Читать книгу: «Frau Kaiser und der Dämon»

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2021 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99107-878-4

ISBN e-book: 978-3-99107-879-1

Lektorat: Susanne Schilp

Umschlagfoto: Tartilastock, Kseniia Ivanova, Yauheni Hastsiukhin | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

1

Johannes stöhnte kurz auf und schüttelte den Kopf. Er saß mit seiner Mutter Susanne und seinem Bruder Maximilian, den alle nur Max nannten, in einem Warteraum vor dem Operationssaal und hoffte, dass seine Frau Leni die Hirnblutung, die sie erlitten hatte, überleben würde. Zunächst war er voller Selbstmitleid und machte sich laut Vorwürfe, bis seine Mutter ihn anherrschte, dass seine Jammerei jetzt auch nichts helfen würde. Mal knetete er seine Finger, dann wieder drehte er an seinem Ehering, oder er fuhr sich mit der Hand durch das dunkelblonde, leicht wellige Haar, das er links gescheitelt und nach hinten gekämmt trug. Von Zeit zu Zeit nahm er den Ring vom Finger und betrachtete die Gravur, die sich darin befand:

Auf ewig Deine Kaiserin

War dieses „ewig“ vielleicht schon vorbei? Er hielt es einfach nicht mehr aus. „Wie lange dauert das denn noch?“, fragte er halblaut vor sich hin.

„Fuck!!! Halt einfach die Schnauze, Alter!!!“, brüllte sein Bruder ihn wütend an. „Ich dachte wirklich, du machst sie glücklich“, fuhr er anklagend fort.

„Aber sie ist doch glücklich“, erwiderte Johannes leise.

„Bis heute Morgen war sie das ja vielleicht, aber du Idiot machst doch wirklich alles kaputt“, ereiferte sich Max. „Hast du sie vielleicht auch noch geschlagen? Hat sie deshalb die Hirnblutung bekommen?“ Max war jetzt total aufgebracht.

Johannes schüttelte energisch den Kopf. „Nein, natürlich nicht, ich schlag doch meine Lene nicht.“

Max sprang mit geballten Fäusten auf. „Nein, aber vergewaltigen tust du sie, du Drecksack! Meinst du denn, das ist weniger schlimm? Vor allem in ihrem Zustand! Und dann lässt du sie auch noch alleine da liegen.“ Er war so wütend, dass er am liebsten auf seinen Bruder eingeschlagen hätte.

„Ich wollte das doch gar nicht“, sagte Johannes resigniert. „Wir hatten einen kleinen Streit und ich war schon ins Gästezimmer gegangen, um dort zu schlafen. Danach hatte ich einen kompletten Filmriss. Als Lene dann aber so geschrien und mich so entsetzt angeschaut hat, hab ich gemerkt, was ich da mache und habe sofort aufgehört.“ Er schüttelte erneut den Kopf. „Diesen Schrei und diesen Blick werde ich mein Leben lang nie wieder vergessen.“ Er war entsetzt über sich selber. „Ich wollte dann eine Runde Laufen gehen, um den Kopf freizukriegen, aber ich kenne mich in der Gegend noch nicht so gut aus und habe mich total verlaufen.“

„So blöd kannst doch wirklich nur du sein“, meinte Max immer noch total aufgebracht.

„Jungs, es bringt doch nichts, wenn ihr aneinander hochgeht“, ermahnte Susanne von Moeltenhoff die beiden. „Wir sind doch alle angespannt. Aber es dauert eben so lange, wie es dauert. Wir können einfach nur hoffen.“ Sie fuhr an Johannes gewandt fort: „Leni gibt sich selber die Schuld, aber sie meint, dass du da etwas falsch verstanden hast.“

„Was gibt es da falsch zu verstehen?“, erwiderte Johannes gequält. „Sie nimmt einfach keine Rücksicht auf ihre Schwangerschaft und ist dann auch noch unzufrieden, wenn ich rücksichtsvoll bin.“ Weiter wollte er sich nicht äußern, da er keinerlei Details ihres Sexuallebens preisgeben wollte. Für seine Verhältnisse hatte er schon viel zu viel gesagt.

Gegensätzlicher als diese beiden Brüder konnte man eigentlich nicht sein. Während der wortkarge und oft ernst wirkende Jurist Johannes die hellen Haare, die graublauen Augen und die stämmige Statur eindeutig von der Mutter geerbt hatte, war der schlanke Max schwarzhaarig und hatte dunkle, fast schwarze Augen. Seinen Schnurrbart hatte er an den Enden aufgezwirbelt, was ihm, zusammen mit seinem Lockenkopf, ein etwas verwegenes Aussehen gab. Zudem war er absolut kein Kind von Traurigkeit. In Gegenwart von Frauen hatte er stets ein Lächeln auf den Lippen und einen flotten Spruch auf Lager.

Sie hatten aber auch einige Gemeinsamkeiten, sie waren beide ungefähr eins achtzig groß und die regelmäßigen Besuche im Fitnessstudio sah man ihnen an. Aber vor allem – sie liebten dieselbe Frau, die zierliche, rotblonde, von allen Leni genannte Architektin Helene Kaiser. Nur Johannes fand, dass Leni kindisch klang und nannte sie Lene. Max, der normalerweise nichts anbrennen ließ, war der Meinung, dass er für Leni sogar monogam geworden wäre.

Leni hatte sich aber in Johannes verliebt, obwohl der sie zunächst mit der Begründung, dass er noch um seine Frau und seinen Sohn trauere, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren, zurückwies. Da sie von Natur aus eher scheu und zurückhaltend war, ließ sie viel Zeit vergehen, genauer gesagt fast ein Jahr, bevor sie den Mut aufbrachte, ihn ansprach und um eine Verabredung bat. Er hatte zunächst zugesagt, sich bei ihr zu melden, ging ihr daraufhin aber aus dem Weg und gestand ihr eines Tages, dass er eine neue Beziehung habe und nach Hamburg ziehen werde. Für Leni brach eine Welt zusammen. Aus Verzweiflung ließ sie sich einige Monate später mit Oliver ein, der war ihr dann aber zu pervers und sie trennte sich nach einigen Wochen wieder von ihm.

Auch die Beziehung von Johannes mit Jessica war nicht das, was er sich erhofft hatte. Auf Anraten von Max und seinem neuen Hamburger Freund Henrik, der Jessica kannte, beendete er diese Beziehung, bald nachdem er nach Hamburg gezogen war. Sein Chef war zwar außer sich, da er ihm die Nachfolge der Kanzlei versprochen hatte, wenn er seine Tochter Jessica heiraten würde, aber das Opfer war Johannes doch zu groß und zudem konnte er Leni nicht vergessen.

Obwohl Max sich vom ersten Augenblick an in sie verliebt hatte, war er es, der Leni vor etwas über einem Jahr drängte, zu Johannes nach Hamburg zu reisen, was sie dann auch tat. Seitdem waren Johannes und Leni ein Paar. Sie hatten im März standesamtlich und im Juni kirchlich geheiratet, wohnten jetzt zusammen am Stadtrand von Leipzig und freuten sich auf die Zwillinge, die im November zur Welt kommen sollten.

Eine Pflegerin kam in den Raum und brachte den Wartenden etwas zu trinken.

„Wissen Sie, wie es meiner Frau geht?“, fragte Johannes und schaute sie erwartungsvoll an.

„Nein, es tut mir leid, ich kann Ihnen nichts sagen, soviel ich weiß, wird sie immer noch operiert“, erwiderte sie verständnisvoll lächelnd.

So saßen sie alle drei weiterhin da und hingen ihren Gedanken nach, bis endlich die Tür aufging und ein Arzt, der einen ziemlich müden und angespannten Eindruck machte, hereinkam.

„Wer von Ihnen ist denn der Ehemann?“, fragte er und schaute zwischen Johannes und Max, die es beide nicht mehr auf ihren Stühlen gehalten hatte, hin und her.

„Das bin ich“, meldete sich Johannes. „Und das sind meine Mutter und mein Bruder“, sagte er, indem er auf die beiden anderen Wartenden zeigte.

„Wie geht es meiner Frau?“, fragte er verzweifelt. „Und was ist mit den Babys?“

„Sie hatte ein Aneurysma und hat die Operation zunächst mal überstanden, aber wir mussten sie in ein künstliches Koma versetzen, weil der Druck im Gehirn noch zu hoch ist“, erklärte der Arzt. Er sah alle drei der Reihe nach sehr ernst an und fuhr leise fort: „Wenn Sie gläubig sind, dann beten Sie, und wenn nicht, versuchen Sie es trotzdem.“ „Den Ungeborenen geht es den Umständen entsprechend gut, die haben das bis jetzt alles gut überstanden“, fügte er beruhigend hinzu.

Alle drei atmeten erleichtert auf.

„Kann ich zu ihr?“ wollte Johannes dann wissen.

„Ja, gut, einverstanden, aber, wie gesagt, sie liegt im Koma.“

„Und Sie beide“, sprach er Susanne und Max an, „gehen am besten nach Hause. Sie können hier jetzt wirklich nichts ausrichten.“

„Hat Ihre Frau einen Unfall gehabt oder sich heftig den Kopf gestoßen?“, wollte er dann noch von Johannes wissen.

„Nein, nicht dass ich wüsste“, meinte er und schüttelte leicht den Kopf. „Aber sie hat die letzten zwei Tage über heftige Kopfschmerzen geklagt“, fiel ihm dann noch ein.

Nachdem eine Pflegerin ihn abgeholt und ihn mit Schutzkittel, Haube und Mundschutz eingekleidet, sowie seine Hände desinfiziert hatte, saß er nun am Bett und betrachtete seine Frau, die mit allen möglichen Kabeln und Schläuchen verbunden war. Man hatte ihr das Kopfteil des Betts ziemlich hochgestellt, so dass sie fast saß. Unzählige Monitore und Geräte blinkten, piepten oder zeigten irgendwelche Daten an. Am meisten irritierte ihn das Beatmungsgerät. Dieses Geräusch ging ihm durch Mark und Bein.

„Oh, meine liebste Lene, wie konnte das nur passieren?“, flüsterte er, legte eine Hand auf ihren gewölbten Bauch und weinte. Durch die dünne Bettdecke konnte er die Bewegungen der ungeborenen Zwillinge spüren. „Bitte, bitte, lieber Gott, lass sie nicht sterben“, flehte er. „Wir haben doch noch unsere ganze Zukunft vor uns.“

Hin und wieder kam jemand in den Raum, schaute auf die diversen Monitore und nickte ihm verständnisvoll zu. Nach ein paar Stunden versuchte man ihn zu überreden, nach Hause zu gehen, aber er weigerte sich: „Ich kann sie doch jetzt nicht alleine lassen. Sie braucht mich doch.“

„Aber sie liegt im Koma und es kann unter Umständen noch Tage dauern, bis wir sie aufwecken können, irgendwann müssen Sie doch schlafen.“

Johannes schüttelte nur müde den Kopf und nahm Lenis Hand in seine und hauchte durch den Mundschutz einen Kuss darauf. Er sah die Blutergüsse auf ihren Unterarmen, die er ihr beigebracht hatte und bat sie leise um Verzeihung. „Lene, Schätzchen, ich wollte das nicht. Das war ganz bestimmt keine Absicht.“ Er sprach dieses Schätzchen nicht abwertend, sondern sehr liebevoll aus, wobei er beide Silben betonte, so dass es wie Schätz-chen klang. Er weinte und irgendwann schlief er im Sitzen ein. Plötzlich schreckte er wieder hoch. Ein Pfleger betrat den Raum und brachte ihm einen Kaffee und eine Flasche Wasser.

Als der Arzt am nächsten Morgen kam, fand er Johannes, vornübergebeugt auf dem Stuhl sitzend und mit dem Kopf auf dem Bett liegend, schlafend vor. Er zog die Augenbrauen kurz hoch, schüttelte leicht den Kopf und sah sich dann die diversen Daten an.

„Schicken Sie den Mann endlich nach Hause“, wies er die diensthabende Pflegerin an.

„Das haben die Kollegen schon die ganze Nacht versucht, aber er weigert sich standhaft“, erwiderte die Frau. „Vielleicht tut es der Patientin gut, wenn sie spürt, dass er da ist“, fügte sie leise hinzu. Der Arzt schüttelte nochmals den Kopf und verließ dann den Raum.

Es war also doch kein Alptraum, dachte Johannes, als er aufwachte. Er fühlte sich total steif und er musste dringend zur Toilette. Er ging auf den Gang und suchte nach jemandem, der ihm den Weg zeigen konnte. Danach schickte ihn die besorgte Pflegerin in die Cafeteria, um zu frühstücken. Er musste zugeben, dass das Frühstück ihm gut tat. Zwischendurch hatte er mit seiner Mutter telefoniert, um ihr zu sagen, dass Lenis Zustand unverändert sei. Zum Glück hatte seine Mutter ihm, bevor sie ging, die Tasche von Leni ihn die Hand gedrückt, so dass er jetzt Geld hatte, um sein Frühstück zu bezahlen. In der Hektik war er ohne Geld und Papiere aus dem Haus gegangen. Er kam sich allerdings etwas seltsam vor, als er in die Tasche seiner Frau griff, um den Geldbeutel rauszunehmen. Er hatte ihr immer ihre Privatsphäre gelassen, ebenso wie sie ihm seine. Auch in so kleinen Dingen. Es wäre ihm normalerweise nie in den Sinn gekommen, ihre Tasche zu öffnen.

Aber was war seit gestern Morgen schon normal?

Und Johannes tätigte noch einen Anruf. Seine Mutter hatte ihm nach seiner Ankunft in der Klinik die Visitenkarte einer Psychologin in die Hand gedrückt. Er war zunächst verwirrt, aber seine Mutter bestand darauf, denn sie war überzeugt davon, dass ihr Sohn jetzt professionelle Hilfe brauchte.

Leni hatte am vorherigen frühen Morgen, nachdem Johannes sich an ihr vergangen hatte, verfrühte Wehen bekommen. Da Johannes nicht da war und sie wegdrückte, als sie ihn anrufen wollte, rief sie in ihrer Verzweiflung ihre Freundin Sarah an. Sarah Fischer war Gynäkologin und wohnte in Lenis Heimatstadt Freiburg. Sie befahl ihr, sofort den Notarzt zu rufen, was Leni dann auch machte. Außerdem verständigte Sarah die Familie von Johannes, die auf einem Gutshof im Münsterland lebte, worauf die Mutter und Max sofort nach Leipzig fuhren. Ihre eigene Mutter wollte Leni nicht behelligen, da diese immer sofort in Panik verfiel und das konnte sie in dieser Situation absolut nicht gebrauchen.

Während der Untersuchung stellte der Gynäkologe fest, dass Leni Gewalt angetan worden war und da Leni das zuerst nicht zugeben wollte, schickte er die Psychologin zu ihr ans Bett. Dort war inzwischen auch schon ihre fassungslose Schwiegermutter eingetroffen. Susanne von Moeltenhoff hatte ihrer ersten Schwiegertochter nicht geglaubt, als die sich bei ihr über Johannes beklagt hatte und von Vergewaltigungen sprach. Umso entsetzter war sie, als sie erfuhr, was er mit Leni gemacht hatte. Sie konnte das absolut nicht verstehen, denn die beiden schienen doch so glücklich miteinander gewesen zu sein. Sie hatte ihren Sohn bisher nie so oft lächeln sehen. Leni schien ihn irgendwie verzaubert zu haben.

Die Psychologin hatte nach ihrem Gespräch mit Leni ihre Visitenkarte auf den Nachttisch gelegt, mit der Bitte, dass Leni und ihr Mann sich am besten gemeinsam bei ihr melden sollten. Einen Moment später war Leni dann mit einem Griff an ihren Kopf zusammengesackt. Während Leni sofort zum CT gebracht wurde, hatte Susanne Lenis Tasche, ihr Handy und die Visitenkarte an sich genommen, denn sie ahnte schon, dass es etwas Ernstes war und dass Leni nicht auf die Gynäkologie zurückgebracht werden würde.

Nach dem Frühstück ging Johannes zurück zur Intensivstation, wo er wieder eingekleidet wurde. Er verlangte den Arzt zu sprechen, aber der konnte ihm nichts Neues berichten. „Wir müssen abwarten Herr von Moeltenhoff, wir haben alles getan, was wir konnten“, sagte er seufzend. „Sie ist noch jung und bis auf die Schwangerschaft doch auch sehr fit und gesund, das sind schon mal gute Voraussetzungen“, fügte er beruhigend hinzu. „Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie sich erst mal aus. Wir informieren Sie, sobald sich ihr Zustand verändert“, riet er Johannes.

Der schüttelte aber nur den Kopf. „Ich lasse meine Frau jetzt nicht wieder im Stich. Ich will bei ihr bleiben, bis sie wieder aufwacht.“

Der Arzt wurde jetzt etwas ungeduldig: „Hören Sie, das kann unter Umständen noch Tage dauern, wir rufen Sie ganz bestimmt an, bevor wir Ihre Frau aufwecken.“

„Ich möchte aber nicht, dass sie hier alleine ist“, beharrte Johannes störrisch und ging wieder in den durch große Glasscheiben abgetrennten Raum zu Leni. Dort setzte er sich ans Bett und beobachtete sie eingehend. Wäre dieser blöde Beatmungsschlauch nicht, dann würde sie richtig friedlich aussehen, dachte er. Er griff unter die Bettdecke und streichelte ihren Bauch, wie er es sonst zu Hause auch immer tat. Er wusste, dass sie das gern hatte. Er lächelte ein wenig, als er daran dachte, dass sie sich dann immer an ihn gekuschelt und wohlig geseufzt hatte. Wäre sie eine Katze gewesen, dann hätte sie sicher geschnurrt.

Ob es je wieder so harmonisch werden würde?

„Es tut mir leid, Sie können nicht zu Ihrer Schwiegertochter, die Infektionsgefahr ist viel zu hoch.“ Die Pflegerin versuchte alles, um Susanne von Moeltenhoff daran zu hindern, dass sie zu Leni in die Intensivstation ging.

„Aber ich bin doch gestern stundenlang an ihrem Bett gesessen, als sie noch auf der Gynäkologie lag, dann hätte ich sie ja gestern auch schon mit irgendwas anstecken können.“ Susanne gab nicht so schnell auf. „Außerdem muss mein Sohn mal nach Hause, um sich auszuschlafen.“

Die Pflegerin seufzte. „Gut ich frage nach, ob wir eine Ausnahme machen können. Aber eigentlich ist es auch nicht in Ordnung, dass Ihr Sohn die ganze Zeit dasitzt. Und wenn dann noch eine weitere Person da ist, das können wir momentan kaum verantworten.“ Die Stationsleiterin war dann auch nicht besonders erfreut über das Anliegen, gab schlussendlich aber ihr Einverständnis dazu, dass Susanne ihren Sohn ablöste. „Das scheint eine besonders hartnäckige Familie zu sein“, meinte sie zu der Pflegerin.

„Aber so was von“, bekräftigte diese. „Aber verständlich ist es doch schon, die sind so frisch verheiratet und freuen sich auf den Nachwuchs und dann passiert so was“, fügte sie verständnisvoll an und ging dann davon, um Susanne einzukleiden und zu Leni zu führen.

