Читать книгу: «Bauern, Land»
Zum Buch
Ein Dorf im Moor in den 50er Jahren, ein Bauernhof heute – und wie das Weltgeschehen das Leben der Menschen auf dem Land veränderte. Davon erzählt Uta Ruge am Beispiel ihres Dorfes und ihres Bruders.
Seit ein paar Tagen stehe ich morgens um sechs mit allen auf, um zu sehen, zu hören und zu riechen, wie sich Landwirtschaft heute anfühlt auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich ziehe die Stallklamotten an und gehe nach draußen. Mir fällt auf, dass ich den Blick hier nicht heben muss, um den Himmel zu sehen. Ob es regnet oder bald regnen wird, wie der Wind geht, ist sofort gewusst, in Auge, Ohr und Nase eingeströmt. Uta Ruge verwebt in Bauern, Land. Die Geschichte meines Dorfes im Weltzusammenhang die Erinnerung an das Leben auf dem Lande in den 50er Jahren mit der genauen Beobachtung der Veränderungen in der Landwirtschaft heute, mit der Chronik des Dorfes, den welthistorischen Zusammenhängen und der Kulturgeschichte, die das Leben der Bauern geprägt haben und prägen. Sie erzählt von harter Arbeit und Abhängigkeit, von der Besiedelung des Moors, von Entwässerung und den Zumutungen der Obrigkeit und der Bürokratie, von Armut und Auswanderung. Aber auch davon, wie man sich gegenseitig unterstützt und hilft und zusammen feiert, von dem Eifer der kleinen Kinder, die den Eltern zur Hand gehen und lernen, dass gegen Arbeit nichts hilft, außer sie zu tun.
Über die Autorin
Uta Ruge, auf Rügen geboren, wuchs nach der Flucht der Familie als Bauerntochter in einem norddeutschen Dorf auf, studierte Germanistik und Politik in Marburg und Berlin, arbeitete im Rotbuch Verlag und bei der TAZ in Berlin und lebte von 1985 bis 1998 als freie Rundfunkautorin und Mitarbeiterin der internationalen Zeitschrift Index-on-Censorship in London. 2003 erschien Windland – Eine deutsche Familie auf Rügen. Sie lebt in Berlin.
UTA RUGE
BAUERN,
LAND
Die Geschichte
meines Dorfes im
Weltzusammenhang
Verlag Antje Kunstmann
für Arnd, Irene und Jens
INHALT
1. Anfänge
1. HEUTE Die Stimmung auf dem Hof meines Bruders.
2. DAMALS Warum ein Bauer aus der Stadt einen Hofsuchte. Ankunft am Ende der Welt. Das Gesetz der Moorbauern.
3. MITTE 18. JAHRHUNDERT Was die Schulchronik sagt und was sie verschweigt. Wem gehört das Moor? Als Torfstecher nach Holland.
4. DAMALS Aus einem Stall wird eine Kirche, dann ein Tanzsaal. Wie man im Winter auf Schlittschuhen überallhin kommt.
5. 18. JAHRHUNDERT Was Goethe über Bauern denkt und warum über die englische Landwirtschaft ein Buch geschrieben werden musste. Ein Arzt aus Celle wird Musterlandwirt.
6. ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS Protokolle der Moorkonferenzen reisen per Pferdekutsche nach London. Die ersten Anbauer, Aschedüngung und Buchweizensaat.
7. DAMALS Als meine Mutter versuchte, ein Beet anzulegen.
8. HEUTE Anna und ich singen ein Lied von 1783. Schön und falsch ist das Bild vom Land. Warum Wolfsexperten sich wundern.
9. 18.–19. JAHRHUNDERT Wie man mit Torf Fundamente baute und Häuser zum Schwimmen brachte.
10. ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS Goethes Eckermann als Kind. Die Dorfschule und Streit um Kirchenplätze für Moorbauern.
11. DAMALS Kinderarbeit und Kinderträume. Was wir mit dem Körper lernten und dass Arbeit getan werden musste.
12. DAMALS Wie unsere Eltern Moornachbarschaft kennenlernen.
ERSTES ZWISCHENSPIEL Warum Vergil das Landleben über den grünen Klee lobte und Johann Heinrich Voß ihm glaubte. Wie die Antike den Boden unter den Füßen verlor.
2. Tiefer ins Moor und in die Geschichte
13. HEUTE Wenn Milch- und Bodenpreise die Stimmung verderben.
14. 1783 Was die Amtmänner an den neuen Anbauern im Bachenbrucher Mohr stört – ein Schriftwechsel über manche Inconvenzien und unziemliche Bedrohungen.
15. 18. JAHRHUNDERT Familie Lafrenz im Kirchenbuch. Johann Heinrich Voß drängt auf die erste Pockenimpfung im Hadelner Land.
16. HEUTE Mein Bruder erzählt mir beim Maislegen etwas über Biotope und Bodenverbrauch. Ich fahre wieder Trecker, aber durch ein leeres Dorf.
17. 1803 Vom Kriegführen. Die Hadelner sind schlechte Soldaten, weil Kost und Lebensart bei dem Militär sie in wenigen Tagen krank macht.
18. ANFANG 19. JAHRHUNDERT Als der Code Civil ins Moor kam und Bauer Lafrenz mit Napoleon nach Russland ziehen musste.
19. HEUTE Silofahren im Regen und nächtliche Stallarbeit. Waldemar fährt mit mir durchs abgetorfte Moor.
20. DAMALS Was wir in der Schule lernten und was auf dem Weg dorthin.
ZWEITES ZWISCHENSPIEL Warum Karl der Große die freien Bauern abschaffte. Über den Körper der Bauern und über ihre Feinde.
3. Entwässerung – Verbesserung
21. DAMALS Äpfel und Pflaumen am Jauchegraben
22. ANFANG 19. JAHRHUNDERT Napoleons Kontinentalsperre, ein indonesischer Vulkanausbruch und eine Sturmflut bremsen die Moorkolonie aus.
23. DAMALS Gehen, holen, bringen – Wege mit Kühen.
24. 19. JAHRHUNDERT Produktivkräfte drängen auf Modernisierung: Die preußische Landreform, neuer Dünger und neue Maschinen.
25. HEUTE Was ist heute ein Großbetrieb? Milch, Bohnen und fünfundzwanzig Schwalbennester.
26. HEUTE Der Mais hat die Fahnen geschoben – und produziert mehr Sauerstoff als ein Laubwald.
27. HEUTE UND DAMALS Ein Kind fliegt durch die Luft. Wie sich Gerda an den Anfang und an die Visiten erinnert.
28. 19. JAHRHUNDERT Amerika: Wo Brot ist, ist Heimat. Bismarck und die Bauernbefreiung. Neubachenbrucher ohne Pferde? Cowboys, Schlachthöfe und Türen auf Rädern.
29. HEUTE Maisernte. Treckerballett im Oktober.
30. HEUTE UND DAMALS Erinnerungen an Knechte, Deerns und Amerikaner. Ein Chapeau claque im Moor.
31. ENDE 19. JAHRHUNDERT UND HEUTE Eine Zeitung »Für Wahrheit, Licht und Recht«. Der historische Kanalbau und was der Schleusenmeister erzählt.
DRITTES ZWISCHENSPIEL Von Brueghel bis Worpswede, Romantik statt Düngung. Was Bauer Allmers in der Stadt suchte.
4. Weltmärkte und Weltkriege
32. DAMALS Mit dem Bus zur Schule.
33. BEGINN 20. JAHRHUNDERT Grot-Emma und die Weltmarktpreise, Großagrarier in den USA und Russland.
34. 1914–1918 Von Krieg, Revolution und Weizenboom. Inflation in Deutschland.
35. HEUTE Erinnerung an Beschädigungen. Klauenpflege heute.
36. 1918 Grot-Emma, Berta und Hilda erleben die Weimarer Republik.
37. 1920–1930 Kolchosen und Kulaken, der amerikanische Weizenkönig und das Bauernbild der Nazis.
38. HEUTE UND DAMALS Grot-Emmas Enkel erzählt mir was über die Wölfe, und ein Cadillac begegnet mir im Moor gleich zweimal.
39. 1933–1939 Das Führerprinzip auf dem Land, aus Moorbauern werden Erbhofbauern.
40. 1939–1945 Landwirtschaft wird Kriegswirtschaft. Zwangsarbeiter und Denunzianten.
41. HEUTE Besuch bei Luci und meine Erinnerung an alte Frauen.
42. DAMALS Vom Torfstechen und Autofahren. Oder: Elvis auf dem Dorfe.
43. 1940ER- UND 1950ER-JAHRE Sicco Mansholt und seine Lohnerhöhung für Bauern. Bodenrecht und -unrecht.
44. DAMALS Dorfhandel und Dorfschule, Coca-Cola, Trecker und Melkmaschinen.
45. 1950ER-JAHRE Eine Straße wird gebaut – und in Brüssel der gemeinsame Agrarmarkt organisiert.
46. DAMALS Beregnen im Moor.
47. DAMALS Zwangsversteigerungen und Arbeitsheldin für einen Tag.
48. 1970ER-JAHRE Mansholt ist gegen seinen eigenen Plan. Die Bauern werden weniger, die Kühe mehr.
49. HEUTE Weltmarktpreise oder wie teuer kommt billig. Wasserfragen der einen und der anderen Art.
50. DAMALS UND HEUTE Was ich beim Reisen sah. Unsere ersten Gräber im Moor.
VIERTES ZWISCHENSPIEL Die Bauern von Malewitsch – keine Gesichter mehr, keine Hände. Bauernhof mit U-Bahnanschluss und die Milchpreise. Warum Krischan Flüchtling werden wollte.
5. Lob des Aufhörens und des Weitermachens
51. Drei Bauern auf dem Weg in die Zukunft.
52. Der Dürresommer 2018. Magere Felder, Reparatur eines Staus und Kühe im Luftzug.
53. Biogas und Urlaubernächte im Stroh. Dreißig Sommer zur Rettung einer Bauernhausruine, Indianerspiele und Husumer Protestschweine.
54. Nicht abgehängt, aber unter Druck. Ein bisschen Dorfstatistik und Ausgleichsflächen auf dem Land.
SCHLUSS Über Ferkel, Menschen und wohin der Fortschritt führt.
ANMERKUNGEN
GLOSSAR
AUSGEWÄHLTE LITERATUR
PROLOG
ICH RANNTE HINTER DEN KÜHEN HER, um sie zum Melken zu holen, ich fütterte die Schweine und rupfte die Enten. Ich stapfte über den Hof und ahnte nicht, dass ich mich auf historischem Boden befand.
Denn jeder Boden ist historisch.
Auch ein Acker hat seine Geschichte.
Wo ich ging und stand, war einmal Moor urbar gemacht und Torf gestochen worden. Die Gräben, über die ich sprang, und die Kanäle, über deren Brücken ich mit dem Fahrrad fuhr, waren vor hundert oder zweihundert Jahren gegraben worden. Und die Felder, auf denen wir im Frühjahr Kartoffeln pflanzten, in der Hitze des Sommers die Rüben verzogen und im Herbst den Roggen mähten, gab es erst seit der Moorkolonisierung – seit der Zeit von Kant, Hegel und Goethe.
Erst als Kanäle und Schöpfwerke gebaut waren, Mitte des 19. und noch einmal im frühen 20. Jahrhundert, versanken die Äcker nicht mehr im Wasser der Überschwemmungen, von denen unsere Gegend – das Sietland, das ist das niedrige, ›siete‹ Land zwischen Elbe und Weser – zu fast jeder Jahreszeit heimgesucht wurde. Die Alten erzählten, wie sie dann das Heu zum Trocknen auf den Deich getragen und mit dem Kahn in die Scheunen gefahren haben.
Manchmal versuche ich mir vorzustellen, ich hätte das Dorf nie verlassen.
Ich bin 1957 als Kind von Flüchtlingen dort angekommen. Was wäre, wenn ich wie mein Bruder dort geblieben wäre. Er ist nur ein paar Jahre jünger als ich, als Sohn erbte er den Hof. Ganz selbstverständlich war es damals nicht mehr. Aber traditionell war es eben doch so. Ich erinnere mich, was mein Vater sagte, als ich empört rief, es sei nicht gerecht, wenn mir als Mädchen der Hof nicht einmal angeboten würde.
»Willst du ihn denn haben?«, fragte er.
Damit hat er mich zum Schweigen gebracht.
Ich wollte ihn nicht.
Und wollte ihn insgeheim doch.
Aber ein halbes Ja und ein halbes Nein, das wäre nicht gegangen. Ganz oder gar nicht. So übernahm mein Bruder zusammen mit seiner Frau den Hof.
1. ANFÄNGE
1. KAPITEL
HEUTE
Die Stimmung auf dem Hof meines Bruders.
»ENTWEDER, ODER«, sagt mein Bruder Waldemar. Wir stehen am Melkroboter*. Vor einigen Wochen ist der installiert worden und bedient, wie es im Fachjargon heißt, vierzig Kühe. Insgesamt kann so ein Roboter sechzig bis siebzig Kühe pro Tag melken. Im Moment läuft die Einarbeitungsphase. Noch muss man die Kühe etwas antreiben, später werden sie alleine zum Melken gehen – den ganzen Tag über und sogar nachts. Denn während ihnen der Roboter die Milch abpumpt, fressen sie das Kraftfutter, das je nach Chipkartenlesung ausgeschüttet wird. Der Transponder, ein Erkennungssender, hängt ihnen um den Hals. Jeweils vor und hinter dem Tier hält ein Gatter es auf der Stelle fest und öffnet sich erst wieder, wenn keine Milch mehr fließt und kein Futter mehr ausgeschüttet wird.
Ich staune.
»Wachsen oder weichen«, sagt Waldemar, während er mir die Neuerwerbung zeigt. »Und der Große frisst den Kleinen«, sagt er noch. »Das ist immer so gewesen. Und glaub’ man nicht, dass das bei den Biobetrieben anders ist. Dieselbe Technik, dieselben Größen.«
»Und? Gehörst du selbst inzwischen zu den Großen?«
»Nein.« Mein Bruder lacht grimmig. »Aber nicht zu den ganz Kleinen. Noch nicht.« Er betrachtet die digitale Anzeige auf der uns zugewandten Rückseite des Melkroboters. »Von den zwanzig Höfen im Dorf sind vier übrig geblieben. Alle anderen haben aufgegeben.«
Waldemar ist aus dieser Generation der Bauern im Dorf der Jüngste, das Rentenalter hat er noch nicht erreicht und er hat – anders als die meisten hier – einen Nachfolger. Sein Sohn will Bauer werden, ist es schon. Die moderne Technik, wie der Melkroboter, wird über Kredite finanziert, die man kriegt, wenn man Land besitzt.
Jetzt fallen die Zitzenbecher vom Euter ab und der Roboterarm schwenkt beiseite, um die Kuh freizulassen und das Melkgeschirr sofort zu spülen. Das vordere Gatter öffnet sich, die Kuh bewegt sich ohne Eile aus dem Melkstand hinaus, dann schließt es sich wieder. Erst wenn Zitzenbecher und Milchschläuche mit Wasserdampf gereinigt sind – es dauert nur Sekunden –, öffnet sich das hintere Gatter und lässt die nächste Kuh ein.
»Nebenan«, Waldemar zeigt zum Nachbarhof, »wird inzwischen Strom produziert, also Gas aus Biomasse. Das wird in Strom umgewandelt und ins Netz eingespeichert. Die Sauen, die sie halten, sind fast nur noch ein Anhängsel. Zwar sind sie einerseits die Grundlage des Geschäfts mit dem Strom, ebenso wie der Mais, der angebaut wird. Aber der Verkauf der Ferkel bringt weniger Geld ein als die – Entschuldigung – Scheiße, die den Strom erzeugt.«
Wir hören eine Weile schweigend dem Pumpen und Zischen, dem Brummen und Schnaufen der Maschine zu. Der Roboterarm schwenkt unter den Bauch der neuen Kuh, hebt eine Düse direkt unter das Euter, eine desinfizierende Flüssigkeit wird aufgesprüht. Erst dann kommen die frisch gespülten Zitzenbecher angefahren und saugen sich einer nach dem anderen an den Zitzen der Kuh fest. Die hat inzwischen angefangen zu fressen.
»Wie viele Melkroboter für wie viele Kühe brauchst du, um in ein paar Jahren abgeben zu können?«, frage ich. Die Hofübergabe an die nächste Generation schließt ja ein, dass der Nachfolger seinem Vorgänger ein Altenteil zahlen kann, also lebenslang Wohnung, Nahrung und ein bisschen Bargeld, so wie es mein Bruder und seine Frau Anna mit unseren Eltern gemacht haben.
Mein Bruder winkt ab. »Die Frage ist im Moment, wie viel Land wir uns leisten können, um genug Futter für das Vieh anzubauen und seine Gülle* loszuwerden. Immer mehr große Stromerzeuger kaufen und pachten Land. Und obwohl weiß Gott genug Bauern aufgeben und viel Land auf dem Markt ist, wird der Boden immer teurer.«
Mir kommt der Gedanke, dass die Übergabe an die nächste Generation womöglich nicht mehr stattfinden wird. Ich atme tief ein.
Aber Waldemar hat genug von meinen Fragen. Er steht an der Tür des Melkstands, öffnet sie und ist schon halb draußen, als er noch sagt: »So ist das nämlich. Ihr wollt ja alle Biostrom. Aber ihr habt keine Ahnung.«
Mit ›ihr‹ sind immer alle Städter gemeint – oder doch alle, die keine Landwirtschaft betreiben. Zu diesem ›ihr‹ zähle auch ich seit vielen Jahren.
Auf dem Weg ins Haus gehe ich vorbei an den neugierig ihre Köpfe durchs Futtergatter steckenden Jungrindern. Ein paar Katzen begleiten mich zur Haustür.
Die Hündin ist mit meinem Bruder gegangen.
Seit ein paar Tagen stehe ich morgens um sechs zusammen mit allen anderen auf, um zu sehen, zu hören, zu riechen, wie sich Landwirtschaft heute anfühlt auf dem Hof, auf dem ich aufgewachsen bin. Ich ziehe die Stallklamotten an und gehe nach draußen. Erst nach ein paar Tagen fällt mir auf, dass ich hier den Blick nicht heben muss, um den Himmel zu sehen. Kein Haus ist im Weg. Und ob es regnet oder bald regnen wird, wie der Wind geht, ist sofort gewusst, in Auge und Ohr und Nase eingeströmt.
Ich gehe mit ihnen in den Stall, aber ich laufe nur so mit – mal mit meiner Schwägerin Anna, die für die Kälber verantwortlich ist, mal mit meinem Bruder, der im alten Melkstand steht, mal mit ihrem Sohn Hannes, der für die Fütterung sorgt und den Roboter kontrolliert. Helfen kann ich nicht, denn kein Handgriff ist noch so, wie ich ihn kannte. Die Gebäude, die Maschinen, alles ist anders. Aber der Sonnenaufgang über den Bäumen und Weiden vor dem Hof ist derselbe. Immer schon lag das stärkste Licht am Morgen auf der Hofeinfahrt vor dem Stall. Immer schon wuselten ein paar Katzen, junge und alte, vor der Milchkammer umher, und immer schon lag in ihrer Nähe der Hund, der aufpasste, dass ihm nichts entging, vor allem kein Futter im nebenbei gefüllten Napf. Und der Stall ist immer noch ein einziger großer Organismus, Ort der Tiere, ihres Atmens, Fressens und Verdauens, ihres Wiederkäuens, ihrer Ausscheidungen und ihres Schlafs, ihrer Ruhe und manchmal ihrer Unruhe. Und der Ort von ineinandergreifenden Arbeitsabläufen.
Ich gehe da hindurch, über die Futtergänge und an den Barrieren entlang, die Tiere, fast hundert Kühe und vielleicht vierzig Jungrinder, sehen mich mit gesenkten Köpfen neugierig an.
Alles ist unter einem Dach angeordnet. Es gibt den Bereich, in dem lahmende Kühe oder diejenigen, die aus anderen Gründen nicht ganz fit sind, auf Stroh laufen und liegen dürfen, sozusagen die Krankenstube; sie können durch das den ganzen Stall durchziehende System sich öffnender und schließender Gatter zum Melkstand geführt werden und aus ihm zurück in ihren Bereich gehen. Neben ihnen stehen ebenfalls auf Stroh die Kühe, die demnächst kalben und – im Unterschied zu den ›melkenden Kühlen‹ – ›trocken stehen‹. Eine oder zwei haben vielleicht schon gekalbt, und dann liegt zwischen ihnen ein frisch geborenes Kalb, das sich auf zittrige Beine erhebt und nach dem Euter der Mutter sucht. Heute sind es sogar zwei, die sich manchmal zur falschen Kuh verirren, aber immer wieder von der Mutter gefunden werden. Mit Rührung sehe ich, dass die anderen Kühe die Kleinen freundlich beriechen und neugierig zusehen, wie das eine schon ein paar Probesprünge macht und das andere kläglich blökt. Aus dem Weg gehen sie ihnen nur, wenn sie bei ihnen zu saugen versuchen.
Der größte Bereich im Stall ist der, in dem die ›melkenden Kühe‹ sind, wiederum aufgeteilt in den Bereich, in dem die ›Roboterherde‹ ist, und in den größeren, in dem noch konventionell gemolken wird. Denn ein Roboter schafft, wie gesagt, nur sechzig bis siebzig Kühe – einen zweiten Melkroboter wird man sich erst in ein paar Jahren leisten können. Die konventionell gemolkenen Kühe werden morgens und abends in einen abtrennbaren Bereich direkt vor dem Melkstand getrieben. Hinter ihnen schließt sich wiederum ein Gatter, sodass die noch ungemolkenen getrennt bleiben von denen, die nach dem Melken zurückkehren in den Stall.
Ich gehe an Hund und Katzen vorbei zum Melkstand, klettere in die Melkergrube zu Waldemar und Anna. Rechts und links von ihnen stehen je vier Kühe auf Schulterhöhe, von Gestängen an ihrem Platz gehalten. Sie legen ihnen die Melkgeschirre an, tragen dabei Handschuhe, schützen sich und die Tiere vor Keimen. Mich nehmen sie sozusagen nur aus den Augenwinkeln wahr und ich muss sehen, dass ich ihnen nicht im Weg stehe.
Aus der Gruppe der noch ungemolkenen Kühe kommen durch Schiebetüren die nächsten herein, wenn eine Kuh fertig ist. Türen und Gestänggatter werden vom Melkstand aus von Seilen bedient, teils gehen sie automatisch. Die nächste Kuh wird durch das hier herrschende System sich öffnender und schließender Gatter auf ihren Platz geleitet, kommt an, und gleich wird ihr Euter, wie gesagt, auf Schulterhöhe der Melkenden, besprüht, gewischt, mit ein paar Handgriffen angemolken und die Zitzenbecher angelegt.
Wenn einmal nicht gleich die nächste Kuh nach dem Öffnen der Melkstandtür den Melkstand betritt, steigt mein Bruder oder seine Frau eine Metalltreppe hoch, gehen durch eine schmale Tür zu den ungemolkenen Kühen und treiben nach. Da sind die Neuen oder die Scheuen oder diejenigen, die zu oft von hierarchiehöheren Kühen abgedrängt worden sind. Schnell und dabei doch ruhig gehen sie dann zurück in die Grube und prüfen, welche der acht gleichzeitig gemolkenen Kühe jetzt so weit ist, dass ihr das Geschirr abgenommen werden kann – sehen währenddessen darauf, ob die vier zwischen Becher und Schlauch gesetzten Gläschen anzeigen, dass auch wirklich jedes Euterviertel ausgemolken ist, und prüfen aus dem Augenwinkel die digitale Anzeige der Milchmenge. Es gibt Kühe, die ihre Milch ›verhalten‹, vielleicht weil sie krank sind oder brünstig oder aus irgendeinem anderen Grund. Kühe sind empfindliche Tiere und man muss so einiges im Auge behalten, besonders bei einer großen Herde, in der es dann beim Melken ein paar Minuten Zeit gibt, um jede einzeln in Augenschein zu nehmen.
Ich registriere das Sich-nicht-mehr-bücken-Müssen, die-Milch-nicht-mehr-tragen-Müssen. Früher haben wir auf einem Melkschemel dicht an der Kuh gesessen, den Kopf in ihre Flanke gestützt, Hände am Euter oder am Milchgeschirr der Kuh, die angekettet im Stall stand – im Winter standen sie fünf oder sechs Monate am selben Fleck. Wenn die Kuh ausgemolken war und wir den Deckel mit dem Pulsator, der den rhythmisch pulsierenden Sog für das Melken produzierte, auf einen zweiten Eimer gesetzt, die nächste Kuh per Hand angemolken und ihr das Sauggeschirr angelegt hatten, griffen wir den vollen Eimer und eilten mit der Milch durch den Mistgang zur Milchkammer, hoben den Eimer hoch, schütteten die Milch durch ein Sieb in die Kanne, eilten zurück, passten auf, im Gang nicht in der Jauche auszurutschen. Und immer so weiter, bis die zehn, später zwanzig und dreißig Kühe ausgemolken waren.
Jetzt wird die Milch direkt vom Euter durch ein Rohrsystem zum Tank geführt. Es herrscht große Sorgfalt im Schutz gegen Bakterien. Am Ende des Melkvorgangs wird das Euter wieder mit einer desinfizierenden Lösung besprüht. Dann öffnet Waldemar per Seilzug das vordere Gatter des Stands, während sich schon das hintere Gatter öffnet, um die nächste einzulassen. Wie mein Bruder und seine Frau hin- und hergehen in der Grube – und ich sie möglichst nicht störe –, ihr Alles-im-Blick-Haben, ihre Handbewegungen, das ist schnell, effizient, tänzerisch elegant trotz der Störungen. Eine Kuh schlägt das Geschirr mehrmals ab, bei einer anderen Kuh hängt das Geschirr zu tief und muss abgestützt werden, genau in diesem Moment aber rutscht das stützende Holz- oder Plastikstück heraus und das Geschirr fällt zu Boden, die nervöse Kuh tritt darauf. Da bewährt sich, was alle, die mit Tieren arbeiten, gelernt haben: Abstand halten, langsame Bewegungen, eine ruhige Stimme, klare Gesten des Beruhigens oder Leitens. Es ist, als ob sich das gemächliche Tempo dieser großen Tiere auf die Menschen, die mit ihnen arbeiten, übertragen hat. Ich erkenne wieder, was ich als Kind selbst gelernt habe. Das ist geblieben.
