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Adrian Urban
Die Killer-App
Ram Collins 1
AndroSF 127
Adrian Urban
DIE KILLER-APP
Ram Collins 1
AndroSF 127
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: März 2022
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Hans Rodrian
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 275 1
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 275 1
Mit besonderem Dank an Julia
für die Inspiration beim Schreiben
Goldkorn im Müll
Obwohl ihm der Gedanke Was für ein gottverdammter Scheißjob durch den Kopf ging, gelang es Ram, sich ein Lächeln abzuringen.
»Das war wieder sehr professionell, Ram«, sagte Janine, eine Angestellte von FeelReal Erotix, die, wie Ram vermutete, im wirklichen Leben anders hieß, und erwiderte sein Lächeln. »Aber vor dem Cumshot könntest du ruhig noch ein bisschen mehr stöhnen. Beim nächsten Mal …«
»Beim nächsten Mal denke ich daran.« Ramses, der von allen Ram genannt wurde, hielt Blickkontakt und versuchte den Umstand zu ignorieren, dass er in einem weißen Bademantel, Eigentum der Firma, für die er in unregelmäßigen Abständen arbeitete, vor einer jungen Frau stand, die gerade so viel anhatte, dass sie, wie er vermutete, auf den Straßen Berlins nicht nach den Preisen für ihre Dienste gefragt werden würde.
»Wir überweisen das Honorar dann wieder auf dein Konto. Hättest du Interesse daran, in richtigen 3-D-Pornos aufzutreten? Männer, die aussehen wie du, können wir immer brauchen, und du bekämst den dreifachen Stundensatz. Plus Prämien …«
»Nein, danke, mir reichen die Avatarrollen. Der Job ist auch so schon peinlich genug.«
Bevor Ram sich von Janine abwandte und Richtung Duschkabine ging, sah er, wie ihr professionelles Lächeln zunehmend verrutschte, bis es sich nicht mehr von einem gewöhnlichen Alltagsfrustrationsgesichtsausdruck unterscheiden ließ.
Nachdem Ramses Collins den Bademantel an den Haken gehängt hatte, um sich unter die heiße Dusche der Pornofirma zu stellen, warf er einen Blick auf die Spiegelwand gegenüber.
Ram legte keinen großen Wert auf Äußerlichkeiten. Er duschte normalerweise nur bei FeelReal Erotix und im Fitnessstudio, das er einmal pro Woche aufsuchte, um für seinen Job hinreichend in Form zu bleiben, denn sein eigenes Badezimmer war in einem unterirdischen Zustand. Dass er gut aussah, nahm er eher als Selbstverständlichkeit hin, als sich daran zu berauschen.
Er betrachtete kurz seinen athletischen Körper, gut ein Meter neunzig, die markanten, männlichen Gesichtszüge, die ihn älter als dreißig wirken ließen, und die langen Naturlocken, hellbraun mit einem leichten Rotstich. Ein Farbton, der ebenso wie die grünen Augen dezent auf Rams irische Abstammung verwies.
Er streckte sich selbst, dem Cyberpornoladen und dem verdammten Jahr 2033, das ihn zwang, seinen Lebensunterhalt mit Trockensexübungen für arme Schweine in Ganzkörper-Masturbationsanzügen zu verdienen, die Zunge heraus und stellte die Duschtemperatur auf einen Wert knapp unter der Verbrühgrenze ein. Dann ließ er das Wasser laufen, seifte sich mit einer halben Flasche Duschgel von Kopf bis Fuß ein und beschäftigte sich zum wiederholten Male mit der Frage, warum er sich diesen Job antat. Wenn er ehrlich zu sich war, gab es im Jahr 2033 auch zwei oder drei alternative Verdienstmöglichkeiten mit deutlich geringerem Peinlichkeitsfaktor – nur dass diese Tätigkeiten mit Arbeit im engeren Sinne einhergingen.
Nicht dass Ram keine Erfahrungen mit regulären Lohntätigkeiten vorweisen konnte. Er hatte sich schon in vielen beruflichen Bereichen versucht, und das nicht einmal erfolglos. Rikschafahren, Wohnungen entrümpeln, männliche Besucher von Metal-Konzerten kontrollieren und abtasten, Statist für einige Produktionen aus der schier endlosen Reihe von Film- und Web-TV-Projekten mit Hauptstadtflair spielen, die seit Jahrzehnten rund um die Kreuzberger Oberbaumbrücke gedreht wurden – und das waren nur die Jobs im letzten Jahr.
Doch Ram neigte dazu, so bequem und verantwortungsarm zu leben, wie es nur ging. Diesem Vorhaben schienen die Avatarrollen für FeelReal Erotix zuträglich zu sein.
Seine Aufgaben beschränkten sich darauf, dreimal pro Woche zwei Stunden Zeit zu investieren. Wenn auch für eine Tätigkeit, über die Ram nur selten mit seinen Bekannten sprach – und nie mit seiner Mutter, wenn sie ihn, was ungefähr drei oder vier Mal pro Jahr vorkam, aus Dublin anrief.
Rams Arbeit begann jedes Mal damit, dass er sich, nach einer ersten Dusche nackt auf einem Sechs-Quadratmeter-Bett liegend, mit verschiedenen Sensoren bekleben und an ein haubenartiges Brain-Computer-Interface anschließen ließ. Danach wurden die Messinstrumente kalibriert und an den aktuellen Istzustand seines Körpers angepasst. Zuletzt gab man ihm eine Spezialsonnenbrille als Schutz vor den Laserstrahlen, die ihn bald scannen und abtasten würden.
Schon dieser Anfang war jedes Mal beschämend genug, doch erst die nachfolgenden fünfzig, sechzig Minuten machten es erforderlich, im Anschluss an die Prozedur so lange heiß zu duschen, bis Rams Haut an die Farbe eines Hummers im finalen Kochtopfstadium erinnerte.
Denn er sollte, streng an den Regieanweisungen orientiert, die ein FeelReal-Erotix-Mitarbeiter über den Lautsprecher erteilte, nach Pornostandards Sex mit einer Partnerin haben. Nur ohne Partnerin. Die geforderten Stellungen wiederholten sich auf ermüdende Weise. Ram musste sich ständig auf erotische Bilder im Kopf konzentrieren, um seine Erektion zu halten – pornografische Unterstützung hatte er, verzweifelt um einen Rest von Würde bemüht, von Anfang an abgelehnt – und am Schluss ein bisschen mit der Hand nachhelfen. Auf Kommando, so ähnlich wie bei einem normalen 3-D-Hardcorestreifen. Ansonsten hielten sich die Anstrengungen in Grenzen.
Vorausgesetzt, man konnte mit den Erinnerungen an die unsäglich peinlichen Situationen leben. Ram war nicht sicher, ob ihm das auf Dauer gelingen würde, aber noch ging es einigermaßen.
Die Daten dieser albernen Trockenfickübungen verarbeitete eine Gruppe von Programmierern zu einer vollständigen Ramses-Collins-Körpersimulation. Mit allen sinnlichen Qualitäten, die sich derzeit technisch umsetzen ließen, für Cybersexsoftware mit realistischem Anspruch.
Die Kunden dieser neuen Spielerei gaben nicht nur viel Geld für die Grundausstattung aus, wozu ein Datenübertragungshelm und ein Ganzkörperanzug gehörten, sie zahlten auch eine Menge für die Illusion, mit einem Pornostar ihrer Wahl Cybersex zu haben. Hunderte Avatare standen zur Auswahl, und Ram wurde besonders intensiv nachgefragt. Obwohl ihm Bernd Fischer, Geschäftsführer von FeelReal Erotix, beim Einstellungsgespräch versichert hatte, es seien viele Frauen unter den Kunden, wollte Ram sich nicht allzu sehr belügen: Er und seine Kollegen waren enorm beliebt bei schwulen Männern.
Und wenn schon. Dafür bekam er immerhin hundertfünfzig Euro für zwei Stunden Vorbereiten, Posen und Wichsen.
Die virtuelle Pornowelt war ihm ein Gräuel, aber Ram hatte nicht das Geringste gegen moderne Technologien. Vor sieben Jahren war er einer der Ersten gewesen, die sich einen Cyberport in den Hals transplantierten ließen. Ein flaches, quadratzentimetergroßes Minionlinecomputermodul mit einem Akku, der sich durch Bewegungsenergie auflud, und einer Funkverbindung. Eine Sprachsteuerung leitete die Befehle des Users aus dessen Kehlkopfvibrationen ab, und wenn jemand über dieses System telefonieren oder Musik hören wollte, benutzte er kleine Hochleistungshörer, die in die Ohren gesteckt wurden.
Einen Cyberport musste man normalerweise nur alle fünf Jahre durch einen harmlosen chirurgischen Eingriff austauschen lassen, denn die Geräte waren mit einem speziellen Nanoverbundstoff beschichtet, der die erfreuliche Eigenschaft hatte, die körperliche Abstoßungsreaktion erheblich zu verzögern. Kombiniert mit Augmented Reality, speziellen Netzhautprojektorkontaktlinsen, die die Wirklichkeit mit visuellen Zusatzinformationen anreicherten oder gleich die ganze schnöde Welt ausblendeten, war so ein Cyberport ein äußerst nützliches Tool, fand Ram.
Viele andere Cyborgs nutzten AR, die erweiterte Realität, hauptsächlich, um mit Freunden zu kommunizieren, mehr oder weniger kritische Kommentare zu allem und jedem zu posten und eine Vielzahl von Informationen über andere Leute ins Sichtfeld zu projizieren, um Gleichgesinnte kennenzulernen. Ram diente diese Technologie jedoch als Mittel, um sich von der Realität und den Menschen, die sie bevölkerten, zu distanzieren. Nicht allzu viel an sich heranzulassen, um von der Welt soweit wie möglich in Ruhe gelassen zu werden.
Und sein aktueller Job ging ihm definitiv zu nahe.
Ich werde der Scheißpornofirma kündigen, im nächsten oder übernächsten Monat, sobald ich etwas Besseres gefunden habe, sagte er sich, und stellte die Dusche aus. Das ganze Badezimmer glich einer Dampfsauna. Ich möchte mich nicht mehr in Grund und Boden schämen müssen, wenn ich an meine Arbeit denke. Dieser Gedanke beschäftigte ihn keineswegs zum ersten Mal. Er gehörte irgendwie zum Duschritual, was dafür sprach, dass in Rams Leben alles so bleiben würde, wie es war.
Eine Viertelstunde später verließ er den Zweckbau, in dem FeelReal Erotix ihr Studio eingerichtet hatte, und versuchte den Kopf freizubekommen. Das schöne sonnige Maiwetter half ihm dabei.
Als der Eingang zum U-Bahnhof Kurfürstenstraße gerade am Horizont erschien, fiel Rams Blick auf einen Müllkübel, der an einer Straßenlaterne befestigt war. Einer von Tausenden orangefarbenen BSR-Eimern, wie es sie an jeder Straßenecke gab, doch aus diesem Kübel ragte etwas heraus, das interessant zu sein schien. Ein technisches Produkt, das anscheinend in seiner Originalplastikverpackung weggeworfen worden war.
Wenn ich mein Geld mit Cyberpornos verdiene, kann ich auch im Abfall herumwühlen. Das ist kein bisschen peinlicher als mein aktueller Job …
Ram zog den Gegenstand aus dem Eimer heraus.
Ein Cube! Einige von diesen Speichermedien enthielten Spezialprogramme, die ganz schön teuer waren.
Auf der Verpackung stand Progressive Cybernetics. Darunter war ein Logo, das die Buchstaben P und C miteinander verband. Ein Firmenname, der Ram nichts sagte.
Das Gleiche galt für das Produkt, das sich in der Verpackung befand.
Brain Reader 1.0.
Was auch immer das bedeutete. Ram hatte vor, es herauszufinden. Er steckte den Cube in die Tasche seines Hoodies und ging die Treppe zur U-Bahn-Station herunter.
Ram schloss die Tür zu seiner Wohnung in der Huttenstraße in Moabit auf, einem Kiez, der seit einigen Jahren für seine gelungene Mischung von Alteingesessenen, Künstlern und Studenten bekannt war, bei halbwegs bezahlbaren Mieten.
Die letzten paar Kilometer vom U-Bahnhof Turmstraße bis zu der Ecke, in der er lebte, hatte er zu Fuß zurückgelegt. Sein AR-System war so freundlich gewesen, ihn darauf hinzuweisen, dass der Bus zwanzig Minuten Verspätung haben würde. Außerdem fand er es schön, die Nachmittagssonne und den leichten warmen Wind zu spüren. Bei aller Liebe zu Technik und Weltflucht: Ram wusste, dass es ganz ohne die gute alte Wirklichkeit nicht ging.
Als er seine Wohnung betrat, aktivierten sich die Beleuchtung und das Rechnersystem automatisch.
Die beiden Zimmer waren so dunkel, dass das Raumlicht fast immer brannte, falls Ram nicht schlief oder einen Termin außer Haus wahrnahm. Hinzu kam eine kleine Küche, die er hauptsächlich zur Bieraufbewahrung und zum gelegentlichen Braten eines Steaks nutzte, und ein Bad, das seit Monaten vernehmlich, aber ignorierbar nach einer gründlichen Reinigung schrie.
Ram öffnete die Tür zu seinem Wohnzimmer und bahnte sich einen Weg durch mehrere Stapel von antiken Bildbänden, Musikzeitschriften aus den letzten vier Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts und fünfzig, sechzig Jahre alten französischen Kunstcomics, die den Boden bedeckten. Wahrscheinlich hätte ein Privatdetektiv mit viel Geduld und Ausdauer irgendwo noch die Ausdrucke aus Rams kurzer, erfolgloser Studentenzeit entdeckt, kurz nach der Sprachprüfung im Jahr 2024.
Inzwischen war sein Deutsch, abgesehen von einem leichten englischen Akzent, so gut wie das eines Muttersprachlers, und meist träumte und dachte er sogar auf Deutsch. Das beunruhigte ihn ein bisschen.
Schon in der Schule, beim Irisch- und Spanischunterricht, musste Ram praktisch nie zu Hause üben, um gute Noten zu bekommen. Wenn er ein Wort oder eine Redewendung in einer fremden Sprache hörte und wusste, wie sich die Begriffe übersetzen ließen, prägte er sich den Klang fast so effektiv ein, wie ein Computer Audiosignale speichert, und er konnte diese Informationen noch nach Jahrzehnten genauso problemlos abrufen wie am ersten Tag. Obwohl er in diesem Lebensbereich höchst erfolgreich war, hielt er seine sprachlichen Fähigkeiten für selbstverständlich, und er nahm sie hin, wie er die meisten Dinge hinnahm.
Ram ging zum Ledersofa in der Mitte des Zimmers, einem Möbelstück, das, ebenso wie die ganze Wohnung, seine besten Zeiten schon hinter sich hatte, räumte den Sitzplatz frei und ließ sich hineinplumpsen. Vor ihm stand ein vollgepackter Tisch mit einem Rechnerzugangsmodul.
Ram war kein Messie, der nichts wegwerfen konnte. Ordnung und Sauberkeit hatten für ihn nur keine sonderlich hohe Priorität, deshalb schob er Reinigen, Aufräumen und Ausmisten normalerweise so lange vor sich her, bis diese Aktivitäten sich beim besten Willen nicht mehr vermeiden ließen.
Angélique, seine letzte Freundin, hatte ihn wegen seiner chaotischen Lebensumstände und dem Mangel an jeglicher Form von Ehrgeiz verlassen. Zumindest waren diese Begriffe im finalen Ich-hab’s-mir-überlegt-wir-passen-nicht-zusammen-Gespräch gefallen. Doch Ram mochte sein Leben – allenfalls mit Ausnahme seiner derzeitigen Erwerbstätigkeit –, und er plante nicht, daran etwas Grundlegendes zu ändern.
Und so genoss er das Alleinsein mehr, als er seine letzte Beziehung genossen hatte.
Zu Vergnügungszwecken hing ein ultradünner Achtzigzollmonitor an der Wand gegenüber der Couch, eine Zwanzig-Punkt-zwei-Surroundanlage sorgte für hervorragenden Raumklang, und das Rechnersystem half Ram dabei, auch dann qualitativ hochwertige Games zu spielen oder Mysteryserien zu gucken, wenn er gerade auf erweiterte Realitäten und den ganzen Cyberkram keine Lust hatte.
Ram sagte: »Operator an Computer. Lade Audioplaylist Nummer einundzwanzig und spiele sie in der Originalreihenfolge ab. Volume auf acht Komma drei«, und einige Sekunden später wummerte Electro-HardBizz von Wombat Combat und 9th Wonders durch die zweiundzwanzig Lautsprecher.
Seinen ungewöhnlichen Vornamen hatte Ramses’ Vater zu verantworten, angeblich aus Liebe zum alten Ägypten. Das zumindest war der Kerninhalt der Anekdote, die ihm seine Mutter immer wieder erzählt hatte, als er noch ein Kind war.
Damals, vor Rams Geburt, hatte dieser Mann offenbar seine Freizeit noch nicht mit dem Hobby Alkoholismus vergeudet, sondern sich intensiv mit vergangenen Hochkulturen beschäftigt, vor allem mit den Ägyptern der Antike. Und Ramses war der häufigste Pharaonenname im Neuen Reich.
Ram hegte seit Längerem den stillen Verdacht, sein Vater habe ihm mit der Namenswahl den Auftrag mitgegeben, berühmt, mächtig und gefürchtet zu werden, stellvertretend für ihn selbst.
Nichts konnte weiter von der Wirklichkeit entfernt sein – sowohl bei Ram als auch bei seinem Vater. Francis Douglas Collins versoff wahrscheinlich gerade seine kümmerliche Frührente in dem miesen kleinen Apartment, in das er nach der Scheidung gezogen war. Rams Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Ohnehin hatte er den Kontakt zum Vater bereits vor vielen Jahren abgebrochen.
Und Ram selbst arbeitete als Nacktmodell für einen schmierigen Cyberpornladen.
Er bemerkte gerade, dass seine AR-Linsen in den Augen brannten. Wahrscheinlich würde er die Dinger bald herausnehmen und in die Spezialreinigungsflüssigkeit legen.
Er überlegte, was er tun konnte, um sich etwas ausgelasteter zu fühlen. Ergänzend zur Clubmusik, die sein Rechnersystem abspielte.
Ein cooles Game? Ein bisschen in den alten Comicheften rumstöbern? Oder das eine oder andere Bier trinken? Vielleicht eine Kombination aus Bier und Comiclektüre?
Plötzlich fiel ihm ein, dass der Cube aus dem Abfallkübel immer noch in seiner Hoodietasche steckte. Er musste überprüfen, was darauf war.
Auf diesen würfelförmigen Speichermedien, die über einen Multiport an jedes Computerzugangsmodul angeschlossen werden konnten, befanden sich normalerweise teure Programme und Applikationen, für herkömmliche Rechnersysteme oder für Cyberports. Vielleicht hab ich ein kleines Goldkorn aus dem Müll gezogen, dachte Ram.
Er beschloss, die AR-Kontaktlinsen vorerst da zu lassen, wo sie waren, und das Brennen zu ignorieren. Nachdem er die Musiklautstärke von akut gesundheitsgefährdend auf Supermarkthintergrundberieselung heruntergeregelt hatte, nahm er die Plastikverpackung mit dem Cube aus der Tasche seines Kapuzenpullovers.
Die Hülle war offenbar ungeöffnet. Ram betrachtete sie von allen Seiten. Nichts außer der Pappe mit dem PC-Logo, dem Firmennamen Progressive Cybernetics und der Produktbezeichnung Brain Reader 1.0. Alles in Rot auf schwarzem Grund.
Er öffnete die Packung mit einer Schere, die auf dem Tisch herumlag, und nahm den Cube heraus.
Klein, schwarz, mit dem üblichen Multiportinterface. Ohne besondere Eigenschaften, wenn man das Speichermodul von außen betrachtete.
Zunächst galt es, ein paar Daten über die Herstellerfirma zu bekommen und herauszufinden, was die Kunden von den Produkten hielten.
Ram legte den Cube auf den Wohnzimmertisch und aktivierte sein AR-System mit einigen Sprachbefehlen. InfoNet, die beste Suchmaschine im Netz, benötigte erwartungsgemäß nur Sekundenbruchteile, um den Namen Progressive Cybernetics zu überprüfen und die Ergebnisse über Linsen und Netzhaut in Rams Blickfeld zu projizieren.
Doch was InfoNet gerade herausgefunden hatte, war bemerkenswert.
Denn es gab nur zwölf Einträge zum Stichwort, und alle bezogen sich auf einen Science-Fiction-Roman gleichen Namens, den ein gewisser Jack Rowfield vor drei Jahren als E-Book auf einer Selfpublishing-Plattform veröffentlicht hatte.
Ram überflog den Textauszug. »Progressive Cybernetics« stand hier offenbar für einen geheimnisvollen Monopolisten, der absurde Dinge herstellte, bei denen zunächst unklar blieb, ob sie der Menschheit zum Vorteil gereichten oder ob sie den Planeten ins Verderben stürzen würden.
Eine echte Firma, die sich Progressive Cybernetics nannte, schien es nicht zu geben, und die Produktbezeichnung der Software, Brain Reader 1.0, war InfoNet sogar völlig unbekannt.
Seltsam, dachte Ram. Außer …
Außer er hatte zufällig das Appmodul eines Guerillamarketing-Start-ups im Müll gefunden.
Es gab ein paar Firmen – wie viele, wusste niemand –, die auf traditionelle Werbung ebenso verzichteten wie auf einen Eintrag ins Handelsregister. Ihre experimentellen Produkte waren nicht legal, aber wenn jemand nach ihnen suchte, wandte er sich normalerweise über Dritte an einen zwielichtigen IT-Ramsch-Laden, der sie in einem geschützten Bereich seines Onlineshops anbot.
Alle bekannten Quellen zum Herunterladen von Guerillasoftware galten als hochgradig verseucht, weshalb die Hersteller, wie es hieß, sich seit Längerem auf Cubes und andere materielle Datenträger beschränkten, wenn sie ihre Ware an den Mann bringen wollten.
Für die Guerillathese, überlegte Ram, spräche auch der merkwürdige Bezug zu einem unbekannten Science-Fiction-Roman, in dem es um eine geheimnisvolle Firma geht, die so heißt wie der Hersteller dieses Cubes. Nur eine besonders effektive Form von Werbung.
Jemand musste das Speichermedium versehentlich weggeworfen haben, wahrscheinlich zusammen mit Müll.
Ram schob den Cube in das Rechnerzugangsmodul, das auf seinem Tisch lag, um den Würfel in einem geschützten Check-up-Sektor auf Hardwaremanipulationen und Malware zu untersuchen.
Nach zehn bis fünfzehn Minuten würden die Ergebnisse angezeigt werden. Sicherheitshalber nicht über die AR, sondern auf dem Achtzigzollmonitor an der Wand. Selbst wenn ein hochaggressiver Schädling das Prüfmodul vollständig lahmlegte, blieb der Rest des Rechnersystems ebenso unbeeinträchtigt wie Rams implantierter Cyberport.
Er konnte es kaum abwarten.
Eine Viertelstunde später, Ram hatte das beste Suchprogramm verwendet, das er besaß, erschien eine Anzeige auf dem Bildschirm. Sie quantifizierte alle akuten und potenziellen Probleme, die die Cube-Daten betrafen: Null. Gefolgt von einem blinkenden »OK«.
Cool.
Ram deaktivierte den Prüfmodus und übertrug die Brain-Reader-Software auf das Hauptrechnersystem.
Wie er durch einen Blick auf den großen Wandmonitor erkennen konnte, verzichtete das Installationsmenü auf die übliche Präsentationsanimation. Es gab auch keine Assistenzfunktion oder seitenlange Listen mit AGB, die ohnehin niemand las.
Die Herstellerangaben beschränkten sich auf eine Texttafel, rot auf schwarzem Grund. »Brain Reader 1.0 by Progressive Cybernetics Corporation. Testversion.«
Dann folgte ein kurzer Abschnitt, der darauf hinwies, dass sich die Software nur einmal aktivieren und auf einen Computer übertragen ließ. Eine Aussage, die, wie Ram wusste, bei Betaprogrammversionen, an denen noch gearbeitet wurde, nicht unüblich war, weil es die kommerzielle Nutzung von Testsoftware erschwerte.
Ein Spezifikationscode verriet ihm, dass es sich bei dem Programm um eine App für AR-Systeme handelte, die von einem Cyberport gesteuert wurden. Offenbar genau das Richtige für Cyborgs wie Ram.
Darunter stand der Satz »Nutzung auf eigene Gefahr«.
Diese ausdrückliche Warnung irritierte ihn etwas, doch dann sagte er sich, dass die Firma Progressive Cybernetics wahrscheinlich auf diese Weise dafür sorgte, dass Schadensersatzklagen ausgeschlossen waren – für den Fall, dass das Testprogramm nicht so funktionierte wie gewünscht.
Doch wie sollte es überhaupt funktionieren?
Vielleicht, überlegte Ram, kann man damit die Körpersprache und die Mimik von anderen Menschen analysieren und durch kleine Einblendungen erfahren, wer gerade lügt und wer die Wahrheit sagt. Oder die App verweist auf flirtwillige Angehörige des bevorzugten Geschlechts.
Da das Installationsmenü nichts über den Sinn und Zweck der Software verriet, ebenso wenig wie die Internetrecherche, die er eben durchgeführt hatte, würde ihm wenig anderes übrig bleiben, als die Sache auszuprobieren.
Und falls sich diese App als unausgereifter oder überflüssiger Mist erwies, hielt ihn niemand davon ab, das Programm zu deaktivieren und den Cube in den Müll zu werfen. Er hatte ihn sowieso aus dem Abfall herausgefischt, es war also kein großer Verlust.
Ram aktivierte den Installationsbutton mit einem Sprachbefehl.
Ob er wirklich sicher sei, den Installationsprozess durchführen zu wollen?
Aber ja. »Fortsetzen.«
Das Menü verschwand vom Monitor, der kurz feuerrot aufleuchtete, bevor er sich, zu Rams Überraschung, selbst deaktivierte.
Doch als er seinem Rechner den Befehl erteilte, den Bildschirm wieder anzuschalten, funktionierte das problemlos, und es gab auch keine Fehlermeldungen. Nur das Installationsmenü fehlte.
Dafür zeigte die Datenleiste, die das AR-System so auf die Netzhaut projizierte, dass Ram den Rahmen und das Menü eines virtuellen Monitors vor sich sah, eine Meldung.
»App-Transfer erfolgreich abgeschlossen.«
Na also.
Jetzt musste er herausfinden, wozu der ganze Scheiß überhaupt gut war.
»Operator an Cyberport. Handbuch zum Brain Reader aufrufen.«
Ein Schriftzug erschien am oberen Rand seines Gesichtsfelds.
»Kein Handbuch verfügbar.«
Ram wunderte sich.
»Eine Gebrauchsanleitung, ein Videostream, eine Audiodatei … irgendwas in der Art?«
»Keine schriftlichen, visuellen oder auditiven Informationen zum Programm Brain Reader 1.0 verfügbar.«
Ram sah ein, dass ihm wenig anderes übrig bleiben würde, als diesen ärgerlichen Umstand zu akzeptieren, wenn er die neue App benutzen wollte.
»Operator an Cyberport. Aktiviere Brain Reader 1.0 im AR-Modus.«
Am oberen Rand seines Gesichtsfelds erschien die Meldung »Zugriff nicht möglich«.
Das kann doch nicht wahr sein, dachte Ram. Er fluchte vor sich hin, wobei er auf seine Muttersprache zurückgriff.
Nachdem er sich wieder beruhigt hatte, sagte er noch einmal »Operator an Cyberport« und fügte hinzu: »Brain Reader mit Verweis auf meine Administratorenrechte freischalten.«
»Zugriff nicht möglich.«
»Was für eine unglaubliche Scheiße ist das de… Cyberport, ignoriere den letzten Satz. Wie kann ich auf das Brain-Reader-Programm zugreifen?«
»Keine Zugriffsinformationen vorhanden.«
Offenbar bin ich auf einen blöden Marketinggag hereingefallen, dachte Ram. Diese App ist nutzlos.
