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Achim Bühl
Antisemitismus
Geschichte und Strukturen
von 1848 bis heute

INHALT
EINLEITUNG
1DER ANTISEMITISMUS MITTE DES 19. JH.S BIS 1918
1.1Von der Reichsgründung 1871 bis zur konservativen Wende
1.2Von der konservativen Wende bis zum Ersten Weltkrieg
1.3Der Berliner Antisemitismusstreit
1.4Die „Rassenlehre“ und der Manichäismus
1.5Die Dreyfus-Affäre in Frankreich
1.6„Die Linke“ und „die Juden“
1.7Pangermanismus in Österreich
1.8Pogrome im zaristischen Russland
1.9Die Protokolle der „Weisen von Zion“
1.10Alltägliche Ausgrenzungen und Diskriminierungen
1.11„Der Jude“ in der „Karikatur“
1.12„Der Jude“ in der Literatur des Wilhelminismus
1.13Der Erste Weltkrieg als Katalysator der Radikalisierung
1.14Zusammenfassung
2DER ANTISEMITISMUS IN DER ZWISCHENKRIEGSZEIT
2.1Die Friedensschlüsse von Paris
2.2Weimarer Republik: latenter bis militanter Judenhass
2.3„Der internationale Jude“ von Henry Ford
2.4Literarische und cineastische „Blutmetaphorik“
2.5Die Situation in Polen und Ungarn
2.6Die Sowjetunion in den 1920er- und 1930er-Jahren
2.7„Der Jude“ als „Judäo-Bolschewist“
2.8Judenfeindliche Entwicklungen in weiteren Ländern
2.9Zusammenfassung
3DER VERNICHTUNGSANTISEMITISMUS DES DT. NATIONALSOZIALISMUS
3.1Terror, „Judenboykott“ und erste Verordnungen
3.2Die „Nürnberger Rassengesetze“
3.3Die Novemberpogrome von 1938
3.4Umfassende Diskriminierung und soziale Ausgrenzung
3.5Systematische Beraubung, Zwangs- und Sklavenarbeit
3.6Verschwörungstheoretischer Erlösungsantisemitismus
3.7Täter-Kino: Die Rothschilds, Jud Süß, Der ewige Jude
3.8Die alltägliche Propaganda der „Elimination“
3.9Patientenmord und Holocaust
3.10Die Ermordung der deutschen und österreichischen Juden
3.11Die Ermordung der europäischen Juden
3.12Zusammenfassung
4DER POST-SHOAH-ANTISEMITISMUS NACH 1945
4.1Die „bleierne Zeit“ nach 1945
4.2Die 1960er-Jahre bis zur Wiedervereinigung
4.3Die Auswirkungen des Jahres 1989
4.4Aktuelle Trends und Ereignisse
4.5Zusammenfassung
RESÜMEE
LITERATURVERZEICHNIS
EINLEITUNG
Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Der jüdische Kalender, der ein Lunisolarkalender ist, d. h. 12 Mond-Monate umfasst und zur Angleichung an das Sonnen-Jahr alle drei Jahre einen dreizehnten Mond-Monat einfügt, legt das Datum des Versöhnungsfestes auf den 10. Tag des Monats Tischri fest. Im Jahr 2019 war dies der 9. Oktober. Der als strenger Ruhe- und Fastentag begangene Jom Kippur bildet Höhepunkt wie Abschluss der sogenannten „zehn Tage der Reue und Umkehr“. Gebete, Fasten, Wohltätigkeit oder Selbstreflexion füllen den Tag aus, der auch von nicht-religiösen Juden begangen wird.
Am 9. Oktober 2019 befinden sich gegen Mittag 51 Personen in der Synagoge in Halle, als der 1992 in Eisleben geborene Stephan Balliet, welcher der Tat bezichtigt wird, diese mit der Absicht erreicht, sich mit Waffengewalt Zugang zur Synagoge zu verschaffen und einen Massenmord an den dort versammelten Juden zu begehen. Die antisemitischen Motive für seine Tat hatte er eine Woche zuvor in einem in Englisch verfassten Bekennerschreiben im Internet bekannt gegeben. Dort heißt es: »Geh rein und töte alles … Improvisiere, wenn etwas schief geht. Fahr weg. Töte noch mehr. Wiederhole, bis alle Juden tot sind …«
Das Pamphlet von Balliet steht in der Tradition der „Fourteen Words“, eines vor allem in den USA weitverbreiteten Bekenntnisses von Neonazis sowie von weißen Rassisten. Die vierzehn Wörter lauten auf Englisch: »We must secure the existence of our people and a future for White children.« Als Erfinder der „14 Wörter“, die der rechten Szene auch als Zahlencode dienen, gilt der US-amerikanische Rechtsextremist David Eden Lane (1938–2007), der an der Ermordung des jüdischen Radiomoderators Alan Berg (1934–1984) im Juni 1984 beteiligt war. Der liberal gesinnte Berg, den die rechtsextreme Szene hasste, wurde von der neonazistischen Terrorgruppe „The Order“ vor seinem Haus erschossen. Die Terrororganisation „The Order“, der Lane angehörte, teilte die Ideologie der White Supremacy-Bewegung, raubte Banken sowie Geldtransporter aus und verübte einen Bombenanschlag auf eine Synagoge. „The Order“ erstellte Todeslisten, auf denen auch Berg stand. Gründungsmitglieder von „The Order“ wie Lane, der im Alter von 68 Jahren in einem US-amerikanischen Staatsgefängnis im Jahr 2007 starb, werden bis heute von der White-Power-Bewegung als Helden verehrt. Lane, der 1981 der „Aryan Nations“ beitrat, machte 1983 das politische Schlagwort von den USA als „Zionist Occupied Government“ (ZOG) in rechtsextremen Kreisen populär. ZOG-Graffitis sind bis heute an US-amerikanischen Garagen- wie Häuserwänden zu erblicken. Die Erzählstruktur der zugrundeliegenden antisemitischen Pamphlete ist dabei stets die gleiche geblieben. In verschwörungstheoretischer Manier wird die Behauptung von einer angeblich von Juden kontrollierten US-amerikanischen Regierung aufgestellt, ist von einer jüdischen Weltverschwörung die Rede, welche die Absicht verfolge, ein Waffenverbot in den USA durchzusetzen, um „Weiße“ wehrlos zu machen und um so den „Tod der weißen Rasse“ zu bewirken. Terrorismus erscheint auf diese Weise als adäquates Gegenmittel, als legitimer Akt der Notwehr, um die USA von ihrer „jüdischen Regierung“ zu befreien und den Sieg der „arischen Rasse“ einzuleiten, die in den „14 Words“ als »our people« bezeichnet wird. Zwar sei die „weiße Rasse“ allen anderen überlegen, befände sich indes in einem Überlebenskampf gegen die „Rasse“ der Juden, welche die „Rasse“ der Schwarzen und der Latinos instrumentalisiere, um die Weißen von ihrem angestammten Platz („White Supremacy“) zu vertreiben und zu vernichten.
Offensichtliches Vorbild für den Attentäter auf die Synagoge von Halle war der Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch (15. März 2019) gut ein halbes Jahr zuvor. Der Australier Brenton Tarrant, welcher der Tat bezichtigt wird, veröffentlichte gleichfalls ein Manifest im Internet und versah sein Pamphlet mit dem Titel The Great Replacement. Tarrant und Balliet wie auch der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik teilen den Verschwörungsmythos vom „Großen Austausch“, der ein zentrales Schlüsseltheorem der neuen Rechten darstellt und sich in ausgeprägter Weise ebenso in Reden des ungarischen Ministerpräsidenten Victor Orbán (vgl. Kap. 4.4) findet. Der verschwörungstheoretische Mythos vom „Bevölkerungsaustausch“ unterstellt die Existenz eines geheimen Plans, um in den USA sowie in Europa die weiße Mehrheitsbevölkerung gegen nichtweiße, migrantische Einwanderer auszutauschen. Das rassifizierende Konstrukt vom vermeintlich „mächtigen Juden“ sowie die Langlebigkeit der gefälschten Protokolle der Weisen von Zion (vgl. Kap. 1.9) machen sich in diesem Kontext dahingehend bemerkbar, dass zumeist „die Juden“ für den bevölkerungspolitischen Geheimplan des „Großen Austausches“ als Urheber ausfindig gemacht werden. Bei Victor Orbán ist dies der in Ungarn geborene US-amerikanische Philanthrop George Soros. „Die Juden“, welche angeblich „die Globalisierung“ und „die Wirtschaft“ steuerten sowie den Gedanken des Multikulturalismus propagierten, verfolgten mittels ihres Einflusses auf Parteien, die Europäische Union sowie die Vereinten Nationen unerbittlich das Konzept des „großen Genozids“, welches den Untergang von „White America“, „White Europe“ sowie der „White People“ intendiere. Ideologische Bezüge zum dt. Nationalsozialismus sowie zu „rassentheoretischen“ Werken eines Madison Grant (1865–1937) und dessen Hauptwerk The Passing of the Great Race (1916) – von Adolf Hitler als »seine Bibel« bezeichnet – sowie zu Lothrop Stoddard (1883–1950) und dessen Standardwerk The Rising Tide of Color Against White World-Supremacy (1920) sind unübersehbar und offenbaren die lange Tradition rechtsextremistischen Gedankenguts. Nicht zuletzt das Attentat von Halle verdeutlicht den Sachverhalt, dass der „klassische Antisemitismus“ nach 1945 nie verschwunden war und diesbezügliche Annahmen sich nunmehr als reine Illusion erweisen.
Wie stark der Attentäter von Halle judenfeindliches US-amerikanisches Gedankengut adaptierte, wird auch daran ersichtlich, dass er sich englischsprachiger Termini bediente, die hierzulande eher unbekannt sind, indes auf neonazistischen Seiten im Internet Verwendung finden. So benutzte er in seinem Hasspamphlet an mehreren Stellen für Juden den Terminus „Kikes“, ein Wort, das in den USA zu Beginn des 20. Jh.s als diffamierender Begriff für Juden aufkam und vermutlich auf der Insel Ellis Island entstand, die als Sitz der Einreisebehörde sowie als zentrale Sammelstelle für Einwanderer in die USA diente. Jüdische Einwanderer, die Analphabeten oder der lateinischen Buchstaben nicht mächtig waren, sollen sich dort geweigert haben, Formulare mit dem üblichen „X“ zu zeichnen, weil sie dies für ein christliches Kreuz hielten, und stattdessen mit einem Kreis signiert haben, sodass das jiddische Wort „kikel“ für Kreis in diskriminierender Absicht für Juden benutzt wurde. Vermutlich handelt es sich bei dieser Erklärung indes eher um eine antisemitische Legende im Kontext christlicher Judenfeindschaft als um eine ernsthafte Klärung der Herkunft des Wortes. Etymologisch wahrscheinlicher dürfte es sein, dass der Terminus benutzt wurde, um im Sinne eines rassistischen Rankings deutsche Juden von osteuropäischen Juden zu unterscheiden und letztere mit dem Terminus als „das Allerletzte“ zu kennzeichnen, wobei man hierfür an die bei osteuropäischen Namen geläufige Endung -ki bzw. -ky anknüpfte. Unabhängig von der ungesicherten etymologischen Herkunft des Wortes, benutzt der Attentäter von Halle den Terminus, um deutlich zu machen, dass Juden für ihn Nicht-Deutsche sind, Einwanderer, die hier nicht hingehören, ungebildete Menschen, um sich so seiner „eigenen Höherwertigkeit“ als „weißer Mann“ im Kontext der Verarbeitung eigener Minderwertigkeitskomplexe zu vergewissern.
Seine Tat streamte der Attentäter von Halle; der Massenmord sollte in Echtzeit im Internet zu sehen sein. »Hello my name is anon [gemeint ist anonymous, d. Verf.], and I think the holocaust never happened.« Antisemitische Verschwörungstheorien mischen sich so mit Holocaustleugnung, antimigrantischem Rassismus sowie dem seit Friedrich Hollaenders Couplet »An Allem sind die Juden schuld« bekannten Wahn, im Juden den Schuldigen an einfach allem zu erblicken, an gesellschaftlichen Umbrüchen, prekären sozialen Lagen ebenso wie an rein privaten Problemen. Nur durch ein Wunder gelang es dem Angreifer nicht, die Tür der Synagoge aufzuschießen bzw. aufzusprengen. Wie ernst es ihm bei seinen Mordabsichten indes war, wird nicht zuletzt daran ersichtlich, wie kaltblütig er zwei unbeteiligte Personen aus purer Wut, da er nicht in die Synagoge gelangte, erschoss, um seinen Blutrausch ersatzweise zu befriedigen.
Unverzüglich nach der Tat wird vom »Täter aus dem Nichts« gesprochen, von »nichtvorhersehbar«, es sei schwer für die Polizei, einen solchen »Einzelgänger«, der sich einzig und allein im Netz radikalisiert habe, auf dem Schirm zu haben. Die Tat wird deklariert als eine, die von ungefähr gekommen sei. In Maybrit Illners Talkshow Anschlag in Halle – tödlicher Judenhass in Deutschland vom 10. Oktober 2019 bemühte sich Rainer Erich Haseloff, Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, nach Kräften darum, das Attentat von Halle zu externalisieren. Als Ursachen machte er die Gamer-Szene aus sowie das Darknet, mit dem der „gute Bürger“ nicht in Verbindung zu bringen sei. Die Tat kommt auf diese Weise nicht mehr aus der Mitte der Gesellschaft – in der Antisemitismus sowie weitere Varianten des Rassismus beängstigend angestiegen sind, was Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes, noch unmittelbar vor Halle bestätigte –, sondern aus dem „Dunklen Netz“, dem „Ort des Bösen“. Statt sich dem gesellschaftlichen Problem Antisemitismus zu stellen, wird nach Halle eine Nach-Außen-Verlagerung, eine Abwälzung auf das Internet betrieben, so als wenn dieses nicht Teil unserer Gesellschaft wäre. Die Tat kommt indes alles andere als von ungefähr.
