Читать книгу: «Eisfuchs»
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Der Winter ist vorbei und damit die Zeit, die die Kinder im Haus verbringen müssen, weil es draußen bitterkalt ist, hoch im Norden Kanadas, am Rande des Eismeers. Im Frühling haben die Kinder das Städtchen in der Hand, streunen auf der Suche nach Abenteuern durch die Straßen und durch die Tundra. Nach so wilden Abenteuern, dass sie dabei sogar das Leben riskieren. Die Erwachsenen sind mit eigenen Problemen beschäftigt und können keinen Halt bieten. Im Gegenteil. Tanya Tagaq erzählt in diesem atemberaubenden Debüt von der Kindheit und Jugend eines Mädchens in der Arktis: von einer übermächtigen Natur, von den allgegenwärtigen Füchsen, den majestätischen Polarbären und den Mythen der Inuit. Unter den furchterregenden und verzaubernden Polarlichtern verschwimmen für das Mädchen die Grenzen zwischen Mensch und Natur, Zeit und Raum, und sie begibt sich auf eine verstörend sinnliche Selbstsuche, um die Wunden zu heilen, an denen in einer sich auflösenden Gemeinschaft alle tragen.
»Tagaq überträgt die endlose Schönheit, Intensität und Trostlosigkeit der Arktis in eine aufwühlende, moderne Erzählung mythologischen Ausmaßes.«
THE NEW YORKER
Über die Autorin
Tanya Tagaq wurde 1975 in Cambridge Bay im heutigen Nunavut, Kanada, geboren. Als Performerin, Komponistin und Sängerin wurde sie mit ihren preisgekrönten Alben »Animism« und »Retribution« international bekannt. »Eisfuchs« ist ihr belletristisches Debüt.
TANYA TAGAQ
EISFUCHS
Aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Illustrationen von Jaime Hernandez
Verlag Antje Kunstmann

Der Verlag dankt dem Canada Council for the Arts und dem Canadian Department of Foreign Affairs and International Trade für die Förderung der Übersetzung.

© der deutschen Ausgabe: Verlag Antje Kunstmann GmbH, München 2020
© Originalausgabe: Tanya Tagaq 2018,
erschienen unter dem Titel »Split Tooth« bei Penguin Canada, einem
Unternehmen der Penguin Random House Canada Ltd.,
vermittelt durch Liepman AG, Zürich
Umschlaggestaltung: Jennifer Griffiths
eBook-Produktion: HGV Hanseatische Gesellschaft für Verlagsservice mbH
ISBN 978-3-95614-371-7
Für die verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas, und für die Überlebenden der Residential Schools.
»Was ist ein Dichter? Ein unglücklicher Mensch, der tiefe Qualen in seinem Herzen birgt, dessen Lippen aber so geformt sind, dass, indem der Seufzer und der Schrei über sie ausströmen, sie klingen wie eine schöne Musik … Und die Menschen scharen sich um den Dichter und sagen zu ihm: Singe bald wieder; das heißt: möchten doch neue Leiden deine Seele martern, und möchten doch die Lippen so geformt bleiben wie bisher; denn der Schrei würde uns nur ängstigen, die Musik aber, die ist lieblich.«
Søren Kierkegaard, Entweder – Oder
1975
MANCHMAL, wenn die Betrunkenen aus der Kneipe nach Hause kamen, versteckten wir uns im Schrank. Knie an Knie saßen wir in unserem Versteck und hofften, dass uns niemand finden würde. Jedes Mal war etwas anderes los. Manchmal war nur Gepolter zu hören, Schreien, Stöhnen, Gelächter. Manchmal kam die alte Frau herein und umarmte uns mit ihrer erdrückenden Liebe, einer Liebe, die wie eine schwere Bürde auf ihr lastete. Schon damals wusste ich, dass Liebe ein Fluch sein kann. Vor lauter Liebe zu uns musste sie weinen. Die Vergangenheit ergoss sich wie ein Fluss aus ihren Augen. Ihr giftiger Alkoholatem erfüllte das Zimmer. Schluchzend griff sie nach uns, küsste uns, küsste das Einzige, dem sie vertrauen konnte.
Wandpaneele aus Holzimitat, der Geruch von Rauch und Fisch. Samtbilder, meist Elvis oder Jesus, aber auch Eisbären und Eskimos.
Eines Abends kamen die Betrunkenen nach Hause und randalierten lauter als sonst, also stiegen wir wieder in den Kleiderschrank. Wir kichern nervös, als das Schreien anfängt. Werden still, als das Gepolter losgeht. Das ganze Haus wackelt. Frauen kreischen, werden aber vom Radau zerbrechender Gegenstände übertönt. Nasses Klatschen von platzender Haut, trockenes Knacken von splitterndem Holz, oder sind das Knochen?
Stille.
Schwere Schritte nähern sich. Scheiße! Jemand kommt auf unser Versteck zu. Wir halten den Atem an. Mit weit aufgerissenen Augen kauern wir in der Dunkelheit, zittern und hoffen auf das Beste. Jemand steht direkt vor dem Schrank und keucht.
Die Schranktür wird aufgeschoben, und mein Onkel steckt den Kopf herein. Ein Riese, der schwankt und lallt. Aus einer Wunde über dem Haaransatz fließt ihm Blut über das Gesicht.
»Ich wollte euch nur sagen, ihr braucht keine Angst zu haben, Kinder.«
Dann macht er die Tür wieder zu.

EIN TAG IM LEBEN
Neun Uhr morgens, bin viel zu spät
Die fünfte Klasse ist hart
Steige hektisch in die Hosen
Vergesse das Zähneputzen
Hab Angst vor der großen Pause
Die Jungs jagen uns und drücken uns zu Boden
Begrapschen unsere Muschis und nicht vorhandenen Brüste
Ich will gemocht werden
Wahrscheinlich muss ich das mögen
Zurück ins Klassenzimmer
Der Lehrer bohrt seine Finger in meinen Slip
Unter dem Tisch
Er sieht sich um und tut so, als wäre nichts
Ich tue, als wäre nichts
Er geht zum nächsten Mädchen, plötzlich bin ich eifersüchtig
Die Luft wird dünner und schmeckt nach Verwesung
Die Schule ist aus
Ich gehe zur Spielhalle
Obacht vor dem alten Walross
Der Alte fasst gern kleinen Mädchen an die Muschi
Wir versuchen uns fernzuhalten
Möchte wissen, warum ihn niemand rauswirft
Zu Hause läuft es jetzt besser
Herzbube mit zwei Damen und keine dicke Luft
Archie-Comics und Lego
Gutenacht
DIE GERÜCHE, die von der Frühlingsschmelze freigesetzt werden, entfachen in uns eine fieberhafte Gier nach Bewegung. Die Luft ist so sauber, dass man den Unterschied zwischen glattem und bröseligem Fels riechen kann. Man riecht das über hellen Schiefer fließende Wasser.
