Читать книгу: «Achtsame Spiele»
Susan Kaiser Greenland
Achtsame
Spiele
Susan Kaiser Greenland

Achtsamkeit und Meditation
für Kinder, Jugendliche und Familien
Die Spiele wurden überarbeitet von Annaka Harris
Aus dem amerikanischen Englisch von Lisa Baumann

© 2016 by Susan Kaiser Greenland
Illustrations © 2016 by Lindsay duPont
© 2018 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag GmbH, Freiburg by arrangement with Shambala Publications, Inc., Boulder
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel:
MINDFUL GAMES: Sharing Mindfulness and Meditation with Children, Teens and Families
Alle Rechte vorbehalten
E-Book 2018
Gestaltung: © nach Entwürfen von Allison Meierding
Lektorat: Richard Reschika
Hergestellt von mediengenossen.de
E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de
www.arbor-verlag.de
ISBN E-Book 978-3-86781-236-8
Wichtiger Hinweis
Die Ratschläge zur Selbstbehandlung in diesem Buch sind von der Autorin sowie dem Verlag sorgfältig geprüft worden. Dennoch kann eine Garantie nicht übernommen werden. Bei ernsthafteren oder länger anhaltenden Beschwerden sollten Sie auf jeden Fall einen Arzt, Psychotherapeuten, Psychologen oder Heilpraktiker Ihres Vertrauens zu Rate ziehen. Eine Haftung des Autors oder des Verlages für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist ausgeschlossen.
Für Seth, Allegra und Gabe
INHALT
Einleitung
TEIL EINS: ZUR RUHE KOMMEN
1. Absichtsvoll atmen
2. Anker für die Aufmerksamkeit
TEIL ZWEI: WAHRNEHMEN UND UMDEUTEN
3. Ein offener Geist
4. Wertschätzung
5. Hier und jetzt
TEIL DREI: SICH KONZENTRIEREN
6. Achtsam atmen
7. Die Taschenlampe der Aufmerksamkeit
8. Ein friedliches Herz
9. Raus aus dem Kopf, rein in den Körper
TEIL VIER: SICH KÜMMERN
10. Ist es hilfreich?
11. Das Flutlicht der Aufmerksamkeit
TEIL FÜNF: SICH VERBINDEN
12. Mehr sein als scheinen
13. Freiheit
Abschließende Gedanken
Danksagung
Anhang
Tabelle der Themen
Index der Spiele
Literaturangaben
Über die Autorin
EINLEITUNG
Meditation sieht so leicht aus. Was kann daran, auf einem Kissen zu sitzen und nichts zu tun, schon besonders schwer sein? Nun, als ich zu meditieren anfing, fühlte ich mich an eine russische Schachtelpuppe erinnert: Man öffnet sie, findet in ihrem Inneren eine weitere Puppe, die ganz genauso aussieht, nur kleiner ist, und dann noch eine und noch eine, bis schließlich die kleinste Puppe zum Vorschein kommt. Es kam mir so vor, als gäbe es Schichten über Schichten von Theorien, die ich zuerst verstehen musste, bevor ich wirklich praktizieren konnte. Freunde und Kollegen hatten mir einige Bücher empfohlen, und ich mühte mich damit ab, die verschiedenen Methoden und Begrifflichkeiten zu verstehen; die Fülle an Konzepten und Techniken schien schier endlos zu sein. Aber ich blieb dran und nach und nach wandelte sich meine Meditationspraxis immer mehr von einem Ringen zu einer Atempause. Irgendwann hatte ich schließlich die kleinste Puppe in der Hand. Ich habe dieses Buch in der Hoffnung geschrieben, es möge es anderen Eltern leichter machen als mir damals, diese Konzepte zu verstehen, und sie einfach genug darzustellen, um sie mit Kindern teilen zu können.
Eine wachsende Zahl wissenschaftlicher Forschungsarbeiten belegt, was Meditierende bereits seit Jahrhunderten wissen: Achtsamkeit und Meditation fördern eine Reihe von Lebenskompetenzen, die Kindern genauso wie Erwachsenen ermöglichen, dem, was in ihrem Inneren und in ihrem Umfeld geschieht, mit mehr Weisheit und Mitgefühl zu begegnen. Die hier vorgestellten achtsamen Spiele lehren sechs solcher Lebenskompetenzen: sich konzentrieren, zur Ruhe kommen, wahrnehmen, umdeuten (orig.: reframing), sich kümmern, sich verbinden. Ich stelle sie in einem Kreis dar, in dessen Mitte sich konzentrieren steht, da stabile, flexible Aufmerksamkeit die anderen fünf Kompetenzen befördert.
So wirken sie zusammen:

Wenn die Kinder und Jugendlichen sich auf eine Erfahrung in der Gegenwart konzentrieren (etwa darauf, die Atmung zu spüren oder die Geräusche im Raum zu hören), kommt ihr Geist zur Ruhe und in ihrem Kopf entsteht neuer Raum, so dass sie klarer wahrnehmen können, was gerade vor sich geht. Während sie sich bewusst werden, was in ihrem Geist und in ihrem Körper geschieht, lernen die Kinder Sinneseindrücke („Ich fühle mich unruhig“ oder „Ich habe Schmetterlinge im Bauch“) zum Anlass zu nehmen, innezuhalten und zu reflektieren, bevor sie sprechen oder handeln. Durch diesen Prozess sind sie weniger reaktiv und werden sich zunehmend dessen gewahr, was in ihrem Inneren und um sie herum geschieht. Statt auf mögliche Resultate konzentrieren sie sich darauf, weise und mitfühlend auf die Situation zu reagieren. Die Qualitäten sich kümmern und sich verbinden tauchen von selbst auf, wenn die Kinder und Jugendlichen das Geflecht von Beziehungen, Ursachen und Bedingungen erkennen, die einen jeden Moment hervorbringen. Dann haben sie die Möglichkeit, die Situation umzudeuten, und können sich dazu entscheiden, auf eine Art zu sprechen und zu handeln, die im Einklang mit diesen Qualitäten steht. Diese sechs Lebenskompetenzen bauen aufeinander auf, so dass eine Veränderung der Aufmerksamkeit (zur Ruhe kommen, sich konzentrieren) zu einer Veränderung der Gefühle (wahrnehmen, umdeuten) führt, was wiederum zu einer Veränderung im Sprechen, Verhalten und in Beziehungen führt (sich kümmern und verbinden), eine Abfolge, die man auch in der traditionellen Meditationspraxis findet.
Über Tausende von Jahren haben Meditierende einen umfassenden Katalog zusammengestellt, der unsere inneren und äußeren Welten abbildet. Ich habe ihn auf zwei Bereiche eingegrenzt, die ich Kindern und Eltern in Spielen, Geschichten, angeleiteten Visualisierungen und Demonstrationen vorstelle. Der Kreis der sechs Lebenskompetenzen stellt den ersten Bereich dar. Der zweite umfasst universelle Themen, die eine weise und mitfühlende Haltung gegenüber dem Leben ausmachen. Diese sind:
| Akzeptanz | Urteilsvermögen |
| Ein offener Geist | Empathie |
| Wertschätzung | Alles verändert sich |
| Aufmerksamkeit | Gegenseitige Abhängigkeit |
| (die Taschenlampe und das Flutlicht) | Freude |
| Einstimmung | Freundlichkeit |
| Zurückhaltung im Verhalten | Motivation |
| Ursache und Wirkung | Geduld |
| Klarheit | Gegenwärtiger Moment |
| Mitgefühl | Selbstmitgefühl |
| Zurückhaltung in Gedanken | Weises Selbstvertrauen |
Achtsamkeit und Meditation sind voller mysteriöser Qualitäten. Der Versuch, das Rätsel zu lösen, indem man diese Qualitäten auf eine Aufzählung reduziert, mag diesen Punkt scheinbar völlig verfehlen. Allerdings ermutigen mich andere mysteriöse kreative Disziplinen, es dennoch zu tun. Im Jazz zum Beispiel studieren die Musiker Quintenzirkel und üben Skalen, um künstlerische Qualitäten zu entfachen, die der Improvisation zu eigen sind, sich aber jeglicher Beschreibung entziehen. Ähnlich den Jazzmusikern studieren Meditierende eine Reihe von Themen und üben Lebenskompetenzen, um jene Qualitäten zu fördern, die der Achtsamkeit und der Meditation inhärent sind, auf die man aber nur äußerst schwer den Finger legen kann. In beiden kreativen Disziplinen erkennen die Praktizierenden diese mysteriösen Qualitäten, wenn sie sie wahrnehmen, und zwar nicht etwa, weil sie sie in Worte fassen könnten, sondern weil sie sie spüren. Wie ein altes Sprichwort sagt: Weisheit und Mitgefühl sind wie die zwei Flügel eines Vogels – wir brauchen beide, damit wir fliegen können.

Die konzeptuellen Themen und die praktischen Lebenskompetenzen, die man durch Achtsamkeit und Meditation lernt, fördern Weisheit und Mitgefühl. Gemeinsam können sie eine emotionale Freiheit bewirken, die Kindern und Familien im besten Fall hilft, durch die Turbulenzen des Lebens zu segeln, so wie ein Vogel abhebt und durch den Himmel segelt.
Das, was ich an achtsamen Spielen vielleicht am meisten mag, ist, dass sie Eltern und Kindern eine einzigartige Gelegenheit zum gemeinsamen Lehren und Lernen bieten. Wenig überraschend berichten viele Eltern, dass die für Kinder konzipierten Aktivitäten ihnen einen Weg in die Meditation ebnen, der ihnen bislang nicht zugänglich war. Was mich zu einem wichtigen Punkt führt: Unsere eigene Achtsamkeit hat einen starken Effekt auf alle anderen Menschen in unserem Leben, und als Eltern natürlich besonders auf unsere Kinder. Die Kinder spüren, wenn wir ruhig, gesammelt und fröhlich sind, und sie lernen an unserem Beispiel. Die Art, wie wir durchs Leben gehen, wirkt sich unmittelbar darauf aus, wie sicher sie sich fühlen und wie sie selbst sich durch die Welt bewegen. Deshalb möchte ich alle Erwachsenen dazu anregen, sich zuerst selbst der Achtsamkeitspraxis zu widmen, indem sie über die Themen in diesem Buch nachdenken und die Spiele selbst spielen, bevor sie das mit ihren Kindern tun.
Die achtsamen Spiele wurden zwar für junge Menschen entworfen, doch lassen Sie sich davon nicht in die Irre führen. Sie können Eltern und allen anderen Menschen, die eine bedeutsame Beziehung zu einem Kind oder Jugendlichen haben, genauso viel Spaß machen und deren Leben verändern. Liebe LehrerInnen, Therapeuten, Großeltern, Tanten, Onkel und GruppenleiterInnen: Diese Spiele sind auch für Sie. Haben Sie Lust, gleich eines auszuprobieren? Dann entspannen Sie sich und spüren Sie Ihre Füße.
Hallo Füße, wie geht es euch?
Wir richten unsere Aufmerksamkeit darauf, unsere Fußsohlen auf dem Boden zu spüren, um uns auf diese Weise zu entspannen, zu konzentrieren und uns dessen bewusst zu werden, was in diesem Moment geschieht.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, sich kümmern | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Setzt oder stellt euch hin. Haltet den Rücken gerade und den Körper entspannt. Atmet ganz natürlich und nehmt wahr, was in eurem Körper und in eurem Geist in diesem Augenblick geschieht.
2. Haltet euren Körper entspannt. Falls ihr steht, haltet die Knie locker.
3. Bringt eure Aufmerksamkeit jetzt in eure Fußsohlen, und nehmt wahr, wie sich der Kontakt zum Boden anfühlt. Lasst die Gedanken und Gefühle, die durch euren Geist ziehen, kommen und gehen.
4. Spürt ihr eure Füße jetzt gerade? Falls nicht, macht euch keine Sorgen. Es ist ganz normal, dass euer Geist umherschweift. Bringt eure Aufmerksamkeit einfach zurück zu euren Fußsohlen und fangt noch einmal ein.
TIPPS
1. Sich auf eine Empfindung zu konzentrieren, wie zum Beispiel in diesem Spiel, hilft den Kindern, sich zu beruhigen, wenn sie sehr aufgeregt oder wütend sind.
2. Variieren Sie die körperlichen Empfindungen, die die Kinder wahrnehmen sollen. Bitten Sie die Kinder zum Beispiel, die kühle Türklinke in ihrer Handfläche zu spüren, wenn sie die Tür öffnen, das warme Wasser und den Seifenschaum, wenn sie ihre Hände waschen, oder die weiche Wolle an ihren Knöcheln und Füßen, wenn sie ihre Socken anziehen.
3. Wichtiger als die Dauer der achtsamen Spiele ist, dass man sie immer wieder spielt, insbesondere am Anfang.
Teil Eins