Zu klären ist nicht zuletzt, warum das Anwachsen des Antisemitismus in den letzten Jahren derart unterschätzt wurde. Zu konstatieren ist, dass das Geschwafel vom „vergessen sie den guten, alten Antisemitismus“, da dieser angeblich tot und unbedeutend geworden sei, eine höchstgefährliche, naive Einschätzung war, die davon abgelenkt hat, dass die Polizeistatistik eine eindeutige Sprache spricht und die Täter antisemitischer Taten in Deutschland noch immer überwiegend der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind. Zu debattieren ist darüber, dass die aus der Mitte der dt. Gesellschaft entsprungene deutsche Beschneidungsdebatte (vgl. Kap. 4.4) viel mit der nationalsozialistischen Vergangenheit im Sinne des sekundären Antisemitismus (vgl. Kap. 4) zu tun hatte wie mit dem „guten, alten Antisemitismus“, insofern ein Verbot der Beschneidung ein religiöses Ritual kriminalisiert hätte, welches auf eine lange Tradition als Zielscheibe der Judenfeindschaft zurückblicken kann.
Der Rechtsextremist, der einen antisemitischen Terroranschlag durchführt, stellt dergestalt betrachtet nur die Spitze des gesellschaftlichen Problems dar und dies reicht von unbelehrbaren Altlinken und ihrem israelbezogenen Antisemitismus, der sogenannten Schlussstrich-Debatte, des sich Verweigerns eines Großteils der dt. Historiker angesichts der Goldhagen-Debatte, der nach wie vor existenten Bereitschaft in großen Teilen der dt. Bevölkerung sich die NS-Zeit „schön zu reden“ und die Zahl der Mörder niedrig zu schätzen, über die mit antisemitischen Untertönen randvoll bestückte Beschneidungsdebatte, den zu geringen Aktivitäten von Islamverbänden angesichts des Antisemitismus von Muslimen, dem Weghören von Lehrkräften bei judenfeindlichen antisemitischen Sprüchen ihrer Schüler (»Ex oder Jude«), dem Wegsehen gar beim Mobbing gegen jüdische Kinder bis hin zur AfD sowie der derzeit hohen Willigkeit, einer Partei seine Stimme zu geben, die tagtäglich Hass schürt und in entscheidendem Maß mit dazu beiträgt, unmittelbar gewaltbereite rechtsextremistische Täter zur Tat anzustacheln.
Der Täter von Halle war nicht allein, er war kein „einsamer Wolf“, er hat u. a. virtuelle Kontakte gehabt, er hat mit konkreten Personen und nicht mit Sprachrobotern im Internet kommuniziert, die ihn durch ihre Ansichten weiter radikalisiert haben, er hat sich durch das Attentat in Neuseeland inspirieren lassen, dessen Täter zuvor in Österreich den Kontakt zur dortigen identitären Bewegung suchte und vermutlich auch fand. Ein Attentäter nimmt vor seiner Mordtat auf vielfältige Weise Signale der Gesellschaft auf, welche diese ihm vermittelt. In einer Gesellschaft, in der dt. Politiker noch immer weitgehend ungeächtet sagen dürfen „Mutter aller Probleme ist die Migration“, sieht sich ein Attentäter auf dem Weg seiner weiteren Radikalisierung bestätigt. Am Ende eines längeren Prozesses lesen wir schließlich in seinem Bekennerschreiben: »Zum Sterben auserwählt. Töte einen Juden«, »Anudda Shoa. Töte 6 Juden«, »Gleichstellung der Geschlechter. Töte eine Jüdin«, »Warum nicht beides? Töte einen Moslem und einen Juden«, »Das Feuer erhebt sich. Brenne eine Synagoge nieder«, »Krustiger Kebab. Brenne eine Moschee nieder«, »Kulturelle Aneignung. Stich Sie in einen Moslem ab«, »Mitternachts-Völkermord. Töte 3 Nigger zwischen 23 und 1 Uhr«, »Blau-gescreent. Töte einen ZOG-Bot.« Es ist an der Zeit für eine neue Antisemitismusdebatte, die das Maß der Bedrohung für Juden und Jüdinnen zur Kenntnis nimmt, für die Entwicklung effektiver, gesamtgesellschaftlicher Konzeptionen gegen den Antisemitismus wie gegen jegliche Spielart des Rassismus. Es ist Zeit, entschieden Widerstand zu leisten.
Das erste Kapitel des Buchs widmet sich dem Antisemitismus von der Mitte des 19. Jh.s bis 1918. Es ist die Hochzeit der „modernen Rassenlehren“, die wie der Philosoph Eugen Dühring zumeist „die Juden“ als „Gegenrasse“ zur „germanischen oder arischen Rasse“ konstruierten sowie in der „Rassenvermischung“ einen „Rassezerfall“ der „qualitativ höherwertigeren Rasse“ sahen. Zwar sind „Rassen“ nichts als die Erfindung des Rassisten und konnten sich diverse Rassetheoretiker noch nicht einmal auf die Anzahl der vermeintlichen „Hauptrassen“ verständigen, gleichwohl veränderte die Judenfeindschaft dadurch ihre Gestalt. Der Antisemitismus biologisierte sich indes nicht nur, er politisierte sich auch, insofern sich im Wilhelminischen Kaiserreich diverse Parteien im Kampf um Wählerstimmen des Antisemitismus bedienten. Das Jahr 1903 kann als das Ursprungsjahr moderner Verschwörungstheorien gelten, denen sich in ideologischer Hinsicht auch der Täter von Halle bediente, insofern im Russischen Kaiserreich erstmals eine Version der gefälschten Protokolle der Weisen von Zion erschien, die „das Weltjudentum“ bezichtigte, in geheimen Treffen einen Plan für die Eroberung der Weltherrschaft erarbeitet zu haben, um ein kommendes „jüdisches Weltreich“ zu errichten. In seiner Wirkung bezüglich des Antisemitismus nicht zu unterschätzen ist ebenso der Erste Weltkrieg, der sich als eine Art Katalysator eines sich radikalisierenden Antisemitismus bezeichnen lässt. Die durch den Ersten Weltkrieg in Gang gesetzte Brutalisierung des Antisemitismus verdeutlichen nicht zuletzt die Morde an Rosa Luxemburg, Kurt Eisner und Walther Rathenau.
Das zweite Kapitel des Buchs behandelt die Zwischenkriegszeit zwischen den beiden Weltkriegen. Die Protokolle der Weisen von Zion erlangten in den 1920-er-Jahren internationale Verbreitung und dienten der politischen Reaktion dazu, „die Juden“ zu bezichtigen, Revolutionen wie die Oktoberrevolution in Russland entfacht zu haben, um die „jüdische Weltbeherrschung“ zu verwirklichen. Die Legende vom Weltherrschaftsstreben der Juden in Gestalt der „Protokolle“ verbreiteten in den USA der Autobauer Henry Ford (1863–1947) und in Deutschland der NSDAP-Ideologe Alfred Ernst Rosenberg (1892–1946), der mit seinen Propagandabroschüren auch das antisemitische Ideologem vom angeblich jüdischen Bolschewismus („Judäo-Bolschewismus“) populär machte. Als Auslöser für einen militanter werdenden Antisemitismus dienten in der Zwischenkriegszeit neben der revolutionären Nachkriegskrise ebenso das Trauma der Kriegsniederlage, der erstarkende Nationalismus sowie die Weltwirtschaftskrise.
Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Vernichtungsantisemitismus des dt. Nationalsozialismus, dessen Judenfeindschaft von Anfang an auf die Eliminatorik der dt. Juden zielte. Zwar war der Weg nach Auschwitz im Jahr der Machtübernahme der Nazis nicht vorprogrammiert, gleichwohl als potentielle Option immanent. Bereits mit dem Einmarsch der dt. Wehrmacht in Polen begannen die Massenmorde an den polnischen Juden. Im Jahr der Befreiung vom dt. Nationalsozialismus werden sechs Millionen Jüdinnen und Juden die deutsche Terrorherrschaft mit ihrem Leben bezahlt haben. Die Singularität der Shoah resultiert dabei nicht zuletzt aus der Vielzahl der involvierten Länder, der jüdischen Opfer aus nahezu ganz Europa sowie aus dem Sachverhalt, dass zwar Deutsche die Hauptschuld am Holocaust tragen, das Ausmaß des Genozids des deutschen Haupttäters indes nur durch ein Heer von Mittätern möglich war, durch Kollaboration, Schließen der eigenen Grenzen, Verweigerung der Aufnahme jüdischer Flüchtlinge, Schweigen der Kirchen sowie internationaler Organisationen und durch aktive Beteiligung an Deportationen mittels Verhaftungen und Bereitstellung von Zügen, die in Richtung der deutschen Vernichtungslager fuhren.
Das vierte Kapitel bespricht die historische Entwicklung des Post-Shoah-Antisemitismus nach 1945 und widmet sich den aktuellen Entwicklungstendenzen der Judenfeindschaft. Der Antisemitismus nach 1945 ist nicht zuletzt im Sinne Sigmund Freuds als Schuldabwehr zu interpretieren, die sich in zahlreichen dt. Debatten in Gestalt der Täter-Opfer-Umkehr, der Solidarisierung mit den Tätern des Völkermords oder gar dem unverhüllten Leugnen der Shoah offenbart. Neuartige Erscheinungen des sogenannten sekundären Antisemitismus mischen sich dabei mit traditionellen Varianten zumal der rechtsextremistische Antisemitismus bis auf die heutigen Tage alles andere als verschwunden ist. Zu den Erscheinungsformen des sekundären Antisemitismus zählt auch der sogenannte „umgelenkte Antisemitismus“, bei dem der antisemitische Akteur dasjenige, was er „dem Juden“ gerne sagen würde, im Kontext abstrakter Sachverhalte äußert oder gegenüber einer dritten Person artikuliert. Hierzu zählen „Wall-Street-Fantasien“, verkürzte Kapitalismuskritiken, Personifizierungen des Kapitalismus, die dt. Beschneidungsdebatte ebenso wie die sogenannte „Israelkritik“, die in jüngster Zeit einen deutlich wachsenden Stellenwert eingenommen hat. Zu den aktuellen Entwicklungstendenzen des Antisemitismus gehören gleichfalls höchst bedenkliche Tendenzen in den osteuropäischen, postkommunistischen Nationalstaaten, allen voran in Ungarn und Polen, der Antisemitismus von Migranten in Frankreich, die Judenfeindschaft von Muslimen und alles andere als zuletzt der Antisemitismus der sich in Deutschland etabliert habenden AfD, die mit dazu beiträgt, unmittelbar gewaltbereite Rechtsextremisten wie in Halle zu ihren mörderischen Taten zu motivieren.
1DER ANTISEMITISMUS MITTE DES 19. JH.S BIS 1918
Ab der Mitte des 19. Jh.s setzte die unheilvolle Verbindung von Antisemitismus, Sozialdarwinismus und modernen Rassenlehren ein. Das zwischen 1853 und 1855 erschienene Werk Essai sur l’inégalité des races humaines des frz. Schriftstellers Arthur Comte de Gobineau (1816–1882) postulierte die Existenz einer »nordischen Urrasse«. Diese »germanische oder arische Rasse« sei der »gelben« sowie der »schwarzen Rasse« überlegen. Gobineau behauptete ebenso die Schädlichkeit der »Rassenmischung«, die zur »Herabzüchtung« der qualitativ »höheren Rassen« führe. Gobineaus Postulat von der Überlegenheit der »arischen Rasse« stieß insbesondere in Deutschland auf fruchtbaren Boden und verband sich hier mit „Rassenlehren“, die Juden als »vorderasiatisches Rassengemisch« diffamierten, deren Ziel es sei, den »Arier« nach Kräften zu übervorteilen und auszubeuten. Spätere Rassenlehren rückten das Konstrukt vom welthistorischen Gegensatz zwischen „Arier“ und „semitischer Rasse“ in den Vordergrund, imaginierten wie der Philosoph Eugen Dühring „den Juden“ als wirtschaftlichen Ausbeuter und diffamierten ihn als »Schmarotzer«, als »Sozialparasit im Völkerleben« sowie als »Gegenrasse«.
Der Antisemitismus biologisierte sich indes nicht nur ab Mitte des 19. Jh.s, er politisierte sich auch, insofern relevante Kräfte des Wilhelminischen Kaiserreichs die seit der Reichsgründung in Deutschland existente rechtliche Gleichstellung der Juden ablehnten und die Parteipolitik sich verstärkt des Antisemitismus bediente, um Wählerstimmen zu gewinnen. Immer stärker zeigte sich, dass der Weg von der rechtlichen Gleichstellung zur gesellschaftlichen Akzeptanz weit und das Erringen der Bürgerrechte nicht identisch mit dem Schutz vor alltäglicher Ausgrenzung und Diskriminierung war. Außer in der Parteipolitik drang der Antisemitismus auch in Presse, Publizistik und Literatur vor und modernisierte sich, ohne dass seine christlich-antisemitischen Motive verschwanden. Für die betroffenen Juden nahm der Antisemitismus immer stärker alltäglichen Charakter an und reichte von einem Blick in die Tageszeitung, dem Lesen eines angesagten Buchs, dem Ausschluss aus Vereinen, der Beschränkung der beruflichen Karriere bis hin zu Pogromwellen in Russland.
Während zu Beginn des Jahres 1914 das „Augusterlebnis“ bei den Juden die Hoffnung auf gesellschaftliche Akzeptanz beflügelte, zeigte sich rasch, dass der Erste Weltkrieg in Wahrheit die Rolle eines Katalysators des radikaler werdenden Antisemitismus spielte. Juden wurden als »Spione« der Gegenseite bezichtigt, als »Kriegsgewinnler«, als »Drückeberger« sowie als »Schieber«, deren Interesse darin bestehe, den Krieg auf Kosten des Volkes zu verlängern. Nicht zuletzt trug auch die Gewaltförmigkeit des Krieges dazu bei, dass der Antisemitismus sich brutalisierte.
Die rechte Agitation machte Juden nicht nur für den Ersten Weltkrieg und seinen Verlauf verantwortlich, sondern ebenso für die „Russische Revolution“, in deren Kontext antisemitische Verschwörungstheorien wie die Protokolle der Weisen von Zion an Gewicht gewannen. „Der Jude“ wurde als Bolschewist imaginiert, dessen Ziel es sei, revolutionäre Unruhen mit der Absicht zu schüren, dem „internationalen Judentum“ zur Macht zu verhelfen und die „jüdische Weltherrschaft“ zu errichten. Ein Jahr darauf wurden die Juden ebenso für die Novemberrevolution in Deutschland verantwortlich gemacht und von der politischen Rechten als „jüdische Novemberverbrecher“ verleumdet. Die durch den Ersten Weltkrieg initiierte Brutalisierung des Antisemitismus belegen der Mord an Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919, welche zuvor als »Judenhure« verunglimpft und misshandelt wurde, die Ermordung des bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) am 21. Februar 1919, sowie die Ermordung des jüdischen Reichsaußenministers Walther Rathenau in Berlin am 24. Juni 1922.
