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Seelenzerrung

Winfried Thamm


1. Auflage Januar 2019

©2019 OCM GmbH, Dortmund

Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund

Verlag: OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-verlag.de

ISBN 978-3-942672-68-9

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Inhaltsverzeichnis

1  Alles auf Anfang

2  Ayan erfindet sich neu

3  Nach dem Dessert

4  Sie spielt Cello

5  Wir müssen leider draußen bleiben

6  Wie in Amsterdam, nur ohne Japaner

7  Aus der Tiefe des Meeres

8  Der alte Mann und das Mädchen

9  Flinke Finger

10  Friederike sucht einen Mann

11  Taubes Gefühl

12  Auch ohne letztes Zimmer

13  Über den Autor

14  Weitere Bücher von Winfried Thamm

15  Über den Verlag

Landmarks

1  Cover

Für Ilse,

die in ihrem langen Leben immer wieder ­auf­gestanden ist und sich zurückgekämpft hat, wenn sie ­niedergestreckt wurde von der Willkür des Lebens.

„Dies ist, glaube ich, die fundamentalste Regel allen Seins: Das Leben ist gar nicht so, es ist ganz anders!“

Kurt Tucholsky

„Wir glauben Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.“

Eugène Ionesco

Alles auf Anfang

Hier im Hotel Böll, habe ich ein Zimmer gebucht, im Essener Norden, an meinem alten Schulweg. Eine billige Absteige. Hier soll ich mein neues Leben beginnen. Lächerlich.

Die Straßen sind regennass. Der Wind treibt Müll vor sich her. Die Häuserflucht, ein Schwarz-Weiß-Foto mit roter Ampel.

Zerzauste Erinnerungsfetzen, fossile Gefühle von Kindheit. Wusste nicht, wohin. Also nach Hause. Ist es nicht mehr. Zu lang war das andere Leben:

Frankfurt, da wo die Bücher wohnen, in den Kulturpalästen der großen Verlage. Buchkritiken und Lektoratsarbeit, Lesungen und Interviews, mitten im Leben eben. Dann Francoise, die Lebensliebe, zeigte mir, wie Leben geht, und Lust. Wir: Kopf und Zahl der gleichen Münze. Zwei Schuhe machen ein Paar. Dann kam Hannah, unsre kleine Fee. Glück pur.

An der Rezeption checke ich ein, nehme Schlüssel und Rollkoffer, sollte aufs Zimmer, ein wenig schlafen, kann aber nicht. Wenn ich da jetzt hochgehe … nein. Lasse meinen Koffer an der Rezeption, gebe den Schlüssel zurück und eile hinaus.

Später Nachmittag, Anfang November. Schieferwolken hängen tief. Der Wind will mir an den Hut, drücke ihn fest. Hände tief in den Manteltaschen gehe ich zügig die Hauptstraße lang. Biege in die Erste rechts in die Albstraße ein. Die Straße meiner Kindheit. Drei Kopftuchfrauen in schwarzen, langen Mänteln hasten vorbei, mit weißen Plastiktüten beladen. Kinder an Rockzipfeln. Der Regen setzt wieder ein. Ich stehe vor dem Haus Nummer 3, meinem alten Zuhause. Plötzlich rieche ich das Gusseisen der Werkzeugfabrik, die es nicht mehr gibt. Jäh fliegt mich das Gefühl von Kindheitsglück an. Ich schaue nach oben zum zweiten Stock rechts, unsere Wohnung. Links hat Tante Mia gewohnt. Hat mir erste Stücke auf dem Klavier beigebracht: „Der fröhliche Landmann“. Mein Gesicht ist nass von Regentränen. Spüre Scham.

Wenn ich es damals, in Frankfurt, wenigstens so stark gespürt hätte, dieses kolossale Glück. Aber es strahlt erst hell, wenn man im Dunkeln steht. Diese Unbeschwertheit, das leichte Leben, lange Abende mit Freunden bei Rotwein und Lammkeule, Kaffee-Orgien mit Kollegen im Büro, bei Erfolgen gab’s Prosecco. Und immer Hannah und Francoise, rund um die Uhr. Alles verschmolz zu einem großen Klumpen Gold.

Den Hut tief ins Gesicht gezogen, gehe ich zurück zur Hauptstraße. Weiß nicht, wohin. Halte ein Taxi an.

„Zur Rüttenscheider Straße“, sage ich.

„Ein bisschen früh für die Rü“, sagt der Fahrer und lacht. Lache auch, kurz und schmerzlos, will ihm nicht die Laune nehmen. Es reicht, wenn für mich die Welt untergeht. Die Rü, Kneipenmeile in Essen. Erkenne sie kaum wieder. Coole Lounge-Bars, hippe Restaurants. Glitzerwelt auch bei Regen. Ich gehe ins „Lorenz“, setze mich an die Theke, bestelle ein Bier.

Bis dann im schönsten Frankfurter Sommer das Licht ausging. Seelenfinsternis: Eine kleine Fee gegen ein großes Auto. Das war einfach nicht fair. Die Willkür saß am Steuer. Ihr war es egal, dass ein kleines Kind nicht mehr lachen, ein junges Mädchen nicht mehr heranwachsen durfte, zur Frau, die jemanden fände für die Liebe. Eine verbeulte Motorhaube gegen ein Bündel Kleidung mit was drin, was komplett zerbrochen war.

Nach dem zweiten Bier hänge ich Mantel und Hut an die Garderobe. Bestelle mir zum nächsten Bier einen Calvados. Er durchflutet mich mit einer Erinnerung an Sommerabende. Mit dem nächsten Bier merke ich, wie mir der Alkohol in den Kopf steigt und mich entspannt. Draußen faucht der Wind den Regen an. Menschen suchen rettenden Halt an Thekengeländern.

Francoise und ich legten unsere Herzen mit in den kleinen weißen Sarg. Herzlos, wie wir dann waren, trennten wir uns. Jeder trauert anders. Schmerz verbindet nicht. Geteiltes Leid ist halbes Leid, eine Lüge. Nach dem Desaster hatte ich wieder angefangen zu rauchen. Auch egal, alles egal.

Ich gehe vor die Tür und stecke mir eine an. Klopfe an die Scheibe und lass mir ein Bier bringen. Eine Frau steht neben der Tür, raucht auch. Will reden:

„So ’n Bierchen mit Kippe kommt gut, nee?!“

„Jau“

„Scheiß Wetter, was?“

„Mh.“

„Versteh’ schon.“

Sie geht hinein.

Die große Stadt am Main, ihr Rhythmus war mein Puls, ihre Energie lud meine Batterie. Sie, die mir die Chancen zu Füßen legte, mich nährte mit Arbeit, Geld und Ruhm, die mich Fremden aufgenommen und mir Freunde geschenkt hatte, diese großartige Stadt wollte mich nicht mehr. Sie spuckte mich aus wie einen alten Kaugummi. Und das nur, weil ich mein Lächeln verloren hatte. Mein Lächeln war die Währung für sie, mein Lächeln, mit dem ich mich dankbar zeigte für alles. Es ist mir aus dem Gesicht gefallen, direkt in die Grube.

Die Kneipe wird immer voller, immer lauter. Stimmen, Lachen, Gesichter und Körper, junge, schöne Männer und noch viel schönere Frauen, die lächeln und flirten und küssen und trinken und, und, und … Nichts macht einsamer, als allein in einer vollen Kneipe zu sein. Ich zahle und gehe. Es ist kalt, aber es regnet nicht mehr.

Die Kollegen mieden mich aus Unsicherheit. Ich mied sie aus Wut auf ihre heile Welt. Am liebsten hätte ich draufgehauen. Ich weiß, das ist nicht fair. War das große Auto fair? Wenn man in einem Verlag nicht mehr redet, ist man tot. Mein Chef fühlte mit mir, ich nicht mit ihm. Es ging nicht. Also ging ich. Hatte dann viel Zeit. Time for passion. Wieso bedeutet dieses Wort Leidenschaft und Qual zugleich?

Ziellos schlendere ich durch die Straßen meiner fremden Heimatstadt. Die Lichter der Cafés, Kneipen und Galerien kämpfen mit grellen Farben gegen das grantige Grau der Fahrbahnen und Fassaden. Der tief depressive Himmel fällt auf den nassen Asphalt. Ich suche nach Gefühlsankern und Wiedererkennen.

Trieb mich rum im Frankfurter Bahnhofsviertel, versuchte es mit Tränen. Einer, der auszog, um das Weinen zu lernen. Ein Märchen. Nach zehn Bier und sechs Korn ging’s manchmal. Dann war ich stolz. Ich stank nach Bier und Trauer. So hörte die Stadt auf mich zu lieben und machte mich zum einsamsten Menschen des Planeten. Mir waren die Mitleidsumarmungen der Frauen unangenehm. Mir erschien ausgesprochenes Mitgefühl als Lüge, als Obszönität. Der Einzige, den ich ertragen konnte, war mein Bruder. Der wohnte in Essen. Immer schon. Ein Fels in der Brandung. Ich fuhr zu ihm. Wir tranken Bier und erzählten uns Geschichten von früher. Manchmal weinte ich. Dann ging er in die Küche, holte den Ouzo aus dem Eisfach und schenkte ein.

Hier werde ich vielleicht eine neue Arbeit finden, als Verlagsassistent. Kann nichts anderes. Ich lache kalt auf.

„Montag: Vorstellungsgespräch! Reiß dich zusammen!“, rufe ich mir zu. Vor einer Eckkneipe stehen einige Taxen. Ich steige in eine und nenne dem Fahrer die Adresse meines Bruders.

Wir sitzen zusammen und erzählen uns Geschichten von früher und Neues von heute. Zwischendurch geht er nach Nebenan, um das Gästebett zu beziehen. Das Bier ist kühl, der Ouzo wärmt. Den Koffer kann ich ja morgen noch holen.

An Brüdern wie Felsen in der Brandung zerschellt man nicht. Sie retten einen vor dem Ertrinken. Bestenfalls.

Ayan erfindet sich neu

Es war Montagmorgen viertel vor acht, als Heinz Scholz im Lehrerzimmer auf den Vertretungsplan sah. Er las:

Scho - 1. + 2. Std - Ku - SEFÖG - Raum - K004

Für nicht Eingeweihte hieß die Übersetzung: Herr Scholz sollte in der Seiteneinsteiger-Fördergruppe, also in der Flüchtlingsklasse, zwei Stunden Kunst im Kellerraum 4 vertreten. Und zwar jetzt, gleich, sofort.

Heinz war zweiundsechzig, wollte keine Karriere mehr machen, nicht mehr die Schullandschaft oder gar die Welt verändern. Er wartete auf seine Pension und auf die Reisen mit seiner Frau und dem alten Wohnwagen. Ja, so war er. Früher hatte er sich engagiert, jahrelang, Jahrzehnte, gefühlte Jahrhunderte. Nichts war passiert, alles war erstickt im Sumpf der Bürokratie.

