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Der Autor

Timo Storck, Prof. Dr. phil., Jahrgang 1980, ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin, Psychoanalytiker (DPV/IPA) und Psychologischer Psychotherapeut (AP/TP). Studium der Psychologie, Religionswissenschaften und Philosophie an der Universität Bremen, Diplom 2005. Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Bremen (2006–2007), Kassel (2009–2015) sowie an der Medizinischen Universität Wien (2014–2016). Promotion an der Universität Bremen 2010 mit einer Arbeit zu künstlerischen Arbeitsprozessen, Habilitation an der Universität Kassel 2016 zum psychoanalytischen Verstehen in der teilstationären Behandlung psychosomatisch Erkrankter. Mitherausgeber der Zeitschriften Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung und Forum der Psychoanalyse sowie der Buchreihe Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Mitglied des Herausgeberbeirats der Buchreihe Internationale Psychoanalyse. Forschungsschwerpunkte: psychoanalytische Theorie und Methodologie, psychosomatische Erkrankungen, Fallbesprechungen in der stationären Psychotherapie, Kulturpsychoanalyse, konzeptvergleichende Psychotherapieforschung.

Timo Storck

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1. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

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ISBN 978-3-17-037930-5

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pdf: ISBN 978-3-17-037931-2

epub: ISBN 978-3-17-037932-9

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Inhalt

1  Vorwort

2  1 Einleitung

3  2 Die Konzeption von Abwehr und Widerstand bei Freud

4  2.1 Die Grundidee der psychischen Abwehr

5  2.2 Abwehr in Freuds Modellen der Seele

6  2.2.1 Abwehr im topischen Modell

7  2.2.2 Abwehr im Instanzen-Modell

8  2.3 Zur Differenzierung von Abwehr und Widerstand

9  2.3.1 Widerstand als die Äußerung von Abwehrmechanismen in Behandlungen

10  2.3.2 Widerstand gegen die Gefahr der Veränderung

11  2.3.3 Widerstandsphänomene

12  2.4 Agieren und Enactment

13  2.5 Fallbeispiel Herr A., Teil I

14  3 Unterschiedliche Formen von Abwehr und Widerstand

15  3.1 Die unterschiedlichen Abwehrmechanismen

16  3.1.1 (Ich-) Spaltung

17  3.1.2 Verwerfung

18  3.1.3 Verleugnung

19  3.1.4 Verdrängung

20  3.1.5 Ungeschehenmachen

21  3.1.6 Reaktionsbildung

22  3.1.7 Verkehrung ins Gegenteil

23  3.1.8 Intellektualisierung/Rationalisierung

24  3.1.9 Affektualisierung

25  3.1.10 Isolierung und Affektisolierung

26  3.1.11 Verschiebung

27  3.1.12 Wendung gegen das Selbst

28  3.1.13 Altruistische Abtretung eigener Triebregungen

29  3.1.14 Identifizierung/Introjektion

30  3.1.15 Projektion

31  3.1.16 Projektive Identifizierung

32  3.2 Versuche der Gruppierung von Abwehrmechanismen nach Reifegrad

33  3.3 Abwehrformationen

34  3.4 Formen von Widerstand in Behandlungen

35  3.5 Fallbeispiel Herr A., Teil 2

36  4 Die Arbeit mit Abwehr und Widerstand in psychoanalytischen Behandlungen

37  4.1 Abwehr und Körperlichkeit

38  4.2 Abwehr und Widerstand in unterschiedlichen psychoanalytischen Richtungen

39  4.2.1 Abwehr und Widerstand bei Melanie Klein und John Steiner: Paranoid-schizoide und depressive Abwehr, pathologische Organisation

40  4.2.2 Abwehr und Widerstand bei Jacques Lacan: Der Widerstand des Analytikers

41  4.2.3 Abwehr und Widerstand bei Heinz Kohut: Erhalt der Selbstkohärenz

42  4.2.4 Abwehr und Widerstand bei Otto F. Kernberg

43  4.3 Die negative therapeutische Reaktion

44  4.4 Umgang mit Widerstand in analytischen Behandlungen

45  4.4.1 Übertragungswiderstände

46  4.4.2 Durcharbeiten

47  4.4.3 Gegenübertragungswiderstände

48  4.5 Fallbeispiel Herr A., Teil 3

49  5 Abwehr im interpersonellen und gesellschaftlichen Kontext

50  5.1 Interpersonale Abwehr

51  5.1.1 Abwehr in Paar- und Familiendynamiken

52  5.2 Kultur(in)varianz von Abwehr

53  5.3 Institutionelle Abwehr

54  5.4 Widerstände gegen die Psychoanalyse

55  5.5 Fallbeispiel Herr A., Teil 4

56  6 Abwehr und Widerstand interdisziplinär

57  6.1 Abwehr als Bewältigung

58  6.1.1 Anpassung

59  6.1.2 Abwehr und Coping

60  6.1.3 Sublimierung

61  6.2 Rupture/Repair als allgemeine Konzeption der Arbeit mit Behandlungswiderständen

62  6.3 Abwehr in Forschung und psychologischer Theorie

63  6.3.1 Forschungszugänge

64  6.3.2 Allgemeine Psychologie von Abwehr und Widerstand

65  6.4 Abwehr und Widerstand in anderen psychotherapeutischen Verfahren

66  6.4.1 Behandlungshindernisse in der (kognitiven) Verhaltenstherapie

67  6.4.2 Abwehr und Widerstand in der Gesprächspsychotherapie

68  6.4.3 Abwehr und Widerstand in der systemischen Therapie

69  6.4.4 Zusammenfassung

70  6.5 Fallbeispiel

71  7 Zusammenfassung und Ausblick

72  Verzeichnis der zitierten Medien

73  Literatur

74  Stichwortverzeichnis

Vorwort

Beim vorliegenden Band handelt es sich um eine bearbeitete Mitschrift von fünf öffentlichen Vorlesungen, die ich im Sommersemester 2019 an der Psychologischen Hochschule Berlin gehalten habe. Die Vorlesungsreihe ist Teil eines Projekts zu den Grundelementen psychodynamischen Denkens, in dem es unter der dreifachen Perspektive »Konzeptuelle Kritik, klinische Praxis, wissenschaftlicher Transfer« darum geht, sich mit psychoanalytischen Konzepten auseinanderzusetzen: Trieb (Band I), Sexualität und Konflikt (Band II), dynamisch Unbewusstes (Band III), Objekte (Band IV), Übertragung (Band V), Abwehr und Widerstand (Band VI), Ich/Selbst (Band VII) und Deutung (Band VIII). Ziel ist dabei, sowohl in der öffentlichen Diskussion als auch im vorliegenden Format einer Reihe von Buchpublikationen eine Art kritisches Kompendium psychoanalytischer Konzepte zu entwickeln, ohne dabei den Anschluss an das Behandlungssetting oder den wissenschaftlichen Austausch zu vernachlässigen. Wenn es um Grundelemente psychodynamischen Denkens gehen soll, dann soll damit auch der Hinweis darauf gegeben werden, dass aus Sicht der Psychoanalyse jedes, also auch das wissenschaftliche, Denken selbstreflexiv ist: Das Denken über Psychodynamik ist unweigerlich selbst psychodynamisch, d. h. es erkundet die Struktur der Konzeptzusammenhänge auch auf der Ebene der Bedeutung von Konzeptbildung selbst.

Für ein solches Vorgehen ist das Werk Freuds der Ausgangs- und ein kontinuierlicher Bezugspunkt. Mir geht es um eine genaue Prüfung dessen, was Freud mit seinen Konzepten »vorhat«, d. h. welche Funktion diese haben und welches ihr argumentativer Status ist. Dabei soll nicht eine bloße Freud-Exegese geschehen, sondern eher ein Lesen Freuds »mit Freud gegen Freud«. Es wird deutlich werden, dass der grundlegende konzeptuelle Rahmen, den Freud seiner Psychoanalyse gibt, es auch erlaubt aufzuzeigen, wo er hinter den Möglichkeiten seiner Konzeptbildung zurückbleibt.

Über den Ausgangspunkt der Vorlesungen erklärt sich die Form des vorliegenden Textes, der nah an der gesprochenen Darstellung bleibt. Auch sind, wie in jeder Vorlesung, eine Reihe von inhaltlichen Bezugnahmen auf Arbeiten anderer Autoren eingeflossen, die mein Denken grundlegend beeinflussen, ohne dass dazu durchgängig im Detail eine Referenz erfolgen kann.

Bedanken möchte ich mich bei den Teilnehmenden an den öffentlichen Vorlesungen für ihr Interesse (insbesondere bei Julia Sieg, die mich beim Rollenspiel unterstützt hat, welches in Kapitel 6 zu finden ist), sowie beim Kohlhammer Verlag, namentlich Ruprecht Poensgen, Annika Grupp und Kathrin Kastl, für die Unterstützung bei der Vorlesung und der Veröffentlichung. Außerdem danke ich Caroline Huss für die Anfertigung von Transkripten zur Audio-Aufzeichnung der Vorlesung. Cornelia Weinberger, Mona Brettschneider und Marko Walther gebührt Dank für die planerische und technische Unterstützung bei der Durchführung der Vorlesungen. Der Psychologischen Hochschule Berlin danke ich schließlich für die Möglichkeit, eine solche Vorlesungsreihe durchzuführen.

Heidelberg, August 2020

Timo Storck

1 Einleitung

Der hier vorliegende sechste Band der Reihe »Grundelemente psychodynamischen Denkens« baut auf einigen Überlegungen auf, die in den vorangegangenen Bänden entwickelt worden sind; ich fasse einige der Annahmen knapp zusammen. Dazu gehört auch die Darlegung meines grundlegenden Verständnisses psychoanalytischer Konzepte. Wie jedes andere wissenschaftliche Konzept beruht ein Konzept auch in der Psychoanalyse auf dem Anliegen, Phänomene der in irgendeiner Weise erfahrbaren inneren und äußeren Welt auf den Begriff zu bringen. Konzepte sind dabei Abstrakta, sie sind nicht gegenständlich in der Welt zu finden; so ist das Über-Ich oder die Verdrängung eine konzeptuelle, hoffentlich explikative Bezeichnung für etwas, dessen Wirkungen sich in der Erfahrung (= Empirie, in einem weit gefassten Sinn) zeigen, so etwa das Erleben von Schuldgefühlen oder das Nicht-Erinnern-Können affektiv bedeutsamer Erlebnisanteile. Jeder forscherische Zugang beispielsweise, der etwas messen zu können meint, braucht daher Operationalisierungen der Konzepte, die auf konzeptueller Ebene daher hinreichend genau beschrieben sein sollten (ohne dass dabei auf Spannungsverhältnisse innerhalb des Konzeptverständnisses verzichtet werden sollte). Konzepte sind ferner Teil eines Konzeptzusammenhangs (was zum Beispiel zur Folge hat, dass sich einzelne Konzepte nicht vermittlungslos herauslösen und in einen anderen Kontext setzen lassen) und das in ihnen Gefasste sollte so »sparsam« wie möglich (aber auch so differenziert wie erforderlich) formuliert sein. Bezüglich der psychoanalytischen Konzepte im Besonderen ist hinzuzufügen, dass durch den psychoanalytisch-konzeptbildenden Zugang zum (klinischen) Einzelfall eine Situation entsteht, in der psychoanalytische Konzepte allgemein etwas darüber sagen sollen, wie sich Besonderes darstellt (einen ähnlichen Gedanken äußert z. B. Zepf, 2006a, S. 263), zum Beispiel eine einzelne Behandlung, deren Elemente unter Rückgriff (und Fortentwicklung) allgemeiner Konzepte beschrieben werden. Die Psychoanalyse findet daher ihren Schritt in die Verallgemeinerung in erster Linie in der Konzeptbildung.

Vor dem Hintergrund dieses Verständnisses ist zunächst das Triebkonzept beleuchtet worden (Storck, 2018a). Ein wichtiger zeitgenössischer Nutzen der psychoanalytischen Theorie des Triebes liegt darin, den Übergang von Physiologie in Psychisches zu beschreiben. Es dient dazu, auf den Begriff zu bringen, wie sich physiologienahe Erregungszustände in psychisches Erleben vermitteln, uns dieses sogar aufnötigen. In diesem Sinn beschreibt das Triebkonzept eine Theorie der allgemeinen Motivation: Wie ist Psychisches als solches motiviert? Dabei ist, anders als bei Freud, eine monistische Auffassung des Triebes leitend, es geht weniger um verschiedene Triebarten und spezielle Motivationen, die sich dann als sexuelle oder aggressive enttarnen ließen, sondern in allgemeiner Hinsicht um etwas von der psychosomatischen Grundstruktur des Menschen, was bei Freud (1915c, S. 214) in seiner Formulierung zum Trieb als »Grenzbegriff« zwischen Psyche und Soma angelegt ist. Darüber hinaus handelt es sich nicht um biologische oder ethologische Überlegungen, sondern es lässt sich zeigen, dass sich das Triebkonzept auf ein sozialisatorisches Geschehen bezieht: Erregungszustände finden nicht »a-sozial« statt, sondern treten im Rahmen von Interaktionen bzw. Beziehungen mit anderen auf, in Momenten von Berührung und Nicht-Berührung. Das gibt dem Anderen unweigerlich einen Platz in der Triebtheorie. Das umstrittene Freud’sche Konzept des Todestriebs (vgl. Storck, 2020b) lässt sich als »untertriebener« Aspekt der Triebtheorie verstehen: Während die Sexualität für sich genommen exzessiv und unreglementiert ist (»übertrieben«), wird durch ihre Verschränkung mit dem, was Freud »Todestrieb« nennt, also ein Streben nach Ruhe und Spannungslosigkeit, Befriedigung erst möglich.