„So mein Junge, du gehst jetzt nach Hause und schläfst dich aus und ich bleibe so lange hier bei Leni. Max wartet draußen und fährt dich.“ Susanne ließ gar keine Widerrede aufkommen, sondern schob Johannes zur Tür. Der fügte sich fast widerspruchslos und trottete zum Ausgang, wo Max schon ungeduldig auf und ab lief. Schweigend fuhren die beiden dann zur Wohnung von Johannes und Leni, wo Johannes sich augenblicklich ins Schlafzimmer zurückzog. Er hatte keine Lust auf weitere Diskussionen mit Max. Es war ihm bisher nie so richtig bewusst gewesen, dass Max offensichtlich mehr für Leni empfand als für einen Schwager üblich. Er legte sich aufs Bett, hing seinen Gedanken nach und schlief kurz darauf tatsächlich ein. Ein paar Stunden später schreckte er von Alpträumen geplagt wieder auf. Er ging ins Bad und duschte ausgiebig. Max hatte in der Zwischenzeit Pizza bestellt und sie aßen beide zunächst schweigend.

„Ich habe Lenis Bruder verständigt und ihn gebeten, es ihrer Mutter schonend beizubringen“, brach Max das Schweigen. „Ich hab aber gesagt, dass es keinen Wert hat, wenn sie jetzt sofort herkommen. Wir werden sie informieren, wenn es etwas Neues gibt.“

Johannes nickte kauend. „Ja, gute Idee, danke“, brachte er dann mühsam hervor und seufzte. Worauf sie erst mal wieder schweigend weiteraßen.

„Sag mal, hab ich da was verpasst?“, fragte Max unvermittelt. „Wieso redet ihr denn in Bezug auf Lenis Schwangerschaft in der Mehrzahl? Wie viele Kinder bekommt ihr denn?“, wollte er dann wissen.

„Zwei“, erwiderte Johannes kurz angebunden.

„Waaaas? Zwillinge? Oh verdammte Scheiße, wie hast du das denn wieder hingekriegt, Alter?“ Max schüttelte den Kopf. „Eins hat dir wohl nicht genügt? Dass du auch immer übertreiben musst“, foppte er seinen Bruder.

„Das haben wir uns auch nicht ausgesucht. Aber es ist nun mal so“, Johannes zuckte die Schultern.

„Und, wisst ihr, was es wird?“ wollte Max dann wissen.

„Nein, aber sie sind jedenfalls zweieiig und wir hoffen auf ein Pärchen“, gestand Johannes mit einem kleinen Lächeln.

„Na, dann hoffen wir, dass Leni und die Kleinen das gut überstehen“, meinte Max mit einem ernsten Gesicht.

Kurze Zeit später meinte er zwinkernd: „Zwei Jungs könnt ihr ja Max und Moritz und zwei Mädchen Hanni und Nanni nennen.“

Johannes lächelte jetzt auch leicht und meinte: „Da ist uns wohl doch was Besseres eingefallen.“ Er stöhnte leise auf: „Mein Gott, vor zwei Tagen sind wir gemütlich auf dem Balkon gesessen und haben die Namen festgelegt.“

„Und, wie wollt ihr sie nennen?“, bohrte Max weiter.

Johannes zuckte die Schultern: „Lene hat das alles aufgeschrieben, da wir ja nicht wissen, was es wird, haben wir jeweils zwei Erst- und Zweitnamen für Jungen und Mädchen ausgesucht. Sie hat in den letzten Wochen oder sogar Monaten alles aufgeschrieben, was ihr in den Sinn kam und vorgestern haben wir uns dann entschieden.“

„Mach’s doch nicht so spannend, Mann, also wie sollen sie heißen?“ Max konnte seine Neugier nicht mehr verbergen.

„Ich weiß es nicht genau, frag Lene“, da fiel ihm ein, dass sie nicht ansprechbar war und er seufzte tief. „Ein Junge soll Viktor heißen, nach unserem Urgroßvater, aber an alles andere erinnere ich mich nicht. „Dafür haben wir ja den Zettel gemacht“, meinte er achselzuckend.

Max schüttelte den Kopf: „Du weißt nicht mal, wie deine Kinder heißen sollen, Alter. Das gibt‘s doch nicht.“

„Oh Mann, versteh doch“, Johannes wirkte leicht gereizt. „Lene hat mir so viele Namen genannt, dass mir der Kopf schwirrte. Ich hab dann einfach zu allem, was mir einigermaßen gefiel, genickt und die anderen Namen hat sie dann wieder gestrichen. Schlussendlich hat sie dann aufgeschrieben, was ihr am besten gefiel.“

Sie aßen daraufhin wieder schweigend und ohne großen Appetit zu Ende.

„Ich fahr wieder zur Klinik, Mutti ablösen“, sagte Johannes einige Minuten später, während er sich die Schuhe anzog.

„Ich fahr dich, dann kann ich Mutti wieder mit zurücknehmen“, bot Max an.

Johannes nickte und sie machten sich auf den Weg.

2

„Guten Tag, Herr von Moeltenhoff. Es ist gut, dass Sie sich bei mir gemeldet haben“, wurde Johannes von der Psychologin Martina Reimers begrüßt. Sie wies auf einen Stuhl, der ihr gegenüberstand „Nehmen Sie doch bitte Platz.“ Nachdem Johannes sich gesetzt hatte, fuhr sie fort: „Ich hatte gestern noch Gelegenheit, mit Ihrer Frau zu sprechen, bevor sie bewusstlos wurde. Wie geht es ihr?“

„Sie liegt noch immer im Koma“, erwiderte Johannes kurz angebunden.

„Das tut mir leid, aber sie ist hier in den besten Händen“, versicherte sie ihm. Er nickte nur kurz.

„Ja also“, begann sie das Gespräch. „Wie gesagt, ich habe mit Ihrer Frau gesprochen und die kann nicht richtig verstehen, was da passiert ist. Bis jetzt scheinen Sie doch eine sehr harmonische Beziehung gehabt zu haben. Wie sehen Sie das denn?“

Johannes druckste rum und wusste nicht, wo er beginnen sollte. „Also, ähm, ja, ich liebe meine Frau über alles und wir haben in jeder Hinsicht eine wunderbare Beziehung. Ich weiß selber nicht, wie das passieren konnte“, begann er zögerlich. „Wir hatten eine kleine Meinungsverschiedenheit, ich war wütend, weil sie einfach keine Rücksicht auf ihre Schwangerschaft nimmt. Ich bin ins Gästezimmer gegangen, um mich dort hinzulegen, bis sie zur Vernunft gekommen ist. Was dann passiert ist, weiß ich selber nicht so genau. Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich auf ihr, ähm, na ja, also, ich war in ihr und sie hat furchtbar geschrien und mich so entsetzt angeschaut.“

„Und dann?“ fragte die Ärztin behutsam nach.

„Dann hab ich mich sofort zurückgezogen. Danach habe ich meine Sportsachen angezogen und bin Laufen gegangen, um den Kopf freizukriegen. Leider habe ich Lenes Anruf nicht angenommen, als sie versucht hat, mich zu erreichen und dann hab ich das Handy einfach ausgemacht“, gab er kleinlaut zu.

„Sie können sich also nicht an die Vergewaltigung erinnern?“ fragte die Ärztin nochmal nach.

„Nein, absolut nicht, nie im Leben würde ich ihr etwas antun“, erwiderte er kopfschüttelnd.

„Hatten Sie schon öfters solche Aussetzer?“

„Früher, als Junge, ja. Da hab ich wohl andere Kinder fürchterlich vermöbelt, weil sie meinen Bruder gemobbt haben“, erzählte er. „Das ist, wie wenn jemand einen Schalter umlegt. Ich versteh das doch auch nicht.“ Johannes zog die Schultern hoch.

„Waren Sie deshalb schon mal in Behandlung?“

„Ja, meine Mutter hat mich damals, als sich die Beschwerden über mich häuften, zu einem Psychologen gebracht und ich habe eine Zeitlang Tabletten bekommen. Ich habe aber keine Ahnung, was das war.“

„Wurde es dann besser?“

„Hm, na ja, eine gewisse Zeit schon, bis das mit den Mädchen anfing.“

„Mit den Mädchen?“

„Na ja. Also, es ist so, meine Familie hat einen großen Gutshof und die Mädchen aus dem Dorf waren ständig hinter mir und meinem Bruder her. Max hat das gefallen und er hat alle genommen, die das wollten.“ Er stockte, denn er hatte noch nie darüber gesprochen, welche Probleme er als Jugendlicher und auch noch als Student gehabt hatte.

„Und Sie?“

„Hm, na ja, ich mochte das nicht. Ich fand diese Mädchen nur doof und lästig.“ Er holte tief Luft. „Ich mag Frauen, aber keine, die sich mir aufdrängen, verstehen Sie, was ich meine?“, ergänzte er.

Die Ärztin nickte und forderte ihn auf weiterzusprechen.

„Ja, also, ähm, es ist so, nein, es war so, dass ich mich lange nicht getraut habe, mit einem Mädchen zu schlafen. Und wenn eine dann einfach nicht lockergelassen hat, dann wurde ich wütend und hab sie wohl ziemlich grob genommen.“ Er verstummte, weil er nicht wusste, wie er dieser Frau sein Problem beschreiben sollte.

„Gut, ich denke, wir beenden unser Gespräch hier“, erlöste ihn die Ärztin. „Ich bin ja eigentlich nur für die Patienten in dieser Klinik zuständig und Sie scheinen ein tieferliegendes Problem zu haben. Ich würde Sie gerne an einen Kollegen überweisen, der Ihnen besser helfen kann als ich. Wenn es für Sie in Ordnung ist, informiere ich den Kollegen und vereinbare einen Termin für Sie“, schlug sie vor.

Johannes nickte, bedankte und verabschiedete sich.

Die Ärztin sah ihm besorgt nach.

Nachdenklich ging Johannes zur Intensivstation zurück. Was ist mit mir nicht in Ordnung?, überlegte er. Ich bin doch mittlerweile erwachsen. Ist es möglich, dass der Dämon, von dem ich mich früher so oft bedroht gefühlt habe, wieder zurückgekommen ist?

Immer noch in Gedanken versunken saß er am Bett und betrachtete seine Frau. „Liebste Lene, du bist das Beste, was mir je passieren konnte. Wie soll das mit uns weitergehen? Liebst du mich noch, nach dem, was ich dir angetan habe?“, sprach er leise mit ihr. Er begann wieder, ihren Bauch zu streicheln und spürte sofort die Bewegungen der Kinder. „Ich liebe euch und hoffe so sehr, dass wir eine glückliche Familie werden“, fuhr er fort und hoffte, dass seine Stimme Leni irgendwie erreichte.

Er blieb wieder die ganze Nacht bei ihr am Bett sitzen, bis seine Mutter morgens kam und ihn nach Hause schickte. Als er am späten Nachmittag wieder in die Klinik zurückkehrte, sagte ihm der Arzt, dass sie nochmals ein CT gemacht hätten und keine Blutungen mehr festgestellt werden konnten. Der Druck im Gehirn habe nachgelassen, so dass sie am nächsten Morgen anfangen wollten, die Sedierung runterzufahren, um Leni langsam aufwachen zu lassen. Johannes nickte erleichtert. Der Arzt machten ihn darauf aufmerksam, dass wahrscheinlich mit neurologischen Störungen, wie etwa Sprach- oder Gleichgewichtsstörungen, zu rechnen sei. Man werde aber sofort mit Rehabilitations-Maßnahmen beginnen, um die Beeinträchtigungen so gering wie möglich zu halten.

Nachdem der Arzt aus dem Raum gegangen war, überlegte Johannes, was für Beeinträchtigungen er wohl gemeint hatte und wie sich das auf das Leben von Leni auswirken würde. Was heißt „so gering wie möglich“? Wird sie behindert sein?, fragte er sich. Wie sollte sein Leben weitergehen mit zwei Babys und einer behinderten Frau? Er seufzte verzweifelt und schüttelte den Kopf. „Oh Lene, Schätz-chen, bitte, bitte werde wieder gesund. Nicht für mich, aber für die beiden Kiddies. Die brauchen doch ihre Mutter.“

Er ging nochmals nach draußen, um seine Mutter anzurufen. Er berichtete ihr, dass Leni am nächsten Morgen aufgeweckt werden sollte und dass er deshalb bei ihr blieb. Er würde sich melden, wenn es etwas Neues gäbe. Er wollte keinesfalls, dass Leni beim Aufwachen in das Gesicht seiner Mutter schaute und meinte, so lange würde er schon durchhalten.

Aber es kam wieder mal alles ganz anders als gedacht. Über den ganzen Tag verteilt wurde die Sedierung langsam runtergefahren, aber Leni zeigte keinerlei Reaktion. Man machte ein EEG und stellte fest, dass Gehirnströme vorhanden waren. Dann entfernte man vorsichtig den Beatmungsschlauch und alle waren erleichtert darüber, dass Leni selbständig atmete. Aber sie reagierte auf nichts, sie lag im Wachkoma. Die Ärzte versuchten, Johannes zu beruhigen und meinten, dass das nach einem künstlichen Koma nichts Ungewöhnliches sei. Auf die Frage, wie lange der Zustand anhalten würde, konnte ihm aber niemand eine Antwort geben, man sprach von Stunden, Tagen oder länger. Als sich Lenis Zustand am nächsten Morgen nicht gebessert hatte, legte man ihr eine Magensonde, um sie künstlich zu ernähren. Im Laufe des Tages öffnete sie die Augen, blickte aber nur ins Leere, sie reagierte weder auf Ansprache noch auf Personen. Sie wurde von der Intensivstation auf ein normales Zimmer verlegt und man riet Johannes, so viel wie möglich mit ihr zu reden oder ihr Musik vorzuspielen. Außerdem gestatte man ihm, sich auf das zweite Bett, das im Zimmer stand, zu legen, falls er müde sei. Er rief Max an und bat ihn, etwas Musik für Leni zusammenzustellen, was dieser liebend gern tat. Ein paar Stunden später kam er und war schockiert, als er Leni so teilnahmslos in ihrem Bett liegen sah. Er legte seinem Bruder die Hand auf die Schulter und sagte leise: „Arme Leni, das hat sie wirklich nicht verdient.“

„Wird sie wieder gesund?“, wollte er dann wissen.

Johannes zuckte die Schultern: „Darauf kann mir keiner eine Antwort geben. Aber wie ich zwischen den Zeilen rausgehört habe, wird sie wohl, selbst wenn sie wieder aufwacht, behindert sein.“

„Verdammte Scheiße“, entfuhr es Max. „Die süße Leni behindert, das möchte ich mir lieber gar nicht vorstellen“, sinnierte er weiter. „Und wenn es wirklich so kommt, dann zieht ihr am besten zu uns auf den Hof“, schlug er vor.

Johannes nickte und legte den Zeigefinger auf den Mund. „Pst, wir wissen nicht, was sie mitkriegt“, forderte er seinen Bruder auf, leise zu sprechen.

„Wie ich gehört habe, hast du deinen Job geschmissen?“, wollte Max, jetzt leiser sprechend, wissen.

Johannes nickte. „Diesen Job anzunehmen war ein echter Griff ins Klo. Die wollten einen Rechtsberater, halten sich aber an nichts, was ich ihnen rate. In dieser Firma stehe ich ständig mit einem Bein im Bau. Das kann ich doch meiner jungen Familie nicht antun.“

„Und jetzt? Wie soll es weitergehen? Hast du schon was in Aussicht?“

„Nein, bis jetzt nicht. Ich bin noch bis Ende Oktober bezahlt. Ich versuche, wieder in einer Kanzlei unterzukommen. Aber im Moment ist Lene wichtiger.“

„Ja schon, aber überleg nicht zu lange. Denn so wie es aussieht, wird sie vielleicht nie mehr arbeiten können. Und eure schöne, große Wohnung ist sicher nicht gerade billig“, gab Max zu bedenken.

„Ja, das stimmt, die Miete ist ziemlich gesalzen“, gab Johannes zu. „Ich habe zwar für das nächste Semester einen Vertrag als Gastdozent an der Uni, aber leider nur eine Vorlesung pro Monat. Und in den letzten Wochen habe ich auch einige Artikel für Fachzeitschriften verfasst, das bringt auch ein paar Euro ein. Aber ohne vernünftigen Job, und vor allem ohne den Verdienst von Lene, würde das Geld natürlich hinten und vorne nicht reichen“, bestätigte er. „Es sind ja noch zwei Monate, da wird sich schon was finden“, versuchte er, optimistisch zu klingen.

In den nächsten Tagen änderte sich am Zustand von Leni nichts. Sie wurde zwar intensiv betreut und von einer Physiotherapeutin und einem Ergotherapeuten behandelt, aber ohne erkennbaren Erfolg. Was Johannes besonders mitnahm, war die Tatsache, dass sie gewindelt werden musste wie ein Baby.

Er hatte von zu Hause das Öl mitgebracht, das Sarah Leni gegen das Auftreten von Schwangerschaftsstreifen empfohlen hatte. Liebevoll ölte er täglich, so wie er es in den vergangenen Monaten immer getan hatte, ihren Bauch, ihre Brüste und ihre Oberschenkel und, soweit es möglich war, ihren Po damit ein und hoffte, dass sie es spürte.

„Na, wie geht es unserem Dornröschen heute?“, fragte der junge Pfleger, der das Krankenzimmer betrat. Johannes zuckte die Schultern und murmelte: „Unverändert.“ Als der junge Mann anfangen wollte, Leni zu waschen und die Windeln zu wechseln, bat Johannes ihn, das zu unterlassen.

„Aber warum denn? Das ist doch mein Job“, meinte der Pfleger verblüfft.

„Weil ich meine Frau kenne und ich weiß, dass es ihr furchtbar unangenehm wäre, wenn Sie das machen. Sie ist nun mal sehr schamhaft. Haben Sie denn kein weibliches Personal?“, fragte er. „Selbst in diesem Zustand sollte man ihr doch ihre Intimsphäre bewahren. Holen Sie bitte eine Kollegin“, forderte er dann mit Bestimmtheit in der Stimme.

Der Pfleger ging schulterzuckend aus dem Zimmer und Johannes hatte das Gefühl, dass Leni ihm hinterhergeschaut hatte. Auch wenn der junge Pfleger nicht mehr zur Körperpflege von Leni eingesetzt wurde, sollte ihr der Name Dornröschen erhalten bleiben.

Einige Zeit später kam dann tatsächlich eine Pflegerin und versorgte Leni. Johannes machte sie auf seine Beobachtung aufmerksam und sie bat ihn, doch mal ein paar Schritte zur Tür zu machen, wobei sie feststellte, dass Leni tatsächlich versuchte, ihm mit den Augen zu folgen.

„Das ist gut, es scheint, dass sie in die nächste Phase gekommen ist. Ich werde gleich die Ärzte informieren“, meinte sie aufmunternd zu Johannes. Der schaute zwar noch etwas ungläubig, freute sich aber doch über diesen minimalen Fortschritt.

Als später die Physiotherapeutin kam, stellte sie Leni unter Mithilfe von Johannes auf die Füße.

„Halten Sie sie gut fest“, ermahnte die Therapeutin ihn.

„Hallo, Frau Kaiser“, flüsterte Johannes seiner Lene ins Ohr, „hör mal die Musik, du hast doch so ein gutes Rhythmusgefühl.“ „Komm, wir tanzen jetzt“, flüsterte er weiter und wiegte sie ganz sachte im Rhythmus der Musik.

