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DAS FESTIVAL DER LIEBE
(DIE LIEBE AUF REISEN – BUCH 1)
SOPHIE LOVE
Sophie Love
#1 Bestseller-Autorin Sophie Love ist die Schöpferin der romantischen Comedy-Reihe, DIE PENSION IN SUNSET HARBOR, die bisher aus 3 Bänden besteht, weitere sind in Vorbereitung. Band 1 ist derzeit unter dem Titel FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR – BUCH 1) als Gratis-Download auf Amazon erhältlich.
Sophie Love ist außerdem die Autorin einer neuen humorvollen Romance-Reihe, DIE LIEBE AUF REISEN, die mit DAS FESTIVAL DER LIEBE (DIE LIEBE AUF REISEN – BUCH 1) beginnt.
Sophie würde sich freuen, von Dir zu hören, also besuche sie doch auf ihrer (englischsprachigen) Webseite: http://www.sophieloveauthor.com/
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Copyright © 2017 by Sophie Love. Alle Rechte vorbehalten. Außer, wie gemäß dem U.S. Copyright Gesetz von 1976 ausdrücklich erlaubt, darf kein Teil dieser Veröffentlichung ohne vorherige Erlaubnis der Autorin vervielfältigt, verbreitet oder in irgendeiner Weise oder in irgendeiner Form übertragen, in einer Datenbank oder in einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses E-Book ist nur für den persönlichen Gebrauch zugelassen. Dieses E-Book darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen weitergegeben werden. Wenn Sie sich dieses E-Book mit einer anderen Person teilen möchten, kaufen Sie bitte eine zusätzliche Kopie für jeden weiteren Empfänger. Wenn Sie dieses Buch lesen, es jedoch nicht selbst gekauft haben und es auch nicht ausschließlich für Ihren eigenen Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und erwerben eine eigene Kopie. Vielen Dank für Ihren Respekt für die harte Arbeit dieser Autorin. Bei diesem Buch handelt es sich um Fiktion. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Veranstaltungen und Vorkommnisse sind entweder das Produkt der Fantasie der Autorin oder sind fiktiv eingesetzt. Jede Ähnlichkeit mit real existierenden Personen,lebend oder tot, ist reiner Zufall. Umschlagbild Copyright oneinchpunch, unter der Lizenz von shutterstock.com.
BÜCHER VON SOPHIE LOVE
DIE PENSION IN SUNSET HARBOR
FÜR JETZT UND FÜR IMMER (Buch #1)
FÜR IMMER UND EWIG (Buch #2)
FÜR IMMER MIT DIR (Buch #3)
DIE LIEBE AUF REISEN
DAS FESTIVAL DER LIEBE (BUCH #1)
INHALT
KAPITEL EINS
KAPITEL ZWEI
KAPITEL DREI
KAPITEL VIER
KAPITEL FÜNF
KAPITEL SECHS
KAPITEL SIEBEN
KAPITEL ACHT
KAPITEL NEUN
KAPITEL ZEHN
KAPITEL ELF
KAPITEL ZWÖLF
KAPITEL DREIZEHN
KAPITEL VIERZEHN
KAPITEL FÜNFZEHN
KAPITEL SECHZEHN
KAPITEL SIEBZEHN
KAPITEL ACHTZEHN
KAPITEL NEUNZEHN
KAPITEL ZWANZIG
KAPITEL EINUNDZWANZIG
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
EPILOG
KAPITEL EINS
Keira Swanson stieß die Glastüren vom Viatorum Magazin auf und trat zielstrebig ein. Es war ein Feiertag, der Tag der Arbeit, aber sie war, wie auch der Rest des Schreibpools, kurzfristig zur Arbeit beordert worden.
Keira war sich darüber im Klaren, dass es sich nicht wirklich um einen Notfall handelte, jedenfalls nichts so Dringendes, was eine Zusammenkunft an einem Feiertag rechtfertigte. Aber bei dem Reisemagazin wurde der interne Wettbewerb sehr groß geschrieben und Joshua, ihr Boss, nutzte gern jede Gelegenheit, um "die Spreu vom Weizen zu trennen". Jeder, der sich zu sehr darüber aufregte, an Feiertagen zu arbeiten, oder wer bei den Besprechungen griesgrämig aus der Wäsche schaute, stand prompt bald wieder auf der Straße. Keira hatte zu hart gearbeitet, um diesen Schreibjob zu ergattern, sie würde jetzt nicht an dieser Hürde scheitern. Selbst wenn das bedeutete, dass ihr Freund Zachary gerade daheim einen Familienbrunch ohne sie veranstalten musste.
Ihre schwarzen Stilettos klapperten über die makellosen, weißen Kacheln, als sie zu ihrem Schreibtisch eilte. Das Viatorum Hauptquartier befand sich in einem der angesagtesten Viertel von New York City, in einem großen, alten Warenhaus, das als schickes Büro umfunktioniert worden war. Die Fenster waren riesig und reichten vom Fußboden bis zur hohen Decke. Die Stahlträger mit den großen Schrauben waren noch sichtbar; ein Überbleibsel aus der Zeit, als das Gebäude noch als Warenhaus gedient hatte. Der offene Raum sorgte dafür, dass man jedes Gespräch mitbekam, selbst Geflüster. Es bedeutete auch, dass niemand es wagte, geruchsintensives Essen mitzubringen. Keira konnte sich noch gut daran erinnern, wie eine neue Autorin, eine dümmliche junge Frau namens Abby, an ihrem ersten Tag einen Thunfischsalat mitbrachte. In der Sekunde, als Joshua der Geruch an die Nase drang, hatte er auch schon dafür gesorgt, dass Abbys erster Tag auch ihr einziger und letzter bei Viatorum war.
Als sie ihren Blick durch den großen Raum schweifen ließ, stellte Keira fest, dass sie nicht als Erste eingetroffen war. Nina, ihre Freundin und eine der Redaktionsassistentinnen, beugte sich bereits über ihren Tisch und tippte eifrig auf ihrer Tastatur. Sie warf Keira ein schnelles Grinsen zu bevor sie sich wieder ganz ihrer Arbeit widmete.
Keira legte ihre Tasche auf den Tisch und ließ sich auf ihren Stuhl sinken, sehr darauf bedacht, dass ihr Seufzer stumm blieb. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die Arbeit für das renommierte Viatorum Magazin so viel Schauspielerei erforderte, so viel geheucheltes Interesse an Unterhaltungen, und das ach-so-kompetente Geschwafel.
Durch die gläserne Wand, die Joshua von seinen Angestellten trennte, bemerkte Keira, dass er sie beobachtete. Sie fragte sich, was er denken mochte. War er überrascht, dass sie als Zweite seinem dringenden Ruf gefolgt war? Oder war er begierig darauf, jemanden zu entlassen, und sie war ihm gerade als williges Opfer vor die Flinte gesprungen?
Joshua kam hinter der gläsernen Trennwand hervor. Er trug einen stahlblauen Anzug und sein Haar war zu einer Tolle frisiert. Er kam zu Keiras Tisch.
„Hast du die Recherche über Irland schon erledigt?“, fragte er, ohne sich mit einem Hallo aufzuhalten.
Ach ja, der Artikel über das Festival der Liebe. Joshua war von Elliot beauftragt worden darüber zu schreiben. Elliot war der Geschäftsführer von Viatorum. Es sollte ein großes, wichtiges Projekt werden, zumindest hatte Joshua das angedeutet. Allerdings konnte Keira sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein alberner, süßlicher Bericht über Kuppelei während einer veralteten Zeremonie in einem urigen irischen Dorf sich als große Story erweisen könnte. Wie auch immer, Joshua war in noch schlechterer Stimmung als sonst und Keira, als jüngste Autorin, war damit beauftragt worden, die Recherche zu erledigen, denn dafür war er natürlich viel zu beschäftigt.
Wohl eher viel zu wichtigtuerisch, dachte Keira, während sie ihn anlächelte. „Ich habe dir alles per E-Mail geschickt, bevor ich am Freitag gegangen bin.“
„Schick es mir noch mal“, verlangte Joshua prompt. „Ich habe nicht die Zeit, um mich durch Massen von Mails in meinem Posteingang zu wühlen.“
„Kein Problem“, sagte Keira, freundlich wie immer.
Joshua stürmte zurück in sein Büro und Keira schickte ihm erneut die E-Mail mit der Masse an Informationen, die sie über das irische Festival der Liebe gesammelt hatte. Sie musste grinsen bei der Erinnerung daran, wie albern das alles war, wie widerlich romantisch.
Sie hatte gerade erst die E-Mail abgeschickt, als weitere Autoren von Viatorum hereinkamen. Alle taten so, als mache es ihnen überhaupt nichts aus, an einem Feiertag ins Büro zu kommen. Keira konnte hören, wie sie sich gegenseitig darin überboten, wer wohl das größte Opfer gebracht hatte.
„Meine Nichte hatte ein Baseball-Turnier“, sagte Lisa. „Aber das hier ist natürlich viel wichtiger. Sie hat sich die Augen ausgeweint, als ich ihr sagte, dass ich gehen müsse, aber sie wird es verstehen, wenn sie älter ist und ihre eigene Karriere verfolgt.“
Duncan konnte das noch übertreffen. „Ich musste Stacy am Flughafen zurücklassen. Ich meine, wir können Madrid ja auch ein anderes Mal besuchen. Es läuft uns ja nicht weg.“
„Ich komme gerade vom Krankenbett meiner Mutter“, fügte Victoria hinzu. „Es ist ja nicht so, als befände sie sich in einem kritischen Zustand. Sie versteht, dass meine Karriere vorgeht.“
Keira unterdrückte ein Grinsen. Das betriebliche Umfeld bei Viatorum erschien ihr in höchstem Maße fragwürdig. Sie wünschte, ihre Karriere würde sich aufgrund von Hingabe, Talent und harter Arbeit entwickeln, und nicht dank ihrer Fähigkeit, am Wasserspender zu plaudern. Das sollte nicht heißen, Keira konzentrierte sich nicht auf ihre Karriere – sie war im Augenblick das wichtigste in ihrem Leben, auch wenn sie das Zachary gegenüber nicht zugeben würde – sie wollte sich nur nicht verbiegen, um in die Unternehmenskultur dieses Magazins zu passen. Sie hatte oft das Gefühl, sich in einer Warteschleife zu befinden, bis ihre Zeit zu glänzen gekommen war.
Im nächsten Moment summte Keiras Handy. Nina hatte ihr eine ihrer heimlichen Nachrichten geschickt.
Ich nehme mal an, Joshua hat vergessen zu erwähnen, dass Elliot beim heutigen Meeting anwesend sein wird?
Keira hielt überrascht die Luft an. Auch wenn der Geschäftsführer von Viatorum um Längen angenehmer war als Joshua, fühlte sie sich in seiner Gegenwart dennoch nicht gerade entspannt. Immerhin hielt er die Schlüssel zu ihrer Karriere in der Hand. Er war derjenige, der einen jederzeit einstellen und feuern konnte, derjenige, dessen Meinung wirklich zählte. Joshua sagte Keira niemals, dass sie gute Arbeit geleistet hatte, oder dass sich ihr Schreibstil verbessert hatte, egal wie sehr sie sich anstrengte. Elliot hingegen machte Komplimente, wenn sie verdient waren, was selten genug der Fall war, aber das machte es umso wertvoller, wenn man eines bekam.
Keira wollte Nina gerade zurückschreiben, als sie Joshuas schnelle Schritte hörte.
„Was zur Hölle soll das, Keira?“, rief er schon von Weitem.
Seine Worte schallten durch das Büro. Alle Köpfe drehten sich zu ihr um, das wollte keiner verpassen. Alle waren gleichermaßen erleichtert, dass sie selber nicht das Ziel dieser Verbalattacke waren und dass sich Joshuas Zorn über jemand anderem entladen würde.
„Entschuldigung?“, fragte Keira freundlich, auch wenn ihr das Herz raste.
„Dieser Mist über Irland! Das ist vollkommen unbrauchbar!“
Keira wusste nicht, wie sie antworten sollte. Sie wusste, dass sie gründlich recherchiert hatte. Sie hatte sich an die Vorgaben gehalten, alles in einem benutzerfreundlichen Ordner gesammelt, sie hatte sich wirklich reingekniet in die Arbeit. Joshua hatte einfach schlechte Laune und wollte die an ihr auslassen. Vielleicht war es auch ein Test, wie sie mit der öffentlichen Schelte umgehen würde.
„Ich kann noch weiter recherchieren, wenn du das möchtest“, sagte Keira.
„Dafür reicht die Zeit nicht“, schrie Joshua. „Elliot wird in fünfzehn Minuten hier sein!“
„Um genau zu sein“, unterbrach Nina, „fährt sein Auto gerade vor.“ Sie beugte sich in ihrem Bürostuhl vor, um besser aus dem Fenster sehen zu können.
Joshua lief rot an. „Ich ziehe mir diesen Schuh nicht an, Swanson“, sagte er und richtete seinen Finger auf Keira. „Wenn Elliot enttäuscht ist, dann sage ich ihm, wer dafür die Verantwortung trägt.“
Er stürmte zurück in seinen abgeteilten Arbeitsbereich. Aber unterwegs trat er mit seinem Lacklederschuh in eine Kaffeepfütze, die einer der gehetzten Schreiberlinge auf dem Weg zur Arbeit hinterlassen hatte.
Es gab einen Moment, in dem die Zeit still zu stehen schien und Keira genau sehen konnte, was passieren würde. Dann schlitterte und stolperte Joshua wie im Comic. Sein Körper drehte sich, als würde er tanzen und er versuchte, die Balance zu halten. Die Kombination von blanken Kacheln und Macchiato war einfach zu viel für ihn.
Joshua verlor komplett das Gleichgewicht, ein Bein schoss nach vorn, das andere verdrehte sich unter ihm. Alle schnappten nach Luft, als er mit einem lauten Platschen hart auf dem Boden aufschlug. Ein lautes Knirschen hallte durch das große Büro. Es klang übel.
„Mein Bein!“, schrie Joshua und hielt sich das Schienbein. „Ich habe mir das Bein gebrochen!“
Alle wirkten wie gelähmt. Keira lief zu ihm, auch wenn sie nicht wusste, wie sie ihm helfen sollte, aber sie glaubte nicht, dass man sich auf diese Weise wirklich ein Bein brechen konnte.
„Es ist sicher nicht gebrochen“, stammelte sie, in der Hoffnung, zuversichtlich zu klingen. Aber dann sah sie, in welch schrägem Winkel Joshuas Bein abstand, sah den Riss in der Hose, wo der Knochen herausragte. Ihr wurde schlecht. „Um ehrlich zu sein….“
„Steh nicht einfach so da!“, schrie Joshua voller Schmerz. Er wagte einen kurzen Blick auf die Verletzung. „Oh Gott!“, schrie er. „Mein Hose ist zerrissen! Die hat mehr gekostet, als du im ganzen Monat verdienst!“
Genau in diesem Augenblick ging die Tür auf und Elliot trat ein.
Selbst wenn Elliot nicht 1,92 m groß gewesen wäre, hätte er dennoch Eindruck gemacht. Da war etwas in seiner Haltung. Er konnte die Leute mit einem einzigen Blick in Angst versetzen und sie sich gefügig machen.
Wie das Wild vor dem Autoscheinwerfer verharrte jeder genau da, wo er gerade war und starrte ihn ängstlich an. Selbst Joshua war stumm vor Angst.
Elliot erfasste die Situation um ihn herum mit einem Blick. Er sah Joshua am Boden liegen, sich das Bein haltend und vor Schmerzen schreiend, er sah Keira hilflos daneben stehen, sah die Gruppe der Schreiberlinge an ihren Tischen stehen, mit Entsetzen auf den Gesichtern.
Aber Elliots Gesichtsausdruck änderte sich nicht im Mindesten. „Hat jemand schon einen Krankenwagen für Joshua gerufen?“ Mehr fragte er nicht.
Die Folge war geschäftiges Treiben.
„Ich mache das!“, sagten alle gleichzeitig und griffen nach ihren Telefonen, um nur ja in Elliots Augen als Retter zu dazustehen.
Auf Joshuas Stirn stand der kalte Schweiß. Er blickte zu Elliot auf.
„Es wird schon wieder“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen und scheiterte kläglich bei dem Versuch, lässig zu klingen. „Ist nur ein Knochenbruch. Zum Glück ist es das Bein und nicht der Arm. Ich brauche das Bein ja nicht, um den Artikel über Irland zu schreiben.“ Er klang ziemlich verwirrt.
„Aber du brauchst es, um ins Flugzeug zu kommen und über die Hügellandschaft zu wandern“, sagte Elliot ruhig.
„Krücken“, sagte Joshua und verzog das Gesicht. „Rollstuhl. Wir müssen eben ein wenig improvisieren.“
„Joshua“, antwortete Elliot ernst, „der einzige Ort, wo ich dich hinschicke, ist das Krankenhaus.“
„Nein!“, rief Joshua und versuchte, sich aufzusetzen. „Ich kann den Auftrag erledigen! Ich brauche nur einen Gips und dann bin ich praktisch so gut wie neu!“
Ohne jegliche Gefühlsregung ignorierte Elliot Joshuas Flehen und blickte auf die Uhr. „Ich werde das Meeting um Punkt elf Uhr eröffnen“, verkündete er den Mitarbeitern. Dann marschierte er Richtung Konferenzsaal, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Alle standen da, stumm, entsetzt, unsicher, was zu tun war. Dann brachte sie Joshuas Geschrei wieder zurück in die Gegenwart.
„Ich hole dir etwas Wasser“, sagte Lisa.
„Ich will kein verdammtes Wasser!“, schrie Joshua.
„Hier“, sagte Duncan und eilte zu ihm, „du musst das Bein hochlegen.“
Er streckte die Hand nach dem verletzten Bein aus, aber Joshua schlug sie ihm weg. „Fass mich nicht an! Ich schwöre bei Gott, wenn du mich anfasst, schmeiße ich dich raus!“
Duncan hob abwehrend die Hände und zog sich zurück.
„Der Krankenwagen ist da“, rief Nina vom Fenster. Blaue Lichter blitzten von der anderen Seite der Glasscheibe auf.
Gott sei Dank, dachte Keira. Sie hatte von Joshua wirklich die Nase voll. Für immer, wenn sie ehrlich war.
Sie blickte auf und sah Elliot, der im Flur zum Konferenzraum stand und sie alle dabei beobachtete, wie sie kopflos um Joshua herumschwirrten. Er wirkte nicht gerade beeindruckt. Keira warf einen Blick auf die Uhr. Die Besprechung begann in weniger als einer Minute.
Keira erkannte, dass dies ihre Chance war. Elliot hatte es sehr deutlich gemacht, dass Joshua keinesfalls den Irland-Auftrag behalten würde. Das wiederum bedeutete, alle anderen würden sich gleich darum balgen, wer ihn bekam. Es war vielleicht nicht gerade der aufregendste Auftrag aber mehr als Keira je bekommen hatte. Sie musste sich Elliot gegenüber beweisen. Sie brauchte diesen Auftrag.
Keira ließ ihre Kollegen stehen und ging zum Konferenzraum. Sie ging an Elliot vorbei und setzte sich auf den Platz neben dem, den er üblicherweise einnahm.
Duncan bemerkte sie als erster. Sie dort sitzen zu sehen, schien ihm schließlich auch vor Augen zu führen, was sie bereits erkannt hatte, nämlich dass der Irland-Auftrag zu haben war und einer von ihnen ihn kriegen würde. Er eilte ebenfalls in den Raum, während er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Aber die anderen bemerkten es und plötzlich versuchte jeder, möglichst schnell, aber unauffällig in den Raum zu kommen, um Elliot zu beeindrucken und den Auftrag zu ergattern.
So blieb Joshua allein mitten im Großraumbüro zurück. Krankenpfleger hoben ihn auf die Trage und brachten ihn weg, während im Konferenzraum seine Angestellten um seinen Auftrag kämpften.
*
„Ich bin sicher, ihr habt es inzwischen alle gemerkt“, sagte Elliot. „Joshuas Unfall hat mich ein eine Zwickmühle gebracht.“
Er faltete seine großen Hände auf dem Konferenztisch und schaute sie alle der Reihe nach an.
Keira wartete still ab. Sie hatte eine Plan: sollten die anderen sich doch gegenseitig aufreiben, sie würde bis zur letzten Sekunde warten und dann ihre Karten richtig ausspielen.
„Der Irland-Auftrag“, fuhr Elliot fort, „sollte unsere Titelgeschichte werden. Viatorum soll in eine neue Richtung gehen. Persönlichere Texte, Erfahrungen aus erster Hand. Der Autor bringt die Geschichte voran, die Örtlichkeiten stehen im Mittelpunkt. Ich hatte das mit Joshua besprochen. Ich weiß nicht, ob einer von euch versteht, was mir vorschwebt.“ Er blickte auf den Tisch und runzelte so sehr die Stirn, dass die Ader hervorstand. „Der Flieger geht morgen“, klagte er, als hätte er keine Zuhörer.
„Also“, sagte Lisa, „mein Florida-Artikel ist fast erledigt. Ich kann ihn im Flugzeug abschließen.“
„Auf keinen Fall“, antwortete Elliot. „Man kann nicht zwei Aufträge auf einmal erledigen. Wer ist frei?“
Aus einigen Kollegen entwich der angehaltene Atem. Sie waren damit aus dem Rennen.
„Ich bin frei“, sagte Duncan. „Ich wollte eigentlich heute nach Madrid fliegen, aber die Arbeit geht vor. Stacy wird es nichts ausmachen, wenn ich den Urlaub verschiebe.“
Keira konnte nur mit Mühe ein Augenrollen unterdrücken angesichts dieser auswendig gelernten Ansage. Sie fragte sich, wie gelassen Stacy tatsächlich reagieren würde, wenn ihr Urlaub ins Wasser fiele.
Elliot musterte Duncan über den Tisch hinweg. „Du bist dieser Buxton-Typ, oder? Der den Artikel über Frankfurt geschrieben hat?“
„Ja“, antwortete Duncan und grinste stolz.
„Der Artikel war Mist“, sagte Elliot.
Keira spürte, wie ihre Aufregung wuchs. Das war ihr Moment. Ihre Chance zu glänzen.
Sie ignorierte die aufkommende Nervosität und hob lässig ihre Hand. „Ich stehe für den Auftrag zur Verfügung.“
Alle schauten sie an. Sie bemühte sich, nicht den Kopf zwischen die Schultern zu ziehen, sondern aufrecht zu sitzen.
„Wer bist du?“, fragte Elliot.
Keira schluckte. „Keira Swanson. Ich bin Joshuas jüngste Autorin. Er hatte mich damit beauftragt, die Recherche für den Irland-Auftrag zu machen.“
„So, hat er das?“, fragte Elliot. Es schien ihm egal zu sein, dass Joshua seine Arbeit an Untergebene delegierte. Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. „Du warst noch nie in Übersee für einen Auftrag?“
Keira schüttelte den Kopf. „Bisher nicht“, antwortete sie. „Aber ich freue mich drauf.“ Sie hoffte, man würde das Zittern in ihrer Stimme nicht hören.
Sie spürte die Irritation ihrer Kollegen am Tisch. Wahrscheinlich fanden sie es unfair und dachten, Keira hätte einen solchen Auftrag nicht verdient. Sie ärgerten sich bestimmt, dass sie in den vergangenen Wochen weniger interessante Aufträge angenommen hatten und nun damit beschäftigt waren. Die einzige Person, die auf ihrer Seite zu sein schien, war Nina, die sie wissend anlächelte. Innerlich lächelte Keira zurück. Dies war ihre Chance. Sie hatte abgewartet, hinter Joshua aufgeräumt, seine Texte überarbeitet, viele Überstunden ohne Vergütung gemacht. Jetzt würde sie aus den Schatten heraus ins Licht treten.
Elliot trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. „Ich bin nicht sicher“, sagte er. „Du hast dich noch nicht bewiesen. Und das ist eine große Aufgabe.“
Nina meldete sich am anderen Ende des Tisches zu Wort. Sie hatte sich bereits Vertrauen und Respekt erarbeitet. Als erfahrene Herausgeberin hochwertiger Magazine hatte sie die nötige Härte. „Ich glaube nicht, dass du eine andere Wahl hast.“
Elliot hielt inne, als müsse er die Worte erst einmal verdauen. Dann glättete sich die gerunzelte Stirn und er antwortete mit zögerlicher Akzeptanz. „Also gut. Swanson, du hast den Auftrag. Aber nur, weil wir in einer echten Notlage sind.“
Das war vielleicht nicht die beste Art, um solche guten Nachrichten zu bekommen, aber Keira war das egal. Sie hatte den Auftrag. Das war alles, was zählte. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht die Faust gen Himmel zu recken.
„Es handelt sich um eine vierwöchige Reise“, erklärte Elliot. „Zum Lisdoonvarna Festival in Irland.“
Keira nickte. Das wusste sie bereits alles. „Das Festival der Liebe“, sagte sie etwas säuerlich.
Elliot schmunzelte. „Bist du immer so zynisch?“
Das ließ Keira nervös werden. Hatte sie das Falsche gesagt? Ihre Verachtung war ihr einfach so heraus gerutscht. Aber dann sah sie, dass Elliots Gesicht eher Zustimmung ausdrückte.
„Das ist genau der Blickwinkel, den ich haben will“, sagte er.
Alle am Tisch sahen so aus, als hätten sie in eine Zitrone gebissen. Lisa starrte Keira eifersüchtig an.
„Die Wahrheit“, fügte Elliot hinzu. Seine Augen funkelten plötzlich vor Aufregung. „Ich will, dass du diese Albernheit über das romantische Irland entlarvst. Widerlege den Mythos, dass man bei so einem sentimentalen Festival mit einem Partner fürs Leben verbunden wird. Ich erwarte, dass du mutig den Unsinn aufzeigst, dass Liebe so nicht in der realen Welt funktioniert. Ich will die ganze ungeschminkte Wahrheit.“
Keira nickte. Sie war eine zynische New Yorkerin, und der Blickwinkel des Auftrags kam ihr sehr entgegen. Es war, als wäre ihr der perfekte Auftrag zum richtigen Zeitpunkt praktisch in den Schoß gefallen. Dies war ihre Chance, sich zu beweisen, ihre Stimme und ihr Talent zu zeigen, allen klar zu machen, dass sie sich ihren Platz bei Viatorum wahrlich verdient hatte.
„Damit ist die Besprechung beendet“, sagte Elliot. Als Keira aufstand, fügte er hinzu, „du nicht, Miss Swanson. Wir müssen noch ein paar Details des Auftrags mit meiner Assistentin besprechen. Gehen wir doch in mein Büro.“
Als die Anderen nach und nach den Raum verließen, machte Nina ein Daumen-hoch-Zeichen. Dann ging Keira an Elliots Seite quer durch das Büro. Ihre Absätze klackerten auf den Kacheln und eifersüchtige Blicke folgten ihr.
*
In dem Moment, als sich die Tür zu Elliots Büro hinter ihnen schloss, wusste Keira, dass die wirkliche Arbeit jetzt erst begann. Elliots Assistentin Heather war bereits da. She runzelte verwirrt die Stirn, als sie sah, dass Keira den Auftrag bekommen hatte, aber sie sagte nichts.
Eine weitere Person, der ich zeigen werde, dass sie falsch liegt, dachte Keira.
Sie und Elliot setzten sich hin. Heather reichte ihr eine Mappe.
„Deine Flugtickets“, erklärte sie. „Und Details zur Unterkunft.“
„Ich hoffe, du bist ein Frühaufsteher, denn du wirst morgen früh aufbrechen“, fügte Elliot hinzu.
Keira lächelte, aber im Geiste ging sie all die Termine in ihrem Kalender durch, die sie absagen musste oder verpassen würde. Ihr brach der kalte Schweiß aus, als ihr bewusst wurde, dass sie die Hochzeit von Ruth, Zacharys Schwester, verpassen würde. Die war morgen. Er würde ziemlich sauer sein.
„Das ist kein Problem“, sagte sie und warf einen Blick auf die Flugtickets in der Mappe. 6 Uhr. „Überhaupt kein Problem.“
„Wir haben dir ein Zimmer in einem idyllischen kleinen Bed & Breakfast in Lisdoonvarna gebucht“, erklärte Elliot. „Kein Schnickschnack. Wir wollen, dass du alles ganz hautnah erlebst.“
„Großartig“, antwortete sie.
„Versau es nicht, okay?“, sagte Elliot. „Ich gehe mit dir ein echt großes Risiko ein. Wenn du den Auftrag versaust, dann war es das hier für dich. Klar? Es gibt Hunderte von Autoren, die nur darauf warten, deinen Platz einzunehmen.“
Keira nickte, bemüht, ihre Anspannung nicht zu zeigen. Sie wollte einen zuversichtlichen Eindruck machen, während sie in Wirklichkeit Schmetterlinge im Bauch hatte.
KAPITEL ZWEI
Als Keira spät am Abend in ihr Apartment heimkehrte, das sie gemeinsam mit ihrem Freund bewohnte, zitterte sie noch immer vor Aufregung und konnte es kaum fassen. Sie hatte Schwierigkeiten, den Schlüssel ins Schlüsselloch zu stecken, um die Tür aufzuschließen.
Schließlich gelang es ihr und sie trat ein. Der Duft von Essen hing in der Luft, vermischt mit dem Geruch von Putzmittel. Zachary hatte sauber gemacht. Das bedeutete, dass er wütend war.
„Ich weiß, ich weiß, ich weiß“, sagte sie, noch bevor sie ihn überhaupt sah. „Du bist sauer und es tut mir leid.“ Sie warf ihre Schlüssel in die Schale neben dem Eingang und schloss die Tür. „Aber, Liebling, ich habe großartige Neuigkeiten!“ Sie schlüpfte aus ihren Schuhen und rieb sich die schmerzenden Füße.
Zachary erschien in der Tür des Wohnzimmers, die Arme verschränkt. Sein dunkles Haar passte zu seiner düsteren Stimmung.
„Du hast das Essen verpasst“, sagte er. „Den kompletten Brunch.“
„Es tut mir leid“, sagte Keira flehentlich. Sie warf ihm die Arme um den Nacken, aber er zeigte sich unbeeindruckt, daher änderte sie ihre Taktik. Sie gab ihrer Stimme einen verführerischen Klang. „Wie wäre es, wenn wir uns darüber streiten und ich es dann wieder gutmache?“
Zachary schubste ihre Arme weg und stürmte zurück ins Wohnzimmer, wo er sich auf die Couch warf. Das Zimmer war makellos sauber. Selbst seine PlayStation hatte er abgestaubt. Er war zorniger als je zuvor, das erkannte Keira.
Sie setzte sich neben ihn und legte behutsam eine Hand auf sein Knie, strich über den Jeansstoff unter ihren Fingern. Zachary starrte geradeaus auf den Fernseher, der gar nicht an war.
„Was soll ich machen, Zach?“, fragte sie leise. „Ich muss arbeiten. Das weißt du doch.“
Er atmete aus und schüttelte den Kopf. „Ich verstehe, dass du arbeiten musst. Ich arbeite schließlich auch. Alle Welt arbeitet. Aber niemand sonst hat einen Boss, der nur mit den Fingern schnippen muss und seine Angestellten kommen angelaufen wie die Lemminge!“
Das war nicht von der Hand zu weisen.
„Warte mal, du bist aber nicht eifersüchtig auf Josh, oder?“, fragte Keira. Der Gedanke war lächerlich. „Wenn du ihn nur hättest sehen können!“
„Keira“, kläffte Zachary und schaute sie endlich an. „Ich bin nicht eifersüchtig auf deinen Boss. Zumindest nicht so. Ich bin eifersüchtig darauf, dass er so viel Zeit von dir bekommt, so viel Energie. Er ist praktisch der Mittelpunkt in deinem Leben.“
Jetzt war es an Keira, zu seufzen. Sie verstand durchaus, was Zachary meinte, aber sie wünschte sich, er würde ihren Erfolg mehr unterstützen. Sie wollte, dass er durchhielt, solange sie noch ganz am Anfang war. Es würde leichter werden, sobald sie auf der Karriereleiter nach oben geklettert war.
„Ich wünschte, es wäre anders“, stimmte Keira zu. „Aber all meine Anstrengungen werden nicht weniger werden, zumindest nicht im nächsten Monat.“
Zachary runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“
Keira wollte ihre Aufregung ihm zuliebe nicht so zeigen, aber sie konnte einfach nicht anders. Sie quiekte beinahe als sie sagte: „Ich gehe nach Irland!“
Es entstand eine sehr lange Pause, als Zachary diese Information verarbeitete.
„Wann?“, fragte er kühl.
„Das ist der Punkt“, antwortete Keira. „Es hat eine Personaländerung in letzter Minute gegeben. Josh hat sich das Bein gebrochen. Es ist eine ziemlich lange Geschichte.“
Zach starrte sie einfach an, während sie schwafelte, und wartete auf das dicke Ende.
Keira sank in die Polster, wollte sich möglichst klein machen. „Ich fliege morgen.“
Zacharys Gesichtsausdruck änderte sich schlagartig. Waren es vorher nur Regenwolken, zog jetzt ein Gewitter auf.
„Aber morgen ist die Hochzeit“, sagte er.
Keira nahm seine Hände in ihre. „Das Timing ist doof, das gebe ich zu. Aber ich schwöre dir, Ruth wird es verstehen.“
„Verstehen?“, schnappte Zach und riss seine Hände los. „Es ist ihre Hochzeit!“
Er sprang auf, lief auf und ab, fuhr sich mit den Händen durch das Haar. Keira eilte zu ihm, versuchte, seinen Zorn zu beschwichtigen. Aber das ließ Zachary nicht zu.
„Ich fasse es nicht“, keuchte er. „Ich veranstalte hier den ganzen Tag einen Brunch für deine Familie, höre mir Bryns Geschwafel an, wie heiß ihr neuer Meditationslehrer ist und all ihre geistlosen Ansichten….“
„Hey!“, sagte Keira, nun ebenfalls wütend. Über ihre große Schwester zu lästern, das ging gar nicht.
„Und anstatt mir zu danken“, fuhr Zach fort, „haust du mir so etwas um die Ohren! Wie soll ich das denn bitte Ruth erklären?“
„Ich sage es ihr selber“, schlug Keira vor. „Dann bin ich der Buhmann, es macht mir nichts aus.“
„Du bist der Buhmann!“, rief Zachary.
Er stürmte aus dem Wohnzimmer. Keira folgte ihm ratlos. Sie waren seit zwei Jahren zusammen und sie hatte ihn noch nie so wütend erlebt.
Sie folgte ihm ins Schlafzimmer und sah, dass er einen Koffer unter dem Bett hervor holte.
„Was tust du?“, fragte sie entsetzt.
„Was denn wohl?“, schnappte er zurück. „Du kannst ja wohl kaum ohne Koffer verreisen, oder?“
Keira schüttelte den Kopf. „Ich weiß, du bist wütend, aber jetzt übertreibst du ein wenig.“
Sie nahm ihm den Koffer ab und warf ihn auf das Bett. Er ging auf, als wolle er sie einladen, ihre Sachen zu packen. Keira musste sich zusammenreißen, um nicht genau das jetzt sofort zu tun.
Zach schien ein wenig an Energie zu verlieren. Er sank in sich zusammen, setzte sich auf das Bett und stützte den Kopf in beide Hände.
„Du entscheidest dich immer für die Arbeit anstatt für mich.“
„Es tut mir leid“, sagte Keira, schaute ihn aber nicht an, während sie ihren Lieblingspulli vom Boden aufhob und unauffällig in den Koffer legte. „Aber dies ist die Chance meines Lebens.“ Sie ging zum Frisiertisch und wühlte sich durch die Menge der Feuchtigkeitscremes und Parfüms. „Ruth hasst mich sowieso. Sie hat mich ohnehin nur in das Brautgefolge aufgenommen, weil du sie darum gebeten hast.“
„Weil man das so macht“, sagte Zachary traurig. „Man macht Familienkram zusammen.“
Sie drehte sich um und räumte die Sachen schnell in den Koffer. Aber Zach bemerkte, was sie tat und sein Gesicht verfinsterte sich noch mehr.
„Packst du etwa?“
Keira erstarrte und kaute auf ihrer Unterlippe. „Tut mir leid.“
„Nein, tut es nicht“, sagte er kalt. Dann schaute er auf. „Wenn du gehst, dann weiß ich nicht, ob wir zusammen bleiben können.“
Keira hob eine Augenbraue, verblüfft von dieser Drohung. „Ach, wirklich?“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Jetzt hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Du stellst mir ein Ultimatum?“
Zachary warf frustriert die Arme in die Luft. „Tu nicht so, als würdest du mich nicht dazu zwingen! Siehst du denn nicht, wie peinlich das für mich wird, wenn ich morgen auf Ruths Hochzeit ohne dich erscheine?“
Keira seufzte, ebenso frustriert. „Ich verstehe nicht, wieso du denen nicht einfach erklären kannst, dass ich einen super Auftrag an Land gezogen habe, den ich mir nicht entgehen lassen konnte.“
„Die Hochzeit meiner Schwester ist es, die du dir nicht entgehen lassen solltest. Das sollte deine Priorität sein!“
Ah, da war es wieder. Dieses Wort. Priorität. Das, was sie Zach gegenüber nicht zugeben konnte, dass diese nicht ihm galt, sondern ihrer Karriere.
„Es tut mir leid, wiederholte sie und spürte, wie ihre Entschlossenheit nachließ. „Aber es ist einfach nicht möglich. Meine Karriere hat eben Vorrang.“
Sie ließ den Kopf hängen, aber nicht vor Scham, sondern weil sie traurig war. Es hätte so nicht sein müssen. Zach hätte niemals ihre Beziehung gegen ihre Karriere in den Ring werfen dürfen. Das war eine Schlacht, die er verlieren würde.
Keira wusste nicht, was sie noch hätte sagen können. Sie schaute in Zacharys wütendes Gesicht. Es fiel kein weiteres Wort mehr. Es gab nichts mehr zu sagen. Dann erhob sich Zach vom Bett, verließ das Zimmer und ging zur Tür. Er nahm den Schlüssel aus der Schale, ging hinaus und knallte die Tür hinter sich zu. Als Keira das Auto wegfahren hörte, wusste sie, dass er heute Nacht nicht mehr wiederkommen würde. Er würde auf Ruths Sofa schlafen, um ihr seinen Standpunkt klar zu machen.
Keira hatte gewonnen, aber der Sieg schmeckte bitter. Sie sank neben ihrem Koffer auf das Bett und spürte einen dicken Kloß im Hals.
Mit dem dringenden Bedürfnis nach ein paar netten Worten griff sie nach ihrem Handy und rief ihre Mutter an.
„Hallo, mein Schatz“, sagte sie sofort, als hätte sie der Name ihrer Tochter im Display sofort in Alarm versetzt. „Ist alles in Ordnung?“
Keira seufzte. „Ich wollte dir von meinem Auftrag erzählen, den ich heute bekommen habe. Es ist eine Titelgeschichte. Ich fliege dafür nach Irland.“
„Liebling, das sind großartige Neuigkeiten. Wie aufregend! Herzlichen Glückwunsch. Aber wieso klingst du dann so niedergeschlagen?“
Keira rollte auf den Bauch. „Zach. Das Ganze passt ihm nicht. Streng genommen hat er gesagt, es wäre aus zwischen uns, wenn ich fliege.“
„Ich bin sicher, er hat es nicht so gemeint“, sagte die Mutter beschwichtigend. „Du weißt doch, wie Männer sein können. Sein Ego ist angekratzt, weil du deine Prioritäten über seine gestellt hast.“
Keira zupfte gedankenverloren am Kopfkissen. „Es hat eher mit Ruths Hochzeit morgen zu tun“, erklärte sie. „Er denkt, ich lasse ihn hängen. Als würde seine ganze Welt in sich zusammenfallen, wenn er ohne Begleitung da auftaucht.“ Sie lachte bitter, erntete am anderen Ende der Leitung aber nur Schweigen.
„Oh“, sagte die Mutter.
„Oh, was?“, fragte Keira irritiert.
Die Stimme ihrer Mutter hatte ein wenig an Wärme eingebüßt. Da schwang etwas mit, das Keira nur allzu gut kannte, da sie es als Kind ständig zu hören bekommen hatte. Missbilligung.
„Nun, es war mir nicht klar, dass du die Hochzeit seiner Schwester verpassen würdest“, sagte sie.
„Und das ändert deine Meinung?“, fragte Keira kurz angebunden.
Ihre Mutter antwortete mit einem vertrauten diplomatischen Tonfall. „Wenn du schon eingeplant warst, und es ist immerhin seine Schwester, dann ist es schlimm, da allein zu erscheinen. Jeder starrt und tuschelt. Es wird unangenehm sein für ihn.“
„Mama!“, jammerte Keira. „Wir leben nicht mehr in den 50ern. Ob es dem Mann genehm ist, ist nicht mehr wichtiger als die Karriere der Frau!“
„Das meinte ich damit nicht, Schatz“, sagte ihre Mutter. „Ich meine ja nur, dass Zachary ein netter junger Mann ist und es ist nichts falsch daran, die Hochzeit wichtiger zu finden. Du willst doch nicht sein wie deine Schwester, mit diesen Dating-Webseiten, wo die Männer behaupten, sie wären 1,90 m und dann sind sie knapp 1,70 m!“
„Mama!“, rief Keira erneut und unterbrach das Gebrabbel. „Ich könnte wirklich gerade deine Unterstützung gebrauchen.“
Ihre Mutter seufzte. „Aber ich freue mich doch für dich. Und ich liebe deine Leidenschaft für die Arbeit. Wirklich.“
Keira rollte mit den Augen. Ihre Mutter war nicht gerade überzeugend.
„Ich denke einfach, in dieser Situation müsstest du bei deinem Freund sein. Ich meine, was ist denn wichtiger? In drei Jahren gibst du den Job sowieso auf, um Kinder zu haben.“
„Okay, Mama, das reicht jetzt!“, schnappte Keira. Kinder zu kriegen, war ihr so fern, das war gerade zu lächerlich, davon jetzt anzufangen.
„Liebling“, sagte ihre Mutter besänftigend. „Es ist sehr lobenswert, so hart zu arbeiten. Aber die Liebe ist auch wichtig. Mindestens genau so wichtig. Wenn nicht sogar wichtiger. Liegt dir wirklich mehr daran, diesen Artikel zu schreiben, als an Zachary?“
Keira bemerkte, dass sie das Telefon fest umklammert hielt. Sie lockerte ihren Griff ein wenig. „Ich muss los, Mama.“
„Denk darüber nach, was ich gesagt habe.“
„Mache ich.“
Sie legte schweren Herzens auf. Das Hochgefühl von vorhin hatte sich komplett in Luft ausgelöst. Es gab nur eine einzige Person, die sie jetzt noch aufheitern konnte, und das war Bryn. Sie suchte schnell die Nummer ihrer großen Schwester in der Kontaktliste und rief sie an.
„Hi, Schwesterherz“, sagte Bryn. „Du hast den Brunch verpasst.“
„Ich habe gearbeitet“, antwortete Keira. „Joshua hat uns alle ins Büro zitiert. Ich denke, er wollte Elliot gegenüber Eindruck schinden, wegen des Artikels über Irland, den er schreiben sollte. Aber dann ist er ausgerutscht und…, nun, er hat sich das Bein gebrochen.“
„Machst du Witze?“, rief Bryn und brach in Gelächter aus. „Wie passiert so etwas bloß?“
Und schon begann sich Keiras Traurigkeit in Luft aufzulösen. Das konnte nur Bryn.
„Es war irre“, sagte sie. „Ich habe den Knochen gesehen. Und dann schrie er, dass er sich die teure Hose ruiniert hätte!“
Die beiden Schwestern lachten gemeinsam.
„Und was kam dann?“, fragte Bryn, ganz die aufmerksame Zuhörerin, wie sie es eigentlich von Zachary oder ihrer Mutter erwartet hatte.
„Er wurde mit dem Krankenwagen abtransportiert und mir wurde klar, dass die Besprechung anfing – Elliot hasst es, wenn Leute zu spät kommen – also bin ich hingegangen. Dadurch ist er auf mich aufmerksam geworden und jetzt habe ich den Irland-Auftrag.“
„Wahnsinn!“, rief Bryn. „Machst du Witze? Meine kleine Schwester schreibt die Titelstory?“
Keira lächelte. Sie wusste, dass Bryn nicht das volle Ausmaß dieser Angelegenheit erfasste und ein wenig in ihrem Enthusiasmus übertrieb, aber sie wusste das zu schätzen. So hatte sie sich das von Zachary gewünscht.
„Es war großartig. Aber nun muss ich morgen schon nach Irland reisen und verpasse Ruths Hochzeit.“
„Na und?“, fragte Bryn. „Das ist doch wohl wichtiger. Du kannst Ruth doch sowieso nicht leiden.“
„Nein, aber ich mag Zach.“, sagte Keira. Bryn sollte verstehen, dass es vielleicht nicht ganz einfach war, von jetzt auf gleich einfach nach Irland zu fliegen. „Er ist echt wütend gewesen.“
Bryn atmete geräuschvoll aus. „Schau mal, Schwesterherz. Ich weiß, das ist nicht leicht. Und ich mag den Kerl, glaube mir. Wirklich. Aber du musst das machen! Du musst! Ich sollte das vielleicht nicht sagen, aber es ist keine gute Idee, mit jemandem zusammen zu sein, der dich so ausbremst. Du würdest es ihm auf ewig vorhalten, wenn du ihm jetzt nachgibst.“
„Und er mir, wenn ich fliege.“
„So ist es. Die traurige Wahrheit ist, dass das Leben der Liebe manchmal in die Quere kommt. Zwei Menschen können füreinander geschaffen sein, aber das Timing macht alles zunichte.“
Keira fühlte den Schmerz bei dem Gedanken, Zachary für ihre Karriere zu verlassen, aber vielleicht hatte Bryn recht. Vielleicht war die Zeit einfach nicht reif für sie beide.
„Also, was wirst du tun?“, fragte Bryn und holte Keira aus ihren Gedanken.
Keira holte tief Luft. „Weißt du was? Ich habe zu viel Mist durchgemacht, um auf der Karriereleiter nach oben zu kommen, als dass ich jetzt aufgeben würde. Ich kann das nicht ablehnen.“
Keira spürte, wie ihr alter Schwung zurückkehrte. Sie war traurig über die Aussicht, Zachary zurückzulassen, aber sie sah keine andere Möglichkeit. Das Angebot abzulehnen, hätte das Ende ihrer Karriere bedeutet. Es gab nur entweder oder.
Sie musste das einfach machen.
KAPITEL DREI
Keiras Wecker holte sie am nächsten Morgen zu einer wahrlich unchristlichen Zeit aus dem Schlaf. Das Ding plärrte wie ein Nebelhorn. Sie rollte sich zur Bettkante und schaltete ihn aus. Dann fiel ihr auf, dass die andere Seite des Bettes leer war. Zach hatte letzte Nacht nicht hier geschlafen.
Sie stand auf, rieb sich den Schlaf aus den Augen, und warf einen Blick in das Wohnzimmer. Kein Zach. Wie sie bereits vorhergesehen hatte, war er letzte Nacht nicht mehr zurückgekommen. Wahrscheinlich war er bei Ruth geblieben.
Sie verdrängte die Enttäuschung und das Bedauern und duschte. Das warme Wasser ließ sie wünschen, einfach wieder ins Bett zu gehen. Statt dessen zog sie sich bequeme Kleidung für die lange Reise an.
Sie nahm ihre Tasche und stellte sicher, dass die Tickets und die Mappe mit den Infos da waren, die Heather ihr gegeben hatte. Zufrieden, alle nötigen Dokumente beisammen zu haben, verließ sie das Haus und stieg in ein wartendes Taxi.
Während sie zügig durch die noch leeren Straßen New Yorks fuhr, nutzte Keira die Gelegenheit, ihre rasenden Gedanken ein wenig zu sammeln. Das passierte ihr gerade alles tatsächlich. Sie würde wirklich nach Übersee fliegen, um dort zu arbeiten. Davon hatte sie immer schon geträumt. Sie hätte sich lediglich gewünscht, Zachary hätte sich mit ihr freuen können, anstatt auf Distanz zu gehen.
Der Flughafen in Newark war so voll wie die U-Bahn während der Rush Hour. Ein Flug um 5 Uhr morgens war für viele Geschäftsleute völlig normal und Keira empfand ein wenig Stolz darüber, dass sie nun dazu gehörte. Sie gab ihr Gepäck auf, hoch erhobenen Hauptes, wie ein Hollywood Superstar. Sie suchte sich einen Coffee Shop für die morgendliche Tasse und um Zeit totzuschlagen, bevor sie an Bord gehen konnte.
Während sie dort im belebten Coffee Shop saß, warf sie wieder und wieder einen Blick auf ihr Handy. Obwohl sie wusste, dass Zachary um diese Zeit noch schlafen würde, hoffte sie dennoch auf irgendein Lebenszeichen von ihm. Sie war überzeugt, das Richtige getan zu haben, als sie den Auftrag übernahm und wünschte sich, er würde das früher oder später auch einsehen. Oder ihre Beziehung war tatsächlich zum Scheitern verurteilt, so wie Bryn es vermutete. Ihre unterschiedlichen Prioritäten waren vielleicht wirklich ein Hindernis, das sie nicht überwinden konnten.
Sie schickte Zachary eine unbeschwerte Nachricht, ohne ihren Streit zu erwähnen, in der Hoffnung, dass er ihr beim Lesen einer freundlichen Nachricht gleich nach dem Aufwachen etwas besser gesonnen war.
Ihr Handy piepte und sie schaute aufgeregt auf das Display, voller Hoffnung, dass Zachary geantwortet hatte. Aber es war nur Heather, die checken wollte, ob alles geklappt hatte und sie pünktlich im Flieger sitzen würde. Enttäuscht schrieb Keira ihr zurück, dass alles in Ordnung sei.
Bald darauf wurde ihr Flug aufgerufen. Sie trank ihren Kaffee aus und ging zu ihrem Schalter. Sie nahm sich vor, Zachary anzurufen, sobald sie gelandet war. Der Zeitunterschied zwischen New York und Irland betrug vier Stunden, das musste sie unbedingt im Hinterkopf behalten, während ihres Aufenthaltes dort.
An Bord des Flugzeugs machte Keira es sich bequem und warf einen letzten Blick auf das Handy. Aber da war noch immer keine Nachricht von Zachary. Statt dessen gab es missbilligende Blicke der Flugbegleiterin, weil sie das Handy längst hätte ausschalten sollen. Keira seufzte, schaltete es aus und verstaute es in ihrer Tasche.
In dem Moment kam eine laut schwatzende Gruppe an Bord, offenbar ein Junggesellenabschied. Keira stöhnte auf. Der Flug war lang, sieben Stunden, um genau zu sein, nach Shannon im County Clare. Es würde schon dunkel sein, wenn sie ankam, aber ihr Körper würde denken, es wäre erst Mittag. Sie hatte gehofft, während des Fluges ein wenig schlafen zu können, aber die laute Männergruppe würde das wohl zu verhindern wissen.
Das Flugzeug bewegte sich zur Startbahn. Keira versuchte, die lärmende Partygruppe auszublenden, indem sie Ohrstöpsel benutzte und die Augen schloss. Aber das reichte leider nicht, um die lauten Männer zu ignorieren.
Das Flugzeug erhob sich in die Lüfte und Keira ging zu Plan B über: Koffein. Sie bestellte einen Kaffee bei der Flugbegleiterin, wohl wissend, dass es der erste von vielen sein würde. Sie trank ihn mit einigem Missfallen über den Lärm der Partytypen.
Schließlich nahm sich Keira die Mappe vor, die Heather vorbereitet hatte, mit Infos und Hinweisen.
Es gibt keine Taxis, daher wird auf dem Parkplatz ein Leihwagen für dich stehen. Ich hoffe, du kannst mit einem Schaltknüppel umgehen. Und vergiss nicht, auf der LINKEN Seite zu fahren.
Der Gedanke, mit reichlich Schlafmangel zu fahren, behagte Keira gar nicht. Sie war schon seit Ewigkeiten nicht mehr gefahren, normalerweise nahm sie die U-Bahn. Schaltknüppel bedeuteten einen zusätzliche Herausforderung. Links zu fahren, würde sich als noch schwieriger erweisen. Wenn sie nicht sofort einen Unfall fabrizieren wollte, musste sie noch viel mehr Kaffee trinken!
Du wohnst in einem traditionellen irischen Pub und Bed & Breakfast, erwarte also kein Hilton. Das ist sehr rudimentär.
Das machte Keira nichts aus. Seit sie das College verlassen hatte, war sie eine hungernde Journalistin gewesen. Hotels waren seit Jahren außerhalb ihrer Preisklasse. Sie würde einen Monat lang schon damit klarkommen. Solange man nicht von ihr erwartete, dass sie ein Plumpsklo benutzen sollte, würde sie mit den rudimentären Umständen zurechtkommen.
Du hast den ersten Abend Zeit, dich einzugewöhnen, bevor die Arbeit losgeht. Wir haben dir einen Führer organisiert, der dir alles zeigt. Am nächsten Morgen triffst du den Matchmaker und Festivalveranstalter. Das Festival selbst fängt am nächsten Abend an.