Während »Trieb« Teil einer Theorie der allgemeinen Motivation ist, findet die Psychoanalyse ihre Theorie der speziellen Motivation im Konfliktbegriff (Storck, 2018b). Hier wird beschreibbar, wie die Strukturierung des Psychischen mit einem grundlegenden Spannungsfeld in Zusammenhang steht. Es wird dabei deutlich, dass es zum einen um unbewusste psychische Konflikte geht, zum anderen um solche, die mit Lust und Unlust und deren psychischer Dynamik zu tun haben. Der psychoanalytische Begriff der Sexualität ist ein erweiterter: Sexualität beschreibt in ihrer infantilen Form unreglementierte, noch nicht vereinheitlichte leibliche Empfindungen, die in ihrer Grundstruktur mit Lust und Unlust, deren Ansteigen und Absinken zu tun haben. Vor diesem Hintergrund (Sexualität als Lust/Befriedigung, leibliche Interaktion mit Anderen) ist die Freud‘sche Konzeption der psychosexuellen Entwicklungsphasen zu verstehen: Oralität, Analität und das Phallisch-Ödipale sind in ihrer Grundstruktur zwar körpernah konzipiert, in ihrer Vermittlung in Psychisches werden sie allerdings auch zu etwas, das sich »thematisch« begreifen lässt, so dass es dann beispielsweise bei »oralen Themen« um Themen von Versorgung und Bedürfnissen gehen kann. Erst mit Beginn der »reifen«, genitalen Sexualität findet sich das fragmentiert infantil Sexuelle (von Freud daher als »polymorph-pervers« bezeichnet) »gebändigt«. Konflikthaft ist das Geschehen, weil Luststreben und Unlustvermeidung einander in die Quere kommen können; im weiteren Verlauf des vorliegenden Bandes wird dies unter der Perspektive der Abwehr genauer in den Blick kommen (auch im Hinblick darauf, dass sich Konflikte unterschiedlicher psychischer »Reife« unterscheiden lassen). Die Psychoanalyse beschreibt den Menschen grundlegend als konflikthaft, weil sich mit diesen Überlegungen zur Struktur des Psychischen zeigen lässt, in welcher Weise der Umgang mit Motivationen, die in unterschiedliche Richtungen zeigen, als Motor der Entwicklung des Psychischen gesehen werden kann – in besonderer Weise der ödipale Konflikt, der sich im hier vorgeschlagenen Verständnis als etwas darstellt, das sich um die Auseinandersetzung mit Geschlechter- und Generationenunterschieden sowie um die grundlegende Möglichkeit des (passageren) Ausgeschlossenseins aus Beziehungen zwischen anderen dreht. Mit dem Hinweis auf den Konflikt als Motor des Psychischen ist auch gesagt, dass es unbewusste Aspekte des konflikthaften Erlebens sind, um die es der Psychoanalyse geht.

Daher ist es in einem nächsten Schritt der Argumentation um die Konzeption des dynamisch Unbewussten in der Psychoanalyse gegangen (Storck, 2019b). Freuds Anliegen ist es gewesen, mit der von ihm so genannten Metapsychologie eine Theorie des Psychischen zu entwickeln, die ein psychisch Unbewusstes einbezieht – anders als die Psychologie seiner Zeit es tat, etwa sein akademischer Lehrer Franz Brentano, in dessen Intentionalitäts- und Aktlehre es widersinnig erscheinen muss, dass es Unbewusstheit von etwas geben soll. Freud geht es dabei nicht einfach nur um etwas, das nicht im psychischen Erleben auftaucht, sondern um ein dynamisch Unbewusstes, das heißt um etwas, das funktionell, aus guten psychoökonomischen Gründen dem bewussten Erleben nicht (mehr) zugänglich ist, dieses aber umso stärker leitet. Es ist das Zusammentreffen drängender und verdrängender Kräfte, das psychische Mechanismen mobilisiert, die dafür sorgen, dass etwas aus dem Bewusstsein ausgeschlossen wird bzw. dort nur in entstellter Form auftauchen kann. Dass auf diese Weise etwas unbewusst wird, hat mit dem (unbewussten) Ziel der Vermeidung unlustvoller Affekte zu tun. Es zeigt sich auch, dass »unbewusst« keine Substanz oder Essenz beschreibt und sich nicht an einer psychischen Örtlichkeit finden lässt, sondern ein Merkmal von Teilen der Vorstellungswelt ist. »Unbewusst« wird dann zu etwas, das Verhältnisse zwischen Vorstellungen und Affekten beschreibt. In diesem Kontext sind Freuds Modelle des psychischen Apparates wichtig, besonders die sog. erste Topik (bzw. das topische Modell) aus den Systemen Bewusst, Vorbewusst und Unbewusst sowie die sog. zweite Topik (bzw. das Struktur- oder Instanzen-Modell) aus Ich, Es und Über-Ich.

Bei den Überlegungen zu Motivation und Bewusstheit/Unbewusstem sind bis dahin Konzeptionen psychischer Repräsentation implizit geblieben, was darauf folgend in der Untersuchung des Objektbegriffs in der Psychoanalyse genauer ausgearbeitet worden ist (Storck, 2019c). Das Konzept des psychischen Objekts wurzelt terminologisch in der Triebtheorie (als eines der vier Elemente des Triebes, neben Ziel, Quelle und Drang), gemeint ist das Objekt psychischer »Besetzung« (mit Libido oder Aggression, oder einfacher gesagt: mit Affekt), es ist also das Objekt der Vorstellung gemeint. Dabei hat es sich als nützlich erwiesen, vom »Objekt« als Element der subjektiven psychischen Welt zu sprechen und das konkrete Gegenüber in einer interpersonalen Situation nicht als »äußeres Objekt« oder ähnlich zu bezeichnen, sondern als »Gegenüber« oder »andere Person«. Psychoanalytisch lassen sich Mechanismen beschreiben, mittels derer das Objekt psychisch gebildet und verändert wird, nämlich Introjektion (verwoben mit Projektion), Identifizierung oder die Fantasie von Inkorporation, also, etwas vom anderen in sich hineingenommen zu haben. Das macht zum einen das Wechselspiel zwischen Hineinnehmen und Hinaushalten deutlich, zum anderen weist es darauf hin, dass ein »Objekt« immer Teil der subjektiven Innenwelt ist – nicht nur weil die Repräsentanzen der eigenen Person und die von anderen Personen miteinander verbunden sind (als Beziehungsvorstellungen), sondern auch weil es um die Repräsentanzen geht, die das Individuum von sich in Beziehung zu anderen hat. Eine grundlegente Auffassung in der Psychoanalyse (meistens im Zusammenhang von Theorien der Symbolisierung gefasst) besteht darin, sich psychische Entwicklung als etwas vorzustellen, in dem sich Interaktionen in Beziehungsvorstellungen niederschlagen, aus denen sich Vorstellungen (= Repräsentanzen) vom Selbst (vgl. dazu Storck in Vorb. a) und von Anderen (und deren Verbindung durch Affekte) herauslösen lassen und die weitere Interaktionen zwar nicht determinieren, so aber doch unweigerlich bewusst und unbewusst leiten. Es wird deutlich, dass solche Repräsentanzen und der (symbolisierende) Prozess ihrer Bildung und Wirkung unterschiedlich integriert oder psychisch ausgearbeitet sein können, was eine Rolle spielt, wenn auf die »Reife« von Abwehrmechanismen geblickt wird. Außerdem wird im Rekurs auf die Objektkonzeption beschreibbar, wie sich psychische Konflikte nicht allein auf motivationaler, sondern auch auf repräsentationaler Ebene zeigen.

Die zentrale Überlegung, dass Beziehungsvorstellungen dafür leitend sind, wie wir aktuelle Interaktionen erleben und gestalten, taucht auch im Konzept der Übertragung auf (Storck, 2020a). Meistens als ein behandlungstechnischer Begriff verstanden, der sich darauf bezieht, was sich in der analytischen Beziehung aus vorangegangenen Beziehungen wiederholt, somit zeigt und verändert werden kann, beschreibt »Übertragung« zunächst einmal einen Weg des Bewusstwerdens von mit unlustvollen Affekten verbundenen Elementen der inneren Welt. Damit ist gemeint, dass Affekte oder Fantasien sich an Vorstellungen knüpfen, die weniger ängstigend, peinlich oder mit Schuldgefühlen verbunden sind, so dass etwas in ihrem Umfeld bewusst werden »darf«. Freud hat dies für den Behandlungsprozess genutzt, indem er Übertragungsphänomene darin konzipierte und dies ins Zentrum der psychoanalytischen Technik und Veränderungstheorie rückte (verbunden mit anderen Konzepten wie Regression, Wiederholung, Deutung oder Durcharbeiten; vgl. dazu auch Storck in Vorb. b). Es lassen sich also eine weite Begriffsfassung (Übertragung bedeutet, dass Affekte oder Fantasien im Umfeld einer anderen Vorstellung bewusst erlebbar werden) und eine enge Begriffsfassung (Übertragung bedeutet, dass eine Beziehung davon geprägt wird, was in anderen Beziehungen erlebt wurde) unterscheiden. Für unterschiedliche psychische Störungen lassen sich unterschiedliche charakteristische Übertragungsformen und -phänomene beschreiben, zudem wird das Konzept in verschiedenen psychoanalytischen Richtungen unterschiedlich verstanden und führt auch zu unterschiedlichen Handhabungen in der Technik. Zugleich zeigt sich darin, dass Übertragungsphänomene weder auf die klinische Situation, noch auf psychisch kranke Menschen beschränkt sind. Erkennt man an, dass das Konzept sich vor allen Dingen darauf bezieht, dass und wie aktuelle Beziehungen im Licht der vergangenen erlebt und gestaltet werden, dann hat dies auch eine Relevanz dafür, wie Psychoanalytiker ihre Patienten erleben1. Es kann zwischen Gegenübertragung (als zunächst erlebnismäßiger »Beantwortung« der Übertragung des Patienten durch den Analytiker) und Eigenübertragung (als eigene, d. h. patientenunabhängige Anteile, die der Analytiker einbringt) unterschieden werden, wobei wichtig ist, dass es sich um eine konzeptuelle und somit abstrakte Unterscheidung handelt, was die Herausforderung mit sich bringt, in konkreten Situationen das Zusammenwirken beider reflektieren zu können. Die Konzepte Übertragung und Gegenübertragung sollten dabei nicht als etwas missverstanden werden, das sich auf konkret trennbare, womöglich aufeinander folgende Prozesse bezieht – vielmehr geht es um die gemeinsam gestaltete Szene in der analytischen Situation, die demzufolge auch szenisch verstanden wird, um so zu erkennen, was im »Hier-und-Jetzt« der konkreten Begegnung hinsichtlich der Modi des Erlebens von Beziehung und Affekt leitend ist (neben dem methodologischen Konzept des szenischen Verstehens ist hier auch der Begriff der projektiven Identifizierung in seiner behandlungstechnischen Bedeutung wichtig; weiter unten wird er in der Bedeutung als Abwehrmechanismus erläutert, Kap. 3.1.16).

Einige Fragen sind dabei bislang offen geblieben, in erster Linie solche, die sich darauf beziehen, wie nun etwas unbewusst wird oder wie die (Abwehr-!) Prozesse, die für Unbewusstheit sorgen, ihrerseits motiviert sind. Wie lässt es sich auf den Begriff bringen, dass es in irgendeiner Weise zielgerichtete Prozesse gibt, die allerdings, um überhaupt etwas unbewusst werden oder bleiben lassen zu können, ihrerseits unbewusst sind? Ein weiteres Feld, das genauer beleuchtet werden muss, ergibt sich aus der Erkenntnis, dass es in analytisch-therapeutischen Veränderungsprozessen nicht damit getan ist, Patienten darauf hinzuweisen, dass ihnen etwas unbewusst ist, und was – und sei es noch so sehr in der aktuellen Beziehung spürbar. Denn der Annahme folgend, dass bewusste Erlebensweisen, und insbesondere psychopathologische Symptome, Versuche sind, mit psychischen Konflikten umzugehen, muss auch angenommen werden, dass einmal gefundene psychische Kompromissbildungen (aus unterschiedlichen Motiven, zur Bewältigung motivationaler und repräsentationaler Konflikte) nicht so leicht aufgegeben werden. Der Behandlungsprozess muss also einen Umgang damit finden, dass sich Widerstandsphänomene zeigen, die sich gegen die Veränderung, die in erster Linie auch als Verunsicherung erlebt wird, richten.