„Ja, das ist sehr gut, machen Sie weiter“, ermunterte ihn die Therapeutin. „Ich glaube, sie versucht, die Arme zu heben“. Sie legte Lenis Arme um Johannes, der so gerührt war, dass ihm Tränen in die Augen traten.

Nach einigen Minuten legten sie Leni wieder ins Bett, der das aber gar nicht zu gefallen schien. Sie bewegte unkoordiniert ihre Arme und drehte den Kopf hin und her. Johannes beugte sich zu ihr. „Na, mein Schätz-chen, hat dir das gefallen?“, sagte er leise und lächelte sie an. Sie sah ihn groß an und er hauchte ihr einen Kuss auf den Mund. „Das machen wir jetzt öfters“, versprach er ihr und streichelte sanft ihre Wange. Als die Therapeutin gegangen war, setzte er sich wieder an das Bett seiner Frau und hing seinen Gedanken nach. Da die Ärzte ihm gesagt hatten, dass er so viel wie möglich mit ihr reden sollte, sprach er, entgegen seiner Gewohnheit, seine Gedanken leise aus:

„Weißt du noch, wie wir uns kennengelernt haben? Damals auf der Baustelle, als ich euch das Leben so schwer gemacht habe? Ich fand das so süß, wie du mich trotzig angeschaut hast mit deinen schönen grünen Augen und mir gesagt hast, dass ich als Kunde zwar der König, du aber die Kaiserin bist“, begann er seinen Monolog. „Du hast keinen Zweifel daran gelassen, dass ich von nichts eine Ahnung habe und du hattest verdammt Recht damit“, fuhr er mit einem kleinen Lächeln fort. „Die Visitenkarte, die du mir damals gegeben hast, habe ich immer noch.“ Er machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: „Und ich Idiot habe nicht erkannt, dass das junge Mädchen, das in meine Nachbarwohnung eingezogen war, dieselbe Person ist. Du hast mir aber auch keine Gelegenheit gegeben, dir in die Augen zu schauen, dann hätte ich es sicher gemerkt. Diese strahlenden grünen Augen und die süßen Sommersprossen über den Wangen sind ganz bestimmt einmalig.“ Er schaute ihr ins Gesicht und streichelte sanft ihre Wange. „Du weißt ja, ich mag chic gekleidete Frauen“, fuhr er dann mit seinem Monolog fort. „Junge Mädchen und dazu noch im Schlabberlook, in dem ich dich auf dem Balkon oder im Treppenhaus öfters mal gehen habe, das ist nun wirklich nicht meine Kragenweite und deshalb habe ich dich auch gar nicht weiter beachtet. Und außerdem hatte ich den Eindruck, dass du was gegen mich hast und mir aus dem Weg gehst.“ Wieder machte er eine kurze Pause und beobachtete, ob sie irgendeine Reaktion zeigte. Sie sah ihn mit großen Augen an und er redete leise weiter: „Tja, und als deine Freundin uns dann zu deiner Geburtstagsparty eingeladen hatte, da musste Max mich schon mit Gewalt zu dir rüberziehen. Freiwillig wäre ich wirklich nicht gekommen. Aber meinem lieben Bruder hast du auf Anhieb gefallen und ich wollte nicht, dass er was Dummes anstellt, deshalb bin ich dann doch mitgegangen. Und du hast es dir nicht nehmen lassen, mich so richtig vorzuführen, du kleine Hexe, du“, fuhr er fort und streichelte ihre Hand. „So blamiert habe ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht wie an diesem Abend. Du hättest dich ja wirklich mal früher zu erkennen geben können“, flüsterte er vorwurfsvoll. „Für Max war das natürlich ein gefundenes Fressen. Zuerst mache ich der Architektin das Leben schwer und dann erkenne ich sie nicht wieder.“ Er lachte leise. „Ich glaube, das hab ich wohl verdient und zugegeben, deine Wohnung ist wirklich viel schöner geworden als meine. Obwohl du mich mit deiner Hartnäckigkeit wohl noch vor dem Schlimmsten bewahrt hast. Ich wollte es halt einfach nur zweckmäßig haben, ohne viel Schnickschnack. Und als ich erfahren habe, dass du noch gar nicht ganz fertig warst mit dem Studium, sondern dass deine Wohnung ein Teil deiner Masterarbeit war, da war ich ziemlich beeindruckt. Du hast echt was drauf, mein Schätz-chen“, lobte er seine Frau. „Nachdem ich nun wusste, wer du warst und mir auch dein Bruder noch so einiges über dich erzählt hatte, wollte ich es nicht zulassen, dass der aufreißerische Max dir zu nahe kommt. Ihr habt fast den ganzen Abend miteinander geflirtet und getanzt. Aber dass du keine Frau für einen One-Night-Stand bist, das hat sogar Max erkannt.“ Er machte eine kurze Pause, küsste sie sanft auf die Lippen und redete weiter: „Und dann hab ich meinen ganzen Mut zusammengenommen und dich zum Tanzen aufgefordert. Du hast so was von distanziert und kühl zugesagt, dass mir angst und bange wurde und ich fast einen Rückzieher gemacht hätte“, wieder lachte er leise und streichelte sie. „Aber was ist dann passiert, meine liebe Frau Kaiser? Dein Blick sagte mehr als tausend Worte und ich war total überrumpelt von dem, was da in den nächsten Minuten mit uns passiert ist.“ Er schwieg für einen Moment. „Und trotzdem habe ich dich zurückgewiesen“, er schüttelte leicht den Kopf. „Was ich dir gesagt habe, stimmte schon, ich hatte kurz zuvor meine Familie durch einen Unfall verloren und um den Kleinen habe ich wirklich sehr getrauert. Deshalb haben mich wohl meine plötzlichen Gefühle so verunsichert. Aber warum ich es nicht geschafft habe, über meinen Schatten zu springen und mich stattdessen mit Jessica eingelassen habe, verstehe ich bis heute nicht.“ Er zuckte die Schultern. „Ich konnte es kaum ertragen, wie du mit Max geflirtet hast, wenn wir drei uns getroffen haben, aber trotzdem war ich irgendwie gehemmt. Vielleicht hatte ich damals schon Angst, dir weh zu tun? Lene, Schätz-chen, ich weiß echt nicht, was in mich gefahren ist“, er schüttelte betrübt den Kopf. „Ich hoffe wirklich sehr, dass der Therapeut mir helfen kann. So etwas darf nie wieder passieren. Ich möchte dich auf keinen Fall verlieren. Ich liebe dich so sehr.“ Ihm traten Tränen in die Augen und er war erleichtert, als wenige Minuten später seine Mutter kam, um ihn am Bett abzulösen. Er berichtete ihr von Lenis Fortschritten und dass sie beide „getanzt“ hätten und ging, nachdem er sich liebevoll von Leni verabschiedet hatte, zum Ausgang und ließ sich wie jeden Tag von Max nach Hause fahren. Auch dem erzählte er natürlich von Lenis Fortschritten.

In den letzten Tagen war Max nicht untätig gewesen. Da er sich wieder um seinen Job als Eventmanager kümmern musste und auch seine Mutter nicht ewig in Leipzig bleiben konnte, hatte er Freunde und Verwandte von Johannes und Leni angeschrieben oder angerufen, mit der Bitte, sich doch für ein paar Tage Zeit zu nehmen, um Johannes bei der Betreuung von Leni zu unterstützen und sich um die Wohnung und die beiden Katzen Lilli und Mäxle zu kümmern. Alle fanden sich sofort bereit dazu und anhand der Termine, die ihm genannt wurden, erstellte er einen Einsatzplan für die nächsten Wochen. An den wenigen Tagen, an denen niemand da sein konnte, würden sich die Nachbarn aus dem Erdgeschoß um die beiden Stubentiger kümmern und auch jeweils die Schlüssel übergeben.

In der Klinik war man zwar nicht sehr erfreut, dass so viele verschiedene Menschen zu Besuch kamen und Johannes wurde ermahnt, auf die Einhaltung der Hygieneregeln zu achten und vor allem darauf, dass die Besucher Leni möglichst nicht zu nahe kommen sollten. Denn eine Infektion wäre eine Katastrophe für sie gewesen.

Als Erstes kamen Lenis Mutter und Bruder für eine Woche und lösten Max und Susanne ab. Stéphanie Kaiser war entsetzt, als sie ihre Tochter in diesem Zustand sah. „Mon Dieu, ma puce“, weinte sie und, wie befürchtet, brachte sie ziemlich viel Unruhe in das Krankenzimmer. Dafür tat es Johannes aber gut, mit Tobias zu reden und ihm seine Zukunftsängste anzuvertrauen. Die beiden hatten sich von Anfang an gut verstanden und führten lange Gespräche miteinander.

Ganz allmählich verbesserte sich der Zustand von Leni und nachdem der Ergotherapeut mit ihr das Schlucken geübt hatte, wurde die Magensonde entfernt und sie konnte gefüttert werden.

Johannes war dankbar für jeden kleinen Fortschritt, den man sah, machte sich aber große Sorgen um die Zukunft und um die Kinder. Wie sollte er eine behinderte Frau und zwei Babys versorgen? Mit dem Vorschlag von Max, dass sie ins Münsterland auf den Gutshof ziehen sollten, machte er sich immer mehr vertraut, denn dort könnten ihn seine Mutter und seine Schwester unterstützen. Aber vor allem fragte er sich, ob die Kinder das alles problemlos überstanden hatten. Er hatte große Angst davor, dass die Kinder auch behindert sein könnten. Auf seine Fragen hin konnte keiner der Ärzte ihm sagen, was auf ihn zukommen würde. Vorsorglich wurde nochmals eine Ultraschalluntersuchung durchgeführt und so wie es aussah, waren die Ungeborenen gesund. Es wurde überlegt, Leni nach Hause zu entlassen, aber wegen der fortgeschrittenen Schwangerschaft sah man vorerst davon ab, denn für eine Geburt wäre es doch noch einige Wochen zu früh gewesen. Solange sie in der Klinik weilte, konnte man ihr sofort einen Wehenhemmer geben, falls verfrühte Wehen einsetzen sollten.

Die Wochen vergingen und allmählich erkannte Leni ihre Besucher, Pfleger und Ärzte. Sie wurde jedes Mal sehr unruhig, wenn Johannes für ein paar Stunden nicht an ihrem Bett war. Er hatte mittlerweile eine Therapie begonnen und um den Kopf etwas freizubekommen, ging er hin und wieder zum Laufen oder ins Fitnessstudio. Zudem musste er sich auch endlich um einen neuen Job kümmern und noch dazu machte sich bei ihm das Schlafmanko bemerkbar, so dass er einfach nicht mehr Tag und Nacht bei ihr sein konnte. Dank des ausgeklügelten Plans von Max war fast immer jemand bei Leni, so dass sie selten alleine war. Die jeweiligen Besucher redeten viel mit ihr oder lasen ihr vor. Sie selber war aber immer noch nicht in der Lage, richtig zu sprechen, obwohl die Logopädin bereits angefangen hatte, mit ihr zu üben.

3

Für Lenis Geburtstag Anfang Oktober hatte Max sich etwas ganz Besonderes ausgedacht. Er war am Abend zuvor angereist, kam gleich morgens in die Klinik und stellte den Fernseher an. Er hatte mit Hilfe von Lenis Bruder Tobias ein Video zusammengestellt, in dem alle Freunde und Verwandte Leni zum Geburtstag gratulierten. Die beiden Brüder setzten sich zu Leni aufs Bett, wobei Johannes den Arm um sie gelegt hatte, und sie warteten gespannt auf ihre Reaktion. Zunächst schien sie nicht zu verstehen, was da vor sich ging, dann liefen ihr plötzlich Tränen über das Gesicht und sie versuchte, etwas zu sagen. Johannes nahm sie ihn den Arm, küsste sie sanft und gratulierte ihr zum Geburtstag und auch Max ließ es sich nicht nehmen, sie zu drücken und ihr zu gratulieren. Sie zeigte auf sich, schaute die beiden ungläubig an und versuchte „Geburtstag“ zu sagen.

„Ja, Frau Kaiser, mein liebes Schätz-chen, heute ist dein Geburtstag“, bestätigte Johannes und nahm sie erneut in den Arm.

Leni gab den beiden zu verstehen, dass sie das Video nochmals sehen wollte und Max tat ihr den Gefallen natürlich gerne. Sie versuchte, die Personen, die jeweils auf dem Bildschirm erschienen, zu erkennen und zu benennen. Aber ihre Sprachfähigkeit war immer noch sehr eingeschränkt.

Max war so begeistert von diesem erneuten Fortschritt, dass er ein Foto von Leni machte. Leider hatte er nicht viel Zeit und musste sich bald wieder verabschieden. Aber er schickte das Foto an alle Freunde und Verwandte von Leni und schrieb dazu: Dornröschen ist aufgewacht und bedankt sich für eure Glückwünsche. Worauf sein Handy noch stundenlang piepste und er unzählige Fragen beantworten musste.

Leni zeigte auf ihre Finger und versuchte zu fragen, wo ihre Ringe seien. Johannes überlegte und ihm fiel ein, dass seine Mutter bei Leni gewesen war, als sie bewusstlos wurde. Er rief daraufhin sofort seine Mutter an und die bestätigte, dass sie die Ringe an sich genommen und in das kleine Seitenfach von Lenis Tasche gesteckt hätte. Dort fand Johannes sie dann auch und streifte Leni mit feierlichem Gesichtsausdruck sowohl den Verlobungsring als auch den Ehering über den jeweiligen Ringfinger und küsste sie liebevoll, worauf sie ihn anlächelte. Er konnte nicht mehr an sich halten, nahm sie fast stürmisch in den Arm und flüsterte ihr ins Ohr: „Oh, meine süße, kleine Lene, ich liebe dich so sehr.“

Kurze Zeit später gab sie ihm zu verstehen, dass sie eigene Kleider anziehen und nicht mehr in diesem Krankenhaushemd rumliegen wollte. Johannes überlegte einen Moment und sah dann auf seinem Handy nach, wen Max als Nächstes eingeteilt hatte.

„Du hör mal, heute Nachmittag kommt Sarah. Die weiß sicher besser als ich, was du gebrauchen kannst. Ich ruf sie an und sag ihr, dass sie dir ein paar Sachen einpacken soll, wenn sie angekommen ist.“ Leni nickte zufrieden, machte dann aber ein nachdenkliches Gesicht. Sie konnte sich an nichts erinnern und fragte sich, warum sie an ihrem Geburtstag im Krankenhaus lag. Johannes gab sich große Mühe zu verstehen, was sie sagte, aber sie sprach so unverständlich, dass ein Gespräch fast nicht möglich war. Er erzählte ihr, dass sie eine Hirnblutung gehabt hatte und seit sechs Wochen in der Klinik lag. Sie weinte und tastete nach ihrem Bauch. „Den Kiddies geht es gut, mein Schätz-chen“, beruhigte er sie. Sie atmete erleichtert auf.

Während der nächsten Stunden kamen immer wieder mal Ärzte und Pfleger ins Zimmer, um Leni zum Geburtstag zu gratulieren. Alle waren begeistert über den munteren Eindruck, den Leni machte. Und wenn sie versuchte, sich für die Glückwünsche zu bedanken, hatte der ein oder andere Tränen in den Augen. Im Laufe der vergangen Wochen hatten alle Anteil an ihrem Schicksal genommen und freuten sich über diesen großen Fortschritt bei ihrer Genesung.

Am späten Nachmittag erschien dann Sarah mit einer Reisetasche voller Kleidung für Leni. Und da war er wieder, dieser verführerische Blick zu Johannes. Leni war von Anfang an aufgefallen, wie Sarah ihren Johannes anschaute. Zunächst war sie so verliebt gewesen, dass sie dachte, sie hätte sich getäuscht. Sarah war Gynäkologin und zudem um einiges älter als sie. Deshalb hatte sie dem keine weitere Beachtung geschenkt. Trotzdem hatte sie bei der jetzigen Schwangerschaft, solange sie noch in Freiburg wohnte, die ersten Untersuchungstermine ohne Johannes wahrgenommen. Nur beim letzten Termin, bevor sie zu ihm nach Leipzig gezogen war, hatte Johannes sie begleitet und da war sie sich ganz sicher, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Und später hatte Sarah ihr doch tatsächlich während eines Telefonats gebeichtet, wie sexy sie Johannes findet. Aber da Freiburg weit weg von Leipzig war, fand Leni das eigentlich nur amüsant und hatte es Johannes sogar erzählt. Als sie vor ein paar Monaten wegen des Prozesses gegen ihren Entführer in Freiburg gewesen waren, war sie so schlecht zuwege, dass Sarah dachte, Leni hätte nicht bemerkt, wie heftig es zwischen ihr und Johannes geknistert hatte. Doch obwohl Leni voller Beruhigungsmittel war, hatte sie trotzdem einiges davon mitbekommen und ihr Verhältnis zu Sarah war merklich abgekühlt.

Im Moment konnte Leni sich zwar an keine Einzelheiten erinnern, aber die Funken, die zwischen Sarah und Johannes sprühten, bemerkte sie auch jetzt. Und dann besaßen die beiden doch noch die Unverfrorenheit, hinter der Schranktüre beim Einräumen von Lenis Kleidung heftig miteinander zu flirten. Sie konnte nicht reden, aber ihre Ohren funktionierten ganz gut und sie regte sich mächtig auf. Wenn sie gekonnt hätte, wäre sie aus dem Bett gesprungen und so versuchte sie, so gut sie konnte, nach Johannes zu rufen. Aber der war so vertieft in das Geplänkel mit Sarah, dass er ihr wiederholtes „Jo“, das eher wie „oh“ klang, lange nicht hörte. Dann kam er aber an ihr Bett, sah sie fragend an und fragte dann relativ barsch: „Was ist los?“ Kein Schätz-chen oder sonst ein liebes Wort. Das brachte Leni mächtig auf die Palme und sie zeigte erst auf ihn und dann auf Sarah und drohte mit dem Zeigefinger. Sie gab ihm zu verstehen, dass sie hören konnte und zeigte zudem mit dem Zeige- und Mittelfinger auf ihre Augen und dann auf ihn. Johannes verstand und es war ihm furchtbar peinlich. Was mach ich da und dann noch vor ihren Augen?, fragte er sich selber. Er nahm sie zärtlich in den Arm und küsste sie sanft. Leni weinte und wollte Sarah nicht mehr sehen. Die jedoch tat, als wenn nichts wäre und fragte Leni, was sie denn jetzt anziehen wolle. Aber Leni blieb bockig und als Sarah Johannes bat, mit auf den Gang zu kommen, hielt Leni ihn fest. Sie gab Johannes, indem sie die Hand über ihren Kopf hielt und ein rauschendes Geräusch von sich gab, zu verstehen, dass sie duschen wollte.

„Hm, ja, wie soll ich das anstellen. Ich rufe eine Pflegerin.“ Die suchte dann zusammen mit Leni etwas zum Anziehen aus und mithilfe von Johannes brachte sie Leni ins Bad, zog sie dann aus und setzte sie auf einen Duschhocker. Leni war selig, als sie das Wasser auf ihrem Körper spürte. Dabei entging ihr, dass Sarah immer noch da war und wieder versuchte, mit Johannes zu flirten. Der blieb dieses Mal standhaft und schickte sie zu sich nach Hause, bat sie aber, am nächsten Morgen zu Leni zu kommen, da er einige Termine hatte.

