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BRAMANN Basics – buch & medien
Band 6
Hg. von Klaus-W. Bramann und Anke Vogel
Ulrich Störiko-Blume
Kinder- und Jugendbuchverlage
Macher, Märkte, Medien

Für Monika

Alle Titel der Reihe werden in der Deutschen Nationalbibliografie angezeigt.
Die Deutsche Nationalbibliothek bietet nach Erscheinen detaillierte bibliografische Informationen unter https://www.dnb.de/
© 2021 Bramann Verlag, Frankfurt am Main
Alle Rechte vorbehalten
Herstellung
Margarete Bramann, Frankfurt am Main
Druck und Bindung
Druckerei TZ-Verlag & Print GmbH
Printed in Germany 2021
ISBN (Print)978-3-95903-015-1
ISBN (EPUB)978-3-95903-108-0
Mit herzlichem Dank an
Christian Stottele, Wolfgang Hartmann, Christian Warweg, Peter Usborne, Gert Frederking, Volker Neumann, Brigitte Obermayer, Karl Heinz Pütz, Craig Virden, Renate Raecke, Hans-Joachim Gelberg, Andreas Meyer, Edite Kroll, Michael Krüger und viele weitere kluge Buch- und Verlagsmenschen.
Inhalt
Vorwort der Herausgeber
1Einführung
1.1Verlegen heißt: Büchern Chancen geben
1.2Kinder brauchen Bücher
1.3Studien zum Leseverhalten
1.4Vom Wert des Papier-Buchs
1.5Das Kinder- und Jugendbuch zwischen Literatur, Pädagogik, Unterhaltungswirtschaft und Buchhandel
1.6Das Kinder- und Jugendbuch als zweitgrößte Teilbranche des Buchmarkts
2Typen von Kinder- und Jugendbuchverlagen und ihre Marktbedeutung
2.1Zahl und Struktur der Kinder- und Jugendbuchverlage
2.2Der Vertrieb: Nadelöhr oder Türöffner?
2.3Aufmerksamkeit gewinnen
2.4Alternative Verlagsformen – Ergänzung, Erweiterung oder Überflutung des Marktes?
3Wie ein Programm entsteht
3.1Verlag, Imprint, Marke
3.2Programm-Findung
3.3Das Verlags-Portfolio
3.4›Make or Buy‹ – eigene Buchrechte schaffen oder Lizenzen einkaufen?
3.5Spitzentitel, Midlist, Pressetitel
3.6Klassiker, Bestseller, Flops
3.7Die Backlist
4Macher und ihre Motive
4.1Menschen haben Motive für ihr Tun
4.2Die Kreativen: Autoren, Übersetzer, Illustratoren, Lektorinnen, Assistentinnen, Gestalter
4.3Die Kommunikativen: Marketing-Experten, Pressereferenten, Event- und Veranstaltungsmanager, Werbefachleute, Internet-Spezialisten
4.4Die Kommerziellen: Vertriebler im Innen- und Außendienst, Key-Accounter
4.5Die Kaufmännischen: Personaler, Buchhalter, Vertragsexperten, Datentechniker, Controller
4.6›Kindernah‹ – wie lässt sich dieser Anspruch erfüllen?
5Die Beziehung Autor/Verlag
5.1Der literarische Autor
5.2Der Sachbuch-Autor
5.3Das rechtliche Verhältnis Autor/Verlag
5.4Die Rolle der Agenturen
5.5Der Autor als Promoter seines Werkes
6Das Zusammenwirken der Verlagsfunktionen
6.1Routine und Innovation
6.2Planung versus Risiko und Improvisation
6.3Buchkalkulation
6.4Anforderungen an Mitarbeiter in Kinder- und Jugendbuchverlagen
6.5Freie Mitarbeiter
6.6Frauen und Männer in Kinder- und Jugendbuchverlagen
7Ausblick
Anhang
#Spotlights
Quellenverzeichnis
Literaturverzeichnis
Sachregister
Verlags- und Namensregister
Vorwort der Herausgeber
Der Kinder- und Jugendbuchmarkt nimmt den zweiten Rang im Bereich der Publikumsverlage ein. Damit hat dieses Marktsegment nicht nur kulturelle Bedeutung, sondern besitzt auch ökonomische Relevanz. Seit Jahrzehnten verzeichnet man steigende Umsätze und der Marktanteil des Kinder- und Jugendbuchs liegt aktuell bei rund 17 % des Gesamtumsatzes der Branche. Doch nicht Daten stehen im Vordergrund dieses Titels, sondern Menschen, die mit ihrer Individualität das Marktgeschehen prägen: Autorinnen und Autoren, Programmleiter, Lektorinnen, Übersetzerinnen und freie Mitarbeiter, um nur einige von ihnen zu nennen.
Aus pragmatischen Gründen werden im Folgenden keine *Sternchen, Versal-Is oder andere Signale eingesetzt, die auf geschlechtliche Diversität hinweisen. Da wiederholt Berufsbezeichnungen genannt werden, würden solche Markierungen die Aussagekraft nicht erhöhen. Der Autor ist sich bewusst, dass in allen Berufsrollen Menschen beiderlei Geschlechts oder mit unterschiedlichen geschlechtlichen Orientierungen arbeiten. Dies wird auch von den Herausgebern respektiert und ausdrücklich begrüßt. Ferner werden im Fließtext durchgängig die Abkürzungen KJB sowie KJBV für ›Kinder- und Jugendbuch‹ bzw. ›Kinder- und Jugendbuchverlag‹ verwendet, um ein unnötiges Aufblähen des Textkorpus zu vermeiden.
Ulrich Störiko-Blume betreibt seit 2015 die ProjektAgentur, die Manuskripte an Kinder- und Jugendbuchverlage vermittelt. Seine Erfahrungen hat er als Lektor und Verlagsleiter in bekannten Verlagen sowie in einschlägigen Verbänden der Branche gesammelt. Er hält Vorträge, schreibt Artikel in Fachzeitschriften und wirkt als Dozent am Zentrum für Buchwissenschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München.
| April 2021 | Klaus-W. Bramann und Anke Vogel |
1
Einführung
Die Formel 6 x M besagt: Die Buchbranche ist ein von Menschen betriebenes komplexes Aktionsfeld; in ihm arbeiten Macher mit bestimmten Motiven, die Medien produzieren; sie haben Mechanismen entwickelt, mit denen sie die Märkte bedienen.
Ein spezielles Marktsegment bilden die Kinder- und Jugendbücher. Hier nehmen Schriftsteller und Illustratoren ihre potenziellen Leser auf eine besondere Weise ernst; hier (er)finden sie für Kinder und Jugendliche Geschichten; hier bemühen sie sich, ihnen die Welt zu erklären; dabei gehen sie sehr bewusst mit der Sprache um; gemeinsam mit ihren Verlagen suchen sie die adäquate Buchform.
Kinder- und Jugendbuchverlage sind wie Katalysatoren: Sie verwandeln die Schöpfung der Autoren vom Manuskript-Stadium in fertige Bücher. Sie betreuen die Interaktion zwischen Autoren, die Kindern und Jugendlichen etwas zu sagen haben, und den jungen Lesern, die mehr über die Welt wissen wollen, als sie selbst jemals werden erfahren können. Verlage bringen ›gute‹ Geschichten ›in Form‹ – das ist ihre genuine Leistung. Mit ›gut‹ ist hier gemeint: der Stoff kommt an; die Figuren bewegen; die Verbindung von Inhalt und Form fasziniert; und man ist bereit, hierfür Geld auszugeben.
Deutschland hat den besten Buchhandel der Welt – das soll kein Eigenlob sein, sondern so bestätigen es immer wieder Kollegen aus anderen Ländern. Das Netz der Buchhandlungen ist so dicht wie nirgends sonst. Praktisch jede Buchhandlung liefert fast jedes Buch über Nacht, und das überall zum festgelegten #gebundenen Ladenpreis. In allen Wirtschaftskrisen der Vergangenheit verlief die Buchhandels-Konjunktur besser als die allgemeine Konjunktur, auch besser als die des Einzelhandels mit Konsumgütern, zu denen Bücher statistisch zählen. Das hat sich auch während der Lockdown-Zeit in der Corona-Pandemie 2020/2021 gezeigt, als der Umsatzeinbruch in Grenzen gehalten werden konnte, wobei das KJB mit knapp 5 % ein beachtliches Wachstum verzeichnete. Dafür gesorgt hat aber nicht die Logistik von #Amazon, sondern der Einfallsreichtum und das erhebliche Zusatz-Engagement vieler Buchhandlungen. Die Buchbranche steht relativ gut da, u.a. auch deshalb, weil die Distribution analoger Bücher hocheffizient organisiert ist, vergleichbar nur der Medikamenten-Lieferung an die Apotheken. Der Wettbewerb sorgt dafür, dass an der Kostenoptimierung der Prozesse ständig gearbeitet wird.
1.1
Verlegen heißt: Büchern Chancen geben
Was heißt Verlegen, und mit welcher Zielsetzung werden Verlage, insbesondere Kinder- und Jugendbuchverlage (im Folgenden KJBV) betrieben? Die Wege und Methoden, die programmatischen und die unternehmerischen Ziele mögen sich noch so sehr unterscheiden – die Kernaufgabe lautet: Finde Autoren, lass sie Geschichten schreiben und bring diese als Bücher zu den Lesern! Über die Existenzberechtigung eines Verlages entscheidet in unserem System zum Glück keine Behörde oder Kommission, sondern der Markt. Der Markt ist kein ideologisches Konstrukt, erst recht kein gottähnliches Wesen, und man sollte ihn keinesfalls idealisieren – so als ob er immer nur Gutes hervorbrächte. Der Markt hat durchaus negative Seiten. Auf den #Bestsellerlisten ganz oben stehen jede Menge Bücher, über deren Qualität man erheblich unterschiedlicher Meinung sein kann. #Filialisten zwingen selbstständige Buchhandlungen zur Aufgabe oder zum Verkauf ihres Geschäfts. Große Verlage schlucken kleine. Bücher, die gewisse Drehzahlen nicht erreichen, werden gnadenlos remittiert und landen entweder auf dem Ramschtisch oder im Schredder. Viele Autoren können von den Honoraren aus dem Verkauf ihrer Bücher nicht leben.
Aber auf ebendiesem Markt werden auch Bücher von literarischen Autoren gekauft, versetzen sich lesende Kinder in das Leben von Gleichaltrigen auf der Flucht aus ihrem vom Krieg erschütterten Heimatland, werden Augen und Sinne geöffnet für die Schönheit und Verletzlichkeit unseres Planeten, wird gelacht und geweint. Verlage sind nicht zum Verhindern von Publikationen da – so wird das ja oft von abgelehnten Manuskripteinsendern dargestellt. Verlage wählen aus, in der Regel aus guten Gründen. Und die Buchhandlungen wiederum stellen aus deren Programmen ihr – ebenfalls ausgewähltes – Sortiment zusammen.
Ein Markt lässt sich verstehen als ein Ort, an dem Angebot und Nachfrage aufeinandertreffen. »Der Markt liest nicht« hat der frühere Hanser-Verleger Michael Krüger einmal zutreffend formuliert. Hans-Joachim Gelberg, Gründer und langjähriger Leiter von Beltz & Gelberg, hat sinngemäß gesagt: Bücher werden nicht geschrieben, weil es einen Markt gibt, sondern weil Autoren etwas mitzuteilen haben.
Markt ist, wo das Angebot der Schreibwilligen auf die Nachfrage der Lesewilligen trifft. Jeder kann schreiben, was er will. Jeder kann drucken lassen, was er will. Jeder kann heute als Self-Publisher (siehe Kap. 2.4) ins Netz stellen, was er will. Zum Glück haben wir diese für ein demokratisches Gemeinwesen konstitutive Freiheit (sofern dabei die Gesetze respektiert werden). Aber nur, weil das Verbreiten von Büchern so einfach geworden ist, bedeutet das noch lange nicht, dass man die Veröffentlichung jeder beliebigen Schrift durch jeden beliebigen Autor begrüßt.
Redaktionen, Verlage und Lektorate haben eine Filterfunktion; sie prüfen und wählen Autoren und Beiträge aus, […] und entscheiden nach kognitiv überprüfbaren Geltungsansprüchen über die Veröffentlichung. (Habermas 2020, 106)
Früher wie heute verlegen Verlage Bücher nicht einfach deshalb, weil ein Verfasser das so will oder gar dafür bezahlt. Niemand jenseits seines persönlichen Umfelds wird solche nur privat motivierten Schriften lesen wollen; das ändert sich auch nicht deshalb, weil sie im Internet im Prinzip jedermann leicht zugänglich zu machen sind. Eine Aufgabe von Verlagen ist es, den geprüften und lektorierten Büchern ihre Chance zu verschaffen – und die Leserschaft (und den Buchhandel) vor chancenlosen, schlecht geschriebenen, abseitigen und überflüssigen Büchern zu bewahren.
Es gibt keine universalen Rezepte, keine verbindlichen Regeln oder gar Vorschriften, wie ein Verlag zu führen ist. Der Stil eines Verlages lässt sich daran erkennen, wie er mit dem ewigen Widerspruch von Kunst und Kommerz umgeht. Es droht ein Übergewicht des kommerziellen Denkens, wenn Lektorate immer mehr zum Produktmanagement mutieren; wenn Verkaufszahlen das eigene Urteil ersetzen; wenn gefordert wird, #Kalkulationen statt Buchkonzepte zu optimieren. Und man wird auf Dauer nicht bestehen, wenn man durch zu aufwändige interne Prozesse seine Kosten nicht in den Griff bekommt oder aufgrund von Marktferne Bücher anbietet, die sich nicht in ausreichenden Stückzahlen verkaufen.
Wenn ein Verlag sich für eine Buchidee entschieden hat, übernimmt er die Kosten, diese in Form zu bringen und zu vervielfältigen. Dafür geht er ein – häufig erhebliches – Risiko ein. Oft genug geht es schief. Man riskiert nur aus wenigen Gründen etwas: aus Ahnungslosigkeit, aus Übermut, aus Leidenschaft oder aus Kalkül. Gute Verlage werden in einer Kombination von Leidenschaft und Kalkül betrieben.