1 Ich werde im Folgenden kapitelweise zwischen einer durchgängigen Verwendung des generischen Maskulinums und des generischen Femininums wechseln (außer in Zitaten). Sofern nicht explizit ausgewiesen, etwa in einem Fallbeispiel, sind dabei jeweils alle Geschlechter gemeint.

2 Die Konzeption von Abwehr und Widerstand bei Freud

In der TV-Serie Futurama wird die einigermaßen ferne Zukunft der Menschheit thematisiert, in der Menschen, Wesen von anderen Planeten und Roboter zusammenleben und Zeitreisen und allerlei andere Errungenschaften verfügbar sind – darüber hinaus zeigen sich aber Themen menschlicher Gefühle, Konflikte und Handlungen, die alles andere als fern sind. Im Zentrum steht das Leben der Besatzung eines interplanetaren Paketzustelldienstes (»Planet Express Inc.«). In einer Folge (»Lethal inspection«, 2010) geht es darum, dass der Roboter Bender, trotz vermeintlich perfekter Produktion und Wartung, Öl verliert. Er weist dies zunächst ab, muss dann aber erkennen, dass ein starker Strahl Öl aus seiner Seite herausschießt. Der Schiffsarzt Dr. Zoidberg, ein hummer-ähnlicher Außerirdischer, ruft daraufhin: »Das nennst du eine Tinten-Abwehr!?«, reißt sich die Kleider vom Leib, versprüht im ganzen Raum Unmengen von Tinte und rennt aus dem Raum…

Anders als die Tinten-Abwehr haben psychische Abwehrmechanismen in grundlegender Betrachtung mit einer Abwehr gegen innere »Reize« zu tun, auch wenn anerkannt werden muss, dass diese nicht losgelöst von vorangegangener Erfahrung und auch nicht von ihren Folgen auch für soziale Situationen betrachtet werden können. Es ist eines der wichtigsten Anliegen Freuds gewesen, in der Auseinandersetzung vor allem mit Träumen und psychischen Störungen etwas über die »Allgemeine Psychologie« des Menschen zu erforschen (vgl. Billhardt & Storck, 2021; Storck & Billhardt, 2021). Dabei stehen für ihn die Annahmen zu psychischen Konflikten, der Rolle der Abwehr darin und die Folge der Unbewusstheit von Elementen der psychischen Welt im Zentrum, die er als allgemein menschliche Merkmale auffasst, nicht allein als psychopathologische Konzepte. Entsprechend formuliert auch König (1995a, S. 11): »Ein Leben ohne Abwehrmechanismen ist nicht denkbar.« Abwehr ist nicht einfach nur etwas, das Symptome produziert, sondern bedeutet immer auch die zumindest versuchte Bewältigung schwieriger Erlebnisse, Affekte oder innerer Konflikte.

2.1 Die Grundidee der psychischen Abwehr

In Freuds Auffassung der Abwehr in allgemeiner Hinsicht (um einzelne Abwehrmechanismen wird es in Kapitel 3.1 gehen, Kap. 3.1) lassen sich drei Merkmale erkennen:

Erstens richtet sie sich auf einen inneren Reiz. Freud schreibt, der »Abwehrvorgang« sei »analog der Flucht«, er stelle »einen Fluchtversuch vor einer Triebgefahr dar« (Freud, 1926d, S. 176). Zieht man allerdings hinzu, dass Freud den Trieb als etwas begreift, das »nicht von außen, sondern vom Körperinnern her angreift«, und daher »auch keine Flucht gegen ihn nützen« kann (Freud, 1915c, S. 212 f.), wird deutlich, dass die hier beschriebene Flucht sozusagen eine Flucht im Erleben ist. Gegen einen unangenehmen äußeren Reiz, etwa ein blendendes Licht, kann ich mich schützen, indem ich mich wegdrehe, eine Hand vor die Augen halte oder schlicht den Raum verlasse. Gegen die »Triebgefahr« kann ich mich nicht derart schützen, allerdings hilft das Bild der Flucht dabei weiter, sich vorzustellen, dass es um ein ähnliches Ausweichen vor Unangenehmen geht, das allerdings die innere Welt umarbeitet: »Die Abwehrvorgänge«, so Freud (1905c, S. 266), »sind die psychischen Korrelate des Fluchtreflexes und verfolgen die Aufgabe, die Entstehung von Unlust aus inneren Quellen zu verhüten«. Es ist jedoch zu beachten, dass die Konzeption von Triebgefahr und Abwehr nicht in a-sozialer, von der Außenwelt unabhängige Weise entsteht und sich vollzieht. Freud meint nämlich, dass die »Triebregungen zu Bedingungen der äußeren Gefahr und damit selbst gefährlich« (1926d, S. 177) werden, insofern die triebbestimmten Handlungen in der Außenwelt bestimmte Folgen haben. Damit ist die Abwehr immer dadurch motiviert, wie sich Triebregung und Realitätsprinzip vereinbaren lassen. Im Kern richtet sie sich dabei auf einen inneren Reiz: Das Bewusstwerden der Triebregung würde Angst, Scham oder Schuldgefühle nach sich ziehen, hätte unangenehme Folgen in der inneren und äußeren Welt.

Damit ist bereits das zweite Merkmal der Abwehr angesprochen: Sie dient der Unlustvermeidung. In der Konflikttheorie ist beschrieben, dass sich ein Gegeneinander aus dem Streben nach Lust bzw. Befriedigung und dem Vermeiden von Unlust ergeben kann. Die Befriedigung eines »Triebes« (besser: Triebwunsches) wäre »an sich lustvoll […], aber sie wäre mit anderen Ansprüchen und Vorsätzen unvereinbar; sie würde also Lust an der einen, Unlust an der anderen Seite erzeugen. Zur Bedingung der Verdrängung ist dann geworden, daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust.« (Freud, 1915d, S. 249) Freud entwirft hier ein einfaches Modell dessen, was man Lust-Unlust-Bilanz nennen könnte: Die Abwehr setzt dann ein, wenn das Bewusstwerden einer Vorstellung mehr Unlust als Lust nach sich ziehen würde ( Kap. 2.2 zu einer systemisch-topischen und einer strukturell-instanzenbezogenen Sicht darauf). Unlustvermeidung bedeutet das Vermeiden von unerträglichen Affekten und das Ziel der Abwehr ist es, diese unerträglichen Affekte nicht erleben zu müssen – allerdings im Kontext von etwas, das zugleich auch Lust verspricht. Dazu richtet sie sich auf Triebrepräsentanzen, auf solche psychischen Elemente also, in die sich Triebhaftes hineinvermittelt, das sind bei Freud Vorstellungen und Affekte. Das bedeutet auch, dass nicht »der« Trieb abgewehrt wird – zum einen wäre das widersinnig, weil es sich bei »Trieb« nicht um ein Etwas der biologischen oder repräsentatorischen Welt handelt, sondern um ein Konzept, und zum anderen weil das Konzept sich auf Prozesse der Vermittlung von Physiologie in Erleben bezieht. Dieser Prozess könnte zwar abwehrbedingt unterbrochen sein (das spielt eine Rolle in der Psychodynamik psychosomatischer Erkrankungen), aber die psychische Abwehr richtet sich in der Grundstruktur auf Repräsentanzen, also auf das, was durch die Triebgeschehen genannten Prozesse der psychosomatischen Vermittlung im Erleben entsteht, psychische, durch das Triebgeschehen bewirkte Repräsentanzen in Form von Vorstellungen und Affekten.

Das dritte Merkmal der Abwehr ist, dass es sich bei ihr um unbewusste Vorgänge handelt, die allerdings der Instanz des Ichs zugehörig sind. Dieser Gedanke ist leitend für die Einführung des Instanzenmodells durch Freud und bildet einen von dessen Grundpfeilern. In der Tat führt die Annahme von Abwehrvorgängen gegenüber etwas, das nicht bewusst werden darf, in Schwierigkeiten: Kann es einen bewussten Vorgang geben, dessen Gegenstand unbewusst ist und bleibt? Wäre das nicht so unmöglich, wie auf Aufforderung nicht an einen rosafarbenen Elefanten zu denken? Anders aber: Kann es einen unbewussten Vorgang geben, der genau »weiß«, was sein Ziel ist? Wie unten deutlicher werden wird, gibt Freuds topisches Modell des psychischen Apparates es nicht her, solche zielgerichteten Vorgänge des Systems Ubw zu beschreiben, so dass er ab 1923 die Instanz des Ichs, die in Teilen unbewusst ist, genauer ausformuliert. Zunächst beschreibt er im topischen Modell das Wirken einer »Zensur« zwischen den psychischen »Systemen«, die den Übertritt einer Vorstellung von einem ins andere verhindert – im Instanzenmodell übt diese Funktion das Über-Ich aus, das entscheidet, was für das Bewusstsein annehmbar ist und so mittelbar Abwehrvorgänge motiviert. Als solche ist die Abwehr für Freud ein unbewusster Vorgang »im« Ich (= eine Ich-Funktion) zum »Schutz des Ichs gegen Triebansprüche« (1926d, S. 197).

Die Abwehr zeichnet sich also durch drei Merkmale aus: Sie richtet sich gegen »innere Reize«, dient dem Zweck des Vermeidens unlustvoller Affekte und wirkt unbewusst.

2.2 Abwehr in Freuds Modellen der Seele

Der Gedanke einer psychischen Abwehr beschäftigt Freud über die Dauer seines gesamten Werks hinweg. In ersten psychoanalytischen Arbeiten taucht sie in Termini wie »Abwehrneuropsychosen« oder »Abwehrhysterie« auf. Sie spielt als eine Art psychisches Prinzip in seinem neuropsychologischen Modell der Assoziativität bzw. der »Bahnungen« im 1895 entstandenen Entwurf einer Psychologie eine Rolle: Darin nimmt Freud an, dass ein sog. initiales Befriedigungserlebnis neuropsychologisch betrachtet Bahnungen schafft, gleichsam Verbindungen zwischen psychischen Elementen, die in einer lustvollen, befriedigenden Erfahrung gegeben gewesen sind. Diese Bahnungen sind nun die Grundlage für das Streben nach Wiederholung dieser lustvollen Erfahrung und nach dem Wiederherstellen der Bedingungen dafür. Neue Wahrnehmungen erfahren, sofern sie genügend ähnlich sind, eine »Wunschanziehung« und geraten sozusagen auf die Bahn vorangegangener lustvoller Erlebnisse. Ein »Schmerzerlebnis« (verbunden mit Unlust), das auf einer solchen Bahnung liegt (auch hier taucht der Gedanke auf, dass lustvolle Strebungen zugleich Unlustvolles mit sich bringen können), führt zur Hemmung beziehungsweise zu »Seitenbesetzungen«: Eine neuropsychologische Bahnung wird gleichsam zur Seite abgelenkt, weil sie nicht nur mit Lust, sondern auch mit Unlust verbunden ist. Freud beschreibt hier neuropsychologisch den Gedanken einer Kompromissbildung: Abläufe werden gehemmt und umgelenkt, so dass sie weniger Unlust, aber noch genügend Lust mit sich bringen. Hier ist nicht nur das Konzept der Abwehr angelegt, sondern auch eine frühe Form des Ichs als hemmender psychischer Instanz beschrieben.

In der Folge, im sog. Affekt-Trauma-Modell bis etwa 1897 (vgl. Sandler et al., 1997) taucht die Abwehr vor allem als Trennung zwischen Vorstellung und Affekt auf, also als eine Art von Spaltung, mit dem impliziten Ziel, den einer Vorstellung zugehörigen Affekt nicht dort (sondern anderswo) zu erleben bzw. die Vorstellung nicht »erinnern« zu können. In der weiteren Entwicklung des Freud‘schen Werkes lassen sich zwei Phasen bzw. Einbettungen des Abwehrkonzepts in zwei Modellen des Psychischen unterscheiden (vgl. zur genaueren Differenzierung Ehlers, 2014, S. 15 ff.): das topische Modell (etwa 1897 bis 1923) und das strukturelle oder Instanzen-Modell (ab 1923).

