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Thomas Thiemeyer

Nebra

Thriller

Thomas_Thiemeyer

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Impressum

© 2009 by Thomas Thiemeyer.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –

nur mit Genehmigung des Autors wiedergegeben werden.

Umschlaggestaltung: Thomas Thiemeyer, Stuttgart

ISBN 978-3-948093-45-7

Über dieses Buch

Walpurgisnacht. Schneestürme verwüsten das frühlingsgrüne Land. In den Tiefen des Berges will eine archaische Kraft entfesselt werden. Doch noch fehlt das entscheidende Element …

Rund um den Brocken im Harz bereiten sich Hotels und Gemeinden auf den Touristenrummel zu Walpurgis vor. Auch die Archäologin Hannah Peters ist dort unterwegs; sie soll im Auftrag des Landesmuseums die geheimnisumwitterte Himmelsscheibe von Nebra erforschen, einen sensationellen bronzezeitlichen Fund aus der Gegend – und kommt keinen Schritt weiter. Was sie nicht wissen kann: Die Scheibe ist das Objekt der Begierde eines dunklen Kultes, der in den Höhlen des Harzgebirges seit langem darauf lauert, einen alles vernichtenden Ritus zu zelebrieren. Als Hannah einen Mann kennenlernt, der das Gebirge wie seine Westentasche zu kennen scheint, kommt endlich Bewegung in ihre Forschungen. Doch dann ist die Scheibe plötzlich verschwunden. Unwiderruflich wird Hannah hineingezogen in die Machenschaften jener uralten Sekte, und schon bald kündigen seltsame Himmelserscheinungen eine Walpurgisnacht an, die nie wieder enden wird …

Inhaltsübersicht

  Vorbemerkung

  Wenn das Gestirn der [...]

  1. Kapitel

  2. Kapitel

  3. Kapitel

  4. Kapitel

  5. Kapitel

  6. Kapitel

  7. Kapitel

  8. Kapitel

  9. Kapitel

  10. Kapitel

  11. Kapitel

  12. Kapitel

  13. Kapitel

  14. Kapitel

  15. Kapitel

  16. Kapitel

  17. Kapitel

  18. Kapitel

  19. Kapitel

  20. Kapitel

  21. Kapitel

  22. Kapitel

  23. Kapitel

  24. Kapitel

  25. Kapitel

  26. Kapitel

  27. Kapitel

  28. Kapitel

  29. Kapitel

  30. Kapitel

  31. Kapitel

  32. Kapitel

  33. Kapitel

  34. Kapitel

  35. Kapitel

  36. Kapitel

  37. Kapitel

  38. Kapitel

  39. Kapitel

  40. Kapitel

  41. Kapitel

  42. Kapitel

  43. Kapitel

  44. Kapitel

  45. Kapitel

  46. Kapitel

  47. Kapitel

  48. Kapitel

  49. Kapitel

  50. Kapitel

  51. Kapitel

  52. Kapitel

  53. Kapitel

  54. Kapitel

  55. Kapitel

  56. Kapitel

  57. Kapitel

  58. Kapitel

  59. Kapitel

  60. Kapitel

  61. Kapitel

  62. Kapitel

  63. Kapitel

  64. Kapitel

  65. Kapitel

  66. Kapitel

  67. Kapitel

  68. Kapitel

  69. Kapitel

  70. Kapitel

  71. Kapitel

  72. Kapitel

  73. Kapitel

  74. Kapitel

  75. Kapitel

  Dank

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Vorbemerkung

Während die Ereignisse und Personen des Romans reine Erfindung sind, entsprechen die Deutungen der Himmelsscheibe in weiten Teilen dem aktuellen Wissensstand.

Mit Rücksicht auf die noch nicht abgeschlossenen Forschungen wurden alle Orte, Namen und Daten von mir bewusst verfremdet. Die hier geäußerten Vermutungen sind in dieser Form noch nirgendwo publiziert worden und beruhen auf der Verknüpfung scheinbar widersprüchlicher Theorien.

Stuttgart, im August 2008 Thomas Thiemeyer

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Wenn das Gestirn der Plejaden, der

Atlastöchter, emporsteigt,

Dann beginne die Ernte, doch pflüge, wenn sie

Hinabgehen;

Sie sind vierzig Nächte und vierzig Tage

Beisammen

Eingehüllt, doch wenn sie wieder im

Kreisenden Jahre

Leuchtend erscheinen, erst dann beginne die

Sichel zu wetzen.

Hesiod, 700 v.Chr.

Dichte Wolken, die die Finsternis des Himmels herbeiführen, sind sie. Gegen den Menschen wüten sie, essen das Fleisch, lassen das Blut sich ergießen, trinken die Adern. Unablässige Blutsäufer sind sie. Asakku und Namtaru nahen sich dem Kopf, der böse Utukku naht sich dem Hals, der böse Alu naht sich seiner Brust, der böse Etmmu naht sich seiner

Leibesmitte, der böse Gallu naht sich seiner Hand, der böse Ilu naht sich seinem Fuß.

Babylonisches Beschwörungsrelief, etwa 2000 v.Chr.

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1

Samstag, 30. April 1988

Ein seltsames Geräusch drang durch die Dunkelheit zu ihm herauf.

Erst von fern, dann stetig näher kommend. Ein dumpfes Schlagen, das durch die Gänge hallte, sich an den Felsen brach und den Boden unter seinen Füßen erzittern ließ. Kein natürliches Geräusch, dafür war es zu rhythmisch. Trommeln vielleicht oder Pauken, begleitet von einem Pfeifen, das wie das Heulen des Windes klang. Waren das Hörner? Aber welches Horn war in der Lage, solche Misstöne zu erzeugen?

Was immer sich da in den Eingeweiden der Welt regte, es kam näher.

Trotz seines Alters – er war immerhin schon siebzehn – weigerte sich der Junge, die Augen zu öffnen. Am liebsten hätte er sich die Ohren zugehalten, doch das war nicht möglich. Die ledernen Riemen, mit denen seine Hände hinter dem Rücken an einem Pflock festgebunden waren, schnitten ihm ins Fleisch. Alle Bemühungen, sie mit seinen tauben Fingern zu öffnen, hatte er längst aufgegeben. Er saß da, vornübergebeugt, das Kinn auf die Brust gesenkt und mühsam nach Luft ringend.

Hier unten war es mörderisch heiß. Der Schweiß rann ihm in Strömen vom Gesicht. Durch seine geschlossenen Lider hindurch drang das Flackern eines Feuers. Brandig riechende Luft strich über sein schweißgebadetes Gesicht. Zu schwach, um sich aufzurichten, zu verängstigt, um sich dem Anblick seiner Entführer zu stellen, saß er da, hielt die Augenlider fest zusammengepresst und erwartete das Unheil, das da aus den Tiefen des Berges zu ihm emporstieg.

Der Lärm war mittlerweile zu einem ohrenbetäubenden Crescendo angeschwollen. Stimmen mischten sich in das Heulen und Trommeln, Stimmen, denen etwas Fremdartiges innewohnte. Sie sangen in einer Sprache, die er nicht verstand. Die Silben wehten durcheinander, während aus dem Klangteppich eine einzelne klare Stimme emporstieg. Wie ein Vogel schwebte sie über dem atonalen Chor und sang in einer Schwermut, die überirdisch schön war.

Unter den geschlossenen Lidern spürte der Junge Tränen hervorquellen. Wie in Trance bewegte er seinen Oberkörper vor und zurück, während er die Melodie aufgriff und mitzusummen begann. Die Musik trug seine Gedanken an einen weit entfernten Ort. Einen Ort, wo ihm der Schrecken und die Verzweiflung nichts anhaben konnten.

Monoton sang er mit, immer dieselbe Strophe, immer dasselbe Lied.

»Wach auf!«

Eine Stimme drang zu ihm durch, flüsterte ihm etwas ins Ohr.

»Jetzt mach schon. Ich glaub, ich hab es geschafft. Die Fesseln lockern sich.« Die Stimme war jetzt merklich lauter. Sie drängte, forderte, zischte.

»Verdammt noch mal, wach endlich auf!«

Es hatte keinen Sinn. Er konnte die Stimme nicht länger ignorieren. Widerstrebend schlug er die Augen auf.

Zunächst erkannte er nur Farbschleier, doch dann begann sich ein Bild zu formen. Er wandte den Kopf zur Seite und blickte in das Antlitz eines Mädchens. Ihr hübsches Gesicht war schweißüberströmt. An ihrer Schläfe klaffte eine Wunde, ihr pechschwarzes Haar war blutverkrustet.

»Ich glaub, ich krieg die Fesseln los«, flüsterte sie, sichtlich erleichtert darüber, dass er endlich wieder bei Bewusstsein war.

Der Junge schüttelte den Kopf. Er fühlte sich, als würde etwas mit seinem Gleichgewichtsorgan nicht stimmen.

»Alles dreht sich in mir«, stammelte er. »Außerdem habe ich einen Riesendurst. Mir klebt die Zunge am Gaumen.« Er versuchte etwas Speichel zu sammeln, aber es ging nicht, sein Mund war völlig ausgetrocknet.

»Das ist das Zeug, das sie uns gegeben haben«, erwiderte das Mädchen. »Ich habe nur einen kleinen Schluck von dem Gesöff genommen und den Rest ausgespuckt, als sie nicht hingesehen haben. Du scheinst eine ordentliche Ladung abbekommen zu haben, so wie du umgekippt bist. Genau wie die beiden anderen.« Das Mädchen machte eine Bewegung mit dem Kopf und deutete auf die rechte Seite. Dort waren zwei weitere Pflöcke, an denen die ohnmächtigen Gestalten eines Mädchens und eines Jungen hingen. Beide aus ihrer Jahrgangsstufe.

Er nickte. Langsam fiel ihm alles wieder ein. Die Klassenfahrt – das Hexenfest in Thale – die nachmittägliche Wanderung. Hatten sie nicht eine Höhle gefunden? Doch, so war es gewesen. Sie wollten sie noch schnell erkunden, ehe der Bus losfuhr. Hatten sie nicht gewartet, bis der Rest der Klasse samt Lehrern lärmend und palavernd im Wald verschwunden war? Und hatten sie dann nicht kehrtgemacht und waren in die Finsternis des Berges eingetaucht? Zwei Jungen und zwei Mädchen – die beste Kombination für eine Mutprobe.

Nun ja, manche Fehler machte man nur einmal im Leben.

Etwa fünfzig Meter weit waren sie in die Höhle eingedrungen, ehe sie das Ende erreicht hatten. Die Blonde hatte zum Aufbruch gedrängt. Was, wenn der Bus ohne sie losfahren würde? Die werden schon auf uns warten, hatte er erwidert, während er dem anderen Mädchen – dem mit den schwarzen Haaren – aufmunternde Blicke zugeworfen hatte. Wenn wir uns beeilen, haben wir sie eingeholt, noch ehe sie unsere Abwesenheit bemerken. Zum krönenden Abschluss und zum Beweis seiner Unerschrockenheit hatte er seine Taschenlampe ausgemacht.

Er erinnerte sich, wie vollkommene Dunkelheit sie einhüllte – eine so allumfassende Dunkelheit, dass sie buchstäblich die Hand vor Augen nicht sehen konnten. Und dann hatte die Schwarzhaarige seine Finger berührt. Lächelnd hatte er sie zu sich herangezogen und sie geküsst. Und sie hatte seinen Kuss erwidert. Ein schöner Zustand, den er gern länger ausgekostet hätte. Doch in diesem Moment war ihm ein schmaler Lichtstreifen aufgefallen, der aus einer Öffnung knapp über dem Boden schimmerte. Er hatte seine Taschenlampe wieder eingeschaltet und tatsächlich, da war ein Spalt, gerade breit genug, dass man sich auf dem Bauch liegend hindurchzwängen konnte. Lass uns nachsehen, hatte er vorgeschlagen. Wo mag wohl das Licht herkommen? Nur noch ein kurzer Blick, dann gehen wir zurück. Die anderen hatten zugestimmt. Hätten sie ihn doch zurückgehalten. Der Spalt war verdammt eng. Sie waren weitergekrochen, bis sich die Decke so weit hob, dass sie auf allen vieren weiterrobben konnten. Dann endlich hatten sie es geschafft. Ihre krummen Rücken aufrichtend, hatten sie sich umgesehen. Niemals würde er diesen Anblick vergessen. Er erinnerte sich, wie sie mit offenen Mündern dagestanden hatten und nicht fassen konnten, was sie da entdeckt hatten. Es war, als hätten sie Ali Babas Höhle betreten. Stäbe, Schwerter, Kelche, selbst ein schimmernder Wagen war zu sehen gewesen, gezogen von einem goldenen Pferd. Ein Schiff hatte dort gestanden, mit gebogenem Rumpf und goldenen Segeln. Beleuchtet wurde die Höhle von Fackeln, die ihr Licht verschwenderisch auf die unermesslichen Reichtümer ergossen. Und dann dieser riesige Stein. Ein Monolith, in dessen feuchter Schwärze sich das Licht der Flammen auf widernatürliche Art spiegelte. An seinen Seiten befanden sich Vertiefungen, in die wertvoll aussehende Scheiben eingelassen waren. Eine Art Kultstein oder Altar?

So geblendet waren die Jugendlichen von der Pracht und dem Glanz, dass sie die beiden merkwürdigen schmutzigen Haufen in der Ecke des Raumes gar nicht bemerkt hatten. Bis zu dem Augenblick, als diese sich bewegten …

»Wach auf!«

Sein Kopf ruckte aus dem Halbschlaf hoch. Wie es schien, pulsierte immer noch genug von dem Schlafmittel durch seine Venen, um damit eine Herde Elefanten zu betäuben. Verwundert blickte er sich um. Der hintere Teil der Höhle hatte sich während seiner Ohnmacht mit Menschen gefüllt. Sie waren in seltsame Kostüme gehüllt. Wie heidnische Priester sahen sie aus, wie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Sein Blick blieb an einer halbnackten Frau hängen, die vor die Menge getreten war und langsam zu tanzen begann. Die Haare hochgesteckt und die Augen schwarz geschminkt, sah sie aus wie eine Hexe. Die Menge wiegte sich im Takt der Musik, während der Tanz sich langsam steigerte. Die Bewegungen der Frau hatten eine beinahe hypnotische Wirkung. Der Junge spürte, wie ihm die Augen wieder zufielen.

»Verdammt, reiß dich zusammen!«, flüsterte das Mädchen. »Untersteh dich, wieder einzuschlafen.«

Den Protest seines schlaftrunkenen Körpers ignorierend, schlug er die Augen auf. Diesmal, so schwor er sich, würde er nicht mehr einschlafen.

»Schau dir das an.« Das Mädchen lenkte seinen Blick auf ihre zusammengebundenen Hände – ihre ehemals zusammengebundenen Hände. Im Schatten des Pfostens sah der Junge einen etwa einen Meter langen Lederstreifen liegen. Das Mädchen bewegte die Arme, um ihm zu zeigen, dass sie sich befreit hatte. Er runzelte die Stirn. Wie war ihr das nur gelungen? Beim zweiten Hinsehen bemerkte er, wie etwas in ihren Händen aufblitzte. Ein Taschenmesser. Er hob den Kopf und nickte. Respekt blitzte in seinen Augen.

In diesem Moment endete der Tanz der seltsamen Frau. Ein großer hagerer Mann betrat die Höhle. In Tierfelle gehüllt und mit den Hörnern eines Rehbocks auf der Stirn, sah er aus wie der leibhaftige Teufel. Sein Körper, sein Gesicht, ja selbst seine Haare und sein Bart waren mit roter und schwarzer Farbe bemalt. Die darunterliegende Haut wirkte, als wäre sie mit einer Schicht Lehm bedeckt. Seine Erscheinung glich eher einem Tier als einem Menschen. An seiner Seite krochen zwei große grauschwarze Gestalten. Mit ihrem zotteligen Fell, ihren vorgereckten Schnauzen und den langen dreckverkrusteten Klauen erinnerten sie an Wölfe. Doch es waren keine Wölfe, dessen war er sich sicher.

Ein Raunen ging durch die Höhle, während die Anwesenden respektvoll vor den Neuankömmlingen zurückwichen. In vielen Gesichtern stand Furcht. Der Junge hielt den Atem an. Er kannte diese Wesen. Es handelte sich um dieselben widerwärtigen Kreaturen, die er beim Betreten der Höhle für schmutzige Haufen gehalten hatte. Er konnte sich noch erinnern, wie schnell sie sich bewegt hatten, welch ungeheure Kraft sie befähigt hatte, aus dem Stand mehrere Meter weit zu springen. Und er erinnerte sich an ihren Geruch. Auch jetzt meinte er wieder diesen modrigen Gestank nach Walderde und Pilzen wahrzunehmen.

Der Teufelsmensch durchschritt die Höhle und trat auf die Hexe zu. In einer Art ritueller Geste berührte er sie an den Brüsten und zwischen den Beinen. Dann ging er zum Feuer hinüber und zog einen Metallstab aus den Flammen. Er hob ihn hoch und warf einen Blick auf dessen glühende Spitze.

Der Junge hatte kaum Zeit zum Nachdenken, da wurde er von der schmutzigen Hand des Mannes am Genick gepackt und nach vorn gebeugt. Ein widerwärtiges Zischen war zu hören, verbunden mit einem kurzen, heftigen Stechen in der Wirbelsäule. Der Gestank von verbranntem Fleisch stieg ihm in die Nase. Ebenso schnell, wie er gepackt wurde, ließ man ihn wieder frei. Der Junge rang nach Atem, als der Schmerz einsetzte. Er war vor Angst so gelähmt, dass er kaum mitbekam, wie der Teufel das Mädchen packte und ihr den Stab ins Genick drückte. Der Junge hörte ihren Schrei, bemerkte aber, dass sie ihre Hände hinter dem Rücken behielt. Ohne einen Funken Mitleid fuhr der Peiniger fort. Zweimal noch hob sich das Eisen, zweimal war das widerwärtige Zischen zu hören, dann waren die vier Eindringlinge gebrandmarkt. Der Mann kehrte zum Feuer zurück und legte das Eisen wieder in die Glut. Die Luft war zum Schneiden dick. Den allgegenwärtigen Schweißgeruch überlagerte der Gestank nach verbranntem Fleisch. Ihrem Fleisch. Der Junge spürte, wie ihm schlecht wurde.

»Was wollt ihr bloß von uns?«, wimmerte er. »Warum könnt ihr uns nicht einfach laufen lassen. Wir haben doch nichts verbrochen.« Seine Stimme verebbte.

»Zwecklos«, keuchte seine Freundin. »Ich glaube nicht, dass sie uns verstehen.«

»Was redest du da?«, stammelte er. »Wieso denn nicht?«

»Ich habe sie beobachtet. Sie unterhalten sich in einer völlig fremden Sprache«, zischte das Mädchen. »Aber still jetzt. Wer weiß, was ihnen sonst noch einfällt.«

Panik stieg in dem Jungen auf. Der Schmerz, ihre Gefangennahme, diese seltsamen Menschen – es war einfach zu viel für ihn. Er wollte seine Angst unterdrücken, aber er konnte nicht. »Warum redet ihr nicht mit uns?«, stieß er hervor. »Was seid ihr für Typen? Was wollt ihr von uns?«

Wie ein Verrückter begann er an seinen Fesseln zu zerren. »Lasst uns frei! Ich will hier weg. Bitte, wir haben doch nichts getan.«

»Hör auf«, flüsterte das Mädchen. »Du machst alles nur noch schlimmer.« Zu spät. Der Teufelsmensch war auf ihn aufmerksam geworden. Mit einem finsteren Gesichtsausdruck kam er zu ihnen herüber. Ohne zu zögern, hob er seinen Arm, ließ seinen Knüppel durch die Luft sausen und schlug dem Jungen mitten ins Gesicht.

Sterne zerplatzten. Rote Sprenkel spritzten über die Erde. Er spürte, dass irgendetwas unterhalb seines rechten Auges zerbrochen war. Blut füllte seinen Mund, während eine ekelhafte Taubheit sich über seine rechte Gesichtshälfte ausbreitete. So rasend waren die Schmerzen, dass der Junge nicht einmal die Kraft fand, laut aufzuschreien.

Es dauerte eine ganze Weile, ehe er wieder atmen konnte. Tastend fuhr er sich mit der Zunge über die Innenseite seiner Lippen und zuckte zusammen. Eine Platzwunde hatte einen tiefen Riss hinterlassen. Auch schien sich einer seiner Zähne gelockert zu haben.

»Du Schwein«, stammelte er. Es klang so verzerrt, dass er sein eigenes Wort nicht verstand. Sein Mund war geschwollen, seine Lippen blutig. »Du verdammtes feiges Schwein.« Er spuckte einen roten Fleck in den Sand.

Der Teufel warf ihm einen vernichtenden Blick zu, dann ging er an ihm vorbei. Bei dem blonden Mädchen rechts außen blieb er stehen. Sie war die Einzige aus der Gruppe, die noch nicht zur Besinnung gekommen war. Ihr Körper hing vornübergebeugt an dem Pflock. Der Teufel stieß seinen Stab kraftvoll auf den Boden und deutete mit dem Finger auf sie.

Wie aus dem Boden gewachsen erschienen die beiden Wolfskreaturen an seiner Seite. Mit schnellen, geschickten Bewegungen nahmen sie dem Mädchen die Fesseln ab. Dann schleiften sie sie zum Altar und legten sie rücklings darauf, das Gesicht zur Decke gerichtet. Als ihre Hände und Füße mit den Ketten verbunden und straff gezogen wurden, kehrte langsam das Leben in ihren Körper zurück. Mit schwachen Bewegungen versuchte sie sich zu befreien. Aus blutunterlaufenen Augen sah der Junge zu dem Altar hinüber … und erstarrte. Auf einmal schien alles einen Sinn zu ergeben. Die Ketten, die Rinnen am Stein und die dunklen Flecken auf dem sandigen Untergrund.

Urplötzlich erschien eine blitzende Klinge in der Hand des Teufelsmenschen.

»Nein«, stieß er aus. »Nein, nein, nein.«

Es fühlte sich alles so unwirklich an, als stünde er immer noch unter Drogen, als würde er das alles nur träumen.

Aber es war kein Traum, das spürte er mit jeder Faser seines Körpers.

Das Trommeln und die Gesänge hatten wieder eingesetzt.

Dunkel und unheilvoll erhoben sich die Stimmen. Die Bewegungen des Opfers wurden lebhafter. Der Teufel durchschnitt den Stoff des Pullovers und des Büstenhalters, so dass die nackte Haut darunter sichtbar wurde. Schrecklich bleich und mager sah das Mädchen aus, beinahe durchscheinend. Die Arme und Beine ausgestreckt, wirkte sie wie ein Schmetterling, der bereit war, davonzufliegen. Der Teufel umrundete sein Opfer. Immer wieder erhob er seine Hände zur Höhlendecke, dann wieder breitete er die Arme in Richtung des Bodens aus, als wollte er etwas aussäen. Mit einer Bewegung, die aussah, als würde er das Mädchen streicheln, zog er die Klinge über ihr rechtes Schlüsselbein. Ein schwacher Schrei löste sich von ihren Lippen. Sie wehrte sich, doch die Ketten hielten sie zurück. Blut trat aus der Wunde, lief ihren Arm entlang und benetzte den Stein. Mit einer ebenso gewandten Bewegung wiederholte der Teufelsmensch den Vorgang auf der linken Seite. Die Wolfskreaturen rückten näher. In ihren Augen leuchtete Gier. Ohne sie zu beachten, brachte ihr Meister zwei weitere Schnitte kurz oberhalb des rechten und linken Fußgelenks an. Dunkles Blut quoll aus den Wunden. Es lief in die steinernen Kanäle und sammelte sich in den runden Vertiefungen.

Der Junge war wie erstarrt. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Er zog und zerrte an seinen Fesseln. Seine Wut und seine Verzweiflung kannten keine Grenzen. Er riss an den Schlaufen, doch das Leder gab keinen Millimeter nach. Seine Machtlosigkeit trieb ihm die Tränen in die Augen.

Der Teufelsmensch hatte die Vorbereitungen beendet. Mit einem triumphierenden Ausdruck im Gesicht reckte er den Dolch in die Höhe, als ein schwacher Schrei ertönte.

Das Mädchen auf dem Opferblock war jetzt hellwach. Ihr Gesicht war aschfahl, ihre Augen hatten einen fiebrigen Glanz. Hilfesuchend blickte sie zu ihren Freunden hinüber. Ihr Blick war ein einziges Flehen. Auf ihren trockenen Lippen formten sich Worte, die jedoch in den Gesängen und dem infernalischen Trommeln untergingen. Die Zeremonie hatte ihren Höhepunkt erreicht. Der Teufelsmensch verdrehte die Augen, hob die Klinge und rammte sie dem Mädchen mit einer kraftvollen Bewegung in die Brust. Ihr bleicher Leib bäumte sich auf, als das Messer bis zum Heft durch sie hindurch fuhr. Die Ketten spannten sich, dann erschlaffte ihr Körper.

Die Kreaturen kamen zu dem Altarstein gekrochen und fingen an, das Blut vom Sockel zu lecken. Der Teufel vertrieb sie mit Fußtritten. Der Junge hatte das Gefühl, der Himmel würde über ihm zusammenstürzen. Tränen rannen über sein Gesicht, während er sich in den Staub vor seinen Füßen erbrach.

In diesem Moment geschah etwas Seltsames. Zuerst war es nur ein Schimmern am Rande seines Gesichtsfeldes, doch mit der Zeit wurde es immer deutlicher. Von den Scheiben, die in den Altarstein eingelassen waren, begann ein Leuchten auszugehen. Schwach erst, dann mit stetig zunehmender Helligkeit. Die Formen der Scheiben schienen zu verschwimmen. Auch die Konturen des Steinblocks lösten sich auf. Immer durchscheinender wurde das Material, während die Scheiben an ihren Flanken wie diffuse Sonnen erstrahlten, wie Räder eines feurigen Wagens. In der Höhle war es taghell geworden. Der Junge sah seine Umgebung mit unnatürlicher Schärfe. Es schien fast so, als könne er durch die versammelten Menschen hindurchsehen, so geisterhaft klar stand alles vor seinen Augen.