Meine Güte, auch das noch, was mach ich denn da mit den Flüchtlingen? Da spricht doch kaum einer Deutsch. Haben die denn Material? Ich war da noch nie. Die sollen ziemlich schwierig sein, dachte er.

Heinz ging in den Materialraum Kunst, klemmte sich ein paar verwaiste Zeichenblöcke und eine Kiste mit Wachsmalstiften unter den Arm und stieg hinab in den Keller. Die Tür zum Raum 004 war geschlossen und kein Ton zu hören.

Vielleicht hat ihnen ja die zuständige Kollegin gestern schon gesagt, dass die ersten beiden Stunden ausfallen, hoffte Heinz.

Er drückte die Klinke herunter, die Tür öffnete sich. Gleich sprang ihm ein Mädchen zu Hilfe und nahm ihm die Blöcke und die Kiste ab. Er betrat den Raum und schaute in die Gesichter von sechszehn Kindern und Jugendlichen, irgendwo zwischen 10 und 18 Jahren. Sie sahen ihn an, ängstlich, verunsichert, belustigt, forsch, gelangweilt, neugierig, mit einem Lächeln um den Mund oder mit Sorgenfalten auf der Stirn, mit ernstem Gesicht oder unbedarfter Heiterkeit. Aber niemand sprach, alle standen hinter ihren Stühlen und warteten.

„Guten Morgen zusammen!“, sagte Heinz. Sie antworten im Chor: „Guten Morgen Herr …“ Verlegene Blicke.

„Ach so, ja, ich bin Herr Scholz. Wir haben jetzt zwei Stunden Kunst zusammen“, sagte Heinz und lächelte sie an. Sie setzten sich und grinsten zurück.

Das hilfsbereite Mädchen von vorhin, das Lava hieß, erklärte ihm etwas altklug in gebrochenem Deutsch, dass einige von ihnen schon seit über einem Jahr hier seien, andere erst seit ein paar Monaten und Ayan erst seit letzter Woche. Und sie zeigte auf einen schwarzen Jungen von etwa 15 oder 16 Jahren, der schüchtern auf seine Hände blickte, als er seinen Namen hörte. Die meisten verständen schon viel Deutsch, wenn nicht, dann aber Englisch. Nur Vasili nicht, aber Boris übersetze ihm alles. Das funktioniere alles sehr gut, erklärte Lava. „Frau Drilling immer sagt: Alles gut, alles gut!“, endete sie mit einem Lachen.

Heinz verteilte Blätter und Stifte, seine Angst verflog. Es sind nur Kinder. Kinder sind eben Kinder, überall, Gott sei Dank. Er erklärte auf Deutsch und auf Englisch, dass sie ein Bild malen sollten zum Thema Frühling. Natürlich war das seltsam, es war Mitte Januar, tiefster Winter, draußen lag Schneematsch. Aber er konnte sie doch nicht auffordern, den kargsten, traurigsten und schäbigsten Monat des Jahres zu malen. Das ging doch nicht.

Er fragte, was denn alles zum Frühling gehöre und sie antworteten: „flowers, grass, trees, Sonne, Haus, Wiese, Regenbogen, Vögel, Kinder, Eltern, Mam and Dad, brother, Schwester, alles grün, schöner Regen, Datteln, Feigen, sweet, all is sweet …“

Und sie malten drauflos, die Kleineren eifrig, die Älteren gelassen. Dabei erzählten sie, woher sie kamen, fragten Heinz, ob er verheiratet sei, ob er Kinder habe, waren erstaunt, dass er nur ein Kind hatte, schauten daraufhin mitleidig, fragten, wie man einen Hasen malt, einen Esel oder ein Kamel. Alle waren beschäftigt und gut bei der Sache, nur einer nicht: Ayan.

Heinz bemerkte es und setzte sich zu ihm.

„Du bist Ayan, ja?“, fragte Heinz ihn auf Englisch.

Ayan nickte.

„Woher kommst du, was ist dein Land?“

„Er kommt aus Somalia, Frau Drilling hat gesagt“, krähte Lava dazwischen.

„Sei mal still, Lava, Ayan soll selbst erzählen“, erwiderte Heinz.

„Englisch er versteht, aber nix sagen, nie!“

„Ayan, wie alt bist du?“, versuchte es Heinz weiter.

Der Junge sah Heinz nicht an und rutschte auf seinem Stuhl etwas nach hinten. Heinz lächelte ihn an, nahm einen Malstift und hielt ihm den vors Gesicht. Ayan drehte zitternd den Kopf zur Seite.

„Hier, nimm den Stift und male, was du willst. Oder auch nicht. Du musst nicht“, sagte Heinz auf Englisch und strich ihm beim Aufstehen mit der Hand über die Schulter.

„No!“, schrie Ayan, sprang auf, „don’t touch me! No!“, drückte sich mit aufgerissenen Augen an die Wand. Der Stuhl war mit einem lauten Knall umgestürzt. Dann war es still, ganz still.

Heinz war zwei Schritte zurückgewichen. Die Handflächen nach unten gerichtet, signalisierte er Ruhe, Rückzug, sagte dann: „Okay, okay, ich lass’ dich in Ruhe, ich fasse dich nicht an.“

Man hörte das Ticken der Heizung, leises Scharren von Ayans Schuhen, das zurückgenommene Atmen der Kinder. Wie in Zeitlupe begann Ayan sich zu bewegen. Er ging wieder zum Tisch, stellte den Stuhl auf, setzte sich hin, hielt immer den Blick auf Heinz gerichtet, zog aber das leere Blatt zu sich, nahm einen Stift und begann zu malen.

Alle atmeten auf. Es kam wieder Leben in die Gruppe. Sie malten weiter, sprachen und lachten miteinander. Aber anders als vorher, verhaltener, geduckter. Heinz ging von Tisch zu Tisch, sah sich die Zeichnungen an, gab Ratschläge, half bei Motiven und Details, redete mit ihnen, fragte sie nach ihren Interessen, ihrem Alltag. Und zwischendurch schaute er immer mal wieder hinüber zu Ayan, wie er dasaß und malte. Manchmal konzentriert und akribisch, dann wieder wild kritzelnd und krakelnd. Der schlaksige Junge mit der dunklen Haut ließ Heinz nicht aus den Augen, innerlich auf dem Sprung, bereit zur Flucht.

So ging es die ganze Doppelstunde lang, fast neunzig Minuten. Als er am Ende der Stunde seine Kreidekästen wieder einsammelte und die Schüler in die Pause schickte, kam Heinz an Ayans Tisch. Der faltete schnell sein Blatt in der Mitte, schob es Heinz über den Tisch mit den Worten: „Here, that’s my spring. (Das ist mein Frühling)!“, und rannte hinaus.

Heinz faltete das Blatt auseinander und schaute auf das Bild: Drei große, schwarze, stehende Figuren, eckig gezeichnet, mit spitzen Gegenständen, vielleicht Knüppeln, Speeren oder Gewehren, waren zu erkennen. Vor diesen brachialen Gestalten lag eine Vielzahl kleiner, brauner Figuren. Darüber waren in wildem Krickelkrakel, rote, zackige Linien gemalt.

Hermann setzte sich an den Tisch, sah auf das Bild, stützte seinen Kopf in seine Hände und wusste nicht weiter.

Am nächsten Tag sprach Heinz seine Kollegin Drilling, die die Flüchtlingsgruppe intensiv betreute, auf Ayan an und erzählte, was passiert war. Heide, so hieß sie mit Vornamen, war entsetzt. Dass die Schul-Orga ihn einfach so kurzfristig in die Gruppe geschickt habe, ohne Infos und ohne Vorwarnung, sei eine Dreistigkeit, eine Katastrophe. Ayan dürfe man auf keinen Fall malen lassen. Er sei erst sechs Wochen in Deutschland. Nach der Ermordung seiner gesamten Familie von Terrormilizen und einer Flucht, bei der er nur knapp dem Tod entkommen sei, sei er jetzt völlig traumatisiert. Psychologen kümmerten sich, es sei aber schwierig. Damit er noch etwas Anderes sieht als nur seine innere Apokalypse, sei er hier in der Schule. Er müsse nichts lernen, erst mal nur überleben. Das sei alles so schrecklich. Er sei ja nicht der Einzige, da gebe es ja noch so viele Schrecklichkeiten, die man gar nicht aufarbeiten oder irgendwie therapieren könne, sie wisse auch nicht weiter … und was sie tun könne … ob das was bringt … sie wisse auch nicht … gebe aber alles.

Heinz meldete sich krank, ging nach Hause und blieb die nächsten drei Tage auch dort. Er verkroch sich in seinem Arbeitszimmer, recherchierte im Internet über Somalia, Terrormilizen, Hungersnöte, Kindersoldaten und Piraterie. Und wenn es allzu arg wurde, trank er Wein und weinte. Abends besprach er all das mit seiner Frau. Er verband die Fakten aus den Internetartikeln miteinander und verstand langsam die politischen Zusammenhänge in Somalia und die Lebenssituation der Bevölkerung. Und gleichzeitig verstand er nichts. Nicht die Grausamkeiten, die Folterungen, die Vergewaltigungen, die Kindersoldaten, die Morde, die Metzelei.

Heinz sah sein Leben, seinen Alltag, seinen Unterricht, seinen Feierabend, seine Freizeit, seine Gespräche, Spaziergänge, seine Kino- und Restaurantbesuche, das gemeinsame Kochen und Essen mit seiner Frau und seinen Freunden, sein Leben aus einer völlig anderen Perspektive. Er lebte im Paradies und fühlte sich schuldig.

In den nächsten Wochen und Monaten hatte Heinz keinen Unterricht mehr in dieser Klasse, fragte aber immer mal wieder seine Kollegin Heide, wie es dem Ayan so gehe.

Er mache Fortschritte, werde sicherer, fröhlicher und selbstbewusster, meinte Heide. Das beruhigte ihn.

Zwischendurch in den großen Pausen sah er Ayan häufiger mit Jonas zusammen, einem Schüler, den er aus seinem Deutschkurs in der Oberstufe kannte. Das beruhigte ihn noch mehr.

Die Sommerferien waren vorbei, das neue Schuljahr begann. Heinz richtete für seinen neuen Theaterkurs die Aula her. Requisiten, Ton und Licht, Kostüme und was man sonst noch so braucht. Die sechste Stunde war vorbei, die einstündige Mittagspause für Lehrer und Schüler begann, als Jonas seinen Kopf durch die Tür steckte und fragte:

„Herr Scholz, dürfen wir in der Pause hier Musik machen? Der Musik-Reimann hat uns das erlaubt. Wenn wir die Aula verlassen, sagen wir auch einem Lehrer Bescheid, damit er hier abschließt. Ist das Okay?“

„Ja, na klar. Ich kenn’ dich doch, du machst doch keinen Blödsinn hier drin. Aber was meinst du mit ,wir‘?“, frage Heinz zurück.