Nach einer Weile sehe ich dann vom Futtergang aus zu, was die Tiere tun, wenn sie vom Melken kommen. Viele gehen erst einmal zur Tränke und trinken in großen Schlucken. Manch eine geht auch gleich zum Futtertisch und guckt, ob da inzwischen frisches Futter liegt, oder sie spaziert mit ihrem Transponder um den Hals zur Ausgabestelle für das Kraftfutter und probiert, ob ihr der Apparat nach sekundenschnellem Einlesen ihrer Kennziffer vielleicht Nahrung zuteilt; in diesem, dem sogenannten konventionellen Melkstand wird kein Futter beim Melken ausgegeben. Eine andere tritt vielleicht unter eine der großen Bürsten, die von der Stalldecke herabhängen, und lässt sich durch ihr Darunterhergehen den Rücken und die Flanken bürsten; die Nächste zieht es zum Mineralsalz eines Lecksteins, den sie mit kräftiger Zunge bearbeitet. Und manche sucht sich eine Freundin – alle ranggleichen Kühe sind Freundinnen –, deren Hals oder Kopf sie beleckt oder sich von ihr belecken lässt.
Ich finde es schwierig, dabei zuzusehen, ohne selbst die Hände zu rühren, während Waldemar, Anna und Sohn Hannes auf ihren Arbeitsgängen vorbeieilen – Kälber tränken, Kühe melken, Jungrinder füttern.
Waldemar hat schlechte Laune. Nach dem Melken sitzen wir am Frühstückstisch, er liest in der Zeitung. Wütend macht ihn nicht, dass sie vor dem Kaffee schon zwei Stunden gearbeitet und das Vieh besorgt haben und dass dies trotz Melkroboter schon wieder gut zwei Stunden dauert, weil viele Stärken* aus der eigenen Nachzucht, also Erstkalbende hinzugekommen sind, die Herde gewachsen ist und damit auch die Menge der zu fütternden Kälber. Das ist ja, was er gewollt hat: Wachstum. Die höhere Arbeitslast ist nur die logische Folge.
Mein Bruder nimmt das Brot aus dem Toaster, legt sich eine Scheibe auf sein Brett, wirft die andere mit zu viel Schwung auf den Brotteller in der Mitte des Tischs. Sie fällt daneben. Meine Schwägerin und ich sehen uns schweigend an. Ich nehme die Scheibe, Anna schenkt ihm Kaffee in den hingehaltenen Becher.
Wir kauen, trinken Kaffee, reichen uns dies und das.
Ich lobe die Kürbismarmelade.
Anna erzählt, dass eine ihrer Töchter ihr einen großen Topf mit schon geschnittenem Kürbis gebracht hat. Den musste sie sofort verarbeiten, und da hat sie eben Marmelade gekocht. Ich bewundere, wie sie sich immer wieder etwas Neues einfallen lässt. Auch das weiche, gelbliche Kürbisbrot war ein Erfolg.
»Na«, sage ich nach einer Weile, »wo drückt der Schuh?«
Waldemar schnaubt nur: »Frag lieber, wo er nicht drückt.« Dann liest er weiter die Zeitung. Schließlich schiebt er sie mir hin. »Lies selbst«, sagt er.
Es sollen in Niedersachsen neue Feuchtgebiete geschaffen werden, Moore renaturiert. Das Wasser soll wieder die Weideflächen erobern dürfen – zum Nutzen der Artenvielfalt von Flora und Fauna.
Die Zeitung berichtet von heftigen Diskussionen. Es werden die Argumente von Befürwortern und Gegnern wiedergegeben. Aber sie nimmt nicht Partei für die Bauern. In einer Gegend wie dieser, die derartig von der Landwirtschaft geprägt ist, wundert mich das.
Aber als ich das sage, blickt mein Bruder mich nur verärgert an.
»Was denkst du denn? Wo lebst du? Wir sind doch in den Dörfern längst eine Minderheit. Auch auf dem Land fühlen sich die meisten durch uns nur gestört – durch unsere schweren Maschinen auf den Dorfstraßen, die man nicht überholen kann, durch den Gestank der Tiere, die nun mal Mist machen, durch unsere Silagehaufen*, auf denen so hässliche alte Gummireifen liegen, durch den Mais, der hier steht statt des hübschen Roggens und der Rüben von früher …«
Er winkt ab und steht auf. Im Weggehen sagt er: »Hauptsache, eure Kühlschränke sind voll.«
Dann ist er draußen.
Am nächsten Morgen, es war mein letzter, versuchte ich noch einmal, meinen Bruder Waldemar zum Helden für meine Geschichte zu machen. Ich fragte ihn, aber er hat nur gesagt: »Das interessiert doch sowieso keinen Menschen.« Dann hat er den Kopf geschüttelt, ist aufgestanden, hat seiner Frau gesagt, auf welchem Feld er jetzt arbeiten und wann er zum Mittagessen zurück sein wird, hat im Gehen sein Handy auf Nachrichten überprüft, im Flur seine Stiefel angezogen und weg war er. Mit ihm ist auch mein Neffe Hannes aufgestanden und hinausgegangen.
Als ich noch ein Kind war, endeten Gespräche bei uns auch schon so. Dass unser Vater aufstand und zurück an die Arbeit ging, in den Stall oder aufs Feld.
Reden nützt sowieso nichts, war Teil der Botschaft. Der andere Teil war, dass die Arbeit nicht von allein fertig wird, und dass man, je eher man anfing, desto eher mit ihr fertig sein würde. Obwohl die Arbeit eigentlich nie fertig wurde. Aber darüber konnte und wollte keiner nachdenken. Das hätte ja auch nichts genützt.
Mit meiner Schwägerin räumte ich den Frühstückstisch ab. Sie fuhr mich zum Bahnhof und ich kehrte zurück in die Stadt.
* Worte, die mit einem Sternchen* gekennzeichnet sind, werden im Glossar ab S. 471 erklärt.
2. KAPITEL
DAMALS
Warum ein Bauer aus der Stadt einen Hofsuchte. Ankunft am Ende der Welt. Das Gesetz der Moorbauern.
MEIN VATER HAT EINE ERKUNDUNGSFAHRT GEMACHT, fuhr mit dem Zug vom Niederrhein nach Norden, in den 1950er-Jahren. Es ist eine Fahrt, bei der man lange vor der Ankunft denkt, man müsste gleich schon die Küste erreicht haben. Denn die Flachheit des Landes scheint immer dringlicher in etwas anderes überzugehen, das Grün der Felder sich in die Bläue des Meeres verwandeln zu wollen, der weite Himmel sich schon über ein großes Wasser zu erstrecken.
Ob er schon vorbeigefahren ist an der kleinen Bahnstation, hat er sich vielleicht gefragt. Und wenn er ein echter Reisender gewesen wäre, hätte er sich dann in dem Hafenstädtchen am Ende der Strecke einen Imbiss gesucht, frischen Fisch gegessen, aufs Meer geblickt, zu den Möwen hochgesehen und die Seeluft geatmet und dabei vielleicht ein Stück Zuhause empfunden? Denn er war einmal an der Ostsee zu Hause gewesen. Hier wäre es ohnehin nur die Nordsee gewesen und er war kein Reisender. Er war ein Bauer ohne Hof, der wieder ein Bauer mit Hof sein wollte und möglichst nahe am Meer. Er hatte die Bahnstation noch nicht verpasst. An den Zugfenstern zogen die Roggen-, Hafer- und Gerstenfelder vorüber, wurden immer mehr zu Wiesen und Weiden, auf denen Kühe, Pferde und Schafe grasten. Um die tief geduckten strohgedeckten Bauernhäuser mit ihren Ställen und Scheunen standen Erlen und Eichen, nebenan auf einer Wiese Apfel-, Birn- und Pflaumenbäume, vielleicht war auch einmal ein Kirschbaum dabei. Dazu passend große Scharen weißer Gänse, die mit ruckenden Bewegungen Gras rupften, Pferdeweiden in Sichtweite des Hauses, Schweine, die um die Ställe herum im Boden wühlten. Männer und Frauen und Kinder fuhren mit Treckern oder Pferden von den Höfen auf die Felder.
Inmitten der Felder einsame Baumgruppen, deren Kronen zu einem Schopf zusammengewachsen schienen, durch stetigen Wind ostwärts gekämmt. Vielleicht konnte mein Vater sogar vom Zug aus sehen, dass die Baumstämme auf der Wetterseite von dem dort anhaftenden Schleier aus Moosen und Flechten grün waren. Die Kopfweiden entlang der Gräben stehen seltsam still – als wären sie Menschen, die sich plötzlich in Bewegung setzen könnten.
Immer wieder tief liegende Gräben, viele schmal, einige sehr breit, grenzen sie die Höfe und Felder voneinander ab. Manchmal kann man die Höfe nur ahnen durch die an ihren Rändern wachsenden dichten Erlen oder Eichen. Die Felder liegen hier weit unterhalb des Straßenniveaus und erst recht unter dem der Bahntrasse. Sodass man als Betrachter über alles hinwegsehen, hinwegsegeln oder -schweben könnte.
Aber genau das konnte mein Vater nicht. Er musste sich, im Gegenteil, alles sehr genau ansehen und zu Hause berichten. Und eine Entscheidung treffen.
Dann war er endlich doch im Dorf angekommen, dem Dorf mit der schnurgeraden Straße, an der fast zwanzig gleich große Hofstellen lagen, in dem keine Kirche, aber eine Schule, ein Gasthaus und ein eigener Friedhof existierten. Der Makler hatte ihn vom Bahnhof abgeholt. Einer der Höfe steht zum Verkauf, der Hoferbe war im Krieg gefallen. Er ist heruntergekommen und billig zu haben, aber auch das Billige ging für meine Eltern nur mit einem staatlichen Kredit.
Immerhin gibt es eine Straße. Der Schotterweg, den sie ersetzt und der bei Regenwetter für Mensch und Vieh kaum zu begehen war, ist seit einem halben Jahr Vergangenheit. In den Gräben und Kanälen liegt manchmal noch ein flacher, breiter Kahn. Mein Vater lässt sich erklären, dass damit die Milch zur Molkerei und, wenn es schlimm kam, selbst die Bullen zum Verkauf und die Särge zum Friedhof gebracht werden mussten.
Die neue Straße ist auf eine hochgeschüttete Sandschneise gesetzt, große Betonplatten sind aneinandergelegt und mit schmalen Teerstreifen verbunden worden. Schnurgerade zieht sie sich zur Wettern hin, dem breiten Hauptgraben aus der Anfangszeit der Moorkolonisation. Dass ein Graben so heißt, bedeutet etwas. ›Wetter‹, das ist, wenn Regen die Felder und Weiden und Wege durchnässt und tagelang nicht aufhört, wenn starke Winde die Wolken von der Nordsee her in die Elbmündung und weiter ins flache Land treiben. Die Wettern sind Auffangbecken für das ständige Zuviel an Wasser.
Es ist Mai, als wir ankommen. Mein Vater ist wieder vorgefahren und empfängt uns, seine drei kleinen Kinder, Frau und Schwiegermutter. Eine lange Bahnfahrt, vorher das Packen und Einladen der wenigen Möbel aus einem dreijährigen Leben in der Stadt, einem Leben in der kleinen Mietwohnung eines Chemiehilfsarbeiters, als der mein Vater damals im Einwohnermeldeamt der niederrheinischen Stadt geführt wurde. Seinem eigenen Verständnis nach war er Bauer, einer von jenen, die den ›Arbeiter- und Bauernstaat‹ verließen und über die innerdeutsche Grenze gegangen sind, weil ein Leben als Landwirt nach der Kollektivierung, wie er fand, dort nicht mehr möglich sein würde. Rügens Schönheit würde er sein Leben lang vermissen, mehr noch den schweren Ackerboden, den er von zu Hause gewöhnt war. Auf dem hatte man Weizen und Zuckerrüben anbauen können und Kühe fast nur wie nebenbei gehalten. Es war ein großer Hof, von dem er stammte, aber noch bevor er sein Erbe antreten konnte, war die Familie 1945 enteignet worden. In der Stadt am Niederrhein wollte man ihm dann nicht einmal mehr ein Fahrrad auf Kredit verkaufen. Das verblüffte ihn mehr, als dass es ihn ärgerte. Jetzt, in diesem Dorf an der Niederelbe, kommt es für ihn und seine Frau wieder auf etwas an. Sich als Bauern zu beweisen – im Moor, ohne gutes Ackerland, auf Grünland, in der Milchwirtschaft.
Die Familienerzählung berichtet vom Einzug. Meine eigene Erinnerung bringt nur eine Schubkarre voller kleiner Katzen hervor, ein unglaublicher Anblick für das vierjährige Stadtkind, dieses Kribbelkrabbel von getigerten, schwarz-weißen Fellchen mit niedlichen Mäulchen, aus denen es allerdings erschreckend spuckt, als ich sie anfassen möchte, und aus deren Pfötchen sehr spitze Krallen fahren. Überliefert ist, dass der erste Schritt meiner Mutter in die Wohnstube des Hauses begleitet wird von einem gefährlichen Knacken des Holzfußbodens, der dann beim zweiten oder dritten Schritt tatsächlich durchgebrochen ist – und meine Mutter hat natürlich das Gleichgewicht verloren, als der eine Fuß durch den morschen Boden im Nichts verschwand.
Feuchtigkeit, marode Mauern, Moder und Schimmel beherrschten das Haus – an dem von Anfang an bis heute immer wieder herumgebaut und -gebessert worden ist.
Der Anfang war im Mai 1957.
Wenn die Sonne schien, war es schön hier im Moor. Im Frühling wurden die Tage länger. Vor allem aber hatten wir Kinder, die wir an eine Zweizimmer-Neubauwohnung in der Stadt und einen Vater im Schichtdienst gewöhnt waren, plötzlich sehr viel Platz. Nicht mehr die Wohnung zählte, das Drinnen, sondern das Draußen, der Hof, die Scheune, der Stall.
Allerdings löste sich in dem winzigen Kinderzimmer, das keinen Ofen hatte und in dem ich mit meinen beiden Geschwistern schlief, vor Feuchtigkeit bald die Tapete von den Wänden. Es machte uns ein gewisses Vergnügen, in die von der Wand abstehenden Blasen zu stechen und an den dadurch entstehenden Fetzen noch ein wenig zu ziehen. Unter den sich verengenden oder verbreiternden Spuren der reißenden Tapete kamen viele Lagen Farbe und manchmal Muster zum Vorschein, die noch mit Rollen direkt auf die Wände gemalt worden sind.
Unsere Verwandtschaft fand, dass wir hier am Ende der Welt gelandet waren. Unser Vater sagte gerne lachend zu seinen Geschwistern, wenn sie uns besuchten: »Bei uns ist die Welt nicht mit Brettern vernagelt. Wir liegen schon auf der anderen Seite der Bretterwand, auf der die Nägel umgehämmert sind.«
Einmal besuchten uns Vater und Onkel meines Vaters, beides ehemals Bauern auf Rügen. Mein Vater nahm sie an einem regnerischen Vormittag mit zu einer Feldbegehung, wollte ihnen Dorf und Hof und Felder zeigen. Die schwarzen Gummistiefel, die sie dafür brauchten, standen bei uns im Flur. Für unsere Verwandten hatten wir sie in allen möglichen Größen griffbereit, denn ohne sie waren die verloren, versanken meist schon beim ersten Schritt aus dem Auto bis zu den Knöcheln im Matsch.
Nach Stunden kamen die Männer erschöpft und nass zurück. Während mein Vater noch die Milchkannen von der Straße holte, kamen die beiden Alten gleich ins Haus. Langsam zogen sie ihre Stiefel, die großen Mäntel und Jacken aus. Schweigend gingen sie in der Küche an meiner Mutter vorbei, die das Mittagessen warm hielt. Im Esszimmer stellten sie sich mit den Rücken an den mannshohen Kachelofen und wärmten sich. Dann sagte einer von ihnen kopfschüttelnd zum anderen: »Wi möten em ihrst noch dröchleggen.« Wir müssen ihn erst noch trockenlegen – die alten Männer den jungen Mann, wie ein Wickelkind. Nur dass es hier um die Entwässerung aller Ländereien ging. Durch ihren Pfeifen- und Zigarrenrauch hindurch lachten sie leise über ihren grimmigen Scherz.
Onkel Edu ist unser Nachbar zur Linken. Ich sehe ihn an einem frühen Sommerabend mit der hölzernen Trage – de Dracht – über der Schulter, rechts und links ist je eine Milchkanne eingehängt. Er geht zum Melken, seine vier oder fünf Kühe stehen auf der Weide vor dem Hof. Er trägt eine helle, sehr ausgebeulte Manchesterhose, eine ausgebleichte, hellgraue Drillichjacke und einen Hut. Ich laufe rüber zu ihm.
Darf ich zugucken?
Vielleicht habe ich auch gar nichts gesagt und bin nur stumm und ein paar Schritte Abstand haltend mit ihm zur Weide gegangen, wie Kinder auf dem Land das damals taten. Die Kannen sind noch leer und baumeln ein bisschen, und sie würden ihm gegen die Hüften schlagen, wenn er sie nicht mit seinen großen Händen an den Haken, mit denen sie an den Ketten hängen, ein wenig festhalten würde.
Na, min Deern.
Er trägt helle Holzschuhe. Es sind die normalen, nicht die schwarz lackierten mit dem üppigen weißen Schaffell, das sich von innen nach außen über den Span zieht. Die sind für gut. Diese hier, die er alltags anhat, sind reichlich ausgetreten, die Holzsohlen dünn geworden, sie klingen hell, vor allem auf der Betonstraße, die wir überqueren, um zu seinen Kühen zu gehen. Da weiß ich noch nicht, dass er selbst als Bürgermeister viele Jahre um den Bau dieser Straße gekämpft hat.
Am Rande der Weide hängt er die Kannen aus und legt die Trage ab, leise klirren dabei die dünnen Ketten. Dann legt er ein frisches, weißes Tuch zwischen zwei feine, runde Siebe und drückt sie zusammen in den Ausfluss des bauchigen, schüsselartigen Behälters, durch das die frische Milch in die Kannen gegossen wird. Ich muss mir alles genau angucken, denn bei uns ist es anders, wir melken mit der Melkmaschine und unsere Kühe werden zum Melken in den Stall geholt. Inzwischen habe ich keine Angst mehr vor ihnen, aber als die ersten beiden eigenen Kühe im Stall gestanden hatten und nach ihrer alten Herde brüllten, hatten meine Schwester und ich laut geschrien und waren rausgerannt.
Onkel Edu setzt das Sieb auf eine Kanne, nimmt einen umgestülpten Eimer, der zusammen mit dem Sieb unter einem weißen Tuch im Gras gelegen hat, er packt sich den Melkschemel, der nur ein Bein hat – unsere haben drei Beine –, und geht mit einem freundlichen Brummen auf eine der vier oder fünf Kühe zu. Dann setzt er sich mit seinem großen Erwachsenenhintern auf den kleinen Schemel sehr nahe an die erste Kuh, legt seinen Kopf in ihre Flanke, der Hut rutscht ihm dabei ein wenig in den Nacken, und beginnt zu melken. Zuerst klingt der Milchstrahl in dem noch leeren Eimer hell auf, aber bald ist genug Milch unten im Eimer und der Klang wird immer voller und dunkler, die Milch schäumt im Eimer auf.
Ich habe mich ein paar Schritte entfernt ins Gras gesetzt und einen Halm in den Mund genommen. Das habe ich mir bei Onkel Edu abgeguckt.
Er spricht anders mit den Kühen als unsere Eltern, wie sie hier sowieso ein anderes Platt sprechen, und ich lausche, um das Wort zu hören, das er sagt. Aber nur selten murmelt er beruhigend sein »Kischi, kischi, kischi«, wenn die Kuh ein Bein hebt oder sogar einfach weggeht. Dann erhebt er sich von seinem Schemel, den er im Aufstehen geschickt greift und aufnimmt, geht der Kuh nach, setzt sich wieder zu ihr, sagt ein bisschen vorwurfsvoll: »Wi sünd noch nich fardich«, und melkt weiter.
Aber meistens ist es dann nicht mehr viel Milch, die noch kommt, die Kuh hat schon gemerkt, dass er jetzt gleich fertig ist. Am Ende erhebt er sich, nimmt Melkeimer und Schemel in der Bewegung auf und gibt ihr einen leichten Klaps.
So, nu sünd wi fardich.
Ich stehe auch auf, vielleicht weil es sich so gehört, wenn ein Erwachsener aufsteht, vielleicht will ich auch nur genauer sehen, was als Nächstes passiert. Er gießt die Milch durch das Sieb in die Kanne und sieht mich belustigt an.
Na, kannst du auch schon melken?
Ich schüttele verlegen den Kopf.
Na, denn komm mal her.
Und er zeigt es mir bei der nächsten Kuh.
Das ist eine Ruhige, sagt er, die schlägt nicht – und er hält ihr leichthin den Schwanz fest, damit sie mir den nicht um die Ohren haut.
Drücken und ziehen gleichzeitig, sagt er. Mach man. Keine Angst, es tut ihr nicht weh. Nach einer Weile, in der ich mich erfolglos abmühe, sagt er: Mehr drücken als ziehen.
Endlich kommen ein paar Tropfen – aber den breiten Milchstrahl, den er gemolken hat, kriege ich mit meiner kleinen Hand nicht hin.
Na, lot mi man weller.
Er streicht der Kuh beruhigend über den Rücken, die jetzt doch ein paar Schritte weitergegangen ist und sich irritiert nach mir umgesehen hat.
Dann melkt er weiter.
Langsam drifte ich weg, gehe zurück zu unserem Hof.
Am Ende sehe ich ihn, inzwischen wieder von unserem Haus aus, wie er langsam mit der Last der beiden vollen Milchkannen an der Trage zurück zu seinem Hof geht.
Das Wichtigste hier sind die Nachbarn. Im Moor kam es darauf an, einander beizustehen. Kein Siedler erhob sich über den anderen, fast alle waren gleich arm.
»Was für ein Glück, dass wir hier gelandet sind«, sagte unser Vater immer.
Onkel Edu hatte beim Verkauf des Hofs an unsere Eltern mitgeholfen, er war hier der Bürgermeister. Zusammen mit dem Makler war er mit unserem Vater über den Hof und die Felder gegangen und hatte ihm alles gezeigt, die Gräben und Zäune, Kanäle, Wege und Deiche. Gesagt hat er dabei sicher nicht viel, das war nicht seine Art.
»Du müsst hölpen«, hat er vielleicht gesagt. Hier duzte man sich umstandslos. Und einander zu helfen, das war nicht ein irgendwie und manchmal und vielleicht Zur-Hand-Gehen. Vielmehr war es die Verpflichtung zur gegenseitigen Nachbarschaftshilfe. Das Gesetz der Moorbauern.
3. KAPITEL
MITTE 18. JAHRHUNDERT
Was die Schulchronik sagt und was sie verschweigt. Wem gehört das Moor? Als Torfstecher nach Holland.
WIR BEFINDEN UNS UNGEFÄHR IM JAHR 1750.
»Zigeuner« lebten in einer Erdhütte am nördlichen Rande unseres späteren Dorfs, so heißt es in der »Geschichte des Dorfs«, wie sie 1899 der Dorfschullehrer Offermann in seiner Schulchronik aufschrieb. Was seine Quelle war, verrät er uns nicht. Ich nehme an, es war das Hörensagen. Wie groß diese Gruppe angeblicher Zigeuner war, aus wie vielen Familien sie bestand, wie lange sie hier lebten – so nahe der Nordsee im Nirgendwo – und woher sie kamen, solche Fragen fallen nicht in die Zuständigkeit des Dorfchronisten. Vielleicht hatten sie beschlossen, sesshaft zu werden. Oder die Erdhütte inmitten eines weitläufigen, unbesiedelten Moores war nur ein Art Rückzugsort für sie, eine halbwegs feste Bleibe, von der aus sie ihren Geschäften nachgehen konnten, dem Pferdehandel, Messerschleifen, Kesselflicken, Korbflechten, vielleicht auch dem Warzenbesprechen und Wahrsagen.
Der Dorfchronist von damals hat sich zufriedengegeben mit dem, was amtliche Quellen über sie verzeichnet haben, und vermerkt, dass sie »wegen der Räubereien und Umtriebe« schließlich »zur Anzeige gebracht und amtsseitig vertrieben« wurden.
Jedenfalls begannen Besiedelung und Urbarmachung des Moores erst nach dieser Vertreibung. Der erste dokumentierte Bewohner war ein Däne namens Peter Wolderich – und ein Däne war er vielleicht nur, weil er von jenseits der Elbe kam, aus Holstein; alles nördlich von Pinneberg und gen Osten rüber zur Insel Fehmarn war dänisch. Peter Wolderich hatte die Fischereirechte des nahe gelegenen Stinstedter Sees gepachtet. Seine Moorhütte, Stall und Scheune sind auf der ersten Generalkarte der Gegend, nämlich die »Kurhannoversche Landesaufnahme von 1768«, eingezeichnet – als erste Feuerstelle und Anfang unseres Dorfs. Erst seit 1754 war überhaupt gerichtlich festgestellt worden, dass »die wilden Moore, soweit sie noch in heiler Haut liegen, der Landesherrschaft gebühren«. Zuvor hatten Bauern aus umliegenden Dörfern die Moore im Sommer, wenn es trocken genug war, als Viehweide genutzt.
Die Landesherrschaft, die sich jetzt hier im Norden die Moore sicherte, war das Kurfürstentum Hannover. In den Jahren der Moorkolonisation standen Fürsten an der Spitze, die gleichzeitig in Personalunion als Könige das britische Königreich regierten. Als noch absolutistische, aber doch schon aufgeklärte Monarchen dehnten sie ihre Macht aus und kolonisierten neues Land – draußen in der Welt waren es Nordamerika, Afrika und Asien, im Inneren des angestammten Fürstentums die Moore, Sümpfe und Heiden.
Als man Peter Wolderich den Kauf der gesamten Moorfläche anbot, konnte der den Kaufpreis nicht aufbringen, heißt es in den Dokumenten. Daraufhin habe die Obrigkeit die Urbarmachung durch eine Dorfgründung verfügt. Zwanzig Anbauern* sollten auf ebenso vielen, auf zwölf Hektar bemessenen Hofstellen angesetzt werden.
So wurde das Dorf ab 1783 zu einem Teil der seit zwanzig Jahren betriebenen Kolonisation der Moore nordöstlich von Bremen. Wolderich war im hiesigen Bachenbrucher1* Moor der Vorläufer aller Anbauer und schließlich selbst der erste von ihnen.
Auf seiner ursprünglichen Hofstelle werden durchgängig und bis in meine Kindheit hinein seine Nachfahren wirtschaften, sein Hof wird viele Jahre die größte, weil doppelte Siedlerstelle und reichste Landwirtschaft sein. Bis es am Ende das am stärksten heruntergekommene Anwesen ist, mit einem geizigen und streitsüchtigen alten Mann und seiner Schwester als letzten Bewohnern. Für uns Kinder war es nur noch ein unheimlicher Ort, ein einsames und unbelebtes Geisterhaus am Ende des Dorfs.
Warum aber sind die Heiden und Moore des Landes im 18. Jahrhundert mit so großem staatlichem Aufwand und über viele Jahrzehnte hin überhaupt besiedelt worden?
