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Uwe Schimunek

Tödliche Zeilen

Historischer Leipzig-Krimi

Jaron Verlag

Originalausgabe

1. Auflage 2017 © 2017

Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Carsten Tiemessen, Düsseldorf

Satz: Prill Partners | producing, Barcelona

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

ISBN 978-3-95552-232-2

Meinen Eltern Regina und Franz-Peter Schimunek

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Tagebucheintrag vom 7. Januar 1907

Eins - Dienstag, 8. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 8. Januar 1907

Zwei - Mittwoch, 9. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 9. Januar 1907

Drei - Donnerstag, 10. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 10. Januar 1907

Vier - Freitag, 11. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 11. Januar 1907

Fünf - Sonnabend, 12. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 12. Januar 1907

Sechs - Sonntag, 13. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 13. Januar 1907

Sieben - Montag, 14. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 14. Januar 1907

Acht - Dienstag, 15. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 15. Januar 1907

Neun - Mittwoch, 16. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 16. Januar 1907

Zehn - Donnerstag, 17. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 17. Januar 1907

Elf - Freitag, 18. Januar 1907

Tagebucheintrag vom 18. Januar 1907

Zwölf - Sonnabend, 19. Januar 1907

Nachwort

Verzeichnis von Straßen und Plätzen, die heute einen anderen Namen tragen

Ebenfalls im Jaron Verlag erschienen

Tagebucheintrag vom 7. Januar 1907

Alles muss anders werden! Viel zu lange habe ich nur zugeschaut und das Leben an mir vorbeiziehen lassen wie eine Eisenbahn. Doch nun gilt es, Kohlenschaufel und Steuerrad selbst in die Hand zu nehmen. Auch wenn ich mir dabei die Finger dreckig machen sollte.

Die ganze Nacht habe ich keinen Schlaf gefunden. Ich verließ sogar mein Gemach und schlich draußen durch die Kälte. Des Nachts ruht die Stadt in Frieden. Doch was für eine trügerische Stille! Denn noch bevor die Sonne am Firmament erscheint, kommen die Wölfe aus ihren Höhlen gekrochen und versammeln sich in den Amtsstuben, Büros und Fabriken in ihren Rudeln. Dann beißen sie um sich. Ohne Rücksicht. Ohne Gnade. Der Gedanke an den feinen, freien Geist ist ihnen so fern, wie er Tieren nur sein kann. Was macht es schon, dass die Leitwölfe in teure Stoffe gewandet sind? Sie bleiben gemeine Kreaturen.

Doch nun schlägt meine Stunde. Ich habe die nötigen Vorbereitungen getroffen. Kurz noch ruhen, dann ist die Zeit für Taten gekommen.

Eins
Dienstag, 8. Januar 1907

Thomas Kutscher nahm das Manuskript vom Tisch, steckte es zurück in seine Mappe und fragte: »Sie wollen sich die Texte nicht einmal in Ruhe anschauen?«

Eberhard Rollnik blickte müde von seinen Unterlagen auf und schüttelte den Kopf. Er wies auf das Bücherregal an der Wand. »Sehen Sie da oben die schmalen Bände? Das ist die Schöne Edition Rollnik.« Er betonte die letzten Wörter, als würde er über Fußpilz reden. Nach einem Seufzer fuhr er fort: »Diese Bändchen sind die Glanzstücke meines Vaters. Im Regal machen sie einen federleichten Eindruck, aber in den Buchhandlungen liegen sie wie Blei. Das ist doch nichts für Sie, mein Lieber.«

Kutscher hätte gern selbst entschieden, was das Richtige für ihn wäre. Doch er schwieg, einen Verleger wie Rollnik brauchte er nicht mit Befindlichkeiten zu behelligen. Von schriftstellerischer Eitelkeit hatte der gewiss die Nase voll.

»Dieses unverkäufliche Zeug können wir nur dank der Detektivromane drucken, die Sie verfassen, Herr Tock«, ergänzte der Geschäftsführer des Verlagshauses Rollnik und Sohn.

Kutscher zuckte zusammen, wie immer, wenn ihn jemand mit seinem Pseudonym ansprach, unter dem in wenigen Tagen sein dritter Detektivroman erscheinen würde. Er tippte auf die Mappe mit seinen Gedichten. »Das scheint mir ziemlich ungerecht. Wenn Sie schon Liebhaberausgaben drucken, wäre es doch nur billig, wenn Sie auch den berücksichtigen würden, der für die Umsätze sorgt. Finden Sie nicht, Herr Rollnik?« Kutscher merkte, wie gestelzt er sprach. Über Geldangelegenheiten zu verhandeln fiel ihm noch schwerer, als abends an einer Kneipe vorbeizugehen, ohne sie zu betreten.

Rollnik wiegte den Kopf. »Also gut, mein Lieber. Wenn wir zehn Ihrer Detektivromane herausgebracht haben, schaue ich mir auch die Gedichte an.« Mit jedem Wort wurde Rollniks Grinsen breiter. »Ich werde schon sehr starke Argumente brauchen, wenn ich bei meinem Vater mit Lyrik vorstellig werden möchte. Auf meine Expertise in schöngeistigen Dingen dürfte er jedenfalls kaum vertrauen.«

Kutscher wagte einen letzten Versuch und hob die Mappe in die Höhe. »Nun, vielleicht sind meine Gedichte ja geeignet, eine breite Leserschaft zu erreichen. Es handelt sich keineswegs um schwere Literatur.«

»Lassen Sie es gut sein, mein Lieber. Mein Vater hat seine Gründe, mit mir nicht über die hohe Kunst zu debattieren.« Rollnik kam hinter seinem Schreibtisch hervor. »Wir bringen Ihre Verse unter Ihrem richtigen Namen heraus. Schreiben Sie vorher einfach noch ein paar Detektivgeschichten.« Der Verleger streckte Kutscher die Hand entgegen. »Schauen Sie doch am Donnerstag noch einmal herein. Dann müsste Ihr neuestes Werk frisch gedruckt vorliegen.«

Der Händedruck erschien Kutscher unerwartet kameradschaftlich, so als wollte sich Rollnik für seine Abfuhr entschuldigen. Nun, Kutscher hatte Zeit, schließlich handelte es sich bei den Texten in seiner Mappe um Gedichte und nicht um Zeitungsartikel, die am nächsten Tag veraltet wären.

Als er das Büro verließ, strahlte ihn im Vorzimmer Fräulein Helene Seidel an. Sie trug ihr blondes Haar kunstvoll aufgesteckt, sodass ihre blauen Augen besonders gut zur Geltung kamen. Kaum fiel die Tür zu Rollniks Büro hinter Kutscher ins Schloss, fragte sie: »Verlief das Gespräch zu Ihrer Zufriedenheit, Herr Kutscher?«

Ihr Lächeln hätte einen Toten wiederbeleben können. Kutscher vermutete, dass es nicht ihm selbst galt, sondern dem ertragreichen Detektivromanautor Tom Tock, und antwortete: »Durchaus, Fräulein Seidel.«

»Ich kann es kaum erwarten, Ihren nächsten Roman zu lesen, Herr Kutscher. Wie ich hörte, soll er noch in dieser Woche aus unserer Druckerei kommen.«

»Zu liebenswürdig, meine Dame«, erwiderte Kutscher. »Am Donnerstag bin ich zur Ansicht des fertigen Buches geladen.«

Fräulein Seidel trat an ihren Sekretär und öffnete einen Kalender. Sie blätterte zum genannten Datum und fragte: »Das ist wunderbar, wann darf ich Ihr Kommen vermerken?«

»Ich denke, ich werde am späten Vormittag hereinschauen. Wäre das recht?«

»Aber selbstverständlich. Ich notiere einen Termin für elf Uhr.« Sie schrieb ein paar Wörter in den Kalender, dann wandte sie sich wieder Kutscher zu und fuhr fort: »Das sind ja gleich zwei schöne Ereignisse auf einmal: Sie werden uns mit Ihrem Besuch beehren, und der neue Roman wird da sein. Ich freue mich auf Donnerstag.«

Kutscher wurde die Herzlichkeit der Dame unheimlich. Die Seidel behandelte ihn stets freundlich, doch heute bereitete ihm ihre Euphorie Unbehagen. Wusste sie von Rollniks Abfuhr? Sollte sie ihn bei Laune halten? Oder sah er Gespenster?

Für einen Moment herrschte Stille im Vorzimmer. Stets fielen Kutscher Worte ein, nur in diesem Augenblick nicht. Er gab sich einen Ruck. »Dann darf ich mich fürs Erste verabschieden, meine Dame.«

»Auf Wiedersehen!«, zwitscherte die Seidel und geleitete ihn zum Ausgang des Vorzimmers.

Kutscher trat auf den Flur des Verlagshauses und schritt die Treppe vom Hochparterre hinunter. Er drehte sich nicht noch einmal um. Aus seiner Zeit beim Theater wusste er, welch wichtige Rolle Vorzimmerdamen spielten. Sie bestimmten das Bild, das sich die entscheidenden Personen von ihren Geschäftspartnern machten. Doch war er überhaupt ein solcher? Oder eher ein Supplikant? Die Mappe mit den Versen unter seinem Arm erschien ihm auf einmal unglaublich schwer.

Immerhin verschaffte er dem Verlag Rollnik und Sohn sowie sich selbst durch seine Detektivromane gute Umsätze. Die Honorare waren so hoch, dass er vom Familienunternehmen seiner Eltern inzwischen nur noch ab und an einen kleinen Beitrag zu seinem Lebensunterhalt beziehen musste. Er konnte wahrlich erhobenen Hauptes ins Freie treten.

Er atmete die kalte Luft tief ein. Es roch nach feuchter Winterfrische. Die Blumengasse lag im Schleier der Schneeflocken. Kutscher schlenderte in Richtung Kreuzstraße. Er lief allein auf dem Trottoir. Die Arbeiter im Graphischen Viertel hatten noch nicht Feierabend und waren mit dem Drucken von Büchern, Zeitschriften und Zeitungen beschäftigt. Er vernahm die Bimmeln und Pferdefuhrwerke sowie einzelne Automobile auf der Dresdner Straße.

Kutscher nutzte den Weg, um seinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Wie unberechenbar sein Leben in der letzten Zeit verlaufen war! Jahrelang hatte er versucht, als Bühnenautor zu reüssieren. Allein durch einen Zufall war ihm ein schlecht gedruckter Roman von Auguste Groner in die Hände gefallen, eine wilde Kriminalgeschichte um den Detektiv Joseph Müller. Kutscher hatte nur ein paar Tage und Nächte gebraucht, um einen ähnlichen Roman zu Papier zu bringen – kurz nachdem er mit seinem Freund Edgar Wank den wahren Kriminalfall um den Fußballer Thoralf Schöpf gelöst hatte. Zunächst war sein Manuskript einige Jahre in der Schublade verstaubt. Und nun erschien schon seine dritte Detektivgeschichte bei Rollnik.

Zwar nahmen die Herren Redakteure bei den feinen Literaturblättern ihn als Autor nicht wahr, aber er spürte die Anerkennung, die ihm seine belesenen Freunde vom Alten Theater entgegenbrachten. Und er bemerkte, wie ihn die Meinung derer, die seine Schreibkunst nicht zu würdigen wussten, mit jedem neuen veröffentlichten Roman weniger interessierte.

Im Verlag gingen Briefe ein, in denen ihm Leser – nicht selten handelte es sich auch um Leserinnen – in schlichten Worten mitteilten, wie sehr sie mit dem Ich-Erzähler seiner Geschichten mitfieberten. Mehr noch, aus vielen Schreiben sprach Bewunderung für den Helden seiner Romane. Allem Anschein nach gelang es der Leserschaft nur schwer, zwischen dem Autor und seiner Hauptfigur zu unterscheiden.

Natürlich fühlte Kutscher sich seinem Helden nahe. Allerdings brachte er viel Fantasie auf, um den Detektiv besonders kniffelige Fälle lösen und ihn dabei jede Menge Gefahren überstehen zu lassen. Wenn Kutscher seinen Freund Edgar Wank von den echten Kriminalfällen berichten hörte, klang die Ermittlungsarbeit weit weniger spannend. Die allermeisten Bösewichter, über die Wank für die Leipziger Zeitung berichtete, verhielten sich geradezu beleidigend blöde. Sie ließen sich auf frischer Tat ertappen, mit der Beute schnappen oder prahlten in der Kneipe mit ihren Vergehen. Das wirkliche Leben bestand aus absurden Zufällen und Langeweile – ganz anders als eine gute Detektiverzählung.

Kutscher lächelte, während ein paar Schneeflocken auf dem Revers seines Überziehers landeten und sofort schmolzen. Auch auf dem Gehweg blieb das Weiß nicht liegen, sondern verwandelte sich, kaum auf dem Boden angekommen, in Matsch.

Einige Schneeflocken fielen ihm in die Augen, so bemerkte Kutscher den seltsamen Haufen auf dem Weg erst, als er darüber stolperte.

»Verflucht!«, rief er. Gerade rechtzeitig fing er den Sturz ab und schlitterte übers Pflaster. Am Sims des Hauses fand er Halt, holte tief Luft und sah zu Boden. Da lag jemand, auf der Seite, eigentümlich zusammengekrümmt. Kutscher musste den armen Kerl mit dem Schuh an den Rippen erwischt haben. Der Mann rührte sich nicht. Ob er ohnmächtig war? Oder den Rausch des Alkohols ausschlief? Jedenfalls spielte der Mann bei der Kälte mit seiner Gesundheit.

