, nemlich Lactantius und Malemort. Die Uebrigen… «

»Die Uebrigen werden bald folgen,« sagte Yvonnet, »weil der Admiral, wie ich ihn selbst sagen hörte, in zwei oder drei Tagen dort seyn will.«

»Also in St.-Quentin!« sagte der junge Mann, der sich mit leichtem Kopfknicken entfernte.

Yvonnet sah ihm nach, bis er unter der Menge verschwunden war, dann rief er einen Burschen, welcher die neun Genossen bediente und dafür leibliche und geistige Speise erhielt, und warf ihm den Zügel des Pferdes zu.

Zuerst trat Yvonnet zu Pille-Trousse, um ihm seine Bemerkungen über den Unbekannten mitzutheilen, wahrscheinlich aber bedachte er, daß Pille-Trousse ein zu materieller Mensch sey, um ein so wichtiges Gebeimniß zu empfangen, verschluckte die Worte, die er schon aus den Lippen hatte, und schien seine ganze Aufmerksamkeit der Arbeit der beiden Scharfensteine zuzuwenden.

Heinrich und Franz hatten den Ochsen an der Wagendeichsel auf den Achseln richtig bis an das Zelt gebracht.

Dann war Heinrich in das Zelt hineingegangen und hatte seine Streitaxt gesucht, ohne dieselbe sogleich finden zu können, da Fracasso, der eben in poetischer Begeisterung sich befand, der größern Bequemlichkeit wegen sich auf eine Matratze gelegt und jene Streitaxt als Kopfkissen gebraucht hatte.

Diese sehr einfache Streitaxt bestand aus einer zwölfpfündigen Kanonenkugel mit einem eisernen Stiele. Dies war mit einem riesenmäßigen Schwerte die gewöhnliche Waffe der beiden Scharfenstein.

Heinrich hatte sie endlich gefunden, trotz dem Wehklagen Fracasso’s, der eben einen schönen Reim gefunden, sie unter dem Kopfe des Dichters weggenommen und war zu dem wartenden Franz zurückgekehrt.

Kaum hatte Franz die Vorderbeine des Ochsen aufgebunden, als das Thier mit einer Anstrengung sich halb aufrichtete.

Diesen Augenblick benutzte Heinrich, hob die Streitaxt und schlug damit mit aller seiner Kraft den Ochsen zwischen die Hörner.

Das Thier stürzte zusammen.

Pille-Trousse, der wie ein Vorstehhund nur auf diesen Augenblick wartete, machte sich sogleich an den Ochsen und öffnete ihm die Halsader, dann riß er ihn auf.

Pille-Trousse war der Metzger der Gesellschaft. Heinrich und Franz, die Lieferanten, kauften und tödteten das Vieh, Pille-Trousse schlachtete es aus, zerhackte es, legte die besten Stücke für die Gesellschaft bei Seite und bot das Uebrige, appetitlich ausgelegt, zum Verkaufe an. Das machte er so geschickt, daß er gewöhnlich für drei Viertel des Viehes, die er verkaufte, einige Thaler mehr erhielt, als das Ganze gekostet hatte.

Das kam der Gesellschaft zu Gute, die, wie man sieht, keine schlechten Geschäfte machte.

Als der Verkauf des Fleisches begann, erschien ein Reiter unter den Andrängenden, die Alle kaufen wollten. Es war Théligny, der mit Briefen des Admirals an den Bürgermeister und den Gouverneur der Stadt, wie an Johann Pauquet seinen Knappen Yvonnet abholen wollte.

Er brachte auch die Nachricht mit, dass der Admiral, sobald er die erwarteten Truppen an sich gezogen und mit seinem Oheim, dem Connétable, sich besprochen, mit fünf bis sechshundert Mann nach Saint-Quentin aufbrechen würde.

Maldent, Procop, Fracasso, Pille-Trousse und die beiden Scharfenstein sollten zu der Besatzung gehören und in der Stadt mit Malemort und Lactantius, die schon dort waren, wie mit Yvonnet sich vereinigen, der mit Théligny eben dahin vorausgehen sollte.

Der Abschied war kurz, da Fracasso sein Werk noch nicht beendigt hatte und einen Reim nicht finden konnte, die beiden Scharfenstein Yvonnet zwar sehr liebten, aber nicht sehr gesprächig waren und Pille-Trousse endlich sich begnügte, dem Freunde unter einem Händedrucke zuzuflüstern, während er Fleisch verkaufte:

»Sieh zu, dass Du das Pferd behältst.«

II.
Saint-Quentin

Es ist, wie Yvonnet zu dem Connétable gesagt hatte, sechs Stunden von La Fère nach Saint-Quentin.

Die Pferde hatten schon einen weiten Weg gemacht und zwar ohne eine andere Ruhe als eine Stunde in Royon und zwei Stunden im Lager, sie hatten auch keine Eile, als etwa Yvonnet die Gudula so bald als möglich zu sehen, und so brachten sie denn fast drei Stunden zu, bis sie die Stadt erreichten.

Nachdem sie sich an dem Thore zu erkennen gegeben hatten und unter der Wölbung desselben durchgeritten waren befanden sich die beiden Reiter in der Inselvorstadt.

»Will mir mein Lieutenant zehn Minuten erlauben,« fragte Yvonnet, »oder unterdeß zu erfahren suchen, wie es in der Stadt steht?«

»Aha,« antwortete Théligny lachend, »wir sind wohl in der Nähe von Jungfer Gudula?«

»Das sind wir. Bei Tage bin ich übrigens nur ein Bekannter von ihr, der ein paar Worte mit ihr spricht. Ich habe immer den Grundsatz gehabt, dem Rufe und des Fortkommen hübscher Mädchen nicht zu schaden.«

Er wendete sich rechts in ein Gäßchen, das an der einen Seite eine lange Gartenmauer und auf der andern eine Reihe Häuser hatte, wo man aber nur ein einziges Fensterchen sah, das ganz mit Blumen besetzt war.

Wenn Yvonnet sich in den Steigbügeln aufrichtete, konnte er gerade an das Fenster reichen, unter welchem sich ein Prellstein befand, auf den Fußgänger traten, wenn sie an das Fenster hinauf sprechen wollten.

In dem Augenblicke, als er ankam, öffnete sich wie durch Zauberei das Fenster und ein reizendes Köpfchen, rosig vor Freude, zeigte sich unter den Blumen.

»Ah, Ihr seyd es, Gudula?« fragte Yvonnet. »Wie wußtet Ihr meine Ankunft?«

»Ich sah am Fenster, das über die Mauer hinweg nach der Straße von Fère sieht. Da sah ich von weitem zwei Reiter kommen, und wenn es auch nicht wahrscheinlich war, daß Ihr der Eine wäret, konnte ich doch die Augen nicht abwenden. Als Ihr näher kamt, erkannte ich Euch. Da lauerte ich an dem Fenster, denn ich fürchtete, Ihr würdet vorüberreiten, ohne anzuhalten, erstens weil Ihr nicht allein und zweitens weil Ihr so schön seyd, daß ich fürchtete Ihr wäret ein reicher Mann geworden.«

»Die Person, die ich zu begleiten die Ehre habe, meine liebe Gudula, und die mir erlaubt hat, einen Augenblick mit Euch zu sprechen, Herr von Théligny, ist mein Lieutenant, der Euch gleich mir einige Fragen über den Zustand der Stadt vorlegen möchte.«

Gudula blickte schüchtern nach dem Lieutenant, der sie artig grüßte, worauf sie mit den Worten in bebender Stimme antwortete: »Gott behüte Euch, Herr.«

»Der Anzug, in dem Ihr mich seht, Gudula,« fuhr Yvonnet fort, »kommt von der Freigebigkeit des Königs, der, als er erfahren, daß ich das Glück habe, Euch zu kennen, mir aufgetragen hat, Euch von ihm dieses goldene Kreuz zu übergeben.«

Er nahm dabei das Kreuz aus seiner Tasche und bot es Gudula, die sich kaum entschließen konnte, es zunehmen, und sagte:

»Was sagt Ihr, Yvonnet? Warum verspottet Ihr ein armes Mädchen so?«

»Mein schönes Kind,« fiel Théligny ein, »ich war zugegen, als der König Yvonnet den Auftrag gab, Euch das Geschenk zu überbringen.«

»Ihr kennt also den König?« fragte Gudula ganz verwundert.

»Seit gestern, Gudula, seit gestern kennt Euch der König, wie den braven Mann, euren Oheim Johann Pauquet, an den mein Lieutenant ein Schreiben von dem Admiral hat.«

Der Lieutenant machte nochmals ein bestätigendes Zeichen und Gudula, die anfangs, wie gesagt, gezögert hatte, streckte nun die zitternde Hand hervor, welche Yvonnet erfaßte und küßte, während er ihr das Kreuz übergab.

Da kam auch Théligny näher und sagte:

»Willst Du nun, Yvonnet, die schöne Gudula fragen, wo ihr Oheim ist und in welcher Stimmung wir ihn finden werden?«

»Mein Oheim ist in dem Rathhause,« antwortete das Mädchen, welche sich nicht entschließen konnte die Augen von dem Kreuze abzuwenden, »und ich denke geneigt, die Stadt zu vertheidigen.«

»Schönen Dank… Komm, Yvonnet.«

Gudula machte ein kleines bittendes Zeichen, erröthete sehr und sagte zu Théligny:

»Wenn also mein Oheim fragt, woher das Kreuz ist…«

»So könnt Ihr ihm sagen, es komme von Sr. Majestät,« antwortete lachend der junge Offizier, welcher die Besorgniß Gudula’s sich wohl erklärte, »und der König habe es Euch zum Dank für die guten Dienste gegeben, die ihm euer Oheim und euer Vetter bereits geleistet haben und hoffentlich noch leisten. Wenn Ihr, was wohl möglich ist, Yvonnet nicht nennen wollt, so setzt nur hinzu, ich, Théligny,« Lieutenant in der Compagnie des Dauphin, habe Euch das Kreuz überbracht.«

»O, ich danke, ich danke,« rief Gudula freudig aus. »Sonst hätte ich es nicht zu tragen gewagt.«

Leise und rasch sagte sie dann noch zu Yvonnet:

»Wann sehe ich Euch wieder?«

»Als ich drei bis vier Stunden von Euch war, Gudula, saht Ihr mich jede Nacht,« antwortete Yvonnet, »denkt Euch also, da ich nun in derselben Stadt bin… «

»Still,« fiel Gudula ein und noch leiser sagte sie: »Komm zeitig, ich glaube mein Vater bleibt die Nacht im Rathhause.«

Sie zog das Köpfchen zurück, das hinter den Blumenstöcken verschwand.

Die jungen Männer ritten weiter auf einem Damme hin. In der Mitte des Weges ließen sie links die Abtei und Kirche »Saint-Quentin auf der Insel« und gelangten über eine erste Brücke, die sie zu der Capelle brachte, wo die Reliquie des Heiligen gefunden werden sollten, dann über eine zweite und dann über eine dritte, nach der sie sich vor den beiden Thürmen an dem Inselthore befanden.

An dem Thore standen ein Soldat von dem Regimente Théligny und ein Bürger der Stadtwache.

Diesmal brauchte sich Théligny nicht zu erkennen zu geben, der Soldat trat an ihn heran und fragte ihn nach Neuigkeiten. Man sagte, der Feind sey sehr nahe und die schwache Compagnie von hundertfünfzig Mann unter einem Lieutenant stand ganz allein unter den Bürgern, die ängstlich hin und her liefen oder die Zeit mit Versammlungen in dem Rathhause versäumten, in welchem viel geredet, aber wenig gethan wurde.

Saint-Quentin schien in großer Aufregung zu seyn. Die Hauptstraße, welche die Stadt in zwei Drittheilen ihrer Länge durchschneidet und in die mehrere andere von beiden Seiten einmünden, war voll von Leuten, und auf dem Markte endlich standen so viele, daß selbst Reiter sehr schwer durchkommen konnten.

Allerdings, als Yvonnet sein Barret auf seinen Degen gesteckt, in den Steigbügeln sich aufgerichtet und gerufen hatte: »Platz! Platz für die Leute des Herrn Admirals!« drängten die Leute, welche auf die erwartete Verstärkung warteten, so nach beiden Seiten, daß für die beiden Reiter ein schmaler Weg entstand, in welchem sie an die Stufen vor dem Rathhause gelangten, auf dem sie der Bürgermeister der Stadt Herr Varlet von Gibercourt erwartete.

Die Reiter kamen zu guter Zeit an; es war Sitzung gewesen und in Folge des Patriotismus der Einwohner, den die Beredsamkeit Johann Pauquet’s und seines Bruders Wilhelm noch mehr aufgestachelt hatte, beschlossen worden, daß die Stadt St.-Quentin, getreu ihrem Könige und ihrem Schutzpatrone vertrauend, sich auf’s Aeußerste vertheidigen wolle.

Die Nachricht, welche Théligny brachte, daß der Admiral sehr bald mit Verstärkung erscheinen werde, trieb die Begeisterung auf den Gipfel.

Sofort, noch in derselben Sitzung thaten die Bürger sich in Compagnien zusammen und ernannten ihre Führer. Jede Compagnie zählte fünfzig Mann.

Der Bürgermeister öffnete das Arsenal der Stadt, das leider keinen großen Vorrath hatte. Man fand darin fünfzehn Kanonen, von denen einige sich in schlechtem Zustande befanden, nur fünfzehn Büchsen und einundzwanzig Harken, dagegen Hellebarden und Lanzen in Menge.

Johann Pauquet wurde zum Hauptmann einer der Compagnien ernannt, und sein Bruder Wilhelm zum Lieutenant einer andern. Man sieht, die Familie wurde mit Ehren überschüttet; freilich war eine solche Ehre gefährlich. Die gesammte bewaffnete Macht bestand also für den Augenblick aus hundertundzwanzig bis dreißig Mann der Compagnie des Dauphin unter Théligny, aus etwa hundert Mann der Compagnie Herrn Breuil’s, des Gouverneurs von St.-Quentin, der seit acht Tagen von Abbeville angekommen war und aus zweihundert Bürgern in vier Compagnien. Drei dieser Compagnien bestanden aus Armbrustschützen, Lanzen- und Hellebardenträgern. Nur die vierte war mit Büchsen bewaffnet.

