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Über dieses Buch

Der Wünscheerfüller ist ein ambitionierter junger Mann, der es sich in den Kopf gesetzt hat, sein Leben zu einem großen Erfolg zu machen. Dafür sind die Rahmenbedingungen eher schlecht.

Er lebt bei seiner Mutter, die den Familienunterhalt aus häufig wechselnden Männerbekanntschaften speist und versucht sich an diversen Geschäftsmodellen, die ausnahmslos in einer juristischen Grauzone beginnen und in desaströsen Fehlschlägen enden. Alles wäre noch erträglich, wenn der junge Mann nicht zusätzlich darauf achten müsste, den Einfluss auf seine Mutter nicht zu verlieren. Einfallsreich und höchst kreativ beseitigt er ‚en passant‘ die störenden Partner an der Seite seiner Mutter, während er weiter an seinen Erfolgsideen arbeitet. Er hat alle Hände voll zu tun.

Seine wahre Passion findet er als ‚Wünscheerfüller‘, einem außergewöhnlichen Geschäftsmodell, das darauf beruht, die Herzenswünsche anderer Wirklichkeit werden zu lassen. Er belauscht vertrauliche Gespräche und zieht seine Schlüsse. Er arbeitet ohne Auftrag, aber mit großer Akribie und ist sich sicher, dass seine Mühen eine großzügige Belohnung wert sind, wenn er erst den Nutznießern seiner Arbeit seine Erfolge vorstellt. Entführung, Erpressung, Mord – all das sind unschöne Begriffe, die in die Welt des ‚Wünscheerfüllers‘ nicht hineinpassen. Er hat eine andere Sicht der Dinge.

Dies gilt umso mehr, nachdem er Milena begegnet, einem Straßenmädchen, das ihn fasziniert. Mit ihr beginnt sich sein Leben zu ändern. Mit ihr lassen sich Ideen umsetzen. Mit ihr beginnt ein neuer Reigen, der aus dem Jäger eine Beute macht. ‚Der Wünscheerfüller‘ reagiert in gewohnter Weise auf die Bedrohung. Er weiß Milena an seiner Seite. Doch dann kommt alles ganz anders.

„Der Wünscheerfüller“ ist die atemlose Geschichte des Scheiterns der großen Ambitionen eines jungen Mannes, der kriminelle Geschäftsmodelle und ein ungewöhnliches Familienleben erfolglos zu koppeln versucht.

Geschrieben auf eine lakonische Weise, erzählt mit schwarzem Humor, erdacht aus vielen Strafakten, die in dem Roman zu einer neuen Komposition wurden.

Achim Albrecht

Der Wünscheerfüller

© 2014


Die handelnden Personen und ihre Schicksale sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Ereignissen sind nicht beabsichtigt.

1. Auflage Oktober 2013

©2014 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung:

OCM GmbH, Dortmund

Verlag:

OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

Printed in Germany

ISBN 978-3-942672-22-1

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Inhaltsverzeichnis

Zitat

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

XXXI.

XXXII.

XXXIII.

XXXIV.

XXXV.

XXXVI.

Über den Autor

Als ich meine Seele fragte,

was die Ewigkeit mit den Wünschen macht,

die wir sammelten, da erwiderte sie:

‚Ich bin die Ewigkeit‘.

Khalil Gibran

I.

Mein Leben als Arschloch begann mit ungefähr achtzehn Jahren.

Ich sage „ungefähr“, weil ich korrekt sein will. Es kommt darauf an, immer korrekt zu sein. Unkorrektheiten wirken sich langfristig negativ aus und im Nu ist man in eine Falle geraten, aus der man sich nicht mehr befreien kann. Ich bin der Typ, der sich stets befreien kann.

Damals war ich noch siebzehn, wenn man meinen Ausweis zurate zog, und ein zarter Bub ungewissen Alters, wenn man meine Mutter befragen würde. Meine Vorstellungswelt war allerdings schon weit vorher in die Erwachsenenwelt hinüber geeilt und hatte sich mit einem ungesunden Erwerbssinn angereichert, sodass ich mit Recht behaupten kann, ungefähr achtzehn Jahre alt gewesen zu sein, wenn man aus den maßgeblichen Faktoren den Durchschnitt zieht.

Zugegeben, die Selbstbezichtigung als „Arschloch“ mag plakativ und profan klingen, aber glauben Sie mir, ich habe es mir nicht leicht gemacht. Natürlich bin ich nicht vollkommen zufrieden mit dem Ausdruck und seiner Aussagekraft, doch irgendwo sind dem Drang nach Korrektheit Grenzen gesetzt. Eine gewisse Zeit schwankte ich zwischen der Verwendung von „mein Leben als Stück Scheiße“, um die abwertende Verächtlichkeit der einer Fäkalie für meinen damaligen Zustand fruchtbar zu machen und dem weitaus eleganteren Zwillingsbruder des Arschlochs, dem Anus, mit dem eine beinahe aristokratische Selbstbeschimpfung möglich geworden wäre. Letztlich habe ich mich dann aber dem allgemein verständlichen, derben Brauchtum gebeugt, wohl weil es mit dem Gebrauch des Wortes auch eine gewisse Bauernschläue und Schlitzohrigkeit des so Titulierten verbindet. Ich denke, in einem solchen Fall kann man darüber hinwegsehen, dass der After an sich ein ganz und gar nützliches Werkzeug ist, dessen zwei Schließmuskeln, von denen nur der äußere dem Willen des Menschen unterworfen ist, nichts Anrüchiges oder sogar Verwerfliches an sich haben.

Sie mögen an dieser Stelle meinen, dass ich ein komplizierter oder sogar verschrobener Mensch bin, aber da liegen Sie falsch. Ich war überraschend direkt, als ich meiner Mutter das Kissen auf das Gesicht drückte. Es war eines jener riesigen Daunenkissen, in die man einsank wie in einen duftzarten Albtraum, der sich mit frisch gestärkten Leinenzipfeln über die Ohren stülpt. Ich hatte eine veritable Abneigung gegen solche Kissen, die jede Hoffnung auf einen geruhsamen Schlaf in sich begruben wie pausbackige Totenwächter. An jenem Tag aber entdeckte ich in ihnen eine erfrischend neue Funktionsweise und tatsächlich harmonierte der kalkig weiße Blähbauch des Kissens auf das Beste mit dem mütterlichen Torso im hellblauen Seidenschlafanzug, der in einer ersten Abwehrreaktion auf das Ersticken in eine unerquickliche Unordnung geraten war.

Meine Mutter war beileibe nicht alt oder schwach. Ihr unkoordiniertes Fuchteln und Schütteln verriet allerdings, dass sie in Kämpfen existenzieller Art ungeübt war. Die gedehnten Laute, die aus der Umarmung des Kissens herausdrangen, beunruhigten mich nicht weiter. Ich hatte sie erwartet und war sogar ein wenig enttäuscht, weil ich mir in Gedanken ein dramatischeres Szenario ausgemalt hatte. Einzig die Vorstellung, dass sich ihr fröhliches Make-Up auf dem Kissenbezug in rutschigen Schlieren abbilden und mich vor dem notwendigen Waschgang als karikierte Totenmaske anstarren würde, hatte etwas ganz und gar Unappetitliches und mit meinem Appetit ist es ohnehin nicht zum Besten bestellt.

Wahrscheinlich haben Sie mich an dieser Stelle bereits missverstanden. Es war keineswegs der Mord an meiner Mutter, der mich zum Arschloch machte. Um genau zu sein, war es ohnehin kein Mord, sondern eine Tötung, der jede Verwerflichkeit abging. Auch beim Erzählen ist es schwierig ganz korrekt zu sein, denn ganz korrekt handelte es sich bei der Episode mit meiner Mutter um einen Versuch der Tötung auf Verlangen. So stand es jedenfalls in dem Strafrechtslehrbuch, bei dessen Kapitel über Gewaltdelikte ich Aufschluss suchte. Und weil es so war, musste ich mich auch über den unfairen Gebrauch emotionaler Abwehrmittel durch meine liebe Mutter aufregen.

Ich hatte bei Gott andere Dinge zu tun, als Kissen auf ein gealtertes Gesicht zu drücken, ein Gesicht, das in den letzten Monaten in Tränenfalten zerfloss und aus einem makellosen Porzellangebiss flehte, man möge es doch von den elenden Schmerzen befreien, die das Alter und das Rheuma mit sich brächten. Nur wenn Zigaretten, Gin und eine erkleckliche Anzahl der verschiedensten Schmerzmittel ihre betäubenden und vergiftenden Sendboten schickten, wurde die weinerliche Litanei unterbrochen und wich einem Rausch, der für eine vorübergehende Entspannung sorgte.

Schon frühzeitig hatte ich den Verdacht, dass das Verhalten meiner Mutter eine Masche sein könnte. Sie hatte ein Faible dafür entwickelt, sterben zu wollen, wenn etwas nicht nach ihren Wünschen lief. Begonnen hatte es wohl mit dem Verschwinden meines Erzeugers, der sich absetzte, als er von meiner embryonalen Existenz erfuhr. Als Strafe servierte mir meine Mutter die endlose Klage von der Undankbarkeit meines Vaters, der doch wohl unwidersprochen zuerst ihr intimer Freund gewesen sein musste, bevor er zu meiner Zeugung schritt. So erfuhr ich in jungen Jahren, dass ich mit einer Art Erbschuld auf die Welt gekommen war, die es bis zum seligen Ende meiner Mutter abzutragen galt.

Mit etwas gutem Willen drängt sich der Schluss auf, dass ich mit der Kissenaktion lediglich einen Herzenswunsch meiner Mutter erfüllte, einen Wunsch, mit dessen Ausführung sie ihren hingebungsvollen Sohn beauftragte, weil sie selbst zu einem Selbstmord nicht in der Lage war. Ja, Sie lesen richtig. „Hingebungsvoll“ ist der Ausdruck, der das Verhältnis zu meiner Mutter am besten charakterisiert. Selbst bei den gemeinsamen Wannenbädern war sie die Fürsorge selbst. Wie eine aus Schaum geborene Fee achtete sie darauf, dass ich nicht nur oberflächlich eintauchte, sondern mich gründlich wusch und reinigte. Oft ging sie mir zur Hand und es ist für mich schlicht unvorstellbar, dass einmal die Zeit kommen muss, wo ich mit einer langstieligen Bürste meinen Rücken selbst zu schrubben habe. Fast kommen mir bei dem Gedanken an dieses Bild vollkommener Verlassenheit die Tränen und ich vergehe in einem Anflug berechtigten Selbstmitleids.

Es ist natürlich nicht so, wie Sie denken mögen. Das enge Band zwischen Mutter und mir ist keineswegs sexueller Natur. Sie ist eine robuste Frau mit einer ausgeprägten Körperlichkeit und einem lebhaften Gesicht. Was sie so anziehend macht, ist ihre grenzenlose Bereitschaft zu großen Emotionen. Wie die Zelebrierung ihres Leides vollbringt sie auch Großtaten auf dem Hochaltar der Leidenschaft. Das ist es, was sie für andere Männer so anziehend macht. Ich weiß es, denn sie hat es mir selbst aus einem ihrer Heftchenromane vorgelesen. „Hochaltar der Leidenschaft“ hatte mir schon gut gefallen, als ich noch nicht verstand, um was es ging. Ich bin mir nicht einmal sicher, dass ich jetzt verstehe, um was es geht.

Wenn sie romantisch gestimmt war, vollzog sich mit ihrem Körper eine Metamorphose. Er behängte sich mit einem schreiend orangefarbenen Babydoll, das bis knapp zur Gesäßfalte reichte, schlüpfte in hochhackige Pumps und bestrich sich mit ausdrucksvollen Farben, die aus einer unscheinbaren, bäuerlichen Erscheinung eine Venusfliegenfalle machten.

Und dann kamen die Onkel mit ihrer Geilheit und ihrem Geld. Ich hatte viele Onkel. Manche waren polternd und jovial, andere warfen scheue Blicke um sich, als seien sie in eine Räuberhöhle geraten, und nicht wenige flößten mir Unbehagen ein, wenn sie abwesend meinen Kopf tätschelten und dabei meine Mutter witternd im Auge behielten wie Raubtiere vor dem Sprung. Alle ohne Ausnahme taten mit ihrem Geld Buße für das, was mein Vater uns angetan hatte und alle ohne Ausnahme fielen der Rache meiner Mutter zum Opfer, die sie ausplünderte und mit Verachtung im Herzen ihre Körpersäfte aufnahm, bis ihre Verehrer winselnd und friedlich ihre hochmütige Absolution empfingen und davonschlichen.

So jedenfalls hat es meine Mutter erzählt und ich habe keinen Grund, ihr nicht zu glauben. Sie waren ihr nicht gewachsen, die fremden Männer, die für meinen Vater büßten und unser Leben finanzierten, aber immer, wenn meine Mutter über meinen Hals strich und mit einem schiefen Lächeln bemerkte, mein Adamsapfel springe genauso auffällig vor wie der meines Vaters, merkte ich, dass ihr etwas Wesentliches fehlte.

Der Alkohol und die Tabletten gesellten sich zu den Zigaretten, als ich auf das Gymnasium wechselte und meine Mutter nach eigener Einschätzung welk und unattraktiv zu werden begann. Oft zog sie meine Hände zwischen ihre Brüste und forderte mich auf ihr zu sagen, wie sie aussehe. Dann straffte sie sich und setzte ein strahlendes Lächeln auf. Ich antwortete ehrlich, dass sie noch immer die Schönste sei, denn das Schneewittchen hinter den Sieben Bergen, das schöner war als sie, war mir noch nicht begegnet. Meist nickte sie in solchen Augenblicken heftig mit dem Kopf und seufzte, als habe ich meinen Text zufriedenstellend gelernt. „Du bist ein guter Junge“, sagte sie dann mit belegter Stimme. „Ich werde schon dafür sorgen, dass du nicht wirst wie dein Vater“.

Ihre eingebildeten Krankheiten und die zunehmende Hinwendung zu ihrem neuesten Liebhaber, einem penetrant riechenden holländischen Genever, verkürzten unsere gemeinsamen Sitzungen und verdrängten sie bald fast vollständig. Die Männer kamen weiterhin, aber sie tröpfelten nur noch herein, wo sie vor Jahren noch geströmt waren. Die Verkleidungen meiner Mutter wurden umso papageienhafter je renovierungsbedürftiger ihr Erscheinungsbild wurde. Peitschen und Dornenkronen ersetzten bunte Kissen. Harte Sitzungen blutig erkämpfter Lust trieben das Geld in die Kasse und die neue Sorte Männer war ebenso wenig zum Kopftätscheln aufgelegt wie ich.

Genau genommen hatte ich die Geldgeschäfte allmählich zu meiner Aufgabe gemacht und achtete darauf, dass die Einnahmen stimmten. Ich hielt mich weitgehend im Hintergrund und sicherte unsere Interessen ab, indem ich von den Besuchern heimlich Aufnahmen machte und ihre Taschen von überflüssigen Barmitteln befreite, wenn mein Bauchgefühl mir sagte, dass der eine oder andere winselnde Idiot den Aderlass verkraften werde, ohne Schwierigkeiten zu machen. Ein kleines Arsenal Waffen garantierte unseren Schutz und ich ließ es nicht zu, dass die sadomasochistischen Fantasien unserer Kunden meiner Mutter mehr Schaden zufügten, als die im Geschäft üblichen kleineren Verletzungen, die ihre Erwerbsfähigkeit nicht minderten und zur Steigerung ihrer Authentizität beitrugen.

Zuletzt wurde es aus wohlverstandenen ökonomischen Interessen unerlässlich, dass ich der Motivation meiner Mutter mit einem Leder überzogenen Paddel auf die Sprünge half. Man mag es meinem Ungeübtsein mit derlei Gerätschaften zugutehalten, dass die Schläge so schlecht abgewogen waren, dass meine Mutter im Ergebnis eine Zahnprothese benötigte. Ich sorgte dafür, dass sie das beste Modell bekam.

Es war die gleiche Prothese, die wie ein wütender Terrier in das Kissen biss.

Wie gesagt, ich hatte instinktiven Widerstand erwartet, vielleicht sogar heftige Gegenwehr, das Zerkratzen meiner Arme, wild um sich tretende Beine. Mir war in Bezug auf die Reinheit meiner Absichten nicht ganz wohl. Ich schwitzte in mein bestes Jackett und spürte, dass ich mir einen Fingernagel eingerissen hatte. Das waren Dinge, die nicht sein mussten. Ich war mir überhaupt nicht mehr sicher, dass es die Erfüllung des sehnlichen Wunsches meiner geliebten Mutter war, die mich zu dieser Anstrengung trieb oder doch die Tatsache, dass die peinliche Alte mir langsam dermaßen auf die Nerven ging, dass ich Schluss mit ihr machen sollte.

Seien wir ehrlich. Sie war ausgelutscht und ausgeleiert, ein ewig zugedröhntes Wrack, das nach einer kleinen Kosten-Nutzen-Analyse schlecht dastand. Sie war ein Auslaufmodell ohne Performance. Das musste man sich bei aller Zuneigung eingestehen. Sie hatte ihre Macker auf der Überholspur bedient und sich ihre Psychosen abgeholt, bis sie mit fast fünfzig in mein Kissen biss wie ein undankbares Tier, dem man Respekt einbläuen musste.

Sei es, wie es sei. Ich ziehe es vor, uns alle als Opfer widriger Umstände zu sehen. Der schlanke Junge mit dem prominenten Adamsapfel, der seinen Vater niemals kennenlernen durfte. Der zarte Junge, der in einen Ödipuskomplex hineingeboren wurde, was ihn für alle Zeiten brandmarkte und schuldunfähig machte. Der naive Junge, der nie verstehen wollte, dass seine verehrte Mutter eine Nutte auf dem absteigenden Ast war. Der hilfebedürftige Junge, der in seinem besten Anzug ein Monsterkissen auf das Gesicht seiner Mutter drückte, weil die wirtschaftlichen Verhältnisse so beschaffen waren, dass die Ersparnisse nur einem von ihnen beiden ein angenehmes Auskommen für die Zukunft sicherte. Mutterherzen waren bekannt dafür, dass sie sich gerne aufopferten. Die guten Sitten forderten es geradezu.

Und dann kam das, was ich wirklich als unfair empfand. Eine Hand der Erstickenden fand meinen Arm und versuchte flatternd und krampfend mich an sich zu ziehen. Der Stoff des Ärmels knitterte und ich gab nach. Ihre Finger fanden meinen Hals und verharrten auf meinem Adamsapfel. Ich musste unwillkürlich den Druck auf das Kissen vermindert haben, denn ihr Körper hörte auf sich aufzubäumen. Eine Welle von Rührung übermannte mich und ich musste mir eingestehen, dass mir ihre simple Geste der Zuneigung jede weitere Hilfeleistung zu ihrer Selbsttötung unmöglich gemacht hatte.

Das war mehr als ärgerlich. Ich würde den Anzug reinigen lassen müssen und der eingerissene Fingernagel schrie nach einer zeitintensiven Maniküre. Ich war Geschäftsmann und erstickte nicht aus Spaß in der Gegend herum. Mit Tränen in den Augen riss ich das Kissen von ihrem Gesicht. Sie hatte damit aufgehört hineinzubeißen. Ihre Züge waren nicht wesentlich geschwollener als nach dem Konsum einer Flasche Genever. Sie rang kollernd nach Luft und fixierte mich mit ihren dunklen Augen.

Man mag es sich nicht vorstellen, aber das undankbare Stück wandte sich hustend und japsend von mir ab. Angewidert schleuderte ich das Kissen von mir. In Gedanken ging ich den Terminkalender durch. Wenn sie sich schon nicht für eine faire Gangart entscheiden konnte, sollte sie wenigstens den nächsten Freier bedienen. Resigniert machte ich mich daran, die Wohnung und die Alte wieder auf Hochform zu trimmen. Bei der Arbeit hatte ich eine Idee für ein neues Geschäftsmodell.

Das war es, was mich zum Arschloch machte.

II.

Ich weiß noch genau, wie es damit anfing.

Die Formulierung ist absolut korrekt gewählt, denn eine Idee hatte mich gepackt und rüttelte an den Fensterläden meiner Fantasie. Gerne würde ich behaupten können, dass ich mir die geniale Eingebung erarbeitet hatte und die Neuronen in meinem Hirn schneller feuerten als bei anderen Menschen. Das ist aber nicht der Fall. Ich bin ein ganz normaler Typ. Vielleicht etwas entschlossener, etwas weniger träge und selbstgefälliger als die anderen, aber eben nichts wirklich Besonderes.

Daraus können Sie schließen, dass ich ein Pragmatiker bin. Ich tue das, was notwendig ist und ich tue es gleich. An der Schule hielt man mich für verkniffen, weil ich für die Männlichkeitsrituale pubertierender Heranwachsender keinen Sinn hatte und konsequent mein Ding verfolgte. Mein Ding war die Geschäftswelt. Im Inneren war ich immer ein Geschäftsmann. Ich tat alles, was notwendig war, um mit den bestmöglichen Voraussetzungen meine ersten Erfahrungen als Unternehmer zu sammeln. Dazu gehörte auch, dass ich den Erwerb von Bildung ernst nahm. Selbst die öden Stunden mit einem ehemaligen Militärpfarrer, der in akkurat gebügelten Hemden und Knobelbechern an den Füßen vor uns saß und über eine Ethik referierte, an die er selbst nicht glaubte, presste ich nach Erkenntnissen aus, die ich auf meinem Weg gebrauchen konnte. Bücher verschlang ich in einem Schnellleseverfahren, das es mir ermöglichte, Schlüsselsätze und interessant erscheinende Passagen in mich hineinzufressen und wiederkäuend zu verdauen. Eigentlich konnte ich zu allem etwas sagen und belebte die notenrelevanten Diskussionen der Oberstufe mit lakonisch dahingeworfenen Wissensperlen, wenn sich der Rest der Klasse in dumpfen Deutungsversuchen erschöpft hatte.

Kurz, ich war ein Klugscheißer, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hatte und ein Opportunist aus Überzeugung. Glauben Sie mir, diesen Weg zu gehen erfordert Mut und Selbstbewusstsein und auf beides konnte ich jederzeit zurückgreifen.

Das Lesen war es auch, was die Geschäftsidee in mir zündete. Wie Sie bereits wissen, war es ein mühsames Unterfangen, die Talente meiner Mutter zum Erwerb des Lebensunterhaltes so zu koordinieren, dass die Renditeerwartungen nicht hinter der Anstrengung zurückblieben, die ich zu investieren hatte. Ständig war es notwendig, die Anreize zu erhöhen, um zu tragfähigen Ergebnissen zu kommen und ich kam mir manchmal eher vor wie ein Dompteur, der die niederen Instinkte einer Kreatur nutzte, um einen Wall von Gleichgültigkeit und Verweigerung zu durchbrechen.

Ich wusste, dass ich mir ein weiteres Standbein besorgen musste und schickte meine kreativen Geister auf die Reise durch die Gazetten. Die meisten Kleinanzeigen versprachen viel und hielten wenig. Todsichere Investments lockten mit abenteuerlichen Gewinnen, Franchisekonzepte versprachen goldene Berge und leicht auszuführende Nebentätigkeiten im Verkaufsbereich beweihräucherten sich mit unverschämten Zusicherungen. In all das und noch viel mehr schnupperte ich hinein und konnte förmlich spüren, wie andere clevere Geschäftsleute sich die Hände rieben, während ihre Angelhaken als fett gedruckte Köder auf Zeitungspapier auf großen Fischzug gingen. Ich kenne meinesgleichen und bin kein Beutefisch.

Was mich zum Raubfisch machte, waren Todesanzeigen. Todesanzeigen werden als Quelle zum Broterwerb zu Unrecht unterschätzt. Es gibt Menschen, die mit Lust die vor Pietät triefenden, einfallslosen Texte studieren, die ihre schwarz umrandeten Rechtecke in einer stolzen Schar anderer schwarz umrandeter Rechtecke präsentieren. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie immer aufs Neue von „dem langen, still ertragenen Leiden“ berührt sind oder sich von dem knappen „nach kurzer, schwerer Krankheit“ in die Gefilde der Trauer wegführen lassen. Auch die Aufzählung der kleinen Schar von Hinterbliebenen, die wie auf eine geheime Verabredung hin „in Stille trauern“ und den Verstorbenen „in ihrem Angedenken behalten“ sorgt höchst selten für das Ausmaß der Faszination, die Todesanzeigen verbreiten.

Eher ist es die voyeuristische Neugier, auf einen bekannten Namen zu stoßen oder die klammheimliche Freude, diese auffällig plakatierte Sippschaft um eine weitere Woche überlebt zu haben. Machen wir uns nichts vor. Leichen sind Verlierer. Sie sind die sympathischsten Verlierer, die man sich wünschen kann, denn sie haben nichts dagegen und ihre Lobby verwandelt sich nach dem Leichenschmaus in einen Haufen habgieriger Neider, die sich wie Leichenfledderer um das Erbe bekriegen. All das natürlich im Rahmen der üblichen Umgangsformen, versteht sich.