Kutscher beugte sich hinunter und rüttelte ihn an der Schulter. »Kommen Sie, mein Herr, das scheint mir nicht der rechte Ort für ein Schläfchen zu sein!«

Der Kerl rührte sich immer noch nicht. Erst jetzt fiel Kutscher auf, dass er baren Hauptes da unten ruhte. Matsch hatte sich in den Haaren verfangen. Der Hut lehnte ein paar Meter weiter an der Wand des Nachbarhauses. Vermutlich lag der Mann schon eine ganze Weile am Boden.

Kutscher rüttelte noch einmal an der Schulter des Mannes, doch der zeigte wieder keine Reaktion. Am besten, er höbe ihn erst einmal hoch. Also zog er am Oberarm. Doch der löste sich kaum von der Brust des Mannes. Konnte er etwa angefroren sein? Kutscher zerrte stärker am Arm und rollte den Mann auf den Rücken … oder vielmehr das, was von ihm übrig war. Der Teil des Gesichts, der bis eben auf dem Boden gelegen hatte, war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Stirn, Wange und Kiefer bildeten eine Kraterlandschaft aus Fleischklumpen mit einer Soße aus Blut und Straßendreck.

Kutscher sprang entsetzt auf und rutschte durch den Schlamm. Nur weg von der entstellten Leiche! Erneut fing er einen Sturz ab, indem er sich an der Wand festhielt. Es gelang ihm, den Würgereiz zu unterdrücken. Zum Glück lag der Kopf nun mit der unverletzten Seite zu ihm. Von hier sah es fast so aus, als wäre der Mann friedlich entschlummert.

Jetzt erkannte Kutscher den Toten: Vor ihm lag Claudius Orlog, der Herausgeber der Bacchus-Blätter, ein stadtbekannter Literaturkritiker. Neben dem Leichnam entdeckte er einen Dachziegel. Daran klebte Blut.

Der Sekretär bedeutete Edgar Wank, noch einen Moment zu warten. »Herr Doktor Richter hat gerade ein dringendes fernmündliches Gespräch mit dem Landgericht.«

»Soll ich in einer Viertelstunde wiederkommen?«, fragte Wank. Für das Königliche Landgericht zu Leipzig fungierte die Leipziger Zeitung als Amtsblatt. Das Gespräch konnte sich länger hinziehen.

»Nein, auf keinen Fall soll ich Sie wieder gehen lassen, schärfte mir der Herr Redaktionsdirektor ein. Bitte gedulden Sie sich etwas, Herr Wank!«

Wank überlegte, was er mit der plötzlich gewonnenen Zeit anfangen solle. Doktor Richters Vorzimmer lud nicht gerade zum Entspannen ein. Vor den Wänden standen Bücherregale, die bis zur Zimmerdecke reichten. Sämtliche Jahrgänge der Leipziger Zeitung thronten in dunklen Ledereinbänden neben Richters Tür. Drumherum reihten sich Enzyklopädien, Gesetzbücher, Erlasse und Verordnungen. Beinahe verstohlen wies die Goethe-Schiller-Gesamtausgabe darauf hin, dass hier der Geist herrschte. Die Bände standen so akkurat nebeneinander, als käme gleich König Friedrich August III. aus Dresden des Weges, um die Parade abzunehmen. Nein, die Bücher luden nicht zur Lektüre ein, sie schüchterten Wank eher ein.

»Das Wetter weiß auch nicht so recht, was es will«, unterbrach der Sekretär die Stille.

»Was soll man da machen!«, entgegnete Wank und bemerkte, wie der Sekretär das passende Gesicht zum Wetter zog. Schnell fügte er an: »Da weiß man am Morgen nicht, welche Schuhe die richtigen sind, und am Abend hilft alles Putzen nichts.«

Der Sekretär schaute noch für einen Moment missmutig, dann nickte er. »Meine Frau beschwert sich auch in einem fort. Immerhin bin ich heute Morgen trockenen Fußes und mit sauberem Schuhwerk bis ins Büro gekommen.«

»Ja, heute Morgen hielt sich der Ärger in Grenzen«, stimmte Wank zu. Den Sekretär wünschte er sich nicht zum Feind, schließlich sprach im ganzen Hause niemand häufiger mit dem Direktor als dieser Mann.

Glücklicherweise öffnete Richter seine Bürotür, bevor Wank noch weitere Fallstricke der Konversation umkurven musste.

»Kommen Sie herein!«, rief der Direktor. Der Tonfall ließ keinerlei Rückschluss auf seine Laune zu.

Wank nickte dem Sekretär zu und trat zu seinem Dienstherrn ins Büro. Auch hier flößten Möbel und Wandschmuck dem Besucher Ehrfurcht ein. An einer Wand hingen in schweren Holzrahmen Titelseiten wichtiger Ausgaben der Leipziger Zeitung.

Richter saß bereits wieder auf dem thronartigen Stuhl hinter seinem Schreibtisch aus Edelholz. Der Direktor wies Wank den Platz auf dem Schemel davor zu. »Schön, dass Sie da sind, Herr Wank. Was treiben denn die Verbrecher der Stadt?« Es klang, als stelle sich Richter die Frage selbst. Tatsächlich nahm er den Durchschlag von Wanks neuestem Beitrag für die Rubrik Polizeiliches in Leipzig in die Hand. Das Manuskript befand sich längst in der Druckerei, denn die Leipziger Ausgabe wurde als Nachmittagsblatt in wenigen Minuten ausgeliefert. Der Direktor las vor: »In einem 24 Jahre alten stellungslosen Handlungskommiss aus Halle wurde jener Dieb ermittelt und zur Haft gebracht, der sich in mehreren Fällen in Gasthäuser einlogiert und Betten entwendet hatte.« Richter überflog die nächsten Zeilen lediglich und murmelte: »Fein, eine 26-jährige Diebin wurde zur Strecke gebracht. Ach, und hier ermittelt die Polizei in einer Messerstecherei.« Der Direktor sah von dem Papierbogen auf und ergänzte: »Die Beamten Seiner Majestät überführen die Übeltäter reihenweise. Und wir vermelden das in unserer Rubrik. So soll es sein.«

Wank hatte das Gefühl, im Blick des Direktors ein Fragezeichen zu lesen. Nur, was wollte Richter wissen?

Statt eine Frage zu stellen, fuhr der Direktor fort: »Sie haben ja schon des Öfteren Beiträge für unsere Beilage geschrieben. Ich hätte da eine interessante Sache für jemanden, der sich mit Gerichtsdingen auskennt.«

»Aber Herr Direktor«, entgegnete Wank, »für meine Artikel verfolge ich die Übeltäter nur bis zu ihrer Inhaftierung. Wie die Richter über sie urteilen, entzieht sich in aller Regel meiner Kenntnis.«

»Dann ist es vielleicht an der Zeit, dass Sie Ihren Blick auch einmal auf diesen Teil des Geschehens richten.«

Wank verbiss sich jedweden Kommentar. Warum sollte er eine Widerrede halten, ohne zu wissen, worum es überhaupt ging? Denn eines wurde deutlich: Der Direktor hatte seine Entscheidung bereits getroffen – worüber auch immer.

Richter nahm eine Mappe von seinem Schreibtisch. »Das sind Abschriften zum Fall Karl May. Die Sache wird morgen vor dem hiesigen Reichsgericht verhandelt.«

»Karl May? Das ist doch dieser Schriftsteller, der schon wegen Felldiebstählen einsaß«, erwiderte Wank. »Soweit ich weiß, liegt seine Gaunerkarriere bereits viele Jahre zurück. Was hat er sich denn zuschulden kommen lassen, dass sich das höchste Gericht im Reich damit befasst?«

Richter reichte Wank die Mappe über den Tisch. »Es handelt sich nicht um eine Strafsache, sondern um einen Urheberrechtsstreit. Schauen Sie sich die Papiere in Ruhe an, Herr Wank.«

»Urheberrecht?« Wank nahm die Mappe entgegen und hatte das Gefühl, sie enthalte ein fürchterliches Urteil über ihn selbst. »Wäre das nicht besser bei den Kollegen im Kulturressort aufgehoben?«

»Sie meinen bei Bollmann?« Richter lachte kurz auf und fuhr ernst fort: »Für den ist dieser May doch schon ein Übeltäter, wenn er nur atmet. Nein, mein lieber Herr Wank, ich sehe dieses Thema bei Ihnen. Machen Sie etwas daraus!«

Thomas Kutscher betrat das Café im Oertelschen Haus. Er brauchte dringend eine Tasse Kaffee. Nachdem ihm in der Blumengasse ein Bengel über den Weg gelaufen war, den er zur Polizei schicken konnte, hatte er fast zwei Stunden neben der Leiche verbringen müssen. Zunächst allein, dann mit einem Wachmann zu Fuße, der blöde Fragen stellte – etwa, was denn genau vorgefallen sei. Das konnte Kutscher freilich nicht wissen. Schließlich war Kommissar Machuntze eingetroffen, der sich den Ablauf des Leichenfunds mehrfach en détail hatte schildern lassen.

Das Oertelsche Haus befand sich nur wenige Meter vom Alten Theater entfernt, daher traf Kutscher hier stets jemanden, mit dem er über die Leipziger Künstlerwelt plaudern konnte. Er schaute sich im Gastraum um – und tatsächlich, von einem kleinen Tisch am Fenster winkte ihm Fräulein Eleonore Rada zu. Der Platz neben ihr war frei. Kutscher nickte der Schauspielerin zu und schritt zu ihrem Tisch.

Die Rada pflegte seit Jahren eine Liaison mit seinem besten Freund Edgar Wank. In den letzten Monaten kamen die beiden ihm wie ein harmonisches Paar vor, was beim Temperament der Aktrice an ein Wunder grenzte.

Auch heute fiel ihr Gruß überschwänglich aus. Die Worte sprudelten aus ihrem Mund wie eine Fontäne aus einem Brunnen: Was für ein schöner Zufall es sei, ihn zu treffen, wie lange sie ihn nicht mehr gesehen habe, wohl mindestens zwei oder gar drei Wochen, wie fürchterlich er am Theater vermisst werde …

Kutscher kam gerade so dazu, einen Guten Tag zu wünschen. Er ließ sich nieder, hörte nur noch mit halbem Ohr zu und winkte dem Ober.

Kaum hatte Kutscher seine Bestellung aufgegeben, setzte die Rada ihren Redeschwall fort. »Ich muss Ihnen leider sagen, dass die Zustände am Alten Theater immer schlimmer werden. Stellen Sie sich vor, unser Dramaturg – Sie kennen Herrn Zeitlitz ja selbst aus leidvoller Erfahrung – hat entschieden, künftig überhaupt keine Stücke mehr in Auftrag zu geben, sondern ausschließlich auf die Klassiker zu setzen.«

Kutscher ging durch den Kopf, dass er solch ein Ungetüm von Satz niemals niederschreiben würde. Kein Leser würde glauben, dass tatsächlich jemand derart spricht. Doch Fräulein Radas Satz verwunderte ihn weniger als die Mimik, die ihn begleitete. Das Fräulein flötete regelrecht und feixte wie am Geburtstagstisch, obwohl das Gesagte doch Ärger ausdrückte. Diese Diskrepanz zwischen Form und Inhalt irritierte Kutscher. Er antwortete: »Wie ich Ihren Dramaturgen kenne, wird bei ihm nichts so heiß gegessen, wie er es gern kochen würde. Davon abgesehen: Das Stück, an dem Zeitlitz nichts auszusetzen hat, muss erst noch geschrieben werden.«

»Ach, mein lieber Herr Kutscher, Sie können die Sache leichtnehmen. Sie haben es ja rechtzeitig geschafft, sich aus der Reichweite von Zeitlitz’ harter Hand zu entfernen.« Die Rada zog die Augenbrauen zusammen und schaute ihn forschend an. »Vermissen Sie den Trubel am Theater nicht manchmal?«

»Ich kann ja jederzeit zum Theaterplatz schlendern und ins Haus gehen«, antwortete er. »Meist reicht mir Ersteres schon.«

»Ach, darum beneide ich Sie.« Die Rada seufzte. Der Kellner trat an den Tisch, stellte Kutscher den Kaffee vor die Nase und fragte, ob alles zu ihrer Zufriedenheit sei. Kaum trabte der Ober davon, quasselte die Rada schon weiter. »Ach nein, wenn ich’s mir genau überlege, würde mir etwas fehlen, wenn mein Name nicht mehr auf den Plakaten stünde und die Zuschauer mir keine Blumen mehr schenken würden.«

»Blumen erhielt ich nicht, als mein Stück am Alten Theater aufgeführt wurde. Und mein Name war in derart winzigen Lettern auf dem Plakat abgedruckt, dass ich ihn selbst beinahe übersehen hätte.«

»Immerhin war es Ihr Name.« Die Schauspielerin lachte. »Aber ich gebe gern zu, dass sich der Schriftzug Tom Tock auf Ihren Romanen ausgesprochen gut macht.«

Kutscher nippte an seinem Kaffee. Er brauchte einen Moment, um eine Antwort auf die Neckerei der Rada zu finden. Glücklicherweise schwieg sie lange genug. Schließlich stellte er die Tasse ab und sagte: »Jedenfalls bereitet mir die Arbeit Freude. Das scheint mir bei Ihnen nicht uneingeschränkt der Fall zu sein, meine Liebe.«

Die Schauspielerin seufzte und schaute ihn mit einem Blick an, der sogar bei einem Scharfrichter Mitleid ausgelöst hätte. »Da sagen Sie etwas, mein lieber Herr Kutscher. Noch vor ein paar Jahren hätte ich mich als ungebundene junge Schauspielerin einfach um ein anderes Engagement bemüht. Doch nun möchte ich die Stadt und vor allem Ihren Freund Edgar nicht mehr missen.« Sie senkte den Blick. »Was soll ich nur tun?«

»Am besten, Sie reden mit Edgar darüber«, schlug Kutscher vor. Dabei kam ihm die Leiche wieder in den Sinn. Auch er verspürte das dringende Bedürfnis nach einer Konversation mit seinem Freund Edgar Wank. Gleich nach dem Kaffee wollte er ihn aufsuchen.

