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Thomas Wünsch

Der weiße Adler

Die Geschichte Polens vom 10. Jahrhundert bis heute


»Polen besteht aufgrund seiner Anarchie.«

Krzysztof Opaliński (1611–1655)

»Zwei Dinge imponieren den Außenstehenden bei uns immer: jedes Anzeichen der Anarchie und jedes Anzeichen der Disziplin.«

Adolf Nowaczyński (1876–1944)

Inhalt

Vorwort

1 Das piastische Polen

Ursprungsmythen als Vorgeschichte

Christianisierung und frühe Reichsbildung

Deutsche Ostkolonisation und kultureller Wandel

Die Zeit der späten Piasten

Fokus: Heiligenkult und nationale Identität

Exkurs: Polens Westgrenze – Schlesien, Pommern, Preußen

2 Das jagiellonische Polen

Die »jagiellonische Wende«

Außenpolitik zwischen dem Moskauer Reich und dem Habsburgerreich

König und Sejm

Katholische Kirche, Reformation und Multikonfessionalität

Fokus: Konziliaristen und Humanisten

Exkurs: Polens Ostgrenze – Rotreußen / Ruthenien

3 Das Polen der Wahlkönige

Der Unionsstaat und die Zeit der Wasa-Könige

Die Gefährdung der »Adelsrepublik«: Kosaken, Schweden, Osmanen

»Magnatenoligarchie« und »Sachsenzeit«

Reformen und Teilungen

Fokus: Der polnische Adel und der Sarmatismus

4 Das geteilte Polen

Russisches Teilungsgebiet

Österreichisches Teilungsgebiet

Preußisches Teilungsgebiet

Polen im Exil

Fokus: Deutsche Polenbegeisterung und Polenfeindschaft

5 Polen im 20. und 21. Jahrhundert

Wiederherstellung Polens

Besetzung Polens

Das sozialistische Polen

Das demokratische Polen

Fokus: Alte und neue »polnische Legenden«

Literaturverzeichnis

Personenverzeichnis

Vorwort

Das hier als Auftakt verwendete Bonmot des Politikers und Dichters Krzysztof Opaliński aus dem 17. Jahrhundert erklärt eine verfassungsmäßige Erscheinung zum Wesensmerkmal Polens. Gemeint ist die Staatsform, die auswärtigen Beobachtern merkwürdig vorkam, möglicherweise auch den Bewohnern des Staates selbst. Sie zeichnete sich dadurch aus, dass sie, im Gegensatz zu den Formen der meisten anderen europäischen Staaten der Zeit, relativ schwach zentralistisch und alles andere als absolutistisch war. Deshalb erscheint es auch statthaft, statt des deutschen Wortes »Unordnung« den klassischen staatsrechtlichen Begriff der »Anarchie« als Verständnishilfe zu benutzen. Wenn nun gesagt wird, Polen bestünde aufgrund seiner Unordnung oder Anarchie (poln. nierządem Polska stoi), und nicht etwa trotz dieser, dann äußert sich darin zweierlei: Verwunderung, die beim Blick von außen durchaus angebracht war; und ein Schuss Sarkasmus, der den Bewohnern dieses so fremdartig aussehenden Staatswesens nicht fremd gewesen sein dürfte. Die Spannung aus dieser doppelten Wahrnehmung spiegelt auch, in umgekehrter Gewichtung, die Sentenz des Satirikers und Pamphletisten Adolf Nowaczyński aus dem Jahr 1904: Hier wird die Tatsache verarbeitet, dass Polen als Staat nicht mehr existierte, und das Ausland mal die Schwäche, mal die Stärke Polens zum Anlass nahm, um in die Geschicke des Landes auf unfreundliche Weise einzugreifen.

