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Adriana Stern

Pias Labyrinth

roman ariadne 4005

Argument Verlag

roman ariadne

Herausgegeben von Else Laudan

www.argument.de

Deutsche Originalausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2003

Eppendorfer Weg 95, 20259 Hamburg

Telefon 040/​4018000 – Fax 040/​40180020

www.argument.de

Lektorat: Britta Dutke, Iris Konopik, Else Laudan

Satz: Iris Konopik

Umschlaggestaltung: Martin Grundmann

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-86754-998-1

Für meinen Sohn Frederik,

dem ich noch so viel mehr erklären möchte

und für Sara R.,

ohne die diese Geschichte wahrscheinlich in einer Schublade verschwunden wäre

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Zeitsprünge

1. Kapitel - März 1999

2. Kapitel - September 1993

3. Kapitel - Ende März 1999

4. Kapitel - Juni 1999 – September 1998

5. Kapitel - Juni 1999

6. Kapitel - Juni 1999

7. Kapitel - Juni 1999

8. Kapitel - November 1998

9. Kapitel - Anfang Juli 1999

10. Kapitel - Januar 2000

Jazzjahre

1. Kapitel - April 2002

2. Kapitel - März 2000

3. Kapitel - April 2002 – Oktober 2001

4. Kapitel - April 2001

5. Kapitel - April 2002

6. Kapitel - April 2002 – August 2001

7. Kapitel - April 2002

8. Kapitel - April 2002

9. Kapitel - April 2002

Danksagung

Die Autorin

Buchempfehlung

Zeitsprünge

1. Kapitel

März 1999

Ein wilder Wolkenhimmel begrüßt Pia, als sie die Stufen vor dem Jugendzentrum hinunterläuft.

All die Jahre war ihr das Zentrum nicht aufgefallen, obwohl sie hier so oft vorbeigegangen ist. Sie hat es erst kurz vor ihrer Psychiatrieeinweisung entdeckt und seit ihrer Rückkehr kommt sie ab und zu her. Sie haben sogar einen Mädchentag, aber meistens findet sie den ziemlich öde. Immer nur reden. Nichts für sie. Heute war es ganz nett eigentlich. Sie sollte vielleicht mal mit den beiden Neuen herkommen. Gemeinsam mit Andrea und Nesè ließe sich der Mädchentag bestimmt aufpeppen.

Die Regeln im Internat sind für sie etwas lockerer geworden. Das Abendessen um sechs nervt aber immer noch genauso wie vor fünf Monaten. Und überhaupt – dieses Internat! Immer noch die gleichen Mädchen, die sie schadenfroh angrinsen. Wenigstens hat sie Schwester Libora nicht mehr im Nacken. Die hat ihr ohne Übertreibung das Leben zur Hölle gemacht, und das vom ersten Tag an. Sechs Jahre ist das schon her.

Völlig in Gedanken versunken hat Pia das Eingangsportal des Internats erreicht. Vielleicht hat sie in den letzten Monaten ein bisschen zu viel erlebt für eine, die vor vier Monaten sechzehn geworden ist?

Zum Glück ist sie seit ihrer Rückkehr in einer neuen Gruppe. Sie ist zwar die Jüngste, aber das ist sie sowieso überall, weil sie in der Grundschule mal eine Klasse übersprungen hat. Sie hofft, ein Jahr früher studieren zu können. Bloß raus aus dem Internat!

»Hey, Pia, haste schon gehört, heute kommt ’ne Neue. Die sieht genauso bescheuert aus wie du. Zum Glück kommt sie in deine Gruppe.«

»Du bist immer so wahnsinnig nett, Walburga. Davon kann einem richtig schlecht werden«, erwidert Pia und lässt die andere stehen. Sie möchte am liebsten sofort in die Regenstraße ziehen, ihren Traum vom Umzug in eine Jugendwohngemeinschaft endlich wahr werden lassen. Die Mädchen in der Regenstraße sind bestimmt anders drauf als die im Internat, das sieht man ihnen schon an. Hoffentlich muss sie die Zwölfte nicht wiederholen. Dann kann sie ihre Umzugspläne nämlich erst mal ad acta legen. Sie hat sich schon so oft vorgenommen, die Mädchen der Regenstraße zu besuchen, aber getraut hat sie sich bis heute nicht.

Schwester Grisaldis sagt, in die Regenstraße kommt sie vorerst nicht. Die Direktorin hat sowieso eine Menge gesagt, als Pia vor drei Wochen zurückgekehrt ist.

»So, Pia, du hast also entschieden, wieder zu uns zu kommen.«

Pia fühlt sich vor Schwester Grisaldis immer wie ein Wurm. Ihr Schreibtisch ist riesig und schwarz. Sie thront dahinter auf einem erhöhten Sessel und starrt von oben auf die Schülerinnen herab, die zu ihr müssen, wenn sie etwas angestellt haben. Ausbruch aus der Psychiatrie und vier Monate Trebe reichen dicke, um dahin zitiert zu werden.

»Ich möchte wissen, wie du dir dein Leben hier vorstellst. Zeit genug, dir darüber Gedanken zu machen, hattest du ja wohl.«

»Schwester Grisaldis, ich …« Krampfhaft versucht Pia, einen klugen Gedanken auszusprechen. Klug in ihren Augen auf jeden Fall. Aber allein schon, wie sie Pia ansieht, macht logisches Denken unmöglich.

»Ich höre, und ich habe weiß Gott nicht den ganzen Tag Zeit.« Ungeduldig trommelt die Direktorin mit ihren Fingern auf die Schreibtischplatte.

»Ja, ich habe mir Gedanken gemacht, ich meine, wo ich doch entschieden habe zurückzukommen.«

»Weiter, Fräulein Drews. Ich warte.« Die Schwester beugt sich vor.

»Ich halte es in der Gruppe von Schwester Libora einfach nicht aus. Wirklich, sie hasst mich, und das war von Anfang an so. Immer, wenn etwas passiert ist, hat sie mich dafür verantwortlich gemacht. Und die anderen Mädchen waren immer die Engel.«

»Pia, mir scheint, du hast nicht allzu viel begriffen. Meinst du vielleicht, uns ist es leicht gefallen, dich in die Psychiatrie überweisen zu lassen? Was immer die anderen Mädchen gemacht haben, du warst es, die sich hat voll laufen lassen und die sich mit Jungen herumgetrieben hat.«

Pia will schreien, aber in diesem Augenblick erhebt sich die Direktorin.

»Und es ist vollkommen gleichgültig, was die anderen Mädchen dazu beigetragen haben, denn du allein trägst die Verantwortung für dein Handeln. Du allein, hast du das verstanden?«

Absolut hoffnungslos, denkt Pia. Es hat einfach keinen Sinn. Auch sie glaubt nur den anderen.

»Sieh mich bitte an, wenn wir miteinander sprechen. Und hör mir jetzt ganz genau zu.« Die Schwester klingt fast freundlich und Pia horcht auf. Sie nickt vorsichtig. »Ich kenne dich seit mehr als fünf Jahren. Anfangs haben wir uns alle sehr große Sorgen um dich gemacht. Dann habe ich festgestellt, was für ein außergewöhnliches Mädchen du bist. Lange dachte ich, dass ein Mädchen wie du nicht in dieses Internat gehört.«

Pia sieht sie schnell an. Was meint die Direktorin damit? Ihre Stimme klingt so positiv, aber was sie sagt, ist wohl alles andere als das!

»Du bist außergewöhnlich intelligent und hast einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Bei allen möglichen Aktionen hast du viel für die Mädchen riskiert. Du hast in Kauf genommen, dich damit nicht nur bei Schwester Libora unbeliebt zu machen. Ist es nicht so, dass du dir mit deinem Einsatz für die Mädchen ihre Zuwendung erkaufen willst, uns Erwachsenen sowieso nicht traust und dir – in deiner Sprache ausgedrückt – scheißegal ist, was wir von dir denken? Ich möchte, dass du mir ehrlich antwortest, denn ich bin auch ehrlich zu dir gewesen.«

Pias Herz rast. »Könnte schon stimmen«, murmelt sie.

»Ich hatte von Anfang an hohe Erwartungen an dich. Und auch das war falsch. Auch wenn ich weiß, wie intelligent du bist. Ich habe mich in den letzten Monaten sehr dafür eingesetzt, dass du zu uns zurückkommst. Ich werde dich in eine andere Gruppe geben.«

Pia hält den Atem an. Eine andere Gruppe, vielleicht, vielleicht bedeutet das …

»Nein, Pia, ich weiß, dass du am liebsten in die Regenstraße 7 umziehen willst, aber das halte ich für viel zu früh.«

Pias Hoffnungen stürzen wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

»Ich will, dass du in die Gruppe von Schwester Arnoldis wechselst. Du bist dort die Jüngste, wie du weißt. Für dich gelten die Regeln einer 16-Jährigen selbstverständlich weiter. Solltest du dich bewähren, können wir in einem halben Jahr über einen möglichen Umzug in die Regenstraße sprechen. Hast du das verstanden?«

Pia nickt.

»Gut, dann gibt es nur noch zwei Dinge zu sagen. Erstens ziehst du noch heute in die neue Gruppe um. Zweitens möchte ich bis zum Ende dieser Woche einen Aufsatz von mindestens zehn maschinengeschriebenen Seiten von dir sehen mit dem Thema: Was bedeutet verantwortliches Handeln? Und was bedeutet dies für mich selbst, bezogen auf mein bisheriges Leben, und für meine Zukunft? Dieser Aufsatz wird sowohl in den Fächern Deutsch und Philosophie als auch im Fach Psychologie bewertet. Herzlich willkommen zurück, Pia Drews.«

Das Gespräch mit Schwester Grisaldis war wirklich verwirrend. Aber alles, was sich seitdem verändert hat, ist einfach nur gut.

Pia seufzt. Sie sieht noch einmal die Treppen hinunter, aber Walburga ist längst nicht mehr zu sehen. Na ja, wenn Walburga die Neue bescheuert findet, ist das ein gutes Zeichen. Die beiden Mädchen, die aufgenommen wurden, als Pia weg war, findet Walburga total schrecklich, und sie sind richtig gute Freundinnen geworden. Andrea, ein Mädchen aus Kolumbien, wohnt sogar mit ihr in einem Zimmer. Nesè, die andere, ist leider nicht alt genug, sie wird noch fast ein Jahr warten müssen, bis sie in Schwester Arnoldis’ Gruppe kann.

Ein Segen, dass mittlerweile nicht mehr nur verwöhnte katholische Mädchen aus reichen Familien ins Internat aufgenommen werden. Andreas Eltern verstehen sich als jüdische Atheisten. Sie sind nicht gläubig, aber trotzdem Juden. »Das ist eine Volkszugehörigkeit«, hat Andrea auf Pias verwunderte Nachfrage lachend erklärt. Nesè ist Muslimin, ihre Eltern sind in die Türkei zurückgegangen, Nesè soll nur noch die Ausbildung in Deutschland abschließen und dann nachkommen. Sie hatten wohl das Gefühl, nur in einem Mädcheninternat sei sie genügend beaufsichtigt. Wenn die wüssten, grinst Pia auf dem Weg zu ihrem Zimmer. Mädchen unter sich können die Hölle sein.

Nein, sie sind die Hölle! Zum Glück trifft das auf Nesè und Andrea überhaupt nicht zu. Sie würde gerne viel mehr Zeit mit den beiden verbringen, aber zuerst muss sie was für die Schule tun, wenn sie dieses Jahr nicht hängen bleiben will. Ein halbes Jahr Unterrichtsstoff nachholen, um die Aufnahmeprüfung für die dreizehnte Klasse zu schaffen, ist fast unmöglich. Und um die wird sie nicht herumkommen, nicht bei ihren Fehlzeiten! Wenigstens hat sie der verordnete Aufsatz in allen drei Fächern so gut wie gerettet. Sie muss es einfach schaffen, sie will mit achtzehn studieren.

Entschlossen zerrt Pia ihr Mathematikbuch aus der Schultasche und schlägt es seufzend auf.

