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Stephan Elbern
ROM – eine Biografie
Menschen und Schicksale
VON ROMULUS BIS MUSSOLINI

Impressum
200 Seiten mit 10 Abbildungen in Duoton
Titelbild: Hauptfassade der Kirche „Sankt Paul vor den Mauern“ in Rom
Frontispiz: Forum Romanum, Abendstimmung mit Blick auf den Tempel der Dioskuren und den Titusbogen
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2013 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein
ISBN 9783943904314
Gestaltung: Bild1Druck GmbH
Lektorat: Annette Nünnerich-Asmus, Frauke Itzerott
Gestaltung des Titelbildes: Scancomp GmbH
Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
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Inhalt
Cover
Titel
Copyright
Vorwort
Einleitung
Dichtung und Wahrheit – die Anfänge der Tiberstadt (753–295 v. Chr.)
Ein mythischer Ahnherr: Aeneas
Der legendäre Stadtgründer: Romulus
Fremde Tyrannen: Die Tarquinier
Der erste Künstler Roms: Vulca
Die Vertreibung der Könige: Brutus d. Ä.
Der erste Held: Camillus
BAUTEN DER RÖMISCHEN FRÜHZEIT
Aufstieg zur Weltmacht (295–133 v. Chr.)
Ein Zauderer?: Fabius Maximus Cunctator
Sieg über Hannibal: Scipio Africanus d. Ä.
Ein strenger Moralist: Cato d. Ä.
Das Ende Karthagos: Scipio Africanus d. J.
BAUTEN DER EPOCHE VON 295–133 V. CHR.
Das „Jahrhundert der Bürgerkriege“ (133–30 v. Chr.)
Sozialrevolutionäre Aristokraten: Die Gracchen
Der Retter Roms: Marius
Marsch auf Rom: Sulla
Sieg über Asien: Pompeius
Der Meister der Sprache: Cicero
Ein weltfremder Idealist: Cato d. J.
Einzigartiges Genie: Caesar
Der Mörder Caesars: Brutus d. J.
Zeitkritik: Sallust
Liebe und Macht: Antonius und Kleopatra
DIE KUNST DER BÜRGERKRIEGSEPOCHE
Die Kaiserzeit (30 v. Chr. – 284 n. Chr.)
Der erste Kaiser: Augustus
Ein treuer Gefährte: Agrippa
Förderer der Kunst: Maecenas
Das römische Nationalepos: Vergil
Meister der kleinen Form: Horaz
Poetisches Liebesspiel: Ovid
Politik und Philosophie: Seneca
Ein Kaiser als Künstler: Nero
Apostelfürsten: Petrus und Paulus
Die ersten Flavier: Vespasian und Titus
Herr und Gott: Domitian
Kaiserliche Residenz: Rabirius
Optimus Princeps: Traian
Der schönste Platz der Welt: Apollodorus von Damaskus
Ein düsteres Bild der Zeit: Tacitus
Der Reisekaiser: Hadrian
Ein Philosoph auf dem Kaiserthron: Marc Aurel
Die „Rache Hannibals“: Septimius Severus
Brudermörder: Caracalla
Restitutor Orbis: Aurelian
DIE KUNST DER RÖMISCHEN KAISERZEIT
Die Spätantike (284–565 n. Chr.)
Reichsreform und Christenverfolgung: Diocletian
Der letzte große Bauherr: Maxentius
In diesem Zeichen wirst du siegen: Constantin d. Gr.
Sieg des Christentums: Theodosius d. Gr.
Treuer Sachwalter oder Verräter: Stilicho
Sieg über Attila: Aetius
Anfänge des Papsttums: Leo d. Gr.
Das Ende des Reiches: Romulus Augustulus
Nachblüte der Antike: Theoderich d. Gr.
DIE KUNST DER SPÄTANTIKE
Rom im Mittelalter (565–1450)
Der Konsul Gottes: Gregor d. Gr.
Ein schicksalhafter Hilferuf: Stephan II.
Strahlendes Kleinod: Paschalis I.
Eine schlichte Mauer: Leo IV.
Frauenherrschaft: Alberich und das „Hurenregiment“
Jugendlicher Schwärmer: Otto III.
Der Weg nach Canossa: Gregor VII.
Keine Künstlerfamilie: Die Cosmaten
Radikale Reformideen: Arnold von Brescia
„Weltherrschaft der Päpste“: Innozenz III.
Niederwerfung des Adels: AndaIó Brancaleone
Vorläufer der Renaissance: Arnolfo di Cambio
Tiefer Fall: Bonifaz VIII.
Traum von alter Größe: Cola di Rienzo
Rückkehr der Päpste: Katharina von Siena
Ende des Schismas: Martin V.
DIE MITTELALTERLICHE KUNST IN ROM
Das Zeitalter der Renaissance (1450–1600)
Instaurator urbis: Sixtus IV.
Prunkgräber: Pollaiuolo
Eine skandalöse Familie: Alexander VI. und Cesare Borgia
Kriegsherr und Mäzen: Julius II.
Der neue Petersdom: Bramante
Der Titan: Michelangelo
Glanz der Renaissance: Leo X.
Früh verblüht: Raffael
Die Geburtsstunde des Barock: Vignola
Die Flucht des Petrus: Sixtus V.
Steinerne Wegmarken: Domenico Fontana
DAS ERBE DER RENAISSANCE
Rom im Zeitalter des Barock (1600–1789)
Der letzte Uomo universale: Bernini
Reizvolle Raumschöpfungen: Borromini
DER RÖMISCHE BAROCK
Die Moderne (seit 1789)
Meister des Klassizismus: Canova
Römisches Erbe: Napoleon I.
Die Einigung Italiens: Garibaldi
Im Zeichen der fasces: Mussolini
Der Stellvertreter: Pius XII
DAS KUNSTSCHAFFEN DER MODERNE
Fachbegriffe
Ortsregister
Abbildungsnachweis

Für Elke
Vorwort
Zweifellos erschließen sich geschichtliche Fragestellungen einem breiteren Publikum am leichtesten durch die Beschäftigung mit bedeutenden Persönlichkeiten vergangener Epochen. Das weit verbreitete Interesse an Biografien, aber auch an Lebensbildern im Film und anderen modernen Medien zeigt die ungebrochene Faszination historischer Gestalten auch in einer lesemüden Zeit. Daher erscheint es reizvoll, sich der Entwicklung großer Metropolen in Geschichte und Gegenwart auf diesem Wege anzunähern, in den Einzelschicksalen gleichsam die Biografie der Städte zu malen. Dass Rom am Beginn der geplanten Reihe steht, ist eine Huldigung an die Ewige Stadt, die wie keine andere das geschichtliche, kulturelle und religiöse Interesse aller Epochen erregt hat. Nachfolgende Bände werden sich weiteren Großstädten und Regionen widmen – von Berlin bis Paris, von Kairo bis Istanbul, von Moskau bis New York.
Der Nünnerich-Asmus Verlag hat das Werk in bibliophiler Qualität ausgestattet; ihm sei an dieser Stelle gedankt, ebenso seiner Geschäftsführerin Dr. Annette Nünnerich-Asmus für die bereits in früheren Jahren erprobte gute Zusammenarbeit. Dank schulde ich zudem meiner Frau, die das Werk in seinem Werden mit unermüdlichem Interesse begleitet und gefördert hat, unserem Sohn Jörg für die Mitarbeit am Ortsregister sowie Frau Daniela Hettler für die technische Unterstützung bei der Erstellung des Manuskripts.
Bad Frankenhausen, im November 2012
Stephan Elbern
Die mit * markierten Fußnoten finden Sie am Ende des Bandes.
Einleitung
Keine Stadt auf Erden hat im Lauf der Jahrhunderte die Menschen so in ihren Bann gezogen wie Rom und keine andere ist von der Geschichte mit dem Beinamen der Ewigen ausgezeichnet worden. Denn als einzige verkörperte sie durch mehr als zwei Jahrtausende ein unvergleichliches Kontinuum an Macht: Rom schuf ein Imperium, das von Spanien bis Syrien, von Schottland bis Ägypten reichte; seine Herrscher konnten sich als Herren der Welt fühlen. Auch als das Römische Reich in den Stürmen der Völkerwanderung zerbrach, verlor die Stadt ihre Bedeutung nicht, sondern wurde als Residenz der Päpste zum geistigen und geistlichen Zentrum des christlichen Abendlandes; und als die universale Macht der Kirche schwand, wandelte es sich als Hauptstadt des vereinigten Italien zu einem der Machtzentren des modernen Europa. Die historische Bedeutung Roms spiegelt sich in seinen Bauten: Von der Zeit der Etrusker bis zur Moderne ist jede kunstgeschichtliche Epoche mit großartigen Monumenten vertreten; die bedeutendsten Künstler des Abendlandes wetteiferten, die Stadt mit ihren Werken zu schmücken.
In zahlreichen Wanderungen durch die Ewige Stadt erwuchs der Gedanke, ihr geschichtliches Werden in knappen, aber prägnanten Lebensbildern zu schildern. Dabei stehen die wichtigsten Gestalten der römischen Antike neben berühmten Päpsten, einzigartige Künstler neben großen Literaten. Dass bei ihrer Auswahl dem Altertum ein gewisses Übergewicht zufiel, ist historisch leicht zu begründen: Das römische Imperium war zweifellos das bedeutendste Weltreich der Geschichte – mit seinem gewaltigen Umfang ebenso wie in der einzigartigen Machtfülle, die durch Jahrhunderte keinen ebenbürtigen Gegner kannte, ebenso den Meisterleistungen in Kunst und Technik, zudem im Nachleben bis in unsere Zeit.
Denn die abendländische Kultur ruht auf drei Säulen – der griechischen Philosophie, dem römischen Recht und der christlichen Ethik. Schlüssig wird das Bild freilich erst, wenn diese Stützen durch einen Architrav zu fester Architektur verbunden werden – das Imperium Romanum. Denn Rom begründete nicht nur das europäische Rechts- und Staatsdenken, es vermittelte auch der Nachwelt die Werke der hellenischen Dichter und Denker und ermöglichte den Aufstieg des Christentums zur Weltreligion. Daher ist die Betrachtung der römischen Geschichte kein geistreiches Gedankenspiel weltfremder Gelehrter, sondern eine Besinnung auf unsere geschichtlichen Wurzeln, eine Suche nach der eigenen historischen Identität.
Dichtung und Wahrheit – die Anfänge der Tiberstadt (753 – 295 v. Chr.)

So könnte die „Stadt“ des Romulus ausgesehen haben – eine Siedlung der Villanova-Kultur (Rekonstruktion).
Von Sagen und Legenden umwoben, liegen die Gründung sowie die ersten Jahrhunderte Roms im Dunkel der Geschichte. Erst in den Punischen Kriegen entstand die lateinische Historiographie; zuvor berichtete – außer den Priesterannalen und den Archiven der Adelsfamilien – lediglich mündliche Überlieferung von den Anfängen der Stadt. Daher wurde die römische Frühzeit vom Mythos verklärt: Das traditionelle Gründungsdatum ist ebenso unhistorisch wie der trojanische Ahnherr Aeneas und die überlieferten sieben Könige, auf die man später zahlreiche politische und religiöse Einrichtungen zurückführte.
Erst seit dem 19. Jh. wurden die patriotischen Sagen durch die kritische Geschichtswissenschaft in Frage gestellt und aus den spärlichen literarischen und archäologischen Quellen ein – bis heute weitgehend umstrittenes – Bild der römischen Frühgeschichte erschlossen: Seit dem 10. Jh. entstanden auf den Hügeln am Tiber mehrere Siedlungen von Latinern und Sabinern, die sich später zusammenschlossen. Im 6. Jh. übernahmen etruskische Könige die Herrschaft; sie begründeten die führende Rolle Roms in Latium und schmückten die Stadt mit ersten Monumentalbauten.
Nach dem Sturz der Monarchie (um 500 v. Chr.) übernahmen die vornehmen Patrizier die Regierung; die Plebejer blieben von den Entscheidungen der Adelsrepublik ausgeschlossen. In den jahrzehntelangen Ständekämpfen erreichten sie jedoch ihre politische und gesellschaftliche Gleichstellung. Durch zahlreiche Kriege gegen die benachbarten Völker erkämpfte sich Rom erneut die Hegemonie über Latium; die Niederlage gegen die Gallier blieb ohne Folgen (387 v. Chr.). Nach der endgültigen Unterwerfung der wehrhaften Samniten stand Mittelitalien unter römischer Herrschaft.
Ein mythischer Ahnherr: Aeneas
Eine kleine Verssequenz der Ilias (20, 302 - 308) machte ihn zum Stammvater der Römer – den trojanischen Helden Aeneas. Denn sie verkündet, er werde den Untergang seiner Vaterstadt überleben. Darauf stützte sich die spätere Überlieferung, der Sohn der Göttin Venus sei der Katastrophe entronnen, nach langen Irrfahrten nach Italien gelangt und habe dort die Stadt Lavinium und eine Herrscherreihe begründet, an deren Ende Romulus stand – der legendäre Gründer der Ewigen Stadt.