Die Mischung von Respekt einerseits und Unverständnis andererseits gegenüber der Geschichte und Gegenwart Polens scheint ein durchgehendes Merkmal der Bewertung von außen zu sein. In Polen selbst haben sich kritische Selbstsicht, oft gepaart mit Ironie und Witz, zu einem Markenzeichen der intellektuellen Kultur, gerade auch der politischen, entwickelt. Vielleicht hängt es mit dem europäischen Sonderfall einer adeligen Republik im Format der Monarchie zusammen, dass Staatslehre und politische Wissenschaften in Polen besonders systematisch und auf internationalem Niveau gepflegt wurden; der Reigen illustrer polnischer Denker hebt an mit Paulus Wladimiri (Paweł Włodkowic) zu Beginn des 15. Jahrhunderts, und er reicht bis zu den Wortführern der Gewerkschaft »Solidarität« (Solidarność) am Ende des 20. Jahrhunderts. Politische Philosophie und Staatswissenschaften als Form der Selbstreflexion sind vielleicht die typischen Merkmale der polnischen Kultur schlechthin – wenn man sich auf eine solche Festlegung überhaupt einlassen will. Im polnischen Fall aber beinhaltete sie immer auch eine Abstraktion von sich selbst, eine Überschreitung der eigenen Belange, die die angestellten Überlegungen auch für andere Fälle und andere Staaten fruchtbar machten.

Grund dafür waren ungewöhnlich dichte Außenbeziehungen. Polens Geschichte ist, um auch dieses Wagnis einer Definition von »roter Linie« innerhalb einer Landes- oder Nationalgeschichte einzugehen, eine Geschichte besonders intensiver Interaktionen mit auswärtigen Mächten. »Geschichte Polens« ist nicht gleichzusetzen mit »polnischer Geschichte«, denn das, was wir im Bestand einer nationalen Auffassung von Landesgeschichte vorfinden, war nicht immer Polen. Es beginnt mit der Staatswerdung im 10. Jahrhundert, die an ein Magnetfeld erinnert, als dessen Endergebnis dann ein Staatswesen steht, das – aufgrund der Anziehungskräfte auswärtiger Mächte – auch anders hätte aussehen können. Es setzt sich fort mit der Übernahme von Landesteilen im Südosten des Landes aus der Konkursmasse der Kiewer Rus’, die einem ganz anderen politischen und kulturellen Kontext angehörten und doch im Lauf der Jahrhunderte zu »polnischen« Landschaften wurden. Daneben stehen Verluste, wie derjenige Schlesiens, das sich der Krone Böhmen unterstellte und damit für Jahrhunderte nicht mehr zu Polen gehörte – und doch in weiten Teilen der polnischen Kultur weiterhin verbunden blieb und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zum polnischen Staatsgebiet wurde. Dazwischen ist die fast symbiotische Beziehung zu Litauen zu nennen, deren Kuriosität darin liegt, dass sie mit einem litauischen Königsgeschlecht auf dem polnischen Thron beginnt, von einer Personal- zu einer Realunion wechselt, und doch nie deckungsgleich wird mit der Geschichte Polens. Nur leicht überspitzt ausgedrückt, können selbst die Teilungen Polens am Ende des 18. Jahrhunderts als Ausdruck (negativ) intensivierter Außenbeziehungen gesehen werden: Waren es doch nur zu einem Teil bösartige Manöver auswärtiger Mächte mit dem Ziel der Vernichtung eines souveränen Staates, zum anderen Teil hingegen (aus der Sicht der Teilungsmächte) Versuche, mit diesem europäischen Krieg gegen einen einzelnen Staat einen europäischen Krieg aller Staaten zu vermeiden. Dass das Polen nach dem Ersten Weltkrieg, genauso wie das Polen nach dem Zweiten Weltkrieg, jeweils nur einen Bruchteil seines »historischen Staatsgebiets« mit eigenen Grenzen versehen konnte, ist in gewisser Weise eine Bestätigung der Beobachtung, dass die Geschichte Polens eben nicht nur mit Polen zu tun hat.