2.2.1 Abwehr im topischen Modell

Im topischen Modell (gelegentlich als erste Topik bezeichnet) konzipiert Freud das Psychische als in Systemen organisiert und unterscheidet dabei die Systeme Bewusst (Bw), Unbewusst (Ubw) und Vorbewusst (Vbw). Dabei geht es ihm auch um eine Unterscheidung zwischen einem deskriptiv Unbewussten (in systematischer Sicht das Vorbewusste), das bewusstseinsfähig, aber aktuell nicht mit Aufmerksamkeit besetzt ist) und einem dynamisch Unbewusstem (funktionell dem Bewusstsein nicht als solches zugänglich).

Zwischen den Systemen wirkt, wie schon angedeutet, eine Zensur bzw. besser gesagt: Es wirken zwei Zensuren (Freud, 1915e, S. 290): »Wir tun […] gut daran, […] anzunehmen, daß jedem Übergang von einem System zum nächst höheren, also jedem Fortschritt zu einer höheren Stufe psychischer Organisation eine neue Zensur entspreche«. Zum einen gibt es also die Annahme einer Zensur zwischen Ubw und Vbw, welche zum Beispiel die Verdrängung und die Aufrechterhaltung von deren Wirkung plausibel macht, zum anderen aber auch die einer Zensur zwischen Vbw und Bw: Im System Vbw gibt es, so Freuds Annahme, »Abkömmlinge« des Unbewussten, die aber noch auf ihren Eintritt ins Bewusstsein geprüft werden müssen. Während die erstgenannte Zensur darüber entscheidet, was bewusstseinsfähig ist, entscheidet die zweitgenannte darüber, was bewusst wird und als was es das wird.

Der Gedanke einer psychischen Zensur spielt bereits in der Traumdeutung eine Rolle, wenn Freud annimmt, dass im Traum die psychische Zensur herabgesetzt sei, mit der Folge, dass eine größere Offenheit des bewussten Erlebens auch demgegenüber herrscht, was verpönt ist: »Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber d[..]er Weg, der durch das Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch die Widerstandszensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den Zugang zum Bewußtsein«, nachts sinke der »Widerstand ab […], der an der Grenze zwischen Unbewußtem und Vorbewußtem wacht« (Freud, 1900a, S. 547). Es ist weniger an Entstellung erforderlich. Die Zensur wird dabei allerdings »niemals aufgehoben, sondern bloß herabgesetzt« (Freud, 1901a, S. 690), sie bleibt zuständig für eine Entstellung, die Freud als »Zensurveränderung« (1900a, S. 620) bezeichnet. Die Untersuchung der Mechanismen der Traumarbeit (Verdichtung, Verschiebung, sekundäre Bearbeitung) sind ein weiteres Beispiel für Freuds Auseinandersetzung mit Abwehrprozessen als etwas, das bewusstseinsfähige Formen sucht und findet, um die eigene psychische Welt zu erleben. Freud unterscheidet zwischen manifestem Trauminhalt und latenten Traumgedanken, die Traumarbeit produziert aus diesen jenen. Bewusstseinsfähigkeit, Zensur und Entstellung stehen in einem anderen Verhältnis zueinander als im Wachbewusstsein, die Umsetzung in Traumbilder folgt außerdem dem Umstand, dass im Traum/Schlaf der Zugang zur Motilität versperrt ist (a. a. O., S. 573) und sich daher eine leichtere Umsetzung in innere Bilder ergibt.

Die frühe Annahme einer Zensur, insbesondere der zwischen Ubw und Vbw, entsteht also aus der Untersuchung des Traumes, in ihr, so Freud (a. a. O., S. 573), »haben wir […] den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu ehren.« Insbesondere im Wachzustand hilft uns die psychische Zensur dabei, unlustvollen Bedingungen zu entgehen, sozial verträglich zu sein u. a. Die Zensur als »Wächter zwischen dem Unbewußten und dem Vorbewußten« (Freud, 1916/17, S. 307) ist »eine prüfende Instanz […], welche darüber entscheidet, ob eine auftauchende Vorstellung zum Bewußtsein gelangen darf, und unerbittlich ausschließt, […] was Unlust erzeugen oder wiedererwecken könnte« (Freud, 1913j, S. 397).

Wie Freud sich allgemein die Abwehr vorstellt, verdeutlich am besten ein von ihm gezogener Vergleich zu einem öffentlichen Vortrag, den er im Zuge eigener Vorlesungen über die Psychoanalyse verwendet: »Nehmen Sie an, hier in diesem Saale und in diesem Auditorium, dessen musterhafte Ruhe und Aufmerksamkeit ich nicht genug zu preisen weiß, befände sich doch ein Individuum, welches sich störend benimmt und durch sein ungezogenes Lachen, Schwätzen, Scharren mit den Füßen meine Aufmerksamkeit von meiner Aufgabe abzieht. Ich erkläre, daß ich so nicht weiter vortragen kann, und daraufhin erheben sich einige kräftige Männer unter Ihnen und setzen den Störenfried nach kurzem Kampfe vor die Tür. Er ist also jetzt ›verdrängt‹ und ich kann meinen Vortrag fortsetzen. Damit aber die Störung sich nicht wiederhole, wenn der Herausgeworfene versucht, wieder in den Saal einzudringen, rücken die Herren, welchen meinen Willen zur Ausführung gebracht haben, ihre Stühle an die Türe an und etablieren sich so als ›Widerstand‹ nach vollzogener Verdrängung.« (Freud, 1910a, S. 22 f.)

Deutlich wird hier, dass es etwas Störendes (im »Innenraum«) gibt. Die Verdrängung als Form der Abwehr ist das, was den Störenfried nach draußen (also außerhalb des bewussten Erlebens) verfrachtet. Die Dynamik des Psychischen (und der Umstand, dass der Störenfried niemals einfach nur stört, sondern auch Amüsement verspricht) sorgt dafür, dass die Verdrängung/Abwehr (hier weitgehend noch gleichbedeutend verwendet) kein einmaliger Vorgang eines Hausverweises ist: Der Störenfried drängt von draußen wieder hinein und es muss etwas aufgerichtet werden (hier in etwas anderer Weise als später, nämlich in behandlungstechnischer Hinsicht, verwendet: ein Widerstand), das die Wirkung der Verdrängung aufrecht erhält. Abwehr bedeutet nun auch, dass etwas den Störenfried gleichsam neu einkleidet (eine psychische Entstellung bzw. Kompromissbildung) und er in diesem Aufzug unerkannt (d. h. nicht als der erkennbar, der zuvor gestört hat) wieder in den Saal gelassen wird.

Im Freud‘schen Werk ist die terminologische Differenzierung zwischen Abwehr und Verdrängung zunächst unklar beziehungsweise wird beides gleichbedeutend verwendet: Etwas wird vom Bewusstsein ferngehalten. Da das Abgewehrte in Freuds Sicht immer Lust und Unlust nach sich zöge, entsteht ein Dynamismus aus drängenden und verdrängenden Kräften und wie in der Traumarbeit werden auch im Wachbewusstsein beständig Umarbeitungen nötig. Eine solche Konzeption von Ersatz- oder Kompromissbildungen, die dem Motiv des Luststrebens und dem der Unlustvermeidung zugleich gerecht zu werden versuchen, kennzeichnet die Abwehrlehre und dies äußert sich in verschiedenen Abwehrmechanismen in unterschiedlicher Weise. Das führt zum Beispiel zur Konzeption, dass bei der Abwehr in der Regel die Verdrängung und ein weiterer Abwehrvorgang, der für eine Umarbeitung mit dem Ziel der entstellten Bewusstwerdung sorgt, zusammenkommen ( Kap. 3.1).

Die Verdrängung lässt sich in diesem Kontext recht genau bestimmten, zum Beispiel als »Operation, wodurch das Subjekt versucht, mit einem Trieb zusammenhängende Vorstellungen […] in das Unbewußte zurückzustoßen oder dort festzuhalten. Die Verdrängung geschieht in den Fällen, in denen die Befriedigung eines Triebes – der durch sich selbst Lust verschaffen kann – im Hinblick auf andere Forderungen Gefahr läuft, Unlust hervorzurufen.« (Laplanche & Pontalis, 1967, S. 582) Sie ist als solche im Freud‘schen Verständnis aber auch das »Vorbild für andere Abwehroperationen«, da »die Verdrängungsoperation […] sich mindestens als ein Abschnitt bei zahlreichen komplexen Abwehrvorgängen findet« (a. a. O.) (vgl. a. Zepf, 2006b; Moser, 1964).

Dass die Abwehr gelingt, begründet Freud ferner über die Annahme einer »Gegenbesetzung«, worunter er einen »ökonomische[n] Vorgang als Träger zahlreicher Abwehrtätigkeiten des Ichs« versteht: »Er besteht aus der Besetzung von Vorstellungen, Vorstellungssystemen, Verhaltensweisen etc. durch das Ich, die den unbewußten Vorstellungen und Wünschen den Zugang zu Bewußtsein und zur Motilität verwehren können« (Laplanche & Pontalis, 1967, S. 161). Gemeint ist die »Besetzung eines Elements des Systems Vorbewußt-Bewußt, das das Aufkommen der verdrängten Vorstellung [verhindert; TS]« (a. a. O.). Es wird also eine Vorstellung besetzt, damit eine andere nicht bewusst wird, das Vorbewusste verstärkt auf diese Weise »den Gegensatz gegen die verdrängten Gedanken« (Freud, 1900a, S. 610), es ist ein Vorgang, »durch den sich das System Vbw gegen das Andrängen der unbewußten Vorstellung schützt« und es ist dabei »sehr wohl möglich, daß gerade die der Vorstellung entzogene Besetzung zur Gegenbesetzung verwendet wird« (1915e, S. 280). Freud denkt psychoökonomisch: Wenn einer Vorstellung abwehrbedingt die Besetzung entzogen wird, dann muss mit dieser irgendetwas angestellt werden – die Antwortet lautet hier, dass diese Besetzung(senergie) der Abwehr zur Verfügung steht. Die Besetzung einer anderen Vorstellung ist daher sowohl in repräsentatorischer als auch in ökonomischer Hinsicht sinnvoll. Wichtig ist zu beachten, dass mit der Verdrängung hier kein prinzipiell pathologischer, sondern ein allgemeiner Vorgang beschrieben wird. Die Überlegungen sind grundlegend für die Konzeption eines dynamisch Unbewussten. Wie jede andere Abwehroperation betrifft die Verdrängung Elemente der Vorstellungswelt (in der Freud‘schen Terminologie: Triebrepräsentanzen), keine biologischen Elemente und oder andere Personen.

Allerdings werden hier auch die Probleme der Besetzungstheorie und des topischen Modells deutlich. Freud nimmt nämlich auch an (und das muss er auch, wenn das Modell des Seelenlebens ein dynamisches bleiben soll), dass es unbewusste Besetzungen gibt. Die Abwehr entzieht also nicht einfach einer Vorstellung die Besetzung, sondern durch sie ändert sich etwas im Verhältnis von Vorstellungen und Affekten. Hinzu kommt, dass eine solche Personalisierung von Abwehr und Zensur Unklarheiten mit sich bringt, zuallererst: Welchem System ist die Abwehr/Zensur zugehörig?

2.2.2 Abwehr im Instanzen-Modell

Soweit bewegen sich die Freud‘schen Überlegungen im Rahmen des topischen Modells. Es geht um Systeme und Zensuren zwischen diesen. Mit Beginn der 1920er Jahre allerdings wird eine Veränderung in Freuds Konzeption dessen, wie der psychische Apparat aufgebaut ist, erforderlich, in erster Linie unter der Perspektive der Abwehr. Denn die Abwehrvorgänge erfüllen nicht die Merkmale, die Freud für Inhalte und Vorgänge des Systems Ubw annimmt: nämlich das Herrschen des Lustprinzips bzw. des Primärvorgangs, freie Verschiebbarkeit von Besetzungen, Zeitlosigkeit. Außerdem: Wie könnte ein Vorgang sich selbst erzeugen oder zum Gegenstand nehmen (denn das müsste ja so oder so ähnlich angenommen werden, wenn die Abwehr im System Ubw operieren würde)? Freud (1923b, S. 244) stellt also fest: »Wir haben im Ich selbst etwas gefunden, was auch unbewußt ist, sich gerade so benimmt wie das Verdrängte, das heißt starke Wirkungen äußert, ohne selbst bewußt zu werden«. Gemeint ist damit die Abwehr, die einerseits eine Art von Organisiertheit oder Gesteuertheit aufweist (immerhin gibt es eine Art von Intentionalität oder Zielrichtung), andererseits selbst unbewusst sein muss, damit das Abgewehrte unbewusst werden oder bleiben kann. Freud meint also: »Von diesem Ich gehen auch die Verdrängungen aus« (a. a. O., S. 243).

