Читать книгу: «Pferdeglück auf Ravensmoor»
Ursula Isbel-Dotzler
Pferdeglück auf Ravensmoor
SAGA Egmont
Pferdeglück auf Ravensmoor
Copyright © 2009, 2018 Ursula Isbel-Dotzler und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711804469
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
1
Ich brütete in meinem Zimmer über einer ekelhaften Ansammlung von Zahlen für den Mathe-Unterricht. Irgendwie bildeten sich lauter Knoten und Knubbel in meinem Kopf, während ich die Aufgabenstellungen durchlas. Ich raufte mir die Haare und dachte verzweifelt: Das kapiere ich nie im Leben, nicht, wenn ich hundert Jahre alt werde – und wozu die ganze Kacke?
Mittendrin wurde an meine Tür geklopft. Es war Mama. Sie sagte: »Stevie hat angerufen, Kathi.«
Obwohl ihr Gesicht außerhalb des Lichtscheins war, den meine Schreibtischlampe verbreitete, merkte ich am Ton ihrer Stimme, dass es keine guten Nachrichten gab.
»Es ist Pepper«, fügte sie hinzu. »Er liegt im Stall und will nicht mehr aufstehen. Und er atmet so schwer, sagt Stevie.«
Ich sprang auf. Pepper, das liebe alte Zirkuspony, das auf Stevies Hof Little Eden sein Gnadenbrot bekam, das immer so geduldig und dankbar für jeden Leckerbissen, jedes gute Wort war …
»Wir fahren hin!«, rief ich. »Kommt der Tierarzt?«
»Bestimmt, aber es wird dauern. Dr. Muir operiert gerade einen Hund, der überfahren worden ist.«
Es war schon dunkel, aber Mama wäre auch nachts durch den Urwald gebrettert, wenn es darum ging, Stevie und einem kranken Pferd zu helfen.
Während wir die schmale Zufahrt zwischen den Hecken zur Landstraße hinunterholperten, fragte ich: »Hast du was mitgenommen, was du Pepper geben kannst?« Denn in unserer Hausapotheke gab es jede Menge pflanzliche Heilmittel und homöopathische Globuli, mit denen Mama uns und die Pferde bei leichteren Krankheiten behandelte.
Sie nickte. »Es gibt ein gutes Mittel, um Unruhe und Schmerzen bei kranken alten Tieren zu lindern. Leider hilft es nicht in jedem Fall. Zur Sicherheit hab ich auch noch Baldrian- und Melissentropfen eingepackt.«
Eine Weile fuhren wir schweigend durch die stürmische Nacht. Selbst durch die geschlossenen Wagenfenster und über das Brummen des Motors hinweg hörten wir das Meer gegen die Uferfelsen branden.
Unser zweiter Frühling in Cornwall war wieder mit stürmischen Winden gekommen. Tag und Nacht brausten und sangen sie rastlos ums Haus, schüttelten die Baumwipfel und wühlten das Meer auf, dass die Wellenbrecher gegen die Küste tosten. Doch es kam kein schwerer Sturm mehr, wie wir ihn im Winter erlebt hatten.1
»Dem Himmel sei Dank!«, sagte Granny, die ihr ganzes Leben hier verbracht hatte. Ihr Großvater war mit seinem Schiff bei einem solchen Sturm vor der Küste untergegangen, mit Mann und Maus, wie es in der Seemannssprache heißt.
Niko, mein jüngerer Bruder, fand das cornische Wetter ätzend. Doch abgesehen von den Stürmen mochte ich die häufig wechselnden Stimmungen, die prickelnde Luft und den Wind, der einem die salzige Gischt ins Gesicht sprühte und Wolkengebirge vor sich hertrieb. Vielleicht hatte ich diese Vorliebe von meinem Vater geerbt. Er war hier in Cornwall geboren und aufgewachsen. Ich glaube, er hatte in den zwanzig Jahren, die er in Deutschland verbrachte, immer Sehnsucht nach seiner Heimat und dem Meer gehabt.
Vor mehr als eineinhalb Jahren war er hierher zurückgekehrt und wir waren mitgekommen. Eigentlich hatten Mama und ich und meine Brüder Niels und Niko nicht von unserem Zuhause und unseren Freunden fortgewollt. Es hatte Streit und Kämpfe und Tränen gegeben, ehe wir uns mit Sack und Pack und unseren beiden Ponys auf die lange Reise machten.
Inzwischen hätte ich nicht mehr sagen können, wo ich lieber sein wollte: wieder zu Hause in unserem kleinen Dorf in Deutschland oder hier in Cornwall, am Meer; einem Land, das so schön und romantisch war, dass hier Filme gedreht wurden und jeden Sommer massenhaft Touristen kamen.
Während Mama konzentriert auf die Straße sah, dachte ich an Stevie und all die Tiere, die in seinem privaten Tierheim eine behütete Zuflucht gefunden hatten, und an Pepper und Cinnamon, die beiden Zirkusponys. Sie waren nach einem anstrengenden, kargen Leben in einem Wanderzirkus erschöpft und krank nach Little Eden gekommen und von Stevie liebevoll hochgepäppelt worden.
Irgendwann sagte Mama leise: »Pepper ist in den letzten Wochen und Monaten so klapperdürr geworden, das arme Kerlchen …«
Dann schwieg sie wieder. Als wir zum alten Seemannsfriedhof kamen, der auf einer Felsnase hoch über dem Meer lag, erinnerte ich mich, wie sehr ich mich sonst immer freute, wenn ich nach Little Eden kam.
Jetzt hatte ich zum ersten Mal Angst vor dem, was uns dort erwartete.
2
Ich hatte Stevie nie zuvor weinen sehen.
Im Schein der Lampe, die über der Haustür brannte, war sein Gesicht rot und verschwollen. Die Tränen liefen ihm nur so über die Wangen. Er versuchte nicht sie zu verbergen, fuhr sich nur mit dem Handrücken über die Nase und murmelte: »Danke, dass ihr gekommen seid!«
Erst jetzt wurde mir richtig klar, wie schlimm es um den alten Pepper stehen musste. Wir gingen über den Hof, begleitet von Stevies drei Hunden. Sie schienen zu spüren, dass Unheil in der Luft lag, denn sie begrüßten uns nicht wie sonst mit lautem Gekläff und freudigen Sprüngen. Sie ließen die Köpfe hängen und drängten sich dicht an Stevies Beine.
Im Stall verbreitete eine einzige Lampe ihr trübes Licht. Bei unserem Eintritt wieherte Cinnamon leise und angstvoll. Sie hatte ihre rotbraune Nase über die Trennwand zur Nachbarbox gestreckt, wo der graue Wallach in der Streu lag, die steifen alten Beine von sich gestreckt. Stevie hatte Kissen unter seinen Kopf und seine Schulter gelegt, wohl, um ihm das Atmen etwas zu erleichtern.
Es war schlimm, Peppers schwere, rasselnde Atemzüge zu hören. Sie klangen, als wäre eine Art Dampflokomotive in seiner Brust. Er hatte die Augen halb geschlossen. Seine Flanken hoben und senkten sich wie ein Blasebalg.
Tränen stiegen mir in die Augen. Mit erstickter Stimme flüsterte ich: »Hat er Schmerzen?«
Stevie antwortete nicht. Mama sagte: »Ich glaube nicht. Er muss nur furchtbar kämpfen, um Luft zu bekommen.«
Sie öffnete ihre Tasche, während Stevie in der Streu niederkniete. »Wenn’s dir recht ist, gebe ich ihm gleich ein paar Beruhigungstropfen«, sagte sie leise. »Vielleicht kann er ein bisschen schlafen. Das wäre ein Segen für ihn.«
»Pepper soll nicht leiden.« Stevie weinte jetzt so, dass er fast nicht sprechen konnte. »Wenn Dr. Muir kommt … Er muss entscheiden, ob … ob es nicht besser ist, ihn zu erlösen.«
Ich setzte mich auf den dreibeinigen Hocker in eine dunkle Ecke. Am liebsten wäre ich weggelaufen, doch das wäre feig gewesen. Wenn Stevie und Mama es aushielten, wollte ich mich nicht davonschleichen, auch wenn ich das Geräusch von Peppers gequälten Atemzügen kaum ertragen konnte.
