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Ursula Hass

DAS GRANDHOTEL

Doch das Messer sieht man nicht

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Nachwort

Impressum neobooks

Prolog

DAS GRANDHOTEL

Doch das Messer sieht man nicht …

Der neue Mystery-Krimi

von Ursula S. Hass

Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom

Das Grandhotel

Ursula S. Hass

Copyright: © 2022 Ursula S. Hass

Druck: epubli

www.epubli.de

Ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung, die über den Rahmen des Zitatrechtes bei korrekter vollständiger Quellenangabe hinausgeht, ist honorarpflichtig und bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.

Die Personen und die Handlung des vorliegenden Krimis sowie die Namen und Dialoge sind sämtlich erfunden. Ähnlichkeiten mit Personen, Namen und Orten wären rein zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Personen und Handlung

In der schönen Schweiz treffen sich in Graubünden im GRANDHOTEL in Davos einige Gäste, die unter merkwürdigen Umständen in dieses Hotel eingeladen wurden. Sie kennen sich nicht, zumindest einige nicht. Auf der Einladung für den Aufenthalt im GRANDHOTEL steht nur:

„In Erinnerung an vergangene Zeiten laden wir Sie und Ihre Begleitung in das GRANDHOTEL in Davos, ein. Die Kosten werden sämtlich übernommen. Wir wünschen Ihnen eine schöne Woche und einen angenehmen Aufenthalt in der schönen Schweiz.

Der Hoteldirektor Philippe Laurent und die Hotelcrew

Monsieur Philippe Laurent wird Sie zu einem Aperitif am Freitag, 23. August, 19 Uhr, im Grand Salon des GRANDHOTEL in Davos erwarten. Bitte, teilen Sie mit, ob Sie alleine oder mit wieviel Personen Sie anreisen werden, damit die Zimmer reserviert werden können.“

Urs Rüpli Besitzer des GRANDHOTELS

Folgende Gäste haben eine Einladung erhalten:

Ulla Sommer / Claudine Meister / Annette Fischer

Karl Feistel / Josef Haas/ Renate und Arnim Hermann

Sonja Netter / Albert Rehlein / Peter Bloch

Norbert Neurer / Axel Lehmann / Ansgar Hoch

Klara Breuer / Dominik John / Andreas Lichte

Man hätte sie bis zu diesem unheilvollen Tag im April als glücklichen Menschen bezeichnen können. Vieles war ihr gelungen, manches auch nicht, aber insgesamt konnte sie eine gute Bilanz ihres bisherigen Lebens vorweisen.

Sie fuhr gerne diese Strecke dem Schwarzwald und seinen dunklen Tannen entgegen. Wie ein blaues Band floss die Kinzig ruhig und gemächlich durch die Landschaft. Es war April, die Sonne schien, aber es war kalt. Je höher sie kam, desto kälter wurde es. Einige Tage zuvor hatte es noch einmal kräftig geschneit und ab Triberg war die Landschaft in ein weißes Kleid gehüllt. Es war eigentlich ungewöhnlich für den Monat April, dass noch einmal Schnee gefallen war. Viel Schnee. Die paar Schneeglöckchen oder Primeln, die vorsichtig aus den Beeten durch den Schnee lugten, wollten eigentlich noch weiterschlafen. Ja, vielleicht wäre ein Winterschlaf für sie in dieser Zeit auch gut gewesen. Aber sie war nicht pessimistisch eingestellt, sie war wohl etwas wütend, weil sie eine Nachricht erschreckt und ärgerlich gemacht hatte. Aber sie war auch gleichzeitig gefasst. „Das machen wir jetzt auch bei Neurer!“ Dieser Satz kreiste wie ein Bungee-Ball, in ihrem Kopf herum. Endlich war sie in ihrem Paradies. Schon von Weitem sah sie einen riesigen schwarzen Kasten, einen Container stehen. Als sie aus dem Auto ausgestiegen war und näher an den Container kam, stank es ziemlich nach Öl. Ein bisschen rückte sie an diesem Containerdeckel, um ihn zu öffnen. Er war mit einer schaurigen und übelriechenden Masse voll bis oben hin. Es stank bestialisch nach Öl. Gelblich-grün lagen einzelne Mauerstücke aufeinander gehäuft vor ihr, die alle diesen Geruch hatten und die sich vor ihren Augen zu einem riesengroßen Berg stapelten. Für sie gehörten diese herausgehauenen Mauerreste, die kreuz und quer in diesem schwarzen, stinkenden Kasten lagen, zu ihrem Leben, denn sie waren Teil des Paradieses. Vielleicht klingt dies etwas zu pathetisch, aber man hatte ihr Paradies zerstört, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten.

Nur ein paar Schritte entfernt, stand diese Person, die diesen fatalen Satz gemailt und in ihr Herz gemeißelt hatte, der in ihrem Kopf herumgeisterte, ihr diffuse Schmerzen bereitete, nicht nur in ihrem Kopf. Ihr ganzer Körper war angespannt. Dieser Satz brannte wie Feuer in ihrem Herz, das immer schneller schlug, rasend schnell, je steiler der Anstieg wurde und sie endlich in ihrem Paradies angelangt war.

Nur von Weitem hörte sie noch eine Person sagen: „Aber freundlich sind sie doch!“ Was oder wen meinte diese Person denn damit? Wer war freundlich? Wer hatte all dies zu verantworten, diesen Dreck, diesen Gestank, diese ölgetränkten Bruchstücke in ihrer bis dahin heilen Welt? Sie stieg die Treppen hinauf, immer schneller, ihr Herz pochte. Ein rasender Schmerz wühlte sich durch ihren Körper. Oben angekommen, sah sie nur eine offene Tür, zwei offene Türen, nein drei offene Türen und daraus kam wieder dieser bestialische Gestank, den sie unten schon am Container gerochen und wahrgenommen hatte. Sie stieg die Stufen noch weiter hinauf und lief ein kurzes Stück über die Wiese. Da sah sie wieder diese Person stehen, die ein Messer in der Hand hielt und langsam, mit hämischem Grinsen, auf sie zukam. Plötzlich blinkte dieses Messer im Sonnenlicht auf. Diese Person lief auf sie zu, immer schneller. Sie rammte dieses Messer mit aller Wucht in sie hinein. Sie sah noch wie das Blut, ihr Blut, aufspritzte und es im weißen Schnee Blutspuren hinterließ. Es waren viele kleine, rote Tupfer. Dann wurde sie ohnmächtig und sackte zusammen. Über ihrem Kopf sah sie noch einen Vogel, einen Adler oder einen Bussard kreisen, der immer näher kam. Wie in Trance bemerkte sie seine großen Flügel und seinen rotgetränkten Schnabel.

Dann war Nacht um sie, ewige Nacht.

Kapitel 1

Am Freitag, 23. August trafen die Gäste in Graubünden ein. Das GRANDHOTEL lag wunderschön in einem Seitental von Davos. Es war ein vornehmes Hotel, das jedoch aufgrund seiner Jahre schon ein etwas verblichenes Erscheinungsbild aufzuweisen hatte. An den grünen Fensterläden blätterte der Lack ab, und auch sonst sah man sofort, dass das Hotel schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Aber dennoch hatte das Gebäude eine beeindruckende Fassade und mit seinen vielen spitzen Türmchen erinnerte es auch ein bisschen an ein Dornröschenschloss. Nur wo war hier ein Prinz zu sehen, der es aus seinem Dornröschenschlaf erwecken könnte?, dachte Ulla Sommer, die die Hoteleinfahrt gedankenvoll passierte.

Als sie in ihrem schicken Cabriolet in die Einfahrt einbog, musterte sie argwöhnisch die verblichene Fassade. Die Einladung für ein paar Tage Erinnerungs-Feeling kam ihr eh ein bisschen merkwürdig vor. Aber, da sie gerade nichts zu tun hatte, wollte sie sich diese Tage im schweizerischen Davos auch nicht entgehen lassen. Zielstrebig ging sie den kiesbestreuten Weg entlang und trat in den Eingangsbereich des Hotels. Auch der Innenbereich vermittelte ihr das Bild, dass dieses Hotel schon ziemlich alt war. Es könnte Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts gebaut worden sein. Die grünen, etwas abgewetzten Samtvorhänge passten genau zu dieser seltsamen Atmosphäre, die augenblicklich im Hotel vorherrschte.

„Ich glaube, dass ich schon bessere Hotels, als dieses gesehen habe“, murmelte sie halblaut, mehr zu sich selbst.

Sie setzte sich in einen Fauteuil, der ebenfalls in grünem Samt gehalten war, aber schon an vielen Stellen und Ecken des Samtbezugs ein bisschen speckig aussah. Eigentlich würde sie sich am liebsten in ihr Cabriolet verziehen und auf schnellstem Weg die Heimreise antreten. Doch irgendetwas hielt sie zurück. Im Augenblick konnte sie es selbst nicht sagen, was es war? War es diese eigentümliche Atmosphäre oder dieses alte, gespenstische Haus, das sie magisch anzog? Oder war es Neugierde und ihre doch immer wieder auftauchende Abenteuerlust, die sie bewog, hierzubleiben?, überlegte sie nur kurz, um dann doch mit einem Kopfnicken zum Ausdruck zu bringen, dass sie sich auf dieses Abenteuer einlassen wollte.

Als sie sich der Rezeption näherte, sah sie einen Herrn am Tresen stehen. Irgendwie kam ihr dieser Mann bekannt vor, aber erinnern konnte sie sich nicht, wann und wo sie seine Bekanntschaft gemacht hatte. Dann drehte sich der Mann um und erschrak auch ein bisschen, als er sie gesehen hatte, fing sich aber gleich wieder und machte den Weg zur Rezeption für sie frei.

Neugierig warf sie natürlich gleich einen Blick auf den Mann und auf die Eintragung im Gästebuch, das sie gerade wieder dem freundlichen Herrn hinter der Theke übergeben hatte. Sie bemerkte, wie plötzlich die Buchstaben vor ihren Augen zu tanzen anfingen.

„Peter Bloch!“, buchstabierte sie leise den Namen. Aber an einen Mann mit diesem Namen konnte sie sich beim besten Willen nicht erinnern. „Irgendwie kenne ich ihn!“, murmelte sie, blickte dann kurz um sich, ob es auch niemand gehört hatte und schimpfte mit sich selbst. Denn seit ihrem Autounfall hatte sie diese Angewohnheit mit sich selbst zu reden. Ihrem Mann gefielen diese Selbstgespräche auch nicht, deshalb beherrschte sie sich auch vor ihm, aber wenn sie alleine war, fingen ihre Gedanken wieder zu sprechen an. Mit wem sollte sie auch reden, es war ja keiner da. Ihre Kinder waren aus dem Haus und ihr Mann wollte noch nie so richtig wissen, was sie bewegte.

„Gut, dass Wilhelm zuhause geblieben ist!“, murmelte sie weiter. So altmodisch wie ihr Mann nun mal war, hätte er sicherlich das alte Hotel ganz nett gefunden, ging es ihr noch durch den Kopf. Hotels waren ihm eigentlich ein Gräuel und so hatten sie früher immer in Ferienwohnungen ihre Freizeit oder ihren Urlaub verbracht, wenn überhaupt einmal Urlaub angesagt war. Da sie beide in ihrer Berufsphase durch Arbeit eingedeckt waren, konnten sie gar nicht so oft Urlaub machen. Vor allem musste sie aufpassen, dass sie ihren Beruf und ihre Hobbys unter einen Hut bringen konnte. Selbst in der Rente waren sie gebunden.

Ulla Sommer richtete ihr Augenmerk auf einen weiteren Herrn, der gerade durch die Drehtür des Hotels hereinschneite. Diesen Mann kannte sie nun gar nicht. Er warf nur einen kurzen, freundlichen Blick auf sie, den sie auch erwiderte.

Als sie sich in das Gästebuch eingetragen hatte und ihren Pass dem lächelnden Herrn an der Rezeption, der sich mit Luigi Salvatore vorstellte, übergeben wollte, näherte sich auch der neue Ankömmling der Rezeption. Sie blieb noch ein bisschen stehen. Aus Neugierde wollte sie natürlich auch dessen Namen erspähen. Der neue Ankömmling stellte sich als Axel Lehmann vor.

Nur vage erinnerte sich Ulla Sommer an den Namen ‚Lehmann‘. Doch bei ihr wurde keine rühmliche Erinnerung wach. Dann kam auch schon der Page in einer schicken Uniform daher, der ihr Gepäck entgegennehmen wollte. Doch ihre Handtasche konnte der junge Page nicht ergreifen, denn diese hielt sie so fest, als wäre ein wahrer Goldklumpen in dieser Tasche vorhanden.

„Kommen Sie bitte, wir fahren im Fahrstuhl hoch! Sie sind im obersten Stockwerk untergebracht und genießen von dort eine herrliche Sicht auf die Berge“, beeilte sich der ebenfalls sehr höfliche Page zu sagen. Ihr kam dieser freundlich grinsende Page vor wie eine Figur aus einer anderen Welt, denn dieser Luigi Salvatore an der Rezeption hatte gar nicht so freundlich ausgesehen. Sie lächelte daher diesen Pagen sehr sanft an, denn irgendwie erinnerte er sie an ihre beiden Enkel, die jetzt allerdings schon älter waren als dieser Page, den sie auf Anfang 20 schätzte.

Oben angekommen drückte sie ihm noch einen Geldschein in die Hand, denn als knickrig wollte sie nicht dastehen. Sie warf kurz einen Blick in die geöffnete Tür dieser Suite, die anscheinend für sie reserviert war und vor lauter Begeisterung über das Interieur und den Blick in diese herrliche Schweizer Bergwelt entfuhr ihr auch ein kleiner dezenter Jubelschrei.

„Das sieht ja toll aus!“, rief sie begeistert aus und schnappte ihren Luxuskoffer, denn so schnell wie möglich wollte sie sich umziehen und ein bisschen die Umwelt erkunden. Unten sah sie schon ein paar Gäste auf der Terrasse sitzen, natürlich mit Ferngläsern. Auch sie wurde von diesem Blick in die magische Bergwelt angezogen, die sich an diesem Nachmittag durch die untergehende Sonne in einen rosaroten Elefanten verwandelte. Das Licht zauberte Schatten auf die riesige Bergkette, an die sich ihr Auge zuerst gewöhnen musste. Vor lauter Begeisterung spürte sie, dass ihr Herz immer höher schlug.

„Um 19 Uhr gibt es einen Aperitif im Foyer und um 19.30 Uhr ist das Dinner im Grand Salon angerichtet, Madame Sommer!“, rief der höfliche Knabe mit energischer Stimme aus, die aber zu der gedämpften Stimmung im Flur und in dieser Suite gar nicht passte. Für Ulla Sommer war dies einfach ein Ton zu laut.

„Merci!“, rief sie nur und wollte die Tür schließen. Doch da sah sie noch Peter Bloch um die Ecke kommen, der direkt neben ihr die Suite belegte.