1.1Von der Reichsgründung 1871 bis zur konservativen Wende
In den 1860er-Jahren wurde den Juden in den ersten dt. Staaten die uneingeschränkte Gleichberechtigung gewährt. Das Großherzogtum Baden, welches von 1806 bis 1871 ein souveräner Staat war, erließ am 4. Oktober 1862 ein Gesetz zur bürgerlichen Gleichstellung der Israeliten. Der Erlass verwirklichte erstmals die volle Emanzipation auf allen Ebenen. Den Juden wurden die volle Niederlassungsfreiheit sowie die volle Berufswahl einschließlich des Rechts gewährt, Beamte und Lehrer zu werden. Die verfassungsrechtlichen Grundlagen der im Jahr 1867 erfolgten Umwandlung des Kaisertums Österreich in die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn sahen gleichfalls die rechtliche Gleichstellung der Juden vor. Der unter der Führung Preußens stehende Norddeutsche Bund, der von 1866 bis 1871 alle dt. Staaten nördlich der Mainlinie umfasste, stellte im Jahr 1869 das Judentum weitgehend mit allen anderen Konfessionen gleich. Mit der Reichsgründung des Jahres 1871 erhielt das Gesetz, betreffend die Gleichberechtigung der Konfessionen in bürgerlicher und staatsbürgerlicher Beziehung gesamtdeutsche Gültigkeit. Zwar schloss die Reichsverfassung von 1871 den rechtlichen Prozess der Gleichstellung ab, gleichwohl verschärfte sich der Antisemitismus. Die Antisemiten gedachten nicht nur die Umsetzung des Verfassungsrechts in Verfassungswirklichkeit zu behindern, sondern ebenso die gesellschaftliche Akzeptanz der 512 000 Juden im Deutschen Reich zu obstruieren. Nach der Reichsgründung beschwor der antisemitische Diskurs die Gefahr einer „jüdischen Allmacht“ und lamentierte über die vermeintliche Dominanz der Juden in allen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen wie kulturellen Sektoren, obwohl diese nur 1,25 % der Gesamtbevölkerung ausmachten.
Bedingt durch eine Spekulationsblase, hervorgerufen durch den wirtschaftlichen Optimismus der Gründerzeit, löste der Wiener Börsencrash 1873 eine wahre Kettenreaktion aus. Der 9. Mai 1873 erwies sich als „Schwarzer Freitag“ der Wiener Börse, die gegen Mittag schließen musste. Insolvenzen in großer Zahl ließen sich nicht mehr verhindern, die sich ausweitende Wirtschaftskrise nahm ihren Lauf und stürzte zahllose Menschen ins Elend. Die Losung »Die sociale Frage ist die Judenfrage«, die Gleichsetzung von Wucher, Ausbeutung und Judentum, von moderner kapitalistischer Wirtschaft und „jüdischen Börsenspekulanten“, die sich auf Kosten des schaffenden, arbeitenden Menschen selbstsüchtig bereicherten, machte der Journalist Otto Glagau (1834–1892) im Kontext des Gründerkrachs populär. In der zu seiner Zeit viel gelesenen Illustrierten Die Gartenlaube veröffentlichte Glagau Ende 1874 eine Artikelserie, die zwei Jahre darauf in erweiterter Fassung unter dem Titel Der Börsen- und Gründerschwindel in Berlin in Buchform erschien. Der Berliner Journalist bediente sich der Methode rassistischer Markierung. Immer dann, wenn es sich bei einem der Beteiligten am Börsencrash um einen Juden handelte, wurde dieser als »jüdischer Spekulant« bezeichnet, während bei einem „christlichen Spekulanten“ die Markierung selbstredend unterblieb, sodass systematisch der Eindruck erweckt wurde, die Börse sei eine „jüdische Erfindung“, die „das Judentum“ ausgeheckt habe, um sich die Werte der „schaffenden Bevölkerung“ anzueignen. Glagau führte so die vom dt. Nationalsozialismus propagierte Unterscheidung zwischen dem „schaffenden“ und dem „raffenden Kapital“ ein und kreierte die Figur des „Börsenjuden“, der aus materialistischer Gier nur am eigenen Wohlstand interessiert sei, von Profitsucht getrieben Wirtschaft wie Gesellschaft ruiniere sowie durch Spekulationen zahllose Familien ins Elend stürze. Glagau schwadronierte von den miteinander verschworenen Juden, die einen Börsenkrach billigend in Kauf nehmen, da „der Jude“ am Elend verdiene, während „der schaffende Mensch“ leide.
Die eigentlichen wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Verhältnisse gerieten so völlig aus dem Blickfeld, für ein komplexes Wirtschaftsgeschehen, welches der Einzelne nicht mehr zu durchschauen vermochte und dem er sich hilflos ausgeliefert fühlte, bot Glagau einfache Erklärungen an und nannte zugleich den vermeintlich Schuldigen. Der „Börsenjude“ war schlicht der „Börsenschwindler“ und dieser trug die Hauptschuld an der Krise des Jahres 1873, so die Botschaft Glagaus in einer turbulenten Zeit, die nach einfachen Antworten nur so verlangte. In für jedermann verständlichen Worten hetzte Glagau:
»Das Judenthum ist das angewandte, bis zum Extrem durchgeführte Manchesterthum. Es kennt nur noch den Handel, und davon auch nur den Schacher und Wucher. Es arbeitet nicht selber, sondern lässt Andere für sich arbeiten, es handelt und speculirt mit den Arbeits- und Geistesproducten Anderer. Sein Centrum ist die Börse […]. Das Judenthum gedeiht am besten bei Krieg, Misswachs, Seuchen und anderen Calamitäten, sowie in armen Ländern. Es hält, selbst noch bei gesegneten Ernten, die Preise hoch, es vertheuert durch Speculation und Zwischenhandel alle Waren und Lebensmittel. Das Judenthum treibt beständig, in den verschiedensten Formen, Gründerei und Jobberei. Als ein fremder Stamm steht es dem Deutschen Volke gegenüber und saugt ihm das Mark aus. Die sociale Frage ist wesentlich Judenfrage, alles Uebrige ist Schwindel!« (Glagau 1878: 71)
Das Narrativ vom „mächtigen Juden“ bildete bei Glagau in Verbindung mit dem Schüren von Sozialneid ein zentrales Motiv. Die Juden, so heißt es, vermehrten sich in Berlin heftig und seien durchgehend wohlhabende und reiche Leute, ihnen gehörten die schönsten Häuser und Villen in Berlin. Die Weltgeschichte kenne kein zweites Beispiel, »dass ein heimatloses Volk, eine physisch entschieden degenerirte Race, blos durch List und Schlauheit, durch Wucher und Schacher, über den Erdkreis gebietet.« Die Methode rassifizierender Kollektivierung („der Jude“), in Verbindung mit der Zuschreibung negativer Eigenschaften, findet sich bei Glagau bereits in dessen Skizzen Littauen und die Littauer aus dem Jahr 1869. Von einer Schiffsreise berichtet Glagau, das judenfeindliche Narrativ des „Ostjuden“ bedienend, wie folgt:
»Die Passagiere bestanden größtentheils aus polnischen Juden […]. Das Hauptkleidungsstück der Juden war eine Art von Kaftan, und was sie darunter verbargen, sollte mir bald klar werden, als einer von ihnen ein Stück Zeug hervorholte und davon mitten auf dem Verdeck sich eine Hose zu schneidern begann. Er hatte sein Werk binnen kaum einer Stunde vollendet, aber es war auch das einfachste Beinkleid, das ich je gesehen. […] Weit mehr [als andere Passagiere, d. Verf.] machten die Juden den Capitän zu schaffen. Er schwur, daß Gott sie nur zu seiner Qual habe geboren werden lassen und daß sie ihn noch zu Tode ärgern würden. […] Jetzt begann er das Passagiergeld zu kassiren. Ein Jude nach dem andern suchte sich darum zu drücken, indem sie unter das Deck oder zwischen die Frachtgüter krochen oder doch beständig ihren Platz wechselten. Der Capitän, der ihre Manöver merkte und ihre Kniffe aus Erfahrung kannte, rannte hinter ihnen her; da ihm etliche aber wie Schlangen immer wieder zu entschlüpfen wußten, ward er wüthend und bot die Schiffsmannschaft zu seiner Hilfe auf. Eine allgemeine Treibjagd ging in Scene, die widerwilligen Juden wurden aus allen Winkeln hervorgeholt und gleich einer Heerde Schafe in eine Ecke zusammengetrieben, wo sie dann wohl oder übel den Beutel ziehen mußten.« (Glagau 1869: 45–47)
Vergleicht man die beiden Textpassagen Glagaus, so wird deutlich, dass der Antisemit den reichen Juden hasst, weil er reich ist und den armen Juden, weil er arm ist. Glagaus Hetze gegen den „assimilierten Westjuden“ wie gegen den „Ostjuden“ illustriert, dass der Antisemit den Juden hasst, „weil er Jude ist“, einzig und allein deshalb, weil er existiert, unabhängig von den Eigenschaften und dem Agieren der konkreten Person, in welcher er „den Juden“ sieht.
Das Motiv des „raffgierigen Juden“ avancierte zu einem weitverbreiteten Topos und stützte sich auf das bereits bei Luther auftauchende Pejorativum vom „Wucherjuden“ sowie auf Konstrukte des „betrügerischen Juden“, der als Sujet im literarischen Antisemitismus kursierte. In der Erzählung De Stadtreis von Fritz Reuter (1810–1874) überlistet „der Jude“ einen Bauern zu einer Wette, bei der ihm ein Geldstück zum ergaunerten Sieg verhelfen soll: »Smitts Du den Kopp, heww ick gewunnen, / Smittst Du de Schrift, hast du verluren.«
Das Bild vom „Wucherjuden“ sowie das Narrativ vom einzig und allein am eigenen Vorteil und Gewinn orientierten Juden waren längst vor Glagau verbreitet, der Konnex zwischen dem Kapitalismus als aufstrebender Wirtschaftsordnung und dem Judentum stellt jedoch einen neuartigen Aspekt dar, dessen Verankerung in den nachfolgenden Jahrzehnten dafür sorgte, dass sämtliche modernen Erscheinungen des Kapitalismus wie die Börse, die Deregulierung der Märkte, Unternehmensverbindungen in Gestalt großer Konzerne, Warenhausketten etc. mit „dem Juden“ in Verbindung gebracht wurden, um so von den wahren Ursachen und Triebkräften des Wirtschaftsgeschehens in Zeiten des Hochkapitalismus abzulenken. Existenzängste des Kleinbürgertums wie des Mittelstandes ließen sich so in gezielter Weise antisemitisch kanalisieren.
1.2Von der konservativen Wende bis zum Ersten Weltkrieg
Die wirtschaftliche Depression sowie die konservative Wende Bismarcks in den Jahren 1878/79 veränderten die Konstellationen des Antisemitismus in entscheidendem Maß. Reichskanzler Otto von Bismarck (1815–1898) kündigte das Bündnis mit den Nationalliberalen, suchte den Schulterschluss mit den Konservativen sowie der katholischen Zentrumspartei und setzte auf protektionistische Schutzzollpolitik wie auf innerstaatliche Repression in Gestalt des Sozialistengesetzes. Diese sogenannte „innere Reichsgründung“ stärkte autoritäre Kräfte, die Macht Preußens innerhalb des dt. Staatsgebildes sowie die Rolle der Schwerindustrie und des ostelbischen Agrarkapitals. Da der Antisemitismus u. a. als ideologische Waffe gegen den Liberalismus wie den Freihandel diente, stärkte die konservativ-reaktionäre Wende Bismarcks zugleich auch die antisemitischen Kräfte. Es ist folglich kein Zufall, dass der dt. Journalist Wilhelm Marr (1819–1904) den Terminus „Antisemitismus“ erst um 1879 populär machte. Marrs Schrift Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nichtconfessionellen Standpunkt aus betrachtet kam im Erscheinungsjahr 1879 bereits auf zwölf Auflagen. Wie ihr Untertitel verdeutlicht, leistete die Propagandaschrift einen entscheidenden Beitrag zur Transformation des christlichen Antisemitismus in den „Rassenantisemitismus“. Marr steht für einen Paradigmenwechsel in der antisemitischen Ideologie, da er als einer der ersten Schriftsteller gelten kann, der die bislang üblichen Differenzkriterien „Religion“ und „Volk“ durch den Rassebegriff ersetzte. In der Propagandaschrift heißt es:
»Gerade darin besteht ja die ›Gloire‹ des Judenthums, dass es 1800 Jahre lang der abendländischen Welt den siegreichsten Widerstand leistete. Alle übrigen Einwanderungen in Deutschland sind spurlos im Germanenthum aufgegangen. Wenden und Slaven sind im germanischen Element verschwunden. Die semitische Race, stärker und zäher, hat sie Alle überlebt.« (Marr 1879a: 25)
Israel sei eine Weltmacht allerersten Ranges geworden und habe, so Marrs Kernthese, einen endgültigen und unumkehrbaren Sieg über das Germanentum davongetragen. Der deutsche Staat und seine Institutionen seien hoffnungslos „verjudet“, kritische Stimmen seien durch die Allmacht des Judentums in der Presse verstummt. Nach einem jahrhundertelangen Kampf hätten die Juden in Deutschland unumstößlich die Macht übernommen, das Ende Germaniens sei das Unvermeidliche, in das sich die Deutschen schicken müssten. Während dem Germanentum die Vergangenheit und das Sterben blieben, gehöre dem Judentum die Zukunft und das Leben. Den schicksalhaften Erfolg der »zersetzenden Mission« des Judentums führt Marr auf die Effekte der Judenemanzipation zurück sowie auf den »ersten großen Sieg des Judentums« in Gestalt der 1848er Revolution. „Die Judenfrage“ sei zur sozialen Kernfrage der Zeit geworden, da sich das Judentum zum sozialpolitischen Diktator über Deutschland aufgeschwungen habe. Immer wieder betont Marr, die Juden seien für ihren welthistorischen Triumph nicht verantwortlich zu machen. Die diesbezüglichen Ausführungen des Journalisten sollten indes keineswegs die Juden in Schutz nehmen, sondern umso stärker die Existenz ihrer „rassischen Wesenszüge“ untermauern. „Der Jude“ agiert bei Marr so, wie es seinem vermeintlichen Wesen entspricht. Die Aussage, dass kein Volk etwas für seine Spezialitäten könne, diente ebenso dazu, „das Germanentum“ zu attackieren, das laut Marr wenig »geistige Widerstandskraft« gegen die »Verjudung« an den Tag gelegt habe. Das Bild des »deutschen Michel« bemühend beabsichtigte Marr, die nichtjüdische Bevölkerung gegen die Juden aufzustacheln. Der „Semitismus“ habe leichtes Spiel gehabt, so dass der »jüdische Geist in alle Poren« der Gesellschaft eingedrungen sei. Millionen Juden würden denken: »Dem Semiten gehört die Weltherrschaft«.