Zur Ruhe kommen
Die Geschichte „Goldlöckchen und die drei Bären“ ruft schöne Erinnerungen in mir wach, doch erst vor Kurzem erschloss sich mir auch ihre Bedeutung als Metapher für das Nervensystem. Ein blondes Mädchen namens Goldlöckchen entdeckt auf einem Spaziergang durch den Wald eine Hütte. Es ist niemand zu Hause, aber sie geht trotzdem hinein. Goldlöckchen sieht sich um und erkennt, dass es sich um das Haus dreier Bären handelt – Bärenmama, Bärenpapa und Bärenbaby. Auf dem Küchentisch erspäht sie drei Schüsseln Brei. Goldlöckchen hat Hunger, also nimmt sie einen Löffel aus der Schüssel der Bärenmama, aber es ist „zu heiß!“, dann aus der Schüssel des Bärenpapas: „Das ist zu kalt!“ Und aus der Schüssel des Bärenbabys: „Das ist genau richtig.“ Sie verschlingt den Brei und geht ins Wohnzimmer, wo sie drei Stühle vorfindet. Die Stühle von Bärenmama und Bärenpapa sind zu groß, aber der Stuhl des Bärenbabys ist – wie schon der Brei – genau richtig. Sie können sich wahrscheinlich denken, wie die Geschichte weitergeht: Die drei Bären kommen nach Hause und müssen feststellen, dass ihr Brei aufgegessen und ein Stuhl zerbrochen ist; im Bett des Bärenbabys finden sie das schlafende Goldlöckchen. Die Moral von „Goldlöckchen und die drei Bären“, zumindest so, wie ich die Geschichte erzähle, ist, dass Goldlöckchen ihr Toleranzfenster bemerkenswert gut wahrnehmen kann – ein Ausdruck, den Dr. Daniel J. Siegel in seinem Buch Wie wir werden, die wir sind: Neurobiologische Grundlagen subjektiven Erlebens geprägt hat und der den Bereich der Erregung anzeigt, innerhalb dessen ein Kind sich wohlfühlt, sich aktiv mit etwas befassen und flexibel auf neue Ideen und Situationen reagieren kann. Nicht zu heiß, nicht zu kalt – genau richtig.
Die Geschichte von Goldlöckchen – sein Nervensystem und sein Toleranzfenster – kann für Eltern hinsichtlich ihres Familienlebens und dessen Dynamiken recht aufschlussreich sein. Obwohl ihr Alltag im Vergleich zu jenem von Menschen, die sich ganz der Kontemplation widmen, unterschiedlicher kaum sein könnte, findet Meditation bei Kindern und Familien zunehmend großen Anklang. Sie soll ihnen dabei helfen, mit Stress und schwierigen Gefühlen umzugehen, die sie nur schwer bewältigen können. Anders als bei einem kontemplativen Lebensstil führen die Anforderungen des modernen Alltags jedoch zu einer ständigen leichten Erregung des Nervensystems. In seinem Buch Das Gehirn eines Buddha nennt der Psychologe Dr. Rick Hanson dies „auf kleiner Flamme köcheln“. Den meisten Menschen gibt etwas Intensität oft den entscheidenden Schub, um effektiv zu denken und zu handeln, und dann ist eine leichte Erregung des Nervensystems genau richtig, so wie der Brei und der Stuhl des Bärenbabys genau richtig für Goldlöckchen sind. Allerdings gibt es Kinder, bei denen bereits leichte Erregungsniveaus außerhalb des Toleranzfensters liegen, so dass selbst leichte Intensität ihr normales Funktionieren stört und damit absolut nicht richtig ist. Das ist nicht etwa eine Frage der persönlichen Präferenz, sondern es spiegelt wider, wie das Nervensystem funktioniert. Auch Kinder, die „auf kleiner Flamme“ gut funktionieren, können durch emotionale Auslöser in den starreren und reaktiveren Kampf-oder-Flucht- Modus geraten. Und wie bei allen Menschen wird ihr Toleranzfenster kleiner, wenn sie müde, hungrig, krank, gestresst, ängstlich oder wütend sind. In dieser Hinsicht kann Achtsamkeit und Meditation mit jungen Menschen heikel werden, wenn die Eltern dem Nervensystem ihrer Kinder keine Beachtung schenken. Wenn Kinder und Jugendliche sich außerhalb ihres Toleranzfensters befinden, sind sie in einem weniger flexiblen, reaktiveren Modus, einem, in dem es schwierig ist – wenn nicht gar unmöglich –, für neue Ideen offen zu sein. Es gibt Situationen, in denen die Kinder schlichtweg nicht die Nerven haben, um über die großen Themen, die ihre eigene Haltung dem Leben gegenüber prägen, nachzudenken, und schon gar nicht über mögliche Alternativen dazu. Stattdessen brauchen sie etwas, das ihnen hilft, großen Stress und intensive Gefühle auszuhalten, die schier unerträglich scheinen, und sie brauchen es schnell. Achtsamkeitsbasierte Methoden, die helfen, zur Ruhe zu kommen, können eine überraschend schnelle kurzfristige Entlastung von überwältigenden Gefühlen bewirken. Wenn die Kinder erst einmal das Vertrauen entwickeln, dass sie nicht von ihren intensiven Gefühlen überwältigt werden, selbst wenn diese beängstigend sind, können sie ihre Praxis von Achtsamkeit und Meditation weiter vertiefen.

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ABSICHTSVOLL ATMEN
Wenn mir ein Kind erzählt, dass es mit Stress und intensiven Gefühlen nicht umgehen kann, muss ich an die aufmunternden Worte denken, die Christopher Robins für seinem Freund Pu den Bären hatte: „Du bist mutiger, als du glaubst, und stärker, als du scheinst, und klüger, als du denkst.“ Und doch können intensive Gefühle oft überwältigend sein, sowohl auf dem Meditationskissen als auch jenseits davon. Die Kinder und Jugendlichen können etwas dagegen tun, indem sie ihre Aufmerksamkeit von den Gedanken über das, was sie so aufwühlt, ablenken und stattdessen wahrnehmen, wie sie sich in diesem Moment fühlen. Dadurch beruhigt sich das Nervensystem und im Denken entsteht neuer Raum; und auf diese Weise können sie herausfinden, was es eigentlich ist, das ihnen solches Unbehagen bereitet hat. Wissenschaftler fördern stetig neue Erkenntnisse darüber zu Tage, wie das Gehirn Kindern und Jugendlichen hilft, ihre Gefühle zu regulieren. Einige Regionen des Gehirns stehen mit Ängsten, Sorgen und weiteren schwierigen Gefühlen in Zusammenhang, während andere Regionen den Kindern ermöglichen, ihre automatischen Reaktionen auf diese Gefühle wahrzunehmen und gegebenenfalls auf den Verlauf ihrer emotionalen Reaktionen Einfluss zu nehmen. Manchmal sind die automatischen Reaktionen normal und völlig angemessen. Wenn ein Kind zum Beispiel vom Bürgersteig auf die Straße tritt, ohne den sich nähernden Bus zu bemerken, mobilisiert Angst seine Stressreaktion, so dass es schnellstens aus dem Weg gehen kann. In manchen Fällen sind die Stressreaktionen allerdings weder angemessen noch hilfreich. Wenn ein Kind mit den Schularbeiten spät dran ist, können die auftauchenden Sorgen und Ängste es dazu motivieren, die Arbeit zu erledigen; wenn das Kind aber an dem Gedanken festhält, was wohl passieren wird, wenn es seine Aufgaben nicht rechtzeitig fertig bekommt, können Ängste und Sorgen weitere Gedanken auslösen, die wiederum noch stärkere Gefühle auslösen, und so geht es immer weiter. Dann beherrschen die Gedanken und Gefühle das Geschehen. Das Kind weiß zwar, dass die Endlosschleife von Gedanken, die sich in seinem Kopf abspielt, ihm nicht hilft, doch es fühlt sich außer Stande, irgendetwas daran zu ändern. Dies wird „emotionaler Überfall“ genannt, ein Begriff, den der Psychologe Dr. Daniel Goleman in seinem Buch Emotionale Intelligenz geprägt hat. Das Konzept des emotionalen Überfalls erklärt, warum es Kindern schwerfällt, klar zu denken, wenn sie sehr aufgeregt oder wütend sind. Ist ihre Aufmerksamkeit stabil und flexibel, können die Kinder und Jugendlichen einen emotionalen Überfall vermeiden, indem sie bemerken, wenn ihre Gedanken und Gefühle anfangen, das Steuer zu übernehmen. Weil die kognitive Kontrolle bei Kindern und Jugendlichen noch nicht vollständig ausgereift ist, sind sie für emotionale Überfälle im Allgemeinen anfälliger als ihre Eltern.
Der Körper eines Kindes verfügt über eine Vielzahl von eingebauten Mechanismen, um mit Stress umzugehen: von chemischen Sicherungsschaltern, die Stresshormone blockieren, bis hin zu dem komplexen Netz aus neuronalen Bahnen, das Nervensystem genannt wird. Wenn einer dieser Mechanismen aktiviert wird, wirkt sich das auf alle anderen Mechanismen aus. In achtsamen Spielen, die auf Stressbewältigung, Schmerzmanagement und darauf, zur Ruhe zu kommen, abzielen, wird oft dazu angeregt, sich sanft auf die Ausatmung zu konzentrieren, da diese einfache Verschiebung der Aufmerksamkeit körperliches und geistiges Unwohlsein lindern kann.
Das Nervensystem – ein komplexes Netz von Zellen mit Milliarden von Verbindungen, das Botschaften zwischen dem Gehirn, dem Rückenmark und allen anderen Teilen des Körpers transportiert – lässt sich in zwei Zweige unterteilen, die man das somatische und das autonome Nervensystem nennt. Das somatische Nervensystem ist verantwortlich für willentliche Bewegungen (springen, gehen, sprechen), reflexhafte Bewegungen und jene Empfindungen, deren sich das Kind bewusst ist, wie Schmerz und Licht. Das autonome System steuert Funktionen, die zum Großteil unbewusst ablaufen, wie Herzfrequenz, Blutdruck und Verdauung. Um besser zu verstehen, wie emotionale Überfälle und Strategien, um zur Ruhe zu kommen, funktionieren, lassen Sie uns die Arbeitsweise des Nervensystems in Krisensituationen und in Ruhezeiten genauer betrachten. In Notfallsituationen bereitet ein Unterzweig des autonomen Nervensystems, das sympathische Nervensystem, den Körper des Kindes darauf vor, zu kämpfen, zu fliehen oder zu erstarren. In Situationen, die keinen Notfall darstellen, sorgt der andere Unterzweig, das parasympathische Nervensystem, dafür, dass der Körper verdauen und sich ausruhen kann. Diese beiden Zweige arbeiten zusammen, um die Kinder und Jugendlichen im Gleichgewicht zu halten. Ein emotionaler Überfall aktiviert das autonome Nervensystem. Auch achtsamkeitsbasierte Methoden, um zur Ruhe zu kommen, wirken auf das autonome Nervensystem. Diese Strategien wirken eher beruhigend, anstatt die Kampf-oder-Flucht-Reaktion zu verstärken.
Die Reaktion des Körpers auf Stress ist komplex, aber als Faustregel lässt sich sagen, dass der ausgeglichene Ausgangszustand des autonomen Nervensystems meistens im Ausruhen und Verdauen besteht, wobei die Kampf-oder-Flucht-Reaktion leicht aktiviert ist, um Wachsamkeit und Vitalität zu gewährleisten. Dies mag viele Eltern überraschen, für die ein stressiger Alltag und der damit einhergehende Adrenalinschub einer Kampf-oder-Flucht-Reaktion Normalität ist. Die Funktionen des autonomen Nervensystems sind fast völlig unabhängig vom bewussten Denken; ein Aspekt jedoch, über den die Kinder und Jugendlichen etwas Kontrolle haben, ist die Atmung.

