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Susanne Fischer-Rizzi
Medizin der Erde
Heilanwendung, Rezepte und Mythen
unserer Heilpflanzen
Zeichnungen von Peter Ebenhoch
AT Verlag
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten. Jede Wiedergabe, Vervielfältigung und Verbreitung auch von Teilen des Werks oder von Abbildungen, jede Übersetzung, jeder auszugsweise Nachdruck, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen und multimedialen Systemen bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Verlages.
Die in diesem Buch beschriebenen Verfahren können eine Behandlung durch Ärzte oder Heilpraktiker bei ernsthaften gesundheitlichen Problemen nicht ersetzen. Alle Ratschläge und Rezepte in diesem Buch wurden von der Autorin sorgfältig geprüft und erprobt. Trotzdem kann keine Haftung übernommen werden. Die Rezepte in diesem Buch sind urheberrechtlich geschützt, dienen dem privaten Gebrauch und dürfen nicht kommerziell genutzt werden.
Wenn Sie selbst Heilpflanzen sammeln möchten, ist es unabdingbar, dass Sie zur Pflanzenbestimmung zusätzlich gute Bestimmungsliteratur benutzen und/oder erfahrene Personen zu Rate ziehen, um Verwechslungen mit giftigen Doppelgängern zu vermeiden und die Naturschutzbestimmungen zu beachten. Das vorliegende Buch ist kein Bestimmungsbuch, die Pflanzenbeschreibungen dienen lediglich zur Orientierung.
Dieses Buch ist eine vollständig überarbeitete und aktualisierte Ausgabe des zuerst bei Irisiana und ab 1984 im Hugendubel Verlag, München (total 18 Auflagen), erschienenen und 2005 erstmals im AT Verlag neu aufgelegten Werks.
4. Auflage, 2010
©2005
AT Verlag, Baden und München
Umschlagbilder: Anita Kössler, Peter Ebenhoch
Zeichnungen: Peter Ebenhoch
Layout und Satz: vierpunkt-grafik Design G.b.R.
ISBN(epub) 978-3-03800-650-3
www.at-verlag.ch
www.susanne-fischer-rizzi.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
Mutter Erde
Vorwort
Arnika
Baldrian
Bärlauch
Beifuß
Beinwell
Blutwurz
Brennnessel
Taubnessel
Engelwurz
Farnkraut
Frauenmantel
Gänsefingerkraut
Goldrute
Gundermann
Honigklee
Huflattich
Johanniskraut
Kamille
Große Klette
Königskerze
Löwenzahn
Ringelblume
Schachtelhalm
Schafgarbe
Schlüsselblume
Storchschnabel
Tausendgüldenkraut
Waldmeister
Wegerich
Wegwarte
Kommission E
Literaturverzeichnis
Pflanzenschema
Register
Mutter Erde
Ehre deine Mutter Erde, auf dass deine Tage auf Erden lange währen.
Die Mutter Erde ist in dir und du bist in Ihr. Sie gebar dich, Sie gibt dir das Leben. Sie war es, die dir deinen Körper gab, und Ihr wirst du ihn eines Tages zurückgeben. Glücklich wirst du sein, wenn du Sie kennenlernst und das Reich Ihrer Pracht. Wenn du die Engel deiner Mutter empfängst und nach Ihren Gesetzen lebst, so wirst du nie Krankheit erleben.
Denn die Kraft deiner Mutter Erde steht über allem. Sie bestimmt das Schicksal aller menschlichen Körper und aller lebendigen Wesen.
Das Blut, das in uns fließt, stammt aus dem Blut unserer Mutter Erde. Ihr Blut fällt aus den Wolken, springt aus dem Schoß der Erde, sprudelt in den Bächen der Berge, ergießt sich in die Flüsse der Ebenen, schläft in den Seen und tobt mächtig im ungestümen Meer.
Die Luft, die wir atmen, stammt aus dem Atem unserer Mutter Erde. Ihr Atem ist azurn in den Höhen des sichtbaren Himmels, rauscht um die Gipfel der Berge, flüstert in den Blättern des Waldes, wogt über die Kornfelder, schlummert in den tiefen Tälern, brennt heiß in der Wüste.
Die Härte unserer Knochen stammt aus den Knochen unserer Mutter Erde, aus den Felsen und Steinen. Sie ragen nackt in den Himmel auf den Gipfeln der Berge, und sind wie schlafende Riesen an den Bergeshängen, stehen wie Götzenbilder in der Wüste und sind verborgen in den Tiefen der Erde.
Die Zartheit unseres Fleisches stammt aus dem Fleisch der Mutter Erde, deren Fleisch gelb und rot in den Früchten der Bäume hervorwächst und uns aus den Furchen der Felder ernährt.
Das Licht unserer Augen, das Gehör unserer Ohren, stammen beide aus den Farben und Klängen unserer Mutter Erde, die uns umschließt wie die Wellen des Meeres den Fisch, wie die wirbelnde Luft den Vogel.
Der Mensch ist das Kind der Mutter Erde und aus Ihr erhielt er seinen ganzen Körper, genauso wie der Körper des Neugeborenen aus dem Schoß seiner Mutter stammt, so bist du eins mit deiner Mutter Erde; Sie ist auch in dir und du bist in Ihr. Sie gebar dich, in Ihr lebst du, und zu Ihr wirst du wieder zurückkehren. Halte darum Ihre Gesetze, denn kein Mensch kann lange leben, noch glücklich sein, wenn er Seine Mutter Erde nicht ehrt und Ihre Gesetze befolgt.
Aus »Die verlorenen Schriftrollen der Essener«, Das Friedens -evangelium Buch 3, aus dem Aramäischen und Hebräischen von Dr. Ed. Bordeaux Szekely, Verlag Bruno Martin, 1978
Vorwort
Als ich einmal einen indianischen Medizinmann fragte, ob ich etwas von ihm über Heilpflanzen lernen könne, wies er mich ab mit den Worten: »Lerne zuerst, wie man über die Erde geht.« Erst viele Jahre danach habe ich wirklich begriffen, was er damit meinte. Ich hatte mich und meine Mitmenschen beobachtet, wie wir über die Erde gehen, in welchem Bezug wir zu ihr stehen, wie wir sie wahrnehmen, sie gebrauchen, sie verbrauchen. Wir nehmen und denken nicht ans Geben. Wir zerstören dadurch ihre Harmonie, ihre Gesundheit und merken nicht, dass auch wir dabei aus unserer Harmonie treten und uns von den heilenden Kräften der Natur abschneiden.
»Kein Mensch kann lange leben, noch glücklich sein, wenn er seine Mutter Erde nicht ehrt und ihre Gesetze befolgt.« Diese alte Weisheit, vor langer Zeit von den Essenern niedergeschrieben, haben wir fast vergessen.
Alles ist miteinander verbunden, die Erde schwingt im Rhythmus mit dem Kosmos, und im Kleinsten auf der Erde erkennen wir das Höchste im Himmel. Wir sind eingebunden in diese kosmische Verwobenheit, und in Harmonie mit dem Himmel und der Erde zu leben galt für die Menschen als Erfüllung ihres Lebens. In der Fruchtbarkeit der Erde, im Wachsen der Pflanzen, im Reifen der Früchte erkannten sie das selbstlose Geben unserer Erde. Die Pflanzen, besonders die Heilpflanzen, waren ihnen heilig, sie unterstellten sie den Göttern, sprachen Gebete beim Sammeln, verarbeiteten sie achtsam und dankbar. Wir haben heute vergessen, auf die Verwobenheit aller Dinge zu achten, als wir uns »die Welt untertan machten«, und erkennen die Hingabe unserer Erde nicht mehr, wir nehmen, ohne nach der Verantwortung zu fragen. Die Folgen dieses Handelns werden in unserer Zeit erschreckend sichtbar: die Wälder sterben, Gewässer und Luft sind verpestet. Das Artensterben schreitet bedrohlich schnell voran. Die Gesamtzahl der Arten hat zwischen 1970 und 2000 um 40 Prozent abgenommen.
Wir sind über die Erde gegangen, ohne sie zu achten, und nur durch Achtsamkeit, Demut und Dankbarkeit können wir wieder lernen, ihre Gesetze zu erkennen und wieder in Harmonie mit Himmel und Erde zu leben. Schon wenn wir uns ein wenig dafür öffnen, spüren wir, dass dies uns heil und gesund macht. Die Erde schenkt uns noch immer ihre Gaben, in jeder Heilpflanze steckt ein Stück ihrer Lebenskraft; wenn wir sie mit Achtsamkeit und Dankbarkeit annehmen, wird sie uns eine starke Medizin sein.
Wir können diese Haltung nicht aus Büchern lernen, wenn wir nicht selbst unser Herz dafür öffnen. Ich weiß, ich kann in einem Buch nie eine Pflanze so beschreiben, dass die Leserin oder der Leser eine wirkliche Erfahrung ihres Wesens und ihrer Wirkungskraft haben kann und sie mit Dankbarkeit zum Heilen verwendet. Jemand, der einige wenige Pflanzen in der Natur beobachtet hat, ihnen wirklich begegnet ist, ihre Heilwirkung ganzheitlich erfasst hat, weiß viel mehr als jemand, der viele Pflanzen nur aus Büchern kennt. Ich möchte deshalb dazu anregen, hinauszugehen, eigene Erfahrungen zu machen, achtsam zu sein und sich für den Schutz der Heilpflanzen einzusetzen. Gemeinsam können wir uns fragen: »Welche Kräfte hat diese Pflanze, was kann ich von ihr lernen, was ist ihr Wesen, zu welchem Teil in meinem Körper steht sie in Verbindung, welche Pflanzen sind mein Heilmittel, und wie können wir helfen, dass diese Pflanzen geschützt und vermehrt werden?«
Wenn wir uns in dankbarer und respektvoller Haltung dem Pflanzenreich zuwenden, verspüren wir den Wunsch, mehr als uns selbst zu heilen. Unser Blickfeld erweitert sich, wir möchten Sorge tragen für die Gesundheit des ganzen Planeten. Inspiriert von der äußeren Natur werden wir wieder zu unserer eigenen inneren Natur finden.
Vielleicht fällt uns, wenn wir draußen die Pflanzen entdekken, die eine oder andere Geschichte, ein Märchen, ein alter oder neuer Name der Pflanze ein. Dies kann uns manchmal einen Hinweis auf ihr Wesen geben. Sagen, Mythen, Verbindungen von Pflanzen und Festen im Jahreskreislauf und alte Pflanzennamen sind Reste eines alten, tiefen Wissens. Mich hat manchmal eine Geschichte, der Name einer Pflanze dem Verständnis ihrer Wirkung näher gebracht als eine Auflistung ihrer Inhaltsstoffe oder ihre genaue botanische Beschreibung. Deshalb habe ich im Text über die Heilpflanzen oft versucht, den alten Namen nachzugehen, Sagen und Märchen zu deuten.
In diesem Buch habe ich nur jene Pflanzen beschrieben, zu denen ich selbst eine tiefe Beziehung habe, deren Heilwirkung ich an mir und vielen anderen beobachten und erfahren konnte. Heilpflanzen, die zu den Bäumen und Sträuchern gezählt werden, wie Holunder, Schlehe, Berberitze und so weiter, sind in meinem Buch »Blätter von Bäumen« beschrieben. Die duftenden Pflanzen wie Salbei, Lavendel, Rosmarin und so weiter fanden ihren Platz in meinem Buch »Himmlische Düfte«. Die Anwendung und Magie der Räucherpflanzen habe ich in meinem »Buch vom Räuchern« beschrieben. Angaben und Rezepte zu essbaren Wildpflanzen finden Sie in meinen Büchern »Mit der Wildnis verbunden« und »Wilde Küche«.
Wenn wir die Schönheit und Heilkraft der Pflanzen wieder entdecken, werden wir uns unserer Verantwortung bewusst und machen uns Gedanken, wie wir diese heilenden Geschenke schützen können. Wir könnten darauf achten, nur so viele Pflanzen mitzunehmen, wie wir wirklich brauchen, und dort, wo von einer Pflanzenart nur noch wenige wachsen, diese Pflanzen stehen zu lassen. Auf unseren Spaziergängen können wir Samen der Pflanzen sammeln und an einem anderen, der Pflanze gemäßeren Ort aussäen, um sie so wieder zu verbreiten. Auch die Heilpflanzen, die wir im Garten ziehen, können wir zum Vermehren verwenden. Und wir sollten helfen zu verhindern, dass noch mehr Natur in unserem Land zerstört wird.
Danken möchte ich von Herzen allen meinen Lehrerinnen und Lehrern, die ihr Wissen mit mir geteilt und mich auf meinem Wege begleitet haben.
Mein besonderer Dank gilt auch meinen Schülerinnen und Schülern, die mich in den über drei Jahrzehnten meiner bisherigen Lehrtätigkeit mit ihrem Wissensdurst und ihrem liebevollen Dabeisein getragen und auf meinem Weg begleitet und gefördert haben.
Herzlichen Dank auch meiner Familie, die mich in vieler Hinsicht bei der Arbeit an diesem Buch unterstützte.
Sulzberg im Allgäu, Wintersonnwende 1984 und Lichtmess 2010, im Jahr der Biodiversität


Arnika
Arnica montana
Familie der Korbblütler - Asteraceae
Sie trägt das wilde Wesen des Wolfes in sich, nach dem sie benannt ist. Ihre Blüten sind wie gelbe Wolfsaugen, aus denen die eingefangene Bergsonne blitzt. Wolfsauge, Wolfesgelega, Wolfsgelb, alte Namen, die von der wilden, eigensinnigen, auch gefährlichen Kraft der Arnika erzählen. Wer sie einmal dort oben in den Bergen gesehen hat, vergisst sie sicher nicht mehr. Er wird spüren, dass sie eine starke Heilpflanze und Giftpflanze zugleich ist. Ganz öffnet sie sich der Sonne, strahlt selbst orange-gelb zurück. Und der Duft! Er ist wild, aromatisch, stärkend und aufrichtend. Je höher die Arnika ins Gebirge hinaufklettert, um so intensiver wird dieser Duft. Sie scheint darin all ihre Sonnenkräfte gesammelt zu haben.
Sie liebt diese Höhe und die intensive Bestrahlung der starken Bergsonne. Hier oben habe ich sie entdeckt als leuchtende Schönheit auf einer versteckten Almwiese. Sie teilt sich den moorigen, kalkarmen Boden mit vielen anderen Bergkräutern: dem stolzen Germer und dem blauen Enzian, dem weich-zarten, weißen Wollgras, den dunkelblauen Skabiosen, Scabiosa columbaria, den kleinen weißen Augentröstern, den hellgelben Tormentillen, den aufrechten Schachtelhalmen. Die hellgrüne Blattrosette aus 4 bis 6 Blättern hat die Bergarnika eng an den Boden gepresst, so als wolle sie sich zum Sprung abstützen. Der hohe, graziöse, ganz fein behaarte Stängel hält sich nicht lange mit der Bildung von Stängelblättern auf. Meist einmal, höchstens dreimal dürfen sich an ihm kleinere, gegenständige, eiförmige Blattpaare setzen und vor der Hauptblüte eventuell zwei gegenständige Blüten an kürzeren Stängeln. Dann aber geht es in kühnem Schwung hinauf, bis oft einen halben Meter über dem Boden, wo endlich die große Blüte die Knospe sprengt, um sich zur dottergelben Blume zu öffnen. Um Johanni, wo die Sonne ihre stärkste Kraft hat, möchte sich die Arnika ganz voll Sonnenkraft saugen. In den Wolfsnamen ist ihre ungestüme Kraft eingefangen, ihre Wildheit und Giftigkeit, in den Leopardennamen, die sie im englischen Sprachbereich trägt, ihre Eleganz und wilde Schönheit. Die Arnika steht in intensiver Beziehung zu vielen Insekten. Die zigbeinigen Gäste sind bunt gemischt: Falter, Bienen, Hummeln, viele Arten von Käfern. Sie alle sorgen für die Bestäubung. Für den Notfall, wenn schlechtes Wetter die Insekten nicht zum Blütenflug animiert, sorgt die Arnika selbst für ihre Bestäubung. Die röhrenförmigen Blütchen lassen klebrige Narbenäste zurückrollen, tasten damit die danebenstehenden Blüten ab und suchen sich dort den Blütenstaub. Gibt es dort keinen Blütenstaub, so krümmen sich diese Narbenäste so sehr, dass sie ihren eigenen Staub erreichen, um sich so selbst zu bestäuben.
Die Blüte der Arnika besteht in Wirklichkeit aus 50 bis 90 röhrenförmigen Einzelblüten, die sich auf dem Blütenboden zusammendrängen. Diese kurzen Blütchen werden von einem Kranz zungenförmiger Strahlenblüten umrahmt. Beide Blütenarten sitzen in einem grünen Hüllkelch. Das Ganze nennt man ein »Körbchen«. Daher der Name Korbblütler. Die Familie der Korbblütler ist zahlreich, viele unserer bekannten Heilpflanzen gehören ihr an. Wenn wir die Blütenkörbchen der Arnika zerpflücken, entdecken wir oft weitere Gäste der Pflanze. Die Arnikafliege, Tephritis arnicae, auch Bohrfliege genannt, legt besonders gern ihre kleinen schwarzen Larven hinein. Aus Arnikablüten, die zu Heilzwecken verwendet werden sollen, müssen diese Larven und kleinen Insekten herausgelesen werden, denn sie können möglicherweise die hautreizende Wirkung der Arnika sehr verstärken. Bei Medikamenten aus verlesenen Arnikablüten treten viel seltener Allergien auf als bei unachtsam verarbeitetem Pflanzenmaterial. Deshalb sind im deutschen Arzneibuch nur die ausgezupften Röhrenblüten zugelassen.
Eine Pflanze mit so starker Ausstrahlung hat die Menschen schon immer angezogen und sie zu vielen Namen angeregt. Die meisten beziehen sich auf die Heilkräfte der Pflanze: Wohlverleih, Fallkraut, Stichkraut, Wundkraut.
Der Name Schnupftabaksblume spricht die zum Niesen reizende Wirkung der zerriebenen getrockneten Blüten an. Auch als Tabakersatz scheint Arnika früher verwendet worden zu sein. Darauf deuten Namen wie Bergtabak und Rauchkraut. Auch im Italienischen und Spanischen finden sich solche Namen wie »Tabaco de montana«. Nach einem alten Rezept hat man die Arnikablüten mit Huflattichblättern und Königskerzenblüten zu einem Kräutertabak gemischt. Aber es gibt auch viele Namen, die sich auf die magischen Kräfte, die der Arnika zugesprochen werden, beziehen. Donnerwurz, Bilmeskraut, Kraftwurz, Wolfbanner, Johanniskraftblume.
Am Johannistag soll die Kraft der Arnika am stärksten sein. Sie gehört mit dem Johanniskraut, Hypericum perforatum, und dem Farnkraut, Dryopteris filix-mas, zu den magischen Kräutern, die schon seit sehr alten Zeiten zu Sonnwendritualen verwendet wurden.
Am Johannistag steckten die Bauern Arnikapflanzen um ihre Felder, um diese vor dem Korndämon, dem Bilmesschnitter, zu schützen. Dieser wilde Dämon in Gestalt eines Teufels mit Hörnern auf dem Kopf und Geißfüßen schleicht gerade in den Tagen um Johannis durch die Felder. Dann reitet er auf seinem Geißbock durch die Halme, bis sie alle schwarz sind. Manchmal bindet er sich Sicheln an die Beine und schneidet alle Halme zur Hälfte ab. Um diesem Unhold den Eintritt in die Felder zu verwehren, wurden die Arnikapflanzen als Wächter um die Felder aufgestellt. Wenn das Korn im Wind wogt, sich nach der einen oder anderen Seite neigt, dann streicht der Kornwolf durch das Getreide. »Er ist wieder da«, die Kinder werden gewarnt, in die Felder zu gehen, denn der große Wolf wartet nur auf ein Opfer. Er ist der Geist des Kornes, ist gefährlich, aber nützlich zugleich. Er verkörpert die Kraft der Getreidepflanzen, er gibt ihnen Energie zum Reifen und ist eine Erinnerung an den antiken Vegetationsgott Pan. Wehe er verlässt einmal das Feld, dann wird das Korn verdorren, und die Menschen im Dorf sind vor seinem Überfall nicht mehr sicher. Aber die Arnika, selbst eine Wolfspflanze, kann ihn dann hindern, sein Feld zu verlassen. Erst wenn das letzte Fleckchen Korn geschnitten ist, entwischt er, als großer, unheimlicher Schatten. Die Frauen scheuten sich, die letzte Garbe Korn zu binden, denn da »ist der Wolf drin«. Wenn sich die Schnitter um das letzte Stückchen ungemähtes Korn versammelten, hieß es: »Jetzt fangen sie den Wolf.« Oft band man auch die letzte Garbe in Form eines Wolfes zusammen, den man dann in den Wald stellte.
Doch bevor der Wolf entwischen durfte, entfernte der Bauer die Arnikapflanzen, die er rings ums Feld gesteckt hatte. Er bedankte sich bei der Wolfsblume, dass sie durch diesen Schutz zu einer guten Ernte beigetragen hatte, so berichten die alten Sagen.
Heilwirkung
Die Arnika oder Wohlverleih hat viele wohlverleihende Eigenschaften. Sie ist von alters her eines der bekanntesten Wundheilmittel. Pfarrer Kneipp hat die Arnika sehr gelobt: »Die Tinktur der Arnika halte ich für das erste Heilmittel bei Verwundungen und kann es deshalb nicht genug empfehlen.« Ich möchte mich diesem Lob anschließen und empfehle die Arnikatinktur für jede Hausapotheke. Neuere wissenschaftliche Studien haben die schmerzstillende, durchblutungsfördernde und entzündungshemmende Wirkung der Arnika nachweisen können. Ihre entzündungshemmende Kraft greift so schnell und früh in Entzündungsprozesse im Körper ein, dass der Arnika in unserer Zeit die Auszeichnung »pflanzliches Cortison« verliehen wurde. Arnika wirkt äußerlich angewendet heilend bei allen Schäden, die durch Stoß, Stich, Fall und Schnitt, generell bei allen stumpfen Verletzungen, bei Unfallfolgen und Sportverletzungen entstanden sind. Sie wirkt entzündungshemmend, antiseptisch, stillt den Wundschmerz und regeneriert das Gewebe. Nicht blutende Wunden, Abszesse, Furunkel und Beingeschwüre werden mit verdünnter Arnikatinktur gereinigt, danach legt man eine Kompresse, in verdünnter Arnikatinktur getränkt, auf. Bei Quetschungen, Verstauchungen, Prellungen, Schleimbeutelentzündungen, Gelenksentzündungen, Lymphgefäßentzündungen, Blutergüssen, rheumatischen Schmerzen, Sehnenscheidenentzündungen, Ödemen, Entzündungen durch Insektenstiche, Venenleiden, Karpaltunnelsyndrom macht man Umschläge mit verdünnter Arnikatinktur oder trägt die Salbe auf.
Bei Mandelentzündung, Heiserkeit und rauer Stimme hilft Gurgeln mit verdünnter Arnikatinktur. Hierfür gibt man einige Tropfen Arnikatinktur in einen starken Absud aus Bibernellwurzeln, Pimpinella saxifraga. Bei Mund- und Zahnfleischerkrankungen macht man Pinselungen mit der verdünnten Tinktur. Müde Glieder und Füße reibt man mit Arnikaöl ein.
Die Kräfte der Arnika müssen richtig dosiert werden. Unverdünnt kann die Tinktur oder der Tee Hautentzündungen, Ekzeme und Allergien hervorrufen. Arnikazubereitungen sollten nicht angewendet werden bei bekannter Arnikaallergie und Überempfindlichkeit gegen Korbblütler. Bei Arnikaempfindlichkeit wende man lieber Zubereitungen aus anderen Pflanzen wie Ringelblume oder Beinwell an.
Zu Umschlägen und Waschungen wird die Tinktur mit abgekochtem Wasser verdünnt: 1 Esslöffel Tinktur auf ¼ Liter Wasser; bei möglicher Empfindlichkeit: 1 Esslöffel auf ½ Liter Wasser. Auch Arnikatee kann für Umschläge verwendet werden.