Marr betont dabei, dass seine dystopische Sichtweise alles andere als ironisch gemeint sei, vielmehr vertrete er ernsthaft die Überzeugung, dass der »Sieg des Judentums« eine vollendete Tatsache darstelle. Folglich sei Resignation die einzig mögliche Haltung, da diese den irreversiblen Sieg der Juden in ihrem dauerhaften Kampf gegen alle Nichtjuden akzeptiere. Eine Interpretation der Schrift, welche die pessimistische Grundhaltung des Textes für die Sichtweise des Autors hält, leitet indes in die Irre. Der resignative Tenor diente Marr lediglich als literarisches Stilmittel, um den aufwallenden Hass seiner Leser noch zu steigern und diese zum Krieg für die „Germanenemanzipation“ aufzurufen. Der vorgetäuschte Pessimismus zielte darauf ab, die Wirkung des indirekten Appells zu erhöhen, das Szenario des Pamphlets nie und nimmer Wirklichkeit werden zu lassen. Anders ließe es sich auch nicht erklären, warum Marr noch im selben Jahr die Antisemitenliga gründete. Die Interpretation der Schrift als agitatorischer Appell, der sich eines dystopisch-resignativen Szenarios bedient, wird durch die noch im selben Jahr erschienene Pendantschrift Der Weg zum Siege des Germanenthums über das Judenthum gestützt, in der Marr unmissverständlich zum »Kampf« aufruft:
»So muss der Kampf gegen die Verjudung der Gesellschaft […] weiter geführt werden. Möge uns Gott und das Christenthum dann helfen, die Verjudung der Gesellschaft weiter zu bekämpfen.« (Marr 1880b: 48)
Ein konkretes politisches Programm entwickelte Marr indes auch in dieser Schrift nicht. Entsprechend der zeitgleich erfolgten Gründung der Antisemitenpartei lautet die Losung seiner zweiten Schrift:
»Also muthig in den offenen socialpolitischen Parteikampf hinein, in den ›frischen, fröhlichen Krieg‹ einer wahrhaft deutschen Überzeugung mit der Losung: Wählen wir keinen Juden, weder in unsere Vereins- noch Communal-, Land- und Reichstagsvertretungen.« (Marr 1880b: 6)
Zwar war Marr mit der Gründung der „Antisemitenliga“ kein Erfolg beschieden, insofern sich diese kaum gegründet bereits Ende 1880 wieder auflöste, doch seine Propagandaschriften waren von nachhaltiger Wirkung. Der dt. Nationalsozialismus übernahm Marrs dehumanisierende Sprache, die Bezeichnung der Juden als »Ratten«, wie etwa in dessen Schrift Goldene Ratten und rothe Mäuse aus dem Jahr 1880, in der Marr die Juden gleichfalls als »Vampyre« bezeichnete und die Juden bezichtigte, die »schwerwiegendste Mehrzahl der Vampyre der dt. Gesellschaft« zu stellen. Schule machte gleichfalls die benutzte Wortwahl von der »roten« und der »goldenen Internationale«. Mit »roter Internationale« meinte Marr die »Socialdemocratie«, mit »goldener Internationale« bezeichnete er die »Alliance israélite«, die nichts anderes im Sinn habe, als durch »fürchterlichen Wucher« ein »neues Jerusalem« zu errichten und alle Nichtjuden zu unterdrücken. Der politische Journalist benutzte bereits die vom dt. Nationalsozialismus in dessen Propaganda bemühte Gleichsetzung von Judentum und Kapitalismus sowie von Judentum und Sozialdemokratie bzw. Kommunismus.
Im Jahr 1878 gründete der Hofprediger Adolf Stöcker (1835–1909) in Berlin die Christlich-soziale Arbeiterpartei, die sich in der Arbeiterschaft indes nicht verankerte, ihre Wähler vielmehr aus der verunsicherten Mittelschicht sowie dem Kleinbürgertum gewann. Ein Jahr darauf hielt Stöcker die programmatische Rede Unsere Forderungen an das moderne Judenthum. Stöckers Rede illustriert, wie hochgradig der Rassebegriff Ende der 1870er-Jahre bereits den antisemitischen Diskurs bestimmte. So betonte Stöcker immer wieder, dass es sich bei den Juden »doch gewiss um eine fremde Race« handele und unterstrich, dass dieser Aspekt bei der „Judenfrage“ keinesfalls übersehen werden dürfe. Israel sei ein fremdes Volk, welches »nie mit uns eins werden kann, außer wenn es sich zum Christenthum bekehrt«. Man dürfe nicht verkennen, dass Israel den Deutschen über den Kopf wachse. Es stehe »Race gegen Race«, es sei ein »Racestreit« entbrannt, der aufgrund der Positionen der Juden in der Wirtschaft eine große Gefahr darstelle. Stöcker knüpft in seiner Rede an Marr und Glagau an, insofern er gleich zu Beginn bekräftigt: »Die sociale Frage ist die Judenfrage.«
Die Schärfe der Rede Stöckers offenbart die Verwendung der antijüdischen Pathologisierung. Der protestantische Prediger spricht von »Krankheitssymptomen«, die den gesamten »Volkskörper in allen Gliedern« erfasst hätten sowie von einem »Krebsschaden«, der sich immer weiter fresse und »unsere Zukunft bedroht«. »Ehe diese Giftquellen nicht gereinigt sind«, so Stöcker, »ist an eine Besserung unserer Zustände nicht zu denken.« Der Hofprediger macht dabei unmissverständlich klar, dass er mit »Krebsschaden« das moderne Judentum meint. Verantwortlich für die drohende Gefährdung sei der »jüdische Mammonsgeist«, der das Volk verderbe sowie die Intoleranz der »Judenpresse«, welche gegen das Christentum hetze und die relevante Existenz der „Judenfrage“ mit aller ihr zur Verfügung stehenden Macht verschweige. Die Anzahl von 45 000 Juden in Berlin sei schlicht und einfach zu viel, das Judentum stelle »eine große Gefahr für das deutsche Volksleben« dar:
»Wenn sie wirklich mit uns verbunden wären, hätte die Zahl nichts Bedenkliches. Aber da jenes halbe Hunderttausend eine in sich geschlossene Gemeinschaft bildet, in guten Verhältnissen, in steigender Macht, mit einer sehr profitablen Verstandeskraft ausgerüstet, ohne Theilnahme für unsere christlich-germanischen Interessen, so liegt darin eine wirkliche Gefahr […] In ihrem Besitz sind die Geldadern, Bank und Handel; in ihren Händen ist die Presse und unverhältnismäßig drängen sie sich zu den höheren Bildungsanstalten.« (Stöcker 1880: 17)
Wie Marr, so entwirft auch Stöcker, um Sozialneid wie soziale Verdrängungsängste zu schüren, das Bild vom „allmächtigen Juden“, der die Wirtschaft beherrscht und die Arbeit des »schaffenden Arbeiters« ausbeute, betont indes im Unterschied zu Marrs erster Schrift stets, dass Deutschland noch nicht verloren, das Ende noch nicht gekommen sei. Im Unterschied zu Marr skizziert Stöcker ein Programm, das sich unmittelbar an den Gesetzgeber richtet, der dafür Sorge zu tragen habe, dass dem »jüdischen Capital« der »nötige Zaum angelegt« werde. Stöcker fordert diesbezüglich die Beseitigung des Hypothekenwesens im Grundbesitz sowie:
»Eine Aenderung des Creditsystems, welche den Geschäftsmann von der Willkür des großen Capitals befreit; Aenderung des Börsen- und Aktienwesens; Wiedereinführung der confessionellen Statistik, damit das Mißverhältnis zwischen jüdischem Vermögen und christlicher Arbeit festgestellt werden kann; Einschränkung der Anstellung jüdischer Richter auf die Verhältniszahl der Bevölkerung; Entfernung der jüdischen Lehrer aus unseren Volksschulen, zu dem Allen Kräftigung des christlich-germanischen Geistes.« (Stöcker 1880: 20)
Dies alles, so Stöcker, seien durchaus geeignete Mittel, »um dem Überwuchern des Judentums im germanischen Leben, diesem schlimmsten Wucher, entgegenzutreten.« Wie Marr, so setzte auch Stöcker den »zügellosen Capitalismus« mit dem »modernen Judenthum« gleich, wodurch das reale Wesen der Verhältnisse verschleiert und „der Jude“ zum Sündenbock eines Kapitalismus erklärt wird, dessen Auswüchse in der Epoche des Hochimperialismus zu existentiellen Verunsicherungen führten. Den Anteil der Juden an der Berliner Bevölkerung bezeichnete Stöcker als den »übelsten Faktor des hauptstädtischen Treibens«. Die krude Mischung aus nationalistischen, antikapitalistischen, antifortschrittlichen, antiliberalen wie antisozialistischen Positionen verschaffte der von Stöcker gegründeten „Berliner Bewegung“ in den 1880er-Jahren eine nennenswerte kleinbürgerliche Massenbasis. Die antisemitische Sammlungsbewegung imaginierte den Juden dabei zumeist als mächtige, das ökonomische wie das politische Geschehen steuernde Instanz. Der »gute Berlin Bär« tanze, so heißt es beispielsweise bei Stöcker »bereitwillig nach der Pfeife seiner drei Herren, des Fortschritts, der Sozialdemokratie und des eigentlichen Bärenführers, des Judentums.«
Der politische Einschnitt des Jahres 1879 spiegelte sich im Sachverhalt, dass der preußische Historiker Heinrich von Treitschke (1834–1896) im November in den Preußischen Jahrbüchern einen Aufsatz mit dem Titel Unsere Aussichten veröffentlichte, der den Berliner Antisemitismusstreit eröffnete. Das zeitliche Zusammentreffen der konservativen Wende Bismarcks und des Aufsatzes von Treitschke war keineswegs zufälliger Natur. Vielmehr beabsichtigte Treitschke mit seinen antisemitischen Attacken offensiv für den Kurswechsel des Kanzlers Partei zu beziehen. Bismarck sollte dazu ermutigt werden, am Projekt der „inneren Reichsgründung“ festzuhalten. Treitschke, der gemeinsam mit Eduard Lasker (1829–1884) und Ludwig Bamberger (1823–1899) zu den führenden Politikern des frühen Nationalliberalismus gehörte, vollzog im Unterschied zu seinen Parteikollegen die konservativreaktionäre Wende Bismarcks mit. Der Riss ging folglich durch die Nationalliberalen, sodass Treitschke ab 1878 als Abgeordneter ohne Parteizugehörigkeit im Reichstag saß. Treitschkes Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern ist folglich auch als Rachefeldzug gegen die jüdischen Abgeordneten Bamberger und Lasker zu werten, die sich der Angriffe Bismarcks auf die Prinzipien des politischen Liberalismus widersetzten. Treitschke verfolgte gewissermaßen die Absicht, den verlorenen politischen Streit bezüglich der Ausrichtung des Nationalliberalismus posthum auf publizistischem Sektor zu gewinnen.
Im Laufe der 1880er-Jahre gelang es dem Antisemitismus, sich in der Parteienlandschaft zu etablieren. Im Jahr 1882 blieb zwar der „Internationale antijüdische Kongress“ in Dresden ohne Ergebnisse wie ebenso der im Jahr darauf folgende Kongress in Chemnitz, doch zog erstmals im Jahr 1887 der Marburger Bibliothekar Otto Böckel (1859–1923) in den Reichstag als Abgeordneter der antisemitischen „Deutschen Reformpartei“ ein, zu der sich die „Deutsche Antisemitische Vereinigung“ des Publizisten und Verlegers Theodor Fritsch (1852–1933) gesellte, dessen 1887 erschienener Antisemiten-Katechismus größere publikatorische Erfolge erzielen konnte (ab 1907 Handbuch der Judenfrage). Während der Hofprediger Stöcker und Max Liebermann von Sonnenberg (1848–1911) im Jahr 1889 die „Deutschsoziale Partei“ gründeten, der sich auch Fritsch anschloss, bildeten Gruppierungen um Otto Böckel ein Jahr darauf die „Antisemitische Volkspartei“. Zusammengenommen gelang es in den 1890er-Jahren den antisemitischen Parteien, 18 Reichstagsmandate zu erobern. Im Jahr 1894 schlossen sich die „Deutsche Reformpartei“ und die „Deutschsoziale Partei“ zur „Deutschsozialen Reformpartei“ zusammen. Zwar war der Anteil der Reichstagsmandate der Antisemitenparteien, der über mehrere Wahlperioden betrachtet die 5 Prozent-Marke nie deutlich überstieg, nicht gerade hoch, doch täuscht dies darüber hinweg, dass es ihnen gelang, eine Art Agenda-Setting zu betreiben, d. h. andere Parteien dazu zu bewegen, ihrerseits antisemitische Programmpunkte aufzunehmen. Übersehen werden darf ebenso nicht, wie hochgradig der Antisemitismus in den 1890er-Jahren in der Vereins- und Verbändestruktur des Wilhelminischen Kaiserreichs etabliert war.