Edgar Wank verließ das Redaktionsgebäude der Leipziger Zeitung und trat auf die Poststraße. Obwohl es erst kurz nach halb fünf Uhr nachmittags war, dämmerte es schon. Wank schloss seinen Überzieher bis zum Kragen, dennoch kroch die Kälte unter den Stoff. Zum Glück hatte er es nicht weit, seit er in das Zimmer in der Karlstraße gezogen war. Nun musste er sich auf dem schmalen Gehweg durch die Passanten kämpfen, die zum Feierabend gen Augustusplatz strömten. Manch einer kehrte nach getaner Arbeit noch in eine Gastwirtschaft in der Innenstadt ein. Die meisten Arbeiter und Angestellten stiegen allerdings in die Bimmel und fuhren nach Hause.

Ein paar Meter vor ihm löste sich ein Mann von der Hauswand. Er kam Wank seltsam bekannt vor. Dieser Gang, der Mantel, der auch im Zwielicht noch schimmerte, die langen Haare unter der Melone … Wie kam Thomas Kutscher hierher?

»Da bist du ja endlich«, rief der Freund.

Wank blieb stehen und wartete, bis Kutscher bei ihm war und ihm die Hand entgegenstreckte.

Noch während des Handschlags sagte der Freund: »Ich muss dir unbedingt etwas zeigen. Komm mit!«

»Können wir das nicht bei mir besprechen?« Wank stellte den Kragen seines Mantels hoch. »Es herrscht eine Hundekälte, und ich wohne gleich um die Ecke, wie du weißt.«

»Glaub mir, du willst das sehen.« Kutscher klang aufgeregt und zog ihn am Ärmel die Poststraße hinunter.

»Wo, um alles in der Welt, willst du mich denn hinschleppen?«, fragte Wank und schüttelte die Hand des Freundes ab.

»Nur noch ein kleines Stück. Es liegt fast auf deinem Heimweg, Edgar.«

Inzwischen hatten sie die Querstraße erreicht. Kutscher bahnte sich wortlos einen Weg zwischen den Menschen hindurch. Wank hatte Mühe, ihm zu folgen. Die wenigen Meter bis zum Johannisplatz japste er hinter Kutscher her. Die Johanniskirche warf lange Schatten in Richtung der Dresdner Straße, in die Kutscher ohne Umschweife einbog. Das Gedränge auf dem Trottoir ließ langsam nach.

Wank schloss zum Freund auf und zischte: »Nun sag mir endlich, wo wir hingehen und warum!«

»Hab doch Geduld, Edgar! Es sind nur noch ein paar Hundert Meter. Du wirst Augen machen!« Kutscher flitzte die Dresdner Straße stadtauswärts, als wäre er auf der Flucht vor dem Leibhaftigen. Über dem Johannisfriedhof leuchtete schon die Mondsichel und verlieh der Dämmerung eine gespenstische Note.

Kutscher überquerte die Inselstraße und rief: »Gleich da vorn ist es!«

Auf den zwanzig Metern bis zur nächsten Straßenecke begegnete ihnen lediglich eine Gruppe von Arbeitern. Kutscher bog in die Blumengasse und zeigte auf das Portal eines Geschäftshauses. »Dort vorn war es. Da habe ich den Kerl gefunden.« Aufgeregt berichtete er über den toten Literaturkritiker, dessen zertrümmerten Schädel und die Polizisten, denen er bereits Rede und Antwort gestanden hatte. Schließlich deutete er auf den Blutfleck, der immer noch auf dem Pflaster zu erkennen war. »Seltsamerweise wehte kaum ein Lüftchen. Wie soll sich da ein Ziegel vom Dach gelöst haben?«

Wank betrachtete das Blut und murmelte: »Hier lag dann wohl der Kopf. Wo waren die Füße? Wie herum lag der tote Herr?«

»So herum«, antwortete Kutscher und deutete an, dass der Leichnam mit den Füßen in Richtung Dresdner Straße gelegen habe.

Etwas an Kutschers Beschreibung erschien Wank seltsam, so als würde ein Detail aus einem anderen Bild stammen. Wank hob den Hut und kratzte sich an der Stirn. Die Kopfbedeckung, das war es! »Der Hut des Herrn war völlig unversehrt?«

»Der Hut wird ihm wohl vom Kopf geweht worden sein, bevor der Stein ihn traf.«

»Sagtest du nicht, es herrschte Windstille?«, entgegnete Wank.

»Hm«, brummte Kutscher. »Das ist in der Tat seltsam.«

»Und wo, meintest du, lag der Hut des Herrn?« Kutscher zeigte ein paar Meter weiter in Richtung Dresdner Straße. »Dort.«

»Ach du lieber Gott! Hast du das auch Machuntze gesagt?«

»Was?« Kutscher blickte drein wie ein Bengel, der von der Mutter beim Stibitzen eines Bonbons erwischt worden war. »Der Kommissar hat mich nicht danach gefragt. Warum willst du das wissen?«

»Stell dir vor, der verblichene Herr hat jemanden getroffen und seinen Hut gezogen, bevor ihn der Stein traf. Und während er dann stürzte, ließ er ihn fallen. Wo wäre der dann gelandet?«, fragte Wank, tippte an seine Krempe und hob dann seinen Hut. Er zeichnete mit der Hand in der Luft die Fluglinie der Kopfbedeckung nach.

Kutscher drehte den Kopf und folgte Wanks Handbewegung – hin zu der Stelle, an der er den Hut gefunden hatte.

Wank merkte, wie bei seinem Freund der Groschen fiel.

»Wenn Orlog jemandem begegnet ist, vor dem er den Hut gezogen hat, dann hat der ihn vielleicht auch mit dem Stein angegriffen«, murmelte Kutscher. »Das wäre Mord.«

»Es sieht so aus«, bestätigte Wank.

»Stellt euch vor, meine Freunde, ich habe dem Verblichenen im vergangenen Jahr eines meiner Gedichte angeboten!«, rief Thomas Kutscher. Er musste ziemlich laut sprechen, um das Gemurmel in der »Elster-Klause« zu übertönen, denn zu dieser Abendstunde war in der Schankwirtschaft jeder Platz besetzt.

Fridolin Hartmann, der Neue und Fritz Lutemüller saßen mit Kutscher am Tisch und schwiegen. Bei Letzterem war das nichts Ungewöhnliches. Lutemüller sprach kaum. Selbst wenn der Wirt das Bier abstellte, nickte er höchstens kurz. Den Neuen konnte Kutscher noch nicht richtig einschätzen. Der hatte sich als Hans Pöttger, Pöttiger oder Pötticher vorgestellt. Anscheinend war er jahrelang zur See gefahren und gerade erst nach Leipzig zurückgekehrt, um eine Stelle als Kommiss anzutreten. Gedichte verfasste er zumeist nachts. Hartmann redete indes gern und sich häufig auch in Rage. Wenn er jetzt den Mund hielt, dann wohl nur, weil er noch weitere Details über den mysteriösen Tod des Literaturkritikers hören wollte.

Also fuhr Kutscher fort: »Ich habe soeben noch einmal zu Hause nachgeschaut. Die Absage war in einem Ton verfasst, als handelte es sich um eine Amtssache. Immerhin hat der Herr mir zugesagt, dass ich ihm gelegentlich eine Arbeit zu einem anderen Thema einreichen dürfe.«

Der Ober kam mit einem Tablett Bier. Kutscher leerte schleunigst seinen Humpen und nahm den neuen entgegen. Hartmann, der Neue und Lutemüller taten es ihm gleich.

Kutscher hob den vollen Bierkrug in die Höhe und stieß mit den anderen Dichtern auf die Kunst an. Sie tranken und ließen anschließend die Humpen auf die Tischplatte krachen. Kutscher spürte, wie ihn die anderen erwartungsvoll anschauten, deshalb fügte er an: »Ansonsten kann ich nicht viel über Orlog berichten. Mit den Detektivromanen eines Tom Tock hätte der Herr sich in seinem feinen Blatt niemals beschäftigt. Bestimmt hatte er noch nie von ihnen gehört. Und wenn, dann ahnte er mit Sicherheit nicht, dass diese und meine Gedichte aus derselben Feder stammen.«

»Nun ja …« Hartmann guckte auf seinen Krug, als wäre dort notiert, was er sagen wollte. »Über andere Kolportageautoren wusste er ziemlich gut Bescheid.«

»Ich schreibe keine Kolportage«, knurrte Kutscher. »Meine Romane werden in ordentlichen Geschäften verkauft. Nur weil sie beliebt sind, handelt es sich noch lange nicht um Schund.«

»Jaja.« Hartmann winkte ab. »Zu einer Fehde mit den Edelfedern bei den hochrangigen Blättern reicht es bei dir aber nicht.«

Kutscher wusste nicht so recht, worauf Hartmann hinauswollte.

»Hast du die Artikelserie über die Charakterschwäche des Schriftstellers Karl May nicht verfolgt?«

Kutscher schüttelte den Kopf.

»Mensch, Thomas! Orlog ist monatelang über den armen Kerl hergezogen, in übler Weise, wie über einen Todfeind. Ich habe die Zeitschriften zu Hause. Ich borge sie dir gern zur Lektüre.«

»Unbedingt!«

»Freilich lässt sich eine Feindschaft auch gar trefflich durch Ignoranz begründen«, warf der Neue ein und lächelte dabei milde. »Wenn der Kerl sich mit anderen einen Krieg leistet, wäre ich jedenfalls schwer beleidigt, wenn ich diesem Schnösel nicht einmal einen Verriss wert wäre.«

»Feindschaft ist ein großes Wort«, murmelte Kutscher.

»Wer soll das große Wort denn führen, wenn nicht wir Dichter!« Hartmann schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Nun, ich glaube kaum, dass Orlog außerhalb der Dichterkreise viele Freunde hatte«, erwiderte Kutscher. »Wenn beim Rollnik-Verlag oder in der verlagseigenen Buchhandlung das Wort auf Orlogs Kritiken kam, habe ich kaum Begeisterung vernommen.«

»Viel Feind, viel Ehr!« Hartmann hob seinen Humpen und rief: »Darauf ein Prost!«

Kutscher stieß mit den Freunden an. Während das Bier seine Kehle hinunterrann, dachte er nach. Wenn hier über Feinde eines Mordopfers – und ein solches war Orlog wohl – geredet wurde, sprachen sie dann auch über Verdächtige? Vermutlich hatte jeder an diesem Tisch mindestens eine Absage von Orlog in der Schublade des heimischen Sekretärs liegen.

Kutscher stellte seinen Bierkrug ab und sagte: »In diesem Falle könnte es auch heißen: Viel Feind, sehr tot.«

»Ein paar von meinen Gedichten hat der Knilch immerhin abgedruckt«, warf Hartmann ein und wandte sich an den Neuen. »Deinen Namen habe ich in den Bacchus-Blättern auch schon lesen dürfen.«

»Mag sein.« Der Neue sprach so leise, dass er im Kneipenlärm gerade kaum noch zu verstehen war. »Dennoch, auf hoher See kannten wir nur zwei Sorten von Fieslingen.«

»Ach«, sagte Kutscher verwundert, »und welche?«

»Nun, die einen waren skrupellose Kapitäne oder Steuermänner. Sie regierten auf den Schiffen mit eiserner Faust. Denen kam keiner zu nahe. Die anderen jedoch …« Der Neue grinste und machte eine kurze Pause. »Die anderen hatten keine Macht. Und die gingen häufig nachts bei einem tragischen Unfall über Bord.«

Kutscher bemerkte, dass Hartmann und Lutemüller den Seefahrer anguckten wie zwei Kinder den Märchenonkel.