Warum sollte die ›heile Haut‹ der Moore angetastet werden, die Soden entfernt, das Land entwässert werden, warum der Torf gestochen und genügsame Getreidesorten angebaut, Vieh und Bienen gehalten, Bäume gepflanzt und, wo es möglich war, das Land sogar zu Ackerland gemacht werden?
Schon 1745 hatte Friedrich II. in seinem »Antimachiavell« geschrieben: »Die Stärke eines Staates beruht also nicht auf der Ausdehnung seiner Landesgrenzen, nicht auf dem Besitz einer weiten Einöde oder einer ungeheuren Wüste, sondern im Reichtum seiner Einwohner und ihrer Anzahl; darum liegt es im Interesse eines Herrschers, die Bevölkerungszahl zu heben und das Land zur Blüte zu bringen.« In seinem »Politischen Testament« fügte er zwanzig Jahre später hinzu: »Der erste Grundsatz, der allgemeinste und der wahrste ist der, dass die wahre Kraft des Staates in einer hohen Volkszahl liegt.«
Der Staat wollte mehr Menschen – als Steuerzahler und Soldaten. Und tatsächlich wuchs die Bevölkerung ständig. Aber ernähren konnte sie sich häufig nicht.
Besonders traf das auf die Landbevölkerung zu, denn weder das Land noch die Ernte gehörte den Bauern. Die grundbesitzenden Herrschaften forderten Abgaben, die teils noch in Naturalien, meist aber in barem Geld zu zahlen waren. Deshalb gingen im 18. Jahrhundert, sobald es Sommer wurde, immer mehr Männer aus Nordhannover als Wanderarbeiter nach Holland. Die Hollandgänger, wie man sie nannte, arbeiteten als Torfstecher2 und Deichbauern und als Mäher in der Heu- und Getreideernte. Die Arbeiten aber, die man Fremden überlässt, sind immer und überall die schwersten und schmutzigsten. Zu Hunderten und Tausenden zogen nordhannoversche Untertanen im späten Frühjahr los und kehrten erst im September, Oktober zurück. Sie machten das jahre- und jahrzehntelang. Und sie wurden nicht alt dabei. Denn nicht nur die schwersten Arbeiten hob man für sie auf, sondern auch die primitivsten Unterkünfte und das kärglichste Essen. Am Ende aber gab es Bargeld, und davon lebten sie, die Brinksitzer, Häuslinge und Heuerlinge, die nicht-erbenden Bauernsöhne, die sich als Knechte verdingen mussten. So ernährten sie ihre Frauen und Kinder, die, während die Männer fort waren, Hand- und Spanndienste auf den Höfen der Grundherren verrichteten und bei Erntearbeiten der größeren Bauern halfen. Andere Männer arbeiteten in den Häfen, fuhren zur See, gingen in der Saison auf Walfang nach Grönland – viele kamen nicht wieder. Bald wanderten viele nach Amerika aus.
Es war jedenfalls aus diesem Reservoir einer immer kurz vor dem Verhungern stehenden Bevölkerung, aus der sich die »Anbauer im Moor« rekrutierten. In den Akten dieser Zeit votierten die Räte und Amtsmänner für immer mehr Dorfgründungen. Sie schrieben, man wolle doch die Menschen lieber im eigenen Lande halten und ihre Arbeitskraft nutzen, auf dass der heimischen Wirtschaft aufgeholfen und die neuen Dörfer ihre Abgaben an die nordhannoversche Obrigkeit zahlen würden.
Das Projekt der Binnenkolonisation nannte man zu jener Zeit gut französisch die Peuplierung, was mit Ansiedlung ganz gut übersetzt ist. Das Wort Melioration stand für die Kultivierung des Bodens. Aber warum konnte sich die wachsende Bevölkerung nicht ernähren?
Was war der Stand des landwirtschaftlichen Wissens, der Theorie und der Praxis?
* Anmerkungen ab S. 463
4. KAPITEL
DAMALS
Aus einem Stall wird eine Kirche, dann ein Tanzsaal. Wie man im Winter auf Schlittschuhen überallhin kommt.
GLEICH IN EINEM UNSERER ERSTEN JAHRE IM DORF gab es eine Hochzeit in der Nachbarschaft zu feiern. Wi möt na hochtied – hieß es. Wir müssen zur Hochzeit. Fast das ganze Dorf ›musste‹, und zwar nicht nur feiern, sondern auch bei den Vorbereitungen helfen. Und nach der Trauung einen Umschlag mit Geld überreichen, einen festgelegten Betrag, der den Brautleuten ein großes Fest ermöglichte. Hundert oder sogar zweihundert Gäste waren üblich.
Meine Eltern lernten schnell. Mein Vater fuhr jetzt mit anderen Nachbarn gemeinsam ›Grünes holen‹, das heißt mit Pferd und Wagen in die noch übrig gebliebene Wildnis eines nahe gelegenen Moores, in dem immer noch Torf gegraben wurde. Dort schlugen sie junge Bäume und Gesträuch, luden alles auf den Wagen und tranken viel Schnaps dabei. Wenn die Männer heimkamen, hatten die Frauen des Dorfs meist das Melken schon besorgt, die Kälber getränkt und vielleicht mit dem alten Bauern, wenn es auf dem Hof einen gab, das Vieh gefüttert. Dann mussten sie ihre schwer angetrunkenen Männer ins Bett bringen. Auch das war für meine Mutter neu.
Am nächsten Tag banden die Frauen die Kränze. Meine Mutter ließ sich von den freundlichen Nachbarinnen in alles einführen. Sie trafen sich in der Diele des nächsten Nachbarn, einige brachten Butterkuchen mit, einen auf großen Blechen ausgerollten Hefeteig, der mit Mandeln und Zucker bestreut oder mit einem Zuckerguss und geschroteten Mandeln glasiert war. Der war schnell ›abgebackt‹ worden, so nannten sie kurze Backzeiten. Zum Kuchen tranken sie reichlich Kaffee, beredeten alle Neuigkeiten, natürlich auf Plattdeutsch, und später wurde Likör ausgeschenkt.
Währenddessen errichteten die Männer am Eingang des Hofs ein Tor aus Balken und Latten, das bekränzt werden musste. Alleine für diese Einfahrt hatten die Frauen schon mehrere Meter Kranz aus Tannenzweigen und Papierrosen gebunden, die Eingangstür des Hauses wurde mit einem frischen Laubkranz geschmückt. Dazu kam die fast zwei Meter lange Buchsbaumumkränzung für das Brautsofa – und ein heimlicher Kranz aus Disteln und Brennnesseln für das Brautbett, den irgendwer irgendwann am nächsten Abend unter die Bettdecke schmuggeln würde.
Wir Kinder liefen zwischen allem umher, den Blumen aus Krepppapier, Schleifen und Bändern, aßen zu viel Kuchen, von dem uns abends schlecht war, und freuten uns am Gelächter der Erwachsenen, auch wenn einige, wie meine Mutter, streng blieben mit uns.
Trauung, Hochzeitsessen und Tanz fanden am nächsten Tag allesamt auf der Diele im Haus des Bräutigams statt, unseres Nachbarn zur Rechten. Es war, wie damals noch alle Häuser hier, ein niedersächsisches Hallenhaus, der Giebel im typischen Fachwerkstil gehalten, weiß gestrichene Balken teilten das Mauerwerk in Fächer auf, und das große Dielentor, de Grotdör, war im selben Grün gestrichen wie die beiden kleineren Türen rechts und links, die auf die Viehgänge führten, links standen die Pferde und rechts die Kühe. Hoch bepackte Erntewagen mit Heu oder Stroh konnten von Pferden oder auch dann den ersten Traktoren direkt auf die Diele gezogen werden oder rückwärts hineinbugsiert. In der hohen Balkendecke gab es eine Luke, durch die Heu und Stroh nach oben auf den Boden zur Winterlagerung gepackt wurden. Von der Diele aus, die auch bei uns noch aus Lehm gestampft war, fütterte man das Vieh. Rechts und links verliefen die dafür auf einen gemauerten Sockel gesetzten Krippen, hinter denen die mit Ketten befestigten Kühe und Rinder und ein bisschen abgesondert davon die Pferde standen. Aber man hatte auch Holzwände über den Krippen angebracht. Und so konnten nach dem Melken und Füttern, und wenn alle Arbeit im Stall getan war, die schweren Klappen, die an den Krippen nach unten hingen wie offene Türen in ihren Angeln, angehoben und am oberen Rand mit Holzknebeln befestigt werden. Damit war dann die Diele ein Raum für sich geworden und das Vieh aus dem Blickfeld verschwunden, auch wenn man es dahinter während des Tanzes noch rumoren hörte.
Die Diele unseres Nachbarn ist für die Hochzeitsfeier jetzt zusätzlich mit einem Holzboden ausgelegt, und am Ende des so entstandenen Saals ist der Altar aufgebaut. Davor steht der Pastor.
Zum ersten Mal sehe ich einen Mann in einem langen schwarzen Kleid. Er hat einen weißen Kragen um und macht ein ernstes Gesicht. Während alle singen, muss ich vor dem Brautpaar Blumen streuend auf ihn zugehen. Kurz vor ihm soll ich nach rechts abbiegen. Aber das habe ich vergessen, ich bleibe stehen und blicke zu ihm hoch. Meine Mutter, die seitlich in den Kulissen steht, zieht mich zu sich.
Dann kniet das Brautpaar schon vor dem Pastor nieder. Man hat dicke Kissen auf den Holzboden gelegt, damit die gute Kleidung nicht beschmutzt wird. Und damit die Braut sich leichter wieder erheben kann, ohne ihr Kleid zu verziehen oder den langen Schleier einzureißen.
Auch das Paar ist ernst – und sehr jung, beide sind keine zwanzig Jahre alt. Die älteren Frauen weinen. Das ganze Dorf ist gekommen, ungefähr achtzig oder hundert Menschen stehen in der Diele, nur die engsten Verwandten sitzen. Es gibt kaum jemanden, der mit der Braut und dem Bräutigam nicht irgendwie verwandt oder verschwägert ist, außer uns und noch ein paar anderen Flüchtlingsfamilien.
Nach der Trauung wird noch einmal gesungen. Die Bläsergruppe des Schützenvereins spielt. Die Gemeinde singt: »So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich kann allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst geh’n und stehen, da nimm mich mit.« Es ist mein erstes Kirchenlied. Ich singe und weine mit, vom Ernst der Worte und der Feierlichkeit der Gesichter überwältigt.
Endlich lächelt der Pastor nun doch und die Gäste rascheln und husten und schnauben kräftig in die Taschentücher. Dann stellen sie sich paarweise zum Gratulieren an und übergeben das Kuvert mit dem Geldgeschenk. Wer mit dem Brautpaar angestoßen hat – Schnaps für die Männer, Likör für die Frauen –, hilft beim Hereinschaffen der Stühle und Bänke. Die Frauen decken die Tische mit weißen Tüchern, tragen das Geschirr auf und legen das Besteck aus. Wir Kinder laufen zwischen ihnen herum und stören und werden irgendwann auf den Hof gescheucht. Da stehen einige Männer vor dem Dielentor, ein wenig steif in den ungewohnten Anzügen, redend und rauchend. Onkel Edu ist auch dabei und legt mir, als ich schüchtern an ihnen vorbeigehe, kurz seine harte Hand auf den Kopf. Na, min Deern.
Da bin ich verlegen und auch ein bisschen stolz, denn so gehöre ich jetzt etwas mehr dazu. Auch die anderen Männer gucken zu mir runter. Es kommt mir vor, dass ich keinen von ihnen kenne. Aber vielleicht liegt das auch nur an den Sonntagsanzügen. Während ich mich langsam entferne, höre ich, wie Onkel Edu den anderen erklärt, wer ich bin. De Lütte von denn Niegen. Die Kleine vom Neuen. Die Große ist meine Schwester.
Die Alten haben sich inzwischen auf die Bänke im Saal gesetzt und viele Kinder schliddern über den glatten Boden, hüpfen, rufen, rennen wild durch den Saal. Junge Männer fahren sich mit dem Zeigefinger in die Hemdkragen und lockern ein wenig die zu stramm gebundenen dünnen Schlipse. Eine der jungen Frauen, deren hoch toupiertes Haar ich schon von Weitem bewundert habe, hält sich mit einer Hand am Oberarm eines Mannes fest und hebt erst den einen und dann den anderen Fuß, um mit dem Gesicht über die rechte und dann die linke Schulter blickend zu prüfen, ob sie mit den Pfennigabsätzen ihrer Schuhe womöglich Dreck mit in den Saal gebracht hat. Die vor der Dielentür Stehenden reden und rauchen weiter, und wenn eine der Ehefrauen vorbeikommt, zieht sie ihrem Mann die Hand aus der Hosentasche, weil dies ein Festtag ist und sich nicht gehört – jedenfalls solange der Pastor noch da ist.
Wenn alle Tische und Bänke aufgebaut und die Tische gedeckt sind, nimmt das Brautpaar, wo eben noch der Altar gestanden hat, auf dem bekränzten Sofa Platz, die Brauteltern und der Pastor sitzen bei ihnen. Dann tragen die jungen Leute des Dorfs mit musikalischer Untermalung in schnellem Schritt und Gleichmarsch die Hadelner Hochzeitssuppe auf – große Schüsseln mit Rindsbrühe und Reis, kleinere mit Rosinen, dazu große Platten mit Rindfleisch. Meine Eltern werden aus dem Augenwinkel die Nachbarn beobachtet haben. Zuerst nahm man sich also ein großes Stück Fleisch und schnitt es im Suppenteller in Stücke, dann häufte man Reis drauf, streute Rosinen drüber, und als Letztes kam aus großen Kellen die mit kleinen, würzigen Fleischbällchen reichlich bestückte Brühe hinzu. Jeder mischte sich die Anteile nach seinem Geschmack, dazu gereicht wird Bier und Schnaps.
Wenn alle gesättigt sind, räumen die jungen Leute wieder ab – und der erste Tanz, zu dem die drei oder vier angeheuerten Musikanten aufspielen, gehört ihnen, noch vor dem Ehrentanz des Brautpaars.
Alles das mussten unsere Eltern kennenlernen und sich darin einfügen. Denn alles war neu für sie: die Menschen, ihre Haltungen und Gebräuche, von der Architektur – den strohbedachten Häusern und Ställen – bis zu den Gerichten – Hochzeitssuppe, Butterkuchen, aber auch Bratkartoffeln mit Rhabarberkompott zum Mittag. Vor allem aber der Grund und Boden für alles, die Landwirtschaft, die aus dieser Moorerde folgte, die Geräte, mit denen der Boden bearbeitet wurde, die Holzschuhe für Mensch und Tier – auch Pferden wurden im Moor Holzschuhe angeschnallt, damit sie nicht so tief einsanken. Dazu kam die Sprache, das andere Plattdeutsch, das hier gesprochen wurde und das ihnen völlig unbekannte Wörter enthielt. Dass ein Escher ein Spaten bedeutete und ein Leuwagen ein Besen – wer konnte das ahnen?
Am schwierigsten aber war es, sich an das viele Wasser zu gewöhnen. Man musste die verschiedenen Namen der Gräben lernen, die als kleine Gräben Grüppen hießen, auf der Grenze zum Nachbarn waren sie Grenzgräben, und der besonders breite und tiefe Graben, der durch das ganze Dorf führte, nannte sich, wie gesagt, die Wettern, ausgesprochen »Weddern«, »de Weddern«. Dazu gab es noch Kanäle und Vorfluter. Und den Hadler Kanal, der war der größte und schon etwas weiter weg.
Die Wettern war die Grenze des Hofs zur Straße, zum Dorf. Von der Straße aus, die parallel zur Wettern lag, führten kleine Brücken zu den Höfen. Sie waren zwischen Dorf und Hof die Übergänge für Mensch und Tier. Dicke hölzerne Pfähle, in deren Angeln die beiden Flügel der Pforte hingen, standen links und rechts an der Wettern. Sie waren weiß gestrichen, und wer Vieh durchs Dorf trieb, ließ gerne eines der Kinder vorauslaufen, das die Pforten schloss, damit die Rinder oder Schweine oder Schafe nicht auf die Nachbarhöfe liefen. Sonst waren sie selten tagsüber geschlossen, und bei uns fehlte von Anfang an der linke Pfortenflügel. Der rechte hing, dadurch sinnlos geworden, noch lange an dem bald schon gänzlich seitwärts geneigten Pfahl. Nie kam unser Vater dazu, ihn zu reparieren oder abzubauen, und einen Altenteiler, einen Opa, der sich mit solchen Reparaturarbeiten hätte beschäftigen können, hatten wir nicht. Es dauerte nicht sehr lange, bis auch der Rest der Pforte verschwand. Nur der Pfahl auf der rechten Seite mit seinen rostigen Angeln stand noch ein paar Jahre lang da. Immerhin markierte er fürs Auge die Begrenzung der Überfahrt. Denn im Sommer setzte an den Rändern der Wettern ein so üppiges Pflanzenwachstum ein, dass das Gras, die Brennnesseln und Brombeerbüsche bis ins Wasser hineinhingen. Man musste lernen zu erkennen, wo vermutlich noch fester Boden war und ab wann man gleich schon durch das Gebüsch mitsamt den abbrechenden Grassoden ins Wasser rutschen würde.
Vor allem unsere Mutter müssen die vielen Gräben geängstigt haben. Kleine Kinder konnten leicht hineinfallen und vom tiefschwarzen Wasser verschlungen werden, ohne dass es einer bemerkte.
Neben der Brücke über die Wettern gab es unten am Wasser eine flache Stelle, wo offenbar durch viele Fuhren Sand eine Zugangsstelle entstanden war. Unser Vater trug oder fuhr die diversen Geräte und Wagen dort nahe heran, holte mit einem Eimer braunes, mooriges Wasser aus der Wettern und übergoss, was zu säubern war, schrubbte mit dem Besen und spülte eimerweise nach. Ich staunte jedes Mal, dass der Mist- und der Düngerstreuer, dass die Schaufeln, Spaten und Hacken nach dem Waschen mit so einem schwarzen Wasser wirklich sauberer waren und sogar glänzen konnten, und die eisernen Gitterräder, die manchmal zur Verdoppelung der Radfläche an die großen Hinterräder des Treckers geschraubt wurden, zeigten dann Spuren ihrer ursprünglichen Rotlackierung.
Bei Regenwetter war der kleine matschige Strand völlig aufgeweicht. So oder so diente er unseren Entenmüttern als Zugang, wenn sie im Frühjahr ihre frisch ausgebrüteten Küken zum Wasser führten. Und wir Kinder spielten dort gerne mit Matsch und Wasser – obwohl es an Matsch und Wasser an keiner Stelle des Hofes fehlte. Da setzten wir dann kleine Boote aus Baumrinde oder auch Löwenzahnkränze aufs Wasser, sahen sie wegschwimmen und versinken.
In den ersten Jahren existierte noch ein weiteres Spiel. In den Wettern lagen nämlich Baumstämme, die als Bauholz zum Härten gewässert wurden. Die Stämme waren entastet, besaßen aber noch ihre Rinde, auf deren mal trocken-bröckeliger, mal glitschig-nasser Oberfläche wir entlangbalancierten, barfuß, in Schuhen oder Gummistiefeln. Oft lagen mehrere Stämme so dicht nebeneinander, dass sie sich nicht rührten, wenn wir auf ihnen entlangspazierten. Manchmal aber drehte sich auch ein Stamm um seine eigene Achse und ein Kinderfuß konnte da leicht abrutschen oder das ganze Bein zwischen den Stämmen im moorigen Nass verschwinden. Wenn einer von uns dann ›einen nassen Fuß‹ bekommen hatte und auf Nachfragen, wie das passiert war, mit der Wahrheit rausrückte, stellte unsere Mutter uns aufgebracht vor Augen, dass man auf diese Weise zwischen den Stämmen abrutschen könnte und sich nicht ohne Weiteres selbst befreien, weil das schwere Holz der Stämme sich über dem versunkenen Kind wieder nebeneinanderlegen würde. Das jagte uns wirklich einen mächtigen Schrecken ein. Beim nächsten Mal war das Balancieren dann umso aufregender. Aber wenn wir einen Erwachsenen kommen sahen, sprangen wir doch lieber ganz schnell ans Ufer und taten harmlos.
Das Schönste aber war, wenn die Wettern im Winter zugefroren war. Als kleine Kinder fuhren wir dann mit Schlittschuhen auf dem Eis das ganze Dorf entlang. Die Brücken zu den Höfen, unter denen wir dann gebückt hindurchkriechen mussten, machten die Sache noch etwas spannender. Denn dort unten war das Eis nicht ganz so dick gefroren und überhaupt war man hier den brüchigen Rändern näher. Mit den Absätzen der Schuhe oder den scharfen Kanten der Schlittschuhe testeten wir an den kristallinen Eisrändern, ob es wohl brechen würde. Wir zogen dann, ein kleines Rudel von Dorfkindern, die nach der Schule Schlittschuh liefen, auf den Wettern durch das ganze Dorf und zurück. Und die Großen fuhren noch weiter über das Kanalsystem in die Weiten uns unbekannter Felder zu einem See, von dem es dann hieß, er sei gänzlich zugefroren, und dort gebe es eine schneefreie Eisfläche, auf der man wirklich lossausen konnte.
Gingen wir nur deshalb nicht mit, weil die Großen uns klarmachten, dass sie keine Lust hatten, auf die Kleinen aufzupassen? War es uns ausdrücklich verboten worden? Oder fürchteten wir, in der früh einbrechenden Dunkelheit auf den weiten, unbekannten Wiesen und Kanälen und auf uns selbst angewiesen nicht mehr nach Hause zu finden? Vielleicht war es auch, dass wir spätestens zum Viehbesorgen zu Hause sein mussten.
Fünf Uhr, das war immer schon der Auftakt zur letzten Runde des Tages. Für die Frauen und Kinder hieß es, die Milchkannen waschen, melken, die Kälber tränken, Enten und Hühner für die Nacht einsperren und mit Wasser und Futter versorgen. Das Füttern der Kühe und Ausmisten der Ställe besorgten die Männer.
5. KAPITEL
18. JAHRHUNDERT
Was Goethe über Bauern denkt und warum über die englische Landwirtschaft ein Buch geschrieben werden musste. Ein Arzt aus Celle wird Musterlandwirt.
»SO STIEG ICH DURCH ALLE STÄNDE AUFWÄRTS«, schrieb Goethe 1780 an einen Freund, »sehe den Bauersmann der Erde das Nötigste abfordern, das doch auch ein behägliches Auskommen wäre, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn die Blattläuse auf den Rosenzweigen sitzen und sich hübsch dick und grün gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten Saft aus den Leibern. Und so geht’s weiter, und wir haben es so weit gebracht, dass oben immer in einem Tag mehr verzehrt wird, als unten in einem beigebracht werden kann.«
Goethe war als Minister selbst Teil der oberen Stände. Er kannte aus eigener Anschauung das luxuriöse Leben der Adeligen am Hofe, gehörte sozusagen selbst zu denen, die den Blattläusen, also den Bauern, den Saft abzapften.
Diesen Brief schreibt er von einer Reise zu Pferde, die er gemeinsam mit dem Briten George Batty unternommen hat, den man in Weimar als »Landkommissar für Bodenverbesserung« gewonnen hatte. Jetzt besichtigte Goethe mit ihm die »kunstreichen Bewässerungsanlagen für die Wiesen im Eisenacher Oberland«, die seit dem Frühjahr 1780 angelegt worden waren.
Goethe hatte ein scharfes Auge für die Lebensverhältnisse der Leute. Es gibt von ihm aus diesem Jahr eine kleine Zeichnung, auf der er »Bauernhütten« skizziert hat. Wie viele Gebildete, die mit Papier und Stift umgehen konnten, zeichnete er, was er sah – so wie man später Fotos machte. Es existieren viele schnelle Skizzen von ihm, hier von niedrigen, schiefen Hütten mit zerfetzten Strohdächern, zu einem seitlichen Verschlag führt die Hühnerleiter empor, ein paar Balken an der Seite zeigen einen Brunnen an – eine Kate, wie sie Modell gestanden haben könnte für die bald entstehenden Hütten unseres Dorfs.
Goethes Besichtigung der Bewässerungsanlagen und seine Bemerkungen zeigen, dass das Thema der Bodenverbesserung, der Melioration und auch eine gewisse Nachdenklichkeit in Sachen Bauernstand im Zeitgeist der Aufklärung lagen. Dabei kamen viele der neuen Boden-, Pflanzen- und Tierzuchtexperten aus Britannien. Denn nicht nur in Sachen Industrialisierung wurde England zum fortgeschrittensten Land der Welt. Im späten 18. Jahrhundert war bereits die technische Entwicklung im Bereich der Landwirtschaft europäisches Vorbild. Der britische König Georg III. – der, wie wir wissen, gleichzeitig Kurfürst von Hannover war – förderte begeistert landwirtschaftliche Experimente auf seinen Gütern, man nannte ihn auch spöttisch Farmer George. 1783 wird in London von der Society of Arts von dreiundachtzig neuen Erfindungen und Entwicklungen berichtet – alleine dreiundsechzig von ihnen hatten in der Landwirtschaft stattgefunden, darunter waren Sämaschinen für Bohnen, Weizen und Runkelrüben, Pflüge mit neuartigen Scharen, Kombinationen von Pflug und Sämaschine, Strohschneide-, Dresch- und Spreumaschinen.
An dieser Stelle muss man auf Albrecht Daniel Thaer1 zu sprechen kommen – und auf die Missstände im Landbau, die er vorfand. Fünf Jahre schrieb der Untertan des hannoverschen Kurfürsten an seinem Buch mit dem barocken Titel »Einleithung zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren practischen und theoretischen Fortschritte in Rücksicht auf Vervollkommnung deutscher Landwirthschaft für denkende Landwirthe und Cameralisten«. Cameralisten wurden jene Beamten genannt, die sich mit den Finanzen eines Landes befassten. Albrecht Daniel Thaer, 1752 in Celle geboren, war zunächst nur ein erfolgreicher Arzt, der sich leidenschaftlich mit Pflanzenzucht beschäftigte – aber immerhin einer, der alles aufschrieb, was er unternahm und beobachtete. Als Mitglied der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft von Celle profitierte er vom regen Wissenstransfer zwischen London und Hannover. Seine ärztlichen Honorare und staatlichen Gehälter ermöglichten ihm, sein kleines Gut vor den Toren der Stadt zu einer viel besuchten Musterwirtschaft auszubauen, um deren praktische Seite – Aussaat, Ernte und Milchwirtschaft – sich sechs Knechte und Mägde kümmerten. 1797 wurde Thaer korrespondierendes Mitglied des »Board of Agriculture« in London, und sein erstes bahnbrechendes Buch führte zu vielerlei Bekanntschaften mit landwirtschaftlichen Reformern in aller Welt – und bald zur Gründung einer ersten Landwirtschaftsakademie.
