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Gemeinsam einsam durch die Welt
Sina Wunderlich

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Impressum
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2020 – Herzsprung-Verlag GbR
Mühlstraße 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.
Lektorat: Redaktions- und Literaturbüro MTM
Cover gestaltet von © Liz
Illustration Landkarten: © Solène Joublin
ISBN: 978-3-96074-284-5 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-285-2 - E-Book
*
Inhalt
Prolog
Die Welt ohne dich
Planänderung
Wo bist du nur?
Seljalandsfoss
Gefühlschaos
Blumenmädchen
Die Maske
Sandkörner zählen
Der nächste Schachzug
Nacht der Blitze
Erinnerungen
Hollywood & Co.
Musik des Lebens
Der goldene Tempel
Letzte Vorbereitungen
Schlüssel des Herzen
Du
Du bist mein Herz
Goldkind
Der Albtraum
Abschied
Für immer an deiner Seite!
Epilog
Danksagung
Die Autorin
Unser Buchtipp
*
„Mir wurde damals beigebracht, dass 1 Tag 24 Stunden,
1 Stunde 60 Minuten und 1 Minute 60 Sekunden hat.
Aber mir wurde nie beigebracht, dass 1 Sekunde ohne dich
die Ewigkeit bedeutet.“
Für M.,
weil ich dich über alles liebe.
*
Prolog
Mai 2000
Die Vögel fliegen von einem Baum zum nächsten und zwitschern fröhlich irgendwelche Melodien. Die Blätter sind leuchtend grün und die Blumen sprießen überall an die Höhe. In wundervollen Farben leuchten sie zwischen dem Grün auf. Die Sonne steht hoch am Himmel und es ist fast keine Wolke zu sehen. Ein leichter Wind bläst die Wärme durch die Gegend.
Meine Haare wehen nach hinten und ich spüre, wie der Sommer mich durchströmt. Es ist ein gutes Gefühl und Wärme breitet sich in mir aus. Der Garten meiner Eltern ist einfach nur viel zu schön. Ich sitze so gerne im Sommer hier und beobachte die Natur.
Dass ich jetzt hier sitzen kann, glücklich bin und wieder nach vorne blicken kann, habe ich eine Zeit lang nicht für möglich gehalten. In den letzten zwei Jahren ist so viel passiert. Es waren zwei Jahre voller Abenteuer, Lebenslust, Tränen, Schmerz und so viel Liebe.
Ich hatte keine Ahnung, was wahre Liebe bedeutet. Wenn man sie nie selbst wahrgenommen hat, ist es auch verdammt schwer, sie sich vorstellen zu können. Man hört nur immer, wie jeder über sie redet. Über die wahre Liebe.
Meine Mama hat mir immer gesagt, dass man sie selbst einmal erleben muss, denn jeder empfindet anders. Doch für sie sei die wahre Liebe das Schönste auf Erden. Viele meiner Freunde haben allerdings auch oft gesagt, dass Liebe reiner Schwachsinn sei, weil sie gerade sitzen gelassen wurden oder hoffnungslos verliebt waren.
Es gibt auch ein paar Menschen, die immer einen Freund oder eine Freundin brauchen und zwanzigmal in ihrem Leben die wahre Liebe finden. Angeblich.
Meine Oma hat mir immer gesagt, dass man die wahre Liebe nur einmal im Leben findet. Und dann hat sie meinen Opa mit leuchtenden Augen angeschaut und ich wusste genau, dass er ihre wahre Liebe ist. Deshalb haben die beiden auch überglücklich ihre goldene Hochzeit gefeiert. Man hört so einiges darüber. So viele verschiedene Meinungen.
Doch was davon jetzt stimmte, wusste ich mit meinen 21 Jahren nicht wirklich. Denn zu dem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung von der wahren Liebe. Ich wusste nicht, was es bedeutet, dieses Kribbeln im Bauch zu spüren. Ich wusste nicht, dass man für eine einzige Person so viel empfinden kann. Ich wusste nicht, dass ein einziger Streit so viel Schmerz verursachen kann. Ich wusste nicht, dass man so abhängig von einer Person sein kann. Ich wusste nicht, dass die Zeit so unendlich langsam vergehen kann, wenn man voneinander getrennt ist. Ich wusste nicht, dass man eine Person mehr lieben kann als sich selbst.
Doch das war, bevor ich ihn kennengelernt habe.
Denn dann kam er in mein Leben.
Alles hat sich verändert.
Und eigentlich fing es an einem so gewöhnlichen Tag an.
Ich erinnere mich daran, als wäre es erst gestern gewesen ...
*
Die Welt ohne dich
Dezember 1998
Früher war vieles leichter. Zumindest glaube ich das heute. Manchmal wäre ich gerne wieder ein Kind. Ein kleines, unschuldiges, fantasievolles Wesen. Man hat über weniger nachgedacht. Vielleicht auch, weil man eben einige Dinge noch nicht verstanden hat. Man hat sein Leben einfach gelebt. Nicht so viel an den nächsten Tag gedacht. Man hat im Hier und Jetzt gelebt. Heute gehöre ich zu der Sorte Mensch, die alles planen muss. Irgendwie geschieht in meinem Leben nichts mehr spontan. Ich weiß immer, was als Nächstes passiert, mache Listen, schreibe alles auf und plane jede Sekunde meines Lebens und somit auch meine Zukunft. Überall liegen Zettel in meiner Wohnung, auf denen ich alles festhalten muss. Auch Klebezettel sind überall verteilt, die an meinen Schränken, Tischen und Wänden heften. Trotzdem versuche ich, Ordnung zu halten, denn Unordnung ist das Letzte, was ich gebrauchen kann.
Wenn man sich früher mit Freunden gestritten hat, hat man sich nach einem Tag wieder vertragen. Man war nicht so stur wie heute, hat nicht so viel nachgedacht und einfach eingesehen, dass man den anderen zum Spielen braucht. Ohne einander wusste man gar nicht, was man allein machen sollte. Aber was ich am meisten an meiner Kindheit vermisse, sind die aufgeschürften Knie. Tränen steigen mir in die Augen, die ich versuche, möglichst schnell herunterzuschlucken. Verdammt. Selbst bei aufgeschürften Knien muss ich an ihn denken. Wenn man früher mit aufgeschürften Knien nach Hause kam, hat Mama dreimal gepustet, ein schönes Pflaster auf die Wunde geklebt und die Welt war wieder in Ordnung. Man konnte sofort wieder lachen und spielen gehen. Wie ich diese aufgeschürften Knie vermisse. Lieber zwei blutige Knie als ein gebrochenes Herz. Viel lieber. Denn bei einem gebrochenen Herzen kann Mama so stark pusten, bis ihr die Luft wegbleibt, es wird nicht besser werden. Und noch nicht einmal ein schönes, pinkfarbenes Einhornpflaster kann sie darüber kleben, sodass die Welt wieder in Ordnung ist. Wenn das so leicht wäre ...
Ich hätte gerne das schöne, glückliche Kinderlachen zurück. Denn im Moment verspüre ich nichts anderes als das Gefühl endloser Trauer. Wenn dir kalt wird und du am ganzen Körper zitterst. Du starrst unendlich lange total uninteressante Gegenstände an, ohne zu wissen, warum. Du vergisst alles um dich herum. Alles, was du hörst, ist dein Herzschlag, der dir bis zu den Ohren schlägt. Im gesamten Körper spürst du ihn. Allerdings bist du eigentlich froh, deinen Herzschlag zu hören, denn dadurch weißt du, dass du noch am Leben bist und du nicht von der Trauer erstickt wurdest.
Sobald du anfängst, über den Grund nachzudenken, weshalb du traurig bist, werden deine Augen gläsern und alles verschwimmt. Die ganze Welt vor dir verschwimmt. Nichts ist mehr klar. Du weißt nicht, was richtig und was falsch, was Wahrheit und was Lüge ist. Du fühlst den grauenvollen Schmerz in deinem Herzen. Ich würde mal behaupten, dass dieser Schmerz schlimmer ist, als jeder gebrochene Knochen, auch wenn ich mir noch nie etwas gebrochen habe.
Und das Schlimmste von allem ist, du weißt nicht, wie lange der Schmerz noch andauert. Du weißt nicht, wann er vorbei ist. Oder ob er überhaupt irgendwann vorbei sein wird. Du weißt gar nichts mehr.
Nichts.
Ja, so geht es mir gerade. Langsam richte ich meinen Blick nach vorne und höre auf, den Boden anzustarren. Ich stehe vor dem Spiegel und schaue mich skeptisch an. Ich mustere mich von oben bis unten. Meine Füße sehen ungewöhnlich klein aus in meinen schwarzen Pumps. Okay, so ungewöhnlich ist das dann doch nicht. Ich habe die Schuhe eine Nummer kleiner gekauft, da ich sonst dauernd hin und her gerutscht wäre. Ich mag die Schuhe. Aber genauso wie alle anderen hohen Schuhe sind sie unfassbar unbequem. Eventuell könnte das auch daran liegen, dass meine Feinstrumpfhose heute gar nicht sitzt. Ich habe allerdings keine andere gefunden. Sie haben alle Laufmaschen oder Flecken.
Ich streiche meinen Rock glatt und ziehe meinen schwarzen, engen Pullover an allen Seiten noch einmal zurecht. Ich mache einen Schritt zurück und betrachte mich. Das ist also mein neuer Style. Bunte Klamotten werden in nächster Zeit erst einmal nicht mehr an mir gesehen werden. Diese fröhlichen Farben passen im Moment nicht zu meiner Stimmung. Ich weiß, dass die schwarzen Klamotten aussehen, als würde ich gleich zu einer Beerdigung gehen. Das ist nicht der Fall, doch trauern tue ich trotzdem irgendwie. Ich finde es einfach unpassend, jetzt fröhliche Klamotten anzuziehen. Meine Gesamterscheinung gefällt mir aber eigentlich ganz gut. Ich sehe irgendwie erwachsener aus. Meine braunen Locken fallen ausnahmsweise Mal gut. Sie reichen geradeso bis zur Schulter, was mir aber besser steht als meine langen Haare, wie ich finde. Vor einem halben Jahr habe ich sie abschneiden lassen, da mich meine langen Haare nur noch störten. Seitdem lasse ich sie mir immer wieder auf diese Länge abschneiden, wenn sie gewachsen sind.
Mein Blick fällt auf meine Kette. Es ist eine dünne, silberne, schlichte Kette mit einem Schlüssel als Anhänger. Der Schlüssel zu seinem Herzen. Ich spüre einen Stich, der sich durch mein Herz zieht. Ich kann genau beobachten, wie meine Augen binnen Sekunden gläsern werden. Ich beiße mir auf die Lippe. Nicht schon wieder! Ich schließe kurz die Augen und hole mir den Gedanken zurück, dass ich stark bleiben muss. Schwäche zeigen, ist keine Option. Ich atme tief durch, dann öffne ich sie wieder. Meine blaugrauen Augen schauen mich durch den Spiegel an. Sie wirken zwar traurig, was auch kein Wunder ist, aber ich bin nicht mehr kurz davor, wieder in Tränen auszubrechen. Ich berühre die Kette vorsichtig mit meinen Fingern. Sie ist so wunderschön. Ich bin ihm so dankbar dafür. Es ist mit Abstand das Schönste, was ich jemals von einem Jungen geschenkt bekommen habe.
Ich drehe mich um und schaue kurz durch mein Zimmer. Es sieht ein wenig so aus, als würde hier niemand wohnen. Alle Möbel sehen so unberührt aus, aber ich bin schon immer so ordentlich gewesen. Alles sieht so normal aus, als wäre nie etwas passiert. Ein Bett, auf dem ein aufgeschütteltes Kissen und eine zusammengelegte Decke liegen. Ein Schrank, in dem alle Sachen ordentlich zusammengefaltet sind. Ein Schreibtisch, auf dem ein Blatt Papier und ein Stift schon bereitliegen. Die restlichen Stifte stehen ordentlich in einem Stifte-Behälter. Am hinteren Tischrand liegen sieben Bücher übereinandergestapelt. Sieben verschiedene Bücher, sieben verschiedene Länder. Lange Zeit habe ich mich intensiv damit beschäftigt. Ein paar Regale, in denen alle anderen Bücher nebeneinanderstehen, sind im Zimmer verteilt. Und ein paar Bilderrahmen auf einer Kommode neben meinem Bett. Ich gehe auf sie zu und nehme einen in die Hand. Er und ich. In die Kamera lachend. Glücklich. Das Bild entstand in Venezuela. Wir sitzen in einem Boot und hinter uns ist der gigantische Wasserfall. Wie ich diese Momente mit ihm vermisse. Ich vermisse sie jetzt schon und weiß absolut nicht, wie ich ohne ihn klarkommen soll. Wir hingen sieben Monate Sekunde für Sekunde aufeinander. Jetzt auf einmal getrennt sein zu müssen, zerbricht mein Herz – und nicht nur mein Herz zerbricht, sondern auch mein gesamter Körper. Ich streichle mit meinem Daumen kurz über ihn, dann stelle ich das Bild zurück. Ich gehe noch einmal auf den Spiegel zu. Ich streiche mir die Haare aus dem Gesicht. Entschlossen schaue ich mein Spiegelbild an. Ich bin bereit. Ein Abschnitt in meinem Leben beginnt, den ich niemals leben wollte ... und auch niemals geplant hatte.
* * *
Mein Kopf lehnt an der Fensterscheibe des Autos. Die Landschaften, die Autos und all die Menschen da draußen ziehen nur so an mir vorbei. Alles sieht so verschwommen aus. Ich weiß genau, dass es das nicht ist, aber durch das schnelle Fahren wirkt es so. Ich habe das Gefühl, dass ich die Welt wie durch einen schwarz-weiß Filter sehe. Farben machen einige Dinge fröhlich. Doch gerade ist mir absolut nicht danach, fröhlich zu sein. Ich kann die Farben einfach nicht wahrnehmen. Die fröhlichen Farben. Die Welt wirkt trist und einfach. Und irgendwie traurig. Wir fahren durch die Stadt – und selbst das Lachen der Kinder, die auf den Straßen Fußball spielen, blende ich problemlos aus. Ich mache das wirklich nicht mit Absicht. Ich kann diesen schwarz-weiß Filter einfach nicht abstellen. Es geht nicht. Wir fahren gerade an eine Kreuzung heran, als meine Gedanken anfangen, abzudriften.
In welchen Situationen ist es okay, Schwäche zu zeigen?
Und was ist überhaupt Schwäche?
Im Duden stehen dazu verschiedene Definitionen. Nein, ich habe den Duden nicht auswendig gelernt. Ich weiß nur, dass es einige Definitionen von Schwäche gibt. Ich nehme stark an, dass diese auch im Duden zu finden sind.
Zum einen kann Schwäche eine fehlende körperliche Kraft sein. Eigentlich klar. Wenn der Körper nicht so funktioniert, wie man das möchte. Zum anderen wird das Wort Schwäche auch genutzt, wenn man etwas nicht kann und nicht beherrscht. Dann ist Schwäche wohl eher eine schlechte Eigenschaft des Menschen. Jedoch kann Schwäche auch bedeuten, dass man etwas oder jemanden sehr mag und somit eine große Neigung zu jemandem hat.
Tja, und was trifft bei mir zu? Irgendwie alles, aber irgendwie auch nichts. Ja, meinem Körper fehlt Kraft. Ich bin irgendwie geschwächt. Wahrscheinlich vor Trauer geschwächt. Oder vor Angst. Wenn man Angst hat, kann es auch sein, dass der Körper irgendwann den Geist aufgibt. Vielleicht nicht ganz, aber wenn man nicht mehr ganz klar denken kann, zittert und die Beine nachgeben, würde ich das schon als körperlich schwach bezeichnen. Auch die letzte Definition trifft bei mir irgendwie zu. Zumindest hat sie das einmal. Er war einmal meine Schwäche. Er war definitiv meine Schwäche.
Und jetzt? Jetzt bin ich schwach, weil er nicht mehr da ist.
Alle sagen, man soll stark sein und keine Schwäche zeigen. Aber wissen diese Personen eigentlich, wie verdammt schwer das sein kann? Wenn etwas passiert ist und du mit Trauer überschüttet bist? Ja, genau dann musst du stark sein, damit niemand merkt, wie schlecht es dir geht. Damit niemand nachfragt, was denn passiert ist. Denn jedes Mal, wenn jemand nachfragt, kommt alles wieder hoch und dir geht es direkt wieder schlecht. Aber ist das wirklich stark sein? Alles in sich hineinfressen und niemandem sein wahres Gesicht zeigen? Ist man dann stark? Vielleicht ist man ja gerade dann stark, wenn man es schafft, darüber zu reden, was einen bedrückt. Eigentlich ist man doch genau dann stark, wenn man damit umgehen kann. Wenn man zeigt, dass man nicht aufgibt und sich nicht davon unterbekommen lässt. Wenn man einen Grund hat, Schwäche zu zeigen und deprimiert im Zimmer zu sitzen, aber genau das eben nicht tut. Sondern aufsteht, den Blick nach vorne richtet und trotzdem weiter durch das Leben geht. Ja, genau das ist stark sein. Zumindest meiner Meinung nach. Und genau das versuche ich gerade, was mir aber leider sehr schwerfällt.
Die Sirene eines Krankenwagens reißt mich aus den Gedanken. Sie ist so laut! Viel zu laut! Ich halte das nicht aus! Schnell kneife ich meine Augen zusammen, doch durch die Dunkelheit sehe ich nur noch Bilder in meinem Kopf, die mich an letzte Nacht erinnern.
Ich renne immer schneller.
Meine Beine überschlagen sich fast.
Die Zeit scheint stillzustehen.
Ich breche zusammen.
Das rote Blut versinkt im weißen Schnee.
Die Sirenen werden immer lauter.
Ich muss mir die Ohren zuhalten, weil ich es nicht mehr aushalte.
Ich reiße meine Augen wieder auf.
„Wir sind da, Mäuschen“, sagt meine Mutter.
Ich hasse es, wenn sie mich Mäuschen nennt oder mir andere Kosenamen gibt, aber ich habe keine Lust – und vielleicht auch einfach keine Kraft –, etwas dazu zu sagen. Ich erinnere mich gut daran, wie sie mir, schon seit ich ein kleines Kind war, täglich neue Kosenamen gegeben hat. Ich hebe meinen Kopf von dem Autofenster und schaue zu ihr.
Sie versucht, ein Lächeln hervorzubringen, und legt ihre Hand auf meine Schulter. „Alles wird gut“, versichert sie mir. Sie macht die Autotür auf und steigt aus. Erst jetzt wird mir bewusst, dass wir wirklich da sind. Das Auto steht. Ich schaue nach vorne und das Erste, was mir auffällt, ist, dass das Gebäude aussieht wie ein großer, grauer Klotz. Kein wirklich netter Anblick. Aber zu meiner Stimmung passt es relativ gut. Ich sitze immer noch regungslos im Auto. Meine Mutter steht vor dem Auto und sieht zu dem grauen Klotz. Ihre Hände sind tief in den Jackentaschen versenkt. Es ist ein unbeschreiblich kalter Dezembertag.
Ich bin meiner Mutter wirklich dankbar, dass sie mir die Zeit gibt, die ich brauche. Ich habe unfassbar Angst, auszusteigen. Trotzdem schnalle ich mich ab und öffne langsam die Tür. Ich setzte vorsichtig meine Füße auf den Steinboden und atme noch einmal durch. Ich stehe auf und laufe zu meiner Mutter. Gemeinsam gehen wir Schritt für Schritt auf das Gebäude zu. Ich stehe in den Pumps sehr wackelig. Bei jedem Schritt hoffe ich, nicht umzuknicken. Das kann ich jetzt wirklich nicht gebrauchen. Mit jedem Schritt wird aber auch meine Angst größer. Und die Schmerzen in den Schuhen. Warum habe ich nur Schuhe mit Absatz angezogen? Wir betreten das Gebäude, aber vor meinen Augen verschwimmt schon wieder alles. Ich bekomme nicht mit, was meine Mutter zu der Frau sagt, die uns begrüßt. Ich stehe auch nicht neben meiner Mutter, sondern drei Schritte hinter ihr. Ich blicke die langen weißen Gänge entlang. Panik steigt in mir auf. Ich fühle mich wie benommen.