Auch KJBV haben einen Doppelcharakter als Wirtschaftsunternehmen und als Kulturträger. Unter Verwendung dieser einfachen Bipolarität kann man die unterschiedlichen Verlage mal eher auf der kulturellen, mal eher auf der kommerziellen Seite angesiedelt sehen. Was es allerdings nicht gibt, sind einbeinige Extreme. Professionell verlegen heißt also genauer: ausgewählten Büchern Chancen verschaffen.
1.2
Kinder brauchen Bücher
Diese These, die sich auch als Forderung verstehen lässt, ist der Titel einer berühmten Studie von Bruno Bettelheim. Sie trägt den Untertitel Lesen lernen durch Faszination und drückt die gleiche Grundüberzeugung aus, in der auch das vorliegende Buch geschrieben wurde. Bettelheims Werk wurde nach jahrelangen Studien des Psychologen und seiner Mitarbeiter in US-amerikanischen Schulen geschrieben. Zur Zeit dieser Untersuchungen war die einzige Form, Bücher anzuschauen oder zu lesen, das auf Papier gedruckte Buch. Um Geschichten zu lesen, musste man Bücher lesen. Deshalb konzentrieren sich Bettelheims Überlegungen darauf:
Erlebt es [das Kind, Erg. d. Verfassers] das Lesen als etwas Interessantes, Wertvolles und Erfreuliches, so wird ihm die Mühe, die das Lesen lernen kostet, im Vergleich zu den Vorteilen, die es einbringt, kein zu hoher Preis sein. Es ist ziemlich einfach, dem Kind diesen Eindruck zu vermitteln, falls man dabei von seinem Elternhaus unterstützt wird. (Bettelheim 1982, 14)
Die Bedeutung des Lesen-Könnens
Was ist Lesen? Man tut gut daran, sich die einmalige und unersetzliche Bedeutung des Lesens immer wieder klarzumachen. Durch das Entziffern der abstrakten Codes, die wir Buchstaben nennen, entstehen beim Leser Vorstellungen, sinnhafte Bilder, Gedanken, Zusammenhänge, Abläufe, Emotionen. Ein komponiertes, gestaltetes Ganzes solcher Codes erzeugt Eindrücke in unserem Innern, die sich z.B. zu einer Geschichte zusammensetzen.
Im Gegensatz zu seinen Komponenten, wie Sehen und Sprechen, die genetisch organisiert sind, existiert für das Lesen kein unmittelbares genetisches Programm, das es an zukünftige Generationen weitergibt. […] Dies ist ein Grund, warum sich das Lesen – wie jede kulturelle Erfindung – von anderen Prozessen unterscheidet und warum es unseren Kindern nicht ganz von selbst in den Schoß fällt. (Wolf 2009, 13)
Bücher kann man nicht passiv in sich aufnehmen – Lesen ist ein aktiver Prozess, der die gesamte Aufmerksamkeit des Lesenden erfordert. Wenn man das einmal in seinem Gehirn zu synthetisieren gelernt hat, steht einem eine Welt offen. So wie ein Radfahrer entscheiden kann, wohin und wie schnell er fahren möchte, kann der Leser entscheiden, was und in welchen Portionen er lesen will. Die ganze Welt (soweit sie aufgeschrieben und publiziert wurde), wird lesbar; Gedanken, Erfahrungen, Gefühle und eben Geschichten werden auf eine ganz persönliche Rezeptionsweise verfügbar.
»Das Verb lesen duldet keinen Imperativ. Eine Abneigung, die es mit ein paar anderen teilt: dem Verb lieben, dem Verb träumen.«
Daniel Pennac, Wie ein Roman
Lesen-Können ermöglicht Kindern den Zugang zu erheblichen Teilen der Welt, die vor dem Erwerb dieser Fähigkeit den Erwachsenen vorbehalten waren. Lesen ist ein Universalschlüssel zum Entziffern von allem, das schriftlich vorliegt, nicht nur von Büchern. Wenn dieses Tor einmal aufgeschlossen ist, eröffnen sich grenzenlose Räume des Lesbaren.
Der Prozess dahin ist allerdings mühsam, es ist wie alles wirkliche Lernen mit Anstrengung verbunden – aber auf die Mühe folgt auch die Belohnung.
Haben die Kinder erst einmal alle Buchstaben und Entzifferungsregeln gelernt, das verborgene Leben der Wörter erfasst und die verschiedenen Verständnisprozesse ins Rollen gebracht, kann die Erfahrung, dass das Lesen Gefühle hervorrufen kann, in ihnen eine lebenslange, leidenschaftliche Liebe zum Lesen wecken und sie zu kompetenten, verstehenden Lesern machen. (Wolf 2009, 158)
Somit kommt die Entwicklungspsychologin und Literaturwissenschaftlerin Maryanne Wolf zum gleichen Befund wie Bruno Bettelheim ein halbes Jahrhundert zuvor.
Die allermeisten Kinder erlernen in unserer Gesellschaft die Technik des Lesens. Wenn sie endlich lesen können, erfüllt es die Kinder in der Regel mit einem ähnlichen Glücksgefühl, wie wenn sie endlich Fahrrad fahren oder schwimmen können. Wenn es jedoch versäumt wird, bei einem Kind diese Leistung mit Glücks-Empfindungen, auch ›Flow‹ genannt, zu verbinden, wenn Freude am Lesen nicht erfahren wird, ist die Chance oft vertan. Wer als Kind nicht gern und freiwillig liest, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsener nicht zum privaten Leser. Dazu meint Alberto Manguel, bekannt geworden durch sein Werk Eine Geschichte des Lesens in einem Interview:
Ich glaube, es hilft, Kindern zu zeigen, wie viel Freude man selbst an Büchern hat. Aber man kann sie nicht zwingen, sich zu verlieben. (Manguel 2020)
Leselust›Leselust‹ ist ein schöner Begriff für intensiv empfundenen Umgang mit Büchern. Bilderbücher ermöglichen das schon bei ganz jungen Kindern, auch vorgelesene Geschichten, dann Kinderbücher, Jugendbücher sowie später die allgemeine Literatur. Lesen ist ein intimer Vorgang (ich bin mit dir, meinem Buch, allein; du bist nur für mich da; wir beide verstehen uns). Lesen geschieht so langsam, so schnell, so oft, wie ich will. Ein gutes Buch ist wie ein guter (Gesprächs-)Partner: verständnisvoll, aber vor allem macht er einen auf etwas aufmerksam, das man selbst nicht gekannt oder so nicht gesehen hat. Entrücktheit, Versunkensein, rote Wangen, Gleichgültigkeit gegenüber den Erfordernissen des Alltags – all das gehört zur Leselust bei Kindern genauso wie bei Erwachsenen.
Wenn das obligatorische Lesenlernen in der Schule nicht durch das freiwillige Anschauen, Vorlesen und Lesen von Büchern zu Hause ergänzt wird, stellt sich das Lesebedürfnis nicht ein. Dieser Prozess ist – bei allen Unterschieden – dem Sprechenlernen vergleichbar: Wenn ein Kind in einer bestimmten Phase nicht mit dem Sprechen beginnt (was aus ganz verschiedenen Ursachen vorkommen kann), wird es keinen normalen Sprachaufbau durchlaufen.
LesefrustDas Gegenteil von Lust und Liebe ist nicht nur Hass, sondern auch Gleichgültigkeit; der Feind der (roten) Leselust ist nicht einfach der (schwarze) Lesefrust, sondern das (graue) Desinteresse. Lesefrust kann sich einstellen bei einem Buch, das einem nicht gefällt: wegen des Themas, der Protagonisten, der Erzählweise etc. Wie ein abstraktes Gemälde oder ein eigenartiges Musikstück kann man ein Buch als unverständlich und unnahbar empfinden. Man ärgert sich, man ist abgestoßen. Als erfahrener Kunstbetrachter, Musikhörer und Leser wendet man sich dann anderen Künstlern, Bildern, Musikern bzw. anderen Autoren und Büchern zu. Wer allerdings ganz junge, unerfahrene Leser mit Büchern konfrontiert, die sie nicht zugleich fesseln und entfesseln, wird den schwarzen, aktivablehnenden Lesefrust ganz schnell in ein graues, voreingenommenes Desinteresse umwandeln, etwa Haltungen der Art ›Bücher sind langweilig, schwer zu verstehen und haben nichts mit mir zu tun‹.
Diese Art von Lesefrust ist gefährlich, wenn sie sich bei Kindern einstellt, die Leseglück nie erfahren haben. In jeder individuellen Bildungsgeschichte gibt es Zeitfenster für bestimmte Entwicklungsschritte. Wenn diese Fenster nicht innerhalb eines gewissen Zeitraums aufgestoßen wurden, bleiben sie meistens für immer verschlossen – oder können später nur mit einem gewaltigen Mehraufwand an Energie, Geschick oder Motivation noch geöffnet werden.
Lesen fürs LebenDer Erwerb der Lesefähigkeit wirkt sich also nicht nur auf die Kinderzeit aus, sondern auf das gesamte spätere Leben. Es lassen sich verschiedene Formen des Lesens unterscheiden:
• Lesen als elementare zivilisatorische FähigkeitLesen ist ein obligatorisches Kernelement des Ausbildungsauftrags der Schule im Rahmen der allgemeinen Schulpflicht.
• Lesen, um sich in der Welt zurechtzufindenHinweisschilder, Gebrauchsanleitungen und schriftliche Mitteilungen liefern notwendige Informationen.
• Lesen, um Rechte und Pflichten wahrnehmen zu könnenMan muss Verträge lesen, um sie unterschreiben zu können.
• Lesen als Voraussetzung für das SchreibenWer sich schriftlich mitteilen will, muss schreiben können – das wiederum ist nicht möglich ohne Lesefähigkeit.
• Lesen zum Erwerb von WissenFachliche, berufliche und wissenschaftliche Qualifizierung kann nicht ohne Lesefähigkeit erreicht werden.
• Lesen als Aneignung von KulturEin wichtiger Teil unseres kulturellen Erbes, des Bildungskanons, der Gesetze und des gegenwärtigen Kulturschaffens liegt in geschriebener Form vor und entsteht weiterhin auf schriftlichem Wege.
• Lesen als persönliche BereicherungWer Lesen nicht nur als Pflicht erfährt, dem erschließt sich ein Universum von Möglichkeiten individueller Leseerfahrung.
• Lesen als UnterhaltungLesen kann zur Entspannung, zum ›Zeitvertreib‹, als Konsumvergnügen, als reiner Spaß genossen werden.
Welche Art zu lesen der erwachsene Mensch benötigt oder bevorzugt, bleibt ihm überlassen. Aber es ist nicht egal, ob, wann und mit welcher Motivation Kinder lesen lernen. Zugespitzt: Wenn Kinder nicht gerne lesen, werden sie es schwerhaben, in einer komplexen Welt mitzudenken. Texte leben vom Wort, dem Anfang und Element alles Denkens.
Lesen und Verstehen Oft werden diese Überlegungen, Anstrengungen und Aktivitäten unter dem Begriff #Leseförderung zusammengefasst. Anlässlich der Preisverleihungen der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur hat der Lyriker, Autor und Übersetzer Uwe-Michael Gutzschhahn im Gespräch mit der Akademie-Präsidentin Claudia Maria Pecher im November 2020 den schönen Satz geprägt:
Die beste Leseförderung ist Leseerfahrung. (Gutzschhahn 2020)
Bei zu vielen Kindern sind Lesefähigkeit und Leseverständnis zu schwach ausgebildet, von Leselust ganz zu schweigen. Das kann individuelle und milieubedingte Ursachen haben. Um die Defizite auszugleichen und nicht größer werden zu lassen, existieren zahlreiche Initiativen zur Leseförderung. Hinter diesem hölzernen, stets ein wenig betulich klingenden Begriff verbirgt sich tatsächlich ein großes Thema unserer Gesellschaft. Klarer, als es die Autorin Kirsten Boie mit einigen weiteren Erstunterzeichnern am 15.08.2018 formuliert hat, kann man die Wichtigkeit des Lesens kaum auf den Punkt bringen.
Auf der Website www.change.org kann man zusehen, wie sich die Zahl der Unterschriften dem Ziel 150.000 nähert. Die Resonanz auf diese von zahlreichen bekannten Politikern, Autoren, Bildungsforschern und anderen Interessierten erstunterzeichnete Petition war erheblich. Dennoch musste Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des #Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, ein gutes Jahr seit der Übergabe der Hamburger Erklärung an die Vertreter der Politik feststellen, dass nichts passiert sei: »Es ist höchste Zeit für einen Lesepakt, bei dem Politik, Bildungsinstitutionen sowie breite Teile der Zivilgesellschaft Hand in Hand arbeiten.« (Börsenblatt vom 03.12.2019). Um diesem Ziel einen Schritt näherzukommen, haben Börsenverein und Stiftung Lesen am 03.03.2021 erstmalig einen (digitalen) Nationalen Lese-Summit abgehalten. 150 Organisationen bis hin zum Bundesministerium für Bildung und Forschung wollen gemeinsam dem Lesen größere Sichtbarkeit verleihen. Was dabei über die bekannten ›Sonntagsreden‹ hinaus konkret am Einsatz für das Lesen verbessert wird, bleibt abzuwarten.

Hamburger Erklärung
Seit dem vergangenen Dezember wissen wir: Knapp ein Fünftel der Zehnjährigen in Deutschland kann nicht so lesen, dass der Text dabei auch verstanden wird (18,9%, Internationale IGLU-Studie 2016). Im internationalen Vergleich ist Deutschland damit seit 2001 von Platz 5 auf Platz 21 aller beteiligten Länder abgerutscht und liegt unter dem EU- wie dem OECD-Durchschnitt. Zudem ist Deutschland das Land, bei dem das Ergebnis am stärksten von der sozialen Herkunft abhängt. Wer nach der Grundschulzeit nicht sinnentnehmend lesen kann, wird es in den weiterführenden Schulen nicht lernen. Denn hier wird Lesen nicht mehr gelehrt, sondern vorausgesetzt.
Lesen ist noch immer DIE Schlüsselqualifikation für die Teilhabe an der Gesellschaft. Die betroffenen 18,9 % der Kinder werden einmal unsere Erwachsenen sein. Neben den Folgen, die eine fehlende Lesefähigkeit für jeden Einzelnen von ihnen haben wird, sind auch die Folgen für die Gesellschaft insgesamt erschreckend. Ohne die Möglichkeit, einen qualifizierten Beruf zu erlernen, werden die meisten dieser Menschen vermutlich jahrzehntelang auf staatliche Unterstützung angewiesen sein. Umso wichtiger, dass JETZT in die Bildungspolitik investiert wird.