Was aber waren die Missstände, die jemand wie Thaer in der Landwirtschaft vorfand?
Eine der grundlegendsten Einschränkungen für eine effektive Landwirtschaft, so heißt es, waren Fragen des Grund und Bodens, die herrschende Kombination von Flurzwang, Dreifelderwirtschaft und Allmende.
Dreifelderwirtschaft bedeutete, einen Acker im einen Jahr mit Sommergetreide zu besäen, im nächsten Jahr mit Wintergetreide und im folgenden Jahr brach liegen zu lassen; auf der Brache durfte das Vieh grasen und seinen kostbaren Dung hinterlassen. Durch den Flurzwang mussten die Bauern eines Dorfs oder einer Herrschaft alle gleichzeitig dieselben Getreide- und Erdfrüchte säen und pflanzen und im Herbst auch ernten bzw. reihum die Äcker als Brachen liegen lassen. Keiner sollte dem anderen voraus sein, die fehlenden Wege und Überfahrtrechte zu den weit über die Fluren verteilten Äckern machten solche Uniformität sinnvoll. Aber die Entwicklung neuer Saaten und Sorten, Methoden des Anbaus und der Ackerpflege blieben dadurch aus. Und weil sich zudem die Einteilung der Felder von Jahr zu Jahr änderte, machte sich keiner die Mühe, ›seinen‹ Boden zu verbessern.
Ein weiteres großes Problem war das Hutungsrecht, also das Recht aller, seine Gänse, Schweine, Schafe und Rinder jederzeit auf den Gemeindewiesen und Brachen zu weiden. Das wohlwollende Prinzip der Allmende war mit wachsender Armut einer immer größeren Regellosigkeit gewichen, in der sich nur noch die Stärkeren durchsetzten. Unter dem Titel »Von dem geringen Nutzen gemeiner Hut und Weiden« zählte die Zeitschrift »Neues Hannoverisches Magazin« 1801 sieben Punkte auf, die zeigten, wie sehr diese Praxis inzwischen die Gemeinschaft selbst schädigte. Überall würden Maulwürfe Gras verschütten, Pfützen und Kuhlen würden nicht entwässert, sodass nur schlechtes oder gar kein Gras wüchse, allerlei Disteln, Binsen und Schilf fände sich ein, die sich durch ihre Samen immer weiter verbreiteten und vom weidenden Vieh immer stehen gelassen würden, während »die guten, nahrhaften Kräuter« schon vor dem Aussamen gierig abgenagt würden und sich deshalb nicht fortpflanzen könnten. Beklagt wurde auch, dass die Schweine des Dorfs den Anger unkontrolliert umwühlten, Gänse das Gras mit den Wurzeln ausrissen und ihren ätzenden Mist überall fallen ließen und Schafe das Ganze zusätzlich verdürben durch ihren Gestank und ihren Biss bis zur Wurzel. Überdies sei den Rindern und Pferden »deren Miste eckelhaft und zuwider«, und sie könnten dort nicht mehr geweidet werden.
Behördliche Anordnungen zur Abstellung solcher Missstände waren meist von kümmerlicher Art, und so drängten die Experten – darunter Albrecht Daniel Thaer – auf eine schnelle Abschaffung oder wenigstens Einschränkung von Flurzwang und Huterecht.
Zur Verbesserung der Ernten war außerdem der Schutz vor pflanzlichen und tierischen Schädlingen dringend geboten. Unkraut- und Mäusebefall konnten eine Ernte derart schmälern, dass für den Menschen kaum noch etwas übrig blieb. Die Behörden wiesen bei schwerem Befall durch ein Kraut dann wohl an, dass jeder, »welcher dergleichen Land besitzt oder in Pacht hat, ohne Unterschied, er sey von was Stande oder Würden er wolle«, die Pflanzen auszureißen habe, und kündigten Kontrollen durch »Feld-Geschworene« an. Und einer Mäuseplage will man dadurch Herr werden, indem man zu etwa acht Kilogramm »Gersten- oder Weitzenmalz ein halbes Pfund feingepulvertes Arsenicum« hinzugibt, mit Wasser anmischt, daraus Kugeln formt, »einer guten Muscatnuß groß«, und die Kügelchen in die Mäusegänge steckt, während man Ratten bekämpfte, indem man sie mit Getreide in einen geschlossenen Hof lockte, ihnen den Rückweg versperrte und sie erschlug. »Ein Abend hintereinander wiederholt man diese traurige Mordgeschichte«, wurde angewiesen, so müsse man sich dann immerhin nicht mit dem »unerträglichen Geruch« herumschlagen, mit dem vergiftete Ratten die Luft in Häusern, Ställen und Scheunen oft Monate lang »infizieren«. 1802 wurden Sperlinge als besondere Schädlinge ausgemacht, und da, wie im »Hannöverschen Magazin« steht, die üblichen Vogelscheuchen hier nichts bewirken, soll »jeder Besitzer eines Hauses auf dem platten Lande, in den Sand-Gegenden sowohl als in den Klei*-Gegenden«, im Kampf gegen die Sperlingsplage »6 Stück Sperlinge«, und zwar ihre Köpfe, zwischen dem »1.sten Februar bis zum 1.sten Mai dieses Jahres« abliefern.
Als Thaer mit seiner Musterwirtschaft in Celle begann, war all dies noch im Schwange. Seine große Tat war eine neue Logik der Planung und Bewirtschaftung. Nicht mehr das Dorf stand als die kleinste landwirtschaftliche Einheit im Mittelpunkt, sondern der einzelne Betrieb. Als Praktiker nutzte er seine eigene Brache, die nicht mehr die Brache des ganzen Dorfs war, um Futterpflanzen und Hackfrüchte wechselweise anzubauen. Er zeigte, dass mit dieser Art Fruchtwechsel, Getreide und Rüben, später auch Kartoffeln, selbst ohne Brache gute Erfolge erzielt wurden. Und durch den Einsatz neuer Geräte und Maschinen konnte bei ihm oft mehr vom Feld geholt werden, weil es schneller ging und einem seltener die Ernte noch in letzter Minute verhagelte oder einregnete. Als Arzt empfahl er zudem die langsam aufkommende Kartoffel als Nahrungsmittel und bescheinigte ihr, dass sie eine vollwertige Ernährung für die Bevölkerung sei.
Von nah und fern kamen Grundbesitzer und Gutsherren – nur sie konnten seine Schriften lesen und hatten Zeit und Geld, um zu reisen –, besuchten das cellesche Mustergut und hatten tausend Fragen. Thaer begegnete dieser Anforderung, indem er zu festen Terminen kleine Fragestunden abhielt, 1799 die »Annalen der Niedersächsischen Landwirthschaft« gründete und dort Fragen und Antworten publizierte. Schließlich eröffnete er 1802 das erste landwirtschaftliche Lehrinstitut. Auch ging er bald selbst viel auf Reisen, fuhr nach Mecklenburg, Holstein und Brandenburg, stieß auf viele ungelöste Probleme von Ackerbau und Viehzucht, machte neue Erfahrungen in Bodenbearbeitung und Gerätegebrauch, führte Experimente in Woll- und Milchviehbehandlung, Pflanzen- und Tierkrankheiten durch, und er überzeugte sich von der Notwendigkeit, bessere Samen zu züchten. Er las und schrieb unermüdlich, berichtete auch über seine Misserfolge, was ihn bei Praktikern besonders glaubwürdig machte.
Tatsächlich war unter dem Bevölkerungsdruck in Europa eine Zeit permanenter Erforschung und Anwendung neuer landwirtschaftlicher Erkenntnisse angebrochen. Es war die hohe Zeit der Beobachtung und Beschreibung von Ursache und Wirkung. Thaer hatte bei den Versuchen auf seinem Celler Mustergut und bei den Reisen im ganzen Land bald begriffen, dass es auf die Art des Bodens ankam, welche Feldfrüchte dort mit welchem Erfolg angebaut werden konnten. Regeln konnten immer nur für einen bestimmten Standort gelten und nicht für einen anderen. Auch auf den Rhythmus des Anbaus kam es an. Zuerst hatte er eine durch Kleeanbau verbesserte Dreifelderwirtschaft versucht, dann kam er auf einen vierschlägigen Fruchtwechsel – Wintergetreide, Hackfrüchte, Sommergetreide, Klee. Damit erreichte Thaer einen um 30 Prozent höheren Ertrag, denn der Wechsel von Halm- und Blattfrucht verbesserte den Bodenhumus, der Boden hielt besser die Feuchtigkeit, weniger Insektenbefall war die Folge. Klee und Kleeheu kamen außerdem den Kühen zugute, die auch im Sommer im Stall gehalten wurden, damit der Dung wirksamer gesammelt und auf den Feldern verteilt werden konnte. Die Fruchtbarkeit des Bodens verbesserte sich, und das Einarbeiten des Mists bekämpfte gleichzeitig das Unkraut, während es die Erde für die nächste Einsaat vorbereitete. Die Milch der Kühe war für die Bauern weniger wichtig als die männliche Nachzucht, die nächste Generation von Spannvieh, die Ochsen vor dem Pflug.
Wollte man die anwachsende Bevölkerung ernähren, musste in der Landwirtschaft wirklich alles neu bedacht werden. Vielleicht konnte ein Außenseiter am ehesten die Dinge ohne Vorurteile betrachten – und verändern. Schon früh hatte Thaer geschrieben: »Der Instinkt des Menschen überhaupt ist: nach der Vernunft handeln. Er muss sich bei jeder Erscheinung Ursache und Wirkung denken.«
6. KAPITEL
ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS
Protokolle der Moorkonferenzen reisen per Pferdekutsche nach London. Die ersten Anbauer, Aschedüngung und Buchweizensaat.
WENN DIE HANNOVERSCHE REGIERUNG ein neues Dorf plante, wurde als Erstes das Land vermessen. Man prüfte die Boden- und Wasserverhältnisse, wandte die neuesten Methoden der Kartierung an und zeichnete Landkarten. Aus diesen Aufzeichnungen wurden Akten, und aus Akten wurden Aktenberge. Immer mehr Ämter wurden mit immer mehr Untersuchungen beauftragt und um Gutachten gebeten. Die sich ansammelnden »Promemoria«, »Protocolle« und »Rescripte« wurden gebündelt und der nächsthöheren Behörde vorgelegt.
Wer die originalen Dokumente aus den Archiven gräbt, trifft auf dicke Papierstöße in dünnen blauen Aktendeckeln, mit zähen Bändern kunstvoll verschnürt. In verschiedenen Handschriften aus verschiedenen Zeiten stehen auf ihnen die Inhalte angegeben. Schnürt man die Akten auf, stößt man auf die handgeschriebenen Briefe, Doppelbögen aus dickem, lederartigem, handgeschöpftem Papier in einem länglichen Hochformat, an den Rändern verdunkelt und zerlappt und geziert mit dem Stempel über die Bezahlung der Gebühr – »vier Schilling, zwei Gute Groschen«.
Die Faltung der Bögen zeigt, in welcher Weise sie Brief und Umschlag zugleich waren, das dunkelrote getrocknete Siegelwachs an den Aufbruchstellen der Briefe war oft noch vorhanden. Mühsam stolpert man durch die Tabellen, Protocolle, Promemoria und Rescripte – und schließlich trifft man auf die Meyerbriefe der Mooranbauer, aus mittelalterlichen Meyerbauern* hatten sich Erbpächter entwickelt. Kaum etwas ist je verständlich ohne eine Übersetzung all jener Worte, die ihre Bedeutungen längst verändert haben. Und wenn man dann auf die Unterschrift eines Bauern auf seinem Meyerbrief stößt, wird einem die große Kluft deutlich, die zwischen diesen Schriften und ihren Schreibern auf der einen und den Kolonisten auf der anderen Seite geherrscht hat. Die Unterschrift der Bauern besteht nicht selten aus drei Kreuzen, zittrig gemalt wie von Kinderhand – nicht wie ein X, sondern aufrecht gestellt wie Grabkreuze.
Unter den Akten befindet sich auch das schriftliche Hin und Her jahrelanger Prozesse, die bei Beginn der staatlichen Moorkolonisation von benachbarten Gemeinden gegen den Landesfürsten geführt wurden. Schließlich hatten sie von den angrenzenden Mooren selbst Gebrauch gemacht, und es dauerte seine Zeit, bis Gerichte entschieden hatten, es gehöre den Landesherren.
In Vertretung des Landesherrn, der gleichzeitig als britischer König fungierte, also in London saß, wirkten in Hannover die sechs »Geheimen« oder auch »Geheimten Räthe«, die dem Souverän in Abwesenheit seine Geschäfte führten. Zweimal in der Woche gingen reitende Boten aus Hannover nach London zur Deutschen Kanzlei ab. Und seit Beginn der Personalunion 1714 mussten alle drei Monate in Hannover je sechs Pferde vor zwei Kutschen voller Akten gespannt werden. Ohne Unterbrechung fuhren sie in hohem Tempo, wie es die Wege hergaben, außer zum Wechsel der Gespanne an bestimmten Relaisstationen wurde nicht haltgemacht, Zollschranken durften die königlichen oder kurfürstlichen Kutschen ignorieren. Über Nienburg und Wildeshausen gelangte man zum niederländischen Hafen Hellevoetsluis, einem wichtigen Hafen nahe Rotterdam in Südholland. Dort schifften sich die zweimal wöchentlichen Kuriere und Quartalskutschen auf die Paketschiffe ein, dann konnte man nur noch hoffen, einen fähigen Seemann und gnädige Winde zu erwischen, um unbeschädigt in Harwich an Land zu kommen. Das Wetter über Nordsee und Ärmelkanal ging selten sanft um mit den Seglern, die sie befuhren, und natürlich sind während der über hundert Jahre währenden Personalunion auch einige königliche Boten und Botschaften untergegangen. Wenn es aber gut gegangen war, rasten die Kutschen und Kuriere vom Hafen in Harwich direkt weiter nach London und fuhren und ritten dort ein in den Hof des St.-James-Palasts, in dem die Deutsche Kanzlei residierte. Die Reise dauerte eine Woche, in eiligeren Fällen legten reitende Kuriere sie auch einmal in vier Tagen zurück.
Im St.-James-Palast packten eilfertige Diener dann die Aktenberge aus, hannoversche Räte und Sekretäre sortierten sie, und die acht, später nur noch vier höchsten Beamten nahmen sie sich zur Lektüre vor. Sie befassten sich auch mit den Promemoria und Rescripten der Ämter zu den »Moorconferenzen«, mit den Schreiben der Moorkommissare in Sachen Torfstich, Schiffsgräben, Brücken und Wehre, sowohl mit den Kosten der Kolonisation als auch mit den durch sie eingenommenen Steuern. Sie lasen und notierten, verglichen und besprachen. Dann diktierten sie den Brief, den sie den König respektive seinem höchsten Minister – während der Moorkolonisation von 1771 bis 1795 ein Herr von Alvensleben – als Antwortschreiben vorschlugen. Wenn drei Monate später die nächsten Aktenberge aus Hannover in den Palast nach London geliefert wurden, warteten die Entscheidungen, Beschlüsse und Anordnungen der »ehrwürdigen Hoch- und Hochwohlgeborenen Exzellenzen« des Ratskollegiums gut verschnürt darauf, um über Land und Meer an den Stellvertreter im Hannoverschen zurückexpediert zu werden.
War der Bescheid positiv, machten im Umland der Moore die Pastoren von den Kirchenkanzeln bekannt, dass ein neues Dorf gegründet würde, »Anbaulustige« sollten sich an bestimmtem Ort und zu bestimmter Zeit einfinden, um die Bedingungen zu erfahren.
Als auf diese Weise endlich die Gründung eines Dorfs im Bachenbrucher Moor genehmigt war, bewarb sich auch Barthold Lafrenz aus dem nahe gelegenen St. Joost, vierhundert Jahre zuvor ein Wallfahrtsort mitten im Moor, mit seiner Frau Adelheit um eine Meyerstelle. Sie erhielten die Zustimmung zur Ansiedlung und begannen mit der Arbeit an einer Moorkate – genau auf jener Hofstelle, auf der ich zweihundert Jahre später das erste Hochzeitsfest meines Lebens miterlebte. Er war, in der Terminologie unseres Dorfs ›de süerste‹, also der südlich gelegene, nächste Nachbar.
Anfangs mussten sie alle, die Lafrenzens und von Thadens, die Bartenhagens, Offermanns, Wölberns und Struncks, gemeinsam einen breiten, zwei Kilometer langen, tiefen und breiten Graben ausheben, die Wettern. Der Aushub wurde zu einem Weg parallel unserer späteren Dorfstraße, daran entlang steckte man die Hofstellen ab. Wer auf welche Stelle kam, wurde überall in den Mooren durch Los entschieden. Nur der nun schon alteingesessene Wolderich hatte sein Land selbst wählen können und baute als Erster ein richtiges Haus. Alle anderen »Colonaten« errichteten auf ihren Stellen einen leichten Holzrahmen und beschwerten ihn mit Stroh, Torf- und Heidesoden, das erste Dach über dem Kopf. Aber das ging natürlich nur im Sommer gut. Bis zum Winter musste man höher gebaut haben, wegen des hoch stehenden Grundwassers und der Überschwemmungen. An die Erdlöcher, von denen manchmal die Rede ist, glaube ich eher nicht.
Der erste Moorkommissar war Jürgen Christian Findorff, er stammte aus Lauenburg an der Elbe und war ursprünglich Wasserbaumeister und Landvermesser. Seit 1751 war er mit der nordhannoverschen Moorkolonisierung beschäftigt. Er billigte keinesfalls, wenn Moor-Anbauer in Katen lebten – geschweige in Erdlöchern. Seiner Meinung nach sollten die Ämter ihnen gleich am Anfang helfen, richtige Häuser zu errichten. Er wusste aus Erfahrung, wie wenig Aussicht bestand, dass Moorbauern bei schlechten Ausgangsbedingungen aus den ärmlichen Verhältnissen jemals herausfinden und eine rentable Landwirtschaft aufbauen konnten. Findorff hat man gerne eine große Nähe zu den Moorbauern nachgesagt, tatsächlich hat er sogar später selbst eine Anbauer-Stelle übernommen. Aber in erster Linie war er Staatsbeamter und vertrat entschieden das eigentliche Ziel der Kolonisation, nämlich mehr Lebensmittel für die Städte zu produzieren durch die Urbarmachung von Heiden und Mooren. Und auf dem Lande für künftige Steuerzahler zu sorgen.
Die Zuständigkeiten für Pachten, Steuern und Kirchengebühren sind genau erfasst. Sie wurden für unser Dorf in einem einzigen, damals wie heute kaum verständlichen Satz beschrieben. Er lautet übersetzt: »Nachdem man darüber schon vorher mit dem königlichen Ministerium und der königlichen Kammer verhandelt hat, ist jetzt festgelegt worden, dass die Rechtsgewalt über die Anbauer im Bachenbrucher Moor erst einmal auf zwölf Jahre dem Amtsschreiber Nanne in Bremervörde besonders aufgetragen ist; seine Eingaben gehen an die königliche Regierung nach Ratzeburg [i. e. Cuxhaven]; gleichzeitig sind die Anbauer aber wirkliche Hadelsche Untertanen und werden nach den entsprechenden Gesetzen behandelt; sie genießen die entsprechenden Immunitäten und sind in polizeilichen Angelegenheiten – so, wie das Polizeirecht dort vorgibt – dem Kirchspielsgericht, zu dessen Bezirk sie gehören [das war in diesem Fall Steinau], unterworfen, und was die Steuern angeht, müssen sie in dem Maße dazu beitragen, in dem Herrschaftliche Meyer und Anbauer auf staatlichem Land nach Hadelscher Verfassung verpflichtet sind; und was die Pfarrgemeinde betrifft, sollen sie im Hadelschen Steinau eingepfarrt sein; dem Amtsschreiber Nanne wird in dieser Sache der nötige Auftrag des Gerichts zugehen, als auch dem Consistorium das Nötige zugesandt in Hinsicht auf die anzuordnende Einpfarrung eines neuen Dorfs nach Steinau; und so werden hierdurch auch die Herren [Grundeigentümer] davon benachrichtigt, um auch die Stände des Landes Hadeln hiervon in meinem Namen in Kenntnis zu setzen, falls das erforderlich ist, was ich glaube, in kirchlichen Dingen sind sie wie Hadelsche Untertanen Untergebene des Hadelnschen Landeskonsistoriums … Hochachtungsvoll [und den] ehrwürdigen Hochedelgeborenen [ein] ergebener Diener …«1
Die Unterschrift ist unleserlich. Beurkundet ist dieser Vorgang für den 12. November 1783, weshalb das Gründungsdatum des Dorfs mit diesem Schreiben angesetzt wird.
Tatsächlich werden sich die hier aufgezeichneten Zuständigkeiten als einigermaßen kritisch für die Obrigkeiten erweisen – und für die Dörfler immer wieder als hilfreich.
Für Barthold Lafrenz wird es die Aussicht auf einen sogenannten eigenen Hof gewesen sein, die ihn, wie alle anderen auch, angelockt hat – auch wenn die Höfe nur Meyerstellen waren, Höfe in Erbpacht. Vielleicht sind seine Eltern und ein unverheirateter Bruder mit ihm auf die Meyerstelle gegangen. Tatsächlich tauchte 1792 ein weiterer Lafrenz in der Chronik auf, ein Claus Lafrenz übernimmt die Hofstelle uns zur Linken, die später Onkel Edu gehören wird.
Im Frühjahr begannen dann die Feuer. Zuerst wurden Heide, Gras und Strauchwerk abgeschlagen, dann mit Spaten und Hacken große Soden gestochen, sogenannte Plaggen. Die Plaggen häufte man auf und steckte sie in Brand, dabei musste man aufpassen, dass sich das Feuer nicht tief in die Erde einbrannte, weil das Moor sonst tage- und wochenlang gebrannt hätte. So oder so verschwand die Gegend wochenlang in Rauch.
Im nächsten Schritt wurde die Asche eingesammelt und als Dünger* gestreut, darauf dann die erste Saat ausgebracht. Meist konnte nur Buchweizen gesät werden, der auch auf armen Böden wächst und schnell zur Reife kommt.
Im Sommer haben dann vielleicht die weiß blühenden Felder einmal einen Anblick ergeben, der träumen ließ von zukünftigen Feldern, die diese Benennung wirklich verdienten. Sie haben zumindest den Kindern eine kleine Helligkeit ins Herz gezaubert – wenn nicht das Ganze schon im August von endlosen Regentagen und dem ansteigenden Wasser der Wettern und aller anderen Gräben überschwemmt auf dem Halm verfaulte und verschimmelte. Mager wird die Ernte so oder so gewesen sein. Aber ein halber Sack mehr oder weniger Buchweizengrütze für den morgendlichen Brei im Winter oder ein paar Pfund Buchweizenmehl mehr für den Festtagspfannkuchen war für manche Familie womöglich schon der Unterschied zwischen einfachem Hungern und Verhungern.
Vorstellen muss man sich die Mooranbauer noch elender als die legendär armen Geestbauern*, die auf Sand ackerten, bis dahin hier der magerste Boden. Die Kinder der Moorbauern starben in noch höherer Zahl – die Säuglinge schon wegen der nie trocknenden Wäsche und der schlechten Ernährung ihrer Mütter. Noch hundert Jahre später schrieb der Dichter Rainer Maria Rilke über die Moorbauern: »Das Lächeln der Mütter geht nicht auf die Söhne über, weil die Mütter nie gelächelt haben.«
Während der Rauch über die Moore zog und die Menschen sich in ihre ersten Behausungen einlebten, versuchten die Behörden immer wieder, einen Überblick zu erlangen über die Landwirtschaft und wie sie zu verbessern wäre. Im Verlauf der Moorkolonisation wuchsen die Aktenberge, und für das platte Land entstand so etwas wie eine staatliche Verwaltung. Das Thema Landwirtschaft schob sich dabei langsam ins Zentrum des Politikmachens. Es ging um Entwässerungs- und schiffbare Gräben für den Transport von Produkten, vor allem den Torf, um gute Obstbäume und neue Sämereien, fieberhaft wurde nach der besten Düngung eines Ackers gesucht.
Wann und durch welche Düngung wird ein Acker für welche Frucht besonders gut vorbereitet? Welcher Mist – von Geflügel, Schweinen, Rindern oder Pferden – hilft bei welchen Ackerfrüchten am besten und zu welchem Zeitpunkt? Und was soll geschehen, wenn kein Vieh und damit kein Mist vorhanden sind?
Die erste Düngung im Moor war die Asche des Abbrennens – aber nach acht Jahren, so hieß es, funktionierte das nicht mehr. Als gute Düngemethode ohne Mist galt lange Zeit auch das Mergeln, also das Ausstreuen eines pulverisierten, kalkhaltigen und porösen Gesteins, des Mergels. Tatsächlich führte das in Feuchtgebieten zunächst zur Entsäuerung und Festigung des Bodens. Aber auch hier war nach ein paar Jahren der Boden ›ausgemergelt‹, das heißt, er war am Ende besonders stark ausgelaugt worden, weil er ohne jede wirkliche Zufuhr von Nährstoffen geblieben war.
Die Bauern hatten das bald begriffen. »Mergel macht den Vater reich und den Sohn arm«, sagten sie. Aber in der frühen Beratungs- und Erfahrungsliteratur war noch lange vom Vorteil des Mergels die Rede. Und wenn wir schon vom Düngen ohne Mist sprechen, muss auch der Klee-Pionier Johann Christian Schubart2 Erwähnung finden, der sich als Propagandist des Rotkleeanbaus auf der Brache einen Namen gemacht hat. Denn damit war, wenn auch noch unverstanden, die Verbesserung des Ackerbodens durch Stickstoffbildung verbunden. 1784 wurde Schubart, Sohn eines Webers und Tuchmachers aus Zeitz, von Kaiser Joseph II. in den Adelsstand erhoben und hieß von nun an »Edler von dem Kleefelde«.
Was die Bodenchemie anging, machte zwanzig Jahre später in London ein deutscher Apotheker Furore, der ein tragbares Labor entwickelte, mit dessen Hilfe er Boden- und Gesteinsproben direkt auf dem Acker auswerten konnte. Allerdings fehlte es noch an Wissen, um seine Resultate umfassend zu interpretieren und neue Arten der Fruchtbarmachung zu entwickeln. In diesem Bereich wird erst Justus Liebig3 später Abhilfe schaffen – und neue Probleme in der Agrarwirtschaft verursachen.