Doch irgendetwas ging schief. Von der einen auf die andere Sekunde erlosch das Licht. Es gab einen Knall, gefolgt von einem tiefen Rumpeln. Ein plötzlicher Windstoß fuhr durch die Höhle und blies den Großteil der Ölfeuer aus. Nur eine einzige Fackel in einem weiter entfernten Gang blieb verschont und spendete weiterhin kümmerliches Licht. Steine lösten sich von der Decke und prasselten herab. Die Kaverne füllte sich mit Staub und Rauch. Schreie ertönten. Durch den Staub hindurch sah der Junge die Silhouetten rennender Menschen, die bei dem Versuch, sich vor den herabfallenden Brocken in Sicherheit zu bringen, panisch durcheinanderrannten. Der Junge spürte einen scharfen Schmerz im Genick, genau dort, wo der Teufel ihm das Brandzeichen gesetzt hatte. Zuerst dachte er, dass ihn vielleicht ein Stein getroffen habe. In einer reflexartigen Bewegung griff er an seinen Nacken – und bemerkte, dass er frei war. Seine Hände waren nicht länger an den Pflock gebunden. Ungläubig hielt er sie vors Gesicht und betrachtete sie im ersterbenden Schein der Fackel.

»Komm schon«, hörte er ein Zischen an seiner Seite. »Das ist unsere Chance – jetzt oder nie!« Seine Freundin war aufgesprungen und befreite ihren Schulkameraden. Dieser war zwar schwach, schien aber wenigstens bei Bewusstsein zu sein. Sie packte ihn unter der Schulter und half ihm auf die Beine, während sie herüberrief: »Beeil dich! Da drüben, der Gang mit der Fackel. Wir treffen uns dort.«

Mehr war nicht nötig, um den Jungen wieder zur Besinnung zu bringen. In einem Anflug von Hoffnung sprang er hoch und bahnte sich den Weg durch die taumelnde Menge. Immer noch prasselten Steine von oben herab. Schreie erfüllten die Höhle. Etliche der Anwesenden waren bereits zu Boden gestürzt. Verletzt oder tot, er konnte es nicht erkennen – es war ihm auch egal. Wenn es nach ihm ging, sollten sie doch alle verrecken. Leichtfüßig sprang er über die gekrümmt daliegenden Körper und lief in Richtung des Ganges. Sein Ziel war die Fackel, das letzte Licht in dieser Finsternis. Ohne sie war ihre Flucht zum Scheitern verurteilt.

Gerade hatte er den Gang erreicht und seine Hand nach der Fackel ausgestreckt, als sich eine haarige Pranke auf seine Schulter legte. Er wirbelte herum und erstarrte vor Entsetzen. Aus einem lehmverschmierten Gesicht funkelten ihn zwei hasserfüllte Augen an.

Mit übermenschlicher Kraft hielt der Teufelsmensch seinen Arm gepackt und drückte ihn gegen die Wand. Lange schmutzige Fingernägel bohrten sich in sein Fleisch. Einen Schmerzensschrei unterdrückend, griff der Junge mit der anderen Hand nach der Fackel, riss sie aus ihrer Verankerung und schlug damit nach seinem Peiniger. Dumpf krachte das Holz gegen die behaarte Brust. Funken stoben. Der Schlag war so kraftvoll, dass der Teufel einige Schritte zurücktaumelte. Ungläubig blickte er an sich herab. Der Bart und Teile seiner Fellbekleidung hatten Feuer gefangen. Offenbar waren sie mit Wachs oder Öl behandelt worden. Panik leuchtete in den Augen des Teufelsmenschen auf. Mit hektischen Bewegungen versuchte er, die Flammen zu löschen, aber es war sinnlos. Der Junge erkannte seine Chance, sprang vor und drückte die Fackel gegen die Brust seines Widersachers. Im Nu sprang das Feuer vom Oberkörper über auf die Schultern und von dort in Richtung Kopf. Nur wenige Sekunden später, und der ganze Mann stand lichterloh in Flammen. Brennend und unmenschliche Schreie ausstoßend, rannte er zurück in die Höhle, vorbei an den beiden Schülern, die gerade noch ausweichen konnten. Als der Junge sah, wie schwer das Mädchen zu tragen hatte, sagte er: »Überlass ihn mir.« Er drückte dem Mädchen die Fackel in die Hand und stützte seinen Freund. »Lauf du voraus und such den Ausgang«, sagte er zu ihr. »Wenn sie kein Licht mehr haben, verschafft uns das vielleicht einen Vorsprung.«

Das Mädchen nickte und rannte mit hocherhobener Fackel in den Gang. Die beiden Jungen versuchten ihr zu folgen, so schnell es eben ging. Nur weg von den Schreien, den Flüchen und dem Gestank. Nichts wie weg aus diesem Alptraum.

Instinktiv folgten die drei dem sich verzweigenden Höhlensystem, immer weiter und weiter. Die Zeit schien endlos, doch schließlich spürten sie einen frischen Luftzug auf der Haut. Der Ausgang! Nur noch wenige Meter, und sie waren im Freien. Nach Luft ringend, taumelten sie auf eine Lichtung. Über ihnen waren Sterne zu sehen. Der Vollmond warf ein fahles Licht über das Land.

»Wohin?«, keuchte das Mädchen.

»Egal«, antwortete der Junge. »Hauptsache, weg.«

Hals über Kopf stolperten die drei den Berghang hinab. Die Zweige schlugen ihnen ins Gesicht, und mehr als einmal stolperten sie über eine Wurzel. Sie fielen hin, rappelten sich wieder auf und hasteten weiter. Die Fackel erlosch, doch das war nicht mehr wichtig. Der Mond gab ihnen mehr als genug Licht.

Eine halbe Stunde später erreichten sie die Straße, die zum Berg hinaufführte. Erschöpft und zerschunden versuchten sie, sich zu orientieren. Der Mond begann gerade hinter dem Berg zu versinken. Ein geisterhaftes Licht lag über dem Wald. Nebelschwaden waren aufgestiegen, die wie die Seelen verstorbener Bergwanderer zwischen den Baumwipfeln hingen. Der Gipfel war in ein geheimnisvolles Licht getaucht.

Es war Walpurgisnacht.

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2

Zwanzig Jahre später.

Deir el-Bahari, Ägypten

Der Wüstensand knirschte unter Hannahs Schuhen, als sie den gewundenen Pfad emporstieg. Ein kühler Wind strich vom Nil herauf und fuhr raschelnd durch das Schilf, das rechts und links des Weges stand. Einige ausgefranste Wolken hingen träge am Himmel, der zu dieser frühen Stunde von unzähligen Mauerseglern bevölkert wurde. Hier unten im Tal war es noch dunkel, aber das Morgenlicht streifte bereits die Ränder des Plateaus, hinter dem die Wüste begann. Von irgendwo wehte der Gesang des Muezzins herüber.

Es würde wieder ein heißer Tag werden.

Die Archäologin blieb kurz stehen. Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare und band ihre widerspenstige rotbraune Lockenpracht mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz zusammen. Man hatte ihr schon oft Komplimente wegen ihres Aussehens gemacht, aber sie gab nichts auf solche Äußerlichkeiten. Hier in der Wüste war gutes Aussehen völlig bedeutungslos. Viel wichtiger waren ein scharfer Verstand und eine ausgeprägte Beobachtungsgabe. Sie wusste, dass man früh aufstehen musste, wenn man nicht in die Mittagsglut geraten wollte. Es war eine alte Angewohnheit von ihr, kurz vor Sonnenaufgang aufzustehen. Sowohl die Morgenstunden als auch die Zeit, wenn die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwand, waren für Hannah die schönste Zeit des Tages. Für sie, die sich seit annähernd fünfundzwanzig Jahren mit den Schätzen vergangener Kulturen beschäftigte, hatte die Vergänglichkeit ihren eigenen Reiz. Die Vergänglichkeit des Tages ebenso wie die von Kulturen, ja ganzer Epochen. Es waren diese Momente, die sie den unablässigen Strom der Zeit am deutlichsten spüren ließen.

Sie ging in die Hocke, nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn durch ihre Finger rieseln. Die feinen Körner glitzerten in der Sonne.

Hannah spürte die Jahrtausende, die in diesen Kristallen lagen. Was hatten diese Körner schon alles gesehen! Den Aufstieg und Fall von Imperien, von Kulturen, die immer mächtiger wurden, ehe sie wieder im Nebel der Zeit verschwanden. Was sie hier mit der Hand fühlte, war pure, unverfälschte Geschichte, und sie spürte das Geheimnis, das in jedem einzelnen dieser Kristalle lag.

Man hatte ihr immer nachgesagt, dass sie über eine besondere Gabe verfüge, eine Gabe, die es ihr ermöglichte, zum Kern der Dinge vorzustoßen – die Wahrheit darin zu erkennen. Ob das stimmte, wusste sie bis zum heutigen Tage nicht. Klar war nur, dass sie nicht wie andere Menschen war.

Sie blies den Sand von ihren Fingern und hob den Kopf. Die Luft war erfüllt von Modergeruch, ein Geruch, der ihr selbst nach einer Woche Ägypten immer noch fremd war. Der Nil roch, man konnte es nicht anders ausdrücken. Er überzog das Land mit einer Duftglocke, die nur an kühleren Tagen etwas an Intensität verlor. Das Wasser stank, die bewachsenen Uferzonen stanken, die Bewässerungsgräben stanken, ja selbst die Felder verströmten diesen unangenehmen Fäulnisgeruch. Andererseits – dies war der Geruch der Fruchtbarkeit. Ohne das träge dahinfließende Wasser, ohne den fruchtbaren Schlamm, der in jüngerer Zeit immer mehr durch Düngemittel ersetzt wurde, hätte es niemals das Reich der Pharaonen gegeben, wären niemals die gewaltigen Bauwerke entstanden, die sich, einer Perlenkette gleich, den Fluss entlangzogen.

Der Nil. Längster Fluss der Erde. Ein breites Band aus schlammigem Grün, das sich über sechstausend Kilometer quer durch den Kontinent zog. Sein Geruch war der Preis für den Wohlstand, den er brachte. Auch heute noch garantierte er reiche Erträge und einen nicht abreißenden Strom bildungswütiger Pauschaltouristen. Der Nil war das Leben, die Quelle, die Hauptschlagader inmitten dieses trockenen und unfruchtbaren Landes. Ohne ihn gäbe es hier nichts. Dafür konnte man den Gestank schon fast wieder lieben.

Hannah überquerte eine kleine Kuppe und sah unvermittelt ihr Ziel vor sich liegen. Ein Hügel, der sich, einer Burganlage gleich, vor die steile Abbruchkante geschoben hatte und das Flussbett von der dahinterliegenden Wüste trennte. Hier endete jegliche Vegetation. Die wenigen Felder oberhalb des Plateaus waren nicht der Rede wert. In Hannahs Augen wirkte ihre Anwesenheit ohnehin unpassend. Sie waren Teil eines Projekts zur Neuerschließung von Land, das jedoch aus Kostengründen nur halbherzig verfolgt wurde. Pumpen kosteten Geld, und wenn man sie abschaltete, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Wüste sich ihr Territorium zurückeroberte. Der Felsen, der sich wie eine Nase vorwölbte, beherbergte eine der schönsten ägyptischen Tempelanlagen überhaupt. Eine Anlage, deren Geheimnisse erst in den sechziger Jahren vollständig entschlüsselt wurden. Es war die Zeit, in der das gesamte obere Niltal dem Assuanstaudamm zum Opfer fiel. Weniger eine Zeit der Archäologen denn eine Zeit der Architekten und Ingenieure. Immerhin ging es darum, einige der bedeutendsten Baudenkmäler der Welt zu versetzen. Die Verlegung von Abu Simbel oder Sakkara verschlang Unsummen und erforderte den Sachverstand eines ganzen Heeres von Technikern. Es war nur natürlich, dass sich das Interesse der Weltöffentlichkeit auf diese Mammutprojekte richtete und dabei übersah, dass nebenan weiterhin interessante Neuentdeckungen gemacht wurden. Eine dieser Entdeckungen betraf den Tempel der Hatschepsut in Deir el-Bahari. Die gewaltige Anlage lag im Westteil von Theben, das dem berühmten Tal der Könige vorgelagert ist. Für Hannah war dieser Tempel so interessant, weil er einige Darstellungen enthielt, die ihr bei der Lösung eines aktuellen Problems helfen sollten. Ein Problem, das nur am Rande mit Ägypten oder der Wüste zu tun hatte. Ein Problem, bei dem sie Hilfe brauchte.

John Evans erwartete sie am obersten Absatz der Tempelanlage. Der Wind zauste seine Haare, während er da stand, die Hände in die Hosentaschen gesteckt, und beobachtete, wie sie die zweimal einhundertzwanzig Stufen zu ihm hinaufstieg. Sein Gesicht lag im Schatten, doch sie konnte erkennen, dass er lächelte. Die Monate in der Wüste hatten ihm gutgetan. Braun und schlank war er. Welch ein Gegensatz zu ihr, die sie das letzte Jahr in Deutschland verbracht hatte. Wehmütig dachte sie an die Zeit zurück, als sie selbst in der Sahara geforscht hatte, auf der Suche nach urzeitlichen Felsmalereien.

»Guten Morgen«, sagte er, als sie nur noch wenige Meter entfernt war. Er streckte ihr seine Hand entgegen, die sie nur kurz ergriff und schnell wieder losließ. Wenn er enttäuscht war, ließ er es sich nicht anmerken.

»Ist das nicht herrlich hier, zu so früher Stunde?«, fragte er, die Hände wieder in den Hosentaschen vergrabend. »Wie du siehst, habe ich eine Sondergenehmigung zum Betreten der Anlage bekommen. Keine Touristen, keine Fremdenführer, kein Gerenne, kein Geschrei – nur wir beide. Nicht schlecht, oder?« In seinen mandelbraunen Augen blitzte es auf. »Fast wie in alten Zeiten.«

Hannah überging den Kommentar mit einem kurzen Lächeln. Sie hatte nicht vor, sich von ihrem ehemaligen Lebensgefährten aus der Reserve locken zu lassen. John und sie hatten sich vor über einem Jahr während einer Expedition in der Sahara kennengelernt. Damals hieß er noch Chris Carter, doch das war nur ein Deckname gewesen. John gehörte zu jenem Menschenschlag, der nichts dem Zufall überließ, nicht mal seine Identität. Er war ein Allroundtalent. Promovierter Klimatologe, Spezialist für Astroarchäologie und bewandert in sämtlichen Naturwissenschaften. Vor allem aber war er Jäger. Ein moderner Schatzsucher, der sich fortwährend auf der Jagd nach archäologischen Relikten befand. Sein Chef war der Milliardär Norman Stromberg, eine Größe in der internationalen Wirtschaft und ein Mann, dessen Ruf ebenso legendär war wie der des berühmten Howard Hughes. Strombergs Gespür für seltene Funde war beinahe ebenso phänomenal wie sein Riecher für gute Geschäfte. Er war nicht nur einer der wohlhabendsten und einflussreichsten Männer der Welt, sondern auch einer der bedeutendsten Kunstsammler. Und genau darum ging es bei Johns Arbeit, um das Aufspüren von Kunstschätzen. Er war Strombergs Spürhund, sein Scout, wie man diese Leute in der Branche auch nannte.

Stromberg hatte seine Leute rund um den Erdball im Einsatz. Wo immer Gerüchte von neuen Funden die Runde machten, waren sie zuerst da. Manchmal sogar, ehe die zuständigen Behörden davon Wind bekamen. Sie waren autorisiert, Kunstwerke aufzukaufen oder sich auf irgendeine andere Art die Besitzrechte zu sichern. Und ihre Mittel waren unerschöpflich. Inzwischen gehörten dem Milliardär Höhlen in Südfrankreich, Paläste in Indien, Tempel in Japan sowie Schiffe, die mitsamt ihren Schätzen in den Tiefen des Meeres versunken waren. Sein Hunger auf Relikte mit geheimnisvoller Vergangenheit war ebenso groß wie sein Bankkonto, und das wollte bei diesen Dimensionen schon etwas heißen.

Hannah war fest entschlossen, sich von Johns Charme und seinem guten Aussehen nicht einwickeln zu lassen. »Es ist viel geschehen im letzten Jahr«, sagte sie. »Ich stecke bis über beide Ohren in Arbeit und werde deshalb nicht lange bleiben können. Nur eine schnelle Information, dann bin ich auch schon wieder weg.« Sie merkte, dass ihr Ton ein wenig zu schroff war, und fügte etwas milder hinzu: »Danke, dass du gekommen bist. Ich weiß das wirklich zu schätzen.«

»Ich bin es, der zu danken hat«, sagte John, und Hannah meinte einen rosigen Schimmer über seine Wangen huschen zu sehen. »Du weißt gar nicht, wie sehr ich mich auf diesen Moment gefreut habe. Tausend Dinge wollte ich dir sagen, tausend Fragen stellen. Aber kaum stehst du vor mir, ist alles wie weggeblasen. Verrückt, oder? Ich hatte gehofft, dass wir vielleicht reden könnten …«

»Tun wir das nicht gerade?« Hannah wusste genau, worauf er hinauswollte. Seit einem Jahr herrschte Funkstille zwischen ihnen. Er war damals von Washington aus in die Sahara gereist, um für Stromberg Ausgrabungen im nigerianischen Aïr-Gebirge zu leiten, sie hingegen war – nach einer kurzen Phase, in der sie feststellen musste, wie sehr sich die USA in den Jahren nach dem elften September verändert hatten – nach Deutschland zurückgekehrt. Sie folgte damit einer Einladung des Museums für Ur- und Frühgeschichte des Landes Sachsen-Anhalt, dessen Direktor Hannahs Verdienste um die außergewöhnlichen Saharafunde zu Ohren gekommen waren. Kaum in Halle angekommen, hatte er ihr ein Projekt angeboten, das sie unmöglich ausschlagen konnte. Ein Projekt, das so einzigartig war, dass die Forschung sich über dessen wahre Dimensionen immer noch nicht im Klaren war. Die Himmelsscheibe von Nebra. Der aufregendste Fund der letzten hundert Jahre für die europäische Frühgeschichte.

Welcher Archäologe bekam keine glänzenden Augen, wenn die Sprache auf dieses annähernd viertausend Jahre alte Fundstück kam? Wer hätte bei einem solchen Angebot nicht gleich zugegriffen? Doch hätte sie jemals ahnen können, dass sich die Entschlüsselung dieses kleinen Blechtellers als dermaßen schwierig erweisen würde. Ein Dreivierteljahr zäher Forschung lag hinter ihr. Verbittert hatte sie irgendwann einsehen müssen, dass sie allein nicht weiterkam. Sie brauchte Hilfe. Und der Einzige, der über das nötige Fachwissen verfügte und verfügbar war, war John.

Ausgerechnet!

Sie musste daran denken, wie sie sich kennengelernt hatten, gar nicht weit von hier, in Algerien. Die Erinnerung tat weh.

»Ich habe bis heute nicht verstanden, warum du damals so sang- und klanglos gepackt hast und abgereist bist«, sagte John, als habe er ihre Gedanken erraten. »Es gab nicht den geringsten Grund dafür.«

Hannah verdrehte die Augen. Ihr hätte klar sein müssen, dass er nicht aufgeben würde. Nicht John. »Ich habe es dir doch erklärt«, sagte sie. »In E-Mails, in Briefen und am Telefon. Über Seiten hinweg habe ich dir meine Beweggründe zu erklären versucht. Wenn dir das immer noch nicht reicht, kann ich dir auch nicht helfen.« Sie spürte, wie das schlechte Gewissen sich in ihr meldete.

»Nein, du hast recht«, sagte er, und seine Stimme bekam einen traurigen Tonfall. »Ich habe es wirklich nicht verstanden. Aber nur, weil du nie über Gefühle gesprochen hast. Du hast mir erklärt, dass wir zu verschieden seien, um eine dauerhafte Beziehung zu haben. Du sagtest, du würdest mein Verlangen spüren, nach Afrika zurückzukehren, und wärst der Meinung, ich würde nur dir zuliebe in Washington bleiben. Ein Almosen sozusagen, ein Opfer aus Mitgefühl. Und du hast gesagt, dass du unter diesem Druck keine Beziehung führen könntest. Das alles hast du mir mitgeteilt, ohne mir eine Chance zu einer Erwiderung zu geben. Du hast diese Dinge in mich hineininterpretiert, ohne mich jemals zu fragen, wie ich dazu stehe. Wahrscheinlich hast du davor zurückgescheut, weil du genau wusstest, wie meine Antwort ausfallen würde.«

»Ich wollte dir nicht weh tun«, sagte Hannah. Sie hasste es, von John durchschaut zu werden. Er war einer der wenigen, die das konnten. »Ich kannte dich gut genug, um zu wissen, dass du liebend gerne Strombergs Angebot, die Ausgrabungen im Niger zu leiten, angenommen hättest. Du bist nur meinetwegen geblieben.«

»Es war nicht fair, einfach so zu gehen, und das weißt du«, sagte John mit gepresster Stimme. »Du hast nie offen mit mir darüber gesprochen. Du hast für dich die Karten ausgelegt und danach gehandelt. Mich in den Entscheidungsprozess mit einzubeziehen, dieser Gedanke ist dir wohl nicht gekommen. Wenn du mich fragst, warst du zu lange in der Wüste.«

Hannahs Augen funkelten. »Was soll denn das wieder heißen?«

»Das heißt, dass du über Jahre hinweg darauf angewiesen warst, eigene Entscheidungen zu treffen. Und genau das hast du wieder getan. Vielleicht war dir das Leben mit mir zu eng, zu klein, zu bürgerlich – wer weiß? Was immer der Grund war, du hast entschieden, dass du so nicht leben möchtest, und danach gehandelt. Einsam und allein, wie du es immer getan hast. Aber du warst nicht allein, du warst mit mir zusammen. Ich habe dich geliebt, Hannah, und das tue ich immer noch. Was du getan hast, war einfach nicht fair.«

Die Worte verhallten im Wind, der um die steinernen Pfeiler strich und kleine Staubwolken vor sich herwehte. Von irgendwoher erklang der klagende Schrei eines Falken.

»Können wir jetzt bitte zur Sache kommen?« Sie hatte einen Kloß im Hals. Ihr war klar, dass er die alte Geschichte aufkochen würde – das war der Preis, den sie für seine Hilfe zahlen musste. Sie hatte nur nicht gewusst, dass es so weh tun würde.

John zuckte die Schultern und sagte mit einem Seufzen: »Na schön. Du hast mir geschrieben, es ginge um Sterne und dass du meine Hilfe brauchst. Also, hier bin ich. Was genau willst du?«

Hannah zog eine Abbildung der Sternenkarte aus ihrer Umhängetasche und reichte sie John. Das Foto hatte zwar ein paar Eselsohren abbekommen, aber das Motiv war immer noch beeindruckend schön.

John stieß einen Pfiff aus. »Ich will verdammt sein. Darum geht es also. Willst du mir etwa erzählen, dass du gerade daran arbeitest?«

»Ich bin die Projektleiterin«, sagte Hannah, nicht ohne Stolz.

»Wow!« John warf ihr einen anerkennenden Blick zu. »Du mischst gleich ganz oben mit. Respekt. Und wie geht die Arbeit voran? Ich hoffe, es ist nicht zu einfach für dich.«

»Du kennst mich doch. Einfach ist nicht mein Stil.«

»Wohl wahr«, grinste John. »Die Himmelsscheibe ist frühe Bronzezeit, richtig?«

Hannah nickte. »Eine Kultur, über die wir so gut wie nichts wissen, nicht mal ihren Namen.«

»Und sie haben nichts Schriftliches hinterlassen.«

»Der Kandidat hat hundert Punkte.« Hannah war froh, endlich das leidige Trennungsthema hinter sich zu lassen und mit ihrer Arbeit fortzufahren. »Wenn wir wenigstens Tontafeln oder etwas Ähnliches hätten. Aber bisher Fehlanzeige. Wenn in dieser Zeit überhaupt etwas geschrieben wurde, dann auf Material, das die Zeit nicht überdauert hat.«

»Das Problem haben wir heute auch«, ergänzte John mit einem ironischen Lächeln. »Bücher, CDs, Zeitungen, nichts davon wird in tausend Jahren noch existieren. Wir werden eine Kultur sein, über die sich kommende Generationen gehörig den Kopf zerbrechen werden – wenn es dann überhaupt noch Menschen gibt.«

»Alles, was wir über sie wissen, müssen wir uns anhand von Grabbeigaben wie Kelchen, Schwertern und Schmuckstücken zusammenreimen. Reichlich wenig, wenn man nicht weiß, wie man diese Objekte interpretieren soll. Stell dir mal vor, in tausend Jahren fände jemand ein Kruzifix. Das Abbild eines Menschen, den man an ein Kreuz genagelt hat. Wahrscheinlich würde man davon ausgehen, einen Verbrecher vor sich zu haben. Warum sonst würde man einen Menschen so leiden lassen? Wer käme schon auf die Idee, dass es sich dabei um Gottes Sohn handelt? Genauso ist es auch bei bronzezeitlichen Abbildungen. Wir können nur raten.«

Seufzend blickte sie auf die Fotografie. Die etwa dreißig Zentimeter große Himmelsscheibe bestand aus grün oxidiertem Kupfer, und ihre Vorderseite stellte einen stilisierten Sternenhimmel aus Blattgold dar. Die Ränder waren punktiert und an manchen Stellen ausgefranst. Insgesamt ließen sich zweiunddreißig Sterne zählen, die ungeordnet über die gesamte Fläche verteilt waren. Hinzu kamen ein sichelförmiger Mond und eine großflächige Scheibe, bei der es sich möglicherweise um die Sonne handelte.

Zwei deutlich abgesetzte Begrenzungsstreifen auf der rechten und linken Hälfte der Scheibe legten die Vermutung nahe, dass dieses Instrument seinerzeit zu Himmelsbeobachtungen benutzt wurde. Am richtigen Standort eingesetzt, markierten sie den Sonnenaufgang beziehungsweise -untergang während der Sonnenwende. Es konnte sich also durchaus um eine Art Kalender handeln, der es ermöglichte, die exakten Jahreszeiten und somit die günstigsten Termine für Aussaat und Ernte festzulegen. Er markierte den Wechsel der Jahreszeiten, der Monate, des Vergangenen und des Künftigen. Ein unermesslicher Schatz für ein Volk, das ohne Uhren und Kalender lebte. Dass es dabei nicht um eine primitive Art von Bauernkalender ging, ließ sich daran ermessen, dass jegliche Form von Kultivierung und Bepflanzung in der frühmenschlichen Mythologie eine tiefe religiöse Bedeutung hatte. Befruchtung, Wachstum, Tod. Der ewige Kreislauf des Lebens. Es war diese Verbindung zwischen Mensch und Kosmos, die in der Himmelsscheibe ihre bildliche Darstellung fand. Und somit stand sie, wie auch derjenige, der sie zu lesen vermochte, in direktem Kontakt mit den Göttern.

