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Adelbert Cammerer
Die Jungfrau von Treiden

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066118297
Inhaltsverzeichnis
I.
Prolog.
II.
Vor dem Burggetrümmer von Treiden.
III.
Rosa Mai.
IV.
Ihre Jugend, Erziehung und Geschäftigkeit.
V.
Die Freier.
VI.
Victor Heil, der Fremdling.
VII.
Victor's kurze Nacht in Treiden.
VIII.
Die Felsengrotte des Victor Heil.
IX.
Der 6. August.
X.
Bericht und Klage, aus der Burg von Treiden: an den Landrichter, zu Neuhof.
XI.
Am nächsten Tage.
XII.
Die Entscheidung.
XIII.
XIV.
Heil, im Garten von Segewold.
XV.
Der Jungfrau Todtenfeier.
XVI.
Heil, noch einmal vor dem Richter.
XVII.
Die Nacht am Grabe.
XVIII.
Das Ende.
FOOTNOTES
I.
Inhaltsverzeichnis
Prolog.
Inhaltsverzeichnis
Zu dir, Livonen-Schweiz, hinan, Und deiner Vorzeit Leben: Lass mich, auf Clio's treuer Bahn, Den Sänger-Flug erheben!
Wo schimmern dort, von Sonnengold
Und Abendroth beschienen:
Kremon, Thoreida, Segewold, In klagenden Ruinen;
Wo seit dem Blutwerk' ihrer Schlacht,
Herab in Blumen-Auen,
Von ihrem Thurm bei Mitternacht,
Die todten Ritter schauen;
Wo Feinde nun ein Grab versöhnt;
Und, auf der Vorwelt Leichen,
Der Hügelreihen Stirne krönt
Ein Bürgerkranz von Eichen;
Wo Flora's holde Kinder mir Das Pfühl zum Lager breiten; Pomona dort, und Ceres hier, Ein Erntefest bereiten;
Wo nach Mäander-Krümmen-Tanz Des Stromes, die Najade, Bei lauer Welle Silberglanz, Dem Amor winkt zum Bade;
Wo aus der Felsengrotte spricht Der Heidenwelt Sibylle; Und bei Dryaden Kränze flicht Die Muse der Idylle;
Wo hell, zum Morgenstern empor,
Der Haine Lieder wallen;
Und Wehmuth schwelgt im Tausendchor
Von Hölty-Nachtigallen: —
Zu dir hinan, Livonen-Schweiz! Nach deiner Vorzeit Leben, Und deiner Anmuth Blüthenreiz', Will ich den Flug erheben.
Thoreida sei des Fluges Ziel! Asträa soll mich führen! — Ein Opfer, das dem Herrn gefiel, Soll tief die Seele rühren!
Nicht Männer aus der Ritter Zahl, Gegossen wie von Eisen; Nicht Helden von Granit und Stahl, Will meine Harfe preisen:
Der Weltgeschichte stolze Macht Hat ihren Kranz gewunden; Sie kann nicht leben ohne Schlacht, Nicht ohne Völker-Wunden!
Ihr Griffel hat so manchen Wicht Gigantisch aufgemessen; Und mancher stillen Grösse Licht, Das Welten strahlt, vergessen!
Die Jungfrau, die mein Lied erkor, Zum Preis und Ehrenmale: Sie trat aus öder Nacht hervor; Nicht aus dem Marmorsaale.
Es war, in Gottes freier Luft,
Ein Schlachtfeld ihre Wiege;
Das Brautgemach — die Todtengruft;
Ihr Tod — ein Sieg der Siege!
Hat gross in Rom Lucretia Die Schmach in Blut begraben: So steht die Deutsche — grösser da, Und fleckenlos erhaben.
Entweiht nur sank in Todeshand Die römische Matrone: Doch sie, Livona's Tochter fand, Im Tod — die Martyrkrone!
Dort muss ein Frauentod dem Staat' Die Freiheit vorbereiten: Doch meiner Jungfrau Heldenthat — Entschwand dem Buch' der Zeiten!
Sie lag, im Zweijahrhundertlauf',
Der Nächte Nacht zum Raube;
Da stieg sie neuem Leben auf,
Aus Moderschutt und Staube.