Wenn das Kind ausatmet, sendet sein Gehirn ein Signal durch den Vagusnerv – ein langer, komplexer Schädelnerv, der vom Gehirn aus durch den Kopf und den Oberkörper führt und im Bauch endet –, um den Herzschlag zu verlangsamen. Wenn das Kind einatmet, wird dieses Signal schwächer und der Herzschlag beschleunigt sich. Einige Wissenschaftler nennen den Vagusnerv den wichtigsten Nerv im Körper, weil er Funktionen der Emotionsregulation, der Selbstberuhigung und des sozialen Engagements unterstützt.
Bereits lange bevor Wissenschaftler diesen Zusammenhang erkannt haben, nutzten Meditierende und Yogis ihre Atmung dazu, ihr autonomes Nervensystem zu regulieren, indem sie ihre Aufmerksamkeit sanft auf die Einatmung konzentrierten, um Energie und Wachheit (in Vorbereitung auf Kampf oder Flucht) zu fördern, oder auf die Ausatmung, um Entspannung und Beruhigung (Erholung und Verdauung anregend) zu fördern. Dieser Zusammenhang ist auch kleinen Kindern in einem Achtsamkeitskurs aufgefallen. Nach einem kurzen Spiel zum achtsamen Atmen, das Annaka Harris anleitete (eine der Ersten, die Achtsamkeit und Meditation in Schulen unterrichtete), sagte ein achtjähriger Schüler der Toluca-Lake-Grundschule in Toluca Lake, Kalifornien: „Ich habe bemerkt, dass mein Herz schnell schlägt, wenn ich einatme, und langsam, wenn ich ausatme.“
Das folgende Spiel, bei dem die Ausatmung betont wird, empfinden viele Kinder als beruhigend.
Absichtsvoll atmen: Die kühlende Ausatmung
Wenn wir uns auf eine lange Ausatmung konzentrieren, kann uns das helfen, uns zu entspannen und ruhig zu werden.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, zur Ruhe kommen | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Setzt euch mit geradem Rücken und entspanntem Körper hin und lasst eure Hände sanft auf euren Knien ruhen. Atmet natürlich, während ich die Länge von Ein- und Ausatmung zähle. Zählen Sie laut. Passen Sie dabei die Geschwindigkeit an den natürlichen Rhythmus der Atmung der Kinder an.
2. Atmet jetzt zwei Takte lang ein und vier Takte aus.
Während die Kinder ihre Ausatmung auf vier Takte verlängern, passen Sie die Geschwindigkeit des Zählens so an, dass sie mit der Geschwindigkeit der Atmung übereinstimmt. (Es gibt eine natürliche Pause zwischen der Einatmung und der Ausatmung.) Fahren Sie einige Atemzüge lang fort.
3. Lasst uns zur natürlichen Atmung zurückkehren.
TIPPS
1. Variieren Sie dieses Spiel, indem Sie die Kinder bitten, sich auf eine lange Einatmung zu konzentrieren, mit dem Effekt, dass sie sich wahrscheinlich wacher fühlen werden. Folgen Sie den Anleitungen für Die kühlende Ausatmung, verlängern Sie aber anstelle der Ausatmung die Einatmung (die Kinder atmen vier Takte lang ein und zwei Takte lang aus).
2. Üben Sie das Absichtsvolle Atmen mit den Kindern, wenn sie ein wenig freie Zeit haben, zum Beispiel am Abendbrottisch oder während Sie im Stau stehen. Wenn sie verstehen, dass die Verlängerung ihrer Ausatmung sie beruhigen kann, können die Kinder ihre Ausatmung dazu nutzen, ihren Geist und ihren Körper zur Ruhe kommen zu lassen. Auf ähnliche Weise können sie eine lange Einatmung für einen belebenden Effekt nutzen.
3. Absichtsvoll atmen lässt sich leichter mit einem einzelnen Kind üben als in einer Gruppe.
Wenn die Kinder oder Jugendlichen ängstlich oder wütend sind, regen Sie sie dazu an, „ein wenig ein- und ganz viel auszuatmen“ und beim Ausatmen einen weichen, zischenden Ton zu machen. Wenn ein Kind schluchzt und um Atem ringt, bitten Sie es, den Zeigefinger zu heben und so zu tun, als sei er eine Kerze. Regen Sie es an, durch die Nase einzuatmen, als ob es „an einer Blume riechen“ wolle, und dann „die Kerze auszupusten“, indem es die Lippen schürzt und ausatmet. Lassen Sie das Kind so langsam und sanft pusten, dass die imaginäre Flamme nur aufflackert und nicht ganz erlischt. Es kann einige Atemzüge bis zu einigen Minuten dauern, bis sich die Atmung wieder normalisiert hat.
Es ist nicht wichtig, ob die Kinder sitzen, liegen oder stehen, während sie Achtsamkeit und Meditation praktizieren. Was hingegen wichtig ist, ist, dass in jeder Haltung ihre Wirbelsäule relativ gerade ist und ihre Muskeln relativ entspannt sind. Das folgende Spiel führt jüngere Kinder durch eine Bewegungssequenz, die im Sitzen oder Stehen endet. Den Reißverschluss hochziehen ist, wie einige weitere Bewegungsaktivitäten in diesem Buch, durch die Arbeit der Tanz- und Bewegungstherapeutin Dr. Suzi Tortora inspiriert, eine Freundin und Kollegin und Autorin von The Dancing Dialogue. Ältere Kinder und Jugendliche bitte ich eher, mit geradem Rücken und entspannten Muskeln zu sitzen oder zu stehen, anstatt den Reißverschluss hochzuziehen.
Den Reißverschluss hochziehen
Wir stellen uns vor, dass es an unserem Körper einen Reißverschluss gibt, den wir hochziehen. Auf diese Weise können wir unseren Rücken gerade und die Muskeln entspannt halten.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren | Jüngere Kinder |
SPIELANLEITUNG
1. Lasst uns so tun, als ob wir einen Reißverschluss hätten, der von unten nach oben über unseren Körper führt, vom Bauchnabel bis zum Kinn, und der uns dabei hilft, gerade und aufrecht zu sitzen oder zu stehen.
2. Ohne euren Körper zu berühren, bringt eine Hand vor euren Bauchnabel und die andere Hand vor euren unteren Rücken, so wie ich es mache.
Zeigen Sie die Übung, indem Sie eine Hand vor Ihren Bauchnabel und die andere Hand vor Ihren unteren Rücken legen.
3. Okay, lasst uns unseren Reißverschluss hochziehen: Ziiippp. Machen Sie es vor, indem Sie Ihre Hände an Ihrer Wirbelsäule und Ihrer Brust entlang nach oben bewegen, an Ihrem Kinn und Ihrem Kopf vorbei, bis Ihre Hände in der Luft sind.
4. Nachdem wir den Reißverschluss zugemacht haben, lasst uns jetzt mit geradem und aufrechtem Körper gemeinsam einige Atemzüge nehmen.
TIPPS
1. Erweitern Sie das Spiel, indem Sie am Ende einen stummen Beifall hinzufügen, während die Kinder die Hände noch in der Luft haben.
2. Erweitern Sie das Spiel mit Bewegungen, die denen im Lied „Kopf, Schultern, Knie und Zehen" ähneln. Bitten Sie die Kinder, Sie anzuschauen und Ihren Bewegungen zu folgen, ohne zu sprechen – sie sollen nur zusehen, zuhören und die Bewegungen nachahmen. Sitzen oder stehen Sie aufrecht, ohne etwas zu sagen, und während die Kinder Ihnen folgen, berühren Sie Ihren Kopf mit beiden Händen, dann Ihre Nase, Ihre Schultern, Ihren Bauch, und wenn Sie möchten, auch Ihre Knie und Ihre Zehen. Um das Spiel ein wenig schwieriger zu machen, können Sie die Reihenfolge ändern und die Geschwindigkeit erhöhen. Wenn Sie zwischen großen und kleinen, schnellen und langsamen Bewegungen abwechseln, haben die Kinder Gelegenheit, Konzentration und Selbstkontrolle zu üben.
Wenn die Kinder mit geradem Rücken und entspannten Muskeln stehen oder sitzen, sind sie gut auf die achtsamen Spiele vorbereitet. Hier ist eines, das jüngeren Kindern hilft, wahrzunehmen, wie unterschiedliche Formen der Atmung sich darauf auswirken können, wie sie sich in ihrem Geist und ihrem Körper fühlen. Bei diesem Spiel benötigen Sie für jedes Kind und sich selbst ein Windrädchen.
Windrädchen
Wir pusten auf ein Windrädchen und können erleben, dass verschiedene Formen der Atmung – schnell, langsam, tief und flach – sich darauf auswirken, wie wir uns geistig und körperlich fühlen.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, wahrnehmen | Jüngere Kinder |
SPIELANLEITUNG
1. Setzt euch mit geradem Rücken und entspanntem Körper hin. Nehmt euer Windrädchen in die Hand.
2. Jetzt pusten wir mit langen, tiefen Atemzügen auf unsere Windrädchen und nehmen wahr, wie wir uns fühlen.
Gesprächsthemen: Fühlt sich euer Körper ruhig und entspannt an? Fällt es euch eher leicht oder schwer, still zu sitzen, nachdem ihr tief geatmet habt?
3. Lasst uns jetzt mit kurzen, schnellen Atemzügen auf unsere Windrädchen pusten.
Gesprächsthemen: Wie fühlt sich euer Körper jetzt an? Fühlt ihr euch nach dem schnellen Atmen genauso wie nach dem langsamen Atmen?
4. Lasst uns jetzt auf unsere Windrädchen pusten und dabei normal atmen.
Gesprächsthemen: Fiel es euch leicht, euren Geist bei der Atmung zu halten, oder wart ihr abgelenkt?
TIPPS
1. Leiten Sie ein längeres Gespräch über die verschiedenen Formen der Atmung an: Fällt euch eine Situation im Alltag ein, in der tiefes Atmen nützlich sein könnte? (Vielleicht um sich zu beruhigen, wenn ihr wütend seid, oder um euch zu helfen, euch zu konzentrieren.) Wie ist es mit dem schnellen Atmen? (Vielleicht wenn ihr müde seid und euch ein wenig frischer fühlen möchtet.)
2. Wenn Sie mehrere Kinder anleiten, bitten Sie sie, ihre Windrädchen vor den Gesprächsrunden abzulegen.
Im nächsten Abschnitt lernen die Kinder Strategien kennen, um zur Ruhe zu kommen, bei denen sie ihre Aufmerksamkeit von den Gedanken an das, was sie aufwühlt, ablenken und auf den gegenwärtigen Moment richten – auf eine Empfindung (etwas, das sie hören, sehen, schmecken, berühren oder riechen), auf ein Wort (Atemzüge zählen) oder auf eine Aufgabe. Sollten Sie schon einmal mit den Händen einen Stressball gedrückt oder einen Sorgenstein gerieben haben, so kennen Sie die Strategie, sich – statt auf die Gedanken – auf die Empfindungen zu konzentrieren. Viele Kinder erzählen, dass diese Methoden beruhigend auf sie wirken, was ein Zeichen dafür sein könnte, dass die Kampf-oder-Flucht-Reaktion im Nervensystem nachlässt und die Ruhe- und Verdauungsreaktion stärker wird.

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ANKER FÜR DIEAUFMERKSAMKEIT
Häufig regt man Kinder dazu an, über ein Problem nachzudenken, um es zu lösen. Wenn sie aber ohnehin schon gestresst und ängstlich sind, verstärken Sorgen und endloses Grübeln die Stressreaktion des Körpers jedoch nur noch mehr. Diese gesteigerte Stressreaktion lässt sich herunterfahren, indem die Kinder wahrnehmen, wenn ihr Körper ihnen signalisiert, dass ängstliche Gedanken und Gefühle überhandnehmen. Dann können sie sich entspannen und sich auf einen einfachen, neutralen Gegenstand konzentrieren, um ihre Aufmerksamkeit zu verankern. Der am häufigsten verwendete Anker sind die mit der Atmung einhergehenden Empfindungen – vielleicht weil man den Atem immer dabei hat. Dabei kann es besonders beruhigend und besänftigend sein, eine Hand auf das Herz zu legen und zu spüren, wie sich die Brust auf und ab bewegt, während man atmet. Diese Anregung stammt aus dem Kurs für achtsames Selbstmitgefühl, der von den Psychologen und Wissenschaftlern Dr. Christopher Germer und Dr. Kristin Neff entwickelt wurde. In dem Buch Der achtsame Weg zum Selbstmitgefühl erklärt Christopher Germer, warum Anker für die Aufmerksamkeit wichtig sind, vor allem dann, wenn wir es mit intensiven Gefühlen zu tun haben. So erklärt er, dass mentales Leiden vor allem dann entsteht, wenn unser Geist von einem Thema zum nächsten springt, was äußerst anstrengend ist, oder wenn wir mit unglücklichen Gedanken und Gefühlen beschäftigt sind. Wenn wir bemerken, dass der Geist das tut, müssen wir ihm einen Anker geben – einen neutralen und unerschütterlichen Ort, an den er gehen kann. Meditation wird oft mit stillem Sitzen assoziiert. Stillzuhalten kann für Kinder und Jugendliche jedoch schwierig sein, insbesondere dann, wenn sie gestresst oder ängstlich sind oder wenn ihr Geist sehr aktiv ist. Nicht zuletzt aus diesem Grund sind achtsame Spiele, bei denen die Kinder gehen, sich strecken und schütteln, ausgesprochen nützlich. Sie machen nicht nur Spaß, sie bieten den Kindern zudem eine Gelegenheit, Unterschiede darin wahrzunehmen, wie sich Geist und Körper vor und nach der Bewegung anfühlen. Dr. Peter Levine erklärt in seinem Buch Kinder vor seelischen Verletzungen schützen (Trauma-Proofing Your Kids), dass strukturierte körperliche Aktivitäten eine wirkungsvolle Möglichkeit sind, überschüssige Energie freizusetzen, insbesondere dann, wenn sie so gestaltet sind, dass Phasen starker energiegeladener Anregung mit gleich langen Phasen des Ausruhens einander abwechseln, so dass die Kinder genügend Zeit haben, zur Ruhe zu kommen. Während beider Phasen (Anregung und zur Ruhe kommen) wird dann überschüssige Energie von selbst entladen. Im folgenden Spiel gibt es sowohl Phasen der Bewegung als auch Phasen des Zur-Ruhe-Kommens, was möglicherweise der Grund dafür ist, dass die Kinder berichten, dass Rütteln und schütteln ihnen hilft, sich zu beruhigen, wenn sie sehr aufgeregt oder wütend sind.
Empfindungen existieren auf einem Spektrum von sehr schwach bis sehr stark; die stärksten Empfindungen nennt man „grob“ und die subtilsten, wenig überraschend, „subtil“. Auf grobe Empfindungen kann man sich einfacher konzentrieren als auf subtile. Die schnellen Bewegungen in dem Spiel Rütteln und schütteln sind ein Beispiel für grobe sensorische Anker. Die Konzentration auf eine grobe Empfindung ist eine clevere Strategie, um zur Ruhe zu kommen, da grobe sensorische Anker die Aufmerksamkeit der Kinder leichter von sehr aufgeladenen Gedanken und Gefühlen wegbringen, als subtile Empfindungen es können. In einem späteren Abschnitt zum Thema sich konzentrieren wird beschrieben, wie die Kinder ihre Aufmerksamkeit verfeinern und weiterentwickeln können, indem sie genau auf die subtilen Empfindungen achten, während Geist und Körper in Ruhe sind.