„Und du?“, wollte Sarah wissen, trat ganz nah an ihn ran und legte ihm die Hand auf die Brust und hielt ihm ihren Mund entgegen. „Kommst du nicht nach Hause?“, fragte sie und sah ihn wieder mit diesem verführerischen Blick an.

„Ich weiß noch nicht“, wich er ihr aus und löste sich von ihr, obwohl die Versuchung groß war. Aber er hatte nicht vor, seine kranke Frau mit einer ihrer Freundinnen zu betrügen. Er liebte Leni sehr und wollte sie gar nicht betrügen, egal mit wem. Aber Sarah machte es ihm nicht leicht, standhaft zu bleiben.

„Am besten, du gehst jetzt“, sagte er mit belegter Stimme. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen. „Verdammt noch mal, geh endlich“, sagte er jetzt aufgebracht.

Zum Glück rief ihn die Pflegerin, weil sie seine Hilfe brauchte, um Leni aus dem Bad zu bringen und fertig anzuziehen. Und als die beiden mit Leni ins Zimmer zurückkamen war Sarah zum Glück verschwunden.

Leni schaute ihren Mann nachdenklich an. Der nahm sie in den Arm und sagte leise: „Hmm, Frau Kaiser, Sie riechen aber fein heute“, und lächelte sie an. Als Leni ihn weiterhin vorwurfsvoll ansah sagte er: „Keine Angst Schätz-chen, Sarah ist gegangen, sie kommt erst morgen früh wieder. Da bin ich dann aber nicht da, ich habe einige Termine.“ Leni nickte und zeigte auf das zweite Bett und gab ihm zu verstehen, dass er in der Nacht dort schlafen solle. „Ja sicher, das mach ich. Hör zu, Liebes, ich liebe dich und zwar nur dich.“ Er nahm sie in den Arm und küsste sie zärtlich und war erstaunt, als Leni den Kuss erst sanft und dann heftiger erwiderte. „Na, Frau Kaiser, was wird denn das?“, fragte er scherzhaft und lachte sie an.

Als er sie wie gewohnt nach dem Abendessen einölte, nahm sie seine Hand und legte sie zwischen ihre Beine. Er war total überrascht und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Da lag sie, ziemlich abgemagert und immer noch mit einer Windel unterhalb des dicken Bauchs und zeigte so etwas wie Verlangen. Er fragte deshalb ziemlich unsicher: „Lene, was willst du?“ Sie nahm seine Hand und bewegte sie auf ihrem Venushügel hin und her. „Das ist jetzt aber nicht dein Ernst“, Johannes war schockiert. Will sie wirklich befriedigt werden? Das kann doch nicht sein, dachte er. Er deckte sie wieder zu und murmelte: „Also Lene, das geht doch wirklich nicht. Werd erst mal wieder gesund, Schätz-chen“. Leni blieb hartnäckig, fummelte an seiner Hose rum und versuchte, den Reißverschluss zu öffnen.

„Lene, bitte lass das“, keuchte Johannes mit belegter Stimme. Aber irgendwie schaffte sie es tatsächlich, sein mittlerweile erigiertes Glied aus der Hose zu befreien und sie dirigierte ihn so, dass er neben ihrem Kopf stand und dann nahm sie „Little Joe“, wie sie sein Glied in intimen Stunden nannte, tatsächlich in den Mund und begann, daran zu lecken und zu saugen. Zunächst versuchte er, sich dagegen zu wehren, aber der Genuss war zu groß und er kam relativ schnell, wobei Leni sich fast verschluckte hätte.

Er sah sie danach erst mal ganz verdutzt an. Alles hätte er erwartet, aber nicht das. Sie konnte nicht richtig laufen und sprechen, aber Gefühle hatte sie trotzdem und das Verlangen nach ihm war zurückgekehrt, vermutlich war es aber auch die Eifersucht, die sie dazu angestachelt hatte.

„Lene, Lene, du bist doch immer wieder für eine Überraschung gut“, er lachte leise, zog sich wieder richtig an und nahm sie fest in den Arm. Sie kuschelte sich, so gut es ging, an ihn und bat ihn, die Nacht bei ihr zu bleiben.

„Ja klar, mein Schätz-chen, ich war doch sonst auch immer da. Ich lass dich nicht allein“, beruhigte er sie.

Als es am nächsten Morgen Zeit für ihn war zu gehen, um zu Hause zu duschen und seine Termine wahrzunehmen, war Sarah noch nicht da. Er verabschiedete sich von Leni und erklärte ihr, dass er einen Termin beim Therapeuten und in der Uni hätte. Da sie sich an nichts, was in den letzten Monaten geschehen war, erinnern konnte, versprach er, ihr am Nachmittag alles zu erklären. Außerdem versicherte er ihr, dass Sarah jeden Moment da sein müsste.

In dem Moment, als er zu Hause ankam, huschte Sarah fast nackt ins Gästebad und behauptete, dass sie verschlafen habe. Sie blieb kurz im Flur stehen und sah ihn herausfordernd an. Johannes tat, als hätte er es nicht bemerkt und ging ins Schlafzimmer, um sich frische Kleidung rauszusuchen. Dort bemerkte er, dass sie wohl im Bett auf ihn gewartet haben musste. „Das gibt’s doch nicht“, murmelte er kopfschüttelnd. „In unserem Ehebett, die schreckt ja vor nichts zurück“, und er wurde wütend auf diese Frau.

Er ging ins Bad und zog sich aus, um zu duschen. An das, was danach geschah, konnte er sich nicht richtig erinnern.

Sarah stand lange unter der Dusche, in der Hoffnung, dass Johannes doch zu ihr käme. Schalt sich dann aber selber eine dumme Kuh und bekam fast ein schlechtes Gewissen, weil sie mit dem Mann ihrer kranken Freundin schlafen wollte. Als sie nach dem Handtuch griff, um sich abzutrocknen, stand er plötzlich da. Als sie ihn so nackt und mit erigiertem Glied vor sich stehen sah entfuhr ihr ein „Wow“. Und sie fuhr bewundernd fort: „Du bist wirklich in jeder Hinsicht ein Prachtkerl, Johannes.“ Dann sah sie in sein Gesicht und seine Augen und bekam plötzlich Angst. Mit dem stimmt was nicht, dachte sie noch, als er sie auch schon gepackt und an die Wand gedrückt hatte. Er versuchte, im Stehen in sie einzudringen, aber sie konnte noch rechtzeitig ihr Knie hochnehmen und ihm zwischen die Beine stoßen. Sie hatte ihn zwar nicht voll erwischt, aber er ließ von ihr ab und krümmte sich zusammen. Als er wieder zur Besinnung kam, spürte er Schmerzen im Genitalbereich und die kalte Dusche, die Sarah ihm über den Kopf hielt.

„Du verdammtes Dreckschwein“, schimpfte sie.

„Warum? Genau das hast du doch gewollt, oder etwa nicht?,“ fragte er verwundert.

„Aber nicht so!“, schrie sie wütend. „Leni hat mir immer von ihrem liebevollen, zärtlichen Mann vorgeschwärmt, aber davon kann ja wohl keine Rede sein.“

„Du bist ja auch nicht Lene und wenn du mich die ganze Zeit scharfmachst, dann sollst du deinen Lohn dafür haben“, erwiderte er sarkastisch. Dann wurde er laut: „Am besten du packst sofort deine Sachen und verschwindest, ich will dich hier nie wieder sehen, du verdammte Nutte.“

„Verdammt Johannes, du bist krank. Du brauchst Hilfe“, versuchte sie einzulenken.

„Das weiß ich selber“, knurrte er. „Ich bin schon in Behandlung“, gab er kleinlaut zu.

Johannes war zum einen entsetzt über sich selber, aber auch verdammt sauer auf Sarah, die es darauf angelegt hatte, mit ihm zu vögeln. Zum Glück hatte er gleich einen Termin bei seinem Psychotherapeuten. Er hoffte inständig auf dessen Hilfe, denn weitere solche Aussetzer konnte und wollte er sich nicht erlauben.

Der Therapeut hörte Johannes dann lange aufmerksam zu und stellte nur ein paar kurze Fragen, wenn Johannes verstummte und riet ihm zum Schluss der Sitzung, sich in stationäre Behandlung zu begeben. Dies lehnte Johannes aber vehement ab, mit der Begründung, dass er seine Frau jetzt nicht alleine lassen könnte. Der Arzt verstand die Situation und verschrieb ihm daraufhin ein Medikament, machte ihn aber darauf aufmerksam, dass es zunächst zu Potenzstörungen führen könnte. Da seine Frau krank und zudem hochschwanger war, wäre das wohl im Moment das kleinste Problem, meinte Johannes und verabschiedete sich. Er fuhr anschließend zur Uni, um in die Technik des Hörsaals eingewiesen zu werden, da die Vorlesung, die er in der kommenden Woche halten sollte, digital übertragen werden sollte.

Danach machte er sich sofort auf den Weg zur Klinik und hoffte, dass Sarah nicht mehr dort war. Er öffnete vorsichtig die Zimmertür und sah, dass Leni mit dem Ergotherapeuten beschäftigt war. Erleichtert stellte er fest, dass sonst niemand im Raum war.

„Ihre Frau hat aber mächtig Fortschritte gemacht“, begrüßte ihn der Therapeut und Leni lächelte ihn stolz an. Bisher hatte sie alle Therapien mehr oder weniger passiv über sich ergehen lassen. Aber jetzt hatte sie der Ehrgeiz gepackt, denn sie wollte so bald wie möglich wieder nach Hause.

Später fragte Johannes Leni, ob Sarah denn nicht gekommen wäre. Wie er aus ihrem Gestammel entnehmen konnte, war sie nur ganz kurz dagewesen und dann nach Hause abgereist. Leni spürte, dass mit Johannes etwas nicht in Ordnung war, aber er wiegelte ab und murmelte etwas von müde und Kopfschmerzen. Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er ihr auswich, aber im Moment machte es keinen Sinn, weiter zu bohren, das wusste sie auch.

Sarah war mächtig sauer auf Johannes und aus Wut und Enttäuschung rief sie bei Max an und berichtete ihm, was vorgefallen war, verschwieg aber wohlweislich, wie sie Johannes angemacht hatte. Daraufhin informierte Max seine Eltern und sie beschlossen, nach Leipzig zu fahren, um mit Johannes zu reden. So konnte es absolut nicht weitergehen. War denn jetzt keine Frau mehr vor ihm sicher, fragten sie sich bang. Sie kamen gegen Abend in Leipzig an und während die Eltern in der Wohnung blieben, fuhr Max zur Klinik.

Johannes sah erstaunt zur Tür, als Max in das Krankenzimmer kam. „Was machst du denn hier?“, fragte er deshalb auch verwundert.

„Komm mit auf den Gang“, forderte Max ihn auf. Johannes hatte keine Ahnung, was das zu bedeuten hatte, merkte aber, dass Max ziemlich wütend war und folgte der Aufforderung.

„Also, was ist los?“, fragte er nochmal.

„Sarah hat mich angerufen“, zischte Max. „Sie hat mir erzählt, was du dir schon wieder geleistet hast“.

„Sarah?“ Johannes schaute seinen Bruder erstaunt an.

„Fuck! Tu doch nicht so unschuldig, Alter!“, Max war kaum noch zu bremsen. „Erst Leni, jetzt Sarah. Sag mal, hast du sie noch alle?“

Johannes schüttelte verzweifelt den Kopf. „Die wollte das doch, die hat mich die ganze Zeit scharfgemacht“, verteidigte er sich.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass du ziemlich Hochdruck hast, jetzt wo Leni schon so lange außer Gefecht ist, aber kannst du dir nicht selber einen runterholen?“, entgegnete Max seinem Bruder vorwurfsvoll. „Ich hätte nie gedacht, dass du Leni betrügst, was hast du dir nur dabei gedacht, Alter?“

Johannes seufzte tief und zuckte die Schultern. „Ich weiß doch auch nicht, es war nicht meine Absicht.“ Er sah seinen Bruder hilflos an.

„Fahr jetzt nach Hause, Mutti und Vati sind da und wollen mit dir reden“. Max gab seinem Bruder die Autoschlüssel. Als Johannes protestieren wollte, sagte er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete: „Hau endlich ab, ich bleibe bei Leni.“

Johannes verabschiedete sich noch von Leni und schlich wie ein geprügelter Hund zum Ausgang. Zum einen hatte er Schmerzen im Genitalbereich und vor allem graute ihm vor dem Gespräch mit den Eltern. Auf dem Parkplatz fand er nach einigem Suchen den Wagen seines Vaters und fuhr langsam nach Hause.

Leni spürte, dass irgendwas im Gange war, aber keiner wollte ihr sagen, um was es ging. Sie sah Max fragend an, aber der wollte ihr nicht sagen, was Johannes getan hatte, das sollte er ihr schon selber beichten. Er sagte ihr nur, dass die Eltern da seien, um mit Johannes zu reden, man müsse sich ja überlegen, wie es in Zukunft weitergehen solle. Sie nickte, aber diese Information stellte sie keinesfalls zufrieden. Sie spürte, dass es um etwas Ernsteres ging, dachte aber, dass es wohl mit ihr und ihrer Behinderung zusammenhing und dass man ihr nicht die Wahrheit sagen wollte.

4

Johannes trat langsam ins Wohnzimmer, wobei er sich verlegen mit einer Hand durch die Haare fuhr und sah seine Eltern, Susanne und Paul von Moeltenhoff, die dort saßen und auf ihn gewartet hatten, kaum an.

„Guten Abend“, begrüßte er sie leise. Da ihm nichts Besseres einfiel, sagte er: „Max sagte mir, dass ihr da seid. Aber ihr hättet wirklich nicht herkommen müssen.“ Auch die Eltern wussten nicht richtig, wie sie das Gespräch beginnen sollten und sahen ihn vorwurfsvoll an.

„Was hast du dir nur dabei gedacht, Junge“, fing Susanne dann doch an zu reden. Es half ja alles nichts, sie waren nicht die ganze Strecke gefahren, um sich ihren schweigsamen Sohn anzusehen, dem das schlechte Gewissen förmlich aus dem Gesicht sprang. Und dass er nicht von sich aus reden würde, das war ihnen auch klar. Er war schon immer sehr wortkarg gewesen und hatte ihnen selten seine Probleme anvertraut, obwohl sie ein sehr gutes Verhältnis zueinander hatten.

„Ja, also, ähm, ich weiß ja nicht, was Sarah Max erzählt hat, aber die Frau hat mich wirklich provoziert“, begann Johannes dann zögernd zu sprechen. „Könnt ihr euch vorstellen, dass die doch tatsächlich in unserem Ehebett lag, um auf mich zu warten?“ Er wurde lauter und betonte jedes Wort: „In dem Bett, in dem ich mit Lene schlafe!“

„Das gibt es doch nicht!“, regte sich jetzt auch Susanne auf.

„Doch und das hat mich total wütend gemacht, denn eigentlich hätte sie schon längst bei Lene in der Klinik sein sollen, als ich nach Hause kam“, fuhr er fort. „Als sie hörte, dass ich komme, ist sie schnell nackt ins Bad gehuscht und hat mich auffordernd angesehen.“

„Hör zu, Joe“, meldete sich jetzt Paul zu Wort: „Das ist zwar nicht akzeptabel, was diese Sarah da gemacht hat, aber das ist doch kein Grund, ihr Gewalt anzutun. Hast du dich tatsächlich so wenig im Griff?“

„Scheinbar“, antwortete Johannes zerknirscht. „Ich merke ja selber, dass etwas mit mir nicht stimmt, denn es war wirklich nicht meine Absicht, Sarah etwas anzutun.“ Er schwieg einen Moment betreten, bevor er begann, sich seine Probleme von der Seele zu reden. „Damals mit den anderen Kindern, die ich verprügelt habe, war es genauso, aber ihr wolltet mir einfach nicht glauben, dass es nicht meine Absicht war.“ Er versuchte zu erklären, was in solchen Situationen mit ihm passierte: „Das ist, als wenn plötzlich ein Dämon über mich herfällt und mich Dinge tun lässt, die ich normalerweise nie tun würde. Ich kann mich dann einfach nicht mehr beherrschen.“

Die Eltern waren erschüttert und schwiegen betroffen.

„Weiß Leni darüber Bescheid, was du mit ihr gemacht hast?“, unterbrach die Mutter leise sprechend die Stille.

Johannes schüttelte den Kopf: „Nein, sie kann sich an gar nichts erinnern, ich habe noch nicht rausgefunden, wie weit sie sich zurückerinnern kann. Sie scheint offenbar zu wissen, dass ich ihr Mann bin und in dem Video, das Max an ihrem Geburtstag abgespielt hat, konnte sie bis auf Henrik, meinen Hamburger Freund, alle Personen beim Namen nennen.“

„Irgendwann wirst du es ihr sagen müssen“, meinte Susanne vorsichtig. „Sonst wird es dich noch mehr belasten.“

„Ja sicher, aber nicht in dem Zustand, in dem sie jetzt ist. Mein Therapeut meinte, dass sie, sobald sie sich stabilisiert hat, an einer Sitzung teilnehmen sollte, damit er ihr erklären kann, wie es um mich steht.“ Er seufzte tief. „Arme Lene, ich hoffe, sie verkraftet das.“

„Sie liebt dich abgöttisch, das wird ihr helfen“, sagte Susanne und nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Demnach bist du also in Behandlung?“

„Ja, ich habe mit der Psychologin in der Klinik gesprochen und die hat mich dann an einen Kollegen überwiesen. Der Therapeut hat mir heute ein Medikament verschrieben und ich hoffe, dass mir das helfen wird.“ Johannes war sichtlich unglücklich und die Eltern spürten, dass er sich mal so richtig aussprechen musste.

„Ich dachte, Leni macht dich glücklich und ich habe das Gefühl, dass sie dir gut tut. Warum dann plötzlich dieser Wandel?“, versuchte Susanne, ihren Sohn zum Sprechen zu animieren.

„Ja Mutti, Lene ist genau die Frau, die ich gesucht habe“, bestätigte er und ein kleines Lächeln huschte über sein ernstes Gesicht. „Sie macht mich unendlich glücklich und ich hatte gehofft, dass alle meine Probleme damit gelöst wären.“

„Was denn für Probleme, Joe?“, fragte Paul jetzt vorsichtig nach.

Johannes seufzte und hatte sichtlich Mühe, sich zu überwinden, mit seinen Eltern über das, was ihn schon seit seiner Jugend belastete, zu reden. Die Eltern sahen ihn auffordernd an und nach einigem Zögern begann er zu erzählen: „Na ja, ihr wisst doch selber, dass Max schon als kleiner Junge festgestellt hat, dass meiner“, er deutete auf seinen Schritt, „um einiges größer ist als seiner“. Die Eltern nickten. „Ihr habt ihm damals noch erzählt, dass ich ja älter und größer sei und seiner sicher noch wachsen würde, aber mit dieser Erklärung gab er sich natürlich nicht lange zufrieden. Als wir dann älter wurden, hat er immer so getan, als wäre ich abnormal, bis ich es wirklich geglaubt habe.“ Die Eltern schauten sich betreten an und nickten wiederum.

„Als uns dann später die ganzen Mädchen nachliefen, hat er eine nach der andern flachgelegt, das wisst ihr ja auch. Mir hat er dauernd erzählt, dass ich mit meinem Riesending die Mädchen kaputt machen würde und deshalb habe ich mich lange gar nicht getraut, es mit einer zu versuchen“.