Als mein Blick auf Cinnamons Kopf fiel, die Art, wie sie über die Trennwand hinweg auf ihren sterbenden Gefährten niedersah, krampfte sich meine Kehle zusammen, so sehr musste ich mich beherrschen, um nicht laut zu schluchzen.
Mama aber war stark. Ich hörte, wie sie Pepper beruhigende Worte zuflüsterte, mit ihrer sanftesten, weichsten Stimme. Dann bat sie Stevie um etwas Wasser, damit sie die Tropfen darin verdünnen konnte. Sie zog eine Einwegspritze aus ihrer Tasche und entfernte die Spitze.
Schon oft hatte ich zugesehen, wie sie einem unserer Ponys mithilfe der Spritze Medizin einflößte. Sie machte das immer rasch und sehr geschickt. Trotzdem senkte ich den Blick. Am liebsten hätte ich mir auch die Ohren zugehalten.
»Einen Teil hat er wenigstens geschluckt«, sagte sie nach einer Weile. »Das wird ihm guttun. Ich massiere ihm noch ein paar Stellen am Hals und an der Brust. Das hilft, den Schleim etwas zu lösen.«
Das wehe, krampfartige Gefühl in meiner Kehle verschwand. Wieder einmal dachte ich, was für ein unverschämtes Glück wir doch mit unserer Mutter hatten und dass ich keine andere gewollt hätte als sie, nicht einmal eine Herzogin mit einem Schloss oder eine berühmte Schauspielerin mit einem Geldberg wie Dagobert Duck.
Die Hunde kratzten an der Stalltür und winselten. Stevie erhob sich aus der Streu.
»Ich bring sie ins Haus.«
»Ich komme mit.«
Er sagte nicht Ja und nicht Nein, also hoffte ich, dass es ihn nicht stören würde, wenn ich ihn begleitete.
Es war eine dunkle Nacht. Kein Stern funkelte am Himmel. Der Mond war hinter Wolken verschwunden. Der Wind zerrte an unseren Haaren. Erleichtert rannten Arabella, Puccini und Grizzly voraus und warteten vor der Haustür auf uns.
»Kannst du ihnen Futter geben?«, fragte Stevie. »Sie haben abends noch nichts gekriegt.«
In der Küche war es kalt. Das Feuer im Herd war erloschen. Die Hunde wuselten um mich herum. Ich fiel fast über Grizzly, während ich zusammensuchte, was gerade da war, gekochten Reis aus dem Kühlschrank, Dosenfutter, das Stevie für Notfälle bereithielt, Karotten und Haferflocken.
Ich raspelte die Karotten, vermischte alles mit warmem Wasser und füllte die drei Näpfe. Während die Hunde gierig schmatzten und kauten und ihre Schüsseln über den Küchenboden schoben, kam Mimi, die blinde alte Katze, und bettelte um Futter. Daisy, das Eichhörnchen, flitzte unterm Sofa hervor und kletterte an meinem Hosenbein hoch.
Ich gab ihm eine Haselnuss und sah mich nach Stevie um. Bestimmt hatte er auch seit Stunden nichts gegessen. Er war bleich und sah total erschöpft aus.
»Setz dich aufs Sofa, ich mach dir Tee und ein Honigbrot«, sagte ich, aber er schüttelte nur den Kopf und erwiderte: »Danke, ich bring nichts runter.«
»Trink wenigstens eine Tasse Tee mit ordentlich Zucker drin!«
Er lehnte sich gegen die Fensterbank und ließ den Kopf hängen. Das Ticken der Uhr, das sonst immer so gemütlich klang, hatte plötzlich einen schweren, unheilvollen Klang.
Ich verrührte braunen Zucker im Tee, goss Milch hinein und reichte Stevie den Becher. Er nahm ihn und stellte ihn hinter sich auf die Fensterbank.
»Es ist so schwer auszuhalten, Kathi«, sagte er.
»Ich weiß.« Ich umarmte ihn und schmiegte meine Wange an seine. So etwas hatte ich bisher noch nie getan. Ich hatte es mir oft gewünscht, aber einfach nicht den Mut dazu gefunden, nicht bei Stevie. Jetzt war es plötzlich ganz selbstverständlich, und er ließ es zu, hob sogar die Hand und legte sie auf meinen Rücken.
So standen wir lange, ohne ein Wort zu sagen. Dass ich es endlich wagte, diesen lang ersehnten Schritt zu tun, hatte ich Pepper zu verdanken. Vielleicht war es sein Abschiedsgeschenk an uns.
Denn er starb noch in dieser Nacht, wenige Minuten ehe Dr. Muir in der Stalltür auftauchte. Sicher war es Mamas Beruhigungstropfen und ihrer sanften Streichelmassage zu verdanken, dass er die letzten Stunden seines Lebens ruhiger atmen konnte und einigermaßen friedlich in eine andere Welt hinüberdämmerte. Um zehn Minuten vor elf tat er den letzten mühsamen Atemzug.
Dann war es still im alten Stall von Little Eden.
3
Sogar Niko, der doch immer so tat, als wäre er Mister Cool persönlich, lief zwei Tage lang mit roter Nase und verheulten Augen herum. Pepper war aus irgendeinem Grund sein besonderer Liebling gewesen, während er für unsere Ponys Smilla und Kringle nicht allzuviel übrighatte. Doch man hätte schon ein Herz aus Stein haben müssen, um Pepper und Cinnamon nicht zu mögen.
Jetzt war Cinnamon allein, ohne ihren Gefährten, mit dem sie die vielen schweren und anstrengenden Jahre im Wanderzirkus geteilt hatte. Die beiden waren wie ein unzertrennliches altes Ehepaar gewesen.
»Vielleicht stirbt sie ja auch bald vor Einsamkeit und Kummer«, sagte meine Freundin Kim am Montagmorgen im Schulbus. Die Sommersprossen auf ihrer Stirn bildeten ein verrücktes Muster, als sie die Augenbrauen zusammenzog. »Stevie könnte doch ein Pferd von einem Schlachttransport freikaufen. Es gibt so viele armselige Pferde, die Hilfe bräuchten. Und für Cinnamon wäre es sicher leichter, wenn sie nicht allein bleiben muss.«
Ich warf ihr einen zweifelnden Blick zu. »Wenn bei einem alten Ehepaar ein Partner stirbt, kann man ihn auch nicht durch einen anderen ersetzen, Kim. So einfach ist das nicht.«
»Das weiß ich doch!« Kim zog an ihrer Strickmütze, bis ihre Ohren darunter verschwanden. »Aber vielleicht könnte sie sich ja noch mal neu verlieben oder so?«
Das klang total komisch, aber auch irgendwie süß.
»Es müsste halt das richtige Pferd sein. Ähnlich wie Pepper, sanft und lieb und geduldig. Ein Pony mit einer ähnlichen Ausstrahlung, verstehst du?«
Wieder einmal war ich total froh, dass ich kurz nach unserem Umzug Kim Ravensmoor kennengelernt hatte. Ohne sie hätte ich es bestimmt vor Heimweh nicht ausgehalten. Sie hatte mir über die Trennung von meiner besten Freundin Svenja hinweggeholfen und wir waren fast wie Schwestern geworden, denn Kim war durch ihre besondere Stellung als Tochter des Herzogs von Ravensmoor ziemlich einsam gewesen.
Während des Mathe-Tests dachte ich zu viel an Pepper. Ich konnte nur ungefähr zwei Drittel der Aufgaben beantworten, und auch da war ich nicht sicher, ob die Lösungen stimmten. Kim ging es noch bescheidener. Ms Straithpoodle, von allen »der zählende Pudel« genannt, hatte uns auseinandergesetzt, weil sie fand, dass wir uns gegenseitig zu sehr von der Arbeit ablenkten.