Eine Hand haut ihr auf die Schulter und Pia fährt herum. Atemlos steht Andrea vor ihr. »Hast du eigentlich Nesè heute schon gesehen?«

»Du kannst einen wirklich zu Tode erschrecken. Guck dir das mal an, verdammt!« Pia hält Andrea ihr Heft entgegen. »Einmal quer über die ganze Seite, das habe ich dir zu verdanken.«

»Treffen wir uns mit Nesè im Keller?«

»Sorry, aber ich muss wirklich lernen.« Pia hält noch immer ihr Heft in der Hand.

»Ich helfe dir heute Abend. Du brauchst bestimmt mal eine Pause. Bis zum Abendessen ist es sowieso nur noch eine Stunde.«

Nachdenklich betrachtet Pia ihre Aufgaben. »Hast gewonnen«, grinst sie dann und wirft das Heft auf den Schreibtisch zurück.

Der den Nonnen abgetrotzte Keller ist richtig geil geworden. Es ist der einzige Raum, in dem die Mädchen wirklich ohne Aufsicht sind. Ab und zu rauchen sie hier sogar heimlich. Tja, ein Mädcheninternat ist nicht immer der Ort, den Eltern sich für ihre Kinder erträumen. Aber die Eltern von Andrea und Nesè sollen ruhig glauben, dass Nonneninternate die sicherste Sache der Welt sind, damit beide bleiben.

»Wir sollten darüber nachdenken, ob wir die Neue nicht in unseren Club aufnehmen«, fällt Nesè sofort mit der Tür ins Haus. »Die ist echt genial, glaube ich.«

»Ja, so was in der Art hat Walburga mir auch schon erzählt.« Pia lacht, als sie die verdutzten Gesichter ihrer Freundinnen sieht. »Sie meint, die Neue würde sehr gut zu mir passen. Hast du gerade was anderes gesagt, Nesè?«

Statt einer Antwort stopft sich Nesè eine Hand voll Erdnüsse in den Mund.

»Wieso sind wir überhaupt ein Club?« Pia zieht eine Grimasse.

»Na ja, mir kommen unsere Treffen manchmal genauso vor wie in dem Film Der Club der toten Dichter. Vielleicht sollten wir einen Namen für uns finden.«

»Ja klar, und jede Neue muss dann eine gefährliche Mutprobe um Mitternacht bestehen«, sagt Andrea spöttisch.

»Au ja, cool.« Nesè strahlt. »Wir schreiben einen Geheimvertrag, den jede mit ihrem Blut unterzeichnet.«

»Das ist was fürs Fernsehen, nicht fürs wirkliche Leben«, sagt Pia.

»Da habe ich dir aber mehr Phantasie zugetraut. Wirklichkeit ist schließlich das, was wir zur Wirklichkeit erklären.«

»Du solltest Philosophie studieren«, wirft Andrea ein.

»Genau das habe ich auch vor. Frau Jensch hat es mir bereits empfohlen. Und überhaupt«, Nesè beugt sich vor, um neue Erdnüsse zu nehmen, »warum reden wir nicht ernsthaft über meine Idee?«

Pia zwinkert Andrea zu. »Okay, dann erzähl mal, was du an uns so clubwürdig findest.«

»Wir sind eben anders als die anderen Mädchen hier. Das reicht doch wohl, oder?«

»Nee, so reicht mir das nicht«, widerspricht Andrea. »Anderssein und deshalb eine geschlossene Gruppe werden, finde ich superblöde.«

»Dass wir anders sind als die meisten Mädchen hier, finde ich schon auch.« Pia runzelt die Stirn. »Aber wie anders, darüber habe ich noch nicht richtig nachgedacht.« Sie lehnt sich in ihrem Sessel zurück, den sie letzte Woche erst auf einem Sperrmüllhaufen ergattert und mühselig in ihren Keller geschleppt hat.

»Na ja, Andrea und ich zum Beispiel haben keine deutsche Staatsbürgerschaft«, schlägt Nesè vor.

»Aber ich«, sagt Pia.

»Dann kann es das nicht sein.«

»Wir wollen eben etwas völlig anderes als die meisten Mädchen und deshalb sind wir anders«, versucht Andrea die Sache auf den Punkt zu bringen. Sie lächelt ein bisschen schief.

Der Gedanke, dass ihr Außenseitertum sie verbindet, hakt sich plötzlich in Pia fest. »Wir sind anders, weil wir Außenseiter sind.«

»Da ist was Wahres dran«, stimmt Andrea zu. Sie sieht Pia an. »Aber was macht dich zur Außenseiterin?«, fragt sie plötzlich, und Pia schießt die Röte ins Gesicht.

»Ich, na ja …« Ihr bricht der Schweiß aus.

Andrea sieht sie nachdenklich an.

»Na ja, ich bin zum Beispiel nicht reich und würde normalerweise in einem ganz gewöhnlichen Heim leben. Das ist wahrscheinlich, was mich anders macht.« Pia lässt sich ihren Gedanken noch einmal durch den Kopf gehen. »Ja genau, bei allen anderen Mädchen zahlen die Eltern den Aufenthalt ihrer Töchter selbst. Bei mir bezahlt das Jugendamt.« Pia schweigt erschrocken. Das wollte sie nicht sagen.

»Das könnte hinkommen«, sinniert Andrea. »Und warum bist du dann hier und nicht im Heim?«

»Stimmt«, ereifert sich Nesè. »Von dir wissen wir fast gar nichts. Ich habe euch meine halbe Lebensgeschichte erzählt, und von Andrea weiß ich auch schon eine Menge. Aber du hast ein unnachahmliches Geschick darin, allen Fragen über dich auszuweichen. Ich weiß, dass du eine Ewigkeit hier bist, dass die Nonnen dich in die Psychiatrie gesteckt haben«, Nesè schüttelt sich, »und dass du auf Trebe warst. Aber warum, wieso, weshalb, darüber weiß ich nichts. Tja, Pia Drews, du bist definitiv total verschwiegen.«

Andrea nickt. »Nesè hat Recht, Pia. Vielleicht sollten wir einen Club für Mädchen gründen, die außergewöhnliche Geschichten haben.«

Pia grinst schwach.

»Genau, und die Bedingung für die Aufnahme ist, dass ein Mädchen ihre Geschichte erzählen muss«, nimmt Nesè den Faden auf. Beide sehen Pia triumphierend an.

»Okay, wenn das so ist, dann verzichte ich auf die Clubzugehörigkeit«, flüstert Pia und springt auf. Ohne sich noch einmal umzudrehen flieht sie aus dem Keller.

»Pia, hey, bleib stehen.«

Pia läuft schneller. Sie ist ein Ass in Sport, im Gegensatz zu Andrea, der es bestimmt verdammt schwer fällt, sie einzuholen. Und das soll es auch. Pia will nicht reden. Ihre Geschichte geht niemanden etwas an. Niemanden, wiederholt sie mit jedem Schritt. Plötzlich fühlt sie eine Hand an ihrem Pulloverärmel.

»Pia, bitte, bleib jetzt stehen.« Andrea ist völlig außer Atem.

Pia stoppt abrupt und dreht sich um. Sie funkelt die Freundin an.

»Es tut mir Leid, total Leid. Es war doch gar nicht ernst gemeint.«

»Hey, Scheiße, du weinst ja.« Erschrocken nimmt Pia Andreas Hand.

»Ich dachte, du redest nie wieder mit uns. Das klang absolut ernst. Richtig endgültig.« Umständlich wischt Andrea die Tränen mit ihrem Pulloverärmel ab. »Kommst du jetzt bitte zu uns zurück?«

Pia nickt verwirrt. Hat sie wirklich so endgültig geklungen?

»Noch ’ne Cola da?«, fragt sie, als sie sich wieder in »ihren« Sessel fallen lässt.

»Da biste ja wieder.« Nesè versucht lässig zu wirken, aber Pia merkt, dass ihr überhaupt nicht so zumute ist.

»Tut mir Leid«, sagt sie. »Ich wollte euch nicht erschrecken. Manchmal bin ich wohl ein bisschen zu empfindlich.«

Eine Weile sagt keine etwas.

»Also, ich hab mir überlegt«, setzt Pia an, »wenn ihr wirklich wissen wollt, wie das war, bevor ich in die Klapse kam, erzähle ich es euch. Nach dem Abendessen.«

»Nur wenn du willst«, erwidert Nesè vorsichtig.

Pia grinst. »Und bekommt unser Club jetzt einen Namen?«

Alle sehen sich an. Andrea nickt unmerklich. Nesè ist sowieso Feuer und Flamme. Ist schließlich ihre Idee.

»Also, er muss damit zu tun haben, dass wir alle nicht so richtig hierher gehören«, denkt Andrea laut.

»Und damit, dass wir immer ehrlich zueinander sind, auf alle Fälle zusammenhalten und uns gegenseitig helfen«, führt Nesè den Gedanken weiter.

»Nennen wir uns doch die ›Independence Girls‹«, schlägt Pia vor.

»Zu kompliziert«, wehrt Nesè ab.

»Die ›No-Names?‹« Andrea sieht aber selbst schon so zweifelnd aus, dass es überflüssig ist, etwas dazu zu sagen.

»Wir nennen uns die ›Pinas‹.« Nesè wirft einen kühnen Blick in die Runde. »Da sind alle unsere Namen drin. Die ersten beiden Buchstaben von Pia, das N von mir und das A von Andrea. Was sagt ihr?«

»Und was machen wir, wenn wir eine Neue aufnehmen wollen?« Pia ist noch nicht überzeugt, obwohl Nesès Idee eindeutig die beste ist.

»Wir sind die Gründerinnen, also beschließen wir den Namen. Die, die später kommen, müssen sich eben damit einverstanden erklären.«

»Okay, vielleicht lassen wir es erst mal dabei«, zögert Pia.

Der Keller sieht im Kerzenlicht wirklich aus, als fände hier ein ultrageheimes Treffen statt. Die Mädchen blinzeln sich verschwörerisch zu.

»Auf uns Pinas.« Nesè senkt verschwörerisch die Stimme und sie stoßen mit Bananenkirschsaft auf ihren Club an.

»Das neue Mädchen finde ich echt interessant«, eröffnet Pia das Gespräch. Ihr Herz rast.

Komisch ist das mit Phil. So heißt die Neue. Philomena eigentlich, aber das ist wirklich ein blöder Name. Phil dagegen klingt richtig gut. Manchmal sind Eltern schon merkwürdig, denkt Pia. Phil ist nach einer Jugendromanfigur benannt. Viel mehr hat sie ihr noch nicht erzählt.

Leider sitzt sie am Nebentisch. Jedes Mal, wenn sie beim Abendessen zu Pia herübergeschielt hat, ist Pia schlagartig heiß geworden und ihr Bauch hat wie verrückt gekribbelt. Hat sie sich so ein Magen-Darm-Ding eingefangen?

Mit der Aufnahme in einen geheimen Mädchenclub wollte sie Phil nicht schon am ersten Abend überfallen. Außerdem hat sie sich fest vorgenommen, nur Andrea und Nesè zu erzählen, weshalb sie in dieses Internat gekommen ist. Ganz schlecht wird Pia bei dem Gedanken. Sie will auf keinen Fall, dass diese Geschichte das Erste ist, was Phil von ihr erfährt.

»Pia, was ist? Träumst du?« Zwei Augenpaare mustern sie gespannt.

»Oh nein, ’tschuldigung.« Pia schüttelt die Gedanken an Phil ab. »Alles, was wir uns hier erzählen, bleibt unter uns, ja?«

»Na, das ist doch wohl klar.« Fast empört sieht Nesè Pia an.

»Logo, versprochen«, sagt Andrea.

»Und? Wo soll ich anfangen? Damit, wie ich hergekommen bin, oder damit, wie ich von hier wegkam?« Pia grinst etwas schief. Komische Zusammenfassung meiner Geschichte, denkt sie.

»Am Anfang«, entscheidet Andrea, und Nesè nickt.

2. Kapitel

September 1993

Mathematik ist ganz einfach. Die Zahlen tanzen einen wilden Reigen auf den Rechenkästchen. Rechnen ist wie zaubern, denkt Pia fasziniert, wie neue Welten erfinden. Das Tolle ist, dass es dabei feste Regeln gibt, die keiner, keiner einfach umwirft.