Während sie die Informationen durchging, wurde Keira immer aufgeregter. Der Flug verging viel schneller, als sie erwartet hatte, was vielleicht an dem vielen Adrenalin lag, das ihr durch die Adern rauschte. Das und die Unmengen an Koffein.
Keira landete guter Dinge in Shannon, verließ das Flugzeug und trat hinaus in die kalte, frische Septemberluft. Sie hatte erwartet, grüne Hügel zu sehen, mit Schafen und Kühen. Der Flughafen in Shannon war hingegen eher nichtssagend. Langweilige, graue Industriebauten, mehr gab es nicht zu sehen.
Der Wagenverleih war auch nicht besser. Anstelle eines herzlichen, irischen Willkommens, fand sie sich einem jungen Mann mit versteinerter Miene gegenüber, der ihren Buchungsbeleg schweigend entgegennahm und ihr ebenso schweigsam die Schlüssel für den Leihwagen aushändigte.
Keira nahm die Schlüssel und fand den Wagen auf dem Parkplatz. Er war unglaublich klein. Sie stieg rechts ein und erinnerte sich an Heathers Mahnung, links zu fahren. Es dauerte einen Weile, bis sie sich mit dem Schaltknüppel und der Kupplung vertraut gemacht hatte, dann fuhr sie los. Das Navi dirigierte sie aus Shannon hinaus. Sie würde etwa eine Stunde bis Lisdoonvarna brauchen.
Sie hatte knapp die Hauptstraße verlassen, als ihr bewusst wurde, dass sie schmale, gewundene Straßen ohne Bürgersteig entlang fuhr. Es gab keine Straßenschilder und keine Ampeln. Keira umklammerte aufgeregt das Lenkrad und richtete ihre volle Konzentration auf den Weg vor ihr, er immer schmaler zu werden schien.
Nach etwa einer Viertelstunde fing sie an, sich zu entspannen. Der Verkehr war gering, was sie beruhigte, denn so lief sie weniger Gefahr, mit jemandem zusammenzustoßen. Die Umgebung war auch sehr entspannend. Man sah nichts außer Hügel und Felder mit Schafen. Das Gras war grüner als es Keira je gesehen hatte. Sie kurbelte das Fenster herunter und wollte die frische Luft einatmen. Statt dessen erwischte sie einen Schwall Mistgeruch. Sie kurbelte das Fenster schnell wieder hoch.
Da es fast keine Straßenschilder gab, war sie sehr dankbar für das Navi. Aber es gab eben auch keine Ampeln und das machte das Fahren schwieriger, weil es viele enge, schlecht einsehbare Ecken gab. Die Straßenbemalung war längst verblichen. Das Fahren auf der linken Seite war auch irritierend. Das Ganze wurde noch erschwert von der großen Zahl an Traktoren, die sie überholen musste.
Die Straße wurde schließlich so schmal, dass gerade noch genug Platz für ein Auto war. Keira wäre beinahe in den Gegenverkehr geraten und musste in die Bremsen steigen. Das Auto geriet ins Schlingern und streifte eine Hecke. Keira hob entschuldigend die Hand, aber der andere Fahrer lächelte nur freundlich, als sei das völlig normal. Er legte den Rückwärtsgang ein und machte ihr Platz. Daheim in New York hätte diese Situation dazu geführt, dass man ihr laute Flüche an den Kopf geworden hätte. Sie bekam schon jetzt einen Eindruck von der berühmten irischen Gastfreundschaft.
Ihr Herz raste immer noch von dem Schock des Beinahe-Unfalls, aber Keira schob sich langsam an dem anderen Fahrzeug vorbei.
Sie fuhr nun noch vorsichtiger, hatte noch mehr Angst auf dieser engen Straße. Sie hoffte, der Lack war ohne Kratzer aus der Begegnung mit der Hecke hervorgegangen. Sie wusste nicht, wie man daheim reagieren würde, wenn sie mit einer teuren Rechnung der Leihfirma zurück kam.
Die Reste der Aufregung, die sie anfangs noch verspürt hatte, lösten sich in Luft auf. Adrenalin und Koffein reichten eben auch nicht ewig. Statt den Anblick der wunderschönen Natur zu genießen, erschien ihr nun alles grau und trübe. Die einzigen Lebewesen weit und breit waren Schafe. Hin und wieder stand ein verlassenes, altes Farmhaus in der Landschaft und war dem Verfall ausgesetzt. Oben in den Hügeln sah Keira auch die Ruinen einer Burg, umgeben von Bäumen. Sie fragte sich, wie man ein historisches, altes Gebäude so verfallen lassen konnte.
Sie fing an, sich geistige Notizen für die Arbeit zu machen, immer unter dem zynischen Blickwinkel, den Elliot gefordert hatte. Anstatt die Schönheit des Ausblicks zu sehen, konzentrierte sie sich auf die grauen Wolken. Der wundervolle Blick über die Küste wurde ignoriert zu Gunsten der schroffen Felsen in der Ferne. Auch wenn es eigentlich atemberaubend schön war, ging Keira davon aus, dass es nicht allzu schwierig sein dürfte, diese ganze irische Romantik zu enttarnen. Sie brauchte einfach nur zu wissen, wo man etwas genauer hingucken musste und aus welchem Blickwinkel.
Sie kam durch ein paar kleine, ummauerte Orte. Einer hieß Killinaboy and sie musste laut lachen. Sie schickte ein Foto vom Ortsschild an Zachary, der das hoffentlich zu schätzen wusste.
Sie war von dem lustigen Straßenschild so abgelenkt, dass sie beinahe das nächste Hindernis übersehen hätte: eine Schafherde! Sie stieg auf die Bremse und kam gerade noch rechtzeitig zum Stehen, würgte dabei aber das Auto ab. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte. Sie hätte beinahe eine ganze Schaffamilie niedergemäht!
Während sie ihr rasendes Herz wieder zur Ruhe kommen ließ, machte sie ein Foto von der Schafherde und schickte das ebenfalls an Zachary mit dem Kommentar: Der Verkehr hier ist ein Alptraum.
Natürlich erhielt sie keine Antwort. Frustriert über seinen kompletten Mangel an Interesse schickte sie dieselben Bilder auch an Nina und Bryn. Beide antworteten fast umgehend mit lachenden Emojis und Keira nickte zufrieden. Wenigstens gab es noch jemanden, der sich für ihre Erlebnisse interessierte.
Keira startete den Wagen wieder und fuhr langsam an der Herde vorbei. Die Tiere glotzen sie an, als wüssten sie, was beinahe passiert wäre. Keira hätte sich beinahe laut bei ihnen entschuldigt. Es wurde langsam dunkel, was das Fahren noch schwieriger machte. Es half auch nicht, dass die einzigen Gebäude, die sie sah, Kirchen waren, mit schlichten Statuen der betenden Jungfrau Maria.
Endlich erreichte Keira Lisdoonvarna und war positiv überrascht. Immerhin schienen hier Menschen zu wohnen. Es gab Straßen mit mehr als nur einem Haus, was es immerhin fast wie eine Stadt aussehen ließ. All die Gebäude, Häuser und Geschäfte waren so winzig und malerisch, ganz nah an der Straße und in allen Farben des Regenbogens gestrichen. Keira war erleichtert, endlich an einem Ort zu sein, der nicht nur aus vereinzelten Häusern und einsamen Straßen bestand.
Sie fuhr langsamer und folgte den Straßenschildern bis sie die Adresse fand, die sie suchte, das St. Paddy's Inn. Das B&B befand sich auf der Ecke zweier Straßen, ein dreistöckiges, dunkelrotes Backsteingebäude. Von außen sah es für Keira sehr irisch aus.
Sie parkte den Wagen, sprang heraus und holte ihre Tasche aus dem Kofferraum. Sie war erschöpft und wollte sich gern ausruhen.
Aber als sie näher kam, war schnell klar, dass an Ausruhen gar nicht zu denken war. Schon von Weitem hörte sie fröhliche Unterhaltung und lautes Debattieren. Außerdem hörte sie Musik. Geige, Klavier und Akkordeon.
Die Glocke über der Tür klingelte, als sie das Gebäude betrat, einen kleinen dunklen Pub mit alten karmesinroten Tapeten und vielen runden Holztischen. Der Pub war zum Bersten gefüllt, alle hatten ein Bier in der Hand. Sie schauten sie an, als sie eintrat und konnten offenbar sofort erkennen, dass sie hier nicht hingehörte, dass sie nicht nur eine Touristin, sondern darüber hinaus auch noch Amerikanerin war.
Keira fühlte sich von dem Kulturschock ein wenig überwältigt.
„Was darf's denn sein?“, sagte eine männliche Stimme mit starkem Akzent, den Keira kaum verstehen konnte. Sie schaute zur Bar, hinter der ein alter Mann stand. Er hatte ein faltiges Gesicht und ein Büschel grauer Haare mitten auf dem ansonsten kahlen Kopf.
„Ich bin Keira Swanson“, sagte sie und trat näher. „Vom Viatorum Magazin.“
„Ich verstehe kein Wort! Lauter!“
Keira versuchte, die laute Musik zu übertönen und wiederholte ihren Namen. „Ich habe hier ein Zimmer gebucht“, fügte sie hinzu, als der Mann sie nur ratlos anschaute. „Ich bin eine Journalistin aus Amerika.“
Schließlich schien der Mann doch zu verstehen, wer sie war und warum sie hier war.
„Ja, sicher!“, rief er und grinste breit. „Von der Zeitung mit dem schicken lateinischen Namen.“
Er hatte eine warmherzige Ausstrahlung, geradezu großväterlich, und Keira entspannte sich ein wenig.
„Genau die“, bestätigte sie.
„Ich bin Orin“, sagte er. „Mir gehört St. Paddy. Ich wohne hier. Und das ist für dich.“
Ein Glas Guinness wurde vor ihr auf dem Tresen abgestellt. „Ein traditionelles St. Paddy-Willkommen.“
Keira zögerte. „Ich trinke eigentlich nicht“, sagte sie lachend.
Orin schaute sie vielsagend an. „Doch, tust du, solange du im County Clare bist, Mädchen. Hier kannst du ganz locker sein, wie jeder andere auch. Und außerdem müssen wir auf deine sichere Reise anstoßen! Dank sei der Jungfrau Maria.“ Er bekreuzigte sich.
Keira fühlte sich ein wenig überrumpelt, als sie das Guinness nahm und an dem starken Gebräu nippte. Sie hatte noch nie vorher Guinness getrunken und der Geschmack sagte ihr nicht gerade zu. Nach dem kleinen Schluck war sie sich ziemlich sicher, das nicht austrinken zu können.
„Hört mal alle!“, rief Orin den anderen Besuchern des Pubs zu. „Das ist die amerikanische Journalistin!“
Keira wollte sich verkriechen, als sich plötzlich alle zu ihr umdrehten, applaudierten und jubelten, als sei sie eine prominente Persönlichkeit.
„Wir freuen uns ja so, dass du da bist!“, sagte eine Frau mit krausen Haaren. Für Keiras Geschmack kam sie ihr etwas zu nahe und lächelte etwas zu breit. Dann fügte sie etwas leiser hinzu: „Du solltest vielleicht den Guinnessbart von der Lippe wischen.“
Rot vor Scham, tat Keira genau das. Gleich darauf hatte sich eine andere Besucherin mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge gebahnt, was niemanden zu stören schien. Sie verkleckerte ein wenig von ihrem Getränk unterwegs. „Ich kann es nicht erwarten, den Artikel zu lesen.“
„Oh, danke“, sagte Keira. Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass die Leute hier lesen würden, was man über sie schrieb. Das würde es vielleicht doch deutlich schwieriger machen, den zynischen Blickwinkel beizubehalten.
„Wieso bist du Journalistin geworden?“, fragte ein Mann neben ihr.
„Ich bin einfach nur eine Autorin. Keine Reporterin“, antwortete sie errötend.
„Nur eine Autorin?“, rief der Mann laut und Aufmerksamkeit heischend. „Habt ihr das gehört? Sie sagt, sie ist nur eine Autorin. Also, ich kann mal gerade so einen Stift festhalten. Da musst du wohl ein wahres Genie sein.“
Alle lachten. Nervös nahm Keira noch ein paar kleine Schlucke vom Guinness. Die irische Gastfreundschaft war ihr durchaus recht, aber es war auch ein ziemlicher Kulturschock. Es gab so viele Möglichkeiten, diesen Ort in ihrem Artikel niederzumachen, das wurde ihr unangenehm bewusst.
„Ich zeige dir dein Zimmer“, sagte Orin schließlich, als sie wenigstens die Hälfte ihres Biers ausgetrunken hatte.
Sie folgte ihm eine schmale, knarzende Treppe hinauf, einen Korridor entlang, der mit einem fadenscheinigen Teppich ausgelegt war und arg staubig roch. Keira folgte ihm schweigend, nahm alles in sich auf und entwarf im Geiste ein paar scharfe Formulierungen über die veraltete Einrichtung. An den Wänden hingen gerahmte, verblasste Fotografien von örtlichen Fußballmannschaften der Vergangenheit. Keira musste schmunzeln, als sie sah, dass viele der Spieler denselben Nachnamen trugen: O'Sullivan. Sie machte heimlich ein Foto von einem der Schwarzweißbilder und schickte es an Zachary mit dem Kommentar: Mr. O'Sullivan muss ein fruchtbares Zuchttier gewesen sein.
„So, da sind wir“, sagte Orin, öffnete eine Tür und ließ sie eintreten.
Das Zimmer war grauenvoll. Obwohl groß, mit einem Doppelbett und großem Fenster, war es schrecklich eingerichtet. Die Tapete war pfirsichfarben, mit Flecken, die viele Generationen von Händen hinterlassen hatten. Auf dem Bett lag eine dünne Steppdecke, aber nicht hübsch gemustert, sondern eher wie aus einem Notlager.
„Das ist das Zimmer mit dem Tisch“, sagte Orin und grinste stolz. Er deutete auf einen kleinen Holztisch am Fenster. „Zum Schreiben.“
Keira errötete. Sie war innerlich entsetzt von der Vorstellung, einen ganzen Monat in diesem schmierigen Zimmer wohnen zu müssen. Aber sie quetschte ein „Danke schön“ hervor. So viel zu dem Thema, sie würde locker einen Monat rustikal leben können.
„Willst du dich erst einmal etwas eingewöhnen, bevor du Shane kennenlernst?“, fragte Orin.
Keira runzelte verwirrt die Stirn. „Wer ist Shane?“
„Shane Lawder. Dein Führer für das Festival“, erklärte Orin.
„Natürlich“, sagte Keira und erinnerte sich an Heathers Notizen. Da war die Rede von einem Tourführer gewesen. „Ja, danke, ich würde Shane gern kennenlernen.“ Sie hatte nicht das geringste Bedürfnis, auch nur eine einzige Minute länger in diesem Zimmer zu bleiben. Sie warf ihre Tasche auf das Bett und ging die knarzende Treppe wieder hinunter.
„Shane!“, rief Orin, nachdem er seinen Platz hinter dem Tresen wieder eingenommen hatte.
Zu Keiras Überraschung war es der Geigenspieler, der antwortete. Er legte das Instrument beiseite und kam zu ihnen herüber, während die anderen Musiker einfach weiterspielten, als wäre nichts gewesen.
Keira konnte erkennen, dass sich unter seinem Zottelbart ein kantiger Kiefer verbarg. Tatsächlich war es so, dass er durchaus gutaussehend gewesen wäre, wenn er sich nur die Haare geschnitten und weniger schlabberige Kleidung getragen hätte. Keira hatte ein schlechtes Gewissen, an so etwas zu denken, zumal es mit Zachary im Augenblick so ungünstig lief. Aber da fiel ihr Bryns Motto ein: Gucken darf man immer.
„Du siehst nicht gerade aus wie ein Joshua“, sagte Shane, als er ihr die Hand schüttelte.
„Oh, hat dir keiner Bescheid gesagt?“, fragte Keira. „Es kam etwas dazwischen, daher bin ich nun hier. Tut mir leid.“
Shane musterte sie feixend. „Was gibt es da zu entschuldigen? Ich verbringe lieber dreißig Tage mit einer hübschen Lady wie dir. Nichts gegen diesen Joshua, ich bin sicher, er sieht gut aus, aber er klingt nicht, als wäre er mein Typ. Du weißt schon, so als Mann und so.“
Keira schluckte. Sie hatte nicht erwartet, dass irische Männer so direkt sein würden. Sie dachte an Zach und wiederholte im Geiste das Mantra, dass Gucken erlaubt war.
Während Shane sich neben ihr auf einen Barhocker setzte, stellte Orin ihnen beiden ein Guinness hin. Leira stöhnte innerlich. So viel Alkohol würde sie nicht verkraften.
Shane nahm einen kräftigen Schluck, dann breitete er ein paar Dokumente auf dem Tresen aus.
„Das Festival der Liebe geht über dreißig Tage“, erklärte er. Die meisten Aktivitäten fangen nie vor dem Abend an. Daher habe ich einen Plan erstellt, was du dir angucken kannst, während deines Aufenthaltes, damit du einen besseren Eindruck von Land und Leuten bekommst. Wir fangen mit dem Burren an, damit du eine Kalksteinlandschaft siehst. Dann die Klippen von Moher für den Blick über das Meer. Dann springen wir rüber ins nächste County, nach Kerry, zu dem alten, stattlichen Killarny, von da geht’s nach Dingle.“
„Ich dachte, du bist nur mein Führer für das Festival“, sagte Keira, „nicht für das ganze Land!“
„Du drehst durch, wenn du tagsüber nicht mal aus Lisdoonvarna rauskommst“, erklärte Shane. „Die Masse an Menschen, die kommen und gehen, das ist ein bisschen viel.“
Keira lachte innerlich. Sie bezweifelte ernsthaft, dass Lisdoonvarna während des Festivals hektischer sein könnte als New York an jedem normalen Tag.
„Es wird viel getrunken“, fuhr Shane fort. „Manche der Partys gehen bis in die frühen Morgenstunden. Ach, was sage ich, manche, denn eigentlich sind es fast alle.“
Keira dachte an den lärmenden Junggesellenabschied im Flugzeug und fragte sich, ob sie in den nächsten vier Wochen überhaupt Schlaf kriegen würde.
„Das sieht gut aus“, sagte sie und schaute sich den Plan an. „Aber ich werde jeden Tag ein wenig Zeit brauchen, um zu schreiben. Es ist eben nicht nur alles reines Vergnügen.“
Shane schmunzelte. „Du bist gerade erst angekommen und denkst schon über Arbeit nach?“
„Ich muss“, erklärte Keira. „Der Auftrag ist wichtig für mich. Ich will ihn nicht versauen.“
„Und ihn nicht zu versauen, ist gleichbedeutend damit, sich nicht entspannen zu können?“
Keira war nicht in der Stimmung, jetzt über ihre Lebensentscheidungen zu diskutieren. Darüber hatte sie von Zach und ihrer Mutter gestern wahrlich genug gehört.
„Es bedeutet lediglich, dass ich jeden Tag ein wenig Zeit zum Schreiben brauche“, gab sie ein wenig eingeschnappt zurück.
Shanes Gesichtsausdruck behielt sein amüsiertes Schmunzeln. Er nahm noch einen großen Schluck Guinness. „Du bist einer von diesen puritanischen Typen, oder? Nur Arbeit, kein Vergnügen.“
Keira blickte ihn unbeeindruckt an. „Ich weiß nicht, wie du annehmen kannst, irgendetwas über mich zu wissen“, sagte sie. „Wir kennen uns gerade erst seit fünf Minuten.“
Shane grinste immer noch. Er antwortete nicht, als wäre das Thema bereits erledigt. Keira verkrampfte sich. Er sah gut aus, das stimmte wohl, aber wenn er so weitermachte, würde er ihr schon sehr bald fürchterlich auf die Nerven gehen. Sie wusste nicht, ob sie dreißig Tage lang Hänseleien und Trinkgelage aushalten würde, ohne einen anständigen Platz zum Schreiben.
Vielleicht war dieser Auftrag schwieriger, als sie erwartet hatte.
*
Keira schaffte es schließlich, sich zur Nacht zu verabschieden. Sie hatte irgendwann aufgehört, zu zählen, wie viele Guinness Orin und Shane getrunken hatten. Immerhin hatten sie beizeiten aufgehört, sie ebenfalls zum Trinken zu animieren. Dennoch schwirrte ihr der Kopf, als sie die Treppen zu ihrem Zimmer hinaufstieg.
Sie schloss die Tür hinter sich, aber die Musik und das Stimmengewirr von unten waren dadurch nicht weniger hörbar. Keira fühlte sich völlig überdreht und aufgekratzt. Sie warf einen Blick auf ihr Handy, aber da war noch immer keine Nachricht von Zachary. Er hatte auf jeden Fall genug Zeit gehabt, sie zu lesen. Was bedeutete, dass er sie mit Schweigen strafte. Wie erwachsen, dachte Keira.
Immerhin hatte sie Nachrichten von Nina und Bryn, die sie mit Fragen bombardierten. Sie schrieb Nina, die den Artikel editieren würde, um ihr zu sagen, dass ihr Zeitplan randvoll war und an Schreiben erst einmal nicht zu denken war. An Bryn schickte sie eine kurze optische Beschreibung von Shane und ein paar Feuer-Emojis.
Er ist aber ziemlich anstrengend. Einer dieser arroganten Typen, die meinen, es wäre reizvoll, wenn sie einen die ganze Zeit auf den Arm nehmen.
Bryns Antwort kam sofort. Es IST reizvoll.
Keira lachte und legte das Handy beiseite. Die Musik unten würde sie sicher noch eine Weile vom Schlafen abhalten, also konnte sie genauso gut schon mal ein wenig arbeiten. Sie holte den Laptop aus der Tasche und schrieb eine E-Mail an Elliot, mit einigen Ideen, wie man den Artikel angehen könnte. Dank der paar Guinness konnte sie sogar einen noch bissigeren Ton finden als sie gedacht hatte.
Falls du dich je gefragt hast, wie über Jahrzehnte verkleckerte Guinnessflecken im Teppich riechen, brauchst du bloß nach Lisdoonvarna ins St. Paddy's Inn zu kommen. Als exotische Amerikanerin wurde ich gleich nach meiner Ankunft mit einem Übermaß an irischer Gastfreundschaft erstickt. Ich sage erstickt, denn es war schier unmöglich, die Angebote, reichlich Alkohol zu trinken, abzulehnen. Daher riecht es hier überall in dem dunklen Schuppen nach abgestandenem Guinness. Man hat geradezu das Gefühl, alles, Teppiche, Gardinen, Tapeten, wirklich alles klebt vom Bier. Sagen wir mal so, es würde mich nicht wundern, wenn morgen früh aus der Dusche in meinem veralteten, winzigen Bad dunkelbraune, schäumende Flüssigkeit käme.
In dieser Art setzte sie ihren Bericht fort. Sie wusste, dass es gemein war, das B&B auf diese Weise niederzumachen und erst recht die netten Menschen, die sie bisher getroffen hatte, aber sie konnte einfach nicht anders.
Sie endete den Bericht und schickte ihn ab. Elliot antwortete beinahe sofort mit lobenden Worten.
Weiter so, Keira. Das ist goldrichtig!
Im nächsten Moment klingelte ihr Telefon. Es war Bryn. Keira seufzte, denn das bedeutete, dass es mit der Arbeit für heute vorbei war. Sie klappte den Laptop zu und nahm das Gespräch an, während sie ins Bett krabbelte.
„Was ist los?“, fragte sie ihre Schwester.
„Ich hatte gerade ein misslungenes Date“, erklärte Bryn. „Also dachte ich, ich rufe dich an, um mehr über diesen stattlichen Tourguide zu erfahren.“
Keira lachte. „Also, er hat zu viele Haare. Und sein Modebewusstsein ist fragwürdig.Aber mit ein bisschen Mühe würde er schon etwas hermachen.“
„An deiner Stelle würde ich ihn mir schnappen“, sagte Bryn.
Keira schnappte nach Luft. Selbst für Bryns Verhältnisse war das schon sehr direkt. „Aber was ist mit Zach?“, fragte sie lachend.
„Was ist mit ihm?“, fragte Bryn abfällig zurück.
Keira stöhnte auf. „Er ist mein Freund“, erinnerte sie Bryn. „Und selbst wenn Shane zum Friseur gehen würde und sich neu einkleidete, dann könnte ich immer noch keine fünf Minuten in seiner Gegenwart verbringen, ohne ihm den Hals umdrehen zu wollen.“
Bryn lachte. „Das wird die nächsten paar Wochen irgendwie anstrengend machen, oder nicht?“
„Das und die Tatsache, dass sich mein Zimmer direkt über einem Pub ohne Sperrstunde befindet, und wo eine Folkband drin zu wohnen scheint.“
„Klingt großartig“, gab Bryn zurück. „Mann, Keira, du arbeitest so hart, dass du nicht einmal merkst, in welch aufregender Situation du dich befindest! Du hast gerade gesagt, dass die Party nie aufhört und dabei gestöhnt.“
„Du hörst dich an wie Shane“, antwortete Keira. „Wenn ich nicht trinken, tanzen oder fröhlich sein will, dann muss ich das auch nicht!“
Sie und Bryn beendeten das Gespräch. Keira stellte fest, dass sie trotz des Lärms von unten die Augen kaum noch aufhalten konnte. Also krabbelte sie unter die dünne Decke und legte den Kopf auf das verbeulte Kissen. Noch immer hatte Zach auf keine ihrer lustigen Nachrichten reagiert. Sie versuchte, ihn anzurufen, aber er ging nicht dran.
Sie ging auf Instagram und sah Fotos von Zach auf Ruths Hochzeit. Er sah großartig aus in seinem Anzug, aber er wirkte so einsam. Er schien immer etwas abseits und allein zu stehen, was ihr ein schlechtes Gefühl gab, nicht bei ihm zu sein. Vielleicht hatte ihre Mutter doch nicht ganz unrecht gehabt. Allein auf eine Hochzeit zu gehen, war schon etwas peinlich.
Schon fast im Halbschlaf, sah sie sich selbst mit Zach auf der Hochzeit. Allerdings war es gar nicht Zach, sondern Shane, rasiert, im maßgeschneiderten Anzug. Er sah noch besser aus, als sie gedacht hatte.
Keira erwachte mit einem Schrecken. Die Lage war schon kompliziert genug, da musste sie nicht auch noch ein Auge auf ihren Reisebegleiter werfen!
Sie schob alle weiteren Gedanken beiseite und verfiel endlich in einen tiefen Schlaf.
KAPITEL VIER
„Hast du gut geschlafen?“, fragte Orin, als Keira früh am nächsten Morgen die Treppe herunter kam und damit praktisch direkt wieder im Pub stand.
Sie rieb sich die verschlafenen Augen. „Ja, danke.“ Die Lüge kam ihr sehr leicht über die Lippen. Es war besser, so zu tun, als gefielen ihr das wackelige Bett, die dünne Decke und das verbeulte Kissen, anstatt sich zu beschweren und Orin damit aufzuregen. Schließlich konnte sie später über alles schreiben und sich damit praktisch alles von der Seele reden.
„Setz dich und iss dein Frühstück“, sagte Orin, führte sie zu einem Tisch und stellte einen Kaffee vor ihr ab. Gleich darauf folgte eine Schale mit Haferbrei. Er setzte sich ihr gegenüber. „Ich habe das auf irische Art zubereitet. Ich hoffe, du magst das.“
Er grinste breit.
„Was heißt, auf irische Art?“, murmelte Keira misstrauisch.
Sie nahm einen Schluck Kaffee und war überrascht, wie gut er schmeckte. Was auch immer die irische Art war, sie war gut! Dann aß sie ein paar Löffel Haferbrei und war begeistert. Sie hatte noch nie etwas so cremiges gegessen, es war unglaublich.
„Wow, wieso ist es so cremig?“, fragte Keira, während sie einen weiteren Löffel voll aß. „Kriegen die Kühe Bio-Gras und werden von Jungfrauen gemolken?“, witzelte sie.
Orins Grinsen wurde breiter. „Baileys im Kaffee. Und ein Schuss Whiskey in der Milch.“
Keira war schockiert. „Alkohol um 8 Uhr morgens?“, keuchte sie. „Ist das wirklich eine gute Idee?“
Orin zwinkerte ihr zu. „Die beste Art, in den Tag zu starten. Das und ein strammer Fußmarsch. Den kriegst du gleich, wenn ich dich zu deinem Treffen mit William Barry begleite, dem Leiter des Festivals.“
Da erst fiel Keira auf, dass Orin schon bereit war, aufzubrechen. Er trug halbhohe Stiefel, als rechne er mit Pfützen oder Matsch. Wie auch immer, Keira war nicht in der Stimmung zum Wandern.
„Du musst das nicht machen“, sagte sie. „Ich habe ein Navi im Auto, damit komme ich schon zurecht.“
Orin deutete auf ihren Kaffee. „Deshalb mache ich das nicht.“
Der zynische Teil von ihr fragte sich, ob Orin das absichtlich gemacht hatte, damit sie nicht fahren konnte. Aber sie wusste, dass das zu verrückt war. Orin war einfach ein netter alter Mann, der stolz auf seine Stadt war. Er wollte vor der zynischen New Yorkerin, die ihm aufgehalst worden war, ein wenig damit angeben.
„Na, komm“, fuhr Orin fort. „Du bist doch hier, um das wahre Irland zu erleben! So zu leben, wie die Einheimischen! Das wirst du nie erfahren, wenn du nicht wenigstens mal ein paar Meilen in unseren Schuhen herumgelatscht bist.“
Er zog sie spielerisch am Arm, um sie auf die Beine zu bringen. Sein Enthusiasmus war einfach unwiderstehlich, und er würde sehr wahrscheinlich nicht aufgeben, bis sie ihm folgte. Orin würde dafür sorgen, dass sie zu der Besprechung zu Fuß ging, egal, wie sehr sie sich sträubte.
Sie gab schließlich nach und trank den Rest ihres Kaffees aus. Die Wirkung des Alkohols zeigte sich, sobald sie aufstand. Gemeinsam mit Orin verließ sie das B&B und trat hinaus in die frühe Morgensonne. Obwohl der Himmel etwas gräulich aussah, musste Keira doch blinzeln ob der Helligkeit.
„Geh du voraus“, sagte sie zu Orin, als sie sah, dass der einzige Weg ein schmaler Pfad war, der sich vom Hügel herab schlängelte. Hier und da gab es ein paar Häuser, aber vor allem waren sie von grünen Wiesen und jeder Menge Schafe umgeben.
„Wenn wir auf dem Pfad bleiben, sind es zwei Meilen bis zum Rathaus“, sagte Orin. „Aber wir können eine Abkürzung über die Felder nehmen und die Strecke damit halbieren. Natürlich hat der Farmer das Recht, uns zu erschießen, da wir widerrechtlich sein Land betreten, aber hier kennt jeder jeden, das sollte also kein Problem sein.“
Keira schluckte. „Wir nehmen die malerische Strecke, okay?“
„Wie du willst“, sagte Orin locker. Offenbar hatte er ihre Besorgnis nicht einmal wahrgenommen.
Sie gingen die Straße hinunter. Trotz der frühen Stunde war jeder, dem sie begegneten, fröhlich und freundlich. Als sie die Hauptstraße erreichten, sofern man die so nennen konnte, trafen sie auf eine Gruppe Musiker mit Geigen und Akkordeons, die alte irische Folksongs spielten. Andere sangen und tanzten dazu. Keira konnte nicht glauben, was sie da sah. Wie konnte ein Ort so kollektiv fröhlich sein? Vielleicht war es falsch gewesen, alles so zynisch zu verurteilen.
„Da sind wir schon“, sagte Orin, als sie ihr Ziel erreicht hatten.
Wie alle Gebäude in Lisdoonvarna, war auch dieses farbig gestrichen, in diesem Fall in einem kräftigen Orange, was zu den bunten Straßen passte. Über der Tür hing ein Schild: Haus des Matchmakers. Die Tür selber war mit Bildern des Liebesgottes Amor übersät.
Keira hob eine Augenbraue angesichts dieses Kitsches, dann folgte sie Orin hinein. Ein älterer Herr erhob sich und kam hinter seinem Schreibtisch hervor.
„William Barry“, sagte er und hielt ihr seine Hand hin. „Du bist die amerikanische Reporterin.“
Keira schüttelte seine Hand. „Ich bin Reisejournalistin, keine Reporterin.“
„Dann erscheint der Artikel nicht in der New York Times?“, fragte William und runzelte die Stirn.
Keira schaute Orin hilfesuchend an. Glaubte William wirklich, sie würde für eine große Firma schreiben? Sollte Heather die Wahrheit etwas verdreht haben, als sie die Termine arrangiert hatte? Josh hätte es sicher nichts ausgemacht zu lügen, um seine Ziele zu erreichen.
Plötzlich brach Orin in lautes Gelächter aus. Keira schaute William an. Der krümmte sich ebenfalls vor Lachen.
„Du hättest den Ausdruck auf deinem Gesicht sehen sollen!“, rief er, das Gesicht knallrot.
Keira fand das nicht sonderlich witzig. Es stand für sie einfach zu viel auf dem Spiel, da konnte sie es gar nicht gebrauchen, wenn man sich über sie lustig machte.
„Setz dich, setz dich“, sagte William, als er sich wieder etwas beruhigt hatte.
Keira zog einen der Holzstühle heran und setzte sich. Orin tat das ebenfalls. Gerade als William Platz nahm, betrat eine Frau mit feuerrotem Haar das Zimmer und brachte ein Tablett mit Tee, Milch und Zucker.
„Dies ist meine Sekretärin Maeve“, sagte William als sie das Tablett abstellte. „Danke, meine Liebe.“
Sie verschwand aus dem Zimmer und überließ es damit William, ihnen den Tee einzuschenken. Es spielte keine Rolle, dass Keira eigentlich keine Teetrinkerin war. Es schien unmöglich, abzulehnen. Daher nahm sie die Tasse mit dem dampfenden Tee ohne Widerspruch.
William faltete die Hände auf dem Tisch. „Ich gebe zu, deine Anwesenheit ist sehr aufregend für uns, Keira. So, wie die Welt sich verändert, mit all diesen Online-Dating-Geschichten, wird es für uns immer schwieriger, Kunden anzusprechen. Ich hoffe, dein Artikel weckt neues Interesse.“
Keira verbarg ihr schlechtes Gewissen hinter ihrer Teetasse. Sie fühlte sich schlecht mit dem Wissen, wie boshaft ihr Artikel sein würde. William und Orin waren so nette, herzliche Menschen, die sie sehr gastfreundlich aufgenommen hatten. Aber sie hatte nun mal diesen Auftrag und klare Vorgaben. Sie redete sich ein, dass ein fieser Artikel über ein albernes Festival auf der anderen Seite der Welt, in einem Magazin, das nicht einmal in Irland ausgeliefert wurde, dem Geschäft schon nicht wirklich schaden würde.
„Kennst du die Geschichte des Festivals?“, fuhr William fort.
„Ich habe einiges recherchiert, bevor ich herkam“, sagte Keira und nickte.
Aber als William in einen Monolog über das Festival eintauchte, hielt sie den Mund. Sie würde die Überlieferung zu hören bekommen, ob sie wollte oder nicht.
„Es war das Geschäft meines Vaters. Und seines Vaters davor. Genauer gesagt, waren die Barrys die Matchmaker, so weit irgendjemand zurückdenken kann. Ursprünglich ging es darum, die Adeligen, die wegen des Heilwassers kamen, mit den schönen Mädchen der Gegend zu verkuppeln. Irische Mädchen gelten als sehr fruchtbar, musst du wissen, und das war für den Matchmaker das wichtigste Argument.“
Keira konnte nicht verhindern, dass sich Abscheu auf ihrem Gesicht zeigte, aber William schien es nicht zu bemerken, denn er setzte einfach seine Geschichte fort.
„Üblicherweise fand das Fest kurz nach der Erntezeit statt, wenn die Mädchen besonders üppig aussahen. Ein guter Kuppler sorgte dafür, dass sie noch vor dem Winter unter der Haube waren, denn sonst liefen sie Gefahr, an einer Lungenentzündung zu erkranken und zu sterben.“
Keira presste die Lippen aufeinander, um nicht zu kichern. Sie wusste nicht, wie viel von dem, was William erzählte, ernst gemeint war, aber es war nicht auszuschließen, dass er das wirklich so meinte. Obwohl sie recherchiert hatte, war es unterhaltsam, die Geschichte auf diese Weise aus Williams Mund zu hören.
„Dann änderten sich die Zeiten natürlich. Andere Leute kamen in die Stadt. Kriege dezimierten die Zahl der Männer. Drohende Hungersnöte zwangen die Menschen, jung zu heiraten, wenn sie überhaupt jemanden fanden. Für den Matchmaker waren das schwierige Zeiten. Als ich den Job von meinem Vater übernahm, ging es in erster Linie darum, passende Mädchen für die Jungbauern zu finden.“ Er tätschelte ein Buch. „Also habe ich Listen angelegt.“
„Ist das legal?“, fragte Keira, die nicht länger schweigen konnte. „Klingt irgendwie nach Stalking, meine ich.“
„Blödsinn!“, sagte William lachend. „Die Mädchen waren begeistert. Sie wollten doch alle heiraten. Selbst wenn es nur ein Bauernknecht ohne eine einzige Hirnzelle und ohne jegliches Gespür für Körperhygiene war.“
Keira schüttelte stumm den Kopf. Ihr Artikel schrieb sich praktisch von allein.
Die Tür ging auf. Keira erwartete, die rothaarige Maeve erneut zu sehen, aber als sie einen Blick über die Schulter warf, betrat Shane den Raum. Sie spürte ein Kribbeln auf der Haut und setzte sich stocksteif und gerade hin.
„Morgen“, sagte Shane und setzte sich in die Ecke.
William fuhr fort. „Also, hier ist mein Buch mit Namen.“ Er reichte ihr das große, in Leder gebundene Werk. „Nun, zumindest eines davon. Ich mache das nun schon so viele Jahre, da ist eine ganze Sammlung entstanden.“
Keira blätterte durch das Buch, las all die Namen der glücklichen Paare. Einige Einträge enthielten auch Fotos, andere hatten Hochzeitsdaten vermerkt. Es gab Grußkarten an William, von Paaren, die er verkuppelt hatte. Es wirkte alles ganz reizend. Keira, berechnend wie sie war, entwarf bereits einen Absatz ihres Artikels.
„Weißt du“, sagte William und beugte sich über den Tisch zu ihr, „ich könnte dich verkuppeln. Ein netter irischer Bursche ist vielleicht genau das, was du brauchst.“
Keira spürte, wie sie errötete. „Ich habe einen Freund“, sagte sie. Vielleicht irrte sie sich, aber sie glaubte, aus den Augenwinkeln zu sehen, wie Shane zusammenzuckte. „Zach. Er arbeitet in der Computerbranche.“
„Bist du glücklich mit dem Mann?“, fragte William.
„Ja, sehr“, antwortete Keira. Die übliche Standardantwort.
William sah nicht sonderlich überzeugt aus. Er klopfte auf das Buch, das Keira wieder auf den Tisch gelegt hatte. „Ich mache das schon sehr lange. Ich bin ein Experte in Sachen Liebe. Und ich kann es in den Augen der Menschen erkennen. Ich bin nicht so sicher, dass dieser Mann richtig für dich ist.“
Keira wusste, dass er nicht unhöflich sein wollte, aber seine Skepsis traf bei ihr einen wunden Punkt, erst recht jetzt, da Zach und sie sich so gestritten hatten. Aber William war auch ein gefundenes Fressen für sie als Journalistin und sie wollte so viel aus ihm herausholen wie möglich.
„Inwiefern nicht richtig für mich?“, fragte sie nach.
„Er unterstützt dich nicht in der Art wie er sollte. Ihr beide wachst nicht mehr gemeinsam, folgt nicht mehr demselben Pfad.“
Keira lief es kalt den Rücken herunter. Das war viel zu nah an der Wahrheit.
„Du bist nicht nur ein Kuppler, sondern auch noch ein Wahrsager?“, scherzte sie. „Versteckst du irgendwo einen Stapel Tarotkarten?“
William gluckste. „ Oh nein, nichts dergleichen. Aber über die Jahre habe ich ein Gespür dafür entwickelt. Da war kein Glitzern in deinen Augen, als du seinen Namen erwähntest. Kein Schwung in deiner Stimme.“
„Das liegt eher an meiner zynischen New Yorker Persönlichkeit“, sagte Keira.
„Vielleicht. Oder es liegt daran, dass du ihn nicht wirklich liebst.“
Keira überdachte diese Behauptung. Sie und Zach benutzten selten das L-Wort. Streng genommen konnte sie sich nicht erinnern, wann es das letzte Mal gefallen war.
„Ich denke nicht, dass es immer mit Liebe zu tun haben muss“, sagte sie.
„Aber warum Zeit verschwenden mit jemandem, den du nicht liebst, wenn du doch nach dem Einen Ausschau halten könntest?“
Keira verschränkte die Arme. „Vielleicht, weil es den Einen gar nicht gibt.“
„Du glaubst nicht an den Einen?“, hakte William nach.
Keira schüttelte den Kopf. „Nein.“
Dieses Eingeständnis machte William ganz aufgeregt. „Wir haben einen Neinsager“, rief er lachend. „Was bedeutet, es ist für uns eine Herausforderung, dich vom Gegenteil zu überzeugen. Shane?“ Er winkte den Reisebegleiter heran. Als er neben ihm stand, legte William ihm einen Arm um die Schultern. „Du wurdest soeben befördert“, scherzte er. „Du wirst diese junge Dame nicht nur durch das Festival begleiten, sondern auch zur ihrer wahren Liebe führen. Ich weiß, das ist ziemlich viel von dir verlangt.“
Keira rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Es war ihr unangenehm, im Zentrum dieser Diskussion zu stehen, aber sie hatte immerhin großartiges Material für ihren Artikel bekommen, dank dieses tatterigen alten Mannes und seiner antiquierten Vorstellungen von Beziehungen. Elliot würde es lieben. Und es zu schreiben, würde für Keira irgendwie auch therapeutisch sein.
Sie musste einfach nur den ersten Tag mit Shane überstehen, dann würde sie sich dieses ganze lächerliche Zeug von der Seele schreiben.
KAPITEL FÜNF
„Ich weiß nicht, wie lange der Ausflug dauern wird, den wir machen werden“, sagte Keira, als sie auf dem Beifahrersitz Platz genommen hatte und mit dem Gurt herumfummelte. „Aber ich brauche so schnell wie möglich einen Kaffee. Und wenn wir ein paar Stunden vor der Eröffnung des Festivals zurück sein könnten, wäre das super. Ich brauche unbedingt Zeit zum Schreiben.“ Endlich schnappte der Gurt ein. „So, wo fahren wir hin?“
Als keine Antwort kam, blickte sie auf. Shanes Gesicht wirkte wie üblich amüsiert. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Was?“
Er zuckte mit den Schultern. „Nun, es ist nicht gerade das passende Wetter für eine Sonnenbrille, das ist alles.“
Keira rückte energisch die Brille zurecht. „Es gibt vielleicht grelles Morgenlicht“, antwortete sie, krümmte sich aber innerlich bei dem überheblichen Unterton in ihrer Stimme. „Und außerdem bist du ja wohl der Letzte, der sich über das Aussehen anderer Leute ein Urteil erlauben darf. Hast du heute Morgen überhaupt mal einen Blick in den Spiegel geworfen?“
Shane warf den Kopf in den Nacken und lachte. Keira musste sich zusammenreißen. Sie hätte sich beinahe gerade selbst gestattet, mit ihm zu flirten. Das wich deutlich ab von ihrem Motto Gucken sei erlaubt.
„Ich dachte, ich zeige dir etwas in der Nähe, für den Anfang“, erklärte Shane, als er losfuhr. „Daher habe ich mich für den Burren entschieden, da fährt man nur zwanzig Minuten. Es ist ein Nationalpark. Hast du davon gehört?“
Keira schüttelte den Kopf. „Ich kann es kaum erwarten“, sagte sie. In Gedanken entwarf sie ein Bild der schönen irischen Landschaft.
Sie war sich nicht sicher, aber sie glaubte, Shane schmunzeln zu sehen. Als sie zwanzig Minuten später auf den Parkplatz einbogen, verstand sie, warum. Es gab nicht einen einzigen Grashalm zu sehen. Der Burren war nichts anderes als kahler, grauer Kalkstein, eine Karstlandschaft.
Sie wandte sich irritiert an Shane. „Ist das ein Scherz? Ich dachte, du sprachst von einem Nationalpark.“
Shane begann zu lachen. „Das ist es! Anderthalbtausend Hektar geschütztes Land, bestehend fast ausschließlich aus Kalkstein.“
Keira atmete verärgert aus. „Also, von all den Plätzen, die du mir hättest zeigen können, um mir das großartige Irland zu präsentieren, hast du ausgerechnet diesen gewählt?“
„Ich habe vorhin bei William im Büro ein paar hochnäsige Untertöne aufgeschnappt“, sagte Shane und zog provozierend eine Augenbraue hoch. „Ich dachte mir, dies ist der beste Ort, um dich von deinem hohen Ross herunterzuholen. Irland ist kein Märchenland mit Leprechauns, auch wenn es Gegenden gibt, wo das für die Touristen so dargestellt wird. Aber wenn du bereit bist, ein wenig unter die Oberfläche zu blicken, dann findest du ein Land mit echten Gefühlen, echter Romantik. Wir haben eine reichhaltige und interessante Geschichte, du musst uns nur eine Chance geben.“
Keira verschränkte bockig die Arme vor der Brust. Alles, was er gesagt hatte, stimmte natürlich. Aber sie konnte das wohl kaum zugeben. „Ich bin nicht hochnäsig“, sagte sie.
Shane zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Komm, hier entlang. Der Ausblick von dem Hügel ist unglaublich.“
Keira folgte ihm. „Ich habe nicht gerade das passende Schuhwerk für eine Wanderung“, klagte sie.
„Keine Sorge, wir machen keine dreistündige Gebirgswanderung, obwohl es atemberaubend da oben ist und ein Jammer, wenn du es dir entgehen lässt.“ Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Meinst du, du hältst eine halbe Stunde durch? Es sind nur Wiesen und wunderschöne Wälder.“
„Ja, ich denke, dreißig Minuten werde ich schon schaffen“, murmelte Keira.
„Ich meinte, ohne mich töten zu wollen“, lachte Shane.
Es schien ihm zu gefallen, Keira aufzuziehen.
„Irgendwie sind wir beide auf dem falschen Fuß gestartet“, sagte Keira, während sie versuchte, mit ihm Schritt zu halten. Sie war stramme Spaziergänge nicht gewohnt. „Habe ich irgendetwas gesagt, was dich beleidigt?“
Zunächst ignorierte Shane die Frage. Statt dessen deutete er auf einen Holzpfosten mit verschiedenen bunten Pfeilen daran. „Wir folgen dem orangen Pfad, okay?“
Keira nickte. Sie stiegen den grauen Hügel hinauf. Die Landschaft war so öde, dass Keira beinahe das Gefühl hatte, über den Mond zu latschen. Die rissigen Krater beiderseits des Weges verstärkten diesen Eindruck noch. Wenn sie hier und da ein Büschel Gras wachsen sah, das sich erstaunlicherweise einen Weg durch das Gestein gebahnt hatte, dann war es wie ein Schock, dass auf dem Mond Gras wachsen könnte. Sie musste sich zwingen, daran zu denken, dass dies die Erde war.
„Nun?“, drängte Keira. „Du hast meine Frage nicht beantwortet.“
„Ob wir auf dem falschen Fuß angefangen haben?“, fragte Shane. Er kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe. „Wieso ist das wichtig?“
„Weil wir dreißig Tage miteinander verbringen werden, da wäre es schon besser, wenn wir miteinander auskommen.“
Shane schwieg. Keira fand es frustrierend, wie lange es dauerte, mal eine richtige Antwort von ihm zu bekommen. Das ständige Schweigen behagte ihr nicht.
„Ich frage mich“, sagte er schließlich, „ob dir einfach der Gedanke nicht behagt, dass dich jemand nicht mögen könnte.“
„Entschuldigung?“ Keira fühlte sich von dieser Bemerkung beleidigt und nahm sofort eine abwehrende Haltung ein.
„Du hast einen Nice-Guy-Komplex. Du denkst, alle müssen diesen etwas schrullige amerikanische Attitüde charmant finden, aber das tue ich nicht.“
„Ich, charmant?“, spottete Keira. „Du bist doch derjenige, der hier die ganze Zeit das kesse irische Kerlchen gibt!“
„Stört dich das?“
„Es ist ein ärgerliches Stereotyp.“
Keira merkte, dass sie schnippisch wurde. Shanes Tonfall hatte sich hingegen kein bisschen geändert. Er war ganz neutral, als ob diese Unterhaltung nicht im Mindesten lästig oder unangenehm war.
„Ich glaube, du findest weitaus mehr als nur mich ärgerlich“, sagte Shane. „Ich meine, du warst auch nicht sonderlich nett zu William.“
„Und?“, spottete Keira. „Ich bin hier, um zu arbeiten, nicht, um Freunde zu finden. Und ich sehe mich nicht verpflichtet, nett zu jemandem mit solch antiquierten Ansichten über die Liebe zu sein. Es nervt, wenn Leute glauben, sie wüssten genau, was Männer und Frauen voneinander wollen.“
Shane zog die Augenbrauen hoch. „Für jemanden, der behauptet, glücklich in einer Beziehung zu sein, wirkst du eher so, als stündest du der Vorstellung von wahrer Liebe ziemlich feindselig gegenüber.“
Keira schaute ihn vielsagend an. „Die Liebe ist nicht das Problem. Es ist die Vorstellung, dass alles immer perfekt sein muss. Dass ein alter Mann, den du nie zuvor getroffen hast, dich mit jemandem zusammenbringt, den er auch noch nie vorher gesehen hat. Und beide verlieben sich sofort ineinander und bleiben für immer glücklich zusammen. Das wahre Leben ist kein Roman.“
Während sie noch sprach, konnte sie erkennen, dass Shane sich über ihre Reaktion amüsierte. Er zog sie absichtlich auf. Das kann ich auch, dachte Keira.
„Das heißt, du bist ein Romantiker?“, fragte sie. „Willst du mir das damit sagen? Ich nehme an, du warst schon immer mit deiner ersten Schulfreundin zusammen und jetzt wollt ihr heiraten?“
Shane verstummte plötzlich. Keira konnte sehen, dass sie über das Ziel hinaus geschossen war und hielt den Mund. Sie musste es ja nicht noch forcieren.
Sie erreichten den Gipfel des Hügels und eine unglaubliche Aussicht entfaltete sich vor Keira. Es war, als schaue man über die erkaltete Lava eines Vulkans oder die Oberfläche eines Asteroiden. Keira hatte noch nie eine so außerirdische Landschaft gesehen und fühlte sich klein und unbedeutend im Vergleich dazu.
Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie so etwas wie Bescheidenheit. Vielleicht war es doch ein Fehler von Elliot gewesen, sie nach Irland zu schicken. Joshua wäre sicher nicht sentimental geworden bei dem Anblick dieser wunderschönen, mystischen Landschaft. Er würde zynisch und kühl bleiben, so wie Elliot es erwartete. Aber Keira spürte , wie sich etwas tief in ihrem Inneren löste. Das erste Mal seit ihrer Ankunft in Irland hatte sie etwas von dieser kahlen Ödnis berührt.
„Komm, weiter“, sagte Shane. Seine Stimme hatte die gewohnte Fröhlichkeit verloren. „Gehen wir.“
„Können wir noch einen Moment bleiben?“, bat Keira.
„Ich dachte, du bräuchtest einen Kaffee.“
„Der kann warten.“
Sie standen Seite an Seite, stumm, und schauten über die Welt. Meilenweit war niemand sonst zu sehen. Keira konnte sich nicht erinnern, jemals zuvor in einer so einsamen Gegend gewesen zu sein. Daheim in New York war sie immer von Menschen umgeben, von Lärm, von der Zivilisation. Aber hier gab es nur die Natur in ihrer krassesten Form.
„Habe ich was gesagt, das dich verstimmt hat?“, fragte Keira.
Es waren gute zehn Minuten vergangen, seit er ein Wort gesagt hatte. Es fühlte sich merkwürdig an, nicht unter Dauerbeschuss seines Spotts zu stehen.
„Ehrlich gesagt, ja“, sagte Shane schließlich.
„Oh.“ Keira hatte nicht mit solcher Offenheit gerechnet. Irgendwie war es erfrischend. Aber die brutale Wahrheit war eben auch genau das: brutal. „Was auch immer ich gesagt habe, es tut mir leid.“
Shane schaute sie schließlich an. „Ich bin nicht sicher, ob das stimmt.“
Er machte sich auf den Rückweg und ließ Keira zurück, am Rande der Welt. Sie riss sich schließlich zusammen und folgte ihm.
„Das ist nicht fair“, sagte sie und schloss zu ihm auf. Sie musste sich ganz schön anstrengen, um mit ihm Schritt zu halten.
„Ach?“, fragte er, mehr nicht.
Keira spürte die vertraute Irritation aufkommen. „Du kannst mir nicht vorwerfen, dass es mir nicht wirklich leid täte.“
„Nun, du weißt ja offenbar gar nicht, wofür du dich entschuldigen solltest, wie sollte es da aufrichtig gemeint sein?“
Keira runzelte die Stirn. Shane sprach mal wieder in Rätseln. „Es kann mir doch leid tun, wenn ich deine Gefühle verletzt habe, selbst wenn ich nicht weiß, womit.“
Shane zuckte mit den Schultern. „Vielleicht.“
„Was soll das denn heißen?“, fragte Keira herausfordernd. „Vielleicht“, ahmte sie ihn in mit ihrem besten irischen Akzent nach.
