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Thomas Raab
Die Djurkovic und ihr Metzger
Kriminalroman
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
1
Man sieht sich immer zweimal
Das U-Hakerl
Drei Affen
Željko muss gehen
2
Wingman
Schnee am Kangchendzönga
Ewiger Kreislauf
Ein Ring, sie zu knechten
Blut und Eisen
3
Turkish Delight
Der Anfang vom Ende
Arthouse
Tariq
Stoppelfeld
Josip
4
Schritte
Besuche
Friede
Kopfwäsche
Vorübergehend geschlossen – die Erste
5
Vorübergehend geschlossen – die Zweite
Der Zauberkasten
Kolumbien
Kinder in Heuhaufen
6
Texas
Satratra fährt nie Maserati
Charlie
Nurejew
7
Wladiwostok
80 plus drei
Das Versprechen
Das Vogelnest
8
Charlie’s Angel
Mausi
Der Schwur
Face
Asche zu Asche
9
Yellow brick road
Wie sich Petar Wollnar in der Grabowsky-Garage mit einer ordentlichen Portion Wut und Bauernschläue als höchst nützlich erweist, TEIL 1
Nur Gutes
Zuhause
Familie
Erbfolge
Wie sich Petar Wollnar in der Grabowsky-Garage mit einer ordentlichen Portion Wut und Bauernschläue als höchst nützlich erweist, TEIL 2
Orpheus aus der Unterwelt
Rufus
Wieder ich
X-Man
Aus Nichts wird Alles
10
Thomas Raab
Zum Autor
Impressum
1 Taube: Falke von Taube, bitte kommen.
Falke: Hier Falke, kommen.
Taube: Frage: Was ist los bei euch? Ihr rührt euch nicht. Muss ja ein Traum sein, zu zweit in der Kiste. Kommen.
Falke: Hier Falke. Frage: Bist eifersüchtig? Besuch uns halt. Habicht freut sich. Würd sicher gern … Kommen.
Taube: Trottel.
Habicht: Dachs hat übrigens grad Bau 2 verlassen. Panisch. Kommen.
Taube: Hier Taube. Frage: Warum? Kommen.
Habicht: Hier Habicht. Der BMI. Er ist zu fett geworden. Vermutlich das Alter. Mit über 50 muss man aufpassen. Kommen.
Falke: Du Vogel! Willst mich beleidigen?
Habicht: Dann ist es eben seine Sauferei. Jedenfalls will er sich ein neues Fell zulegen.
Taube: Wie, Fell? Kommen.
Habicht: Hier Habicht. Na, Panier eben, Wäsch, Klamotten, Kleidung. Shoppen geht er.
Taube: Nicht gut. Falke, häng dich dran. Neues Fell heißt, wir müssen ihm ein neues Ungeziefer verpassen.
Falke: Hier Falke. Frage: Ich? Du kennst die Problematik, oder? Kommen.
Taube: Dann lass dir was einfallen. Muss jetzt abbrechen, in Bau 1 tut sich was. Füchsin bekommt Besuch. Diesmal drei Mann. Bussard ist dabei. Ende.
Man sieht sich immer zweimal
Vorhang auf.
„Ja, Fleischhauer! So eine Überraschung!“
Vorhang zu.
Aber ruckzuck. Grad, dass ihm die Gardinenstange nicht um die Ohren fliegt, so energisch zieht Willibald Adrian Metzger den Stoff wieder retour. Entsprechend erbost auch seine Reaktion.
„Was fällt Ihnen ein!“
„Keine Sorge, Fleischhauer. Ich hab dich auch nicht gleich erkannt! Ich bin’s, der Heri!“
„Ich heiß Metzger und kenn keinen Heri!“
„Dann der Bertl.“
„Was jetzt? Der Heri oder der Bertl!“
„Geh, Fleischhauer! Denk nach! Wie kannst du mich vergessen haben? Oder traust du dich nicht raus, hehehe!“
Und jetzt funkt es in des Metzgers Gehirnwindungen, drückt es in seiner Magengrube. Denn einzig die Tonhöhe dieses wie ein Husten herausgestoßenen hämischen Lachens scheint sich verändert zu haben, weil Stimmbruch, der Rest aber klingt wie eh und je. Immer noch sind es exakt drei Hes an der Zahl.
Heimtücke, Herzlosigkeit, Herrschsucht.
He-He-He.
Es besteht also kein Zweifel: Weder der Heri steht da draußen vor dem Filz noch der Bertl, sondern beide: Heribert Senekowitsch. Das U-Hakerl. Als wäre dieser Morgen noch nicht übel genug. Oh Schicksal, du niederträchtiges Ungetüm! Wartest in Lauerstellung, und kaum ist der Moment endlich bestmöglich ungünstig, springst du aus deinem Versteck. Tamtam. Wie die Lungenentzündung als Draufgabe nach dem Herzinfarkt.
„Oder hab ich mich geirrt, Fleischhauer, und du bist es gar nicht. Lass schauen!“
Vorhang auf.
„Na, und wie du das bist: die Senkfüße, die Wamp’n, der Rundrücken, alles da, dazu dein Zinken und die großen Ohrwascheln. Der fette Willi, wie er leibt und lebt. Williblad sozusagen, hehehe! Was machst du hier?“
Eine dümmere Frage kann einem Menschen, der nur mit Rippleibchen, Unterhose und schwarzen Socken adjustiert in einer Umkleidekabine steht, wohl kaum gestellt werden!
„Dreimal darfst du raten, Senekowitsch!“
Vorhang zu.
Jetzt ist der Metzger an sich ja weit entfernt von jedem Aberglauben, dennoch wäre es die reinste Realitätsverweigerung, in Anbetracht der an diesem Morgen bereits eingetretenen Ereignisse nicht von einer Anhäufung böser Omen zu sprechen:
• Mit schwerer Migräne in seiner Werkstatt erwachen, und das, ohne am Vortag entsprechend ordentlich gesoffen zu haben! Jammerschad also um den Schmerz, zahlt sich in diesem Fall ja gar nicht aus.
• Sich in seinen einzigen schwarzen, ewig nicht getragenen Anzug schmeißen wollen und erkennen müssen: Das Teil ist trotz Schattendasein von selber geschrumpft, mindestens um eine Kleidergröße. Also hinaus auf die Straße.
• Direkt vor der Werkstatt durch den Park Richtung Innenstadt marschieren und – so wie die Tage zuvor – auf diesen seltsamen Kerl stoßen, der da auf einer Bank sitzt. Ein Monstrum, groß, breit, bärenstark, kahlköpfig. Fast täglich geht dieser Fleischberg an seiner Werkstatt vorbei und glotzt durch die Scheibe herab in den Gewölbekeller, als würde er sich nicht hereintrauen oder den Restaurator beobachten.
• Die Herrenabteilung irgendeines x-beliebigen Modehauses erklimmen, mit den günstigsten Dreiteilern in die Garderobe verschwinden, auf engstem Raum keuchend ein paar Turnübungen absolvieren, Ausziehen-Anziehen, Ausziehen-Anziehen, und es ausgezogen mit einem Menschen zu tun bekommen, der bisher schöner vom Erdboden gar nicht verschluckt hätte sein können, egal ob tot oder lebendig.
Wenn das nicht grausam ist, was dann?
Vorhang auf.
„Senekowitsch, verdammt! Lässt du jetzt gefälligst den Vorhang in Ruh, sonst geh ich mich beschweren und jag dir irgendein Bleichgesicht hier auf den Hals!“
„Meine Güte, da sieht man sich nach so langer Zeit wieder, und woran erinnerst du dich zuerst? An das Indianerspielen?“
Als ob sich der Metzger aussuchen könnte, woran er gerne denkt? Ungute Erinnerungen, die extra um Erlaubnis fragen, wann es denn gnädigerweise recht wäre, sich innerlich zu Wort melden zu dürfen, hat er jedenfalls noch keine erlebt.
„Was bist du für ein nachtragender, verbohrter Mensch geworden, Fleischhauer. Wir waren Kinder, damals!“
Das stimmt. Einerseits.
Anderseits ist das natürlich weder eine Entschuldigung, noch lässt es automatisch auf eine sonderlich erfolgreiche intellektuelle Weiterentwicklung schließen.
Und logisch fällt dem Metzger jetzt alles wieder ein. Die Schmerzen, Tränen, blutigen Schusswunden, und natürlich die Senekowitsch-Mama.
„Wie lang haben wir uns aus den Augen verloren. Willi?“
„Verloren?“
„40 Jahre?“
„Mindestens, Senekowitsch. Mindestens! Schad, dass es nicht mehr geworden sind!“
Vorhang zu.
Das U-Hakerl
Nein. Heribert Senekowitsch ist dem Metzger die letzten Jahrzehnte wirklich nicht abgegangen. Richtig froh war er, wie von einem Tag auf den anderen die Senekowitsch-Wohnung geräumt und keines der Familienmitglieder in Willibalds Grätzl jemals wiedergesehen wurde. Ertragen musste er ihn ja schließlich lang genug. Zuerst vom Kinderwagen aus, und bereits da war ihm klar, der Insasse im Buggy gegenüber wird sein Buddy wohl nicht werden. Dann in der Sandkiste drüben im Beserlpark, später Schaukel, Rutsche, Kindergarten, Volksschule und zwischendurch in der Schule des Lebens natürlich. Schließlich wohnten die Senekowitschs und Metzgers nicht nur in derselben Gasse, sondern nur durch diese Gasse getrennt einander direkt gegenüber. Sogar auf gleicher Stockwerk-Höhe. Folglich konnten die einen vom Wohn- oder Elternschlafzimmerfenster aus in das Wohn- und Elternschlafzimmer der anderen blicken.
Dort Vater, Mutter, Heribert.
Hier Vater, Mutter, Willibald.
Ob die Mutter Metzger den Vater Metzger jemals im Schlafzimmer der Mutter Senekowitsch erwischt hat, blieb zwar ein Geheimnis, dem plötzlichen Kontaktabbruch nach zu urteilen lag es aber durchaus im Bereich des Möglichen. Der kleine Heribert mit seinem Feldstecher war durch den Feldstecher des kleinen Willibald jedenfalls stets einwandfrei zu sehen. Ebenso die Senekowitsch-Mama in ihrem Nachthemd, ihrer Unterwäsche, ja, und mit viel Glück sogar ... pfuh, das waren Zeiten. Aufklärungsunterricht im Homeoffice sozusagen.
Wunderschöne Zeiten.
Nächte gab es, kaum schloss der Metzger seine Augen, da sah er in seinen Träumen die so herrlich üppige Senekowitsch-Mama an ihr Fenster treten, langsam auch noch die letzten Hüllen fallen lassen, ihren Zeigefinger an die Lippen legen – „Psst“ – und ihn mit der anderen Hand zu sich winken: „Komm rüber, Willi! Aber leise.“ Träume, die dann eines Tages …
Heiß der Sommer. Die Kinder wie so oft mit dem Auftrag versehen: „Geht’s auf die Straße spielen, zum Abendessen seid ihr wieder da!“ All das ohne Handy-Ortung und Drohnenüberwachung. Der Begriff Straße eine weit über die Gasse hinausragende Ortsbeschreibung. Im Grunde war damit das ganze Grätzl bis hinaus zu den Glashäusern und Feldern des Vorstadtgärtners Prikopa gemeint.