Genau an dieser Stelle begannen die Anzeigen für mich nach Geld zu riechen. Nach leicht verdientem Geld. Und sie rochen kräftig. Zunächst begann ich damit, die Unfalltode und in jungem Alter Verstorbenen auszusortieren. Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Raubtier die starken, wehrhaften Beutetiere einer Herde aussondert? Die Frage war natürlich rhetorischer Natur. Es liegt mir fern, Ihre Intelligenz zu beleidigen. Was ich brauchte, waren die in hohem Alter Dahingeschiedenen, die eine überschaubare Trauergemeinde in ähnlich hohem Alter und eine Handvoll abgestumpfter Kinder und Enkel hinterließen. Und ich brauchte Männer. Alte, tote Männer. Ein Glück für mich, dass die alten Frauen zähe Vögel waren, die sich unnachgiebig an ihr bisschen Leben krallten und wunderbar desorientierte Witwen abgaben. An brauchbarem Material bestand wahrlich kein Mangel.

Schade nur, dass ich bei der Durchführung meiner kleinen Idee nicht ausreichend mobil war. Wenn es meine Geschäftsinteressen nicht unmittelbar berührte, hielt ich mich streng an die Regeln. Ich glaube an Ordnung und Sicherheit und so wäre ich nie auf die Idee gekommen, ohne Führerschein mit dem Auto zu fahren. Ich war ein Jungunternehmer auf dem Mountainbike und betrieb heimatnahen Leichentourismus.

Glauben Sie nicht, dass ich mich von unausgegorenen Vorstellungen leiten ließ und einfach losschlug. Das Gegenteil ist der Fall. Ich bin ein großer Verfechter guter Vorbereitung. Und so kam es, dass ich im Verlaufe mehrerer Probeläufe meine Stadt auf eine Art und Weise erkundete, wie ich es vorher nie getan hatte. Die von mir sorgfältig ausgewählten Anzeigen führten mich zunächst auf die Friedhöfe. Zu meinem Erstaunen gab es davon mehrere. Friedhöfe schienen sich besonders gerne in Außenbezirken anzusiedeln. Es waren angenehme Orte, sanft zum Auge und gepflastert mit altem Baumbestand, der einen Hauch von Ewigkeit vermittelte. Kiesbestreute Wege zogen geharkte Muster um die streng geometrisch angelegten Gräberfelder. Ich bin mir nicht sicher, ob es den Beruf des Friedhofsarchitekten gibt. Falls ja, möchte ich diesem Berufsstand mein ausdrückliches Lob aussprechen. In das Lob einschließen möchte ich die Friedhofssatzungen, die ein Reglement ins Leben riefen, das die Höhe und Breite von Grabsteinen so festlegte, dass sich ein ambitionierter, schlanker Mann dahinter verbergen konnte, ohne von den um das benachbarte Grab Versammelten wahrgenommen zu werden.

Der immer gleiche Ablauf der Abschiedszeremonie erlaubte es mir, mich ganz auf die Personen zu konzentrieren, die ganz in Schwarz in kleinen Gruppen beisammenstanden und ihrer Trauerpflicht nachkamen. Die meisten trugen eingefrorene Gesichtszüge zur Schau, als ob jede Regung ihr künstliches Gehabe zerstören könne und sie sich damit eines Verstoßes gegen die guten Sitten schuldig machen würden. Selbst Tiere und Kinder hatten Spieltrieb und Bewegungsdrang abgelegt und folgten der Zeremonie mit unbewegten Mienen. Erlaubt und möglicherweise erwünscht waren einzelne Schluchzer, das Stabilisieren kollabierender weiblicher Körper und die eigenartig hölzerne Kondolenzumarmung der Witwe. So sehr ich auch spähte und nach eindeutigen Zeichen Ausschau hielt, viel Erkenntnis konnte man aus diesen öffentlichen Trauerakten nicht ziehen.

Ich hatte mich eigens für das Kauern hinter Grabsteinen in meinen dunklen Konfirmationsanzug gezwängt, der mir nur ein wenig zu eng und zu klein war, ansonsten aber ein respektables Flair vermittelte. Statt einer schwarzen Krawatte griff ich auf eine großohrige Schleife zurück, die mir als Sonderangebot in die Hände gefallen war. Sicher gibt es elegantere Wege als einem Autokorso mit Trauergästen auf dem Fahrrad zu folgen und dabei so angestrengt zu strampeln, dass man bei Passanten Kopfschütteln und Mitleid erntete. Jeder Unternehmer ist einmal durch solche Phasen gegangen und wenige Sekunden der Lächerlichkeit wogen nichts im Vergleich zu der Ernte, die man als Lohn für seinen Einsatz einfahren konnte.

Und tatsächlich spuckten die Bungalows und Etagenwohnungen mehr aus als die Friedhöfe. Sie verbrüderten sich mit rasch angemieteten Sälen in gutbürgerlichen Lokalen, wo man in gelöster Atmosphäre das bedrückende Erlebnis des Begräbnisses abschüttelte. Man verzehrte Kuchen und Schnittchen, erinnerte sich mit Wehmut an die eigene Sterblichkeit und fand mit den ersten Schnäpsen zu einer neuen Leichtigkeit des Seins.

Einige Male mischte ich mich unter die Anwesenden und überwand skeptische Blicke mit gezielt abgefeuerten Sätzen, wie: „Ich habe viel von ihm gelernt“ oder auch „Er war sicher kein einfacher Mensch, aber er hatte ein goldenes Herz“. Nach solchen Äußerungen wagte niemand mehr zu fragen, wer ich eigentlich sei und ein leutseliger Koloss von Mann erkannte eines Tages in mir sogar den Sohn eines Verwandten. Wir führten ein angeregtes Gespräch, bei dem ich Fragen stellte und er die Antworten gab, die mir verrieten, wie die nächste Frage auszusehen hatte. Im Verlaufe weniger Minuten erfand ich mühelos eine ganze Biografie samt Beiwerk und staunte selbst über den Fundus an Vorstellungskraft, der in mir schlummerte.

Am interessantesten war der Zustand der Witwen und ihrer Entourage. Unabhängig davon, ob die Exemplare zu der stämmig forschen Sorte oder der gebrechlich zittrigen Spezies gehörten, war ihnen ein Merkmal eigen. Sie waren von den Ereignissen überwältigt. Einige irrten umher wie ferngesteuerte Satelliten, andere brüteten stumm vor sich hin. Alle hatten leere Augen und wächserne Wangen. Der Schock hatte die Lebenskraft aus ihnen herausgesaugt und sie vorübergehend in Marionetten verwandelt, an denen die engsten Angehörigen zogen und zupften, auf die man einredete wie auf einen störrischen Esel und die mechanisch alles mit sich geschehen ließen, was an sie herangetragen wurde.

Als es mir gelungen war, dieses Verhaltensmuster zu identifizieren, machte ich mich unverzüglich an die Arbeit. Ich vergrub mich hinter meinem Schreibtisch und schrieb Rechnungen. Geld anzumahnen ist zu einer Art Lieblingsbeschäftigung geworden. Im Bereich der käuflichen Liebe erfordert das Forderungsmanagement eine robuste körperliche Verfassung und ist durch keinerlei Raffinesse getrübt. Im Geschäft mit Hinterbliebenen ist Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen vonnöten. Diese Prädikate sind ein natürlicher Bestandteil meines Wesens.

Bereits mein erster Versuch war ein voller Erfolg. Ich hatte meine Rolle genau einstudiert, aber genügend Spielraum für Improvisation gelassen. Den Briefkopf der Rechnungen hatte ich aus dem Internet kopiert. Sie glauben gar nicht, wie viele spezialisierte Versandhandelshäuser im Netz zu finden sind. Die meisten davon vertreiben Pornografie. Seien wir aufrichtig – wer bin ich, dass ich mich einem solchen Trend widersetzen sollte? Abgeschmackte Pornoartikel und alte Männer. Das passte. Auch alte Männer hatten ihre Geheimnisse. Die meisten von ihnen hatten keine Prostata mehr und auch sonst fehlte ihnen so einiges, was ihre besten Jahre lebenswert gemacht hatte. Was blieb, war der Nachhall guter Erinnerungen und die Begierde. Ja, die Begierde blieb. Dessen war ich mir sicher. Für diese Erkenntnis brauchte ich nicht in wissenschaftlichen Journalen der Geriatrie-Forschung nachzuschlagen. Die Grauen waren auch die Geilen. Sie benötigten lediglich ein wenig mehr an Stimulanz und Nachhilfe.

Mit Bedacht hatte ich mir einen kleinen Spezialversender ausgesucht, der unter dem Deckmantel der Ehehygiene und Gesundheitsvorsorge Billigimitate verschreibungspflichtiger Potenzpillen vertrieb. Die angegebene Hotline war nie erreichbar und auch auf E-Mails erfolgte nie eine Antwort. Der wie eine Ärzteseite aufgemachte Versand war ein seriös anmutendes schwarzes Loch. Er war mein schwarzes Loch. Sie mögen an dieser Stelle denken, dass ich mich wie ein elender Schmarotzer aufführte – und Sie haben recht. Die Natur wimmelt von Schmarotzern. Wo man hinsieht wird auf Kosten anderer gelebt. Bandwürmer und Kuckuckskinder, Schlingpflanzen und Parasiten. Und wissen Sie was: Die Schmarotzer sind erfolgreich. Basta!

Erfolgreich war auch ich. Die gute Vorbereitung hatte sich ausgezahlt. Ich hatte die richtigen Gesten einstudiert. Mit einem entschuldigenden Lächeln präsentierte ich mich an den Haustüren und verlangte mit dem Verstorbenen zu sprechen. Die Verwirrung über die Trauermienen spiegelte sich auf meinem Gesicht. Ich errötete auf Kommando, stammelte im Angesicht der Peinlichkeit, die ich den Angehörigen bereitete und erweckte den Eindruck, dass ich den Rückzug antreten wollte.

Man nahm mir widerspruchslos den Auszubildenden ab, der an Nachmittagen auf Inkassotour geschickt wurde, wenn Kunden hartnäckig keine Zahlung leisteten. Die Witwen mit ihren ledrigen Walnussgesichtern verstanden meist nicht, um was es ging, wenn ich mich in meiner Verlegenheit wand und ihnen zu erläutern versuchte, dass die bestellten Mittel im Werte von wenig über achtzig Euro, dem Besteller zu einem erfüllteren Sexualleben verhelfen sollten. Ich erfand zugunsten des Verstorbenen blumige Umschreibungen, bis Verwandte gerufen wurden, die stirnrunzelnd die widerstrebend überreichte Rechnung prüften und die Augen nach oben verdrehten, mit den Köpfen wackelten und seufzten, als hätten sie eine solche Blamage schon seit langer Zeit kommen sehen.

„Aber er war doch seit langer Zeit herzkrank“, sagten sie. „Von Computern hatte er keine Ahnung“. „Dabei lebte er sehr zurückgezogen seit seinem Schlaganfall“. Die ganz Beherzten machten ihrer Seelenverfassung mit drastischeren Worten Luft. „Der geile alte Bock hätte sich ruhig mehr um seine Kinder kümmern können, als sein Geld mit irgendeiner Schlampe zu verjubeln, für die er teure Pillen schlucken musste, nur um einen hochzukriegen“, sagte eine liebende Tochter mittleren Alters, die ein Zuviel an schimmerndem Make-up mit ausdruckslosen Schlangenaugen wettmachte.

Auf alles hatte ich eine Antwort. Ich sympathisierte, beschwichtigte und intrigierte nach Herzenslust. Ich gab mich bald zerknirscht, bald kämpferisch und bei Bedarf achselzuckend und ratlos. Ich zerstreute Bedenken, indem ich zur klärenden Kontaktaufnahme mit meinem Unternehmen ermunterte und blieb stumm, wenn man sich fragte, wo wohl die Tabletten abgeblieben sein mochten. Zu Drohungen mit rechtlichen Schritten mochte sich niemand hinreißen lassen. Es herrschte zu viel Chaos und Entwurzelung. Außerdem gab es mit der Verteilung der Erbschaft wichtigere Dinge zu erledigen.

Ich war eine lästige kleine Schmeißfliege, vermeintlich geschickt von einem Pulk anderer lästiger Schmeißfliegen, die mit dem Triebleben braver Bürger ihr Geld machten. Ich war ein verächtlicher Geldeintreiber und dabei so erbarmungswürdig ungeschickt und kriecherisch, dass man den Schleim, den ich absonderte, buchstäblich vom Hauseingang wegwischen musste. Niemand wollte wirklich, dass eine solche Kreatur mit nervös hüpfendem Adamsapfel, pickligem Kinn und fettigen Blondhaaren wieder vor ihrer Tür erschien und sie belästigte. Was sollten die Nachbarn denken? Welch ein Ansehensverlust drohte der Familie und dem Angedenken des Toten. Möge er in Frieden ruhen.

Und dann winkten sie mich mit falscher Vertraulichkeit heran, reckten die Hälse in alle Richtungen und zahlten. Ich hatte für Wechselgeld und Quittungen gesorgt. Das hätte ich mir sparen können. „Junger Mann“, sagten sie zu mir im Flüsterton und reichten die Scheine herüber. Sie falteten die Rechnung und steckten sie hastig weg, als sei sie ein unberechenbares bösartiges Tier. Sie wehrten meine umständliche Suche nach dem korrekten Betrag an Wechselgeld ab und flüsterten: „Für Ihre Mühe, junger Mann“. Ich weiß, was sich gehört und antwortete im gleichen Verschwörerton, dass nun alles erledigt sei. Weil es keine Mühe machte und ich ein wenig Zuversicht verbreiten wollte, verbürgte ich mich in ernstem Ton persönlich dafür, dass die Familie nicht mehr behelligt werde.

Mein Abgang gestaltete sich fast immer wortreich mit gegenseitigen Versicherungen, dass man über die Art des Zusammentreffens äußerst unglücklich sei, aber natürlich niemand eine Schuld trage. Ich übernahm den Part des unaufrichtigen Wünschens aufrichtiger Anteilnahme und verbeugte mich ein letztes Mal vor abwehrend ausgestreckten Händen, die mich nicht schnell genug vom Grundstück winken konnten.

So einfach war die wunderbare Geldvermehrung und schon bald träumte ich von einer Ausweitung meiner Aktivitäten, von der Perfektionierung meines Systems, von einer schlagkräftigen Truppe Trickbetrüger, die als Drückerkolonnen in Sachen Leichenfledderei über die Lande zogen und Gelder generierten, von denen ich als Ideengeber am meisten profitierte. Ich dachte an eine Art Franchise im Trauerabzockebereich, an ein gut geöltes Pyramidensystem mit Direktoren, Bereichsleitern und Gruppenleitern, die Anfänger akquirierten und schulten. Ich war im Himmel und dachte keinen Augenblick daran, dass ich ein Arschloch sein könnte.

Natürlich werden Sie sagen, dass ich hätte wissen müssen, dass mein dreizehnter Besuch zur besonderen Vorsicht mahnte. Ich bitte Sie – es ist doch alberner Schnickschnack, dass die Zahl Dreizehn Unglück bringt. Das ist blanker Aberglaube und außerdem war der Besuchstag noch nicht einmal ein Freitag. Es ist doch so, dass die Quersumme der Dreizehn unbestreitbar die Vier ist und die Vier nach der Zahlenmagie der Runenkunde für verlässliche, loyale und hart arbeitende Menschen mit Organisationstalent steht, die stets fair bleiben, aber oft einen hohen Preis für ihren Erfolg zahlen. Die Vier steht für Menschen wie mich.

Dennoch war irgendetwas schiefgelaufen. So sehr ich im Nachhinein meinen Kopf zermartere – ich kann kein Anzeichen entdecken, das mir an jenem Sommermorgen als schlechtes Omen hätte erscheinen müssen. Es war ein drückend heißer Tag, ein Ferientag, ein Tag für den erfolgreichen Geschäftsmann. Ich hatte mir die Familie eines verstorbenen Greises ausgesucht, die in der besten Wohngegend residierte. Es roch nach Geld und gutem Ansehen. Ich überprüfte meine Utensilien. Die Rechnung steckte in einer abgewetzten Ledermappe, die bestens zu meinem schlecht sitzenden Anzug passte. Meine Mutter fragte aus dem Hintergrund mit schwerem Zungenschlag, wann ich wieder zurück sein würde. Sie vermisse ihren Jungen jetzt schon. Sie war unerträglich sentimental, wenn sie trank. Bald würde ich mir eine eigene Wohnung leisten können. Ich verließ das Zimmer, ohne zu antworten.

Das Zielgebiet war für Mountainbikes und schwere Geländewagen gebaut worden. Überall dehnten Rampen ihre rissigen Bäuche aus der Straßendecke und einbetonierte Pflanzenkübel zwangen zu einer endlosen Zickzackfahrt. Der Saum des nahen Waldes schwitzte heißen Dunst aus. Eine bleierne Schwüle lag über der Siedlung.

Eine Reihe schwerer Limousinen stand in der Auffahrt des Hauses, das ich zu besuchen hatte. Sie wirkten, als hielten sie die Luft an. Eigentlich konnte man das Haus als Villa bezeichnen. Gediegener Wohlstand verbreitete sich von dem schmiedeeisernen Tor über die mit Blumenrabatten eingefassten Rasenflächen bis zu den kecken Türmen, die einen gotischen Torbogen flankierten. Hier würde ich keine Probleme haben.

Als die scharfgesichtige Alte die Tür öffnete und mit lackierten Krallen nach meiner Aktentasche griff, wusste ich sofort: Hier würde ich Probleme haben. „Haben Sie es dabei? Ich hoffe, Sie haben es dabei“, keifte sie in einem unangenehmen Falsett, das alleine für sich als Mordwerkzeug ausgereicht hätte.

„Ich, ich, ich …“ Das Stottern war dieses Mal keine Masche.

„Da hat die Versicherung aber einen richtigen Jungspund geschickt. Einen Milchbubi. Erledigen wir zuerst das Geschäftliche und dann können wir zusehen, was wir sonst noch miteinander anfangen können. Der Tag ist noch jung“. Die alte Vettel hatte ein anzügliches Grinsen aufgelegt, das ihre leberfleckige Haut in ein wellenförmiges Netz tiefer Falten warf. Sie bleckte die Zähne, die mich aus Lippenstiftflecken anstarrten. Eine beringte Hand tätschelte eine bläulich gefärbte Dauerwelle, die wie Zuckerwatte auf dem schmalen Schädel thronte. Die Stimmlage hatte sich zu einem heiseren Gurren abgesenkt.

Ich entschloss mich zur Flucht und trottete unschlüssig rückwärts. Eine der Limousinen spuckte einen ungnädigen Bodyguard-Typen aus, der mich schweigend erwartete. Zu ihm gesellte sich sein Klon, der mir den Fluchtweg durch die Sträucher abschnitt. Resigniert blieb ich stehen. Die Alte kicherte amüsiert.

Mein Schweigen nützte mir wenig. Sie durchsuchten mich und fanden die Rechnung. Sie waren von der Sorte Menschen, die eins und eins zusammenzählen konnten. Ich machte einen auf harten Typen. Sie konnten mir nichts tun, solange die Trauergäste anwesend waren und mich anstarrten, als sei ich ein Alien. Ich versuchte geschockt und beleidigt auszusehen. Das fiel mir nicht schwer, denn ich war geschockt und beleidigt. Sie hatten mir nicht die mindeste Chance gegeben. Sie hatten nur einfach nicht mitgespielt. Wer konnte so etwas ahnen? Für einen solchen Fall hatte ich keinen Pfeil im Köcher.

Ich stand betreten in der riesigen Vorhalle, auf deren poliertem Mosaikboden Lichtflecke über verschütteten Kaffee und Überreste gekochter Eier huschten. Meine sorgfältig erstellte Rechnung ging von Hand zu Hand. Die anwesenden Damen erschienen mir etwas zu schrill und ihre männlichen Begleitungen zu stiernackig. Ihr Gelächter dröhnte in meinen Ohren. Ich fühlte, wie ich errötete. Schweiß lief mir über das Gesicht und in den Nacken, obwohl ein Monster von Klimaanlage die Luft in Eisschwaden verwandelte.

Nachdem sich alle prächtig amüsiert hatten, fasste mich einer der Muskelklone am Kragen und drehte ihn mit einem Ruck herum. Ich schnappte nach Luft und hing wie ein nasser Lappen in meinem Anzug wie in einer Zwangsjacke. Die Alte nickte. Das Martyrium war vorbei. Sie würden mich vor das Grundstück schleifen und wie einen Beutel Müll auf die Straße werfen. Das konnte ich aushalten. Ich machte mir keine Sorgen mehr.

Dann tastete eine Hand zwischen meine Beine und suchte nach dem idealen Griff. Es war nicht vorbei. Ich musste mir Sorgen machen. Dazu kam ich nicht mehr. Dafür sorgte der Klon, der auf das Hodenquetschen spezialisiert war. Ich nehme an, er machte seine Sache gut. Das Letzte, was ich bewusst wahrnahm, war ein blasses, blondes Mädchen in einem luftigen Tüllkleid in Hellblau mit roten Tupfen, das seine zerschrammten Knie vor mir zum Stehen brachte und einen Lutscher vor meinem Gesicht schwenkte. Es roch intensiv nach Kirsche.

Danach roch alles nach Tränen, Rotz und Kotze. Ich nehme an, dass ich schrie und zwischenzeitlich das Bewusstsein verlor. Ich glaube, dass ich rief, ich sei die Vier und alle würden mich noch kennenlernen, bevor ich wieder unkontrolliert jaulte und das dritte oder vierte Mal an diesem verheißungsvollen Sommertag starb. Sie können sich nicht vorstellen, welche Verbindungen die Hoden zu jedem anderen Teil des Körpers unterhalten. Sie sind nicht lediglich unschuldige Keimdrüsen, die genug mit ihrem lächerlichen Aussehen und der täglichen Produktion von hundert Millionen Spermien zu tun haben. Sie sind Schmerzterroristen, die sich in ihrem vorwitzigen Geltungsdrang aus der schützenden Bauchhöhle hervorgestohlen haben und ihren runzeligen Sack voller Samenkanäle und Bindegewebe in quetschende Hände schmiegen.

Gesichter und Wände rotierten um mich herum. Alles hatte sich in Bewegung gesetzt. Ich stand in Flammen. Die Luft wurde knapp. Eine sämige Flüssigkeit verklebte meinen Mund. Satzfetzen bohrten sich in meine Ohren. Ich verstand nicht. Ich war zu beschäftigt. Folter ist Vollbeschäftigung. Dann spielte ich nicht mehr mit.

Sie mussten mir eine gute Anzahl Schläge mit der flachen Hand verabreicht haben, denn mein Gesicht war geschwollen wie nach dem Angriff eines Bienenschwarms. Den Schmerz fühlte ich kaum, denn er ging in der allgemeinen Übelkeit unter, die mich zwang, nicht mehr zu bewegen als die Augen. Diese starrten wie hypnotisiert auf einen schwerfälligen Veteranen, der vor mir kauerte und seine Zigarre in meine Richtung stieß.

„Du bist also das kleine Arschloch, das meine Schwester abzocken will.“ Er zog an der Zigarre und richtete den glühenden Stumpen wieder auf mich. „Sie ist in tiefer Trauer. Ihr Mann war ein geachteter Unternehmer und unser aller guter Freund. Sie hat ihn geliebt.“ Ich rollte mit den Augen. Die Meute nickte und die Alte sah so frisch und zufrieden aus, als habe sie eine Runde auf meinem Grab getanzt. „Wir werden die Sache jetzt für dich lösen“, knurrte der Zigarrenmann und wuchtete sich in die Höhe. Seine Gelenke knackten. Die Meute nickte erneut und lächelte in stiller Vorfreude. Ich rollte mit den Augen und würgte.

Klon Nummer drei dräute über mir wie ein Fass mit Sonnenbrille. Er riss seinen Arm nach oben und ließ ihn über meinem gekrümmten Körper schweben wie einen Falken auf der Suche nach Beute. Ein riesiges Messer zielte mit einer glänzend silbrigen Spitze auf meinen Brustkorb. Der Falke setzte zum Sturzflug an.

Ich hörte auf mit den Augen zu rollen und fiel in Ohnmacht.

III.

Anfangs war ich sicher, dass ich dem Tod mit großem „T“ von der Schippe gesprungen war. Dann setzte man mir vorsichtig auseinander, dass mir der Tod seine Schippe gar nicht gezeigt hatte. Er hatte geblufft und der Bluff war gut. Schlecht nur, dass niemand außer mir an den Bluff glaubte. Deshalb hatten sie mir Handschellen angelegt, die sie am Bettgestell befestigten.