Dann fuhr der Neue mit gesenkter Stimme fort: »Da war zum Beispiel dieser Matrose, der sich jeden Mittag eine doppelte Portion nahm. Die ganze Mannschaft war erbost über ihn. Eines Nachts hörte ich vom Achterdeck einen Schrei und dann ein Platschen … Da hatten die Fische etwas zu futtern. Niemand hat je erfahren, was genau passiert ist.«

Kutscher lachte und nahm seinen Humpen in die Hand. »Das ist ja ein hübsches Seemannsgarn.« Er zögerte einen Moment. »Oder?«

»Wenn ich das verraten würde«, antwortete der Neue mit einem Spitzbubenlächeln, »bräuchte ich ja keine Geschichten mehr zu erzählen.«

Tagebucheintrag vom 8. Januar 1907

Wie einfach das ist! Ich bin nicht das kräftigste Geschöpf unter Gottes Himmel. Doch ein Schlag mit dem rechten Werkzeug reicht. Schon geht ein Mensch zu Boden und steht nie wieder auf. Bis vor wenigen Stunden habe ich mir vorgestellt, wie ich wieder und wieder auf einen Kopf einhaue. In Wahrheit ist das gar nicht nötig. Es kommt nur auf die Schärfe des Hiebinstruments an.

Bis vor Kurzem hätte ich zudem erwartet, dass mein Gewissen mich hernach quält. Doch nun verspüre ich keinerlei Schuldgefühle. Es hat den Rechten getroffen. Ich tat, was zu tun war.

Es geht mir gut. Selten fühlte ich mich derart rechtschaffen müde. Was für ein schöner Tag!

Zwei
Mittwoch, 9. Januar 1907

Lassen Se mich schaun«, sagte Machuntze in seinem breiten Sächsisch und blätterte die Unterlagen auf seinem Schreibtisch durch. Auch wenn der Beamte vor einem Jahr zum Polizeikommissar befördert worden war, oblag ihm weiterhin die Aufgabe, Edgar Wank mit Informationen für die Rubrik Polizeiliches aus Leipzig zu versorgen. Dafür war der Redaktionsdirektor höchstpersönlich in der Behörde vorstellig geworden. Machuntze tippte auf ein Blatt und fuhr fort: »De Welt wird immer verrüggder, mei Liebor. Hörn Se sich de Geschichte von dem Mädchen an.« Er berichtete, dass ein zwölfjähriges Mädchen in der Eisenbahnstraße kleinen Kindern das Geld abluchste, mit dem sie zum Einkaufen geschickt worden waren. »’ne Zwölfjährige! Um so was müssn mer uns nunne gümmern. Als wärn mir’n Gindergarden.«

»Was trug die kleine Gaunerin denn für Kleidung?«, fragte Wank, während er die Fakten notierte.

Machuntze hielt sich die Unterlagen näher vor die Augen. Eine Spitze seines gezwirbelten Schnurrbarts ragte neben dem Blatt in die Höhe. »’n graues Schagett und ’ne rote Deggelmütze, ham de Beamten vermerkt.«

»Adrett«, murmelte Wank.

»Dann ham wir ’nen Selbstmord von ’nem Fabrikanten, ’nen Einbruch in een Goldwarengeschäft.« Machuntze blätterte die Atkten durch. »Und schaun Se nur hier, een Arbeiter is in een Restaurant eingestiegn und wollte die Gasse klaun, sein Gumpane stand Schmiere. Ooch hier dürfn Se de Festnahme vermeldn.« Machuntze klang stolz, als hätte er die beiden eigenhändig festgesetzt.

Wank schrieb die Informationen in sein Notizbuch und wartete darauf, dass Machuntze auf den Toten aus der Blumengasse zu sprechen kam.

Vergebens, denn der Beamte legte den Papierstapel beiseite. »Das war’s. Mehr gibt’s erscht ema aus unsrer Behörde nisch zu vermeldn.« Machuntze erhob sich. Der Polizist war so klein, dass die Papierstapel auf seinem Schreibtisch beinahe bis zu seiner Brust reichten. Er kam hinter dem Schreibtisch hervor, tippelte zu Wank und zog zum Abschied seine Dienstmütze.

Wank blieb auf seinem Schemel sitzen.

»Is noch ewas unglar, mei liebor Herr Wank?«, fragte der Kommissar mit zum Gruß ausgestreckter Hand.

»Nun ja, ich denke, Sie ahnen es, Herr Kommissar. Mir ist da ein Vorfall zu Ohren gekommen.«

»’n Vorfall«, murmelte Machuntze. Er trat einen Schritt zurück und stützte sich mit dem Ellenbogen auf seinem Schreibtisch ab.

»In der Blumengasse«, ergänzte Wank.

»Ich hätt’s wissn müssn. Wenn zwee Schmier …« Machuntze verschluckte das Wort und setzte erneut an. »Wenn zwee Schlaumeier sich kenn, dann gann nüscht Gutes dabei rauskomm.«

Wank blieb still und bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken.

Der Beamte krümmte sich, so als müsste er vor etwas zurückweichen. »Was soll’sch da sagn? Mir wissn noch überhaupt nüscht.«

»Nun, wer da in der Blumengasse gefunden wurde, ist schon bekannt. Und dass der Herr ziemlich tot war, auch.« Wank merkte, dass er eine Spur zu sarkastisch klang.

Machuntze zog ein missmutiges Gesicht und brummte: »Wenn Se alles scho wissn, müssn Se mich ooch nimmer frachn.«

»Entschuldigen Sie bitte, Herr Kommissar.« Wank hob die Hände und suchte nach einem versöhnlichen Ton. »Gibt es einen Grund, warum wir über diesen Todesfall nicht berichten sollen? Es handelt sich doch immerhin um ein mutmaßliches Kapitalverbrechen.«

»Genau das is ebn no gar ni glar. Mir untersuchn gerade noch de Leiche von dem Herrn Orlog und ooch den Ziechel. Aber de Kollechn findn nüscht.« Machuntze hob die rechte Hand und zählte die Punkte an den Fingern ab. »Keene Fingerabdrügge annen Sachen von dem Herrn. Keene Fingerabdrügge am Ziechel. Keene Spurn von ’nem Kampf oder dergleichn. Nüscht.«

Den folgenden Vortrag über die Daktyloskopie kannte Wank schon zur Genüge. Er hörte kaum noch hin, als Machuntze ihm erzählte, dass bei der Leipziger Polizei nun auch Fachbeamte mit dem erst vor vier Jahren in Deutschland eingeführten Verfahren arbeiteten. Wank selbst hatte in einem Artikel für die Beilage darüber berichtet, wie leicht es geworden war, Personen zu identifizieren, seit der britische Forscher Edward Richard Henry die Muster der Handlinien klassifiziert hatte.

Geduldig ertrug Wank die Ausführungen des Polizisten und wandte anschließend ein: »Es hat den ganzen Tag geschneit. Leicht nur. Aber könnte der tauende Schnee die Fingerabdrücke nicht abgewaschen haben?«

Machuntze hielt immer noch die drei Finger der rechten Hand in die Höhe, schwieg nun aber.

»Oder was, wenn der Täter Handschuhe getragen hätte? Es ist schließlich Winter.«

»Wenn, wenn, wenn!« Machuntze führte die Hand zu seinem Gesicht und zwirbelte seinen Schnurrbart. »Wenn dor Däder sich bei uns gemeldet hätte, wär er schon eingesperrt. Aber so wissen mer halt nisch ema, ob’s ’ne Dad gab.«

»Hören Sie, Herr Machuntze, ich war gestern mit Herrn Kutscher in der Blumengasse. Und da ist uns etwas aufgefallen.« Wank berichtete in kurzen Worten von ihren Flugbahnberechnungen rund um den Hut des Toten. »Aus meiner Sicht bleibt angesichts dessen kaum eine andere Möglichkeit, als dass Herr Orlog ermordet wurde.«

»Nunne, so’n Hut kann ooch ma vom Wind een paar Meter geweht wern, wenn er offm Boden liecht, oder?« Machuntze bewegte die Hand in leichten Wellen durch die Luft.

»Herr Kutscher hat von Windstille berichtet.«

»Da reicht schon ma ’ne Bö. Vielleicht bevor Ihr Freund off de Straße trat.«

»Möglicherweise. Das erklärt aber noch nicht, warum Orlog seinen Hut nicht auf dem Kopf trug, als er vom Stein erschlagen wurde. Denn wie ich hörte, war der Hut völlig ohne Schaden.«

Machuntze stand an seinem Schreibtisch, zur Salzsäule erstarrt. Nach ein paar Sekunden begannen die Spitzen seines Schnurrbarts zu wippen, offenkundig strengte das Nachdenken auch seine Gesichtsmuskeln an. Er seufzte. »Nu gut, ich werd das mit de Kollechen besprechen. Aber solange wir nüscht Genaues wissen, schreibn Se ooch nüscht!«

In der Redaktion der Leipziger Zeitung herrschte Hektik. Die Redakteure warfen einen letzten Blick auf ihre Texte, bevor sie in den Druck für die nachmittägliche Ausgabe gingen. Einige schritten dabei ungeduldig auf und ab. Andere eilten zwischen ihren Redaktionsstuben und den Büros vom Korrektorat hin und her.

Edgar Wank schlenderte gemütlich über den Gang, denn sein Text war längst gesetzt. Er lauerte dem Kulturredakteur auf. Er musste wohl noch einen Moment Geduld haben. Denn Bollmann eilte der Ruf voraus, stets als Allerletzter seine Artikel abzugeben. Tatsächlich bog Bollmann mit einem Stoß Papieren um die Ecke. Er rief Wank zu: »Der Herr Polizeireporter, sehr gut, sehr gut!« Mit riesigen Schritten hetzte der Kulturredakteur über den Gang. Unter seinem gewaltigen Bauch wirkten seine dünnen Beine wie zu kurz geratene Stelzen. »Ich habe gerade meine Texte abgeliefert und nur wenig Zeit, da ich gleich einen Termin im Neuen Theater habe.«

»Ich werde Ihre Zeit nicht über Gebühr in Anspruch nehmen«, versprach Wank.

»Sehr gut, sehr gut. Herr Doktor Richter hat mich bereits ins Bild gesetzt. Ich habe Ihnen auch alles vorbereitet.« Bollmann hob den Stapel Papiere in die Höhe. »Hier sind die Unterlagen, die ich in Vorbereitung auf den Fall Karl May habe zusammentragen lassen. Ich bin so froh, dass Sie die Sache übernehmen. So froh! Es handelt sich ja tatsächlich nicht um eine richtige Kulturangelegenheit.«

»Nicht?«

»Nein, nein, lieber Kollege, es geht nur um eine gemeine Rechtssache.« Bollmann hielt kurz inne und rümpfte die Nase. »Und um Karl May.«

Wank nahm den Stapel entgegen. Es handelte sich um handschriftliche Notizen sowie um Zeitungs- und Zeitschriftenausschnitte. »Da steht alles drin?«

»Jaja – viel mehr, als irgendwer über diese Sache wissen müsste. Sie bekommen das hin, Herr Kollege. Ich werde Ihren Artikel gern lesen. Fürs Erste Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!« Bollmann deutete eine Verbeugung an und wandte sich zum Gehen.

»Einen Augenblick bitte noch, Herr Bollmann!« Wank trat einen Schritt beiseite, da eine der neuen Sekretärinnen, deren Namen er sich noch nicht gemerkt hatte, mit einem Stoß Manuskripten an ihm vorbeiflitzte. »Ich muss Ihnen eine Frage zum verstorbenen Herrn Orlog stellen.«

»Ich habe von der Tragödie gehört. Eine Tragödie. Der Mann war ja noch keine fünfzig. Was wollen Sie denn wissen?«, rief der Kulturredakteur und klang wenig begeistert. »Über den Herrn könnte ich ganze Dramen aufsagen. Aber gut, aber gut – wenn Sie nur eine Frage haben …«

Wank murmelte: »Eine oder zwei.«

Bollmann seufzte und zischte: »Bedenken Sie meinen Termin, bedenken Sie meinen Termin!«

»Gut, Herr Bollmann, gleich das Wichtigste: Hatte Herr Orlog Feinde?«

Bollmann wieherte wie ein Pferd. »Diese Frage ist völlig falsch gestellt, mein lieber Herr Polizeireporter. Wenn Sie sich nach jemanden erkundigt hätten, der Orlog hätte leiden können, dann müsste ich wohl nachdenken. Aber so lautet die Antwort ja – ja und nochmals ja.«

»Vielleicht können Sie mir noch diesen oder jenen Hinweis geben, Herr Kollege«, bat Wank und zückte sein Notizbuch. »Es muss ja nicht gleich eine vollständige Liste sein.«

»Nun gut, nun gut.« Bollmann trat ungeduldig von einem auf den anderen Fuß. »Vorab sollte ich Ihnen sagen, dass wir Kritiker es nicht leicht haben. Vor Orlogs kleinem Zeitschriftenhaus standen die Schriftsteller und Verleger Schlange, um ihn zu ein paar wohlwollenden Zeilen in seinem Blatt zu überreden. Doch den Mann interessierte das wenig. Wenn ich Sie wäre, würde ich die letzten Ausgaben der Bacchus-Blätter durchgehen. Sie werden jede Menge Opfer seiner spitzen Feder finden.« Der Kulturredakteur schaute sich in alle Richtungen um und beugte sich schließlich zu Wank. Beschwörend flüsterte er: »Orlog hat solch vernichtende Urteile gefällt, dass manch ein Dichter das Schreiben ganz aufgegeben hat. Unter uns gesagt, das war mitunter nicht zum Nachteil der Kunst. Dennoch schmerzt einen Dichter so etwas sicherlich tief im Herzen. Tief im Herzen.«

Wank tat so, als würde er etwas notieren. Er hatte das Gefühl, Bollmann müsse nicht zum Weiterreden gedrängelt werden.