Das zweite große Problem, das zu einer Re-Formulierung des psychischen Apparates durch Freud führt, hängt mit der Frage zusammen, »wo« die Zensuren zwischen den Systemen arbeiten: Gehören sie jeweils einem zu? Liegen sie an deren Grenzen? Freud folgert daher zum einen in Richtung der Annahme unbewusster Anteile des Ichs und zum anderen in Richtung der Formulierung des Über-Ichs als »zensurierender« Instanz. So formuliert er sein Struktur- oder Instanzen-Modell aus Ich, Über-Ich und Es (Freud, 1923b). Das Über-Ich wird dabei verstanden als Gewissensinstanz, die das Ich (bzw. hier eher: das Selbst; vgl. Storck, in Vorb. a) prüft und beurteilt. Es entscheidet darüber, wann jemand Schuldgefühle, aber auch Stolz erlebt. Dabei können Strafangst oder Gewissensangst als wichtiger Motor von Abwehrvorgängen beschrieben werden, dahingehend, dass die Abwehr zur Bewältigung eines Konflikts aus Wunsch und internalisiertem Verbot einsetzt. Das Erleben des Wunsches zieht Schuldgefühle nach sich bzw. ein ›schlechtes Gewissen‹. Bei Freud (1917a, S. 8) heißt es: »Irgendwo im Kern seines Ichs hat er [der Mensch; TS] sich ein Aufsichtsorgan geschaffen, welches seine eigenen Regungen und Handlungen überwacht, ob sie mit seinen Anforderungen zusammenstimmen.« An anderer Stelle formuliert er: »Wir waren […] gezwungen anzunehmen, daß sich im Ich selbst eine besondere Instanz differenziert hat, die wir das Über-Ich heißen […Es] kann sich dem Ich gegenüberstellen, es wie ein Objekt behandeln und behandelt es oft sehr hart. Es ist für das Ich ebenso wichtig, mit dem Über-Ich im Einvernehmen zu bleiben, wie mit dem Es« (Freud, 1926e, S. 253 f.). Das Über-Ich differenziert sich aus dem Ich, es ist eine »Stufe im Ich« und wird durch Internalisierungsprozesse gebildet, verwendet dabei allerdings Energie, die aus dem Es stammt (was z. B. bedeutet, dass die Strenge des Über-Ichs, trotz seiner Genese aus der Internalisierung elterlicher Gebote und Verbote, nicht deren Strenge wiedergibt, sondern die Triebstärke). Die Beziehung des Über-Ichs zum Ich umfasst Gebote – »So […] sollst du sein« – und Verbote – »So […] darfst du nicht sein« (Freud, 1923b, S. 262). Außerdem lässt sich, auch wenn Freud dies so nicht konsistent tut, zwischen dem Über-Ich (verbunden mit Gewissen, Schuld oder Strafe) und dem Ich-Ideal (Idealbilder, verbunden mit Scham) unterscheiden, wobei letzteres manchmal als ein Aspekt des erstgenannten gilt.

Im Rahmen dieses Modells erklärt sich die Abwehr nun dadurch, dass Es-Strebungen mit den Forderungen des Über-Ichs kollidieren (oder mit den Bedingungen der sozialen Realität), so dass das Ich gefordert ist, Abwehr zu mobilisieren, um bewusstseinsfähige Kompromissbildungen zu finden, d. h. eine Umarbeitung, die sowohl Es als auch Über-Ich hinreichend zufrieden stellt und/oder realitätsgerecht handeln zu können und so Scham, Angst, Schuld oder andere unlustvolle Affekte und Konsequenzen zu vermeiden.

2.3 Zur Differenzierung von Abwehr und Widerstand

Greenson (1967, S. 88 f.) definiert den Widerstand in folgender Weise: »Der Widerstand richtet sich gegen das analytische Verfahren, den Analytiker und das vernünftige Ich des Patienten. Der Widerstand verteidigt die Neurose, das Alte, das Vertraute und das Infantile gegen Aufdeckung und Veränderung. Er kann Anpassung bewirken. Der Ausdruck ›Widerstand‹ bezieht sich auf alle Abwehroperationen des seelischen Apparats, wie sie in der analytischen Situation wachgerufen werden. […] In der psychoanalytischen Situation manifestieren sich die Abwehrvorgänge als Widerstand.« Während sich die Abwehr also wie oben dargestellt, darüber bestimmt, dass sie (1) sich auf einen unbewussten Reiz richtet, (2) der Unlustvermeidung dient und (3) als ein unbewusster Vorgang dem Ich zugehörig ist, wird der Widerstand nicht als ein eigener Prozess bestimmt – vielmehr handelt es sich um Abwehrbemühungen im Verlauf der analytischen Arbeit, die sich im Wesentlichen gegen die Veränderung bzw. gegen die analytische Beziehung als deren Mittel und Medium richtet. Widerstand bedeutet also, dass in der analytischen Behandlung Unlust droht, deshalb wirken Abwehrvorgänge (vgl. a. Seiffge-Krenke, 2017).

Zur Veranschaulichung des Gefühls, es mit einem hartnäckigen Widerstand zu tun zu haben, der die Bemühungen des Analytikers unbewusst zurückweist und auf dem Bestehenden bzw. der Nicht-Vertiefung der Beziehung beharrt, kann in eine Folge aus der TV-Serie The Wire (»Unto others«; 2006) geblickt werden. Der ehemalige Polizist Colvin engagiert sich in der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern, die oppositionelles und delinquentes Verhalten zeigen, indem er zusammen mit einem Sozialwissenschaftler und mit Lehrerinnen ein Programm durchführt, das die Lebensrealität der Jugendlichen ins Zentrum rückt (z. B. indem gefragt wird, wo sie sich in zehn Jahren sehen und was dafür oder dagegen spricht zu dealen). Einer der Jugendlichen ist Namond, der nach entwertenden Aussagen ins Büro zitiert wird, wo Colvin und eine Lehrerin mit ihm sprechen wollen. Colvin fragt die Lehrerin: »Kann ich es mal versuchen?« Sie willigt ein, Namond sagt: »Fuck you«. Colvin macht ein paar Schritte auf ihn zu und sagt: »OK. Aber du bist immer noch in diesem Raum.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin dazu: »Du weißt, dass du solange nicht zu den anderen gehen kannst, bist du gelernt hast, dich zu benehmen.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin versucht es unbeirrt weiter: »Solange du es nicht in den Griff bekommst, kannst du nicht in den normalen Unterricht.« Namond sagt: »Fuck you«. Colvin dann: »Und du gehst ganz sicher nicht nach Hause, denn es gibt keine Schulverweise mehr.« Daraufhin steht Colvin resigniert auf und will aus dem Raum gehen. Namond ruft ihm nach: »Mr. Colvin, Sir…« Dieser dreht sich um und Namond sagt: »Fuck you«.

Nun muss zum einen gesagt werden, dass Widerstand nicht viel mit »Aufsässigkeit« oder rebellischem Verhalten zu tun hat, und er kann sich auch anders als in direkter Verweigerung oder aggressiven Verhaltensweisen zeigen. Zum anderen muss beachtet werden, dass es sich beim Widerstand nicht um etwas handelt, das man einer Analysandin vorwerfen könnte bzw. ihr »in die Schuhe schieben« könnte. Das Beispiel soll vielmehr zeigen, wie es sich anfühlen kann, in der Behandlung mit einer Art der Zurückweisung konfrontiert zu sein, die nicht durch bloße Anweisungen oder Appelle an die Einsicht aufgelöst werden kann. Der Widerstand ist dabei motiviert durch die Vermeidung von Unlust, aber immer auch ein Zeichen davon, dass etwas zu früh, zu bedrängend oder die Analysandin in anderer Weise überfordernd geschieht. Dabei geht es auch nicht darum, dass eine Analysandin zu allem »Fuck you« sagt, sondern um das Konfrontiertsein mit einer absolut wirkenden Barriere.

2.3.1 Widerstand als die Äußerung von Abwehrmechanismen in Behandlungen

Auch das Konzept des Widerstands entwickelt Freud angesichts der Auseinandersetzung mit Phänomenen in klinischen Behandlungen: »[Der] Widerstand ist etwas völlig Neues, ein Phänomen, welches wir auf Grund unserer Voraussetzungen gefunden haben, ohne daß es in diesen enthalten gewesen wäre. Wir sind von diesem neuen Faktor in unserer Rechnung nicht gerade angenehm überrascht.« (Freud, 1916/17, S. 114) Das Auftreten von Widerstandphänomenen erschwert die Arbeit, es ist nicht damit getan, Analysandinnen eine Einsicht vor Augen zu führen, die dann umstandslos bloß intellektuell angenommen werden müsste. Man kann Analysandinnen nicht einfach sagen, was ihnen unbewusst ist, und dann wird es integriert und Veränderung wird möglich. Das Symptom hat eine angstreduzierende Funktion und die Funktionalität des Symptoms weist also auch darauf hin, dass man es nicht einfach »entfernen« kann. Jedes psychopathologische Symptom ist in gewisser Hinsicht gegenüber etwas anderem das »kleinere Übel«. Es ist zwar in der Regel mit Leidensdruck oder Einschränkungen verbunden, aber es ist zugleich immer die Vermeidung eines vermeintlich schlimmeren Zustands oder Gefühls.

Freud beschreibt die »Beobachtung«, dass beim Kranken »seine Assoziationen versagen, wenn sie sich dem Verdrängten annähern sollen. Wir sagen ihm dann, er stehe unter der Herrschaft eines Widerstandes, aber er weiß nichts davon und selbst, wenn er aus seinen Unlustgefühlen erraten sollte, daß jetzt ein Widerstand in ihm wirkt, so weiß er ihn nicht zu benennen und anzugeben.« (Freud, 1923b, S. 243 f.) Freud äußert sich auch in durchaus amüsanter Weise dazu, wie ein solches Konzept auf Außenstehende wirken könnte, nämlich als eine Art Alibi für lange Behandlungen oder schwer erreichbare Fortschritte: »Den Angehörigen des Kranken sagen wir am besten nichts davon [von der Annahme, dass ein Widerstand wirkt; TS], denn diese meinen nie etwas anderes, als es sei eine Ausrede von uns, um die lange Dauer oder den Mißerfolg unserer Behandlung zu entschuldigen.« (1916/17, S. 296) Und gleichzeitig ist damit auf eine Gefahr hingewiesen: Selbstverständlich dürfen stagnierende Behandlungen nicht ausschließlich auf einen Widerstand der Analysandin zurückgeführt werden, mit der Konsequenz, beharrlich so weiterzumachen wie bisher und darauf zu setzen, dass fortgesetzte Deutungen ihn irgendwann lockern werden. Vielmehr ist zu prüfen, mit welchen Bedingungen der Behandlung ein schwer oder gar nicht zu erreichender Fortschritt stattdessen zu tun haben könnte.

Freud kennzeichnet auch die Wurzeln der Entwicklung des Widerstandskonzeption aus der Untersuchung eigener Vorgänge, wenn er im Zusammenhang einer Diskussion des Verhältnisses zwischen Vbw und Ubw im systematischen Sinn und der Frage danach, was bewusst gemacht werden kann, formuliert: »Wenn wir es an uns selbst versuchen, erhalten wir das deutliche Gefühl einer Abwehr, die bewältigt werden muß, und wenn wir es bei einem Patienten hervorrufen, so erhalten wir die unzweideutigsten Anzeichen von dem, was wir Widerstand dagegen nennen.« (Freud, 1912g, S. 435 f.)

Bei Freud ist die Unterscheidung nicht ganz einheitlich, wie sich beispielsweise in den Bemerkungen zeigt, die Männer, die sich vor die Tür setzen, nachdem der Störenfried hinauskompromittiert worden ist, würden sich als »Widerstand« betätigen, also zugleich in einer Abwehrfunktion (sie werfen jemanden/etwas hinaus) als auch in einer Widerstandsfunktion (sie sorgen dafür, dass er/es nicht wieder hineinkommt). Durchweg stehen Widerstand und Verdrängung in engem Zusammenhang. Der Widerstand hält die Ergebnisse der Verdrängung aufrecht: »Aus der Würdigung der Widerstandsphänomene ergab sich einer der Grundpfeiler der psychoanalytischen Neurosenlehre, die Theorie der Verdrängung« (Freud, 1924, S. 411). Für Freud (1937c, S. 84) ist es die »entscheidende Tatsache […], daß die Abwehrmechanismen gegen einstige Gefahren in der Kur als Widerstände gegen die Heilung wiederkehren.« In dieser Bedeutung hat sich ein gewisser Konsens über die Bedeutung des Widerstandskonzepts ergeben. Als terminologische Unterscheidung zwischen Abwehr und Widerstand bietet es sich an, den Bemerkungen Seiffge-Krenkes (2017, S. 16) zu folgen: »Die Abwehr umfasst Prozesse, die gegen Schmerz, Gefahr, negative Affekte schützen und die Emotionen so herunterregulieren, dass sie durch das Individuum handhabbar werden. Der Widerstand dagegen verteidigt die Neurose, das Alte, das Infantile, das Vertraute gegen Aufdeckung und Veränderung«. Entsprechend werden beispielsweise im Lehrbuch von Zepf (2006b) die Abwehrprozesse in einem gesonderten Kapitel (als theoretische Konzepte) behandelt und der Widerstand als Teil der »Grundbegriffe der analytischen Therapie«. Sandler, Dare und Holder (1973, S. 66) meinen, Widerstand sei »mehr ein technischer als ein psychologischer Begriff«.