Shane lachte lauthals. „Wow, ich dachte Amerikaner sind schlecht darin, Akzente nachzuahmen. Aber du bist die Krönung. Dafür hättest du einen Preis verdient.“
Keira atmete frustriert aus. Immerhin hatte Shane zu alter Form zurückgefunden. Zu seiner vorhersehbar irritierenden Form.
Sie erreichten das Auto. Keira spürte die Wärme der Anstrengung in den Wangen, ihr Atem ging schnell.
„Du bist nicht sonderlich fit, was?“, spottete Shane, als er ihr die Beifahrertür aufhielt.
„Ich bin einfach Berge nicht gewohnt“, antwortete sie schnippisch. „Aber lass mich raten, du bist eine Art olympischer Wanderer?“
Shane lachte auf seine typische Art und Keira spürte wieder dieses Kribbeln. Sie mochte dieses Lachen, wollte ihn öfter dazu bringen. Es gab ihr ein gutes Gefühl, das aus ihm herauszukitzeln.
„Olympisches Wandern, warum nicht?“, sagte Shane kopfschüttelnd. „Nein, nicht ganz. Aber mein Vater hat mir das Boxen beigebracht. Und ich bin an einem See aufgewachsen und daher auch kein schlechter Schwimmer.“
Als sie ins Auto stieg, gab sie sich Mühe, unbeeindruckt zu erscheinen, aber in ihrer Vorstellung formte sich ein Bild von seinem muskulösen Körper, der aus dem See stieg, das Sonnenlicht glitzerte in den Wassertropfen, die seinen Bizeps herab liefen. Es war etwas schwierig, sich einen muskulösen Körper unter dem schlecht sitzenden T-Shirt und den Jeans vorzustellen, aber als sie dieses Bild erst einmal heraufbeschworen hatte, wurde sie es nicht mehr los.
Shane nahm auf dem Fahrersitz Platz und ihr wurde wieder einmal bewusst, wie klein diese Fahrzeuge hier waren und wie eng beieinander man darin saß.
„Dann bist du also stark?“, fragte sie und bemerkte, dass sie unabsichtlich schon wieder den flirtenden Unterton hatte. Sie hoffte, er bemerkte es nicht.
Sie rechnete beinahe damit, dass Shane den Ärmel aufkrempeln würde, um ihr seine Muskeln zu zeigen. Aber er zuckte einfach nur wie üblich mit den Schultern. „Kann man sagen.“
Er verließ den Parkplatz und Keira warf einen letzten sehnsuchtsvollen Blick auf den Burren. Sie ahnte, dass sie hier etwas ganz Besonderes zu sehen bekommen hatte, das sie nie wieder vergessen würde.
*
Sie kehrten zurück nach Lisdoonvarna, wo das Festival bereits eröffnet worden war. Die Straßen waren voll mit Männern und Frauen, die sich entsprechend gekleidet hatten. Geschäfte und Bars hatten ihre Türen geöffnet und die Lichter eingeschaltet, so dass die Stadt wie eine Discokugel glitzerte. An jeder Ecke stand ein Musiker oder eine Band, umgeben von Zuhörern, die tanzten und sangen, die Biergläser zum Himmel gereckt.
Das sah alles sehr spaßig aus, aber Keira hatte schließlich einen Plan, an den sie sich halten musste, daher holte sie ihr Notizbuch hervor und begann, ein paar Dinge zu notieren. Alles klang bissig: grelle Lichter, Las Vegas für Arme, nichts weiter als ein Nachtclub, den man auf die Straße gefegt hat.
„Was schreibst du da?“, fragte Shane, als er das Auto parkte.
Keira schlug ihr Notizbuch schnell zu. „Nichts.“
Shane schaute sie misstrauisch an, hakte aber nicht nach. „Wir sollten etwas essen“, sagte er. „Hier entlang.“
Keira folgte ihm durch die Menge der Feiernden. Einige trugen Kronen und Schärpen, alle waren ziemlich betrunken, obwohl es gerade erst dunkel wurde.
Sie hielten an einem langen Tisch, den man mitten auf die Straße gestellt hatte, daneben einen Grill. Teller mit Resten von Hähnchen und Burgern standen verstreut auf dem Tisch.
„Hier essen wir?“, fragte Keira und schaute Shane fragend an.
„Wieso nicht? Nicht fein genug für die Prinzessin?“
Keira war nicht gewillt, sich beleidigen zu lassen. Entschlossen setzte sie sich hin und schob einen Teller mit Resten und Ketchup beiseite. Ich nehme einen Burger, bitte“, sagte sie. „Gut durch.“
Er schmunzelte und ging los, um die Bestellung aufzugeben.
Als er weg war, kam eine Gruppe junger Frauen und setzte sich ebenfalls an den Tisch. Sie waren ziemlich laut. Keira wurde bewusst, dass dies eine ideale Gelegenheit war, um ein paar Interviews zu führen. Sie wandte sich an das Mädchen, das ihr am nächsten saß.
„Hi, entschuldige die Störung“, begann sie. „Ich bin Journalistin und schreibe einen Artikel über das Festival der Liebe hier in Lisdoonvarna. Macht es dir etwas aus, mir ein paar Fragen zu beantworten?“
„Schieß los“, sagte die junge Frau lachend. Sie hatte einen Schluckauf und war eindeutig beschwipst. „Ich habe hier langjährige Erfahrung, bin also genau die Richtige zum Fragen.“
„Ach?“, fragte Keira. „Langjährige Erfahrung? Du meinst, du warst schon öfter hier?“
Die Frau beugte sich zu ihr und flüsterte laut: „Ich komme jedes Jahr her.“
„Dann hast du nie den Passenden gefunden?“, fragte Keira, zufrieden, dass es offenbar Beweise für ihre skeptische Haltung gab.
„Oh, ich hatte einen Passenden, sicher. Ich finde jedes Jahr den Passenden.“ Sie zwinkerte Keira zu. „Das ist genau mein Ding.“
Keira machte sich schnell ein paar Notizen. Dass jemand das Festival benutzte wie eine Dating-App, war sehr interessant.
„Du kommst also jedes Jahr her für eine nette Affäre?“, hakte Keira nach.
„Genau so kann man das sagen“, antwortete die Frau.
„Dann glaubst du nicht an den Einen?“, hakte Keira nach. „An das perfekte Liebespaar?“
„Natürlich nicht“, rief die Frau. „Wir leben im 21. Jahrhundert. So etwas gibt es doch gar nicht mehr. So wie ich das sehe, sind wir sieben Milliarden Menschen auf diesem Planeten. Wie groß ist denn da die Chance, den Einen zu finden, vorausgesetzt, es gibt ihn überhaupt? Besser, man nimmt den ersten, zweiten, dritten, vierten…, du verstehst, was ich sagen will.“ Sie lachte.
Das ist perfekt, dachte Keira. Wenn selbst die Teilnehmer des Festivals dem Ganzen kritisch gegenüber standen, dann schrieb sich der Artikel praktisch von allein.
Gerade in dem Moment kam Shane zurück mit zwei Burgern und einem Bierkrug.
„Nicht noch mehr Bier“, stöhnte Keira. „Ich vertrage so viel Alkohol nicht.“
Shane grinste. „Du musst deinen Toleranzwert erhöhen. Das wird schon. Am Ende des Monats kannst du mich dann unter den Tisch trinken.“
Die Frau neben Keira beugte sich zu ihr herüber.
„Willst du mich deinem Freund nicht vorstellen?“, fragte sie und warf einen verführerischen Blick in Shanes Richtung.
Keira verstand nicht recht, wieso sie plötzlich rasende Eifersucht empfand. Es war beinahe schon instinktiv. Geradezu beängstigend.
Shane lehnte sich an ihr vorbei und reichte der Frau die Hand. „Shane Lawder“, sagte er mit blitzenden Augen.
„Ich bin Tessa“, antwortete sie. „Sehr erfreut, dich kennenzulernen.“
„Ganz meinerseits“, sagte Shane und zwinkerte ihr zu.
Zum ersten Mal sah Keira eine Seite von Shane, die er ihr bisher vorenthalten hatte: den Playboy. Sie konnte es in seinen Augen sehen, wie die Pupillen sich erweiterten. Shane nahm von diesem Festival so viel mit wie jeder andere auch. Er hatte bestimmt jedes Jahr eine kleine Affäre, genau wie diese Frau.
Keira lehnte sich zurück, während die beiden miteinander flirteten. Sie empfand eine ganze Reihe von verwirrenden Gefühlen, von Abscheu bis Wut. Sie holte ihr Handy hervor, auf der Suche nach Ablenkung.
Auf Instagram gab es weitere Bilder von Ruths Hochzeit. Zum ersten Mal fühlte sie sich etwas einsam und hatte Heimweh. Während sie die Bilder der Reihe nach anschaute, wurde sie plötzlich von einem unerwarteten Anblick überrascht: Im Hintergrund sah man Zach mit Ruths Freundin Julia tanzen. Und nicht nur tanzen, sondern tanzen. Seine Hände lagen auf ihrem Steiß, der unbekleidet war. Sie trug ein kurzes, sexy Kleid. Julia lehnte sich zu ihm, mit einem koketten Gesichtsausdruck. Sie sahen wie ein Paar aus, und zwar nicht nur wie ein rein zufälliges Tanzpaar.
Keira war fuchsteufelswild. Zach wusste ganz genau, dass sie diese Bilder sehen würde. Er hatte das mit voller Absicht gemacht, um sie zu ärgern.
Sie schickte eine Nachricht mit dem Bild an Zachary: Eifersüchtiger Freund schnappt sich erstbeste Schlampe.
Dann nahm sie den Bierkrug und schüttete sich ein Glas voll ein. Sie nahm einen kräftigen Zug. Es sollte der erste von vielen werden in dieser Nacht.
*
Keira wankte die Straße hinunter in Richtung ihres B&B. Sie hatte den Überblick verloren, wie viele Biere sie getrunken hatte, oder die Anzahl der Krüge, die bestellt worden waren. Es waren viele gewesen und dennoch nicht genug, um ihren Ärger über Zach zu betäuben.
„Hey, warte!“, rief Shane und folgte ihr. „Es gehört zu meinen Aufgaben, dafür zu sorgen, dass du heile nach Hause kommst.“
Er wirkte bemerkenswert nüchtern, wenn man bedachte, wie viel er getrunken hatte.
„Mir geht’s gut“, murmelte Keira. „Ich kann mich ja wohl kaum verlaufen, oder? Es gibt hier ja nur eine einzige Straße.“
„Ach, das ist das Problem, ja?“, fragte er lachend und nahm sie am Arm, um die Richtung zu halten. „Es gibt nicht genug Straßen in Lisdoonvarna für Prinzessin Keira?“
„Ich bin nicht in der Stimmung, um mich aufziehen zu lassen“, antwortete sie. Das Bild von Zach und Julia war ihr ins Gedächtnis gebrannt und machte sie immer noch wütend.
Shane wich zurück. „Okay“, sagte er, deutlich ernster. „Na, da sind wir ja auch schon.“
Sie hatten den Eingang zum B&B erreicht. Keira fummelte am Türgriff herum.
„Dann sehen wir uns morgen früh“, sagte Shane, als sie eintrat.
Sie antwortete nicht, sondern wankte durch den schwankenden Pub, die knarrende Treppe hinauf, in ihr Zimmer. Dort warf sie sich auf das Bett und seufzte schwer. Sie zog sich die Schuhe aus und rieb sich die schmerzenden Knöchel. Es war ein langer Tag gewesen. Aber er hatte sie auch inspiriert. Von ihrer Begegnung mit dem Matchmaker zu der grauen und kargen Landschaft des Burren, von Shanes und Tessas Tändelei auf dem Festival zu Zachs dreistem Versuch, sie auf der Hochzeit eifersüchtig zu machen. Es gab jede Menge, worüber Keira lästern konnte. Elliot würde den Artikel lieben.
Sie musste bloß den Rest des Festivals überstehen.
KAPITEL SECHS
Keira erwachte mit einem heftigen Kopfschmerz und dem überwältigenden Gefühl von Scham. Sie setzte sich auf und betastete ihren Schädel. Das Tageslicht, das durch die Gardinen hereinkam, ließ sie aufstöhnen. Sie würde diesen Monat niemals durchhalten, wenn sie weiterhin so viel trank.
Plötzlich fiel ihr der bittere Kommentar ein, den sie Zach mit dem Foto geschickt hatte. Sie griff nach ihrem Handy, überzeugt davon, dass er ebenso bissig geantwortet hatte. Aber da war nichts. Und das war noch schlimmer. Es war, als hätte Zach sie einfach aus seinem Leben herausgeschnitten. Als hätte er mit ihr Schluss gemacht, ohne das mit einem einzigen Wort zu sagen. Keira konnte nicht umhin, ihre Beziehung neu zu bewerten und fragte sich, ob es überhaupt noch eine Beziehung gab.
Dann fiel ihr auf, dass sie offenbar verschlafen hatte. Shane würde sicher jede Minute eintreffen. Panik überkam sie bei der Erinnerung an den vergangenen Abend und ihren alkoholisierten Zustand. Sie war eifersüchtig auf Tessa gewesen. Hatte sie Shane gegenüber etwas dazu gesagt? Irgendetwas, dass ihm verraten hätte, wie attraktiv sie ihn fand? Ihre Erinnerungen waren so schemenhaft, dass sie sich nicht darauf verlassen konnte.
Sie sprang nervös aus dem Bett, schnappte sich ihr Handtuch und bemerkte, dass sie nicht mehr genug Zeit haben würde, um zu duschen. Sie würde den Tag so durchstehen müssen, ungewaschen und verkatert.
Sie zog sich eilig an. Bei jeder schnellen Bewegung durchfuhr sie ein stechender Schmerz im Kopf. Dann eilte sie die Treppe runter.
„Morgen“, sagte Orin gutgelaunt. Er stand hinter dem Tresen, als sie den Pub betrat. „Was darf ich dir zum Frühstück bringen?“
„Es tut mir leid, ich bin spät dran“, sagte sie, während sie sich die Jacke überwarf. „Ich muss leider passen.“
Die Tür ging auf und Shane kam herein. Er lächelte zufrieden und Keira fragte sich, ob er und Tessa sich mit mehr als nur Tanzen vergnügt hatten, nachdem er Keira im B&B abgeliefert hatte.
„Sieh zu, dass die junge Dame was zu essen kriegt“, sagte Orin zu Shane. „Sie verpasst sonst die wichtigste Mahlzeit des Tages.“
„Ehrlich, das ist in Ordnung“, sagte Keira. Der Gedanke an Essen bereitete ihr Übelkeit. „Ich hatte gestern Abend reichlich zu essen.“
Orin schüttelte tadelnd den Kopf.
„Wir haben Zeit“, sagte Shane mit einem verschmitzten Grinsen, nahm sich einen Barhocker und setzte sich hin.
Es sah so aus, als wüsste er genau, dass Keira nichts essen wollte, weil sie verkatert war. Es gefiel ihm offenbar, sie in unmögliche Situationen zu bringen.
„Ich dachte, wir machen noch einen Tagesausflug“, sagte sie, durch die Zähne gepresst.
„Machen wir, aber es ist nur ein Stück die Straße rauf“, antwortete Shane. „Es bringt unseren Tagesplan nicht durcheinander, wenn wir eine halbe Stunde später aufbrechen.“
Da ihr nun die Argumente ausgegangen waren, nahm Keira einfach neben Shane Platz.
„Großartig“, sagte Orin und klatschte in die Hände. „Was kann ich euch beiden bringen? Eier? Toast? Würstchen? Schinken? Kartoffelpuffer?“
„Toast, bitte“, sagte Keira. Sie konnte ihrem Magen nichts von dem anderen Zeug zumuten.
Shane neigte sich zu ihr herüber. „Er meinte alles zusammen. Das nennt man ein üppiges Frühstück und es ist das beste Mittel gegen einen Kater.“
Keira warf ihre Arme in die Luft. Gegen diese beiden kam sie einfach nicht an. Sie würden dafür sorgen, dass sie am Ende des Monats übergewichtig war. „Meinetwegen.“
Orin verschwand in der Küche, um das Frühstück zuzubereiten.
„Wieso hast du keinen Kater?“, fragte Keira. Sie stützte einen Ellenbogen auf dem Tresen ab und legte ihren schweren Kopf in die Handfläche. Es klang wie ein Vorwurf.
„Irische Männer kriegen keinen Kater“, antwortete Shane. Als Keira ihn anschaute, brach er in fröhliches Gelächter aus. „Ist es nicht das, was du in deinem Artikel schreiben wirst? Dass wir alle Stereotype mit Bierbauch sind?“
Keira schüttelte einfach den Kopf. Wenn das Dröhnen im Kopf irgendwann nachließ, dann wäre sie auch wieder bereit, seiner Spöttelei etwas entgegenzusetzen. Aber jetzt noch nicht.
Aus der Küche waberte ein köstliches Aroma in den Pub. Keiras Magen knurrte laut. Orin erschien mit zwei riesigen Tellern, randvoll mit Essen: gebratene Würstchen, Pilze und Tomaten.
„Das ist mal ein Frühstück“, sagte Keira mit Blick auf den Teller vor ihr. Kein Vergleich zu dem grünen Tee und dem Spinatsmoothie, den sie normalerweise auf dem Weg zur Arbeit trank.
„Dies ist das Geheimnis, wie wir mit den Mengen Alkohol fertig werden“, sagte Shane lachend. „Fang den Tag richtig an, dann hältst du lange durch.“
Keira verkrampfte sich. War das eine Anspielung auf das, was noch mit Tessa gelaufen war? Sie wollte ihn danach fragen, aber sie wusste, sie hatte kein Recht dazu. Außerdem wollte sie lieber nicht herausfinden, was seine Antwort in ihr auslösen würde.
Sie aßen auf und gingen hinaus zum Auto. Tatsächlich fühlte Keira sich deutlich besser. Ihr Schädel dröhnte nicht mehr so sehr wie nach dem Aufwachen.
„Wohin bringst du mich also heute?“, fragte Keira, als sie die inzwischen vertraute Straße entlang fuhren, vorbei an den Müllresten der vergangenen Nacht.
„Die Klippen von Moher“, antwortete Shane. „Schon mal davon gehört?“
Keira schüttelte den Kopf. „Lass mich raten“, sagte sie, an den Burren denkend. „Es handelt sich nicht wirklich um Klippen.“
„Oh, es sind Klippen, auf jeden Fall“, sagte Shane. „Da wurden ein paar Szenen für Harry Potter gefilmt.“
„Beeindruckend“, antwortete Keira trocken.
Sie fuhren aus Lisdoonvarna heraus, die schmale Straße entlang, vorbei an Feldern und Hügeln. Keira war noch zu verkatert für eine Unterhaltung, also schaltete Shane statt dessen das Radio ein. Eine weibliche Sprecherin sagte etwas in Gälisch.
„Sprichst du Gälisch?“, fragte Keira.
Shane schaute sie vielsagend an. „Natürlich tue ich das. Das ist, als würde man einen Spanier fragen, ob er spanisch spricht.“
Keira wurde rot und rollte sich wieder auf ihrem Sitz zusammen, während sie aus dem Fenster auf die hügelige Landschaft schaute.
Die Straße war holperig, das Geschaukel verursachte Keira hin und wieder Übelkeit. Sie fuhren in Kurven hinauf auf einen bewaldeten Hügel. Keira war froh, dass sie solch eine Strecke nicht vom Flughafen aus hatte fahren müssen. Sie hätte wahrscheinlich unterwegs einen Herzinfarkt bekommen. Shane hingegen schien keinerlei Probleme damit zu haben. Er fuhr sehr sicher, was Keiras Nerven zugute kam. Allerdings hatte sie die ganze Zeit das Gefühl, ihr Frühstück würde ihr wieder hochkommen.
Schließlich kamen sie oben auf dem Hügel an und parkten den Wagen. Als Keira ausstieg, sah sie ein merkwürdiges Gebäude, das in die Bergwand eingefügt zu sein schien, mit einem Dach aus Gras. Es sah ein wenig so aus wie eine Hobbithöhle.
Der Wind fuhr Keira durchs Haar, als sie neben Shane den Pfad entlang ging. Ein wackeliges Geländer wies ihnen den Weg entlang der Küste. Keira fand den endlosen Ausblick wunderschön. Sie blieben stehen, um etwas durchzuschnaufen. Keira klammerte sich an das Geländer, während sie über das tosende Meer schaute.
„Das ist der Atlantik“, erklärte Shane neben ihr. „Das dort sind die Aran Islands“, fügte er hinzu und deutete über die blaue Fläche. „Und auf der anderen Seite ist das Gebirge.“ Er beugte sich ein wenig zu ihr herunter und kam ihr sehr nahe, während er auf einen entfernten Punkt am Horizont deutete, den sie kaum erkennen konnte. „Das ist das Twelve Pins Gebirge.“
Keiras Herz fing an zu rasen, ob der Nähe zu Shane. Sie machte einen Schritt weg, einerseits erleichtert, den Moment beendet zu haben, andererseits wünschte sie sich ihn zurück.
„Wollen wir ein paar Höhlen erforschen?“, fragte er.
„Du meinst, zwischen den Klippen unter Wasser tauchen?“, fragte Keira mit hochgezogenen Augenbrauen. „Nein, ich passe, vielen Dank.“
„Besonders abenteuerlustig bist du nicht, was?“
„Hey.“ Keira tat, als sei sie beleidigt. „Ich bin eine Amerikanerin in Übersee. Hast du eine Vorstellung, wie viele von uns nie im Leben einen Reisepass beantragen?“
„Okay, ich erkenne lobend an, dass du es bis nach Übersee geschafft hast. Aber ich wette, du bist nie auf Klippen herumgeklettert.“
„Und ich verspüre auch jetzt nicht das Bedürfnis dazu.“
„Machst du Witze? Auf so einer Schönheit herumzuklettern, das ist einfach großartig! Das bringt alles in die richtige Perspektive. Nur du und die Klippe. Du und die Natur.“ Seine Augen funkelten, als er sprach.
„Du bist da rauf geklettert?“ Keira glaubte ihm nicht.
Shane nickte. „Und auf die Twelve Pins. Snowdon. Ben Nevis.“
Keira war insgeheim beeindruckt von Shanes Hobby. Aber das würde sie ihm nicht auf die Nase binden. „Klingt irgendwie nach Möchtegern-Macho. Der Mann riskiert Leib und Leben, um die Natur zu erobern, anstatt sich mit ihr zu arrangieren.“
Shane kreuzte die Arme vor der Brust. „Und du machst das, oder was? Eins mit der Natur, Miss New York City?“
Keira schaute an ihm vorbei und ignorierte die Bemerkung. Sie schwiegen eine Weile und genossen Seite an Seite den Blick über das Meer. Schließlich stopfte Shane seine Hände in die Hosentaschen und wippte auf den Füßen auf und ab.
„Es gibt keine schöneren Sonnenuntergänge als hier“, sagte er beinahe schüchtern. „Wenn du nicht jeden Abend auf dem Festival verbringen musst, kann ich dich mal abends herbringen.“
Keira schaute ihn zweifelnd an. „Klingt verdächtig nach einem Date.“
Shane verzog spöttisch das Gesicht. „Da bellst du den falschen Baum an, Mädchen, das kann ich dir sagen.“
Keiras Wangen glühten, während sie innerlich grinste.
„Also, was wirst du in deinem Artikel über die Klippen schreiben?“
Keira schaute über die wunderschöne Szenerie. Wie schon zuvor auf dem Burren spürte sie eine Veränderung in sich, zart, aber spürbar. Die Luft war hier so rein, kein Vergleich zu New York. Sie hatte das Gefühl, reinen Sauerstoff zu atmen und das machte sie ein wenig benommen. Anstatt sich den Hals nach den Wolkenkratzern zu verrenken, schaute sie über unendlich weite Natur, unberührt von Menschen. Ihr Vorhaben, das niederzumachen, geriet ins Wanken.
„Ich weiß noch nicht“, sagte sie. „Ich habe irgendwie eine Schreibblockade.“ Es war am nächsten dran an der Wahrheit, ohne zu sagen, was sie wirklich vorhatte. „Vielleicht kriege ich ja heute Abend ein paar gute Interviews. Es geht bei dem Auftrag immerhin um Aussagen aus erster Hand. Die Erfahrungen, die die Besucher des Festivals machen. Egal, ob sie die ewige Liebe gefunden haben oder nicht. Heirat. So was in der Art.“
Shane schmunzelte. „Du glaubst nicht, dass du findest, wonach du suchst?“
Wieder war da ein Unterton, der sie irgendwie zu verurteilen schien. Keira hatte inzwischen bemerkt, dass er gern seine Ansichten als Fragen formulierte, was sie dazu zwang, ihre Meinung dazu zu sagen. Sie fragte sich, ob das grundsätzlich ein irisches Phänomen war oder nur Shanes persönliche Art.
Sie zuckte mit den Schultern und lehnte ihre Ellenbogen gegen das Geländer. „Ich weiß es noch nicht. Bisher habe ich jede Menge Leute gesehen, die sich amüsiert haben. Ich weiß nicht, ob wirklich irgendjemand hier nach der wahren Liebe sucht.“
„Wie kommst du zu dem Schluss?“
„Na ja, es geht ums Trinken und Essen, Musik und Spiele. Es ist ein bisschen wie ein Junggesellinnenabschied.“
Shane lachte auf. „Du klingst sehr verächtlich.“
„Weil ich es bin“, antwortete Keira. „Was denken die Leute denn, wie sie die wahre Liebe finden, wenn sie jede Nacht bis zur Besinnungslosigkeit Guinness saufen? Da hätten sie größere Chancen, wenn sie hierher kämen, in die wirkliche Welt. Es ist ein Jammer, wo sie doch von so viel natürlicher Schönheit umgeben sind.“
Sie hielt inne. Aus dem Augenwinkel sah sie, dass Shane sie beobachtete. Sie wollte sein Grinsen gar nicht sehen.
„Ich glaube, unser Land färbt langsam auf dich ab“, sagte er.
Keira ignorierte ihn. Er hatte wohl recht, aber sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, das zuzugeben.
„Wie auch immer“, sagte Shane nach einer unangenehm langen Pause. „Du wirst heute Abend reichlich Gelegenheit für Gespräche bekommen, weil ich dir heute auf dem Festival nicht in die Quere komme.“
„Wieso?“ Keira schaute ihn an. Sie wurde sich schlagartig bewusst, wie sehr sie ihn sich dort wünschte, sie würde ihn dort vermissen. Die Erkenntnis traf sie wie ein Schlag mit dem Hammer.
Shane schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Habe was anderes zu tun. Und jetzt findest du dich da auch allein zurecht. Du brauchst mich nicht zum Händchen halten.“
Keira fragte sich, was es wohl sein mochte, das er zu erledigen hatte. War es Tessa? Trafen sie sich heute Abend? Sie spürte erneut Eifersucht in sich aufwallen.
„Ich dachte, du wärst für meine Sicherheit verantwortlich? Mich einfach so inmitten von bierseligen, liebestrunkenen Gästen zurückzulassen. Was kann denn so wichtig sein?“
Shane wurde ernst. Er beantwortete ihre Frage aber nicht. „Ich dachte, du hättest die Nase voll von mir und würdest gern mal etwas Zeit allein verbringen.“
„Ist das deine Art, mir zu sagen, dass du die Nase voll von mir hast?“
Es entstand eine kleine Pause. Dann antwortete Shane. „Vielleicht ein bisschen.“
Keira klappte der Unterkiefer runter. Sie konnte unmöglich sagen, ob er das ernst meinte, oder sich über sie lustig machte. Immerhin klang er ziemlich ernst.
„Habe ich was gesagt, das dich beleidigt?“
Er zuckte unwirsch mit den Schultern. „Kann sein.“
Keira erinnerte sich daran, wie stumm und zurückhaltend er auf dem Weg zum Burren gewesen war. Da hatte sie ihn auch irgendwie beleidigt, aber sie wusste nicht, womit. Und jetzt hatte sie es offenbar wieder getan.
„Willst du mir nicht sagen, was es ist? Offenbar treffe ich ja öfter mal einen wunden Punkt und weiß nicht, wieso.“
Shane streckte sich ein wenig und schaute sie dann an. „Wenn du es unbedingt wissen willst, ich muss jemanden besuchen.“
„Ach so“, sagte sie. Sofort war sie besänftigt. „Willst du drüber reden?“
Shane schüttelte den Kopf. „Nicht mit dir.“
Er drehte sich um und ging den Pfad zurück. Keira blieb schockiert und verwirrt zurück. Sie hatte keine Wahl, als ihm zu folgen. Sie war verletzt. Sie wusste nicht, was sie gesagt oder getan hatte, dass es solch eine Ablehnung in ihm hervorrief. Sie ging niedergeschlagen den Rest des Weges zurück.
*
Später am Tag saß Keira in ihrem Zimmer vor dem geöffneten Laptop. Sie musste langsam mal mit ihrer Arbeit vorankommen. Elliot und Nina warteten sich schon darauf. Aber sie rang mit sich, was sie über die Klippen von Moher schreiben sollte. Ganz zu schweigen von dem, was sie Shane offenbar unwissentlich an den Kopf geworfen hatte.
Draußen auf der Straße war das Festival in vollem Gange. Sie konnte den Troubadour hören, der an der Straßenecke spielte. Sie fing an zu tippen.
Ich hoffe, ich muss nie wieder in meinem Leben den Klang eines Akkordeons ertragen. An meinem zweiten Abend dringt das jammervolle Spiel eines einsamen Troubadours durch den Sprung in meinem Schlafzimmerfenster. Ich frage mich, was er wohl getan hat, dass der Rest der Musiker nichts mit ihm zu tun haben will. Er spielt allein, während jeder zweite Bewohner von Lisdoonvarna auf der Geige fiedelt oder das Banjo zupft und jede Gelegenheit nutzt, alle an dem Gedudel teilhaben zu lassen. Vielleicht weiß der Troubadour etwas, was uns anderen unglücklichen Romantikern verborgen geblieben ist: wir sind allein und werden es auch bleiben.
Sie hielt inne. Das klang gehässig. Es gehörte nicht viel Kreativität dazu, diesen Ort schlecht zu machen und das gefiel ihr immer weniger. Aber es war eben der Ton, den Elliot wollte und so machte sie genau so weiter, bevor sie den Bericht abschickte.
Elliot antwortete nur wenige Augenblicke später.
Das ist großartig, Keira. Sieh zu, dass du noch mehr Interviews kriegst. Wir brauchen mehr Berichte aus erster Hand.
Keira lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und überdachte seine Worte. Es waren diese Berichte aus erster Hand, die ihr solche Magenschmerzen bereiteten. Es war gemein, sich mit Menschen zu unterhalten, mit dem Ziel, sie später in der Luft zu zerreißen. Aber genau dafür war sie letztendlich hergekommen.
Mit einem schweren Seufzer nahm sie ihre Handtasche und packte Stift und Notizblock ein. Sie würde Shane heute Abend an ihrer Seite vermissen und der Enthusiasmus für ihre Arbeit geriet ein wenig ins Wanken.
Als sie ihr Zimmer verließ und die Treppe hinunterging, fragte Keira sich, was dieser Ort eigentlich mit ihr machte.
KAPITEL SIEBEN
Das Festival war an diesem Abend genauso laut wie in der Nacht davor. Sogar noch lauter, denn jetzt fingen die organisierten Veranstaltungen und Wettbewerbe an. Während des Festivals der Liebe schien die ganze Stadt überhaupt nicht zu schlafen.
Keira suchte sich einen der zahlreichen Pubs aus und ging hinein. Es war noch recht früh, aber der Laden war schon voll. Sie fand einen Tisch in einer Ecke und setzte sich, holte ihr Notizbuch und einen Stift hervor und betrachtete die Menge, auf der Suche nach jemandem, den sie ansprechen konnte. Sie wollte unterschiedliche Leute, nicht nur Frauen wie Tessa, die für ein kurzes Abenteuer hierher gekommen waren. Was sie vor allem suchte, war jemand, der wirklich hier war für die wahre Liebe, jemand, der wirklich glaubte, hier auf dem Festival mit dem Einen verbunden zu werden.
Ihr Blick fiel auf einen Mann an der Bar. Er war älter als der Durchschnitt der Festivalbesucher, hatte bereits graues Haar. Sie schätzte ihn auf beinahe fünfzig. Er war allein, saß auf einem Barhocker und betrachtete die Festlichkeiten, als würde er nicht dazu gehören.
Sie stand auf und schob sich durch die Menge zu ihm. Er war offenbar überrascht, dass eine junge Frau ihn ansprach.
„Kann ich dir helfen?“, fragte er mit breitem, irischem Akzent, den Keira in dem Lärm nur mit Mühe verstehen konnte.
Sie erklärte, wer sie war, warum sie hier war, und fragte, ob er bereit wäre, mit ihr über seine Erfahrungen mit dem Festival zu sprechen.
„Sicher, ich habe sonst weiter nichts vor“, antwortete er. „Ich bin Patrick.“
„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte Keira. „Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, aber es ist ja offensichtlich, dass du etwas älter bist als die meisten anderen Teilnehmer hier. Ich habe mich gefragt, warum du heute hierher gekommen bist.“
Patrick lachte. „Du meinst, ich bin ein alter Sack, umgeben von schönen jungen Frauen?“
Keira lächelte und zuckte mit den Schultern. „Deine Worte, nicht meine.“
„Das kannst aufschreiben“, fügte Patrick hinzu und deutete auf ihr Notizbuch, wo sie sich schon ein paar Stichworte gemacht hatte. Er nahm einen Schluck von seinem Bier. „Also, du willst meine Geschichte hören. Dann pass gut auf. Ich bin älter, das stimmt, aber ich bin kein alter Perverser, der nach einer jüngeren Frau sucht. Es gibt viele Männer wie mich, die in diesem Lebensabschnitt allein da stehen.“ Er holte aus seiner Jackentasche sein Portemonnaie hervor und zog ein Foto aus einem der Fächer. „Das ist Susan. Wir waren dreißig Jahre verheiratet. Dann hat sie sich scheiden lassen.“
Keira schrieb eifrig mit, hatte allerdings weiterhin Schwierigkeiten mit Patricks Akzent.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Nichts, ehrlich gesagt. Die Kinder waren erwachsen geworden und ausgezogen. Wir waren älter geworden. Ich wurde bequem, du weißt schon, ließ mich gehen, nahm sie als selbstverständlich hin. Dann lief das Geschäft schlechter und ich konnte ihr den Lebensstandart nicht mehr bieten, wie ich es mal versprochen hatte. Also suchte sie sich jemand anderen, der ihr das bieten konnte.“ Er steckte das Foto wieder ein.
„Dann bist du hier auf der Suche nach etwas Spaß?“, fragte Keira. „Oder nach Rache?“
Patrick lachte. „Ich bin hier auf der Suche nach einer Frau.“
„Wirklich?“, fragte Keira erstaunt. „Du hast davon nicht die Nase voll? Bist nicht verbittert oder entmutigt?“
„Natürlich nicht“, sagte Patrick. „Ich bin weder verbittert noch jenseits von Gut und Böse. Was wir hatten, war vielleicht nicht genug für Susan, aber irgendwo da draußen ist eine Frau, der das reicht. Wahrscheinlich ist sie auch geschieden.“ Er lachte. „Das sind viele hier. Geschieden oder verwitwet. Darauf zähle ich.“
Keira war überrascht. Die Ehe ihrer Eltern hatte sich aufgelöst, als sie noch sehr klein war, und ihre Mutter hatte darüber jahrelang gejammert. Mit dem Bild der Mutter vor Augen, hatte sie einige Dinge immer als unumstößliche Fakten hingenommen und dazu gehörte, dass eine Scheidung das Schlimmste war, was einem passieren konnte. Es war ein regelrechter Schock, hier jemanden zu treffen, der das auch durchgemacht hatte, aber nicht vollkommen desillusioniert daraus hervorgegangen war, sondern immer noch an die Liebe glaubte.
„Das heißt, du wirst dich mit dem Matchmaker treffen, um dich von ihm verkuppeln zu lassen?“, fragte Keira.
Patrick nickte. „Habe ich schon. In seinem Buch gibt es eine Frau, von der er meinte, dass sie genau zu mir passen würde. Eileen. Sie ist 46, glaube ich, und auch frisch geschieden. Das heißt, wir haben schon mal reichlich gemeinsam.“ Er grinste.
„Und wirst du dich mit ihr treffen?“, fragte Keira.
„Deshalb bin ich hier“, rief Patrick über den Lärm des Pubs hinweg. Er strich sich das Hemd glatt und seine Augen leuchteten vor freudiger Erwartung. „Ich bin schon etwas früher gekommen, um uns Plätze zu sichern.“
Keira war schon wieder überrascht. Sie hatte gedacht, sie hätte einen einsamen Mann ausgewählt, der inmitten der Menge doch keinen Kontakt finden konnte. Statt dessen hielt sie einen geschiedenen Mann von seinem Date ab. Patrick war nicht dankbar für etwas Gesellschaft gewesen; Keira hatte ihn nicht vor der Einsamkeit an diesem Abend bewahrt. Sie war lediglich ein netter Zeitvertreib, bis sein Date anfing.
Die Tür ging auf und eine Frau in einem wunderschönen smaragdgrünen Kleid trat ein. Sie war etwa so alt wie Patrick, hatte blonde Strähnen im grauen Haar, und ihre Figur entsprach nicht ganz den Idealmaßen. Aber sie sah glamourös aus, hatte wirklich etwas aus sich gemacht und war für ihr Alter sehr attraktiv. Sie entdeckte Patrick an der Bar und lächelte.
„Ich lass euch dann besser mal allein“, sagte Keira. Sie fühlte sich zum ersten Mal im Leben von einer älteren Frau verdrängt.
Patricks Aufmerksamkeit hatte sich gänzlich auf seine Verabredung gerichtet. Er stand auf, küsste sie auf beide Wangen, dann nahmen sie an der Bar Platz, wo er eben noch mit Keira gesessen hatte.
Keira ging zurück zu ihrem Tisch und beobachtete Patrick und die Frau, wie sie sich unterhielten und lachten. Sie bemerkte, dass Eileen Patricks Hand berührte, während sie sprach, und sah das Funkeln in seinen Augen, wenn sie lauthals über seine Witze lachte. Keiras zynische Fassade bekam einen weiteren Sprung. Vielleicht war ja doch etwas dran an diesem Festival. Für manche Menschen funktionierte es vielleicht wirklich. Natürlich nicht für jemanden wie sie, aber für die ältere Generation, die schon einmal geliebt und verloren hatte und nun bereit war, es noch einmal zu versuchen.
Sie packte ihr Notizbuch ein, denn es war klar, dass nichts vom Gespräch mit Patrick es in den Artikel schaffen würde. Um es irgendwie einzubauen, müsste sie ihn als verzweifelte Parodie darstellen und dagegen sträubte sie sich.
Sie musste jemand anderes für ein Interview finden, jemanden, dessen Geschichte besser zu ihrem zynischen Konzept für den Artikel passte. Aber wohin auch immer sie blickte, sie sah nur fröhliche Gesichter, sah Menschen, die sich amüsierten, die gern in Gesellschaft waren, Menschen, die so aussahen, als würden sie sich verlieben. Das konnte sie gar nicht gebrauchen. Und dann bereitete es ihr auch noch ein seltsames, wohliges Gefühl, diese Leute so zu sehen.
Keira beeilte sich, aus dem Pub zu kommen, weg von der beengenden, romantischen Atmosphäre.
*
Später am Abend erhielt sie einen sehr willkommenen Anruf von Nina. Das vermittelte ihr ein wenig das Gefühl von Heimat, selbst wenn das Gespräch rein beruflicher Natur war.
„Elliot findet es absolut großartig, was du bisher geschrieben hast“, sagte Nina. „Und ich auch. Dein Stil hat sich deutlich verbessert mit diesem Auftrag. Der Ton ist perfekt. Sehr aussagekräftig. Ich kann mir beinahe vorstellen, ich wäre selber da.“
„Danke“, sagte Keira und schmunzelte.
„Da ist allerdings etwas“, sagte Nina. „Joshua ist aus dem Krankenhaus raus und will sofort wieder einsteigen. Die Ärzte haben ihn für vier Wochen krankgeschrieben und er soll nicht ins Büro gehen. Daher dachte Elliot, er selber könnte das Tagesgeschäft bei Viatorum übernehmen. Joshua soll statt dessen den Irland-Auftrag begleiten. Er nimmt jede Menge Schmerzmittel, was seinen Schlafrhythmus komplett durcheinander bringt, so dass er viel Zeit für dich hätte. Mit anderen Worten, Elliot hat sich aus der Irland-Nummer ausgeklinkt.“
Keira fühlte sich wie ein begossener Pudel. Es war Elliot, den sie hatte beeindrucken wollen, denn Elliot war ihr Schlüssel zum Erfolg. Joshua würde einfach nur wie üblich mit ihrer Arbeit umspringen, höhnisch, respektlos und über die Maßen kritisch.
Plötzlich hatte Keira das Gefühl, das Risiko, das sie eingegangen war, um hierher zu kommen, sei es vielleicht doch nicht wert gewesen. Hatte sie unter diesen Umständen überhaupt noch eine Chance, auf der Karriereleiter einen Schritt nach oben zu kommen? Würde sie am Ende Zachary für nichts aufgeben?
Sie beendete das Gespräch mit Nina und rief ihn sofort an. Dieses Spielchen, sich anzuschweigen, musste ein Ende haben. Sie mussten das in Ruhe besprechen, wie Erwachsene.
Zu ihrer Überraschung schien der Zeitunterschied gut zu passen, denn Zachary hob schon nach wenigen Augenblicken ab.
„Ich habe mich schon gefragt, wie lange du wohl brauchst, bis du anrufst“, sagte er.
Keira runzelte die Stirn. „Ich habe dich ständig kontaktiert. Du warst derjenige, der nicht reagiert hat.“
Und schon hatten sie beide einen eher feindseligen Tonfall angenommen. Das würde nicht gut ausgehen. Und dabei hatten sie doch bisher kaum etwas gesagt.
„Ich konnte ja nicht ahnen, dass Fotos von Schafhintern und inzestuösen Fußballmannschaften eine Antwort erfordern.“
„Das war aber nicht alles“, antwortete Keira. Sie fühlte sich in die Ecke gedrängt.
„Ach ja, richtig. Da war außerdem noch diese volltrunkene Tirade. Danke, dass du mich daran erinnerst.“ Sein Ton war scharf, geradezu giftig. „Weißt du, das ist der Mist, den man von Teenagern erwartet. Betrunkene Nachrichten und alberne Bilder zu schicken. Das ist kindisch. Dies ist dein erster Versuch, wie eine Erwachsene mit mir zu sprechen.“
„Wenn reden so wichtig für dich ist, warum hast du mich dann nicht selber angerufen?“, fragte Keira. Sie war nicht gewillt, die Schuld für das Schweigen auf sich zu nehmen. Sie hatte es immerhin versucht. Und Zachs herablassende Haltung ging ihr quer runter.
„Vielleicht hatte ich ohne dich einfach zu viel Spaß“, sagte er kühl.
Keira fühlte sich eiskalt erwischt. Da war etwas in seiner Stimme, das ihr Misstrauen weckte. „Du meinst, mit Julia?“
Schweigen am anderen Ende.
„Zach?“
Kälte breitete sich in ihr aus. Sein Schweigen sprach Bände.
„Zach, hast du mit ihr geschlafen?“
Sie hörte ihn seufzen. „Ja“, sagte er schließlich.
Keira hatte das Gefühl, jemand habe ihr einen Schlag in die Magengrube versetzt. Sie konnte nicht richtig atmen, so schockiert war sie von seinem Eingeständnis. Sie setzte sich auf das Bett, brauchte eine Stütze. Sie hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
„Ich kann nicht glauben, dass du mir das angetan hast“, stammelte sie.
Zach seufzte. „Du bist weggegangen und hast mich verlassen. Ich dachte, ich hätte mich klar ausgedrückt. Wenn du nach Irland gehst, rechne nicht damit, dass ich daheim auf dich warte.“
„Nein, so deutlich hast du das nicht gesagt!“, schrie Keira. „Wir haben uns vielleicht gestritten, du warst sauer. Verstehe ich. Aber ich hätte nicht gedacht, dass du es als das Ende unserer Beziehung aufgefasst hast.“
„Hatte ich auch nicht“, antwortete Zach. „Du hast mich verlassen. Du erinnerst dich? Ich sagte, wenn du gehst, ist es das Ende für unsere Beziehung. Und du bist gegangen. Für mich war das ganz klar deine Art, es zu beenden.“
Keira schnappte nach Luft. Das war doch der reine Wahnsinn. Zach drehte alles so, als wäre sie der Buhmann. Er versuchte, seine Taten zu rechtfertigen, indem er ihr die Schuld für alles gab. Aber sie war überzeugt, dass diese Worte so nie ausgesprochen worden waren.
„Selbst wenn du gedacht hast, es wäre aus, zeugt es nicht gerade von Klasse, wenn man dann mit der erstbesten Frau in die Kiste springt“, fauchte sie. Ihr Ton war anklagend.
„Weißt du was, Keira?“, antwortete Zach, ebenfalls wütend. „Du hast recht. Julia war eben einfach da. Hier. Und das ist mehr, als man von dir behaupten kann.“
Der Anruf endete abrupt.
Keira saß da, mit dem Telefon in der Hand, und hatte Schwierigkeiten mit dem Atmen. Sie hasste es zu heulen, aber sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Sie schluckte schwer, ihre Kehle war wie zugeschnürt.
War das wirklich gerade passiert? Sie hätte nie erwartet, so etwas Fieses von Zachary zu hören. Sie war tief getroffen.
Sie erkannte, dass Bryn falsch gelegen hatte. Sie und Zachary hatten eigentlich überhaupt nie wirklich zusammengepasst. Er hatte gerade eine Seite von sich offenbart, die sie nie erwartet hätte. Zach war es nie darum gegangen, sie zu unterstützen, ihr zu helfen. Er wollte einfach eine Freundin, die da war, die ihn an die erste Stelle setzte, seine Bedürfnisse, und ihre eigenen nach hinten stellte.
Ihr wurde bewusst, dass Zach ein Mistkerl war. Wie hatte sie das bis dahin nicht bemerken können?
Sie krabbelte ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf. Draußen auf der Straße hörte sie die Stimmen der Singles auf der Suche nach dem richtigen Partner. Das erste Mal seit zwei Jahren gehörte Keira wieder dazu.
KAPITEL ACHT
Keira stand früh am nächsten Morgen vor Orins B&B. Das letzte, was ihr gebrochenes Herz jetzt brauchte, war ein üppiges irisches Frühstück, daher hatte sie dafür gesorgt, so spät dran zu sein, dass es dafür zeitlich nicht reichte.
Sie stand an der Straßenecke, die Arme schützend um den Leib geschlungen, und fühlte sich von Zach tief verletzt. Sie wusste nicht, wie sie diesen Tag überstehen sollte. Am liebsten wollte sie sich im Bett zusammenrollen und den ganzen Tag nur schlafen. Aber als sie Shanes Auto erblickte, fühlte sie sich merkwürdig erleichtert und die Einsamkeit wich von ihr.
Er hielt vor dem B&B und Keira stieg ein.
„Morgen“, sagte Shane steif.
Keira schaute ihn an. Sein Gesichtsausdruck war angespannt. Sie erinnerte sich daran, dass er gestern davon gesprochen hatte, jemanden aufsuchen zu müssen. Und sie war nicht die Person gewesen, mit der er darüber hatte reden wollen. Eigentlich hätte sie ihn fragen wollen, wie es gelaufen war, um zu sehen, ob sie ihm irgendwie helfen konnte. Aber die Trennung von Zachary hatte sie verunsichert. Und Shanes Zurückweisung gestern schmerzte nun umso mehr. Anstatt also mit ihm zu reden, starrte sie gedankenverloren aus dem Fenster.
„Morgen.“
Shane fuhr los. Keira suhlte sich in ihrem Elend, betrachtete das eintönige Grün und Grau der vorbeiziehenden Landschaft.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, bis Shane endlich sprach.
„Du bist sehr still“, sagte er.
„Du doch auch“, antwortete sie, den Blick noch immer nach draußen gerichtet.
„Stimmt schon.“
Wieder verfielen sie in Schweigen. Keira gefiel es nicht, wie das sonst übliche fröhliche Geplänkel ersetzt wurde von einem großen Nichts.
„Ich habe den Abend an einem Grab verbracht“, erklärte er schließlich. „Und du?“
„Ich bin einfach müde.“
„Da ist noch etwas anderes.“
Sie schaute ihn schließlich doch an. „Das geht dich nichts an“, gab sie dasselbe zurück, was sie gestern von ihm zu hören bekommen hatte.
Sie wollte nicht schnippisch klingen. Aber über die Trennung wollte sie auch nicht mit ihm reden. Was sie wirklich brauchte, war ein Gespräch mit Bryn oder ihrer Mutter. Die waren die ersten, an die sie sich üblicherweise wandte, wenn sie Trost brauchte. Aber Bryn war gerade joggen, als sie angerufen hatte, und sagte, sie habe gerade keine Zeit. Daher hatte sie ihr nicht mal von der Trennung erzählen können. Und bei ihrer Mutter musste sie mit einem Ich habe es dir ja gleich gesagt rechnen. Danach stand Keira gerade gar nicht der Sinn. Mit irgendjemand sonst in New York zu sprechen, war wegen des Zeitunterschieds nicht möglich. Seit sie nach Irland gekommen war, hatte Keira sich nicht so einsam gefühlt. Sie hätte sich bei Shane ausheulen können, aber sie waren beide nicht in der richtigen Verfassung dafür.
Sie schaute wieder aus dem Fenster und konnte Shanes Blicke auf sich spüren. Er drängte sie aber nicht und so verfielen sie wieder in dieses unangenehme Schweigen.
Im Vergleich zu den beiden anderen Ausflügen dauerte dieser viel länger. Das gab Keira reichlich Zeit zum Grübeln. Sie entschied, dass Shane entweder ihren Wunsch respektierte, nicht darüber reden zu wollen, oder er war zu verärgert über sie, dass er es gar nicht erst versuchte. Auch wenn die üblichen Spötteleien ausblieben, so schaute er doch immer wieder besorgt zu ihr herüber.
Schließlich sprach er doch.
„Keira, bist du sauer auf mich, weil ich dich auf dem Festival gestern allein gelassen habe?“, fragte er.
Sie warf ihm einen scharfen Blick zu. „Ich bin kein Kind, Shane. Ich strafe dich nicht mit Schweigen, weil du mich abgewiesen hast.“ Noch während sie es sagte, wurde ihr bewusst, dass das zumindest zum Teil ein Grund für ihr Schweigen gewesen war. Die Erkenntnis überraschte sie. Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Wieso eigentlich?“
„Das sagte ich doch“, antwortete Shane. Sein Hände umklammerten das Lenkrad. „Ich musste jemanden besuchen. Mehrere eigentlich.“
Keira konnte ihre Neugier nicht länger zähmen. „Wen denn?“
Shane holte tief Luft, dann atmete er langsam aus. „Ich will dich nicht mit meinem Kram belasten.“
„Es macht mir nichts aus“, antwortete Keira. Sie zupfte gedankenverloren an ihrem Hemd. „Es würde mich von meinem eigenen Kram ablenken.“
Shane blickte sie an. „Machen wir einen Deal. Ich erzähle dir von meinen Sorgen und du mir von deinen.“
Keira sackte in sich zusammen. Sie war noch nicht bereit, über die Trennung zu sprechen. Andererseits wollte sie aber wissen, was mit Shane los war. Vielleicht war es das Opfer wert.
„Einverstanden“, sagte sie schließlich.
Shane blickte wieder nach vorn. Die Straße war schmal, lang und leer. Es war, als wären sie die einzigen beiden Menschen auf der Welt.
Er warf ihr noch einen schnellen Blick zu. „Nichts davon wird in deinem Artikel erscheinen, okay?“
Keira machte eine beschwichtigende Geste. „Es bleibt unter uns“, bestätigte sie. Ihr wurde einmal mehr klar, wie viel besser Joshua für diesen Job geeignet gewesen wäre. Für den hätte es solch eine Einschränkung einfach nie gegeben. „Es muss etwas mit der Liebe zu tun haben“, mutmaßte sie.