Plötzlich sah man eine fünfte erscheinen, die man nicht erwartet hatte und die eben ihrer plötzlichen Erscheinung und der Elemente wegen, aus denen sie bestand, mit großem Jubel begrüßt wurde. Es waren hundert Jacobinermönche, welche alle Lanzen oder Hellebarden trugen.

Ein Mann in einer Kutte, unter welcher man die Maschen eines Harnisches bemerkte, führte sie und hatte ein Schwert in der Hand.

Yvonnet sah den Hauptmann aufmerksam an und rief :

»Da will ich doch in der Hölle brennen, wenn das nicht Lactantius ist?«

Und es war in der That Lactantius. Da er vermuthet hatte, daß der Feldzug ein ernster werden wird, hatte er sich zu den Jacobinern zurückgezogen, um Buße zu thun und sich so weit als möglich in den Zustand der Gnade zu versetzen. Die guten Patres hatten ihn mit offenen Armen aufgenommen, und Lactantius, während er beichtete und den Patriotismus unter den Vätern bemerkte, hatte denselben zu benutzen sich vorgenommen. Demzufolge hatte er ihnen, als eine Eingebung vom Himmel, den Gedanken mitgetheilt, der ihm gekommen, sie in eine Compagnie zu vereinigen, was angenommen worden war. Lactantius hatte es bei dem Prior ermöglicht, daß man eine Stunde Früh und eine halbe Stunde Abends zum Einexercieren verwende, und nach drei Tagen, als er seine Leute für genügend eingeübt hielt, führte er sie aus dem Kloster und, wie wir eben gesehen haben, unter großem Jubel auf den Marktplatz.

Saint-Quentin hatte also für den Augenblick fünfhundertzwanzig Streiter.

Kaum hatte man die Streitkräfte überzählt, als von den Wällen her sich ein großes Geschrei erhob und Leute herbeiliefen, welche in verzweifelnder Weise die Arme gen Himmel streckten.

Man erkundigte sich, man fragte, die Leute hatten in der Ebene eine Menge Bauern querfeldein laufen sehen, offenbar in großer Angst.

Man befahl sofort die Thore zu schließen und die Wälle zu besetzen.

Lactantius, welcher in der Gefahr die Ruhe des wahren Christen behielt, befahl sogleich seinen Jacobinern, sich an die Kanonen zu spannen und sie an die geeigneten Plätze auf den Mauern zu bringen.

Théligny und Yvonnet, die zu Pferde waren und wohl fühlten, daß sie trotz dem weiten Ritt ihren Pferden noch etwas zumuten könnten, ritten aus dem Thor, durch die Furt des Flusses und über die Ebene, um zu erfahren, was die Landleute zur Flucht veranlaßt habe.

Der Erste, dem sie begegneten, hielt die Nase und einen Theil des Backens mit der rechten Hand und so wohl und übel an der Stelle, welche sie früher eingenommen hatte, während er Yvonnet winkte.

Yvonnet eilte hinzu und erkannte Malemort.

»Zu den Waffen! Zu den Waffen!« schrie er so laut als er konnte.

Yvonnet trieb sein Pferd noch rascher an, und da er seinen Genossen ganz mit Blut bedeckt sah, stieg er ab und erkundigte sich nach seiner Wunde.

Die war schrecklich in Hinsicht auf die Verwüstung, die sie in einem noch unversehrten Gesichte angerichtet haben würde; das Gesicht Malemort’s aber war so zerfetzt und geflickt, daß es auf eine Naht mehr oder weniger nicht ankommen konnte.

Yvonnet legte sein Taschentuch vierfach zusammen, riß ein Loch hinein, durch das er die Nase Malemort's stecken konnte, legte den Verwundeten dann an den Boden, nahm den Kopf desselben auf seine Knie und verband ihm das Gesicht so rasch und geschickt, wie es nur der geschickteste Chirurg hätte thun können.

Théligny zog unterdeß Erkundigungen ein.

Folgendes war geschehen.

Früh war der Feind vor Origny-Sainte-Benoite erschienen und Malemort, der sich da befunden und richtig errathen hatte, daß es Hiebe und Schüsse geben würde, hatte die Einwohner aufgereizt sich zu vertheidigen. Sie hatten sich demnach mit ihrem Vorrathe von Waffen und Munition in das Castell zurückgezogen und da etwa vier Stunden ausgehalten. Da aber die ganze spanische Vorhut angegriffen hatte, war das Castell erstürmt worden. Malemort hatte Wunder gethan, sich aber doch zum Rückzuge bequemen müssen. Da ihn drei oder vier Spanier zu hart bedrängten, war er umgekehrt und hatte zwei davon niedergestochen, während er aber den dritten angriff, hatte ihn der vierte über das Gesicht gehauen. Weil er da eingesehen, daß er mit einer Wunde, die ihn blendete, sich nicht vertheidigen könne, hatte er einen fürchterlichen Schrei ausgestoßen und war niedergestürzt, als sey er todt. Die Spanier hatten ihn durchsucht, ihm das sehr wenige Geld abgenommen, das er bei sich gehabt und sich zu ihren Cameraden zurückbegeben, die im Orte eine einträglichere Plünderung hielten. Da hatte Malemort sich wieder aufgerichtet, seine Nase und den einen Backen wieder dahingeschoben wohin sie gehörten sie mit der Hand da festgehalten und seinen Lauf nach der Stadt begonnen um Lärm zu machen. So geschah es, daß Malemort, der gewöhnlich der Erste beim Angriffe und der Letzte beim Rückzuge war, sich ganz gegen seine Gewohnheit diesmal an der Spitze der Fliehenden befand.

Yvonnet und Théligny wußten was sie wissen wollten. Yvonnet nahm Malemort hinter sich auf das Pferd, alle Drei kehrten nach der Stadt zurück und riefen: »Zu den Waffen.«

Die ganze Stadt wartete auf sie. Im nächsten Augenblicke wußte man, daß der Feind nur noch vier bis fünf Stunden entfernt sey, aber der Muth der Einwohner war so groß, daß die Nachricht ihn nicht niederschlug, sondern noch mehr steigerte.

Zum Glück befanden sich unter den hundert Mann, die Breuil mit sich gebracht hatte, vierzig Kanoniere, und man vertheilte sie an die fünfzehn Geschütze, welche die Väter Jacobiner auf die Wälle gezogen hatten. Es fehlten sonach etwa drei Mann am Geschütz und die Mönche erboten sich die Batterie zu vervollständigen. Sie wurden angenommen und nach einstündiger Uebung machten sie ihre Sache so gut, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts Anderes getrieben.

Es war Zeit, denn nach einer Stunde bemerkte man die ersten spanischen Colonnen.

Der Rath der Stadt beschloß einen Boten an den Admiral zu schicken, um ihn von der Lage der Stadt zu benachrichtigen, aber wer wollte die Stadt im Augenblicke bei Gefahr verlassen?

Yvonnet bot Malemort an.

Dieser opponierte laut; seit er verbunden, befinde er sich, sagte er, besser als je; seit fünfzehn Monaten habe er sich nicht geschlagen, das Blut ersticke ihn fast und das wenige, das er verloren, habe ihm zwar gut gethan, aber lange nicht genug.

Yvonnet machte ihm aber bemerklich, daß man ihm ein Pferd geben werde, daß er dies Pferd behalten dürfe, daß er nach drei oder vier Tagen mit dem Admiral wieder einziehen werde und dann auf dem Pferde bei dem Ausfalle viel weiter vordringen könne als die zu Fuß.

Das bestimmte Malemort.

Auch müssen wir gestehen, daß Yvonnet den großen Einfluß hatte, den fast immer schwache oder reizbare Naturen auf kräftige haben.

Malemort stieg also zu Pferd und galoppierte nach Fère zu.

Man konnte ruhig seyn. Nach der Art, wie der Abenteurer ritt, mußte der Admiral nach anderthalb Stunden Nachricht haben.

Unterdeß hatte man die Thore aufgemacht und die armen Flüchtlinge von Origny aufgenommen und dann in alle umliegenden Dörfer geschickt, um Mehl und alles vorräthige Getreide einzufordern.

Der Feind rückte in einer ausgedehnten Linie vor und zwar in solchen Massen, daß man annehmen konnte, man habe es mit dem ganzen spanischen wallonischen und deutschen Heere zu thun also mit fünfzig- bis sechzigtausend Mann.

Wie wenn die Lava von dem Krater des Vesuvs oder des Aetna herabfließt und die Häuser, ehe noch der Flammenstrom sie erreicht, zusammenstürzen und die Bäume in Brand gerathen, so sah man vor der dunkeln heranrückenden Linie Häuser und Dörfer in Flammen aufgehen.

Die ganze Stadt war auf den Wällen und auf den Thürmen, um dem grausigen Schauspiele zuzusehen und bei jedem neuen Feuer, das aufging, erhoben sich neue Verwünschungen, die gleich einem Fluge von Unglücksvögeln nach dem Feinde hinzogen.

Aber der Feind rückte immer näher heran und trieb die Einwohner der Gegend vor sich her wie der Wind den Rauch von den brennenden Dörfern. Eine Zeitlang nahmen die Thore die Fliehenden noch auf, aber bald mußten sie geschlossen werden, so nahe war der Feind. Die armen Landleute mußten da um die Stadt herumgehen.

Bald wirbelten die Trommeln zum Zeichen, daß alle Nichtstreiter sich von den Wällen und Thürmen zu entfernen hätten.

Endlich blieben in der ganzen Linie nur die Kämpfenden zurück, die schweigend da standen wie stets die Menschen bei der Annäherung der Gefahr.

Man erkannte bereits deutlich den Vortrab.

Er bestand aus den Pistolenschützen, die zwischen Rouvroy und Harly über die Somme gegangen waren und schnell sich um die ganze Stadt verbreiteten.11

Hinter den Pistolenschützen folgten drei- bis viertausend Mann, in denen man an der Regelmäßigkeit ihres Marsches einen Theil jener alten spanischen Schaaren erkennen konnte, welche für die besten Truppen in der Welt galten. Sie gingen ebenfalls über die Somme und nahmen ihre Richtung nach der Inselvorstadt.

»Alles wohl erwogen, Yvonnet,« sagte Théligny, »so glaube ich, der Tanz wird nach dem Hause deines Schatzes zu losgehen. Wenn Du zusehen willst, komm mit.«

»Recht gern, Herr Lieutenant,« antwortete Yvonnet, dem es bereits schauernd über alle Glieder lief wie im Anfange jedes Kampfes.

Er preßte die Lippen zusammen, während sein Gesicht leicht erbleichte, und wendete sich nach dem Inselthore hin, nachdem Théligny die Hälfte seiner Mannschaft führte, während die Uebrigen bei den Bürgern blieben, um dieselben zu unterstützen und ihnen im Nothfalle mit gutem Beispiele voranzugehen.

Man gelangte in die Inselvorstadt. Yvonnet ritt vielleicht hundert Schritte voraus, so daß er Zeit hatte, an dem Fenster Gudula’s anzuklopfen, die erschrocken aufmachte, um dem Mädchen den Rath zu geben, in das Erdgeschoß zu gehen, weil aller Wahrscheinlichkeit nach die Kugeln bald kommen und die Häuser begrüßen würden.

Er hatte noch nicht ausgesprochen als eine Kugel in den Giebel des Hauses schlug.

Yvonnet klammerte sich mit den Händen an dem Fenster an, suchte mit seinen Lippen unter den Blumen die zitternden Lippen des Mädchens, drückte einen gar zärtlichen Kuß darauf und sagte:

»Wenn mir was Menschliches begegnet, Gudula, so vergiß mich nicht gar zu bald und wenn Du mich vergißt, thu’s nicht um einen Engländer, Deutschen, Spanier.«

Ohne auf die Betheuerung des Mädchens zu warten, daß sie ihn ewig lieben werde, entfernte er sich nach der alten Mauer zu und befand sich da ziemlich an der Stelle, wo er bei seinen nächtlichen Wanderungen gewöhnlich übergestiegen war.

Da begann Tanz und Musik, wie Théligny vorhergesagt hatte.

Die Musik war geräuschvoll genug und die, welche sie hörten, bückten sich mehr als einmal; allmälig aber gewöhnten selbst die Bürger, die anfangs von den Soldaten ausgelacht wurden, sich an die Sache und dann wurden sie wohl gar noch eifriger als die Andern.

Die Spanier rückten unterdeß in solcher Macht heran, daß die Bürger und Soldaten den ersten Wall, den sie zu vertheidigen beabsichtigt hatten, verlassen mußten, denn er hatte keine Brustlehne und wurde überall von den umliegenden Höhen beherrscht, war also nicht zu halten. Sie zogen sich demnach in guter Ordnung zurück, ließen drei Todte auf der Stelle, nahmen aber ihre Verwundeten mit.

Yvonnet schleppte einen Spanier, dem er seinen Degen durch den Leib gestoßen und die Büchse abgenommen hatte, da er ihm aber die Patronen nicht hatte noch abnehmen können, so nahm er den ganzen Mann mit, wahrscheinlich weil er hoffte, seine Mühe werde nicht umsonst und auch in den Taschen des Todten etwas zu finden seyn.

Dieses gute Zutrauen lohnte sich; außer dem dreimonatlichen Solde, welcher am Tage vorher an die Spanier bezahlt worden war, um ihnen Muth zu machen, besaß jeder auch sonst etwas, da sie seit fünf bis sechs Tagen geplündert hatten. Wir wissen nicht, ob der Spanier Yvonnet’s mehr oder weniger als die Andern geplündert hatte. Yvonnet schien aber mit dem Inhalt der Tasche ganz wohl zufrieden zu seyn.

Hinter den Soldaten Théligny’s und den Bürgern nahmen die beiden spanischen Anführer, Julian Romeron und Carondelet von dem äußern Walle Besitz und bemächtigten sich aller Häuser, die an der Straße von Guise so wie an der von Fère standen und die Obervorstadt bildeten; als sie aber über den Raum zwischen dem äußern Walle und der alten Mauer rücken wollten, wurden sie von einem so wohl genährten Feuer empfangen, daß sie nach den Häusern zurückgehen mußten, aus deren Fenstern sie schossen, bis die Dunkelheit dem Kampf ein Ende machte.

Erst da glaubte Yvonnet sich umsehen zu dürfen. Da sah er kaum zehn Schritte hinter sich und über die Böschung des Walles hervorragend, das blasse Gesicht eines reizenden Mädchens, das unter dem Vorwande sich zu überzeugen, ob ihr Vater da sey, sich trotz des Verbotes daher gewagt hatte.