Da sich seine trockenen und juckenden Augen inzwischen wieder deutlich bemerkbar machten, beschloss er, die Linsen endlich herauszunehmen, noch ein bisschen Musik zu hören und die Deinstallation der verdammten Fakesoftware auf später zu verschieben.
Alles in allem war dieser Tag ein Griff ins Klo.
Unerwünschte Informationen
Am Morgen, nach einem Frühstück, das im Wesentlichen aus Kaffee bestanden hatte, beschloss Ram, den freien Samstag für einen ausgiebigen Spaziergang zu nutzen und dabei einige kleinere Besorgungen zu machen, denn er freute sich über das anhaltend schöne Frühlingswetter.
Er bestellte zwar das allermeiste, was er brauchte, in qualifizierten Onlineshops, auch Whiskey und irisches Stout, doch die Lebensmittel für den täglichen Bedarf kaufte er in den Geschäften von Moabit. Nicht zuletzt, weil es ihm gut tat, gelegentlich die dunkle Wohnung zu verlassen und ein paar Menschen zu begegnen. Solange ihm die Leute nicht auf die Pelle rückten, war das in Ordnung.
Das AR-System informierte ihn darüber, dass MiniNorma, zwei Querstraßen entfernt, derzeit Erdbeeren im Angebot hatte. Drei Fünfhundertgrammkörbchen für geradezu absurd günstige fünf Euro achtundneunzig.
Das klang gar nicht schlecht, fand Ram. Und der türkische Fleisch- und Gemüsehändler in der gleichen Ecke seines Kiezes, das wusste er noch von früher, bekam die Rumpsteaks so billig vom Großhandel, dass er sie für einen Preis feilbot, der noch unter dem Supermarktstandard für Hackfleisch lag. Zumindest hatte es der Inhaber auf Nachfrage in dieser Weise erklärt – und selbst wenn das eine Lüge war und der Händler in Wirklichkeit die notgeschlachteten Pferde seines Onkels umetikettiert hatte: Das Fleisch war tadellos.
Ram entschied sich, einen Erdbeer-Steak-Tag einzulegen. Das erschien ihm lecker und nicht einmal ungesund. Erst recht, wenn er seine Besorgungen mit Bewegung und frischer Luft verband.
Eine halbe Stunde später betrat Ram die MiniNorma-Filiale und stellte befriedigt fest, dass die Erdbeeren noch nicht ausverkauft waren. Doch als er mit den drei Schachteln im Korb einen Quergang passierte, aus dem ihn ein junges Mädchen einen Moment lang ansah, bevor sie sich wieder den Hygieneartikeln zuwandte, geschah etwas Seltsames.
Ram war gerade an ihr vorbeigegangen, Richtung Kasse, da hörte er hinter sich die Worte »Eigentlich bist du ein gut aussehender Typ, aber du müsstest wirklich nicht in so einem schlabberigen Trainingsanzug durch die Gegend laufen.«
Er drehte sich um und wollte schon empört zurückrufen: »Was ich anziehe, geht dich einen verdammten Scheißdreck an!«, aber als er bemerkte, dass das Mädchen seinem Blick auswich und verkrampft in irgendein Regal sah, grinste er nur und beschloss, sich die unfreundliche Anmerkung zu schenken.
Das war die Sache nicht wert. Erst recht nicht an einem so schönen Tag wie heute.
Wahrscheinlich hatte die Kleine einen an der Schüssel. Konnte ihre Äußerungen in der Öffentlichkeit nicht kontrollieren.
Er, Ram, schon.
Eine Kasse war frei und besetzt von einer etwa fünfzig Jahre alten Verkäuferin mit blondierten Locken. In diesem Billigsupermarkt hatten sie an den Kassen noch nicht auf IT-gesteuerte Selbstbedienungstechnologie umgestellt.
Der Aufwand für den Kunden – Waren aufs Band legen, Geldbetrag abbuchen lassen, Waren in Tüten packen – war bei beiden Modellen ähnlich, nur dass es in den SB-Discountern keinen Kassierer gab und das System die Lebensmittelmengen automatisch erfasste, ebenso wie die Preise der Produkte. Eine Schranke sollte verhindern, dass jemand verschwand, ohne zu zahlen.
Der MiniNorma verzichtete auf solchen technologischen Schnickschnack, was Ram sympathisch fand.
Er stellte seine Erdbeerkörbchen, die er zuvor in einer dünnen Gemüse-Plastiktüte verstaut hatte, um sie besser tragen zu können, auf das Förderband und ging dann an der Verkäuferin vorbei. Ram war bereit, seinen Zifferncode in das Bezahlmodul einzugeben und die Rechnung über das AR-System zu begleichen.
Während die Dame an der Kasse die Tüte mit den Früchten vom Band nahm und mit Gewohnheitsbewegungen den Sonderangebotspreis einscannte, redete sie leise, aber vernehmbar vor sich hin.
»Wie soll ich mir nur die Kniegelenkoperation leisten … die Kasse übernimmt höchstens die Hälfte, hat die Sachbearbeiterin gesagt … die behaupten, es wär nicht dringend … aber ständig diese fürchterlichen Schmerzen, das halt ich nicht mehr lange aus … wenn ich mich noch mal krankschreiben lassen muss, verlier ich bestimmt meinen Job … fünf achtundneunzig bitte.«
Offenbar war heute der Tag der Verrückten.
Ram hatte keine Lust mehr, sich alle kritischen Kommentare zu verkneifen. Er sah die Verkäuferin an und sagte: »Ich wüsste nicht, was mich Ihre Krankheiten oder Ihre Probleme mit der Krankenkasse angehen sollten.«
Die Dame wurde erstens knallrot und zweitens ziemlich laut.
»Was erzählen Sie da für einen Schwachsinn? Fünf achtundneunzig, hab ich gesagt. Bezahlen Sie jetzt, oder soll ich die Polizei rufen?«
Ihre unerwartet barsche Reaktion verunsicherte Ram. Er brachte noch einen Halbsatz heraus. »Aber Sie haben doch gerade …«. Dann bemerkte er, dass der Gesichtsausdruck der Kassiererin immer mehr ins Hasserfüllte ging, verstummte sicherheitshalber und aktivierte die AR, um die Kaufsumme für die Erdbeeren von seinem Konto abbuchen zu lassen.
Währenddessen wurde er, so unglaublich er das auch fand, von einem Kunden beschimpft, der hinter ihm in der Schlange stand.
»Wenn du Ärger brauchst, kannste Ärger haben«, hörte er aus einem Meter Entfernung. »Schon wieder so ein durchgeknalltes Arschloch. Bin gespannt, was du sagst, wenn dich die Bullen in die Klapse bringen. Typen wie du gehören weggesperrt.«
Das wäre der Moment gewesen, in dem Ram sich hätte umdrehen und dem Mistkerl eine reinhauen müssen, schon aus Gründen der Selbstachtung, aber die aufsteigende Panik, die er in seinem Inneren spürte, verringerte die Erfolgsaussichten dieser Maßnahme erheblich.
Das Tempo, mit dem Ram die MiniNorma-Filiale verließ, in der er schon so oft eingekauft hatte, ohne dass jemals etwas Nennenswertes passiert war, hatte etwas Fluchtartiges.
Er überquerte gerade den Kundenparkplatz, als er feststellte, dass ihm ein bisschen schwindelig und schlecht war. Bestimmt der Schock wegen der unerwarteten Angriffe im Supermarkt. Ram fand eine leere Parkbank, stellte die Erdbeerkörbchentüte darauf und setzte sich daneben.
Er zitterte.
Was, zum Teufel, war da eben passiert?
Litt er unter Halluzinationen? Rams letzte Begegnung mit halluzinogenen Rauschmitteln, unbefriedigend wie all seine Drogenerlebnisse, lag jedoch über zehn Jahre zurück.
Oder absolut jeder Mensch, dem er an diesem Frühlingstag begegnet war, verhielt sich ihm gegenüber aus reichlich unersichtlichen Gründen unangemessen.
Die eine Theorie ist genauso absurd wie die andere …
Als er gerade das AR-System befragen wollte, ob im Raum Berlin möglicherweise etwas Merkwürdiges geschehen war – ein Laborunfall, ein Biowaffenanschlag, eine außerirdische Invasion, was auch immer –, stellte Ram verblüfft fest, dass sich die Infografik am unteren Rand seines Gesichtsfelds verändert hatte.
Rechts neben den üblichen Icons, Links und Textanzeigen leuchtete ein roter Punkt.
Versehen mit dem Schriftzug »Brain Reader 1.0«.
Hatte er – die Gedanken seiner Mitmenschen gelesen?
Den Produktnamen dieser App wörtlich zu nehmen, war ihm nicht in den Sinn gekommen. Schließlich wurde man, wenn man bei McDonald’s ein Royal-Menü bestellte, auch nicht königlich bewirtet.
Es ging um Werbung, und Werbung hatte nun einmal die lästige Angewohnheit, heftig zu übertreiben, um die Blöden zu ködern.
War er tatsächlich ein Telepath?
Ausgeschlossen, dachte Ram. Ich hab doch nicht mal das Audiomodul im Ohr. Die AR versteht, was ich sage, aber ohne Stöpsel kann ich alles, was sie überträgt, nur sehen. Nicht hören.
Trotzdem. Die Lippenbewegungen. Die Lippenbewegungen waren ein Indiz.
Genauer: deren Abwesenheit. Als die Kassiererin sich in ihrem Klagemonolog verloren hatte, fehlten die Mundbewegungen. Eine Beobachtung, die so absurd war, dass Ram sie bis zu diesem Augenblick ausgeblendet hatte.
Wie war es bei den anderen? Ram hatte nichts Entsprechendes bemerkt. Aber das lag womöglich daran, dass er erst durch ihre seltsamen Sprüche auf sie aufmerksam gemacht worden war und dass diese Leute schon zu Ende gedacht hatten, als sie in sein Blickfeld geraten waren.
Die Übelkeit, das Zittern und die Schwindelgefühle wurden stärker. Ram umklammerte die Parkbank, auf der er saß, mit den Händen, obwohl er wusste, dass ihm das nicht helfen würde.
Er musste sich irgendwo festhalten.
Als er wieder halbwegs klar denken konnte, war der erste dieser halbwegs klaren Gedanken eine Frage.
Verdammte Scheiße, was mach ich denn jetzt?
Es mochte in ein paar speziellen Situationen interessant sein, die Gedanken der Mitmenschen zu kennen, aber unaufhörlich davon bombardiert zu werden, würde ihn zuverlässig in den Wahnsinn treiben. Früher oder später.
Außerdem kollidierte das mentale Geschwätz der Leute frontal mit seiner Lebensmaxime, die Welt nicht allzu dicht an sich heranzulassen. Menschen, deren Redefluss sich kaum stoppen ließ, waren Ram zutiefst zuwider, und in Zukunft sollten ihn alle Leute, denen er mehr oder weniger zufällig begegnete, endlos zutexten? Unkontrolliert zulabern mit ihren Sorgen und Nöten, mit den Zutaten für Omas Kirschkuchen und dem, was sie von Rams Straßenkleidung hielten …
Unerträglich. Falls sich seine irrwitzige Telepathietheorie tatsächlich bewahrheitete.
Als seine Überlegungen bis zu diesem Punkt gediehen waren, bemerkte Ram, dass gerade ein älterer, etwas zauseliger Mann auf einen Laternenpfahl zusteuerte, der wenige Meter links von der Parkbank stand, auf der er saß.
Während der Mann mit offensichtlicher Routine anfing, den orangefarbenen Mülleimer, der an dem Laternenmast hing, nach Flaschen und anderen Wertstoffen zu durchwühlen, hörte Ram ein leises Murmeln. Mit der Zeit wurde das Geräusch irgendwie dichter und kräftiger, bis er jedes Wort verstand – so weit es der Inhalt erlaubte.
»Muss unbedingt Kalle Kohle für den Tabak geben, das hat er sich verdient … Kalle ist der Beste, wirklich, der Beste von allen. Und ein Schnaps, ich trink heute noch’n Schnaps auf Kalle, das hat er sich auch verdient. Auf jeden Fall … Der Typ auf der Bank da in dem Trainingsanzug sieht aus wie’n Zivilbulle … wird doch wohl noch erlaubt sein, ‘n paar alte Flaschen aus’m Müll zu holen … oder hamse das jetzt auch verboten, die verdammten Schweine … Werd mal Kalle fragen, der kennt sich mit solchen Sachen aus … Hey, Bulle, ich hab den bösen Blick, kuck zu mir her, dann biste für immer verflucht … das haste dir auf jeden Fall verdient …«
Jetzt machte der Zausel eine kleine Pause.
Es war eindeutig: Er hatte seine Lippen nicht bewegt. Als Ram über die Selbstlosigkeit eines gewissen Kalle und über seine eigene Tätigkeit als Polizeibeamter in Zivil in Kenntnis gesetzt worden war, hatte er kein Selbstgespräch verfolgt, sondern ein telepathisch übertragenes Signal.
Ram musste diesen Ort verlassen. Er stand auf und nahm die mittlerweile leicht zermatschten Erdbeeren von der Bank. Dann verschwand er, ohne den alten Mann noch einmal anzusehen, und bemühte sich dabei, seine Schrittgeschwindigkeit zu mäßigen. Der Flaschenpenner sollte nicht denken, er habe ihn mit seinem bösen Blick in die Flucht geschlagen.
Obwohl das auch schon egal war.
Ram beschloss, auf den geplanten Erwerb eines Rumpsteaks beim Türken um die Ecke zu verzichten. Lachhafte Preise hin oder her.
Er brauchte jetzt eine menschenfreie Umgebung. Zum Beispiel seine Wohnung.
Außerdem benötigte er vier bis fünf Flaschen Beamish Stout aus der Traditionsbrauerei Beamish and Crawford, die sich erfreulicherweise ebenfalls in seinem Apartment befanden.
Und nach dem Konsum der geistigen Getränke zur Nervenberuhigung musste er die Brain-Reader-App deinstallieren und den Cube zur Sicherheit vernichten. Nur für den Fall, dass er irgendwann auf dumme Gedanken kommen würde.
Also nach Hause.
Dieser Samstagmorgen war ohne jeden Zweifel noch grauenhafter verlaufen als der gestrige Freitag.
Doch Bier und anderthalb Kilo Erdbeeren hatten das Potenzial, ihm den Rest des Tages etwas zu versüßen.
Perspektiven
Ram lag auf seinem Ledersofa. Er hatte es sich in seiner Wohnhöhle gemütlich gemacht und beschlossen, dem Gefühl von Entsetzen und Fassungslosigkeit, durch das sein freier Samstag überschattet worden war, mit dem gezielten Einsatz von melancholischen Heimatmelodien entgegenzutreten.
Deshalb hatte er sein Rechnersystem angewiesen, eine ganz spezielle Zusammenstellung von Songs abzuspielen, die für solche Situationen sehr geeignet war und von Ram den Titel »Irish Desires« verpasst bekommen hatte. Ein Sampler, der ausschließlich aus Klassikern bestand. Dubliners, Chieftains, Celtic Riot.
Drei Flaschen Beamish Stout, eine vierte war gerade in Arbeit, hatten ein Übriges getan, und das lähmende Gefühl war tatsächlich einer leisen, halbtrunkenen Melancholie gewichen.
Im Moment lief »Mystery Game« von Clannad.
Die Erdbeeren hatte Ram in der Küche gewaschen, geputzt und ein bisschen gezuckert. Sie waren schon etwas zermatscht, aber er wollte zunächst etwas erledigen, das ihm auf den Nägeln brannte, und sich erst im Anschluss mit den Früchtchen belohnen.
Es führte kein Weg daran vorbei, die verfluchte App von Progressive Cybernetics zu deinstallieren, also würde er diese lästige Arbeit eben als Erstes erledigen.
Ram verringerte die Lautstärke seines Soundsystems und aktivierte die AR. Dann befahl er ihr, sich mit dem Heimcomputer zu verbinden, um den Deinstallationsprozess auf dem Achtzigzollmonitor an der Zimmerwand verfolgen zu können.
Er stellte fest, dass der rote Punkt mit der Brain-Reader-Anzeige immer noch am unteren Rand seines Gesichtsfelds leuchtete, und übertrug das dreidimensionale Bild über den Cyberport an den Hauptrechner.
So war es bequemer. Die wiederholten virtuellen Einblendungen in die optische Wahrnehmung, die die Augmented-Reality-Technologie zwangsläufig mit sich brachte, strengten nach einer gewissen Zeit die Augen ebenso an wie das Gehirn, und Ram hatte, wie er fand, an diesem Tag schon genug Anstrengendes erlebt.
»Operator an Computer. Öffne das Deinstallationsmenü der Brain-Reader-1.0-Applikation.«
Doch auf dem Wandbildschirm tat sich nicht das Geringste, und die dauerfreundliche Frauenstimme, die alle Systemprozesse begleitete, gab Ram eine unfreundliche Antwort.
»Der Zugriff auf das Deinstallationsprogramm wird verweigert.«
Ram fluchte. Dann setzte er sich aufrecht hin. Gemütliches Liegen war der Situation, in der er sich befand, nicht angemessen, und auch die halb volle Bierflasche, die auf dem Wohnzimmertisch stand, musste warten.
Bestimmt würde sich das blöde Softwareproblem im Handumdrehen lösen lassen. Üblicherweise war jedes installierbare Programm, das keine Schädlinge enthielt, auch deinstallierbar.
»Operator an Computer. Rufe alle verfügbaren Konfigurationseinstellungen von Brain Reader 1.0 auf und zeige sie auf dem Monitor an.«
»Es sind keine Konfigurationseinstellungen zu dieser Software verfügbar.«
»Dann beschränke dich darauf, den Brain Reader zu deaktivieren. Dauerhaft.«
»Der Zugriff auf die Deaktivierungsfunktion wird verweigert.«
»Verfickte Schei…, nein, ich wollte sagen: Welche Komponenten von Brain Reader 1.0 lassen sich abrufen und modifizieren?«
»Keine, es sei denn der User verfügt über die nötigen Zugriffsrechte.«
»Und wer, zur Hölle … ich meine: Wer erteilt dieses Zugriffsrecht?«
»Die Herstellerfirma Progressive Cybernetics.«
»Die sich wo befindet?«
»Keine Informationen verfügbar.«
Anscheinend ließen sich Rams Schwierigkeiten nicht nur nicht im Handumdrehen lösen, sondern überhaupt nicht.
Er griff nach der halb vollen Flasche Beamish und leerte sie in einem Zug.
Nachdem er sich einige Male aus der Trickkiste für die Bewältigung hartnäckiger Softwareprobleme bedient hatte, ohne jeden Erfolg, stellte Ram fest, dass er alleine nicht weiterkam.
Er brauchte Support. Schließlich war er kein IT-Spezialist.
Aber er kannte einen. Mirco, ein paar Jahre jünger als Ram. Ein Systemadministrator, der ausweislich seiner Koteletten, der kreischbunt tätowierten Ohren, die rundum durch diverse Goldringe perforiert waren, und einer Vorliebe für Retropostpunkklamotten offenbar gerne ein cooler urbaner Tripster gewesen wäre, aber eher wirkte wie ein uncooler urbaner Nerd. Dieser Eindruck hatte sich Ram jedenfalls beim ersten Treffen aufgedrängt, unter anderem durch Mircos deutlich gerundeten Bauch und den stark behaarten Grundzustand seiner gepiercten Ohren.
Eher ein guter Bekannter als ein Freund, aber das galt für die allermeisten Menschen, mit denen Ram sich in unregelmäßigen Abständen austauschte.
Er steckte ein AR-Audio-Zusatzmodul ins rechte Ohr, aktivierte die Webphoneapp und rief Mircos Nummer auf, nachdem er einen speziellen Zugangscode eingegeben hatte. Sein Bekannter tat alles, was ihm möglich war, um nicht überwacht zu werden, und dazu gehörte auch eine abhörsichere Webphoneleitung, die es etwas aufwendiger machte, ihn zu erreichen.
Dann sah Ram ein müdes Gesicht mit Dreitagebart.
»Hi, Mirco.« Er versuchte, möglichst unbeschwert zu lächeln, obwohl er sich mies fühlte.
»Hi, Ram. Lange nichts von dir gehört.«
Der Umstand, dass Mirco sich im nonverbalen Bereich auf ein schlichtes Kopfnicken beschränkt hatte, ließ Rams Lächeln schnell wieder verschwinden.
»Könntest du mich bei der Lösung eines Computerproblems unterstützen?«
Da Mircos Miene sich nicht wesentlich aufhellte, setzte er hinzu: »Ich weiß, du hast mir schon oft geholfen, aber ich komme heute einfach nicht weiter …«
»Und immer wenn’s brennt, erinnerst du dich an mich«, erwiderte Mirco, der immer noch nicht lächelte. »Du bist dir wahrscheinlich nicht darüber klar, dass ich normalerweise hundert Euro pro Stunde berechne, wenn ich einen Kunden besuche. Von dir hab ich noch nie was genommen.«
»Und dafür bin ich dir sehr dankbar. Wenn du heute zu mir kommst, kannst du dir gerne ein Heft aus meiner Comicsammlung aussuchen. Außerdem ist das Rechnerproblem wirklich spannend. Das müsste dich auch interessieren …«
»Freie Wahl bei deinen Comics?«
»Freie Wahl.«
Ram und Mirco hatten sich vor ein paar Jahren bei einer ComCon kennengelernt, einer Comic Convention.
»Wenn ich mit dem Auftrag fertig bin, an dem ich gerade arbeite, fahre ich zu dir. Ungefähr um vier Uhr. Okay?«
»Okay. Du glaubst gar nicht, wie froh ich bin, dass du …«
In diesem Moment unterbrach Mirco die Webphoneverbindung. Er hatte weder das Ende von Rams Dankesbekundungen abgewartet noch sich von ihm verabschiedet.
Das Gespräch war bei Weitem nicht so freundlich verlaufen, wie Ram es erwartet hatte. Doch da die vier Frühbiere inzwischen zur vollen Wirkung gekommen waren, hielt er sich nicht mit Selbstzweifeln auf. Mirco würde ihn am Nachmittag besuchen, das zumindest hatte er erreicht.
Außerdem konnte er ihm statt des vereinbarten Comics zwei Hefte mitgeben. Durch ein kleines Geschenk, davon war er überzeugt, ließen sich alle atmosphärischen Störungen beseitigen.
Um kurz vor vier schrillte die Haustürklingel. Ram, der ein bisschen auf der Couch gedöst hatte, schrak aus einem wirren Traum hoch, in dem er von zahlreichen fremden Menschen verfolgt worden war.
Kurz darauf stand Mirco in der Wohnungstür und drückte ihm die Hand. Dieses Mal verbunden mit einem leichten Lächeln. Dennoch musste Ram sich Mühe geben, Mircos deutlich hörbaren Begrüßungsgedanken – Hoffentlich geht’s schnell, heute ist ein scheißanstrengender Tag – zu ignorieren.
»Magst du ein Bier?«
Mirco, der ganz in Schwarz gekleidet war, wenn man von seinen knallroten Sneakern absah, schüttelte den Kopf. »Ich trinke normalerweise keinen Alkohol. Schon vergessen? Speed oder Digital Coke wirst du wahrscheinlich nicht haben, oder? Ich bin etwas erschöpft …«
»Ich nehme keine Drogen, deshalb sind auch keine da. Aber eine analoge Flasche Cola kannst du kriegen. Setz dich schon mal auf das Sofa. Notfalls musst du es ein bisschen leerräumen.«
Während Mirco ins Wohnzimmer ging, holte Ram eine Literflasche Coca Cola aus dem Kühlschrank und nahm ein Glas aus dem Spülsieb, das einigermaßen sauber zu sein schien. Dann setzte er sich zu Mirco und stellte das Getränk auf den Tisch.
Er war erleichtert, als er den Gedanken Das ist besser als gar nichts zum Dopen, vielleicht macht mich das Gesöff wenigstens halbwegs wach hörte.
Eine halbe Flasche Cola und drei halb unterdrückte Rülpser später fragte Mirco: »Worum geht’s denn bei deinem Computerproblem?«
»Das ist eine merkwürdige Geschichte. Ich hab eine App installiert, durch die man Gedanken lesen kann, und jetzt lässt sich das Programm nicht mehr deaktivieren. Ums Verrecken nicht.«
»Was?«
Mircos ungläubiger Blick sprach Bände, aber damit hatte Ram ebenso gerechnet wie mit dem Gedanken Ist der Typ verrückt geworden?, den er in den nächsten Sekunden empfing.
Deshalb erzählte er seinem Bekannten die ganze Geschichte, angefangen mit dem Schatzfund im Mülleimer. Mirco hörte ihm aufmerksam zu und unterbrach ihn nur einige Male für die eine oder andere Nachfrage.
Als Ram seinen Bericht beendet hatte, schwiegen beide. Dann sagte Mirco: »Dir ist schon klar, dass sich das irre anhört?«
»Natürlich. So durchgeknallt, dass ich diese Story normal finden würde, bin ich nicht.«
»Du behauptest also, du könntest bei jedem Menschen, der in Hörweite ist, die Gedanken lesen.«
»Richtig.« Ram ahnte, was nun kommen würde.
»Dann sag mir, was ich gerade denke.«
»Du denkst, dass ich jeden Bezug zur Realität verloren habe, und du willst am liebsten aufstehen und abhauen.«
Mirco wirkte überrascht, aber nur kurz.
Dann wurde er, zu Rams Erstaunen, wütend.
»Darauf wäre jeder Mensch mit ein bisschen Lebenserfahrung gekommen, der uns beiden zugehört hat. Dazu braucht man keine Superkräfte! Wenn das alles ist, was du drauf hast, dann bewirb dich doch bei einer von diesen Mentalistenshows im Web-TV, da arbeiten sie auch mit solchen uralten …«
»Beruhige dich.« Ram, der nicht geahnt hatte, welchen Verlauf das Gespräch nehmen würde, wollte sich nicht provozieren lassen.
Er lächelte ein bisschen. »Denk an eine beliebige siebenstellige Zahl.«
Mircos Gesichtszüge entspannten sich. »Okay. Das ist endlich mal eine gute Idee.«
Er verstummte und wandte seinen Blick ab. Offenbar konzentrierte er sich.
Ram ließ ihm Zeit.
Dann sagte er: »Du denkst an die Zahl vier Millionen sechshunderteinundzwanzigtausendzweihundertdreiundachtzig.«
Mirco zuckte zusammen. Dann riss er die Augen auf, und gleichzeitig öffnete sich sein Mund. Er schien sprachlos zu sein, und seine Gedanken beschränkten sich auf gebetsmühlenhafte Wiederholungen von Unglaublich …
»Wir können auch was anderes ausprobieren, wenn du willst. Denk an etwas, das außer dir niemand weiß …«
Fast im gleichen Moment, in dem Ram telepathisch das Wort »Darknetpornos« empfing, sagte Mirco hastig: »Nee, lass mal, das muss nicht sein. Ich glaube dir. Obwohl ich nicht die leiseste Ahnung habe, wie sich das, was du kannst, mit den Naturgesetzen und dem Stand der Technik vereinbaren lässt … Differenzierte Gehirnströme, die etwas darüber verraten, was ein Mensch denkt, kann man nicht wie über eine Funkverbindung von außen absaugen. Dazu sind sie viel zu schwach. Man braucht schon ein Multi-MRT- oder ein PFT-Gerät, wenn man solche Signale analysieren möchte … und einen sehr großen Computer mit einer riesigen Datenbank. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass das gerade Zufall war, liegt bei eins zu acht Millionen neunhundertneunundneunzigtausendneunhundertneunundneunzig, falls ich mich nicht irre … wenn man die subjektive Komponente ausklammert. Und ich bin sicher, dass wir das Ganze x-mal mit anderen Zahlen wiederholen könnten, ohne dass du jemals danebenliegen würdest. Oder?«
»Wenn ich nichts vergesse oder mich verspreche, nein.«
»Hast du nicht was von einem Bier gesagt? Ich glaube, ich könnte jetzt eins brauchen.«
»Kommt sofort«, sagte Ram, grinste und verschwand in die Küche.
Als er mit zwei geöffneten Flaschen Beamish zurückkam und Mirco eine davon reichte, nahm sein Bekannter einen großen Schluck.
Ram setzte sich wieder neben ihn auf die Couch und tat es ihm nach.