Er sah jetzt seinen Vater vorwurfsvoll an: „Und du warst mir ja auch keine große Hilfe. Hättest du mir mal gesagt, dass ich ganz normal bin, dann hätte ich vielleicht keine so mächtigen Komplexe aufgebaut.“

Susanne sah ihren Mann vorwurfsvoll an: „Der Junge wollte mit dir reden?“, fragte sie ihn dann.

Paul wand sich: „Na ja, ich bin in solchen Sachen wohl auch nicht der große Ratgeber“, meinte er leicht verlegen.

Susanne schüttelte leicht den Kopf: „Wenn ich gewusst hätte, mit was für Problemen du dich rumplagst, mein Junge. Warum hast du denn nichts gesagt?“, wandte sie sich an ihren Sohn und fuhr fort: „Ich hätte eher gedacht, dass Max Minderwertigkeitsprobleme bekommt, weil er nicht so gut ausgestattet ist wie du.“ Nach kurzem Überlegen meinte sie nachdenklich: „Die hatte er vielleicht auch und hat das kompensiert, indem er dich als abnormal bezeichnet und die Mädchen der Reihe nach vernascht hat.“

„Aber das kann doch nicht die ganze Erklärung für deine jetzigen Aussetzer sein“, forschte Paul weiter.

Johannes schwieg eine Weile betreten und fuhr dann fort: „Diese Aussetzer waren fast immer da, außer während der Zeit, als ich die Tabletten genommen habe. Ich hab euch nur nichts gesagt. Aber die dämlichen Mädchen haben einfach nicht lockergelassen und haben mich ständig bedrängt. Vielleicht waren sie auch neugierig, ob das stimmt, was Max rumerzählt hat.“ Er atmete kurz durch, bevor er weitersprach. „Obwohl ich vielleicht nach außen so nüchtern wirke, bin ich doch sehr romantisch veranlagt und habe auf die große Liebe warten wollen. Jedenfalls, die ein oder andere hat sich mir angeboten wie eine Nutte und das hat mich dann doch so wütend gemacht, dass ich sie mir genommen habe. Hinterher waren sie natürlich schockiert und sauer, aber ich habe ihnen dann gesagt, dass sie es doch so gewollt hätten und dass sie nicht das Gegenteil beweisen könnten, da alle anderen gesehen hatten, wie sie mich angemacht hatten.“ Er schwieg betreten und war trotzdem froh, dass er es seinen Eltern gebeichtet hatte.

„Also wenn ich das recht verstehe, dann hast du diese Aussetzer immer dann, wenn du wütend bist?“, fragte Susanne nach und sah ihren Sohn forschend an.

„Ja genau, wenn ich wirklich so richtig wütend bin. Dann habe ich das Gefühl, jemand legt einen Schalter um und ich kann mich hinterher oft auch nur bruchstückhaft daran erinnern.“

„Und was war mit Melanie?“, wollte Susanne dann wissen. Wenn sie ihren Sohn schon zum Reden gebracht hatten, dann sollte er auch alles erzählen.

„Na ja, also Melanie, die hat das etwas schlauer angestellt als die anderen. Sie hat mich nicht bedrängt, sondern regelrecht umgarnt. Erst nach unserer Hochzeit hab ich erfahren, dass sie mit ihren Freundinnen gewettet hatte, dass sie mich rumkriegt und ich sie heirate. Jedenfalls hat sie dann später meine plumpen Versuche, mit ihr zu schlafen klaglos über sich ergehen lassen und sie hat mir dann auch das ein oder andere beigebracht. Aber als sie dann nach ein paar Monaten von heiraten sprach, war mir das doch zu früh. Ich wollte erst mein Studium beenden, bevor ich mich binde. Ich mochte sie zwar irgendwie, aber die große Liebe, die ich mir gewünscht hatte, war sie nicht. Ich sagte ihr, dass ich gerne eine Familie gründen möchte, aber erst wenn ich in der Lage bin, sie zu ernähren. Aber sie hatte damals schon Pläne gemacht und gemeint, dass sie ja bald mit ihrer Ausbildung fertig sei und wenn wir bei euch auf dem Hof leben könnten, dann würde ihr Verdienst für unseren Lebensunterhalt ausreichen. Da hab ich dann die Reißleine gezogen und bin nach Freiburg gezogen, um meinen Fachanwalt zu machen. Ich dachte, da wäre ich weit genug weg.“ Er zuckte die Schultern und fuhr fort mit seinem Monolog: „Aber sie hat mich ständig angerufen und mir erzählt, wie sehr sie mich liebt und vermisst und dann ist sie mir, nachdem sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, tatsächlich gefolgt und da hab ich dann eben nachgegeben und sie geheiratet.“ Er hielt inne.

„Ja gut, das wissen wir ja, aber was ist dann passiert?“, wollte Susanne wissen. „Dass ihr nicht wirklich glücklich wart, war nicht zu übersehen und sie hat sich mehrmals bei mir beklagt, aber ich habe ihr nicht geglaubt.“

„Kaum hatte sie den Ring am Finger und meinen Namen im Pass, da war von Liebe keine Rede mehr. Als ich ihr sagte, dass ich Kinder möchte, hat sie mich ausgelacht. Sie hat mich nicht mehr rangelassen. Und manchmal war ich halt so wütend, dass ich sie mir mit Gewalt genommen habe. Wäre der Kleine nicht gewesen, dann hätte ich mich längst scheiden lassen. Aber ihr wisst, wie sehr ich meinen Sohn geliebt habe. Und nachdem er zur Welt gekommen war, hab ich Melli auch nicht mehr angerührt.“ Alle drei schwiegen und hingen einen Moment ihren eigenen Gedanken nach.

„Aber sag mal“, führte Susanne das Gespräch weiter, „wie war das mit Leni? Du hast sie doch kennengelernt bevor du das mit Jessica angefangen hast und nach Hamburg gezogen bist?“

„Ja natürlich, ich habe sie ja in Freiburg auf der Baustelle kennengelernt, als sie mir trotzig ins Gesicht geschaut und mir erklärt hat, dass ich als Kunde zwar der König, sie aber die Kaiserin sei“, er lächelte, als er an ihre erste Begegnung dachte. „Sie war so süß. Und als sie mir dann ihre Pläne erklärte, wie wir meine Wünsche und ihre Vorstellungen einigermaßen unter einen Hut bringen könnten, da hat sie mir echt imponiert und ich habe zu allem ja und amen gesagt.“ Er grinste verlegen. „Dann hab ich sie aber aus den Augen verloren und ich hatte auch keinen Kopf dafür, denn das war ja kurze Zeit nach dem Unfall und außerdem hatte ich angefangen, meine Doktorarbeit zu schreiben“.

„Aber ich dachte, ich hättet dann im selben Haus gewohnt?“, warf Susanne ein.

Johannes erzählte seinen Eltern von dem Schlabberlook, den sie in ihrer Freizeit trug und von der Party, auf der Leni sich zu erkennen gab. „Das war echt peinlich“, endete er.

Die Eltern grinsten sich an, denn sie konnten sich gut vorstellen, wie unbehaglich ihr so korrekter Sohn sich gefühlt haben musste. Außerdem hatte Max natürlich gleich nach seiner Rückkehr aus Freiburg die Geschichte im Familienkreis zum Besten gegeben. Sie sahen ihn erwartungsvoll an.

„Ja, also, ich hatte mich fast den ganzen Abend mit Tobias, also dem Bruder von Lene, unterhalten und zugeschaut, wie Max sie angebaggert hat. Ich wollte sie vor ihm warnen und habe sie deshalb zum Tanzen aufgefordert, was sie mir ziemlich frostig gestattete. Sie war wohl immer noch sauer wegen des Ärgers, den ich ihr und dem Bauleiter gemacht habe.“ Sein Blick wurde weicher, als er leise fortfuhr: „Kaum hatte ich sie im Arm, da hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich diese Frau ewig im Arm halten und streicheln und liebkosen möchte. Ich hatte so ein Verlangen nach Zärtlichkeit, das hat mich fast umgehauen. Und als ich in ihre schönen, grünen Augen sah, merkte ich, dass sich auch bei ihr etwas getan hatte. Sie war plötzlich nicht mehr abweisend, sondern sah mich verwirrt an. Meine Gefühle haben mich so überwältigt, dass ich damit nicht umgehen konnte und mir fiel nichts Dümmeres ein, als sie zurückzuweisen.“ Er schüttelte den Kopf über seine eigene Dummheit. „Max hat Recht, ich bin ein Idiot. Ich habe einfach nicht die Kurve gekriegt, aber ihm habe ich verboten, sie anzufassen“, wieder grinste er verlegen und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Ja, und dann kam Jessica. Wie ihr wisst, habe ich sie und ihren Vater auf einem Kongress in Hannover kennengelernt und der Alte hat mich immer wieder während der drei Tage in Gespräche verwickelt und mich dann wohl für geeignet als Schwiegersohn befunden. Jedenfalls hatte er Jessica befohlen, mich zu verführen, was ihr auch bestens gelungen ist. Sie sah ja super aus und wenn eine Frau mich so richtig umgarnt, da werde ich schwach.“ Er hob entschuldigend die Schultern. „Ihr habt sie ja kennengelernt und gemeint, dass sie gefühlskalt ist. Das Problem ist, dass sie lesbisch ist. Da ihr Vater aber unbedingt einen Nachfolger für die Kanzlei haben wollte, hatte sie sich auf das Spiel eingelassen. Aber sie hat sich jedes Mal vor dem Sex betrunken. Das hat echt keinen Spaß gemacht und außerdem konnte ich Lene nicht wirklich vergessen.“ Er machte eine Pause und trank einen Schluck Wasser, das Susanne mittlerweile eingeschenkt hatte.

„Den Rest wisst ihr ja. Max hat Lene gedrängt, zu mir nach Hamburg zu fahren, mir ist er mächtig auf die Füße getreten und hat mich eindringlich gebeten, es nicht wieder zu versauen und sie auch wirklich zu treffen.“ Er lächelte bei dem Gedanken an ihr Treffen in Hamburg und die schöne erste Nacht, die sie zusammen verbracht hatten. Wieder entstand eine lange Pause.

„Wie war das eigentlich, warum hat Tante Elisabeth sich damals das Leben genommen?“, wechselte Johannes dann plötzlich das Thema.

Die Eltern zögerten, bevor Paul antwortete: „Meine Schwester war psychisch krank und sollte in eine Anstalt eingewiesen werden und da hat sie sich vor einen Zug geworfen. Warum willst du das wissen?“

„Mein Therapeut hat mich gefragt, ob es in unserer Familie psychische Erkrankungen gibt oder gegeben hat. Ich war ja noch klein, als das mit Tante Elisabeth passiert ist und deshalb war ich mir nicht sicher, was die Ursache war. Ich hab nur so Gerüchte gehört, von wegen gemütskrank, konnte mir aber nichts darunter vorstellen. Meint ihr, das ist erblich?“, wollte er dann wissen.

„Keine Ahnung“, antwortete Susanne, „das muss dir dein Arzt doch sagen können.

„Hm, ja klar, ich werde ihn auf jeden Fall das nächste Mal fragen. Ich dachte nur an die Kinder, ich hoffe inständig, dass die gesund sind.“

Susanne nickte. „Ja, das hoffen wir auch. Aber wenn es wirklich vererbbar ist, dann gilt das ja auch für die Kinder von Gabi und falls Max doch mal Nachwuchs produzieren sollte, betrifft es ihn ebenfalls. Ihr habt ja alle denselben Vater.“ Sie seufzte tief und meinte dann: „Hoffen wir das Beste. Das Wichtigste ist jetzt erst mal, dass du deine Probleme endlich in den Griff bekommst und dass Leni wieder gesund wird.“

Währenddessen dachte Leni weiter darüber nach, was wohl mit ihr sein könnte und hatte Angst, dass sie behindert bleiben würde. Sie versuchte, Max zu erklären, dass sie jetzt fleißig ihre Übungen machte und auch das Sprechen ging schon ein wenig besser. Außerdem versuchte sie ihre Schließmuskeln zu kontrollieren, damit sie bald keine Windeln mehr brauchte.

Max sah sie erstaunt an, als sie nach einer Pflegerin klingelte und sie erklärte ihm, dass sie aufs Klo müsse. Als die Pflegerin ins Zimmer kam und Leni es ihr gesagt hatte, wollte die ihr eine Bettpfanne bringen. Dies lehnte Leni aber vehement ab, denn das wäre ihr doch wirklich zu peinlich gewesen. Also bat die Pflegerin Max um Hilfe und gemeinsam brachten sie Leni in das angrenzende kleine Badezimmer. Max hatte diskret das Badezimmer wieder verlassen und Leni schickte die Pflegerin ebenfalls vor die Tür. Sie saß dann stolz wie eine Königin auf dem Thron und freute sich, dass sie dieses Mal ihren Stuhlgang beherrscht hatte.

Die Pflegerin lobte sie anschließend, indem sie meinte: „Na Dornröschen, Sie machen jetzt aber mächtige Fortschritte“, was Leni dankbar lächelnd zur Kenntnis nahm.

Nachdem sie wieder in ihrem Bett war, bemühte sich Max, sie abzulenken, indem er versuchte, rauszufinden, an was sie sich erinnern konnte. Der Dialog war wegen ihrer Sprachstörung schwierig, aber er gab nicht so schnell auf. Er fragte sie nach ihrem Namen.

„Leni, also Helene Kaiser.“

„Und weiter, das ist doch nicht dein ganzer Name.“

Sie sah ihn verwundert an und versuchte es nochmal: „Helene Marie Kaiser.“

Max zeigte auf ihren Ehering: „Nun?“ Aber Leni verstand nicht, was er ihr sagen wollte.

„Du heißt doch Helene Kaiser-von Moeltenhoff. Hast du das etwa vergessen?“

Leni schaute betrübt und kramte in ihrem Gedächtnis, dann lächelte sie.

„Hm ja“ sie versuchte Max zu erklären, dass sie seinen an ihren angehängt hatte, weil Johannes so unglücklich war, als sie ihm gesagt hatte, dass sie ihren Namen behalten wollte.“

Max hatte große Mühe sie zu verstehen, aber da er die Geschichte weitgehend kannte, nickte er.

„Gut und was bist du von und Beruf?“ Sie strahle ihn an und versuchte, das Wort Architektin auszusprechen. Als er sie aber fragte, wo sie wohne, antwortete sie prompt: „In Freiburg.“

„Überleg mal, Leni, wo sind wir hier?“

Sie sah ihn mit großen Augen an und zuckte die Schultern. „Ich dachte, in der Uniklinik,“ stammelte sie. Max schüttelte den Kopf. „Ist dir nicht der Dialekt des Personals aufgefallen?“

„Hm, ja schon, aber polnisch und sächsisch hört man bei uns ja auch viel“, versuchte sie zu sagen.

Max lachte. „Erinnerst du dich nicht, dass du zu Joey nach Leipzig gezogen bist?“

„Leipzig?“ Sie schüttelte den Kopf und Tränen traten ihr in die Augen.

„Erinnerst du dich an eure Hochzeit?“, wollte er dann wissen. Wieder sah Leni ihn groß an und er deutete auf den Ring an ihrem rechten Ringfinger. Sie lächelte und sagte: „Jo.“

„Ja, Leni, er ist dein Mann.“ Sie nickte glücklich lächelnd und er zeigte ihr auf seinem Handy ein Bild von ihrer kirchlichen Trauung vor wenigen Monaten. Sie schaute es lange an und zog die Stirn kraus. Er merkte, wie es in ihr arbeitete und ließ es für diesen Tag gut sein.

„Ich denke, wir sollten jetzt schlafen oder was denkst du?“

Sie sah ihn zunächst erstaunt an und wollte dann wissen, ob er in dem Bett von Jo schlafen werde.

„Wenn es für dich okay ist, dann bleibe ich heute Nacht hier. Ich weiß ja nicht, wie lange der Familienrat tagt.“ Als sie nickte, schrieb er seinem Bruder eine kurze Nachricht, nicht dass der doch noch auf die Idee kam, mitten in der Nacht in der Klinik aufzutauchen.

Leni schlief schlecht in dieser Nacht. Sie machte sich Gedanken, warum Max bei ihr war und nicht ihr Mann. Zudem war es ihr irgendwie unangenehm, dass Max mit ihr in einem Zimmer schlief. Aber ganz alleine sein wollte sie wiederum auch nicht. Um auf andere Gedanken zu kommen, versuchte sie, sich an die Hochzeit und ihren Umzug nach Leipzig zu erinnern. An die standesamtliche Trauung in Freiburg konnte sie sich jetzt erinnern, vor allem daran, wie sehr Johannes sich gefreut hatte, als sie ihm nach der Trauung ins Ohr geflüstert hatte, dass sie schwanger sei. Aber alles andere lag noch ziemlich im Nebel.

Am nächsten Morgen war das Pflegepersonal zunächst ziemlich erstaunt, als sie einen fremden Mann in dem zweiten Bett vorfanden. Max erklärte, dass sein Bruder aus familiären Gründen mit den Eltern zu Hause bleiben musste und dass er sich deshalb um seine Schwägerin gekümmert habe. Während Leni frisch gemacht wurde, ging er in die Cafeteria, um zu frühstücken. Als er zurückkam, war gerade die Physiotherapeutin mit ihr beschäftigt und er bewunderte ihre Fortschritte und den Eifer, mit dem sie bei der Sache war. Wegen ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft war es nicht so einfach, sie auf die Füße zu stellen, um ein paar Schritte mit ihr zu laufen, aber als Max dann mithalf, ging es schon ganz gut. Als er ihren zarten Körper so nah spürte, wurde ihm wieder bewusst, wie sehr er diese Frau liebte und er fragte sich, wie schon so oft, warum er sie seinem Bruder überlassen hatte.

Nach der Therapie war Leni ziemlich erschöpft und machte für einen Moment die Augen zu. Max konnte nicht anders, er streichelte zärtlich ihre Wange.

„Jo?“ Leni öffnete die Augen und sah verwundert in die dunkeln Augen ihres Schwagers.

„Entschuldige Leni, ich wollte dich nicht stören“, sagte Max leise. „Hör zu, Leni, ich kann einfach nicht mehr anders, ich muss dir jetzt etwas gestehen“, begann er geheimnisvoll. Sie schaute ihn erstaunt an und fragte: „Was denn?“

Es nahm ihre Hand in seine und sprach etwas verlegen weiter: „Ja also, Leni, es ist so, ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt“, er sah sie mit großen bittenden Augen an. „So, jetzt ist es draußen“, meinte er erleichtert.

In dem Moment kam Johannes zur Tür herein und hörte, wie Leni seinem Bruder beteuerte, dass sie ihn zwar möge, aber nur Jo liebe und niemand anderen. Er räusperte sich und trat ans Bett, wo Leni ihn strahlend begrüßte und einen Kuss verlangte, den er ihr lächelnd gewährte. Leni wollte noch etwas zu Max sagen, aber sie brachte die Worte nicht raus, was sie fürchterlich aufregte und plötzlich ließ sie ein lautes, deutliches „Scheiße“ vernehmen, worauf die beiden Brüder sie erst erstaunt ansahen und dann fingen alle drei an zu lachen.