Da lag ich nun in einem halb gekippten Zustand, nackt unter meinem kratzigen Krankenhausflügelhemd und in Begleitung einer wie vollgeschissen wirkenden Windel um meine Hüften, die außer meinen gemarterten Testikeln jede Menge Kühlgel enthielt. „Man hätte auch Eiswürfel nehmen können, wenn das nicht so eine Sauerei machen würde“, sagte der Engel der Güte in Schwesterntracht, der mir schalen Tee aus einer Schnabeltasse verabreichte und alles das von meinem mageren Körper abwusch, was ich unfreiwillig von mir gegeben hatte. Ich konnte riechen wie ich stank, aber ich hatte kein Gramm Scham mehr übrig, um es hier einzusetzen und so senkte ich den Kopf und bettelte nach Schmerzmitteln.

Wenn ich wieder in einer besseren Verfassung bin, müssen Sie mir erklären, warum Krankenhäuser glauben, dass kranke Menschen lauwarmen Tee benötigen. Es kann keinesfalls das hoch qualifizierte und effiziente Personal der Klinik sein, das befürwortet, dass jeder Patient ohne Unterschied mit dem Sud bitterer Blätter und Kräuter traktiert wird, bis er den Verstand verliert. Nein, das Personal kocht, operiert, verwaltet und diagnostiziert. Es sind intelligente, aktive Menschen mit einem Auftrag und einem sozialen Gewissen. Ich denke, es ist das Gebäude selbst, das seinen unheimlichen Einfluss ausübt und den klaren Verstand mit Strahlen oder sonst was überlagert, sodass es zu massenhaften Schnabeltassenexzessen kommt. Momentan war ich nicht in der Lage mich zur Wehr zu setzen, aber bald würde ich zu einem Schnabeltassenverweigerer allererster Güte werden.

Es waren solche Gedanken, die ich wie einen zähen Brei in meinem Kopf wälzte und alleine daran mögen Sie erkennen, wie es um mich bestellt war. Mein Zustand verbesserte sich auch nicht durch den Besuch eines Polizisten mit krausen Haaren und besorgter Miene, der mir mit gelangweiltem Gesicht vorhielt, was ich begangen haben sollte. Angeblich war ich in das umfriedete Grundstück eines verstorbenen Finanzinvestors eingedrungen und hatte die Trauergesellschaft mit einem Messer bedroht, als die Witwe des Toten bemerkte, dass ich sie in betrügerischer Absicht um mehr als achtzig Euro erleichtern wollte. Erst das beherzte Eingreifen eines Leibwächters habe die Bedrohung für Leib und Leben der Anwesenden beendet.

Ich wollte lachen, weinte aber stattdessen, weil jede Muskelanspannung einen unerträglich ziehenden Schmerz durch meine Nervenbahnen jagte und der Tee durch den Katheter in meiner Blase als blutig aufbereiteter Urincocktail in einen Beutel tropfte. Der Polizist schien meine Vorstellung für ein Schuldeingeständnis zu halten und nickte bedeutungsschwer. Er ersparte mir die Durchsicht des kleinen Bündels Zeugenaussagen, die nach seinem Dafürhalten unwiderleglich waren, weil sie bis auf das letzte Komma übereinstimmten. Ich hatte so meine Ideen, wie es zu dieser Zusammenrottung identischer Falschaussagen gekommen war, aber ich brachte nicht viel mehr hervor als ein schwerfälliges Lallen, weil mir jemand in den letzten Stunden die Zunge durchgebissen hatte. Die Krankenschwester, die mir eine Kanüle in den gefesselten Arm gesteckt hatte, um meinen Körper mit anderen Dingen als Tee zu versorgen, meinte, das Durchbeißen der Zunge habe ich selbst besorgt. Jetzt hatte ich dreimal so viel Zunge im Mund als je zuvor und fühlte mich nicht gut dabei.

Meine liebe Mutter erschien am nächsten Tag an meinem Bett. Sie triefte vor illegalen Substanzen und schlechten Nachrichten. Mit theatralischer Geste hielt sie eine Zeitung vor mein Gesicht. Ich hatte es immerhin auf die dritte Seite geschafft. „Jugendlicher Trickbetrüger wird von Witwe des Bordellkönigs in die Zange genommen“. Die fette Schlagzeile machte Sinn und erklärte die rauen Umgangsformen. In Gedanken notierte ich mir, die Schadensersatz- und Schmerzensgeldklage gegen die Witwe fallen zu lassen. Die mageren Spalten käuten die Geschichte aus Sicht dieser Lügner wieder und verwiesen darauf, dass die Umstände des Todes des Pornomagnaten noch ungeklärt waren. Wie man hörte, war er an gewaltigen Kopfschmerzen gestorben. Hinter jedem der drei Einschusslöcher in seinem Schädel steckte eine Kugel kleinen Kalibers. Da konnte einem der Kopfschmerz schon mal ein Schnippchen schlagen. Der Ansicht war auch die Versicherung. Sie weigerte sich zu zahlen und die hinterbliebene Frau des Bordellkönigs fühlte sich zweifach beraubt. Und dann war ich aufgetaucht, nur weil die Todesanzeige vom „plötzlichen und unerwarteten Tod unseres geliebten Mannes, Großvaters und Onkels“ geschwafelt hatte. Was für ein ausgesprochenes Pech.

Die Schule hatte sich offensichtlich beeilt, ein Ordnungskomitee zusammenzurufen, das meinen sofortigen Schulausschluss empfahl. Soviel zu der heiligen Unschuldsvermutung, die alle rechtsprechenden und vollziehenden Kräfte in diesem Land band. Ich hatte nicht schlecht Lust auf diese heuchlerische Vereinigung angepasster Erzieher zu scheißen oder zumindest zu spucken, aber beides war aus körpertechnischen Gründen derzeit unmöglich. Ich würde es später nachholen, wenn ich rehabilitiert war.

Apropos Rehabilitierung. Meine Mutter fuhr sich nervös durch die Haare. Zur Feier des Tages waren sie schmutzig blond getönt und mit einem Seidenschal gebändigt. Die Polizei hatte sie befragt und sie hatte bereitwillig Auskunft gegeben. Schließlich wollte sie ihrem Jungen nicht schaden und alles sagen, was ihm nutzte. Sie glaubte fest an meine Unschuld. So ganz konnte sie sich nicht mehr an die Fragen erinnern. Es waren so viele. Und manche richtig hinterhältig, wie die nach übermäßigem Alkoholkonsum, nach Vorstrafen und dem ausgeübten Beruf. Ja, und das Messer habe man ihr gezeigt, sagte sie und fuhr sich mit der Zunge über die rosa geschminkten Lippen. Ich fixierte sie mit meinem besten Blick. Sie fingerte an ihrem Perlenhandtäschchen herum, das ich einmal auf einem Flohmarkt für sie gekauft hatte. Sie habe nicht gewusst, was sie sagen sollte. Es war ein ganz normales Messer. Eines, das jeder zuhause hat. Und dann sei ihr glücklicherweise Bert zu Hilfe gekommen.

Geht es Ihnen auch so, dass Sie mit bestimmten Wendungen im Leben überhaupt nicht kalkulieren, aber doch unterbewusst Vorsorge für den Fall der Fälle getroffen haben? Ein interessantes Phänomen. So erging es mir mit Bert. Am Vortag hatte der Polizeibeamte nach einem prüfenden Blick auf meine überdimensionierte Windel gefragt, ob ich mich soweit beruhigt hätte, dass man mir die Handschellen abnehmen könne. Ich hatte trotzig den Kopf geschüttelt, weil ich gerne weiterhin ein gedemütigter, ausgemergelter, gefolterter Windelmann sein wollte. Alles was recht ist, ich besitze die Gene eines Kampfschweins und in etwa dessen Intelligenz, wenn man bedenkt, dass ich eine Nacht zwischen Wunder, Wahn und Wirklichkeit angekettet an ein Metallbett verbrachte. Am Tag des Besuchs meiner Mutter sah ich das anders, denn beim Erscheinen von Bert verlor ich jede Selbstbeherrschung.

An guten Tagen hätte ich meine Mutter mit einem sarkastischen Lächeln bedacht und sie gefragt, ob der Vorname von Bert vielleicht „Camem“ sei. Und dann hätte ich ihr den Umgang mit ihm verboten.

An den Tagen, an denen ich an zerdrückten Hoden laborierte war ich weniger charmant. Meine Mutter hatte mir stockend, aber wortreich beschrieben, wie Bert für den ermittelnden Beamten das Messer identifizierte. Sie las es von einem Zettel ab, den sie geschrieben hatte. Es war ein Jagdmesser aus bestem Damaszener Stahl, eine Kostbarkeit der Messerschmiedekunst und genau das, was Leute wie wir auf dem Sprung von der Unterschicht zur Mittelschicht benötigten. Bert hatte es eindeutig wiedererkannt. Bert sagte: „Kein Zweifel, es gehört dem Jungen. Es ist sein ganzer Stolz“.

Bert war der ganze Stolz meiner Mutter. Ich hatte noch immer damit zu tun, die Lawine schlechter Nachrichten zu verdauen, als sie ihn hereinholte. Bert hatte Blumen dabei. Wahrscheinlich hatte er sie an einer Tankstelle gestohlen. Ich begann mit dem Augenrollen, das ich mittlerweile perfektioniert hatte und stieß unartikulierte Laute aus, die mir einen blutigen Schaum vor die Lippen pressten. Mit dem gefesselten Arm rüttelte ich an den Metallverstrebungen des Bettes und erzeugte alles in allem eine glaubwürdige Geräuschkulisse, die meine Pantomime der Empörung flankierte.

Meine Mutter schlug die Hände vor das Gesicht und rief: „Sieh nur, wie er sich freut.“ Ich rüttelte noch etwas mehr und glotzte auf den durchweichten Krepp der Blumenverpackung, die es sich auf meiner Brust bequem gemacht hatte. Bert war halb durch den Blütenstand minderwertiger Astern verdeckt. Er sagte: „Hallo, ich bin Bert.“ Anscheinend war er ein Anhänger der schlichten Ansprachen. Wesentlich facettenreicher war sein Outfit. Mit einiger Anstrengung konnte ich schwarze, gegelte Haare, ein halbes Pfund Goldschmuck und bunt gefärbtes Nappaleder erkennen. Wulstige, halb geöffnete Lippen hingen in der Luft und die aufdringliche Moschusnote des Aftershave fiel über mich her wie ein Würgeengel.

„Wir haben uns im Fitnessstudio kennengelernt, deine Mutter und ich. Wir kennen uns schon länger und haben entschieden, dass wir gut zusammenpassen.“ Gefaltete, manikürte Hände erschienen über dem Grünzeug des Blumenstraußes, der noch immer meine Sicht belästigte. „Tut mir leid, Junge – aber ich musste der Polizei die Wahrheit sagen. Sie hätten das mit dem Messer ohnehin rausgekriegt. Selbst deine Mutter hat zum Schluss das Messer klar identifiziert“. Die Stimme von Bert war genauso ölig wie seine pomadisierten Haare. Er hätte Prediger werden sollen. „Ich bin Boxtrainer“, sagte die Stimme stattdessen und wechselte von sakral zu entschlossen. „Dir fehlen offensichtlich der Vater und ein bisschen Disziplin. Keine Sorge, das kriegen wir schon hin, wenn du mal wieder zuhause bist. In der Zwischenzeit kümmere ich mich um deine Mutter. Mach dir keine Sorgen.“

„Mach dir keine Sorgen“, flötete meine Mutter und sandte mir Kusshändchen, denen ich nur mit Mühe ausweichen konnte. Spitznasige Cowboystiefel mit Karomustern und grell rosa Pumps entfernten sich aus dem Zimmer. Sie schlurften und stöckelten im gleichen Takt. Sie hatten sich gegen mich verschworen. Der Auftritt von Bert und der Geliebten von Bert war eine Kampfansage. Ich machte mir eine mentale Notiz, dass zu Gwendolin, des Bordellkönigs Witwe, ein neuer Adept für eine offene Rechnung hinzugekommen war.

Bert, der Boxer, hatte sich offensichtlich entschlossen, die Gunst der Stunde zu nutzen und meine vorübergehende Notlage durch dreiste Falschaussagen soweit zu verschärfen, bis er mich los war. „Selbst deine Mutter hat zum Schluss das Messer klar identifiziert“, hatte er gesagt. Ich schloss die Augen und versuchte zu ignorieren, was mir alles wehtat. Vielleicht hatte ich meine Eier, aber ganz bestimmt nicht meinen Kopf verloren. Meine Mutter hätte ohne das Zureden von Bert ein Damaszener Jagdmesser nicht meinem Besitz zugeordnet, selbst wenn es sie angesprungen und zum Tango aufgefordert hätte. Sie war eine suchtkranke, entwurzelte Frau. Mit ihr würde ich später abrechnen. Ich schnappte nach den Astern und begann die Blütenblätter mit den Lippen abzureißen.

Der Rest ist schnell erzählt. Meine Windelphase dauerte drei Wochen und einen weiteren Monat später war alles wieder in einem gebrauchsfähigen Zustand. Ich erhielt keine weiteren Besuche und keine Blumen mehr und ein Gericht, das weder zuhörte, noch an der Wahrheit interessiert war, verurteilte mich zu acht Monaten Jugendstrafe auf Bewährung. Ich verpflichtete mich an einer Antiaggressionstherapie teilzunehmen und leistete freiwillige Sozialstunden in einer Suppenküche für Bedürftige. Die Schule begründete meinen Rausschmiss mit gestelzten Worten und erteilte eine Rechtsmittelbelehrung, dass ich gegen diesen Verwaltungsakt im Wege des Widerspruchs vorgehen könne. Ich verzichtete und machte mir stattdessen eine mentale Notiz, damit ich die Rädelsführer dieser Kampagne nicht vergaß.

Der knorrige Alte hatte mich auf der Totenfeier ein „kleines Arschloch“ genannt und er hatte recht. Ich hatte klein und eng gedacht. Jetzt war ich von vielen Konventionen befreit und konnte das Leben eines Privatiers führen, das Leben eines großen Arschlochs.

Meine Bauchdecke und Teile der Oberschenkel hatten interessante Färbungen angenommen und waren druckempfindlich. Die neu gewonnene Sensibilität verlieh meinem bis dahin unauffälligen Gang etwas elegant Gleitendes. Ich trat mit den Zehenspitzen auf und rollte den Fuß über die äußeren Ballen ab, bis mich der Schmerz beim Aufsetzen der Ferse empfing. Ich war ein neuer Mensch. Mein Mountainbike war konfisziert, da es zur Ausübung einer Straftat benutzt worden war. Ausnahmsweise war ich über diese Fügung des Schicksals dankbar, denn der schmale Sportsattel hätte mir mit seinem delikaten Druck auf die Weichteile die Flausen ausgetrieben. So bewältigte ich die notwendigen Gänge meist zu Fuß.

Ich musste mit meinen Ressourcen haushalten, denn Bert hatte seine Boxerhände auf den Titten meiner Mutter und auf dem Budget. Bei aller Ausgabendisziplin, die er mit den einfachen Worten kommentierte: „Es gibt nichts, Schwanzlutscher“, brachte er es schließlich nicht übers Herz, sich selbst unangemessen zu benachteiligen. Bald parkte ein nachtschwarzer Geländewagen mit bulligen Aufbauten und bösen Scheinwerferaugen vor unserem Appartementhaus. Meine Mutter ackerte und soff im Akkord und am Ende des Tages war ich mir nicht sicher, ob der Wagen nicht alleine vom Flaschenpfand der beiden finanziert war. Vor mit tanzte der begnadete Boxtrainer herum wie eine grenzdebile Ballettschwuchtel und schwang die Fäuste in Andeutungen von rechten Haken und linken Geraden, die ihn aus der Balance und außer Atem brachten. Er war ein Triumphator auf Zeit und es war nur seinem schwach ausgeprägten Intellekt zu verdanken, dass ihm an Repressalien nicht viel mehr einfiel, als mir mit dem Rauswurf aus der Wohnung oder einer ordentlichen Tracht Prügel zu drohen.

Meine liebe Mutter nickte eilfertig zu seinem Schwadronieren und war augenscheinlich froh, wieder einen festen Freund zu haben, der ihr den rechten Weg zeigte. Immerhin schleppte sie sich ins Fitnessstudio und absolvierte ihre Leibesübungen. Mit ihren hypochondrischen Anwandlungen hatte sie ganz aufgehört. Bert konnte das weibische Gejammer nicht ausstehen. Also ließ sie es. Ganz einfach so. Man konnte fast neidisch werden. Der Mann hatte Einfluss auf sie, auch wenn er nur eine Karikatur war, die in einer gerechteren Welt den Müll anderer Leute sortiert hätte. Nur das Saufen wollte sie nicht lassen und wenn er nicht gerade boxte oder mit seinen unangenehmen Kumpels abhing, soffen sie beide.

Bis auf gewisse Schwierigkeiten beim Urinieren gesundete ich und der Herbst überfiel das Land mit heftigen Stürmen und Regengüssen. Die Bilanz des letzten halben Jahres sah düster aus. Meine Barmittel waren weitgehend erschöpft, ich war in bildungsferne Gefilde geworfen worden und in unternehmerischer Hinsicht herrschte Flaute. Nicht zu sprechen von den Schäden an meinem Körper und Gemüt, die die Serie von Fehlschlägen und Demütigungen hinterlassen hatte.

Von all dem heilte mich Susi. Susi war ein Wesen wie von einem anderen Stern. Bitte halten Sie mich nicht für naiv. Ich bin nicht leicht zu beeindrucken und meine romantische Phase hatte ich im Alter von acht abgeschlossen, als ich bemerkte, wie die von mir angehimmelte Zopfträgerin heimlich meine Matchboxautos stahl, während ich einen Blick auf ihren Schlüpfer werfen durfte. Ich war auch nicht schüchtern und griff nach der ersten mütterlichen Inkarnation, die sich meinem nach heiler Welt lechzenden Herzen bot.

Susi machte den besten Krautsalat, den ich je gekostet hatte. Sie behauptete, es liege am Essig und der zusätzlichen Portion Kümmel, die sie in das Gemisch gab. Ich denke, es lag an den stämmigen roten Armen und dem herzförmigen Gesicht, das beim Mischen einen ehrfürchtig konzentrierten Ausdruck annahm. Susi war eine kugelrunde, naturblonde Wucht, wenn Sie diesen abgedroschenen Ausdruck verzeihen, und die gute Seele der Suppenküche. Eine Menge abgerissener Gestalten fand sich zu den kostenlosen Mahlzeiten ein und unser bunt gemischtes Team aus Freiwilligen, Ein-Euro-Jobbern und Mitarbeitern sozialer Einrichtungen hatte alle Hände voll zu tun, die Mäuler zu stopfen. Susi hatte für alle ein gutes Wort und bemerkte es nie, wenn ich mich aus der Lebensmittelkasse bediente, um meine Hilfementalität materiell zu stützen. Ich verehrte sie dafür.

Sie war eine einfache, aber lebenskluge Frau. Als Leiterin der Einrichtung hatte sie von meinen kleinen Gesetzesübertretungen Kenntnis erhalten und ohne Vorurteile reagiert. Nach einem besonders gelungenen Bohneneintopf nahm sie mich beiseite und fragte geradeheraus, wie ich in einen solchen Schlamassel habe geraten können. Ich antwortete gewohnt einsilbig und defensiv und war umso überraschter, als sie bei der Erwähnung der Zahl Vier in helle Aufregung verfiel. Sie hielt mir keine Predigt von Tugend und Verzicht und trug nicht das Hohelied der Disziplin wie eine professionelle Dompteuse vor sich her. Nein, sie regte sich über die von mir berechnete Quersumme auf. „Das war der Fehler“, rief sie mit einem Leuchten im Gesicht und klatschte mir ihre Hand auf meinen Oberschenkel, der ängstlich zur Seite zuckte und froh war, dass das Klatschen weit genug von der Körpermitte entfernt stattfand. Wie sich herausstellte, war Susi Amateurnumerologin, die sich in kabbalistischen Zahlendeutungen ebenso gut auskannte wie in der Runenkunde und anderen esoterischen Berechnungstechniken. Sie gab mir den Glauben zurück. Sie war hinreißend, als sie mir mit Pathos in der Stimme erklärte, dass die Quersumme des Tagesdatums etwas für blutige Amateure sei und man vielmehr bestimmte entscheidende Schlüsselwörter und persönliche Schicksalsdaten, wie das Geburtsdatum, zahlenmagisch umsetzen müsse. Ihrer geschätzten Meinung nach war ich am Tag meiner Demütigung aus purer Unwissenheit und falsch berechneter Selbstsicherheit in ein kosmologisch bedingtes Störfeld hineingeschliddert, das ich bei genauer Berechnung hätte vermeiden können. Und damit war die Sache für sie erledigt. Ich liebte sie dafür.

Kein Wunder, dass ich mich ihrer annahm, als sie Kummer hatte. Zufällig belauschte ich an einem lausig kalten Tag ihre Unterhaltung mit einem ausgezehrten Geschöpf, das in der Küche für die Ausgabe des Obstes zuständig war. Susi hatte Probleme mit ihrem Mann. Er hinterging sie. Er machte sie traurig und sie vernachlässigte den Krautsalat.

Genügend Gründe für mich einzugreifen. Es war ein erhebender Moment. Ich war auf dem Weg ein Altruist zu werden. „Altruist“ war besser als „Menschenfreund“. Es war ein mächtiger, fast in Vergessenheit geratener Ausdruck aus dem Lateinischen. Er war geeignet für die Zahlenmagie. „Altruist“ ist zwei, und zwei kann ein großes Arschloch sein.

Sie werden es sehen.

IV.

Sie glauben vielleicht, die Aufschlüsselung des Begriffes „Altruist“ in die Zahlenwerte seiner Buchstaben und das Ziehen der Quersumme seien eine zu dünne Grundlage für meine künftigen Unternehmungen gewesen. Seien Sie beruhigt. Ich erwartete keineswegs, dass mich meine Zahl wie ein magischer Schutzschild begleitet und mir den Weg ohne mein Zutun ebnet. Diesem Stadium der Wundergläubigkeit brauchte ich nicht zu entwachsen, denn ich hatte mich nie in einem solchen Stadium des Denkens befunden. Ich bin ein überaus rationaler Mensch, der sich gewissen Fingerzeigen nicht verschließen will, nur weil sie aus der nicht-stofflichen Welt stammen. Das macht mich noch nicht zu einem Anhänger von Wahnideen. Im Gegenteil. Babylonier, Ägypter und Juden bauten auf die Zahlenkunde und selbst die fortschrittsgläubigen Römer besaßen einen der neun Schlüssel der Numerologie. Mathematik, Vernunft und experimentelle Nachweise beweisen die Existenz der neun Erhöhungen des Geistes, die die neun Schlüssel sind, welche das Tor der Weisheit öffnen. Die „Zwei“ ist „absolute Weisheit“. Weisheit ist angewandte Erkenntnis zum Guten. Ich war der Anwender und es sollte gut werden.

Haben Sie eine Vorstellung davon, wie einfach es ist, sich konzentrierte Salzsäure zu beschaffen und wussten Sie, dass sie im Magensaft in geringer Konzentration vorkommt? Letzteres erzählte mir der onkelhafte Typ mit der Eulenbrille, der am Tresen des Fachhandels stand und die Brusttasche seines weißen Kittels mit Kugelschreibern zugeparkt hatte. Ich wette, er wäre gerne wieder ein Chemiestudent gewesen, wie ich es angeblich war. Bevor Sie mich rügen, möchte ich anfügen, dass das Annehmen einer falschen Identität weniger eine Lüge als eine erlaubte Kriegslist war. Ich hatte mich auf alles vorbereitet und mir eine Legende zurechtgelegt, die alle Fragen nach meinen Lebensumständen und Motiven ausreichend beantwortete. Das Einzige, was den Mann zu interessieren schien, war die gewünschte Konzentration der Säure. Ich machte einen halbherzigen Versuch, von Experimenten mit unedlen Metallen und dem Entstehen von Metallsalzen zu berichten, erntete aber lediglich ein halbherzig zustimmendes Brummen, das zwischen Flaschen und Phiolen davonhuschte und kaum als Dialog bezeichnet werden kann.

Der Mann war auf der Fläche zwischen seinen wässrigen Augen und den schartigen Fingernägeln auf Mitteilsamkeit gepolt. Ich ließ ihn gerne gewähren, solange sich außer seinen feuchten Lippen auch seine Hände bewegten, die meinen Einkauf herrichteten. Konzentrierte Salzsäure sei nichts im Vergleich zu den chemischen Kampfstoffen, die dem winzigen Bombardierkäfer zur Verfügung stünden, der bei Bedrohung aus seinem Hinterteil bis zu hundert Grad heißen, mit ätzenden Substanzen angereicherten Wasserdampf verschießen könne – und das mit bis zu fünfhundert Dampfstrahlen pro Sekunde, dozierte der Verkäufer.