„Na, Ayan und ich, wissen Sie das nicht?“

„Was?“

„Wir machen schon seit Urzeiten zusammen Musik!“

„Nein, das wusste ich nicht, aber das ist ja toll“, antwortete Heinz und spürte, wie er sich schämte für dieses peinliche und steife Lehrerlob. Er zog sich in den Raum hinter der Bühne zurück, um seine Requisiten zu sortieren.

Jonas spielte auf dem Flügel in der Aula ein paar gebrochene Jazzakkorde als Intro, bis jemand dazu zu singen begann: „If it’s magic …“ Heinz erkannte es sofort: Stevie Wonder!

Er öffnete die Tür zur Aula ein wenig mehr, um besser hören zu können. Wer da sang, war großartig, wie er sang, war so soulig, mit einer Stimme, die samtig und doch kraftvoll klang, mit einer lässigen Sicherheit immer die richtigen Töne traf und mit ihnen spielte, als habe er nie etwas anderes getan. Heinz war so überwältigt, dass er gar nicht wusste, wohin mit seiner Freude.

Als das Lied zu Ende war, trat er aus dem Requisitenraum auf die Bühne und sah die beiden, Jonas und Ayan. Ganz langsam ging er auf sie zu, quer durch den großen Saal der Aula.

Jonas legte jetzt ein paar regelmäßige Akkorde auf eins und drei vor, bis Ayan taktversetzt einstieg, nicht als wolle er singen, eher als erzähle er eine Geschichte:

„I see trees of green, red roses too,

I see them bloom for me and you,

and I think to myself …“

Heinz schaute Ayan mit großen Augen an. Er hatte das Gefühl, als singe sich Ayan all seinen Schmerz von der Seele, als singe er sich hinein in ein neues Leben, als erfinde Ayan sich neu in einer anderen, besseren Welt.

Ayan, der nie sprach, der dieses Bild gemalt, der diese Hölle erfahren hat, dieser Ayan sang den alten Louis-Armstrong-Song „What a wonderful world“. Und Heinz glaubte es ihm.

Nach dem Dessert

Es ging um ihn. Er war gestern fünfzig Jahre alt geworden. Jetzt wurde gefeiert. Es ging nicht anders. Herrmann Bomburg, Staatsanwalt, stand ungern im Mittelpunkt. Vor Gericht ja, aber nicht für Lobesreden.

Ein Geburtstag ist weder Verdienst noch Leistung, dachte er.

Etwa vierzig elegant gekleidete Menschen bildeten einen Halbkreis um den Redner. Herrmann stand am rechten Rand und ließ die Ode seines Ältesten über sich ergehen. Nicht ohne Stolz und einem Anflug von Peinlichkeit. Der Salon seiner Villa war festlich hergerichtet. Alle waren bewaffnet mit Sektflöten und Feierlächeln. So viele schöne Menschen.

Ihm gegenüber sah er sie. Grazil und geschmeidig zugleich, die Schönste von allen. Immer wieder flog sein Blick zu ihr hinüber. Er konnte es nicht lassen. Sie lächelte leise.

„… und ich bin stolz darauf, in deine Fußstapfen getreten zu sein. Nein, du hast mich nicht gezwungen, nicht genötigt gar, nur geführt in meinen wilden, hormongeschüttelten Zeiten als Gymnasiast, weder mit harter Hand noch mit Handschellen … (Vereinzeltes amüsiertes Kichern) …, sondern mit Verständnis und Beharrlichkeit hast du mich an meine Pflicht erinnert, ein nicht nur gutes, sondern das beste Abitur zu schaffen und mich auf mein Studium der Jurisprudenz zu konzentrieren.“

Ja, dich habe ich immer im Griff gehabt, Lutz. Nur ein folgsamer Sohn ist ein guter Sohn. Wenn du auch weiterhin auf mich hörst, wird es dir gut gehen. Fleißig bist du ja, aber dir fehlt die Fantasie. Rebecca ist da ganz anders, dachte er.

„Wie oft habe ich mir bei dir Rat geholt in schwierigen Fragen und wie oft hast du mich motiviert, nicht auf-, sondern alles zu geben. Getreu deinem Motto: Nicht das Vergnügen sei des Menschen Pflicht, sondern die Pflicht sei des Menschen Vergnügen.“

Herrmann musste grinsen: Wunderschön formuliert. Reden kannst du. Das muss ich dir lassen.

„Dadurch habe ich zwar eine Reihe von Besäufnissen mit meinen Kommilitonen verpasst … (wieder leichte Heiterkeit in der Runde) … aber wenn das meinem Ruf geschadet hat, dann nur bei den Zechern unter meinen Weggefährten. So konnte ich mit deiner moralischen und gleichwohl fachkompetenten Unterstützung schon in diesem Frühjahr mein erstes Staatsexamen summa cum laude feiern.“

Diese Selbstlobhudelei! Lutz, du bist so peinlich! Rebecca lächelte nicht mehr. Sie stieg ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

Herrmanns Blicke waren wieder bei ihr. Was hatte sie nur verärgert? Er lächelte sie an, schlug die Augen nach oben und hob leicht die Schultern. Da zeigte sie Grübchen und blitzte keck herüber. Sie verstanden sich wortlos.

Ein langes, silbernes Kleid mit einem hohen seitlichen Schnitz floss um ihre schlanke Gestalt. Das dunkle Haar war hochgesteckt, die Lippen signalrot.

Rebecca, seine kleine Prinzessin, achtzehn Jahre jung, seit gestern, am gleichen Tag geboren wie er. Das Collier hatte sie von ihm bekommen. Lutz, Bemerkung, so etwas schenke man doch eher seiner Frau und nicht der Tochter, hatte ihn getroffen.

„Und dieses Fest war, wie du weißt, im wahrsten Sinne des Wortes nicht von schlechten Eltern. Doch obwohl du in deiner so eigenen Bescheidenheit deinen runden Geburtstag lieber im Schoße deiner Familie feiern wolltest, hat Mamá die Organisation in ihre preußischen Hände genommen und diese „Festkutsche“ zu einem gesellschaftlichen Ereignis gelenkt, bei dem die Garde deiner beruflichen Weggefährten nicht fehlen durfte.“

Wie schön du bist. Seine Gedanken schweiften ab in die Zeit, als sie noch klein war. Das war die Phase, in der er an seiner Karriere arbeitete und selten zu Hause war. Doch wenn, dann spielte und tollte er mit ihr herum. Wenn er mit ihr Karussell spielte, juchzte sie vor Glück. Das war auch sein Glück. Er hatte sie schon immer gerne in den Armen gehalten, angefasst und sie war bei jeder Gelegenheit auf seinen Schoß geklettert. Das hatte sich auch in der Pubertät kaum geändert. Mit Bewunderung und heimlichem Schmerz hatte er das Knospen ihrer Brüste wahrgenommen, das Runden ihrer Hüften. Doch sie waren sich immer noch sehr nah gewesen, auch heute noch.

Auch heute noch? Kleine Schweißperlen einer unbestimmten Angst krochen leise auf seine Stirn.

„Und wir, die Familie, sind froh darum, dass sie alle gekommen sind, deine langjährigen Kolleginnen und Kollegen, die Mitstreiter für Recht und Ordnung und gegen das Verbrechen. Sie hätten sonst auch kein privates Wort mehr an dich gerichtet, im Gericht.“

Das fröhliche Lachen der Gäste auf die gelungene Pointe nahm Herrmann nicht mehr wahr. Er hatte immer häufiger ihre unschuldige Nähe gesucht. Sie hatte nie Angst vor ihm empfunden, warum auch? Doch er hatte Angst vor sich selbst, denn er wusste um die Erregung, die sie auslöste. Manchmal war er nachts in ihr Schlafzimmer gegangen, nur um sie anzusehen, gelegentlich ihr Haar zu berühren, um dann schnell wieder hinauszuschleichen, gepeinigt von schlechtem Gewissen und noch schlechteren Wunschträumen. Völlig verstört hatte er dann nach solchen Besuchen stundenlang in seinem Arbeitszimmer gesessen und sich selbst nicht mehr verstanden, nicht mehr vertraut.

„Meine bescheidene Ode an dich, Papá, soll auch bald ein Ende finden, aber nicht ohne dein besonderes Engagement zu erwähnen, dass du in deiner Karriere als Staatsanwalt in deiner dir eigenen Beharrlichkeit gezeigt hast. Besonders am Herzen lagen dir, neben all den Opfern der Verbrechen aus Habgier und Gemeinheit, die Frauen und Kinder, die gedemütigt, misshandelt und vergewaltigt wurden von perversen Psychopathen und brutalen Kinderschändern. All die Menschen, denke ich, sind dir, bei all ihrem Leid, zu ewigem Dank verpflichtet für deinen konsequenten Einsatz.“(Applaus)

Herrmanns Erinnerungen brachen sich Bahn, unaufhaltsam: Eines Abends, etwa vor einem Jahr, war sie spät zu ihm ins Wohnzimmer gekommen und hatte sich neben ihm auf die Couch gesetzt.

„Paps, wir müssen mal reden“, hatte sie begonnen und ihm fest in die Augen gesehen. Die gleiche Panik, die er auch jetzt spürte, hatte seinen Brustkasten umschlossen.

„Du, wir sind doch nicht nur Paps und Rebecca, wir sind doch auch … gute Freunde.“

„Na sicher, mein Schatz.“ Die Spannung löste sich aus seinen Muskeln.

„Hör mal, du weißt doch, dass ich einen Freund habe, den Jonas.“

„Das ist dein Freund? Ich dachte, es sei nur ein, na ja, netter Mitschüler.“

Er hatte seine Kränkung nicht verbergen können.

„Nein, wir gehen schon ein halbes Jahr miteinander. Guck nicht so traurig. Ja, und … gestern ist es passiert. Wir haben miteinander geschlafen. Und jetzt bin ich ganz durcheinander, ich kann gar nicht mehr denken, so richtig, ich bin so glücklich, das war so … wie ins All fliegen und einmal um den Mond. Ich glaube, ich liebe ihn, kann ich denn mit siebzehn schon lieben? Was ist das eigentlich: Liebe? Ist das die Liebe?“, kam es aus ihr herausgesprudelt.

„Was?“ Mehr hatte er nicht sagen können. Der Schmerz hatte ihm den Atem genommen und gleichzeitig die Ahnung einer Erlösung geschenkt.

Er hatte sie angestarrt, ohne zu wissen wie lang.

„Paps, ist das denn so schlimm?“ Der Zauber ihres Lächelns hatte ihn ganz eingenommen.

„Nein, Schatz, komm mal her!“ Und sie war ihm um den Hals gefallen, er hatte sie umarmt, sie wieder gespürt, gestreichelt, auf den Hals geküsst, sie hatte aufgeschaut, ihr Gesicht ganz nah bei seinem, ihn auf den Mund geküsst, „armer Paps“ hineingelächelt. Er hatte ihren Kuss erwidert, auf den ach so blühenden Mund, und nicht mehr aufgehört, war immer fordernder geworden, hatte seine Hände wandern lassen, immer gieriger, bis sie ihn sanft, aber bestimmt zurückdrückte, „Lass gut sein, Paps“, murmelnd. Er starrte sie an, sie schlug die Augen nieder.