Als Thaer sein Mustergut in Celle bewirtschaftete, reiste, schrieb, die »Annalen« publizierte und noch lange als Arzt praktizierte, entfaltete sich zwei Jahre lang eine landwirtschaftliche Korrespondenz mit einer leidenschaftlichen Landwirtin, Henriette Charlotte von Itzenplitz.4 Am Ende führte diese Beziehung zum Umzug Thaers nach Preußen in die Nachbarschaft aufgeklärter Gutsbesitzer. Ein aus dem stagnierenden Hannover schon früher ausgewanderter Niedersachse, Graf von Hardenberg, verschaffte ihm bald eine Einladung des preußischen Königs, Repräsentant des zu diesem Zeitpunkt weit fortschrittlicheren Landes. Über solche Verbindungen kam Thaer zu seinem nächsten Gut in Möglin, in Brandenburg zwischen Berlin und Oder gelegen, zu staatlichen Ämtern und Gehältern. Über Wilhelm von Humboldt ergab sich eine Professur an der neu gegründeten Universität von Berlin. So besetzte Thaer den ersten universitären Lehrstuhl für Landwirtschaft in den deutschsprachigen Ländern.
7. KAPITEL
DAMALS
Als meine Mutter versuchte, ein Beet anzulegen.
ES WAR IN EINEM DER ERSTEN JAHRE IM DORF. Mit großer Kraft stieß meine Mutter die Grabegabel mit den fünf scharfen, flachen Zinken in den Boden. Ein Spaten hätte hier nichts genutzt, er wäre zu schnell stumpf geworden, so viele Steine und Scherben lagen verborgen unter dem im Frühjahr struppigen, verfilzten Gras. Sie setzte ihren rechten Fuß auf, wie man es auch mit dem Spaten macht, trat die Zinken tief in die Erde ein und hebelte eine Grassode hoch, bückte sich, um die Sode abzunehmen, griff sich das Gras und schlug es kräftig gegen das gezinkte Eisen. Die Erde fiel in Brocken oder im Ganzen ab, sodass meine Mutter nur noch das Grasbüschel in der Hand hatte wie einen Haarschopf ohne Kopf. Das warf sie beiseite auf einen wachsenden Haufen, setzte wieder an, grub die nächste Sode aus, bückte sich wieder, packte das Gras und schlug wieder die Erde ab, um ein Beet zur Einsaat vorzubereiten.
Wir arbeiteten am hinteren Giebel des Hauses, der über dieses kleine Stück wilden Rasens zum Buschhof hinaussieht. Der Buschhof ist ein schmaler Streifen Wald aus Eichen und Birken, Holunder und Brombeeren. Er zieht sich hinter dem ganzen Dorf entlang als Schutz für Haus, Mensch und Tier gegen die ständigen, starken Westwinde. Erst hinter Busch und Bäumen begannen die Weiden, zuerst die quer liegende Kälberweide, daran anschließend die Kuhweiden, genannt Unterster, Mittelster und Oberster Kamp. Sie waren durchzogen von schmalen, schnurgeraden Gräben, Grüppen genannt. Stacheldrahtzäune und breite Quergräben grenzten sie zusätzlich voneinander ab. An den Weidenrändern standen Birken, Erlen und Ebereschen.
Ich musste die Queckenwurzeln aufsammeln, damit dieses äußerst widerständige Gras aus den Beeten fernbleibt. Die Wurzeln sind weiße harte Bänder im aufgegrabenen Boden, manchmal durchtrennt und gerissen, nur kurze Stücke. Aber oft griff ich eine Queckenwurzel und zog daran, und ihre Fortsetzung führte tief in die schon umgegrabene, tiefschwarze Erde oder auch unter dem noch nicht Umbrochenen weiter. Viele Meter lang kann so eine Wurzel sein. Und sie ist zäh. Es ist nicht leicht, sie abzureißen, und wenn ich es schaffte, warf ich sie auf den Haufen, der sich aus den Grasschöpfen schon gebildet hat.
Meine Mutter arbeitete angestrengt. Stumm und verbissen ging sie zu Werk. Griff mit schwarzen Händen in die Erde, fischte zerbrochene Ziegel und Scherben heraus.
Jemand, der vor uns auf dem Hof gelebt hat, musste ausgerechnet hier, wo meine Mutter Kartoffeln pflanzen wollte, viele Schubkarren Steine abgeladen, zerschlagen, eingeebnet haben, vielleicht Steine aus einem abgebrochenen Stall, der einmal auf dem Hof gestanden hatte, dazu Scherben und kaputte Fußbodenkacheln, Teller, Schüsseln – alles, was dem weichen und alles verschluckenden Moorboden etwas Festigkeit verleihen würde.
Meine Mutter erbitterte, dass diese bisher brach liegende Fläche, die sie zu einem Gemüsegarten im Schutz des Hauses machen wollte, derart mit Steinen durchsetzt war. Wo es doch sonst in den Feldern keinen einzigen Stein zu geben schien. Und jetzt wuchs der Haufen der herausgeklaubten Steine und Scherben schneller als der Sodenhaufen. Die Arbeit, geplant als Nachmittagsbeschäftigung zwischen Küchen- und Stallarbeit, würde Tage kosten.
Aber aufgeben kam noch nie infrage.
Mein kindliches Interesse galt eher den aus der Erde geborgenen Scherben als den zähen weißen Queckenwurzeln, die auszureißen so mühsam war. Ich bestaunte die Muster und Formen der alten Fliesen und Keramiktöpfe.
Lass das, sagte meine Mutter. Wirf das auf den Haufen. Trödel nicht rum. Sammel die Quecken auf. Hilf mir lieber.
8. KAPITEL
HEUTE
Anna und ich singen ein Lied von 1783. Schön und falsch ist das Bild vom Land. Warum Wolfsexperten sich wundern.
ES IST FRÜH IM HERBST, das Vieh steht noch auf den Weiden – jedenfalls die wenigen Herden, die man draußen grasen lässt. Es gibt nicht mehr viele Landwirte, die noch Weidehaltung betreiben. Auch vom Zug aus sieht man nur selten größere Rinderherden. Meistens ist es Jungvieh, Milchkühe sind so gut wie nie mehr draußen. Die Herden sind zu groß geworden, als dass man sie täglich zweimal zum Melken in den Stall bringen könnte, und ihre Milchleistung ist mit Weidegras nicht mehr zu erreichen. Immer öfter sind dagegen kleine braune Rinder mit riesigen Hörnern und zotteligem langem Fell zu sehen, ein paar Exemplare des schottischen Hochlandrinds. Meist grasen sie in der Nähe von Dörfern und unter ein paar schütteren Obstbäumen. Sie werden von Hobbylandwirten gehalten, die gleichzeitig Ferienwohnungen vermieten und ihren städtischen Gästen, besonders deren Kindern, damit eine ländliche Attraktion bieten.
Mit meiner Schwägerin Anna fahre ich zum Erntedankgottesdienst in unsere alte Kirche. Es erstaunt mich, dass die Männer nicht mitgehen. »Nö«, sagt Hannes, der mit dieser Frage nicht gerechnet hat. »Wieso denn Erntedank?« Und setzt ein wenig verlegen hinzu: »Die Ernte ist ja noch gar nicht fertig, der Mais steht noch auf dem Halm.«
Es ist ein regnerisch-nebliger Tag. Wir nehmen den ›Kleiweg‹ mitten durch die tief liegenden Wiesen eines Marschstreifens*. Kiebitze fliegen auf. Es ist der Weg, den ich als Konfirmandin mit dem Fahrrad gefahren bin. Auch damals sammelten sich auf den Wiesen die Kiebitze.
Die ersten Siedler brauchten für den Gang zur Kirche anderthalb Stunden zu Fuß.
Die Kirche ist reich mit Blumen und Früchten geschmückt, aber nicht voll besetzt. Unter den Anwesenden scheinen mir nur wenige Bauern zu sein.
Im Bläserchor neben dem Altar sitzt eine Frau, in der ich, von meiner Schwägerin aufmerksam gemacht, ein Mädchen erkenne, mit dem ich die ersten Jahre zur Dorfschule gegangen bin. Endlich kommt das Lied, auf das ich gewartet habe. »Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand: der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.« Geschrieben hat das Gedicht 1783, im Jahr der Dorfgründung, Matthias Claudius aus Altona, viele Jahre lang ein guter Freund von Johann Heinrich Voß1.
»Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn, drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn.« Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich als Kind über jedes Wort gestaunt habe. »Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein und wickelt seinen Segen gar zart und kunstvoll ein und bringt ihn dann behände in unser Feld und Brot: es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.«
In unserem Dorf herrschte keinesfalls eine Stimmung von Gläubigkeit oder auch nur Respekt gegenüber Kirche und Obrigkeit. Eher war das Gegenteil der Fall. Der Ton unter den Bauern war und ist nüchtern, lakonisch. Im Zweifelsfall ist eher ein plattdeutscher Witz fällig als ein Gebet.
Aber dass etwas, das ich so gut kannte und um das es hier im Dorf und auf den Feldern alltäglich ging, das Säen, Pflügen und Ernten, in eine ganz andere Sprache gefasst werden konnte, rührte mich damals schon – und tut es bis heute.
»Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her, der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer.« Und in der letzten Strophe haben sogar noch ein paar Kühe ihren Auftritt: »Er schenkt uns so viel Freude, er macht uns frisch und rot, er gibt den Kühen Weide und seinen Kindern Brot.«
Am nächsten Morgen gehe ich zu meinem Bruder in die Milchkammer. Waldemar ist mit dem Melken fertig und hat das Waschprogramm eingeschaltet. Er wartet, bis der Milchstrahl aus der Leitung von nachdrückendem Wasser abgelöst wird, um dann rechtzeitig den Schlauch aus dem Milchtank zu nehmen. Ich sehe mich um. An der Wand gegenüber hängt ein Kalender von der Landwirtschaftskammer*. Waldemar zeigt auf das Bild und fragt mich, ob ich sehen könne, was daran falsch sei. Ich blicke lange darauf, aber eigentlich habe ich es schon im ersten Moment gesehen.
Alles ist daran falsch. Da steht nämlich ein großes friesisches Bauernhaus komplett mit Reetdach gegen den Horizont, darum herum sind friesische Milchkühe gruppiert. Es gibt keine Zäune und keine Maschinen und überhaupt gar nichts auf diesem Bild, das zu tun hat mit der Wirklichkeit dieses Hauses – gewiss der Feriensitz eines Managers und ganz bestimmt nicht das Zuhause dieser Hochleistungskühe.
»Photoshop«, sage ich zu meinem Bruder.
»Genau, und so was zaubert uns Milchbauern ausgerechnet unsere eigene Berufsorganisation vor.« Er schüttelt den Kopf. Dann nimmt er schnell den Milchschlauch aus der Tanköffnung.
»Alle wollen, dass es auf dem Land schön und friedlich ist«, sage ich etwas hilflos. »Wenigstens auf den Fotos.«
Wir gehen zum Frühstücken ins Haus. Hannes ist noch schnell zum Briefkasten geflitzt. Er kommt mit der Zeitung rein – und pfeffert sie mir unter die Nase.
»Wieder Wölfe«, sagt er und schlägt mit der Hand auf ein Foto. Es zeigt ein braun-weißes Rind, das im Gras liegt, den Kopf nach hinten gebogen, die Kehle blutig aufgebissen, die Schnauze halb abgerissen. Darunter steht: »Die Vermutung liegt nahe, dass dieses rund 220 Kilo schwere, im Juni vorigen Jahres geborene Rind Opfer von Wolfrissen wurde. Auf derselben Weide wie Mitte August wurde der Vorfall Sonntag Morgen entdeckt. Das Jungrind musste vom Tierarzt eingeschläfert werden.« Der Ort liegt etwa zehn Kilometer von hier entfernt. Ein kleines Foto auf derselben Seite zeigt Pfotenabdrücke im Sand, die von Wölfen stammen könnten, heißt es.
Erst jetzt höre ich, dass schon im Sommer beim selben Landwirt zwei Jungrinder von Wölfen getötet worden sind. Einer der ehrenamtlichen Wolfsexperten des Landes Niedersachsen hatte sich damals den Schaden angesehen, DNA-Spuren gesichert und dem Landwirt geraten, den vorhandenen Zaun »wolfssicher« zu machen, d.h. mit zusätzlichen Stromdrähten zu versehen. Das war für viel Geld geschehen, hatte aber die Wölfe nicht beeindruckt. Einen Antrag auf »Billigungsleistung«, also eine freiwillige – mit anderen Worten: nicht garantierte – Entschädigung durch das Land Niedersachsen, hatte die Familie noch nicht gestellt, hatte sich während der Ernte keine Zeit dafür genommen und wusste nicht, wie viel Geld ihnen für den ersten Schaden eventuell ausgezahlt würde. Ihr Hof ist einer der wenigen in dieser Gegend, die überhaupt noch Weidehaltung betreibt. Wenn auch der »wolfssichere Zaun« die Tiere nicht schützt oder die Familie ihn sich nicht auf allen Weiden leisten kann, wird das wohl auch bald aufhören.
Waldemar, Hannes und Anna sind einigermaßen entsetzt. Ich auch. Man kann sich dem kaum entziehen, wenn man dem Geschehen so nahe ist. Und jeder von uns weiß, wie eine Herde auf Gefahrensituationen reagiert, nämlich verängstigt zitternd, panisch rennend, sich verletzend. Manche Jungtiere, die hochschwanger sind, verkalben womöglich, es gibt spontane Früh- und Totgeburten, die auch die Muttertiere schädigen. Einige Tage oder sogar Wochen lassen sich die Tiere nicht anfassen, nicht treiben oder führen. Währenddessen gibt es keine Chance, sie zu beruhigen oder medizinisch zu behandeln. Es bedeutet Aufregung und Mehrarbeit, ist aber kein bezifferbarer Schaden. Der Wolfsexperte, heißt es, ist einigermaßen betreten. Bisher waren nur Schafe und Schafsbauern von solchen Schäden betroffen. Aber dass diese großen Tiere von Wölfen angegriffen werden und das nur wenige Hundert Meter von bewohnten Häusern und Stallungen entfernt, hat ihn überrascht.
»Ja«, sagt mein Bruder, »solche Überraschungen werden wir jetzt wohl noch öfter erleben.«
Zurück in der Stadt, erzähle ich einigen Freunden von den Wölfen.
Und ich stelle fest, dass der Wolf heutzutage einen deutlich besseren Ruf hat als die Bauern oder ihre Rinder. Mir bleibt buchstäblich die Sprache weg über das, was ich da zu hören bekomme, und über den Gefühlsaufwand, mit dem ein Freund nach dem anderen die Wiederkehr der Wölfe verteidigt. In meiner Verwirrung und in meinem Erstaunen fällt mir kein einziges Gegenargument ein.
Wie viele Angriffe auf Schafe und Rinder im Jahr es denn statistisch gesehen gebe?
Wie viele Rinder existierten und wie viele Wölfe?
Es würde doch gewiss eine Entschädigung gezahlt – was also sei das Problem?
Die Wölfe seien ja nicht künstlich angesiedelt worden, sie seien auf eigenen Pfoten wieder eingewandert. Darüber sollten wir uns freuen. Die Natur sei in den letzten hundert oder zweihundert Jahren derart ausgebeutet und niedergemacht worden, da wäre die Rückgabe von etwas Lebensraum an die paar Wölfe doch nur recht und billig.
Der Wolf, so heißt es, greife keine Menschen an, das Märchen vom bösen Wolf sei nur das, ein Märchen, das uns in den Köpfen herumspuke. Da tue Aufklärung not!
Ein anderer sagt, dass auch Hunde für soundso viele durchaus auch tödliche Übergriffe auf Vieh und Mensch pro Jahr verantwortlich seien. Das aber werde heruntergespielt.
Als ich müde einwerfe, dass so ein Hund allerdings sofort eingeschläfert würde, zuckt er nur mit den Achseln.
Später frage ich eine Wolfs-Freundin, ob sie denn damit rechne, je in ihrem Leben einen frei lebenden Wolf zu Gesicht zu bekommen. Aber nein, das werde sie wohl nicht. Denn Wölfe seien scheu, hätten Angst vor Menschen.
Was also hat sie davon, dass es die Wölfe in freier Wildbahn gibt und nicht nur in Zoologischen Gärten oder Wolfsgehegen?
Sie hebt ihre Schultern. Darum ginge es nicht. Es ginge um Artenvielfalt, Biodiversität, ob ich das nicht verstünde.
Ich finde den Wolf im Internet als Freund – Willkommen, Wolf! – und im »Sachsenspiegel«, einem Gesetzeswerk aus dem 13. Jahrhundert, als Feind, der die Nutztiere der Menschen angreift. Dort heißt es, dass der Hirte, der nicht alles Vieh, das ihm zum Hüten vom Dorf übergeben wurde, wieder zurückbringt, den Schaden bezahlen muss. »Was ihm aber der Wolf nimmt oder die Räuber, bleibt er ungefangen und hat er sie ›unbeschrien gelassen‹ durch Herbeirufung der Nachbarn, dass er Zeugen haben möge, muss er sie bezahlen.«2 Nach dem Dreißigjährigen Krieg verbreiteten sich die Wölfe in Deutschland vor allem in jenen Gebieten in Brandenburg, die von Krieg und Hunger entvölkert waren. Sie fraßen die Schlachtfelder vom Aas leer, erzählte man sich. Vermutlich kommt daher das Grauen – und der Satz: »Wenn der Mensch geht, kommt der Wolf.«
Der heute im Namen der Biodiversität europäisch geschützte Wolf wird, wie alle Wildtiere, einem Management von hoher Intensität unterworfen. Seine Verbreitung wird verfolgt, einzelne Exemplare sind mit Sendern ausgestattet, sie werden genetischer Kontrolle unterworfen, und die durch zunehmende Kreuzungen von Wolf und Hund entstehenden Hybriden werden herausgenommen, heißt es, also wohl eingeschläfert oder erschossen.
Wild sind die wilden Tiere nur so weit der Mensch es erlaubt.
Kurz vor Weihnachten ruft mein Neffe Hannes an und erzählt, dass jetzt erst, kurz vor Jahresende, endlich eine Verordnung im Amtsblatt veröffentlicht wurde, die in einer Übergangsregelung den Umbruch von Grünland noch bis zum 31.12. erlaubt. Anders gesagt, ab dem 1.1. (2016) wird es verboten sein.
Warum? Weil das Ackern – also Pflügen – die Bodenerosion fördert. Weil Grünland der Biodiversität, den Beikräutern, Insekten und Vögeln mehr Raum gibt als Mais.
Aber es ist der Mais, den die Biogasanlagen zur Stromproduktion brauchen und der den Milchfluss der Kühe steigert und so das Einkommen der Milchbauern sichert, obwohl von ›Sicherung‹ bei extrem niedrigen Milchpreisen nicht die Rede sein kann.
Deshalb fahren im Moment überall in den Dörfern schwere Traktoren auf die eigentlich viel zu feuchten Flächen und fräsen oder pflügen, weil Bauern versuchen, auf ihren Grünflächen einen Status zu verankern, der es ihnen erlaubt, diese Flächen später zu beackern. Sie nennen es ›schwarz machen‹, also unter Umständen, falls es ihr Betrieb erfordert, dort Ackerfrüchte anzubauen. Dieses Recht hätten sie jedoch nicht mehr, wenn das Grünland am 1. Januar noch Grünland wäre. Dann dürften sie dort weder Mais anbauen noch überhaupt eine Grasneuansaat machen. Durch die Verzögerung der Veröffentlichung im Amtsblatt hat das Ministerium dafür gesorgt, dass von den regendurchtränkten Flächen in den sieben verbleibenden Kalendertagen bis Neujahr nur noch sehr wenige umgepflügt werden können. Hannes erzählt, dass in den Dörfern rundum die Traktoren unterwegs sind.
»Das ist Wahnsinn«, sagt er, »und fachlich überhaupt nicht zu rechtfertigen.« Aber in einer Woche schon wären ihnen die Hände gebunden. Deshalb müssen sie handeln, wo sie es noch können, sagt er. Sie wollen auch in Zukunft noch ackerfähige Böden haben und selbst entscheiden können, welche Frucht sie dort anbauen wollen – oder es als Grasland nutzen. Es geht um Tausende von Euro, die man sonst zahlen müsste, um die Ackerungsrechte zurückzuerwerben.
»Die vier Hektar* hinter dem Kanal sind unbefahrbar, da kommt man nicht rauf und nicht runter. Selbst die Pumpen unserer Schöpfwerke schaffen es nicht mehr. Sie können eine Überschwemmung verhindern, aber die Böden sind vollgesogen wie Schwämme. Man kann nur hoffen, dass der Regen wenigstens jetzt aufhört und dass über Weihnachten windige Tage kommen. Da könnte man es dann am 31.12. vielleicht noch einmal versuchen.«
Aber Wind ohne Regen? Im Dezember im Sietland? Da muss man schon fast an Wunder glauben.
Ich frage, ob das Ministerium das denn so genau prüfen könne.
»Schon mal von Google Earth gehört?«
Zum Schluss frage ich noch nach den Wölfen.
»Im Moment ist Ruhe. Das Vieh ist ja in den Ställen. Und da draußen sind wohl noch Rehe genug.«
9. KAPITEL
18. – 19. JAHRHUNDERT
Wie man mit Torf Fundamente baute und Häuser zum Schwimmen brachte.
MIT WALDEMAR UNTERHIELT ICH MICH DARÜBER, mit welchem Material hier früher eigentlich Fundamente gesetzt worden sind.
»Sie haben gearbeitet mit dem, was sie hatten«, sagte er. »1938 gab es bei uns laut Giebelinschrift eine Stall- und Dielenerweiterung. Für die Fundamente hat man einfach Sand genommen und eingeschlämmt, umgeben von Moor. Als wir dann zwanzig Jahre später Fundamente für die neue Scheune gegraben haben, um sie so nahe wie möglich an den Stall zu setzen, entstand im Giebel ein Riss.« Da hatte der Sand nachgegeben und ein Teil der Mauer war abgesackt. »Aber wenn du es genau wissen willst, musst du dich mit unserem alten Zimmermann unterhalten.«
Das machte ich, fuhr los Richtung Norden und bog kurz vor der Brücke über den Hadelner Kanal nach links ab, dann lange parallel zum Wasser. Alles liegt hier tiefer als der Kanal, die Weiden und auch das Haus des Zimmermanns, ein Fachwerkhaus, von ein paar jungen Birken umgeben. Im Wohnzimmer hängt ein schönes Bild dieses Hauses, den Flur schmückt eine Truhe aus dem 18. Jahrhundert. Aber alles steht hier gerade und es gibt keine Risse in den Wänden.
Hatten wir früher neu tapeziert, war spätestens nach einem Jahr irgendwo ein neuer Riss entstanden. Wenn über Eck die eine Wand gegenüber der anderen absackte, zogen sich als erstes Anzeichen dort, wo die Wände aneinanderstießen, Falten in die Tapete, bis sie riss. Und wenn im Esszimmer etwas auf den Boden fiel, rollte oder rutschte es zum tiefsten Punkt unter dem Esstisch. Wir wussten immer, wo der tiefste Punkt war. Nur bei den mit Holz belegten Böden war es anders. Die senkten sich nicht punktartig, sondern als Ganze in Richtung der gesackten Wand.
Irgendwann hatte ich gehört, dass die Häuser hier mit ihren Holzböden auf Balken gesetzt wurden, die ohne Fundamente einfach auf das Moor gelegt worden seien – und so mit den Bewegungen des Bodens mitgingen, sozusagen auf dem feuchten Untergrund schwammen. Aber war das wirklich so gewesen?
Es ist Kaffeezeit und fast schon wieder dunkel. Der alte Zimmermann zeigt auf seine Terrasse hinter dem Haus. Das Land jenseits des Gartens grenzt an einen Forst, und hier seien bis vor ein paar Jahren an Abenden wie diesen bis zu fünfzig Stück Damwild aus dem Wald getreten, um auf den Weiden zu äsen. Jetzt passiere das nicht mehr. Vielleicht sind sie von den Wölfen vertrieben worden? Er zuckt die Achseln.
Der beinahe Achtzigjährige ist kräftig und beweglich. Zwar hat inzwischen die Tochter den Betrieb übernommen, aber meist ist der freundliche Mann immer noch den ganzen Tag mit im Betrieb oder auf Baustellen. Er ist zuständig für die ›alten Sachen‹, weil er sich auskennt mit alten Häusern und Ställen, die renoviert oder ausgebaut werden sollen. Früher war er mehr mit dem Neuen beschäftigt, unser Boxenlaufstall von Anfang der 1970er-Jahre war eine seiner ersten Bauleitungen.
Wir trinken Kaffee.
»Im 18. Jahrhundert«, sagt er, »und vermutlich auch schon im 17. Jahrhundert, hat man die Fachwerkbauten auf große Torfsoden gesetzt, die in eine Art Fundamentgräben eingesenkt wurden. Diese Torfsoden waren etwa 40 mal 50 mal 60 Zentimeter groß, stark ausgetrocknet und daher verdichtet. Auf die legte man Balken und hat auf denen dann den Holzrahmen für das Haus errichtet. Im Winter hat sich der Torf mit Wasser vollgesogen und das ganze Haus angehoben. Im Sommer trockneten die Soden aus und das Haus senkte sich wieder. Die Hoffnung war immer, dass sich das Gebäude gleichmäßig hob und senkte – was aber natürlich nie der Fall war. Es gab immer Risse in den Böden und Wänden.«
»Welches Material hatte man?«
»Das war es ja eben: Holz und Steine gab es anfangs nicht.« Die neu angepflanzten Bäume brauchten ein paar Jahrzehnte, bis sie als Bauholz genutzt werden konnten. Und bevor man alle Baumaterialien einzeln transportierte, brach man nicht selten ein ganzes Haus woanders ab und transportierte alles – Holz, Steine, Fenster und Türen – auf Pferdewagen hierher. Ein Beispiel dafür ist laut Dorfchronik die erste Schule unseres Dorfs. Aber bald wurden Ziegeleien im Umkreis gegründet und versorgten die Bewohner mit Ziegelsteinen.
»Als Nächstes«, sagt er, »hat man für die Fundamente erst gestampften Lehm, später Rotstein genommen, also gebrannten Stein, aber ohne Mörtelverbindung. Diese Fundamente wurden leicht nach außen ausgestellt, wurden also nach unten hin breiter gesetzt und verjüngten sich nach oben hin – wie bei einer Pyramide.
Ich zeichne es mir auf.
»Immer wieder wird behauptet, die Häuser hier wären traditionell auf Pfähle gestellt worden. Was hat es damit auf sich?«
»Ja, das gab es auch. Aber erst, als genug Bauholz zur Verfügung stand.«
»Wie muss man sich das vorstellen?«
Er erklärt, ich zeichne den Grundriss nach seinen Angaben.
Im Abstand von einem Meter wurden lange Holzpfähle, meistens aus Eiche, als Träger für die Außenwände in den Boden gerammt, dazu meistens noch eine Linie entlang der Mittelachse für eine tragende Wand – das war bei den Bauern die Wand zwischen Vieh- und Hausteil. Die Länge der Pfähle bemaß sich nach der Stärke der Moorschicht.