Geschichte Polens kann, so die Grundhypothese dieses Buches, nur nahegebracht werden als multi-national verflochtene Geschichte. Deutschland, Böhmen/Tschechien, die Ukraine, Russland, Litauen, Ungarn und phasenweise Schweden sind Mitspieler in einem Konzert von wechselnden Machtbalancen, das für die vielen Veränderungen der Grenzen Polens sorgte. Alle diese Staaten besaßen in bestimmten Epochen Anteile an dem, was wir gemeinhin zu Polen zählen, bzw. waren teilweise in den polnischen Staat integriert. In Polen herrschten bis zur Auflösung des Staates 1795 sechs Dynastien, von denen nur zwei (Piasten und Jagiellonen) »einheimisch« waren; die anderen vier (die böhmischen Přemysliden und französischen Anjou, sowie im Rahmen der Wahlmonarchie die schwedischen Wasa und sächsischen Wettiner) spiegeln die gesamt-europäische Bedeutung der Geschichte Polens. Das zeigen auch die Personalunionen im selben Zeitraum, von denen Polen ungewöhnlich viele aufzuweisen hat: mit Böhmen, Ungarn, Litauen, Siebenbürgen, Schweden und Sachsen. Hinzu kommen weitere Mächte, die merklichen Einfluss auf die Geschichte Polens genommen haben, allen voran das Osmanische Reich – wobei gerade hier klar wird, dass sich schwache politische und starke kulturelle Einflussnahme nicht ausschließen müssen. Ein zentrales Element der polnischen Adelskultur, der Sarmatismus als zur Ideologie verfestigte Abstammungslegende von den antiken Sarmaten, belegt das beispielhaft.

Dabei ist der Sarmatismus nicht das einzige Kultursegment polnischer Geschichte, das sich als Resultat von äußeren Anstößen und spezifischen Reaktionen im Inneren zu erkennen gibt. Geht man aufs Ganze, wird man die drei wichtigsten Strukturmerkmale der polnischen Geschichte in dieses Paradigma einordnen können: die Entwicklung eines Parlaments (Sejm) und einer speziellen Verfassungsform, die Herausbildung einer besonderen adeligen Freiheit, und die Praxis einer Multikonfessionalität. Die Erfolgsgeschichte des polnischen Parlaments bis hin zu einer quasi-Entmachtung des Königs als Teil des Parlaments, die zum Paradoxon einer »Adelsrepublik« unter Beibehaltung der Monarchie führte, ist nicht erklärbar, wenn man nicht die Präsenz ungarischer und litauischer Dynasten auf dem polnischen Thron und den Krieg gegen den Staat des Deutschen Ordens mit berücksichtigt. Die »Goldene Freiheit« des polnischen Adels hat mit den Privilegien seitens der Könige Polens zu tun, die in anderen Ländern ebenfalls angewandt wurden, und doch nur in Polen zu einer ungeahnten Machtposition des Adels mit einer eigenen Standesideologie führten. Die Multikonfessionalität als Vielzahl von Konfessionen und Religionen schließlich ist ein direktes Produkt der territorialen Erweiterungen einerseits und der wirtschaftlichen und kulturellen Außenbeziehungen andererseits. Sie bescherten Polen(-Litauen) mit dem Vorkommen der katholischen und protestantischen Konfessionen, der griechischen Orthodoxie, dem Judentum und jüdischen Karäertum, dem sogenannten Monophysitismus der Armenier und schließlich mit der griechisch-katholischen Unierten Kirche nicht nur eine europaweit ungewöhnliche Vielfalt an religiösen Strömungen. Das typisch polnische Ingredienz in dieser konfessionellen Pluralität war, im Unterschied zu den meisten anderen Staaten Europas mit mehreren Konfessionen und Religionen, eine Praxis der Toleranz. Sie hielt nicht für ewig, sorgte aber gerade in Phasen einer erhöhten Kriegsbereitschaft aus religiösen Gründen (in der Frühen Neuzeit) dafür, dass es in Polen-Litauen friedlich blieb.

Wenn heute die Kenntnis der Geschichte Polens wichtig ist, dann vor allem deshalb, weil Polen eine ungewöhnliche Fülle an Rückbezügen bereithält. Man kann sich auf Erfolgsgeschichte(n) beziehen, womit für gewöhnlich die Staatsbildungen der Piasten und der Jagiellonen, aber auch die Zeit des religiösen Pluralismus in der Zeit der Wahlkönige gemeint sind. Man kann sich aber mit ähnlicher Berechtigung auch auf Misserfolgsgeschichte(n) beziehen, womit (mindestens) die Teilungen Polens und die darauffolgende Zeit ohne eigenen Staat, dazu die kurze, aber intensive Epoche des Zweiten Weltkriegs angesprochen sind. Doch sind das keine eindeutigen Geschichten; zu allen Narrativen lassen sich leicht Gegen-Narrative finden. Die Interpretation hängt nicht nur von der nationalen Beheimatung der Interpreten ab; auch die inner-polnischen Diskussionen um Streitfragen der eigenen Geschichte verlaufen für gewöhnlich in mehrere Richtungen. In diesem Sinne war es nicht nur ein Kennzeichen der vergangenen politischen Verfassung, dass Polen »aufgrund seiner Anarchie« bestehen würde; »Anarchie« oder »Unordnung«, hier positiv gefasst als Unmöglichkeit einer Harmonisierung verschiedener legitimer Standpunkte, ist ein Charakteristikum auch des Sprechens über die Geschichte Polens selbst.