„Entschuldige, ich wollte nicht …“, hatte er gestammelt, mit abgewandtem Kopf. Und sie war grußlos verschwunden.

Die ersten Tage danach hatten sie kaum miteinander sprechen und sich nicht anschauen können. Dann einmal doch, nach Wochen, hatte sie ihn gefragt, ob er böse auf sie sei. Nein, aber sie auf ihn, hatte er erstaunt gefragt.

„Ach was, Paps, ich lieb dich doch“, hatte sie gesagt mit ihrem koketten Grübchenlächeln. Die Erleichterung ließ ihn durchatmen.

„So lasst uns das Glas erheben auf dich, den großen Oberstaatsanwalt, den verständigen Kollegen und lieben Freund, auf dich, meinen und unseren Papá, auf den Gatten dieser wunderschönen Frau, die ich mit Stolz meine Mamá nennen darf, die ihrem Mann immer den Rücken frei gehalten hat und die dafür gesorgt hat, dass du bei all deiner Arbeit auch noch Zeit für uns Kinder gefunden hast.“

Seine Hände waren so feucht, dass er glaubte, das Glas nicht halten zu können. Er kramte ungeschickt ein Taschentuch hervor und wischte sich über die Stirn. Er spürte den strafenden Seitenblick seiner Gattin. Die anderen schienen nichts zu merken. Sie hörten Lutz zu, der immer noch redete.

Vater und Tochter hatten ihre alte Vertrautheit im Gespräch wiedergefunden, aber nur da. Wenn sie ihn jetzt einmal umarmte, spürte er die Erregung jedes Mal wie einen Stromstoß, der ihn so durchzuckte, dass er zu zittern glaubte, nach dem er sich aber immer wieder unendlich sehnte. So stahl er sich Blicke auf Bauch und Busen, unbemerkt. Lauerte ihr auf, jagte nach der Beute der Berührungen, beim Zähneputzen im Bad, beim Sonnenbaden im Garten, beim Auskleiden abends in ihrem Zimmer. Nachts ließ er seinen Fantasien freien Lauf, einsam und schuldbewusst. Bis heute war das so. Er litt.

„Ich erinnere mich noch wie heute an das Leuchten deiner Augen, als meine Schwester Rebecca geboren wurde. Und dieses Strahlen hast du bis heute bei ihrem Anblick nicht verloren. Ich muss zugeben, dass mich das hier und da auch mal mit Neid erfüllte. Doch die Liebe des Vaters zur Tochter ist eben eine zärtliche und zum Sohn eine helfende.“

Was hatte Lutz da gesagt? Hatte er etwas bemerkt? Will er mich jetzt hier vor allen Leuten … Kein klarer Gedanke war mehr in ihm. Er spürte die Nässe der Angst unter seinen Achseln. Das Hemd klebte am Rücken. Er roch den Gestank seiner Panik. Das Haar lag klatschnass am Kopf.

Hatte Rebecca nicht gesagt, sie wolle auch noch vor den Gästen sprechen? Irgendwas mit Überraschung? Will sie mich hier öffentlich hinrichten?

Panik ließ seine Hände flatterten wie kleine Vögel, die man kopfüber an den Füßen hält.

„Und, Papá, verstehe das nicht als Vorwurf, sondern als Zeichen eines besonderen Glücks, das ich dir zu genießen von Herzen gönne.

Ein Prosit, verbunden mit allen guten Wünschen für die nächsten fünfzig Jahre von mir, von uns, für dich, lieber Papá!“

Ein Brausen in seinen Ohren. Es wuchs und wuchs. Was war passiert? Die Gäste applaudierten, das war alles. Sie prosteten ihm zu. Langsam fand er zu seiner Fassung zurück und erwiderte die Geste, ein um das andere Mal, wie eine Marionette. Das Klingeln eines Löffels an ein Glas ließ den Beifall verebben. Rebecca trat vor. Es war noch nicht vorbei. Sie ergriff das Wort:

„Lieber Paps, ich nenne dich auch heute so, obwohl wir nicht alleine sind. Ich will es kurz machen, mein großer Bruder hat schon großartig genug geredet. Von mir auch alle lieben Wünsche für die Zukunft. Und …“

Jetzt wird sie mich an den Pranger stellen, vor aller Augen den Staatsanwalt der lüsternen Gier nach dem Körper seiner eigenen Tochter anklagen, von sexueller Belästigung, Nötigung und psychischer Qual sprechen.

„… dir meine Überraschung offenbaren. Zu unser beider Geburtstag lade ich dich ein, mit mir die Reise anzutreten, nach der du dich immer gesehnt hast, die Reise nach Venedig. Mamá musst du nicht um Erlaubnis bitten. Alles ist schon geklärt. Sie interessiert sich ja eh nicht so für Kunstgeschichte. Ich freu mich darauf, Paps. Ich liebe dich!“

„Rebecca, mein Liebes, ich … ich … bin sprachlos vor Überraschung. Ich kann jetzt gar nichts sagen“, stammelte Herrmann.

Seine Tochter rannte in seine Arme, sie umfingen und hielten sich wie damals und früher und vor einem Jahr. Er spürte ihren Kuss auf seiner Wange und roch den Duft ihres Haars, als er sein Gesicht in ihrer Halsbeuge vergrub, und fühlte ihre Schenkel an den seinen und die alte Erregung und Sehnsucht und Sucht.

Die Gäste applaudierten gerührt. Sie lösten sich voneinander. Dann entschuldigte sich Herrmann, er wolle sich frisch machen vor dem Essen, während die Gäste Platz nahmen zum Diner.

Plötzlich war er ganz ruhig. Er ging hinauf in sein Arbeitszimmer, zog die Smokingjacke und das Hemd aus, streifte sich einen Pullover über und öffnete die alte Segelkiste. Er nahm ein starkes Seil heraus und, als ob er es gestern noch getan hätte, schlug er geschickt den Henkersknoten.

Er spürte die Tränen angenehm über seine Wangen laufen.

Langsam stieg er die Treppe hinauf zum Dachboden.

„Venedig, nur mit dir!“, flüsterte er lächelnd.

Sie fanden ihn nach dem Dessert.

Sie spielt Cello

Guido Kleinmann steht vor dem kolossalen Bau des „Hotel Royal“ in Frankfurt, schaut an der Fassade aus spiegelndem Glas, matt glänzendem Stahl und poliertem Granit empor, die sich in der Unendlichkeit des sternenklaren Nachthimmels verliert, und staunt.

Soll ich, soll ich nicht? Ich weiß nicht, ich weiß nicht, grübelt Kleinmann.

Dann schaut er noch einmal an der Fassade hinauf und sagt sich: Ich mach’ das, ja, ich mach’ das jetzt! Beschlossen, entschieden, fertig! Basta! Mein Gott, bin ich verrückt?! Warum nicht auch mal verrückt sein? Ja, das ist teuer, bestimmt ist das teuer, na und? Ist eben teuer, ich hab’s ja jetzt. Ich muss Dorothee anrufen, war ja nicht klar, wie lang es dauern wird beim Nachlassverwalter. Jetzt noch über sechshundert Kilometer zurückfahren? Nee! Ich mach’s und basta. Ich gehe in dieses Hotel, in diesen geilen, durchgestylten, sündhaft teuren Fünfsterneschuppen. Eine Nacht voller Luxus. Das gönne ich mir. Wehe sie meckert. Ist mein Geld, ganz allein meins. Tante Martha war meine Tante, nicht ihre!

Der Entschluss steht fest.

So betritt Kleinmann das hallenartige, elegant gestaltete Luxus-Foyer so ehrfürchtig als sei es eine Kathedrale und wendet sich der Rezeption zu. Seine Sporttasche von Pumadidas ist ihm peinlich. Hinter dem Empfang aus rosa und schwarzem Granit, spiegelglatt poliert, spricht ihn ein junger Mann mit Gelfrisur und weinroter Hoteluniform mit dezent gedämpfter Stimme an: „Was kann ich für Sie tun, mein Herr?“

Kleinmann erschrickt und antwortet: „Ich hätte gerne … äh, also ein Zimmer für eine Nacht nur. Haben Sie da … ist da noch was frei bei Ihnen, ich meine im Hotel, hier so?“

Der Rezeptionist mustert Kleinmann von oben bis unten, hebt kaum sichtbar die Mundwinkel zu einem herablassenden Schmunzeln und fragt:

„Standard, Komfort oder Luxussuite, mein Herr?“ Die Arroganz im Ton ist eklatant.

Schnösel, denkt Kleinmann.

„Was kostet denn ein Standardzimmer?“

„168 Euro, mit Frühstück 188“, antwortet Schnösel, ohne ihn dabei anzusehen.

„Was? Zwanzig Euro nur für ein Frühstück?“

„Buchen oder nicht? Mit oder ohne Frühstück? Wie entscheiden der Herr?“, fragt Schnösel leicht entnervt.

„Nehmen Sie es mit Frühstück. Es ist teuer, aber großartig!“, kommt plötzlich eine etwas heisere Frauenstimme von hinten. „Ein Buffet, das keine Wünsche offenlässt, so steht es im Prospekt, und das stimmt sogar.“

„Guten Abend Frau Waldau, darf ich Ihr Baby in Obhut nehmen?“, katzbuckelt Schnösel mit gekünsteltem Lächeln.

„Baby? Was? Wo?“ Kleinmann dreht sich verwirrt um.

„Nein, keine Angst! Ich hab’ kein plärrendes Kleinkind“, lacht die Frau. „Das hier ist mein Baby, auf das er aufpassen soll“, und zeigt auf einen großen Koffer in Form einer Geige, den sie dem Rezeptionisten an der Theke vorbei übergibt.

„Ach, Sie sind Cellistin?“

„Ja, sieht wohl so aus. Und Sie sind … Sherlock Holmes?“ Sie lächelt ironisch.

Kleinmann wird rot, wegen seiner dummen Frage.

„Sie entschuldigen?“, sagt sie noch, nimmt ihren Schlüssel, und verschwindet mit Hüften schwingendem Gang Richtung Aufzüge. Ihr roter üppiger Lockenkopf wippt dabei auf und nieder, als wolle er ihm winken. Das hätte er gerne. Ihre schlanke Gestalt umspielt ein grünes, weit geschnittenes langes Samtkleid. Ihr Schritt auf den rostbraunen Pumps ist selbstbewusst und sicher. Kleinmann schätzt sie auf Anfang vierzig und ist beeindruckt.

Der blutrote Lippenstift und die stark geschminkten Augen waren schon etwas zu heftig, denkt er. Aber: Hammerfrau, absolut!

Kleinmann grinst über seine losgetretenen Fantasien.

„Standard, mit Frühstück“, ordert er kurz angebunden, erledigt die Anmeldung und bekommt seine Schlüsselkarte. Auch er wendet sich dann Richtung Aufzüge. Die Musikerin ist schon gen Himmel gefahren.