In der Pause trafen wir uns auf dem Flur. Kims Gesicht war mit grünen Filzschreiber-Krakeln verziert. Ihre kurzen rotblonden Haare standen wild in alle Richtungen.
»Alles Mist und Schweinekacke!«, sagte sie. »Aber was sind schon Tests und Noten im Vergleich dazu, dass wir den lieben alten Pepper nie mehr sehen werden?«
Als wir aus der Schule kamen, hatte das Wetter gewechselt, was in Cornwall mindestens dreimal täglich passierte. Jetzt segelten nur noch ein paar Schäfchenwolken am blauen Himmel, und der Wind war lind und roch nach Frühling.
Ich dachte, dass Pepper nie wieder auf der Wiese unter den knorrigen alten Apfelbäumen stehen und sich im frischen grünen Gras wälzen konnte, während die Seevögel über Little Eden kreisten. Er würde nie mehr erleben, wie die Schwalben zurückkehrten und ihre Nester unter dem Stalldach bauten. Und er würde nicht mehr dabei sein, wenn Stevies zahme Krähen Dagobert und Donald auf der Weide durchs Frühlingsgras staksten und nach Würmern und Käfern stocherten.
Sofort wurde ich traurig und meine Augen füllten sich mit Tränen. Kim legte den Arm um meine Schultern.
»Pepper geht es gut. Er ist jetzt an einem schönen Ort, wo es keine Schmerzen und keine Atemnot mehr gibt.«
Ja, ein Ort vielleicht, an dem eine Art ewiger Frühling herrschte? Ich wünschte es ihm so sehr nach seinem mühsamen Zirkusleben. Falls es ein Paradies für Menschen gibt, warum nicht auch für Tiere? Vielleicht würden er und Cinnamon sich eines Tages wiedersehen.
»Glaubst du an ein Tierparadies?«, fragte ich auf der Heimfahrt im Bus. »Tiere haben doch auch eine Seele, Kim, davon bin ich überzeugt.«
»Klar haben sie das! Man braucht ihnen nur in die Augen zu schauen, um das zu wissen!«
Kim redete leise. Die Mädchen und Jungen, die hinter uns und vor uns saßen, hätten sich womöglich über uns lustig gemacht, wenn sie das Gespräch mit angehört hätten. »Aber das mit dem Paradies … Mein Vater sagt immer, es gibt keines, das wäre eine Erfindung von uns Menschen, weil wir Angst haben, dass mit dem Tod alles zu Ende ist.«
Ich nahm mir vor, Niels anzurufen. Niels war seit dem vergangenen Sommer auf einem englischen College und kam nur noch in den Ferien und manchmal am Wochenende nach Hause. Wenn sich einer mit Sachen wie Tod und Wiedergeburt auskannte, dann mein älterer Bruder. Er wusste unheimlich viel über indianische und keltische Weisheiten, Bräuche und Glaubensvorstellungen.
Es tat so gut, Niels’ Stimme zu hören und ihm von Pepper zu erzählen. Zum Glück hatte er sein Handy an diesem Abend eingeschaltet und war allein auf seinem Zimmer, um für eine Prüfung zu lernen.
Irgendwann, als ich vor Weinen nicht mehr reden konnte, sagte er ganz ruhig: »Pepper geht es jetzt gut, Kathi. Mama hat ihm den Übergang in ein anderes Leben erleichtert. Der Körper ist manchmal eine Bürde, besonders für alte Menschen und Tiere. Diese Bürde hat er abgeworfen und ist jetzt leicht und frei und bestimmt auch glücklich.«
»Du glaubst also, dass er in einem … in einem Tierparadies ist?«
»Die Kelten haben nicht zwischen einem Paradies für Tiere und Menschen unterschieden. Für sie hatten Tiere eine Seele, genau wie wir, und sie kamen nach dem Tod auch an den gleichen Ort, der manchmal ›die Insel der Seligen‹ genannt wird, manchmal auch Paradies, manchmal ›die elysischen Felder‹ oder ›die ewigen Jagdgründe‹. Der Ort hat viele Namen, aber fast alle Kulturen haben sich darunter etwas Ähnliches vorgestellt: einen Zustand von ewigem Glück und ewiger Jugend, einen wunderbaren Garten, in dem Menschen und Tiere friedlich zusammen existieren.«
»Glaubst du wirklich daran?«, fragte ich.
»Ja sicher, Kathi. Manche Lebewesen müssen auch wieder in unsere irdische Welt zurückkehren, weil sie ihre seelische Entwicklung nicht abgeschlossen oder Schuld auf sich geladen haben. Aber Tiere sind unschuldig und tun nichts absichtlich Böses. Und Pepper hat seine Ruhe und seinen Frieden verdient. Weine ihm nicht zu sehr nach, du hältst ihn damit nur fest.«
In dieser Nacht träumte ich, dass ich auf Peppers Rücken saß und mit ihm durch einen wunderbaren Wald ritt, in dem Bäche zwischen Gras und Farnkraut sprudelten und weiße Blumen unter mächtigen, uralten Bäumen blühten. Schmetterlinge gaukelten durch die Luft, Nachtigallen schlugen. Pepper war jung und stark. Er galoppierte voller Kraft und Lebenslust über den bemoosten Pfad. Seine graue Mähne flatterte im Wind. Ich hörte seine leichten, regelmäßigen Atemzüge, spürte seine federnden Bewegungen unter mir.
Wir ritten einen Hang hinunter; es war fast, als würden wir fliegen. Peppers Hufe schienen den Boden kaum zu berühren. Dann wieherte er. Es klang wie ein triumphierender Trompetenstoß.
Sein Gewieher tönte mir noch in den Ohren, als ich aufwachte. Hinter dem Dachfenster dämmerte der Morgen. Vielleicht hatte mir Pepper eine Botschaft geschickt.
4
Kim und ich überlegten hin und her, wie wir es anstellen sollten, noch in dieser Woche nach Little Eden zu reiten, doch wir hatten jeden Nachmittag bis drei Uhr Unterricht, am Donnerstag sogar bis vier. Und der Weg nach Little Eden war weit. Mit den Pferden waren wir selbst auf den Schleichwegen, die nur Kim kannte, mehr als eine Stunde unterwegs. Wir wären also auf dem Rückweg unweigerlich in die Dunkelheit gekommen, und das war auf den steilen, schlüpfrigen Klippenpfaden eindeutig zu gefährlich für uns und die Pferde.
So mussten wir den Besuch auf Samstag verschieben. Ich rief Stevie an und fragte, wie es Cinnamon ging.
»Sie frisst kaum etwas«, sagte er. »Sie steht nur auf der Weide und lässt den Kopf hängen.«
»Kein Wunder. Sie trauert um Pepper. Stevie, ich muss dir einen Traum erzählen, aber nicht am Telefon. Wir wollten am Samstag vorbeikommen, Kim und ich. Ist das in Ordnung?«
»Sicher«, erwiderte er. »Vielleicht könnt ihr Cinnamon ein bisschen aufmuntern.«
Zögernd sagte ich: »Kim meint, es wäre gut, wenn sie wieder mit einem anderen Pferd zusammen sein könnte.«
Stevie schwieg eine Weile. Ich dachte schon, er hätte aufgelegt, da murmelte er: »So einfach ist das nicht. Erstens lässt sich Pepper nicht ohne Weiteres durch ein anderes Pferd ersetzen.«
»Das hab ich ihr auch gesagt.«
»Und zweitens … Aber darüber reden wir ein andermal.« Seine Stimme klang müde. Da war noch etwas anderes neben der Trauer um Pepper, was ihn bedrückte, ich spürte es deutlich. Doch ich begriff auch, dass er noch nicht bereit war, darüber zu sprechen.