In der neuen Klasse kennt Pia noch niemanden. Das ist das einzig wirklich Traurige an ihrem Klassensprung. Zu gerne wäre sie weiter mit Lotte und Sophia in eine Klasse gegangen. Und mit Max. Wenn es dort nur nicht so schrecklich langweilig gewesen wäre.

Jetzt ist sie mit zehn Jahren schon in der sechsten Klasse, und die anderen Kinder sind mindestens ein Jahr älter. Das schüchtert Pia ein. Bei ihren ersten Arbeiten hatte sie großes Herzklopfen. Sie ist nicht mehr die Beste, aber keine Arbeit ist bisher schlechter als Drei. Englisch ist am schwersten, da fehlt ihr das erste Jahr. Aber sie liebt fremde Sprachen. Am liebsten will sie ab dem nächsten Jahr auch noch Spanisch lernen. Sprachen und Mathematik – das sind ihre Steckenpferde. Die Mathearbeit findet Pia superleicht. Sie will unbedingt studieren. Das wusste sie schon mit sechs. Bloß nicht so wie Mama leben, die nur zu Hause herumsitzt und auf die Kinder aufpasst, und auch nicht wie Papa, der jeden Tag in die Fabrik und danach in die Kneipe geht. Und Mama muss dann jeden Pfennig umdrehen, weil Papa den halben Lohn versäuft.

»Pia, kommst du bitte mit mir.«

Sie sieht erschrocken hoch. Wieso steht denn der Direktor vor ihr? »Ich schreibe gerade eine Mathematikarbeit.« Hilfesuchend sieht sie ihre Lehrerin an.

»Das ist schon in Ordnung. Du kannst deine Arbeit morgen zu Ende schreiben.«

Was geht hier vor? Krampfhaft überlegt sie, was sie angestellt haben könnte. Zum Direx muss man nicht ohne Grund. Ängstlich folgt sie ihm den langen Schulflur entlang.

Eigentlich wirkt er nicht wütend. Im Gegenteil, seine Stimme klingt ganz ruhig. Pia hat das Gefühl, ein Riesenwasserfall dröhnt an ihren Ohren vorbei. Sie versteht kein Wort von dem, was der Direktor erzählt. Sie war erst einmal bei ihm. Als sie die Klasse überspringen durfte. Auch da war er ausgesprochen nett zu ihr. Er wird sie doch heute nicht noch eine Klasse überspringen lassen?

»Komm herein, Pia.« Im Zimmer des Direktors sitzen schon einige Leute, und Pia sieht ihn fragend an.

»Das ist Frau Geritz vom Jugendamt, und das sind Polizeioberkommissar Benz und Frau Hauptkommissarin Gutenberg. Setz dich doch.«

Pia wird schwindelig. Jugendamt? Polizei? Oh Gott. Mechanisch setzt sie sich auf den hingeschobenen Stuhl.

»Wir sind hier, weil wir dir sagen wollen …« Die Stimme von Frau Geritz verliert sich irgendwo auf dem Weg zu Pia. »Dein Vater …« Wieder bricht ihre Stimme ab.

»Wir mussten deinen Vater heute Morgen verhaften, Kind«, sagt nun der Polizist.

Was? Sie haben Papa mitgenommen? Das muss ein Irrtum sein. »Nein.« Sie schüttelt heftig den Kopf.

»Hör zu, wir möchten dich von einer Ärztin untersuchen lassen. Frau Geritz wird bei dir sein, und dir wird nichts passieren.«

Pia schreit. Sie ballt ihre Hände zu Fäusten. Niemand wird sie von der Schule wegschleppen.

Sie geht einige Schritte auf den Direktor zu, der bleich hinter seinem Schreibtisch sitzt. Er sieht weg, als Pia vor ihm steht. »Herr Direktor«, flüstert sie.

»Pia, bitte«, sagt er tonlos. »Bitte geh mit. Es ist wichtig.«

»Und morgen darf ich meine Mathematikarbeit zu Ende schreiben?« Das ist gar nicht echt. Nur ein Spiel, sagt sich Pia verzweifelt.

»Ja, natürlich. Du hast doch gar nichts getan.« Jetzt sieht der Direktor sie doch an. »Geh heute mit, Pia, und morgen sehen wir uns wieder. Versprochen.« Er lächelt sogar, und Pias Herz beruhigt sich langsam.

Die Ärztin stellt fest, worüber Pia niemals sprechen wollte. Nur einmal hat sie versucht, es ihrer Mutter zu sagen. Doch als sie anfing zu weinen und den Finger auf ihre Lippen legte, schwieg Pia. Der Schmerz in ihren Augen war zu entsetzlich. Die Mutter wollte es nicht wissen.

»Dein Vater, er hat dir Gewalt angetan.« Die Stimme der Ärztin klingt bestürzt und ein bisschen wütend.

»Nein«, stammelt Pia. »Das ist nicht so schlimm. Wirklich. Papa soll nicht gehen.«

»Er muss gehen. So etwas darf ein Vater nicht tun.« Die Augen der Ärztin sind gütig.

Pia weiß nicht, was sie sagen soll. »Ich habe das niemandem erzählt«, flüstert sie plötzlich, und eine dicke Träne fällt auf ihre Jeans.

»Ich weiß«, antwortet die Ärztin, »du hast es nicht erzählt. Aber zwei andere Mädchen haben ihren Eltern erzählt, dass dein Vater auch ihnen Gewalt angetan hat. Die Eltern der beiden haben deinen Vater angezeigt.«

»Welche Mädchen?«, fragt Pia, obwohl sie die Antwort schon weiß.

»Lotte Andrews und Sophia Berg …« Pia rast einen Abgrund hinunter. Es wird schwarz um sie und sie stürzt, stürzt, stürzt.

Pia wird krank. Die Mathematikarbeit schreibt sie nie zu Ende. Drei Wochen liegt sie zu Hause im Bett. Nur Schweigen um sie, Schweigen und bleischwere Leere. Die Mutter sitzt manchmal stumm bei ihr. Der Vater darf bis zum Prozess zu Hause bleiben. Pia sieht ihn nicht, aber sie hört ihn mit der Mutter reden. Manchmal hört sie die beiden auch nachts. Dann stopft sie schnell ihre Kopfhörer in beide Ohren und hört laut Musik. Dieter, ihr kleiner Bruder, fängt plötzlich an zu stottern und wieder ins Bett zu pinkeln. Dabei ist er schon neun!

Frau Geritz vom Jugendamt kommt vorbei. Pia geht es noch immer nicht besser. Die Frau spricht lange mit Mama. Und am Abend hat Mama verweinte Augen. Stumm streichelt sie Pias Arm. Immer wieder. »Piaken, et tut mir so Leid. Ach, Piaken.« Das ist alles, was die Mutter sagt.

Als Frau Geritz das zweite Mal kommt, packt Mama Pias Sachen in einen großen Koffer. Warum? Ihr geht es doch seit einer Woche viel besser! Sie ist auch wieder zur Schule gegangen. Ein bisschen hat sich alles angefühlt wie in einem Traum. Sie fühlt sich befangen in der neuen Klasse. Die Verhaftung des Vaters hat in der Zeitung gestanden. Alle wissen es jetzt, und Pia kommt sich dreckig vor. Sie schämt sich entsetzlich. Sie findet keine Freunde in der Klasse. Auch mit Lotte und Sophia kann sie nicht mehr sprechen. Ein unüberwindbarer Graben liegt zwischen ihnen. Immer, wenn ihre Klassenkameraden die Köpfe zusammenstecken, reden sie bestimmt über sie. Pia fühlt sich nackt. Niemand spricht mit ihr über das, was in der Zeitung steht. Sie hat das Gefühl, alle behandeln sie, als hätte sie eine ansteckende Krankheit.

Nicht der Vater ist ins Gefängnis gekommen. Sie ist es, die eingemauert wurde an dem Tag, an dem der Direx sie aus ihrem neuen Klassenzimmer holte.

»Pia, dat Fräulein vom Jugendamt, dat bringt dich jetzt in ein schönet neuet Zimmer«, sagt die Mutter. »Dat is nich für immer«, fügt sie beschwörend hinzu, als Pia sich entsetzt unter dem Tisch versteckt wie vor vielen, vielen Jahren, wenn sich die Eltern gestritten haben.

»Mama, ich habe doch gar nichts getan.« Pia weint.

»Nein, Kind, natürlich nich.« Die Mutter sieht hilflos aus.

»Piaken, mein Kleinet, et is ja vielleicht nich für lang, aber glaub et mir. Dat is besser im Moment. Und du besuchst uns, ja, mein Kleinet?« Wieder sieht die Mutter sie so an wie damals, als Pia versuchte, ihr zu sagen, was der Vater mit ihr tat.

Pia krabbelt unter dem Tisch hervor. Nicht dieser Schmerz. Nein, nicht dieser Schmerz. »Ist ja gut, Mama«, sagt sie leise und streicht der Mutter über die Hand. »Ich hab dich lieb, Mama.«

Die Mutter nimmt Pia in die Arme. »Ich liebe dich, Kleinet«, sagt sie.

»Ich weiß, Mama, ich weiß.«

Im Keller ist es totenstill. Pia sieht unsicher von Andrea, die sich neben sie gesetzt hat, zu Nesè und zurück.

Nesè wischt sich eine Träne aus den Augenwinkeln. »Scheiße«, murmelt sie.

Pia spürt erst jetzt, dass Andrea den Arm um sie gelegt hat und vorsichtig ihren Rücken streichelt.

»Danke für dein Vertrauen«, sagt Andrea.

Gut, dass sie es den beiden erzählt hat. Nur was hat sie eigentlich gesagt? Sie räuspert sich, und Andreas Hand auf ihrem Rücken verharrt in der Bewegung.

»Das ist komisch gewesen mit dem Erzählen«, sagt Pia und ihre Stimme krächzt.

»Was meinst du mit komisch?«, fragt Andrea.

»Es ist schwer zu erklären. Es fühlt sich an wie … wie ein Sprung zurück in meine Geschichte. Ein Zeitsprung sozusagen. Diese Zeit«, fährt sie plötzlich atemlos fort, »kommt zurück, als würde alles noch einmal geschehen, genau so wie es vor über fünf Jahren war.«

Andrea nippt an ihrem Glas. »Stimmt, jetzt wo du es sagt, fällt es mir auch auf. Ich habe die Szenen, die du beschrieben hast, ganz deutlich vor mir gesehen.«

»Ging mir genauso.« Nesè wischt sich noch einmal über die Augen. »Es dauert vielleicht, bis du mal redest. Aber wenn du es dann tust, geht es einem verdammt nah«.

»Jetzt reden wir von etwas anderem, ja? Sonst platz ich vor Verlegenheit«, bittet Pia.

»Unser Zusammenwohnen ist übrigens megaklasse, erwähnte ich das schon?«, wechselt Andrea sofort das Thema.

»Nee, tatest du nicht«, grinst Nesè. »Dann seid ihr wohl jetzt ein Liebespaar?«

Pia fährt erschrocken hoch.

»Aua.« Andrea hält sich das Kinn. »Ich hätte mir fast die Zunge abgebissen.« Tränen schießen ihr in die Augen.

»Oh, Mann, Andrea, entschuldige.« Wütend funkelt Pia Nesè an, doch die grinst weiter. »Freut dich wohl«, faucht sie und versteht selbst nicht, wieso sie so auf Nesès Provokation abfährt.

»Bleib cool«, meint Nesè. »Es gibt Schlimmeres als sich in ein Mädchen zu verlieben.«

Pia kneift die Augen zusammen. »Was soll das denn heißen?«

»Dass du manchmal ganz schön impulsiv bist, zum Beispiel.«

Pia wirft mit einer Salzstange nach ihr. Ihr Ärger ist genauso plötzlich verflogen, wie er aufgeflammt war.