Flechten haben einen süßen Geruch. Die grünen Flechten riechen anders als die schwarzen. Im Frühjahr riecht man, was im vergangenen Herbst gestorben, was in diesem Jahr gewachsen ist; die älteren Flechten zeigen den jungen, wie das Wachsen geht.
Der Frost bringt alles zum Stillstand, Leben und Zeit. Das Tauwetter bringt es wieder zum Fließen. Man riecht die Schritte vom letzten Herbst und die einsetzende Verwesung von allem, was in den Klauen des Winters umgekommen ist. Durch die Erderwärmung kommen die tieferliegenden Gerüche an die Oberfläche und entlocken dem Permafrost seine Geschichten. Wer weiß, welche Erinnerungen tief im Eis begraben liegen? Welche Flüche? Das Flüstern der Erde zurück in die Atmosphäre zu entlassen, kann nur Unheil bringen.
Die ersten grünen Sprösslinge schieben sich zaghaft durch die Eisdecke. Die Rufe der Zugvögel sind wie ein Wecker, der uns aus der Winterstarre reißt. Das Leben ist wieder da! Widerwillig zieht sich das Eis zurück und droht: In ein paar Wochen komme ich wieder und räche mich. Der Winter gewinnt immer. Die Sonne verspottet ihn. Nichts kann die Kakofonie aus Völlerei und Fortpflanzung stoppen, die jetzt loslegt.
Das Meereis ist immer noch dick, aber die Tümpel sind schon vollständig aufgetaut. Die Mückenlarven zucken in Form einer Acht durchs Wasser, hypnotisierend und schön. Ganz anders als in einigen Tagen, wenn sie sich in einen blutrünstigen Wirbelsturm verwandelt haben werden. Hätte ich je Gelegenheit, einen Feind zu foltern, dann würde ich ihn in der Mückensaison nackt in die Tundra schicken, die Hände auf dem Rücken gefesselt.
Wir Kinder dürfen im Frühling frei durch den Ort streifen. Wir sind das ständige Zusammensein mit den Eltern genauso leid wie sie, die ein halbes Jahr lang unser Herumtoben im Haus aushalten mussten. Die nie untergehende Sonne wärmt uns und nährt unsere Fantasie. Auf der Suche nach Abenteuern ziehen wir durch die staubigen Straßen. Große Kinderbanden und ebenso große Rudel frei laufender Hunde streunen durch die Stadt. Ich frage mich, vor welcher Gruppe man sich mehr in Acht nehmen muss. Alle meine Freundinnen dürfen so lange draußen bleiben, wie sie wollen, alle, nur ich nicht! Um elf Uhr müssen wir mit unserem Abenteuer fertig sein.
Wir verlassen den Ort und finden einen kleinen See. Er ist ungefähr fünfzig Meter lang und halb so breit. Blaue Styroporteile liegen herum, die in der letzten Bausaison hierher geweht worden sind. Wir wollen Helden sein und benutzen die instabilen Styroporplatten als Boote. Bedenken – die kräftigen Böen, die Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt und die Tiefe des Sees – schlagen wir in den Wind, der sie fortweht wie Styropor. Über so etwas denken Elfjährige nicht nach.
Keiner von uns kann schwimmen. Abwechselnd paddeln wir hinaus, mit einem Stock als Ruder, unsere kleinen Körper halten auf dem wackligen blauen Gefährt mit Mühe das Gleichgewicht. Der Wind wird stärker. Einer von uns wird unweigerlich zu weit hinausgetrieben, und das selbst gemachte Paddel ist völlig unzureichend, um ans Ufer zurück zukommen. Er ist der Kleinste in der Gruppe. Immer ist es der Kleinste. Still, unterwürfig, ein ewiges Lächeln auf den Lippen. Die Wölfe lassen ihn in Ruhe, weil er so lieb ist. Er ist der hübscheste von den Jungs, und die Mädchen wollen ihn entweder bemuttern oder sind insgeheim in ihn verknallt. Einmal habe ich ihn geküsst; sein Mund war klein und weich, seine Zunge träge.
Der Wind bläst ihn weiter hinaus. Fällt er ins Wasser, ertrinkt er. Das wissen wir alle. Niemand sagt ein Wort. Wir überlassen das Heulen dem Wind. Das kleine Gesicht des Jungen wird immer besorgter. Jetzt treibt er in der Seemitte. Seine dünne Windjacke flattert hoch, offenbart magere Rippen und ein leichtes Schaudern. Ich sehe seine Schwäche, spüre seine Verletzlichkeit. Nichts ist zu hören als der Wind und der flatternde Stoff unserer Kleidung. Der Junge wird vollkommen ruhig, noch ruhiger als sonst. Er sieht aus wie ein gelassener alter Mann; er sieht aus, als sei alles in Ordnung. Eine Windbö, das Styropor kippelt, erst auf die eine Seite, dann die andere. Aber sein Körper weiß, was zu tun ist. Der Kleine holt tief Luft, und mit dem Atem wird sein Floß wieder stabiler. Jetzt ist er fast am gegenüberliegenden Ufer. Ich sehe, wie seine Hände zittern, als er den Stock ins Wasser taucht. Er ist in Sicherheit. Er hat das Ufer erreicht. Sein Blick wirkt erwachsener. Wir sind gerade Zeugen geworden, wie er zum Mann geworden ist. Alle jubeln! Es ist nach elf; ich rase heim.
Das war unser Styroporspiel. In der Woche danach benutzten sieben Kinder auf einem größeren See nahe beim Flugplatz einen in der Mitte durchgeschnittenen Wassertank als Boot und ertranken. Wir haben unser Styroporspiel nie wieder gespielt.
Atme kleine Ängste ein daraus werden Zweifel werden Worte wird Meinung wird Wut wird Hass wird Gewalt.