Er blickte von dem Mädchen auf seinen Lieutenant.

»Yvonnet,« sagte der Letztere, »zwei Tage und zwei Nächte bist Du im Dienst; Du wirst müde seyn; überlaß Anderen die Sorge an dem Walle zu wachen und ruhe bis morgen aus. Du wirst mich immer da finden, wo das Feuer ist.«

Yvonnet ließ sich das nicht zweimal sagen, sah nach Gudula und ging scheinbar, ohne sich um das Mädchen zu kümmern fort, als begebe er sich in die Stadt.

Wahrscheinlich in Folge der Dunkelheit verirrte er sich, denn nach zehn Minuten war er wieder in dem Gäßchen, vor dem Fensterchen auf dem Prellsteine.

Yvonnet hielt sich da fest an zwei weiße Händchen die alsbald aus dem Fenster sich herausstreckten und ihn so geschickt hineinzogen, daß man leicht erkannte, es geschehe dies nicht das erste Mal.

Das was wir hier erzählt haben geschah am 2. August 1557.

III.
Der Admiral hält sein Wort

Malemort hatte, wie man vorausgesehen, die sechs Stunden zwischen St.-Quentin und dem Lager zu Fère sehr schnell zurückgelegt.

Nach kaum anderthalb Stunden war er an der Thür des Admirals. Wenn man bei dem Anblicke dieses Mannes, der im Galopp mit blutbefleckten Kleidern und verbundenem Gesicht ankam, auch Malemort durchaus nicht erkennen konnte, so war es doch nicht schwer, in ihm einen Unglücksboten zu errathen.

Er wurde sofort zu dem Herrn von Coligny geführt.

Der Admiral war in Gesellschaft seines Oheims, des Connétable, der eben angekommen.

Malemort berichtete die Einnahme von Origny, die Niedermetzlung derer, welche das Castell vertheidigen wollten, die Verbrennung der Dörfer in der Richtung, in welcher das spanische Heer vorgerückt.

Sofort wurden die Rollen zwischen Oheim und Neffen vertheilt.

Coligny sollte unmittelbar mit fünf- bis sechshundert Mann aufbrechen um sich in St.-Quentin einzuschließen und da bis aufs Aeußerste auszuhalten.

Der Connétable wollte sich mit den übrigen Soldaten im Lager mit dem Heere des Herzogs von Nevers vereinigen, das nur acht- bis neuntausend Mann stark, also zu schwach war, um das spanische anzugreifen welches fünfzigtausend Kampffähige zählte, und dasselbe demnach nur beobachtete, um von jeder Gelegenheit Nutzen zu ziehen.

Der Admiral ließ sofort zum Aufsitzen blasen und zum Aufbruch trommeln, beschloß aber auf den Rath Maldent’s, den er als Führer gewählt hatte, nicht den unmittelbaren Weg zu nehmen, sondern jenen über Ham einzuschlagen. Nach den erhaltenen Angaben meinte er, die Spanier würden Saint-Quentin von Rémicourt, der Johannes- und der Inselvorstadt angreifen und erwartete demnach von jeder dieser drei Seiten Bekämpfung seines Planes.

Der einzige Weg, welcher Maldent’s Ansicht nach noch frei seyn konnte, war der von Ham nach Saint-Quentin, welcher durch Sümpfe führte, in die sich ein mit der Oertlichkeit nicht genau Bekannter gar nicht wagen konnte.

Der Admiral nahm drei Compagnieen Fußvolk mit sich, die von den Hauptleuten Saint-André, Rambouillet und Ludwig Roy geführt wurden; die dritte aber, die erst denselben Tag aus der Gascogne angekommen, war so ermüdet, daß sie unterwegs blieb zwischen Fère und Ham.

In dem Augenblicke als der Connétable und der Admiral Fère verließen – der Admiral auf seinem Wege nach Ham, der Connétable ihn begleitend – sahen sie mitten auf dem Wege einen großen schwarzen Hund sitzen, der mit aller Macht zu heulen anfing. Man jagte ihn fort, aber er lief etwa hundert Schritte weiter, setzte sich dann wieder wie vorher mitten in den Weg und heulte noch schauerlicher als das erste Mal. Als er von neuem vertrieben wurde, machte er es wieder so und er heulte noch verzweiflungsvoller.

Da sah der Connétable Coligny an und fragte:

»Was meinst Du dazu, Neffe?«

»Es ist eine sehr unangenehme Musik,« antwortete der Admiral, »und ich glaube wir werden die Komödie dazu liefern.

»Ja, vielleicht aber auch die Tragödie,« antwortete der Connétable.12

Nach dieser Prophezeiung umarmten einander Oheim und Neffe, der Admiral setzte seinen Weg nach Ham fort, der Connétable aber kehrte nach Fère zurück, das er denselben Abend noch verließ, aber als er aus der Stadt kam, erwartete ihn eine andere Verkündigung.

Er war kaum eine Stunde auf dem Wege nach Laon hingeritten, als ein Pilger in einem langen Gewande und mit einem langen Barte seinem Pferde in den Zügel fiel und ihm zurief:

»Montmorency! Montmorency! Ich melde Dir, daß nach drei Tagen dein ganzer Ruhm Staub seyn wird.

»Mag seyn,« antwortete der Connétable, »ich melde Dir, daß vorher deine Kinnlade zerbrochen seyn wird.«

Damit gab er ihm einen so derben Faustschlag, daß der arme Prophet ohnmächtig und mit verrenkter Kinnlade niederfiel.13

Der Connétable setzte seinen Weg fort, wie es der Admiral gethan hatte, jeder mit einer schlimmen Anzeige.

Gegen fünf Uhr Abends kam der Admiral in Ham an. Er hatte die Absicht, seinen Weg ohne Aufenthalt bis Saint-Quentin fortzusetzen. Demnach brach er, nachdem er seinen Leuten eine Stunde Rast gegönnt hatte, mit zwei Compagnien und seinen Gendarmen auf.

Die Herren von Jarnac und von Luzarche hatten in Ham alles aufgeboten, um ihn zurückzuhalten, indem sie ihn darauf hinwiesen, welche Dienste er im freien Felde leisten könnte, und sich sogar erboten, an seiner Statt in Saint-Quentin sich einzuschließen; aber er hatte geantwortet:

»Lieber will ich alles verlieren, was ich habe, als den braven Leuten, die ihre Stadt vertheidigen wollen, die versprochene Hilfe nicht bringen.«

Er brach auf.

An dem Thore von Ham begegnete er dem Abte von Saint-Prix. Der Prälat hieß Jacob von La Motte, war Canonicus von Saint-Quentin, Chartres, Paris und Le Mans und besaß außerdem zwei Prioreien. Da Coligny glaubte, der Prälat komme von Saint-Quentin, so ritt er zu ihm.

Der Abt hatte bei den ersten Kanonenschüssen gegen die Stadt dieselbe verlassen und wollte in der Eile den König von der Lage Saint-Quentins benachrichtigen, sowie ihn um Hilfe bitten.

»Herr Abt,« sagte der Admiral, »da Ihr zu dem Könige geht, sagt Sr. Majestät, daß Ihr mir an der Spitze einer guten Schaar begegnet, und daß wir diese Nacht um Gottes Hilfe nach Saint-Quentin zu kommen gedenken, wo ich ihm gute Dienste zu leisten hoffe.«

Und er setzte seinen Weg fort.

Eine Stunde weiter hin bemerkte er, daß die Flüchtlinge von Origny, und den andern Dörfern in der Umgegend von Saint-Quentin in der Stadt keine Zuflucht gefunden hatten und weiter hinfliehen mußten. Die Unglücklichen waren ganz erschöpft; Einige schleppten sich noch fort, andere aber lagen halb verhungert und erschöpft unter den Bäumen.

Der Admiral ließ Einiges unter sie vertheilen und setzte seinen Weg fort.

Zwei Stunden von Saint-Quentin überfiel ihn die Nacht, aber Maldent war ja bei ihm; er bürgte für alle, die ihm folgen wollten, und erbot sich, wahrscheinlich weil er auf eine gute Belohnung zuletzt wartete, mit einem Stricke um den Hals vor dem Pferde des Admirals zu gehen.

Die Compagnie Rambouillet’s schlug den bezeichneten Weg ein, der Hauptmann Saint-André behauptete aber, einen guten Führer zu haben und bat seinen eigenen Weg gehen zu dürfen.

Es war ein Jeder so ganz auf sich angewiesen, daß der Admiral nicht zu verlangen wagte, es solle sich jeder so wie er auf Maldent verlassen.

Saint-André zog demnach seinen Weg und der Admiral den seinen.

Es zeigte sich kein Hinderniß auf dem Wege nach Saint-Quentin. Die Stadt war noch nicht ganz eingeschlossen; man hatte die eine Seite den Engländern vorbehalten, die jeden Augenblick erwartet wurden, und gerade auf dieser Seite erschien der Admiral.

Auf der Höhe von Savy, d.h. drei Viertelstunde vor der Stadt, hatte man sich vorsichtig umgesehen und auch an den Feuern des feindlichen Heeres erkannt, daß gleichsam der Weg absichtlich für die kleine Schaar des Admirals freigelassen sey.

Er fürchtete deshalb einen Hinterhalt.

Procop, der in seinem Umgange den picardischen Dialect erlernt hatte, erbot sich auf Entdeckung auszugehen.

Der Admiral nahm dies an und ließ Halt machen.

Nach drei Viertelstunden kam Procop zurück und meldete, daß der Weg vollkommen frei sey und er so weit habe an den Wall kommen können, daß er die Wachen darauf gesehen. Er habe überdies über den kleinen Flußarm, der (damals) an der Mauer fließe, der Wache gepfiffen, und als diese aufmerksam geworden, leise die Ankunft des Admirals gemeldet, so daß der Posten am Thore bereits benachrichtigt sey und der Admiral sofort einrücken könne.

Coligny billigte alles, was Procop gethan hatte, und brach ruhiger wieder auf.

Dreißig Schritte vom Thore erhob sich ein Mann in einem Graben. Er hatte ein Pistol in der Hand und war bereit Feuer zu geben, wenn die vorrückende Schaar eine feindliche sey.

Man sah auf den Wällen etwas wie einen dichten Schatten: hundert Mann waren an den Punkt beordert worden für den Fall, daß hinter der Anzeige an die Wache eine List des Feindes verborgen liege.

Der Mann mit dem Pistol, der gleichsam aus der Erde emporgewachsen, war der Lieutenant Théligny. Jetzt trat er vor und sagte:

»Frankreich und Théligny.«

»Frankreich und Théligny,« antwortete der Admiral.

Es war also die versprochene Verstärkung und man öffnete das Thor.

Der Admiral mit seinen hundert Mann zog ein.

Sogleich verbreitete sich in der Stadt die Nachricht von dieser Ankunft; die Leute traten laut jubelnd, halb bekleidet, aus ihren Häusern; viele wollten illuminiren; einige hatten schon angefangen.

Der Admiral gebot zu schweigen und die Lichter auszulöschen, denn, er fürchtete, daß die feindliche Armee aufmerksam und doppelt wachsam werde. Saint-André war ja auch mit seinen Leuten noch nicht angekommen.

Gegen drei Uhr Früh hatte man von ihnen noch nichts gehört.

Da der Tag bald anbrechen mußte und es von Wichtigkeit war, daß sie nicht unter die Spanier geriethen, ging Lactantius mit sechs oder acht seiner Jacobiner hinaus.

Die Mönche, welche ihre Tracht vor jedem Verdachte schützte, wollten sich in der Umgegend zerstreuen und die verirrte Compagnie sammeln.

Das Anerbieten wurde angenommen und sie machten sich auf den Weg.

Zwischen vier und fünf Uhr erschien ein erstes Häuflein von sechzig Mann mit zwei Mönchen.

Gegen sechs Uhr fand sich ein zweites von fünfundfünfzig bis sechzig Mann mit einem andern Mönche ein. Dabei war der Hauptmann Saint-André.

Ihr Führer hatte sich verirrt und sie mit irregeführt.

Die andern Mönche kamen nach einander zurück, und unter Gottes Schutz war diesmal Niemanden ein Unglück geschehen.

Sobald die Letztere angekommen waren, ließ Coligny Appell schlagen.

Die Besatzung war durch ihn um zweihundertundfünfzig Mann verstärkt worden. Zwar war dies der Zahl nach eine kleine Hilfe, aber die Anwesenheit dessen, der, sie brachte, hatte den Furchtsamsten wieder Muth gegeben und dadurch allein schon mächtig gewirkt.

Théligny, der Bürgermeister und der Gouverneur der Stadt berichteten dem Admiral genau, was am Tage vorher geschehen war und Coligny, der sich mehr und mehr überzeugte, daß die Inselvorstadt bis zum Aeußersten vertheidigt werden müsse, wendete sich zunächst dahin. Auf der alten Mauer, wo die Kugeln um ihn pfiffen, beschloß er, daß man noch denselben Tag, gegen Abend, einen Ausfall machen wolle, um die nächsten Häuser anzuzünden, von denen aus die Spanier fortwährend die Soldaten auf den Wällen beunruhigten. Wenn dies gelang und man den Belagerern den Außenwall wieder abnahm, dessen sie sich am vorigen Tage bemächtigt hatten, so konnte man einen Laufgraben von der alten Mauer ziehen und die Courtinen vor dem Feuer des Feindes decken.

Bis dahin und um alle möglichen Mittel der Vertheidigung auf diesem Punkt zu concentriren, befahl der Admiral an jeder Seite des Walles eine Schießscharte zu öffnen, an die man zwei Geschütze führte.

Nachdem diese ersten dringenden Maßregeln getroffen waren, dachte Coligny daran, daß es Zeit sey, die Zahl und den Werth des Feindes zu erforschen, mit dem er es zu thun haben sollte.

Nach den Fähnchen auf den Zelten war die Nation leicht zu erkennen, welcher die Soldaten angehörten, wie die Fürsten, die sie befehligten.

An der Stelle, wo sich der Admiral befand, nemlich auf dem am weitesten vorspringenden Winkel der alten Mauer, hatte der Admiral drei vollkommen getrennte Lager vor sich, deren jedes sich auf einem Hügel befand.