„Einige Wörter klappen doch schon ganz gut“, feixte Max, der es bedauerte, dass sein Bruder im falschen Moment ins Zimmer gekommen war. Kurz danach wurde Lenis Frühstück gebracht und Johannes half ihr geduldig beim Essen. Kaum hatte sie fertig gefrühstückt, wurde Leni mit dem Rollstuhl abgeholt und zur Logopädin gebracht.

„Was hast du Leni erzählt?“, wollte Johannes von seinem Bruder wissen, als die beiden allein im Zimmer waren.

„Nichts, warum? Also, weißt du, beichten musst du schon selber, das nehm ich dir ganz sicher nicht ab. Ich habe ihr gesagt, dass Mutti und Vati da sind, um mit dir zu besprechen, wie es in Zukunft mit euch weitergehen soll.“

Johannes nickte zustimmend.

„Außerdem hab ich versucht, ihr Gedächtnis aufzufrischen, aber sie kann sich nicht an ihren Umzug nach Leipzig erinnern, sie lebt geistig immer noch in Freiburg.“

Johannes fragte weiter: „Und vorhin, als ich gekommen bin? Was hast du ihr da gesagt?“

Max schob seine Hände in die Hosentaschen und schaute verlegen auf seine Schuhspitzen. „Na ja, sie sah so süß aus, als sie so friedlich dalag und geschlummert hat, da konnte ich einfach nicht anders. Ich hab sie gestreichelt und ihr gesagt, dass ich sie liebe. Es ist nun mal so und das weißt du auch. Sie hat mir vom ersten Augenblick an gefallen und ich versteh wirklich nicht, warum sie sich ausgerechnet in dich Griesgram verliebt hat.“

„Vielleicht weil ich zuverlässiger bin“, meinte Johannes nachdenklich. „Du musst wissen, Lene ist rasend eifersüchtig. Die hat mir vorgestern Abend ganz schön die Hölle heiß gemacht, nachdem Sarah so intensiv mit mir geflirtet hatte. Außerdem hat sie …“, er stockte, denn intime Dinge wollte er vor seinem Bruder ganz sicher nicht ausplaudern. „Jedenfalls ist so ein Casanova wie du nicht der Richtige für sie, da müsste sie ja ständig Angst haben, dass du fremdgehst.“

Max hatte immer noch die Hände in seinen Hosentaschen versenkt und hob leicht die Schultern. „Weißt du, ich denke mit einer Frau wie Leni braucht man doch gar nicht fremdzugehen. Ich könnte mir durchaus vorstellen, ihr treu zu bleiben“, meinte er und sah seinen Bruder verträumt an.

Johannes lachte: „Vergiss es, Bruderherz, du und Treue, das sind zwei Welten, du weißt doch gar nicht was das ist.“

„Aber jetzt sag schon, was hat sie vorgestern Abend gemacht?“ Max war jetzt natürlich total neugierig.

„Ich denke, das geht nur Lene und mich was an. Sie würde mich steinigen, wenn ich darüber sprechen würde. Du weißt, wie sie ist und ich mag auch nicht über unser Intimleben sprechen.“

„Du hast sie doch nicht etwa in diesem Zustand gevögelt?“

„Nein, natürlich nicht!“, entrüstete sich Johannes, war aber nicht bereit, weiter über dieses pikante Thema zu sprechen und überließ es der Phantasie seines Bruders, sich auszudenken, was da wohl geschehen war.

„Also hat sie dir einen runtergeholt oder vielleicht sogar einen geblasen?“ Max wollte nicht so schnell aufgeben.

Johannes gab keine Antwort, sondern grinste seinen Bruder nur vielsagend an.

„Mannomann, was hat sie mit dir gemacht? Sie hat dich ja total umgekrempelt. Das hätte es bei dir früher nie im Leben gegeben, dass dir eine Frau in dieser Umgebung an die Hose geht.“ Max hatte mal wieder seinen Spaß. Es gab für ihn nichts Schöneres, als seinen steifen Bruder aufzuziehen.

„Hör zu, Max, ich denke, es ist besser, wenn du jetzt gehst“, sagte Johannes nach kurzem Schweigen. „Mutti und Vati warten auf dich, die wollen wieder nach Hause zurückfahren.“ Er gab seinem Bruder den Autoschlüssel und verabschiedete sich nachdenklich von ihm.

„Verdammte Scheiße, warum muss er Lene ausgerechnet jetzt mit seinen Gefühlen belästigen?“, brummte Johannes grimmig vor sich hin, während er seinem Bruder vom Fenster aus nachschaute und auf die Rückkehr seiner Frau wartete.

Als Leni wieder ins Zimmer zurückgebracht wurde, wollte er helfen, sie ins Bett zu legen, aber sie meinte, dass sie erst zur Toilette müsse. Er sah sie erstaunt an und klingelte dann nach einer Pflegerin. Als längere Zeit niemand kam, wurde Leni unruhig, denn so gut konnte sie ihre Schließmuskeln doch noch nicht beherrschen. Als Johannes merkte, dass es wohl dringend war, nahm er sie kurzerhand auf den Arm.

„Oh Mann, sie sind aber ganz schön schwer geworden, Frau Kaiser“, stöhnte er. Sie kicherte und kuschelte sich an seine Brust. Im Bad stellte er sie vorsichtig auf die Füße und in dem Moment kam die Pflegerin, die es übernahm, Leni aus ihrer Windel zu befreien und auf die Toilette zu setzen.

„Wie haben Sie sie denn alleine hier reingebracht?“, wollte die ziemlich korpulente Pflegerin von ihm wissen.

Er lachte: „Ganz einfach, ich trage meine Frau auf Händen.“

„Oh, das ist aber schön. Bei meinem Gewicht hätte mein Mann ganz schön was zu schleppen“, meinte sie dann lachend.

Als Leni rief, dass sie fertig sei, kam die Pflegerin wieder zu ihr und hatte eine kleinere Vorlage und einen von Lenis Slips in der Hand. „Ich denke, die Windel brauchen wir jetzt nicht mehr“, meinte sie und zog Leni ihren Slip mit der neuen Vorlage an. Leni lächelte sie glücklich an und freute sich, dass sie schon wieder einen weiteren Schritt in ein normales Leben geschafft hatte. Unter Mithilfe von Johannes wurde Leni wieder in ihr Bett gebracht.

„Na, alles klar, Schätz-chen?“ fragte er zärtlich. Leni nickte, nahm seine Hand, legte sie auf ihren Bauch und sagte: „Ich liebe dich, Jo.“

„Ja, ich dich auch, meine süße Kaiserin.“ Er strich ihr über den Kopf, wobei er feststellte, dass ihre wegen der Operation kurz geschorenen Haare schon wieder etwas gewachsen waren und küsste sie zärtlich.

„Jo, ich will nach Hause“, sagte Leni unvermittelt.

„Das kann ich nicht entscheiden, Schätz-chen, da müssen wir die Ärzte fragen“, meinte er nachdenklich. Leni machte jetzt ebenfalls ein ernstes Gesicht, denn sie dachte daran, dass Max ihr erzählt hatte, dass sie jetzt in Leipzig wohnen würde.

„Na, was überlegst du?“, fragte Johannes nach.

„Wo?“, fragte sie und Johannes spürte, dass sie noch mehr sagen wollte.

„Du willst wissen, wo wir wohnen?“

Leni nickte mit Tränen in den Augen. Es machte sie traurig und wütend zugleich, dass sie nicht wusste, wo sie jetzt lebte.

„Wir haben eine wunderschöne, große Wohnung am Stadtrand von Leipzig gemietet“, erklärte er ihr, worauf sie ihn nur ungläubig anschaute.

„Lilli und Mäxle?“, fragte sie daraufhin.

Er lächelte sie an. „Ja, deine beiden Katzen sind auch dort. Denen geht es gut. Sie lieben den großen Balkon, den wir haben.“

Leni konnte sich immer noch keinen Reim darauf machen, was er ihr erzählte. In Gedanken sah sie immer noch ihre, von ihr selbst entworfene Freiburger Wohnung vor sich, wo sie auch einen schönen großen Balkon hatte.

Nach dem Mittagessen schlief sie und Johannes arbeitete an seinem Laptop, bis die Tür aufging und die Psychologin Frau Reimers hereinkam.

„Ich war gerade in der Nähe und wollte mal nachsehen, wie es unserem Dornröschen geht“, sagte sie lächelnd und trat an Lenis Bett. Die schlug die Augen auf, wusste aber nicht, wer die freundliche Frau war.

„Sie erkennen mich nicht?“, fragte sie, worauf Leni den Kopf schüttelte.

„Sie kann sich nicht an die letzten Monate erinnern“, erklärte Johannes dann. „Aber sie hat schon große Fortschritte gemacht und heute Morgen hat sie den Wunsch geäußert, dass sie nach Hause möchte“, erzählte er weiter.

Die Ärztin nickte. „Also, wenn sie das will und medizinisch nichts dagegen spricht, dann sollte das doch machbar sein“, meinte sie dann. „Man kann einen Pflegedienst engagieren, der Ihnen hilft. Ich werde mit den Kollegen reden“, versprach sie. Dann nahm sie Johannes beiseite und fragte: „Dann weiß sie also auch nicht, was passiert ist?“

„Ich habe ihr erzählt, dass sie eine Hirnblutung hatte“, antwortete Johannes ausweichend.

„Das meine ich nicht. Ich meinte, ob ihre Frau darüber informiert ist, was Sie ihr angetan haben“, erwiderte sie mit Nachdruck.

Johannes schüttelte den Kopf. „Soll ich sie wirklich in diesem Zustand damit belasten?“, fragte er. „Sie ist doch gerade dabei, wieder ins Leben zurückzufinden.“ Er sah die Ärztin fragend an.

Sie nickte: „Hm, ja, ich verstehe, aber warten Sie nicht zu lange. Und Sie, haben Sie jetzt eine Therapie begonnen?“, wollte sie von ihm wissen.

„Ja, das habe ich, bei dem Psychotherapeuten, den Sie mir empfohlen haben. Ich habe das Gefühl, er versteht meine Probleme und ich hoffe wirklich, dass die Therapie mir hilft.“

Die Ärztin trat nochmals an Lenis Bett und versuchte, ein wenig mit ihr zu reden. Nach einem Blick auf die Uhr verabschiedete sie sich wieder, versprach aber, ihre Kollegen über Lenis Wunsch zu informieren.

Am späten Nachmittag kam dann auch tatsächlich der Chefarzt ins Zimmer.

„So Frau Kaiser-von Moeltenhoff, ich habe gehört, Sie haben Heimweh“, begrüßte er Leni.

„Ja, ich will nach Hause“, bestätigte sie. Er nahm sein Tablet zur Hand und sah aufmerksam alle Einträge in ihrer Krankenakte durch, wobei er mehrmals kurz nickte. „Das sieht doch schon alles ganz gut aus. Aber eigentlich müssten Sie noch in eine Reha.“

Leni sah ihn daraufhin total entsetzt an und schüttelte energisch den Kopf. „Nein, keine Reha“, bat sie und Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie dachte voller Schrecken an die Rehaklinik, in der sie nach ihrer Entführung und dem anschließenden Trauma gelandet war. Sie wollte einfach nur bei Johannes und ihren Katzen zu Hause sein und auf die Geburt ihrer Kinder warten. Egal wo dieses Zuhause auch war, Hauptsache zusammen mit ihrem geliebten Mann.

Der Arzt tätschelte ihr die Schulter und sagte: „Ich werde mich morgen früh mit meinen Kollegen und Ihren Therapeuten besprechen. Vielleicht können wir die Therapien ambulant fortführen.“ Leni lächelte ihn dankbar an.

Die Vorstellung, bald die Klinik verlassen zu können, machte sie fast euphorisch und wenn sie gekonnt hätte, wäre sie aus dem Bett gehüpft und durch den Raum getanzt. Johannes lächelte, als er sah, wie aufgeregt sie in ihrem Bett rumzappelte. Er setzte sich zu ihr auf das Bett und zog sie in seine Arme.

„Das klingt doch ganz gut“, meinte er zuversichtlich und Leni nickte zustimmend.

„Ich freu mich so“, stammelte sie aufgeregt. Er war froh, dass sie vor kurzem umgezogen waren und das Haus, in dem sie jetzt wohnten, einen Lift hatte. So sollte es kein Problem sein, Leni in die Wohnung und auch wieder zum Auto zu bringen.

Am Abend half er ihr aus ihren Kleidern und zog ihr das Nachthemd an, danach ölte er ihr wieder wie gewohnt den Bauch ein. Sie nahm seine Hand, legte sie zwischen ihre Beine und sah ihn bittend an.

„Lene, Schätz-chen, das geht doch nicht“, wehrte er ab. „Was machen wir denn, wenn jemand kommt? Du musst doch gleich noch deine Spritze kriegen“, fügte er erklärend hinzu, als er ihre Enttäuschung sah. Er sah, wie ihre aufgestellten Brustwarzen fast das Nachthemd durchbohrten und fühlte, wie sich auch bei ihm eine Erregung bemerkbar machte. Er flüsterte ihr ins Ohr: „Lass uns warten bis heute Nacht, da stört uns niemand.“

„Versprochen?“

Er nickte ihr verschwörerisch zu: „Versprochen.“

Johannes hatte die Schuhe ausgezogen und sich zu Leni aufs Bett gesetzt. Er küsste und liebkoste sie zunächst sanft, dann schob er ihr Nachthemd hoch und streichelte ihre Brüste, während ihre Hände unter seinem Sweatshirt sanft über seinen Rücken wanderten. Er wollte gerade anfangen, ihre Brustwarzen mit dem Mund zu bearbeiten, als die Tür aufging.

„Guten Abend, es tut mir leid, dass ich so spät komme, aber wir hatten noch einen Notfall“, sagte der Arzt, der jetzt das Zimmer betrat. Leni wurde rot und zog sich schnell die Bettdecke bis zum Hals hoch und Johannes fuhr sich verlegen mit der Hand durch die Haare. Der Arzt beäugte ihn kritisch und trat dann an das Bett.

„Ich habe gehört, Sie möchten nach Hause?“ Er sah Leni fragend an.

„Ja bitte“, wisperte Leni noch immer etwas verwirrt. Mit dieser späten Störung hatten sie beide nicht gerechnet.

„Na dann schaun wir doch mal. Gewisse Reflexe scheinen ja schon wieder ganz gut zu funktionieren“, meinte er zweideutig und zwinkerte ihr zu. Worauf Leni erneut die Röte ins Gesicht schoss.

Er leuchtete ihr in die Augen und testete alle möglichen Reflexe, wobei er jedes Mal zufrieden nickte. Er animierte sie zum Sprechen und meinte dann, dass man daran wohl noch arbeiten müsse, aber dass das ambulant gut machbar wäre.

„Na und wie steht es mit dem Laufen?“, wollte er dann wissen. Leni hob resigniert die Schultern.

„Wegen ihrer Schwangerschaft traut man sich nicht, sie richtig laufen zu lassen. Man hat zu viel Angst, dass sie stürzen könnte“, warf Johannes ein.

„Ja schon, aber mit einem Rollator sollte es doch gehen.“ Zu Leni gewandt sagte er dann: „Es ist wichtig, dass sie sich bewegen. Ich werde dafür sorgen, dass man Ihnen einen Rollator bringt.“

Er verabschiedete sich und wünschte eine gute Nacht, wobei er Johannes streng ansah. Als er gegangen war, sahen die beiden sich an wie Kinder, die man bei etwas Verbotenem erwischt hatte und Johannes meinte: „Na, da haben wir aber Glück gehabt, dass er nicht noch später kam.“ Leni nickte und kicherte verlegen. Er setzte sich wieder neben sie, legte ihr den Arm um die Schulter und sie ließ ihren Kopf an seine Brust sinken.

„Ich will endlich nach Hause“, jammerte sie nach einigen Minuten.

„Ja, mein Schätz-chen, ich weiß, ich hätte dich auch gerne wieder zu Hause.“

Ganz allmählich begannen sie sich wieder zu liebkosen. Als die Berührungen leidenschaftlicher wurden, zog er seine Hose aus und legte sich zu ihr auf das Bett.

„Pscht, Lene, nicht so laut“, bremste er sie, als sie anfing zu stöhnen. „Man hört dich sicher in den Nachbarzimmern und auf dem Gang.“ Daraufhin machte Leni den Fernseher an und stellte ihn relativ laut ein. Als sie dann wieder anfingen mit dem Liebesspiel, grub sie ihren Mund in seine Schulter, um nicht gehört zu werden. Er brachte sie ganz allmählich, mit dem Mund an ihrer Brust und der Hand, die mittlerweile den Weg in ihren Slip gefunden hatte, zum Höhepunkt. Danach zog sie ihren Slip ganz aus und legte ihren Unterleib quer über seinen.

„Lene, was wird das jetzt wieder?“, fragte er und lachte leise. Sie nahm sein Glied, hielt es vor ihre Vagina und begann ihre Hand rauf und runter zu bewegen.

„Bevor du kommst, will ich Little Joe aber haben“, flüsterte sie erregt.

„Lene, das geht doch nicht“, wollte er abwehren.

„Nur ein ganz kleines Stückchen“, bettelte sie und kurz bevor er explodierte, führte er dann auch die Spitze behutsam in sie ein. Sie drückte sich fester an ihn, so dass er noch etwas tiefer in sie eindrang.

„Lene, du bist eine Hexe, weißt du das?“, schalt er sie leise, als er wieder zu Atem gekommen war.

„Warum denn, das macht doch nichts, wir bewegen uns doch gar nicht. Ich wollte ihn einfach mal wieder spüren“, flüsterte sie entschuldigend. „Nach der Entbindung gibt es eine lange Durststrecke“, fügte sie erklärend hinzu.

Sie blieben eine Zeitlang eng umklammert liegen, bis es Johannes zu unbequem wurde, da das Bett eindeutig nicht für zwei Personen ausgelegt war. Zudem brauchte Leni für ihren dicken Bauch einiges an Platz. Als er sich von ihr lösen wollte, protestierte sie maulend.

„Hör zu Schätz-chen, ich hänge halb in der Luft und habe mittlerweile einen ganz kalten Hintern“, sagte er leise lachend und stand auf. Er machte den Fernseher aus, umarmte und küsste sie nochmals und legte sich in das andere Bett. Nachdem sie ihm nochmals bestätigt hatte, wie sehr sie ihn liebte, schlief Leni selig lächelnd ein.

Als die Nachtschwester am frühen Morgen in das Zimmer kam, fand sie eine glücklich lächelnde Leni vor. Als sie an das Bett trat, meinte sie einen gewissen Geruch zu bemerken, dachte aber, sich getäuscht zu haben.

„Könnten Sie mir bitte helfen, Schwester Sonja, ich muss mal zur Toilette“, bat Leni sie.

„Ich weiß nicht, ob wir beide das alleine schaffen“, zögerte die Pflegerin. Aber mittlerweile war Johannes wach und half mit, Leni ins Bad zu bringen. Die Pflegerin blieb noch bei Leni, bis diese sicher auf der Toilette saß und als sie die Vorlage wechselte, wusste sie, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Sie sah Leni an, die daraufhin rot wurde und den Finger auf die Lippen legte.

„Bitte nicht weitersagen.“

„Kann ihr Mann sich denn nicht zurückhalten?“, fragte die Schwester vorwurfsvoll.

„Er schon“, gestand Leni und wurde erneut rot.