In der Nacht von Freitag auf Samstag regnete es. Ich lag im Bett, hörte den Regen gegen die Dachfenster trommeln und dachte: Mist und Hühnerkacke! Jetzt müssen wir die Pferde im Stall lassen …
Doch am Morgen war alles anders. Der Himmel wölbte sich klar und »unschuldsvoll blau«, wie Paps das nannte, der Wind roch nicht wie sonst nach Tang und Fisch und Teer, sondern nach Frühling. Smilla hatte muntere Augen und knabberte an meinem Jackenärmel, während ich sie aufzäumte.
Sie blähte sich nicht auf, wie Kringle das immer tat, sondern wartete geduldig, während ich den Sattelgurt anzog, fuhr mir nur mit ihrem samtweichen Maul kurz übers Gesicht und prustete mich freundschaftlich an.
»Gutes Mädchen!«, sagte ich und wischte mir das Gesicht mit dem Ärmel ab. »Jetzt treffen wir Flora und Kim und reiten mit den beiden zu Stevie. Cinnamon freut sich hoffentlich, wenn sie ein paar Stunden Pferdegesellschaft hat.«
Ich sah eine Fahne von Ravensmoors Eckturm flattern, als ich auf dem Hügel haltmachte und auf Kim wartete.
Dort oben lebte Kim, das »Burgfräulein«, wie Niko sie spöttisch getauft hatte. Das klang romantisch und großartig. Noch vor zwei Jahren wäre ich heftig beeindruckt gewesen, wenn mir jemand erzählt hätte, er komme aus einem uralten Adelsgeschlecht und sei in einer Burg geboren und aufgewachsen.
Kim aber war nicht glücklich mit ihrer Familie und ihrem Zuhause. Sie sagte oft, dass sie viel lieber in einem Reihenhaus oder auf einem Bauernhof gelebt hätte als in einem baufälligen, verlotterten Gemäuer wie Ravensmoor.
»Ihr habt eine neue Fahne gehisst«, sagte ich, als sie mit ihrer rostroten Stute zwischen den Bäumen auftauchte.
Wie immer war Kim ohne Reithelm unterwegs und hatte ihre schwarzen Jeans in die Schäfte ihrer Gummireitstiefel gesteckt. Dazu trug sie eine grüne Lederjacke, die irgendwie klasse an ihr aussah, obwohl sie abgeschabt und fleckig war und viel zu breit in den Schultern.
Wieder einmal erinnerte mich Kim an einen Kobold – ihr langer, dünner Hals, die Art, Grimassen zu schneiden, ihr gesträubtes rotblondes Haar, das sie selbst mit der Schere zu einer Art Punk-Frisur schnitt.
Sie nickte und erwiderte düster: »Das war mein Vater. Gestern Abend ist er auf den Turm gestiegen und hat die Fahne gehisst, was ich echt albern finde. Duncan ist wieder zu Hause, deshalb. Meinetwegen hätte er das bestimmt nie gemacht.«
Sie verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. Es sah aus, als hätte sie Zahnschmerzen.
»Dann haben sie ihn endlich wieder ganz zusammengeflickt?«
Duncan Ravensmoor, Kims Bruder, hatte im vergangenen Herbst zusammen mit einem Freund einen schweren Motorradunfall gehabt. Er war monatelang im Krankenhaus gelegen und hatte neben Knochenbrüchen, einer zertrümmerten Kniescheibe und einem Riss in der Lunge auch schlimme Gesichtsverletzungen davongetragen.
»Wahrscheinlich wird er Mama so lange löchern, bis sie ihm noch ein paar Schönheitsoperationen bezahlt. Die OPs haben mehr gekostet als ein Mittelklassewagen, sagt mein Vater. Nicht dass man’s Duncan ansehen würde. Er könnte immer noch locker als Frankensteins Urenkel im Fernsehen auftreten.«
»Für einen, der so eitel ist wie er, muss das echt bitter sein«, sagte ich.
»Geschieht ihm nur recht.«
Ich konnte Kims Abneigung gegen ihren Bruder verstehen. Er war der hochnäsigste und aufgeblasenste Typ, den ich kannte. Und im vergangenen Jahr war er so brutal mit Flora umgegangen, dass Kim mit ihrer Stute vor Verzweiflung nach Little Eden geflüchtet war und sich dort versteckt hatte.
»Maman redet ihm gut zu und sagt, wenn die Schwellungen und Narben und Verfärbungen im Gesicht zurückgegangen sind, wird er wieder richtig gut aussehen. Aber er hat schwer daran zu schlucken, dass er nicht mehr der schöne, edle Duncan Ravensmoor ist, vor dem die Mädchen reihenweise in den Staub fallen und seine stinkenden Füße küssen.«
Ich musste lachen. »Vielleicht kommt er jetzt endlich von seinem hohen Ross herunter. Könnte doch sein, dass er was dazugelernt hat. Immerhin kann er nur sich selbst und seinem Freund die Schuld am Unfall geben.«
»Der und was dazulernen?« Kim schniefte. »Da kannst du ebenso drauf hoffen, dass ihm Engelsflügel wachsen!«
Meine Mutter sagte immer, dass sich jeder Mensch ändern kann. Aber Kim hatte wohl in ihrer Kindheit zu viele üble Erfahrungen mit ihrem Bruder gemacht, der zu allem Überfluss auch noch der verwöhnte Liebling ihrer Mutter war. Wenn ich daran dachte, wie brutal er mit Flora umgegangen war, fiel es mir schwer, ihm eine wunderbare Verwandlung zuzutrauen.
»Und sein Freund?«, fragte ich abschließend, denn ich merkte, dass Kims Stimmung durch das Gespräch immer ungnädiger wurde.
»Der liegt nach wie vor im Koma. Keiner weiß, ob er je wieder zu Bewusstsein kommt. Jedenfalls ist klar, dass Duncan nie mehr mit Flora reiten wird. Sie gehört mir jetzt ganz allein, das hat Grandpa versprochen und daran gibt’s nichts zu rütteln!«
Sie nahm Floras Zügel wieder auf und ritt voraus. Verwitterte Steinbrocken, Mulden voller Geröll und Sand und schlüpfrige Felsplatten, die treppenförmig bergauf und bergab führten, bildeten den Klippenpfad hoch über der Küste. Er war von windzerzausten Sträuchern und Stechginsterbüschen gesäumt. Dazwischen hatten wir immer wieder atemberaubende Ausblicke aufs Meer, auf die Spanische Bucht und die Felsenklippen, an denen sich die Wellen brachen und in Gischtfontänen hoch aufspritzten.
Es gab Tore und Türme und wunderliche Gestalten, die Wind und Wasser im Laufe von Jahrhunderten geformt hatten, und weit draußen kleine Felsrücken, Spitzen oder Kuppen. Sie wirkten harmlos, konnten jedoch für jedes Schiff zur Bedrohung werden, wenn der Meeresspiegel bei starkem Wellengang und Sturm anstieg und die Riffe unter dem Wasser verschwanden.
Doch heute zeigte sich die cornische See von ihrer freundlichsten Seite. Das Wasser war azurblau und smaragdgrün mit Schaumkronen, die wie Sahnehäubchen unter dem hellblauen Frühlingshimmel glitzerten. Segelboote kreuzten vor der Küste und hinterließen ihre weißen Gischtfährten in den Wellen.
In den Weißdornhecken flöteten Drosseln und Amseln. Ihr Gesang mischte sich mit dem klingenden Hufschlag unserer Pferde auf den Steinen und dem Schmatzen und Gurgeln der Wellen.
Der Wind spielte in Floras und Smillas Mähnen und Schweifen und wirbelte mir meine widerspenstigen Locken ums Gesicht. Als ich Kim einholte, merkte ich, dass sich ihre Miene verändert hatte. Sie sah jetzt entspannt aus, richtig glücklich.
»Schön!«, sagte sie mit einer weit ausholenden Handbewegung, als gehörte das alles ihr – das Meer, die Küste, der Himmel. Und so war es wohl auch. Kim war ja hier geboren und aufgewachsen, war ein Teil von alldem.