Die 16 Länder, die Deutschland im Ranking seit 2001 überholt haben, beweisen, dass und wie es möglich ist, die Lesefähigkeit aller Kinder signifikant zu steigern. Ein Land wie Deutschland, dessen wichtigste wirtschaftliche Ressource ein hoher Bildungsstand seiner Bevölkerung ist, kann das Thema nicht länger marginalisieren. Der Verweis auf gewachsene Probleme in der Schülerschaft reicht nicht aus. Auf die Analyse muss die Lösung folgen, und diese Lösung darf nicht länger an Elternhäuser und Ehrenamtliche delegiert werden. Nur die Schule erreicht wirklich alle Kinder.
Die Unterzeichner fordern die Politik in allen Bundesländern, die Bundesministerin für Bildung und Forschung, die Kultusministerkonferenz und die Bildungsminister aller Bundesländer daher dazu auf, für folgende Punkte Sorge zu tragen:
•Das Lesenlernen und Lesen muss sehr viel stärker in den Fokus der Bildungspolitik rücken.
•An den Grundschulen müssen frühzeitig Fördermaßnahmen in Kleingruppen eingeführt werden, die sich auf die reichlich vorliegenden Erkenntnisse der Leseforschung und die Erfahrungen der Lehrer stützen.
•Diese Förderstunden dürfen nicht für Vertretungsunterricht zweckentfremdet werden.
•Es müssen ausreichend Grundschullehrer eingestellt werden, um dieses Ziel umzusetzen. Das heißt: An den Hochschulen müssen deutlich mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung geschaffen werden.
•Es muss Schulbibliotheken, Lesungen und Lektüreprogramme gerade auch an solchen Schulen geben, deren Schülerschaft eher bildungsfern ist. Die Lektüre altersgerechter Bücher vermittelt die Fähigkeit, komplexere Zusammenhänge aus längeren Texten zu entnehmen. So kann man später zum Beispiel Zeitungsartikel lesen und verstehen.
•Für all diese Zwecke müssen jetzt genügend Mittel in den Haushalten ausgewiesen werden. Das Lesen darf nicht den derzeitigen (kosten)intensiven Bemühungen um die Digitalisierung der Schulen zum Opfer fallen.
Unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht mehr aus. Deutsche Grundschulen müssen es schaffen, alle Kinder das Lesen zu lehren!
Quelle: https://lesefuechse.org/wp-content/uploads/2018/09/Hamburger-Erkl%C3%A4rung_Jedes-Kind-muss-lesen-lernen_150818.pdf
1.3
Studien zum Leseverhalten
Um sich ein Bild davon zu machen, welche Rolle Bücher und Lesen im Alltag von Kindern, Jugendlichen und Familien spielen, werden immer wieder Studien durchgeführt. Die Verlagshäuser Egmont Ehapa, Gruner + Jahr, Panini, SPIEGEL und ZEIT geben gemeinsam repräsentative Erhebungen zur Freizeitgestaltung unter den 7,38 Millionen 4- bis 13-jährigen Kindern in Deutschland in Auftrag. Zuletzt wurde der Kinder Medien Monitor 2020 veröffentlicht. Befragt wurden 6- bis 13-jährige Kinder und ihre Eltern sowie Eltern von 4- bis 5-jährigen Vorschulkindern. In der Tabelle ein Auszug, der für das Bücherlesen relevant ist.
Fazit für die 4- bis 5-Jährigen (knapp und abgerundet):
• Fast
der kleinen Kinder lesen nie ein Buch bzw. bekommen nie vorgelesen,
• ¼ lesen selten oder nie ein Buch,
• ¾ lesen mindestens mehrmals pro Woche ein Buch bzw. bekommen vorgelesen,
• Keine gravierenden Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen.
Fazit für die 6- bis 13-Jährigen (knapp und abgerundet):
• Über
der Kinder lesen nie ein Buch,
• ¼ lesen selten ein Buch,
• ⅔ lesen mindestens mehrmals pro Woche ein Buch,
• Jungen sind bei den Nicht- und Selten-Lesern stärker vertreten.

Mehr als zwei Drittel der Kinder gehen also intensiv mit Büchern um – das ist eine erfreuliche Nachricht. Da solche Marktanalysen eine Menge Geld kosten, sollte man immer fragen, wer sie aus welchem Grund in Auftrag gibt. Die hier genannten Presseverlage geben Zeitschriften für Kinder heraus und wollen die Nachfrage nach ihrem Produkt und nach ähnlichen Medien kennen. Das ist ein legitimes Interesse, und es gibt keine Indizien, die Zweifel an der Seriosität und Objektivität der Studie begründen.
Ähnliche Untersuchungen, in der Literatur als KIM- , FIM- und JIM-Studien bezeichnet, werden seit 1999 vom mpfs (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest) betrieben. Dahinter stehen staatliche Landesanstalten für Kommunikation und Medien aus Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz sowie die Medienforschung des öffentlichrechtlichen SWR (Südwest-Rundfunk) – es sind also keine kommerziellen Interessen zu vermuten.
Kinder im KindergartenalterDie mini-KIM-Studie 2014 bezieht sich auf die Kleinsten, die FIM-Studie 2016 ergänzt und bestätigt deren Erkenntnisse im Wesentlichen. Demnach befinden sich die Eltern der 3- bis 5-Jährigen zu 48 % im Alter bis 34 Jahre, zu 48 % zwischen 35 und 44 Jahren, zu 4 % ab 45 Jahre. Ihre Haushalte sind praktisch zu 100 % ausgestattet mit Fernseher, Computer, Internetzugang sowie Handy/Smartphone.
mini-KIM-Studie 2014/FIM-Studie 2016
Als Aktivitäten im Alltag werden in dieser Reihenfolge genannt:
1. Drinnen spielen
2. Draußen spielen
3. Buch anschauen/vorlesen (täglich 26 min.)
4. Fernsehen (täglich 43 min.)
Die Mediennutzung verteilt sich so:
1. Bücher anschauen/lesen/vorgelesen bekommen (93 %)
2. Fernsehen (86 %)
3. Videos/DVDs anschauen (67 %)
4. Hörspiele/Hörbücher hören (66 %)
5. Radio hören (49 %)
6. Spiele am Computer/Konsole (16 %)
7. Spiele auf dem Smartphone (10 %)
8. Spiele auf dem Tablet (9 %)
9. Im Internet surfen (7 %)
Die Beschäftigung mit Büchern:
1. 43 % der Kinder beschäftigen sich jeden Tag mit Büchern
2. weitere 44 % greifen ein- oder mehrmals die Woche zu Büchern
3. 5 % tun das selten
4. 7 % nie
Begeisterung für Bücher (nach Aussage der Haupterzieher):
1. 49 % der Kinder beschäftigen sich ›sehr gerne‹ mit Büchern
2. weitere 41 % ›gerne‹
3. 8 % ›nicht so gerne‹
4. 1 % ›gar nicht gerne‹
• Bücher/Comics sind bei 21 % ein Gesprächsthema in der Familie.
• 3 von 4 Kindern sehen regelmäßig fern, 90 % täglich oder mehrmals in der Woche.
• Das gemeinsame Lesen von Büchern/Comics findet bei 58 % statt.
• Täglich oder mehrmals in der Woche Bücher/Comicslesen bzw. vorlesen kommt bei 63 % vor.
• Zumindest selten kommt Bücher/Comics lesen/vorlesen bei 92 % vor.
Kinder (6 bis 13 Jahre)Die derzeit jüngste Untersuchung über Freizeitaktivitäten und Mediennutzung der Kinder ab Grundschulalter bis zum Beginn der Pubertät ist die KIM-Studie 2018. An Büchern und Lesen ›sehr interessiert‹ sind im Jahr 2018 15 % der Kinder, 2016 waren es 13 %; Mädchen stärker (19 %) als Jungen (11 %). ›Interessiert‹ sind weitere 35 % – also die Hälfte sind von sich aus für Bücher zu haben. 51 % besitzen ein eigenes Smartphone oder Handy, 39 % ein Smartphone. Die Smartphone-Zahlen erhöhen sich und dürften weiter auf eine Vollversorgung zulaufen. Dazu ist wissenswert, dass die Haushalte, in denen diese Kinder leben, praktisch zu 100 % mit Fernsehgerät, Internetzugang sowie Handy/Smartphone ausgestattet sind. Bei über 80 % sind Computer/Laptop vorhanden. 33 % der Kinder verfügen über einen eigenen Fernseher; 74 % sehen täglich fern. Noch ist also bei dieser Altersgruppe das Fernsehen der größte ›Zeitfresser‹, auch wenn das Zeitvolumen für TV langsam zurückgeht. So schlecht steht es also um den Umgang mit freiwilliger Buchlektüre in der Freizeit nicht; diese Werte erweisen sich zudem als relativ stabil.
KIM-Studie 2018
Faktische Freizeitaktivitäten der 6- bis 13-Jährigen:
(jeden Tag/fast jeden Tag/ein- oder mehrmals pro Woche)
Rang
| 1. Fernsehen | 96 % |
| 2. Freunde treffen | 92 % |
| 3. Hausaufgaben/Lernen | 91 % |
| 4. Drinnen spielen | 91 % |
| 5. Draußen spielen | 69 % |
| 6. Familie/Eltern | 77 % |
| 7. Musik hören | 72 % |
| 8. Sport treiben | 69 % |
| 9. Digitale Spiele | 60 % |
| 10. Handy/Smartphone | 60 % |
| 11. Internet nutzen | 55 % |
| 12. Radio hören | 54 % |
| 13. Computer (offline) | 53 % |
| 14. Buch lesen | 51 % |
| 15. Zeitschrift lesen | 22 % |
| 16. Tablet nutzen | 26 % |
| 17. Bücherei/Bibliothek | 11 % |
| 18. Zeitung lesen | 7 % |
Jugendliche (ab 13 Jahre)Die Lebenswelt der 12- bis 19-Jährigen unter ›normalen‹ Verhältnissen wurde zuletzt in der JIM-Studie 2019 untersucht. Wegen der erwarteten rasanten Veränderungen war schon die JIM-Studie 2020 geplant, die dann trotz der veränderten Lebensbedingungen durch die Corona-Pandemie durchgeführt wurde. Die Jugendlichen sind praktisch zu 100 % ausgestattet mit Handy/Smartphone, Computer/Laptop, Internetzugang und Fernseher. 84 % haben Zugang zu einem Video-Streaming-Dienst, 76 % zu einem Audio-Streaming-Dienst; hier ist tendenziell eine weitere Zunahme wahrscheinlich.
35 % (Mädchen deutlich mehr als Jungen) lesen täglich oder mehrmals in der Woche Bücher. Diese Werte lagen 2009 bei 40 %, ein Höhepunkt war 2011 mit 44 %, er sank 2017 wieder auf 40 %.
Es lassen sich merkliche Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen ermitteln. Mit dem Lesen von Büchern verbringen die Jugendlichen an einem Wochentag 2019 durchschnittlich 53 Minuten (Mädchen 62 Min./ Jungen 45 Min.). Dieser Wert ist 2020 (Corona-bedingt) auf 74 Minuten gestiegen. Wenn man bedenkt, dass Lesezeit nur mit voller Aufmerksamkeit funktioniert, andere Mediennutzungen wie Audio und TV durchaus auch im Hintergrund laufen können, sind das durchaus beachtliche Werte.

Quelle: JIM-Studien 2019 und 2020
1.4
Vom Wert des Papier-Buchs
Was ist ein Buch? Schauen wir uns an, wie Bücher für ihre verschiedenen ›Nutzer‹ funktionieren:
• Für den LeserBuchinhalte zwingen dem Leser nicht auf, wo, wie, wie schnell, was weglassend, was wiederholend er den Inhalt aufnimmt. Ein Buch passt sich jedem Leser an. Wer sich der Mühe des Lesenlernens einmal unterzogen hat, dem steht eine Welt offen.
• Für den KäuferEin riesiges Angebot ist im stationären oder im Internet-Buchhandel problemlos zu besorgen – überall zum gleichen Preis, im Zweifel umtauschbar.
• Für den HändlerEs ist leicht zu beschaffen, problemlos zu lagern, relativ hoch rabattiert, bei Verlagsbezug mit langen Zahlungszielen ausgestattet, gut kalkulierbar. Im Falle des Nichtverkaufs wird es nach einer angemessenen Frist remittiert.
• Für den HerstellerEs ist – auch im Hinblick auf nachhaltige Produktionsverfahren – mit gebräuchlichen Verfahren herzustellen, gut zu lagern, kurzfristig wiederzubeschaffen. Abgesehen von den prinzipiell unberechenbaren Absatzchancen kann der Verlag in gewissem Umfang seinen Umsatz und seinen Gewinn steuern, da er den Ladenpreis selbst festsetzt.
• Für den AutorEr kann in Zusammenarbeit mit dem Verlag kontrollieren, wie aus seiner Schöpfung, seinem Manuskript, ein Buch wird. Und er kann es weiter begleiten, nachdem es einmal gedruckt ist.
• Für das KindEin Buch ist einfach da; es kann immer wieder angeschaut, vorgelesen, gelesen werden. Es braucht keinen Strom; man kann die Lektüre jederzeit unterbrechen; man kann es sich so schnell oder so langsam zu Gemüte führen, wie es einem gerade genehm ist.
Ein halbes Jahrhundert nach den Untersuchungen von Bruno Bettelheim und seinen Kollegen kommen viele Wissenschaftler zu ähnlichen Erkenntnissen. Daran haben die unterschiedlichen elektronischen Geräte, die inzwischen entwickelt wurden, bei denen man auf Bildschirmen liest, nichts geändert. Über den Vorgang und die Wirkung des Lesens auf Computer-Bildschirmen, Laptops, Tablets, Smartphones, E-Readern etc. wurde und wird weiter geforscht – es ist ein weites Feld, aber man liegt wohl nicht falsch, wenn man Anne Mangen von der Universität Stavanger folgt, die wesentlich an der Stavanger Erklärung zur Zukunft des Lesens vom 3./4. Oktober 2018 beteiligt ist, die weltweit Aufmerksamkeit und Nachdenklichkeit hervorgerufen hat – weniger bei den Politikern, die vorschnell und windschnittig von einer #Digitalisierung schwärmen, deren Voraussetzungen und Auswirkung sie oft gar nicht verstanden haben. An den Studien dazu haben 200 Wissenschaftler aus ganz Europa mitgewirkt, u. a. wurden 54 Einzeluntersuchungen mit insgesamt 170.000 Teilnehmern ausgewertet.