»Was ist das?« John deutete auf ein längliches, gebogenes Symbol, das mit den Symbolen für Sonne und Mond ein gleichschenkliges Dreieck bildete. Das Blattgold wurde an dieser Stelle durch parallele Linien strukturiert.

»Das ist einer der Gründe, warum ich hier bin.« Hannah strich sich eine Locke aus dem Gesicht. »Dieses Zeichen hat mich überhaupt auf die Ägypter gebracht. Siehst du, wie dieses gekrümmte Ding zwischen der Sonne und dem Mond hin- und herzufahren scheint?«

John nahm ihr die Fotografie aus der Hand und betrachtete sie aufmerksam. »Könnte eine Sonnenbarke sein. Ein Schiff, das vom Morgengrauen bis zum Sonnenuntergang über den Himmel kreuzt«, flüsterte er.

»Genau mein Gedanke«, sagte Hannah. »Sieh mal: Die angedeutete Maserung auf der Seite. Sie unterstreicht den Eindruck von Holz in der Schiffsbeplankung.«

Seine Augen wanderten über jeden Zentimeter der Abbildung. »Hol mich der Teufel«, murmelte er. »Du könntest tatsächlich recht haben. Die Sonnenbarke ist eines der wichtigsten Symbole in der altägyptischen Mythologie. Sollte es wirklich eine Verbindung zwischen den Ägyptern und den Schöpfern der Himmelsscheibe gegeben haben? Aber dazwischen liegen dreitausend Kilometer. Luftlinie, wohlgemerkt.«

»Unvorstellbar, ich weiß.« Hannah lächelte. »Trotzdem. Es müssen irgendwelche Handelsbeziehungen bestanden haben. Eine Theorie, über die schon seit Jahren spekuliert wird. Mit dem Symbol der Sonnenbarke hätten wir den ersten wirklich schlagenden Beweis.«

In Johns Augen begann es zu leuchten. »Deshalb der Tempel der Hatschepsut. Jetzt beginne ich zu verstehen.« Er packte Hannahs Hand und zog sie mit sich fort. »Das, wonach du suchst, ist gleich hier drüben«, sagte er. »Komm.«

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3

Ein sanfter Wind strich um die steinernen Pfeiler des alten Tempels. Die Sonne zauberte markante Linien in die staubige Luft, die sich wie Finger in die verborgenen Ecken und Winkel des Heiligtums vortasteten und die steinernen Wände wie etwas Lebendiges erscheinen ließen – wie ein uraltes Fabelwesen, das langsam zu erwachen begann. John spürte die Spannung, die in der Luft lag. Eine jahrtausendealte Kultstätte bei Sonnenaufgang zu erkunden, das war ein unvergleichliches Erlebnis.

»Wie gut kennst du dich in altägyptischer Geschichte aus?«, wandte er sich an Hannah, während er sie tiefer in das Heiligtum führte. »Genauer gesagt: Was weißt du über Hatschepsut?«

»Nicht viel«, erwiderte sie. »Nur dass sie in der achtzehnten Dynastie lebte, vor etwas weniger als dreitausendfünfhundert Jahren also, und dass diese Zeit durch blühenden Wohlstand gekennzeichnet war. Hatschepsut war die einzige Frau, die jemals die Herrschaft als Pharao innehatte.«

»Bemerkenswert, nicht wahr?«, sagte John. »Kurz nach Antritt ihrer Regentschaft ergriff sie die traditionellen Herrschaftsinsignien, darunter den sogenannten Zeremonialbart. Wahrscheinlich auf Druck ihrer Untergebenen, die die Tatsache, dass sie von einer Frau regiert wurden, als untragbar erachteten. In späteren Bildnissen ließ sie sich deshalb nur noch als Mann darstellen.« Er deutete auf die umliegenden Säulenarkaden. »Das hier ist übrigens das bedeutendste Bauwerk, das in ihrer zweiundzwanzigjährigen Herrschaftszeit entstanden ist. Ihr eigener Totentempel.«

Hannah schlang die Arme um sich. Sie schien sich unwohl zu fühlen bei der Vorstellung, wie viele Jahre die Ägypter damals mit dem Gedanken an den eigenen Tod verbracht hatten. Andererseits war der Tempel zu einer Zeit entstanden, als die Menschen den Tod als etwas Willkommenes erachteten, als etwas, vor dem man keine Angst zu haben brauchte. Doch er konnte sie verstehen. Irgendwie hatten Totenkulte immer etwas Beängstigendes.

»Was muss ich noch über sie wissen?«, fragte sie.

»Hatschepsut führte eine für ihre Zeit ungewöhnliche Expedition durch«, sagte John. »Eine Expedition über Land. Dass sie sich auf diesem Weg in eine unbekannte Gegend vorwagten, war außergewöhnlich. Die Ägypter waren ein Volk von Seefahrern und Schiffsbauern. Trotzdem hat die Pharaonin eine solche Expedition ins Leben gerufen. Ein gewaltiges Unterfangen in jener Zeit.«

»Und wohin führte die Reise?«

»Ins Land Punt, vermutlich das heutige Somalia. Von dort brachte die Expedition neben Gold und Edelsteinen auch Weihrauch, Ebenholz sowie eine Fülle exotischer Pflanzen mit. Die Puntreise gilt als die erste botanische Expedition überhaupt.« Er blieb stehen. »Sieh mal dort hinüber.« Er deutete in Richtung Südwesten, auf eine Halle, die ein Stockwerk unter der ihren lag. »Dort drüben findest du Fresken, die ausschließlich von dieser Expedition handeln. Sehr interessant übrigens die Darstellung der Herrscherin von Punt. Sie ist so überdimensioniert und fett dargestellt, dass die Gelehrten heute noch darüber streiten, ob dies eine natürliche Darstellung sein soll.«

»Und nach zweiundzwanzig Jahren Herrschaft starb sie? Einfach so?«

John warf Hannah einen vielsagenden Blick zu. »Natürlich nicht einfach so. Wir reden hier von den Ägyptern.« Er zuckte mit den Schultern. »Nein, vermutlich wurde sie umgebracht. Sie war zu mächtig geworden, und obendrein war sie ja eine Frau. Das passte vielen Leuten nicht in den Kram. Noch Jahrhunderte später wurden viele ihrer Abbildungen ausradiert. Gelöscht, zerstört, vernichtet, wie du willst.«

»Charmant.«

Sie waren jetzt weit genug in den hinteren Teil des Allerheiligsten vorgedrungen. An diesen Ort fiel kaum noch Tageslicht. John drehte den Kopf, dann nickte er zufrieden.

»Hier sind wir richtig«, sagte er. »Es ist gleich hier drüben, komm.«

Er kramte in seiner Umhängetasche und holte eine Taschenlampe hervor, durch deren abgewetzte Lackschicht das blanke Metall schimmerte. Der Lichtstrahl schnitt wie ein Skalpell durch die Dämmerung. John schritt die linke der hinteren Begrenzungsmauern entlang, während er seine Hand über den Sandstein gleiten ließ. Seine Finger tasteten über Wölbungen und Einbuchtungen, die in jahrelanger Arbeit kunstvoll aus dem Stein geschlagen worden waren. Hatschepsut galt als Gründerin der rundplastischen Abbildung, einer Reliefform, die besonders weich und naturalistisch anmutete. Die Szenen zwischen Menschen und Göttern wirkten wie aus einem Bilderbuch.

»Hier.« Er blieb stehen und deutete auf eine Darstellung, die den Wechsel der Jahreszeiten darstellte. Zu sehen waren der Nil bei Hoch- und bei Niedrigwasser, Aussaat und Ernte, die Wanderung von Sonne und Mond sowie der Wandel der Gestirne. Dazwischen war die Abbildung eines Schiffes zu sehen: einer Sonnenbarke.

Hannahs Augen glänzten, als sie das Relief bestaunte. Die Darstellung zeugte von besonderem Können. Selbst die feine Holzmaserung war zu erkennen.

Hannah holte ihre Fotografie hervor und hielt sie neben den Stein.

»Sie ist kleiner, als ich sie mir vorgestellt habe.«

»Trotzdem ist sie eines der wichtigsten Symbole des alten Ägyptens«, erläuterte John. »Auf ihr tritt der Sonnengott seine tägliche Fahrt über den Himmel an. Er beginnt seine Fahrt als Chepre, das Kind, setzt sie mittags, zum Mann gereift, als Re fort und beendet sie abends als Atum, der Greis – nur, um sich am folgenden Tag wieder zu erneuern, in einem immerwährenden Kreislauf. Übertragen auf die Lebensspanne eines Menschen, gewinnt diese Vorstellung eine tiefe Symbolik, findest du nicht?« Er beobachtete Hannah aus dem Augenwinkel heraus. »Verrätst du mir jetzt, was es damit auf sich hat?«

»Weiß ich noch nicht.« Sie schien irgendwie abgelenkt. Ihre Augen huschten hin und her, als suchten sie etwas.

»Nicht?« John blickte sie verwundert an. »Wolltest du nicht den Beweis für die Verbindung zwischen Ägyptern und Nordeuropäern haben? Hier ist er. Dasselbe Symbol. Sogar die Linien auf der Schiffsseite sind identisch. Hier drüben sind Sonne und Mond dargestellt, hier die Scheibe, da die Sichel, genau wie auf der Himmelsscheibe.«

»Stimmt.«

John runzelte die Stirn. »Ich habe den Eindruck, du suchst gar nicht nach der Sonnenbarke.«

Ein schmales Lächeln huschte über ihren Mund. »Du kennst mich viel zu gut.«

John stemmte die Hände in die Hüften. »Raus mit der Sprache: Was ist es?«

Hannah tippte mit dem Finger auf den Sandstein. »Das hier.«

John trat näher. Er blickte auf eine seltsame Gruppe von Punkten am steinernen Himmel, die wie der Pfotenabdruck eines kleinen Tieres wirkte.

Hannah blies etwas Staub fort, der sich dort angesammelt hatte. »Darf ich mal deine Taschenlampe haben?«

Er reichte sie ihr, und sie ließ den Lichtstrahl über die betreffende Stelle wandern. Dabei blickte sie immer wieder auf die Fotografie. »Sieben«, sagte sie leise. »Es sind genau sieben.«

John nickte. »Die Plejaden? Ist es das, was du gesucht hast?«

Hannah nickte. »Tu einfach so, als hättest du es mit einem total Ahnungslosen zu tun, und erzähl mir mal, was du darüber weißt. Immerhin bist du ja Astroarchäologe.«

Täuschte er sich, oder lag da ein Hauch Ironie in ihrer Stimme? Lächelnd wandte er sich der Felsdarstellung zu. Dann sagte er: »Na gut: Preisfrage. Was haben die Plejaden mit japanischen Autos gemeinsam?«

Hannah runzelte die Stirn. »Willst du mich auf den Arm nehmen?«

»Keine Idee?« Sein Lächeln wurde breiter.

»John, bitte.«

»Na gut. Subaru. Schon mal gehört? Der japanische Ausdruck für das Siebengestirn.«

Hannahs Gesicht blieb ausdruckslos.

»Die Automarke.«

»John.«

Enttäuscht zuckte er mit den Schultern. Es war unübersehbar, dass sein Humor auf unfruchtbaren Boden gefallen war. »Also schön. Was willst du wissen?«

»Alles. Nur nichts über japanische Autos.«

»Trockene Fakten also«, sagte er. »Ganz wie du willst.« Er musste kurz in seinem Gedächtnis kramen, um die Fakten abzurufen. »Die Plejaden sind ein offener Sternenhaufen im Sternbild des Stiers. Sie umfassen etwa fünfhundert relativ junge Sterne, die in einen blau leuchtenden Nebel eingebettet sind. Die Entfernung zur Erde beträgt etwa vierhundert Lichtjahre. Astronomisch gesprochen, liegen sie also in unmittelbarer Nachbarschaft. In der griechischen Mythologie waren die Plejaden die sieben Töchter des Atlas, die von Zeus an den Himmel versetzt worden sind, zum Schutz vor dem Jäger Orion. Gemeinsam mit den Hyaden bilden sie das Goldene Tor der Ekliptik. Dieser Name rührt zum einen daher, dass sie in ihrer Mitte von der scheinbaren Sonnenbahn durchzogen werden, und zum anderen vom Umstand eines sich verschiebenden Frühlingspunktes. Noch bis etwa zweitausend vor Christus lag dieser Punkt, den man seit jeher mit Wachstum und Fruchtbarkeit gleichsetzte, im Sternbild des Stiers. Im Laufe der Jahrhunderte ist er jedoch nach Nordwesten gewandert.«

»Aha.« Hannahs ratlosem Gesichtsausdruck nach zu schließen, hatte sie nur die Hälfte verstanden. »Würdest du sagen, die umliegenden Sternenbilder hier an der Wand entsprechen in etwa dem Nachthimmel, wie er vor dreitausendfünfhundert Jahren über dem Nil zu sehen war?«

John nahm Hannah die Taschenlampe aus der Hand und trat einen Schritt zurück. »Also hier im Norden ist Auriga, der Fuhrmann, zu sehen, Lepus, der Hase, im Süden, im Osten Gemini, die Zwillinge. Aries, der Widder, im Westen. Ja, alles da, soweit ich das beurteilen kann.«

»Wie würde sich der Himmel einige tausend Kilometer weiter nördlich darstellen?«

»Du meinst dort, wo die Scheibe gefunden wurde?«

»Ja.« Hannah warf ihm einen gespannten Blick zu.

»Genauso. Nur alles in Richtung Süden verschoben.«

»Etwa in dieser Art?« Sie hob die Fotografie in den Lichtkegel.

John verglich die Darstellung der Himmelsscheibe mit dem Relief und runzelte die Stirn. Hier stimmte gar nichts. Nicht ein einziger Stern war da, wo er hingehörte. Während auf der ägyptischen Darstellung die Sternbilder genau rekonstruiert worden waren, herrschte auf der Himmelsscheibe ein einziges Durcheinander, ein beinahe willkürlich anmutendes Chaos. Das war in der Tat höchst ungewöhnlich.

»Jetzt siehst du, vor welchem Problem ich stehe«, sagte Hannah.

»Seltsam«, sagte John. »Man dürfte doch annehmen, dass die Erbauer, wenn sie sich schon die Mühe machen, eine Scheibe zu konstruieren, mit der sich der Lauf der Gestirne und der Jahreszeiten festlegen lässt, auch die umgebenden Sternbilder halbwegs korrekt abbilden würden. So schwierig ist das nicht. Die betreffenden Sterne sind mühelos mit bloßem Auge zu erkennen.«

»Nicht nur das«, sagte Hannah, während sie auf das Foto blickte. »Die Erbauer scheinen jegliche Übereinstimmung tunlichst vermieden zu haben. Wir haben das Muster wieder und wieder durch den Computer laufen lassen, vergeblich. Danach haben wir das Programm umgeschrieben, in der Hoffnung, vielleicht irgendwelche Muster zu erkennen. Fehlanzeige. Die Verteilung erscheint völlig willkürlich.«

John legte die Stirn in Falten. »Vielleicht ist genau das beabsichtigt gewesen, auch wenn es keinen Sinn ergibt.«

»Nein.« Hannah schüttelte entschieden den Kopf. »Nichts an dieser Scheibe ist willkürlich. Sie ist bis ins Kleinste durchdacht und gearbeitet. Warum sollten ihre Erbauer ausgerechnet an diesem Punkt schlampig werden? Es gibt ein Muster, das spüre ich. Wir haben es nur noch nicht gefunden.« Sie ließ die Schultern hängen, und mit einem Seufzen sagte sie: »Seit einem Dreivierteljahr sitze ich vor diesem Problem und bin noch keinen Schritt weitergekommen. Es ist zum Verzweifeln.«

»Was hat dir dann die Reise nach Ägypten überhaupt gebracht? Ich meine, abgesehen von der Gelegenheit, mich wiederzusehen.« Er setzte sein charmantestes Lächeln auf. Doch Hannah schien nicht nach Flirten zumute zu sein. »Ich weiß nicht«, sagte sie, und ihre Stimme war durchzogen von tiefer Resignation. »Irgendwie hatte ich gehofft, eine Spur zu finden. Hätten die Ägypter ihren Sternenhimmel ebenfalls als chaotisches Muster dargestellt, so hätte man daraus schließen können, dass diese Art der Darstellung für diese Epoche eben üblich gewesen ist. Jetzt aber muss ich mir eingestehen, dass es, bei aller Ähnlichkeit, eben doch bedeutende Unterschiede gibt. Unterschiede, die das Rätsel um die Scheibe noch größer machen.« Enttäuscht rollte sie die Fotografie zusammen und packte sie zurück in ihre Umhängetasche. »Ich fürchte, ich habe dich völlig umsonst herbestellt. Bitte verzeih mir.«

»Für mich hat sich der kleine Ausflug auf jeden Fall gelohnt. Immerhin durfte ich dich wiedersehen.« Er musterte sie aufmerksam. »Was wirst du jetzt tun?«

Hannah seufzte. »Keine Ahnung. Wie es scheint, werde ich nach meiner Heimkehr wieder bei null anfangen müssen. Ich weiß noch gar nicht, wie ich das meinem Chef beibringen soll.« Ungehalten klemmte sie sich die Tasche unter ihren Arm und wandte sich zum Gehen. »Zerbrich dir nicht den Kopf meinetwegen. Ich komme schon klar. Auf jeden Fall bin ich dir über alle Maßen dankbar, dass du dir die Zeit genommen hast.«

»Du wirst mich doch auf dem Laufenden halten, oder?«, fragte John. »Wenn du ein Problem hast, melde dich bitte. Ich würde dir gerne helfen, wo immer ich kann.«

Hannah zögerte. Tausend Gedanken schienen ihr im Kopf herumzuschwirren, tausend Worte, die unausgesprochen waren. Für einen kurzen Moment glaubte John, es käme doch noch zu der erhofften Aussprache. Doch dann entschied sie sich für die kurze Fassung.

»Danke«, sagte sie. »Danke für alles, und lebe wohl.«

John beobachtete, wie sie den Tempel verließ und auf der großen Prachttreppe in Richtung Fluss ging. Immer kleiner und kleiner wurde sie, während ihr Schatten sich langsam in der unendlichen Weite der Wüste verlor. Eine unerwartete Traurigkeit überfiel ihn. Auf einmal erinnerte er sich an alles, was er ihr noch hatte sagen wollen, all die Fragen, die er noch hatte stellen wollen. Zu spät.

Als sie nur mehr stecknadelkopfgroß war, drehte er sich um und ging in Richtung des Ostflügels. Nicht mehr lange, und die Touristen würden wie die Heuschrecken einfallen, schwatzend, lärmend und von dem Geräusch unentwegt klickender Fotoapparate umgeben. Seinen Schritt beschleunigend, durchquerte er die Ruhmes- und die Krönungshalle, schritt vorbei an dem Brunnen des Lebens und der Pforte des Sonnengottes. Als er die Statue von Thutmosis erreicht hatte, blieb er stehen. Obwohl niemand zu sehen war, wusste er, dass er nicht allein war.

»Ist sie fort?«

Die Stimme kam hinter der nächsten Säule hervor. Eine kräftige dunkle Männerstimme mit einem seltsamen Akzent. John bemerkte eine Bewegung im Sand. Einer der Schatten hatte seine Position verändert. Für einen kurzen Moment war er versucht, zu dem Besucher hinüberzugehen, verwarf den Gedanken aber wieder. Es gab sicher einen Grund, warum er unentdeckt bleiben wollte.

»Ja«, entgegnete John. »Sie ist gegangen.«

»Gut. Es ist besser, wenn sie von meiner Anwesenheit nichts erfährt. Haben Sie das Gespräch aufgezeichnet?«

John tastete nach dem verborgenen Aufnahmegerät. »Ja. Müsste geklappt haben.«

»Sehr gut. Und die Fotografien?«

John überprüfte den Sitz der Mikrokamera an seinem Kragenknopf. Der Auslöser war mit seiner Armbanduhr gekoppelt. »Ich habe getan, was Sie mir gesagt haben. Das Relief, die Fotografie und natürlich Hannah selbst. Alles drauf, vorausgesetzt, Ihre Technik hat funktioniert.«

»Seien Sie unbesorgt.« Der Mann gab ein Lachen von sich, das wie ein Räuspern klang. »Die Geräte haben noch nie versagt.«

Eine Pause entstand, und dann sagte John: »Wenn Sie mich fragen, ich glaube, Hannah ist da auf eine hochinteressante Sache gestoßen.«

»Die Verteilung der Sterne?«

»Allerdings«, sagte John. »Hannah hat recht. Ich glaube auch nicht, dass das Zufall ist. Wenn ich zurück bin, würde ich die Sache gern überprüfen.«

»Tun Sie das. Nehmen Sie sich ein ganzes Team, wenn es nötig ist. Und wenn Sie recht haben, zögern Sie nicht, Frau Peters die Informationen zuzuspielen. Vermutlich genügt ein kleiner Hinweis, um die Sache ins Rollen zu bringen.«

John nickte. »Ich hoffe nur, dass wir sie damit nicht in Gefahr bringen. Ehrlich gesagt, mir ist nicht ganz wohl dabei. Wenn es stimmt, was Sie mir an Informationen gegeben haben, ist an der Scheibe mehr dran, als wir ahnen.«

»Lassen Sie das meine Sorge sein. Wenn ich recht habe – und ich irre mich selten –, dann könnte das einer der bedeutendsten Funde werden, an dem Sie und ich, und vor allem Frau Peters, jemals beteiligt waren. Und ich glaube, sie kann einen Erfolg in der jetzigen Situation gut brauchen.«

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4

Donnerstag, 17. April

Die Frau schritt in Begleitung einer kräftig gebauten Beamtin durch den mit grünem PVC ausgelegten Gang der Landesvollzugsanstalt Halle an der Saale. Sie trug keine Handschellen oder vergleichbare Fesseln. Auch ihre Kleidung ließ nicht darauf schließen, dass sie bereits viele Jahre hinter Gittern verbracht hatte. In Trainingshose und Sweatshirt gekleidet, die Füße in abgewetzten Sportschuhen steckend, hätte man sie nie für eine Mörderin gehalten. Doch genau das war sie. Eine Killerin. Sie hatte jemanden umgebracht. Kalt, geplant und mit tiefer innerer Überzeugung.

Ihr Stiefvater war ein Schwein gewesen. Ein Säufer und Choleriker, wie er im Buche stand, mit einem Hang, sich vorzugsweise an Wehrlosen zu vergreifen. In diesem Fall an einer Mutter und ihren beiden Töchtern. Cynthia war zum Zeitpunkt der Tat gerade vierundzwanzig geworden und somit dem vollen Strafmaß ausgesetzt gewesen. Fünfzehn Jahre, so hatte das Urteil gelautet. Es hätte genauso gut siebenhundert Jahre lauten können, ihr wäre es egal gewesen. Damals hätte sie den Schlüssel am liebsten für immer fortgeworfen, hätte sich am liebsten für immer hinter Beton, Glas und Stahl versteckt. Nie wieder wollte sie in die normale Welt zurückkehren, das hatte sie sich geschworen.

Die Frau, die an diesem Donnerstagmorgen durch den Gang schritt, hatte mit der Cynthia von einst nichts mehr gemeinsam. Die ersten Jahre im geschlossenen, später im offenen Vollzug hatten aus ihr einen neuen Menschen gemacht. Nicht unbedingt einen besseren, nur einen anderen. Schritt für Schritt war sie wieder ins Leben zurückgekehrt, hatte Personen getroffen, die sie mochte und denen sie etwas bedeutete, hatte eine Ausbildung zur Pflegerin gemacht und seit kurzem damit begonnen, schwerstbehinderte Kinder zu betreuen – eine Aufgabe, die sie mit tiefer innerer Zufriedenheit erfüllte. Zwischen acht und achtzehn Uhr leitete sie eine Gruppe, die sie liebevoll »Downies« nannte, Kinder, die unter Trisomie-21 litten. Sie spielte mit ihnen, bastelte, machte Ausflüge, ging mit ihnen zum Essen, brachte sie auf die Toilette – kurzum, sie war wie eine Mutter zu ihnen. Dass man ihr eine solch verantwortungsvolle Stelle angeboten hatte, zeigte, für wie vertrauenswürdig man sie hielt. Die Tatsache, dass sie über Nacht wieder zurück in den Bau musste, änderte nichts daran. Cynthia hatte sich in all den Jahren nicht das Geringste zuschulden kommen lassen, galt als intelligent, aufmerksam und zurückhaltend. Dass sie nebenher ihren ersten Dan im Taekwondo abgelegt hatte, bereitete niemandem Kopfzerbrechen. Es unterstrich ihren Ehrgeiz, ins normale Leben zurückkehren zu wollen. Noch drei Jahre, dann hatte sie es geschafft, dann war sie wieder ein freier Mensch.

»Cynthia Rode?« Der Wachhabende, der vor dem Besucherraum stand, war neu hier. Ein junger, gutaussehender Bursche von vielleicht fünfundzwanzig Jahren und, wie es schien, noch grün hinter den Ohren.

»So ist es.«

Der Mann nickte und zeichnete auf seinem Klemmbrett etwas ab. »Sie dürfen eintreten. Man erwartet Sie bereits.«

Sie verabschiedete sich von der Beamtin, die sie begleitet hatte, und betrat den Besucherraum. Es war ein spartanisch eingerichtetes Zimmer, das jedoch geradezu anheimelnd wirkte, verglichen mit den Besucherzellen im geschlossenen Vollzug. Hier standen ein Tisch mit vier Stühlen, ein paar Bücherregale sowie eine modern wirkende Ledercouch, die das Zimmer von der rechten Seite aus dominierte. Ein Mann saß darauf. Knappe vierzig, hochgewachsen, das dunkle Haar ordentlich gescheitelt. Er trug eine teuer aussehende Brille mit dunklem Rand und musterte sie eingehend. Sein markantes Gesicht wurde von einer Narbe dominiert, die sich von seiner Oberlippe bis kurz unter das rechte Auge zog. Er erhob sich, als die Frau das Zimmer betrat.