Ich nickte und dachte: Wenn’s nur immer so wäre! Keine eisigen Winde, keine Stürme, keine plötzlichen Regenschauer … Doch wenn das Leben ein einziger Frühlingstag gewesen wäre, hätten wir es dann noch schön gefunden? Vielleicht war das alles um uns herum nur deshalb so wunderbar, weil wir auch stürmische Zeiten erlebt hatten?
Bei all diesen philosophischen Überlegungen passte ich nicht richtig auf. Smilla glitt beinahe auf einer der Felsstufen aus. Wir waren zu schnell, und ich hätte sie nach links lenken müssen, wo die Steinplatten ebener waren.
In letzter Sekunde gelang es Smilla, wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
»He, schau, wohin du reitest!«, hörte ich Kim mit strenger Stimme sagen. »Du verlässt dich zu sehr auf die Trittsicherheit deines Ponys. Wenn du nicht auf ihrem Rücken sitzen würdest, hätte sie keine Probleme mit dem steilen, holprigen Weg. Aber sie trägt dich und kann sich nicht mit solcher Leichtigkeit bewegen, wie das ein Wildpferd tun würde.«
»Ich weiß«, erwiderte ich beschämt. »Ich bin eine ziemlich lausige Reiterin.«
»Nein, du reitest ganz okay. Aber du lässt den Ponys manchmal zu viel Entscheidungsfreiheit. Wenn du im Sattel sitzt, musst du deinem Pferd zeigen, wo’s langgeht. Natürlich nie mit harter Hand, aber sie brauchen klare Ansagen.«
Gelegentlich erteilte mir Kim solche Lektionen im Reiten, doch von ihr konnte ich sie annehmen. Sie versuchte nie, mich zu bevormunden oder die große Lehrmeisterin zu spielen.
Kim war schon als Kind von ihrer Großmutter in den Sattel gesetzt worden, noch ehe sie richtig laufen konnte. Das merkte man. Sie war die beste Reiterin, die ich kannte, besser noch als Mama. Und was das Wichtigste war: Sie liebte Pferde und kannte ihre Wesensart und ihre Bedürfnisse genau. Kim hätte nie versucht Flora ihren Willen aufzuzwingen.
Stevie Trelawnys Reich lag in einer Mulde wie eine kleine Welt für sich, eine Welt, in der eigene Gesetze galten. Ich wünschte, es hätte mehr Orte wie Little Eden auf unserer Erde gegeben.
Doch der Frieden, der über den alten Dächern, den Weiden und Baumgruppen und dem besonnten Hofplatz lag, war trügerisch. Auch vor Little Edens Tor machte der Tod nicht halt und ebenso wenig die Welt mit ihren Problemen und ihrem Überlebenskampf. Das begriff ich eine halbe Stunde später, als wir mit Stevie auf dem Koppelgatter saßen, die Hunde zu unseren Füßen.
5
Vielleicht hätte Stevie noch länger geschwiegen, wenn Kim nicht gewesen wäre. Sie überfiel ihn sofort damit, dass er sich schleunigst nach einem neuen Gefährten für Cinnamon umsehen sollte.
»Es gibt doch Vereine, die alten und ausgemusterten Pferden helfen«, sagte sie. »Niko soll im Internet ein paar Adressen heraussuchen. Dann rufen wir an und fragen, wie man so ein armes Kerlchen vom Schlachttransport freikaufen kann.«
Von der Seite beobachtete ich Stevies Gesicht. Seine dunklen Augenbrauen trafen sich über der Nasenwurzel, was ihm einen finsteren Ausdruck verlieh.
»Okay, wenn du bereit bist alle Kosten zu übernehmen«, erwiderte er zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Kim warf ihm einen erschrockenen Blick zu. »He, warum sagst du so was? Du weißt doch genau, dass meine Eltern Flora beinahe verkauft hätten, weil wir kein Geld hatten, zwei Pferde zu halten!«
Stevie nickte. »Genau. Und wie soll ich deiner Meinung nach die Kohle auftreiben? Soll ich eine Bank überfallen oder wie?«
Wir starrten ihn an. Kim fiel beinahe die Kinnlade herunter.
Eine Weile herrschte betretenes Schweigen. Schlagartig wurde mir klar, dass ich mir kaum Gedanken darüber gemacht hatte, wie Stevie das alles hier finanzierte, woher er das Geld nahm, um fünfzehn Schafe, zwölf Katzen, drei Hunde, zwei Pferde, ein Reh, zwei Rabenkrähen, ein Eichhörnchen und eine ständig wechselnde Anzahl von verletzten Möwen, Rotkehlchen, Schwalben und Lerchen zu füttern.
Auch er selbst brauchte ja Geld für Essen, Heizmaterial und Kleidung, auch wenn er noch so bescheiden lebte. Und sein Job in der Seevogelstation brachte nichts ein; er arbeitete dort ehrenamtlich.
Kim war es, die schließlich das Schweigen brach. Sie stotterte beinahe, als sie sagte: »O Mann … Mist … Ich meine, das ist echt be … bescheiden von mir. Aber ich hab ganz vergessen …«
Stevie unterbrach sie. »Ja«, erwiderte er, jetzt schon nicht mehr ganz so unfreundlich wie vorher. »Genau das ist es! Keiner denkt sich was. Alle meinen, das Geld fällt bei mir wie Manna vom Himmel oder so.« Er stockte. »Aber nein, nicht alle. Es gibt schon ein paar Leute, die mir ab und zu helfen. Kathis Mutter zum Beispiel. Sonst hätte ich den Laden hier längst dichtmachen müssen.«
Mama, ja. Ich begriff plötzlich, dass sie Stevie neben dem Futter für die Pferde und Hunde sicher auch gelegentlich einen Scheck zusteckte, stillschweigend und ohne Aufhebens davon zu machen.
Ich spürte, dass ich rot wurde, so sehr schämte ich mich, weil ich Stevies Sorgen nicht bemerkt hatte. Und ich beschloss, mein Taschengeld in Zukunft nicht mehr für mich zu verbrauchen, sondern davon regelmäßig Futter für die Tiere von Little Eden zu kaufen.
»Aber dein Vater?«, fragte Kim in meine Gedanken hinein. »Gibt er dir denn kein Geld?«
Stevies Vater fuhr zur See und kam nur selten nach Hause. »Doch, er bezahlt die Rechnungen für Reparaturen am Haus und die Heizkosten und überweist mir jeden Monat etwas Geld zum Leben. Aber für die Tiere muss ich selbst sorgen, dafür kommt er nicht auf. Und das ist auch total in Ordnung so.«
Stevie sah auf seine Hände nieder, die er zwischen die Knie geklemmt hatte. Seine schmalen, feingliedrigen Finger waren rot und verarbeitet und voller Schwielen. Bestimmt war es ihm überaus peinlich, über seine Geldsorgen zu reden. Er hatte sie schließlich lange genug für sich behalten.
Hinter Kims Stirn arbeitete es. Wie es ihre Art war, suchte sie schon nach einer Lösung für Stevies Problem, das sah man ihr an der Nasenspitze an.
»Es ist nicht so, dass wir einfach angenommen haben, du kämst schon irgendwie zurecht«, sagte sie. »Ganz so bescheuert sind wir doch wieder nicht. Ich hab im Winter mal zu Kathi gesagt, dass wir versuchen sollten, einen Zuschuss für Little Eden von der RSPCA2 zu kriegen. Stimmt’s, Kathi?«
Ich nickte. »Ja, echt, das war Kims Idee. Hast du irgendwann mal versucht Geld vom Tierschutz zu bekommen, Stevie?«
Zögernd erwiderte er: »Daran gedacht hab ich schon. Aber … ich mag nicht betteln. Und ich kann solche Briefe nicht schreiben und schon gar nicht bei Leuten anrufen, die ich nicht kenne und die nicht wissen, was ich hier mache. Sie würden bestimmt denken, ich versuche sie nur abzuzocken.«
»Blödsinn!« Kim funkelte ihn an. »Wir schicken Fotos von deinen Tieren los, und Dr. Muir soll dir so was wie eine Empfehlung schreiben. Und vielleicht kann auch Kathis Mutter sich was ausdenken, eine Art Bestätigung, dass du wirklich tierschützerisch arbeitest. Wenn sie wollen, können sie doch jederzeit jemanden vorbeischicken, der sich Little Eden ansieht. Wo ist da das Problem?«
Stevie sagte, so einfach sei das alles nicht. »Die kriegen bestimmt täglich säckeweise Briefe von Typen, die Geld wollen und sich als Tierschützer ausgeben. Außerdem spenden die Leute immer weniger. Die meisten haben es sowieso schwer genug, jeden Monat ihre Miete zu zahlen und sich was zu essen zu kaufen. Die RSPCA ist bestimmt nicht so reich, wie du denkst, Kim.«
»Ich hab gelesen, dass es immer wieder Tierfreunde gibt, die ihnen ihr ganzes Geld vererben, reiche alte Tanten und so. Wenn ich Geld hätte und steinalt wäre, würde ich mein Vermögen jedenfalls dem Tierschutz vermachen.«
»Ich auch«, sagte ich.