»Bei euch im Dorf war sie eigentlich nicht so stark«, sagt er, »etwa einen Meter, dann war man schon auf Sand. Aber hier nebenan geht es bis zu acht Metern tief.«
Das Wichtigste an dieser Bauweise ist gewesen, dass die Pfähle unterhalb des Grundwassers blieben, also immer im Feuchten standen, um sich nicht zu zersetzen. Durch die Entwässerung und das Absacken des Moors gerieten viele Pfähle jedoch mit ihren Köpfen oberhalb des Grundwassers. »Und da begannen sie zu verfaulen, weil Luft rankam.« Und wieder sackten die Häuser.
»Als bessere Wege und Transportmöglichkeiten vorhanden waren, setzten manche Felssteine als Fundamente.«
»Aber die sacken doch auch weg«, wende ich ein.
»Richtig«, sagt er. »Alles versackt im Moor. Deshalb war eine leichte Bauweise wichtig, so wie das Fachwerk.«
»Und die Bedachung durch Stroh«, füge ich an.
Aber da schüttelt er den Kopf. »Nur bei Trockenheit ist das Strohdach leicht. Wenn es sich voll Wasser saugt, ist es mindestens so schwer wie ein Ziegeldach.«
Bei vielen Neubauten zwischen den 1880er- und 1920er -Jahren wurden Dächer immer seltener noch mit Stroh gedeckt. Zwar waren Strohdächer immer noch billiger, aber sie müssen auch aufwendig gepflegt werden, gegen Moosbewachsung geschützt und gründlich ausgebessert, wenn ein Sturm sie zerpflückt. Und die Feuerversicherung wurde unbezahlbar. Es folgten Lehmziegeldächer, und wer sich die nicht leisten konnte, deckte das Dach mit Pfannenblechen, deren Nachfolger in den 1950er-Jahren das Eternit bzw. Wellenasbest war.
Sein Haus besitzt ein Krüppelwalmdach, einen ›Pony‹ über dem Giebel. Früher verschloss man das obere Dreieck im spitz zulaufenden Giebel durch Bretter und ließ darin ein Eulenloch frei; man bot Eulen und Käuzen gerne Wohnung, denn sie waren nützlich, weil sie Mäuse fraßen.
Woraus machte man die Fußböden?
Die bestanden anfangs für Mensch und Tier aus gestampftem Lehm. Als für Menschen dann Holzbohlen benutzt wurden – jedenfalls für die Schlafstuben, weil es das wärmere Material war –, verwendete man für die Ställe immer öfter Rotstein, das waren Ausschussziegel, die auch für Küchen und Waschküchen benutzt wurden. Die nächste Stufe waren dann Fliesen, und wir zeichnen beide die traditionell verwendeten Muster für die hiesigen Flure und Küchen auf, an die wir uns erinnern, wie Salmiakpastillen sternförmig gelegt in Beige und Schwarz, an den Rändern ein römisches Muster wie das Fragment eines Labyrinths.
Als ich ihn zum Abschluss frage, was er mir raten würde, wenn ich vorhätte, im Moor zu bauen, sagt er nach kurzem Schweigen: »Da würde ich abraten. Man hat eigentlich immer nur Ärger damit.«
10. KAPITEL
ENDE DES 18. JAHRHUNDERTS
Goethes Eckermann als Kind. Die Dorfschule und Streit um Kirchenplätze für Moorbauern.
IN BIBLIOTHEKEN UND ARCHIVEN suchte ich weiter nach schriftlichen Zeugnissen bäuerlichen Lebens im 18. Jahrhundert. Aber wie ein Sozialhistoriker einmal schrieb, waren die Bauern vor dem 19. Jahrhundert »eine stumme Schicht«. Ihre Probleme, stellte er fest, schlügen sich selten schriftlich nieder. »Des Schreibens unkundig oder ihm doch nicht zugetan, haben Bauern kaum Quellen hinterlassen: Es fehlen die Tagebücher, Briefe, Taxationen, Rechnungen und andere Unterlagen der Wirtschaftsführung, wie sie Gutsbesitzer verfasst haben. Diese Schwierigkeiten ändern aber nichts an der Grundtatsache, dass die deutsche Agrarwirtschaft auch im 18. Jahrhundert im wesentlichen Bauernwirtschaft war. Sie hat überall die ökonomische Grundlage der Landwirtschaft gebildet.«
Wesentlich besser dokumentiert ist Goethes Leben – und dort stieß ich immerhin auf jene Männer, die Goethe als Diener, Schreiber und Kutscher beschäftigte. Auch deren Väter sind keine Bauern gewesen, sie stammten meist aus den zünftigen und auch nicht mehr zunftgebundenen Handwerksberufen, waren Spengler, also Klempner, Bäcker, Regimentsmusiker, Korbmacher und Zeugmacher, also Wolltuchweber, ein Stubenmaler war dabei, schon damals ein Lehrberuf, ein Krämer und ein Schwertfeger, Letzterer ein spezialisierter Waffenschmied.
Aber dann fand ich Johann Peter Eckermann.
Der später durch seine »Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens« berühmt gewordene Eckermann hat sich immer dagegen verwahrt, er sei ein ›Diener‹ Goethes gewesen – vielmehr sah er sich selbst als Dichter und Freund, der bei editorischen und organisatorischen Aufgaben half. Bei den feineren Freunden des Ministers hat er dennoch immer ein wenig als Faktotum gegolten. Die Schriftsteller und Gelehrten in Goethes Umkreis spotteten über ihn, über seine literarischen Ambitionen und vor allem über seine mangelnde Bildung. Seine Herkunft war nämlich sehr ähnlich der von Goethes Dienern.
Tatsächlich hat Johann Peter Eckermann eine kurze Beschreibung seiner zwar nicht bäuerlichen, aber doch nahezu bäuerlichen Herkunft hinterlassen. Sie steht an prominenter Stelle, nämlich im Vorwort zu seinem berühmten Buch der Gespräche mit Goethe.
1792 ist Eckermann in Winsen an der Luhe, »einem Städtchen zwischen Lüneburg und Hamburg, auf der Grenze des Marsch- und Heidelandes«, wie er schreibt, geboren, »und zwar in einer Hütte, wie man wohl ein Häuschen nennen kann, das nur einen heizbaren Aufenthalt und keine Treppe hatte, sondern wo man auf einer gleich an der Haustür stehenden Leiter unmittelbar auf den Heuboden stieg«. Er hatte zwei Halbschwestern, die, als er selbst noch ein Kind war, schon in Dienst gegangen waren, und man kann sich vorstellen, dass dieses Dienen als Magd und Knecht allen Geschwistern als ihr Schicksal zugedacht gewesen ist.
Seine Mutter, so schrieb Eckermann, war besonders geschickt im Spinnen der Wolle und im Verfertigen von »bürgerlichen Mützen der Frauenzimmer«, mit dem sie ein wenig Geld in den Haushalt brachte. Der Vater war viel unterwegs, da er mit verschiedenen Waren »in seinem leichten hölzernen Schränkchen auf dem Rücken, in der Heidegegend von Dorf zu Dorf« wanderte und »mit Band, Zwirn und Seide hausieren« ging. Bei diesen Gängen über die Dörfer kaufte er »wollene Strümpfe und Beiderwand«, das war ein aus der braunen Wolle der Heidschnucken und leinenem Garn gewebtes Textil, das er »am jenseitigen Elbufer, in den Vierlanden« wieder zum Verkauf anbot. Auch handelte er »mit rohen Schreibfedern und ungebleichter Leinewand«, die er in den Dörfern aufkaufte, auf der Elbe nach Hamburg schipperte und dort verkaufte. »In allen Fällen jedoch musste sein Gewinn sehr gering sein«, schrieb Eckermann junior, »denn wir lebten immer in einiger Armut.«
Wir können aus dieser seltenen Quelle im Folgenden auch ersehen, wie nahe an der bäuerlichen Lebensweise ein Hausierer damals war. »Die Hauptquelle des Unterhaltes unserer kleinen Familie war eine Kuh, die uns nicht allein zu unserem täglichen Bedarf mit Milch versah, sondern von der wir auch jährlich ein Kalb mästeten und außerdem zu gewissen Zeiten für einige Groschen Milch verkaufen konnten.« Eckermann schrieb weiter davon, dass die Familie auf einem Stück eigenen Landes Gemüse für ihren Bedarf anbaute, jedoch kein Getreide für das Brot, das sie also kaufen mussten. Seine eigenen kindlichen Tätigkeiten sind, wie bei einem Bauernkind, nach Jahreszeiten verschieden. »Mit dem anbrechenden Frühling und sowie die Gewässer der gewöhnlichen Elb-Überschwemmungen verlaufen waren, ging ich täglich, um das an den Binnendeichen und sonstigen Erhöhungen angespülte Schilf zu sammeln und als eine beliebte Streu für unsere Kuh anzuhäufen. Wenn sodann auf der weit ausgedehnten Weidefläche das erste Grün hervorkeimte, verlebte ich in der Gemeinschaft mit anderen Knaben lange Tage im Hüten der Kühe. Während des Sommers war ich tätig in Bestellung unseres Ackers, auch schleppte ich für das Bedürfnis des Herdes das ganze Jahr hindurch aus der kaum eine Stunde entfernten Waldung trockenes Holz herbei. Zur Zeit der Kornernte sah man mich wochenlang in den Feldern mit Ährenlesen beschäftigt, und später, wenn die Herbstwinde die Bäume schüttelten, sammelte ich Eicheln, die ich metzenweise* an wohlhabendere Einwohner, um ihre Gänse damit zu füttern, verkaufte.«
Johann Peter Eckermann schrieb von diesen Arbeiten eines Kindes auf dem Dorf ohne Verlegenheit. Sie zeigen, dass seine Eltern ähnlich wie abhängige Bauern weder Wirtschaftskraft noch Status hatten. Es war selbstverständlich, dass ein Kind unter solchen Bedingungen höchstens im Winter, wenn die Familie seine Arbeitskraft entbehren und zudem das Schulgeld aufbringen konnte, zur Schule ging, wo er, wie er schrieb, »notdürftig lesen und schreiben lernte«.
Wie war es mit der Schule für die Moorbauernkinder in meinem Dorf? Hatte es überhaupt von Anfang an eine Schule gegeben? Brauchte man die Kinder nicht zur Arbeit? Konnte man sie lernen lassen? Die Schulchronik des Lehrers Offermann behauptet es. Und wirklich waren Moorbauern und Dorfgründer ja auch Pioniere, Menschen, die sich etwas zutrauten, die eine bessere Zukunft im Auge hatten, auch für ihre Kinder.
Anfangs wurde, wie auch in Eckermanns Fall, nur im Winter Schule abgehalten, »etwa von Oktober bis Ostern« – also zwischen dem Ende der Ernte und dem Beginn der Frühjahrsbestellung. Es gab eine Hauptschule bei der Kirche, das muss im Hauptort Steinau gewesen sein, zu dem damals fünf Bauerndörfer gehörten, darunter Bachenbruch, das nach dem hiesigen Moor benannt war. Übrigens hatte unser Dorf da, und noch viele Jahrzehnte nach der Gründung, keinen eigenen Namen und wurde meist nur »Anbau im Bachenbrucher Moor« genannt. Für die Kinder von dort war der Schulweg ein anderthalbstündiger Fußweg, es sei denn, man hätte sie gesammelt und mit Pferd und Wagen gefahren.
»Es stand den Eltern im Belieben«, schreibt der Chronist, »ob sie ihre Kinder Rechnen und Schreiben lernen lassen wollten oder nicht.« Wer mehr Schulgeld zahlte, bekam mehr Lehrstoff. »Infolge dessen blieb manches Kind, namentlich die Mädchen, ohne jede Ausbildung im Rechnen.«
Hauptfach war Religion. Dazu gehörte »der große Landeskatechismus« und das Auswendiglernen von »Sprüchen und Liederversen«, Lesen lernten die Kleinen mit der Fibel und dem lutherischen Katechismus, später kamen das Geschichtsbuch – eher ein Geschichtenbuch – hinzu, Gesangbuch und Bibel.
Das ist für den kleinen Johann Peter Eckermann sicher nicht anders gewesen. Sogar für mich stimmte es noch in den beiden ersten Schuljahren, wenn auch nicht mehr in dieser Ausschließlichkeit. So wurde das alte Gebot ›Ora et labora‹, ›Bete und arbeite‹, gut verankert: Sechs Monate lang Kirchenlieder, Gebete, die Zehn Gebote, das Vaterunser und die Bibel.
Eine ländliche Frömmigkeit hat sich in unserer Gegend daraus nicht entwickelt – wie es überhaupt mit der Kirche und den dortigen Pastoren gleich am Anfang nicht gut ging. Davon berichtet ein anderer Chronist des Dorfs.1
»Seitdem die ersten Siedler um das Jahr 1780 im ›Neuen Anbau‹ ihre armseligen Moorkaten bezogen hatten, herrschte ein gespanntes Verhältnis zu der Kirche in Steinau«, schrieb er. Der Grund war, dass die Plätze in der Kirche gekauft werden mussten und durch Vererbung über Generationen im Besitz der Familien waren. Aber die Mooranbauer »kümmerten sich wenig um angestammte Plätze und setzten sich, wo gerade Platz war. Ihr Benehmen war gröblich und unfein.« Schlimmer noch, sie wollten sich an den laufenden Kosten und Abgaben und den anfallenden Reparaturen nicht beteiligen. »Ja, sogar die Bezahlung des Brotes und Weines beim Abendmahl und die Beerdigungskosten blieben sie schuldig«, sodass sich der Pastor, bevor er einen von ihnen beerdigte, meist im Voraus bezahlen ließ. Den Meyerbauern waren bei der Ansiedlung durch die Obrigkeit sogenannte Freijahre zugestanden worden, in denen sie von bestimmten Abgaben befreit blieben, darunter auch kirchlichen. Trotzdem kam es »immer wieder zu Streitereien um die Abgaben und die Plätze in der Kirche«, obwohl ihnen sogar von amtlicher Seite 1784 »unter Federführung des hochwohlgeborenen Drostes von der Decken 40 Kirchplätze, und zwar 20 für Frauen und 20 für Männer« bezahlt wurden. Als Nächstes verweigerten die Neuankömmlinge die Beteiligung an einer Schuldentilgung für Kirchenreparaturen aus den 1770er-Jahren. Zu ihrer Widerborstigkeit trug vielleicht bei, dass sie oft erfolgreich war. Denn die Verteilung auf drei verschiedene Ämter in Sachen weltlicher, gerichtlicher und kirchlicher Zuständigkeit ließ selbst die Behörden nicht immer durchblicken, was rechtens sei. Jedenfalls beendete erst ein 1826 abgeschlossener Vergleich einen fünfundzwanzig Jahre währenden Gerichtsprozess zwischen den Siedlern und der Kirche. Die Kolonisten verloren auf ganzer Linie und unterschrieben »für sich und ihre Erben von jetzt an, unweigerlich, immerfort, wenn Kirchen-Anlagen im hiesigen Kirchspiele erforderlich sind und gemacht werden, die zu solchen Anlagen mit herbeygezogene Kopf- und Personensteuer … gleichmäßig mit den hiesigen Einwohnern beyzutragen«.
Unter dieses Dokument haben alle Siedler eine eigenhändige Unterschrift gesetzt. Offenbar hatte die Dorfschule inzwischen dafür gesorgt, dass in der zweiten Generation alle Bauern schreiben konnten – mindestens ihre Namen.
Das Schulgebäude, in dem schließlich auch ich saß und eins ums andere Jahr zu den größeren Tischen und Bänken aufrücken durfte, war schon das dritte im Dorf. Das erste von 1783 war abgebrochen, ein neues 1852 errichtet und in den 1880ern umgebaut und erweitert worden. Immer mehr Kinder aus den feuchten Katen und bald besseren Häusern überlebten, durch eine zureichende Ernährung und einen gewissen medizinischen Fortschritt, der selbst bis in diese Landesteile ausstrahlte. Seit 1849 hatte die Gemeinde einen eigenen Schulverein, und seit 1880 durften auch die Kinder aus Bachenbruch, die eigentlich in das Kirchdorf Steinau hätten gehen müssen, deren Weg zur Schule im neuen Dorf aber kürzer war, hier eingeschult werden. In dem 1907 neu errichteten Schulgebäude wurde ich dann eingeschult, auch dies noch eine ›Zwergschule‹ mit nur einem Klassenzimmer, die ›Schulstube‹, in der alle acht Jahrgänge gleichzeitig unterrichtet wurden. Auf der anderen Seite des Hauses wohnte die Familie des Lehrers, und auch in den 1950er-Jahren schloss sich an das Schulhaus noch ein niedriger, strohgedeckter Gebäudeteil an, offenbar stehen gelassen aus älterer Zeit, in dem Platz war für Futterdiele und Vieh. Unser Lehrer hielt nur noch ein paar Hühner und Schafe, für die er von den Bauern traditionell Heu und Stroh bekam. Am wichtigsten war allerdings die Torflieferung an den Lehrer durch die Bauern, das Heizmaterial für seine Wohnung und unsere Schulstube.
Seit 1860 wurde auch im Sommer unterrichtet – zumindest durften Kinder über elf Jahre, deren Kenntnisse als ausreichend angesehen wurden, zwölf Stunden wöchentlich zur Schule kommen, täglich zwei Stunden.
Ich erinnere mich an die Auflösung der Schule in den 1960er-Jahren, als solche dörflichen Zwergschulen geschlossen wurden. Schulmöbel, Landkarten und die Bücher der Leihbibliothek aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, Volksbibliothek genannt, sollten versteigert werden. Die alten Bücher waren in einem so guten Zustand, dass man sofort begriff, dass weder die Erwachsenen des Dorfs noch die Kinder jemals Zeit zum Lesen gefunden hatten. Tatsächlich war das Lesen noch in meiner Familie als Zeitverschwendung angesehen worden. Schließlich hätte man zur selben Zeit im Stall, im Haus oder auf dem Feld helfen können – und es eigentlich auch gemusst.
11. KAPITEL
DAMALS
Kinderarbeit und Kinderträume. Was wir mit dem Körper lernten und dass Arbeit getan werden musste.
WIR LIEFEN MIT. Im Stall und auf dem Feld. In Gummistiefeln und barfuß. Immer den Eltern hinterher. Wir waren dabei, wenn sie Kartoffeln legten, wenn sie Runkelrüben setzten, Steckrüben verzogen und Unkraut hackten. Wir waren beim Mähen und Wenden des Grases, beim Aufstellen der Getreidegarben in Hocken dabei, beim Aufladen von Heu, Kartoffeln, Rüben, beim Abladen der Wagen, Einbringen der Ernte, beim Melken und beim Treiben der Rinder von einer Weide zur anderen, beim Füttern der Schweine, Hühner und Enten, beim Schlachten und Rupfen und Ausnehmen des Geflügels, beim Kalben der Kühe und Ferkeln der Sauen, beim Ausmisten und Einstreuen, beim Zäunebauen, Düngerstreuen, Mistaufladen und -verteilen. Und wir waren auch dabei, wenn unsere Mutter anfangs immer wieder versuchte, ein Stück Garten zu kultivieren, wenn sie die Erde umgrub und harkte, an Anfang und Ende einer Reihe kurze Pflöcke in die Erde steckte, an die sie eine Schnur band und an ihr entlang mit dem Hackenstiel Rinnen in die vorbereitete Erde zog. Und in diese Rinnen streute sie aus kleinen Tütchen den Samen und spießte die leere Tütchen mit den kleinen Bildern von Kopfsalat, Mohrrüben, Radieschen, Bohnen und Erbsen an den Pflöcken auf, damit man wusste, wo was gesät war.
Wir gingen zur Hand. Mit dem Eifer kleiner Kinder. Spielerisch, begeistert.
Schleppten für sie den Eimer herbei, die Forke, die Kiepe, die Schaufel. Halfen beim Viehtreiben, riefen den Tieren und einander etwas zu, klopften dem Hund die Flanke, streichelten die Katzen, gossen ihnen Milch in die Näpfe. Und verloren uns dann, als wir noch klein waren, auch schnell in einer Einzelheit auf dem Weg zwischen dem einen und dem anderen, blieben stehen oder setzten uns hin, sahen Ameisen über den Weg krabbeln oder Hummeln über den Blüten der Wiese brummen und sahen dem Storch zu, der hinter dem Heuwender herging und Mäuse und Frösche aufspießte, untersuchten das Gewölle von Eulen, probierten, den Maulwurf unter der Erde zu finden, oder lagen im Gras und sahen den ziehenden Wolken nach, bis das Wasser für die Kälber in der Zinkwanne überlief – rannten los, den Wasserhahn zu schließen.
Manchmal zog ich mich zurück. Wie jedes Kind wollte ich für mich sein, ohne die Erwachsenen und ihre Ansprüche, wollte nichts von ihnen sehen und hören. Dann ging ich, wenn es Winter war, auf die große Diele und setzte mich in das zur nächsten Fütterung aufgeschüttete Heu. Dort lag meistens schon die alte Katze, die vor uns auf dem Hof gewesen ist, oder sie kam, wenn sie mich hatte kommen hören. So saßen wir dann im Blickfeld der wiederkäuenden Kühe und ich sprach mit der Katze und streichelte sie, die sich schlängelnd und drehend ganz an mich und meine Hände drückte. Manchmal aber waren mir dann auch sie und die Gegenwart der Kühe zu viel und ich schubste sie weg und verließ die Diele, wollte eindeutiger und gründlicher für mich sein, denn auch die Tiere ließen mich nicht ganz frei, erinnerten mich an die Arbeit, die man mit ihnen hatte. Ich öffnete dann die kleine, ins große Dielentor eingeschnittene Tür und schlüpfte hinaus in die benachbarte Scheune, in der ich dann hoch oben auf das Stroh kletterte. Dort saß oder lag ich, umgeben nur von Stroh und Staub und Spinnweben und manchmal einem Rascheln, von dem ich annehmen wollte, dass es von Mäusen stammte, auch wenn ich wusste, dass es Ratten waren. Wahrscheinlich blieb ich gar nicht lange dort, denn es war ja kalt. Und doch war es eine kleine Ewigkeit da im Stroh, in die ich versank und die mich ein wenig träumen ließ.
Im Sommer ging ich zum Alleinesein in den Buschhof. Dort lag am Rande der von Eichen umstandenen Kälberwiese und unter Holunderbüschen, in die sich Efeu und wilde Brombeeren gerankt hatten, allerlei altes Gerät, von wucherndem Kraut und Brennnesseln fast überwachsen. Da waren ein altertümlicher, inzwischen schon fast völlig verrosteter und in seine Bestandteile zerfallender Pflug, ein zusammengebrochener Ackerwagen, der einfach in den Busch geschoben worden war, auf dass ihn vielleicht irgendwann später jemand ausschlachten würde. Das Eisenband, das um seine hölzernen Räder lief, war bald verrostet, und das Holz der Räder, das durch die beständige Feuchtigkeit aufgequollen war, drängte sich unter dem Eisenband hervor, platzte sozusagen aus der Naht. Übereinandergeschichtet lagen da alte Eggen, denen Zähne fehlten oder die zu klein geworden und längst durch größere ersetzt worden waren. Durch sie hindurch wuchs Unkraut, und daneben gab es anderes veraltetes Gerät aus der Zeit der vorherigen oder vorvorherigen Besitzer – auch die Reste eines hölzernen Bocks, inzwischen schwarz und bröckelnd, auf den einmal Stroh zum Häckseln oder gar noch Flachs zum Brechen gelegt worden war. Die dazugehörigen Schneiden, verrostet, gekrümmt oder gerade, gezähnt oder von dünnlippiger Gefährlichkeit, lagen eingewachsen in wucherndes Gras und Gestrüpp.
Deshalb sah unsere Mutter es nicht so gerne, wenn wir Kinder uns im Busch herumtrieben. Aber so ganz verboten war es nicht.
Einmal im Frühling entdeckte ich, im frisch belaubten Gebüsch hockend und eigentlich vertieft in den Anblick der Farne, die dort schon üppig wuchsen, eine für mich ganz neue und eigenartige Pflanze. Still und bleich ragten Stängel aus dem Boden, kleine Röhren waren es, oben gekrönt von einem braunen, länglichen Puschel. Mir waren diese Stängel in ihrer Blässe ein bisschen ekelhaft, und gleichzeitig zogen sie mich wegen ihrer Fremdheit auch an. Anfassen wollte ich sie nicht. Und sie waren auch kein bisschen schön. Nein, ich wollte sie nicht pflücken. Sie waren einfach nur ganz für sich, waren nicht einmal recht was fürs Auge, waren nur da, und nichts an ihnen blühte oder wiegte sich in dem leichten Windhauch, in dem sogar die schweren Farne hier nahe der Erde sich ab und zu ein wenig bewegten. Starr und ergeben standen sie in der feuchten, moorigen Erde. Aus der Hocke brachte ich mein Gesicht nahe an sie heran. Alle paar Zentimeter umlief jeden Stängel ein brauner Ring aus winzigen, an den Hauptstamm geklebten Blättchen. Sie waren, so kam es mir vor, stiller und stummer als andere Pflanzenstängel, die nicht nur überhaupt grün waren und sich mal glatt, mal pelzig anfühlten, mal geriffelt, kantig oder rau waren, sondern aus denen auch Nebenästchen herauswuchsen und sie so überhaupt erst zu einer ordentlichen Pflanze machten.
Meine Aufmerksamkeit ließ langsam nach und mein Blick ging wieder zu den Farnen, von denen ich wusste, wie riesig groß sie im Sommer an diesem Standort werden würden, sodass ich mir wieder einmal vorstellte, dass man, wäre man nur ein wenig kleiner, sich unter ihnen verstecken könnte. Da würde ich mir dann aus dem Moos, das überall an den Füßen der Stämme hier wuchs, eine Art Nest bauen, das ich zu einer kleinen Zwergenwohnung würde ausstatten können, mit Blättern und Ästen und Stückchen von trockenem Holz und Rinde, um im Sommer die hellen, sauren Wildkirschen da hineinzusammeln und im Herbst die in so großer Fülle von den Bäumen fallenden Eicheln. Nur die braunen schwammigen Pilze, die schlecht riechend auf absterbendem Holz wuchsen – und die Hallimasch hießen, wie ich später lernte –, würde ich nicht anfassen, genauso wenig wie die bleichen Stängel.