„Bin mal gespannt, wer noch eine Suite erhalten hat?“, ging es ihr durch den Sinn. Doch dann hatte sie ihre Tür verschlossen. Ein Wort an den Ankömmling wollte sie nicht richten.

An der Rezeption trafen noch weitere Gäste ein. Annette Fischer kam mit Josef Haas. Arnim Hermann brachte seine Frau Renate mit, die im Rollstuhl saß. Claudine Meister und Karl Feistel kamen ebenfalls zusammen im GRANDHOTEL an. Jeweils getrennt traten an die Rezeption Albert Rehlein und Sonja Netter. Sie machten auch nicht den Anschein, dass sie sich kennen würden. Ebenfalls angereist war noch Ansgar Hoch. Es fehlten noch Norbert Neurer, Andreas Lichte und Dominik John. Luigi Salvatore schaute immer wieder auf die ihm vorliegende Liste, strich Namen für Namen aus und lächelte still und etwas hintergründig vor sich hin.

Für Ulla Sommer begann ein entspannter Nachmittag, den sie mit einem Buch auf der schönen Terrasse des Hotels verbringen wollte. Immer wieder schweifte ihr Blick hinüber zu den Schweizer Bergriesen, die schon Schnee auf ihren Spitzen zeigten. Eigentlich träumte sie glücklich vor sich hin und freute sich, dass sie diese Reise angetreten hatte. Ein sanftes Lächeln auf die kommenden Urlaubstage in dieser tollen Bergwelt konnte sie sich nicht verkneifen.

Später tauchte auch Peter Bloch auf der Terrasse auf. Er musterte Ulla Sommer immer wieder. In ihrem bunten Tupfenkleid sah sie aber auch bezaubernd und noch sehr jugendlich aus, wobei man ihr Alter nicht genau schätzen konnte. Ab und zu ging auch ihr Blick zu Peter Bloch hin, der sie an jemanden erinnerte. Doch das musste schon lange her sein, überlegte sie und widmete sich wieder ihrem Buch.

So langsam füllte sich die Terrasse mit den Ankömmlingen. Einfach bunt gewürfelt war diese Gruppe der Ankömmlinge, die alle auch gar nicht zueinander passten, das war ihr gleich aufgefallen. Entspannt lagen einige auf Liegen, andere saßen steif und knöchern auf ihren Stühlen. Auch einige Grüppchen hatten sich schon gebildet. Eine nette Servicekraft kredenzte Tee und Kaffee sowie die berühmten Schweizer Leckerli, die so verlockend dufteten.

Plötzlich ertönte ein Klingelton und es erschien der Direktor, Philippe Laurent, der seine Aufwartung machte. Er begrüßte sehr herzlich seine Gäste, hieß sie willkommen und stellte sie der Reihe nach vor. Dann teilte Monsieur Laurent mit, dass alle Gäste auf Einladung eines reichen Amerikaners und seiner Firma, die hier eine Werbeaktion durchführen wollten, die Tage in dieser noblen Herberge verbringen können. Weitere Gäste, als die OIL-Gruppe, waren nicht im Hotel untergebracht, erzählte der Hoteldirektor.

Die Angesprochenen, die alle einen entspannten Eindruck machten, blickten sich jedoch bei der Rede von Monsieur Laurent ein bisschen irritiert an, denn auf ihrer Einladung stand nicht, dass es sich um eine Werbeaktion einer bekannten Firma handelte. Das hatten sie aus der Einladung nicht herausfinden können, erzählten einige und meckerten bereits. Betreten blickten sie zu Boden. Dass sie nun für eine Werbeaktion in das noble Hotel eingeladen wurden, missfiel ihnen. Auch Ulla Sommer war über diese Ankündigung nicht erfreut und sie musterte daher auch die Anwesenden. Allerdings stellte sie fest, dass keiner ihren Blick erwiderte.

Als Monsieur Laurent noch bekanntgab, dass es eine Million Schweizer Franken zu gewinnen gab, hielten die Gäste ihre Luft an. Die Stimmung im Saal war gedrückt, aber auch euphorisch wegen der in Aussicht gestellten eine Million Franken. Allerdings wurden sie unter fadenscheinigen Argumenten in die Schweiz gelockt, das war schon einigen dieser illustren Gästeschar klar geworden.

„An welche Bedingungen ist diese Werbeaktion überhaupt geknüpft?“, wurde nachgefragt. Eine Million Schweizer Franken, das war ein leicht verdientes Geld, überlegten sicherlich einige unter den Gästen. Doch keiner traute sich weitere Fragen zu stellen, denn Monsieur Laurent machte ein sehr ernstes Gesicht.

„Heute Abend erfahren Sie mehr darüber, denn dann wird sich der amerikanische Millionär selbst an Sie wenden!“, erwiderte Laurent mit gekünstelter, etwas nervöser Stimme. Er wünschte noch einen schönen Aufenthalt und auch die hypermodernen Spa-Einrichtungen im Hotel pries er an. Doch an diesen Spa-Einrichtungen hatte im Augenblick wohl niemand Interesse, denn keiner fragte nach. Vielmehr bemerkte Ulla Sommer, dass die Gäste der verschiedenen Grüppchen untereinander eifrig tuschelten.

„Auf der Einladung stand doch, dass die Tage als Erinnerung an vergangene Zeiten genutzt werden sollten!“, murmelte sie ärgerlich. „Da stand nichts von Produkten und Werbeaktionen. Was soll denn das, will uns dieser Hoteldirektor in die Irre führen?“, ereiferte sie sich. Allerdings nahm keiner der Gäste ihre Rede wahr oder ließ ihr überhaupt einen Blick zukommen oder ein freundliches Wort. Da stimmt was nicht!, überlegte sie. Wurden wir in eine Falle gelockt?

Dann war der Hoteldirektor verschwunden und die Gäste sich selbst überlassen. Ein paar schlenderten zur Rezeption, wo Luigi Salvatore eifrig hantierte.

Auch Ulla Sommer wollte sich an diesen Salvatore wenden, doch vor ihr stand eine behäbige, dunkelhaarige Frau, die auch einige Fragen in ihrem schwäbischen Dialekt an ihn richtete. Dabei bemerkte sie noch, wie der Rezeptionist ihr ein Namensschild überreichte. Sie hatte nur kurz darauf geschaut und gesehen, dass da Claudine Meister angegeben war. Das war wohl der Name dieser Frau.

Auch Ulla Sommer erhielt ein Namensschild. Eigentlich hätte sie nun auf ihr Zimmer gehen können. Aber diese unheimliche Atmosphäre, ja auch direkt feindselige Stimmung in den Räumen, gefiel ihr gar nicht. Neugierig starrten einige der Gäste auf ihr Namensschild. Dann wandten sie gleich ihren Kopf ab, als wäre Ulla Sommer eine Persona non grata. Stolz reckte sie ihren Körper und marschierte an den Grüppchen vorbei.

Jeder hielt nun sein Namensschild in den Händen, auf dem zunächst das Logo des GRANDHOTEL prangte und mit einer fetten Schrift, ganz groß darunter ‚OIL-Gruppe‘ in schwarz auf dem Schild zu lesen war. Jeder trug nun so ein OIL-Schild. Ulla Sommer wusste nicht, was überhaupt der Name OIL-Gruppe zu bedeuten hatte, doch das würde sie noch in Erfahrung bringen. Nicht umsonst war sie ja eine Krimi-Autorin. Ob die anderen mit diesem Namen was anfangen konnten, war für sie nicht zu ersehen. Alle starrten nur auf dieses Namensschild, als wären sie nun mit diesem Namen für alle Zeit damit festgenagelt.

Neben ihr stand ein Mann, der auch an seinem Namensschild herumnestelte und es sich am Revers seiner Jacke anheften wollte. Sie erkannte ihn wieder. Es war Peter Bloch. Seinen Namen hatte sie schon im Gästebuch an der Rezeption entdeckt.

Dann beugte sich dieser Mann zu ihr hinunter, und in seinem rheinischen Dialekt machte er sich auch kurz mit ihr bekannt.

„Wir sind ja eine richtig zusammengewürfelte Gruppe“, erzählte sie diesem Peter Bloch, der, wie sie irritiert bemerkte, zusammenzuckte, als sie ihn angesprochen hatte. Ob das mit meinem badischen Akzent zusammenhängt, registrierte sie nur kurz?

„Als Produkttester war ich noch nie unterwegs“, lachte sie spöttisch. Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er sie etwas keck, wie sie fand, nickte dann nur mit seinem Kopf und warf dann noch einen Blick auf die anderen Ankömmlinge. Besonders Claudine Meister hatte es ihm noch angetan.

„Bei mir rief eine sehr höfliche junge Dame an und wollte wissen, ob ich nicht Lust auf eine Reise in die Schweiz hätte. Die Kosten würden alle von einer Schweizer Firma übernommen. Dass da ein Millionär dahinter steckt, wusste ich nicht. Hatten Sie eine Ahnung davon?“, wandte sie sich lebhaft an Peter Bloch. Dieser schaute mehrfach um sich und entgegnete dann nur, dass auch bei ihm eine junge Dame angerufen und ihn zu diesem seltsamen Treffen in die Schweiz eingeladen hatte.

„Sie sprach allerdings von einer Erinnerungsreise in die Schweiz, wobei ich schon mehrfach in der Schweiz war, aber immer mit meiner Mutter Dora, die allerdings schon vor ein paar Jahren verstorben ist“, hörte sie Peter Bloch sprechen, den sie auf ca. 65 Jahre schätzte.

Doch dann verabschiedete sie sich von ihm und ging zum Fahrstuhl. Dort standen auch schon weitere Gäste aus der OIL-Gruppe zusammen.

Lust auf ein Schwätzchen mit den Leuten, die sie nur argwöhnisch musterten, hatte sie nicht. Sie musste ja auch noch zuhause anrufen und ihrem Mann von dieser merkwürdigen Reise in die Schweiz berichten, die sie jetzt schon ein bisschen bereute, denn mit diesem mysteriösen Verhalten dieser OIL-Gruppe ihr gegenüber konnte sie gar nichts anfangen. Doch sie erinnerte sich genau an die Worte der freundlichen Dame, die bei ihr angerufen hatte. Aber von einer Reise in die Vergangenheit hatte sie ihr nichts erzählt. Es sollte eine Erinnerungsreise werden, so stand es auch auf der Einladung, dachte Ulla Sommer nur kurz. Der rheinische Dialekt von Peter Bloch ging ihr auch nicht mehr aus dem Sinn und dieser merkwürdige Unterton, als er diese Erinnerungsfahrt anführte, konnte sie schon gar nicht einordnen.

Kapitel 2

Zum Abendessen wählte Ulla Sommer eine dezente Robe. Sie wusste ja nicht wie die anderen erscheinen würden. Über ihren Anblick war sie sehr erfreut, denn sie fand, dass sie bezaubernd aussah in ihrer schilfgrünen Satinhose und der dazu passenden Jacke. Darunter trug sie eine spitzenbesetzte beige Bluse. Ihre kurzen dunklen Haare, die natürlich immer wieder kunstvoll gefärbt wurden, kämmte sie burschikos nach hinten, und hielt sie mit einer silbernen Spange und einer roten Lotusblüte zusammen. Dazu trug sie silberne Pumps.

Leise zog sie die Tür der Suite ins Schloss, denn es lag eine unheimliche Stille über diesem Hotel, die ihr eine gewisse Angst einjagte. Auch diese gruseligen Bilder, die im Flur vor ihrer Suite hingen, waren ihr suspekt. Wie kann man auch solche Bilder mit Schafsköpfen oder Wildsauen aufhängen, dachte sie. An den Köpfen lief noch das Blut herunter. Und obwohl es nur rote Farbe war, die der Künstler hier angelegt hatte, spürte sie direkt auch die Angst in den Blicken der fotografierten Tiere. Irgendwie kam es ihr vor, als ob sich das Hotel in einem dunkeln, mysteriösen Wald befand. Von welchem Prinzen könnte es wachgeküsst werden, überlegte sie. Allerdings wenn sie so die Männer dieser OIL-Gruppe ansah, käme da keiner für sie als Prinz in Betracht.

„Und wer könnte die wachgeküsste Prinzessin sein?“, grübelte sie, schüttelte aber gleich wieder diese Gedanken ab, die sie nur in ihrem Denken hemmten. Auf der einen Seite war das behäbige, große Schweizer Hotel mit nur sehr wenigen Gästen. Auf der anderen Seite war eine gewisse Oberflächlichkeit bei den Gästen zu entdecken. Auch dieser Luigi an der Rezeption und dieser komische Hoteldirektor waren ihr nicht geheuer. Alles war sehr geheimnisvoll und diese merkwürdige Erinnerungsreise entwickelte sich bei ihr zu einem Schreckgespenst, das sie nicht so einfach abschütteln könnte. Sie spürte, wie ihre Angst ihren Rücken hoch kroch, zumal sich auch noch zu den fragwürdigen Gästen ein mysteriöser Millionär gesellte, der sie womöglich mit seinen Franken kaufen wollte.

Unten angekommen, blickte sie wieder in die gleichen Gesichter wie am Nachmittag und dies ließ ihren Magen rebellieren. Auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich immer verlassen. Aber nun war sie einmal hier und musste sich diesen Leuten anpassen, ob sie wollte oder nicht. Sie sah nicht nur freudig erregte Gesichter, sondern auch festlich gekleidete Personen. Man könnte fast meinen, dass es sich bei dieser OIL-Gruppe um eine angesehene, illustre Gesellschaft handelte, die sich ein paar Tage in Graubünden eingefunden hatte und ihren Spaß haben wollte.

Die nette Servicekraft vom Nachmittag hatte sich ebenfalls abendlich gekleidet und eine kecke Haube saß auf ihrem kurzen Haar. Auch sie trug nun ein Namensschild, auf dem Vanessa stand. Als der freundliche Page vom Nachmittag mit einem silbernen Tablett nun zur Tür hereinkam, bemerkte Ulla Sommer, dass auch er nun ein Namensschild trug und auf diesem Vincent vermerkt war. „Also haben wir es mit Vanessa und Vincent zu tun!“, murmelte sie leise vor sich hin. Es war ihr unangenehm, dass sie immer wieder in ihre Selbstgespräche verfiel. Aber es war ja niemand da mit dem sie sich unterhalten konnte. Vanessa und Vincent verteilten nun gefüllte Sektgläser sowie kleine Häppchen, die an spanische Tapas erinnerten. Ulla Sommer nahm nur ein Häppchen und ein Glas perlenden Sekt in ihre Hand und spazierte mit leichten Schritten an den Gästen vorbei.

Pünktlich auf die Minute, trat wieder Monsieur Philippe Laurent, der Hoteldirektor, in Erscheinung.

„Ich werde Sie nun mit Ihrem Sponsor, dem amerikanischen Millionär, bekanntmachen“, hörte sie plötzlich den Hoteldirektor sagen.

„Ist der womöglich hier?“, blickte sie fragend in die Runde.

