Читать книгу: «Projekt Oblivion - Geister am Polarkreis»

Originalcopyright © 2021 Südpol Verlag, Grevenbroich
Autor: Simak Büchel
Illustrationen und Gesamtgestaltung: Corinna Böckmann
E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim
ISBN: 978-3-96594-108-3
Alle Rechte vorbehalten.
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Für Malin, Henrik und Danny!

Prolog
In einem hellgrün leuchtenden Band waberte das Polarlicht über den nachtschwarzen Winterhimmel. Nur die spiegelnde Fläche des Fjords trennte ihn von der Düsternis des Landes. Karg lagen Felsen und Hänge da, bedeckt mit einer krossen Schneeschicht. Lautlos floss der Lichtstrom über alles hinweg, bildete Wirbel, Wogen, Wellen, tanzte und berührte den Horizont an der Stelle, wo die Positionslichter eines Containerschiffes blinkten.
Der Junge schob die schwere Kapuze seines Anoraks zurück, legte den Kopf in den Nacken und spürte, wie sich gegen seinen Willen ein Staunen in ihm breitmachte. Doch sein Gesicht blieb starr. Nicht einmal eine Atemwolke zeigte sich im Frost der Nacht. Er strich sich die welligen Haare aus der Stirn, stand da und wusste es besser.
„Aurora borealis“, schnaubte er verächtlich. „Polarlichter.“
Die Erscheinung am Himmel war weder göttliches Zeichen noch Geisteratem oder Botschaft aus dem Jenseits, wie man es vor Urzeiten geglaubt hatte, sondern reine Physik. Materie. Ein Teilchenschauer aus den schwarzen Weiten des Alls, der an den Polen auf die Atmosphäre traf, um in einem Glühen zu vergehen. Ein Gruß aus dem Nichts.
Und doch ist es schön, ertappte er einen Gedanken in seinem Kopf, nur um ihn sogleich unwirsch fortzuwischen. Schön? Er war nicht hier, um zu staunen oder über Geisteratem zu philosophieren, sondern um einen Auftrag zu erledigen. So einfach war das. Er hatte seine eigenen Geister, die ihn eskortierten, beschützten, während er den Auftrag für seinen Schöpfer ausführte, für seinen ... Vater.
Irgendein Idiot hatte die Kalibrierung1 vergessen, sodass der Dämon beim Verladen aus seinem Schlaf erwacht war. Das durfte nicht sein. Das brachte den Plan in Gefahr. Den großen Plan. Er packte das metallene Kästchen in seinen Händen fester und stapfte den Hang hinab auf die alte Walfangstation zu, wobei jeder seiner Schritte im harschen Schnee knirschte. Schon ragten die rostroten Zylinder der Tanks zu seiner Rechten auf, in denen früher der gekochte Waltran gelagert worden war. Wind fegte ihm um die Nase und er zog die Kapuze wieder über den Kopf, obwohl er Kälte nicht kannte. Nicht spürte. Sein Schöpfer dagegen schon, der so bitter enttäuscht worden war von dieser Verräterin! Zorn brodelte in ihm auf, bei dem Gedanken an das hellblonde Haar, an die Sommersprossen auf den Wangen seiner ... Ja, was?
„Schwester?!“, stieß er hervor. Sie hatte gewagt, sich gegen das Projekt zu stellen. Sie hatte sich gegen ihren Ursprung entschieden und war dem langhaarigen, dumpfen Trottel nachgelaufen, hinein ins Verderben. Warum? Wegen seiner Augen? Wegen dieser gletscherwasserblauen Bälle aus Glibber und Schleim? Aus Freundschaft, hatte sie gesagt.
„Jorin Flugbrand!“ Er fletschte seine Zähne und eine Bitternis breitete sich in ihm aus. Ihn verlangte es nach Rache! Jorin, der Auserwählte, der Liebling der Anti-KI-Allianz, der Saboteur und Zerstörer von Projekt Mimesis, musste in seine Schranken gewiesen werden. Ihn galt es in den Staub zurück zu treten, aus dem er sich erhoben hatte. Nein, besser noch, er gehörte zurück auf die Bäume zu seinesgleichen.
„Dieser ... dieser ...“ Lodernd vor Zorn und Eifersucht ballte der Junge seine Rechte zur Faust und suchte nach dem abscheulichsten Schimpfwort, das sich in seinem Wortschatz fand. Widerwillig spuckte er es in die frostklirrende Nacht am Polarkreis. „Dieser Mensch!“
Kalibrierung = letzte Einstellungen werden vorgenommen, etwas wird auf eine bestimmte Aufgabe vorbereitet