Wie er wohl aussieht? Was ist, wenn sein Anblick mich total erschlägt? Er war immer so fröhlich und lebensfreudig. Was passiert, wenn er jetzt einfach daliegt? Ohne etwas zu tun. Regungslos. Ich habe so Angst, ihn jetzt zu sehen. Meine Mutter kommt zu mir und sagt mir, dass wir mit dem Fahrstuhl zwei Etagen höher und dann den Gang rechts nehmen müssen. Seine Zimmernummer ist 237. Ich gebe mir Mühe, ihren Worten zu folgen. Als wir im Fahrstuhl stehen, wackeln meine Knie total. Ich versuche, gerade zu stehen, nicht zu schwanken. Das gelingt mir nur bedingt. Es stehen noch drei andere Personen im Aufzug. Eine Frau und ein Mann, die sich leise unterhalten. Ich kann nicht genau verstehen, worüber sie sprechen. Die Frau hat ihre Arme um einen kleinen Jungen geschlungen, der sich an ihr Bein klammert. Er schaut starr die Wand an. Ob sie auch trauern? Weshalb sind sie hier? Die Fragen erscheinen nur kurz in meinem Kopf. Meine Gedanken schweifen schnell wieder ab. Die Klingel des Aufzugs ertönt und holt mich wieder in die Gegenwart. Wir sind in Etage zwei angekommen.
Wir biegen nach rechts ab. Schon wieder ein langer, weißer Gang. Es stehen viele kleine Wagen hier herum und überall sieht man Menschen mit weißen Kitteln. Sie hetzen von links nach rechts und von rechts nach links. Sie kommen aus einem Raum und gehen sofort in den nächsten. Ab und zu holt eine Frau von dem Wagen, der vor der Tür steht, Medikamente und verschwindet anschließend sofort wieder im Raum. Nein, dieser Beruf wäre nichts für mich. Zu viel Stress. Zu viel Leid. Ich blicke nach oben. Die Lampen sind unglaublich hell. Typisch Krankenhaus.
Ich eile meiner Mutter nach, die schon ein paar Schritte voraus ist. Ganz am Ende des Gangs finden wir einen Raum mit einem Schild rechts neben der Tür, auf dem die Zahl 237 steht. Hier hetzen nicht mehr so viele Leute herum. Das gefällt mir schon besser. Meine Mutter öffnete die Tür und geht in das Zimmer. Es tut mir irgendwie leid, dass sie ihn in dem Zustand kennenlernen muss und nicht so, wie ich ihn kennenlernen durfte. Ich bleibe noch kurz vor dem Raum stehen. Gleich werde ich ihn sehen. Ich bin nur wenige Schritte von ihm entfernt. Doch er weiß nicht, dass ich hier bin. Er kann es nicht wissen, nicht sehen, nicht hören und auch nicht spüren. Er kann gar nichts mehr. Er kann nur daliegen.
Von wem ich die ganze Zeit rede? Von Kilian James Settler.
Der tollste Mensch, dem ich jemals begegnet bin.
Der Mensch, dem ich eigentlich nur durch Zufall begegnet bin.
Der Mensch, der in mein Leben kam und von sich aus beschlossen hat, dass er bleiben möchte.
Der Mensch, der es so gut wie immer geschafft hat, mich zum Lachen zu bringen.
Der Mensch, der mir die schönste Zeit meines Lebens geschenkt hat.
Der Mensch, den ich niemals vergessen werde.
Der Mensch, dem ich mein Herz geschenkt habe und es keine einzige Sekunde bereue.
Der Mensch, der mich verändert hat, vor allem aber mein Leben.
Ja, der Mensch, der eine Zeit lang jede Sekunde mit mir verbracht hat und auf einmal nicht mehr da ist.
Ich zögere zwar kurz, aber gehe dann doch langsam in das Zimmer hinein. Ich bleibe an der Tür stehen und schaue mich erst einmal um. Wie wahrscheinlich jeder Raum hier ist es ein komplett weiß gestrichenes Zimmer. Mir gegenüber ist eine große Fensterwand, sodass viel Licht in das Zimmer fällt. Links an der Wand stehen ein kleiner Tisch und zwei Stühle.
Langsam richte ich meinen Blick in die Mitte des Zimmers. Ein großes Bett steht vor mir. Hätte ich nicht gewusst, dass Kilian darin liegt, hätte ich ihn fast nicht erkannt. Unmengen an Schläuchen sind an ihm befestigt, die alle zu einem piependen Teil neben ihm führen. Ich zittere am ganzen Körper. Ich versuche, einen Schritt vorzugehen, um ihn genauer zu betrachten. Meine Knie fühlen sich an wie Wackelpudding. Ich habe Angst, dass sie gleich den Geist aufgeben und meine Beine mich nicht mehr halten können. Es ist ein Schock, ihn so zu sehen. So leblos. Jetzt stehe ich direkt neben ihm und kann seine Gesichtszüge sehen. Ich presse meine Hand vor meinen Mund und fange an, zu schluchzen. Tränen rollen über mein Gesicht. Das darf einfach nicht passiert sein. Wie konnte das nur passieren? Wieso er? Wieso er und nicht irgendjemand anderes? Hätte es nicht irgendjemand anderen treffen können? Meine Welt bricht zusammen. Zumindest habe ich das Gefühl, dass sie zusammenbricht. Ich schiebe meine Hände durch meine Haare. Wieso denn nur er?
Meine Mutter kommt auf mich zu und will mich umarmen, aber ich stoße sie weg.
„Wieso er? Wieso er und nicht irgendjemand anderes?“, schreie ich sie mit tränenerstickter Stimme an. Ich gehe ein paar Schritte zurück und stoße an eine Wand. Langsam lasse ich mich zu Boden gleiten. Ich halte meine Hände vor die Augen. Ich wusste von Anfang an, dass es schlimm werden würde, ihn zu sehen. Aber dass es so schlimm wird, hätte ich niemals gedacht.
Meine Mutter kommt langsam auf mich zu und streicht mir über den Kopf. „Du musst jetzt für ihn da sein. Er braucht dich“, sagt sie mit ruhiger Stimme. Dann geht sie aus dem Zimmer. Vielleicht holt sie sich einen Kaffee. Vielleicht versucht sie, auch einen Arzt zu finden, der ihr Kilians Lage erklären kann. Vielleicht braucht sie auch einfach nur frische Luft. Ich weiß es nicht.
Aber was ich weiß, ist, dass ich jetzt mit Kilian allein bin. Nach ein paar Minuten habe ich mich wieder beruhigt und stehe langsam auf. Ich halte mich dabei an der Wand fest, um nicht umzufallen. Ich streife meine Pumps von den Füßen und stelle sie zur Seite. Dann setze ich mich auf einen Stuhl neben Kilians Bett und beobachte ihn noch einmal genauer. Ich kann die Schläuche gar nicht alle zählen, die an ihm hängen. Er ist bis zur Brust zugedeckt, somit sehe ich auch nicht, wo die meisten Schläuche hinführen. Sein linker Arm liegt auf der Decke. An seiner Hand ist eine Braunüle mit einem weißen Pflaster befestigt. Zwei Schläuche führen in seine Nase und seinen Mund. Wofür der ganze Kram gut ist, ist mir nicht ganz klar, und ich weiß auch nicht, ob ich das wissen möchte. Er hat ein Pflaster über seinem rechten Auge. Wahrscheinlich hat er dort eine Platzwunde von dem Aufschlag auf der Straße. Seine Augen sind geschlossen und es sieht aus, als würde er schlafen.
Ob er wohl spürt, dass ich hier bin? Manche Menschen sagen, wenn man im Koma liegt, spürt man, wenn Menschen um einen herum sind, und hört alles, was sie sagen. Ich glaube, meine Mutter hat recht. Kilian braucht mich jetzt. Ich schaue in sein Gesicht. Er hat nicht nur eine Platzwunde über dem Auge, das ganze Auge ist irgendwie angeschwollen und auf seinen Lippen kann man noch etwas Blut sehen. Er ist eigentlich komplett zerstört, aber sieht trotzdem noch total umwerfend aus. Wie macht er das nur? Seine schwarzen Locken liegen auf dem weißen Kopfkissen. Wie gerne ich mich jetzt zu ihm legen und mich an ihn kuscheln würde.
Es ist keine vierundzwanzig Stunden her, dass es passiert ist. Meine Miene verdunkelt sich wieder. Das Ganze wäre niemals passiert, wenn wir beide nicht so stur gewesen wären. Wie konnten wir nur so dumm sein? Ich würde mir das niemals verzeihen, wenn er das jetzt nicht überleben wird. Nein. Stopp. Wie kann ich so etwas nur denken? Natürlich wird er das überleben. Ich brauche Kilian in meinem Leben. Ohne ihn gibt es mich nicht. Natürlich schafft er das. Er war schon immer stark und auch das wird er durchstehen.
Ich blicke zu seiner Hand. Irgendwie habe ich Angst davor, sie zu berühren. Warum, weiß ich nicht. Es ist so komisch, dass er sich nicht rührt. Ich zögere zwar kurz, nehme seine Hand dann doch. Schlaff liegt sie auf meiner Handfläche. Vorsichtig streiche ich über seine schokoladenfarbene Hand. Seine Hautfarbe hat mir schon immer gefallen. Sie passt zu ihm und so wie er ist, sieht er unfassbar gut aus. Es gibt Unmengen an Menschen, die ein Problem mit dunkelhäutigen Leuten haben. Warum, habe ich bis heute nicht verstanden. Ja, sie sind anders als wir hier in Deutschland. Und? Sie sind doch auch nur Menschen. Sie sehen vielleicht anders aus, aber haben doch genauso wie wir Kopf, Verstand, Seele und vor allem ein Herz. Es muss hart sein, wenn man dauernd beleidigt wird, nur, weil man eine andere Hautfarbe hat. Schließlich können diese Menschen relativ wenig dafür, wer ihre Eltern sind und wo sie geboren wurden. Über solche Themen könnte ich mich stundenlang aufregen, aber letztendlich bringt es ja doch nichts. Ich mag seine schokoladenfarbene Hautfarbe. Sie sieht aus wie Vollmilchschokolade.
Ich beschließe gerade, mir einen Kaffee zu holen, als jemand in Kilians Zimmer kommt. Es ist eine korpulente Frau, die eine genauso schöne vollmilchschokoladenfarbene Hautfarbe hat wie Kilian. Ihre schwarzen Haare sind zu winzig, kleinen Zöpfen geflochten, die alle zu einem Dutt zusammengebunden sind. Sie hält einen großen Blumenstrauß mit beiden Händen fest und bleibt an der Tür stehen. Sie schaut mich lange an. Langsam stehe ich auf. Sie hat die gleichen Augen wie Kilian. Oder besser gesagt ... Kilian hat die gleichen Augen wie sie. Es muss seine Mutter sein. Neyla Settler. Sie legt den Blumenstrauß auf den kleinen Tisch und kommt auf mich zu. „Oh, Alicia.“
Woher kennt sie meinen Namen?
Ihre Stimme klingt traurig, aber ich kann heraushören, dass es sie freut, mich zu sehen. Sie hat eine beruhigende, eher tiefe Stimme, die mir auf Anhieb gefällt. Obwohl wir uns noch nie zuvor gesehen haben, schließt sie mich sofort in ihre Arme. Ich kenne diese Frau eigentlich gar nicht, aber diese Umarmung tut unglaublich gut. Kilian meinte immer, dass sie ein Herzensmensch ist, den man einfach lieb haben muss. Jetzt weiß ich, was er damit gemeint hat. Sie muss ein unfassbar großes, gutes Herz haben.
Kilians Mutter setzt sich auf den Stuhl, auf dem ich vorher gesessen habe. Ich will gerade den Raum verlassen, aber Neyla bittet mich, noch kurz zu bleiben. Ich tue ihr den Gefallen, stelle mich an das Ende des Bettes und beobachte Kilian.
„Das Mädchen mit den braunen Locken und dem süßen Lächeln.“
Tränen stiegen in meine Augen, aber ich musste lächeln. Er hat ihr also tatsächlich von mir erzählt.
„Ich hatte nicht viel Zeit mit ihm, nachdem ihr wiedergekommen seid, aber das Erste, was er erzählt hat, war, dass er sich in ein Mädchen mit braunen Locken und einem süßen Lächeln verliebt hat“, sagt Neyla fortführend.
Jetzt laufen mir erst recht Tränen die Wange hinunter. Schnell wische ich sie mit meiner Hand weg. Wie ich diesen Jungen liebe. „Es tut mir unfassbar leid“, sage ich leise. Ich flüstere fast. Ich weiß nicht mal, was mir so leidtut. Wahrscheinlich einfach die Tatsache, dass sie ihren Sohn so sehen muss. Das hat keine Mutter verdient.
Doch sie schüttelt den Kopf. „Nein. Das muss dir nicht leidtun. Du kannst doch nichts dafür, Liebes. Er ist ein taffer Junge. Er schafft das.“
Nachdenklich nicke ich nur.
„Ich gehe mir jetzt einen Kaffee holen“, sage ich, streife meine Schuhe wieder an meine Füße und gehe auf die Tür zu. Neyla nickt nur und bringt ein knappes Lächeln hervor. Kurz hinter der Tür bleibe ich für einen Moment stehen. Ich höre, wie Neyla mit Kilian redet.
„Oh, Kili. Mein Junge. Womit hast du das nur verdient?“
Mit schnellen Schritten gehe ich weiter und lasse Neyla mit ihrem Sohn allein. Kilian hat oft von seiner Mutter erzählt. Sie kommt ursprünglich aus Eritrea, einem Land im Osten von Afrika. Als junge Frau ist sie nach Frankreich gezogen, wo Kilian geboren wurde. Als er noch klein war, sind sie nach Deutschland gekommen. Seinen Vater hat er nie erwähnt. Ich weiß bis heute nicht, was mit ihm ist. Ich habe zweimal nachgefragt, doch Kilian ist der Frage immer ausgewichen. Vielleicht will ich es auch gar nicht wissen. Ich bin mir sicher, dass Neyla schon einiges durchmachen musste. Ihr Leben war bestimmt nicht immer einfach. Sie ist nicht ohne Grund plötzlich nach Frankreich und dann weiter nach Deutschland gezogen. Kilian hat oft gesagt, wie sehr seine Mutter ihr Heimatland Eritrea liebt. Vielleicht wollte sie einfach nur weg von ihrem Mann. Schließlich gibt es nicht nur gute Menschen auf der Welt.
Neyla tut mir unfassbar leid. Ich glaube, das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann, ist, sein Kind zu verlieren. Das ist schlimmer als der eigene Tod und alle Schmerzen dieser Welt. Niemand sollte so etwas erleben müssen. Sie hat Kilian zwar nicht verloren, aber es muss schon schlimm genug sein, ihn so zu sehen. Auch sie hat keine Gewissheit, dass er das hier überleben wird. Wir hoffen es zwar alle, jedoch können wir es nicht wissen. Ich bewundere Neyla. Diese Frau hat nicht nur ein großes Herz, sie ist auch unfassbar stark. Sie wusste, dass in diesem Zimmer ihr eigener Sohn liegt und trotzdem hat sie sich erst mir zugewandt, bevor sie sich um ihr eigenes Kind gekümmert hat. Sie ist nicht in Tränen ausgebrochen und war auch nicht knapp am Verzweifeln, so wie ich es war. Das ist stark sein. Genau das.
* * *
Die nackten Äste der zwei großen Bäume wiegen sich im Wind. Man sieht deutlich, dass die Bäume schon sehr alt sind. Die Wurzeln gehen meterweit von den Stämmen der Bäume weg. Blätter sind absolut nicht mehr zu sehen. Der Wintereinbruch ist im vollen Gange. Ich mag den Winter nicht besonders. Viel zu große Pullis anziehen und heißer Kaffee ist das Einzige, was ich an dieser Jahreszeit leiden kann. Oft ist es zu kalt und dann der ganze Matsch draußen. Das braucht doch niemand. Wenn wenigstens ordentlich Schnee liegen würde, wäre meine Meinung wahrscheinlich wieder anders. Aber mit dem Auto durch den Matsch und über die glatten Straßen zu fahren, ist absolut nicht meins. Ich brauche dringend wieder Frühling. Die Zeit, in der sich die Temperaturen langsam in die Höhe verfrachten und die Sonne schön warm scheint. Wenn die Blätter wieder grün werden, die schönen Blumen wachsen und die Welt wieder bunt wird. Nicht so eintönig grau wie jetzt gerade. Wenn man früh aufwacht und das Zwitschern der Vögel hört. Genau diese Zeit brauche ich.
Ich stehe am Ende des Gangs, in dem Kilian liegt, vor einem riesigen Fenster und schaue nach draußen in die weite Welt. Sie wirkt so traurig. Leichter Nebel schleicht sich durch die Bäume, sodass es da draußen noch düsterer aussieht. Der Anblick der Landschaft erinnert mich an einen Drehplatz für einen Horrorfilm. Es würde mich nicht wundern, wenn als Nächstes auch noch Horrorfiguren hinter den Bäumen auftauchen. Man kann nicht genau erkennen, ob graue Wolken über den ganzen Himmel verteilt sind oder der Himmel an sich so grau ist. Ich habe einen heißen Kaffeebecher in beiden Händen, der meine Finger wärmt. Ein weiterer Nachteil am Winter: Mir ist durchgehend kalt. Auch wenn ich immer mit mindestens zwei Paar Socken durch die Gegend laufe, eine Mütze auf dem Kopf habe, wenn ich rausgehe, und sogar beim Autofahren Handschuhe anziehe, da das Lenkrad immer so kalt ist.
Ab und zu nippe ich am Kaffee, aber zum Trinken ist er dann doch noch ein wenig heiß. Ich sehe meine Mutter schon von Weitem ankommen, da sie sich in der Glasscheibe spiegelt. Als sie knapp hinter mir steht, drehe ich mich langsam zu ihr um.
„Alicia, ich muss dann langsam. Willst du dich noch von ihm verabschieden?“
Natürlich möchte ich das. Eigentlich möchte ich auch gar nicht gehen. Ich glaube, ich bleibe noch ein wenig bei ihm. Er muss spüren, dass ich bei ihm bin. Ich beschließe, dass ich ihn jeden Tag besuchen gehe. Egal, wie viel Stress ich bei meiner Arbeit habe. Und egal, wie lange er hier noch liegen wird. Er braucht mich und ich brauche ihn.
Zusammen mit meiner Mutter gehe ich zu Kilians Zimmer. Neyla ist schon weg, aber ihre Blumen stehen in einer Vase neben seinem Bett. Es ist irgendwie erschreckend, dass er immer noch genauso daliegt wie vor einer Stunde. Er hat sich nicht gerührt. Er ist nicht aufgewacht. Keine Veränderung.
An meine Mutter gewandt, erkläre ich ihr, dass ich noch ein bisschen bei ihm bleiben möchte, sie aber ruhig schon gehen könne.
„Bist du sicher, dass ich dich hier allein lassen kann?“ Sie hat diesen besorgten Gesichtsausdruck, den alle Mütter aufziehen können, wenn es um ihre Kinder geht.
„Ich komme schon klar. Ganz sicher, Mum“, versichere ich ihr.