Arnikatinktur oder Arnikaessenz gibt es in der Apotheke zu kaufen. Besonders gut bewährt hat sich die Arnikaessenz der Firma Wala. Die Arnikatüchlein derselben Firma eignen sich sehr gut für die Reise- und Wanderapotheke, da sie wie Erfrischungstücher verpackt sind.

Arnikatinktur
| Frische verlesene Arnikablüten | 1 Teil |
| 75-prozentiger Weingeist | 5 Teile |
Bei dieser Mengenangabe handelt es sich um Raumteile. Die Blüten aus den grünen Körbchen zupfen, in ein Glas füllen, mit dem Alkohol übergießen, gut verschließen und ca. 2 Wochen ziehen lassen. Öfter schütteln. Abseihen und in eine dunkle Flasche füllen.
Arnika-Heil-und-Massageöl
15 frische Arnikablüten
10 frische Ringelblumenblüten
750 ml natives Oliven- oder Sonnenblumenöl
20 Tropfren ätherisches Lavendelöl
10 Tropfren ätherisches Zitronenöl
Die verlesenen Blüten in ein Schraubglas füllen, mit dem Öl übergießen, gut verschließen und zwei Wochen stehen lassen. Abfiltern, die ätherischen Öle zugeben und in dunkle Flaschen abfüllen.
Ein sehr gutes Körper- und Heilöl bei Neuralgien und Muskelschmerzen, zur Sportmassage und Pflege schlecht durchbluteter Haut. Wirkt durchblutungsfördernd und kräftigend.
Die Arnika ist auch eine Heilpflanze, um Herz- und Kreislauf zu stützen und zu stärken.
Noch auf seinem Sterbebett hat Goethe die Heilkraft der Arnika gerühmt. Er hat sie als Stärkung für sein Herz verwendet.
»Fühlte ich doch, als Leben und Tod in mir den Kampf begannen, dass die Lebensscharen mit dieser Blume auf ihrem Panier den Durchbruch erzwangen, und dem Feindlich-Stockenden, Tödlich-Bedrückenden sein Austerlitz bereitet wurde. In der Genesung verjüngt, preise ich sie höchstlichst, und es ist doch nur sie selbst, die sich preist, die wahrhaft unerschöpfliche Natur.«
Die vor Gesundheit und Kraft strotzende Arnika kann dem müden Körper wieder Kräfte geben. Sie wirkt vor allem anregend auf das Herz und den Kreislauf. Sie kann die Gefäße erweitern und stärkt das arterielle und venöse Gefäßsystem. So hilft Arnika bei Arteriosklerose, Altersherz, coronaren Herzkrankheiten, Angina pectoris und beugt dem Schlaganfall vor.
Die innerliche Verwendung der Arnika ist jedoch nicht unproblematisch und sollte als Selbstmedikation zu Heilzwecken nicht angewandt werden. Bei Überdosierung kann es zu Nebenwirkungen wie Nasenbluten, Schwindel, Herzrhythmusstörungen usw. kommen.
Die Reaktion auf den innerlichen Gebrauch von Arnikatee oder Tinktur ist je nach Person sehr verschieden und muss individuell eingestellt werden.
Die allgemein übliche Dosierung der Arnikatinktur zum inneren Gebrauch ist 2–5 Tropfen in Tee oder Wasser. Bei Kreislaufstörungen und Erschöpfungszuständen, bei Bergtouren besonders in extremen Höhen hat sich die Arnikatinktur sehr bewährt. Bei meiner letzten Reise durch den Himalaja hat sie in meinem Notgepäck nicht gefehlt. Als es auf 4000 Meter nicht mehr gehen wollte und die Füße wie Blei waren, haben mich einige Tropfen der Arnikatinktur wieder auf die Beine gebracht. Keine Nebenwirkungen erzeugt die homöopathische Zubereitung der Arnika. Diese wird ab D4 zum Beispiel vor oder nach Operationen eingenommen und zur Behandlung von Schockfolgen, Gehirnerschütterung, Schlaganfall und zur Infarktnachsorge verwendet.
Kreislauftropfen
| Arnica D3 | 10 ml |
| Cactus Dl | 10 ml |
| Crataegus Dl | 10 ml |
| 3 x 10 Tropfen täglich |
Bei Kreislaufstörungen und Erschöpfungszuständen. Diese Mischung kann man sich in der Apotheke herstellen lassen. Die Arnikatinktur leistet zur Behandlung von Gehirnerschütterung gute Dienste. Dosierung: 3- bis 5-mal täglich 5 Tropfen auf einen Esslöffel Wasser. Wie alle Arnikazubereitungen nicht einnehmen bei Überempfindlichkeit gegen Arnika.
Die Arnikapflanzen für Zubereitungen in Deutschland stammen hauptsächlich aus Osteuropa. Arnika wurde in früheren Zeiten als Abtreibungsmittel verwendet. Schwangere sollten Arnikatinktur nicht innerlich einnehmen. In der Apotheke sind Arnikablüten als Arnicae flos erhältlich, ebenso die Tinktur.
Kommission E
Die Kommission E hat für Arnica montana und Arnica chamissonis eine Monographie erstellt. Sie bestätigt die klassischen Anwendungsgebiete wie Verletzungs- und Unfallfolgen. Als Gegenanzeigen führt sie die Arnikaallergie an.
Tierheilkunde
Arnikatinktur und Arnikasalbe lassen sich in der Tierheilkunde bei allen Verletzungen sehr gut verwenden. Wunden wäscht man mit verdünnter Arnikatinktur; bei Verstauchungen, Gelenksentzündungen und Blutergüssen wird ein in Arnikatinktur getränkter Umschlag umgebunden.
Anbau
Arnika ist eine Staude und liebt kalkarme, saure Böden (idealer pH-Wert 4,5–5,5). Für eine Arnikapflanzung ist es deshalb wichtig, die richtigen Bodenverhältnisse zu schaffen. Ich habe mir in meinem Garten ein Torfbeet angelegt, in das ich verschiedene Pflanzen, die diesen sauren Boden lieben, gepflanzt habe. Torferde für ein Torfbeet ist im Handel erhältlich. Man kann die Arnika aber auch in Balkonkästen oder Kübeln pflanzen. Wichtig ist, dass der Bodenuntergrund eine Schicht Sand hat, da die Arnika keine Stauungsnässe liebt.
Arnika montana ist recht schwierig aus Samen selbst zu ziehen. Ich hatte am Anfang immer wieder Misserfolge und habe mir deshalb einige Arnikastauden bestellt und in das Beet gepflanzt. So konnte ich die Pflanzen beobachten, eventuell noch etwas verändern, bis ich dann später selbstgezogene Pflänzchen dazusetzte.
Die Samen werden im April oder Juli gesät. Sie keimen nach ca. 8 bis 14 Tagen. Die pikierten Pflänzchen bleiben den Winter über draußen und werden mit Reisig geschützt. Sie blühen meist erst im 3. Jahr.
Sehr viel einfacher ist die Anzucht der Arnica chamissonis, der kalifornischen Arnika, eine Arnikaart aus Nordamerika. Sie gedeiht auf normalem Gartenboden. In Amerika wird sie arzneilich verwendet wie bei uns die Arnica montana. Ihre Samen und Pflanzen sind im Handel erhältlich. Diese Arnikaart kann als guter Ersatz für die Bergarnika dienen.
Botanische Erkennungszeichen
Arnica montana
Die Arnika steht unter Naturschutz! Keine wilden Pflanzen sammeln. Auf kalifornische Arnika zurückgreifen. Die Bergarnika steht auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.
| Vorkommen: | Mittel- und Nordeuropa |
| Standort: | magere, ungedüngte Wiesen, meidet Kalkboden, liebt saure Moorböden bis 2800 m |
| Beschreibung: | 20–60 cm hohe Pflanze, am Boden Blattrosette aus 4–6 eiförmigen bis lanzettlichen ganzrandigen Blättern, am Stängel kleinere 1–3 Blattpaare und gelegentlich 2 gegenständige, kleinere Blüten, Blätter immer gegenständig. Blüte gelb-orange, aromatisch duftend. Früchte mit Haaren; herb-aromatischer Duft. Blütezeit Mai–Juli. |
| Sammelzeit: | Juli/August |
| Inhaltsstoffe: | Sesquiterpenlactone, Flavonoide, Polysaccharide, ätherisches Öl mit Thymol und Thymolderivaten, Phenolcarbonsäure, Cumarine, Bitterstoffe, |
Verwechslungsmöglichkeiten
Wer die Arnika nur aus Beschreibungen und von Bildern kennt, der steht oft ratlos vor den vielen Doppelgängern der Arnika. Wer sie aber einmal erkannt hat und sie auf sich hat wirken lassen, wird die Arnika sicher nicht mehr mit einer anderen gelbblühenden Pflanze verwechseln. Hier sind einige dieser Pflanzen, die mit der Arnika verwechselt werden:
Keine dieser Pflanzen hat jedoch den starken, würzigen Geruch und die streng gegenständigen Stängelblätter, die 5–12 Nerven, die die Strahlenblüten durchziehen.
Wiesenbocksbart Tragopogon pratensis L. Schmale, lanzettliche, spitze Blätter. Die Stängelblätter umfassen mit ihrem breiten Grund den Stängel; nur Zungenblüten.
Bocksbartblüten gehören zu den schmackhaftesten Wildgemüsen unserer Landschaft. Die zarten Stängelspitzen werden kurz in Wasser gedünstet und danach weiterverarbeitet für Salat, Gemüse usw.
Gemeines Habichtskraut Hieracium aurantiacum L. Der Blütenkopf enthält nur Zungenblüten, der Stängel ist doldig verzweigt, die Wurzelblätter sind gezähnt.
Habichtskraut wirkt als Tee und Räucherung leicht euphorisierend und ist deshalb Bestandteil von Teemischungen zur Behandlung von Depressionen.
Wiesenalant Inula britannica. Die Blüten des Wiesenalants wurden oft zum »Strecken« der Arnikablütentees verwendet. Sie haben jedoch nicht den typisch aromatischen Geruch. Außerdem erregen sie nicht den Niesreiz. Obere Blätter sind stängelumfassend, Blätter länglichspitz.
Wiesen-Pippau Crepis biennis L. Blütenkörbchen doldenrispig angeordnet, nur Zungenblüten, untere Blätter fiederlappig, oberste ungeteilt, Stängel unten oft rot. Eine Auswahl von weiteren Pflanzen, die der Arnika ähneln:
Weidenblättriger Alant, Inula salicina
Ochsenauge, Buphthalmum salicifolium
Gemswurz, Doronicum grandiflorum


Baldrian
Valeriana officinalis – Arzneibaldrian
Familie der Baldriangewächse - Valerianaceae
Für den guten Ruf des Baldrians braucht man nicht zu sorgen. Er ist bereits eine der populärsten einheimischen Heilpflanzen. Im Laufe der Jahrhunderte hat er verschiedene Wandlungen erfahren, mal wurde die eine Heilkraft an ihm gelobt und genutzt, mal die andere.
Die griechischen und römischen Ärzte der Antike kannten ihn unter dem geheimnisvollen Namen »Phu«. Dioskurides schätzte das Kraut Phu als erwärmendes, menstruationsförderndes und harntreibendes Mittel. Hippokrates, der Hildegard von Bingen und Paracelsus galt der Baldrian als zuverlässiges Heilmittel. Er wurde sogar in die Reihe der »Liebesmittel« gestellt, wie wir einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert entnehmen können:
»Wilter gute freuntschaft machen under manne und under weibe, so nym valerianum und stosz die czu pulver und gib ins czu trinken in Wein«
Der neapolitanische Rechtsgelehrte Fabio Colonna hat dem Baldrian zwei Jahrhunderte später sogar ein Buch gewidmet. Colonna litt unter Epilepsie und stieß auf der Suche nach einem Heilmittel für seine Krankheit auf den Baldrian. Er wurde durch ihn geheilt, studierte Botanik und verfasste aus Dankbarkeit ein Buch, in dem er die Heilkräfte des Baldrians beschrieb. In diesem Werk wird zum erstenmal der Baldrian als großes Nervenmittel angeführt, und in diesem Ruf steht er bis heute.
Im Mittelalter schrieb man dem Baldrian eine Allheilwirkung zu. Sein lateinischer Name »Valeriana«, abgeleitet vom lateinischen valere = kräftig sein, sich wohl befinden, wert sein, zeugt hiervon. Noch heute wird der Baldrian im Englischen auch »all heal« = Allesheilen genannt.
Der Baldrian, so wusste man im Mittelalter, kann nicht nur die Nerven heilen, sondern er schützt sogar vor Pest und Seuchen. Sein alter Name »Theriakkraut« erinnert noch an diese alte Verwendung. Theriak waren meist besonders wirksame Heilmittel, sie wurden teuer bezahlt, und ihre Zusammensetzung hielt man streng geheim. Auch Angelika gehört zu diesen Theriakkräutern.
Warum gerade der Baldrian gut gegen Pest und Ansteckung sein soll, dafür hatten die Menschen des Mittelalters eine »einfache Erklärung«. Die Waldfräulein, das heißt die Waldfeen, sollen es nämlich während der Pestzeit den Menschen verraten haben:
»Eßt Bimellen und Baldrian, So geht euch die Pest nicht an«
Sogar die Vögel haben es gewusst und zwitscherten es den Menschen zu:
»Häst du getruncken Bibrioll und Bollrio Wärst du nicht ‘storben dro!«
Noch lange nach den Pestzeiten hat man den Baldrian als Mittel gegen Ansteckung verwendet. Er hing als Amulett um den Hals, wurde gekaut oder man räucherte mit seinem Wurzelpulver.
Besonders auffällig ist, dass der Baldrian in den alten Kräuterbüchern hauptsächlich als großes Augenheilmittel gelobt wird. Davon ist in der neueren Literatur nichts mehr zu finden. Nur bei einem alten Kräuterweiblein habe ich noch von dieser Anwendung gehört, »Baldrian ischt gut für des Licht«, wobei sie mit Licht die Augen meinte. Ob wohl etwas an der alten Sage vom Goldschmied zu Würzburg dran ist? Dieser, so heißt es, hat sich mit Baldrian die Augen so gestärkt, dass er auf eine gebrochene Nähnadel einen deutlich erkennbaren, in allen Einzelheiten abgebildeten Löwen gravieren konnte.
In neueren Zeiten haben sich alle Heilkräfte des Baldrians auf eine Hauptwirkung reduziert: er ist ein Beruhigungsmittel für die Nerven. In unserer Zeit ist der Baldrian durch die Instrumente und Reagenzien der Labors gegangen und hat dort den Stempel »Geprüft und als heilkräftig befunden« erhalten. Seine entkrampfende Wirkung auf das Zentralnervensystem bei Mensch und Tier gilt als bewiesen. Von den anderen Heilkräften des Baldrians ist nichts mehr übriggeblieben.
Nach diesem Spaziergang durch die medizinische Geschichte des Baldrians sollten wir ihn uns einmal in natura anschauen. Vielleicht können wir dann mehr vom eigentlichen Wesen dieser Pflanze erfassen und verstehen einige der alten Baldriannamen zu deuten.
Der Baldrian erwartet uns draußen im Wald, auf einer kleinen Lichtung, am Wegrand, im feuchten Laub- und Mischwald, im Auwald oder ganz nah am Fluss. Er liebt das feuchte Element; wenn wir ihn pflücken, welkt er rasch. Die Geister des Wassers und des Mondes sollen in mondhellen Nächten um ihn tanzen, die Undinen, Wassernixen und Elfen. Von ihnen hat er seine Namen Mondwurz und Elfenkraut. Der Baldrian hat eine anmutige Gestalt, ganz eine Elfenpflanze. Der hohe, schlanke, rasch aufgeschossene Stängel ist von feinen, fiederblättrigen Blättern geziert, nicht zu viele, gerade so, dass sie einen schönen Kontrast zum gerillten Stängel bilden. Ein Blütenschirm krönt die Erscheinung, zusammengesetzt aus weiß-rosa-farbenen Blütchen. Man könnte meinen, der Baldrian gehöre mit dieser schirmförmigen Blüte zur Familie der Doldengewächse, wie die Angelika, die Möhre, der Kerbel. Doch der Baldrian bildet eine eigene Familie, die der Baldriangewächse. Sie enthält 350 Arten.
Am Baldrian ist nichts Schweres, Dunkles. Wie eine rosa Wolke schwebt die Blüte über dem grazilen Stängel und Blätterwerk. Selbst luftig und leicht, lebt er ganz zum Licht hin. Die Gunst eines Lichtgottes scheint durch diese Pflanze zu leuchten, dessen Namen sie trägt. Die Germanen sahen im Baldrian die Kräfte des Baldur, des Gottes des Lichtes, der Reinheit und Güte. Baldur heißt »der Hilfbereiteste«, und die Germanen sahen so im Baldrian eine Pflanze, die bei allen Gebrechen ihre Hilfe anbietet. Noch ein zweites Mal hat der Baldrian in der nordischen Mythologie einen Ehrenplatz erhalten. Diesmal in den zarten Händen der Göttin Hertha, die ihn als Gerte benutzt, wenn sie auf ihrem mit Hopfen gezäumten Hirsch durch den Wald reitet. Hier symbolisiert der Baldrian die besänftigenden Kräfte, mit denen man wilde Tiere und »wilde Nerven« zähmen kann. Dies ist ein schönes Bild für die entspannenden und beruhigenden Heilkräfte des guten Waldgeistes Baldrian, der unser wildes Gemüt zähmt und die erregten Nerven entspannt.
Ein Tier jedoch gebärdet sich wie toll, wenn es Baldrian riecht. Katzenkraut, Tollerjahn, Katzenwurz, diese Baldriannamen entstanden aus der intensiven Bekanntschaft der Katzen mit dem Baldrian. In meinem Garten steht eine schöne große Baldrianstaude, und oft habe ich mich gewundert, warum ihre hohen Stängel geknickt und zertreten am Boden liegen. Bis ich einmal unsere Katze dabei erwischt habe, wie sie in den Baldrian sprang, Zweige auf den Boden drückte und sich darauf wälzte. Katzen werden wirklich toll, wenn sie den Tollerjahn riechen. Noch zwei weitere Tierarten stehen in Bezug zum Baldrianduft. Regenwürmer werden im Boden von seinem Geruch angezogen, vermehren sich verstärkt und sind so noch intensiver in der Bodenverbesserung unseres Bodens tätig. Baldrian ist sozusagen ein Liebesparfüm für Regenwürmer. Auch Forellen reagieren auf den Duft des Baldrians. Bestimmte Zubereitungen aus dieser Pflanze benützte man früher, um diese Fische für den Fang anzulocken.
Der Geruch des Baldrians ist eigenartig. Die Wurzel riecht besonders getrocknet scharf und moschusartig, ja sogar etwas nach Katzenharn. Beim Duft der Blüte schwanke ich oft, ob ich ihn nun angenehm empfinden soll oder nicht. An einem sonnigen Tag umgibt meine Baldrianpflanze im Garten ein starker Duft, er ist einhüllend, süß und warm. Aber an einem regnerischen Tag ist der schöne Blütenduft wieder »katzig«. Zur Rettung der Baldriane für empfindliche Nasen möchte ich aber noch von einigen Mitgliedern der Baldrianfamilie berichten, die besonders angenehme Düfte erzeugen. Dazu müssen wir in die Berge steigen, denn dort oben leben einige weitere Baldrianarten. Wir begegnen dem Berg-Baldrian (Valeriana montana L.), dessen Blätter nicht mehr so fein gegliedert sind wie bei seinem Bruder drunten im Tal. Sie stehen wie bei ihm gegenständig am Stängel. Dann gibt es hier noch einen Felsenbaldrian, Valeriana saxatilis L., eine kleine, unscheinbare Pflanze im Vergleich zum hohen Baldrian. Der nächste Verwandte dieses Felsenbaldrians ist der echte Speik, Valeriana celtica L., und hier dürfen wir unsere Nasen wieder gebrauchen. Sein Wurzelstock strömt einen aromatischen, stärkenden Duft aus. Schon im Altertum war dieser Baldrian als Duft- und Räucherpflanze geschätzt. Leider ist er selten geworden, denn er war zu begehrt. Heute steht er unter Naturschutz. Die Krönung der Baldriandüfte aber ist eine nahe Verwandte, die indische Narde, Nardostachys jatamansi, ein Baldriangewächs, das an den Südhängen des Himalaja gedeiht. Aus ihr stellte man schon in der Antike das beste Nardenöl her, das in Alabasterfläschchen in den Handel gebracht wurde und mit dem schon Jesus gesalbt worden sein soll. Es galt als das kostbarste Öl und diente auch zu rituellen Salbungen. Deshalb finden wir auf vielen christlichen Bildern des Mittelalters den Baldrian oft in allererster Reihe.