Beide schwiegen, soweit es für Ram überhaupt noch Augenblicke des Schweigens gab, wenn er in der Nähe von anderen Menschen war.
Er versuchte sein Bestes, um Mircos Gedanken zu überhören, zum Teil aus Diskretionsgründen und zum Teil, weil ihn seine neue Fähigkeit so unendlich nervte. Aber es gelang ihm kaum.
Zumal sich sein Gegenüber gerade gedanklich mit genau dieser Frage beschäftigte. Wie soll ich das nur aushalten … Ein Telepath … Ich kann überhaupt nichts vor dem Mann verbergen … es ist zum Wahnsinnigwerden …
Ram überlegte, wie es ihm gelingen würde, Mirco davon zu überzeugen, dass er keinerlei böse Absichten hatte. Immerhin war er auf ihn zugekommen, um diesen Albtraum so schnell wie möglich zu beenden.
Doch Mirco sagte: »Coole Musik. Was ist das?«, und Ram freute sich, dass er die Beschäftigung mit dem unangenehmen Thema erst einmal zurückstellen konnte.
»U2 aus den 1980ern, aus meiner Heimat. ›Sunday Bloody Sunday‹, ein Song über ein Massaker, das die britische Armee im Jahr 1972 während einer friedlichen Demonstration angerichtet hat. Damals war …«
Als ihm auffiel, dass Mirco nicht zuhörte, brach Ram seinen kleinen Vortrag ab.
Es gehörte nicht zu seinen Spezialitäten, auf Anhieb zu bemerken, dass ihm jemand nicht die ungeteilte Aufmerksamkeit schenkte, doch wegen der Zwangsgedankenleserei drängten sich solche Beobachtungen geradezu auf.
Vielleicht, dachte er, ist es an dieser Stelle ratsam, den eigentlichen Zweck von Mircos Besuch anzusprechen.
»Hilfst du mir, die verfickte App zu deinstallieren? Du kannst dir nachher gerne zwei Comichefte aussuchen …«
»Schon okay, du musst mich nicht bestechen. Du sagst, dass du die akustischen Inputdaten auch bekommst, wenn du gar kein Audiomodul im Ohr hast?«
»Mhm.«
»Dass das wissenschaftlich unplausibel ist, spielt wahrscheinlich keine Rolle, oder?«
Ram lachte. »Zumindest scheint sich die Brain-Reader-Software nicht für solche Details zu interessieren.«
Mirco dachte nach, während Ram versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was in seinem eigenen Kopf vorging, um die unerwünschten Außensignale auszublenden.
Dann fragte Mirco: »Was passiert, wenn du dir die Ohren zuhältst?«
Ram war verblüfft. Daran hatte er noch nicht gedacht.
»Keine Ahnung … ich kann’s ausprobieren. Denk mal was …«
»Ich bin kein buddhistischer Mönch, Ram. Ich denke immer. Außer im Tiefschlaf.«
»Dann sei still und lass mich lesen.«
Mirco schwieg. Was Ram telepathisch von ihm empfing, kam einer persönlichen Beleidigung nahe.
Nach den Worten Spar dir deinen Befehlston. Ich bin nicht dein Sklave, du egozentrischer, asozialer … bedeckte Ram seine Ohren mit beiden Händen.
Abgesehen von den üblichen Rauschgeräuschen, die in solchen Situationen grundsätzlich zu hören waren, blieb es still.
Eine Probe aufs Exempel. Hände weg.
Mirco setzte seine Schmähgedanken fort, und er grinste dabei.
Hände wieder auf die Ohren …
Nichts.
»Wow«, sagte Ram beeindruckt. »Es funktioniert tatsächlich. Deine Unverschämtheiten waren übrigens bemerkenswert fantasievoll.«
»Man hilft, wo man kann.«
Jetzt lachten beide.
Nachdem er seine Bierflasche zu zwei Dritteln geleert hatte, sagte Mirco: »Anscheinend kontrolliert dein Gehörsinn diese unglaubliche Fähigkeit. Das Außenohr beeinflusst die Telepathiewahrnehmung. So wie du Straßenlärm nicht mehr hörst, wenn du einen Schallschutzkopfhörer aufhast.«
Ram nickte.
»Warum willst du deine Superkraft unbedingt loswerden? Überleg mal, was du damit alles machen könntest …«
»Da muss ich nicht lange nachdenken, um dieses Thema dreht sich jede zweite oder dritte Mystery-Web-TV-Serie. Ich möchte nicht als Joker für irgendeinen Manager arbeiten, um irgendwelche Vertragsverhandlungen zu belauschen, und ich will auch keinem Scheißgeheimdienst bei den Verhören helfen. Die Superkräfte des Universums können mich alle am Arsch lecken, ich verzichte gerne darauf. Die Leute sollen mich in Ruhe lassen. Auch mit ihren Gedanken.«
»Vielleicht finden wir eine technische Lösung, durch die du die telepathischen Signale an- und ausschalten kannst, je nach Bedarf. Klingt das, was du hörst, wenn jemand denkt, genauso wie das, was du hörst, wenn jemand spricht? Oder gibt es einen akustischen Unterschied?«
Über diese Frage hatte Ram sich noch keine Gedanken gemacht.
Er verglich Mircos Sprechstimme mit dem telepathischen Signal, das er gerade von ihm empfing. Absurderweise war das die mehrfach wiederholte Aussage Eins, zwei, drei. Das ist ein Testgedanke …
Und er stellte fest, dass die beiden Signale tatsächlich voneinander abwichen.
»Wenn ich deine Gedanken lese, sind sie im Vergleich zu dem, was du sagst, etwas gedämpft. So als hätte jemand die mittleren Tonlagen heruntergedreht. Aber wenn man davon absieht, hören sie sich an wie das, was du sagst, wenn du sprichst.«
»Und bei anderen Leuten?«
»Ich glaube, da ist es genauso.«
»Cool. Dann brauchst du nur zwei kleine Anti-Tinnitus-Ohrhörer, die an die Form deiner Gehörgänge angepasst sind. Und jemanden, der ein bisschen an ihnen herumschraubt, eine Sprachsteuerung einbaut und sie so programmiert, dass die telepathischen Daten durch akustische Interferenzen ausgelöscht werden. Dann unterdrücken sie keine unangenehmen Pfeiftöne wie beim Tinnitus, sondern Gedanken von außen. Das heißt, du nimmst diese Signale nur wahr, wenn du das willst, und hast ansonsten deine Ruhe. Abgesehen davon, dass du dann kein Audiomodul mehr brauchst, wenn du den Sound von deiner AR hören möchtest, oder wenn du telefonierst – das ist all inclusive.«
»Dir ist schon klar, dass du der Einzige bist, den ich kenne, der so was programmieren kann?«
Mirco grinste. »Das hab ich mir zumindest gedacht. Aber meine Gedanken kennst du sowieso. Eine Bedingung: Wenn ich dir dabei helfe, kannst du deine Comicsammlung vergessen, das kostet Geld. Und billig wird die Sache nicht, denn schon diese Spezialohrhörer sind ganz schön teuer …«
»Da finden wir bestimmt eine Lösung. Aber erklär mir erst mal, wieso ich diese Fähigkeit behalten sollte … und das müsste schon ein besonders guter Grund sein.«
»Weil sie unglaublich nützlich ist. Denk darüber nach, und sei dabei gefälligst ein bisschen fantasievoller als vorhin. Niemand macht dir was vor, kein Mensch kann dich belügen. Und du würdest eine Unzahl von Geheimnissen erfahren – so grauenhaft ich es auch finde, dass das genauso für meine Geheimnisse gilt …«
Ram hatte bemerkt, dass Mircos letzter Satz keineswegs scherzhaft gemeint war, und er berührte, ein seltenes Zeichen von Intimität, kurz den rechten Arm seines Freundes mit der linken Hand.
»Das verstehe ich. Aber du hast mich von der ganzen Sache noch nicht überzeugt. Was hab ich davon, wenn ich alle möglichen Geheimnisse kenne – das meiste davon ist bestimmt völlig nutzlos. Irgendwelche privaten Schweinereien, ein paar Verbrechen und die Details von tausend grauenhaften Geisteskrankheiten … Das will ich doch gar nicht wissen. Ich finde es unangenehm, wenn mir die Leute zu nahe treten. Das passiert normalerweise eher selten, weil sich die meisten Menschen in der Öffentlichkeit zurückhalten. Aber das tun sie eben in ihren Gedanken nicht. Es macht mich fertig, wenn ich alles mitkriege, was den Leuten durch den Kopf geht, also warum sollte ich diese Fähigkeit behalten?«
»Weil das Programm eine Killerapp ist. Du könntest damit zum Beispiel so viel Sex haben, wie du willst. Ich meine richtigen Sex, nicht diese merkwürdigen Trockenfickübungen bei deinem Pornojob, von dem du mir erzählt hast …«
Hab ich das?, fragte sich Ram. Muss wohl so sein …
Mist.
Die peinliche Berührtheit verschwand. Wenn Ram ein bisschen darüber nachdachte, war das, was Mirco ihm gerade erzählt hatte, ein interessanter Aspekt dieser seltsamen Spezialkraft, über die er verfügte.
»Du hast recht«, sagte er. »Ich wüsste immer auf Anhieb, ob mich ein Mädchen gut findet … ob sie was von mir will … und ob’s eine kleine Affäre sein darf, oder ob es auf eine Dauerbeziehung hinauslaufen muss. Wenn ich weiß, was die Frauen von mir wollen, spreche ich sie an. Natürlich nur die hübschen. Das ist schon ein verlockender Gedanke, da kann ich dir gar nicht widersprechen.«
»Du musst deine Superkraft ja nicht für alle Zeiten behalten. Es wäre nur ein verdammt spannendes Experiment mit einer verdammt interessanten Software.«
»Aber ich kann es doch nicht ignorieren, dass sich der Brain Reader nicht deinstallieren lässt. Seit ich die App aktiviert habe, schaffe ich es nicht mal, auf die verfluchten Dateien zuzugreifen, aus denen sie besteht. Die Herstellerfirma zwingt mich also, ihr Produkt zu behalten, wenn es einmal installiert worden ist. Warum sollte ich denen trauen?«
»Sie machen es dir eben ein bisschen schwer. Na und? Nimm’s sportlich. Immerhin hält dein Brain Reader, was sein Name verspricht, das ist doch auch schon was. Außerdem gibt es kein Programm, das sich nicht entfernen lässt. Zumindest wenn man ein paar Tricks kennt … Du sagst, dass du nicht mehr auf die Software zugreifen konntest, nachdem sie in den AR-Datenbestand aufgenommen worden ist?«
»Ja, alles war blockiert. Das ganze verfluchte Programm weigert sich, Befehle von mir entgegenzunehmen. Es bleibt bei den Werkseinstellungen.«
»Wahrscheinlich liegt das daran, dass du die Betaversion hast. Solche Totalblockaden sollen normalerweise verhindern, dass jemand ein unausgereiftes Produkt an die Konkurrenz verkauft. Es ist nur für die Testabteilung dieser Firma hergestellt worden … wie heißt sie noch …«
»Progressive Cybernetics.«
»Beta-App-Blockaden sind leider ziemlich effektiv. Aber es könnte einen Weg geben, das Ding zu knacken.«
»Mach’s nicht so spannend.«
»Wenn ich mich richtig erinnere, enthält der Cube keine Daten mehr, seit du das Programm auf deinen Cyberport übertragen hast.«
»Richtig.«
»Bei jedem Datenträger, der nicht physikalisch zerstört ist, lassen sich die Bits wiederherstellen. Man kann nicht alle Spuren löschen. In deinem Rechnersystem und in der AR haben sich die Dateien wahrscheinlich automatisch maskiert. Das heißt, dass sie extrem gut verschlüsselt sind und dass es unmöglich ist, den Datenbestand auf konventionelle Weise wiederherzustellen. Zumindest wenn die Programmierer richtig gut sind, und davon gehe ich bei deiner App aus. Da kann ich nichts machen, aber ich hab eine andere Idee.
Wenn wir ins Geschäft kommen, nehme ich den Cube mit und rekonstruiere die Dateien bei mir zu Hause. Dann finde ich heraus, wie sich die Software von deinem Cyberport und deinem Rechnersystem entfernen lässt. Diese Deinstallationsinformationen sind irgendwo im Programm verborgen, damit die Techniker von Progressive Cybernetics auf die Daten zugreifen können, wenn sie die Software weiterentwickeln wollen. Und wenn die da rankommen, schaffe ich es auch irgendwann.
Das bedeutet, du kannst dich mit den Frauen richtig austoben, und sobald ich meine Arbeit beendet habe, machst du mit deiner Superkraft, was du willst. Ob du die Fähigkeit nur in ein paar speziellen Situationen einsetzt oder ob du die Software erst einmal komplett deinstallierst und sie erst wieder in einem Jahr benutzt, ist deine Entscheidung. Auf jeden Fall dürfte das, was ich für dich tun kann, ein bisschen Zeit in Anspruch nehmen, und das bedeutet, es wird teuer.«
Mirco grinste maliziös.
»Aber du kriegst das hin?«
Mirco nickte. »Definitiv.«
»Ich hab was auf meinem Konto zurückgelegt. Wenn du deine Arbeit gut machst, bezahle ich dich auch gut.«
»Cool. Dann sind wir im Geschäft.«
»Mir kommt übrigens gerade eine zweite Idee, wie ich diese telepathischen Fähigkeiten einsetzen könnte. Ich gehe zu Pokerturnieren, lese die Gedanken der anderen Spieler und werde reich wie ein Scheich.«
»Kannst du pokern?«
»Nö.«
»Dann vergiss die Sache. Gute Pokerspieler sind fast so gut im Gedankenlesen wie du mit deiner App, und sie können die Wahrscheinlichkeiten für alle möglichen Kartenkombinationen im Kopf ausrechnen. Abhängig vom Spielverlauf und in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Denen bist du hoffnungslos unterlegen.«
»Das wollen wir doch mal sehen. Ich kann vorher ein paar Wochen üben. Du glaubst gar nicht, wie selbstdiszipliniert ich bin, wenn mich etwas interessiert …«
Ram hätte nicht die Kunst des Gedankenlesens beherrschen müssen, um zu bemerken, dass Mirco ihm nicht glaubte, denn sein skeptischer Blick sprach für sich.
Schließlich sagte Mirco: »Du kannst es versuchen. Hauptsache, du verzockst nicht so viel, dass du dir die hundertzwanzig Euro nicht mehr leisten kannst, die ich für jede Arbeitsstunde von dir bekomme.«
Ram fand, dass das eine stolze Summe war. »Hundertzwanzig Euro?«
»Zuzüglich Materialkosten.«
»Kein Verhandlungsspielraum?«
»Nö.«
»Du hast was von einem kaltherzigen Hurensohn, aber ich bin einverstanden.«
Mirco grinste und konterte Rams Beleidigung in Gedanken. Dabei griff er ebenfalls auf verwandtschaftlich angelegte Schmähungen zurück, indem er den mütterlichen Aspekt mit sexuellen Vorstellungen verband, die noch ein gutes Stück eindeutiger waren.
Beide grinsten. Ram nahm den Brain-Reader-Cube von seinem Wohnzimmertisch und gab ihn seinem Bekannten.
Mirco hielt den kleinen Würfel in der Hand und drehte ihn mit den Fingern hin und her, ohne ihn einzustecken.
»Eine Bedingung, Ram.«
»Was denn noch? Ein Pfund von meinem Fleisch, so wie bei Shakespeare?«
»Igitt, was denkst du von mir? Nein, ich übernehme den Auftrag nur, wenn du meine Gedanken nicht mehr liest, nachdem ich mit meiner Arbeit fertig bin. Bitte fühl dich nicht beleidigt, aber ich kann es nicht ertragen, wenn nicht einmal das geheim bleibt, was in meinem Kopf vorgeht.«
»Du beleidigst mich nur, wenn du meine irische Herkunft in den Dreck ziehst.«
»Gut zu wissen. Ich werde ein bisschen recherchieren und herausfinden, wie man das am besten macht.«
Ram lachte. »Ein guter Anfang wäre schon mal, wenn du das Bier, das du gerade getrunken hast, scheiße findest.«
»Diesen Gefallen würde ich dir gerne tun, aber eigentlich hat es mir geschmeckt.«
»Glück gehabt. Unterschätze nie die Rachsucht eines beleidigten Iren.«
Mirco grinste. Dann stand er auf, steckte den Cube in seine Hosentasche und sagte: »Ich verabschiede mich für heute, weil ich verdammt müde bin.«
»Du hast was vergessen.«
»Nämlich?«
»Die Comics.«
»Natürlich. Schön, dass du daran denkst.«
Als Mirco eine Viertelstunde später die Wohnung verließ, hatte Ram ihm nicht ein oder zwei Hefte in eine Tüte gepackt, sondern drei seltene Moebius-Comics aus der John-Difool-Reihe.
Er ließ es sich nicht nehmen, seinen Kumpel darauf hinzuweisen, dass diese Hefte im antiquarischen Onlinefachhandel teuer waren.
Richtig teuer.
Der Gedanke, den er postwendend empfing, ließ ebenfalls wenig Spielraum für Spekulationen.
Gib nicht immer so an. Deine Großspurigkeit ist unerträglich.
Pokern für Anfänger
Knapp drei Wochen später lag Ram auf seinem Wohnzimmersofa und blickte zur Decke, weil das nach seiner Erfahrung die beste Körperhaltung war, um sich längere Zeit erfolgreich zu konzentrieren. Die Anbahnung der sexuellen Abenteuer, die ihm im Gespräch mit Mirco noch so attraktiv erschienen waren, hatte er vorerst zurückgestellt. Neben ihm, auf dem Tisch, standen ein Glas und eine Flasche Ginger Ale, denn das war seine bevorzugte Ersatzdroge, wenn er, wie in den letzten zwanzig Tagen, auf Alkohol verzichtete.
Ginger Ale schmeckte hinreichend herb, um ihn an irische Biersorten zu erinnern, aber die Ähnlichkeit war nicht so groß, dass sie ihn veranlasst hätte, unaufhörlich an den Stout-Vorrat zu denken, den er im Kühlschrank aufbewahrte.
»Wie unterscheiden sich die Wahrscheinlichkeiten für einen Straight Flush, wenn man Siebenkartenspiele wie Texas Hold ‘Em mit Fünfkartenspielen wie Five Card Stud vergleicht?«, fragte gerade die freundlich neutrale Frauenstimme, die Ram als Standard für alle Computer-Voice-Anwendungen festgelegt hatte.
Er dachte kurz nach und antwortete: »Bei sieben Karten liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Straight Flush bei null Komma null-zwo-acht Prozent, bei fünf Karten liegt sie nur bei null Komma null-null-eins-drei-neun Prozent. Also sind die Chancen auf eine solche Hand bei Siebenkartenspielen ungefähr zwanzig Mal größer.«
»Korrekt. Was ist das wichtigste Kriterium für einen guten Spieler, welches Hauptziel hat er, und was hilft ihm bei der Analyse des Spielgeschehens?«
Drei Fragen in einer, dachte Ram. Aber sie sind leicht zu beantworten. Reines Basiswissen.
»Ein guter Spieler versucht herauszufinden, wie gut seine Hand im Vergleich zu den Karten der Mitspieler ist. Dabei schließt er von seinen Pocket Cards, von den Community Cards und den Karten, die ausgespielt werden, auf die verdeckten Karten seiner Kontrahenten, indem er Wahrscheinlichkeitsberechnungen durchführt. Der zweite Hauptfaktor ist das Beobachten der Rundengegner: Körpersprache, Blufftechniken, bisheriges Verhalten im Spielverlauf. Das Hauptziel ist es, schlechte Hände normalerweise frühzeitig aufzugeben, finanzielle Verluste klein zu halten und den Gewinn zu maximieren.«
»Korrekt. Wie wird es in den meisten Fällen interpretiert, wenn ein Spieler seine Pocket Cards über einen längeren Zeitraum ansieht, und was ist die Gefahr einer solchen Betrachtungsweise?«
Auch durch diese Frage fühlte sich Ram eher unter- als überfordert.
»Es heißt, dass ein Spieler, der eine starke Hand hat, unbewusst länger in seine Karten schaut als jemand mit einer schwachen Hand. Die Gefahr einer solchen Interpretation besteht darin, dass versierte Gegner dieses Mittel bewusst einsetzen können, um zu bluffen.«
Die deutsche Sprache hatte etwas unnachahmlich Bürokratisches, fand Ram. ›Die Gefahr einer solche Interpretation besteht darin, dass …‹
Er liebte diese bis ins Absurde gehende Umständlichkeit, seit er Deutsch gelernt hatte, und spielte gern mit ihr.
»Korrekt«, sagte die freundlich neutrale Frauenstimme. »Woher kommt der Begriff ›Dead Man’s Hand‹?«
Zum ersten Mal an diesem Nachmittag geriet Ram ins Stocken. Klar, eine Dead Man’s Hand bestand aus zwei Assen und zwei Achten, aber danach hatte das Advanced-Gambling-Programm, Schwerpunkt Texas Hold ‘Em, zu seinem Bedauern nicht gefragt. Die Wahrscheinlichkeiten für eine solche Kombination hätte er ebenso im Schlaf aufsagen können wie die Chancen dafür, dass aus einer Dead Man’s Hand, abhängig vom Spielverlauf, noch ein Full House wird. Aber woher kam der gottverdammte Name?
Zu seinem Glück waren Computer geduldig, und er hatte eine großzügige maximale Antwortzeit eingestellt.
Ram versuchte sich zu konzentrieren, aber es nutzte nichts.
Erst als seine Gedanken nach ein paar Minuten abschweiften und sich in erotischen Fantasien verloren, fiel ihm alles wieder ein.
Deadwood.
Natürlich, Deadwood. Deadwood, South Dakota. Da liegt der Typ begraben.
Ram räusperte sich. »Der Begriff ›Dead Man’s Hand‹ bezieht sich auf das Leben und Sterben eines amerikanischen Revolvermannes aus dem 19. Jahrhundert. White Bill Hickok. Acht Schießereien, acht Tote, wenn ich mich richtig erinnere. Hickok war ein passionierter Gambler, und irgendwann hat ihn ein Mann hinterrücks beim Spielen erschossen. Es heißt, dass Hickok mit einer Dame, zwei Assen und zwei Achten in der Hand gestorben ist, in Deadwood, South Dakota. Seitdem wird die Asse-Achten-Kombination ›Dead Man’s Hand‹ genannt.«
»Korrekt. Damit haben Sie die letzte von zweihundertfünfzig Trainingstesteinheiten erfolgreich beendet, die nach dem Zufallsprinzip zusammengestellt worden sind. Sie konnten alle Fragen korrekt beantworten. Herzlichen Glückwunsch, Ram.«
Ram hielt es für überflüssig, sich bei einer Rechnersoftware für einprogrammierte Glückwünsche zu bedanken.
Stattdessen sagte er: »Computer, beende Advanced Gambling und spiele die Tracklist Nummer siebenundachtzig ab, Best of Johnny Cash. Volume auf zwei.« Im Angedenken an White Bill Hickok und alle Spinner seiner Art, fügte er in Gedanken hinzu.
Es war Zeit für das erste Bier seit einer halben Ewigkeit. Ram stand auf, ging in die Küche und kam mit einer kühlen Flasche Beamish Stout zurück.
Sein Leben bestand aus vielen mehr oder weniger festen Gewohnheiten. Diese, das Bier aus seiner Heimat, gehörte zu den festesten, aber er hatte beschlossen, bis zum Ende seines Pokertrainings abstinent zu bleiben, um mit voller Konzentration an seinem Plan arbeiten zu können. Dem Plan, innerhalb weniger Wochen aus einem absoluten Laien einen versierten Pokerspieler zu machen.
Das, was ihn von einem hervorragenden Gambler unterschied, mussten dann seine telepathischen Fähigkeiten ausgleichen.
Er setzte sich wieder auf die Couch und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Dabei entfuhr ihm ein wohliges »Mmh …«, so wie den Schauspielern in unzähligen Bierwerbefilmchen.
Johnny Cash sang gerade »Solitary Man«, mit einer Stimme vom Rande des Grabes.
Rams aktuelle seelische Verfassung war deutlich besser. Um sich möglichst wohlzufühlen und den Bierverzicht ein bisschen abzufedern, hatte er den Höhlencharakter seiner Wohnung in den letzten zwanzig Tagen durch einige einfache logistische Maßnahmen noch stärker herausgearbeitet.
Das Sofa, ohnehin sein wichtigster Lebensmittelpunkt, war jetzt mit Kissen und Decken aus dem Schlafzimmer gepolstert, und in den Pokerpausen entspannte er sich mit Trancefloortracks von The Chemistry. Elektronische Musik, die von psychedelischen 3-D-Kaskaden auf dem Achtzigzollmonitor an der Zimmerwand begleitet wurde.
Zu seiner Bequemlichkeit hatte er außerdem beschlossen, vorerst auf die tägliche Kocherei zu verzichten und sich seine Mahlzeiten von verschiedenen Onlinelieferdiensten bringen zu lassen. Asiatisch, arabisch, italienisch, je nach Bedarf. Es gab sogar ein irisch-schottisches Gastronomieunternehmen, bei dem Ram einmal Irish Stew bestellte, aber das Traditionsgericht enthielt das zäheste Lammfleisch, das er je gegessen hatte, und er kippte die Hälfte davon, angemessen irisch fluchend, ins Klo.
Doch das war in den letzten drei Wochen die einzige Unannehmlichkeit gewesen. Zumindest wenn Ram den Umstand ignorierte, dass er sich einige Male gezwungen gesehen hatte, das Haus zu verlassen, um seinen Pflichten nachzukommen, vor allem bei FeelReal Erotix und im Fitnessstudio. Mit konventionellen Ohrstöpseln, um den Gedankenmüll von außen wegzufiltern, aber trotzdem ohne allzu großes Vergnügen.
Ram trank die Bierflasche mit vier, fünf großen Schlucken leer, rülpste vernehmlich und stand auf, um das nächste Beamish aus dem Kühlschrank zu holen. Johnny Cash besang gerade das Schicksal eines Mörders, der auf seine Hinrichtung wartet. Mit einer Stimme am Rande des Weinkrampfs.
Ram war sehr zufrieden. Am Montag, nach dem Abend mit Mirco, hatte er einen 3-D-Copyshop im Prenzlauer Berg aufgesucht, um mit dem Laserscanner, der dort stand, seine Gehörgänge und die genaue Form des angrenzenden Ohrmuschelbereichs auszumessen.
Dem Personal war die Überraschung über den ungewöhnlichen Auftrag deutlich anzumerken. Die allermeisten Kunden scannten nicht lebendes Material wie plastische Kunstobjekte, zerbrochene Vasen und andere Erinnerungsstücke, um sie mit dem 3-D-Printer zu duplizieren oder um sie, mit Unterstützung durch eine spezielle Software, in reparierter Form wiederauferstehen zu lassen. Andere stellten elektronische Geräte nach eigenen Softwareplänen im Schichtdruckverfahren her. Ram vermutete, dass er in diesem Laden der erste Kunde war, der jemals einen Scan seines Gehörs in Auftrag gegeben hatte.
Doch anders als das Kopieren von Markenuhren, Kreditkarten oder archäologischen Fundstücken war das lasergesteuerte Abtasten der eigenen Ohren nicht gesetzlich untersagt, also gewährte man ihm den Zugang zur Maschine. Da er den 3-D-Printer nicht in Anspruch nahm und nur die gemessenen Daten auf einem konventionellen Multiportstick speichern wollte, machte ihm die Angestellte des Shops noch einen besonders günstigen Preis. Zumindest kostete der Scan erheblich weniger, als ihm ein Hörgeräteakustiker für die gleiche Leistung in Rechnung gestellt hätte. Solche Preis-Leistungs-Vergleiche waren in den Zeiten der Augmented Reality und der intelligenten Computerassistenten eher eine Sache von Sekunden als von Minuten.
Die Ohrformdaten schickte Ram online an Mirco. Kurz darauf bekam er eine knappe Voicemail zur Bestätigung. »Ist angekommen. Arbeite gerade an deinem Cube-Problem. Dauert noch, ich melde mich, wenn alles fertig ist.«
Danach hatte Ram so gut wie jede freie Minute mit dem Pokertraining in der Hold-‘Em-Variante verbracht. Er besorgte sich mehrere Programme im Netz, die sich gut ergänzten: Theorie, Probabilistik, virtuelle Turniere mit und ohne Mitspielervisualisierung, Deutung nonverbaler Signale, Tricksen und Täuschen. Er beantwortete Tausende von Fragen zum Thema und nahm parallel an mehreren Hundert Spielgeldpartien teil, vom Anfänger- bis zum Profilevel.