Atme große Ängste und große Worte aus sie fallen auf dich zurück wie leicht wird man unter den eigenen Spiegeln begraben.
Atme kleine Ängste ein sie flüstern und kriechen in deinen Kopf achte sie und danke ihnen dass sie dich schützen wollen.
Atme Anerkennung aus für die Schönheit deiner Instinkte und den Mut kleine Ängste zu lieben.
Atme bleierne Liebe ein wie einen Duft und ernte den Lohn iss kaue schlucke verschlinge die viele Güte und Liebe die man dir schenkt.
Atme Ruhe aus in Anerkennung der Schönheit des Mutes den es braucht die Liebe nicht zu fürchten.
EINE STAUBIGE SOMMERNACHT in der Hocharktis. Hell steht die Sonne am Himmel. Die Sonne bringt Leben und Lust auf Streiche, Heiterkeit und Träume. Es ist zwei Uhr morgens und ich kümmere mich nicht mehr darum, wann ich zu Hause sein muss. Das werde ich bitter büßen müssen, wenn ich heimkomme und die donnernden Schritte meines Vaters das Haus mit einem Zorn erschüttern, wie nur er ihn aufbringt.
Es lohnt sich, ungehorsam zu sein und zusammen mit meinen Brüdern und Schwestern prickelnde Freiheit und Neugier zu zelebrieren. Mit zittrigen Fingerspitzen und schwankenden X-Beinen beschwören und verschwören wir uns; wir verscheuchen die Zweifel und überlassen uns der Lebenslust. Der Winter war lang und bedrückend. Wir wissen alle, dass wir bald Teenager sein werden – die Zeit ist kostbar. Alle Kinder an der Schwelle zur Pubertät verstehen instinktiv, dass diese magische Zeit bald vorbei sein wird. Sie begrüßen die Zukunft und sehnen sich nach dem Erwachsensein, leben aber noch in der kindlichen Fantasiewelt. Im Jungsein schwelgen, wünschen, es würde nie enden. Nie weiter als bis zur eigenen Nasenspitze blicken, während der mächtige Blitzschlag wachsender Zellen und vermeintlicher Unsterblichkeit durch unsere Körper fährt. Wir zeigen es der Zeit, wir pflücken uns gegenseitig das Lächeln von den Gesichtern. Kitzeln Kichern aus den Rippen, werfen mit Beleidigungen um uns, als seien es Komplimente.
In unserem kleinen Ort hört man mittags um zwölf und abends um zehn eine Sirene. Sämtliche Schlittenhunde fallen in das Sirenengeheul mit ein; wahrscheinlich stellen sie sich vor, es sei ein großer, lauter Hundegott, der mit seinem Jaulen über das Land herrscht. Das erinnert mich an Religion – der kurzsichtige und verzweifelte Versuch, in einem Universum, das wir unmöglich verstehen können, Vernunft und Ordnung herzustellen. Dabei ist die Wahrheit ganz einfach: Wir haben alles der Sonne und ihrer Energie zu verdanken. Wir sind wunderbarer Ausdruck der Macht des Universums. Wir sind die Fingerspitzen der Kraft, die die Sterne antreibt, also tut gefälligst, wozu ihr da seid, und FÜHLT.
Unser schwarzhaariges Menschenrudel treibt sich an der Hintertreppe der Schule herum. Zähneknirschend, gaumenmalmend, hungrig nach Betätigung, Zungen, die Streit suchen und Wunschwelten erschaffen, in denen wir interessant und wichtig sind, nicht bloß Kinder auf der Schultreppe. Nicht bloß Teil dieses langweiligen Kaffs mit seinen zwölfhundert Seelen (wenn man ausschließlich die Menschen zählt, aber wer sagt eigentlich, dass das Universum nur in den Menschen lebendig ist?). Die Hintertreppe ist unauffälliger als die am Eingang, wo unter der Sommersonne nichts vor neugierigen Blicken verborgen bleibt. Neben der Treppe steht ein großer Wassertank; das ist gut. Dahinter können wir uns verstecken, wenn wir den Pick-up der Gemeindepolizei hören. Uns vor dem Gemeindepolizisten zu verstecken ist eins unserer Lieblingsspiele. Seine Aufgabe ist es, in dem Städtchen herumzufahren, die Kinder nach Hause zu schicken und streunende Hunde zu erschießen. Er will, dass wir sicher in unseren Betten liegen. Aber sind Betten wirklich so sicher?
Helligkeit. Gelächter. Wir sind eine Gang aus fünf schlaksigen Mädchen und einem kleinen Jungen im schrecklichen Strudel peinlichen Verknalltseins und verstohlener Blicke. Unbeholfene Anmachversuche, die nur ein Ziel haben: sagen zu können, jemand steht auf mich. Die Zeit, in der wir die Teenager beim Knutschen neben der Jukebox sehnsüchtig beobachten und hoffen, dass wir eines Tages die Freiheit besitzen werden, Ja zu sagen. Damals wusste ich nicht einmal, wie man Nein sagt.
Bisher habe ich mich ganz auf meine Schnelligkeit und Beweglichkeit verlassen. Leider sind die Jungs in letzter Zeit schneller, stärker und größer geworden, und das macht mich fertig, weil ich bisher immer die Beste war. Mein Ich ist ins Wanken geraten. Mit einem Mal bin ich machtlos, habe meinen Fahnenmast im sozialen Gefüge verloren. Ich war die Schnellste. Eine bittere Pille für ein wildes Mädchen wie mich. Ich will die Jungs wieder besiegen können. Früher habe ich ihnen in die Eier getreten. Der einzige Junge, der an diesem Abend mit uns zusammen abhängt, ist ein bisschen jünger als wir; klein für sein Alter, aber total von sich selbst überzeugt. Er hat dunkelbraune Haut und tiefschwarze Augen. Sein Haar ist so schwarz, dass es blau in der Sonne schimmert, was ich hin reißend finde. Er ist echt süß, auch wenn er noch keine tiefe Stimme und keine feuchten Träume hat. Die Mädchen wollen ihn alle knuddeln wie eine Puppe. Aber er ist fies, in der Art, wie nur unsichere Leute fies sein können. Er nervt mich in vielerlei Hinsicht, aber nichts ist nerviger als seine blöden Bemerkungen, ich sei in meine Freundin verknallt. Sie ahnt nichts davon, deswegen machen mich seine pubertären Sprüche noch aggressiver. Ich habe Mädchen immer schon gern gemocht, aber unser unerträgliches Kaff findet so etwas abartig. Dieser kleine Scheißer macht die Sache nicht einfacher. Wir sammeln alte Zigarettenkippen vom Boden auf, paffen ein bisschen daran herum und verbrennen uns Mund und Finger an der Unwürdigkeit des Ganzen. Rund um den Hudson’s-Bay-Laden und den Co-op liegen immer genug Kippen herum, aber heute Abend haben wir alles aufgeraucht. Die größeren Kids rauchen meistens hier auf der Hintertreppe, da kann man gute, lange Kippen finden, die sie schnell wegschmeißen müssen, wenn die Lehrer sich anschleichen und versuchen, sie auf frischer Tat zu ertappen.