Im Hochland von Mexiko an felsigen Berghängen in 2400 bis 3200 Metern Höhe wächst eine Baldrianart, Valeriana edulis, die in neuester Zeit für Baldrianpräparate viel verwendet wird. Die Blüten ähneln jenen unseres einheimischen Baldrians. Die Blätter sind im Gegensatz zu ihm nicht gefiedert, sondern ganzrandig und entspringen aus dem Stamm. Die Wurzeln dieses Baldrians werden sehr groß wie besonders gut gelungene Meerrettichwurzeln. Er entwickelt sich zu einer gewaltigen Pflanze von bis zu 2 Metern Höhe. Die mexikanischen Eingeborenen gebrauchen diese Wurzel seit langem als Stärkungsmittel. Der Gehalt an Wirkstoffen des mexikanischen Baldrians ist sechsmal so hoch wie der unseres einheimischen Baldrians. Diese Pflanze hat sich als wirksamer Tranquilizer, besonders bei stressbedingter Unruhe, Schlaflosigkeit und körperlichen Störungen, erwiesen. Man wurde erst so spät auf den Baldrian aus Mexiko aufmerksam, da seine Wirkstoffe bei der sonst üblichen Zubereitungsart als Tee verloren gehen. Die Wirkstoffe dieses Baldrians sind heute in verschiedenen pflanzlichen »Antistressmitteln« enthalten.
Heilwirkung
»Alle Formen von nervösen Zuständen«, so schreibt Pfarrer Kneipp, »ob im Krampf oder Schmerz, verlangen den Baldrian!«
Er ist wirklich eines unserer zuverlässigsten und unschädlichsten Nervenmittel, ein Balsam für unsere Nerven. Baldrian fördert die Schlafbereitschaft durch Entspannung, er macht nicht müde und kann deshalb auch tagsüber verwendet werden bei geistiger Erschöpfung, nervösen Herzbeschwerden, Angst und Spannungszuständen, Panik, Schock, Menstruationsschmerzen und Überarbeitung. Nach dem ersten Weltkrieg setzte man Baldrian erfolgreich ein, um die »Bombenneurosen« und Traumata der Soldaten zu behandeln.
Die Blüte des Baldrians, seine luftig geformten Blätter, lassen das Wesen der Pflanze erkennen. Er scheint vom Irdischen, von der Erde abzuheben. Doch ist er mit der Wurzel in der Erde fest verankert. Der Baldrian ist so ein Heilmittel für Menschen, die durch übersteigerte Gedankenflucht vom »Boden abheben«, die deshalb keine Ruhe und keinen Schlaf finden. Der Baldrian kann helfen zu erden, Denkund Stoffwechselkräfte miteinander zu verbinden.
Die Gefahren der starken Schlafmittel werden immer offensichtlicher, und immer mehr Menschen greifen lieber in die Schlafapotheke der Natur. Leichte Schlafstörungen sind in jedem Fall mit Baldrian, Hopfen (Humulus lupulus), Melisse (Melissa officinalis) und Johanniskraut (Hypericum perforatum) zu beheben. Die Therapie kann durch Bäder mit den Kräutern oder deren Essenzen und mit Schlafkissen unterstützt werden. Baldrian und Hopfen bewirken eine Entspannung des Körpers und der Gedanken, Melisse und Johanniskraut wirken auf die seelischen Spannungen beruhigend und ausgleichend. Baldrian entspannt bei Kopfschmerzen, nervösen Herzleiden, leichter Schilddrüsenüberfunktion, Gallestörungen, Magen-Darm-Krämpfen und wirkt psychisch ausgleichend.
Man muss den Baldrian jedoch richtig dosieren, sonst ist keine befriedigende Wirkung zu erwarten. Die Tinktur wird teelöffelweise eingenommen, 1–2 Teelöffel vor dem Schlafengehen, die Tasse für den Baldriantee darf ruhig groß sein.
Für eine Tinktur, die Baldriantropfen, füllt man ein Glas zur Hälfte mit den Wurzeln, übergießt sie mit 45-prozentigem Weingeist, verschließt es gut und lässt es 2 Wochen ziehen. Abseihen und in dunkle Tropfflaschen füllen.
Vom Baldrian werden für Heilzwecke nur die zwei- bis dreijährigen Wurzeln verwendet. Sie werden im Herbst ausgegraben, gesäubert und an einem luftigen Ort getrocknet. Wenn die ausgegrabene Wurzel vor der Weiterverarbeitung zu Tee oder Tinktur ein Jahr gelagert wird, enthält sie mehr des heilkräftigen Inhaltsstoffes Isovaleriansäure.
Beim Baldrian kann die Dosierung bei verschiedenen Menschen ganz individuell erforderlich sein. Ich rate dazu, die persönliche Dosierung für einen Heilerfolg selbst herauszufinden. Eine Überdosierung des Baldrians kann zu Schwindel und Kopfschmerzen führen. In niedriger Dosierung wirkt Baldrian anregend, in höherer Dosierung beruhigend.
Von der fein geschnittenen Wurzel gibt man 2 Teelöffel auf 1 Tasse kaltes Wasser. Übergießen und den Tag über stehen lassen. Abends abseihen, eventuell leicht erwärmen. 1–2 Tassen pro Abend.
Einfach gut schlafen
| Baldrianwurzel | 30 g |
| Hopfenzapfen | 10g |
| Melissenblätter | 10g |
| Passionsblumenkraut | 20 g |
| Römische Kamille, Blüten | 10g |
| Zitronenverbene, Blätter | 20 g |
1–2 Teelöffel dieser Teemischung mit einer Tasse kochend heißem Wasser übergießen. Zugedeckt 5 Minuten ziehen lassen, abfiltrieren, evtl. mit Honig süßen. Vor dem Schlafengehen schluckweise trinken.
Die schlaffördernde Wirkung dieses Tees wird durch ein abendliches Bad- oder Fußbad mit schlaffördernden ätherischen Ölen wie z.B. Lavendel unterstützt. Rezepte siehe hierzu in meinem Buch »Himmlische Düfte«.
Nerventee
| Baldrianwurzel | 5 g |
| Benediktenkrautwurzel | 25 g |
| Pfefferminzblätter | 25 g |
1 Teelöffel der Mischung mit 1 Tasse kochendem Wasser übergießen. Ziehen lassen. 2–3 Tassen täglich. Der Tee dient zur Stärkung der Nerven, hilft bei Angst und Spannungszuständen, nervöser Unruhe, Stress und Prüfungsangst.
Dieses Rezept stammt von C.W. Hufeland (1762 bis 1836), dem Leibarzt Friedrich Wilhelms III., einem der großen naturheilkundlichen Ärzte. Er wird zu den Klassikern der Naturheilkunde gezählt. In seinem Buch »Makrobiotik, oder die Kunst, sein Leben zu verlängern« beschreibt er verständlich die Prinzipien der ganzheitlichen Behandlungs- und Lebensweise.

Baldrianwein
1 Handvoll Baldrianwurzeln, getrocknet, klein geschnitten
2 EL Orangenschalen von einer frischen, unbehandelten Orange, fein abgeraspelt
1 Handvoll Melissenblätter, frisch oder getrocknet, klein geschnitten
2 EL Waldmeisterkraut, getrocknet, klein geschnitten
1 Liter Weißwein
Die Kräuter in ein Schraubglas füllen, mit dem Wein übergießen, gut verschließen. Eine Woche ziehen lassen, gelegentlich schütteln. Abfiltrieren und in eine dunkle Flasche füllen. Eine halbe Stunde vor dem Schlafen gehen ein Likörglas des Weines genießen.
Baldrianschlafkissen
Ein kleines Kissen zu gleichen Teilen mit folgenden getrockneten Blüten füllen:
Baldrianblüten
Lavendelblüten
Holunderblüten
Sorgt für guten Schlaf.
Augenstärkender Tee
| Baldrianblüten | 2 Teile |
| Augentrost, Kraut | 1 Teil |
1 Teelöffel der Mischung mit 2 Tassen kochendem Wasser überbrühen. Zugedeckt lassen, bis sich der Tee auf Körpertemperatur abgekühlt hat. Gut abseihen und die Augen damit in einer Augenbadewanne baden. Oder eine kleine Kompresse darin tränken und auf die geschlossenen Augen legen. Hilft gut bei überanstrengten und geröteten Augen. Rezept des Würzburger Goldschmieds: täglich eine Messerspitze pulverisierte Baldrianwurzel in Wein einnehmen.
In der Apotheke sind die Baldrianwurzel als Valerianae radix und auch die Tinktur erhältlich.
Kommission E
Die Kommission E gibt in ihrer Monographie für Baldrian als Anwendungsgebiete Unruhezustände und nervös bedingte Einschlafstörungen an.
Nebenwirkungen, Gegenanzeigen und Wechselwirkungen konnten nicht festgestellt werden.
Tierheilkunde
Auch auf Tiere wirkt Baldrian beruhigend und entspannend. Er hat sich besonders bei Krämpfen und Koliken bewährt und eignet sich z. B. zum Entspannen vor einem Tierarztbesuch oder während eines Gewitters. Man kann Tee, Tinktur oder Pulver verabreichen. Nicht für Katzen verwenden.
Anbau
In den alten Bauerngärten fehlte der Baldrian nicht, man wollte die heilkräftige Pflanze in der Nähe haben. In unseren Gemüsegärten säen wir übrigens noch immer eine Baldrianart, den Feldsalat, Valerianella olitoria (Valerianella locusta), auch Rapunzel genannt.
Baldrian in den Gemüsegarten gepflanzt, fördert das Wachstum und Gedeihen des Gemüses. Baldrian zieht Regenwürmer an, unsere unersetzlichen Helfer im Garten. Diese durchlüften den Boden und stellen den besten Kompost her. Baldrian unter den Kompost gemischt, fördert darin die umsetzende Tätigkeit der Regenwürmer.
Im biologisch-dynamischen Anbau verwendet man ein Baldrianpräparat, das man im Spätherbst auf die Tomaten und im Frühjahr auf die Obstbaumblüte spritzt, um die Pflanzen vor Frost zu schützen. Man macht sich dabei die Wärmewirkung des Baldrians zunutze. Erinnern wir uns an den süßlich-warmen Duft des Baldrians im Sommer. Diese Wärmekräfte kann man sich zum Schutz der Pflanzen nutzbar machen. Baldrian weckt auch die Blütenkräfte der Pflanzen. Balkon- und Kübelpflanzen blühen reichlicher und länger, Bohnen, Erbsen, Erdbeeren entwickeln mehr Blüten, wenn sie mit dem Baldrianpräparat behandelt werden. Ein kurzes Bad der Samen von Tomaten, Lauch und Weizen in verdünntem Baldrianextrakt stärkt die Pflanzen und macht sie widerstandsfähig. (Kein Leguminosen-Saatgut damit vorbehandeln.) Von diesem nach biologischdynamischen Grundsätzen zubereiteten Extrakt gibt man 50 Tropfen auf 5 Liter laumwarmes Wasser. Ca. 5 Minuten rühren. Der Extrakt kann über verschiedene Bezugsquellen, die Produkte für naturgemäßen Pflanzenbau führen, bezogen werden. Man kann ihn auch selbst herstellen:
Baldrian-Blütenextrakt
Frische Baldrianblüten im Entsafter entsaften.
Mit Regenwasser mischen: ca. 70% Baldriansaft; ca. 30% Regenwasser
in Flaschen füllen, gut verschließen. Hält sich gut. Zum Gießen und Spritzen diesen Extrakt 1:10 mit Regenwasser mischen, ca. 3 Minuten verrühren.
Der Baldrian stellt keine großen Ansprüche an den Boden, liebt einen feuchten Standort und dankt tiefgründige Erde mit gutem Wurzelwachstum. Er wächst im Halbschatten wie auch in der prallen Sonne. Wir düngen ihn mit verrottetem Mist. Im Handel sind Samen und Pflanzen erhältlich. Der Same ist nur ein halbes Jahr keimfähig. Er braucht lange, bis er keimt, erst nach 3–4 Wochen zeigen sich die ersten Blättchen. Wir säen ihn im zeitigen Frühjahr im Saatkasten unter Glas oder ab Mitte Mai ins Freiland. Baldrian ist ein Lichtkeimer, deshalb die Samen nicht mit Erde bedecken, sondern nur andrücken. Die Pflänzchen im Abstand von 60–100 cm voneinander pflanzen, die Pflanzen werden groß. (Mein Baldrian im Garten ist 1,60 cm hoch.) Sie brauchen eine Weile, bis sie sich entwickeln, aber bis zum Spätsommer hin können sie schon zu stattlichen Pflanzen herangewachsen sein. Wir können den Baldrian auch in Kübeln und Kästen pflanzen, müssen ihn jedoch immer gut feucht halten. Die Blüte erscheint erst im zweiten oder dritten Jahr.
Wenn man den Baldrian zieht, um die Wurzeln zu gebrauchen, sollte man die Blüten abschneiden, sobald sie herauskommen, um das Wachstum der Wurzeln anzuregen. Wir graben die Wurzeln im 2. oder 3. Jahr, wenn das Laub ganz abgestorben ist. Der Baldrian bildet Ausläuferpflanzen, die man im Frühjahr abtrennt und verpflanzt.
Botanische Besonderheiten
Valeriana officinalis
| Vorkommen: | Europa, Asien, Japan |
| Standort: | feuchte Wiesen, Lichtungen, Laub- und Mischwälder, Gebüsche, lichtbedürftig |
| Beschreibung: | 25 cm–150 cm hohe Pflanze, Blätter unpaarig gefiedert und gegenständig, Stängel hohl, gefurcht, unten kurzhaarig, oben kahl. Blüte als Trugdolde, weiß bis helllila, Blütezeit Juli–August. Wurzel braun, innen weißlich, mit vielen Wurzelfasern. |
| Sammelzeit: | Blüten: Juli/August Wurzel: Oktober |
| Inhaltsstoffe: | ätherisches Öl, Isovaleriansäure, Valepo-Triate, Bornylazetat, Alkaloidspuren, Aluminium, Ascorbinsäure, Asparagin, Azulen, Borneol, Kampfer, Carvon, Cholin, Gerbstoffe, Glykose, Harz, Kalium, Kiesel, Kobalt, Limonen, Zink |
| Verwechslungs-möglichkeiten: | Eventuell mit Pflanzen aus der Familie der Doldenblütler. Der Baldrian hat jedoch eine Trugdolde (siehe Pflanzenschema am Ende des Buches). |