Tatsächlich fuhr Bollmann fort, so leise, dass die Worte beinahe im Redaktionsgemurmel untergegangen wären: »Allerdings, allerdings … Mir ist letztens noch etwas anderes zu Ohren gekommen. Man munkelt in der Leipziger Literaturwelt, die Bacchus-Blätter seien finanziell etwas in Schwierigkeiten geraten. Nur das Wohlwollen der Bank habe ihr Erscheinen gesichert. Doch ich betone: Das sind Gerüchte. Gerüchte. Schwer zu belegen.«

Wank schrieb das Wort Bank auf und klappte sein Notizbüchlein zu. »Das ist ein wertvoller Hinweis. Dem kann ich nachgehen.« Er streckte dem Kollegen seine Hand entgegen. »Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben! Vielleicht haben Sie ja in den nächsten Tagen noch einmal ein paar Minuten für mich. Bestimmt ergeben sich noch weitere Fragen. Doch jetzt will ich Sie nicht länger aufhalten, Herr Bollmann.«

»Fragen Sie nur, fragen Sie nur – später«, sagte der Kulturredakteur und verabschiedete sich.

Wank eilte ebenfalls von dannen. Für die Bearbeitung der Papiere zu Karl May blieb ihm nicht mehr viel Zeit.

Das Pflaster der Blumengasse lag zu Thomas Kutschers Füßen. Nicht einmal 24 Stunden hatte es gedauert, und der Schneematsch war vollständig verschwunden. Der Blutfleck am Fundort der Leiche hatte zwar deutlich an Kontur verloren, zeichnete sich aber immer noch auf den Steinen ab.

Kutscher blickte über die Fassade des Hauses vor ihm. Die Druckerei des Verlags Rollnik leuchtete rot. Der Klinkerbau mochte fünf bis sechs Jahre alt sein, höchstens zehn. Eigentlich sollte das Dach nach so kurzer Zeit noch intakt sein, und es dürften sich keine Ziegel lösen, überlegte er. Andererseits gingen Dinge manchmal vor ihrer Zeit kaputt. Doch das ließe sich leicht überprüfen. Er musste nur auf das Dach der Fabrik gelangen. Dort würde sich zeigen, ob ein Ziegel fehlte oder nicht.

Das Druckereigebäude zog sich über etwa zwanzig Meter an der Blumengasse entlang. Kutscher schlenderte über das Trottoir und blickte immer wieder an der Hauswand empor. Der Bau mochte so hoch sein wie ein zweigeschossiges Wohnhaus. Es drangen kaum Geräusche von den Maschinen nach draußen. Allenfalls leises Zischen und Klackern ließen ahnen, dass im Innern gearbeitet wurde. Vom Schornstein stieg eine graue Rauchwolke auf. Zart entschwand sie in den heiteren Winterhimmel, wie der Rauch aus einer zu groß geratenen Tabakpfeife. Nichts wirkte bedrohlich. Und doch beschlich Kutscher ein seltsames Gefühl. Wenn ein Ziegel vom Dach gefallen war, konnte sich dann nicht auch ein weiterer lösen? Vielleicht genau zu dem Zeitpunkt, an dem er über den Fußweg lief? Zwar erschien ihm das unwahrscheinlich, dennoch beschleunigte er seine Schritte.

Eine Hofeinfahrt trennte die Druckerei vom Verlagsgebäude. Neben der schmucklosen Werkhalle wirkte das Verlagshaus wie eine fürstliche Residenz: Freitreppe vor der tiefbraunen Flügeltür mit Klopfringen, Stuck an den Fenstersimsen, eine Engelsstatue mit einem Buch in der Hand an der Traufe der Dachrinne. Das Haus strahlte Noblesse aus – hier wurde gedacht, die niederen Arbeiten erfolgten im schlichten Nebengebäude.

Kutscher blickte in den Hof. Aus einer Mülltonne quoll Papier, unter einem Holzverschlag ruhte ein Kohlenhaufen. Kein Mensch war zu sehen. Kutscher schlich durch die Einfahrt und nahm die Rückseite des Druckereigebäudes in Augenschein. An der Rückwand der Halle führte eine eiserne Feuerleiter an einem Fenster vorbei nach oben. Von dort würde er auf das Dach gelangen, ohne die Werkhalle betreten zu müssen. Sollte er es wagen?

Um diese Uhrzeit arbeiteten sicher Dutzende Arbeiter in der Halle. Und im Verlagshaus weilten Lektoren und Buchhalter zuhauf, vermutlich auch Rollnik selbst. Wie sollte er seine Neugier erklären, wenn er zur Rede gestellt wurde? Bevor er das Für und Wider abwägen konnte, riss ihn eine Stimme aus seinen Gedanken.

»Herr Kutscher, Sie sind einen Tag zu früh.« Fräulein Helene Seidel stand in der Hintertür des Verlagsgebäudes und strahlte ihn an.

Er trat auf die Vorzimmerdame zu. »Es ist nur …« Vier, fünf Schritte blieben ihm noch, sich eine Antwort einfallen zu lassen … »Nun ja, eigentlich bin ich wegen des gestrigen tragischen Vorfalls noch einmal in die Blumengasse gekommen.«

»Sie wissen schon davon?«

»Ich selbst habe den armen Kerl gefunden.«

»Oh!« Das Lächeln wich aus Fräulein Seidels Antlitz. »Das war sicher schrecklich.«

»Herr Orlog sah wahrlich nicht gut aus«, bestätigte Kutscher. Er nahm ihre Hand und deutete einen Handkuss zur Begrüßung an.

Fräulein Seidel schlug die Augen nieder. Sie rang offensichtlich nach Worten, sodass Kutscher ihr am liebsten ein Stichwort gegeben hätte. Doch er schwieg, und die Zeit schien so langsam zu verrinnen wie ein zäher Lavafluss.

Schließlich sagte Fräulein Seidel leise: »Nicht einmal eine halbe Stunde, bevor Sie das Verlagshaus verließen, habe ich den Herrn noch verabschiedet.« Sie seufzte und fügte mit belegter Stimme hinzu: »Herr Orlog war, weiß Gott, nicht nur ein Freund des Verlags Rollnik. Dennoch, so ein Ende hat niemand verdient. Zumal er auch ein Kunde unserer Druckerei war und seine Zeitschrift bei uns herstellen ließ.«

Kutscher zog ein Taschentuch aus seinem Jackett und reichte es der Dame. Dabei sprach er immer noch kein Wort. Weinende Frauen verschlugen ihm stets die Sprache.

Fräulein Seidel schluchzte ein »Danke« und tupfte sich die Augen ab. »Wenn Sie mit der Polizei zu tun hatten, wissen Sie sicher auch um unsere missliche Situation.«

Kutscher schüttelte stumm den Kopf.

»Seit gestern Nachmittag kommen immer wieder Polizisten zu uns in den Verlag. Sie befragen die Angestellten und Arbeiter. Vor allem aber untersuchen sie unser Dach. Zeitweise mussten wir sogar die Druckmaschinen abstellen.« Fräulein Seidel gewann mit jedem Wort ein bisschen mehr die Fassung zurück. Schließlich klang ihre Stimme beinahe trotzig. »Ich möchte mir lieber nicht ausmalen, was es für unseren Verlag bedeutet, wenn die Beamten uns wegen des tödlichen Dachziegels eine Fahrlässigkeit attestieren würden.«

Kutscher schaute zur Werkhalle hinüber. Ob die Polizisten auch jetzt auf dem Dach Untersuchungen betrieben? Nicht auszudenken, wenn sie ihn beim Herumschnüffeln erwischt hätten! Er wandte sich wieder der Dame zu. »Bitte seien Sie sicher, dass meine Gedanken bei Ihnen sind. Ich werde Sie nicht weiter behelligen. Zumindest bis morgen.«

»Vielen Dank, Herr Kutscher.« Fräulein Seidel reichte ihm das Taschentuch zurück und verabschiedete sich.

»Das ist er«, flüsterte Edgar Wank und wies mit seinem Notizbuch in der Hand Richtung Tür.

Sein Freund Thomas Kutscher saß neben ihm im großen Saal des Reichsgerichts und murmelte: »Tatsächlich, der Schriftsteller Karl May.«

Ein Raunen ging durch die Reihen, als May den Gang entlangschritt. Er trug einen hochgeschlossenen schwarzen Anzug, im Kragen steckte ein sorgfältig gefaltetes Tuch. Den Hut hielt er in der Hand. Über seiner hohen Stirn fiel das Haar in grauen Strähnen bis über die Ohren. Obwohl er gebeugt ging, strahlte er eine enorme Autorität aus. Das lag aber vielleicht nur daran, dass ihm in gemessenem Abstand ein Anwalt in schwarzer Robe und weitere Gäste folgten.

Der Schriftsteller schaute sich im Saal um. Für einen Moment blickte er Wank an. Trotz der tiefen Tränensäcke sahen Mays Augen wie die eines viel jüngeren Mannes aus. Wank nickte dem Schriftsteller zu, und auch May bewegte den Kopf ein kleines bisschen. Dann ließ er seinen Blick wieder schweifen.

Der Anwalt berührte Mays Arm und wies ihm den Weg zur Bank, an der die Kläger ihren Platz hatten.

»Ich wünsche ihm so sehr, dass er gegenüber diesen Halsabschneidern sein Recht bekommt«, zischte Kutscher.

Es war nicht nötig, besonders leise zu sprechen. Denn immer noch strömten Menschen in den Gerichtssaal, und in den Rängen tuschelten die Zuhörer.

Auf der Anklagebank umringten mehrere Herren eine ältere Dame. Wank konnte sie kaum sehen, da die Männer ihm die Sicht versperrten. Es musste sich um Pauline Münchmeyer handeln, die Witwe des bereits vor fünfzehn Jahren verstorbenen Verlegers Heinrich Gotthold Münchmeyer.

Wank steckte das Notizbuch in die Tasche und öffnete die Akte, die Bollmann ihm gegeben hatte. Er überflog seine Stichpunkte an den Seitenrändern. May hatte im Laufe der 1880er-Jahre eine Reihe von Kolportageromanen unter einem Pseudonym verfasst und Honorare im Bereich von 35 bis 50 Mark pro Roman erhalten. Die Titel hatten sich hunderttausend- oder gar millionenfach verkauft. Wie hoch die Verkäufe genau gewesen waren, war unklar, denn May hatte keine Abrechnungen über sie erhalten. Und genau diese Abrechnungen klagte der Schriftsteller nun ein. Wenngleich er keinen schriftlichen Vertrag mit dem Verleger abgeschlossen hatte, so stehe ihm doch eine nicht näher bezifferte feine Gratifikation für Auflagen zu, die zwanzigtausend Exemplare überschritten. Dies sei mündlich vereinbart gewesen und zudem bis heute übliches Geschäftsgebaren. Tatsächlich hatte May in den Vorinstanzen recht bekommen.

Wank überflog das nächste Papier in seiner Akte. Mays rechtliche Situation wurde dadurch erschwert, dass Pauline Münchmeyer den Verlag schon vor fünfzehn Jahren an den Leipziger Verlagsbuchhändler Adalbert Fischer verkauft hatte. May hatte dem neuen Verleger ursprünglich die Nutzung seiner alten Werke untersagt, stand aber nun dem Vernehmen nach vor einem Vergleich. Doch darum ging es in diesem Prozess nicht.

Während noch immer Menschen in den Saal drängten, lehnte sich Wank zurück, legte die Akte auf seinen Schoß und wandte sich zu seinem Freund. »Du schließt doch hoffentlich schriftliche Verträge mit Rollnik?«

»Wir leben in einem neuen Jahrhundert, Edgar! Seit sieben Jahren haben wir ein deutschlandweit gültiges Bürgerliches Gesetzbuch. Heute brauche ich länger, um einen Vertrag abzuschließen, als für das Schreiben eines Romans.« Kutscher kicherte so laut, dass sich ein Herr in der Reihe vor ihnen umdrehte. Kutscher nahm das anscheinend nicht wahr, oder er ließ sich davon nicht beeindrucken. »Wie du anhand dieses Prozesses erkennen kannst, war Literatur auch schon im letzten Jahrhundert ein Geschäft. Und heute ist sie es mehr denn je.«

Wank warf entschuldigende Blicke zu den Gästen ringsherum.

Kutscher bemerkte das, beugte sich zu ihm und fügte im Flüsterton hinzu: »Ich weiß nicht, ob das in deinen Unterlagen steht, aber die Nachforderungen Mays belaufen sich auf bis zu dreihunderttausend Reichsmark.«

»Dreihunderttausend?« Nun war es Wank, dem es schwerfiel, leise zu sprechen. Um solch einen Betrag einzustreichen, musste er jahrzehntelang Polizeiberichte für die Leipziger Zeitung schreiben. Er musterte May eingehend. Der Schriftsteller strahlte zwar eine gewisse Erhabenheit aus, doch wie ein Millionär wirkte er nicht.

»Bei dieser Gattung ist die Schreiberei mehr Geschäft als Kunst«, sagte Kutscher. Obwohl er flüsterte, klang er so stolz, als würde er selbst hohe Honorare kassieren.