Der kleine Scheißer will unbedingt Streit. In einem fort quasselt er, Jungs seien so viel besser als Mädchen. Jungs seien stärker, Jungs seien schneller, und schlauer natürlich auch. Schwule sind eklig und er hasst sie. Mir kommt er vor wie eine lästige Mücke. Ich habe eine Idee. Ich springe vom Geländer und packe ihn von hinten. Er ist ein Fliegengewicht. Problemlos bringe ich ihn zu Fall, drücke ihn zu Boden und fordere die anderen auf, mir zu helfen. Wir lachen wie die Wahnsinnigen. Ich ziehe ihm das Hemd aus. Sein kleiner, brauner Bauch ist flach. Muskulöses Mini-Sixpack, magere Ärmchen. Die Hose ziehen wir ihm auch herunter. Seine Knöchel sind so schmal. Er ist so zierlich. Seine dunkle Haut ist mit großen, schwarzen Muttermalen übersät. Er riecht nach Rauch und Panik. Er hat noch keine Haare am Körper. Zwei Mädchen halten ihn an den Beinen fest, eine an den Armen, und ich ziehe ihm die Klamotten aus. Jetzt sind wir einmal fies.
Er kreischt, wir sollen aufhören, aber wir kitzeln ihn durch, und er lacht sich schlapp. Damit es nicht zu peinlich wird, darf er Unterhose und Socken anbehalten, Hemd und Hose klauen wir. Mit unserer Beute rennen wir so schnell es geht auf die Main Street zu, er rennt hinter uns her und brüllt, wir sollen ihm seine Sachen wiedergeben. Als wir auf die Main biegen, sehen wir ein paar andere Kids. Er wird sicher nicht riskieren, halb nackt gesehen zu werden, doch er nimmt die Ecke furchtlos, grinst die anderen nur breit an und sprintet weiter. Abgehackter Atem, stechende Lunge, brennende Seiten: Wir überlassen uns der Welt. Mit fliegenden Sohlen und rasendem Herzen biegen wir um die nächste Ecke und sehen eine Gruppe Erwachsener. Wir quietschen voller Schadenfreude und rennen weiter – er wird uns nicht mehr verfolgen, das wissen wir. Dass Erwachsene ihn so sehen, wird er nicht riskieren.

Ich denke daran, wie oft ich mir schon anhören musste, dass ich als Mädchen weniger wert bin. Ich denke daran, wie oft mich Männer angegrapscht haben, obwohl ich das nicht wollte. Ich denke daran, was für ein herrliches Gefühl es ist, die Hose von einem der aufgeblasenen Gockel durch die Luft zu schwenken, während er sich hinter einer Ecke versteckt. Wir rennen einmal um die Schule. An der Rückseite wartet er auf uns und schlägt weinend nach den Mücken. Es ist nicht das letzte Mal, dass er in Schwierigkeiten gerät, weil er ein großes Mundwerk und nichts dahinter hat. Am Ende stirbt er so.
BRUSTBEIN
Das menschliche Brustbein kann so viel
Beschützer des Zwerchfells
Killer und Milchspender der Hoffnung
Hochzeit von Mark und Knorpel
Hebt und senkt sich
Sperrt das Herz ein
Hält es am Leben
Käfig für Atem und Blut
Das menschliche Brustbein dient zu so vielem
Schlüsselbeine als Lenkstangen
Rippen als Stufen
Das Brustbein ist der Schild
Sogar behindert
Sogar wenn es einem kleinen Mädchen die Luft nimmt
Während die Bettfedern quietschen
RITUAL
EIN PAAR MINUTEN außerhalb gibt es einen kleinen Sumpf in der Tundra. Er ist voller Sperrholzbretter, die der gnadenlose arktische Wind von den Baustellen hierher geweht hat. Die Winterwinde und der Permafrost lassen nur wenige Monate lang Bauarbeiten zu. Dann schuften die Bauarbeiter rund um die Uhr unter der Mitternachtssonne. Ein paar Sperrholzlatten hinterherzujagen, die von den heftigen Böen der Hoch arktis weggeweht worden sind, ist nicht Grund genug, um das Werkzeug sinken zu lassen.
Unter diesen Brettern finden unendlich viele Arten Schutz vor dem Wind. In der weiten Baumlosigkeit wird das Sperrholz zur Heimat. Eine dunkle Zuflucht, die Sicherheit vor den vielen Raubtieren bietet. Alle möglichen Lebewesen stöbern wir unter den Spanplatten auf: Käfer, Vogelküken, Lemminge. Die Lemminge mag ich am liebsten. Wenn ich das Dach von ihrem Unterschlupf reiße, erschrecken sie sehr und rennen blind los, um vor dem Monster zu fliehen, das ihre Welt kaputt gemacht hat.
Wenn ich einen gejagt und gefangen habe, halte ich ihn in meinen gewölbten Händen und singe ihm was vor, bis sein Herz wieder normal schlägt. Dann stecke ich mir die Lemminge in die Taschen. Bloß nicht mehr als einen pro Tasche, sonst fangen sie an, sich zu bekämpfen. Nur wenige Lebewesen bleiben friedlich, wenn der Platz knapp wird. Ich habe sechs Taschen in meiner Windjacke. Sechs Lemminge am Tag, Doktor gespart.