Doch keiner äußerte sich. Alle sahen nur den Hoteldirektor an oder blickten herausfordernd um sich und manche senkten auch ihre Blicke. Weshalb hier alle so still und geheimnisvoll reagierten, warf bei ihr viele Fragen auf, dazu waren ihr auch noch die Gäste ein Rätsel.

„Hier ist er nicht, nein, er wird zu Ihnen per Videobotschaft sprechen. Kommen Sie bitte mit mir in die Bibliothek! Hier erfahren Sie mehr!“ Die Stimme dieses Hoteldirektors kannte sie nun schon in allen Facetten und doch hörte sie ein Geheimnis heraus.

Wie im Gänsemarsch marschierten die Gäste hintereinander in die Bibliothek, in einen dunkelgetäfelten Saal, wo nur wenig Licht herrschte. Es lag etwas Romantisches aber auch Bizarres in diesem dunklen Raum. Ulla Sommer dachte sofort auch an ein englisches Spukschloss. „Gleich kündigt sich noch ein Geist an“, frotzelte sie. Die anderen Gäste hatten sie jedoch nicht gehört, was ihr auch recht war. Sie wollte nicht als meckernder und aufrührerischer Gast gelten.

„Sicherlich ist das Hotel Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut worden, als die Engländer mit ihren Reisen die Schweiz eroberten und es fortan zu ihrem Lieblingsland gehörte“, murmelte Albert Rehlein kurz zu ihr hinüber.

Sie blickte ihn mit ihren grünen Augen schräg von der Seite her an. Dass dieser Rehlein auch England im Blick hatte, fand sie schon einmal angenehm. So weit voneinander lagen also ihre Geschmäcker gar nicht, überlegte sie. Ihr war dieser Albert Rehlein schon gleich aufgefallen mit seiner großen Gestalt. Er will so vornehm scheinen, dachte sie noch. Aber es wollte ihr partout nicht einfallen, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen haben könnte.

Dann schloss der Hoteldirektor den Raum ab. Das fand sie nun richtig gespenstisch und rückte etwas näher an diesen Rehlein heran.

Vielleicht brauche ich doch männlichen Schutz?, dachte sie, denn in dieser dunklen Halle mit den maskenhaften, kolonialen Figuren an den Wänden, die afrikanische Geisterbeschwörer oder Stammesfürsten darstellten, entstand für sie eine schaurige Atmosphäre. Doch da ging bereits das Licht an und es erschien eine Gestalt auf dem Bildschirm. Weder Haare noch Gesicht waren zu erkennen. Der Mann hatte einen Hut auf dem Kopf, der tief in sein Gesicht hineinragte. Dann ertönte eine blecherne Stimme, sodass sie zunächst zusammenzuckte, aber dann auch richtig aufpassen musste, dass sie auch jedes Wort verstand.

Sie flüsterte nur noch kurz zu Rehlein, dass sie ein bisschen Angst habe.

„Das brauchen Sie doch nicht zu haben, ich bin ja hier und beschütze Sie“, meinte dieser sehr fürsorglich zu ihr. Toll!, dachte sie nur.

„Aber in Ihre Arme werfe ich mich nicht, das wäre ja noch schöner!“, entgegnete sie kurz und lachte dabei ihr warmes Lachen, das bisher immer alle ihre Freunde und Freundinnen begeisterte.

Dann ertönte eine blecherne Stimme, die allen einen „Guten Abend“ wünschte, was mit Applaus quittiert wurde.

„Ich habe Sie hierher eingeladen, weil sie alle zusammen vor vielen Jahren in einen Mordfall verwickelt waren. Doch leider konnte man den Täter nicht dingfest machen.“

Es herrschte eine beängstigende Stille, man hätte fast eine Nadel auf den Fußboden fallen hören, so lautlos war es im Raum. Nicht mal den Atem des Nachbarn spürte Ulla Sommer. Niemand flüsterte, niemand blickte hoch, alle hielten ihre Köpfe gesenkt. Sie ebenfalls. Von Applaus keine Spur mehr. Ihre Gedanken kreisten um diesen Mordfall, aber es fiel ihr beim besten Willen nicht ein, wo und wann und mit wem von dieser Gruppe, sie in einen Mordfall verwickelt gewesen sein könnte.

„Nichts also mit Produkttesten, das war auch wieder so eine Irreführung!“, geiferte sie drauflos. Es war ihr gerade zum Stänkern zumute. Doch niemand schaute zu ihr hin. Auch nicht der Hoteldirektor, der sich immer noch im Raum befand.

Dann wurde es wieder heller im Saal. Das gedämmte Licht zuckte ein bisschen, bis es hell und immer heller wurde, dass man den Nachbarn auch wieder erkennen konnte. Aber die Tür blieb immer noch verschlossen. Ulla Sommer war ja keine ängstliche Person. Aber auch sie zuckte wieder zusammen, als plötzlich das grelle Neonlicht, wie ein Spotlight, auf sie und die Gäste gerichtet wurde. Dieses Neonlicht passte überhaupt nicht in diesen altertümlichen Raum. Aber seine Strahlen fielen auf die Gäste, bis es erlosch, sich wieder aufbäumte, um zum zweiten Mal in voller Lichtstärke, dann endgültig sein Ende zu besiegeln. Diese Szene hätte sich in einem mordbrünstigen Theaterstück wiederfinden können, dachte Ulla Sommer, die dieses ganze Theater den Gästen wie auch diesem altertümlichen Saal und der Eröffnung des Abends gegenüber nicht passend fand.

Als dann das Neonlicht ausgereizt war und ein dezenteres Licht in einem kristallenen Kandelaber erschien, trat auch der Direktor wieder aus dem Dunkel des Raums hervor und verkündete, dass das nun erst der Anfang der Geschichte war. „Der Anfang der Geschichte, welcher Geschichte denn?“, fragten die Gäste der OIL-Gruppe und ihre Gesichter drückten auch dementsprechend Besorgnis aus.

Ulla Sommer, die ansonsten ein sehr gutes Gedächtnis besaß, konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie mit diesen Leuten irgendetwas gemein hatte, schon gar nicht in einen Mordfall wollte sie mit diesen Leuten verwickelt sein. Also Demenz hatte sie keine, und auch selbst in ihrer Familie war niemals bei ihren engsten Verwandten eine Demenz festgestellt worden. Insofern wunderte sie sich nur, dass die Gäste diesen Mordfall, der niemals aufgeklärt wurde, einfach so ohne Regung hinnahmen.

Plötzlich ertönte jedoch die Stimme von Claudine Meister, die wieder in ihrem schwäbischen Dialekt in die Runde fragte, was denn für ein Tag heute sei.

„Was will sie denn den heutigen Tag wissen?“, flüsterte sie zu Rehlein.

Dieser bemerkte nur, dass heute Freitag, der 23. August war und schließlich auch auf der Einladung, Freitag, der 23. August, als Eröffnungstag für diese Erinnerungsreise angegeben war.

„Hier können Sie nachsehen!“, und dabei holte er einen kleinen Handtaschenkalender hervor. Doch keiner wollte nachsehen oder es überprüfen, denn es war ja bekannt, dass dieses Hotel von Freitag, 23. August für einige Tage für die Gäste gebucht war. Nur Claudine Meister zuckte bei diesem Datum merklich zusammen. Ulla Sommer wusste gleich, dass sich diese Meister an Freitag, den 23. August erinnern konnte.

„Jetzt erinnere ich mich, ich habe nämlich ein supergutes Gedächtnis!“, sprudelte Claudine Meister hervor. Doch dann verstummte sie wieder und alle, die sie umringten, hingen an ihren Lippen und fragten nach, was sie mit diesem 23. August in Erinnerung bringen würde.

Aber es kam kein Wort mehr von ihren Lippen, die sie fest zusammenpresste. Da hätte nicht mal ein Streichholz dazwischen gepasst. Ulla Sommer sah, wie sich alle anblickten und in ihren Erinnerungen kramten. Keiner sprach aber ein Wort und ließ die anderen an seinen Erinnerungen teilhaben. Sie blickten nur zu Boden, als schämten sie sich, wenn sie an diesen 23. August dachten.

Annette Fischer und Josef Haas blickten sich auch nur kurz an, als wollten sie was sagen. Renate und Arnim Hermann zogen sich beide in eine dunkle Ecke zurück. Sie wollten ihren Gästen ihre Erinnerung nicht mitteilen. Karl Feistel blickte nur zu Claudine Meister, die triumphierend die Anwesenden musterte. In ihren Augen erkannte Ulla Sommer wieder ein hämisches Grinsen. Sie blickte sie ziemlich forsch an, denn es war ihr sofort klar geworden, dass diese Claudine Meister mehr wusste als sie alle zusammen. Doch dann hielt diese Meister nur ihren Blick gesenkt, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.

„Sie weiß es, sie kennt den Mordfall!“, sagte Ulla Sommer leise zu Peter Bloch, der sich ihr wieder genähert hatte. Norbert Neurer hatte sich auch Albert Rehlein und Peter Bloch angeschlossen. Axel Lehmann und Ansgar Hoch wechselten ebenfalls kurze Blicke miteinander. Sonja Netter wandte sich dann an Claudine Meister, als wollte sie etwas sagen. Aber beide wechselten keine Worte miteinander. Ulla Sommer registrierte alles. Sie allein war es, die sich nicht erinnern konnte, an welchen Mordfall dieser amerikanische Millionär anknüpfte. Sie hatte doch ein ganz passables und sehr gutes Gedächtnis. Doch sie schüttelte sich richtig, als sie daran dachte, dass sie mit diesen Leuten irgendetwas Schreckliches verband. Nur was, war hier die Frage, wie sie krampfhaft überlegte.

Der Hoteldirektor schloss dann sehr nachdenklich wieder die Tür der Bibliothek auf und alle waren wie erlöst, denn so eingeschlossen in diesem Raum mit dieser blechernen Stimme des Millionärs und den schweren Erinnerungen an einen Mordfall hatte die OIL-Gruppe sehr verunsichert.

Nun ging es in den Grand Salon. Dort sollte das Menü serviert werden, hörte sie den Direktor sagen. Eigentlich war ihr nicht mehr nach Essen zumute, aber man konnte ja mal sehen, was der Koch alles an Genüssen zaubern würde.

„Kommen Sie mit mir in den Speisesaal! Unser Küchenchef hat extra für Sie ein exzellentes Menü zusammengestellt, das soll sie nun ein bisschen belohnen für die schreckliche Nachricht, die Sie gerade vernommen haben. Es geht um einen Mordfall.“ Dabei betonte er diesen Mordfall mit einem eigentümlichen Unterton.

„Vergessen Sie nun den Mord, morgen erfahren Sie mehr vom Gastgeber!“, sprach der Direktor und verschwand kurz hinter einem Vorhang, der ein wahres Meisterwerk der Handwerkskunst darstellte. Denn der Brokatstoff war mit vielen Affenbildern und Schlangen kreiert worden. Dieses Motiv erinnerte ein bisschen an den Jugendstil, Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch daran, dass die Reisefreudigkeit in den Ländern damals groß war und besonders die Kolonien mit all ihren wilden Tieren sehr begehrenswert waren.

Vanessa und Vincent, die Servicekraft und der Page, verschwanden ebenfalls hinter diesem schwarzgrünen Vorhang, auf dem auch giftige Schlangen abgebildet waren. Die Augen der Kobras blitzten in einer grellgrünen Farbe, die zum dunklen, samtgrünen Vorhang einen künstlerischen Kontrast bildeten. Ihre Augen richteten sie auf ihre nächsten Opfer und ihre Zungen waren feuerrotspeiend. Ulla Sommer warf nur einen kurzen Blick auf diesen angsteinflößenden, aber doch auch aparten Vorhang. Sie fühlte, dass dieser schlangenspeiende Vorhang direkt in die Hölle führte.

Wo bin ich nur gelandet?, dachte sie und musste auch ein bisschen an ihren Mann denken, der zuhause saß und nichts von einem Mordfall wusste und von dieser geheimnisvollen Atmosphäre in diesem merkwürdigen, alten Hotel, das sie an eine mörderische Schlangengrube erinnerte.

„Sehen Sie eigentlich noch andere Gäste hier oder sind wir die einzigen?“, wandte sie sich wieder den drei Herren zu, die ihr in den Grand Salon gefolgt waren.

An ihrem Tisch angekommen, sah sie, dass sowohl Albert Rehlein, Norbert Neurer und Peter Bloch sowie Renate und Arnim Hermann, Axel Lehmann und Ansgar Hoch an ihrem Tisch Platz fanden.

Den weiteren großen runden Tisch belegten Annette Fischer und Josef Haas, Claudine Meister und Karl Feistel sowie Sonja Netter, Dominik John, Andreas Lichte sowie Klara Breuer.

Zunächst wurde die Suppe serviert. Es war eine badische Schneckensuppe, die früher auf jeder Speisekarte eines guten Hotels stand. Dazu wurde ein Weißer Burgunder aus dem Kaiserstuhl gereicht. Der etwas lieblich anmutende Weiße Burgunder, gereift in dieser sonnigen Landschaft, passte hervorragend zur sahnig-herben, mit Kräutern gewürzten Schneckensuppe.

Das Hauptgericht bestand aus einem schwäbischen Rostbraten mit selbstgemachten Spätzle und Bubenspitzle und dazu gab es ein sehr reichhaltiges Salatbuffet, an dem sich die Gäste selbst bedienen konnten. Zum Hauptgericht konnten die Gäste zwischen einem Spätburgunder Rotwein und einem Grauen Burgunder auswählen.

Vanessa und Vincent bedienten die Gäste hervorragend. Und so langsam war auch bei Ulla Sommer dieser schwarz-grüne Vorhang, der nach Nirgendwo oder in die Hölle führte und bei ihr Ängste hervorgerufen hatte, vergessen und sie widmete sich ihrem Essen.

Zum Nachtisch gab es Vanilleeis und heiße Himbeeren, auch so ein Klassiker aus den Achtziger und Neunziger Jahren.

Ulla Sommer fing eine lebhafte Unterhaltung mit den Gästen an ihrem Tisch an, an der sich Renate und Arnim Hermann aber nicht beteiligten. Immer wieder schaute Arnim Hermann zu Ulla Sommer herüber, doch sie erwiderte seinen Blick nicht, denn dieser Arnim mit seinen krausen Haaren erinnerte sie an jemanden, an den sie sich aber nicht erinnern wollte.

„Manches vergisst man auch oder man will nicht mehr daran erinnert werden“, murmelte sie leise und dachte dabei an den Mordfall, wobei sie von den weiteren Herren am Tisch eifrig beobachtet wurde.

„Dieser 23. August, der geht mir eigentlich nicht mehr aus dem Kopf“, sagte sie zu Peter Bloch, der nickte, denn auch er konnte keine Erinnerung mit einem 23. August verbinden, wie er betonte.

Auch am Nebentisch widmete man sich ziemlich schweigsam dem Menü. Plötzlich stand Karl Feistel am Nebentisch auf und Claudine Meister schaute ihm nur nachdenklich hinterher.