In der dritten Woche fing er mit den kostenpflichtigen Echtzeitrunden im Netz an. Anonym, mit dem Einsatz kleinerer Summen und auf solidem Amateurniveau.
Zu seiner Freude stellte er fest, dass er dreimal unter den besten fünfzig Spielern war, und einmal unter den besten zwanzig. Nur bei einer Handvoll Partien hatten ihn die Gegner richtig auflaufen lassen, mit spürbaren finanziellen Verlusten.
Und jetzt, nach knapp drei Wochen, war er gut trainiert und mit sich im Einklang.
Während er einen weiteren großen Schluck aus seiner Bierflasche trank, ging ihm ein unerwarteter Gedanke durch den Kopf: dass es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit untersagt war, ein offizielles Pokerturnier zu besuchen, wenn man einen aktivierten Cyberport benutzen wollte. Die Vorteile, die einem die Daten der Augmented Reality im Vergleich zu den Mitspielern verschaffen würden, die nicht über solche Hilfsmittel verfügten, mussten erheblich sein.
Ohne AR keine telepathischen Kräfte, und so gut war Ram einfach nicht, dass er einen Haufen Pokerprofis ohne den Einsatz von unfairen Mitteln besiegen konnte.
Er wollte seine ambitionierten Pläne schon aufgeben und das Reichwerden vorerst abhaken. Doch er musste nur ein paar Minuten im Netz recherchieren, um herauszufinden, dass er mit seinem Pessimismus völlig falsch lag.
Tatsächlich waren AR-Systeme bei Pokerturnieren in Deutschland verpönt, aber grundsätzlich zugelassen. In den Veranstaltungsräumen verhinderte eine spezielle Abschirmelektronik den Zugriff auf die Datenströme der anderen Mitspieler, die ihre AR eingeschaltet hatten, sodass es unmöglich war, visuelle Informationen abzusaugen oder Herzschlag und Blutdruck der Gegner zu überwachen. Wenn jemand versuchte, ein professionelles Pokerprogramm zu laden, wurden diese Bemühungen durch komplexe technische Maßnahmen vereitelt. Außerdem genügte ein einziger dieser Versuche, um für alle offiziellen Pokerturniere in Europa auf Lebenszeit gesperrt zu werden.
Also beschränkte sich der Erkenntnisgewinn, den ein aktives AR-System mit sich brachte, auf Daten, die das Netz zur Verfügung stellte. Biografisches zu den jeweiligen Mitspielern, Wahrscheinlichkeitsberechnungen für verschiedene Kartenkombinationen, abhängig von der Spielphase, und Informationen über die unterschiedlichen Strategien.
Ausschließlich Fakten, über die ein versierter Profi genauso verfügte wie ein geübter Amateur – ohne alle technischen Hilfsmittel. Erfahrung und ein bisschen gezielte Recherche zur Vorbereitung genügten.
Das war auch der Grund dafür, warum AR-Spieler bei Turnieren eher geduldet als respektiert wurden.
Man erkannte sie auf den ersten Blick. Ihre mit Nummern versehenen Plastikschilder waren rot statt weiß, eine Signalfarbe, die klar darauf hinwies, dass es sich bei dem Betroffenen um einen unglaublichen Idioten handelte. Eine Niete im Pokern, die versuchte, ihre mangelnden spielerischen Fähigkeiten durch moderne Technik auszugleichen. Mit anderen Worten: ein erklärtes Opfer für die anderen am Tisch.
Um die Demütigung noch zu verstärken, das war zumindest Rams Vermutung, kostete der Besuch eines offiziellen Turniers, wenn jemand nicht auf Computerunterstützung verzichten wollte, das Doppelte der üblichen Summe für Anmeldung und Eigenanteil am Preistopf.
Als er den Netzeintrag zum Thema zu Ende gelesen hatte, war Ram hochzufrieden. Es hatte seine Vorteile, wenn ihn die anderen Spieler eine Zeit lang unterschätzten. Das rote Idiotenschild würde ebenso dafür sorgen wie der Umstand, dass er niemals bei einem früheren Turnier gesehen worden war.
Diesen Eindruck, überlegte Ram, kann ich weiter verstärken. Etwa indem ich in den ersten Runden ungeschickt agiere und meine Bankroll, den persönlichen Chipstapel, immer wieder übermäßig abbaue.
Eine Sonnenbrille musste er ohnehin tragen. Die Veränderungen seiner Pupillen, verräterische Signale, die sich kaum durch das Bewusstsein kontrollieren ließen, sollten seinen Gegnern verborgen bleiben.
Da nur Profis und gute Amateure solche Brillen trugen, ein Personenkreis, zu dem Ram, wie sein rotes Schildchen suggerieren würde, definitiv nicht gehörte, war der Sichtschutz wahrscheinlich für seine Kontrahenten nur ein weiteres Zeichen dafür, dass sie es mit einem unerfahrenen Wannabe zu tun hatten.
Vielleicht bin ich der erste Turnierspieler überhaupt, der eine Profisonnenbrille mit einem AR-Idiotenschild kombiniert, dachte er und lächelte dabei.
Das müsste mich zum Superidioten machen.
Auf Ohrhörer mit Musikberieselung, wie sie viele Profis trugen, um störende Außenweltsignale zu minimieren, wollte er verzichten – andernfalls würde er keine Chance haben, die Gedanken seiner Mitmenschen zu belauschen. Am Geld sollte die Sache nicht scheitern, doppelte Teilnahmegebühr hin oder her. Ram besaß Rücklagen von über fünftausend Euro, und er wollte die gesamte Summe in Pokerturniere investieren.
Es war für einen guten Zweck. Den Zweck, mit einem dreisten Trick stinkreich zu werden.
Johnny Cash sang gerade eine Version von »Bridge Over Troubled Water«, und er wirkte dabei, als könne er seine Tränen nun beim besten Willen nicht mehr zurückhalten, so sehr er sich auch darum bemühte.
Ram hatte jetzt nur noch wenige Aufgaben zu erledigen. Den Zeitpunkt des nächsten Pokerturniers in Berlin herauszufinden, die Anmeldegebühr und den Eigenanteil an der Gewinnausschüttung zu überweisen und sich in Geduld zu üben.
Er erteilte seinem Rechner einen Sprachbefehl, was das System automatisch veranlasste, Johnny Cash verstummen zu lassen.
»Operator an Computer. Suche nach dem nächsten offiziell zertifizierten Texas-Hold-‘Em-Turnier, das in Berlin veranstaltet wird, und zeige mir die Onlineinformationen auf dem Monitor an.«
Die freundlich neutrale Rechnerstimme bestätigte den Befehl mit »Verstanden«.
Wenige Sekunden später sah Ram auf seinem Achtzigzollwandbildschirm die Videoanimation eines wuchtigen neoklassizistischen Gebäudes mit einem roten Teppich vor dem Eingang.
»Das nächste Turnier gehört zur Special Europe Series und findet am neunten Juni um fünfzehn Uhr im Paradise Casino in Neukölln statt. Pot Limit, mit maximal einhundert Spielern«, erläuterte die Computerstimme. »Das Kasino liegt in der Karl-Marx-Stra…«
Ram unterbrach sein Rechnersystem. »Stopp. Das ist doch schon in einer Woche, da kann man sich bestimmt nicht mehr anmelden.«
»Soll ich diese Aussage als Frage verstehen, ob Sie sich jetzt noch anmel…«
»Ja-ha.«
»Die Frist endet heute Nacht um null Uhr. Aber das verfügbare Kartenkontingent ist begrenzt.«
Die Animation zeigte eine Kamerafahrt, die durch die Drehtür des Kasinos, beidseitig flankiert von Portiers in altmodischen Uniformen, in das Gebäude führte. Dabei sah man, wie der verspiegelte, von Kristalllüstern erleuchtete Eingangsbereich in den strahlenden Innenraum überging. Prächtig, aber auch ein bisschen billig.
»Begrenzt? Wie begrenzt?«
»Es ist nur noch ein Ticket erhältlich.«
»Wow …« Ram hatte plötzlich Gänsehaut an den Armen und am Hals. »Wie viel ist im Price Pool, und wie wird er aufgeteilt?«
Auch bei Pokerrunden im deutschen Sprachraum war es seit Jahrzehnten üblich, im Fachvokabular großenteils die amerikanischen Originalbegriffe zu verwenden. Für Ram als Iren gab es da naturgemäß keine Probleme – nur musste er immer wieder unwillkürlich grinsen, wenn die einschlägigen Onlinelernprogramme englische Wörter gnadenlos den Beugungsregeln der deutschen Grammatik unterwarfen: »Am besten raist du in dieser Situation. Raisen könnte als Bluff funktionieren. Auf keinen Fall solltest du dich aufs Callen beschränken, wenn du bei deiner aggressiv tighten Spielstrategie bleiben willst …«
Die Computerstimme holte Ram in die Gegenwart zurück.
»Der Price Pool beträgt garantierte vierzigtausend Euro und verteilt sich auf die zehn besten Spieler. Der Erste bekommt vierzig Prozent der Gesamtsumme, das entspricht sechzehntausend Euro. Der Zweite bekommt siebzehn Prozent, das entspricht sechstausendachthundert Euro. Der Dritte bekommt zwölf Prozent der Gesamtsu…«
»Stopp, das genügt. Wie hoch sind Buy-in und Tournament Fee, wenn ich mein AR-System aktiviert lassen möchte?«
»Der Buy-in für den Price Pool liegt üblicherweise bei vierhundert Euro. Außerdem verlangt der Veranstalter im Regelfall eine Tournament Fee von vierzig Euro. Mit AR-Erlaubnis verdoppelt sich die Gesamtgebühr auf achthundertachtzig Euro. Falls ich mir einen Tipp erlauben darf: An Ihrer Stelle würde ich mich auf die günstigere Standardvariante beschränken.«
»Wenn ich deine Ratschläge brauche, frage ich dich«, sagte Ram, ohne sich mit Höflichkeiten aufzuhalten. »Verstanden?«
»Verstanden.«
Das war das Schöne an der künstlichen Intelligenz. Sie hielt das Maul, sobald man es ihr befahl. Das galt vielleicht nicht für die Brain-Reader-App, aber zumindest für alle erprobten Technologien in Rams näherer Umgebung.
»Reserviere mir das Ticket in der AR-Variante und blende die Kontaktdaten für das Onlinebanking ein.«
»Verstanden, wird erledigt.«
Als das Computersystem die Transaktion abgeschlossen hatte, war Rams Gänsehaut verschwunden. Stattdessen liefen ein paar Hitzeschauer über seinen Körper, von Bauch und Rücken bis zum Gesicht.
Bis vor wenigen Minuten hatte er gedacht, er würde viele Wochen auf seine große Gelegenheit warten müssen, und nun dauerte es gerade einmal sieben Tage bis zum nächsten großen Turnier in Berlin. Eine Woche, in der er weitertrainieren konnte. Die Anmeldefrist war in dreieinhalb Stunden zu Ende, und Ram hatte mit viel Glück das letzte verfügbare Ticket ergattert.
Außerdem ging es um ein Pot-Limit-Spiel, bei dem der Höchsteinsatz immer dem aktuellen Gesamtbetrag entsprach, der gerade im Pot lag. Solche Wettbewerbe konnten so spannend sein wie die deutlich stärker verbreiteten No-Limit-Turniere, aber sie waren bei Weitem nicht so ruinös. Amateure wie Ram hatten also die Chance, lange am Tisch zu sitzen und mitzuspielen. Auch ohne telepathische Kräfte.
Fast so, als stünde ein seltsamer Plan dahinter – ein Plan, den ich mir nicht ausgedacht habe.
Zu den Hitzeempfindungen gesellte sich ein leichtes Frösteln, doch das eine glich das andere keineswegs aus, sodass Ram jetzt gleichzeitig schwitzte und fror.
Immerhin hatte Mirco vor drei Wochen gesagt, dass Telepathie ohne Großrechner und komplizierte medizinische Apparate gegen ein paar grundlegende physikalische Gesetze verstoßen würde.
Was, wenn etwas mit der Welt, in der er lebte, nicht stimmte?
Besser, ich denke nicht länger darüber nach. Solche Gedanken können nicht gesund sein.
In diesem Moment veränderte sich der Bildinhalt des Achtzigzollmonitors. Er zeigte eine Fläche, die abwechselnd rot und blau aufblinkte und von einem halbwegs dezenten Klingelton begleitet wurde.
»Mirco Weißknecht versucht Sie über eine Hochsicherheitsleitung zu erreichen«, sagte die Computerstimme. »Nehmen Sie das Gespräch an?«
»Ja, leg es auf den Bildschirm.«
Mit einem Freund zu reden, dachte Ram, ist bestimmt eine gute Abwechslung. Außerdem hab ich gerade sowieso nichts Besseres zu tun …
Mircos Gesicht erschien auf dem Monitor.
Er sah abgekämpft aus und hatte dicke schwarze Ringe unter den Augen.
»Hi, Mirco. Du wirkst so, als wärst du seit ein paar Tagen nicht ins Bett gekommen.«
»Da du zu den wenigen Menschen gehörst, die so was normalerweise nicht auf Anhieb bemerken, drängt sich mir die Frage auf, ob du jetzt schon online Gedanken lesen kannst. Das fände ich ganz schön gruselig …«
»Schön, dass du deinen fast schon undeutschen Humor nicht verloren hast, Mirco. Was gibt’s denn?«
Mirco rieb sich die Augen mit den Händen, bevor er wieder in seine Webcam blickte.
»Die gute Nachricht ist, dass ich die Anti-Tinnitus-Stöpsel inzwischen fertig umgebaut habe. Maßgeschneidert für deine Ohrform, und die Dinger warten nur darauf, dass ich sie so kalibriere, dass du deine telepathischen Fähigkeiten selektiv ein- und ausblenden kannst. Entweder ganz oder bezogen auf bestimmte Personen. Dazu sollten wir uns treffen.«
»Klar, komm vorbei, wenn du Zeit hast.«
»Vielleicht heute Abend? Ich müsste sowieso dein Rechnersystem nach Brain-Reader-Informationen durchsuchen, auch wenn ich bezweifle, dass das viel bringt …«
»Wieso? Was meinst du damit?«
Mirco wirkte plötzlich etwas unangenehm berührt. »Ich hab gerade zum unzähligsten Mal alles durchprobiert, was mir an technischen Möglichkeiten zur Verfügung steht … aber der Cube, den du mir gegeben hast, ist leer. Keinerlei Anzeichen dafür, dass darauf jemals ein einziges Bit Information abgelegt war. Ein absolut jungfräuliches Speichermodul, so wie man es für ein paar Cent im Fachhandel bekommt. Nach einer Woche Rumärgern habe ich zwei sehr begabte Hacker aus meinem Bekanntenkreis kontaktiert, aber die konnten auch nichts finden. Dann gab’s noch mal vierzehn Tage Intensivanalyse mit den abgefahrensten Programmen, die auf dem Markt sind. Dutzende Chatrooms, Spezialblogs, Recherchen in abgeschirmten Netzbereichen … alles vollkommen für’n Arsch.«
»Jetzt hol dir mal nicht gleich den Strick.« Ram grinste, und zu seiner Überraschung bemühte Mirco sich, es ihm gleichzutun.
»Keine Sorge, so weit ist es noch nicht. Natürlich werde ich dir nichts für die Cube-Arbeiten berechnen. Ich bin an dem Ding gescheitert, das Lehrgeld muss ich selber zahlen.«
Ram hatte nicht mit so viel Entgegenkommen gerechnet.
»Das ist anständig von dir, aber ich hätte einen Gegenvorschlag.«
»Nämlich?«
»Du kriegst zehn Prozent von allem, was ich in diesem Jahr beim Pokern gewinne, für alles, was du für mich tust. Steuerfrei. Ich hab in den letzten drei Wochen viel geübt. Wenn ich das mit der Gedankenleserei kombiniere, kann ich bei den Turnieren richtig abräumen.«
Mirco schwieg, doch Ram brauchte keine telepathischen Fähigkeiten, um zu erkennen, dass sein Bekannter immer noch Zweifel hatte.
»Gut, es gibt ein gewisses Restrisiko«, sagte Ram nach einer kleinen Denkpause. »Das könnten wir sozusagen einpreisen, indem ich dir statt zehn Prozent zwanzig Prozent vom Jahresgewinn anbiete. Okay?«
»Zwanzig Prozent von null wäre null«, antwortete Mirco, »aber meinetwegen. Auf jeden Fall sollte ich möglichst bald überprüfen, ob sich die maskierten Brain-Reader-Informationen auf deinem Netzwerksystem decodieren lassen. Ich bin nicht besonders optimistisch, aber vielleicht kann ich die Verschlüsselung knacken. Den Versuch bin ich dir schuldig.«
»Komm vorbei, wenn du Zeit hast. Ich bin den ganzen Abend zu Hause.«
»Irgendwie überrascht mich das jetzt nicht …«
»Okay, dann bis später.«
»Bis später.«
Ram deaktivierte das Webphone. Er trank die Bierflasche leer, während Johnny Cash eingeblendet wurde und die Gelegenheit ergriff, den Nachmittag erneut mit süßer Melancholie zu vergolden.
Innerlich nahm Ram bereits an dem Wettkampf teil, der ihm bevorstand, und ging die Spielstrategien, die er benutzen wollte, immer wieder in Gedanken durch.
Das Turnier
Die Woche zwischen der Onlinebuchung und dem großen Turnierkampftag war wie im Flug vergangen.
Ram hatte sich nicht mehr, als es nötig war, mit der Tatsache beschäftigt, dass Mirco es nicht geschafft hatte, die maskierten Brain-Reader-Daten in seiner AR oder im Heimcomputersystem zu decodieren. Es würde also auf absehbare Zeit unmöglich sein, das Programm zu deinstallieren, denn mehr Zaubertricks als die, die er bereits ausprobiert hatte, schien Mirco nicht zu beherrschen. Dass er mit der Konfiguration der Anti-Tinnitus-Ohrhörer auf Anhieb erfolgreich gewesen war, glich das Entschlüsselungsproblem nicht aus, fand Ram.
Doch mit dieser leidigen Angelegenheit konnte er sich immer noch befassen, wenn es Sinn ergab. Also nachdem er mit ein bisschen Unterstützung durch seine telepathischen Fähigkeiten sehr viel Geld gewonnen und, das war zumindest der Plan, jede Menge hübsche Frauen in sein Bett gelockt hatte.
Um Teilziel eins ein wenig näher zu kommen, stand er in der Warteschlange vor dem hell leuchtenden Einlass des Paradise Casinos in der Karl-Marx-Straße, das gerade seine Pforten öffnete. Es war kurz vor acht Uhr morgens, und Ram nahm die umgebauten Anti-Tinnitus-Hörer aus den Ohren, um sie in der Hosentasche zu verstauen. In den nächsten Stunden würde er sie nicht brauchen.
Die Schlange setzte sich langsam in Bewegung, Richtung Anmeldebereich. Unter den Kristalllüstern, deren Licht von einer Unzahl an Wand- und Deckenspiegeln reflektiert und dabei wie in einem Kaleidoskop vervielfacht wurde, fühlte Ram sich in seinem schwarzen Anzug mit dem edlen weißen Hemd und dem blaugrünen Schlips nicht mehr ganz so deplatziert wie noch auf dem Fußweg von der U-Bahn-Station durch den authentisch heruntergekommenen Nordneuköllner Kiez.
Krawattenzwang bestand nicht. Die Onlinepräsentation des Kasinos hatte nur um »angemessene Kleidung« gebeten, aber Ram wollte das Bild eines reichen, reichlich unbedarften Pokeramateurs so überzeugend wie möglich verkörpern. Also war er zu Hause ungefähr eine halbe Stunde damit beschäftigt gewesen, sich das verfluchte blaugrüne Scheißding, das er vor einigen Jahren von seiner Mutter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte, so um den Hals zu knoten, dass es einigermaßen angemessen aussah.
Ram bemerkte, dass er hier keineswegs der einzige Spieler zu sein schien, der optisch ein bisschen auf Bankangestellter machte. Oder auf Businesslady, denn Texas Hold ‘Em faszinierte nicht nur Männer. Ungefähr fünfzehn oder zwanzig Prozent der Gäste waren weiblich.
Während er wartete, bis er an die Reihe kam, hörte er aus anderen Teilen des Gebäudes das gedämpfte Surren und Klingeln von profanen Geldspielautomaten. Da ihn die tausend Gedanken der Menschen in seiner Umgebung, die er unwillkürlich empfing, irritierten, versuchte er sich auf seine eigenen zu konzentrieren.
Also ging er noch einmal die Liste mit den Vor- und Nachteilen durch, mit denen er zu rechnen hatte, wenn er zum ersten Mal an einem professionellen Pokerturnier teilnahm.
Die Vorteile: Niemand kannte ihn, und die meisten Gegner würden ihn unterschätzen. Wahrscheinlich deutlich unterschätzen, denn er hatte bald das rote Idiotenschildchen am Revers, und er plante, anfangs erheblich unter seinem eigentlichen Niveau zu spielen.
Außerdem gingen die richtigen Pokerprofis ohnehin meist eher zu Cash Games, bei denen man jederzeit ein- und wieder aussteigen konnte, als zu den klassischen Turnieren. Ram würde also vor allem auf begabte Amateure und semiprofessionelle Spieler treffen.
Zu den Vorteilen zählte auch seine böse und unfaire Telepathiebetrugsstrategie.
Die Nachteile: Ram durfte sich nichts vormachen: Selbst nach knapp vier Wochen Dauertraining war er alles andere als ein guter Spieler, auch im Vergleich zu den begabten Amateuren, die mit am Tisch sitzen würden. Von den semiprofessionellen Gegnern ganz zu schweigen.
Sein anfänglicher Enthusiasmus hatte sich inzwischen erheblich verringert und einer realistischeren Betrachtungsweise Platz gemacht. Ohne die Gedankenleserei war er schlecht und chancenlos.
Trotz der Onlinepartien, bei denen er ordentlich abgeschnitten hatte, denn diese Webkasinos – zumindest die, die den Gewinn auf eher symbolische Geldbeträge beschränkten –, galten als Tummelplatz für gelangweilte Hausfrauen und Rentner auf Sinnsuche.
Ram musste also mit telepathischer Unterstützung besser spielen als die ungleich erfahrenere Konkurrenz.
In Ermangelung seiner Schutzohrhörer war er gezwungen, sämtliche Affektgedanken, die seinen Gegnern durch den Kopf gingen, ebenso ungefiltert zu vernehmen wie alles andere, womit sich die Leute in seiner näheren Umgebung gerade auseinandersetzten. Ob dabei nun das aktuelle Spielgeschehen im Mittelpunkt stand oder der Ehekrach vom letzten Abend.
Ohne Konzentration und eine nicht ganz unerhebliche psychische Robustheit würde Ram auf jeden Fall verlieren.
Als er mit seinen Überlegungen an diesem Punkt angekommen war, stand er vor einer hübschen jungen Dame, bei der er sich für das Turnier registrieren lassen musste. Ein Mensch, kein Serviceroboter.
»Guten Tag.« Die Frau lächelte professionell. »Ihren Ausweis, bitte.«
Ram zog seinen Personalausweis aus dem Portemonnaie in der Sakkotasche und bekam ihn nach kurzer Prüfung zurück.
»Willkommen, Herr Collins.« Die Empfangsdame überreichte ihm ein Plastikschildchen mit Befestigungsclip und eine altmodische Kladde, an der eine Liste und ein Kugelschreiber befestigt waren. »Bitte unterzeichnen Sie hier.«
Ram setzte seine Unterschrift in die Spalte neben seinem Namen. Das Schild, das er sich ans Jackett steckte, nachdem er der Frau das Klemmbrett zurückgegeben hatte, informierte über seine Teilnehmernummer, sechsunddreißig, und es war tiefrot.
Ein leises Panikgefühl überkam ihn. Das Idiotenschild würde jedem, der es sah, sofort ins Auge stechen, den Spielern und den Angestellten des Kasinos. Was, wenn sie alle verächtlich über ihn dachten und er jeden dieser Gedanken ungefiltert mithörte? Wie sollte er sich auf telepathische Signale konzentrieren, die sich auf die Karten seiner Gegner bezogen, wenn ihn die Leute ständig beleidigten?
Das ist reine Paranoia. Reiß dich zusammen!
Kurz, nachdem die Rezeptionsdame zu ihm gesagt hatte: »Das Turnier findet an zehn Tischen in drei Sälen statt. Sie spielen im Kurfürstensaal. Die Tische und die Sitzplätze werden um fünfzehn Uhr dreißig ausgelost. Viel Vergnügen, Herr Collins«, empfing Ram ihre Gedanken.
Das, was er vernahm, bestätigte seine Befürchtungen. Ein Fish … mal sehen, wie lange es dauert, bis sie dich herausangeln und ausnehmen …
»Fish« war das Insiderschimpfwort für einen blutigen Anfänger, der von den Gegnern schon in einer der ersten Runden geschlachtet wird.
Offenbar sah selbst die Anmeldetante Rams baldigen Ruin voraus.
»Hier sind Ihre Jetons im Wert von fünfzehntausend«, sagte die Dame, während sie ihm ein versiegeltes blaues Stoffsäckchen aushändigte. Spielgeld, dessen Nennwert nichts mit der Preisausschüttung für die Gewinner zu tun hatte.
»Ich bin verpflichtet, Sie darauf hinzuweisen, dass alle verbliebenen Chips immer sichtbar auf dem Tisch liegen müssen, solange Sie im Spiel sind«, fügte die Rezeptionsfrau hinzu. »Verstöße gegen diese Regel werden mit Disqualifizierung und dem unbefristeten Ausschluss von allen Pokerturnieren in der EU geahndet. Das Gleiche gilt für Spieler, die versuchen, ihr Augmented-Reality-System anders einzusetzen, als es die Kasinorichtlinien vorsehen.«
Ram stopfte den Stoffbeutel in eine Jacketttasche. Er drehte sich gruß- und danklos um und verließ den Anmeldebereich so schnell, dass er die Gedanken der Rezeptionsfrau, die sich zweifellos auf ihn bezogen, nicht mehr hören konnte. Dann ging er zur nächsten nicht verspiegelten Wand, wo er stehen blieb, um ein bisschen zur Ruhe zu kommen.
Hier fühlte er sich deutlich sicherer, doch er bemerkte, dass alle anderen Teilnehmer in seiner näheren Umgebung weiße Nummernschilder trugen.
Okay, dann bin ich eben der einzige Rotidiot. Selbst wenn ich mich gleich unsterblich blamiere und in dreißig Minuten alles verliere, was ich habe, geht’s trotzdem nur um achthundertachtzig Euro … Und um ein Gespräch mit Mirco, das dann unangenehm werden dürfte. Zwanzig Prozent von null ist null.
Doch da seine Selbstberuhigungsmaßnahmen nicht greifen wollten, pochte Rams Herz immer noch in einem gesundheitsgefährdenden Tempo, und die Schweißperlen, die sich auf seiner Stirn gebildet hatten, begannen ihm in die Augen zu rinnen.
Spätestens jetzt würde jeder erfahrene Spieler, der ihn beobachtete, nicht mehr vermuten, dass Ram an der Herausforderung, die ein Livepokerturnier darstellte, scheitern musste.
Er würde es wissen.
Die Brille. Natürlich, die verdammte Brille …
Er wischte sich unauffällig mit einem Papiertaschentuch übers Gesicht. Dann zog er ein Etui aus der Sakkotasche, holte eine Sonnenbrille heraus und setzte sie auf.
Seine Sicht blieb so gut wie unbeeinträchtigt, weil die sündhaft teuren Porsche-Special-Sunglasses, die er in einem Webshop gefunden hatte, dank eines speziellen Polarisationsverfahrens nur von außen dunkel erschienen. Aus der Innenperspektive war es, als blicke man durch gewöhnliches Fensterplexiglas, und selbst die schwachen Laserprojektionen eines AR-Systems in die dritte Dimension ließen sich ohne Probleme erkennen.