Das entfernteste war das des Grafen von Schwarzenberg.

Das mittlere war jenes der Grafen von Egmont und Horn, die beiden Unzertrennlichen, die selbst der Tod nicht zu scheiden vermochte.

Das nächste Lager war das Emanuel Philiberts.

Vor sich hatte der Admiral die spanischen Truppen, gegen welche man am Tage vorher gekämpft unter Don Julian Romeron und Carondelet.

Links endlich ragte die äußerste Spitze des Hauptlagers vor.

Dieses Lager, welches fast eine halbe Stunde Raum bedeckte und in dem der Herzog von Savoyen später seine Zelte aufschlug, war fast ganz von dem Flusse, der Somme, umgeben, welche einen Halbkreis von ihrem Ursprunge bis dahin bildet, wo sie zwischen St.-Quentin und der Inselvorstadt durchgeht.

In diesem Lager befanden sich die Quartiere des Feldmarschalls von Binincourt, des Markgrafen von Berg, des Markgrafen von Valle, des Herzogs von Saïmona, des Grafen von Schwarzenberg, des Grafen von Mansfeld, Bernhards von Mendoza, Ferdinands von Gonzaga, des Bischofs von Arras, des Grafen von Feria, des Grafen Rinago, des Grafen von Veaugier, des Marschalls von Carcheris, des Herzogs Erich von Braunschweig, des Herzogs Ernst von Braunschweig, des Don Johan Manrique, des Herrn von Bouffu, des Herrn von Parlaymont, des Grafen von Mégue, des Herrn Lazari von Schwendy, das Quartier der schweren Reiterei und der Hellebardiere.

Der Inselvorstadt gerade gegenüber war das flamändische Lager und da stand eine Batterie, die ein solches Feuer gab, daß der Weg, von wo sie schoß, bis auf den heutigen Tag das Höllengäßchen heißt.

Nach dieser vorläufigen Musterung begab sich der Admiral in das Rathhaus, ordnete an, daß man ihm ein Verzeichniß der kampffähigen Männer gebe, daß man alle Waffen aufsuche, die in der Stadt etwa noch vorhanden seyn könnten, und diejenigen heranziehe, Männer und Frauen, welche an den Erdarbeiten mithelfen wollten, daß man zu diesem Zwecke alle Werkzeuge wie Schaufeln, Hacken, Spaten und Körbe zusammenbringe und daß alles Getreide, Mehl, Wein, Vieh, kurz die Vorräthe sowohl in dem städtischen Magazine als in den Privathäusern aufzeichne, damit Ordnung in den Verbrauch komme und nichts verschwendet werde. Endlich verlangte er ein genaues Verzeichniß nicht nur von dem Geschütz, sondern auch von der Menge des Pulvers, der Kugeln und der Männer, welche die Geschütze bedienen könnten.

Bei dem Umgange, den der Admiral gemacht, hatte er nur zwei Mühlen gesehen: eine Windmühle am Ende der Billonstraße, bei dem rothen Thurme, und eine Wassermühle an der Somme in der unteren Inselvorstadt. Das war offenbar nicht genug zur Lieferung des Mehlbedarfes für eine Stadt von zwanzigtausend Einwohnern.

Er sprach diese Besorgniß aus, aber die Schöffen beruhigten ihn durch die Versicherung, daß es in der Stadt fünfzehn bis sechzehn Handmühlen gebe, welche im Nothfalle allein hinreichen würden, das für die Stadt nöthige Mehl zu liefern.

Dann sorgte Coligny für die Unterkunft der Compagnien, wobei er die Eintheilung der Stadt in vier Viertel wohl annahm, diese vier Viertel aber in sechzehn Theile schied, zu deren Beaufsichtigung er sechzehn Bürger und sechzehn Offiziere einsetzte, damit alle Beschlüsse im Verein gefaßt würden. Die Truppen wurden zur Bewachung der Mauern in Verbindung mit den Bürgern vertheilt. Die Schöffen blieben in permanenter Sitzung, um jeden Augenblick den Anforderungen entsprechen zu können, die an sie gerichtet werden könnten. Endlich stellte der Admiral dem Stadtrathe die Herren vor, die das bildeten, was man heut zu Tage seinen Stab nennt und die seine Mittelspersonen bei der Behörde seyn sollten.

Außerdem wurde der Hauptmann Languetot zum Aufseher der Artillerie ernannt, und man theilte ihm zehn Gendarmen zu, welche nachzusehen hatten, wie viel Pulver bei jedem Geschütze täglich verbraucht werde und überdies dafür sorgen sollten, daß dieses so kostbare Pulver vor jeder Gefahr behütet werde.

Auf der Wanderung über die Wälle hatte Coligny bei dem Johannesthore, etwa hundert Schritte von den Mauern, eine große Anzahl Gärten mit Obstbäumen bemerkt, welche von hohen buschigen Hecken eingeschlossen waren. Diese Hecken boten dem Feinde insofern Schutz, daß er unbemerkt sich den Wällen nähern konnte. Da diese Gärten den angesehensten Bewohnern der Stadt angehörten, so verlangte der Admiral die Zustimmung des Rathes, sie zu beseitigen. Diese Zustimmung wurde ohne alle Schwierigkeit gegeben und gleich darauf erhielten die Zimmerleute in der Stadt den Auftrag die Bäume und Hecken zu beseitigen, die zu Faschinen verwendet werden sollten.

Als Coligny sich so vielfach überzeugt hatte, welch guter Geist in der Stadt herrsche, begab er sich in das Haus des Gouverneurs, wohin er alle Offiziere der Compagnien beschieden hatte.

Er theilte ihnen mit, was er gethan hatte, sprach von dem guten Geiste der Bürgerschaft und von dem Entschlusse derselben, die Stadt auf das Aeußerste zu vertheidigen und forderte sie auf, die schlimme Lage so weit als nur immer möglich zu mildern und ein gutes Einvernehmen zwischen den Soldaten und den Bürgern zu erhalten.

Jeder Hauptmann mußte überdies sofort ein Verzeichniß seiner Compagnie einreichen, damit der Admiral genau die Zahl der Leute kenne, auf die er rechnen dürfe und die er zu erhalten habe.

Endlich begab er sich mit einem Ingenieur zu einem Thurme und zeigte ihm von da, wo man Ausgrabungen zu machen und Erhöhungen zu ebnen habe.

Nachdem Alles besorgt und er mit dem Offizier allein geblieben war, den er an den Connétable zu schicken gedachte, um von demselben eine Verstärkung zu erlangen, während es noch möglich sey den Platz zu verproviantiren, entschied er sich dafür, daß der Weg von Savy, der ganz mit Weinstöcken bedeckt war und zwischen kleinen Hügeln hervor kam, der geeignetste für den Heranzug der Truppen sey. Der Capitän Saint-André war in der That bei hellem Tage ohne gesehen zu werden daher gekommen.

Nun erst dachte Coligny daran, daß er ein Mensch sey, und gönnte sich einige Stunden Ruhe.

IV.
Das Zelt der Abenteurer

Während alle diese Sicherheitsangelegenheiten getroffen wurden, auf denen die ganze Verantwortlichkeit der Vertheidigung der Stadt lastete und er sodann sich zu einer kurzen Ruhe entschlossen hatte, hatten unsere Abenteurer, die Coligny, unter von Procop entworfenem besondern Vorbehalt, in Sold genommen und nun geduldig auf das erste Kampfsignal warteten, ihr Zelt etwa hundert Schritte von dem Inselthore aufzuschlagen, auf einem freien Platze.

Sie waren alle beisammen und man legte Rechnung ab.

Yvonnet stand da und hatte eben die Hälfte von der Summe, die er von der Freigebigkeit Heinrichs II. erhalten, getreulich der Casse übergeben, eben so Procop die Hälfte des Honorars, das er als Testamentsverfertiger verdient; Maldent die Hälfte seines Führerlohnes; Malemort die Hälfte der Gratification für seinen Ritt zu Coligny und Pille-Trousse endlich die Hälfte des Gewinnes von dem Verkaufe des Fleisches, das die beiden Scharfenstein herbeigebracht.

Die letzteren hatten, da es keinen Kampf gegeben, nichts zur Masse zu zahlen und waren eben damit beschäftigt, ohne sich um die künftigen Bedürfnisse zu kümmern, den letzten Rest des Ochsenviertels zu braten.

Lactantius brachte zwei große Säcke Getreide und einen Sack Bohnen, die er statt des Geldes der Gesellschaft bot, ein Geschenk, welches unseren Abenteurern die Jacobiner machten.

Fracasso suchte noch immer vergeblich einen Reim.

Unter einer Art Schuppen, der in Eile aufgebaut worden war, kaueten die beiden Pferde, das Yvonnet’s und jenes Malemort’s, ihr Stroh und ihren Hafer. In dem Schuppen stand auch eine Handmühle, welche Heinrich und Franz drehen wollten, sobald man sie brauche.

Die Geldangelegenheiten der Gesellschaft standen gut und vierzig Goldthaler sollten in die gemeinschaftliche Casse wandern. Wenn die Gesellschaft unter solchen Bedingungen noch ein Jahr bestand, wollte Procop sich eine Notarstelle, Maldent ein kleines Gut zwischen Fère und Ham, das er lange kannte, kaufen, Yvonnet eine reiche Erbin heirathen, auf deren Hand ihm dann sein Vermögen und seine Eleganz sein doppeltes Recht gaben, Pille-Trousse dagegen in einer großen Stadt oder in der Hauptstadt selbst ein großes Metzgergeschäft anfangen, Fracasso seine Gedichte drucken lassen, Malemort endlich sich auf eigene Rechnung und so lange als es ihm gefiele, schlagen, um vor allen Vorwürfen der Cameraden und Vorgesetzten gesichert zu seyn. Die beiden Scharfenstein hatten keinen besondern Plan.

In dem Augenblicke als Maldent die letzten Goldstücke nochmals überzählte, fiel ein Schatten auf die Abenteurer, welcher andeutete, daß ein Körper zwischen ihnen und dem Lichte stehe.

Procop griff instinctmäßig nach dem Golde und Maldent bedeckte es noch rascher mit seinem Hute.

Yvonnet drehte sich um.

Derselbe junge Mann, welcher in dem Lager zu Fère um sein Pferd gehandelt hatte, stand in dem Zelteingange.

So schnell auch Maldent das Gold mit seinem Hure bedeckte, hatte es der Unbekannte doch gesehen und mit dem raschen Ueberblicke eines Mannes, der mit solchen Berechnungen vertraut ist, sofort erkannt, daß die Summe, die man seinen Blicken zu entziehen sich bemüht, etwa fünfzig Goldthaler betrage.

»Nun,« sagte er, »die Ernte scheint nicht schlecht gewesen zu seyn und es ist demnach die Zeit nicht gut gewählt, Euch ein Geschäft vorzuschlagen; Ihr werdet verflucht viel verlangen.«

»Das kommt aus das Geschäft an,« sagte Procop.

»Es gibt verschiedene Geschäfte,« meinte Maldent.

»Ist Aussicht auf Gewinn außer euren Anträgen?« fragte Pille-Trousse.

»Wenn Hiebe dabei vorkommen, wird man billig seyn,« setzte Malemort hinzu.

»Sobald es keine Unternehmung gegen eine Kirche oder sein Kloster ist, wird es sich wohl machen lassen,« sagte Lactantius.

»Besonders wenn es im Mondenschein geschehen soll,« fiel Fracasso ein, »ich bin für die nächtlichen Unternehmungen, sie allein sind poetisch und malerisch.«

Yvonnet sagte gar nichts, er sah den Fremden an.

Die beiden Scharfenstein waren mit dem Braten des Fleisches beschäftigt.

Alle erwähnten Bemerkungen, welche den Charakter desjenigen bezeichneten, von dem sie ausgingen, kamen fast gleichzeitig aus dem Munde der Abenteurer.

Der junge Mann lächelte.

Er antwortete dann auf alle Fragen zugleich und sah dabei nach der Reihe den der Abenteurer an, welchem der Theil der Antwort galt.

»Die Sache ist wichtig,« sagte er, »sogar von der größten Wichtigkeit, und obgleich außer meinem Antrage Aussicht auf Gewinn ist und viele Hiebe zu geben und zu empfangen seyn werden, gedenke ich Euch doch eine anständige Summe zu bieten, welche Jedem genügen dürfte… Die frommen Gemüther übrigens können sich beruhigen,« setzte er hinzu, »es ist weder von einer Kirche noch von einem Kloster die Rede, wie wir auf der andern Seite, der größeren Sicherheit wegen, wahrscheinlich nur in der Nacht handeln, nur muß ich sagen, daß ich eine dunkle Nacht einer hellen vorziehen würde.«

»In diesem Falle,« sagte Procop, welcher gewöhnlich den Auftrag hatte, für das Interesse der Gesellschaft zu sorgen, »setzt euren Antrag auseinander, man wird dann sehen, ob er annehmbar ist.«

»Es handelt sich darum,« sagte der junge Mann, »daß Ihr Euch verpflichtet, mir entweder bei einem nächtlichen Unternehmen oder bei einem Scharmützel, einem Gefechte oder einer Schlacht an hellem Tage zu folgen.

»Und was hätten wir dabei zu thun?«

»Den anzugreifen, den ich angreifen würde, ihn zu umringen und auf jeden Fall umzubringen.«

»Und wenn er sich ergibt?«

»Ich nehme ihn nicht anders an als auf Gnade und Ungnade.«

»Hm!« sagte Procop, »so ist es ein Haß auf Tod und Leben.«

»Ihr habt es getroffen.«

»Gut!« brummte Malemort, »das nenne ich reden.«

»Aber,« fiel Maldent ein, »wenn das Lösegeld gut wäre, würde es für uns doch vortheilhafter seyn das Lösegeld anzunehmen.«

»Ich werde deshalb auch mit Euch über das Lösegeld so wie über den Tod unterhandeln, damit alles in voraus vorgesehen sey.«

»Das heißt also,« sagte Procop, »Ihr kauft uns den Mann todt oder lebendig ab.«

»Todt oder lebendig, so ist es.«

»Wie viel für den Todten? Wie viel für den Lebendigen?«

»Gleichviel.«

»Gut!« sagte Maldent, »es kommt mir aber doch vor, als wäre ein Lebendiger mehr werth als ein Todter.«

»Nein, denn ich würde den Lebendigen von Euch nur kaufen, um ihn zu einem Todten zu machen«

»Nun wie viel gebt Ihr?« fragte Procop.