Irgendwie kennen sich Claudine Meister und Karl Feistel, überlegte sie, sagte aber nichts zu den weiteren Personen an Tisch Eins, die eifrig auch noch ihren Nachtisch löffelten.

Zum Schluss gab es noch Kaffee und einen englischen Plumpudding-Kuchen, der jedoch etwas fest geraten war.

„Wenn wir jeden Tag so ein umfangreiches und sehr exzellentes Menü bekommen, dann muss ich meine Hosen erweitern lassen“, raunte gut gelaunt Albert Rehlein in die Runde.

„Woher kommen denn Sie, Herr Rehlein? Ich konnte bei Ihnen noch keinen typischen Dialekt heraushören“, sprach Ulla Sommer nun zu Rehlein, den sie eigentlich noch am sympathischsten fand.

„Ich wohne eigentlich in Freiburg, war aber auch öfters in Mannheim bei meiner Mutter.“

„Lebt Ihre Mutter noch?“, fragte sie gleich weiter. Doch dies verneinte Albert Rehlein heftig, wobei er ziemlich traurig in die Runde blickte.

Auch Ulla Sommer erzählte von ihrem Mann, der eigentlich auch mitreisen wollte, aber dann doch wieder zurücktrat, weil er keinen Betreuer für den Hund gefunden hatte.

Wortkarg blieben bei den Gesprächen Renate und Arnim Hermann. Ulla Sommer blickte immer wieder zu diesem seltsamen Paar hin, wobei die Frau ja einen sehr netten Eindruck auf sie machte. Ihr Mann hingegen schaute immer wieder verschämt auf den Boden, wenn sie ihr Augenmerk auf ihn richtete. Weshalb kann er mir nicht in die Augen schauen, was hat er denn zu verbergen?, dachte sie. Seltsame Leute!, überlegte sie weiter, ließ sich aber nichts anmerken und war weiterhin auch freundlich zu ihren Tischnachbarn.

Als alle gerade so gemütlich zusammensaßen, Kaffee und einen Grappa tranken, hörten sie wie jemand lauthals aufschrie. Vielleicht hatten die Leute dieser Gruppe den Schrei in diesem so stillen und lautlosen Hotel zuerst gar nicht wahrgenommen, weil er ganz und gar nicht zu diesem Hotel passte. Aber dann wurde er doch registriert. Ulla Sommer war die erste, die sich zu Wort meldete.

„Was war denn das?“, entfuhr es ihr, die sehr schnell auf diesen Schrei reagierte, der in diesem Hotel hallte, als sei eine Meute wilder Tiere hier in diese Stille eingebrochen.

„Ich glaube, ich habe einen Schrei gehört“, rief sie ängstlich und fragend zu Rehlein und Bloch, die sie nur verwundert anschauten, weil sie sonst eine toughe Figur machte.

„Ich habe nichts vernommen!“, verriet schon mal Bloch und auch Rehlein verneinte, dass er einen Schrei wahrgenommen hatte.

„Sind Sie taub, meine Herren!“, rief sie schon sehr erregt und ungehalten aus, dass auch die Personen an Tisch Zwei aufschauten und zu ihr blickten.

Kurze Zeit später trat dann auch schon der Hoteldirektor in den Saal und hatte eine Klingel dabei.

„Meine Damen und Herren, ich muss Ihnen leider mitteilen, dass gerade ein Unfall geschehen ist“, entgegnete Monsieur Laurent mit ächzender Stimme und rückte seine goldumrandete Brille zurecht.

„Was, habe ich es richtig vernommen? Sie wollen uns einen Unfall melden, oder war es vielleicht ein Mord bei diesem Schrei?“, schrie dann Ulla Sommer wieder etwas unbeherrscht in den Raum.

„Ja, Madame Sommer, da haben Sie recht, es war kein Unfall, sondern ein Mord, ich wollte sie allerdings nicht gleich mit einem Mord behelligen und beunruhigen, wo sie gerade noch am Nachtisch sitzen!“, antwortete Laurent mit klagender Stimme.

„Wer ist denn ermordet worden?“, wollte sie daraufhin gleich wissen.

„Es muss sich um Axel Lehmann handeln, so zumindest nehme ich es an, denn er trug dieses Namensschild bei sich!“, sprach er und zeigte vorsichtig auf das Schild in seinen Händen.

Ulla Sommer und auch die anderen Gäste hatten gar nicht bemerkt, dass sich Lehmann von Tisch Eins entfernt hatte. Sie waren ja auch mit ihrem Essen beschäftigt.

Den Gästen an den beiden Tischen sah man den Schreck richtig an. Einer sprang zuerst auf und rannte aus dem Saal. Sie konnte gar nicht gleich erkennen, wer zur Tür hinausgerannt war, so aufgeregt war sie.

„Wenn es sich bei dem Toten um Axel Lehmann handelt, dann gehört der Mann ja zu den Gästen an unserem Tisch?“, murmelte sie entsetzt zu Rehlein und Bloch.

Die Gäste von Tisch Eins blickten sich nur entsetzt an und die Gäste vom zweiten Tisch schauten starr in Richtung Ulla Sommer, die unruhig von ihrem Stuhl aufgestanden war und herumhüpfte wie eine Ziege, die eingefangen werden sollte. Keiner sprach ein Wort, alle saßen wie erstarrt an ihrem Tisch und vor ihren Kaffeetassen. Auch ein letzter Schluck Grappa wurde noch schnell genommen.

Es war gespenstig ruhig in diesem Raum. Keiner sprach ein Wort, alle blickten nur zu dieser aufgeregten Ulla Sommer, die sich gar nicht mehr beruhigen wollte.

„Ich bleibe nicht länger, keine Sekunde länger, in diesem Haus!“, rief sie dann ungestüm aus.

„Beruhigen Sie sich, Frau Sommer!“, rief da plötzlich Annette Fischer, die bisher eigentlich nicht viel gesprochen hatte. Doch diese Worte konnte sie sich anscheinend nicht verkneifen.

„Beruhigen Sie sich, Frau Sommer!“, wiederholte sie noch einmal ihre Worte und setzte weiter fort: „Der Hoteldirektor wird sich um alles kümmern, oder nicht?“, sprach sie etwas fragend in die Runde, dabei schaute sie den Hoteldirektor an, gerade so, als würde er ihre Worte gleich bestätigen. Doch dieser reagierte gar nicht und schaute unsicher in den Raum.

„Wieso weiß sie, dass sich der Hoteldirektor um alles kümmern wird?“, ereiferte sich Ulla Sommer, die Annette Fischer immer wieder herausfordernd anstarrte. Doch Annette Fischer hielt ihrem Blick nicht stand und blickte etwas verschämt zu Boden.

In Ulla Sommers Kopf rührte es sich mächtig, denn diese Worte: „Beruhigen Sie sich, wir kümmern uns um alles!“, diese Worte hatte sie schon einmal gehört, aber nur wo und wer hatte sie ausgesprochen? Ihre Gedanken kreisten immer wieder um diese Worte, als würde endlich das Licht in ihrem Kopf angeknipst und die Erinnerung wäre wieder da.

Peter Bloch und Albert Rehlein sprangen ebenfalls beide von ihren Stühlen auf und eilten zum Hoteldirektor, der im Grand Salon wie ein Tiger hin- und herlief.

„Haben Sie schon die Polizei verständigt?“, wollten die beiden wissen.

Auch die anderen Gäste fragten diesbezüglich nach.

Doch der Hoteldirektor gab darauf keine Antwort.

„Unser Telefon ist defekt. Es funktioniert nicht. Im Tal weiter vorne ist eine Gerölllawine heruntergegangen und hat alles verschüttet. Der Eingang zu Davos ist mit Geröll zu. Diese Moräne war riesig“, erzählte er nur kurz.

Ulla Sommer blickte entsetzt von einem zum anderen. Dass sie jetzt noch in diesem Tal festsaßen, das gefiel ihr gar nicht. Nicht mal die Polizei konnte kommen und das Telefon war auch ausgeschaltet. Sie wurde hypernervös, denn eingesperrt sein, das konnte sie nicht ertragen. Da ging direkt die Sicherung bei ihr durch.

Die meisten Gäste saßen teilnahmslos auf ihren Stühlen, schwiegen einfach, manche aßen noch die Reste des Nachtischs auf oder schauten sich nur stumm an. Das war für Ulla Sommer unerträglich, denn sie spürte, dass sich was zusammenbraute. Sie konnte manchmal Dinge voraussehen und auch bei den Lottozahlen konnte sie öfters eine Zahl hervorsagen, mehr aber leider nicht, sonst wäre sie vielleicht schon Lottokönigin geworden.

Für sie spielte sich dieser Mord an Axel Lehmann wie in einem Science-Fiction-Film ab. War sie eigentlich die einzige klardenkende Person in diesem Raum? Irgendwie dachte sie, da alle so ohne Regung reagiert hatten, dass sie wohl hier in einer Psychiatrie gelandet waren und das GRANDHOTEL ein verkapptes Krankenhaus war. Nur stumm und träge wurden die Mahlzeiten eingenommen. Nicht mal für dieses kostbare Menü und die exzellenten Weine konnten sich diese Leute begeistern.

„Sie sitzen wie Walfische am Tisch und schlingen alles hinunter“, höhnte sie. Gleichzeitig schämte sie sich aber auch für ihre Gedanken und ihren Ausspruch und entschuldigte sich für ihre Worte, die aber keiner verstanden hatte, wie sie bemerkte und das kam ihr auch gerade recht.

„Wo befindet sich denn Herr Lehmann im Augenblick?“, meldeten sich dann Bloch und Rehlein wieder zu Wort, die sie beide auch noch als einzig klardenkend im Kopf einschätzte.

„Wir müssen doch diesen Axel Lehmann erstmal sehen, ob er auch tatsächlich tot ist, dieser Hoteldirektor kann uns ja viel erzählen!“, fingen nun auch Bloch und Rehlein zu meckern an.

„Kommen Sie mit, meine Herren, wenn Sie mir keinen Glauben schenken!“, wandte sich der Hoteldirektor höflich an die beiden. Gleich wollten auch Arnim Hermann, Josef Haas und Karl Feistel sowie Dominik John den beiden folgen.

Allerdings widersprach da der Hoteldirektor ganz energisch.

„So viele Leute haben keinen Platz im Fahrstuhl, denn wir müssen den Toten in den Eiskeller befördern bis die Polizei eintrifft“, ordnete Philippe Laurent kurzerhand an.

„Wir wollen doch nur mal nach dem Toten sehen und uns überzeugen, dass er auch tot ist bzw. wir wollen auch wissen, wie er gestorben ist“, sprachen die Herren, die gleichzeitig auch argumentierten, dass man auch sicher gehen wollte, dass es sich bei dem Toten um Axel Lehmann handeln würde.

„Immerhin war auch noch Ansgar Hoch im Raum, der doch diesen Axel Lehmann kannte?“, rief Ulla Sommer dazwischen. Doch im Augenblick konnte sie Ansgar Hoch auch gar nicht sehen. „Wo ist Ansgar Hoch?“, verkündete sie lauthals und ruderte aufgeregt mit ihren Armen.

Aber niemand kümmerte sich um sie, und alle rannten nur auf den Flur und den anderen hinterher.

Vorneweg spazierte der Hoteldirektor und danach reihten sich die Herren ein. Die Damen schlossen sich wiederum den Herren an.

Ulla Sommer war dann Bloch und Rehlein nachgegangen und drängelte sich auch an den anderen Herren vorbei, in die vorderste Reihe.

Sie sah einen Mann auf dem Boden liegen. Daneben bildete sich schon eine Blutlache. Er lag mit seinem Gesicht auf dem Boden, also musste er rücklings erstochen worden sein. Das Messer steckte noch in seinem Rücken. Es war ein japanisches Messer, wie es die Köche oder auch Hobbyköche gerne verwenden, registrierte Ulla Sommer.

Wie kann dies nur passiert sein?, überlegte sie, äußerte sich aber nicht, sondern schaute alle mit ihren unergründlichen, grünen Augen herausfordernd an. Doch keiner verzog eine Miene. Für sie war klar, dass nur ein Mitglied aus der Gruppe diesen Axel Lehmann ermordet haben könnte. Weitere Gäste gab es nicht und das Hotel war wie eine Burg verschlossen. Von außen konnte man das Hotel nicht betreten.

Auch der Hoteldirektor starrte in die Runde, denn ein Mord in seinem GRANDHOTEL, damit konnte er sich nicht anfreunden, zumal erst kurz vorher das Hotel eröffnet wurde und diese Gäste der OIL-Gruppe die ersten Gäste waren.

Auch Laurent, der Hoteldirektor, überlegte wie der amerikanische Millionär reagieren würde, wenn er den Mord erfahren wird. Wie bringe ich es ihm nur bei?, dachte er.

„Wir müssen jetzt den Toten in den Eiskeller schaffen, dort ist es kalt und er kann nicht so schnell verwesen“, sprach Laurent und packte schon mal den Toten an den Füßen.

„Nehmen Sie, Herr Rehlein, seinen Kopf in die Hände und Sie, Herr Bloch, noch seinen Körper!“, schlug er vor. Einen toten Kopf hatte Rehlein in seinem bisherigen Leben noch nicht angefasst, deshalb machte er auch gleich einen Schritt rückwärts. Außerdem blutete der Tote natürlich stark und Rehlein wollte keine blutigen Hände haben oder womöglich sich noch seinen guten Anzug beschmutzen. Er schlug deshalb das Angebot vom Hoteldirektor aus.

„Wollen Sie nicht seinen Kopf in Ihre Hände nehmen?“, fragte er deshalb Bloch, der auch zögerte, aber dann sah, dass kein anderer sich bereit erklärt hatte und so teilte er den Anwesenden mit, dass er das Opfer bringen würde und zusammen mit dem Hoteldirektor den leblosen Körper in den Eiskeller schaffen würde. Er forderte sogleich eine Trage an, auf den man den Toten betten konnte.

Vanessa und auch Vincent huschten, wie zwei kleine nimmermüde Geister, vorbei und brachten bereits eine Liege mit, auf den die Herren den Leichnam legten. Dann ging es zwei Etagen nach unten mit dem Fahrstuhl. Dort befand sich der Eiskeller. Ulla Sommer registrierte die im Fahrstuhl angegebenen Etagen mit einem kurzen Blick. Mit in den Fahrstuhl wollte sie nicht. Im Eiskeller angekommen, wurde der Leichnam auf eine Pritsche gelegt. Dann gingen alle wieder nach oben und setzten sich, ohne ein Wort zu sagen, an ihre Tische.

Es herrschte eine beängstigende Nervosität im Raum, denn keiner wusste wohin er blicken sollte. Einen Aufruhr gab es jedoch nicht. Alle benahmen sich manierlich.

Ulla Sommer fasste sich als erste ein Wort und schlug vor, dass vielleicht eine schöne Melodie aus einer Schallplatte, abgespielt auf dem altmodischen Plattenspieler, helfen könnte, die Stimmung im Raum zu verbessern.

„Da gibt es doch nur Schlager aus den 60er Jahren!“, maulte Sonja Netter.