Wanks Gedanken lösten sich vom klagenden Abenteuerschriftsteller und schweiften zum Fall Orlog. Er zögerte einen Moment, bevor er sagte: »Vielleicht sollten wir uns auch über die finanziellen Befindlichkeiten des Herrn Orlog schlaumachen. Ich hörte, er habe da so seine Probleme gehabt. Mir war bis eben jedoch nicht klar, um welche Summen es da gehen kann.«

»Ja, wir sollten uns auf jeden Fall umhören«, entgegnete Kutscher. »Morgen gibt die Frau meines Verlegers einen Salon. Wie wäre es, wenn ich dir eine Einladung besorge?«

»Morgen, sagst du?« Wank sah aus dem Augenwinkel, wie der Richter den Saal betrat.

»Am Abend«, bestätigte Kutscher.

»Da bin ich eigentlich schon an Eleonore vergeben.« Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch und bat um Ruhe.

»Doch das werde ich regeln können«, flüsterte Wank seinem Freund zu und richtete den Blick auf den Richter, der das Verfahren eröffnete.

Thomas Kutscher brummte der Schädel. Er saß in seiner Wohnstube, vor ihm schimmerte das bleiche Papier im Glanz der Kerzen. Die Feder ruhte im Tintenfass wie ein letzter, vergessener Grashalm auf einer frischgemähten Wiese. Kutscher suchte nach Worten, doch er konnte keinen klaren Gedanken fassen.

Er sann über Karl May und dessen Sieg vor Gericht nach. Die ganze Zeit über hatte sich Kutscher im Gerichtssaal umgeschaut und sich gefragt, ob unter den Zuschauern wohl Orlogs Mörder sitzen könnte. Ihm waren ein paar bekannte Gesichter aufgefallen – Redakteure, Buchhändler, Angestellte von Verlagen. Doch er traute keinem einen Mord zu, sosehr er seine Fantasie auch bemühte. Immerhin hatte er nun Stoff für seinen nächsten Detektivroman. Dutzende Ideen waren ihm während der Verhandlung in den Sinn gekommen.

Zunächst musste er sich jedoch um dringendere Angelegenheiten kümmern und einen Brief an seinen Bruder verfassen, auch wenn ihm die Augen immer wieder zufielen. Die schwierige Aufgabe erlaubte keinen Aufschub mehr.

Kutscher öffnete die Schatulle, die seine Barschaft enthielt, und blickte auf die letzten Geldscheine und den kümmerlichen Haufen Münzen. Spätestens bis zur nächsten Mietzahlung musste das Kästchen aufgefüllt werden. Rollnik brauchte er in Geldsachen vorläufig nicht zu konsultieren. Gleich nach der Abgabe seines Detektivromans hatte Kutscher von Rollnik dafür einen Vorschuss erhalten. Der Rest desselben lag nun vor ihm. Sein Theaterstück war vom Aufführungsplan genommen worden. Selbst wenn er ein neues Stück schreiben würde, bekäme er dafür erst in Monaten Bares.

Die bittere Wahrheit lautete: Es blieb ihm nichts anderes übrig, als bei seiner Familie um Geld zu betteln. Deswegen saß er vor einem Bogen Briefpapier. Und deswegen brachte er kein Wort aufs Blatt.

Kutscher erhob sich und machte sich auf den Weg zur Küche. Dort wartete ein halbvoller Bierkrug auf dem Fensterbrett und gab der Winterkälte hinter der Scheibe einen Sinn.

Im Flur betrachtete er die Bilder an der Wand. Zeichnungen und Malereien in kleineren Formaten, Originale von Bekannten oder von Bekannten von Bekannten, die alle ein ungleich kargeres Leben bestritten als er. Wenn er solch ein Bild erwarb, tat er das freilich nicht nur aus Großherzigkeit dem armen Schlucker gegenüber. Nein, er betrachtete diese Passion auch ein wenig als ein Lotteriespiel. Es genügte, wenn einer der Maler zu Ruhm und Ehre käme. Schon würde sich sein kleiner Einsatz in einen riesigen Gewinn verwandeln. Doch derzeit lag die Aussicht auf Erlöse in weiter Ferne. Im Moment stand er eher vor der Frage, wohin er die Gemälde und Zeichnungen bringen sollte, wenn er sich die Wohnung nicht mehr leisten konnte.

Kutscher erreichte die Küche. Sämtliches Geschirr stand in der Spüle, Tisch und Backofen blitzten frisch geputzt. Vom Bier abgesehen, fand er in diesem Raum keine Ablenkung. Also füllte er sich etwas vom kalten Gerstensaft in einen Becher. Einen kleinen Schluck trank er sofort, dann machte er sich wieder auf den Weg in seine Schreibstube. Mit jedem Schritt wurde er langsamer, er schlurfte über den Boden und freute sich über das Geräusch, dass seine Hauslatschen verursachten.

Wieder am Schreibtisch, nahm er einen weiteren Schluck, griff zur Feder und begann zu schreiben: Lieber Hanno, mein Bruderherz … Die Feder in seiner Hand wurde immer schwerer. Kutscher malte sich aus, dass sein Bruder schon beim Lesen der ersten Worte ahnte, warum er ihn anschrieb. Vermutlich würde Hanno sein Ich-hab’s-doch-immer-gewusst-Grinsen schon aufsetzen, wenn er den Absender auf dem Briefumschlag las. Insgeheim verfluchte Kutscher seine Großmäuligkeit, mit der er nach dem Erhalt seines ersten Honorars für einen Detektivroman der Familie verkündet hatte, dass er nun auf eigenen Beinen stehe und Zuschüsse aus den Erlösen der väterlichen Chemiefabrik nicht mehr nötig habe. Denn seitdem musste er alle paar Monate einen Bettelbrief verfassen.

Er nahm noch einen Schluck Bier, um sich auf andere Gedanken zu bringen. Was für eine Wohltat! Wie leicht alles wurde! Die Worte schlichen durch seinen Kopf, auf leisen Pfoten, wie eine Katze zum Fressnapf. Da war es plötzlich – das Gedicht. Kutscher sprang auf und riss ein Blatt aus der Schublade. Hastig klierte er darauf die Worte:

Ein Handelsmann in Xanten

hatte gar schreckliche Tanten.

Nur Milch bekam er hier,

doch trank er heimlich Bier

und meuchelte seine Verwandten.

Kutscher steckte die Feder zurück ins Tintenfass. In einem Zug leerte er den Becher und ließ ihn auf den Tisch krachen. Vollbracht! Er pustete die Tinte auf dem Blatt Papier trocken und legte den Limerick in die Mappe zu den anderen Biergedichten.

Verblüfft stellte Kutscher fest, dass die Schwere aus seinem Kopf verschwunden war. Er warf einen Blick auf den Briefbogen. Nun erschien ihm die Sache gar nicht mehr so dringend. Denn das Postamt öffnete ohnehin erst am nächsten Morgen. Genau genommen war es gleich, ob er den Bettelbrief jetzt verfasste oder erst nach dem Aufstehen.

»Hast du schon etwas getrunken?«, fragte Edgar Wank.

»Ein Schlückchen mit den Kollegen«, antwortete Eleonore Rada. Sie stellte den Pelzkragen ihres Mantels auf, sodass ihr Gesicht beinahe in dem Fell verschwand. Nur ihre Nasenspitze lugte ins Freie wie eine vorwitzige Maus aus ihrem Loch.

Wank seufzte und führte sie weg vom Theater in die dunkle Nacht.

»Du hast mich warten lassen, mein Lieber.« Eleonore schmiegte sich an ihn. »Ich hatte gehofft, dass auch du mit mir noch einen Wein trinkst.« Sie kam noch etwas näher und flüsterte ihm ins Ohr: »Bei mir.«

»Es tut mir leid, dass ich mich verspätet habe. In der Redaktion ist gerade allerhand zu tun.« Wank führte Eleonore auf der Töpferstraße in Richtung Töpferplatz.

»Ich habe heute einen Gerichtsfall um den Schriftsteller Karl May verfolgt.«

»Karl May? Hat der etwas angestellt? Man hört da so einiges.«

»Nein, nein. Nun ja, doch, aber das ist schon lange her, und darum ging es heute nicht.« Wank dachte an seine Unterlagen und die Diebstähle, die May in jungen Jahren begangen hatte und über die einige Presseberichte herumgeisterten. Der Schriftsteller hatte deswegen sogar im Gefängnis gesessen. Seine Feinde nutzten dies aus und ritten auf der dunklen Vergangenheit des Schriftstellers herum. Doch das wollte Wank Eleonore jetzt nicht in aller Breite erklären, daher sagte er nur: »Vor dem Reichsgericht hat er recht in einer Verlagsangelegenheit bekommen. Herr May macht im Übrigen den Eindruck, als habe er es schon lange nicht mehr nötig, irgendwen zu bestehlen. Leider bin ich aber in den Rechtswissenschaften nicht sonderlich bewandert, sodass es mir nicht gerade leichtfällt, einen angemessenen Bericht zu verfassen.«

Eleonore gähnte.

»Mit einem richtigen Toten habe ich auch gerade zu tun. Ich bin sicher, es handelt sich um einen Mord.«

»Das schaffst du schon.« Sie schien keine Lust auf Schauergeschichten zu verspüren.

Von der Pleiße wehte eine Brise herüber. Es roch nicht so streng wie mitunter im Sommer, aber zusammen mit dem Qualm aus den Schornsteinen der Stadt erinnerte der Geruch ein wenig an Räucherfisch.

Einige Studenten krakeelten auf dem Fleischerplatz. Sie trugen die Scherpen einer Burschenschaft und lallten völlig betrunken ein Lied. Eleonore rückte so nah an Wank heran, dass er den Eindruck hatte, sie wolle unter seinen Mantel kriechen. Seltsamerweise fühlte er sich dadurch stärker. Vermutlich hätte er es voller Übermut sogar mit den besoffenen Burschen aufgenommen, wenn sie Ärger gemacht hätten, doch die nahmen keinerlei Notiz von ihnen. Sie schwankten Richtung Schulplatz von dannen, ihr Gebrüll ging nun im Plätschern der Pleiße unter.

Wank führte Eleonore eilig über den Thomasring zur Promenadenstraße. An dieser Stelle war von dem Fluss nichts mehr zu sehen oder zu riechen, denn die Pleiße floss hier seit ein paar Jahren unterirdisch. Die Laternen tauchten die Straße vor ihnen in fahles Licht, die Fassaden wirkten wie die Gemäuer eines Gespensterschlosses. Doch hier wohnten keine Bösewichter, sondern honorige Menschen wie Eleonore. Ihre Wohnung befand sich im zweiten Haus der Straße, im Parterre.

»Schnell, mir ist so kalt!« Eleonore ließ Wank los, öffnete die Haustür und eilte ins Treppenhaus. »Im Ofen liegen noch die Kohlen, die du aus dem Keller geholt hast.« Hurtig schloss sie die Wohnungstür auf und zog Wank hinein.

Jedes Mal, wenn Wank Eleonores Reich betrat, überkam ihn Wehmut. Der Flur führte in eine Stube, in eine Essküche und in ein Schlafzimmer. Die Wohnung hätte ohne Weiteres für sie beide gereicht. Vielleicht wäre sogar Platz für einen Sohn oder eine Tochter. Doch daran wagte Wank nur in seinen kühnsten Träumen zu denken. Seit Jahren traute er sich nicht, mit Eleonore über die gemeinsame Zukunft zu sprechen. Sie machte diesbezüglich auch keinerlei Andeutungen, und so wohnte er immer noch in seinem kargen Zimmer in der Karlstraße. Auch jetzt schien ihm nicht die rechte Zeit für dieses Thema zu sein. Er schritt in die Stube, ohne den Überzieher abzulegen, und entfachte das Feuer im Ofen.

»Ach, ist das herrlich!«, sagte Eleonore. »Allein das Flackern macht mich so froh.«

Wank zog seinen Überzieher aus und schob den Sessel vor den Ofen. »Komm«, sagte er, »hier ist es warm.«

»Warte noch einen Moment«, sagte Eleonore, zog ihren Mantel aus und setzte sich ans Klavier. Leise spielte sie eine Weise aus Millöckers Bettelstudent. Die ersten Zeilen summte sie nur, dann sang sie: Ach! Und wärst du arm, träfe dich Schmach/Wahre, inn’ge Liebe, sie fragt nicht danach/Nich lockt mich Reichtum, prunkender Schein/Ich will dein Herz nur allein!

Wank schaute zum Klavier. Die Noten standen aufgeschlagen im Ständer. War das ein Zufall? Oder wollte Eleonore ihm mit der Textstelle etwas sagen? Und wenn ja, was? Sicher, er verfügte nicht über den Reichtum, den sein Freund Kutscher durch das Unternehmen seiner Familie mitbrachte. Doch sein Einkommen bescherte ihm durchaus ein Leben ohne Sorgen.

»Du siehst so nachdenklich aus.« Eleonore erhob sich vom Klavierhocker und kam auf Wank zu. »Heute Abend sollten wir nicht mehr über die Arbeit sinnieren.« Sie streifte ihr Kleid von den Schultern und setzte sich auf Wanks Schoß.