1.3Der Berliner Antisemitismusstreit
Der den Berliner Antisemitismusstreit (1879–1881) eröffnende Artikel Heinrich von Treitschkes mit dem Titel Unsere Aussichten kam einem Frontalangriff auf die dt. Juden gleich. Für den preußischen Historiker bildeten die Juden das Haupthindernis auf dem Weg der »inneren Reichsgründung«, welche sich durch ein »gekräftigtes Nationalgefühl« auszuzeichnen habe. Der Zorn des Volkes auf die Juden sei mehr als verständlich, zumal zu berücksichtigen sei, dass sich im Unterschied zu anderen westeuropäischen Ländern Deutschland aufgrund der quantitativen Größe der Einwanderung einer realen Gefahr ausgesetzt sehe:
»Über unsere Ostgrenze aber dringt Jahr für Jahr aus der unerschöpflichen polnischen Wiege eine Schar strebsamer hosenverkaufender Jünglinge herein, deren Kinder und Kindeskinder dereinst Deutschlands Börsen und Zeitungen beherrschen sollen; die Einwanderung wächst zusehends, und immer ernster wird die Frage, wie wir dies fremde Volksthum mit dem unseren verschmelzen können.« (Treitschke 1929: 479)
Der Text des Artikels ist geprägt von einer aggressiven Assimilationsaufforderung, die sich stets der antagonistischen Gegenüberstellung einer Wir-Gruppe und einer Fremdgruppe im Geiste des Satzes „Was wir von unseren israelitischen Mitbürgern zu fordern haben“ bedient. Den Juden wird in kollektivierender Weise unterstellt, dass sie sich nicht recht als Deutsche fühlen, überheblich seien, in »verstockter Verachtung« auf Christen herabblickten, »an der frechen Gier des Gründer-Unwesens einen großen Anteil« hätten, »eine schwere Mitschuld an jenem schnöden Materialismus unserer Tage« trügen, die Presse beherrschten, das Christentum journalistisch schmähten und lästerten sowie ein »fremdes Element« bildeten, das »einen allzu breiten Raum« eingenommen habe. Die Juden stellten, so Treitschke, eine »schwere Gefahr« dar, von ihnen drohe ein »hochbedenklicher Schaden des neuen deutschen Lebens«:
»Bis in die Kreise der höchsten Bildung hinauf, unter Männern, die jeden Gedanken kirchlicher Unduldsamkeit oder nationalen Hochmuths mit Abscheu von sich weisen würden, ertönt es heute wie aus einem Munde: die Juden sind unser Unglück!« (Treitschke 1929: 481)
Die Art und Weise der Präsentation des Schlüsselsatzes »Die Juden sind unser Unglück!« weist auf den Stil des Artikels hin, das sich Verstecken hinter der öffentlichen Meinung, das sich Inszenieren als Tabubrecher, als der Einzige, der es wage, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Treitschke stellt sich als Person dar, die dem »erwachten Gewissen des Volkes« eine Stimme verleiht. Außer dem Motiv der Fremdheit der Juden, welches in dem Satz gipfelt »es wird immer Juden geben, die nichts sind als deutsch redende Orientalen«, der Behauptung ihrer Schädlichkeit für den nationalen Einigungsprozess sowie dem Schüren von Ängsten vor einer massenhaften Einwanderung aus dem Osten, bedient sich Treitschke ebenso der klassischen Stereotype des Wuchers, der gesellschaftlichen Machtübernahme des Judentums sowie des vermeintlichen Christenhasses der Juden. Das Perfide des Artikels besteht darin, dass Treitschke sich immer wieder als „Judenfreund“ stilisiert, so heißt es etwa:
»Von einer Zurücknahme oder auch nur einer Schmälerung der vollzogenen Emancipation kann unter Verständigen gar nicht die Rede sein; sie wäre ein offenbares Unrecht, ein Abfall von den guten Traditionen unseres Staates und würde den nationalen Gegensatz, der uns peinigt, eher verschärfen als mildern.« (Treitschke 1929: 481)
Das scheinbar „Judenfreundliche“ diente Treitschke als Stilmittel, damit er die judenfeindliche Attacke umso schärfer fahren konnte; so bejahte Treitschke verbal die Emanzipationsgesetzgebung, was indes lediglich vorgetäuscht war. Treitschkes Aufsatz erlangte hohe Beachtung und rasch erschienen Gegenstellungnahmen u. a. vom Rabbiner Manuel Joël (1826–1890), vom liberalen Politiker Ludwig Bamberger, vom Mediävisten Harry Breßlau (1848–1926) sowie vom Historiker Heinrich Graetz (1817–1891). In der ersten Phase des Berliner Antisemitismusstreits handelte es sich bei den Antagonisten indes fast ausnahmslos um Gegenreden jüdischer Personen.
Wie offenkundig Treitschke die Lehre von der Existenz vermeintlicher „Rassen“ vertrat, verdeutlichen seine Politik-Vorlesungen an der Universität zu Berlin, in denen „Rassen“, Stämme und Nationen die Schlüsselbegriffe bilden:
»Die gelbe und rothe Rasse sind am letzten Ende Geschwister. Ihnen gegenüber steht die weiße Rasse, die in zwei Klassen zerfällt, die arischen Völker und die Semiten. Das sind ungeheuer scharfe und tiefe Gegensätze. […] Wenn aber die Natur die Differenzierung einmal vollzogen hat, so will sie bekanntlich nicht, daß eine Rückbildung erfolgt. Sie rächt sich, indem sie die Vermischung verschiedener Arten bestraft damit daß die höhere herabgedrückt wird durch die niedere. Wie aus der Vermischung von Pferd und Esel ein Geschöpf hervorgeht, das die Eigenschaften der niederen Art an sich trägt, so bei den Menschen.« (Treitschke 1899: 274)
In den Jahren 1880/1881 initiierten der Publizist Max Liebermann von Sonnenberg, der Agitator Ludwig Bernhard Förster (1843–1889) sowie der Politiker Ernst Henrici (1854–1915) die sog. Antisemitenpetition. Zu den Erstunterzeichnern der Petition zählte der Berliner Hofprediger Adolf Stöcker. Die „zweite Version“ der „Antisemitenpetition“ wurde am 16. November 1880 im Reichsboten veröffentlicht, der als Tageszeitung den konservativen Mittelstand sowie pastorale Kreise ansprach. Der Text der Petition ist im Stil des völkischen Rassismus gehalten und stellt dem »deutschen Volk«, das explizit als christlich charakterisiert wird, „die Juden“ gegenüber, bei denen es sich um einen »fremden Stamm« handele, um ein »semitisches Element«, welches »uns aber seinem Fühlen und Denken nach ferner steht, als irgend ein Volk der gesamten arischen Welt«. In antagonisierender Weise werden »Arier« und »Semiten« kontrastiert und letztere als eine ernste Gefahr »für unser Volkstum« bezeichnet. Während die »Arier« schwer körperlich arbeiteten, eigneten sich die »Semiten« die Früchte ihrer dienstbaren Arbeit an und wohnten in den »stolzesten Palästen« der Großstädte. Der Sozialneid wird verkoppelt mit dystopischen Szenarien, die mit den Worten »Überwuchern des jüdischen Elementes« sowie »massenhaftes Eindringen semitischer Elemente in allen Stellungen« beschrieben werden. Das »semitische Element« erobere systematisch alle Positionen, die mit Macht und Herrschaft verbunden seien. Dem müsse auf der Stelle Einhalt geboten werden. Um der »Gefahr im Verzuge« zu begegnen, lauten die Forderungen der Petition:
»1.dass die Einwanderung ausländischer Juden, wenn nicht gänzlich verhindert, so doch wenigstens eingeschränkt werde;
2.dass die Juden von allen obrigkeitlichen (autoritativen) Stellungen ausgeschlossen werden und dass ihre Verwendung im Justizdienste – namentlich als Einzelrichter – eine angemessene Beschränkung erfahre;
3.dass der christliche Charakter der Volksschule, auch wenn dieselbe von jüdischen Schülern besucht wird, streng bewahrt bleibe und in derselben nur christliche Lehrer zugelassen werden, dass in allen übrigen Schulen aber jüdische Lehrer nur in besonders motivierten Ausnahmefällen Anstellung erlangen;
4.dass die Wiederaufnahme der amtlichen Statistik über die jüdische Bevölkerung angeordnet werde.« (Reichsbote Nr. 269, 16. November 1880)
Am 20. und 22. November 1880 wurde die Antisemitenpetition im Preußischen Abgeordnetenhaus debattiert. Der Antrag stammte von den Linksliberalen, von denen Rudolf Virchow (1821–1902) eine diesbezügliche Grundsatzrede hielt, in der er die Kampagne mit den Worten tadelte:
»Wir, meine Herren, wir glauben allerdings, dass für uns der Augenblick eingetreten ist, hindernd einzutreten, wenn unmittelbar an die Regierung gegangen wird, wenn eine Bewegung im Lande inszeniert wird, welche darauf ausgeht, nicht nur die schwer erworbenen Grundlagen unserer Verfassung zu alterieren, sondern auch Gesetze, welche schon vor derselben bestanden. […] Es handelt sich gar nicht mehr bloß um die Rechte, welche durch die Verfassung erworben sind, es handelt sich gegenwärtig auch schon darum, dass man Rechte in Frage stellt, welche durch die Gesetzgebung des Jahres 1812 für die Juden gewonnen worden sind. Ich habe das Gesetz vom 11. März 1812 vor mir, in welchem die Juden für Einländer und preußische Staatsbürger erklärt werden und in welchem genau festgestellt worden ist, was ihnen zusteht; das steht schon in § 8, dass sie ›akademische Lehr-, Schul- und Gemeindeämter, zu welchen sie sich geschickt gemacht haben, verwalten können‹, und im § 9 ›inwiefern die Juden zu anderen öffentlichen Verwaltungs- und Staatsämtern zugelassen werden können, behalten wir uns vor, gesetzlich zu bestimmen.‹ Das war ein bestimmtes Versprechen, und wenn noch eine so lange Zeit vergangen ist, von 1812 bis 1848, ehe das Wort eingelöst hat, so müssen Sie doch nicht sagen, dass das ein besonderes Entgegenkommen gewesen ist, und dass nun die Juden in Folge dieses Entgegenkommens nach mehr als zwei Menschenaltern in tiefste Bescheidenheit sich zurückziehen sollten. […] Wie kann man jetzt dahin kommen, den Juden vorzuhalten: euch sind im Jahre 1848 Rechte gegeben worden, ihr solltet euch wohl hüten, diese Rechte voll anzuwenden?« (Protokoll der Sitzung des Preußischen Landtags vom 20. November 1880. Sonderdruck: Die Judenfrage vor dem preußischen Landtage, Berlin 1880, S. 26/27)
Virchows Agieren im Abgeordnetenhaus brachte die Antisemiten auf den Plan, die ihn in ihren Flugblättern nunmehr als »Jude Virchow« bezeichneten, was fälschlicherweise auch in einem medizinhistorischen Werk aus dem Jahr 1931 übernommen wurde. Zu den Befürwortern der antisemitischen Petition gehörte auch der Kulturwissenschaftler Jacob Burckhardt (1818–1897), in dessen Briefen an seinen Freund Friedrich Adolf Philipp Karl von Preen es heißt:
»Dem Semiten würde ich gegenwärtig große Klugheit und Mäßigung anraten und glaube selbst dann nicht mehr, dass die gegenwärtige Agitation wieder einschlafen werde. […] Dass aber diejenigen neun Zehntel der deutschen Presse, welche von Juden produziert werden, laut über unser Referendum schimpften, ist sehr begreiflich, denn wenn es im Deutschen Reich zu einem solchen Referendum über Weiterexistenz der Juden käme, so garantiere ich dafür, dass eine noch viel größere Stimmenquote als die unsrige […] für Austreibung der Juden stimmen würde.« (Burckhardt 1934: 89/90)
Bereits unmittelbar vor der Debatte im Berliner Abgeordnetenhaus war in der Berliner Presse die von 75 Personen gezeichnete Notablen-Erklärung erschienen, welche von der Wiederbelebung eines alten Wahns sprach, der die gesellschaftlichen Verhältnisse vergifte. Die Notablen-Erklärung endete mit einem Aufruf zur Gegenwehr der Zivilgesellschaft:
»Noch ist es Zeit, der Verwirrung entgegen zu treten und nationale Schmach abzuwenden; noch kann die künstlich angefachte Leidenschaft der Menge gebrochen werden durch den Widerstand besonnener Männer. […] Vertheidiget in öffentlicher Erklärung und ruhiger Belehrung den Boden unseres gemeinsamen Lebens: Achtung jedes Bekenntnisses, gleiches Recht, gleiche Sonne im Wettkampf, gleiche Anerkennung tüchtigen Strebens für Christen und Juden.« (Rickert 1890: 20)
Erstunterzeichner der Notablen-Erklärung waren u. a. der Historiker Johann Gustav Droysen (1808–1884), der Pathologe Rudolf Virchow und der Althistoriker Theodor Mommsen (1817–1903). Mommsen hatte Treitschke bereits zuvor in einer Akademierede kritisiert ohne ihn namentlich zu erwähnen. Nach Veröffentlichung der Notablen-Erklärung wurde die Debatte „Mommsen contra Treitschke“ zunächst in Gestalt diverser Leserbriefe in Berliner Zeitungen geführt, bevor Mommsen im Dezember 1880 mit seinem Aufsatz Auch ein Wort über unser Judentum unmittelbar eingriff. Treitschke, der seine Stellung als Universitätsprofessor dafür missbrauchte, Studenten zum Unterschreiben der Antisemitenpetition zu bewegen, dementierte auf Nachfrage Mommsens diese unterzeichnet zu haben, was zur „Treitschke-Dulon-Affäre“ führte, da der Leipziger Jurastudent und Organisator des Komitees zur Verbreitung der Petition unter der Studentenschaft Paul Dulon dies als Falschaussage bezeichnete.
1.4Die „Rassenlehre“ und der Manichäismus
Versteht man den Antisemitismus als Form des Rassismus, so erübrigt sich damit nicht die Antwortsuche nach dem Wesen seiner Spezifik. Die Besonderheit der Judenfeindschaft liegt im mörderischen Agieren des Antisemiten, was im 11. Jh. bereits die Kreuzzugsbewegung offenbarte. Fragen ließe sich diesbezüglich, ob der Kern der antisemitischen Ideologie vom ideologischen Gehalt anderer Spielarten des Rassismus abweicht, inwieweit der spezifische Gehalt der antisemitischen Ideologie mit dazu beitrug, dass es immer wieder zu gewalttätigen Exzessen im Verlauf der Historie kam, die auf singuläre Weise in der Shoah kulminierten. Zwar ist die Substanz der antisemitischen Ideologie qualitativen Änderungsprozessen unterworfen, essentielle Grundzüge blieben indes über Jahrhunderte hinweg unverändert. Dieser konstante Charakter der antisemitischen Ideologie lässt sich als Manichäismus bezeichnen und verleiht dieser den Charakter einer Weltanschauung.
Unter Manichäismus zu verstehen ist nicht einfach nur ein dualistisches System von „Licht-“ und „Schattengestalt“, insofern der konstruierte Antagonismus zwischen Wir-Gruppe und Fremdgruppe allen Rassismen zu eigen ist, sondern ein binäres System, welches sich dadurch auszeichnet, dass sich die Prinzipien des Lichts („Arier“) und der Finsternis („Semiten“) in einem permanenten Kampf miteinander befinden.