Alles dazwischen die Prärie:
Die geparkten Autos mussten als Wagenkolonne der Siedler herhalten.
Die Laternenmasten als Marterpfähle.
Die Tauben als Geier.
Und logisch war die Rolle des Winnetou fix vergeben, Heribert Senekowitsch somit der einzig mögliche Häuptling der Apachen, die übrigen Stammesbrüder leider alle tot.
„Und was is mit Old Shatterhand, Heri?“
„Den gibt’s net! Und jetzt rennts, ihr Wappler!“
Er somit der einzige edle Wilde, ergo alle anderen irgendwelche unsympathischen Cheyenne, Komantschen, Kiowa oder gleich Bleichgesichter.
Bewaffnet mit zwischen Daumen und Zeigefinger doppelt gespannten Gummiringerln zog man in den Kampf, geschossen wurde in der Regel mit kleinen Stanniolkugeln oder zu saftigen Patzen rundgelutschten Papiertaschentuchfetzen. Ja, und wo eben die Regel, da auch die Ausnahme.
„Aber Heri, das ist verboten und gefährlich!“
„Rennen sollt’s!“
Nein, da kannte Winnetou kein Erbarmen, wenn er seine Munition aus der Hosentasche zog.
U-Hakerl. In der Mitte gebogene Nägel mit zwei Spitzen, die sich höchst effektiv durch die Gegend schnalzen ließen. Wer da mit einem Stück nackter Haut die Flugbahn kreuzte, dem gnade Gott. Ja, und weil Sommer, eben auch viel solche nackte Haut.
Heribert Senekowitsch zu entkommen war unmöglich.
An diesem Nachmittag aber bohrte sich so ein U-Hakerl unmittelbar vor den Augen der in ihrem Strickwarengeschäft stehenden Senekowitsch-Mama in des Metzgers Hinterteil, und von da an wusste er, wie seine große Liebe eines Tages auszusehen hatte.
„Schau dir den armen Willi an. Du Teufel, du ...!“ Hausarrest, Taschengeldentzug, Fernsehverbot, Spielsachen weg, und und und, das ganze Programm. „Komm, Willi, ich hol dir das U-Hakerl raus!“
Im Schlafzimmer der Senekowitsch-Mama musste er sich auf die Tagesdecke aus Merinowolle platzieren.
„Hier ist es weich. Und das wird jetzt wehtun, mein Liebling.“
Wie Balsam auf seiner Seele, diese Worte. „Mein Liebling“. Von der zarten Hand auf seinem Allerwertesten ganz zu schweigen. Wie gut für den kleinen Willi, in dieser Situation auf – und somit irgendwie auch unter – dem Bauch gelegen zu sein. Ja ja. Haufenweise U-Hakerl hätte er sich damals hineinjagen lassen, der Metzger, nur um diesen wunderbaren Moment wieder erleben zu dürfen, diese erstmalige Ahnung von Erotik, den Geruch der Senekowitsch-Mama in seiner Nase. Die Augen schließen musste er vor lauter Glückseligkeit, jeder seiner Atemzüge der reinste Genuss.
Kopfnote: Lychee, Pflaume, Orangenblüte.
Herznote: Maiglöckchen, Rose, Jasmin.
Basisnote: Amber, Sandelholz, Vanille.
Kurzum: Joop! Le Bain.
Erst Jahrzehnte später begegnete er diesem Duft erneut, um davon endgültig nie wieder loskommen zu wollen. An Danjela Djurkovic.
Und wie er nun so ertappt in der Umkleidekabine steht, wird dem Metzger schlagartig klar: Wer weiß, hätte es die Senekowitsch-Mama nicht gegeben, vielleicht wäre ihm seine Danjela nicht gar so intensiv auch über die Nase in sein Herz gekrochen und müsste er heute gar keinen Anzug kaufen.
„Geh mir nicht auf die Nerven und am besten dorthin, wo du hergekommen bist, Senekowitsch!“
„Das geht nicht, du Pechvogel, hehehe!“
Vorhang auf.
„Verdammt, Senekowitsch!“
„Ich arbeite hier!“
„Als Spechtler, oder wie! Darf ich mir vielleicht vorher noch meine Hose anziehen, bevor du komplett in der Garderobe herinnen stehst?“
„Meine Mutter würd sich über den Anblick jetzt sicher freuen, Fleischerl. Vorausgesetzt, sie könnt sich an dich erinnern!“
Das trifft den Metzger natürlich, denn die Senekowitsch-Mama war ein guter Mensch.
„Oh, das tut mir leid. Demenz?“
Jetzt lacht er, der Heribert.
„Wie kommst du auf Demenz, du Kasperl! Tot ist sie. So wie deine! Mit Demenz könnt sie sich wahrscheinlich nur an mich nicht erinnern, weil du warst ja immer der Vorzeigebub! Wenn’st wenigstens ein bisserl so wie der Willi wärst!“, hebt er kurz die Stimmhöhe.
Kurz wird es still zwischen den beiden, weiß der Metzger nicht, was er darauf antworten soll, und auch Heribert Senekowitsch wirkt ein bisschen nachdenklich.
„Aber ganz ehrlich, Fleischerl, ich freu mich wirklich, dich zu sehen. Bist schon verheiratet?“
„Das geht dich aber wirklich nichts an?“
„Wird schon werden. Auch ein blindes Hendl findet mal einen Hahn im Korb!“, streckt sich Heribert Senekowitsch empor, gertenschlank, wie er ist, und blickt über den Metzger hinweg in den Spiegel der Umkleidekabine. „Ich toller Hecht bin auch noch zu haben, möge das passende Katzerl also endlich den Stier bei den Hörnern packen, aufs richtige Pferd setzen und sich zum Schnurren bringen lassen!“
„Dann würd ich an deiner Stelle nach einer Zoologin annoncieren!“
Schallend jetzt das Lachen des Heribert Senekowitsch.
„Nicht schlecht, Fleischerl. Das passt. Meine Traumfrau ist Tierärztin!“ Dabei mustert er den Metzger eindringlich und erklärt: „Was nicht passt, sind die Größen, die du dir ausgesucht hast, weil schlanker bist du ja nicht grad geworden. Außerdem würd ich an deiner Stelle in die Behindertengarderobe ausweichen ...“
Vorhang zu.
„Trottel!“
„Du hast mich nicht ausreden lassen“, tritt Heribert Senekowitsch nach vor, grad, dass sich sein Gesicht nicht als Relief durch den Stoff schiebt. „Weil in der Behindertengarderobe ist mehr Platz zum Probieren, hehehe. Alles Anzüge, wie ich sehe! Lauter schwarze. Und einer preiswerter als der andere. Es soll also etwas Billiges, Geschmackloses sein? Für ein Begräbnis?“
„Verschwind!“
„Nicht. Dann so etwas Ähnliches: eine Hochzeit! Bist du bei deinem schlechtesten Freund eingeladen?“
Und allein das Ausbleiben der Antwort scheint Heribert Senekowitsch schon Erklärung genug zu sein. Bösartig sucht sich sein Dreifach-Lacher den Weg durch die Herrenabteilung.
Vorhang auf.
„Sag nicht, du bist selbst der Bräutigam!“
„Lass mich endlich in Frieden!“
„Ha, ich hab recht! Na, das nenn ich Liebe, mit solchen Fetzen vor den Traualtar treten wollen, oder heiratest du schon zum dritten Mal, du Weiberheld?“
„Ich wiederhol mich gern: Trottel!“
„Jetzt sag schon: Wann ist dein großer Tag? Bei diesem Dreck, den du dir da Hals über Kopf kaufen willst, könnt man ja annehmen, du heiratest schon morgen?“
Und abermals verrät sich der Metzger durch sein Schweigen. Elende Kommunikation. Wie man’s macht, ist es falsch.
„Verdammt, Fleischerl, ich hab schon wieder recht.“
„Na und! Was ist dabei? Ich hab den alten Anzug erst heut probiert!“
Wahre Männer eben. Da wird kein Gschisti-Gschasti betrieben, sich nicht mit Nebensächlichkeiten wie Kleidergrößen oder Styling beschäftigt, geschweige denn ein Gedanke daran verschwendet, so etwas wie die Zeit könnte ab einem gewissen Alter nicht nur an Türstöcken, Kalenderblättern und Grabinschriften, sondern auch Hüften Spuren hinterlassen.
„Der größte Fehler, der einem Mann in einer Ehe passieren kann, ist ja bekanntlich die Eheschließung, trotzdem geht unsereins schon mit ein bisserl Stil zum Schafott, mein Lieber. Du kannst doch deine Zukünftige in keinem alten Fetzen heiraten!“
„Der Anzug war noch gut genug, und es spart Geld!“
„Dich von mir einkleiden zu lassen spart Geld und vor allem Sorgen. Ich bring dir einen passenden, da können sich dann die Wanzen wieder gut verstecken, hehehe!“
„Idiot.“
„Am besten ein guter Stoff mit hohem Stretchanteil. Sketchanteil in deinem Fall. Ach Fleischhauer. Mit dir hat man was zu lachen. Deine Zukünftige darf sich freuen. Und? Wer ist die Unglückliche?“
Drei Affen
Wenn Petar Wollnar eines ganz und gar nicht mag, dann Geheimniskrämerei. Als Unbeteiligter unter Zwang gestellt den Unschuldsknaben spielen zu müssen. So wie jetzt.
Denn Danjela bekommt Besuch.
Regelmäßig.
Und steigt die Personenzahl weiter so an, kann sie bald den FC Djurkovic gründen.
Hausmeister Petar Wollnar weiß nicht recht, wie er all seine Beobachtungen einordnen, sich verhalten soll. Sein Guckloch abkleben, um gar nicht erst in Versuchung zu kommen? Oder das Stiegenhaus für die restlichen paar Tage meiden, um sich weitere unerwünschte Begegnungen zu ersparen? Gäbe es so wie in diversen amerikanischen Bumm-Tschak-Filmen auch in Hausmeister Wollnars Revier eine großdimensionierte rückseitige Feuerleiter, über die sich die Guten und Bösen mit metallisch scheppernden Schritten hinterherhetzen oder ein Romeo heimlich zu seiner Julia ins Zimmer steigt, es würde zu diesen Begegnungen womöglich gar nicht kommen. Denn sowohl Danjela als auch ihre Besucher erwecken den Anschein, bevorzugt unsichtbar bleiben zu wollen. Nur warum?
„Wird Hochzeits-Überraschung!“, so Danjela Djurkovic vor wenigen Tagen.
Und es klang bedrohlich. Vor allem für den Metzger selbst. Armer Willibald.
Unvergesslich Danjelas Sammelgeschenk zu seinem Fünfziger. Zusammengelegt wurde, von all seinen Freuden, was nichts anderes bedeutete als: Der Metzger wurde von all seinen Freunden zusammengelegt, hintergangen, nur damit sich seine Holde endlich ihren Herzenswunsch erfüllen und mit ihm an der Adria urlauben konnte. Mit verbundenen Augen wurde er zum Bahnhof gebracht, in den Zug gesetzt, um dort völlig wehrlos vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Tamtam, Zug fährt ab. Rückblickend ein Horror, das Ganze. Wie ein Betrüger ist sich Petar Wollnar damals vorgekommen.
