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Arthur Conan Doyle

Die Gutsherren von Reigate

Saga

Die Gutsherren von ReigateCopyright © 1893, 2019 Arthur Conan Doyle und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726372236

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Die Gutsherren von Reigate.

Im Frühling 1887 hatte mein Freund Sherlock Holmes derartige Anstrengungen durchgemacht, dass es geraumer Zeit bedurfte, ehe er wieder zu Kräften kommen konnte. Es handelte sich damals um die Riesenpläne des Barons Maupertuis und die verwickelte Angelegenheit der Holland-Sumatra-Gesellschaft, bei der jedoch politische und finanzielle Rücksichten eine zu bedeutende Rolle spielten, als dass sie sich zur Aufnahme in diese Sammlung eignete.

Die Umstände brachten es aber mit sich, dass Holmes infolgedessen mit einem eigentümlichen Problem in Berührung kam, das ihm Gelegenheit gab, im Kampf gegen das Verbrechen, den er sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, eine ganz neue Waffe in Anwendung zu bringen.

Es war, wie ich aus meinem Notizbuch weiss, am 14. April, als ich durch eine Depesche aus Lyon die Nachricht erhielt, Holmes liege im Hotel Dulong krank darnieder. Ich reiste sofort ab und stand schon vierundzwanzig Stunden später an seinem Lager, wo ich mich glücklicherweise sogleich überzeugen konnte, dass die Symptome der Krankheit nicht allzu gefährlich waren. Selbst seine eiserne Konstitution vermochte die Last nicht auszuhalten, die er sich seit Monaten aufbürdete. Während dieser Zeit hatte er seine Nachforschungen unablässig betrieben, täglich mindestens fünfzehn Stunden gearbeitet und sich oft, wie er mir versicherte, fünf Tage hintereinander ausschliesslich der ihm gestellten Aufgabe gewidmet. Der grossartige Erfolg seiner Bemühungen konnte die Folgen einer so furchtbaren Ueberanstrengung nicht von ihm abwenden; während ganz Europa vom Ruhm seines Namens widerhallte und er von allen Seiten mit Dankschreiben und Glückwunschdepeschen überschüttet wurde, fand ich ihn in einem Zustand tiefster Niedergeschlangenheit. Was die Polizei dreier Länder vergebens versuchte, war ihm gelungen — er hatte dem vollendetsten Schwindler von ganz Europa in die Karten gesehen und ihm das Handwerk gelegt; aber nicht einmal dies Bewusstsein vermochte ihn aus seiner völligen Erschlaffung aufzurütteln.

Schon nach drei Tagen langten wir zusammen wieder in der Bakerstrasse an, aber bald stellte sich heraus, dass Holmes dringend eine Luftveränderung brauchte, und auch für mich hatte der Gedanke, eine Woche im Frühling auf dem Lande zuzubringen, grossen Reiz.

Mein alter Freund, Oberst Hayter, dem ich in Afghanistan ärztlichen Beistand geleistet, wohnte seit einiger Zeit in der Nähe von Reigate in Surrey und forderte mich wiederholt auf, ihn doch einmal in seinem Landhaus zu besuchen. Noch kürzlich hatte er geäussert, er würde auch meinen Freund, falls er mich begleiten wollte, sehr gern als Gast bei sich empfangen. Es bedurfte zuerst einiger Ueberredungskünste, aber als Holmes erfuhr, es sei eine Junggesellenwirtschaft und er Könne dort völlige Freiheit haben, ging er auf meine Pläne ein. Etwa eine Woche nach unserer Rückkehr aus Lyon befanden wir uns bereits unter Hayters gastlichem Dach. Der Oberst war ein wackerer alter Krieger, der viel von der Welt gesehen hatte, und meine Erwartung, dass Holmes und er allerlei gemeinsame Anknüpfungspunkte finden würden, ging rasch in Erfüllung.

Am Abend unserer Ankunft sassen wir nach Tische in des Obersten Bibliothek. Holmes lag auf dem Sofa ausgestreckt, während ich mit Hayter die Waffensammlung in seinem Gewehrschrank musterte.