Rütteln und schütteln
Wir schütteln unseren Körper zum Klang einer Trommel, um Energie freizusetzen und uns besser konzentrieren zu können.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, zur Ruhe kommen | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Lasst uns so tun, als würden wir Zauberkleber auf unsere Fußsohlen streichen und diese dann auf dem Boden festkleben.
Tun Sie so, als ob Sie Kleber auf die Sohle eines Fußes streichen, und stampfen Sie auf den Boden auf; machen Sie dann das Gleiche mit dem anderen Fuß. Die Kinder machen es Ihnen nach.
2. Könnt ihr mit den Knien wackeln und die Fußsohlen gleichzeitig flach auf dem Boden halten?
Wackeln Sie mit den Knien, während Sie Ihre Fußsohlen flach auf dem Boden halten, als ob sie festgeklebt wären.
3. Lasst uns unseren Körper zum Klang der Trommel bewegen und unsere Füße auf den Boden geklebt halten. Macht große Bewegungen, wenn ihr lautes Trommeln hört.
Trommeln Sie laut. Machen Sie die Bewegungen vor, so gut Sie können, während Sie trommeln.
4. Macht kleine Bewegungen, wenn ihr leises Trommeln hört. Trommeln Sie leise. Machen Sie die Bewegungen vor, so gut Sie können, während Sie trommeln.
5. Was macht ihr, wenn ihr schnelles Trommeln hört?
Trommeln Sie schnell, die Kinder antworten: „Schnell bewegen. “
6. Und wenn ihr langsames Trommeln hört?
Trommeln Sie langsam, die Kinder antworten: „Langsam bewegen.“
7. Versucht, dem Klang zu folgen, und wenn das Trommeln aufhört, haltet ganz still.
Wechseln Sie zwischen schnellem und langsamem, lautem und leisem Trommeln hin und her. Die Kinder halten still, wenn das Trommeln aufhört.
8. Lasst uns entspannen und ein paar Augenblicke lang unseren Atem spüren, dann spielen wir das Spiel noch einmal.
Leiten Sie die Abfolge noch einmal an, nachdem die Kinder Zeit hatten, sich zu beruhigen.
TIPPS
1. Wenn Sie keine Trommel haben, können Sie auch auf Ihre Oberschenkel schlagen, um einen Trommelklang zu erzeugen.
2. Nutzen Sie das Schütteln, um eine längere Phase des Stillsitzens zu beenden.
3. Lassen Sie auch die Kinder anführen und sich dabei abwechseln.
4. Rütteln und schütteln kann im Sitzen (an Tischen oder in einem Kreis auf dem Boden) oder im Stehen gespielt werden.
5. In manchen Situationen ist Schütteln nicht angebracht. In diesen Situationen sind ein langsames Schwingen von Seite zu Seite oder das Drücken eines Kissens nützliche sensorische Anker, die den Kindern helfen, sich zu beruhigen.
6. Andere Sinneserfahrungen, die Kinder und Eltern oft zur Beruhigung nutzen, sind hin und her schaukeln, sich an den Händen halten, sich umarmen und singen.
Leichte Bewegung im Wechsel mit Ruhephasen zum Freisetzen überschüssiger Energie hilft allen Menschen, ihr Nervensystem zu beruhigen, nicht bloß Kindern. Tsokyni Rinpoche, Autor von Öffne dein Herz und lausche und tibetischer Lehrer mit einem bemerkenswerten Verständnis der westlichen Psyche, nutzt dies, wenn er Erwachsenen Meditation lehrt. (Für den Fall, dass Sie nicht mit dem Wort Rinpoche vertraut sind: Es handelt sich dabei um einen Ehrentitel, der in der tibetischen Sprache darauf hinweist, dass es sich bei einem Lehrer um einen vollendeten Meditierenden handelt.) Rinpoches Vater, der verstorbene Tulku Urgyen Rinpoche, wurde in Tibet geboren und ließ sich später mit seiner Frau in Nepal nieder. Er war einer der großen Meditationsmeister der modernen Zeit, und inzwischen sind auch all seine vier Söhne bekannte Meditationslehrer. Ich habe das Glück, zwei von ihnen meine Lehrer nennen zu dürfen – Tsokyni Rinpoche und seinen Bruder Yongey Mingyur Rinpoche, der zudem Autor sowie Gründer und leitender Lehrer der Tergar-Meditationsgemeinschaft ist.
Als ich zum ersten Mal an Tsokyni Rinpoches Unterricht teilnahm, begann er das einwöchige Retreat mit einer Bewegungspraxis, die uns unterstützen sollte, uns in unseren Körper und in unsere Gefühle hinein zu entspannen. Während wir mit geradem Rücken und entspanntem Körper dasaßen, bat er uns, die Arme auf Schulterhöhe zu heben und zu schütteln. Auf sein Zeichen hin sollten wir kräftig ausatmen und Arme und Hände fallen lassen. Mit den Händen auf den Knien ruhten wir uns einen Augenblick lang aus, ohne zu versuchen, unsere Gedanken und Gefühle zu kontrollieren. Rinpoche wiederholte die Übung noch einige Male und bat uns wieder, unsere Arme und Hände zu schütteln, sie abrupt fallen zu lassen und dann auszuruhen. In einem Artikel, der später in der Zeitschrift Lion’s Roar veröffentlicht wurde, erklärt er: „Was auch immer geschieht, wo auch immer Sie landen, nachdem Sie Ihre Arme fallen gelassen haben, lassen Sie es einfach zu. Tun Sie nichts, und versuchen Sie nicht, etwas zurückzuhalten. Ruhen Sie sich einfach aus. Es ist nicht notwendig, nach etwas Neuem zu suchen oder zu versuchen, irgendeine besondere Einsicht oder einen Zustand zu erzielen. Spüren Sie, welche Gefühle und Empfindungen entstehen, und seien Sie sich ihrer bewusst. Spüren Sie sie auf natürliche und sanfte Art, und versuchen Sie nicht, irgendetwas zu verändern. Wenn unangenehme Gefühle aufkommen, können Sie sich entspannen und ihnen vertrauen, ohne sie zu analysieren oder verstehen zu wollen.“ Angesichts dessen, was wir über das Nervensystem wissen, ist es nachvollziehbar, dass Rinpoches Übung beruhigend wirkt. Sie besteht aus kurzen Phasen der Anregung und des Ausruhens und betont die Ausatmung – drei Strategien, die wahrscheinlich zusammenwirken, um überschüssige Energie freizusetzen und jenen Zweig des autonomen Nervensystems zu aktivieren, der fürs Ausruhen und Verdauen zuständig ist.
Rinpoches Anleitung, sich auszuruhen und dabei alle Gefühle, die sich zeigen, zuzulassen, ohne sie zu analysieren oder zu versuchen, sie zu verstehen, ist eine weitere achtsamkeitsbasierte Strategie, die eine gesteigerte Stressreaktion mildern kann. Jüngere Kinder sind in ihrer Entwicklung noch nicht so weit, dass sie das Nachdenken über ihre Gedanken und Gefühle unterlassen könnten, aber ältere Kinder und Jugendliche können es versuchen, auch wenn es sich manchmal kontraintuitiv anfühlt.
Anhand einer Glitzerkugel (oder, wenn man keine zur Verfügung hat, einer Schneekugel oder auch eines Glas Wassers mit Backpulver darin) können die Kinder bei der folgenden Demonstration besser verstehen, wie sich eine gesteigerte Stressreaktion regulieren lässt. Darin kommt eine erprobte zweischrittige Strategie zum Einsatz: sich sanft auf einen einfachen, neutralen Gegenstand konzentrieren, um die Achtsamkeit zu verankern, und die Gedanken und Gefühle in Ruhe lassen. Die Glitzerpartikel in der Kugel stehen für Stress und intensive Gefühle. Wenn man die Kugel schüttelt, wirbeln die Partikel umher und lassen das Wasser trüb werden. Wenn man die Kugel in Ruhe lässt, klärt sich das Wasser langsam.
Dieses visuelle Experiment – äquivalent dazu, sich erst ruhig und klar, dann gestresst und überfordert und schließlich wieder ruhig zu fühlen – hilft den Kindern, das Geschehen in der Kugel mit den Vorgängen in ihrem Geist und Körper in Verbindung zu bringen.