Es ist süß, wenn sie sich Sorgen um mich macht, auch wenn es manchmal nervt. Sie akzeptiert meine Antwort, gibt mir einen Kuss auf die Wange und schreitet dann mit großen Schritten aus dem Zimmer. Wahrscheinlich muss sie noch etwas für die Arbeit erledigen oder einkaufen gehen. Jetzt bin ich wieder allein mit Kilian. Es ist so unfassbar still in diesem Zimmer. Nur das schreckliche Piepen der ganzen Maschinen ist zu hören. Jetzt, wo ich darauf achte, fällt mir auf, dass die Zimmertür offen ist und sich sämtliche Ärzte auf dem Gang unterhalten. Es ist nicht still. Nur in mir drinnen, tief in mir drinnen ist es still. Totenstill. Mein einsames Herz, das schlägt, ist das Einzige, was man eventuell hören könnte. Ich setze mich auf die Bettkante und nehme Kilians Hand. Ich kann ihn nicht ansehen, ohne Tränen in meinen Augen zu spüren. Wie hat er es nur geschafft, mir innerhalb so kurzer Zeit so verdammt wichtig zu werden?
Ich habe das Gefühl, dass ich ohne ihn nicht mehr leben kann, dabei habe ich ihn erst vor sieben Monaten kennengelernt. Davor waren wir uns komplett fremd, haben uns kein einziges Mal gesehen. Zumindest haben wir uns nicht bewusst wahrgenommen. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob wir uns vorher nicht doch irgendwann einmal über den Weg gelaufen sind.
Es klopft sachte an der Tür und ich schrecke aus meinen Gedanken hoch. Ein junger Arzt mit langem weißem Kittel und einer Brille auf der Nase steht an der Tür. Ich habe keine Ahnung, wie lange er dort schon steht und mich mit Kilian beobachtet. Vielleicht wollte er mich nur nicht stören. Ich sehe zu ihm hoch, sage aber nichts.
Er sieht nett aus und bringt ein zögerliches Lächeln hervor.
„Er packt das schon.“
*
Planänderung
April 1998
Übertrieben langsam schlurfe ich den Flur entlang und biege ins Badezimmer ab. Ich taste die Wand suchend nach einem Lichtschalter ab. Ich finde ihn, drücke darauf und bereue meine Handlung sofort. Ich schlage meine Hände vor die Augen. Verflucht, ist das hell! Ich glaube, meine Augen verbrennen gleich. Jeden Morgen das gleiche Drama. Ich dachte ja eigentlich immer, dass sich meine Augen irgendwann mal schneller an das Licht im Bad gewöhnen würden. War wohl nur ein Traum, der so schnell zerplatzte wie ein Luftballon. Ich kneife meine Augen ein paarmal zusammen und öffne sie wieder, um sie an das Licht zu gewöhnen. Wahrscheinlich sehe ich dabei aus, als hätte ich eine Störung. Was bin ich froh, dass ich hier in meiner kleinen Wohnung allein lebe und mich niemand sehen kann. Ich gehe vor zum Waschbecken und lasse Wasser über meine Hände laufen. Danach schaue ich hoch in den Spiegel. Und wer schaut zurück? Ein menschlicher Panda. Wow. Na super.
* * *
Kaffee am Morgen ist einfach Pflicht. Ich verstehe nicht, wie Leute in der Früh aus dem Haus gehen können, ohne Kaffee getrunken zu haben. Ich glaube, niemand will mich vor dem ersten Kaffee erleben. Okay, drücken wir es anders aus. Ich weiß, dass mich niemand vor dem ersten Kaffee erleben will. Ist wohl wirklich gut, dass ich hier allein lebe. Ich bin einfach kein Morgenmensch.
Ich sitze in meiner kleinen Küche. Wobei ich nicht einmal weiß, ob man den Raum Küche nennen kann. Hier steht nicht einmal ein Tisch. Ich besitze genau zwei Barhocker, die an der Arbeitsfläche der kleinen Küchenzeile stehen. Zusätzlich habe ich einen Kühlschrank, ein Waschbecken, Backofen und Mikrowelle. Das Wichtigste halt.
Betonen möchte ich, dass mein Wasserkocher und mein Toaster pink sind! Ich habe sie beim Einzug von meinem Bruder eigentlich nur als Scherz geschenkt bekommen, aber ich mag sie trotzdem. Mein Kühlschrank ist von oben bis unten mit Postkarten beklebt. Die meisten kommen von meinen Eltern. Seit ich vor zwei Jahren ausgezogen bin, haben sie, so oft es ging, Urlaub an den verschiedensten Orten gemacht. Sie sind zwar beide berufstätig, nutzen aber wahrscheinlich jeden Urlaub, den sie bekommen können.
Ich liebe meine Eltern über alles. Sie sind zwei wunderbare Personen. Meine Mama – Marilyn Louanne Aveline – hat vor ein paar Jahren die Leitung einer Veranstaltungsfirma übernommen und sie macht ihren Job unglaublich gut, denn die Firma läuft besser als je zuvor. Wie das möglich ist, obwohl sie so oft Urlaub hat, verstehe ich nicht so ganz. Wahrscheinlich hat sie ihre Leute einfach nur total im Griff. Meine Mama ist zudem eine unglaublich hübsche Person. Ich bin schon immer der festen Überzeugung gewesen, dass sie auch als Model total erfolgreich wäre, doch dafür ist sie viel zu vernünftig. Die elegant angezogene Geschäftsfrau passt dann doch eher zu ihr.
Mein Papa – Julien Aveline – arbeitet schon sein ganzes Leben lang in einem Kunstmuseum. Sein Herz hat schon immer für die Kunst geschlagen. Nebenbei malt er auch selber und ab und zu arbeitet er sogar an Skulpturen. Egal, was er auf die Beine stellt, mir gefällt es immer. Er verdient damit zwar auch Geld, allerdings ist er nicht so berühmt, dass er davon leben könnte. Deswegen arbeitet er in dem Kunstmuseum, wo er den ganzen Tag Leuten von verschiedenen Künstlern und Kunststilen erzählen kann. Es ist seine Leidenschaft, und ich liebe es, ihn bei der Arbeit zu beobachten, da er immer mit Herz dabei ist.
Auf den ersten Blick kann ich sofort Karten aus Neuseeland, Hawaii, New York, China und Madagaskar an meinem Kühlschrank erkennen. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, genießen die Eltern eben ihr Leben. Mein vier Jahre älterer Bruder Adrian ist schon drei Jahre vor mir ausgezogen. Er wohnt zwar noch in Frankfurt, allerdings am anderen Ende der Stadt. Was genau er beruflich macht, habe ich ihn oft gefragt, und trotzdem merke ich mir den genauen Begriff einfach nicht. Es ist irgendein Bürojob und immer mal wieder muss er für ein oder zwei Monate vereisen. Somit sehen wir uns leider nicht mehr so häufig. Trotzdem haben wir eine relativ gute Beziehung zueinander. Früher haben wir uns oft in den Haaren gelegen, aber seit wir erwachsen sind, wissen wir beide, dass wir uns eigentlich lieben.
Der letzte Farbtupfer in meiner relativ weißen Küchenzeile ist ein Bild mit einem Spruch über der Arbeitsfläche.
Der frühe Vogel kann mich mal.
Könnte mein Lebensmotto sein.
Ich habe meinen Kaffeebecher in der Hand und ein halbes Marmeladenbrötchen vor mir, das ich versuche, in mich hineinzuzwängen. Ich kann morgens einfach nichts essen. Ich schaue auf meine Uhr. In genau sieben Minuten und vierundzwanzig Sekunden muss ich los. Meine Tage sind immer so durchgetaktet. Ich habe einen festen Zeitplan, der auf jeden Fall eingehalten werden muss. Ich beiße noch einmal in das Brötchen. Den Rest stelle ich in den Kühlschrank. Den Kaffeebecher spüle ich schnell ab. Eine Spülmaschine hätte was, aber die konnte ich mir damals, als ich in diese Wohnung zog, nicht leisten und jetzt weiß ich nicht mehr, wohin ich diese stellen sollte. Zum Glück überlebt man auch, ohne eine Spülmaschine zu besitzen.
Ich gehe in den Flur, ziehe mir meine Turnschuhe an und betrachte mich kurz im Spiegel. Meine langen Haare sind zur Hälfte nach oben gesteckt. Ich trage eine blaue Jeans und ein orangenes T-Shirt, das schon wirklich lange in meinem Sachenfundus liegt. Wirklich ordentlich angezogen bin ich nicht, aber das macht nichts. Ich gehe gleich eh in den Kindergarten und muss auf dem Boden herumkriechen. Zurzeit mache ich eine Ausbildung zur Erzieherin. Zwei Tage die Woche habe ich Schule. Die anderen drei Tage muss ich arbeiten. Eigentlich mache ich diese Ausbildung nur, weil ich nach der Schule keine Ahnung hatte, was ich machen sollte und ich Kinder über alles liebe. Also mache ich erst einmal eine Ausbildung zur Erzieherin. Kann nicht schaden. In ein paar Tagen bin aber zum Glück fertig. Die drei Jahre waren allerdings gar nicht so schlecht. Die Arbeit hat sogar relativ viel Spaß gemacht. Ich reiße meine Jeansjacke vom Kleiderbügel, der an einem Kleiderständer hängt. Stange auf Rollen. Ist ganz praktisch. Auch wenn wir April haben, ist es am Morgen doch noch ein wenig kalt, um ohne Jacke aus dem Haus zu gehen. Neben dem Kleiderständer ist eine kleine Kommode, auf dem mein Schlüssel liegt. Ich nehme ihn und gehe Punkt 07:40 Uhr aus der Wohnung.
* * *
Noch zweimal rechts abbiegen, dann bin ich da. Von meiner Wohnung bis zum Krankenhaus ist es nicht weit. Vielleicht 1500 Meter. Die kurze Strecke fahre ich bestimmt nicht mit dem Auto. Sonst ist der Sprit ja noch schneller leer als ohnehin schon. Und Sprit ist teuer. Trotzdem ist die Strecke anstrengender als gedacht. Mittlerweile steht die Sonne hoch am Himmel und es ist nicht mehr so kühl wie heute Morgen. Ich fahre von der Straße auf den Bürgersteig, um zum Krankenhaus zu kommen.
Oh Shit.
Der Stein ist definitiv größer als die Pflastersteine der Straße.
Schlecht. Sehr schlecht.
Der Boden kommt verdammt schnell näher.
Ich glaube, mein Fahrrad dachte sich auch nur so: „Jooo, sie möchte bestimmt gerade mal mit dem Boden kuscheln.“
Und nun liege ich wie ein atmender Stein auf der Straße. Ähm. Aua. Ich setze mich auf. Meine Hose ist kaputt. Na toll. Und mein Knie und meine Hände sind leicht aufgeschürft. Der dumme Stein liegt auch mitten im Weg! So ein Mist! Ich rapple mich vom Boden auf und entferne den Schmutz grob von meinen Händen und dem Knie. Ich schiebe mein Fahrrad die restlichen fünf Meter zum Krankenhauseingang vor.
Ich betrete die Uniklinik Frankfurt und gehe meinen gewohnten Weg zum Aufzug und anschließend den Gang entlang. Diese weißen, langen Gänge sehen ja so langweilig aus. Hier würde ich auch krank werden! Ein bisschen Farbe würde den Wänden sicher nicht schaden. Ich gehe den Gang weiter und komme vor dem Zimmer 177 zum Stehen. Ich klopfe kurz an, bevor ich die Tür aufreiße und ins Zimmer spaziere. Philias sitzt in seinem Bett und grinst mich an, als er mich sieht. Ich umarme ihn stürmisch.
„Du kannst ja so froh sein, dass du im Moment hier liegen musst. Es war heute wieder so ätzend auf Arbeit. Da denkst du, Frau Krüger lässt dich einfach mal in Ruhe, wenn du ihr schon aus dem Weg geht. Aber nein! Träum weiter! Sie verfolgt die Auszubildenden und kritisiert sie bei allem, was sie machen. Ich glaube, sie mag junge Menschen einfach nicht. Die kleinen Kiddies mögen uns ja schon irgendwie mehr. Ich meine, sie ist ja auch schon steinalt. Zumindest sieht sie so aus“, erzähle ich ihm aufgebracht, als ich unterbrochen werde.
„Du hast da ein Loch in der Hose, falls es dir nicht aufgefallen sein sollte.“
Der Kommentar kommt nicht von Philias. Ich schaue mich um. Seit wann ist Philias in einem Doppelzimmer? Da steht noch ein Bett, in dem ein dunkelhäutiger Junge mit schwarzen Locken sitzt. Erst jetzt bemerke ich, dass er mich wahrscheinlich schon die ganze Zeit angeschaut hat. Ich habe ihn überhaupt nicht bemerkt. Jetzt grinst er mich an. Er ist etwa so alt wie ich. Ein bisschen älter vielleicht. Irgendwie hat er mich komplett aus dem Konzept gebracht.
„Ach wirklich?“, frage ich nur keck zurück und ziehe die Augenbrauen nach oben, „Ist mir noch gar nicht aufgefallen!“ Ich wende mich wieder Philias zu. „Ich gehe mir kurz einen Kaffee holen. Bis gleich.“
„Also süchtig nach Kaffee bist du auch gar nicht, oder?“ Er lacht und ich verschwinde aus dem Zimmer. Hinter der Tür bleibe ich aber kurz stehen. Die beiden Jungen unterhalten sich.
„Deine?“, fragt der Junge, den ich nicht kenne.
Philias lacht: „Nein, sie ist meine beste Freundin.“
„Sie ist zu haben?“, fragt der Junge hörbar erstaunt.
„Verkacke es nicht Kumpel. Sie lässt sich schwer für Jungs begeistern. Musst ihr schon was bieten.“
„Heiße Braut ist sie schon“, murmelt er.
Ich höre nichts mehr, doch ich sehe genau das Grinsen des Jungen vor mir. Ich verdrehe die Augen. Genau so stelle ich mir Jungsgespräche vor. Als ich Schritte im Zimmer wahrnehme, verschwinde ich schnell von der Tür.
Ich habe Philias während der Erzieherausbildung kennengelernt. Wir arbeiten nun im gleichen Kindergarten. Es ist vielleicht untypisch für einen Jungen, eine Ausbildung zum Erzieher zu machen, aber ich kenne keinen, zu dem der Beruf besser passen würde als zu Philias. Er kann so verdammt gut mit Kindern umgehen. Die Kleinen lieben ihn alle. Seine unschuldige, höfliche und lockere Art muss man einfach mögen. Er ist fast immer fröhlich und sieht dazu auch noch gut aus. Wobei ich aber nicht glaube, dass die Kinder auf sein Aussehen achten. Seine dunklen Haare sind meist noch oben gestylt, aber hier im Krankenhaus macht er sich nicht die Mühe. Jetzt stehen sie in alle Richtungen ab. Trotzdem sieht er total süß aus. Wir sind irgendwie unzertrennlich geworden. Nur leider liegt er im Moment im Krankenhaus, weil er sich sein Bein gebrochen hat und dieses operiert werden muss.
Ich habe die Cafeteria des Krankenhauses gefunden und will mir gerade einen Kaffee holen, als ich den dunkelhäutigen Jungen aus Philias’ Zimmer erkenne. Er betritt gerade die Cafeteria, hat mich allerdings noch nicht gefunden. Seine Augen schweifen über die Menschen hier. Ich wende den Blick schnell von ihm ab. Wieso stehen auch so viele Leute vor mir in der Schlange. Ich will mir doch nur schnell einen Kaffee holen. Ich habe eigentlich nicht vor, jetzt einen Small Talk mit dem Typen zu führen.
„Hey!“
Ich drehe mich schlagartig herum. Na super. Er hat mich gefunden. Okay. Krass. Sein Lächeln ist umwerfend. Wieso sehen seine Zähne so strahlend weiß aus? Hör auf, ihn anzustarren, Alicia! Was ist nur los mit mir? Zugegeben, er sieht schon gut aus. Aber nein! Nicht schwach werden.
Ich setze ein gespieltes Lächeln auf und grüße ihn zurück. Dann wende ich mich von ihm ab, doch er gibt nicht auf und versucht, sich einzuschleimen. „Kann ich dir deinen Kaffee bezahlen?“
Irritiert schaue ich ihn an. Macho, alter. Ich mag ihn doch nicht mehr.
„Danke, aber das bisschen Kleingeld habe ich gerade noch so“, sage ich trotzig. Ich drehe mich von ihm weg, da ich dran bin und bestelle meinen Kaffee. Als ich den Becher endlich in den Händen habe, gehe ich an ihm vorbei und eile an den Leuten vorbei. Als ich beim Aufzug angekommen bin, hat er mich eingeholt. Jetzt stehen wir beide schweigend im Aufzug nebeneinander. Er schaut mich an.
„Okay, tut mir leid. War dumm von mir. Ich wollte nur lustig sein. Bin durch die langweilige Krankenhausatmosphäre irgendwie nicht mehr ganz so drauf wie früher einmal. Können wir noch einmal von vorne anfangen? Kilian James Settler. Freut mich.“ Er streckt mir seine Hand entgegen und lächelt leicht.
Ich starre ihn an. Kilian James Settler. Sein Name gefällt mir. Ich zögere erst. Ich muss ihn kurz zappeln lassen. Er kann ja nicht gleich das bekommen, was er will. Dann lächele ich zurück und gebe ihm meine Hand. „Alicia. Alicia Liane Aveline. Ob es mich freut, überlege ich mir noch.“
Jetzt grinst er wieder frech. Wir gehen zurück in das Zimmer 177 und Kilian setzt sich auf sein Bett. Als ich meine Augen vor Philias gespielt verdrehe, ohne dass es Kilian sieht, fängt er laut an zu lachen.
„Jetzt sag mir nicht, du hast es jetzt schon verkackt, Bruder. Respekt.“
Ich bleibe erst zwischen den beiden Betten stehen, doch Philias deutet mir an, sich neben ihn zu setzen. „Du, ich muss dir noch etwas sagen“, beginnt er zögerlich. Fragend schaue ich ihn an. Was kommt denn jetzt bitte? Ist was passiert? Geht es ihm gut?
„Du weißt, dass ich noch operiert werden muss, oder?“
Mein Kopf bewegt sich automatisch von oben nach unten.
„Du weißt auch, dass der erste Flug in ein paar Tagen geht, oder? Es tut mir so leid, Alicia. Aber ich werde nicht mit dir fliegen können. Bis dahin bin ich nicht fit und so kurz nach der OP darf ich auch nicht fliegen.“
„WAS? Nein, das geht nicht. Du musst mitkommen. Weißt du eigentlich, wie lange ich diese Reise schon plane? Oh Phili!“
Das sind die Momente, die ich hasse. Wenn meine Pläne zerstört werden. Ich plane alles bis ins kleinste Detail und dann ... dann funktioniert auf einmal nichts mehr so, wie ich es will. Was mache ich denn nun? Philias sitzt betrübt neben mir. Ich weiß genau, dass er sich auch auf diese Reise gefreut hatte. Vielleicht nicht ganz so sehr wie ich. Es ist immerhin mein Traum gewesen, diese Reise zu machen und nicht seiner. Aber er hat nur fünf Sekunden darüber nachgedacht, ob er mitkommen soll, dann hat er eingewilligt.
„Wen soll ich denn jetzt mitnehmen?“
Die Frage werfe ich eigentlich nur so in den Raum. Ich erwarte keine Antwort, doch Philias blickt erst zu Kilian, dann zu mir und wieder zu Kilian.
„Oh nein. Bestimmt nicht“, erwidere ich sofort.
„Was? Ich soll mit ihr reisen?“, fragt auch Kilian verwirrt.
Philias schaut uns an.
„Wieso denn nicht? Die Flüge sind gebucht. Kilian wird morgen entlassen und darf fliegen. Ich bin frühestens in zwei Wochen hier raus und darf dann im schlimmsten Fall immer noch nicht fliegen. Ist ja voll die Verschwendung, wenn du jetzt allein fliegst. Alicia, ich weiß genau, dass du eine Begleitung brauchst. Und ich glaube, ihr würdet euch ganz gut verstehen“ Philias grinst. „So schlimm ist er nicht. Er kann auch ganz nett sein.“
„Ach danke“, antwortet Kilian beleidigt.
„Ich soll also mit Kilian fliegen anstatt mit dir?“, fasse ich zusammen. Ich weiß noch nicht genau, was ich von Philias’ Idee halten soll.