Das hier vorgelegte Buch möchte vor allem deutsche Leser dazu befähigen, mitsprechen zu können. Um Verständnisbrücken zu bauen, wurden immer wieder Teile der polnisch-deutschen Beziehungsgeschichte mit einbezogen. Das Buch ist konzipiert als Auswahl von Problemkomplexen, die für das Verständnis Polens aus historischer Sicht unverzichtbar erscheinen. Damit ist auch gesagt, dass es hier nicht um eine Gesamtgeschichte Polens geht, die allen Epochen und allen Aspekten gleich ausführlich gerecht wird. Eine knappe Darstellung wie diese muss sich beschränken, und sie muss auswählen. Die bei jeder Darstellung unvermeidliche Dosis an Subjektivität wird durch diesen Vorgang noch erhöht, und die Gefahr einer Vereinfachung liegt nahe. Dem soll einerseits die Bibliografie entgegenwirken, die bewusst ausgreifend angelegt ist. Andererseits wurde versucht, mit gezielt gesetzten Akzenten und Exkursen ein tieferes Verständnis der Geschichte Polens wenigstens abschnittsweise zu ermöglichen. Quellenzitate sollen diesen Vorgang, sich exemplarisch auf zentrale Fragen zu konzentrieren, unterstützen. Ziel ist es, durchgehende Linien, Wendepunkte und Zusammenhänge aufzuzeigen – in der politischen Geschichte, aber auch im Sinn einer umfassenderen Kulturgeschichte. Ob es gelungen ist, mögen die Leser entscheiden; Polen selbst jedenfalls hat das Interesse mehr als verdient.

Ohne Unterstützung von außen ist eine solche Publikation nicht möglich. Ich bedanke mich deshalb bei der Universität Passau, die mir durch ein reduziertes Lehrdeputat den nötigen Freiraum für das Schreiben gewährt hat. Mein Dank gilt auch den Freunden und Kollegen, die sich die Mühe gemacht haben, Teile des Manuskripts zu lesen und zu diskutieren; allen voran mein langjähriger Mitarbeiter Sławomir Oxenius. Der Anstoß zu diesem Buch kam vom Verlagshaus Römerweg und seinem Lektor Stefan Gücklhorn; dafür, genauso wie für die Betreuung bei der Umsetzung des Vorhabens, bedanke ich mich besonders. Gewidmet sei der Band meinen beiden Regensburger Lehrern Ekkehard Völkl (†) und Heinz Kneip, die mir die Welt der polnischen Sprache, Literatur und Geschichte eröffnet haben.

Passau, im Februar 2019

Zur Aussprache des polnischen Alphabets

Das Polnische besitzt einen festen Wortakzent, der auf der vorletzten Silbe liegt.

Besonderheiten in der Aussprache:

ą = wie franz. Bonbon

ę = wie franz. Cousin

ó = u

y = wie dt. schwimmen

ł = wie engl. water

ń, ni = wie franz. Bretagne

s = stimmlos (wie dt. Maske)

z = stimmhaft (wie dt. Rasen)

sz = sch

ś, si = wie dt. Bücher

cz = tsch

ć, ci = wie dt. Mädchen

rz, ż = wie franz. Journal

ź = wie dt. mich

st = s + t

ie = i + e

eu = e + u

ei = e + i

ck = tsk


»Er hat das Ansehen und die Stärke des Königreichs so vermehrt, dass er durch seine Leistung ganz Polen vergoldet hat.«