Klar sehen
Wir schütteln eine Glitzerkugel, um den Zusammenhang zwischen dem, was in unserem Geist geschieht, und dem, was in unserem Körper vor sich geht, besser zu verstehen.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, wahrnehmen | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Gesprächsthemen: Könnt ihr beschreiben, wie sich euer Körper anfühlt, wenn ihr gestresst seid? Könnt ihr beschreiben, was in eurem Geist los ist, wenn ihr gestresst seid? Wenn ihr euch gestresst fühlt, könnt ihr dann klar denken?
2. Wenn die Kugel still ist, wie jetzt gerade, könnt ihr dann durch das Wasser die andere Seite sehen?
3. Was wird wohl geschehen, wenn ich die Kugel schüttele? Werdet ihr durch das Wasser hindurchsehen können?
Schütteln Sie die Kugel. Die Glitzerpartikel wirbeln umher und das Wasser wird trüb.
4. Legt jetzt eine Hand auf den Bauch und spürt eure Atmung. Hören Sie auf, die Kugel zu schütteln. Die Glitzerpartikel setzen sich ab.
5. Könnt ihr jetzt durch das Wasser hindurchsehen?
6. Ist der Glitzer weg? Nein, er ist noch da. Mit unseren Gedanken ist es genauso. Unser Geist kann so beschäftigt sein, dass wir nicht klar denken können. Aber wenn wir unsere Atmung spüren und unsere Gedanken in Ruhe lassen, beruhigen sie sich und wir können wieder klar denken.
7. Lasst es uns noch einmal versuchen.
Wiederholen Sie die Demonstration.
TIPPS
1. Es ist hilfreich, vorher mit einer kurzen Phase körperlicher Aktivität ein wenig Energie zu erzeugen, damit die Kinder während der Demonstration spüren können, wie sie zur Ruhe kommen. Wenn sie bereits vor der Demonstration konzentriert, ruhig und entspannt sind, werden sie sich danach vermutlich nicht wirklich anders fühlen.
2. Bei der Meditation geht es nicht darum, den Geist leer zu machen und die Gedanken loszuwerden, obwohl das manche Kinder glauben. Es kann auch vorkommen, dass die Kinder glauben, es sei „schlecht“, Gedanken zu haben, während sie meditieren. Wenn Sie deutlich machen, dass Gedanken und Gefühle etwas Schönes sind, genau wie das Glitzern, das durch die Kugel wirbelt, können die Kinder verstehen, dass selbst schöne Gedanken ablenkend sein können.
3. Wenn ein jüngeres Kind sehr aufgeregt oder wütend ist, geben Sie ihm mit Worten wie, „Versuche, den Glitzer zur Ruhe kommen zu lassen“, einen sanften Hinweis, sich auf die Atmung zu konzentrieren, insofern es diese Metapher versteht.
4. Weisen Sie darauf hin, dass Meditation den Alltagsstress nicht verschwinden lässt, genauso wie der Glitzer nicht verschwindet, wenn er sich am Boden der Kugel absetzt. Zwar bringt die Meditation Stress nicht völlig zum Verschwinden, aber sie kann uns helfen, mit Stress umzugehen, indem wir lernen, uns zu entspannen und unseren Geist zur Ruhe zu bringen, wenn wir sehr aufgeregt oder wütend sind. Dann können wir klar sehen, was in uns und um uns herum geschieht.
Die Methoden, um zur Ruhe zu kommen, nützen wenig, wenn die Kinder den Zusammenhang zwischen ihren Gedanken und ihrem Befinden nicht erkennen. Das folgende Spiel ermöglicht auch Skeptikern, die Verbundenheit von Körper und Geist am eigenen Leib zu erfahren, indem sie sich vorstellen, dass sie in eine Zitrone beißen. Allein der Gedanke daran, in eine Zitrone zu beißen, bringt die Kinder normalerweise dazu, den Mund verziehen, selbst wenn weit und breit keine Zitrone in Sicht ist.
Der Geschmack von Zitronen
Wir stellen uns vor, in eine Zitrone zu beißen, und können so den Zusammenhang zwischen dem, was in unserem Geist geschieht, und dem, was in unserem Körper vor sich geht, besser verstehen.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Sich konzentrieren, wahrnehmen | Ältere Kinder, Jugendliche |
SPIELANLEITUNG
1. Gesprächsthemen: Können eure Gedanken etwas daran ändern, wie sich euer Körper anfühlt? Können die Empfindungen in eurem Körper eure Gedanken ändern? Können eure Gefühle etwas daran ändern, wie sich euer Körper anfühlt? Können die Empfindungen in eurem Körper etwas an euren Gefühlen ändern?
2. Legt eure Hände auf den Knien ab, setzt euch mit geradem Rücken und entspanntem Körper hin und schließt eure Augen.
3. Stellt euch vor, dass ihr an einem Küchentisch sitzt. Vor euch liegt eine Zitrone. Stellt euch vor, dass ihr die Zitrone in die Hand nehmt. Stellt euch vor, wie sie nass und kalt in eurer Hand liegt. Stellt euch vor, dass ihr die Zitrone in zwei Hälften schneidet, eine Hälfte in die Hand nehmt, an der Zitrone riecht und dann in sie hineinbeißt. Was geschieht in eurem Mund?
4. Gesprächsthemen: Hat euer Körper auf den Gedanken, in eine Zitrone zu beißen, reagiert, so als ob ihr das wirklich tun würdet? Ist das ein Beispiel für die Verbundenheit von Geist und Körper? Könnt ihr weitere Beispiele für die Verbundenheit von Geist und Körper nennen?
TIPPS
1. Wenn die Kinder erst einmal verstehen, was Sie mit „Verbundenheit zwischen Geist und Körper“ meinen, werden sie von selbst weitere Verbindungen zwischen Geist und Körper bemerken. Bitten Sie die Kinder, einige davon zu nennen.
2. Wenn Sie mit mehreren Kindern spielen, können Sie das Spiel Die kleine Fingeranzeige nutzen, um ihnen zu verdeutlichen, dass andere Menschen ähnlich auf Stress reagieren.
3. Wenn die Kinder einer angeleiteten Visualisierung zuhören, kann es passieren, dass sie eher über die Visualisierung nachdenken, anstatt sie wirklich mitzumachen. Das Nachdenken bringt sie vom gegenwärtigen Moment weg, und es erklärt, warum nicht jeder eine körperliche Reaktion verspürt. Das wird sich mit ein wenig Übung wahrscheinlich ändern; wenn die Zitronen-Visualisierung also nicht auf Anhieb klappt, versuchen Sie es einfach an einem anderen Tag noch einmal.
Die Spiele Der Geschmack von Zitronen und Klar sehen liefern eine konzeptuelle Grundlage für Gespräche über Stress und emotionale Notlagen sowie darüber, wie man ihren negativen Folgen entgegenwirken kann. Wenn ich Kinder und Jugendliche nach Beispielen dafür frage, wie ihr Geist auf ihren Körper wirkt, berichten sie oft, dass sie Magenschmerzen haben, wenn sie Angst haben, oder dass sie nicht gut schlafen, wenn sie sich Sorgen machen oder sehr aufgeregt sind. Weil es sie beruhigen kann, zu wissen, dass sie mit diesen Erfahrungen nicht allein sind, finde ich es hilfreich, ihnen von meinen eigenen ähnlichen Erfahrungen zu erzählen. Wenn Sie Beispiele von Verbindungen zwischen Geist und Körper geben, vergessen Sie nicht, auch Gedanken und Gefühle zu nennen, die dafür sorgen, dass man sich gut fühlt. Dies bereitet den Boden für ähnliche Gespräche in Zusammenhang mit den Phantasiereisen zum Thema „Freundlichkeit“, die weiter hinten in diesem Buch beschrieben werden.
Teil zwei

Wahrnehmen
und
umdeuten
Zwei junge Fische schwimmen gemeinsam im Fluss. Zufällig begegnen sie einem älteren Fisch, der in die Gegenrichtung schwimmt und ihnen zunickt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die beiden jungen Fische schwimmen weiter. Nach einer Weile sieht der eine den anderen an und fragt: „Was zum Teufel ist Wasser?“
Der Clou an dieser Geschichte, die David Foster Wallace zu Beginn seiner Abschlussrede 2005 vor den Absolventen des Kenyon College hielt, ist, dass die offensichtlichsten und grundlegendsten Tatsachen des Lebens häufig die sind, die am schwierigsten zu sehen und zu besprechen sind. Ich musste an Wallaces Fischgeschichte denken, als ich für eine Forschungsstudie an der University of California, Los Angeles (UCLA), in Kindertagesstätten für kleine Kinder unterrichtete und auf der Tafel eines Vorschulklassenzimmers das Wort Atmosphäre geschrieben sah. Ich fragte die Leiterin, Gay MacDonald, ob das Wort Atmosphäre nicht über den Horizont meiner vierjährigen Schüler hinausginge. Sie aber erinnerte mich daran, dass kleine Kinder große Begriffe lernen können, wenn sie in einem angemessenen Kontext gelehrt werden. Die großen Konzepte, die sich durch ein kontemplatives Training ziehen, kann man auf einfache Weise erklären und spielerisch unterrichten, selbst wenn sie nicht der Entwicklungsphase der Kinder entsprechen. Genau wie die beiden jungen Fische in Wallaces Geschichte fröhlich in etwas herumschwimmen, das sie nicht benennen können, verkörpern Kinder fröhlich Qualitäten wie Weisheit und Mitgefühl, die sie konzeptuell noch nicht verstehen. Und viele von uns, die seit langem Meditation praktizieren, müssen bescheiden zugeben, dass so manche dieser Qualitäten auch unser eigenes konzeptuelles Verständnis übersteigen.
Meditation ähnelt in so mancher Hinsicht der Gartenarbeit, zum Beispiel darin, wie wichtig Vorbereitung ist. Der größte Fehler, den unerfahrene Gärtner machen, besteht darin, die Samen auszusäen, bevor sie den Boden vorbereitet haben. Genauso wie es ausdauernde körperliche Anstrengung erfordert, vor dem Pflanzen Steine aus den Gartenbeeten zu entfernen, erfordert es ausdauernde geistige Anstrengung, Muster in Gedanken und Verhaltensweisen freizulegen, die Leiden verursachen. Und sogar noch mehr ausdauernde Anstrengung ist erforderlich, um etwas an ihnen zu ändern. Die Veränderung von Mustern und Verhaltensweisen erfordert eine Veränderung in unserer Haltung dem Leben gegenüber – und meistens ist das ein langer und holpriger Prozess. Das ist jedoch kein Grund zur Entmutigung. Die Kinder müssen sich nur daran erinnern, dass es hilfreicher ist, sich dieser inneren Arbeit mit zarter Hand und Sinn für Humor zu nähern, anstatt mit dem geistigen Äquivalent einer Hacke, mit der ein Gärtner Steine aus der Erde entfernt.