Tagebucheintrag vom 9. Januar 1907

Es gibt Gerechtigkeit. Ich sorge dafür. Ich bin Kläger, Richter und letzte Instanz. Unbestechlich. Die Welt ist eine bessere dank meines beherzten Tuns.

Freilich bleibt noch genug zu erledigen. Noch kann ich mich nicht in meinem Sessel zurücklehnen oder mich anderweitig zur Ruhe setzen. Im Gegenteil. Mir scheint Eile geboten. Vielleicht kehrt durch meine Taten gar Vernunft in gewissen Kreisen ein.

Denn besser als der Richter herrscht die Weisheit. Ich stehe ihr zu Diensten.

Drei
Donnerstag, 10. Januar 1907

Das ist keine schlechte Arbeit.« Doktor Richter hielt das Manuskript in die Höhe.

Edgar Wank richtete sich auf dem Schemel vor dem Schreibtisch des Redaktionsdirektors auf. Wenn Richter seinen Text zerpflückte, wollte er auf der Hut sein.

»Mir scheint nur, dass Sie die Vorstrafen des Herrn May getrost etwas ausführlicher behandeln könnten.« Richter blickte ihn an, als würde er eine Antwort auf eine nicht gestellte Frage erwarten.

»Die Diebstähle hat der Schriftsteller während seiner Jugendzeit begangen, sie haben nichts mit dem Streit vor dem Reichsgericht zu tun. Um ehrlich zu sein, habe ich in Erwägung gezogen, sie gar nicht zu erwähnen.«

»Aber Herr Wank, der Charakter eines Menschen muss bei Gerichtsdingen stets ausführlich dargestellt werden.« Richter hob den Zeigefinger der rechten Hand. »Wie sagt der Volksmund? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Das sollten Sie auch bei Herrn May nicht außer Acht lassen.«

Da ihm nichts anderes einfiel, zückte Wank sein Notizbuch.

Richter schaute nun zufrieden. »Dieser Kolportageschmierfink propagiert in seinen Texten Unzucht und versucht seine Leser von der Sittlichkeit abzubringen. Das sollte in einem Artikel unbedingt ausgeführt werden, schon um unseren Lesern ein vollständiges Bild zu vermitteln.« Ein mildes Lächeln war unter Richters gezwirbeltem Schnurrbart zu erahnen. »Sie dürfen nicht vergessen, dass unsere Leser solche Texte durchaus goutieren. Genau deshalb wollte ich, dass Sie den Artikel verfassen. Schließlich kennen Sie durch Ihre tägliche Arbeit die menschlichen Abgründe am allerbesten.«

Wank notierte das Wort Sittlichkeit – irgendetwas musste er schließlich tun. Er hatte das Gefühl, dass der Vortrag des Redaktionsdirektors noch nicht beendet war.

Tatsächlich sprach Richter weiter. »Ich möchte nichts Unmögliches von Ihnen verlangen, Herr Wank. Daher dürfen es ruhig ein paar Zeilen mehr sein. Und es reicht mir vollkommen, wenn der Artikel in der Sonnabendausgabe erscheint. Darf ich bis dahin mit einem neuen Manuskript rechnen?«

»Selbstverständlich, Herr Redaktionsdirektor«, erwiderte Wank. Er verspürte eine gewisse Erleichterung, dass er zwei Tage Zeit bekam, um sich etwas einfallen zu lassen. Denn eigentlich blieb er der Ansicht, dass Karl May nicht der Bösewicht in dem Artikel sein sollte. Die Münchmeyers hatten ihn um viel Geld gebracht, und der Schriftsteller hatte recht bekommen. Das sollte der Tenor des Artikels bleiben, wenngleich Wank Richters Weisungen in den Text einarbeiten musste. Er erhob sich. »Dann werde ich mich umgehend an meinen Schreibtisch begeben, Herr Redaktionsdirektor.«

»Nicht so eilig, Herr Wank!« Mit einem Handzeichen hieß Richter ihn, wieder Platz zu nehmen. »Ich habe noch eine zweite Sache mit Ihnen zu besprechen.«

Wank ließ sich wieder auf den Schemel fallen. Zum Glück hielt er sein Notizbuch noch in der Hand. So hatte er wenigstens das Gefühl, etwas im Griff zu haben. Der Gedanke erheiterte ihn. Nur mühsam unterdrückte er ein Lächeln.

Richter, der das nicht zu bemerken schien, legte Wanks Artikel auf einen säuberlich gestapelten Papierberg. Er blickte auf und sagte: »Wie ich hörte, befassen Sie sich mit dem tragischen Tod des Kollegen Orlog von den Bacchus-Blättern. Bringen Sie mich doch bitte kurz auf den neuesten Stand!«

Woher wusste Richter das schon wieder? Wank ließ sein Notizbuch langsam sinken, um etwas Zeit zu gewinnen. Nach Worten ringend, sagte er: »Die Umstände seines Todes sind … ausgesprochen undurchsichtig. Die Polizei hat mich gebeten, noch keine Nachrichten zu veröffentlichen.«

»Dem sind Sie nachgekommen?« Richter klang lauernd wie ein Jäger auf dem Hochsitz.

»Selbstverständlich – fürs Erste. Ich werde mich später zu Kommissar Machuntze begeben. Da hoffe ich auf Neuigkeiten für die Nachmittagsausgabe.«

»Daran tun Sie recht.« Richter lehnte sich in seinem Sessel zurück, seine größten Sorgen schienen zu schwinden. »Doch davon unbenommen, würde ich gern Ihre Meinung zu dieser Sache vernehmen.«

»Nun …« Wank versuchte zu erraten, was der Redaktionsdirektor hören wollte. »Mir scheint doch einiges für ein Verbrechen zu sprechen. Durch einen Zufall konnte ich den Ort seines Ablebens in Augenschein nehmen. Mir sind da einige Ungereimtheiten aufgefallen.«

»Die da wären?«

»Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen. Doch vieles deutet darauf hin, dass es kein Unfall war, beispielsweise der Fundort seines Hutes.«

»Der Hut?« Richter klang überrascht. »Deswegen vermuten Sie einen Mord?«

»Ich habe Kommissar Machuntze meine Beobachtungen mitgeteilt. Und er versprach mir, der Sache nachzugehen.«

»Hm.« Richter schien das nicht zu überzeugen. »Dann erfahren Sie in den nächsten Stunden, ob diese tragische Angelegenheit in Ihr Sachgebiet fällt?«

»Ich denke schon.«

»Bitte setzen Sie mich von dem Ergebnis in Kenntnis, Herr Wank.« Richter tippte auf den Papierstapel. »Ich habe hier bereits ein paar Zeilen von Herrn Bollmann liegen, in denen Orlogs Schaffen gewürdigt wird. Sie können deshalb auch diese Sache in Ruhe angehen, sofern es sich um ein Verbrechen handelt.« Der Redaktionsdirektor zog die Augenbrauen in die Höhe und fügte an: »Und sprechen Sie doch vor etwaigen Berichten mit Bollmann. Er war dem armen Orlog in herzlicher Abneigung verbunden und kann Ihnen gegebenenfalls Auskünfte erteilen.«

»Ich habe Herrn Bollmann bereits konsultiert«, erwiderte Wank. »Allerdings ist er stets sehr beschäftigt.«

Richter schnaufte wie ein Bär. »Das möchte ich wohl hoffen. Oder wollen Sie andeuten, dass es ihm an Kollegialität mangelt? Soll ich ihn gar einbestellen?«

»Nein«, stieß Wank eilig hervor. »Ich werde ihn noch einmal zu Rate ziehen, Herr Doktor Richter.«

Thomas Kutscher betrat die Druckerei. Er folgte Eberhard Rollnik. Sie schritten an den Maschinen vorbei, die einen Lärm wie eine ganze Artillerieeinheit erzeugten. Die Walzen der Druckmaschine spuckten Papier aus. In dem Gebäude war es so warm, dass Kutscher seinen Mantel aufknöpfte. Ein Dunst aus Druckfarbe, Öl, Schweiß und Papierstaub waberte durch die Räumlichkeiten. Aber der Geruch störte Kutscher nicht – im Gegenteil, er verspürte in der Druckerei stets eine gewisse Ehrfurcht. Mit den übelriechenden Kolossen verwandelten die Arbeiter seine geistigen Erzeugnisse in Handelsware.

Neben einem Tor standen meterlange Tische, auf denen die Druckwaren aus der Buchbinderei lagen. Rollnik steuerte auf eine der Werkbänke zu. Dort stapelte ein Mann in grauen Hemdsärmeln Kutschers neue Detektivromane. Verleger und Arbeiter wechselten ein paar Worte, die Kutscher aufgrund des Lärms der Druckerpressen nicht verstand. Daraufhin überreichte der Arbeiter Rollnik eines der Bücher.

Während Kutscher hinzutrat, schlug der Verleger den Roman auf. Er überflog die erste Seite und blätterte weiter. Er hielt das Heft weiter von sich weg und drehte es langsam nach links, dann nach rechts. Er wiederholte die Bewegung mehrfach. Schließlich rief er laut: »Holen Sie Tröger, aber hurtig!«

Der Arbeiter spurtete zu einer Treppe und eilte die Stufen hinauf zu einem offenen Gang, von dem mehrere Türen abgingen. Dort befanden sich die Arbeitszimmer der Setzer. Der Arbeiter lief zum letzten Raum. Kutscher schätzte die Ausmaße der Halle ab. Er vermutete, dass die letzte Kammer an der Außenwand einen Zugang zu der Feuertreppe besaß, die er gestern vom Hof der Druckerei aus gesehen hatte.

Der Arbeiter klopfte an die Tür, und ein alter Mann in einer groben Joppe erschien. Die beiden wechselten ein paar Worte. Daraufhin flitzte der Arbeiter die Treppe wieder hinunter. Der Alte schlurfte hinterher.

»Schauen Sie sich das an!« Zu Kutscher gewandt, hielt Rollnik das aufgeschlagene Heft in die Höhe.

Kutscher betrachtete sein Werk. Die Zeilen waren eng gesetzt. Am Kapitelbeginn überragte ein Initial die drei ersten Zeilen. Er überflog die erste Seite. Es handelte sich eindeutig um seinen Detektivroman. So lange, wie er an dem Text gefeilt hatte, würde er ihn an jedem Satz erkennen.

»Das ist eine Katastrophe!«, rief Rollnik.

Kutscher betrachtete die Seite noch einmal, ohne dass ihm etwas auffiel.

Der Arbeiter näherte sich der Werkbank. Er schaute devot wie ein Delinquent, der dem Richter vorgeführt wird. Dabei beachtete Rollnik ihn gar nicht. Der Verleger blickte mit steinerner Miene auf das Heft.

»Was wünschen Sie, Herr Rollnik?«, fragte der Alte, noch während er herbeitrottete.

»Was haben Sie sich dabei gedacht, Herr Tröger?«, erwiderte der Verleger wie ein Feldwebel und hielt dem Alten das Heft entgegen.

Tröger betrachtete das Druckwerk und zuckte mit den Schultern.

»Sie sind unser wichtigster Setzer. Auf wen soll ich mich verlassen können, wenn nicht auf Sie? Muss ich etwa jede Druckform selbst überprüfen? Welche Aufgaben sollte ich denn dann Ihnen übertragen?«

Der Alte schwieg.

Der Verleger tippte auf die Schrift. »Schauen Sie sich das an. Lauter Zwiebelfische! Dieses M ist doch niemals eine Eckmann! Und dieses G auch nicht! Und hier! Und hier! Und hier!« Rollnik brüllte wie ein Offizier beim Exerzieren. »Haben Sie wieder in den Kasten mit der Böcklin gegriffen? Und warum überprüfen Sie den Andruck nicht?«

Nun erkannte auch Kutscher, worüber sich der Verleger so echauffierte. Einzelne Buchstaben wirkten etwas gröber als die anderen. Die Abweichung war nur gering, doch bei genauer Betrachtung sah das Schriftbild ein wenig unruhig aus. »Sie meinen, das fällt jemandem auf?«, fragte er, ohne über seine Worte nachzudenken.

Tröger warf ihm einen kurzen dankbaren Blick zu.

Rollnik schaute Kutscher ebenfalls für einen Moment an und belehrte ihn dann so, als spräche er mit einem Kind. »Nun, immerhin handelt es sich bei beiden Schriften um Antiqua-Varianten. Das sieht vielleicht nicht jeder Leser auf den ersten Blick …« Dann wandte er sich an Tröger, und sein Ton wurde wieder streng. »Hier geht es um die Qualität! Ich erwarte von unseren Schriftstellern ein gutes Manuskript und von meinen Setzern eine ebenso treffliche Arbeit! Das eine ist ohne das andere nichts wert!«

Für einen Moment war nur der Lärm der Maschinen zu vernehmen. Die Frage »Was nun?« stand unausgesprochen im Raum.