Und Jener, dem die That gelang, Der Welt sie neu zu geben: Er möge nun im Lobgesang, Wie seine Jungfrau, leben![A]
II.
Inhaltsverzeichnis
Vor dem Burggetrümmer von Treiden.
Inhaltsverzeichnis
Fremdling, der sich mir gesellt! Gast, bei Mondenscheine! Sieh! von weiland stolzer Welt, Deren Denkmal hier zerfällt, Reden noch die Steine. — Und — von jenem Ritter-Spiel, Das im Blute stieg und fiel: Zeugen, aus dem Grab-Gefild', Helm und Panzer, Schwert und Schild, Schädel und Gebeine; — Segen-Grossthat — keine!
Oft, seit grauer Heiden-Nacht,
Spielwerk roher Völkerstürme:
Sank, Thoreida! deine Macht; Sanken deine Riesenthürme!
Aber — liess versöhnte Zeit
Ihre Schlachtendonner schweigen:
Sah das Volk die Herrlichkeit
Wieder aus dem Grabe steigen.
Völkermark und Heldenblut
Sollte diese Fluren düngen!
Stets erneuter Kämpfe Wuth
Musste diese Welt verjüngen!
Fürst und Ritter, Herr und Knecht,
Schweden, Polen, Lithuanen,
Und der Reussen Landesrecht:
Fochten um den Sieg der Fahnen.
Ritterthum und Mönch-Asyl — Beidem klang die Todtenmette; Und von ihrem Trauerspiel' Blieb dem Volke — nur die Kette!
Aber — als dem Siegerglück'
Treiden sank, im Opfertode: Gab dem Fest' — ein Weltgeschick — Noch ein Stück, als Episode!
Und, wenn Bücher ohne Zahl,
Hier, von Schlachtenruhm erzählen:
Will ich nun, zum Heldenmal', Nur die Episode wählen.
Jungfrau, wie dein Schicksal gross! Grösser noch, in deinem Falle! Komm', aus tiefem Gräberschooss', In des Ruhmes Ehrenhalle!
Manchem Helden sank der Muth,
Sein Verhängniss zu ertragen:
Aber du, in deinem Blut', Hast dein Schicksal miterschlagen!
Wand'le denn, mit deinem Ruhm',
Durch die Wahrheit im Gedichte, —
Von Minerva's Heiligthum',
Hin, zum Tempel der Geschichte!
III.
Inhaltsverzeichnis
Rosa Mai.
Inhaltsverzeichnis
Luna schien zur Abendfeier, Und in ihrem Sternenschleier Kam die thränenfeuchte Nacht; Tausende, noch unbegraben, Geierbeute, Spiel der Raben, Trug das Blutgefild der Schlacht.
Aber Manche, reich an Wunden, Die das Ende nicht gefunden; Sah'n aus Leichenschutt hervor! Der Verzweiflung wilde Töne, Fluch, Gebet, und Angstgestöhne, Drangen noch zu Gott empor!
Tochter, Gattin und Matrone,
Fanden hier den Tod zum Lohne,
Treu der Ehre, sonder Schmach!
Ja, der Hekatombenspende
Sandten auch die Würgerhände
Noch das Kind der Wiege nach!
Doch — indess bei Mondenschimmer,
Droben auf dem Burg-Getrümmer,
Noch der Todesengel sass;
Und die ungelad'nen Gäste,
Bei Thoreida's Todtenfeste, Lärmen, schwelgen, ohne Maass; —
Während dort, wie Feuerdrachen,
Brände durch die Lüfte krachen,
Mit der Hölle Glutgewalt:
Sieh, da wandelt, Gott-berufen,
Einsam auf den Trümmerstufen,
Eines Freundes Huldgestalt!
Greif, der Schreiber auf dem Schlosse, Waffenlos im Kriegertrosse, Und dem Sieger unterthan: Gründet sich, den Muth zum Schilde, Nieder zu dem Schlachtgefilde, Mühenvoll die schwere Bahn.
Labsal für die rechte Stunde,
Oel und Balsam für die Wunde,
Und vielleicht das letzte Brot: Trug er liebend und geschäftig; Trug der Edle, thatenkräftig, Für der Nöthen höchste Noth!
Spähend nun im Leichenbette,
Ob die Hand noch Leben rette:
Warf er seinen Blick umher;
Doch, bei allem Muth und Streben,
Fand er keine Spur von Leben,
Keinen Strahl der Hoffnung mehr.