3 
EIN OFFENER GEIST
Mein inzwischen erwachsener Sohn erzählte mir, dass die folgende Geschichte für ihn immer noch eine hilfreiche Erinnerung daran ist, dass wir nie sicher wissen können, was als Nächstes geschehen wird:
Ein Vater und sein Sohn wachen eines Morgens auf und müssen feststellen, dass ihr Pferd davongelaufen ist. Das spricht sich schnell herum, und als die Nachbarin die Neuigkeit hört, ruft sie aus: „Was für ein Pech!“ Der Bauer erwidert: „Wir werden sehen.“
Das Pferd kommt zurück und bringt einen prachtvollen Hengst mit. Die Nachbarin ruft aus: „Wie wunderbar!“ Und der Bauer sagt: „Wir werden sehen.“
Der Sohn des Bauers steigt auf den Hengst, aber das Pferd bäumt sich auf, und bei dem Versuch, es zu zügeln, wird der Sohn zu Boden geworfen. Er bricht sich ein Bein. Die Nachbarin ruft aus: „Wie schrecklich!“ Wieder antwortet der Bauer: „Wir werden sehen.“
Ein Krieg bricht aus, und die jungen Männer im Dorf werden in die Armee eingezogen, doch der Sohn des Bauern wird zurückgelassen, weil er ein gebrochenes Bein hat. Die Nachbarin beglückwünscht den Bauern, doch dieser zuckt mit den Schultern: „Wir werden sehen.“
Achtsamkeit und Meditation helfen den Kindern – und ihren Eltern ebenso –, besser mit Komplexität und Ungewissheit zurechtzukommen, so wie der Bauer in dieser Geschichte. Viele von uns empfinden dies als Erleichterung. Joseph Goldstein, zukunftsweisender amerikanischer Meditationslehrer und Mitbegründer der Insight Meditation Society, hielt einmal einen Vortrag in Los Angeles, in dem er über seinen Versuch sprach, Widersprüchlichkeiten zwischen zwei kontemplativen Denkschulen zu entwirren. Goldstein erzählte dem dicht gedrängten Publikum, er habe große Anstrengungen unternommen, um herauszufinden, welche der beiden Ansichten korrekt war, bis ihm klar geworden sei, dass nicht die eine richtig und die andere falsch sein müsse. „Also,“ sagte er, „das war eine richtige Erleichterung.“ Sieben Jahre nach diesem Vortrag schilderte er die Erleichterung des Nicht-Wissens ausführlich in einem Artikel, der auf der Website des Fernsehsenders PBS veröffentlicht ist:
Wir wissen nicht viel. Wir wissen nicht viel mehr, als wir wissen. Und es ist eine Erleichterung, unsere Anhaftung an Ansichten loszulassen, unsere Anhaftung an Meinungen, besonders über Dinge, die wir nicht wissen. Ein neues Mantra nahm langsam in meinem Kopf Gestalt an: „Wer weiß?“ Dieses Nicht-Wissen hat nichts mit Verunsicherung oder Verwirrung zu tun. Es ist vielmehr wie ein frischer Atemzug, eine Offenheit des Geistes. Nicht-Wissen bedeutet einfach, den Geist im Hinblick auf diese außerordentlich interessanten Fragen offen zu halten, auf die wir noch keine Antworten haben mögen.
Wenn ältere Kinder, insbesondere Jugendliche, sich damit anfreunden, nicht auf alles eine Antwort zu haben, kann die negative Konnotation, die Nicht-Wissen normalerweise hat, sich umkehren. Wenn sie nicht länger das Bedürfnis haben, sofort eine Antwort zu finden, sind die Kinder in der Lage, entspannter auf das zu reagieren, was geschieht. Dann sind sie empfänglicher für andere Sichtweisen und neugierig darauf, was sie wohl hinter der nächsten Ecke erwarten mag. Dasselbe gilt für Eltern. Myla Kabat-Zinn und ihr Mann Dr. Jon Kabat-Zinn sprechen in ihrem Buch über Elternschaft, Mit Kindern wachsen, über die Vorteile eines offenen Geistes. Jon Kabat-Zinn ist der Pionier der säkularen Achtsamkeitsbewegung. Er hat an der medizinischen Fakultät der Universität von Massachusetts das Programm Stressreduktion durch Achtsamkeit (Mindfulness-Based Stress Reduction, kurz: MBSR) entwickelt und zahlreiche Bücher über Achtsamkeit verfasst. Er und seine Frau schreiben:
Achtsame Elternschaft beinhaltet, sich daran zu erinnern, was wirklich wichtig ist, während wir mit unseren Kindern den Aktivitäten des täglichen Lebens nachgehen. Oftmals stellen wir dann fest, dass wir uns daran erinnern müssen, was das ist, oder sogar zugeben müssen, dass wir im Augenblick keine Ahnung haben, da wir den Faden, den Sinn und die Richtung in unserem Leben so leicht verlieren. Aber sogar in den aufreibenden, manchmal schrecklichen Momenten als Eltern können wir bewusst einen Schritt zurücktreten und von vorne anfangen und uns fragen, wie zum ersten Mal und mit frischem Blick: „Was ist hier wirklich wichtig?“
Jede Erfahrung ist einzigartig, und die Ursachen und Umstände, die einen jeden Moment hervorbringen, sind unzählig. Selbst wenn die Kinder eine Erfahrung aus allen erdenklichen Blickwinkeln betrachten, so gut es ihnen möglich ist, können sie niemals alle Perspektiven erfassen. In seinem Buch Rückkehr zur Menschlichkeit weist der Dalai Lama, das geistliche Oberhaupt Tibets, darauf hin, dass wir nie das gesamte Bild sehen, egal, wie sehr wir uns auch bemühen. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was er damit meint, nehmen Sie sich einen Augenblick Zeit, um über das erstaunliche Netz sich verändernder Ursachen und Umstände nachzudenken, die diesen Moment hervorgebracht haben. Wären Ihre Eltern sich nie begegnet, wären Sie nicht geboren worden. Wären Ihre Großeltern sich nicht begegnet, hätten Ihre Eltern nicht das Licht der Welt erblickt – und Sie wären ebenso wenig hier. Generation um Generation sind Ihre Vorfahren sich begegnet und haben ein Kind bekommen, das zu einem von unzähligen Verbindungsgliedern in einer Reihe von kausalen Zusammenhängen wurde, die es schließlich möglich macht, dass Sie jetzt dieses Buch lesen. Falls Sie nicht zufällig mit mir blutsverwandt sind, bestehe ich aus Ursachen und Umständen, die einem völlig anderen Stammbaum als dem Ihren entspringen. Wenn nicht all meine Vorfahren gelebt, geliebt und Kinder bekommen hätten, könnten Sie dieses Buch nicht lesen, weil ich nicht hier wäre, um es zu schreiben. Ganz egal, ob Sie und ich nun aufgrund eines göttlichen Planes, eines zufälligen Glückstreffers oder irgendetwas dazwischen hier sind – unser Planet, mit allem und allen sich darauf Befindenden, ist ein sich permanent veränderndes, miteinander verbundenes und mysteriöses Puzzle. Der Dalai Lama findet im Hinblick auf diese potenziell überwältigenden Gedanken tröstliche Worte und sagt, dass die menschliche Urteilsfähigkeit immer unvollständig bleibt, egal, wie sehr wir uns auch bemühen. Falls wir nicht gerade hellsichtig oder allwissend sind – wie Buddha oder Gott –, würden wir nie das vollständige Bild sehen und niemals alle Ursachen kennen, die eine jede beliebige Situation bedingt haben. Genauso wenig könnten wir alle Konsequenzen unserer Handlungen voraussehen. Es würde immer irgendeinen Unsicherheitsfaktor geben. Es sei daher wichtig, dies anzuerkennen, aber wir sollten uns keine Sorgen darüber machen. Noch weniger sollte es uns veranlassen, am Wert rationaler Beurteilung zu zweifeln. Stattdessen sollte es unsere Handlungen durch angemessene Bescheidenheit und Vorsicht mäßigen. Und dass wir eine Antwort nicht kennen, könnte zugegebenermaßen manchmal auch sehr hilfreich sein.
Selbst für kleine Kinder, die das wahnwitzige Geflecht von Ursachen und Umständen, die einen jeden Moment hervorbringen, noch nicht verstehen können, ist die Ungewissheit weniger bedrohlich, wenn sie sich mit dem Gedanken anfreunden, dass sie nicht auf alle Fragen eine Antwort haben müssen. In Annaka Harris’ Bilderbuch I Wonder, mit Illustrationen von John Rowe, gehen Eva und ihre Mutter in einer mondhellen Nacht durch den Wald. Als die Mutter Eva etwas fragt, ist Eva verlegen, weil sie die Antwort nicht weiß. Doch die Mutter beruhigt Eva: „Es ist in Ordnung, ‚ich weiß nicht‘, zu sagen.“ Schließlich wissen auch Eltern nicht auf alle Fragen eine Antwort. Ermutigt durch ihr neu entdecktes Selbstvertrauen, lässt Eva ihrer Kreativität freien Lauf und stellt eine Frage nach der anderen: „Wie machen der Mond und die Sonne das, dass sie nahe beieinander bleiben?“ – „Sind sie Freunde?“ – „Wo war der Schmetterling, bevor er mich besuchen kam?“ Anstatt sich angesichts der Ungewissheit schlecht zu fühlen, findet Eva die Geheimnisse des Lebens, die sie mit ihrer Mutter gemeinsam erkunden kann, nun aufregend.
Im folgenden Spiel dürfen jüngere Kinder raten, was sich in einer mysteriös aussehenden Kiste befindet. Die geheimnisvolle Kiste ist ein spielerisches Sprungbrett in Gespräche darüber, wie es ist, etwas Neues zu beginnen, die Antwort auf eine Frage nicht zu kennen und nicht zu wissen, was als Nächstes geschehen wird. Zur Vorbereitung füllen Sie die geheimnisvolle Kiste mit kleinen Gegenständen, so dass die Kinder es nicht sehen, und platzieren die geschlossene Kiste dann in nicht allzu weiter Distanz vor den Kindern.
Die geheimnisvolle Kiste
Wir raten, was sich in einer geheimnisvollen Kiste befindet, und nehmen wahr, wie es sich anfühlt, wenn uns eine Frage gestellt wird und wir die Antwort nicht kennen.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jüngere Kinder |
SPIELANLEITUNG
1. Lasst uns raten, was in der geheimnisvollen Kiste ist. Hören Sie sich die Vermutungen der Kinder an.
2. Gesprächsthemen: Wie fühlt es sich an, nicht zu wissen, was in der Kiste ist?
Fühlt ihr euch aufgeregt? Frustriert? Oder anders?
3. Nehmt die Kiste und befühlt sie, schaut sie euch an und schüttelt sie – aber öffnet sie nicht. Habt ihr noch mehr Vermutungen darüber, was sich in ihrem Inneren befinden könnte?
Hören Sie sich die Vermutungen der Kinder an.
4. Lasst sie uns öffnen und nachsehen.
5. Gesprächsthemen: Wie fühlt es sich an, wenn ihr nicht wisst, was als Nächstes geschehen wird? Probiert ihr gerne neue Sachen aus oder möchtet ihr lieber nichts Neues ausprobieren? Wie ist es, mit einer Sache zu rechnen, dann aber eine andere vorzufinden? Wie fühlt ihr euch, wenn ihr auf etwas warten müsst (darauf, ein Geschenk aufzumachen, einen Freund zu Hause zu besuchen oder mit dem Schaukeln an der Reihe zu sein)?
TIPPS
1. Vorschläge für den Inhalt der Kiste: Büroklammern, Blumen, Luftballons, Legosteine oder Radiergummis.
2. Bei sehr kleinen Kindern ist es sinnvoll, ihnen Beispiele von Dingen zu nennen, die sich in der Kiste befinden könnten, bevor sie zu raten anfangen.
3. Lassen Sie die Kinder sich dabei abwechseln, etwas in die Kiste zu legen, während die anderen raten.

Das große Bild erinnert ältere Kinder und Jugendliche daran, dass sie zwar Nachforschungen anstellen und alles, was sie in Erfahrung gebracht haben, abwägen können, bevor sie zu einer Schlussfolgerung kommen, aber mitunter trotzdem noch nicht genügend Informationen haben, um eine Frage richtig zu beantworten. Es ist hilfreich, den Kindern vor dem Spiel das folgende Bild zu zeigen, auf dem einige Menschen mit geschlossenen Augen verschiedene Teile eines Elefanten berühren.
Das große Bild
Wir stellen uns vor, wie es wäre, wenn wir raten, um was es sich bei einer Sache handelt, indem wir nur einen Teil davon mit geschlossenen Augen berühren. Wir lernen dabei, dass das, was wir glauben, von den Informationen abhängt, die wir haben.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Ältere Kinder, Jugendliche (mit einer Modifikation für jüngere Kinder) |
GESPRÄCHSANLEITUNG
1. Was wäre, wenn ihr einen Teil eines Elefanten mit geschlossenen Augen berühren und raten solltet, was ihr da berührt? Könntet ihr es erraten?
• Wenn ihr nur den Rüssel des Elefanten berühren würdet, was würdet ihr denken, worum es sich handelt? (Tipp: Der Rüssel des Elefanten ist lang und rund wie eine Schlange oder ein Schlauch.)
• Wenn ihr nur ein Bein des Elefanten berühren würdet, was würdet ihr denken, worum es sich handelt? (Tipp: Das Bein des Elefanten ist groß und rund wie ein Baumstamm.)
• Wenn ihr nur einen Stoßzahn des Elefanten berühren würdet, was würdet ihr denken, worum es sich handelt? (Tipp: Der Stoßzahn des Elefanten ist scharf wie ein Messer.)
• Wenn ihr nur das Ohr des Elefanten berühren würdet, was würdet ihr denken, worum es sich handelt? (Tipp: Das Ohr des Elefanten ist dünn und breit wie ein Fächer.)
2. Gesprächsthemen: Erzählt eine Geschichte über eine Situation, in der ihr jemanden missverstanden habt, weil ihr nicht alle Informationen hattet. Erzählt eine Geschichte über eine Situation, in der jemand euch missverstanden hat, weil er oder sie nicht die ganze Geschichte kannte.
TIPPS
1. Wandeln Sie Das große Bild für jüngere Kinder etwas ab, indem Sie ein großes Kuscheltier in einiger Entfernung vor sie hinsetzen. Lassen Sie sie dann raten, um was für ein Tier es sich handelt, indem sie die Augen schließen und nur einen Teil des Kuscheltiers berühren (ein Bein, ein Ohr, den runden Bauch). Wenn Sie vermuten, dass es den Kindern in der Aufregung schwerfallen wird, die Augen geschlossen zu halten, können sie eine Augenbinde verwenden (wie in dem Spiel „Dem Esel den Schwanz anheften“).
Natürlich ist es schwer zu erraten, was man gerade berührt, wenn man das größere Bild nicht sehen kann. Was aber, wenn die Kinder zwar das größere Bild sehen können, sich aber nicht einig sind, was es ist? Muss das eine Kind Recht und das andere Unrecht haben? Oder ist es möglich, dass manche Dinge mehrere Dinge gleichzeitig sind? Das finden die Kinder in dem Spiel Ente oder Kaninchen? heraus, einem Spiel, das auf einer berühmten optischen Illusion basiert, die man entweder als Ente oder Kaninchen deuten kann, nicht aber als beides gleichzeitig. Diese mehrdeutige Zeichnung wurde erstmals Anfang des 20. Jahrhunderts von dem amerikanischen Psychologen Joseph Jastrow verwendet. In philosophischen Kreisen ist sie durch die Arbeit des österreichisch-britischen Philosophen Ludwig Wittgenstein weithin bekannt. Für das folgende Spiel können Sie die Enten-/ Kaninchenzeichnung verwenden, die im Anhang abgedruckt ist.
Ente oder Kaninchen?
Wir betrachten eine Zeichnung, die sowohl wie eine Ente als auch wie ein Kaninchen aussieht, um besser zu verstehen, wie einige Dinge mehr als nur eine Sache sein können.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jedes Alter |
GESPRÄCHSANLEITUNG
1. Lasst uns gemeinsam die Zeichnung betrachten.
Zeigen Sie allen die Illustration.
2. Ist es eine Ente oder ein Kaninchen?
Warten Sie auf die Antworten der Kinder und äußern Sie dann ebenfalls Ihre Vermutung. (Falls entweder die Ente oder das Kaninchen von niemandem gewählt wurde, wählen Sie dieses Tier und erklären Sie den Kindern, wie man auch dieses Tier in der Zeichnung sehen kann.)
3. Schaut noch einmal hin und seht, ob es für euch jetzt anders aussieht. Was denkt ihr? Ist es eine Ente oder ein Kaninchen?
4. Wer hat Recht, wer hat Unrecht?
5. Lasst uns die Zeichnung noch einmal betrachten. Wie sieht sie jetzt aus? Habt ihr eure Meinung geändert?
6. Gesprächsthemen: Denkt ihr, dass die Zeichnung in Wirklichkeit entweder eine Ente oder ein Kaninchen sein soll? Könnte sie auch beides sein?