Shane nickte. „Das wird dir nicht gefallen. Es richtet sich gegen alles, wofür du stehst.“
„Alles, wofür ich stehe?“, wiederholte Keira stirnrunzelnd. „Was meinst du denn damit?“
Shane räusperte sich und hielt den Blick fest auf die Straße gerichtet. „Du hast neulich eine Bemerkung über die erste Teenagerliebe gemacht.“
„Und dass die immer böse endet? Das hat dich beleidigt?“
Er nickte. „Es war mehr die totale Verachtung in deiner Stimme. Als würdest du nicht daran glauben, dass es das für irgendjemanden wirklich geben könnte.“
„Weil ich wirklich nicht daran glaube“, antwortete Keira. „Meiner Erfahrung nach zumindest. Ich meine, die Leute in meiner Bekanntschaft, die jung geheiratet haben, ließen sich auch schnell wieder scheiden. Und wenn sie doch zusammenblieben, dann nur, weil ihre Religion eine Trennung nicht erlaubte, oder zumindest nicht guthieß.“ Sie hielt inne. „Willst du mir damit sagen, dass du immer noch mit deiner Jugendliebe zusammen bist?“
Keira war erstaunt, wie sehr sie der Gedanke beunruhigte. Sie hatte Shane nie gefragt, ob er in einer Beziehung war. Sie hatte aufgrund seines Verhaltens einfach angenommen, dass es nicht so war. Er trug keinen Ring, aber was, wenn daheim ein Mädchen auf ihn wartete? Eines, das er jedes Jahr zurückließ, während er sich auf dem Festival vergnügte? Der Gedanke bereitete ihr Übelkeit.
„So in etwa“, antwortete Shane.
Panik kam in ihr auf. Waren alle Männer Fremdgänger? Suchten sich alle jemand anderes, sobald die Freundin außer Sichtweite war? Wie konnte man überhaupt so in etwa mit jemandem zusammen sein?
Neben ihr schien Shane in sich zusammenzusacken.
„Sie ist gestorben“, sagte er einfach.
Schuldgefühle stürzten auf Keira ein. Sie hätte nicht an ihm zweifeln dürfen. Sie hätte vor allem nicht ihre eigene Paranoia auf ihn projizieren dürfen.
„Das tut mir sehr leid“, sagte sie. „Kürzlich erst?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, das war vor langer Zeit.“
„Was ist passiert?“
„Wir haben uns in der Schule kennengelernt. Haben uns sofort ineinander verliebt. Aber das wussten wir anfangs gar nicht. Wir waren erst zwölf.“ Er schmunzelte in sich hinein. „Wir wurden älter, gingen miteinander aus. Es war perfekt. Ich habe ihr noch vor dem Schulabschluss einen Antrag gemacht. In der Nacht wurde sie schwanger.“ Wieder lächelte er und errötete ein wenig. „Mit achtzehn haben wir geheiratet. Dann, sie war im achten Monat, hörte das Baby auf, sich zu bewegen. Wir fuhren ins Krankenhaus. Das Baby war gestorben.“ Er klammerte sich an das Lenkrad. „Als sie unseren Sohn tot zur Welt brachte, starb sie ebenfalls. Ich hatte sie beide in einer Nacht verloren.“ Er schaute sie traurig an. „Deshalb sagte ich so in etwa. Bis dass der Tod uns scheidet. Es kam nur einfach viel schneller, als wir je erwartet hatten. Aber sie ist immer noch hier.“ Er tippte auf sein Herz.
Keira fröstelte. Sie hatte noch nie eine so tragische Geschichte gehört. „Wie war ihr Name?“, fragte sie sanft. „Falls du ihn mir sagen möchtest?“
„Deidre“, antwortete Shane. „Und ich habe den Jungen John genannt, nach ihrem verstorbenen Vater. Ich denke, das hätte sie gewollt.“
Keira wusste nicht, was sie noch hätte sagen sollen. Sie fühlte sich furchtbar, voller Trauer und Mitgefühl. Wie schrecklich, so etwas in so jungen Jahren schon durchmachen zu müssen. Kein Wunder, dass er über ihre blöde Bemerkung über die Jugendliebe so wütend gewesen war.
„Das sind die Gräber, die du gestern besucht hast?“, fragte sie behutsam.
Shane nickte.
„Weil es ihr Todestag war?“ Sie befürchtete, ihre Worte hatten Salz in die Wunde gerieben.
„Nein“, antwortete er. „Ich gehe immer hin, wenn ich das Bedürfnis verspüre. Das ist mehrmals im Jahr, immer noch. Gestern war so ein Tag.“
„Gab es einen Auslöser?“
Er schaute sie an. „Schuldgefühle.“
„Schuldgefühle?“, wiederholte sie. Dann wurde ihr bewusst, was er meinte. Seine Nacht mit Tessa. Mit einer anderen Frau zusammen zu sein, musste zwangsläufig Erinnerungen wecken. Zumindest nahm sie an, dass das der Grund war. Aber da war noch irgendetwas in seinen Augen, was sie nicht verstand.
„Wir sind da“, sagte Shane plötzlich.
Keira stellte verdutzt fest, dass sie komplett vergessen hatte, warum sie hier waren. Sie hatte sich ganz in Shanes Geschichte verloren.
Sie parkten vor einem ansehnlichen Haus. Es war ein eindrucksvolles, rotes Backsteingebäude, umrankt von Efeu. Damit hatte sie nicht gerechnet. Um ehrlich zu sein, hatte sie nicht einmal einen Blick in den heutigen Tagesplan geworfen, oder Shane gefragt, wohin der Ausflug heute gehen sollte. Sie hatte über die Sache mit Zach alles andere einfach vergessen.
„Das ist ja mal schick“, sagte sie.
„Muckross House“, erklärte Shane. „Es gibt Gärten und Seen und die Ländereien gehören heute zum Killarney Nationalpark.“
Keira schaute aus dem Fenster zu den Bergen ringsum. Sie hatten einen bläulichen Schimmer, wie der Hintergrund eines Aquarells.
„Wie wäre es mit einem Spaziergang?“, schlug Shane vor.
Sein Ton war viel sanftmütiger als Keira bisher von ihm gewohnt war. Sie wollte es nicht eingestehen, aber das beruhigte sie ungemein. Sie brauchte vielleicht nicht Bryns Trost, oder den ihrer Mutter. Vielleicht war jemand Neues besser, um damit umzugehen, als jemand Vertrautes.
Sie schüttelte den Gedanken sofort wieder ab. Hatte sie Zach nicht gerade erst vorgeworfen, wie schäbig es war, sich mit dem Erstbesten zu vergnügen? Wie konnte sie jetzt ähnliche Gedanken hegen? Und hatte Shane ihr nicht gerade gestanden, wie schlecht er sich fühlte, weil er mit einer anderen Frau zusammen gewesen war? Mal ganz abgesehen davon, dass er ihr Reisebegleiter war, der von ihrer Firma bezahlt wurde. Es wäre ganz und gar unpassend, etwas mit ihm anzufangen. Aber sie musste zugeben, dass eine gewisse Anziehung da war.
Sie stiegen aus dem Auto aus. Keira entdeckte etwas auf dem Gras.
„Ist das eine Ente?“, fragte sie und kicherte.
„Sieht so aus“, antwortete Shane und lächelte. „Muss wohl vom See herauf gekommen sein.“
„Oh, guck mal, da sind Entenküken!“, rief Keira, als ein Haufen kleine, gelbe Küken ihrer Mutter durch das Gras folgten.
Keira gurrte vor Begeisterung, bis sie bemerkte, dass Shane sie beobachtete. Einen solchen Gesichtsausdruck hatte sie noch nie von ihm gesehen. Er hatte so ein Zwinkern in den Augen. Nein, es war mehr ein Leuchten. Sie fragte sich, was William Barry daraus wohl machen würde.
„Ich wollte dir eigentlich sagen, wie hübsch du heute morgen aussiehst, aber du warst so traurig.“
Keira war schockiert, solche Dinge von ihm zu hören. Er fand sie hübsch?
„Ich war traurig“, bestätigte sie. „Ich bin es immer noch.“
Shane nickte. „Das sehe ich. Wir haben eine Abmachung, du erinnerst dich?“
Keira zögerte. Es erschien ihr zu riskant über Beziehungen und Romantik zu reden, denn sie wusste, wohin sich ihre Gedanken bewegten, was sie sich wünschte und was sie auslösen würde, sobald sie sich eingestand, dass sie wieder frei war. Aber sie fühlte sich von diesem Gedanken auch angezogen, spürte das aufregende Kribbeln voller Verheißung.
„Zach“, sagte sie, „mein Freund, er ist nicht länger mein Freund.“
Shane wirkte aufrichtig betroffen. Keira konnte beinahe spüren, wie sehr er sie trösten, in den Arm nehmen wollte. Aber er tat es nicht, und dafür war sie ihm dankbar.
Sie begannen, den Weg entlang zu spazieren, der um das wunderschöne viktorianische Gebäude herum führte.
„Er hat mich betrogen“, sagte Keira nach einer Weile. „Ich wollte eigentlich mit ihm zur Hochzeit seiner Schwester gehen. Aber ich hatte diesen Auftrag angenommen. Da hat er mit einer der Brautjungfern geschlafen.“
Shane schaute sie mitfühlend an. „Tut mir leid. Das ist fies.“
Keira schlang sich die Arme um den Leib, als wolle sie sich gegen den Schmerz wappnen.
„Falls es dir hilft“, sagte Shane, „ich bin sehr froh, dass du den Auftrag angenommen hast.“
Keira erstarrte. Was meinte er damit? Bisher hatte er sich benommen, als wäre sie der Feind. Er hatte sich mit dieser Tessa vergnügt. So verhielt man sich nicht, wenn man jemanden mochte.
„Es ist nett, Gesellschaft zu haben“, fügte er schnell hinzu. „Ich bin auch fort von daheim. Während des Festivals bekomme ich manchmal Heimweh, da ist es nett, ein freundliches Gesicht zu sehen.“
Keira wurde bewusst, dass sie streng genommen nichts über Shane wusste. Sie kannte lediglich seine Ansichten über Romantik und dass seine Sicht auf die Dinge ziemlich von ihrer abwich. Sie waren direkt in die tiefschürfenden Themen eingestiegen, hatten den netten Small Talk einfach ausgelassen, über ihr Zuhause, ihre Familien, ihre Freunde, was ihnen wichtig war.
„Ich weiß nicht, was ich sagen könnte, damit es dir besser geht“, sagte Shane, „aber es wird besser.“
Sie nickte und fühlte sich ein wenig sprachlos. Selbst als er sich wie ein Idiot benommen hatte, war da eine gewisse Anziehungskraft gewesen, jetzt spürte sie diesen Sog noch viel stärker, sie konnte sich dem nicht entziehen.
„Ich würde sagen, trink einen darauf“, sagte er mit schiefem Grinsen, „aber das ist ja nicht so dein Ding.“
Sie lachte und schüttelte den Kopf. „Ich kriege langsam schon einen Bierbauch“, sagte sie lachend und klopfte sich auf den Bauch.
„Wie wäre es dann mit einem Brunch?“ Shane deutete auf ein Schild, das auf den Tea Room verwies.
„Das klingt nett“, sagte Keira. Sie hatte nicht gefrühstückt und verspürte nun einen ziemlichen Hunger.
Sie spazierten den Pfad entlang zum Teehaus und traten ein. Es war ein wunderschönes, kleines Gebäude, wahrscheinlich ursprünglich das Cottage des Verwalters, das man in ein schlichtes Café umgebaut hatte.
Sie setzten sich an einen kleinen runden Tisch, ihre Knie berührten einander beinahe. Keira fragte sich, ob das hier so eine gute Idee war. Es hatte etwas von einem Date und das machte alles noch verwirrender.
Sie bestellten sich Spiegeleier auf Roggenbrot mit Kaffee und Saft. Keira versuchte sich Joshua hier vorzustellen, in diesem rustikalen Café, mit dem zerbrechlichen Porzellan. Er wäre aufgefallen wie ein bunter Hund. Keira stellte fest, dass sie viel besser hierher passte, als sie je vermutet hätte.
Das Essen wurde serviert und sie begannen, schweigend zu essen. Keira fiel auf, dass Shane etwas niedergeschlagen war. Ihr wurde bewusst, dass sie über ihre Trennung gejammert hatte, während er doch bereits mit achtzehn Witwer geworden war. Er wusste über die Liebe und den Verlust viel mehr als sie und hatte viel mehr durchmachen müssen. Er musste sie für eine dusselige Kuh halten.
„Tut mir leid, dass ich so trübselig bin“, platzte es aus ihr heraus.
Shane schüttelte den Kopf. „Muss es nicht. Du machst eben gerade eine schwierige Zeit durch.“
Keira rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. „Aber das muss dir so albern vorkommen, wenn man bedenkt, was du selber durchmachen musstest.“
„Du meinst, mit Deidre?“ Ein dünnes Lächeln erschien auf seinen Lippen. „Du kannst ruhig ihren Namen sagen, weißt du? Ich hätte dir nicht davon erzählt, wenn ich nicht grundsätzlich bereit wäre, darüber offen zu sprechen.“
Keira nickte. Sie hatte das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, dass er ihr sein dunkelstes Geheimnis anvertraut hatte. Und sie hatte es zunächst nicht einmal verstanden. „Ja, ich meinte Deidre.“
„Es ist dir bestimmt aufgefallen, dass ich nach Deidre nicht wie ein Einsiedler gelebt habe“, sagte Shane. „Es ist nicht so, als wäre ich nie mit einer anderen Frau zusammen gewesen. Ich hatte andere Beziehungen, auch längere, andere ziemlich kurz. Caroline war meine nächste große Liebe.“
„Oh Gott, was ist mit ihr passiert?“, fragte Keira und rechnete mit dem Schlimmsten. Tuberkulose oder so etwas.
„Sie hat mich betrogen“, antwortete Shane.
Damit hatte Keira nicht gerechnet. Dass Shane dasselbe durchgemacht hatte, wie sie selber gerade, brachte sie irgendwie näher zusammen. „Obwohl sie wusste, was du mit Deidre durchgemacht hattest?“
Shane nickte. „Manche Leute sehen einfach nicht, welche Auswirkungen ihre Handlungen auf Andere haben.“
„Das ist lobenswert diplomatisch formuliert.“
Shane zuckte mit den Schultern. „Ich denke, davon kann sich keiner wirklich freisprechen.“
Keira ging nicht davon aus, dass Shane speziell sie damit meinte, aber es passte schon irgendwie. Zach hatte ihrer Beziehung praktisch das Wasser abgegraben, als er mit Julia ins Bett gegangen war, aber sie war selber auch nicht ganz unschuldig gewesen. Sie konnte sich einfach nicht in seine Position versetzen, seine Ansichten nachvollziehen, über ihre Karriere, ihre Prioritäten, in denen er nicht an erster Stelle kam. Er mochte die Beziehung faktisch beendet haben, aber sie hatte selber auch daran gerüttelt.
„Du hast eben gesagt, du vermisst deine Familie“, sagte Keira. „Wieso siehst du sie denn nicht?“
„Sie wohnen eben weit weg von Lisdoonvarna. Genauer gesagt, wohnen sie ganz in der Nähe von hier.“
„Dann solltest du dir den Tag frei nehmen und sie treffen“, schlug Keira vor.
Shane schüttelte den Kopf. „Ich kriege den Job nächstes Jahr vielleicht nicht, wenn jemand erfährt, dass ich mich darum gedrückt habe. Und ich brauche das Geld.“
Keira fühlte sich schlecht. Jemanden zu vermissen, und ihnen doch so nah zu sein, war schlimm. Mit Bryn fühlte sie sich auch manchmal so, eigentlich nur einen Anruf entfernt, aber der Zeitunterschied machte es doch unmöglich.
„Ich habe eine Idee“, sagte Keira. „Es ist dein Job, mir das echte Irland zu zeigen, richtig? Dann zeig mir deine Heimatstadt, deine Familie.“
Shane spuckte beinahe seinen Kaffee aus. „Ich weiß nicht, ob ich schon so weit bin, dich meinen Eltern vorzustellen“, witzelte er.
Keira rollte mit den Augen. „Na, komm schon. Ich biete dir hier ein Schlupfloch.“
Er sah nicht sonderlich überzeugt aus. „Es wäre noch eine Stunde Fahrt von hier. Ich weiß nicht, ob wir rechtzeitig zum Festival heute Abend zurück sind.“
Keira dachte an die erschreckend geringe Zahl an Interviews in ihrem Notizbuch und an den Entwurf, den sie Nina schicken musste.Die vielen Seiten, die sie wieder verworfen hatte, weil sie nicht länger bereit war, die Menschen, die sie interviewt hatte, niederzumachen. Das Festival für eine Nacht sausen zu lassen, war schon ziemlich verwegen. Es sei denn….
„Sind deine Eltern noch verheiratet?“, fragte sie.
„Vierzig Jahre und immer noch zusammen“, antwortete Shane lächelnd.
„Meinst du, ich könnte sie interviewen?
Shane sah sie erstaunt an. „Sie reden beide gern, insofern sollte das gehen.“
„Na bitte“, sagte Keira triumphierend. „Damit wären deine Eltern meine Interviewpartner für heute. Über das Festival und Irland im Allgemeinen habe ich genug Material. Ich brauche nur mehr Interviews.“
Shane strahlte schließlich, als ihm bewusst wurde, dass sie es wirklich ernst meinte.
„Gut, großartig! Ich rufe sie an und sage ihnen, dass wir kommen.“
Keira lächelte, als er aufstand und nach draußen ging, um zu telefonieren. Das einzige Problem war, dass sie ja eigentlich diese ganzen Mythen von Liebe und Romantik in der Luft zerreißen sollte. Aber in ihr hatte sich etwas verändert. Ihre Schutzmauern begannen, in sich zusammenzufallen. Irland hatte ihr Herz berührt, die Menschen, das romantische Flair. Erst recht jetzt, da Zach sie abserviert hatte.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke. Elliot hatte verlangt, dass der Artikel Erfahrungen aus erster Hand lieferte, aber was, wenn sie jetzt einen ganz anderen Ansatz wagte? Die zynische New Yorkerin, die nach einer schmerzhaften Trennung mitten ins Festival der Liebe geriet? Was, wenn sie ihr eigenes Leben und nicht nur ihre Ansichten in den Mittelpunkt des Artikels stellte?
Shane kam zurück. „Fertig? Meine Familie ist begierig, dich kennenzulernen.“
„Wirklich?“, fragte sie, stand auf und nahm ihre Tasche.
„Sie freuen sich immer, wenn mal eine weitere Frau im Haus ist“, sagte er über seine Schulter hinweg, als sie ihm zum Auto folgte.
„Was meinst du mit weitere Frau?“, fragte sie neugierig.
Shane grinste. „Das wirst du noch früh genug sehen.“
KAPITEL NEUN
Die Fahrt zu Shanes Heimatort führte sie tiefer hinein in das Herz Irlands. Keira hatte das Gefühl, in der Zeit zurückzureisen, oder in ein Paralleluniversum, wo das Gras grüner war und Luft klarer.
„Das ist meine Stadt“, sagte Shane, als er in eine schmale Straße einbog.
Keira blickte sich verwirrt um. „Aber hier ist nichts.“
„Aber sicher doch“, sagte Shane lachend. Er deutete auf einen Briefkasten, umgeben von Hecken, die seit Jahren vor sich hin wucherten und ihn beinahe umschlungen hatten. „Da ist das Postamt.“
Keira lachte. Shane deutete ein Stück weiter auf eine Holzkonstruktion, die vielleicht mal eine Bushaltestelle gewesen war, aber seit Jahrzehnten nicht mehr benutzt wurde.
„Der örtliche Nachtclub“, fügte er hinzu. „Wo Teenager sich zum Trinken, Tanzen und Knutschen treffen. Zumindest würden sie das, wenn es denn aktuell mehr als einen Teenager geben würde.“
Keira konnte ein Kichern nicht zurückhalten. Shane war ein großartiger Begleiter und sein Humor war für sie wie eine frische Brise, vor allem im Vergleich zu Zachs Ernsthaftigkeit.
Keira haderte mit sich. Sie sollte wahrlich nicht ihren Tourguide mit ihrem Ex-Freund vergleichen.
„Was gibt es sonst noch zu sehen in dieser geschäftigen Stadt?“, fragte sie.
„Nett, dass du fragst“, scherzte Shane. „Da drüben auf der Wiese hätten wir Eselin Doris. Sie ist älter als ich, ob du es glaubst oder nicht. Eine lokale Berühmtheit. Und hier zu unserer Rechten befindet sich das Spirituosengeschäft.“
„Mit anderen Worten: der einzige Laden am Ort verkauft nichts als Zigaretten und Alkohol?“
„Richtig.“
Er fuhr langsamer, damit Keira sehen konnte, was er meinte. Von der schmalen Straße bogen sie in einen Trampelpfad ein. Das Auto holperte über die vielen Schlaglöcher.
„Nur um ganz sicher zu gehen: du entführst mich aber nicht an ein einsames Plätzchen, um mich abzumurksen, oder?“, fragte Keira, mit einem Mal etwas nervös.
Shane lachte einfach nur. „Natürlich nicht. Nicht mit Doris als Zeugin.“
Die Hecken links und rechts der Straße wurden niedriger. Keira konnte Felder sehen, Tiere, Scheunen, Tröge, Traktoren und Pflüge.
„Warte mal“, sagte sie stirnrunzelnd. „Du lebst nicht etwa auf einer Farm, oder?“
„Jap“, antwortete Shane. Er wirkte aufgeregt, so nahe an seinem Zuhause.
Keira fühlte sich davon angesteckt und konnte es kaum erwarten, sein Zuhause und seine Familie kennenzulernen.
„Du hast nicht mit einer Farm gerechnet?“, fragte er.
„Das hätte ich wohl tun sollen“, sagte Keira lachend. Sie betrachtete die Felder mit den Kühen, Schafen und Schweinen. „Aber du siehst eben nicht aus wie ein Bauer.“
„Nicht?“ Er gluckste. „Du solltest mich beim Schafscheren sehen.“
Keira hob amüsiert eine Augenbraue. „Ich kann es kaum erwarten.“
Sie kamen an einer Reihe Scheunen und Silos vorbei und hielten vor einem großen, steinernen Bauernhaus. Es sah aus, als sei es bereits mehrere Hundert Jahre alt, ein wenig windschief, die Fenster verwittert. Das Gemäuer sah aus wie jedes andere hier in der Gegend, dunkelgrau, und fügte das Haus damit nahtlos in die Landschaft ein.
Das Auto stand noch nicht einmal, da kamen schon mehrere junge Frauen aus der Haustür und sprangen herum, riefen, winkten und klatschten.
„Äh…?“, machte Keira. Sie hatte nicht mit dieser Art Begrüßungskomitee gerechnet. „Du hast einen eigenen Fanclub?“
„Jap“, sagte Shane grinsend. „Das sind meine Schwestern.“
Keira war perplex. „Alle?“
„Alle sechs“, bestätigte Shane.
Jetzt verstand sie, was er gemeint hatte, mit der Bemerkung über eine weitere Frau im Haus.
Er stellte den Motor ab und stieg aus. Die Frauen waren sofort bei ihm und fielen ihm um den Hals. Shane lachte vergnügt, schubste sie weg, balgte sich mit ihnen, wie man es eher unter Brüdern vermuten würde. Keira konnte sich irgendwie nicht vorstellen, so geliebt zu werden oder Menschen zu haben, die sich so sehr freuten, sie zu sehen.
Schließlich gelang es Shane, sich aus den Klauen seiner Schwestern zu befreien. „Keira, das sind meine kleinen Schwestern. Ich stelle sie dir aufsteigend nach Alter vor. Aber mach dir keine Sorgen, falls du dir nicht alle Namen merken kannst, da verschwimmen die Grenzen sowieso.“
Er feixte und eine seiner Schwestern boxte ihm gegen die Brust.
„Nimm dich in acht, Shane“, warnte sie heiter.
Shane deutete auf die Frau, die ihn geboxt hatte. „Neala, meine älteste Schwester, mit ihr habe ich am meisten Blödsinn angestellt.“
Neala schüttelte Keira die Hand. „Ich bin jünger als Shane, aber jeder denkt, ich bin die Älteste, denn im Gegensatz zu Shane besitze ich ein gewisses Maß an geistiger Reife.“
Alle lachten. Shane deutete der Reihe nach auf die anderen Frauen. „Mary, Siobhan, Aisling, Elaine.“ Dann nahm er die Kleinste in den Arm. „Und das Baby der Familie: Hannah.“
Keira schätzte Hannah auf etwa sechzehn. Sie hatte ein jugendliches Gesicht, mit einem Rest von Babyspeck. Ihr Haar war ein ein wunderbares goldblond und fiel ihr in langen Locken über die Schultern. Alle Schwestern waren hübsch, aber Hannah sah hinreißend aus.
„Ihr seid so viele!“, sagte Keira lachend.
„So sollte es sein“, antwortete Neala, „in einer anständigen katholischen Familie.“ Sie bekreuzigte sich, die anderen fingen an zu kichern.
Es war offensichtlich für Keira, dass diese Familie viel Liebe füreinander empfand. Und sie schauten bewundernd zu ihrem Bruder auf, auch körperlich, denn er war sehr groß. In ihren Augen war Hochachtung zu erkennen.
Ein älterer Mann und eine Frau kamen aus dem Cottage, Shanes Eltern. Keira konnte bei beiden eine gewisse Ähnlichkeit mit Shane erkennen, die Augen des Vaters, die Haarfarbe der Mutter. Er war eine Mischung aus beiden.
Beim Anblick ihres ältesten Kindes und einzigen Sohnes leuchteten ihre Augen. Keira war tief bewegt, als sie sah, wie viel Liebe sie für Shane empfanden. Auch wenn sie selber ihre Schwester und ihre Mutter verehrte, so war ihr Vater nichts mehr als ein Schatten der Vergangenheit, jemand, an den sie sich kaum erinnerte. Sie fragte sich, ob sie ein anderer Mensch geworden wäre, wenn sie in einer solchen Umgebung, mit so viel Liebe aufgewachsen wäre. Hätte sie eine andere Meinung über romantische Beziehungen? Wäre sie so hoffnungslos romantisch, wie Shane von sich selber annahm?
Shanes Vater kam zu ihr, und reichte ihr mit einem herzlichen Lächeln die Hand.
„Ich bin Calum“, sagte er. Du musst die junge Dame sein, für die Shane im Augenblick arbeitet.“
Keira wurde rot. „Das ist vielleicht etwas übertrieben. Er ist mein ortskundiger Führer, solange ich an einem Artikel über das Festival in Lisdoonvarna arbeite.“
„Keira ist Journalistin“, erklärte Shane.
Sie schüttelte den Kopf, fühlte sich ein wenig verlegen. „Das klingt viel aufregender als es ist.“
„Nun, für einen Bauern im County Clare klingt das schon ziemlich beeindruckend“, sagte Calum. Die Töchter lachten.
„Dann kommt mal rein“, sagte Shanes Mutter und machte eine einladende Geste. Sie sprach schnell, mit breitem Akzent. „Neala, setz das Wasser auf, Liebes. Keira möchte sicher einen Tee trinken.“
„Oh, macht euch meinetwegen bitte keine Umstände“, sagte Keira.
Shane raunte ihr etwas zu. „Lass sie den Tee machen. Sonst wird dir das ewig vorgehalten.“
Keira nickte. „Tee klingt wundervoll, danke.“
Shanes Mutter nahm sie am Arm und schob sie ins Haus. „Ich bin übrigens Eve. Shane hat mir alles über dich erzählt.“
„Hat er das?“
„Oh ja. Er sagte, er war sehr erstaunt, dass die Zeitschrift eine Frau geschickt hat. Er hatte mit einem Joshua gerechnet.“
„Ach so, ja. Joshua hat sich das Bein gebrochen, nachdem er auf einer Macchiatopfütze ausgerutscht ist.“
Alle brachen in Gelächter aus. Keira fand es herrlich. Normalerweise fanden Leute sie nicht so lustig und es gab ihr viel Selbstvertrauen. Sie fühlte sich jetzt schon so wohl hier, dass sie befürchtete, es würde ihr sehr schwer fallen, wieder zu gehen.
Eve führte Keira einen schmalen Flur entlang, mit niedrigen Decken, an hölzernen Treppen vorbei, mit Türen, die so niedrig waren, dass Shane den Kopf einziehen musste, um nicht anzustoßen.
„Das Haus ist toll, Mrs. Lawder“, sagte Keira.
„Vielen Dank, meine Liebe“, antwortete Eve und tätschelte ihr den Arm. „Calum ist hier aufgewachsen. So war es doch, nicht wahr, mein Lieber?“
Calum nickte zustimmend. „Eve lebte ein Stück die Straße runter. Wir begegneten uns in der Kirche, als wir drei Jahre alt waren. Da wusste ich sofort, dass sie eines Tages meine Frau werden würde.“
„Dad“, klagte Shane. „Darf Keira sich wenigstens hinsetzen, bevor du deine ganze Lebensgeschichte zum Besten gibst?“
Sie betraten die Küche, die so aussah, wie Keira sie aus Historienfilmen kannte. Es gab Arbeitsflächen aus Holz, der Boden bestand aus gebrannten, roten Ziegeln, das Gebälk unter der Decke lag offen. Eine Reihe Bronzetöpfe hingen an Haken an diesen Balken. Pflanzen und Kräuter wuchsen in Töpfen und gesprungenen Tassen auf der Fensterbank. Es war atemberaubend schön.
Neala, die älteste Schwester, setzte sofort Wasser für den Tee auf, wie man es ihr aufgetragen hatte. Die jüngste Schwester, Hannah, zauberte aus einem Schrank Kuchen hervor und schnitt ihn in Stücke.
„Du nimmst doch sicher ein Stück Kuchen, nicht wahr, Keira?“, fragte sie.
„Nein, bitte nicht für mich“, sagte Keira höflich.
Eve ergriff ihren Arm. „Du musst aber nicht auf deine Figur achten. Ein Mädchen wie du sollte jeden Tag ein Stück Kuchen essen. Das macht die Hüften rund.“
Keira begann zu kichern.
„Mom!“, rief Shane peinlich berührt.
Sie setzten sich an den Tisch. Neala brachte die Teekanne auf einem Silbertablett, mit einem Sammelsurium von Tassen, auf denen Tiere und Pflanzen abgebildet waren. Sie sahen so aus, als wären sie über Jahrzehnte hinweg gesammelt worden.
„Als unser Ehrengast bekommst du die Tasse mit dem Schwan“, sagte Neala.
Keira verstand nicht, warum alle lachten. Sie vermutete, es handelte sich um eine Geschichte, die jeder in der Familie kannte. Sie wünschte sich, Teil von so engen familiären Banden zu sein. Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass ihr das so fehlte, bis es ihr vor Augen geführt wurde. Es war so anders als ihre eigene Familie. Oder Zachs Familie. Es war ein angenehmer Kontrast zur hochnäsigen Ruth und ihrer ach-so-wichtigen Hochzeit.
Was noch erstaunlicher schien, war die Tatsache, dass sie offenbar alle mochten. Sie waren aufrichtig beeindruckt von ihrer Karriere, von dem, was sie erreicht hatte und von dem Umstand, dass sie aus New York war. Sie bombardierten sie mit Fragen, vor allem Hannah, die Keiras Lebensweise besonders aufregend zu finden schien.
„Ich will Model werden“, erklärte sie.
Eve strich ihrer jüngsten Tochter über das lange blonde Haar. „Wir sähen es lieber, wenn sie in Irland bliebe, aber sie besteht darauf, eines Tages in die Welt hinaus zu ziehen.“
Hannahs Augen leuchteten auf. „Keira könnte doch auf mich aufpassen!“
Keira war überrascht. Sie hatte gerade einmal eine Tasse Tee und ein Stück Kuchen gehabt und war offenbar schon in den Kreis der Familie aufgenommen.
„Hannah, meine Güte!“, sagte Shane und rollte mit den Augen. „Belagere die arme Frau doch nicht so. Du bringst sie in Verlegenheit.“
Hannah tat, als sei sie beleidigt. „Keira macht das nichts aus, oder?“
Keira stellte zu ihrer eigenen Überraschung fest, dass Hannah absolut recht damit hatte. Es störte sie nicht im Geringsten, von dieser fröhlichen, glücklichen Familie vereinnahmt zu werden. Und erst recht störte es sie nicht, dass es ihr ein Gefühl von Achtung und Zuneigung vermittelte. Sie konnte sich nicht erinnern, wann man ihr das letzte Mal das Gefühl gegeben hatte, interessant zu sein, oder sie so sehr zum Lachen gebracht hatte, dass ihr die Wangen wehtaten. Die Vorstellung, die aufgedrehte Hannah in New York zu betreuen, bereitete ihr Vergnügen. Sie wollte Teil dieser Familie sein, sie nie mehr verlassen.
Sie hatte sich in diesen Ort verliebt, in dieses Gefühl. Vielleicht gab es tatsächlich so etwas wie Liebe auf den ersten Blick.
Eve griff nach Shanes Hand und hielt sie fest.
„Ich habe dir eine ernsthafte Frage zu stellen“, sagte sie.
Shane sah plötzlich blass aus und schien etwas Unangenehmes zu befürchten.
Eves Gesicht verzog sich zu einem breiten Grinsen. „Was hast du nur mit deinen Haaren gemacht?“
Alle prusteten vor Lachen.
„Ich bin froh, dass du das gesagt hast, und nicht ich“, sagte Mary lachend. „Du siehst aus wie eine Vogelscheuche, Bruderherz.“
„Das war auch mein Gedanke“, rief Neala. „Na los, Zeit für einen Haarschnitt und eine Rasur.“
Sie zog ihn vom Stuhl hoch. Shane war inzwischen rot angelaufen.
Eve schüttelte tadelnd den Kopf und wandte sich an Keira. „Er ist echt schlimm. Er verlässt sich darauf, dass es immer eine Frau gibt, die auf so etwas achtet. Wenn nicht seine Mutter oder seine Schwestern, dann muss es eine Ehefrau sein.“ Sie lachte.
Keira lachte ebenfalls und wartete darauf, dass die Bombe platzte.
*
Nachdem Shane sich zur Runderneuerung zurückgezogen hatte, wandte sich Keira an Eve und Calum, um sie über ihre Beziehung zu interviewen. Sie holte Notizbuch und Stift aus ihrer Tasche.
„Ihr seid euch also im Alter von drei Jahren das erste Mal begegnet?“, fragte sie.
Calum nickte. „Liebe auf den ersten Blick. Jedenfalls für mich.“
„Was ist mit dir, Eve?“, fragte Keira.
„Um Himmels willen, nein! Ich dachte, alle Jungs wären ansteckend“, sagte Eve kichernd. „Und das dachte ich, bis ich etwa fünfzehn war.“
„Was passierte mit fünfzehn?“
„Ein Junge hat mich geküsst.“ Eve strich über Calums Hand. „Dieser Junge.“
Keira machte sich eifrig Notizen. Ihr gefiel diese Geschichte. „Es gab also immer nur euch beide? Ihr hattet immer nur Augen für einander?“
Sie nickten beide. Keira hätten solche Geschichten früher eher misstrauisch gemacht. Aber inzwischen konnte sie akzeptieren, dass es so etwas gab. Es gab Paare, die mussten ihre Romanzen nicht künstlich aufblasen oder so tun, als wären sie glücklicher als alle anderen.
Keira nahm einen Schluck Tee. „Was ist euer Geheimnis? Wieso klappt das bei euch schon so lange?“
Calum antwortete ihr. „Es hilft, dass wir uns in vielen Dingen sehr ähnlich sind. Unser Glaube, zum Beispiel. Wir haben beide jede Menge Geschwister, daher wussten wir von Anfang an, dass wir so viele Kinder haben wollten, wie der Herrgott uns schenken würde.“
Eve mischte sich ein. „Und wir sind beide hauptsächlich mit Fleisch und Kartoffeln groß geworden. Es gab nie eine Debatte darüber, was es zum Essen geben sollte.“
Keira lachte. Eve und Calum waren erfrischend. Sie waren so bodenständig, so voller Humor und Leichtigkeit.
„Aber wollte keiner von euch mehr von der Welt sehen? Vielleicht mal für eine Weile in der Stadt leben?“
Calum schüttelte den Kopf. „So was machte man damals nicht, es kam uns daher nicht einmal in den Sinn. Ferien auf dem Kontinent, das gab es nur für die Reichen. Für uns bedeutete das ein Campingurlaub in Kerry. Wenn wir Glück hatten.“
Keira notierte das und dachte darüber nach. War es früher leichter gewesen, die wahre Liebe zu finden? Ohne all die kulturellen Einflüsse und Versuchungen, die es heute gab? War das der Preis, den die heutige Generation zahlen musste, dafür, dass der technologische Fortschritt die Welt hatte schrumpfen lassen? Eve und Calum hatten nie darüber diskutieren müssen, wie viele Kinder sie haben wollten, oder ob sie überhaupt welche wollten. Es gab keine Diskussionen über Entwurzelung und Jobs fern von Zuhause. Ihr Weg war ihnen vorgezeichnet gewesen. Wenn man davon nicht abwich, würde man früher oder später über die wahre Liebe stolpern.
Keira trank bereits ihre dritte Tasse Tee, als sie laute Schritte auf der Treppe hörte. Shanes Runderneuerung war offenbar beendet. Sie packte ihr Notizbuch wieder ein und schaute erwartungsvoll zur Tür. Eve schaute ebenfalls von ihrer Tasse auf.
„Oha!“, rief sie, als Shane das Zimmer betrat.
Keiras Augen weiteten sich und sie musste ein Keuchen unterdrücken. Ohne den schäbigen Zottelbart konnte man einen energischen, ausgeprägten Kiefer erkennen. Neben seinen Augen war das sein hervorstechendstes Merkmal und sie fragte sich, warum er ihn unter einem Bart versteckt hatte. Sein Haar war fast schon militärisch kurz geschnitten. Entweder besaßen seine Schwestern ein Talent dafür oder Shane entstellte einfach gar keine Frisur.
Keira spürte ein Kribbeln im Magen. Das war derart alarmierend, dass sie den Blick abwenden musste.
„Sieht er nicht großartig aus?“, rief Eve und knuffte Keira in die Seite. „Sieh doch mal!“
Keira blickte schüchtern wieder auf und lächelte. „Sehr nett.“
„Was meinst du mit nett?“, rief Eve enthusiastisch. „Er sieht aus wie ein Filmstar!“ Sie sprang auf und eilte zu Shane, dann küsste sie ihn auf beide Wangen.
Shanes Schwestern standen hinter ihm und sahen überaus zufrieden mit ihrem Werk aus.
„Was meinst du, Keira?“, fragte Neala. „Mit dem neuen Stil schnappt ihn sich doch sofort jemand.“
Shane lief tiefrot an. Keira wurde unangenehm bewusst, dass Neala recht hatte. Anständig rasiert war Shane ein noch besser Fang als zottelig. Die Frauen in Lisdoonvarna würden Schlange stehen für ein Date mit ihm.
Shane machte einen großen Schritt nach vorn und Keira bemerkte, dass eine seiner Schwestern ihm einen kräftigen Schubs in ihre Richtung gegeben hatte.
„Shane, wann willst du Keira denn die Farm zeigen?“, fragte sie mit drängendem Tonfall.
Shane kratzte sich verlegen am Hals. „Ich weiß aber doch gar nicht, ob Keira die Farm überhaupt besichtigen will“, sagte er schüchtern.
„Natürlich will sie das“, sagte die Schwester. „Oder nicht, Keira?“
„Sicher“, antwortete Keira. „Klingt nett.“
„Gut“, sagte Shane ein wenig steif. „Wollen wir dann?“
Er bedeute Keira, vorauszugehen und folgte ihr hinaus. Keira konnte die Schwestern tuscheln hören.
Er hielt ihr die Haustür auf und atmete tief durch, als sie endlich draußen waren.
„Tut mir leid, dass die alle so verrückt sind“, sagte er.
„Nicht doch. Ich mag sie. Ich habe mich noch nie irgendwo auf Anhieb so willkommen gefühlt.“
Shane lächelte schüchtern. „Gastfreundschaft ist eine ihrer Stärken. Wie viele Tassen Tee musstest du trinken, während meine Schwestern mir die Haare geschnitten haben?“
„Nur drei“, sagte Keira.
Shane lachte. „Danke, dass du vorgeschlagen hast, herzukommen. Mir war nicht bewusst, wie sehr mir mein Zuhause gefehlt hat.“
„Kein Problem“, antwortete Keira, fest davon überzeugt, dass sie noch weitaus mehr davon profitierte als er. Sie gingen einen Weg entlang, vorbei an Feldern mit Mais und Weizen, Zuckerrüben und Salat.
„Eure Farm ist toll“, sagte Keira. „Ich kann nicht glauben, dass du an so einem Ort aufgewachsen bist.“
„Ist schon was anderes als New York, was?“, witzelte er.
Es war das erste Mal an diesem Tag, dass er sich über sie lustig machte. Er hatte sich in dieser Hinsicht sehr zurückgehalten. Sie fragte sich, ob er Rücksicht auf ihre angeschlagenen Gefühle nahm. Zumindest wusste sie es zu schätzen, einmal nicht die Zielscheibe seines Spottes zu sein.
„Hier entlang“, sagte Shane und nahm plötzlich ihre Hand.
Keira hatte nicht das Bedürfnis, loszulassen. Ganz im Gegenteil, es war eigentlich recht angenehm, als ob ihre Hand genau da war, wo sie hingehörte. Seine Hände waren groß und rau und warm. Ihre eigenen weichen, zarten Hände passten sehr gut in seine.
Er zog sie sanft hinter sich her, plötzlich voller Energie. Sie folge ihm, hatte Mühe, mit ihm Schritt zu halten, bis sie schließlich über die Felder rannten. Der Wind fuhr Keira durch das Haar, die Kälte biss ihr schmerzhaft in die Wangen. Sie hatte sich noch nie so lebendig gefühlt.
Shane führte sie zu einem kleinen Bach unter einer Trauerweide. Die Blätter bildeten um sie herum eine Art Zelt. Er setzte sich und zog sie neben sich ins Gras.
„Dies ist ein idealer Platz, um den Sonnenaufgang zu betrachten“, erklärte Shane.
Da erst fiel Keira auf, wie dunkel es schon geworden war. Der Tag war nur so verflogen und sie hatte es nicht einmal bemerkt. Sie hatte so viel Aufregung und Spaß gehabt, dass die Stunden nur so verflogen waren.
Sie warf einen Blick auf ihr Handy und sah, dass sie einige Anrufe von Bryn verpasst hatte. Ihre Schwester hatte ihr außerdem eine ganze Reihe von Textnachrichten und Fotos geschickt, von attraktiven Männern, um sie aufzuheitern. Sie lachte auf, als ihr bewusst wurde, dass sie das gar nicht gebraucht hatte, dass die Gesellschaft einer freundlichen irischen Familie und jede Menge Tee ausgereicht hatte, sie aus ihrer trüben Stimmung zu reißen.
Sie blickte durch die hängenden Zweige in den Himmel, der sich rot und blau verfärbte. Es war wirklich wunderschön.
„Konnten dir meine Eltern mit deinem Artikel weiterhelfen?“, fragte Shane und beendete ihre Grübeleien.
Noch bevor Keira antworten konnte, vibrierte ihr Handy. Sie warf einen Blick darauf und sah, dass Joshua ihr eine E-Mail geschickt hatte. Ihr sackte das Herz in die Hose.
Schnell las sie seine Nachricht.
Nina sagte mir, dass du die Richtung des Artikels ändern willst, mehr über die Trennung von deinem Freund schreiben willst. Das ist eine blöde Idee. Sie hat mir gezeigt, was du bisher geschrieben hast, und auch wenn es erbärmlich wenig war, so war es doch besser, als das, was du jetzt vorhast. Niemand interessiert sich für dein persönliches Drama. Ist es das, was du da drüben die ganze Zeit gemacht hast? Rumgeheult, über die Trennung? Ich will bis morgen früh einen neuen Entwurf in meinem Posteingang haben.
Keira wollte wütend antworten, dass man ihr einen unmöglichen Auftrag gegeben hatte, aber sie schluckte ihren Frust herunter und packte das Handy in die Tasche.
Die E-Mail hatte schlagartig Keiras Fröhlichkeit zunichte gemacht. Wie sollte sie sich über einen Ort wie diesen lustig machen? Auf keinen Fall würde sie Eves und Calums Liebesgeschichte lächerlich machen. Und sie konnte auch das Festival nicht mehr niedermachen, wo Menschen, die einsam und verzweifelt waren, zusammenkamen, wo sie eine neue Chance erhielten, die wahre Liebe zu finden, die ihnen, aus welchem Grund auch immer, abhanden gekommen war.
Aber sie hatte schlicht und ergreifend keine Wahl. Sie musste diesen bissigen Artikel schreiben, den sie Elliot und Joshua versprochen hatte. Nina drängte sie ja auch in diese Richtung. Aber sie hasste sich selbst bei dem Gedanken daran.
„Ich weiß noch nicht, ob sie es in die endgültige Version schaffen“, murmelte sie.
„Wieso nicht?“, fragte Shane. „Das ist doch großartig. Wie in einem Hollywoodfilm.“
Keira rutschte unruhig hin und her. Sie wollte Shane am liebsten sagen, was der Artikel in Wirklichkeit beinhalten sollte, aber sie wusste, das würde sein Vertrauen in sie zerstören.
„Wenn ich das nächste Mal ein Manuskript in Hollywood einreiche, werde ich darauf zurückkommen“, sagte sie, bemüht, ihr Unbehagen hinter einem Scherz zu verbergen.
Shane lachte und ließ das Thema fallen. Er wandte sich von ihr ab und schaute zum Sonnenuntergang. Sie studierte sein Gesicht, nahm die Umrisse wahr, die die Rasur enthüllt hatte. Sie hatte das Gefühl, ihn zu hintergehen, wie eine Schlange, der nicht zu trauen war.
KAPITEL ZEHN
„Bist du sicher, dass du heute noch zurück musst?“, frage Eve und hielt Shanes Hand. „Es ist doch schon so dunkel.“
Shane nickte. „Wir kommen schon klar, Mom. Keine Sorge.“
Er öffnete die Fahrertür, konnte aber nicht einsteigen, weil seine Schwestern sich allesamt auf ihn stürzten.
„Bleib doch!“, riefen sie.
„Keira kann doch bei uns übernachten“, jammerte Hannah.
Keira wäre liebend gern über Nacht hier geblieben. Für den Rest ihres Lebens, um genau zu sein. Aber das Unbehagen über ihren Artikel nagte wieder an ihr, vor allem wegen Joshuas barscher E-Mail. Nur war der Druck jetzt noch stärker, denn es kam außerdem noch Selbstverachtung hinzu.
„Tut mir leid“, sagte Shane, an seine jüngste Schwester gewandt. „Aber ich werde Keira noch mal wieder mitbringen, okay? Immerhin bleibt sie einen ganzen Monat.“
„Stimmt das, Keira?“, quiekte Hannah und wurde noch aufgeregter. „Kommst du nächstes Wochenende wieder?“
„Das weiß ich noch nicht“, sagte Keira. „Wenn meine Arbeit gut läuft, dann vielleicht. Ich hinke etwas hinterher.“ Es laut auszusprechen, machte das Ganze noch schlimmer. Ihr Magen verkrampfte sich.
„Nicht jeder verbringt seine Tage damit, durch Blumenwiesen zu streifen, Schwesterherz“, sagte Shane trocken. „Manche Menschen müssen tatsächlich arbeiten.“
Seine kleine Schwester schmollte. Shane nahm sie in den Arm. „Ich schaue mal, ob ich sie noch einmal überreden kann, einen Ausflug zu machen.“
Keira bedauerte schon jetzt, vielleicht einen späteren Besuch bei dieser Familie zu verpassen. Sie wünschte, sie hätte sie unter anderen Umständen kennengelernt, vielleicht als Touristin oder beim Wandern, dann hätte sie ganz ohne Schuldgefühle auf ihrer Farm bleiben können, solange sie wollte. Aber so wie die Dinge nun einmal standen, hatte sie erdrückende Schuldgefühle wegen des Artikels, den sie schreiben musste. Wie sollte man über einen Ort lästern, der so wunderbare Menschen wie Shane und seine Familie hervorgebracht hatte? Und wie enttäuscht würden die alle sein, wenn sie den Artikel lasen, in dem sie als Bauerntrampel verunglimpft wurden? Ihr wurde schlecht bei dem Gedanken.
Schließlich stiegen sie doch endlich ins Auto ein und Shane winkte seiner Familie ein letztes Mal zu. Er wendete den Wagen und bog wieder in den Trampelpfad ein. Es gab keinerlei Straßenbeleuchtung und Keira empfand die Dunkelheit als bedrückend. Selbst als sie auf die Hauptstraße einbogen, die immerhin aus Asphalt bestand, hatte sie noch immer das Gefühl, von Dunkelheit umgeben zu sein.
„Alles klar mit dir?“, fragte Shane.
Keira nickte.
„Bist du sauer, weil ich dich so lange vom Schreiben abgehalten habe? Wir werden nicht vor Mitternacht zurück sein, vielleicht sogar noch später.“
„Nein, das ist es nicht“, sagte Keira.
Shane schwieg und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Straße.
„Ist es Zach?“, fragte er nach einer Weile.
Keiras Unbehagen wuchs. Sie hatte den ganzen Tag nicht einen einzigen Gedanken an Zach verschwendet. Sie hatte sich gestattet, voll und ganz in dieser wundervollen Familie aufzugehen. Jetzt kehrte die Realität mit Macht zurück.
„Es ist die Arbeit“, sagte sie knapp.
„Schreibblockade?“
„So etwas in der Art.“
Shane gab es auf, sie zum Sprechen zu bringen. Sie rutschte tiefer in ihren Sitz, lehnte das Kinn auf ihre Faust und starrte hinaus auf die Hecken, an denen sie entlang fuhren. Sie hatte das Gefühl, einfach alles versaut zu haben, den Job und auch die Sache mit Shane. Was für ein Durcheinander.
„Ich bin sicher, du findest heute Nacht Leute, mit denen du reden kannst“, sagte er zuversichtlich. „Vielleicht bringt dir das Wagenrennen die nötige Inspiration.“
„Wagenrennen?“, fragte Keira.
Shane schaute sie an und grinste, wieder ganz der spöttische Typ, den sie kannte. „Du hast noch nicht davon gehört? Es ist total verrückt. Und es macht riesig viel Spaß. Es wird vom Matchmaker ausgerichtet. Er stellt Paare zusammen und die machen dann ein Wagenrennen.“
„Wie die Gladiatoren?“
„Genau. Allerdings deutlich langsamer. Es ist sehr lustig. Es wird dir gefallen.“
Keira ging davon aus, dass er wahrscheinlich recht hatte. Sie mochte einfach alles an diesem Land. Und genau da lag das Problem.
*
Sie kamen in der Tat erst sehr spät wieder auf dem Festival an. Sie parkten den Wagen und mischten sich unter das Volk.
Eine Band spielte Folklore, als Shane Keira zu einer der Buden führte. Zwei Kleeblatt-Piñatas waren darüber angebracht, eine in pink, die andere blau.
„Eine verwirrende Vermischung der Kulturen“, sagte Keira. „Was ist das? Eine Art Pinkelparty?“
„Du bezahlst einen Euro, damit dein Name in die Piñata kommt. Am Ende des Festivals gewinnen ein Mann und eine Frau einen Preis“, erklärte Shane.
„Eine romantische Reise für zwei“, sagte die Frau in der Bude.
Keira rollte mit den Augen. „Kein Bedarf, danke.“
Shane holte etwas Geld aus seiner Hosentasche und kaufte zwei Papierschnipsel. Er schrieb seinen Namen auf den einen und Keiras auf den anderen Zettel.
„Viel Glück“, sagte die Frau, als er die beiden Zettel in die Piñatas steckte.
Keira schüttelte tadelnd den Kopf. „Was für eine Geldverschwendung“, sagte sie zu Shane.
Er zuckte nur mit den Schultern. „Man muss schon mitmachen, wenn man gewinnen will.“
Sie schaute ihn stirnrunzelnd an. „Wer will schon Urlaub mit einem Fremden machen?“, spottete sie.
Sie hörte den Unterton in ihrer eigenen Stimme. Der Druck lastete schwer auf ihr und drohte, aus ihr herauszubrechen. Der arme Shane stand einfach nur unglücklicherweise in der Schusslinie.
Sie folgten der Menschenmenge die Straße entlang bis zu einer Absperrung. Dahinter standen Pferde und Wagen, die Sorte, auf der man stehen konnte. Die Straße war beflaggt.
„Sieht aus, als würde es gleich losgehen“, sagte Shane. „Hast du Lust?“
„Wir?“, rief Keira. „Auf gar keinen Fall. Ich muss noch mehr Interviews sammeln. Wie gestern. Mein blöder Chef sitzt mir im Nacken.“
„Ich könnte dir helfen, nach passenden Leuten zu suchen.“
Keira schüttelte den Kopf. Shane wusste ja nicht, welche Art von Leuten sie interviewen sollte. Er würde wahrscheinlich die niedlichsten, verliebtesten Paare finden, nicht ahnend, dass sie genau das Gegenteil brauchte: Leute, die nicht zusammenpassten, sondern in einer elendigen Beziehung steckten.
Statt dessen suchte sie in ihrer Tasche nach ein paar Euros. „Warum gehst du nicht?“
„Alleine?“, fragte Shane überrascht.
„Frag doch eine der Frauen, ob sie mit dir fährt“, beharrte Keira. „Mit deiner neuen Frisur sollte es doch wohl kein Problem sein, ein Date zu bekommen.“ Dann fügte sie noch kaum hörbar hinzu: „Such dir einfach eine neue Tessa.“
Shane wirkte entsetzt. „Das mache ich nicht“, stammelte er.
Keira fragte sich, was eine solche Reaktion auslösen konnte. Sie wagte nicht, zu hoffen, dass es mit ihr zu tun haben könnte. Dennoch spürte sie bei seiner Weigerung ein Kribbeln im Bauch. Seit der Nacht mit Tessa hatte sich definitiv einiges verändert.