Auf dem Heimweg pfeife ich und platze fast vor Vorfreude auf mein tägliches Ritual; heute habe ich nur fünf Lemminge. An der Rückseite unseres Hauses gibt es einen kleinen Windfang. Niemand geht zur Hintertür hinaus, darum ist der Windfang mein Reich. Hier kann ich Sachen verstecken und so tun, als ob der Rest der Welt ebenfalls mir gehört. Ich hole ein paar Karotten und Selleriestangen aus dem Kühlschrank, dann setze ich die Lemminge in dem leeren Windfang auf den Boden. Die Karotten gehören in die Ecke. Erst haben die Tierchen Angst, aber so einem Buffet können sie nicht widerstehen. Ich lasse sie mümmeln, bis sie ruhig werden, und gehe rein.
Im Wohnzimmer steht ein Aquarium. Mit Molchen, Schnecken und Fischen. Die Schnecken vermehren sich zu schnell, deswegen beginnt mein Ritual damit, dass ich mindestens zehn von ihnen am Glas zerquetsche, mit Häuschen und allem. Ich finde es befriedigend, wenn ich die Häuser zerbrechen höre – wie wenn man beim Staubsaugen richtig viel Dreck aufsaugt, der in einer blechernen Symphonie das Rohr hinaufklimpert.
Der zweite Teil meines Rituals besteht darin, einen der Molche am Schwanz zu packen und in den Mund zu nehmen. Erst sitzt er auf meiner Zunge, die winzigen Saugnäpfe seiner Zehen heften sich an meine Geschmacksknospen. Ich schließe den Mund. Der Molch kriecht kurz verwirrt herum, dann macht er es sich in der dunklen Wärme bequem. Er windet sich unter meine Zunge und schläft normalerweise dort ein. Ich erledige ein bisschen was im Haushalt, während er sich ausruht, öffne ab und zu den Mund, damit er frische Luft bekommt. Ich gehe ins Bad und stelle mich vor den Spiegel. Der Molch schläft fast immer, seine niedlichen kleinen Augen sind geschlossen und entspannt, meine Zunge ist seine Bettdecke. Ich finde ihn süß. Ich setze ihn zurück ins Aquarium und gehe nach meinen felligen Freunden schauen.

Die Lemminge sind satt und zufrieden. Ich lege mich in den kleinen Windfang. Wenn ich die Knie anziehe, passe ich der Länge nach in das Karree. Ich breite meine langen Haare auf dem Boden aus und warte. Liege ganz still da. Die Lemminge beruhigen sich und fangen dann an, herumzuwuseln. Sie finden mein Haar. Es weckt ihren Wühlinstinkt. Sie gelangen bis zu meiner Kopfhaut, wo sie Unterschlupf suchen. Winzige Pfötchen, die blitzschnell meinen Kopf massieren. Nie verlassen sie den Schutz meiner Haare. Sie machen etwa zehn Minuten lang so weiter, bis sie genug vom vermeintlichen Graben haben. Für mich sind es die schönsten zehn Minuten des Tages. Es ist die beste Massage, die ich je im Leben bekommen habe. Wenn die Lemminge müde geworden sind, stecke ich sie zurück in die Taschen und bringe sie dorthin zurück, wo ich sie gefunden habe. Ich muss sie wegbringen, bevor meine Eltern nach Hause kommen. Die Lemminge sind satt von den Karotten und glücklich. Morgen komme ich wieder. Einmal hat meine Mutter ein Bröckchen Lemmingkacke in meinen Haaren gefunden. Sie musste unglaublich lachen und fragte, wie es dorthin geraten sei. Ich erzählte ihr, ich hätte mich in der Tundra auf die Erde gelegt. Mein kleines Ritual habe ich immer für mich behalten, bis jetzt.
»Ich mache sie nur ein bisschen nass«, sagt er
Was meint er damit?
Da unten ist es nicht nass
Ich hatte ja noch nicht einmal Haare, da unten
Ich liege stocksteif
Sage Nein
Er versucht es immer wieder
Sein hartes Ding reinzuschieben
In ein Loch, wo kein Loch ist
Es ist trocken
Die ächzende Verzweiflung in seinem Atem
Die saure Angst in meinem
Endlich kommt jemand an die Tür
Und er springt von mir herunter
Als sei nie etwas geschehen
NINE MILE LAKE
DU WARST ERST SIEBEN JAHRE ALT, meine kleine Cousine. Ich war elf, die Große. Wir stibitzten ein bisschen Geld von unseren Eltern und gingen in den Laden. Der Resolute Bay Co-op verströmte einen ganz besonderen Geruch. Es roch trocken, ein bisschen schimmlig und sehr staubig. Wir waren noch klein, deswegen erschienen uns die Gänge unheimlich lang. Wir führten hitzige Diskussionen, was wir kaufen sollten, und kamen am Ende mit zwei Riesentüten Junkfood wieder heraus. Cola, M&Ms, Kartoffelchips mit Essiggeschmack, das komische rosa Popcorn mit dem Elefanten auf der Verpackung, Popeye-Zigaretten und sogar ein paar echte Zigaretten.
Die zündeten wir hinter dem alten Nurdachhaus beim Spielplatz an und hofften, unsere Mütter würden uns da nicht sehen. Im selben Sommer waren wir schon beim Rauchen unterm Windfang erwischt worden, dazu hatten wir eine Packung Flintstones-Vitamintabletten aufgefuttert. An dem Tag war keiner stolz auf uns. Mir war klar, dass ich als schlechter Einfluss angesehen wurde, aber ich konnte dich nicht davon abhalten, mir ständig hinterherzulaufen. Manchmal habe ich dich hereingelegt und bin weggerannt, aber dann hatte ich ein schlechtes Gewissen und kam zurück, weil ich mir herzlos vorkam, wenn ich an dein kleines, tränenüberströmtes Gesicht dachte. Wenn ich mit den großen Jungs unterwegs war, durftest du allerdings nicht mitkommen, weil wir immer irgendwelche schlimmen Sachen ausheckten. Für das ganze Chaos warst du noch zu klein. Ich versuchte ja, dich zu beschützen. Das versuche ich immer noch.