TIPPS
1. Amy Krouse Rosenthal und Tom Lichtenheld haben ein originelles Bilderbuch herausgegeben, das auf der Enten-/Kaninchenzeichnung basiert. Sie können es mit den Kindern anschauen und so das Gespräch über diese Themen noch erweitern.
Das folgende Spiel, bei dem die Kinder mit Handzeichen auf Fragen antworten, zeigt, dass Komplexität und Widerspruch überall existieren, sogar bei den alltäglichsten Vorkommnissen.
Die kleine Fingeranzeige
Wir zeigen mit dem kleinen Finger nach oben, nach unten oder zur Seite, um auf diese Weise besser wahrzunehmen, wie wir uns fühlen, und dies anderen mitzuteilen.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Wir können viele verschiedene Gefühle haben – manchmal sind wir glücklich, manchmal traurig, manchmal müde, manchmal aufgeregt – und all diese sind ganz normale Gefühle. Es gibt keine richtigen oder falschen Gefühle und unsere Gefühle ändern sich. Wir fühlen uns vermutlich jetzt anders, als wir es heute Morgen taten, und später am Tag werden wir uns anders fühlen, als wir es jetzt tun. Manchmal fühlen wir uns genauso wie jemand anderes und manchmal fühlen wir uns anders – und beides ist in Ordnung.
2. Nehmt einen Atemzug, und nehmt wahr, wie ihr euch im Augenblick fühlt.
3. Ich stelle eine Frage, und ihr alle gebt eure Antwort zur gleichen Zeit, indem ihr sie mit dem kleinen Finger anzeigt, wenn ich „1–2- 3-los“ sage.
4. Die Frage lautet: „Ist es jetzt gerade einfach oder schwierig, still zu sitzen?“ Wenn es einfach ist, zeigt mit dem kleinen Finger zum Boden; wenn es schwierig ist, zeigt mit dem kleinen Finger zum Himmel; und wenn es irgendetwas dazwischen ist, zeigt mit dem kleinen Finger zur Seite. 1–2-3-los.
5. Behaltet den kleinen Finger noch in der Luft, damit wir alle sehen können, wie jeder von euch sich im Augenblick fühlt. Erinnert euch daran, dass es keine richtige oder falsche Antwort gibt. Interessant!
Stellen Sie weitere Fragen, solange die Kinder bei der Sache sind.
TIPPS
1. Die kleine Fingeranzeige ist eine vergnügliche und effiziente Art, logistische Fragen zu klären („Wer möchte eine Pause machen?“), aber meistens nutzen wir sie, um herauszufinden, wie die Kinder sich im Moment fühlen. Mögliche Fragen sind hier: „Habt ihr viel Energie oder seid ihr müde? Fühlt ihr euch ruhig oder aufgeregt? Fühlt ihr euch entspannt oder angespannt?“
2. Wenn die Kinder den kleinen Finger in die Luft halten und sich umschauen, sehen sie, wie die anderen die gleiche Frage beantwortet haben. Es wird verschiedene Antworten geben, und für einige Kinder ist es ein wahrer Augenöffner, wenn sie erfahren, dass nicht alle ihrer Meinung sind. Andererseits tut es Kindern, die sich nicht zur Gruppe zugehörig fühlen, oft gut, wenn sie sehen, dass andere eine Frage genauso beantworten wie sie selbst.
3. Um die positive oder negative Assoziation mit bestimmten Handgesten zu verringern, ändern Sie die Bedeutung des nach oben, unten oder zur Seite zeigenden kleinen Fingers. Wenn der kleine Finger nach oben „schwierig, still zu sitzen“ bedeutet, ändern Sie die Richtung, so dass in der nächsten Runde der kleine Finger nach oben „einfach, still zu sitzen“ bedeutet. Dieses untergräbt die reflexhaften Urteile, die häufig mit den Antworten einhergehen (beispielsweise: Ärger ist schlecht, Dankbarkeit ist gut) und schafft ein Umfeld, in dem die Kinder mit einem offenen Geist beobachten können, was in ihrer inneren und äußeren Welt vor sich geht.
4. Gelegentlich schreckt der Name Die kleine Fingeranzeige ältere Kinder und Jugendliche ab. Sie können das Spiel in diesem Fall stattdessen auch Das Daumen-Spiel nennen und die Kinder bitten, die Fragen mit dem Daumen nach oben, dem Daumen nach unten oder dem Daumen zur Seite zu beantworten.
Der Geist ist voller vielfältiger und mitunter widersprüchlicher Gedanken, Gefühle und Überzeugungen. In dem Bemühen, das, was in ihnen und um sie herum vor sich geht, zu verstehen und zu lenken, kann es allerdings passieren, dass die Kinder ihre Erfahrungen allzu sehr vereinfachen. Kinder (und Eltern) neigen dazu, Aspekte ihrer inneren Welt in Schubladen zu stecken, indem sie sie als schwarz oder weiß, gut oder schlecht, richtig oder falsch, Ente oder Kaninchen bezeichnen. Und das, was in ihrer Umgebung geschieht, kategorisieren sie oft gleichermaßen. Aber das Leben ist viel zu komplex für diese Art des binären Denkens, und im Allgemeinen passen unsere Lebenserfahrungen nicht in solch klare Kategorien. Mittels der Lebenskompetenzen wahrnehmen und umdeuten lernen die Kinder und Jugendlichen, keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen und nicht reflexhaft zu urteilen. Stattdessen lernen sie, mit einem offenen Geist eine Erfahrung als das Wunder, das sie ist, und in ihrer ganzen Komplexität zu sehen. F. Scott Fitzgerald charakterisiert geistige Offenheit in einem bekannten Spruch: „Die wahre Prüfung einer erstklassigen Intelligenz ist die Fähigkeit, zwei gegensätzliche Ideen im Kopf zu behalten und weiter zu funktionieren.“
Achtsamkeit und Meditation helfen den Kindern, genau das zu lernen. Die jungen Meditierenden entdecken, dass selbst Gegenteile voneinander abhängig sein können und dass man an beide gleichzeitig denken kann, wie etwa an Yin und Yang, Käufer und Verkäufer, Lehrer und Schüler oder Eltern und Kinder.


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WERTSCHÄTZUNG
An etwas allzu sehr festzuhalten erzeugt Stress. Diese Einsicht reicht bis zu dem historischen Buddha zurück, einem Prinzen namens Siddhartha Gautama, der etwa vier- bis sechshundert Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung im Norden Indiens zur Welt kam. Als der Prinz neunundzwanzig Jahre alt war, gab er – zum großen Verdruss seines Vaters – das königliche Leben mit all seinen Annehmlichkeiten auf, um Wandermönch zu werden. Nach einigen Jahren des Wanderns ließ sich der Buddha im indischen Bodh Gaya unter einem Bodhi-Baum zur Meditation nieder und gelobte, solange dort sitzen zu bleiben, bis er die Erleuchtung erlangt hätte. An diesem Ort hatte er vier Einsichten in die menschliche Existenz: Leiden ist ein Teil des Lebens (es ist nicht das ganze Leben, sondern eben ein Teil des Lebens); es gibt eine Ursache für das Leiden; das Leiden kann beendet werden; und – das ist das Beste – es gibt Mittel und Wege, wie man das Leiden beenden kann. Im Laufe der folgenden zweitausendfünfhundert Jahre haben Wissenschaftler, Philosophen und Dichter verschiedenster Disziplinen diese vier Einsichten bestätigt. In einem seiner bekanntesten Bücher, Oh, the Places You’ll Go!, fasst Dr. Seuss die erste Einsicht in einen Reim: „I’m sorry to say so / but sadly, it’s true / that Bang-ups and Hangups / can happen to you“.* Die folgende Geschichte ist eine meiner liebsten, wenn es darum geht, zu veranschaulichen, wie das Festhalten unnötigen Schmerz verursachen kann.
Ein Jäger stellt eine Affenfalle auf, indem er eine Banane in einen Bambuskäfig legt. Die Stangen des Käfigs sind gerade so weit auseinander, dass ein Affe mit der flachen Hand hineingreifen kann, jedoch nicht weit genug, dass er die Hand wieder herausziehen kann, wenn er eine Banane hält. Der Affe kommt an der Falle vorbei, sieht die Banane, greift hinein und packt zu. Er hält die Banane in der Hand und lässt sie nicht wieder los, somit ist er also gefangen. Würde er seinen Griff lösen, wäre er wieder frei – aber der Affe ist überzeugt, dass er genau diese Banane braucht, und will sie partout nicht mehr loslassen.
Der Affe ist in einer Art von Falle gefangen, die uns wohl bekannt ist. Er jagt dem nach, von dem er glaubt, es mache ihn glücklich (die Banane essen) und vermeidet das, von dem er glaubt, es mache ihn unglücklich (die Banane verlieren). Ist die Moral dieser Geschichte die, dass man die Banane fallen lassen sollte? Es kommt darauf an. Wenn wir wirklich in einer Falle gefangen sind, ist es das Beste, die sinnbildliche Banane fallen zu lassen. Allerdings ist die Relation von Ursache und Wirkung zwischen unseren sinnbildlichen Bananen und unserem Leiden normalerweise komplexer, als sie in dieser Geschichte dargestellt wird. Die klügere Reaktion auf Leiden besteht oft darin, die Dinge sein zu lassen, wie sie sind, anstatt auf eine der zwei üblichen Weisen zu reagieren – den Schmerz völlig zu ignorieren oder aber ihn von jedem erdenklichen Winkel aus zu betrachten. Das Problem an diesen beiden Reaktionen ist: Wenn wir unser Leiden ignorieren oder es immer und immer wieder durchkauen, wird es sich wahrscheinlich nur noch weiter intensivieren. Wir können aus diesem vertrauten Muster aussteigen, indem wir anders mit unserem Leiden umgehen und uns dazu entscheiden, es zu erleben, anstatt es unter den Teppich zu kehren oder es zu analysieren. Dann kann die Aktivität in unserem Geist zur Ruhe kommen und wir können klarer und weniger reaktiv sehen, was in uns und um uns herum geschieht. Weil diese Art des Umgangs mit körperlichem und emotionalem Schmerz sich von unserem gewohnten Umgang unterscheidet und es einige Zeit dauert, bis man den Dreh raus hat – und sogar noch länger, bis man es wirklich umsetzen kann –, leidet man nicht gerade wenig, selbst wenn man zu den erfahrensten Meditierenden zählt.
Zum Glück kann das Leiden wichtige Einsichten bergen. Der Essayist und Romanautor Pico Iyer denkt auf der Meinungsseite der New York Times über den Wert des Leidens nach:
Weise Menschen aller Traditionen sagen uns, dass Leiden Klarheit und Erleuchtung bringt; für den Buddha ist das Leiden die erste Gesetzmäßigkeit des Lebens, und da einiges davon unserer eigenen Verblendung entspringt – unserer Selbstbezogenheit –, liegt die Heilung bei uns. In manchen Fällen kann das Leiden sowohl ein Ergebnis davon als auch eine Ursache dafür sein, sich allzu ernst zu nehmen. Einmal traf ich in Japan einen in Zen ausgebildeten Maler, der bereits über neunzig war. Er sagte zu mir, dass Leiden ein Privileg sei; es bringt uns dazu, über wesentliche Dinge nachzudenken, und erschüttert unsere kurzsichtige Zufriedenheit. Als er noch ein Junge war, so erzählte er, glaubte man, dass man für Leiden sogar bezahlen sollte, da es einen solchen Segen in sich birgt.
Das Leiden offenbart dann seinen verborgenen Segen, wenn man die Gelegenheit, die es bietet, dazu nutzen kann, sich bewusster zu werden, was im eigenen Inneren und um einen herum vor sich geht. Wenn wir wahrnehmen, dass Gesundheit und Wohlbefinden zerbrechlich und unbeständig sind, sehen wir auch in unserem alltäglichen Leben, wie alles sich verändert. Wenn wir erkennen, dass unser eigenes Glück komplex ist, sich verändert und mit dem Glück anderer zusammenhängt, stoßen wir auf ein weiteres Thema: unsere gegenseitige Abhängigkeit. Wenn wir uns daran erinnern, dass auch Gedanken und Gefühle komplex, miteinander verbunden und im Fluss sind, praktizieren wir ein drittes Thema – „den Geist offen halten“ – und beziehen dabei indirekt auch die beiden vorherigen Themen mit ein. Und wenn wir akzeptieren, dass guten Menschen schlimme Dinge geschehen können, finden wir darin die erste Einsicht der Achtsamkeit wieder – dass Leiden zum Leben gehört. Erkenntnisse wie diese, die oftmals infolge von Leiden entstehen, sorgen für mehr Klarheit darüber, was gerade geschieht, und machen es schwer, geringfügige Sorgen allzu ernst zu nehmen. Pico Iyer weist darauf hin, dass Selbstbezogenheit sowohl eine Ursache als auch eine Auswirkung von Leiden sein kann; und es ist normal, mit selbstzentrierten Belangen beschäftigt zu sein, wenn alles gut ist. Wenn das Leben sich jedoch von seiner schwierigen Seite zeigt, regt uns das Nachdenken über Themen wie wechselseitige Abhängigkeit, stetige Veränderung, Klarheit, Akzeptanz und geistige Offenheit dazu an, einen Schritt zurückzutreten und das weite Feld von Ursachen und Umständen zu betrachten, die das größere Bild unseres Leidens ausmachen (mit anderen Worten: Ursache und Wirkung zu erkennen). Wenn unser Blick weiter wird, werden selbstzentrierte Interessen häufig durch grundsätzlichere Fragen in den Schatten gestellt und wirken im Vergleich dazu weniger bedeutend. Die Kehrseite des Leidens lernen wir wertzuschätzen, indem wir die Menschen, Orte und Dinge wahrnehmen, die uns helfen, das Leiden erträglich zu machen. Selbst wenn wir Schmerz erleiden, ist es dann relativ einfach, an andere Menschen mit Wertschätzung und Freundlichkeit zu denken – zwei weitere Themen, die eine weise und mitfühlende Haltung dem Leben gegenüber ausmachen.
Die Kinder müssen aber nicht unbedingt leiden, um ihr Denken zu erweitern. Dem folgenden Spiel liegt ein einfacher Ansatz zugrunde, der gut in einem vietnamesischen Sprichwort zum Ausdruck kommt: „Wenn du eine Frucht isst, denke an den Menschen, der den Baum gepflanzt hat.“ Das Danke-Spiel macht kleineren Kindern das Thema „wechselseitige Abhängigkeit“ bewusst und gibt ihnen Gelegenheit, zwei weitere Themen zu praktizieren: Freundlichkeit und Wertschätzung. Ältere Kinder und Jugendliche sind zwar vielleicht zu alt für das Danke-Spiel, aber sie können davon profitieren, über das vietnamesische Sprichwort nachzudenken, auf dem es basiert. Suchen Sie zur Vorbereitung einen bequemen Platz, an dem die Kinder essen können, und legen Sie für jedes Kind einige Rosinen in eine Schale.