Den Römern ermöglichte der fiktive Ahnherr, gleichberechtigt in den Kulturkreis der Hellenen (denen alle fremden Völker als „Barbaren“ galten) einzutreten. Denn die Abstammung von den Trojanern und der Welt Homers adelte in den Augen der Griechen die Ursprünge der Tiberstadt. Bereichert wurde die Sage um nationalrömische Züge; so diente die unglückliche Liebe zwischen dem Helden und Dido, der königlichen Gründerin von Karthago, zur Erklärung der späteren Erbfeindschaft zwischen Römern und Puniern.
Besondere Bedeutung besaß diese Tradition für Augustus, der sein Geschlecht auf den homerischen Ahnherrn zurückführte; unter seiner Regierung schuf Vergil die „Aeneis“, das römische Nationalepos, in dem die Taten und Tugenden des „pius Aeneas“ verherrlicht werden, des Stammvaters der Römer und ihres Herrscherhauses.
Der legendäre Stadtgründer: Romulus
„Sieben – fünf – drei: Rom schlüpft aus dem Ei“ – mit diesem Merkvers eigneten sich Generationen von Schülern das (unhistorische) Gründungsdatum der Ewigen Stadt an (21. 4. 753 v. Chr.), verbunden mit der Sage von Romulus und Remus.
Der antiken Überlieferung nach stammten die Zwillingsbrüder von Aeneas ab, dem trojanischen Urahnen der Römer. Einer seiner Nachfahren, Numitor, wurde von seinem machtgierigen Bruder Amulius als Herrscher der Stadt Alba Longa verdrängt. Um künftige Rivalen auszuschließen, zwang der neue König Numitors Tochter Rhea Silvia (nach anderer Version: Ilia), Priesterin der Göttin Vesta zu werden (und damit auf ewig jungfräulich zu bleiben). Dennoch gebar sie dem Kriegsgott Mars die beiden Zwillinge Romulus und Remus. Deshalb zum Tode durch Ertrinken bestimmt, wurde sie vom Flussgott Tiber als Gemahlin aufgenommen.
Auch die Kinder sollten sterben und wurden am Flussufer ausgesetzt; doch eine Wölfin – das ihrem göttlichen Vater geheiligte Tier – rettete sie. Von Hirten aufgezogen, wuchsen sie heran, bis sie ihre Herkunft erfuhren und ihrem Großvater wieder zur rechtmäßigen Stellung verhalfen. Selbst aber beschlossen sie, an der Stelle ihrer Errettung eine Siedlung zu gründen. Der Herrscher der neuen Stadt sollte durch den Vogelflug als göttliches Zeichen bestimmt werden; zwölf Geier erschienen dem Romulus, der nun seiner Stadt den Namen gab. Als er den künftigen Verlauf ihrer Mauer mit dem Pflug kennzeichnete, übersprang Remus die Furche zum Hohn und wurde von seinem Bruder erschlagen.
Die neue Siedlung nahm alle auf, die kommen wollten – Rom wurde zum Asyl für entflohene Sklaven und Verbrecher. Da die benachbarten Völker sich weigerten, ihre Töchter diesen Neuankömmlingen zu verheiraten, griff Romulus zu einer List: Er lud die Sabiner zu Zirkusspielen nach Rom ein; während des Schauspiels raubten seine Mannen die Töchter der Gäste. Diese unternahmen unverzüglich einen Rachefeldzug gegen die Frevler und drangen durch Verrat in die Stadt ein; doch bevor es auf dem Forum zur Schlacht kam, warfen sich die entführten Frauen – die ihre neuen Männer inzwischen lieb gewonnen hatten – zwischen die Heere und erzwangen die Versöhnung der Gegner.
Während eines Gewitters wurde der Gründer Roms nach 37-jähriger Herrschaft zu den Göttern entrückt und fortan unter dem Kultnamen Quirinus verehrt. Viele Institutionen wurden auf ihn zurückgeführt und man schrieb ihm zahlreiche militärische Erfolge zu. Mit der fiktiven Gestalt des Romulus gewann die Stadt nicht nur einen namengebenden Helden (tatsächlich geht ihr Name auf die etruskische Familie der Ruma zurück), sondern auch göttliche Abstammung – und wer konnte wohl eher der Ahnherr des unbesiegbaren Volkes sein, dessen Weltreich von Spanien bis Syrien, von Schottland bis Ägypten reichte, als der Gott des Krieges?
An den legendären Gründer erinnerten auch einige Monumente in der Stadt: Jahrhundertelang wurde die „Casa Romuli“ auf dem Palatin verehrt; auf dem Forum zeigte man sein angebliches Grab. Vor allem aber gemahnt die Kapitolinische Wölfin (im Konservatorenpalast) an den Sohn des Mars – ein Meisterwerk der etruskischen Bronzekunst – der die Renaissance nach einem römischen Münzbild die Knaben hinzufügte. Auch wenn umstritten bleibt, ob sie mit der historisch überlieferten Skulptur der „Lupa Martia“ identisch ist (gelegentlich wurde sie sogar in das Mittelalter datiert): Das majestätische Tier mit dem stilisierten Fell, den wachsam aufgestellten Ohren und der heulend geöffneten Schnauze ist das großartigste Zeugnis für die Gründungssage der Ewigen Stadt.
Fremde Tyrannen: Die Tarquinier
Als blasse Schatten, als Idealtypen herrscherlicher Eigenschaften – so erscheinen uns die sieben legendären Könige Roms. Nur die drei letzten – Tarquinius Priscus, Servius Tullius und Tarquinius Superbus – können eine gewisse Historizität beanspruchen (immerhin ist der Name ihres Geschlechts inschriftlich belegt), wenngleich auch bei ihnen die geschichtliche Wahrheit kaum noch von späteren Verfälschungen zu scheiden ist.
Aus der etruskischen Stadt Tarquinii zugewandert soll L. Tarquinius Priscus („der Ältere“) in Rom die Königswürde erlangt haben. Seiner Regierung (angeblich 616 – 578 v. Chr.) werden einige militärische Erfolge sowie erste Maßnahmen zum repräsentativen Ausbau der Stadt zugeschrieben. Ihm folgte der von den antiken Historikern als weise und friedfertig geschilderte Servius Tullius (578 – 534 v. Chr.), bei dem es sich wahrscheinlich um einen etruskischen Condottiere handelte, der die Macht in Rom an sich riss, von der legitimen Dynastie jedoch schließlich beseitigt werden konnte.
Sein Nachfolger L. Tarquinius Superbus (534 – 509 v. Chr.), der als Sohn oder Enkel des ersten Tarquiniers bezeichnet wird, beschließt die Reihe der sagenhaften Könige Roms. Die Überlieferung schildert ihn in deutlicher Parallele zum griechischen Tyrannenbild: Er regiert tatkräftig und erfolgreich gegen äußere Feinde, herrliche Bauten künden von seiner Macht – aber alle Widersacher werden erbarmungslos beseitigt, eine Leibwache schützt ihn vor den Bürgern, der Beiname „Superbus“ (der Hochmütige) charakterisiert ihn als Gewaltherrscher. Ein Frevel seines Sohnes wird ihm zum Verhängnis: Die Vergewaltigung der edlen Lucretia (s. Brutus, S. 21 f.) führt zum Sturz des entarteten Herrscherhauses (von den römischen Historikern in zeitlicher Parallele zum Tyrannensturz in Athen auf das Jahr 510/509 v. Chr. datiert, tatsächlich wohl einige Jahre später). Der Versuch des Gestürzten, mit Hilfe des Königs Porsenna von Clusium die Macht zurückzugewinnen, scheitert – der Tyrann stirbt im Exil.
Welchen historischen Kern umschließt die romanhafte Darstellung der antiken Historiker? Tatsächlich ist Rom eine Gründung der Etrusker, die auf dem Weg von ihrem Kernland – der Toskana – zu den Städten im Süden einen Stützpunkt am wichtigen Tiberübergang benötigten. Auch wenn das Gebiet des späteren Rom bereits seit dem 10. Jh. v. Chr. bewohnt gewesen war, entstand erst mit der Entwässerung der Senke zwischen Kapitol und Palatin – als Forum Romanum in späteren Jahrhunderten der Mittelpunkt der Welt – durch die Cloaca Maxima der etruskischen Ingenieure eine städtische Siedlung (um 575 v. Chr.). Rom verdankte ihnen auch den Namen (nach dem Geschlecht der Ruma; erst in der römischen Republik entstand die Sage von Romulus als eponymem Stadtgründer) und die ersten monumentalen Bauten: Als größtes Heiligtum des Etruskerlandes kündete der Tempel des Jupiter Capitolinus vom hegemonialen Machtanspruch der Tarquinier; der Circus Maximus und seine Spiele waren ebenso etruskischen Ursprungs wie das technische Meisterwerk der Cloaca Maxima.
Auch die Zeichen der fremden Königsherrschaft lebten in der Stadt fort: der Elfenbeinthron (sella curulis) ebenso wie die Liktoren, die mit ihren Rutenbündeln (fasces) die richtende Gewalt der Beamten symbolisierten. Der Triumph der siegreichen Feldherren Roms, die höchste Ehrung für einen Sterblichen, wurzelt gleichfalls in etruskischer Sitte – und damit in der glanzvollen Epoche der Tarquinier.
Der erste Künstler Roms: Vulca
Unter den sieben Hügeln Roms war er der bedeutendste – das Kapitol, heute geprägt durch die grandiose Platzanlage Michelangelos. In der Antike trug die steilste Erhebung der Stadt die Burg, die in den Zeiten des Galliersturms als letzte Bastion verteidigt wurde (s. Camillus, S. 22 f.), und den Tempel der Capitolinischen Trias – des Jupiter Optimus Maximus sowie der Göttinnen Juno und Minerva. Er war das wichtigste Heiligtum des römischen Staates; hier wurden das Aerarium und die „Sibyllinischen Bücher“ aufbewahrt, hier endeten die Triumphzüge siegreicher Feldherren. Der Kapitolstempel entstand unter den Tarquiniern, die mit ihrem gewaltigen Bau das alte Heiligtum des Latinerbundes auf dem Mons Albanus ablösen und so Roms Sonderstellung in dieser Allianz manifestieren wollten.
Zu seiner würdigen Gestaltung wurde der Meister Vulca aus Veji in die Tiberstadt berufen – der erste historisch fassbare Künstler in der Geschichte der Ewigen Stadt. Er schuf das Kultbild des höchsten Gottes, das bis zur Zerstörung des Tempels in den Wirren der römischen Bürgerkriege (83 v. Chr.) an dieser Stelle verehrt wurde, und wohl auch den äußeren Dekor, vor allem die tönerne Quadriga, die den Dachfirst bekrönte (um 500 v. Chr.).
Das römische Werk Vulcas blieb nicht erhalten; bei Ausgrabungen im Tempelbezirk von Portonaccio in Veji wurden jedoch Terrakottaskulpturen freigelegt, die einen Eindruck von dem verlorenen Dekor des Kapitolstempels vermitteln (j. im Museo Nazionale di Villa Giulia). Die zeitliche Nähe zum Bau des Kapitolstempels sowie die künstlerische Qualität der Werke – von der technischen Leistung, Großterrakotten zu brennen, bis zur Gesamtkomposition – veranlaßte die Ausgräber, die Skulpturengruppe Vulca bzw. seiner Schule zuzuschreiben.
Auch ein weiteres Werk der etruskischen Plastik gilt manchen Archäologen als Werk des Meisters: die Kapitolinische Wölfin im Konservatorenpalast, die mit den (später hinzugefügten) Zwillingsknaben Romulus und Remus die Erinnerung an die mythischen Gründer Roms bewahrt.
Die Vertreibung der Könige: Brutus d. Ä.
Von Legenden umwoben wird nicht nur die römische Königszeit, sondern auch die ersten Jahrhunderte der Adelsrepublik. An ihrem Beginn steht – als ein Muster altrömischer Tugend – L. lunius Brutus, der Befreier der Stadt und fiktive erste Konsul nach dem Sturz der Monarchie.
Selbst mit Tarquinius Superbus verwandt, habe er sich dumm („brutus“) gestellt, um nicht den Argwohn des misstrauischen Tyrannen zu erregen. In der entscheidenden Stunde aber bewies er seine Entschlossenheit: Der Sohn des Königs hatte die edle Lucretia vergewaltigt; diese rief ihre Angehörigen zur Rache auf und tötete sich danach mit einem Dolch. Die blutige Waffe in den Händen schwor Brutus vor den anderen Augenzeugen des Geschehens, das despotische Herrscherhaus zu stürzen. Erbittert über die Freveltat des Prinzen, folgte das Volk seinem Aufruf; dem König wurde bei der Rückkehr von einem Feldzug der Einzug in die Stadt verwehrt (509 v. Chr.?).