Auf eine extrem kurze Formel gebracht, ist der allgemeine Befund: Kurze informative Texte bis zu sieben Seiten werden mit gleicher Wirkung auf Bildschirmen und auf Papier gelesen – je länger und je komplexer die Texte sind, desto mehr ist das Lesen auf Papier von Vorteil. Wenn man die Forschungsergebnisse zuspitzt auf die Adressaten der KJBV, werden die Forscher noch deutlicher:
Lehrern und anderen Erziehern muss bewusst gemacht werden, dass schnelles und pauschales Ersetzen von Gedrucktem, Papier und Schreibwerkzeugen durch digitale Technologien in der Grundschule nicht folgenlos ist. Wenn dies nicht von wohlüberlegten Lernmitteln und Lernstrategien begleitet wird, kann es bei Kindern zu Rückentwicklungen beim Leseverständnis und beim Aufbau kritischer Denkfähigkeit führen. (Mangen 2019)
Anne Mangen und viele andere Forscher haben nicht einfach apodiktisch das eine (›Nur Lesen auf bedrucktem Papier wird dem Lesestoff gerecht‹) oder das andere (›Es ist vollkommen egal, auf welcher materialen Basis man liest‹) behauptet. Sie haben nach den Regeln der empirischen Sozialforschung untersucht, wie sich das Leseverständnis von identischen Texten auf den unterschiedlichen Ausgabeformen darstellt.
1.5
Das Kinder- und Jugendbuch zwischen Literatur, Pädagogik, Unterhaltungswirtschaft und Buchhandel
Wessen Regeln, Kriterien und Intentionen sollen Kinder- und Jugendbücher genügen? Die mächtigsten Disziplinen, die auf das KJB einwirken, sind die Literatur, die Pädagogik, die Unterhaltungswirtschaft und der Buchhandel. Sie sehen es – in ihrer jeweils spezifischen Wahrnehmung – entweder als literarische Kategorie, als Kulturgut oder als Wirtschaftsgut. Keinem Bereich kann man die Berechtigung absprechen, hier Interessen einzubringen; aber zu keinem gehört das KJB ausschließlich.
Die in der #Genre-Übersicht angezeigten Kombinationen von ›populär‹ mit ›Medienindustrie‹ und von ›kommerziell‹ mit ›Buchhandel‹ wären irreführend, wenn sie ausschließlich gemeint wären. Gewiss orientieren sich die Unterhaltungsmedien an Popularität, und sie denken und arbeiten kommerziell. So muss aber auch der Buchhandel aufgestellt sein; der Begriff ›kommerziell‹ ist nicht pejorativ gemeint, sondern soll zum Ausdruck bringen, dass hier Geschäfte gemacht werden (müssen), etwa im Gegensatz zum staatlichen Bildungssystem.
Das Kinder- und Jugendbuch: Ein Teil der Literatur?
Paradoxerweise trifft man gerade in den Literatur- und Sprachwissenschaften gegenüber dem KJB häufig auf eine Haltung zwischen freundlicher Herablassung, Desinteresse, Zweifel an der Relevanz und Ignoranz. Die wenigen universitären Lehrstühle, Forschungsinstitute und Studiengänge, die sich auf akademischem Niveau mit dem KJB befassen, sind ein Ausdruck davon. Und auch die müssen in den Hochschul-Gremien oft mühsam für ihre Anerkennung und für Mittel argumentieren.
Viele kluge Autoren, die in der Belletristik zu Hause sind, schreiben aus Respekt vor den Anforderungen an ein Bilder-, Kinder- oder Jugendbuch dergleichen nicht. Es sind nur wenige, dafür aber dann meist ganz herausragende Autoren, die sowohl allgemeine Literatur als auch für junge Leser schreiben. Der unbestrittene Altmeister dieser Doppelbegabung ist Erich Kästner. Viel zu selten, könnte man sagen, aber immer wieder finden sich Schriftsteller, die sich auf beides verstehen: Peter Härtling, Uwe Timm, Hans Magnus Enzensberger, Annette Pehnt, Franz Hohler, Burkart Spinnen, Markus Orths, um nur einige deutschsprachige zu nennen.
Ähnlich ist es im Sachbuch-Bereich. Während es in vielen anderen Ländern überhaupt keine Frage ist, dass ein hochangesehener Fachwissenschaftler ein Sachbuch für junge Leser verfasst, z.B. Stephen Hawking, ist das bei uns eine – lobenswerte – Seltenheit, wie im Fall des Astrophysikers Harald Lesch, der sich mit der Kinderbuchautorin Gudrun Mebs zusammengetan hat, um Kindern Themen wie Evolution, Astronomie, Philosophie oder Mathematik zu erklären.
Wie kann man diese eigenartige Diskrepanz erklären? Hier ein Versuch: Im deutschsprachigen Feuilleton wurde lange Zeit eine Unterscheidung gepflegt, heutzutage oft heftig bestritten, teils bewusst ignoriert, aber latent immer noch vorhanden: die zwischen E und U, ernster und unterhaltender Literatur. Man kennt diesen Gegensatz auch in der Musik. In der angelsächsischen, skandinavischen, frankophonen, russischen und sicher auch vielen weiteren Kulturen ist eine derartige Unterscheidung nicht gebräuchlich. Es gehört zu den großen Verdiensten eines Verlegers wie Daniel Keel, solche Grenzen gesprengt zu haben, indem er den einst von ihm mitgegründeten Diogenes Verlag nach dem Voltaire’schen Motto geführt hat:
Jede Art zu erzählen ist erlaubt, nur nicht die langweilige. (Voltaire)
Eine ähnliche Grenzziehung verlief früher auch durch das KJB in Gestalt der Gegenübersetzung des ›guten Buchs‹ gegen ›Schmutz und Schund‹, womit vor allem Comic-Hefte, aber auch ›Kaufhaus-Bücher‹ aus dem Franz Schneider Verlag und Ähnliches gemeint waren. Paul Maar hat für die Gegenwart einen entsprechenden Kontrapunkt formuliert:
Früher sagte man: ›Das Buch ist gut‹.
Heute sagt man: ›Das Buch ist gut verkäuflich‹. (Maar 2014)
Das Kinder- und Jugendbuch: Ein Teil der Pädagogik?
Das ›gute‹ KJB stammte entweder von einem klassischen Schriftsteller oder von einem in den neuen Kanon der KJB aufgenommenen Autor wie Otfried Preußler, Max Kruse oder Paul Maar. Alle diese großen Autoren der Nachkriegszeit haben sich dem Zugriff der Pädagogik aus guten Gründen entzogen – obwohl sie selbst einige Zeit als Lehrer gearbeitet haben.
Dem Deutsch-Unterricht an der Schule wird ja mitunter zurecht vorgeworfen, er trage eher zum Desinteresse an der Literatur bei, als dass er junge Menschen für das Lesen begeistere. Dies hängt sicherlich, wie überhaupt jeder Lernerfolg, vom Lehrer ab. Auf eine besonders prägnante Kurzform lässt sich die Zerstörung des Zaubers der Poetik anhand des Umgangs mit Gedichten im Unterricht darstellen. Ein Gedicht ist eben etwas ganz anderes als die Summe seiner Teile, auch wenn die ›Teile‹ Wörter und Sätze sind.
Dann wurde es ganz auseinandergenommen
Und jeder Vers wurde einzeln besprochen.
Das hat dem Gedicht das Genick gebrochen.
(Bernd Lunghard: Gedichtbehandlung)
In vordemokratischen Zeiten sollten KJB eine erzieherische Funktion im Sinne der herrschenden gesellschaftlichen Ziele erfüllen. Dominierten in der Kaiserzeit die Ideale einer autoritätshörigen, starren, oft auch nationalistischen Bürgerlichkeit, ging es in totalitären Gesellschaften um Vorbilder für die Jugend, je nach System in nationalsozialistischer oder kommunistischer Gesinnung. Damit war es – zumindest im Westen Deutschlands – nach 1945 vorbei. Auch in der Kinderliteratur der DDR konnten sich trotz staatlicher Genehmigungsprozeduren mit gelegentlichen Verboten neben systemtreuen Werken auch freie literarische Formen entfalten.
Das Kinder- und Jugendbuch: Ein Teil der Unterhaltungswirtschaft?
Zugleich mit und als Teil der Entwicklung der Marktwirtschaft ab 1949 entstand eine Unterhaltungsindustrie: Kinofilme, Zeitschriften, Bücher, Groschenromane, Comic-Hefte. In einigen zentralen Bereichen, wie Rundfunk und Fernsehen, waren allerdings private Unternehmen lange Zeit nicht zugelassen, das System war rein öffentlich-rechtlich geführt. Als diese Beschränkung 1984 fiel, ergoss sich eine Flut von meistens sehr populären (mitunter auch ordinären) Produktionen auf die Bildschirme. Verlage engagierten sich im Privatfernsehen in der Hoffnung, ihre Rechte und Substanzen auf diesem Kanal ein zweites Mal verwerten und verbreiten zu können. Zumindest was die Buch- und KJBV betrifft, hat sich diese Hoffnung recht schnell zerschlagen. Das Medium Fernsehen braucht in der Masse andere Stoffe als das Medium Buch – nur einige sehr bekannte Geschichten oder Serien können auf beiden Schienen fahren.
Nachdem 1989 die innerdeutsche Mauer gefallen war und sich auch im Osten die Marktwirtschaft wild verbreitete, schien der Nachholbedarf an in keiner Weise bevormundender Unterhaltung im Osten Deutschlands noch größer. Es führte dort zu einem großen Verlagssterben und zur Verunsicherung der Existenz zahlloser Schriftsteller, auch im KJB-Bereich, die oft in den neuen Verhältnissen bei den ›westlich‹ geprägten Verlagen mit ihren Büchern nicht mehr ankamen.
Große Hoffnungen wurden auf eine Art Medienkonvergenz gesetzt: Licence Characters (z. B. Disney-Figuren oder eine Zeichentrickfilm-animierte Biene Maja) erschienen zunächst in möglichst vielen Medien wie Film, Fernsehen, Radio, MC-Tonkassette, Buch, Zeitschrift; aber auch als Merchandising-Produkte auf T-Shirts, Geschirr, Kinderfahrrädern, Bettwäsche, Zahnpasta etc. Hier beherrschen oft internationale Medienunternehmen die Szene, die sich je nach Lage vor Ort regionale #Lizenznehmer suchen. Buch heißt in dieser Auswertungsform dann nicht: von guten Autoren geschrieben, von ausgezeichneten Illustratoren bebildert, hochwertig gedruckt – sondern von namenlosen Schreibern und schlecht bezahlten Übersetzern getextet, simpel gezeichnet, billig gedruckt und für einen erbärmlich niedrigen Preis verkauft, meist mit 99 Cent hinter dem Komma. Hier geht es ums Geschäft, hier sind Kinder als Konsumenten gemeint, und diese Medienprodukte findet man auch weniger in Buchhandlungen als im Supermarkt.
Seit schon vor der Jahrtausendwende die #Globalisierung auch die Druckindustrie erreicht hat, werden solche Buchprodukte (oft mit ›Gimmicks‹, also zusätzlichem Mini-Spielzeug aus Plastik) in großen Stückzahlen in Fernost (erst Hongkong und Singapur, später zunehmend China) hergestellt – zu Preisen, die in Deutschland, aber auch Italien oder Belgien nicht zu realisieren gewesen wären. Solche bunten billigen Buchprodukte entziehen sich jeglicher Aufmerksamkeit in der an Qualität orientierten KJB-Szene, auch bei Rezensenten, und erst recht im Bereich dessen, was für den Einsatz in der Schule in Frage kommt.
Eine neue Dimension hat das Verhältnis Literatur/Unterhaltungsindustrie bekommen, als hochwertigere Stoffe zur Verfilmung kamen: Die unendliche Geschichte, Herr der Ringe, Harry Potter, Rennschwein Rudi Rüssel, Tschick, Die Welle oder Das Schicksal ist ein mieser Verräter. In den meisten Fällen ist es so, dass zunächst ein Buch oder eine Buchserie ein großer Erfolg wird – und dann engagiert sich ein Filmproduzent; meist muss eine solche Vermarktung international laufen, da aufwändige Filmproduktionen einen ungeheuren Investitionsbedarf haben, der in einem Land gar nicht zurückverdient werden kann. Solche Filme, die dann auch im Fernsehen wiederholt werden, lösen meist einen weiteren Nachfrageschub bei den Büchern aus. So legen Verlage mitunter bei großangekündigten Kinostarts spezielle Ausgaben auf, die auf dem Cover und zum Teil auch innen mit Bildern aus dem Film ausgestattet sind. In anderen Fällen verzichten Verlage darauf, weil sich oft binnen weniger Tage entscheidet, ob ein Film beim Publikum ankommt oder nicht. In letzterem Fall geriete auch das Buch zum #Flop.
Bei Literaturverfilmungen kann man lange Debatten darüber führen, ob der Geist der literarischen Vorlage gut getroffen ist oder diese verfälscht. Berühmt war der Aufschrei von Michael Ende, der sich mit Grausen von der Verfilmung seiner Unendlichen Geschichte durch den sehr erfolgreichen Regisseur Wolfgang Petersen 1984 distanziert hat. Andere Autoren waren so glücklich mit der verfilmten Version ihres Romans, dass sie sogar eine kleine Nebenrolle übernommen haben, so John Green 2014 in Das Schicksal ist ein mieser Verräter.
Es sind oft Nebensätze und Vergleiche, in denen dem Leser der Kulturseiten auch heute noch despektierliche und/oder ignorante Äußerungen über das KJB begegnen, wie man sie eigentlich von gebildeten Journalisten nicht erwarten können sollte, die sich wenigstens ansatzweise ein Bild von der Entwicklung des KJB bis zur heutigen Qualität und Vielfalt gemacht haben. Wenn ein Kritiker einen Erwachsenen-Roman für ein wenig zu simpel geraten hält, schreibt er schon mal, das lese sich ja wie ein Kinderbuch.