»Cyn.« Er ging auf sie zu, die Hand zum Gruß ausgestreckt. »Es tut mir leid, dass ich einfach so hier hereinplatze, aber ich muss für ein paar Tage verreisen und wollte dir vorher die frohe Botschaft unbedingt persönlich mitteilen.«

Die Hand ignorierend, schlang die Frau ihre Arme um ihn und drückte sich an ihn. Der Mann, irritiert über so viel stürmische Wiedersehensfreude, zögerte kurz, erwiderte dann aber die Umarmung.

Als er Tränen an seinem Hals spürte, löste er sich wieder von ihr. »Was ist denn los?«, fragte er. »Warum so emotional heute?«

Sie wischte sich über die Augen. »Ach nichts. Irgendetwas liegt in der Luft. Ist vielleicht der Mond. Ich heule heute wegen jeder Kleinigkeit. Und dich wiederzusehen … es ist so unerwartet.«

»Ja, ich weiß, ich hätte mich viel früher blicken lassen sollen, aber der Job frisst mich momentan auf. Das vergangene Jahr war die Hölle. Ein Termin jagte den anderen. Ständig musste ich zwischen den USA und Deutschland hin- und herreisen. Aber was erzähle ich? Bitte entschuldige, du bist hier drin und ich draußen. Jammern auf hohem Niveau nennt man das, glaube ich. Das war wirklich blöd von mir.« Er bemühte sich um ein aufmunterndes Lächeln.

Cynthia kramte in ihrer Trainingshose und förderte ein benutztes Taschentuch zutage. Nachdem sie sich ausgiebig die Nase geputzt hatte, sagte sie: »Sie behandeln mich gut hier, wirklich. Essen ist okay, ich habe eine Arbeit, und an den Resozialisierungsseminaren nehme ich mittlerweile mit viel Humor teil. Also alles im grünen Bereich.«

Der Mann setzte sich wieder und klopfte neben sich auf das Polster. »Die Arbeit mit den Kindern gefällt dir, oder?«

»Oh ja. Es gibt nichts, was ich lieber täte.« Cynthia wischte sich die letzte Träne aus dem Augenwinkel und setzte sich neben ihn. »Es ist wirklich ein ganz besonderer Job. Sie sind so … so ehrlich, verstehst du? Ich habe noch nie so aufrichtige und herzliche Menschen kennengelernt. Keine Falschheit, keine Lügen, keine niederen Absichten. Nur offene Gesichter. Wenn sie Angst haben, suchen sie Schutz, und wenn sie jemanden nicht mögen, dann sagen und zeigen sie das sofort. Klar muss man aufpassen, manchmal gibt es Streit, und wenn sie in die Pubertät kommen, kann es schon mal schwieriger werden. Manche von ihnen haben dann nur noch Sex im Kopf, aber das habe ich im Griff. Wir machen ein paar Witze oder unternehmen etwas, das bringt sie auf andere Gedanken. Außerdem ist nichts Verwerfliches dran. Wir reden drüber und lachen, und es ist in Ordnung so.« Sie faltete ihre Hände zwischen den Knien. »Danke, dass du mir diesen Job besorgt hast. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich getan hätte.«

»Wenn dir an dem Job so viel liegt, habe ich eine gute Nachricht für dich. Die Heimleitung hat sich bereit erklärt, die Probezeit in eine unbefristete Anstellung umzuwandeln.«

»Was?« Cynthia hob die Augenbrauen. »Dazu müsste ich im Heim wohnen, und das ist, wie du weißt, unmöglich. Wenn ich nicht pünktlich um neunzehn Uhr hier wieder auf der Matte stehe, bekomme ich mächtigen Ärger.«

»Das wird künftig anders sein«, sagte der Mann, und ein feines Lächeln umspielte seinen Mund. Er griff in die Tasche und förderte einen Stapel sehr amtlich aussehender Dokumente zutage. »Die Berufungsverhandlung war erfolgreich. Deinem Antrag auf vorzeitige Entlassung wegen guter Führung wurde stattgegeben. Am Montag kommst du hier raus. Auf Bewährung, versteht sich.«

»Eine Berufung? Was für ein Antrag?«

Sein Lächeln wurde breiter. »Habe ich dir nicht davon erzählt? Wie unachtsam von mir.« Er schüttelte den Kopf in gespielter Selbstzerknirschung. »Nein, im Ernst: Ich habe das für dich geregelt. Wäre es schiefgegangen, hättest du davon nichts erfahren. Aber wir hatten Glück. Sie haben dem Antrag stattgegeben. In vier Tagen bist du hier raus. Wie findest du das?«

»Wie ich das finde …? Mein Gott.« Cynthia glaubte, ihr Herz würde aussetzen. Sie schlug die Hände vor den Mund. Sie würde rauskommen. Drei Jahre früher als erwartet.

»Ich kann das nicht glauben. Seit wann weißt du es?«

»Die Dokumente kamen Mittwoch mit dem Kurier. Da ich aber ab Montag unterwegs war und mich keiner aus der Kanzlei benachrichtigt hat, habe ich sie erst gestern Abend gelesen. Zu spät, um dich noch anzurufen. Aber ich dachte, es wäre ohnehin besser, dir diese Nachricht persönlich mitzuteilen.«

Sie sprang auf und schlang erneut ihre Arme um ihn. Diesmal war er vorbereitet. Er erwiderte die Umarmung.

»Danke.« Das war alles, was Cynthia in diesem Moment über die Lippen kam.

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5

Auf einem Felsplateau, hoch über den Wipfeln eines Fichtenwaldes gelegen, stand ein seltsamer Mann. An die zwei Meter groß und breit wie eine Eiche, wirkte er, als würde er den letzten Rest des Tageslichts förmlich aufsaugen. Mit der rechten Hand auf einen mannshohen Stab gestützt, links eine Keule haltend, die aus dem Oberschenkelknochen eines Bären geschnitzt war, verharrte er völlig regungslos am Rande eines Abgrunds und blickte in die Ferne. Eine Krone aus Wurzeln, aus der die Hörner eines Rehbocks ragten, zierte seinen Kopf. Seine Arme und Hände waren mit Streifen aus Leder und gewalkten Pflanzenfasern umwickelt. Das Haar war zu fettigen Strähnen verflochten und klebte an seinem Kopf. Sein Gesicht, das mit einer dicken Schicht aus Lehm und Asche bedeckt war, verlieh ihm das Aussehen eines wilden Tieres. Das einzig Menschliche an ihm waren seine Augen. Ein Hauch von Wehmut lag in ihnen, als er beobachtete, wie die Landschaft unter seinen Füßen in der Dunkelheit versank.

Der Mann war ein Priester, ein heiliger Mann, ein Schamane. Ein Relikt aus einer Zeit, in der es in dieser Gegend noch Wölfe, Bären und Eulen gegeben hatte. Ein Überbleibsel einer längst vergangenen Epoche.

Wie in den meisten Teilen der Welt hatte der Fortschritt auch in seinem Land Einzug gehalten, hatte die alten Werte und Traditionen verdrängt und durch Wissenschaft und Fortschritt ersetzt. Nur der Schamane war geblieben. Wie ein Fels in der Brandung stand er da und trotzte den Veränderungen der Welt.

Im blassen Licht des Abends flammten nach und nach Lichtpunkte auf. Erst langsam, dann mit zunehmender Geschwindigkeit wurde das Land von einem Netz aus Helligkeit überzogen. Lichterketten zeigten an, wo sich eine Straße befand, leuchtende Haufen kündeten von einer Ortschaft. Kaum ein Fleck, der nicht besiedelt war. Es dauerte nicht lange, da war das ganze Land unter ihm ein Meer aus leuchtenden Punkten.

Als abzusehen war, dass es nicht dunkler werden würde, wandte er sich um. Der Mond war als beinahe vollständige Scheibe über die Bergkuppe gestiegen, bereit, seinen Weg über das nächtliche Firmament anzutreten. Das Licht, das er spendete, genügte dem Schamanen, um den Weg zu finden. Er hätte ihn auch in vollkommener Dunkelheit nicht verfehlt, kannte er doch jeden Stein und jeden Grashalm dieses geweihten Landes. Ein kühler Wind kam auf und vertrieb die letzten Wolkenfetzen vom Haupt des heiligen Berges. Die ersten Sterne kamen zum Vorschein, flackernd und blinkend wie die Lagerfeuer der Götter. Eine Nacht, wie geschaffen für eine Anrufung.

Der Schamane verließ den Pfad und wandte sich nach rechts. Nicht weit entfernt lag eine Höhle, dorthin wollte er gehen. Er musste jetzt vorsichtig sein, denn seine Schuhe aus Birkenrinde waren ungeeignet, um damit auf rutschigem Geröll zu gehen. Schon von weitem konnte er sehen, dass jemand in der Höhle ein Feuer entzündet hatte. Ein heller Schein drang aus einer Öffnung in der Felswand und tauchte den unteren Bereich der Böschung in gelbes Licht. Der Geruch von frisch verbrannten Zweigen stieg ihm in die Nase. Sie war also bereits vor ihm angekommen. Das wunderte ihn nicht. Sie nahm die Anrufungen ernst, mehr noch als er selbst. Hätte man Glaube und Hingabe in eine Waagschale legen können, so wäre das Pendel zu ihrer Seite ausgeschlagen. Doch er empfand keinen Neid. Sein eigener Glaube war immer noch stark genug, um den meisten Versuchungen zu trotzen. Doch wer hätte ermessen können, dass es so lange dauern würde. Zwanzig Jahre waren seit dem letzten Beschwörungsversuch vergangen. Zwanzig Jahre auf der Suche nach Antworten. Zwanzig Jahre des Fastens, der Entbehrung und der Selbstaufgabe. Eine unvorstellbar lange Zeit, wenn man im Verborgenen leben und das Dasein eines Schattens führen musste.

Doch damit war es nun vorbei. Wenn die Runen nicht trogen, so stand ihnen in den kommenden Tagen ein neues Fenster offen. Alles, was sie jetzt noch benötigten, war ein Zeichen.

Als er die Höhle erreichte, sah er die zwei Wächter, die rechts und links des Eingangs kauerten. Fast hätte er sie nicht bemerkt, so sehr verschmolz die Farbe ihres Fells mit dem Grau der Felswand. Reglos hockten sie da und starrten ihn aus ihren kalten Augen an. Ihn schauderte. Die Hand um seinen Stab gekrallt, senkte er den Kopf und schob die Matte aus Gras und Zweigen, die den Höhleneingang versperrte, beiseite. Die Augen vor der plötzlichen Helligkeit schließend, trat er ein.

Der schwere Geruch verbrannter Kräuter schlug ihm entgegen. Ein rot flackerndes Feuer warf zuckende Schatten an die Wände.

»Du bist da.«

Es klang eher wie eine Frage denn wie eine Feststellung. Die Frau, die mit weit ausgebreiteten Armen vor dem Feuer kniete, hob ihren Kopf.

»Ich habe dich erwartet.«

Die Seherin bot wie immer einen erstaunlichen Anblick. Obwohl sie dieses heilige Amt schon viel länger innehatte als er, war sie wie immer bestrebt, sich zu jeder Zeremonie ein anderes Aussehen zu verleihen. Heute war sie als Vogel gekommen. Schwarze Federn klebten auf ihren nackten Schultern und zogen sich über den gesamten Rücken hinab. Ihre sonst grauen Haare waren schwarz gefärbt und mit Lederbändern zu Dutzenden von kleinen Zöpfen geflochten. Bronzene Glöckchen klingelten in ihnen bei jeder Bewegung ihres Kopfes. Auf ihr Gesicht hatte sie mit Hennafarbe Eulenfedern gemalt, die sie wie einen Vogel aussehen ließen. Auf ihrem Kopf thronte eine Tiara aus Laub und Beeren, das Zeichen ihrer Priesterwürde. Die messerscharfen Zähne, die ihr mit fünfzehn, während des Initiationsritus, zugespitzt worden waren, unterstrichen ihr raubtierhaftes Aussehen.

»Der Mond ist eben erst aufgegangen«, sagte er.

Die Erklärung schien der Seherin zu genügen. Sie nickte knapp und winkte ihn zu sich heran.

Der Mann trat ans Feuer und ließ seinen Blick in die Runde schweifen. Ganz in der Tradition der Ahnen war die Höhle von oben bis unten geschmückt. Geweihe, Felle und Knochen verdeckten große Teile der kargen Felswände. Viele der Knochen waren geschnitzt oder zu kostbaren kleinen Schmuckgegenständen verarbeitet worden. Bronzene Teller, Kelche und Schalen standen in Vertiefungen, die in die Felswände geschlagen worden waren. In manchen von ihnen befanden sich getrocknete Kräuter, andere waren mit dem Blut frisch erlegter Tiere gefüllt. Der Mann nickte. Es schien alles in Ordnung zu sein. Wie immer hatte die Seherin die Zeremonie mit größter Gewissenhaftigkeit vorbereitet.

»Wie lange noch?«

»Die Vorbereitungen sind abgeschlossen«, sagte sie und sah ihm dabei tief in die Augen. »Wir können mit der Anrufung beginnen.«

Der Mann runzelte die Stirn. War da etwa ein Anflug von Furcht in ihrem Blick? Er schüttelte innerlich den Kopf. Unmöglich. Die Seherin hatte sich noch nie vor etwas geängstigt. An ihrer Seite hatte er die dunkelsten Abgründe durchschritten, war in die verborgensten Winkel der menschlichen Seele vorgedrungen. Und immer war sie vorausgegangen. Was war es, das sie zurückschrecken ließ? Er wusste, dass sie die Gabe der Vorsehung hatte. Hatte sie etwa in die Zukunft geblickt?

Er wollte sie schon danach fragen, besann sich dann aber eines Besseren. Es war gefährlich, sie mit Fragen zu belästigen, wenn sie in diesem Zustand war. Gefährlich für ihn, gefährlich aber auch für das Gelingen der Anrufung.

»Gut.«

Zu einer längeren Erwiderung konnte er sich nicht durchringen. Er ließ sich ihr gegenüber auf der anderen Seite des Feuers nieder. Die Flammen waren mittlerweile in sich zusammengefallen und hatten einen Haufen roter Glut zurückgelassen. Hitze stieg empor. Der Mann merkte, wie ihm unter seiner Kleidung der Schweiß ausbrach. Die Seherin griff in eine der Schalen zu ihrer Rechten, nahm eine Handvoll Pulver und warf es in die Glut. Ein bläulicher Flammenstoß schoss empor, dann eine Wolke von betäubendem Geruch. Mit weit ausholenden Armbewegungen verteilte sie den Dampf, während sie uralte Beschwörungsformeln rezitierte. Der Mann fühlte, wie ihm der Geruch zu Kopf stieg. Nicht nur der Geruch der Kräuter, auch der ihrer Körper. Mit einem Mal schien sich die Fähigkeit seiner Nase um das Tausendfache gesteigert zu haben. Er wusste, dass die Zutaten, die während der Anrufung verwendet wurden, bewusstseinsverändernde Substanzen enthielten. Trotzdem war er jedes Mal aufs Neue von ihrer Wirkung fasziniert. Er atmete tief ein und ließ die Droge auf sich wirken.

Die Seherin wiederholte den Vorgang mit einem anderen Pulver. Diesmal leuchtete die Flamme in einem kränklichen Gelb, ehe sie in ein Grün umschlug. Der Gestank war atemberaubend. Der Mann konnte nur mit Mühe einen Hustenanfall unterdrücken. Tränen schossen ihm in die Augen. Ein stechender Schmerz breitete sich in seiner Lunge aus. Eine riesige Hand schien seinen Brustkorb zusammenzuquetschen. Für einen Moment lang glaubte er, er müsse ersticken – was, wenn man es genau betrachtete, auch beabsichtigt war. Dieser Teil der Anrufung war der schwerste. Er wurde der schwarze Tod genannt, ein Ausdruck, der eigentlich alles sagte. Es ging darum, zu sterben, wenn auch nur im Geiste. Ein Vorgang, der es dem Sterbenden ermöglichte, mit der Unterwelt in Kontakt zu treten. Keuchend und nach Luft ringend saß er da, hoffend, flehend, dass der Augenblick bald vorübergehen möge. Der Seherin schien es nicht besserzugehen. Tränen strömten aus ihren Augen, verwischten die Farbe auf ihrem Gesicht und ließen sie in Schlieren über ihre Wangen rinnen. Sie griff sich an den Hals, während sie nach Atem rang. Ihre Haut glänzte fiebrig im Schein des Feuers. Mit übermenschlicher Anstrengung und scheinbar unter großen Schmerzen ergriff sie eine weitere Schale und schleuderte ihren Inhalt in die Glut. Dabei stieß sie einen Schrei aus, der einem das Blut in den Adern gefrieren lassen konnte. Es gab eine Explosion aus roter Helligkeit, dann wurde es dunkel. Sämtliche Lichter bis auf die glühende Holzkohle verloschen.

Der Mann richtete sich auf. Der Schmerz war verschwunden, so als habe es ihn nie gegeben. Was blieb, war ein Zustand innerer Kälte. Oder war es um ihn herum tatsächlich kälter geworden? Sein Atem ging stoßweise. Vor dem schwachen Widerschein der Holzkohle bemerkte er, dass sich kleine Wolken vor seinem Mund bildeten. Er stutzte. Dann war der Temperatursturz also keine Einbildung? Ratsuchend blickte er zu der Seherin. Sie schien die Veränderung ebenfalls bemerkt zu haben. Im Schein der Kohlen glühte ihr Gesicht vor Erregung.

In diesem Augenblick geschah etwas Seltsames. Ein tiefes Grollen erklang. Der Boden unter ihren Füßen begann sich zu bewegen. Staub rieselte von der Decke, ließ sich als feiner Schleier auf Haut und Haaren nieder. Dem Staub folgten kleine Steine, die sich aus der Höhlendecke lösten und auf sie herabfielen. Schützend hielt der Schamane sich die Hände über den Kopf. Das Grollen schwoll an zu einem Donnern. Es klang, als ob sich tief unter ihren Füßen irgendwo eine Pforte geöffnet hätte. Irgendetwas schien sich Eintritt in die Welt der Lebenden verschaffen zu wollen.

Hin- und hergerissen zwischen einem Gefühl unbändiger Freude und einem alles verzehrenden Grauen, blickte er sich um. Die Schalen und Krüge in ihren Vertiefungen klirrten, manche von ihnen fielen heraus und zerbrachen beim Aufschlagen in unzählige Scherben. Geweihe lösten sich von den Wänden und stürzten herab, wobei sie einige der wertvollen Knochenskulpturen mit sich rissen. Eine Wolke aus Staub und Dreck raubte ihm die Sicht.

Es dauerte einige Augenblicke, dann war der Spuk vorbei. Die Staubschleier sanken zu Boden, die Erde beruhigte sich. Selbst die Temperatur kletterte wieder auf ein erträgliches Maß.

Stille breitete sich aus.

Der Mann und die Frau sahen sich an und nickten einvernehmlich. Es war gelungen. Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren hatten sie eine Antwort erhalten.

»Ein Zeichen«, murmelte die Seherin. »Genau wie es in den alten Schriften steht. Er hat uns geantwortet.«

»Was hat er gesagt?«

»Jemand wird kommen. Jemand, der uns das letzte Siegel bringen wird.« Sie schloss die Augen, drückte ihre Fingerspitzen an die Schläfen und sagte: »Eine Frau. Sie wird uns das letzte Siegel überreichen.«

Der Schamane spürte eine neue Kraft in sich. Eine Kraft, an die er schon fast nicht mehr geglaubt hatte. »Er hat geantwortet«, wiederholte er. »Die Runen haben nicht gelogen. Es ist alles wahr. Nicht mehr lange, dann erscheint sein Zeichen über dem Berg.«

Er stand auf und reichte der Seherin seine Hand.

»Komm«, sagte er, immer noch ganz überwältigt von dem unerhofften Erfolg. »Wir müssen die Frau willkommen heißen. Uns bleiben nur noch vierzehn Monde, um das Ritual vorzubereiten. Es wird Zeit.«

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6

Montag, 21. April

Deutschland präsentierte sich an diesem Morgen von seiner hässlichsten Seite. Strömender Regen, mürrische Gesichter und eisige Temperaturen empfingen Hannah, kaum dass sie den Bahnhof von Halle verlassen hatte und auf die gegenüberliegende Straßenseite geeilt war. Ihr kleiner, hoffnungslos mit Büchern und Arbeitsunterlagen überfrachteter Polo, den sie vor einer Woche dort abgestellt hatte, war, verglichen mit der Stimmung, die draußen herrschte, geradezu ein Hort des Friedens und der Behaglichkeit. Sie konnte es kaum erwarten, einzusteigen und endlich die Tür hinter sich zu schließen. Endlich war sie in ihrer eigenen kleinen Oase des Wohlbefindens, während der Regen auf die Scheiben klatschte. Sie lehnte sich nach rechts und öffnete das Handschuhfach. Eine Flut von Parkscheinen, Stiften und Taschentüchern kam ihr entgegen. Nach einer Weile fand sie, wonach sie gesucht hatte: ein angebrochenes Päckchen mit Schokoriegeln. Sie nahm sie heraus, schloss das Handschuhfach und riss die Verpackung auf. Der erste Bissen schmeckte wunderbar. Mit geschlossenen Augen wartete sie eine Weile, bis die Schokolade ihre Wirkung zu entfalten begann. Lautstarkes Gezanke weckte sie aus ihrem Tagtraum. Vor ihr stritten sich zwei Autofahrer um einen Parkplatz. Hannah startete den Motor, schaltete den Scheibenwischer an und fuhr los.

Die Büros des Landesmuseums für Vorgeschichte lagen im Innenstadtbereich, etwa zwei Kilometer vom eigentlichen Hauptgebäude entfernt. Gemessen an Afrika oder den USA, waren die Entfernungen hier in Deutschland geradezu lachhaft. Alles wirkte so klein, so gedrängt, fast wie in einem Land, das von lauter Wichteln bevölkert wurde. Hannah hatte einige Zeit gebraucht, um sich an die Enge zu gewöhnen. Immer wieder gab es Momente, in denen sie von der Endlosigkeit der afrikanischen Wüste träumte, von den Felsen, den Oasen und der Weite des Himmels.

Sie schaltete den Blinker ein und bog in Richtung Marktplatz ab. Ihr war klar, dass John sich nicht abhalten lassen würde, weiter um sie zu kämpfen. Er war einer der stursten Menschen, denen sie je begegnet war. Er würde auch diesmal keine Ruhe geben. Das spürte sie, als sie ins Parkhaus fuhr und ihren Wagen in einer der für Mitarbeiter reservierten Haltebuchten abstellte. Sie spürte es, als sie, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen in den ersten Stock hinaufstürmte und die Tür mittels Magnetkarte öffnete, und sie spürte es immer noch, als sie in ihrem Büro ankam, ihre Unterlagen auf den Tisch fallen ließ und den Computer hochfuhr. Tatsächlich: Kaum hatte sie ihre E-Mails geöffnet und einen ersten Wust an Spam-Mails gelöscht, entdeckte sie seine Nachricht.

»Hallo, Hannah,

hoffentlich bist du wohlbehalten zu Hause angekommen. Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr es mich gefreut hat, dich endlich einmal wiederzusehen, und ich möchte mich noch mal herzlich für deinen Besuch bedanken. Fast kam es mir vor, als hätten wir tatsächlich für einen Augenblick die Zeit zurückgedreht – als wäre zwischen uns alles wieder wie früher …«

Sie schüttelte den Kopf und überflog den Rest des Textes, der mehr oder weniger in demselben Stil geschrieben war. Sie war geradezu erleichtert, als er am Ende der Mail doch noch auf die Himmelsscheibe zu sprechen kam.

»Ich habe noch eine Weile über das scheinbar zufällige Sternenmuster nachgedacht und bin auf eine Idee gekommen«, schrieb er. »Bitte schick mir doch eine hochauflösende Bilddatei von der Scheibe, damit ich meine Theorie überprüfen kann.

Alles Liebe, John.«

Seufzend klickte Hannah auf die Antworttaste und fügte ein Bild aus ihrer Datenbank hinzu. Mit einem kurzen Kommentar schickte sie die Mail an den Absender zurück. Sollte er wirklich auf etwas gestoßen sein? Unwahrscheinlich. Vermutlich suchte er nur nach einem Vorwand, um sie wieder kontaktieren zu können. Andererseits … John war immer für eine Überraschung gut.

Die restlichen Mails waren eher uninteressant. Sie schloss das Programm und wendete sich dem beeindruckend hohen Poststapel zu. Briefe aus aller Welt, Ausstellungsanfragen, Anfragen über Abdruckrechte, spezielle Informationen über die Himmelsscheibe, sogar die Anfrage eines Romanautors bezüglich Recherchearbeiten befanden sich darunter. Es schien, als gäbe es in der Welt der Archäologie kein anderes Thema mehr als diese Scheibe. Was war mit all den anderen interessanten Funden, die es in diesem Museum zu bewundern galt? Dem Menhir von Langeneichstädt, dem Reiterstein von Hornhausen, dem Grab von Unseburg und den Münzen aus Dorndorf. War das etwa nichts? Und warum landeten die ganzen Anfragen immer auf ihrem Tisch? Sie bündelte die Post, sortierte sie und teilte sie in kleine Stapel, die sie geordnet nach Themen in den nächsten Tagen abarbeiten würde. Dabei fiel ihr ein Brief in die Hände, auf dem kein Absender vermerkt war. Fast war sie geneigt, ihn auf den Abfallstapel zu legen, als ihr Auge über das Adressfeld glitt. Die Anschrift mit ihrem Namen war minutiös mit Füllfederhalter geschrieben worden. Keine weibliche Schrift, dafür war sie zu kantig. Die Buchstaben lehnten ausgewogen nebeneinander, Ober- und Unterkante exakt einhaltend. Eine Schrift mit Charakter und Ausdrucksstärke.