»Einen Augenblick,« sagte Yvonnet. »Erst muß Herr von Waldeck sagen, wovon die Rede ist.«

Der junge Mann trat rasch einen Schritt zurück.

»Ihr habt einen Namen ausgesprochen…,« sagte er.

»Der der eurige ist,« fiel Yvonnet ein, während die Abenteurer einander ansahen und zu begreifen anfingen, daß sie ihre Interessen durch den Geliebten Gudula’s führen lassen mußten.

Der junge Mann runzelte die dicken rothen Augenbrauen.

»Woher kennt Ihr mich?« fragte er.

»Soll ich es Euch sagen?« entgegnete Yvonnet.

Waldeck zögerte.

»Gedenkt an das Schloß Parcq,« fuhr der Abenteurer fort.

Waldeck erbleichte.

»Gedenkt an den Wald von Saint-Pol.«

»Eben weil ich daran denke,« sagte Waldeck, »bin ich hier und mache Euch den Antrag.«

»Dann soll der Herzog Emanuel Philibert getödtet werden,« sagte Yvonnet ruhig.

»Ei!« fiel Procop ein, »der Herzog von Savoyen!«

»Ihr seht daß es gut ist, sich genau um eine Sache umzusehen,« meinte Yvonnet zu seinen Cameraden, denen er einen Seitenblick zuwarf.

»Und warum sollte man den Herzog nicht tödten?« fragte Malemort.

»Das sage ich nicht,« entgegnete Procop.

»Das ist etwas Anderes,« meinte Malemort. »Der Herzog von Savoyen ist unser Feind, da wir dem Admiral dienen, und ich sehe nicht ein, warum wir den Herzog nicht ebenso gut umbringen sollten wie einen Andern.«

»Du hast vollkommen Recht, Malemort,« entgegnete Procop, »man kann den Herzog von Savoyen umbringen wie einen Andern, aber… er ist theuer!«

Malemort machte eine zustimmende Bewegung und sagte »Viel theuerer!«

»Ungerechnet,« fiel Lactantius ein, »daß man dabei seine Seele gefährdet.«

»Bah,« entgegnete Waldeck mit boshaftem Lächeln, »glaubst Du, daß Benvenuto Cellini – wenn er nicht einer andern Sache wegen in der Hölle ist – wegen der Ermordung des Connétable von Bourbon verdammt wurde?«

»Der Connétable von Bourbon war ein Rebell, distinguo,« sagte Procop.

»Und excommunicirt,« fiel Lactantius ein, »weil er gegen den Papst Clement VII. kämpfte; es wär ein gutes Werk, ihn zu tödten.«

»Nun freilich, euer Herzog von Savoyen ist ein Freund des Papstes Paul IV.,« entgegnete Waldeck achselzuckend.

»Von allem dem ist nicht die Rede,« sagte Pille-Trousse, »sondern von dem Preise.«

»So kommen wir wieder zur Sache,« entgegnete Waldeck. »Was sagt Ihr zu fünfhundert Goldthalern? Hundert als Draufgeld und vierhundert nach der That.

Procop schüttelte den Kopf.

»Da sind wir weit auseinander,« sagte er.

»Das thut mir leid,« entgegnete Waldeck, »denn ich habe mein letztes Wort und meinen äußersten Preis genannt, um keine Zeit zu verlieren. Ich habe fünfhundert Goldthaler und keinen Carolus mehr. Wenn Ihr nicht wollt, muß ich mich anderswo umsehen.«

Die Abenteurer sahen einander an. Fünf unter Sieben schüttelten den Kopf. Malemort allein war für Annahme, weil er voraussah, daß da Hiebe zu geben und zu empfangen seyn dürften. Fracasso war wieder in seine poetischen Träumereien verfallen.

»Uebrigens,« sagte Waldeck, »hat die Sache nicht so große Eile… Denkt darüber nach. Ich kenne Euch, Ihr kennt mich, wir sind in einer und derselben Stadt, wir können einander also leicht finden.«

Er grüßte die Abenteurer mit leichtem Kopfnicken, drehte sich um und ging.

»Soll ich ihn zurückrufen?« fragte Procop.

»Fünfhundert Goldthaler findet man nicht alle Tage auf der Straße,« sagte Malemort.

»Und wenn es wahr ist, daß es Alles ist, was er besitzt,« bemerkte Yvonnet, »das schönste Mädchen kann nur geben, was sie hat.«

»Brüder,« sagte Lactantius, »das Leben der Fürsten dieser Erde steht unter unmittelbarem Schutz des Himmels; man wagt seine Seele, wenn man es antastet. Man darf es also nur antasten für eine Summe, die es allen von uns möglich macht, den benöthigten Ablaß zu kaufen, es mag uns gelingen oder nicht gelingen… Die Absicht, meine Brüder – der würdige Prior der Jacobiner sagte mir das erst gestern noch – ist so gut wie die That.«

»Freilich,« sagte Pille-Trousse, »die Sache ist theuerer, und wenn wir die Sache für unsere Rechnung machten, ha?«

»Ja unternehmen wir die Sache!« fiel Malemort ein.

»Ihr Herren,« sagte Procop, »es ist die Idee des Herrn von Waldeck; es wäre ein Diebstahl, wenn wir ihm seine Idee nähmen, die er uns nur im Vertrauen mitgetheilt hat. Ihr kennt meine Grundsätze in Thatsachen.«

»Nun,« fiel Yvonnet ein, »wenn, wie Du sagst, die Idee sein ist und er ein Eigenthum daran hat, so müssen wir meiner Meinung nach die fünfhundert Goldthaler annehmen.«

»Wir wollen sie annehmen und losschlagen!« rief Malemort.

»Uebereilen wir uns nicht!« warnte Malemort.

»Und wenn er mit Andern abschließt?« fragte Yvonnet.

»Angenommen und frisch darauf los!« sagte Malemort,

»Ja, ja, angenommen, angenommen!« riefen Alle.

»Angenommen!« stimmten auch die beiden Scharfenstein ein, die in diesem Augenblicke mit dem gewaltigen Braten eintraten und, ohne zu wissen, wovon die Rede sey, auf die Seite der Mehrheit sich stellten, so daß sie wie gewöhnlich ihre Gutmüthigkeit zeigten.

»So laufe ihm Einer nach und rufe ihn zurück!« sagte Procop.

»Ich!« erbot sich Malemort, der auch sogleich forteilte, aber als er hinauskam, hörte er von der Inselvorstadt her einige Schüsse, die rasch zahlreicher wurden.

»Kampf Schlacht!« rief er, indem er den Degen zog und dahin lief, wo er den Lärm hörte, ohne auf Waldeck zu achten, der in entgegengesetzter Richtung fortgegangen war.

»Ah, man schlägt sich in der Inselvorstadt,« sagte Yvonnet. »Sehen wir doch was aus der Gudula wird!«

»Und unser Geschäft?« fragte Procop.

»Abgemacht!« entgegnete Yvonnet. »Was Du thust, ist wohl gethan. Ich gebe Dir Vollmacht.«

Und er eilte Malemort nach, der bereits über die erste Brücke war und die Insel betrat.

Folgen auch wir Malemort und Yvonnet, um zu sehen was in der Inselvorstadt vorging.

V.
Kampf

Man erinnert sich, daß der Admiral Befehl gegeben hatte, gegen Abend einen Ausfall zu machen, um die Häuser am Außenwall anzuzünden, von denen aus die Spanier gedeckt auf die Vertheidiger der Stadt schossen, die sich gegen dieses Feuer, das von oben kam, nicht schützen konnten.

Der Befehl war an Théligny, Jarnac und Luzarche gegeben.

Um sechs Uhr Abends hatten die drei Offiziere etwa hundert Mann ihrer Compagnien und hundertzwanzig Freiwillige aus den Bürgern unter Wilhelm und Johann Pauquet zusammengebracht.

Diese zweihundertzwanzig Mann wollten zweitausend angreifen.

Etwa dreißig Schritte von der alten Mauer theilt sich die Straße in zwei. Die eine führt nach Guise, die andere nach Fère.

An den beiden Seiten dieser Straße und an jeder der Abzweigungen standen die Häuser, die niederzubrennen waren.

War die kleine Schaar über die alte Mauer hinaus, mußte sie sich theilen, die eine rechts, die andere links angreifen und gleichzeitig anzünden.

Wilhelm und Johann Pauquet, welche die Oertlichkeiten genau kannten, führten die beiden Abtheilungen.

Halb sieben Uhr öffnete sich das Thor der Inselvorstadt und die kleine Schaar marschierte rasch hinaus.

So still alles auch abgemacht worden war, hatten die feindlichen Wachen den Ausfall doch bemerkt.

So kam es, daß die Franzosen an jeder Straße einen Haufen Spanier von doppelter Stärke trafen und überdies aus jedem Fenster auf sie geschossen wurde.

Der Angriff erfolgte indeß so ungestüm, daß die Spanier, welche die Straße besetzt hielten, geworfen wurden und man trotz dem Feuer aus den Fenstern in fünf oder sechs Häuser eindrang.

Es versteht sich von selbst, daß Malemort schreiend, fluchend, hauptsächlich aber um sich hauend an die Spitze der einen Abtheilung gelangt war und in ein Haus eindrang.

Darin vergaß er, daß man nichts darin wollte, als es anzünden, und so stieg er bis in das obere Stockwerk hinauf.

Auf der andern Seite vergaßen die, welche nach ihm hineinkamen, daß er darin sey, dachten nur an ihren Auftrag und häuften Holz in den unteren Zimmern auf, namentlich aber an der Treppe. Dann legten sie Feuer daran.

So geschah es mit zwei, drei Häusern.

Die Spanier hatten anfangs den Ausfall für einen gewöhnlichen gehalten und erriethen den Zweck erst an den Flammen, die aus den Häusern herausschlugen.

Sie nahmen alle ihre Kräfte zusammen und fielen mit zehnfach überlegener Macht die kleine Schaar an, die zurückgetrieben wurde.

Sie hatte den Zweck freilich nicht ganz, aber doch zum Theil erreicht.

Man erinnert sich, daß Yvonnet, der nicht zum Ausfalle commandirt war, sich vorgenommen hatte seine Zeit zu benutzen und sich zu Gudula zu begeben, die er so viel als möglich beruhigte. Sie war in sehr großer Angst, denn ihr Vater und ihr Oheim waren, wie wir wissen, bei dem Ausfalle.

Einen Augenblick war der Lärm, das Geschrei und das Knattern des Gewehrfeuers so arg, daß Yvonnet selbst neugierig wurde, was wohl vorgehe und auf den Boden des Hauses ging, wohin ihm das Mädchen folgte, halb aus Furcht, halb aus Liebe.

Von dem Dachfenster aus konnte er sehen, was vorging.

Die Flintenschüsse knallten noch immer, zugleich schlug aber Eisen auf Eisen, woraus hervorging, daß man Mann gegen Mann auf der Straße kämpfte.

Das war aber nicht Alles. Vier oder fünf Häuser brannten und in denselben sah man Menschen ängstlich hin und herlaufen, Spanier, welche von den Flammen überrascht worden waren und wegen der brennenden Treppen nicht herauskonnten.

In einem der Häuser schien das Entsetzen den höchsten Grad erreicht zu haben. Es war das, in welchem Malemort arbeitete, der sich um das Feuer nicht kümmerte und mitten unter Rauch und Flammen angriff.

Als Yvonnet durch das Bodenfenster sah, ging die Scene im ersten Stock vor sich.

Die am besten berathenen Spanier, welche sowohl das Feuer als den Mann, der ein wahrer Teufel zu seyn schien, gegen sich hatten, sprangen durch die Fenster. Andere stiegen instinctmäßig in den zweiten Stock hinauf.

Um die, welche durch die Fenster gesprungen waren, kümmerte sich Malemort nicht, dagegen verfolgte er die Fliehenden in den oberen Stock.

Das Feuer that unterdeß seine Arbeit als zerstörendes Element. Malemort verfolgte die Spanier, das Feuer Malemort.

Ohne Zweifel verdankte der Abenteurer diesmal eine bei ihm gar nicht gewöhnliche Unverwundbarkeit dem mächtigen Verbündetem der ihm folgte, auf den er aber gar nicht zu achten schien.

Bald verdunkelte der Rauch das zweite Stockwerk wie vorher das erste und das Feuer leckte mit den Flammenzungen durch die Decke.

Ein paar Spanier sprangen, unbekümmert um die Gefahr, aus den Fenstern des zweiten Stockes. Andere versuchten auf das Dach zu fliehen.

Zwei und die Hälfte eines Dritten sah man durch eine linke herauskommen; wir sagen die Hälfte eines Dritten, denn dieser schien plötzlich zurückgehalten zu werden.

Malemort bearbeitete die zurückgebliebene andere Hälfte.

Endlich sank dieser Spanier zurück und verschwand ganz.

Fünf Minuten später erschien das Gesicht Malemort’s, das man an der Maske – dem Verbande – erkannte, an der Luke.

Er sah die beiden Feinde vor sich fliehen und fing an sie zu verfolgen.

Man hätte glauben können, Malemort sey Dachdecker oder Seiltänzer gewesen, so sichern Fußes lief er auf dem Dache hin.

Die beiden fliehenden Spanier erkannten bald von welcher Gefahr sie bedroht waren.

Einer entschloß sich schnell, ließ sich aus dem Dache hinuntergleiten bis an ein Fenster, durch das er wieder in das Haus hineinkroch, auf das sie bereits gelangt waren und das noch nicht brannte.

Malemort achtete nicht au ihn und verfolgte den Zweiten.

Yvonnet und Gudula konnten von ihrem Bodenfenster aus alles genau sehen.

Malemort und der Spanier, den er verfolgte, gelangten so von Dach zu Dach bis auf das letzte, das am Flusse stand.

Es war von Holz und brannte bereits.

Am Ende des Daches erkannte der fliehende Spanier, daß er nicht weiter konnte, wenn sein Schutzpatron, der heilige Jakob, kein Wunder that, drehte sich um und schien entschlossen zu seyn, sein Leben theuer zu verkaufen.

Der Kampf begann, in dem Augenblicke aber, als er am heftigsten war, zerriß der Boden, auf dem er stand, und ließ Rauch und Flammen herausbringen. Das Dach wankte dann, sank ein und zog die beiden Kämpfer in den Glutkrater mit hinein.