Neben der Kritik wegen mangelnder literarischer Finesse ist auch der Vorwurf der Zielgruppen-Beschränktheit zu vernehmen. Die Literaturkritikerin Christine Knödler schreibt dazu:
Lange galt: Jugendliteratur ist für-Literatur; von speziellen Autor/-innen geschrieben, in speziellen Verlagen verlegt, als Sparte klar definiert. Eine Literatur, die sich an spezielle Adressaten wendet. (Knödler 2012, 160)
Ihre Schlussfolgerung, nachdem sie exemplarisch die literarischen Qualitäten mancher ›Jugendbücher‹ erläutert hat, lautet: diese ›für-Rolle‹ ist überholt, weil sich die Jugendliteratur zu einer »experimentierfreudigen, eigenständigen Literatur« weiterentwickelt hat (Knödler 2012, 165).
Die Buchkäufer sind nicht die Leser
Das klassische Dilemma des KJB ist die weitgehende Inkongruenz der Zielgruppe ›Käufer von KJB‹ mit der Zielgruppe ›Leser von KJB‹. Das ist ein großer Unterschied zur allgemeinen Literatur für Erwachsene, aber auch zum Fernsehen oder zum Internet, die sich im Prinzip direkt an ihre Nutzer wenden. Daher unterliegen KJBV stets der Versuchung, eine Literatur für Vermittler statt für die eigentliche Zielgruppe zu sein; und sie unterliegen umgekehrt der Gefahr, ihre Stärken verkennend, ihre Zielgruppe inhaltlich, sprachlich und ästhetisch zu unterfordern.
Statistische Erhebungen über Buchkäufer sind rar, insbesondere bezogen auf KJB. Die gemeinsam vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels und der avj (Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen) beauftragte Studie Kinder- und Jugendbücher – Marktpotenzial, Käuferstrukturen und Präferenzen unterschiedlicher Lebenswelten wurde zuletzt 2007 von GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) und Sinus Sociovision durchgeführt. Basis dafür waren zwei Erhebungen: das repräsentative GfK-Buchmarkt-Panel von 2006, für das 20.000 Personen ab 10 Jahren monatlich zu ihren Buchkäufen befragt wurden; und eine Ad-hoc-Befragung von 1.448 repräsentativ ausgewählten KJB-Käufern ab 10 Jahren. Zwei markante Ergebnisse hat diese Studie ergeben, die nach allem, was man weiß, heute nicht wesentlich anders ausfallen würden:
• 69% der KJB werden von Frauen gekauft.
• Nur bei 7% der KJB sind die Käufer unter 20 Jahre alt.
Dank der neuen gesetzlichen Regelungen zur Elternzeit und aufgrund sich verändernder Lebensprioritäten bei Müttern wie Vätern sind vermutlich heute mehr junge Väter in den Lebensalltag ihrer Kinder und damit auch in alltägliche Verrichtungen wie Bücherkaufen einbezogen. Selbst wenn der eigentliche Kauf von Erwachsenen vollzogen wird – Kinder äußern ja auch Wünsche, die erfüllt werden.
1.6
Das Kinder- und Jugendbuch als zweitgrößte Teilbranche des Buchmarkts
Immer wieder löst man selbst bei buchaffinen Menschen Erstaunen aus, wenn man nicht nur auf die kulturelle Bedeutung, sondern auch auf das ökonomische Gewicht des KJB hinweist. Aufschlussreich ist der Vergleich mit der Belletristik, die traditionell und stabil den größten Anteil am Buchmarkt darstellt.
Sowohl die Belletristik als auch das KJB verzeichnen seit den 1950er Jahren einen kontinuierlichen Anstieg. Bei der Belletristik hat sich etwa seit der Jahrtausendwende ein Volumen oberhalb von 30 % Umsatzanteil stabilisiert. Dagegen gibt es keinerlei Hinweise, die gegen ein weiteres Wachstum des KJB sprechen – übrigens entgegen landläufiger Pauschalmeinungen, wonach ›die Jugend nicht mehr liest‹.
Ebenso beachtlich ist die Tatsache, dass heutzutage etwa doppelt so viele KJB-Novitäten erscheinen wie um die Jahrtausendwende. Die Buchproduktion (also die Anzahl der jährlichen Neuerscheinungen) lässt sich gut als ein Indiz für das Phänomen des erheblichen Gewichts des KJB nehmen.
Während die Literatur für erwachsene Leser ihre Titelproduktion seit 1975 etwas mehr als verdoppelt hat, ist beim KJB eine Vervierfachung festzustellen. Da diese Entwicklung bei den beiden großen Editionsformen Hardcover und Taschenbuch sehr unterschiedlich verlaufen ist, lohnt sich ein Blick auch auf diese Statistiken. Seit das Taschenbuch in den 1950er Jahren seinen Siegeszug begonnen hat, war für viele Romane und Sachbücher der übliche Verwertungsweg: erst Hardcover, dann Taschenbuch. Seit den 1980er Jahren veränderte sich die Situation: Immer mehr gingen die Taschenbuchverlage dazu über, Original- und Deutsche Erstausgaben zu verlegen. Zudem wurden verschiedene weitere Ausstattungsformen erfunden, wie Paperback, Klappenbroschur, Mini-Bücher oder Hardcover-Bücher im kompakten Format.
Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.), Buch und Buchhandel in Zahlen. Verschiedene Jahrgänge
Für viele Bücher funktionierte es fast wie automatisiert, dass auf die Originalausgabe das Taschenbuch als Zweiterscheinungsform folgte – auch im KJB. Das Taschenbuch wurde oft als die lebendige Backlist betrachtet, um etwa das Gesamtwerk eines Autors lieferbar zu halten. Seit Anfang der 2000er Jahre spielt das Taschenbuch im KJB allerdings längst nicht mehr diese starke Rolle.
Das liegt zum einen daran, dass die Herstellungskosten für einfache Hardcover-Bücher sich nicht mehr so dramatisch von denen für gut ausgestattete Taschenbücher unterscheiden. Die Ladenpreise konnten sich also einander annähern, da die gebundenen Bücher in der Beschaffung günstiger und die Taschenbücher (auch durch deutlich gesunkene Auflagen) teurer wurden. Zum anderen möchten Buchkäufer insbesondere Kindern haltbare und wertvoll wirkende Bücher zukommen lassen. Und im Jugendbuch ist es oft so, dass eine Neuheit unbedingt gelesen werden will, sobald sie erschienen ist; man will nicht ein, zwei Jahre auf das Erscheinen des Taschenbuchs warten.
Eine dauerhafte Sonderentwicklung erlebt das Taschenbuch beim Einsatz in der Schule. Bedingt durch oft gezielt niedrig gehaltene Preise, eignen sich Taschenbücher auch als Klassenlektüre. Oft wird dies durch aufbereitete Unterrichtsmaterialien unterstützt, die von Lehrern gratis von den Websites der Taschenbuchverlage heruntergeladen werden können. So halten sich bestimmte Titel seit Jahrzehnten als Bestseller, die nicht auf diesen Listen erscheinen, z. B. Damals war es Friedrich von Hans Peter Richter (dtv-junior, ein Roman über die NS-Zeit) oder Vorstadtkrokodile von Max von der Grün (cbt, eines der ersten Kinderbücher, das im Rahmen einer Abenteuergeschichte von der Inklusion eines behinderten Kindes erzählt).

Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg.), Buch und Buchhandel in Zahlen. Zahlen gerundet
Das Verhältnis von Hardcover- zu Taschenbüchern hat sich in der Belletristik anders entwickelt als im KJB. Wenn heute auf 100 gebundene Kinder- und Jugendbücher etwa 8 Taschenbücher kommen, ist die Relation bei den Büchern für Erwachsene etwa dreieinhalbmal so groß: auf 100 Romane in gebundener Form kommen 29 Taschenbücher.
Auch wenn zum Vergleich mit den anderen Teilbranchen des Buchmarkts eine Aggregation zum Segment KJB sinnvoll ist, ist jedoch auch der Blick in die innere Struktur des KJB-Segments notwendig. Denn hier offenbaren sich sehr unterschiedliche Entwicklungen in den einzelnen #Warengruppen.

Quelle: GfK Deutschland/Sortimentsbuchhandel/E-Commerce/WH/Umsatz Warengruppe Kinder- und Jugendbücher (HC/TB/Hörbuch). Zitiert nach Buch und Buchhandel in Zahlen 2020
Die Tabelle zeigt einen erheblichen Anstieg des Bereichs der stark illustrierten Kinderbücher – am deutlichsten bei den Bilderbüchern, die von manchem am Anfang der 2000er Jahre bereits totgesagt wurden. Der klassische Kernbereich Kinderbücher hat seinen Anteil im Großen und Ganzen gehalten – mit leicht verbesserter Tendenz. Das Jugendbuch dagegen verzeichnet einen dramatischen Rückgang auf die Hälfte seines früheren Volumens. Dies erklärt sich wohl zu einem erheblichen Teil damit, dass der Boom von All-Age-Titeln wie die Bis(s)-Serie und einige Nachfolge-Reihen zu Harry Potter nachgelassen hat. Der Sachbuch-Bereich, auch zum Beginn der Digitalisierungs-Euphorie von manchen Trend-Gurus eher abgeschrieben, hat sich behauptet und im sogenannten ›Nachmittagsmarkt‹ sogar verdoppelt. Nachdem dank der PISA-Studien einige verdeckte Mängel in der Wirkung des deutschen Schulsystems offenbart wurden, haben viele Eltern selbst die Initiative ergriffen und ihren Kindern eher spielerische, motivierende und den Schulstoff ergänzende Materialien beschafft, mit denen sie sich ›nachmittags‹ beschäftigen können, also außerhalb der Schule, aber doch für die Schule.
Das Gewicht und die Bedeutung des Kinder- und Jugendbuchs im Buchmarkt
Das gesamte Umsatzvolumen des deutschen Buchmarkts hat sich seit vielen Jahren auf einem Niveau von ca. 9,2 Mrd. € eingependelt. Anders ausgedrückt: Es gibt kein Wachstum. Umso bedeutsamer sind zwei Entwicklungen:
1.Der sinkende Anteil des #Sortimentsbuchhandels und entsprechend der steigende Anteil des #Internet-Buchhandels, der die früher starken Vertriebswege Versandbuchhandel, Warenhäuser und Buchclubs mehr als ersetzt hat. Erstmals 2011 wurde die magische Grenze von 50 % Umsatzanteil des stationären Sortimentsbuchhandels unterschritten.
2.Im Rahmen dieses Trends ist das KJB ein stabiler Faktor. Ungeachtet sinkender Kinderzahlen und eines massiv gestiegenen Angebots an alternativ nutzbaren Medien behauptet das KJB seinen Anteil, es steigert ihn sogar leicht.
Der Bereich KJB ist allein schon in Anbetracht der Umsatzbedeutung für Buchhandel und Verlage erheblich. Die rund 17 % Umsatzanteil sind ein Durchschnittswert, der bei verschiedenen Buchhandels-Typen abweichend ausfallen kann. So wird eine Universitätsbuchhandlung einen geringeren KJB-Anteil ausweisen, mancher Stadtteil-Buchladen aber einen weitaus höheren. Vielerorts gibt es sogar spezialisierte Buchhandlungen, die ausschließlich KJB führen. Umgekehrt hat manche frühere Nur-Kinderbuchhandlung entdeckt, dass dieselben Mütter, die Bücher für ihre Kinder kaufen, auch selbst interessierte Leserinnen sind und bieten infolgedessen ein umfangreicheres Sortiment an. Aus verschiedenen Erhebungen weiß man, dass etwa zwei Drittel aller Buchkäufe von Frauen getätigt werden; beim KJB dürfte dieser Anteil noch höher liegen.

Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hg), Buch und Buchhandel in Zahlen. Verschiedene Jahrgänge.
Die kindlichen und die jugendlichen Bücherleser von heute sind die potenziellen Bücherleser von morgen – schon deshalb ist das KJB für die gesamte Buchbranche (über)lebenswichtig. Viele Studien haben gezeigt: Wer als Kind nicht viel und gern gelesen hat, wird als Jugendlicher eher selten zum Buch greifen, und als Erwachsener wird er es mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit auch nicht tun. Diese These bezieht sich auf die Lektüre von Literatur, nicht von Fach- und Sachbüchern, die im Rahmen von Schule, Ausbildung und Fortbildung oder zum Wissenserwerb oder als Ratgeber eine Rolle spielen.
2
Typen von Kinder- und Jugendbuchverlagen und ihre Marktbedeutung
In Artikel 5 des Grundgesetzes heißt es: »Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten«. Im Rahmen der Gesetze kann also jeder, der schreiben will, das auch tun: was, wie, für wen, in welchem Umfang, in welcher Ausstattung auch immer.
Nirgendwo ist geregelt, wer Bücher für Kinder und Jugendliche schreiben und verlegen darf. Weil die Leser von KJB so besonders sind, sind es auch die Autoren, Illustratoren und Verlage, die für sie tätig sind. Sie erschaffen Bücher, die Kinder bzw. Jugendliche ansprechen.
Wenn man sich an einen Verlag wendet und mit ihm handelseinig wird, gilt § 1 des Gesetzes über das Verlagsrecht: »Durch den Verlagsvertrag über ein Werk der Literatur […] wird der Verfasser verpflichtet, dem Verleger das Werk zur Vervielfältigung und Verbreitung für eigene Rechnung zu überlassen. Der Verleger ist verpflichtet, das Werk zu vervielfältigen und zu verbreiten.«
Es hat sich bewährt, das Schreiben, Gestalten, Produzieren und Verbreiten von Büchern in Zusammenarbeit mit professionellen Verlagen abzuwickeln. Aber niemand ist zu dieser Art von Veröffentlichung verpflichtet, und die durch die Digitalisierung geschaffenen neuen Publikationswege wie das Self-Publishing eröffnen Möglichkeiten, auch ohne einen Verlag sein Buch herauszubringen (siehe Kap. 2.4).
Verlage, die Belletristik, Sachbücher oder KJB für eine allgemeine Leserschaft herausbringen, fasst man unter dem Begriff ›Publikumsverlage‹ zusammen – im Gegensatz zu Verlagen, deren Zielgruppen sich mit Wissenschaft, Fachwissen oder Ausbildung und Schule befassen. Kinder im Vorschulalter, Schulkinder und Heranwachsende sind ein besonderer Teil dieses Publikums. Je jünger sie sind, desto mehr werden sie durch Erwachsene vertreten, meistens die Eltern.