Bei der Verteidigung der eben errungenen Freiheit kannte Brutus, der zum ersten Konsul der jungen Republik gewählt wurde, keine persönliche Rücksicht: Seine eigenen Söhne, die sich an einer Verschwörung zur Rückführung der Tarquinier beteiligt hatten, ließ er hinrichten; er selbst fiel im Kampf gegen die Verbündeten des gestürzten Tyrannen. Ein Jahr lang betrauerten die Frauen Roms den Mann, der ihre Ehre so entschlossen gerächt hatte.
Die dramatische Erzählung erweist sich rasch als Fälschung; die Familie der Junier gelangte erst viel später zu patrizischer Würde und damit zu konsularischen Ehren. Aber wie viele andere Geschlechter Roms hat auch die Gens lunia erfolgreich versucht, die Familientradition durch erfundene Größen der Vergangenheit zu mehren. Später wurde die Legende allgemein geglaubt – so wurde der jüngere Brutus durch das Beispiel seines großen „Vorfahren“ zur Ermordung Caesars getrieben. Und eines der schönsten Werke der antiken Bronzekunst – ein charaktervoller Porträtkopf im Konservatorenpalast – galt jahrhundertelang als Abbild des sittenstrengen Begründers der römischen Freiheit.
Der erste Held: Camillus
Die erste historisch fassbare (wenngleich weiterhin von Sagen überwucherte) Heldengestalt der römischen Geschichte war M. Furius Camillus (gest. 365 v. Chr.), der die Politik der Adelsrepublik jahrzehntelang entscheidend prägte. Seine bedeutendste Tat war die Einnahme der etruskischen Stadt Veji, einer mächtigen Rivalin Roms, die – nur wenige Kilometer entfernt – das rechte Tiberufer beherrschte (396 v. Chr.). Angeblich währte ihre Belagerung zehn Jahre – die eigene Heldentat sollte offensichtlich dem Kampf um Troja gleichgesetzt werden.
Aber der Eroberer von Veji galt der Nachwelt nicht nur als glänzender Feldherr, sondern auch als ein Muster von altrömischer Virtus; bei der Belagerung der Stadt Falerii lehnte er das Angebot eines verräterischen Schulmeisters ab, der ihm die Kinder des dortigen Adels als Geiseln in die Hände spielen wollte. Dieses ehrenhafte Verhalten des edlen Römers zählt – wenngleich unhistorisch – noch heute zu den klassischen Legenden, auf die kein Lateinbuch verzichten mag.
In dieser Zeit wurde Rom von der bis dahin größten Katastrophe seiner Geschichte getroffen, dem Galliersturm aus dem Norden. Doch scheint Camillus damals im Exil gelebt zu haben; Berichte über eine Verbannung des Heerführers aufgrund einer Verurteilung – angeblich wegen der Verwendung der Beute aus Veji – sind wohl historisch.
Inzwischen waren die keltischen Gallier raubend und plündernd in Mittelitalien eingefallen und hatten an der Allia das römische Aufgebot vernichtend geschlagen (18. 7. 387 v. Chr.). Da Rom damals noch nicht von Mauern gesichert wurde, musste die Stadt evakuiert werden; nur das befestigte Kapitol wurde verteidigt. Bei einem nächtlichen Überfall der Gallier geriet auch diese letzte Zuflucht in höchste Gefahr. Doch die Wachsamkeit der Gänse – die damals allgemein zum Schutz vor Dieben gehalten wurden – rettete den Burghügel. Während die Hunde schliefen, begannen die zuverlässigen Vögel lauthals zu schnattern und weckten dadurch die Verteidiger. Schließlich erkaufte die Besatzung des Kapitols den Abzug der Kelten mit Gold; als es bei der Wägung des Metalls zum Streit kam, warf der gallische Feldherr Brennus sein Schwert in die Waagschale mit den Worten „Vae victis“ (Wehe den Besiegten). In dieser Stunde römischer Schmach erschien – inzwischen zurückberufen – Camillus mit einem Heer, erklärte die Abmachung für ungültig und errang einen vernichtenden Sieg über die feindlichen „Barbaren“.
Auch hier wirkt die antike Legendenbildung: Die siegreiche Schlacht ist hinzugedichtet; tatsächlich musste Rom sein Überleben buchstäblich erkaufen. Ebenso unhistorisch ist die Überlieferung, Camillus habe den Umzug der Römer aus der zerstörten Stadt in das nahe Veji verhindert. Dennoch galt er der Nachwelt als zweiter Stadtgründer nach dem legendären Romulus sowie als „Vater des Vaterlandes“. Und ungeachtet aller sagenhaften Verklärung – seine militärischen Taten waren ein Meilenstein auf dem Weg zur römischen Herrschaft über Italien.
BAUTEN DER RÖMISCHEN FRÜHZEIT
An die legendenumwobenen ersten Jahrhunderte der Stadt erinnern Spuren einer eisenzeitlichen Siedlung auf dem Palatin (als „casa Romuli“ verehrt) sowie die Überreste der „Servianischen Mauer“; diese wurde erst nach dem Galliersturm errichtet, aber später dem mythischen König Servius Tullius zugeschrieben; ferner die ältesten Bauten auf dem Forum Romanum (u. a. der Dioskurentempel und das Heiligtum des Saturn). Vom etruskischen Kapitolstempel blieben lediglich einige Tuffblöcke unter dem Konservatorenpalast erhalten, der auch die Kapitolinische Wölfin bewahrt. Auch die Cloaca Maxima geht auf die Königszeit zurück, freilich zunächst als offene Rinne (die unterirdische Anlage entstammt wahrscheinlich dem 2. Jh. v. Chr.).
Aufstieg zur Weltmacht (295 – 133 v. Chr.)

Die Tempel der Area Sacra di Largo Argentina erinnern an die römischen Siege über Kimbern und Karthager.
In kaum mehr als einem Jahrhundert vollzog sich der Aufstieg Roms von einer mittelitalischen Regionalmacht zur unbeschränkten Herrin über den gesamten Mittelmeerraum. Wenige Ereignisse der Weltgeschichte haben Historiker und Philosophen so tief in ihren Bann gezogen; immer wieder forschte man nach den Ursachen dieser Entwicklung, ohne eine letztlich befriedigende Erklärung zu finden. Jedenfalls beruhten die römischen Erfolge auf einer einzigartigen Verbindung von militärischen Tugenden und politischer Klugheit; sie waren nicht das Werk eines einzelnen strahlenden Genius – wie die Begründung des Alexanderreiches – sondern die Leistung eines ganzen Volkes.
Zunächst wurden im Krieg gegen König Pyrrhos von Epeiros die süditalischen Griechenstädte unterworfen; danach begann das epochale Ringen mit der nordafrikanischen Handelsstadt Karthago um die Vorherrschaft im westlichen Mittelmeerraum in den drei Punischen Kriegen. Auch das militärische Genie Hannibals, dessen glänzender Sieg bei Cannae (216 v. Chr.) die Römer an den Rand der Niederlage brachte, vermochte das Schicksal seiner Vaterstadt nicht zu wenden. Nach dem Sieg Scipios d. Ä. bei Zama kannte Rom keine gleichrangigen Gegner mehr; die hellenistischen Großmächte Makedonien und Syrien wurden niedergeworfen, Nordafrika und Spanien erobert. Freilich zeigten sich bereits erste innere Konflikte und soziale Verwerfungen, die schließlich in das „Jahrhundert der Bürgerkriege“ münden sollten.
Ein Zauderer?: Fabius Maximus Cunctator
„Unus homo nobis cunctando restituit rem“ – „ein Mann hat uns durch sein Zaudern den Staat gerettet“ – so verkündete der Dichter Ennius den Ruhm des römischen Feldherrn, der mit einer durchdachten, wenn auch zunächst höchst unpopulären Strategie dem überlegenen Feldherrngenie Hannibals zu begegnen suchte. Um die Niederlage Karthagos im 1. Punischen Krieg (264 – 241 v. Chr.) zu rächen, vor allem aber der stetig wachsenden römischen Dominanz im westlichen Mittelmeerraum zu begegnen, war der punische Feldherr von der karthagischen Machtbasis in Spanien über die Alpen nach Italien gezogen und hatte am Ticinus und an der Trebia erste Siege erfochten (218 v. Chr.). Das folgende Jahr brachte eine weitere Katastrophe: Ein römisches Heer wurde am Trasimenischen See in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen. In dieser Notlage legten Senat und Volk die Kriegführung in die Hände eines Mannes – der erfahrene Militär Q. Fabius Maximus (gest. 203 v. Chr.) wurde zum Dictator gewählt.
Mit klarem Blick erfasste er die Situation: Unter der Führung Hannibals – der noch heute zu den größten militärischen Genies der Weltgeschichte gezählt wird – waren die karthagischen Truppen in offener Schlacht nicht zu bezwingen. Zudem stand der punische Feldherr im Feindesland und musste eine rasche Entscheidung suchen, da seine Truppen und Ressourcen durch den alltäglichen Verschleiß des Krieges immer mehr schwanden, während die Mittel der Römer auf eigenem Territorium wuchsen. Daher entschloss sich der Dictator zu einer zurückhaltenden Kriegführung: Er stellte sich nicht zur Schlacht, sondern bekämpfte kleinere punische Kommandos und bedrohte durch die Taktik der „verbrannten Erde“ die Versorgung von Hannibals Armee.
Dieser wiederum verwüstete – gleichsam vor den Augen der Römer – das südliche Italien; dabei schonte er freilich die Güter des Fabius und brachte diesen dadurch in Misskredit. Schon bald zeigte sich die Wirkung seiner Kriegslist; nach einem unbedeutenden Erfolg wurde der Stellvertreter im Kommando (der „Magister equitum“) gleichberechtigt an die Seite des Dictators gestellt. Schon bald ließ er sich von Hannibal zur Schlacht verleiten, wurde aber geschlagen und nur durch das Eingreifen des Fabius vor der völligen Vernichtung bewahrt. Reumütig kehrte er unter den Oberbefehl des Dictators zurück, der die bewährte Taktik zur Verärgerung des punischen Feldherrn weiterführte.
Das folgende Jahr sollte diese Entscheidung bestätigen: Denn der neu gewählte Konsul (das Amt des Dictators endete nach sechs Monaten) führte das römische Heer in die größte Katastrophe seiner Geschichte; am Abend von Cannae (2. 8. 216 v. Chr.) bedeckten 70.000 gefallene Römer das Schlachtfeld. Danach folgte man wieder der Strategie des Fabius, der noch mehrfach Kommandos im 2. Punischen Krieg übernahm: Man ging offensiv gegen die Bundesgenossen Hannibals vor; er selbst erhielt jedoch bis zu seinem Abzug aus Italien keine Gelegenheit mehr zu offener Feldschlacht.
Den endgültigen Sieg in diesem gewaltigen Ringen hat Fabius Maximus nicht mehr erlebt. Alle römischen Bürger steuerten eine Münze zur Bestattung bei – nicht wegen der Armut des Verstorbenen, sondern um den Mann zu ehren, der einst als „Zauderer“ (Cunctator) verspottet worden war, jetzt aber als der „Schild Roms“ galt.
Sieg über Hannibal: Scipio Africanus d. Ä.
Nach der Niederlage bei Cannae hatte die Zermürbungsstrategie der Römer gegen Hannibal weitere Katastrophen verhindert (s. Fabius Maximus Cunctator, (s. Fabius Maximus Cunctator, S. 26 f.), aber der Feind stand weiterhin ungeschlagen in Italien, das furchtbar unter den Verwüstungen des 2. Punischen Krieges litt. Da traf eine weitere Schreckensmeldung ein: Die beiden Feldherren in Spanien, zwei Brüder aus dem Haus der Scipionen, waren besiegt und gefallen, die Iberische Halbinsel bis zum Ebro verloren (211 v. Chr.). Angeblich wagte sich keiner der römischen Militärs um die Nachfolge zu bewerben – bis auf einen erst 24-jährigen, zwar tapferen (er hatte seinem Vater in der Schlacht am Ticinus gegen Hannibal das Leben gerettet), aber völlig unerfahrenen Jüngling: P. Cornelius Scipio, Sohn und Neffe der gefallenen Brüder (235 – 183 v. Chr.).
Aus unbekannten Gründen tatsächlich mit dem Kommando betraut, erwies sich der junge Mann schon bald als der fähigste Feldherr, den Rom je besessen hatte: 209 v. Chr. eroberte er Neu-Karthago (j. Cartagena), den feindlichen Hauptstützpunkt auf der Iberischen Halbinsel. Reiche Beute fiel in seine Hände, zudem die Kriegskasse des Gegners und die Geiseln, die den Karthagern von ihren Verbündeten als Bürgen der Vertragstreue gestellt worden waren; durch sie vermochte Scipio zahlreiche Stämme auf seine Seite zu ziehen. Nach mehreren siegreichen Schlachten war Spanien in römischer Hand (206 v. Chr.).