Es war schon spät, aber das spielte keine Rolle. Die Mitternachtssonne leuchtete taghell, und der kalte Wind hielt uns wach. Drei Monate ununterbrochener Helligkeit bedeuteten, dass wir nicht mehr zu bestimmten Uhrzeiten zu Hause sein mussten. Wir waren auf der Suche nach Abenteuern, und die waren am besten außerhalb zu finden. In der riesigen Tundra gab es ein paar interessante Orte, zu denen wir einen Ausflug machen konnten. Der Fluss war relativ nah, dort legten wir an den Stromschnellen ein Brett über die spitzen Felsen und beteten, dass unsere selbst gebaute Brücke hielt, wenn wir darüberbalancierten. Wir konnten auch an den Strand gehen. Dort gab es jede Menge Seetang und darunter verborgene Schätze. Weißt du noch, wie wir die Seeschlange gefunden haben, deren aufgedunsener Leichnam uns so kalt und einsam vorkam? Auf dem Spielplatz war es eigentlich auch nicht schlecht, bloß tauchte da unweigerlich ein besonders beknackter Benzinschnüffler auf und nervte uns. Dann lieber raus aus dem Kaff.
Wir marschierten allein los und kamen uns wie große Mädchen vor, wie Jugendliche. Du bist auf deinen kurzen Beinen hinterhergezockelt. Wir waren auf dem Weg zum Signal Hill. Es bis zum Funkturm zu schaffen war gut, aber ich wollte unbedingt zu den Klippen. Der Aufstieg war steil, und wir atmeten schwer, als wir den Gipfel erreichten. Oben angekommen aßen wir die Hälfte unseres Proviants und ließen die Füße über dem Abgrund baumeln, während wir Ausschau nach Eisbären hielten. Den Steilhang ist mein Onkel im Winter oft heruntergerodelt. Ich weiß noch genau, dass ich ihn immer unglaublich cool fand und hoffte, ich würde als Erwachsene genauso mutig sein wie er.
Wir beschlossen, bis zum Nine Mile Lake weiterzulaufen. Von oben sah es aus, als wären es nur ein paar Kilometer. An diesem Tag lernte ich, dass in der Tundra alles viel näher scheint, als es in Wirklichkeit ist. Die baumlose Weite sorgt für diese optische Täuschung. Aber wir würden es schaffen. Am schwierigsten war es, unbeschadet an den Möwennestern vorbeizukommen. Außen herumgehen war unmöglich; wir mussten durch die Zone mit den Nestern hindurch. Einen solchen Mut brachte man nicht leicht auf, und wir rannten so schnell wir konnten, deine kleine Hand in meiner.
Die Möwen kreischten und stürzten sich auf jeden, der ihren Nestern zu nahe kam. Ich reckte die Faust in den Himmel und schwenkte sie beim Rennen, damit die Möwen auf den höchsten Punkt einhackten. Durch die dünnen Handschuhe hindurch spürte ich die spitzen Schnäbel. Wir rannten so schnell wir konnten, so schnell, dass wir sogar ein paar kostbare Chipstüten aus unserem Proviant verloren. Als wir die Nester hinter uns hatten, lachten wir mit roten, erhitzten Gesichtern. Dein niedliches, kleines Gesicht an jenem Tag werde ich nie vergessen, voller Stolz und Aufregung über das, was wir geschafft hatten. Ich trug dein Herz in meinem. Das tue ich immer noch.
Die Tundra ist nur spärlich bewachsen, voller Felsen, ohne Bäume und fast ohne Erde. Die Flechten brauchen Jahrhunderte zum Wachsen. Sie wachsen, sterben irgendwann ab und bilden schließlich den wenigen Humus. Überall gibt es trockenes, bröseliges Schiefergestein. Das hohle, knirschende Rieseln unter jedem Schritt ist immer noch eins meiner liebsten Geräusche.
Wir hoben eine Spanplatte hoch und fanden das Nest einer Schneeammer. Drei nackte Vogelküken piepsten uns entgegen. Sie waren gerade erst geschlüpft und noch ganz klein. Die Adern unter ihren noch nicht geöffneten Augen pochten violett, die Hälse waren kaum stark genug, um die Köpfe hochzuhalten. Schrille Schreie erfüllten die Luft, Panik entstand. Wir wollten ihnen was Gutes tun! Hatten sie Hunger? Wir rissen die Tüte mit Elefanten-Popcorn auf und steckten etwas davon in die aufgerissenen Schnäbel. Entsetzt sahen wir zu, wie sich ein Vogeljunges nach dem anderen am Popcorn verschluckte und starb. Wir sahen den Puffmais in den durchsichtigen, dünnen Kehlen. Aber wir konnten nichts tun. Die Mutter kehrte von der Insektenjagd zurück, und wir weinten noch bitterlicher. Niedergeschlagen zogen wir ab, kamen uns vor wie Dämonen und hofften, dass keiner von uns darüber reden würde. Mit dir zusammen beging ich die größten Fehler. Das tue ich immer noch.
Als wir endlich am Nine Mile Lake ankamen, waren wir dankbar und erleichtert, dass der Wind sich ein wenig gelegt hatte, weil man dann nicht so leicht von den Eisbären gerochen wird. Die Wasserfläche war riesig und sauber. Frisches, arktisches Süßwasser löscht schnell den Durst. Um den See herum gab es kleinere Tümpel, in denen junge Forellen herumschwammen. Ich fing eine und steckte sie in den Mund. Ich ließ sie meine Speiseröhre hinabschwimmen; ihre Schwanzflosse kitzelte mich bis ganz hinunter in den Bauch. Es war köstlich. Das Fleisch war so frisch. Etwas erwachte in mir, eine alte, eine uralte Erinnerung: das Essen von etwas Lebendigem. Das ist die wahre Vereinigung von Fleisch mit Fleisch. Meine Wirbelsäule richtete sich auf. Wird Fleisch lebendig verzehrt, verleibt man sich zusammen mit der Energie auch den Geist ein. Deswegen sind wilde Raubtiere so stark. Je länger der Augenblick des Todes zurückliegt, desto weniger Energie enthalten Fisch oder Fleisch. Wir machten es wie die Möwen, kauten die kleinen Fische gar nicht, sondern ließen sie einfach unsere Kehle hinunterschwimmen. Wir fraßen uns voll. Die Energie des Fischlebens wurde mühelos von meinem Körper aufgenommen, und das Todeszappeln der Forellen war wie ein schimmernder, schwimmender Wegweiser in den Himmel. Wenn wir es den Möwen gleichtaten, konnten wir vielleicht auch segelnde, kreischende Vögel werden. Wir würden nach Hause fliegen.
DIE TOPOGRAFIE DES MITLEIDS
Betrachte die Menschen voller Mitleid
Warum sind sie so geknechtet?
Was mag mit ihnen passiert sein?
Was mag mit dir passiert sein?