»Klar sind wir ein Liebespaar«, schmunzelt Andrea. »So wie die Mädchen aus der Regenstraße.«

»Die Mädchen aus der Regenstraße sind andersrum?« Wieso wissen immer alle Bescheid, nur sie nicht? Pia rutscht unruhig auf der Couch hin und her. »Nun sag doch mal«, bohrt sie. »Woher weißt du das?«

»Erstens bin ich mit Hannelies befreundet, und die wohnt ja da, und zweitens hab ich Augen im Kopf.«

»Alle Mädchen?« Pia kann es nicht fassen.

»Nein, nicht alle Mädchen, aber mindestens zwei«, gibt Andrea bereitwillig Auskunft. »Eine ist mit einem Mädchen hier aus dem Internat zusammen und die andere hat eine Freundin in Köln.«

»Also«, sagt Pia langsam, »für mich wäre das nichts.« Die Worte tun ihr weh, aber sie muss sie sagen. Unbedingt!

»Wie spät ist es eigentlich?«, unterbricht Nesè und sieht lässig auf ihre Uhr. »Oh-oh, schon Viertel nach zehn. Ich muss mich jetzt an der ollen Libora vorbeischleichen, während ihr weit weg von Schwester Arnoldis laut pfeifend in euer gemeinsames Zimmer spazieren könnt.« Sie zieht einen Schmollmund.

»Bald kommst du auch raus aus der Horrorgruppe«, tröstet Pia sie, und Nesè steht ächzend auf.

»Okay, ich werde der Libora sagen, dass du mich dazu verführt hast, gegen die Hausordnung zu verstoßen. Dagegen spricht doch wohl nichts?« Nesè zieht die rechte Augenbraue hoch. Das kann keine so gut wie sie.

»Kein Problem«, steigt Pia ein. »Mehr unten durch kann ich bei der gar nicht sein.«

»Sie hat dich in die Psychiatrie gebracht?«, schaltet Nesè sofort.

»Wer sonst?« Pia ist aufgestanden und hält Andrea ihre Hände hin. »Na los, altes Faultier. Ich helf dir hoch.«

Als Pia im Bett liegt, geht ihr Nesès Frage durch den Kopf. Andrea und sie ein Liebespaar? Vorsichtig schielt sie zu ihrer Freundin hinüber, die tief und fest schläft.

Wie ist Nesè darauf gekommen? Und wieso hat sie darauf so heftig reagiert? Irgendwie hat sie sich ertappt gefühlt. Bescheuert, wieso ertappt? Zwischen ihr und Andrea spielt sich überhaupt nichts ab. Nichts jedenfalls, was mit Liebespaar zu tun hat. Pia schüttelt den Kopf. Und dann fällt ihr das neue Mädchen wieder ein. Phil!

Plötzlich sieht sie Phils Gesicht wieder genau vor sich, und ihr wird heiß. Erschrocken versucht Pia das Bild abzuschütteln. Katzengrüne Augen, etwas schräg gestellt, und Tausende von Sommersprossen, die einen wilden Tanz vollführen, wenn sie lacht. Und die dunkelbraunen Locken erst. Pia denkt an Phils Hände. Wie sie Brot bestreichen, eine Locke hinters Ohr stecken, einen Ball auffangen und wieder wegwerfen, wie sie ihre Worte mit Gesten untermalen.

Wie sie ihre Haut streicheln. Eine heiße Welle steigt Pia in den Kopf und sie spürt ihre Mitte feucht werden. Sie ist verwirrt. Verwirrt und glücklich. Vorsichtig tasten ihre Finger sich nach dorthin vor. Sie schließt die Augen. Stellt sich Phils Hände vor. Als sie aufstöhnt, reißt sie erschrocken die Augen auf. Hat Andrea sich gerade bewegt? Pias Herz galoppiert. Nein, Andrea atmet genauso ruhig und gleichmäßig weiter wie vorhin.

In der Bravo steht fast jede Woche irgendwas über Selbstbefriedigung. Sie betonen immer, wie normal das ist. Und wie normal erotische Phantasien sind. Pia ist sich nicht sicher, ob die Bravo das auch noch findet, wenn ein Mädchen sich vorstellt, von einem Mädchen angefasst zu werden. Sie will nicht aufhören sich zu streicheln. Vielleicht müsste sie sich mit Händen und Füßen dagegen wehren. Morgen, tröstet sie sich. Morgen kann sie immer noch darüber nachdenken, ob sie jetzt pervers ist oder einfach nur die nächste Kandidatin für die Regenstraße.

3. Kapitel

Ende März 1999

»Pia, wach endlich auf.« Andrea steht schon völlig angezogen vor ihr. »Das ist das dritte Mal, dass ich dich wecke. Das Frühstück hat vor fünf Minuten angefangen und ich habe mächtig Hunger.«

»Alles klar, bin schon im Bad. Reservierst du mir ’nen Kaffee, sonst steh ich den Tag nicht durch.«

Atemlos und mit nassen Haaren taucht sie zehn Minuten nach Andrea im Speisesaal auf. Hey, wieso sitzt du denn heute auf meinem Platz, will sie gerade zu Gudrun sagen, als sie bemerkt, dass der Platz neben Phil dadurch frei geworden ist. Für eine Sekunde setzt ihr Herz aus und sie beißt sich auf die Zunge. »Guten Morgen, Gudrun«, schaltet sie um. »Ich setz mich dann einfach auf deinen Platz.«

Schwester Arnoldis wirft ihr einen ärgerlichen Blick zu, und Pia lässt sich schnell auf den freien Stuhl fallen.

»Hey, hast wohl verschlafen.«

Diese Augen. Pia spürt, wie sie knallrot wird. »Ja, war ’ne anstrengende Nacht«, würgt sie hervor. Als sie sich Kaffee eingießen will, rutscht ihr die Kanne aus den schweißnassen Händen und ein Schwall ergießt sich über Pia, Phil und das weiße Tischtuch. »Oh nein, das tut mir Leid. So ein Mist.« Hektisch versucht Pia, den Schaden an Phil mit einem Tempo wieder gutzumachen. Sie bloß dabei nicht ansehen. Vor Scham würde sie am liebsten im Boden versinken. Als sich ihre Blicke doch treffen, lachen Phils Augen. Sie ist offensichtlich amüsiert. Pia setzt sich erst mal hin.

»Sehr erfreut, dich kennen zu lernen«, sagt Phil. »Diese Hose konnte ich noch nie leiden. Ich zieh sie nur an, damit sie sich nicht so schlecht fühlt, denn schließlich kann sie ja nichts für meinen Geschmack.«

Was für ein merkwürdiger Gedanke. Als könnten Gegenstände denken oder fühlen. »Ich finde, du siehst toll darin aus.« Mein Gott, was bin ich nur für ein Idiot. Erschrocken stellt Pia fest, dass sie schon wieder knallrot wird. Pia Drews, am besten, du hältst einfach deine Klappe. Redest nicht und bewegst dich nicht.

»Die Hose gefällt dir?«

Pia nickt vorsichtig. Sie steht Phil total gut, echt. Dunkelbrauner Cordstoff, unten ein Riesenschlag, aber oben hauteng.

»Willst du sie haben?«, erkundigt sich Phil.

»Nee, nee, mir steht so was nicht«, wehrt Pia ab. Sie trägt immer Bluejeans. Röhrenschnitt. Und irgendwelche langen Oberteile. Figurbetont? Nie im Leben!

»Ach, aber an mir gefällt sie dir?«

Pia nickt nochmals.

Phil beißt von ihrem Brötchen ab.

Pia weiß nicht mehr, was sie sagen soll. Sie trinkt schnell ihren Kaffee, schüttet sich noch einen zweiten ein. Hunger hat sie überhaupt nicht. Sie schmiert sich trotzdem ein Brot, nur um etwas in den Mund stecken zu können. Mit vollem Mund muss man bekanntlich nicht reden.

»Hast du heute Nachmittag schon etwas vor?«, fragt Phil, und Pia schüttelt heftig den Kopf, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. »Spielst du Tischtennis?«, will die Neue wissen.

Pia nickt.

»Treffen wir uns heute Nachmittag?«

Wieder ein Nicken.

»Hast du irgendwie auch eine Stimme?«

»Ja, ich, klar, natürlich. Also, wie wär’s um drei?«

Phil ist einverstanden.

Pia fühlt die Blicke aller Mädchen auf sich gerichtet. Sie werden sich bestimmt das Maul zerreißen. »Unten am Portal und dann gehen wir zuerst in die Stadt. Du bist doch neu hier. Und zum Schluss gehen wir ins Jugendzentrum.« Bloß keine Zuschauerinnen im Internat. Das überlebt Pia nicht.

»Ich habe gehört, dass es hier sehr gute Platten gibt. Sowohl in der Außenanlage als auch im Keller.«

»Nee. Nee, du. Die im Jugendzentrum, die sind um Klassen besser. Und die Kellen dort sind der Hammer«, beeilt sich Pia zu versichern.

»Na ja, du wirst das beurteilen können.«

Von wegen. Die besten Platten im ganzen Ort sind genau hier im Internat, und unter Drei-Sterne-Kellen läuft gar nichts, denkt Pia. Aber das kann sie Phil irgendwann erklären.

»Warst du schon mal beim Mädchentag?« Phil hat sich noch vor Schulbeginn umgezogen. Sie trägt jetzt einen schwarzen Minirock und Turnschuhe.

Pia ist hingerissen. »Ja, zwei-, dreimal. Aber es ist echt öde. Die Mädchen sitzen nur rum und reden über Jungs oder Schminke, und die Pädagogin versucht dann, auf irgendwas anderes abzulenken. Ich meine, wer drauf steht …« Pia zuckt mit den Schultern.

»Und worüber würdest du dich gern unterhalten?«, fragt Phil. Und hat prompt Pias Schmetterball verpasst. »Das war aber nicht fair.« Richtig sauer ist sie nicht. »Cola?«, fragt sie stattdessen.

»Oh ja, Cola und kurze Pause.«

»Aber nicht umschütten, okay?«

Schon wieder wird Pia rot. Vor der Theke steht sie ganz nah neben Phil. Sie kann sie fast berühren. Pia hält sich sicherheitshalber an dem schwarz lackierten Holz fest. Ihre Beine fühlen sich wie Pudding an.

Phil scheint es nicht so zu gehen. Sie trägt beide Gläser ganz selbstverständlich zu einem der kleinen wackligen Holztische, ohne dass auch nur ein einziger Tropfen danebengeht. Und dabei hat der Junge am Tresen beide bis zum Rand gefüllt. Kein Wunder, so wie Phil ihn angeflirtet hat. Und so wie sie aussieht. Phil flirtet anscheinend gern.

Kaum sitzen sie, kommt der Thekenjunge auch schon auf sie zu. »Kann ich noch irgendwas für dich tun?«

Pia beachtet er gar nicht. Kein Junge beachtet sie. Das fällt ihr heute zum ersten Mal auf. Na ja, schließlich trägt sie keine Miniröcke. Und sie flirtet auch nicht.

Halb fasziniert und halb verärgert beobachtet Pia die beiden. Für die scheint sie überhaupt nicht mehr zu existieren. Jetzt fordert der Junge Phil auch noch zu einer Runde Tischtennis auf.

»Pia, du hast doch nichts dagegen, wenn ich mit Rainer ein Match austrage?«

Soll sie schreien, um sich schlagen, ihn zusammentreten? »Natürlich nicht«, gibt sie nervös zurück.

Pia weiß plötzlich nicht mehr, wohin mit ihren Händen, ihren Füßen. Obwohl es ihr wehtut, Phil flirten zu sehen, kann sie nicht weggucken. Und schon gar nicht gehen. Sonst ist der Laden hier immer brechend voll, und heute? Kein Schwein lässt sich sehen. Vielleicht sollte sie etwas bestellen, schließlich muss der Typ sie bedienen. Langsam schlendert sie die paar Schritte zur Tischtennisplatte. »Ich will noch ’ne Cola.«

»Bedien dich einfach selbst, okay? Du siehst ja, ich bin beschäftigt.«

Vor Wut bleibt Pia fast die Luft weg. Sie schnappt sich hinter der Theke ein Glas, überlegt kurz, alles in Schutt und Asche zu legen, bückt sich dann aber nur, um die Cola aus dem Kühlschrank zu holen. Als sie wieder hochkommt, sind Rainer und Phil verschwunden.