Der Chronist Gallus Anonymus über den ersten polnischen König Bolesław I. Chrobry (992–1025)

1 Das piastische Polen
Ursprungsmythen als Vorgeschichte

Ursprungsmythen sind mehr als nur Fabeln und Märchen. Sie verweisen in Gestalt von Sagen, Erzählungen oder Legenden auf die ältesten Formen eines Staates oder einer Gemeinschaft. Damit transportieren sie mündlich überliefertes Wissen, das jedoch meist nicht direkt verwertbar ist. Die starke poetische Qualität der Ursprungsmythen lassen sie mehr als Metaphern für eine bestimmte Interpretation von (Ur-)Geschichte vor dem Auftauchen schriftlicher Quellen erscheinen, denn als empirisch abgestützter Bericht darüber. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der solche Ursprungsmythen für die moderne Forschung immer wieder zum Rätsel hat werden lassen: die relativ späte schriftliche Aufzeichnung. Bei allen ostmitteleuropäischen Ländern – sowohl in Polen als auch in Böhmen und Ungarn – sind die Ursprungsmythen eng mit der Nationalgeschichtsschreibung verbunden. Das bedeutet aber, dass der Abstand zwischen der erzählten Zeit und der schriftlichen Fixierung oft Jahrhunderte beträgt. Erfindungen sind nicht ausgeschlossen, genauso wenig wie zielgerichtete rhetorische Manöver zur Begründung oder Rechtfertigung der jeweils gegenwärtigen Herrschaftskonstellationen oder gar aktueller Politik.

Was solche Mythen trotzdem interessant macht, ist der Umstand, dass sie zugleich ein zeitliches und ein legitimatorisches Vakuum überbrücken. Zunächst einmal geht es im Fall Polens, wie bei den anderen ostmitteleuropäischen Staaten, um die Lücke zwischen einer anzunehmenden Existenz einer strukturierten Gemeinschaft und ihrer ersten Erwähnung. Die Bezeichnungen Polani oder Poloni begegnen erst um das Jahr 1000 in den Quellen, während die frühpiastische Herrschaftsbildung schon an der Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert anzusetzen ist. Das Bedürfnis, ein Geschehen aufzuhellen, das in schriftloses Dunkel gehüllt ist, steckt als Motor sehr deutlich hinter den späteren Ursprungsmythen. Hinzu kommt aber noch ein anderes Bedürfnis, das umso drängender wurde, je intensiver die Kontakte zwischen der staatlichen Gemeinschaft und seinem außenpolitischen Umfeld wurden: die eigene Herkunft durch die Aufnahme hochgeschätzter Persönlichkeiten in die eigene (Vor-)Geschichte an den Status der anderen Staaten anzupassen.

Der Meister in diesem Fach war der erste aus Polen stammende Geschichtsschreiber, Vincentius Magister, gen. Kadłubek (geboren um 1160, gestorben 1223). Er kam vermutlich aus einer kleinpolnischen Ritterfamilie, hielt sich zu Studienzwecken in Paris und vielleicht Bologna auf, war am Hof von Herzog Kazimierz II. Sprawiedliwy (»dem Gerechten«, 1138–1194) in Krakau tätig, wurde dann Propst in Sandomierz und für zehn Jahre Bischof von Krakau, und beschloss seine Tage als Zisterziensermönch. Seine Chronica Polonorum schrieb er seit den 1190er-Jahren nieder, und ihr Erfolg war überwältigend: 32 mittelalterliche Handschriften sind bekannt, die zwar mehrheitlich erst aus dem 15. Jahrhundert datieren, aber doch insgesamt eine große Wirkung in Polen signalisieren. Das Werk des Vincentius Kadłubek wurde offensichtlich auf Bitten des Herzogs von Polen abgefasst, und es ist aufschlussreich, dass gerade in der Umgebung dieses Herrschers ein Bedürfnis nach einer umfassenden Nationalgeschichte entstand – analog zur Geschichtsschreibung der anderen europäischen Nationen des Hochmittelalters. Kazimierz II. war seit 1177 Seniorherzog von Polen und der politisch wohl aktivste polnische Herzog seiner Zeit, besonders an den nördlichen und östlichen Grenzen seines Herrschaftsgebiets. Daneben engagierte er sich für eine Verfassungsreform, als er das Senioratsprinzip aufheben ließ, das eine Erbteilung im ganzen Fürstenhaus unter dem Vorrang eines Seniors vorsah. Dieser politische Hintergrund macht es verständlich, dass Kadłubeks Chronik nicht nur als historiografischer Text gelesen und rezipiert wurde. Sie wurde auch als staats- und kirchenpolitischer Traktat verstanden, und ihre historiografische Konzeption förderte einen Patriotismus und ein gemeinschaftliches Bewusstsein, das die politische Unabhängigkeit vom Römisch-deutschen Reich beinhaltete.