Rollnik beugte sich zu Kutscher und fragte derart leise, dass die Worte gerade so zu verstehen waren: »Würden Sie die erste Auflage auch in dieser Form akzeptieren?«

Kutscher zuckte mit den Schultern und war sich nicht sicher, was für eine Antwort Rollnik erwartete. Er murmelte: »Ehe es weitere Umstände verursacht …«

Rollnik nickte, wandte sich an den Alten und blaffte: »Sie haben großes Glück, Herr Tröger! Doch seien Sie sicher, Ihre Schluderei wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Zumal es sich nicht um Ihren ersten Fehler handelt. Es ist gerade ein paar Wochen her, dass sich Herr Orlog, Gott hab ihn selig, über das Druckbild seiner Bacchus-Blätter beklagt hat.«

»Jawohl, Herr Rollnik«, sagte Tröger in trockenem Ton. Der Alte schlich von dannen, gebeugt, als würde er die Druckware eines ganzen Monats auf seinem Buckel schleppen.

»Kommen Sie!«, forderte Rollnik Kutscher auf und wies Richtung Ausgang der Halle. »Sie haben etwas gut bei mir.«

Kutscher folgte dem Verleger. Nach ein paar Schritten schloss er zu ihm auf und sagte: »Ich hätte tatsächlich einen Wunsch.«

Rollnik zuckte zusammen und blickte ihn scharf an.

Oh, er hat Angst, dass ich ihn auf meine Gedichte anspreche, dachte Kutscher und musste grinsen. Er zwinkerte Rollnik zu. »Es ist nur eine Kleinigkeit, denke ich. Einer meiner Freunde würde zu gern heute Abend den Salon Ihrer Frau Mutter besuchen.«

»Tatsächlich?«, erwiderte Rollnik. Und Kutscher glaubte, den Stein fallen zu hören, der vom Herzen des Verlegers fiel. »Herr Kutscher, bringen Sie mit, wen immer Sie wollen! Ihre Freunde sind auch meine Freunde.«

Ein Diebstahl in der Kohlgartenstraße, die Festnahme eines geisteskranken Einbrechers, die Suche nach einem stadtbekannten Betrüger, die Rettung eines Beamten in der Wurzener Straße, der einen Schlaganfall erlitten hatte – Edgar Wank überflog die Neuigkeiten des Kommissars in seinem Notizbuch in Machuntzes Büro.

Während Machuntze die Akten zurück auf seinen Schreibtisch legte, steckte Wank sein Büchlein ein, um zu zeigen, dass der dienstliche Teil der Unterredung beendet war. Nun wagte er es, auf den toten Literaturkritiker zu sprechen zu kommen. »Vermutlich, Herr Kommissar, haben Sie im Falle des Herrn Orlog noch keine Nachrichten, die ich in der Zeitung veröffentlichen kann. Dennoch würde ich gern über den Fortgang Ihrer Untersuchungen in Kenntnis gesetzt werden.«

»Das is doch keene große Sache, mei libber Herr Wank«, sagte der Polizist im beiläufigen Tonfall. Er reckte sich, zog eine Akte aus dem Stapel auf seinem Schreibtisch und öffnete sie. Das ging so schnell, dass Wank vermutete, Machuntze war auf die Frage vorbereitet gewesen.

Der Beamte schlug die Mappe auf, ließ seinen Blick über die Seiten schweifen und erklärte: »De Beamten ham das Dach der Druggerei Rollnik untersucht. Un ich kann sachn, sie sind fündisch geworn. Da fehlte een Dachziechel. Un zwar genau dorte, wo uff dor Straße da arme Herr Orlog offgefundn wurde.« Machuntze machte eine kurze Pause. »Da obn liechen übigens genau de selbm Ziechel, wie wir eenen neben dor Leiche gefundn ham.«

»Das ist interessant«, sagte Wank. »Somit gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hat sich der Ziegel durch starken Wind gelöst und ist dann auf das Opfer gefallen. Oder der Mörder hat das Dach erklommen und sich so eine Waffe beschafft.«

»Da ham Se recht.« Machuntze lachte kurz, sein Schnurrbart wippte. »Da sind zwee Möchlichkeitn. Eene wahrscheinliche un eene unwahrscheinliche.«

»Sie glauben also auch, ein Mord ist nicht ausgeschlossen?«

»Mir glooben nicht, mir ermiddeln. Un zwar midden neustn wissenschaftlichn Medhoden, Herr Wank.« Machuntze blätterte in der Mappe, zog ein Blatt Papier hervor und sagte feierlich wie bei einer Eröffnungsvorlesung: »Eichentlich guggen de Ballisdiger bei uns ja vor allm uff Verbrechn, die mit ’ner Schusswaffe begangn wern. Aber diesmal ham die Kollechen sich ooch diese Sache angeguggt.« Der Polizist zeigte ihm eine Zeichnung und erklärte, dass sich die Beamten besonders darüber gewundert hätten, dass der Ziegel Orlog am Auge und an der Stirn getroffen hatte. Ein stilisiertes Haus, ein Strichmännchen sowie verschiedene Pfeile sollten den vermutlichen Verlauf des Unfalls darstellen. Nach der These der Polizei hatte Orlog nach oben geschaut, dabei war ihm der Hut vom Kopf gefallen, und anschließend hatte ihn der Stein getroffen.

Wank betrachtete die Zeichnung ausgiebig. Die Theorie schien schlüssig. Dennoch stimmte etwas nicht. Oder wollte er nur recht behalten wie ein alter Starrkopf? Doch dann kam ihm ein Gedanke, und er fragte den Kommissar: »Warum sollte Herr Orlog nach oben geschaut haben?«

»Na, weil er da een Geräusch gehört ham wird. Da hat sich ja ’n Ziechel gelöst.«

Das klang einleuchtend, musste Wank zugeben. Dennoch blieb da dieses ungute Gefühl. Er kratzte sich am Kopf. Dann fiel es ihm ein. »Das erklärt noch nicht, warum der Hut genau an jener Stelle lag, wo Herr Kutscher ihn gefunden hat.«

»Was weeß ich, wie so’n Hut rollt, wenn er ma vom Kopp runtergeflochn is. So’n Hut ist ja nich rund. Da würd ooch der Kolleche vonner Ballisdig nur wild spegguliern könn. Sacht er.«

Wank suchte auf der Zeichnung nach einer Skizze des Hutes. Doch da war nichts dergleichen. »Das klingt mir doch recht vage angesichts solch eines ernsthaften Einwands.«

Machuntze legte das Blatt Papier zurück in die Akte und brummte: »Meenethalben. Mir gucken uns de Sache ja ooch weiter an.« Er erklärte, dass die Kollegen nun Untersuchungen gegen den Verlag Rollnik als Inhaber des Gebäudes führten, wenngleich derzeit nichts auf ein Verschulden seitens des Unternehmens hindeute. Doch das sei eben noch abschließend zu klären. Machuntze schloss seine Ausführungen mit den Worten: »So, nu wissen Se, was Se schreim können. Bei der Bolizei hätt jedenfalls keener een Problem, wenn der Leichnfund heute inner Nachmittagsausgabe stehen tät.«

»Ich habe jede Menge Zeit und werde erst einmal die weiteren polizeilichen Ermittlungen abwarten, Herr Kommissar. Heute darf zunächst der Herr Kulturredakteur das Schaffen des Verblichenen würdigen.«

Machuntze legte die Akte direkt vor sich auf den Tisch und tippte darauf. »Bei de Schöngeistern is die Angelechenheit ooch viel besser uffgehobn als bei uns. Mir ham, weeß Gott, anneres zu tun.«

Thomas Kutscher schaute auf den Brief in seiner Hand, dann zu seinem Schreibtisch und wieder zurück. Auf dem Sekretär lag noch immer das unfertige Schreiben an seinen Bruder Hanno. Am Morgen war ihm eingefallen, dass die Post bis zum Nachmittag geöffnet und er noch genug Zeit zum Verfassen des Bettelbriefes hatte.

Doch Hanno war ihm zuvorgekommen, das Schreiben in Kutschers Hand stammte von ihm. Dabei sandte Hanno niemals unaufgefordert Post. Aber Antworten auf ungeschriebene Briefe gab es auch nicht …

Kutscher setzte sich und nahm den Brieföffner zur Hand, doch er zögerte. Etwas Gutes erwartete er nicht. Warum sollte er das Schreiben nicht noch etwas liegen lassen? Reichte es nicht, wenn er morgen von üblen Nachrichten erfuhr? Oder übermorgen? Andererseits duldete seine finanzielle Situation keinen Aufschub.

Ein paarmal überlegte Kutscher hin und her. Letztlich kam er zu dem Ergebnis, dass der Brief des Bruders viel leichter zu öffnen war als der seine zu verfassen. Er schlitzte den Umschlag auf und entnahm ihm den Briefbogen. Noch bevor er das erste Wort las, erkannte er, dass sein Bruder den Brief nicht selbst geschrieben hatte. Die wenigen Zeilen waren eindeutig von Frauenhand notiert. Hatte Hanno die Worte diktiert?

Kutscher las:

Mein lieber Thomas!

Ich werde am Sonnabend in Leipzig weilen und habe wichtige Dinge rund um die Kutscher-Werke mit Dir zu besprechen. Bitte finde Dich pünktlich um fünf Uhr im Café im Oertelschen Haus ein. Und sei bitte so freundlich und bestätige Dein Erscheinen alsbald in einem Telegramm.

Herzlichst

Hanno

Kutscher betrachtete das Geschriebene. Sein Bruder wusste offenkundig, dass der Begriff Brief vom lateinischen Wort breve stammte und übersetzt so viel wie »kurzes Schriftstück« bedeutete. Denn knapper hätte die Einladung kaum ausfallen können. Oder handelte es sich um eine Vorladung? Versuchte Hanno schon wieder, ihm eine eigentümliche Stellung bei den Kutscher-Werken schmackhaft zu machen? Dutzende Male hatte der Bruder ihm bereits nahegelegt, in den Familienbetrieb einzusteigen.

Nein, dieses Mal wirkten die Worte ernsthafter, geradezu bedrohlich. Befanden sich die Kutscher-Werke in Schwierigkeiten? Und wie sollte ausgerechnet er, der in allen wirtschaftlichen Dingen Unbedarfte, da helfen?

Die Barschaft in seiner Schatulle wurde auch bei erneutem Nachschauen nicht üppiger. Aber für ein Telegramm sollte es reichen. So konnte er auch um eine weitere Zuwendung bitten, ohne viele Worte machen zu müssen.

Er warf den Mantel über und verließ die Wohnung. Bis zur Post würde er eine Viertelstunde brauchen – Zeit genug, sich die richtigen Formulierungen für das Telegramm zu überlegen. Als er die Treppe im Hausflur hinunterlief, nahm er stets zwei Stufen auf einmal. Flugs trat er auf die Pestalozzistraße.

Wolken tauchten die Stadt in ein Dämmerlicht, dabei war der Nachmittag gerade erst angebrochen. Kutscher bog in die Grassistraße ein, die geradewegs zum Konzerthaus führte. Er schlenderte durch den neuen Teil der Stadt, der von den Leipzigern Musikviertel genannt wurde. Kutscher freute sich stets, wenn er hier die Namen der Straßen auf den Schildern las, denn diese waren nach berühmten Komponisten wie Haydn, Mozart oder Beethoven benannt und nicht wie anderswo nach Königen oder Feldherren.

Um diese Uhrzeit waren kaum Menschen unterwegs. Ein paar Dienstmädchen brachten Einkäufe nach Hause, ein Alter mit einem Spazierstock trottete gen Scheibenholz.

An der Ecke zur Robert-Schumann-Straße erblickte Kutscher eine Gestalt, die ihm bekannt vorkam. Er schaute noch einmal hin. Der Mann war schlank wie eine Gerte, seine Bewegungen aber zeugten von der Kraft eines Athleten. Nun erkannte Kutscher ihn. Es handelte sich um den Neuen aus dem Dichterkreis, diesen Pöttger, Pöttiger oder Pötticher. Der junge Mann verschwand in einem Haus. Wohnte er dort? Kutscher blieb stehen und überlegte. Sollte er bis zum Haus eilen und nachschauen, ob die Klingelzüge beschriftet waren? Dann würde er herausbekommen, wie der Dichter genau hieß, ohne ihn fragen zu müssen. Doch der Neue erschien schon wieder auf der Straße. In der Hand hielt er mehrere Zettel in der Größe von Bierdeckeln. Ohne sich umzuschauen, eilte er die Robert-Schumann-Straße hinunter zum nächsten Haus. Wieder trat er in einen Eingang.

Kutscher lehnte sich an eine Hauswand, sodass er beinahe mit dieser verschmolz. Es vergingen nur wenige Sekunden, dann tauchte der Neue auf, und das Spiel wiederholte sich. Er schaute sich bei seinem Tun nie um, zugleich beeilte er sich, als wäre er auf der Flucht vor einer Räuberbande. Als er zum vierten Mal aus einer Haustür trat, rutschte ihm unbemerkt ein Zettel aus der Hand.

Kutscher schlich an den Fassaden entlang und bog in die Robert-Schumann-Straße ein. Während der junge Mann den nächsten Hausflur betrat, sprintete er los. Flugs schnappte er sich den Zettel und kehrte auf dem Fuße um. Noch war der Neue nicht zurück auf der Straße, doch bis zur Ecke würde Kutscher kaum schnell genug gelangen. Also verlangsamte er seinen Schritt und schlenderte zur Grassistraße zurück, als wäre er ein Passant. Tatsächlich schien der Neue ihn nicht zu bemerken.

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22 декабря 2023
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9783955522322
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