„Es wird gut sein,“ sagte er plötzlich, „wenn ich eine von diesen Pistolen mit in mein Schlafzimmer hinaufnehme, zum Schutz gegen einen etwaigen Ueberfall.“

„Einen Ueberfall?“

„Ja, wir sind kürzlich hier in nicht geringe Aufregung versetzt worden. Bei dem alten Acton, einem der grössten Grundbesitzer der Grafschaft, hat man letzten Montag eingebrochen. Vielen Schaden haben die Diebe nicht angerichtet, aber die Polizei ist ihrer noch nicht habhaft geworden.“

„Hat man keinen Verdacht?“ fragte Holmes mit bedeutsamem Augenzwinkern.

„Bis jetzt nicht,“ versetzte der Oberst. „Die Sache ist zu geringfügig und verdient Ihre Aufmerksamkeit nicht, Herr Holmes, nach dem grossen internationalen Werk, das Sie vollbracht haben. Es handelt sich nur um ein ganz gewöhnliches Verbrechen.“

„O bitte sehr,“ sagte Holmes bescheiden, und doch freute ihn die Anerkennung, denn er lächelte befriedigt. „Hat denn der Fall gar kein besonderes Interesse?“

„Ich glaube kaum. Die Diebe durchsuchten die Bibliothek, fanden aber wenig, was sich der Mühe verlohnte. Sie haben das Unterste zu oberst gekehrt, sämtliche Schubladen aufgebrochen und die Schränke durchwühlt, schliesslich aber nur einen Band von Popes Homer, zwei plattierte Leuchter, einen elfenbeinernen Briefbeschwerer, einen kleinen in Holz gefassten Barometer und eine Rolle Bindfaden mitgenommen.“

„Was für eine merkwürdige Auswahl!“ rief ich.

„Die Kerle haben offenbar das erste beste zusammengerafft, was ihnen unter die Hände kam.“

Holmes brummte etwas auf dem Sofa vor sich hin.

„Die Polizei sollte sich das als Fingerzeig dienen lassen,“ sagte er dann. „Es ist doch ganz klar, dass —“

Doch schon hob ich warnend die Hand in die Höhe. „Du bist hier, um dich auszuruhen, alter Junge. Lass dich nur um Gottes willen in keine neue Untersuchung ein, solange deine Nerven noch ganz zerrüttet sind.“

Holmes warf dem Obersten einen drolligen entsagungsvollen Blick zu und zuckte die Achseln, worauf sich die Unterhaltung wieder in minder gefährlichen Bahnen bewegte.

Es war indessen vom Schicksal bestimmt, dass alle ärztliche Vorsicht vergebens sein sollte. Schon am nächsten Morgen drängte sich uns das Problem von selbst auf, und wir konnten es nicht länger unberücksichtigt lassen. Unser Landaufenthalt erhielt dadurch eine Bedeutung, die kein Mensch vorausgesehen hätte.

Wir sassen noch beim Frühstück, als des Obersten Hausmeister mit Hintansetzung jeder Förmlichkeit ins Zimmer gestürzt kam.

„Haben Sie’s schon gehört, Herr,“ stiess er keuchend heraus, „was bei den Cunninghams geschehen ist?“

„Wieder ein Einbruch?“ rief der Oberst und hielt seine Kaffeetasse, die er eben zum Munde führen wollte, unbeweglich in der Luft.

„Nein, ein Mord.“

„Wahrhaftig? — Wer ist denn tot — der Friendensrichter oder sein Sohn?“

„Keiner von beiden, sondern Wilhelm, der Kutscher. Mitten durchs Herz geschossen — konnte keinen Laut mehr von sich geben.“

„Wer hat ihn denn erschossen?“

„Der Einbrecher. Er floh wie ein Pfeil davon und ist entkommen. Wilhelm kam gerade dazu, als der Kerl das Vorratskammerfenster eindrückte. Während er seines Herrn Eigentum rettete, fand er selbst den Tod.“

„Wann war das?“

„Letzte Nacht, Herr, gegen zwölf Uhr.“

„Wir warden gleich nachher hinübergehen, um uns näher danach zu erkundigen,“ sagte der Oberst und frühstückte gelassen weiter. „Eine abscheuliche Geschichte,“ fuhr er fort, als der Hausmeister sich entfernt hatte. „Der alte Cunningham ist ein recht braver Mann und der angesehenste Gutsbesitzer von Reigate. Er wird sich die Sache schrecklich zu Herzen nehmen, denn der Kutscher ist seit Jahren in seinem Dienst und hat sich immer gut gehalten. Offenbar waren es dieselben Schurken, die bei Acton eingebrochen sind.“

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