„Dann platziere eine Wette für mich“, sagte Keira und hielt ihm das Geld hin.
„Auf wen?“, fragte Shane amüsiert, als er das Geld nahm.
„Auf das Pferd mit dem albernsten Namen“, sagte sie. „Ich werde es über die Lautsprecher verfolgen.“
Bevor Shane widersprechen konnte, hatte sie sich durch die Menge geschoben. Sie musste schnell etwas Abstand gewinnen. Ihn zurückzulassen, weckte eine merkwürdige Sehnsucht in ihr, etwas, das sie gleichermaßen störte und erfreute.
Verzweifelt auf der Suche nach irgendjemandem, der für ihren Artikel in Frage kam, klapperte Keira die zahlreichen Pubs ab. Aber sie fand immer nur Frohsinn, romantische Paare und glückliche Gesichter. Sie wusste inzwischen, dass es irreführend war, Männer, die allein an der Bar standen, für unglücklich zu halten, nach der Erfahrung mit Patrick. Bisher war es nur das Gespräch mit Tessa, welches sie für den Artikel verwenden konnte.
Sie trat hinaus auf die Straße, auf der Suche nach einem weiteren Junggesellinnenabschied, nach ein paar betrunkenen jungen Frauen, die einfach nur ihren Spaß haben wollten. Aber der Matchmaker hatte offenbar hervorragende Arbeit geleistet. Egal wohin sie schaute, sie sah nur glückliche Paare, Männer und Frauen, die nur Augen für einander hatten.
Über die Lautsprecher wurde das Pferderennen angekündigt. Die Aufmerksamkeit aller schien sich nun darauf zu richten. Keira wurde bewusst, dass sie am liebsten jetzt bei Shane gewesen wäre, um es sich gemeinsam mit ihm anzuschauen. Niemand würde wissen, dass sie zusammen arbeiteten, sie sähen aus, wie jedes andere Paar hier. Bei dem Gedanken startete ein ganzer Schwarm Schmetterlinge in ihrem Bauch.
Sie bewegte sich wieder durch die dichtgedrängte Menge, sah plötzlich Shanes Hinterkopf und drängelte sich durch, bis sie schließlich neben ihm stand.
Er schaute irritiert zur Seite, um zu sehen, wer ihn da weggeschoben hatte. „Das ging ja flott.“
Keira schüttelte den Kopf. „Ich finde einfach niemanden für meinen Artikel. Ich weiß nicht, was ich machen soll.“
„Du findest niemanden?“, spottete Shane. „Du bist umgeben von verliebten Paaren.“
Keira seufzte. Sie konnte ihm doch wohl kaum sagen, dass der Artikel dieses Festival in der Luft zerreißen sollte. Er würde sie verachten, wenn er es je herausfand. Der Gedanke war ihr unerträglich. Sie würde ihre Taktik ändern müssen. Auf keinen Fall konnte sie den Artikel noch so schreiben, wie Joshua und Elliot das wollten.
„Vielleicht wollte ich dann lieber das Rennen ansehen, als zu arbeiten“, sagte Keira. „Auf wen hast du gesetzt?“
„Ich habe auf diese beiden dort gewettet“, sagte Shane und deutete auf einen Wagen mit einem alten Mann und einer alten Frau, beide sicher schon um die 80 Jahre alt. „Ihr Jahrestag fällt zeitlich mit dem Festival zusammen. Sie kommen jedes Jahr her, um zu feiern. Ist das nicht süß?“
Keira lachte laut auf. Es überraschte sie nicht länger. Sie war umgeben von märchenhaften Liebesgeschichten.
Das Rennen begann und die Pferde gingen die Straße herunter. Es war nicht gerade das Grand National aber auf jeden Fall unterhaltsam. Keira feuerte sie aufgeregt an, gemeinsam mit Shane. Sie konnte nicht aufhören zu grinsen, trotz der Sorge um den Artikel und ihre Karriere.
Ihr Handy summte und riss sie aus ihrer Euphorie. Gerade als sie sich endlich ein wenig entspannt hatte, musste es sie daran erinnern, wofür sie eigentlich hergekommen war. Aber zum Glück war es wenigstens nicht Joshua, sondern eine Nachricht von Nina.
Tut mir leid, falls Joshua dir wegen dem Artikel auf die Pelle rückt. Kann sein, dass ich ein paar Bemerkungen darüber gemacht habe, dass du Probleme mit der Ausrichtung des Ganzen hast.
Keira schrieb ihr sofort zurück, dass das schon in Ordnung sei, von Joshua war sie ja ohnehin nichts anderes gewohnt. Sie würde schon einen Weg finden, es ihm recht zu machen.
Nachdem sie die Nachricht abgeschickt hatte, fand sie ihre Ruhe an Shanes Seite schnell wieder. Wie konnte dieser Ort sie so sehr verändern? Nirgends sonst auf der Welt würde dieses Schneckenrennen ihr so viel Spaß machen. Nirgends sonst hätte eine Überdosis an Tee und Kuchen bei einer katholischen Familie ihr so warmherzige Gefühle vermittelt. Irgendetwas an Irland gab ihr das Gefühl, authentisch, weniger abgebrüht und sehr lebendig zu sein. Sie konnte sich nicht erinnern, wann das zuletzt so gewesen wäre.
Das alte Paar, auf das Shane gesetzt hatte, gewann leider nicht. Statt dessen siegte ein attraktives Paar mittleren Alters. Matchmaker William Barry war da, um ihnen die Trophäe zu überreichen und die Krone aufzusetzen, beide waren aufblasbar.
Keira fragte sich, ob das vielleicht ein guter Ansatz für den Artikel war und beschloss, sie zu interviewen. Sie schob sich durch die Menschenmenge.
„Kann ich euch beide vielleicht interviewen?“, fragte sie.
Die Frau betrachtete sie amüsiert. „Wozu denn?“
Sie hatte einen europäischen Akzent, vielleicht polnisch.
„Ich bin Reisejournalistin für ein Magazin in Amerika. Ich schreibe einen Artikel über Liebe und Romantik.“
„Passt gut auf“, mischte William sich ein. „Sie ist eine Zynikerin.“
Das Paar wechselte einen schnellen Blick, dann nickten sie zustimmend. Keira begleitete sie zu einem Tisch in der Nähe.
„Die erste Frage lautet logischerweise: woher kommt ihr?“, fragte Keira. „Eurem Akzent nach seid ihr nicht von hier.“
Die Frau lachte. „Ich komme aus Krakau.“
„Und du bist extra wegen des Festivals nach Irland gekommen?“
Die Frau nickte ernsthaft. „Um einen Ehemann zu finden.“
Na bitte, dachte Keira und machte sich eifrig Notizen. „Dann wurdet ihr beide heute Abend für das Rennen verkuppelt?“
Die Frau nickte. „Ich bin schon seit dem ersten Tag hier. William hat nur auf den richtigen Partner für mich gewartet. Ich brauchte einfach nur ein bisschen Geduld. Und heute war es dann soweit.“
Der Mann neben ihr grinste. Keira bemerkte, dass die beiden unter dem Tisch Händchen hielten.
„Denkst du, William hat die richtige Wahl getroffen?“, fragte Keira. „Bist du glücklich mit dem Ergebnis?“
„Sehr.“ Die Frau wirkte begeistert.
Der Mann schien ebenso zufrieden zu sein. „Ich wäre ja nicht hier, wenn ich nicht daran glauben würde, dass er die richtige Auswahl trifft.“
„Dann glaubt ihr an all das hier, die Romantik, die Liebe?“
Die Frau nickte und warf ihrem Verehrer einen verliebten Blick zu. Hinter ihnen sah Keira das alte Ehepaar vorbeigehen, auf das Shane gewettet hatte. Sie hatten nur Augen für einander, schienen das Gewusel um sie herum gar nicht wahrzunehmen, während sie Hand in Hand über das Gelände schlenderten. Sie fragte sich, wie viele der diesjährigen, frisch verbandelten Paare später einmal so wie dieses ältliche Paar sein würden. Bevor sie herkam, hätte sie auf höchstens ein Prozent getippt. Aber jetzt war sie da nicht mehr so sicher. Auch das Paar vor ihr könnte einmal so werden. Alles schien auf einmal möglich.
„Wann reist ihr beide denn ab?“, fragte Keira.
„Heute noch“, sagte der Mann. „Jetzt, wo wir uns gefunden haben, gibt es keinen Grund, noch länger zu bleiben.“
„Und wie geht es weiter? Werdet ihr euch wiedersehen?“
„Ich nehme sie mit nach Hause“, antwortete der Mann. „Nach Dublin.“
Keira lachte, denn sie ging davon aus, dass er scherzte. Aber ein Blick zur Frau verriet ihr, dass es beiden sehr ernst damit war. Hätte sie die beiden gleich am ersten Tag kennengelernt, hätte sie sich darüber lustig gemacht, sie als irrational und unlogisch bezeichnet. Aber nachdem sie nun so viel gesehen und erlebt hatte, hoffte sie für die beiden, dass es mit ihnen klappte und gut ausging.
Sie klappte ihr Notizbuch zu. Das hatte keinen Sinn. So würde sie nie Material zusammen kriegen.
„Danke euch beiden“, sagte sie. „Ich wünsche euch viel Glück.“
Aber die beiden schienen sie längst wieder vergessen zu haben, waren nur noch mit sich selbst beschäftigt.
Keira kehrte zu ihrem B&B zurück. Der Ausflug zu Shanes Familie war ein Fehler gewesen. Es hatte viel Zeit gekostet und setzte sie nun noch mehr unter Druck, endlich mal etwas zu schreiben.
Ihr Handy klingelte. Es war Bryn.
„Hey, kleine Schwester“, sagte sie, als Keira abnahm. „Tut mir sehr leid wegen Zach.“
Sie hatte das Gefühl, als wäre das in einem anderen Leben gewesen. Hatten sie sich wirklich erst gestern getrennt?
„Ich glaube, ich bin schon drüber weg“, sagte Keira.
Bryn gackerte. „Um so besser. Soll ich rüber gehen ins Apartment, und ein paar Sachen rausholen?“
Es war Keira noch gar nicht in den Sinn gekommen, dass sie nicht nur Single, sondern praktisch auch obdachlos war. Sobald sie wieder in New York war, würde sie sich eine neue Bleibe suchen müssen.
„Wenn du das machen könntest, das wäre toll“, sagte sie.
„Du klingst tatsächlich längst nicht so aufgebracht, wie ich erwartet hatte“, sagte Bryn misstrauisch. „Geht da was?“
Keira warf sich auf das Bett und seufzte. Es hatte keinen Sinn, etwas vor Bryn zu verheimlichen. „Es ist Shane. Ich glaube, ich habe mich in ihn verguckt.“
„Im Ernst?“
„Ja.“
„Du meinst, du willst mit ihm schlafen, oder?“
„Nein, ich meine, dass ich mit ihm zusammen sein will. Wir haben gerade den Tag mit seiner Familie verbracht und es war einfach großartig. Ich habe mich in diesen Ort verliebt, in die Familie. Er hat sechs Schwestern. Sechs! Und sie sind alle ganz wundervoll. Die Jüngste ist 16, sie heißt Hannah. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden. Da war sofort eine Verbindung zwischen uns.“
Bryn schwieg einen Moment. Dann: „Keira, du kennst ihn nicht mal eine Woche. Und in der Zeit hatte er schon einen One-Night-Stand. Dem Typen kannst du nicht trauen.“
„Was?“, fuhr Keira auf. „Ich dachte, ausgerechnet du würdest mich wenigstens unterstützen.“
„Um eine Trost-Affäre zu haben, sicherlich. Aber nicht, um von einer Beziehung mit einem Idioten zu einer anderen Beziehung mit einem anderen Idioten zu springen. Ihr wohnt nicht einmal im selben Land. Es würde niemals funktionieren.“
Keira seufzte irritiert.
„Ich will nicht immer der Überbringer schlechter Nachrichten sein“, fügte Bryn hinzu, „aber es ist meine Pflicht als deine Schwester, dir so etwas zu sagen. Du magst Shane, weil er sexy ist, irisch, sportlich und aufregend neu. Ein Typ zum Flirten. Mehr nicht. Man kann ein paar Nächte Spaß mit so jemandem haben und das war es dann. Und falls du glaubst, er will mehr von dir, dann tut es mir leid, Keira, denn das ist nicht der Fall. Er weiß, wie er vorgehen muss. Das hast du selber gesagt.“
Es traf Keira wie ein Schlag, aber Bryn hatte vollkommen recht. Sie hatte sich einfach mitreißen lassen. Typen wie Shane hatte sie auch in New York getroffen. Mit solchen Männern ging Bryn üblicherweise aus. Immer wieder war sie auf solche Kerle reingefallen, dachte, dass sie es ernst meinten, aber sie wollten nur ins Bett mir ihr. Shane war ein Spieler, sie hatte den Beweis dafür doch selber gesehen.
„Keira?“, fragte Bryn.
„Tut mir leid, ich bin einfach…, wahrscheinlich hast du recht. Er kommt mir sicher nur deshalb alles so toll mit Shane vor, weil Zach so ein Vollidiot war.“
„Siehst du?“, sagte Bryn. „Flirte nach Herzenslust mit ihm, Schwesterchen. Hab deinen Spaß. Bloß rechne eben nicht damit, dass es mehr sein könnte.“
Mit diesem vernünftigen Rat ihrer Schwester endete das Gespräch. Statt dessen versuchte Keira, endlich ein wenig zu arbeiten. Sie versuchte, den Ton wiederzufinden, den sie bei ihrer Ankunft noch drauf hatte, aber als sie noch einmal las, was sie damals geschrieben hatte, konnte sie ihr altes Ich nicht mehr leiden. Sie schloss die Augen und dachte an Zach, ihre Wut auf ihn und versuchte, dieses Gefühl in den Text einfließen zu lassen, aber auch das gelang ihr nicht.
Sie bekam eine E-Mail von Joshua, mit nur einem einzigen Wort: Update?
Noch mehr Druck half nun wirklich nicht. Sie rutschte zum Fenster hinüber und versuchte, ein paar Gesprächsbrocken aufzuschnappen von den Menschen unten auf der Straße. In den ersten Tagen nach ihrer Ankunft hatte sie der Lärm und alles gestört, aber selbst das Gefühl wollte sich nicht wieder herstellen lassen. Selbst die hässliche Tapete wirkte nun irgendwie putzig. Das Geplapper wirkte eher beruhigend als irritierend.
Sie schloss erneut die Augen und hatte sofort Shanes Bild vor sich. Dann hörte sie ein Geräusch am Fenster neben sich. Sie riss die Augen auf, gerade als ein Kiesel die Scheibe traf. Unten auf der Straße stand Shane, vom Mondlicht angestrahlt.
Schockiert öffnete Keira das Fenster.
„Du bist einfach weggelaufen, ohne dich zu verabschieden“, rief er hinauf.
„Tut mir leid“, rief sie zurück. Es war ihr sehr bewusst, wie schnell ihr Herz raste. Wie sollte sie ihm erklären, dass sie etwas Abstand gebraucht hatte? Dass es ihr schwer fiel, sich von ihm fernzuhalten, vor allem, um mal in Ruhe zu arbeiten?
„Also, sagst du schon Gute Nacht, oder kommst du runter zum nächsten Pferderennen?“, rief Shane.
Frisch rasiert und frisiert sah er einfach großartig aus. Bryns Warnung hallte noch in Keira nach. Einfach nur Spaß haben, keine Nähe zulassen, nicht verlieben.
Spaß. Den hatte sie sich aber verdient, oder?
Keira sprang auf. „Ich komme!“, rief sie hinunter.
Sie schloss eilig das Fenster, freudig erregt, Shane zu treffen. Sie klappte den Laptop zu und ignorierte Joshuas fordernde E-Mail.
KAPITEL ELF
Keira verbrachte den Rest des Abends auf einer rosa Wolke. Sich in Shanes Gesellschaft zu bewegen, gab ihr ein sorgloses und entspanntes Gefühl. Es war aufregend, mit jemandem zu flirten, das Kribbeln und das Begehren zu spüren, selbst wenn das gleichzeitig bedeutete, die Arbeit zu vernachlässigen.
Am nächsten Tag nahm Shane sie mit zu den jährlichen Irish Barbecue Meisterschaften, eine Veranstaltung, die sich für ihren Artikel als besonders fruchtbar erweisen sollte, denn hier gab es jede Menge Männer, die Frauen allein dadurch beeindrucken wollten, dass sie große Mengen Fleisch in sich hinein stopften.
Nach ein paar Stunden bei den Barbecue Meisterschaften war es schier unmöglich, die rosa Gesichter, die runden Bäuche und die verschmierten Mäuler der Männer von denen der Schweine zu unterscheiden, auf denen sie herumkauten. Falls eine der betrunkenen Frauen mit einem gegrillen Schinken im Arm nach Hause ging und dem ihre unsterbliche Liebe gestand, dann würde es mich nicht wundern.
Als Nina diese E-Mail erhielt, zusammen mit ein paar Fotos, die Keira von einer Gruppe rundlicher, betrunkener Typen gemacht hatte, die gegrillte Hühnerbeine in die Luft reckten, war sie begeistert.
Mehr davon! Aber jetzt will ich auch sehen, wie du mit einem von denen ausgehst. Zeit, sich die Hände schmutzig zu machen, Keira!
Die Vorstellung, mit einem von diesen Trotteln ausgehen zu müssen, war Keira zuwider. Daher wählte sie etwas Vergleichbares: das Lisdoonvarna Speed Dating. Sie hatte noch nie zuvor an so etwas teilgenommen. Allein der Gedanke daran ließ sie erschauern. Und das hier war ein Speed Dating in großem Stil. Fünfzig Teilnehmer. Sie musste zwei große Gläser Weißwein trinken, um überhaupt genug Mut aufzubringen, um mehr zu tun, als bloß zuzuschauen und sich Notizen zu machen. Aber nachdem sie sich erst einmal überwunden hatte, stellte sie fest, dass es keinen besseren und schnelleren Weg gab, um an brauchbares Material zu kommen. Nina hatte recht, sich die Hände schmutzig zu machen, war der richtige Ansatz.
Keira hatte drei Minuten Zeit, mit jedem Mann zu sprechen, bevor eine Glocke erklang, zum Zeichen, dass man tauschen musste. Am Ende hatte sie einen Standardspruch: Ich bin Reporterin, das ist ein Aufnahmegerät. Einverstanden?“
Was sie bekam, waren endlose Stunden mit Männern, die sich über ihre Karrieren, ihre Hoffnungen und ihre Träume ausließen.
Die Gesichter verschwimmen ineinander. Ich hätte schwören können, bereits mit Craig geredet zu haben, dem Klempner aus Dublin. Aber nein, Craig sitzt am anderen Ende des Saals und wiederholt wahrscheinlich gerade, wie gut er mit seinen Händen ist. Und die Frau ihm gegenüber ist wahrscheinlich ebenso wenig beeindruckt davon, wie ich es war. Was bedeutet, ich rede offenbar mit jemand anderem. „Tut mir leid, ich habe deinen Namen vergessen“, gebe ich zu. Es ist Carl. Er ist ebenfalls ein Klempner aus Dublin. Offenbar einer von einem Dutzend weiterer Klempner an diesem Abend…
Nina fand auch das großartig. Bryn hingegen hatte andere Ansichten. Du hättest es mit diesem Craig mal versuchen sollen, Schwesterherz. Ich wette, er ist wirklich gut mit den Händen.
Nachdem das Speed Dating vorbei war, hätte sie eigentlich tanzen sollen, während die Veranstalter das Ergebnis ermittelten, aber Keira wollte das nicht. Sie wollte nicht mit Craig oder Carl oder sonst einem Klempner tanzen, egal, ob aus Dublin oder sonst wo her. Denn eigentlich wollte sie nur mit einem einzigen Mann tanzen. Sie tat so, als wolle sie lieber gar nicht wissen, ob sie jemand ausgewählt hatte, denn in Wirklichkeit interessierte sie sowieso nur die Meinung dieses einen Mannes.
*
Keira schaute hinüber zu Orin hinter seinem Tresen und fragte sich, ob es sich wohl so anfühlte, einen Vater zu haben. Zwei Wochen ihrer Reise waren um und sie nahmen gemeinsam das Frühstück ein, Toast, Eier und Würstchen. Es war für sie beide zu einer Art Ritual geworden. Da die anderen Gäste alle nur kurz blieben, hatte Keiras ständige Anwesenheit zu einer Art Vater-Tochter-Beziehung geführt. Ihr eigener Vater hatte die Familie verlassen als sie noch sehr klein war, daher hatte sie nie erfahren, wie es sich anfühlte.
„Was hat Shane heute für euch beide geplant?“, fragte Orin und stellte seine Kaffeetasse ab.
Bei der Erwähnung seines Namens wurde Keira ganz warm ums Herz. Nichts war zwischen ihnen passiert. Jedenfalls nicht äußerlich. Ihre Gefühle hingegen vertieften sich immer mehr. Mit jeder Begegnung schien das Band zwischen ihnen enger zu werden. Keira freute sich jeden Tag darauf, ihn zu sehen und auf die gemeinsamen Ausflüge. Mit jedem Tag entfernte sie sich mehr von Zach und fühlte sich stärker zu Shane hingezogen.
Orin kicherte. „Es gibt da diesen Ort namens Dingle. Schöner Platz. Wird dir gefallen.“
Keira konnte sich nicht vorstellen, sich jemals an die lustigen Ortsnamen zu gewöhnen. Ihr Handy war voll mit Bildern von Straßen- und Ortsschildern, die sie an Nina oder Bryn schickte.
Wie auf Kommando vibrierte ihr Handy. Es war eine E-Mail von Joshua. Sie stöhnte innerlich. Sein Drängeln ging ihr tierisch auf die Nerven. Er hätte um diese Zeit nicht einmal wach sein sollen. In New York war es noch sehr früh. Es musste an den Schmerzmitteln liegen, dass er nicht richtig schlafen konnte.
Keira, du bist jetzt seit zwei Wochen in Irland und du hast mir fast nichts geschickt. Ein paar Abschnitte, einfache Sätze. Wo ist die Geschichte?!? Es ist mir schnuppe, wie gut Nina deine kleinen Schnipsel findet, solange du daraus nicht eine runde Sache machen kannst. Wenn ich dich rausschmeißen und es selber machen könnte, hätte ich die Geschichte in wenigen Tagen im Sack. Du nutzt die Lage aus, weil ich nichts machen kann und auf dich angewiesen bin. Aber vergiss nicht, dass es auch um zukünftige Aufträge geht. Wir sehen uns wieder im Besprechungsraum und dann werde ich alles daran setzen, dass deine Tage bei Viatorum gezählt sind.
Keira steckte schnell das Handy wieder ein. Sie hatte sich beinahe schon an seine Drohungen gewöhnt. In dieser Menge verloren sie allerdings irgendwie ihre Wirkung. Und schriftlich wirkte Joshua längst nicht so bedrohlich wie von Angesicht zu Angesicht. Auf diese Weise konnte sie sein Gerede viel leichter ignorieren. Aber auf Dauer ging das natürlich nicht. Das änderte schließlich nichts an der Tatsache, dass sie bisher wenig zustande gebracht hatte. Früher oder später würde er sie anrufen, um sie zusammenzufalten. Es konnte nicht mehr lange dauern.
„Ich sollte ein bisschen schreiben, bevor Shane kommt“, sagte sie zu Orin.
Das war auch eine Art Ritual geworden. Erst frühstücken und anschließend würde sie nach oben gehen und arbeiten, bevor sie mit Shane zu einer weiteren Tour durch Irland aufbrach. Was sie allerdings wirklich tat nach dem Frühstück, war, Löcher in die Luft zu starren, bis Shane sie abholte zu etwas, was eigentlich nichts anderes war als ein Date.
Orin nickte, liebenswürdig wie immer. Keira ging hinauf in ihr Zimmer.
Sie saß am Fenster und schaute hinunter auf die Straße, wo die Plakate der letzten Nacht noch im Winde flatterten. Der Laptop lag geschlossen auf dem Tisch vor ihr. Wenn man bedachte, dass sie gerade verlassen worden war und Gefahr lief, ihren Job zu verlieren, war sie unglaublich glücklich mit ihrem aktuellen Leben.
Keira öffnete das Dokument und schaute, was sie bisher zustande gebracht hatte. Geläster, ein paar Notizen, unbrauchbare Interviews, ein längerer Text über die Trennung von Zachary, aber sie erkannte sich kaum wieder in dem, was sie darüber geschrieben hatte. Jene Gefühle waren längst verflogen. Auch wenn es ihr schwer fiel, so musste sie doch zugeben, dass Joshua recht gehabt hatte, dass man die Trennung nicht verwenden konnte für den Artikel.
Dennoch verlangte er immer noch, dass es ein persönlicher Bericht werden sollte. Was letztendlich bedeutete, dass sie so tun musste, als hasste sie alles hier. Die Liebe war tot oder nur ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten. So in etwa. Aber zu lügen war viel leichter gesagt als getan. Ihre Finger schwebten über der Tastatur, aber die Worte wollten einfach nicht kommen. Alles, woran sie denken konnte, war das Ehepaar, welches das Wagenrennen gewonnen hatte, der geschiedene Mann an der Bar, Shanes Eltern und ihre niemals endende Zuneigung. Romantische Liebe. Sie war umgeben davon. Und sie ließ sich davon anstecken.
Was sie wirklich brauchte, war jemand, der einsam war und den sie als Vorlage benutzen konnte. Plötzlich hatte Keira eine Eingebung. Sie eilte hinunter zu Orin. Er las gerade die Tageszeitung, das Frühstücksgeschirr stand noch auf dem Tresen.
„Das ging ja schnell“, witzelte er, als er aufblickte und Keira auf sich zu kommen sah. „Hast wohl nicht viel zustande gebracht, nehme ich an?“
Keira hockte sich auf den Stuhl ihm gegenüber. „Ich habe mich gefragt, ob du mir wohl deine Geschichte erzählst.“
Orin runzelte die Stirn und legte die Zeitung beiseite. „Meine Geschichte? Was für eine Geschichte?“
„Deine romantische Vergangenheit“, sagte Keira. „Du arbeitest hier allein. Keine Frau, richtig?“
„Es ist dir also aufgefallen“, spottete er.
„Also? Was ist deine Geschichte? Ich meine, jedes Jahr rennen die Besucher des Festivals dir die Bude ein. Aber du hast niemanden.“
Orins Gesicht fiel in sich zusammen. Offenbar hatte er wohl kein Glück in der Liebe gehabt.
Keira spürte ein Fünkchen Hoffnung, dass wenigstens einer in diesem Ort nicht glücklich verliebt war. Vielleicht konnte sie die Sache doch noch richtig hinbiegen. Wenn sie sich in Orin hinein versetzte, an dem die Liebe vorbei gegangen war, dann würde sie vielleicht den Ton finden, den Joshua für den Artikel verlangte. Sie konnte einfach eine Rolle spielen. Das würde ihr vielleicht auch weniger Schuldgefühle geben, wenn sie diesen Ort im Artikel zerriss.
„Ich habe nie geheiratet“, sagte Orin niedergeschlagen, „weil ich nie das richtige Mädchen gefunden habe.“
Keira unterdrückte ein Lächeln, aber insgeheim war sie erleichtert, endlich das richtige Material zu bekommen.
„Konnte William nie die passende Frau für dich finden?“, fragte sie.
Orin schüttelte den Kopf. „Er hat es wohl versucht. Aber ich bin eben wählerisch. Ich treffe ein nettes Mädchen, aber irgendetwas passt dann nicht, irgendeine lächerliche Kleinigkeit fängt an, mich zu stören. Ich beende es und gehe wieder zu William und sage etwas wie 'ja, das war schon nah dran, aber könntest du beim nächsten Mal eine auswählen, die nicht auf den Fingernägeln kaut?' Dann findet William eine, die nicht auf den Nägeln kaut und ich sage, 'ja, nah dran, aber wie wäre es mit einer, die nicht ihre Haare färbt?' Und so geht das immer weiter und auf einmal ist man sechzig und allein.“
Keira nickte und bemühte sich um ein möglichst neutrales Gesicht. Sie notierte sich Orins Geschichte in ihrem Notizbuch und überlegte, Wie sie die als zentrales Thema in den Artikel einbauen konnte.
„Die Hoffnung darauf 'Die Eine' fürs Leben zu finden, hat sich für dich also nie verwirklicht?“, hakte Keira nach. „Wann wurde dir klar, dass das nie passieren würde?“
Orin schaute sie irritiert an. „Gar nicht.“ Er wirkte ein wenig vor den Kopf gestoßen bei dieser Frage. „Ich glaube immer noch daran.“ Dann wurde er noch trauriger. „Meinst du, das ist albern?“
Keira war im Zwiespalt. Einerseits brauchte sie Inspiration von ihm, andererseits wollte sie ihn trösten. Sie seufzte und legte das Notizbuch beiseite. „Das ist nicht albern, nein.“
„Du denkst nicht, dass es eben nicht die große Liebe für jeden geben kann?“ Orins Gesicht war voller Hoffnung. „Dass eben nicht jeder glücklich sein kann?“
Keira schüttelte den Kopf und schaute ihn mitfühlend an. „Ich glaube, dass William ein Wunder vollbringen kann, wenn du ihm eine Chance gibst.“ Sie hatte es so dahin gesagt, aber dann wurde ihr bewusst, dass sie es wirklich glaubte. Die Erfolge des Matchmakers waren überall sichtbar. Er verdiente seinen Lebensunterhalt damit. Was noch wichtiger war, er hatte Hunderte von Menschen glücklich und zufrieden gemacht. „Ich glaube, dass es für jeden den passenden Menschen gibt“, fügte sie hinzu. „Vielleicht muss man einfach nur auf den richtigen Moment warten, um diesem Menschen zu begegnen.“
Die Tür ging auf und Shane trat ein. Dass er ausgerechnet in diesem Moment hereinkommen würde, fand Keira bedeutungsvoll. War es reiner Zufall? Oder vielleicht Schicksal?
Er trug ein weißes T-Shirt mit einem Cartoonbären und Jeans. Schlicht, aber hinreißend. Keira geriet innerlich ins Schwärmen. Sie hatte sich angewöhnt, mehr Schminke aufzutragen, damit man nicht sehen konnte, wie sie ständig errötete, sobald er in der Nähe war.
„Bereit?“, fragte Shane, kam herüber und stibitzte ein Stück Toast von ihrem Teller.
Keira nickte.
„Keira hat gerade versucht, mich aufzumuntern“, erklärte Orin.
„Ach?“, fragte Shane. „Wieso brauchst du Aufmunterung?“
„Weil ich ein einsamer alter Trottel bin.“
Keira fühlte sich schuldig. Sie hätte Orin nie so benutzen dürfen, ihm nie ein schlechtes Gefühl geben dürfen, nur weil er bisher Pech in der Liebe gehabt hatte. Und das alles nur für ihre Zwecke. Dieser Artikel verspritzte Gift. Der ganze Auftrag tat das. Sie kam sich mehr und mehr wie eine Heuchlerin vor.
Sie stand auf und küsste Orin mitten auf die Stirn. Er schaute sie amüsiert an.
„Wofür war das?“, fragte er und errötete.
„Du bist kein alter Trottel“, sagte sie. „Du bist ein wunderbare, liebenswerter Mann. Und irgendwo da draußen gibt es die passende Partnerin für dich. Du musst nur Herz und Augen offen halten. Dann findest du sie sicher.“
Orin lächelte. Dann hakte Keira sich bei Shane unter und verließ gemeinsam mit ihm den Pub.
*
„Du machst doch Witze“, sagte Keira und lachte. Sie stand neben einem braunen Pferd und Shane hatte ihr gerade eröffnet, dass sie damit durch die Landschaft rund um Dingle reiten würde.
„Wieso nicht?“, fragte Shane. Hast du noch nie auf einem Pferd gesessen? Ich dachte, Amerika wäre das Land der Cowboys. Cowgirl in deinem Fall.“
Keira warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „Ich komme nicht aus dem mittleren Westen. Ich bin aus New York. Wir sind da durchaus kultiviert, nur damit du es weißt.“
Shane verschränkte die Arme vor der Brust. „Also, wenn du unbedingt ein Weichei sein willst….“
„Ich bin kein Feigling“, protestierte Keira. Sie schnappte sofort nach dem Köder. „Ich kann ebenso gut reiten wie jeder andere. Wahrscheinlich.“
Shane grinste. „Dann lass mich dir in den Sattel helfen.“
Keira atmete aus und schüttelte den Kopf. Wie hatte sie nur in eine solche Situation geraten können? Shane kniete sich vor sie und faltete seine Hände zu einer Steighilfe. Keira stieg hinein und legte ihre Hände auf den Rücken des Pferdes.
„Bereit?“, fragte er. „Auf drei. Eins, zwei, drei.“
Keira hob ab, warf ein Bein über den Pferderücken und drehte sich, bis sie im Sattel saß. Sie jubelte vor Begeisterung.
„Ich habe es geschafft!“, rief sie.
„Sehr gut“, antwortete Shane. Er ging hinüber zu seinem eigenen Pferd, einem Apfelschimmel, und stieg auf.
„Du bist ein Naturtalent“, sagte Keira.
„Natürlich bin ich das“, antwortete Shane. „Ich bin auf einer Farm aufgewachsen. Ich bin mein Leben lang geritten.“
Keira lächelte. Ein weiteres Talent auf der langen Liste von Shanes Fertigkeiten. Sie fand seine Gesellschaft so erfrischend, weil sie beide so unterschiedliche Leben geführt hatten. Seines war voller Abenteuer, inmitten der Natur. Ihres bestand aus vollgestopften Straßen und Hochhäusern. Sie hätte zwar nicht tauschen wollen, denn sie könnte hier niemals dauerhaft überleben, aber sie war froh, dass es diese unterschiedlichen Erfahrungen gab. Das machte es spannender und unterhaltsamer.
„Schön, dann folge mir nach“, sagte Shane.
Er trieb sein Pferd an und es fiel in einen langsamen Trott. Keira folgte ihm.
Die Tiere folgten langsam einem Pfad über die Felder, der von Generationen von Hufen ausgetreten worden war. Die Bäume um sie herum beschatteten ihren Weg.
„Es ist sehr schön hier“, sagte Keira und brach damit das lange Schweigen.
„Friedlich, nicht wahr? Es gibt nichts Besseres als einen Ausritt ins Gelände, um einen klaren Kopf zu bekommen.“
„Du brauchtest einen klaren Kopf?“ Da war ein Hauch von Traurigkeit in seiner Stimme gewesen. Sie fragte sich, ob er wieder Heimweh hatte. Oder ob er an Deidre und John dachte.
„Ich dachte eher, du“, sagte Shane lachend.
Keira runzelte verwundert die Stirn. „Was bringt dich auf den Gedanken, ich müsste einen klaren Kopf bekommen?“
Shane bellte vor Lachen. „Du machst Witze, oder? Du bist dem Kopf doch die ganze Zeit woanders. Irland hat dich voll erwischt.“
Keira errötete. Nicht nur Irland.
„Ich meine, was ist denn aus der gestressten New Yorkerin geworden, die hier vor zwei Wochen ankam? Du sollst einen Artikel schreiben, aber du benimmst dich, als würdest du Urlaub machen. Nein, nicht ganz. Du benimmst dich wie diese Hippies, die den ganzen Tag nur meditieren und keinen Job brauchen, weil sie alles in ihrem eigenen Garten anbauen, was sie zum Leben brauchen.“
Keira machte ein tadelndes Geräusch. „Wohl kaum.“
„Du glaubst mir nicht?“, spottete Shane. „Wenn du das nächste Mal vor einem Spiegel stehst, schau hinein. Du wirst dich nicht wiedererkennen.“
Keira sagte nichts. Shane war näher an der Wahrheit, als er wahrscheinlich ahnte.
Sie gelangten an einen kleinen Fluss und die Pferde latschten hindurch, dass das Wasser nur so spritzte. Keiras Schuhe wurden nass. Es waren teure Lederschuhe, aber zu ihrem eigenen Erstaunen machte es ihr gar nichts aus. Aufgeweichte Schuhe waren ein geringer Preis für diese magischen Momente. Und selbst wenn das Leder für immer ruiniert war, so würde es sie doch immer an diesen Augenblick erinnern.
„Also, wann wirst du endlich den Mut aufbringen und William bitten, dich zu verkuppeln?“, fragte Shane.
Sie zog eine Augenbraue hoch. „Du meinst, er sollte das tun?“
Seine Frage hatte sie irritiert. Sie dachte, sie würden einander näher kommen. Hatte sie sich das eingebildet, weil sie es unbedingt so sehen wollte?
„Als Inspiration für deinen Artikel“, erklärte Shane. „Ist das nicht der Grund, warum du hier bist? Um zu sehen, ob es funktioniert?“
„Oh“, machte Keira, bemüht, ihre Erleichterung nicht zu zeigen.
Sie überdachte Shanes Vorschlag. Das war vielleicht keine schlechte Idee. Wenn William sie mit jemandem verkuppelte, würde das auf jeden Fall eine Katastrophe, weil sie ja nur Shane wollte. Ein schlechtes Date würde ihr vielleicht genug Material für den Artikel liefern. Andererseits war der Gedanke, mit jemand anderem auszugehen aber wenig erquicklich. Es war, als würde sie Shane hintergehen, auch wenn sie ja eigentlich kein Paar waren.
„Warum machst du das nicht zuerst?“, schlug sie vor. Sie wollte ihn von sich und ihren verwirrenden Gefühlen ablenken. „Geh du zu einer Verabredung, die der Matchmaker eingefädelt hat und ich mache mir dazu Notizen.“
Shane lachte einfach nur. „Das wäre komisch. Und außerdem ist mir nicht danach, jemanden zu treffen.“
„Nicht?“, fragte Keira. Ihr sank das Herz in die Hose. „Nicht auf der Suche nach einer neuen Tessa?“
„Wer?“
Keiras Unbehagen wuchs. Sie erinnerte sich daran, dass Bryn sie gewarnt hatte, Shane sei ein Spieler. Sie hatte die Warnung sofort in den Wind geschlagen und sich ihm trotzdem angenähert. Aber genau das war er. Er konnte sich nicht einmal an den Namen seiner Eroberungen erinnern!
„Vergiss es“, sagte sie.
Sie ritten schweigend weiter.
„Oh, Mist“, sagte Shane plötzlich.
„Was ist?“
Shane deutete nach oben. Keira blickte in den Himmel hinauf. Er war grau und Wolken zogen schnell in ihre Richtung.
„Es wird Regen geben“, sagte Shane. „Wollen wir lieber umkehren? Wir müssten allerdings galoppieren.“
„Ich kann nicht galoppieren!“, rief Keira. „Bist du irre?“
„Entweder das oder wir werden nass“, antwortete er.
Keira seufzte. „Dann werden wir wohl nass.“
Sie drehten um und ritten langsam zurück in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Bald darauf öffnete sich der Himmel und es schüttete wie aus Eimern.
„Wie denkst du jetzt übers Galoppieren?“, rief Shane über den Lärm des Regens in den Bäumen.
Keira warf ihm einen finsteren Blick zu. Sie fing an zu frieren, war bereits nass bis auf die Knochen. Die Pferde schüttelten ihre Mähnen und bedachten Keira mit einer weiteren Dusche. Von den Hufen spritzte dicker Matsch auf ihre Kleidung.
Als sie den kleinen Bach erreichten, stellten sie fest, dass er nun zu einem Fluss angeschwollen war, mindestens einen Fuß tief, was vorher nicht mehr als ein paar Inches gewesen waren. Das Wasser floss sehr schnell.
„Die Pferde werden da nicht hinüber wollen“, rief Shane.
„Was meinst du?“, schrie Keira zurück.
„Das Wasser fließt zu schnell. Sie werden ausbrechen.“
„Und was sollen wir statt dessen tun?“, rief Keira laut, um den Lärm des Regens zu übertönen.
„Wir müssen einfach abwarten, bis es vorbei ist.“
Keira war wenig beeindruckt. Ihre Stimmung verschlechterte sich noch mehr, als sie sah, wohin Shane steuerte: eine verfallene und verlassene Scheune, die langsam verrottete. Das Dach war an einigen Stellen bereits eingefallen, so dass es an vielen Stellen hinein regnete. Nur in der Mitte wären sie einigermaßen geschützt. Von Wärme konnte allerdings nicht die Rede sein.
Shane half Keira aus dem Sattel. Sie landete in einer Schlammpfütze. Dann band er die Pferde an.
„Ist das nicht ein bisschen grausam?“, fragte Keira. „Die Pferde da draußen im Regen zu lassen?“
„Sie können ja wohl kaum hier bei uns Platz finden“, antwortete Shane und deutete auf den kleinen Fleck, wo das Dach dicht war. Mehr als einen Fuß breit war die Stelle nicht. Da würden die Pferde auch nur halb im Trocknen stehen.
„Denen macht das nichts aus. Wir sollten uns eher Sorgen um uns selber machen“, sagte Shane.
Er bedeutete ihr, hineinzugehen. Keira zitterte, als sie über Äste, Stroh und Geröll kletterte. Vernünftig war das nicht, das Gebäude konnte jeden Moment einstürzen, wenn der Wind noch zunahm.
Sie stand auf dem trockenen Fleckchen, hatte die Arme um den Oberkörper geschlungen und war endlich aus dem Regen raus, der um sie herum nieder prasselte. Ihr wurde unangenehm bewusst, dass sie bis auf die Unterwäsche nass war.
„So kriege ich meinen Artikel nie fertig“, maulte sie.
Immerhin hatte sie mal wieder schlechte Laune, genau das, was sie brauchte, um für Joshuas Artikel in die passende Stimmung zu kommen. Wenn sie daran festhielt, bis sie wieder zu Hause war, würde sie vielleicht etwas zustande bringen. Eine Seite voll Gejammer würde ihn sicher milde stimmen.
Allerdings hielt Keiras schlechte Laune nur sehr kurz. Denn Shane schaute sie mit einem Funkeln in den Augen an.
„Was?“, fragte sie. „Warum siehst du mich so an?“
„Ich dachte bloß, dass dies genau der Moment in den romantischen Filmen ist, wo der Held die Heldin zum ersten Mal küsst. Der Regen. Die zitternde Maid.“
Keira fühlte sich überrumpelt von seinen Worten, von der Glut in seinen Augen.
„Aber das hier ist kein Film“, sagte sie. „Das ist das echte Leben.“
Shane kam einen Schritt näher. „Aber du weißt ja, was man sagt.“ Sein Stimme war deutlich tiefer als sonst.
Keira schluckte. Shane war ihr so nahe, dass sie die Regentropfen sah, die über sein Gesicht rannen. Sie spürte die Wärme, die er ausstrahlte. Sie schaute in seine Augen.
„Was sagt man denn?“, fragte sie. Ihre eigene Stimme klang rau.
Shane machte den letzten Schritt auf sie zu. Er war nun direkt vor ihr, ihre Körper berührten sich. Er hob ihr Kinn sanft mit einer Hand an.
„Man sagt, dass das Leben die Kunst imitiert.“
Er senkte seinen Kopf und drückte seine Lippen auf ihre. Keiras ganzer Körper stand plötzlich in Flammen. Sie zitterte nicht länger vor Kälte. Nun zitterte sie voller Leidenschaft und Begehren. Sie hatte so etwas noch nie empfunden.
Wie sollte sie da ihre schlechte Stimmung bewahren? Keira fühlte sich beschwingt und heiter. Glücklicher als je zuvor.
KAPITEL ZWÖLF
Es war nicht länger zu leugnen. Keira hatte sich in Shane verliebt. Zurück in ihrem Zimmer, konnte sie noch Stunden später seine Lippen auf ihren spüren. Die Erinnerung an den Kuss hallte auf ihrer Haut wider und in ihrem Kopf. All ihre Bedenken, Shane könnte ein Spieler sein, hatten sich in Luft aufgelöst. Was wusste Bryn schon? Sie war ja nicht hier, hatte nicht gespürt, was Keira spürte. Die Gefühle bei dem Kuss hatten sie vollkommen aus der Bahn geworfen.
Keira hatte das Gefühl, als schwebe sie, während sie sich für die nächtlichen Aktivitäten auf dem Festival vorbereitete. Sie trocknete ihr Haar und stylte es lockiger als sonst. Sie malte sich die Lippen rot an, legte Lidschatten auf, tuschte sich die Wimpern. Das war weitaus mehr, als sie sich seit ihrer Ankunft geschminkt hatte. Ihr wurde bewusst, dass sie sich für Shane auftakelte. Sie wollte ihn beeindrucken, ihn mit ihrem Aussehen überwältigen. Sie wollte sich kopfüber reinstürzen, in was auch immer sie da hatten, und sehen, wohin es sie führte.
Sie nebelte sich mit Parfüm ein und verließ ihr Zimmer. Als Orin sie unten im Pub sah, machte er große Augen.
„Hast du ein Date?“, fragte er.
Keira zuckte etwas schüchtern mit den Schultern. „Mag sein.“ Sie kicherte.
Shane betrat in diesem Augenblick den Pub und Keiras ganzer Körper begann sofort zu kribbeln, als würde Strom durch ihre Adern fließen.
Shane kam direkt auf sie zu, legte einen Arm um ihre Hüften, zog sie an sich und küsste sie fest auf den Mund. Keira schmolz dahin. Die Welt um sie herum schien zu verschwimmen, löste sich auf, bis nichts mehr existierte, außer Shanes Lippen.
Als sie sich voneinander lösten, sah Orin überrascht aus. Seine Wangen waren ein bisschen rosa. Aber er sagte nichts, sondern zapfte eifrig Bier und tat so, als habe er nichts gesehen.
„Du siehst fantastisch aus“, flüsterte Shane ihr ins Ohr. Sein Atem kitzelte auf der Haut.
„Du auch“, antwortete sie mit verführerischer Stimme.
Shane behielt seinen Arm um ihre Hüfte geschlungen, als wolle er sie beschützen, während sie den Pub verließen. Er öffnete ihr die Tür und ließ ihr den Vortritt. Keira gefiel es, dass er den vollendeten Gentleman spielte und ihr den Hof machte.
Draußen auf der Straße war die Party bereits in vollem Gange. Lautstarke Gruppen von Betrunkenen kamen an ihnen vorbei. Sie grölten, die Arme einander auf die Schultern gelegt. Aber Keira nahm sie kaum wahr. Sie war fast vollkommen in ihrer eigenen Welt verschwunden, in der es nichts gab außer Shane und seine leidenschaftlichen Blicke, unter denen sie sich nackt vorkam.
Sie gingen zu einer der Buden und Shane kaufte eine Flasche Wein. Er schenkte zwei Gläser ein und reichte ihr eines davon.
„Ich dachte, echte irische Kerle trinken keinen Wein“, sagte Keira spöttisch.
„Irische Kerle trinken alles, wenn es darum geht, eine wunderschöne Dame zu beeindrucken“, antwortete er.
Keiras Herz macht einen Satz bei diesem Kompliment. Sie setzten sich an einen der Tische und rückten näher zusammen.
Dann fiel Keira plötzlich auf, dass sich jemand neben Shane gesetzt hatte. Im Stillen tadelte sie diese Person, wie konnte man so unsensibel sein und sich neben ein verliebtes Pärchen setzen? Wahrscheinlich war derjenige furchtbar betrunken und merkte nicht, dass er störte.
Aber dann sprach diese Person und Keira richtete sich ruckartig auf.
„Shane?“
Es war eine Frauenstimme. Keira blickte auf und betrachtete ihr dichtes blondes Haar, das gebräunte Gesicht mit den Sommersprossen, eine dicke Schicht Mascara auf den Wimpern. Shane blickte über seine Schulter. Keira entging nicht, dass sich sein Körper verkrampfte, als er die Frau offenbar erkannte.
„Willst du mich nicht vorstellen?“, fragte die Frau und schaute Keira wenig beeindruckt an.
Sofort wurde Keira paranoid. Was das eine weitere Tessa? Eine von Shanes Eroberungen?
„Was machst du hier?“, fragte Shane und ignorierte ihre Aufforderung, sie vorzustellen. Das gab Keira noch mehr zu denken. Konnte er sich etwa nicht einmal mehr an ihren Namen erinnern? Oder wollte er sie nicht vorstellen, um eine zukünftige Affäre nicht zu gefährden?
„Ich bin hergekommen, in der Hoffnung, dich wiederzusehen“, sagte die Frau.
Shane kreuzte die Arme vor der Brust. Er sah angespannt und unbehaglich aus, als würden zwei Welten aufeinander prallen, die man besser getrennt hielt. Keira spürte Panik in sich aufsteigen.
Sie stand auf.
„Ich sollte mal langsam in mein Zimmer zurückkehren“, sagte sie. „Ich habe noch viel zu tun.“
„Geh nicht“, sagte Shane.
„Doch“, antwortete Keira, „ich muss.“
Sie eilte fort, ließ Shane mit der grinsenden Frau zurück, die ihren Triumph nicht verbergen konnte, Keira vergrault zu haben.
Keira kam sich vor wie ein Idiot, als sie über das Kopfsteinpflaster zum B&B zurück stolperte. Sie stürzte durch die Tür in den überfüllten Pub und drängelte sich durch die Menge zur Treppe.
Als sie sicher sein konnte, dass es niemand sah, ließ sie ihren Tränen freien Lauf und eilte die Treppe hinauf. Wie hatte sie nur so dämlich sein können, jemandem wie Shane zu vertrauen! Sie hätte auf ihren Instinkt hören sollen. Statt dessen heulte sie sich die Seele aus dem Leib wegen dieses Kerls!
Sie rannte in ihr Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Sie streifte die Schuhe ab und schlüpfte aus ihrem Kleid. Sie rang nach Atem, Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie war wütend auf sich selbst und auf Shane.
Sie zog ihren Bademantel an und lief im Zimmer auf und ab. Dann verspürte sie zum ersten Mal seit Wochen einen Funken von Inspiration. Sie setzte sich an ihren Tisch und öffnete den Laptop. Sofort begann sie zu schreiben. Sie ließ all ihren Schmerz und ihre Wut durch ihre Finger fließen. Zornige, bissige Worte sprudelten nur so aus ihr heraus und in den Text vor ihr.
Was passiert in der Stadt der Liebe mit den Veteranen? Hat der Matchmaker je einen Gedanken daran verschwendet, was geschieht, wenn eine alte Flamme der neuen Eroberung begegnet? Oder wenn seine Dienste nicht von denen in Anspruch genommen werden, die nach der wahren Liebe suchen, sondern nach einer heißen Affäre, vielleicht auch gleich nach mehreren? Mal abgesehen von den einschlägigen Dating-Apps ist dies die beste Gelegenheit, eine ganze Reihe williger und verletzlicher Opfer zu finden: der Fleischmarkt des Matchmakers.
Keira schrieb und schrieb, bis ihr die Finger wehtaten. Sie haute auf die Tastatur wie ein Klavierspieler bei einem leidenschaftlichen Konzert.
Dann wurde sie von einem Klopfen an der Tür unterbrochen.
„Ich habe zu tun, Orin!“, rief sie.
„Ich bin es. Shane“, kam die Stimme von der anderen Seite der Tür.
Keira hörte auf zu tippen. Aber nur für einen Moment. Sie würde ihm nicht erlauben, ihr Honig um den Bart zu schmieren. Es lief gerade so gut. Nicht auszudenken, dass sie beinahe ihre Karriere aufs Spiel gesetzt hätte für so einen Idioten! Das letzte, was sie jetzt tun würde, war, ihn hereinzulassen. Sie schrieb weiter, die Finger rasten über die Tastatur.
„Lässt du mich rein?“, drängte Shane. „Ich möchte mit dir reden.“
„Nein!“, rief sie. „Verschwinde!“
Shane hatte offensichtlich nicht die Absicht, ihre Wünsche zu respektieren. Sie hörte ihn immer noch durch die Tür.
„Bitte?“, fragte er.
„Ich sagte nein.“
Es wurde still. Keira hoffte, er wäre verschwunden, aber dann hörte sie erneut sein Flehen.
„Falls du eifersüchtig auf die Frau warst, ist das unnötig. Das war Caroline, meine Ex.“
Wütend raste Keira zur Tür, entriegelte sie und riss sie auf.
Da stand Shane, blickte sie verlegen an, die Augen unschuldig groß. Selbst in ihrer wütenden Verfassung konnte Keira nicht verdrängen, dass sie ihn unglaublich attraktiv fand.
„Ich bin nicht eifersüchtig“, fauchte sie. „Wieso sollte ich?“
„Ich meinte nicht, dass du es sein solltest“, sagte Shane vorsichtig. Er schien die Sache zu überdenken. „Ich nahm nur an, du wärst es, weil du abgehauen bist, als sie sich zu uns setzte.“
Er kratzte sich nervös am Hals und schaute wie ein verlorenes Schaf aus der Wäsche. Keira grunzte genervt, weil er gar nichts kapierte.
„Nun, ich bin es nicht“, schnappte sie. „Entgegen der landläufigen Meinung messen Frauen sich nicht permanent an anderen, weil sie sich um einen blöden, haarigen Mann balgen.“
Shane schien das eher zu amüsieren. Er presste die Lippen aufeinander, um nicht zu lachen.
„Du meinst, blöde haarige Männer wie mich?“ Der übliche spöttische Unterton kehrte zurück.