»Das Menschengeschlecht aber teilte sich bald in zwei gegensätzliche Parteien, weil die einen die Sakramente des Teufels, die anderen aber die Sakramente Christi annahmen. Es bildeten sich zwei Familien, Christi Familie und die Familie des Teufels.« (Hugo von St. Viktor: De sacramentis, Sp. 312B, zitiert nach Althoff 1998: 207)
Dieser immerwährende Kampf wird erst in einer heilsgeschichtlich als Erlösung der Menschheit wie des einzelnen Individuums gedachten Endzeit überwunden. Die Vernichtung der Essenz des „Fremden“ – sei diese religiös, kulturell, ethnisch oder physisch konstruiert – gilt im manichäistischen Diskurs als unumgänglich. Im Konzept des Manichäismus stehen sich folglich nicht nur zwei Kräfte unversöhnlich gegenüber, sondern sind die binären Größen vielmehr auf Leben und Tod eschatologisch miteinander verbunden, sodass die Vollendung der gesamten Schöpfung an die Extermination des Prinzips der Finsternis gekoppelt ist. Ohne die endgültige Überwindung des Gegenpols ist der Anbruch einer besseren Welt blockiert.
»So gibt es zwei Staaten oder Städte, Jerusalem und Babylon, zwei Völker, die Gott liebenden Bürger Jerusalems und die die Welt liebenden Bürger Babylons, und zwei Könige, Christus als König Jerusalems und den Teufel als König Babylons. Zwischen diesen beiden Staaten und zwischen den beiden Völkern und Königen aber herrscht immerfort Krieg, Zwietracht und Kampf; und jeder der beiden kennzeichnet seine Soldaten, Christus die Seinen und der Teufel die Seinen, damit jeder seinen König erkennt und von ihm erkannt wird. […] Die Soldaten Christi aber folgen ihrem König, und die Soldaten des Teufels folgen ihrem König.« (Hugo von St. Viktor: Miscellanea, Sp. 496A, zitiert nach Althoff 1998: 208)
Das manichäische System umfasst das Motiv einer totalitären Deutung der Welt sowie die heilsgeschichtliche Maxime eines mörderischen Kampfes gegen das Prinzip der Finsternis. Im Vortrag des Hofpredigers Adolf Stöcker mit dem Titel Der Kampf des Lichtes gegen die Finsternis, der Charakter und die Aufgabe der Gegenwart aus dem Jahr 1880 heißt es:
»Der Kampf zwischen Licht und Finsternis wird nicht an einem Abend oder in einem Jahre ausgekämpft, er dauert so lange, bis wir die müden Augen zur Ruhe senken; wer ein tapferer Kämpfer sein will, der muss sich geloben, getreu zu sein bis in den Tod, den guten Kampf des Glaubens zu kämpfen, bis ihm beigelegt wird die Krone der Gerechtigkeit. Für das Licht kämpfen ist nicht leicht, denn die Finsternis ist schlecht, aber schon das Bewusstsein, für die gute Sache zu streiten und hin und wieder doch einen Sieg zu gewinnen, erhebt und begeistert.« (Stöcker 1890: 101)
Die säkulare Adaption des Manichäismus führt zu einer Pseudoreligion, welche die Erlösung der Welt durch die Vernichtung des „Fremden“ verheißt. Der Manichäismus potenziert die im rassistischen Verständnis angelegten Dualismen in ein mörderisches System, welches nur noch das Überleben oder den Untergang kennt. Die Historie durchläuft im manichäistischen Weltbild drei Phasen: Im Anfangszustand sind die Prinzipien der Finsternis und des Lichts vollständig getrennt, im Lauf der Geschichte befinden sie sich in einem ununterbrochen währenden Kampf miteinander, während die Endzeit auf eine endgültige Trennung per Vernichtung des Fremden hinausläuft.
»Am Ende aber werden die Bürger Jerusalems mit ihrem König am himmlischen Hof triumphieren, die Bürger Babylons aber werden mit ihrem König im Gefängnis der Hölle mit ewigen Strafen gemartert.« (Honorius Augustodunensis: Speculum, Sp. 1093 D, zitiert nach Althoff 1998: 208)
Überdeutlich erkennbar ist der Manichäismus beim pangermanistischen Historiker und Schriftsteller Ewald Banse (1883–1953), welcher der NSDAP 1933 beitrat und dessen Publikationen wie das im Jahr 1926 erschienene Werk Abendland und Morgenland dem nationalsozialistischen Rassismus den Weg ebnen halfen. Gleich zu Beginn heißt es hier:
»Tragik in jedem Menschenleben ist, dass Gut und Böse, helles und dunkles Prinzip, […] mit einem Worte: Gott und Teufel gegeneinander zu Felde liegen und um die Oberhand ringen. […] Gut sein, das heißt, das Böse abtöten. Schlecht werden, heißt das Böse nicht überwinden können. […] Diese Unterscheidung […] findet sich wieder zwischen Rasse und Rasse. Es gibt gute und es gibt schlechte Rassen. Die guten, d. h. schöpferischen Rassen sind die hellen, insbesondere die nordische oder germanische; die schlechten, d. h. nur empfangenden Rassen sind die farbigen, am meisten die schwarze. Nirgends aber auf Erden tritt das Gegenspiel zwischen Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Schaffen und Nachahmen so auffallend, so fesselnd und so lehrreich zutage wie in den beiden Nachbar-Erdteilen Abendland und Morgenland. Beide sind Gegensätze und einander feindselig seit Jahrtausenden. […] So sind Abendland und Morgenland mehr als zwei geographische Begriffe – sie sind schicksalhaft aneinander gefesselt und suchen einander zu überwinden. Es ist der lautlose Kampf von Rasse gegen Rasse, zwischen Herr und Knecht, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Gut und Böse – nun eben zwischen Gott und Teufel.« (Banse 1926: 7/8)
Die antisemitische Ideologie adaptierte das manichäistische System nicht erst in den Schriften des dt. Nationalsozialismus, sondern bereits im 4. Jh. nach Christi in Gestalt der Konzeption des Antichristen, der das Prinzip der Finsternis bzw. der Antigöttlichkeit verkörpert, für dessen Existenz die Ermordung Christi verantwortlich gemacht wurde. In der Vorstellungswelt der mittelalterlichen Judenfeindschaft bekämpfte der Antichrist als apokalyptische Figur gemeinsam mit den „roten Juden“ als den Mächten der Finsternis Christus bei dessen Wiederkunft. Erst der Sieg Christi beendet die weltliche Gemengelage von Gut und Böse und führt schließlich zur Verheißung.
In Abrede gestellt werden soll damit nicht, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s der Antisemitismus seinen ideologischen Charakter, seine politischen Erscheinungsformen, seine Träger als auch seine Funktionalität veränderte, aber es ist bemerkenswert, dass die moderne Rassenideologie dem manichäistischen Weltbild verhaftet blieb und der „Rassenkampf“ als Endzeitkampf zwischen dem Prinzip des Bösen in der Person des „Semiten“ und dem Prinzip des Guten in Gestalt des „Ariers“ im Mittelpunkt der pseudobiologisch gestützten nationalsozialistischen Weltanschauung und ihres Vernichtungsantisemitismus stand. An die Stelle von Christus trat nunmehr der „Arier“ als Lichtgestalt, als Weltenretter, der die Menschheit vom „Semiten“ erlöst.
Die Kontinuität derlei manichäistischer Denkmuster auf säkularer Grundlage verdeutlicht das klassische Werk des „Rassenantisemitismus“ nämlich Eugen Dührings im Jahr 1881 erschienene Schrift Die Judenfrage als Racen-, Sitten- und Culturfrage. Erst dem dt. Nationalsozialismus und Autoren wie Hitler und Rosenberg gelang es, Dührings Manichäismus noch zu steigern, insofern in ihren Schriften „der Jude“ als Sinnbild alles nur erdenklich Bösen sowie als »Urstoff alles Negativen« erscheint. Der 1833 geborene Berliner Philosoph Dühring war zu Lebzeiten einer der einflussreichsten Antisemiten des Wilhelminischen Kaiserreichs. Die sogenannte „Judenfrage“ stellte sich für Dühring als Eigenheit eines elementaren Rassengegensatzes dar, der aus dem Tatbestand resultiere, dass es sich beim Judentum um den Feind aller Kulturvölker handele. Bereits bei Dühring stellen die Juden das „Prinzip der Finsternis“ dar, gegen das sich alle anderen Völker, die das „Prinzip des Lichts“ verkörpern, zu wehren hätten. Bei Dühring handelt es sich um einen endzeitlichen Kampf, der über Untergang oder Überleben entscheidet. Die „jüdische Rasse“ verfolge die Absicht, die Weltherrschaft zu erobern, alle anderen Völker zu unterdrücken wie auszubeuten und sei ein schädlicher „Parasit“, dessen „Wirt“ auf absehbare Zeit absterben werde, wenn es ihm nicht gelinge, den Überlebenskampf aufzunehmen und sich des tödlichen Feindes mittels eines Notwehraktes zu erwehren. Der Manichäismus liegt bei Dühring in aller Klarheit vor, obwohl dieser die Definition des Judentums als einer Religion für irrig hielt. Der Berliner Philosoph sah die jüdische Religion vielmehr als Ausdruck »jüdischer Rasseeigenschaften« und verstand den Monotheismus in antichristlich gewendeter Intention als Eigenheit »jüdischer Intoleranz«. Da der Rassebegriff bei Dühring zentral ist, lehnte dieser folglich eine Taufe bzw. die Konversion entschieden ab, da es so zur »Rassenmischung« komme.
Das »praktische Programm« Dührings sah die »völkerrechtliche Internierung« der Juden vor, die »Ausgliederung« von Juden sowie ihre »Deportation« bei Landesverrat, die Kontrolle ihres Vermögens sowie die Beseitigung ihres Einflusses auf dem Gebiet des Staatsapparats, der Presse und der Erziehung sowie ein Verbot von Mischehen. Als Endziel der von ihm gewünschten Politik bezeichnete Dühring explizit die »Ausscheidung des Judentums«, so heißt es etwa:
»Darum kann auch für die bis jetzt absehbaren Verhältnisse nicht auf die Anwendung jenes leitenden Grundsatzes verzichtet werden, Ausnahmeschädlichkeiten auch mit Ausnahmemitteln zu behandeln. […] Der allgemeine Weg zu einer nicht halben, sondern ganzen Lösung der Judenfrage […] kann kein blos geistiges Princip und auch kein Princip der Judenbesserung sein. Er muss in Einschränkungen von Ausnahmenatur bestehen, die allein für die Angehörigen des Judenstammes gültig sind. […] Der letzte Erfolg systematischer Einschränkungsmassregeln muss nothwendig das verhältnissmässige Zusammenschrumpfen des Judenwesens in Bevölkerungszahl und Reichthum sowie überhaupt in der Theilnahme an Staat und Gesellschaft sein.« (Dühring 1892: 136/137)
Dühring ist als einer der maßgeblichen Propheten des dt. Nationalsozialismus zu bezeichnen, insofern bei ihm der Rassenantisemitismus ganz und gar im Vordergrund steht und selbst die jüdische Religion als solche nur noch als Ausdruck von Rasseeigenschaften erscheint.
Gleichfalls zu den Propheten der Nazis zu zählen ist der Theologe und Orientalist Paul de Lagarde (1827–1891). Lagarde propagierte ein völkisches Christentum, welches von allen jüdischen Elementen zu reinigen sei, so etwa in seiner im Jahr 1873 erschienenen politischen Schrift Über das Verhältnis des dt. Staates zu Theologie, Kirche und Religion. Wie bei so manchem Judenfeind, radikalisierte sich auch der Antisemitismus des Kulturphilosophen Lagarde, der im Jahr 1881 zum Schluss gelangte »wer Beschneidung, Speisegesetze, jüdischen Monotheismus und Aehnliches als eine Forderung der Religion ansieht, gehört nach Palästina, aber nicht in den deutschen Staat.« Die Juden bildeten für Lagarde das Haupthindernis auf dem Weg zur »inneren Reichseinheit«. Zwar war die völlige Assimilation der Juden auch vor Lagarde das Ziel antisemitischer Autoren, doch der Berliner Gymnasiallehrer verband diese Sichtweise mit der Forderung nach einer unerbittlichen Aussiedelung der Juden, falls diese nicht »vom Judenthume geheilt werden« könnten. Bereits in einem Vortrag aus dem Jahr 1853 heißt es:
»Bleiben die Juden in Mitteleuropa, so müssen sie ihr Judenthum (auch ihre Religion) so aufgeben, dass sie als Juden gar nicht mehr erkennbar sind. Aber um Gottes willen, ganz herein mit ihnen, oder ganz hinaus.« (Lagarde 1903: 35)
Die fortschreitende Radikalisierung Lagardes wird am Tatbestand deutlich, dass dieser in den kommenden drei Jahrzehnten die Position der Rassentheoretiker übernahm und nunmehr von den Juden als »fremder Rasse« sprach. So heißt es in der Schrift Die Stellung der Religionsgesellschaften im Staate von 1881, die sich der Begrifflichkeit des „Semiten“ bedient und verdeutlicht, warum Lagarde als Prophet des dt. Nationalsozialismus zu betrachten ist:
»Die Alliance Israeélite ist nichts als eine dem Freimaurerthume ähnliche internationale Weltherrschaft, auf semitischem Gebiete dasselbe was der Jesuitenorden auf katholischem ist: ihr bloßes Dasein erhärtet, daß die in Deutschland, Frankreich, England wohnenden Juden nicht Deutsche, Franzosen, Engländer, sondern Juden sind. […] Jeder fremde Körper in einem lebendigen anderen erzeugt Unbehagen, Krankheit oder sogar Eiterung und Tod. […] Die Juden sind als Juden in jedem europäischen Staate Fremde, und als Fremde nichts anderes als Träger der Verwesung.« (Lagarde 1903: 255/256)
In Lagardes Spätschriften wird bereits der Vernichtungsantisemitismus des dt. Nationalsozialismus sichtbar, insofern die Juden hier stets aufs Neue mit Termini wie »Krankheit«, »Eiterung«, »Fieber«, »Bazillen«, »Trichinen« sowie »Ungeziefer« konnotiert werden:
»Ich habe längst […] Haarsträubendes über die Wucherjuden […] gehört. […] Es handelt sich übrigens nicht allein um den Geld- und Kreditwucher, sondern auch um den Viehwucher, den Grundstückswucher, den Warenwucher. Die Praktiken der Wucherer sind überall dieselben […]. Erkunde oder beobachte man doch, wieviel Prozent dieser Wucherer Juden sind! […] Es gehört ein Herz von der Härte einer Krokodilhaut dazu, um mit den armen, ausgesogenen Deutschen nicht Mitleid zu empfinden, und – was dasselbe ist – um die Juden nicht zu hassen, um diejenigen nicht zu hassen und zu verachten, die – aus Humanität! – diesen Juden das Wort reden, oder die zu feige sind, dies wuchernde Ungeziefer zu zertreten. Mit Trichinen und Bazillen wird nicht verhandelt, Trichinen und Bazillen werden auch nicht erzogen, sie werden so rasch und so gründlich wie möglich vernichtet.« (Lagarde 1924: 209)
Neben überkommenen Motiven des Judenhasses treten hier im Kontext dehumanisierender Pathologisierung der Juden (»Trichinen«, »Bazillen«) die Tötungsfantasien des Autors offen zu Tage. Der manichäistische Antagonismus zwischen Licht und Finsternis, zwischen Gut und Böse, zwischen Ordnung und Chaos wird bei Lagarde durch die endgültige Trennung per Vernichtung der Juden gelöst. Binäre Konstrukte, die einen strikten Antagonismus zugrunde legen, gibt es zwar auch bei anderen Spielarten des Rassismus, der Manichäismus besitzt indes in seiner Heilserwartung eine weltweite Dimension, insofern er eine „globale Welterlösung“ propagiert. Dergestalt betrachtet offenbart das Wannsee-Protokoll den manichäistischen Charakter der ideologischen Seite des Antisemitismus, insofern es den spätimperialistischen Weltherrschaftsanspruch des dt. Nationalsozialismus enthüllt, der den finalen Kampf gegen die Finsternis global dimensioniert und einfach alle Juden zu töten beabsichtigt. Das Gerede vom „Weltjudentum“, das die „arische Rasse“ auf dem Weg zur „jüdischen Weltherrschaft“ vernichten wolle, stellt dergestalt betrachtet lediglich eine inversive Projektion der manichäistischen Seite des Antisemitismus auf das Opfer dar.