Der Eine verschwand ganz und gar.

Der Andere klammerte sich an einen brennenden Balken, der noch fest war, ging auf demselben hin, mitten unter den Flammen, bis an das Ende und sprang von da, aus so bedeutender Höhe hinunter in die Somme.

Gudula konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken; Yvonnet streckte sich so weit als möglich aus dem Dachfenster hinaus: war der kühne Taucher auf immer verschwunden oder kam er wieder zum Vorschein? War er der Spanier oder Malemort?

Bald schlug das Wasser im Flusse spritzend umher, man sah einen Kopf herausragen, dann Arme, dann einen Rumpf, die nach der alten Mauer zuschwammen.

Da der Schwimmer diese Richtung nahm, zweifelte Yvonnet nicht, daß es Malemort sey.

Yvonnet und Gudula eilten hinunter und nach der Stelle hin, wo der Schwimmer aller Wahrscheinlichkeit nach ans Land stieg. Und sie kamen in der That gerade zur rechten Zeit, um ihn halb verbrannt und halb ertrunken aus dem Wasser zu ziehen.

Es war Malemort, entsetzlich zugerichtet; aber dennoch waren nicht Alle so gut weggekommen wie er.

Nachdem die Soldaten und Bürger ein paar Häuser, wie gesagt, angezündet hatten, wurden sie durch die alten spanischen Compagnien gedrängt; sie konnten sich nicht ganz in der wünschenswerthen Ordnung halten und gaben damit den Spaniern Gelegenheit Revanche zu nehmen.

Dreißig Soldaten und zwanzig Bürger blieben auf dem Platze und es fehlte wenig, so wäre der Feind mit den Verfolgten in die Stadt eingedrungen. Zum Glück hörte Yvonnet die Spanier bereits siegtrunken herandringen, lief zu dem Zelte der Abenteurer, rief zu den Waffen und kam mit seiner Verstärkung von etwa hundert Mann zurück, die sich theils auf dem Walle verbreiteten, theils sich dem Feinde in dem Thore entgegenwarfen.

An der Spitze derer, welche der Vorstadt zu Hilfe eilten, befanden sich die beiden Scharfenstein, von denen der eine seine Keule, der andere sein zweihändiges Schwert führte. Die Hiebe fielen auf die Spanier wie Dreschflegelschläge in der Scheune und sie mußten vor den beiden Riesen zurückweichen.

Sobald die Spanier aus der Thorwölbung zurückgetrieben waren, galt es das Thor zu schließen, was keine leichte Aufgabe war, da sich die Belagernden dem mit aller Macht widersetzten. Die beiden Scharfenstein stemmten sich endlich selbst mit an die Thorflügel und schoben sie endlich glücklich zu.

Kaum war das geschehen, so hörte man den Ruf: »Auf die Mauern! Auf die Mauern!«

Es waren in der That zwei Breschen in die Mauer gemacht, eine an jeder Seite des Thores, um Erde hereinzuschaffen und Plattformen für die Artillerie zu bauen. Man hatte sie mit Wollsäcken und Schanzkörben verstopft.

Die Belagernden erblickten die Breschen und versuchten mittelst derselben die Stadt durch einen Handstreich zu nehmen.

Die beiden Scharfenstein erkannten die Gefahr, auf den ersten Blick und obwohl sie sonst immer bei einander kämpften, mußten sie doch diesmal ihre Kräfte theilen. Der eine wendete sich also zur linken, der andere zur rechten Bresche.

Der Feind stieg mit den langen Lanzen, welche damals die Waffen des spanischen Fußvolkes waren, auf beiden Seiten zum Sturm und trieb die Soldaten und Bürger vor sich her, welche vor diesem Lanzenwalde, der heranrückte, weichen mußten.

Heinrich Scharfenstein, der im Besitz der Keule war, erkannte, daß er mit seiner kurzen Masse gegen die zehn Fuß langen spanischen Lanzen nicht viel ausrichten könne, hing sie also an den Gürtel, nahm ein Felsenstück, das aus der Mauer lag, lief damit nach der Bresche und rief: »Vorgesehen! vorgesehen!«

An der Bresche befand sich Yvonnet.

Dieser bemerkte ihn, errieth seine Absicht und machte eine Bewegung, um anzudeuten, daß man die Spanier etwas heranrücken lassen möge, aber in dem Augenblicke, als sie die Hälfte der Mauer erstiegen hatten, erschien der Riese eben auf der Bresche, hob das Felsenstück, das er bis dahin auf der Achsel getragen hatte, über den Kopf und schleuderte es mit größter Gewalt gegen die erste Reihe der Spanier.

Der Felsenblock zermalmte Alles und riß Alles nieder. In dem so geöffneten Wege stürzte Heinrich Scharfenstein sich dann vor und schlug mit seiner Keule rechts und links die nieder, welche der Felsenblock nicht erreicht hatte.

Binnen weniger als zehn Minuten hatte er die Bresche geräumt.

Franz seinerseits hatte ebenfalls Wunder gethan.

Auch er hatte gerufen: »Vorgesehen!« und sich einen Weg durch die Reihen der Bürger und Soldaten gebahnt, dann aber mit seinem riesigen Schwerte Lanzen und Arme und Köpfe abgehauen, so daß die Spanier auch hier zurückwichen.

Durch einen unvorhergesehenen Vorfall hätte der tapfere Franz aber beinahe die Frucht der glorreichen Hilfe verloren, die er der Stadt Saint-Quentin gebracht.

Ein noch Kampflustigerer als er schlüpfte unter seinem Arme durch und verfolgte die Spanier.

Es war Malemort, der seine fünf Sinne wieder zusammengelesen, eine Flasche Wein getrunken hatte, die ihm Gudula gegeben, und zum Kampf zurückgekehrt war.

Leider bemerkten Einige, dass sie nur von einem Einzigen verfolgt wurden, kehrten um und drängten mit Uebermacht auf ihn ein. Malemort stürzte betäubt nieder.

Bürger und Soldaten, die es sahen, gaben ihr Bedauern laut zu erkennen; sie hielten den Tapfern für todt. Franz wußte zum Glück einen wie dicken Schädel sein Freund hatte, lief ihm zu Hilfe schlug einige Spanier mit seinem furchtbaren Schwerte nieder und schleppte Malemort zurück, bis ihn Lactantius empfing, der mit seinen Jacobinern herunterkam.

Hinter den Mönchen erschien der Admiral selbst mit einer kleinen Schaar Schützen, welche ein so wohlgenährtes Feuer eröffneten, daß die Spanier sich gänzlich zurückzogen.

Der Admiral zog Erkundigungen ein: der Verlust war groß gewesen und es hatte wenig gefehlt, so wäre die Inselvorstadt mit Sturm genommen worden. Mehrere Hauptleute drangen in den Hauptmann, diesen Punkt aufzugeben, welcher bereits sechzig Mann gekostet hatte, aber Coligny war dazu nicht zu bewegen, denn er sah in der Behauptung dieser Vorstadt wenigstens das Hinausziehen der Belagerung, wenn nicht die Sicherheit der Stadt.

Er befahl deshalb die Breschen in der Nacht wieder auszubessern und alles in Stand zu setzen.

Die Mönche erhielten diesen Auftrag, den sie mit Eifer vollzogen.

Da man einen Angriff in der Nacht fürchtete, so wachten die Schützen auf dem Wall, und an der ganzen Linie der Sümpfe der Somme standen von zwanzig zu zwanzig Schritte Schildwachen, damit sie im Nothfalle sogleich Lärm machten.

Die Nacht vom 3. zum 4. August war eine schreckliche für die Bewohner der Stadt, die da ihre ersten Todten zu beweinen hatte.

Die armen Bewohner der Vorstadt, die einsahen, daß da der Hauptpunkt des Angriffes und der Vertheidigung seyn werde, verließen ihre Häuser und nahmen auf Karren und in Körben ihre letzte Habe mit sich. Unter der Zahl dieser Auswanderer, welche die Vorstadt verließen, um eine Zuflucht in der Stadt selbst zu suchen, war auch Wilhelm Pauquet, dem sein Bruder sein Haus angeboten hatte.

An seinem Arme hing ihm die Tochter, die noch ganz betäubt von den letzten Vorfällen war und sich öfters umsah, entweder weil sie ungern aus dem Hause schied, in dem sie geboren und bisher glücklich gewesen war, oder weil sie sich überzeugen wollte, ob der schöne Yvonnet ihr auch nachsehe.

Yvonnet folgte wirklich in geziemender Entfernung dem Mädchen und den Webern, die Johann Pauquet dem Bruder geliehen hatte, damit sie seine Habe aus dem Hause fortbrächten.

Es war gewiß ein großer Trost für das arme Mädchen, als sie sah, daß Yvonnet ihr von weitem durch die ganze Stadt folgte, und sich endlich überzeugte, daß sie in ein Haus ging, das unter dem Namen des »gekrönten Weberschiffchens« bekannt war.

Unter dem Vorwande großer Müdigkeit, der nach einem solchen Tage wohl gelten konnte, bat Gudula um die Erlaubniß, sich sogleich in das Stübchen begeben zu dürfen, das ihr angewiesen wurde.

Gudula fing dann auch an zu glauben, daß es wirklich einen Gott für die Liebenden gebe, als sie sah, daß der Oheim ihr und dem Vater eine Art Gartenhaus angewiesen hatte, das auf den Wallweg ging.

Sobald sie allein in ihrer neuen Wohnung war, löschte sie auch die Lampe aus, als habe sie sich zu Bett begeben, und öffnete das Fenster, um die Umgebung zu mustern und zuzusehen, ob das Fenster leicht erstiegen werden könnte.

Es war sehr leicht. Dieser Theil des Walles war sicherlich der ödeste in der ganzen Stadt und eine acht bis zehn Fuß hohe Leiter, die man an das Fenster Gudula‘s lehnte, verrichtete dieselben Dienste wie der Prellstein am vorigen Hause.

Allerdings war die Scheidewand, welche das Zimmer Gudula’s von dem ihres Vaters trennte, sehr dünn und jedes Geräusch hier mußte dort gehört werden; aber konnte Gudula nicht eben so gut auf der Leiter hinunter zu Yvonnet steigen als dieser zu ihr hinauf?

Gudula beschäftigte sich mit allerlei solchen strategischen Plänen, in denen sie so geschickt zu seyn schien wie der Admiral selbst, als sie einen Schatten an der Gartenwand hinschleichen sah.

Yvonnet wollte nemlich ebenfalls die Oertlichkeiten kennen lernen und unternahm eine Recognoscirung des neuen Terrains, auf dem er nun zu manövrieren haben sollte.

Das Haus des Meisters Pauquet war nicht schwer zu belagern, namentlich für einen Mann, der, wie unser Abenteurer, Freunde in dem Orte selbst hatte.

Alles wurde demnach für die nächste Nacht verabredet und als man auf der Treppe den etwas schweren Tritt des Vaters hörte, schloß Gudula das Fenster, während Yvonnet in der Johannisstraße verschwand.

VI.
Herr von Théligny

Der Tag fand den Admiral wieder auf dem Walle.

Caspar von Coligny war durch die Schlappe am vorigen Tage nicht nur nicht entmuthigt, er hatte sogar beschlossen, einen neuen Versuch zu machen.

Seiner Meinung nach wußte der Feind, daß Verstärkung in die Stadt gelangt sey, kannte aber die Größe derselben nicht, und so war es von Wichtigkeit, ihn zu dem Glauben zu bringen, diese Verstärkung sey bedeutend.

Man veranlaßte dadurch den Herzog Emanuel Philibert eine regelmäßige Belagerung zu unternehmen und nahm ihm die Hoffnung, die Stadt durch einen Handstreich nehmen zu können. Eine regelmäßige Belagerung aber dauerte zehn, vierzehn Tage, vielleicht einen Monat, und in dieser Zeit konnte der Connétable seinerseits einen Versuch machen, aber auch der König Maßregeln ergreifen.

Er rief demnach den jungen Lieutenant von der Compagnie des Dauphin, Théligny, zu sich.

Dieser kam herbei. Er hatte am Tage vorher in der Insel-Vorstadt Wunder gethan und war doch mit heiler Haut davongekommen, so daß ihn die Soldaten, die ihn mitten unter Kugeln, Lanzen und Schwertern gesehen hatten, ohne daß er irgend eines Verletzung erhalten, den Unverwundlichen genannt.

Er erschien heiter und lächelnd bei dem Admiral, wie ein Mann, der seine Pflicht gethan hat und bereit ist, sie jederzeit wiederum zu thun. Der Admiral ging mit ihm hinter die Brustwehr eines Thurmes.

»Herr von Théligny,« sagte er« »ich habe Folgendes beschlossen. Seht Ihr dort den spanischen Posten?»

Théligny bejahte es.

»Mit dreißig bis vierzig Reitern kann er leicht überrumpelt werden. Nehmt also dreißig bis vierzig Mann eurer Compagnie, stellt an ihre Spitze einen zuverlässigen Mann und laßt mir den Posten aufheben.«

»Aber Herr Admiral,« bemerkte Théligny, »warum soll ich nicht selbst der zuverlässige Mann seyn? Ich bin wohl meiner Leute sicher, stehe aber doch am sichersten für mich selbst.»

Der Admiral legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte:

»Mein lieber Théligny, Männer eurer Art sind selten und deshalb darf man sie nicht in Scharmützeln auf‘s Spiel setzen. Gebt mir euer Ehrenwort, daß Ihr den Ausfall nicht selbst commandiren wollt, oder ich bleibe, so ermüdet ich bin, auf dem Walle.«

»Wenn dem so ist, Herr Admiral,« antwortete Théligny sich verbeugend, »so geht in Gottes Namen und ruht aus; ich gebe mein Wort, daß ich nicht durch das Stadtthor gehe.«

»Ich rechne auf euer Wort,« entgegnete der Admiral, ernst, der dann hinzusetzte, als wolle er damit andeuten, daß dieser Ernst sich aber nur auf die Empfehlung beziehe, Théligny möge die Stadt nicht verlassen:

»Ich kehre nicht in das Haus des Gouverneurs zurück; es ist zu weit entfernt; ich lege mich bei dem Herrn von Jarnac auf das Bett und schlafe da ein paar Stunden… Dort werdet Ihr mich finden.«

»Schlaft ruhig, Herr Admiral,« antwortete Théligny, »ich werde Wache halten.«

Der Admiral ging, Théligny sah ihm nach und sagte dann zu einem seiner Leute:

»Dreißig bis vierzig Freiwillige von der Compagnie des Dauphin!«

»Ihr sollt sie sogleich haben. Es ist schon ein Mann fort, welcher die Worte des Herrn Admirals gehört hat.«

»Wer führt so Befehle aus, ehe sie gegeben sind?«

»Er sah eher aus wie ein Teufel als wie ein ordentlicher Mensch. Die Hälfte seines Gesichtes bedeckt ein blutiger Verband; das Haar ist ihm glatt vom Kopfe weggebrannt, sein Harnisch hinten und vorn von Blute bedeckt und sein Anzug zerrissen.«

»Ah, den kenn ich,« sagte Théligny, »der ist allerdings kaum ein Mensch.