Neugierig öffnete Hannah den gefütterten Umschlag und entnahm ihm ein einzelnes Blatt Büttenpapier mit Prägedruck. Wieder kein Absender. Nur ein einziger Satz, geschrieben in derselben markanten Handschrift.

»Sehr geehrte Frau Dr.Peters, haben Sie sich einmal die Frage gestellt, ob es vielleicht mehr als nur eine Scheibe gegeben hat? Hochachtungsvoll, ein Freund.«

Hannah runzelte die Stirn. Ein Freund? Warum stand da kein Name drunter? Sie drehte das Blatt um und schaute noch einmal in den Umschlag, doch da war nichts. Nur dieser eine Satz.

Die Scheibe, damit konnte nur die Himmelsscheibe gemeint sein. 1999, das war das Jahr gewesen, in dem zwei Raubgräber nur etwa achtzig Kilometer entfernt, auf dem Mittelberg nahe der Ortschaft Wangen bei Nebra, auf etwas gestoßen waren. Ein Depot, in dem sich neben der Scheibe zwei Schwerter, ein Beil, Meißel und Armspiralen befunden hatten. Kein menschliches Grab, wohlgemerkt, sondern ein Ort, an dem besagte Gegenstände versteckt worden waren. Die Scheibe hielten die Raubgräber ursprünglich für einen Eimerdeckel und beschädigten sie durch ihre unsachgemäße Bergungsaktion schwer. Erst später wurden sie sich des Wertes bewusst. Drei Jahre lang versuchten die Hintermänner, das wertvolle Kunstobjekt auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen. Der Preis stieg dabei auf immer höhere Summen. Erst durch den beherzten Einsatz eines Archäologen konnte die Scheibe bei einer fingierten Übergabeaktion mit Hilfe der Schweizer Polizei sichergestellt werden.

Nach heutigem Kenntnisstand musste man davon ausgehen, dass die Himmelsscheibe als tragbares Observatorium zur genauen Bestimmung der Sonnenwenden verwendet wurde. Mangelnde Zweitfunde ließen aber den Verdacht entstehen, dass es sich um ein Einzelstück handelte. Man vermutete, dass die Scheibe genau dort zum Einsatz gekommen war, wo man sie auch gefunden hatte, am Mittelberg.

Spekulierte der Schreiber dieser Zeilen etwa mit dem Gedanken, dass es an anderen Orten noch andere Scheiben gab? Versteckt, in Depots, so wie diese hier? Aber wo? Und warum gab er sich nicht zu erkennen? Fragen über Fragen.

Hannah entschied, dass es sich um einen Scherz handeln musste. Vielleicht sogar von ihrem Chef selbst, um ihr auf die Sprünge zu helfen. Obwohl das eigentlich gar nicht zu seinem Charakter passte. Dr.Feldmann war ein gebranntes Kind. Lange Zeit hatte man ihm vorgeworfen, mit der Scheibe eine Fälschung in seinem Museum zu beherbergen oder diese vielleicht sogar persönlich in Auftrag gegeben zu haben. Zu unglaublich erschien vielen Kollegen der Fund. So hatte zum Beispiel ein Bronzezeitspezialist der Universität Regensburg behauptet, die Scheibe sei ein Produkt zweifelhaftester Herkunft – verziert mit Sternen wie Schrotschüsse und einem Sonnenschiff, das wie ein Pantoffeltierchen aussehe. Er hatte ferner behauptet, die Scheibe sei das Werk neuzeitlicher Fälscher, die das Objekt innerhalb von drei Wochen aus mehr als hundert Jahre altem Metall mit Hilfe von Säure, Zangen und Fräsen auf alt getrimmt hätten. Eine Behauptung, der schwer beizukommen war. Das Alter eines archäologischen Fundes galt erst dann als hundertprozentig gesichert, wenn sich an ihm organische Reste befanden, die sich mittels C-14-Radiokarbonmethode datieren ließen. Die Scheibe hingegen bestand durchweg aus Metall. Zudem ließ sie sich nicht in eine Reihe gleichartiger Werke einordnen. Erst ausgiebige Analysen am Oxidationsgrad der Bronze sowie die zeitliche Zuordnung der Beifunde hatten zu Klarheit geführt und die meisten Zweifler verstummen lassen. Heute gab es kaum noch jemanden, der die Scheibe nicht für echt hielt. Irgendetwas riet Hannah, den Brief noch eine Weile aufzubewahren. Sie konnte es selbst nicht recht erklären, aber sie spürte, dass vielleicht doch mehr an der Sache dran war, als sie zunächst dachte.

Sie legte ihn in ihr Fach mit den privaten Mitteilungen. Dann stand sie auf und beschloss, ihrem Chef einen Besuch abzustatten.

Es war Zeit, den Stier bei den Hörnern zu packen.

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7

Das Büro von Dr.Moritz Feldmann lag ein Stockwerk höher, am Ende des Gangs. Hinter einem gewaltigen Schreibtisch, auf dem bis an die Grenze der Belastbarkeit Bücher, Zeitschriften und sonstige Dokumente gestapelt waren, saß ein drahtiger älterer Mann, dessen graue, ruhelose Augen hinter einer edlen Brille mit halbrunden Gläsern hervorstachen. Seine Haare waren ebenfalls grau und kurzgeschoren, und sein modisch gestutzter Dreitagebart ließ die Konturen seines Gesichts unnatürlich hart hervortreten. Salopp in Jeans und ein weißes Hemd gekleidet, hätte man ihn durchaus für einen Mann aus der Werbebranche halten können, wäre da nicht diese straffe Haltung und die unnahbare Aura gewesen, die ihn wie der Geruch eines zu scharfen Aftershave umgab. Sein Gesichtsausdruck verriet, dass er auf Hannahs Besuch gewartet hatte.

»Treten Sie ein«, sagte Feldmann, ohne von seiner Arbeit aufzusehen. »Und schließen Sie bitte die Tür.«

Hannah begann sich unwohl zu fühlen. Wieso nur hatte sie in Feldmanns Gegenwart immer das Gefühl, wieder eine Studentin zu sein?

»Nehmen Sie Platz, und bedienen Sie sich mit Kaffee, wenn Sie mögen.«

Hannah ging auf die andere Seite des Raumes, der mit Büchern geradezu überfrachtet war. In den Regalen reihten sich Ordner neben Kunstbänden und verstaubte Dissertationen neben Hochglanzbroschüren seltener Antiquitäten. Am Fenster, von dem aus man den Marktplatz überblicken konnte, stand eine Kaffeemaschine. Ein uraltes Gerät, das in dem neuen Büro wie ein Fremdkörper wirkte. Während sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte, riskierte sie einen Blick über Feldmanns Schulter. Ihr war bisher noch nie aufgefallen, dass er mit der Hand schrieb. Noch dazu mit einem Füllfederhalter. Sehr ungewöhnlich. Ein Verdacht keimte in ihr auf. Sie trat näher, um sich die Handschrift anzusehen. Es war eine andere als auf dem anonymen Brief. Nicht so markant. Aber das wollte nichts heißen. Handschriften konnte man imitieren, wenn man über das nötige Talent verfügte.

In diesem Moment drehte Dr.Feldmann sich um. Fragend blickte er sie an. Sie schrak zurück. »Bitte entschuldigen Sie, ich wollte nicht spionieren«, murmelte sie. Mit hochrotem Kopf begab sie sich an ihren Platz zurück.

»Ich muss nur noch diesen Brief zu Ende schreiben«, sagte er. Ihn schien ihre Neugier nicht im Geringsten zu stören. »Ich bin gleich fertig. Ein Dankesschreiben an den Kulturdezernenten von Basel für seine aufopferungsvolle Arbeit während der Ausstellung. Für den Einsatz seiner Mitarbeiter, die Sicherheitsmaßnahmen sowie den Rücktransport der Leihgaben.« Er wedelte mit der Hand in der Luft herum. »Die üblichen Honneurs, Sie wissen schon.«

Hannah tat so, als wüsste sie, und nahm einen Schluck Kaffee. Das alles schien mehr mit Politik zu tun zu haben als mit Archäologie. Sollte das der Weg sein, den man einschlug, wenn man die Karriereleiter emporstieg? Es war jedenfalls nicht ihr Weg. Politik war nichts für sie. Sie war in ihren Augen ein schmutziges Geschäft. Voller Fallen, die sich vor einem auftaten und in die man unweigerlich hineinstolperte, wenn man nicht aufpasste.

»So.« Schwungvoll unterschrieb Feldmann den Brief, faltete ihn und steckte ihn in ein Kuvert. »Das war’s. Die Ausstellung war ein großer Erfolg, wie Sie sicher wissen. Da ist ein kleines Dankeschön angebracht. Es war sicher nicht die letzte Ausstellung dieser Art. Die Schweizer sind ein wohlhabendes Volk und gerne bereit, für Wissenschaft und Kultur ein paar Franken auszugeben. Und damit sie das weiterhin tun, bin ich bereit, Klinken zu putzen. Geben und nehmen, verstehen Sie?«

Er lehnte sich zurück und faltete die Hände hinter dem Kopf.

»Aber nun zu Ihnen. Ich hatte gestern Abend noch Zeit, Ihren Bericht zu lesen, den Sie mir per E-Mail zugeschickt haben. Bevor ich etwas dazu sage, wüsste ich gern, wie Sie selbst über die Reise denken.«

Hannah zögerte. Sie spürte, dass dies eine Fangfrage war. Jetzt war Vorsicht geboten.

»Es ist noch zu früh für eine abschließende Bewertung«, begann sie zaghaft. »Dazu müsste ich erst die Fotografien auswerten. Sie wissen schon, Vermessung, Winkelstellungen, Alter, Herkunft, das ganze Programm. Die Parallelen zwischen der Bildsprache der Ägypter und den Erbauern der Himmelsscheibe sind nicht zu übersehen. Eindeutig ein Beleg für die kulturellen Kontakte, die zwischen den Kontinenten bestanden haben. Es gibt allerdings auch Unterschiede. Bedeutende Unterschiede, zum Beispiel bei der Darstellung des Sternenhimmels. Trotzdem würde ich die Reise als Erfolg werten.« Sie machte eine Pause. Sie fühlte, dass ihr der Abgang nicht gelungen war. Ein Wort wie trotzdem zu benutzen, war immer ungeschickt, es klang nach Beschönigung. Feldmann hatte keine Miene verzogen. Er wartete, lauernd, wie ein Kater, ehe er seine Krallen ausfuhr.

»Haben Sie irgendwelche Abbildungen der Himmelsscheibe gefunden?«

»Nein.«

»Irgendwelche Antworten auf unser Sternenproblem?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es muss aber Verbindungen gegeben haben«, gab sie zu bedenken. »Die Sonnenbarke, die Plejaden. Das kann unmöglich ein Zufall sein.«

»Dann werten Sie die Reise also als Erfolg?«

Sie reckte das Kinn vor. »Das tue ich.«

Feldmann beugte sich vor. »Wollen Sie wissen, was ich davon halte?«

Hannahs Blick verdüsterte sich. »Sie scheinen höchst begierig zu sein, es mir mitzuteilen.«

»Ich halte sie für rausgeworfenes Geld. Ich habe es Ihnen vorher gesagt, und ich bin immer noch dieser Meinung. Gewiss, manche werden fragen, warum ich mich so aufrege. Was sind schon zweitausend Euro für Reisekosten, Spesen und Bestechungsgelder, wenn man über einen Forschungsetat von fünf Millionen verfügt. Aber Sie wissen ja, wie das ist. Ein bisschen hier, ein bisschen da, und auf einmal ist alles weg. Dann hat man plötzlich nicht mehr genug Geld, um sich die paar Briefmarken für ein Bewerbungsschreiben zu leisten. Hinzu kommt, dass die fünf Millionen mit der Erwartung verbunden sind, dass dieses Geld in den nächsten Jahren seinen Weg wieder zurück in die Kassen des Landes findet. Der Kulturhaushalt des Landes Sachsen-Anhalt ist äußerst knapp bemessen, und die Himmelsscheibe von Nebra ist einer der wenigen Publikumsmagnete in diesem Land. Aber ein Magnet kann an Kraft verlieren. Mir sitzen immer noch die Zweifler im Nacken. Diese ewigen Nörgler, die behaupten, es handle sich vielleicht doch um eine Fälschung. Immer wieder liest man die Behauptung, es gäbe Möglichkeiten, das Material künstlich altern zu lassen. Natürlich gibt es die, das wissen Sie genauso gut wie ich.«

»Aber nicht auf die Art und Weise, wie es bei der Himmelsscheibe der Fall ist«, erwiderte Hannah. »Allein der Kristallisationsgrad der oxidierten Bronze …«

Feldmann winkte ab. »Diese Leute werden nicht schweigen, ehe ich ihnen nicht Funde präsentiere, die in unmittelbarem Zusammenhang mit der Scheibe stehen. Irgendetwas, auf dem die Scheibe abgebildet ist. Wenn wir unsere Theorien nicht bald untermauern können, wird unsere Entdeckung in Vergessenheit geraten, und die Geldquellen werden versiegen.«

Hannah verdrehte im Geiste die Augen. Feldmann war mal wieder bei seinem Lieblingsthema angelangt – dem lieben Geld. Mit gerötetem Gesicht stand er auf und begann mit einem Vortrag, den Hannah so oder so ähnlich schon mindestens dreimal gehört hatte.

»Sie wissen doch, wie das ist mit dem Gedächtnis der Menschen«, fuhr er fort. »Es ist löchrig wie ein Sieb. Muss ständig gefüttert werden. Die Halbwertszeit von Nachrichten beträgt nicht mal einen Monat. Wer redet heute noch von BSE, Vogelgrippe oder Aids? Heute regt sich alle Welt darüber auf, doch schon morgen kann sich kein Mensch mehr daran erinnern. Und genauso ist es auch mit Funden wie unserem. Was meinen Sie, warum ich so bestrebt bin, die Scheibe dauernd in Umlauf zu halten, warum ich den Aufwand auf mich nehme, ständig neue Ausstellungen zu organisieren? Das Interesse der Öffentlichkeit bleibt nur bestehen, wenn wir es weiterhin mit neuen Erkenntnissen füttern. Am besten mit Erkenntnissen, die geeignet sind, es auf die Titelseiten des Spiegel oder des Stern zu bringen. Können Sie mir die liefern? Nein. Hat Ihre Reise dazu beigetragen, dass wir diesem Ziel ein Stück näher kommen? Nein.« Feldmann hob die Hand, als Hannah Widerspruch einlegen wollte. »Und kommen Sie mir bitte nicht mit Ihren angeblich so neuen Erkenntnissen über die Plejaden und die Sonnenbarke. All das haben wir schon lange vorher gewusst – oder zumindest vermutet. Es ist so viel im Vorfeld darüber geschrieben und berichtet worden, dass der Beweis unserer These bestenfalls noch dazu taugt, bei einigen Fachleuten ein Anheben der Augenbraue zu bewirken.« Er setzte sich wieder und schüttelte den Kopf. »Es fällt mir schwer, Ihnen das zu sagen, aber Ihre Anstellung hat sich für mich bisher noch nicht ausgezahlt.«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen«, protestierte Hannah. »Ich habe die Materialanalyse für Sie abgeschlossen. Die metallurgischen Gutachten liegen vor, ebenso die Bewertungen über Alter, Ursprung und Funktionsweise der Scheibe. Ich habe bewiesen, dass die Scheibe kein Importprodukt ist, sondern tatsächlich hier gefertigt wurde. Dass die spezielle Lage und Größe der Horizontbögen nur den Schluss zulässt, dass die Scheibe in unseren Breiten eingesetzt wurde. Sie ist praktisch eine Miniaturausgabe der jungsteinzeitlichen Kreisgrabenanlage von Goseck, ein tragbares Sonnenobservatorium. Vor diesem Hintergrund dürften die Ergebnisse auch den letzten Kritiker zum Schweigen gebracht haben.«

»Leider nicht. Sie wissen doch selbst, wie das ist: Den endgültigen Beweis für die Echtheit können wir nur erbringen, wenn wir es schaffen, die Scheibe in eine Reihe von Funden einzuordnen, die in einem Bezug dazu stehen. Parallelfunde – Münzen, Tontafeln, Stanzungen, Ritzungen oder Reliefe – irgendetwas, auf denen das verdammte Ding zu sehen ist.« Er zuckte die Schultern. »Segen und Fluch zugleich, dass wir es hier mit einem Unikat zu tun haben.«

»Aber wenn es überhaupt Abbildungen gibt, so kann es Jahre dauern, sie zu finden. Ich kann keine Wunder vollbringen.«

»Das ist schade, denn genaugenommen war das der Grund, warum ich Sie eingestellt habe.« Er lehnte sich zurück. »Ihr Ruf im Aufspüren ungewöhnlicher Funde ist Ihnen vorausgeeilt. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass Ihre Anstellung an bestimmte Bedingungen geknüpft ist. Wenn Sie mir nicht liefern können, was ich von Ihnen erwarte, werden sich unsere Wege wieder trennen.«

Hannah stand wie vom Donner gerührt.

»Sie wollen mir das Projekt entziehen?«

»So leid es mir tut.«

»Aber …«

»Frau Dr.Peters, ich verstehe Ihren Unmut, aber Sie müssen sich in meine Lage versetzen. Sie haben gute wissenschaftliche Basisarbeit geleistet, gewiss. Aber das hätte auch jemand anderer vollbringen können. Jemand aus meinem Stab. Das wäre bei weitem billiger gewesen. Ihre Anstellung hat mich einen Haufen Geld gekostet, und dafür möchte ich Resultate sehen.«

Hannah ballte die Fäuste. Sie konnte vor Wut kaum atmen. Sie hatte so viel herausgefunden, und jetzt wollte Feldmann jemand anderen engagieren, der sich ins gemachte Nest setzte? Jemanden, der von ihrer Forschungsarbeit profitierte und womöglich den ganzen Ruhm für sich erntete? Ausgeschlossen.

Obwohl sie innerlich kochte, zwang sie sich zur Ruhe. Mit Feldmann einen Streit vom Zaun zu brechen brachte nichts. Er saß am längeren Hebel. Ihr Vertrag lief am ersten Juni aus. Ihr blieben also noch knappe sechs Wochen, um ein kleines Wunder zu vollbringen. Verdammt wenig Zeit. Sollte es ihr nicht gelingen, irgendetwas auszugraben, das ihre Weiterbeschäftigung in seinen Augen rechtfertigte, so würde sie alles verlieren: Die versprochene Prämie und ihr Forschungsauftrag wären dahin. Sie würde die Himmelsscheibe höchstens noch wie ein ganz gewöhnlicher Museumsbesucher hinter Panzerglas zu sehen bekommen.

Hannah sah Feldmann direkt in die Augen. Wie immer hatte er sein Pokerface aufgelegt. Hannah drehte sich um und schickte sich an, das Büro zu verlassen. An der geöffneten Tür hielt sie noch einmal kurz inne. »Haben Sie schon mal etwas von der Theorie gehört, dass es vielleicht mehr als nur eine Scheibe gegeben haben könnte?«

Feldmann hob die Augenbrauen. »Was sagen Sie da?«

»Nicht so wichtig. Nur so ein Gedanke.«

Sie ließ die Tür hinter sich zufallen.

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8

Ohne sich bei ihren anderen Kollegen zurückzumelden, lief sie die Treppen hinunter und zur Vordertür hinaus. Die Hände in ihren Taschen geballt, überquerte sie den Marktplatz, vorbei an der Universität, immer weiter. Egal wohin, Hauptsache, raus. Die frische Luft half ihr, klare Gedanken zu fassen. Der Regen war mittlerweile in feinen Niesel übergegangen, der ihr Gesicht benetzte und ihre Haare durchdrang. Das schlechte Wetter war wie ein Spiegel ihrer Seele. Konnte Feldmann seine Drohung wirklich wahr machen? Natürlich konnte er. Die Frage war nur: würde er auch? Oder wollte er sie nur antreiben? Bei jemandem wie ihm konnte man nie genau sagen, was er beabsichtigte. Er war in dieser Hinsicht so undurchschaubar wie eine Sphinx. Was sollte sie tun, wenn er sie wirklich auf die Straße setzte? Gewiss, bei ihrer Reputation würde sie schnell einen neuen Job bekommen, aber keinen wie diesen. Die Himmelsscheibe von Nebra war etwas, wovon so ziemlich jeder Archäologe auf der Welt träumte. Sie repräsentierte alles, warum ein Mensch sich jemals mit Archäologie beschäftigt hatte.

Mit energischen Schritten eilte sie durch die Stadt, immer Richtung Norden. Sie tat dies nicht bewusst, es passierte von ganz allein. Irgendetwas zog sie magisch an. Als sie von der Magdeburger- in die Ludwig-Wucherer-Straße einbog, legte der Regen noch einmal an Heftigkeit zu.

Nach etwa zwei Kilometern tauchte vor ihr das Gebäude des Landesmuseums auf. Mit seinem quadratischen Grundriss, der an den südlichen Ecken von Rundtürmen flankiert wurde, wirkte es wie eine trutzige Burg. Wieder standen etliche Busse vor dem Haupteingang, Zeichen dafür, dass sich geschichtsinteressierte Reisegruppen und Schulklassen ins warme Innere des Museums geflüchtet hatten. Die Menschen kamen, um den Fund zu besichtigen, nachdem er von seiner langen Reise nach Spanien, Österreich und der Schweiz endlich nach Hause zurückgekehrt war. Der Fund, der Deutschland urplötzlich ins Blickfeld der Archäologie gerückt hatte. Man durfte sich keinen Illusionen hingeben: Die Himmelsscheibe von Nebra war und blieb der Angelpunkt der Ausstellung. Ohne sie war dies nur ein ganz gewöhnliches Museum.

Patschnass stieg sie die breite Prachttreppe zum Haupteingang empor. Der Pförtner winkte ihr zu.

»Was für ein Wetter«, sagte er mit einem Blick in den bleigrauen Himmel. »Da möchte man nicht mal seinen Hund vor die Tür scheuchen.« Er blickte auf Hannah, die wie ein begossener Pudel vor ihm stand. »Na, Mädel, du machst ja ein Gesicht, gegen das sich das Wetter wie ein Sommertag ausnimmt.«

»Nimm’s mir nicht übel, Herbert, aber ich bin gerade nicht zum Plaudern aufgelegt. Ein andermal, in Ordnung?«

»Ärger mit dem Chef, hm? Ich verstehe. Na denn immer ’rin in die gute Stube.« Er öffnete die Tür. Hannah ließ ein dankbares Lächeln über ihr Gesicht huschen, dann drückte sie sich an der Loge vorbei in den Ausstellungsbereich. Hier war es wenigstens warm. Das Museum war vor kurzem umgebaut worden, eine Maßnahme, die erst durch den überwältigenden Erfolg der Himmelsscheibe möglich geworden war. Dreihunderttausend Besucher, das war eine Zahl, die im Landtag für Aufsehen gesorgt hatte. In Dreierreihen hatten die Zuschauer um den Museumsklotz herum angestanden, um einen Blick auf das rätselhafte Objekt zu werfen. Der Landesregierung von Sachsen-Anhalt, der schlagartig klargeworden war, dass Archäologie nicht zwangsläufig ein Zuschussgeschäft sein musste, hatte etliche Millionen lockergemacht, um dem ältesten frühgeschichtlichen Museum Deutschlands eine Verjüngungskur zu spendieren.

Im Klartext hieß das, dass sämtliche Büros und Labors ausgelagert und das Museum in den Zustand zurückgeführt worden war, für den es im Jahre 1911 erbaut worden war. Als reines Ausstellungsgebäude. So alt und ehrwürdig es von außen auch wirken mochte, innen war es luftig, hell und vor allem modern. Nach neuesten pädagogischen Prinzipien konzipiert, führte die Ausstellung den Besucher von der frühen Menschwerdung bis zum Ende des Mittelalters. Angereichert mit lebensecht wirkenden Rekonstruktionen, Landschaftsmodellen, farbigen Schautafeln und interaktiven Elementen, konnte das Museum durchaus mit vergleichbaren Ausstellungen in London oder Paris mithalten. Ein Vorzug, den vor allem Kinder zu schätzen wussten. Lachend und quiekend rannten einige von ihnen um den »Denker«, einen Vorfahren des Neandertalers, der so versonnen in die Ferne blickte, dass man ihn ungern dabei stören mochte.

Immer noch in Gedanken versunken, stieg Hannah die Treppe zum zweiten Stock empor. Dort, im Südwestflügel, lag die Abteilung Bronzezeit. Das Herzstück der Sammlung. Hier waren die schönsten Stücke versammelt, die in den letzten hundert Jahren in dieser Region gefunden worden waren. Und das waren nicht eben wenige. Schwerter, Schmuck, Kleidung und Musikinstrumente reihten sich neben Töpferwaren und Kunstgegenständen. Auch eine Replik des Sonnenwagens von Trundholm war hier ausgestellt, ein Objekt, das so schön war, dass es im museumseigenen Shop in einer Miniaturausführung bereits hundertfach verkauft worden war.

Die Himmelsscheibe von Nebra befand sich nur noch eine Armlänge von ihr entfernt. Auf eine spezielle Art beleuchtet, sah sie aus wie ein Zeuge aus einer anderen Welt. Der Fotograf, der gleichzeitig Lichtkünstler war und für die Beleuchtung des gesamten Museums verantwortlich war, hatte dem Herz der Sammlung besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Streiflichter ließen jedes Detail hervortreten. Man glaubte das Metall durch eine Lupe zu sehen, so überdeutlich zeichneten sich Linien, Falten und Oberflächenstrukturen ab. Hannah war die Scheibe inzwischen so vertraut, dass sie die Unebenheiten beinahe mit den Fingern spüren konnte. Das rauhe korrodierte Kupfer, die scharfkantigen Blattgoldbeschläge, die runden Stanzlöcher. Was für ein Meisterstück handwerklicher Metallverarbeitungskunst. Was mochte dieses Objekt für ein Geheimnis bergen, dass es so anziehend auf die Menschen wirkte? Welchen tieferen Sinn hatten seine Schöpfer verfolgt?

Hannah schrak auf. Ihr Handy klingelte. Mit einem Blick auf das Display ging sie ein paar Schritte, bis sie an der Balustrade stand, von der aus man in den überdachten Innenhof blicken konnte, dann drückte sie den grünen Hörer.

»Ja? Hallo?«

»Hannah?«

Es war John.