Und nun scheint neuerlich irgendeine Ungeheuerlichkeit geplant?
Das Stiegenhaus hatte er gerade gewischt, als ihm die Djurkovic aus dem Oberstock entgegenkam. Sichtlich in Eile und doch mit einem gewaltigen Handikap ausgestattet.
„Das ist aber ein schwerer Koffer? Gehst du auf Reisen?“
„Reise! Gibt wohl nix schlechtere Zeitpunkt für Reise, kurz vor Hochzeit, oder?“
Gereizt ihr Ton.
Nein, mit Danjela ist aktuell keineswegs gut Kirschen essen, nicht einmal beim Konditor als Schwarzwälder.
Bei Petar Wollnar beißt sie aber auf Granit, denn das kann er, dem Unmut anderer mit Bedächtigkeit begegnen.
„Was immer du da so hektisch herumschleppst, aber soll ich dir nicht lieber tragen helfen, Danjela, bevor noch ein Unglück passiert!“
Ein wenig schien sie sich an der Nase zu nehmen, langsamer wurde sie aber deshalb nicht. Nur weiter, möglichst ungestört, so offenbar ihr Wunsch. Aus gutem Grund.
„Danke, Petar. Aber hab ich schon Unterstützung.“
Ein mächtiges Mannsbild kam ihr hinterdrein, ebenfalls einen Koffer in der Hand. Kahlköpfig, mit Narben quer über den Hals und Drachentätowierung diagonal über das Gesicht. Jetzt ist Petar Wollnar nicht unbedingt einer jener Herren, die man im Kino vor sich sitzen haben möchte, hinter diesem Monstrum aber würde sogar er verschwinden. Kein Wort mehr brachte er heraus, schon gar nicht zu dieser seltsamen Bemerkung Danjelas: „Wehe, verrätst du Willibald auch nur eine Wort, dann schwör ich bei alles, was ist mir heilig, gibt Probleme!“ Und wie gesagt, es klang bedrohlich. Auch alles Weitere: „Also machst du wie drei Affen: Siehst du nix, hörst du nix, sagst du nix! Hast du verstanden!“
Petar Wollnar war dieser eine Affe schon genug, der sich nun hinter Danjela an ihm vorbeischob. Die Djurkovic und ihr Gorilla.
Seltsame Zeiten sind das.
Auch weil der Metzger aktuell ja gar nicht in seiner Wohnung weilt, aus Liebe vor die Tür gesetzt und mit den Worten „Mein ich nur gut für uns!“ in die Werkstatt verbannt wurde. Und Petar Wollnar hat es schweigend registriert. Sollen Willibald und Danjela ihre Beziehungsprobleme handhaben, wie sie nur wollen, da mischt er sich schon aus reinstem Selbstschutz nicht ein. Aber jetzt? Ein fremder Mann?
„Ob du verstanden hast, Petar? Ist wichtig!“
Mit einem Kopfnicken der Bestätigung sah er den beiden verdutzt hinterher und war doch nicht überrascht. Denn im Grunde passt der Kerl haargenau in die Riege jener Gestalten, die hier in jüngster Zeit vermehrt durch die Gasse streunen. Und wirklich koscher ist ihm das alles nicht. Nur, was weiß man schon? Vielleicht stellt ihm ja seine Gewohnheit ein Bein, leidet er mittlerweile schon unter Verfolgungswahn, sollte er einfach weniger vor der Glotze sitzen und seine Action-Reißer konsumieren, FSK 16, weil wenn schon Volksverblödung, dann ordentlich. Das Hirn pausiert und irgendwelche Helden üben stellvertretend Rache für jenes Unrecht, das in dem eigenen Unterbewusstsein bereits auf Grund gelaufen ist und dort liegt wie ein verschollenes Atom-U-Boot. Es gibt Filme, die sprechen einfach aus der Seele, öffnen Ventile, hinterlassen in Petar Wollnar den Eindruck, obwohl er ja nur zuschaut, die Welt gerettet, das Böse dingfest und auf jeden Fall absolut das Richtige getan zu haben. Wie ein unfreiwillig auf Entwöhnung gesetzter Nikotinsüchtler beim Passivrauchen. Herrlichen Verbal-Tobak hat er da schon inhaliert, wahre Aufputschmittel. Sätze wie Heiligtümer.
Aus dem Film Ronin zum Beispiel.
„Wieso hast du Larry getötet?“
„Ach, der hieß Larry!“
Oder Rambo.
„Für wen hält sich dieser Kerl? Für Gott?“
„Gott kennt Gnade, er nicht.“
Dazu Bruce Willis in Stirb langsam.
„Yippie-Ya-Yhea, Schweinebacke!“
Und Wollnars Liebling natürlich.
„Einen Wodka Martini!“
„Geschüttelt oder gerührt?“
„Seh ich so aus, als ob mich das interessiert?“
Aus Casino Royal. Der erste James Bond mit Daniel Craig. Petar Wollnar hätte damals im Jahre 2006, wäre er 14 gewesen, wohl umgehend sein Kinderzimmer mit diesem Kerl tapeziert, so groß seine Begeisterung. Seit Sean Connery endlich wieder einmal ein 007, der sich nicht anfühlte wie eine Doppelnull mit sieben Leben.
Und Petar Wollnar selbst? Nur eine Doppelnull. So wurde er zumindest von seiner Ex genannt.
Ach, wenn er doch nur eine Spur mehr Courage hätte, er wäre schon längst draußen aus seiner Wohnung und droben im letzten Stock, um an die Tür seines Freundes Willibald Adrian Metzger zu klopfen. Denn Danjela ist abermals in Gesellschaft.
Drei Herren sind diesmal mit ihr durchs Stiegenhaus marschiert. „Hab ich Gäste für Abendessen!“, so ihr direkt neben seiner Hausmeisterwohnung in den leeren Raum geschmetterter Ruf, eindeutig also an ihn adressiert.
Und irgendetwas muss passiert sein, denn nun läuft dieses Monstrum Mann mit Drachen-Tattoo im Gesicht die Treppen auf und ab und murmelt vor sich hin.
Ein seltsames Gelalle. Garantiert kein Kroatisch.
Die Sprache unbekannt. Das Gemüt ziemlich erhitzt.
Und wenn sich Petar Wollnar mit Blick durch seinen Türspion nicht gänzlich täuscht, hält dieser Kerl ein rot besudeltes Geschirrtuch in seiner Hand. Ist er der Koch und hat die Bolognese verhaut? Das Paradeiser-Sugo versalzen? Und wenn schon Nudeln, dann vielleicht doch eher Penne all’arrabbiata mit einer Extraportion Rabbia, sprich Wut.
Was ist da los?
Željko muss gehen
– Warum hast du rausgeschickt Josip. Soll er seine Dreck doch selber wegräumen.
– Josip ist ein Mann der alten Schule und Putzen für ihn Weiberkram. Und jetzt hilf mir.
– Müssen wir einrollen in Plastik.
– Wozu! Wir nehmen gleich den Teppich.
– Niemals! Ist uralte Perser, und –
– Und sogar wenn Aladin damit geflogen wär oder Mohamet drauf gesessen, wir wickeln jetzt Željko damit ein und schmeißen ihn weg.
– T’i pif –
– Nicht den Kopf, der kommt woandershin. Nur den Körper.
– T’i piftë sorra mendtë!
– Möge die Elster von deinem Gehirn trinken! Na bitte! Geht doch. Du hast das Fluchen nicht vergessen in all den Jahren. So wie mich.
– Erinnerung ist wie Herpes-Virus. Hast du einmal aufgerissen, bekommst du nix mehr weg!
– Und auf Anhieb erkannt hast du mich auch. Trotz Vollbart.
– Is nix Vollbart, sondern peinlich gestutzte Dokument von größte Eitelkeit. Wie englische Rasen. Schlag ich also vor für Zukunft, kümmerst du dich mehr um Hirn als um Äußeres. Außerdem riech ich Abschaum hundert Meter gegen Wind.
– Wie kommst du dann mit deinem Eigengeruch zurecht? Die Heimat verraten, deinen Schwur gebrochen, und reihenweise Menschen ins Gefängnis gebracht hast du auch.
– Hab ich immer geglaubt, hocken Verbrecher wegen Verbrechen in Gefängnis. Und bei dir war Liste so dick wie Telefonbuch.
– Band 1. Also sei froh, dass nicht gleich du die erste Zeile in Band 2 bist, denn mein Vater will dich nicht gestückelt, sondern als lebendes Ganzes wiedertreffen. Ich vermute, er will dich sterben sehen.
– Müssen wir noch reinigen Sofa und putzen Wand. Stell dir vor, kommt meine Mann nach Hause und findet Blutstropfen.
– Er ist noch nicht dein Mann. Und die Tapeten musst du überkleben, da hilft kein Putzen mehr.
– Ist Katastrophe. Wenn Willibald fängt an herumschnüffeln, kannst du alles vergessen.
– Jetzt hör auf, unnötig die Nerven zu verlieren, es wird schon schiefgehen!
– Fangt aber ein bisserl früh an mit Schiefgehen, weil kommst du mit zwei Männer herein und gehst du mit nur eine wieder hinaus.
– Ja, das ist ungut. Und leider sterben immer die Falschen. Željko war ein guter Mann.
– Hast du gesagt sterben? Ist grausame Mord. Köpfen.
– Josip weiß mit dem Säbel umzugehen, und Željko hat nichts gemerkt. Aus und vorbei. Für ihn war das also weniger grausam als für uns Zuschauer.
– Danjela? Was ist los?
– Alles in Ordnung?
– Fragst du mich nicht wirklich, oder? Und warum Željko?
– Keine Ahnung. Željko hat mich nach meiner Entlassung wie vereinbart vor dem Gefängnis abgeholt. Warum plötzlich Josip dabei war, weiß ich doch nicht. Vielleicht will mein Vater jeden Mitwisser und somit potentiellen Verräter ausschalten. Er passt also mehr oder weniger auf uns auf.
– Würd ich sagen, eher weniger als mehr.
– Weniger Hund wäre auch hilfreich. Lass endlich deinen Köter hier verschwinden.
– Heißt nicht Köter, sondern Edgar.
– Edgar, du nennst den Hund Edgar! Hat er studiert?
– Te qift qeni ne byth!
– Danjela, Danjela, das ist schmutzig! Gehört sich das für eine Dame? Du bist doch jetzt eine Dame, oder? Und warum bist eigentlich du so ungut zu mir! Ich bemüh mich doch freundlich zu sein, obwohl es anders ginge. Das alles kommt doch nicht unerwartet. Oder hast du in einer Illusion gelebt?
– Hab ich gelebt in gute Hoffnung!
– Bist du dafür nicht zu alt. Wobei, Brigitte Nielsen und Gianna Nannini waren bei ihrem ersten Kind auch weit über 50.