„Ja genau. Was spricht denn dagegen?“, fragt Philias sehr überzeugt von sich.
Ich will eigentlich etwas erwidern, aber mir fällt keine Antwort ein.
*
Wo bist du nur?
Dezember 1998
Ruhe. Es ist so verdammt still hier. Und diese Stille kann ich nicht ertragen. Ich sitze in meinem Zimmer. In einer Ecke. Auf dem Boden. Das Licht ist aus. Der Raum wird nur von den paar wenigen Sonnenstrahlen erhellt, die durch das Fenster scheinen, doch der Dezember ist mehr grau also sonnig. Meine Knie sind bis zur Brust angezogen. Ich starre die weiße Wand gegenüber von mir an. Nach fünf Minuten starre ich sie immer noch an und auch nach zehn Minuten noch. Es ist eine scheiß weiße Wand. Und ich schaffe es nicht, meinen Blick von ihr zu lösen. Warum?
Nach einiger Zeit weiß ich nicht mehr, wie lange ich hier schon sitze. Wie lange ich hier schon allein sitze. Ich kann ihn noch immer neben mir spüren. Wie er meine Hand gehalten hat. Wie er mich umarmt und nicht mehr losgelassen hat. Wo bist du nur, Kilian? Wo ist dein Geist? Wie fühlst du dich? Fühlst du überhaupt etwas? Spürt man etwas, wenn man im Koma liegt? Vielleicht ist es auch nur, als würde man schlafen. Man wacht auf und weiß absolut nichts mehr. Weder wo man ist, noch wie lange man geistig nicht anwesend war. Aber er spürt doch, wenn ich bei ihm bin, oder? Was träumst du gerade? Was siehst du? Denkst du an mich? Wenn ich nur mit ihm sprechen könnte. Kann er nicht einfach wieder aufwachen? Wieder zu sich kommen? Wieder lebendig sein? Ich brauche ihn in meinem Leben. Ich bin aufgeschmissen ohne ihn. Wie kann es sein, dass man innerhalb so kurzer Zeit so abhängig von einer Person werden kann? Ich werde ihn niemals loslassen können. Er wird für immer ein Teil von mir sein. Und einen Teil in meinem Herzen einnehmen. Ich glaube, ich werde nie wieder jemand anderen lieben können. Will ich auch gar nicht. Mein Herz gehört Kilian. Für immer! Nur ihm. Er wird wieder aufwachen. Aber was ist, wenn er das nicht tut? Natürlich habe ich noch Hoffnung. Er liegt erst vierzehn Tage im Koma. Es gibt Menschen, die wachen nach einem Jahr noch auf. Aber selbst ein Jahr ist viel zu lang. Ein Jahr ohne ihn. Im Moment unvorstellbar. Es gibt Leute, die gehen ins Ausland und sehen ihre Liebe auch für ein Jahr nicht. Aber die haben die Gewissheit, dass der andere wiederkommt. Und diese Gewissheit habe ich nicht. Normalerweise weiß ich vieles. Und wenn ich etwas nicht weiß, kann ich Leute fragen oder in Büchern nachlesen. Aber ob und wann Kilian aufwachen wird ... Das kann ich nicht wissen. Und das Schlimme ist, niemand weiß das.
In den letzten zwei Wochen hatte ich viel zu viel Zeit, über Dinge nachzudenken. Wenn man allein in seiner Wohnung sitzt und nichts machen will, hat man keine andere Wahl, als über viel zu viel nachzudenken. Ich hätte mich ablenken und etwas mit Leuten machen können, aber dann kommt die ganze Trauer nur wieder hoch, weil jeder fragt, wie es einem geht und wie alles passiert ist. Und darauf hatte ich keine Lust. Und das habe ich noch immer nicht. Ich fühle mich nicht bereit. Ich muss erst einmal für mich allein sein. Solange, bis ich wieder klar denken kann. Ich habe mich praktisch von allem und von allen abgeschottet.
Viel zu oft stelle ich mir die Frage „Was wäre, wenn ...“ Diese Frage ist so gefährlich. Man stellt viel zu viele Theorien auf, erfindet Sachen, die niemals passiert sind, und stellt alles irgendwann so dar, als wäre man selbst schuld.
Was wäre, wenn ich anders gehandelt hätte?
Was wäre, wenn ich an jenem Abend nicht aus dem Raum gerannt wäre?
Was wäre, wenn wir einfach wie geplant zu seiner Mama gegangen wären?
Was wäre, wenn wir zwei Tage früher zurückgekommen wären?
Was wäre, wenn wir diese Reise nie gemacht hätten?
Was wäre, wenn ...
Ja, was wäre, wenn wir uns nie kennengelernt hätten?
Wahrscheinlich hätte ich nicht die schönste Zeit meines Lebens gehabt, aber ich wäre jetzt nicht so unglücklich. Diese endlose Leere wäre nicht in mir. Ich würde nicht stundenlang grundlos die Wand anstarren. Und ich hätte nicht so viele Tränen verloren. Allerdings hätte ich auch nicht die Liebe meines Lebens getroffen. Auch wenn es vielleicht auf Dauer besser wäre, ich würde nichts rückgängig machen wollen, wenn ich könnte. Dieses Gedankenchaos hört einfach nicht auf. Egal wie viel Mühe ich mir gebe, nicht mehr so häufig darüber nachzudenken, genau dann funktioniert es am wenigsten. Egal, was ich mache, ich muss daran denken, wie wir es gemeinsam irgendwann machten. Wenn ich Musik höre, sagt der Interpret immer irgendetwas, was mich an ihn denken lässt. Selbst wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich ihn hinter mir stehen. Wie er mich einst umarmte. Wie er mich einst verdammt glücklich machte. Ganz egal, was ich mache, Kilian ist einfach überall.
* * *
Ich habe mich doch tatsächlich aus meiner Ecke hervorbewegt. Ich sitze am Fenster und schaue nach draußen. Es ist zwar erst 17 Uhr, aber es dämmert trotzdem schon. So wie das im Dezember eben üblich ist. Es liegt kein Schnee. Es ist einfach nur kalt und grau draußen. Kein schönes Wetter. Aber in den letzten zwei Wochen war ich eh nur dann draußen, wenn ich wirklich dringend etwas brauchte.
Die Straße vor dem Haus ist wenig befahren. Ich beobachte die Ampel, wie sie von Rot auf Gelb und anschließend auf Grün umspringt und wie ab und zu ein paar Autos an die Kreuzung heranfahren. Wo die Autos wohl gerade hinfahren? Was für Personen sitzen in den Autos? Vielleicht fahren sie gerade von der Arbeit nach Hause, begrüßen gleich ihre Kinder und den Lebenspartner, trinken noch ein Glas Wein beim Abendessen und setzen sich dann gemütlich auf die Couch, um Fernsehen zu schauen. Ich beobachte auch die Personen, die auf den Bürgersteigen entlanglaufen. Eine kleine Gruppe Jugendlicher läuft an der rechten Straßenseite entlang. Vielleicht genießen sie jetzt ihr Leben, machen sich einen schönen Abend und gehen von einem Klub in den nächsten. Vielleicht gehen sie auch ins Kino oder einfach nach Hause, weil sie schon den ganzen Tag miteinander verbracht haben. Auf der anderen Straßenseite geht ein Paar spazieren. Sie haben die Arme umeinandergeschlungen. Beide sehen noch relativ jung aus. Ob ich mit Kilian auch so glücklich aussah? Das Mädchen balanciert auf dem Bürgersteig und verliert relativ bald das Gleichgewicht. Der Junge schnappt sich schnell ihre Hand und fängt sie auf. Beide lachen und laufen weiter. Sie sehen so verdammt glücklich aus.
Die Welt sieht so schön und friedlich aus, wenn man nur einen kleinen Teil der Welt sieht. Eigentlich ist die Welt schon komisch. Allein wenn man darüber nachdenkt, was alles der Wahrheit entspricht und was eine Lüge ist. Die Welt wird oft besser dargestellt, als sie ist. Und die Menschen haben dementsprechend keine Ahnung, was wirklich passiert. Was eine Lüge ist und was der Wahrheit entspricht. Ein Beispiel ist Urlaub machen. Die Menschen fahren doch oft in den Urlaub, um einen anderen Teil der Welt zu sehen. Doch wohin fahren sie? In irgendwelche Hotels, in denen das Leben perfekt dargestellt wird. Man macht ein paar Ausflüge zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten und meint anschließend, das Land zu kennen. Aber das Land ist doch nicht so, wie es in den Hotels dargestellt wird. Dort wird es dargestellt wie ein Paradies. Ist auch logisch, sonst würden die Menschen ja dort nicht einchecken. Meistens ist ein paar Kilometer von dem Ferienparadies entfernt alles ganz anders. Vielleicht ist Armut zu sehen. Oder sogar Kämpfe und Kriege. Das wahre Leben eben. Die Wahrheit. Der Alltag. Die Welt wird verschönt, weil die Menschen irgendwie Geld verdienen müssen. Wenn alle der Wahrheit ins Gesicht schauen würden, würde niemand mehr dort Urlaub machen. Man fährt schließlich nicht in den Urlaub, um Armut zu sehen. Sondern um zu entspannen und um sich eine Auszeit zu gönnen. Doch das Land kennt man danach ganz sicher nicht. Man kennt einen Teil der verschönten Welt. Man kennt praktisch die Lüge des Landes, die schöne Seite des Landes. Aber das wirkliche Leben des Landes, dementsprechend die Wahrheit des Landes, kennt man nicht. Ganz sicher nicht.
Ich bin der Meinung, unter den Menschen ist es oft nicht anders. Nicht alle Menschen sind so, allerdings gibt es Menschen, die nur Lügen verbreiten, um selbst besser dazustehen. Wenn man das wahre Gesicht dieser Personen irgendwann erkennt, erschrickt man. Auch kommt es leider vor, dass Menschen über andere Menschen Lügen verbreiten, da sie nur Stichwörter aufgenommen haben, etwas falsch verstehen und Gerüchte verbreiten oder gewisse Personen einfach nicht leiden können und es denen heimzahlen wollen. Man kann in der heutigen Welt nie wissen, ob man das wahre Gesicht einer Person kennt. Man kennt nur das, was über die Person erzählt wird, und das, was die Person über sich preisgibt. In beiden Fällen kennt man die Person im Nachhinein nicht. Wenn man das kennt, was andere erzählen, kennt man die Gerüchte, die definitiv nicht immer stimmen müssen. Man kennt das Bild, wie andere die Person sehen, aber bei Weitem kennt man nicht die Person selbst. Und auch, wenn man das kennt, was die Personen über sich sagen, muss es nicht stimmen. Sie können sich in ein besseres Licht stellen. Und selbst wenn es stimmt, muss es nicht heißen, dass man das Leben einer Person dann kennt. Man kennt immer nur das, was die Person über sich erzählt. Nie das komplette Leben einer Person. Es gibt immer etwas, was sie einem verschweigt. In der heutigen Welt weiß man nie, ob es das wahre Gesicht einer Person ist, in das man schaut, und ob es die Wahrheit von der Welt ist, die dargestellt wird. Ob alles nur eine Lüge oder ob es die Wahrheit ist.
Ich schrecke nach oben und raus aus meiner Gedankenwelt. Das Telefon klingelt. Vielleicht ist es ein Anruf aus dem Krankenhaus oder von meiner Mama. Vielleicht ist Kilian aufgewacht oder es gibt eine Besserung seines Zustands. Oh Kilian. Ich wäre so glücklich, wenn alles gut werden würde. Ich springe auf und renne hektisch in das Wohnzimmer.
Ein verpasster Anruf von Philias, steht auf dem kleinen Display. Es war nur Philias. Auch wenn er mein bester Freund ist, möchte ich gerade nicht mit ihm sprechen. Ich möchte mit niemandem sprechen. Ich lasse den Kopf hängen. Schon wieder habe ich mir Hoffnungen gemacht, dass Kilian aufgewacht ist. Ich mache mir bei jedem Klingeln Hoffnungen. Egal ob Telefon oder Türklingel. Und dann steht nur der Postbote davor und ich könnte auf der Stelle losheulen, weil ich mir solche Hoffnungen gemacht habe. Hoffnungen auf gute Nachrichten. Man sollte sich niemals Hoffnungen machen. Egal wegen was. Wenn es nicht so kommt, wie man will, ist man nur enttäuscht. Diese Ungewissheit, nicht zu wissen, woran ich bin, macht mich komplett fertig.
* * *
Ich habe beschlossen, mich in mein Bett zu pflanzen und einen Kaffee zu trinken. Mittlerweile ist es fast 23 Uhr. Um diese Uhrzeit trinke ich eigentlich keinen Kaffee mehr, aber heute ist irgendwie alles anders. Ich denke wieder zu viel nach, doch ich bin nicht so niedergeschlagen wie in den letzten Stunden. Viele behaupten immer, das Leben sei nicht fair. Könnte man ja auch behaupten. Gerade ich könnte das behaupten. Ich meine, wo ist es bitte fair, dass die Liebe meines Lebens im Koma liegt und mich allein gelassen hat? Das ist nicht fair. Ganz bestimmt nicht.
Aber je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger Sinn macht es. Man könnte nämlich wiederum auch behaupten, dass das Leben doch fair ist, weil es zu allen Menschen unfair ist. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob meine Theorie logisch ist. Ich glaube allerdings nicht, dass es Sinn ergibt. Es gibt Menschen, die müssen in ihrem Leben viel Schlimmeres durchmachen als andere. Das Leben ist also zu manchen Menschen fairer als zu anderen. Somit ist das Leben doch unfair. Das Leben ist unfair, weil es zu manchen Menschen unfairer ist als zu anderen. Komplizierte Sache mit dem Leben. Doch was nicht kompliziert ist, ist, dass wir Menschen brauchen. Wir brauchen die Menschen, die wir lieb haben, einfach. Ganz besonders in den Momenten, in denen es uns schlecht geht. Manchmal schaffen wir es nicht allein, aus dem großen schwarze Loch heraus. Wir brauchen einen Menschen, der sich zu uns setzt und uns sagt, dass es wirklich nicht schön dort ist. Jemanden, der uns die Hand reicht und uns aus diesem düsteren Loch zieht, weil wir es ohne Hilfe einfach nicht schaffen. Jemanden, der uns auf andere Gedanken bringt, uns ablenkt und für uns da ist. Jemanden, der uns liebt, ganz egal, in welcher Situation man sich befindet.
Es ist nicht kompliziert. Es ist eine Tatsache, dass wir die Menschen brauchen, die wir lieben. Manchmal braucht es nur ein wenig, bis wir das verstehen. Genauso ist es bei mir. Ich wollte für mich allein sein. Mit meiner Trauer allein sein. Doch manchmal ist das gar nicht so gut. Manchmal müssen wir einfach über unsere Probleme und Gedanken reden. Auch wenn wir dann noch einmal weinen müssen, weil alles wieder hochkommt, danach geht es einem besser. Manchmal muss man einfach alles rauslassen und es nicht in sich hineinfressen. Das macht einen nur kaputt.
Ich weiß, dass das Leben nicht fair ist. Gerade jetzt ist es absolut nicht fair zu mir. Doch ich kann diese Situation nicht ändern. Dazu bin ich nicht fähig. Ich sollte mich nicht von allem abschotten. Ich brauche die Menschen, die ich liebe. Mein Gott, wie konnte ich nur so blöd sein? Ich brauche Philias in meinem Leben. Dringend. Ich brauche doch meinen besten Freund. Er ist bestimmt ganz krank vor Sorge, weil ich mich seit Ewigkeiten nicht gemeldet habe. Nur, weil ich so stur war und lieber in meiner Trauer ersticken wollte. So ein Schwachsinn.
Langsam stehe ich auf. Ich gehe in den Flur, nehme das Telefon in die Hand und setze mich an das Fenster. Es ist stockdunkel geworden. Der Mond steht weit oben am Himmel und wirft Licht in mein Zimmer. Die Welt sieht mal wieder so friedlich und unschuldig aus. Auf den Straßen ist nichts los. Ich wähle eine Nummer und warte. „Komm schon. Geh ran. Ich weiß, dass du noch wach bist.“ Tatsächlich nimmt er kurze Zeit später ab.
„Philias? Es tut mir so leid, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe. Ich brauche dich doch.“
*

*
Seljalandsfoss
Mai 1998
Immer diese Menschen, die zu spät kommen müssen. Wo bleibt er nur? Oh Gott. Weiß er überhaupt, wann er am Flughafen sein muss? Ich dachte, Philias hätte es ihm gesagt! Seine Verspätung ist definitiv nicht in meine Zeitplanung mit eingerechnet! Also wenn er hier nicht bald auftaucht, dann gehe ich ohne ihn.
Nein! Stopp! Ich kann nicht allein in ein Flugzeug steigen. Ich brauche jemanden an meiner Seite. Ich bin noch nie in meinem Leben geflogen. Das machen meine Nerven nicht mit, wenn er mich jetzt allein lässt. Wieso taucht dieser Kerl denn nicht auf? Mein Gott, bin ich eigentlich dumm? Wieso habe ich mich überhaupt darauf eingelassen? Wieso fliege ich mit jemanden, den ich eigentlich gar nicht kenne, einfach so ans andere Ende der Welt? Aber Philias hätte mich niemals mit jemandem weggelassen, wenn er nicht genau wüsste, wie er tickt. Philias ist wie ein großer Bruder für mich, wie ein Beschützer.
Wo zum Teufel steckt Kilian? Ich laufe langsam zum Check-in-Schalter vor, bleibe aber nach zwei Schritten stehen. Ich kann das nicht ohne ihn. Wo bleibt er nur? Ich kaue auf meiner Lippe herum und stelle meinen Koffer neben mir ab. Ich spüre eine Hand an meiner Taille und zucke zusammen. Aua! Jetzt habe ich mir auf die Lippe gebissen! So ein Mist! Kurz bevor ich um mich geschlagen hätte, erkenne ich Kilian. Ich atme erleichtert aus. „Du bist zu spät!“, zische ich und schlendere mit meinem Koffer an ihm vorbei, vor zum Check-in-Schalter. Er macht zwei große Schritte und hat mich wieder eingeholt.
„Ich bin nicht zu spät! Voll pünktlich. Nur zwanzig Minuten zu spät. Aber die Zeit reicht doch noch vollkommen aus.“ Er zieht die Augenbrauen hoch und grinst mich an. Mein finsterer Blick lässt sein Grinsen leider nicht auslöschen. Wenn das jetzt sieben Monate so geht, raste ich aus. Es ist schließlich nicht nur ein Urlaub, sondern fast eine Weltreise.
* * *
„Darf ich dich mal was fragen?“
Wir sitzen nebeneinander im Flugzeug und sind gerade gestartet. Ich habe immer noch ein mulmiges Gefühl. Der Druck in meinen Ohren lässt langsam nach. Es ist schon faszinierend, dass so eine schwere Maschine abheben kann. Die Welt sieht von oben so unfassbar klein aus. Alles schaut aus wie Spielzeug. Wie eine Landschaft in einem Modelleisenbahnmuseum. Ich habe darauf bestanden, dass ich am Fenster sitzen darf. Kilian hat mich schon total komisch angeschaut, als ich ihm erzählt habe, dass ich noch nie geflogen bin. Ich wende meinen Blick nur langsam vom Fenster ab und schaue ihn fragend an.
„So eine Reise ist ganz sicher nicht billig. Ich meine, es sind sieben Monate. Wo hast du das ganze Geld her, wenn du auch noch die Tickets für Philias mit bezahlt hast?“
„Meine Oma hatte viel Geld, als sie starb. Sie hat es mir und meinem Bruder vermacht, als sie leider von uns gegangen ist. Sie hat sich immer gewünscht, dass ich ihre Lieblingsorte auf der Welt auch einmal sehe. Sie ist viel gereist in ihrem Leben. Ich glaube, ein wirkliches Zuhause hatte sie nicht. Sie war überall Zuhause. Kurz bevor sie starb, gab sie mir eine Liste mit den Ländern, die sie liebte und die ich mir unbedingt anschauen solle. Diese Liste arbeite ich jetzt ab.“
Er nickt nachdenklich und wendet seinen Blick wieder von mir. Ich drehe mich gerade wieder zum Fenster, als er mich anstupst. „Ist mir ein bisschen peinlich, das jetzt zu fragen. Hab’ eben nicht aufgepasst. Aber ... ähm wohin fliegen wir eigentlich? Irland? Island? Irgendwas mit I. Oder?“ Ich muss lachen. Als ob er einfach in ein Flugzeug steigt, mit einer wildfremden Person neben sich, und nicht mal weiß, wohin es geht. Philias scheint ihm ja echt viel erzählt zu haben.