Rams Puls hatte sich spürbar verlangsamt, aber er war immer noch deutlich schneller als in jeder gewöhnlichen Alltagssituation.
Zeit für einen weiteren Selbstberuhigungsversuch.
Ich sollte an den Traum in der letzten Nacht denken. Den Traum mit der Riesenschildkröte. Ich konnte auf ihr reiten, und sie ist ganz langsam ins Unbekannte gekrochen, mit mir auf dem Rücken. Das war doch hundertprozentig ein gutes Omen … wenn es so was gibt.
Dass ihn irgendwann im Verlauf dieses Traumes der unangenehme Gedanke beschlichen hatte, die Schildkröte bringe ihn keineswegs an sein Wunschziel, sondern an ihres, was auch immer das sein mochte, sodass er nach kurzer Zeit nicht einmal mehr sagen konnte, ob es ihm überhaupt gelingen würde, von dem Riesenreptil abzusteigen, wenn ihm dessen Laufrichtung nicht passte, versuchte Ram sich zu verschweigen.
Mit gewissem Erfolg, denn allmählich ging das geradezu absurde Ausmaß seiner Angst- und Panikempfindungen zurück, und nach ein paar Minuten fühlte er sich wieder einigermaßen normal.
Zeit für einen Elektronikcheck.
Ram sagte halblaut: »Operator an Cyberport, lade die AR«, und die Einblendungen des Kontaktlinsenlasersystems erschienen im oberen und unteren Randbereich seines Sichtfelds. Wie er es erwartet hatte, störte ihn die Sonnenbrille bei den Lichtverhältnissen im Kasino kein bisschen.
Neben der obligatorischen Gedankenleserei wollte er sich darauf beschränken, seine AR dafür zu nutzen, um im Spiel gelegentlich Wahrscheinlichkeitstabellen einzublenden, die er zu Hause am Computer in mühevoller Kleinarbeit berechnet hatte. Als Telepath verfügte er über deutlich mehr Informationen als seine Mitspieler, denn er wusste, welche Karten sie in der Hand hielten. Diese zusätzlichen Daten mussten in die Statistiken einfließen, aus denen sich ableiten ließ, wie wahrscheinlich es war, dass unter den Community Cards, die der Dealer auslegte und mit denen jeder Spieler sein Blatt ergänzte, sich eine Kreuzkarte, eine Zehn oder ein Ass befand, das die eigene Hand im günstigsten Fall optimal ergänzte.
Die speziellen Berechnungen hatte Ram zwar weitgehend auswendig gelernt, um sie immer wieder den probabilistischen Tabellen gegenüberzustellen, die seinen Gegnern zur Verfügung standen, aber er ging davon aus, dass es hilfreich wäre, im Hintergrund eine Art Sicherheitsnetz zu haben. Für den Fall, dass er zu nervös sein würde, um sich an alles zu erinnern.
Außerdem wollte er in der ersten Turnierphase den unerfahrenen Idioten geben. Gelegentliches halblautes Gemurmel, das sich offenkundig an einen Cyberport richtete, konnte da nicht schaden.
Jeder Spieler, der auch nur einigermaßen gut war, rechnete mit, und beim Pokern wurden solche Kalkulationen, anders als beim Blackjack, von den Kasinos akzeptiert. Nur dass die allermeisten Turnierteilnehmer dabei keine elektronische Hilfe benötigten. Eine Minderheit behalf sich mit Notizblock und Kugelschreiber, doch die meisten Spieler hatten die Wahrscheinlichkeitsalgorithmen im Kopf.
Ram wandte sich an sein Computersystem. »Cyberport, lade den benutzerdefinierten Datensatz der Poker-Statistiktabellen und stelle sie den Standard-Wahrscheinlichkeitstabellen für dieses Spiel gegenüber. Schalte beides auf Stand-by.«
Die AR blendete einen Bestätigungstext ein, anschließend verschwanden die visuellen Signale. Alles schien problemlos zu funktionieren.
Rams Nervosität hatte sich inzwischen verflüchtigt, was er auf die Kombination von Aufbaugedanken, Technikcheck und Sonnenbrillenschutz zurückführte.
Er fand, es war Zeit, die nähere Umgebung wieder in den Blick zu nehmen.
Die Lobby des Kasinos hatte sich inzwischen gefüllt. Da Ram wusste, dass Zuschauer bei diesem Event nicht zugelassen waren, mussten fast alle Menschen im Raum Spieler sein. Das fortwährende Gedankengemurmel, das ihn umgab, konnte er gerade ziemlich gut ausblenden.
Die meisten Männer hatten sich, ähnlich wie er, in Schale geworfen, auch wenn nicht jeder Anzug und Krawatte trug. Manche beschränkten sich auf die 1980er Standardkombination Jeans, T-Shirt, Sneakers und Jackett, andere kleideten sich eher futuristisch.
Ram war hier einer der Jüngeren. Die meisten Turnierteilnehmer schienen Männer und Frauen in den Vierzigern und Fünfzigern zu sein, und viele von ihnen wirkten so, als täten sie alles, um sich und der Welt zu beweisen, dass sie mit jedem Dreißigjährigen mithalten konnten. Sie waren sichtlich gut in Form, trainiert, gebräunt und gesund ernährt, und vielleicht half der eine oder andere auch mit Anti-Aging-Medikamenten nach.
Manche Kasinogäste, die im Schnitt noch einmal zehn Jahre älter sein mochten, spielten offenbar in einer höheren Liga. Die Angehörigen dieser Gruppe, die fast ausschließlich aus Männern bestand, verzichteten auf Körperkult und Gesichtsbräune.
Stattdessen stellten sie ihre Macht und ihren Geschmack zur Schau. Edle Budapester, wahrscheinlich aus handgenähtem Kalbsleder, Maßanzüge mit dezenten Krawatten, hochpreisige Armbanduhren aus der Schweiz.
In diesen Kreisen vermutete Ram seine härtesten Gegner. Leute, die spielten, obwohl sie es nicht nötig hatten.
Seltsamerweise trug kein Mensch außer ihm eine Sonnenbrille, weder die Körperfetischisten noch die distinguierten Herren im Maßanzug.
Er weckte seine AR mit einem Sprachbefehl aus dem Stand-by-Schlummer und erkundigte sich nach den Gepflogenheiten im Umgang mit Sichtschutzbrillen bei einem offiziellen Hold-‘Em-Turnier.
Und erfuhr, dass es als mittelschwerer Fauxpas galt, seine Sonnenbrille aufzusetzen, bevor man am Tisch saß. Nur Amateure ohne Spielerfahrung taten das.
Wunderbar, dachte Ram und grinste. Umso größer wird die Überraschung sein …
Ein dezenter Gong ertönte, offenbar das Zeichen für den Einlass. Ram folgte der Menschentraube und behielt die Leuchtanzeigen an der Wand im Blick.
Kaisersaal. Königssaal. Kurfürstensaal.
Irgendwie typisch.
Andere können sich wie Kaiser und Könige fühlen, und ich bin hier nur ein armseliger Kurfürst …
Er reihte sich in die Schlange vor der Zugangsschleuse ein, die den Weg in den Kurfürstensaal versperrte.
Als er den Sicherheitsprüfungssektor betrat, der wie ein Ganzkörperscanner aufgebaut war, stellte er sich aufrecht hin und hob die Arme, so wie es eine Monitoreinblendung angeordnet hatte.
Plötzlich heulte eine penetrante Warnsirene los, und mehrere Lichter in der Schleuse begannen, hektisch zu blinken.
Fuck, was ist denn jetzt schon wieder los …
Zwei Wachleute betraten die Schleuse und bedachten Ram mit Blicken, die ihn an den Gesichtsausdruck von Fußgängern erinnerten, die gerade in Hundescheiße getreten waren.
Ram konnte nicht umhin, ihre Gedanken zu hören.
Wieder so ein Arsch, der hier einen Aktiv-Cyberport reinschmuggeln will … Na warte, Junge, du wirst nie wieder in ein Spielcasino reinkommen.
Doch bevor die Wachleute den Mund aufmachen und den vermeintlichen Delinquenten an die Luft setzen konnten, deutete der bulligere der beiden Männer auf Rams rotes Nummernschild. Dabei hellte sich seine Rausschmeißermimik auf und machte einem breiten Grinsen Platz.
»Ein Arry …«, sagte der bullige Typ zu seinem Kollegen, und auch der Kollege schien sich merklich zu entspannen. Er fummelte an einem tragbaren Minicomputer herum, worauf die Sirene verstummte und die Lichter aufhörten zu blinken.
Arry? Wahrscheinlich ihr Spitzname für einen Spieler mit AR-Schild.
Dann wandte der bullige Mann sich an Ram, der höflichkeitshalber seine Sonnenbrille abgenommen hatte.
»Falscher Alarm, Herr Collins. Ihr AR-System ist bei uns registriert. Eigentlich hätte der Alarm gar nicht losgehen dürfen. Aber Sie wissen ja, wie das manchmal so ist mit der modernen Technik …«
Offenbar wollte ihn der Typ tatsächlich um Entschuldigung bitten.
Ram zwang sich ein »Schon okay« ab. Der schlankere Mann sagte: »Kommen Sie«, und Ram folgte den Wachschutzleuten, die ihn durch die Schleuse führten. Anschließend brachte ihn seine persönliche Eskorte durch eine hohe klassizistische Flügeltür in den Kurfürstensaal. Er bemühte sich dabei, die durchwegs despektierlichen Gedanken seiner Begleiter zu überhören.
Aber auch ohne telepathisch übertragene Beleidigungen wäre diese Situation an Würdelosigkeit kaum zu überbieten gewesen, und obwohl sie Rams Pläne, sich als Idiot zu präsentieren, hilfreich unterstützte, durchliefen ihn mehrere Hitzewellen, die mit einem Gefühl tiefer Scham einhergingen.
Sein Herz hämmerte wieder so heftig wie vor einer halben Stunde, als er in Panik geraten und fast ein bisschen paranoid geworden war.
Verfluchte Scheiße, beruhige dich gefälligst, sonst bist du hier nach vierzig, fünfzig Spielminuten wieder weg. Ohne einen einzigen verdammten Chip …
Er zwang sich, seine Wahrnehmung auf die Außenwelt zu richten. Nach seinen Erfahrungen konnte das eine gute Methode sein, um nicht allzu sehr im Selbstmitleid zu baden und sich selbst verrückt zu machen.
Ähnlich wie die Lobby des Paradise strahlte auch der Kurfürstensaal in verschwenderischem Licht, das von Kronleuchtern an der Decke kam. Wie in anderen Kasinos gab es hier weder Fenster noch Uhren, denn beides beeinträchtigte den erwünschten Spielrausch erheblich. Wenn es um ernsthaftes Pokern ging, konnte die Realität gerne draußen bleiben.
Im Kurfürstensaal befanden sich mehrere große ovale Tische mit Nummernanzeigen von eins bis vier, die mit bordeauxrotem Samt überzogen waren. An jedem Spieltisch saß ein Dealer in Croupieruniform. Schwarze Weste, Anzughose, weißes Hemd, schwarze Fliege.
Der Gong ertönte noch einmal. Sich an die Tische zu setzen war erst beim dritten Gongschlag gestattet. Jetzt, nach dem zweiten Gong, begann die Verlosung der Plätze, die von einem Computersystem durchgeführt wurde.
Die Blicke der Turnierteilnehmer richteten sich auf einen Monitor, der an der Saalwand gegenüber der Eingangstür hing.
Zunächst erschienen die Nummern der vier Spieltische, dann bekam jeder Tisch zehn Platznummern. Ein Zufallsgenerator ließ die Zahlen wild durcheinander tanzen, bis man die einzelnen Ziffern nicht mehr erkennen konnte.
Dreißig Sekunden später stoppte das Gewirbel abrupt. Nun waren den Tischen neben den Platzbezeichnungen die Nummern der Spieler zugeordnet.
Ram, Teilnehmer sechsunddreißig, sah, dass er Position drei am zweiten Tisch bekommen hatte. Also der dritte Platz auf der linken Seite des Dealers.
Vor ihm waren nur die beiden Spieler an der Reihe, die die Grundeinsätze, die Blinds, bezahlen mussten. Rams Position galt als unkomfortabel, und sie wurde nicht umsonst under the gun genannt.
Es gab genügend Gegner, die nach ihm drankommen würden und stets darauf setzen konnten, ihn deutlich zu überbieten, wenn sie ein starkes Blatt hatten. Außerdem dauerte es under the gun im Normalfall etwas länger, bis man wusste, wie gut die anderen Spieler waren, denn sie hatten ja noch keine Einsätze gemacht.
Doch zumindest diesen Faktor konnte Ram getrost ignorieren, denn die Gedankenleserei war ein hervorragendes Mittel, um solche Fragen zu klären. Nicht nur im Rahmen einer ungefähren Abschätzung, sondern exakt.
Nach jedem beendeten Spiel würden sich die Tischpositionen ohnehin um jeweils einen Platz im Uhrzeigersinn verschieben. Also nahm jeder Spieler, der lange genug dabei war, eine ganze Reihe von mehr oder weniger guten Positionen ein, und die Vor- und Nachteile der einzelnen Plätze glichen sich durch diese Vorgehensweise mittelfristig aus.
Auf jeden Fall hatte Ram alle Chancen, die Folgen einer schlechten Startposition durch fortgeschrittenes Betrügen abzufedern.
Eine Aussicht, die ihn beruhigte.
Nach menschlichem Ermessen konnte ihm hier nichts Schlimmeres widerfahren als verächtliche Gedankenkommentare zu einem gewissen roten Plastikschild. Kommentare, die irgendwann in wütende Beleidigungen übergehen würden, sobald seine Gegner bemerkten, dass er sie rupfte und ausnahm wie Weihnachtsgänse.
Kein Problem. Das halte ich schon aus.
Ram schlenderte betont lässig zum zweiten Tisch, nickte dem Dealer zu und setzte sich auf Platz drei.
Am besten tu ich so, als ob mir die Gegner völlig egal wären.
Obwohl er bereits seine Sonnenbrille trug, guckte er auch noch Richtung Decke, um sein Desinteresse an der Konkurrenz zu demonstrieren. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich andere Spieler zu ihm an den Tisch setzten, aber er beachtete sie nicht.
Irgendwann fiel ihm ein, dass er sich vorgenommen hatte, in den ersten Runden einen blutigen Anfänger zu mimen. Zu diesem Vorhaben passte es nicht recht, den coolen Hund zu markieren – doch wahrscheinlich würde ein kurzer Blick des Gegners auf sein rotes Idiotenschild genügen, um dieses Verhalten als Wichtigtuerei zu entlarven.
In Ordnung. Ram holte das Säckchen mit den Spielchips aus der Sakkotasche, öffnete es und legte die Jetons vor sich auf den Tisch. Gestapelt nach dem Nennwert, von den blauen Zehnern bis zu den übergroßen orangefarbenen Tausendern.
Dann richtete er die Aufmerksamkeit auf die telepathischen Signale seiner Gegner am Tisch. Doch alles, was er hörte, beschränkte sich auf unverständliches Gemurmel.
Wahrscheinlich versuchen sie gerade, sich zu konzentrieren …
Ihm blieb nichts anderes übrig, als abzuwarten.
Plötzlich hörte er die Stimme des Dealers.
»Gentlemen, ich heiße Sie herzlich willkommen bei den diesjährigen Special Europe Series in Berlin.«
Ram senkte seinen Blick und richtete ihn erstmalig auf die Mitspieler.
Seine neun Gegner waren Männer, und alle trugen die weißen Standardnummernschilder. Sieben von ihnen hatten eine Sonnenbrille auf der Nase, nur zwei Youngster mit T-Shirt-Jackett-Kombination ließen ihre Augen unbedeckt.
Die beiden wirkten ein bisschen nervös, begleitet von ängstlichem Gedankengemurmel. Sie werden mit großer Sicherheit nicht zu den letzten Spielern gehören, die an diesem Tisch sitzen, dachte Ram.
Drei Männer von der Sonnenbrillenträgerfraktion erschienen ihm hingegen gefährlich. Oberschichttypen, vermutlich kurz nach dem Eintritt ins Rentenalter, die jede Menge Freizeit hatten und intelligent genug wirkten, um hervorragend zu pokern. Männer, die darin geübt waren, geduldig zu bleiben und auf gute Blätter zu warten. Die ihre Chancen und die Chancen ihrer Gegner so akribisch prüften, wie sie einst die Quartalsbilanzen ihrer Firmen überprüft haben mochten. Männer, die stets berücksichtigten, ob sich eine Investition lohnte oder nicht.
Und genau auf diesen Spielertyp war Rams Anfangsstrategie zugeschnitten. Die Strategie, so lange mies zu pokern, bei guten Händen übermäßig zaghaft zu agieren und schlechte übermäßig lange zu halten, bis die Profis darauf setzten, ihn, den blutigen Amateur mit dem roten Doofenschildchen, so schnell wie möglich vom Tisch zu entfernen.
Rams Bankroll, der Jeton-Stapel, würde zu diesem Zeitpunkt ungefähr um die Hälfte geschrumpft sein. Dann, so der Plan, konnte er seine Geheimwaffe einsetzen, indem er das Blatt telepathisch wendete.
Irgendwann würden die Profigegner bemerken, dass Ram nicht nur eine Glückssträhne hatte, sondern ein verdammt guter Pokerspieler war. Und wenn sie schließlich feststellten, dass sie sich durch das rote Idiotenschild in die Irre hatten führen lassen, war er im besten Fall bereits im Besitz eines Großteils ihrer Chips.
Der Dealer informierte die Turnierteilnehmer gerade über den Spielablauf.
»Wir beginnen mit zwanzig/vierzig. Alle fünfzehn Minuten erhöhen sich die Blinds in bestimmten Stufen, die Sie dann von unserem Hauptmonitor ablesen können.«
Er deutete auf den Bildschirm an der Wand, der immer noch die ausgelosten Tischplätze anzeigte.
»Nach jedem Spiel verschieben sich die Positionen im Uhrzeigersinn, indem ich den Dealer Button um einen Platz verrücke. Außerdem werden Ihre aktuellen Positionen auch auf dem Monitor angezeigt. Nach vier Spielen ist eine Pause von zehn Minuten angesetzt.«
Der Croupier lächelte verhalten und sagte: »Viel Vergnügen, Gentlemen. Die Blinds bitte.«
Während die beiden Männer, die rechts von Ram saßen, Chips im Wert von zwanzig beziehungsweise vierzig Euro in die Mitte des Tisches schoben, zerbrach der Dealer ein versiegeltes Kartenpäckchen und mischte es professionell. Bestimmt eine Minute lang.
Offenbar sollte jeder noch so minimale Anschein einer abgekarteten Sache vermieden werden. Außerdem, das wusste Ram von seinem Pokertraining, hatte jeder Turnierteilnehmer, der noch dabei war, das Recht, nach einem abgeschlossenen Spiel ein frisches Kartenpäckchen zu verlangen.
Der Dealer begann, die Pocket Cards zu verteilen. Erste Runde, der Pre-Flop.
Ram nahm die beiden verdeckten Karten auf. Kreuz Ass und Kreuz König.
Eigentlich eine gute Hand. Er konnte sie aggressiv und tight spielen, was ihm, wenn er es geschickt anstellte, den Pot sichern würde.
Aber er hatte sich vorgenommen, vorerst den unsicheren Amateur zu geben. Das ließ es sinnvoller erscheinen, dieses Blatt zögerlich und eher defensiv einzusetzen.
Also würde er sich auf den Mindesteinsatz beschränken, den Big Blind, statt sofort deutlich zu erhöhen und die Gegner damit zu verunsichern.
Jetzt war es an der Zeit, sich mit den Gedanken der Mitspieler zu befassen, die gerade reihum ihre Pocket Cards hochnahmen. Je schneller Ram sich einprägte, was seine Gegner auf der Hand hatten, desto mehr Zeit blieb ihm, mit diesen Zusatzinformationen eine schlagkräftige Pokerstrategie für den späteren Turnierverlauf zu entwickeln. Dafür würde er die Zeit nutzen, in der er den Männern am Tisch vorspielte, ein unerfahrener Fish zu sein, der sich maßlos überschätzte.
Und der erste Blick in die Karten war zweifellos der beste Moment, um wahrzunehmen, wie die Mitspieler reagierten und welche Gedanken ihnen zu diesem Thema durch den Kopf gingen.
Ram konzentrierte sich auf die telepathischen Signale seiner Gegner.
Der Dealer dachte gerade an einen Streit, den er am Vortag mit seinem Lebensgefährten ausgetragen hatte, und daran, wie leid ihm das alles tat, doch diese Information half Ram nicht.
Ansonsten: Nichts.
Gar nichts.
Nur das unverständliche Gemurmel von vorher. Wie eine Art lästiges Hintergrundrauschen ohne jeden Wert.
Verfluchte Scheiße –
Seit er den Brain Reader installiert hatte, war ihm so etwas noch nicht passiert. Er versuchte, seine Aufmerksamkeit nacheinander auf die einzelnen Personen am Tisch zu richten. Zunächst im Uhrzeigersinn, danach im Gegenuhrzeigersinn. Letzteres aus purer Verzweiflung, denn Ram war sich darüber im Klaren, dass es nicht die geringste Rolle spielte, ob er sich zunächst auf die Signale von rechts konzentrierte oder mit den Signalen von links anfing.
Nichts und wieder nichts.
Die erste Bietrunde begann, und Rams Stirn glänzte vor Schweiß.
Es würde ein absolutes Fiasko werden.
Jetzt bloß keine Panik. Vielleicht ist nur der Cyberport abgestürzt, oder die AR. So was passiert zwar fast nie, aber wenn es mal vorkommt, dann im allerungünstigsten Moment …
Ram konnte die AR-Standardanzeigen am oberen und unteren Rand seines Gesichtsfelds erkennen, aber das hieß nicht, dass das System auch funktionierte.
Obwohl er die Worte »Operator an AR. Selbsttest und Test des Cyberports durchführen, anschließend Funktionsfähigkeit der Brain-Reader-Software überprüfen und die Ergebnisse visuell anzeigen« aus Diskretionsgründen nur flüstern konnte, schien ihn der Minicomputer zu verstehen.
Wenige Sekunden später projizierten die Laserkontaktlinsen das Resultat der Analyse über die Netzhaut in Rams Sichtfeld. Dabei überlagerten die schriftlichen Informationen die optischen Signale der Tischrunde, ohne sie völlig zu verdecken.
»Der Cyberport arbeitet einwandfrei, und das Gleiche gilt für die AR. Alle Module und Programme, die Sie freigeschaltet haben, funktionieren ohne Störungen, auch die Software Brain Reader 1.0.«
Rams Puls hatte inzwischen das Tempo merklich erhöht, und er nahm den Ablauf des ersten Pokerspiels eher schemenhaft wahr. Er beschränkte sich darauf, eine Zeit lang mitzugehen, um dann auszusteigen und allzu große Verluste zu vermeiden, genau so, wie es die meisten Anfänger machten. Dabei vergaß er, seine Gegner zu beobachten und Wahrscheinlichkeitsberechnungen anzustellen.
Phase eins seines Plans, der Wunsch, zunächst so zu wirken wie ein unbegabter Amateur, ließ sich also verwirklichen.
Allerdings um einen hohen Preis.
Unwichtig, dachte er. Ich muss das Telepathieproblem lösen.
Wenn ihm das nicht gelang, konnte er Phase zwei seines grandiosen Plans vergessen, den Wechsel vom Amateur zum ausgebufften Turnierprofi dank illegaler Zusatzinformationen. Ob er nun die Standardstatistiktabellen nutzte oder nicht. Schließlich standen diese Daten auch den Gegnern, die sie irgendwann einmal auswendig gelernt hatten, zur Verfügung. Und das galt vermutlich für jeden am Tisch – vielleicht mit Ausnahme der beiden Retrojungs, die keine Sonnenbrillen trugen und zu Spielbeginn ein bisschen unsicher gewirkt hatten.
Aus dem Murmeln war inzwischen eine Art Rauschen geworden, und selbst der schwule Croupier schien sich nicht weiter mit seinen Beziehungskonflikten auseinanderzusetzen.
Vielleicht unterdrückte die Abschirmelektronik im Saal, die einen Missbrauch von AR-Systemen verhindern sollte, zufällig einen Teil der telepathischen Signale, die Ram normalerweise empfing. Die leiseren und subtileren, also genau das, was er gerade dringend brauchte.
Egal … Wenn ich nicht bald anfange zu rechnen, machen sie mich noch viel schneller fertig. Und ich sollte zumindest abschätzen, was meine Gegner auf der Hand haben, indem ich ihr Spielverhalten und ihre Einsätze beobachte.
Obwohl alles in ihm danach schrie, den Tisch, an dem er saß, fluchtartig zu verlassen, aktivierte Ram die Hold-‘Em-Standardwahrscheinlichkeitstabellen mit einem geflüsterten Sprachbefehl. Im Moment war er zu nervös, um sich erfolgreich an alle Daten zu erinnern, und er hatte immerhin die doppelten Gebühren bezahlen müssen, um eine AR-Erlaubnis zu bekommen. Also konnte er dieses System zumindest als Gedächtnisstütze nutzen.
Er würde es seinen Feinden möglichst schwer machen.
Zu Beginn der vierten Runde, die Blinds waren inzwischen auf unangenehme dreihundert/sechshundert angestiegen, hatte Rams Bankroll sich auf ein klägliches Drittel der ursprünglichen Summe verringert.
Er stand auf der Abschussliste.
Die einzige offene Frage war, ob er als Erster Bankrott gehen und den Tisch verlassen würde, oder ob ihm einer der beiden Retroyoungster zuvorkam.
Erwartungsgemäß hatten die drei distinguierten Herren in den teuren Anzügen langsam, aber stetig Jeton-Stapel in beträchtlicher Höhe auf ihren Plätzen angehäuft.
Eindeutig nicht mein Tag …
Ach, Bullshit – Poker ist einfach nicht mein Spiel.
Ram warf einen kurzen Blick auf die Pocket Cards, die er gerade in der Hand hatte.
Zwei Neunen, Herz und Karo, ein mittelgutes Blatt.
Unwichtig.
Bisher war es ihm gelungen, die Schweißtropfen auf seiner Stirn halbwegs zu ignorieren, doch einer dieser Tropfen setzte gerade alles daran, den Spieltisch zu bewässern, nach einem kleinen Umweg über die Augenbrauen und den Rand der Sonnenbrille.
Zweifellos das aktuelle Highlight seiner zunehmend desolaten Situation.
Ram holte ein Taschentuch aus der Hose und nahm die Brille von der Nase, um seine Stirn abzutupfen.
Wie das jetzt auf die anderen wirkt, kann mir scheißegal sein …
Aber es war ihm nicht egal.
Und als er die Tropfen abgewischt hatte, gelang es ihm nicht, dem Impuls zu widerstehen, das regungslose Gesicht des Mannes anzustarren, der ihm gegenübersaß. Ein vornehmer älterer Profi mit der Schildnummer einundzwanzig.
Ram trug jetzt keine Sonnenbrille mehr, er war also völlig schutzlos. Bevor er seine Augen wieder von dem Mann abwandte, dachte er an einen Jäger, der seine Beute fest im Blick hat und weiß, dass alles nur eine Frage von Zeit und Geduld ist.
Die nächsten Sekunden als Überraschung zu bezeichnen, wäre eine maßlose Untertreibung gewesen.
In Rams Blickfeld, in einer Entfernung, die dem Abstand der virtuellen AR-Einblendungen entsprach, tauchte eine Art Geisterbild auf. Ein Bild, das so subtil aussah, dass er vermutete, dass es zuvor durch die polarisierten Gläser seiner Sonnenbrille überdeckt worden war, spezielles Glasherstellungsverfahren hin oder her.
Er hatte das klare Abbild von zwei Pokerkarten vor Augen. Pik Bube und Karo Bube. Ein gutes Startblatt.
Karten, gehalten von zwei Händen. Die rechte zierte ein schwerer goldener Siegelring.
Ram blinzelte. Das Bild wurde etwas blasser, aber es verschwand nicht.
Sein Gegenüber, der Mann, den er eben noch so penetrant angestarrt hatte, trug einen solchen Goldring am Finger. Von Ram aus gesehen auf der linken Seite.