Meine Bedienung schmatzte anerkennend mit den Lippen. Auf der Halbglatze des Mannes hatten sich Schweißperlen gebildet, die offensichtlich auf die überwältigende Erregung zurückzuführen waren, die die Schilderung dieses Wunders der Bionik bei ihm auslöste. Für einen Moment stellte ich mir vor, wie Horden von ein Millimeter großen Käfern mit aufgestellten Hinterteilen die Weltherrschaft an sich rissen. So hatte ich die Sache noch nie betrachtet. Ich nickte und zahlte und bekam so nicht mehr ganz mit, welche Verdauungssäfte in dem Magen eines unschuldig reizenden Rotkehlchens tobten, das aus Samen, Fliegen und Würmern eine mehrfarbige Fäkalie braute, die sich durch Autolacke fressen konnte. Dennoch würden Vögel nie die Weltherrschaft erobern, weil sie es einfach nicht darauf anlegten. Bei mir verhielt sich das anders.

Aber die machbaren Dinge zuerst. Ich hatte nicht gedacht, dass es so aufregend sein könnte, ein Fahrzeug zu stehlen. Gut, es war nicht ein Fahrzeug im eigentlichen Sinne und der Vorgang des Eindringens beschränkte sich auf einen kurzen Einsatz des Bolzenschneiders, den ich zuvor im Baumarkt organisiert hatte. Aber immerhin. Einige Seitenblicke und eine schnelle Anstrengung später hatte ich mein Fahrrad. Es war ein veritables Retro-Modell, ein Kaltblüter unter den Fahrrädern mit stabilen Verstrebungen und einem Gepäckträger, der die Säureflasche und den Bolzenschneider in der Wolldecke mit seinem Drahtmaul festhielt. Wenn man einen Entschluss gefasst hat, macht man sich keine Gedanken um Äußerlichkeiten und so radelte ich auf asthmatisch pfeifenden Reifen durch den Nieselregen hinaus zum Stadtpark. Ich war ein seit Kurzem volljähriger Start-up-Unternehmer mit einer Mission.

Eine knappe halbe Stunde später war ich froh, dass Anoraks nie so richtig passten. Der meine war definitiv für einen anderen Mann geschnitten und schlang sich um mich wie eine Schlingpflanze. Die Kapuze verdeckte das halbe Gesicht und schränkte meinen Horizont so weit ein, dass ich ständig auf meine Beine starrte, die in den unendlichen Weiten des olivgrünen Textils strampelten wie gehorsame Kolben. Der gefütterte Sattel hatte mit meinen Hoden einen Nichtangriffspakt geschlossen und das bisschen Regen konnte mich nicht aus der Fassung bringen. Der Tag war zu einem fahlen, schwefligen Schein reduziert, als ich das Fahrrad in eine dichte Buschlandschaft schob, die in immergrüner, verschwenderischer Pracht über eine erkleckliche Ansammlung von Abfällen und tierischen Ausscheidungen wachte.

Mit klammen Händen packte ich die handliche Flasche mit dem Symbol für ätzende Flüssigkeiten aus und wog sie in der Hand. Sie war glatt und beruhigend. Die farblose Flüssigkeit schaute sich gemeinsam mit mir die Umgebung an. Nicht viel los heute und die wenigen Menschen, die unterwegs waren, hatten sich in Mäntel und Schals gewickelt und begegneten dem Regen mit aufgespannten Regenschirmen und unterdrückten Verwünschungen. Ich war viel zu früh, weil ich es kaum abwarten konnte, die Aufmerksamkeit der wichtigsten Frau in meinem Leben zu gewinnen. Erst dann würde ich wieder ruhig schlafen können.

Der schlammige Rasen saugte mit einem satten Geräusch an meinen Boots und die Gehwege ertranken in wild verstreuten Wasserlöchern. Die blauen Nylonseile eines Klettergartens weinten mit dem Regen um die Wette und die Obdachlosen, die die Parkbänke unter sich verteilten, waren schon längst zu trockenen Plätzen aufgebrochen. Übrig blieben die unvermeidlichen Pendler, die Salzsäure und ich. Bald würde noch ein weiterer Akteur hinzukommen, aber der würde mich nicht sehen. Korrekt ausgedrückt würde er mich am Anfang nicht sehen und wenn er mich am Schluss überhaupt noch sehen konnte, würde er verdammtes Glück gehabt haben. Eine 37-prozentige Lösung von Chlorwasserstoff in Wasser kann auf der Haut und in den Augen verheerende Schäden anrichten. Dies gilt natürlich auch für den Schlund und die Atemwege, wenn man die stark stechend riechenden Dämpfe einatmet oder die rauchende Flüssigkeit schluckt.

Es war beruhigend, dass es so viele Möglichkeiten gab. Mit etwas Glück konnte ich zu einer klitzekleinen Modifikation der Statistik beitragen, dass die meisten Unfälle im Haushalt passieren. Einen Unfall konnte man sehr wohl auch im Stadtpark erleiden, dort am fernen Ende des Parks, neben dem Grillplatz und dem Kiosk, die nach der Sommersaison geschlossen wurden. Ich schaute hinüber und die bizarr verwinkelten Äste der Rosskastanien nickten als Zeichen des Wiedererkennens zurück.

Ich hatte mich einige Male in der Gegend aufgehalten, um den Mann zu beobachten, der das Objekt meiner Begierde war. Er war eines der bedauernswerten Geschöpfe, die dem Joggen verfallen waren. Mit hängendem Kopf und schlurfenden Schrittes zog er seine Bahnen wie an der Schnur gezogen. Er tat es zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter und immer in den scheußlichsten Trainingsanzügen, die es für Geld zu kaufen gab. Nach exakt vier großen Runden kehrte er zu seinem Wagen zurück, den er unweit des Kiosks parkte, und kasteite sich mit einer Serie bandscheibengefährdender Gymnastikübungen, die so ziemlich alles an seinem Körper dehnten, außer seinem Verstand.

Langsam wurde ich unruhig. Ein ungnädig aussehender Rottweiler zog eine ältliche Dame an mir vorbei und führte sie Gassi. Der Dauerregen hatte mich in ein faltiges, tropfendes Gebilde verwandelt, das in Selbstauflösung begriffen war. Ich war bereit damit anzufangen, mir leidzutun. Dann kam er. Präzise gesagt, er fuhr vor. Die Scheinwerfer schnitten schräg über die Rasenfläche bis hinunter zum See, der in Wirklichkeit ein dekorativ überwucherter Tümpel war, in dem die Enten zuerst großflächige Rodungen vornehmen mussten, um zum Wasser zu gelangen. Ich hatte es nicht eilig. Ein Lichtpunkt entfernte sich vom Grillplatz in Richtung des Minigolfplatzes, der im Sommer Heerscharen von Kindern anlockte. Es gelang mir, die Taschenlampe des Läufers im Auge zu behalten, während ich rutschend und fluchend einen sanften Abhang hinunter glitt, um mich an der Uferböschung entlang in Richtung Kiosk zu tasten. Ich stieß mit den Füßen an eine Wurzel und fiel auf die Knie. Der Anorak war ein nasser, schwerer Lumpen und behinderte mich beim Gehen. Ich tastete nach der Flasche und fand sie unversehrt. Brackiges Wasser sickerte in meine Jeans. Meine Füße waren kalte Blöcke in feuchten Socken. Das Licht bewegte sich in meinem Rücken im Gegenuhrzeigersinn. Noch war alles gut. Es war sogar bestens. In der Dunkelheit fühlte sich der Regen kälter an und die Konturen des Kiosks verschwammen im Blauschwarz des Himmels.

Wahrscheinlich hätte ich frieren sollen, aber ich schwitzte. Es war die Jagd, die mich auf Trab hielt. Die Jagd mit einer bauchigen Flasche konzentrierter Salzsäure. Auf der Haut ruft sie Rötung, Blasen und brennende Schmerzen hervor. Vergessen Sie James Bond und die Säurebäder der Filmbösewichte. So schnell löst sich kein Mensch auf. Und in meinem Fall wünschte ich mir einen Zeitlupenablauf. Ich hätte keinen Moment später an dem Kiosk ankommen dürfen. Auf den Jogger hatte das unangenehme Wetter offenbar eine beschleunigende Wirkung. Ich wusste, dass er kurz nach rechts leuchten würde, um sich zu vergewissern, dass sein Auto noch am Platz stand. Der von mir ausgewählte Platz, an dem ich ihn erwarten würde, lag schräg hinter der Hütte auf dem Scheitel des Abhangs. Ich sah, wie sich der Lichtkegel der Taschenlampe bei jedem Schritt aufbäumte und glaubte das Keuchen des Läufers über dem gleichmäßigen Rauschen des Regens zu hören, während sich die schiefe Ebene des grasigen Abhangs nach mir ausstreckte, meine Schuhe verschluckte und sich so unnachgiebig seifig gab, dass an einen eleganten Aufwärtssprint nicht zu denken war.

Das hüpfende Licht kroch um die letzte Kehre und riss helle Löcher in meine Umgebung. Ich umarmte die Erde mit einer hingebungsvollen Anbetungsgeste und vergrub mich in schleimigen Grassoden und reichlich Matsch. Einen Augenblick war ich mir nicht sicher, ob mein Herz so laut hämmerte oder ob sich der Schritt des Läufers verlangsamt hatte. Ich versuchte ruhig zu atmen und bemerkte, dass ich im wahrsten Sinne des Wortes ins Gras gebissen hatte. Dann war es vorbei und die Schritte entfernten sich mit einem fetten Schmatzen und nahmen das Licht mit. Ich hob den Kopf und spuckte aus. Der geparkte Wagen hatte sich das Ganze von seinem Logenplatz aus angesehen. Er wirkte weder amüsiert noch beunruhigt.

Als sich endlich die magersüchtige Mondsichel bequemte, in meine Richtung zu schauen, spiegelte sich das schemenhafte Äußere des Monsters aus der Lagune in der Seitenscheibe des Wagens. Hätte ich ein halbes Dutzend blickdichter Nylonstrümpfe über meinen Schädel gezwängt, wäre ich weniger gut getarnt gewesen als mit der breiig teigigen Schmutzmasse, die aus einem aufstrebenden Jungunternehmer einen wild blickenden Ureinwohner Papua Neuguineas machte. Der Ureinwohner fror erbärmlich.

Die dritte Laufrunde wollte nicht enden und als sie endlich zu Ende war, musste ich zwei Anläufe unternehmen, um mit meinen klappernden Kiefern meinen Spruch aufzusagen. Ich hatte den Text selbst geschrieben und gut behalten. Er lautete: „Hallo Bert“.

Ich weiß wirklich nicht, was mich an Bert mehr störte. War es sein überhebliches Grinsen oder die Art, wie er mit seiner fetten Zunge geräuschvoll Essensreste aus den Zähnen pulte oder aber sein ewiges Gelaber über Disziplin, Respekt und seine großartigen Geschäfte mit den Drahtziehern im Hintergrund, das mit jedem weiteren Schluck Alkohol in ein verwaschenes, aggressives Krakeelen überging? Ich konnte es einfach nicht auf den Punkt bringen. Wahrscheinlich störte mich alles an ihm.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich ihm einen enormen Schrecken eingejagt hatte. Sein Sweatshirt klebte an seiner bulligen Figur und schrie mich mit roten Glitzerbuchstaben an. „Karate King“, sagte es und löste nicht gerade Ehrfurcht in mir aus. Der Strahl der Taschenlampe erfasste mein mit Dreck verkrustetes Erscheinungsbild. Auf der nach oben offenen Besudelungsskala wäre ich mühelos bei einem Wert zwischen elf und zwölf gelandet. Wir standen uns im Abstand von vielleicht zwei Metern gegenüber. Ich war in seinem Rücken aufgetaucht und hatte die präzise berechnete Position eingenommen. Keine Panne an dieser Stelle.

„Hau ab, du Penner“, sagte Bert und machte Anstalten, seine Rumpfbeugen wieder aufzunehmen. Ich habe keine Ahnung, was mit dem Mann los war. Müdigkeit, Gleichgültigkeit, übersteigertes Selbstbewusstsein? Ich hätte mir gewünscht, dass er die Atmosphäre latenter Bedrohung wahrgenommen und sich drehbuchgemäß verhalten hätte. Zumindest der Gebrauch seines Namens hätte ihn hellhörig machen müssen. Stattdessen senkte er die Taschenlampe, kurz bevor der Strahl die Flasche in meiner Hand erfasste, ab und schüttelte sich eine Kaskade von Wassertropfen aus den Haaren wie ein Hund. Er hatte mich nicht erkannt.

Es ist schwer die Gedanken eines Mannes zu erraten, dessen Gehirnströme kaum messbar sind, aber ich versuchte mein Bestes. „Nimm das“, brüllte ich mit meiner besten Wutstimme und riss den Wurfarm nach oben. Sicher, Sie mögen meinen, dass die Inszenierung ein wenig zu martialisch war, aber mir lag sehr daran, Bert zu beunruhigen, bevor ich ihn verstümmelte, und „Nimm das“ ist ein klassischer Text. Außerdem verzichtete ich auf den Zusatz „du Schurke“, um eine unzeitgemäße Melodramatik zu vermeiden. Bert schrak tatsächlich zusammen und machte instinktiv eine abwehrende Handbewegung. Wohl tausend Mal hatte ich mir vorgestellt, wie ich den Wurf aus der Schulter ansetzte und ihm die Flasche ins Gesicht schmetterte, nachdem ich den Verschluss gelockert hatte. Den Rest können Sie sich vorstellen.

Der Mensch denkt und Gott lenkt, pflegte meine alte Mathematiklehrerin zu sagen und so ist es auch. Ein tief hängender Ast neidete mir die flüssig vorgetragene Aktion und prellte mir die Flasche mit unnachgiebig passivem Widerstand aus der Hand.

Ich hörte das Klirren der Flasche, die am Stamm der Kastanie zerschellte. Der stechende Geruch der Säure verbreitete sich augenblicklich. Ich war viel zu sehr mit dem Schmerz in meinem Handgelenk und dem Astteil beschäftigt, das ich in meinem Übereifer vom Baum geholt hatte. Bert jedenfalls schien jetzt ernsthaft beunruhigt zu sein. Sein Kopf drehte sich mehrfach vom Baum zum Auto und er umkrampfte die Taschenlampe, als habe er einen Entschluss gefasst. Ich verfluchte meine Nachlässigkeit. Mit der Rohrzange in der Hand wäre mein Problem gelöst gewesen. So aber kuschelte das unnütze Ding zusammen mit dem Fahrrad im Buschwerk. Ich bückte mich und tastete nach dem Aststück. Was ich aus dem nassen Laub grub, war ein mächtiger Holzprügel, den meine Handschuhe kaum halten konnten. Bert hatte sich ohne ein Wort auf den Weg gemacht. Sein Sweatshirt glitzerte sich aus meiner Reichweite. Sein Träger keuchte in Richtung seines Wagens, der die Aufforderung des Schlüsselsignals mit einem lauten Fiepen und einem Feuerwerk grellen Lichts beantwortete.

Mein improvisierter Knüppel traf die Waden des Enteilenden mit einem satten Geräusch. Bert stürzte durch das Scheinwerferlicht. Er stöhnte. Der Wehlaut beflügelte mich und der nächste Hieb saß zwischen den Schulterblättern. Ich hatte ihn mit voller Wucht geführt, konnte aber mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein. Noch agierte ich zu unkoordiniert und überhastet. In Ermangelung einer präzise ausleuchtenden Lichtquelle überschlug ich hastig, wo bei dem sich windenden Bündel der Kopf sitzen musste und unternahm einen weiteren Versuch. Korrekt ausgedrückt unternahm ich noch eine Reihe weiterer Versuche, die immer besser gelangen. Dies mochte daran gelegen haben, dass ich mich mit gesteigertem Selbstbewusstsein warm prügelte oder daran, dass ich in einen Prügelrausch verfiel oder daran, dass der Dialog mit dem Liegenden, der aus angestrengten Grunzlauten meinerseits und wimmernden Schmerzensbekundungen seinerseits bestand, sich nach einer Weile zu meinen Gunsten zu einem einseitigen Monolog entwickelte.

Mein Prügel war der Erste, der aufgab. Er brach an mehreren Stellen auseinander und verabschiedete sich in ein morsches Rentnerdasein. Mir fällt es schwer, mich mit den Ergebnissen von Gewalt auseinanderzusetzen, auch wenn sie von mir ausgeht. Meine Genstruktur hat mich mit einem schwachen Magen gestraft und so stellte ich aus einer gewissen Entfernung lediglich fest, dass ich den halben Oberkörper meines Sparringspartners in den aufgeweichten Boden gestampft hatte. Trotz seiner eigenwilligen Ruheposition wirkte er friedlich und ausgeglichen. Das war der Zustand, in dem ich ihn am liebsten sah. Mittlerweile schwitzte ich zur Abwechslung wieder. Ich würde eine dicke Erkältung bekommen. Das war wieder so eine Sache, mit der sich Bert in Zukunft nicht mehr auseinandersetzen musste.

Die ungewohnte Anstrengung hatte mich vollkommen erschöpft und ich dankte Gott auf den Knien, dass ich den Beruf eines feinsinnigen Privatiers gewählt hatte und nicht als Malocher im Straßenbau fast täglich solchen widrigen Verhältnissen ausgesetzt war. Die Wagenschlüssel blinkten mir entgegen und enthoben mich der Sorge, was ich mit dem stummen Bert anfangen sollte. Dummerweise hatte ich nicht wirklich einen Plan B. Ursprünglich wollte ich mich nach dem erfolgreichen Wurf der Säureflasche unerkannt aus dem Staub machen, ohne mich mit weiteren Szenarien zu belasten. Jetzt erschien mir diese Vorgehensweise zu wenig ausgereift. Ich öffnete den Kofferraum des Geländewagens, der überraschend aufgeräumt und neuwertig wirkte. Er enthielt im Wesentlichen eine angebrochene Dose Autolack, zwei dicht verschweißte Pakete Banknoten und diverse Kleinigkeiten.

Der Hilferuf war schwach wie der einer neugeborenen Katze. Er kam mit einer lang gezogenen, zitternden Betonung des „i“ und brach ansatzlos ab. Es war, als würde sich der Rufende aus einer tiefen Bewusstlosigkeit befreien. Einem Kind am Tisch hätte man verboten, mit vollem Mund derartige Geräusche zu machen. Ein Kauz fühlte sich angesprochen und antwortete. Er schien an Geschmacksverirrung zu leiden.

Ich löste mit einiger Anstrengung meinen Blick von den Geldbündeln und hastete zurück. Bert war ein zäher Vogel, das musste man ihm lassen. Ich glaube, in der Boxersprache nennt man das Nehmerqualitäten. Er hatte es geschafft, sich auf die Unterarme zu stemmen und miaute mit lose pendelndem Kopf den Boden an. Seine öligen schwarzen Locken schleiften über die Grasnarbe wie eine schlecht sitzende Perücke. Ich war ihm wirklich nicht böse. Er kostete mich zwar Zeit und Nerven, aber er hatte mir auch ein ansehnliches Erbe in seinem Kofferraum hinterlassen, wie es aussah. Wir waren also quasi quitt. Da durfte man wegen etwas Mehrarbeit nicht kleinlich sein.

Als ich nach einem geeigneten Ast zu stöbern begann und schon überlegte, ob ich nicht doch die Rohrzange holen sollte, fiel mir auf, dass ich die Dose Autolack mit mir trug. Improvisation ist eines meiner Talente und ein vehementer Tritt in die Rippen des Kauernden machte aus einem gezirpten „Hilfe“ ein gezischtes „Hiaah“, was weit weniger einfallslos wirkte und den Jogger in eine aufnahmefähige Rückenlage versetzte. Der Deckel der Dose löste sich beim ersten Ruck. Man mag mir verzeihen, aber ich machte mir nicht die Mühe, den Farbton und die Qualität des intensiv riechenden Gebräus zu prüfen. Mit der Linken drückte ich dem Schießbudenboxer die Kehle zu und beobachtete, wie sich seine Pupillen nach oben verdrehten. Sie waren das Einzige, was an ihm weiß und unversehrt geblieben war. Was aus seinem nach Luft schnappenden Mund troff, möchte ich Ihnen lieber ersparen. Schließlich sollen Sie nicht schlecht über mich denken. Außerdem war es egal, denn ich goss mit großer Sorgfalt einen Schwall Lack in seine Kehle und lockerte den Griff um den Hals. Er schluckte reflexartig. Ich sorgte für Nachschub, bevor er sich aufbäumen und geifern und all die anderen Dinge tun konnte, die dafür sorgten, dass ich doch Lack verschüttete und mein Anorak reif für den Müll war.

Im vermutete, dass der Lack die Farbe „charcoal“ hatte wie sein Geländewagen. Anscheinend kam er mit dem Farbton nicht zurecht, denn sein pfeifendes Atemholen verflachte zu einem Rasseln und nach einem letzten Gurgler als Abgesang gab er auf. Ich hatte durch technischen K.o. gewonnen. Nicht dass ich mich als Triumphator fühlte. Dazu war es zu nass, zu kalt und die Lackdämpfe hatten mir genauso wenig gut getan wie ihm. Was mich wärmte war der Gedanke an den unerwarteten Geldsegen und die Aussicht auf ein heißes Bad.

Sie können mir glauben, dass es noch ein gutes Stück Arbeit war, die gröbsten Spuren zu beseitigen und den unhandlichen Körper von Bert in den Kofferraum zu falten. Ich bepflasterte alle Körperöffnungen und das, was ich an Brennbarem finden konnte mit Grillanzündern, die sich für die nächste Sommerzeit in die Seitentaschen der Wagentüren verkrochen hatten und produzierte einen zaghaft züngelnden Schwelbrand, den ich päppelte und beaufsichtigte, bis ich glaubte, ihn alleine lassen zu können. Die Geldpäckchen hatte ich an mich genommen, weil ich nicht wollte, dass ihnen etwas passierte oder sie in schlechte Hände gerieten.

Später schrieben die Zeitungen, Bert sei bei lebendigem Leib in seinem Auto verbrannt. Ich halte das für übertrieben. Glauben Sie mir, ich war dabei. Er hatte eine heiße Nacht.

Der Rückweg fiel mir leicht. Ich war beladen wie ein Packesel und schob das Fahrrad. Ab und zu hüpfte ich und stimmte den Refrain zu „I ’m singing in the rain“ an. Ich bin bestimmt kein Fred Astaire, aber an jenem Abend machte ich eine gute Figur. Als ich fast zuhause war, rückte die Feuerwehr Richtung Stadtpark aus.

Es musste jemand gezündelt haben.

V.

Natürlich hatte ich mit der Erkältung recht behalten und natürlich haben auch Sie recht, wenn sie meinen, die Aktion im Park sei unbeholfen und holprig verlaufen. Denken Sie daran, dass ich solch finales Handeln nicht gewohnt war und noch lernte. Für Mord gab es keinen Ausbildungsgang, der den Auszubildenden sanft an die Grundlagen heranführte, eine psychologische Absicherung für gesteigerte Kaltblütigkeit vermittelte und nach mehreren Versuchen mit einem gelungenen Gesellenstück in die gesicherte Selbstständigkeit entließ. Was glauben Sie, warum derartig viele Dilettanten herumlaufen, die geradezu danach schreien, erwischt zu werden. Sie sind auf sich gestellt und haben keine Lobby. Mörder sind klassische Autodidakten. Ich finde, dafür hatte ich meine Sache recht ordentlich gemacht.

Sicher, ich war auch vom Glück begünstigt. Zuallererst schreibe ich meinen Erfolg aber meiner Willensstärke zu. Determinismus war ein weiterer Begriff der mich prägen sollte und die Entschlossenheit, das zu tun, was getan werden musste, hielt mich auch in dieser Nacht schniefend und hustend aufrecht, als ich meine verdreckte Kleidung wusch und entsorgte und das Fahrrad an einer einsamen Straßenlaterne anlehnte, nachdem ich ihm eine ausgiebige Dusche mit dem Gartenschlauch gegönnt hatte.

Die weitaus größte Sorgfalt verwendete ich auf das Verstecken des Geldes. Hatte ich erwähnt, dass ich einige Scheine im brennenden Wagen zurückließ? Der im Kofferraum kauernde Bert mit dem lackverschmierten Kinn würde darauf aufpassen und die Hyänen von der Presse würden die Geschichte des Mannes verbreiten, der mit seinem Geld verbrannte. Ich machte mir keine Illusionen. Knappe zwei Millionen Euro in Fünfzigern würden vermisst werden. So schmerzlich vermisst, dass man Fragen stellte. Es war besser, den Fragestellern nicht zu begegnen. Meine Hoden gaben ein Lebenszeichen und schrumpften bei dem Gedanken an die vergangene Sonderbehandlung zusammen, bis sie die Größe von Minigebäckkugeln erreichten.