„Unsere erste Station ist Island.“
„Ist es da nicht total kalt?“ Er verzieht das Gesicht.
„Na ja fünf Grad, wenn wir Glück haben. Aber glaube mir, die Landschaften müssen der Hammer sein! Die werden dir auch gefallen, obwohl es kalt ist.“
„Musst mich noch überzeugen von dem Land, befürchte ich. Wo geht es danach hin?“
„Das sag ich dir nicht. Lass dich überraschen, wo die Flugzeuge dich so hintragen“, sage ich schmunzelnd.
Er verdreht die Augen. „Ich wandere doch gerne durch die Welt, ohne zu wissen, wo wir gerade sind. Und wo übernachten wir? Ich hoffe ja mal nicht, auf der Straße.“
„Doch natürlich. Als ob ich dich mit in meinem Bett schlafen lasse.“
Jetzt müssen wir beide lachen.
„Nur der Anfang der Reise ist komplett gebucht. Am Ende sind es nur die Flüge, da habe ich noch keine Jugendherbergen. Aber wir sind ja spontan. Ich hoffe zumindest, dass du es bist. Ich plane nämlich alles eigentlich immer durch. Philias hat mir nur verboten, die ganze Reise von vorne bis hinten zu buchen. Er wollte mir Spontanität beibringen. Ihn hat es genervt, dass ich immer alles planen muss. Dumm ist nur, dass es mich wahnsinnig macht, wenn ich etwas nicht planen kann. Du hast allein schon mit deinen zwanzig Minuten Verspätung meinen ganzen Zeitplan durcheinandergeschmissen. Gewöhn dir das ja ab.“
„Alter Schwede. Hol mal Luft zwischendurch. Das ist ja nicht normal, wie schnell und wie viel du redest. Gewöhn dir das mal lieber ab, sonst halte ich es keine zwei Stunden mit dir aus.“
Ich grinse ihn nur an. Da hat er recht. Das ist eine meiner Schwächen. Ich rede definitiv manchmal zu viel. Und vor allem zu schnell. Ich lehne mich entspannt zurück und schaue aus dem kleinen Fenster. Jetzt kann ich nur noch viele weiße Wolken und blauen Himmel erkennen.
* * *
Nach sechseinhalb Stunden Flug sind wir endlich in Reykjavik angekommen. Die Hauptstadt Islands. Als wir aus dem Flugzeug steigen, ist es tatsächlich kälter, als ich erwartet habe. Da fliegt man im Mai in den Urlaub und es ist kälter als in der Heimatstadt. Aber das hatte ich ja geplant. Die Sommerklamotten bleiben in diesem Monat wohl definitiv im Koffer. Die frische, kalte Luft tut trotzdem gut, als wir endlich aus dem Flugzeug dürfen.
Eine kurze Taxifahrt später sind wir auch in unserem Hostel angekommen. Es ist nicht sonderlich groß, aber bis jetzt sind die Menschen total nett und auch mit unserem Zimmer komme ich klar. Ich stelle meinen Koffer an eine Wand und betrachte das Zimmer genauer. Ein kleines Zimmer, das aber vollkommen ausreichend ist. Es ist mit zwei Betten, einem Tisch, einem großen Schrank und einem Bad ausgestattet. Mich wundert es, dass es sogar zwei Betten gibt und kein Doppelbett hier steht, aber das ist mir auch ganz recht so. Kilian hat schon ein Bett beschlagnahmt und seine Sachen darauf geschmissen.
„Wie lange bleiben wir jetzt hier, wenn ich fragen darf?“, fragt er mich. Die Betten sind so hoch, dass er seine Beine baumeln lassen kann, auch wenn sie nur zwei Zentimeter über dem Boden schweben. Er sitzt da wie ein kleines, ungeduldiges Kind. Irgendwie süß.
„Zwei Wochen. Danach geht es für zwei Wochen in eine kleine Stadt, die auch in Island liegt. Wir reisen immer relativ am Anfang eines Monats ins nächste Land. Und das sieben Monate lang, also sind wir in sieben Ländern unterwegs“, erkläre ich ihm meinen Plan.
„Okay. Gecheckt.“
Wäre auch seltsam, wenn nicht. Ich habe es ja sehr ausführlich erklärt. Erst jetzt bemerke ich, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, wer er ist. Bis auf seinen Vornamen weiß ich absolut nichts. Gut, er hat mir seinen kompletten Namen gesagt, aber den habe ich schon wieder vergessen. Ich weiß nicht, wie viel Philias von mir erzählt hat, aber viel dürfte Kilian auch von mir nicht wissen. Ich glaube, ich muss noch so einiges über ihn herausfinden. Ich habe sieben Monate Zeit dafür, beschließe aber jetzt schon, damit anzufangen. Ich will wissen, wer er ist.
„Lass uns noch kurz rausgehen und die Gegend erkunden. Es ist schließlich noch hell.“
Sein Vorschlag kommt mir sehr gelegen. Dann kann ich ihn ja gleich draußen über ihn ausfragen.
Als wir draußen ankommen, erschlägt mich die Kälte für einen kurzen Moment. Ich ziehe meinen Schal tiefer ins Gesicht und mache meine Jacke noch ein Stück weiter zu. Auch Kilian steckt seine Hände erst einmal in seine Jackentaschen. Wir haben zwar über null Grad, aber die Kälte sind wir irgendwie beide nicht mehr gewöhnt. Bei uns in Frankfurt ist es schließlich fast Sommer.
Wir laufen die Straße entlang. Ein paar kleine Geschäfte sind an den Straßenseiten zu erkennen. Was das für Geschäfte sind, kann ich nicht ganz herausfinden, da überall nur alles auf Isländisch über den Ladentüren steht. Von Isländisch habe ich nicht viel Ahnung. Da auch Kilian gerade die Läden kritisch anschaut, nehme ich an, er weiß auch nicht, was das alles heißen soll. Ich schaue zu ihm hoch. Er ist mindestens einen halben Kopf größer als ich. „Erzähl mal ein bisschen über dich. Ich habe eigentlich keine Ahnung, wer du bist.“
„Also, wo fange ich am besten an?“ Er überlegt kurz, dann fängt er an zu erzählen und ich höre seiner schönen, rauen Stimme zu. „Wie du schon weißt, heiße ich Kilian James Settler. Ich bin 23 Jahre alt, werde im November 24. Ich bin Automechaniker und arbeite nebenbei ab und zu abends in Klubs. Und bei dir so?“
Ein Automechaniker, der in Klubs arbeitet. Ja, das passt sehr gut zu ihm. Kann ich mir genau vorstellen.
Ich erzähle ihm kurz von meiner abgeschlossenen Ausbildung als Erzieher und davon, dass ich nach dieser Reise in dem Kindergarten anfange fest zu arbeiten. Außerdem erwähne ich, dass ich im April 21 wurde. „Wo kommst du ursprünglich her?“, frage ich ihn neugierig.
„Meine Mum kommt aus Eritrea, im Osten von Afrika. Deswegen meine Hautfarbe. Sie liebte ihr Heimatland. Aber da gab es mich noch nicht. Ich wurde in Frankreich geboren, aber wirklich lange haben wir dort auch nicht gelebt. Wir sind schnell umgezogen und nach Deutschland gekommen.“
„Oh wirklich? Ich wurde zwar in Deutschland geboren, aber meine Eltern kommen ursprünglich aus Frankreich. Deswegen auch der französische Nachname Aveline. Sie mussten leider aufgrund ihrer Jobs umziehen. Ich weiß, wie sehr sie ihr Heimatland Frankreich eigentlich lieben. Wo genau wurdest du geboren?“
„Es ist eine kleine Stadt östlich von Paris. Ich glaube nicht, dass du sie kennst. Sie heißt Gerbepal.“
„Nein, das sagt mir tatsächlich nichts. Meine Eltern kommen beide aus Orleans.“
Kilian nickt nur und so schweigen wir für einen kurzen Moment.
„Wie heißt deine Mama?“, frage ich weiter.
„Neyla Settler.“
Der Name ist wunderschön. Ich würde gerne mit ihm nach Eritrea gehen, um ihm das Heimatland seiner Mama zu zeigen, aber leider steht das nicht auf meiner Liste.
„Was ist mit deinem Vater?“, frage ich, doch Kilian weicht meinem Blick und auch meiner Frage aus. Wir kommen zum Stehen.
„Es ist wunderschön hier“, flüstert er.
Ich folge seinem Blick und erst jetzt fällt mir auf, dass wir nahe am Meer stehen. Ich wusste, dass unser Hostel in der Nähe des Meeres ist, aber es jetzt wirklich zu sehen, ist unglaublich. Es dämmert schon und die Sonne spiegelt sich im Wasser. Der Anblick ist atemberaubend. Es ist unfassbar still hier. Wir stehen lange da und schauen auf das Meer raus. Was wohl mit Kilians Vater ist? Vielleicht hat er Kilian und seine Mama verlassen. Solche Sachen kommen vor. Er ist der Frage dermaßen ausgewichen, das war ganz sicher kein Zufall. Aber vielleicht will er einfach nur noch nicht darüber reden. Ich meine, wir kennen uns ja eigentlich kaum.
Er berührt meinen Arm und zieht mich aus meiner Gedankenwelt. „Lass uns zurückgehen. Es ist verdammt kalt geworden.“
Er hat recht. Ich glaube zwar nicht, dass es kälter ist, als vorhin, aber je länger wir nur an einem Fleck stehen, desto kälter wird es. Ich nicke ihm zu und wir drehen um.
* * *
Wow. Das nenne ich mal ein Sixpack. Wieso sieht er nur so verdammt gut aus? So verdammt gut und heiß. Jetzt geht er sich mit der Hand durch seine schwarzen Locken. Holy. Da bleibt einem ja gar nichts anderes übrig, als ihn anzustarren. Wieso hat er kein T-Shirt an?!
Plötzlich fängt Kilian an, zu lachen, und reißt mich aus meiner Trance. „Kann es sein, dass da jemand auf Bauchmuskeln steht?“, fragt er mich schmunzelnd.
Ich schaue schnell beleidigt weg von ihm. „Nein. Du solltest definitiv noch mehr trainieren.“
„Komm, gib es zu, dass mein Körper schon geil ist.“
Hat er das jetzt ernsthaft gesagt? Was ein Ego! Jetzt fange ich auch an, zu lachen, und wende ihm meinen Blick wieder zu. Ich schüttele den Kopf. Das sag ich ihm ganz sicher nicht, sonst würde ich ihm ja einen Gefallen tun. „Ist es nicht ein bisschen kalt, so zu schlafen?“, frage ich ihn, da es zwar im Zimmer ganz angenehm ist, aber trotzdem eigentlich keine hohen Temperaturen herrschen.
„Du, also eigentlich hatte ich zwar vor, mir noch was überzuziehen, aber ich kann auch so bleiben, wenn du etwas zum Dahinschmelzen brauchst.“ Ich werde rot. So war das nicht gemeint! Ich lege mich in mein Bett und mache das Licht aus, in der Hoffnung, dass er jetzt auch endlich zu seinem Bett geht und hier nicht halb nackt vor mir steht. Es wird stockdunkel im Zimmer. Okay, das war nicht geplant.
„Hey! Ich muss schon noch irgendwie mein Bett finden. Oder soll ich mit in deins kommen?“
Flirtet er gerade mit mir? Ernsthaft?
Ich mache kurz das Licht an und warte, bis er sein Bett gefunden hat und endlich liegt. Ich drücke wieder auf den Lichtschalter und lege mich hin. Ich höre, wie Kilian sich die ganze Zeit von links nach rechts und rechts nach links dreht. Auch ich kann nicht einschlafen.
„Wusstest du, dass Reykjavik die am nördlichsten gelegene Hauptstadt der Welt ist?“, frage ich leise in Kilians Richtung.
Ich höre nichts mehr von ihm. Vielleicht ist er eingeschlafen.
„Nein, woher auch?“, fragt er leise.
Gut. Er schläft doch noch nicht. Ich zucke automatisch mit den Schultern. Es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass er das ja nicht sehen kann.
„Reykjavik heißt übersetzt Rauchbucht.“
„Hast du den Wikipedia-Artikel auswendig gelernt?“
„Nein, eigentlich nicht“, antworte ich lächelnd.
„Dann bist du eindeutig ein wandelndes Lexikon“, stellt er fest.
Ich weiß genau, dass er gerade auch grinsen muss, aber das kann ich in der Dunkelheit nicht sehen.
„Weißt du noch irgendwelche Fakten über Island?“, fragt er weiter.
„Ja, aber nur so nebensächliches Zeug wie zum Beispiel, dass nur ein Prozent des Landes bewaldet ist“, antworte ich ihm. Mir würde bestimmt noch mehr einfallen, aber ich belasse es erst einmal mit dem einen Fakt. Kilian antwortet nicht und auch ich werde langsam müde.
„Gute Nacht, wandelndes Lexikon“, murmelt er.
Ich muss lächeln. „Gute Nacht, Kilian“, sage ich leise. Dann schlafe ich ein.
* * *
Trotz der Kälte sitzen wir noch am Abend mitten in Reykjavik, etwa vier Kilometer von unserem Hostel entfernt. Es ist der letzte Abend hier. Morgen fahren wir weiter. Es war eine schöne Zeit in der Hauptstadt Islands. Wir haben uns die Hallgrimskirche angeschaut. Eine 1986 geweihte Kathedrale mit einem 73 Meter hohen Turm. Den Golden Circle, auf isländisch auch Gullni hringurinn genannt, sind wir entlanggefahren. Das ist eine etwa neunstündige Reiseroute, bei der wir Wasserfälle, Geysire und einen Vulkankrater gesehen haben. Es war wirklich ein schöner Tag, der sich definitiv gelohnt hat. Die Skulptur Sonnenfahrt haben wir begutachtet und auch in der kleinen Bucht Nautholsvik waren wir. Dort war ein sehr schöner goldener Sandstrand, an dem wir einen tollen Tag verbracht haben.
Heute, an unserem letzten Abend, haben wir es uns auf einer Bank gemütlich gemacht und schauen auf den See Tjörnin, der sich in der Stadt befindet. Heute Mittag sind wir hierhergefahren, um ein bisschen durch die Stadt zu schlendern. Es war ein schöner Tag, den wir nun ausklingen lassen. Ich habe das Gefühl, je später es wird, desto mehr Menschen sind in der Stadt unterwegs. Seltsam. Ich schaue mich um. Wirklich überall laufen Leute entlang, die meisten sogar schick angezogen. „Warum sind hier so viele Leute unterwegs?“, frage ich Kilian verwirrt.
„Höchst wahrscheinlich wegen des Nachtlebens hier. Habe gehört, dass Island ein krasses Nachtleben haben soll.“
Ich schaue ihn nur verwirrt an, weil ich nicht genau weiß, was er meint.
„Jetzt sag mir nicht, ich weiß etwas besser als mein wandelndes Lexikon. Nachtleben halt. Klubs. Partys. Wir haben Freitagabend. Kann schon sein, dass wir gerade an so einer Ecke sitzen, wo viele Leute unterwegs sind. Dreh dich mal um. Schau mal die Straße dort vorne.“ Er zeigt auf eine Straße nicht weit von uns.
„All die Lichter, die dort an sind, sind wahrscheinlich irgendwelche Klubs, wo Leute feiern gehen.“
Ich zucke mit den Schultern. „Mit Klubs und Partys habe ich es nicht so am Hut.“
„Jetzt sag mir bitte nicht, du warst mit 21 noch nie betrunken und hast Spaß gehabt?“
„Wieso? Ich kann auch ohne Alkohol Spaß haben“, antworte ich schulterzuckend.
Kilian springt auf. Er stellt sich vor mich und reicht mir seine Hand. „Darf ich dich mit dem Nachtleben von Island vertraut machen?“
Ich zögere kurz.
„Komm schon. Lass uns feiern gehen. Bis in den Morgen tanzen. Spaß haben.“
Ich willige widerwillig ein und gebe ihm meine Hand. Er zieht mich hoch und lässt meine Hand auch nach fünf Metern noch nicht los. Er zerrt mich vor zu der beleuchteten Straße, in den ersten Klub hinein.
Laute Musik. Viele Leute. Eigentlich nicht meine Welt, aber ich muss schon sagen, dass die Atmosphäre hier wirklich nicht schlecht ist.
Kilian schleppt mich zur Bar. „Was willst du trinken?“
„Keine Ahnung. Cola?“
Er zuckt mit den Schultern und verschwindet in den Menschenmassen. Jetzt lässt er mich hier auch noch allein stehen. Ich schaue mich um. Die meisten Leute sind auf der Tanzfläche unterwegs, die anderen stehen an der Bar und unterhalten sich. Ich verstehe kein Wort von dem, was sie sagen. Ein Typ kommt auf mich zu, der definitiv älter ist als ich. Na super. Was mache ich jetzt? Kann der mich bitte in Ruhe lassen? Verzweifelt schaue ich mich um und suche Kilian, aber ich kann ihn nirgendwo erkennen. Der Typ lächelt mich an, aber mir gefällt sein Lächeln absolut nicht.
„Við skulum dansa, þú falleg stelpa“, fragt er.
Oder sagt er? Ich habe keinen blassen Schimmer. Ich versuche, ihm irgendwie auf Englisch klarzumachen, dass ich kein Isländisch spreche, aber entweder ist es zu laut hier oder er spricht kein Englisch. Auf jeden Fall versteht er mich nicht. Ich kann Kilian erkennen, der mit zwei Gläsern wiederkommt. Als er den Typen und meinen verzweifelten Blick sieht, läuft er einen Schritt schneller. Er drückt mir das Glas in die Hand und gibt mir einen Kuss auf die Wange. Der Typ schaut von mir zu Kilian und wieder zu mir. Dann entfernt er sich.
„Sorry“, murmelt Kilian in mein Ohr, „Aber der wäre sonst nicht abgehauen.“
Ich bin ihm eher dankbar, dass er den Typen vertrieben hat. Ich nippe an meinem Glas. Bahh. Was zum Teufel hat er mir da gebracht? Das ist keine Cola! Ich verziehe das Gesicht. „Was zum Henker ist das?!“
„Cola.“
Ich ziehe die Augenbrauen hoch.
„Cola mit Alkohol halt. Dachtest du, die haben hier irgendetwas ohne Alkohol?“
„Was ist das denn?“
„Bacardi. Trink mal noch drei Schlucke, dann schmeckt es besser. Glaub mir.“ Er leer sein halbes Glas.
Ich habe keine Ahnung, was darin ist, und vielleicht will ich es auch nicht wissen. Ich tue, was er mir geraten hat, und nippe noch ein bisschen an dem Glas. Er hat recht. Nach einer gewissen Zeit ist das Getränk gar nicht mehr so ekelhaft. Es brennt ein wenig im Hals, aber es schmeckt.