Sie hätte nicht damit gerechnet, seine Stimme so bald wieder zu hören. Seine Stimme kam mit beträchtlicher Verzögerung und zudem ziemlich verrauscht. Sie musste sich das linke Ohr zuhalten, um ihn zu verstehen.

»Hast du einen Moment Zeit?«

Sie seufzte. »Was ist denn? Es ist gerade ein ungünstiger Moment.«

»Verstehe.« Die Verbindung wurde kurzzeitig durch ein heftiges Knacken unterbrochen, dann war seine Stimme wieder zu hören.

»… habe dir eine Mail geschickt. Das Bild solltest du dir mal ansehen … könnte für deine Arbeit ganz interessant sein.«

»Ein Bild? Was für ein Bild?«

Sie glaubte ein Lachen am anderen Ende der Leitung zu hören.

»Lass dich überraschen.«

Hannah legte auf, verließ das Museumsgebäude durch den Hintereingang und ging über den Hof. Die Labors und Werkstätten lagen in einem Neubau, der an den nordwestlichen Flügel des Museums angrenzte. Sie überquerte einen Parkplatz und ging auf einen flachen, zweistöckigen Neubau zu, zu dem das Schild Technische Labors der Universität Halle wies. Sie griff in die Brusttasche, entnahm eine Magnetkarte und zog sie durch das Lesegerät rechts neben dem Eingang. Dann durchschritt sie die elektronisch gesteuerte Sicherheitstür und betrat das Innere. An der Decke befanden sich Videokameras. Die Fenster waren mit Wärmesensoren gesichert. Kleine Öffnungen, zehn Zentimeter über dem Boden, deuteten auf lasergestützte Bewegungsmelder hin. So unscheinbar dieses Gebäude auch aussah, es war in Wahrheit ein einziger Safe. Immer noch hing der Geruch nach frischer Farbe in der Luft. Rechts vom Gang lag der große Werkraum. Hier wurden Fundstücke von Schmutz und Ablagerungen befreit, präpariert und haltbar gemacht. Hier wurden aber auch Abgüsse gemacht, die danach an Museen rund um die Welt gingen. Hannah mochte diesen Raum am liebsten. In Regalen entlang der Wände reihten sich Abdampfschalen, Erlenmeyerkolben und Titrationsgeräte jedweder Größe und Form. Daneben standen Flaschen mit Salz- und Salpetersäure. Die Mitte des Raumes wurde von sechs großen Arbeitstischen dominiert, die randvoll mit Werkstücken, Abgussformen, Bunsenbrennern und einer unüberschaubaren Anzahl von Werkzeugen bedeckt waren. Überall wurde gearbeitet. An einem Tisch wurden mittels chemischer Analyse Farbreste an einer Keramik analysiert, während am Nachbartisch eine bronzene Sichel mit Werkzeugen repariert wurde, wie sie vor dreitausend Jahren benutzt wurden. Verhaltenes Gemurmel lag in der Luft, Ausdruck der angespannten und konzentrierten Atmosphäre, die hier herrschte.

»Entschuldigung«, sagte Hannah. »Ist Bartels hier?«

Neugierig hoben einige der Mitarbeiter ihre Köpfe.

»Ist in seinem Büro«, sagte eine der Frauen und deutete über den Gang. Hannah bedankte sich und verließ das Labor.

Dr.Stefan Bartels, Chefrestaurator und Leiter der Werkstätten, war diplomierter Chemiker. Ein kleiner gedrungener Mann mittleren Alters mit einer roten großporigen Nase, die von seiner Vorliebe für Hochprozentiges zeugte. Er war ein überzeugter Junggeselle mit einigen ziemlich merkwürdigen Marotten. Trotzdem war er ein netter Kerl, ganz abgesehen davon, dass er eine Koryphäe auf seinem Gebiet war. Ein Mann mit goldenen Händen. Sein Büro lag gleich um die Ecke.

Hannah klopfte an und trat ein. Sie hörte, wie ein Wasserhahn abgestellt wurde. Dann öffnete sich die Tür. Ein Schopf grauer Haare tauchte auf.

»Hannah!« Ein Lächeln breitete sich unter der roten Nase aus.

»Wie schön, dich zu sehen. Seit wann bist du zurück?«

Er schnappte sich ein Handtuch und begann umständlich, seine Hände zu trocknen.

»Heute Morgen angekommen.«

Er sah sie über den Rand seiner Brille hinweg an. »Und? Hast du die Totenruhe der Ägypter mit deinen Fragen gestört?«

»Mir ist leider kein einbalsamierter Pharao begegnet, wenn du das meinst.«

Bartels wartete einen Moment, dann fragte er: »Nun lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen. Sag schon: Wie ist es gelaufen?«

Sie suchte nach den richtigen Worten, fand sie aber nicht.

Bartels nickte. »So schlecht also.«

Hannah entgegnete mit einem Schulterzucken: »Nein, es ist halb so wild. Der Flug steckt mir noch in den Knochen.«

Der Chemiker blickte sie tadelnd an. »Mein Schatz, du redest, als wärst du um die halbe Welt gejettet. Kairo ist gerade mal drei Flugstunden von hier entfernt, mit einem Zeitunterschied von einer Stunde. Ein Jetlag kann es also nicht sein. Was ist passiert?«

Hannah überlegte kurz, ob sie Bartels ihr Herz ausschütten sollte, entschied sich dann aber, sich zurückzuhalten. Bevor sie anderen von ihrem Problem erzählte, musste sie erst mal versuchen, festen Boden unter die Füße zu bekommen. Bartels, der sensibel genug war, um zu bemerken, dass ihr der Sinn nicht nach Plauderei stand, wechselte das Thema. »Du bist etwas blass um die Nase«, sagte er. »Scheint der Kreislauf zu sein. Vielleicht versuchst du es mal mit Sport. Dreimal in der Woche zehn Kilometer laufen, und du bleibst ewig jung. Außerdem hilft es, Stress abzubauen und persönliche Probleme besser zu verarbeiten – habe ich mir sagen lassen.«

Jetzt konnte Hannah sogar wieder lächeln. Bartels war bekennender Nichtsportler. Er rauchte, und es war kein Geheimnis, dass er gern und reichlich dem Alkohol zusprach. Seine ganze knittrige Erscheinung zeugte von einem höchst ungesunden Lebenswandel.

»Schieß los«, sagte er. »Was kann ich für dich tun?«

»Ich müsste mal kurz eine Mail abrufen. Darf ich an deinen Rechner?«

»Bitte …« Er wies auf seinen Stuhl.

Hannah zog ihre Jacke aus, hängte sie über die Lehne und setzte sich. Dann loggte sie sich in ihren E-Mail-Account ein. Johns Mail stand an oberster Stelle. Das Datenpaket war knappe drei Megabyte groß.

»Was Interessantes?« Bartels’ rote Wange war nur Zentimeter von ihrer entfernt. Der schwache Geruch von Alkohol wehte ihr um die Nase. »Kann ich noch nicht sagen. Irgendetwas mit der Himmelsscheibe.«

»Aha. Na ja, ich werde mal wieder rübergehen und mich um meine Studenten kümmern. Es behagt mir nicht, sie so lange allein zu lassen. Außerdem ist da gerade eine verdammt hübsche Gastdozentin von der Uni Tübingen. Ich glaube, da werde ich mal mein Glück versuchen. Lass den Rechner einfach laufen, wenn du fertig bist.«

Hannah wartete, bis er draußen war, ehe sie sich der Mail widmete. Bartels war wirklich ein netter Kerl, aber im Moment war sie lieber allein. John hatte ihr die Nachricht ohne jeden Kommentar geschickt. Sie bestand aus einer einzigen Bilddatei. Hoffentlich war es kein Erinnerungsfoto vom Tempel der Hatschepsut. Wie denn auch, sie hatte keine Kamera bei ihm bemerkt.

Sie öffnete die Datei. Verwundert beobachtete sie, wie sich das Bild Zeile für Zeile aufbaute. Es war eine Satellitenaufnahme. Vermutlich mit einem Programm wie Google Earth erstellt. Der Ausschnitt einer Landschaft im Maßstab eins zu fünfzigtausend. Der Harz. Hannah runzelte die Stirn. Wenn das ein Scherz sein sollte, so war es kein guter. Warum schickte John ihr eine Karte von einer Gegend, die direkt vor ihrer eigenen Haustür lag? Der Harz war nur knappe hundert Kilometer entfernt. Was sollte das? Es waren keine Besonderheiten hervorgehoben – nichts, was darauf hindeutete, was er ihr zu sagen versuchte. Warum hatte er ihr nicht wenigstens ein paar Zeilen geschrieben?

Ratlos blickte sie auf die Ebenenfunktion des Programms. Plötzlich bemerkte sie, dass es noch eine zweite Bildebene gab. Sie hatte sie nur deshalb nicht erkannt, weil sie auf transparent geschaltet worden war. Hannah klickte auf einen Schieberegler und änderte die Deckkraft. Ein Foto der Himmelsscheibe erschien. Zweifelsfrei das Foto, das sie ihm geschickt hatte. Er hatte die Aufnahme passgerecht über den Kartenausschnitt gelegt. So weit, so gut. Sie zog den Regler erst nach links, bis die Karte von der Scheibe restlos verdeckt wurde, dann wieder nach rechts. Die Scheibe verblasste, und die Karte tauchte wieder auf. Ratlos wiederholte Hannah den Vorgang. Sie begriff immer noch nicht, worauf er eigentlich hinauswollte. Ihr Blick fiel auf die Plejaden. John hatte die Scheibe so über die Karte gelegt, dass sich das Siebengestirn mit der höchsten Erhebung des Harzes, dem Brocken, deckte.

Sterne … Erhebungen?

»Das ist es«, flüsterte Hannah. Noch einmal zog sie den Regler. Jedes der Goldplättchen auf der Scheibe deckte sich mit einer Erhebung des Harzes, einem Berg, einem Hügel oder einem Buckel. Zunächst hielt sie das für eine optische Täuschung, doch als sie den Vorgang wiederholte, war sie sich sicher. Jedem der kleinen Goldplättchen auf der Scheibe entsprach ein Berg – beziehungsweise ein Hügel – auf dem Satellitenbild.

»Du meine Güte«, flüsterte sie. »Wie genial ist das denn?«

Es war, als wäre die Scheibe eine Art Karte, eine Luftbildaufnahme des Harzes, mit dem Brocken als zentralem Element. Ein paarmal noch zog sie den Regler hin und her, so begeistert war sie von dieser ungewöhnlichen Bilddatei. Doch nach einer Weile meldete sich der Verstand wieder zu Wort. So faszinierend die Idee auch sein mochte, sie war natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wie hätten die Bewohner dieser Gegend vor viertausend Jahren Luftbildaufnahmen anfertigen sollen? Völlig ausgeschlossen. Blieb natürlich noch die Möglichkeit, dass sie das Land mittels Triangulation vermessen hätten. Aber waren die damaligen Menschen dazu überhaupt in der Lage gewesen? Immerhin ging es dabei um die großräumige Vermessung der Erdoberfläche mittels Winkelberechnung. Und dann noch mit solcher Präzision? Man durfte nicht vergessen, die Gegend war damals dicht bewaldet gewesen. Selbst auf Hügeln dürfte kaum genügend Fernsicht geherrscht haben, um präzise Landvermessung zu betreiben. Dann war die Übereinstimmung der Sterne mit den Hügeln also nur ein Zufall? Fünfundzwanzig Sterne und die Plejaden als sechsundzwanzigstes Element? Ein ziemlich großer Zufall.

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9

Das Metall begann von den Rändern her zu glühen. Funken stoben in alle Richtungen und brannten kleine Löcher in den Boden. Sein muskelbepackter Körper glänzte vor Schweiß. Die Luft begann zu kochen. Brennend heißer Dampf strich über sein Gesicht und verbrannte die Haarspitzen. Der Geruch trieb ihm die Tränen in die Augen. Er justierte seine schief sitzende Brille, bis sie wieder sauber abdichtete. Die Gase, die bei seiner Arbeit entstanden, waren gesundheitsschädlich, aber das kümmerte ihn nicht. Hauptsache, er erreichte die Temperatur, die dem Metall jenen unverwechselbaren Schimmer gab, den seine Skulptur verlangte. Als er glaubte, dass das Metall nicht mehr heißer werden würde, packte er es mit der Zange und tauchte es in einen Eimer mit Wasser. Kochend und zischend entwich die Hitze ins kühlende Nass, wobei sich schuppenartig Partikel von der Metalloberfläche lösten. Eine Wolke von Dampf schoss in die Höhe und raubte ihm die Sicht.

Als sich der Nebel etwas verzogen hatte, nahm er das Metallstück heraus und betrachtete es eingehend. Zufrieden nickend ging er hinüber auf die andere Seite der Werkstatt. Dort stand ein riesiger Tisch, auf dem bereits weitere Metallteile darauf warteten, zusammengeschweißt zu werden.

Karl Wolf lebte und arbeitete als freier Künstler in Leipzig. Er hatte sich diese Stadt ausgesucht, weil sie jung war und lebendig. Eine Stadt, in der Kunst und Kultur nicht nur als Aushängeschilder fungierten, sondern ein zentraler Bestandteil des täglichen Lebens waren. Genaugenommen hatte sich Leipzig in den letzten Jahren zu der Kunstmetropole Deutschlands gemausert. Kein Wunder, dass ein Weltklassekünstler wie Neo Rauch, dessen Werke in Amerika zu unglaublichen Summen gehandelt wurden, ausgerechnet hier seine Werkstätten hatte, gar nicht weit von Karls eigener Lagerhalle entfernt. Auch wenn es für die meisten Künstler trotzdem bedeutete, weiter am Existenzminimum zu leben, so arbeiteten sie hier doch am Puls der Zeit. Obendrein waren die Mieten einigermaßen niedrig. Die Halle, in der er arbeitete und die meiste Zeit des Jahres wohnte, kostete weniger als vierhundert Euro im Monat. Für einen wie ihn ein stolzer Preis. Es hatte Zeiten gegeben, da hatte er nur überlebt, weil ihm ein Freund unter die Arme gegriffen hatte. Doch in anderen Städten war es auch nicht besser. Seinen Kollegen in Berlin ging es teilweise noch schlechter. Nicht wenige von ihnen nagten am Hungertuch, was sie aber nicht davon abhielt, die Hauptstadt immer noch als Nabel der Welt zu propagieren. Über solchen Unfug konnte Karl nur lächeln. Wenn schon arm, dann wenigstens in Leipzig und in dem Wissen, dass das, was man tat, registriert wurde – und vielleicht sogar für irgendjemanden von Bedeutung war.

Doch nun schien sich das Blatt zu wenden. Ein Angebot der Stadt hatte ihm einen unerwarteten Geldsegen beschert. Die nächsten Monate würde er ohne die Finanzspritzen seines Freundes überstehen. Und wer weiß: Vielleicht konnte er sogar einen Teil des Darlehens wieder zurückzahlen.

Er nahm seine Schutzbrille ab und trank einen Schluck Wasser, als ein lautes Pochen am Tor ertönte.

»Ist offen«, rief er und stellte die Flasche ab. »Einfach drücken, die Tür klemmt ein bisschen!« Er warf einen Blick auf die Uhr. Zwanzig vor zehn. Wer mochte ihn so früh am Tag besuchen? Dass es einer von seinen Freunden war, hielt er für unwahrscheinlich. Die meisten krochen erst ab Mittag aus ihren Löchern. Ein zahlungskräftiger Kunde? Auch wenn er zurzeit bis über beide Ohren in Arbeit steckte, gegen einen zusätzlichen Job hätte er nichts einzuwenden.

Karl griff nach einem verschmierten Lappen und wischte sich die Hände ab, während er zur Tür ging. Er war noch nicht weit gekommen, als der Besucher von dem bockigen Tor offenbar die Nase voll hatte und es mit einem herzhaften Tritt öffnete. Es trat eine gutaussehende Frau ein, Mitte dreißig, mit breiten Schultern und kurzgeschnittenen Haaren. Sie trug eine schwarze Lederjacke, schwarze Jeans und schwarze Springerstiefel. Einzig ihr T-Shirt, auf dem The Cult zu lesen stand, leuchtete in knalligem Pink.

Karl blieb wie angewurzelt stehen. Damit hatte er am wenigsten gerechnet. Ein Strahlen ging über sein Gesicht.

»Cynthia?«

Die Frau blickte auf seinen nackten, verschwitzten Oberkörper und erwiderte sein Lächeln. »Komme ich ungelegen?«

»Ob …? Natürlich nicht.« Er pfefferte den Lappen in eine Ecke, eilte auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Nach anfänglichem Zögern erwiderte sie die Umarmung. Beinahe eine Minute standen sie so da, engumschlungen. Er hätte nie für möglich gehalten, seine alte Freundin so bald schon wieder in die Arme schließen zu dürfen. Er fühlte ein leichtes Zittern ihrer Arme und meinte sogar ihren Herzschlag zu spüren. Als er sie wieder freigab und sie zu Atem kommen ließ, trat er einen Schritt zurück. »Lass dich anschauen, Cyn. Mein Gott, du siehst phantastisch aus.« Er verschwieg, wie gut sie sich anfühlte.

Cynthia nahm das Kompliment mit einem Lächeln entgegen.

»Was tust du hier?«, platzte er heraus. »Müsstest du nicht eigentlich …?«

»… im Knast sitzen?«, beendete sie die Frage. »Nein. Ich bin raus, Karl. Sie haben mich rausgelassen.«

Die Nachricht raubte ihm den Atem. »Du bist frei? Ich dachte, du müsstest noch drei Jahre brummen. Komm her, setz dich. Erzähl mir alles, von Anfang an.«

Er griff nach seinem schwarzen Pullover und zog ihn über. Dann suchte er im Chaos seiner Werkstatt nach einem halbwegs sauberen Stuhl für sie. »Tut mir wirklich leid, dass ich mich in letzter Zeit so wenig bei dir gemeldet habe«, sagte er. »Es ist wie verhext. Jahrelang habe ich praktisch am Hungertuch genagt, doch plötzlich interessiert sich alle Welt für meine Arbeiten. Ich habe so viel zu tun, dass ich nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht.«

Cynthia winkte ab. »Kein Grund, sich zu entschuldigen. Ich glaube, wir brauchten alle mal etwas Abstand voneinander. Schon allein, um diese alte Geschichte endlich zu vergessen.«

Karl wusste genau, wovon sie sprach. Endlich fand er einen Stuhl, der noch halbwegs sauber war. »Du bist raus. Verdammt noch mal, das muss gefeiert werden. Lass uns anstoßen. Hier, setz dich. Ist zwar noch früh am Tag, aber ich muss hier noch irgendwo eine Flasche Wodka rumliegen haben. Warte einen Moment, ich bin gleich wieder da.« Er rannte die Eisentreppe zu seinem Zimmer empor, griff sich zwei Gläser, spülte sie aus und trocknete sie ab. Dann schnappte er sich die halbvolle Wodkaflasche und kehrte zu ihr zurück.

»Du warst fleißig«, stellte Cynthia fest, die sich immer noch nicht gesetzt hatte, sondern seine Skulpturen musterte.

»Was? Oh, das ist noch gar nichts«, erwiderte er. Mit Freude bemerkte er, dass seine Skulpturen sie zu interessieren schienen. »Die meisten befinden sich gerade als Leihgaben in Ausstellungen quer durch die Stadt verteilt. Dies sind die letzten, und ich habe nur noch zwei Wochen Zeit, um sie fertigzumachen.«

»Sieht zum Fürchten aus«, sagte Cynthia mit Blick auf seine letzte Installation. Der Körper des Wesens bestand aus zusammengeschweißten Messerklingen – der fleischgewordene Alptraum eines psychopathischen Serienkillers. Aus Augen und Ohren des Wesens entsprangen, Wurzeln gleich, silberne Fäden und Fasern, die Zunge war aus Nato-Stacheldraht geformt.

»Keine Skulptur, die sich für Kinderspielplätze eignet«, bemerkte sie mit einem Augenzwinkern. »Sie könnte allzu leicht als Klettergerüst missverstanden werden.«

»Stimmt. Tatsächlich durften einige meiner Plastiken nur unter der Auflage aufgestellt werden, dass man einen Schutzzaun darum errichtete. Und die waren deutlich ungefährlicher. Nein, das hier ist für eine Bank.«

Cynthia ging um die Figur herum. »Beängstigend«, sagte sie, während sie mit ihren Fingern über das scharfkantige Metall strich. »Würde ich dich nicht besser kennen, würde ich behaupten, dass du nicht ganz klar im Kopf bist.«

»Ich befolge nur den Rat meines Psychologen. Er meinte, ich solle alles rauslassen. Und genau das tue ich.«

Cynthia ging weiter zur nächsten Skulptur. Die Liebenden. Ein Arrangement aus sich durchbohrenden Messerklingen. Die scharfkantigen Metallflächen gaben den Figuren ein bizarres Aussehen. Sie strich über das aufgerichtete Glied des Mannes. Plötzlich zog sie ihren Finger zurück.

Karl blickte besorgt. »Hast du dich verletzt?«

Cynthia schüttelte den Kopf, während sie sich den Finger in den Mund steckte. Der Blick, den sie ihm zuwarf, erzeugte wohlige Schauer auf seinem Rücken. Karl spürte, wie sehr er sie immer noch begehrte.

»Scharfe Sache«, nuschelte sie.

»Soll ich dir ein Pflaster holen?«

»Lass nur. Hört sicher gleich wieder auf. Gib mal den Wodka.« Sie tauchte ihren Finger in den hochprozentigen Alkohol und leckte ihn ab. »Siehst du? Schon vorbei.«

»Auf dich«, sagte er, »und darauf, dass du dich wieder frei bewegen kannst.« Sie stießen an und nahmen einen Schluck. Cynthia hob anerkennend die Augenbrauen. »Der ist gut.«

»Ich habe mich in den letzten Jahren zu einem Fachmann für Hochprozentiges entwickelt«, erwiderte Karl lächelnd. »Natürlich nichts Teures. Große Sprünge konnte ich mir in der Vergangenheit nicht erlauben. Im Sortiment von Lidl und Aldi kenne ich mich jedoch ganz gut aus. Es ist so ziemlich die einzige Freude, die ich mir von Zeit zu Zeit gönne. Aber jetzt erzähl mal. Wie ist es dir ergangen? Und wie kommt es, dass sie dich schon entlassen haben?«

Cynthia ergriff den wackeligen Holzstuhl, den Karl ihr hingestellt hatte, setzte sich rittlings darauf und begann zu erzählen. Von ihrem Knastaufenthalt, von ihrer Arbeit, ihren Kindern, bis hin zu ihrer wundersamen Entlassung.

Karl hing an ihren Lippen. Als sie fertig war, stieß er einen Pfiff aus. »Soso. Unser alter Wohltäter hat das also bewerkstelligt.« Er schüttelte den Kopf. »Kaum zu glauben, aber er hat seine Finger mittlerweile wohl überall drin.«

Cynthia hielt den Kopf schief. »Warum so zynisch? Du hast ihm schließlich auch einiges zu verdanken. Hat er dir nicht diese Werkstatt vermittelt?«

Karl trank den Rest und stellte das Glas umgedreht auf den Werktisch. »Oh ja. Diese Werkstatt, meine monatlichen Finanzspritzen und die Ausstellungen. Er hat sogar dafür gesorgt, dass ich demnächst ins Stiftungsprogramm für Kulturförderung aufgenommen werde. Das würde bedeuten, ich wäre finanziell unabhängig und könnte mich endlich mal an größere Objekte wagen. Davon träume ich schon lange.«

»Aber das ist doch großartig«, sagte Cynthia. »Das wäre dein Durchbruch. Nichts könnte dich dann noch aufhalten.«

Karl zögerte. Sosehr er es genoss, Cynthias Bewunderung zu erfahren, so sehr war er sich der tatsächlichen Situation bewusst. Langsam schüttelte er den Kopf. »Ich wünschte, es wäre so.«

Cynthia blickte ihn fragend an. »Warum bist du nur so pessimistisch? Es gibt doch keinen Grund dazu.«

Karl seufzte. »Es muss schrecklich unfair klingen, aber ich hätte es gerne allein geschafft, verstehst du? Aber so ist es nicht. Ohne ihn säße ich wahrscheinlich immer noch auf der Straße – und du noch im Knast.«

»Da hast du verdammt noch mal recht«, sagte sie. »Aber statt ihm Vorwürfe zu machen, solltest du ihm dankbar sein. Soweit es mich betrifft, hat er nie irgendwelche Forderungen gestellt.«

»Bei mir auch nicht. Aber ich wünschte, er hätte. Vielleicht würde ich mich dann nicht ganz so beschissen fühlen.«

»Ich bin jedenfalls froh, wieder draußen zu sein«, sagte Cynthia. »Du ahnst nicht, wie es ist, wenn man wie ein Tier hinter Gittern lebt. Es ist mir scheißegal, wie er es gedeichselt hat. Ich bin frei, das ist alles, was zählt. Und ich finde es nicht in Ordnung, dass du ihm das anlastest. Und wenn er schon keine Forderungen stellt, so sind wir ihm doch einigen Dank schuldig, verstehst du?«

Brummig trank er noch einen Schluck aus seinem Glas. »Hast ja recht. Ich wünschte bloß, wir bekämen mal eine Gelegenheit, uns bei ihm zu revanchieren. Ich glaube, dann würde ich mich besser fühlen.«

»Nur keine Eile«, sagte Cynthia. »Irgendwann ist es so weit. Glaub mir.« Sie stand auf, legte ihre Jacke ab und streckte sich. Karl konnte die Augen nicht von ihr lassen. Sie sah einfach zum Anbeißen aus.

»Hast du eigentlich gerade eine Freundin oder einen Freund?«, fragte sie mit schelmischem Blick.

»’ne Menge«, antwortete er. »Sie werden dir gefallen, sind echt schräge Typen dabei. Wenn du willst, stelle ich sie dir bei Gelegenheit vor.«

Cynthia lächelte geheimnisvoll. »Du hast mich missverstanden. Ich meine nicht solche Freunde.«

Karl runzelte die Stirn. »Meinst du, ob ich mit jemandem zusammen bin?« Er schüttelte den Kopf. »Momentan nicht. Mit mir hält es niemand lange aus.«

»Gut.«

»Wieso?«

»Zwölf Jahre sind eine verdammt lange Zeit … so ganz ohne Lover …«

Karl war froh, dass er sein Glas inzwischen abgestellt hatte, er hätte es sonst vielleicht fallen lassen.