In der Eigenperspektive würde sein Gegenüber also genau so auf die Hände blicken, in denen er die Pocket Cards hielt, wie Ram es eben im Geisterbild gesehen hatte.
Ist das wirklich passiert, oder war es nur ein verdammter Wunschtraum? Irgendeine Art von Halluzination? Ich stehe unter massivem Stress, da kann man sich schon mal was einbilden …
Um diese Frage zu klären, konzentrierte Ram sich auf den Gegner mit der Schildnummer elf, der links neben dem Siegelringmann saß. Es war einer der beiden Retrotypen, die das Spiel nicht gut beherrschten.
Es dauerte einen Moment, doch dann sah Ram das deutliche Abbild einer Herz Drei und einer Herz Acht. Eine mittelmäßige Hand.
Sein Verzweiflungsgefühl verschwand, und mit der Hoffnung kam auch der Optimismus zurück.
Probehalber konzentrierte er sich reihum auf einen Gegner nach dem anderen. Die Geisterbildmethode funktionierte jedes Mal.
Wenn er sich Mühe gab, gelang es ihm sogar, die Pocket Cards von mehreren Mitspielern gleichzeitig wahrzunehmen, wobei die Übergänge zwischen den verschiedenen Einblendungen etwas unscharf waren.
Ihm würde alle Zeit der Welt zur Verfügung stehen, um die telepathischen Zusatzinformationen mithilfe seiner modifizierten AR-Statistiktabellen in realistische Gewinnwahrscheinlichkeiten zu verwandeln.
Seltsamerweise konnte er die inneren Monologe seiner Gegner immer noch nicht telepathisch empfangen. Die kurzfristige Übertragung der Gedanken, die dem Dealer durch den Kopf gegangen waren, schien eine Ausnahme gewesen zu sein.
Vielleicht lag das tatsächlich an den Folgen der elektromagnetischen Abschirmeinrichtung im Saal. Doch was auch immer die Ursache für die Störung war, Ram wusste jetzt, was seine Mitspieler auf der Hand hatten. Damit besaß er einen erheblichen strategischen Vorteil.
Allerdings um einen gewissen Preis: Die Sonnenbrille musste er bei diesem Turnier weglassen, weil sie die visuelle Wahrnehmung der gegnerischen Pocket Cards behinderte.
Er bemerkte, dass er seine Brille immer noch in der Hand hielt, steckte sie in das Etui und verstaute es in der Jacketttasche. Sollten die anderen am Tisch doch denken, dass er die Gläser nicht gut vertrug oder dass er beschlossen hatte, angesichts seiner begrenzten Fähigkeiten auf den albernen Sichtschutz zu verzichten – es war ihm egal.
Blöd nur, dass sie seine Mimik beobachten und daraus wertvolle Schlussfolgerungen ziehen konnten. Zumindest die Profis waren geübt darin, beim Gegner subtile Bewegungen des Gesichts oder der Pupillen wahrzunehmen und diese Veränderungen richtig einzuordnen, um jegliche Bluffabsichten schon im Frühstadium zu erkennen.
Ram blieb nichts anderes übrig, als alle körperlichen Reaktionen bewusst zu minimieren und ansonsten auf sein Pokerface zu setzen. Da er jede Menge Übung darin hatte, im Alltagsleben neutral bis gleichgültig zu erscheinen, machte er sich keine allzu großen Sorgen, jemand am Tisch könne in ihm lesen wie in einem offenen Buch. Zumindest nicht im weiteren Spielverlauf, also in Phase zwei seines Plans.
Er stellte erfreut fest, dass er inzwischen kaum noch schwitzte und dass auch sein Herz nicht mehr wummerte wie ein Presslufthammer. Ram aktivierte die Statistiktabellen, die er in seinem AR-System gespeichert hatte, mit einem Flüsterbefehl. Die virtuellen Anzeigen überlagerten zwar die Geisterbilder der Pocket Cards, aber er fand bald heraus, wie er zwischen den beiden Ebenen hin- und herwechseln konnte, indem er ein bisschen schielte.
Inzwischen, es war die Pre-Flop-Runde, hatten fünf Mitspieler ihre Einsätze gemacht. Vier Gegner waren ausgestiegen, und Ram wusste, welche Pocket Cards ihnen den Mut genommen hatten, weiterzuspielen.
Seine eigene Hand, ein eher mittelgutes Blatt, war durch diese illegalen Zusatzinformationen viel wertvoller geworden.
Er wusste, dass der Siegelringmann, sein direktes Gegenüber am Tisch, mit zwei Buben von allen Gegnern die besten Karten hatte. Eine Hand, die der Mann auf jeden Fall bis zum Ende der Runde weiterspielen würde, da er sich, statistisch abgesichert, Hoffnungen auf zwei Pärchen, auf einen Bubendrilling oder ein Full House machen konnte, wenn der Dealer die ersten Community Cards ausgab.
Wovon der distinguierte Herr keine Ahnung hatte, wohl jedoch Ram, war der Umstand, dass der Croupier die beiden noch ausstehenden Jungs bereits als Pocket Cards an zwei andere Spieler verteilt hatte. Das verringerte die Wahrscheinlichkeit dafür, dass der Siegelringmann einen Bubendrilling oder ein Full House bilden konnte, auf Null.
Ram wiederum, der zwei Neunen hielt und in der gleichen Ausgangssituation war wie der Typ mit dem Ring, konnte mit Sicherheit sagen, dass keiner seiner Gegner eine Neun auf die Hand bekommen hatte, einschließlich der Spieler, die schon ausgestiegen waren. Das erhöhte Rams Chancen auf eine weitere Neun erheblich, sowohl beim Flop als auch, falls es so weit kommen würde, bei den späteren Community-Card-Runden, dem Turn und dem River.
Der Dealer legte den Flop aus.
Und tatsächlich, eine der drei Karten war eine Neun. Die Kreuz Neun.
Ram besaß also zumindest einen Drilling.
Bisher hatte er zurückhaltend, fast ängstlich agiert. Jetzt sofort auf Angriff umzuschalten wäre ein blöder Fehler. Das würde seinen Gegnern nur signalisieren, dass er ein hervorragendes Blatt hatte, und die Mitspieler wären nicht mehr lange dabei.
Um seine Kontrahenten möglichst lange im Spiel zu halten, musste er etwas unschlüssig erscheinen. Also würde er sich auf Calls beschränken, auf das Mitgehen, ohne selbst die Einsätze zu erhöhen.
Ein Gegner stieg aus, als der Siegelringmann verdoppelte.
Ram ging mit.
Nachdem der Dealer die nächste Community Card in die Tischmitte gelegt hatte, die kein Bube war, wirkten die Handbewegungen des Siegelringmanns bei aller Professionalität ein kleines bisschen fahrig.
Aber anscheinend hatte der distinguierte Herr sich vorgenommen, mit seinem Buben-Pärchen dabeizubleiben, koste es, was es wolle. Tatsächlich erhöhte er den Einsatz ein weiteres Mal, was drei weitere Gegner dazu brachte, zu passen.
Ram vermutete, dass der Siegelringtyp davon ausging, er, Ram, der seltsame Freak mit dem roten Schild und dem Sonnenbrillenproblem, sei ein erbärmlicher Spieler mit offenkundigen Bluffabsichten. So erbärmlich, dass er offenbar nicht mehr aus der Nummer herausfand und noch in dieser Runde seine letzten Jetons verlieren würde.
Wobei sich nicht bezweifeln ließ, dass Rams Chipstapel schon bessere Zeiten gesehen hatte. Er stand kurz vor der Pleite.
Doch Ram ging mit, bis die letzte Community Card, der River, auf dem Tisch lag. Dass diese Karte zufällig die verbliebene Neun war, die sich noch im Stapel befunden hatte, wäre, wie er fand, nicht mehr nötig gewesen.
Aber beim Showdown machte der Vierling, eine statistische Rarität, seinen Triumph perfekt.
Mehrere Stunden später, er hatte längst jedes Zeitgefühl verloren, saß Ram am Final Table im Kaisersaal. Vor ihm lag ein Stack von fast siebenhundertzwanzigtausend Eurojetons. Er fühlte sich durchströmt von einem wilden Hormoncocktail, der ihn gleichzeitig ruhig, hellwach und hoch konzentriert machte, und beobachtete seinen letzten Gegner. Alle anderen, acht der zehn besten Spieler des Turniers, waren bereits ausgeschieden.
Rams Gegenüber, mit ungefähr siebenhundertachtzigtausend etwas besser ausgestattet als er selbst, trug einen schwarzen Anzug mit sichtbaren Knitterfalten und eine ausgesprochen hässliche gelbe Krawatte. Obwohl eine verspiegelte Sonnenbrille die Augen verdeckte, sah Ram, dass dieser Typ seine Gesichtsmimik bis zur absoluten Regungslosigkeit reduziert hatte.
Der Mann mit der Schildnummer vierundsiebzig war noch jung, Mitte oder Ende dreißig, und im Sitzen überragte er Ram, der selbst nicht sehr klein war, um mehrere Zentimeter. Mit seinem Outfit, seiner stämmigen, kräftigen Figur und den amateurhaften Einfarbtattoos, die von seinen Hemdsärmeln nur zum Teil verdeckt wurden, wirkte er wie ein Kleinkrimineller mit Knasterfahrung.
Aber vielleicht war das meiste davon nur ein Trick. Pokern hatte eine Menge mit psychologischer Kriegsführung zu tun, erst recht, wenn es jemand bis zum Final Table schaffte.
Leider stießen Rams telepathische Fähigkeiten bei diesem Gegner an ihre Grenzen. Er hatte schon vorher bemerkt, dass es ihm schwerfiel, die Pocket Cards, die der Mann besaß, als geisterhaftes Abbild vor sich zu sehen. Er musste sich sehr auf die Übertragung konzentrieren, und die visuellen Signale verschwanden schnell, oder sie wurden von Störwahrnehmungen überlagert.
Was soll’s, dachte Ram. Wenn ich den Hauptpreis bei einem Pokerturnier gewinnen will, kann ich mich durchaus ein bisschen dafür anstrengen.
Da außer Ram und dem Gangstertyp niemand mehr dabei war, gab es keinen anderen Spieler, der die Grundeinsätze bezahlen konnte.
Also beglich der Gangster den Small Blind, der inzwischen auf zwanzigtausend Euro angestiegen war, anschließend legte Ram Chips im Wert von vierzigtausend dazu.
Dann verteilte der Dealer die Pocket Cards.
Ram sah, dass er Pik Zwei und Kreuz Zwei bekommen hatte. Ein niedriges Pärchen. Das waren keine besonders guten Karten, doch bei einer Heads-up-Situation, Mann gegen Mann, konnten sie wertvoll sein.
Und was, zum Teufel, hat der Gangstertyp?
Nichts zu sehen. Nicht einmal ein verschwommener Eindruck der Pocket Cards.
Nur dieser abweisende, fast eingefrorene Gesichtsausdruck.
Fuck.
Irgendwie scheint es der Typ geschafft zu haben, sich auf mich einzustellen. Seine visuelle Wahrnehmung in eine Art Tresor zu sperren. Auch wenn ich bezweifle, dass ihm überhaupt bewusst ist, dass ich seine Blicke absaugen will.
Und seine Gedanken kann ich auch nicht lesen.
Ram wusste nicht, ob es am elektromagnetischen Schutzschirm lag, dass er seit mehreren Stunden kein einziges verbales telepathisches Signal aufgefangen hatte. Jetzt waren auch noch die Kartenabbilder verschwunden.
Um nicht so ratlos und verstört zu wirken, wie er sich gerade fühlte, holte er seine Sonnenbrille aus dem Sakko und setzte sie auf die Nase. Ein Sichtschutz würde nicht schaden, zumal die polarisierten Gläser die Geisterbilder ohnehin nur dann überdecken konnten, wenn es solche Geisterbilder gab.
Ram glaubte, dass er gerade eine minimale körperliche Reaktion bei seinem Gegenüber beobachtet hatte.
Wahrscheinlich ein Ausdruck von Zufriedenheit …
Der Gangster setzte vierzigtausend Eurochips.
Was mach ich denn jetzt?
Gefälligst den gesunden Menschenverstand bemühen, was sonst?
Okay … der Typ scheint zu denken, dass seine Karten besser als meine sind. Vermutlich, weil ich gerade so verzweifelt ausgesehen und dann die Brille aufgesetzt habe. Das hält er bestimmt für eine Schutzreaktion.
Wenn ich im Spiel bleibe, rechnet er damit, dass ich einen Bluff durchziehen will, weil mein Blatt absolut scheiße ist. Wahrscheinlich sind seine Pocket Cards nicht total schlecht, aber ich bezweifle, dass er mehr hat als eine belanglose Karte und allenfalls ein Ass …
… weil man mit einem Ass beim Heads-up in zweiundfünfzig Prozent aller Fälle das Spiel gewinnt, und diese Chancenverteilung reicht ihm. Straights oder Flushs sind extrem selten.
Wenn ich recht habe, wenn ich jetzt keinen Fehler mache und ihn zu früh zum Aussteigen bringe, müsste ich seine Hand mit meinem niedrigen Pärchen problemlos schlagen.
Ram verhielt sich etwas unsicher, als er mitging, und bescheinigte sich dabei semiprofessionelles Schauspielerniveau.
Der Dealer legte den Flop aus.
Nichts Besonderes, und zu Rams Erleichterung auch kein Ass, das seinem Gegner erheblich weitergeholfen hätte. Falls seine Vermutung stimmte.
Cool.
Der Gangstertyp raiste bis zum Pot Limit.
Ram ging mit.
Auch als der Dealer die Riverkarte auf den Tisch legt, blieb der Gangster im Spiel. Sein Jetonstapel war inzwischen dramatisch geschrumpft.
Zu beobachten, wie dem letzten Gegner die vormals so stoisch anmutenden Gesichtszüge entgleisten, nachdem sein Ass von einem Zweierpaar geschlagen worden war, gehörte für Ram zu den schönsten Ereignissen seines Lebens.
Schöner als das Gefühl, die erste Runde eines Head-ups am Final Table gewonnen zu haben.
Obwohl die Gedankenübertragung immer noch unterbrochen war, dominierte Ram das Match seit diesem ersten Triumph nach Belieben. Da er wusste, dass dem Gangster angesichts des Umstands, dass er soeben auf einen Schlag fast zwei Drittel seines Stacks verloren hatte, wenig anderes übrig bleiben würde, als extrem tight zu spielen, also nur auf die guten Hände zu setzen, konnte er seine eigene Strategie an diese Vorgehensweise anpassen.
Der Gangster wiederum musste davon ausgehen, dass Ram seine enorme materielle Überlegenheit nutzen würde, mit erheblicher Aggressivität zu spielen und auch mittelmäßig gute Blätter durch ständiges Erhöhen zu einem Bankrottrisiko für den Gegner zu machen. Diese Erwartungen unterlief Ram souverän, indem er sie manchmal, aber keineswegs immer ins glatte Gegenteil verkehrte.
Sein Spiel wurde unlesbar, und dadurch gelang es ihm auch, den einen oder anderen dreisten Bluff durchzubringen.
Nach einer halben Stunde beobachtete Ram bei seinem Opfer unverkennbare Anzeichen von Zermürbung. Der Gangster blickte wiederholt vom Tisch zur Decke und wieder zurück, er befeuchtete einige Male die Lippen mit der Zunge – und wenn sein Gegner sich ab und zu an einem Bluff versuchte, merkte Ram es jedes Mal daran, dass er ein kleines bisschen zögerte, bevor er seine Einsätze machte.
Auch wenn die Brain-Reader-Software funktioniert hätte, wäre Rams Kontrahent nicht besser durchschaubar gewesen bei diesem Spiel am Final Table.
Als der Gangster schließlich seine Karten weglegte, aufstand und wortlos den Saal verließ, tat er Ram fast leid.
Aber nur fast.
Denn das Machtgefühl, das ihn durchströmte, als er begriff, dass er den Hauptpreis gewonnen hatte, überlagerte alles andere.
Ein lukratives Angebot
Einen Siegerpokal bekam Ram nicht überreicht. Stattdessen übergab ihm der Kasinomanager, ein Typ im Nadelstreifenanzug mit gegelten Haaren, eine aufwendig gestaltete Urkunde und eine Bescheinigung, aus der hervorging, dass man ihm den Hauptpreis in Höhe von sechzehntausend Euro bereits auf sein Bankkonto überwiesen hatte.
Die zahllosen Multieffekt-OLEDs, mit denen die Kristalllüster an der Decke bestückt waren, wurden in dem Moment, in dem Ram die Urkunde in den Händen hielt, in eine Art Festspielmodus versetzt, und sie begannen, bewegte Muster in verschiedenen Farben zu bilden. Das Gefunkel erinnerte ihn an die Lichterketten zur Weihnachtszeit, mit denen manche Leute ihre Häuser behängten. Beeindruckend, dachte er, aber auch ein bisschen billig. So wie das ganze Kasino.
Der Manager setzte ein hartnäckiges Lächeln auf, schüttelte Ram gefühlte fünf Minuten lang die Hand und ließ das spektakuläre Ereignis von zwei Angestellten mit Ultradefinitionkameras festhalten. Allerdings erst, nachdem er Ram leise gefragt hatte, ob es ihm etwas ausmachen würde, das rote Nummernschild von seinem Jackett zu entfernen – und sein Tonfall ließ keinen Zweifel daran zu, dass er ihm in dieser Frage keinerlei Ermessensspielraum zu geben gedachte.
Also hatte Ram das Idiotenplastikschildchen abgemacht und in eine Tasche seines Sakkos gestopft. Die aktivierte AR war zweifellos ein Erfolg gewesen, auch wenn nicht alles problemlos funktioniert hatte, und Ram wollte das Schild als Erinnerungsstück aufheben.
Als der Trubel vorbei war, verließ er den Kaisersaal durch die Flügeltür. Auf dem Weg zum Ausgang des Kasinos stellte er befriedigt fest, dass ihm viele Männer respektvoll zunickten, als er an ihnen vorbeiging. Mehrere Frauen lächelten freundlich, und auch die Gedanken der Menschen in seiner Nähe, die er jetzt wieder klar empfangen konnte, streichelten sein Ego.
Draußen blinzelte Ram in die Junisonne, die hoch am Himmel stand, und fühlte sich verwirrt.
Es mussten etliche Stunden vergangen sein. Stunden, die er wie im Rausch erlebt hatte. Und die Realität wirkte im Moment noch weniger real als das, was eben am Spieltisch geschehen war.
So mag es einem Drogenfreak gehen, dachte Ram, wenn der Kick allmählich nachlässt und der gewöhnlichen Alltagswahrnehmung Platz macht.
Dass ihn gerade ein warmer Wind umwehte und ein paar Vögel zwitscherten, empfand er als angenehm. Immerhin.
Außerdem war er soeben als Hauptgewinner bei einem Livepokerturnier ausgezeichnet worden, nachdem er eine Vielzahl an Kontrahenten besiegt hatte, die deutlich besser spielten als er selbst. Und es sprach nicht das Geringste gegen die Annahme, dass das nicht sein letzter Sieg gewesen war.
Also läuft doch alles nach Plan.
Cool.
Ram knotete die Krawatte auf und steckte sie in eine Außentasche seines Sakkos. Er wollte gerade die klassizistische Steintreppe hinuntergehen, die das Kasinogebäude mit der Straße verband, als er hörte, wie ihn jemand von hinten ansprach.
»Glückwunsch, Turniersieger!«
Er drehte sich um.
Da stand der Gangstertyp, den er zuletzt auf den zweiten Platz verwiesen hatte, und streckte ihm die Rechte entgegen. Begleitet von einem Lächeln, einem Vorgang, den er, wie Ram fand, noch ein bisschen üben musste, um Sympathien zu wecken.
Er drückte dem Gangster die Hand und erwartete einen übermännlichen Knochenbrechergriff, doch der Mann schien sich zu bemühen, Rams Körper im unversehrten Zustand zu belassen.
»Mack.«
Offenbar wollte der Typ sich namentlich bei ihm vorstellen.
Seltsam.
Was soll’s. Mein Name ist kein Geheimnis.
»Ram.«
»Angenehm. Kann ich Du sagen?«
Ram nickte. »Natürlich.«
»Hast du ein paar Minuten Zeit?«
»Worum geht’s denn?«
»Wir machen einen kleinen Spaziergang, dann erzähl ich’s dir.«
»Ich muss eigentlich zur U-Bahn.«
»Dann begleite ich dich zur Station.«
»Meinetwegen.«
Während sie die Kasinotreppe hinuntergingen, sagte Mack: »Du bist ein hervorragender Pokerspieler.«
»Danke.« Ram überlegte, ob er die Gelegenheit nutzen sollte, zusammen mit seinem ehemaligen Gegner den Verlauf ihrer schicksalhaften Partien am Final Table zu analysieren. Nur ein bisschen Small Talk unter Experten. Doch im nächsten Moment empfing er den Gedanken Ein Wort über das verfluchte Heads-up, und der Typ kriegt was aufs Maul … und verwarf die Idee.
Sie gingen in gemächlichem Tempo die Karl-Marx-Straße entlang, Richtung U-Bahn-Station, als Mack die Katze aus dem Sack ließ.
»Ein paar Freunde und ich veranstalten Pokerabende. Single Table, bis zu neun Spieler am Tisch, drei Stunden Dauer. No Limit Hold ‘Em, drei- oder viermal pro Woche. Die Leute können nach jedem Spiel aussteigen und später wieder einsteigen.«
»Also Cash Games.«
»Genau.«
»Und?«
»Und ich will, dass du für uns spielst. Normalerweise mache ich das, aber ich möchte meine Aktivitäten etwas … herunterfahren. Wir könnten uns abwechseln, einmal ich, einmal du.«
»Was hätte ich davon?«
»Als das Turnier vorbei war, hab ich mit meinem Chef telefoniert. Wir machen dir ein Angebot: Du bekommst fünfundzwanzig Prozent von deinen Gewinnen, wir behalten die restlichen fünfundsiebzig Prozent. Dafür erstatten wir dir fünfundsiebzig Prozent der Verluste – so lange du höchstens jeden zehnten Abend verlierst. Von der Tournament Fee und dem Anteil am Price Pool bist du befreit, und wir gewähren dir Kredit, wenn es mal nicht so gut läuft und du ein paar Jetons nachkaufen musst.«
Ram zögerte mit einer Antwort. Zum jetzigen Zeitpunkt vertraute er Mack ungefähr so, wie er einer angriffslustig aufgerichteten Speikobra in einem Meter Entfernung vertraut hätte – aber das musste nicht das letzte Wort in dieser Angelegenheit sein. Zumal Macks Vorschlag für ihn interessant klang.
Und weil er wusste, dass ihm niemand dauerhaft etwas vormachen konnte, solange seine telepathische Superkraft aktiviert war, stellte er dem Gangster eine Frage, die ihn zum Nachdenken bringen würde.
»Ist das ein seriöses Angebot?«
Macks Antwort, »Natürlich ist das seriös. Niemand will dich verarschen«, überraschte ihn nicht, denn er hatte etwas in dieser Art erwartet.
Deutlich interessanter fand er den Gedanken, der Macks Worten folgte. Wenn du uns nicht verarschst, hast du nichts zu befürchten.
Also war das offenbar keine Abzockfalle.
»Was für Leute spielen bei euch mit? Profis?«
»Nein, meistens Fische. Junge Typen mit zu viel Geld. Ab und zu ist auch ein guter Amateur oder ein Halbprofi dabei – glaub mir, du wirst dich über die Herausforderung freuen. Zumindest geht’s mir immer so.«
Mack lächelte erneut. Ein Feld, auf dem er Ram nach wie vor, anders als beim Pokern, kein bisschen konkurrenzfähig erschien.
»Erhöhen sich die Blinds mit der Zeit?«
»Nein, aber es geht auch nicht gerade um Kleingeld. Sie stehen bei dreißig/sechzig, und das entspricht bei uns dreißig und sechzig Euro.«
»Spielen die Leute fair?«
»Meinst du, ob jemand betrügt? Das kann sich bei uns niemand leisten. Außerdem würde es sich herumsprechen, das wäre schlecht fürs Geschäft.«
»Und wie legal ist euer kleines Kasino?«
»Eher in der Grauzone … Aber es gibt keine Probleme – zumindest solange du keinen gesteigerten Wert auf Glücksspielkonzessionen oder Steuererklärungen legst.«
Mack blieb einen Moment stehen und sah Ram, der ebenfalls innehielt, mit einem Gesichtsausdruck an, der an seine starre, kalte Mimik beim Heads-up am Final Table erinnerte.
»Dass wir immer jemanden dabei haben, der für uns arbeitet, diese ganze Cashback-Geschichte, das bleibt unter uns. Yaroslav sieht es gar nicht gerne, wenn seine Leute zu viel reden.«
»Yaroslav?«
»Du wirst ihn kennenlernen, wenn du das Angebot annimmst.«
Nach einer kurzen Pause sagte Ram: »Lass mir ein bisschen Zeit, ich will nichts übers Knie brechen.«
»Natürlich. Ein paar Tage Bedenkzeit sind immer drin.«
»Und du kannst ganz beruhigt sein. Ich erzähle niemandem was von der Sache.«
»Gut.« Macks Gesichtsmuskeln schienen sich zu entspannen.
»Wo veranstaltet ihr eure Pokerrunden?«
»An verschiedenen Orten. Ungefähr eine Handvoll Locations in der Innenstadt. Kennst du das Secret-Gambling-Konzept?«
Ram schüttelte den Kopf.
»Das kommt aus dem Guerillamarketing. Es bedeutet, dass wir uns aus der Öffentlichkeit heraushalten. Keine Werbeanzeigen, keine Onlineeinträge in den Telefonverzeichnissen, keine Webpräsenz … und wenn mal irgendjemand was über uns postet, entfernt Alex den Eintrag aus den Suchmaschinen.«
»Wie kommt ihr dann an eure Kunden ran?«
»Mundpropaganda und diese altmodischen Visitenkarten. Der Kunde ruft eine Nummer an und gibt danach einen Spezialcode ein. Dann teilt ihm ein Webphoneassistent mit, wann und wo das nächste Match stattfindet. Ganz simpel.«
Mack musste Rams skeptischen Blick bemerkt haben, denn er beeilte sich zu sagen: »Wir machen das schon seit ein paar Jahren, und es ist noch nie was passiert. Keine Probleme mit Spielern oder mit irgendwelchen Ermittlungsbehörden, überhaupt nichts.«
Inzwischen hatten sie den Eingang zur U-Bahn-Station erreicht.
»Das klingt cool«, sagte Ram.
»Allerdings.« Mack holte eine Visitenkarte aus seinem knittrigen Jackett, legte sie auf die Betonbrüstung, die den Eingang zur Station umfasste, und schrieb etwas mit einem Kugelschreiber darauf.
»Unsere Telefonnummer und der Zugangscode für die Verbindung«, sagte er, als er Ram die Karte gab. »Normalerweise schreibe ich den Code auf einen Extrazettel, sicherheitshalber. Aber du hast mir gerade versprochen, dass du den Mund hältst, also gehe ich davon aus, dass die Daten nicht in falsche Hände kommen.«
Ram nickte. »Dafür sorge ich.«
»Reichen dir drei Tage zum Nachdenken?«
»Auf jeden Fall.«
»Dann ruf mich bis Dienstagabend an. Wenn du zusagst, stelle ich dich meinen Freunden vor. Verrätst du mir, warum du vorhin im Kasino dein AR-System aktiviert hast? Dieses rote Schild sieht ganz schön albern aus …«
Ram schwieg. Nein, das wollte er Mack nicht erklären. Die Gedanken, die er bisher von ihm empfangen hatte, deuteten nicht darauf hin, dass er argwöhnte, das Heads-up am Final Table sei manipuliert worden, und Ram wollte, dass das auch so blieb.
»Wahrscheinlich ging’s dir dabei um psychologische Kriegsführung, oder?«
Mack, der ihm zum Abschied die Rechte hinhielt, schien das Gespräch mit etwas Verbindlichem beenden zu wollen.
Ram war ihm für die Anregung dankbar.
»Genau«, antwortete er, als sie sich die Hand gaben, und lächelte. »Psychologische Kriegsführung.«
Secret Gambling
Als er zu Hause war, nahm Ram sich vor, seinen ersten Turniersieg mit fünf, sechs Flaschen Beamish Stout und unglaublich lauter Crash-Lab-Musik zu feiern.