Wo sind die in den paar Sekunden hin? Spinnt die, sich einfach davonzumachen? Pia knallt das Glas wütend auf die Theke und die Flasche landet mit einem Knall in der Spüle. Was, wenn der Typ grade irgendwas mit ihr macht? Vielleicht hat er sie ja auch in eine dunkle Ecke gezerrt und …

Pia sieht sich beunruhigt um. Sie kann jedenfalls nicht ohne Phil zurück ins Internat. Schließlich sind sie zusammen hergekommen. Wenn sie Phil gefunden hat, kann sie ihr immer noch die Meinung sagen.

Sie versucht sich zu erinnern, wo im Jugendzentrum welche Räume liegen. Links die Mädchenklos, daneben die Disco. Pia schleicht in die Toilette. »Phil, bist du hier?«, ruft sie leise. Sie geht von Kabine zu Kabine. Im Mädchenklo ist niemand.

Sie geht weiter bis zur Disco. Ein Lichtschein fällt durch die nur angelehnte Tür. Pia hört leise Musik. Vorsichtig öffnet sie die Tür einen Spalt weiter. Da läuft ihr Lieblingsstück von Mariah Carey. Pia schlüpft schnell hinein.

Die Lichter tauchen den dämmrigen Raum in Discostimmung. Endlich erkennt sie direkt vor sich einen Pfeiler, weiter links eine Art Sitztribüne. Sie tastet sich dorthin vor und setzt sich auf die äußerste Kante. Die Tanzfläche ist leer. Seltsam, irgendjemand muss die Beleuchtung und die Anlage doch angeworfen haben? Suchend lässt Pia ihren Blick durch den Raum wandern. Nein, niemand zu sehen.

Das Stück ist zu Ende. Die plötzliche Stille ist gespenstisch, und Pia hält automatisch den Atem an. War da nicht grade ein Lachen? Ja, eindeutig. Phils Lachen. Aber von wo kommt es?

Die Musik setzt wieder ein. Noch mal das gleiche Stück. Plötzlich entdeckt Pia eine kleine Kabine hinter der Tanzfläche. Die Anlage und das Mischpult sind dort eingeschlossen. Ein Raum, gerade groß genug für zwei.

Die Tür öffnet sich und Pia rutscht instinktiv etwas weiter Richtung Ausgang. Fast verliert sie das Gleichgewicht.

Rainer und Phil gehen Hand in Hand in die Mitte der Tanzfläche. Rainer legt seinen Arm um sie und sie rückt nah an ihn heran. Er zieht sie noch näher zu sich. Die beiden Körper bewegen sich rhythmisch und eng zusammen. Phil schmiegt sich an den Jungen. Ihr Kopf ruht auf seiner Schulter. Willig lässt sie sich von ihm führen. Seine Hand gleitet langsam an ihrem Rücken hinunter. Davon, dass Phil sich wehrt, kann keine Rede sein. Im Gegenteil. Seine Hand hat jetzt ihren Po erreicht.

Pia hält sich krampfhaft an der Kante der Tribüne fest. Sie müsste verschwinden, raus aus dem Laden. Aber sie ist wie gelähmt. Sie kann ihre Augen nicht von dem Paar lassen. Widerwillen mischt sich mit Faszination. Es erregt sie, Phil so zu sehen.

Seine Hand streichelt ihren Po.

Plötzlich legt Phil ihren Kopf in den Nacken und lässt sich von ihm küssen. Sie drängt sich weiter an ihn und er küsst sie immer wilder.

Als er ein Bein zwischen ihre schiebt und sie ihn weiterküsst, stürzt Pia aus der Disco.

Tränenüberströmt rennt sie den ganzen Weg bis zum Internat. Ihr Herz rast, ihre Hände zittern, in ihr ein einziger Schrei. Es tut so weh, dass sie glaubt, in der Mitte zerrissen zu werden.

Andrea ist zum Glück nicht da, und Pia legt sich aufs Bett. Ihr Körper fühlt sich heiß an, aber sie friert. Erst als sie unter ihrer Bettdecke liegt und noch eine Wolldecke über sich geworfen hat, wird ihr langsam wärmer.

Sie ist wütend auf sich selbst, auf Phil und wieder auf sich selbst.

Natürlich will Phil, dass ein Junge sie anfasst. Das ist schließlich normal. Was ist nur in sie gefahren? Und wieso regt sie sich darüber auf? Richtig, sie war mit Phil zum Tischtennisspielen verabredet. Phil hat sie sogar dazu eingeladen. Vielleicht ja nur, um den erstbesten Typen aufzureißen. Sind eigentlich außer Andrea und Nesè alle Mädchen so?

Wieso hat Nesè sie gefragt, ob sie und Andrea ein Liebespaar sind? Pia stellt sich Andreas Gesicht vor. Ihre Hände, ihr Lachen. Wie sie den Schulflur entlangläuft. Bei schwierigen Aufgaben auf ihrem Füller kaut. Immer wieder schiebt sich das Gesicht von Phil dazwischen.

Andrea löst nicht solche Gefühle in Pia aus. Sie versucht es mit Nesè. Aber auch sie ist einfach nur eine gute Freundin, nicht mehr.

Pia ist verwirrt. Es hat sie erregt, Phil so erotisch zu sehen. Gleichzeitig schämt sie sich, eine so sexuelle Szene auch noch erregend zu finden. Und ist wütend, dass Phil sie auf diese miese Art hat sitzen lassen.

Dabei sieht der Typ nicht mal besonders gut aus. Na ja. Eigentlich, muss sie zugeben, sieht der Typ sogar ziemlich gut aus. Aber muss Phil sich deswegen so an ihn ranschmeißen? Die kennen sich doch gar nicht. Wer weiß, vielleicht haben sie es schon getan? Auf der Tanzfläche oder in der Kabine oder auf einer der Couchs. Es – das, was die Bravo jede Woche auf etlichen Seiten beschreibt. Als ob Mädchen nur im Kopf hätten, wann sie ihn wo und wie dazu kriegen, dass er dieses Ding in sie reinsteckt.

Die Nonnen halten die Bravo ja für Teufelszeug. Pia nicht. Obwohl sie gerade genauso moralisch denkt, wie die Nonnen reden. Bei den anderen Mädchen ist es ihr egal. Aber nicht bei Phil.

»Hey, worüber brütest du denn? Ich dachte, du bist mit Phil im –« Die letzten Worte bleiben Andrea im Hals stecken.

»Und ich dachte, du bist beim Basketball?«

»War ich auch. Aber jetzt bin ich hier.« Andrea setzt sich ans Fußende von Pias Bett. »Bist du krank oder was?«

»Nee, hab bloß einen beschissenen Nachmittag hinter mir.«

»Wieso? Habt ihr euch gestritten?«

»Nein.« Pia starrt die Wolldecke an.

»Was denn dann?«

Pia starrt weiter dumpf ins Leere. Sie will nicht reden. Reden macht alles nur schlimmer.

Außerdem, was ist schon dabei? Phil hat mit ’nem Jungen rumgemacht. Das ist ja wohl nicht verboten. Und geht sie im Übrigen auch gar nichts an. Schließlich kann sie nicht erwarten, dass Phil weiß, dass sie, dass sie …

»Pia, gestern hast du endlich mal was von dir erzählt. Und jetzt sitzt du schon wieder vor mir, als wärst du gar nicht richtig da. Wo bist du, wenn du Löcher in die Luft starrst?«

»Ich denke nach.« Pia setzt sich im Schneidersitz auf ihr Bett. Seit Andrea am Fußende sitzt, ist ihr wärmer geworden.

»Und worüber denkst du nach?«

»Na ja. Über mich, meine Gefühle, über andere Menschen und was sie wohl denken und fühlen. Solche Sachen halt.«

»Ganz ehrlich, damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Geht’s auch konkreter?«

»Na, zum Beispiel frage ich mich, was du von mir hältst.«

»Das solltest du lieber mich fragen«, grinst Andrea. »Wovor hast du eigentlich solche Angst?«

»Weiß nicht«, murmelt Pia.

»Selbst wenn deine schlimmsten Befürchtungen wahr werden, ist es immer besser zu wissen, was die anderen denken, sonst kannst du doch gar nicht handeln.«

»So was Ähnliches hat mir Michael auch schon gesagt«, bemerkt Pia verblüfft.

»Wer ist denn Michael?«

»Eine lange Geschichte. Erzähl ich dir mal irgendwann.«

»Also, sind wir jetzt Freundinnen oder nicht?«

Pia nickt.

»Okay.« Andreas Stimme klingt klar, aber auch angespannt. »Schon an der Tür habe ich gesehen, dass irgendetwas mit dir absolut nicht in Ordnung ist. Und langsam fängt es an, mir wehzutun, dass du mich wie eine Feindin siehst. Wie jemand, dem du keinen Millimeter trauen kannst. Warum erzählst du mir nicht einfach, was passiert ist?«

Pia fühlt Tränen die Wange hinunterlaufen. Sie möchte sich bei Andrea anlehnen und weinen, weinen, weinen.

»Pia, was denkst du gerade? Los sag, ohne nachzudenken«, fordert Andrea.

»Dass mir zum Heulen ist und dass ich, dass ich am liebsten …« Pia verstummt.

»Dass du am liebsten was?« Andreas Stimme klingt sanft, kein bisschen mehr wütend.

»Mich bei dir ausheulen würde«, flüstert Pia.

»Also, dann komm schon her, kleine Pia.« Andrea lächelt.

Pia kuschelt sich an sie und die Tränen fließen aus ihr heraus.

Als sie anfängt zu reden, ist es draußen schon fast dunkel. Sie erzählt Andrea die ganze Geschichte vom verpatzten Nachmittag.

»Also, die kommt nicht in unseren Club, wenn sie dich so behandelt«, sagt Andrea entschieden.

Pia druckst herum.

»Ist noch was anderes passiert?« Andrea setzt sich aufrecht hin.

»Wieso hat Nesè uns gefragt, ob wir ein Paar sind?«, platzt Pia heraus.

»Weiß nicht. Hätte ja sein können, wo wir so viel zusammenstecken und in einem Zimmer wohnen. Warum nicht?«

»Na ja, das ist doch …«, Pia sucht nach Worten.

»Nicht normal?«, hilft Andrea weiter.

»Genau.«

»Pia, du denkst zu viel darüber nach, was andere Leute von dir halten könnten. Das ist doch total überflüssig. Wenn ich mich in dich verlieben würde, na und? Wäre doch klasse.«

»Du bist doch nicht wirklich in mich verliebt?«, sagt Pia erschrocken. So wollte sie es nicht rüberbringen, aber jetzt ist es passiert.

»Nein, ich bin in Ramon verliebt, schon vergessen? Und er auch in mich.«

»Hast du dich schon mal … ich meine … in ein Mädchen verliebt?«

»Nein«, sagt Andrea. »Ich glaube, ich bin einfach keine Lesbe. Ich verliebe mich in Jungs. Nicht in alle natürlich«, fügt sie scherzend hinzu. »Nur in die tollen.«

»Und wie fühlt sich das an?« Pia rückt ein bisschen von Andrea weg und macht die Nachttischlampe an. »Damit ich dich besser sehen kann«, grinst sie verlegen.

»Gut, mein Wolf.« Andrea grinst zurück. »Tja, das fühlt sich toll an.« Ein verträumtes Glitzern mischt sich in die leuchtenden Augen. »Als er vorsichtig meine Hand genommen hat, hat es bei mir gefunkt, als hätte ein Blitz eingeschlagen.«

»Wie? Gefunkt?«

»Meine Knie sind weich geworden, mein Herz begann zu rasen, meine Hände haben gezittert. Und dann dieses Ziehen im Bauch. Wie tausend Ameisen, die darin herumkrabbeln. Und schwindlig war mir. Das ist mir noch immer, wenn er mich ansieht.«

»Aha«, sagt Pia gedehnt. »Und das ist Verliebtsein?«

»Pia, jetzt sag bloß, du warst noch nie verliebt?« Überrascht mustert Andrea sie.