Gegen den Rat des greisen Fabius Maximus, der zuvor die Vertreibung der Feinde aus Italien gefordert hatte, führte der junge Feldherr die Legionen zwei Jahre später nach Afrika. Seine wagemutige Strategie erwies sich als richtig; nach einigen Niederlagen berief die karthagische Regierung Hannibal in die Heimat zurück.
Nach jahrzehntelangem Ringen musste jetzt die Entscheidung zwischen beiden Großmächten fallen – und die bedeutendsten Feldherren ihrer Zeit standen einander gegenüber. Vergeblich versuchte der punische Heerführer, der die verzweifelte Lage seiner Vaterstadt erkannte, durch Verhandlungen annehmbare Friedensbedingungen zu erreichen; die Waffen mussten entscheiden. Der Sieg Scipios bei Zama (202 v. Chr.) besiegelte das Schicksal Karthagos, dem nur noch wenige Jahrzehnte des Überlebens verblieben (s. Scipio Africanus d. J., S. 31 f.); der Beiname „Africanus“ erinnerte seither an den in der bisherigen Geschichte Roms einzigartigen Triumph des Feldherrn.
Der Sieg über den verhassten und gefürchteten Feind brachte ihn jedoch fortan in Konflikt mit der römischen Tradition, der eine überragende Einzelpersönlichkeit bislang fremd war. Gewiss, man ehrte ihn, er galt als „princeps“, als „Erster der Bürger“ (s. Augustus, S. 60 ff.), aber der Oberbefehl gegen Antiochos III., den Herrscher des Seleukidenreiches, wurde ihm verwehrt. So war er nur als Unterfeldherr seines Bruders an der Schlacht bei Magnesia beteiligt, die den Nahen Osten der römischen Oberhoheit unterwarf (190 v. Chr.).
Kleinlicher Neid führte danach zu Anklagen gegen Scipio wegen angeblicher Unterschlagungen; diesen entzog er sich in ein freiwilliges Exil in Liternum am Golf von Neapel. Hier starb er 183 v. Chr. – im selben Jahr wie sein großer Gegner Hannibal.
Den Groll und die Enttäuschung des Africanus über die missgünstigen Mitbürger verkündete seine Grabinschrift: „Ingrata patria, ne ossa quidem mea habes“ (Undankbares Vaterland, nicht einmal meine Gebeine besitzt du). Angeblich bewahrt der nahe gelegene Lago di Patria die Erinnerung an diese Worte – und damit an den ersten Römer, der aus der Enge der republikanischen Tradition zu eigener historischer Größe hervortrat.
Ein strenger Moralist: Cato d. Ä.
„Ceterum censeo Carthaginem esse delendam“* – „übrigens bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss“ – mit dieser hasserfüllten Forderung, die er allen Reden im Senat anfügte, ging Cato der Ältere in die Geschichtsbücher ein. Aber es wäre ungerecht, diese prägende Gestalt der römischen Republik auf die Abneigung gegen die einstige große Rivalin Roms und auf seine unerbittliche moralische Strenge zu beschränken.
In Tusculum geboren, war M. Porcius Cato d. Ä. (234 – 149 v. Chr.) ein „Homo novus“ („Neuer Mann“ – d. h. aus seiner Familie war noch kein Konsul hervorgegangen), den seine Fähigkeiten und Leistungen zu den höchsten Staatsämtern führten, dem Konsulat und der Zensur. Wie es römischem Herkommen entsprach, erlangte er militärischen Ruhm: Mehrere Siege erfocht er in Spanien sowie im Krieg gegen Antiochos III. von Syrien; so befehligte er das Umgehungsmanöver an den Thermopylen, das die Stellung der seleukidischen Armee an historischer Stätte in Griechenland unhaltbar machte (191 v. Chr.). Auch in diplomatischen Missionen diente er den römischen Interessen.
Bedeutender noch war sein innenpolitisches Wirken; als Lebenswerk betrachtete er die Bekämpfung der Missstände, die im Gefolge der siegreichen Kriege in Rom aufgekommen waren. Zahlreiche Prozesse strengte er gegen Statthalter an, die ihre Provinzen ausgeplündert hatten, ebenso gegen Wucherer. In seinem Amt als Censor (184 v. Chr.) versuchte er, die altrömische Virtus wieder zu beleben, jene Tugenden, durch die Rom zur Weltmacht aufgestiegen war. Mit unnachsichtiger Strenge verstieß er daher Senatoren aus dem ehrwürdigen Gremium, die sich – nach seinem strengen Maßstab – gegen die Moral vergangen hatten, so einen Senator, der die eigene Frau in Gegenwart der gemeinsamen Tochter geküsst hatte. Luxusgüter jeder Art wurden von ihm mit hohen Steuern belegt. Dadurch machte er sich unzählige Feinde; 44-mal wurde er selbst angeklagt, ging jedoch aus allen Prozessen als Sieger hervor.
Als bedenklich empfand er auch das Vordringen der hellenischen Kultur in Italien im Gefolge der römischen Expansion in den östlichen Mittelmeerraum. Obwohl er selbst die griechische Sprache und Literatur kannte (wie zahlreiche Zitate aus seinen Reden und Schriften bezeugen), bekämpfte er – freilich vergebens – diese unaufhaltsame Entwicklung.
Erbittert verfolgte er auch Scipio Africanus, den Sieger über Hannibal, dessen einzigartige Persönlichkeit den Rahmen der republikanischen Ordnung zu sprengen drohte; Cato war der Hintermann einer Anklage, die den Sieger von Zama in die Verbannung trieb (s. Scipio Africanus d. Ä., S. 28 f.).
Als Privatmann folgte Cato den moralischen Grundsätzen, nach denen er andere beurteilte; er lebte bescheiden, fast bedürfnislos. Seine Sparsamkeit ging so weit, dass er von den eigenen Sklaven Gebühren erhob, wenn sie den Sklavinnen beiwohnen wollten, und sie im Alter verkaufte, um sie nicht länger durchfüttern zu müssen. Schon die Antike hat diese Herzlosigkeit gerügt, auch wenn sie ihn sonst als Vorbild an moralischer Strenge pries.
Angesichts seiner unermüdlichen politischen Tätigkeit mag erstaunen, dass Cato auch ein umfangreiches literarisches Oeuvre hinterließ; als Verfasser der ältesten (erhaltenen) lateinischen Prosaschriften ist er von hoher Bedeutung für die römische Literaturgeschichte. Zu seinem Nachlass zählen u. a. 150 Reden sowie eine Sammlung von Sinnsprüchen, aus denen wir noch heute gern „suum cuique“ zitieren – „Jedem das Seine“. Ferner verfasste er ein detailliertes Werk über den Ackerbau („De agri cultura“) und die „Origines“, das erste Geschichtswerk in lateinischer Sprache.
Sein ersehntes Ziel, die Zerstörung des einst so stolzen Karthago, sollte Cato nicht mehr erleben; er starb kurz nach dem Ausbruch des 3. Punischen Krieges (149 – 146 v. Chr.) – sicher in der triumphierenden Gewissheit, maßgeblich zu der Entstehung des Konfliktes beigetragen zu haben, der das Ende der punischen Metropole bedeutete (s. Scipio Africanus d. J., s. u.).
Das Ende Karthagos: Scipio Africanus d. J.
Das Werk der Zerstörung war getan: Weithin loderte das eroberte Karthago zum Himmel; Mord und Raub, Plünderung und Vergewaltigung tobten in seinen Mauern. Nachdenklich zitierte der siegreiche Feldherr die Worte Homers über den Untergang Trojas: „Einst wird kommen der Tag, da die heilige Ilios hinsinkt,/Priamos selbst und das Volk des lanzenkundigen Königs“ – und auf die Frage seines Freundes (und Historikers) Polybios bekannte er offen, er habe dabei an das unabwendbare Ende Roms gedacht.
Keine andere Szene seines bewegten Lebens vermag den jüngeren P. Cornelius Scipio Aemilianus Africanus (185?–129 v. Chr.) besser zu charakterisieren: den tatkräftigen Heerführer, der seine militärischen Aufgaben löst, ohne sich von Gefühlen leiten zu lassen, zugleich aber den Freund hellenischen Geistes, den völlig unrömische Gedanken bewegen.
Geboren als Sohn des L. Aemilius Paullus, des Siegers über Perseus von Makedonien, wurde er durch den Sohn des älteren Scipio Africanus adoptiert, da dieser keine männlichen Nachkommen hatte (es war durchaus üblich, das Überleben einer befreundeten Adelssippe auf diesem Wege zu sichern). Nach einigen militärischen Erfolgen wurde er zum Konsul gewählt und führte im 3. Punischen Krieg (149 – 146 v. Chr.) die stagnierende Belagerung Karthagos fort. Sein energisches Vorgehen – gegen die Disziplinlosigkeit im eigenen Heer ebenso wie gegen den Feind – ermöglichte die Eroberung der Stadt; nach dem Sieg wurde er mit dem Beinamen „Africanus“ ausgezeichnet.
15 Jahre später übernahm er den Oberbefehl im Krieg gegen Numantia; bereits seit 20 Jahren widerstand die iberische Bergfestung (bei Soria) den römischen Waffen. Dass dies einer Siedlung auf niedriger Kulturstufe möglich war, zeigt die Krise der römischen Republik, aus der wenig später die Gracchen einen Ausweg suchen sollten. Mit mächtigen Belagerungswerken schloss Scipio die Stadt ein und zwang sie durch Hunger zur Kapitulation (133 v. Chr.). Auch hier zeigte er sich weniger als glänzender Feldherr (wie der ältere Africanus), sondern als methodischer und eher glanzloser Heerführer – freilich mit Erfolg, der mit dem Beinamen „Numantinus“ belohnt wurde.
Bei der Rückkehr nach Rom wurde er in die innenpolitischen Wirren nach dem Tod des Tiberius Gracchus (s. Gracchen, S. 34 ff.) verwickelt. Da er dessen Reformpläne entschieden bekämpft hatte, gab sein plötzlicher Tod (129 v. Chr.) Anlass zu Gerüchten, die Anhänger der Gracchen hätten ihn ermordet; zu einer Untersuchung kam es jedoch nie.
Maßgeblich wirkte Scipio für die Verbreitung der griechischen Kultur in der römischen Führungsschicht; zu seinen Freunden gehörte der Historiker Polybios, ebenso der stoische Philosoph Panaitios und der lateinische Dichter Lucilius. Diesem „Scipionenkreis“, nicht nur den militärischen Triumphen, verdankte der jüngere Africanus seinen Nachruhm; in Ciceros philosophischen und rhetorischen Schriften erscheint er oftmals als das Idealbild eines Aristokraten, der die Liebe zu hellenischer Bildung mit urrömischer Tatkraft verbindet.
BAUTEN DER EPOCHE VON 295 – 133 V. CHR.
Auch wenn in dieser Zeit zahlreiche bedeutende Bauwerke entstanden – u. a. die ersten Aquädukte und Steinbrücken, ebenso die ältesten Fernstraßen, unter denen die Via Appia als bedeutendste Verkehrsverbindung des Imperium Romanum hervorragt – blieben nur wenige Bauten erhalten: Der Ponte Rotto an der Tiberinsel, die Tempelbezirke auf dem Forum Boarium und Forum Holitorium sowie am Largo Argentina, vor allem aber die Gräber der Scipionen an der Via Appia.
Das „Jahrhundert der Bürgerkriege“ (133 – 30 v. Chr.)

Auch wenn das Forum Romanum später mehrfach umgestaltet wurde – hier fielen die politischen Entscheidungen im „Jahrhundert der Bürgerkriege“.
Roms Aufstieg zur Weltmacht veränderte grundlegend das politische und soziale Gefüge der Adelsrepublik. Eine Staatsordnung mit jährlich wechselnden Regierungsbeamten mochte zur Verwaltung einer Stadt genügen – nicht aber für ein Reich, das sich über drei Erdteile erstreckte. Zudem zerbrach die herkömmliche Wirtschaftsordnung unter dem Ansturm des ungeheuren Reichtums und der unzähligen Sklaven, die im Gefolge der siegreichen Kriege nach Italien strömten. Ihr Opfer wurde der einheimische Bauernstand – die tragende Schicht von Heer und Staat. Zudem waren befähigte Politiker und Militärs nicht mehr bereit, sich der althergebrachten Ordnung zu fügen; ihr Ehrgeiz und die innenpolitischen Spannungen entluden sich im „Jahrhundert der Bürgerkriege“.