– Arme Dejan. Bist du immer noch größte Trottel zwischen Nord- und Südpol! Ist jede Tag ohne Hoffnung wie Gefangenschaft, selbst wenn lebst du in Paradies und schönste Freiheit!
– Na schau! Im schlimmsten Fall kannst du dich dann mit dem Dichten von Kalendersprüchen über Wasser halten! Und auch wenn du dich so zierst: Ich kann es doch spüren. Du hast Heimweh!
– Na, dann gratuliere ich zu Menschenkenntnis wie Säbelzahntiger. Hat auch nur gefressen Zweibeiner und nix verstanden!
– Dann beweis ich es dir: Wie lange lebst du jetzt eigentlich schon hier?
– Ist aber nur rhetorische Frage, oder?
– Ich hab sogar im Gefängnis fließend Deutsch gelernt. Und du? Wer nach rund 35 Jahren immer noch derartige Probleme hat mit Subjekt, Prädikat, Wortstellung, Artikel, der ganzen Grammatik, also wenn das kein Heimweh ist, dann wohl ein Zeichen mangelnder Intelligenz.
– Drehst du Subjekt eigene Lautstärke besser auf Null, weil geht sonst Gruselfilm gleich weiter mit nächste Todesfall, aber Prädikat wertvoll!
2 Taube: Hier Taube. Hier Taube. Blut in Bau 1. Überall. Bussard aufgeflogen. Exekutiert. Kommen.
Falke: Hier Falke. Fuck. Kommen.
Adler: Von wem?
Falke: Wer funkt hier dazwischen?
Adler: Hier Adler. Kommen. Alle.
Falke: Hallo Chef. Bussard ist –
Adler: Verdammt, ich hab’s gehört. Durch wen?
Taube: Hier Taube: Soll ich dir jetzt sagen, wer es war?
Habicht: Dann können wir uns hier aber gleich alle persönlich vorstellen und dein paranoides Decknamentheater beenden, Chef.
Adler: Taube, verdammt. Durch wen? Kommen.
Taube: Den mit der Drachentätowierung quer über dem Gesicht. Kommen.
Adler: Josip! Gar nicht gut. Ein harter Hund.
Taube: Somit ist Füchsin morgen ziemlich auf sich gestellt.
Falke: Ich hab es g’sagt, wir sind zu wenig.
Wingman
Es ist allein dieses Klingeln des Glöckchens über der Werkstatt-Türe, das bereits viel über den eintretenden Menschen verrät. Ob er leidenschaftlich, verwegen, zielstrebig vorgeht, in Hast dabei, rücksichtslos vielleicht, ungeschickt, ob er die Tür aufschnellen, an die Wand schlagen lässt. Ob er zaghaft eintritt. Vorsichtig oder gelassen.
An diesem bedeutsamen Morgen jedenfalls muss sich ein äußerst bedachtsamer Charakter in den Gewölbekeller verirrt haben, so umsichtig sogar, der Metzger bemerkt ihn erst mit großem Schrecken, da wartet dieser Fremde bereits inmitten des kleinen Schauraumes neben der Werkbank und sieht sich eben um. Genau dort hat er Platz genommen, wo es sich auch am schönsten Platz nehmen lässt. In einem prächtigen antikroten Chesterfield Wing Chair. Weit empor und wie Scheuklappen nach vor ragend die ohrenähnlichen Auspolsterungen im Kopfbereich. Ein Ort der Geborgenheit. Und dennoch: Als wäre ihm der Stuhl ein paar Nummern zu groß, sitzt ein sehr einfach, vielleicht sogar eine Spur verarmt wirkender alter Mann darin. Ausgetretene Schuhe, eine simple graue Hose, ein verknittertes weißes Leinenhemd, eine braune Schieberkappe, ein Gehstock in der rechten Hand. Stockschwarz seine Augen, braun gegerbt seine Haut, die buschigen Augenbrauen und das kräftige Haar schlohweiß.
„Ein Paradies haben Sie hier, ist Ihnen das bewusst!“ Die Stimme voll Tiefe.
Und sofort muss der Metzger an Anthony Quinn denken. Nicht an den kraftstrotzenden Sirtakitänzer in Alexis Sorbas, sondern an eine ergraute, geschwächte Ausgabe.
Punkt acht zeigt die alte Pendeluhr hinter der Werkbank, und Willibald Adrian Metzger war um diese Zeit gewiss schon deutlich munterer unterwegs, von seinen starken Kopfschmerzen ganz abgesehen. Entsprechend fehlt es ihm an Gastfreundlichkeit: „Was machen Sie hier!“
Eindringlich betrachtet der Fremde den Restaurator. Ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen.
„Wie ich sehe, komm ich ungelegen!“
„Ein wenig!“
„Ich will ja nicht indiskret sein, aber: Wohnen Sie hier?“
„Vorübergehend!“
Im hinteren Bereich seiner Werkstatt hat sich der Metzger, wie einst die Tramper mit ihren Wild-West-Wagenburgen, mit dunkel-honigfarbenen Nussholz-Rokoko-Schänken eingekreist und darin sehr gefällig eingerichtet. Ein alter Diwan, ein Nachtkästchen, eine Stehlampe mit breitem Schirm, ein kleiner Tisch mit Hocker.
„Gar nicht so ungemütlich, muss ich zugeben. Delogiert oder Beziehungsproblem?“
„Beides. Und jetzt entschuldigen Sie mich kurz!“
In Badeschlapfen, offenem Morgenmantel und seiner in die Welt lachenden klassischen Feinripp-Unterwäsche setzt der unfrisierte Metzger seinen eingeschlagenen Weg Richtung Toilette fort. Ein Vorhaben, das nun dringend zu Ende geführt werden muss.
In Gegenwart einer Kundschaft.
Bravo. Beginnt dieser ohnedies schon ungeliebte Tag also mit einem ersten kleinen Schrecken! Passt ja, bevor gleich der große folgt. Ein Tag nämlich, der alles ändern soll, auf dass es dann bis ans Lebensende möglichst beim Alten bleibe. Der schönste Tag eines Lebens, wie so gerne behauptet und hoffentlich nie in Erfüllung gehen wird, denn was bitte wäre dieses Dasein für ein jämmerliches, gäbe es nur einen einzigen schönsten, und dann justament diesen.
„Eigentlich habe ich heute geschlossen!“
„Oh, dann verzeihen Sie bitte und gestatten mir zugleich einen kleinen Ratschlag: In solchen Fällen wäre es vielleicht klug, die Türe zu versperren.“ Liebenswürdig der Ton des Alten, ein wenig schelmisch gemeint vielleicht.
Hat er also vergessen, der Willibald Adrian! Kein Wunder, denn würde der Metzger an den Mondkalender glauben, stünde da gestern vermutlich etwas wie „Viel trinken!“ oder „Ordentlich gießen!“ in der Spalte. So eine durstige Nacht hat er jedenfalls schon lang nicht mehr erlebt. Ein Polterabend zwar ohne Poltern, aber mit gläserweise guten Kameraden, alle abgefüllt in Rotweinflaschen. Das telefonische Angebot seines einzig wahren Freundes und Trauzeugen Hausmeister Petar Wollnar nämlich – „Gehen wir aus an deinem letzten Abend, Willibald. Einmal noch feiern! Ich hol dich ab“ – musste er aus nachvollziehbaren Gründen ablehnen.
„Wir zwei waren doch noch nie aus, Petar, und das garantier ich dir: Wenn dieses Theater morgen überstanden ist, fang ich erst zu feiern an!“
Und dieses Morgen ist heute.
Entsprechend groß sein Seufzer.
Ebenso auf der Gegenseite, allerdings aus Staunen. Mit einem tiefen Atemzug streicht der Fremde nun über das Leder: „Im Vorbeigehen diesen Ohren-Sessel zu sehen und nicht einzutreten, war einfach unmöglich – und ich bin zu alt, um mir derartige Gelegenheiten entgehen zu lassen! Ein wunderschönes Stück.“
„Da haben Sie recht. Mit etwas mehr Platz in meinem Wohnzimmer stünde er auch nicht in der Werkstatt!“
„Und hier steht er nun, wie ich hoffe, zum Verkauf?“ Auffordernd der Blick. „Ja oder Ja?“ Eine überraschende Frage natürlich. Nicht, dass der Metzger jetzt generell auf Grund der Äußerlichkeit einer Person auf deren Besitzverhältnisse schließen würde, so etwas kann gewaltig ins Auge gehen. Trotzdem beschleicht den Restaurator der Verdacht, der gute Herr könnte dem Wert dieses Prunkstückes vielleicht nicht mit ausreichendem Realismus begegnen. Da ist dann eine kleine Erklärung vielleicht angebracht. Weit kommt er damit allerdings nicht.
„An sich schon, Herr, Herr …“
„Andrejew! Wunderbar. Dann lass ich ihn gleich holen.“
„Vielleicht sollte ich Ihnen vorher ein wenig was zu diesem Stuhl erzählen, und was er kostet?“
„Das ist sehr aufmerksam von Ihnen!“, hebt Herr Andrejew nun den Kopf und schiebt seine Mütze zurecht. „Aber die vielen Knöpfe, die tiefe Sitzfläche, das ins Leder gelegte Rautenmuster, ich vermute, es ist ein echter Chesterfield mit einigen Jahren auf dem Buckel. So wie ich. Die Herkunft des Namens weiß man nicht so genau. Vermutlich gab im 18. Jahrhundert ein wahrer Gentleman, der Schriftsteller und Politiker Stanhope, seines Zeichens der Earl von Chesterfield, den Auftrag. Mit der Vorgabe, ein aufrechtes und bequemes Sitzen zu ermöglichen, ohne dabei in der Kleidung Falten zu hinterlassen. Und wie Sie sehen, hab ich es bitter nötig!“
Jetzt staunt er natürlich, der Metzger, einmal mehr um die Einsicht reicher: Unterschätze nie dein Gegenüber!
„Und was es kostet, Herr Metzger, das kostet es. Ich vertrau Ihnen. Erstens sehen Sie nicht aus wie ein Betrüger. Und zweitens spielt bei Liebe der Preis keine Rolle!“
Wohlklingende Worte natürlich, nicht nur in den Ohren eines Einmannbetriebes, eines selbständigen Handwerkers und Geschäftsmannes, der jeden Cent dringend braucht, sondern auch im emotionalen Sinn. Richtig durchs Gemüt fährt dem Metzger dieser Satz, lässt ihn neben dem Herrn auf einem alten, aktuell noch knarrenden Thonetsessel Platz nehmen und nachdenklich ins Leere starren. Ein Verhalten, das nicht unbemerkt bleibt.
„Na, Ihnen ging es offenbar auch schon einmal besser!“ Einladend die Stimme des Herrn Andrejew, vertrauenserweckend, dazu die tiefgründigen, besorgten Augen. „Oder habe ich etwas Falsches gesagt? Soll ich wieder gehen?“
Gehen! Jemand, der knapp 3000 Euro hierlassen will. Niemals. Der Metzger muss sich also zusammenreißen.