„Das passt doch gar nicht!“, meinte auch Claudine Meister, die natürlich dieser Sonja Netter entgegenkommen wollte, registrierte Ulla Sommer.

Da gab es doch diesen Schlager von Heidi Brühl: „Wir werden niemals auseinandergehen, wir werden immer zueinander stehen…, erinnert sich keiner daran?“, meldete sie sich wieder zu Wort. Dann summte sie die Melodie leise vor sich hin. An den toten Axel Lehmann dachte sie dabei allerdings gar nicht, sondern an diese liebe Heidi Brühl, die diesen Song so herzergreifend sang, dass einem dabei immer die Tränen kamen. Auch sie war nun schon viele Jahre tot, bedauerte Ulla Sommer.

Vanessa und Vincent hatten auch schon alles abgeräumt, es gab nichts mehr zu essen, ein paar Gläser standen noch auf den Tischen und es gab auch noch Wein. Doch niemand hatte noch Lust im Grand Salon zu verweilen. Und so gingen dann die ersten Gäste auch gleich nach oben in ihre Zimmer, denn zum Feiern oder Zusammensitzen war nach diesem tragischen Mord niemand zumute.

Auch Ulla Sommer ging in ihr Zimmer, setzte sich an ihren kleinen Schreibtisch und rief ihren Mann zu Hause an. Doch damit hatte sie kein Glück, es war niemand zu erreichen.

„Wilhelm liegt sicherlich schon längst im Bett, während ich hier noch mit einem Toten vorliebnehmen muss“, jammerte sie und zog sich langsam aus. Draußen war eine klare, mondhelle Nacht, die gar nicht zu diesem ganzen Hexenzauber in diesem altertümlichen Hotel passen wollte.

Dann löschte Ulla Sommer das Licht und schlief bis zum anderen Morgen durch.

Kapitel 3

Mit großem Schmerz wachte sie in der Klinik auf. Sie sah nur überall Schläuche und immer wieder Schläuche. Eigentlich konnte sie diese Schläuche nicht zuordnen. Die Tür öffnete sich und eine freundliche, ganz in weiß gekleidete Frau kam herein. Langsam kehrte ihr Bewusstsein wieder zurück. Aber sie wollte gar nicht aufwachen. Schlafen, das war das Beste was ihr geschehen konnte. Einfach einen Winterschlaf halten. Sie wusste gar nicht, wo sie sich befand, war sie in einer Klinik oder in der Reha? Sprechen konnte sie nicht. Ihre Augen bewegten sich ganz mechanisch. Sie wollte sprechen, aber ein Kloß in ihrem Hals ließ es nicht zu. Auch ihren Mund konnte sie nicht öffnen.

Sie dachte nur an das Messer in ihrer Brust. So langsam strich sie mit ihren Händen, die einfach ihren Armen mechanisch folgten an ihren Brüsten entlang. Sie fühlten sich ganz hart an, gar nicht weich wie sonst. Sie bemerkte nicht die straff gezogenen Verbände, die um ihre Brüste lagen.

Irgendwas stimmte nicht mit ihrem Kopf. Sie fühlte es deutlich. Sie hatte einen Kopfverband. Doch wie dieser zustande gekommen war, konnte sie auch nicht einordnen. Sie forschte in ihrem Gedächtnis nach. Aber da war nichts. Sie wusste nicht mal mehr ihren Namen. Wer war sie?

Sie erinnerte sich nur daran, dass sie plötzlich einen Stich und einen großen Schmerz verspürte und mehr wusste sie nicht mehr.

Sie erinnerte sich auch noch an einen bestialischen Gestank. Was war geschehen? Wo bin ich? Als sie ihre Augen wieder aufschlug, sah sie nur ein milchig-weißes Glas vor ihren Augen. Wo war der Himmel geblieben? Es gab keinen Himmel mehr. Es war nur alles milchig-weiß. Sie schloss wieder ihre Augen, dann wollte sie lieber einen Winterschlaf halten, als dieses milchig-weiße Zimmer zu sehen, das bei ihr Angstschweiß auslöste. War sie tatsächlich in einem Krankenhaus gelandet?

Sie wollte einfach nur weiterschlafen, ihre Augen schließen und nur nicht wieder in dieses milchig-weiße Zimmer schauen.

Sie hörte ein leises Klopfen an der Tür. Sie konnte jedoch keinen Laut von sich geben. Sie sah, wie sich die Tür öffnete und herein kam eine Person, die sie nur schemenhaft sehen konnte. Diese Person war nicht weiß gekleidet, sondern sie hatte leuchtendrote Blumen auf ihrer Bluse, das erkannte sie sofort. Sie sahen aus wie Lotosblüten oder wie Klatschmohn. Ja, Klatschmohn, den mochte sie als Kind sehr, und er wuchs auf den Feldern zwischen dem Weizen und den blauen Kornblumen. Das war schön anzusehen, dieser leuchtendrote Klatschmohn, der hellgelbe Weizen und das dunkle Blau der Kornblumen. Sie bemerkte nur noch, dass diese Frau mit den Lotosblüten auf der Bluse sie unentwegt anstarrte. Wer war das? Ihre Tochter?

Doch auch von dieser Person kam kein Laut über ihre Lippen. Sie spürte nur, wie diese Person ihr über das Gesicht strich. Sie spürte, dass die Person zusammenzuckte und sie sah auch die Tränen, die unaufhörlich über das Gesicht dieser Person liefen. Was war nur geschehen? Dann ging diese Person zur Tür und drückte die Klinke an der Tür nieder. Dann war sie verschwunden. Es herrschte wieder eine gespenstische Stille im Raum.

Kapitel 4

Mit hastigen Schritten lief Ulla Sommer die Treppen hinunter in das Kaminzimmer, denn diesmal sollte das Frühstück im Kaminzimmer stattfinden. Draußen schneite es immerfort. Sie konnte es gar nicht glauben, als sie diesen Schnee sah. Es war zwar etwas ungewöhnlich für Ende August. Doch in den Alpen kann es auch schon im August schneien. Dicke Flocken setzten sich auf Wiesen und Bäumen fest. Überall war kein Durchkommen mehr, so viel nasser Schnee war in der Nacht gefallen, Ende August. Ganz viel weißer Schnee, der matschig war, Schneeballen hätte man daraus keine formen können, denn dann wären sie einfach zusammengefallen. Sie erinnerte sich an die Schneemänner, die sie als Kind, dann später mit ihren Kindern und mit ihren Enkeln, auch in ihrem Paradies gebaut hatte, das ihr nicht mehr gehörte. Doch daran wollte sie nicht denken. Das war Vergangenheit, auch wenn es sehr schmerzhaft war. Sie wollte in die Zukunft schauen, wenn es für sie, in ihrem Alter, überhaupt noch eine Zukunft gab.

Vanessa und Vincent hatten den Gästen im Kaminzimmer schon erklärt, dass noch nie so viel Schnee in dieser Jahreszeit gefallen war. Dass der Winter schon so früh in dieses Alpental gekommen war, fand sie sehr merkwürdig, aber es passte zu diesem altertümlichen Hotel und dieser fragwürdigen Mordgeschichte des Ölmillionärs. Nun war doch tatsächlich noch ein Mord geschehen. Weshalb wurde dieser Axel Lehmann ermordet? Diesen Ansgar Hoch, der doch mit ihm gekommen war, hatte sie auch nicht mehr gesehen.

Ulla Sommer erinnerte sich an eine Zeit, als der Winter im Schwarzwald auch immer schon früh einkehrte, manchmal schon Ende September. Nicht selten schneite es auch im Oktober. Und manchmal blieb er auch ein halbes Jahr bis in den April hinein liegen.

Sie setzte sich nachdenklich auf einen Stuhl im Kaminzimmer. Wohlig knisterte es im Kamin, denn dort wurde nun mit Holz geheizt. Es roch gut, auch wenn manchmal etwas Rauch aufzog und der Abzug nicht richtig klappte.

„Gut, dass es noch so altmodische Kamine gibt und wir nun nicht ganz erfrieren werden in dieser Kälte“, sagte sie zu Karl Feistel, der mit Claudine Meister das Kaminzimmer betreten hatte. Irgendwie waren ihr die beiden unsympathisch. Sie hatten so einen lauernden Blick.

Beide setzten sich allerdings nicht zu ihr, was ihr auch gefiel, denn mit den beiden wollte sie nichts zu tun haben. Dann kam Sonja Netter in den Raum, spazierte erst auf Ulla Sommer zu, grüßte und lief dann aber doch auch zu Claudine Meister und Karl Feistel.

So langsam füllte sich das Kaminzimmer mit den Gästen, die aber alle ziemlich bleich und mit schwarzumrandeten Augen, richtig übernächtigt, den Raum betraten. Sie vermutete, dass sie alle nicht gut geschlafen hatten. Doch sie hatte sehr gut geschlafen, wie sie fand. Allerdings hatte sie wieder diesen seltsamen Traum, der bei ihr schon früher immer wiederkehrte und nun auch in diesem Schweizer Hotel. Sie lag in einem Krankenhaus, alles war weiß um sie herum und sie wollte nur ihren Winterschlaf halten. Bis heute konnte sie sich die Bedeutung dieses Traums nicht erklären.

Im Kaminzimmer war es wohlig warm und sie dachte nicht mehr an ihren Traum, der sie einfach wieder beschäftigte, wobei sie sich doch nach einer schönen, guten Zukunft sehnte, einer Zukunft ohne ihre quälenden Träume, auch wenn ihr Paradies für immer verschwunden und verloren war.

Im Raum herrschte wieder eine bedrückende Stille. Niemand sagte ein Wort, nur ein kurzes „Guten Morgen“ kam von den zusammengepressten Lippen der Gäste, die so langsam das Kaminzimmer füllten.

„Was ist denn das für eine Gesellschaft, eine richtige Trauergesellschaft?“, meinte Ulla Sommer mehr zu sich selbst.

Dann kam auch Albert Rehlein herein, der sich auch nur mit müden Augen umblickte und Ulla Sommer suchte. Auch er hatte nicht gut geschlafen und war an einem Traum aufgewacht, den er jedoch nicht so richtig einordnen konnte. Er hatte schon oft von seiner Mutter geträumt, die ihm immer noch etwas sagen wollte. Diesmal war sie ihm nur kurz im Traum erschienen. Dafür erschien ihm der Hoteldirektor, der einen Toten nach dem anderen in diesen Eiskeller brachte und immer wieder bei jedem Toten so ein krächzendes Lachen hervorbrachte. Es war direkt gruselig und bei diesem Gedanken an diesen Traum lief es ihm eiskalt den Rücken herunter.

Dann servierten Vanessa und Vincent Kaffee und Tee. Das Frühstücksbuffet war sehr reichhaltig. Käse, Schinken, Salami, Eier und kleine Würstchen luden zu einem herrlichen Mahl ein. Auch Obst und verschiedene Jog-hurtspezialitäten, Müsli u.v.m. konnten sich die Gäste auf ihre Teller häufen.

Ulla Sommer liebte das französische Frühstück mit verschiedenen Marmeladesorten. Zum Schluss gönnte sie sich jedoch auch noch den herrlich duftenden Schinken, denn zu Mittag gab es ja nichts zu essen.

Nach dem Frühstück ging sie in die Bibliothek und suchte sich ein Buch aus. Auch Ansgar Hoch sah sie wieder. Also war er nicht abhandengekommen, überlegte sie und lächelte ein bisschen. Er holte sich auch ein Buch und setzte sich zu Ulla Sommer, die in einem tiefen Ohrensessel Platz genommen hatte. Auch in der Bibliothek war es wohlig warm. Allerdings wusste sie nicht wie hier geheizt wurde, denn einen Holzkamin sah sie nicht. Das wäre auch für die Bücher nicht optimal gewesen.

Dabei fiel ihr wieder ein, dass doch die beiden, Ansgar Hoch und der tote Axel Lehmann, zusammen im Hotel eingetroffen waren. Deshalb hatte sie sich auch eine kurze Konversation mit diesem Ansgar Hoch überlegt, denn sie hatte ihn ja nicht explizit am gestrigen Abend, nach dem Mord an Axel Lehmann, mehr gesehen.

„Konnten Sie irgendwie schlafen?“, fing sie das Gespräch schon mal harmlos an.

„Sie kannten sich doch, hatte ich den Eindruck, zumindest sind sie doch auch zusammen gekommen?“

„Ja, wir waren mal früher Kollegen“, antwortete Ansgar Hoch einsilbig.

„Kollegen?“, kam es ziemlich gedehnt von ihren Lippen.

„Wo war das denn?“, fragte sie neugierig nach.

Doch darauf gab Ansgar Hoch keine Antwort.

Ulla Sommer beteiligte sich dann auch nicht mehr weiter an diesem Gespräch, weil sie bemerkte, dass dieser Ansgar Hoch gar nicht gesprächig war. Sie wandte sich wieder ihrem Buch mit dem Titel „Von Wölfen und Schafen“ zu, das selbst in dieser Schweizer Bibliothek vorhanden war. Sie hatte es ja vor langer Zeit selbst geschrieben.

Ansgar Hoch war doch etwas niedergeschlagen, denn mit dem Tod von Axel Lehmann hatte er nicht gerechnet. Sie waren zwar nicht zusammen gekommen, wie Ulla Sommer vermutete, aber sie trafen zusammen ein und jeder erkannte den anderen sofort. Deshalb war er auch etwas verunsichert, was er dieser neugierigen Person, dieser Ulla Sommer, erzählen sollte über seinen toten Kollegen.

Am besten, ich schweige dazu, denn sagen kann ich eh nicht viel, überlegte er und wandte sich auch dem Bücherschrank zu. Auch er holte sich einen Krimi. Allerdings fing er gar nicht zu lesen an, er wirkte irgendwie abwesend, vielmehr waren seine Gedanken mit dem Datum des 23. August beschäftigt. Er erinnerte sich vage an dieses Datum, doch er hatte auch noch den 31. August im Kopf. Das war damals ein großer Fehler, dieses Datum zu nennen und hatte es nicht auch dieser Sachverständige noch in seinem Gutachten veröffentlicht. Ansgar Hochs Gesicht verfinsterte sich zusehends, als er an diese Geschichte zurückdachte.

„Irgendwie muss ich mich einfach mehr konzentrieren“, meinte er zu sich, denn er sah wie diese Ulla Sommer immer mal wieder zu ihm herüberblickte, obschon sie vorgab, ganz vertieft in ihren Krimi zu sein.

Manchmal schreibt das Leben eben auch einfach die echten Krimis, dachte er und blätterte eifrig in seinem Taschenbuch, das er sich ausgesucht hatte und das von einem Schwarzwälder Kommissar Kirsch handelte. Fast sah es für Ulla Sommer so aus, als sollten die Seiten von Ansgar Hoch schnell umgeblättert werden, weil sie ihn vielleicht an Vergangenes erinnerten. Zurückkehren in die Vergangenheit wollte er nicht, die Vergangenheit sollte keine Chance erhalten, diesen Eindruck vermittelte er Ulla Sommer.