In diesem Sinn ergeben sich behandlungstechnische Definitionen, so bei Zepf (2006b, S. 368): »Als Widerstand wird all das bezeichnet, was sich im Patienten den Beeinflussungsversuchen des Arztes, die auf das Erinnern zielen, widersetzt.«, oder bei Laplanche und Pontalis (1967, S. 622): »Im Verlaufe der psychoanalytischen Behandlung nennt man all jenes ›Widerstand‹, was in den Handlungen und Worten des Analysierten sich dem Zugang zu seinem Unbewußten entgegenstellt.« Ermann (2014, S. 1079) meint, Psychoanalyse als ein »Eingriff in die seelische Homöostase« gefährde »die bisherige Anpassung an die Aufgaben der Lebensbewältigung« bzw. die »durch die Neurose erreichte relative Stabilität und Sicherheit«, so dass verständlich wird, dass es immer auch Motive gibt, die sich der Veränderung als ein Widerstand entgegenstellen. Betrachtet man Symptome wie vorgeschlagen dahingehend als kleineres Übel, dass sie ein instabiles oder dysfunktionales, aber eben doch ein Gleichgewicht herstellen, dann bedroht der analytische Prozess dieses Gleichgewicht. Warum auch sollte jemand auf sein Symptom verzichten, wenn es eine wichtige Funktion erfüllt? Es ist also nicht verwunderlich, wenn etwas an der therapeutischen Arbeit auch zurückgewiesen werden muss bzw. sich zumindest ambivalente Gefühle gegenüber der Veränderung einstellen.

Widerstand, so daher auch Greenson (1967, S. 49), »nennen wir all jene Kräfte im Patienten, die sich den Verfahren und Prozessen der psychoanalytischen Arbeit entgegenstellen. […] Der Widerstand verteidigt den Status quo der Neurose.« Er ist »seinem Wesen nach eine Gegenkraft im Patienten, die gegen den Fortschritt der Analyse […] wirkt« (a. a. O., S. 71) und die jeweiligen Widerstände sind »Wiederholungen aller Abwehrmaßnahmen, die der Patient bisher in seinem Leben benützt hat.« (a. a. O., S. 49), womit ein wichtiger indirekter Hinweis auf den möglichen Erkenntniswert des Widerstands gegeben ist: Er zeigt, wodurch die Abwehrorganisation bedroht ist und wie sie strukturiert ist. Er ist potenzielle Erkenntnisquelle, eine Art Abwehrdiagnostik. Dabei gibt es ferner »keine Aktivität, die sich nicht zum Zweck des Widerstands mißbrauchen ließe.« (a. a. O., S. 72) Weiter unten wird sich zeigen, dass der einzelnen Verhaltensweise, Äußerung oder Haltung nicht angesehen werden kann, dass es sich dabei um einen Widerstand handelt, dieser ist eher bestimmt über die Funktion oder den Kontext und erst dann lässt sich entscheiden, ob Schweigen oder übermäßiges, ausschweifendes Reden Widerstandscharakter hat, das Verspäten zu einer Behandlungsstunde oder die übergenaue Pünktlichkeit. Jedenfalls ist die »unmittelbare Ursache eines Widerstands […] immer die Vermeidung eines schmerzlichen Affekts, von Angst, Schuldgefühl oder Scham.« (a. a. O., S. 49)

2.3.2 Widerstand gegen die Gefahr der Veränderung

Die Funktion von Widerstandsphänomenen wird also auch deutlich, wenn man in Betracht zieht, dass die Veränderung einmal gefundene, wenn auch dysfunktionale »Lösungsversuche« infrage stellt: Es drohen dann diejenigen Vorstellungen und Affekte bewusst zu werden, die unlustvolle Gefühle mobilisieren würden und deshalb vom bewussten Erleben ferngehalten werden sollten, und es droht auch die erforderliche Aufgabe von Ersatzbildungen mit der kompromisshaften Wunscherfüllung darin.

Für Freud (1900a, S. 521) ist, »[w]as immer die Fortsetzung der Arbeit stört«, ein Widerstand, der Widerstand richtet sich »gegen die Analyse überhaupt und somit gegen die Heilung« (Freud, 1937c, S. 85), er wird verstanden als eine »Kraft, welche den krankhaften Zustand aufrecht erhielt« (Freud, 1910a, S. 20). Dabei handelt es sich um ein regelhaftes Phänomen in Behandlungen, insofern diese sich mit dem Unbewussten beschäftigen: »Die Aufdeckung und Übersetzung des Unbewußten geht unter beständigem Widerstand von seiten des Kranken vor sich. Das Auftauchen dieses Unbewußten ist mit Unlust verbunden, und wegen dieser Unlust wird es von ihm immer wieder zurückgewiesen. In diesen Konflikt im Seelenleben des Kranken greifen Sie nun ein« (Freud, 1905a, S. 24). Je stärker dabei der Widerstand sei, umso größer sei die Entstellung des Unbewussten (Freud, 1916/17, S. 115). Der Widerstand ist ein »Widerstand gegen das Bewusstwerden« (Freud, 1940a, S. 82) und er »kann nur eine Äußerung des Ichs sein, das seinerzeit die Verdrängung durchgeführt hat und sie jetzt aufrecht halten will.« (Freud, 1930a, S. 75)

Die Schwierigkeiten, ein einmal »gefundenes« Symptom aufzugeben, haben nun nicht nur damit zu tun, dass dann Unlust mobilisiert würde, sondern auch aufgrund von etwas, das Freud (1916/17, S. 360) als eine »Zähigkeit, mit welcher die Libido an bestimmten Richtungen und Objekten haftet, sozusagen die Klebrigkeit der Libido«, bezeichnet, eine »Zähigkeit oder Klebrigkeit der Libido, die einmal von ihr besetzte Objekte nicht gerne verläßt« (a. a. O., S. 473) oder »eine Schwerbeweglichkeit der Libido, die ihre Fixierungen nicht verlassen will« (Freud, 1940a, S. 108).

Widerstand regt sich also, »[w]enn wir es unternehmen, einen Kranken herzustellen, von seinen Leidenssymptomen zu befreien« (Freud, 1916/17, S. 296), und setze sich über die Dauer der Behandlung fort. Er sei »sehr mannigfaltig, höchst raffiniert, oft schwer zu erkennen, wechselt proteusartig die Form seiner Erscheinung« (a. a. O., S. 297) und richte sich besonders gegen die »technische[.] Grundregel« der freien Assoziation, diese werde »zum Angriffspunkt des Widerstandes«, insofern sie ja gerade auf die Spur unbewusster Verbindungen führen soll: »Bald behauptet er, es fiele ihm nichts ein, bald, es dränge sich ihm so vieles auf, daß er nichts zu erfassen vermöge« (a. a. O.). Eine besondere Bedeutung kommt dabei dem Widerstand gegen die Übertragung, aber auch der Übertragung als Widerstand zu (s. Kap. 4.4.1).

Das Auftreten von Widerständen ist keine »unvorhergesehene Gefährdung der analytischen Beeinflussung«, sondern sie müssen zum Vorschein kommen, denn die »Überwindung der Widerstände [ist] die wesentliche Leistung der Analyse« (Freud, 1916/17, S. 301). Dabei wechselt der Widerstand »im Laufe einer Behandlung beständig seine Intensität; er steigt immer an, wenn man sich einem neuen Thema nähert, ist am stärksten auf der Höhe der Bearbeitung desselben und sinkt mit der Erledigung des Themas wieder zusammen.« (a. a. O., S. 302) Freud meint, die Kritik des Kranken bzw. dessen Äußerungen über den fraglichen Wert der Arbeit, insbesondere »kritische Einwendungen« gegen die Grundregel (Freud, 1926d, S. 66), sei »keine selbständige, als solche zu respektierende Funktion, sie ist der Handlanger seiner affektiven Einstellungen und wird von seinem Widerstand dirigiert« (Freud 1916/17, S. 303).

2.3.3 Widerstandsphänomene

Greenson (1967, S. 72 ff.) listet einige typische Manifestationen des Widerstands auf, wobei erneut deutlich wird, dass es eine Frage von Kontext und Funktion ist, ob ein bestimmtes Verhalten als Widerstandsphänomen aufgefasst werden kann:

• Der Patient schweigt

– Patient ist »bewußt oder unbewußt abgeneigt […], dem Analytiker seine Gedanken oder Gefühle mitzuteilen«

– könne auch »Wiederholung eines früheren Ereignisses sein, bei dem Schweigen eine Rolle gespielt hat« (a. a. O., S. 73)

• Der Patient »ist nicht zum Reden aufgelegt«

• Der Patient meint, er habe nichts zu sagen

• Der Patient zeigt keine oder unangemessene Affekte

• Die Körperhaltung des Patienten

– starr, zusammengerollt, sich windend, über die Stunde lang unverändert

• Eine Fixierung in der Zeit

– Patient spricht nur über Vergangenheit oder nur über Gegenwart und beides dient jeweils der Vermeidung des anderen

– Einerseits eine Art von ›Flucht ins Biografische‹ und andererseits ein Beharren auf der Ungeschichtlichkeit aktuellen Erlebens

• Berichte über triviale oder äußere Ereignisse

– »Wenn das Gerede über Unwichtiges dem Patienten nicht selber als etwas Seltsames auffällt, haben wir es mit einem Weglaufen zu tun.« (a. a. O., S. 75)

– »Wenn die äußere Situation nicht zu einer persönlichen, inneren Situation führt« (a. a. O., S. 76)

– Es entsteht hier ein Problem durch die Grundregel der freien Assoziation, die prinzipiell dazu auffordert, sich nicht an vermeintlicher Wichtigkeit oder geordneten Zusammenhängen zu orientieren; allerdings muss gesagt werden, dass Analysanden sich in eine (pseudo-)freie Assoziation flüchten können, die nicht in die Einsicht in unerkannte Zusammenhänge im Psychischen führt, sondern diese verschleiert.

• Das Vermeiden bestimmter Themen

– Peinliches wird vermieden durch die Wahl abgeschwächter Ausdrücke

– »Sexuelle oder feindselige Phantasien in bezug auf die Person des Analytikers gehören auch zu den am Anfang der Analyse höchst eigensinnig umgangenen Themen.« (a. a. O., S. 76)

• Starrheiten

– »Alle sich wiederholenden Routinehandlungen, die der Patient in den Analysestunden unverändert vollzieht« (a. a. O., S. 77)

• Die Verwendung von Klischees, Fachwörtern oder »steriler Sprache«

• Zuspätkommen, Versäumen von Stunden, vergessen zu bezahlen

• Das Ausbleiben von Träumen

– als »ein Anzeichen für den Kampf des Patienten gegen die Offenlegung des Unbewußten und besonders seines Trieblebens vor dem Analytiker« (a. a. O., S. 79)

• Der Patient langweilt sich

• Der Patient hat ein Geheimnis

• Agieren (s. Kap. 2.4)

• Häufige »fröhliche« Stunden

– »Im großen ganzen [sic!] ist die analytische Arbeit ernst« (a. a. O., S. 81)

– Dies ist natürlich nicht misszuverstehen als ein Makel der guten Laune, sondern einzuschätzen als eine positive Stimmung, die demonstrativ schwierige Gefühle und Themen zu verdecken scheint.