1.5Die Dreyfus-Affäre in Frankreich
Es war das Jahr 1886 als der frz. Journalist Édouard Drumont sein Werk La France Juive veröffentlichte. Bereits nach wenigen Wochen wurden über 100 000 Stück verkauft. Noch im selben Jahr erschien eine dt. Ausgabe mit dem Titel Das verjudete Frankreich. Drumonts eklektizistische Mischung aus christlichem und anthropologischbiologistischem Antisemitismus prägte maßgeblich den frz. wie den dt. antisemitischen Diskurs. Kaum ein anderes judenfeindliches Werk erreichte über 200 Auflagen, wie dies für La France Juive im Jahr 1945 galt. Der rassenbiologische Manichäismus Drumonts wird deutlich, wenn es gleich zu Beginn heißt:
»Vom Anbeginn der Geschichte waren die Arier im Kampf mit den Semiten. Troja war eine ganz semitische Stadt, der Zweikampf der beiden Menschenrassen hat im trojanischen Krieg einen eigentümlichen Widerhall gefunden. Dieser Zwist hat sich durch alle Jahrhunderte fortgesetzt, fast immer haben die Semiten ihn begonnen, um dann darin zu unterliegen. Der Semiten höchster Wunsch, sozusagen ihre fixe Idee, war und bleibt die Rasse der Arier zu Sklaven und zu Leibeigenen zu machen. Sie haben versucht diesen Zweck durch Kriege zu erreichen, [es ist] mit Schärfe und Klarheit nachgewiesen, wie charakteristisch für dieses Volk dies stete gewaltsame Drängen ist, durch das sie bestrebt waren, die Weltherrschaft zu erreichen.« (Drumont 1886: 4/5)
„Arier“ und „Semiten“ sind durch ihre biologisch immanenten Charakteristika für Drumont zum steten Kampf gegeneinander bestimmt. Zwar ist das Werk noch vom christlich geprägten „Gottesmord-Vorwurf“ geprägt, doch dieser erfährt beim katholischen Monarchisten eine weitgehend säkulare Wendung. Drumont imaginierte den Juden als politischen Attentäter, der u. a. für den Tod Karls des Großen die Verantwortung trägt. Der Jude verkörperte für ihn das politische Gegenteil der herbeigesehnten Wiedereinführung der Monarchie. Der Jude ist der Demokrat, der „Revoluzzer“, der Unruhestifter mit gesellschaftlich zersetzender Wirkung. Sein zweibändiges Werk La France Juive verwandelte den Antisemitismus endgültig von einem Ressentiment in eine Ideologie, in ein Welterklärungsmodell, das mit dem Anspruch auftrat, den historischen Prozess, politische Ereignisse wie wirtschaftliche Krisen kausal zu deuten. Neben dem manichäistischen Konstrukt besteht der in Deutschland stark rezipierte ideologische Kerngehalt Drumonts in der Verschwörungstheorie, die Juden in Zusammenarbeit mit Freimaurern und Jakobinern bezichtigt, die politische Herrschaft über Frankreich anzustreben, hierfür bereits vielfältige Netzwerke gebildet wie die Presse und die frz. Öffentlichkeit unter ihre Kontrolle gebracht zu haben. Die im dt. Nationalsozialismus ausgeprägte antisemitische Pathologisierung findet sich auch bei Drumont, der »Gelbsucht« wie »Anämie« als von Juden eingeschleppte Krankheiten bezeichnet. Die „Semiten“ verfolgten den Plan, den „arischen Körper“ medizinisch zu schwächen, um auf diese Weise ihre Herrschaftsziele zu erreichen.
Seine schriftstellerische Tätigkeit verband Drumont mit seiner Rolle als politischer Agitator. Er trat maßgeblich bei der Dreyfus-Affäre auf der Seite der Antidreyfusards in Erscheinung, die er mit diversen Ausgaben seiner im Jahr 1892 gegründeten antisemitischen Zeitung La Libre Parole tatkräftig unterstützte. Zu einer der bekanntesten Karikaturen auf der Titelseite der Zeitung gehört die Abbildung einer zum Juden konstruierten Person, die mit greifvogelähnlichen Füßen und klauenähnlichen Händen die Erdkugel umklammert. Die Karikatur ist mit dem Text »Ihr Vaterland« versehen. Einen solchen vaterlandslosen Gesellen wie Verräter wollte Drumont im frz. Artillerie-Hauptmann Alfred Dreyfus (1859–1935) ausgemacht haben, den am 22. Dezember 1894 ein Kriegsgericht in Paris des Landesverrats für schuldig befand. Der in Karikaturen als »Verräter« titulierte sowie als drachenförmiges Ungeheuer mit medusenförmigem Kopf dargestellte Dreyfus wurde bezichtigt, geheime Informationen über die frz. Artillerie dem dt. Militär ausgeliefert oder die Tat zumindest geplant zu haben. Im Januar 1895 wurde Dreyfus nach militärischer Degradierung auf die berüchtigte Teufelsinsel verbannt. Obwohl bereits im Sommer 1896 die Haltlosigkeit der Anschuldigungen zutage trat, hielten die Antidreyfusards an der Verurteilung des jüdischen Offiziers fest, was zunehmend zur innenpolitischen Spaltung Frankreichs führte. Hintergrund der Blockadepolitik des von den Dreyfusards angestrebten Revisionsverfahrens bildete die Angst vor einer Blamage der Generalität und der frz. Regierung ebenso wie die in Frankreich erstarkte Judenfeindschaft. Der Antisemitismus hatte durch Drumont kräftig Aufwind erhalten, sodass sich im Jahr 1898 die antisemitische und rechtsextreme Gruppierung „Action française“ bildete, die Dreyfus als Heuchler im Sinne der Verschwörungstheorien Drumonts betrachtete. In Frankreich war das „Fin de Siècle“ von einer antisemitischen Stimmung geprägt, welche die bürgerliche Gleichstellung der Juden rückgängig zu machen gedachte. Für die monarchistisch-nationalistische Gruppierung „Action française“ bildeten die Juden typische Vertreter der verhassten Französischen Revolution, die als Verschwörung von Juden, Freimaurern und ausländischen Mächten betrachtet wurde.
Hintergrund der Dreyfus-Affäre bildeten nicht zuletzt die ökonomischen Krisenprozesse in den 1880er-Jahren in Frankreich. Dem Pariser Börsenkrach von 1882 folgte der Zusammenbruch der „Bank Union Générale“, den Émile Zola zum Gegenstand seines im Jahr 1890 erschienenen Romans Das Geld machte. Der Bankrott der katholischen Bank bedeutete vor allem den Ruin kleinerer Sparer. Obwohl für das Missmanagement der Bank allein der Gründer sowie die Leiter der Bank die Schuld trugen, machte die katholische Presse den Bankier Rothschild verantwortlich und sprach vom »jüdischen Kapital«, welches sich gegen das »katholische Kapital« verschworen habe. Im Jahr 1889 musste die zur Finanzierung des Panamakanals gegründete „Compagnie de Panama“ Konkurs anmelden. Obwohl sich die unvermeidliche Pleite bereits deutlich abzeichnete, beteiligte sich die frz. Politik an einem dubiosen Rettungsversuch mittels einer Lotterie und verschwieg der Öffentlichkeit das drohende Ausmaß der Verluste für die Aktionäre. Große Teile der Bevölkerung verloren ihr Vertrauen in Wirtschaft und Politik, sodass Verschwörungstheorien um sich griffen.
Drumont bediente mit seinem Werk La France juive die wachsende Aufnahmebereitschaft für einfache Erklärungsansätze und nutzte die zahlreichen Neuauflagen seines Buchs sowie seine Zeitung La Libre Parole, um seine Verschwörungstheorien zu erweitern, indem er jeweils das aktuelle Tagesgeschehen einarbeitete. Stets blieben für Drumont die Drahtzieher des Übels „die Juden“, die aus seiner Sichtweise in trauter Eintracht mit den Freimaurern sowie den Protagonisten der Französischen Revolution agieren. Sein Werk beabsichtige zu zeigen, so der frz. Journalist im Vorwort von La France juive, »welche Rolle bei der Zerstörung Frankreichs die Aufpfropfung eines fremden Körpers in den bis dahin gesunden Organismus spielte«. Drumonts diesbezügliche Methode bestand wie bei Glagau darin, jüdische Personen dezidiert zu markieren und so den Eindruck zu erwecken, Handel und Börse seien vom Judentum »unterwandert«. Im Fall der katholischen Bank „Union générale“ griff Drumont den Sachverhalt auf, dass es sich bei ihrem Gründer um einen ehemaligen Angestellten Rothschilds handelte, bei der „Compagnie de Panama“ reichte ihm bereits der Sachverhalt, dass auch jüdische Geschäftsleute im Skandal verwickelt waren. Bezüglich der Presse vermerkte er:
»Da nun in Frankreich fast alle Zeitungen und Organe der öffentlichen Meinung in den Händen der Juden sind, oder doch indirekt von ihnen abhängen, so ist es vollständig erklärlich, daß die Bedeutung und die Tragweite dieser ungeheuren antisemitischen Bewegung, wie sie sich jetzt allerorten gestaltet, todtgeschwiegen wird.« (Drumont 1890: VIII)
Die Dreyfus-Affäre kam Drumont insofern wie gerufen, als er sich durch den Fall des jüdischen Offiziers eine Auflagenstärkung seiner Zeitung erhoffte, die er zum Sprachrohr der Antidreyfusards machte und dergestalt mit einer neuerlichen Verschwörungstheorie aufwarten konnte. Nachdem die Juden bereits die Börse und den Handel unter ihre Kontrolle gebracht hätten, so ließ Drumont verlauten, beabsichtigten sie nunmehr das frz. Militär zu unterwandern. Der „Fall Dreyfus“ belege, dass die Juden nicht davor zurückschreckten, Frankreich an den dt. Feind auszuliefern. „Der Jude“ als „Feind im Inneren“ wurde so zugleich zum außenpolitischen Gegner konstruiert. In einer Zeit, die nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bedingt durch die Gebietsverluste von Elsass und Lothringen sowie durch auferlegte Reparationen in Höhe von fünf Milliarden Franc von Hass wie tiefem Misstrauen gegenüber Deutschland geprägt war, verschmolzen „Jude“ und „Deutscher“ nahezu zu einem Synonym. Spionage und Verrat bildeten höchst aufgeladene Themen und wurden von nationalistischen Politikern und Journalisten wie Drumont antisemitisch aufgeladen.
Zu Beginn waren es nur wenige Personen, die von der Unschuld des frz. Artillerieoffiziers überzeugt waren. Unterstützung erhielt Dreyfus anfänglich nur aus dem engsten Kreis der Familienangehörigen. Immer mehr Ungereimtheiten gelangten indes ans Licht der frz. Öffentlichkeit. Erst der am 13. Januar 1898 in der Tageszeitung L’Aurore veröffentlichte offene Brief des Schriftstellers Émile Zola (1840–1902) mit dem Titel J’Accuse …! leitete jedoch die entscheidende Wende im Fall Dreyfus ein. Zola griff in seinem Artikel die frz. Generalität wegen Vertuschung, Beweisfälschung sowie Rechtsbeugung an und sprach mit deutlichen Worten vom Antisemitismus der Generäle sowie der Journalisten der »Schmutzpresse«. Zwar führte Zolas Brief zunächst zu dessen Verurteilung wegen „Verleumdung“, doch aus dem „Fall Dreyfus“ war längst ein Kampf um die weitere politische Ausrichtung der Republik geworden, der die frz. Gesellschaft in zwei Lager spaltete. Erst bei den frz. Parlamentswahlen gelang es dem republikanischen Block, sich gegen die monarchistisch-klerikalen Kräfte durchzusetzen. Nach erfolgter Begnadigung wurde Dreyfus im Jahr 1906 endgültig freigesprochen. Die Resonanz von Drumont auch in intellektuellen Kreisen verdeutlicht ein privater Brief Jacob Burckhardts, in dem es heißt:
»Bode erzählte mir, einer der Pariser Rothshilds habe für Tizians Amor sacro e profano 6 Millionen geboten. Auf diese Kunde habe ich wieder ein paar Bände Drumont vorgenommen.« (Burckhardt 1934: 90)
Auch nach Beendigung der Dreyfus-Affäre, die maßgeblich zur Entwicklung einer laizistischen Verfassung in Frankreich beitrug, blieb Drumont sowohl diesseits wie jenseits des Rheins einer der meistgelesenen antisemitischen Autoren.