Auf dem Zimmer im zwölften Stock nimmt Kleinmann einen Whisky aus der Minibar, stellt sich ans Panoramafenster und genießt die Aussicht über das abendliche Frankfurt.

Das ist Leben, denkt er. Wenn ich das meiner Doppelkopfrunde erzähle: Fünf Sterne, hoch über Frankfurt, knapp unterm Himmel. Und dann eine Cellistin kennengelernt. Frau Waldau! Klingt wie … Waldorf-Astoria oder … Waldorf-Salat, jedenfalls nach großer weiter Welt. Eine Cellistin! Gibt es etwas Erotischeres als eine schöne Frau mit diesem Instrument zwischen den Beinen. Sind ja auch meist Frauen, die das spielen, oder? Komisch.

Kleinmann geht unter die Dusche, zieht frische Kleidung an. Zwischendurch nimmt er immer wieder einen kleinen Schluck Whisky und wirft einen Blick auf die erleuchtete Stadt. Er fühlt sich kosmopolitisch, polyglott, weltmännisch, international: großartig! Er schaut in den großen Spiegel, lächelt sich etwas verlegen an und sagt. „Na ja, gar nicht so übel.“ Ganz nebenbei, als wolle er es vor sich selbst verheimlichen, nimmt er seinen Ehering ab und steckt ihn in die Hosentasche.

Mit einer unbestimmten Erwartung fährt er hinunter ins Erdgeschoss und betritt die Bar. Gedimmtes Licht, wieder rosa und schwarzer Granit, grau getönte Spiegel, sparsame blaue Farbakzente, kleine Ledersessel, runde Tischchen, glitzernde Gläser und Flaschen hinter der Theke, ein schwarzer Flügel links. Kleinmann setzt sich an die Bar, bestellt einen Scotch, hätte lieber ein kühles Bier, aber in so einem Haus muss man Whisky trinken. Der Barmann nickt freundlich, bringt das schwere Glas. Im Spiegel hinter der Bar entdeckt Kleinmann auf dem Tisch neben dem Flügel einen Teller mit Kanapees und ein Glas Rotwein. Gerade als er sich wundert, wer das denn hinterlassen hat, so unberührt, betritt eine Frau ganz in Schwarz, mit rotem Haar als Pferdschwanz gebunden den Raum und setzt sich an das Tischchen mit der kleinen späten Mahlzeit. Kleinmann beobachtet sie unverhohlen über den Spiegel hinter der Theke.

Das ist doch die Cellistin, genau. Die hat sich umgezogen. Ist hungrig nach so viel Kunst. Die haut aber ganz schön rein. Habe auch schon länger nichts mehr gegessen. Na ja. Der Spiegel ist gut, so kann ich sie …

Plötzlich treffen sich ihre Blicke und diese etwas heisere Stimme sagt: „Bevor Ihnen die Augen aus dem Kopf fallen, setzen Sie sich besser zu mir. Ich will nicht schuld an ihrer Erblindung sein. Ihrem Blick nach zu urteilen, sind Sie ja ziemlich hungrig. Ich hoffe, nur auf meine Tapas.“

Sie lacht ein kleines Glucksen und schaut ihn an, dass ihm die Schamesröte ins Gesicht steigt.

„Das ist sehr freundlich … ich meine sehr nett von Ihnen. Wenn Sie erlauben.“

Kleinmann knöpft sein Jackett zu, geht auf sie zu, gibt ihr die Hand, zum Handkuss fehlt ihm der Mut, verbeugt sich leicht und sagt:

„Kleinmann, Guido Kleinmann, mein Name.“

Dann setzt er sich in einen dieser kleinen Cocktailsessel und schlägt die Beine übereinander und weiß nicht mehr weiter.

„Ich heiße Hanna Waldau. Herr Kleinmann, greifen Sie zu. Die Tapas sind viel zu viel für mich. Tagsüber kam ich nicht zum Essen und direkt vor dem Konzert darf ich nicht. Dann kann ich nicht spielen.“

Der Barkeeper kommt und bringt Kleinmann seinen Whisky. Er trinkt ihn aus und kommt ins Husten. Hannas ironischer Blick schreckt ihn ab.

„Ja, danke schön, gerne. Ich bin auch zu nichts gekommen, meine, nicht zum Essen, also … Sie verstehen?!“, stammelt Kleinmann. Er weiß nicht, wohin er schauen soll, spürt die Röte auf den Wangen. Schließlich nimmt er sich ein Kanapee vom Teller.

Beide essen. Kleinmann bestellt sich auch einen Rotwein. „Den gleichen wie Frau Waldau!“

„Was ich hier mache, haben Sie ja schon mitbekommen. Aber was treibt Sie in diese große, schäbige Stadt?“

„Ich hatte einen Termin bei einem Anwalt, … also wegen Erbschaftsangelegenheiten. Meine Tante … Sie verstehen.“

„Oh, das tut mir leid. Entschuldigen Sie, dass ich so indiskret gefragt habe.“

„Nein, nein, das macht nichts, sie war schon sehr alt, 97, mein Gott, was für ein Alter, stand mir auch nicht besonders nah. Muss morgen wieder zurück. Die Arbeit wartet. Sie verstehen.“

„Was arbeiten Sie denn so?“ Hanna beugt sich leicht vor und schaut Kleinmann direkt an.

„Ich bin Bauingenieur, spezialisiert auf Statik.“ Kleinmann schaut in die schönen grünen Augen und dann schnell auf seine Hände.

„Ach, genau das Gegenteil von mir. Ich hab’s mit der Dynamik.“

„Wieso?“

„Die Musik, sie lebt davon. Ohne Dynamik keine Musik. Sie verstehen?“

„Jetzt sagen Sie das auch schon.“

„Was?“

„Sie verstehen. Ich sage das andauernd, wenn ich nervös bin. Sie …“

„… verstehen?“, ergänzt sie. Beide lachen auf. Das Eis ist gebrochen. Sie schaut ihn so an, dass ihm ganz anders wird.

Daraufhin erzählt Kleinmann von seinen Brücken und Gebäuden, die er begutachtet und prüft auf Konstruktion und Material, auf Druck und Zug, auf Dichte und Haltbarkeit, auf Sicherheit und Langlebigkeit. Er arbeite nicht an Neubauprojekten, sondern kümmere sich um den Erhalt von vorhandener Bausubstanz. Ja, er habe sich ganz der Bewahrung und der Stabilität verschrieben. Das sei seine berufliche Aufgabe. „Aber das finden Sie bestimmt ziemlich langweilig?“

„Ganz und gar nicht. Das ist doch eine wunderbare und sinnvolle Arbeit“, erwidert Hanna und Kleinmann lächelt verlegen. „Damit kann ich nicht dienen. Was ich mache, ist eigentlich völlig sinnlos. Ich produziere Töne mit ein paar Pferdehaaren auf vier Drahtseilen über einem Holzkasten. Und im nächsten Augenblick sind sie schon wieder weg, die Töne. Verweht, verschwunden, vergessen.“

Kleinmann lacht auf: „Das ist gut, das ist sogar super formuliert: Pferdehaare, Drahtseile, Holzkiste! Ha!“

„Ja, ist doch so! Und nach dem Konzert bleibt nichts. Alles verklungen. Die Zuhörer sagen: schön. Sie gehen anschließend in eine Bar, reden über ihre Familien, ihre Jobs und ihre Autos und betrinken sich. Oder auch nicht, keine Ahnung. C’est ca!“, sagt sie und schürzt dabei kokett ihre Lippen.

„Aber Frau Waldau, was Sie mir erzählen ist ein Cocktail aus Fishing-for-compliments und Understatement. Sie sind Kulturschaffende und wissen das! Sie machen, schätze ich, großartige Musik auf hohem Niveau, bereisen fremde Länder, treffen interessante Menschen, sind weltgewandt. Ist das nicht großartig?! Darum beneide ich Sie!“

„Ja, ja, ich weiß. Ich mach’s ja auch gerne. Oder besser gesagt: Ich weiß gar nicht mehr, ob ich es gerne mache. Ich kann ja auch nichts anderes. Will auch nichts anderes. Die Frage stelle ich mir gar nicht mehr. Ja, das mit der Kultur stimmt schon, ist aber sehr abgehoben, sehr am Leben vorbei, sehr elitär. Aber da bin ich wie Sie, ich bewahre auch. Ich spiele nichts Neues, nichts Modernes. Heute kann man anscheinend keine Musik mehr komponieren, die sich mit den alten Meistern messen kann. Das klingt arrogant, aber ich sehe das so. Und wenn ich diesen Mozart, Haydn, Bartók, und wie sie alle heißen, nicht mehr spielen könnte, wäre ich tot.“

Sie streicht sich über ihre Finger und lächelt. Kleinmann findet das ein bisschen selbstverliebt. Er würde sie gerne einmal halten, diese Cello-Hände. Sie schaut wieder so und er schaut genauso zurück.

Und dann erzählt sie von dem Schwebezustand nach den Konzerten, von dieser Unwirklichkeit der Bühne, von den immer gleichen Gesprächen mit Kulturdezernenten und Konzertmanagern, von dem Konkurrenzkampf und vom Üben, Üben und nochmals Üben. Da sei kein Platz für Ehemann, Kinder, Familie. Wenn es keine Handys gäbe, hätte sie auch keine Freunde mehr. Nur ihre beste Freundin treffe sie regelmäßig. „Diese Solotourneen machen einen fertig. Mit immer anderen Musikern proben, auftreten und dann ab ins Hotel: Das ist Isolationshaft. Das nervt. Da wäre ich manchmal lieber Statiker“, lacht sie und wirft Kleinmann diesen koketten Blick zu.

Er returniert ihn und sagt: “Und da bin ich jetzt ihr Seelennotstopfen?“

„Ja, so gesehen“, gibt sie zu.

„Ach wissen Sie, es ist doch schön, wenn ein Not-stopfen auf eine Seele trifft, die ein Loch hat, oder?“

„Sind Sie jetzt nicht beleidigt?“

„Nein, mir tut das gut! Sonst liegt meine Seele zuhause auf der Couch und wartet. Und wenn ich dann spät nach Hause komme, ist sie eingeschlafen.“

„Das haben Sie schön gesagt!“, flüstert sie und schenkt ihm ein ehrliches Lächeln. „Wenn ich noch einmal auf die Welt käme, würde ich …“, sie überlegt einen Moment und fährt fort: „Schreiner werden. Möbel bauen, das fände ich toll.“

„Ach, hören Sie auf. Ich weiß doch, was Sie dann bauen würden: ein Cello nach dem anderen. Nichts als Holzkästen mit Drahtseilen drauf!“ Beide lachen hell auf vor Vergnügen.

„Ich heiße Guido, vielleicht sollten wir uns … darf ich dich zu einem Getränk Ihrer, äh, deiner Wahl einladen? Es wäre mir eine echte Freude! So als … Seelennotstopfen. Wir wär’s mit ’nem Du?“, stammelt er. Woher Kleinmann den Mut genommen hat, weiß er nicht, aber er grinst über beide Ohren.