Die Kleinen können noch nicht lesen, sie sind also auf Bilder und Vorlesen angewiesen. Wenn sie das Lesen lernen, können und wollen sie nicht auf Anhieb umfangreiche Bücher, kleine Schriftgrößen, komplizierte Sprache, anspruchsvolle oder heikle Themen lesen. Daher gibt es für Leseanfänger besondere, auf ihre Fähigkeiten und Bedürfnisse zugeschnittene Bücher. Es schließen sich dann die Bücher für die viellesenden Kinder an, später Jugendbücher und Bücher für junge Erwachsene.
KJBV gibt es in verschiedenen Formen: Zunächst Verlage, die auf das KJB spezialisiert sind; dann Verlage, die eine Abteilung haben, die sich um das KJB kümmert; schließlich Verlage oder Imprints, die innerhalb von großen Verlagsgruppen für das KJB zuständig sind.
Dabei ist es wichtig, die Sammelbezeichnung für diesen Verlagstyp nicht auf die Bücher selbst anzuwenden. Denn es gibt kaum ein einzelnes Buch, das man zutreffenderweise als ›Kinder- und Jugendbuch‹ bezeichnen sollte. Wohl aber gibt es, je nach dem Adressatenkreis, ein ›Kinderbuch‹ oder ein ›Jugendbuch‹. Nun mag man Bücher vorfinden, die sich einer solchen Adressierung entziehen. Und manche Leser ignorieren derartige Zuwidmungen. Seit einigen Jahren spricht man zudem von ›All-Age-Büchern‹, also Titeln, die für Leser jeden Alters interessant sind.
Am Bildhaftesten kann man sich dieses Szenario veranschaulichen, wenn man eine gut sortierte KJB-Abteilung einer Buchhandlung betritt. Als pragmatische Begriffe haben sich diese Kategorien bewährt:
• Bilderbuch (Kleinkind, Kindergarten- und Vorschulkind)
• Kinderbuch (Grundschulkind, Anfang der Sekundarstufe, vor der Pubertät)
• Jugendbuch (meistens ab 12 Jahren; manchmal ergänzt um Junge Erwachsene, auch Young Adults genannt)

Der Aufbau vieler Verlagsprogramme folgt dieser Dreiteilung. Manche Verlage sind in allen Teilbereichen aktiv, andere spezialisieren sich auf Kategorien wie Bilderbuch oder Sachbuch.
Es kann auch vorkommen, dass ein Publikumsverlag ein einzelnes Kinderbuch herausbringt. In der Regel aber erscheinen KJB in den auf den Bereich spezialisierten KJBV. Die meisten dieser Verlage sind Mitglieder der avj (Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen e.V.) – ein 1950 gegründeter freiwilliger Zusammenschluss, um die gemeinsamen Interessen gegenüber der Öffentlichkeit, der Politik und auch innerhalb der Verlagslandschaft zu organisieren und zu vertreten. In ihren jährlichen Mitgliederversammlungen tauschen die inzwischen über 100 Verlage ihre Erfahrungen aus.

»Die Mitgliedschaft in der avj können Verlage erwerben, die regelmäßig Bücher und/oder Medien für Kinder und Jugendliche in deutscher Sprache herausbringen und, sofern sie ihren Sitz in Deutschland haben, Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e.V. sind.« heißt es auf der Website. Die Geschäftsstelle hat ihren Sitz im Gebäude des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Frankfurt/Main; die avj ist aber eine selbstständige Organisation mit einem gewählten Vorstand und einer hauptamtlichen Geschäftsführung, die eigene Mitgliedsbeiträge erhebt und dementsprechend ein eigenes Budget zur Verfügung hat. Verlage aus anderen deutschsprachigen Ländern, also Österreich und der Schweiz, können ebenfalls Mitglieder sein. Das Junktim einer Mitgliedschaft im Börsenverein des Deutschen Buchhandels für die in Deutschland ansässigen Mitgliedsverlage hat man eingeführt, um neben der Komponente Eigenverantwortung auch den Schulterschluss mit der zentralen Branchenorganisation zu gewährleisten. Denn es gibt viele gemeinsame Interessen, die sich etwa auf das Urheberrecht, Verlegerbeteiligung an der VG Wort, Preisbindung, Leseförderung und Branchenpolitik beziehen.
So wie das KJB absolut gewachsen ist und sich differenziert entwickelt hat, kann man das auch bei seinen Verlagen feststellen. Heute gibt es – trotz einiger Verlagsschließungen und Fusionen – um die Hälfte mehr KJBV als um die Jahrtausendwende. Es werden neue Verlage gegründet, manche eher klein, von wagemutigen #selbstständigen Unternehmern, andere werden von großen internationalen Verlagskonglomeraten inszeniert.
Klett Kinderbuch mit Sitz in Leipzig z.B. wurde 2008 unter dem Dach des großen Schulbuch-#Konzerns Klett gegründet; als der Bereich Kinderbuch nicht mehr zum strategischen Interesse des Konzerns zählte, konnte die Verlegerin Monika Osberghaus 2015 den Verlag selbst übernehmen. Entstanden ist ein Verlagsprogramm, dem es gelingt, zugleich anspruchsvoll, kindernah und wirtschaftlich erfolgreich zu arbeiten. Ein Baustein für eine solche Entwicklung ist sicher die Erkenntnis, dass man nicht alles selbst machen muss. So liegt der Vertrieb für Klett Kinderbuch in den Händen des dtv, der mit seiner Kinderbuch-Kooperation Dienstleister auch für weitere Kinderbuchverlage ist.
Ein anderes Mitglied dieser Kooperation ist seit 2012 der Usborne Verlag, die deutsche Tochter eines der größten Kinderbuchverlage der Welt. 2015 gründete HarperCollins, der zweitgrößte Publikumsverlag der Welt, mit HarperCollins Germany einen deutschen Verlag und fügte gleich eine Kinderbuch-Neugründung dazu: Dragonfly. Diese Gruppe erwarb Mitte 2020 SchneiderBuch von dem dänischen Medienkonzern Egmont, um den einstmals beliebtesten Lesefutter-Verlag (unvergessen: Hanni und Nanni von Enid Blyton) wieder zu neuen Erfolgen zu führen (siehe Kap. 3.1).
2.1
Zahl und Struktur der Kinder- und Jugendbuchverlage
Kein KJBV ist verpflichtet, der avj beizutreten, aber es gibt kaum einen Verlag von Bedeutung, der dort nicht Mitglied ist. Deshalb gibt die folgende Tabelle, in der nur avj-Mitglieder erfasst sind, einen weitgehend zuverlässigen Überblick.

Quelle: avj - Kinder- und Jugendbuchverlage von A-Z/bis 1983 nur BRD+A+CH. Ab 2016 www.avj-online.de
Ein herausragendes Beispiel für Konzernbildung liefert Bertelsmann. Was 1835 mit dem Carl Bertelsmann Verlag in Gütersloh begann, wurde ein milliardenschwerer Weltkonzern. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte Reinhard Mohn das Geschäftsmodell Buchclub; Millionen wurden Mitglieder, und es wurde die ganze Familie mit Lesestoff versorgt. Für den Schritt vom Buchverkäufer zum Buchverleger war 1972 die Verlagerung der Buchverlags-Zentrale von Gütersloh nach München entscheidend. Mit der Akquisition des Goldmann Verlags 1977 wurde die Grundlage dafür gelegt, im deutschen Sprachraum eine führende Rolle zu spielen. Mit dem Kauf des US-Verlags Doubleday begann 1986 der Sprung in den englischen Sprachraum, 1998 kam Random House dazu – seinerzeit ein Schock für die englischsprachige Verlagswelt – und 2001 wurde New York zum Hauptquartier der inzwischen weltweit größten Verlagsgruppe im Publikumsbereich. Mittlerweile gehören die Verlagsgruppen Penguin und Simon & Schuster ebenfalls dazu. Außerdem betreibt der Konzern Fernsehsender, Zeitschriften, Druckereien, Logistik, Musikrechte und beginnt sich im Bildungssektor zu engagieren.
Es gibt weitere weltweit operierende Verlagskonzerne (HarperCollins, Hachette Group, Bonnier, Holtzbrinck), die größten sind allerdings einige wissenschaftliche Verlage wie RELX Reed Elsevier oder Springer Nature & Business. Und solche Konzerne verstehen es, verschiedene, durchaus dezentral geführte Verlage unter einem unternehmerischen Dach zu vereinen. So gehören zur deutschen Penguin Random House Verlagsgruppe mittlerweile 47 Verlage, darunter der Kinder- und Jugendbuchverlag, der heute cbj heißt (nach C. Bertelsmann Jugendbuchverlag); dieser Name verweist auf die Wurzel des Unternehmens.
Die klassische #Verleger-Figur war ein geistig und kulturell interessierter, selbstständiger Unternehmer: Franz Schneider (Franz Schneider Verlag), Samuel Fischer (S. Fischer), Peter Suhrkamp, später Siegfried Unseld (Suhrkamp), Georg Popp (Arena). Heute dominieren angestellte Manager die Führungspositionen, in zunehmendem Maß Frauen. Es sind auch Frauen gewesen, die einige der wichtigsten deutschen KJBV nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut haben: Heidi Oetinger (Oetinger), Lieselotte Weitbrecht (Thienemann), Maria Friedrich (dtv-junior), Gertraud Middelhauve oder Christa Spangenberg (Ellermann).
Auch wenn die Übergänge zwischen Selbstständigkeit und #Mittelstand einerseits sowie zwischen Mittelstand und Konzern fließend sind, lässt sich eine gewaltige Verschiebung feststellen. War noch vor rund 50 Jahren das selbstständige Einzelunternehmen zu drei Vierteln die vorherrschende Rechtsform bei den KJBV, stellen diese nur noch knapp ein Drittel. Vor 50 Jahren spielten Konzerne fast keine Rolle, heute gehört etwa jeder dritte KJBV einem Konzern. Die mittelständischen Verlage haben sich recht gut gehalten.
Es lässt sich konstatieren, dass es unter den deutschen KJBV ein vielfältiges Nebeneinander der unterschiedlichsten Verlagsformen gibt. Es ist keineswegs so, dass immer nur ›Große‹ die ›Kleinen‹ fressen und die Erfolge absahnen; viele kleinere und mittelgroße Verlage können sich in Renommee und wirtschaftlichem Erfolg durchaus mit den großen Verlagshäusern messen. Eine entscheidendere Frage für das erfolgreiche Arbeiten eines Verlags als die schiere Größe könnte daher die Bedeutung haben, die das Verlegen von KJB für den Verlag hat.
Lebt der Verlag vom Kinder- und Jugendbuch?
… oder ist KJB nur ein Bereich unter vielen? Gut die Hälfte der KJBV sind auf das KJB spezialisiert. Die übrigen KJBV sind nur ein Teilbereich eines größeren Gesamtunternehmens. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil es erheblichen Einfluss auf die Arbeitsweise des Verlags hat, ob das KJB ökonomisch den Kern des Verlags bildet oder ob es eine mehr oder weniger gewichtige Ergänzung im Gesamtprogramm darstellt. Kann die für das KJB verantwortliche leitende Person wie ein Verleger arbeiten oder ist sie ein Abteilungsleiter unter vielen? Diese Konstellation hat Einfluss darauf, ob der KJB-Teil die personellen und infrastrukturellen Ressourcen bekommt, die er braucht, um im Wettbewerb mit seinen KJB-Konkurrenten zu bestehen:
• Ist das Lektorat mit genügend, qualifiziertem und gut vernetztem Personal ausgestattet?
• Verfügt das KJB über eine eigene Pressestelle oder wird es als Teil der Gesamt-Pressearbeit bedient?
• Ist der Vertrieb im Innen- wie im Außendienst auf KJB spezialisiert oder Teil des allgemeinen Vertriebs?
• Gibt es eigenes Lizenz-Personal für das KJB (Inland/Ausland) oder findet der Lizenzverkauf im Rahmen der Gesamt-Lizenzabteilung statt?
• Ist die Buchherstellung auf die besonderen gestalterischen und produktionstechnischen Anforderungen des KJB eingerichtet?
• Wird ausreichende Unterstützung durch die zentralen Abteilungen (z.B. IT, Personal, Vertrags- und Honorarwesen) gewährt?
Ein hilfreiches Bild, um sich klarzumachen, wie wichtig diese Fragen sind, kann die Vorstellung sein, der Verlag stecke in einer Krise – egal, ob hausgemacht oder von der Branchenkonjunktur ausgelöst. Bei jedem Versuch, eine Krise zu bewältigen, wird irgendwann der Satz zu hören sein, man müsse sich ›auf das Kerngeschäft konzentrieren‹, oder es gehe jetzt darum, ›den Markenkern zu bewahren‹. Falls eine solche Krise etwa den Ravensburger Verlag beträfe (ein rein fiktives Beispiel), müsste der Verlag gewiss seine Stärken und Schwächen, sein Portfolio, seine Prozesse, sein Personal etc. einer kritischen Analyse unterziehen. Aber es wäre kaum anzunehmen, dass er sich die Frage stellen würde, ob er überhaupt KJB verlegen soll. Ravensburger ist nämlich eine Marke (mit einem fabelhaften Bekanntheits- und Sympathiegrad), die sofort und überall mit der Zielgruppe Kinder und Familien verbunden wird.
Betrachten wir einen ebenfalls markenstarken Verlag wie Rowohlt. Falls dieser Verlag eine vergleichbare Krise zu bewältigen hätte (ebenfalls eine rein fiktive Annahme), könnte das Management auf die Idee kommen, im Zuge der Konzentration auf die Kern-Kompetenzen die KJB-Aktivitäten zu verkaufen oder einzustellen – ohne die starke Marke Rowohlt wesentlich zu schwächen. Zwar gibt es Rowohlt Rotfuchs als Untermarke, aber lebensnotwendig für den Verlag ist dieser Bereich nicht. Mit dieser Unterscheidung soll nicht suggeriert werden, dass nur in einem ›reinen‹ KJBV auf Dauer gut gearbeitet werden könne – die Prosperität der Verlagsarbeit hängt vor allem vom Können und Willen der Personen ab, die den Verlag betreiben, und nicht nur von seiner Struktur.