Meine Mutter nahm in jener Nacht nur am Rande Kenntnis von mir, weil sie sich im Rahmen eines lukrativen Vertragsverhältnisses mit zwei Geschäftsleuten abmühte, die eine ansehnliche Summe für eine Spezialbehandlung offerierten und diese, nach der Geräuschkulisse zu urteilen, auch bekamen. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich vermisst worden war. Einige Male betätigte ich die Toilettenspülung und rumorte in der Küche, um mich bemerkbar zu machen und konnte schließlich den Erfolg verbuchen, dass meine Mutter leise „Bert“ rief und ein „Nein, nur ich“ erntete, worauf sie sich umgehend ihren Klienten zuwandte, für die sie mit wallender roter Perücke und einem hautengen Latexgewand auftrat. Sie würde ohne Weiteres bestätigen, dass ich den ganzen Abend in meinem kleinen Zimmer am Ende des Korridors zugebracht hatte. Schließlich hatte mir Bert für die Zeit nach 20.00 Uhr ein Ausgehverbot verordnet, bis ich von meinen falschen Wegen abschwor und mit einem ordentlichen Job zum Familieneinkommen beitrug. Bert war der erste Mann, der Autorität über mich hatte. Und ich hörte auf ihn.

Es ist schwer, sich in Morpheus Armen zu wiegen, wenn man innerlich aufgewühlte ist und so dämmerte ich in der Bettwäsche meines Lieblingsfußballvereins dem Morgen entgegen. Die Kunden meiner Mutter waren dazu übergegangen, auf ihre halblauten Kommandos hin die Wohnung zu putzen. Solche Leute waren mir die liebsten Gäste. Sie putzten nicht aus Pflichtgefühl, sondern mit wahrer Hingabe. Eine verschmierte Zierleiste, verbunden mit einem verächtlichen Kommando einer rothaarigen Walküre mit Krampfadern, löste bei ihnen eine hartnäckige Erektion aus. Am Morgen würde die Wohnung blitzblank sein. Ich schniefte noch einmal und schlief beruhigt ein.

Sie können sich vorstellen, wie beunruhigt ich war, als ich gemeinsam mit meiner Mutter feststellen musste, dass Bert verschwunden war. Sicher, er unterhielt ein eigenes Domizil, das keiner von uns je betreten hatte. Aber das machte er nur, weil unsere Wohnung in erster Linie einen Arbeitsbereich darstellte, der dem Verdienst des Lebensunterhaltes gewidmet war. Die Zeitungen hatten mit den bizarren Todesumständen des Unbekannten im Stadtpark aufgemacht. In den Lokalnachrichten fand sich noch ein kleiner Artikel über einen mysteriösen Säureanschlag auf einen Kastanienbaum. Die Journalisten hatten beide Ereignisse in keinen Zusammenhang gebracht. Investigativen Journalismus hatte man auch schon besser erlebt.

Ich bemühte mich nach Kräften, die Zeitungen außerhalb der Reichweite meiner Mutter zu halten und ihr den Zugriff zu den tröstenden Flaschen zu erleichtern. In ihrem derangierten Zustand war sie ohnehin außerstande, sich auf die Wünsche ihrer Klientel zu konzentrieren. Und seien wir ehrlich, das Geld hatten wir nicht mehr wirklich nötig. Wir taten etwas, was uns in früheren Zeiten ausgezeichnet hatte. Wir rückten zusammen und verhalfen uns zu mitmenschlicher Wärme inmitten trüber Spekulationen.

Wenn Sie glauben, die Polizei habe uns mit einem Durchsuchungsbeschluss und ausgeklügelten Ermittlungsmethoden im Gepäck heimgesucht, liegen Sie falsch. Ein Blatt Recyclingpapier in einem offiziell aussehenden Briefumschlag lud meine Mutter vor. Die Frau war längst von ihrer eigenen Melodramatik geschluckt worden und trug die unförmige schwarze Trauerkleidung einer Verlassenen. Einzig die eleganten hochhackigen Schuhe verblieben als Reminiszenz an ihre ungebrochene Weiblichkeit. Beim Anblick der Vorladung brach sie erneut in Tränen aus und zerknüllte dekorativ ein besticktes Taschentuch. Ich musste ihr mit eindringlichen Worten klarmachen, dass sie nüchtern und konzentriert zu erscheinen und ihre Aussage zu machen hatte. Fest an mich geklammert fuhren wir die drei Haltestellen mit dem Bus. Das maskenhaft aufgespachtelte Make-up verschmierte meinen Jackenärmel. Ich sah großzügig darüber hinweg.

Die Einvernahme dauerte fast zwei Stunden und brachte mich an den Rand einer Cappuccino-Vergiftung. Als meine Mutter wieder erschien, war sie ein anderer Mensch. Traurig zwar, aber nicht mehr verzweifelt. Bert hatte sie nicht verlassen. Sie war nicht für irgendein Flittchen weggeworfen worden wie ein abgelegtes Kleidungsstück. Bert hatte sich für sein Fernbleiben das denkbar beste Alibi verschafft. Er war ermordet worden. Das Andenken an ihn würde in verklärte Höhen steigen. Ich war der Ausbund an Betroffenheit. Bert hatte mir schließlich den Weg zurück in die bürgerliche Existenz gewiesen, bevor ich ihm den Weg gewiesen hatte. Ich wusste, dass Gott seiner armen Seele nicht gnädig sein würde. Deshalb versuchte ich es gar nicht erst, diese fromme Floskel auf ihn zu verschwenden. Ich ließ meiner Mutter alle Zeit der Welt. Sollte sie doch durch die Trauer den Weg zurück ins Leben finden. Sie hatte erst am übernächsten Tag wieder einen Freier.

Können Sie sich einen Pragmatiker wie mich bei Früchtetee und Plätzchen vorstellen? Genauso sah unser vertrautes Familienidyll aus. Ich schwöre es. Meine Mutter warf eine ganze Menge durcheinander und ich musste mehr Geduld zeigen, als mir üblicherweise zur Verfügung steht. Die wesentlichen Eckpunkte ihrer verworrenen Schilderung der Vernehmung stimmten mich hoffnungsfroh. Mit ihrer authentischen Art hatte sie mir en passant ein felsenfestes Alibi gezimmert. Sie hatte Stein auf Bein geschworen, dass ich am fraglichen Abend schmollend in meinem Zimmer saß und überlagerte diese Schilderung mit der bereitwilligen Aussage eines ihrer Lieblingsmasochisten, der als putzwütiger Junggeselle nichts Ehrenrühriges darin sah, die Angaben seiner Herrin zu bestätigen.

Noch interessanter war die Information, dass Bert sich offenbar in Kreisen bewegt hatte, die die perfektesten fünfzig Euro Blüten hergestellt hatten, die je Bulgarien verließen. Die Observationen waren in vollem Gange gewesen und das tragische Ende des vielseitig begabten Fitnesstrainers schien einige Anstrengungen der Ermittler zunichtegemacht zu haben. Meine Mutter hatte keinen Kopf für derart überflüssigen Kram. Sie gelobte rasch und glaubwürdig, nie etwas von Falschgeld gehört oder gesehen zu haben. Mir ging es da anders. Ich hatte eine gewisse Ahnung, wo die heiße Ware geblieben sein könnte und beglückwünschte mich zu der Geistesgegenwart, einige Scheine im Auto zurückgelassen zu haben. Man könne ziemlich sicher sein, dass das Geld zusammen mit Bert verbrannt sei, erklärte der Beamte meiner Mutter. Die Blüten seien so gut, dass sie nur von Experten von echtem Geld zu unterscheiden wären. Jetzt fange man noch einmal von vorne an.

Meine Mutter erzählte die Episode nicht etwa als zusammenhängenden Gedankengang am Stück, sondern unterbrochen von abgrundtiefen Seufzern und der Besorgnis, man habe weder Kaffee noch Kondome im Haus. Belästigt von klebrigem Tee und zuckrigem Gebäck, presste ich die für mich wichtigen Informationen durch stetiges Nachfragen aus ihr heraus, während sie über den verblichenen Bert plapperte, als sei er das Geschenk Gottes an die Frauen und deren erwachsene Söhne gewesen. Der nette Beamte habe ihr sogar Tee mit Kandiszucker angeboten und bekannt, dass er von ihrem ausgezeichneten Freundschaftsservice für gute Freunde gehört habe. Dabei habe er mit den Augen gezwinkert und gelächelt. Ich brauchte gar nicht erst zu fragen. Der Mann hatte einen Vollbart. Meine Mutter stand entweder auf südländisch wirkende schlampige Machotypen oder auf hagere Bartträger, die selbst im Bett eine korrekte Haltung einnehmen. Wie diese Bandbreite an Vorlieben zu erklären war – ich hatte keine Ahnung. Nur eines wusste ich genau. Je flexibler der Männergeschmack meiner Mutter, desto sprudelnder die Einnahmequelle. Ich würde zukünftig mehr Vorsicht walten lassen müssen, damit sie sich nicht noch in andere ihrer Galane verliebte. Sich regelmäßig dieser Verehrer entledigen zu müssen, wäre auf Dauer zu anstrengend und zu zeitaufwendig.

Es mag Sie überraschen, aber eine der ersten Maßnahmen, die ich traf, war, dass ich mich auf einer ambitionierten Abendschule anmeldete, um mein Abitur nachzumachen. Ich war volljährig, konnte den immensen Wert von Bildung sehr gut einschätzen und war der Hüter über einen Falschgeldschatz, der nur darauf wartete, von einem gebildeten jungen Herrn zum Einsatz gebracht zu werden. Außerdem hatte ich bei Besuchen von Spielhallen und Kasinos eine schöne Summe falscher Fünfziger unter die Leute gebracht, die nie beanstandet worden waren. Ehrlich gesagt war es mir trotz intensiven Studiums der Sicherheitsmerkmale der Scheine nicht gelungen, sie als Fälschungen zu identifizieren. Unter ultraviolettem Licht offenbarten sie Wasserzeichen und bunte Einsprengsel ebenso perfekt wie den Sicherheitsfaden mit dem aufgedruckten Wert des Scheins.

Letztlich war es mir einerlei, denn auf diese Art konnte ich sicher sein, dass auch andere Durchschnittsbürger dem schönen Schein nicht misstrauen würden. Zwischenzeitlich hatte ich meine Sozialstunden vollständig abgeleistet und den Führerschein gemacht. Meine heimliche Liebe gehörte allerdings den krachenden und ruckenden Gelenkbussen der städtischen Verkehrsbetriebe, die die Stadt mit einem dichten Netz an Servicelinien überzogen. Besonders angetan hatte es mir die Linie fünf, die von den mit Stacheldraht umzäunten Kasernen bis zum Bahnhof quer durch die Stadt fuhr. In dem Bus, der auf seinen Flanken ein uneingeschränktes Werbebekenntnis zu einer bestimmten Matratze abgab, stieg an der Haltestelle, die auch ich nahm, eine junge Frau zu, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, mich mit ihrem Lächeln zu verzaubern.

Sie haben mich natürlich durchschaut. Eine solche Schmonzette würde sich in meinem Leben niemals ereignen. Weder war das Mädchen mit den Zöpfen eine niedere Dienstmagd, die in Wirklichkeit von einem bösen König ausgesetzt und von armen Leuten großgezogen worden war, noch war ich ein tugendhafter Prinz, der sich auf dem Weg in die Schlacht in die unbekannte Schöne unsterblich verliebte und diese nach etlichen voraussehbaren Intrigen und Verwicklungen ehelichte, worauf sie glücklich waren bis an ihr Lebensende.

Nun ja, selbstverständlich war es nicht so. Ein bisschen allerdings ähnelte unsere erste Begegnung dem typischen Märchenschema. Zunächst – das Mädchen hatte tatsächlich Zöpfe. Es waren richtig schwere Flechtzöpfe, die von einer Unzahl Spangen und Bändern in Form gehalten wurden. Das Mädchen war auch ärmlich gekleidet. Ihre Strickjacke schien schon vor langer Zeit von Hand gestrickt worden zu sein und bewegte sich in Erhaltungszustand und Design außerhalb jeglicher Bewertungskriterien. Die Ballerinas an den Füßen drohten, sich in dem Schneematsch aufzulösen. Die Arme musste völlig blau gefroren sein. Sie hatte ein liebreizendes Gesicht mit Grübchen in den Wangen und riesigen dunklen Augen unter dunklen Haaren. Jawohl, ich scheue mich nicht die Vokabel „liebreizend“ zu gebrauchen. Man sollte ruhig altmodisch sein, wenn es angebracht ist. Hier war es angebracht.

Mit war nicht entgangen, dass sie ansonsten eher untersetzt und stabil gebaut war, und wenn ich die Gelegenheit gehabt hätte, ihre Mutter zu begutachten, wäre ich sicher zu dem Ergebnis gekommen, dass junge Frauen wie sie bis zum Alter von Ende zwanzig zu grazilen Schönheiten erblühten, dann eine kurze Üppigkeitsphase hinter sich brachten, die mit dem Gebären von Kindern und der Ausprägung eines Doppelkinns in Zusammenhang stand und im Alter von gerade einmal Anfang dreißig rasch verwelkten und zu unansehnlichen Muttertieren mit Hängebrüsten und kapitalen Bäuchen verkamen. Die einzige Kompensation für diese unausweichliche Mutation war, dass die Frauen in diesem Stadium kochen konnten und den Haushalt so rigoros an sich rissen, dass die Männer ihr Heil im Müßiggang suchten.

Ich hingegen würde für lange Zeit der begehrte Prinz bleiben und dann zu einem Hagestolz an Aristokraten reifen, der sich vom Alter den aufrechten Gang nicht nehmen ließ. Der rotznäsige kleine Junge mit dem blassen Gesicht an der Hand des Mädchens holte mich in die Wirklichkeit zurück. Zögerlich hob er das Pappschild an, das er an den Kanten festhielt, als sei es sein kostbarster Besitz. „Wir haben Hunger“ stand darauf. Noch ehe ich reagieren konnte, drückte das Mädchen das Schild hastig herunter. Der Kleine fror. Er war nicht viel älter als fünf Jahre. Ein feister Mensch, der auf seinem Kugelkopf einen Jägerhut von der Sorte trug, von der man meinte, sie existiere nicht wirklich in freier Wildbahn, sondern sei eine Erfindung der Medien, um die Biedermänner von den Normalos unterscheiden zu können, giftete etwas von Ausländerpack und Hungerleidern, die man in diesem Land auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung beherberge. Das Mädchen duckte sich zur Seite, als seien die Worte böse Flüche, die verletzen und entstellen konnten, wenn sie trafen.

Zivilcourage ist nicht die Sache von Businsassen. Businsassen schauen bei Beleidigungen und tätlichen Angriffen gerne zur Seite, auch wenn es dort gar nichts zu sehen gibt. Sie stehen in der Hierarchie unter den Autofahrern und haben das Duckmäusertum im Blut. Sie denken ökologisch und gehören den unteren bis mittleren Einkommensstufen an. Businsassen halten sich aus Streitigkeiten heraus und hoffen, dass jemand anders eingreift. Alle starren auf den Busfahrer und der starrt auf die Straße. Er erbringt eine Beförderungsleistung und hat sich für einen Hungerlohn die letzten zwanzig Jahre im Dienste der Kommune einen Quadratarsch in unansehnlich grauen Stoffhosen ersessen und seine Speckfalten in einen formlosen blauen Pullunder ergossen. Alles, was er zu sagen hat, steht auf den großzügig verteilten Klebeschildern. „Busfahrer während der Fahrt nicht ansprechen“ ist sein erklärtes Lieblingsschild.

Mit Sitzbänken im Bus ist es wie mit öffentlichen Toiletten. Man konnte nie wissen, wer auf dem Nachbarsitz saß. In Toiletten wird das von den meisten Leuten berücksichtigt und man findet selten jemanden, der ungehemmt furzt und singt, nur weil das der Stil seiner Verrichtung ist. Sie wissen doch selbst wie das ist. Man gibt allerhöchstens schleichende, unterdrückte Geräusche von sich, die wie ein Kolibri davon flattern oder sich anhören, als sei man auf ein kleines Tier getreten. Bei der geringsten Befürchtung man könne die Darmtrompete entfesseln, greift man zu ausgefeilten Ablenkungsmanövern, wie dem Geklapper mit einem Schlüsselbund oder einem geräuschvollen Schneuzen, das die peinlichen Untertöne überlagert.

Der Ballonkopf vor mir verstieß vorsätzlich gegen die Konvention, in öffentlichen Verkehrsmitteln nur halblaute Gespräche zu führen, die den Intimradius nicht verließen. Korrekt ausgedrückt führte er kein Gespräch, weil es ihm an einem Dialogpartner mangelte. Er räsonierte, und das mittlerweile ohne Unterlass und in einer Lautstärke, die den gesamten Bus beschallte. Er wollte gehört werden und das betretene Schweigen der anderen bestärkte ihn. Mein Motto war, dass der, der in den Wald ruft, auch das Echo vertragen muss.

Ich lächelte verbindlich, als ich ihm mit spitzen Fingern den Jägerhut vom Kopf nahm. Zwischen dichten grauen Stoppeln schimmerte die Kopfhaut rosig wie die eines Babys. Der Mann hatte in letzter Zeit nicht viel Sonne abbekommen. Mit schlabberigen Hängewangen schaute er zu mir auf und streckte instinktiv die Hände nach dem Hut aus. Als ich die Literflasche Fanta über seinen Schädel goss, reagierte er zunächst nicht. Ich liebe Fanta wegen seines künstlichen Sonnengeschmacks und würde sie niemals weggießen, aber man muss in besonderen Situationen Opfer bringen. Dies war eine besondere Situation.

Ich goss langsam und mit Bedacht. Das Gluckern und Zischen des Getränks ging einher mit einem sanft aufsteigenden Orangenaroma, das in den hinteren Sitzreihen die Oberhand über die Abgasdünste gewann. Gibt es einen friedlicheren Weg, einen rassistischen Monolog zu beenden? Ich glaube nicht. Man konnte nur Vermutungen anstellen, ob es die zuckrige Brause war, die den Lodenmantel des Ballonkopfes und alles, was er darunter trug, in einer süßen Umarmung ertränkte oder meine freundlich, zurückhaltende Art, mit der ich mein Anliegen ohne Worte vortrug; jedenfalls versiegte der Redestrom unseres aufrechten Bürgers und machte einer Schreckstarre Platz, die nicht weichen wollte, als die Flasche leer und wieder verschraubt war. Es war eine Pfandflasche und ich hatte nichts zu verschenken.

Fast noch unbeweglicher als der eingeweichte Ballonkopf kauerten die von ihm aufs Korn Genommenen neben dem hinteren Ausstieg. Die Augen des schmächtigen Jungen klebten an mir wie Leim und die Zopfträgerin schaute besorgt durch die Reihen, als erwarte sie einen kollektiven Angriff. Natürlich geschah nichts dergleichen. Die Passagiere folgten dem bewährten Muster und starrten demonstrativ auf ihre Schuhspitzen oder in ihre Lektüre. Nichts regte sich außer dem Orangenaroma, das sich auf den Weg durch den Röhrenkörper des Busses gemacht hatte. Ich setzte dem Geduschten den Jägerhut auf den klebrigen Schädel und steckte dem Jungen fünfzig Euro zu. Beide schraken aus unterschiedlichen Gründen zurück. Das Gesicht des Mädchens hatte eine tiefrote Färbung angenommen. Der Bus bog in die Haltebucht am Bahnhof ein. Der Schneematsch unter den Reifen machte unanständige Geräusche. Beim Aussteigen kamen wir uns sehr nahe, aber nicht nahe genug, um miteinander zu sprechen.

Ich musste noch einmal zurück. Der Ballonkopf hob abwehrend die Hände. Mein schwarzer Aktenkoffer lag noch auf dem Sitz und wartete. Er war mit meiner Messersammlung, dem Pfefferspray und dem Taser fast ein wenig überladen. Hätten mein Aktenkoffer und ich schlechtere Laune gehabt, wäre die Episode für den Lodenmanteltypen nicht so glimpflich ausgegangen.

So aber konzentrierten wir uns auf das, was vor uns lag.

VI.

Leugnen Sie nicht, dass Sie mir in Gedanken den Bruch meiner Vorsätze und den Verrat an den Interessen von Susi, der Krautsalatkünstlerin, vorgeworfen haben. Warum, denken Sie, bin ich mit dem Bus zum Bahnhof unterwegs? Ein aufstrebender Geschäftsmann wie ich hatte wahrlich andere Dinge zu tun, als in einer tristen Kleinstadt im Winter Busfahrten zu unternehmen. Eine Kreuzfahrt läge da schon näher. Meine platonische, aber ungebrochen intensive Zuneigung zu Susi war der Grund für diese Ausflüge. Ich breche niemals meine Versprechen, auch wenn ich sie nur mir selbst gegenüber abgegeben habe und kein anderer davon weiß. Das ist ein eherner Grundsatz.

Ich war nicht nur ein Altruist, sondern auch ein Determinist. Aber das wissen Sie ja schon. Determinismus ist Entschlossenheit und Vorbestimmung. Ich ging meinen Weg und fühlte, dass es der richtige war. Er gab mir Halt und Richtung und wenn andere wie Susi davon profitieren konnten – umso besser. Was ich damit sagen will: Ich war kein Robin Hood, kein uneigennütziger Wohltäter und keiner der selbstlosen Superhelden, die anonym und missverstanden in ihren Superheldenkostümen vegetierten, bis ein Bösewicht sie erneut auf den Plan rief. Nein, so war ich wahrlich nicht. Was ich tat, machte ganz einfach Spaß und ich wüsste nicht, was dagegen spräche, auch noch einen ungewöhnlichen Broterwerb damit zu verknüpfen.

Determinismus hat als Quersumme der Buchstabenwerte die „Sieben“. Ich hoffe, es klingelt bei Ihnen. Selbstverständlich ist das kein Zufall. Die Sieben steht in der unbestechlichen Überlieferung der neun Schlüssel für „Sieg“. Sie erinnern sich: Altruist ergab die Zwei und damit den Verweis auf die absolute Weisheit. Es ist selbst für einen nicht Eingeweihten nur ein kleiner Schritt zu dechiffrieren, dass angewandte absolute Weisheit zu nichts anderem führen kann als zum Sieg. Und auf diesem Weg war ich. Die Schicksalsgötter hatten diese Bestimmung für mich ausersehen. Sie handelten ganz ohne mein Zutun.

Das Wenige, das ich beitragen konnte, lag zu zwei Dritteln hinter mir. Ich hatte mehr als genug Zeit damit verbracht, den untreuen Ehemann von Susi zu beschatten und Beweise zu sammeln. Er war Metzger und tat die meiste Zeit des Tages das, was Metzger tun. Der Schlachthof ist ein Ort, dem nur Spezialisten etwas abgewinnen können. Alles dreht sich um Fleisch und seine Verarbeitung. Das Töten hilfloser Kreaturen hat mich schon immer abgestoßen und so war es kein Wunder, dass ich dem rohen Gewerbe auf Fernglassicht entfloh, bis ich mir einreden konnte, die niedrigen Gebäude mit dem verwahrlost wirkenden Innenhof dienten einem ganz gewöhnlichen Industrieunternehmen.

Die meiste Zeit verrichtete der Metzger seine Arbeit wie ein Uhrwerk. Er trug die Gummistiefel und die Plastikschürze, als seien sie mit ihm verwachsen. In den Zigarettenpausen trat er auf die Lieferrampe und machte sich noch nicht einmal die Mühe, den weißen Kopfschutz und den Kettenhandschuh auszuziehen, der ihn vor Schnitten schützen sollte. Er wirkte griesgrämig und verschlossen. Wahrscheinlich wurde man so, wenn man sein Leben zwischen frisch geschlachteten Tierkadavern verbrachte, die blutend und leblos an Haken hingen. Es reichte, dass ich mir den Fettgeruch vorstellte, um zu würgen. Über meine Vorstellungskraft hinaus ging es, wie ein solches Wesen für jemand anderen eine derartige Faszination ausüben konnte, dass man es begehrenswert und unwiderstehlich fand. Und dennoch schien die Beweislage eindeutig. Susi hatte tränenreich von eindeutigen E-Mails gesprochen, die mehrfach die Fingerfertigkeit des Metzgers beim Sex rühmten.

Die Treffen fanden in einem abgetakelten Schuppen in der Nähe des Bahnhofs statt. Es ist nicht wirklich einfallsreich, sich zu einem Stelldichein im Rotlichtbezirk zu verabreden, aber was sollte ich machen. Das „Palais d’Amour“ sah nicht danach aus, als ob sich die anonymen Sexsüchtigen zu Therapiestunden trafen. Mit knallroten Herzchen und Laternen geschmückt prostituierte sich das ehemals brave Mehrfamilienhaus zunächst als Bordell mit Anspruch, danach als Puff für abgetakelte Fregatten und ihre Low Budget Kundschaft und schließlich als Stundenhotel, das versiffte Zimmer und von schwitzenden Leibern durchgewalkte Matratzen als „Ruheräume von höchstem Komfort“ anpries.