»Leider sieht es nicht danach aus, als würden wir mal zu Geld kommen. Es sei denn, eine von uns heiratet einen alten Knacker mit einem Geldberg wie Dagobert Duck.« Kim kicherte. »Auf eine Erbschaft kann ich bestimmt nicht hoffen. Wir haben zwar Verwandte in London, die reich wie Trolle sind, aber bei denen schlappen schon jede Menge Kinder und Enkel rum. Da müsste schon eine Seuche ausbrechen, damit ich in der Erbfolge drankäme.«
Sie zeigte mit dem Finger auf Stevie. »Oder du suchst dir eine reiche Tussi. Eine wie die wunderbare Grace, die Kathis Bruder so anschmachtet.«
Irgendwie konnte ich ihre Bemerkung nicht lustig finden. Die Vorstellung, dass Stevie sich ein Mädchen aus einer vermögenden Familie suchte und sie des Geldes wegen heiratete, war echt nicht komisch. Überhaupt mochte ich mir nicht ausdenken, dass Stevie eines Tages …
Seine Stimme unterbrach jedoch meine düsteren Überlegungen.
»Hör schon auf, das ist nicht witzig! Wenn ich mal heirate, dann bestimmt nicht aus Geldgier.«
Er sah mich an und senkte den Blick sofort wieder.
»Ich hab mir schon überlegt, ob ich irgendwo einen Halbtagsjob annehme, damit wenigstens jeden Monat ein bisschen Geld aufs Konto kommt. Aber dann müsste ich meine Arbeit in der Seevogelstation aufgeben und die Tiere würden zu kurz kommen.«
Ich sagte: »Nein, du, wir schreiben heute noch an die RSPCA, Kim und ich. Mama wird uns helfen. Und du könntest Dr. Muir anrufen und ihn um eine Art Empfehlungsschreiben bitten. Mehr brauchst du nicht zu tun.«
Stevie gab keine Antwort. Er rutschte vom Balken, öffnete das Gatter und ging zu den Pferden auf die Koppel.
Flora und Smilla hatten Cinnamon in die Mitte genommen. Flora beknabberte den Hals der alten Stute. Es sah zärtlich aus, so als wollte sie sie trösten.
Nicht weit von den Pferden stand Dreibeinchen, Stevies zahmes Reh, unter dem Holzapfelbaum und rupfte an den Gänseblümchen. Als Stevie auf der Weide erschien, hob es den Kopf und hinkte ihm entgegen.
Wieder einmal wunderte ich mich, wie gut es sich inzwischen an seine Behinderung gewöhnt hatte und wie geschickt es sich auf seinen drei Beinen bewegte. Es rieb seine Stirn an Stevies Arbeitshose, und er streichelte seinen zarten, anmutigen Hals.
Am liebsten wäre ich zu ihnen gegangen, hätte den Arm um Stevie gelegt und gesagt: Du bist nicht allein mit deinen Sorgen – wir helfen dir! Ich helfe dir.
Doch damit hätte ich ihn sicher in Verlegenheit gebracht. Und Dreibeinchen vertrieben, denn Stevie war der einzige Mensch, dem es vertraute.
»Bestimmt tut es ihm schon wieder leid, dass er uns von seinen Problemen erzählt hat«, hörte ich Kim leise sagen. »Es geht ihm wohl ziemlich mies, sonst hätte er kaum was gesagt. Du weißt ja, wie stolz er ist.«
Ja, das wusste ich. Doch ich wusste auch, dass die Liebe zu seinen Tieren stärker war als sein Stolz.
6
Die Pferde mussten mit Strohwischen abgerieben und getränkt werden, ehe wir ins Haus gehen konnten. Wir stellten Flora zu Smilla und Kringle auf die Weide.
Mama war damit beschäftigt, die Terrasse zu schrubben. Vogelkot und Schalen von Sonnenblumenkernen bedeckten das Pflaster, denn wir hatten den ganzen Winter lang die Vögel gefüttert.
»Mama«, sagte ich, »wir müssten was mit dir besprechen. Hast du dann Zeit für uns?«
Sie seufzte. »Ist es wichtig? Eigentlich sollte ich das hier zu Ende bringen, wenn ich mich schon mal dazu aufgerafft habe. Seit Wochen höre ich mir Grannys spitze Bemerkungen darüber an, wie ungepflegt unsere Terrasse aussieht.«
»Später helfe ich dir«, versprach ich.
»Es geht um Stevie«, sagte Kim gleichzeitig.
Stevie war ein Zauberwort, das bei Mama immer seine Wirkung tat. Sie hatte eine besondere Schwäche für ihn, seit er nach dem ersten Sturm, den wir in Cornwall erlebt hatten, Kringle nach Ravensnest zurückgebracht hatte.
Sie ließ den Schrubber fallen und folgte uns durch die Terrassentür ins Wohnzimmer. Erst als der Teppich schon voller Sand und Grasbüschel war, merkten wir, dass wir unsere Reitstiefel nicht ausgezogen hatten.
Ich ließ mich in einen Sessel fallen. Während Kim an meinem linken Stiefel zog und mir dabei ihr knochiges Hinterteil zuwandte, sagte ich: »Wir müssen an die RSPCA schreiben, Mama. Und du musst uns dabei helfen, den Brief richtig zu formulieren, damit sie uns auch ernst nehmen.«
»Stevie braucht Geld«, fügte Kim hinzu. »Für seine Tiere. Sieht aus, als wäre er praktisch pleite. Und Kathi braucht neue Reitstiefel. Die hier sind verdammt eng. Irgendwann wirst du die Stiefel aufschneiden müssen, nur um wieder rauszukommen!«
Über meinem Kopf schwirrte es. Zorro, unsere Blaumeise, die wir im Winter nach einer Sturmnacht im Garten gefunden hatten, landete auf meiner Schulter. Einer ihrer Flügel war gebrochen und etwas schief wieder zusammengewachsen. Inzwischen konnte Zorro wieder ein bisschen herumflattern, aber nicht mehr richtig fliegen.
Ich legte den Kopf zur Seite, und er kuschelte sich unter mein Kinn und zupfte an meinen Haaren.
»Hab ich’s mir doch gedacht!« Mama war dabei, ihre Strickjacke auszuziehen, und hielt mitten in der Bewegung inne. »Dass der arme Junge sich neben all der Schufterei auch noch mit Geldsorgen abplagen muss …«
»Wenigstens hat er eine Arbeit, die ihm Spaß macht und bei der ihm keiner dreinredet«, stellte Kim fest und befreite mich von meinem zweiten Stiefel. »Die Kohle kommt nicht von selbst angeflogen. Jammern nützt da überhaupt nichts.«
Mama machte den Mund auf und schloss ihn wieder. Ich tappte auf Strümpfen in die Küche, um Teewasser aufzusetzen, damit keiner sah, dass ich lachte. Zorro schlüpfte in den Ausschnitt meines Poloshirts und schmiegte sich in die Mulde über meinem Schlüsselbein wie in ein Nest.