In einem Kleinverlag kann es sein, dass alle oder fast alle Verlagsfunktionen bei einer Person angesiedelt sind. Der Verleger ist dann der beste Presse-Kontaktmann für seinen Verlag, den man sich denken kann. Ab einer bestimmten Größe jedoch ist das nur noch arbeitsteilig zu bewältigen. Und nicht jede Funktion muss mit einer Person besetzt sein, die im eigenen Haus angestellt ist. Deshalb bieten sich für zahlreiche Verlagsfunktionen freie Mitarbeiter oder professionelle Dienstleistungsunternehmen an; diese Organisationsform nennt man Outsourcing. Wenn ein Verlag z. B. nur wenige deutschsprachige Originalbücher herausbringt, wird sich die Position eines Lizenzmitarbeiters nicht rentieren. Dafür kann man Agenten oder Agenturen engagieren, die z.B. über die einschlägigen Kontakte für Auslands-Lizenzrechte oder für Filmrechte verfügen. Ein solcher Dienstleister kann – gegen Honorierung durch eine Provision – wesentlich effizienter arbeiten, als der Verlag dies aus eigener Kraft zu leisten vermag. Aber auch hier gilt: Wer auch immer diese Aufgabe übernimmt, muss sich im KJB auskennen, sonst wird er nicht über Kontakte zu den passenden Verlagen bzw. den richtigen Personen in diesen Verlagen verfügen.
OUTSOURCING(Ausgliederung, Fremdbeschaffung) bezeichnet die unternehmerische Entscheidung, für einzelne Leistungen oder Geschäftsprozesse externe Dienstleister hinzuzuziehen, die in die Wertschöpfungskette integriert werden. Das Unternehmen kann sich dadurch auf seine Kernkompetenzen fokussieren und muss kein Know-how in Randbereichen aufbauen, wo Spezialisten ihr Wissen und Können zur Verfügung stellen. Neben einer optimierten Prozessorganisation spielen auch Kostengesichtspunkte eine Rolle.
2.2
Der Vertrieb: Nadelöhr oder Türöffner?
Ein Verlag mag das erlesenste Programm auf die Beine stellen – wenn es ihm nicht gelingt, seine Bücher in sichtbarer Weise auf den Markt zu bringen und dort Resonanz zu erzeugen, wird er über kurz oder lang scheitern. Der #Vertrieb stellt eine Schlüssel-Funktion dar.
Falls KJB eine Produktgruppe unter vielen auf der Agenda der Vertriebsperson bzw. im Musterkoffer des Außendienst-Mitarbeiters sind, kann es geschehen, dass ihnen nicht genügend Zeit, Beachtung und Gewicht gewidmet wird. Dergleichen muss gar nicht aus Desinteresse oder mangelnder Qualifikation geschehen, sondern schlicht aus Überlastung oder angesichts ungenügender Ressourcen.
Ein Beispiel: dtv hat mit seinen Bereichen Literatur, Unterhaltung, Sachbuch und KJB ein vielfältig aufgestelltes und wachsendes Programm. An einem bestimmten Punkt hat man festgestellt, dass eine angemessene Betreuung des ebenfalls wachsenden KJB-Bereichs nicht mehr gewährleistet wurde. Die Kapazitäten für das Erwachsenen-Programm waren zusätzlich dem KJB-Programm ›belastet‹, die für das Kinderbuch Verantwortlichen waren unzufrieden mit der in ihren Augen nicht ausreichenden Intensität der Betreuung. Andererseits war das KJB wiederum ökonomisch nicht gewichtig genug, um dafür eine eigene Vertriebsorganisation aufzustellen. Ein Blick auf den KJB-Markt ergab, dass da einige Verlage unterwegs sind, die ein ähnliches Problem haben. Also kam man auf die Idee, eine auf das KJB zugeschnittene Vertriebsorganisation zu gründen, die das eigene Programm dtv-junior, aber auch andere KJBV im Portfolio führen würde. Ab 2012 hat dtv diesen neuen Weg beschritten, und er ist offensichtlich sowohl für dtv selbst als auch für die beteiligten anderen Verlage erfolgreich.
Der Vertriebs-Innendienst und das Key Account-Management (siehe Kap. 4.4) sind bei dtv fest angestellt. Folgende Verlage gehören der dtv-Vertriebs-Kooperation an (Stand 2020): dtv junior, dtv – Reihe Hanser, Usborne Verlag, Klett Kinderbuch Verlag, Atlantis Bilderbuch, OrellFüssli Kinderbuch, Globi Verlag, DAV Der Audio Verlag (Kinderprogramm), Bindewerk – Feine Papierwaren.
Eine Reihe weiterer Verlage wird vom Außendienst der dtv-Vertriebskooperation vertreten, hat aber die Vertriebsleitung und den Key Account bei Bücherwege angesiedelt, ein weiterer Vertriebs-Dienstleister, der in Hamburg in Nachbarschaft zur W1-Verlagsgruppe sitzt: Nord-Süd Verlag, Atrium Kinderbuch, Arctis Verlag, WooW Books, von Hacht Verlag, Arche Kalender, JUMBO (Kinderbücher/Hörbücher), Goya libre.
Auch andere Verlage haben ähnliche Überlegungen angestellt. So betreibt der Aufbau Verlag eine Tochterfirma, die den Vertrieb der eigenen Verlage übernimmt, aber auch für andere Verlage arbeitet, so für die deutschen HarperCollins-Verlage, darunter auch die Kinderbuchverlage Dragonfly und SchneiderBuch. Die Aufbau Vertrieb GmbH ist nicht auf den KJB-Bereich spezialisiert, hat aber auch die KJBV der Glöckler Verlagsgruppe im Gepäck: Annette Betz, Ueberreuter, Nilpferd und G&G.
Bei einigen Verlage bestehen Kooperationen in der Weise, dass ein größerer Verlag einem kleineren seine Vertriebsorganisation zur Verfügung stellt. So werden z. B. der Moritz Verlag und der Mixtvision Verlag vertrieblich von der Verlagsgruppe Beltz betreut. In den ersten Jahren seines Bestehens gab es eine ähnliche Zusammenarbeit zwischen dem neugegründeten Magellan Verlag und der Verlagsgruppe Oetinger. Seit der Verlag beträchtlich gewachsen ist, hat Magellan seine eigene Vertriebsorganisation.
Es gibt weitere Formen der Kooperation bei kleineren Verlagen, z.B. Indiekids: Zunächst 7 Verlage hatten sich von 2012 bis 2020 zu einer Vertriebskooperation zusammengetan: àbac, aracari, Baobab Books, Edition Bracklo, Edition Pastorplatz, Jacoby & Stuart, Schaltzeit Verlag. Dazu gehörte, dass sie alle ihre Bücher bei derselben Auslieferung hatten: Runge Verlagsauslieferung in Steinhagen. Seit 2021 sind nur noch àbac, aracari und Baobab Books dabei. Sie nennen das gemeinsame Konditionenmodell das »vertriebliche Herzstück der Kooperation«:
1.einheitlicher Grundrabatt von 40 % bei allen Verlagen
2.kein Mindestbestellwert
3.Bündelung der Novitätenauslieferung an drei Terminen (= ein Paket und eine Rechnung für die sieben Verlage)
4.Bei Nachbestellungen gilt die gemeinsame Rechnungsfaktur aller Medien Service Runge-Verlage, sowie die Sendungsbündelung aller Runge-Verlage
5.Gemeinsamer Vorschauversand« (www.indiekids.de).
Ein solches Modell verbindet die Vorteile eines selbstständigen Verlags (Indie = unabhängig) mit einer erheblichen Vereinfachung der Bestell- und Auslieferungsmodalitäten und vor allem auch der entsprechenden Kosten.
Man kann die Kooperation auch eine Stufe niedriger ansetzen, wie das z.B. KuK tut – die Kooperation unabhängiger Kinderbuchverlage, eine 2007 gegründete Vertriebsgemeinschaft der Verlage Jungbrunnen, Kindermann und Peter Hammer. Die drei Verlegerinnen verkünden:
Mit gemeinsamen Aktionen für den Buchhandel können wir mehr erreichen, als wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht. Durch die Kooperation haben wir die Möglichkeit, dem Handel attraktive Angebote zu machen, die den einzelnen Verlagen nicht möglich wären. Kooperation ist uns wichtiger als Konkurrenz, denn wir haben dasselbe Ziel: hochwertige Kinderbücher ins Kinderzimmer zu bringen. (www.peter-hammer-verlag.de)
2.3
Aufmerksamkeit gewinnen
Für Bücher wird gegenüber dem Publikum fast nie Werbung gemacht, für KJB erst recht nicht. Selbst der Börsenverein hat mit seinen großangelegten Kommunikationskampagnen für das Medium Buch unter dem Slogan »Vorsicht Buch!« eher Spott eingefahren als messbare Erfolge, auch wenn sie später umbenannt wurde in »Jetzt ein Buch!«. Bücher sind eben doch recht anders beschaffene Konsumgüter als Markenartikel. Daher wird für Bücher, wenn überhaupt, meist bei Buchhändlern geworben – in den allgemeinen Fachzeitschriften Börsenblatt, BuchMarkt, Buchreport und in den speziellen KJB-Magazinen Eselsohr, JuLit, kjl&m – forschung.schule.bibliothek, Buch + Maus, 1001 Buch. Es hat sich eingebürgert, dass etwa Mitte März und Mitte September in den buchhändlerischen Fachzeitschriften Börsenblatt, BuchMarkt und Buchreport Schwerpunkthefte zum KJB erscheinen.
Manche Buchhändler stellen eigene Kundenmagazine her, allerdings mit sehr unterschiedlichen Konzepten. Wer als Verlag seinen Titel in einem Kinderbuchprospekt bei Groß-Filialisten wie Hugendubel oder Thalia unterbringen will, muss dafür bezahlen. Das gleiche gilt für Werbemagazine, die jede Buchhandlung beziehen kann, bei großen Auflagen sogar in individualisierter Form. Die auf KJB spezialisierte Bücherbox wird herausgegeben von der avj und vertrieben durch die zur SPIEGEL-Gruppe gehörende Harenberg Kommunikation, der Verlag des Buchreport. Das Buchjournal (im Verlag des Börsenblatts) erscheint zweimal im Jahr als Wendemagazin; von der einen Seite betrachtet heißt es BuchjournalKids und richtet sich an erwachsene Leser, die nach geeigneten Büchern und Geschenk-Empfehlungen für Kinder suchen. Um 180 Grad gewendet liest man BuchjournalTeens, das soll »ältere Kids und Jugendliche« mit Lesetipps ansprechen.
Engagierte Buchhandlungen mit besonderem Anspruch stellen eigene Buchempfehlungen oder Lesemagazine her. Einige Beispiele:
• 5plus ist das Magazin der Buchhandlungen der 5plus-Gruppe. Hier schreiben Verleger, Autoren, Buchhändler, Journalisten über Bücher und Themen der Zeit, darunter immer auch über KJB.
• Die Buchhandlung Lehmkuhl in München, ein Mitglied der 5plus-Gruppe, veröffentlicht zusätzlich jedes Jahr zu Weihnachten Lehmkuhls beste Seiten!: Mitarbeiter der Buchhandlung stellen ihre persönlichen Empfehlungen vor, selbstverständlich einschließlich KJB.
• Die Buchhandlung RavensBuch in Ravensburg produziert einen Jahreskatalog NEUE BÜCHER voller empfohlener und kommentierter Bücher, mit dabei KJB.
• Ein ästhetisch und inhaltlich herausragendes Werbemittel ist schmitzkatze, herausgegeben von der Buchhandlung Schmitz in Essen. Interviews, ausführliche Besprechungen und als Besonderheit auch Tipps zu neuen Jazz-CDs – und selbstverständlich ein guter Anteil KJB.
• Der Buchhändler Thomas Schmitz und seine erste liga büro für gestaltung geben außerdem Kilifü – Almanach der Kinderliteratur einmal jährlich heraus. Ein knapp 200 Seiten umfassendes Kompendium der KJB-Neuheiten, das von jeder Buchhandlung bei interessierten Kunden eingesetzt werden kann.
Alle diese Druckerzeugnisse sind letzten Endes Werbemittel, die von Titelgebühren und Anzeigen der Verlage bezahlt werden. Die Investition der Verlage wie der federführenden Buchhandlungen dienen natürlich dem Ziel, Buchkäufe zu initiieren, deren Erlöse die Kosten solcher Werbemittel übersteigen. Quantitativ wird sich das eher selten messen lassen; für die Kundenbindung sind sie gewiss förderlich.
Um Beachtung bei den Medien kümmern sich die Presseabteilungen der Verlage (siehe Kap. 4.3) oder PR-Beauftragte außerhalb, die fest engagiert sind, aber selbstständig oder in Dienstleistungsbüros agieren. Hat man es bei Büchern für ein erwachsenes Publikum mit dem Feuilleton, Themenredaktionen, Fachzeitschriften etc. zu tun, fühlen sich beim KJB noch eine Vielzahl interessierter Vereinigungen, Institutionen und Fachleute angesprochen, die sogenannte ›Szene‹– eine Vielzahl von Organisationen und Aktivisten.
Eine originelle Methode, um die Aufmerksamkeit und Sympathie des Buchhandels vor Ort zu gewinnen, sind die ›Kinderbuchsalons‹, zu denen die Kinderbuchverleger Ralf Rebscher (Magellan), Sebastian Zembol (Mixtvision) und Herwig Bitsche (NordSüd) immer wieder an verschiedenen Orten einladen. Für die Buchhändler ist es etwas Besonderes, die Verleger in einem überschaubaren Kreis persönlich zu treffen, und die Verleger ihrerseits bekommen Kontakt mit ihren wichtigsten Kunden. Dass man ersatzweise ähnliche Effekte auch online erzielen kann, hat die KJB-Pressebörse ›8 auf einen Streich‹ im Juli 2020 gezeigt, die eigentlich vor Ort in Hamburg stattfinden sollte. Auf Initiative der Carlsen-Pressefrau Katrin Hogrebe präsentierten die Verlage aracari, Atlantis/Orell Füssli Kinderbuch, Carlsen, Dragonfly, dtv junior/dtv-Reihe Hanser, Peter Hammer, Gerstenberg, minedition, Moritz und moses in jeweils vier Minuten einen Einblick in ihre Neuheiten. Beachtenswert, dass es sich dabei um Verlage äußerst unterschiedlicher Größe und Ausrichtung handelt.
2.4
Alternative Verlagsformen – Ergänzung, Erweiterung oder Überflutung des Marktes?