„Ja, genau wie du einer bist.“
„Ich verstehe“, sagte er diplomatisch. „Dann warst du also nicht eifersüchtig auf Caroline, weil du dich nicht mit ihr verglichen hast, um meine Aufmerksamkeit zu erlangen, weil ich blöd bin. Und behaart.“
Keira schmollte. „Mach dich nicht lustig über mich.“
Shane presste die Lippen fest zusammen. „Tut mir leid. Du bist einfach süß, wenn du wütend bist. Ich will es dann unbedingt wieder gut machen.“ Er streckte die Hand nach dem Kragen ihres Bademantels aus. Keira zuckte zurück und schlug seine Hand weg. „Oh, ich wette, das möchtest du. Ich wette, du findest immer einen Grund, um…, du weißt schon. Ich kenne Typen wie dich. Ich weiß, wie ihr vorgeht.“
Shane tat, als sei er beleidigt. „Ich bin kein Roboter“, sagte er. „Ich habe keine automatische Vorgehensweise.“
„Du bist ein Spieler!“, rief Keira. „Du benutzt Menschen. One-Night-Stands sind deine Spezialität.“
Shane brach in lautes Gelächter aus. „Wovon in aller Welt redest du?“ Seine Schultern zuckten vor Lachen.
Der Anblick machte Keira noch wütender. Erst lockte er sie in die Falle, dass sie dachte, sie wollte ihn. Dann machte er sich lustig über sie, als sie ihn schließlich durchschaut hatte.
„Heute Nacht Caroline. Tessa! Wie viele gibt es sonst noch, Shane?“
„Wie viele was? Frauen? Ich schätze, so ungefähr drei Milliarden?“
„Frauen, mit denen du im Bett warst!“, keifte sie.
Shane war immer noch verwirrt. Oder war er amüsiert? Keira konnte es nicht mit Sicherheit sagen.
„Nun, da wäre also zunächst Deidre, meine verstorbene Frau.“
„Shane“, unterbrach sie ihn. Er brauchte jetzt gar nicht erst zu versuchen, ihr Schuldgefühle wegen seiner toten Frau einzureden.
„Was?“, fragte er. Langsam schien er den Spaß an der Sache zu verlieren. „Du redest wirres Zeug. Ich weiß nicht einmal, wer diese Tessa ist, von der du die ganze Zeit redest!“
Keiras Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. „Wirklich? Du erinnerst dich tatsächlich nicht? Damit wäre wohl bewiesen, wie recht ich habe.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Tessa. Die Frau, mit der du geschlafen hast, in der ersten Nacht des Festivals.“
Shanes Gesicht zeigte Schock und Amüsement. Er packte Keira bei den Schultern.
„Ich habe nicht mit ihr geschlafen!“, rief er. „Wir hatten einen Drink, haben getanzt und geflirtet. Das war alles. Wenn du mir etwas vorwerfen willst, dann meinen Charme. Denn ein Spieler bin ich mit Sicherheit nicht. Himmel, ich habe dir sogar erzählt, dass ich mal verheiratet war. Reicht das nicht, um zu beweisen, dass ich kein Spieler bin? Das sind nicht die Typen, die sich etwas Festes suchen, oder?“
„Das ist Jahre her“, gab sie zurück. „Du könntest dich geändert haben.“
Die Tatsache, dass er weniger wütend als amüsiert reagierte, machte sie noch sturer. Sie stand da und starrte ihn an. Sie kochte vor Wut und wollte nicht nachgeben. Aber selbst trotz ihrer Wut fand sie ihn unwiderstehlich. Wie viel angenehmer wäre es doch, ihm zu glauben, ihm nachzugeben. Das wollte sie mehr als alles andere.
„Habe ich aber nicht“, beharrte er. „Ich hatte in meinem gesamten Leben nur drei Sexualpartner.“
Keira wusste nicht, ob er die Sache herunterspielte, um besser argumentieren zu können. Drei schien ihr ziemlich wenig zu sein. Auf jeden Fall deutlich weniger als sie selber gehabt hatte, wie ihr schuldbewusst einfiel. Sie spürte ihren Widerstand schwinden.
Als ob er es ebenfalls gespürt hatte, ließ Shane seine Hände von ihren Schultern an ihren Armen herabgleiten, bis zu ihren Händen. Er nahm sie und schaute sie bestätigend an.
Der körperliche Kontakt weckte alle ihre Sinne. Sie gab auf.
„Ich dachte wirklich, du hättest mit Tessa geschlafen“, sagte sie.
Shane schüttelte den Kopf. „Nein. Ich bin sehr vorsichtig mit meinen Sexualpartnern. Ich springe nicht einfach mit jeder ins Bett. Und sicher habe ich niemals zwei zur selben Zeit. Wenn ich eine Frau mag, dann mit Haut und Haar. Zu hundert Prozent. Und ich hatte dich schon getroffen, bevor Tessa auftauchte, daher konnte mit ihr gar nichts laufen.“
Keira spürte die Wärme, die von seinen Händen ausging. Sie ließ seine Worte auf sich wirken.
„Warte, was meinst du damit?“
Shanes Mund umspielte ein Lächeln. „Ich meinte, ich war sofort in dich verliebt, Dummerchen.“
Keira runzelte die Stirn. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. „Du hast mich gehasst, als wir uns kennenlernten.“, sagte sie. „Du dachtest, ich sei ein Snob. Eine Prinzessin. Du hast mich Little Miss New York City genannt.“
Shane schmunzelte. „Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass es genau umgekehrt war. Du konntest mich nicht leiden. Ich fand dich toll, vom ersten Moment an. Ich konnte nur nichts unternehmen, weil du einen Freund hattest. Das hat mir echt zu schaffen gemacht. Ich dachte, das wäre mal wieder typisch für mich, eine kluge, schöne Frau zu treffen, die bereits vergeben war.“
„Aber du bist doch zum Friedhof gefahren, weil du dich schuldig gefühlt hast wegen Tessa.“
„Ich fühlte mich tatsächlich schuldig, aber deinetwegen.“
„Oh“, macht Keira verdutzt. Sie wusste nicht, wie sie damit umgehen sollte. Wenn er das alles nur sagte, um sie rumzukriegen, dann war er verdammt gut. Sie glaubte ihm jedes Wort.
Sie hielten sich noch immer an den Händen. Keira machte ein paar Schritte von der Tür weg ins Zimmer und zog Shane mit sich. Sie sah, dass der Laptop noch an war, mit dem wütenden Artikel gut sichtbar. Sie ließ Shane los und klappte das Ding schnell zu, bevor er auch nur ein Wort davon lesen konnte.
Als sie sich wieder umdrehte, war er bei ihr, mitten im Zimmer, nur einen Schritt entfernt. Er war das erste Mal in ihrem Schlafzimmer und die Vorstellung machte sie kribbelig. Sie sehnte sich nach ihm.
Er schaute sie bewundernd an, sein enges T-Shirt verbarg seine Vorzüge nicht im Mindesten. Keira konnte sich nicht länger zurückhalten. Sie machte einen Schritt auf ihn zu und umschlang ihn mit den Armen. Sie drängte sich an ihn und presste ihren Mund auf seinen. Shane antwortete mit ebensolcher Leidenschaft, seine Hände glitten unter ihren Bademantel und fuhren ihr über den Rücken bis zur Hüfte. Sie vergrub ihre Finger in seinem Haar.
Sie lösten sich voneinander, atmeten heftig, ihre Blicke brannten auf der Haut. Keira fasste ihn bei den Schultern und schob ihn sanft rückwärts zum Bett. Sie wollte ihn mehr als sie je einen Mann gewollt hatte. Sie küssten sich satt aneinander und taumelten auf das Bett.
KAPITEL DREIZEHN
Keira erwachte am nächsten Morgen in einem Gewirr von Gliedmaßen. Shane hielt sie eng umschlungen. Es war kuschelig und gemütlich.
Sie lächelte bei der Erinnerung an die leidenschaftliche Liebesnacht. So war es noch nie zuvor mit einem Mann gewesen. Der Sex mit Zach war anfangs nett gewesen, aber dann schnell zur Routine geworden. Es war ihr nicht bewusst gewesen, wie wenig da noch gekribbelt hatte, bis Shane das Feuer erneut in ihr entfacht hatte.
Während sie ihn im Schlaf bewunderte, konnte sie nicht umhin, über die Zukunft nachzudenken. Ihr Aufenthalt hier würde schließlich nicht ewig dauern. Bedeutete das, ihre großartige Zeit mit Shane würde ebenfalls enden? Es war nicht realistisch, darauf zu hoffen, sie könnten eine räumliche Trennung bis nach New York überwinden. Allein die Flüge kosteten mehr, als sie sich beide mit ihrem Einkommen leisten konnten. Und konnte eine Beziehung überhaupt bestehen, wenn es nicht wenigstens hin und wieder mal einen persönlichen Kontakt gab? Die Vorstellung, dass ihre Liebe zeitlich beschränkt war, erfüllte sie mit Grauen.
Als sie sich ein wenig bewegte, rührte Shane sich ebenfalls und öffnete ein Auge einen Spalt breit.
„Morgen“, sagte er verschlafen und strahlte sie an. Er zog sie fester an sich. „Wohin gehst du denn?“
Keira lächelte. „Ich wollte Kaffee machen.“
Shane nickte und ließ sie los. „Das ist genehmigt.“
Keira lachte und stieg aus dem Bett. Sie war ein wenig wackelig auf den Beinen, als sie zum Schrank ging, wo der Wasserkocher und ein Glas Instantkaffee standen. Nicht gerade luxuriös, aber das war Keira egal. Heute schwebte sie auf Wolken.
Keira machte Kaffee und kehrte zurück zum Bett.
„Also“, sagte Shane und nahm ihr eine der beiden Tasse ab, „da du nun weißt, dass ich kein Spieler bin, heißt das, wir sind ein Paar?“
Keiras Augen weiteten sich. Sie hatte nicht erwartet, dass Shane gleich Nägel mit Köpfen machen würde. Aber der Gedanke störte sie nicht im Mindesten. Im Gegenteil, es war aufregend. Zwar konnte sie sich schon Bryns Reaktion vorstellen, die ihr erzählen würde, dass es sich nur um eine Reaktion auf die Trennung von Zach handelte, aber das war ihr egal. Wenn Trost-Beziehungen sich so großartig anfühlten, dann wollte sie davon mehr haben!
Sie legte den Kopf auf die Seite und schaute Shane an. „Sicher.“
Shane lachte. „Sicher? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
Keira klimperte übertrieben mit den Wimpern. „Wie hättest du es denn gern? 'Oh ja, ja, bitte, sag, dass ich deine Liebste sein darf?'“
„Viel besser“, witzelte Shane. „Und ja, darfst du.“
Keira schmunzelte amüsiert. „Wie sehen unsere Pläne für heute aus? Was wirst du mir heute zeigen?“
Shane verzog das Gesicht. „Irgendwie kommt es mir komisch vor, mich immer noch als dein Reiseführer zu betrachten. Wie denkst du darüber?“
„Na ja, meine Firma bezahlt dich immerhin dafür.“
„Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie dich auch bezahlen“, gab er grinsend zurück, „aber das veranlasst dich nicht gerade dazu, viel zu arbeiten.“
„Touché.“
Sie lachten. Keira fühlte sich beschwingt. Selbst das Licht, das durch die dünnen Gardinen drang, sah heute heller aus. Und der ständige graue Himmel konnte ihr heute nicht die Laune verderben.
„Warum entscheiden wir nicht gemeinsam, wohin wir heute fahren?“, schlug sie vor.
„Du meinst, wie ein Date, ein richtiges Date? Mit Aktivitäten?“
Keira nickte. „Wie wäre es mit einer Galerie?“
„Sicher. Es gibt massenweise Künstler in Irland, musst du wissen. Die Limerick City Gallery of Arts ist die nächste. Eine Stunde mit dem Auto. Wäre das etwas für dich?“
„Klingt großartig“, sagte Keira.
„Wir kommen durch einige kleine Orte mit schrägen Namen, davon kannst du deiner Schwester reichlich Fotos schicken.“
„Das ist dir aufgefallen?“ Keira war erstaunt über seine Aufmerksamkeit.
„Ich achte auf vieles, was du tust“, antwortete Shane.
Sie tranken ihren Kaffee aus und zogen sich an. Unten stellten sie fest, dass Orin Frühstück für zwei Personen vorbereitet hatte. Aber er selber war nirgends zu sehen. Keira nahm an, dass er ihnen ein wenig Privatsphäre lassen wollte. Oder er war peinlich berührt und mied sie.
Nach einem schnellen Frühstück verließen sie händchenhaltend das B&B. Beim Hinausgehen wollten sie offenbar in verschiedene Richtungen gehen und stießen zusammen.
„Das Auto steht da“, sagte Keira.
Shane schüttelte den Kopf. „Nein. Mein Auto steht da. Deines steht da drüben.“ Er deutete in die Richtung, die er angestrebt hatte.
„Ich fahre nicht“, stammelte Keira. „Du fährst doch immer.“
„Bisher schon. Als dein Reiseführer. Aber jetzt bin ich dein Freund. Und das bedeutet, wir machen die Dinge gemeinsam. Ich habe dich noch nie fahren sehen. Meinst du nicht, dass ich das mal erleben sollte, als dein Freund?“
„Aber ich bin echt schlecht auf diesen Straßen“, protestierte Keira. „Sie sind zu eng. Ich werde uns beide umbringen.“
„Ich glaube fest an dich.“
Er zog sie mit sich und Keira gab nach. Der Gedanke, hier mehr zu fahren, als unbedingt nötig, behagte ihr gar nicht.
Der Leihwagen, mit dem sie hergekommen war, stand seit zwei Wochen um die Ecke vom B&B. Keira stieg auf der Fahrerseite ein und fühlte sich sofort fehl am Platz.
„Wenn ich fahre, bist du offiziell der Fotograf“, sagte Keira und reichte ihm ihr Handy.
„Kein Problem. Ich mache Bilder von Bunratty, Cratloe und Dooradoyles Ortsschildern.“
Keira lachte. „Danke. Klingt perfekt.“
Sie startete den Wagen und schob ihre Nervosität beiseite, als sie losfuhr. Zum Glück war nur wenig Verkehr.
Sie erreichten den ersten Ort auf Shanes Liste und er machte ein Foto, als sie am Ortsschild vorbei fuhren.
„An wen schicke ich das?“, fragte er.
„Nina“, antwortete Keira. „Sie ist an der Reihe.“
„Kein Problem.“
Sie schaute zu, wie er durch ihre Kontakte scrollte, auf der Suche nach Ninas Namen und ihr dann das Bild schickte.
Kurz darauf wandte er sich an Keira. „Sie hat geantwortet. Joshua sitzt ihr im Nacken, ob du ihr ein paar Worte schicken könntest?“
Keira seufzte. Aber dann fiel ihr ihre Tirade von letzter Nacht wieder ein. Es wäre gemein, das zu verwenden. Joshua würde es allerdings lieben und sie hätte wenigstens für den Rest des Tages Ruhe vor ihm. Aber sie fühlte heute eben etwas völlig anderes. Eigentlich genau das Gegenteil. Wenn sie ihren Wutausbruch schickte und der es in die finale Fassung schaffte, wäre Shane bestimmt furchtbar sauer, sollte er es jemals lesen. Andererseits war das ziemlich viel 'wenn'.
„Ich sollte besser kurz anhalten und ihr ein Update schicken“, sagte Keira.
„Das kann ich doch machen“, bot Shane an.
Keira schüttelte den Kopf und fuhr an den Straßenrand. „Auf gar keinen Fall.“ Sie griff nach ihrer Tasche auf dem Rücksitz und holte ihren Laptop hervor. Schnell verfasste sie eine E-Mail an Nina und schickte ihr das Dokument. Jetzt konnte sie sich wenigstens entspannen.
Sie fuhren weiter, und kurz darauf summte Keiras Handy erneut.
„Nina sagt danke, das ist brillant“, las Shane vor. Dann machte er ein Bild vom Cratloe Ortsschild.
„Das geht an Bryn“, sagte Keira.
Er schickte ihr das Bild.
„Sie hat mit ein paar Emojis geantwortet. Eine lachende Katze. Ein lachender Geist. Der lächelnde Frosch. Ich denke, wir können wohl annehmen, dass es ihr gefallen hat.“
Sie erreichten Limerick und fuhren auf den Parkplatz der Galerie. Keira atmete erleichtert aus, als sie den Motor abstellte.
„Wie war ich?“, fragte sie. „Wir sind beide noch am Leben, ich denke, das ist das Wichtigste.“
Shane schaute aus dem Beifahrerfenster, als wolle er prüfen, wie gerade sie eingeparkt hatte. „Du fährst ganz gut unter den Umständen.“
„Unter welchen Umständen? Dass ich eine Frau bin? Oder Amerikanerin?“
„Deine Worte, nicht meine“, spottete er.
Sie stiegen aus und betraten die Galerie. Es war sehr romantisch, gemeinsam hier durch die Räume zu schlendern und sich Kunst anzuschauen. Keira musste sich regelrecht zwingen, die Gemälde zu betrachten, denn immer wieder schweifte ihr Blick ab zu Shane. Er war das eigentliche Kunstwerk hier, so weit es sie betraf.
Im Café der Galerie nahmen sie eine kleine Mahlzeit ein. Es war ein modern gestylter Raum mit hohen Pflanzen. Ein Glasdach ließ so viel Licht herein, wie der wolkenverhangene Himmel erlaubte.
„Das ist echt nett hier“, sagte Keira und schaute sich um.
Der Kellner kam mit ihrem Couscous, Pitabrot, Hummus und Oliven. Ein so multikulturelles Essen hatte sie im tiefsten Irland nicht erwartet.
„Kunst wird hier sehr geschätzt“, erklärte Shane. „In allen Variationen. Töpferei, Malerei, Musik.“
„Ja, mir ist nicht entgangen, dass hier offenbar jeder ein Instrument spielen kann.“ Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Shane, als er auf der Bühne stand und Geige spielte. „Allerdings habe ich bisher keinen einzigen Harfespieler gesehen, das ist schon etwas enttäuschend.“
„Wirklich?“, fragte Shane verwundert. „Ich kenne mindestens zehn. Erinnere mich daran, dich Mittwoch Abend mit ins Hope & Anchor zu nehmen. Meine Freundin Claire spielt da einmal die Woche.“
Keira gefiel es, wie Shane versuchte, sie ganz in das irische Leben zu integrieren, nicht nur als Touristin, sondern auch als Freundin.
Aber je mehr sie darüber nachdachte, desto schwerer wurde ihr das Herz. Es war ja nicht so, dass es noch viele Gelegenheiten für mittwochs gab, die sie hätten wählen können. Genau genommen gab es noch einen einzigen Mittwoch, bevor sie wieder abreisen musste. Die Wahrscheinlichkeit, die Harfespielerin Claire kennenzulernen, war gleich Null. Denn die Wahrheit war nun einmal, dass Keira eine Touristin war. Egal, welche Absichten sie hatte oder Shane, sie würde abreisen. Der Gedanke war niederschmetternd.
„Du siehst traurig aus“, sagte Shane plötzlich.
Keira verkrampfte. Sie hatte nicht beabsichtigt, ihre Gefühle so offen zur Schau zu stellen. Sie sah auch so recht keinen Sinn darin, es anzusprechen. Sie mussten nicht darüber reden, dass ihr Aufenthalt nur noch von kurzer Dauer war, denn das würde alles verderben. Andererseits war ihre bevorstehende Abreise nun mal Fakt und das ließ sich nicht einfach ignorieren.
„Ich musste daran denken, dass wir beide nicht mehr viel Zeit miteinander übrig haben“, sagte sie. „Ich meine, um Claire zu sehen, oder andere Freunde von dir. Solche Sachen eben.“
„Ach ja“, sagte Shane trübe. Er griff nach ihrer Hand und drückte sie. „Ich habe darüber nachgedacht.“
Sie schaute ihn an. „Wirklich? Worüber genau?“
Sie wollte hören, wie er darüber dachte. Ihre eigenen Gedanken kannte sie zur Genüge.
„Ich dachte daran, wie blöd es ist, wenn wir auf Wiedersehen sagen müssen.“
Auf Wiedersehen. Daran dachte Shane also. Nicht an Fernbeziehung oder Videobotschaften. Nicht mal daran, sich in der Zukunft einmal wieder zu treffen. Er war direkt zum kalten, klaren Ende gelangt. Auf Wiedersehen.
„Ja, ist wohl zu unrealistisch, das irgendwie aufrecht zu erhalten, sobald ich abgereist bin“, sagte Keira, und strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Sie wollte locker wirken, auch wenn ihr gar nicht danach war. „Immerhin ist der ganze Atlantik zwischen uns.“
Shanes Hand drückte ihre noch fester. „Nun, das hat deine Vorväter nicht aufgehalten, oder?“
Keira war nicht in der Stimmung für Scherze. Dazu hatte sie sich viel zu intensiv auf diese ganze Beziehungskiste eingelassen. Aber wie üblich sah Shane eben auch die humorvolle Seite der Dinge.
Keira fühlte sich plötzlich unwohl und entzog ihm seine Hand, was er natürlich bemerkte.
„Keira, was ich damit sagen wollte: wenn Menschen mit Schiffen über den Atlantik gefahren sind, dann sollten wir das mit Fliegern doch wohl hinkriegen. Was sind heutzutage schon sieben Stunden? Unterwegs kann man massenhaft Serien anschauen, zur Überbrückung.“
Aber es war etwas zu spät, als dass seine Worte sie noch trösten konnten. Selbst wenn Shane das aufrecht erhalten wollte, selbst wenn ihm endlose Stunden im Flieger nichts ausmachten, wie sollten sie sich das je leisten können? Sie waren beide nicht gerade vermögend. Mit ihrem jetzigen Einkommen war gerade mal ein Flug pro Jahr nach Irland drin. Für ihn wäre es sicher ganz ähnlich, wenn nicht sogar noch knapper.
„Ich weiß nicht, ob die Serien es rausreißen“, sagte sie niedergeschlagen.
Shane schaute sie betroffen an. „Klingt, als hättest du schon aufgegeben.“
„Nein. Aber ich bin realistisch.“
„Mir käme ein anderes Wort dafür in den Sinn. Wie wäre es mit wenig abenteuerlustig? Langweilig?“
„Wie nett“, murmelte Keira.
Aber sie wusste, dass er sie nur hänselte, denn er schmunzelte. Aber ihr war nicht nach witzeln.
„Keira, wir sind beide noch jung. Wir sollten nicht darüber nachdenken, wie realistisch oder logisch unsere Entscheidungen sind. Ich gebe lieber jeden Cent aus, den ich verdiene, damit ich um die halbe Welt fliegen und dich sehen kann, anstatt für die Rente zu sparen, oder etwas ähnlich Langweiliges. Komm schon, lach mal.“ Er grinste sie ermutigend an. „Wir befassen uns damit, wenn es soweit ist.“
Keira spürte einen Kloß im Hals. Auch wenn sie ihm einigermaßen zustimmen wollte, so konnte sie dieses Gefühl von Endgültigkeit einfach nicht abschalten. Es war wie eine Welle plötzlich über sie gekommen und ließ sich nicht mehr abschütteln.
Sie wollte nicht vor Shane in Tränen ausbrechen, daher entschuldigte sie sich kurz und ging in den Waschraum. Ihre Tasche ließ sie bei ihm am Tisch. Sie starrte ihr Spiegelbild an und fragte sich, worauf sie sich da nur eingelassen hatte. Einerseits war es aufregend. Einfach mal alle Vernunft fahren zu lassen, war berauschend. Auf der anderen Seite hatte sie das Gefühl, der tiefe Fall stünde direkt bevor. Es war leichtsinnig gewesen, die Sache mit Shane sich so weit entwickeln zu lassen. Es konnte einfach nicht gut ausgehen. Andererseits war eben nichts von Dauer. Vielleicht machte das sogar einen Teil des Reizes aus. Er würde nie ihre negativen Seiten kennenlernen oder sie seine. Es könnte geradezu perfekt bleiben für die kurze Dauer.
Ein wenig gestärkt verließ Keira den Waschraum und kehrte an den Tisch zurück. Dort sah sie ihren Laptop stehen.
„Was tust du da?“, fragte sie entsetzt und eilte zu Shane.
„Ich wollte nur sehen, was du bisher geschrieben hast“, antwortete er unschuldig.
Keira klappte das Gerät schnell zu. „Mit Verlaub, das geht dich nichts an.“
„Wie denn das?“, fragte er lachend. „Es wird doch veröffentlicht. Jeder kann es dann lesen.“
Aber Keira konnte nicht darüber lachen. Shane war ihr fast auf die Schliche gekommen, das hatte sie schwer erschüttert.
„Wenn es editiert wurde, dann erst. Den ersten Entwurf darf eben nie jemand sehen.“
Es war nur eine halbe Lüge. Selbst wenn ihre ersten Entwürfe wirklich schlecht waren, so war doch der eigentlich Grund, dass Shane nicht sehen sollte, was sie geschrieben hatte. Ohne Erklärung und den Hintergrund dazu würde es sie in ein extrem schlechtes Licht rücken. Streng genommen wurde es mit der passenden Erklärung auch nicht wirklich besser.
„Außerdem richtet es sich an ein ganz spezielles Publikum. Bist du eine unverheiratete Amerikanerin in der Altersgruppe 24-34? Nein? Dachte ich mir.“
Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Tut mir leid“, sagte Shane. Ihm war offenbar nicht entgangen, dass sie ungehalten war. „Ich werde nie wieder herumschnüffeln. Ich war nur neugierig. Wir sind ständig beschäftigt, und ich wollte nur sehen, womit eigentlich. Ich meine, du hast mich Geige spielen hören, aber ich habe noch keinen einzigen Satz von dir gelesen. Und du hast mich als Reiseführer erlebt. Ich würde dich eben gern mal als Journalistin erleben.“
„Ein anderes Mal“, sagte sie steif.
Sie beendeten ihre Mahlzeit, die Stimmung deutlich nüchterner als zu Beginn. Keira fühlte sich schuldig. Wenn sie nicht so eine falsche Schlange wäre, die so viel zu verbergen hätte, wäre Shane nie auf den Gedanken gekommen, heimlich nachzuforschen.
Sie fuhren zurück nach Lisdoonvarna. Dieses Mal behielt Keira ihr Handy bei sich. Die Sache mit dem Laptop hatte ihr zu denken gegeben. Was, wenn Nina ihr eine Nachricht zu dem Text schickte, oder einen Kommentar zu ihrer bissigen Tirade abließ? Wenn Shane das jemals sah, wäre sie am Boden zerstört.
Sie erreichten die Stadt und Keira stellte das Auto ab. Als sie das B&B betraten, sahen sie, dass Orin wieder aufgetaucht war. Er wirkte etwas verlegen, benahm sich aber ansonsten so freundlich wie gewohnt.
„Was zu trinken?“, fragte er.
„Ist etwas zu früh für mich“, antwortete Keira. „Und ich muss jetzt mal etwas arbeiten. Ich setzte mich da hinten in die Ecke; ihr beiden, lasst euch nicht aufhalten.“
Während Orin zwei Bier zapfte, zog sich Keira möglichst weit zurück von ihnen. Sie fühlte sich so elend betrügerisch, dass sie an der Fröhlichkeit der anderen nicht mehr teilhaben konnte. Sie hatte es zu weit kommen lassen mit der Beziehung. Als Shane einfach nur ein sexy Typ gewesen war, den sie scharf fand, war es irgendwie einfacher gewesen. Sie hatte nicht das Gefühl gehabt, ihm etwas schuldig zu sein wie Aufrichtigkeit. Der Gedanke bereitete ihr Übelkeit.
Keira schaute sich Ninas letzte E-Mail an, mit den Veränderungen den Text betreffend, den sie am Morgen geschickt hatte. Zu ihrer Erleichterung waren es gute Neuigkeiten. Joshua gefiel es tatsächlich und er wollte genau so weitermachen.
Hat er wirklich das Wort 'gefallen' benutzt?, schrieb Keira zurück.
Ihre Antwort kam prompt. Ich weiß, was du meinst. Ich nehme an, der Arzt hat einfach nur die Dosis Advil erhöht, also gewöhne dich besser nicht dran.
Keira lachte innerlich. Es war angenehm, mit Nina zu schreiben. Es hielt sie auf dem Boden der Tatsachen, erinnerte sie daran, wer sie war, woher sie kam, warum sie hier war. Ohne die regelmäßigen Updates und den trockenen Humor ihrer Freundin hätte sich Keira vielleicht noch mehr treiben lassen als ohnehin schon.
Während sie mit ihrem Laptop beschäftigt war, genossen Shane und Orin ihr Bier und unterhielten sich gut gelaunt.
„Also, Keira“, rief Orin herüber, „Shane meint, du wärst etwas geheimnistuerisch mit deinem Geschreibsel.“
„Nur mit dem schlechten Zeug“, rief sie zurück.
Sie wollte das nicht noch einmal diskutieren und schnappte daher nicht nach dem Köder. Sie fühlte sich auch so schon schlecht genug dabei. Aber weder Orin noch Shane konnten es offenbar dabei belassen.
„Es muss ja kein erster Entwurf sein“, schlug er vor. „Wie wäre es mit etwas aus der letzten Ausgabe?“
Keira verkrampfte. Das nahm keine gute Entwicklung. Aber was hatte sie schon für eine Wahl? Sie hatte Shane gegenüber als Ausrede benutzt, nichts Unfertiges zeigen zu wollen. Aber in der letzten Ausgabe war ein Artikel von ihr und auch in der davor. Wenn sie also die Webseite von Viatorum aufrief, würde sie ihnen etwas von ihrer Arbeit zeigen können. Das würde sie vielleicht schon zufriedenstellen und sie ließen sie mit dem Thema dann endlich in Ruhe.
„Also schön“, sagte sie. „Hier ist ein Artikel, den ich letzten Monat über eine Parade geschrieben habe. Ich muss allerdings warnen, er ist nicht sonderlich gut.“
Shane und Orin kamen herüber zu ihr. Sie bewunderten das schicke Design der Webseite, allerdings wusste Keira mit ziemlicher Sicherheit, das zumindest Shane es bestimmt eigentlich eher zu protzig fand.
Shane griff plötzlich nach dem Laptop und zog in zu sich. Er kicherte, als wäre das ein Scherz. Ein Blick zu Orin verriet ihr, dass die beiden das geplant hatten. Sie hatten sich verbündet, um sie zu überlisten und zu sehen, was sie über das Festival geschrieben hatte.
„Nicht!“, flehte Keira sie an.
Sie hatten ja keine Ahnung! Sie dachten, das wäre ein ganz unschuldiger Spaß. Sie dachten, sie spielten mit ihr, mit ihrer scheinbaren Bescheidenheit. Aber Keira kannte ja die Wahrheit. Ihr wurde übel bei dem Gedanken, was nun unweigerlich passieren würde.
Es war zu spät. Shane begann, den letzten, bitterbösen Text, den sie geschickt hatte, vorzulesen. Seine Stimme änderte sich von heiter zu verzagt und tief verletzt.
„Erdrückende irische Gastfreundschaft?“, las er und schaute sie mit traurigen Augen an. „Schmieriger Schuppen? Das denkst du?“
„Es tut mir leid“, flüsterte Keira. Ihr war übel.
Shane betrachtete sie voller Schmerz. „Was soll das? Warum bist du so gemein?“
„So lautet der Auftrag“, versuchte sie zu erklären. „Ich denke nicht wirklich so. Ich muss so herablassend schreiben für den Artikel, mehr nicht. Das bin nicht ich. Es tut mir leid.“
„Du meinst, es zählt also nicht, weil du es nicht so meinst?“ Shane klang sehr aufgebracht.
„Es tut mir so leid“, wiederholte Keira. Mehr hatte sie dazu einfach nicht zu sagen. „Ich weiß, es ist keine richtige Entschuldigung.“
„Das kannst du laut sagen“, meinte Shane. „Du ziehst uns in den Schmutz. Ich dachte, es handelt sich um ein Tourismus-Magazin. Was ist denn das für eine Zeitschrift, die das Reiseziel so runterputzt?“
Keira biss sich auf die Lippen. „Es geht weniger um Tourismus als um Reisen und Lifestyle, nehme ich an.“
„Sarkastische Reisen und ironischen Lifestyle“, sagte Shane. „Wo ist der Sinn dabei?“
Keira fühlte sich furchtbar. Sie zuckte hilflos mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Es ist dämlich. Oberflächlich. Und es war dämlich von mir, mich darauf einzulassen. Was soll ich sagen, um es wieder gutzumachen? Mehr als mich bei euch beiden zu entschuldigen, weiß ich einfach nicht.“
Orin sprach auch endlich. „Und du meinst, damit ist es getan? In diesem B&B steckt mein Herzblut. Dieser Artikel wäre vielleicht mein Ruin.“
Sie schaute ihn an. Er sah so enttäuscht von ihr aus. Sie war enttäuscht von sich selbst.
„Es tut mir so leid“, sagte sie leise. „Ich wollte deinem Geschäft sicher nicht schaden. So viele Leute lesen die Zeitschrift gar nicht. Ich denke nicht, dass es einen Einfluss auf sie hätte. Unsere Leser würden sowieso nie zu einem solchen Ort wie diesem reisen.“ Keira klappte den Mund zu, als ihr bewusst wurde, wie mies das klang und wie die beiden das auffassen würden.
Shane blickte sie kühl an. „Zu einem Ort wie diesem?“, wiederholte er.
Keira fröstelte. Jetzt hatte sie es endgültig versaut.
Shane trank sein Bier aus und nahm seine Jacke vom Tresen.
„Wohin gehst du?“, fragte Keira. Sie hatte ein elendes Gefühl im Magen.
Shane blieb unterkühlt. „Du brauchst keinen Reiseführer mehr. Du hast alles gesehen, was es zu sehen gibt. Ich denke, es ist besser, wenn sich unsere Wege nun trennen. Du kriegst das schon allein hin.“
„Shane!“, rief Keira. Sie wollte nach ihm greifen, ihn aufhalten. Sie bedauerte das alles zutiefst.
Aber es war zu spät. Er drehte sich um und verließ den Pub. Keira schaute Orin an. Der schüttelte den Kopf und blickte weg.
Keira hatte das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Sie rannte zur Tür und die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Dort holte sie ihr Handy hervor und rief Bryn an.
Als ihre Schwester dran ging, ließ Keira ihren Tränen freien Lauf.
„Schwesterchen“, sagte Bryn sanft. Was ist passiert? Ist es Shane?“
„Ja“, gab Keira zu. „Aber nicht nur. Orin auch. Sie haben meinen Artikel gelesen und jetzt hassen sie mich.“
„Ist Orin nicht ein alter Mann?“, fragte Bryn verwirrt. „Was kümmert es dich, wie er über dich denkt?“
„Er ist mein Freund!“ Keiras Brust war wie zusammengeschnürt vor lauter Schuld und Scham. „Ich weiß ehrlich nicht, ob ich hier noch bleiben kann. Der Pub gehört Orin. Und wozu auch? Ich kann nichts schreiben. Nicht, wenn mich alle hier hassen. Es macht keinen Sinn, noch zu bleiben.“
„Was soll's, wenn ein paar Leute dich nicht leiden können? Du bist nicht da, um Freunde zu finden. Du bist da der Karriere wegen. Nichts hat sich daran geändert. Es ist nur einfach wieder genau so, wie es war, als du angekommen bist.“
„Aber ich habe mich geändert, Bryn“, jammerte Keira. „Ich weiß nicht einmal mehr, wie man schreibt. Das ist alles Mist.“
„Das glaube ich nicht“, antwortete Bryn. „Du bist eine ausgezeichnete Autorin, Schwesterherz. Warst du immer schon. Und du bist eine Kämpferin. Du läufst vor deinen Problemen nicht davon. Du stellst dich ihnen. Rede mit Shane. Du stehst das durch.“
Keira schniefte geräuschvoll. „Ich dachte, du hältst ihn für einen Spieler? Eine Trost-Affäre? Was kümmert es dich, ob ich mich mit ihm vertrage?“
„Das weiß ich auch nicht“, sagte Bryn und atmete geräuschvoll aus. „Es klang nur so, als hättest du eine tolle Zeit mit einem tollen Typen. Lass dir das doch nicht von einer solchen Lappalie verderben. Was genau erwartet dich denn hier in New York? Du wirst auf meiner Couch schlafen!“
„Großartig“, schnaufte Keira und schmollte. „Ich komme also vom Regen in die Traufe.“
„Man weiß nie, was noch kommt“, sagte Bryn. „Wickle Shane mit deinen Worten ein, ich bin sicher, du kannst ihn überzeugen.“
Aber Keira war davon längst nicht so überzeugt. Das noch einmal umzubiegen, erschien ihr unmöglich. Shane hatte sehr verletzt ausgesehen. Er würde ihr niemals verzeihen. Sie hatte das einzige ruiniert, was ihr wichtig war.
KAPITEL VIERZEHN
Am nächsten Morgen war es für Keira nicht gerade eine Überraschung, dass kein Frühstück für sie bereit stand. Auch als Shane nicht wie üblich für einen Ausflug kam, war das nicht überraschend. Ihr drehte sich vor Traurigkeit der Magen um.
Sie wusste, sie sollte besser wenigstens ein paar Veranstaltungen auf dem Festival besuchen, aber sie fühlte sich wie betäubt. Ohne Shane wäre es viel zu deprimierend. Also kehrte sie zurück in ihr Zimmer und schloss die ganze Welt einfach aus.
Keira wollte weg, weg von diesem Ort, raus aus Irland, alles hinter sich lassen und vergessen. Aber ihr Aufenthalt dauerte noch weitere vier Tage. Selbst wenn sie Heather per Telefon anflehte, würde sie keinen Flug umbuchen. Selbst wenn Heather genug Mitgefühl für sie aufbringen könnte, was sie nicht tat, wäre da immer noch Joshua. Er würde ihr vorhalten, wie viel sie die Firma jetzt schon gekostet hatte. Er müsste schließlich den Kopf für sie hinhalten. So oder so ähnlich würde er reden. Das letzte, was sie jetzt brauchte, war eine Auseinandersetzung mit Joshua.
Keira war vollkommen ratlos. Sie wünschte sich, es gäbe eine Möglichkeit, mit Shane zu reden. Aber sie hatte nicht einmal seine Telefonnummer. Wenn er ihr nur eine Chance geben würde, konnten sie vielleicht in Ruhe darüber reden und eine Lösung finden.
Da fiel ihr wieder ein, dass Heather ihr eine Zusammenstellung mitgegeben hatte, mit Daten und Fakten. Joshuas Assistentin hatte alles minutiös vorbereitet. Bestimmt war irgendwo auch Shanes Nummer notiert.
Keira suchte in ihren Taschen nach dieser Aufstellung. Sie fand sie und suchte nach Shanes Nummer. Da war sie! Aufgeführt als Tourguide. Es war merkwürdig, ihn sich jetzt noch in der Rolle als Reiseführer vorzustellen, nachdem er so viel mehr geworden war.
Ihre Nerven flatterten, als sie seine Nummer in ihr Handy tippte. Sie ließ es klingeln, bis der Anrufbeantworter anging. Nach kurzer Überlegung hinterließ Keira eine Nachricht.
„Hey, Shane, ich bin es, Keira. Können wir reden?“
Ihre Stimme klang steif, viel nervöser als ihr lieb war. Sie verlor allen Mut und legte auf, bevor sie noch etwas hinzufügen konnte. Was sie eigentlich wollte, war, sich bei ihm zu entschuldigen. Aber das hatte zuvor auch nichts gebracht und jetzt hatte sie jeglichen Kampfgeist verloren.
Ihr Handy summte. Eine Textnachricht. Sie hoffte, es war nicht Joshua. Sie betete, dass es Shane war. Weder noch. Es war eine Nachricht von Nina.
Ich habe eine Idee. Du musst testen, mit wem der Matchmaker dich verkuppeln würde. Das wäre ein super Abschluss des Artikels, meinst du nicht?
Keira rutschte das Herz in die Hose. Der Gedanke, jetzt zu William hinzugehen und sich verkuppeln zu lassen, bereitete ihr Übelkeit. Sie wollte nicht einmal darüber nachdenken, sich mit einem anderen Mann zu treffen. Sie wollte, dass alles so war wie vorher mit Shane.
Aber Nina hatte recht. Sie musste diese Schreibblockade überwinden. Vielleicht bekam sie von William genau die Inspiration, die sie brauchte. Ein schlechtes Date wäre genau passend für den letzten Abschnitt des Artikels.
Wie sie es schließlich schaffte, war ihr ein Rätsel, aber Keira raffte sich auf und ging hinaus. Sie schlenderte langsam Richtung William, zögerte die Begegnung hinaus. Aber selbst schlendernd kam man in Lisdoonvarna recht bald ans Ziel. Und so stand sie schließlich vor dem orangen Haus.
Sie atmete einmal tief durch und klopfte an. Maeve machte ihr auf.
„Keira? Ich habe mich schon gefragt, wann wir dich wiedersehen.“
Die Bemerkung schmerzte. Hatte wirklich jeder sehen können, dass ihre Beziehung mit Zachary praktisch vorbei gewesen war? Dachte wirklich jeder, sie sei eine hoffnungslose Jammergestalt, die früher oder später natürlich beim Matchmaker landen würde?
Sie folgte Maeve ins Haus. Die Hausherrin machte sich sofort daran, Tee aufzusetzen.
William blickte von seinem Tisch auf und lächelte.
„Setz dich doch. Du bist hier für den passenden Partner, nehme ich an?“
Keira zuckte zustimmend mit den Schultern. Sie setzte sich mit einem flauen Gefühl im Magen auf den angebotenen Stuhl.
William blätterte durch seine Aufzeichnungen, er nahm sich viel Zeit. Maeve schenkte Tee ein. Keira trank ihn schweigend.
Plötzlich schlug William das Buch zu. Das Ergebnis stand fest. Aber was er als nächstes sagte, traf Keira mitten ins Herz.
„Keine Übereinstimmung.“
„Ich verstehe nicht“, sagte sie.
„Ich finde niemanden für dich. Es passt einfach keiner.“
„Was soll das heißen, es passt keiner?“ Keira war entsetzt.
„Nun, es ist nicht leicht, den passenden Partner zu finden. Nicht, wenn ich jemanden finden will wie Simon und Sylvia.“
„Wer sind Simon und Sylvia?“, fragte Keira. Sie fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen.
„Ich habe sie vor fünfzig Jahren auf dem Festival zusammengebracht“, erklärte William. „Sie haben sich Hals über Kopf verliebt und noch hier auf dem Festival den Bund fürs Leben geschlossen. Und heute sind sie immer noch glücklich verheiratet.“
Er zeigte ihr ein Schwarzweißfoto, ein glücklich lächelndes Paar, an ihrem Hochzeitstag. Sie erkannte Williams Haus im Hintergrund. Die Tür mit dem kleinen Amor.
„Sie haben hier geheiratet? In diesem Büro?“
„Davor. Sie kommen fast jedes Jahr nach Lisdoonvarna, um ihren Hochzeitstag zu feiern.“
Keira gab ihm das Foto zurück. „Nun, ich suche nicht nach einem Ehemann“, sagte sie. „Ich will nur ein Date. Für die Inspiration. Für meinen Artikel. Da kannst du doch sicher etwas machen.“
William war wenig beeindruckt von ihren Worten. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Das wäre ein Missbrauch meiner Dienste“, erklärte er.
Keira verließ frustriert Williams Büro. Ihr Ego war angeschlagen. Typisch, dachte sie, dass selbst der Matchmaker niemanden für sie finden konnte. Sie musste wohl aussätzig sein oder so etwas.
Das einzig Gute an der ganzen Sache war, dass Keira am Abend zwei Seiten voller Bitterkeit zustande brachte, darüber, dass sie nicht vermittelbar war. Nina war begeistert. Selbst Joshua schien zufrieden, wobei Keira sich fragte, ob das nicht eher mit seinen Schmerzmitteln zusammenhing. Entweder das, oder er empfand Freude über ihr Elend. Keira nahm an, dass es wahrscheinlich letzteres war.
KAPITEL FÜNFZEHN
Als Keira an ihrem letzten Tag in Lisdoonvarna erwachte, war ihr schwer ums Herz. Es war kaum vorstellbar, dass sie am nächsten Tag abfliegen würde. Der Monat war fast um und sie würde nach New York zurückkehren. Sie wusste nicht, wie gut sie zurechtkommen würde mit all den Hochhäusern und verstopften Straßen nach der Ruhe hier in Irland.
Während des Duschens kam ihr Williams Geschichte vom glücklichen Paar wieder in den Sinn. Vielleicht konnte sie Simon und Sylvia irgendwie ausfindig machen und sich ihre Version der Geschichte anhören. Das wäre dann alles, was sie noch für ihren Artikel brauchte. Es musste schließlich dahinter stecken als Liebe auf den ersten Blick und dann einfach mal eben so fünfzig Jahre glückliche Ehe. Sie weigerte sich, zu glauben, dass es so einfach funktionierte.
Das Problem war, Keira hatte nichts weiter als die Erinnerung an ein Foto, das vor fünfzig Jahren gemacht wurde, um die beiden ausfindig zu machen.
Sie klapperte alle Orte ab, die in Frage kamen, wie Pubs und Tante-Emma-Läden. Jeder, mit dem sie sprach, kannte Simon und Sylvia persönlich oder hatte von ihnen gehört. Aber niemand schien zu wissen, ob sie in diesem Jahr angereist waren. Und wenn sie nach Kontaktdaten fragte, begegnete man ihr mit Misstrauen.
Die Frau im Pub neben Orins B&B kannte Simon und Sylvia offenbar gut. Aber sie wollte Keira nicht helfen.
„Du bist diese Reporterin, richtig? Die Amerikanerin?“, fragte sie mit vorwurfsvollem Ton und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ja“, gab Keira mit einem Seufzen zu. Sie hatte sich schon damit abgefunden, dass die Menschen ihr nun misstrauten. Es hatte schnell die Runde gemacht, welcher Art ihr Artikel sein würde und wie schlecht alle hier dabei weg kamen. Sie sah immer seltener ein freundliches Gesicht.
„Dann sage ich dir gar nichts. Ich habe dich durchschaut. Du drehst mir hinterher die Worte im Munde um, damit es für dein Geschreibsel passt.“
Keira verließ niedergeschlagen den Pub.
In das St. Paddys Inn zurückzukehren, behagte Keira auch nicht. Orin sprach nach wie vor fast gar nicht mit ihr. Also wanderte sie allein ziellos durch die Straßen.
Gleich außerhalb des Ortes bemerkte sie ein Stück Land, das ihr vorher nicht aufgefallen war. Ein Schild behauptete, dies sei ein Park, der kleinste in ganz Irland. Keira war sofort bereit, das zu glauben, denn das Fleckchen war nicht länger und breiter als ein Bus. Es gab einen einzelnen Baum, eine Bank und eine Statue der Jungfrau Maria. Keira ließ sich auf der Bank nieder. Ihr Blick glitt über eine kleine Plakette, die daran angebracht war.
Simon & Sylvia.
Sie konnte es nicht fassen. Das Liebespaar von Lisdoonvarna hatte seinen eigenen Park mit eigener Bank und eigenem Baum. Es war geradezu absurd romantisch.
Keira entschied, dass es für sie nichts weiter zu tun gab, als hier auf der Bank zu sitzen und zu warten, bis die beiden auftauchten. Früher oder später wäre das sicher der Fall. Sie musste nur Geduld haben. Wo hätte sie auch sonst noch hingehen sollen?
Sie wartete und wartete, fühlte sich zwischendurch ziemlich albern, dann wiederum wie ein geduldiger Zenmeister. Mit schwindendem Tageslicht wurde es zunehmend kühler. Die ersten Türen der Hotels und B&Bs öffneten sich, die Besucher strömten die Straße herunter zum Festival. Aber Keira blieb, wo sie war. Sie hatte genug Geschichten gehört. Sie wollte nur noch die von Simon und Sylvia. Sie war überzeugt, dass nur diese eine Geschichte ihr noch fehlte für den Artikel.
Sie musste irgendwann eingeschlafen sein, denn sie wurde sich sehr plötzlich zweier Gesichter bewusst, die auf sie herab starrten. Sie richtete sich etwas benommen auf, der Rücken tat ihr weh. Wie lange hatte sie denn auf der Bank geschlafen?
Die Gesichter der beiden alten Leute kamen ihr irgendwie bekannt vor. Es war das alte Ehepaar, das sie beim Wagenrennen gesehen hatte, damals, als sie sich noch gut verstanden hatte mit Shane. Bevor sie alles ruiniert hatte. Bevor zu dem Schmerz über die Trennung von Zach noch ein weiterer hinzugekommen war.
„Ihr seid nicht zufällig Simon und Sylvia?“, fragte Keira.
Die beiden schauten einander an.
„Das sind wir“, sagte Simon lächelnd. „Wir müssen wohl berühmt sein, Sylvia, wenn man uns schon auf der anderen Seite vom großen Teich kennt.“
Die Frau kicherte. „Das wurde aber auch Zeit. Weißt du, ich wollte immer schon mal bei Oprah Winfrey in der Talkshow auftreten.“
„Ich habe nach euch beiden gesucht“, erklärte Keira. „Ich bin Journalistin und schreibe einen Artikel über das Festival der Liebe. Und ihr seid das Goldene Paar, die Erfolgsstory des Festivals.“
Sylvia strahlte bei ihren Worten. „Wir sind wirklich berühmt, Simon.“
„Darf ich euch beiden ein paar Fragen stellen?“
„Aber sicher.“
Sie setzten sich links und rechts neben Keira, was ihr ein wenig Unbehagen bereitete.
Keira holte ihr Notizbuch hervor und einen Stift. Dann hielt sie inne.
„Ich will ganz offen sein“, sagte sie. „Der Artikel, den ich schreibe, ist nicht gerade freundlich.“
Simon runzelte die Stirn, sichtlich irritiert. „Wieso nicht?“
„Ach, herrje“, sagte Sylvia. „Sie ist eine Zynikerin.“
Simon schaute sie bedauernd an. „Es bricht mir das Herz, das Verhalten der jungen Leute heutzutage mit anzusehen. Keiner glaubt noch an den anderen. Keiner hält noch an einer Beziehung fest. Sie denken, es geht nur um Lust und Leidenschaft. Aber das bringt einen höchstens durch die ersten paar Jahre. Danach beginnt die Arbeit.“
Keira schrieb sich das auf. „Dann ist eure Ehe auch harte Arbeit?“
Sylvia lachte auf. „Grundgütiger! Nein, nicht hart. Aber Arbeit schon. Arbeit ist aber auch immer bereichernd, meinst du nicht auch?“
Keira war sich da nicht mehr so sicher. Für sie war diese Erfahrung eher zermürbend und ermüdend gewesen. Allerdings fand sie ihre Karriere immer noch wichtiger als ihr Liebesleben.
„Ich nehme es an“, gab sie zu.
„Und selbst wenn es manchmal anstrengend ist“, fügte Simon hinzu, „dann macht das nichts aus, weil man ja möchte, dass es funktioniert. Man strebt gemeinsam danach, dass die Ehe ein Erfolg wird.“
Keira notierte, wie sehr die Gedanken der beiden übereinstimmten, einer fing an, der andere nahm den Gedanken auf und setzte ihn fort. Es schien, dass sie so lange zusammen waren, dass keiner mehr wusste, wo der eine anfing und der andere aufhörte.
„Die Schwierigkeiten würden mich am meisten interessieren“, sagte Keira. Ihr habt beide gesagt, dass man an der Beziehung arbeiten muss. Was war denn schwierig für euch?“
„Fast alles“, sagte Sylvia mit amüsiertem Glitzern in den Augen. „Man muss sehr viele Kompromisse eingehen. Soll die Küche grün oder blau gestrichen werden? Sollten wir seine Mutter zu Weihnachten einladen oder meine?“
„Es muss andere Auseinandersetzungen gegeben haben als solche“, beharrte Keira. Das klang doch eher nach Nichtigkeiten. „Sylvia, sag mal, musstest du dich nicht entscheiden zwischen Karriere und Familie?“
„Oh ja, für eine Weile. Die Kinder waren noch klein und brauchten mich. Ich war Krankenschwester, musst du wissen. Aber wenn du erst einmal in mein Alter kommst und zurück blickst, dann kommen dir fünf Jahre Pause nicht mehr so lang vor. Das ist wohl kaum als Opfer zu bezeichnen.“
Keira schrieb eifrig mit und wandte sich dann an Simon. „Wusstest du es zu schätzen, dass Sylvia dieses Opfer auf sich genommen hat, um deine Kinder zu bekommen?“
„Natürlich!“, rief er aus. „Unsere Kinder sind das Allerwichtigste, für uns beide.“
„Simon hat in der Zeit ebenfalls Opfer gebracht“, fügte Sylvia hinzu. „Er musste ja viel mehr arbeiten, um die Familie zu finanzieren. Wir mussten eben beide Abstriche machen, für das, was wir wollten.“
Keira versuchte, das Negative an der Geschichte zu sehen, wollte zwischen den Zeilen etwas Kritisches finden. Aber die beiden waren einfach viel zu liebenswert. Sie strahlten so eine zufriedene Ruhe aus, die sicher der jahrelangen Geduld und Kompromissbereitschaft entsprungen war.