Pia guckt schnell weg.

»Ach so, jetzt verstehe ich. Du hast dich verliebt! Na, erzähl schon, wie heißt er, wie sieht er aus, wo und wann hast du ihn kennen gelernt?«

Pia schüttelt stumm den Kopf. Wieder rollen ihr Tränen über die Wangen.

»Unglücklich verliebt?« Andrea streichelt sanft Pias Arm.

Pia nickt.

»Dann erst recht darüber reden.«

Pia schüttelt wieder den Kopf.

»Doch, Pia, das von Phil hast du mir doch auch erzählt, obwohl du es zuerst nicht wolltest.«

Pia sieht sie entsetzt an.

»Ach du Scheiße«, entfährt es Andrea. Sie kneift die Augen zusammen und eine steile Falte bildet sich auf ihrer Stirn. »Phil! Du hast dich in Phil verliebt?«

Pia zuckt zusammen. »Ich weiß nicht. Wirklich nicht.«

»Wolltest du deshalb wissen, ob ich schon mal in ein Mädchen verliebt war?«

»Vielleicht.« Pia zögert. »Mich ödet es jedenfalls schon seit Jahren an, wie die Mädchen um die Jungen rumschleichen. Nur noch daran denken. Aber deshalb bin ich noch lange nicht andersrum«, schließt sie trotzig.

»Richtig«, stellt Andrea fest. »Ich mag auch nicht, wenn Mädchen so sind.« Nachdenklich spielt sie mit Pias kleinem Kuscheltiger. »Ich bin nicht so wie die meisten Mädchen«, fügt sie hinzu.

»Ich weiß«, sagt Pia. »Deshalb mag ich dich ja so gern. Aber warum bist du anders?«

»Na ja, ich lebe in verschiedenen Kulturen, bin keine Deutsche.«

»Ist deshalb auch Nesè anders?«

»Gut möglich. Und du, Pia, was macht dich anders?«

»Darüber denke ich schon seit unserem Kellergespräch nach. Keine Ahnung, wie die Situation in Kolumbien ist, hier in Deutschland jedenfalls werden Riesenunterschiede zwischen Menschen aus der Mittelschicht und Menschen aus der Arbeiterschicht gemacht.«

»Ich dachte mir schon, dass mehr dahinter steckt als du gestern verraten hast«, bemerkt Andrea.

»Die Mädchen hier stammen aus reichen Elternhäusern. Aus der Arbeiterschicht zu kommen bedeutet für sie wahrscheinlich so was Ähnliches wie aus der Türkei zu sein oder aus Kolumbien. Verstehst du? Sie nehmen sich das Recht heraus, auf mich runterzugucken, genauso wie bei dir und Nesè. Meine Art des Andersseins unterscheidet sich von deiner, und Nesè ist noch mal eigen. Wir alle drei sind unterschiedlich, aber von den Mädchen hier werden wir einfach in einen Topf geworfen und ausgegrenzt. Das Internat hat mich sozusagen dafür sensibilisiert, den Mist zu sehen, den sie mit Anderssein verbinden.«

»Wow«, Andrea nickt anerkennend, »hört sich verdammt plausibel an.« Nachdenklich kaut sie auf einer ihrer Haarsträhnen. »Und was machen wir mit Phil?«

»Ich werde abwarten, was sie sagt. Und dann … mal schauen«, wirft Pia vage in den Raum.

»Gehen wir essen«, entscheidet Andrea.

Im Flur zu den Esssälen kommt ihnen Nesè entgegen. »Ich hab gerade Phil getroffen, die sucht dich schon seit Stunden.«

»Da lachen ja die Hühner«, schnaubt Pia. »Sie hat sich nicht an unsere Verabredung gehalten, ich schon.«

Nesè wechselt verwirrte Blicke mit Andrea. »Bahnhof«, sagt sie.

»Kann ich dir so schnell auch nicht erklären«, sagt Andrea entschuldigend.

»Pia, setzt du dich neben mich?« Phil macht ein ernstes Gesicht.

Was soll sie tun? Sie kann den Nachmittag doch nicht einfach ignorieren? Zögernd lässt sie sich auf dem freien Stuhl nieder.

»Ich hab überall nach dir gesucht«, bemerkt Phil.

»Ich vorher nach dir«, kontert Pia und ist ganz froh, dass ihre Stimme wütend klingt.

»Ich hab mir nur mal kurz die Diskothek angesehen, war das etwa nicht erlaubt?«

»Und dein neuer Lover heißt wohl Rainer?« Pia kann sich die Bemerkung einfach nicht verkneifen.

»Und selbst wenn, das hat dich überhaupt nicht zu interessieren«, zischt Phil. »Wie kommst du überhaupt darauf? Nur weil ich ein bisschen Tischtennis mit ihm gespielt habe und mir habe die Diskothek zeigen lassen?«

»Ach so nennt man das also. Disco zeigen.« Im gleichen Augenblick verwünscht sie sich. Vorwurfsvoller hätten ihre Eltern auch nicht reagieren können.

»Du hörst dich ja schlimmer an als meine Mutter.«

»Ich weiß«, sagt Pia.

»Also willst du jetzt mit mir reden oder nicht?« Phil funkelt sie wütend an.

Und wie Pia mit ihr reden möchte. Sie sieht Phil an. Phil ist immer noch so schön, dass ihr davon ganz schwindlig wird. Sie hört Andrea Verliebtheitsgefühle beschreiben und würde Phil am liebsten gleichzeitig schütteln. Entsetzlich! Ihr Herz rast, ihre Hände zittern. Sie versteckt sie schnell unter dem Abendbrottisch. »Ich habe euch gesehen in der Disco«, sagt sie schließlich mit erstickter Stimme.

»Du hast mir nachspioniert?« Phil schreit so laut, dass alle es hören.

»Nein, verdammt, wir waren schlicht und ergreifend verabredet und ich wollte nur wissen, wo du bist«, schreit Pia zurück. »Das ist ja wohl normal, oder?« Wütend knallt sie ihr Brotmesser auf den Tisch und verlässt den Esssaal.

4. Kapitel

Juni 1999 – September 1998

Pia ist aufgeregt. Seit einer halben Stunde sitzt sie jetzt schon vor dem Konferenzzimmer, in dem verhandelt wird, ob sie die zwölfte Klasse wiederholen muss oder ob es für die dreizehnte reicht. Das Ergebnis kann sie nicht einschätzen. Es war fast unmöglich, den Stoff von sechs Monaten in zwei Monaten nachzuholen und gleichzeitig den neuen Stoff zu lernen. Die letzten Arbeiten waren gut, keine schlechter als vier. Sie hat gelernt wie eine Bescheuerte, um die Versetzung zu schaffen. Trotzdem. Die Fehlzeiten reichen für mindestens fünf Schuljahre.

Pia hat irgendwie ein Talent darin, zum Problemfall zu werden. Vielleicht wird man das eines Tages und bleibt es dann den Rest seines Lebens.

Sie seufzt und starrt auf die Uhr. Wieder sind fünf Minuten vergangen und nichts regt sich hinter der verschlossenen Tür. Werden die denn nie fertig da drin? Wenn sie wenigstens mit jemandem quatschen könnte, um sich die Zeit zu vertreiben. Aufs Lesen kann sie sich überhaupt nicht konzentrieren. Sie bleibt immer wieder am selben Satz hängen. Missmutig holt sie aus und –

»Pia Drews, kommen Sie bitte herein.« Tadelnd sieht der Lehrer auf das quer über den Flur fliegende Buch.

»’tschuldigung«, quetscht Pia heraus, sammelt den Roman hastig auf und folgt ihm.

»Setzen Sie sich bitte«, fordert Schwester Grisaldis sie förmlich auf. Schüler des Internats werden ab der elften Klasse normalerweise gesiezt, Schwester Grisaldis duzt sie aber immer noch und Pia würde alles andere auch komisch finden, immerhin kennt Schwester Grisaldis sie schon seit ihrem zehnten Lebensjahr. Aber heute, das ist etwas anderes. Heute ist Schwester Grisaldis die Direktorin und Pia eine junge Erwachsene.

Pia sieht über den langen Konferenztisch zu ihr hinüber. Lächelt sie nicht ein wenig? Pia schaut noch einmal hin. Nee, wohl doch nicht. Zwanzig Augenpaare folgen ihr, als sie auf dem einzigen freien Stuhl Platz nimmt.

»Wir haben hier Ihren Antrag auf Versetzung nach Klasse dreizehn vorliegen. Trotz erheblicher Fehlzeiten, die wir eigentlich nicht tolerieren dürfen. Bevor wir jedoch zu einem ablehnenden Beschluss kommen, wollen wir Ihnen Gelegenheit geben, dazu Stellung zu nehmen.« Der stellvertretende Schulleiter, Direktor Hammer, zieht die linke Augenbraue hoch.

Ablehnender Beschluss? Aber alle Arbeiten waren doch okay, viele sogar sehr gut! Pia räuspert sich. »Ja, also die Fehlzeiten …«

»Etwas lauter bitte, wir alle möchten hören, was Sie vorzubringen haben«, lässt sich Direktor Hammer vernehmen. Er klingt gereizt.

Pia räuspert sich erneut. Ihr Blick begegnet dem von Schwester Grisaldis. Na los, scheint sie zu sagen. Mach schon, das ist deine Chance.

»Mit den Fehlzeiten, das ist tatsächlich der wunde Punkt«, sagt Pia nun wesentlich lauter.

Ein Schmunzeln geht durch die Runde.

»Wie kann ich Ihnen das erklären?« Pia seufzt. Schweigend sieht sie ihre Lehrer an. Einige kennt sie nicht.

»Fräulein Drews, wir haben leider nicht den ganzen Tag Zeit. Also, wenn Sie bitte so freundlich wären …« Direktor Hammer runzelt die Stirn.

»Im letzten Schuljahr hatte ich einige Probleme«, startet Pia den zweiten Versuch. Alle Lehrer sehen sie aufmerksam an. Pia fällt der Aufsatz ein, der in allen Fächern mit Eins bewertet wurde. Verantwortung für das eigene Handeln, denkt sie. Das wollen sie hören! Wenn ich das rüberbringe, kann ich das Blatt vielleicht noch wenden. »Im letzten Schuljahr habe ich irgendwie die Kontrolle über mein Leben verloren.«

Einige Lehrer nicken. Ihr Englischlehrer beugt sich vor und betrachtet sie aufmerksam. Möglicherweise mag er mich, denkt Pia plötzlich.

»Das lag daran, dass … dass ich versucht habe, wie die anderen Mädchen zu sein.«

Schwester Grisaldis lächelt zustimmend. Alle Lehrer lauschen erwartungsvoll. Die meisten sehen wirklich interessiert aus.

»Ich bin schon seit mehr als fünf Jahren hier. In meiner Familie konnte ich nicht weiterleben. Es war zu schwierig, wegen …« Pia schluckt. »Wegen meines Vaters.«

Einige Lehrer nicken erneut. Sie kennen die Geschichte.

»Die Mädchen aus meiner Gruppe haben das herausgefunden. Sie haben mich deswegen manchmal ziemlich … gequält«, erklärt sie zögerlich. »Die anderen Mädchen sind hier, weil die Eltern eine gute Ausbildung für sie wollen oder weil sie so viel arbeiten müssen, dass sie sich um ihre Töchter nicht kümmern können. Bei mir ist das anders. Das Jugendamt hat mich hier untergebracht. Das Anderssein war sehr schwer für mich. Ich habe versucht, Freundinnen in meiner Gruppe zu finden. Ich habe versucht, ihnen zu beweisen, dass ich genauso bin wie sie, dass ich auch mit Jungen …« Sie bricht ab. »Dass ich das mit meinem Vater nicht wollte.«

Im Konferenzraum ist es so still, dass Pia kaum zu atmen wagt. Sie hat plötzlich Angst, die Stille zu durchbrechen. Aber sie muss weiterreden. Sie will mit Andrea in einer Klasse bleiben.