Der Besitzer war Portier, Koch und Zimmerpersonal in einer Person. Er gehörte zu der gelassenen Sorte Männer unbestimmten Alters, die die Hosen bis unter die Brust zogen und schon alles gesehen hatten. Wie das Haus, das er verwaltete, leistete er sich keine Eitelkeiten. Ihn kümmerte es nicht, dass immer ein ansehnlicher Trupp Schuppen aus seinen strähnigen Haaren auf die Kragen seiner Billighemden rieselte und er verband keinen Imageverlust damit, dass er weiße Socken zu altmodisch geflochtenen Sandalen trug. Er war über dieses Stadium hinaus. Er war ein müde und phlegmatisch wirkender Mensch mit Raubvogelgesicht und hellen Augen, die trotz deutlicher Anzeichen der Resignation noch scharf zu blicken vermochten. Männern wie ihm stand als Alternativberuf der des Philosophen zur Verfügung. Und wer weiß, vielleicht war er einer.

Ganz und gar andersgeartet waren die Besucher des Etablissements. Während meiner Beobachtungen hätte ich soziologische Studien anstellen können. Gemessen an der Artenvielfalt der Typen wären manche auch als zoologische Studienobjekte geeignet gewesen. Der Männeranteil überwog den der Frauen eindeutig. Szenen von Gruppensexorgien und sonstigen Ausschweifungen, bei denen die Männerpositionen doppelt besetzt sein müssen, um den dreifachen Spaß zu garantieren, gingen mir durch den Kopf. Im Grunde war ich froh, dass die Fantasien eher rational gesteuert zu sein schienen, denn sie lösten kein unerfülltes Verlangen aus, sondern einen dumpfen Kopfschmerz.

Mein Metzger kam dienstags. Damit meine ich jeden Dienstag. Dienstag war sein Fremdficktag. Andere kegeln, er hatte sich für die befriedigendere Lösung entschieden. Ich kann verstehen, dass sich Susi über die generalstabsmäßig ausgeführten Seitensprünge empörte. Keine der Frauen, die das „Palais d’Amour“ an Dienstagen frequentierten, konnten Susi das Wasser reichen. Soweit ich es erkennen konnte, handelte es sich durch die Bank um abgetakelte Flittchen, die auf hohen Hacken herumstaksten oder um ausgezehrte Drogenfreaks, denen die Todessehnsucht in die Haut gebeizt war. Mein Metzger ließ sich durch solche Kleinigkeiten nicht beeindrucken und schlurfte mit seiner prall gefüllten Leinentasche in die Kaschemme, um spät nachts in gleicher Manier und unverändert erscheinendem Gemütszustand wieder aufzutauchen. Er nahm immer das Zimmer 23 im zweiten Stock, direkt neben der Fluchttreppe. Ich hatte diskrete Erkundigungen eingezogen. Wenn Sie jemals in die Verlegenheit kommen, ein Stundenhotel zu buchen, denken Sie bitte daran, dass es um den Datenschutz fürchterlich bestellt ist.

Um den Bogen zurückzuschlagen, waren meine Observationen der Grund für den Inhalt meines Aktenkoffers. Präzise ausgedrückt handelte es sich noch nicht einmal um einen Aktenkoffer, obwohl er stark danach aussah. Eigentlich war das gute Stück ein Besteckkoffer für ein ekelerregend protziges Goldbesteck mit Prägung, das meine Mutter in einem Anfall völliger Geschmacksverirrung von einem fliegenden Händler erstand. Bis heute weiß ich nicht, was diese Kollektion ausgesuchter Hässlichkeit gekostet hatte. Was ich ganz sicher weiß, ist, dass die Löffel derart ausladend geformt waren, dass man sie nicht ansatzweise im Mund unterbringen konnte und sich der Verdacht aufdrängte, es handele sich um verkappte Geburtszangen.

So sehr ich das Besteck verachtete, so sehr hatte es mir der Koffer angetan. Er war ein kleines Schmuckstück mit einem Antlitz aus Krokoimitat und schwungvoll geformten Messingbeschlägen, die dem Erscheinungsbild den letzten Pfiff gaben. Wenn er sein Maul aufriss, tat er es mit einem samtrot ausgeschlagenen Schlund, der mit Besteckfächern bestückt war, die den vorgesehenen Inhalt passgenau aufnahmen. Die Fächer konnte ich für meine Zwecke nicht brauchen, denn ich benötigte einen angemessenen Aufbewahrungsort für meine Messersammlung und weitere Kleinigkeiten.

Wenn, wie in meinem Fall, ein feines Messer Schicksal spielt und man von einem Hodenquetscher in eine längere Rekonvaleszenzphase geschickt wird, wo Zeit und Schmerz im Überfluss zu haben sind, entwickelt man auch zu leblosen Gegenständen eine starke Bindung. Die Damaszener Klinge war mir förmlich aufgedrängt worden und erschien mir anfangs wie ein Schreckgespenst, mit dem ich möglichst nie mehr in Berührung kommen wollte. Sie war Albtraummaterial und selbst in Sachen Bert hatte ich komplizierte Umwege gewählt, anstatt über eine simple Messerlösung nachzudenken.

Sie wissen es selbst – der Mensch ändert sich. Zeit überwindet alles, auch Abneigungen. Genau wie Sie hatte ich in der populärwissenschaftlichen Literatur über Ängste und Verdrängungsmechanismen gelesen. Die Thesen der Konfrontationstheorie erschienen mir einleuchtend und gaben den Ausschlag, mich mit Messern zu beschäftigen. Sie glauben gar nicht, wie befreiend es ist, wenn man sein persönliches Tabuobjekt zum ersten Mal in den Händen hält und mit dem Daumen die Schärfe der Klinge prüft.

Ich war so vorgegangen, wie Sie es von mir erwarten – generalstabsmäßig. Im Internet hatte ich Schneidwaren aus aller Welt identifiziert, ihre Machart und Verwendungsweise studiert und mich ihren blanken, seelenlosen Blicken und ihren Raubtiergebissen ausgeliefert. Sie erschienen niemals harmlos oder sogar dekorativ, wie Pistolen mit ihren plumpen, verkleideten Körpern, die sich gerne einen spielzeugartigen Anstrich geben, bis die Kugel das Leben ausgelöscht, das bis zuletzt die Hoffnung hatte zu entkommen. Ich stimme in keinem Fall mit der häufig zu lesenden Charakterisierung überein, dass Handfeuerwaffen Furcht und Schrecken verbreiten, wo immer sie sich zeigen. Ganz im Gegenteil. In Katalogen und auf Messen ziehen sie bewundernde Blicke auf sich. Es sind stille und schwerfällige, manchmal auch dekorative Gesellen, die Macht verkörpern und zum willfährigen Werkzeug ihres Besitzers werden.

Anders scheint es mir mit Messern zu sein. Niemals kommt man hinter ihr glattgesichtiges Geheimnis. Es gibt sie in allen Formen und Schliffen und immer spiegeln sie nur das wider, was von ihrer blanken Oberfläche reflektiert wird. Sie geben nichts von sich preis, verharren ohne jede Gefühlsregung, obwohl sie bereits blankgezogen haben und ihre hakennasige, spitze oder geschwungene Schärfe, die jeden Lebensfaden mit geringer Anstrengung zu durchtrennen weiß, entblößt ihre Killerseele. Sie sind furchterregend und ohne Mitleid.

Ich kann mir schon denken, dass Sie diesen philosophischen Exkurs für maßlos übertrieben halten. Mein neuer Deutschlehrer bezeichnet meine weitschweifigen Ausflüge gerne als interessante Miniaturen, die sich jedoch mehr an der Sache orientieren müssten. Ich fragte ihn, ob er Hölderlin den gleichen Rat erteilt hätte. Darauf wurde er unverschämt und bezichtigte mich der Anmaßung. Der Unterschied zwischen mir und Hölderlin sei so gewaltig, dass ich den Namen des Dichterfürsten noch nicht einmal im Munde führen dürfe. Ich hatte jede Menge geistreicher Erwiderungen auf der Zunge und den Messerkoffer unter meinem Schreibtisch. Beide Waffengattungen setzte ich nicht ein und begnügte mich mit der Erkenntnis, dass getroffene Hunde bellen.

Tatsache ist doch, dass ich mich in der Gegenwart von Messern beklommen und merkwürdig schutzlos fühlte und das wollte ich wiedergeben. Sie sollten dankbar sein, dass wir hier einen derartig offenen und vertrauensvollen Dialog führen, der nicht durch unnötigen Spott und Spiegelfechtereien vergiftet werden soll. Aber wenn Sie unbedingt darauf bestehen, dass ich es erwähne. Bitte sehr. Natürlich hatte ich keine Scheu vor Brot- und Gemüsemessern in ihrem Alltagsgebrauch. Ich war vielleicht traumatisiert, aber nicht therapiebedürftig. Um es ganz korrekt auszudrücken – das Sushi-Wasabi Kochmesser mit einseitig geschliffener Klinge, das Solinger Schälmesser mit gebogener Klinge und glatter Wate, die Gemüse-, Brot- und Filiermesser in all ihren Ausführungen machten mir keine Bange. Bei ihnen lag der Gebrauch näher als der Missbrauch. Es waren die martialisch aufgemachten Rambogesellen, die mir Gänsehaut verursachten. Aber genug davon. Überwunden ist überwunden. Und das hatte ich so gründlich getan, wie es nur Phobiker vermögen.

Ich hatte die tödlichen Stähle in meinen Händen gewogen, ihrer verschlagenen Glätte Auge in Auge standgehalten und ihre Formen mit vorsichtigen Fingern liebkost, wie ein Mensch, der zum ersten Mal in seinem Leben eine Schlange in der Hand hält und unversehrt bleibt, weil er sich artgerecht verhält. Es war ein großer Sieg für mich und ein blendendes Geschäft für die Versandhäuser. Man kann sagen, dass ich mit der Zeit ein Kenner wurde, der mit Bedacht seine Auswahl traf und diese in dem Besteckkoffer parkte.

Als ich mit meiner Ausrüstung den Bus verlassen hatte, war die junge Frau mit dem kleinen Jungen verschwunden. Ich hatte nichts anderes erwartet. Genau genommen war es die falsche Zeit für Zivilcourage und zart aufkeimende Gefühle. Es war auch die falsche Zeit für Zeugen. Es war Dienstag und Zeit zu handeln. Ich zog den Schal, den ich um mein halbes Gesicht geschlungen hatte, enger. Die Baseballkappe wollte nicht so recht zu der teuren Lederjacke passen, die mein letztes Geschenk an mich war. Ich platzierte mich neben dem ausladenden Zeitschriftenständer eines Kiosks, dessen verwitterte Holzfassade mit mehreren Lagen Graffiti bedeckt war. Zigarettenstummel und Urinstrahlen hatten die unansehnlichen Schneehaufen mit ihren unverkennbaren Markenzeichen versehen. Ein zäher Nebel, den man fast mit Händen greifen konnte, senkte sich, drohte den Tag auszulöschen und dämpfte die Geräuschkulisse zu einem einförmigen Rauschen. Den ganzen Tag war der Himmel zinngrau gewesen und schien neuen Schnee zu versprechen, der nicht fallen wollte.

Ich holte mir eine neue Fanta. Observationen machen durstig. Fragen Sie mich nicht, warum. In Filmen haben die Detektive entweder Harndrang oder maulen darüber, dass nichts Essbares in der Nähe ist. Allenfalls trinken sie Kaffee aus einem Styroporbecher, obwohl keine Notwendigkeit besteht, sich warm zu halten. Scheinbar sind diese Widersprüche noch niemandem aufgefallen. Ich jedenfalls fror gepflegt vor mich hin und trank eiskalte Fanta, weil sie nur so schmeckt und den Durst löscht. Die roten Lichter des „Palais d’Amour“ strengten sich angesichts des wattigen Nebels an, wenigstens einen Teil ihrer marktschreierischen Werbewirksamkeit in die Umgebung zu tragen. Es war abzusehen, dass sie den Kampf verlieren würden. Ich hob meinen Koffer prüfend an und ließ die Verschlüsse aufschnappen. Alles war an seinem Platz. Ich urinierte hinter die Bude. Außer einem aufsässig schnüffelnden Pudel nahm niemand Notiz von mir. Es war zu kalt und zu neblig, um sich um die schemenhaften Figuren auf der Straße Gedanken zu machen. Die Witterung war perfekt. Perfekt für meine Zwecke.

Mein Metzger hieß übrigens Benedikt, was beweist, dass seine Eltern eine Kirchenkarriere statt einer Metzgerlehre für ihn im Sinn hatten. Benedikt machte auch heute keine Ausnahme von seinem gewohnten Tun. Seitensprung nach dem Kalender also. Wie praktisch, wenn man sein Leben so prächtig im Griff hat. Es mochte das Risiko einer vorzeitigen Entdeckung leicht erhöhen, aber der Nebel, der zäh wie Graupensuppe geworden war, zwang mich ganz nahe zu rücken. Die Menschen tappten wie Zombies umher und es hätte nicht viel gefehlt, dass sie mit den Händen ruderten, um die weißen Schwaden zu zerteilen. Autoabgase krochen über die Gehsteige und suchten vergeblich nach Abzugsmöglichkeiten. Der Wetterbericht hatte von vereinzelten Hochnebelfeldern gesprochen und wieder einmal schamlos danebengelegen.

Trotz aller Aufmerksamkeit hätte ich Benedikt fast verpasst. Sie würden staunen, wie viele vermummte Männer mit bauchigen Taschen bei nebligem Winterwetter unterwegs sind. Sie schlurfen mit gesenkten Köpfen, die sie gegen den Wind stemmen und sehen aus wie gestopfte Fleischwürste mit Hüten, Mützen und Kappen in einigen Rollen dunkler Textilien und festem Schuhwerk. Wenn man wie ich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs steht, macht das die Sache nicht leichter. Jeder hätte Benedikt sein können, aber zum Glück besuchte nicht jeder das „Palais d’Amour“.

Der Mann machte wirklich keine Umschweife. Er war ein Anhänger der direkten Aktion. Bis auf seine Seitensprünge war er ein Mann meines Geschmacks. Er musste so dicht an mir vorübergegangen sein, dass ich ihn mit Händen hätte greifen können und ging schweren Schrittes die Treppe zum Eingang des Etablissements hinauf wie jemand, der zuhause ist. Ohne zu zögern schlug er den Samtvorhang hinter der ramponierten Holztür zur Seite und wurde verschluckt. Ich hatte mich an eine Litfaßsäule an der Ecke des Hauses angelehnt, als warte ich sehnsüchtig auf die Pendlerin meines Herzens. Ab und an schaute ich auf die Uhr und schlang die Arme um mich, um wenigstens die Illusion menschlicher Wärme zu erzeugen. Ansonsten versuchte ich gelassen und ausdruckslos auszusehen.

Wahrscheinlich denken Sie, dass die Staffage wieder einmal überflüssig war. Sie hätten es wohl anders angefangen und wären im Schutze des Nebels sorgloser aufgetreten. Wer würde wohl auf einen Passanten aufmerksam werden, der sich ein wenig die Beine vertritt? Wer wird schon Argwohn erregen, wenn er nicht alberne Verhaltensweisen zur Tarnung an den Tag legt? Sie müssen noch viel lernen. Das sage ich ganz bewusst, obwohl ich noch jung bin. Es sind die winzigen Fehler, die sich summieren. Weisheit und Entschlossenheit sind vonnöten. Beherzigen Sie meine Worte.

Es war die Aufschrift auf der Stofftasche, die gut gefüllt von seinem Handgelenk baumelte, die meinen Metzger verriet. „Das Fleisch macht’s“ warb die Tasche mit weißen Lettern auf blauem Grund. Für einen Metzger mochte dies ein alltäglicher Satz sein. Für alle anderen war die Werbeaussage gewöhnungsbedürftig. Werbung ist darauf angelegt, Aufmerksamkeit zu erregen, eine Botschaft mit Erinnerungswert zu platzieren und Assoziationen hervorzurufen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mein Vorstellungsvermögen gaukelte mir bei dieser Zeile ein mehr als faustgroßes Stück rohen Fleisches vor, das seine Säfte auf eine Lage Küchenkrepp tropfte. Ich fand diesen Slogan der Fleischwirtschaft unausgegoren und kontraproduktiv. An jenem Abend allerdings war ich dankbar für den Wink mit dem Zaunpfahl. Anscheinend hatte ich mich trotz bester Vorsätze einlullen lassen. Ich will nicht verhehlen, dass ich mich ein wenig über mich selbst ärgerte, während ich mit gerecktem Hals und gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgte, ob das Licht im Zimmer 23 angehen würde. So sehr ich auch die Fenster zählte und mich selbst überprüfte. Es konnte kein Zweifel bestehen. Zimmer 23 war bereits erleuchtet. Der Mann konnte beim besten Willen nicht nach oben geflogen sein. Das bedeutete, dass sein Herzenspartner bereits anwesend war. Kaum zu glauben, aber diesen Umstand hatte ich einfach nicht bedacht, weil er bisher noch nicht vorgekommen war.

Ich begab mich ins Schlepptau einer grell geschminkten Dame von den Ausmaßen eines Kleinlasters, deren Turmfrisur das zulässige Höhenmaß des Eingangs zum Palast der Lüste eindeutig überschritt. Sie keuchte die Stufen hoch und präsentierte unter ihrem ausladenden Hintern eine Kraterlandschaft an Orangenhaut. Die roten Netzstrumpfhosen wehrten sich tapfer dagegen, in die Vertiefungen gezogen zu werden. Natürlich hatte sie mich bemerkt. Das war nicht weiter schlimm. Viele Männer betraten die Räume als anonyme Anhängsel der Damen, die mit dem Betreiber das Geschäftliche erledigten, während der Kunde mit abgewandtem Gesicht nach oben schlich. Nicht anders würde es bei mir sein. Der chinesische Schnellimbiss hatte vor kaum zehn Minuten eine heiße Mahlzeit geliefert, die der Inhaber des Hauses in einem Nebenzimmer verzehren würde. Gott sei gelobt für Menschen, die starre Gewohnheiten entwickelten und sich daran hielten.

Die fleischgewordene Versuchung vor mir versuchte sich in Konversation. Der Eingangsbereich war die perfekte Kulisse für einen Film noir samt den dazu gehörenden abgestandenen Gerüchen, auf die ich gerne verzichtet hätte. „Na Süßer, hatten wir eine Verabredung?“, nuschelte die Nutte. Wenn sie kein Kaugummi kaute, hatte sie ein gewaltiges Sprachproblem. Die Frage war eher rhetorischer Natur. Sie machte keine Anstalten, sich nach mir umzudrehen. Als erfahrene Liebesdienerin wusste sie, dass Freier scheu wie Rehe sind, bevor sich die Tür zum Zimmer schließt. Alles war eine Frage der Diskretion.

„Hey Süßer, ich nehme mir den Schlüssel zu der 16“, rief sie wesentlich bestimmter in Richtung Nebenzimmer. Der andere Süße antwortete mit einem zustimmenden Brummen und Schlürfgeräuschen. „Du kannst uns gerne besuchen kommen. Uns fällt auch zu dritt etwas Nettes ein, Süßer“, gurrte sie asthmatisch. Ich nahm an, dass ich gemeint war und antwortete mit einem indifferenten Laut. Als sachkundiger Laie in Sachen Prostitution muss ich zugeben, dass meine Mutter um Klassen besser ist. Damit meine ich nicht nur das angenehmere Äußere, sondern vor allem das Anreizvokabular, das abwechslungsreich und lockend in individuell gestalteten Variationen vorgetragen wird. Durch den direkten Vergleich mit dieser lieblos abgenudelten Kirmesnummer stieg sie in meiner Achtung.

Die enge Holzstiege protestierte mit einem Zitteranfall des Geländers, als sich die Nutzerin von 16 nach oben wuchtete. Sechzehn ergab auch die Quersumme sieben und es war gut vorstellbar, dass der weibliche Koloss bei allen denkbaren Spielarten der Liebe den Sieg davontrug. Natürlich war diese Überlegung keine seriöse Anwendung der Numerologie, sondern ein albernes Gedankenspiel. Immerhin half es, die aufsteigende Nervosität im Zaum zu halten. Eine Reihe akkurat ausgerichteter Geldspielautomaten dudelte in der Ecke des engen Raumes. Niemand ließ sich blicken. Das spärliche dunkelbraune Mobiliar wirkte im roten Licht abstoßend und ungesund.

Ich machte mich auf den Weg in den zweiten Stock. Dem Geruch nach zu urteilen, kochte jemand Kohlsuppe auf einem Zimmer. Vielleicht ging es nicht um ein deftiges Essen, sondern um eine mir bisher unbekannte Spezialbehandlung. Ich vermied den Blick in den Korridor des ersten Stockes. Eine Frau schrie. Sie war in Ordnung. Es war kein Hilfeschrei, sondern ein auswendig gelernter Text, den sie mehrfach täglich von sich gab, wenn sie genügend Kunden fand. Der Text lautete: „Weiter, weiter“. Ein Fernseher vom anderen Ende des Flurs antwortete mit einem volkstümlichen Trompetensolo, das plötzlich abbrach. Die Treppenstufen knirschten unter meinen Tritten. Ich schwitzte. Mit einem Knacken erlosch das Licht. Ein Fenster am Ende des Treppenabsatzes wies mir den Weg. Ich tastete mich voran und sah für einen Augenblick hinaus in den milchigen Nebel. Ein Stück Tapete rollte sich von der Wand.

Die 23 war das Eckzimmer direkt neben der grünen Leuchte mit der Aufschrift „Notausgang“.

Sorgfältig komplettierte ich meine Verkleidung und schaute mich noch einmal um. Dann zog ich das Stemmeisen aus der Innentasche der Lederjacke und setzte es an dem altertümlichen Schloss an. Die Hebelwirkung ließ die Tür nach innen schwingen. Das kurze Krachen alarmierte die Gestalt neben der Garderobe. Die Gestalt fuhr herum. Es war der Weihnachtsmann mit offenem Mantel. Von seinem erigierten Glied tropfte Schokosoße. Er starrte mich unter buschigen weißen Augenbrauen verständnislos an.

Dann schoss ich mit dem Taser.

VII.

Ich lege bei allem, was ich tue, die denkbar höchsten Maßstäbe an. Auch bei der Ausrüstung mache ich keine faulen Kompromisse. Der Taser mag ein klobiges und unattraktiv erscheinendes Elektroimpulsgerät sein, aber er hat unbestreitbare Vorteile zu einer echten Schusswaffe oder zu Totschlägern und Elektroschockern aller Art. Er kombiniert das Beste aus zwei Welten. Zum einen kann man seine Pfeile aus sicherer Entfernung abschießen und zum anderen macht er keine hässlichen Löcher, die das Objekt zum Teil oder vollends zerstörten, bevor man die Dinge tun konnte, die man mit ihm vorhatte. Als Bonus kann man betrachten, dass er kaum Geräusche und keinen Schmutz macht, wenn man davon absieht, dass der Getroffene eine vollkommene Muskelverriegelung erfährt und sich möglicherweise beim Nachlassen der Wirkung auf die eine oder andere Weise entleert.

Der Weihnachtsmann war noch nicht im Stadium des Entleerens angekommen. Ganz im Gegenteil. Er krümmte sich in wilden Krämpfen auf dem Boden. Wäre ich nicht so gut vorbereitet gewesen, hätte er sich in den isolierten Hochspannungskabeln verheddert, die von der Tasermündung zu seiner Brust führten. Ich hasste es, wenn meine Sachen beschädigt wurden, auf die ich ansonsten so gut achtgab. Um die Geräuschkulisse aus dumpfem Aufprall und kehligem Stöhnen machte ich mir genauso wenig Sorgen, wie um die Tür, die ich nur mit Schultereinsatz notdürftig im beschädigten Schloss arretieren konnte. Das Haus hatte täglich ganz andere Lärmattacken zu erdulden und es ertrug sie mit stoischem Schweigen. Was mir Sorgen machte, war die zweite Person, die anscheinend im Schock auf dem Bett verharrte, das um die Ecke stehen musste.

Ich war darauf gefasst, jeden Moment von spitzen Schreien durchbohrt zu werden und entschied mich für den Frontalangriff. Mit einem Sprung setzte ich über den sich krümmenden Weihnachtsmann hinweg und rollte mich vorsichtshalber über die Schulter ab, falls ein heimtückischer Angriff von der Bettseite aus drohte. Ich hätte mir keine Sorgen zu machen brauchen. Das Einzige, was über mich herfiel, war ein faltiger Lampenschirm, den mein Steilsprung aus dem Gleichgewicht gebracht hatte. Das Bett stand genau dort, wo ich es erwartet hatte und wurde von zwei ungleichen Nachttischen flankiert, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. An dem schmucklosen Zweimannbett und seinem Deckenberg war an sich nichts auszusetzen. „An sich“ heißt: Bis auf den menschlichen Belag, der wie ein flach gedrücktes X in seinen Armen lag. Da hatten wir also das Objekt der Begierde, dessentwegen Susi traurig war und ich wie ein mäßig begabter Bodenturner in ein mir unbekanntes Zimmer hechtete.