Bärlauch
Allium ursinum
Familie der Liliengewächse - Liliaceae
Zwei Tiere waren es, die unsere frühen Vorfahren besonders beeindruckt haben: Bär und Wolf. Notgedrungen, denn von diesen Tieren war der Mensch manchmal bedroht. Die germanischen und später die mittelalterlichen bäuerlichen Siedlungen waren inmitten von Wäldern gelegen, bildeten kleine, geschützte Inseln im Meer der riesigen Wälder, dem Gebiet der wilden Tiere, die den Menschen und seine Nutztiere bedrohten. Die Menschen waren noch stark in einem magischen Denken verwoben, in dem der Mensch von der Magie der Tiere und Pflanzen wusste. Bär und Wolf galten bei den Germanen als Seelentiere, so wie in der heute noch lebendigen Tradition der Indianer bestimmte Tiere als Helfer und Führer eine wichtige Rolle spielen. Das Seelentier zeigt Suchenden ihre Lebensaufgabe und verleiht ihnen besondere Kräfte. Heute noch erscheinen uns diese Tiere als archetypische Bilder in Träumen in Zeiten schwieriger Lebenssituationen, und wer ihre Sprache versteht, kann ihre Ratschläge befolgen.
Der Bär galt bei unseren Vorfahren als ein fruchtbarkeits-förderndes Krafttier, das symbolisch für ein kraftvolles Urwesen stand und das mit seiner Kraft und Stärke die Macht des Winters brechen und neue Fruchtbarkeit bringen kann. Er war der symbolische Frühlingsbringer, der noch heute auf der alemannischen Fastnacht in Gestalt von stroh- oder fellbekleideten Männern oder mit Bärenmasken durch die Straßen stapft. Der Bär als Fruchtbarkeitstier ist noch heute in unserem Wort ge-bär-en enthalten.
Die Seelentiere konnten sich, so glaubte man, auch in bestimmten Pflanzen verkörpern, durch deren Verzehr man sich diese Kraft einverleiben wollte. Solche Zauberpflanzen wurden bei den Germanen an bestimmten heiligen Tagen als Kultspeise gegessen und galten als besonders heilkräftig. Noch heute tragen viele Heilpflanzen die Namen der germanischen Seelentiere:
Wolfsbeeren, Wolfsmilch, Wolfdisteln, Fuchsbeeren, Fuchssalbenkraut, Fuchswurz, Bärwurz, Bärlapp, Bärenklau, Bärlauch.
Die Pflanzen des Bären, so wusste man, haben die Kraft der Erneuerung, Revitalisierung und Reinigung, sie brechen das Verhärtete und erwärmen den Körper. Manche machen »bärenstark«. Unser Bärlauch gehört mit zu den kräftigsten Bärenpflanzen. Leider sind seine Bärenkräfte fast ganz in Vergessenheit geraten, und doch gehört er mit zu den stärksten Heilpflanzen. Er ist eine Frühlingspflanze, so wie der Bär, sein Meister, der Frühlingsbringer ist. Deshalb entfaltet der Bärlauch im Frühjahr seine stärksten Kräfte, und man sollte ihn in dieser Jahreszeit als Heilmittel verwenden, um den Körper zu stärken und zu reinigen. Doch darüber mehr im Kapitel über seine Heilkräfte.
Bleiben wir noch etwas bei seinem Namen, denn jeder alte Pflanzenname birgt eine Geschichte, die uns über die Bestimmung und Heilkraft der Pflanze Aufschluss gibt. Ramser, Räms und Raines sind weitere alte Namen unseres Bärlauchs. Sie deuten auf einen sehr alten Wortstamm, auf das germanische »hroms«, das althochdeutsche »rämesadr«, womit Zwiebel- und Lauchgewächse benannt wurden. Diese Verbindung findet sich in allen europäischen Sprachen. Die Lauchgewächse galten als eine heilkräftige Pflanzenfamilie, und wer ahnt heute noch, dass in unserem »normalen« Küchenlauch Heilkräfte stecken (er regt die Magenund Darmsäfte an, hemmt Gärungs- und Fäulniserreger). Schon bei den Nordgermanen wurde der Lauch als Speise-und Heilpflanze in »Lauchgärtlein« kultiviert. In der Edda wird der Lauch hochgerühmt und als Mittel empfohlen, um eine Speise zu prüfen, ob sie giftig sei. Hier gilt er auch als eine der ersten Pflanzen, die am Anfang der Welt geschaffen wurden:
»Sonne von Süden fiel auf den Felsen, und dem Grunde entspross der grüne Lauch.«
Wie der Name erkennen lässt, ist unser kleiner Bärlauch auch ein Vertreter dieser ehrenwerten Lauchfamilie. In früheren Zeiten wurde er sogar in Gärten gepflanzt. Kaiser Karl ordnete im 8. Jh. in seiner Landgüterverordnung an, neben anderen Pflanzen auch den Bärlauch in den Gärten zu pflanzen. Doch er scheint aus der Mode gekommen zu sein, er durfte wieder verwildern und ist deshalb ein ganz urwüchsiger Vertreter der Familie. Es heißt sogar, er übertreffe in seiner Heilwirkung noch seinen Vetter, den Knoblauch.
Ein gemeinsames Merkmal aller Lauchgewächse ist ihr hoher Gehalt an ätherischem, schwefelhaltigem Öl, auf dem die anregende, entgiftende und reinigende Wirkung beruht. Der Bärlauch sprüht nur so davon.
Als ich drunten im Auwald auf einer kleinen Halbinsel die metallgrün glänzenden Bärlauchblätter zum erstenmal in diesem Frühjahr fand, habe ich eigentlich schon vorher gewusst bzw. gerochen, um wen es sich hier handelt. Ein intensiver Knoblauchgeruch lag über der kleinen Lichtung. Für ein Liliengewächs duftet der Bärlauch ganz schön deftig!
Der Bärlauch liebt die Gesellschaft. An günstigen Standorten, feuchte, humusreiche und schattige Laubwälder, tritt er meist in Massen auf. Im zeitigen Frühjahr streckt er dann dort seine grün glänzenden, schwertförmigen Blätter fast senkrecht und ganz optimistisch gen Himmel. Sie entspringen aus kleinen, länglich schmalen Zwiebeln, ähnlich den Knoblauchzehen.

Jetzt sollte man die Blätter sammeln und frisch verwenden. Der getrocknete Bärlauch ist wertlos. Achtsamkeit und Kenntnis ist beim Sammeln von Bärlauch jedoch erforderlich. Maiglöckchenblätter und jene der Herbstzeitlosen sehen Bärlauchblättern sehr ähnlich. Wenn sie zum Beispiel im Korb zusammen mit Bärlauchblättern liegen, nehmen sie deren Geruch an und sind so geruchlich nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Eine Verwechslung kann tödlich sein. Kräuterpfarrer Künzle gab deshalb wohlweißlich den Rat: »Kinder und ungeschickte Leute nicht aussenden um Bärlauch zu sammeln.« Bärlauch erlebt gerade eine Renaissance und wird vermehrt gesammelt. Ich freue mich, dass ich mit diesem Buch die letzten 20 Jahre dazu beitragen durfte. Was mich jedoch sehr betrübt ist, dass ich nun mehr und mehr Menschen in der Natur begegne, die den Bärlauch in großen Mengen abrupfen, mit einer Einstellung wie: hier gibt es etwas umsonst, dieser Supermarkt ist ständig geöffnet. Beim Sammeln von Wildpflanzen sind wir besonders gefordert, achtsam und maßvoll zu sein, um so die Bestände der Wildpflanzen nicht zu dezimieren.
Vom April bis hinein in den Juni leuchten wunderschöne weiße Blütenbüschel über dem Grün der Blätter. Die Blüten sind streng nach der Zahl drei aufgebaut, sie bilden Nektar in drei Drüsen in einem dreifächerigen Fruchtknoten. Und dieser Nektar sammelt sich in den sechs Staubblättchen. Den süßen Nektarsaft bietet der Bärlauch vielen Insekten an; nicht nur Bienen und Hummeln, sondern auch Fliegen erreichen ihn mit ihrem kürzeren Rüssel. Die kleinen schwarzen Samen des Bärlauchs sind in einer schwarzen Kapsel verschlossen, die ihr Geheimnis im Juni und Juli preisgibt. Diese Samen haben ihre ganz besonderen Liebhaber, die Ameisen. Sie tragen die ölhaltigen (das ist es, worauf sie scharf sind) Kügelchen in ihrer Geschäftigkeit überall herum und säen so neue Pflanzen. Aber der Bärlauch sorgt auch selbst für Nachwuchs in seiner Nähe: in der Reifezeit kippt der mit Samen trächtige Blütenstängel einfach um, und es entsteht wieder ein neues Stück Bärlauchteppich.
Mit einem Körbchen voll dieser Bärlauchblätter bin ich an einem Frühlingsmorgen von der Halbinsel zurückgewandert. Ich hatte schon einige Blätter frisch genascht, sie hatten ihre appetitanregende Wirkung schon entfaltet. Meine Schritte wurden immer schneller. Ich bekam einen Bärenhunger.
Heilwirkung
Nicht nur bei den Germanen und Kelten galt der Bärlauch als Heilpflanze, auch die Römer kannten und nutzten ihn. Sie gaben ihm den Namen »herba salutaris«, das Heilkraut. Der letzte in der Reihe der bekannten Pflanzenheilkundigen, der den Bärlauch gebührend lobte, war Kräuterpfarrer Künzle:
»Wohl kein Kraut der Erde ist so wirksam zur Reinigung von Magen, Gedärmen und Blut wie der Bärenlauch.
Und er hat mit seinen überschwänglichen Worten nicht übertrieben. Ich möchte mich ihm anschließen, denn ich habe bei vielen Menschen die reinigende und stärkende Kraft des Bärlauchs beobachtet. Tatsächlich hilft der Bärlauch all denjenigen, die im Frühjahr noch den Winter in den Gliedern und im Gemüt stecken haben. Bärlauch kann den Körper von Stoffwechselprodukten befreien und ihm helfen, Toxine auszuscheiden. Er kann verhindern, dass sich Cholesterin an den Gefäßwänden ablagert, und er hilft, erhöhte Cholesterinwerte zu senken. Das alles bewirkt er durch seine gelungene Mischung verschiedener Wirkstoffe, besonders durch den hohen Gehalt an ätherischen Ölen und durch einen kräftigen Schuss Vitamin C.
Der Bärlauch hat neben seiner allgemein stärkenden Wirkung drei Hauptangriffspunkte im menschlichen Körper. Er hilft bei chronischen Hautausschlägen und Flechten, da er das Blut reinigt und so von innen heraus die Ursache der Krankheit beheben kann. Durch seinen hohen Gehalt an Senfölglykosiden wirkt er anregend auf die Verdauungssäfte. Er hat eine bakterizide Wirkung auf die Flora des Darmes, ohne die nützlichen Darmbakterien, die der Körper zur Verdauung braucht, zu zerstören. Ich empfehle daher den Bärlauch besonders nach einer Behandlung mit starken Medikamenten um das zerstörte Gleichgewicht der Darmflora wieder aufzubauen. Auch vor einer Reise in Länder, wo die Gefahr einer Darminfektion besonders groß ist, kann eine vorherige Bärlauchkur die Darmflora abwehrstark machen. Wie sein Vetter, der Knoblauch, hilft der Bärlauch bei Arterienverkalkung und Bluthochdruck. Bei diesen Krankheiten sollte eine Diät im Frühjahr viel Bärlauch enthalten. Durch seinen Schwefelgehalt kann Bärlauch unserem Körper helfen, Umweltschadstoffe abzubauen. Seine Wirkstoffe binden die schädlichen Moleküle. Die stärkste Wirkung hat der Bärlauch im zeitigen Frühjahr vor der Blüte. Dann werden die Blätter gesammelt und frisch verwendet: zum Würzen, in Salat, Quark, Pesto usw. Eine Bärlauchkur sollte 4–6 Wochen dauern, und man sollte dabei täglich eine Handvoll der frischen Blätter essen.
Nach der Samenreife zieht sich der Bärlauch wieder zurück. Seine Blätter verwelken, er macht einen »Sommerschlaf«. Wer sich zur Regeneration der Darmflora einen Vorrat an Bärlauchwirkstoffen anlegen möchte, sollte sich im Frühjahr eine Tinktur aus den Blättern herstellen. Hierfür füllt man ein Schraubglas mit frischen, zerschnittenen Bärlauchblättern und füllt mit 45-prozentigem Alkohol auf. Gut verschrauben. Drei Wochen ziehen lassen, gelegentlich schütteln, abseihen und in eine dunkle Tropfflasche füllen. Dosierung 3 x 10 Tropfen vor dem Essen.
Bei zu hoher Dosierung von Bärlauch kann es in seltenen Fällen zu Magenreizungen kommen. Er sollte auch nicht bei niedrigem Blutdruck angewandt werden. Auch in der Homöopathie wird der Bärlauch verwendet. Das homöopathische Arzneibuch schreibt eine Zubereitung aus der frischen Pflanze vor. Wer nicht die Möglichkeit zur Herstellung der Tinktur hat, kann sich die homöopathische Urtinktur aus der Bärlauchpflanze in der Apotheke kaufen. Diese Urtinktur hat sich besonders bei Artheriosklerose und Bluthochdruck bewährt. Dosierung: 1-mal täglich 10 Tropfen. Am besten abends.
Bärlauchtinktur ist in der Apotheke als homöopathische Zubereitung Allium ursinum 0 erhältlich. Weitere gute Bärlauchpräparate sind: die Urtinktur Allium ursinum von Ceres und Bio-Bärlauch-Granulat, Dr. Pandalis.
Verwendung in der Küche
Man muss sich schon beeilen, will man in der relativ kurzen Bärlauchzeit (vom Erscheinen der Pflanze bis zur Blüte) all die leckeren Speisen, die sich aus den frischen Bärlauchblättern herstellen lassen, ausprobieren. Man kann sie in Salaten, Quark, Joghurt, Saucen, Marinaden, Nudeln, Kräuterbutter, Salatöl und Essig verwenden. Durch Erhitzen verlieren die Blätter ihren starken Eigengeschmack und schmecken angenehm mild. Auch die Blütenknospen schmecken sehr gut, besonders in einer Béchamelsauce oder in einer Kartoffelsuppe. Die längliche Bärlauchzwiebel eignet sich sehr gut zum Einlegen in Olivenöl und steht so das ganze Jahr zur Verfügung. Ich lege in einem Schraubglas die Bärlauchzwiebeln zusammen mit Schafskäsewürfelchen, Thymian- und Rosmarinzweiglein, grünen Pfefferkörnern und Peperonistückchen in gutem Olivenöl ein. Für einen mediterranen Schmaus ...
Frühlingsrolle
500 g Blätterteig
2 Zwiebeln
100 g Schinken
6 Tassen grob zerschnittener Bärlauch
Salz, Pfeffer, Oregano
1 Eigelb
Zwiebeln fein schneiden und in Butter andünsten. In Streifen geschnittenen Schinken zugeben. Den Bärlauch wie Endiviensalat schneiden und zugeben. So lange dünsten, bis der Bärlauch weich ist. Mit Pfeffer, Salz und Oregano würzen. Den Blätterteig in einzelne Rechtecke auswallen, etwas von der Bärlauchmischung daraufgeben, zusammenrollen und mit Eigelb bestreichen. Auf ein mit kaltem Wasser abgespültes Backblech legen, 15 Min. ruhen lassen und bei 200 Grad 15–20 Minuten backen.

Eiersalat mit Bärlauch
5 Eier
2 Gewürzgurken
½ Tasse fein gewiegter Bärlauch
50 g fester Käse
Für die Sauce:
1 Tasse Joghurt
2 Teelöffel Senf
Pfeffer, Salz, Paprika
Die hartgekochten Eier in Scheiben schneiden und die restlichen fein geschnittenen Zutaten dazugeben. Aus Joghurt, Senf und Gewürzen eine Sauce bereiten und die Eier damit anmachen. Vor dem Servieren im Kühlschrank kaltstellen.
Bärlauchpesto
100 g frische Bärlauchblätter
100 ml gutes natives Olivenöl
70 g Pecorinokäse (ersatzweise Parmesan)
40 g Pinienkerne
Salz, frisch gemahlener Pfeffer
Bärlauch waschen, in Salatschleuder trocknen und etwas klein schneiden. Mit den anderen Zutaten im Mixer pürieren, in kleine Gläser füllen. Soll der Pesto länger aufbewahrt werden, füllt man die Gläser oben nochmals mit Olivenöl auf, so dass alles bedeckt ist. Hält sich ein Jahr. Sehr lecker für: Nudelgerichte, Gnocchi, Reisgerichte, auf Lammgerichte, Fisch, Geflügel, Bruschetta.
Bärlauch-Salatöl
2 Handvoll fische Bärlauchblätter, klein geschnitten
1 Esslöffelfische grüne Pfefferkörner
2 Esslöffel abgeriebene Schale einer fischen, unbehandelten Zitrone
1 Liter gutes natives Olivenöl
Die Kräuter in ein Schraubglas füllen, mit dem Olivenöl übergießen. Nach 2 Wochen abseihen und in dunkle Flaschen füllen. Verleiht Salaten ein unvergleichliches Aroma. Eignet sich auch gut für das Würzen von Tomatensauce und anderen Tomatengerichten.
Bärlauch- Crostini
100 g getrocknete, in Öl eingelegte Tomatenscheiben
125 g Crème fraîche
2 Handvoll frische gesammelte Bärlauchblütenknospen
1 EL gutes natives Olivenöl
Crostini, Baguette oder Weißbrot
Die Tomatenscheiben klein schneiden, mit Olivenöl und Crème fraîche im Mixer pürieren. Das Brot im Backofen oder besser noch über einem Lagerfeuer rösten. Die Paste auf das Brot streichen und mit den Blütenknospen belegen.
Köstlich für ein Picknick oder eine Party im Grünen. Die Knospen kann man wie die Wurzeln in Öl oder Essigwasser einlegen. Sie schmecken dann wie Kapern.
Bärziki
Eine Variation des griechischen Knoblauchgerichtes Tsatziki.
6 Tassen Joghurt
1 Essiggurke, klein geschnitten
1 Esslöffel frischer, fein gewiegter Dill
1 Knoblauchzehe, fein zerdrückt
1¼ Tassen frischer, fein geschnittener Bärlauch weißer Pfeffer, Salz
1 Salatgurke (geraspelt und ausgedrückt, damit das Wasser abläuft)
1 Esslöffel Olivenöl
Den Joghurt in einem Tuch über Nacht abtropfen lassen. Die Zutaten mit dem Joghurt vermischen, einige Zeit ziehen lassen. Mit geröstetem Weißbrot servieren.
Bärlauchessig
1 Handvoll frische klein geschnittene Bärlauchblätter
10 Wacholderbeeren, zerdrückt
1 l Apfelessig
Blätter und Wacholderbeeren in eine Flasche oder in ein Schraubglas geben. Mit dem Essig übergießen. Verschließen und nach 3 Wochen abseihen.
Für Salate, aber auch als Heilmittel bei juckenden Hautekzemen. Hierfür wird der Essig mit der dreifachen Menge Wasser verdünnt und für Umschläge oder Einreibungen verwendet.
Anbau
Der Bärlauch liebt humusreiche, tiefgründige, feuchte Böden und schattige Standorte unter Laubbäumen. Wer in seinem Garten noch ein schattiges Fleckchen unter den Bäumen frei hat, könnte sich dort eine Bärlauchecke anpflanzen. Bärlauch gibt es als Samen oder Pflanzen zu kaufen. Der schwarze Samen keimt erst nach 14 (!) Monaten. Wer so viel Geduld nicht aufbringen will, der kaufe sich einige Bärlauchpflänzchen.
Der Bärlauch vermehrt sich schnell, durch Wurzelausläufer und die Samen, die von Ameisen verschleppt werden. Wer schon im Juni seinen angepflanzten Bärlauch nicht mehr findet, braucht sich nicht zu wundern, die Pflanze hat sich nach einer kurzen, aber intensiven Vegetationszeit wieder zurückgezogen. Nur die einzelnen Stängel mit den Samen am oberen Ende bleiben stehen. Auch sie verschwinden bald.
Botanische Erkennungszeichen
Allium ursinum
| Vorkommen: | in fast ganz Europa, Nordasien Besonders in Norddeutschland steht der Bärlauch unter Naturschutz. |
| Standort: | Laub-und Mischwälder, Auwälder, feuchte, humusreiche Lehmböden, schattige Standorte, Grundwasseranzeiger |
| Beschreibung: | 20–50 cm hohe Pflanze, hohe ausdauernde Pflanze, Blätter saftig-grün, schwertförmig, obere Seite etwas dunkler; an langen dreikantigen Stängeln, sitzen die Blüten als Scheindolden mit weißen sternförmigen Blumenkronen auf langem Stiel, starker Knoblauchgeruch, tritt meist in Massen auf;Blütezeit: April–Juni, Samenverbreitung durch Wind und Ameisen. |
| Sammelzeit: | Blätter vor der Blüte: März–Mai |
| Inhaltsstoffe: | ätherisches Öl mit Allyl-und Alkylpolysulfiden, Vitamin C, Mineralsalze, Flavonoide, Prostaglandine A, B, F |
| Verwechslungsmöglichkeiten: | Blätter von Maiglöckchen und der Herbstzeitlosen. Beide sind tödlich giftig. Außerdem mit den Blättern des Aronstabs und des Salomonssiegels, die beide ebenfalls giftig sind. Diese Pflanzen entwickeln beim Zerreiben nicht den typischen Knoblauchgeruch des Bärlauchs. |