Ein Mittel dafür ist die Stilisierung einer heroischen Vorzeit, die Kadłubek unter Verwendung älterer Vorlagen durchführt. Das erste Buch der Chronik Kadłubeks, um das es hier insbesondere geht, erzählt aber weder eine zusammenhängende Geschichte, noch erhebt es Anspruch auf die Nachzeichnung eines historischen Ablaufs; es ist episodenartig aufgebaut und gehorcht nur in Teilen der Chronologie. Im Zentrum stehen die Erzählungen zu drei Herrschern namens Lestko und zweien mit Namen Pompilius (Popiel). Die erste Erzählung berichtet von einer Auseinandersetzung der Polen mit Alexander dem Großen, bei der die Polen den Gesandten Alexanders, die von ihnen Tribute forderten, bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen und diese mit Gold und Seetang gefüllt hatten. Alexander rückte nun mit einem Heer nach Polen ein, eroberte Krakau und stand kurz vor der Unterwerfung des ganzen Volkes, als ein listiger Goldschmied die Truppen Alexanders in die Falle lockte, und diese in so heillose Verwirrung gerieten, dass ihre Niederlage besiegelt war. Um die Wahrheit dieser Geschichte zu belegen, führt Kadłubek einen (imaginären) Briefwechsel zwischen Alexander und Aristoteles an, in dem eine als »Krakau« deutbare Stadt Carauca genannt wird; der Kontext der europäischen Aristoteles-Rezeption des Hochmittelalters ist damit hergestellt. Der Goldschmied selbst wurde als Dank zum patriae princeps (»Führer des Vaterlandes«) und später zum König ernannt. Sein Name Lestco ist etymologisch motiviert und leitet sich her von astutus (»schlau, listig«), womit auf den Erfolg seiner Kriegslist angespielt wird. Diese Erzählung Kadłubeks kehrt in allen späteren chronikalischen Werken wieder. Will man für die Rekonstruktion der Geschichte daraus Funken schlagen, dann kann man die Alexander-Episode auch als Reflex auf die zeitweilige mährische Kontrolle über Schlesien und das Krakauer Gebiet lesen. Mit einigem guten Willen lässt sich dafür auch insofern eine Stütze finden, als eine semantische Entsprechung der Namen »Alexander« und »Svatopluk« (für den Herrscher des Großmährischen Reichs Ende des 9. Jahrhunderts) möglich ist.

Nach einem weiteren polnischen König, der sich Lestko II. nannte, folgte dessen Sohn auf dem Thron, Lestko III. – und auch mit seinem Namen verbindet sich in Kadłubeks Darstellung ein Mythos. Er habe Julius Caesar drei Niederlagen zugefügt und das von Crassus geführte Heer beim Krieg mit den Parthern, die unter seiner Macht standen, vernichtet. Schließlich soll er auch noch Julia, die Schwester Caesars, geheiratet haben, die zwei Städte gegründet habe (Lubus an der mittleren Oder und Lublin im heutigen Ostpolen). Als Caesar später ihre Mitgift (Bayern) zurückforderte, wurde sie von Lestko verstoßen – was nicht verhinderte, dass ihr gemeinsamer Sohn Pompilius von seinem Vater nach dem Recht der Primogenitur (iure primogeniture), d. h. als Alleinerbe in der Position des Erstgeborenen, zum König eingesetzt wurde. Von dessen politischen Aktivitäten sind wiederum (auffälligerweise) nur Maßnahmen zur Herrschaftssicherung und Nachfolgeregelung bekannt; allerdings erfolgreiche: Denn Pompilius erreichte, dass sein noch junger Sohn als Thronfolger von seinen 20 Halbbrüdern akzeptiert wurde. Dieser Pompilius II. aber bildet gewissermaßen den narrativen Kontrapunkt zu seinen Ahnherrn namens Lestko: Mithilfe einer List ließ er seine Rivalen bei seinem eigenen, fingierten Totenmahl vergiften und starb selbst auf grausame Weise, als ihn die Mäuse, die aus den (nicht bestatteten) Leichen der ermordeten Halbonkel kamen, bis zu einem hohen Turm verfolgten und dort zusammen mit seiner Ehefrau und zwei Söhnen zu Tode bissen.