Ihm begann warm zu werden unter seinem Pullover. »Du hast doch nicht etwa vor, mich zu verführen?«

Cynthia stellte sich vor ihn, nahm seine Brille ab und küsste ihn auf den Mund. Ihre Hand wanderte hinab zum Gürtel seiner Jeans. Er fühlte, dass ihm der Alkohol zu Kopf stieg. Oder war es etwas anderes?

»Langsam, langsam«, sagte er und trat einen Schritt zurück. »Nicht, dass ich keine Lust hätte, aber wie lange kennen wir uns jetzt? Fünfundzwanzig Jahre? Eine halbe Ewigkeit. In der ganzen Zeit hatte ich nie den Eindruck, dass du dich sonderlich für mich interessierst.«

»Vielleicht hast du nur die Signale nicht erkannt.« Mit einem Lächeln setzte sie sich auf die Tischkante und begann, die Stiefel aufzuschnüren. »Du bist ein guter Freund. Wir sind beide frei und ungebunden, können tun und lassen, was wir wollen.« In ihren Augen war ein aufreizendes Glitzern zu erkennen. »Wie sieht’s aus: Hast du da oben ein Bett?«

Karl hielt den Kopf schief. »Klar.«

»Gut.«

»Nur noch eine Frage: Habe ich eine Wahl?«

Sie grinste. »Nein.«

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10

Kurz hinter Halle, auf der A 14 Richtung Norden fahrend, sah Hannah bereits die ersten Ausläufer des Harzes am Horizont auftauchen. Die Buckel wuchsen aus dem dunstigen Blau des Mittags wie eine Kette riesiger Maulwurfshügel, eingebettet in die endlosen Ebenen des Norddeutschen Tieflandes. Die Berge wirkten seltsam fremd in diesem Meer aus Rapsfeldern, Äckern und Windkraftanlagen, deren Rotoren den nie enden wollenden Wind verwirbelten.

Höher und höher wuchsen die Hügel, als Hannah die Autobahn verließ und auf der B 6 Richtung Westen abbog. Ihr Ziel war Wernigerode, eine lauschige Kleinstadt am Fuße des Brockens, der höchsten Erhebung im Harz. Der Ort war genau richtig gelegen, um von dort aus zu Streifzügen ins Umland aufzubrechen. Sie hatte beschlossen, die Arbeit in Halle erst mal ruhen zu lassen, ein paar Tage Auszeit zu nehmen und der Spur zu folgen, die John ihr gewiesen hatte. Sie war sich zwar sicher, dass sie nichts finden würde, aber in ihrer jetzigen Situation war alles besser, als daheimzusitzen und Trübsal zu blasen.

Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, als sie an all die kleinen Geschichten und Anekdoten dachte, die sich um dieses deutscheste aller deutschen Mittelgebirge rankten. Natürlich fielen einem sofort die Hexen ein, die angeblich bis auf den heutigen Tag auf dem Blocksberg ihr Unwesen trieben. Es gab Geschichten von Bergwerksstollen, in denen sich Grubenunholde herumtrieben, während nächtens die Nebelfrau aus dem Moor emporstieg, unschuldige Wanderer packte und in ihr feuchtes Grab zog. Die Kornmuhme war hier ebenso zu Hause wie die Feen und Kobolde, die in den tiefen Schluchten zwischen Moosen und Farnen darauf warteten, Unheil zu stiften. Es gab wohl kein Gebirge, um das sich so viele Mythen und Legenden rankten wie um den Harz. Und keines, das so von Dichtern und Denkern heimgesucht worden war. Goethe war hier gewesen, Heine und Eichendorff, Andersen und Klopstock, Löns, Novalis, und wie sie alle hießen, und sie alle hatten es als ihre Pflicht angesehen, der Nachwelt von all dem zu berichten, was es hier an Geheimnisvollem gab. Ziemlich viel Literatur über einen Landstrich, der nicht mehr als viertausend Quadratkilometer umfasste. Seinen Reiz als Ausflugsziel hatte der Harz erst mit der Errichtung der innerdeutschen Grenze verloren, die das Gebirge wie eine Festtagstorte sauber zerteilt hatte. Danach wurde es still am Brocken, ganz im Sinne der Grenztruppen der DDR, die hier oben auf elfhundert Metern Höhe einen Horchposten errichteten und ihm den bezeichnenden Namen Urian gaben. Frei nach dem Teufel im Faust, der ja hier oben sein Unwesen getrieben haben sollte.

Urian – das war eine Verbindung von Sendemast und überkuppeltem Hauptgebäude und erinnerte entfernt an ein muslimisches Gotteshaus. Ein Grund, warum der Volksmund das Gebäude Brocken-Moschee nannte. Wie groß musste die Enttäuschung einiger muslimischer Besucher gewesen sein, die hier anreisten, in froher Erwartung, auf dem höchsten Berg Norddeutschlands ihre Gebete verrichten zu dürfen? Heute war das Gebäude zu einem Hotel und einem Museum mit moderner Multimediatechnik umfunktioniert worden. Von dort aus konnte man den Nationalpark Hochharz auf elektronischem Weg erkunden und sich anschließend bei einem gutbürgerlichen Mittagstisch mit Schlachtplatte und Schwarzbier den Magen verderben. Besonders Mutige genehmigten sich anschließend einen Schierker Feuerstein, einen Kräuterschnaps, den der Apotheker Willy Drube Ende des neunzehnten Jahrhunderts in dem kleinen Örtchen Schierke erfunden hatte, um die Verdauungsprobleme der dort ansässigen Kurgäste zu lösen.

Hannah hatte sich geschworen, um all das einen weiten Bogen zu machen. Sie wollte die Geheimnisse des Harzes auf herkömmlichem Wege erkunden. Zu Fuß und mit einer Karte in der Hand.

Das Hotel in Wernigerode war klein, gemütlich und bezahlbar. Nur wenige Gehminuten vom Marktplatz, dem Herzen der Stadt, entfernt, bot es einfache Zimmer und einen umso schöneren Blick auf die umliegenden Gartenanlagen und die Burg. Die Zinnen und Türme, die weithin sichtbar über die Bäume und schiefen Dächer der alten Fachwerkhäuser Wernigerodes ragten, gaben dem Gemäuer den Anstrich eines Märchenschlosses. Amerikaner, deren Deutschlandbild von Heidelberg und Neuschwanstein geprägt war, hätten sich hier sofort heimisch gefühlt. Für Hannah war der Anblick einfach nur unwirklich. Zu viele rote Schindeln, zu viel Kopfsteinpflaster und zu viel Fachwerk. Kaum zu glauben. So sollte Deutschland ausgesehen haben, ehe es von den alliierten Bombenteppichen zu Staub zermahlen worden war? Eine Heimstatt für Zwerge und Wichtel? Wie sollte man sich da als moderner Mensch des einundzwanzigsten Jahrhunderts zurechtfinden?

Kaum hatte sie ihren Koffer abgelegt und das Fenster geöffnet, drangen milde Frühlingsluft und Vogelgezwitscher in ihr Zimmer. Die Wolken waren aufgerissen und ließen den blauen Himmel durchscheinen, ganz wie auf einem Gemälde von Spitzweg. Erste Sonnenstrahlen bahnten sich ihren Weg und zauberten einen warmen, hellen Fleck auf ihr Bett. Ob sie es wollte oder nicht, der Harz begann einiges von seiner Düsternis zu verlieren. Hannah fühlte, wie sich der Frust vom Vormittag verflüchtigte. Ihre innere Anspannung begann sich langsam aufzulösen. Hier ließ es sich ein paar Tage aushalten.

Während sie ihren Waschbeutel in das winzige, wenn auch tadellos saubere Bad räumte und die Sachen aus dem Koffer in den Eichenschrank hängte, fragte sie sich, mit welchen Vorstellungen sie eigentlich angereist war. Mit der Hoffnung, dass die Scheibe wirklich eine Art Karte war, die auf einen bestimmten Ort mitten im Harz deutete? Das war bei näherer Betrachtung doch reichlich absurd. Genaugenommen war es Wahnsinn. Eine Region wie diese, durchwandert und durchforstet von Myriaden wanderfreudiger Touristen, war längst aller Geheimnisse beraubt. Kein Baum, der nicht schon fotografiert, kein Stein, auf dem nicht schon ein Picknick abgehalten worden war. Es war, als würde man in einem Museum anfangen, nach Schätzen zu suchen. Gäbe es hier tatsächlich ein bronzezeitliches Grabmal, so wie das auf dem Mittelberg, man hätte es längst entdeckt. Steine mit seltsamen Ritzungen, so wie der aus Trundholm, wären mittlerweile in jedem Reiseführer erwähnt worden und hätten sich zu einem beliebten Wanderziel entwickelt.

Nein, entschied Hannah, die Aussicht, hier tatsächlich etwas zu finden, war so gering wie die sprichwörtliche Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Sie durfte sich keiner falschen Hoffnung hingeben. Finden würde sie sicher nichts. Sich aber ein paar Tage die Füße zu vertreten, sich in der sonnigen Spießeridylle wie eine Bratwurst auf Sauerkraut betten und dabei einen klaren Kopf bekommen, das war etwas anderes. Sie spürte, dass sie sich nach dem letzten Dreivierteljahr harter und unfruchtbarer Arbeit etwas Ruhe verdient hatte.

Sie schloss den Schrank, stellte sich kurz vor den Spiegel, ordnete ihre Haare und verließ dann das Hotel. Ihr erstes Ziel war eine Buchhandlung. Sie benötigte dringend Lesestoff und wollte sich mit Wanderkarten und einem Reiseführer ausstatten. Häufig war vor Ort das bessere Material vorhanden, und obendrein gab es Auskünfte und Tipps von Ortskundigen. Derlei Mundpropaganda hatte sich bei vielen ihrer Expeditionen als wertvollstes Gut erwiesen. Expeditionen. Schon bei dem Gedanken an das Wort musste sie lächeln. Was für eine Art Expedition mochte das hier wohl werden? Eine Forschungsreise ins Land des Rehrückens und Wildschweinbratens? Auf ihren Reisen in der Sahara hatte sie immer ein Kribbeln im Bauch gespürt, wenn sie eine verborgene Schlucht oder eine abgelegene Höhle betreten hatte. Ein Kribbeln, das meist ein Vorbote für das Jagdfieber war, das sich kurz darauf einstellte. Doch hier kribbelte nichts. Ihr Bauch fühlte sich an wie ein Murmeltier im Winterschlaf.

Das blaue Schild mit der weißen Schrift leuchtete ihr von der anderen Straßenseite entgegen: Buchhandlung Kempowski.

Hannah beschleunigte ihren Schritt und betrat den kleinen, aber auffällig modernen Laden. Dafür, dass dies eine Kleinstadt war, war das Geschäft erstaunlich gut besucht. Etwa sechs oder sieben Personen standen vor den Regalen oder saßen auf einladend aussehenden Sofas, während sie in Büchern blätterten.

Hannah ging direkt zum Regal mit den Reiseführern.

Der Buchhändler war ein gutaussehender Mann Mitte dreißig mit randloser Brille und einer scharf geschnittenen Nase. Seine mittellangen, pechschwarzen Haare waren verstrubbelt und ließen ihn etwas verschlafen wirken. Im Kontrast dazu stand eine Narbe, die sich von der Oberlippe bis knapp unter das rechte Auge zog und seinem Gesicht etwas Draufgängerisches verlieh. Gerade als sie sich fragte, was für eine Art von Unfall das wohl gewesen sein mochte, hob der Mann seinen Kopf und blickte sie an. Hannah fühlte sich ertappt.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie, ihre Gedanken sortierend. »Ich bin auf der Suche nach einer brauchbaren Wanderkarte und einem Reiseführer. Haben Sie da etwas Passendes?«

Der Mann wirkte für einen Moment überrascht. »Wandern, hm?« Er wandte sich dem Bücherregal zu. »Zum ersten Mal im Harz?«

»Das nicht, aber mein letzter Besuch liegt etwa dreißig Jahre zurück. Westseite natürlich, damals verlief hier ja noch die Zonengrenze.«

»Verstehe.« Seine lebhaften Augen glitten über die verschiedenen Titel, dann zog er ein Buch und eine Karte heraus und drückte Hannah beides in die Hände. »Ich rate Ihnen zu diesen beiden Werken. Sowohl Karte als auch Führer stammen aus demselben Verlag, sind also aufeinander abgestimmt. Bei dem Buch handelt es sich um eine aktualisierte Neuauflage. Darin finden Sie alle Sehenswürdigkeiten und Gastwirtschaften. Übersichtlich aufgelistet und mit den wichtigsten Informationen versehen. Damit können Sie nichts falsch machen.«

Mit einem beinahe schüchternen Lächeln fragte er: »Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Danke, nein. Ich denke, damit bin ich erst mal eine Weile beschäftigt.« Sein Lächeln verwirrte sie. Oder war es sein Aftershave? Was auch immer geschehen mochte, in dieser Buchhandlung war sie sicher nicht zum letzten Mal.

»Danke für Ihre Hilfe«, sagte sie und hob ihre Neuerwerbungen in die Höhe. »Ich denke, ich zahl dann mal.«

»Viel Spaß bei Ihren Ausflügen.«

An der Kasse glitt ihr dann erst mal das Portemonnaie aus der Hand. Zwei Euro und einige Cent rollten lautstark über den Parkettboden, und es dauerte eine Weile, ehe sie die Ausreißer eingefangen hatte. Mit hochrotem Kopf tauchte sie hinter der Kasse auf und steckte das Geld zurück. Die Mitarbeiterin des Buchhändlers, eine ältere Frau mit scharfen Linien um den Mund, wartete geduldig. »Siebzehn Euro achtzig bitte.« Ihre Stimme klang so ganz anders als die des Buchhändlers. Hart und gläsern und mit unverwechselbarem sächsischen Akzent. Sie schien von der humorlosen Sorte zu sein. Hannah war das ganz recht. Was ihr jetzt noch gefehlt hätte, waren irgendwelche peinlichen Kommentare. Sie zahlte und verließ die Buchhandlung in Richtung Marktplatz.

Das Café am Markt bot genau das richtige Ambiente: große Tische, Sonnenschein, Blick auf den Brunnen und das Rathaus. Die Schritte der Passanten hallten über das Kopfsteinpflaster und wurden von mittelalterlich anmutenden Holzfassaden zurückgeworfen. Es gab hier überraschend wenig junge Menschen. Die meisten hatten die fünfzig schon weit überschritten und zogen im kleidsamen Rentnerbeige, weißlockig und mit Baedeker bewaffnet, durch die Gegend. Nun ja, jedem das Seine.

Hannah setzte sich, bestellte Kaffee und einen Apfelkuchen und begann die Karte auszubreiten. Wo sollte sie anfangen? Vielleicht an den Punkten, die mit den Sternen aus Blattgold übereinstimmten. Rund um den Brocken gab es davon gleich sieben. Da waren zum Beispiel der große und der kleine Brocken, die Heinrichshöhe, der Königsberg und die Brockenkinder, alle gut zu Fuß erreichbar. Bei der Gelegenheit bot sich vielleicht ein schöner Blick über das Land. Laut Wetterbericht sollten die kommenden Tage sonnig werden. Höchstens etwas Frühnebel, der sich im Laufe des Vormittags aber verflüchtigen würde. Danach stand Fernsicht auf dem Programm. Das Glück war auf ihrer Seite. Der Brocken war bekannt dafür, sein Haupt dreihundert Tage im Jahr mit Nebel und Wolken zu verhüllen.

Als ihre Bestellung kam, faltete Hannah die Karte zusammen. Sie nippte gerade an ihrem Kaffee, als ihr Blick auf einen unrasierten, dicklichen Mann mit kurzgeschorenen Haaren und speckiger Lederjacke fiel, der vom Brunnen aus ganz unverhohlen zu ihr herüberstarrte. Zuerst dachte sie, er würde vielleicht das Café betrachten, immerhin war es ein hübsches und traditionsreiches Gebäude. Aber ihr wurde schnell klar, dass er sie meinte. Hannah tat das, was sie in solchen Situationen immer tat: Sie starrte zurück. Die meisten Männer ertrugen es nicht, wenn sie zu einem Blickduell herausgefordert wurden. Meistens schwirrten sie ab, noch ehe ein unfreundliches Wort gefallen war. Nicht so dieser Typ. Geduldig hielt er ihrem Blick stand. Mehr noch, er nahm seine Kamera und fing an, sie zu fotografieren. Hannah griff nach der Harzer Volksstimme, die auf dem Nachbartisch lag, und hielt sie sich demonstrativ vors Gesicht. Interesse heuchelnd, blätterte Hannah zuerst durch den Mantel, dann durch den Wernigeroder Lokalteil. Als sie bei den Todesanzeigen angekommen war, wagte sie einen Blick über den Rand. Der Typ war verschwunden. Erleichtert ließ sie die Zeitung sinken und widmete sich ihrem Gedeck. Komische Person. Eine Unverschämtheit, sie so dreist zu fotografieren. Es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre sie zu ihm rübergegangen und hätte ihm ihre Meinung gesagt. Sein Glück, dass er so schnell verschwunden war. Na ja, es gab immer ein paar Verrückte, hüben wie drüben. Kaffee und Kuchen mundeten vorzüglich und füllten auf angenehme Weise ihren Magen. Als sie zahlte und ihre Neuerwerbungen zurück in die Tasche steckte, hatte sie den Mann schon fast wieder vergessen. Ihr fiel ein, dass sie sich ja noch mit seichter Lektüre versorgen wollte. Die Begegnung mit dem attraktiven Buchhändler hatte sie ziemlich verwirrt.

Es war kurz vor achtzehn Uhr, als sie wieder vor der Tür des Buchladens stand. Die kleine spröde Frau, bei der sie gezahlt hatte, schickte sich gerade an, die Tür abzuschließen. Mit einem entschuldigenden Lächeln und einem freundlichen Augenaufschlag schlängelte sich Hannah an ihr vorbei. »Es geht ganz schnell«, gab sie ihr zu verstehen. »Nur noch etwas zu lesen für die Nacht.«

»Einen Roman?« Im Licht des Ladens wirkte die Frau deutlich älter. Sie betrachtete Hannah mit kleinen Augen über den Rand ihrer Brille hinweg, ohne dabei ihren Posten neben der Tür aufzugeben. Man konnte ihr ansehen, dass sie Feierabend machen wollte.

»Einen Roman, ja.« Hannah blickte sich um. »Irgendetwas Leichtes, Humorvolles.«

»Taschenbuch oder gebunden?«

»Taschenbuch, bitte.«

Seufzend gab die Frau die Tür frei und kam auf Hannah zu. »Hier drüben haben wir die aktuelle Bestsellerliste. Da ist auch meist etwas Lustiges dabei.«

Hannah bekreuzigte sich innerlich. Ob ihr Humor mit dem der Buchhändlerin kompatibel war, war mehr als fraglich. Sie gab sich einen Ruck und stellte die Frage, die sie längst hatte stellen wollen: »Wo ist denn eigentlich Ihr Kollege?«

Die Augen hinter den Brillengläsern wurden noch eine Spur kleiner. »Kollege?«

»Ja, der große, gutaussehende.«

»Ich arbeite hier allein.«

»Sind Sie die Inhaberin?«

»So ist es. Kempowski mein Name.«

»Aber wer war dann der Mann, der mich vor etwa zwei Stunden bedient hat? Dunkelhaarig, Brille, markante Narbe unter dem rechten Auge.«

Die Buchhändlerin zuckte die Schultern. »Kenne ich nicht. Ein Kunde vielleicht. Ich müsste dann jetzt schließen.«

Völlig verwirrt griff Hannah ins Regal und zog ein Buch heraus, dessen Titel und Umschlag eine einigermaßen unterhaltsame Lektüre verhießen.

»Dieses hier?« Frau Kempowski nahm ihr das Buch aus der Hand und eilte an die Kasse. Sichtlich erleichtert darüber, die aufdringliche Kundin endlich loszuwerden, kassierte sie und entließ Hannah mit einem ungeduldigen Kopfnicken.

Draußen vor der Tür warf Hannah einen letzten Blick zurück in den Laden. Wer mochte der Unbekannte gewesen sein? Sie konnte nur hoffen, dass sich ihre Wege noch einmal kreuzten.

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11

Den Dienstag hatte Hannah als Ausflugstag vorgesehen. Gewiss, sie stand unter Zeitdruck, aber auf einen Tag mehr oder weniger kam es nicht an. Es war wichtig, dass sie den Kopf wieder frei bekam. Was also konnte sinnvoller sein, als das herrliche Wetter zu nutzen und eine Wanderung auf den Brocken zu machen? Vielleicht bekam sie auf der höchsten Spitze Norddeutschlands ja eine plötzliche Eingebung?

Sie fuhr mit dem Auto nach Schierke, beschloss, den Wagen dort abzustellen und den nahen Wanderweg zur Spitze des Brockens zu nehmen. Die Strecke war ebenso schön wie einfach. Genau das Richtige, um abzuschalten. Teils asphaltiert, teils sich über Felsen und Wurzeln schlängelnd, mäanderte dieser wohl bekannteste Wanderweg des Harzes über zehn Kilometer hinweg bis zum Gipfel. Er führte durch moorige Abschnitte und einen märchenhaft anmutenden Fichtenhochwald, vorbei an Bergbächen und Granitfelsen. Hannah spürte, wie sie in der merklich kühler werdenden Luft zu keuchen begann. Damals, als sie noch in der Sahara gelebt und gearbeitet hatte und jeden Tag auf irgendwelche Felsen geklettert war, hätte sie ein solcher Spaziergang nicht aus der Puste gebracht. Jetzt aber musste sie ihre Wanderung mehr als einmal unterbrechen, um sich auf eine Bank oder einen Stein zu setzen, zu verschnaufen und etwas zu trinken beziehungsweise etwas von ihrem Proviant zu verzehren. Zum Glück hatte sie großzügig gepackt, denn als sie nach etwa drei Stunden oben auf der Kuppe anlangte, war von ihrem Vorrat nichts mehr übrig.

Der Wind zerrte an ihrem leeren Rucksack, als sie die letzten Meter bis zu der Metalltafel zurücklegte, auf der der höchste Punkt des Berges vermerkt war. Elfhundertzweiundvierzig Meter. Kurioserweise hatte sich bei einer Neuvermessung 1990 herausgestellt, dass der Brocken in Wirklichkeit nur knappe elfhunderteinundvierzig Meter hoch war. Eine alarmierende Nachricht, mit der schrecklichen Konsequenz behaftet, unzählige Landkarten neu drucken zu müssen. Man entschied sich dann aber für die kostengünstigere Alternative und spendierte der Kuppe fünf Granitblöcke, die das Niveau anhoben und an denen sich die betreffende Bronzetafel befestigen ließ. So gesehen, war der Brocken ein naher Verwandter des Garth Mountain in Wales, einem Berg, dem englische Kartographen im Jahre 1917 bescheinigt hatten, mit seinen neunhundertfünfundachtzig Fuß nur ein Hügel zu sein. Ein Sakrileg in den Augen der landestreuen Waliser. Ihm fehlten ganze fünfzehn Fuß, um per Definition als Berg durchzugehen. Unter Einbeziehung der Einwohner eines nahe gelegenen Dorfes wurde ein Erdhügel aufgeschüttet, der dem Garth wieder zu seinem Gardemaß verhalf. Eine Initiative, die vom ortsansässigen Pfarrer und dem Bürgermeister ins Leben gerufen worden war.

Hannah schüttelte im Geiste den Kopf. Männer und ihr Faible für Maße, das war nun wirklich eine unendliche Geschichte. Interessant in diesem Zusammenhang war jedoch, dass der Garth einige sehr interessante Grabstätten aus der frühen bis mittleren Bronzezeit beherbergte, Gräber, die viertausend Jahre alt waren. Ob es wohl um den Brocken ähnlich bestellt war? So abwegig war der Gedanke nicht. Kelten und andere bronzezeitliche Kulturen hatten sich seit jeher exponierte Orte für ihre Kultstätten ausgesucht. Was wäre das für eine Sensation, wenn sich hier ebenfalls Grabanlagen befänden. Grabanlagen, die vielleicht sogar in irgendeinem Zusammenhang mit der Himmelsscheibe standen. Das wäre genau das, was ihren Hals aus der Schlinge retten könnte.

Sie war so in Gedanken vertieft, dass sie erst nach einer Weile bemerkte, wie kalt es hier oben war. Das Thermometer in Wernigerode hatte an diesem Morgen fünfzehn Grad in der Sonne angezeigt, hier oben mussten sich die Temperaturen um den Gefrierpunkt bewegen. Trotz ihrer Jacke zitterte sie wie Espenlaub. Solange sie sich bewegt hatte, war die Temperatur kein Problem gewesen, doch jetzt, beim Herumstehen, bohrte sich der Wind durch das Kleidungsstück. Sie beschloss, ihren Aufenthalt hier oben so kurz und so effektiv wie möglich zu gestalten. Ein Blick in jede Himmelsrichtung, ein kurzer Vergleich mit der Karte, ein letzter Gruß an den rotgestreiften Urian, und dann ging es wieder talabwärts. Keinen Moment zu früh, wie Hannah feststellte, denn je weiter sie abstieg, desto mehr Menschen begegneten ihr. Getrieben vom Hunger und in der Hoffnung, in der Brockenherberge noch einen freien Tisch zu ergattern, schoben sich die Massen nach oben. Es begann voll zu werden auf Deutschlands nördlichstem Berg.

Hannah gönnte sich einen kleinen Abstecher entlang der Heinrichshöhe und der Brockenkinder, einigen sehr malerisch anmutenden Granittürmen. Vom Tal her schnaufte ihr die Brockenbahn entgegen, beladen mit älteren Leuten und Kindern. Die kleine Lokomotive hatte schwer zu tun, denn die Waggons waren gut besetzt. Die ersten schönen Tage in diesem Frühling trieben die Leute in Scharen auf die Spitze. Wohin man sah, überall nur fröhliche, gerötete Gesichter. Alle schienen sich zu amüsieren – alle außer Hannah. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, am heutigen Tag einfach nur auszuspannen, ließ sich der Gedanke, in kurzer Zeit etwas finden zu müssen, das Feldmanns hohen Ansprüchen genügte, einfach nicht abstellen.