Beifuß
Artemisia vulgaris
Familie der Korbblütler - Asteraceae
»Erinnerst du dich, Beifuß, was du verkündest, Was du anordnest in feierlicher Kundgebung, Una heißt du, das älteste der Kräuter; Du hast Macht gegen drei und gegen dreißig, Du hast Macht gegen Gift und Ansteckung, Du hast Macht gegen das Übel, das über das Land dahinfährt.«
Aus einem angelsächsischen Neunkräutersegen 11. Jh.
An seiner äußeren Erscheinung ist nichts Auffallendes zu finden, und seine Blüten gehören zu den bescheidensten der hier im Buch beschriebenen Pflanzen. Merkwürdig, dass der unscheinbare Beifuß einmal als »Mutter aller Pflanzen« verehrt wurde und seit der Antike als kraftvolle Heilpflanze gelobt wird. Wir können heute kaum mehr nachvollziehen, welche Kräfte unsere Vorfahren im Beifuß erschaut haben, welche Zusammenhänge der Dinge der Schöpfung sie wahrnahmen, wenn sie diese Pflanze als Geschenk der Göttin verehrten. Wir können nur den fast verwischten, jahrhundertealten Spuren der Geschichte des Beifuß nachgehen, um vielleicht eine Ahnung von dem zu bekommen, was diese Pflanze einmal für die Menschen bedeutet hat.
Die erste Spur führt uns zurück ins Persien des vierten vorchristlichen Jahrhunderts. Dort begegnen wir Artemisia, der Gemahlin des Königs Maussolos (er wurde durch sein Grabmahl berühmt, das zu den 7 Weltwundern zählt). Artemisia war eine heilkundige Frau, und vielleicht hat sie den Beifuß oft verwendet, denn, wie es heißt, hat sie dieser Pflanze ihren Namen verliehen, den wir bis heute, nach so langer Zeit, noch immer kennen. »Artemisia vulgaris«, so lautet der botanische Name des Beifuß. Doch es gibt noch eine weitere Artemisia, mit der die Beifußpflanze verbunden war. Perser wie Griechen verehrten die Göttin Artemis, deren bekanntestes Abbild in Ephesus in Kleinasien stand. Ihr waren besonders heilkräftige Pflanzen zugeordnet, zu denen auch der Beifuß gehörte.
Artemis, die große Muttergöttin, Schutzherrin der Kräuterheilkundigen, wurde um Hilfe bei Geburten angerufen, und hier finden wir den ersten Hinweis auf die Heilkräfte des Beifuß, denn das Kraut Artemisia galt als Pflanze der Göttin, hilfreich bei allen Frauenkrankheiten.
Im antiken Griechenland trug die Pflanze den Namen Parthenis, der Jungfrau Kraut, und war somit wieder eine der Göttin geweihte Pflanze. Auch im alten Ägypten soll der Beifuß ein Kraut der Göttin Isis gewesen sein, und ihre Priesterinnen trugen bei den Umzügen Beifußpflanzen in den Händen.
Die Römer nannten ihre Artemis Diana, und auch sie war eine die Geburt schützende Göttin. Ihr Kraut Diania, es war wieder der Beifuß, galt als großes Frauenheilmittel.
Das Kraut der Göttin, der Mutter aller Dinge, durfte den Namen »Mutter aller Pflanzen« tragen, denn es galt als hilfreichstes Frauenmittel. Die Hebammen, Kräuterfrauen und Ärzte früherer Zeiten, haben diese Pflanze wohl oft gebraucht, um ihre Patientinnen zu heilen. Hippokrates, Plinius, Dioskurides, Galenus, sie alle loben den Beifuß als großes Frauenheilmittel. Die Spuren aus der Zeit der Antike führen uns wieder hierher zurück in unseren näheren Umkreis. Abt Walahfrid Strabo nennt den Beifuß in seinem Kräutergartengedicht »Mutter der Kräuter«, und in dem angelsächsischen Kräutersegen am Anfang dieses Kapitels wird der Beifuß als »das älteste der Kräuter« angerufen. Das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit wird der Beifuß von unseren Heilkundigen fast ausschließlich als Frauenheilmittel verwendet, und viele beschreiben die Heilkraft dieser Pflanze: Hildegard von Bingen, Paracelsus, Tabernaemontanus, Bock, Lonicerus ..., z.B. schreibt Culpepper, um nur eine der vielen Textstellen herauszugreifen, im 17. Jahrhundert:
»Es ist ein Kraut der Venus. Seine Spitzen, Blätter und Blüten sind voll Tugend; sie sind aromatisch und äußerst sicher und hervorragend zur Behandlung von weiblichen Krankheiten.«
Wie wir den alten Kräuterbüchern entnehmen können, wurde der Beifuß verwendet, um die Fruchtbarkeit zu stärken, die Geburt zu erleichtern, die Nachgeburt zu fördern, Schmerzen der Menstruation zu beheben und ihre Unregelmäßigkeiten auszugleichen. Außerdem um alle krampfartigen Zustände, besonders der Frauen, zu beheben. Der Beifuß wird als Pflanze mit besonders viel Wärmekraft beschrieben, es heißt: »seine Qualität ist warm und trocken, er hat die Kraft zu erwärmen«. Schoßwurz wurde der Beifuß von den Frauen genannt, denn sie banden ihn sich zur Geburt um den Schoß, um die Wehentätigkeit anzuregen. Wie viele Pflanzen, die ursprünglich einer Göttin geweiht waren, so ist auch der Beifuß, das Kraut der Isis, Diana und Artemis, mit in das Kräuterbüschel aufgenommen worden, das an Maria Himmelfahrt der Maria zur Segnung dargebracht wird. Einige alte Bräuche haben sich noch als letzte Reste erhalten, wie zum Beispiel die Empfehlung, den Beifuß nur im Zeichen der Jungfrau zu sammeln, oder ein Brauch, der sich in Süddeutschland noch lange gehalten hat, an Maria Himmelfahrt die Ställe mit Beifuß zu räuchern, um das Vieh vor Krankheit zu schützen.

Es bleiben noch einige seltsame, altertümliche Namen des Beifuß, deren Enträtselung uns auf die zweite Spur der Geschichte dieser Pflanze leiten: Mugwurz, Machtwurz, Sonnwendgürtel, Thorwurz.
Diese Namen führen uns in unsere germanische und keltische Vergangenheit, ja sogar, wie einige Ethnologen sagen, bis in indogermanische Zeit. Die Namen lassen darauf schließen, dass der Beifuß in diesen Kulturen eine wichtige Rolle gespielt hat. Von heute noch bestehenden Stammesgesellschaften, wie zum Beispiel den Indianern im Amazonasgebiet oder den Aborigines, erfahren wir, dass die Menschen, die noch in starker Verbindung mit der Natur leben, Kraftplätze, Krafttiere und Kraftpflanzen kennen. Eine Kraftpflanze kann dem Menschen Kraft und Macht verleihen, wenn er weiß, wie er dieser Pflanze begegnen muss. Die Mistel z. B. war für die Kelten eine bedeutende Kraftpflanze, die die Druiden, die Priester ihrer Religion, an einem bestimmten Tag mit goldenen Sicheln von den Eichen schnitten, um sie an das Volk zu verteilen. Solch ein Mistelzweig, als Amulett getragen, sollte das ganze Jahr über Kraft geben und vor Krankheit schützen. Auch der Beifuß war solch eine magische Kraftpflanze, er war die Mugwurz (vom Keltischen = wärmen, kräftigen), später die Machtwurz. Selbst die Götter bedienten sich seiner Kraft. Thor, der germanische Donnergott, besaß den Zaubergürtel Megingjardr. Mit diesem Gürtel aus Beifuß konnte er seine Kraft verdoppeln und so seine gefährlichen Reisen und Kämpfe bestehen. Und wer immer sich stärken wollte, der brauchte nur einen Gürtel aus dem Gürtlerkraut, d.h. dem Beifuß zu tragen. Aber dies ging nicht an jedem x-beliebigen Tag. Darauf verweisen uns die Namen Johannisgürtel und Sonnwendkraut. Dieser Gürtel musste am kräftigsten Tag des Jahres, am Tag der Sommersonnenwende, geflochten werden. Das Sonnwendfest war der wichtigste Tag des Jahres, der Tag an dem die Sonne, das lebenspendende Licht seine größte Kraft hat. Die Tradition der Sonnwendfeiern lässt sich viele tausend Jahre zurückverfolgen.
Der Beifuß war eines der Sonnwendkräuter, aus dessen Wurzeln oder Zweigen man den Sonnwendgürtel flocht. Am Ende des Festes warf man ihn ins Feuer und mit ihm alles Schlechte, das man loswerden wollte. Man konnte den Kranz auch nach dem Fest behalten und ihn als Schutz und Stärkung tragen, damit räuchern oder in den Stall hängen, damit die Tiere vor Krankheit und Zauber geschützt wurden.
Die Wurzel konnte, als Amulett getragen, Kraft verleihen und Gesundheit schenken. In einer Handschrift aus dem 15. Jahrhundert heißt es über den Beifuß:
»Artemisia ist ain kraut, daz ist unter allen ungeheure. Ob du furchtest czauber, so hab ir vier pundl (büschl) in de chemenaten, un dir schaden die unholden nicht chinden, noch an viech, noch an chainer slacht Ding...«
Tabernaemontanus berichtet, dass man zu seiner Zeit die Wurzel des Beifußes um den Hals trug, die Krankheiten, die von Dämonen erzeugt werden, zu heilen. Er meint damit die Epilepsie. Neben dem Ruf, ein großes Frauenheilmittel zu sein, galt der Beifuß auch als ein Mittel, das die Kraft besitzt, Epilepsie zu heilen. Hufeland und Rademacher haben den Beifuß als Epilepsiemittel verwendet. Der Arzt Rademacher beschreibt in seiner »Erfahrungsheillehre« 1848, wie er mit dem Beifuß Epilepsie heilen konnte. In neuerer Zeit hat sich besonders Dr. Bohn mit dem Beifuß als Heilmittel der Epilepsie befasst und ihn dafür empfohlen.
Heute wird der Beifuß nur noch selten als Heilmittel verwendet. In der Homöopathie wird die Wurzel verarbeitet und gegen Epilepsie, Veitstanz und Hysterie gebraucht. In manchen Kräuterbüchern unserer Zeit wird der Beifuß nicht einmal mehr erwähnt, die »Mutter aller Kräuter« ist in Vergessenheit geraten.
Jetzt bleibt mir noch der letzte, heute gebräuchliche Name »Beifuß« zu erklären.
Ich lasse mir dabei von Leonhard Fuchs helfen, der 1588 in seinem Kräuterbuch schreibt:
»So einer über Land reysset / beyfuss bey ihm tregt / so vertreibt es die müde.«
Wie der Breitwegerich, so ist auch der Beifuß ein Begleiter der Wanderer. Er wächst gern an Wegrändern und bietet seine Hilfe denen an, die vom vielen Laufen müde Füße bekommen haben. Kein Kräuterbuch, vom alten Plinius (1. Jh. n. Chr.) angefangen, bis weit in unsere Zeit, das den Beifuß nicht als Mittel preist, das, ans Bein gebunden oder in die Schuhe gelegt, den müden Wanderer wieder frisch macht.
Nur Konrad von Megenberg zweifelt in seinem »Buch der Natur« (14. Jh.) an dieser Kraft des Beifuß:
»Artemisia haizet peipoz, daz kraut ist haiz und trukken und den guot, die unperhaft (unfruchtbar) sint von übrigen fäuthen, ez sprechent auch die maister, wer es an diu pain pind, es benem denwegraisern in müd. daz versuoch, wan ich gelaub sein niht, ez waer dann bezaubert.«
Herr von Mengenberg hat wahrscheinlich noch nie die wohltuende Kraft eines Beifuß-Fußbades nach einem anstrengenden Tag auf den Beinen erlebt. Ich hätte ihm dies gerne empfohlen.
Wenn es schon so schwer ist, die Kraft des Beifußes an seiner äußeren Erscheinung abzulesen, so können wir uns durch seine Anwendung dem nähern und es erfahren, was die Alten über diese Pflanze gesagt haben. Wir können 1000 Bücher lesen, aber wenn wir dazu nicht parallel eine eigene Erfahrung gemacht haben, werden wir nie etwas verstehen. Unser Wissen bleibt leer. Wir müssen versuchen, die alten Hinweise in unsere eigenen neuen Erfahrungen münden zu lassen, erst dann werden sie für uns erlebbar. Seit ich die starke Wärme dieser Pflanze in meinem Körper gespürt habe, verstehe ich die Aussage der Alten, »diese Pflanze ist heiß im dritten Grad«. So habe ich den Beifuß immer wieder zur Stärkung und Erwärmung empfohlen, bei Krankheiten (besonders der Frauen), die durch Unterkühlung und Verkrampfung entstanden sind. Und er hat sich schon so oft bewährt.
Wenn wir den Beifuß suchen, sollten wir an Wegrändern entlanggehen, in Kiesgruben, Steinbrüchen, an Bahndämmen und Abhängen nach ihm Ausschau halten. Er wirkt so luftig und leicht, dass man von weitem fast durch ihn hindurchschauen kann. Sein aufrechter, fester Stängel, oft braunrot gefärbt, erhebt sich bis zu 1¼ Meter über dem Boden. Aus ihm entspringen viele Seitenäste, die sich oft verzweigen. Seine Blätter sind oberseits mattgrün, unterseits mit einem weißlichen Filz überzogen. Die doppeltgefiederten Blätter laufen in einem spitzen Zipfel aus. Erst spät im August und September erscheinen die unscheinbaren Blüten in Rispen am oberen Ende der Äste. Die graufilzigen Blütenköpfchen tragen kleine gelbe oder rotbraune, sehr unscheinbare Blüten. Sie enthalten keinen Honig und werden vom Wind bestäubt.
Der Beifuß ist ein naher Verwandter des Wermuts (Artemisia absinthium). Beifuß und Wermut ähneln sich im Aussehen, sind jedoch leicht zu unterscheiden. Die Blätter des Wermuts sind dick mit einem Flaum überzogen, was die ganze Pflanze seidig-graugrün schimmern lässt. Die Blütenköpfchen haben einen silbergrauen Hüllkelch und hellgelbe Blüten. Die Pflanze enthält viel ätherisches Öl und strömt einen intensiven Duft aus. Der Wermut kommt fast in ganz Europa vor, ausgenommen im hohen Norden und einigen südlichen Gebieten. Er ist eine bekannte Heilpflanze und wird wegen seines hohen Gehalts an Bitterstoffen hauptsächlich als Magenmittel, zur Anregung der Verdauung, bei Appetitlosigkeit und Ernährungsstörungen verwendet. Gleichzeitig hat er eine anregende Wirkung auf die Galle.
Die Eberraute, Artemisia abrotanum, ist ebenfalls eine enge Verwandte des Beifuß. Sie ist in Südosteuropa und Westasien heimisch, und meistens ist es ihr hier in unserem Klima zu kühl für eine Samenreife. Sie scheint bei uns schon im 9. und 10. Jahrhundert bekannt gewesen zu sein. Meine Eberrauten im Garten haben die kalten Allgäuer Winter bis jetzt gut überstanden und erfreuen mich jedes Jahr mit ihrem zarten, filigranen Blattwerk, das einen feinen erfrischenden Zitronenduft verströmt. Es heißt, die Bäuerinnen hätten am Sonntag zum Kirchgang ein Zweiglein Eberraute angesteckt, damit sie der frische Duft bei einer langweiligen Predigt wachhalte. Die Zweige der Eberraute ergeben frisch oder getrocknet einen angenehm schmeckenden Heiltee. Zu gleichen Teilen mit den duftenden Blättern der Zitronenverbene und Marienbalsam (Chrysanthemum balsamita) gemischt, ergibt die Eberraute eine meiner Lieblingsteemischungen. Eberrautentee wirkt anregend und kräftigend, hilft bei Blutarmut und Appetitlosigkeit. Eberraute wird Kindern bei Wurmbefall verabreicht. Während der Schwangerschaft sollte Eberraute nicht innerlich angewendet werden. Der Tee ist äußerlich angewandt in Form von Kompressen und Gesichtswasser ein Heilmittel bei Hautkrankheiten. Eberraute ist ein Gefäßtonikum für die Hautkapillaren und kann so als Gesichtswasser oder Crème, bei geplatzten Äderchen, sogenannten Besenreißern, und zur leichten Einreibung bei Krampfadern verwendet werden.