Nach dem Scheitern der Gracchen festigten zunächst die Heeresreform und die Germanensiege des Marius den Staat; gegen ihn begann L. Sulla den ersten römischen Bürgerkrieg. Doch weder sein Sieg und die Wiederherstellung der Senatsherrschaft noch die militärischen Erfolge des Pompeius vermochten die Krise zu bewältigen. Erst Caesar führte nach der Eroberung Galliens und der Niederwerfung der innenpolitischen Gegner ein zukunftsweisendes Reformprogramm durch. Seine unbeschränkte Macht widersprach jedoch den Traditionen der Adelsrepublik; daher fiel der Dictator einem Attentat zum Opfer. Erst nach weiteren Bürgerkriegen errang sein Erbe Octavian (Augustus) die Alleinherrschaft und begründete mit dem Prinzipat eine neue Staatsordnung, die dem Reich für Jahrhunderte Frieden und Wohlstand bringen sollte.
Sozialrevolutionäre Aristokraten: Die Gracchen
„Jedes wilde Tier, das hier in Italien lebt, hat seine Höhle, seinen Schlafplatz, seinen Schlupfwinkel. Aber die Männer, die für dieses Italien kämpfen und sterben, haben auf nichts anderes Anrecht, als auf Luft und Licht. Heimatlos, ohne ein Dach über dem Kopf irren sie mit ihren Frauen und Kindern durch das Land. Die Feldherren lügen, wenn sie die Soldaten in der Schlacht auffordern, ihre Familiengräber und Altäre gegen den Feind zu verteidigen. Denn von allen diesen römischen Männern besitzt keiner mehr den Hausaltar und die Grabstätte seiner Vorfahren. Für Luxus und Reichtum anderer setzen sie im Krieg ihr Leben ein. Herren der Welt werden sie genannt; in Wirklichkeit aber gehört ihnen keine einzige Scholle.“
Mit feuriger Beredsamkeit beschrieb der römische Sozialreformer Tiberius Sempronius Gracchus (162 – 133 v. Chr.) den Niedergang des italischen Bauerntums. Das allgemeine Recht, unbebautes Staatsland (ager publicus) gegen eine niedrige Pacht in Besitz zu nehmen, hatte die Entstehung von Latifundien ermöglicht: Nun bewirtschafteten schwerreiche römische Adlige die brachliegenden Ländereien mit Hunderttausenden von Sklaven, die als Kriegsbeute nach Italien verschleppt worden waren. Mit diesen Riesengütern konnten die kleinen Bauern nicht mehr konkurrieren; sie verließen ihre Äcker und strömten als Proletariat nach Rom. Aber nicht nur menschliches Mitgefühl für die Verarmten veranlasste den hochadligen Jüngling zu politischem Handeln (über seine Mutter Cornelia war er ein Enkel des älteren Scipio Africanus). Vielmehr war ihm und seinen Freunden bewusst, dass die Existenz des italischen Bauernstandes bedroht war – auf dem zugleich die Armee beruhte und damit die Machtstellung Roms.
Um seine Reformideen zu verwirklichen, ließ sich Tib. Gracchus für das Jahr 133 v. Chr. zum Volkstribun wählen. Unter Umgehung des Senates, dessen Mitglieder von dem bestehenden Zustand am meisten profitierten, beantragte er in der Volksversammlung, die ursprüngliche gesetzliche Beschränkung bei der Bewirtschaftung des ager publicus auf 500 lugera (1 Iugerum = 2523 qm) zu erneuern; auf dem dadurch freiwerdenden Land sollten kleine Bauernstellen geschaffen werden. Überraschend legte jedoch ein anderer Volkstribun (im Auftrag der Reformgegner) sein Veto ein und verhinderte damit die Abstimmung. Daraufhin ließ ihn der Gracche von der Volksversammlung absetzen – ein unerhörter Bruch mit der republikanischen Staatsordnung war vollzogen! Nun stand dem Projekt nichts mehr im Wege – die Ziele des Reformers schienen erreicht.
Der Tradition widersprach jedoch seine Absicht, sich für das nächste Jahr erneut um das Amt eines Volkstribuns zu bewerben. Während die Wahlversammlung unter Tumulten abgehalten wurde, schlugen seine Feinde zu: Sie stürmten in die Versammlung der Plebs und warfen sich auf die verhassten Gegner; unter den 200 Toten des Überfalls war auch Tib. Gracchus. Seine Gesetze hatten weiterhin Bestand, doch der Reformelan war vorerst gebrochen.
Erst zehn Jahre später wagte der Bruder des Getöteten, Gaius Gracchus (153 – 121 v. Chr.), dessen Ideen wieder zu beleben. Als Volkstribun (123 v. Chr.) betrieb er ein noch weitergehendes politisches Programm. Der Senat reagierte jedoch nicht mehr mit Gewalt auf diese Pläne – er bekämpfte sie vielmehr mit noch radikaleren Reformvorschlägen, die unter den Anhängern des Gracchen zur Spaltung führten. Als dieser eine Ausweitung des römischen Bürgerrechtes auf die italischen Bundesgenossen befürwortete, regte sich der Egoismus der römischen Proletarier, die nichts besaßen als eben dieses Bürgerrecht – und es daher nicht teilen wollten. Bei der Wahl für das kommende Jahr fiel der jüngere Gracchus durch.
Neuer Streit entzündete sich um den Plan einer Bürgerkolonie über den Ruinen des zerstörten Karthago. Dabei auftretende Wirren nutzte der Senat zur Ausrufung des Staatsnotstandes. Die Reformer verschanzten sich auf dem Aventin, dem heiligen Berg der Plebejer. Als dieser gestürmt wurde, floh C. Gracchus und ließ sich von einem Sklaven töten, um der Gefangennahme zu entgehen; 3.000 seiner Anhänger fielen Standgerichten zum Opfer (121 v. Chr.).
Mit den ersten gewaltsam ausgetragenen inneren Konflikten der römischen Republik begann das „Jahrhundert der Bürgerkriege“, dem erst Augustus ein Ende setzen sollte. Zugleich bedeutete das Scheitern der Agrarreformen den Untergang des italischen Bauernstandes; und die Republik, die darin ihre stärkste Stütze besessen hatte, folgte ihm in den Abgrund.
Der Retter Roms: Marius
Nur wenige Jahre nach dem Scheitern der Gracchen enthüllte ein unbedeutender Kolonialkrieg in Nordafrika schonungslos die Krise des zutiefst korrupten Systems. Jugurtha, ein Adoptivsohn des numidischen Königs, hatte im Vertrauen auf seine guten Verbindungen zum römischen Adel die mitregierenden Halbbrüder skrupellos beseitigt. Zwar erklärte ihm der Senat den Krieg; durch die Unfähigkeit und Bestechlichkeit der römischen Feldherren zogen sich die Kampfhandlungen jedoch erfolglos hin, bis sie ein Homo novus, ein Emporkömmling, entschlossen beendete – C. Marius (158?–86 v. Chr.), einer der fähigsten Heerführer der römischen Geschichte.
Danach erwartete ihn eine weitaus schwerere Aufgabe. Die Germanenstämme der Kimbern und Teutonen, durch Sturmfluten aus ihrer Heimat im heutigen Norddeutschland vertrieben, waren auf ihren ziellosen Wanderungen durch Mittel- und Westeuropa mehrfach auf römische Truppen gestoßen. Schwere Niederlagen hatten die Gefährlichkeit des zuvor nahezu unbekannten Gegners erwiesen; bei Arausio (j. Orange) waren 80.000 Römer gefallen – es war die schwerste Niederlage seit Cannae (105 v. Chr.). Gegen jede Tradition viermal nacheinander zum Konsul gewählt, erwies sich Marius auch dieser Aufgabe gewachsen: 102 v. Chr. vernichtete er die Teutonen bei Aquae Sextiae (j. Aix- en-Provence), im folgenden Jahr die Kimbern bei Vercellae. Der Sieger wurde als „3. Gründer Roms“ (nach Romulus und Camillus) gepriesen; er stand auf dem Gipfel seines Ruhmes.
Maßgeblich dazu beigetragen hatte die Heeresreform, mit der Marius die Grundlage der Rekrutierung entscheidend verändert hatte: Erstmals waren jetzt auch Besitzlose zum Militärdienst zugelassen – eine Konsequenz aus dem Niedergang des Bauernstandes, der bisher das Milizheer gestellt hatte. Dieses wurde nun durch eine Berufsarmee ersetzt, die dem Staat dauerhaft zur Verfügung stand. Eine größere Professionalisierung war die Folge, aber auch ein Wandel der Loyalität: Die Soldaten waren nun weniger dem Staatswesen, sondern vor allem ihrem Feldherrn in Treue verbunden; denn sein Erfolg – im auswärtigen Krieg wie in innerrömischen Konflikten – entschied über ihre spätere Versorgung durch Landzuteilungen. Damit war der Missbrauch der Armee für die persönlichen Machtinteressen ehrgeiziger Politiker und Militärs möglich geworden.
Die folgenden Jahre waren durch blutige innerstädtische Wirren geprägt. Zwei Parteiungen standen sich gegenüber – die Optimaten (Senatspartei) und die Popularen (Volkspartei); Marius neigte – bereits aufgrund seiner Herkunft – der popularen Seite zu. Aber ein so glänzender Heerführer er auch war – in der Innenpolitik blieb er konzeptionslos und vermochte sein hohes Ansehen nicht für wirksame Reformen zu nutzen. Zudem erwuchs ihm in L. Cornelius Sulla ein ebenbürtiger Rivale. Nach dem Bundesgenossenkrieg kam es zur Entscheidung zwischen den beiden mächtigsten Männern Roms (s. Sulla, S. 38 f.).
Sulla war mit dem Oberbefehl gegen Mithridates VI. von Pontos betraut worden. Durch einen Volksbeschluss ließ Marius jedoch das Kommando auf sich selbst übertragen. Der abgesetzte Gegner zögerte nicht: Er begab sich zu seinen Legionen und führte sie gegen den Rivalen. Erstmals zog ein römisches Heer gegen die eigene Stadt – das „Jahrhundert der Bürgerkriege“ erlebte eine neue Dimension (88 v. Chr.).
Als Staatsfeind geächtet, rettete sich Marius in abenteuerlicher Flucht; Sulla wandte sich dem Krieg im Osten zu. Dies ermöglichte dem Kimbernsieger eine triumphale Rückkehr nach Rom. Nochmals zum Konsul gewählt, starb er bereits wenige Tage nach seinem Amtsantritt.
Marsch auf Rom: Sulla
Als einen Mann, den man weder hinreichend loben noch tadeln könne – so schildert ein Schriftsteller der frühen Kaiserzeit den zwiespältigen Eindruck, den der konservative Dictator L. Cornelius Sulla (138 – 78 v. Chr.) bei Zeitgenossen und Nachwelt hinterließ (Val. Max. 9,2,1). Der führende Politiker der optimatischen Senatspartei stand ein Leben lang im Gegensatz zu C. Marius, der Symbolgestalt der Popularen; die Rivalität zwischen den beiden größten Feldherren ihrer Zeit hat diese Epoche entscheidend geprägt.
Aus verarmtem Adel entsprossen gehörte Sulla zur römischen „Jeunesse dorée“, bevor ihm reiche Erbschaften die Bewerbung um politische Ämter ermöglichten. Erste kriegerische Lorbeeren erntete er in Nordafrika und gegen die germanischen Kimbern unter dem Kommando des Marius; großen Anteil an dessen Erfolgen schrieb er allerdings sich selbst zu. Dagegen führte er im Bundesgenossenkrieg (91 – 89 v. Chr.) erfolgreich selbst den Oberbefehl; erbittert über die Verweigerung des römischen Bürgerrechtes, waren die italischen Verbündeten von Rom abgefallen und hatten einen eigenen Bundesstaat mit der neuen Hauptstadt „Italia“ gegründet. Auch wenn ihr Aufstand niedergeworfen wurde, erreichten die Bundesgenossen ihr ursprüngliches Ziel, denn das Bürgerrecht wurde auf ganz Italien ausgedehnt.
Als Konsul für das Jahr 88 v. Chr. sollte Sulla den Oberbefehl gegen Mithridates VI. von Pontos übernehmen; da übertrug ein Volksbeschluss seinem Rivalen Marius das Kommando. Sulla zögerte nicht: Er führte das Heer gegen seine Feinde – und damit gegen Rom selbst! Der Angriff auf die Stadt bedeutete einen unerhörten Bruch mit der Tradition – ein weiteres Tabu in den innerrömischen Machtkämpfen war gefallen. Nach der Vertreibung seiner Gegner sowie provisorischen Maßnahmen zur Sicherung der Senatsherrschaft wandte sich Sulla dem Krieg im Osten zu.
Dort hatte Mithridates das ererbte Königreich am Schwarzen Meer systematisch erweitert, bis seine Expansion auf die römische Einflusssphäre stieß. Durch den politischen Druck Roms zum Äußersten getrieben, entschloss sich der Herrscher zum Krieg. Kleinasien und Griechenland empfingen ihn als Befreier von der verhassten römischen Herrschaft. Im Taumel des Sieges erließ er den berüchtigten Blutbefehl von Ephesos: Alle Italiker in Kleinasien sollten an einem Tag getötet werden. 80.000 Menschen fielen dem Hass der so lange unterdrückten und ausgeplünderten Provinzialen zum Opfer (88 v. Chr.).