Aus ihren grünen Augen beäugte sie diesen merkwürdigen Mann, der mehr wusste, als er sagte, das war ihr sofort aufgefallen.

Doch sie wollte ihm nicht zeigen, dass sie ihn beobachtete, sondern las eifrig weiter, wobei auch sie die Seiten einfach nur überflog. Vertiefen in diesen Krimi konnte sie sich auch nicht, der von diesen menschlichen ‚Wölfen und Schafen‘ handelte. Sie hatte genügend menschliche Wölfe und menschliche Schafe erlebt, wobei ihr die menschlichen Schafe natürlich lieber waren, auch wenn sie etwas naiv waren. Eigentlich hatte sie gar keine Lust mehr auf das Schreiben von Krimis, fiel ihr auch noch ein. Seit diesem Tag, als sie ihren Autounfall hatte und dieser katastrophalen Begegnung, als ihr ein Messer in ihre Brust gerammt wurde, hatte sie das Schreiben von Krimis ad acta gelegt. Auch sie dachte an das schreckliche Erlebnis zurück und an diesen Tag, der Schuld daran hatte, dass sie lange Zeit in diesem Krankenhaus lag und sie ihren Winterschlaf hielt.

Vanessa blickte kurz in die Bibliothek herein und sah die beiden, die ganz alleine dort saßen, und dabei vorgaben, als würden sie lesen. Dabei kreisten doch ihrer beider Gedanken um diesen gestrigen Mord und um den 23. August, an dem schon einmal ein Mord geschehen war.

„Soll ich Ihnen noch einen Kaffee oder Tee bringen?“, hörte Ulla Sommer plötzlich die Stimme von Vanessa.

„Ja, danke!“, hauchte sie nur und hob kurz ihren Kopf, blickte Vanessa freundlich lächelnd an, obwohl es in ihr brodelte.

„Was weiß die Kleine, was weiß dieser Hoteldirektor und was weiß dieser Ansgar Hoch?“, grübelte sie. Er kam ihr alles nicht geheuer vor. Aber vielleicht verdächtigte sie alle auch zu Unrecht, überlegte sie. Doch dann schüttelte sie ihren Kopf, denn ungerecht wollte sie nicht sein. Dann lieber Winterschlaf halten oder wie die meisten Gäste, die Zeit, zwischen dem Frühstück und dem Dinner am Abend, mit Spaziergängen, Lesen oder mit Spielen verbringen.

Doch an Spazierengehen war bei diesem Wetter, diesem Schneetreiben, das da hereingebraust war wie ein Unwetter zur Unzeit, nicht zu denken. Vom Fenster der Bibliothek aus konnte man in den Garten blicken, der jedoch ganz in Weiß gehüllt war und ein eisiger Wind fegte über Bäume und Wiesen. Es war richtig gespenstisch anzusehen, wie dieser Sturm sich zu einem Orkan zusammenbraute. Ulla Sommer erinnerte sich, dass die Natur sich immer wieder alles zurückholt, was ihr genommen wurde.

Dieses Schneeweiß machte sie ganz traurig und diese Naturgewalt auch. Was haben wir verbrochen, dass alles nun über uns zusammenbricht?, dachte sie. Ansgar Hoch blickte nur kurz auf, als hätte er ihre Gedanken lesen können. Auch ihm ging es wie seiner Nachbarin, auch ihn machte dieses Schneeweiß traurig und er musste an seinen ehemaligen Kollegen, Axel Lehmann, denken, der nun in diesem Eiskeller im Hotel lag, während er noch am Leben war. Weshalb wurde er ermordet und nicht ich?, überlegte er kurz. Das Leben ist doch manchmal ungerecht, dachte er und wandte sich dann aber mit all seinen Gedanken wieder seinem Krimi zu.

Kapitel 5

An diesem Abend wählte Ulla Sommer einen dunkelblauen Hosenanzug und ein smaragdgrünes Oberteil, das sehr gut zum Blazer passte. Irgendwie wollte sie auch mit ihrer dunklen Kleidung, dem toten Axel Lehmann im Eiskeller ihre Reverenz erweisen, obwohl sie ihn eigentlich nicht kannte.

Doch sie hatte schon den ganzen Tag über ein mulmiges Gefühl, denn nicht nur ihre Stimmung war getrübt, auch der Himmel war tagsüber dunkel verhangen und das hieß, dass noch mehr Schnee in dieses Davoser Tal einkehren würde.

Als sie dann nach unten zum Dinner ging, hörte sie nur wie Vanessa zu Vincent sagte, dass das Telefon immer noch nicht gehen würde. Als sie das hörte, wurde ihre Laune auch nicht besser. Doch sie wollte ihre schlechte Laune vor den anderen Gästen nicht zeigen.

Weshalb hat uns dieser Millionär nur in dieses gottverlassene Nest zu dieser Jahreszeit eingeladen?, überlegte sie wieder, kam aber zu keinem Ergebnis.

„Doch die Handys müssten doch funktionieren, da könnte doch die Polizei in Zürich informiert werden“, machte sie sich weitere Gedanken.

Dieser Hoteldirektor, Philippe Laurent, kam ihr auch wie eine Schnecke vor, weil er alles schleifen ließ und sich nicht richtig um den Mordfall kümmerte. Bei Ulla Sommer musste alles schnell gehen und diese behäbige Schweizer Art von diesem Holzklotz eines Hoteldirektors gefiel ihr ganz und gar nicht. Sie tröstete sich dann aber mit dem Gedanken, dass die anderen Gäste dieser OIL-Gruppe ja auch noch anwesend waren und insofern beruhigte sie sich wieder etwas und harrte, wie alle, der Dinge, die da noch kommen würden.

Im Grand Salon saßen schon Albert Rehlein und Sonja Netter, versunken in den tiefen samtroten Fauteuils. Fast hätte man sie nicht erkennen können in diesen altmodischen Sesseln, die auch schon bessere Zeiten gesehen hatten. Anscheinend hatten sich die beiden auch schon angefreundet, wie Ulla Sommer feststellte. Als sie hinzutrat, verstummte plötzlich ihr Gespräch. Das fiel ihr gleich auf. Aber sie machte sich darüber keine weiteren Gedanken und dachte wieder an ihren Winterschlaf. Sich einfach nicht einmischen und sich nicht ärgern lassen, das war die Devise, die sie nach ihrem Autounfall beherzigte, obwohl es ihr eigentlich gegen den Strich ging.

Peter Bloch und Norbert Neurer kamen etwas später. Auch Dominik John, Karl Feistel und Claudine Meister sowie Renate und Arnim Hermann standen in Grüppchen wieder zusammen. Annette Fischer und Josef Haas vertraten sich im hinteren Drittel des Raumes ihre Beine. Sie machten auf Ulla Sommer einen etwas verlorenen Eindruck.

Plötzlich kam Philippe Laurent zu den Gästen und führte sie wieder in die Bibliothek. Im Zimmer brannte diesmal das elektrische Kaminfeuer, das magische Schatten an die Wände warf.

Als das grelle Neonlicht anging, war auch schon der riesengroße Fernsehapparat wieder eingeschaltet und der undurchsichtige Millionär zu erkennen, der wieder rückwärts zu den Gästen gewandt saß.

Ulla Sommer lief es eiskalt den Rücken hinunter, denn der bullige Nacken dieses Mannes, der anscheinend alles wusste und nichts verlauten ließ, jagte ihr eine gewisse Angst ein und sie konnte auch die Rücksichtslosigkeit dieses Menschen spüren, obwohl sie ihn noch nie live zu Gesicht bekommen hatte.

„Manchmal kann man von der Gestalt her auch auf das Gemüt eines Menschen schließen“, erinnerte sie sich an die Worte ihres Arztes. Doch an die Klinik wollte sie jetzt nicht denken. Nicht in diesem Augenblick.

Auch die anderen Personen dieser willkürlich zusammengewürfelten Gruppe machten keinen glücklichen Eindruck auf sie.

Dann ertönte wieder die blecherne Stimme dieses Millionärs, der diesmal nur den Namen, Timo, nannte.

„Thilo oder Timo!“, rief Ulla Sommer fragend aus, die den Namen nicht richtig verstanden hatte. Claudine Meister zuckte dabei förmlich zusammen, und sie schaute wieder mit einem verstohlenen Blick zu Ulla Sommer, die diesen Blick aufnahm, aber kein freundliches Lächeln zurückgab.

Dieser Blick gefällt mir gar nicht, dachte sie nur.

Man spürte förmlich wie es in der Bibliothek knisterte, und das kam nicht durch das elektrische Feuer im Kamin zustande. Manche Gäste schauten sich nur vielsagend an. Wieder andere lachten hysterisch auf und es gab welche, die nur zu Boden blickten, kein Wort sprachen. Es lag etwas Geheimnisvolles, Mysteriöses und auch viel Unausgesprochenes in diesem Raum. Ulla Sommer kroch es wieder eiskalt über ihren Rücken, weil sie ahnte, dass wieder ein Mörder oder eine Mörderin unterwegs war in diesem verlorenen Hotel.

Dann wurde es zunächst wieder dunkel im Saal, und auch der Fernsehapparat war wieder dunkel wie der Himmel und die Nacht draußen vor der Tür, wo nur der weiße Schnee im Licht des Mondes glänzte. Ruckartig ging das warme Licht am Kandelaber an und überall gab es nur bestürzte Gesichter. Die Gäste hatten nur diesen geheimnisvollen Namen ‚Thilo‘ oder ‚Timo‘ vernommen. Wer das sein sollte, hatte nicht mal Ulla Sommer gehört. Mit herausfordernden Blicken musterte sie ihr Umfeld und sagte immer wieder diese beiden Namen laut vor sich hin. Den anderen fiel es schon auf. Aber keiner hielt sie zurück.

Der Hoteldirektor lud dann wieder zum Essen ein.

„Timo oder Thilo!, das ist hier die Gretchenfrage“, sagte Ulla Sommer laut, damit es ja jeder hören konnte. Sie hatte nämlich dieses Affentheater mit dem Neonlicht satt. Dieses grelle Neonlicht wollte sie am liebsten abstellen, es schadete ihren Augen, die seit dem Autounfall in Mitleidenschaft gezogen waren. Manchmal fing das rechte Auge zu tränen an und dann wieder das linke. Dann sah sie nur verschwommen ihre Umgebung. Und das nervte sie gewaltig.

„Wissen Sie, was dieser Name zu bedeuten hat?“, warf sie in die Tischrunde ein, als alle beisammen saßen.

Am Tisch gab es auch nur einsilbige Gespräche, denn alle hingen ihren Gedanken nach oder diesen beiden Namen, mit denen niemand etwas richtig anfangen konnte und die dieser Ölmillionär ihnen mit einem merkwürdigen Unterton genannt hatte.

Serviert wurden dann von Vanessa und Vincent eine badische Hochzeitssuppe mit dreierlei Einlagen, wie Eierstich, Markklößchen und Suppennudeln. Dazu wurde ein Kerner, ein vollmundiger Weißwein aus Württemberg kredenzt.

„Das sind wir unserem Sponsor, dem Millionär, einfach schuldig, auch einen Württemberger zu servieren“, hörte Ulla Sommer den Hoteldirektor am Nebentisch sagen. „Kenner trinken Württemberger, diesen Slogan kenne ich doch!“, murmelte sie gesprächsbereit zu ihren Nachbarn hin. Doch reagiert wurde gar nicht.

Als Hauptgang gab es einen pochierten Steinbutt mit Beurre. Dazu wurde ein Silvaner aus der Ortenau gereicht. Dieser passte wunderbar zum pochierten Steinbutt, weil er leicht und fruchtig war. Ulla Sommer fand diesen Wein sehr ansprechend, denn sie kannte sich ja mit den Weinen aus, war sie doch früher schon mal in der Organisation des Offenburger Weinmarkts oder der Badischen Weinmesse tätig gewesen.

Langsam kehrte bei diesen Köstlichkeiten bei der OIL-Gruppe wieder etwas Leben ein und hin und wieder hörte man auch ein leises Kichern. Zu späterer Stunde war es dann auch ein lautes Lachen. An Winterschlaf war nicht zu denken, fand Ulla Sommer.

Zum Nachtisch gab es ein wunderbares Soufflé mit Früchten, Eis und Sahne und dazu eine Gewürztraminer-Auslese. Ein wirklich einmaliges Bukett zeichnete diese Auslese aus, die honiggelb im Glas schlummerte und auf der Zunge wie ein samtig-warmes Zückerle schmeckte. Ulla musste unwillkürlich an ihre Kindheitserinnerung mit einer süßen, rahmigen Speise in der Dose, dem ‚Milchmädchen‘ denken, das zum Nachtisch oder für den Kaffeegenuss gereicht wurde. Dieses ‚Milchmädchen‘ weckte in ihr Heimatgefühle und irgendwie brachte diese Auslese auch so eine wunderbare Süße auf ihren Gaumen, die so ein wohlig-warmes Gefühl bei ihr auslöste. „Ach, wie schön wäre es jetzt im Paradies zu sitzen und dazu diese herrliche Gewürztraminer-Auslese zu genießen. Ihr Mann Wilhelm mochte diese edelsüßen Weine nicht. Viel davon trinken kann man nicht, aber einfach daran nippen, wie an verbotenen Früchten, das war schon ein himmlischer Genuss.

„Ob es diese ‚Milchmädchen-Dose‘ überhaupt noch gibt?“, fragte sie sich und ein paar Tränen traten in ihre Augen, als sie an ihre Jugendzeit dachte. Doch zu ihrer Zufriedenheit hatten die paar Tränentropfen niemand bemerkt, denn alle waren mit dieser Gewürztraminer-Auslese beschäftigt, die die Zunge vielleicht weiter öffnete.

So machten alle nur verzückte Augen, keiner sprach ein Wort und diese ausgezeichnete Auslese löste aber auch nicht die Zunge, obwohl dies in dieser vertrackten Situation vielleicht besser gewesen wäre. Keiner dachte mehr an den toten Axel Lehmann, der in diesem Eiskeller lag und keiner wollte auch nur daran erinnert werden an diesen Namen Thilo oder Timo. Diese Gewürztraminer-Auslese hatte es auch in sich. Der Wein benetzte nur zaghaft die Lippen von Ulla Sommer.

Den Gästen ging es, was das königliche Menü und die dazu ausgewählten Weine betraf, einfach hervorragend, wie sie feststellte. Doch was in ihren Seelen vorging, das konnte niemand erkennen. Selbst wenn ein Seelsorger hier gewesen wäre, er hätte nie sagen können, ob die Menschen ausnahmsweise alle glücklich waren. Selbst die herrlichsten Speisen und die bestens ausgesuchten Weine hatten nicht vermocht, die Seelen dieser Gäste zu lockern. Darauf hatte wohl der Millionär gehofft, gewartet und spekuliert, überlegte sie weiter.

„Dieser Koch ist geradezu genial“, murmelte sie zu den Herren Bloch, Rehlein und Neurer.