Die ungewöhnliche Steifheit des Objekts und sein gelegentliches Wimmern ließen als Erklärung nur zu, dass es beim Anblick meiner Erscheinung in eine Art angstvollen Starrezustand verfallen war oder schon transportfähig gefesselt und geknebelt dalag. Langsam auf die Knie gehend, entschied ich mich für die zweite Option. Hände und Füße steckten in derben Ledermanschetten und waren mit Verschlusshaken an den aufragenden Bettpfosten festgezurrt. Ein dienstbarer Geist hatte massive Ösen in die Pfosten hineingetrieben. Es geht nichts über stabile Sonderanfertigungen. Das Objekt war passenderweise nackt und lag auf dem Bauch. Die beiden Turteltauben hatten aus Einfachheitsgründen auf ein vollständiges Rollenspiel verzichtet. Der Kopf des Objekts war tief in die Kissen gedrückt und hatte Mühe, mit angestrengt wirkenden Seitwärtsbewegungen an ausreichend Atemluft zu kommen. Der Kopf stöhnte auch, aber in einer höheren Tonlage und mit länger gezogener Modulation im Vergleich zu seinem Weihnachtsmannliebhaber, dessen vokalreiche Reaktion langsam in ein klagendes Zucken überging, bei dem die Pantomime überwog.

Meine beiden Zimmergenossen hatten den Begriff „Zweimannbett“ wörtlich genommen. Der magere, mit blondem Flaum bedeckte Hintern im Zentrum der Matratze gehörte einem Mann. Über den Rest brauchen wir nicht mehr zu streiten. Ich wollte meinen Augen nicht trauen und hätte mir fast die Haare gerauft. Vor mir lag kein ausladender Frauenarsch in Apfel- oder Birnenform, sondern ein vorwitziger kleiner Knackarsch unter schmalen Hüften, muskulös und für einen wie mich in etwa so erregend wie ein Harzer Käse auf Graubrot. Das ganze knotige und sehnige Kerlchen samt blonden Igelhaaren im Blow Dry Stil war nicht mein Metzger. Der gute Benedikt musste unter dem langen Bart des Weihnachtsmanns stecken. Ich war bedient und hätte gut und gerne noch eine Fanta gebrauchen können.

Ich weiß, dass es nur ein kurzer Weg ist, mir Schwulenfeindlichkeit vorzuwerfen, aber ich gehöre nicht zu denen, die Schwule verurteilen, nur weil sie anders orientiert sind. Ich gehöre auch nicht zu jener bigotten Gesellschaft, die Schwulen aus religiösen und moralischen Gründen das Existenzrecht abspricht oder zu der Fraktion, die Homosexualität als kurierbare Krankheit ansieht. Nein, so ist es bestimmt nicht. Ich mag sie nur einfach nicht. Basta.

Seit gerade eben spürte ich, dass ich sie noch viel weniger mochte, wenn sie sich mit heißer Schokolade beträufelten, um Gott weiß welche Spielchen zu veranstalten. Der kleine Scheißer auf dem Bett trug eine Schokoladenlandschaft auf dem Pelz, die im Jackson Pollock Stil auf ihn getropft worden war. Woher ich wusste, dass es sich um Schokolade und nicht um Farbe oder Exkremente handelte? Ganz einfach, meine Lieben. Geruchssinn und Geschmackssinn sind in solchen Fällen untrügliche Ratgeber und wenn sich zusätzlich der Sehsinn mit durchschnittlicher Intelligenz paart, zieht man die richtigen Schlüsse. Auf einem der Nachttische war ein Campingkocher in Betrieb, der in einem Topf Schokolade schmolz. Es roch intensiv nach Bitterschokolade, Kirsche und Minze. Die Schokolade war überall. Klebrige Spuren auf dem Boden, den Bettüberwürfen und den Körperöffnungen von Goldlocke, der mit einem rosa Ball geknebelt war, der ihm aus dem Mund quoll. Mit Nieten besetzte Lederbänder waren in seinem Nacken verknüpft und hielten den Ball an seinem Platz. Ich hatte eine solche Vorrichtung noch nicht gesehen und ihr luststeigernder Sinn erschloss sich mir nicht von alleine.

Ich stippte den Finger in den Topf und kostete. Es war köstlich warm und cremig. Eine Geschmacksexplosion von Kakao, intensivem Kirscharoma und minziger Frische. Die Jungs wussten, was gut war. Vom Körper des gefesselten Gespielen hielt ich mich einstweilen fern. Das tat ich nicht, weil ich Berührungsängste hatte, sondern weil der Weihnachtsmann zu zittern aufhörte und zu starren anfing. Wenn ich später noch Zeit und Lust hatte, konnte ich Goldlocke nach Herzenslust abschlecken. Ich bezweifelte aber schon jetzt, dass es dazu kommen würde. Als ich ihn an seinen Haaren hochzog und den Kopf zur Seite drehte, blubberte hinter dem Plastikball ein Satzbrei ins Freie, der in freier Übersetzung für nicht Geknebelte heißen mochte: „Was soll denn das? Wer bist denn du?“. Berechtigte Fragen allemal, das musste man zugestehen. An ihrer Beantwortung war mir nicht gelegen. Ich versuchte vielmehr abzuwägen, wie weit der Kamerad den Ball mit der Zunge verschieben konnte, um einen höllisch lauten Hilferuf zustande zu bringen. Da ich keinen Babysitter dabei hatte, der auf ihn aufpassen konnte und ich mich dringend anderen Aufgaben zu widmen hatte, griff ich mir das nächstbeste als Zusatzknebel geeignete Objekt. Meine Wahl fiel auf ein handliches Plastiknetz voller handelsüblicher Glasmurmeln. Es lag unschuldig neben einem Kopfkissen und wäre vor fünfzig Jahren der Stolz eines jeden Dorfjungen gewesen. Ich vermochte nach allem, was ich gesehen hatte, nicht zu glauben, dass es zufällig an diesem Platz lag. Andererseits konnte ich mir keinen Reim darauf machen, welche Rolle die teilverkleideten und teilgefesselten Jungs in der Schokoladenweihnachtssexorgie den Murmeln zugedacht hatten. So glatt und fest wie diese waren, konnte man sich einige Verwendungsweisen vorstellen. Aber wir wollen das an dieser Stelle nicht vertiefen. Ich machte mir eine mentale Notiz, meine Mutter als neutrale Expertin dazu zu befragen.

Goldlocke ließ sich erstaunlich willig das Murmelpäckchen in den Rachen stopfen. Anscheinend ging er tatsächlich davon aus, dass ich als Überraschungsgast mit zum Spiel gehörte. Leicht angeekelt betrachtete ich die bräunlich verfärbten Speichelfäden auf dem Zeigefinger meines hellen Ziegenlederhandschuhs. Ich wäre besser beraten gewesen, auf eine Latexversion zurückzugreifen, die ich nach dem Stochern in fremden Mundhöhlen entsorgen konnte. Der Zeigefinger meines Lederhandschuhs roch nach Kirschschokolade. Offensichtlich hatten die beiden Schleckermäuler schon eine erste schnelle Runde hinter sich gebracht.

Der Weihnachtsmann lag wie ein gestrandeter Wal auf der Seite. Er war ein schwerer Bursche und ich hatte alle Mühe, ihn auf einen Flechtstuhl zu zerren und seine Handgelenke mit Kabelbindern an die Armlehnen zu fesseln. Aus der Richtung des Bettes kamen so etwas wie Schnarchgeräusche. Es war nicht zu fassen. Erst nahm der Typ den Mund ziemlich voll und dann gelang es ihm in der denkbar aufregendsten Phase dieses Dienstags einzuschlafen. Mir sollte es recht sein.

Der Schokoladenpenis des Weihnachtsmannes hatte sich in seine drahtige Schambehaarung verkrümelt. Bei dem Herumgewälze hatte die erschlaffte Hautausstülpung interessante dunkle Tupfer und Schmiergebilde auf dem Laminat hinterlassen. Wenigstens war der vornehme rote Mantel mit dem weißen Pelzbesatz weitgehend unversehrt geblieben. Der Rauschebart hing ein wenig windschief, aber immer noch akzeptabel über das Kinn und die Zipfelmütze saß fest auf der Stirn. Lediglich die Bommel war nach vorne geschlagen und zierte die Nasenspitze des Weihnachtsmannes wie ein großer Furunkel. Die beachtliche Wampe des Mannes und seine momentanen muskulären Probleme drohten den Körper nach vorne zu kippen und mit dem Gesäß über den Stuhlrand gleiten zu lassen. So konnte ich nicht arbeiten. Eine gepflegte Unterhaltung erfordert ein Mindestmaß an Bequemlichkeit und Etikette.

Ich behalf mich mit mehreren Armlängen Vorhangschnur und schlang das Nylon um Körper und Beine, bis ich mit der Sitzposition einverstanden war. Später würde ich einen angemessenen Betrag aus den Geldbörsen von Goldlocke und Schokopenis pflücken und für den Betreiber des Palais zur Beseitigung der entstandenen Schäden hinterlegen. Ich machte mir eine entsprechende mentale Notiz. Ich wollte mir in diesem Punkt nichts nachsagen lassen. Sollten Sie an dieser Stelle das Gefühl haben, dass ich unnötig geizig bin, dann täuschen Sie sich. Ich glaube, dass ich schon mehr als ein Mal bewiesen habe, dass Großzügigkeit zu meinen Charaktermerkmalen gehört. Aber ich bin korrekt. Ich bin immer korrekt. Das soll heißen, dass ich mich an dem Verursacherprinzip orientierte. Wer, so frage ich Sie, hatte die Schweinerei verursacht? Doch eindeutig die beiden schwanzgesteuerten Jungs. Und ich bitte noch eines zu bedenken: Ich war ohne Bezahlung, also völlig pro bono unterwegs und trug sogar meine Auslagen selbst. Ich denke, das rechtfertigt meine Handlungsweise.

Der Metzger war der am dichtesten behaarte Weihnachtsmann, der mir je untergekommen war. Haarbüschel sprießten wie Wolle aus seiner Haut. Es waren wellige, drahtige Borsten, die sich zunehmend grau färbten. Susi schien auf den Typ Affenmensch zu stehen, der auf haarige, schwielige Pranken statt auf einen akademischen Abschluss verweisen kann. Das hatte sie davon. Das Fell und die Muskeln unter dem Fettgewebe gab es eben nur im Doppelpack mit einer ungezügelt animalischen Natur. Wenn man selbst auf der musischen und kulinarischen Seite des Genusses stand, der seine Erfüllung in dem Anhören einer Weihnachtskantate und dem Verfeinern von Krautsalat fand, musste man damit rechnen, dass sich die Triebe des Partners anderweitig befriedigten. Nun, dieses Problem würde einer dauerhaften Lösung nach dem heutigen Dienstag wesentlich näher gekommen sein. Ich war mit dem Arrangement erst einmal zufrieden.

Das mühsame Keuchen und Rasseln seines Atems, die Speichelblasen im Wattebart und die trüben Augen unter den mächtigen schneeweißen Augenbrauen ließen das Ansehen des Weihnachtsmannes in meinen Augen auf einen historischen Tiefstand sinken. Außerdem stank er penetrant vor sich hin, als ob er einen Nebenjob als Duftkerze ausüben würde. Aus dem verklebten Schritt waberte eine Schokoladenwolke und die Achseln mit ihrem zottigen Wildwuchs verströmten ein herb männliches Aroma von Tabak, Hölzern und Zitrusfrüchten. Für das Deo hatten Heerscharen unschuldiger Pflanzen ihr Leben geben müssen und ich war dazu verurteilt, ihretwegen mit einem ständig wiederkehrenden Würgereiz zu kämpfen. Ein wildes Hupkonzert von der Straße kämpfte sich durch den Nebel und erreichte das Zimmer als mehrstimmiges Quäken.

Als vorausschauende Vorsichtsmaßnahme hatte ich mehrere Lagen breites Isolierband über den bärtigen Mund meines verkrampften Freundes geklebt. Das war nicht ganz einfach zu bewältigen, denn die Ausläufer des Bartes hefteten sich begierig an den Klebstoff und machten die Haftwirkung unwirksam. Das Experimentieren mit den Klebestreifen brachte mich in die unmittelbare Nähe des Mundes und der fleischigen Wangen. Vielleicht sind Sie in solchen Dingen abgehärteter oder toleranter. Ich jedenfalls war auf das Äußerste abgestoßen, als ich feststellen musste, dass der Weihnachtsmann blutrot geschminkte Lippen hatte. Ich hatte die beiden mitten in der Verrichtung gestört. Ganz sicher wäre die Schminkerei und Verkleiderei noch weitergegangen. Durchsichtige, duftige Dessous und falsche Wimpern, ausdrucksvolle Lidschatten und Pumps Größe 46. Ich wickelte das Isolierband kurzerhand mehrfach um Kopf und Kapuze, sodass der Weihnachtsmann aussah, als sei er von einem Stümper repariert worden. Ich seufzte tief. Im Bett beschäftigte sich Goldlocke mit einer Art ersticktem Schluckauf. Er schien eine Menge Spaß zu haben, denn er schaukelte hin und her, wie jemand, der den Beginn seiner Behandlung nicht abwarten kann.

Längst hatte ich den Taser wieder betriebsbereit gemacht und längst fixierten mich die eng beieinanderstehenden Augen des Mannes auf dem Stuhl. Ich tat so, als hätte ich nicht bemerkt, dass er seine gesamte Muskelkraft einsetzte, um die Fesseln zu sprengen. Der Stuhl ächzte unter der Zumutung, hielt aber stand. Es ist ein seltsames Gefühl, von den blutunterlaufenen Äuglein eines halb nackten, geschminkten und gefesselten Weihnachtsmannes fixiert zu werden, der im bürgerlichen Leben ein Kopfschlächter ist. Manchmal konnte man sich seine Gesellschaft eben nicht aussuchen. Ich seufzte bei dem Gedanken erneut und beschäftigte mich mit meinen Utensilien. In dem Buch eines chinesischen Kriegsherrn hatte ich gelesen, dass die Nichtbeachtung eines besiegten Feindes eine vielversprechende Strategie ist, diesen kooperationsbereit zu machen.

Was Sie nicht wissen können ist, dass meine Aufmachung ihn ebenso verwirren musste, wie es die Seine bei mir getan hatte. Er sah eine schlaksige Figur in Lederjacke, Schal und Schirmkappe mit dem Gesicht von Nancy Reagan. Nun ja, ich muss gestehen, dass mir nichts Besseres eingefallen war. Kurz vor den Festtagen musste man an Masken nehmen, was von Fasching übrig geblieben war. Der Staubschicht nach zu urteilen, die auf dem dehnbaren Gummigesicht der ehemaligen First Lady der USA Asyl gesucht hatte, war die Maske der Ladenhüter des Jahrhunderts. Beim Anprobieren stellte sich heraus, dass Nancy Reagan meine erste Wahl sein musste. Wenn eine Plattitüde angebracht ist, dann hier, denn die Maske passte im wahrsten Sinne des Wortes wie angegossen. Nancy und ich hatten die gleiche hagere und längliche Gesichtsform. Wir waren beide ehrgeizig und machtbewusst … Sie haben recht. Ich darf es mit den Gemeinsamkeiten nicht zu weit treiben. Nancy Reagan hätte niemals vor Santas Schokopenis gekniet und ihre Messersammlung präsentiert.

Und das war der zweite mögliche Grund, weshalb mich der Weihnachtsmann so gebannt anschaute. Auf meine Maskierung konnte er sich erst einmal keinen Reim machen, aber die Geheimnisse, die ich meinem Koffer entlockte, mussten ihn auf das Höchste beunruhigen. Ich gab mich nicht mit Erklärungen ab, sondern hob meine Schätzchen aus ihrem rosenroten Samtbett. Ich will Ihnen nicht verschweigen, dass es dabei nicht wirklich stilecht vorging. Nachdem ich den Besteckeinsatz entfernt hatte, wollte ich eine Serie elastischer Schlaufen in den Samt einlassen, um die Messer dekorativ zu verwahren. Ich denke, Sie kennen das. Vorsätze sind schnell gebrochen, wenn man vordringlichere Dinge zu erledigen hat, und so blieb die Planung in ihren Urgründen stecken.

Ohne Halterung polterten und klirrten die teuren Errungenschaften lieblos durcheinander und verkeilten sich wie ein Haufen Altmetall, das keine andere Zukunft kannte als die Metallschmelze. Das hatten meine neuen Kameraden nicht verdient, zumal ich wusste, wie sensibel und nachtragend diese Klingen sein konnten. Sie glauben vielleicht, das Zerbrechen eines Spiegels bedeute sieben Jahre Pech und damit hat es sich. Sie sollten den Grundsatz auf beschädigte und vernachlässigte Messer anwenden und die Pechperiode potenzieren. Dann wären Sie auf dem richtigen Weg. Meine Methode den gehörigen Respekt zu zeigen war es, jede Schneide in ein separates, genau auf den Charakter des Messers abgestimmtes Tuch einzuschlagen und mit Gummibändern zu taillieren. Es gab ein rot und weiß gewürfeltes Leinentuch für das Bowiemesser, einen nilgrünen Schal für das Hackebeil und die japanischen Nationalfarben für das Santoku-Allzweckmesser, das geformt war wie ein Tukanschnabel.

Es hatte den Anstrich einer religiösen Zeremonie, als ich mit allem zum Gebote stehenden Ernst die wohlverpackten Schätze aus ihrer Luxusgruft hob und auf einem schmucklosen Beistelltisch drapierte. Manch einer zählt das Aufreihen gefährlicher Gerätschaften vor einem wehrunfähigen Dialogpartner schon zu der subtilsten Form von Folter. Dem vermag ich nicht beizupflichten. Es ist ein gewaltiger Irrtum, dass der mittelalterliche Brauch des hochnotpeinlichen Verhörs, der mit dem Zeigen der Instrumente begann, gleichbedeutend mit der heutigen direkten oder indirekten Androhung von Gewalt ist. Lesen Sie dazu die lohnenswerte Abhandlung „Cautio Criminalis“ des Grafen von Spee, der mit dem Traktat wider die Folter den Wahn der Hexenverfolgung zu beenden half. Das Zeigen der Instrumente war keineswegs eine Drohung, sondern der Anfang der Folter selbst, die nur unterbrochen wurde, um dem Delinquenten Gelegenheit zu geben zu gestehen, bevor er als reuiger Sünder in den Schoß der Kirche zurückkehrte und anschließend voll christlichen Verständnisses zu Tode gebracht wurde.

Bitte beschweren Sie sich nicht darüber, dass die letzten Sätze bedeutungsschwanger und bleischwer ihren Denkapparat belastet haben. Ohne Anstrengung kein Fortschritt. Ich fand es nur notwendig, mich von vornherein gegen gewisse populistische Vorverurteilungen zur Wehr zu setzen. Nein, ich hatte nicht vor, dem Mann physische oder psychische Folter angedeihen zu lassen. Ganz im Gegenteil. Ich begann mit harmlosen, fast freundschaftlichen Fragen, die man mit einem Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. Ich fragte, ob er Benedikt, der Metzger sei, und erhielt außer einem feindlichen Starren keine Antwort. Meine nächste Frage zielte auf seine momentane Situation und verfolgte keinen anderen Zweck, als meine Neugierde zu befriedigen. Sie lautete, ob das Weihnachtsmannkostüm zur Staffage eines Rollenspiels gehörte, das er mit Goldlocke exerzierte. Die Reaktion war ein verächtliches Schnauben durch die Nase.

So würde ich nicht weiterkommen. Das Steakmesser besitzt eine schlanke, kräftige Klinge, die Gebratenes glatt und mühelos durchschneidet. Es enttäuschte mich nicht und tat genau das mit der rechten Brustwarze des Weihnachtsmannes. Man kann sich trefflich darüber streiten, ob diese Ausführgänge der Milchdrüsen beim Mann nicht ohnehin eine nutzlose Verkümmerung sind, die die Evolution zu beseitigen vergessen hat. Sicher, sie dienen bei manchen Männern als erogene Zone und können sich mehr noch als bei Frauen durch die umgebende Brustmuskulatur aufrichten. Meine liebe Mutter könnte Ihnen einige Takte dazu erzählen. Aber lassen wir das. Tatsache ist, dass Männer – und allen voran Weihnachtsmänner – bestens ohne Brustwarzen leben können. Schokopenis lebte das vor. Er beeilte sich, den Kopf wild hin- und herzuwerfen und gab eine Salve atonaler Kehllaute von sich, die darauf schließen ließen, dass er kommunikationsbereit war.

Natürlich blutete der Mann. Natürlich erlitt er einen neuerlichen Schock. Grausam war die Behandlung jedoch in keinem Fall. Der rasch entschlossene Schnitt konnte als Anreiz zur Teilnahme am Dialog gelten, eine Art Ermunterung in einer verfahrenen Situation, die durch die üblichen Verhandlungstechniken nicht vorangebracht werden konnte. Zuerst hatte der Weißbärtige seinen Standpunkt klar gemacht und dann ich. Wir waren an dem Punkt eines Neuanfangs angekommen.

Während ich das Messer mit einem Tuch so gut es ging abwischte, stellte ich Frage Nummer eins noch einmal. Meiner Stimme verlieh ich den fröhlichsten, unaufdringlichsten Klang, dessen ich unter der Maske fähig war. Ich wollte mir nicht nachsagen lassen, dass ich meine Gesprächspartner einschüchterte oder demütigte. Die Augen meines Gegenübers versuchten noch immer den Schaden zu taxieren, den die Klinge angerichtet hatte. Langsam hob sich das Kinn von der Brust und der Kopf schüttelte sich verneinend. Der Wattebart war in den unteren Regionen verfilzt und rötlich eingefärbt. Auch die zweite Frage wurde verneint. Ich war irritiert. Ein blutender, gefesselter Fettsack von Weihnachtsmann mit einem schokoladeverklebten Penis hatte es geschafft, mich dermaßen zu irritiert, dass ich in einem Impuls fast die Flucht ergriffen hätte. Sie sehen, ich beschönige nichts. Den listigen Insektenaugen des Weihnachtsmannes konnte ich das Vergnügen förmlich ansehen, das ich ihnen mit meinem Rückzug ins Badezimmer bereitete, wo mich Nancy Reagan streng aus dem Spiegel anblickte und mich einen Narren schalt.

Es konnte nicht wirklich sein, dass ich den Falschen erwischt hatte? Bevor ich dem Weihnachtsmann die Verkleidung herunterreißen und ihn enttarnen konnte, kam die Lösung wie von selbst. Der Kerl mit der fehlenden Brustwarze produzierte eine Serie von Brunftlauten und wackelte mit den Fingern, als ob er ein Klavierkonzert geben wolle. Ich war schon immer gut bei Ratespielen. Pantomimen, die einen Begriff vorspielten, der erraten werden musste, waren eine meiner liebsten Herausforderungen und auch der Weihnachtsmann schien dies zu wissen. Anscheinend befürchtete er drastische Sanktionen und legte es gar nicht darauf an, dass ich ihm das Klebeband über dem Mund entfernte. Wir kamen auch so zurecht und nach wenigen Fehlversuchen hielt ich ihm einen kleinen Schreibblock vor die Finger. Mit einem Bleistift krakelte er mühsam zwei Worte. Es waren die Worte „Fleischer“ und „Nikolaus“. Ich verstand augenblicklich und empfand so etwas wie Bewunderung für den Mann. Er hatte Chuzpe. Was er sagen wollte war, dass er kein Metzger, sondern ein Fleischer war und kein Weihnachtsmann, sondern ein Nikolaus.

Auch wenn die Erleichterung, dass ich das richtige Pärchen erwischt hatte, vorherrschend war, muss ich doch zugestehen, dass mich der Mann verblüffte. Ich war mir nicht sicher, ob er stur, aufsässig, tollkühn oder dumm war.

Ich könnte es an der Stelle mit dieser Feststellung bewenden lassen, aber ich will offen mit Ihnen sein. Wahrscheinlich war mir ein taktischer Fehler unterlaufen, den ich durch doppelte Entschlossenheit beim Vorgehen wettmachen musste. In meinem Bemühen, den Mann zu beruhigen und zur Kooperation zu überreden, versicherte ich ihm mehrfach, dass ich ihm nicht nach dem Leben trachtete. Ich erzählte keine Lüge, sonst wäre die Scharade mit der Unkenntlichmachung durch die Gummimaske, unter der mein Gesicht in salzigem Schweiß ertrank, unnötiges Beiwerk gewesen. Anscheinend hatte er diese Zusicherung zum Anlass genommen, mir den größtmöglichen Widerstand zu bieten, um mich in meinem Tun zu entmutigen.

Und wie bricht man den hartnäckigsten Widerstand, frage ich Sie? Ich sehe, Sie stimmen mir zu. Das ist also abgemacht. Und genauso verfuhr ich. Ohne mich im Geringsten auf die Wortklaubereien des Mannes einzulassen, konfrontierte ich ihn mit seinen grässlichen Verfehlungen, deren er sich seiner treu sorgenden Frau Susi gegenüber schuldig gemacht hatte. Ich konnte sehen, dass meine Worte ihre Wirkung nicht verfehlten. Er schluckte mehrfach krampfhaft, als müsse er einen unverdaulichen Brocken die Kehle hinunterwürgen und schloss schuldbewusst die Augen. Es waren die gleichen Augen, die mich zuvor so unverschämt durchbohrt hatten.