Wenn sie bloß eine Ahnung gehabt hätte, wo sie anfangen sollte.

Resigniert startete sie den Motor und überließ ihren Parkplatz einem gestresst wirkenden Familienvater und seinen quengelnden Kindern.

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12

Der Abend begann mit einem Meer aus Flammen. Entlang des steilen Anstiegs zum Wernigeroder Schloss waren Fackeln entzündet worden, die das alte Gemäuer und die umliegenden Parkanlagen in ein magisches Licht tauchten. Auf Anraten ihrer Wirtin hatte Hannah sich entschieden, den Abend mit einem Konzert ausklingen zu lassen. Russische Romantik: Borodin, Glinka und Mussorgski. Genau das Richtige für eine sagenumwobene Gegend wie diese.

Als sie schwer atmend auf der großen Freiterrasse vor dem Schloss ankam und über die Stadt hinweg zum Brocken blickte, bemerkte sie ein merkwürdiges Leuchten, als würde hoch oben ein Feuerwerk abgebrannt. Es sah wunderschön und bedrohlich zugleich aus.

Hannah wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem bevorstehenden Konzert zu. Sie passierte einen schmalen Durchgang, kaufte sich eine Karte und betrat das Schloss. Das Konzert selbst fand im Innenhof unter freiem Himmel statt. Der bewegliche Baldachin, eine Konstruktion, die Musiker und Zuhörer gleichermaßen vor den Tücken des Wetters schützen konnte, war zusammengefaltet und erlaubte einen freien Blick in den Himmel. Die Nacht war so klar, dass man die Sterne funkeln sehen konnte. Der Innenhof quoll bereits über von Menschen. Vor dem Hauptturm war eine Bühne errichtet worden, die bequem Platz für das vierzigköpfige Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters bot. Fackeln und Wärmestrahler entlang der Innenmauern sorgten für Behaglichkeit und Atmosphäre in dem komplett bestuhlten Innenhof.

Hannah bemerkte, dass sie zu den zwanzig Prozent meist jugendlicher Zuhörer gehörte, die in Jeans und Pullover gekommen waren. Der überwiegende Anteil war, dem festlichen Anlass angemessen, in Abendgarderobe erschienen. Die Damen in rauschenden Kleidern, die Herren im eleganten Smoking. Hannah schämte sich etwas, dass sie wie Aschenputtel herumlief, aber was hätte sie tun sollen? In ihrem Aufenthalt in Wernigerode war ein Konzertabend nicht vorgesehen gewesen, und für einen Einkauf war es zu spät gewesen. Der enganliegende schwarze Rollkragenpullover, die Jeans und die schwarzen Turnschuhe waren das Beste, was ihr zur Verfügung stand. Immerhin hatte sie daran gedacht, ihr Tuareg-Collier, eine Silberarbeit mit rotem Jaspis und Ebenholz, mitzunehmen. Zusammen mit einem anderen Mitbringsel aus der Sahara, ihren Ohrringen aus Silber und Lapislazuli, fühlte sie sich zwar nicht passend, aber zumindest halbwegs festlich gekleidet.

Die Wirtin hatte nicht übertrieben. Der Andrang auf die Karten war enorm gewesen, und es hatte keine halbe Stunde gedauert, bis das Konzert ausverkauft war. Hannah bedauerte die vielen Menschen, die enttäuscht heimkehren mussten. Andererseits freute sie sich über das Privileg, zu den etwa dreihundert Zuhörern zu gehören, die an der ungewöhnlichen Veranstaltung teilnehmen durften. Sie wollte sich gerade auf die Suche nach einem geeigneten Sitzplatz begeben, als sie ein Räuspern vernahm.

»Guten Abend«, sagte eine Männerstimme. »Wie schön, Sie wiederzusehen.«

Hannah wandte sich der Stimme zu.

»Der Buchhändler«, entfuhr es ihr. Und dann, nach einer kurzen Pause: »Aber nein. Sie sind ja gar kein Buchhändler. Jedenfalls nicht bei Kempowski.«

Ein zaghaftes Lächeln huschte über das Gesicht des Mannes.

»Habe ich das je behauptet?«

Hannah musste kurz überlegen. Nein, er hatte recht. Sie war es gewesen, die ihn angesprochen hatte.

»Nicht wirklich«, gestand sie ein. »Aber Sie können sich meine Überraschung vorstellen, als ich in den Laden zurückkehrte und nach Ihnen fragte.«

»Sie haben sich nach mir erkundigt?« Der Mann hob die Augenbrauen. »Warum?«

Hannah spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss. Sie wollte zu einer Erklärung ansetzen, doch der Fremde schien ihre Verlegenheit bemerkt zu haben und kam ihr zu Hilfe.

»Ich bin tatsächlich kein Buchhändler«, sagte er. »Nur ein ganz normaler Kunde. Tut mir leid, wenn ich durch mein Auftreten den Eindruck erweckt habe, ich würde zum Personal gehören.«

Hannah warf ihm einen interessierten Blick zu. Seine Kleidung war eine merkwürdige Mischung aus saloppem Sweatshirt, ausgewaschenen Jeans und teuer aussehenden Schuhen. Der Mann fing ihren Blick auf. »Und? Worauf tippen Sie?«

Hannah kräuselte die Lippen. »Keine Ahnung. Freiberufler vielleicht. Grafikdesigner oder in der Werbung tätig. Es sind Ihre teuren Schuhe, die die Sache kompliziert machen.«

Ein geheimnisvolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht, dann streckte er die Hand aus. »Mein Name ist Michael. Michael von Stetten.«

»Hannah Peters.« Seine Finger fühlten sich geschmeidig und muskulös an. Ihr gefiel seine zurückhaltende Art.

»Sind Sie in Begleitung?«

»Nein, und Sie?«

»Ebenfalls solo«, sagte er. Er blickte kurz zu den Stuhlreihen hinüber, überlegte kurz, dann sagte er: »Hätten Sie Lust, wenn wir uns das Konzert gemeinsam anhören? Anschließend könnten wir noch ein Bier trinken und eine Kleinigkeit essen. Es gibt ein nettes Gasthaus, nur fünf Minuten von hier.«

Hannah hatte eigentlich vorgehabt, früh zu Bett zu gehen und morgen zeitig aufzustehen. Doch es war etwas an dem Mann, das ihr gefiel. Um ehrlich zu sein, sie war neugierig, herauszufinden, ob sie mit ihrer Einschätzung, was seinen Beruf betraf, richtiggelegen hatte. »Einverstanden«, sagte sie. »Wenn Sie mir versprechen, dass ich mein Essen selbst bezahlen darf.«

Er sah sie mit großen Augen an, dann lachte er.

»Abgemacht.«

Das Konzert dauerte eine gute Stunde, und als es zu Ende war, fühlte Hannah sich in eine merkwürdige Stimmung versetzt. Besonders die an- und abschwellenden Kaskaden der Nacht auf dem kahlen Berge von Modest Mussorgski, einer sinfonischen Dichtung über einen Hexensabbat auf dem Blocksberg, gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Es war ein finsteres, ein furioses Stück, das einen bleibenden Eindruck hinterließ. Von Stetten schien es ebenso zu ergehen. Während die beiden das flammenhelle Schloss hinter sich ließen und auf das Stadtzentrum zusteuerten, wechselten sie kaum ein Wort. Erst nachdem sie die Wirtschaft betreten, sich an einen Tisch gesetzt und jeder ein Bier und eine Forelle bestellt hatten, fiel das Schweigen von ihnen ab.

»Wie fanden Sie das Konzert?«

»Ziemlich starker Tobak«, sagte Hannah. »Für meinen Geschmack fast ein bisschen zu monumental.«

»Sie sollten sich mal die Opernversion anhören«, sagte er. »Mussorgski hat das Stück später in seinen Jahrmarkt von Sorotschinzy eingearbeitet, mit großem Chor. Das ist erst unheimlich.«

»Erzählen Sie mir nicht, Sie seien Musikkritiker.«

Er lachte. »Nein. Die Musik in allen Ehren, aber so weit geht die Liebe dann doch nicht. Ich fürchte, Sie werden ziemlich enttäuscht sein. Ich bin Rechtsanwalt. Meine Kanzlei hat ihren Sitz in Berlin. Strafrecht. Hauptsächlich Wirtschaftskriminalität.«

»Ein Anwalt?« Hannahs Blick wanderte unwillkürlich zu der Narbe in seinem Gesicht. Sie hatte kurz zuvor weitere Narben an Händen und Unterarmen entdeckt. Vermutlich doch ein Unfall.

»Und was machen Sie so weit weg von Ihrem Arbeitsplatz?«

Er griff in die Schale mit Erdnüssen. »Urlaub. Die letzten Monate waren so angefüllt mit Arbeit, dass ich mir eine Auszeit verordnet habe.«

Hannah musste lächeln. Noch so ein Kandidat.

»Ich war fast ein Jahr lang ununterbrochen unterwegs«, fuhr er fort. »Sie können sich gar nicht vorstellen, wie das an die Substanz geht.«

»Und ob«, sagte sie und nahm einen Schluck. Es war ewig her, dass sie Schwarzbier getrunken hatte.

»Ich besitze ein Haus ganz in der Nähe«, fuhr er fort. »In Bad Harzburg, um genau zu sein. Nichts Großartiges. Nur ein Ort, an dem ich die Seele baumeln lassen kann.«

»Bad Harzburg?« Hannah fiel es schwer, sich vorzustellen, wie jemand, der jung und – wie es schien – erfolgreich war und der obendrein so gut aussah, freiwillig hierherziehen konnte. Als sie ihm das sagte, schmunzelte er. »Sie haben offenbar die falschen Gegenden besucht. Da geht es Ihnen wie Heinrich Heine. Wissen Sie, was er nach seinem ersten Besuch auf dem Brocken gesagt hat? Große Steine, müde Beine, saure Weine – Aussicht keine.«

»Ich mochte Heine schon immer«, sagte sie und lächelte. »Und was genau reizt Sie am Harz?«

Er zuckte die Schultern. »Die frische Luft, die dichten Wälder, die mystische Atmosphäre, wer weiß? Wissen Sie, ich bin besessen von Geschichten und Geschichte. Beides findet sich hier in Hülle und Fülle. Vielleicht hätte ich lieber Autor werden sollen. Kein Wunder, dass man mich so oft in Buchhandlungen antrifft.«

»Lassen Sie mich raten: Vermutlich hat Ihren Eltern die Vorstellung vom brotlosen Schriftsteller nicht behagt, habe ich recht?«

»Meine Eltern sind früh gestorben«, sagte er.

»Oh, das tut mir leid.«

Hannah biss sich auf die Unterlippe. Was war sie doch für eine Meisterin darin, immer ein Fettnäpfchen zu finden. Fehlte nur noch, dass er sich jetzt nach ihrer Familie erkundigte. Wenn dieses Thema zur Sprache kam, war der Abend so gut wie beendet. Schon der Gedanke an ihre Familie war schmerzhaft. Menschen, mit denen sie seit ewigen Zeiten im Streit lag, die sie seit Jahren nicht gesehen hatte. Hannah duckte sich innerlich. Doch er schien ihre Verkrampfung zu bemerken und umschiffte die Klippe mit dankenswerter Sensibilität. »Haben Sie das Leuchten vorhin über dem Brocken bemerkt?«

Hannah atmete auf. »Allerdings. Sah aus wie ein Feuerwerk. Sehr stimmungsvoll.«

Er schüttelte den Kopf. »Ein Feuerwerk war das gewiss nicht. Die Brockenspitze ist eine Trockenzone, da herrscht ein absolutes Brandverbot. Lagerfeuer, Campinggrills oder Knallkörper – alles strengstens untersagt. Aber egal.« Er hob den Kopf. »Wie war Ihre Wanderung?«

Versonnen drehte sie das Bierglas zwischen ihren Händen. »Sagen wir mal so: Sie war – lehrreich.«

»So schlimm also?«

»Schlimmer. Es war …«, sie zögerte. »Nein, das werde ich jetzt lieber nicht sagen, schließlich hängt Ihr Herz ja an dieser Gegend.«

»Wo waren Sie denn?«

»Oben auf dem Brocken, wo sonst?«

Michael von Stetten verschluckte sich beinahe an seinem Bier. »Heute? So kurz vor Walpurgis? Sind Sie noch zu retten? Von wo aus sind Sie denn gestartet?«

»Von Schierke.«

»Großer Gott. Sie haben mein vollstes Mitgefühl.«

Hannah kam sich mit einem Mal schrecklich dumm vor. »Hätten Sie einen besseren Vorschlag gehabt?«

»Ob ich …?« Er wischte sich einen Tropfen aus dem Mundwinkel. »Aber natürlich hätte ich. Wenn mir klar gewesen wäre, was Sie vorhaben, hätte ich Sie gewarnt und Ihnen einen Weg empfohlen, der nicht so überlaufen ist.«

»Also gut, ich gebe es zu, ich habe einen Fehler gemacht. Was hätten Sie mir empfohlen? Vielleicht den Hexenplatz in Thale?«

Das Entsetzen auf seinem Gesicht wirkte nicht gespielt. »Das wird ja immer schlimmer«, sagte er. »Haben Sie denn aus dem heutigen Desaster nichts gelernt?« Er überlegte kurz, dann sagte er: »Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Zuerst mal lassen Sie uns zum Du wechseln. Ich komme mir mit dem förmlichen Sie immer so spießig vor.«

»Sehr gern … Michael.« Sie hielt den Kopf schief. »Und dann?«

»Dann möchte ich dich zu einer Wanderung einladen. Gleich morgen früh. Es gibt hier eine Menge Orte, an die man als Normalsterblicher nicht so einfach gelangt. Wäre doch gelacht, wenn ich dich nicht vom Zauber dieser Gegend überzeugen könnte.«

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13

Mittwoch, 23. April

Der Nebel ließ die umliegenden Felsbrocken in den frühen Morgenstunden wie gewaltige Trolle erscheinen. Finster und bedrohlich ragten sie rechts und links des Weges in die Höhe. Nass glänzende Moospolster hingen wie zottige Bärte an ihnen herab, und die Flechten wirkten wie Haare an einer Wasserleiche.

Die Feuchtigkeit schien förmlich aus dem Boden zu kriechen. Sie stieg aus jeder Öffnung, jedem Spalt und jedem Loch. Sie strich um die mächtigen Stämme der Buchen und ließ sich auf Blättern, Gräsern und Kräutern nieder wie der kalte Atem eines mächtigen Riesen.

Während Hannah den Pfad erklomm, musste sie darauf achten, nicht auf einen jener glitschigen, von Moos bedeckten Steine zu treten, die ihr immer wieder den Weg versperrten. Sie war bereits einmal abgerutscht und hatte sich trotz ihrer halbhohen Wanderschuhe den Knöchel angeschlagen. Nicht noch einmal. Zudem packte sie der Ehrgeiz, als sie sah, mit welcher Leichtigkeit Michael den Pfad erklomm. Er bewegte sich so geräuschlos und geschmeidig, als wäre er ein Teil dieses Waldes.

Zu Beginn ihrer Wanderung, am Fuß der Steinernen Renne, hatten sie noch ihre Taschenlampen gebraucht. Mittlerweile war es so hell geworden, dass es ohne sie ging. Das Licht war zwar immer noch schummerig, aber es reichte aus, um zu erkennen, in was für eine wilde Gegend sie geraten waren. Nach weiteren fünfzehn Minuten blieb sie stehen. »Warte mal einen Augenblick«, schnaufte sie. »Ich glaube, ich brauche eine kleine Pause.«

Michael blieb stehen, weiße Dampfschwaden ausstoßend. »Was denn, jetzt schon?«

»Ja«, keuchte sie. »Ich bin völlig aus der Puste.« Sie lehnte sich gegen einen mannshohen Felsen.

Lächelnd kam er zu ihr herunter. »Von mir aus gern. Gegen einen Kaffee habe ich nichts einzuwenden. Hier. Setz dich da drauf.« Er zog eine Sitzunterlage aus seinem Rucksack und blies etwas Luft hinein. »Damit holt man sich keinen kalten Hintern«, sagte er, während er die Matte auf einen Stein legte. Hannah nahm die Einladung dankbar an. Im Nu hatte er eine Thermoskanne hervorgezaubert und schenkte ihr eine Tasse duftenden Kaffee ein. Hannah nippte daran und blickte sich um.

»Schön ist es hier«, konstatierte sie, als sie fühlte, wie das warme Getränk neue Kraft spendete. »Genau so, wie ich mir den Wald in den Märchen immer vorgestellt habe. Würde mich nicht wundern, wenn hier gleich eine Horde singender Zwerge hinter dem nächsten Baum hervorkommt.«

»Höre ich da etwa Ironie heraus?« Michael schenkte sich ebenfalls eine Tasse ein. »Ich habe mich übrigens mal umgehört wegen des seltsamen Leuchtens gestern Abend. Also ein Feuerwerk war das nicht.«

»Vielleicht ein Hexensabbat«, sagte sie mit einem schiefen Lächeln. »Ein Haufen wilder Weiber, die sich schon mal für den großen Abend warm machen.«

Michael schüttelte den Kopf. »Je länger wir uns unterhalten, umso mehr frage ich mich, warum du eigentlich hergekommen bist. Aus tiefempfundener Liebe zu diesem Landstrich doch wohl eher nicht.« Ein schelmisches Grinsen umspielte seinen Mund.

Hannah lag eine flapsige Antwort auf der Zunge, doch dann entschied sie sich, ihm die Wahrheit zu sagen. Sie hatte noch nie gut lügen können. Außerdem spürte sie das tiefe Bedürfnis, sich jemandem anzuvertrauen. Jemand Außenstehendem, der nichts mit ihrem Job zu tun hatte.

»Ich gebe es zu«, sagte sie. »Dass ich hier Urlaub mache, ist nur die halbe Wahrheit. Ein Stück weit hat es mit meinem Beruf zu tun.«

»Ah.« Michael setzte sich auf den Stein neben ihr. Seine Augen leuchteten. »Ich hatte gleich so einen Verdacht und habe mich schon gefragt, wann du endlich mit der Sprache rausrückst.«

»Du hättest fragen können.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich finde, jeder sollte nur das von sich erzählen, was er wirklich preisgeben möchte. Aber dass etwas Besonderes an dir ist, das war mir gleich von Anfang an klar.«

Hannah runzelte die Stirn. »Wieso das?«

»Keine Ahnung. Nennen wir es Intuition. Ich bin ganz gut darin, Menschen einzuschätzen. Ist ein Teil meines Berufes.«

»Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte Hannah lächelnd. »Worauf tippst du bei mir?«

Er überlegte kurz, dann sagte er: »Du bist viel herumgekommen. Norddeutscher Akzent und sonnengebräunte Haut, eine ungewöhnliche Mischung. Allerdings keine frische Bräune, sondern eine, die schon länger zurückliegt. Ein längerer Auslandsaufenthalt, würde ich sagen. Dazu der Schmuck, den du gestern getragen hast. Ich habe so etwas schon einmal gesehen. Tuaregkunst, habe ich recht? Das lässt vermuten, dass du mal in der Sahara warst.« Er lehnte sich zurück. »Deine Art, zu sprechen, deine Gesten – all das lässt den Schluss zu, dass du lange Zeit in einer anderen Kultur gelebt hast und dass du erst seit einer gewissen Zeit zurück in Deutschland bist.«

Hannah nickte anerkennend. »Nur weiter.«

»Deine Ausdrucksweise lässt auf einen akademischen Hintergrund schließen, vielleicht aus dem Bereich Naturwissenschaften. Du sagst, dein Besuch im Harz hätte etwas mit deinem Job zu tun. Dass diese Gegend geologisch sehr interessant ist, wissen wir beide. Also tippe ich mal: Du könntest Geologin sein.«

Hannah lächelte geheimnisvoll. »Nicht schlecht, besonders der Anfang. Am Ende hast du dich etwas verrannt. Wenn du es genau wissen willst: Ich bin keine Geologin, sondern Archäologin.«

»Archäologin?«

»Ich arbeite an der Erforschung der Himmelsscheibe von Nebra. Schon mal davon gehört?«

Sein Mund blieb offen stehen.

»Irgendetwas nicht in Ordnung?« Seiner Reaktion nach zu urteilen, war er mehr als nur leicht überrascht. »Es ist ein Beruf wie jeder andere. Na ja, fast«, sagte sie mit einem Schulterzucken.

Er schüttelte den Kopf. »Bitte verzeih mein Erstaunen«, sagte er. »Es kommt nicht oft vor, dass mich eine Nachricht so aus den Schuhen hebt.«

»Aber warum?« Hannah verstand es immer noch nicht. »Zugegeben, es ist kein x-beliebiger Bürojob, obwohl ich das letzte Jahr fast nur in Labors und Büros zugebracht habe. Aber trotzdem ist es nur ein Job.«

»Nur ein Job?« Seine Augen leuchteten in der Dunkelheit. »Du behauptest, an der Erforschung des wohl wichtigsten archäologischen Fundes der letzten hundert Jahre beteiligt zu sein, und sagst, es wäre nur ein Job? Tut mir leid, aber das ist die Untertreibung des Jahres.«

»Dann weißt du also etwas darüber?«

»Ich weiß so gut wie alles darüber.« Er richtete sich auf. »Jedenfalls das, was in den Medien darüber zu sehen, zu lesen und zu hören war. Ich bin ein Doku-Freak, um genau zu sein. Ich schaue mir so ziemlich jede Dokumentation im Fernsehen an und lese jeden Artikel in den einschlägigen Zeitschriften. Als ich dir gesagt habe, ich wäre besessen von Geschichten und Geschichte, habe ich keineswegs übertrieben. Ich weiß alles über diese Gegend, über ihre Geschichte, über ihre Geheimnisse. Und jetzt sitze ich einer Frau gegenüber, die behauptet, die sagenumwobene Himmelsscheibe in Händen gehalten zu haben.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Ich kann es immer noch nicht glauben.«

»Ich habe sie nicht nur in den Händen gehalten.« Sie grinste. »Ich habe sie gemessen, gewogen, sie erhitzt, verbogen, Späne davon abgerieben und mit Strahlen bombardiert. Alles im Dienste der Wissenschaft, wohlgemerkt. Ich hätte ihr noch viel üblere Sachen angetan, wenn man mich nur gelassen hätte.«

Michaels Blick drückte pures Entsetzen aus. Aber genau diese Reaktion hatte Hannah bezweckt. Lächelnd fuhr sie fort: »Das Problem ist nur: Wir wissen zwar so gut wie alles über die Scheibe, aber leider so gut wie nichts über die Menschen, die sie hergestellt haben. Darüber etwas herauszufinden, das ist meine Aufgabe und der Grund meines Besuches.«

Michael schien seine Überraschung überwunden zu haben. Er war wieder aufgestanden und schulterte seinen Rucksack. »Vielleicht kann ich dir helfen. Ganz bestimmt kann ich das. Du sagst mir, wonach du suchst, und ich führe dich hin.«

Tief in einer Schlucht am Fuße der Heinrichshöhe, dort, wo der Mischwald aus Buchen und Fichten am dichtesten war, war eine schattenhafte Bewegung zu sehen. Etwas Dunkles regte sich. Etwas, das den Tag mied und die Nacht liebte. Es stand im Begriff, aus seiner Felsspalte zu kriechen. Dass ein Wesen wie dieses zu dieser frühen Morgenstunde noch wach war, hatte einen Grund. Seine feine Nase sandte ihm unmissverständliche Signale. Es konnte jeden Geruch des Waldes identifizieren. Pilze, Beeren, den Modergeruch von verrottendem Holz, den feinen Duft frisch gefallener Blätter, die ätherischen Öle von Harz und Tannennadeln – es war sogar in der Lage, unterschiedliche Tierarten voneinander zu unterscheiden, einzig am Geruch des Blutes. Das von Rehen roch anders als das von Schweinen. Eichhörnchen rochen anders als Mäuse. Lurche rochen überhaupt nicht, und das Blut von Vögeln hatte einen scharfen Unterton. Am besten rochen Kaninchen, weshalb es sie am liebsten fraß. Ihr Fell hatte einen unverwechselbaren Duft nach Erde und Heu. Was gab es Schöneres als ein junges Kaninchen, wenn man Hunger hatte. Und das Wesen hatte immer Hunger. Es war ein Jäger, der sich am Blut seiner Opfer labte. Der Gedanke an eine frisch geöffnete Bauchhöhle und das Geräusch des noch schlagenden Herzens ließ ihm das Wasser im Maul zusammenlaufen.

Aber es war kein Kaninchen, was sich da näherte. Der Geruch, der um diese frühe Morgenstunde vom Tal heraufkam, war fremd. Er gehörte nicht hierher.

Zweibeiner, schoss es dem Wesen durch den Kopf. Nur sie konnten so erbärmlich stinken. Das lag weniger an ihren körpereigenen Düften als an dem Zeug, mit dem sich viele von ihnen einsprühten. Scharfe, alkoholische Essenzen, von denen man Kopfschmerzen bekam. Ausdünstungen in einer Intensität, dass es einem die Eingeweide umdrehen konnte. Nun war es nichts Ungewöhnliches, dass Zweibeiner sich am Brocken herumtrieben. Sie infizierten den Berg wie eine Krankheit, wie ein Schimmelpilz, der sich immer mehr ausbreitete. Ungewöhnlich war nur, dass sie so früh unterwegs waren.

Das Wesen richtete sich auf und hielt die Nase in den Wind. Kein Zweifel: Die Eindringlinge kamen näher. Ihr Weg führte sie direkt an seiner Schlafstatt vorbei. Eile war geboten. Es schüttelte sein Fell und schabte sich den Buckel seitlich an der Felswand. Mit den Krallen scharrte es die Reste seines Lagers auf einen Haufen, dann trat es hinaus ans Tageslicht.

Der Sonnenaufgang stand unmittelbar bevor, und die Helligkeit stach ihm unangenehm ins Auge. So gut es bei Dunkelheit auch sehen konnte, so empfindlich war es bei Tag. Nur noch eine Stunde, dann würde es hier so hell sein, dass seine Augen ihm unerträgliche Schmerzen bereiten würden. Viel Zeit blieb ihm also nicht.

Ein paar keuchende Atemzüge, dann machte es sich auf den Weg.

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