Zunächst wandte sich Sulla gegen die Truppen des Königs in Griechenland; nach langer Belagerung wurde Athen zurückerobert, feindliche Heere bei Chaironeia und Orchomenos geschlagen (86 v. Chr.). Im kleinasiatischen Dardanos kam es im folgenden Jahr zum Friedensschluss, der dem pontischen König zwar eine Kriegsentschädigung auferlegte, aber keine Gebietsverluste. Dass die „Vesper von Ephesos“ ungesühnt blieb, verdankte Mithridates lediglich dem Wunsch des römischen Feldherrn, rasch nach Italien zurückzukehren, wo die innenpolitischen Gegner längst wieder die Macht ergriffen hatten.
Sullas Landung in Brundisium (j. Brindisi) eröffnete erneut den Bürgerkrieg, sein Sieg am Collinischen Tor vor Rom entschied das Ringen (82 v. Chr.). Es folgte die gnadenlose Rache der Sieger: Die Anhänger des Marius – oft aber auch private Feinde oder Gläubiger – wurden für vogelfrei erklärt, ihr Vermögen dem Staat zugeteilt – d. h. den beutegierigen Günstlingen Sullas. Insgesamt fielen 4.700 Bürger den Proskriptionen zum Opfer. Auch Städte, die dem Gegner treu geblieben waren, wurden mit harten Strafen belegt; die Vertreibung ihrer Bürger schuf zugleich Bauernstellen für die Veteranen der siegreichen Legionen.
Aber Sulla erstrebte mehr als kleinliche Rache; eine Neuordnung des Staates sollte die Macht des Senates auf Dauer gewährleisten. Als „Dictator legibus scribundis et rei publicae constituendae“ (Dictator zur Gesetzgebung und Ordnung des Staates) in formaler Anlehnung an die traditionelle (zeitlich begrenzte) Berufung eines Dictators in Zeiten der Krise, tatsächlich aber mit bisher unerhörter Machtfülle, führte er sein Programm durch: Die Zahl der Senatoren wurde durch die eigenen Anhänger verdoppelt, die Gerichtsbarkeit dem Senat übertragen, die Befugnisse von Volkstribunen und Zensoren eingeschränkt. Danach legte Sulla alle Vollmachten nieder (Caesar erklärte ihn deshalb später zum politischen Analphabeten) und zog sich auf eines seiner Landgüter zurück (79 v. Chr.); dort widmete er sich der Abfassung von Memoiren. Im folgenden Jahr starb er; seine Gesetze überlebten ihn nur um wenige Jahre. Längst war die Adelsrepublik nicht mehr zu retten; ein grundlegender Wandel war unvermeidlich geworden.
Sieg über Asien: Pompeius
Italien erwartete den Bürgerkrieg. Mit seinen siegreichen Legionen zog Sulla heran, um gegen die Anhänger des verstorbenen Marius die Macht zu erkämpfen. In dieser kritischen Situation nutzte ein 22-jähriger Privatmann die Gunst der Stunde: Cn. Pompeius (106 – 48 v. Chr.) stellte auf eigene Faust eine Armee von drei Legionen auf, führte sie Sulla zu und gewann so seine Dankbarkeit (83 v. Chr.). Nachdem er für die Senatspartei Sizilien und Africa erobert hatte, wurde er von Sulla als „der Große“ begrüßt – in deutlicher Anspielung auf Alexander, dem Pompeius zeitlebens nacheiferte. Energisch trat er auch gegen den allmächtigen Dictator auf, der ihm seinen ersten Triumph verweigern wollte: Kühl verwies der junge Feldherr darauf, dass das Volk der aufgehenden, nicht der untergehenden Sonne folge.
Nach Sullas Tod (78 v. Chr.) führte er den Bürgerkrieg weiter. In Spanien hatten sich die verbliebenen Anhänger des Marius unter dem hochbefähigten Heerführer Q. Sertorius mit iberischen Stämmen verbündet; erst nach der Ermordung seines Gegners durch Feinde im eigenen Lager konnte Pompeius die Provinz zurückgewinnen (72 v. Chr.). Bei der Landung in Italien vernichtete sein Heer die Reste der bereits geschlagenen Armee des Spartacus; nun konnte er sich rühmen, auch diesen Krieg beigelegt zu haben.
Als Konsul des folgenden Jahres – zusammen mit M. Licinius Crassus – beseitigte Pompeius faktisch die von Sulla geschaffene Staatsordnung, die dem Senat auf Dauer eine überragende Machtstellung garantieren sollte (70 v. Chr.). Auf den damals zweifellos fähigsten Feldherrn Roms wartete nun eine gewaltige Aufgabe: Seit Jahrzehnten beherrschten Seeräuber das Mittelmeer; jeder Versuch, diese Plage zu beseitigen, war gescheitert. Als Oberbefehlshaber gegen die Piraten erlangte Pompeius eine bis dahin unerhörte Machtfülle: 500 Schiffe und 125.000 Mann wurden ihm für drei Jahre unterstellt. Aber er rechtfertigte das in ihn gesetzte Vertrauen; in 40 Tagen säuberte er das westliche Mittelmeer, den östlichen Teil in sieben Wochen. Dabei zeigte er sich – wie bereits in Spanien – milde gegen die Besiegten, er tötete oder versklavte sie nicht, sondern siedelte sie ins Binnenland um (67 v. Chr.).
Aufgrund dieses grandiosen Erfolges wurde ihm das Kommando gegen Mithridates VI. (s. Sulla, S. 38 f.) und seinen Schwiegersohn Tigranes von Armenien übertragen. Der siegreiche Feldzug gegen den alten Feind der Römer, der schließlich den Freitod wählte, führte Pompeius bis in den Kaukasus und nach Jerusalem, wo er in jüdische Thronwirren eingriff. Es folgte die Neuordnung des Orients: Große Teile Kleinasiens sowie Syrien wurden römische Provinzen; als Schutzwall gegen die östlichen Nachbarn schuf der Sieger einen Kordon von Satellitenstaaten (63 v. Chr.).
Erneut kehrte er im Triumph zurück; nun war er der mächtigste Mann Roms. Aber er scheute vor einer direkten Machtergreifung zurück und entließ bei der Landung in Italien sein Heer. Denn so bedeutend Pompeius auch als Feldherr und Organisator war, ihm fehlten die Entschlossenheit und die klare politische Zielsetzung eines Caesar – und damit die Fähigkeit, die Krise der römischen Republik endgültig zu lösen. Schon bald zeigten sich die Folgen: Der Senat zögerte, seine Maßnahmen im Orient zu bestätigen und den Veteranen Land zur Ansiedlung zuzuteilen. Verärgert schloss sich Pompeius seinen bisherigen innenpolitischen Gegnern an; das 1. Triumvirat zwischen ihm, Crassus und Caesar verband die drei mächtigsten Männer Roms gegen den Senat (60 v. Chr.); im nächsten Jahr setzte Caesar als Konsul die Ziele des Pompeius durch.
In den folgenden Jahren begann jedoch dessen Stern zu sinken; Caesars Siege in Gallien verdrängten die Erinnerung an seine einstigen Triumphe. Die von ihm durchgeführte Organisation der römischen Getreideversorgung war zwar eine hervorragende Leistung – aber was bedeutete das gegen die Taten des Rivalen, die Rom in Germanien und Britannien neue Welten erschlossen!
Immerhin erinnerte die Einweihung des ersten steinernen Theaters der Stadt – gestiftet aus der Beute der früheren Siege – an seinen alten Feldherrenruhm. An das Pompeius-Theater schlossen sich zwei Säulenhallen und ein neues Senatsgebäude an, die Curia des Pompeius (dort sollte später Caesar den Tod finden, hingestreckt an der Statue des einstigen Rivalen). Wenig blieb von dem eindrucksvollen Gebäudekomplex erhalten, der die Baupolitik der römischen Kaiserzeit vorwegnahm; aber wer heute durch die Via di Grotta Pinta und die Via del Biscione spaziert, kann noch die Krümmung der Mauern als letztes Relikt des Theaters erkennen.
Auch wenn das Triumvirat nochmals erneuert wurde (56 v. Chr.), wuchs die Entfremdung zwischen den beiden mächtigsten Männern Roms (Crassus war 53 v. Chr. gegen die Parther gefallen); immer enger schloss sich Pompeius der Senatspartei an – Caesars Todfeinden. Nach dem Scheitern von mehreren Vermittlungsversuchen eröffnete dessen Einmarsch in Italien den Bürgerkrieg (49 v. Chr.); Pompeius zog sich nach Griechenland zurück, wo seine Hauptmacht stand. Der Gegner folgte ihm, nachdem er die feindlichen Truppen in Spanien ausgeschaltet hatte.
Als Caesar bei Dyrrhachium (j. Durazzo) eine Schlappe erlitt, kannte der Optimismus der Senatspartei keine Grenzen mehr. Gegen die eigene Überzeugung wurde Pompeius bei Pharsalos zur Schlacht genötigt, die mit einer vernichtenden Niederlage endete (48 v. Chr.). In der Hoffnung, im Osten neue Ressourcen zu gewinnen, floh der Besiegte nach Ägypten. Um die Gunst des Siegers zu erlangen, befahlen die Ratgeber des unmündigen Königs Ptolemaios XIII. seine Ermordung. Bei der Ankunft in Alexandria überbrachte man Caesar das Haupt des Pompeius – und er weinte um den Mann, der einst sein Freund gewesen war.
Der Meister der Sprache: Cicero
Bis in unsere Zeit gilt er als einer der Väter des Abendlandes – M. Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.), der bedeutendste Redner der römischen Geschichte. Denn er zählte nicht nur zu den führenden Politikern der ausgehenden Republik, sondern vermittelte auch dem lateinischen Westen die Philosophie und das Staatsdenken der Griechen.
Als „Homo novus“ aus Arpinum nach Rom gekommen, erwarb sich Cicero bereits in jungen Jahren einen glänzenden Ruf als Anwalt: Er wagte einem der habgierigen Günstlinge des allmächtigen Dictators Sulla entgegenzutreten; der Sieg im Prozess gegen Sex. Roscius aus Ameria machte ihn schlagartig bekannt (81 v. Chr.).
Dies ermöglichte ihm eine politische Laufbahn; in seinem ersten Amt als Quaestor wurde er dem Statthalter Siziliens, C. Verres, beigegeben (75 v. Chr.). Dessen selbst für die damaligen Verhältnisse schamlose Ausplünderung der Provinzialen brachte Cicero im Auftrag der Geschädigten in Rom vor Gericht; seine Reden zwangen den Angeklagten, vor der unausweichlichen Verurteilung ins Exil zu gehen. Eine planmäßige Karriere – er erreichte alle Staatsämter „suo anno“, d. h. im gesetzlichen Mindestalter, – führte Cicero schließlich zum Konsulat (63 v. Chr.).
In diesem Jahr unternahm L. Sergius Catilina, ein ehrgeiziger Senator, der mehrfach bei der Bewerbung um den Konsulat gescheitert war, mit einigen adligen Mitverschwörern einen dilettantischen Putschversuch. Ein Aufstand seiner Anhänger in der Hauptstadt, unterstützt von einer heimlich aufgestellten Truppe von etwa 10.000 Mann, sollte ihm die Machtergreifung ermöglichen. Das schlecht vorbereitete Unternehmen wurde jedoch von Cicero aufgedeckt; durch eine flammende Rede – „Wie lange noch, Catilina, wirst du unsere Geduld missbrauchen?“ – zwang er den entlarvten Hochverräter, Rom zu verlassen. Dessen engste Vertraute erlitten auf Senatsbeschluss den Tod durch Henkershand; Catilina fiel im folgenden Jahr bei Pistoria (j. Pistoia).
Nun stand Cicero auf dem Höhepunkt des Ruhmes; man feierte ihn als Retter des Staates und „Vater des Vaterlandes“. Zeitlebens hat er immer wieder in oft kaum erträglichem Eigenlob die Aufdeckung der Verschwörung gepriesen. Zugleich verleitete ihn dieser Erfolg zur Selbstüberschätzung, denn tatsächlich beherrschte nicht er die römische Politik, sondern Caesar und Pompeius, denen militärische Machtmittel zu Gebote standen.
Schon fünf Jahre nach seinem Konsulat holte ihn die Vergangenheit ein; ein Gefolgsmann Caesars brachte ein Gesetz ein, das – rückwirkend – jeden ächtete, der einen römischen Bürger ohne Volksbeschluss getötet hatte. Sein Antrag richtete sich (aufgrund der Hinrichtung der Catilinarier) gegen Cicero, der angesichts dieser Bedrohung in die Verbannung ging; der Pöbel plünderte und zerstörte sein Haus (58 v. Chr.). Das Exil dauerte freilich nicht lange; bereits im folgenden Jahr wurde er zurückberufen und in Rom mit Jubel empfangen.