„Nein bitte, bleiben Sie! Es ist alles in Ordnung. Nur die Aufregung!“
„Vor mir müssen Sie sich nicht fürchten!“ Ruhig der Ton, besonnen. Väterlich fast. „Was ist denn los?“ Und so etwas öffnet das Herz, vor allem, wenn es ohnedies grad viel zu verschlossen für den bevorstehenden Anlass ist und sich nach Erleichterung sehnt, nach etwas Licht.
„Mir verlangt die Liebe in wenigen Stunden auch einen hohen Preis ab.“
„Und? Lohnt er sich?“
„Bis vor ein paar Wochen hätte ich noch zu hundert Prozent Ja gesagt. Mittlerweile weiß ich nicht recht!“
„Dann lassen Sie hören. Der herrliche Sessel hier und ich, wir haben Zeit!“
Schnee am Kangchendzönga
Wie ein Wink des Schicksals, fast ein kleines Hochzeitsgeschenk, erscheint dem Metzger nun dieser betagte Herr, dessen ruhige, friedfertige Ausstrahlung ihn sofort Vertrauen fassen lässt. Einmal noch seine Kümmernis loswerden dürfen, einem Fremden gegenüber, der mit alldem nichts zu tun hat, der nur zuhört, unvoreingenommen – und vielleicht die richtigen Worte findet.
Folglich nimmt er die Einladung an und erzählt.
Wie seine heutige bevorstehende Traumhochzeit ausgesehen hätte, ginge es nach ihm: Die Tür des Standesamtes öffnen; zu zweit hinein, frisch verheiratet wieder raus; sofort gemeinsam zum Würstelstand auf eine Käsekrainer mit Schwarzbrot, Pfefferoni, Senf und Kren, dazu ein Bier natürlich; sich danach wohlig beglückt und dezent ermüdet von der entsprechenden Straßenbahn bis zur Endstation kutschieren lassen, Hand in Hand; äußerst gemächlich den angepeilten Hügel samt Heurigem erklimmen; dort mit Blick über die Stadt die Zeit und jede kulinarische Zurückhaltung vergessen; ja, und wenn dann der Rausch, die Sterne und irgendwann das bestellte Taxi kommen, schließlich nach Hause! Hochzeitsnacht.
Verständnis unter Männern wäre nun fein, ein: „Ja, genau!“
Damit aber will Herr Andrejew nicht dienen.
„Vereinsamt vor einem fremden Standesbeamten heiraten und dann zu zweit auf ein Würstel? Sehr spezielle Wünsche haben Sie, mein Guter! Ich würde sagen, da verlangen eher Sie der Liebe viel ab als die Liebe Ihnen! Deshalb die Beziehungsprobleme? Ihr Vorschlag hat der Zukünftigen nicht gefallen, nehme ich an?“
„Nicht mehr gefallen! Sie wollte es zuerst genauso.“
Aber dann, von einem Tag auf den anderen, sah Danjela Djurkovic in einer Vermählung den Auftrag, ein großes Fest zu geben – inklusive Verköstigung, Blumentamtam, Tischkärtchen, der ganzen Kostümiererei.
„Hab ich mir anders überlegt. Weil heiratet man nur einmal!“, so das Argument und in ihrem verwitweten Fall natürlich eine Lüge. Obendrein wurde Gott und die Welt eingeladen. Ja, Gott:
„Was heißt, ein Priester wird uns trauen, Danjela?“
„Bekommst du nix gleich Herzinfarkt. Wird nix Hochamt. Feiern wir nur einfache Wortgottesdienst!“
„In unseren 13 Jahren Beziehung waren wir weder in dem einen noch dem anderen? Und Katholik bin ich auch keiner, das weißt du doch?“
„Schadet aber nix Gottes Segen, und dafür brauch ma nix Kirche! Stell ich mir wunderschön vor, Heiraten in Weinberg.“
„Nix gleich Herzinfarkt, nix Hochamt, nix Gottes Segen, nix Kirche!“, wiederholt Herr Andrejew verdutzt. „Heiraten Sie, weil da jemand die Staatsbürgerschaft braucht?“
„Nein!“, löst sich die Anspannung des Restaurators langsam, „meine Zukünftige spricht wirklich so schlecht Deutsch. Zum Glück, weil ich liebe ihren Akzent!“
Wie gut es tut, einfach nur zu reden.
„Ein Heuriger! Das klingt doch wunderbar. Wo ist jetzt Ihr Problem, Herr Metzger?“
„Kein Heuriger. Sondern der Dornhauer!“
„Wer?“
„Thaddeus Dornhauer! Sein Salettl.“
Nachdenklich das Gesicht des Alten. „Kenn ich nicht!“
„Das spricht für Sie, Herr Andrejew. Denn wer in die Gesellschaftsspalte jeder x-beliebigen Gratiszeitung schaut, wird mit Garantie dieses Watschen-Gesicht darin finden: Szene-Winzer Thaddeus Dornhauer.“
Ein stadtbekannter Gourmet, aber trotzdem gewaltiger Kotzbrocken. Keine Gelegenheit lässt er aus, um seine Visage aus der Seitenblickgesellschaft herauszustrecken. Seine Weine nennt er Dornhauers Angels. In Anlehnung an den Actionreißer und die gleichnamige Serie aus den 70er und 80er Jahren: „Drei Engel für Charly“. Nur sind es eben nicht nur drei Sorten namens Sabrina, Jill und Kelly, sondern ein paar mehr: Lucy, Mia, Texas ...
Die Etiketten zeigen allesamt verschiedenfarbige Schattenrisse vollbusiger Damen, mit dem entsprechenden weißen Namens-Schriftzug und Stöckelschuhen. Darunter die Marke: Dornhauers Angels. Hinten ein Doppelname, dafür Vornamen wie Pornostars. So gefällt ihm das, dem Dornhauer. Eine Flasche also, die seine derben Fantasien weiblicher Traummaße in Bouteillen füllt. Und obwohl oder gerade weil Thaddeus Dornhauer schon quer durch diverse Gazetten und soziale Medien gesteinigt wurde, läuft sein Geschäft wie geschmiert und ist sein Anwesen Treffpunkt der selbst ernannten Hautevolee.
Für Willibald Adrian Metzger der reinste Alptraum und derart außerirdisch, dagegen erscheinen ihm die Orks oder Klingonen direkt blutsverwandt. Allein der Gedanke daran, diese Adresse auf seiner Hochzeitseinladung zu wissen, trieb ihm folglich die Schamesröte ins Gesicht.
„Um Himmels willen, Danjela! Was denken die Leut!“
„Was interessiert dich plötzlich Denken von Leut? Ist wunderschön dort.“
„Stimmt, wer das bezahlen soll, interessiert mich eigentlich viel mehr.“
„Ist Freundschaftsdienst!“
Und natürlich wurde er stutzig, denn weder hat der Metzger solche Freunde, noch will er irgendein Dienstverhältnis mit solchen „Freunden“ eingehen!
„Freundschaftsdienst wofür?“
„Geht nix auf deine Kappe, sondern ist meine Kaffee!“
Deine Kappe? Mein Kaffee? Gibt eine zukünftige Ehefrau so auseinanderdividierende Antworten? Alles nur noch befremdend. Geschwiegen hat er also, der Metzger, gar nicht weiter nachgefragt, denn seine Holde duldete keinen Widerspruch, und was hätte da wohl anderes dabei herauskommen sollen als gleich der nächste Krach. Wie ein Statist ohne Einspruchsrecht kam er sich vor, der Metzger. Ein Waschlappen.
Und genau das sind eben die großen Fragen der Menschheit. Wie die Geschichte mit dem Huhn und dem Ei: Verwandeln sich Männer neben Matronen aus reinstem Selbstschutz zu Memmen? Oder verwandeln sich Frauen neben Memmen aus reinstem Selbstschutz zu Matronen?
Danjela Djurkovic jedenfalls wurde ob der Gesamtsituation zusehends unglücklicher. Weshalb schließlich kurzfristig räumlich getrennt wurde, was langfristig verbunden werden soll, auf dass den beiden vor der Eheschließung das Ausbrechen jener Eiszeit erspart bleibe, die nach der Eheschließung ja ohnedies irgendwann so sicher kommt wie der Schnee am Kangchendzönga. Zwei Wochen ist das jetzt her.
„Und darum wohnen Sie hier?“, zeigt sich Herr Andrejew verwundert. „Also Ihre Probleme will ich haben!“
Armer Willibald. Geht ihm diese Aussprache unter Männern also grad nach hinten los, denn von einem Gesinnungsgenossen kann keine Rede sein.
„Und mit welchem Argument wurden Sie delogiert?“
Kaum noch zu antworten getraut er sich, der Metzger: „Muss Ehemann zukünftige Ehefrau wieder ein bisserl sehen mit andere Augen. Und darf Spannung vor Hochzeit ruhig steigen. Aber positive!“
„Was bitte ist schlecht daran? Klingt nach einer klugen Frau.“
Allein die Art zu fragen und der Gesichtsausdruck des Herrn Andrejew, wie er da gleich einem Therapeuten gelassen in seinem zukünftigen Ohrensessel sitzt, vermag dem Metzger die ganze Aufregung zu nehmen. Im Grunde waren die letzten zwei Wochen ja gar nicht so schlecht, konnte sich Danjela ungehemmt ihren Hochzeitsvorbereitungen widmen, er in aller Ruhe seinen Möbeln. Ja, und jeder der beiden sich selbst.
„Ein bisserl Muffensausen gehört schon dazu, Herr Metzger. Wie das Adrenalin eines Abfahrtsläufers vor dem Start. Die letzte Gewissensprüfung sozusagen. Ich würde also meinen: Freuen Sie sich, so wie ich grad. Denn wie mir scheint, sind wir heute beide mit Glück gesegnet. Ich bekomm den Traum eines Möbelstückes und Sie eine Traumfrau!“ Damit erhebt sich Herr Andrejew nun. „Und, wann geht es los?“
„In zwei Stunden werd ich abgeholt!“
„Na dann alles Gute.“
So schnell kann die Sonne aufgehen, mit nur einem Menschen, selbst wenn sich vor den Fenstern der Werkstatt dunkle Wolken zusammenbrauen.
Ewiger Kreislauf
Sie wird es nie vergessen, auch wenn es schon so lange zurückliegt.
Wie er noch ein paar Schritte lief, während sein Name gerufen wurde. Tariq!
Immer wieder.
Tariq!
Anfeuernd. Spöttisch.
Tariq! Tariq!
Kopflos. Da das Haupt. Dort der taumelnde Körper.
Wie ein Betrunkener.
Rundum Gelächter, Hohn.
„Los, weiter! Vielleicht schaffst du es noch ein Stück.“ Scharf wie der Säbel in seiner Hand drang Mehmets Stimme durch die Nacht. „Zwölf Meter waren es bei Störtebeker!“
Sie war zu klein damals, um es zu verstehen. Keine sechs Jahre alt.
Klaus Störtebeker. 1401. All jene Freibeuter-Kollegen sollten begnadigt werden, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeizuspazieren vermochte, so der vereinbarte Handel. Nach elf Männern wurde ihm schließlich ein Bein gestellt und trotzdem jeder der Männer geköpft!
Legenden, die sich tapfer halten.
Dies nun aber geschah vor ihren Augen, war Wirklichkeit, Gegenwart. Ihr nahe. Viel zu nahe.