Nachdem er diesen Plan ohne Abstriche in die Tat umgesetzt hatte, fiel ihm ein, wie er das Triumphgefühl, das ihn gerade durchströmte, noch ein bisschen verfeinern konnte: indem er es mit jemandem teilte.
Einem, der sich garantiert mit ihm freuen würde. Schon wegen des Zwanzig-Prozent-Anteils an den Einnahmen, den er ihm kürzlich versprochen hatte.
Ram aktivierte sein Kamerawebphone über die Sprachsteuerung und stellte es auf Mircos Hochsicherheitsverbindung ein, was ein bisschen Zeit in Anspruch nahm. Dann befahl er dem Rechnersystem, die codierte Telefonnummer zu wählen.
Schließlich hörte er Mircos Stimme, ein »Ja?«, das verschlafen klang.
Doch der Monitor blieb dunkel. Offenbar hatte sein Freund die Videofunktion ausgeschaltet.
»Hi, Mirco, hier ist Ram.«
Nach einigen Sekunden Schweigen kam ein »Hi« zurück, das sich nicht besonders freundlich oder verbindlich anhörte.
Ram beschloss, diesen Umstand zu ignorieren.
»Du erinnerst dich doch bestimmt daran, dass ich meine neue Spezialfähigkeit beim Pokern testen wollte.«
»Mhm.«
»Auf meinem Konto ist jetzt der Hauptgewinn von einem großen Turnier. Sechzehntausend Euro.«
Ram hatte versucht, seiner Stimme eine eher beiläufige Färbung zu geben, als er Mirco über seinen Sieg informierte, doch dieser Versuch war ihm misslungen.
»Aha.«
»Wie, mehr als Aha fällt dir nicht dazu ein?«
»Doch. Du kannst froh sein, dass du mit deinen Tricksereien durchgekommen bist.«
Rams Triumphgefühl begann, sich in Luft aufzulösen.
»Auf deine pädagogischen Bemerkungen kann ich verzichten. Ich dachte, du freust dich über deinen Anteil. Dreitausendzweihundert Euro … ich glaube nicht, dass du für ein paar Stunden Arbeit irgendwann mal so gut bezahlt worden bist.«
»Schon gut, ich wollte dich nicht verletzen. Ich bin ein bisschen genervt, weil ich gerade ziemlichen Stress habe …«
Zumindest schien Mirco Rams Reaktion nicht ganz gleichgültig zu sein, aber Rams Begeisterungshöhenflüge waren vorerst Geschichte.
Er sagte »Schon okay«, obwohl es für ihn nicht okay war, und fügte hinzu: »Schickst du mir deine Kontoverbindung? Dann kann ich dir das Geld überweisen.«
»Ist in einer Minute in deiner Datenbank. Willst du weiterpokern, oder war das eine Einzelnummer?«
»Wahrscheinlich eine Einzelnummer«, antwortete Ram, obwohl er den Gedanken, ins Secret Gambling einzusteigen und unfassbar reich zu werden, verlockend fand.
Aber er stand unter Schweigepflicht. Außerdem würden die dreitausendzweihundert Euro von heute das Letzte sein, was Mirco von ihm erwarten konnte. Schon weil er das Super-drauf-Gefühl von eben so systematisch zerstört hatte.
Freundschaft, fand Ram, war wirklich etwas anderes.
»Sehen wir uns irgendwann wieder?«, fragte Mirco. Wahrscheinlich eine Art Versöhnungsangebot, aber Ram hatte vorerst genug.
Deshalb sagte er nur »Irgendwann mal« und fügte hinzu: »Ich melde mich bei dir.«
Ram vermutete, sein Bekannter würde diese Antwort als leicht verklausulierte Absage interpretieren, und Mircos einsilbiger Abschiedsgruß deutete darauf hin, dass diese Vermutung zutraf.
Eine Woche später, es war früher Samstagabend, stand Ram vor einem etwas heruntergekommenen Altbau in einer abgelegenen Seitenstraße im Osten Friedrichshains. Angesichts seiner dramatisch verbesserten Erwerbsaussichten hatte er ein Taxi genommen, um an diesen Ort zu gelangen. Rams AR-System war aktiv, doch die Anti-Tinnitus-Ohrhörer, die ihm im Alltagsleben inzwischen gute Dienste leisteten, hatte er zu Hause gelassen. Schließlich konnte jeder einzelne Gedanke der Leute, die er bald kennenlernen würde, ein wertvoller Hinweis sein.
Er überflog die Namen auf den Klingelschildern.
Hier war nichts von der Umwidmung zur Party- und Abzockmeile zu sehen, die in den letzten Jahrzehnten weite Teile des Stadtbezirks heimgesucht hatte.
Schon am Tag nach seinem Spaziergang mit Mack war Ram klar geworden, dass alles dafür sprach, die Secret-Gambling-Geschichte auszuprobieren. Falls ihm Intuition, Menschenkenntnis und Gedankenleserei nicht davon abraten würden, wenn er die Typen von der Spielhöllenbande persönlich traf. Dann konnte er immer noch einen Rückzieher machen.
Am Abend dieses Tages hatte er Mack angerufen und ihm gesagt, dass er sein Angebot annehmen wolle.
Mack war erkennbar erfreut. Er lud ihn ein, seine Freunde, wie er das nannte, kennenzulernen, und gab ihm die Adresse, vor der Ram jetzt stand.
Bei Schwarz klingeln und dann durch den Hof zum linken Seitenflügel gehen, hatte Mack gesagt. Ins Hochparterre.
Ram sah den Namen erst auf den zweiten Blick, weil ein Teil des Klingelschilds abgeblättert war. Er läutete und versuchte, die Alarmgedanken zu ignorieren, die ihm seit dem frühen Morgen durch den Kopf gingen, wo sie sich schleifenartig wiederholten.
Bin ich vollkommen wahnsinnig geworden, war einer dieser Gedanken. An den sich normalerweise die Überlegung anschloss: Will ich wirklich Teil einer Bande von Kleinkriminellen sein, die systematisch mehr oder weniger schlechte Pokerspieler abziehen? Von Typen, die mich böse verarschen werden, sobald sie sich das leisten können, scheißegal, was Mack dazu sagt oder denkt. Und ich brauche mir nicht einzubilden, dass sie mich gehen lassen, wenn ich ihnen sage, dass ich’s mir anders überlegt habe …
An dieser Stelle gipfelte Rams innerer Monolog zumeist in einer Wiederholung des ersten Gedankens – bin ich denn vollkommen wahnsinnig geworden –, worauf alles von vorne begann.
Irgendwann hatte er beschlossen, seinen eigenen Einflüsterungen keinerlei Beachtung mehr zu schenken, doch die Umsetzung dieses Plans war ihm gründlich misslungen.
Vielleicht wird es helfen, dachte er, nachdem er geklingelt hatte, Macks Gang ein bisschen kennenzulernen. Wahrscheinlich sind es richtig nette Jungs, und die ganze Panik ist überflüssig. Ich lasse mich doch nicht von meiner Angst beherrschen.
Der Summer ertönte, ohne dass Ram sich über die eingebaute Gegensprechanlage hätte identifizieren müssen. Möglicherweise war das Ding auch nur kaputt.
Er drückte die Eingangstür auf und durchquerte das Vorderhaus. Dann öffnete er eine weitere Tür, die in den schmucklosen Innenhof führte, und erreichte den linken Seitenflügel.
Im Gebäude ging rechts eine Treppe ab, durch die man die höheren Stockwerke erreichen konnte, und auf der linken Seite befand sich eine massive Stahltür.
Das muss es sein.
Über der Tür war eine Videokamera installiert, die sich sofort auf sein Gesicht fokussierte.
Als er die Wohnungsklingel gedrückt hatte, die ebenfalls, aber deutlich leserlicher, mit dem Namen Schwarz beschriftet war, kam die Panik zurück. Ram setzte den Alarmgefühlen ein energisches Wird schon alles gut gehen. Cool bleiben! entgegen.
Die Stahltür öffnete sich nach innen, und Mack streckte ihm lächelnd die Hand entgegen. Ram drückte sie und bemerkte, dass Macks Lächeln an diesem Abend deutlich überzeugender wirkte als zuletzt.
Sein Gastgeber trug einen roten Bubble Hoodie, der mit einem Seifenblasenhologramm verziert war, und eine modische weiße Leinenhose mit mehreren Reihen von Außentaschen. Eine seltsame Kombination, wie Ram fand, aber weit entfernt von Macks mafiöser Außenwirkung im Paradise.
»Hi, Ram. Freut mich, dass du hier bist. Komm rein.«
»Die Freude ist ganz auf meiner Seite«, sagte Ram höflich, aber eher wahrheitswidrig, und folgte Mack in die Wohnung. Er hatte sich vorgenommen, an diesem Abend als Gentleman aufzutreten, weil ihn das vergleichsweise unangreifbar machte.
»Normalerweise bin ich hier auch für die Einlasskontrolle zuständig«, sagte Mack, während er Ram durch den Korridor führte, »aber die musst du nicht übernehmen, wenn du für Yaroslav arbeitest. Das macht dann einer von den anderen Jungs, wenn ich nicht da bin.«
Er wies auf eine Tür. »Die Gästetoilette.«
Es folgten zwei Räume auf der linken Seite, deren Altbau-Flügeltüren offen standen, und mehrere Zimmer mit geschlossenen Türen auf der rechten.
Mack deutete auf einen Raum, der nach rechts abging. »Da drüben haben wir ein Zimmer zum Relaxen. Mit einer gut sortierten Bar … das ist übrigens einer der Gründe, warum ich hier so gerne arbeite.«
Ram lachte kurz und pflichtschuldig. Dann wies Mack auf das zweite Zimmer mit Flügeltüren auf der linken Seite. »Hier spielen wir, und hier wirst du meine Freunde kennenlernen.«
Er betrat den Raum als Erster. Ram folgte ihm.
Das Zimmer hatte schmucklose Wände und wurde durch indirektes Licht erhellt, während die Fenster mit Rollläden verrammelt waren.
An einem langen ovalen Pokertisch saßen vier Männer.
Zwei von ihnen rauchten Zigaretten, und niemand sprach.
Ram konnte das Geräusch der Klimaanlage hören. Zu seinem großen Bedauern waren die Gedanken der Männer im Moment zu undeutlich, als dass er sie aus dem Maschinenrauschen hätte herausfiltern können.
Mack stellte ihn mit den Worten »Das ist Ram« vor, und Ram wusste auch ohne den Einsatz seiner telepathischen Kräfte, dass er als Erstes dem Chef der Bande die Hand schütteln würde.
Mack verwies auf den Mann, der rauchend an der Längsseite in der Mitte des Tisches saß und fünfundvierzig Jahre alt sein mochte. Volles schwarzes Haar, harte Gesichtszüge und eine Nappalederjacke, die, wie Ram vermutete, eher retromäßig cool als prollig wirken sollte.
»Yaroslav, unser Geschäftsführer«, sagte Mack.
Ram ging zum Tisch, streckte dem Mann die Rechte entgegen und stellte sich ihm noch einmal persönlich vor, ganz gentleman-like.
»Ram Collins.«
»Nachnamen spielen bei uns keine Rolle.«
Yaroslav sprach mit slawischem Akzent. Er verzichtete auf ein Lächeln und stand auch nicht auf, als er Rams Hand drückte. Doch obwohl er seinen Gast gerade mit den ersten Worten, die er an ihn richtete, zurechtgewiesen hatte, war der Tonfall seiner Stimme nicht tadelnd, sondern völlig neutral.
»Setz dich.«
Er will mir zeigen, wer hier der Boss ist, dachte Ram und nahm auf dem Ledersessel Platz, den ihm Yaroslav mit einer Geste angeboten hatte. Mack setzte sich ebenfalls hin.
Der Bandenchef drückte seine Zigarette in einem überdimensionierten Tischaschenbecher aus Messing aus.
Inzwischen hatte Ram sich an das Klimaanlagengeräusch gewöhnt, und er war auch nicht mehr ganz so nervös. Beides half ihm, ein paar Gedanken zu empfangen, die zwei Männern am Tisch gerade durch den Kopf gingen.
Na, mal sehen, ob du was drauf hast, dachte der eine. Der andere sandte die telepathische Botschaft: Mack sagt, dass der Typ beim Pokern richtig gut ist, und Mack hat für so was ein Händchen …
Ram konnte zwar nicht erkennen, was von welchem Tischgast gekommen war, aber er fand, dass es bedrohlichere Gedanken gab als die, die er eben gehört hatte.
Yaroslav blickte ihm in die Augen, ohne zu blinzeln, und fragte: »Bist du Engländer?«
Ram beschloss, dass er die Gelegenheit wahrnehmen musste, selbstbewusst auf diese infame Unterstellung zu reagieren.
»Wir kennen uns noch nicht, und du beleidigst mich schon. Ich bin Ire.«
Seine Stimme war dabei ruhig geblieben, und die vielen Was?-, Der-Typ-ist-wohl-lebensmüde- und Was-fällt-dem-Wichser-eigentlich-ein-Gedanken der anderen konnte er problemlos ignorieren.
»Und wo kommst du her?«, fragte er zurück. »Aus Russland?«
Yaroslav, der seine Augenlidbewegungen immer noch zurückhielt und offenbar bemüht war, alle Gesichtszüge im Zustand der Erstarrung zu konservieren, antwortete: »Wir kennen uns noch nicht, und du beleidigst mich schon. Ich bin Ukrainer.«
Jetzt lachten alle, auch Ram. Nur Yaroslav blieb ernst.
Ram musste an die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern in den Zehner- und frühen Zwanzigerjahren denken. Gut möglich, dass Yaroslav ein Veteran aus diesen blutigen Zeiten war.
Der Ukrainer blinzelte.
Aha, dachte Ram. Er scheint tatsächlich ein Mensch zu sein.
»Ich habe gehört, dass du ein ziemlich versierter Pokerspieler bist«, sagte Yaroslav nach einer kleinen Kunstpause. »Mein Team könnte Verstärkung gebrauchen.«
Er deutete auf den Mann, der rechts von ihm saß. Jeans, schwarzer Sweater, dunkle Haare, etwa dreißig Jahre alt. Er unterschied sich von den anderen durch sein auffallend gutes Aussehen und war neben Yaroslav der Einzige im Raum, der rauchte.
»Das ist Cem, unser Dealer. Und Cem ist bei uns auch für den Chipverkauf und die Kredite zuständig.«
»Angenehm«, sagte Ram, während Cem sich auf ein Kopfnicken beschränkte.
»Das ist Alex.« Yaroslav verwies mit einer Geste auf den Mann, der an der rechten spitzen Seite des Tischovals auf einem Sessel saß. Kurze blonde Haare, unauffällige Gesichtszüge, schwarze Funktionskleidung. Mit seinen zwanzig, fünfundzwanzig Jahren war er hier zweifellos der Jüngste.
»Alex kümmert sich um Buchhaltung und IT, und er sorgt für die Öffentlichkeitsarbeit. Wobei das in unserem Fall«, Yaroslav erlaubte sich zum ersten Mal den Anflug eines Lächelns, »eher bedeutet, dass die Öffentlichkeit ausgeschlossen wird. Alex löscht sämtliche Netzdateien, in denen unser kleines Unternehmen vorkommt, mit einem Eraserprogramm, das er selbst entwickelt hat.«
Auch Ram ging jetzt zur reduzierten Grußform des Kopfnickens über.
»Mack kennst du ja bereits. Und das«, Yaroslav deutete auf den Mann zu seiner Linken, »das ist Fleischer. Er bedient die Bar im Nebenraum. Fleischer hat bestimmt ein paar Dutzend Cocktailspezialitäten auf Lager … wenn man dieses süße Zeug mag.«
Fleischer, ein Glatzkopf mit freundlichem Blick, schien mit Mitte oder Ende fünfzig der Bandenälteste zu sein. Er trug als Einziger ein formelles Outfit, eine Barkeeperuniform mit Fliege, und er war der Einzige, der Ram zur Begrüßung anlächelte.
Ram lächelte zurück. »Wieso Fleischer? Du siehst nicht gerade wie ein Hardcoreauftragskiller aus …«
Fleischer weitete sein Lächeln zu einem breiten Grinsen aus.
»Das soll auch keiner auf den ersten Blick sehen … Nein, ehrlich gesagt besitze ich einen Metzgerladen und bin gelernter Fleischermeister. Yaroslav war mein Stammkunde. Irgendwann hat er mir ein schönes Angebot gemacht. Eigentlich nur, weil ihm meine selbst gemachten Bratwürste so gut schmecken …«
»Und mit der Auflage, dass du jedes Mal, wenn wir uns zum Pokern treffen, zwei Kilo gebratene Würste mitbringst, die du in der Mikrowelle heiß machst«, ergänzte Yaroslav launig. »Für unsere kleinen After-Show-Partys, wenn die Gäste wieder weg sind.«
Du bist hier nicht nur der Chef, dachte Ram, du bist für deine Leute ein väterlicher Gönner.
Aber davon muss ich mich nicht einwickeln lassen. Zumindest empfange ich keine Gedanken, die auf eine böse Falle hindeuten …
»Kommen wir zum Geschäftlichen«, sagte Yaroslav. »Mack hat dich ja schon über die wichtigen Punkte informiert. Was willst du sonst noch wissen?«
»Gibt es bei den fünfundzwanzig Prozent Gewinnbeteiligung irgendeinen Verhandlungsspielraum?«, fragte Ram, obwohl er nicht fand, dass Yaroslav aussah wie ein Mensch, der gerne mit sich verhandeln lässt.
»Nein. Fünfundzwanzig Prozent vom Gewinn und fünfundzwanzig Prozent Eigenanteil an deinen Verlusten, wenn du höchstens an jedem zehnten Abend verlierst, das ist ein großzügiges Angebot. Mack«, Yaroslav deutete auf den Mann, der bereits für ihn als Profispieler arbeitete, »Mack bekommt genauso viel, aber erst seit diesem Jahr. Vorher waren seine Konditionen deutlich ungünstiger, das kannst du mir glauben.«
Mack nickte, und Ram empfing einen klaren Bestätigungsgedanken.
Er konzentrierte sich wieder auf Yaroslav. »Ist das Secret Gambling euer einziger … Geschäftsbereich?«
Der Ukrainer zögerte etwas, bevor er nickte. »Mhm.«
Doch Ram hatte bereits auf telepathischem Wege erfahren, wie Yaroslav wirklich darüber dachte.
Das ist der einzige Geschäftsbereich, der dich etwas angeht.
»Nehmen wir an, ich gewinne«, sagte Ram nach einer kleinen Pause. »Wann komme ich dann an mein Geld?«
»Normalerweise nachts um halb zwölf, sobald das Match vorbei ist. Du rechnest alles mit Alex ab, und er überweist dir deinen Anteil. Die Summe wird in kleinere Beträge aufgeteilt, und wir benutzen verschiedene Tarnkonten, damit diese Geschäfte unter uns bleiben.«
»Einen Vertrag werde ich wahrscheinlich nicht von dir bekommen. Woher soll ich wissen, ob ich mich auf dich verlassen kann?«
»Glaub mir, Ram, niemand hier würde für mich arbeiten, wenn meine Leute befürchten müssten, dass ich sie bescheiße. Keine Tricks, kein doppelter Boden. Wir sind Freunde.«
Obwohl Ram diese Freundschaftsbekundungen für unglaubwürdig hielt, sprach nichts gegen Yaroslavs Beteuerungen, er gehe ehrlich mit seinen Leuten um. Keiner der Gedanken, die er gerade empfing, beinhaltete etwas anderes als Zustimmung zu dem, was der Boss eben gesagt hatte. Mehr noch: Niemand in diesem Raum schien Yaroslav etwas anderes entgegenzubringen als Respekt und Sympathie.
Ram fand, dass das eine gute Entscheidungsgrundlage war.
»Okay, ich bin dabei.«
Yaroslav streckte ihm über den Tisch hinweg ein weiteres Mal die Hand entgegen. Als Ram einschlug, sagte er: »Willkommen im Team. Und du weißt, dass du mit niemandem über die ganze Sache reden darfst. Nicht über uns, oder wie man Zugang zu uns bekommt, und nicht über das, was wir machen.«
Ram nickte. »Versprochen.«
Yaroslav blickte ihn an, wobei er sich wieder der Blinzelstoppmethode zu bedienen schien.
»Du verstehst bestimmt, dass ich nicht die Katze im Sack kaufen will. Du müsstest uns schon beweisen, was du beim Pokern drauf hast, denn Vertrauen ist gut …«
»Kontrolle ist besser«, ergänzte Ram. »Natürlich. Wladimir Iljitsch Lenin.«
Er blieb gelassen, denn er hatte schon damit gerechnet, dass man ihn auffordern würde, seine Künste zu demonstrieren. Wahrscheinlich beim nächsten Cash Game, das Yaroslavs Gang in einer ihrer Spielhöllen veranstaltete.
»Ich hoffe, du hast dir nichts für diesen Abend vorgenommen«, sagte der Ukrainer. »In zehn Minuten kommen die Spieler. Du bist dabei, und Mack kann sich ein bisschen ausruhen. Er leiht dir bestimmt seine Sonnenbrille.«
Ram fühlte sich wie vor den Kopf geschlagen.
»Was, jetzt gleich? Ich hab nicht viel Geld dabei, und ich bin überhaupt nicht vorbereitet …«
Yaroslavs Blick war eisig. »Betrachte es als Sprung ins kalte Wasser. Cem leiht dir dreitausend Euro. Vom Gewinn kannst du dieses Mal nichts behalten, aber du musst uns die Kohle auch nicht zurückzahlen, wenn du sie verlierst. Das wäre dann allerdings dein erster und letzter Abend bei uns gewesen.«
Ram hob in einer pathetisch resignativen Geste die Hände.
»Ich kapituliere.«
Yaroslavs Blick hellte sich auf. »Mack hat mir erzählt, dass du gerne mit AR-Support arbeitest. Das geht hier nicht, du musst das System deaktivieren. Computerhilfsmittel sind bei uns verboten. Sobald Alex den EM-Blocker eingeschaltet hat, funktioniert kein elektronisches Gerät mehr. Außer du hast einen Herzschrittmacher oder eines von den Dingern, die sich automatisch einschalten, wenn’s gefährlich wird. Einen De…, Di…«
»Defibrillator«, half Cem.
»Genau«, sagte Yaroslav. »Einen Defibrillator.«
Ram spürte, wie Panik in ihm aufstieg.
Die AR deaktivieren? Ohne AR funktionierte der Brain Reader nicht, und ohne diese App war Ram beim Pokern kein Kandidat fürs Siegertreppchen, sondern ein unterdurchschnittlicher Spieler, dem es nicht vergönnt sein würde, auch nur einen einzigen Zockerabend ohne finanziellen Totalschaden durchzustehen.
Nachdem er eine halbe Minute geschwiegen hatte, weil er nicht wusste, was er sagen sollte, und dabei mühevoll die Gedanken der anderen Männer ignorierte, fragte Mack: »Alles in Ordnung?«
»Ja«, antwortete Ram und lächelte matt. »Alles in Ordnung. Ich bin nur ein bisschen müde.«
Ungefähr so in Ordnung wie in den Hollywoodfilmen, in denen der Hauptdarsteller gerade erfahren hat, dass er unter einer tödlichen Krankheit leidet, und die entsprechende Frage seines besorgten Freundes reflexhaft mit »Ja, alles in Ordnung« beantwortet. Weil ›in Ordnung‹ in diesen Filmen offenbar nicht mehr bedeutet, als dass man noch am Leben ist.
»Müde?« Mack lächelte ebenfalls. »Das wird sich in den nächsten Minuten ändern. Oder möchtest du einen Espresso? Fleischer macht dir sicher gerne …«
»Nettes Angebot, aber ich verzichte darauf.« Ram bemühte sich um eine ruhige, selbstsichere Stimme, obwohl das, wenn er seine aktuelle Lage bedachte, egal war. »Du hast bestimmt recht. Ich werde schon wach. Spätestens, wenn das erste Spiel anfängt.«
Wach, aber ohne jede Hoffnung.
Ram deaktivierte seinen Cyberport und das AR-System mit einer Reihe von Sprachbefehlen. Dabei bemühte er sich nicht um eine gedämpfte Stimme, denn er befolgte gerade eine offizielle Anordnung.
Die virtuellen Einblendungen an den Rändern seines Gesichtsfelds verschwanden.
Schade, dachte er, dass meine Chancen, ein zweites Mal von der Gamblingbande eingeladen zu werden, unter diesen Umständen bei null liegen. Außer …
»Wie viele Spieler, die heute kommen, sind Fische?«
»Sieben«, antwortete Mack. »Drei Leute pokern auf Halbprofiniveau.«
Nichts ›außer‹. Meine Chancen liegen bei null. Gegen drei gute bis sehr gute Spieler kann ich nicht gewinnen.
Dann werde ich eben einigermaßen würdevoll scheitern.
Im nächsten Moment läutete es an der Haustür. Mack stand auf, um den ersten Abendgast hereinzulassen.
Ram unterdrückte einen massiven Fluchtimpuls. Wenn er versagte – und er würde versagen –, konnte er die dreitausend Euro, die man ihm leihen wollte, zurückzahlen, indem er der Bande einen Teil seiner Ersparnisse überwies.
Allemal besser, dachte er, als Yaroslavs Zusicherung zu vertrauen, ihm für diesen Abend nichts schuldig zu sein, und dann von einem seiner Leute an einer dunklen Straßenecke verdroschen zu werden.
Um Rams Geistesgegenwart stand es nicht besonders gut. Als der erste Gast den Raum betrat und sich zu den anderen Männern an den Spieltisch setzte, fiel es ihm schwer, sich auf den Neuankömmling zu konzentrieren.
Er musste sich zur Aufmerksamkeit zwingen.
Der Gast, der nicht älter als fünfundzwanzig sein konnte, trug coole Klamotten nach der aktuellen Tripstermode, und auch die Ohrringe und die einschlägigen Tattoos dieser Szene fehlten nicht. Kein typischer Gambler, dachte Ram.
Es klingelte erneut. Dieses Mal kamen vier Gäste gleichzeitig, und Rams Konzentrationsfähigkeiten gingen umso stärker zurück, je mehr Personen den Raum betraten.
Fünfzehn Minuten später teilten er und Yaroslavs Bande das Pokerzimmer mit neun Besuchern. Dass eine hübsche junge Frau mit blonden Haaren dabei war, fand Rams Beachtung, doch die Gesichter der anderen Spieler verschwommen miteinander, und die organisatorischen Vorbereitungen des Pokerabends gingen an ihm vorbei.
Glücklicherweise hatte er in diesem desolaten Zustand zunächst nur die Aufgabe, Leihjetons im Wert von dreitausend Euro entgegenzunehmen und danach einen von zehn verschlossenen Umschlägen aus einem Lostopf zu ziehen.
In dem Kuvert befand sich das Kärtchen, auf dem seine Spielposition stand. Die Nummer eins entsprach dem Small Blind, zehn war der letzte Platz vor dem Dealer. Wie im Paradise Kasino würden sich die Positionen nach jedem Spiel zusammen mit dem Dealer Button um einen Platz nach vorne verschieben.
Ram öffnete den Umschlag und sah, dass er die Acht bekommen hatte.
Ein gutes Los, denn auf dieser Position konnte man das Verhalten ebenso wie die Strategien der meisten Kontrahenten bequem beobachten und daraus wertvolle Schlüsse ziehen, bevor man seinen Einsatz machte oder aus der Runde ausstieg.
Doch Begeisterung wäre unter den aktuellen Umständen absurd gewesen, fand Ram.
Er sah, dass die anderen Teilnehmer ihre Nummernkarten auf den Brustbereich pressten, wo sie an der Kleidung haften blieben.
Ram tat es ihnen nach. Dann erhob er sich aus seinem Sessel und setzte sich auf den Platz, der der Achterposition entsprach. Bis auf Cem, den Dealer, hatten alle Männer der Secret-Gambling-Gang den Raum inzwischen verlassen.
Ram türmte seine Chips zu mehreren Stapeln auf, schloss die Augen und gab sich Gedanken hin, die zutiefst trübsinnig waren.