Nachdem er vergeblich versucht hatte, zwischen Caesar und Pompeius einen Ausgleich herbeizuführen, schloss er sich bei Ausbruch des Bürgerkrieges halbherzig der Senatspartei an. Der siegreiche Caesar begnadigte ihn in ehrenvollster Form (47 v. Chr.). Dennoch stand Cicero der königsähnlichen Stellung des Dictators ablehnend gegenüber. Er zählte nicht zu den Verschwörern um Brutus und Cassius, aber er war einer der geistigen Väter der Iden des März; folgerichtig rief Brutus nach der Ermordung Caesars den Namen Ciceros aus (44 v. Chr.).
Der Tod des Dictators bedeutete jedoch nicht die Wiederherstellung der Republik. Denn M. Antonius war als Erbe des Ermordeten fest entschlossen, dessen Machtstellung zu behaupten. In 14 „Philippischen Reden“ – in Anlehnung an die Reden des Demosthenes gegen den Vater Alexanders d. Gr. so bezeichnet – griff ihn Cicero als Feind des Gemeinwesens an. Zugleich versuchte er, den jungen Octavianus (Augustus) gegen Antonius auszuspielen. Die Versöhnung der beiden Erben Caesars bedeutete seinen Tod; er wurde geächtet und auf der Flucht von den Häschern ereilt. Haupt und Hand des großen Rhetors wurden auf der Rostra, der Rednerbühne auf dem Forum Romanum, zur Schau gestellt (43 v. Chr.).
Weitaus bedeutender als im politischen Handeln war Cicero als Schriftsteller. Zahlreiche seiner Reden wurden für Jahrhunderte zu Schulbeispielen. Mochten zu Lebzeiten andere auf diesem Gebiet mit ihm rivalisiert haben – der Nachwelt erschienen seine einzigartig ausgefeilten Reden als unvergleichlich. Wichtige Werke hinterließ er auch zur Theorie der Rhetorik („De oratore“, „Brutus“, „Orator“ u. a.). Höchst wertvoll als zeitgeschichtliches Dokument ist seine umfangreiche Korrespondenz; auch seine Gedichte wurden in der Antike sehr geschätzt.
Von einzigartiger Bedeutung für die Geistesgeschichte des Abendlandes war die Mittlerrolle Ciceros bei der Aufnahme griechischen Gedankengutes in Rom. Zwar hat er vor allem Ideen der führenden philosophischen Schulen eklektisch verarbeitet und nur wenige eigene Gedanken entwickelt; aber seine bahnbrechende Arbeit bei der Begründung eines philosophischen Vokabulars der lateinischen Sprache ist unschätzbar. Sein umfangreiches Oeuvre umfasst ethische Schriften („Gespräche in Tusculum“, „Vom höchsten Gut und vom größten Übel“, „Vom Wesen der Götter“, „Vom Schicksal“) ebenso wie staatsphilosophische Abhandlungen („Vom Staat“, „Von den Gesetzen“, „Vom pflichtgemäßen Handeln“). Die Schriften Ciceros wirkten durch Jahrhunderte fort – Ambrosius und Augustinus, Hieronymus und Boethius sind von ihnen beeinflusst, Friedrich d. Gr. und Kant schätzten sie sehr. Das treffendste Urteil über den größten Redner lateinischer Zunge aber stammt von Augustus – jenem Mann, der ihn einst seinem Todfeind M. Antonius und damit den Mördern ausgeliefert hatte: „Er war ein Meister der Sprache und ein wahrer Freund seines Vaterlandes.“
Ein weltfremder Idealist: Cato d. J.
Unaufhaltsam trieb die römische Republik ihrem Untergang entgegen. Erbitterte Machtkämpfe und blutige Unruhen, Bestechung und Wahlbetrug prägten den politischen Alltag im „Jahrhundert der Bürgerkriege“. Nur ein Mann wagte es, in der Agonie des Staates diesen Missständen mutig entgegenzutreten – M. Porcius Cato Uticensis (95 – 46 v. Chr.), der Urenkel des älteren Cato.
Die Lehren der stoischen Philosophie und der „mos maiorum“, die alten Römertugenden, prägten das Leben dieses Mannes, der seinen Zeitgenossen als Vorbild an Lauterkeit und Sittenstrenge erschien. Aber so sehr man ihn auch bewunderte – beliebt war er nicht, und so verlief seine politische Laufbahn stockend, obgleich er sich in allen Wahlämtern durchaus bewährte; den Konsulat erreichte er nie.
Unerbittlich verteidigte Cato die althergebrachte Staatsordnung der Adelsrepublik; in der Senatssitzung über das Schicksal der in Rom ergriffenen Mitverschwörer Catilinas (s. Cicero, S. 42 ff.) beantragte er in einem großartigen Plädoyer (der ersten stenografisch festgehaltenen Rede der Geschichte) mit Erfolg die Todesstrafe gegen die Staatsfeinde (62 v. Chr.); ebenso entschlossen trat er Pompeius und Caesar entgegen, deren Ehrgeiz und Machtfülle die Republik zu zerstören drohten. Auch das viel zitierte „Right or wrong, my country“ widersprach seinem Denken; daher beantragte er, Caesar nach seinem Sieg über die germanischen Usipeter und Tencterer den Feinden zur Sühne auszuliefern, da er den Erfolg einem Treubruch verdankte (55 v. Chr.).
Angesichts der wachsenden Macht Caesars und der fortwährenden Krawalle in Rom näherte sich Cato Pompeius an, den er für das kleinere Übel hielt; auch im Bürgerkrieg kämpfte er auf seiner Seite. Nach der Niederlage bei Pharsalos (48 v. Chr.) segelte er mit seinen Truppen in die Cyrenaica, um den Krieg von Afrika aus weiterzuführen. Ein 27-tägiger Wüstenmarsch, bei dem Cato den Soldaten stets zu Fuß voranmarschierte, vereinigte sein Heer mit anderen Einheiten der Caesargegner im heutigen Tunesien. Ihre katastrophale Niederlage bei Thapsus beendete jedoch den Krieg in Afrika. Wohl wissend, dass Caesar ihn begnadigen würde, wählte Cato in Utica (daher sein Beiname) den Freitod – denn der Sieger handelte in seinen Augen gerade darin ungerecht, dass er „als Herr und Gebieter denen das Leben schenkt, über die zu gebieten er kein Recht hat“ (46 v. Chr.).
Zweifellos war Catos Handeln von philosophischer Weltferne geprägt, wie bereits Cicero kritisierte; auch fehlte ihm eine politische Vision, um die Krise der Republik zu bewältigen, ebenso die Erkenntnis ihrer strukturellen Ursachen. Aber seine persönliche Lauterkeit, sein Mut und die Bereitschaft, für die eigene Überzeugung in den Tod zu gehen, erfüllten Zeitgenossen und Nachwelt mit Bewunderung: Sallust stellte ihn in einem großartigen Porträt Caesar gegenüber; Cicero und Brutus widmeten ihm Lobschriften, denen Caesar mit dem bissigen „Anticato“ antwortete – wohl ahnend, dass der tote Gegner als „Märtyrer der Senatsopposition“ gefährlicher war als zu Lebzeiten.
Und tatsächlich blieb Cato noch in der römischen Kaiserzeit die Lichtgestalt aller, die der vergangenen Republik nachtrauerten; das berühmteste literarische Denkmal, das ihn den Göttern gleichstellte, setzte ihm Senecas Neffe Lucan in seinem Epos über den Bürgerkrieg, in dem beide Seiten gewichtige Fürsprache genossen hätten – „Victrix causa deis placuit, sed victa Catoni“ (Phars. 1, 128; Die siegreiche Sache gefiel den Göttern, die besiegte aber dem Cato).
Einzigartiges Genie: Caesar
Als Staatsmann und Feldherr, aber auch als Schriftsteller zählt er zu den Großen der Geschichte – C. lulius Caesar (100 – 44 v. Chr.), der wohl bedeutendste aller Römer; die Zeitgenossen zog seine faszinierende Persönlichkeit ebenso in ihren Bann wie die Nachwelt bis zum heutigen Tag. Noch 2000 Jahre später trugen die höchsten Würdenträger der Erde – Kaiser und Zaren – seinen Namen als Titel und huldigten ihm so als der Herrschergestalt schlechthin.
Er entstammte einem der vornehmsten Adelsgeschlechter der Stadt; die Julier leiteten ihre Herkunft von Romulus und Aeneas ab – und damit von der Göttin Venus selbst. Tatsächlich spielten sie jedoch lediglich eine unbedeutende Rolle in der römischen Politik; lange schon hatte kein Mitglied der Familie mehr den Konsulat erlangt. In den Wirren der späten Republik neigten sie aufgrund der Verschwägerung mit dem Kimbernsieger Marius den Popularen zu, die ihre Ziele über die Volksversammlung durchzusetzen suchten. Der Sieg Sullas und der Senatspartei im ersten römischen Bürgerkrieg brachte daher den jungen – und noch völlig unbedeutenden – Caesar in tödliche Gefahr; die Weigerung, seine Ehefrau – Tochter eines bekannten Popularen – zu verstoßen, führte zu seiner Ächtung; nur mit Mühe entging er dem Tod, bevor einflussreiche Verwandte eine Begnadigung erwirkten (82 v. Chr.).
Nach Sullas Ableben wirkte er in Rom als Anwalt und ging dabei vor allem gegen Anhänger des verstorbenen Dictators vor; eine glänzende Beredsamkeit machte ihn rasch populär. Sein Ansehen beim Volk wuchs zudem durch die großartigen Spiele, die er als Aedil veranstaltete; 320 Gladiatoren traten dabei in silbernen Rüstungen auf – ein noch nie dagewesenes Schauspiel für die stadtrömische Plebs (65 v. Chr.). Noch beliebter machte ihn die Wiedererrichtung der Trophäen des noch immer im Volk verehrten Marius, die dessen siegreicher Gegner Sulla gestürzt hatte. Im Vertrauen auf seine Popularität wagte er, obgleich sehr jung für dieses Amt, die Bewerbung als Pontifex Maximus – und der Erfolg belohnte seine Kühnheit (63 v. Chr.).
Im selben Jahr wurde Rom durch die Verschwörung des Catilina (s. Cicero, S. 42 ff.) erschüttert. Obwohl selbst der Mitwisserschaft verdächtigt, versuchte Caesar das Leben der inhaftierten Verschwörer zu retten; die Senatsverhandlung gegen die Catilinarier wurde zum ersten großen Duell zwischen ihm und dem sittenstrengen Cato, der in einer leidenschaftlichen Rede die Hinrichtung der Schuldigen durchsetzte.
Erste militärische Lorbeeren erwarb Caesar nach der Amtszeit als Praetor in Spanien (61 v. Chr.); dass er nach der Statthalterschaft – die als vorbildlich gerühmt wurde – seine ungeheuren Schulden begleichen konnte, kennzeichnet die damalige Praxis der Ausplünderung der Provinzen durch die römischen Beamten – eine der verheerendsten Begleiterscheinungen in der tödlichen Krise der Republik.
Bereits früher hatte er die politischen Ambitionen des Cn. Pompeius im Senat unterstützt; freundschaftlich verbunden war er auch dessen Rivalen, M. Licinius Crassus, dem reichsten Mann Roms. Mit großem diplomatischen Geschick vermittelte Caesar ein Bündnis der beiden einstigen Gegner; Pompeius wurde dafür vor allem durch die ablehnende Haltung des Senats gewonnen, der weder die Maßnahmen des Feldherrn im Orient bestätigen noch seinen Veteranen Land zur Ansiedlung gewähren wollte. Im 1. Triumvirat vereinbarten die drei Politiker, ihre Interessen gemeinsam durchzusetzen (60 v. Chr.).
Als Konsul des folgenden Jahres sah sich Caesar mit der erbitterten Gegnerschaft des Senats konfrontiert, der alle seine Maßnahmen mit taktischer Obstruktion zu verhindern suchte. Die Durchsetzung der organisatorischen Maßnahmen des Pompeius im Osten und seines großzügigen Siedlungsprogramms, das außer den Veteranen vor allem kinderreiche Familien begünstigte, war daher nur durch formalen Rechtsbruch möglich. Seither war Caesar, sobald er kein Amt mehr innehatte, von einem Hochverratsprozess bedroht; diese Situation sollte später entscheidend zum Ausbruch des Bürgerkrieges beitragen.