Zusammengekauert lag sie in einer dunklen Ecke hinter den Müllsäcken versteckt und sah das Gesicht ihres Bruders, seine sich bewegenden Lippen, als würde er einmal noch ihren Namen sagen wollen – „Anjeza!“ –, dazu seinen ungläubigen Augenaufschlag, den traurigen Blick, darin der Abschied, während ihm ein Stück entfernt zuerst sein Leib entwich und dann sein Leben.
„Gjumë të ëmbël!“, flüstert sie. „Schlaf gut.“
Den Kopf verloren, und somit alles, worum es geht.
Das Gesicht. Es zu wahren.
Die Ehre.
Sie ist mehr wert als das Leben selbst, kann, einmal beschmutzt, reingewaschen werden mit nur einer Substanz: Blut. Versiegt es dort, entspringt es da. Legt die Pflicht zur Rache von einer Familie in die Hand der anderen. Macht aus Jägern Gejagte, aus Gejagten Jäger.
Seit Menschengedenken festgeschrieben im Gesetz der Berge. Dem Gewohnheitsrecht, das über jeder Ordnung steht.
Blut fordert Blut.
Neues Blut.
Immer wieder.
Sucht sich seinen Weg.
Ein Ring, sie zu knechten
Hektisch sausen die Scheibenwischer, hin und her und her und hin, chancenlos, der herabstürzenden Fluten Herr zu werden. Kaum ein Mensch auf den Straßen, und wenn doch, dann wird gelaufen, geduckt und eng an den Hausmauern entlang, denn was die vorbeisausenden Autoreifen da an Fontänen auf den Gehsteig jagen, demontiert jeden Schirm zum Mode-Accessoire.
Wortlos und gefasst lenkt Hausmeister Petar Wollnar den Wagen durch die Stadt.
Richtig adrett hat er sich herausgeputzt, zwar wie meist mit blauem Zweiteiler, aber diesmal nicht im Arbeits-, sondern nur im Anzug. Darunter ein weißes Hemd, samt einer Krawatte, deren ausgebleichtes Blumenmuster schon in voller Farbfrische nicht wirklich schöner war. Aber was zählt das schon?
Auf die Absicht kommt es an.
Und die könnte wohl besser kaum sein.
Gut gelaunt ist er. Eine Heiterkeit, die ihm hoch angerechnet werden muss, denn viel erbarmungsloser kann sich der Himmel kaum zeigen. Wenn es doch wenigstens nur ein Schnürlregen wäre, ein zartes Anstreichen, ein Kitzeln der Wange.
Aber nein.
Dicke Tropfen stürzen da herab, 21, 22, 23, waschelnass.
Petar Wollnar jedoch ist vorbereitet, mit Schirm, Charme und Pritschenwagen. Einmal mehr nach einer Zitterpartie mit der §57a-Begutachtungsplakette versehen und als Draufgabe von seinem Mechanikerfreund Miłosz Grabowsky frisch innengereinigt, steht sein alter Kübel in zweiter Spur. Da liegt kein Krümel mehr auf der Polsterung, stecken keine Wurstsemmelreste in Alufolie und kein eingetrockneter Kaffeebecher im Getränkehalter.
Und sogar pünktlich war er. Auf die Minute genau. Was in seinem Fall einem Wunder gleichkommt, denn eine Langsamkeit ist ihm zu eigen, sowohl sprachlich als auch motorisch, da muss ein Mensch schon ordentlich Zeit mitbringen.
„Alles gut?“
„Besser geht’s kaum!“, lässt ihn Willibald Adrian Metzger wissen.
„Wie viel?“
„3000 glatt. Ohne Rechnung. Er hat sich ein Großraumtaxi kommen lassen und den Sessel gleich mitgenommen.“
„Schöner kann der Tag nicht anfangen, oder? Und nach Hause darfst du auch bald wieder!“, bemerkt der Hausmeister aus durchaus egoistischen Gründen, denn selbstverständlich ist ihm der Metzger abgegangen. Wen hat er auch sonst, außer sein Stiegenhaus. „Und freust du dich schon?“
„Worauf?“
„Na, worauf?“, kommt Petar Wollnar einer seiner seltenen Schmunzler aus. Dazu wiederholt er wortgetreu, was dem Metzger von seiner Danjela zum Abschied durchs Stiegenhaus hinterhergerufen wurde: „Ach Willibald. Sehen wir uns erst wieder in vierzehn Tage. Na ja, steigert sich wenigstens Vorfreude auf Hochzeitsnacht!“
Und jetzt schmunzelt auch der Metzger.
Optimismus in Reinkultur, so etwas. Anzunehmen, nach 13 gemeinsamen Jahren Beziehung reicht ein zweiwöchiger Liebesentzug, um es vor lauter Libido gar nicht mehr auszuhalten. Und das mit über 50 und ohne Tabletten.
„Hoffentlich will sie mich noch.“
„In so einem feschen Anzug! Sicher. Hier!“, reicht ihm Petar Wollnar eines dieser kleinen Fläschchen, wie sie zuhauf neben Supermarktkassen stehen. „Trauzeugenservice. Das braucht man als Bräutigam.“
„Wodka? Und damit wird alles leichter?“
„Nicht alles!“, amüsiert sich der Hausmeister und zwickt sich selbst in den Bauch. „Und jetzt trink!“
„Ich mein es ernst, Petar. Ich bin die letzte Zeit immer fetter geworden und Danjela immer schlanker!“
„Schlanker und gereizter. Aggressiv sogar! Und das ist besser?“
„Aber was ist los mit ihr?“
„Ich hab meine eigene Frau schon nie verstanden, glaubst du, ich versteh deine? Hauptsache, euer gemeinsames Leben geht weiter. Ein Ring ändert nichts.“
Ruckartig reißt es den Metzger hoch, panisch: „Verdammt!“
Und Petar Wollnar versteht sofort. „Besser, du kommst jetzt drauf. Ist kein großer Umweg“, bleibt er zumindest äußerlich gelassen.
Blut und Eisen
„Was ist los, Friedmann? Stromausfall?“
„I denk nur nach! Des Hirnschmoiz braucht eben a bisserl, bis es woarm wird, bei dem Sauwetter.“
„Obs wirklich am Wetter liegt? Ich helf Ihnen besser auf die Sprünge, bevor nichts dabei rauskommt. Also passen S’ auf: Etwa acht Prozent des Körpergewichtes eines durchschnittlich schweren erwachsenen Menschen bestehen aus Blut. Bei 70 Kilo sind das dann wie viel Liter, Friedmann?“
„Sie wern’s ma sicha glei sogn, Herr Major.“
„Fünf bis sechs. Und wenn wir uns nun den großen Schädel hier ansehen, was zeigt uns das?“
„Dass des ka verhungerter Langstreckenläufer mit Hendlhois, sondern eher a Gewichtheber woar. Und wenn der Bluza da mit dem fehlenden Rest insgesommt hundert Kilo hot, Herr Major, waraten des net fünf bis sechs, sondern acht Liter Blut!“
„Stimmt zwar, Friedmann, aber das mein ich nicht!“, wandert der Lichtkegel einer Taschenlampe langsam von einem lose zwischen den Gleisen liegenden Kopf die Außenseite eines Güterzuges empor. „Denn selbst wenn der Kerl 200 Kilo hätte, sieht das hier mengentechnisch nicht nach Babyelefant, sondern nach Elefantenkuh aus, oder nach Giraffenhengst. Definitiv zu viel Blut für nur eine Person. Was schließen Sie daraus?“
„21!“
„Wie bitte kommen Sie grad auf 21, Friedmann? 21 Liter? 21 Personen?“
Tage, verdammt nochmal. 21 Tage.
An etwas anderes will Michael Friedmann neben diesem Lackaffen eigentlich gar nicht mehr denken müssen. Ein Widerling seit Minute eins. Stanislaus Pichlmayr. Riesig. Zwei Meter. Alles groß an ihm. Die Schuhe, die Uniform, die Nase, die Ohren, das Selbstbewusstsein, und mehr will Friedmann gar nicht wissen.
„Sie sind also der mittlerweile landesweit bekannte Friedmann, dieser Spaßvogel. Ich bin Major Pichlmayr und darf Sie ablösen, also räumen Sie mein Büro!“, wurde er aus disziplinären Gründen seines Führungspostens enthoben.
Ja, Führungsposten, er hatte die Zügel in der Hand. Und genau das wurde sein Pferdefuß. Nur eines lächerlichen Bubenstreiches wegen: Auf dem Heimweg war ihm zwischen den Mülltonnen so ein altes, ausgefranstes, braunes, bernhardinergroßes Spiel-Pferd ins Auge gestochen, eines, wie es bevorzugt Väter schnell noch vor Weihnachten bei irgendeinem Interspar von den Paletten fischen, mit durchaus beschämter Röte zwischen die tiefgekühlte Weihnachtsgans und den Perlwein auf das Förderband stellen. Auf dass es von den Kindern kurz beritten, dann in eine Ecke gestellt, im besten Fall noch vom Hund besprungen, angeknabbert oder markiert wird, bevor es endgültig in der Tonne landet.
Und Michael Friedmann konnte nicht anders. Keineswegs aus Mitleid für das arme Pferdchen. Es hatte sich, welch Ehre, hoher Dienststellenbesuch angekündigt: Der damalige von ihm so verhasste Innenminister wollte seine Truppennähe zeigen und sich mit einem lachhaften Pseudo-Uniform-Jäckchen neben echten Polizisten ablichten lassen. Ergo hat Michael Friedmann an diesem geschichtsträchtigen Tag das ausgefranste, verdreckte Spiel-Pferd prominent als Besucherstuhl in seinem Büro platziert und sich zugegeben vielleicht doch eine Spur zu viel Mut angetrunken.
„Bidde nehmen S’ Platz, Herr Sinnenminisda!“
Entsprechend groß die Verwunderung: „Sind Sie betrunken? Und was soll das sein?“
„Wenn’s groß is, so hats mir geflüstert, wills eins von Ihre Polizeipferderln werden, Herr Vonsinnenminisda!“ Das Sprechen fiel schwer.
Keine Woche später stand Major Pichlmayr in der Tür, und nun sitzt Michael Friedmann, wie mittlerweile auch der Ex-Innenminister, auf verlorenem Posten. Nur mehr drei Wochen, 21 Tage. Dann feiert Major Pichlmayr Geburtstag und wird er ihm und seiner Frau ein unvergessliches Geschenk bereiten. Denn was er über Pichlmayr mittlerweile alles herausgefunden hat, wird den Kerl ruckzuck ziemlich abstürzen und wieder verschwinden lassen.
Bis dahin aber heißt es schön brav bleiben, sich keinen weiteren Fehler erlauben, die letzten Tage an der Seite dieses Lackaffen überstehen und sich bitte möglichst keine Kugel einfangen.
So leicht wie erhofft dürfte das allerdings nicht werden.