Lässt man die aktuellen politischen Bezüge auf die Frage der Herrschaftsweitergabe und die persönliche Eignung von Herrschern beiseite, die Vincentius Kadłubek in diese Legenden aus einer heroischen (schriftlosen) Frühzeit über die drei Lestko und die beiden Pompilius/Popiel eingebaut hat, dann sticht die Funktion eines mythischen Zeitsprungs ins Auge. Die Herstellung einer zeitlichen Verbindung zur (römischen) Antike war angesichts der unabweisbaren Tatsache, dass die slawischen Länder nie Teil des Römischen Imperiums gewesen waren, gewagt. Der Autor ging dieses Risiko der Unglaubwürdigkeit ein, um ein Defizit zu beseitigen, das offenkundig geworden war: die mangelnde Verbindung zu einer historischen Vorstufe, die bei den Staaten westlich von Polen oder in Byzanz gegeben war, und deren Fehlen als negativ verbucht wurde. Die Kombination aus einheimischen Herrschern, die niemand kennen konnte, und allbekannten antiken Persönlichkeiten sollte den Brückenschlag in eine Zeit herstellen, die als notwendige historische Entwicklungsstufe gesehen wurde. Kadłubek kannte die klassische Literatur wenigstens teilweise, und das versetzte ihn in die Lage, eine Schicht des historischen Geschehens nachzutragen, die man vermisste – und derer man sich zugleich für würdig befand. Militärische Siege über Alexander den Großen, Caesar und Crassus sind dabei nur das erzählerische Vehikel, mit dem sich die Leistung der eigenen Heerführer demonstrieren lässt. Es ist eine symbolische Leistungsschau, die man auch ganz anders ausdrücken könnte, die aber im Verständnis der Zeit so wohl den größten Respekt hervorrufen konnte. Als das tragende Scharnier der Legenden erweist sich dabei eine Frau: Caesars Schwester. Sie stellt nicht nur die entscheidende dynastische Verbindung zu Popiel I. her, repräsentiert also einen Zusammenhalt über die engen Familiengrenzen hinaus im Sinne einer längerfristigen Sicherung der Zentralmacht. Sie war es auch, die kulturstiftend wirkte, als sie zwei Städte gründete. Stadtgründung ist in dieser Zeit das Instrument von Landesentwicklung schlechthin, und es stellt auch eine Parallele her zum böhmischen Fall: Dort hatte, wie der Geschichtsschreiber Cosmas von Prag († 1125) ebenfalls in einer eingeschobenen Episode zur Frühzeit Böhmens berichtet, die ehemalige Richterin Libuše zusammen mit dem von ihr erwählten Gemahl Přemysl die Hauptstadt Prag gegründet.

Kadłubek bewältigte mit seiner Erzählung der Vorgeschichte Polens eine doppelte Aufgabe: Zum einen ergänzte er die fehlende Epoche der antiken Geschichte Polens; zum anderen gliederte er Polen nun – im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts – in eine allgemeineuropäische »Normalgeschichte« ein. Damit stellte er das Land, das von seiner Entwicklung her zweifellos dem »Jüngeren Europa« angehörte, gleichberechtigt auf die Stufe der Länder des »Älteren Europa«. Das Heilige Römische Reich war sicherlich der direkte Bezugspunkt, aber es ging auch um den Nachweis, dass man mit der römischen Antike eine gemeinsame Frühzeit besaß. Polen war kulturgeschichtlich an »Europa« assoziiert.

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464 стр. 24 иллюстрации
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9783843806138
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Входит в серию "marixsachbuch"
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