Vielleicht sind wir am Konsum erkrankt
Vielleicht sind wir am Stolz erkrankt
Vielleicht sind wir an Apathie erkrankt
Dein Besitz wird dich nicht retten
Dein Geld wird dich nicht retten
Selbst wenn du deine Ersparnisse rettest
Das Geld wird nie reichen und du wirst nie reichen
Wir betrachten die vernarbte Erde voller Mitleid
Was haben wir ihr angetan?
Hat sie uns nicht mit Mineralien versorgt
Und mit Elektrizität
Hat sie uns nicht ausgespuckt
Und das Leben geschenkt?
Nur um uns wieder zu verschlucken
Und mit den Jahreszeiten zu atmen?
Damit wir zu ihrer Humusschicht werden?
Vielleicht betrachtet sie uns nicht mit der Liebe einer Mutter
Sondern mit derselben Gleichgültigkeit
Die wir für unsere Lunge empfinden
Mit derselben Gleichgültigkeit
Die wir für den Menschen ohne Obdach empfinden
ALS ES DAS ERSTE MAL GESCHAH
IN DIESEM HAUS herrschen die Kinder. In einer kalten Sommernacht rotten wir uns zusammen. Aluminiumfolie gegen die Sonne vor den Fenstern, eine Socke im Loch, in dem einmal ein Türknauf war, damit die Kleinen nicht spionieren können. Es ist unser Schutzhaus, in dem niemand trinkt. Keine Erwachsenen, keine Vorschriften.
Wir sind sechs oder sieben Kinder, lungern herum, unsere Fantasien und Träume im Kopf. Alles ist ganz einfach. Wir leben von einem Moment zum nächsten. Ich bin elf. Ein paar spielen Fangen, rennen herum und juchzen vor Freude. Drei von uns sitzen mit dem Rücken zur Wand, mit dem Rücken zur Welt auf den blanken Matratzen. Eine Blondie-Kassette läuft auf Endlosschleife. Die Älteren kommandieren die Jüngeren herum, frotzeln, sie sollen die Ältesten respektieren. Wir spielen Flaschendrehen und Verstecken. Wir messen uns darin, wer am besten einen auf Blondie machen kann, und plündern die Küchenregale. Wir schmieren uns Erdnussbutter ins Haar und brüllen grundlos vor Lachen. Wir sind schon so lange wach, dass ein süßes Delirium eingesetzt hat. Einer furzt, und wir lachen uns eine Viertelstunde lang tot. Einem anderen schießt bei einem Lachanfall Kool-Aid aus der Nase, ein riesiger Popel kommt mit heraus, und wir lachen so lang und heftig, bis es wehtut.
Ich spüre, wie etwas in den Raum eindringt, von der oberen rechten Ecke her. Ich kann es nicht sehen, aber ich weiß trotzdem ganz genau, dass es da ist. Mein echtes Ich erkennt das Gefühl, es kennt den Ort, wo dieses Wesen herkommt, wo es lebt. Es gibt noch andere Wirklichkeiten, die neben unserer existieren; das nicht zu glauben wäre reine Dummheit. Das Universum hat ein Bewusstsein. Dieses Etwas entstammt den Energiesphären jenseits unserer körperlichen Wahrnehmung. Es kommt von dort, wo wir hingehen, wenn wir sterben, von dort, wo wir waren, bevor wir gezeugt wurden. Jahrtausendelang halten wir uns an diesen Orten auf – Jahrtausende der Universumzeit. Hier auf der Erde und in unserem Körper haben wir nur einen kurzen Augenblick. Bevor wir geboren werden, muss Energie zu Geist gewoben und dann in einen Körper geflößt werden. Wenn wir gestorben sind, muss der Geist nach den traumatischen Erlebnissen im Körper getröstet und dann wieder in Energie aufgetrennt werden. Sich an diesen jenseitigen Ort zu erinnern hat sein Gutes, aber das Etwas, das sich hier eingeschlichen hat, ist alles andere als gut.
Dieses Wesen so deutlich zu spüren entsetzt mich. Wenn es ein Ton wäre, dann wäre es ein leiser Ton, der lauter und lauter wird, bis man an nichts anderes mehr denken kann. Die Bedrohung kriecht mir unter die Haut. Das Etwas wird größer und lässt seine Absichten erkennen. Es ist noch nicht fertig mit dem Fleisch: Es will in mich eindringen! Ein Gefühl, als ob sich ein Riese in meinen Körper winden will, er bohrt von außen an meiner Haut und will sie aufbrechen. Er sucht nach Rissen, Löchern, Poren, jeder Weg ins Fleisch ist ihm recht. Ich bin neugierig und frage mich, was wohl geschehen würde, wenn ich ihn einließe. Ich frage mich, wie dieses Hereinlassen, Einlassen aussehen würde. Angst empfinde ich nicht, nur Neugier. Ich sehe mich nicht als Beute. Ich bin auch ein Räuber.
Die Zeit steht still; zwischen jedem Ticken der Uhr vergehen Minuten. Mir wird bewusst, dass nicht alle das Wesen wahrnehmen, niemand sonst ist unruhig geworden. Der Blick meiner Cousine trifft meinen in dieser Pause im Fluss der Zeit. Sie spürt es auch! Sie sitzt im Schneidersitz auf der Matratze, mir zugewandt. Beide wissen wir instinktiv, was zu tun ist. Woher kommt dieses Wissen? Niemand hat uns beigebracht, was wir zu tun haben, aber das Ritual steckt uns als lebendiges Erbe in den Knochen. Wie beim Gebären verhalten wir uns unwillkürlich richtig, damit etwas, das wir nicht verstehen, möglich werden kann. Meine Cousine beugt sich vor und legt ihren Kopf in meinen Schoß. Ich spüre einen Ruck, als würden zwei Puzzleteile an einem nicht-materiellen Ort ineinandergefügt. Meine Cousine überträgt mir ihre Energie, und wir werden ein Wesen: WIR. Sie ist die Absicht, die die Hand bewegt. Ich bin die Tür. Sie ist der Akkupack und liefert den Antrieb; ich bin das Leuchtfeuer, das die Energie ruft, das Licht entzündet und den Weg ebnet, um aus unserer Wirklichkeit auszubrechen. Ein lautes Knacken ertönt, als würde ein Rückgrat gebrochen.