Die Pflegerin lächelte wissend und als Leni fertig war, brachte sie sie zusammen mit Johannes wieder ins Bett.

„So ein Mist, sie hat es gemerkt“, flüsterte Leni, als die Pflegerin gegangen war. Nachdem Johannes kapiert hatte, was sie meinte, lächelt er sie verlegen an. Leni zuckte die Schultern und meinte: „Na ja, vielleicht schicken sie mich ja jetzt gleich nach Hause.“

„Oh Lene“, Johannes schüttelte lachend den Kopf.

Nachdem Leni gefrühstückt hatte, fuhr Johannes nach Hause, um die Katzen zu versorgen und um selber zu duschen und zu frühstücken. Als er zurückkam, hatte Leni gerade ihre Physiotherapie beendet.

„Na, wie geht es dir, mein Schätz-chen?“ Er streichelte ihr über den Kopf und küsste sie zärtlich.

Sie strahlte ihn an: „Blendend.“

Kurz darauf kam ein Pfleger ins Zimmer. „Dornröschen, ich soll Sie in die Gynäkologie zur Untersuchung bringen.“ Er setzte sie in einen Rollstuhl und unter Begleitung von Johannes wurde sie in den gynäkologischen Untersuchungsraum gebracht und auf eine Liege gelegt.

„So, Sie wollen also nach Hause?“, fragte der Gynäkologe. Leni nickte bejahend und lächelte den Arzt an. Er bat sie, den Bauch frei zu machen und betastete ihn. „Wir machen jetzt erst mal ein Ultraschall und dann legen wir den Wehenschreiber an.“

„Die Kinder liegen nicht richtig, sobald die Wehen einsetzen, kommen sie in die Klinik, dann müssen wir einen Kaiserschnitt machen“, sagte er und schaute sie ernst an. „Da ist aber Leben in der Bude“, meinte er lachend, als eines der Kinder wie wild rumzappelte.

„Wem sagen Sie das“, stöhnte Leni.

„Haben Sie eine Hebamme?“, wollte er dann von ihr wissen. Da Leni sich an nichts erinnern konnte, nannte Johannes ihm den Namen der Hebamme und sagte dazu in welcher Klinik sie sich zur Entbindung angemeldet hatten.

„Ja gut, informieren Sie die Hebamme, sobald Sie wissen, wann Sie entlassen werden, damit sie regelmäßig nach Ihnen sieht. Entbinden können Sie selbstverständlich in der von Ihnen gewünschten Klinik.“

Der Wehenschreiber zeigte keine Wehen an und als dann auch noch die Herztöne zu hören waren, sahen sich Leni und Johannes glücklich an.

„Kann ich Sie einen Moment sprechen?“ Der Arzt nahm Johannes, der ihn verunsichert anschaute, beiseite, während Leni selig den Herztönen ihrer Kiddies lauschte.

„Weiß Ihre Frau Bescheid?“, wollte der Arzt wissen. Johannes schaute ihn verwirrt an.

„Hören Sie, ich habe Ihre Frau untersucht, als sie hier eingeliefert wurde, spielen Sie also nicht den Unschuldigen. Ich habe wirklich Bedenken, sie zu Ihnen nach Hause zu entlassen.“

Johannes fuhr sich verlegen mit der Hand durch die Haare. „Nein, sie weiß es nicht, sie kann sich nicht an die letzten Monate erinnern.“

„Außerdem war das nicht so, wie es ausgesehen hat“, versuchte er, sich zu verteidigen.

Der Arzt hob die Augenbrauen und meinte: „Ich habe wirklich Mühe, das zu glauben. Ich würde Ihnen vorschlagen, es ihr zu sagen, bevor sie sich von selber daran erinnert. Und dann kann sie immer noch entscheiden, ob sie wirklich nach Hause will.

Johannes nickte: „Ja das hab ich vor.“

„Haben Sie denn jemanden, der sich zu Hause um sie kümmert?“

„Ich bin da, ich arbeite momentan im Homeoffice. Ich halte nur nächsten Freitag eine Vorlesung an der Uni. Aber da werde ich schon jemanden finden, der so lange bei ihr bleibt.“

„Gut, auch wenn ich gewisse Bedenken habe, werde ich grünes Licht geben“, beendete der Arzt das Gespräch.

Johannes brachte Leni alleine zurück ins Zimmer und sie wollte wissen, was der Arzt mit ihm zu besprechen hatte.

„Na ja, er wollte halt wissen, wer dich versorgt, wenn du zu Hause bist“, wich Johannes aus.

Leni runzelte die Stirn. „Und warum muss er dich das unter vier Augen fragen?“

Johannes seufzte leicht: „Lass uns bitte darüber sprechen, wenn wir im Zimmer zurück sind.“

Leni saß auf ihrem Bett und drängte Johannes. „Jo, du wolltest mir was sagen.“

Johannes setzte sich ihr gegenüber auf das zweite Bett und sah sie ernst an, dann sah er auf den Boden. „Ich weiß echt nicht, wie ich dir das sagen soll“, begann er zögernd. „Also, ähm ich habe da was gemacht, was nicht okay. ist.“ Er atmete tief durch: „Du hast mich so wütend gemacht, da hab ich dich mit Gewalt genommen.“ Erleichtert atmete er aus.

„Du hast was?“ Leni verstand nicht, was er meinte.

„Lene, Schätz-chen, ich habe dich vergewaltigt.“

Er sah sie jetzt an und nahm sanft ihre Hände in seine. Leni schüttelte den Kopf, das konnte sie nicht begreifen. Ihr liebevoller, zärtlicher und rücksichtsvoller Mann sollte sie vergewaltigt haben?

„Das kann ich nicht glauben“, sagte sie leise.

„Es ist leider so. Wenn ich derart wütend bin, dann kann ich mich nicht mehr kontrollieren. Ich weiß, dass das nie wieder passieren darf und ich bin deswegen jetzt auch in Behandlung.“

Leni nickte stumm. Irgendwie konnte sie das Gesagte noch nicht so richtig einordnen.

„Aber warum warst du denn so wütend?“, wollte sie dann wissen.

Johannes atmete wieder tief durch. „Lene, du nimmst einfach keine Rücksicht auf deine Schwangerschaft und willst ständig richtigen Sex haben. Das geht doch nicht.“ „Natürlich nehm ich Rücksicht“, beharrte sie und entzog ihm ihre Hände.

„Hör zu, Lene, unsere Mütter liegen mir ständig in den Ohren, dass ich Rücksicht nehmen soll und wenn ich rücksichtsvoll bin, dann bist du unzufrieden. Und das kotzt mich so langsam an.“

Leni merkte, dass er anfing, sich aufzuregen, was sie an ihm sonst eigentlich gar nicht kannte. Normalerweise war er die Ruhe selbst und deshalb erwiderte sie nichts mehr.

„Da ist noch was, das ich dir beichten muss“, fuhr Johannes nach einer kurzen Pause fort. Leni sah ihn groß an. Was kommt denn jetzt noch, schlimmer kann es doch kaum noch werden, dachte sie und musste gleich darauf feststellen, dass sie sich getäuscht hatte.

Er sah wieder auf den Boden und versuchte, die richtigen Worte zu finden.

„Also, ähm, es ist so“, er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Als ich neulich morgens nach Hause kam, ist Sarah nackt ins Bad gehuscht und hat mich wieder mit diesem auffordernden Blick angesehen.“ Er schwieg für einen Moment und Leni atmete deutlich hörbar ein. Sie meinte zu ahnen, was jetzt kommen würde.

„Als ich ins Schlafzimmer kam, hab ich gesehen, dass sie in unserem Bett geschlafen hat. Diese Frechheit hat mich derart wütend gemacht, dass ich zu ihr ins Bad gegangen bin und versucht habe, sie brutal zu nehmen.“ Er schwieg betreten und Leni meinte, nicht richtig gehört zu haben.

„Was hast du gemacht?“, fragte sie schockiert.

„Ich hab versucht, sie mit Gewalt zu nehmen, aber sie hat mir in die Eier getreten und mich kalt abgeduscht, da bin ich wieder zur Besinnung gekommen“, gestand er kleinlaut.

Leni fand keine Worte mehr, das Gehörte war zu schrecklich. Sie war total schockiert und fing an zu zittern.

„Bitte verzeih mir, Lene. Ich liebe dich und will dich keinesfalls verlieren“, flehte er sie an und versuchte, ihr in die Augen zu sehen, aber sie sah zur Seite. Er setzte sich zu ihr aufs Bett und versuchte, sie in den Arm zu nehmen, doch sie wehrte ihn ab.

„Lass mich“, sagte sie leise und begann zu weinen.

Er kniete sich vor sie hin und bat: „Lene, Schätz-chen, ich hab das nicht mit Absicht getan. Ich würde dich nie im Leben betrügen.“ Er legte jetzt beide Hände auf ihre Oberarme und sah sie eindringlich an. „Bitte, bitte, verzeih mir.“ Als sie nicht reagierte, setzte er sich mit hängenden Schultern wieder auf das andere Bett und sie schwiegen beide. Leni legte ihre Hände auf ihren Bauch und weinte leise. Sie hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie waren doch so glücklich und jetzt das. Sie verstand die Welt nicht mehr.

Als das Mittagessen gebracht wurde, sah Johannes auf die Uhr. Er half dem Pfleger, Leni an den Tisch zu setzten und schnitt ihr Fleisch klein, damit sie einfacher essen konnte.

„Lene, ich lass dich wirklich nicht gerne alleine, aber ich muss jetzt zum Bahnhof fahren und Laura abholen.“

„Laura?“

„Ja, deine Freundin Laura aus der Pfalz kommt dich besuchen. Sie bleibt bis Sonntag da.“

Ein Lächeln huschte über Lenis Gesicht. Mit Laura hatte sie als Studentin zusammen in einer WG gewohnt und die beiden waren immer noch gute Freundinnen. Während des Essens dachte Leni nach und konnte immer noch nicht verstehen, was mit ihrem Mann los war. Nach dem Essen ließ sie sich wieder zum Bett bringen, sie legte sich auf die Seite und begann plötzlich, heftig zu weinen.

5

„Hey Leni, was ist los, warum weinst du denn?“ Laura war entsetzt, ihre Freundin derart in Tränen aufgelöst vorzufinden.

„Oh Laura“, schluchzte Leni. „Weißt du, wie das ist, wenn man mit einem Schlag aus dem siebten Himmel geworfen wird?“

„Was ist denn passiert, Leni? Johannes war schon so eigenartig bedrückt, aber er ist ja oft so ernst und wortkarg und du heulst dir hier die Augen aus dem Kopf. Ist mit dem Baby alles in Ordnung?“, wollte sie wissen.

„Ja, ja, es ist alles in Ordnung“, antwortete Leni.

„Und warum heulst du dann Rotz und Wasser?“

„Jo, er hat …“, sie stockte. „Sarah hat …“, sie stockte wieder und sah ihre Freundin hilflos an.

„Willst du damit etwa sagen, dass dein Musterehemann fremdgegangen ist?“

Leni nickte nur.

„Krass, das hätte ich nie von ihm gedacht“, sagte sie. „Hat er dir das selber gestanden?“, wollte sie dann wissen.

Wieder nickte Leni nur stumm.

„Na immerhin hast du es nicht von anderen erfahren.“

„Was hätte das geändert?“, fragte Leni verwirrt.

„Ich finde es ist besser, wenn er so ehrlich ist und es gesteht, als wenn er so tut, als wenn nichts wäre und irgendwann erfährst du es vielleicht trotzdem.“

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich jetzt machen soll. Ich bin total durcheinander.“ Leni seufzte tief. „Es ist schön, dass du da bist.“ Sie lächelte ihre Freundin unter Tränen dankbar an. „Wo ist er überhaupt?“, wollte sie dann wissen.

„Er hat gesagt, dass er noch einkaufen gehen muss, der Kühlschrank ist wohl leer. Aber er kommt nachher.“ Wieder nickte Leni nur stumm.

Als der Kaffee gebracht wurde, ließ Leni sich wieder an den Tisch setzen. Der Pfleger brachte Laura auch eine Tasse und sie versuchte jetzt, ihre Freundin aufzumuntern, indem sie ihr dies und jenes von gemeinsamen Bekannten erzählte. So verging die Zeit und Leni wurde wieder etwas munterer.

„Ich habe hier einen Rolls-Royce und ein Sportcoupé für eine Frau Kaiser-von Moeltenhoff abzugeben.“ Ein Mitarbeiter eines Sanitätsgeschäfts war ins Zimmer gekommen und brachte einen Rollstuhl und einen Rollator für Leni. Die beiden Hilfsmittel sollte sie mit nach Hause nehmen und wenn sie sie nicht mehr brauchte, wieder an das Geschäft zurückgeben. Nachdem der gut gelaunte junge Mann ihr die Funktionalität erklärt hatte, quittierte sie den Empfang und erklärte ihrer Freundin: „Ich darf vielleicht bald nach Hause.“

„Echt? Das ist ja super!“

Plötzlich wurde Leni wieder traurig. „Ich weiß ja gar nicht, wo mein Zuhause jetzt ist“, schluchzte sie und Laura legte ihr tröstend die Arme um die Schultern.

„Du wirst sehn, wenn du erst mal in eurer Wohnung bist, dann weißt du es wieder“, versuchte Laura ihre Freundin aufzumuntern.

Johannes ließ sich viel Zeit beim Einkaufen und blieb noch einige Zeit zu Hause, ehe er sich wieder auf den Weg zur Klinik machte. Er hatte keine Ahnung, wie Leni auf seinen Anblick reagieren würde. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf. War sie sauer oder enttäuscht? Liebte sie ihn noch? Konnte sie ihm verzeihen? Was, wenn nicht? Würde sie sich von ihm trennen wollen? Das war eigentlich seine größte Angst, denn ein Leben ohne seine Lene konnte er sich nicht vorstellen und dann waren da ja auch noch die beiden Kiddies, die nächsten Monat zur Welt kommen sollten und auf die sie sich beide so sehr freuten. Dass er sich aber auch nicht beherrschen konnte! Er war sauer auf sich selber.

Er betrat das Krankenzimmer mit einem unsicheren Lächeln. „Hallo Mädels, alles klar?“, begrüßte er die beiden Freundinnen etwas linkisch. Er sah die rotgeweinten Augen seiner Frau und trat zu ihr, um ihr ein Küsschen zu geben, aber sie drehte den Kopf zur Seite, was ihn noch mehr verunsicherte. Betretenes Schweigen füllte den Raum und die Spannung zwischen dem Paar war fast greifbar.

„Johannes, könntest du mich jetzt zu euch nach Hause fahren?“, brach Laura nach einigen Minuten das Schweigen. „Es war ein langer Tag für mich.“

„Ja klar, mach ich.“ Er war froh, eine Aufgabe zu haben und dem vorwurfsvollen Blick seiner Frau zu entkommen.

Während der Fahrt waren sie zunächst schweigsam, bis Johannes fragte: „Sag mal, stimmt es, dass du jetzt mit Fabian zusammen bist?“ Fabian war sein Freund aus der Zeit, als er in Freiburg gelebt hatte.

„Ja, wir haben uns an eurer Hochzeit kennengelernt und Leni und Max haben uns sozusagen verkuppelt“, lachte sie. Johannes hatte zwar etwas Mühe, den Pfälzer Dialekt, den sie sprach, zu verstehen, meinte dann aber, dass er sich für die beiden freuen würde.

„Fabian ist ein prima Kerl, er hat so eine nette Frau wie dich wirklich verdient.“ Zum ersten Mal seit Stunden zeigte sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht.

Zu Hause angekommen zeigte er Laura alles, was sie wissen musste und sagte ihr, dass er über Nacht wie immer in der Klinik bleiben würde.

„Ja mach das, auch wenn sie im Moment etwas zickig ist. Sie muss das ja erst mal verdauen“, bestätigte ihm Laura. „Ich komme schon zurecht, auch wenn ich mich am Anfang vielleicht in dieser großen Wohnung verlaufe“, fügte sie lachend hinzu.

„Was hat sie dir denn erzählt?“, fragte Johannes vorsichtig nach.

Laura zuckte die Schultern. „Nicht viel, soviel ich verstanden habe, war da was zwischen Sarah und dir. Mehr hat sie nicht gesagt. Aber deine weiße Weste scheint doch einige Flecken abbekommen zu haben und sie ist offensichtlich sehr enttäuscht.“

Er nickte. „Ja klar, ich hab da einen kapitalen Bock geschossen, aber ich habe nicht wirklich mit Sarah geschlafen.“

Laura sah ihm an, wie unangenehm ihm das Thema war und meinte: „Das geht mich ja auch nichts an, das müsst ihr untereinander ausmachen. Ich versuche nur, sie zu trösten, so gut es geht.“

Er nickte wiederum und fragte dann: „Wie machen wir das morgen früh? Soll ich dich zur Klinik fahren?“

„Hat Leni ihr Fahrrad da?“

Er überlegte kurz. „Hm, ja, das müsste im Keller sein. Der Möbeltransporter hat alles mitgebracht, was sie bei ihrem Bruder untergestellt hatte.“

Zusammen gingen sie in den Keller und stellten fest, dass das Rad zwar etwas verstaubt war und wenig Luft in den Reifen hatte, aber sonst ganz gut aussah.

Johannes schaute etwas ratlos und Laura musste lächeln, denn sie wusste von Leni, dass er absolut kein handwerkliches Geschick hatte.

„Das ist doch kein Problem. Eine Pumpe ist ja da. Aber ich putz es vielleicht erst mal.“

„Bist du sicher?“

„Ja klar, ich habe doch den ganzen Abend Zeit“, erwiderte sie lachend. „Wann soll ich morgen da sein?“

„Ich bleibe normalerweise bis sie gefrühstückt hat und fahre dann nach Hause, um mich zu duschen und die Katzen zu versorgen, und erledige, was sonst so zu erledigen ist. Nach dem Frühstück hat sie dann meistens irgendeine Therapie. Also es reicht vollkommen, wenn du gegen neun Uhr da bist.“

„Gut, dann hau jetzt ab und lass sie nicht so lange allein. Nicht dass sie auf noch mehr dumme Gedanken kommt.“

Nachdenklich fuhr Johannes zurück zur Klinik. Er hatte keine Ahnung, wie er das wiedergutmachen konnte, was er da verbockt hatte. Offensichtlich hatte sie die Tatsache, dass er sich an ihr vergangen hatte, weniger erschüttert als die dumme Geschichte mit Sarah.

Als er ankam, saß sie gerade am Tisch und quälte sich alleine mit ihrem Abendessen ab. Er wollte ihr helfen, sie wies ihn aber ab.

„Wenn ich nach Hause will, dann sollte ich doch zumindest alleine essen können.“

„Wenn du meinst. Aber ich kann dir ja zu Hause auch helfen.“

„Ich bin doch kein Baby“, meinte sie trotzig.

„Laura macht dein Fahrrad wieder flott und kommt dann morgen mit dem Rad, dann brauche ich nicht so oft hin und her zu fahren“, versucht er, das Thema zu wechseln, aber Leni nickte nur. Johannes sah schweigend zu, wie sie fertig aß. Als sie dann aber versuchte, alleine mit ihrem Rollator zum Bett zu gehen, half er ihr, obwohl sie auch jetzt versuchte, ihn abzuwehren.