Er hält mir seine Hand hin und lächelt mich breit an. „Kommst du mit tanzen?“, raunt er mir ins Ohr. Ich gebe ihm meine Hand und lasse mich auf die Tanzfläche ziehen. Seine Hände wandern an meine Hüfte. Die Musik ist gut. Die Tanzfläche voll. Nach kurzer Zeit habe ich schon wieder ein Glas in der Hand. Ich habe keine Ahnung, woher das auf einmal kommt. Ich trinke ein paar Schlucke, aber so wirklich schmecken tut es nicht. Ich reiche es Kilian, der aber auch nicht wirklich viel davon trinkt. Ich bin froh, dass Kilian mich die meiste Zeit festhält, denn irgendwie wird mir leicht schwindelig. Kommt das vom Alkohol? So viel habe ich doch noch gar nicht getrunken. Also glaube ich. Wissen? Nein, wissen tue ich es nicht. Aber es ist lustig hier. Wirklich lustig. Spaßig. Witzig. Geil. Ich bin zu gut drauf gerade. Richtig gut drauf. So fröhlich war ich lange nicht mehr. Alles macht auf einem Spaß und ist witzig. Der Alkohol wirkt. Definitiv.
* * *
„Guten Morgen, Sonnenschein!“
Ich blinzele zweimal. Kilian steht schon wieder grinsend halb nackt vor mir. Kopfschmerzen. Oh, mein Kopf dröhnt. Aua. Ich will nicht aufstehen. „Fresse“, sage ich trotzig. Mehr Kommentar gibt es gerade von mir nicht.
„Haben wir gestern etwa zu viel getrunken?“, fragt Kilian schmunzelnd.
Wieso zur Hölle ist der denn so gut gelaunt? „Weiß ich nicht mehr“, murmele ich in die Decke und drehe mich um. Plötzlich wird es arg kalt. Hat er mir gerade ernsthaft die Decke weggezogen?
„Du Arschloch“, sage ich lachend und setze mich auf.
„Bin ja schon fast fertig.“
Ich schaue an mir herunter und bemerke, dass ich immer noch die Sachen von gestern anhabe.
Kilian sieht meinen Blick und antwortet: „Ja, ich wollte dich nicht ausziehen. Glaube, das hättest du im Endeffekt nicht so cool gefunden. Außerdem bist du so schnell eingeschlafen, da habe ich dich nur noch zugedeckt.“
„Ist ja nett von dir“, sage ich lachend und stehe auf. Ich schaue auf meine Uhr und erstarre.
„Wieso hast du mich nicht früher geweckt? Der Bus kommt doch in zwanzig Minuten!“, frage ich ihn schockiert.
„Ja und? Zwanzig Minuten werden dir ja wohl reichen, oder?“
Dieser Junge macht mich noch wahnsinnig. Aua. Die Kopfschmerzen sind echt ätzend. Ich greife mir an den Kopf. Ich höre Kilian hinter mir lachen. Ich zeige ihm den Mittelfinger und verschwinde im Bad.
* * *
Die Busfahrt zieht sich irgendwie, auch wenn wir nur knapp drei Stunden Fahrt haben. Mein Kopf lehnt an Kilians Schulter, der immer noch dröhnt, aber die Schmerzen werden besser. Ich schaue aus dem Fenster. Es ist unfassbar, wie grün hier alles ist, obwohl so gut wie kein Baum zu sehen ist. Die Landschaften rauschen an uns vorbei. Wir fahren an ein paar kleinen Städten vorbei. Mich würde mal interessieren, wie grün das Land von oben aussieht. Sehr viel anderes, außer grüne Landschaften, kann ich aus dem Autofenster nicht sehen.
Exakt nach zwei Stunden und etwa fünfzig Minuten kommen wir in der winzigen Stadt Skogar an. Meine Oma wollte, dass ich unbedingt hierherkomme. Von allein wäre ich wahrscheinlich niemals auf die kleine Stadt gekommen. Wir übernachten diesmal in einem Hotel. Es ist nicht sehr teuer, deswegen können wir auch mal in einem Hotel schlafen. Wir wuchten unsere Koffer aus dem Bus und winken uns ein Taxi heran. Es kann nicht weit bis zum Hotel sein, jedoch möchte ich die Koffer nicht die ganze Strecke tragen. Nachdem endlich ein Taxi zu uns gekommen ist, fahren wir etwa drei Minuten und können dann unser Hotel betreten.
Ich habe keine drei Schritte in das Hotel gemacht, da werde ich schon von einer Frau begrüßt. „Du musst Alicia sein. Die Enkelin von Annemarie. Sie hat uns immer versprochen, dass uns eines Tages ihre Enkelin besuchen kommt. Sie hat viel von dir erzählt. Es ist so schade, dass sie von uns gehen musste. Aber jetzt kommt erst einmal herein. Herzlich willkommen in Skogar“, sagt sie uns in Englisch.
Endlich mal jemand, der nicht nur Isländisch spricht. Meine Oma muss ja einen großen Eindruck hinterlassen haben. Die Frau führt uns in unser Zimmer. Wir haben wieder zwei einzelne Betten. Das Zimmer sieht fast genauso aus wie das in Reykjavik, aber es ist ein bisschen heller, größer und freundlicher. Wir sind eben doch in einem Hotel und nicht mehr in einem Hostel.
* * *
Ich liege im Bett und starre die Decke an. Einschlafen ist wohl nicht so meine Stärke. Ich schaue zu Kilians Bett, aber es ist so dunkel, dass ich nicht erkennen kann, ob er auch wach liegt oder schläft.
„Bist du noch wach, wandelndes Lexikon?“, fragt Kilian leise, als hätte er meine Gedanken gelesen.
„Ja, ich kann nicht einschlafen.“
„Hast du wieder ein paar Fakten über die Stadt, in der wir uns befinden?“, fragt er lachend.
„Aber natürlich“, antworte ich schmunzelnd. „Also, wir sind in Skogar. Das ist im Süden von Island. Skogar heißt übersetzt Wälder. Es ist ein kleiner Ort, der nur 25 Einwohner hat. Schon niedlich.“
„Putzig. Doch so viele.“
Wir sagen beide nichts mehr, aber ich weiß, dass er auch noch wach liegt.
„Ich kann nicht schlafen, Kili“, sage ich nach ein paar Minuten leise. Es ist das erste Mal, dass ich ihn Kili nenne. Ich weiß auch nicht, warum. Ich höre, wie er seine Bettdecke hochklappt.
„Komm her“, flüstert er.
Ich zögere kurz, doch dann tapse ich über den kalten Boden zu Kilians Bett und schlüpfe unter die Decke. Sein Körper ist schön warm. Jetzt weiß ich auch, warum er nur im T-Shirt schlafen kann, ohne zu erfrieren. Ich schließe die Augen und schlafe in Kilians Armen ein.
* * *
Diese atemberaubende Schönheit. Es dämmert schon, aber das macht den Himmel im Hintergrund nur umso schöner. Das Farbenspektakel ist der Wahnsinn. Das Wasser stürzt etliche Meter in die Tiefe. Um genau zu sein, stürzt es 66 Meter in die Tiefe. Der Anblick raubt einem wirklich den Atem. Er liegt vor uns. Mit seiner Pracht und seiner Schönheit. Der Wasserfall Seljalandsfoss, was übersetzt Schluchtenbewohner heißt. Wir stehen hinter dem Wasserfall in einer Art Höhle und beobachten, wie das Wasser vor uns nach unten fällt. Ein kleiner Pfad führt hinter den Wasserfall. Auf diesem stehen wir jetzt und starren mit offenem Mund die großen Mengen Wasser an.
Der Himmel färbt sich in die Farben Orange und Rot. Es sieht so schön aus. Auf den Moment habe ich lange gewartet. Das ist definitiv das schönste Erlebnis in Island. Ich danke meiner Oma so sehr, dass sie wollte, dass ich hierherkomme. Im Tosbecken wird das ganze Wasser aufgefangen und eine leichte Prise vom Wasser sprüht in unsere Richtung. Durch den Wasserschleier sieht man die Weite Schönheit Islands. Wir stehen nebeneinander und bestaunen den Wasserfall. Ich schaue zu Kilian, der ihn förmlich anhimmelt.
„Ich wusste, dass es dir hier gefällt.“ Ich lächele ihn an, doch er schaut nicht zu mir. Er nimmt schweigend meine Hand. Wir stehen noch lange hier. So lange, bis fast die gesamte Sonne untergegangen ist und es dunkel wird. Wir genießen diesen letzten Moment, denn morgen steigen wir wieder ins Flugzeug.

*
Gefühlschaos
Februar 1999
Mir rutscht das Herz in die Hose. Das kann nicht sein. Das kann einfach nicht sein. Fuck. Nein. Das ist alles andere als gut. So ein Scheiß! Was mache ich denn nun? Mir wird heiß und kalt zugleich. Ich stehe im Badezimmer vor dem Spiegel und stütze mich auf dem Waschbecken ab, um nicht umzukippen. Ich starre mein Spiegelbild an. Wie konnte das passieren? Ich bin so unendlich dumm. Irgendwie bin ich von mir selbst enttäuscht. Ich hätte es niemals so weit kommen lassen dürfen. Ich senke meinen Kopf sachte nach unten. Ganz langsam richtet sich mein Blick in das Waschbecken. Da liegt er. Und es sind wirklich zwei Striche. Fuck. Wieso sind dort denn zwei verdammte Striche und nicht nur einer? Aber er liegt klar und deutlich vor mir.
Der Test.
Und es sind definitiv zwei Striche abgebildet.
Zwei.
Nicht einer.
Ich bin schwanger.
Fuck.
Da bin ich gerade wieder auf einem guten Weg gewesen – und dann das. Ich bin nicht mehr so depressiv gewesen. Ich war gerade dabei, wieder ein normales Leben zu führen. Ein Leben, in dem ich halbwegs mit meiner Situation klarkomme und auf dem Weg bin, wieder glücklich zu werden. Aber was soll ich bitte mit einem Kind? Was soll ich nur machen? Ich bin 21 Jahre alt. Irgendwie ist das ein bisschen jung, um Mutter zu sein. Das ist zumindest meine Meinung. Andere bekommen schon zwei Jahre früher ein Kind, aber das wäre nichts für mich gewesen. Ich glaube, ich bin noch nicht einmal bereit dafür. Aber im Moment weiß ich eigentlich gar nicht, was ich will. Ich wäre komplett überfordert mit einem so kleinen Lebewesen. Selbst wenn ich im Kindergarten arbeite. Die Kinder sind wenigstens meistens drei Jahre alt. Und es sind nicht meine Kinder. Das ist ein großer Unterschied, ob du dich um fremde Kinder kümmerst oder um dein eigenes. Das Kleine wäre dann wirklich mein Fleisch und Blut. Das muss doch krass sein, wenn du das kleine Bündel dann in den Armen halten kannst. Vorher lebt es ganze neun Monate in dir. Das ist schon faszinierend. Der Gedanke verfällt allerdings schnell. Das ist wieder so ein Moment, der mich unfassbar aus der Bahn wirft. Etwas, dass ich definitiv nicht geplant hatte. Ich habe nie wirklich über eigene Kinder nachgedacht und schon gar nichts dazu geplant. Ich wusste nicht, wann ich welche haben oder ob ich überhaupt welche möchte. Im Kindergarten bin ich ja von genug kleinen Hosenscheißern umgeben. Jetzt habe ich aber irgendwie keine andere Wahl. Schon wieder etwas, dass ungeplant passiert. So ein Scheiß. Ich bin nicht bereit für ein Kind.
Langsam schleiche ich in die Küche und setze mich auf einen der zwei Barhocker. Ich habe meine Ellenbogen auf der Arbeitsfläche und stütze meinen Kopf ab, der gerade einfach nur so unfassbar dröhnt. Das ist zu viel. Ich fühle mich so elend. Es beginnt schon wieder, dass ich grundlos ewig lange die Wand anstarre. Mir wird wieder extrem heiß. Verzweiflung ist definitiv da. Aber nicht nur Verzweiflung, sondern auch Angst kommt in mir hoch. Unfassbar große Angst.
Der Unfall ist jetzt zwei Monate her. Kilians Lage ist nach wie vor unverändert. Er liegt im Koma. Die Ärzte können nicht viel machen. Was ist, wenn er nie wieder aufwacht? Irgendwann schalten die Ärzte die Geräte aus. Und dann ist er nicht mehr bei mir. Für immer. Wie soll ich allein ein Kind großziehen? Ich habe überhaupt keine Ahnung von so kleinen Kindern und Geld habe ich erst recht nicht. Wie soll ich es ernähren?
Allein der Gedanke daran, was ich alles kaufen müsste, lässt mich fast vom Stuhl kippen. Das Kind braucht Klamotten. Ich brauche einen Kinderwagen und einen Sitz im Auto, ein Kinderbett und total viele Windeln, Schnuller und Spielzeuge. Woher nehme ich denn bitte das ganze Geld? Das kleine Bündel wäre dann für immer bei mir. Wie soll ich es allein großziehen, ohne komplett zu verzweifeln? Wahrscheinlich schreit es jede Nacht. Und ich habe niemanden, der mir das schreiende Kind auch mal abnehmen könnte.
Ich habe zuvor nie wirklich darüber nachgedacht, aber jetzt, wo ich in die Situation komme, bewundere ich alle alleinerziehenden Mütter. Es gibt so viele Frauen, die ihr Kind allein großziehen, weil der Vater abgehauen ist, da er kein Kind möchte und sich gerade alles spontan anders überlegt. Alle diese Frauen haben meinen Respekt. Wie haben die es bloß geschafft, nicht durchzudrehen?
Ich habe so Angst, dass Kilian nicht mehr aufwacht und mich mit allem allein lässt. Er würde nicht mal wissen, dass er ein wundervolles Kind hat, wenn er stirbt. Wie schrecklich! Ich werde es ihm irgendwann erzählen, wenn ich wieder bei ihm im Krankenhaus bin, in der Hoffnung, dass Leute, die im Koma liegen, doch die Menschen um sich herum wahrnehmen. Vielleicht kann er mich ja hören.
Ich laufe in den Flur zum Spiegel und schaue mich an. Ich drehe mich zur Seite, ziehe mein Oberteil nach oben und lege eine Hand auf meinen Bauch. Noch ist er ganz dünn. Das wird sich in den nächsten paar Monaten allerdings ändern. Wie es sich wohl anfühlt, wenn man ein Lebewesen in sich trägt? Wenn etwas im eigenen Körper heranwächst? Dieses unschuldige kleine Wesen kann doch nichts dafür, dass ich unachtsam war. Vielleicht wäre es besser, wenn es das Licht dieser Welt niemals erblickt.
Schon wieder steigt Panik in mir auf. Ich greife zum Telefon und wähle. Mit meiner linken Hand spiele ich nervös mit meinen Haaren herum. Ich beiße mir auf die Lippe. Soll ich vielleicht doch lieber einfach auflegen? Doch bevor ich irgendwie reagieren kann, geht er schon an das Telefon.
„Hi, Alicia. Was gibt es?“ Philias Stimme beruhigt mich irgendwie. Aber ich weiß trotzdem nicht, wie ich ihm das Ganze erklären soll.
„Du ... ich habe da ein Problem“, fange ich an zu stottern. Wieso bin ich nur so nervös? Er ist mein bester Freund.
„Bist du zu Hause? Bleib, wo du bist. Ich komme vorbei.“ Er wartet nicht einmal meine Antwort ab. Ich höre schon das Tuten des Telefons. Genau aus diesem Grund ist er mein bester Freund. Philias ist einfach immer für mich da. Ganz egal, was mir passiert, er ist immer startklar, mich aufzumuntern, mir zu helfen und mich zu unterstützen.
Keine zwanzig Minuten später klingelt es an der Tür. Ich mache Philias die Tür auf und warte, bis er oben angekommen ist. Wie er wohl reagieren wird? Ich weiß es nicht. Aber ich muss mit jemandem reden. So viel steht fest. Nicht noch einmal mache ich den Fehler und fresse alle meine Sorgen in mich hinein.
Er betritt meine Wohnung und sieht mich besorgt an. Leise schließt er die Tür hinter sich. Ich habe meine Arme um meinen Körper geschlungen und schaue ihn nur mit großen Augen an. Ich fühle mich so schlecht. Langsam drehe ich mich um und gehe in die Küche. Ich gehe vor bis zum Kühlschrank und bleibe stehen. Mein Rücken lehnt an der Kühlschrankwand. Philias folgt mir und sieht mich fragend an. Als er durch die Küchentür geht, schaut er auf die Arbeitsfläche. Der Test liegt dort, weil ich ihn vorhin dorthin gefeuert habe. Er starrt lange auf den Test, dann schaut er mich fragend an und starrt wieder auf den Test. Ich kaue auf meinen Lippen herum, die schon ganz kaputt sind. Jetzt schaut er mich wieder an.
„Oh, Alicia.“
Mehr sagt er nicht, denn er kommt auf mich zu und nimmt mich in den Arm. Es tut so gut, ihn an mir zu spüren. Ich spüre etwas Nasses auf meinen Wangen. Erst jetzt bemerke ich, dass mir Tränen aus den Augen fließen. Als Philias bemerkt, dass ich schluchze, drückt er meinen Kopf an seine Schulter.
Nach ein paar Minuten lässt er mich los und schaut mich an. „Alicia, du bekommst ein Kind. Du solltest dich eigentlich über eine solche Nachricht freuen. Das wird schon alles.“ Er lächelt mich zaghaft an.
Ich wische mir die Tränen aus den Augen. Wo ist das denn eine erfreuliche Nachricht? Hat er vielleicht bemerkt, dass ich erst 21 bin, mein Freund im Koma liegt und ich auf mich allein gestellt bin? Bevor ich ihm antworten kann, spüre ich ein komisches Gefühl in meinem Bauch. Übelkeit. Oh nein. Ich presse meine Hand vor den Mund und beeile mich, ins Bad zu kommen. Nachdem ich mich übergeben habe, rutsche ich die Wand hinunter und bleibe auf dem Boden sitzen. Ist das ekelhaft. Das brauche ich ganz sicher nicht noch einmal.
Philias schaut besorgt um die Tür herum. „Ist alles okay bei dir?“
„Abgesehen davon, dass ich schwanger bin? Ja ... natürlich. Alles bestens.“
Philias kommt zu mir und setzt sich gegenüber von mir auf den Boden. „Hör mal. Du hast die Chance, ein Kind auf die Welt zu bringen. Nicht jeder hat diese Chance. Das ist doch eigentlich etwas Wundervolles. Ein kleines, süßes Lebewesen.“
„Ich bin erst 21. Was soll ich denn mit einem Kind? Ich habe nicht einmal Geld, um das Kind auch nur ansatzweise großzuziehen. Ich bin allein. Ganz allein.“ Die letzten zwei Wörter flüstere ich nur. Ich schaue Philias in die Augen, dann rede ich leise weiter. „Kilian ist nicht hier. Und ich weiß nicht, ob er das jemals wieder sein wird ...“
„Alles, was du nicht machen sollst, ist die Hoffnung aufzugeben! Versprich mir das! Kilian schafft das. Da bin ich mir ganz sicher. Und Alicia, ich hoffe, du weißt, dass ich immer bei dir sein werde und dich immer unterstützen werde, ganz egal, was passiert. Du schaffst das mit dem Kind. Da bin ich mir auch ganz sicher.“
Es ist ja wirklich schön, dass er sich bei allem sicher ist. Aber ich bin das eben nicht.
„Das kleine Bündel wäre von mir abhängig. Allein ist es nicht lebensfähig! Ich bin überhaupt nicht in der Lage, so viel Verantwortung zu übernehmen. Ich wäre ganz sicher keine gute Mutter. Ich will nicht so eine wichtige Aufgabe übernehmen und für ein so kleines, zerbrechliches Wesen sorgen.“
„Hey. Hör auf, so etwas zu sagen. Du wärst eine wundervolle Mama. Ganz sicher. Du kannst dem Kleinen ein wundervolles Leben schenken. Nur du hast die Kraft dazu. Bitte behalte das Kind.“ Er schaut mich flehend an. Normalerweise schafft er es, mich mit diesem Blick zu allem zu bringen. Doch nicht jetzt.