Alle nickten nur mit ihren Köpfen und widmeten sich der herrlichen Nachspeise und dieser einmalig genussvollen Gewürztraminer-Auslese.

Als es gerade so schön und wohlig-warm in diesem Grand Salon war, alle Gäste nun gemütlich beisammen saßen, stürzte wieder dieser unbeholfene Hoteldirektor unheilverkündend herein. Wie ein Unglücksrabe wirkte er mit seiner leichenblassen Miene, die nur auf eine rabenschwarze Botschaft schließen ließ.

Ulla Sommer sah nur den Hoteldirektor taumelnd hereinkommen, oder taumelte sie selbst ein bisschen von dieser glückseligen Auslese, als sie aufstehen wollte beim Anblick des Hoteldirektors. Sie wollte schon einen Schrei ausführen, als fast ihr letztes Stück Soufflé noch in ihrem Hals steckengeblieben war. Dann musste sie kräftig husten und niesen und fast wäre ihr dieses letzte köstliche Soufflé-Stück auch noch aus dem Mund gefallen.

Sie hob nur leicht ihren Finger und deutete auf Monsieur Laurent. Doch da hatten auch schon die anderen Gäste den leichenblassen Philippe Laurent erblickt.

„Es gibt wieder einen Mord!“, flüsterte Laurent nur, der stumm auf einen leeren Platz an Tisch Eins deutete. Wieder fehlte eine Person an Tisch Eins.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass überhaupt jemand an ihrem Tisch aufgestanden war. Sie war so mit ihrem Nachtisch und der Auslese beschäftigt gewesen und mit ihren Gedanken, die sie mit der Badischen Weinmesse in Erinnerung brachte, dass sie überhaupt nichts bemerkt hatte. Sie schwelgte noch ein bisschen in ihren Erinnerungen, die ihr noch geblieben waren.

Fast wie damals bei dem herrlichen Menu oenologique bei der Badischen Weinmesse!, dachte sie nur. Doch dann wurden ihre Gedanken durch den leichenblassen Monsieur Laurent abrupt unterbrochen.

„Das ist doch Arnim Hermann, der fehlt“, bemerkte sie leise zu ihrem Nachbarn Albert Rehlein. Sie starrte nur auf seine im Rollstuhl sitzende Frau Renate, die anscheinend auch nichts mitbekommen hatte.

„Mein Mann ist nur kurz auf die Toilette gegangen!“, entgegnete Renate Hermann und schaute bestürzt und etwas vorwurfsvoll zu den Anwesenden, als hätten sie Schuld an diesem zweiten Mord.

„Wer sollte denn meinen Mann umbringen wollen?“, ereiferte sie sich.

Auch Ulla Sommer dachte, dass dieser Arnim Hermann doch eine unscheinbare Person war mit seinem Lockenkopf. Weshalb sollte man diesen Mann umbringen, war auch ihr erster Gedanke?

Wie am Abend zuvor sprangen wieder Rehlein und Bloch auf und wollten den toten Hermann sehen.

Dann marschierten wieder alle gemeinsam zum Tatort.

Eine blutrote Lache gab es direkt am Eingang zur Toilette und in dieser lag Arnim Hermann. Diesmal hatte der Mörder wohl kräftiger und mehrmals zugestochen, so dass diese Blutlache viel größer war als beim ersten Mord, und er hatte wieder von hinten zugestochen. Und das mit großer Wucht.

„Wir müssen die Leiche wieder in den Eiskeller schaffen“, ordnete der Hoteldirektor stereotyp an. Also ging das ganze Procedere genauso wieder los wie am vorigen Abend. Ulla Sommer und auch die umstehenden Gäste, wie Claudine Meister oder Karl Feistel, Annette Fischer und Ansgar Hoch, schauten alle nur bestürzt drein. Keiner konnte diese groteske Situation richtig einschätzen.

Aber diesmal wollte sich Ulla Sommer nicht damit zufrieden geben, dass keine Polizei gerufen werden sollte.

„Sie sagen jetzt nicht wieder, dass Sie die Polizei in Zürich nicht erreichen können!“, rief sie lautstark zum Hoteldirektor, der sich ihr zuwandte und sie mit kritischen Augen musterte, sodass sie sich richtig duckte und Angst vor diesem Blick bekam.

„Es gibt noch Handys und damit können Sie anrufen“, meinte sie nur kurz und holte schon gleich ihr Handy etwas provozierend hervor.

„Probieren Sie doch mal Ihr Handy aus, Madame!“, fügte er anzüglich hinzu. „Es geht nicht. Wir haben seit heute keine Verbindung mehr. Es hat einen heftigen Sturm gegeben und dieser Handy-Mast steht nicht mehr, er ist umgeknickt, wie eine faule Banane.“

Ulla Sommer wurde es schwarz vor ihren Augen, als sie dies vernommen hatte.

„Was können wir tun?“, brachte sie mühsam hervor.

Laurent schüttelte nur seinen Kopf und meinte, dass man gar nichts tun könne. Die Naturgewalten haben nun die Oberhand, damit müssen wir uns abfinden. Hoffentlich gehen nicht noch weitere Muren und Moränen ab und treffen direkt auf unser Hotel. Solche Naturgewalten gab es immer schon und wird es immer wieder geben. Denken Sie doch nur an die Wasserfluten im Ahrtal. Da ist kein Haus stehengeblieben. Oder in den Alpen. Wie oft musste man sein Hab und Gut zurücklassen und irgendwo neu wieder anfangen. Wenn einmal diese Gewalt über uns hereinbricht, dann sind wir Menschen gegen die Natur hilflos. Die Natur holt sich immer wieder zurück, was wir ihr entrissen haben.

„Aber wir haben doch damit gar nichts zu tun, wir haben doch der Natur nichts entrissen!“, rief sie hilflos in den Saal.

„Hier in den Bergen sind wir jeden Tag der Natur ausgesetzt und wir alle müssen eben ausharren bis das Schneegestöber und der Sturm aufhört und wir befreit werden von den Schneemassen und den Steinen. Es wird alles daran gesetzt, dass dies bald geschehen wird“, beruhigte der Hoteldirektor die Gäste.

Alsbald wurde nun auch diese Leiche in den Eiskeller gebracht und alle versammelten sich wieder im Grand Salon, wo aber inzwischen das Kaminfeuer ausgegangen und es ziemlich kalt im Raum war.

„Am besten, Sie gehen jetzt in Ihre Zimmer und wärmen sich dort auf. Vanessa und Vincent bringen Ihnen noch einen Schlaftrunk, einen heißen Tee oder einen heißen Zitronensaft, heiße Milch oder Kakao“, bemerkte der Hoteldirektor und verschwand dann hinter diesem grässlichen Vorhang mit den darauf gemalten Schlangen und Affen.

Ulla Sommer ging als erste in ihr Zimmer, wo es wirklich noch wohlig warm war, denn sie konnte den Anblick dieser Menschen nicht mehr ertragen.

„Wie sie das schaffen, dass die Zimmer noch geheizt werden, das ist mir genauso ein Rätsel, wie die beiden Morde“, sagte sie laut vor sich hin, um sich auch etwas zu beruhigen und sich Mut zuzusprechen.

Dann wollte sie auf dem Handy noch ihren Mann anrufen, aber es ging wirklich nichts mehr. Das Handy blieb so tot, wie dieser tote Arnim Hermann und dieser tote Axel Lehmann, die nun im Eiskeller ihr totes Dasein fristeten.

Irgendwann schlief sie vor lauter Müdigkeit ein. Auf einen Schlaftrunk hatte sie allerdings nicht verzichtet.

Kapitel 6

Vor ihr saßen viele Menschen. Es kam ihr vor, dass sie in einem Gerichtssaal war. Aber sie sah keine Richter und keine Staatsanwälte und keine Verteidiger in ihren schwarzen Roben. Am großen Tisch saßen nur Wichtel mit ihren Wichtelmützen, die hatten aber zum Teil andere Farben, manche waren blau, manche rot.

So rot wie die Häscher der französischen Revolution, überlegte sie. Ja, sie erkannte, dass eine gewisse Revolution im Gange war, nur wusste sie nicht welche, die badische Revolution von 1848, die Oktoberrevolution von 1918 oder gar die Französische Revolution von 1789. Gegen wen und was rebellierten die Leute oder sie? Diese Frage konnte sie nicht beantworten.

Die Leute fuchtelten in diesem Gerichtssaal mit ihren Händen wie wild herum. Nur sie saß ganz still auf ihrem Platz und war die Ruhe in Person. Vor ihr tauchte ein großer hässlicher Kopf auf, der ihr schien, als wäre er eine Teufelsfratze, die sie anblickte und zu ihr sagte: „Sie solle das Haus verlassen!“ Das Gesicht einer Frau tauchte ebenfalls auf. Und auch sie war sehr aufgeregt. Doch dieser Mann mit der Teufelsfratze ging auf diese Frau mit den blonden Haaren zu und hielt sie zurück.

Plötzlich kamen zwei Polizisten herein, es waren Männer in Uniform, das sah sie ganz deutlich und sie war froh, dass diese Männer nun gekommen waren. Aber der Mann mit der Teufelsfratze und die Frau mit den blonden Haaren gingen gleich nach draußen mit den beiden Männern und redeten wie wild auf diese beiden Polizisten ein. Sie hörte nur, dass über ölgeschädigte Wohnungen gesprochen wurde. Aber alles schon bei einem Anwalt in den besten Händen liegt.

Noch immer saß sie ganz ruhig auf ihrem Stuhl. Eine Frau saß ihr gegenüber an einem Computer und nahm überhaupt keinen Anteil oder keine Notiz von der ganzen Geschichte. Ob sie überhaupt diese ganze Situation wahrgenommen hatte? Sie, die vielleicht Schuld hatte, zumindest zum Teil an dieser Geschichte. Vielleicht hatte sie in einer Laune heraus gedacht, da könnte ja noch etwas Öl in den Tank gepresst werden. Doch weshalb hat man nicht nachgerechnet? Weshalb wurde überhaupt Öl bestellt? Es war doch genügend Öl in den Tanks. Diese unselige Ölbestellung, die nur ausgeführt wurde, damit eine gewisse Mengenanzahl zustande kam, hatte ihrem Paradies mehr als geschadet, es hatte ihr Paradies ausgelöscht, wie Wasser oder Feuer, das auf Häuser und Menschen niederprasseln kann. Die Situation in diesem Gerichtssaal war irgendwie abstrus und grotesk fand sie, die immer noch auf ihrem Stuhl brav ausharrte.

Dann kam einer der Polizisten und führte sie nach draußen auf einen Parkplatz, auf dem viele Bäume standen. Dort stand auch ihr Auto. Sie war immer noch ganz ruhig. Ein Mann auf einem Balkon gegenüber beobachtete die Szene. Der eine schwarzhaarige Polizist war nett, der andere hatte nur schlechte Laune. Nicht mal richtig schreiben konnte der. Der hatte etwas anderes vor und diese ganze Geschichte war ja auch wirklich suspekt. Weshalb wurde dieser Mann überhaupt versteckt und weshalb sagte seine Frau, dass er noch dort arbeiten würde? Weshalb das alles? Da konnte man ja direkt verrückt werden, weil überhaupt alles so unwirklich und unwahr ablief.

Immer wieder sagte sie ihr Sprüchlein, wie auswendig gelernt, auf. Doch der Polizist konnte damit nichts anfangen. Irgendwie konnte sie ihn ja auch verstehen. Aber gesehen hatte der nette schwarzhaarige Polizist alles und auch registriert, denn dann wollte er ja die Akten sehen. Diese Akten, die sich in ihrem Arbeitszimmer anhäuften, wie der Turmbau zu Babel.

Der Name des Gesuchten fiel ihr sofort wieder ein, aber er verschwand dann auch wieder aus ihrem Gedächtnis. Dann kamen die Männer mit einer weißen Uniform und einer hatte eine Spritze in der Hand, das sah sie ganz genau.

Sie wollte sich wehren, aber sie konnte es nicht. Ihre Hände waren plötzlich nicht mehr da und aus ihrem Mund quoll Wasser, Blut und Schleim. Aus ihren Augen rollten die Tränen, die unaufhörlich über ihr Gesicht und in ihren offenen Mund tropften. Zwei Zähne fehlten, als sie mit ihrer Zunge ihren Mund inspizierte. Das spürte sie noch, dann war Nacht um sie herum, grauenvolle dunkle Nacht.

Kapitel 7

Als Ulla Sommer am anderen Morgen aufwachte, war sie wie gerädert. Am liebsten wäre sie gar nicht aufgestanden, so schlecht fühlte sie sich.

„Ich glaube, das Essen ist mir gestern Abend gar nicht gut bekommen“, murmelte sie leise vor sich hin.

Sie schaute nur nach draußen in diesen von Schneewehen verhangenen Himmel.

Auf was habe ich mich da eingelassen?, dachte sie und legte sich wieder auf die Seite.

„Ich glaube, es ist wieder Zeit für einen Winterschlaf!“

„Doch alles Grübeln hilft nichts“, meinte sie und hüpfte dann schnell aus dem Bett. „Nicht, dass ich es mir noch anders überlege“, murmelte sie weiter. Doch ihre Miene hellte sich nicht auf. Irgendwie war sie todunglücklich, sie wusste aber nicht warum. Die beiden Morde berührten sie schon, aber sie kannte diese Personen nicht und weshalb man sie überhaupt umgebrachte hatte, konnte sie sich auch nicht erklären.

Natürlich waren die beiden Toten, die da im Eiskeller lagen, zu betrauern. Aber eine Trauer kam bei ihr gar nicht richtig auf. Es waren für sie zwei Eisklötze, die da unten im Eiskeller lagen. Sie kannte die beiden auch nicht, diesen ziemlich wortkargen Arnim Hermann und diesen Axel Lehmann, der sie immer wieder und wieder angestarrt hatte mit seinem durchdringenden Blick, als wäre die Erinnerung an ihre Bekanntschaft bei ihm wieder aufgeflammt und zurückgekommen.

„Ich habe diesen Menschen schon irgendwo gesehen, vor allem diesen Blick kenne ich, nur weiß ich nicht woher?“, merkte sie kurz an, denn dieser tote Axel Lehmann ging ihr nicht aus dem Sinn. Doch dann begab sie sich in das Badezimmer, um mit der Morgentoilette zu beginnen. Der warme Strahl des Wassers, der auf ihren Körper herunterprasselte, fühlte sich wunderbar an. Er durchströmte sie wie ein warmer Wasserfall, der aus der Tiefe eines Vulkangesteins aufgestiegen war und sie einhüllte, wie in einen vorgewärmten Bademantel, in den sie nach dem Duschen gleich schlüpfte. Wohlig warm kuschelte sie sich in seine unergründlich tiefen Falten und legte sich noch schnell auf das Bett. Sie war noch nicht bereit zum Aufstehen. Aber dann gab sie sich doch einen Ruck und sprang vom Bett auf wie ein junges Mädel zum ersten Rendezvous.