Ich stand aus der Hocke wieder auf und bewegte mich leise und langsam weiter durch das Gebüsch, war Zwergin, Indianerin, vermied es, auf die trockenen Zweige zu treten, damit es nicht knackte und keine Feinde auf mich aufmerksam würden. Die Vögel sahen oder hörten mich dennoch und warnten. Aber das störte mich nicht, im Gegenteil, das gehörte nun zu meinem Urwaldgefühl dazu, auch die Vögel waren jetzt wie Pflanzen, denn ich wollte gar keine Tiere dabeihaben, und auch ich selbst könnte und würde eine Pflanze werden, tief wurzelnd, in die Tiefe hineinwachsend. Ich sog den Geruch der Erde ein, nahm sogar ein bisschen Erde in den Mund und das Modrige an ihr gefiel mir. Ich wollte mich lang auf sie legen, ganz in sie einsinken, in ihre Tiefe eintauchen wie in eine Unterwasserwelt, die sie einmal war, vor Millionen Jahren, versunken in eine uralte Pflanzenwelt von Farnen, Moosen und Schachtelhalmen – denn das waren diese merkwürdig bleichen Stängel. Was aus dieser Versunkenheit einmal gewachsen ist, das Moor, machte auch mich sumpfig und träge.
Später im Jahr, als ich einmal wieder einen Besuch ganz für mich im Buschhof machte, entdeckte ich an der Stelle der bleichen Stängel – nichts. Sie waren weg. Jedenfalls glaubte ich das. Aber dann fielen mir die Pflanzen auf, die ich im Frühjahr noch nicht hier gesehen hatte, mit grünen Stängeln, aus denen in regelmäßigen Abständen ein Kranz sehr simpler Ästchen spross – Schachtelhalme im Sommer. Sie waren jetzt weniger ärmlich anzusehen als in ihrer Frühlingsnacktheit, dafür gewöhnlicher, und fielen kaum noch auf. Dass und wie besonders sie waren, verstand ich erst, als ich sie jahrzehntelang nie und nirgends mehr gesehen hatte, nur einmal noch in einem botanischen Garten.
Aus den Handreichungen der kleinen Kinder wurden Aufgaben, wurden Pflichten, wurde Arbeit. Mit uns wurde gerechnet.
Und als es ernst wurde, war uns alles schon vertraut. Die Hitze im Sommer beim Rübenhacken und beim Heumachen, dazu Mückenstiche und der eigene Schweiß. Im Winter waren es dann Kälte, Frost und Schnee, gegen die man Handschuhe, Schals, Stiefel aufbot, und Geduld, Hartnäckigkeit, Trotz. Wir kannten die Griffe, das Anheben und Tragen und Absetzen, das Ziehen und Über-den-Boden-Schleifen, das Fegen und Bürsten, Rühren und Schälen, Rupfen und Schrubben. Wir kannten Nässe, Dreck, Gestank und Gewicht. Wir fassten an, was rau und stachelig war, verkrustet, glatt oder schleimig verklebt. Setzten den eigenen Körper an gegen die Schwere der Gegenstände und den Widerstand der Tiere. Schoben, hoben, trugen. Säuberten Ställe und Futterkrippen, streuten ein mit staubigem Heu oder kratzendem Stroh. Stießen mit Ellenbogen und Knien gegen Holz, Stein und Metall, und wenn es schmerzte, fluchten und schimpften wir laut mit Holz, Stein und Metall. Aber wenn wir den Erwachsenen anklagend oder gekränkt die neuen Schrammen zeigten, winkten sie ab oder sagten nur: »Alles faules Fleisch, muss alles noch weg.« Unsere kindlich-ungelenken Körper mussten noch mehr Geschick entwickeln, mehr Kraft und Tempo. Und das geschah dann wohl auch.
Gegen die Erwachsenen jedenfalls half nichts. Und gegen die Arbeit auch nicht. Sie musste getan werden.
12. KAPITEL
DAMALS
Wie unsere Eltern Moornachbarschaft kennenlernen.
WENN WIR MORGENS NACH DEM VIEHBESORGEN noch beim Frühstück saßen, kam oft einer der Nachbarn vorbei. Der Hund hatte ihn meistens schon angekündigt. Mal war es Onkel Edu, mal Egon, der junge Mann von nebenan, der in unserem zweiten Jahr in Neubachenbruch geheiratet hatte. Wer es auch war, er rief schon vom Eingang her »Moin« und klopfte an die Tür, auch wenn sie schon offen stand. Nur ganz selten war es eine Frau, denn die Bäuerinnen standen um diese Uhrzeit schon am Herd und bereiteten das Mittagessen vor. Im Dorf stand fast überall pünktlich um zwölf Uhr das Essen auf dem Tisch – immerhin war man gegen fünf oder sechs Uhr morgens zum Melken aufgestanden.
Wer es auch war, er wurde aufgefordert, einen Kaffee mitzutrinken, tat es jedoch nie, war immer in Eile und wollte entweder ein Gerät ausleihen oder um Mithilfe bei einer Unternehmung bitten, die traditionell gemeinsam gemacht wurde. Das ging von der Hilfe beim Kuhkalben über tagelange Bauarbeiten bis hin zu Fahrten über Land zu Versteigerungen oder Vieh- und Maschinenkäufen. Aber in der Regel setzte sich der Besucher wenigstens kurz hin.
»Sett di dal, süss räd ik nich mit di«, sagte mein Vater. Setz dich, sonst spreche ich nicht mit dir. Nur wenn es um das Kalben einer Kuh ging, durfte der Nachbar gleich weiterziehen zum nächsten Nachbarn. Sonst aber musste er sich erst einmal irgendwelche Fragen gefallen lassen: Ob der Maurer gestern am Ende doch noch gekommen ist, ob der Miststreuer repariert werden konnte, und wie geht es überhaupt der Tante, die neulich überraschend ins Krankenhaus gebracht werden musste? So ging es eine kurze Weile hin und her, und manchmal war die Sache, um die der Nachbar gekommen war, dann doch nicht so eilig. Oder einer erzählte ungefragt, wie Hinni oder August oder Johann gestern mit ihrem neuen Trecker einem Grabenrand zu nahe gekommen und abgerutscht waren und erst durch das Vorspannen von zwei Pferden wieder herausgezogen werden konnten. Das war für alle eine Erinnerung an den Ausspruch einer der Mütter, und man grinste gemeinsam ein bisschen spöttisch in sich rein. Die hatte nämlich, als unser Vater statt mit Pferden gleich mit einem Trecker zu wirtschaften begonnen hatten, gemeint: »Dat geiht bi uns nich« – Das geht bei uns nicht. Den begehrlichen Blick ihres Sohnes hatte sie betont übersehen.
Über das In-den-Graben-Rutschen amüsierten sich alle gerne – aber auch nicht zu sehr, denn es passierte natürlich jedem mal.
Erst wenn das Frühstück dann beendet war und alle aufstanden, stand auch der Nachbar auf. Während sich die beiden Männer zum Gang nach draußen im Windfang die Stiefel anzogen – auch der Besucher hatte seine Stiefel gleich ausgezogen und war auf Strümpfen eingetreten –, wurde endlich beredet, was zu bereden war.
»Du, wat ick säggn wull …« Was ich sagen wollte …
Mich beeindruckte immer wieder dieses ausführliche Drumherum-Reden. Anfangs machte es mich ganz ungeduldig – bis ich begriff, dass dieses Sprechen zur Nachbarschaft und zur Gegenseitigkeit dazugehörte, dass es die hiesige Höflichkeit war.
Oft ging es darum, dass sich einer ein Gerät ausleihen wollte, oder er wollte ein von uns entliehenes wieder abholen. Obwohl er es auf seinem Gang über den Hof schon hatte stehen sehen, würde er natürlich immer erst ins Haus kommen und Bescheid sagen, bevor er es mitnahm. Wichtig war, dass man es schon gesäubert hatte. Denn wer ein geliehenes Gerät verdreckt oder sogar beschädigt zurückgab, dem hing das ewig an. »So iss hei«, hieß das dann, so ist er eben.
Man nahm allerdings auch das irgendwie hin und es wurde in jedem Fall weiterhin Nachbarschaft gehalten, sogar dann, wenn es sich um weit Schlimmeres als ein schmutziges Gerät handelte. Betrug im Kartenspiel oder kleine Diebereien beim Kleinvieh – sogar Ehebruch. Es geschah wohl, dass einer ›kein guter Nachbar‹ genannt wurde. Manchmal wurden Fehden daraus, die sich über mehrere Generationen erstreckten, aber Nachbar war man trotzdem, lebenslang. Beim Säubern der Gräben und beim Kuhkalben – hiesige Haupt- und Staatsakte – half man einander ohne Diskussion.
Nicht selten musste einer unserer Nachbarn auch bei uns die Reinigung des gemeinsamen Grenzgrabens anmahnen. Wie genau man es hier damit nahm, daran gewöhnte sich unser Vater erst im Laufe der Jahre. »Da verstehen die hier im Moor keinen Spaß!«, hat er manchmal ärgerlich, aber doch auch respektvoll gebrummt, wenn er wieder einmal an seinen Anteil des Grabensäuberns erinnert werden musste. Damals wurden die Gräben noch in schwerer Handarbeit mit Spaten und Haken gesäubert – eine nasse und knochenbrechende Herbstarbeit. Später wurde dafür gemeinsam ein kleiner Bagger aus dem Nachbardorf bestellt.
So oder so, die Gelegenheit für einen Klönschnack – am besten draußen und ohne das kritische Zuhören der Frungslüe, der Frauen – ergriff man gerne.
Die Unterbrechung der Arbeit gehörte zur Arbeit dazu. Denn die Arbeit selbst war einem sicher, sie lief nicht weg. Sie strukturierte nicht nur den Tag und das ganze Leben. Sie war Bedingung des Daseins. Sie steckte einem ein Leben lang in den Knochen. Umso kräftiger und ausführlicher wurde gefeiert, jedenfalls bei den Männern, selbst wenn es nur um eine etwas lang geratene Unterbrechung des Arbeitstags durch den Nachbarn ging. Und auch die Anekdoten, die auf solche Weise zustande kamen, lohnten wiederum ein längeres Stehen- oder Sitzenbleiben. Oft schlossen sie mit einem: »Wat sünd wi duhn wesst!« – Was sind wir blau gewesen! In jedem Fall war es gut, einmal nicht gleich wieder aufstehen, in die nassen Holzschuhe oder Stiefel schlüpfen und weiterlaufen zu müssen.
Es war die Zeit, als nicht schon jeder einen Trecker besaß, geschweige ein Auto. Man musste sich absprechen und einander helfen – nicht nur, wenn eine Kuh kalbte, Gräben gereinigt und Wege ausgebessert werden sollten. Und auch nicht nur bei großen Ereignissen wie Richtfesten, Hochzeiten und Beerdigungen. Auch im Kleinen galt das Miteinander. Der eine kannte sich mit Viehkrankheiten und ihren Behandlungen gut aus, der andere hatte bessere Ideen, wenn es um den Umgang mit Holz ging, der Nächste konnte Viehhändler zu hohen Preisen treiben und wurde gern hinzugebeten, wenn ein Handel anlag. Und wiederum der Nächste hatte zu einem der Vorstände in Genossenschaft, Landhandel, Molkerei oder Landgesellschaft einen besseren Draht als der Nachbar.
Bei den Frauen war es nicht anders. Die eine kannte alle Mittel gegen bestimmte Kinder- oder Kälberkrankheiten, die Nächste probierte gerne Rezepte beim Einkochen von Marmeladen oder süßsauren Bohnen aus, die sie dann an einige Auserwählte weitergab, und die Übernächste war schon im neu eröffneten Geschäft drei Dörfer weiter gewesen und gab Einkaufstipps. Eine andere häkelte die schönsten Kanten um Tischdecken oder glänzte durch Lochstickerei.
Wenn Schwein oder Rind geschlachtet wurde, halfen die Nachbarinnen beim Säubern der Därme und beim Wurstmachen, beim Schneiden und Durchdrehen des Fleischs, beim Kneten und Würzen des Teigs, dem Einfüllen in Därme oder Gläser, sie lösten einander ab beim Umrühren, beim Brühen der Würste im großen Kessel. Am Ende kriegten sie frische Würste mit zum Dank, hatten vielleicht ein Rezept abgestaubt und kannten außerdem den neuesten Klatsch und Tratsch.
Die Geschichten übereinander arteten selten aus, denn hier war schließlich jeder mit jedem verwandt. Und man traf sich ständig bei so vielen Gelegenheiten wieder, weshalb alle sowieso schon immer fast alles voneinander wussten.
Bis auf die wirklichen Geheimnisse.
In jedem Dorf gab es sicher diese Männer und Frauen, vor denen man sich besonders in Acht nehmen musste, die mit einer Mischung aus harmlos-freundlichem Gesicht und süßer Stimme, mit ganz nebenbei gesetzten Sticheln und galligem Spott jemanden so herauslockten oder provozierten, dass er sich dann selbst verriet. Selbst die Gescheiten, vielleicht sogar gerade sie, wurden von solchen Leuten, wie man hier sagte, ›in die Tasche gesteckt und wieder rausgeholt, ohne dass sie es merkten‹. So wurden Geheimnisse entlockt – die dann hinter vorgehaltenen Händen geflüstert weiterwanderten.
Am Ende blieb keiner ungeschoren.
Vielleicht ging auch deshalb die Nachbarschaftshilfe immer weiter, solange es Nachbarn gab, die Hilfe brauchten. So lange lieferte man gemeinsam das Vieh auf der Waage ab, trank dazu einen Köhm und grinste sich einen. Weil und obwohl man wusste, was man voneinander zu halten hatte. Oder man verabredete eine gemeinsame Fahrt ins Kreiskrankenhaus, in dem eine junge Nachbarin ein Kind geboren oder der Opa von nebenan eine Operation hinter sich gebracht hatte. Man gab fünf Mark Tankgeld dazu und jeder merkte sich, wer es vergaß.
Bald würde es mit all dem vorbei sein. Bald hatte fast jeder im Dorf einen eigenen Trecker und sogar ein eigenes Auto. Besser noch, es gab auch in jedem Haus einen Fernsehapparat. Da brauchte man einander gar nichts mehr zu erzählen.
ERSTES ZWISCHENSPIEL
Warum Vergil das Landleben über den grünen Klee lobte und Johann Heinrich Voß ihm glaubte. Wie die Antike den Boden unter den Füßen verlor.
MANCHMAL TREFFE ICH KRISCHAN, EINEN ALTEN FREUND. Wir stammen nicht aus demselben Ort, aber aus demselben Schulbus. Der Bus sammelte allmorgendlich die Kinder aus den kleinen, weit abgelegenen Dörfern und brachte sie zur Mittelpunktschule, einige von uns noch zehn Kilometer weiter zum Gymnasium. Das bedeutete jeden Morgen eine Stunde Fahrt über die Dörfer, durch flaches Moor, über sandige Geestrücken, ein Gekurve auf engen, gepflasterten Landstraßen, vorbei an den Höfen, auf denen morgens gerade noch gemolken wurde, dann auf Asphalt an Einfamilienhäusern entlang, an Möbel- und Schuhgeschäften, einem Kieswerk, vorbei an großen Geschäften mit Höfen voller Landmaschinen und Baumaterial. Wenn der Bus uns am Mittag zurückbrachte und in jedem Dorf ein paar Kinder aussteigen ließ, war es leer auf den Straßen, die Geschäfte geschlossen zur Mittagsruhe. Auf den Bauernhöfen hob höchstens mal ein Hund den Kopf, wenn die Kinder vorbei- und nach Hause gingen.
Krischan und ich haben uns vorgenommen, uns regelmäßig zu treffen und über Bäuerlichkeit und Landwirtschaft zu sprechen. Die wachsende Kritik an der modernen Agrarwirtschaft hat uns immer mehr aufgebracht – zumal ja kaum einer kannte, worüber er sprach, und nichts wusste über landwirtschaftliches Leben und Arbeiten, über Ackerbau und Viehwirtschaft.
Anders als wir, wie wir meinten.
Aber was wussten wir wirklich über unseren damaligen, kindlichen Alltag hinaus? Wir kannten natürlich unsere eigenen Familienbilder und -erzählungen vom Bauernleben vor unserer Zeit. Daneben gab es jedoch all die Prägungen unserer Kultur, die durch Jahrhunderte agrarischer Lebensweise entstanden waren, und das Bild vom Bauern und vom Land, das wir nicht kannten, weil es von den Bürgern stammte – und weit vor ihnen von Adel und Klerus, aus Dichtung und Kunst.
Wir verabreden Lektüren, besuchen Museen, gehen in Galerien und ethnologische Sammlungen. Wir suchen nach Spuren des Agrarischen in unserer Kultur, forschen nach Elementen des Bruchs zwischen dem Städtischen und dem Ländlichen, zwischen Damals und Heute.
Wir fragen uns, um welches »Damals« es eigentlich geht.
Wann ist für Stadtbewohner Landwirtschaft noch akzeptabel gewesen?
Seit wann wurden ›Land‹ und ›Natur‹ derart romantisiert, dass die auf den Feldern und in den Ställen arbeitenden Menschen nicht mehr in den Blick kamen?
Wir wollen uns auch befassen mit dem Lob des Landlebens – und mit der gegenwärtigen Hassfigur des subventionsgestützten Landwirts, den Grundwasser-, Pflanzen-, Boden-, Menschen- und Tiervergifter. Und dabei bedenken, dass die heutige Landwirtschaft die billigsten und sichersten Lebensmittel produziert, die es je gegeben hat.
Wo fängt man an, wenn man über die Kultur schaffende Wirkung des Ackerbaus etwas erfahren will? Was sollten wir wissen über den ägyptischen und sumerischen Landbau?
»Vielleicht genügt es, festzustellen«, sagt Krischan, der schon in der Schule in Geschichte geglänzt hat, »dass die Erfindung der Schrift zurückgeht auf die Notwendigkeit, den bäuerlichen Mehrertrag aufzuzeichnen und die Steuern zu berechnen.« Es war eine von mehreren Schriften, die Keilschrift, die in Uruk bzw. Babylon, im Süden des heutigen Irak, entwickelt wurde. Die Getreideüberschüsse schufen die Grundlage für unsere Schriftkultur – und der Überschuss des Landes die Grundlage für die Entstehung der Städte.
Das Lob des Bauernlebens und die Verherrlichung der Natur kamen von den Herren aus der Stadt, die sich aufs Land begaben, um von der Arbeit auszuruhen, und die – anders als die Bauern – lesen und schreiben konnten. Die Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren wurde nicht von den Bauern beschrieben – und erst recht nicht von ihnen gelobt.
Wir nehmen uns den römischen Schriftsteller Vergil1 vor, Autor der berühmten »Georgica«, »Vom Landbau«. Er schrieb das »Lied vom Landbau« ungefähr dreißig Jahre vor unserer Zeitrechnung, ein Hohelied auf die Mühe und den Segen bäuerlicher Arbeit und auf den in der Natur arbeitenden Menschen. »Landarbeit will ich besingen …, den Fleiß, der uns heitre Saaten beschert …, die Zucht von Großvieh, die Pflege von Kleinvieh; schließlich die Kenntnisse noch, die man braucht zur Betreuung der sparsam waltenden Bienen.« Die »Landmänner« werden beschrieben als »rüstige Menschen, zufrieden mit wenigem, zäh bei der Arbeit, Ehrfurcht vor den Göttern und Achtung vor Alten«. Schwere Arbeit als göttlicher Wille. »Vater Jupiter wollte den Feldbau schwierig gestalten, bewusst: Er ließ als Erster die Schollen aufbrechen, wollte durch Nöte und Sorgen den Menschengeist schärfen, duldete nicht, dass sein Reich in leidiger Trägheit erstarrte.«
Feldbau als Schärfung des Geistes, Maßnahme gegen Faulheit – sollte dies eine Kritik sein an denen, die andere für sich arbeiten ließen?
Aber haben die Herrschaften und auch der Dichter selbst nicht immer andere für sich arbeiten lassen, jedenfalls was die Feldarbeit anging? Die wurde nämlich von Sklaven gemacht – und sie kommen im Lob des Landbaus nicht vor.
Krischan stimmt mir zu. Vergil habe von der Landarbeit geschrieben, als ob sie von freien Bauern gemacht würde. Aber das sei natürlich nicht der Fall gewesen. Im Gegenteil, es hatte im Kernland der Römer zu Vergils Zeiten fast nur noch große Landgüter gegeben, auf denen Sklaven eingesetzt wurden, also ausländische Kriegsgefangene, Sträflinge und deren Kinder und Kindeskinder. Und diese Sklaven, bzw. die Tatsache, dass es Sklaven waren, die da pflügten und säten und ernteten, hat er mit keinem Wort erwähnt.
Man müsse verstehen, sagt Krischan, dass Vergils »Landbau« eigentlich mit Landwirtschaft nichts zu tun hat. Das Ganze sei ein Missverständnis von Anfang an gewesen. Im »Landbau« ging es vielmehr um eine Utopie. Der Dichter hatte an die Regierenden appellieren wollen, eine – wie wir wissen: geschönte – Vergangenheit zur Gegenwart werden zu lassen.
»Wollte er die Sklaverei abschaffen?«
»Nein, Vergil wohl nicht. Aber sein deutscher Übersetzer Johann Heinrich Voß wollte es.«
Voß verehrte die Antike und hasste den Feudalismus. In einer Fußnote zum »Landbau« schrieb er: »Jenen ländlichen Mann [also den Bauern] denkt sich wohl jeder von selbst als einen freien menschlich erzogenen Eigenthümer eines mäßigen Feldes, ohne Nebenbegriffe von Sklaverei, Schmutz und Vernunftlosigkeit, wozu der Leibeigene … in Jahrhunderten des Faustrechts erniedrigt ward.«
Dies entsprach selbstverständlich nicht der römischen Realität. Aber Voß hätte es gerne so gehabt. Seine Fußnote war ein politischer Angriff auf die Leibeigenschaft seiner Zeit. Denn sein eigener Vater war noch Leibeigener im Dienst eines mecklenburgischen Junkers gewesen. Voß kannte die dazugehörigen Demütigungen, auch wenn sein Vater Kammerherr und nicht Bauer gewesen ist. Er hasste die Leibeigenschaft aus tiefstem Herzen und schrieb bis zuletzt unbeugsam gegen sie an. Die von ihm so geliebte Antike wollte Voß nicht mit Sklaverei oder Leibeigenschaft in Verbindung gebracht wissen.
»Schon bei ihm ist es also ein Traum«, sage ich, »der Traum von der Einfachheit und Würde des Landes, von der guten Natur und der hohen Moral derer, die in und mit der Natur arbeiten.«
Aber Schmutz und Vernunftlosigkeit der auf dem Land arbeitenden Menschen entstehen für Voß nicht durch ihre Arbeit. Sie sind vielmehr Folge von Rechtlosigkeit, Durchsetzung des Stärkeren und seiner Gesetze. Gegen das Mittelalter, diese dunkle, vernunftlose Zeit, hielt er das helle Licht der Antike, den Geist der Aufklärung!
»Immerhin hatte Voß«, sage ich, »in Otterndorf eine neue Erfahrung gemacht.« Otterndorf war damals die Hauptstadt unserer Gegend und die der freien Hadelner Bauern. Ebenso wie die Dithmarscher* Bauern hatten sie sich durch den hohen Stellenwert der Landgewinnung, von Eindeichung und Küstenschutz eine ganz besondere Position erkämpft. Wie alle Ständeversammlungen bestand zwar auch die Hadelner Versammlung, die in Otterndorf tagte, aus den Vertretern dreier Stände. Aber hier waren es nicht Adel, Geistlichkeit und Bürgerschaft. Sondern hier waren der erste Stand die Vertreter der Marschbauern – die auf den fettesten Böden saßen; der zweite Stand fasste die Interessen der Sietlandbauern zusammen, also von denen, die im oft überschwemmten ›sieten‹ Land auf sandigen und moorigen Böden wirtschafteten. Erst die Vertreter des dritten Standes rekrutierten sich, wie es üblich war, aus dem Bürgertum, hier den Stadtbewohnern Otterndorfs. Die Hadelner Stände wählten ihre Pastoren, Richter und Lehrer selbst. Auch ihn, Johann Heinrich Voß aus Mecklenburg, hatten die Hadelner Stände zum Rektor ihrer Lateinschule gewählt, in der die Marschbauernsöhne – natürlich nur die Jungen – Latein und Griechisch lernten. Sie gingen sogar weiter nach Hamburg ins Johanneum, eine Art Universität, und kamen anschließend, so heißt es, trotzdem als Bauern auf ihre Gehöfte zurück. Schließlich waren sie Grundherren, die man in den benachbarten nord-niederländischen Marschen ›Herrenbauern‹ nannte, und auch sie hielten die Nase entsprechend hoch. Aber sie waren keine Adligen, und das hat Voß außerordentlich geschätzt. Wenn nicht das Marschenfieber, eine Art europäische Malaria, gewesen wäre – und natürlich die fehlenden Freunde, vor allem Matthias Claudius in Hamburg –, dann wäre Familie Voß wohl nicht nach drei Jahren wieder fortgezogen.
»Es ist vielleicht nicht unwichtig«, sagt Krischan, »dass die drei wichtigsten Sklavenkriege2 in Rom schon stattgefunden hatten, als Vergil seinen »Landbau« schrieb.« Im letzten und größten Aufstand unter Spartakus3 kämpften Tausende von Feldsklaven der großen Güter, und, wichtiger noch, ihnen schlossen sich viele verarmte, freie Bauern an. Dieser Aufstand, der den Herrschern wirklich gefährlich wurde, ist blutig niedergeschlagen worden. Das war zur Zeit von Vergils Geburt geschehen, also erst vierzig Jahre bevor er den »Landbau« schrieb.
»Es muss eine sehr bewusste Entscheidung gewesen sein, die Sklaven, also die eigentlichen Feldarbeiter, nicht zu erwähnen«, meint Krischan.
Wir halten fest: Nicht der Inhalt der »Georgica« allein ist entscheidend, sondern dass dieser Text immer wieder aufgelegt und sogar im Mittelalter in den Lateinschulen gelesen, oft für Übersetzungsübungen der Schüler herangezogen wurde und so das Bild von der guten Natur und den einfachen, edlen Menschen, die den Boden bearbeiten, festigte.
»Sollen wir jetzt dagegensetzen«, sage ich, »dass Landwirtschaft von vornherein Ausbeutung war – von der Natur und ja übrigens auch von Menschen?«
Jedenfalls gibt es einen Stoffwechsel zwischen Menschen und Natur, in dem sich die Menschen die Natur dienstbar machten. Das war von Anfang an. Die Menschen geben ihr und sie nehmen von ihr, sie säen und düngen und ernten. Sie ziehen ein Tier auf, dann schlachten sie es. Und weil solche Arbeit mit und in der Natur schwer und schmutzig ist, hat man sie immer gerne anderen über lassen – die man idealisieren oder verachten konnte, wie es gerade passte.
Ein weiteres Beispiel für das Lob des Landes finden wir bei einem Zeitgenossen Vergils, dem Dichter und Gutsbesitzer Horaz4. Von ihm stammt nicht nur die Satire von der Stadt- und Landmaus, in der sich die Landmaus durch das Versprechen auf tolle Leckereien in die Stadt locken lässt, dann aber wegen der ständigen Angst vor Entdeckung zurückkehrt und sich zu Hause lieber wieder mit »einfachem Wildkorn« zufriedengibt. Wichtiger noch ist der Brief von Horaz an seinen Gutsverwalter, dem er vorwirft, die Stadt mit ihren Reizen dem Lande vorzuziehen, während er selbst sein »Gütchen« liebt, weil es, so schreibt er, »mich mir selbst wieder schenkt«. Und an anderer Stelle bekennt er, nur auf dem Lande und nicht in Rom könne er Gedichte schreiben.