„Ich kann dir nichts versprechen. Es ist und bleibt meine Entscheidung, wie ich mich entscheide. Aber angenommen, Kilian packt es nicht ... Ich finde es schrecklich, wenn das Kind keinen Vater hat. Ein Kind braucht Mama und Papa. Es ist grauenhaft, wenn es nicht einmal die Chance dazu hat, seinen Vater kennenzulernen. Das ist etwas, was ich niemals wollte. Es soll nicht ohne einen Vater aufwachsen.“
„Aber wenn Kilian aufwacht, wovon ich ausgehe, was erzählst du ihm dann? Dass du euer Kind abgetrieben hast, weil du keine Hoffnung hattest, dass er aufwacht? Schau doch mal. Abgesehen davon, ob Kilian es schafft oder eben nicht, stelle dir einmal vor, du hast einen Teil von Kilian in den Armen. Es ist schließlich auch sein Kind. Es sieht ebenso aus wie er. Du hättest einen kleinen Kilian für immer bei dir.“
Der Gedanke an einen kleinen Kilian bringt mir Tränen in die Augen. Die Vorstellung ist wunderschön. Trotzdem gelingt es ihm nicht, mich umzustimmen. „Ich schaffe das einfach nicht.“
* * *
Eigentlich ist die Decke in meinem Zimmer weiß, aber es ist schon so dunkel, dass sie fast schwarz aussieht. Ich starre die Decke seit bestimmt einer Stunde an. Ich kann einfach nicht schlafen. Meine Hand liegt flach auf meinem Bauch. Irgendwie beruhigt mich das, auch wenn ich die Vorstellung seltsam finde, dass ein Kind darin wächst. Am Abend habe ich lange mit meiner Mama telefoniert und ihr alles erzählt. Auch sie meinte, dass alles gut wird und sie und mein Vater voll und ganz hinter mir stehen, egal was passiert. Die haben es auch alle leicht, dass zu sagen. Wenn man selbst in der Situation ist, weiß man gar nichts mehr. Weder was gut noch was schlecht ist und schon gar nicht, was man am besten machen soll.
Ich will gar nicht wissen, wie viele Gerüchte entstehen, wenn es sich herumspricht, dass ich schwanger bin. Wahrscheinlich liegt das auch an den vielen Vorurteilen, die einige Leute haben. Nicht viele wissen, dass ich einen Freund habe. Jetzt bin ich schwanger und man wird mich wahrscheinlich nie mit Kilian zusammen sehen, da er ja im Krankenhaus liegt. Ich stehe also automatisch als Schlampe da. Schwanger und kein Freund. Und dann auch noch mit 21 schwanger, also relativ jung. Mich würde es nicht wundern, wenn es Leute gibt, die dann glauben, ich würde mit jedem schlafen. Das alles ergibt schöne Gerüchte. Eigentlich interessiert es mich nicht, was andere Leute über mich denken. Aber es ist trotzdem nicht einfach, wenn man so etwas hören muss. Und was ich auf keinen Fall möchte, ist, dass mein Kind umgeben von Vorurteilen aufwachsen muss.
Das Kind der Schlampe.
Das Kind der jungen Mutter, die noch gar keine Verantwortung übernehmen kann.
Das Kind, das nie einen Vater hatte.
Das arme Kind.
Nein. Das möchte ich auf keinen Fall. Sollen die Leute über mich reden, was sie wollen, aber ganz sicher nicht über mein Kind.
Es ist schlimm, dass so schnell Vorurteile und Gerüchte entstehen. Es ist schon fast so, dass das, was die Mehrheit der Menschen sagt, die Wahrheit ist, und nicht das, was eigentlich der Wahrheit entspricht. Ja, willkommen in der heutigen Gesellschaft.
Ich weiß einfach nicht, was ich tun soll. Aber ich merke, wie ich anfange, das Kind zu mögen. Wahrscheinlich ist das der Mutterinstinkt. Ich will das Kind beschützen, dafür sorgen, dass ihm nichts passiert, es verteidigen.
Die Vorstellung, dass ich einen Teil von Kilian in den Armen halten kann, macht mich unfassbar glücklich. Ich würde Kilian nicht komplett verlieren. Irgendwie ist das Kind ja schon ein Geschenk des Himmels. Aber ich weiß ebenso genau, dass ich definitiv nicht bereit für ein Kind bin. Ich kann diese Verantwortung nicht übernehmen. Das kleine Wesen wäre abhängig von mir. Es ist so zerbrechlich. So hilflos ohne mich.
Was ist, wenn ich keine gute Mutter bin?
Was ist, wenn ich das alles allein nicht schaffe?
Wie ist das Leben mit Kind?
Ich packe das doch niemals allein. Auch wenn ich die Unterstützung meiner Eltern und von Philias habe, letztendlich bin ich ja trotzdem die Mutter von dem Bündel. Und ich muss mich um das Kleine kümmern. Ich und kein anderer.
Ich war so froh, als ich selbstständig auf meinen eigenen Beinen stand und nicht mehr so abhängig von meinen Eltern war. Aber ich habe kein Geld für ein Kind. Ich wäre also schon wieder abhängig von ihnen. Will ich das wirklich?
Soll ich dem kleinen Wesen ein Leben schenken? Oder soll ich mich doch erst einmal wieder sicher auf meine eigenen Beine stellen? Ich habe gerade wirklich andere Probleme. Vielleicht sollte ich das Kind einfach abtreiben.
*
Blumenmädchen
Juni 1998
Mein gesamter Körper tut unbeschreiblich weh. So lange musste ich bis jetzt definitiv noch nie still sitzen. Nach einem Zwischenstopp in London und zwei etlichen lang Flügen kommen wir am Indira Gandhi International Airport an. Indien. Unser nächstes Reiseziel. Ein Land, in das ich schon immer einmal reisen wollte. Meine Oma hat mir früher, als ich kleiner war, immer viele Geschichten aus Indien erzählt. Manchmal saß sie abends an meinem Bett und hat mir noch ein bisschen von ihren Abenteuern erzählt. Ich kann mich gut an ihre Worte erinnern, auch wenn diese Gutenachtgeschichten schon Jahre her sind.
„Ach, Liebes. Es gibt so viele wunderschöne Orte auf der Welt. Man sollte niemals seine Zeit verschwenden und sein Leben nur an einem Ort verbringen. Diese Menschen verpassen die bezaubernde vielfältige Welt.“ Sie fing meistens mit diesen Sätzen an. Damals habe ich noch nicht ganz verstehen können, was sie damit meint. Jetzt, nachdem sie gestorben ist und ich dabei bin, ihre Lieblingsorte zu besuchen, verstehe ich langsam, was sie mit diesen Worten sagen wollte. Oft hat sie von der Vielfältigkeit Indiens erzählt, von den bunten Straßen, den Elefanten und dem scharfen Essen geschwärmt und auch die bedrückende Armut erwähnt. Mit großen Augen habe ich sie als Kind angeschaut und ihr fasziniert zugehört. Ich bin gespannt, wie Indien jetzt ist, wenn ich das Land nun mit eigenen Augen sehe.
Wir laufen die langen Gänge des Flughafens entlang. Eigentlich folgen wir nur den Menschenmassen, die mit uns aus dem Flugzeug geströmt sind. Irgendjemand wird schon wissen, wohin wir müssen. Ich bin sehr froh, dass die ausgehängten Schilder nicht nur auf Indisch sind, sondern auch alles auf Englisch darunter steht. Indisch kann ich leider genauso wenig sprechen wie Isländisch.
Nachdem wir unsere Koffer gefunden haben, gehen wir lange Zeit durch die Eingangshalle und bleiben alle zwei Sekunden stehen, da jemand vor uns zum Stehen kommt. Es ist so unfassbar überfüllt hier. Ich kann nicht mehr und will auch nicht mehr. Der Flug war schon total anstrengend, da mindestens drei kleine Kinder um uns herumsaßen, die nicht damit einverstanden waren, was ihre Eltern wollten. Auch irgendwie verständlich. Wer will schon als kleines Kind das machen, was die doofen Eltern wollen? Also haben sie durchgängig geschrien. Mein Kopf dröhnt noch immer davon. Und jetzt geht es nicht voran, da viel zu viele Menschen unterwegs sind. Ich kann die ersten Eindrücke von Indien überhaupt nicht genießen und auch nicht wirklich wahrnehmen. Ich will einfach nur noch in unser Hotel.
* * *
Die ersten gesammelten Eindrücke von Indien sind irgendwie nicht wirklich positiv. Es ist eine unglaublich erdrückende Hitze hier. Kilian und ich sitzen nebeneinander im Taxi und ich starre schwitzend aus dem Fenster. Wir verlassen das Flughafengelände und schon kurze Zeit später bemerkte ich, dass die Verkehrsregeln hier nicht die gleichen sind wie bei uns in Deutschland. Auf den Straßen hier herrscht einfach nur ein unglaubliches Chaos. Ich habe das Gefühl, dass jeder fährt, wie er will, und jedes Auto alle drei Sekunden hupt.
Außerdem herrscht eine unfassbare Lautstärke. Meine Kopfschmerzen werden dadurch nicht wirklich gelindert. Grundsätzlich gilt, dass Lastwagen und die Autos, die die größten Hupen haben, Vorfahrt haben. Auch fahren auf zwei Fahrstreifen irgendwie nicht nur zwei Autos, sondern manchmal auch drei Autos. Haben die Leute hier schon einmal etwas von Verkehrsregeln gehört? Gleich nachdem ich mir diese Frage gestellt habe, könnte ich mir schon wieder an den Kopf greifen. Wieso sitzen da vier Personen auf einem Motorrad? Was ist nur los mit diesen Menschen? Indien wäre definitiv kein geeigneter Wohnort für mich. Ich brauche Ordnung in meinem Leben. Und wenn ich mir diese Straßen anschaue, wissen die Menschen wahrscheinlich nicht einmal, dass das Wort Ordnung existiert.
Wir verlassen die großen Straßen und biegen in eine kleinere Seitengasse ein. Es ist nicht mehr weit bis zu unserem Hotel. Ich beobachte die Menschen, die auf den Gehwegen unterwegs sind. Viele liegen am Straßenrand. Schon jetzt bemerke ich, was meine Oma mit der bedrückenden Armut meinte. Nicht nur Erwachsene liegen auf den Wegen, sondern auch kleine Kinder – eingerollt in schmutzigen Decken. Ich muss schlucken. Es ist erschlagend, wie die Menschen hier leben. Doch auch wenn es noch so erschütternd ist, dass die Menschen hier in einer solchen Armut leben müssen, habe ich den Eindruck, dass sie trotzdem stolz und glücklich aussehen. Sie laufen aufrecht und mit Würde durch die Straßen und sehen nicht sonderlich bekümmert aus, dass sie eigentlich nichts haben. Das beeindruckt mich sehr.
Weiter vorne kann ich eine Kuh erkennen, die mitten auf der Straße steht. Wieso steht dort eine Kuh auf der Straße? Es ist so ein kleiner Spalt zwischen Lachen und Weinen. Lachen, weil dieses verwirrende Chaos schon manchmal lustig aussieht, und Weinen, weil diese Armut einen extrem schafft.
Ein paar Hundert Meter weiter hält das Taxi und wir steigen aus dem Auto. Unser Hotel ist ungefähr fünf Meter entfernt. Ich schaue mich um. Es stehen noch zwei weitere Taxis vor unserem Hotel, die ebenfalls Leute aus dem Auto lassen. Ein kleiner Junge kommt auf uns zu gerannt. Er trägt eine kurze Hose und ein T-Shirt. Schuhe hat er nicht an. Seine Sachen sind staubig. Ich schätze, dass er vielleicht sieben Jahre alt ist. Er grinst über das ganze Gesicht und fragt uns etwas. Der kleine Kerl ist wirklich süß. Ich wünschte, ich könnte ihn verstehen. Ich versuche, ihm klarzumachen, dass ich ihn nicht verstehen kann. Auch Kilian schaut ihn fragend an.
Der Junge legt seine Hand auf seine Brust und sagt: „Bodhi.“
Ich verstehe. Sein Name. Ich zeige erst auf mich und sage ihm langsam und deutlich meinen Namen, dann mache ich das Gleiche mit Kilian. Nachdenklich nickt der Junge und wiederholt unsere Namen. Er spricht sie lustig aus, aber im Groben stimmen sie. Er deutet hinter sich und ich versuche, seinem Finger zu folgen. Er zeigt auf eine kleine Gruppe von Kindern, die um einen Ball herumstehen. Wahrscheinlich wollen sie, dass wir mit ihnen spielen. Wie gerne ich ihm diesen Gefallen machen würde, doch ich bin so geschafft. Ich muss dringend in mein Bett. Ich zeige auf unser Hotel und die Koffer und erkläre ihm auf Englisch, dass wir erst einmal unsere Sachen auspacken müssen. Ich bezweifle, dass er mich versteht, doch er lächelt mich immer noch an, winkt uns und geht zurück zu seinen Freunden. Putziger Kerl.
Auch hier am Hotel liegen Menschen am Straßenrand. Wir müssen über einen Mann steigen, der den Weg zum Eingang versperrt. Ich schaue ihm ins Gesicht. Er hat die Augen geschlossen und seine Haare sind verfilzt. In seinem Gesicht ist nichts als Dreck. Er hat weder eine Decke noch sonst irgendetwas um sich herum. Ich schaue zu Kilian, der ebenfalls stehen geblieben ist. „Ich hoffe, er schläft einfach nur“, meint er nachdenklich und geht weiter. Darüber habe ich bis jetzt gar nicht nachgedacht. Ein Schauer geht mir über den Rücken. Was ist, wenn diese Menschen nicht nur schlafen, sondern nicht mehr leben und sie einfach niemand weggeschafft hat? Die Vorstellung ist grausam. Ich versuche, sie schnell aus meinem Kopf zu bekommen, doch so ganz funktioniert das nicht. Meine Knie sind weich geworden und ich schwanke etwas, als ich meinen Koffer weiter hinter mir herziehe und Kilian nachtrotte. Mein erster Eindruck: Indien ist grausam.
* * *
„Hör auf, mir zu sagen, dass ich süß bin! Das ist alles andere als hilfreich bei dem Versuch, mich nicht in dich zu verlieben.“ Ich höre nur die Worte aus meinem Mund kommen. Habe ich das gerade wirklich gesagt? Ich stocke. Dann werde ich verdammt rot. Kilian schaut mich grinsend an. Dieses Grinsen macht mich wahnsinnig. Ich habe meinen rosa Schlafanzug, der mit vielen Schafen bedruckt ist, angezogen und meine Haare nach oben gesteckt. Als Kilian mich so gesehen hat, meinte er lachend, dass ich total süß aussehen würde. Und dann sind die Wörter einfach so aus meinem Mund gekommen. Wie peinlich! Ich habe das Gefühl, dass ich von Sekunde zu Sekunde röter werde.
„Warum versuchst du denn, zu verhindern, dich in mich zu verlieben, wenn ich fragen darf?“
Nein, das darf er nicht fragen! Oh verdammt, aus der Nummer komme ich nicht mehr heraus. Was soll ich ihm denn jetzt bitte antworten? Ich habe Besseres zu tun, als mich jetzt in einen Chaoten zu verlieben. Ich brauche keinen Freund. Nach dieser Reise gehen wir eh wieder getrennte Wege. Ich beschließe, einfach gar nichts zu sagen.
„Das muss dir nicht peinlich sein. Ich finde dich auch ganz nett“, sagt er lachend.
„Ganz nett?!“, frage ich perplex. Bitte?! Nur ganz nett? Na danke, gleichfalls.
„Na ja, wenn du vielleicht nicht immer ganz so viel reden würdest und öfter so rosa Schafschlafanzüge anziehen würdest, wärst du mir gleich noch viel sympathischer.“
Sein Ernst? Ich drehe mich schmollend von ihm weg. Das kann ich jetzt nicht auf mir sitzen lassen.
„Och, Alicia“, meint er immer noch lachend und kommt auf mich zu. Er dreht mich zu sich herum und umarmt mich. Warum zur Hölle umarmt er mich? Komm schon! Ich will mich nicht in ihn verlieben! Stopp! Diese Nachricht geht an mein Herz: Halt! Stopp! Nicht verlieben!
„Ich gehe jetzt schlafen“, sage ich trocken. Mittlerweile könnte ich zwar auch darüber lachen, dass ich das gesagt habe, aber ich schmolle lieber ein bisschen. Ich gehe zu meinem Bett und will mich gerade hinsetzen, da meint Kilian nur mit hochgezogenen Augenbrauen: „Wie? Du gehst in deinem Bett schlafen? Kommst du nicht kuscheln? Ehekrise!“
Ich muss lachen und ziehe die Decke über meinen Kopf, damit er nicht sieht, dass ich schon wieder rot werde. Ich mag diesen Jungen. Warum auch immer. Und ich weiß genau, dass ich es leider nicht mehr verhindern kann, ihn immer mehr zu mögen. Ich schlafe ein – mit den Gedanken bei Kilian und nicht mehr mit den schrecklichen ersten Eindrücken und Bildern von Indien.
* * *
Wir betreten die Straße. Es ist eigentlich noch total früh, aber es ist trotzdem schon unfassbar warm. Kilian setzt sich seine Sonnenbrille auf. Er sieht verdammt gut aus. Er trägt ein enges T-Shirt und man kann seine Armmuskeln sehr gut erkennen. Ein Kind kommt auf uns zu. Ich erkenne es sofort. Es ist Bodhi. Er lacht uns an und weiß, warum auch immer, unsere Namen noch, die er uns zugleich nennt. Er fasst Kilian bei der Hand und zieht ihn hinter sich her. Ich folge den beiden lachend. Bodhi nimmt uns mit zu den anderen Kindern und fordert Kilian auf, mit ihnen Fußball zu spielen. Erst jetzt fällt mir auf, dass alle diese Kinder ein unfassbar schönes Lachen haben. Eins schöner als das andere. Ich beobachte Kilian. Er kickt den Ball zu einem kleinen Mädchen und freut sich, als sie den Ball annimmt und weiterspielt. Sie kicken den Ball ein paarmal hin und her, dann wird es Kilian wahrscheinlich zu langweilig und seine Fußballkünste lassen kurzzeitig nach. Bodhi schnappt sich den Ball und läuft grinsend an Kilian vorbei. Kilian lässt sich dies allerdings nicht gefallen und hebt Bodhi hoch, der sofort aufkreischt und lacht. Mit Bodhi auf dem Arm rennt Kilian dem Ball hinterher und schießt ihn zwischen zwei Blechdosen, die das Tor darstellen sollen. Er setzt Bodhi wieder auf seine Füße und reißt die Arme in die Luft. Ich muss lächeln. Es ist unfassbar süß, wie Kilian mit den kleinen Kindern umgeht. Er wird später mal ein guter Vater werden. Da bin ich mir sicher.
* * *
„So, wir befinden uns in Neu-Delhi, der Hauptstadt von Indien. Jetzt gleich betreten wir den Chandni Chowk. Übersetzt heißt das Mondlichtplatz.“
„Habe ich eine Stadtführung gebucht, oder was?“
„Wenn du mich dabeihast, hast du immer zugleich eine Stadtführung gebucht“, sage ich grinsend.
Er greift sich an den Kopf und lacht. Es sieht aus, als würde er sich fragen, wieso er mit auf diese Reise gekommen ist. Tja, Pech gehabt.
Wir laufen auf den Mondlichtplatz. Ich mag die deutsche Übersetzung von Chandni Chowk irgendwie. Man denkt, es sei ein ruhiger, friedlicher, romantischer Platz, doch der Chandni Chowk ist so ziemlich das Gegenteil davon. Er ist typisch indisch. Selbst auf dem Flughafengelände waren weniger Menschen als hier – und das will was heißen. Ein unglaublich reges Treiben an Leuten. Einige Männer fahren langsam mit Mofas an uns vorbei. Ich kann schon wieder Kühe erkennen, die auf der Straße stehen. Der Mondlichtplatz ist überfüllt. Definitiv. Das war auch irgendwie zu erwarten. Es ist Wochenende und unglaubliches Wetter. Die Sonne prallt auf uns. Es ist schon fast zu warm. Es brennt richtig auf der Haut. Vielleicht hätte ich mich heute Morgen doch lieber eincremen sollen. Einen Sonnenbrand kann ich jetzt nicht gebrauchen.