Es heißt Eberraute »klärt die Gedanken«. Diese Wirkung kommt in dem edlen Teerezept »der Seher« gut zur Entfaltung:
Der Seher
| Grüner Tee, Blätter | 3 Teelöffel |
| Eberraute, Kraut | 1 Teelöffel |
| Arabische Minze, Blätter | 1 Teelöffel |
| Zitronenverbene, Blätter | 1 Teelöffel |
| Gingko, Blätter | 1 Teelöffel |
Die getrockneten Zutaten mischen, mit 6 Tassen kochendem Wasser übergießen, einige Minuten ziehen lassen, abseihen. Den Tag über verteilt trinken. Ein Tee, der entspannt, fein ausgleicht und innere Balance schenkt.
Schöner als Abt Walahfrid Strabo in seinem Kräutergedicht im 9. Jahrhundert die Eberraute gepriesen hat, könnte ich es nicht treffen.
Deshalb möchte ich ihn hier zitieren:
»Ebenso leicht ist’s den hohen Wuchs deiner Staude zu preisen,
Eberraute, bewundernd das Blattwerk, das reich sich entfaltet,
Üppig in Zweige geteilt und feinen Haaren vergleichbar.
Dieser duftende Schöpf, zugleich mit den biegsamen Zweigen
Ärztlichen Mitteln vermengt, ergibt eine nützliche Mischung.
Fieber wehret sie ab, scheucht Seitenstechen, bringt Hilfe,
Wenn die tückische Gicht uns mit plötzlichem Anfall belästigt.
Aber noch mehr: Sie hat so viel Kräfte wie haarfeine Blätter.«
Heilwirkung
Das einst so bekannte Heilkraut Beifuß ist fast ganz in Vergessenheit geraten. Nur in der Homöopathie spielt er noch eine bescheidene Rolle. Nach meiner Erfahrung ist der Beifuß aber ein sehr wirksames und zuverlässiges Heilmittel. Wie bei vielen anderen Heilpflanzen ist dabei eine richtige Dosierung und Anwendungsart für den Erfolg der Behandlung ausschlaggebend. Er kann bei Überdosierung unangenehme Nebenerscheinungen hervorrufen. Man führt dies auf den Gehalt des in seinem ätherischen Öl enthaltenen Cineols zurück. Außerdem darf Beifuß nicht bei akut fieberhaften Erkrankungen verwendet und sollte auch in der Schwangerschaft vermieden werden; die Pflanze kann Wehen hervorrufen und wurde früher zur Abtreibung gebraucht. Wie alle Pflanzen aus der Familie der Korbblütler kann Beifuß bei empfindlichen Menschen eine Allergie erzeugen. Beifuß eignet sich nicht zur Dauereinnahme. Er sollte kurmäßig etwa 3 Wochen lang verwendet werden, danach wird eine Behandlungspause empfohlen. Bei Bluthochdruck sollte Beifuß nicht eingenommen werden. Beginnen wir mit seiner Anwendung als Frauenheilmittel, nachdem wir aus dem vorhergegangenen Textteil so viel über seine Verbindung mit der Großen Göttin gehört haben. Er ist ein Emmenagogum, d. h. ein Mittel, das die Monatsblutung fördert. So hilft er bei ausbleibender und zu schwacher Monatsblutung. Die Monatsblutung hat für den weiblichen Körper eine reinigende, ausgleichende Funktion.
Der Beifuß wirkt auch entkrampfend auf die weiblichen Unterleibsorgane. Deshalb wird er wie das Gänsefingerkraut bei schmerzhafter Regel verwendet. Eine Teekur mit diesen beiden Pflanzen sollte mit Beifuß-Fußbädern und -Sitzbädern unterstützt werden.
Bei zu schwacher wie bei schmerzhafter Regel wird der Beifuß innerlich als Tee 2 x 1 Tasse oder Tinktur 3 x 5 Tropfen und äußerlich als Fuß- oder Sitzbad verwendet. Besonders hilfreich ist der Beifuß bei allen Erkrankungen der Unterleibsorgane, die durch Kälte entstanden sind. (Wir erinnern uns, der Beifuß wird in den alten Kräuterbüchern als eine der heißesten Pflanzen beschrieben.) Bei zu schwacher, schmerzhafter Regel, nach Verkühlung, bei chronischem Blasenkatarrh, Ausfluss, ständig kalten Lenden schenkt uns der Beifuß seine wohltuende Wärme. Die meisten Krankheiten der weiblichen Unterleibsorgane sind vom »Symptom der kalten Füße« begleitet. Und bevor die kalten Füße nicht behandelt worden sind und weniger oft auftreten oder endlich immer warm und gut durchblutet sind, sind alle anderen Mittel »für die Katz«. Über diese reflektorische Verbindung zwischen Unterleibsorganen und Füßen kann man starken Einfluss nehmen.
Als Grundlage für eine Behandlung von oben genannten Krankheiten wie auch von chronischer Eierstockentzündung und zu schwacher Funktion der Eierstöcke empfehle ich Beifuß-Fußbäder, 2-mal wöchentlich.
Beifuß wird immer gleichzeitig innerlich und äußerlich angewendet. Als Tee, Wein, Pulver, Tinktur, Fußbad oder Sitzbad. Beifuß regt die Wehentätigkeit an und wurde deshalb früher von den Hebammen vor der Geburt als Tee verwendet. Außerdem fördert er den Abgang der Nachgeburt durch Anregung der Nachgeburtswehen und wurde der Mutter nach der Geburt gereicht. Der Beifuß sollte nicht während der Schwangerschaft und Stillzeit innerlich verabreicht werden. Die Anwendung von Beifuß zur Wehenförderung und Geburtserleichterung gehört ausschließlich in die Hand von erfahrenen Hebammen. Auch bei einer Allergie auf Korbblüter sollte man den Beifuß in jeder Form meiden.
Nach einer anstrengenden Wanderung oder nach einem langen Tag auf den Beinen entspannt und kräftigt ein Fußbad mit Beifuß die müden Beine. Er hilft auch bei Muskelkater, kräftigt und stärkt schwache Glieder. Hierfür kann man zur Einreibung auch die Tinktur verwenden. Der Beifuß hat eine allgemein beruhigende Wirkung auf das Zentralnervensystem, so ist es verständlich, dass man ihn früher oft verwendet hat als Basismittel bei Krankheiten, die mit Verkrampfungen – körperlich wie seelisch (was kaum voneinander zu trennen ist) — verbunden sind. Dieses Basismittel war oft das mit getrocknetem Beifußkraut gefüllte Kopfkissen des Patienten. Es wirkt fein die ganze Nacht hindurch, beruhigt die Nerven, fördert den Schlaf.
Was hat der Beifuß mit einer fetten Gans zu tun? Er hilft uns, damit wir sie besser verdauen können. Er ist ein traditionelles Gewürz für den Gänsebraten und fettes Fleisch. Und nicht zu Unrecht, denn er regt die Verdauungsdrüsen an. Außerdem stärkt er den Magen, wirkt appetitanregend und hilft bei Blähungen. Hierfür kann man ihn als Gewürz, als Wein und Tee verwenden. Die Tinktur aus der frischen Pflanze medizinisch eingesetzt wirkt verdauungsfördernd und appetitanregend. Sie wird 2 x 10 Tropfen vor dem Essen eingenommen.
Aus der fernöstlichen Medizin haben wir noch eine weitere Methode gelernt, wie wir die wohltuende Kraft des Beifußes auf unseren Körper wirken lassen können. In der chinesischen Medizin wird die dortige Beifußpflanze, Moxakraut genannt, getrocknet und zu Kegeln oder Stäbchen gepresst. Diese werden angezündet und glimmen lange. Sie verbreiten einen angenehmen Duft. Hierbei setzt man sie auf den der Krankheit entsprechenden Akupunkturpunkt, wo sie den Punkt und den Meridian mit ihrer ganz eigenen Wärme beeinflussen. Bevor der Kegel abgebrannt ist, wird er natürlich entfernt. Ich verwende hauptsächlich die »Moxazigarren«, zu Stäbchen gerolltes Moxakraut, die entzündet und glimmend über die zu behandelnden Körperteile etwa im Abstand von 1–2 cm geführt werden. Diese Wärme dringt tief ein, entspannt und entkrampft. Sie hilft z. B. bei Verkrampfungen, Kopfschmerzen, Kreuzschmerzen, chronischen Stirnhöhlenerkrankungen und Magenkrämpfen. Moxa sollte wie der Tee und das Pulver nicht bei akut entzündlichen Erkrankungen verwendet werden. Von erfahrenen Hebammen wird das Moxen mit Beifuß (meist mit einem Fertigprodukt aus chinesischem Beifuß) über einem bestimmten Akupunkturpunkt verwendet, um das Kind im Uterus in die richtige Lage zu drehen. Beifuß ist eine weltweit angewandte Kräuterpflanze, um die Atmosphäre eines Raumes zu reinigen oder um Rituale zu begleiten. Siehe dazu mein Buch »Buch vom Räuchern«.
Im Juli/September, wenn der Beifuß blüht, ist die richtige Zeit, ihn zu sammeln. Ich schneide die Pflanzen etwas oberhalb des Erdbodens ab und hänge sie einzeln kopfüber an einem luftigen, schattigen Ort zum Trocknen auf. Wenn die Pflanzen beim Zerreiben knistern, dann sind sie genug getrocknet, und ich streife die Blätter und Blüten von den Stängeln. Für einen Beifußtee überbrüht man 1 Teelöffel davon mit 1 Tasse kochendem Wasser. Ca. 10 Minuten ziehen lassen. Tagesdosis 2–3 Tassen. Den Tee nicht süßen. Der reine Beifußtee hilft neben oben genannten Leiden auch bei Übelkeit, Brechreiz, nervösem Magen, Durchfall, bei falscher Kost. Seit einigen Jahren wird der Tee aus dem einjährigen Beifuß erfolgreich in Afrika gegen Malaria eingesetzt.
Artemisia
| Eberraute, Kraut | 20 g |
| Marienblatt, Blätter | 20 g |
| Schafgarbe, Kraut | 10g |
| Waldmeister, Kraut | 10g |
| Frauenmantel, Blätter | 20 g |
| Zitronenverbene, Blätter | 20 g |
Die getrockneten Kräuter zur Teemischung gut mischen. Einen gehäuften Teelöffel der Mischung mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, zugedeckt 5 Minuten ziehen lassen. Ein bis zwei Tassen täglich. Ein Tee zur Begleitung durch das Frauenleben. Stärkt die Unterleibsorgane, reguliert den Hormonhaushalt, lindert Wechseljahresbeschwerden.
Im Fluss sein
| Beifuß, Kraut | 20 g |
| Minze, Blätter | 10 g |
| Eberraute, Kraut | 20 g |
| Eisenkraut, Kraut | 20 g |
Ein gehäufter Teelöffel der Mischung mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, 5 Minuten ziehen lassen, abseihen. Bei zu schwacher Menstruation 1 bis 2 Tassen täglich.
Beifuß-Fußbad
3 Liter Wasser mit ca. 2 Handvoll Beifußkraut, getrocknet oder frisch, kalt ansetzen, bei geschlossenem Topf aufkochen und ca. 5 Minuten kochen lassen. Abseihen, in eine Fußbadewanne oder eine große Schüssel füllen und mit heißem Wasser auffüllen. Heiße Beifuß-Fußbäder helfen bei Unterleibsstörungen, Verkrampfungen, kalten Füßen, Kopfschmerzen. Kalte Fußbäder eignen sich bei müden, geschwollenen Füßen. Hierfür den Sud abkühlen lassen und mit kaltem Wasser auffüllen.
Beifuß-Öl
Ein Schraubglas zur Hälfte mit frischen, zerschnittenen Beifußblättern, Blüten und Wurzeln füllen. Mit kalt gepresstem Sonnenblumenöl auffüllen, verschließen und ca. 2–3 Wochen an einen sonnigen warmen Platz stellen. Abseihen. Auf ½ Liter Öl 15 Tropfen ätherisches Kiefernöl geben (Oleum Pini sylvestris), schütteln und in dunklen Flaschen aufbewahren.
Zum Einreiben für müde, geschwollene Füße, bei Muskelkater und Verspannungen.
Die Wurzel sammelt man am besten im November. Sie wird ausgegraben und vorsichtig mit einer Bürste gesäubert. Nicht waschen. Nun legt man die Wurzeln zum Trocknen aus. Das Pulver aus den getrockneten Wurzeln sollte erst kurz vor Gebrauch zubereitet werden, da es so die größte Kraft hat. Hierfür zerstoße ich die Wurzeln fein in einem Mörser. Das Pulver wird messerspitzweise eingenommen. Tagesdosis: 2–3 Messerspitzen. Das Wurzelpulver wirkt stärker als der Tee. Vorsicht mit zu hohen Dosen!
Beifuß- Tinktur
Ein kleines dunkles Schraubglas zur Hälfte mit frischer zerstampfter Beifußwurzel füllen, mit 45-prozentigem Alkohol aufgießen, verschließen und 2–3 Wochen ziehen lassen. Gelegentlich schütteln. Abseihen und in dunklen Tropfflaschen aufbewahren. Tagesdosis: 3–5 Tropfen 3-mal täglich. Beifußtinktur ist ein gutes Einreibemittel für müde Füße, Muskelkater und Neuralgien.
Mottenkissen
Beifuß vertreibt Motten. Deshalb hat man früher in Truhen und Schränke Beifuß-Zweige gelegt oder das Kraut in kleine Kissen genäht und zwischen die Wäsche gelegt. Man kann den Beifuß einzeln verwenden oder ihn mit anderen Kräutern mischen, die ebenfalls wirksame Mittel gegen Motten sind. Ich gebe zum Beifuß noch duftende Mottenkräuter, um der Wäsche gleichzeitig einen frischen Duft zu verleihen. Aus der folgenden Liste von mottenabwehrenden Kräutern kann sich jeder seinen Lieblingsduft auswählen und die Pflanze dem Beifuß zufügen:
Honigklee (Melilotus officinalis), Waldmeister (Asperula odorata), Eberraute (Artemisia abrotanum), Minze (Mentha piperitia), Rainfarn (Chrysanthemum vulgäre), Zypresse (Cupressus sempervirens), Duftgeranie (Pelargonium graveolens), Nelke (Syzygium aromaticum), Thymian (Thymus vulgaris), Lavendel (Lavandula officinalis).
Beifuß-Tee ist in der Apotheke als Artemisiae herba erhältlich, ebenso die Urtinktur aus frischen Pflanzen.
Kommission E
1988 wurde für den Beifuß eine Negativmonographie erstellt. Eine Wirksamkeit von Beifuß-Zubereitungen wurde nicht belegt.
Verwendung in der Küche
Beifuß fehlte früher an keinem fetten Gericht und schon gar nicht am Gänsebraten. Er hatte, wie alle traditionellen Gewürze, eine wichtige Funktion; er unterstützt die Fettverdauung. Und diese Hilfe brauchen wir bei fettem Essen besonders. Als Gewürz können wir den Beifuß frisch oder getrocknet verwenden. Wir gebrauchen nur die obersten Blütenrispen, gerade bevor sie aufgegangen sind. Außerdem passt der Beifuß gut zu Kartoffelsuppe, Bohnensuppe, Kohlgerichten, Saucen, Fleisch, Fisch, Geflügel und Pilzen.
Anbau
Beifuß wird eine ca. 150 cm hohe Staude. Er liebt kalkhaltige Erde, Sand, Kies und Lehmböden. Samen und Pflanzen sind im Handel erhältlich. Wir säen von April bis Juni in Schalen. Nicht abdecken, sondern nur andrücken, der Beifuß ist ein Lichtkeimer. Die Samen keimen nach ca. 1 Woche. Pikieren, im Abstand von 30–40 cm pflanzen. Ältere Pflanzen kann man leicht teilen. Beifuß sät sich schnell selbst aus, schon im nächsten Jahr, nachdem man einen Beifuß im Garten gepflanzt hat, gibt es überall um die Mutterpflanze viele kleine Beifuß-Pflänzchen. Im Herbst schneidet man die Pflanzen handhoch über dem Boden ab. Einen Winterschutz brauchen sie nicht, sie sind sehr robust.
Botanische Erkennungszeichen
Artemisia vulgaris
| Vorkommen: | Europa, Asien, Nordamerika |
| Standort: | Wegränder, Steinbrüche, Bahndämme, Gebüsche |
| Beschreibung: | 100–150 cm hohe Pflanze, fester, aufrechter Stängel mit ausgebreiteten Seitenästen, Stängel oft dunkel, braunrot gefärbt, Blätterunterseite weißfilzig, behaart, oberseits kahl und dunkelgrün, einfach oder doppelt gefiedert, spitz auslaufend. Gelbliche oder rötliche Einzelblüten stehen in ährenartiger oder traubenartiger Anordnung.Blüten sehr klein.Blütezeit: Juli–September |
| Sammelzeit: | Kraut: Juli/September Wurzel: November |
| Inhaltsstoffe: | Bitterstoffe, Gerbstoffe, ätherisches Öl mit Cineol und Thujon, Flavonoide, Cumarine |
| Verwechslungs-möglichkeiten: | Wermut: Dessen Blätter sind beiderseits silbrigweiß behaart, Blattspitzen enden in einer Rundung, Blattstiel und Stängel sind nicht dunkelrot gefärbt wie beim Beifuß. Beifuß-Ambrosie: Bei dieser ist sowohl die Blattoberwie auch die Blattunterseite gleich grün. Beim Gemeinen Beifuß ist die Blattoberseite grün, die Blattunterseite jedoch hellgrau, also deutlich heller. Verschiedene Eisenhut-Arten, deren Blätter den Beifußblättern ähneln. Eisenhut ist tödlich giftig. |


Beinwell
Symphytum offlcinale
Familie der Raublattgewächse - Boraginaceae
In meinem Garten, ganz im äußersten Eck, kämpfen zwei Giganten miteinander. In das Beinwellfeld ist der Kürbis vom benachbarten Komposthaufen eingedrungen. Die Beinwellpflanzen stehen dicht beieinander, die großen, fleischigen Blätter so weit wie möglich um den hohen Stängel ausgebreitet. Sie scheinen alle Kraft des Bodens in sich aufgesaugt zu haben, um damit ihre Gestalt größer und größer werden zu lassen. Die Kürbispflanze, dick und gefräßig, windet sich wie eine große Schlange durch den Beinwellwald und versucht sich mit mächtigen, schirmgroßen Blättern Platz zu schaffen. Ich bin schon gespannt, wie dieses Schauspiel am Rand meines Gartens weitergehen wird. Dieses Stückchen Beinwellfeld ist vielleicht der ergiebigste Teil meiner Pflanzungen, es ist ein Stück lebendiger Arzneischatz, wo ich die wertvollsten Heilmittel gleich schubkarrenweise geschenkt bekomme. Jetzt im Sommer gehe ich öfter hierher, um mich an den zartvioletten Blüten des kanadischen Beinwells zu erfreuen. Ich bin dabei nicht allein, ganze Scharen von Hummeln freuen sich über die dick mit süßem Nektar gefüllten glockenförmigen Blüten. Um Verwechslungen gleich zu Beginn der Bekanntschaft mit dem Beinwell zu vermeiden, möchte ich die verschiedenen Pflanzen auf meinem Feld vorstellen: In der linken Ecke steht der einheimische, altbewährte und »ganz normale« Beinwell. Sein Beiname »officinalis« weist uns dezent darauf hin, dass wir es hier mit einer Heilpflanze von Rang und Namen zu tun haben. Er wurde nämlich schon in früheren Zeiten im Officin, dem Werkraum der alten Apotheken, verarbeitet und im amtlichen Arzneiverzeichnis aufgeführt. Er ist eine alte und geschätzte Heilpflanze von stattlichem Aussehen. Um den dicken fleischigen Stängel, der bis zu einen Meter Höhe erreichen kann, reihen sich große, lanzettliche Blätter. Sie wirken etwas plump und grob gestaltet. Blätter wie Stängel machen der Familie der Raublattgewächse, zu welcher der Beinwell gehört, große Ehre, denn sie sind mit vielen spitzen, rauen Haaren besetzt. Die Blätter sind am Stiel herablaufend verwachsen, so als ob sie nicht loslassen könnten. Dies galt den früheren Pflanzenkennern als Zeichen, um etwas über die Bestimmung des Beinwells zu erkennen. In dieser Geste drückt sich die zusammenhaltende Kraft des Beinwells aus. Auf den menschlichen Körper übertragen heißt dies, dass der Beinwell Auseinandergeratenes wieder zusammenfügen kann. Und wirklich wird der Beinwell seit langer Zeit als Heilmittel für gebrochene Knochen und bei Gewebsverletzungen mit großem Erfolg verwendet. Die Pflanze, so erkannten die Alten, trägt das Zeichen des Planeten Saturn. Dieser steht für die zusammenfügenden, festhaltenden und verhärtenden Kräfte. Saturnpflanzen haben oft harte, raue Oberflächen, wie z. B. auch der Schachtelhalm. Das Grün der Beinwellblätter scheint etwas abgedunkelt mit einem Schuss Schwarz. Saturngeprägte Pflanzen öffnen ihre Blüten nicht zum Licht, sondern neigen sie nach unten. Auch die Blüten des Beinwell sind zum Boden hin geöffnet. Angeschnittene Wurzeln des Beinwell im Boden wachsen wieder zusammen, auch dies deutete man als eine zusammenfügende Kraft der Pflanze.
Der Arzt und Astrologe Nicholas Culpepper schrieb im 17. Jahrhundert in seinem Kräuterbuch über den Charakter des Beinwells:
»Dies ist eine Pflanze des Saturn, ich nehme an, sie steht unter dem Zeichen des Steinbocks, kalt, trockenn und erdig in ihrer Qualität.«
Der Beinwell hat entweder weißlichgelbe oder violettblaue Blüten. Die Pflanzen mit den violetten Blüten nannte man früher »Beinwellmännlein«, die mit den gelblichen Blüten »Beinwellweiblein«. Die Blüten sitzen an überhängenden, zu Spiralen aufgerollten Stielenden.
Etwas weiter rechts in meinem Garten möchte ich bekanntmachen mit »dem Beinwell, der aus der Fremde kommt«. So lautet die Übersetzung seines lateinischen Namens »Symphytum peregrinum«. Er ist tatsächlich keine einheimische Pflanze, sondern stammt aus dem fernen Sibirien und aus der Ukraine. Er ist eine Kreuzung aus dem Symphytum officinalis und aus einer Beinwellart, die hauptsächlich im Kaukasus heimisch ist. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der Symphytum peregrinum, heute Comfrey genannt, von einem englischen Gärtner, der in den Diensten der Katharina II. stand, von Petersburg nach England gebracht. Über Kanada wurde er nach den USA, Neuseeland und Australien eingeführt. Deshalb nennt man ihn heute noch den »kanadischen Beinwell«. Unter dem »modernen« und doch alten englischen Namen Comfrey ist er bei uns in den letzten Jahren berühmt geworden. Der Comfrey wird größer als der Beinwell, seine Blätter und Stängel sind ebenfalls behaart, jedoch viel weniger borstig. So kann der Comfrey als wertvolle Futterpflanze verwendet werden. Die Blätter des Comfrey laufen nicht am Stängel entlang nach unten. Er wirkt trotz seiner Größe insgesamt weicher und heller, das Grün seiner Blätter ist freundlicher. Er scheint die Saturnnatur dieser Familie etwas aufgelöst zu haben. Über der ganzen Wuchtigkeit seiner Erscheinung schweben, wieder an spiraligen Stängeln, zartviolette Blüten.
Auch sie wirken viel leichter als die seines kleinen Bruders, des Beinwells. Der einheimische Beinwell hat in seinen Blättern einen Stoff, das Symphyto-Cynoglossin, das schwach lähmend auf das zentrale Nervensystem wirkt. Dieser Stoff ist jedoch nur in sehr kleinen Mengen enthalten. Er ist es, der die schmerzstillende Wirkung der Beinwellblätter, auf Wunden aufgelegt, verursacht. Der Comfrey enthält diesen Stoff nicht. Er kann deshalb an Tiere in großen Mengen verfüttert werden und wurde früher als ergiebige Futterpflanze angebaut. Seine Blätter können bis zu sechsmal im Jahr geschnitten werden. Sie sind sehr wertvolles Futter; denn sie enthalten große Mengen Eiweiß (pro Hektar 2200 kg). Außerdem enthalten sie Vitamin B12, A, C und viele verschiedene Mineralien.
Der Beinwell und der Comfrey werden manchmal unter dem Namen Schwarzwurz angeführt. Die Gartenschwarzwurzel, Scorconera hispanica, hat zwar auch schwarze Wurzeln, ist aber keine Beinwellart, sondern gehört zur Familie der Asteraceae. Beinwell und Comfrey gehören hingegen zur Familie der Raublattgewächse, Boraginaceae. Diese Familie enthält ca. 20 verschiedene Beinwellarten. Sie ist nach unserer schönen Gewürzpflanze, dem Borretsch, benannt. An seinen tiefblauen Blüten kann ich mich nicht sattsehen, und ich hege eine regelrechte Bewunderung für diese Pflanze, die so viel Optimismus hat, eine so unförmige, stachelige und widerborstige Gestalt mit solch bezaubernden Blüten zu krönen. Aber dieser Charakterzug scheint in der Familie zu liegen, denn auch die zarten, blauvioletten Blüten des Comfreys stehen im Gegensatz zu seinen plumpen Blättern.
Es liegt viel Gegensätzliches in den Mitgliedern dieser Familie. Von den 1600 Arten sind uns einige wenige als Heilpflanzen bekannt: Beinwell (Symphytum officinale), Lungenkraut (Pulmonaria officinalis), Borretsch (Borago officinalis), Vergissmeinnicht (Myosotis arvensis), Ochsenzunge (Anchusa officinalis), Hundszunge (Cynoglossum officinale). Sie alle können die Farbpalette vom Rot zum Blau durchlaufen. Sie erblühen oft im Rot und verblühen im Blau. Auch beim Beinwell kann man manchmal nicht sagen, ob die Blüte nun blau und rot ist. Das Lungenkraut kann sogar beides vereinen, es trägt rein rote und rein blaue Blüten zur gleichen Zeit. Beide Pole, Yin und Yang, die blaue Himmelskraft und die rote Erdkraft, verbinden sich mit diesen Pflanzen. Die gleichen gegenpoligen Kräfte finden wir später auch bei der Heilwirkung des Beinwells wieder, er kann zur gleichen Zeit festigen und auflösen; die saturnalen Kräfte in der Pflanze haben auch ihren Gegenspieler. Dieses Spiel der Ausgeglichenheit können wir besser verstehen, wenn wir die Eigenart der Pflanzenfamilie noch näher betrachten und studieren. Sie alle haben einen hohen Gehalt an Kieselsäure. Dieses Element kann vom Wässrigen bis zum Festen, in seiner härtesten Form als Bergkristall, alle Formen annehmen. Der Beinwell hat fleischig-wässrige Blätter und Stängel, die Wurzel ist voll von zähem Schleim. Standorte sind bevorzugt feuchte Stellen, Flussläufe, feuchte Gräben usw. Gleichzeitig aber hat die Kieselsäure, im Kontakt mit dem Lebendigen, das Bestreben, ihn mit Form und Licht zu durchdringen. Sie kann dieses Bestreben bis auf die Spitze treiben, ganz wörtlich genommen, bildet sie spitze leichte Formen, besonders an der Peripherie. Beim Beinwell sind dies die unzähligen scharfen Borsten am Stängel und an den Blättern.