Es ist seltsam, an diesem Neuen Ort zu sein. Ich kann alles hören, aber gedämpft, wie durch einen schmalen, wattierten Schlauch. Um mich herum ist kein Licht, ich bin schwerelos. Die Freiheit von den Sorgen des Bewusstseins ist eine große Erleichterung. Ich bin nicht in meinem Körper. Die Zeit ist auf einmal ein leichtes, freundliches Ding geworden, weil sie nicht mehr durch meine körperliche Gestalt jagt. Es ist die Zeit, die uns aufzehrt und zurück in die Erde treibt. Ohne einen Körper haben Zeit und Schwerkraft keine Macht über uns.
Nach einer halben Ewigkeit, in der ich mich an diesem Neuen Ort einfinde und ausbreite, bemerke ich rechts von mir eine leise Bewegung. Eine leichte Regung, ungefähr einen Meter entfernt. Zwei helle, mandelförmige Löcher schweben auf der Höhe meiner Augen. Sie entsenden ein Licht wie von einem Fernseher in einem dunklen Zimmer. Durch die mandelförmigen Löcher kann ich die anderen Kinder in dem Raum herumrennen sehen, in dem mein Körper sitzt; ich kann die fadenscheinigen Decken auf der Matratze sehen. Ich kann meinen Körper als das sehen, was er wirklich ist. Es sind die Augen meines eigenen Körpers, durch die ich schaue.
Die Erkenntnis überrascht mich nicht, weil die Leichtigkeit des Seins außerhalb des Körpers unser wahrer Daseinszustand ist. Die Ruhe wird zu einem leisen Grauen, als ich die Nähe des Wesens spüre, das in den Raum eingedrungen war. Jetzt, da ich meinen Körper verlassen habe, kann ich sehen, was es ist.
Es ist missgestalt, männlich, hündisch, voll scharfer Kanten, halb verwest, mit langen Reißzähnen. Es war einmal ein Mensch. Er ist riesig und gekrümmt, ein Wust aus Muskeln und Knorpeln. An den meisten Stellen hat er keine Haut, und er ist blind vor grauem Star und Hass. Ich kann spüren, dass dieser Mann auf entsetzliche Art und Weise gestorben ist, vielleicht sogar mehr als einmal. Schwer trägt er am Nachhall der Rache, die er stetig wetzt. Die Mordlust brennt in ihm. Ich fühle ihn, und er ist randvoll mit Bitterkeit. Er will wieder körperliche Gestalt annehmen, weil etwas Entsetzliches geahndet werden muss. Ich weiß, dass er auf barbarische Art und Weise gestorben ist. Er geifert und will blitzschnell zuschlagen. Eines der Kinder im Raum ist mit jemandem verwandt, an dem er sich rächen will. Er will das Kind töten, und jeden, an den er sonst noch herankommt. Das Töten wird seinem Hass ein Ventil verschaffen und ihm Haut, Augenlicht und Ehre zurückgeben. Es wird die DNA seiner Familie heilen; es wird seinen lebenden Brüdern und Schwestern Glück bringen. Es wird das Gleichgewicht wiederherstellen. Mord kann heilen, wenn er sparsam eingesetzt wird. Mord kann uns nähren. Das Leben mordet uns jeden Tag.
Das Wesen ist jetzt in der oberen linken Ecke des Raums, dann stürzt es sich plötzlich auf mich, hin zum Licht. Es ist schnell, so schnell, dass ich es kaum sehen kann. Er stürzt auf die Augenlöcher zu. Er muss sich mit seinem Bewusstsein in meine Augenlöcher drücken, um meinen Körper zu übernehmen. Sobald er sein Gesicht an die Augen meines Körpers presst, werden sie seine. Wenn es ihm gelingt, meine Augen für sich zu beanspruchen, wird mein ganzer Körper seiner, das weiß ich. Er befindet sich direkt neben meinem Geistkörper, stürzt auf mein Fleisch zu, hat seine neue Verkörperung fast schon erreicht. Seine Macht, seine glasklare Schönheit und sein Hass sind unfassbar. Noch nie habe ich etwas so Scharfes gespürt.
In allerletzter Sekunde erwache ich aus der Trance und wende meine ganze Willenskraft auf, um ihn von mir zu stoßen und selbst in meine Augen zurückzukehren. Es ist einfacher, einen nassen, brodelnden Berg zu verschieben, als ihn von mir fernzuhalten. Jede Berührung brennt. Ihn wegzustoßen kostet mich meine gesamte geistige und spirituelle Kraft. Um wieder eins mit mir selbst zu werden, bette ich meine Augen in die Augenlöcher. Es ist, als würde blaues Licht auf mein Gesicht gegossen, und mein Körper fühlt sich an wie eine Tonne dunkle Materie. Die Zeit ist zurück, und sie fühlt sich an wie der Tod. Es ist unerträglich. Als sich der Geist wieder vollständig im Fleisch einnistet, ertönt erneut ein lautes Knacken, und ein Stromstoß durchfährt mich.
Äußerlich ist davon nur ein leichtes Zucken in meinen Armen zu sehen. Die Kinder im Raum schreien entsetzt auf, als ich mich bewege. Es muss eine unnatürliche Bewegung gewesen sein, der Junge neben mir versteckt sich hinter einem Kissen und beginnt zu weinen. Ein paar Kinder rennen nach draußen. Auch wenn es nicht danach ausgesehen hat, als stimme etwas nicht, wissen sie instinktiv, dass es besser ist, vor mir zu fliehen. Ich bin völlig benommen. Meine Cousine schaut wie aus einem Traum zu mir herauf, und wir grinsen uns verschwörerisch an. Sie war die ganze Zeit über bei mir. Sie hat alles gesehen. Es war ein gutes Gefühl, die Angst zur Waffe zu machen.
Etwas lauert
Etwas Krummes
Etwas Hohles
Etwas Teigigseichtes
Etwas Zappelndes
Etwas Träges
Es frisst Schlamm und
Ist voller Gram
Etwas regt sich
Etwas Volles
Etwas Dickes Kaltes
Etwas Unhörbares
Etwas Unsichtbares
Etwas Kriegsgesteuertes
Etwas Obszönes
Es weckt in mir den Wunsch mich unter Decken zu verkriechen und falsche Entscheidungen zu treffen
Es weckt in mir den Wunsch das zu zerstören was direkt vor mir ist
Es kann nur durch Tränen befreit werden
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