Rechts und links von uns kann ich viele Buden und Stände erkennen. Schon gleich bemerke ich, dass fast jeder hier dir etwas verkaufen möchte. Ich verstehe kein Wort von dem, was die Verkäufer erzählen und über den riesigen Basar schreien, aber es wird sehr deutlich, dass sie uns etwas andrehen wollen. An ein paar Buden ist Essen aufeinandergestapelt. Äpfel, Orangen, Mandarinen und viel Obst, das ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, ist in Pyramidenform auf Tischen gestapelt.
Kilian und ich kommen überhaupt nicht dazu, uns zu unterhalten, da wir so beschäftigt damit sind, alle Eindrücke wahrzunehmen. Wir kommen an Buden vorbei, bei denen Gewürze verkauft werden. Ich atme tief ein. Auch wenn ich wahrscheinlich gerade einhundert verschiedene Gewürze eingeatmet habe, genieße ich den Duft. Genauso habe ich mir Indien vorgestellt. Kilian rümpft die Nase. Ich muss lachen, doch ich kann ihn verstehen. Es riecht ein wenig gewöhnungsbedürftig, wenn man sich nicht nur auf die Gewürze konzentriert, da auch noch der Schweiß von all den Menschen und die Abgase der Motorräder in der Luft liegen.
Ich habe das Gefühl, dass man hier wirklich alles kaufen kann. Es gibt Massen an Essen, Gewürzen, Kerzen, Büchern, Klamotten. Wirklich alles. Wenn man etwas sucht, findet man es definitiv hier auf dem Chandni Chowk. Dieser Basar ist wirklich beeindruckend.
Oft tauchen Abzweigungen auf, bei denen man in kleine Seitengassen einbiegen kann. Ich habe gelesen, dass man in vielen kleinen Gassen essen gehen kann. Wir müssen später dringend noch indisch essen. Das wollte ich schon immer einmal machen.
AHHHHHH!!! Was war das?! Ich schreie erschrocken auf. Irgendetwas klettert gerade auf meinen Schultern herum. Es fühlt sich total merkwürdig an. Kilian lacht sich gerade neben mir halb tot. Sehr witzig.
„Was genau ist das?“
„Ein Affe“, bekommt Kilian gerade so über die Lippen. Er kann sich nicht mehr halten vor Lachen.
Na toll. Ein Affe sitzt auf mir. Wo zum Teufel kommt jetzt ein Affe her? Er spielt mit meinen Haaren herum. Ich habe gelesen, dass Affen hier in Indien so ziemlich das machen, was sie wollen, und einen überrumpeln, aber ich habe in diesem Moment definitiv nicht damit gerechnet. Der Affe springt auf Kilians Schulter und genießt die Aussicht. Jetzt kann ich ihn auch endlich sehen. Es ist schon ein süßer kleiner Kerl. Als es dem Affen zu langweilig wird, springt er von Kilians Schulter und wir können endlich weiter.
Wir laufen an einem Fluss vorbei. Ich schätze, es ist der Fluss Yamuna. Viele Frauen – und auch ein paar Männer – stehen mitsamt ihren Klamotten im Fluss und waschen sich.
Kilian schaut mich verwirrt an. „Wieso gehen die alle mit ihren Sachen baden?“
„Der Fluss heißt Yamuna und ist ein Nebenfluss des Ganges’. Die Leute hier denken, dass das Wasser heilig ist und ihre Sünden begleicht. Sie beten zu der Göttin Ganga Mata, waschen sich mit dem Wasser, lassen Blumen und Kerzen in dem Fluss schwimmen und nehmen es auch teilweise mit nach Hause.“
Kilian nickt verständnisvoll, aber schaut die Leute immer noch skeptisch an.
Wir biegen in eine kleine Gasse ein, die sich Paratha Wali Gali nennt. Der Name klingt schon lustig. Unfassbar viele Restaurants befinden sich hier. Wir gehen in das erstbeste Restaurant hinein, da wir keinen blassen Schimmer haben, welches von diesen gut und welches weniger gut ist. Die Angestellten hier sind wahrscheinlich viele Touristen gewöhnt, da wir uns mit ihnen auf Englisch verständigen können. Ein junger Mann berät uns. Wir bestellen uns, nach seinen Ratschlägen, etwas, dass sich Thali nennt. Schon nach ein paar Minuten bekommen wir Chai gebracht. Der junge Mann erklärt uns, dass das eine Art süßer Tee ist. Ich nippe an der Tasse. Es schmeckt wundervoll. Trotz der Hitze macht einem der warme Tee nichts aus. Der Mann verschwindet wieder in der Küche und kommt kurze Zeit später mit einem Aluminiumtablett, auf dem viele kleine Metallschalen stehen, wieder. Ein anderer Mann folgt ihm und stellt uns Teller hin. Ich schätze, dass es Fladenbrot ist, was darauf liegt. Er zeigt auf das Brot und sagt lächelnd: „Chapati.“ Ich vermute, dass das der Name des Fladenbrots ist. Wir bedanken uns und er verschwindet wieder. Der junge Mann, der uns beraten hat, stellt das Aluminiumtablett in die Mitte des Tisches. In den kleinen Schüsseln befinden sich die verschiedensten Dinge. Currys, Gemüse, Linsenbrei, Joghurt, Reis, Fleisch und noch vieles mehr. Wir beschließen, dass wir uns einfach durchtesten. Es schmeckt unfassbar gut, jedoch müssen wir sehr oft husten, da das Essen wirklich scharf ist.
„Das wusste selbst ich: Indisches Essen ist scharf!“, meint Kilian, der kurz zuvor wieder einmal gehustet hat, da das Curry so scharf war. Damit hat er wohl recht.
* * *
Vor ein paar Tagen sind wir mit Bus und Taxi von Neu-Delhi nach Agra gefahren. Es war eine lange und ätzende Fahrt mit dem Bus. Ich glaube, es waren knapp vier Stunden. Normalerweise schaue ich bei langen Autofahrten immer aus dem Fenster, doch das fiel mir nicht leicht. Egal, wo du dich befindest, du siehst immer die schreckliche Armut. So viele Leute liegen bei dieser drückenden Hitze auf den Gehwegen. Kinder haben schwere Lasten auf den Schultern, die sie umherschleppen. Ich würde es Kinderarbeit nennen. Mein Herz zieht sich zusammen, wenn ich solche Bilder sehe. Der Gedanke, dass ich nichts für diese Leute tun kann, bricht mir das Herz. Immer wieder habe ich versucht, doch noch einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Und jedes Mal wurde ich enttäuscht. Ich habe wieder arme, verletzte Menschen gesehen, die Hilfe benötigen, oder traurige Kinder, die arbeiten müssen. Mein Körper fühlte sich taub an. Als würde mein Herz mit Seilen zusammengeschnürt werden. Ich konnte nichts anderes tun, als wegzuschauen. Eigentlich ist genau das die falsche Handlung. Eigentlich sollte man hinsehen und eben nicht wegsehen. Man sollte etwas dagegen tun. Begreifen, wie es den Menschen hier geht, und ihnen verdammt noch mal helfen. Was ist eigentlich so schwer daran? Es gibt so viele Menschen, die viel zu viel Geld haben, aber zu geizig sind, um etwas davon abzugeben. Anstatt zu helfen, wollen sie nur noch mehr. Doch das hilft der Welt nicht weiter.
Es ist schon fast komisch, jetzt vor etwas so Schönem zu stehen. Die Kontraste in Indien sind enorm. Von einer grauenhaften Welt zu einer bildschönen Welt in nur zwei Sekunden. Je nachdem, in welche Richtung man gerade schaut. Wir befinden uns vor dem Taj Mahal. Bewaffnete Männer stehen überall an den Seiten und schauen starr geradeaus. Ich blicke schnell weg von ihnen. Irgendwie sind sie angsteinflößend. Das Taj Mahal ist ein unglaublich beeindruckender Bau. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„Und? Wo bleibt mein sprechendes Lexikon? Was weißt du über das Taj Mahal?“
Ich muss lachen. Wie schafft dieser Junge es nur, mich immer wieder zum Lachen zu bringen?
„Also gut. Das Taj Mahal ist ein Denkmal der Liebe. Um genau zu sein, ist es ein Grabmal. Der Großmogul Shah Jahan ließ es für seine Frau bauen, die bei der Geburt ihres 14. Kindes starb. Es wurde per Menschenhand gebaut und ist ein Monument der ewigen Liebe.“
Das Taj Mahal sieht aus wie auf all den Bildern, die man zuvor schon oft gesehen hat – und trotzdem erschlägt diese Schönheit einen komplett. Es ist total eindrucksvoll und meiner Meinung nach sollte man es als Weltwunder ansehen.
Schweigend laufen Kilian und ich die meiste Zeit nebeneinander her und bewundern das Bauwerk. Wir sind wohl beide sprachlos. Nach etwa einer Stunde haben wir uns alles angeschaut und sind auf dem Rückweg.
„Ich habe das Gefühl, dass an diesem Ort die Magie der Liebe festgehalten wurde. Sie wurde damals mit hier eingebaut und man spürt sie heute noch. Es ist total faszinierend. Wenn man die Hintergrundgeschichte kennt, warum das Bauwerk erbaut wurde, nimmt man es, glaube ich, noch einmal anders wahr. Man spürt die Trauer des Großmoguls und bemerkt zugleich, wie sehr er seine Frau geliebt haben muss.“
Kilians Worte berühren mich. Er hat es wirklich genau auf den Punkt gebracht. Wir verlassen, jeder in Gedanken versunken, den Ort der Liebe.
* * *
Ich liege neben Kilian im Bett. Wir haben ein Doppelbett in unserem Hotelzimmer. Eigentlich hat jeder genug Platz, aber trotzdem liege ich viel mehr auf Kilians Betthälfte. Vielleicht brauche ich ihn einfach gerade.
„Ich habe das Gefühl, Indien ist ein zweigeteiltes Land. Es gibt die grausame Hälfte und die bildschöne Hälfte.“
„Ja, irgendwie schon. Heute haben wir definitiv eine schöne Seite von Indien gesehen“, sagt Kilian leise.
Da hat er recht. Es war wunderschön. Man konnte fast die ganzen grausamen Eindrücke für einen Augenblick vergessen. Doch sobald man den einen Ort wieder verlassen hat, bekommt man die Realität erneut vor Augen geführt.
„Es war schön heute“, flüstert Kilian.
Ich glaube, er schaut mich an, doch es ist dunkel in dem Zimmer, sodass ich es nicht erkennen kann. „Ja, wunderschön. Aber jetzt freue ich mich auf unser nächstes Ziel. Wir bleiben innerhalb von Indien, wechseln jedoch noch einmal den Ort.“
Kilian unterbricht mich. „Nein, das meine ich gar nicht. Es war nicht einfach nur schön heute. Es war deinetwegen wunderschön heute.“
Ich schweige. Das hatte ich jetzt nicht erwartet. Er macht mich verdammt glücklich. Ich habe das Gefühl, dass heute ein bisschen von der Magie des Großmoguls an uns hängen geblieben ist. Wir sind zum Monument der ewigen Liebe gegangen und haben ein bisschen von dem Zauber mitgenommen, als wir das Taj Mahal wieder verlassen haben. Ich habe mich verliebt.
* * *
Ich kann mein Glück irgendwie gerade nicht fassen. Vor zwei Stunden sind wir in Kerala gelandet. Wir haben definitiv zum Abschluss einen schönen Teil von Indien erwischt. Wir stellen unsere Koffer ab. Für die nächsten paar Tage werden wir hier wohnen. Hier, in einer kleinen Hütte mitten im Grünen und an einem Fluss. Ich stelle meine Tasche neben meinen Koffer und laufe zu einem Fenster. Unsere Holzhütte steht direkt am Wasser. Ich habe das Gefühl, dass wir im Urwald angekommen sind. Die verschiedensten Grüntöne sind zu sehen. Es ist so bezaubernd hier. Als wäre ich in einem Traum. In einem Traum, aus dem ich nicht aufwachen möchte.
Kilian ist mir gefolgt und steht jetzt neben mir am Fenster. „Respekt. Du hast definitiv den richtigen Ort ausgesucht, um sich von Indien zu verabschieden.“
Da sollte er sich vielleicht eher bei meiner Oma bedanken. Wenn das möglich wäre. Ich würde alles dafür tun, um noch einmal mit ihr reden zu können. Ich möchte ihr einfach nur danken. Wir sind nicht einmal zwei Monate unterwegs. Fünf Monate haben wir noch. Und ich bin jetzt schon unfassbar glücklich und dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, diese Reise zu machen.
„Kerala ist ein Bundesstaat in Indien. Kerala heißt übersetzt Land der Kokospalmen. Ich glaube, jetzt verstehe ich, wieso dieser Bundesstaat so genannt wurde. Es ist unglaublich hier. Wie im Urwald.“
Kilian nickt. Es war bereits später Nachmittag, als wir angekommen sind. Ich weiß nicht genau, wie lange wir hier schon stehen, aber mittlerweile geht die Sonne unter. Ein Sonnenuntergang in einer Holzhütte mitten im Urwald an einem Fluss. Ich weiß nicht, ob ich jemals etwas Schöneres gesehen habe.
„Bitte kneife mich. Vielleicht träume ich einfach nur.“
„Du träumst nicht, Alicia. Das ist die Wirklichkeit“, sagt Kilian leise. Seine tiefe Stimme klingt so schön. Ich könnte ihm ewig zuhören.
* * *
Ich wache durch das Rauschen des Flusses und den Gesang der Vögel auf. Gott sei Dank! Ich bin wirklich noch hier und habe das nicht alles geträumt. Die Sonne scheint in unser Zimmer. Ich strecke mich. Kilian ist nicht mehr neben mir im Bett. Vielleicht ist er duschen gegangen. Ich stehe langsam auf und gehe zum Fenster. Ich kann nicht genug bekommen von diesem Ausblick.
Nach dem Frühstück werden wir abgeholt. Wir fahren nicht lange mit dem Auto durch den Urwald. Schon bald erreichen wir unser Ziel.
Kilian schaut perplex aus dem Fenster. „Da steht ein Elefant!“
Ich muss lachen.
„Vielleicht kannst du ja jetzt erraten, was wir heute machen werden.“
„Sag mir nicht, wir reiten auf dem riesigen Teil?“
Ich schaue ihn nur grinsend an. Ich glaube, das ist Antwort genug. Ich freue mich total. Ich wollte schon immer einmal auf Elefanten reiten.
Wir steigen aus dem Auto und werden von einer jungen Frau begrüßt. Sie hat einen roten Punkt auf der Stirn, einen sogenannten Bindi. Das heißt, dass sie verheiratet ist. Dies wundert mich auch nicht wirklich. Sie ist bildschön und hat ein umwerfendes Lächeln. Sie reicht mir eine Kette, an der viele rosa Blumen befestigt sind. Wie lieb von ihr. Anschließend führt sie uns zu dem Elefanten und zeigt uns, wie wir am besten aufsteigen können. Ich gehe zuerst nach oben und lege mir die Blumenkette als Schmuck um den Kopf. Kilian folgt mir und setzt sich hinter mich. Er greift um meine Hüfte und hält mich fest. Ein Kribbeln durchläuft meinen gesamten Körper. Ich genieße seine Hände an meiner Hüfte. Die Frau macht uns klar, dass der Elefant gleich aufstehen wird und wir uns festhalten sollen.
Es ist ein bisschen abenteuerlich auf so einem riesigen Elefanten. Es schaukelt ganz schön auf seinem Rücken, aber die Aussicht ist genial. Ein Mann führt den Elefanten durch den Urwald. Neben uns fließt der Fluss entlang, auf der anderen Seite sind viele Palmen und andere Bäume. Kilian zeigt auf einen Baum, an dem Bananen wachsen. Nicht schlecht. Wir sind einen kleinen Rundweg gegangen. Ich kann die Stelle schon erkennen, an der wir losgelaufen sind.
Kilian zieht mich ein bisschen zu sich heran. „Du bist ein wunderschönes Blumenmädchen“, flüstert er mir ins Ohr. Durch seine tiefe Stimme bekomme ich überall Gänsehaut. Mein Herz macht einen kleinen Hüpfer und schlägt automatisch schneller.
* * *
Wir sitzen in einem Boot und werden über den Fluss gefahren. Ein Fluss mitten im Urwald. Hinter uns steht ein Mann, der das Ruder in der Hand hält, um das Boot zu bewegen. Überall ragen Palmen an den Ufern hervor. Ich kann einen Affen auf einem Baum erkennen. Ich habe noch nie so viel Grün auf einmal gesehen. Ab und zu tauchen zwischen den Bäumen ein paar kleine Hütten auf, in denen Besucher untergebracht werden. Kerala ist ein schönes Ziel für eine Hochzeitsreise. Die ganze Umgebung mit dem Fluss und der Holzhütte ist schon romantisch.
Oh nein. Ich habe einen Regentropfen abbekommen. Wir haben Ende Juni. Eigentlich kein Wunder. Ab Mitte Juni ist in Indien Regenzeit. Jetzt sind es nicht mehr nur einzelne Tropfen, sondern es ist schon ein leichter Regen. Leider bleibt es nicht dabei, es wird immer schlimmer und mittlerweile schüttet es. Der Bootsmann erklärt uns auf Englisch, dass die Strömung des Flusses bei Regen ganz schön stark werden kann und wir leider die Fahrt abbrechen müssen. Er fährt auf das Ufer zu, schafft das Boot ein Stück aus dem Wasser und bindet es an einen Baum.
Wir sind alle komplett durchnässt. Das Wasser tropft schon an meinen Sachen herunter. Zum Glück ist es noch so warm, dass man nicht frieren muss. Der Bootsmann entfernt sich ein Stück von uns. Wahrscheinlich versucht er, jemanden zu finden, mit dem wir hier wegkommen können. Ich stelle mich unter einen Baum, doch er bringt nicht wirklich etwas gegen den Regen. Ich werde genauso nass, als würde ich unter freiem Himmel stehen. Die Regentropfen fallen von den Blättern herab und prallen auf meinen Körper. Kilian kommt langsam auf mich zu. Ich schaue ihm in die Augen. Sie sind schlicht braun, aber trotzdem faszinieren sie mich unfassbar. Sie ziehen mich in seinen Bann. Er kommt immer weiter auf mich zu. Ich kann den Blick nicht von seinen Augen lösen. Erst kurz bevor wir gegeneinanderstoßen würden, bleibt er stehen. Seine Hand greift behutsam nach meinen Haaren. Er spielt ein wenig mit meinen Locken herum, dann legt er seine Hand an meine Wange und streicht mit seinem Daumen sanft über meine Haut. Ich glaube, ich habe gerade aufgehört, zu atmen. Mein Herz schlägt schneller. Sein Kopf bewegt sich zu mir nach unten und ich schließe die Augen. Mittlerweile schlägt mein Herz bestimmt doppelt so schnell wie normal. Meine Knie werden weich. Seine Lippen treffen auf meine. Jetzt explodiert mein Körper komplett. Alles kribbelt und Schmetterlinge flattern wie wild in meinem Magen herum. Seine Lippen sind unfassbar weich. Seine Hände wandern an meine Taille. Vorsichtig zieht er mich an sich. Unsere Körper sind eng beieinander. Ich fahre mit meinen Händen durch seine wunderschönen Locken. Ich habe das Gefühl, dass unsere Körper zu einem verschmelzen. Ich kann sein Herz schlagen hören. Wie kann ein einziger Mensch, mich so verdammt glücklich machen? Wir lösen uns voneinander, auch wenn ich ihn noch ewig hätte küssen können. Ich öffne meine Augen wieder und schaue in sein makelloses Gesicht. Anhand seines Lächelns kann ich erkennen, dass er genauso glücklich ist wie ich. Ich habe mich Hals über Kopf verliebt. Das ist der perfekte Abschluss. Indien war trotz der schrecklichen Eindrücke insgesamt eine wunderschöne Zeit.
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