• Der Patient ändert sich nicht…

• Ein »stiller Widerstand«

– verstehbar als Ausdruck »subtile[r] Charakterwiderstände« (a. a. O., S. 82) (s. Kap. 3.3)

2.4 Agieren und Enactment

Ein vertiefter Blick ist auf die Figur des Agierens zu richten (vgl. Storck, 2013). Agieren meint zunächst einmal auch in der Psychoanalyse ein Handeln, das hier aber unter Widerstandsaspekten und im Gegensatz zur Vorstellung oder Verbalisierung gebraucht wird. Freud entwickelt das Konzept im Zusammenhang seiner Reflexionen zur Behandlung mit Dora, die die analytische Behandlung abgebrochen hatte. Freud versteht dies als handlungsmäßiger, auf die Übertragung bezogener Ausdruck eines Racheimpulses ihm gegenüber: Sie »rächte […] sich an mir, wie sie sich an Herrn K. [einem Bekannten von Doras Eltern, bzgl. dem Freud von einer enttäuschten Liebe Doras ausging; TS] rächen wollte, und verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und verlassen glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer Erinnerungen und Phantasien, anstatt es in der Kur zu reproduzieren« (Freud, 1905e, S. 283). Freuds Gedanke ist, dass seine Patientin im Rahmen der Behandlung an aktualisierte schwierige Gefühle (und Fantasien) gelangt, diese aber, statt sie in der Analyse zu verstehen und zu bearbeiten, etwa indem sie sie Freud gegenüber verbalisiert, im Abbruch der Behandlung einen Ausdruck finden. Agieren heißt also, Gefühle, Fantasien oder Assoziationen nicht in das Sprechen im Rahmen der analytischen Beziehung und Stunde einzubeziehen, sondern sie in Szene zu setzen, ohne dass es bearbeitet werden kann.

Etwas später benennt Freud noch einen anderen Aspekt des Agierens, in dem es nicht nur darum geht, unter Agieren das zu verstehen, was jemand außerhalb der Behandlungsbeziehung tut und die Bezogenheit auf diese nicht erkennt. Sondern er formuliert, in Analysen »ohne erfreulich glatten Ablauf« könne man sagen, »der Analysierte erinnere überhaupt nichts von dem Vergessenen und Verdrängten, sondern er agiere es. Er reproduziert es nicht als Erinnerung, sondern als Tat, er wiederholt es, ohne natürlich zu wissen, daß er es wiederholt. Zum Beispiel: Der Analysierte erzählt nicht, er erinnere sich, daß er trotzig und ungläubig gegen die Autorität der Eltern gewesen sei, sondern er benimmt sich in solcher Weise gegen den Arzt.« (Freud, 1914g, S. 129) Hier zeigt sich ferner die wichtige Bedeutung des Agierens für Freuds Begriff der Übertragung, denn letztlich betont er hier, das Phänomen, sich der Analytikerin gegenüber auf eine bestimmte Weise zu geben, könne seinen Ursprung in den Beziehungen zu den Eltern haben. Hier ist zumindest angedeutet, dass das Agieren nicht allein Widerstandscharakter hat, sondern auch etwas (nicht Verbalisierbares) erkennbar werden lässt.

Agieren wird von Freud zunächst dem »Erinnern« (Fantasien, Assoziationen) bzw. der Verbalisierung im Rahmen der Stunde gegenübergestellt. Ein zugrundeliegender Kerngedanke folgt der Nachbildung der analytischen Stunde gemäß der Traum-/Schlaf-Situation: Die Motorik (und motorische Abfuhr) soll ausgeschaltet sein, so dass sich Triebregungen in Fantasien umsetzen können. Was, so Freuds Überlegung, nicht somatisch-physiologisch abreagiert wird, findet einen psychischen Ausdruck und kann zum Gegenstand des analytischen Arbeitens werden. Vor allem deshalb soll die Analysandin nicht »handeln«, sondern sich ihrem Innenleben widmen und deshalb wird es von Freud in erster Linie als Widerstandsphänomen gesehen. Ein weiterer Grund für die Begrenzung des Agierens (im Sinne des handlungsmäßigen Ausdrucks konflikthafter psychischer Themen und Aktualisierungen) liegt darin, die Analysandin im Alltag davor zu schützen, dass sie sich schädigt, indem Beziehungsaspekte »am falschen Ort« in Szene gesetzt werden. Anna Freud (1968, S. 2455 f.) formuliert dazu: »Das Agieren des Patienten gegenüber dem Analytiker wird auf das Wiedererleben von Impulsen und Affekten, die Reaktivierung infantiler Ansprüche und Einstellungen beschränkt; der Weg zur Motorik soll versperrt […] bleiben […] Der Patient, der seinen Impulsen Einlaß in die Motorik gibt, reproduziert das wiederbelebte Unbewusste auch in seinem gewöhnlichen Alltag und kann sich dadurch zu Schaden bringen.«

Fenichel (1945b) unterscheidet in der Folge deskriptiv zwischen einem Agieren innerhalb und einem Agieren außerhalb der analytischen Stunde (für die Frage der Bearbeitung natürlich ein entscheidender Unterschied) und Zeligs (1957) gebraucht in ähnlicher Weise die Differenzierung zwischen einem »acting in« (in der Stunde) und einem »acting out« (außerhalb der Stunden). Die Übersetzung von Freuds Ausdruck »Agieren« ins Englische hat einige Schwierigkeiten mit sich gebracht, da das »acting out« dann gelegentlich wieder als »Ausagieren« rückübersetzt wurde. Dann wiederum ist aber die Übersetzung des »acting in« als »Einagieren« oder ähnlich nicht sinnvoll – denn der Gedanke des Agierens ist ja gerade, dass etwas »nach außen«, in der Handlung abgeführt wird. Eine plausible Form des »acting in« als Gegenteil zum Agieren in der Handlung liegt in der zum Beispiel von Aisenstein (2006, S. 678; Übers. TS) gebrauchten Figur des »acting in in den Körper«, also eine Art von Deponieren im eigenen Körper ohne begleitende psychische Erlebnisqualität.

Zu den zentralen Merkmalen des Agierens gehört, dass es als Kompromisshandlung zu verstehen ist, es »handelt« sich dabei um ein Zeigen und ein Verbergen, ein Zusammenkommen von Wunsch/Fantasie und Abwehr, ähnlich wie auch für psychische Kompromissbildungen der Fall, nur hier auf der Ebene von Handlungen. Ferner zeigt sich im klassischen Verständnis des Agierens darin ein infantiles (unbewusstes) Konflikt-Thema und es geschieht eine Form der Triebabfuhr über die Motorik. Dabei ist entscheidend, dass der Objektbezug darin abgewehrt wird, das bedeutet, es wird abgewehrt, dass das Agieren sich auf die Übertragung bezieht, auf diese zugleich hindeutet und ihr ausweicht. Dabei ist also nicht die Handlung als solche nicht reflektiert und u.U. auch nicht die zugrundeliegenden und begleitenden Gefühle, aber es ist unbewusst, dass diese hinsichtlich der Behandlung und vor allem der Beziehung zur Analytikerin etwas bedeuten (und was). Einer Handlung als solcher ist dann auch nicht »anzusehen«, ob es sich dabei um ein Agieren handelt oder nicht, alles kann ein Agieren sein oder auch nicht. Der entscheidende Punkt ist, dass etwas zum Agieren wird, wenn die Analytikerin es insofern auf sich bezieht, als geprüft wird, in welcher Weise es im Zusammenhang der analytischen Beziehung steht. Das mag überaus selbstzentriert klingen, steht aber mit einer wichtigen Aufgabe analytischer Arbeit im Zusammenhang: das Erleben und Handeln der Analysandin auf seine Bedeutung im Kontext wichtiger Beziehungen zu befragen.

Entlang der Weiterentwicklungen des Begriffs des Agierens lässt sich nicht nur die Weiterentwicklung des Übertragungsbegriffs nachzeichnen, sondern auch die des Begriffs der Gegenübertragung. Das Agieren steht im Kontext der Übertragungsbeziehung, das heißt jedoch auch, dass die Analytikerin daran beteiligt ist, nicht nur als diejenige, zu welcher der Bezug abgewehrt ist, sondern auch als jemand, die Szenen mitgestaltet. Diese Gedanken finden sich in unterschiedlichen Konzepten wieder, etwa der Bereitschaft zur Rollenübernahme (Sandler, 1976), der Übertragung als »Gesamtsituation«, der Szene bzw. Situation (Argelander, 1970; Lorenzer, 1970) oder dem Handlungsdialog (Klüwer, 1983). Deutlicher als zuvor wird dabei neben der Abwehr- bzw. Widerstandsfunktion des Agierens auch dessen Kommunikationsform betont. Ein Gedanke dabei ist, dass es für die Analytikerin unmöglich ist, das Agieren der Analysandin nicht zu beantworten (oder dass vielmehr sogar unklar ist, wer auf wen reagiert). Zum einen ist im Rahmen einer allenfalls rudimentär vorhandenen psychoanalytischen Handlungstheorie zu beachten, dass auch das Reden (und das Schweigen) während des Auf-der-Couch-Liegens als eine Handlung zu gelten hat. Zum anderen ist es dann auch eine »handelnde« Antwort der Analytikerin, im Sessel sitzen zu bleiben, wenn ihre Analysandin im Verlauf der Stunde von der Couch aufsteht. Auch dann entsteht eine Szene aus Handeln und handelnder Beantwortung.

Konsequenterweise ist während der vergangenen Jahrzehnte das Konzept des Agierens in Richtung des sog. Enactments erweitert worden. Jacobs (1986, S. 286; Übers. TS) meint, dass »jene subtilen, oft kaum sichtbaren Gegenübertragungsreaktionen« den »größten Einfluss auf unser analytisches Arbeiten« haben, und begründet in diesem Zusammenhang das Konzept des Enactments als Gesamtheit des Agierens der Analysandin und der Beantwortung dessen durch die Analytikerin. Jimenez und Fonagy (2011; Übers. TS) schreiben dazu: »Eine unbewusste Fantasie wird in der Übertragung aktualisiert, der Druck wird durch projektive Identifizierung übermittelt und die Gegenübertragungsprobleme des Analytikers werden nicht gelöst, so dass sich beim ihm ein »acting in« ergibt. Bei Ivey (2008, S. 20; Übers. TS) heißt es: »Man sagt, dass es zu einem Enactment gekommen ist, wenn der Patient unbewusst die subjektive Prädisposition des Analytikers, in bestimmter Weise zu fühlen und zu antworten, in Anspruch nimmt, indem er sich auch eine Art verhält, die eine emotionale Reaktion des Analytikers hervorrufen soll, die eine Übertragungsfantasie bestätigt.« Die Analysandin aktualisiert etwas und aktiviert dabei in der Analytikerin etwas, so dass beide gemeinsam eine Szene gestalten.

Manchmal wird hier von einem »Mitagieren« der Analytikerin gesprochen, was aus meiner Sicht aus zwei Gründen problematisch ist. Zum einen zeigt sich (auch) darin die Neigung, die Analytikerin als reagierend statt von Beginn an mitgestaltend zu betrachten, zum anderen sollte das, was die Analytikerin tut, nicht von einem abgewehrten Objektbezug gekennzeichnet sein, was oben ja als eines der zentralen Merkmale des Agierens benannt worden ist. Zwar muss die Analytikerin über ihr Sprechen und sonstiges Handeln nicht notwendigerweise immer schon im Voraus genau Bescheid wissen (das ist schwer möglich und würde auch in einem denkbar künstlichen und unspontanen Sprechen resultieren), aber ihr darf das Gewahrsein, dass sie in ihrem Handeln und Sprechen auf die Analysandin als Analysandin bezogen ist, nicht verloren gehen. Das dürfte als die zentrale ethische Dimension der psychoanalytischen Technik gelten. Deshalb sollte man meiner Auffassung nach nicht von einem Mitagieren der Analytikerin sprechen (und terminologisch nicht parallelisieren), sondern eher von einer (u.U. auch handlungsmäßigen) Beantwortung des Agierens durch die Analytikerin.

Zum Umgang mit dem Agieren ist ferner zu sagen, dass ein Primat der Deutung bei gleichzeitiger Versagung einer andersartigen Beantwortung heute nicht mehr wie früher behandlungstechnisch maßgeblich ist. Fragt also etwa eine Analysandin zu Beginn der Stunde: »Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?«, dann wird die Analytikerin vermutlich in der Regel und den meisten Kontexten ein Glas Wasser zur Verfügung stellen. Das ist durchaus ein Enactment. Die Analysandin sagt nicht: »Ich brauche Sie heute als jemanden, der erkennt, wie ausgedürstet ich bin« und die Analytikerin antwortet auch nicht mit: »Heute sind Ihre Versorgungswünsche wieder sichtbar«, sondern es wird wechselseitig eine Handlung eingeleitet und ausgeübt, die aber nichtsdestoweniger auch psychodynamisch und in ihrem Charakter als gemeinsame Inszenierung verstanden werden kann. Maßgeblich ist nicht (mehr), dass nicht agiert werden darf, sondern dass nicht agiert werden sollte, ohne dass dem Agieren bzw. Enactment eine verstehende Reflexion folgt.

Nichtsdestoweniger herrscht nicht überall Einigkeit über die Einschätzung von Enactments, wie die sog. Enactment Controversies (Ivey, 2008) zwischen der Freud-Klein-Richtung und der relationalen Psychoanalyse abbilden, in denen es wesentlich um die Frage geht, ob die Beteiligung der Analytikerin am Enactment unvermeidlich, aber unerwünscht ist, da es auf ihrer Seite ein fehlgeschlagenes Containment und mangelnde Spannungstoleranz anzeigt (also ein Zusammenbrechen ihrer analytischen Funktion), oder ob Enactments die entscheidenden Momente in einer Behandlung und eine notwendige Voraussetzung für Veränderung sind, und ob die Analytikerin darin »mit offenen Karten spielen« (Renik, 1999) sollte.