»Da kommt er!« – Ein Reiter kam im Galopp heran.

Es war Malemort, halb verbrannt, halb ertrunken, halb erschlagen von dem Ausfalle am vorigen Tage, der sich aber ganz wohl befand und den neuen Ausfall mitmachen wollte.

Gleichzeitig kamen vierzig Reiter von der entgegengesetzten Seite her.

Mit der Rührigkeit, die ihm eigen war, sobald es sich um Kampf handelte, hatte Malemort Zeit gefunden, ins Quartier zu eilen, den Befehl des Admirals dahin zu bringen, sich an das Inselthor zu begeben, sein Pferd zu satteln und doch eben so schnell wieder an den Sammelplatz zu kommen, wie die Leute von der Compagnie des Dauphin.

Er verlangte keine andere Belohnung für seinen Diensteifer als die Erlaubniß, den Ausfall mitzumachen, die ihm gegeben wurde.

Uebrigens erklärte er, daß er einen Ausfall für sich allein mache; wenn man ihn zu dem angeordneten nicht mitnehme, und daß er über die Mauer springe, wenn man ihm kein Thor aufmache.

Théligny kannte ihn übrigens und empfahl ihm deshalb, sich nicht von der Mannschaft zu trennen und in Reih‘ und Glied anzugreifen.

Malemort versprach alles, was man haben wollte.

Das Thor stand offen und die kleine Schaar rückte hinaus.

Kaum aber war Malemort hinaus, so litt es ihn nicht auf dem Wege, welchem die kleine Schaar folgte, die hinter Bäumen und in einer Vertiefung sich bis nahe an die spanischen Posten schleichen sollte… Er ritt querfeldein, setzte sein Pferd in Galopp und schrie: »Kampf! Kampf!«

Der Admiral hatte sich unterdes, wie er gesagt, zu Herrn von Jarnac begeben und sich da auf ein Bett gelegt; aber es schien ihn eine Art Ahnung zu beunruhigen, er konnte trotz der Müdigkeit nicht schlafen, erhob sich nach einer halben Stunde wieder und verließ das Haus mit raschen Schritten, da er Geschrei zu hören glaubte.

Er hatte kaum zwanzig Schritte in der Straße hingethan, als er Luzarche und Jarnac auf sich zukommen sah. Man konnte an ihrer verstörten Miene errathen, daß etwas Wichtiges vorgegangen.

»Wisst Ihr schon, Herr Admiral…?« fragte Jarnac.

»Was?« fragte der-Admiral.

»Warum kommt Ihr, wenn Ihr es nicht wisst?«

»Ich konnte nicht schlafen; es drückte mich wie eine Ahnung; ich härte Lärm und stand auf.«

»So kommt.«

Die Wälle waren voll von Neugierigen.

Der vorzeitige Angriff Malemort’s hatte Lärm gemacht. Der spanische Posten war stärker als man vermuthete, die Leute von der Compagnie des Dauphins, welche den Feind zu überrumpeln gedachten, fanden ihn zu Pferde und in doppelter Anzahl. Bei diesem Anblicke fiel der Angriff matt aus und manche Reiter blieben gar zurück. Die Angreifenden hatten mit zu überlegenen Gegnern zu thun und mußten unterliegen, wenn sie nicht bald Hilfe erhielten. Théligny vergaß das Wort, das er dem Admiral gegeben hatte, schwang sich ohne eine andere Waffe als sein Schwert auf das erste beste Pferd, jagte hinaus und sammelte die Muthlosen. Einige schlossen sich ihm wirklich an und so stürzte er mit acht bis zehn Mann mitten hinter die Spanier.

Bald darauf kamen die Uebergebliebenen zurück. Sie hatten ein Drittel der Ihrigen verloren und Théligny war nicht bei ihnen.

Da hielten es Luzarche und Jarnac für nöthig, dem Admiral Meldung von der neuen Schlappe zu geben und hatten ihn unterwegs begegnet.

Coligny fragte die Fliehenden, von denen er das eben Erzählte erfuhr.

In Bezug auf Théligny konnten sie nichts Bestimmtes sagen; sie hatten ihn wie einen Blitz unter die Spanier stürzen und dem spanischen Offizier einen Stich in das Gesicht geben sehen, er war alsbald umringt worden und bald darauf gefallen, da er keinen Harnisch getragen.

Ein einziger Soldat sagte. Théligny sey noch nicht todt, da er gesehen, wie er noch gewinkt habe.

So schwach die Hoffnung war, gab der Admiral doch den Offizieren der Compagnie des Dauphins Befehl aufzusitzen und um jeden Preis Théligny todt oder lebendig zurückzubringen.

Die Offiziere, die vor Begierde brannten ihren Cameraden zu rächen, liefen bereits nach der Caserne, als ein Riese aus der Menge trat, die Hand an seine Pickelhaube legte und sagte:

»Mit Verlaub, mein Herr Admiral, wir brauchen keine Compagnie, um den armen Teufel von Lieutenant zu holen… Wenn‘s nöthig ist, gehe ich mit meinem Neffen Franz und wir bringen ihn, todt oder lebendig.«

Der Admiral drehte sich nach dem Sprecher um; es war einer der Abenteurer, die er in seinen Sold genommen hatte, ohne gerade viel auf sie zu rechnen, die aber, wie man gesehen hat, sehr muthig darauf gingen.

Er erkannte Heinrich Scharfenstein, hinter dem gleich dem Schatten der Neffe Franz stand.

»Das nehme ich an,« sagte der Admiral. »Was verlangst Du dafür?«

»Ein Pferd für mich und eins für Franz.«

»Das meine ich nicht.«

»Wartet nur… Ich verlange auch zwei Mann, die hinter uns aufsitzen.«

»Gut, aber…«

»Aber? das ist alles. Aber zwei starke Pferde und zwei magere Leute.«

»Du sollst sie selbst aussuchen.«

»Sehr wohl.«

»Und welche Summe…?«

»Das ist Procops Sache.«

»Dazu brauchen wir Procop nicht. Für den lebendigen Théligny verspreche ich fünfzig und für den todten fünfundzwanzig Thaler Gratifikation.«

»Für diesen Preis hole ich Euch so viele Leute als Ihr haben wollt.«

Er suchte sich daraus ein Paar Pferde aus und dann zwei Männer. Mit großer Freude erblickte er den Lactantius und Fracasso… einen Büßenden und einen Dichter. Etwas Dürreres konnte sich Scharfenstein nicht denken.

Der Admiral konnte sich zwar diese Vorbereitungen nicht wohl erklären, aber er verließ sich auf die beiden Riesen.

Die vier Abenteurer auf den zwei Pferden ritten durch das Thor und wendeten alle Vorsicht an, welche Malemort versäumt hatte. Sie verschwanden sodann hinter einer kleinen Anhöhe.

Es läßt sich schwer beschreiben, welchen Antheil man an dem Unternehmen der vier Männer nahm, welche einer ganzen Armee einen Leichnam streitig machen wollten, denn alle fürchteten, daß Théligny todt seyn werde.

Sehr bald hätte man acht oder zehn Schüsse, gleichzeitig erschien Franz Scharfenstein wieder, der nicht einen Mann, sondern zwei Männer trug.

Den Rückzug deckten seine Freundes man sah aber nur noch ein Pferd. Das andere war wahrscheinlich gestürzt.

Fracasso und Lactantius gingen zu Fuß, jeder mit einer Büchse.

Acht oder zehn spanische Reiter verfolgten sie; wenn aber das Fußvolk, nemlich Fracasso und Lactantius, zu sehr bedrängt wurde, sprengte Heinrich unter die Feinde und schlug nieder was er erreichen konnte; wurde er zu hart bedrängt, so schossen Lactantius und Fracasso und nie ohne zwei Spanier niederzustrecken.

Franz kam unterdeß der Stadt näher und näher und war sehr bald vor jeder Verfolgung sicher.

Unter allgemeinem Jubel stieg er die Böschung heran, während er die beiden Männer – oder Leichen – auf den Armen trug wie eine Wärterin zwei Kinder.

Die Hälfte seiner Last legte er vor dem Admiral nieder.

»Da ist der eurige,« sagte er, »ganz todt ist er noch nicht.«

»Und da?« fragte Coligny, indem er auf den andern Verwundeten zeigte.

»Der? Nicht,« antwortete Franz. »Das ist nur Malemort… In der nächsten Minute wird der wieder munter seyn. Er ist der Teufel und nicht todt zu machen.«

In diesem Augenblicke kamen die Andern, Cavallerie und Infanterie heran.

Théligny war in der That, wie es Franz Scharfenstein gesagt, noch nicht ganz todt, obgleich ihn sieben Degenstiche und drei Kugeln getroffen hatten.

Die Spanier hatten ihn, auch bereits bis aufs Hemd ausgezogen, und ihn dann liegen lassen, weil sie ihn für todt gehalten.

Man trug ihn zu Jarnac und legte ihn auf dasselbe Bett, auf welchem der Admiral eine Stunde vorher wegen einer Ahnung nicht hatte schlafen können.

Da, als habe er nur darauf gewartet, schlug der Verwundete die Augen auf, sah sich um und erkannte den Admiral.

»Einen Arzt! einen Arzt!« rief Coligny, der wieder Hoffnung schöpfte; Théligny aber streckte die Hand aus und sagte:

»Ich danke, Herr Admiral; Gott erlaubt mir nur, die Augen noch einmal aufzuschlagen und eine kurze Zeit zu sprechen, damit ich Euch um Verzeihung bitten könne wegen meines Ungehorsam.«

»Mein lieber Théligny,« antwortete der Admiral, »Ihr habt mich nicht um Verzeihung zu bitten, Ihr wart nur im Eifer für den Dienst des Königs ungehorsam. Glaubt Ihr wirklich, daß es so schlimm mit Euch stehe, als Ihr sagt, so beschäftigt Euch nur mit Gott.«

»Ich danke Gott,« sagte Théligny, »daß ich ihn um nichts um Verzeihung zu bitten habe, als was ein guter Edelmann wohl bekennen kann, während ich durch meinen Ungehorsam gegen Euch mich schwer gegen die Disziplin verging. Vergebt mir, Herr Admiral, damit ich ruhig sterbe.«

Coligny, der jeden Muth zu würdigen wußte, fühlte Thränen in den Augen, als er den jungen Offizier so sprechen hörte, der am Ende eines so viel versprechenden Lebens nichts zu bedauern schien, als daß er einmal ungehorsam gewesen.

»Da Ihr es durchaus verlangt,« sagte Coligny, »so verzeihe ich Euch einen Fehler, auf den jeder brave Soldat stolz seyn würde, und wenn dies das Einzige ist, das Euch in eurer letzten Stunde bekümmert, so sterbt in Frieden, wie der Ritter Bayard starb, unser Aller Vorbild.«

Er neigte sich und küßte den Sterbenden auf die bleiche Stirn.

Théligny suchte sich noch einmal aufzurichten und flüsterte:

»Ich danke.«

Mit einem Seufzer sank er zurück.

Es war der letzte.

»Meine Herren,« sagte Coligny, indem er eine Thräne ans dem Auge wischte, zu den Umstehenden, »wir haben einen Braven weniger… Gott gebe uns allen einen gleichen Tod!«

VII.
Das Erwachen des Connétable

So ruhmreich die beiden Schlappen waren, welche der Admiral erlitten hatte, waren es doch Schlappen, welche ihn zu der Erkenntniß brachten, daß er schleuniger Hilfe vor einem so zahlreichen Heere und bei so großer Wachsamkeit bedürfe.

Er entschloß sich deshalb, so lange die englische Armee noch abwesend sey und er eine ganze Seite der Stadt frei lasse, an seinen Oheim, den Connétable, Boten zu schicken, um von demselben die möglich größte Verstärkung zu erlangen.

Er berief zu diesem Zwecke Maldent und Yvonnet, von denen der erstere sein eigener Führer, der letztere der des armen Théligny gewesen war.

Der Connétable mußte in Ham oder La Fère seyn. Ein Bote sollte also nach Ham, der andere nach La Fère eilen, um Nachrichten zu überbringen und dem Connétable das Mittel anzugeben, Hilfe nach St.-Quentin zu schaffen.

Das Mittel, welches bei der Abwesenheit der englischen Armee leicht war, bestand einfach darin, eine starke Colonne auf dem Wege von Savy vorzuschieben, welcher an die Vorstadt Ponthoille führt, während Coligny, sobald sie im Angesicht der Stadt erscheine, an der entgegengesetzten Seite scheinbar einen Ausfall mache, welcher die feindliche Armee auf dem fälschlich bedrohten Punkte beschäftige und der französischen Colonne gestatte, wohlbehalten in die Stadt zu kommen.

Die beiden Boten brachen Abends auf und ein jeder nahm eine dringende Empfehlung mit sich, der eine von dem armen Malemort, der andere von der betrübten Gudula.

Malemort, der einen Degenhieb oder Stoß in die Seite erhalten hatte – zum Glück durch eine alte Narbe, was ihm übrigens gewöhnlich geschah, so sehr war er zusammengeflickt – empfahl Maldent ihm gewisse Kräuter mitzubringen, die er nöthig brauche, um einen berühmten Balsam zu fabriciren, ohne den er nicht seyn konnte.

Gudula, die noch gefährlicher in der Brust verwundet war als Malemort, empfahl Yvonnet, ja recht bedacht und besorgt für ein Leben zu seyn, an welchem das ihrige hänge. Sie würde, bis ihr Geliebter zurückkomme, jede Nacht an dem Fenster verbringen.