Von des Todtenfeldes Mitte,
Wandt er, klagenvoll, die Schritte,
Wieder heim, an seine Pflicht;
Aber sieh! die Blicke schauen — Noch ein Bild von Edelfrauen, Weiss, wie Schnee, von Angesicht!
Liebend folgte sie dem Gatten, Selber in das Reich der Schatten; Sein auf ewig, hier und dort! Denn vermählte Seelen tragen, Wann die Herzen nicht mehr schlagen, Ihre Liebe mit sich fort.
Und an ihrem starren Busen
Lag, — zu fernem Lied' der Musen,
Grosser That noch aufbewahrt, —
Von dem Schicksal auserlesen:
Noch ein kleines Engelwesen, Gleich der Perle rein und zart!
Halb dem Würger hingegeben,
Mehr schon Leiche, kaum noch Leben,
Mit dem Rest von Lebenslust:
Sog das Kind am Nektarbronnen;
Doch — er war zu Eis geronnen! Marmor blieb die kalte Brust!
Greif, der Edle, Muthbeseelte, Greif, der von dem Herrn Erwählte: Nahm das Kind in Vaterarm; Pflegte sein mit Lust und Bangen, Küsste Rosen auf die Wangen, Und die kalte Lippe warm.
Wie von Sturmes Macht getrieben,
Führt ihn Liebe dann zur Lieben, Hin, zur Gattin, ihm vertraut: Die, von hohem Söller droben, Herz und Blick zu Gott erhoben, Einsam in die Ferne schaut.
Und er kam mit froher Kunde!
Und aus seinem Rettermunde
Klang der Liebe Zauberton:
»Mutter, wirf den Kummer nieder! Eine Tochter bring' ich wieder, Nach dem früh verklärten Sohn!« —
Sieh! und Thau in holden Augen,
Liess die Mutter Kindlein saugen, An der Lebensfülle Born. — Beifall winken, aus der Ferne, Myriaden gold'ne Sterne; Luna mit dem Silberhorn!
»Für den Sohn, von Gott empfangen, Für den Sohn, zu Gott gegangen: Sei nun Tochter diesem Haus!« — Also, nach dem Sturm' der Leiden, Also sprechen — Eins die Beiden, Dankbar, ihren Segen aus.
So nun, an des Todes Thoren,
Kaum dem Leben neu geboren,
Nicht zum Opferlamme reif:
Sieht der Säugling, zart umfangen, Mit der Liebe Kussverlangen, Auf den lieben Vater Greif.
Diesen führt, am nächsten Tage, Ringsumher die Sorgenfrage: Nach der Eltern Stammgeschlecht; Aber, ach, die Todten schweigen! Nimmer will sich Kunde zeigen; Sein wird also Vaterrecht.
Segen wird der Herr verleihen; Taufe soll die Tochter weihen, Durch geweihte Priesterhand: Doch, der Tempel, in Ruinen, Kann dem Himmel nicht mehr dienen; Sein Altar und Diener schwand! —
»Gottes Vaterblicke wachen!
Seine Gnade, stark in Schwachen,
Werde Schild und Wanderstab!
Seinen Engel wird er senden; Unheil von dem Kinde wenden, Dessen Wiege war — ein Grab!« —
So, gestählt von solchem Worte, Wandelt Greif zur Eisenpforte, Mitten durch die Kriegerschaar; Eilt dann, muthig, mit der Kleinen, Und im Treugeleit' der Seinen, Fernhin, zu des Herrn Altar.
Bei der Taufe zu bekunden, Wann die Tochter aufgefunden, Und dem Tag' gewonnen sei: Nannte Greif die Namenlose — Rosa Mai, die Maienrose, Nach dem Blüthenmonde Mai.
Dank nach Oben wird gesendet; Opfergabe dann gespendet, Wie sie dem Altar' gebührt; Und so kehren heim die Beiden, Wieder nach dem Schlosse Treiden, Und — wohin der Himmel führt.
Dann — wie Vatergüte schalten, Dann — wie Muttertreue walten, Und die Liebe pflegen kann: Soll hinfort das Kind erfahren! — Monde reifen so zu Jahren, Bis der Jugend Lenz begann.
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