Im menschlichen Körper kann die Kieselsäure auf das unspezifische, weiche Bindegewebe formend und festigend einwirken, das Wachstum an der Peripherie, Haare, Nägel und Haut unterstützen. Sie wirkt auf das Weiche wie auf das Feste. Bänder und Sehnen werden gestärkt und aufgebaut, gleichzeitig kann der Beinwell Schwellungen und Blutergüsse auflösen. So prägt das Element Kieselsäure diese Pflanzen, sie ist in deren Formen wiederzufinden.
Doch der Kieselsäure im Beinwell ist ein weiterer Stoff hinzugefügt, der diese Pflanze von den anderen Kieselsäure-Pflanzen unterscheidet und ihr ganz eigene Heilkräfte verleiht. Es ist das Allantoin. Was hat dieser Stoff mit Fliegenmaden zu tun? Diese spielen nämlich bei seiner Entdeckung eine wichtige Rolle. Von Larrey, dem bekannten Chirurgen Napoleons, wissen wir, dass er schlimme eitrige Wunden mit Fliegenmaden behandelte. Er hat dies sicher aus dem Wissensschatz der alten Volksheilkunde übernommen. Viel später, zur Zeit des Zweiten Weltkrieges, hat der Amerikaner Robinson bei indianischen Heilern beobachtet, wie diese Wunden mit Fliegenmaden heilten. Robinson fand heraus, dass in den Maden der Heilstoff Allantoin enthalten ist, der Wunden schnell heilen lässt. Man versuchte diesen Stoff synthetisch herzustellen. Es gelang, man musste aber feststellen, dass das Allantoin der Natur sehr viel besser wirkt als das synthetisch hergestellte. Und dann besann man sich wieder auf zwei Pflanzen, die diesen Stoff in größeren Mengen beinhalten: Beinwell und Sanikel. Dass diese Pflanzen eine ähnliche Heilwirkung haben, wusste man schon seit vielen Jahrhunderten. Die heilige Hildegard nennt den Beinwell Consolida (consolidare = zusammenfügen), und das kleine Sanikelkraut hat schon immer den Namen Consolida minor. Dieses Pflänzchen ist inzwischen ganz in Vergessenheit geraten. Es trägt eine weiße Doldenblüte und wächst in feuchten Wäldern und an Bachufern.
Allantoin, so wissen wir heute, kommt außerdem noch in der Rinde der Rosskastanie, in Weizenkeimen und im Harn von Hunden vor. Der Allantoingehalt des Beinwells ist besonders hoch, und die Kombination verschiedenster heilender Stoffe lässt den Beinwell viel umfassender wirken als der isolierte Einzelwirkstoff. Allantoin kann Wunden reinigen, indem es zerstörtes Gewebe beseitigt, das Wundwachstum anregt und beschleunigt, da es die Zellbildung aktiviert. Zusammen mit der Kieselsäure und den anderen Stoffen kann der Beinwell deshalb besonders bei Wunden mit Gewebeverlust helfen. Weiter beschleunigt das Allantoin die Heilung von Knochenbrüchen, indem es die Bildung des Kallus anregt. Als Kallus bezeichnet man den sogenannten Ersatzknochen, der den gebrochenen Knochen wieder zusammenfügt, indem er den Knochenspalt überbrückt. Wir finden hier eine Erklärung des alten Beinwellnamens »Wallwurz« (wallen = zusammenwachsen). Aber damit ist die Aufzählung der wichtigsten Heilstoffe des Beinwells noch nicht erschöpft. Er enthält große Mengen Schleim und außerdem Gerbstoffe.
Wer schon einmal die Beinwellwurzeln verarbeitet hat, der wird sich sicher an den zähen Schleim dieser Pflanze erinnern. Die Lederer und Gerber haben früher diesen Schleim aus den Wurzeln gekocht, um damit Leder geschmeidig und weich zu machen. Weber und Spinner befeuchteten damit harte Fasern, besonders das Kamelhaar, um ihre Verarbeitung zu erleichtern. Und schließlich brauten die Maler daraus eine intensive rote Farbe; sie kochten dazu den Schleim und vermischten ihn mit Öl, Pigmenten oder Schellack.
Heilwirkung
Der früheste uns bekannte Bericht über die wunderbare Heilkraft des Beinwells stammt aus dem 1. Jahrhundert n. Chr.. Dioskurides, ein berühmter Militärarzt, lobt diese Pflanze in seiner »De Materia Medica Libri«. Und er musste es ja wissen, denn er hatte wohl hauptsächlich mit der Heilung von Wunden, Verletzungen und Knochenbrüchen zu tun. Und dies sind nach unserer heutigen Überzeugung die gebräuchlichsten Wirkungsgebiete des Beinwells, der, nachdem er einige Zeit vergessen war, eine Renaissance erlebt.
Mit einem Glas Beinwellsalbe und einer Schachtel Beinwellpulver in der Hausapotheke ist man für so viele Notfälle gerüstet, die hier aufzuzählen mir schier unmöglich ist. Doch wenn man die Hauptbestandteile des Beinwells kennt, kann man sich selbst die Heilwirkungen ableiten.
Der Amerikaner Edgar Allen (1892-1943), ein bekannter Forscher, besonders auf dem Gebiet der Pharmakologie, nannte den Beinwell »die Arnika der Knochen und der Knochenhaut, des derben Gewebes, der Narben und Fasern«. Wir können den Beinwell also bei allen Erkrankungen des Knochensystems anwenden: Verletzungen der Knochenhaut und des Knochengewebes, Kniegelenksbeschwerden, Knochenbrüchen. Auch die Sehnen und Bänder werden durch Beinwell gestärkt und geheilt. Er hilft bei Sehnenscheidenentzündung, Verstauchungen, Überdehnungen.
Die Heilung von Wunden wird beschleunigt durch den Abtransport abgestorbenen Gewebes und Flüssigkeit und durch die Anregung des Wundwachstums. Daraus leiten sich weitere Anwendungen ab: Wunden, Unterschenkelgeschwüre, Nagelbettentzündungen, Geschwüre, Venenentzündungen, Narbenschmerzen, verhärtete, schlecht heilende Narben, Schmerzen nach Amputationen, Frostbeulen, Blutergüsse. Beinwellzubereitungen sollten jedoch nicht auf größere offene Wunden aufgetragen werden.
Wie wird der Beinwell bei all diesen Krankheiten angewendet? Eine Beinwellsalbe wird aufgetragen bei Wunden, Narbenschmerzen, Phantomschmerzen, Nagelbettentzündungen, Fußpilz, Fersenriss, Sehnenscheidenentzündung. Bei Kniegelenksbeschwerden, Blutergüssen, Unterschenkelgeschwüren, Gicht, Arthrose und Venenentzündung macht man einen Umschlag mit Beinwellpulver in heißem Wasser gelöst. Am besten ist der frische Brei aus der zerstampften Wurzel. Sie wird ausgegraben, gereinigt und zerstoßen, auf ein Tuch gestrichen und aufgelegt. Je nach Bedarf einige Zeit oder über Nacht wirken lassen. Das trokkene, aus der getrockneten Wurzel gemahlene Pulver wird mit heißem Wasser gut durchgerührt, bis es einen steifen, schleimigen Brei ergibt. Auf ein Tuch streichen und über die betreffende Körperstelle legen, über Nacht einwirken lassen.

Wundkräuter im Vergleich
| Beinwell | regeneriert das Gewebe, heilt Blutergüsse besonders dort, wo der Knochen direkt unter der Haut liegt, Knochenerkrankungen, hemmt bösartiges Zellwachstum, heilt stumpfe Verletzungen mit Gewebeverlust; einsetzen dort, wo Arnika zu scharf ist und Allergien erzeugt, auch bei älteren Wunden. |
| Arnika | Hieb-, Stichund Schnittverletzungen, Blutergüsse an Weichteilen, stärkt arterielle und venöse Gefäße, Mittel zur Lokalbehandlung von Entzündungen bei frischen Wunden. |
| Johanniskraut | Wunden und Brandverletzungen, wo besonders Nervenspitzen verletzt sind, Neuralgien, bei frischen Erfrierungen und Verbrennungen. |
| Blutwurz | blutstillend und zusammenziehend bei stark blutenden Wunden und speziell bei Schnitten. |
| Ringelblume | schlecht heilende Wunden, Schwellung und Entzündung der Lymphknoten und -stränge. |
| Gundermann | Eiternde, schlecht heilende Wunden, Verbrennungen. |
Beinwellwurzeln sind in der Apotheke als Symphy ti radix erhältlich, ebenso die Urtinktur aus der frischen Wurzel.
Verarbeitung
Zur Herstellung von Salbe, Pulver, Tee usw. können wir die Wurzeln vom Beinwell wie vom Comfrey verwenden. Comfrey enthält etwas mehr Allantoin. Im zeitigen Frühjahr und späten Herbst, wenn die Kräfte der Pflanze wieder in die Wurzel zurückgezogen sind, ist ihr Allantoingehalt am höchsten. Dann ist die beste Zeit, sie auszugraben. Man braucht dazu einen kräftigen Spaten, denn sie ist groß und bohrt sich tief in die Erde. Der obere Teil ist stark verzweigt. Die Wurzelrinde ist dunkelbraun bis schwarz, das Innere weißlichgelb und sehr schleimig. Nachdem man die Wurzel sorgfältig ausgegraben hat (einen Wurzelsteckling übriglassen und wieder eingraben), wird sie sauber gewaschen und in kleine Stücke geschnitten. Man breitet sie auf einem Tuch aus und trocknet sie an der prallen Sonne. Normalerweise sollte man dies mit Heilpflanzen nicht tun, sie können Stoffe dadurch verlieren. Die Beinwellwurzel ist jedoch so schleim- und wasserreich, dass sie nicht richtig getrocknet sehr leicht schimmelt. Bei bedecktem Wetter auf ein Backblech streuen und auf die Zentralheizung stellen oder im Backofen leicht antrocknen. Man kann die Wurzel auch in Scheiben schneiden, auf einen Faden auffädeln und zum Trocknen aufhängen. Die getrockneten Wurzelstücke vor Feuchtigkeit geschützt aufbewahren. Zum Tee kocht man davon 1 Teelöffel mit 1 Tasse Wasser auf. Er dient für Umschläge und Kompressen. Für Pulver werden die Wurzelstücke im Mörser oder in der Kaffeemühle fein gemahlen. Letztes Jahr habe ich einige Beinwellwurzeln, um sie für Notfälle als Frischpflanze zu gebrauchen, im Keller in einer Sandkiste aufbewahrt. Sie haben sich gut gehalten. Für die Tinktur gibt man klein geschnittene, frische Wurzelstücke in ein dunkles Schraubglas, so dass es ganz gefüllt ist, übergießt mit 45-prozentigem Alkohol, lässt es ca. 3 Wochen stehen und seiht ab.
Beinwellsalbe
| Frische Beinwellwurzeln | 500 g |
| Wollfett, pestizidfrei, | 70 g |
| in der Apotheke erhältlich | |
| Olivenöl, nativ, kaltgepresst | 500 ml |
| Bienenwachs, geraspelt, ungebleicht | 20 g |
Die Wurzeln sauber waschen und klein schneiden. Wollfett in einem Topf schmelzen, das Öl zugeben. Die Wurzeln untermischen und ca. 20 Minuten unter ständigem Rühren erhitzen. Nicht kochen lassen, jedoch immer kurz unter dem Siedepunkt halten. Durch ein Tuch seihen, gut ausdrücken und in den sauberen Topf zurückschütten. Jetzt das Wachs in einem anderen Topf im Wasserbad schmelzen und unter Rühren zu der Öl-Wollfett-Mischung geben. Nochmals erwärmen, damit sich alles gut verbindet. In Salbentöpfchen füllen. Kühl aufbewahren. Ca. 1 Jahr haltbar. Für diese Salbe kann man Beinwell- wie Comfreywurzeln verwenden.
In seltenen Fällen kann es zu einer allergischen Reaktion auf Wollfett (Wollwachs) kommen, besonders wenn es auf offene Wunden aufgetragen wird. Das Wollfett kann jedoch durch Sheabutter ersetzt werden.
Beinwellsalbe - Spezial
| Frische Beinwellwurzeln | 500 g |
| Wollfett, pestizidfrei | 70 g |
| Ringelblumenöl | 250 ml |
| Johanniskrautöl | 250 ml |
| Propolistinktur | 2 TL |
| ätherisches Berglavendelöl | 10 Tropfen |
| Bienenwachs, ungebleicht, geraspelt | 22 g |
Die beiden Kräuteröle werden aus frischen Pflanzen angesetzt. Propolistinktur ist im Reformhaus oder direkt beim Imker, bei der Imkerin erhältlich. Zubereitung wie oben, bevor die Salbe noch warm in Salbentöpfchen gefüllt wird, die Tinktur und das Lavendelöl unterrühren. Eine wahre Wundersalbe, besonders zur Behandlung von Wunden und offenem Bein. Diese Salbe nicht verwenden bei: Unverträglichkeit auf Bienenprodukte.
Einige Tipps zur Salbenherstellung
»Salbenkochen ist ein heiliges Geschäft«, es verlangt Konzentration und Hingabe. Es ist wie beim Brotbacken, ist man in Eile und unkonzentriert, wird das Brot beziehungsweise die Salbe nichts. Deshalb sollten wir uns zum Salbenkochen Zeit nehmen, die Pflanzen mit Dankbarkeit ernten und sie sorgfältig zu diesem Heilmittel Salbe verarbeiten.
Um Schimmeln der Salben zu verhindern, nur mit sauberem Geschirr arbeiten. Töpfe, Rührlöffel, Schüsseln usw. mit kochend heißem Wasser vorher reinigen. Für das Abwiegen kleiner Mengen eignet sich eine Briefwaage, für größere genügt eine normale Haushaltswaage. Zum Durchseihen der heißen Salbenflüssigkeit verwendet man ein Tuch (eine Windel oder ein Milchtuch, das man früher zum Durchseihen der Molke verwendet hat). Das Tuch wird in ein Sieb gelegt. Bevor die fertige Salbe endgültig in Salbentöpfchen gefüllt wird, kann man ihre Beschaffenheit prüfen, indem man einen Tropfen auf einen Teller gibt, bläst und den abgekühlten Tropfen auf die Haut reibt (Marmeladetest). Ist die Salbe zu fest und dringt nicht gut in die Haut ein, gibt man noch etwas Öl zu. Ist sie zu weich und wird nicht fest, fügt man geschmolzenes Wachs zu. Zum Einfüllen der Salben kleine Gefäße sammeln, zum Beispiel leere Kosmetikdöschen und kleine Schraubgläser. Salben zum Lagern an einem kühlen Ort aufbewahren.
Kommission E
Beinwell enthält toxische Pyrrolizidinalkaloide. Deshalb hat die Kommission E in ihrer Monographie für Beinwell den Gebrauch dieser Heilpflanze eingeschränkt und sie als toxisch eingestuft. Sie fordert standardisierte Präparate. Salben oder andere Zubereitungen zur äußeren Anwendung dürfen nur 5 bis 20 Prozent getrocknete Beinwellwurzel enthalten. Eine pro Tag applizierte Dosis darf nicht mehr als 100 mg Pyrrolizidinalkaloide mit 1,2 ungesättigten Necingerüst einschließlich ihrer N-Oxide enthalten.
Kosmetik
Beinwell beruhigt und heilt empfindliche, entzündete Haut. Für eine Maske tragen wir frischen, ausgepressten Beinwell-Blättersaft oder den Wurzelbrei auf die Haut auf und lassen ihn 15 Minuten einwirken. Als Massageöl verarbeitet ergibt der Beinwell ein Pflegemittel, um die Durchblutung der Haut anzuregen und sie zu festigen.
Beinwell-Massageöl
| Ringelblumenöl | 100 ml |
| frisch ausgepresster Beinwellblättersaft | 1 Esslöffel |
| ätherisches Rosmarinöl | 5 Tropfen |
| ätherisches Zitronenöl | 5 Tropfen |
Alle Zutaten mischen, gut schütteln, bis sich alles miteinander verbunden hat. Hält sich ohne Konservierungsstoffe ca. 2 Wochen.
Sehr gutes Massageöl bei schlaffer, schlecht durchbluteter Haut und Cellulite.
Anbau
Der Anbau von Beinwell und Comfrey erfordert einen tiefgründigen Boden, da die Wurzeln tief in die Erde dringen. Ein feuchter Boden wäre ideal, aber nicht notwendig. Zwischen den Pflanzen ca. 1 m Abstand halten, da sie viel Platz brauchen. Beinwell (alle Arten) kann man das ganze Jahr über pflanzen, solange der Boden offen ist. Beinwell ist eine mehrjährige Pflanze, sie wird durch Wurzelstecklinge vermehrt. Man steckt die Stecklinge ca. 5 cm in den Boden, und schon bald schauen die ersten Blätter aus der Erde heraus. Bei wenig Niederschlag sollten die Stecklinge die erste Zeit täglich gegossen werden. Ich dünge meine Pflanzen mit Kompost und einer Gabe Gesteinsmehl im Herbst.
Die Blätter des Comfrey können mehrmals jährlich geschnitten werden. Wenn man den Blütenstiel entfernt, wird der Blattwuchs noch gefördert. Nach jedem Schnitt treibt der Comfrey neue Wurzelblätter. Der Beinwell bildet gleich einen neuen Stängel. Die Pflanzen bilden bald große Wurzelstöcke, die man teilen kann, um neue Stecklinge zu setzen.
Da Beinwell sehr viele Mineralien enthält, ist er eine gute Dünge- und Kompostpflanze, die das Wachstum der Pflanzen im Garten fördert und den Boden mit Mineralien anreichert. Da er außerdem reichlich Kali enthält, ist er besonders als Düngepflanze für Kartoffeln geeignet. Man mulcht das Feld im Herbst mit Beinwellblättern und gibt beim Pflanzen der Kartoffeln getrocknete Blätter ins Pflanzloch.
Mit einer Beinwell-Jauche düngt man Gemüsepflanzen, vor allem Tomaten. Dafür füllt man ein großes Gefäß (nicht Metall, sondern Holz, Plastik, Stein) mit Regenwasser und gibt einige Handvoll Beinwell- oder noch besser Comfreyblätter dazu. Einige Zeit gären lassen und verdünnt zum Gießen verwenden. Diese Jauche eignet sich sehr gut zum Begießen des Komposthaufens, da sie die Verrottungsvorgänge beschleunigt.
Beinwell- und Comfreypflanzen sind in Kräutergärtnereien erhältlich, siehe Bezugsquellenliste auf meiner Homepage.
Tierheilkunde
Beinwell eignet sich sehr gut zur Behandlung von Tieren. Die Salbe sollte in keiner Stallapotheke fehlen. Sie hilft bei Wunden, Entzündungen, Verstauchungen, Euterentzündungen usw.
Verwendung in der Küche
In Pfannkuchenteig ausgebacken, schmecken die jungen Blätter sehr lecker. Eventuell mehrere ganze Blätter zusammendrücken, in Teig eintauchen und ausbacken (siehe mein Buch »Wilde Küche«).