Sie schlug das Notizbuch zu. „Meint ihr, dass es euch zu besseren Menschen gemacht hat, seit ihr euch gefunden habt?“
Sie fragte nicht mehr für ihren Artikel, sondern für sich selbst, aus reiner Neugier. Sie hatte immer das Gefühl gehabt, wenn man sesshaft wird, dann hat man irgendwie aufgegeben. Sich einer anderen Person für immer hinzugeben, bedeutete, sich selbst aufzugeben. Aber nun schien sie eine andere Sichtweise kennenzulernen. Sich mit einem geliebten Menschen dauerhaft einzulassen, machte beide stärker, besser, netter. In dieser Einheit lag eine besondere Kraft. Es war ihr nur nie bewusst gewesen.
Simon und Sylvia lächelten einander an.
„Auf jeden Fall“, sagten sie beide.
Keira konnte die Liebe und Bewunderung sehen, die in diesen Blicken lag. Sie hatte das zuvor schon einmal gesehen, bei Calum und Eve. Und bei den Gewinnern des Wagenrennens ebenfalls, bei der polnischen Frau und ihrem neuen Verehrer.
Und sie hatte es in noch jemandes Augen gesehen. In Shanes. Wenn er sie angeschaut hatte. Hatte sie beinahe die wahre Liebe gefunden, nur um diese dann einem bissigen Artikel zu opfern? Hatte sie getan, was Zach ihr immer vorgeworfen hatte? Joshua mehr von sich zu geben als ihrer Beziehung?
„Ich könnte einen Rat gebrauchen“, sagte Keira.
„Nur zu“, sagte Simon. „Wir sind über die Jahre so etwas wie die Kummerkasten-Tanten geworden, nicht wahr, Sylvia?“
Die Frau nickte zustimmend.
„Ich glaube, ich habe jemanden gefunden“, erklärte Keira. „Einen sehr anständigen Mann. Aber ich habe seine Gefühle verletzt. Ich habe einige gemeine Sachen gesagt.“
„Hast du dich dafür entschuldigt?“, fragte Simon. „Das Wort Entschuldigung kann viel bewirken. Das ist eine der wichtigsten Lektionen in einer Ehe. Selbst wenn man überzeugt ist, recht zu haben, ist das nicht notwendigerweise der Fall.“
„Ich hatte keine Gelegenheit.“, sagte Keira niedergeschlagen. „Er ignoriert mich. Ich habe ihn seit dem Streit nicht mehr gesehen.“
„Hast du ihn angerufen?“, fragte Sylvia.
„Er nimmt nicht ab. Und selbst wenn er es täte, so wüsste ich doch nicht, was ich sagen sollte, damit er mir vergibt.“
„Sei aufrichtig“, riet Simon. „Sprich aus freiem Herzen. Wenn deine Absichten rein sind, dann wird er das erkennen. Ob er danach handelt oder nicht, ist eine ganz andere Sache. Das können wir dir leider nicht beantworten. Aber wenn du ihm jede Chance einräumst, dir zu vergeben, dann kannst du besser schlafen, weil du weißt, dass du alles in deiner Macht stehende getan hast, um es wieder gerade zu biegen.“
Keira schaute die beiden der Reihe nach an. Der Ratschlag klang gut. Und sie würde die beiden unmöglich in ihrem Artikel unterbringen können. Sie waren zu authentisch. Und mehr als je zuvor wurde ihr bewusst, dass sie an die wahre Liebe glaubte. Nicht als etwas, das einen vielleicht ereilte, oder als eine Folge von Kompromissen gegen die Einsamkeit. Sondern als etwas Reines, Wunderbares, das gehegt und gepflegt werden musste, wie ein schöner Garten.
Keira erhob sich voller Energie von der Bank.
„Vielen Dank euch beiden.“ Sie wollte direkt zurück zu St. Paddys Inn, drehte sich aber noch einmal zu den beiden um. „Alles Gute zum Hochzeitstag.“
Sie winkten ihr zum Abschied zu, während Keira voller Energie und Zuversicht losging. Sie wollte, was die beiden hatten. Sie wollte eine silberne Hochzeit und eine goldene. Sie wollte Kompromisse und Opfer. Den Respekt und die Geduld. Sie wollte daran wachsen und erleben, was Liebe, wahre Liebe, zu bieten hatte. Und sie wusste, mit wem sie all das erleben wollte. Sie musste ihn nur davon überzeugen, dass er das auch wollte.
KAPITEL SECHZEHN
Als Keira auf dem Weg zurück zum Pub war, klingelte das Handy in ihrer Tasche. Sie holte es heraus, in der Hoffnung, es könnte Shane sein, der telepathisch gespürt hatte, dass sie ihn suchte. Statt dessen las sie Joshuas Namen im Display.
Er hatte sich also doch noch dazu entschlossen, sie anzuschnauzen. Wahrscheinlich war die Dosis der Schmerzmittel für sein gebrochenes Bein reduziert worden.
Keira holte tief Luft und nahm den Anruf an.
„Die Zeit läuft, Keira“, sagte er mit drohendem Unterton. Wenigstens erst einmal Hallo zu sagen, wurde seiner Ansicht nach offenbar überbewertet. „Du bist noch nicht ansatzweise fertig. Wo bleibt der letzte Entwurf? Ich muss wissen, wie alles zusammengefügt wurde, vor allem mit dem katastrophalen Date, zu dem dich dieser Matchmaker geschickt hat.“
Der Rat von Simon und Sylvia klang ihr noch immer in den Ohren. Sie traf hier und jetzt eine Entscheidung. Sie würde sich nicht länger Joshuas Forderungen unterwerfen. Sie fühlte das nicht, der Artikel war lachhaft. Sie musste aus dem Herzen heraus schreiben, ihre eigene Wahrheit offenbaren. Sie würde einfach alles löschen, was sie bisher geschrieben hatte und noch einmal ganz von vorne anfangen. Sie würde etwas schreiben, was ihr tatsächlich etwas bedeutete. Sie würde ohne Ironie und Sarkasmus auskommen, ebenso ohne die herablassende Arroganz. Dieser Ort hatte sie etwas viel Wichtigeres gelehrt. Die Kraft der Liebe.
„Ich hatte kein Date, schon vergessen? Er hat keinen passenden Partner für mich gefunden.“ Sie musste lächeln bei dem Gedanken daran, was William mit seiner Weigerung bewirkt hatte. Sie war dabei gewesen, dieselben alten Fehler zu wiederholen, sich immer mit den falschen potentiellen Partner zu verabreden. Er wusste wirklich, was er tat und Keira sah das jetzt endlich ein.
„Wie soll der Artikel denn dann enden?“, keifte Joshua aufgebracht.
„Keine Sorge. Ich habe noch ein Ass im Ärmel, das wird dich umhauen.“
Sie war sich sicher, dass es das tun würde. Nur eben nicht auf die Art, wie Joshua wahrscheinlich erwartete.
„Sag mir, was es ist“, verlangte er. „Ich will sichergehen, dass du in die richtige Richtung arbeitest.“
„Ich habe eben ein Paar getroffen, dass hier geheiratet hat“, sagte Keira. „Das Liebespaar von Lisdoonvarna, so nennt man sie hier.“
„Okay. Und? Wo ist das Problem? Sind beide unfassbar hässlich? Betrüger? Wo ist der Haken? Was willst du da rausholen?“
Keira unterdrückte ein Lächeln. „Sagen wir mal, sie hatten einige interessante Anekdoten zu erzählen und einen guten Rat für junge Frauen.“
„Und der wäre?“, hakte Joshua nach. Er klang nicht gerade überzeugt.
Keira erreichte unterdessen das B&B. „Also, soll ich den Artikel jetzt schreiben, oder wollen wir noch ewig darüber quatschen? Ich wüsste ja, was von beidem mehr Sinn macht.“
Joshua gab einen wütenden Laut von sich. „Na schön, Swanson. Mach was du willst. Tust du ja sowieso immer. Wenn ich doch nur in der Zeit zurück reisen könnte und mir nicht das Bein brechen könnte, dann würde ich dafür sorgen, dass du diesen Auftrag im Leben nicht bekämst. Du machst nur Probleme. Ich musste vom Krankenbett aus die Sache regeln.“
Keira rollte mit den Augen. Sie hatte genug von seinen wütenden Tiraden gehört.
Sie legte auf und betrat den überfüllten Pub. Orin stand wie üblich hinter dem Tresen. Er schaute kurz auf und dann sofort wieder beiseite, als er sie hereinkommen sah. Keira hatte sich angewöhnt, ihm aus Scham aus dem Weg zu gehen und sich in ihrem Zimmer zu verkriechen. Aber jetzt ging sie voller Überzeugung direkt zu ihm hin.
„Was willst du trinken?“, fragte Orin und schaute sie erstaunt an.
„Ich möchte mich entschuldigen“, sagte Keira. Simons und Sylvias Worte gaben ihr genügend Mut. „Was ich geschrieben habe, bereue ich sehr. Ich wollte die Anerkennung der falschen Leute damit erringen, wie meinen Boss daheim in New York. Aber inzwischen ist mir klar geworden, wenn man versucht, schlechten Menschen zu gefallen, dass man dann irgendwie selber ein schlechter Mensch wird.“
Orin schaute sie eine Weile an, als müsse er über ihre Worte nachdenken. Mit jeder Sekunde fühlte Keira sich besser. Sich zu entschuldigen, die eigenen Fehler einzugestehen, das war ein erhebendes Gefühl.
„Ich möchte, dass du als Erster erfährst, dass ich diesen Artikel nicht veröffentlichen werde“, fügte sie hinzu. „Ich werde ihn zurückziehen. Meine Redakteurin hat die neueste Version, sie ist eine Freundin. Ich werde sie bitten, den kompletten Text zu löschen, damit mein Boss ihn nicht in die Finger kriegt. Alles, was ich geschrieben habe, wird praktisch ausgelöscht.“
Orin runzelte die Stirn. „Was willst du denn stattdessen tun? Immerhin ist das doch wohl dein Job, oder?“
„Das ist mir egal“, sagte Keira. Und zu ihrer eigenen Überraschung stimmte das. Es war ihr wirklich vollkommen egal. Sie wollte einfach keine blödsinnigen, geifernden Artikel mehr schreiben, nur um Joshua zu beeindrucken. „Selbst wenn es mich den Job kostet, ist mir deine Freundschaft tausendmal wichtiger als Joshuas Anerkennung.“
Orin lächelte schließlich. Er kam um die Bar herum und nahm sie in den Arm. Keira spürte die väterliche Liebe, die sie schon verloren geglaubt hatte.
„Ich bin sehr glücklich, das zu hören, Keira.“ Er ließ sie los. „Aber du weißt, bei wem du wirklich um Entschuldigung bitten musst. Jemand, der hofft, dass du deine Meinung doch noch änderst, bevor du abreist.“
„Shane.“
Orin nickte. „Shane. Du solltest ihn anrufen.“
Keira kaute auf ihrer Unterlippe. Sie hatte Shane eine Nachricht auf den Anrufbeantworter gesprochen, aber das war längst nicht ausreichend. Sie musste sich anständig entschuldigen.
„Ich weiß“, sagte sie. „Aber ich habe eine Nachricht hinterlassen und er hat nicht darauf reagiert. Ich glaube, Shane will vielleicht nicht, dass ich angekrochen komme.“
Orin schaute sie ernst an. „Eine Nachricht? Du gibst ja schnell auf.“
„Ich wollte nicht wie ein Stalker erscheinen.“
„Möchtest du lieber dastehen, als jemand, dem es nichts bedeutet? So könnte man es nämlich interpretieren.“
Orin hatte recht. Eine Nachricht war lächerlich. Sie musste Shane zeigen, wie wichtig er ihr war. Aber ihr lief die Zeit davon.
KAPITEL SIEBZEHN
Oben in ihrem Zimmer hielt Keira das Telefon in ihren zitternden Händen und versuchte, ihren flatternden Atem unter Kontrolle zu bringen. Sie wählte Shanes Nummer, forderte ihn im Geiste auf, abzuheben, sie nicht länger auszuschließen. Aber er ging nicht dran. Der Anrufbeantworter schaltete sich ein.
„Shane, ich bin es noch einmal. Ich weiß, du willst nicht mit mir reden, aber bitte hör mir zu. Ich muss dir so vieles sagen. Ich weiß, ich kann es nicht ungeschehen machen. Und ich verstehe, wenn du meine Entschuldigung nicht akzeptieren willst. Aber du bist mir sehr wichtig, Shane. Und ich reise morgen ab. Ich möchte nicht, dass wir so auseinander gehen. Ich möchte, dass du weißt, wie sehr es mir leid tut. Ich würde gern die Zeit zurückdrehen und diesen verdammten Artikel niemals schreiben. Es war falsch von mir. Ich war genau der Snob, den du in mir gesehen hast. Aber das hat sich nun geändert. Bitte, lass uns reden. Ich will nicht abreisen ohne ein anständiges Auf Wiedersehen.“
Sie legte auf. Diese Nachricht zu hinterlassen, war ihr schwer gefallen. Aber hatten Simon und Sylvia nicht gesagt, man müsse immer aufrichtig sein? Sie klang nervös und war es auch. Shane konnte das ruhig merken.
Sie saß auf ihrem Bett und starrte das Handy an. Das Atmen fiel ihr schwer. Sie war noch nie so unruhig gewesen. Selbst dann nicht, als Zach vor ihrer Abreise so ausgerastet war. Auch nicht, als Joshua sie vor der versammelten Belegschaft niedergemacht hatte. Jetzt erst verstand sie, dass es einen Grund dafür gab. Nichts davon hatte ihr wirklich etwas bedeutet. Oder zumindest weitaus weniger, als sie bisher angenommen hatte. Shane war wichtig. Wieso hatte sie so lange gebraucht, das zu erkennen und ihre Gefühle für ihn zu akzeptieren? Jetzt war es fast zu spät. Wenn Shane sie heute nicht mehr anrief, war es vorbei. Sie würde morgen nach Hause fliegen. Es würde keine Chance mehr auf eine Versöhnung geben.
Sie drehte Däumchen und starrte auf das Handy, als könne sie es beschwören, endlich zu klingeln. Dann klingelte es tatsächlich. Keira schlug das Herz bis zum Hals. Sie schnappte sich das Telefon. Aber es war nicht Shane, es war Zachary.
Keira spürte Wut in sich aufsteigen, als sie seinen Namen im Display las. Wie konnte er es wagen, sie jetzt anzurufen? Sie wollte den Anruf ablehnen, sie wollte weder Zacharys Stimme hören, noch die Leitung blockieren, für den Fall, dass Shane in dem Moment anrief. Aber dann hielt sie kurz inne. Warum sollte Zach sie überhaupt anrufen? Die Sache war doch abgehakt. Nach Wochen des Schweigens anzurufen, machte ihr Sorgen. Vielleicht hatte es etwas mit ihrem gemeinsamen Apartment zu tun? Oder noch schlimmer, etwas mit ihrer Mutter oder Schwester? Waren sie krank? Was, wenn er eine böse Diagnose bekommen hatte?
Sie sah ein, dass reine Spekulation alles nur noch schlimmer machte. Sie nahm den Anruf an.
„Ich dachte schon, du nimmst nicht ab“, sagte Zach.
Es war seltsam, seine Stimme wieder zu hören.
„Ich war mir nicht sicher, ob ich es tun sollte“, gab sie zu. „Ich wollte nicht unbedingt deine Stimme hören.“
„Das ist fies.“
„Wirklich? Hast du wirklich erwartet, dass ich freundlich bin, nach der Art und Weise, wie du mich abserviert hast?“
Zach seufzte. „Ich rufe nicht an, um die Vergangenheit wieder aufzukochen.“
„Davon war ich ausgegangen. Du kommst schließlich nicht gerade gut dabei weg.“ Keira kochte innerlich. All der angestaute Zorn brach sich endlich Bahn.
„Keira, kannst du mal einen Moment den Mund halten? Ich muss dir etwas sagen.“
Sie wollte ihm etwas Gemeines an den Kopf werfen, aber sein Ton ließ sie besorgt die Bemerkung herunterschlucken. „Was ist passiert? Ist alles in Ordnung?“
Ihre Fantasie ging sofort mit ihr durch, malte sich die schlimmsten Szenarien aus. So wenig sie Ruth auch mochte, sie wollte dennoch nicht hören, dass sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen war.
„Nun, tja, du kommst ja morgen nach Hause, richtig?“
Er klang nervös. Keira fragte sich, warum.
„Ich lande gegen Mittag. Aber mach dir keine Sorgen, ich tauche nicht plötzlich im Apartment auf. Ich komme erst einmal bei Bryn unter und melde mich dann, um meine Sachen abzuholen.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte für einen Moment Schweigen. Dann sprach Zach wieder.
„Genau das meine ich, Keira. Vielleicht ist es etwas übereilt, gleich auszuziehen? Ich meine, wir haben ja nach dem Streit nicht mehr richtig miteinander geredet.“
Keira war verwirrt. „Ist das irgendwie ein neuer Trend in der Beziehungsaufarbeitung, von dem ich nichts weiß?“, fragte sie. „Muss man nach einer Trennung noch mal von Angesicht zu Angesicht sprechen?“
„Ich dachte eben, es wäre eine gute Idee. Am Telefon, da sagt man vielleicht Dinge, die man besser nicht gesagt hätte.“
Keiras Verwirrung wuchs. „Meinst du da etwas ganz Bestimmtes?“
Wieder gab es eine längere Pause.
„Ich meine, woher sollen wir wissen, ob es wirklich aus ist, wenn du einen ganzen Monat lang nicht da bist? Wir haben uns weder gesehen noch miteinander gesprochen. Vielleicht empfinden wir anders, wenn wir uns persönlich treffen.“
„Ich glaube nicht, dass ich anders darüber denken werde, dass du mich betrogen hast. Oder vielmehr, ich bin vielleicht von Angesicht zu Angesicht noch wütender darüber. Da kann man sich alles gleich noch viel besser vorstellen.“
„Keira, bitte“, sagte Zach. „Das ist schwierig für mich.“
„Was ist schwierig?“ Keira fühlte sich erschöpft von diesem Gespräch. „Du sagst doch gar nichts.“
„Ich finde schon.“
„Nein, kein Stück.“ Ihr fielen Simons und Sylvias Rat ein, sich zu entschuldigen, die eigenen Fehler zu akzeptieren, einzusehen, dass man unrecht hatte, ehrlich zu sein und aus dem Herzen zu sprechen. Zach schien das alles nicht zu können.
„Ich meine, wir sollten es noch einmal versuchen“, sagte er schließlich. „Sehen, wie es läuft. Du kommst zurück ins Apartment, wir trinken was zusammen und dann schauen wir mal. Verstehst du? Wir reden von Angesicht zu Angesicht.“
Keira glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. „Du meinst, wir kommen wieder zusammen?“ Sie verstand nicht, woher das auf einmal kam.
„Sicher“, sagte Zach. „Vielleicht.“
Seine ausweichende Haltung machte sie rasend. Er konnte nicht einmal ein einfaches Ja über die Lippen bringen, weil er damit hätte zugeben müssen, einen Fehler gemacht zu haben. Nicht, dass es für sie noch etwas geändert hätte. Sie war über Zach hinweg. Dieses Telefonat bestätigte ihr nur noch einmal, was sie längst wusste.
„Warum sollte ich das wollen?“, fragte sie. „Warum solltest du das wollen? Ich werde niemals die Frau sein, die du suchst. Du weißt schon, eine Frau ohne eigene Ambitionen, eine, die immer deine Interessen über ihre eigenen stellt.“
„Das habe ich nie von dir verlangt“, protestierte Zach. „Ich habe deine Karriere immer unterstützt.“
Keira brach in schallendes Gelächter aus. „Genau. Jemandem ein Ultimatum zu stellen, sich zu entscheiden zwischen einer großartigen beruflichen Chance oder dem Ende der Beziehung, das ist ein sehr deutlicher Hinweis auf einen Partner, der einen voll und ganz unterstützt.“
„Jetzt bist du aber komisch. Das war nie im Leben ein Ultimatum.“
Keira warf entgeistert die Arme in die Luft. Zachary bastelte sich das alles so zurecht, wie es ihm in den Kram passte. Es war zum aus der Haut fahren.
„Ich denke, ich weiß, wie der Hase läuft. Deine kleine Affäre mit Julia hat sich schon wieder erledigt und jetzt hängst du in der Luft. Jetzt hör mal gut zu: auf mich musst du da verzichten.“
„Das stimmt doch gar nicht. Es geht nicht nur um Sex. Was wir hatten, war doch großartig.“
Und schon wieder erfand er die Vergangenheit neu.
„Vielleicht war es das für dich“, sagte Keira ernst. „Aber nicht für mich.“
„Ich mache dir einen Vorschlag“, sagte Zach, als habe er nicht einmal gehört, was sie gesagt hatte. „Ich hole dich vom Flughafen ab. Wir essen irgendwo eine Kleinigkeit. Reden wie Erwachsene miteinander.“
Sie holte tief Luft. „Zach, das wird nicht passieren. Du bist der letzte Mensch, den ich nach meiner Rückkehr nach New York sehen will.“
„Jetzt übertreibst du aber. Schauen wir doch einfach, wie es läuft, wenn wir uns wiedersehen. Ich wette, es kribbelt wieder zwischen uns.“
„Du hörst mir nicht einmal zu!“, schrie Keira. Sie hatte jeden Funken Geduld verloren. „Ich will nichts mehr von dir! Ich will nicht mit dir reden und ich will auch keinen verdammten Kaffee mit dir trinken! Ich liebe dich nicht!“
„Ich verlange doch gar nicht, dass du mich liebst“, antwortete Zach. „Vorher hatte es ja auch nichts mit Liebe zu tun.“
„Aber wozu dann das alles?“ Keira verstand, dass dies die entscheidende Frage war. „Warum sollte man mit jemandem zusammen sein, der einem nicht die Welt bedeutet?“
Shanes Gesicht erschien vor ihrem geistigen Auge. Ihre Sehnsucht nach ihm wuchs noch mehr.
„Weil wir Spaß miteinander hatten“, antwortete Zach. Er sprach schneller, zeigte ganz eindeutig Nerven. Vielleicht kapierte er es jetzt endlich.
„Das ist genau der Punkt“, sagte Keira. „Wir hatten keine tolle Zeit miteinander. Wie passten überhaupt nicht zusammen. Wenn man nach zwei Jahren Beziehung sich immer noch nicht liebt, dann wird das auch nichts mehr. Und das liegt nicht daran, dass sich in der modernen Welt die Liebe geändert hätte. Wir hatten einfach keine tiefen Gefühle füreinander. Tut mir leid, Zach. Aber das habe ich endlich verstanden.“
„Ich verstehe es aber nicht. Du bist einen Monat weg und hast dich selbst da gefunden, oder was? Ist das nicht ein bisschen dick aufgetragen?“
Keira wurde bewusst, wie wenig sie seine Meinung noch interessierte. Es war ihr auch vollkommen egal, ob Zachary glücklich war.
„Vielleicht aus deiner Perspektive. Aber das ist mir gleich. Es ist, was es ist. Ich habe mich verändert. Und mit uns ist es aus. Uns, das gibt es nicht mehr. Endgültig.“
Zach schien es noch immer nicht zu kapieren. „Wie wäre es, wenn ich dir ein paar Tage zur Eingewöhnung gebe? Zurück in den New Yorker Trubel?“, schlug er voller Hoffnung vor.
„Nein!“, rief Keira. „Hör doch mal zu! Ich sagte nein. Ich liebe dich nicht. Habe ich nie. Werde ich nie. Ich liebe jemand anderes.“
Die Worte stolperten ihr über die Zunge. Sie war selber erstaunt, sie zu hören. Aber es stimmte. Sie liebte Shane. Das hatte sie hier gelernt. Liebe war real, denn sie hatte sie bei ihm gefunden.
„Wen?“, fragte Zach.
„Niemanden, den du kennst.“
„Jemanden in Irland?“ Sein Ton hatte sich verändert. Keira konnte die Herablassung in seiner Stimme hören. „Das ist doch wohl zum Scheitern verurteilt, meinst du nicht?“
Keira zuckte mit den Schultern und atmete tief durch. „Kann sein.“ Es gab weiter nichts zu sagen. Nur weil sie mit Shane vielleicht nicht zusammen sein konnte, war das nicht gleichbedeutend mit der Rückkehr zu Zach. Das würde sie niemals tun.
„Ich muss los. Leb wohl, Zach.“
Sie legte auf, bevor er antworten konnte.
Sie setzte sich wieder auf das Bett und schaute auf das Telefon in ihrer Hand. Aber sie hatte genug davon, hier zu sitzen und zu warten, ob sich etwas tat. Sie hatte sich gerade selber eingestanden, Shane zu lieben. Sie würde hier nicht sitzen und warten, ob er sich rührte. Ihr lief die Zeit davon. Er musste es erfahren. Und sie musste es ihm einfach sagen.
Sie verließ ihr Zimmer und eilte die Treppe hinunter. Im Pub winkte sie Orin hinter dem Tresen zu.
„Er ist heimgefahren, nicht wahr? Zu seinen Eltern?“
Orins Gesicht zeigte Unentschlossenheit „Er hat gesagt, ich soll es dir nicht sagen.“
Das tat weh. Aber Keira war fest entschlossen.
„Hast du ja auch nicht. Ich bin von allein drauf gekommen. Du hast nur genickt.“
Orin blickte verstohlen nach links und rechts, ob es vielleicht Ohrenzeugen gab. Dann nickte er knapp.
Keira lächelte ihn triumphierend an. Dann eilte sie aus dem Pub, ausgerüstet mit allem, was sie brauchte: mit einem klaren Ziel vor Augen und einem heftig pochenden Herzen.
KAPITEL ACHTZEHN
Keira umklammerte fest das Lenkrad ihres Leihwagens. Sie konnte sich nur noch vage an den Weg durch die Orte mit den lustigen Namen erinnern. Shane hatte Fotos der Ortsschilder an Bryn und Nina geschickt. Sie hatten viel gelacht an dem Tag. Es war verrückt, hier durch die Landschaft zu fahren, zu einem Mann, den sie gerade mal einen Monat kannte, um plötzlich auf seiner Matte zu stehen und ihm ihre Liebe zu gestehen. Ja, das klang verrückt. Wenn Bryn sie nur so sehen könnte.
Es war bereits Mittag und Keira wurde bewusst, dass sie nichts gegessen hatte, und wahrscheinlich auch nichts bekommen würde in den nächsten paar Stunden. Aber das war ihr egal. Sie konnte die Nahrungsaufnahme auch einmal überspringen.
Die Fahrt schien ewig zu dauern. Das Übermaß an Adrenalin, das durch ihren Körper rauschte, half auch nicht, denn es ließ die Zeit eher noch langsamer vergehen. Sie schaute ständig auf ihr Handy, in der Hoffnung, Shane hätte ihr vielleicht geantwortet. Das hätte ihr wenigstens etwas die Anspannung genommen, die sie seit seiner Zurückweisung empfand. Aber da war nichts. Sie grübelte, ob er ihr letzte Nachricht überhaupt abgehört hatte, und falls ja, wie er darüber wohl denken mochte. Ob er sie wohl hasste? Wie würde er es aufnehmen, wenn sie plötzlich bei ihm vor der Tür stand? Wie eine Besessene. Aber dann fielen ihr Simon und Sylvia wieder ein, ihr Ratschlag, ihre Worte, ihre Liebe. Das gab ihr Mut. All die Erinnerungen an das Festival vermischten sich in ihrem Kopf, jeder einzelne Moment hatte sie einen Schritt näher hierher gebracht, sie mehr und mehr in eine hoffnungslose Romantikerin verwandelt.
Sie brauchte vier Stunden, bis sie endlich die Straße erreicht hatte, die ihr bekannt vorkam, die Hauptstraße in Shanes Heimatort. Sie erinnerte sich an die Witze, die er über die vermeintlichen Sehenswürdigkeiten gemacht hatte. Das 'Postamt' und der 'Nachtclub'. Die Eselin Doris. Ihr Herz raste vor angespannter Erwartung.
Angestrengt hielt sie Ausschau nach dem matschigen Trampelpfad, der zur Farm der Familie führte. Hier sah alles gleich aus, die Straßen waren nichts weiter als Furchen, die der Traktor hinterlassen hatte. Dann erkannte sie den richtigen Weg. Sie konnte nicht einmal genau sagen, woran sie ihn erkannte, denn er sah genau so aus, wie alle anderen. Aber eine innere Stimme sagte ihr, dass sie den richtigen Weg gefunden hatte.
Sie riss das Lenkrad nach links, das Auto geriet ins Stottern, denn sie hatte vergessen, in den ersten Gang herunterzuschalten. Viel zu schnell für ihren Geschmack fuhr sie die holprige Strecke entlang.
Direkt vor ihr versperrte etwas den Weg. Sie konnte gerade noch in die Bremsen steigen. Sie wurde nach vorn in den Gurt gepresst. Das Auto kam direkt hinter einer Schafherde zum Stehen.
Keira sank zurück in ihren Sitz. Der Motor ging aus und Stille kehrte ein.
Sie atmete mehrmals tief durch, um ihre Nerven zu beruhigen. Alles war heile geblieben, sie selbst und auch das Auto. Keira starrte hinaus auf Hunderte von Schafen. Da war kein Durchkommen.
Ohne einen weiteren Gedanken daran zu verschwenden, stieß Keira die Autotür auf, sprang heraus und ließ es mitten auf dem Weg zurück. Sie musste sich zwischen der Hecke und den Schafen hindurch quetschen, die sich wie ein langsam dahinfließender Fluss bewegten. Der Geruch war wenig angenehm und die Schafe mochten den menschlichen Eindringling kein bisschen. Keira war nie bewusst gewesen, wie bedrohlich eine Schafherde aus der Nähe wirken konnte. Die Tiere starrten sie an, als wollten sie sie abschätzen. Sie schluckte schwer und schob sich weiter durch die Herde.
Bald schon stand sie mitten drin. Wohin sie auch schaute, weiße Wolle. Sie konnte nicht einmal mehr ihre eigenen Füße sehen. Umso deutlicher spürte sie, wie tief sie in Schafmist stand.
Dann endlich sah sie ein Licht am Ende des Tunnels. Sie hatte fast schon das vordere Ende der Herde erreicht. Inzwischen nahm sie auch ihre Arme zur Hilfe, um sich durch die Herde wie durch Wasser zu bewegen. Dann hatte sie es endlich geschafft. Sie verlor keine Zeit und rannte den Rest des Weges bis zum Farmhaus.
Als sie die Farm erreichte, keuchte sie vor Anstrengung. Sie war völlig durchgeschwitzt. Der Gestank von Schafmist klebte noch immer sehr penetrant in ihrer Kleidung. Sie schaute an sich herab und sah, dass ihre Jeans bis zum Knöchel damit beschmiert waren. Aber selbst wenn sie aussah wie irgendein Wesen aus dem Sumpf, so ließ sie sich doch nicht davon aufhalten.
Sie eilte bis zur Tür des Farmhauses und klopfte.
Die Tür wurde aufgerissen. Da stand Hannah. Als sie Keira erkannte, weiteten sich ihre Augen.
„Keira?“, keuchte sie. „Bist du das?“
Keira holte tief Luft, sie war immer noch außer Atem von ihrem kleinen Spurt. Sie konnte nur nicken.
„Was ist mit dir passiert?“, fragte Hannah.
Keira konnte nur ein einziges Wort japsen. „Schafe.“ Sie wies mit dem Daumen hinter sich.
„Oh nein“, stöhnte Hannah und blickte an ihr vorbei, den Pfad entlang. „Die Schafe sind schon wieder ausgebrochen.“ Sie blickte über ihre Schulter zurück zum Haus. „Dad! Die Schafe sind los!“
Keira wedelte mit den Armen, um Hannahs Aufmerksamkeit zurückzuerlangen. Es gab wahrlich Wichtigeres als entlaufene Schafe!
„Shane“, stotterte sie. „Ist er hier?“
Hannah hielt inne und musterte sie misstrauisch. „Vielleicht.“
Keira richtete sich auf, die Seitenstiche ließen endlich etwas nach.
„Kannst du ihm sagen, dass ich hier bin?“, bat Keira. „Hannah, bitte? Ich habe es furchtbar versaut, das weiß ich. Aber ich muss unbedingt mit ihm reden.“
Hannah verschränkte die Arme vor der Brust und versuchte, bedrohlich auszusehen. Aber dafür war sie viel zu niedlich. Keira hielt es für klüger, ihr das nicht zu sagen.
„Verstehe“, sagte sie knapp. „Aber ich kann nichts versprechen.“
Sie schloss die Tür und ließ Keira einfach draußen auf der Treppe zurück. Keira konnte durch die Tür Geräusche auf der anderen Seite hören, Shanes Schwestern unterhielten sich offenbar angeregt.
Die Tür flog wieder auf und Calum stand da, gestiefelt, mit dem Hütehund der Familie zu seinen Füßen.
„Hallo Keira“, sagte er und lächelte breit. „Ich muss mich mal eben um das Schafproblem kümmern.“
Dann eilte er den Pfad entlang. Keira blickte durch die offene Tür und sah Shanes sechs Schwestern im hellen Korridor stehen, wie sie verschwörerisch die Köpfe zusammensteckten und diskutierten.
„Aber Shane hat gesagt, er will sie nicht sehen“, sagte Neala.
„Das war nur in der Hitze des Gefechts, sozusagen“, widersprach Mary. „Er ändert seine Meinung ganz sicher, wenn er erfährt, dass sie den ganzen Weg hergekommen ist, um ihn zu sehen.“
„Wir sollten ihm wenigstens sagen, dass sie da ist“, stimme Elaine ihr zu.
„Aber du hast doch gesehen, wie wütend er war, als er ihre Nachricht bekommen hat“, fügte Siobhan hinzu.
Es war Keira unangenehm, ihrem Gespräch zu lauschen. Sie hüstelte, um ihre Anwesenheit kundzutun. Die Schwestern fuhren herum und sahen mit Entsetzen, dass sie in der Tür stand.
„Tut mir leid“, sagte Keira. „Euer Vater kümmert sich um die Schafe und hat die Tür offen gelassen.“
Alle sechs Schwestern starrten sie an. Neala ergriff schließlich das Wort.
„Keira, ich denke, es ist klüger, wenn du wieder gehst“, sagte sie. „Shane möchte dich nicht sehen.“
Hannah unterbrach sie. „Mädels, wir sollten ihr eine Chance geben. Meint ihr nicht?“
Die Schwestern tauschten vielsagende Blicke und dachten darüber nach. Schließlich gaben sie nach.
„Ich schätze, es ist seine Entscheidung“, sagte Aisling mit einem Schulterzucken.
Hannah sah begeistert aus, als sie die Treppe hoch flitzte, um Shane zu holen. Keiras Magen schlug Purzelbäume bei dem Gedanken, ihn wiederzusehen, nachdem es so unglücklich geendet hatte zwischen ihnen.
Und da stand er dann plötzlich, oben auf dem Treppenabsatz.
Sehnsucht und Begehren überkamen sie mit Macht bei seinem Anblick. Ihr Mund war trocken, die Handflächen verschwitzt und sie konnte ihr Herz spüren, das ihr bis zum Hals schlug.
Shane betrachtete die Szene am Fuß der Treppe, blickte auf die Frauen, die erwartungsvoll zu ihm aufschauten. Keira wünschte sich, sie hätten nicht so viel Publikum, es war auch so schon schwierig genug.
Shane kam langsam die Treppe herunter. „Was machst du hier, Keira?“
Keira schaute die Schwestern der Reihe nach an. Sie alle ließen sie nicht aus den Augen.
„Können wir uns vielleicht unter vier Augen unterhalten?“
Shane erreichte den Fuß der Treppe und verschränkte die Arme. „Ich denke nicht, dass es noch etwas zu besprechen gibt. Ich finde, du hast alles in deinem Artikel gesagt.“
„Doch, da gibt es noch etwas“, rief Keira aus. „Glaube mir, da gibt es noch eine ganze Menge zu sagen.“
Shane schaute sie prüfend an und holte tief Luft. „Na gut. Schwestern, könntet ihr uns bitte allein lassen?“
Die Schwestern schauten einander an, offenbar enttäuscht, dass sie das Drama nicht mit eigenen Augen erleben würden. Aber sie folgten seiner Aufforderung und gingen in die Küche. Keira ging davon aus, dass sie an der Tür lauschen würden. Sie würden noch genug mitkriegen.
Nachdem sich die Tür zur Küche geschlossen hatte, widmete Keira ihre ganze Aufmerksamkeit Shane. Er hob fragend eine Augenbraue.
„Also?“
Keira schluckte ihre Nervosität herunter. „Ich werde den Artikel nicht benutzen. Das bin ich nicht. So denke ich nicht. Ich wollte die falsche Person beeindrucken. Aber jetzt weiß ich, was wirklich wichtig ist.“
Shane verschränkte erneut die Arme. „Und das wäre?“
Die Worte polterten nur so hervor, die Wahrheit, die Intensität ihrer Gefühle für ihn.
„Du, Shane“, stammelte sie. „Du und ich. Alles hat sich geändert, seit ich hergekommen bin. Ich war nur zu stur, um es zu erkennen. Ich wollte nicht, dass es wahr ist.“
„Was wolltest du nicht wahrhaben?“
„Die Tatsache, dass ich mich in dich verliebt habe.“
Shanes Augenbrauen wanderten noch ein Stück höher. Keira verkrampfte sich innerlich. Sie war in ihrem ganzen Leben noch nie so mutig gewesen, viel mutiger als in dem Moment, als sie sich für diesen Job angeboten hatte, damals, in Elliots Besprechungszimmer. Es war gleichermaßen furchterregend und erhebend.
„Du liebst mich?“, fragte Shane. Er klang schockiert und ungläubig.
Keira warf hilflos die Arme in die Luft. „Jap. Und morgen reise ich ab. Ich wollte nicht gehen, ohne es dir zu sagen. Und da du auf meine Anrufe nicht reagiert hast, blieb mir nichts anderes übrig, als herzukommen.“
Es lief nicht so, wie Keira gehofft hatte. Shane nahm sie nicht einfach in den Arm und küsste sie. Er hatte weder gelächelt, noch einen Witz gemacht. Der vorwitzige Kerl, in den sie sich verliebt hatte, hielt sich bedeckt.
Shane schnaubte. „Was riecht hier so?“
„Ich nehme an, das bin ich“, gab Keira zu. „Die Schafe sind entlaufen und haben die Straße versperrt. Ich musste mich hindurch kämpfen.“ Sie schaute auf ihre verschmutzte Jeans und spürte, dass sie rot wurde.
Sie sah Shane hoffnungsvoll an. Zum ersten Mal erschien so etwas wie ein Grinsen auf seinem Gesicht. Aber sofort hatte er sich wieder unter Kontrolle.
„Ich muss schon sagen, sich durch eine Schafherde zu kämpfen, ist sicher die ungewöhnlichste Art und Weise, auf die mir jemand seine Liebe gestanden hat.“
„Und ungewöhnlich ist gut?“, fragte Keira zaghaft.
Shanes Lächeln kehrte zurück. Offenbar hatte er es aufgegeben, dagegen anzukämpfen. Dann begann sein Körper vor Lachen zu beben. Er brach schließlich in lautstarkes Gelächter aus. Gegen ihren Willen stimmte Keira mit ein. Shanes Lachen war schon immer ansteckend gewesen, erst recht in diesem angespannten Augenblick.
„Ja“, sagte er schließlich. „Ungewöhnlich ist gut.“
Er machte einen Schritt auf sie zu und berührte sie leicht am Arm. Keira fühlte sich wie elektrisiert.
Sie schaute ihm in die Augen. „Vergibst du mir?“
Shane berührte sie am Kinn und nickte. Dann neigte er sich zu ihr und küsste sie.
Keira ließ ihren Gefühlen freien Lauf. Sie schmiegte sich an ihn, voller Erleichterung und Liebe, aber auch erfüllt von dem Bedauern darüber, dass sie es fast für immer ruiniert hatte.
Plötzlich ging die Küchentür auf und Shanes Schwestern stürmten heraus. Sie eilten auf sie zu, lachten und jubelten und umarmten sie beide.
„Ich bin so froh, dass du wieder da bist“, rief Hannah. „Du hättest sehen sollen, wie elend Shane in den letzten Tagen ausgesehen hat.“
„Ich kann dir versichern, genauso elend ging es mir auch“, sagte Keira zu Shanes jüngster Schwester.
Neala nahm Keiras Hand. „Komm, das muss gefeiert werden.“
Sie zog Keira in die Küche, die anderen folgten laut plappernd.
„Ich kann nichts trinken“, sagte Keira kopfschüttelnd. „Ich muss noch zurückfahren.“
„Du kannst hier bleiben“, sagte Hannah. „Kann sie doch, oder, Shane?“
Shanes Augen weiteten sich und er lief rot an. Keira sprang ihm bei und rettete ihn aus der peinlichen Situation, eine so direkte Frage beantworten zu müssen.
„Ich kann leider nicht bleiben. Morgen fliege ich zurück. Ich muss zurück ins B&B.“
„Selbst wenn du fahren musst, kannst du trotzdem ein Glas trinken“, sagte Aisling. „Komm schon.“
„Mädels!“, rief Shane. „Keira möchte nichts trinken. Zwingt sie doch nicht dazu!“
Alle am Tisch schwiegen. Keira blickte Shane an. Tränen standen ihm in den Augen.
„Was ist denn?“, fragte sie.
Shane blickte die Schwestern an. Als wären sie telepathisch verbunden, verstanden sie, dass sie gehen sollten. Keira überkam der furchtbare Gedanke, dass er ihr etwas Unangenehmes zu sagen hatte.
Sie schaute den Schwestern nach, die nacheinander das Zimmer verließen und wünschte, sie würden nicht gehen. Ihre Anwesenheit hätte Shane davon abgehalten, zu sagen, was er zu sagen hatte und was ihn auf einmal so niedergeschlagen aussehen ließ.
Sobald sie draußen waren, atmete er aus. „Es ist einfach nur, dass es der letzte Abend des Festivals ist. Morgen reist du ab.“
Keira fröstelte. Sie hatte das Gefühl, als zöge ihr jemand den Boden unter den Füßen weg.
„Was willst du damit sagen?“, flüsterte sie. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. „Ich dachte, du hättest mir vergeben. Ich dachte, wir sind wieder auf dem richtigen Weg.“
Shane schaute sie traurig an. „Ich habe dir vergeben. Aber es ist zu spät. Wir haben keine Zeit mehr.“
KAPITEL NEUNZEHN
Die Fahrt zurück nach Lisdoonvarna war herzzerreißend für Keira. Ihre Gedanken kreisten um das Gespräch mit Shane und ließen sie unsicher und verwirrt zurück. Sie hatte das Gefühl, er wäre schon an der ersten Hürde eingeknickt. Oder interpretierte sie alles falsch? Vielleicht hatte er es einfach nicht über sich gebracht, ihr zu sagen, dass er nicht so viel für sie empfand und ihre Abreise als Ausrede benutzt? Er hatte nicht wirklich gesagt, dass er sie liebte.
Die zunehmende Dunkelheit passte zu Keiras Stimmung. Mit jedem Meter auf der kurvenreichen Straße wurde ihr das Herz schwerer. Sie wünschte, sie hätte nicht so lange gebraucht, um Shane ihre Gefühle zu gestehen. Und sie wünschte, sie hätte den Artikel sofort sausen lassen, als sie gemerkt hatte, dass sie sich verliebte. Sie war offenen Auges in die Falle getappt, hätte erkennen müssen, dass das nicht gut geht. Sie hatte es versaut und viel zu spät versucht, es wieder gutzumachen. Dass sie sich ausgesöhnt hatten, machte es irgendwie noch schwieriger, als hätte er sie einfach abgewiesen.
Auf der Zufahrtsstraße nach Lisdoonvarna waren bereits eine Menge Menschen unterwegs. Es war der letzte Tag des Festivals und die Besucher wollten den noch einmal richtig auskosten. Keira hätte sie gern alle aus dem Weg gehupt, aber es waren einfach zu viele. Statt dessen fuhr sie langsam hinter ihnen her, als wäre es die Schafherde von vorhin. Sie war umringt von Menschen, dabei wollte sie doch einfach nur ins Bett.
Die Leute klopften an ihre Scheibe und riefen ihr fröhlich etwas zu, sangen angetrunken ihre Lieder. Keira hatte dafür keinen Kopf. Ihr Festival endete mit Liebe und Romantik, aber für Keira endete es mit einem gebrochenen Herzen.
Sie bewegte sich im Schneckentempo vorwärts. Niemand schien es sonderlich eilig zu haben. Sie kam am Troubadour vorbei, einige Leute um ihn herum tanzten. Dann passierte sie eine Fressbude. Ihr wurde bewusst, wie sehr sie diesen Ort vermissen würde. Sie hatte sich nicht nur in Shane verliebt, sondern auch in Irland. Der Gedanke, nach New York zurückzukehren, machte ihr das Herz schwer.
Als sie die Hauptstraße erreichte, sah sie über der Straße ein großes Banner flattern, das den letzten Tanz des Festivals ankündigte. Die Party würde die ganze Nacht gehen. Damit war für Keira klar, dass sie keinen Schlaf finden würde bei dem Lärm. Erfahrungsgemäß verschlechterte das ihre Stimmung noch.
Auf dem zentralen Platz war eine Bühne aufgebaut worden. Darauf standen zwei Throne, mit rotem Samt ausgeschlagen. Davor stand ein Mikrofon. Vor der Bühne hatte sich bereits eine große Menschenmenge versammelt. Sie hatten Getränke dabei und sahen alle sehr gespannt aus. Über der Bühne war ein Schild angebracht: Mr. Lisdoonvarna und die Königin des Burren. Keira runzelte irritiert die Stirn.
Direkt vor der Bühne begannen die Leute zu applaudieren, alle drängten nach vorn und zwangen Keira schließlich dazu, den Wagen anzuhalten. Sie war vollkommen umringt von Menschen. Da war kein Durchkommen mehr. Das Auto war eingeklemmt, als wäre es einfach nur ein weiterer Besucher des Festivals, der sehen wollte, was da auf der Bühne vor sich ging.
Sie seufzte resigniert und kurbelte das Fenster herunter. So würde sie wenigstens hören, worum es ging.
Zur ihrem Erstaunen betrat William die Bühne. Er hatte sich extra für diesen Anlass einen glänzenden Anzug angezogen. Die Menge skandierte „Matchmaker! Matchmaker!“. William winkte ihnen wie ein Star zu seinen Fans. Er hatte sein Buch dabei, in dem alle Paare vermerkt waren. Hinter ihm erschien auch seine rothaarige Assistentin Maeve auf der Bühne. Sie sah sehr glamourös aus in ihrem grünen Glitzerkleid.
William trat ans Mikrofon. „Dies ist der Moment, auf den ihr alle gewartet habt!“, rief er. „Die Bekanntgabe der diesjährigen begehrtesten Junggesellen, die Krönung von Mr. Lisdoonvarna und der Königin des Burren.“
Alle applaudierten laut.
„Wie üblich, haben wir Kronen für die Gewinner dieser begehrten Auszeichnung“, fuhr William fort.
Hinter ihm hielt Maeve ein Samtkissen bereit, auf dem zwei Kronen lagen.
„Ich will euch nicht länger auf die Folter spannen und verkünde daher nun die Gewinner.“
Maeve reichte ihm einen goldenen Umschlag. William öffnete ihn.
„Die diesjährige Königin des Burren ist…. Keira Swanson!“
Die Menge applaudierte. Keira saß stocksteif in ihrem Auto. Es musste sich um ein Missverständnis handeln. Sie hatte doch gar nicht an dem Wettbewerb teilgenommen. Erlaubte sich William etwa einen Scherz mit ihr?
Als es sich in der Menge herumsprach, dass die diesjährige Gewinnerin in dem Auto inmitten der Zuschauer saß, drehten sie sich zu ihr um und jubelten ihr zu. Keira schüttelte den Kopf. Das letzte, was sie jetzt wollte, war, auf die Bühne gezerrt zu werden. Sie hatte immer noch Schafmist an der Hose!
Aber die Zuschauer ließen sich nicht beirren. Und jetzt rief William sie auch noch zu sich.
Maeve griff nach dem Mikrofon. „Keira, wenn du nicht auf die Bühne kommst zur Krönung, dann kommen wir zu dir herunter, um sie dir aufzusetzen.“
Es war offensichtlich, dass sie keine Wahl hatte. Keira löste zögernd den Sicherheitsgurt und stieg aus. Alle jubelten ihr zu und bildeten eine Gasse. Menschen, denen sie nie zuvor begegnet war, klopften ihr auf die Schulter und gratulierten ihr. Keira fühlte sich schlecht bei dem Gedanken daran, wie viele diese Krone wirklich gewollt hätten, aber sie war diejenige, die sie bekam.
Sie trat auf die Bühne, wo Maeve sie sogleich herzlich umarmte, William ebenfalls. Er nahm erneut das Mikrofon.
„Für diejenigen unter euch, die Miss Swanson noch nicht kennen, sie ist eine Journalistin aus New York. Als sie herkam, hatte sie sehr zynische Ansichten über die Liebe, das Festival und die Romantik im Allgemeinen. Ich hoffe, diese Krone belehrt sie eines Besseren.“
Maeve platzierte die Krone auf Keiras Kopf. William hatte ja keine Ahnung, wie sehr sich Keiras Meinung tatsächlich geändert hatte.
„Jetzt gilt es, Mr. Lisdoonvarna zu küren“, sagte William in das Mikrofon. „Es ist jemand, den viele von euch kennen. Seit vielen Jahren schon wollte ich ihn krönen, aber nie fand ich die passende Dame für ihn. Bis Keira auftauchte.“
Keira hatte eine grauenvolle Ahnung, wohin sich das entwickeln würde. Er würde Orin krönen, den Mann, der wie ein Vater für sie geworden war. Es würde eine peinliche Szene geben, eine Demütigung und Strafe für ihren Artikel und ihre hochnäsige Art. William hatte das sicher seit dem ersten Tag schon geplant. Natürlich würde sich die Menge großartig auf ihre Kosten amüsieren.
„Der diesjährige Mr. Lisdoonvarna ist natürlich niemand anderes als unser aller beliebtester Tourguide…. Shane Lawder!“
Keira klappte der Unterkiefer herunter. Sie schaute William irritiert an.
„Was?“, fragte sie.
William klopfte auf sein Buch. „Ich habe euch beide schon am ersten Tag miteinander zusammen gesehen“, sagte er.
Keiras Blick weitete sich. „Warum hast du nichts gesagt?“, rief sie.
„Du hattest einen Freund und musstest erst noch eine Menge lernen.“ William lächelte.
Keira konnte es nicht glauben. Wäre es für sie und Shane anders gelaufen, wenn William ihr dieses Geheimnis gleich verraten hätte? Es fühlte sich an wie ein weiterer Tiefschlag. Schon wieder hatte sie das Gefühl, irgendwie immer zu spät dran zu sein.
„Shane ist nicht hier“, sagte sie traurig zu William. „Er ist nach Hause gefahren.“
Maeve deutete auf die Menge. „Nein, ist er nicht!“, rief sie.
Keira schaute suchend in die Zuschauermenge und sah Shane, wie er sich einen Weg zur Bühne bahnte. Die Leute schoben ihn, feuerten ihn an. Ein Stück hinter ihrem eingekesselten Auto stand seines. Er war ihr hierher gefolgt?
Ihr Herz raste. Passierte das gerade wirklich?
Shane erreichte den Bühnenrand und wurde hinauf gehoben. Er eilte zu Keira und umarmte sie, hob sie hoch und wirbelte sie herum.
„Was tust du hier?“, rief sie.
Er stellte sie wieder auf die Füße und blickte ihr tief in die Augen. „Meine Schwestern haben mich überzeugt, dass ich ein Idiot war. Dass ich unseren letzten gemeinsamen Abend vergeude. Sie meinten, selbst wenn es der letzte Abend für uns sei, dann sollten wir doch das Beste daraus machen.“
Keira schaute ihn bewundernd an. Dann küssten sie sich leidenschaftlich. Die Menge jubelte begeistert.
Maeve setzte Shane seine Krone auf. Er lachte, hielt sie mit einer Hand fest, hatte aber nach wie vor nur Augen für Keira. Sie verlor sich ganz und gar im Glück des Augenblicks. Als wären sie ganz allein in diesem wunderbaren Moment. Sie wollte diesen Tag festhalten und das Beste daraus machen.
KAPITEL ZWANZIG
Keira und Shane verloren sich in der Musik. Sie tanzten, als sei es ihr letzter Tag auf Erden.
„Möchtest du etwas Wein?“, fragte Shane.
Keire schüttelte den Kopf. Sie wollte keine schwammigen Erinnerungen an diesen Abend. Sie wollte sich ganz genau an jede Sekunde erinnern können. Außerdem war sie trunken vor Liebe.
„Aber ich will ein Foto“, sagte sie.
Sie war so beschäftigt damit gewesen, alles zu fotografieren, die schrägen Ortsnamen und die Schafe, dass ihr erst jetzt bewusst wurde, wie sehr sie alles vernachlässigt hatte, was wirklich wichtig war. Shane, Orin und William. Die wollte sie für immer im Bild festhalten, die Menschen, ihre Gesichter, nicht ein paar lustige Straßenschilder.