„Ich bin Hanna. Das wurde aber auch Zeit! Und … ich liebe Notstopfen!“ Und wieder schaut sie so, dass es Kleinmann ganz anders wird.

So trinken sie Rotwein, erzählen aus ihren Leben, von ihren Träumen und versäumten Gelegenheiten, rücken zusammen, schauen nicht auf die Uhr, trinken mehr Rotwein, bestellen Erdnüsse, sind unvernünftig, lachen viel, sind auch ein bisschen traurig, trinken als letztes einen Calvados, gehen gemeinsam zum Aufzug, steigen auf der gleichen Etage aus, stehen vor ihrer Zimmertür, als Kleinmann sagt:

„Auf eine so berühmte und ach so schöne Cellistin sollte jemand aufpassen, dass sie im Schlaf nicht plötzlich in den Himmel fliegt. Das wäre ein großer Verlust für die Menschheit. Und ich würde mich da gerne als diesen jemand anbieten.“

Sie stehen ganz nah beieinander. Er riecht ihr Haar, sieht den Glanz in ihren smaragdgrünen Augen, den Schwung ihrer feuchten Lippen und glaubt, noch nie im Leben eine so schöne Frau gesehen zu haben. Sie schaut in das Indigoblau seiner Augen wie in einen Nachthimmel, findet in seinem Lächeln die Ahnung eines kleinen Jungen, der träumt, und riecht seinen Rotwein-Atem, mit einem Hauch Calvados. Sie streicht ihm durchs Haar, küsst ihn zart auf den Mund und sagt:

„Ach, Guido, lass mal sein. Schön wär’s, aber wir machen jetzt mal keinen Quatsch. Und übrigens: Der blasse Streifen auf deinem Ringfinger steht dir nicht. Zieh den Ring drüber.“

So schenkt sie ihm ein letztes Lächeln und lässt ihn stehen.

Wir müssen leider draußen bleiben

Es klopft.

Es klopft an der Tür.

Es klopft an der Tür des alten Bruchsteinhauses.

Die dicken Mauern halten die eisige Kälte des Winters draußen. Das Thermometer zeigt vier Grad unter null.

Es klopft an der Tür des alten Bruchsteinhauses, das ganz einsam an der Landstraße steht, mitten in der Natur am Ufer der Ruhr zwischen Essen-Werden und Kettwig.

Es klopft an der schweren Tür des Hauses, in dem Herr Dr. jur. Arnold Overbeck im behaglich warmen Wohnzimmer sitzt. Er genießt seit drei Jahren seinen Ruhestand, der pensionierte Richter. Kurz vor siebzig macht er noch was her mit seinem gepflegten grauen Haar, seinem noblen Hausrock alter Schule, trotz später Stunde. Es ist 23 Uhr 43.

Und es klopft.

Es klopft und er will es nicht hören, wünscht sich weg, will woanders sein, wo niemand klopft. Nein, er wünscht das Klopfen weg aus seinem Abend, aus seinem Leben. Er will bleiben, wo er ist, nur ohne dieses Klopfen.

Aber es ist da, unüberhörbar.

Jetzt ärgert er sich, dass er sich gegen eine Klingel entschieden hat und für diesen schweren Messingklopfer mit Löwenkopf. Stilvoll fand er es und so urig. Eine Klingel könnte er jetzt einfach abstellen.

Es klopft laut, das liegt an diesem Messingring.

Herr Overbeck hat es sich in seinem hochlehnigen Ohrensessel mit einem Roman – vielleicht Fontane – und einem außerordentlich guten Rotwein vor dem Kamin gemütlich machen wollen, nachdem er noch mit seinem Sohn telefoniert hat, übrigens auch ein Jurist, der auf den Malediven Urlaub macht, mit seiner schönen Julia und der kleinen Jolina, als das Klopfen begann.

Es klopft wieder gegen die Tür mit dem schweren Messingring, der stilgerecht im Maul eines Löwen schwingt.

Er ist froh, dass er im letzten Jahr diese stabile Haustür mit dem breiten Stahlriegel einbauen und die Fenster sichern ließ. Ihm kann nichts passieren. Er kann höchstens in seiner Ruhe gestört werden. Und das ist ja schon schlimm genug. Er hat keine Angst. Er ist bei sich zuhause. Er ist im Recht, der Richter.

Für den Notfall gibt es noch den alten Revolver seines Vaters im Nachttisch.

Es klopft immer lauter gegen diese Panzertür. Erste Rufe nimmt er wahr: „Hilfe, helfen Sie mir!“

Overbeck ist genervt, in seiner Leseruhe gestört und glaubt kein Wort. Er geht zur Tür, schiebt die straff gespannte Scheibengardine vor dem kleinen, vergitterten Kontrollfenster wenige Zentimeter zur Seite und sieht einen jungen Mann im hellen Licht seiner Bewegungsmelder gesteuerten Eingangsbeleuchtung. Er scheint so um die dreißig zu sein, kräftig gebaut, mit schwarzen Augen, dunklen Haaren, üppigem Bart und dem Teint von grünen Oliven.

In Overbecks Gehirn läuft eine Jahrzehnte erprobte, routinierte Rasterfahndung ab:

Südländischer Typ, krimineller Nordafrikaner oder serbo-kroatischer Kosovo-Albaner, früher hieß das Jugoslawe, vielleicht auch Rumäne, Bulgare, Sinti, Roma, früher sagte man einfach Zigeuner, vielleicht auch Araber, Perser, Türke, wahrscheinlich Salafist, alles möglich. Spricht erstaunlich gut Deutsch. Hundert Prozent verdächtig, kaum bedrohlich, solange er draußen bleibt.

Wir müssen leider draußen bleiben, denkt er. Diese Schilder an den Türen von Metzgereien, gibt es die noch?

Seine Leseruhe ist unwiederbringlich dahin. Doch seine missmutige Neugier ist geweckt. Er täuscht erst einmal Abwesenheit vor, merkt aber schnell, dass ihn das Licht durch das Türfenster schon verraten hat.

„Hallo, hören Sie? Ich brauche Hilfe!“, hört Overbeck, ohne zu reagieren.

„Hallo, bitte helfen Sie mir. Ich weiß, dass jemand zuhause ist. Sie haben doch die Gardine bewegt.“

„Lassen Sie mich in Ruhe!“, ruft er durch die Tür.

„Wir brauchen einfach Hilfe!“

„Was heißt jetzt plötzlich: wir? Ich sehe nur eine Person. Und zwar eine, die unbescholtene Bürger belästigt.“

„Hören Sie, meine Frau und ich sind mit dem Wagen liegen geblieben. Keine fünfzig Meter von hier. Wir haben vergessen zu tanken.“

Wie viele Trickbetrüger, Diebe und Gewalttäter hat Overbeck in seinen fünfunddreißig Jahren als Richter schon vorgeführt und abgeurteilt. Das Letzte, was man ihm vorwerfen könnte, ist Naivität. Er weiß, dass der Mensch schlecht ist. Ob er brav ist oder kriminell wird, ist nur eine Frage seines relativen Wohlstands. Ja, so denkt Overbeck.

Er könnte auch ins Wohnzimmer zurückgehen, an seinen knisternden Kamin, aber das Spiel mit drinnen und draußen vor der Tür reizt ihn.

„Wo ist Ihre Frau, ich kann sie nicht sehen?“, fragt er.

„Haben Sie vielleicht einen vollen Benzinkanister? Wir müssen dringend weiter.“

Die Stimme des Zwielichtigen klingt verzweifelt, gut gespielt. Die trainieren das ja, die Betrüger- und Bettlerbanden, wie man besonders verzweifelt klingt. Oder sie täuschen Behinderungen vor, dass man denkt, das gibt es ja gar nicht, so täuschend echt sieht das aus. Aber Overbeck lässt sich nicht vorführen. Overbeck ist ein Fuchs, ein alter Hase, kennt alle Tricks.

„Ich will zuerst Ihre Frau sehen“, sagt er und fühlt sich wie in einem Krimi.

„Sie sitzt im Auto, ist hochschwanger“, kommt es von draußen.

„Ach, das soll ich Ihnen glauben? Sie bedienen doch alle Klischees eines Standardbetrügers. Wissen Sie eigentlich, dass ich Richter bin?“, trumpft Overbeck auf.

„Nein, das ist mir auch völlig egal. Bitte, wir sind auf dem Weg zur Klinik in Kupferdreh. Ich habe nicht auf die Tankuhr geachtet, ich Trottel. Ich und besonders meine Frau brauchen Ihre Unterstützung, Ihre Menschlichkeit.“

„Wer’s glaubt, wird selig. Jetzt erzählen Sie mir nur noch, dass bei Ihrer Frau schon die Fruchtblase geplatzt ist. Ich lach mich tot. Lassen Sie mich endlich in Ruhe“, antwortet Overbeck mit allem Nachdruck, wobei er gar nicht will, dass das endet. Er sitzt am längeren Hebel und das tut ihm gut. Das ist Macht.

„Nein, das nicht. Aber, es ist bitterkalt.“

Overbeck hat jetzt die kleine Gardine vor dem Fenster in der Tür ganz zur Seite geschoben, sodass beide sich sehen.

„Das ist alles nur ein simpler Trick. Ich rufe jetzt die Polizei!“, ruft Overbeck mit Nachdruck.

„Ja, liebend gerne. Genau! Bitte tun Sie das, ja! Rufen Sie einen Krankenwagen für Sarah!“ Overbeck sieht die dunklen Augen des Mannes, der hier nicht hingehört, aufleuchten und ist vollkommen irritiert.

„Und wieso haben Sie das noch nicht gemacht, wenn Sie so in Not sind?“, fragt Overbeck verwirrt.

„Ich habe vor lauter Aufregung mein Handy vergessen. Das ist unser erstes Kind, wissen Sie?“

„Ich glaube Ihnen kein Wort. Zuerst will ich Ihre Frau sehen. Sonst passiert hier gar nichts.“

Overbeck merkt, wie seine Theorie vom Betrugsversuch krimineller Bandenmitglieder mehr und mehr zerbröselt. Aber immer noch sind es Fremde, die hier nichts zu suchen haben.

„Bei dem Wetter, dem Schnee, der glatten Straße? Und was ist, wenn sie fällt?“, erwidert dieser Mann.

„Zuerst die Frau! Ich will Ihre Frau sehen“, schreit Overbeck durch die Tür.

Er ist ganz außer sich, versteht sich selber nicht, will sich nicht verstehen, will, dass er gehorcht, dieser Störfaktor, will an seiner schwindenden Macht festhalten, sie spüren. Sein Sohn ist so weit weg, obwohl Overbeck ihm sagte, dass er krank und gebrechlich sei. Das liegt an Overbecks Frau. Sie ist im letzten Jahr gegangen, ohne sich von ihm zu verabschieden, aus dem Haus gelaufen, auf dem Gehsteig gestolpert, auf die Straße gefallen, unter die Räder gekommen. Eine Gehsteigplatte stand etwas vor. Das war’s dann, unwiderruflich, Ende und aus. Dafür muss doch jemand büßen, warum nicht der Fremde da draußen, warum nicht der?