Als ich mit dem Teetablett wieder ins Wohnzimmer kam, war Niko da. Er versprach, die Adresse der RSPCA im Internet herauszusuchen.
»Wir müssen herzergreifende Fotos machen«, sagte er. »Von Dreibeinchen und Stevie mit Dagobert und Donald auf den Schultern, um ihn herum die Hunde, und von Cinnamon, wie sie den Kopf hängen lässt. Das macht sich gut.«
»Prima Idee!« Ich lächelte ihm zu, froh, dass er mitmachen wollte. »Übernimmst du das? Du bist doch unser Starfotograf.«
»Aber nicht erst irgendwann in ferner Zukunft«, warf Kim streng ein. »Gleich morgen, solange das schöne Wetter anhält. Am besten schicken wir die Fotos gleich zusammen mit dem Brief los.«
Niko murmelte etwas Unverständliches. Er mochte es nicht, wenn man ihn zu etwas drängte. Doch immerhin holte er seinen Laptop und setzte sich zu uns an den Tisch, während Mama Papier und Stifte für jeden brachte. Dann machten wir »Brainstorming«, wie Kim sagte. Jedem von uns fiel etwas ein, was in dem Brief stehen sollte. Ich fand, dass die Geschichte von Cinnamon und Pepper dazugehörte.
»Wir müssten wenigstens kurz erzählen, wie die beiden krank, erschöpft und abgemagert aus dem Wanderzirkus nach Little Eden gebracht wurden«, sagte ich.
»Ja, und Dreibeinchens Schicksal«, fügte Niko hinzu. »Da schmilzt das Herz jedes Tierfreaks. Ich hab im Herbst ein paar wirklich gute Fotos von ihm gemacht. Überhaupt könnten wir Little Eden doch mal ins Internet setzen. Dann bekäme Stevie sicher haufenweise Spenden von Privatleuten, und …«
Ich unterbrach ihn. »Nie im Leben! Du hast sie wohl nicht alle! Lass das bloß bleiben! Dann bringen die Leute noch mehr kranke Tiere.«
Und Kim tippte sich an die Stirn. »Du kennst doch Stevie, Mann. Er würde dir die Hucke vollhauen und nie wieder ein Sterbenswort mit dir reden!«
Auch Mama schüttelte den Kopf. Niko murmelte, es sei ja nur eine Idee gewesen und wir sollten uns nicht gleich vor Schreck in die Hosen machen.
Dann kritzelten wir alle Einfälle aufs Papier und bastelten einen Brief daraus. Er wurde ziemlich lang.
Dreimal dachte ich: Schade, dass Niels nicht da ist. Er beherrscht so etwas besser als wir alle. Er könnte einen Brief schreiben, der den Tierschützern in London derart unter die Haut ginge, dass sie uns nur so mit Geld überschütten würden …
Aber unsere »Anfrage«, wie Mama es nannte, wurde auch nicht übel. Niko ging in sein Zimmer, um alles auszudrucken. Morgen wollten wir den Brief noch einmal durchlesen und verbessern und ihn Stevie zeigen. Dann konnte Niko hoffentlich auch noch ein paar Fotos mit seiner Digitalkamera beisteuern.
Später kam Paps und bereitete das Abendessen vor. Mama fütterte die Pferde. Kim und ich schrubbten den Rest der Terrasse sauber, während die Abenddämmerung hereinbrach.
Unter den Büschen und Bäumen in Grannys Garten schaukelte ein Meer von Narzissen und Bluebells im Wind. Eine silbrige Mondscheibe hing über dem Eckturm von Ravensmoor und tauchte das alte Gemäuer in geheimnisvolles Licht.
»Könntet ihr Ravensmoor nicht mal für ein paar Wochen an irgendwelche Filmfuzzis vermieten?«, fragte ich, ganz begeistert von meiner eigenen Idee. »Bei euch könnte man doch einen coolen Gruselfilm drehen, so ähnlich wie ›Tanz der Vampire‹ zum Beispiel. Die würden sicher gut zahlen und ihr hättet endlich Geld für Reparaturen.«
Kim schnitt eine Grimasse. »Erzähl das mal meinem Vater, der kriegt die Krise! So was ist unter seiner Würde, dafür gibt sich ein Ravensmoor nicht her.«
Aber den Stammsitz der Familie verfallen zu lassen, das ist nicht unter seiner Würde, dachte ich, sprach es aber nicht aus.
Kim sagte: »Wenn mir das alles da oben gehören würde, könnten sie meinetwegen Micky-Maus-Filme auf Ravensmoor drehen. Ich hätte nichts dagegen, solange die Kohle stimmen würde. Aber immerhin haben mein Vater und Grandpa schon überlegt, ob sie Ravensmoor nicht dem National Trust übergeben sollen.«
»Dem National Trust? Was ist das?«, fragte ich und schüttete einen Eimer Wasser über die Terrassenfliesen.
»Ein Verein, der sich um die Erhaltung von besonders schönen oder geschichtlich wichtigen Gebäuden und Gärten in England kümmert«, erklärte Kim. »Es gibt viele Besitzer von Schlössern und Herrenhäusern, die alles dem National Trust überlassen, weil sie die Kosten für die Erhaltung nicht mehr aufbringen können. Meistens dürfen sie dann in ihren Stammsitzen wohnen bleiben, müssen aber einen Teil der Häuser oder Gärten für die Öffentlichkeit zugänglich machen.«
»He, das klingt nicht schlecht!«, sagte ich, obwohl ich mir nicht vorstellen mochte, dass täglich ganze Busladungen voller Besucher nach Ravensmoor hochgekarrt wurden und dort über das alte Gemäuer herfielen.
»Der Mist ist bloß, dass der National Trust von den Besitzern Geld haben will. Kein Wunder, denn meistens muss der Verein erst mal ein Vermögen für Reparaturen aufbringen. Sie verlangen sogar einen ordentlichen Batzen. Dafür kümmern sie sich dann bis in Ewigkeit um alles, was gemacht werden muss. Aber …«
Kim redete nicht weiter. Das brauchte sie auch nicht. Ich wusste sowieso, dass die Ravensmoors nichts als Schulden hatten.
»Ich hab meinen Vater zu Maman sagen hören, dass Duncans Operationen uns an den Rand des Ruins gebracht haben«, vertraute mir Kim an. »Er hat eines unserer letzten Grundstücke in St. Austell verkaufen müssen. Ich weiß, dass es deswegen Streit mit Grandpa gegeben hat. Aber Duncan setzt ja immer seinen Willen durch.«
»Nicht immer«, sagte ich. »Bei Flora hast du deinen Willen durchgesetzt. Da hat er den Kürzeren gezogen.«
Sie warf mir einen überraschten Blick zu. »Hm, da hast du recht. So hab ich das noch gar nicht gesehen.«
»Du bist stark, Kim. Du merkst es bloß selbst nicht.«
Mein Vater streckte den Kopf durch die Terrassentür. »Das Essen steht auf dem Tisch, Kids!«, rief er. »Ich hab auch für dich ein Gedeck aufgelegt, Kim. Sagt ihr Mama Bescheid?«
Auf dem Weg zur Weide gingen wir schweigend nebeneinander her. Kim grübelte offenbar noch über unser Gespräch nach.
Unvermittelt sagte sie: »Aber ich konnte nur stark sein, weil ihr mir geholfen habt. Du und Stevie und deine Mutter.«
7
Als wir am nächsten Morgen in Little Eden ankamen, mit Kim und Niko samt seiner Kamera und einem Sack voller Katzenfutter auf dem Rücksitz von Mamas Mini Cooper, war Master Bilbo da.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er allerdings noch keinen Namen, und wenn er je einen gehabt hatte, kannten wir ihn nicht. Er sah aus wie ein Troll; das dachte ich jedenfalls, als mein Blick zum ersten Mal auf ihn fiel. Ein struppiger, bärtiger, verwundeter Troll, dem die Rippen und Knochen spitz und eckig aus dem schwarz-grau-braun gefleckten Fell stachen. Seine Augen waren unter Haarbüscheln verborgen, seine Schlappohren starrten vor Dreck.