Zeitig am Morgen wurde er aus dem Schlaf gerissen. Allein das ist schon eine Zumutung. Ganz zu schweigen von der Tatsache des gerade angebrochenen Urlaubstages. „Ich brauch Sie, Friedmann. Also hopp, Lulu gehen, Gesicht waschen, Zähne putzen und dann zu mir!“
„Aber ich …!“
„Ich wart schon draußen im Wagen. Glauben Sie mir, es zahlt sich aus!“
Und in der Tat. Derartiges ist Friedmann noch nie untergekommen. Auch wenn es ein Weilchen gebraucht hat, durch die Menge aus Bahnarbeitern und Pressefotografen bis zu den Absperrbändern vorzustoßen. Ein paar jugendliche Sprayer waren in der Düsternis einer Güterbahnhofshalle gerade dabei, öffentliches Gut zu besudeln, und bekamen es dort derart mit der Angst zu tun, sogar die Polizei haben sie während ihrer überstürzten Flucht verständigt.
Einer der abgestellten Züge musste als Leinwand herhalten. Darauf ein Gemälde. Nicht gesprüht, wie auf den Waggons daneben, sondern geschüttet.
„Wobei, wenn Sie mit 21 die Anzahl der Personen meinen, wären das grob geschätzt 126 Liter Blut. Das könnte hinhauen, Friedmann, trotzdem ...!“
„I hab schon g’merkt, wie leiwand Sie rechnen können, Herr Major, aber –“
„Sag, wollen Sie mich verarschen?“
„Wie kommen S’ auf so was, nichts läge mir näher!“ Und der selbstverliebte Herr Major bemerkt ihn nicht, den sprachlichen Kniff. Herrlich. Das sind dann eben die kleinen Freuden des Michael Friedmann. So auch gleich die nächste Improvisation.
„Mit anazwanzg man i …!“
„Bemühen Sie sich wenigstens, Friedmann!“
„Womit!“
„Schönsprechen!“
„Sie manan a bisserl auf May Fair Lady. Gern. Mit einundzwanzig meine ich das Spiel, Herr Major. Siebzehn und vier. Black Jack. Wir müssen jeden Teil hier wie eine extra ausgespielte Karte betrachten. Der Kopf, der Güterwaggon, das Blut, ich vermute Schweineblut!“
„Sie vermuten? Aha!“
„Na ja, selbst wenn ich mir ein Kostproberl genehmig und den Waggon jetzt abschleck, könnt ich Ihnen nicht mit Sicherheit sagen, welches Lebewesen da zur Ader gelassen wurde. Aber allein die Menge spricht für Schweineblut!“
Ein netter Spaß. Jeder weiß vom anderen haargenau, wie sehr das Gegenüber mit verdeckten Karten spielt und bestens informiert ist, und doch gönnt man sich den Luxus, einander für blöd zu verkaufen. Wie im wahren Leben. Politiker könnten die beiden werden.
„Na dann, Friedmann. Blut vom Schwein also!“
Diese Steilvorlage kann Michael Friedmann natürlich nicht ungenutzt lassen: „Schweine gibt’s bei uns ja wirklich mehr als genug.“
Und logisch setzt Pichlmayr, in dessen Kindheit wohl so einiges gewaltig schiefgelaufen sein muss, nun nach. Entweder war der Herr Major ein unbeliebter Muster- oder ein dauergepiesackter Sonderschüler, anders gibt’s das nicht. Obendrein beschenkt mit offenbar recht originellen Eltern, die ihrem Sohn als Strafverschärfung für den Rest seines Lebens den Vornamen Stanislaus verpassen.
Das kann nur in die Hose gehen.
Und Michael Friedmann muss jetzt dafür büßen.
„Da haben S’ recht, Friedmann. Mehr als genug: Bei uns hier werden Daumen mal Pi täglich 14.000 Schweine geschlachtet, in Deutschland rund 150.000, also 5,5 Millionen jährlich. Weltweit sind das 1,4 Milliarden. Also wie viel pro Sekunde?“ Major Pichlmayr leuchtet zurück auf den Schädel. „Ich helf Ihnen, Friedmann, 44,4 pro Sekunde!“ Er greift in seine Jackentaschen, zückt einen Kugelschreiber, geht in die Knie und deutet auf das kurze an dem Schädel verbliebene Stück Hals.
„Hier, sehen Sie den durchgehenden, sauberen Schnitt? Kein Absetzen. Wie einst die Guillotine, weil wie Sie richtig bemerkt haben, nach einem abgemagerten Langstreckenläufer mit Hendlhals sieht der Kerl jetzt nicht aus! Eher Gewichtheber! Muss also eine verdammt scharfe, lange Klinge gewesen sein. Was meinen Sie?“
Und auch wenn die beiden nun haargenau wissen, welche Tatwaffe hier am Werken war, nimmt keiner auch nur ein Wort mit Schwert oder gar Säbel in den Mund.
„Nudelwalker wird’s jedenfalls kana gwesen sein!“
Nur mehr 21 Tage. Dann ist er Pichlmayr los. Bis dahin heißt es noch anpacken. Ohne Zögern und vor allem ohne Kugelschreiber zieht Michael Friedmann die Oberlippe des Geköpften hoch und legt noch ein Schäuferl nach. Strahlend das Glänzen des Edelstahls im Schein der Taschenlampe.
„Na bitte, Herr Major. Da kann man sich schon was Feines daraus gießen. Goldzähne in Hülle und Fülle. Ich tipp auf Tschetschenen.“
„Zuerst vermuten und jetzt tippen Sie, bravo. Ist nur leider kein Lotto- oder Glücksspiel, unsere Arbeit!“
Wie gern würde ihm Friedmann jetzt ein „Na, damit kennen S’ Ihna ja aus!“ unter die Nase reiben. Major Stanislaus Pichlmayr, der immer dann, wenn er im Casino hockt oder seine Trutschen, die Sara trifft, seiner Ehefrau Karin erzählt, er wäre mit Kollegen bowlen und dann auf ein Bier.
Stattdessen darf er sich die nächste Runde Klugscheißerei anhören: „Und nur weil hier Gold als Zahnersatz getragen wird, schließen Sie auf den Tschetschenen, Friedmann, oder wie soll ich das verstehen! Meines Erachtens kann das über den ganzen Balkan, rüber nach Russland, runter zu den Arabern, Indien, über den Indischen Ozean, Atlantik, nach Südamerika bis rauf in die Bronx alles Mögliche sein!“
Aber Friedmann hält sich tapfer: „Stimmt. Is a durchaus weit verbreitete Modeerscheinung, auch bei ungarischen Zahnarzt-Touristen oder Boxern. Ich glaub aber trotzdem, es is a Tschetschene, weil die Tschetschenen fackeln net lang, wenn’s a bisserl rescher wird. Außerdem g’hörn die mehrheitlich dem sunnitischen Islam an, da steht Schweinefleisch net grad ganz oben auf der Speiskoarten. Und wonn des Schweineblut ist, der letzte Dreck also in ihren Augen, kann so a Schädel in Kombination mit einem besudelten Güterwaggon durchaus a Botschaft sein!“
„Na dann bin ich jetzt gespannt!?“
„Geht nach Hause, ihr Dreckschweine!“
Zwei Männer, die sich ansehen. Friedmann und Pichlmayr. Die kein weiteres Wort verlieren, zu sehr sind sie selbst in diese Geschichte involviert. Die sich jeder eine Zigarette anzünden. Aus derselben Packung.
„Darf ich, Friedmann!“
„Na sicha, Chef!“
„Dafür geb ich Ihnen Feuer!“
„A schlechtes G’schäft für mi, aber danke!“
Zwei Männer, die gemeinsam rauchen, schweigen, während die Spurensicherung emsig an die Arbeit geht und herausfinden wird, was die beiden ohnedies längst wissen.
„Soll ich Ihnen was sagen, Friedmann!“
„Ich bin ganz Ohr, Herr Major!“
„Ihre filterlose Camel is besser als im Büro meine Justfog Q19!“
„Dafür is Ihre elektrische nur Justfun. Meine kann tödlich sein!“
3 Adler: Status?
Taube: Hier Taube. Ohne Bekenntnis, ledig, aber vergeben. Frage: Und wer sind Sie? Kommen.
Adler: Hör auf mit dem Blödsinn. Wie ist der Status? Wo bleibt der Dachs? Er soll kommen. Und zwar flott. Kommen.
Habicht: Hier Habicht. Da muss ich dem Adler recht geben, verdammt. Wir warten schon alle! Dornhauer hat danach die nächste Veranstaltung und ich hab ihm versprochen, pünktlich fertig zu sein. Der verliert schon die Nerven hier.
Taube: Hier Taube. Dornhauer war deine vertrottelte Idee, Habicht. Dieses ganze Theater dorthin zu verlegen. Also reg dich nicht auf und kümmer dich drum.
Habicht: Einen Ort organisieren, wo wir den Überblick behalten, die Leut unter sich sind, niemand sonst gefährdet wird und der koksende Eigentümer Dornhauer obendrein ein vertrauter Kunde des Clans ist, sich unsere Zielpersonen also pudelwohl fühlen, soll eine vertrottelte Idee sein? Bravo, Täubchen, da muss ich doch gleich an den alten Klassiker von Georg Kreisler denken.
Taube: Muss ich das kapieren?
Habicht (singt): Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, gehen wir Tauben vergiften im Park!
Taube: Es regnet, und wenn wir uns sehen, regnet es zusätzlich Fäuste. Freu dich.
Habicht (singt): Die Bäume sind grün und der Himmel ist blau, gehen wir Tauben vergiften im Park. Wir sitzen zusamm’ in der Laube, und ein jeder vergiftet a Taube ...
Adler (brüllt): Kann mir jetzt endlich jemand den Status melden!
Falke: Hier Falke: Der Status ist eine Hurerei, eine elendigliche. Da kommt zwei Wochen kaum Kundschaft, dann hockt dort grad heut so ein g’schissener Alter herum und kauft sich eine riesige lederne Leibschüssel, und jetzt auch noch das. Ring vergessen. A Hirn wie ein Nudelsieb, der Dachs –
Adler: Und bei dir, Taube?
Taube: Füchsin hat Bau 1 längst verlassen. Wojtyla in Papamobil vor Bau 1 schon im Anrollen mit Dachs, parkt sich gleich ein. Alles längst außerhalb des Zeitplans.
Turkish Delight
„Wo?“
„Neben meinem Bett. In der Nachtkästchenlade.“
Ungewohnt hektisch manövriert Petar Wollnar den Pritschenwagen in die ansonsten freizuhaltende Einfahrt.
„Du bleibst im Wagen sitzen und ich hol die Ringe! Schlüssel?“, lässt sich Petar Wollnar selbige übergeben, springt aus dem Auto und läuft durch den Regen.
Kaum ist er im Haus verschwunden, klopft es unter einem Schirm heraus energisch an die Seitenscheibe. „Ja, Herr Metzger, was is’ los? Was machen S’ hier? Die Danjela ist schon weg.“
„Meine Güte, ich bekomm noch einen Herzkasperl!“, kurbelt der Restaurator das Fenster herunter und darf sich umgehend beschnuppern lassen.