Dann hörte er, wie Cem ein Kartenpäckchen öffnete, wie er es professionell durchmischte und die Gästerunde mit ein paar Worten willkommen hieß.
Die Spieler auf den ersten beiden Positionen beglichen die Blinds. Schließlich verteilte Cem die Pocket Cards.
Ram öffnete die Augen wieder, weil ihm klar war, dass Ignoranz seine unkomfortable Lage nicht verbessern würde.
Er nahm die beiden verdeckten Karten auf.
Pik Fünf und Karo Acht.
Ein Scheißblatt.
Das dürfte ein sinnloser Abend werden.
Die Mitspieler blickten schweigend in die Karten, die sie auf der Hand hatten. Sonnenbrillen verdeckten alle Gesichter in der Runde.
Vor Rams innerem Auge erschien ein verführerischer Riesenkrug Beamish Stout, was seine Konzentration auf die Außenwelt weiter verringerte.
Sei’s drum, sagte er sich. Zu Hause stehen noch zwei Kästen von dem Zeug. Ich muss nur irgendwie diesen Scheißabend durchstehen und mir nicht allzu viel daraus machen, dass ich total versage.
In diesem Moment hörte er leise, aber vernehmlich die Worte »Wenn das so weitergeht, wird das ein richtig geiler Abend …«
Sie kamen aus der Richtung des Tripsters, der als erster Gast die Wohnung betreten hatte und jetzt zwei Plätze links von Ram saß, auf der Zehnerposition direkt neben dem Dealer. Er war der letzte der Runde, der seine Pocket Cards bekommen hatte.
Merkwürdig, dachte Ram. Will der Typ hier den offenkundigsten Bluff in der gesamten Pokergeschichte durchziehen? Glaubt doch kein Mensch, dass er tatsächlich ein gutes Startblatt besitzt, nur weil er das vor sich hinmurmelt. Und wieso reagiert niemand darauf? Zumindest so was wie ein verächtliches Grinsen müsste doch bei dem einen oder anderen drin sein –
Ram sah den Tripster von der Seite an, wobei er sich um Unauffälligkeit bemühte.
Der junge Mann hatte unter dem Sonnenbrillenbereich das branchenübliche Pokerface aufgesetzt. Es passte nicht besonders gut zu seiner freimütigen Äußerung.
Dann vernahm Ram etwas, das ihn völlig aus der Fassung brachte.
»Der Langhaarige ist extrem nervös … Ich verwette meinen Arsch darauf, dass er kein einziges Spiel gewinnen wird.«
Was, zum Teufel, war das? Wollen die mich systematisch mit Psychoterror fertigmachen? Der einzige Langhaarige an diesem Tisch bin ich …
Die Stimme des Mannes, der soeben seinen Anus auf Rams Totalversagen gesetzt hatte, war von der rechten Seite des Tisches gekommen.
Dort saß ein unauffälliger Typ in den Fünfzigern mit Halbglatze und Businessstreifenhemd.
Als Ram dem Gegner direkt ins Gesicht blickte, hörte er die Stimme zum zweiten Mal.
»Ach was, ich verwette meinen Arsch und meine Frau darauf, dass der Langhaarige alle Spiele verliert.«
Doch der Mund des Mannes war völlig regungslos geblieben, als er gesprochen hatte.
Es gab nur zwei Erklärungen.
Entweder Ram war in dieser massiven Stresssituation verrückt geworden.
Das ist eher unwahrscheinlich, dachte er. Es wäre das erste Mal in meinem Leben, dass ich wahnsinnig werde. Mein daueralkoholisierter Scheißvater hat es nicht geschafft, mich verrückt zu machen, also warum sollte es bei einer Pokerrunde in einer Spielhölle passieren –
Oder seine telepathischen Fähigkeiten meldeten sich gerade zurück.
Wie auch immer das möglich war. Schließlich hatte Rams Brain-Reader-Software sich automatisch zusammen mit der AR und dem Cyberport abgeschaltet.
Sein Computersystem war jetzt genauso inaktiv wie ein mobiler Rechner, aus dem man den Akku herausgenommen hatte.
Wie um alles in der Welt kann es sein, dass ich die Gedanken von fremden Menschen ohne jede technische Unterstützung empfange?
Keine gottverdammte Ahnung – aber wenn das wirklich so ist, sollte ich mich nicht allzu lange mit dieser Frage beschäftigen. Sonst drehe ich am Ende durch …
Am besten, ich überprüfe meine Theorie erst mal.
Inzwischen hatten alle Spieler, die vor ihm an der Reihe waren, ihre Einsätze gemacht, oder sie hatten gepasst.
Ram stieg aus. Ob er nun telepathische Kräfte besaß oder nicht: Mit diesen Pocket Cards konnte er keinen Blumentopf gewinnen.
Er versuchte, die Gedanken seiner Mitspieler noch einmal zu belauschen, aber das funktionierte nicht.
Irgendwann hörte er den einen oder anderen schwer verständlichen Wortfetzen, aber das mochte Einbildung sein.
Wenn ich tatsächlich telepathische Fähigkeiten habe, müsste ich doch die Startblätter der anderen Spieler aus deren Perspektive sehen. So wie neulich in Neukölln …
Konzentrieren. KONZENTRIEREN.
Das ist leichter gedacht als getan – am besten, ich denke erst mal an gar nichts.
Je mehr Ram sich bemühte, auf jede bewusste Überlegung zu verzichten, desto stärker vermehrten sich die Gedanken, die ihm durch den Kopf gingen.
FUCK.
Irgendwann ignorierte er das, was in seinem Gehirn passierte, und richtete seine Aufmerksamkeit nach innen, auf den Atem.
Ich schnaufe gerade ganz schön heftig … ach, egal.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Und dann geschah ein Wunder.
Über die neun Menschen, die mit Cem und ihm am Tisch saßen, schob sich ein zweites Bild.
Ram konnte es zunächst kaum erkennen, dann wurde es etwas deutlicher. Wie eine Art Schleier, der sich über die Realität legte.
Er schielte ein bisschen, um die Doppelwahrnehmungen miteinander zu verbinden.
Und erkannte plötzlich die Bildseiten der Pocket Cards, die seine Kontrahenten, die noch im Spiel waren, in den Händen hielten.
Der Richtig-geiler-Abend-Tripster hatte Herz Ass und Herz König bekommen. Ein Spitzenstartblatt.
Startnummer eins hielt zwei Dreier und hoffte auf einen Drilling, trotz einer schlechten Sitzposition. Zwei blieb im Spiel, obwohl er nicht mehr auf der Hand hatte als Kreuz Bube und Pik Dame. Keine besonders tollen Karten. Wahrscheinlich ein Anfänger.
Nummer vier und fünf waren draußen. Sechs, die Frau am Tisch, hatte Karo Drei und Karo Fünf. Sie hoffte auf einen Flush, vielleicht auf einen Straight Flush.
Cem, der Dealer, legte jetzt die ersten drei Community Cards in die Mitte des Tisches.
Ram bemerkte, dass er die visuell-telepathischen Signale seiner Kontrahenten besser empfangen konnte, als es zuletzt im Paradise Casino der Fall gewesen war, sogar mit Sonnenbrille auf der Nase, und lächelte still in sich hinein.
Ein warmes, wohliges Triumphgefühl breitete sich in ihm aus.
Diese Runde hatte er verloren, doch den Abend würde er mit ein bisschen Glück gewinnen.
Ich bin der König von Berlin.
No Limit
Die nächsten drei Stunden waren ein einziger Rausch ohne Alkohol. Ram besiegte alle Fische am Tisch, bevor er sich auf die drei mehr oder weniger professionellen Gegner einschoss.
Irgendwann hatte er nur noch einen Kontrahenten. Die Frau mit den hellblonden Haaren und dem hübschen Gesicht.
Sie sah ihn an, und er vernahm einen ihrer Gedanken. So deutlich, als ob sie mit ihm sprechen würde.
Der Typ ist unglaublich sexy …
In diesem Moment ersann er einen Dreistufenplan.
Er würde erstens dieses Spiel absichtlich gegen die junge Dame verlieren. Mit nicht allzu großem persönlichen Schaden, vielleicht ein paar Hundert Euro, aber genug, um ihr ein gutes Gefühl mitzugeben.
Dann würde er zweitens den Pokerabend beenden, mit einem Gesamtgewinn von ungefähr achtzehntausend Euro. Dass Yaroslav angekündigt hatte, alles einzubehalten, was er an diesem Abend verdiente, spielte keine entscheidende Rolle, denn es sprach einiges dafür, dass das heute nicht sein letzter Einsatz für die Secret-Gambling-Gang gewesen war.
Daraufhin würde er drittens die gewonnenen Jetons so schnell und unauffällig wie möglich an Yaroslavs Jungs weiterreichen, die wahrscheinlich schon im Nebenraum mit den Cocktails und den Würsten auf ihn warteten. Würde eine Einladung zu einem geselligen Umtrunk oder zu einem Pfund Bratwurst freundlich, aber bestimmt zurückweisen. Und danach die hübsche junge Frau, gegen die er gerade spielte, fragen, ob sie noch Lust auf einen Restaurantbesuch habe.
Zuletzt, nach dem Essen und dem Wein, würde er die Dame vögeln, bis ihr Hören und Sehen verging.
Drei Monate, nachdem Ram es geschafft hatte, seinen Dreistufenplan eins zu eins in die Tat umzusetzen, erwachte er morgens in dem Riesenbett, mit dem die Wohnung Collins II ausgestattet war.
Collins II lag seinem alten Apartment genau gegenüber. Im August hatte er die zweite Wohnung, die seit Jahren leer stand, gemietet, um sie zur Liebeshöhle umzubauen. Mit allem, was für ihn dazugehörte: überdimensionales Bett, programmierbare Lichtspiele für Decke und Wände, High-End-Multimediaanlage, Roboküche, Luxusbad.
Collins I, das alte Apartment, blieb frauenfrei. Auch diese Wohnung hatte Ram generalüberholt, aber zu seinem privaten Alleinvergnügen.
Die Heimelektronik war jetzt auf dem neuesten Stand der Technik, sein früheres Schlafzimmer hatte er in eine Virtual-Reality-Box umgewandelt, und im Wohnzimmer standen teure Sportgeräte.
Doch die alte Ledercouch war noch da, weil Rams Herz daran hing. Das Gleiche galt für seine Comicsammlung, die er in den letzten Monaten weiter ausbauen konnte, aber das meiste hatte sich verändert. Auch die Sauberkeit der Wohnung, denn eine zuverlässige und diskrete Putzfrau kümmerte sich inzwischen um beide Apartments.
Irgendwann würde Ram diese Wohnungen kaufen. Er war jetzt wohlhabend, und ein Ende des Geldsegens ließ sich nicht absehen.
Seinen Pornoavatarjob bei FeelReal Erotix hatte er schon im Juni gekündigt. Eine knappe Voicemail an den Arbeitgeber, ein Befehl an das Rechnersystem, die Kontaktdaten der Schmuddelfirma auf die interne Sperrliste zu setzen – das war’s.
So hatte er zwar nur einen Schwarzmarktjob gegen einen anderen ausgetauscht, aber Secret Gambling war nicht nur erheblich appetitlicher als simulierte Fickbewegungen mit Messfühlern am Körper, sondern auch deutlich lukrativer.
Ram wälzte sich in seinem Riesenbett von der rechten auf die linke Seite. Dort lag eine nackte schwarzhaarige Frau mit schönen Rundungen und Engelsgesicht, die noch schlief.
Marie? Anne? Nein, Luise. Ich glaube, sie heißt Luise. Auf jeden Fall ist sie verdammt süß.
Bei der Vielzahl an Gespielinnen, die in den letzten Wochen in seinem Bett gelegen hatten, konnte man schon mal durcheinanderkommen, fand Ram.
Er hielt sich zugute, dass er stets fair mit den Frauen umging. Bedingung, für ihn selbst wie für die Mädels, war ein ärztliches Screening auf Geschlechtskrankheiten, das nicht älter als vier Wochen sein sollte. Und dass sie nicht in einer festen Beziehung lebten.
Ram machte ihnen keine unhaltbaren Versprechungen, und er log sie nicht an. Respektvoller Umgang, das ja, aber nichts von Treue, gemeinsamer Zukunft oder großer Liebe.
Sie wussten, woran sie bei ihm waren, und er wusste, dass sie damit leben konnten, denn er kannte die innersten Gedanken aller Frauen, die sich mit ihm einließen.
Mirco hatte recht gehabt: Ein Mann mit telepathischen Fähigkeiten bekam so viel Sex, wie er wollte. Zumindest wenn er regelmäßig duschte und nicht gerade aussah wie der Glöckner von Notre-Dame.
Ram beschloss, Luise – oder Laura? – schlafen zu lassen, ihr eine freundliche Nachricht auf den Touchscreen zu schreiben und, nach dem Duschen, die Privaträumlichkeiten der Wohnung Collins I aufzusuchen.
Vor dem Frühstück ein, zwei Stunden Norman Empire zu spielen, konnte nicht schaden. Ram besaß die Vollversion, die enorm unterhaltsam war, wenn man einen Datenhelm und einen VR-Ganzkörperanzug trug.
Es machte ihm einen Mordsspaß, als normannischer Krieger des elften Jahrhunderts die angelsächsischen Truppen mit Überraschungsangriffen zu quälen oder die Engländer bei der Planung eines Gefechts erfolgreich auszuspionieren.
Er kroch aus dem Bett, vorsichtig, um Luise/Laura nicht zu wecken, warf noch einen kurzen Blick auf die junge Frau und zog sich einen Bademantel an.
Ram ging zum Touchscreen an der Wand, der ihm auch als Notizblock diente, und hinterließ seiner Gespielin eine Textnachricht, die er mit dem Zeigefinger schrieb. Der Rechner würde die Message automatisch in Druckbuchstaben umwandeln und mit einem ansprechenden Layout versehen.
Da ihn sein lückenhaftes Gedächtnis zwang, eine persönliche Anrede zu vermeiden, musste er ein bisschen improvisieren, damit das Problem nicht auffiel.
»Guten Morgen, Süße! Ich bin bis acht oder neun Uhr beschäftigt, vielleicht auch ein bisschen länger.«
Mit hochwichtigen Angelegenheiten, dachte Ram und grinste.
»Mi casa es su casa. Frische Handtücher sind im Bad, und wenn du frühstücken willst, sag dem Roboservice in der Küche Bescheid. Das System kann dir fast alles anbieten – notfalls auch Beluga-Kaviar und eine Flasche Moët & Chandon. Aber nur im absoluten Notfall.«
Untersteh dich …
Einen Moment lang überlegte Ram, ob es nicht klüger wäre, die letzten anderthalb Sätze zu löschen, schon um Luise/Laura nicht auf dumme Gedanken zu bringen.
Doch er war so angetan von seinem kleinen Scherz, dass er ihn drin ließ.
»Wenn du auf mich warten möchtest, freue ich mich.«
Dann könnten wir noch ein paar Stunden weitervögeln …
Ram grinste noch breiter als zuvor. Diese Ausführungen sollte er tatsächlich besser nicht in seine Notiz aufnehmen.
»Und wenn du weg musst, zieh die Tür hinter dir zu. Ich melde mich bei dir. – Liebe Grüße, Ram«
Die Kleine ist niedlich, dachte er und blickte noch einmal Richtung Bett, bevor er die Textnachricht speicherte. Vielleicht ruf ich sie doch noch mal an. Auch wenn sie nicht wartet, bis ich wieder da bin.
Mit der Frage, ob Luise/Laura, die er kaum kannte, verschwinden und etwas mitnehmen würde, das ihr nicht gehörte, befasste er sich nicht. Collins II wurde elektronisch überwacht, genauso wie Rams Erstdomizil. Außerdem hatte er seine Wohnungen und alles, was darin wertvoll war, gut und teuer versichert.
Nach dem Duschen, Rasieren und Zähneputzen nahm er die umgebauten Anti-Tinnitus-Stöpsel vom Nachttisch und steckte sie sich in die Ohren. Dann verließ er Collins II und sperrte seine Erstwohnung auf.
Das Leben, dachte er, als die Tür von Collins I hinter ihm ins Schloss fiel, kann so wunderbar einfach sein.
Ram streifte den Bademantel ab, hängte ihn an eine Garderobenstange im Flur und betrat sein früheres Schlafzimmer, das er zu einer Virtual-Reality-Box umgestaltet hatte. Ein kleines Reich, das nur seinem Spielvergnügen diente.
Die Beleuchtungsautomatik erhellte einen Raum, dessen Wände vollständig mit halbdurchlässigen Multimediamonitoren bedeckt waren. Das Gleiche galt für die Decke und den Boden des Zimmers, und die komplexe Technik, die in dem Raum steckte, verbarg sich zum großen Teil hinter dieser Verkleidung.
Dass das Zimmer durch die Fenster einen direkten Zugang zur Außenwelt bot, konnte man nicht mehr erkennen. Ram hatte sie vor der Montage der Screenscheiben mit schwarzer Folie abgeklebt und eine Klimaanlage eingebaut, um die Sauerstoffzirkulation zu gewährleisten.
Im Wechselspiel mit den optischen und akustischen Signalen, die der Datenhelm auf den User übertrug, stellte die VR-Box lebensechte Wirklichkeitssimulationen her. Der Ganzkörperanzug, den Ram besaß, stimulierte außerdem den Tastsinn, und es waren ein paar Duftzerstäuber integriert, die es ihm ermöglichten, realistische Gerüche wahrzunehmen.
Eine spezielle Elektronik, die die Position des Anzugs im Verhältnis zum Raum erfasste, in dem er sich befand, sorgte dafür, dass Ram nicht im Eifer des Gefechts an eine Wand knallte. Sobald er sich etwas Festem näherte, spürte er eine sanfte, langsam ansteigende Abstoßungskraft, bevor er mit dem Objekt kollidieren konnte, sodass Unfälle weitgehend ausgeschlossen waren.
In solchen Fällen drehte er sich in eine andere Richtung, ging ein paar Schritte zur Zimmermitte, wo die Handlung normalerweise sowieso ihren Hauptfokus hatte, und setzte das Spiel ohne Unterbrechung fort.
Das meiste regelte die ausgeklügelte Boxsoftware von selbst: Landschaften, die sich so schnell veränderten, wie Ram sie durchmaß. Wichtige Personen oder Objekte, die immer wieder ins Zentrum des Raumes versetzt wurden. Dynamische Perspektivwechsel, abhängig von Rams Blickrichtung und dem, was er gerade tat.
Er trennte seinen VR-Ganzkörperanzug von dem Akkuladegerät, an den er ihn über Nacht angeschlossen hatte, und schlüpfte hinein.
Seinen Slip behielt er an. Virtuelle Realitäten, bei denen der Nutzer auf die Unterhose verzichtete und eine Menge Geld in spezielle Features für den Urogenitalbereich investieren musste, waren ihm zuwider. Nicht nur, weil er im Cyberpornbusiness gearbeitet hatte, sondern auch, weil er wusste, dass diese Sexwelten gefährlich waren. Es gab Zigtausende von Freaks, die sich rettungslos in ihren wilden Fickfantasien verirrt hatten. Manche waren in den VR-Anzügen verdurstet, und in den psychiatrischen Kliniken, so hieß es, bekamen mehr und mehr Patienten eine Cybersex-Abhängigkeitsdiagnose.
Dann doch lieber ein cooles Game, fand Ram.
Nachdem er den Ganzkörperanzug mit dem Datenhelm und den Sensor-Handschuhen verbunden hatte, aktivierte er das Boxsystem mit ein paar Sprachbefehlen. Dann stellte er den Wecker, der ihn in den Alltag zurückholen würde, auf neun Uhr.
Dann sagte er: »Operator an VR-Computer. Lade Norman Empire und setze das Spiel da fort, wo ich es gestern unterbrochen habe.«
Er hörte die Bestätigung, ein knappes »Verstanden«, durch das Audiosystem des Datenhelms, und einen Augenblick später war Ram in einer anderen Wirklichkeit.
Einer typisch englischen Hügellandschaft mit Forstbestand und Nieselregen, der langsam nachließ.
Ram, der nicht mehr Ram war, sondern ein normannischer Graf, ritt auf seinem Pferd durch den Wald.
Nicht nur, dass er die Muskelbewegungen und die Wärme des Tiers, auf dem er saß, deutlich fühlen konnte, wenn er seine Oberschenkel anspannte. Er roch es auch, so wie er die letzten Nieselregentropfen spürte.
Als der Himmel etwas aufklarte, war das Zwitschern der Vögel zu hören. Nur der Geschmackssinn ließ sich bisher nicht erfolgreich virtuell simulieren, aber diese kleine Einschränkung störte Ram nicht im Geringsten.
Wenn er das Grafen-Level irgendwann erfolgreich abgeschlossen hatte, würde der Zeitpunkt nicht mehr fern sein, an dem er Wilhelm den Eroberer, den Mann, der sich später zum König von England krönen ließ, verkörpern konnte.
William the Conqueror. Ein Mann, den sie einst William the Bastard geschimpft hatten, weil er ein uneheliches Kind war. Nachdem er England blutig erobert hatte, war dieser Schmähname Geschichte. Und Rams Rollenfigur, begleitet von einer Streitmacht, plante die entscheidende Schlacht bei Hastings. Derzeit – er hatte bereits ein paar Level erfolgreich bewältigt – als wichtigster Berater von Herzog William. Demnächst, falls alles gut ging, als William selbst.
Wenn aus ihm auch kein ägyptischer Pharao geworden war, würde er, Ramses Collins, in diesem Spiel irgendwann ein hochverehrter grausamer Herrscher sein, dessen Name tausend Jahre Geschichte überdauert hatte. Der zum Schrecken Englands wurde, was ihm, Ram, wegen seiner irischen Herkunft besonders gut gefiel.
Als Kelte fühlte er sich den Wikingern und den Normannen innerlich verbunden. Immerhin hatten die Männer aus dem Norden Dublin, seine Heimatstadt, einst gegründet.
Und obwohl er froh über dreißig Jahre Frieden in Nordirland war, hatte er es nicht geschafft, die Engländer ins Herz zu schließen.
Das Pferd, auf dem Ram gerade saß, schwitzte und schnaubte. Er versuchte, das Tier mit ein paar Klopf- und Streichelbewegungen zu beruhigen, denn er war auf Erkundungsmission, und die feindlichen Angelsachsen sollten weder ihn noch sein Pferd hören.
»Ruhig, Brauner, ruhig …« zischte Ram in perfektem Altfranzösisch, wie es die Normannen zur Zeit von Wilhelm dem Eroberer gesprochen hatten. Dabei wurde er hilfreich von einem Simultanübersetzungsprogramm unterstützt, das zum Game gehörte.
Doch Streicheln und Zureden schienen nicht auszureichen, denn das Pferd schnaubte, keuchte und schwitzte immer noch so sehr, dass es so aussah, als würde es jeden Moment zusammenbrechen.
Kein Wunder, denn beim gestrigen Besuch in der Welt der Normannen hatte Ram – oder Richard, Graf von Rouven, wie er jetzt hieß – sein Reittier bis zur Erschöpfung über Wege, Wiesen und Felder getrieben.
Richard war ein Kundschafter von Herzog William, der seine Truppen fünfzig Meilen vor Hastings stationiert hatte und vor dem geplanten Überfall einen Vertrauten benötigte, der für ihn die Lage vor Ort sondierte. Der prüfte, ob die geschundene Bevölkerung Widerstand leistete, offen oder verdeckt.
Zu wissen, dass die Normannen die Schlacht bei Hastings damals souverän für sich entschieden hatten, half Ram alias Richard keineswegs, denn Norman Empire orientierte sich nur grob an den historischen Tatsachen, um die Sache spannender zu machen.
Veränderungen der Geschichte waren jederzeit möglich, zugunsten oder zuungunsten des Protagonisten. Jede Entscheidung des Users änderte den weiteren Verlauf des Spiels, und es gab eine Menge unerwarteter Herausforderungen.
Auf jeden Fall brauchte das Pferd jetzt eine Pause. Ram/Richard blieb nicht genug Zeit, das Tier zum Trinken an einen Bachlauf zu führen oder ihm den Schweiß abzuwischen. Seine Erkundungsmission hatte Priorität und der Befehl des Herzogs, er möge sich beeilen, war an Eindeutigkeit nicht zu überbieten.
Aber Richard konnte bestimmt ein paar Minuten rasten. Er ritt im Schritttempo zum Rand eines kleinen Buchenwäldchens, das einen gewissen Schutz vor neugierigen Blicken bot und ihm freie Sicht auf den einzigen Weg erlaubte, den es im näheren Umkreis gab.
Dann stieg er ab, wobei ihm die überlegene Ausstattung des Heeres half, dem er diente: Anders als die angelsächsischen Pferde trugen die normannischen Steigbügel.
Es würde ihm gut tun, sich ein wenig die Beine zu vertreten, denn seine Oberschenkel schmerzten etwas. Er war nur im Spiel ein geübter Reiter, und die Daueranspannung von Gesäß- und Oberschenkelmuskeln tat ihm schon nach wenigen Minuten weh.
Das Pferd, dem er keinen richtigen Namen gegeben hatte, begann sofort damit, die Blätter eines Strauches zu fressen, der am Waldrand wuchs. Richard hielt das für ein gutes Zeichen. Sein vierbeiniger Gefährte würde sich schnell erholen.
Unzählige Insekten umschwirrten Mensch und Tier. Aus dem Inneren des Waldes war ein Kuckucksruf zu hören.
Lass dich nicht einlullen, sagte eine warnende Stimme in Rams/Richards Innerem. Er wusste aus Erfahrung, dass er gut daran tat, auf diese Stimme zu hören, wenn er in die mittelalterliche Spielwelt eintauchte.
In der Ferne, dort, wo Richard vor wenigen Minuten gewesen war, bewegte sich etwas, das größer zu sein schien als ein Vogel oder ein Reh.
Oder sah er nur ein Scheinbild, ausgelöst durch die Erwartung, jetzt müsste etwas Besonderes passieren?
Nein, Richard hatte richtig beobachtet. Ein Reiter näherte sich auf dem Weg, der nach Hastings führte.
Offenbar trug der Mann eine leichte Kampfrüstung, so wie Richard, mit Kettenhemd, Leinenkleidern und einem Bein- und Kopfschutz aus Leder. Ein Kurzschwert war an seinen Gürtel gebunden, und ein Schild hing mit Riemen am Sattel. Ebenso wie einige zugeschnürte Säcke, deren Inhalt unklar blieb.
Anders als Richard war der Mann außerdem mit einem Bogen und einem Köcher voll Pfeile ausgerüstet, die er schräg über seinem Brustkorb befestigt hatte.
Warum war ich nur so bescheuert, keine Distanzwaffe mitzunehmen, dachte Richard. Hoffentlich sieht mich der Kerl nicht.
In diesem Moment – der Fremde war inzwischen in Rufweite – wieherte Richards Pferd. So laut, dass Richard heftig zusammenzuckte.
Der Mann hatte das Geräusch ohne jeden Zweifel gehört, denn er stoppte sein Reittier und drehte sich in die Richtung, aus der das Wiehern gekommen war.
Dann erkannte Richard, dass er sich keine Sorgen machen musste. Das Pferd trug Steigbügel, und der Reiter, ein gewisser Tomas, Graf von Argentan, gehörte zu seiner Truppe.
Kein enger Freund, aber ein Normanne.
»Seid gegrüßt, Comte Tomas«, rief Richard. So laut, dass es der Graf auf jeden Fall mitbekommen würde, denn er wollte nicht wie ein Mensch wirken, der sich vor seinen eigenen Leuten verstecken musste.
Der Comte von Argentan ritt langsam auf ihn zu und ließ sein Pferd in ungefähr zehn Fuß Entfernung anhalten, bevor er den Gruß erwiderte.
»Seid gegrüßt, Comte Richard. Darf ich fragen, was Ihr hier tut?«
Auch Graf Tomas bediente sich des Altfranzösischen. Das Programm legte automatisch die deutsche Tonspur darüber, so wie bei einer Dokumentation, bei der ein Kommentator den übersetzten Text spricht, ohne das Original völlig zu verdecken. Eine etwas umständliche Methode, doch sie erhöhte den Glaubwürdigkeitsfaktor von Norman Empire erheblich.
Бесплатный фрагмент закончился.