»Ja, und eines Abends ist das Ganze dann eskaliert.«

»Na, Pia, kommst du heute Abend mit zur Rheinparty, oder treibst du es nur mit alten Männern?« Walburga sieht provozierend auf Pia hinab, die so sehr in ihre Matheaufgaben vertieft gewesen ist, dass sie die Mitschülerin gar nicht hat kommen hören.

Pia steht instinktiv auf. Sie hasst es, wenn jemand auf sie herabsieht. »Was?« Sie hofft, dass ihre Frage drohend klingt, obwohl sie den Sinn von Walburgas Worten überhaupt nicht kapiert hat. Nur, dass sie nichts Gutes im Schilde führt.

»Kommst du mit zur Rheinparty heute Abend, hab ich gefragt«, wiederholt Walburga.

»Nee«, will Pia das Gespräch schroff beenden.

»Wusst ich’s doch. Du stehst nur auf Männer, die dein Vater sein könnten.«

Pia spürt, wie sie blass wird. Aufspringen und die Mitschülerin zu Boden reißen ist eine Bewegung. »Du Ekelpaket«, zischt sie.

»Das wissen doch alle«, verkündet Walburga, während sie sich mühsam aufrappelt.

»Was, was wissen alle?« Ihr wird schwarz vor Augen. Sie kennt die Antwort schon. Walburga hat es herausgefunden. Alle wissen es. Ihr Schädel dröhnt, als würde ein ICE mitten hindurchfahren.

»Dass du es mit deinem Vater getrieben hast.« Walburga sieht sie triumphierend an. »Genau wie deine besten Freundinnen. Was das wohl für welche gewesen sind«, ergänzt sie höhnisch.

Als Pia das nächste Mal klar sieht, heult Walburga und blutet aus Mund und Nase. Pia registriert nur, dass ihr die Hand wehtut. Hat sie so zugeschlagen? Hoffentlich.

Da kommt schon Schwester Libora. Sie ist immer da, wo Pia ist. Und es vergeht kaum eine Woche, in der sie Pia nicht bestraft.

»Drews, sag mal, du hast wohl völlig den Verstand verloren.«

Walburga flüchtet zu Schwester Libora, die ihre Lieblingsschülerin sofort liebevoll in die Arme nimmt.

»Das wird ein Nachspiel haben!«

Da ist wieder dieser Hass in den Augen der Nonne, vor dem sich Pia fürchtet. Walburga schluchzt leise, aber immer wenn die Schwester nicht hinsieht, zieht sie hämische Grimassen.

»Das war Notwehr«, verteidigt sich Pia.

»Ach, du findest es wohl auch noch gut, deine Mitschülerin zusammenzuschlagen!«, schreit Schwester Libora. Sie vergisst Walburga in ihren Armen, holt aus und packt in Pias Haare. Ihr Griff fühlt sich an wie eine Kneifzange. Es tut höllisch weh.

»Küchendienst. Allein. In allen drei Küchen. Die ganze Woche. Hast du mich verstanden, du Satansbraten?«

Walburga, die unsanft weggerutscht ist, stellt sich neben die Nonne und feixt. Deren Griff tut so weh, dass Pia nicht sprechen kann. Später im Bad stellt sie fest, dass ihr Kopf blutet. Er pocht noch Stunden danach wie verrückt.

Die Mädchen aus ihrer Gruppe lassen es sich natürlich nicht nehmen, gemeinsam in der Küche aufzutauchen und ihr beim Schuften zuzusehen. Aber dabei bleibt es nicht.

»Mit Jungs in deinem Alter machst du es wohl nicht, wie? Eigentlich müsstest du in den Knast, nicht dein Vater.« Walburga geht es schon wieder richtig gut.

»Ja«, fällt eine andere ein. »Wahrscheinlich hat sie nur deshalb die guten Noten bei den Lehrern. Weil sie denen nach der Schule einen runterholt.«

Die anderen Mädchen lachen. Schweigend und verbissen putzt Pia weiter.

»Man darf den Schwanz von seinem Vater nicht anfassen, Pia. Das gehört sich nicht«, sagt Sigrid, die sich sonst eigentlich immer zurückhält.

Pia kocht vor Zorn. Auch darüber, dass sie sich so wahnsinnig schämt. Sie fühlt sich nackt und von oben bis unten bespuckt. Am liebsten möchte sie sterben. Einfach tot sein.

Sie stellt sich die Beerdigung vor. Die Mädchen mit betroffenen Gesichtern. »Oh nein, das haben wir nicht gewollt. Wir haben doch nur Spaß gemacht.« Ihr Selbstmord, natürlich mit dem entsprechenden Abschiedsbrief, lässt die anderen bis an ihr Lebensende nicht los. – Nein, es wäre ihnen scheißegal. Sie würden wahrscheinlich noch auf ihrer Beerdigung rumerzählen, sie sei eine Hure. Vor lauter Wut und Scham fühlt sich Pia so schwach, dass sie glaubt, jeden Moment tot umzufallen. Ein Selbstmord wird gar nicht mehr nötig sein.

»Aber vielleicht …« Lauernd sieht Martina sie an.

Martina ist genauso schlimm wie Walburga, wahrscheinlich schlimmer. Ein verlogenes Miststück, die es jedes Mal schafft, andere Mädchen in den Dreck zu ziehen und selbst als Musterschülerin dazustehen. Das hat sie schon mit Pia gemacht, aber auch mit Walburga und etlichen anderen. Sie hat immer die Nase vorn, wenn es um irgendwas Verbotenes geht, und alle Mädchen tun, was sie will. Wenn Martina eine Idee ausheckt, kann Pia todsicher davon ausgehen, dass es übel für sie enden wird. Deshalb dreht sie ihr den Rücken zu und beginnt das Geschirr vom Mittagessen in die Spülmaschine zu räumen.

»Du könntest uns natürlich beweisen, dass du doch auf Jungs in deinem Alter stehst. Zeig uns, dass du drauf abfährst, dann ändern wir unsere Meinung über dich vielleicht.«

»Du bist wohl vom Affen gebissen.« Pia fährt herum und macht einen Schritt auf Martina zu. Die weicht erschrocken zurück.

Walburga schreit auf. Sie hat den Faustschlag von Pia also noch nicht vergessen.

»Ich geh doch nicht mit jedem x-beliebigen Jungen los. Du schon, das weiß ja das ganze Internat, dass du für jeden die Beine breit machst, egal wie picklig und eklig er ist.« Eigentlich will Pia es ihr nicht auf die gleiche Art heimzahlen, aber etwas Wirkungsvolleres fällt ihr nicht ein. Die anderen Mädchen stehen jetzt um Pia und Martina herum wie um einen Boxring. Sie sind voll bei der Sache. Jeder Lehrer würde sich freuen, die Mädchen einmal so konzentriert im Unterricht zu haben.

Martina ist eine Spur blasser geworden. »Ein Junge aus der Parallelklasse interessiert sich für dich, Stefan. Du findest ihn doch auch gut, oder?«

Was soll das denn jetzt? Ja, Stefan mag sie wirklich ganz gern. Sie spielen immer Schach zusammen, hören Musik, quatschen, sind gute Kumpel. Stefan erinnert Pia manchmal an ihren kleinen Bruder. Der kann keiner Fliege was zuleide tun. In seiner Klasse ist Stefan der Außenseiter wie sie in ihrer. Der schlägt sich nicht mit anderen Jungen. Gilt als versponnen und verträumt. Kein richtiger Kerl eben.

»Der würd’s mit dir machen. Also, was ist?«

»Selbst wenn ich es mit ihm machen wollte, bestimmt nicht, wenn du daneben sitzt.«

Martina lacht böse. »Komm doch mit heute Abend. Wir haben alle einen Jungen dabei.«

»Gruppensex oder was?« Die werden doch nicht ernsthaft alle gleichzeitig unten am Rhein mit ihren Typen rummachen?

»Das ist auf Feten ganz normal. Aber du ziehst wohl doch was anderes vor.«

»Und woher willst du das mit Stefan wissen?«, fragt Pia, die sich plötzlich in der Falle fühlt. Die Frage war ein Fehler, das spürt sie sofort. Jetzt hat sie sich auf ihr Scheißspiel eingelassen.

»Aha, es interessiert dich also doch.« Triumphierend sieht Martina sie an. »Er hat es mir gesagt. Uns allen. Dass er mit dir hinwill heute Abend. Dass er das schon lange will.«

Pia verschlägt es die Sprache. Verdammt, warum hat er ihr das nicht gesagt? »Das will ich dann schon selbst von Stefan hören«, sagt sie so ruhig wie möglich.

»Kannst ihn ja heute Abend fragen«, schlägt Martina vor und grinst hinterhältig.

»Das ist doch wohl meine Sache, wann ich mit ihm über was rede.« Pia stößt Martina so heftig zurück, dass sie auf den Hintern fällt. Die anderen Mädchen schließen blitzschnell den Kreis. »Lasst mich raus«, faucht Pia. »Sofort!«

»Nein, du musst noch ein paar Sachen für die Party organisieren.«

»Wie bitte? Ihr seid wirklich vom Affen gebissen, und zwar alle.« Pia schüttelt den Kopf. Wenn das Mama wüsste, denkt sie. Die würde mich sofort hier rausholen.

»Ach komm, Pia. Lass uns doch einfach mal ein bisschen Spaß zusammen haben«, schmeichelt Karin. »Nur wir fünf und fünf Jungs. Etwas Wein, ein paar Kondome, nur für den Fall. Die Musik besorgen wir.«

»Ach, und ich soll wohl den Alk besorgen und die Gummis?« Pia muss fast lachen über so viel Dreistigkeit.

»Cool, hast deine Einser ja vielleicht doch nicht ganz umsonst bekommen.« Anerkennend pfeift Martina durch die Zähne.

»Das ist eine Scheißidee«, sagt Pia. Aber in Gedanken sortiert sie schon den Nachmittag durch. Könnte klappen, gesetzt den Fall, sie schießt die Strafarbeit von Schwester Libora in den Wind. Was soll die alte Hexe schon dagegen unternehmen? Im Supermarkt kriegt sie den Wein auf jeden Fall, denen ist das Jugendschutzgesetz völlig egal. Dauert maximal ’ne halbe Stunde. Aber wo soll sie die Kondome herkriegen? Nicht schon wieder in die Apotheke. Dort ist sie schon Stammkundin für die Pille und Schwangerschaftstests.

Die Mädchen hier sind völlig durchgeknallt, denkt Pia, als sie ihre Jacke aus dem Zimmer holt. Nur auf das eine fixiert. Oder ist das normal? Wenn man die Bravo ernst nimmt, sind die anderen wohl absoluter Durchschnitt und sie ist die Irre. Wie auch immer, heute Abend muss sie es tun, sie kann nicht mehr zurück. Stefan will es auch. Oder hat sich Martina das nur ausgedacht? Pia hat Stefans Nummer nicht. Sie könnte ihn persönlich fragen. Auf dem Weg zum Supermarkt kommt sie sowieso bei ihm vorbei.

Als sie bei Stefan klingelt, hört sie ihn eilig durch den Flur zur Haustür laufen. Sie kann nicht sagen, woran sie seine Schritte erkennt. Normalerweise achtet sie gar nicht auf so was. Na ja, vielleicht mag sie ihn ja genug, um es mit ihm zu tun. Sie stellt sich nicht konkret vor, was sie tun wird und was er tut. Bloß nicht!

»Hey, Pia. Was machst denn du hier? Komm doch rein.« Stefan steht vor ihr.

Er sieht eigentlich gut aus, denkt sie, während sie »Hallo« sagt und hinter ihm die Wohnung betritt.

»Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches?«, scherzt er.

»Weißt du denn gar nichts von heute …« Pia spricht den Satz nicht zu Ende.

»Du meinst die Party?«

Also hatte Martina doch Recht. Sie nickt.

»Kommst du mit zum Rhein?« Bittend sieht er sie an.

»Ich meine …«, stammelt Pia, »findest du das wirklich eine so gute Idee? Ich meine, wenn … wenn alle dabei zusehen?«

Statt einer Antwort legt Stefan seine Arme um sie. Pia lässt es erschrocken geschehen. »Ich will es, egal wo«, flüstert er dicht an ihrem Ohr und küsst sie zärtlich auf den Hals.