Ich fragte ihn nach den schmählichen E-Mails, die er mit seinem Lustknaben ausgetauscht hatte, dem die Lust am Zappeln mittlerweile vergangen zu sein schien. Ich fragte ihn nach seinem Lieblingsfinger, mit dem er seinem Gespielen anscheinend fortwährend Vergnügen bereitete und registrierte mit klammheimlicher Freude, wie er die Hände zu Fäusten ballte und alle Finger in die Handflächen vergrub, wie Küken, die Schutz unter dem Gefieder der Mutter suchen. Dann zeigte ich ihm das Ausbeinmesser mit der charakteristisch gebogenen Klinge zum Auslösen von Knochen. Der Mann kannte sich aus. Er war Metzger. Verzeihung, auch in dieser Phase gesteigerter Erregung möchte ich Benedikt gerecht werden und mich gerne korrigieren. Er war Fleischer.

Der Effekt meiner Vorführung und der Versicherung, dass er nur einen Finger einbüßen würde, den bösen Finger zumal, führte dazu, dass er sich mit den gutturalen Lauten, dem Kopfwerfen und dem Ballen der Fäuste zu neuen Höhen aufschwang. In einem spielerischen Tonfall hatte ich ihm auseinandergesetzt, welchen seiner Finger ich im Verdacht hatte. Dass er Rechtshänder war, hatte er mit dem Hantieren der Tasche zur Genüge bewiesen. Daumen, Ringfinger und kleiner Finger schieden teils mangels Beweglichkeit, teils mangels Kraft und Geschicklichkeit für solch intime Tätigkeiten aus. Blieben der Zeigefinger und der Mittelfinger und damit die üblichen Verdächtigen. Wäre es um die manuelle Befriedigung einer Frau gegangen, deren natürlicher Zugang mehr Kombinationsmöglichkeiten und eine Zwei- oder gar Dreifingerlösung zuließ, hätte ich an dieser Stelle ein Problem gehabt. Nicht so bei den beiden Herren mit dem Schokoladenfetisch. Ich war mir ganz sicher. Es musste der kräftigere und durchsetzungsstärkere Mittelfinger sein, der vielleicht etwas weniger Tastgefühl aufbrachte als sein Kollege, dafür aber die von einem Ringmuskel bewachte Pforte mit Überzeugungskraft zu überwinden vermochte. Sie müssen sich vorstellen, dass es bei den beiden nicht um eine medizinisch indizierte Prostata-Untersuchung ging, sondern um einen Kreuzzug in Abgründe, die ansonsten nur Proktologen interessierten. Derart in meiner Überzeugung gefestigt, musste ich den Nikolaus nur noch dazu bringen, seine rechte Hand zu öffnen. Und hier hatte ich meinen Geistesblitz.

Mit halb abgewandtem Gesicht sprühte ich Benedikt, dem Fleischer, eine gehörige Portion Pfefferspray in die Augen. Sicher, ich folgte nicht korrekt der Gebrauchsanweisung und hielt den empfohlenen Abstand nicht ein. Der Zweck heiligt die Mittel, konstatiert ein viel gebrauchtes Sprichwort und hebt dabei auf die Effizienz einer Aktion als primäres Beurteilungskriterium ab. Sie können raten, wessen Lieblingssprichwort das ist. Wurde es besonders gerne von Mahatma Gandhi oder von Bert, dem zu Grillkohle verbrannten Boxtrainer, im Mund geführt? Genau wie Sie tendiere ich zu Bert. Es war das Klügste, was er je von sich gegeben hatte.

Die Wirkung war enorm. Der Kopf zuckte zurück, als sei er von einer Keule getroffen worden und gleichzeitig mit dem Einsetzen eines anschwellenden Heultons spreizten sich die Hände in dem vergeblichen Versuch, sich loszureißen und den geblendeten Augen zu Hilfe zu kommen. Selbst meine Augen begannen leicht zu tränen und fast hätte ich den Moment verpasst, mir wie ein lauerndes Raubtier den besagten Mittelfinger zu greifen und mit alle Kraft nach hinten zu drücken. Dass bei solchen Brachialakten Sehnen reißen und Knochen brechen können, ist selbstredend. Ich hatte vorher keine Ahnung, dass Finger bei gehöriger Überdehnung so merkwürdig entwurzelt über den Handrücken baumeln können. Im Prinzip betrachtete ich es als Arbeitserleichterung, denn erstens war ich nicht derjenige, der mit dem ganzen Widerstandsmist angefangen hatte und zweitens hatte ich mehr als genug damit zu tun, dass Schokopenis wie ein Irrwisch samt Stuhl in der Gegend herumschleuderte und sich wahrscheinlich noch aus dem Fenster torpediert hätte, wenn ich mich nicht mit vollem Körpereinsatz auf ihn geworfen hätte.

Schwer atmend und einigermaßen angewidert hatte ich mir einen ordentlichen Kopfstoß und Schokoladenflecke auf der Lederjacke eingehandelt. Ich muss sagen, dass ich nicht schlecht Lust hatte, dem opponierenden Fleischer in die Weichteile zu treten. Ich sah aus zwei Gründen davon ab. Zum einen, weil Rachegefühle kein guter Ratgeber sind und man gut daran tut, im Moment der höchsten Erregung Milde walten zu lassen, zum anderen, weil ich dann mit Sicherheit die Schokoflecke auch an den Schuhen gehabt hätte. Stattdessen hüllte ich mich in ein Ersatzlaken aus dem Schrank und begann ihm den Finger zu amputieren.

Glauben Sie nicht, dass ich einfach blindlings darauf lossäbelte wie ein Anfänger. Ich hatte mich im Praxislexikon über das Thema „Amputationen von Gliedmaßen“ mit dem Untertitel „Finger“ kundig gemacht und wusste die Basics über die richtigen Einschnitte, das Zurückziehen des Muskels und das Durchtrennen der Knochen am Knorpelgewebe. Als Zugabe konnte man mit einer Aderpresse die Blutung kontrollieren und den offenen Stumpf so verbinden, dass keine Infektion drohte und der Abfluss von Flüssigkeiten gewährleistet blieb. Soweit die Theorie.

Sicher kennen Sie auch diese Filme, in denen sich japanische Yakuza in einer Ergebenheitsgeste gegenüber ihrem Anführer ein Fingerglied abtrennen und anschließend mit steinerner Miene und im Schneidersitz einer Ansprache folgen. Schon in ganz normalen B-Movies aus der Rockerszene verlieren Bandenmitglieder haufenweise Finger bei allen Sorten von Messerspielen. Sie tun dies zwar mit schmerzverzerrtem Gesicht, aber irgendwie beiläufig, als sei der Verlust eines Fingers lediglich die Ouvertüre zum großen Finale, das man nicht mit allzu viel Theatralik belasten will. Alles Lug und Trug. Lassen Sie es sich gesagt sein. Das Praxislexikon hatte ja so recht, dass es über jedem medizinischen Rat mit fetten Lettern mahnte: Diese Informationen ersetzen keinen Arzt!

Ich war kein Arzt und ich war unersetzbar. Ich schnitt und kerbte und alles war eine riesige Sauerei. Fast wäre mir bei dem Versuch schlecht geworden, den Mittelfinger aus seiner Position zu schälen. Ich muss ganz klar sagen, das Versagen lag auf meiner Seite. Das Messer tat, was es konnte und gemeinsam schafften wir es dann.

Der Finger sah in seiner blutenden Losgelöstheit unschuldiger aus, als ich vermutet hatte. Er war dick, kräftig und kurz mit spatenförmigen Fingernägeln und einer pelzartigen Behaarung. Er würde so bald keine verbotenen Spiele mehr spielen, die seinen Herrn in Verlegenheit und dessen Frau in Verzweiflung stürzen würde. Alles in allem eine vielleicht alttestamentarisch drakonisch erscheinende Maßnahme und doch ein zukunftsweisender Fingerzeig, der dem Sünder Platz für tätige Reue ließ. Sie sagen, dass ich unnütz und geschwollen daherrede? Sie haben recht. Mir war kotzübel und das Blut schoss aus der zerfransten Wunde, als habe es all sein Leben auf diese Fluchtmöglichkeit gewartet. Ich schlang das gesamte in Streifen zerrissene Betttuch mit Nachdruck um Wunde, die übrigen Finger und Hand, bis ich einen unförmigen Wäscheklumpen vor mir hatte, der begann, zähes Blut in Stößen auszuschwitzen, obwohl ich ein Fläschchen blutstillende Tinktur über die ganze Masse ausgekippt hatte.

Auch wenn ich ein kompletter medizinischer Laie war, hatte ich mir doch das Kapitel über Reflexbeziehungen zwischen bestimmten Nervenbahnen und Muskelsträngen angeschaut und wunderte mich daher über die Metamorphose des Nikolaus nicht. Sie können mir sicher nicht verdenken, dass ich recht wenig auf sein Wohlbefinden geachtet hatte, während ich versuchte, ihn möglichst schonend von seinem übeltäterischen Mittelfinger zu befreien. Ich muss halb auf dem Mann gekniet haben und es grenzt an ein Wunder, das wir nicht mit dem Stuhl zur Seite gekippt waren. Ich hatte das Gefühl, dass ich nach Benedikt stank, nach seinem widerwärtigen Schweiß, seinem ordinären Parfüm und Resten erkalteter Schokolade. Um mit dem Unangenehmsten anzufangen – ich stank objektiv gesehen nach seinem Urin, denn als sein Widerstand erschlaffte, tat dies auch seine Blase. Soviel zu den Reflexbeziehungen unseres Körpers. Ich veranschlagte einen großzügigen Betrag aus seiner Börse für die Reinigungskosten meiner Kleidung.

Ansonsten hing er verdreht und schlaff in seinem Kostüm. Alles, was vom Hals aus abwärts an nackter, bewaldeter Haut zu sehen war, erschien unnatürlich bleich, während die Kopfpartie in einem Rotstich glühte, der vermuten ließ, die letzten Blutreserven hätten sich ohne Rücksicht auf die Gesetzmäßigkeiten des Kreislaufsystems in ein hoch gelegenes Depot geflüchtet, um dort Asyl zu beantragen. Ich nahm an, dass über diese Art der Ohnmacht auch etwas im Praxislexikon zu finden war. Das richtige Stichwort wäre „Tod durch Herzinfarkt“ gewesen.

Es war ruhig im Zimmer und jeder zufällige Zuhörer unseres kleinen Hörspiels musste annehmen, dass die Akteure nach dem Erreichen diverser Höhepunkte nun in eine Phase der erschöpften Abkühlung übergegangen waren. Im Prinzip hatten sie recht, denn das Einzige, was mir noch zu tun verblieb, erledigte ich mit Akribie und ohne die Verhinderungstaktiken des ausgeknockten Nikolaus. Mit Nadel und Faden konnte ich recht gut umgehen, wenn man bedenkt, dass ich mir schon seit Jahren Knöpfe an Hemden annähte, weil meine Mutter die meiste Zeit zwar willens, aber außerstande war, derartige Dienstleistungen zu erbringen. Ihre Qualitäten lagen eindeutig im erotischen Nahkampf.

Zugegeben, der abgetrennte Mittelfinger baumelte vom Ballen der anderen Hand, als ob er nicht dazugehöre. Anatomisch gesehen tat er es auch nicht. Als mahnende Nachricht erfüllte er seinen Zweck. Es war schwierig genug, das glitschige, unansehnliche Ding mit einer Serie von Stichen einigermaßen zu befestigen. Ich erspare Ihnen besser die Details meiner Fehlversuche und weise nur pauschal darauf hin, dass das Vernähen einer Wunde augenscheinlich wesentlich einfacher zu bewerkstelligen ist, als das Annähen eines Fingers an eine Stelle, die auf ein solches Vorhaben nicht vorbereitet ist.

Danach räumte ich auf und verstaute meine Utensilien. Die Maske konnte ich gefahrlos abnehmen, denn Goldlocke und Schokopenis hatten auf der Zielgeraden versagt. Ein bisschen Schwund ist immer. Herzinfarkt und Ersticken. Welch eine Kombination. Tröstlich, dass sie beide gemeinsam gegangen waren. Ich hatte Durst auf eine Fanta und brauchte ein Bad. Der Nebel hatte sich gelichtet. Ich benutzte den Notausgang und beschloss ein Stück zu laufen, um abzukühlen.

Die Top-Schlagzeile des nächsten Tages lautete: „Die sechs Finger des Nikolaus“.

VIII.

Wissen Sie, was mit Ihnen nicht stimmt? Ich verrate es Ihnen. Sie sind einfach zu perfektionistisch, was die Ergebniserwartung anbetrifft.

Was Sie propagieren, ist eine Philosophie des Zauderns. Das übertriebene Nachdenken und Verharren ist der Vetter der Trägheit und die Vorstufe des Müßiggangs, der sich gerne in sehnsüchtigen Konjunktiven wie „hätte“, „müsste“ und „könnte“ artikuliert. Attribute der gewollten, aber niemals vollzogenen Veränderung führen zu einem fühlbaren Knirschen im Weltgefüge und letztendlich zu einem Stillstand, der die Räder des Fortschritts blockiert. Man kann diese Dinge in jedem halbwegs gelungenen Deutsch- und Geschichtsunterricht lernen, wenn man Ohren hat zu hören.

Wer erschauert nicht angesichts des Verderben bringenden Zauderrhythmus des K., den Kafka seine „dauerhaft gezauderten Wege“ in seinen Labyrinthen nehmen lässt? Zu welcher Elendsgestalt wandelt sich der selbstherrliche Wallenstein in dem Drama Schillers, als er sich um die Wende des 18. Jahrhunderts in ein Knäuel verschiedener Handlungsmöglichkeiten verstrickt sieht und das Zögern zur Maxime seines Handelns macht? Warum zögert in der Orestie des Aischylos der tragische Held, bevor er seine Mutter Klytaimnestra ersticht, obwohl er von der Notwendigkeit seines Tuns überzeugt ist?

Hat der Limbo-Zustand zwischen dem „nicht mehr“ und dem „noch nicht“ irgendetwas Gutes hervorgebracht außer dem törichten Lob, dass tiefe Denker methodisch zaudern, weil sie die negativen Folgen einer Affekthandlung abwehren wollen? In der ganzen Diskussion um Abwägung und Verhältnismäßigkeit wollen wir doch nicht vergessen, dass es die beherzten Macher sind, denen die Durchbrüche gelingen, die die Welt in Atem und am Laufen halten.

Genau das hatte ich aus uneigennützigen Motiven getan. Die öffentliche Meinung war auf meiner Seite. Das ein oder andere bigotte Blatt rief zwar halbherzig dazu auf, der Perversion, wie sie ihrer Meinung nach in der Absteige geschehen war, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten, aber die Mehrzahl der Medien schnürten aus der homoerotischen Skandalgeschichte eine spannungsgeladene und mysteriöse Fortsetzungsstory mit nachgestellten Bildern und aufgeputschten Details. Ein besonders engagiertes Boulevardblatt hatte die Witwe des Fleischers überredet, ihr die Exklusivrechte an dem Hintergrundmaterial ihrer Ehe zu überlassen und veröffentlichte in loser Folge Fotos des verstorbenen Benedikt im Kommunionsanzug und als Messer schwingender Metzger, Aufnahmen einer mehr als traditionell begangenen Hochzeit in weißem Kleid, Spangenschuhen, voll hochfliegender Hoffnungen und düster illustrierte Familiengeheimnisse, deren Bedeutung im Halbdunkel blieben.

Die Umsätze der Messerindustrie zogen augenblicklich an und die Schwulenvereinigung rief zu einem Protestmarsch gegen Diskriminierung auf, der von den Linken unterstützt wurde. Die Polizei ermittelte in alle Richtungen und vermutete persönliche Motive hinter der bizarren Tat. Goldlocke hieß in Wirklichkeit Stefan und entstammte einer einflussreichen Industriellenfamilie, die für Hinweise, wer ihren Sohn entführt und in hilfloser Lage in einem zweifelhaften Etablissement erstickt hatte, eine stattliche Belohnung ausgesetzt hatte. Nach der Lesart seiner Familie war ihr Sohn ein drogen- und skandalfreier junger Mann mit vielversprechenden Talenten und einer ganz und gar heterosexuellen Neigung, die er schon früh durch eine Verlobung mit einer untadeligen Elevin aus besseren Kreisen unter Beweis stellte. Der Betreiber des „Palais d’Amour“ wurde von Goldlockes Familie für die erlittenen Unbilden und dafür entschädigt, dass er bestätigte, den tragisch ums Leben gekommenen Sohn niemals zuvor gesehen zu haben. Im Überschwang der Gefühle fügte er ungefragt gerne hinzu, dass der junge Mann mitnichten schwul gewesen sein könne, so als ob er aus gefesselten nackten Leichen den Charakter herauszulesen vermochte.

Susi, die Frau des Metzgers, zeigte sich verweint und fotogen auf manchem Titelblatt und präsentierte ihre nichtssagende Geschichte einer Routineehe mit Routineproblemen und Routineannehmlichkeiten. Sie verneinte, von den Neigungen ihres Mannes gewusst zu haben und das einzig Sensationelle, das ein Magazin ausgrub, war ein Foto des angeheiterten Paares in Karnevalsverkleidung nach dem Besuch der „Rocky Horror Picture Show“. Alle interessierten Kreise verständigten sich stillschweigend auf einen Mord im Milieu und die Erkenntnis, dass das Herz eines biederen Fleischers unergründlich und abgründig sei. Susi hatte es nicht mehr nötig zu arbeiten, denn in ihrem Fall zahlte die Lebensversicherung schnell und ohne Aufsehen. Wenn es stimmt, was die anderen in der Suppenküche sagten, verabschiedete sie sich wegen des ganzen Rummels um ihre Person mit einer Mischung aus Wehmut und spürbarer Erleichterung. Sie träumte von einer Eigentumswohnung und einem erfüllten Leben an der Seite eines Mannes, der ihre Kochkünste und ihren Körper gleichermaßen zu schätzen wusste. Sie würde es schaffen und nie erfahren, wer ihrem Glück auf die Sprünge geholfen hatte.

Wie Sie richtig bemerken, hatte jeder etwas von meinem Eingreifen – außer mir. Ich hatte mir die Kleidung und ein Stück weit meine Nerven ruiniert. Ich war das Risiko eingegangen, dort stümperhaft zu agieren, wo ich keine Routine hatte. Andererseits – sollte ich etwa zuerst das Ausbeinen und Nähen erlernen, bevor ich zur Tat schritt? Hier schließt sich der Kreis der Argumente. Besser ist ein unvollkommenes Ergebnis in mehreren Anläufen als ein vollkommenes Zögern. So sehe ich das.

Meine Erfahrung mit der Sache war, dass es sich einfacher mit dem Prädikat lebte, ein großes Arschloch zu sein als ein menschenfreundlicher Altruist. Altruisten nimmt man im Alltag als gegeben hin. Es sind die Freiwilligen, die sich ehrenamtlich um andere kümmerten, die Helden des Alltags, denen man vor der Silvestergala mit warmen Worten öffentlich dankt, um sie möglichst schnell zu vergessen. Altruisten sind farblose oder fanatisch auf Gut gepolte Wesen, das schlechte Gewissen der Gesellschaft, der schmerzhafte Pickel auf der Seele, der eigenes Engagement einfordert. Man trifft sie in Kirchen und Gemeindezentren, bei elitären Wirtschaftsvereinigungen und in Vereinen, die sich um Erdbebenopfer in Südamerika, Mukoviszidose-Kranke und den vom Aussterben bedrohten gelbfleckigen Feuersalamander in den Alpenregionen sorgen. Überall tummeln sie sich und treten mittlerweile massiert in jeder Form und Gestalt auf.

Ich hatte nicht vor, mich an derartigen Aktivitäten zu beteiligen. Ich hatte ein für mich passendes Konzept gefunden, das mir die gesamte Verantwortung aufbürdete, aber auch die maximale Handlungsfreiheit beließ. Was ich von den anderen lernen konnte, war, dass Altruisten zugleich Arschlöcher sein konnten. In den Sprüchen des weisen Salomo heißt es, dass man dem Stier, der da drischt, nicht das Maul verbinden soll. Falls Ihnen diese Aussage zu kryptisch erscheint, wiederhole ich sie gerne: Für gute Arbeit soll man auch einen angemessenen Lohn erhalten, und wenn kein solcher geboten wird, muss man improvisieren. Wie Sie wissen, bin ich ein Meister der Improvisation und von meiner Grundeinstellung einem kleinen Kompensationsgeschäft für meine Mühen nicht abgeneigt. In Altruisten-Kreisen nennt man diesen Vorgang Aufwandsentschädigung. Wenn man es richtig anstellte, konnte man auch bei gemeinnützigen Aktionen eine angemessene Entlohnung erwarten. Ich wusste noch nicht genau, wie ich es anstellen würde, aber allmählich reifte ein Plan heran, den ich recht bald umzusetzen gedachte.

In der Zwischenzeit versuchte ich mir nicht allzu viele Sorgen zu machen und ertrug die erstickende Enge in der Wohnung meiner Mutter, wie es nur ein in sich ruhender Wünscheerfüller zu tun vermag. Nun, so ganz ruhte ich nicht in mir selbst, denn flüchtige Gedanken an das Mädchen im Bus und ein allgemeines Gefühl der Beklemmung belasteten mich. Es ist einfach nicht das Richtige, sich als selbstständiger junger Mann in einer gewerblich genutzten Dienstwohnung einzuigeln und in Schulbücher zu starren, während das Leben vorbeizieht, als hätte es mit einem nichts zu schaffen. Eine Zeit lang trotzte ich den eisigen Temperaturen und frequentierte Spielhallen und Hinterhofkasinos, wo ich bulgarische Fälschungen in beste Währung transformierte. Niemand beachtete den schlaksigen Mann, der sein Geld in homöopathischen Dosen einsetzte und wie ein Schatten verschwand, wenn er einige Scheine getauscht hatte.

An einem Tag, der sich mit dem Winter verschworen hatte, einer Tauperiode mit strengem Frost ein Ende zu setzen, kaufte ich mein erstes Auto. Das Fahrzeug war ähnlich unspektakulär wie der Betriebshof des Gebrauchtwagenhändlers. Er streute Asche auf den soliden Eispanzer, der sich wie ein milchiger Film aus Glätte über den Beton gelegt hatte. Seien Sie unbesorgt. Ich griff nicht unbeherrscht nach den Sternen. Im Gegenteil. Ich hatte mich für ein gebrauchtes koreanisches Modell entschieden, das viele Konsonanten und ebenso viele Vokale im Namen trug und sich sichtlich schwer tat, mit derartig widrigen Witterungsbedingungen fertig zu werden. Es war ein zierliches Ding mit nettem Gesichtsausdruck und einer Ausstattung, die ganz auf Frauen abgestellt war. Wenn man so sagen will, war es ein Auto zum Knuddeln.

Normalerweise hätte ich eher zu etwas Robusterem gegriffen, aber der unübertroffen günstige Preis und das Servicepaket siegten über die Leidenschaft. Ich redete mir ein, dass das Fahrzeug für den Stadtverkehr wie geschaffen und überdies mit seinen eindrucksvollen Verbrauchs- und Abgaswerten ökologisch mehr als korrekt sei. Derart seelisch gestärkt fuhr ich davon. Sie können sich vielleicht vorstellen, in welch geordneten Bahnen mein Leben verlief, wenn ich diesen Kauf zu den Highlights der letzten Wochen zählen musste. Zumindest gestattete es mir der Wagen, meinen Bewegungsradius wesentlich zu erweitern und ernsthaft auf Wohnungssuche zu gehen, denn dem Zusammenleben mit meiner lieben Mutter waren deutliche Grenzen gesetzt.

Ging mir die Frau, die mir das Leben geschenkt hatte, bislang auf den Geist mit ihrem tranigen Selbstmitleid, das sie dem Bruder Alkohol und dem tragisch verstorbenen Bert in die Arme trieb, hatte sie zwischenzeitlich einen Schalter umgelegt und erschien geradezu beängstigend alert und tatendurstig. Bisher war es mir gelungen, sie dank eines ausgeklügelten Anreizsystems auf der Schiene der Profitabilität zu halten. Jetzt schien sie mir in einem Höhenflug von Eigeninitiative zu entgleiten. Es ist richtig, dass ich ihr den Besuch eines Treffens der „Anonymen Alkoholiker“ ans Herz gelegt hatte, weil ich wie jeder gute Junge um den Zustand meines wertvollsten Investitionsgutes fürchtete. Sie sollte aus dem Stupor von Trauer und Alkohol, der sie umgab wie eine unsichtbare Mauer, entkommen, um mit frischen Kräften ihrem Gewerbe nachgehen zu können. Das war für uns alle wichtig, vor allem für die Einnahmenseite und den Kundenbindungsaspekt. Ein wenig Traurigkeit und Weltschmerz konnte man noch gut vermarkten, nicht aber eine niveaulose Inszenierung ohne Kraft und Fantasie.

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501 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783942672221
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