Mittlerweile wird das Agieren also offener betrachtet als zu Beginn der Konzeptentwicklung, heute steht der kommunikative Aspekt im Zentrum. Dabei wird anerkannt, dass manche Analysandinnen eben nicht immer sagen können, was los ist, sondern stattdessen machen, was los ist. Auch darin sind aktualisierte Beziehungsszenen und Fantasien enthalten. Bereits Lacan (1962/63, S. 159) bezeichnet das Agieren dabei als »wilde Übertragung« und bei Greenson (1967, S. 260) taucht das Agieren als »Griff nach dem Objekt« auf. Der (auch) abgewehrte Objektbezug darin verdeutlicht die Ambivalenz gegenüber Beziehungen. Ich habe daher den Vorschlag gemacht (Storck, 2013), einige Bemerkungen Freuds (1911b, S. 233) umzuwenden, in denen er vom Denken als Probe-Handeln spricht: »Die notwendig gewordene Aufhaltung der motorischen Abfuhr (des Handelns) wurde durch den Denkprozeß besorgt, welcher sich aus dem Vorstellen herausbildete. Das Denken wurde mit Eigenschaften ausgestattet, welche dem seelischen Apparat das Ertragen der erhöhten Reizspannung während des Aufschubs der Abfuhr ermöglichten. Es ist im wesentlichen ein Probehandeln mit Verschiebung kleinerer Besetzungsquantitäten, unter geringer Verausgabung (Abfuhr) derselben.«

Für das Agieren kann demgegenüber von einem »Handeln als Probe-Denken« gesprochen werden. Hier entscheiden die Folgen der motorischen Aktion, der Handlung also, darüber, was gedacht werden kann, d. h. was psychisch tolerabel ist und welches die Folgen des In-Beziehung-Stehens sind. Dabei wird im Agieren etwas ver-handelt, und zwar nicht irgendwas, sondern es geht konkret um eine an die Handlung delegierte Form des Herantastens an die Ambivalenz in Relation zur Analytikerin, weil eine Angst vor innerer Überflutung vorherrscht. Wie Beziehungen sich anfühlen, muss ausprobiert werden.

2.5 Fallbeispiel Herr A., Teil I

Was hat sich nun bisher konzeptuell zur Abwehr gezeigt? Sie dient allgemein der Vermeidung des Erlebens von Unlust (Angst, Scham, Schuldgefühle) und ist eingebettet in die psychoanalytische Theorie unbewusster psychischer Konflikte. Abwehrvorgänge spielen sich an Triebrepräsentanzen (Vorstellungen und Affekte) ab und arbeiten ihrerseits unbewusst, was die Annahme zur Folge hat, dass sie einem unbewussten Anteil des Ichs zuzuordnen sind. Auf diese Weise wird etwas vom bewussten Erleben ferngehalten; aufgrund der Einbettung in Konfliktkonzeption und Triebwünsche resultiert so ein Dynamismus des Psychischen und es kann davon gesprochen werden, dass die Abwehr dynamisch Unbewusstes nach sich zieht. In klassischer Betrachtung tauchen dabei die Verdrängung und ein weiterer Abwehrmechanismus auf, wodurch eine bewusstseinsfähige Ersatz- bzw. Kompromissbildung erzeugt wird. Als Widerstand betrachtet man das Wirken einer Abwehr gegen das Bewusstwerden in analytischen Behandlungen.

Anhand eines Fallbeispiels, das sich in vier Abschnitten in die Überlegungen des vorliegenden Bandes einfädeln wird, kann das Gemeinte verdeutlicht werden. Cripwell (2011) beschreibt darin die Behandlung mit dem Mitte 40-jährigen Herrn A., einem Patienten mit depressiven und zwanghaften Zügen.

Herr A. sucht die Behandlung aufgrund eines Gefühls von Festgefahrensein auf. Er verschwende sein Leben, habe die Überzeugung, eine Person ohne Substanz zu sein, und erlebe oft das Gefühl, zu scheitern. Er ist geplagt von Zweifeln an seinem Leistungsvermögen im Beruf als Geschäftsführer eines kleinen Betriebs. Außerdem zweifelt er daran, ob er seine Freundin liebe, und erlebt dann wiederum Schuldgefühle bezüglich dieses Zweifels. Er gerät also schnell in kreisende, selbstkritische Gedankenkreise. Herr A. schildert seine Überzeugung, er müsse Perfektion erreichen, was ihn dann jedoch dazu bringe, ständige Enttäuschungen zu erleben, weil er seine Ziele nicht erreicht. Es zeigen sich auch Zwangshandlungen im engeren Sinn, so beschreibt er Rituale, z. B. die Küche zu reinigen und aufzuräumen, die in bestimmter Reihenfolge und nach bestimmten Regeln durchgeführt und wiederholt werden müssen, bei Unterbrechung müsse er von vorne beginnen. Er verliert sich über Stunden in Gedanken zu Plänen für die Arbeit und beschreibt das Gefühl von Leere, das ihn überwältigt (Cripwell, 2011, S. 123).

Über seine Biografie berichtet Herr A. eher nichtssagend. Seine Mutter habe hart gearbeitet und an einer Depression gelitten, sie sei auch medikamentös behandelt worden, als er drei Jahre alt gewesen sei. Als die Analytikerin anmerkt, dass ihn das beeinflusst haben könnte, wird das seinerseits abgetan: Es sei ja nur kurz gewesen und nicht bedeutsam. Der Vater sei sportlich, anders als er selbst, es gebe zwischen ihnen wenig Gemeinsamkeiten. Er habe sehr gute schulische Leistungen erbracht und ihn hätten immer Ordnungsrituale beschäftigt. Im Alter von elf Jahren habe er erstmals Zwangsgedanken bezüglich des Tods der Eltern sowie Suizidgedanken gehabt. Er habe das Gefühl, das seien keine Gedanken über ihn gewesen (a. a. O., S. 124).

Die analytische Behandlung beginnt (mit fünf Wochenstunden) und Herrn A. beschäftigt die Frage, ob er eine Analyse überhaupt brauche. Vielleicht sei es ein Fehler. Die Analytikerin fasst das so auf, dass er »sich selbst und mich in einem begrenzten psychischen Raum belassen« müsse (a. a. O., S. 124; Übers TS., auch im Weiteren). Herr A. kommt oft zu den Stunden nach dem Wochenende und berichtet von nichts, das er erlebt habe. Es sei nicht viel passiert, das von Relevanz für die Analyse sei. Wenn die Analytikerin das zu vertiefen versucht (etwa durch die Thematisierung, dass vielleicht ja noch nicht ganz klar sei, was von Relevanz sein könnte), erlebt Herr A. sie als intrusiv und verweigert sich umso mehr dem Erzählen. Cripwell beschreibt, dass er keine Neugier auf ihre Person zeige und erlebt, wie er »darum ringt, seine Gedanken irgendwie zu ordnen« (a. a. O., S. 124).

Seine Arbeit ist für Herrn A. eine konstante Quelle von Angst, oft fällt es ihm schwer, dort rechtzeitig zu gehen, um pünktlich zur Analysestunde zu kommen. Auch wenn er genügend Zeit hat, beginnt er kurz vor dem Ende mit Aufgaben, die noch ganz dringend und unverzüglich erledigt werden müssen: »Nach einer anfänglichen Zeit von Pünktlichkeit, begann er, sich regelmäßig zu verspäten« (a. a. O., S. 124 f.). In seinem Erleben liegen solche Situationen außerhalb seiner Kontrolle. Herr A. ist fasziniert davon, wenn er in aufeinander folgenden Stunden genau dieselbe Zahl von Minuten zu spät ist. Deutungen dazu, die (Nähe zur) Analytikerin auf diese Weise zu kontrollieren, empfindet er als bedeutungslos. Er könne verstehen, dass es feindselig wirken könnte, fühle sich aber nicht so. Anhand dessen lässt sich u. a. gut diskutieren, zu welchem Zeitpunkt eine Deutung gegeben werden sollte und wann sie Widerstand mobilisiert. Hier weist der Analysand zurück, dass es in seinem Zuspätkommen um eine Kontrolle oder gar eine Feindseligkeit gehen könnte. Zunächst einmal ist zu sagen, dass die Deutung ja auch schlicht falsch liegen könnte, noch wichtiger ist aber, dass sie möglicherweise zum falschen, einem zu frühen Zeitpunkt gegeben wird, zu dem also Herr A. den Aspekt der Kontrolle von Nähe in Szene setzen, aber nicht empfinden oder gar verbalisieren kann.

Die Analytikerin fühlt sich provoziert und frustriert, der Patient hingegen fühlt sich unverstanden, kritisiert und nicht fähig zur Analyse. Cripwells Annahme ist, dass es sich dabei um die Inszenierung eines »aggressiven und vorwurfsvollen Über-Ich als einer konstanten Quelle innerer Qual für den Patienten« handele, »das nun in mir deponiert war und ich so kritisch wurde« (a. a. O., S. 125). Damit ist gemeint, dass die Analytikerin, motiviert durch die Übertragung des Analysanden und komplementär identifiziert in der Gegenübertragung, Teil der Inszenierung einer strengen Gegenübers gegenüber einem unfähigen Selbst wird. Das ist die angenommene Rolle bzw. die Szene, die sich herstellt und verstanden werden kann.

Herr A. scheint die Analytikerin auch vor seinen Zweifeln daran zu schützen, ob sie seine aggressiven Gefühle und seine Hilflosigkeit »containen« könnte (also, ob sie die schwierigen Gefühle aufnehmen, aushalten und »vorverdauen« kann). Die Analytikerin erlebt in der Gegenübertragung ein Versagensgefühl, allerdings eröffnet dies einen Raum für das weitere Arbeiten, denn so ist sie stärker im Kontakt zu ihm als zuvor. Er kann daraufhin thematisieren, wie er mit niemandem über seine Versagensängste spreche. Die Analytikerin bekommt also recht unmittelbar etwas davon zu spüren (Gefühle von Versagen oder Unzulänglichkeit), was den Analysanden beschäftigt. Statt sich insgesamt mehr anzustrengen, um besser zu sein, erkennt und toleriert sie diese Gefühle, so dass dies sukzessive auch Herrn A. zunächst zugänglich und dann für ihn verarbeitbar wird.

Vor Ferienunterbrechungen beschäftigen Herrn A. oft Sorgen um seine (physische) Gesundheit, Krankheitsängste: »[B]ewusst machten ihm die Ferien nichts aus und er begrüßte sie sogar, aber er übermittelte auch seine primitiven Ängste, ob er überleben würde« (a. a. O., S. 125). Wenn kurzfristig Stunden verschoben werden müssen, fällt es ihm schwer, die Zeiten zu erinnern, und er beschreibt, er fühle sich im Chaos, auch weil er die Fantasie hat, es stimme etwas mit seiner Analytikerin nicht.

Betrachtet man das bisher geschilderte Material unter dem allgemeinen Aspekt der Abwehr, dann zeigen sich die Zwangsgedanken und Zwangshandlungen als Kompromissbildungen zwischen Wunsch (soweit noch einigermaßen unklar; vorstellbar ist, dass es um aggressive Strebungen geht, aber auch global um Nähewünsche) und Abwehr (also Vermeidung der unlustvollen Folgen, hier am ehesten Strafängste und Schuldgefühle oder Näheängste). Die Zwangssymptome könnten dann ein verkleideter Ausdruck der aggressiven Impulse (Todes- und Suizidfantasien) sein oder auch eines Ringens um Selbstkohärenz (Ordnung, Abgrenzung, Vollkommenheit) oder auch schließlich Ausdruck der Kontrolle von Beziehungen (das Objekt soll nicht verloren gehen).

Hinsichtlich des Widerstandskonzepts zeigt sich im Fallbeispiel ein Hindernis gegenüber dem analytischen Arbeiten (Bedeutung, freies Erzählen), der Veränderung und der Übertragungsbeziehung (kein Interesse, keine Bedeutung der Analytikerin – und zugleich die Inszenierung von Beziehungsmustern in Übertragung und Gegenübertragung). Motiviert wird der Widerstand hier durch verschiedene Arten von Ängsten (bzw. drohender Unlust), z. B. angesichts der beschriebenen aggressiven Impulse, Versagensängste, Verlust- oder Abhängigkeitsängste oder der Ängste vor Verlust der Selbstkohärenz. Phänomenal äußert sich der Widerstand z. B. im Zuspätkommen.

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18 декабря 2025
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9783170379329
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