„Hör zu, Lene, ich kann verstehen, dass du sauer bist, aber lass mich dir wenigstens helfen. Oder willst du vielleicht hinfallen?“ Sie schüttelte resigniert den Kopf.

Er setzte sich zu ihr auf das Bett und wollte sie in den Arm nehmen, aber sie ließ es nicht zu.

„Lass mich in Ruhe, Jo“, sagte sie barsch. Er setzte sich wieder ihr gegenüber auf das andere Bett.

„Ich kann doch nicht mehr tun, als dich um Verzeihung zu bitten. Was soll ich denn noch tun?“

„Lass mich einfach in Ruhe, ich muss das doch alles erst mal verdauen“, bat sie ihn mit leiser Stimme und sah ihn mit traurigen Augen an.

„Soll ich wieder gehen?“, fragte er unsicher. Sie schüttelte den Kopf.

Aus den Frauen soll einer schlau werden, dachte er und sah sie lange schweigend an.

„Hör zu, Lene, du kommst das nächste Mal mit zur Therapie und dann wird dir mein Therapeut erklären, was mit mir los ist. Ich kann nur wiederholen, dass das alles keine Absicht war und dass es mir unendlich leid tut.“ Wieder nickte sie nur stumm.

Er seufzte. „Mann Lene, mach es mir doch nicht so schwer.“ Sie blickte ihn an und er sah, dass Tränen in ihren Augen schimmerten. Daraufhin versuchte er, sie wieder in den Arm zu nehmen und dieses Mal wehrte sie sich nicht, sondern fing laut an zu weinen. Er hielt sie im Arm und streichelte sie sanft. Zwischendurch hauchte er ihr kleine Küsschen auf die Stirn. Er fühlte sich total hilflos.

„Du warst für mich immer wie ein Fels in der Brandung. Ich dachte, ich könnte mich auf dich verlassen“, schluchzte sie.

„Ja, normalerweise kannst du das ja auch. Ich bin wirklich sehr glücklich mit dir und dachte nicht, dass dieses alte Problem mich wieder einholt.“ Er hob ihren Kopf und hauchte ihr einen kleinen Kuss auf die Lippen, was sie, ohne irgendeine Reaktion zu zeigen, geschehen ließ. Fürs Erste war er schon mal froh, dass sie ihn nicht wieder abwehrte.

Bis es Zeit wurde, Leni fertig für die Nacht zu machen, schwiegen sie sich an und jeder hing seinen Gedanken nach. Dann half er ihr wieder wie gewohnt aus ihren Kleidern und sie zog sich ihr Nachthemd über. Sie gestatte ihm auch, sie einzuölen, was er, wie ihr schien, besonders liebevoll machte und sie seufzte leise. Er sah sie fragend an.

„Jo, ich liebe dich, aber ich habe keine Ahnung, ob ich das jemals vergessen kann.“

„Kannst du wenigstens versuchen, mir zu verzeihen?“, bat er sie, worauf sie mit den Schultern zuckte. „Ich weiß im Moment überhaupt nichts. Ich fühle mich total leer.“ Als sie sich beide zum Schlafen in ihre Betten gelegt hatten, hörte er plötzlich, wie Leni stöhnte.

Er stand auf und kam zu ihrem Bett. „Was ist los Lene? Hast du Schmerzen?“

„Da ist eine Revolution im Gange“, sagte sie. Er legte seine Hand auf ihren Bauch und spürte heftige Bewegungen darin. Er schlüpfte zu ihr unter die Decke und strich über ihren Bauch, was die Kleinen normalerweise beruhigte. Aber dieses Mal schienen die außer Rand und Band zu sein.

„Vielleicht spüren die unseren Streit?“, fragte er.

„Hm, ich weiß nicht, so wild waren sie noch nie. Das tut echt weh.“

Als die Nachtschwester ins Zimmer kam, wies sie Johannes zurecht, dass es wohl nicht sein könnte, dass er hier im Bett seiner Frau liege.

„Ja sicher, aber ich versuche gerade, eine Revolution zu beenden“, erklärte er. „Normalerweise mögen sie das, wenn sie meine Hand spüren und geben Ruhe. Aber heute sind sie wie aufgedreht.“ Er schob Lenis Decke nach unten, so dass ihr Bauch sichtbar wurde. „Schauen Sie sich das mal an“, sagte er zu der Pflegerin. Die Bewegungen der Kinder waren deutlich zu sehen.

„Oh Gott, ich habe das Gefühl, die haben zehn Hände und Füße“, stöhnte Leni.

„Tja, da müssen sie wohl durch.“ Die Pflegerin zeigte wenig Mitgefühl und wies Johannes an, sich in das andere Bett zu legen, sonst müsse sie ihn leider nach Hause schicken.

Der streichelte nochmals Lenis Bauch und meinte: „Hey, ihr Rasselbande, jetzt macht mal halblang und lasst eure Mutter schlafen.“ Seufzend legte er sich wieder in sein Bett. Die andere Schwester hatte wohl gepetzt, dass sie vergangene Nacht Sex gehabt hatten. So ein Mist, ausgerechnet jetzt, wo Lene sich nicht mehr gegen mich gewehrt und mich in ihr Bett gelassen hat, musste diese dumme Kuh auftauchen, dachte er frustriert. Er hätte gerne noch eine Weile mit Leni gekuschelt.

„Lene, ist alles in Ordnung? Haben die beiden sich wieder beruhigt?“, fragte er nach ein paar Minuten.

„Jo, kommst du wieder zu mir? Ich brauch dich“, bekam er zur Antwort. Er stand auf und setzte sich auf ihr Bett und nahm sie in den Arm.

„Was ist denn los, Schätz-chen?“, fragte er, als er bemerkte, dass sie wieder weinte.

„Ich weiß nicht. Ich kann das einfach alles nicht verstehen. Es ist im Moment alles zu viel für mich.“ Sie fing heftiger an zu weinen und er versuchte, sie zu trösten, aber mit wenigErfolg.

„Sch, sch, beruhig dich doch.“ Er kroch wieder zu ihr ins Bett und nahm sie fest in den Arm, aber erfolglos. Sie steigerte sich immer mehr in den Weinkrampf hinein und weil er sich nicht mehr zu helfen wusste, klingelte er nach der Schwester und fragte nach einem Beruhigungsmittel.

„Das kann ich ihr nicht so einfach geben. Ich hol den Bereitschaftsarzt.“

„Was ist denn passiert?“, fragte die Ärztin, die wenige Minuten später kam und die mittlerweile hysterisch schluchzende Leni vorfand.

Johannes zuckte die Schultern. „Wir hatten heute Nachmittag eine kleine Auseinandersetzung, aber inzwischen hatte sie sich eigentlich wieder beruhigt. Vorhin haben die Kinder in ihr ziemliche Randale gemacht. Ich denke, das ist die ganze momentane Situation.“

Die Ärztin studierte ihre Krankenakte.

„Hm, ja, da kann es schon mal zu depressiven Verstimmungen kommen, aber das scheint mir doch ernster zu sein. Lassen Sie mich mal mit ihr alleine“, bat die Ärztin Johannes und die Pflegerin, die im Zimmer stehen geblieben war. Sie versuchte behutsam, mit Leni zu reden, aber die stammelte nur wirres Zeug. Leni war total durch den Wind. Sie lauschte ihr trotzdem aufmerksam und hörte heraus, dass sie bald entlassen werden sollte, aber gar nicht wusste, wo ihr Zuhause war und dass der Mann wohl fremdgegangen war. Außerdem schien sie nicht mehr zu wissen, welche Namen sie sich für die Kinder ausgesucht hatten. Da schienen wohl mehrere Ursachen vorzuliegen. Die Ärztin untersuchte Lenis Bauch, aber da schien alles in Ordnung zu sein.

„Haben Sie Schmerzen?“, fragte sie.

„Ja, nein, ich weiß nicht. Die Kleinen haben mir die ganzen Eingeweide traktiert“, jammerte Leni.

Die Ärztin rief nach der Pflegerin und ließ sie ein Beruhigungsmittel holen, das sie Leni dann spritzte.

„So, jetzt versuchen Sie zu schlafen, morgen sieht die Welt dann schon wieder ganz anders aus.“ Sie blieb noch einen Moment am Bett sitzen und wartete, bis die Wirkung der Spritze einsetzte.

„Sie sollte jetzt eigentlich bis morgen früh schlafen. Versuchen Sie, sie so wenig wie möglich aufzuregen“, sagte sie zu Johannes. „Sind Sie vor kurzem umgezogen?“, fragte sie dannnoch.

„Ja, Ende Juli, also kurz bevor es passiert ist.“

„Versuchen Sie, in den nächsten Tagen intensiv daran zu arbeiten, dass sie sich wieder erinnern kann, die Amnesie scheint ihr sehr zu schaffen zu machen. Zeigen Sie ihr Fotos, vielleicht kann sie sich dann an das ein oder andere erinnern. Vor allem zeigen Sie ihr Bilder von Ihrem Zuhause. Sie scheint Angst davor zu haben, in eine fremde Umgebung zukommen.“

„Ja klar, das können wir machen.“

Johannes war froh, eine Hoffnung auf die Lösung für mindestens eins von Lenis Problemen zu haben.

Als er merkte, dass Leni endlich tief und fest schlief, legte er sich in sein Bett und nahm sich vor, gleich am Morgen bei Laura anzurufen, um sie zu bitten, das Haus und die Wohnung zu fotografieren. Dann hätten die beiden eine schöne Beschäftigung, bis er wieder da war.

Am Morgen wollte Leni gar nicht wach werden, aber die Pflegerin war erbarmungslos und so ließ sie sich seufzend ins Bad bringen, aber sie hatte das Gefühl, dass ihre Arme und Beine ihr nicht gehorchen wollten. Auch bei der anschließenden Bewegungstherapie war sie ziemlich kraftlos. Sie wollte einfach nur schlafen, was sie anschließend auch tat, so dass Laura keine Gelegenheit hatte, die Fotos, die sie auf Bitte von Johannes von der Wohnung und dem Haus mit ihrem Handy gemacht hatte, mit ihr anzuschauen. Auch als Johannes gegen Mittag kam, schlief Leni noch. Er weckte sie zum Mittagessen, aber sie hatte kaum Appetit und wollte nach dem Essen gleich wieder ins Bett.

„Was ist los, Lene? Geht es dir nicht gut?“, fragte er besorgt.

„Ich bin einfach nur hundemüde.“

„Na, dann schlaf dich aus. Ist es okay, wenn Laura und ich in die Cafeteria gehen, um auch eine Kleinigkeit zu essen?“

Leni nickte und schon waren ihr die Augen zugefallen.

Während des Mittagessens erzählte Johannes Laura, was in der Nacht vorgefallen war und dass die Ärztin Leni eine Spritze gegeben hatte, die wohl noch nachwirkte. Sie zeigte ihm die Fotos und sie beschlossen, Leni auf jeden Fall damit zu konfrontieren, damit sie eine Vorstellung von ihrem Zuhause hatte.

„Irgendwann wird sie ja mal ausgeschlafen haben“, meinte Laura lachend.

Zur Kaffeezeit war Leni dann auch so munter, dass sie die Fotos betrachten konnte. Sie erkannte ihr Bett und ihren Kleiderständer, die jetzt im Gästezimmer standen, und freute sich, als sie auf einigen Bildern ihre Katzen entdeckte. Als sie die Fotos von dem Kinderzimmer sah, hatte sie wieder Tränen in den Augen. Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass sie das alles eingerichtet hatten und sie sich nicht daran erinnern konnte.

„Bin ich denn so doof?“, wollte sie wissen.

„Aber Leni, das hat doch nichts mit doof zu tun, du warst schwer krank. Dein Gedächtnis kommt schon irgendwann wieder“, versuchte Laura, sie zu beruhigen. Leni sah sie zweifelnd an und ein paar Tränen liefen ihr über die Wangen. Kurz darauf lächelte sie unter Tränen: „Ich darf morgen nach der Therapie wirklich nach Hause.“

„Das ist doch schön für dich“, freute sich Laura mit ihr. Sie vereinbarten, dass Johannes Laura in die Klinik fuhr, nachdem er geduscht hatte, und er dann seinen Arzttermin wahrnehmen würde. Laura sollte Lenis Sachen einpacken, während sie ihre Therapie hatte, und er würde die beiden dann abholen kommen.

Leni war plötzlich total aufgeregt und zappelig. Endlich keine Pfleger und Ärzte mehr, kein Wecken am frühen Morgen. Sie konnte schlafen, so lange sie wollte, und essen, was und wann sie wollte. Und trotz allen Kummers, den Johannes ihr in den letzten Tagen bereitet hatte, freute sie sich darauf, wieder mit ihm zusammen in ihrem Bett zu schlafen. Sie hatte Sehnsucht nach seinen Zärtlichkeiten und sah ihn lächelnd an. Erstaunt lächelte er zurück und fragte sich, was wohl im ihrem Kopf vor sich ging. Als er sah, dass sie sich die Hände auf den Bauch legte, wollte er wissen, ob die beiden denn schon wieder Randale machten.

„Ja, aber nicht so schlimm wie gestern Abend.“

„Also wenn ich das so sehe, dann frage ich mich, ob ich wirklich mal Kinder kriegen möchte“, meinte Laura nachdenklich.

„Aber warum denn nicht, die meiste Zeit sind sie ja ziemlich friedlich und an den dicken Bauch gewöhnt man sich auch. Der kommt ja nicht von heute auf morgen und es brütet ja auch nicht jede gleich Zwillinge aus.“

„Oh, du bekommst Zwillinge. Das ist ja süß. Wisst ihr, was es wird?“

Leni und Johannes schüttelten gleichzeitig den Kopf.

„Wir hatten zwar vor ein paar Tagen eine Ultraschalluntersuchung, aber wir haben nicht gefragt. Für uns ist die Hauptsache, dass sie gesund sind und das ist offenbar der Fall“, erzählte Johannes.

„Oh, es wird ja schon dunkel, dann schwing ich mich mal aufs Rad. Dann also bis morgen früh. Ich wünsch euch was.“ Und schon war Laura aus dem Zimmer gerauscht.

„An was hast du vorhin gedacht, als du mich so angelächelt hast?“, wollte Johannes wissen.

„Verrat ich nicht“, mehr wollte Leni nicht preisgeben. Ein bisschen wollte sie ihn schon noch zappeln lassen, denn so richtig hatte sie ihm noch nicht verziehen.

Als Johannes sie später wieder liebevoll einölte, sah sie ihn nicht mehr so vorwurfsvoll an und er erlaubte es sich, sie zu küssen. Zunächst zeigte sie keine Reaktion, hielt das aber nicht lange durch und erwiderte den Kuss. Als er dann aber ihre Brüste liebkosen wollte, schob sie seine Hand weg.

„Bitte nicht“, flüsterte sie.

„Lene, wie oft soll ich dir noch sagen, dass es mir leid tut?“

„Gar nicht, deine dauernden Entschuldigungen machen auch nicht ungeschehen, was passiert ist. Lass mir einfach Zeit. Ich muss das wirklich erst mal verdauen.“ Sie war jetzt etwas lauter geworden und er zog sich schweigend auf sein Bett zurück. Er verschickte eine Nachricht an die Gruppe, die Max zusammengestellt hatte, mit der Information, dass Leni am nächsten Tag nach Hause könnte und dass der Betreuungsplan somit nicht mehr gebraucht würde. Allerdings bat er, dass jemand am Donnerstagabend kommen sollte, um Leni am nächsten Tag zu ihrer Therapie in die Klinik zu bringen, da er seine Vorlesung an der Uni halten musste.

Leni versuchte zu lesen, stellte aber fest, dass es keinen Sinn machte, denn ihre Gedanken waren überall, aber nicht bei ihrer Lektüre. Deshalb stellte sie den Fernseher an, aber auch das konnte sie nicht wirklich ablenken.

„Sag mal, haben wir eigentlich schon Namen für unsere Kiddies ausgesucht?“, wollte Leni plötzlich wissen.

„Ja, das haben wir gemacht, kurz bevor du in die Klinik kamst. Du hast das alles auf einen Zettel geschrieben.“

„Hm, ich habe keinen Schimmer, was wir da ausgesucht haben“, gestand sie.

„Also, ganz ehrlich, ich hab das auch nicht im Kopf, aber das können wir ja morgen nachsehen, wenn du wieder zu Hause bist. Es sind auf jeden Fall Namen, die uns beiden gefallen haben“, meinte er.

„Ja gut. Aber ich möchte, dass Tobi und Max Taufpaten werden. Oder hast du eine bessere Idee?“

“Das ist schon okay“, meinte er etwas zögerlich. „Aber nimmt man nicht einen Mann und eine Frau?“

„Ja klar, aber es sind doch zwei Kinder, da können wir ja zwei Paare zusammenstellen. Ich dachte zum Beispiel an deine Schwester. Gabi könnte ja vielleicht mit Tobi zusammen für ein Kind Patin werden und dann brauchen wir noch eine Patin für das zweite Kind. Ich dachte da an meine beste Freundin Romy.“

„Na, dann hast du doch schon alles geklärt“, erwiderte er lachend.

„Ja, aber du musst damit einverstanden sein“, erklärte sie ihm ernsthaft.

„Es ist wirklich okay so für mich, dann haben wir für jedes Kind jemanden von deiner und von meiner Seite. Das hast du dir geschickt ausgedacht.“

Mittlerweile piepsten ihre beiden Handys um die Wette. Einige Leute hatten auf die Nachricht von Johannes geantwortet und andere hatten direkt an Leni geschrieben und ihre Freude darüber ausgedrückt, dass sie endlich nach Hausekonnte.

„Hör mal, Schätz-chen, ich habe angefragt, wer nächsten Freitag da sein könnte, um dich zur Therapie zu bringen, und es haben sich gleich mehrere Leute gemeldet. Wen hättest du denn am liebsten?“

„Wer hat sich denn gemeldet?“

„Max, Romy, Tobi, Henrik und Vati.“ Dass Sarah sich tatsächlich auch gemeldet hatte, quittierte er mit einem Kopfschütteln und verschwieg es Leni gegenüber lieber.

„Hm, am allerliebsten wäre mir Romy, aber dann sollte sie ein paar Tage bleiben, denn sonst ist der Weg zu weit. Sie für einen Tag von Freiburg hierherfahren zu lassen, wäre doch zu viel verlangt.“

„Gut, ich frage sie an.“

Romy sagte spontan zu und wollte dann über das Wochenende bleiben. Johannes bedankte sich bei den anderen für ihre Hilfsbereitschaft und versprach, sie zu kontaktieren, falls er nochmals Hilfe bräuchte. In einer separaten Nachricht bat er Max, Sarah aus der Gruppe zu entfernen, was dieser auch sofort erledigte.

Leni war dann erst mal einige Zeit damit beschäftigt, alle ihre Nachrichten zu lesen, was sie wirklich auf andere Gedanken brachte. So viele Freunde und Verwandte hatten ihr so lieb geschrieben, dass sie ganz gerührt war. Allerdings ärgerte sie sich über die Nachricht von Sarah, die ihr so nett geschrieben hatte, als wäre nichts geschehen. Ihr antwortete sie deshalb spontan: „Lass mich in Ruhe, du falsche Schlange.“ Danach blockte sie die Nummer von Sarah, so dass sie nicht mehr bei ihr anrufen oder ihr schreiben konnte. Anschließend beantwortete sie alle anderen Nachrichten und fühlte sich danach viel entspannter.

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