„Ui, da riecht’s wie beim Winzer!“, wird er gemustert. „Dafür schauen S’ in Ihrem Anzug aus wie ein Windsor. Ein bissl eng vielleicht, aber das gehört ja jetzt so: Schlimm fit. Richtig fesch!“
„Sie auch.“
„Finden S’. Richten S’ das bitte dem anderen Geschlecht aus, vielleicht find’t sich dann wer!“ Und da würde sich der Metzger jetzt umgehend ein Nasen-Piercing stechen lassen, wenn dieser unbekannte zu findende „Wer“ nicht heimlich auch ein bisserl Petar Wollnar heißt. Zumindest, was jene Aufmerksamkeit angeht, die dem Hausmeister zuteilwird.
Schräg vis-a-vis nämlich hat sich vor einem halben Jahr ein kleines Grafikbüro einquartiert. Und geschimpft wurde in der Gasse, als wäre der Großwesir Kara Mustafa auferstanden und einmarschiert, mitsamt seiner osmanischen Armee.
Yildirim, so lautet die Aufschrift, benannt nach jener Person, die dieses Einzelunternehmen auch führt. Beziehungsweise Persönchen. Ein kleines, pfiffiges Wesen mit derart langem, festem, schwarzem Haar, wie es laut Eigendefinition im Falle eines Knopfverlustes durchaus als Zwirn geeignet wäre, oder: „Da kannst a Geig’n damit bespannen!“ Ausreichend Humor ist bei Yildirim also vorhanden.
Notwendigerweise.
Hürrem Yildirim, um genau zu sein.
Optisch mit unübersehbar türkischen Wurzeln, akustisch aber hätte gelegentlich der Edmund Sackbauer die reinste Freud, weshalb ihr im Freundeskreis der Beiname Mundl angehängt wurde. Und eine größere Anerkennung könnte es für Hürrem gar nicht geben. Mittlerweile wird sie in der Gegend hoch geschätzt, nicht nur, weil ihr Grafikbüro auch sonntags geöffnet hat und in einer kleinen Ecke dieses Regal mit zum Verkauf stehenden türkischen Naschereien steht, Süßes und Salziges, samt ihrer Espressomaschine mit Espressomühle, die reinsten Lockmittel. Sondern auch, weil sie gern in einem weißen Plastiksessel vor dem Laden sitzt, ihren Laptop auf dem Schoß, dabei wie ein Wachhund aus dem Augenwinkel die Umgebung beobachtet und keine Plauderei scheut, was ihr insbesondere die Alleinstehenden danken. Im Speziellen Hausmeister Wollnar.
Da kennt der Metzger seinen Freund schon gut genug, um zu wissen: „Kann es sein, dass du ein bisserl verliebt bist, Petar?“
„In wen? Da bin ich jetzt gespannt! In wen?“
„Ich sag nur Turkish Delight! Zweimal täglich, oder?“
Und rot geworden ist er über beide Ohren. „Hürrem? Du spinnst. Der Espresso bei ihr kostet einen Euro, und das süße Zeug gibt’s gratis dazu. Außerdem könnt die meine Tochter sein!“
„Wenn du mit elf schon geschlechtsreif warst, ja. Sie ist 45!“ Und wie es aussieht, ohne Mann, ohne Kinder, ohne Familie. Ihre Angehörigen sind offenbar die Kunden. „Wie geht’s Ihnen heut, Herr Heinrich, ein Kaffeetscherl gefällig? Oder ein paar Visitenkarten?“ – „Frischen türkischen Honig hätt ich reinbekommen, Frau Berger? Soll ich ihn anschreiben?“
Wie damals eben, als es in Willibalds Kindheit noch den Navratil gab. „Gehst du schnell runter. Wir bräuchten Brot, Eier, Joghurt, bitte!“ Und schon war er unterwegs, der Metzger, für etwa 165 Schritte: runter auf die Straße, die Gasse entlang, dann die erste rechts, vorbei am Friseursalon Adele, und bei der nächsten Glastür hinein. Dort stand der stets freundliche Viktor Navratil in seinem hautengen Oberhemd, umgeben von Lebensmitteln, wobei auch er selbst offenbar ein solches war, denn nicht nur einmal ist dem Metzger aus dem Mund diverser kichernder Kundinnen ein keckes „Sie sind heut wieder zum Anbeißen, Herr Viktor!“ zu Ohren gekommen.
Wenn gute Laune ein Nährstoff ist, wurde man hier satt. Die Greislerei Navratil samt Viktor ist längst Geschichte und wurde als Copyshop wiedergeboren – und auch der wird bald das Zeitliche segnen. Entspannt Lebensmittel zu besorgen, Sozialkontakte inklusive, war lange Zeit ein Relikt jener vergangenen Tage, als die Gegend noch den Anflug einer dörflichen Gemeinde hatte, man einander kannte, und sei es auch nur vom Sehen, die Hand zum Gruß hob. Und kannte man sich nicht, dann auch. Eine Geste, die in Großstädten mittlerweile bevorzugt dort gepflegt wird, wo orientalische Düfte in den Straßen hängen. Vielleicht entsteht Heimat nur dort, wo Menschen einander noch zuwinken, willkommen heißen.
Durch Hürrems Grafikbüro jedenfalls wird die Gasse wiederbelebt, verliert an Anonymität, bekommt eine Art Gesellschaftsleben und dadurch auch Sicherheit zurück. Denn sich mit Hürrem Yildirim anzulegen, erfordert Mut.
Von dem Ladendiebstahlsversuch eines Zwei-Meter-Prügels, den sie trotz ihrer drei kürzeren Köpfe auf offener Straße zur Rechenschaft zog, spricht man heut noch. In einer Geschwindigkeit, bei der ein Leichtathlet nur schwer mithalten kann, ist sie hinterher und hat den Kerl zur Rede gestellt. Worauf der Depp zu singen begann.
C-a-f-f-e-e,
trink nicht so viel Caffee!
Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.
Sei doch kein Muselmann,
der ihn nicht lassen kann!
Einen jener Kinderreime also, den Carl Gottlieb Hering, deutscher Musikpädagoge, geboren 1766, gestorben 1853, neben „Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf Galopp“ und „Morgen, Kinder, wird’s was geben“ so einprägsam vertont hat. Von Generation zu Generation wurde er weitergegeben. Als Kanon sogar, damit ihn möglichst viel Kinderlein mehrstimmig zum Erklingen bringen können. Muselmann. Einst ein Synonym für die Bedrohung Europas, in NS-Zeiten eine Beschreibung jener KZ-Häftlinge, die in den Augen ihrer gottverdammten Mörder ausreichend schwach, blass und krank waren, um in die Gaskammer geführt zu werden. Und heute die im Sprachgebrauch der rechten Szene bewusste Verunglimpfung des Muslims an sich.
„Wenn, dann Muselfrau!“, hat Hürrem ihrem Gegenüber einen gezielten Faustschlag genau dorthin verpasst, wo es wirklich jedes Mannsbild ohne Suspensorium garantiert in die Knie zwingt, ihm die Zigarettenstange abgenommen und frei nach Mundl laufen lassen: „Und wann du Zniachtl ned glei a Woikn bist, kriagst no a Fotzn zusätzlich, dass da vierzehn Tog der Schädl wockelt.“
„Ich wollt übrigens grad losfahren, Herr Metzger. Und Sie? Hätten S’ nicht noch eine Kleinigkeit zu erledigen, bevor S’ wieder in die Wohnung zurück dürfen?“
„Ja, das stimmt: Ich hab noch was durchzustehen!“
„Na hoffentlich können S’ dabei sitzen, weil nüchtern schauen S’ mir ja nimma aus! Geht Ihnen leicht der Reis, der gleich g’worfen werden soll!“ Und jetzt lacht sie, da blinzelt trotz Regen die Sonne heraus. „Verstecken hilft nix, dafür is z’spät.“
„Die Ringe haben wir vergessen!“, kämpft er mit schwerer Zunge gegen seine Rotwein-Unseligkeit und erntet ein Lachen.
„Klassiker! Keine Angst, Herr Metzger, ich pass schon auf Sie auf. Außerdem, raunzen müssen S’ wirklich nicht. Ist doch ein Jackpot, wenn sich wer zum Heiraten find’! Schaun S’ mich an!“ Hürrem fährt sich durch ihr langes Haar und dem Metzger schweben ein paar Violinsaiten auf den Anzug. „Wehe, Sie sagen Ihrer Danjela nicht, sie soll nachher den Brautstrauß genau zu mir werfen! Dann gibt’s Saures!“
Es ist das erste Lachen, das dem Metzger an diesem Tag über die Lippen kommt, und es wird auch sein letztes sein.
„Und schreiben S’ mir a Postkarten von Ihrer Hochzeitsreise. Muss ja ein längerer Ausflug werden, bei dem ganzen Gepäck! Aber g’scheit, währenddessen gleich die Wohnung renovieren lassen. Erspart man sich den Dreck!“
„Wie!“ Jetzt wird ihm zur Aufregung auch noch schlecht obendrein. Was bitte gibt es da zu erneuern, vor allem ohne ihn vorher zu fragen?
Also aussteigen und nachsehen. Sofort.
„Ui! Hätt das leicht eine Überraschung werden sollen?“
Kommentarlos verschwindet der Metzger im Stiegenhaus und eilt die Treppe empor.
„Willibald!“, kommt ihm Petar Wollnar entgegen, streng sein Blick. „Ich hab doch gesagt, du sollst im Auto warten.“
Steckt der ganze Haufen also schon wieder unter einer Decke, und er ist der einzige Depp? Diesmal nicht!
Mit einem dumpfen Nachhall fällt hinter ihm die Wohnungstür ins Schloss, beschriftet mit „D. Djurkovic & W. A. Metzger“. Erfüllt ist das Vorzimmer mit einem fremden Duft. Keine Spur von Danjelas Vanillearoma. Eher eine grobe Note, wie sie oft entsteht, wenn unter verschwitzten haarigen Achseln in letzter Not ein aluminiumfreies Deo aufgetragen wird. Je weiter der Metzger in sein Reich vordringt, desto chemischer der Geruch und desto klarer wird ihm: Nicht nur das Parfum ist fremd. An den Wänden eine dunkelgraue Strukturtapete mit schwarzem Ornamentmuster, wie in einer Gruft. Die Vorhänge wurden erneuert, auch in Grau. Sein teurer Perser gegen einen billigen, rosaroten Diskonter-Teppich ausgewechselt, ein Stinker vor dem Herrn, Kunstfaser pur. Stünde der Hochzeitstermin nicht fest, er würde den ganzen Spaß platzen lassen, so schießt ihm gerade der Zorn ein. Ja, sie wohnen seit Jahren nun beide hier, in seiner Wohnung. Danjela hat ihre Schulwartwohnung aufgegeben, ihre Selbständigkeit, ist hier zuhause – mit ihm gemeinsam. Aber spricht man so grundlegende Veränderungen da nicht ab?
„Willibald! Jetzt komm endlich. Wir müssen fahren!“ Petar Wollnar steht hinter ihm in der Tür, während der Metzger den gemeinsamen Kleiderschrank öffnet. Und in der Tat, einige Reihen haben sich gelichtet. Vor allem auf der Damenseite.
„Was bitte ist hier los, Petar?“
„Das soll dir Danjela schon selber erklären!“
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