Und sie waren mit Blut verkrustet. Auch seine Beine waren mit Schorf und eingetrocknetem Blut bedeckt, an manchen Stellen fast kahl, sodass man das schwärzlich rote Fleisch schlecht verheilter Wunden sah.
Er stand auf einem Lager aus Decken, das Stevie im Hausflur für ihn zurechtgemacht hatte. In der Küche heulten die Hunde. Das erbärmliche Klappergestell wollte sich nicht hinlegen, obwohl seine Beine vor Angst oder Schwäche zitterten. Er ließ den Kopf hängen und atmete schwer, während Stevie mit einer Schüssel vor ihm kniete und eine Wunde an seiner Schulter mit einem Wattebausch abtupfte.
»Heiliger Himmel!«, flüsterte Mama.
Betroffen standen wir im Türrahmen und starrten den fremden Hund an. Stevie sagte leise: »Kommt nicht näher! Womöglich gerät er in Panik. Er hat wohl verdammt schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht.«
Wir wichen ein paar Schritte zurück. Mama fragte: »Hat er gefressen?«
»Ja. Eine ganze Schüssel voll Fleisch und Reis und Gemüse.«
»Was ist ihm passiert? Woher kommt er?«, sagte Niko, aber Stevie schüttelte nur den Kopf.
Während die anderen ausschwärmten, um zu fotografieren, Katzen und Rabenkrähen zu füttern und Cinnamon zu trösten, half ich Stevie, bei der Elendsgestalt Erste Hilfe zu leisten.
Denn vor mir schien der Hund keine Angst zu haben. Ich durfte ihn anfassen, was ich mit allergrößter Behutsamkeit tat. Er schien sogar auf meine Stimme zu lauschen. Verstand er die sanften, beruhigenden Worte, die ich ihm zuflüsterte?
»Er vertraut dir«, sagte Stevie leise. »Irgendwas an deiner Stimme, deinem Geruch oder deiner Ausstrahlung flößt ihm Vertrauen ein. Du hast eine gute Hand mit Tieren, Kathi.«
Das hörte ich nicht zum ersten Mal von ihm. Wir lächelten uns an, obwohl ich mit den Tränen kämpfte. Die armselige, geschundene Gestalt mit dem heftig pochenden Herzen und den zitternden Gliedern weckte unendliches Mitleid in mir. Was hatte man dem Hund angetan?
Wir holten eine Schale mit verdünnter Milch, von der er nur wenig trank. Dann streichelten wir ihn und redeten ihm gut zu, bis er sich endlich mit einem schweren Seufzer auf die Decken legte.
»Alles kommt wieder in Ordnung, Junge!«, sagte Stevie zärtlich. »Sei ganz ruhig, jetzt kann dir nichts mehr passieren. Bei mir bist du in Sicherheit.«
Wir kauerten uns neben das Lager aus Decken. Aus der Küche kam das Geheul und Gewinsel der Hunde.
»Ich kann sie nicht rauslassen«, erklärte Stevie. »Puccini und Grizzly wollten sich sofort auf den armen Kerl stürzen. Vorerst muss ich sie irgendwie getrennt halten. Keine Ahnung, was ich machen soll, wenn’s mir nicht gelingt, sie aneinander zu gewöhnen.«
»Vielleicht finden wir einen guten Platz für ihn.«
»Das wird nicht einfach sein. Es käme nur jemand mit Hundeerfahrung infrage, jemand mit Einfühlungsvermögen und viel Liebe und Geduld. Das arme Kerlchen hat schon genug gelitten.«
Stevie wusste nur wenig über den Hund. Eine Frau, die irgendwo an der Küste ein Ferienhaus bewohnte, hatte ihn nach Little Eden gebracht. Auch sie konnte nur berichten, dass sie ihn am Strand gefunden hatte, mit einem Strick an einen Felsen gebunden, halb verhungert, verängstigt, ohne einen Hinweis auf seinen Besitzer.
»Es ist auch besser, wenn ich nicht erfahre, wer das Tier so zugerichtet hat!«, sagte Stevie grimmig. »Sonst könnte es passieren, dass ich dem Monster eine Ladung Schrot in den Hintern schieße.«
Der unterdrückte Zorn in seiner Stimme ließ den Hund von Neuem zittern. »Schon gut«, flüsterte ich. »Stevie meint es nicht böse. Hier tut dir keiner was! Sei ganz ruhig, mein Kerlchen.«
Er hob den Kopf. Jetzt endlich sah ich zwischen dem struppigen, verschmutzten, verklebten Fell seine Augen. Sie waren seltsam hell, fast grau oder milchig blau wie Glasmurmeln.
»Warum hat die Frau ihn nicht ins nächste Tierheim gebracht?«, fragte ich nach einer Weile.
»Ihre Nachbarn haben sie zu mir geschickt. Und das ist auch besser so. Im Tierheim tun sie, was sie können, aber sie haben oft nicht die Zeit, um nach dem richtigen Platz zu suchen. Sie würden ihn vielleicht zu schnell an Leute vermitteln, die keine Ahnung haben, wie man mit so einem verängstigten, geschundenen Wesen umgeht. Und dann würde er vielleicht weglaufen oder wieder im Tierheim landen.«
Wir saßen dicht beisammen und lauschten den Atemzügen des Hundes, die langsam ruhiger und gleichmäßiger wurden.
»Ich glaube, er schläft jetzt«, wisperte ich. Doch schon näherten sich Schritte der Eingangstür. Da zuckte er zusammen und hob die Nase.
Es war Mama. Sie blieb auf der Schwelle stehen und fragte: »Kommt ihr klar? Hat er sich etwas beruhigt?«
Wir nickten.
»Dr. Muir sollte sich den Hund ansehen«, sagte Mama.
»Er kommt abends vorbei. Aber ich glaube eigentlich nicht, dass er krank ist. Er ist einfach nur ausgehungert und total vernachlässigt. Man hat ihn sicher geschlagen. Meiner Meinung nach ist er noch jung, wohl nicht älter als eineinhalb oder zwei Jahre.«
»Ich bringe dir Arnika-Globuli aus unserem Erste-Hilfe-Kasten. Und Calendula-Tinktur, die ist gut für die Wundheilung. Du weißt ja, ein paar Tropfen davon in abgekochtes Wasser geben. Heilsalbe hast du noch genug.«
Mama ging zum Auto und kam mit zwei Fläschchen zurück, die sie Stevie gab. Ich blieb neben dem Hund sitzen, während Mama und Stevie in Richtung Küche verschwanden, um unseren Briefentwurf an die RSPCA durchzulesen.
Im Weggehen hörte ich Mama fragen: »Warum hast du die Hunde eingeschlossen? Meinst du, es könnte eine Rauferei geben?«
Dann wurde die Küchentür geöffnet und geschlossen. Vorsichtig streichelte ich den Hals des Hundes. »Armer Junge«, sagte ich. »Armes, armes Kerlchen. Du hast es schlecht gehabt, was? Schlaf jetzt. Alles wird gut …«
Seufzend legte er den Kopf auf die graue Decke. Während ich auf ihn niedersah, mischte sich ein Bild aus meiner Erinnerung mit dem des struppigen Hundekopfes: Mickys wuscheliges Mischlingsgesicht, seine gespitzten Ohren, seine glänzenden Augen, die bettelten: Spiel mit mir! Wirf den Stock ins Wasser, schmeiß den Ball in die Luft …
Micky war unser Hund gewesen vor langer Zeit, als ich noch ein Kind war. Wir hatten ihn aus dem Tierheim geholt. Drei Jahre war er mein bester Freund gewesen, bis er unter die Reifen eines Autos kam.
Ich hatte lange nicht mehr an Micky gedacht. Unter meiner Handfläche spürte ich das Herz des fremden Hundes in seinem abgemagerten Brustkorb pochen.
Plötzlich wusste ich, was ich tun musste.
Бесплатный фрагмент закончился.