Botanische Erkennungszeichen
Symphytum officinale
| Vorkommen: | Europa bis Sibirien, Asien, Nordamerika |
| Standort: | nasse Wiesen, Flussufer, Waldlichtungen |
| Beschreibung: | bis 1 m hohe Pflanze, große, breitlanzettliche, ganzrandige Blätter, Mittelrippe stark hervortretend, Blätter laufen am Stängel herab, Stängel und Blätter behaart, weißlich-gelbe oder violette Blüten, glockenförmig, dicke fleischige Wurzel, außen dunkel, innen gelb-weißlich |
| Sammelzeit: | Blätter: Juni–September Wurzel: zeitiges Frühjahr oder später Herbst |
| Inhaltsstoffe: | Alantoin, Schleim, Gerbstoffe, Kieselsäure, Cholin, Inulin, Symphytocynoglossin, Vitamin B12, Alkaloide, Aluminium, Carotin, Cholin, Phosphor, Eisen, Harz, Kieselsäure, Kalium, Kobalt, Mangan, Saponine, Zink, ätherisches Öl |
| Verwechslungsmöglichkeiten: | Eventuell mit der Ochsenzunge – sie hat ähnliche, ebenfalls rau behaarte Blätter und rote oder blauviolette Blüten, die Blüten sind kleiner als die des Beinwell und nicht zu Glocken geformt, die Ochsenzunge ist nicht giftig.Vor der Blüte können die Blätter des Beinwells eventuell mit jenen des tödlich giftigen Fingerhuts verwechselt werden; dessen Blätter sind allerdings weich und samtig, die des Beinwells rau, fast borstig. |

Blutwurz
Potentilla erecta (tormentilla)
Familie der Rosengewächse - Rosaceae
Wenn wir dieses zarte, unscheinbare Pflänzchen mit den freundlich goldgelben Blüten betrachten, so erscheint es uns erst ganz unverständlich, warum die Alten es potentilla, die Mächtige, nannten (potentia = Macht). Die Erklärung hierfür liegt in der Erde verborgen. Wir brauchen nicht tief zu graben, um auf des Pflänzchens Wurzel zu stoßen, und diese Wurzel ist es, die so viele Heilkräfte enthält, dass die Pflanze mit dem ehrenvollen Namen »die Mächtige« belegt wurde.
Die kurze, dicke, braune Wurzel liegt schräg im Boden. Sie ist unregelmäßig knollig verdickt. Wenn wir diese Wurzel quer durchschneiden, können wir etwas Seltsames beobachten. Die gelblichweiße Schnittstelle läuft blutrot an, so als ob wir uns in den Finger geschnitten hätten. Blutwurz, so nannten die Alten diese Wurzel, und für sie war die blutunterlaufene Schnittstelle ein deutliches Zeichen, dass sie diese Wurzel als Mittel gegen Blutungen verwenden sollten. »Tormentill ist die aller köstlichst blutstellung« schreibt Otho Brunfels in seinem 1532 erschienenen Kräuterbuch. Ein gutes Blutstillungsmittel muss eine zusammenziehende Kraft haben. Diese Kraft erkannten unsere Vorfahren am Äußeren der Pflanze. Die Wurzel ist fest und wie in sich zusammengezogen, sie geht nicht in die Breite, sondern ist knollig verdickt. Sie nimmt nicht viel Wasser auf, obwohl sie oft in feuchten Moorböden wächst. Wenn wir ein Stückchen von der frischen Wurzel kauen, so schmecken wir sofort ihren herben, zusammenziehenden Geschmack, so stark, dass sich unser Mund pelzig anfühlt.
Aber auch der obere Teil der Pflanze wächst in der Gebärde des Zusammenziehens. Die einzelnen Teile der Blätter, meist drei oder fünf, haben ihre Ansätze alle auf einen Mittelpunkt zentripetal ausgerichtet. Für die Alten war es klar, dass eine Pflanze mit so viel zusammenziehender Kraft auch verletzte Blutgefäße in unserem Körper zusammenziehen kann.
Die Blutwurz ist inzwischen durch die Reagenzgläser im Labor gegangen, ist zerlegt und analysiert worden, und die moderne Wissenschaft hat das alte Pflanzensiegel bestätigt. In der Blutwurz wurde ein sehr hoher Gehalt an Gerbstoff festgestellt, manche Blutwurzpflanzen enthalten bis zu 25 % Tormentillgerbsäure. Die Blutwurz übertrifft darin noch die Rathaniawurzel, eine aus den Anden eingeführte Pflanze, die lange Zeit als das Gerbstoffmittel galt. Durch den hohen Gehalt an Gerbstoffen wirkt die Blutwurz stark zusammenziehend. Gleichzeitig wirkt sie, vermutlich durch ihren Gehalt an Tormentillrot, desinfizierend. So wurde die alte Verwendung der Blutwurz bei Verletzungen durch neue Methoden bestätigt.
Der alte Name Blutwurz, Ruhrkraut, Ruhrwurz verrät uns ein weiteres Anwendungsgebiet. Man hat sie früher zur Heilung von Ruhr, Paratyphus und infektiösen Darmerkrankungen verwendet. Man gebrauchte sie besonders, wenn der Stuhlgang von Blut dunkel gefärbt war. Auch sollte sie bei Darmkrankheiten in Verbindung mit Koliken helfen. Darauf verweist der alte, noch heute gebräuchliche Name »Tormentille«. Er leitet sich ab vom lateinischen tormentum = Kolik. Noch heute verwendet die Naturheilkunde die Tormentille oft zur Heilung der oben genannten Krankheiten. Wir können uns ihre heilsame Wirkung in diese Richtung von ihrer Wirkstoffkombination ableiten. Sie desinfiziert, repariert verletzte Blutgefäße in der Schleimhaut, beruhigt die Entzündung, kräftigt die Schleimhäute des Magens und des Darmes. Wir wissen inzwischen auch, dass die Gerbstoffe der Blutwurz in ein wohlausgewogenes Netz von verschiedenen anderen Wirkstoffen eingebettet sind, die sie gegenüber den reinen Gerbstoffpräparaten überlegen machen. Die Gerbstoffe der Blutwurz sind besser verträglich. Sie sind an Eiweißstoffe gebunden, welche bewirken, dass sie langsam und länger anhaltend abgegeben werden. Wir nennen dies Depotwirkung. Das alles macht die Blutwurz zu einem souveränen Mittel zur Heilung von entzündlichen und infektiösen Prozessen des Dick- und Dünndarms.
Die Blutwurz gehört zur Familie der Rosengewächse. An ihrem unscheinbaren Aussehen erinnert nicht viel an eine Rose. Doch ich erinnere mich genau, seit wann ich die Blutwurz mit Rosen in Verbindung bringen kann. Es war, als ich die frische Wurzel zur Bereitung einer Tinktur auf einer Reibe raspelte, da stieg mir ein ganz feiner Rosenduft in die Nase. In einem Buch, in dem die Inhaltsstoffe der Blutwurz aufgelistet sind, las ich nachträglich, dass die Wurzel neben Gerbstoffen, Farbstoff, Harz usw. auch etwas rosenähnliches ätherisches Öl enthält.
Die fünffingrigen Blätter der Blutwurz weisen sie als Mitglied der Gattung »Fingerkräuter« aus. Zu dieser Gattung gehören rund 300 Arten. In unserer einheimischen Flora gibt es verschiedene Fingerkrautarten, die oft miteinander verwechselt werden. Ich finde, wenn man genau hinschaut, sind sie leicht voneinander zu unterscheiden. Zur Zeit der Blüte hat die Blutwurz ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal: ihre goldgelben Blüten tragen im Gegensatz zu den anderen Arten nur vier Kronblätter. Dies ist etwas Besonderes, denn die Mitglieder der Rosenfamilie haben meist fünf Kronblätter. Auch die anderen Fingerkrautarten halten sich an diese Zahl, nur die Blutwurz hat eben vier. Blumen mit vier Kronblättern sind in unserer einheimischen Flora eine Seltenheit. Der typische Fünfstern der Rosengewächse findet sich bei der Blutwurz versteckt in der Wurzel. Schneidet man diese auf, so erscheint an der Schnittstelle dieses Zeichen.
Die Wurzel der Blutwurz sollte im zeitigen Frühjahr oder im späten Herbst gesammelt werden. Dann blüht die Pflanze noch nicht oder nicht mehr. So müssen wir uns zur Unterscheidung an andere Merkmale halten. Wir finden die Blutwurz auf trockenen wie auf feuchten Magerwiesen, auf feuchten moorigen Waldrändern, aber auch hoch oben im Gebirge, sie klettert dort bis zu 2500 m hinauf. Im Moor sind die Pflanzen klein und eng an den Boden gedrückt. Je trockener der Standort, umso mehr streckt sich die Pflanze, wird größer und erreicht eine Höhe bis zu 40–50 cm. Die Blutwurz hat dünne, verzweigte Stängel, die anfangs flach am Boden liegen und sich später je nach Standort hoch aufrichten. Die groß gezähnten Blätter entspringen direkt aus dem Hauptstängel, sie sind dunkelgrün und etwas glänzend. Unten am Stängel sind sie fünfzählig, weiter oben werden sie dreizählig. An den oberen Stängelenden thronen auf vierblättrigen grünen Kelchen die goldgelben Blüten.
Auf den hoch gelegenen Alpwiesen wächst eine kleine Schwester der Blutwurz, das Goldfingerkraut, Potentilla aurea. Es erreicht höchstens eine Höhe von 20 cm, seine Blätter sind oberseits kahl, unterseits glänzend, die unteren anliegend und seidig glänzend behaart. Es hält sich wieder an die Fünfzahl der Kronblätter. Auch die Wurzel des Goldfingerkrautes kann zu Heilzwecken verwendet werden. Wer es einmal entdeckt hat, wird es sicher nicht mehr übersehen, denn es leuchtet schon von weitem freundlich goldgelb.
Hinter dem geheimnisvollen Namen »pentephyllon« des Dioskurides verbirgt sich eine weitere heilkräftige Fingerkrautart, das Kriechende Fünffingerkraut, Potentilla reptans. Früher war es einmal ein bekanntes Heilkraut, das die Apotheker unter dem Namen »Herba Pentephylli« führten. Es galt wie die Blutwurz als blutstillendes und stopfendes Mittel. Heute ist es aus unserem Heilschatz ganz verschwunden.
Man verwendete dieses Kraut früher nicht nur zum Heilen, sondern sprach ihm auch magische Kräfte zu und gebrauchte es, um sich vor Zauberei zu schützen. Manchmal stößt man in alten Büchern noch auf seine Namen, die auf diese Verwendung hinweisen: Marshand, Hermesfinger, Rauchkraut. Wenn man dieses Kraut am Mittag zwischen 11 und 12 Uhr pflückt und an die Stalltür nagelt, so schützt es vor Hexerei, so erzählt die Sage. Oft war das Kriechende Fingerkraut Bestandteil von Räucherpulvern, mit denen man räucherte, um böse Geister zu vertreiben. Die Kirche hat den wohl uralten Brauch übernommen: man wand aus dem Kraut Kränzchen, brachte sie in die Kirche, wo sie die acht Tage vor Fronleichnam hängen blieben. Bei der Fronleichnamsprozession wurden diese »Rauchkränzlein« mitgetragen.
Das Kriechende Fünffingerkraut wird öfter mit der Blutwurz verwechselt. Das Kriechende Fünffingerkraut hat langgestielte Blätter, die wie eine Hand fünffingrig aufgeteilt sind. Ihr Rand ist auffällig gekerbt und gesägt. Es bildet kriechende, bis zu einem Meter lange Stängel, die sich an den Knoten immer wieder bewurzeln. Es blüht von Mai bis August mit fünfzähligen goldgelben Blüten, die einzeln auf den langen Stängeln sitzen.
Heilwirkung
In einer Hausapotheke sollte ein Fläschchen Blutwurztinktur oder das Wurzelpulver nicht fehlen. Beides kann man sich leicht selbst herstellen. Wegen des hohen Gerbstoffgehaltes reagiert die Blutwurz verschiedenen Substanzen, wie Eisen, Kupfer, Jod, Wismut, aber auch manchen Kräutern wie zum Beispiel Römischer Kamille gegenüber unverträglich. Es ist deshalb wichtig, bei der Verarbeitung der Wurzel darauf zu achten, die Blutwurz nicht mit rostendem Eisen oder den oben genannten Metallen in Kontakt zu bringen. Auch sollte man sie nicht mit Kamille zusammenmischen.
Innerhalb eines Jahres hat der Gerbstoffgehalt der Wurzel, des Pulvers und auch der Tinktur stark abgenommen. So sollte man nicht zu große Mengen verarbeiten und besser jedes Jahr neu den Tee, das Pulver und die Tinktur frisch herstellen. Wenn man das Obengenannte beachtet, kann eigentlich bei der Zubereitung der Blutwurzmedizin nichts mehr schiefgehen. Sie wird sich als zuverlässige und sichere Hilfe erweisen, wird zusammenziehend, blutstillend, stopfend, krampflösend, antibakteriell, antiallergisch und immunstärkend wirken.
Die Blutwurz wird innerlich und äußerlich gebraucht. Das erste Anwendungsgebiet sind akute und chronische Entzündungen des Dünn- und Dickdarmes, jegliche Art von Durchfällen wie Sommerdurchfälle, infektiöse Darmerkrankungen bis hin zu paratyphösen Durchfällen, Darmkatarrh, Darmblutungen und Brechdurchfällen. Auf eine Reise in Länder, in denen die Ansteckung durch infektiöse Darmerkrankungen leicht möglich ist, sollte man sich ein Fläschchen Blutwurztinktur, zu gleichen Teilen mit Storchschnabeltinktur gemischt, mitnehmen. Auch bei Magenund Darmblutungen hat sich die Blutwurz als zusätzliches Mittel bewährt.
Blutwurz stillt die übermäßigen Regelblutungen, abwechslungsweise eingenommen mit Hirtentäscheltee oder -tinktur.
Bei oben genannten Krankheiten greift man zur Tinktur, Dosis 3 x 40 Tropfen, in besonders akuten Fällen auch höher dosiert, oder zum Pulver, 3 x 1 Messerspitze. Das Pulver und die Tinktur haben sich wirksamer als der Tee erwiesen.
Äußerlich angewendet, ist die Blutwurz eines der besten Blutstillungsmittel. Sie eignet sich besonders gut bei stark blutenden Wunden und Schnitten. Dafür verwendet man Blutwurztee oder in Wasser verdünnte Blutwurztinktur für Umschläge und Kompressen. Wird die Blutwurz draußen in der Natur für akute Hilfe gebraucht, kann man die frische, längs aufgeschnittene Wurzel auf die Wunde legen. Sehr bald darauf hört die Wunde auf zu bluten.

Bei entzündetem, leicht blutendem und schwachem Zahnfleisch, Parodontose, Zahnfleischgeschwüren, bei allen Entzündungen im Bereich der Mund- und Rachenhöhle kann ich die Blutwurz nur wärmstens empfehlen. Ich gebrauche sie in Form von Tinktur zu Pinselungen oder als Zahnpulver.
Die rote Salbe aus der Blutwurz hilft bei Wundsein der Kinder, Ausschlägen, Hautunreinheiten, besonders bei nässenden Ekzemen, bei rauer, rissiger Haut, aufgesprungener Haut und Lippen, bei Hämorrhoiden, Erfrierungen und schlecht heilenden Wunden.
Die Wurzeln der Pflanze sind in der Apotheke als Tormentillae rhizoma erhältlich.
Die Blutwurz kann uns in so vielem helfen, wir sollten sie mit Dankbarkeit sammeln.
Kommission E
1988 wurde für die Blutwurz eine Positiv-Monographie erstellt. Ihr wurden Heilwirkungen zugesprochen bei: unspezifischen, akuten Durchfallserkrankungen, leichten Schleimhautentzündungen im Mund- und Rachenraum.
Teezubereitung
Die Wurzel wird im zeitigen Frühjahr oder später, im Herbst gesammelt, wenn die Pflanze ihre ganzen Kräfte in die Wurzel gezogen hat. Wir graben sie vorsichtig aus, waschen und schneiden sie in kleine Stücke und trocknen sie sorgfältig, am besten ausgebreitet auf einem Tuch oder einem feinen Gitterrahmen. Beim Verarbeiten können wir die obligate Fünfzahl der Rosengewächse an der Blutwurz entdecken. Beim Durchschneiden der Wurzel erscheint an der Schnittstelle ein schwacher Fünfstern, der sich noch mehr zeigt, wenn die einzelnen abgeschnittenen Scheibchen trocknen. Für einen Tee nimmt man 1 Teelöffel der Wurzel, setzt sie mit kaltem Wasser an und kocht es bei zugedecktem Topf ca. 10 Minuten. 3 Tassen täglich.
Pulver
Das Pulver wird aus der getrockneten Wurzel bereitet. Wir können die getrockneten Wurzelstücke in einer Kaffeemühle mahlen, je feiner, je besser. Das Pulver sollte gut verschlossen in einem Schraubglas verwahrt werden. Keine Blechdose verwenden! Dosis: 3 x 1 Messerspitze. Pulver nur ein Jahr wirkungsvoll.

Tinktur
Die Tinktur wird am gehaltvollsten, wenn wir sie aus der frischen Wurzel zubereiten. Ich zerstampfe die gesäuberten Wurzeln in einem Steinmörser, fülle ein dunkles Schraubglas zur Hälfte damit und fülle mit 75-prozentigem Alkohol das Glas ganz voll. 2–3 Wochen ziehen lassen, öfter umschütteln, abseihen und in dunkle Tropfflaschen füllen. Dosis: mehrmals täglich bei Durchfall 30–50 Tropfen in Wasser oder Tee.
Blutwurzschnaps
Ein altes Volksheilmittel bei Magen- und Darm-Erkrankungen.
Man rechnet 1 Handvoll geschnittene, frische Blutwurzeln auf 1 Liter Obstler, Weinbrand, je nach Geschmack. Die Wurzeln übergießen, gut verschließen, ziehen lassen. Nach 2–3 Wochen abseihen. Bei Bedarf ein halbes Schnapsgläschen voll.
Blutwurzwein
2 Handvoll frisch geschnittene Blutwurzeln mit 1 Liter gutem Rotwein übergießen. 3 Wochen ziehen lassen, abseihen. Likörglasweise genießen. Rotwein und Blutwurz passen gut zusammen, da der Rotwein ebenfalls Gerbstoffe enthält.
Tabernaemontanus schreibt 1731 über diesen Wein (Vinum Tormentillae):
»Aus dem Tormentill kan man wie auß dem Fünffingerkraut einen nützlichen Wein machen. Der dienet wider die Haubtflüß / die außzutrucknen und zu verzehren: Deßgleichen vor der Lungensucht zu verhüten / den Weibern die Frucht im Leib zu stärken / der Mißgeburt zu wehren / und die Menschen vor der Vergifftung des pestilentzischen Luffts zu bewahren.
Zahnpulver
Blutwurz
Salbeiblätter
Lindenkohle
Alle Zutaten fein gepulvert zu gleichen Teilen mischen. Mit der Zahnbürste in das Zahnfleisch einmassieren. Einwirken lassen und gut ausspülen. Reinigt und stärkt das Zahnfleisch, wirkt Zahnfleischbluten entgegen. (Zur Herstellung von Lindenkohle siehe mein Buch »Mit der Wildnis verbunden«.)
Blutwurzsalbe
60 g Wollfett, pestizidfrei
15 ml Blutwurztinktur
1 Handvoll klein geschnittene frische Blutwurzeln
Das Wollfett schmelzen, die Wurzeln zugeben. Unter ständigem Rühren ca. 20 Minuten weiter erhitzen, aber nicht kochen. Durch ein Tuch seihen, nochmals erwärmen und die Tinktur gut unterrühren. Während des Erkaltens der Salbe öfter umrühren.
Wenn wir die Wurzel für Zubereitungen verwenden, brauchen wir das Kraut nicht wegzuwerfen. Wir können es trocknen, klein schneiden und in Magentees mischen. Es wirkt stärkend und kräftigend, wenn auch nicht so stark wie die Wurzel.
Die Blutwurz ist in der Apotheke als Tormentillae rhizoma erhältlich, ebenso die Tinktur.
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