Verlage sind frei darin, welche Bücher sie unter Vertrag nehmen und welche nicht. Schon immer gab es Menschen, die Manuskripte verfasst haben, die sie Verlagen angeboten haben und die darauf entweder gar keine Antwort, eine schematisierte, nicht auf den konkreten Text eingehende Absage oder sogar eine längere Erklärung erhielten, warum man diese Geschichte nicht ins Verlagsprogramm aufnehmen wolle. Die Enttäuschung darüber führt dann mitunter dazu, den Verlagen pauschal eine angebliche ›Wagenburg-Mentalität‹ oder Arroganz zu unterstellen bzw. sie als ›Bücher-Verhinderer statt Bücher-Macher‹ anzuprangern. Diese Situation nützen sogenannte Zuschuss-Verlage aus, indem sie gegen beachtliches Honorar und / oder Erstattung der Herstellungskosten anbieten, solch ein Manuskript zu drucken, es mit einer ISBN auszustatten und damit bestellbar zu machen. Da das Lektorat ausbleibt, fehlt derartigen Publikationen in der Regel ein wesentliches Qualitäts-Kriterium.
ISBNDie Internationale Standard-Buchnummer identifiziert nicht-periodische Publikationen mit einem Zahlen- oder einem entsprechenden Balkencode. In Deutschland seit den 1970er Jahren als DIN-ISO-2108-Norm in Gebrauch, umfasste sie bis zum Jahr 2006 zehn Stellen. Seit der Koppelung an das EAN-System (EAN = european article number), das heute von der Organisation GS 1 (Global Standard One) koordiniert wird, ist die ISBN 13-stellig. Im herstellenden Buchhandel begleitet sie Verlagsprodukte von der Herstellung über die Lagerhaltung bis hin zum Vertrieb.
Publikumsverlage nehmen bei der Frage, ob sie ein Manuskript unter Vertrag nehmen, eine Risiko-Einschätzung vor: Wird dieses Buch voraussichtlich so viele Leser finden, dass wir eine gewinnbringende Auflage in Auftrag geben können? Wann immer eine solche Überlegung positiv entschieden wird, begeben sich Verlage ins unternehmerische Risiko. Der Autor bekommt eine gewisse Grundsicherung durch eine garantierte, auch im Falle eines Misserfolgs nicht zurückzahlbare Vorauszahlung auf sein Absatzhonorar – so ist es bei einem seriösen Verlag üblich. Für den Verlag gibt es jedoch keinerlei Garantie, dass er nicht auf einem Teil seiner gedruckten Bücher sitzenbleibt. Ausnahmen gibt es auch hier, etwa im ›Corporate Publishing‹ (wenn ein Verlag eine Auftragsproduktion realisiert) oder bei Festabnahmen etwa bei der Zusammenarbeit mit Museen oder anderen öffentlichen Institutionen.
Print-on-DemandDurch die Entwicklung der digitalen Drucktechniken ist es inzwischen möglich, gut gedruckte und buchbinderisch ordentlich verarbeitete Bücher auch in sehr kleinen Auflagen relativ kostengünstig herzustellen. Im Extremfall kann das sogar ein einziges Exemplar sein. Spezielle Druckereien verfügen über Maschinen, die für das ›Print-on-Demand-Verfahren‹ entwickelt worden sind.
Auch Publikumsverlage können auf dieses Verfahren zugreifen, z.B. um ein 25-bändiges Gesamtwerk eines Autors vollständig lieferbar zu halten. Wenn einzelne Bände einer solchen Edition vergriffen sind, pro Band aber nur sehr niedrige Absatzzahlen erreicht werden, lassen sich reguläre Nachauflagen nicht rechnen. Man kann dann auf Print-on-Demand zurückgreifen, um das Gesamtwerk weiterhin anbieten zu können.
Self-PublishingWenn der Autor selbst zum Verleger seines eigenen Buches, zum ›Self-Publisher‹ wird, kann er damit die ›Torwächter‹-Funktion der Publikumsverlage umgehen. Niemand hindert ihn daran, das Buch so drucken zu lassen, wie er es will. Inzwischen ist das Geschäftsmodell sogar bereits so weit entwickelt, dass man ein Korrektorat, ein Lektorat, eine Titelgestaltung und vieles mehr buchen kann – wofür man dann auch bezahlen muss.
Allein das einschlägige Unternehmen Books on Demand meldet 90.000 lieferbare Self-Publishing-Titel. BoD wurde 2001 als Tochtergesellschaft von Libri gegründet, einem der drei Barsortimente, die in Deutschland für die Übernacht-Lieferung der meisten Bücher so wichtig sind. Im Angebot überwiegen die sogenannten Genre-Titel, also Büchern in bekannten Kategorien wie Fantasy, Krimi, Ratgeber – das gilt auch im Jugendbuchbereich. Erfolgsgeschichten von selbstverlegenden Autoren haben sich tatsächlich zugetragen, sind aber eher selten – etwa wie Stories der Sorte ›Vom Tellerwäscher zum Millionär‹. Einige wenige Autoren verkaufen ihre Bücher so stark, dass sie gutes Geld verdienen, manchmal sogar viel mehr, als es mit einer regulären Verlagsausgabe möglich wäre. In solchen Fällen kommt es auch vor, dass KJB-Verlage an die Autoren herantreten und ihnen ein Angebot für eine Verlagsausgabe machen.
Hybrid-Publishing2006 wurde in Hamburg der Verlag Tredition gegründet, der einen hybriden Ansatz verfolgt. Dort war man frühzeitig davon ausgegangen, dass E-Books zwar durchaus eine neue zusätzliche Buchform sind, man damit aber nur Teile des Marktes abdecken kann. Völlig zurecht, wenn man sich den Umsatzanteil mit E-Books ansieht, der sich am deutschen Markt bei etwa 5 % stabilisiert hat. Daher geht man bei Tredition davon aus, möglichst viele Buchformen gleichzeitig anzubieten: Hardcover, Taschenbuch, E-Book. Das Selbstbild von Tredition besagt:
Wir […] achten auf die Qualität eines Buches. Es ist unsere Zielsetzung, dass ein Buch, das bei uns im Self-Publishing veröffentlicht wurde, traditionellen Verlagstiteln in nichts nachsteht. Wir achten auf die Rechtschreibung, das Erscheinungsbild und darauf, ob es gegen geltendes Recht verstößt. Wir entscheiden nicht, ob ein Titel spannend oder langweilig ist. Das entscheidet der Leser. (www.tredition.de)
Der Verlag hat eine bemerkenswerte Entdeckung gemacht und publiziert sie auf seiner Website: Die Zahl der Neuheiten beim gedruckten Buch sinkt tendenziell über die letzten Jahre, die der bei Self-Publishern veröffentlichten Titel steigt:

© tredition GmbH
Im Buchhandel wird diese Entwicklung wohl kaum begrüßt, denn schon jetzt sind es vor allem die Buchhändler, die aus nachvollziehbaren professionellen Gründen immer wieder an die Verlage appellieren: »Macht weniger Bücher!« Das wird allerdings nicht gefordert, weil sich die Buchhandlungen öffnen wollen für Tausende von meist gutgemeinten, oft schlecht lektorierten und eben nicht verlegerisch verantworteten Titeln.
Einige Verlage reagieren auf diese Entwicklung so, dass sie neben ihrem bisherigen Hauptgeschäft spezielle Labels gründen, die solchen ambitionierten Autoren ihren Service anbieten, in der Hoffnung, dass sich hier zukünftige Begabungen ausprobieren können, deren Werke später im Hauptverlag erscheinen. Auch bei den großen KJBV gibt es Bemühungen, verborgene Talenthoffnungen durch eigene Imprints abzufangen.
Der Oetinger Verlag z. B. hat sich im Herbst 2020 ein neues Imprint zugelegt: migo. Dieser Verlagsteil ist anders in die Struktur der Verlagsgruppe eingegliedert, indem er vom Vertriebs-Geschäftsführer Thilo Schmid zusammen mit der ›Business-Developerin‹ Carmen Udina geführt wird. Im Buchreport berichten die beiden darüber, »wie die neue Art des Verlegens interne Arbeitsweisen verändert«.
[…] Das Imprint Migo ist ein projekt- und vertriebsgesteuerter Verlagsbereich, der besonders schnell auf Trends reagieren will und Bedürfnisse und Themen aus Kundenperspektive entwickelt. […] Es geht nicht nur um noch etwas Neues, sondern um etwas wirklich anderes. Es ist eine Riesenherausforderung, das Tradierte in Frage zu stellen und verschiedene Systeme parallel laufen zu lassen, nach Schnittstellen zu suchen und zu schauen, wer was von wem lernen kann. Dabei werden Geschäftsmodelle rund ums Storytelling entstehen, die mit dem jetzigen nichts mehr zu tun haben oder nur noch im Ansatz. (Thilo Schmid, Carmen Udina, buchreport Herbst 2020)
Auch hier zeigt sich der grundsätzlich andere Zugang zur Frage, was denn ein Verlag veröffentlicht. Das erinnert an die prägnante Formulierung des legendären Verlegers Kurt Wolff, der gesagt hat:
Man verlegt entweder Bücher, von denen man meint, die Leute sollen sie lesen, oder Bücher, von denen man meint, die Leute wollen sie lesen. (Kurt Wolff)
Für Verleger der zweiten Sorte (»die dem Publikumsgeschmack nachlaufen«) gilt:
Man liefert die Ware, die gefragt wird. (zitiert nach Groothuis 2000, S. 15)
Wer mit Traditionen bricht, gilt gemeinhin als fortschrittlich. Auch hier könnte die Überlegung weiterhelfen, dass ›Fortschritt‹ ähnlich wie ›Qualität‹ (siehe Kap. 3.7) nicht auf einer eindimensionalen Skala verläuft, sondern ein vielgestaltiges Phänomen ist. Werden die Bücher durch solche Verfahren ›besser‹? Werden sie tatsächlich besser verkauft? Werden damit mehr potenzielle Leser erreicht? Die Ankündigung einer unternehmerischen Neuerung macht sich immer gut; man kann aber davon ausgehen, dass die entsprechenden Verlage nur im Erfolgsfall mit weiteren Berichten an die Öffentlichkeit treten. Über einen etwaigen Flop wird kaum geredet, daher wird es oft schwierig, solche Projekte nachzuverfolgen.
Digital PublishingMit dem Aufkommen der Digitalisierung haben sich auch im Verlagswesen völlig neue Produktions- und Distributionsmöglichkeiten erschlossen. Wenn ein E-Book einmal geschrieben, lektoriert und in Form gebracht ist, ist es technisch möglich, das Werk ohne jeden Qualitätsverlust in beliebiger Stückzahl zu vervielfältigen und zugänglich zu machen – die rechtlichen Voraussetzungen dafür einmal beiseite gelassen. Wenn also ein Buch zur Vervielfältigung und Zugänglichmachung nicht mehr auf Papier gedruckt werden muss, ist es auch möglich, ein rein digitales Buch zu erzeugen. Das ermöglicht denselben Inhalt in einer anderen dinglichen Form. Alexander Skipis hat das auf den Buchtagen des Börsenvereins 2010 in Leipzig erstmals vor großem Publikum als ›Das Prinzip Buch‹ erklärt:
Gerade die traditionellen Eigenschaften des Buches machen es zu dem überlegenen Medium für die Aneignung von Langtexten. Als solches wird es in der wachsenden Vielfalt der Medien zunehmend geschätzt und nachgefragt sein. Das ›Prinzip Buch‹ – damit meine ich das Bedürfnis nach längeren, vertiefenden, nachhaltigen, zuverlässigen, relevanten Texten: Dieses Prinzip hängt nicht an der Frage analog oder digital. Sondern es ist die perfekte Antwort auf ein Bedürfnis des Lesers, der, selbst wenn er auf einem Monitor im Buch läse, auch als User ein Leser bliebe. Das scheint eine anthropologische Konstante zu sein. (Skipis 2011)
Das digitale Buch hat gegenüber dem gedruckten einige große Vorteile:
• man muss sich nicht im Vorhinein für eine bestimmte Auflagenmenge entscheiden;
• man muss kein Lager anlegen;
• man kann über einen einzigen Vertriebskanal jeden Interessierten erreichen;
• es besteht kein Remissionsrisiko;
• allfällige Korrekturen lassen sich umgehend anbringen.
Ob es allerdings für Kinder ein geeignetes Medium ist, sei an dieser Stelle zunächst offengelassen.
Auch Carlsen betreibt einen Verlagsteil, in dem ausschließlich digitale Bücher erscheinen: Impress (gegründet 2013) »steht für gefühlsstarke, mitreißende Fantasy für Jugendliche und junge Erwachsene, der inhaltliche Schwerpunkt liegt auf ›Romantasy‹ und ›Paranormal Romance‹. Dark Diamonds (gegründet 2016) spricht Leserinnen zwischen 18 und 25 Jahren an, »die gerne Fantasy und Romance lesen. Die Heldinnen sind junge Erwachsene, die ihre Jugend hinter sich gelassen, aber noch nicht so recht ihren Platz in der Erwachsenen Welt gefunden haben.« Die beiden Imprints wurden 2020 unter dem Namen Impress zusammengeführt.
Ein eigens für E-Books im Jahre 2012 gegründeter Verlag ist Dotbooks. Die Gründerin und Verlegerin Beate Kuckertz hat vorher reichlich Erfahrung in Publikumsverlagen gesammelt. Das Unternehmen bezeichnet sich als »ein Verlag, in dem Schriftsteller nicht nur gestreichelt werden – wir fordern sie heraus, stellen unbequeme Fragen und arbeiten mit ihnen gemeinsam daran, aus ihren Rohdiamanten echte Schmuckstücke zu schleifen. Bei dotbooks wird jeden Tag intensiv über Inhalte diskutiert, um die richtige Titelformulierung gerungen, gemeinsam an der Veröffentlichungsstrategie gefeilt. Harte Arbeit – und doch immer ein Vergnügen. Denn: Wir lieben Bücher!«.
Hier erscheinen auch jede Menge Genre-Bücher, aber auch Kinderbuch und Jugendbuch sind gut bestückt. Viele KJB-Autoren haben hier offenbar einen Ort gefunden, an dem sie Bücher wiederveröffentlichen können, die ihre früheren Verlage nicht mehr auflegen wollten. Nichts in der Verlagswelt ist so eindeutig, dass es nicht auch wieder anders sein könnte. Inzwischen gibt es bei Dotbooks sogar gedruckte Bücher!
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