Für die folgenden Jahre wurden ihm die Provinzen Gallia Cisalpina, Gallia Narbonensis und Illyricum (j. Oberitalien, Südfrankreich und Dalmatien) zugewiesen. Die Statthalterschaft nutzte er zum Aufbau einer dem Einfluss des Pompeius vergleichbaren Machtposition und eines nur ihm ergebenen Heeres, das dauerhaft seine Stellung sichern sollte. Geschickt griff Caesar in die Machtkämpfe zwischen den keltischen Stämmen des freien Gallien ein und erweiterte dadurch den römischen Machtbereich. Bereits im ersten Jahr unterwarf er die Helvetier, die von ihren Siedlungsgebieten in der heutigen Schweiz in das westliche Gallien ziehen wollten, und zwang sie zur Rückkehr. Der germanische Heerkönig Ariovist, der die innerkeltischen Streitigkeiten zum Aufbau einer eigenen Herrschaft im heutigen Elsass genutzt hatte, wurde vernichtend geschlagen – ein folgenschwerer Sieg der Römer, der in der lateinischen Prägung Frankreichs bis in unsere Zeit fortwirkt (58 v. Chr.). In den beiden nächsten Jahren wurden in harten Kämpfen die keltisch-germanischen Belger, danach die Bretagne und Aquitanien unterworfen.
Nach der Eroberung Galliens griff Caesar weiter aus; zweimal landete er in Britannien (55/54 v. Chr.), zweimal überschritt er den Rhein (55/53 v. Chr.); der Brückenschlag über den gewaltigen Strom in nur zehn Tagen bedeutete auch eine technische Meisterleistung. Aber so spektakulär dieses Ausgreifen in bisher den Römern völlig unbekannte Länder auch war, faktisch blieb es ohne Folgen, da sich Caesar in kluger Zurückhaltung mit der Unterwerfung Galliens begnügte; für Jahrhunderte blieb der Rhein die Grenze des Römischen Reiches. Groß war freilich die propagandistische Wirkung dieser Erfolge in Rom; der alte Ruhm des Pompeius begann neben dem aufsteigenden Stern Caesars zu verblassen.
Aber noch war dessen Werk ungefestigt; beim Aufstand des Ambiorix wurden eineinhalb Legionen vernichtet (54 v. Chr.). Zwei Jahre später erhob sich ganz Gallien unter Führung des Arverners Vercingetorix gegen die Fremdherrschaft; nur drei Stämme blieben dem antirömischen Bund fern. Bei Gergovia erlitt Caesar die erste Niederlage seiner Laufbahn; dann aber schloss er den gegnerischen Oberfeldherrn in der Festung Alesia ein. Ein gewaltiges keltisches Aufgebot rückte heran, um die Belagerten zu entsetzen; erst nach hartem Ringen erfochten die kampferprobten Legionen den Sieg. Vercingetorix kapitulierte und wurde sechs Jahre später beim Triumph Caesars hingerichtet; Gallien war zur römischen Provinz geworden. Die Eroberung des Landes war – nicht nur wegen seines ungeheuren Reichtums – von höchster Bedeutung für die weitere Entwicklung des Römischen Reiches. Bisher vor allem zum Mittelmeer orientiert, griff es nun auch in den Norden des Kontinents aus.
Während des Krieges hatte Caesar die innenpolitische Entwicklung nicht aus den Augen verloren; auf der Konferenz von Luca erneuerten die Triumvirn ihr Bündnis (56 v. Chr.). Allmählich löste es sich jedoch auf: Crassus fiel im Kampf gegen die Parther bei Carrhae (53 v. Chr.), Pompeius näherte sich dem Senat an, der ihn als Gegengewicht zu Caesar und zur Bekämpfung der Anarchie in der Hauptstadt umwarb.
Mit dem bevorstehenden Ende der Statthalterschaft in Gallien (und damit der Immunität als Staatsbeamter) drohte Caesar eine Anklage wegen der Rechtsbrüche in seiner Amtszeit als Konsul. Daher beantragte er die Erlaubnis, sich in Abwesenheit um den Konsulat zu bewerben (denn nach einer Wiederwahl war er erneut vor juristischer Verfolgung gesichert). Das Scheitern der monatelangen Verhandlungen über diese Frage bedeutete den Beginn des Bürgerkrieges gegen die Senatspartei. Mit dem Übergang seines Heeres über den Rubico – den Grenzfluss zwischen der Provinz Gallia Cisalpina und Italien – wurde Caesar zum Hochverräter und Staatsfeind. „Der Würfel sei emporgeworfen“ – so soll er diese entscheidende Stunde charakterisiert haben: Denn jetzt gab es für ihn nur noch Sieg oder schmachvollen Untergang. Vor seiner überlegenen Macht räumte Pompeius Italien und rüstete in Griechenland zum Entscheidungskampf (49 v. Chr.).
Nach der Ausschaltung der gegnerischen Truppen in Spanien folgte ihm Caesar. Bei Dyrrhachium (j. Durazzo), der zweiten Niederlage in der Feldherrnlaufbahn des Juliers, zeigte sich nochmals das taktische Geschick des Pompeius, der an diesem Tag den Krieg hätte entscheiden können. Dann aber besiegelte Caesars glänzender Sieg bei Pharsalos gegen die weit überlegenen Feinde das Schicksal seines Rivalen, der in Ägypten den Tod von Mörderhand erlitt (48 v. Chr.).
Unverzüglich folgte ihm Caesar in das reiche Land am Nil, das von Thronstreitigkeiten zerrissen wurde. Die junge und reizvolle Königin Kleopatra gewann – heimlich in einem Teppich in das römische Hauptquartier gebracht – den siegreichen Feldherrn für sich; es war der Beginn einer der berühmtesten Liebesaffären der Geschichte. Allerdings waren noch schwere Kämpfe zu bestehen, denen auch die berühmte Bibliothek von Alexandria zum Opfer fiel, bis Caesar seiner Geliebten (und damit sich selbst) die Herrschaft über Ägypten gesichert hatte. Dem Sieg folgte eine Schiffsreise der Liebenden auf dem Nil durch das Wunderland der Pharaonen.
Die Gegner waren indessen nicht untätig gewesen; in Nordafrika wurde eine neue Armee aufgestellt, gleichzeitig fiel Pharnakes von Pontos, der Sohn Mithridates’ VI. (s. Sulla, S. 38 f.), in das römische Kleinasien ein. So schnell warf Caesar diesen Feind nieder (47 v. Chr.), dass er über die Schlacht bei Zela die kürzeste Siegesmeldung der Weltgeschichte verfasste – „Veni, vidi, vici“ (Ich kam, sah, siegte). Dann wandte er sich dem afrikanischen Kriegsschauplatz zu; der Sieg bei Thapsus zerstörte die letzten Hoffnungen der Senatspartei; ihr führender Politiker, der jüngere Cato, setzte folgerichtig seinem Leben ein Ende (46 v. Chr.). Auch das letzte Aufbegehren der Söhne des Pompeius scheiterte im folgenden Jahr in Spanien in der Schlacht bei Munda.
So überragend die Erfolge Caesars im Bürgerkrieg waren, so ungewöhnlich war auch die Behandlung, die den Besiegten zuteil wurde: Es gab keine Proskriptionen wie unter Sulla, keine kleinliche Rache; die „Clementia Caesaris“ (Milde Caesars) schenkte den früheren Feinden das Leben und gab ihnen sogar neue Ämter und Würden; auch Cicero sowie Brutus und Cassius – seine späteren Mörder – zählten zu den Begnadigten.
Bereits während des Krieges hatte Caesar mit der Erneuerung des Staates begonnen; aufgrund der wenigen Monate, die ihm dafür noch verblieben, konnte freilich vieles nicht vollendet werden und manche Ziele sind heute nicht mehr erkennbar. Ein großes Kolonisationswerk sollte den Empfängern staatlicher Unterstützung in Rom und den Veteranen seiner Feldzüge eine neue Existenz schaffen; u. a. wurden die einst zerstörten Städte Karthago und Korinth als römische Siedlungen erneuert. Die Verwaltung der Provinzen und Gemeinden wurde reformiert, die Sklavenwirtschaft zugunsten freier Arbeiter eingeschränkt, die Gerichte neugeordnet, eine Rechtskodifikation war geplant. Durch die Jahrhunderte wirkte eine weitere Maßnahme Caesars: Der neu berechnete Julianische Kalender war bis zur Reform Gregors XIII. (1582) in Gebrauch, in Russland sogar bis zur Oktoberrevolution (1917). Zahlreiche Projekte wiesen weit in die Zukunft voraus: Der damals geplante Kanal von Korinth wurde erst 1893 vollendet, die Trockenlegung der Pontinischen Sümpfe im 20. Jh. durchgeführt.
Dem Beispiel seines Rivalen Pompeius folgte Caesar – bereits vor dem Bürgerkrieg – in der baulichen Verschönerung Roms; auf dem Forum Romanum wurde die Basilica Aemilia restauriert, in ihrer Nähe die neue Basilica lulia errichtet. Vorbildhaft für den Ausbau der Hauptstadt in der Kaiserzeit wurde das Caesarforum, das (im Gegensatz zu dem in Jahrhunderten gewachsenen Konglomerat des Forum Romanum) symmetrisch angelegt war: Den Platz umgaben Portiken, hinter denen die Geschäftsbuden verdeckt blieben; der praktische Zweck der Anlage trat hinter der Verherrlichung Caesars zurück, dessen Reiterstandbild das Forum beherrschte. In Erfüllung seines Gelübdes vor der Schlacht bei Pharsalos erhob sich auf dem Platz der Tempel der Venus Genetrix, der göttlichen Stammmutter des Stifters.
Die staatsrechtliche Grundlage für dessen Macht war die Erhebung zum Dictator, zunächst für zehn Jahre, dann auf Lebenszeit (Dictator perpetuo). Unerhörte Ehrungen wurden ihm zuteil: Die Bezeichnung „Imperator“ für siegreiche Feldherren (bis heute die Wurzel des Kaisertitels in zahlreichen Sprachen) wurde ihm als Eigenname verliehen; er durfte stets das Triumphatorengewand und den Lorbeerkranz tragen; ein goldener Thron und die Begleitung von 72 Lictoren wurden ihm bewilligt, sein Standbild im Kapitolstempel aufgestellt, der Geburtsmonat in „Iulius“ umbenannt. Politisch noch bedeutsamer war das Vorrecht des Dictators, künftig die Wahlbeamten vorzuschlagen.
Angesichts seiner unbeschränkten Macht und der Ehrungen, die ihn zu nahezu göttergleicher Stellung erhoben, ist die – in der Forschung bis heute heftig diskutierte – Frage unerheblich, ob Caesar auch der Form nach die Monarchie erstrebte; das von M. Antonius bei der Feier der Lupercalien angebotene Diadem wies er jedenfalls zurück.
Doch längst hatte sich um M. Brutus und C. Cassius eine Gruppe von Verschwörern gebildet, die eine Wiederherstellung der Adelsrepublik erstrebten. An den Iden des März (15. 3. 44 v. Chr.) fiel Caesar – unmittelbar vor dem Aufbruch zu einem Krieg gegen die Parther – ihren Dolchen zum Opfer. Das Podium des Caesar-Tempels auf dem Forum Romanum – errichtet an der Stelle, wo sein Leichnam verbrannt worden war – erinnert bis heute an die aufwendige Totenfeier, deren ergreifende Szenen nochmals die große Beliebtheit des Ermordeten zeigten. Sein Tod bedeutete das erneute Aufflammen der Bürgerkriege, die aber jetzt nicht mehr im Geiste der Clementia Caesaris geführt wurden, sondern in unerbittlicher Grausamkeit.
Als Feldherr hatte Caesar das Imperium erweitert wie kein Römer vor ihm, als Staatsmann den Weg zur Monarchie – und damit aus der Krise der Republik – gewiesen. Da er „das vollbrachte, was … an der Zeit war“, charakterisierte ihn Hegel als den „Geschäftsführer des Weltgeistes“.
Aber er war nicht nur die politisch und militärisch prägende Gestalt seiner Zeit, sondern auch einer der bedeutendsten Schriftsteller der lateinischen Literatur. Die „Commentarii“ über den Gallischen Krieg und den Bürgerkrieg rühmte bereits Cicero als „schmucklos, sachlich und anmutig zugleich“; auch die Nachwelt pries die Eleganz seines Stils. Historisch höchst bedeutend sind Caesars Schriften ohnehin – als einzige authentische ausführliche Tatenberichte einer der großen Gestalten der Antike, die uns erhalten blieben.
Einzigartig war die persönliche Ausstrahlung des Juliers – etwa auf das schöne Geschlecht. Aber auch die Soldaten vergötterten ihn; selbst eine bedrohliche Meuterei brach vor seiner dominierenden Erscheinung zusammen. Alles Große vereine sich in der wunderbaren Gestalt Caesars, urteilte einst J. Burckhardt; er sei „in Betreff der Begabung der vielleicht größte Sterbliche. Alle die sonst groß heißen in der Geschichte, sind einseitig neben ihm“.
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