„Klar“, sagte Shane und nahm ihre Kamera. Er tippte einem Mann auf die Schulter, der neben ihnen tanzte. „Kannst du ein Bild von uns machen?“
Der Mann nickte. Keira stellte sich neben Shane. Gerade als der Mann auf den Auslöser drückte, zog Shane sie an sich und drückte ihr einen dicken Kuss auf die Lippen. Als er sie losließ, lachte Keira lauthals.
„Ich will ein richtiges Bild!“, rief sie. „Eines, auf dem ich dein wundervolles Gesicht erkennen kann.“ Sie wandte sich an den Mann mit der Kamera. „Noch eines, bitte.“
Dieses Mal legte Shane den Arm um sie und schaute in die Kamera. Als der Mann ihr das Gerät zurückgab, schaute Keira sich die beiden Bilder an. Beide erfüllten sie mit unbändiger Freude. Das erste fing Shanes Schalkhaftigkeit sehr gut ein. Dass er sie mit seinem Kuss überrascht hatte, war sehr passend, denn er hatte sie ja wirklich mit seiner Liebe von den Beinen geholt. Auf dem zweiten Bild sahen sie beide so glücklich und verliebt aus, als wären sie ein richtiges Paar. Keira erkannte sich beinahe nicht wieder. Sie hatte noch nie so glücklich ausgesehen.
„Ich will eine Million Fotos“, sagte sie. „Ein ganzes Album voll, als Entschädigung für die verlorene Zeit. An so vielen Schauplätzen wie möglich.“
Shane schien die Herausforderung zu gefallen. Er klatschte in die Hände und führte sie durch die Menge zu Orins Pub. Sie machten mehrere Bilder mit dem Barbesitzer. Dann schloss sich Shane der Gruppe Musiker an, die in der Ecke saßen, und begleitete einige ihrer Songs auf der Geige. Keira schoss ein Foto nach dem anderen. Der Anblick des Mannes auf der Bühne bereitete ihr weiche Knie. Sie hätte nie erwartet, dass es so sexy aussehen könnte, wenn jemand Geige spielte, aber Shane kriegte das irgendwie hin.
Er beendete den Song und kehrte zurück zu ihr zurück, um sie in den Arm zu nehmen.
„Wohin als nächstes?“, fragte er.
„William“, antwortete sie.
Sie eilten Hand in Hand hinaus und rannten die Straße hinunter.
„Es ist Vollmond“, sagte Shane. „Lass uns ein Selfie machen.“
Lachend blieben sie mitten auf der Straße stehen und drehten sich passend ins Mondlicht. Sie machten ein Bild und eilten dann weiter Richtung Williams Haus.
Keira wurde bewusst, dass sie nun wirklich eine von ihnen war. Zuvor hatte sie in ihrem Zimmer im B&B gesessen und mit Verachtung herabgeblickt auf Menschen wie sie und Shane. Ihr war nun klar, dass das nichts als Eifersucht gewesen war. Sie hatte auch gewollt, was die anderen offenbar alle hatten, konnte sich das damals aber nicht eingestehen. Es war leichter gewesen, sich selbst zu belügen und auf sie herabzusehen, während sie in Wirklichkeit neidisch gewesen war. Jetzt befand sich sich auf der anderen Seite und fühlte sich herrlich leicht und beschwingt.
Vor Williams Haus machten sie Fotos mit dem Amor im Hintergrund und stellten sich zu albernen Posen auf. Einmal tat Keira, als würde sie den Amor wie ein Baby halten, dann wiederum imitierte Shane das Schießen mit Pfeil und Bogen. Die Bilder waren einfach wunderbar albern und komisch.
Sie klopften. Nach einer Weile öffnete ihnen Maeve die Tür. Sie trug noch immer das grüne Glitzerkleid von der Zeremonie. Mit ihrem roten Haar sah sie ganz aus wie eine irische Schönheit.
„Maeve!“, rief Keira. „Wir müssen ein Foto mit dir machen.“
„Oh“, sagte Maeve überrascht. „Aber sicher.“
Sie posierte mit ihnen neben dem Buch des Matchmakers. Dann traf William ein, sichtlich erschöpft von der Party und bereit fürs Bett. Er war überrascht, Shane und Keira in seinem Büro anzutreffen.
„Ich reise morgen ab“, erklärte Keira. „Und ich möchte so viele Bilder wie möglich machen. Ich will nichts und niemanden vergessen.“
William stellte sich in seinem glänzenden Anzug für ein Bild auf.
„Schick mir eines davon, für meine Wand mit all den Paaren“, sagte er und zwinkerte ihr zum Abschied zu.
Draußen auf der Straße schlossen sich Keira und Shane den anderen Partygästen an. Sie tanzten, hielten einander umschlungen und küssten sich. Schließlich gelangten sie wieder zu Keiras Auto, das noch immer umringt war von den Besuchern des Festivals. Sie lachten und machten einige Fotos mit dem Auto. Dann zog Shane sie auf das Dach des Fahrzeugs und tanzte dort mit ihr. Keira fühlte sich himmlisch.
Sie war so aufgekratzt von den Ereignissen und ihren Gefühlen, dass keine Müdigkeit aufkam. Sie hatte jegliches Zeitgefühl verloren. Als die Sonne aufging, kam das ziemlich überraschend. Ihr Abenteuer neigte sich unwiderruflich dem Ende zu.
Sie wurde plötzlich ernst und wandte sich Shane zu. „Ich muss wissen, wie es weitergeht“, sagte sie. „Wenn ich morgen in meinen Flieger steige, sehe ich dich dann jemals wieder?“
„Natürlich“, sagte Shane und hielt sie an den Armen fest. „Unsere Geschichte endet hier nicht. Das verspreche ich.“
Er wirkte aufrichtig. Aber hatte er überhaupt darüber nachgedacht, wie das zu bewerkstelligen war? Das war eine Fernbeziehung, wie sie ferner kaum sein konnte. Und sie hatten beide wahrlich kein riesiges Einkommen.
„Dann wirst du mich besuchen?“, fragte sie.
„Wenn du mich auch besuchst“, antwortete er.
„Natürlich werde ich das! Erst recht, wenn du wieder daheim bist. Von deiner wundervollen Familie mit Tee und Kuchen vollgestopft zu werden, ist meine Vorstellung vom Himmel.“
Shane lachte. „Wir kriegen das hin, Keira. Vertrau mir.“
Keira nickte und versuchte, die Ernüchterung nicht zu zeigen, die wie eine dunkle Wolke bedrohlich über ihr schwebte. Es war nicht so, dass sie ihm nicht vertraute. Sie vermutete eher, dass er es nicht wirklich durchdacht hatte. Aber sie wollte in dieser Nacht auch kein Trübsal blasen, oder über Flugpläne nachdenken. Sie wollte den magischen Augenblick festhalten. In ein paar Stunden konnte trotz ihrer Wünsche und Bemühungen alles vorbei sein. Sie würde diese turbulente Romanze nicht mit trüben Gedanken enden lassen.
„Wir müssen noch zu einem weiteren Ort für ein paar Bilder“, sagte Keira und verdrängte jeden Gedanken an die Zeit, die ihnen davonlief.
„Wohin?“, fragte Shane stirnrunzelnd.
Sie lächelte und nahm seine Hand. Sie zog ihn durch die Straßen zurück zum B&B, die Treppe hinauf in ihr Zimmer. Shane zog eine Augenbraue hoch als sie auf das Bett wies.
„Keine Sorge“, sagte sie. „Die Fotos sind nur für meine private Verwendung.“
*
Keira und Shane bekamen nicht viel Schlaf, denn sie wollten jeden Augenblick, der ihnen noch blieb, genießen. Aber es ließ sich leider nicht verleugnen, dass die Sonne aufging, und ihr Zimmer in helles Licht tauchte. Jede Stunde brachte sie näher zum Ende.
Gegen 7 Uhr morgens konnte Keira die kalte Realität nicht länger ignorieren. Sie würde in ein paar Stunden heimkehren. Was bedeutete, sie musste jetzt packen. Der Anblick ihres Koffers machte sie elend.
„Mach das nicht“, sagte Shane, als er sah, dass die den Koffer auf das Bett legte.
„Ich muss.“
„Warum bleibst du nicht noch ein paar Tage länger?“
Keira schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht. Der Flieger ist gebucht.“
„Dann verpasst du ihn eben.“
Sie schaute ihn traurig an. „Ich kann nicht. Die Firma hat ihn bezahlt. Ich könnte mir einen Heimflug sonst nicht leisten.“
Shane setzte sich auf die Bettkante. „Dann flieg nicht. Bleib hier.“
Keira konnte kaum glauben, was er da sagte. „Du meinst, mit dir?“ Die Versuchung war groß. Aber dazu war sie zu sehr Realistin. „Und dann tue ich was? Auf der Farm deiner Eltern arbeiten?“ Sie schüttelte den Kopf. „Du weiß, so funktioniert das nicht. Es kann nicht jeder Tag eine große Party sein, Shane.“
Er zog sie an sich, auf seinen Schoß, dann wiegte er sie sanft hin und her. „Ich weiß“, seufzte er.
Sie verharrten eine Weile so.
„Kann ich dich wenigstens zum Flughafen bringen?“, fragte er.
„Sicher“, antwortete Keira. Die Geste berührte sie.
Sie packte ihre Sachen und machte ein paar letzte Bilder vom Zimmer, dann ging sie nach unten. Orin hatte ihnen Frühstück gemacht. Keira lächelte bewegt.
„Iss doch mit uns“, bat sie.
Orin schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Ihr beide sollt noch ein bisschen Zweisamkeit genießen.“
„Ich bestehe drauf“, sagte Keira.
Ihr fehlte das gemeinsame Frühstück mit ihm. Es war schon eine Weile her, dass sie das zuletzt geteilt hatten und sie wollte es ein letztes Mal als schöne Erinnerung mitnehmen.
Orin gab nach und sie aßen alle gemeinsam.
„Wie wäre es mit einem Guinness für den Weg?“, schlug Keira vor.
Orin und Shane freuten sich.
Viel zu schnell war das Frühstück vorbei und Keira musste sich auf den Weg zum Flughafen machen. Sie drückte Orin zum Abschied fest an sich.
„Vertrau nur fest auf den Matchmaker“, sagte sie ihm, als sie ihn umarmte. „Irgendwo da draußen ist auch jemand für dich. Und William findet diesen Menschen. Okay?“
Orin lächelte und nickte. Shane trug ihr den Koffer nach draußen, zum Auto. Keira folgte ihm und winkte Orin zum Abschied zu.
Draußen auf der Straße sah sie sich ein letztes Mal um. Der Anblick war ihr inzwischen so vertraut, die Straße, die Felder ringsum, die Reihe der bunten Häuser. Sie betrachtete wehmütig die letzten Übriggebliebenen, die es von der Party nicht nach Hause geschafft hatten. Sie würde diesen Ort vermissen. Noch einmal atmete sie die frische Luft tief ein.
Ihr Auto stand noch immer mitten auf der Straße. Sie schaute zu, wie Shane die Koffer in den Kofferraum lud. Sein eigenes Auto stand ein Stück die Straße herunter. Er würde sich auf dem Rückweg ein Taxi nehmen müssen. Der Gedanke stimmte sie irgendwie noch trauriger.
Sie trat neben ihn und legte ihm eine Hand auf den Rücken. Er drehte sich zu ihr um und lächelte sie traurig an, dann schlug er den Kofferraum zu. Sie stiegen in das Auto, auf dessen Dach sie vor wenigen Stunden noch getanzt hatten. Aber jetzt war es nicht mehr die Bühne ihrer Liebe, sondern das Fahrzeug, das sie trennen würde.
Keira startete den Wagen und fuhr langsam die Straße entlang, vorbei am Müll der letzten Nacht. Sie musste einigen Paaren ausweichen, die noch immer tanzten. Zu gern wäre sie eine von ihnen gewesen. Aber irgendwann endete die Party für jeden. Sie fragte sich, wie viele wohl eine völlig neues Leben beginnen würden, berührt von der Liebe, und wie viele in ihren alten Trott zurückkehrten, den sie nur für kurze Zeit hinter sich gelassen hatten.
Es war der sonnigste Tag, den Keira in Irland erlebt hatte. Das warf ein neues Licht auf den Ort. Die klare Sonne machte alles noch viel schöner.
„Mir werden die Bäume fehlen“, sagte sie wehmütig. „Und die Schafe.“
„Du wirst mir fehlen“, sagte Shane und schaute sie voller Sehnsucht an.
Keira schenkte ihm ein schwaches Lächeln. „Ich werde dich auch vermissen.“
*
Der Flughafen Shannon war voller Touristen, viele von ihnen trugen T-Shirts mit typischen Bildern, wie Kleeblätter, Leprechauns und Harfen. Keira fragte sich, ob sie wohl nur die touristische Seite von Irland gesehen hatten, dieselbe, die sie bei ihrer Ankunft erwartet hatte. Mit mehr hatte sie nicht gerechnet. Sie hoffte, all diese Besucher würden wenigstens einmal den Tourismus-Pfad verlassen und die wahre Schönheit des Landes erkennen.
Durch die Fenster im Wartebereich sah sie ein Flugzeug nach dem anderen starten. Bald würde eines auch sie fortbringen von hier. Von Shane.
Der Flug nach New York erschien auf der Anzeigetafel.
„Das ist meiner“, sagte sie zu Shane.
Er wurde blass. Er nahm ihre Hände und küsste sie.
„Schreibst du mir, wenn du angekommen bist?“, fragte er. „Nur, damit ich weiß, dass du sicher gelandet bist.“
Keira nickte, tief bewegt von seiner Fürsorglichkeit. Ihr wurde flau im Magen. Sie schluckte alles herunter, denn sie wollte hier keine Szene machen. Dann fielen ihr Simon und Sylvia wieder ein und ihre Mahnung, immer aufrichtig zu sein. Sie warf ihre Arme um Shanes Hals und küsste ihn leidenschaftlich. Es war ihr egal, ob andere das sahen.
„Ich liebe dich“, hauchte sie.
Shane drückte ihre Hand, als sie sich von ihm löste. „Ich liebe dich auch“, sagte er.
Sie wandte sich ab, bevor er ihre Tränen sehen konnte, und ging zu ihrem Terminal.
Sobald sie an Bord war, hielt sie die Tränen nicht länger zurück. Sie ließ sie einfach laufen.
KAPITEL EINUNDZWANZIG
Keira stieß die Bürotür vom Viatorum Magazin auf und schritt über den gekachelten Boden. Das Weiß und das viele Glas erschienen ihr nun viel zu steril, viel zu hell. Das große Büro war reine Platzverschwendung.
Die gesamte Belegschaft blickte bei ihrem Eintreten auf. Ein paar neue Gesichter waren darunter, und ein paar vertraute Gesichter fehlten. Lisa war nirgends zu sehen. Auch Duncan nicht. Joshua heuerte und feuerte also offenbar weiterhin nach Belieben.
Etwas wackelig auf den ungewohnten Stilettos, ging sie direkt zu Ninas Schreibtisch.
„Da bist ja wieder“, sagte Nina, stand auf und umarmte sie. Sie schaute über Keiras Schulter. „Nur zu deiner Information: Joshua kommt heute zum ersten Mal wieder ins Büro, seit er sich das Bein gebrochen hat. Einzig, um deinen Artikel zu lesen. Und um rumzubrüllen, nehme ich an. Ich schätze, der Krankenhausaufenthalt hat an seiner Männlichkeit genagt und jetzt muss er das kompensieren, indem er ein paar unserer neuen Autoren einschüchtert.“
„Ich hatte nichts anderes von ihm erwartet“, witzelte Keira. „Was den Artikel betrifft….“
Ninas Augen verengten sich. „Sag nicht, du hast ihn nicht fertig.“
„Oh, der ist fertig. Aber ich möchte nicht, dass er veröffentlicht wird.“
Nina atmete geräuschvoll aus. Sie sah frustriert aus. „Warum nicht?“
„Weil er nichts taugt“, erklärte Keira kühn. „Das ganze Ding taugt nichts. Der Auftrag war Blödsinn. Ich will nicht, dass mein Name über so einem Artikel auftaucht.“
Nina rieb sich verzweifelt das Gesicht. „Und was soll ich deiner Meinung nach nun tun?“
Keira grinste. „Ich habe einen neuen Artikel geschrieben.“
Sie reichte Nina das ausgedruckte Dokument. Sie hatte den gesamten Flug gebraucht, um den Artikel zu schreiben. Es war ihr um Längen leichter gefallen, als der andere. Sie beobachtete Nina gespannt, die den Text kurz überflog.
„Das klingt ja eher wie ein Liebesbrief“, sagte sie schließlich und schaute Keira ratlos an.
„Das ist einer. Was denkst du?“
„Ich denke, dass Joshua die neue Version nicht gefallen wird“, erklärte Nina schlicht.
„Ich weiß. Aber das ist mir egal. Gefällt sie dir?“
Nina wirkte nicht überzeugt. „Ich meine, mit ein bisschen editieren würde der Artikel sicher besser.“
Keira lachte. „Natürlich, davon war ich ausgegangen.“
„Aber dafür bleibt keine Zeit. Die Deadline ist heute.“ Nina klang ernst, die Zeit der Scherze war vorbei. „Und du sagst mir, wir haben nichts zum Veröffentlichen.“
„Aber das haben wir doch“, sagte Keira. „Wir veröffentlichen es auf jeden Fall. Ich habe einen Plan. Aber ich brauche deine Hilfe.“
Nina verschränkte die Arme. „Das gefällt mir irgendwie nicht.“
„Es ist ganz einfach. Du wirst einfach aus Versehen den falschen Beitrag hochladen, also nicht den, den Joshua zu lesen kriegen wird. Was meinst du dazu?“
Nina sagte zunächst einmal gar nichts. Dann breitete sich ein fieses Grinsen auf ihrem Gesicht aus.
„Okay, ich bin dabei.“
In dem Moment ging die Tür auf und Joshua humpelte herein. Sofort verkrampfte jeder im Büro. Offenbar hatte er niemandem gesagt, dass er heute hier erscheinen würde.
Joshua hatte sich die Mühe gemacht, seine Haartolle zu stylen und sich sogar ein Jackett angezogen, in einem grellen senfgrün. Das passte so gar nicht zu seiner schlabberigen Jogginghose. Der Gips reichte ihm bis zum Oberschenkel. Keira bemerkte, dass niemand darauf unterschrieben oder lustige Bildchen hinterlassen hatte. Sie empfand Mitleid anstatt Häme.
„Keira. Nina. Mein Büro. Jetzt.“
Joshua humpelte mit den Krücken in sein Büro. Keira warf Nina ein ermutigendes Lächeln zu, dann folgten sie ihm durch das gesamte Büro, unter den Augen aller Kollegen und traten hinter ihm ein.
Sobald sie drin waren, ließ Joshua seinem Genörgel freien Lauf.
„Ich muss schon sagen, Keira, ich bin entsetzt, wie du dich bei diesem Auftrag aufgeführt hast. Ich hatte darauf gehofft, dass du meinen Stress ein wenig mildern könntest, aber du hast alles nur noch verschlimmert. Elliot sitzt mir deinetwegen ständig im Nacken. Ich wünschte, er hätte dir diesen Auftrag nie überlassen. Ich hätte selbst vom Krankenbett aus einen besseren Artikel schreiben können.“
Keira hörte ihn an, reagierte aber nicht auf seine Beleidigungen. Es überraschte sie, wie wenig seine Meinung sie noch interessierte. Ihre Erlebnisse in Irland hatten sie verändert.
„Und Nina musste sich deinem Zeitplan auch anpassen“, fuhr er fort. „Du bist nicht die einzige Schreiberin, die sie editiert. Hast du eine Vorstellung davon, wie schwer das für sie war, alles unter einen Hut zu bringen? Ich dachte, ihr beide seid befreundet? Nette Art, seine Freunde zu behandeln“, fügte er mit einem fiesen Grinsen hinzu.
Keira ließ das alles über sich ergehen, es prallte einfach von ihr ab, ohne sie im Inneren wirklich zu berühren.
„Also? Was hast du dazu zu sagen?“, fragte Joshua schließlich.
Sie reichte ihm ihren Artikel, die ursprüngliche Version, mit den bissigen Kommentaren über Land und Leute. „Dies ist die endgültige Version.“
Joshua runzelte die Stirn. Offenbar hatte er darauf gehofft, dass sie zu Kreuze kriechen würde. Keira fragte sich, ob er überhaupt damit gerechnet hatte, einen fertigen Artikel zu bekommen. Damit hatte sie ihn auf jeden Fall auf dem falschen Fuß erwischt.
„Na schön“, sagte er. Er setzte sich hin und begann zu lesen. Hin und wieder grunzte er, was Keira als Anerkennung interpretierte. Als er fertig war, schaute er auf. „Das ist in Ordnung. Das wird wohl reichen. Nina, du übernimmst ab hier.“
Dann stand er auf.
Falls Keira noch wert auf seine Meinung gelegt hätte, wäre ein solch lapidarer Kommentar niederschmetternd für sie gewesen. Sie hatte noch nicht so viel Erfahrung und es war ihr erster großer Auftrag gewesen. Mal abgesehen von dem wirklich unpassenden Verhalten, den Artikel zu verschleppen und E-Mails zu ignorieren, hätte er zumindest zu ihrem Stil etwas sagen können. Aber es ging ihm gar nicht darum, sie als Autorin zu ermutigen oder ihr Tipps zu geben, um sich zu verbessern. Er wollte einfach nur Leute niedermachen und unliebsame Konkurrenz loswerden. Endlich konnte sie das klar sehen. Sie hätte preisverdächtig schreiben und sich vorbildlich benehmen können, sich die Nächte um die Ohren hauen können, er hätte sie auf jeden Fall runtergeputzt.
Nina nahm ihm das Dokument ab.
„Danke. Soll ich den finalen Entwurf erst noch Elliot vorlegen?“
Joshua schüttelte den Kopf. „Nein, das interessiert ihn nicht. Er befasst sich längst mit anderen Dingen, mit anderen Aufträgen. Ich nehme an, er hat diesen längst vergessen.“
Keira rollte mit den Augen, als Joshua an ihr vorbei aus dem Zimmer humpelte. Sie fing Ninas Blick auf und grinste. Sie kehrten an Ninas Schreibtisch zurück. Keira setzte sich neben sie und schaute zu, wie sie den neuen Artikel für die nächste Ausgabe hochlud, ihren Liebesbrief an Irland.
Keira schaute ihr zu, wie sie den Text hin und her schob, ihn richtig setzte und in das Magazin einfügte. Zusammen mit den Fotos, die Keira drin haben wollte, sah das wirklich gut aus. Sie hatte noch nie einen ihrer Texte so gesehen. Es wirkte alles sehr professionell. Sie empfand Stolz bei dem Anblick.
„Wann geht das in den Druck?“, fragte Keira.
Nina drehte sich mit dem Stuhl zu ihr um. „Heute Nacht. Das E-Zine geht um Mitternacht online.“
Keira lächelte. Sie freute sich geradezu diebisch auf die Reaktionen, wenn Joshua bemerkte, was sie getan hatte.
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG
Ohne eigenes Apartment, in das sie hätte heimkehren können, blieb Keira nichts anderes übrig, als nach Büroschluss zu ihrer Schwester zu gehen. Sie nahm den Fahrstuhl rauf zu Bryns Wohnung, ihr Gepäck im Schlepptau. Sie war so erschöpft, der Schlafmangel machte sich nun deutlich bemerkbar, erst recht nach dem angestrengten Schreiben während des Flugs. Aber als Bryn ihr mit strahlendem Gesicht die Tür öffnete, regten sich ihre Lebensgeister wieder.
„Schwesterherz!“, rief Bryn. „Du hast mir so gefehlt!“
Die beiden umarmten sich. Keira war sehr froh, wieder bei ihrer Schwester zu sein.
Bryn zog sie in die Wohnung und gleich bis in die Küche. Eine Flasche Wein und zwei Gläser standen schon für sie bereit. Bryn schenkte ihnen beiden ein Glas ein und setzte sich.
„Erzähl mir alles. Diese verschiedenen Zeitzonen sind Mist. Und in den letzten 48 Stunden hast du nicht einmal auf meine Nachrichten geantwortet. Ich hatte mir schon Sorgen gemacht, ob der Flieger abgestürzt wäre.“
Keira hob eine Augenbraue. Sie hatte vergessen, wie laut Bryns Stimme sein konnte und wie viel sie reden konnte, ohne Luft zu holen. Sie hatte das New Yorker Tempo komplett verdrängt.
„Jetzt bin ich ja hier“, sagte sie. „Ich hatte noch einiges zu erledigen.“ Sie lächelte innerlich bei der Erinnerung an Shane.
Bryn schaute sie misstrauisch an. „Was denn? Oder sollte ich vielleicht besser fragen, mit wem denn?“
Keira schüttelte tadelnd den Kopf. „Wenn du es genau wissen willst, mit Shane.“
„Immer noch?“, rief Bryn und schaute sie mit großen Augen an.
„Es war mehr als nur eine heiße Nacht“, sagte Keira. „Das war eine Liebesaffäre wie ein Wirbelwind.“
„Du meinst eine Bettgeschichte. Oder nicht? Ich meine, so schnell verliebt man sich doch nicht.“
Keira zuckte mit den Schultern. „Ich bin Menschen begegnet, die sich auf den ersten Blick verliebt haben. Menschen, die innerhalb von 24 Stunden geheiratet haben. In der Liebe gibt es kein richtig oder falsch. Wenn du sie findest, dann findest du sie.“
Bryn war unbeeindruckt. „Aber er lebt in Irland, Schwesterchen. Du wirst ihn nie wieder sehen. Und sich per Computerkamera zu sehen, verliert schnell seinen Reiz.“
In dem Punkt musste Keira ihrer Schwester recht geben. Die Sache mit Shane hing ein wenig in der Luft. Die Stimme der Vernunft sagte ihr, dass es dabei bleiben würde, dass sie etwas geteilt hatten, was sich nicht verlängern ließ. Die Vernunft riet ihr auch, sich einfach darüber zu freuen, dass sie es überhaupt erlebt hatten. Aber die wild-romantische Stimme in ihr beharrte darauf, dass es auch anders ging. Sie wollte nicht loslassen, aufgeben oder nachlassen. Sie wollte für ihre Liebe kämpfen.
Bryn nahm einen Schluck Wein. „Was ist denn der Stand der Dinge mit dir und Zach? Ziehst du aus? Ich meine, du kannst natürlich hier wohnen solange du willst, aber du kennst meinen Lebensstil und weißt, dass ich Zeit für mich brauche. Die Arbeit ist im Moment sehr stressig und da brauche ich daheim Ruhe, um mich zu erholen. Ich habe mit Mama gesprochen, und sie meinte, du kannst auch bei ihr unterkommen, wenn du möchtest.“
Keira schaute ihre Schwester an und seufzte. So sehr sie Bryn auch mochte, sie konnte nicht umhin, sich zu wünschen, sie wäre ein wenig mehr wie die Lawder-Schwestern. Ihr wurde bewusst, dass sie nicht nur Shane vermisste, sondern die ganze Familie.
„Ich muss eigentlich nur in New York bleiben, um den Artikel abzuliefern. Ich schätze, das wird nicht allzu lange dauern. Ich bin dir bald aus dem Weg.“
Sie lächelte innerlich und schaute auf die Uhr und zählte die Minuten, bis er Artikel veröffentlicht wurde. Sie hatte keine Angst, aber sie war natürlich schon aufgeregt. Das Gefühl, gegen Joshua aufzubegehren hatte etwas Erhebendes. Und im Gegensatz zu dem Müll, den sie vorher schreiben musste, sprach ihr dieser Artikel wirklich aus dem Herzen. Sie konnte es kaum erwarten, bis Shane, Orin, William, Maeve, die Lawders, einfach alle, die sie in Irland kennengelernt hatte, ihn lesen würden.
*
Bryns Couch war viel zu unbequem, um darauf anständig schlafen zu können. Und der Lärm, der von der Straße herauf ins Zimmer drang, ließ einfach nicht nach. Keira war beinahe erleichtert, als sie am nächsten Morgen mit der Gewissheit erwachte, an diesem Tag gefeuert zu werden. Sie warf einen Blick auf ihr Handy und sah, dass Nina ihr eine Nachricht geschickt hatte. Der Artikel war online. Keira grinste. Jetzt gab es kein Zurück mehr.
Sie duschte und trank einen schwarzen Kaffee. Dann trat sie auf die Straße. Der Lärm und die Lautstärke waren unerträglich. Die Menschen mit den trüben Gesichtern, die an ihr vorbei eilten, auf dem Weg zur Arbeit, berührten sie auf merkwürdige Weise. Sie vermisste die Gelassenheit Irlands, die Ruhe, die Fröhlichkeit der Menschen.
Sie nahm ein Taxi zum Büro und ging hinein. Sie war die Erste. Nina traf kurz darauf ebenfalls ein.
„Hast du schon etwas von Joshua gehört?“, fragte Keira.
Nina schüttelte den Kopf. „Bisher nicht. Die Schmerzmittel hauen ihn offenbar ziemlich um. Ich schätze, er wird jetzt bald aufstehen.“ Sie schaute auf ihre Uhr und nickte. „Es bleiben also ungefähr noch fünf Minuten bevor er merkt, was du getan hast.“
Sie saßen da und warteten auf den unvermeidlichen Anruf, die Explosion, sobald Joshua es herausfand.
„Die Zahlen auf der Webseite sind übrigens sehr interessant“, sagte Nina. Sie schaltete ihren Computer ein. „Dein Artikel hat schon fünfmal so viele Kommentare wie sonst üblich für den Leitartikel.“
Keira war erstaunt. „Und ist das gut oder eher schlecht?“
„Es ist immer gut, wenn die Leser aktiv werden“, sagte Nina. Sie klickte auf den ersten Kommentar, eine Reaktion auf ihren Artikel. „Es gibt jede Menge positive Reaktionen.“
Keira lächelte. „Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Ich dachte, er ist viel zu ernst für unsere Leser. Sollten die nicht alle furchtbar ironisch sein?“
„Vielleicht hat Joshua sie falsch eingeschätzt“, sagte Nina. Sie drehte sich mit ihrem Stuhl zu Keira. „Oder vielleicht ist Ironie auch einfach nicht mehr gefragt. Authentisch zu sein, ist vielleicht der neueste Trend.“
Keira lachte. In dem Moment hörten sie, wie die Türen aufgingen. Ein paar verschüchterte Neulinge kamen herein.
„Arme Kinder“, sagte Nina. „Heute ist ihr erster Tag mit Joshua im Büro. Er hat gestern Abend noch allen eine E-Mail geschrieben, dass er das Magazin wieder in Form bringen will, dass er von ihnen enttäuscht ist, weil sie nicht auf Zack waren, während seiner Abwesenheit. Er sagte, er würde jeden rauswerfen, der nicht pünktlich ist.“
Keira rollte mit den Augen. Sie hatte anfangs dieselben Ängste ausgestanden. Er war ein Mistkerl.
Ninas Telefon klingelte.
„Und los geht's“, sagte sie.
Sie nahm ab. Keira konnte Joshuas wütende Stimme sogar durch den Hörer hören. Nina verzog das Gesicht und hielt den Hörer ein Stück weg von ihrem Ohr.
„Ich habe was?“, fragte sie unschuldig, mit gespielter Unwissenheit. „Den falschen Text? Wovon redest du denn?“ Sie zwinkerte Keira zu und tippte mit der anderen Hand etwas in den Computer. „Ach du meine Güte, du hast Recht! Ich Tölpel, ich. Zurückziehen? Bist du sicher? Der Artikel bekommt eine Menge Klicks.“ Sie wartete ab, bis Joshua eine weitere Tirade abgelassen hatte. „Nein, kein Problem, du bist der Chef. Bis gleich.“ Sie legte auf.
„Und? Was sagt er?“, fragte Keira gespannt.
„Er ist im Taxi und wird in fünf Minuten hier sein. Wenn der Artikel dann noch online ist, will er ihn selber löschen und irgendjemand, ich zitiere: 'wird dafür bezahlen'.“
„Cool“, witzelte Keira.
Präzise fünf Minuten später traf Joshua im Büro ein. Mit hochrotem Kopf platzte er zur Tür herein. Die neuen Schreiberlinge sanken tiefer in ihre Stühle, um ihm bloß nicht aufzufallen. Sie tippten eifrig auf ihre Tastaturen, um möglichst beschäftigt auszusehen. Aber Joshua interessierte sich ohnehin nicht für sie.
„Keira. Nina. Mein Büro. Jetzt!“
Seine Stimme hallte durch das große Büro.
„Das Spektakel nimmt seinen Lauf“, flüsterte Keira.
Sie betraten das Büro. Joshua humpelte auf seinen Krücken auf und ab, ein Anblick, den Keira eher amüsant als einschüchternd fand.
„Was zur Hölle geht hier vor?“, kläffte er. „Was soll dieser Mist?“ Er wedelte mit einer frisch gedruckten Ausgabe vor ihnen herum. „Ein Liebesbrief an Irland?“
„Ich weiß nicht, wie das passieren konnte“, log Keira. „Ich muss Nina das falsche Dokument geschickt haben.“
Joshua schaute sie finster an. „Hast du eine Vorstellung, wie teuer du diese Firma damit zu stehen kommst? Wir haben das Magazin bereits gedruckt. Die Hälfte ist schon ausgeliefert. Von der Webseite ganz zu schweigen. Tausende von Menschen haben dieses Gesülze schon gelesen.“
Keira hob eine Augenbraue. „Tausende?“, fragte sie ganz unschuldig. „Das klingt nach einer ganzen Menge, wenn man bedenkt, dass der Artikel erst seit ein paar Stunden online ist.“
Joshuas Gesicht nahm eine tiefrote Farbe an. „Ich glaube, du bist dir des Ernstes der Lage nicht bewusst, Keira. Du hast damit den Ruf des Magazins aufs Spiel gesetzt!“
Seine Stimme legte noch an Lautstärke zu. Keira wusste, was das bedeutete. Er wollte sie vor den neuen Mitarbeitern demütigen.
„Hinzu kommt noch, dass Heather mir einige Belege von deiner Reise geschickt hat. Die Leihwagenfirma stellt uns einen Schaden am Fahrzeug in Rechnung. Sie behaupten, der Wagen wäre unter anderem mit Schafmist verdreckt gewesen. Und wie zur Hölle hast du eine Beule in das Dach bekommen?“
Keira musste innerlich schmunzeln, als sie an den Tanz mit Shane dachte, an den wunderbaren, romantischen Augenblick. Allein der Gedanke an Shanes Liebe war ausreichend, um sie gegen Joshuas Attacken zu schützen.
„Es hat da vielleicht ein paar Vorfälle gegeben“, gab sie freimütig zu. „Schafe hatten durchaus damit zu tun.“
Joshua warf wütend die Arme in die Luft. „Swanson, ich war noch nie so sehr enttäuscht von einem unserer Autoren. Du hast Schande über das Viatorum Magazin gebracht.“ Seine Augen funkelten hämisch, als er endlich seine Lieblingsworte aussprechen konnte. „Keira, du bist gefeuert.“
„Wieso überrascht mich das nicht?“, gab sie zurück. Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn kühl. Sie stellte zufrieden fest, dass seine Einschüchterungsmethoden bei ihr nicht mehr wirkten. Sie brauchte seine Anerkennung nicht mehr. Im Gegenteil. Dass er sie so sehr ablehnte, erfüllte sie mit einer Welle der Erleichterung. Von jemandem wie Joshua wollte sie gar nicht gemocht werden. Sie wollte auch nicht reinpassen in seine giftige Arbeitsatmosphäre.
„Weißt du, was du bist, Joshua?“, fragte sie. „Du bist ein Feigling. Du machst die Leute nieder, um sie als Konkurrenten loszuwerden. Dir ist nichts gut genug, weil du nie etwas anderes machst, als den Geist der Leute zu brechen. Genau so bist du zu deiner Position gekommen, nicht wahr? Du machst alle schlecht, bis du als einziger übrig bleibst. Das nennt man Mobbing.“
Durch die Glastür konnte Keira sehen, dass sich alle Köpfe zu ihnen umgedreht hatten. Sie sahen alle vollkommen verschreckt aus. Sie erinnerte sich, bis vor Kurzem dazu gehört zu haben. Sie hatte voller Panik zugesehen, wenn Joshua einen Kollegen gedemütigt und gefeuert hatte, nur um seine Meinung durchzusetzen. Sie erinnerte sich, dass sie das alles hingenommen hatten, anstatt sich zu wehren. Nun, damit war jetzt Schluss. Sie würde Joshua endlich einmal gehörig ihre Meinung sagen.
Nina stand auf. „Wenn du Keira feuerst, dann kündige ich.“
„Was?“, fragte Joshua erbost.
„Es war mindestens ebenso sehr mein Fehler“, sagte Nina ruhig. „Ich habe den falschen Artikel hochgeladen. Ich hätte ihn überprüfen sollen, bevor ich ihn der Druckerei geschickt und online gestellt habe. Das war nachlässig von mir.“
Joshua starrte sie ungläubig an. „So läuft das nicht. Ich nehme deine Kündigung nicht an.“
Keira grinste in sich hinein. Sie fragte sich, ob jemals jemand freiwillig gekündigt hatte. Er war es so gewohnt, dass ihm alle in den Hintern krochen und ihm nach dem Mund redeten. Dass jemand mal freiwillig die Brocken hinschmiss, musste ihn ziemlich aus der Bahn werfen.
In dem Moment betrat noch jemand das Büro. Alle Köpfe fuhren herum und sahen Elliot. Heather war direkt hinter ihm, einen schwarzen Ordner gegen die Brust gepresst.
„Werte Damen, ich denke, es ist offensichtlich, dass keine von euch entlassen ist“, sagte er. „Joshua, du hingegen kannst allerdings sofort deine Sachen packen und gehen.“
Joshua zögerte. Er schaute erst ganz verwirrt Keira an, dann wieder Elliot. „Entschuldige bitte, was hast du gesagt?“
„Ich habe deine Position in dieser Firma gründlich überdacht.“, sagte Elliot ganz sachlich. „Ich denke, du hast das Magazin in eine völlig falsche Richtung gelenkt. Und nur dank Keira haben wir gerade noch die Kurve gekriegt. Du hast völlig den Faden verloren, seit du auf dem Macchiato ausgerutscht bist.“
„Wovon redest du?“, fragte Joshua. Er war weiß wie die Wand, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen.
„Ich sagte, du bist gefeuert.“
„Nein!“, rief Joshua. Er sprang auf und verzog schmerzlich das Gesicht, als er auf seinem Gips landete.
Er humpelte zu Elliot hinüber, die Hände wie zum Gebet verschränkt. Alle starrten mit offenem Mund die beiden Männer an. Keiner konnte glauben, dass das alles gerade wirklich passierte, ein erwachsener Mann, der um seinen Job bettelte. Der Despot war in die Knie gezwungen worden.
„Heather, würdest du den Sicherheitsdienst rufen, um Joshua hinaus zu begleiten?“, sagte Elliot gelassen.
Keira empfand nichts als Genugtuung.
Dann schaute Elliot sie an. „Ich habe einen neuen Auftrag für dich. Für euch beide“, fügte er hinzu und schaute Nina ebenfalls an. „Ihr seid ein gutes Team. Kommt ihr bitte mit in mein Büro?“
Keira warf Nina einen Blick zu, vollkommen überrascht von dieser Wendung der Ereignisse. Sie ließen Joshua links liegen und folgten Elliot, vorbei an den staunenden Mitarbeitern.
„Bitte, nehmt Platz“, sagte Elliot.
Das taten sie.
„Keira, ich bin sehr beeindruckt von deiner Arbeit. Es gehört schon reichlich Mumm dazu, gegen den Strom zu schwimmen. Der Liebesbrief an Lisdoonvarna entwickelt sich gerade zu unserem meistgelesenen Artikel. Die Zahlen sind beeindruckend. Unsere Leser lieben es. Ich liebe es.“
Heather legte ein Blatt Papier auf den Tisch. Es handelte sich um eine Grafik. „Das sind unsere üblichen Leserzahlen“, sagte sie und deutete auf eine aufsteigende Linie. „Das ist Keiras Artikel.“ Sie deutete auf eine rote Linie, die rasant anstieg, beinahe schon senkrecht.
„Ich wusste, Ironie ist nicht mehr gefragt“, sagte Elliot. „Sagte ich das nicht? Heute muss man aufrichtig sein. Ich weiß nicht, warum ich auf Joshua gehört habe. Zum Glück wusstet ihr ja, was ihr tut.“
Keira strahlte vor Stolz. „Danke.“ Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich will genau so weiter machen“, sagte Elliot. „Eine regelmäßige Rubrik. Vier Seiten Leitartikel für jede Ausgabe, stets mit einem neuen romantischen Urlaubsziel. Was meint ihr?“
Keira blinzelte überrascht. „Du möchtest mich wieder auf Reisen schicken?“
Er nickte. „Ich stelle eine Liste mit potentiellen Reisezielen zusammen. Paris, Rom, Valencia. Wie klingt das?“
Keira konnte ihren Ohren kaum trauen. „Das klingt wie ein Traum, der wahr wird.“
„Wunderbar“, sagte Elliot. „Über das Honorar wird natürlich neu verhandelt. Aber wie wäre es vorerst damit, bis wir uns geeinigt haben?“
Er legte zwei Papiere auf den Tisch, eines für Keira und eines für Nina. Keira nahm es und sah, dass es sich um einen Scheck handelte. Einen Scheck über 5.000 Dollar! Nina neben ihr schnappte ebenfalls nach Luft. Sie hatte offenbar ebenfalls einen solchen Bonus erhalten.
Keira wusste sofort, was sie mit dem Geld machen würde. Flugtickets für Shane, damit er sie besuchen konnte.
„Ich nehme an, du möchtest dich erst einmal etwas von der harten Arbeit in Irland erholen“, fuhr Elliot fort. „Daher würde ich gern für nächste Woche einen Termin ansetzen, um den nächsten Auftrag zu planen. Heather wird sich darum kümmern.“
Keira fühlte sich großartig und nickte zustimmend. Sie konnte nicht fassen, dass das wirklich gerade passierte. Ihre Aufrichtigkeit hatte sie dahin gebracht, wovon sie immer geträumt hatte.
Und das allerbeste daran war, dass sie Shane wiedersehen würde, schon viel eher, als sie beide gedacht hatten. Sie schwebte geradezu aus Elliots Büro, leicht wie eine Feder.
EPILOG
Dreitausend Meilen entfernt betrat Shane das St. Paddy's Inn.
„Orin? Wo steckst du?“, rief er.
Der Wirt erschien in der Tür zum Lagerraum. „Morgen, Shane. Ich dachte, du hättest Lisdoonvarna längst verlassen? Willst du ein Frühstück haben?“
Shane nickte und Orin steckte etwas Brot in den Toaster.
„Keiras Artikel ist online“, sagte Shane. „Schau mal.“
Er zeigte dem alten Mann die Webseite von Viatorum, wo der Liebesbrief an Lisdoonvarna stolz präsentiert wurde. Die Kommentare gingen inzwischen in die Tausende. Der Artikel war vielfach in den sozialen Medien geteilt worden.
„Großartig“, sagte Orin begeistert. „Guck mal, da sind wir!“
Er deutete auf einen der Schnappschüsse, die Nina auf Keiras Wunsch in den Artikel übernommen hatte. Es zeigte sie alle drei an der Bar an ihrem letzten Abend.
„Sie schreibt ganz begeistert über das B&B und das Festival“, sagte Shane.
Orins Telefon klingelte und er ging dran. Shane hörte seine Hälfte des Gesprächs interessiert mit an. Als Orin es beendet hatte, setzte er sich wieder hin.
„Eine Buchung. Von einer Frau aus Amerika, die nächstes Jahr am Festival teilnehmen möchte.“
Shane schaute ihn überrascht an. „Das ist ein wenig weit voraus geplant, meinst du nicht?“
Orin nickte. „Sie meinte, sie wollte sich eines der Zimmer sichern, bevor alles ausgebucht ist.“ Er kicherte. Shane lachte ebenfalls. Das B&B war noch nie in seiner langen Geschichte vollkommen ausgebucht gewesen.
Orin wollte gerade in seinen Toast beißen, als das Telefon erneut klingelte. Er runzelte verwirrt die Stirn, als er das Gespräch annahm. Shane hörte wieder aufmerksam zu. Orin nahm eine weitere Reservierung entgegen.
Orin kehrte zu ihm zurück, noch erstaunter als zuvor. „Noch eine Reservierung aus Amerika“, sagte er.
Shane strahlte. „Das muss an Keiras Artikel liegen!“, sagte er.
„Ich denke, du hast Recht“, antwortete Orin. Wieder klingelte das Telefon. Dieses Mal sprang er auf und eilte zum Apparat.
Shane freute sich sehr darüber. Orin verdiente es, er hatte sein Leben lang hart gearbeitet. Er war Keira sehr dankbar, dass sie das vollbracht hatte.
Ihm wurde schmerzlich bewusst, wie sehr sie ihm fehlte. Seit ihrer Abreise hatten sie nur wenig Kontakt gehabt. Lediglich eine Nachricht, dass sie gut gelandet war. Er wollte sie nicht mit Nachrichten überschütten, sondern ihr erst einmal Zeit lassen, sich in New York wieder einzuleben. Aber jetzt war er sich nicht mehr so sicher, ob er sich daran halten konnte. Er wollte wirklich gern mit ihr sprechen, wenigstens, um ihr zum Erfolg des Artikels zu gratulieren.
Während Orin eine weitere Reservierung notierte, beschloss Shane, Keira anzurufen.
„Hallo, Mr. Lisdoonvarna“, sagte sie fröhlich, sobald sie dran war. „Ich wollte dich auch gerade anrufen.“
„Wirklich? Die Königin des Burren lässt sich herab, mit Sterblichen zu reden?“
„Ja“, sagte sie kichernd. „Mein Artikel wurde veröffentlicht. Ich dachte, du möchtest ihn vielleicht lesen.“
„Habe ich schon“, sagte Shane. „Er ist großartig. Und Orins Telefon steht nicht mehr still. Alle wollen ein Zimmer bei ihm reservieren.“
„Echt? Das ist ja toll!“
„Deswegen wollte ich dich anrufen. Ich wollte dir dazu gratulieren. Alles redet über den Artikel. Du hast es dir redlich verdient.“
„Danke“, sagte Keira hocherfreut.
Shane fehlten plötzlich die Worte. Er sollte sie wahrscheinlich fragen, wie es in New York lief, ob sie gut schlief auf Bryns Sofa. Aber eigentlich wollte er ihr doch nur eines sagen.
„Keira, ich liebe dich.“
Es entstand eine Pause. „Wirklich?“
„Ja“, sagte Shane. Er hatte schon lange nicht mehr etwas so sicher gewusst. Eigentlich nicht mehr seit Deidre. „Ich kann nicht aufhören, an dich zu denken. Ich vermisse dich wahnsinnig. Ich weiß, wir hatten nichts Konkretes abgemacht, wie das laufen soll nach deiner Rückkehr, aber ich glaube, wir kriegen das hin. Wenn ich genug Geld gespart habe, kann ich dich dann in New York besuchen kommen?“
„Um ehrlich zu sein“, sagte Keira und Shane lief es kalt den Rücken herunter. Sie würde ihm den Laufpass geben. Natürlich würde sie das. Für sie war das nur ein Urlaubsflirt gewesen. Er war ein Idiot, mehr darin zu sehen.
Sie fuhr fort. „Du musst gar nichts sparen.“
Shane hielt inne. Er war verwirrt. „Verstehe ich nicht.“
„Mein Boss hat mir einen Bonus ausgezahlt. Das Geld reicht locker für deinen Flug nach New York. Und ich habe eine Woche frei. Was meinst du?“
Shane ließ beinahe vor Überraschung das Handy fallen. „Du kannst doch nicht dein mühsam verdientes Geld für mich ausgeben. Das wäre nicht richtig.“
„Fändest du es weniger verwerflich, wenn ich erwähne, dass der Flug nur ungefähr fünfzehn Prozent vom Bonus ausmacht?“
Shane konnte es nicht glauben. Keira musste einen fetten Bonus bekommen haben, wenn der Flug von Irland nach New York nur ein kleiner Prozentsatz davon war. Er fand es immer noch nicht richtig, das anzunehmen, aber andererseits fielen ihm schon ein paar Dinge ein, wie er sich für ihre Großzügigkeit revanchieren konnte.
„Nun ja, das Festival ist zu Ende“, sagte er. „Im Augenblick habe ich hier in Irland keine beruflichen Verpflichtungen.“
„Ist das ein Ja?“, fragte Keira gut gelaunt.
Shane spürte ein aufgeregtes Kribbeln. Er konnte kaum glauben, was er da hörte. „Du möchtest wirklich, dass ich nach New York komme? Da ist kein Haken dran?“
Keira lachte erheitert auf. „Kein Haken. Shane, ich wünsche mir nichts mehr auf der Welt. Ich liebe dich und vermisse dich so sehr. Es ist kaum auszuhalten. Also, was sagst du?“
Shane atmete erleichtert aus. Der Gedanke, Keira wiederzusehen, erfüllte ihn mit Freude und Erwartung. „Ja, ja, natürlich!“
„Dann haben wir ein Date“, antwortete Keira.

ITALIENISCHE NÄCHTE
(Buch 2 der Serie Die Liebe Auf Reisen)
„Sophie Loves Fähigkeit, bei ihren Lesern Magie zu bewirken, zeigt sich in ihrem höchst inspirierenden Ausdruck und den lebendigen Beschreibungen…FÜR JETZT UND FÜR IMMER ist der perfekte Liebes- oder Strandroman, der sich von anderen abhebt: seine mitreißende Begeisterung und die wunderschönen Beschreibungen machen deutlich, wie komplex die Liebe und auch die Gedanken der Menschen sein können. Dieses Buch ist perfekt geeignet für Leser, die nach einem Liebesroman mit Tiefgang suchen.“
--Midwest Book Review (Diane Donovan über Für jetzt und für immer)
„Ein sehr gut geschriebener Roman, in dem es um die inneren Kämpfe geht, die eine Frau durchstehen muss, um ihr wahres Ich zu finden. Der Autorin gelang die Ausarbeitung der Charaktere und die Beschreibung der Handlung wunderbar. Romantik ist zwar Teil der Geschichte, doch sie ist nicht erdrückend. Ein Lob an die Autorin für diesen wunderbaren Auftakt einer Reihe, die verspricht, äußerst unterhaltsam zu werden.“
--Books and Movies Reviews, Roberto Mattos (über Für jetzt und Für immer)
ITALIENISCHE NÄCHTE (DIE LIEBE AUF REISEN – BUCH 2) ist der zweite Band einer Serie von Bestseller-Autorin Sophie Love.
Keira Swanson, 28, kehrt nach New York zurück, noch immer wie berauscht von ihrer Irlandreise und schwer verliebt in Shane. Aber durch ein überraschendes Ereignis kann es mit ihrer Beziehung schnell wieder vorbei sein.
Bei der Zeitschrift, für die sie schreibt, ist sie ein Star und bekommt erneut einen traumhaften Auftrag: eine Reise nach Italien. In 30 Tagen soll sie herausfinden, was das italienische Geheimnis der Liebe ist.
Von ihrem Irland-Trip sehr verwöhnt, sieht Keira ihre Erwartungen an Italien schnell zerstört. Nichts läuft anfangs so, wie geplant. Auf ihrer Rundreise durch Italien, von Neapel bis zur Küste von Amalfi, von Capri bis Rom, von Verona bis Venedig und Florenz, stellt Keira in Frage, ob die Italiener überhaupt das Geheimnis der Liebe kennen.
Dann jedoch lernt sie ihren neuen Reisebegleiter kennen. Und alles, was sie bis dahin sicher geglaubt hatte, wird vollkommen auf den Kopf gestellt.
Eine stürmisch-romantische Komödie, tiefsinnig und humorvoll. ITALIENISCHE NÄCHTE ist der zweite Band einer bezaubernden neuen Romance-Reihe, die dich zum Lachen und zum Weinen bringen wird und die man nicht mehr aus der Hand legen kann. Du wirst dich ganz neu in die Romantik verlieben.

ITALIENISCHE NÄCHTE
(Buch 2 der Serie Die Liebe Auf Reisen)
Sophie Love
#1 Bestseller-Autorin Sophie Love ist die Schöpferin der romantischen Comedy-Reihe, DIE PENSION IN SUNSET HARBOR, die bisher aus 3 Bänden besteht, weitere sind in Arbeit. Band 1 ist unter dem Titel FÜR JETZT UND FÜR IMMER (DIE PENSION IN SUNSET HARBOR – BUCH 1) als Gratis-Download auf Amazon erhältlich.
Sophie Love ist außerdem die Autorin einer neuen humorvollen Romance-Reihe, DIE LIEBE AUF REISEN, die mit DAS FESTIVAL DER LIEBE (DIE LIEBE AUF REISEN – BUCH 1) beginnt.
Sophie würde sehr gern von Dir hören, also besuche sie doch auf ihrer Webseite: http://www.sophieloveauthor.com/
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BÜCHER VON SOPHIE LOVE
DIE PENSION IN SUNSET HARBOR
FÜR JETZT UND FÜR IMMER (Buch #1)
FÜR IMMER UND EWIG (Buch #2)
FÜR IMMER MIT DIR (Buch #3)
DIE LIEBE AUF REISEN
DAS FESTIVAL DER LIEBE (BUCH #1)