„Na gut, wenn’s sein muss.“ Die Resignation in der Stimme des Fremden klingt nicht gespielt.

Overbeck zieht sich einen Küchenstuhl an die Haustür, stellt das große Weinglas mit dem guten Roten daneben und wartet auf das, was da kommt.

Ja, und da kommt er, der Dunkelmann mit einer Frau, von ähnlich zwielichtigem Zigeunerdunkel. Sie sieht wirklich ziemlich schwanger aus.

– Na ja, das muss ja nichts heißen –, denkt sich der Richter mit bitterem Grinsen und hat längst einen gewissen mürrischen Spaß an dem Spiel entwickelt, das er für sich, wir müssen leider draußen bleiben‘ getauft hat. Ja, dieses Schild von früher an den Türen von Metzgereien, um Hunde fernzuhalten. Seine Frau blieb ja auch draußen, kam nicht mehr rein, nie mehr.

Ja, Hunde sind sie. Dieses penetrante Betteln, diese Unterwürfigkeit. Und wenn du nicht aufpasst, dann haben sie dich, beißen dir ins Genick oder ins Gesicht. Stand neulich wieder in der Zeitung: Pitbull beißt Dreijährige ins Gesicht. Jolina, ist jetzt auch drei. Um Gottes willen!, geht es Overbeck durch den Kopf.

„Bitte helfen Sie uns, rufen Sie einen Krankenwagen, ich muss dringend in die Klinik, sonst …“, ruft diese junge Frau, schaut in das kleine Türfenster und trifft Overbeck mit einem unausweichlichen Blick. Dieser Blick ist so fest, so ehrlich, so verzweifelt und trotzdem noch so schön, dass es ihn schaudert.

„Ich schau mal …, wo ist denn mein Telefon?“, stammelt er.

„Bitte machen sie doch die Tür auf und lassen meine Frau in Ihr warmes Haus!“

„Nix da. Ihr Gesindel kommt mir nicht in mein Haus. Es reicht ja wohl, wenn ich die Feuerwehr anrufe“, erwidert er und spürt seine Scham vor sich selbst.

„Was ist? Sarah hält das hier draußen nicht mehr aus. Lassen Sie uns endlich rein!“

„Ich finde den Apparat nicht. Wo ist der nur?“

„Sie haben bestimmt ein Festnetz-Telefon mit einer Ladestation.“

„Ja, Sie Klugscheißer.“

„An dieser Ladestation ist ein Knopf, der ein Klingelsignal im Telefon auslöst und Ihnen hilft, das Gerät zu finden. Bitte, schnell, Sarah geht es wirklich nicht gut.“

„Ja, ich hab’s.“ Und nach kurzem Telefonat: „Der Wagen ist unterwegs.“

Overbeck setzt sich auf den Stuhl hinter der Tür, trinkt einen Schluck von seinem teuren Wein und fühlt nur Unglück.

Es klopft wieder an die Tür, ganz laut, nicht mehr bittend, ganz fordernd, ganz verstörend, ganz zerstörend, seine Ruhe, seine Harmonie, seine Idylle. Alles ganz klein zerhackt im Häcksler der Realität.

Das Klopfen klagt ihn an.

„Lassen Sie uns solange in Ihr Haus! Sarah kann nicht mehr.“

Overbeck sieht diesen Mann seine Frau stützen, die wohl Sarah heißt. Er sieht den Fremden, der sie kaum halten kann, er sieht sie zittern, nicht nur wegen der Kälte.

Overbeck öffnet schließlich die Tür, führt beide ins Wohnzimmer vor den Kamin, geht in die Küche, setzt Wasser auf, für Tee, sucht eine Decke, macht alles, um nur nicht zurück zu müssen, in sein Wohnzimmer, wo zwei Fremde sitzen, denen er nicht in die Augen schauen kann, die er nie hereinlassen wollte und jetzt sind sie drin, in seinem Haus, in seinem Leben. In seiner Schuld.

,Wir müssen leider draußen bleiben‘ hat nicht funktioniert.

Sein kümmerlicher Rest an Menschlichkeit hat gewonnen, gegen ihn, den verbitterten alten Richter.

Drei Wochen später bringt der Postbote Overbeck einen Brief. Er öffnet ihn und liest:

Wir laden Sie herzlich ein

zur Taufe unserer Tochter Maria!

Die stolzen und glücklichen Eltern

Yusuf und Sarah Yildirim-Neumann

Er geht nicht hin.

Die Scham ist zu groß.

Wie in Amsterdam, nur ohne Japaner

Eine Stunde zu früh war er am Bahnhof, für ihn als Autofahrer ein fremdes Terrain. So selten, wie sein Auto ausfällt, so selten hat er einen Außentermin, aber gerade jetzt …

Am Automaten zieht Frank eine Fahrkarte: Köln hin und zurück. Viel zu früh ist er auf dem Bahnsteig, noch 43 Minuten Zeit bis zur Einfahrt seines Zuges.

Der Wind pfeift über die Gleise und durch die Haare der Wartenden. Frank zieht den Reißverschluss seiner Jacke zu und schlägt den Kragen hoch, lässt seine Blicke schweifen und genießt die Anonymität. Fremde Frauen an den Gleisen werden Beute seiner Fantasie, schwebend zwischen Wünschen, Klischees und Wirklichkeit:

Zwei alte Frauen pflegen das Ritual ihrer Wiederholungen über Wetter und Fahrplan, wie ein altes Ehepaar.

Eine graue Frau ohne Alter in Bundfaltenhose und rosa Anorak mit Prinz-Eisenherz-Frisur, mager und flachbrüstig, sitzt auf der harten Bank, ein Buch in der Hand, die schmalen Lippen lesen leise mit.

Eine hübsche Frau, fast noch Mädchen, fließend in ihrer Bewegung, wie sie gerade in der Hüfte leicht abknickt und in das Gesicht ihrer Freundin lacht, die das Lächeln kokett zurückwirft, mit schräg geneigtem Kopf auf langem Hals. Zwei Welpen, die Ballerina spielen, oder umgekehrt. Leichtes Leben, charmante Scharmützel, Augenweide.

Eine junge Ordensschwester, blassgesichtig, im grauen Kittelkleid mit schwarzem Häubchen und schwarzem Mantel, blickdichte dunkle Strümpfe und flache Schuhe. Ihr Blick klebt am Boden, in Geduld geübt, mit Jesus verheiratet. Sie kennt den Gehorsam und versucht nie aufzufallen. Demut tut gut. Sie wartet auf das andere Leben. ,Dann geht’s aber rund, Schwester Oberin.‘ Sie wird es verlernt haben, jetzt schon.

Eine mondäne Erscheinung im offenen Mohair-Mantel mit blutrotem Futter. Auf schwarzen High Heels stehen sie, die Beine, bis zum Himmel. Der fließende Fall ihres Seidenkleides betont den Reiz ihrer Kurven. Blasse Brüste im gewagten Dekolleté. Das Haar schwarz und streng, geschminkte Blässe hinter rotem Mund mit exakter Kontur. Der Blick unter dunklen Wimpern verschleiert Geheimnisse. Unnahbar, gefährlich und beeindruckend schön, aus sicherer Entfernung.

Der Großstadtbahnhof: Die Atmosphäre vibriert voller fremder Leben und Lieben, Trennung und Tränen, Aufbruch und Abschied. Und Frank mittendrin.

Plötzlich sieht er nichts mehr. Kleine, kalte Finger kommen von hinten und nehmen ihm die Sicht. Er schreckt herum, war unvorbereitet. Genauso ahnungslos schaut er in ein Gesicht, das er gut kennt, nur dessen Namen er nicht mehr weiß. Es gehört einer Freundin von früher, Jahrzehnte her. Sie umarmen sich aus unverhoffter Freude, zeigen ihre Überraschung in den üblichen Fragen, ob es denn so was gebe und welch ein Zufall das sei. Jetzt fällt ihm ihr Name wieder ein und seine Verlegenheit weicht. Katharina! Nun freut er sich wirklich. Er schaut sie an: Ihr Lachen ist immer noch jung und findet sich auch in ihren Augen wieder. Ob sie noch Zeit habe auf einen Kaffee? Ja natürlich, eine gute halbe Stunde. Er, eine schlechte …, sie lachen ausgelassen über den kleinen Witz, haken sich ein und schlendern zum Stehimbiss auf dem Bahnsteig.

Wie es ihm und ihr denn so ginge und ergangen sei, Beruf, Familie und hin und her.

„Verheiratet, eine Tochter, wird bald achtzehn“, sagt sie.

„Und dein Mann?“, fragt er nach.

„Oberarzt im Klinikum, selten zu Hause, lebt sich im Job aus, schon in Ordnung, insgesamt so là-là“, ist die Antwort.

Das habe er schon hinter sich, sagt er.

„Was, die Tochter oder den Oberarzt?“

„Die Ehe, du Clown.“

„Und wie ist das?“

„Was?“

„So allein?“ Ihre Stimme klingt gespielt zerknirscht.

„In meinem Alter, meinst du wohl!“

„Nein, das stimmt nicht, das hast du gesagt. Das käme nie über meine Lippen, ich meinte …“

Und sie lachen sich wieder in ihre frohen Gesichter.

Wohin sein Zug fahre, will sie wissen. Nach Köln. Er müsse über Verträge verhandeln, vertrete seinen Chef, sei eigentlich Ingenieur und baue Maschinen. Und wohin sie denn unterwegs sei? Sie wolle nach Hannover, Bilder ansehen und vielleicht kaufen. Sie sei Bilder An- und Verkäuferin. Warum sie nicht Galeristin sage? Weil das so versnobt klinge und sie wolle nicht angeberisch sein, jedenfalls nicht bei ihm.

So reden sie und reden, gleichgültig, worüber, Hauptsache, es hört nicht auf. Sie stehen sich gegenüber an diesem Stehtisch im Imbiss und lassen sich nicht los mit ihren Augen, lassen sich nicht gehen.

Er war einmal verliebt in sie, traute sich aber nicht. So blieb es platonisch, aber in der Vertrautheit etwas Besonderes. Das sagt er ihr jetzt. Und sie wirft den Kopf in den Nacken mit einem erstaunten Lachen.

„Du bist so süß!“, meint sie.

Ihr Haar ist immer noch so blond, nicht mehr so lang, aber mit diesem Glanz. Er zahlt den Espresso, sie nimmt seine Hand.

Hand in Hand, ist das schön kitschig, denkt er und lächelt. Sie fragt, warum er lächle, und er sagt es ihr. Ob er wisse, was noch kitschiger ist? Sie zieht ihn heran, hält ihm ihre Lippen entgegen, zum Kuss. Er nimmt ihn an. Der Kuss wird lang und nass und schmeckt so gut. Er bittet sie um noch mehr Kitsch. Sie ist bereit und willig.