1.6„Die Linke“ und „die Juden“
Am 27. Oktober 1893 hielt August Bebel auf dem Kölner Parteitag der Sozialdemokratischen Partei ein Grundsatzreferat, welches das Verhältnis der Sozialdemokratie zum Antisemitismus klären sollte. Seit drei Jahren war das Sozialistengesetz, das zwischen 1878 und 1890 galt und sozialdemokratische bzw. sozialistische Vereine, Versammlungen und Schriften verbot, nicht mehr in Kraft. Am 15. Juni 1893 war der Reichstag gewählt worden und der vom Sozialistengesetz befreiten Sozialdemokratischen Partei war es gelungen, 23,3% der Stimmen zu erzielen, womit sie einen Stimmengewinn verbuchen konnte und nach Stimmenanteil stärkste Partei war. Zulegen konnten auch die antisemitischen Parteien, die zwar nur auf 3,7% der Stimmen kamen, was einem Plus von 2,7% entsprach, doch mit 16 Abgeordneten (SPD: 44) alles andere als unbedeutend waren, zumal der Antisemitismus keineswegs auf die Antisemitenparteien beschränkt war, so vertrat etwa auch die Deutschkonservative Partei (DKP) antisemitische Positionen. Die DKP hatte bereits bei früheren Reichstagswahlen auf antisemitische Ressentiments gesetzt und stellte im Jahr 1893 mit 72 Abgeordneten die stärkste Fraktion. Als sich gegen Ende der 1880er-Jahre im dt. Kaiserreich eine zweite Welle des Antisemitismus abzeichnete, reagierten auf diese Entwicklung liberal- und humangesinnte Personen, die 1890 den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ gründeten.
Auch die deutsche Sozialdemokratie erkannte nunmehr die Bedeutung des Antisemitismus, sodass im Vorfeld des Kölner Parteitags der Parteivorstand den Punkt „Antisemitismus und Sozialdemokratie“ auf die Tagesordnung setzte. Das von August Bebel gehaltene Grundsatzreferat stellte die erste offizielle Beschäftigung der Sozialdemokraten mit der Thematik dar und lässt sich als konfuser Mix aus antirassistischen, antisemitischen wie philosemitischen Positionen bezeichnen, der die Relevanz des Antisemitismus gründlich unterschätzte. Der Vortrag Bebels dürfte zur Klärung der Thematik kaum etwas beigetragen haben, zumal eine Debatte über das Referat per Abstimmung verhindert wurde, was weniger dem Zeitregime des Parteitags als vielmehr der Befürchtung geschuldet war, die Diskussion könne höchst unterschiedliche Positionen offenbaren. Bebel definierte Antisemitismus als »Feindschaft gegen die Juden mit dem Ziel ihrer Vernichtung oder wenigstens ihrer Vertreibung«, die eine »mehr als anderthalbtausend Jahre« alte Erscheinung sei. Der aktuelle Judenhass müsse ernst genommen werden, da er »Widerhall in den Massen« finde, und sei auf seine Ursachen hin zu untersuchen. Die Problematik der Ausführungen des Parteivorsitzenden tritt spätestens bei der affirmativen Übernahme des um 1890 allgegenwärtigen Rassebegriffs zutage:
»Dazu kommt die Abneigung, die zwischen Menschen verschiedener Rasse, namentlich bei Menschen auf niedriger Kulturstufe, allgemein vorhanden ist. Und eine Verschiedenheit der Rasse besteht zwischen den Juden und der übrigen Bevölkerung. Wir sehen ja, wie noch heute der Nationalhass, der milder als der Rassenhass ist, von der Bourgeoisie geschürt, tief eingewurzelt ist, da begreift sich umso leichter das Vorhandensein des Rassenhasses. Es handelt sich eben um zwei in ihrem Charakter und ihrem ganzen Wesen grundverschiedene Rassen, deren Grundverschiedenheit durch 2.000 Jahre hindurch bis heute aufrechterhalten worden ist. Hat denn gar der unter einem anderen Volke lebende Jude das Malheur, durch sein Äußeres aufzufallen, so dass man ihm gewissermaßen schon an der Nase ansieht, dass er ein Jude ist (Heiterkeit), also im bösen Sinne des Wortes als ein Gekennzeichneter angesehen wird, so begünstigt dies noch die Rassenfeindschaft.« (Parteitagsprotokoll des Kölner SPD-Parteitags von 1893, S. 226/227)
Wie die völkische Rechte, so definiert auch Bebel die Juden als biologische „Rasse“, was durch den Tatbestand der sich anschließenden rassifizierenden Physiognomisierung (»Judennase«) noch verstärkt wird, die rassistische Lacher (»Heiterkeit«) erzeugte. Die Imagination Bebels von zwei antagonistischen Rassen, deren Eigenschaften unveränderbar seien, da sie in ihrem Wesen ruhten, sowie von den Juden als kulturell niedrigstehender „Rasse“ könnte durchaus auch der Rede eines völkischen Politikers entstammen. Rassistische Lacher des Parteitags vermerkt das Protokoll ebenso bei der folgenden philosemitisch gehaltenen Passage:
»Ich gestehe, ich kann eine gewisse Bewunderung nicht unterdrücken für eine Rasse, die trotz all dieser furchtbaren Verfolgungen sich dennoch in ihrer Art weiter entwickelt und selbständig erhalten hat; eine Erscheinung, die außer bei den Juden nur noch bei einem Volke in der Geschichte, den Zigeunern, sich zeigte (Heiterkeit).« (Parteitagsprotokoll des Kölner SPD-Parteitags von 1893, S. 227)
Nachdem Bebel die jahrhundertewährende Entrechtung der Juden geschildert sowie die Aufhebung der staatsbürgerlichen Beschränkungen für die Juden begrüßt hat, charakterisiert er die antisemitische Bewegung als Reflex auf die ökonomische Krise und den Börsencrash von 1873. Zwar erkennt Bebel ökonomische wie soziale Ursachen für das Aufkommen des Antisemitismus, verbindet diese Ansicht jedoch mit der fatalen These, die antisemitische Bewegung werde revolutionierende Effekte zeitigen, da sich diese letztendlich gegen das Kapital wenden müsse und dann »die Stunde der Ernte« für die Sozialdemokratie käme. In der vom Parteitag angenommenen Resolution heißt es gar, trotz ihres reaktionären Charakters werde die antisemitische Bewegung gegen ihren Willen revolutionär wirken. Betont wird zwar, dass die Sozialdemokratie den Antisemitismus bekämpfe, doch da die Lösung aller Probleme in der Aufhebung des Kapitalismus gesehen wird, wodurch der Antisemitismus absterben würde, bleibt das Postulat wirkungslos, insofern eine Eigenständigkeit des Kampfes gegen den Antisemitismus auf diese Weise de facto negiert wird. In dieser Negation lag eine fatale Unterschätzung des Antisemitismus seitens „der Linken“, die dessen weiteren Siegeslauf mit ermöglichte.
Das von Bebel adaptierte Rassendenken führt im weiteren Verlauf seines Vortrags dazu, dass der sozialdemokratische Parteiführer sich der rassistischen Markierung bedient, sodass es fortwährend „der Jude“ heißt. Auch für Bebel ist „der Jude“ so „der Fremde“, dessen prozentualer Anteil auf wichtigen ökonomischen wie kulturellen Feldern zu erfassen sei und dessen anteilige Relevanz zur Ursache des Antisemitismus wird, wenn es heißt:
»Wenn heute der Bauer seine Produkte verkauft, Kartoffeln, Getreide, Hopfen, Tabak, Wein, wer sind seine Käufer? Juden. Wer leiht ihm die Kapitalien, wer kauft und verkauft sein Vieh? Juden. […] Und nun tritt auch auf dem Gebiet der Industrie der Jude in Konkurrenz. Die fabrikmäßige Schuhmacherei, die Schneiderei, der Handel mit Kleidern, neuen und alten, die Tuchfabriken etc. liegen mehr oder weniger in den Händen der Juden. Der Jude, der als Großhandelstreibender eine Menge kleiner Handwerker beschäftigt, der als Kapitalist en gros, als Ausbeuter auch auf diesem Gebiete auftritt, muss natürlich auch unter seinen Konkurrenten den Antisemitismus hervorrufen.« (Parteitagsprotokoll des Kölner SPD-Parteitags von 1893, S. 227)
Einmal in die Falle des Rassenkonstrukts und der damit verbundenen rassistischen Markierung getappt, generiert „der Jude“ bei Bebel immer mehr zum eigentlichen Verursacher des Antisemitismus. Während beim Geldverleih der „Wucherjude“ die Schuld trägt, ist es an den Universitäten im Geiste eines philosemitischen Konstrukts der fleißige, strebsame jüdische Student, der nicht bummelt und nicht säuft, der den Neid seiner Kommilitonen entfacht.
Die höchst problematische Beziehung zwischen „der Linken“ und „den Juden“ war indes schon älter als Bebels Rede, die als gedruckte Broschüre stark rezipiert wurde. Wirkung auf sozialdemokratische Intellektuelle hatte ebenso die im Jahr 1844 veröffentlichte Schrift Zur Judenfrage von Karl Marx. Die antisemitischen Töne, Stereotype wie Intentionen des Verfassers sind in dieser Abhandlung unverkennbar und veranlassten bereits Hannah Arendt dazu, von einer Schrift zu sprechen, die für den »Antisemitismus der Linken« als »klassisch« gelten könne. Deutlicher noch als bei Bebel kommt bei Marx der antisemitische Kern zum Ausdruck, der die sozialistischen Debatten bezüglich der „Judenfrage“ im 19. Jh. prägte. Für den Sozialisten Marx besitzt das Judentum keine perspektivische Existenzberechtigung und zwar weder als Religion, noch als Volk bzw. Nation. Die Lösung der „Judenfrage“ besteht hier im Sozialismus, mit dem das Judentum verschwände und zugleich der Antisemitismus absterbe, so Marx und dessen Epigonen. Derweil der Antisemitismus indes noch nicht verschwunden ist, reproduziert auch Marx dessen Pejorativ, d. h. abwertenden Stereotype, nach Kräften, so heißt es etwa:
»Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus der Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld. […] Wir erkennen also im Judentum ein allgemeines gegenwärtiges antisoziales Element, welches durch die geschichtliche Entwicklung, an welcher die Juden in dieser schlechten Beziehung eifrig mitgearbeitet, auf seine jetzige Höhe getrieben wurde, auf eine Höhe, auf welcher es sich notwendig auflösen muss. Die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum. […] Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.« (MEW Bd. 1, Berlin 1977, S. 372/373)
Die antijüdische Assoziierung von Geld und Judentum wird bei Marx in einer Weise betrieben, dass „der Jude“ kausal für die Globalisierung des Geldverkehrs verantwortlich gemacht wird. „Der Jude“ mutiert bei Marx zum Protokapitalisten, sein Finanzgebaren, sein ihm wesensmäßiger Schachergeist hätten die „christlichen Völker“ infiziert und aus dem Christen den „Geldbesessenen“ gemacht. Mit dem „christlichen Kapitalisten“ müsse folglich auch der „jüdische Protokapitalist“ verschwinden. Angesichts der Schärfe der Passagen, die dem Judentum offen seine Existenzberechtigung absprechen, ist es verharmlosend, wenn betont wird, Marx sei lediglich ein Antisemit des Wortes aber nicht der Tat gewesen. Es ist schlicht Hass, wenn Juden in generalisierender Weise bei Marx als Personen charakterisiert werden, die nicht davor zurückschreckten, das eigene Weib zu verschachern. Der Übergang vom Wort zur diskriminierenden Tat ist zumal fließend, wenn Marx seinen Kontrahenten Ferdinand Lassalle als »jüdischen Nigger« bezeichnet, als »Jüdel Braun«, »Ephraim Gescheit« und »Itzig«. Die rassistische Markierung auf die Spitze treibend, schreibt Marx über Lassalle 1862 in einem Brief an Friedrich Engels:
»Der jüdische Nigger Lassalle, der glücklicherweise Ende dieser Woche abreist, hat glücklich wieder 5000 Taler in einer falschen Spekulation verloren […] Es ist mir jetzt völlig klar, dass er, wie auch seine Kopfbildung und sein Haarwuchs beweist, von den Negern abstammt, die sich dem Zug des Moses aus Ägypten anschlossen (wenn nicht seine Mutter oder Großmutter von väterlicher Seite sich mit einem Nigger kreuzten). Nun, diese Verbindung von Judentum und Germanentum mit der negerhaften Grundsubstanz müssen ein sonderbares Produkt hervorbringen. Die Zudringlichkeit des Burschen ist auch niggerhaft.« (Marx an Engels im Jahr 1862, MEW Bd. 30, S. 257)
Gleichwohl dürfen die Unterschiede zwischen Marx und Bruno Bauer, auf dessen 1843 erschienene Schrift Die Judenfrage sich die Marx’sche Abhandlung bezog, nicht übersehen werden. Während Bauer mit linkshegelianisch-sektiererischen Argumenten die Judenemanzipation im christlichen Staat ablehnte, schrieb Marx in einem Brief an Arnold Ruge am 13. März 1843:
»Soeben kömmt der Vorsteher der hiesigen Israeliten zu mir und ersucht mich um eine Petition für die Juden an den Landtag, und ich will’s tun. So widerlich mir der israelitische Glaube ist, so scheint mir Bauers Ansicht doch zu abstrakt. Es gilt so viel Löcher in den christlichen Staat zu stoßen als möglich und das Vernünftige, soviel an uns, einzuschmuggeln. Das muß man wenigstens versuchen – und die Erbitterung wächst mit jeder Petition, die mit Protest abgewiesen wird.« (MEW Bd. 27, S. 418)
Marx unterstützte also die Petition der jüdischen Gemeinde, wenngleich seine Aversion auch hier im Terminus »widerlich« zum Ausdruck kommt und seine Unterstützung weniger grundsätzlicher als vielmehr taktischer Natur ist.
Bereits der Historiker Edmund Silberner wies darauf hin, dass der von Marx diskriminierte Lassalle seinerseits ebenso nicht mit judenfeindlichen Bemerkungen sparte und sich bei nahezu allen sozialistischen wie anarchistischen Stammvätern des 19. Jh.s erschreckende Passagen finden lassen, so u. a. bei Charles Fourier, Pierre-Joseph Proudhon, Johann Baptist von Schweizer, Beatrice Webb und Michael Bakunin.
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