Merkwürdig fühlt sich das an. Abschreckend ist es eigentlich nicht. Nur ein bisschen plötzlich vielleicht.

»Na, was ist?« Er küsst sie noch einmal, zärtlich und behutsam.

Pia läuft ein angenehmer Schauer über den Rücken. Sie schmiegt sich an ihn, und er schließt seine Arme fester um sie.

»Bitte sag, dass du es auch willst.«

Sie zögert nur einen Augenblick. »Ja«, wispert sie, und er drückt sie an sich. Pia spürt seinen Körper, riecht sein Deo und noch etwas anderes, Parfüm vielleicht.

Hand in Hand gehen sie in sein Zimmer, wo Stefan Musik auflegt und Kerzen anzündet. Er ist wirklich wild darauf, es mit ihr zu tun. Pia beobachtet sein Treiben halb amüsiert und halb beunruhigt. Sie haben vorher nie darüber gesprochen, miteinander Sex zu haben, und Pia ist überrascht, dass Stefan das mit ihr will. Zwischen ihnen gab es nie eine erotische Spannung, obwohl sie schon Stunden zu zweit in dieser Bude verbracht haben. Offenbar geht es ihm doch um sie, nicht darum, den anderen seine Männlichkeit zu beweisen. Weil er sie jetzt will, ohne Zeugen.

»Komm.« Seine Stimme zittert und er drückt sie sanft auf die Couch, so dass sie halb sitzt und halb liegt. Sie lässt es aufmerksam geschehen. Spürt, dass sie neben ihrer Beklommenheit auch neugierig ist auf das, wovon alle Mädchen reden, was sie alle unbedingt tun wollen. Seine Berührungen sind sogar angenehm. Das hat sie nicht erwartet. Jungen haben sie nie gereizt. Sie hatte kein Bedürfnis danach, sie anzufassen oder gar zu küssen.

Stefan schiebt ihren Pullover hoch. Sie zuckt zusammen, als er ihren Bauch berührt. Als er ihre Brust anfasst, stöhnt sie leise.

»Komm«, sagt er wieder in diesem drängenden Ton und zieht Pia den Pullover über den Kopf, zerrt an ihrem T-Shirt und versucht fast verzweifelt, den Knopf an ihrer Jeans aufzubekommen.

»Ich helf dir, ja?«

Erleichtert lässt er sie machen. Schnell streift er alle Sachen ab und schlüpft unter die Bettdecke. Von dort sieht er Pia an. »Du bist schön«, murmelt er und schlägt die Bettdecke zurück.

Sie legt sich schweigend neben ihn. Ihr Kopf fühlt sich leer an. Die Stimmung von vorhin ist verflogen. Sie versucht, sich auf seine Hände zu konzentrieren, aber sie empfindet gar nichts mehr. Angezogen findet sie es viel erregender. Stefan wohl nicht. Er atmet schwer und legt sich auf sie. Sein Glied fühlt sich hart an, als er versucht, in sie einzudringen. Pia presst die Beine zusammen.

»Du musst ein Gummi benutzen.« Sie ist empört, weil ihm plötzlich alles egal zu sein scheint.

»Beim ersten Mal passiert nichts«, sagt er fast beschwörend.

»Das ist doch Quatsch. Steht ja sogar in der Bravo.« Ärgerlich schiebt sie ihn weg.

Mürrisch steht Stefan auf und kramt in einer Ecke herum. »Hier«, triumphiert er. »Willst du das nicht machen?«

Pia schiebt ein rosafarbenes, klebriges Kondom über sein Glied. Sie legt sich auf den Rücken und atmet ruhig ein und aus. Versucht, sich zu entspannen.

Als er in sie eindringt, fährt ein scharfer Schmerz durch ihren Körper. Sie beißt die Zähne zusammen, während er sich wild auf ihr bewegt.

»Stefan«, fleht sie, aber er hört sie nicht. Plötzlich stöhnt er laut auf und lässt sich kurz darauf auf sie fallen. Stille.

»Stefan.« Wütend schubst sie ihn von sich herunter.

Er schlägt die Augen auf. »Hey, hat es dir denn nicht gefallen?«

Pia schüttelt den Kopf.

»Gar nicht?«, fragt er.

Pia fängt leise an zu weinen. »Du hast mich überhaupt nicht beachtet«, schluchzt sie.

»Natürlich hab ich dich beachtet. Nur …« Hilflos sucht er nach Worten. »Na ja, als ich in dir drin war, da konnte ich das nicht mehr. Nicht mehr kontrollieren, weißt du. Für mich war es doch auch das erste Mal.« Entschuldigend sieht er sie an. »Wir werden es einfach noch öfter tun. Üben ist wichtig. Dann gefällt es dir bestimmt auch bald richtig gut«, versucht er sie zu trösten.

Pias Blick fällt auf die Uhr. »Scheiße, ich muss noch für die Party einkaufen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, springt sie aus dem Bett, zieht sich hastig an, schnappt ihren Rucksack und rennt auf die Straße.

Nee, das will sie bestimmt nicht noch öfter üben, überlegt Pia, während sie einen billigen Wein aussucht. Soll sich Stefan doch ’ne andre suchen. Ob sich jedes Mädchen beim ersten Mal wie ein Gegenstand fühlt, nur weil der Junge sich nicht kontrollieren kann? Das kotzt Pia echt an. Die Frauen sollen herhalten, weil die Männer sich nicht unter Kontrolle haben und ihren Trieb befriedigen müssen.

»Ich hätte gern zehn Kondome«, wendet sie sich an die weiß gekleidete Apothekerin.

»Wie bitte?«

»Ich brauch sie für den Biologieunterricht.« Pia lächelt zuckersüß.

»Ach so, ja natürlich. Müssen es bestimmte sein?«

»Gefühlsechte«, bemerkt Pia trocken und lässt eine verstörte Apothekerin im Laden zurück.

Die kann mich mal, denkt sie. Bestimmt weiß sie, dass ich zum Internat gehöre. Meinetwegen soll sie es allen Nonnen persönlich auf die Nase binden. Dann werde ich eben gefeuert! Lieber unter einer Brücke schlafen als den Horror noch länger mitmachen.

Die Party steigt um 20 Uhr. Die Nonnen kontrollieren selten, ob auch wirklich alle im Bett liegen. Das müsste schon ein blöder Zufall sein. Die Mädchen schleichen auf Zehenspitzen und barfuß durch die abendlichen Treppenhäuser des Internats. Warum Pia überhaupt mitkommt, kann sie nicht sagen. Sie ist nicht besonders scharf darauf, Stefan wiederzusehen.

»Hast du den Wein?«, flüstert Martina.

»Ja klar«, sagt Pia.

Der Vater hat ziemlich viel getrunken. Pia kann Alkohol nicht ausstehen, sie hat noch nie welchen getrunken. Vielleicht wird sie es heute tun. Sie hat gelesen, dass man dann nicht mehr viel merkt von dem, was um einen herum geschieht. Genau die Wirkung ist ihr heute Abend recht. Sie will es nur hinter sich bringen.

»Hallo, da bist du ja.« Wie aus dem Boden gewachsen steht Stefan vor ihr.

»Hey«, sagt sie verlegen.

Er küsst sie sofort auf den Mund und seine Zunge drängt gegen ihre Zähne. Pia fühlt alle Augenpaare auf sich gerichtet, also öffnet sie den Mund, umarmt Stefan und schließt die Augen. So stehen sie Ewigkeiten da.

»Komm, Alter, deine Flamme hast du noch den ganzen Abend.«

Pia kennt den Jungen nicht, aber sie weicht einen Schritt zurück. Ist er etwa auf ihrer Schule? Dass ihr so ein Ekel gar nicht aufgefallen ist. Die drei anderen Jungs sind typische Gernegroß-Machos. Harmlos, aber unangenehm. Stefan ist mit Abstand der netteste. Martina geht anscheinend mit dem Ekel. Harro heißt er, hört sie später, als alle im noch warmen Sand sitzen und die erste Flasche Wein leeren.

Weit und breit ist niemand zu sehen. Hier ist der Rhein einsam. Kein Haus im Umkreis von bestimmt drei Kilometern. Das gegenüberliegende Ufer ist bewaldet. Ein außergewöhnlich großer, orangefarbener Mond hängt in den Baumwipfeln wie eine riesige Frucht.

»Sieh mal.« Sie stößt Stefan an und zeigt in den Himmel.

Er lässt sich neben ihr nieder, legt seinen Arm um sie. »Wunderschön«, sagt er, und für einen Augenblick fühlt sich Pia richtig geborgen.

»Wollt ihr noch Wein?«

»Ja, gebt mal ’ne Flasche rüber«, antwortet Stefan für Pia mit.

Sie hört die Mädchen reden, die Jungen fangen an zu grölen. Sie benehmen sich so richtig daneben. Die anderen Mädchen scheint es nicht zu stören, aber Pia macht es nervös. Zum Glück ist Stefan nicht so drauf, versucht sie sich zu beruhigen. Sie trinkt immer wieder von dem Wein, vergisst fast, dass es Wein ist, bis ihr ein bisschen übel wird und sich alles zu drehen beginnt. Sie lehnt sich bei Stefan an.

»Alles okay?« Besorgt streicht er ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

»Ja, geht schon«, murmelt Pia.

»Hey, Stefan, komm doch mal rüber. Martina erzählt uns grad eine nette Geschichte.«

Wieso ich nicht?, denkt Pia, aber sie will die Geschichte eigentlich gar nicht hören. Sie legt sich auf den Rücken in den warmen Sand, hört das Schlagen der Wellen an der Uferböschung und betrachtet den sternklaren Himmel. Für Sternschnuppen ist es noch etwas zu früh.

»So, Kleine, dann zeig uns mal, was dir dein Vater beigebracht hat.«

Pia schreckt hoch. Mist, sie muss eingeschlafen sein. Wo sind die anderen Mädchen? Erschrocken dreht sie sich um. Sie stehen alle im Halbkreis um sie herum. Harro kniet vor ihr und drückt sie in den Sand.

»Also, fang an.«

»Lass mich los, du Arschloch.« Pia versucht sich aus seinem Griff zu befreien, aber er kniet auf ihren Armen. »Stefan«, schreit sie und tritt um sich, die Beine hat sie noch frei.

»Los, trink das.«

Pia dreht den Kopf weg, aber Harro hält ihr die Nase zu und irgendwann muss sie den Mund aufmachen, um Luft zu holen. Ein scharfes Brennen in ihrem Mund. Harro lässt ihre Nase los, und reflexartig schluckt Pia. Sie hustet.

»Was soll das, verdammt?«

Doch da hält ihr der Typ die Nase schon wieder zu. Pia schluckt auf diese Weise fast eine halbe Flasche.

»Echter schottischer Whisky, du kleines Flittchen. Damit du dir ein bisschen Mut antrinkst.«

Pia fühlt sich total benommen. »Lass los«, keucht sie. Sie kann sich überhaupt nicht mehr bewegen.

»Harro, lass sie doch.« Angst schwingt in Martinas Stimme mit.

»Aber erst solche Geschichten erzählen«, antwortet er und lockert seinen Griff.

Stefan zieht sie hoch. »Jetzt bist du bestimmt total besoffen«, meint er, da übergibt sie sich schon. Sie hat das Gefühl, sich die Seele aus dem Leib zu kotzen, samt aller Organe.

»Hier, trink mal ’nen Schluck, ist Kaffee«, sagt Stefan.

»Warum machst du dabei mit?« Pia stürzt den Kaffee herunter. Er hilft nicht viel, nimmt aber wenigstens den ekelhaften Geschmack weg.

»Genug geplaudert.« Harro reißt sie wieder auf den Boden. »Jetzt will ich Tatsachen sehen. Hosen runter.«

Pia schreit, sie tritt, mehrere Leute halten sie fest. Sie fühlt, wie jemand den Knopf der Jeans abreißt. Jemand zieht ihr die Schuhe aus, jemand reißt an der Jeans und zieht sie ihr aus. Harro zerreißt ihren Slip unter dem Grölen der anderen.

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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250 стр. 1 иллюстрация
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9783867549981
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