Sie halten sich bei den Händen, als er sagt, dass sein Zug längst weg sei. Ja, ihrer sei auch schon durch. Und nun? Sie wisse es nicht. Alles ist offen und sie sind sich sehr nah.

So schlendern sie über den Bahnsteig. An der Hinweistafel „Abfahrt“ bleibt sie stehen. Er fragt sie, ob sie nach ihrem nächsten Zug schaut.

„Nicht nach meinem, nach unserem.“

„Was?“

„Wir verreisen, und zwar jetzt. Wusstest du das noch nicht?“

„Jetzt weiß ich’s ja. Ist ja früh genug.“

„Wir fahren nach Amsterdam!“, lacht sie, hakt sich bei ihm ein und drückt ihm einen Gute-Laune-Kuss auf die Wange. So steuern sie auf den Fahrkartenschalter zu.

Ihm ist windig zumute, ihr ist flau und beide wissen um die Unmöglichkeit. Aber keiner will dieses Spiel beenden. Es ist so schön.

Frank verlangt zwei einfache Fahrten Erster Klasse nach Amsterdam. Die Frau am Schalter meint, der Zug stehe bereits auf Gleis 7 und fahre in vier Minuten ab.

„Unser Gleis!“, ruft Katharina. „Komm!“

Sie rennen durch die Halle hinauf auf den Bahnsteig, erreichen das Gleis und den Zug, finden ein leeres Abteil und lassen sich jubelnd und lachend in die Sitze fallen. Der Zug ruckt an. Das Lachen bremst.

„Was machen wir hier eigentlich, Frank?“

Er habe nicht gedacht, dass sie das ernst meine mit ihrem gemeinsamen Zug. Und sie habe nicht geglaubt, dass er wirklich die Fahrkarten kaufe. Und er habe nie gedacht, dass sie tatsächlich in den Zug einsteige.

„Jetzt sitzen wir in der Patsche!“ Frank schaut aus dem Fenster, während er das sagt.

„Ja, das ist die erste fahrende Patsche, die mir über den Bahnsteig geschwappt ist“, sagt sie neben ihm. Ihre Blicke treffen sich und beide prusten los, ja, schreien vor Lachen, japsen nach Luft und heulen wie die Schlosshunde vor Spaß.

Unvermittelt unterbricht Frank sein Lachen mit der Frage: „Steigen wir an der nächsten Station wieder aus oder gönnen wir uns einen Tag und eine Nacht in Amsterdam?“

„Ich krieg das hin. Schaffst du das auch?“

„Ja.“

Beide sind hektisch, ihre Gesichter fleckig, die Finger flattrig, vor Angst, aus ihrem Traum zu erwachen. Sie suchen nach Handys. Frank stürzt in den Gang, lügt dem Kunden einen Unfall vor, sie bleibt im Abteil und schwindelt ihre Mutter todkrank ins Sterbebett. Sie melde sich wegen neuer Termine. Gleichzeitig drücken sie auf „AUS“. Und nichts ist aus, nur ihre Handys.

Sie atmen immer noch schwer, als sie schweigend nebeneinander sitzen und die Bäume vorüberstürzen sehen. Sie haben es geschafft, sie sind in ihrem Bahnhofstraum geblieben. Kuss um Kuss tanken sie einander auf. Ihnen hilft das Geschnäbel und ihr Fingerspiel, so leicht wie Ringeltaubengeflatter. Frei, vogelfrei, Freiwild füreinander.

Er fragt sie, ob sie Amsterdam gut kenne. Er sei erst zweimal da gewesen, lange her. Ja, nein, sie sei nur einmal dort gewesen, vor fünf Jahren erst, mit ihrem Mann. Die Stadt habe sie verzaubert, ihr Mann nicht. Jetzt wolle sie mit dem Richtigen in der richtigen Stadt etwas Richtiges erleben.

Ja, sie wollten Touristen der schlimmsten Sorte spielen, eine billige Kamera kaufen und sich vor Grachten, Brücken und Kirchen von anderen Touristen knipsen lassen, am besten von Japanern. Und am Ende würden sie die Kamera feierlich in einem Kanal versenken. So reden sie. Und sie würden sich immer spüren und halten, an den Händen, in den Armen und am Abend dann lieben in einem feinen, kleinen Hotelzimmer mit Teppichen auf den Tischen, in der Altstadt, an einer Gracht mit Zugbrücke und Hausbooten gelegen. Dann würden sie nobel essen gehen und … So reden sie weiter und lachen und witzeln und hören gar nicht mehr auf, bis sie einschlafen, erschöpft von der Aufregung ihrer Begegnung und der Freude über die Einigkeit ihrer Wünsche.

Als sie erwachen, kreuzt der Zug langsam über einen breiten Strom paralleler Gleise und Weichen. Sie fahren in den Amsterdamer Hauptbahnhof ein. Auf dem Weg zum Ausgang scherzt und lacht Frank und merkt nicht, dass sie verstimmt ist, bis sie unter der großen Anzeigetafel stehen bleibt.

Was denn mit ihr sei? Sie könne nicht, was sie nicht könne, Amsterdam mit ihm. Wo das Problem sei? Ihr Mann sei da, unsichtbar und schlecht gelaunt, neben ihr, nicht abzuwimmeln.

Frank schaut auf die große Tafel, sieht: Scheveningen, Gleis 14, Abfahrt – ein Blick auf die Uhr – in drei Minuten.

„Komm, wir fahren ans Meer.“

Wieder sitzen sie im Abteil eines Zuges. Ihr Kopf lehnt an seiner Schulter, sie weint. Er lässt sie eine Weile. Dann küsst er ihre Wangen trocken und fragt, ob sie zurück wolle. Nein, es gehe schon wieder, dann fahre sie eben mit dem Richtigen ans richtige Meer, antwortet sie mit schiefem Lächeln. „Ist recht.“ Sie lachen wieder.

In Scheveningen finden sie einen Fahrrad-Verleih. So radeln sie hinaus aus dem Menschengedränge über den Deich am Meer entlang, dann durch die Dünen bis nach Kijkduin. Dort kaufen sie die Kamera. Nur Japaner finden sie nicht. Sie wandern barfuß über den Strand und an den auslaufenden Wellen entlang, liegen in den Dünen und tauschen salzige Küsse.

In Kijkduin finden sie ein Zimmer in einer kleinen Pension am Strand-Boulevard. Von beiden unbemerkt fällt der rote Ball der Sonne ins Meer, während sie sich lieben im Rhythmus der Brandung, die sie hinausträgt, bis sie kein Land mehr sehen.

Nach dem Essen trinken sie Sekt aus hohen Gläsern und auf dem Zimmer dann aus ihren Nabeln und Mündern und ertrinken fast in ihrer Sucht und Gier nacheinander. Sie geben nicht Ruh’, bis sie lahm vor Erschöpfung, geben nicht Ruh’, aus Angst vor dem Abschied, geben nicht Ruh’, bis nichts mehr geht. Als der Orkan vorüber ist, wissen sie erst, dass es so etwas gibt.

Am nächsten Morgen lachen sie erst noch über ihre schmerzenden Glieder, auf dem Rückweg mit dem Rad nach Scheveningen. Sie haben nicht ein einziges Foto geknipst. Im Zug lacht keiner mehr. Kein Wort fällt mehr zwischen ihnen. Sie sitzen nebeneinander, die Finger ineinander verschränkt. Die Flügel zweier toter Tauben. Ihre Seelen sind verkatert vom Rausch der Lust. Es war eine Überdosis.

Am Bahnhof, wo der Zufall sie zusammenführte, gestern Morgen, gehen sie auseinander. Der Kuss beim Abschied schmeckt nach Scham. Die Sehnsucht ist ohne Zukunft, hat nur noch die Erinnerung. Doch sie wohnt in beiden, so schön, dass sie wehtut.

Auf dem Bahnhofsvorplatz bleibt Frank stehen. Er spürt sein Kinn zittern, dreht sich um und geht den Weg wieder zurück Richtung Gleise. Weder Trauer noch Ohnmacht, sondern Wut lässt sein Kinn zittern.

Du gehst zurück zu deinem Mann, suhlst dich in der Sicherheit deiner Ehe. Ja, dein schlechtes Gewissen wird dir leichte Übelkeit bereiten. Er wird dich trösten mit Salbei-Tee und Umarmungen. Das Vertrauen der Jahre ist stärker als eine Nacht der Leidenschaft, wirst du denken und melancholisch lächeln über das ach so verrückte Leben. Und der Stolz auf deinen Mut wird das schlechte Gewissen überdecken und als einziges Gefühl übrig bleiben. Unsere Begegnung wird vor deinen Augen schrumpfen zur Anekdote der kleinen Verrücktheit, die du nach ein paar Wochen deiner besten Freundin anvertrauen wirst, wieder mit dem stolzen Blick, und nach ein paar Jahren wirst du sie deinem Mann um die Ohren schlagen, wenn du eine Revanche brauchst für seinen Seitensprung mit Schwester Saskia.

Mich wird meine leere Wohnung mit dunklen Fenstern erwarten. Ich werde mit meiner Nase deinen Geruch in meinen Händen suchen und es wird nichts nützen, nichts helfen, nichts lindern.

Jetzt steht Frank wieder auf dem Bahnsteig, dicht hinter Katharina, die auf den Zug nach Hause wartet.

Wenn du mich jetzt spürst, mich in deinem Rücken spürst und dich umdrehst, dann wird alles gut.

Doch sie wendet sich nicht um.

Ein Mann ruft immer wieder: „Hasso, bei Fuß!“ Der Riesenschnauzer verweigert den Gehorsam.

Der heranbrausende Zug lässt die Gleise zittern und die Oberleitungen surren. Das Tosen schwillt an. Der Zug ist da, fast.

Hasso, dieser riesige Hund, hetzt über den Bahnsteig, streift schattenhaft Franks Ärmel und prallt aus vollem Lauf, ungebremst, gegen Katharina.

Ihr Körper stürzt auf die Gleise zu, Frank erhascht im Sprung ihr linkes Bein. Kopfüber droht der Fall ins Gleisbett. Er reißt sie ein Stück zurück. Der Arm schlägt hart gegen das Führerhaus. Die schweren Eisenpuffer der Zugmaschine rauschen vorbei. Katharina schreit. Frank schreit. Ihre Schreie bleiben lautlos im Kreischen der Bremsen und Menschen. Und der große Hund bellt.

Katharina liegt halb auf Frank. Er kann ihr Gesicht nicht sehen. Er hat den metallenen Geschmack von Blut auf der Zunge. Sieht ihr Handgelenk im verdrehten Winkel zum Unterarm, riecht ihr Blut. Spürt, dass sich ihr Brustkorb senkt und hebt, spürt, dass sie lebt. Spürt seine Erleichterung tief in ihm drin.

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213 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783942672689
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