Unsere beiden Abenteurer verließen die Stadt, und nachdem sie eine halbe-Stunde weit auf der Straße von Ham gekommen waren, ging Yvonnet querfeldein, um den Weg nach La Fère zu erreichen, während Maldent auf der Straße nach Ham fortwanderte.

Wir folgen Yvonnet, weil der Connétable sich in La Fère befand.

Um drei Uhr Früh pochte Yvonnet an dem Thore der Stadt, das sich nicht öffnen wollte; erst als der Thorwärter erfuhr, daß ein Bote aus Saint-Quentin da sey, machte er auf, denn der Connétable hatte befohlen, jeden Boten von seinem Neffen sofort einzulassen und zu ihm zu führen, in welcher Stunde der Nacht es auch seyn möge.

Halb vier Uhr Früh weckte man den Connétable.

Der alte Soldat lag in einem Bett, – ein Luxus, den er sich im Felde selten gestattete, aber unter dem Pfuhl hatte er seinen Connétabledegen und auf einem Stuhle neben dem Bette lag sein Harnisch und sein Helm so daß er sofort zum Angriffe oder zur Vertheidigung gerüstet seyn konnte.

Die, welche unter ihm dienten, waren überdies daran gewöhnt, zu jeder Stunde am Tage oder in der Nacht gerufen zu werden, entweder um ihre Meinungen abzugeben oder um Befehle zu empfangen.

Yvonnet wurde in das Zimmer des unermüdlichen Alten geführt, der den Boten im Bett, auf den Ellenbogen gestützt, erwartete.

Kaum hörte er die Tritte Yvonnet’s, so rief er mit seiner gewöhnlichen Grobheit:

»Nun komm, Kerl, komm! Hierher.«

Es war keine Zeit den Empfindlichen zu spielen, Yvonnet trat also näher.

»Noch näher!« sagte der Connétable, »noch näher, daß ich Dir in die Augen sehen kann, Kerl… Ich sehe die gern an, mit denen ich rede.«

Yvonnet trat bis an das Bett heran und sagte:

»Da bin ich, gnädiger Herr.«

»Es ist dein Glück.«

Er nahm die Lampe und betrachtete den Abenteurer mit einer Kopfbewegung, welche nicht verrieth, ob die Prüfung günstig für den Boten ausfalle.

»Ich habe den Menschen schon irgendwo gesehen,« sprach der Connétable zu sich selbst; dann setzte er gegen Yvonnet hinzu:

»Willst Du Dir nicht die Mühe geben, Kerl, und nachsinnen, wo ich Dich schon gesehen habe? Sage mir das geschwind: Du mußt es doch wissen.«

»Warum sollte ich es besser wissen, Ew. Gnaden?« entgegnete Yvonnet, der der Lust nicht widerstehen konnte, an den Connétable ebenfalls eine Frage zu richten.

»Weil Du einmal zufällig einen Connétable von Frankreich siehst, ich aber Kerle wie Dich alle Tage haufenweise sehe.«

»Richtig,« antwortete Yvonnet. »Nun, bei dem Könige habt Ihr mich gesehen.«

»Wie so bei dem Könige? Gehst Du zu dem Könige?«

»Ich hatte einmal die Ehre, Euch da zu sehen, Herr Connétable,« antwortete Yvonnet mit der größten Artigkeit.

»Hm! hm!« machte der Connétable… »Ja, ja, ich erinnere mich, Du warst mit einem jungen Offizier da, den mein Neffe zu dem Könige geschickt hatte.«

»Mit Herrn von Théligny.«

»So ist‘s… Geht alles gut unten?«

»Im Gegentheil, es geht alles schlecht.«

»Wie so schlecht? Bedenke, was Du sagst, Kerl!«

»Die Wahrheit werde ich sagen, Ew. Gnaden. Vorgestern haben wir bei einem Ausfalle etwa sechzig Mann verloren, und gestern, als wir den Spaniern einen Posten nehmen wollten, fünfzehn Reiter von der Compagnie des Dauphin, so wie ihren Führer Théligny.«

»Théligny!« unterbrach ihn der Connétable, »der sich für unverwundbar hielt, da er aus so vielen Kämpfen, Scharmützeln und Schlachten wohlbehalten hervorgegangen war. Théligny hat sich da den Tod geben lassen? Der Pinsel! Und dann?«

»Dann, Herr Connétable, ist hier ein Brief des Herrn Admiral, der um schnelle Hilfe bittet.«

»Das hättest Du zuerst sagen sollen!« brummte der Connétable, welcher hastig nach dem Briefe griff.

Er las ihn und unterbrach sich öfters nach seiner Gewohnheit, um Befehle zu geben.

»Ich werde so lange als möglich die Inselvorstadt halten…«

»Daran thut er wohl… Man rufe mir Herrn Dandelot!«

»Denn von den Höhen der Vorstadt kann eine Batterie den Wall von Rémicourt bestreichen…»

»Man rufe den Marschall Sainte-André!«

»Um aber die Inselvorstadt und die andern bedrohten Punkte zu vertheidigen, brauche ich eine Verstärkung von wenigstens zweitausend Mann, da ich eigentlich nur fünf- bis sechshundert Mann bei mir habe…«

»Donnerwetter! Viertausend werde ich ihm schicken… Man rufe mir den Herzog von Enghien!… Warum schlafen die Herren, wenn ich auf bin?… Den Herzog von Enghien sogleich! Nun was schmiert der Herr Neffe weiter?«

»Ich habe nur sechzehn Geschütze und nur vierzig Kanoniere, nur fünfzig bis sechzig Büchsen und endlich Lebensmittel nur auf drei Wochen, Munition nur auf vierzehn Tage…«

»Ist das alles wahr?« fragte der Connétable.

»Die strengste Wahrheit, Ew. Gnaden,« antwortete Yvonnet freundlich.

»Nun das fehlte mir noch, daß ein Kerl wie Du behaupten wollte, mein Neffe schriebe etwas Anderes als die Wahrheit,« schrie der Connétable, der Yvonnet dabei mit wildem Blicke ansah.

Yvonnet verbeugte sich und trat drei Schritte zurück.

»Warum bleibst Du nicht hier stehen?« fragte der Connétable.

»Weil ich glaube, Ew. Gnaden haben mir nichts weiter zu sagen.«

»Da irrst Du Dich… Hierher getreten!«

Yvonnet nahm seinen frühern Platz wieder ein.

»Wie halten sich die Bürger?« fragte der Connétable.

»Vortrefflich, Ew. Gnaden.«

»Die Kerle!… Ich wollte es ihnen auch nicht rathen, anders zu seyn«

»Selbst die Mönche haben die Hellebarden genommen.«

»Die Kuttenmänner!… Schlagen sie sich auch?«

»Wie die Löwen. Und die Weiber, Ew. Gnaden…«

»Die greinen und heulen und jammern und winseln? Weiter kann das Volk nichts.«

»Im Gegentheil, Ew. Gnaden, sie sprechen den Kämpfenden Muth zu, verbinden die Verwundeten und begraben die Todten…«

In diesem Augenblicke ging die Thür auf und aus der Schwelle erschien ein Mann in voller Rüstung, aber mit einem Sammtbarret auf dem Kopfe.

»Komm, Herr Dandelot!« rief ihm der Connétable zu. »Euer Bruder unten in der Stadt Saint-Quentin schreit aus vollem Halse, als bringe man ihn um.«

»Ew. Gnaden,« antwortete Dandelot lachend, »Ihr kennt meinen Bruder und wisst, daß er gewiß nicht aus Furcht schreit.«

»Freilich… aus Schmerz, ich weiß, und das thut mir eben leid. Ich habe deshalb Euch rufen lassen und den Marschall von Saint-André…«

»Da bin ich,« fiel der Marschall ein, der seinerseits in der Thür erschien.

»Gut, gut, Marschall! Warum kommt aber der Enghien nicht?«

»Ich bitte um Vergebung, da bin ich,« sagte der Herzog im Eintreten.

»Fleck und Kaldaunen!« begann der Connétable, indem er seinen Lieblingsschwur um so heftiger hervorstieß, da Alle sich eingefunden hatten und er seine üble Laune, die er immer hatte, an Niemanden auslassen konnte. »Flecke und Kaldaunen, Ihr Herren, wir sind nicht in Capua, um zu schlafen, wie Ihr es thut.«

»Das kann mir nicht gelten,« sagte der Marschall, »da ich bereits auf war.«

»Mir auch nicht,« entgegnete der Herzog von Enghien, »denn ich hatte mich noch gar nicht gelegt.«

»Ich meine Dandelot.«

»Mich?« entgegnete dieser, »Ew. Gnaden werden mich entschuldigen, ich führte eben eine Patrouille und kam vor den anderen Herren an, weil ich zu Pferde war, als man mich holen wollte.«

»So muß ich natürlich mich selbst meinen,« sagte der Connétable. »Es scheint, daß ich alt bin und zu nichts mehr tauge, weil ich allein lag… Haupt und Blut!«

»Aber, Connétable!,« fiel Dandelot lächelnd ein, »wer sagte es denn?«

»Niemand, will ich hoffen, denn dem, der es zu sagen wagte, zerschlüge ich das Maul wie dem schlechten Propheten, dem ich letzthin unterwegs begegnete… aber davon ist gar nicht die Rede; es handelt sich darum, dem armen Teufel von Coligny, der fünfzigtausend Mann auf dem Halse hat, zu Hilfe zu kommen. Ich glaube, mein Herr Neffe fürchtet sich und sieht doppelt.«

Die drei Offiziere lächelten mit gleichem Ausdrucke.

»Wenn mein Bruder von fünfzigtausend Mann spricht, « sagte Dandelot, »so sind es sicherlich so viele.«

»Eher sechzigtausend als weniger,« setzte der Marschall von Sainte-André hinzu.

»Was meint Ihr, Enghien?«

»Genau das, was die Herren da sagten.«

»So haben wieder Alle eine andere Meinung als ich, wie gewöhnlich?«

»Nie, Herr Connétable,« entgegnete Dandelot, »wir meinen nur, der Herr Admiral sage die Wahrheit.«

»Nun, seyd Ihr bereit für ihn, den Admiral, etwas zu wagen?«

»Ich bin bereit mein Leben zu wagen,« antwortete Dandelot.

»Wir auch!« fielen die beiden anderen Herren ein, der Herzog von Enghien und der Marschall von Saint-André.

»So geht alles gut,« meinte der Connétable, der sich dann nach dem Vorzimmer wendete, in welchem großer Lärm entstand.

»Was soll der Lärm?« fragte er.

»Ew. Gnaden,« antwortete ein Unteroffizier, »man hat einen Mann am Thore von Ham verhaftet.«

»So stecke man ihn ein!«

»Man glaubt, es sey ein Soldat, der sich als Bauer verkleidet hat.«

»So hänge man ihn.«

»Er bezieht sich auf den Herrn Admiral und sagt er komme von ihm.«

»Hat er ein Schreiben, einen Paß?«

»Nein und eben deshalb halten wir ihn für einen Spion.«

»So rädere man ihn.«

»Halt!« rief eine Stimme in dem Vorzimmer.

»Man rädert die Leute nicht gleich so, selbst wenn man Connétable ist.«

Und nach großem Lärm, welcher einen Kampf anzudeuten schien, stürzte ein Mann in das Zimmer herein.

»Ah, gnädiger Herr,« sagte Yvonnet, »bedenkt was Ihr thut, es ist Maldent.«

»Wer ist Maldent?« fragte der Connétable.

»Der zweite Bote, den der Herr Admiral an Euch sendet, der gleichzeitig mit mir Saint-Quentin verließ und natürlich später kommt als ich, da er über Ham ging.«

Es war wirklich Maldent, der, weil er den Connétable in Ham nicht gefunden, da ein Pferd genommen hatte und eilig nach La Fère geritten war, um schnell zu erscheinen, für den Fall, daß Yvonnet unterwegs aufgehalten worden sey.

Warum kam aber Maldent, der doch in Uniform und mit einem Briefe des Admirals aufgebrochen war, im Bauernanzug und ohne Brief? Das werden die Leser in einem der folgenden Capitel erfahren.

1.Was Scianca-Ferro betrifft, hatte er mitten in der Schlacht den Kurfürsten Johann Friedrich an seinem gewaltigen friesischen Ross, seiner riesigen Gestalt und an den fürchterlichen Hieben erkannt, die er austeilte, und hatte sich besonders an ihn gehalten.
2.Mit einem gewaltigen Hieb seiner Schlachtaxt hatte er zunächst dem Prinzen den rechten Arm gebrochen, dann mit einem schneidenden Hieb zugleich Helm und Antlitz zerteilt, so daß, als der so Gefangene das Visier vor dem Kaiser hob, er gezwungen war, seinen Namen zu nennen, denn sein Antlitz war nur noch eine Schreck erregende Wunde.
3.Die Rede das Kaisers wurde wörtlich von ihm so gehalten.
4.Der Aufstand der Genter.
5.Weshalb man über Heinrich II. folgenden Vierzeiler gemacht hatte:
Sire, wenn Ihr Euch, wie Carl begehrt,Wie Diana will, zu sehr laßt lenken,Bald schmelzt, erstarrt, erweicht, Euch wendet,So seid Ihr nicht mehr, Sire, nicht mehr als Wachs!  Man weiß, welchen Einfluß Diana hatte, Carl, seinerseits, war der Cardinal von Lothringen.
6.le Balafré
7.Wie man an dieser Unzahl von Titeln sieht, konnte der König wohl in Paris König sein; Montmorency aber war Herzog, Graf, Baron in allem rund um Paris, so sehr, daß das Königtum in dessen Herzogtümern, Grafschaften und Baronnien gefangen schien.
8.und bei dieser schicksalhaften Niederlage von Pavia wurden alle gefangen, selbst der König.
9.Dieser Théligny hat mit dem Schwiegersohne des Admirals nichts gemein, welcher in der Bartholomäusnacht getötet wurde.
10.Marquis des Hl. Römischen Reiches
11.besetzten das Umfeld der Thore von Rémicourt, Saint-Jean und Ponthoille
12.Mémories de Mergey.
13.Mémories de Melvi.
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
10 декабря 2019
Объем:
620 стр. 1 иллюстрация
Правообладатель:
Public Domain

Похожие книги