Für den heutigen Tag wählte sie eine dunkelblaue Jogginghose, die heute selbst abendtauglich waren und dazu einen saloppen sandfarbenen Pullover. Als sie dann leicht geschminkt in den Spiegel blickte, war sie mit ihrem Äußeren zufrieden.

Eine dicke Flauschjacke zog sie auch noch an, denn es fröstelte sie schon, wenn sie daran dachte, was der Tag heute wieder bringen würde und wer womöglich heute wieder ermordet werden würde.

Sie steckte auch schon gleich ein Buch in ihre Tasche, das sie nach dem Frühstück lesen wollte. Es war ein Krimi von Agatha Christie, ihrer liebsten Kriminalautorin. Der Titel „Das Böse unter der Sonne“ gefiel ihr ausnahmsweise nicht so, aber er passte eigentlich zur Situation in diesem Hotel. Ein Hotel war in diesem Krimi, wie das GRANDHOTEL, auch vorhanden, doch die Sonne fehlte hier seit Tagen. Das Böse weilte hier wohl eher in den grauweißen Schneewolken, die einfach nicht weiterziehen wollten und das Hotel wie mit einem dichten, weißen Nebel umhüllten.

Als sie die Treppe hinunterstieg, sah sie schon einige Gäste der OIL-Gruppe an der Rezeption stehen. Annette Fischer sah sie zuerst und auch Claudine Meister, die den Rollstuhl von Renate Hermann schob. Ihr lief dieser Karl Feistel mit seinem zusammengebundenen Rattenschwänzchen wie ein Hündchen hinterher.

„Die beiden kennen sich aber sehr gut“, murmelte Ulla Sommer vor sich hin und fast wäre sie mit Albert Rehlein zusammengestoßen, der sie mit seinen großen Glubschaugen nur von der Seite her musterte.

Diese Augen habe ich auch schon einmal gesehen und auch das Gesicht, das mir einmal sehr nahe war, dachte sie. Gleichzeitig ärgerte sie sich aber auch, dass sie sich so mit diesen Menschen beschäftigen musste. Dabei zuckte sie auch ein bisschen zusammen, denn diesen fordernden Blick dieses Herrn Rehlein kannte sie ganz genau. Nur fiel es ihr wieder nicht ein, wo sie diesem Blick schon einmal standgehalten und Paroli geboten hatte.

Dann nahm sie kurzerhand an ihrem Tisch Platz und setzte sich neben Peter Bloch, der nur kurz aufsah, als sie ihm einen „Guten Morgen“ wünschte.

„Hoffentlich bleibt der Morgen auch gut?“, sagte Bloch sarkastisch, entgegnete aber nur diesen einen Satz, nicht mal einen Blick warf er ihr zu oder wünschte ihr einen schönen Tag.

Ulla Sommer schüttelte nur den Kopf, denn sie wusste nicht, weshalb Peter Bloch plötzlich so einsilbig zu ihr war. Sie hatte doch gar nichts verbrochen, sondern ihm nur einen schönen guten Morgen gewünscht.

Schweigend wurde dann das Frühstück eingenommen und an den beiden Tischen hing jeder wieder seinen eigenen Gedanken nach.

Plötzlich tauchte auch der Direktor, Monsieur Laurent, im Frühstückszimmer auf und sah etwas irritiert den schweigsamen Gästen zu.

„Weshalb sind Sie denn so schweigsam, gefällt es Ihnen nicht bei uns?“, wandte er sich gleich an die Gäste, die nur kurz aufblickten und ihn mit seltsamen Augen musterten.

Claudine Meister wollte als erste wissen, weshalb immer noch kein Kommissar aus Zürich eingetroffen war. Auch Klara Breuer, die bisher noch nicht viel gesprochen hatte, warf ein, dass sie diese Situation ihrem Blutdruck nicht mehr länger zumuten konnte und am liebsten sofort abreisen würde.

„Wir können doch die Toten nicht ewig da unten liegen lassen, in diesem Eiskeller“, meckerte Claudine Meister wieder in ihrem schwäbischen Dialekt. Ulla Sommer hatte jedoch nicht das Gefühl, dass ihr die beiden Toten so richtig Leid taten. Ihr ging es ja genauso, aber sie zeigte es nicht so offensichtlich.

Sie tut immer so fürsorglich, aber das sind die schlimmsten, die wetzen ihre Messer täglich, überlegte sie, sagte aber nichts, sondern beobachtete nur, wie diese Meister wieder Beifall heischend um sich blickte.

„Da unten ist es kühl, da kann man sie gut lagern“, entgegnete nur kurz der Direktor.

„Die Polizei ist bestellt. Sobald sich das Wetter bessert, kommen auch die Herren aus Zürich“, informierte der Direktor weiter. „Auch ein Hubschrauber kann bei diesem Wetter nicht landen“, meinte er noch.

Ulla Sommer, Peter Bloch und Albert Rehlein sowie Norbert Neurer saßen weiter schweigend am Tisch und waren mit dem Kauen ihrer Brötchen beschäftigt. Man sah nur wie ihre Kiefer arbeiteten, als wollten sie Holz zersägen, das es da draußen in Hülle und Fülle gab. Aber es war kein Durchkommen in diesem Tal, die Hölzer lagen aufgestapelt und warteten auf die Abholung, genauso wie die Menschen in diesem Frühstückssaal.

Sonja Netter warf nur einen kurzen Blick zu Annette Fischer und Josef Haas, der auch nie von der Seite von Annette Fischer wich. Auch Claudine Meister hatte ihren Blick gesehen. Aber letztere entgegnete nichts. Vielleicht hatte sie ja schon zu viel gesagt. Diesen merkwürdigen Blick, den sich die Gäste an Tisch Zwei zuwarfen, hatte natürlich auch Ulla Sommer aufgenommen, die nur mit ihren Augen zuckte und sich in ihren Stuhl zurücklehnte. Diese Frauen, die kennen sich alle, überlegte sie.

Dann kam der Direktor direkt auf ihren Tisch zu und schaute sie etwas fragend an. Sie wurde immer unsicherer, denn sie konnte den Blick, den ihr der Hoteldirektor zugeworfen hatte, nicht einordnen. Aber sie kannte diese Blicke nur zur Genüge. Sie hatte sie oft wahrgenommen. Nur wo wusste sie nicht mehr. Deshalb ist ihr auch dieser Blick des Direktors entglitten. Sie wollte nicht daran erinnert werden. Bei diesen seltsamen Blicken der Gäste, die nichts ausdrückten, sondern nur Verwirrung stifteten, spürte sie einen heftigen Schmerz in ihrer Brust. Hoffentlich spielt mein Herz nicht verrückt, überlegte sie weiter, denn sie spürte schon wie es anfing zu rasen.

„Was will denn dieser Kerl von mir, so langsam kommen mir diese Menschen in dieser Gruppe und das ganze Theater hier mit den Toten und dem zurückliegenden Mordfall völlig irrsinnig und suspekt vor“, murmelte sie und trank langsam Schluck für Schluck ihre Kaffeetasse aus.

Als sie mit dem Frühstück fertig war, packte sie ihre Tasche sowie ihre Jacke und ging in das Kaminzimmer, das ihr dunkler vorkam an diesem Morgen, nicht wie sonst an den anderen Tagen. Das Mahagoni-Holz, das in diesem Zimmer als Täfelung vorherrschte, wurde ihr richtig unheimlich. Da war ihr das grelle Neonlicht im Frühstücksraum immer noch sympathischer, als dieser Mahagoni-Holzton, der dieses Zimmer einhüllte. Auch die Bilder an den Wänden, Nachahmungen bekannter französischer Impressionisten, trugen auch nicht durch ihre Leichtigkeit und ihren Charme zu einer Besserung der Stimmung in diesem Raum bei.

Etwas umständlich kramte sie in ihrer Tasche, bis sie schließlich das Buch entdeckte, den Krimi von Agatha Christie, wo das Böse unter der Sonne ebenso zutage trat, wie hier in diesem finsteren Hotel, das durch nichts mit dem Hotel am Mittelmeer zu vergleichen war, in dem dieser Agatha-Christie-Krimi spielte. Dann fing sie zu lesen an und Monsieur Poirot, Agatha Christie’s Held, geisterte vor ihren Augen und sie sah mit ihrem inneren Auge dabei zu, wie er graziös seine Schwimmübungen im Meer zelebrierte.

„Da wäre es jetzt viel schöner zu sitzen an diesem blauen Meer, als hier im Schnee in diesen kalten Schweizer Bergen“, brachte sie leise hervor, wobei gar niemand im Raum war, der sie hören konnte. Sie hätte es hinausschreien können, niemand hätte ihren Schrei wahrgenommen. Aber das tat sie nicht in diesem vornehmen GRANDHOTEL, wo ein Mörder herumlief, der sie womöglich alle noch ermorden wollte. Die beiden Toten waren wahrscheinlich nur der Anfang in diesem Mörderspiel.

Sie hatte sich noch ein bisschen Obst mitgenommen, denn das gab es auch reichlich am Buffet, sodass sie für den Tag gut mit Essen versorgt war. Denn trotz dieser Toten war das Leben immer noch lebenswert, überlegte sie und zog ihre Jacke zu, denn es fröstelte sie schon wieder, wenn sie nur an diesen Eiskeller dachte mit seinem Geheimnis um die beiden Ermordeten.

Irgendwie spürte sie aber doch eine kleine Vorfreude in sich, als sie an das abendliche Dinner dachte. Dieser Küchenchef brachte immer wieder neue Kreationen auf den Tisch und diese Kreationen waren das krasse Gegenteil zu den nachfolgenden Morden. Aber vielleicht war dies ja auch von diesem Millionär so beabsichtigt, dass Glück und Leid, dass das Leben und der Tod, nicht nur im GRANDHOTEL, so nah beieinander lagen.

Am Nachmittag wurde noch Kaffee und Tee von Vanessa und Vincent gereicht. Dazu gab es süße Stückchen von auserlesenen Schweizer Köstlichkeiten und Leckerlis.

So langsam kehrten auch wieder die Gäste dieser OIL-Gruppe von ihren Spaziergängen auf der Terrasse des Hauses oder aus ihren Zimmern zurück und suchten sich einen Platz in der Bibliothek oder im Foyer des Hotels. Ulla Sommer hatte es sich in der Bibliothek gemütlich gemacht, aber gegen Nachmittag zog sie dann doch ihre Suite vor und legte sich noch ein bisschen hin, um sich für den Abend auszuruhen und zu stärken.

Kapitel 8

Es war ihr unerklärlich, weshalb sie diesen Brief erhalten hatte. Er enthielt keine gute Nachricht. Ein Mann wurde beschuldigt, dass er mit einer Firma krumme Dinge gemacht hatte. Sie wusste gar nicht zuerst, was sie mit diesem Brief anfangen sollte. Am liebsten hätte sie ihn gleich weggeworfen. Aber dann las sie ihn immer wieder. Weshalb schickte man ihr diesen Brief? Was sollte sie tun, ihn einfach ignorieren, aber dann würde man ihr vorwerfen, dass sie sich nicht um die Angelegenheit kümmern würde? Also entschloss sie sich, der Sache doch auf den Grund zu gehen. Sie überlegte hin und her. Wen konnte sie einweihen, denn inzwischen war ihr klar, dass sie alleine da stand, ganz alleine. Denn keiner weihte sie ein, keiner wusste etwas, keiner hatte etwas gesehen. Sie hatte ihren Mann, aber hatte er an diesen Dingen Interesse? Sicherlich würde er sagen: „Wirf ihn doch einfach weg, oder verbrenne ihn, zerreiße ihn in Tausend Fetzen!“ Sie hatte schon mehrfach bei ihrem Mann angesetzt zu sprechen, aber er wollte einfach nichts davon wissen.

Dann hatte sie ja noch ihre zwei Töchter. Aber auch die beiden konnten mit diesem Brief nichts anfangen. Deshalb hatte sie dann diese Idee, doch der Sache auf den Grund zu gehen, weil das war auch ihre Natur, einer Sache auf den Grund zu gehen. Doch das war nicht gewollt. Weshalb nicht? Weshalb sollte alles so geheim abgehen? Was war der Grund hierfür? Natürlich durfte nichts herauskommen, nicht, dass es zu viel Öl gab und nicht, dass hier das Paradies beschädigt wurde. Und als sie wieder auf ihrem Weg in ihr Paradies war, das aber nicht mehr ihr Paradies war, denn andere hatten es aus lauter Gier, aus Geldgier, aus Habgier und aus Macht in den Tod geschickt. Das Paradies war gestorben für sie, aber auch für die Anderen. Und die Anderen wollten auch nichts davon wissen, und sie haben auch den Tod für dieses Paradies nicht kommen sehen, für dieses Stückchen Erde, bei dem man dem Himmel ein Stück näher war.

Sie hatte es ja gespürt bei der großen Versammlung direkt auf der Wiese. Nur sie hatte es nicht vorher kommen sehen. Sie war blind auf beiden Augen, weil sie eben vertraut hatte. Aber Wörter sind Schall und Rauch, das hatte sie da erlebt. Sie hatte entsetzt zusehen müssen, wie ihr Paradies vor ihren eigenen Augen von anderen in Grund und Boden gestampft wurde. Einfach so, ohne Wenn und Aber. Nur weil man es nicht zugeben wollte oder konnte oder einfach vergessen hatte, dass es noch Ehre, Scham und Respekt und ein Gewissen, auch untereinander, geben sollte.

Sie hatte eine Tafel mitgebracht, auf der sie viele Zahlen geschrieben hatte, Zahlen, die wichtig waren. Aber nur für sie, nur sie allein konnte diese Zahlen zuordnen. Es gab noch eine Person, die diese Zahlen auch kannte? Weshalb sollte man diese Zahlen schützen und für wen? Wie oft hatte sie sich diese Fragen gestellt, die sie aber nicht weiterbrachten, weil die Anderen sie gar nicht hören wollten. Zahlen sind auch Schall und Rauch.

Deshalb hatte sie dann an der Tür geklingelt, die Adresse lag noch in ihrer Hand. Es hatte ihr eine Frau aufgemacht, die ihr aber auch nicht helfen wollte oder konnte. Wäre sie Mutter Theresa gewesen, hätte sie ihr vielleicht geholfen. So aber war sie vielleicht auch nur eine Hexe oder eine Zauberin, die ihren Mann verhext hatte.

Dann sah sie nur wie die beiden Polizisten in ihren Uniformen sie ergriffen und sie fortführten. Die Alte brachte nur noch ein hämisches Lachen hervor. Die beiden Polizisten gaben ihr, nicht der Hexe, noch einen Stoß und sie landete direkt in der Hölle und dort sah sie wieder diese Teufelsfratze, die auch nur ihr hässliches Gesicht ihr entgegenstreckte und mit ihren langen, spitzen Fingern in die Hände klatschte. Doch da kamen dann die Herren in Weiß und sie versank wieder in ihren Winterschlaf. „Träume weiter kleine Mondfee!“, hörte sie noch die letzten Worte einer Frau und dann war dunkle Nacht um sie.

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