Hundert Jahre vor Vergil und Horaz hat Marcus Porcius Cato5 der Ältere, Feldherr und Staatsmann, noch ganz nüchtern über die Landwirtschaft als gewinnorientiertes Unternehmen geschrieben. Sein Werk »De agri cultura«, also »Vom Ackerbau«, ist das älteste, vollständig erhaltene Prosawerk in lateinischer Sprache. Darin berät er Gutsbesitzer und gibt ihnen Tipps, wie sie mit ihrem Besitz umgehen sollten, mit Land und Sklaven, und wann es sich lohnt, Oliven oder Wein anzubauen. Er schreibt, dass man zur Bewirtschaftung von 60 Hektar Olivenbäumen dreizehn Sklaven braucht, einen Verwalter und dessen Frau, fünf gewöhnliche Knechte, wie er schreibt, drei Ochsentreiber, einen Eseltreiber, einen Schweine- und einen Schafhirten, insgesamt sind es sechsundzwanzig Beschäftigte.
Sein Buch erschien ein paar Jahrzehnte vor dem ersten großen Sklavenaufstand.
»Cato«, sage ich und erinnere mich an unseren Lateinunterricht, »hat doch seine Reden im Senat immer mit dem Ruf beschlossen: ›Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago6 zerstört werden muss.‹«
Und es ist in unserem Zusammenhang höchst interessant, warum diese Stadt des Feindes zerstört werden sollte. Sie war der Hauptort an einer Spitze der nordafrikanischen Landmasse, die ins Mittelmeer ragt, gewissermaßen auf die Westspitze Siziliens zeigend; ihre Ruinen liegen heute zehn Kilometer östlich von Tunis, der Hauptstadt Tunesiens. Die Kriegführung der Römer in den Punischen Kriegen wollen wir hier nicht nachvollziehen, aber festhalten, dass Karthago mit seiner reichen Landwirtschaft und insbesondere dem Getreideanbau ein mächtiger Handelskonkurrent für Rom war. Die Menge der Lebensmittel, vor allem des Getreides, bestimmte, wie groß ein Staat sein konnte, wie viele Menschen, Steuerzahler und Soldaten ernährt werden konnten.
Die Bodengeschichte der Nordspitze Tunesiens zeigt, dass dort eine florierende Ackerwirtschaft auf fruchtbarem Boden betrieben wurde. Man baute vor allem Weizen an, das wertvollste Brotgetreide. Nach der Eroberung durch Rom wurden die nordafrikanischen Kolonien zusammen mit Sizilien zur Kornkammer des Römischen Reiches. Aber durch die extreme Übernutzung des permanenten Weizenanbaus wurden die Böden ausgelaugt. Heutige Bodenuntersuchungen zeigen, dass das Land durch Winderosionen von seiner Ackerkrume damals fast vollständig entblößt worden ist. Ähnliches war zuvor in Griechenland geschehen, schon 590 v. Chr. war das fruchtbare Erdreich der Hügel um Athen abgetragen. Für den Charakter der Mittelmeerlandschaft – dieses felsig-unbewaldete Land, das nur von einer flachen, schnell austrocknenden Erdschicht bedeckt ist – war neben der Rodung der Wälder für den Schiffsbau eine bodenübernutzende Landwirtschaft in der Antike verantwortlich.
Die wunderbar riechenden Kräuter auf kahlen Hängen und an kühlen Bachläufen zeigen, wie jede Artenvielfalt, einen Nährstoffmangel an. Und dieser Mangel ist kein natürlicher, er ist ein historischer, menschengemachter Zustand.
Dabei war es nicht so, dass die Griechen und Römer zu wenig vom Landbau wussten. Sie haben die Folgen von Aussaat und Düngung, von Brache und Fruchtwechsel sehr gut beobachtet und beschrieben. Aber es wurden keine Maßnahmen gegen die Bodenerosion ergriffen. Und bereits im Jahre 200 n. Chr., als die Erosion der Böden schon über dreihundert Jahre in vollem Gange war, schrieb der in Karthago lebende Römer Tertullian7: »Alles ist nun zugänglich, alles für den Handel erschlossen; wunderbare Bauerngüter traten an die Stelle schrecklicher Einöden, urbar gemachte Äcker lösten die Wälder ab … [Aber] wir sind zu viele auf dieser Erde, die Elemente sind uns kaum Nahrung genug, unsere Bedürfnisse werden größer und unser Begehren auch, nun, da die Natur uns bereits nicht mehr aushalten kann.«
2. TIEFER INS MOOR UND IN DIE GESCHICHTE
13. KAPITEL
HEUTE
Wenn Milch- und Bodenpreise die Stimmung verderben.
BEIM MITTAGESSEN IST MEIN BRUDER SEHR EINSILBIG. Ein bisschen zu munter frage ich nach den Kühen, dem Zustand im Stall, auf dem Feld.
»Auf dem Feld?«, fragt Waldemar leicht gereizt. »Was willst du da machen, solange Wasser drauf steht?«
»Und im Stall?«, hake ich nach.
»Schon davon gehört, dass gerade die Milchquote abgeschafft wird?«, sagt Hannes, der Mitleid mit seiner Tante aus der Stadt hat.
»Ach ja, stimmt, natürlich.« Mir ist peinlich, dass ich den Zeitpunkt vergessen habe, 1. April 2015. Der Milchpreis wird weiter sinken, jeder darf produzieren, so viel er will. Europaweit eingeführt worden war die Quotenregelung 1983, jedes Land der EG bzw. EU durfte nur eine begrenzte Menge Milch produzieren. Produzierte ein Hof mehr als seine Quote, musste er eine hohe Abgabe zahlen.
»Erstens«, zählt Waldemar auf, »war die Milchquote eigentlich nie dafür da, um den Preis zu stabilisieren. Es ging darum, das Milchangebot nicht ins Uferlose wachsen zu lassen. In Osteuropa gab es vor dem Mauerfall einen hohen Bedarf, unser Export dorthin wurde subventioniert. Inzwischen geht es andersherum, zu unserem Binnenmarkt gehört jetzt auch der Zufluss der Milchmassen aus den landwirtschaftlichen Großbetrieben der neuen Bundesländer und der osteuropäischen Staaten der EU. Aber dafür haben wir ja jetzt den globalen, z.B. den asiatischen Markt, angeblich ist die weltweite Milchnachfrage riesig – und darunter musst du dir Milchpulver, Käse und Butter, Joghurt und Babynahrung vorstellen. Aber dann hat Russland die Schotten gegen europäische Lebensmitteleinfuhren dicht gemacht – als Strafe für die europäischen Sanktionen 2014 gegen Russland wegen der Besetzung der Krim. Und plötzlich schwächelt die chinesische Wirtschaft, und – bums, ist unser asiatischer Markt auch weg – und zu viel Milch da.«
Er holt Luft.
»Und drittens ist Milch«, fügt Hannes ein, »zu einem Rohstoff geworden, und die Verarbeiter des Rohstoffs, die milchverarbeitende Industrie, wollen den natürlich möglichst billig einkaufen.«
Er lächelt spöttisch: »Es sind nicht alle unglücklich über die großen Milchmengen und die niedrigen Preise.«
»Viertens sind«, setzt Waldemar wieder ein, »mittlerweile die Boden- und damit auch die Pachtpreise der begrenzende Faktor für unsere Produktion geworden. Land ist Spekulationsobjekt für Geldleute geworden, in erster Linie für die Agrarindustrie, die Böden ankauft für ihre Vertragsproduzenten, aber auch fachfremde Unternehmen, ein großes Brillen-Unternehmen ist dabei oder reich gewordene Medienheinis, die hier in der Gegend für sehr viel Geld viele Tausend Hektar aufkaufen – und dann Agrarsubventionen einstreichen, weil sie nun als Landwirte gelten.«
»Die stellen dann einen Geschäftsführer ein und beschäftigen ukrainische oder rumänische Pflücker oder Melker im Niedriglohn«, setzt Hannes hinzu.
Es hat den ganzen Vormittag über nach Regen ausgesehen. Jetzt kommt plötzlich ein wenig die Sonne durch.
Mein Bruder und sein Sohn heben die Köpfe. Vielleicht kann man doch mit dem Walzen anfangen, also dem Anpressen der durch Frost, Tauwetter und Regen gelockerten Grasnarbe.
Wenigstens auf den Stücken, die am festesten sind? Der Junge brennt darauf, der Alte bremst.
»Vielleicht morgen«, sagt Waldemar.
Auch die hohe Extraabgabe – ein paar Tausend Euro – drückt auf die Stimmung. Sie muss demnächst gezahlt werden für jene Kilogramm Milch – Milchpreise werden in Kilogramm gerechnet –, die man im letzten Jahr zu viel, d.h. über die eigene Quote hinaus geliefert hat. Obwohl mein Bruder schon viele ältere Kühe rausgeschmissen und meine Schwägerin rohe Kuhmilch an die Kälber verfüttert hat, rechnen sie dennoch mit einer Strafzahlung. Im Moment gibt es noch zusätzlich ein kleinliches Gehampel über die Lieferungen in den letzten Tagen der Milchquote. Um nicht noch mehr Liter aufs Konto der ›Überlieferung‹ angeschrieben zu bekommen, wollen die Bauern so viel Milch wie möglich zurückhalten und erst am 1. April abliefern. Aber das wird natürlich nicht erlaubt. Es gibt dann einen Kompromiss: 1.000 Liter werden noch vorher bei jedem abgeholt, alles andere am regulären Ablieferungstag, dem 2. April. Vorstandsentscheidung! Genossenschaft!
»Die Genossenschaft, das seid doch ihr«, sage ich.
Waldemar schnaubt. »Das Einzige, was in einer Genossenschaft stört, sind die Genossen.«
»Das musst du mir erklären.«
Ihre Vertragsmolkerei gehört inzwischen zum Deutschen Milchkontor (DMK), dem größten Milchverarbeiter des Landes; das DMK hat sechsundzwanzig Niederlassungen in zehn Bundesländern, der Hof gehört durch die traditionelle Molkerei zur Niederlassung in Zeven, früher war es Nordmilch – von ihnen kennt man als Marke vielleicht Milram. Aber eine echte Genossenschaft bei einem Milliardenumsatz-Unternehmen? Die Struktur ist wie früher im Kleinen, mit Mitgliedern, Vorstand und Aufsichtsrat. Aber jetzt gibt es einen Geschäftsführer, und der muss mehr oder weniger tun, was vom Konzern beschlossen ist.
»Die vom DMK gezahlten Milchpreise waren eher unterdurchschnittlich.«
»Kann man da nicht kündigen und zu einer anderen Molkerei gehen, die mehr zahlt?«
»Kann man. Unsere Kündigungsfrist beträgt allerdings zwei Jahre – und wer weiß, wohin die Preisentwicklung geht und wer dann wen bis dahin wieder aufgekauft hat. Der nächste Mitbewerber ist auf der anderen Seite der Elbe, da wird die Milch mächtig hin- und hergefahren. Obwohl, das könnte einem egal sein …«
»Ist es aber nicht?«
»Das ist doch Mist«, sagt mein Bruder wütend und schiebt den Stuhl schon zurück, um gleich aufzustehen, »wenn man weggeht von der eigenen Molkerei, die wir hier selbst mal gegründet haben. Zehn Kilometer von hier ist die Verarbeitung, da sind Arbeitsplätze, und unsere Milch wird in den hiesigen Supermärkten verkauft. Das ist doch bekloppt, dass man von da weggehen muss, weil ein Großkonzern sie gekauft hat! Und der hat inzwischen mehr Angestellte als bäuerliche Mitglieder – also Milcherzeuger.« Bevor ich noch nachfragen kann, ist Waldemar schon rausgegangen.
Am letzten Morgen bin ich mit den anderen zusammen um sechs Uhr aufgestanden.
Es ist schon hell, die Sonne aber noch nicht über den Horizont gekommen.
Ich denke darüber nach, wie fern uns Stadtbewohnern ein solches Leben ist, wenn der erste Gang am Morgen der in den Stall ist. Alltäglich und ein Leben lang ist vor dem Frühstück immer zuerst das Vieh an der Reihe.
Dabei geht es nicht nur ums Melken, sondern auch um das Füttern und Misten und Einstreuen, das Sichkümmern um Gesundheit und Sicherheit der Tiere, weil man ohne ›Tierwohl‹, wie es heute heißt, keine Qualität von ihnen kriegt in Sachen Fleisch, Eier, Milch, sozusagen Haut und Haar.
Der Himmel leuchtet morgendlich blau und rosa, dazu ein Vogelkonzert, Kälberblöken und Bäume, die sich im langsam abflauenden Wind wiegen.
Nach dem Frühstück fahre ich zurück nach Berlin.
In den nächsten Monaten und Jahren hat sich der Druck auf die Milchbauern verstärkt.
War der durchschnittliche Erzeugerpreis 2013, also zwei Jahre vor dem Ende der Milchquote, bei 30 Cent pro Kilo und stieg er bis zum Dezember sogar noch auf 42 Cent an, so war er im Frühjahr des Quotenendes unter 30 Cent gefallen – und weiter im freien Fall. Bis auf 19 Cent ging er herunter, Aldi senkte die Preise der Vollmilch um ein Drittel. Milchbauern landeten derweil mit Burn-out in Rehakliniken, viele gaben hoch verschuldet ihre Höfe auf. Einige nahmen sich das Leben.
14. KAPITEL
1783
Was die Amtmänner an den neuen Anbauern im Bachenbrucher Mohr stört – ein Schriftwechsel über manche Inconvenzien und unziemliche Bedrohungen.
DEM AMTSSCHREIBER NANNE aus dem Amt Bremervörde, in jenen Jahren zentral für die Moorkolonisierung nördlich von Bremen zuständig, wurde im November 1783 bestätigt, dass ihm »die Iurisdiction über die neuen Anbauern im Bachenbrucher Mohr, vorerst auf 12 Jahre« aufgetragen sei. Schon ein paar Jahre später soll der Mann in das Amt Rotenburg versetzt werden. Aus diesem Anlass, so meinen die Obrigkeiten, könne man die Bachenbrucher Anbauern doch eigentlich auch gleich dem Amt Otterndorf unterstellen. Die Gründe dafür liegen in den komplizierten Zuständigkeiten für dieses Dorf und haben über die Jahre zu einigem Verdruss geführt.
Amtsschreiber waren die Assistenten der Amtmänner, ihrerseits juristisch und auch »cameralistisch« gebildete Verwaltungsleute, meist aus niederem Adel und direkt dem Landesherrn unterstellt. Man muss sich da Männer mit gepuderten Perücken denken, als höchste Würdenträger auf dem Lande trugen sie Seiden- oder auch Wollstrümpfe bis zum Knie, dazu eine Kniebundhose und einen langen, geknöpften Rock aus gutem Tuch, mal mit aufwendigen, mal mit schlichteren Knöpfen und Manschetten geschmückt. Ihre Assistenten, die Schreiber, stammten aus kleinbürgerlichen Familien und waren wenig gebildet, im besten Fall von praktischem Verstand und womöglich sogar Menschenkenntnis. In jedem Fall musste so einer genug Kanzlei-Latein verstehen, um die komplizierten Briefe jener Zeit, voller juristischer Formeln und sprachlicher Verbeugungen und Kratzfüßen, sowohl zu verstehen als auch selbst zu verfassen. Und in unserer Gegend hat so jemand auch Plattdeutsch sprechen oder mindestens verstehen müssen.
Durch die bevorstehende Versetzung von Amtsschreiber Nanne erfahren wir mehr über die Situation der Anbauer im Bachenbrucher Moor.
Da heißt es in einem Brief des Amtmannes Schubart von Otterndorf, eines weiteren Perückenträgers, im März 1790: »Da die Bachenbrucher Anbauer zum Lande Hadeln gehören, sehr vielen Verkehr mit den Landes Eingeseßenen haben, so möchte es nach meinem geringen Ermeßen sehr gut seyn, wenn dieselben der hiesigen Jurisdiction unterworfen wären.« Denn tatsächlich hätten die Verhältnisse so, wie sie bisher seien, schreibt er, »zu manchen Inconvenzien Anlaß gegeben«.
Beispielsweise sei es nicht allen, die mit den Anbauern zu tun hätten, bekannt, dass diese zwar Hadelner seien, jedoch der Rechtsprechung vom Amt Bremervörde unterworfen. Wer über sie Klage führen wolle, gehe damit ins Hadelnsche Otterndorf, »und wenn sie damit abgewiesen werden, [würden sie] sich über die weiteren Wege beschweren, und die Sache lieber ruhen lassen«. Mit anderen Worten, den Anbauern gegenüber war schwer recht zu bekommen. Schlimmer noch, »scheinen auch die Bachenbrucher dafür zu halten«, dass sie zu bestimmten Zahlungen dem Staat gegenüber nicht verpflichtet seien. Vielmehr fühlten sie sich befugt, die entsprechenden Beamten abzuweisen, was sogar schon »mit unziemlichen Bedrohungen« geschehen sei.
Ich stelle mir vor, wie einer der Anbauer, Holzschuhe an den Füßen, vielleicht mit einem Spaten oder einer Forke in der Hand, dasteht, und vor ihm der in feinen Zwirn gehüllte Amtsträger. Der Amtliche ist selbst auch nur Bote des Schreibers und nicht begeistert davon, in diese Wildnis hinausreiten zu müssen, in der es noch kaum Wege gibt, von Ortsschildern nicht zu reden. So mag er dann vom hohen Ross herab dem Bauern gewunken und ihm bedeutet haben: Er muss zahlen. Dass der Bauer, vielleicht war es Barthold Lafrenz, ihm dann nur wütend seine Forke entgegengehalten und etwas Deutliches auf Plattdeutsch gesagt und ihn dann stehen gelassen hat, ist leicht vorstellbar.
Im Übrigen ist die Frage, zu welchen Abgaben die Anbauer trotz ihrer zwölf Freijahre von Anfang an verpflichtet waren, nicht so einfach zu beantworten. Natürlich sind den Anbauern Meyerbriefe ausgestellt worden. In ihnen wurden die Hofstelle und die dazugehörigen Grundstücke benannt, die der Bauer und seine Frau »mit aller Zubehör und Gerechtigkeit« zum Besten beider Vertragspartner »genießen, gebrauchen, flocken und fleußen« dürfe und wenn er dies »fleißig und getreulich« durchführe, so würde der Grundherr ihn »vertreten und beschützen«; wichtig war für die Bauern, dass ihren Nachkommen eine Art Vorkaufsrecht eingeräumt wurde. Dass aber noch vieles mehr in diesen Verträgen geregelt werden musste, ist in einem ausführlichen Schreiben von 1784 an die vier betreffenden Ämter dargelegt, weil es seit dreißig Jahren immer wieder zu Streitereien gekommen war. Die Absender dieses Schreibens geben sich zu erkennen als der »königlich großbrittanisch und churfürstlich braunschweigisch-lüneburgische Cammer-President« und seine »Cammer-Räthe«. Sie monieren, dass ihnen »Fälle vorgekommen« seien, »daß die Mohr-Anbauer in Gedanken stehen als wären sie von den Register-Abgiften, von sonstigen öffentlichen Landes-Abgaben frey«. Das aber sei durchaus nicht der Fall, und das müsse ihnen nicht nur gleich am Anfang »sorgfältig bedeutet« werden, wenn sie ihre Stellen antreten, sondern dies habe auch in den Meyerbriefen schriftlich niedergelegt zu werden. Was die Freijahre bedeuten, ist dagegen genau definiert – sie sind ausschließlich die Freiheit vom Pachtzins an den Grundherrn.
Dem Landesherrn gegenüber bestand immerhin für die Zeit der Freijahre eine »Contributions- und Einquartirungsfreyheit«, und das war in einer Epoche permanenter Kriege kein geringes Privileg.
Das riesige Vorhaben der Moorkolonisation führte zu einem neuen Kontakt zwischen Staatsbeamten und dem gemeinen Volk. Aus den Themen und auch dem Ton der Briefwechsel lässt sich schließen, dass nicht nur die Bauern, sondern auch die Amtmänner und ihre Vorgesetzten oft auf eine harte Geduldsprobe gestellt wurden. Was nicht deutlich und unmissverständlich beschrieben und geordnet war, interpretierten die Bauern zu ihren Gunsten – bis ihnen eine neue, präzisierte Anordnung den Spielraum nahm.
So geschah es auch mit der Berechnung der Freijahre. So hieß es in diesem Schreiben, »… declariren Wir hiermit, daß man damit nicht etwan warten müße, bis alle Stellen eines Mohr-Anbaues vollzählig sind, oder wie einige Mohr-Anbauer in dem Wahn stehen, bis alle Dämme, Canaln, Brücken und dergleichen völlig fertig sind, sondern, daß die einer neuen Mohrdorfschaft verstrichenen Frey-Jahre für jeden einzelnen Mohr-Anbauer von dem Jahre angerechnet werden sollen, da er seine Mohr-Anbauerstelle antritt, und in Arbeit nimmt.« Ebenso solle man, hieß es weiter, diese Zahlungen streng einfordern, »damit die Anbauer sich gleich von Anfang an, an eine accurate Entrichtung ihrer Abgaben gewohnen«. Schließlich werde ja wohl, so nahm man irrigerweise an, nach Ablauf der Freijahre ein »guter Wohlstand« erreicht sein, sodass man das Pachtgeld dann »mit Fuge [rechtens] verlangen« könne.
Zurück zu den Anbauern im Bachenbrucher Moor und den Klagen über sie, die Amtmann Schubart in seinem Brief 1790 zusammenfasste. Es war offenbar unerträglich für die zuständigen Behörden, dass selbst Pastoren bei diesen Bauern manchmal nicht die rechten Amtswege einzuhalten wussten. So wird beklagt, es hätten Pastoren einer falschen Ortschaft »Copulationes vorgenommen«, also Eheschließungen vollzogen, und zwar »ohne Bescheinigung der geschehenen Proclamation«, also ohne das öffentliche Aufgebot aus der Heimatgemeinde anzufordern. Selbst Taufen sind von den falschen Pastoren getätigt worden, und die zuständigen »Prediger« hätten sich »über die Eingriffe bereits bey hiesigem Consistorium beschwert«. Denn die »richtigen« Pastoren, die ja von den Mitgliedern ihrer Gemeinde für jede Amtshandlung bezahlt wurden, hatten den Schaden davon gehabt.
Nur wenige Tage nach diesem höflichen, aber doch auch deutlichen Amtsbrief gibt der nächsthöhere Beamte die Sache schon weiter nach Hannover an die »Hochwohlgebohrnen Herren, Höchstgeehrtesten Herren Geheimte Räthe«. Man stelle sich hier die Perücken noch etwas feiner gelockt und gepudert und die Kniestrümpfe seidiger vor.
Der Beamte stellt den Räthen – heute etwa Minister oder Staatssekretäre – die ganze Sache noch einmal vor. Auch er, der Erklärer, macht wieder Fehler, was die Zuständigkeiten angeht. Und er schließt mit dem entscheidenden Hinweis, auch der Amtsschreiber Nanne, der bisher für die Leute des »Anbaus in dem zum Lande Hadeln gehörenden Bachenbrucher Mohre« zuständig sei, habe gemeint, die Höfe seien »in ihrem Fortkommen so weit gediehen«, dass man sie jetzt »der unmittelbaren Besorgung der Obrigkeit in Otterndorf füglich ganz überlaßen« könne. Er empfiehlt den hohen Herren, dieses Moordorf ganz zum Amte Otterndorf zu schlagen.
Man will sie loswerden.
Und man ist sie losgeworden. Einige Jahre später, nämlich 1809, lesen wir in einem Dokument von einem Stück Land, das zu einem Meyerhof in einer Nachbargemeinde gehörte, dass es nunmehr »an Bartel Lafrenz, Neuenbachenbruch Amts Otterndorf abgetreten worden«. Damit wären wir wieder bei unserem Nachbarn zur Rechten – und fast auch schon beim endgültigen Dorfnamen Neubachenbruch, wie er hier in einer frühen Version auftaucht.
Der dokumentierte Akt war kein simpler Kaufakt, wie man ihn heute kennt. Vielmehr wurde 1809 ein höchst kompliziertes Dokument aufgesetzt, das den Eintritt des Barthel Lafrenz in die Meyerrechte und -pflichten des vorherigen Pächters regelt.
Zwar handelt es sich nur um ein kleines Stück Land, aber mit der Transaktion sind nicht nur die beiden beteiligten Bauern beschäftigt, sondern dazu der Grundbesitzer – in diesem Fall tatsächlich ein Gutsherr –, sein Verwalter und der Staat in Gestalt des Amtsschreibers. Denn auch die an das Land gebundenen Rechte müssen übertragen werden, und es muss dafür ein Geld, eine Gebühr, ein Zins und ein »Weinkauf«* bezahlt werden.
Von irgendwoher mussten die Gelder ja kommen für die seidenen Strümpfe und die feinen Überröcke, das gute Leben der Beamten.
Was aber nun der Amtswechsel für die Moorbauern von Neuenbachenbruch bedeutet hat, können wir nur noch vermuten. Mindestens ist ihr Weg zu den zuständigen Beamten, Schreibern und Händlern ein wenig kürzer geworden. Denn zu den nördlichen Nachbargemeinden schipperte man per Kahn über die Wettern und Gösche – den örtlichen Wasserwegen, die damals die Hauptwege waren. Und von dort aus gelangte man mit dem Kahn über die träge fließende Medem bis nach Otterndorf zu Markt- oder Amtsgeschäft. So jedenfalls hat es Rektor Voß beschrieben, dass nämlich die Sietländer auf Kähnen über die Medem kamen und ihre Milch verkauften, vor allem auch die Butter, von den Bäuerinnen in kühlende Kohlblätter gewickelt. Milchprodukte gab es auf der Marsch noch wenig. Da regierte der Getreideanbau, der Umstieg auf Milch- und Mastvieh lag noch in der Zukunft.
Mit dem Wegfall von Neuenbachenbruch für das Amt Bremervörde war man den Ärger mit diesen Anbauern los, die sich reichlich frech benahmen. Und die übrigens fortfuhren, aus ihrer Lage am Rande von gleich drei Kreisen und Zuständigkeiten Vorteile zu ziehen, ganz gleich, ob die Zentralregierung hannoversch, französisch oder preußisch war. Irgendwie war dieses Dorf in einem moorigen Bermudadreieck gelandet, in dem sich jegliche Obrigkeit abschwächte und sogar, zumindest auf Zeit, auch einmal ganz versank.
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