Das Danke-Spiel
Bevor wir eine Rosine essen, danken wir den Menschen, den Orten und den Dingen, die an ihrer Reise vom Weinstock bis auf unseren Tisch beteiligt waren.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jüngere Kinder |
SPIELANLEITUNG
1. Lasst uns eine Rosine in die Hand nehmen. Bevor wir sie aber essen, denken wir daran, wie sie vom Weinstock in unsere Hand gekommen ist:
• Denkt an die Würmer, die den Boden gedüngt haben… Danke, Würmer!
• Denkt an die Sonne und den Regen, die die Reben genährt haben… Danke, Natur!
• Denkt an die Winzer, die sich um die Reben gekümmert und die Trauben gesammelt haben… Danke, Winzer!
• Denkt an die Arbeiter, die die Trauben gesammelt, zum Trocknen ausgelegt und als Rosinen in Kisten verpackt haben… Danke, Arbeiter!
• Denkt an die Lastwagenfahrer, die die Rosinen zum Geschäft gefahren haben… Danke, Lastwagenfahrer!
• Denkt an die Person, die die Rosinen gekauft und euch mitgebracht hat… (Die Kinder danken Ihnen.)
2. Gern geschehen! Jetzt lasst uns eine Rosine essen. Legt sie euch einen Moment lang in den Mund, ohne zu kauen, und nehmt wahr, wie sich das anfühlt. Dann kaut sie ein wenig und schluckt sie schließlich hinunter. Achtet ganz genau darauf, wie ihr euch bei jedem dieser Schritte fühlt.
3. Gesprächsthemen: Habt ihr schon einmal so über euer Essen nachgedacht? Denkt ihr jetzt anders über Rosinen?
Es ist weit verbreitet, die Aufmerksamkeit mehr darauf zu richten, was wir nicht haben, als dafür dankbar zu sein, was wir haben. Manchmal wünschen wir uns mehr – einen besseren Job, längere Ferien oder mehr Geld auf dem Konto –, und manchmal wünschen wir uns weniger – eine niedrigere Kreditkartenrechnung oder eine kleinere Zahl auf der Anzeige der Waage, auf der wir stehen. Und manchmal wünschen wir uns mehr für unsere Kinder und Familien, als wir ihnen gerade geben können. In all diesen Beispielen konzentrieren wir uns auf das, was uns fehlt, anstatt auf das, was wir haben. Einige Wissenschaftler schreiben diese negative Einseitigkeit der Evolution zu. Sie sagen, unsere Gehirne seien darauf angelegt, stärker auf schlechte Nachrichten zu reagieren als auf gute. Aus der Perspektive des Gehirns signalisieren schlechte Nachrichten Gefahr, und unsere Gehirne sind darauf angelegt, dem Überleben Priorität vor allem anderen zu geben. Allerdings können wir etwas gegen diese negative Einseitigkeit tun, indem wir überlegen, was wir in unserem Leben bereits haben, und dies wertschätzen.
Zur Vorbereitung auf das folgende Spiel schneiden Sie Skizzenpapier in Streifen und legen es mit einigen Dekorationsmaterialien zusammen in einen Korb.
Die Dankbarkeitskette
Wir schreiben auf, wofür wir dankbar sind, um uns daran zu erinnern, was wir alles haben, und um zu erleben, welche positiven Auswirkungen eine einfache, freundliche Tat haben kann.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jüngere Kinder |
SPIELANLEITUNG
1. Gesprächsthemen: Auf welche Weisen haben andere Menschen euch geholfen? Was ist „Wertschätzung“ oder „Dankbarkeit“?
2. Lasst uns gemeinsam eine Dankbarkeitskette machen. Zuerst werden wir auf diese Papierstreifen schreiben, für was wir dankbar sind. Dann werden wir sie verzieren und zu einer Kette zusammenfügen.
3. Gesprächsthemen: Wie fühlt ihr euch, wenn ihr für etwas oder jemandem dankbar seid? Auf welche Weisen sind wir alle miteinander verbunden? Was ist eine Gemeinschaft?
Wenn die Kette fertig ist, können die Kinder sie mit Ihrer Hilfe an einen passenden Platz hängen oder verschenken.
TIPPS
1. Dankbarkeitsspiele vertiefen das Thema der gegenseitigen Abhängigkeit, indem sie die Kinder daran erinnern, dass sie mit ihnen bekannten und unbekannten Menschen auf Weisen verbunden sind, die man sich manchmal nur schwer vorstellen kann. Zum Beispiel sind viele, viele Menschen daran beteiligt, eine Mahlzeit auf den Tisch zu bringen (Bauern, Verkäufer, Köche) und die eigene Lieblingsfernsehserie oder einen Film zu produzieren (Autoren, Schauspieler, Regisseure).
Manchmal kommen durch Wertschätzungsübungen bei den Kindern und Jugendlichen schmerzliche Gedanken und Gefühle auf. Dann können sie die Aufforderung, dankbar zu sein, leicht missverstehen und denken, dass ihre Schwierigkeiten nicht gesehen werden, auch wenn das nicht stimmt. Falls schmerzliche Gefühle auftauchen, regen Sie die Kinder dazu an, ihre Erfahrung aus einer größeren Perspektive zu betrachten und ihre Gefühle weder zu beschönigen noch beiseite zuschieben. Wenn die Kinder ihre
Drei gute Dinge
Wenn wir eine Enttäuschung erleben, erkennen wir unsere Gefühle an und denken dann an drei Dinge in unserem Leben, die gut sind.
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jedes Alter |
GESPRÄCHSANLEITUNG
1. Wart ihr schon einmal von etwas oder jemandem enttäuscht? Hören Sie sich die Geschichten der Kinder an.
2. Wie habt ihr euch dabei gefühlt?
Erkennen Sie die Gefühle der Kinder an und, falls es angebracht ist, sprechen Sie mit ihnen darüber.
3. Ich wette, selbst wenn ihr enttäuscht seid, passieren auch gute Dinge in eurem Leben. Lasst uns gemeinsam drei gute Dinge benennen.
TIPPS
1. Machen Sie die Kinder darauf aufmerksam, dass es bei diesem Spiel nicht darum geht, so zu tun, als ob sie sich nicht ärgern, obwohl sie es tun. Es geht darum, sich daran zu erinnern, dass man zwei Dinge gleichzeitig fühlen kann: Man kann sich dankbar fühlen für gute Dinge, während man sich zugleich wegen einer schwierigen Sache traurig, verletzt oder enttäuscht fühlt.
2. Wenn die Kinder oder Jugendlichen Schwierigkeiten haben, selbst auf drei gute Dinge zu kommen, denken Sie gemeinsam nach und helfen Sie ihnen, etwas zu finden.
3. Wenn die Kinder verstehen, dass es in diesem Spiel nicht darum geht, ihre Gefühle unter den Teppich zu kehren, kann die Formulierung „drei gute Dinge“ zu einer spielerischen und humorvollen Reaktion auf die kleinen Ärgernisse werden, die zum Familienalltag dazugehören. Wenn zum Beispiel ein kleines Kind ein Glas Apfelsaft verschüttet und so aussieht, als würde es gleich zu weinen anfangen, könnten Sie so reagieren: „Oh je, das ist ja ärgerlich. Kannst du mir drei gute Dinge sagen, während ich den Tisch abwische?“
4. Umgekehrt können die Eltern auch ihre Kinder bitten, sie daran zu erinnern, drei gute Dinge zu nennen, wenn sie selbst an einer belanglosen Enttäuschung oder einem kleinen Ärgernis festhalten.
5. Um Dankbarkeit zur Gewohnheit zu machen, spielen Sie Drei gute Dinge am Abendbrottisch, vor dem Zubettgehen und bei anderen Gelegenheiten, wenn die Familie zusammen ist (und sich gerade niemand ärgert).
Im folgenden Spiel Das Leben ist gut können die Kinder auf spielerische Weise üben, ihre Schwierigkeiten anzuerkennen und sie dann in einen größeren Kontext zu stellen, indem sie einige positive Dinge benennen, die es in ihrem Leben ebenfalls gibt – ich nenne es scherzhaft das Jammerspiel. Die Kinder rollen in einem Kreis oder mit einem Partner einen Ball hin und her. Wer auch immer den Ball hat, nennt etwas, das ihm oder ihr auf die Nerven geht. Dann rollt die Person den Ball zu einem anderen Spieler und sagt dabei: „…und das Leben ist gut.“ Dieses Spiel ist durch eine Dankbarkeitspraxis inspiriert, die James Baraz, Gründer und Lehrer des Spirit Rock Meditation Center, seiner neunundachtzigjährigen Mutter beibrachte. Der Titel dieses Spiels beruht auf dem Vorschlag des Meditationslehrers Joseph Goldstein.
Das Leben ist gut
Während wir einen Ball hin und her (oder in einem Kreis) rollen, nennen wir Dinge, die uns stören, und erinnern uns dabei an die guten Dinge im Leben, indem wir hinzufügen: und das Leben ist gut.“
| LEBENSKOMPETENZEN: | ZIELALTER: |
| Wahrnehmen, umdeuten | Jedes Alter |
SPIELANLEITUNG
1. Wir werden uns diesen Ball gegenseitig zurollen, und wenn der Ball zu euch kommt, nennt eine Sache, die euch stört. Rollt dann den Ball zur nächsten Person und sagt:„…und das Leben ist gut.“
2. Ich fange an. „Ich habe heute meine Halskette verloren…“ Rollen Sie den Ball zu einem anderen Spieler und sagen Sie dabei: „…und das Leben ist gut.“
3. Jetzt nenne du etwas und rolle den Ball. Lassen Sie die Kinder im Lauf des Spiels die Geschwindigkeit erhöhen.
Zunächst mag sich Dankbarkeit wie eine bloß mentale Übung anfühlen. Je mehr man sich als Familie jedoch dafür Zeit nimmt, Wertschätzung zu praktizieren, wenn das Leben gerade gut ist, desto leichter fällt es Eltern und Kindern, auch in schweren Zeiten für die guten Dinge im Leben dankbar zu sein. Dadurch wird Wertschätzung zu einem wesentlichen Bestandteil der Haltung dem Leben gegenüber und ist nicht länger eine rein mentale Angelegenheit.
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* Auf Deutsch sinngemäß: „Es tut mir leid, es zu sagen, / aber traurigerweise ist es wahr, / Höhenflüge und Durchhänger / können Dir nun einmal passieren.“ Anm. d. Übers.)
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