1. Kapitel
Gut getarnt saß Jorin Flugbrand in einer Astgabel der uralten Ulme und ließ seine gletscherwasserblauen Augen über die Schrebergartensiedlung Zum kleinen Glück schweifen. Er gähnte, dass seine Kiefer knackten. Nein, so hatte er sich das Agentenleben wirklich nicht vorgestellt. Von wegen James Bond! Wer hätte ahnen können, dass A.KI.A.-Agent Samuel Smuts ein solcher Spießer war? Nicht, dass man ihn falsch verstand, Jorin war heilfroh, dass Smuts sich bereit erklärt hatte, ihn bei sich aufzunehmen, nachdem die Mimesis-Schule in die Luft gesprengt worden war. Aber irgendwie hatte Jorins Leben nach dem Abenteuer auf der Eidechseninsel eine Wendung genommen, die ihn allmählich verzweifeln ließ.
„He, Sam, wann kann ich denn endlich mit dem richtig coolen Zeug anfangen?“, hatte Jorin erst an diesem Morgen beim Frühstück nachgebohrt.
„Dem – was?“ Samuel verschluckte sich an seinem Croissant.
„Du weißt schon, dem echten Agentenkram: geheime Kampftechniken, Mandarin und der Umgang mit seltenen Giften! Dieses Zeug eben!“ Jorin war sich mit beiden Händen durch seine brandneue Frisur gefahren und hatte das strubbelige Deckhaar noch etwas wilder verwuschelt. An den Seiten und im Nacken waren die Haare nun raspelkurz und erinnerten nicht mehr im Entferntesten an einen mittelalterlichen Knappen. Vielmehr verlieh der Schnitt seinem pausbackigen Gesicht mit den strahlend blauen Augen etwas Verwegenes, das Jorin selbst ausnehmend gut an sich gefiel.
„Geduld, mein junger Freund, Geduld. Du hast dich bisher zwar ganz prächtig geschlagen, trotzdem hat man dir erst die niedrigste A.KI.A.-Sicherheitsfreigabe erteilt. Trainiere weiter deinen Blick, lerne genau hinzuschauen und Täuschung von Wahrheit zu unterscheiden. Du sollst die Füße bis auf Weiteres stillhalten, Jo, Anordnung von oben, von ganz oben.“ Damit hatte Smuts den Chef der Anti-KI-Allianz gemeint, jener streng geheimen Untergrundorganisation, der Jorin nun angehörte. „Vertrau mir, deine Zeit mit dem richtig coolen Zeug wird kommen, vielleicht früher, als dir lieb ist.“ Smuts hatte sich Marmelade vom Finger geleckt und war vom Frühstückstisch aufgestanden, ohne Jorin eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Oh Mann, das Warten ist so was von ätzend!“, maulte Jorin.
„Du hättest ja mit Konrad und Nele ins Zeltlager fahren können“, sagte Smuts. „Das Angebot stand immerhin.“
„Pff, die ...“ Jorin hatte abgewunken. „Die turteln von morgens bis abends, was soll ich denn da? Nee, Smuts, echt nicht ... Vielen Dank!“ Sogar seine besten Freunde hatten ihn in jener faultierhaften Langeweile zurückgelassen, die vor sich hin gärte wie Brennnesseljauche. Jorin war es leid.
Dabei war Borax Dosch, der Mörder seiner Eltern, immer noch auf freiem Fuß. Allein bei dem Gedanken an den milliardenschweren Gründer von Projekt Mimesis verkrampfte sich etwas in Jorins Brust. Dieses verdammte Monster! Dosch hatte damals sogar angedeutet, dass Jorin selbst das Ergebnis einer Genmanipulation und seine Augen mit fremden Genen perfektioniert worden waren. So ein Schwachsinn! Borax Dosch hatte es einfach nicht verkraftet, von ein paar Kindern besiegt worden zu sein! So sah es aus. Hoch oben im Baum grollte Jorin vor sich hin.
Aus der Brusttasche seines Hemdes zog er ein knittriges, angesengtes Foto hervor, verpackt in eine Klarsichtfolie, auf dem seine Eltern, Cord und Edda, in einem Pulk von Labormitarbeitern standen. Doch bereits auf diesem Foto tauchte als Vorbote des Todes, zwei Reihen hinter seinen Eltern, der Glatzkopf von Camaphos auf, einem der gefährlichsten Handlanger von Borax Dosch.
Um das Aufwallen seiner Gefühle zu stoppen, sah Jorin vom Foto hoch und starrte in die Ferne. Von Dosch und seiner Organisation fehlte noch immer jede Spur. Selbst die Anti-KI-Allianz tappte völlig im Dunkeln. Dabei konnte es doch nicht so schwer sein, einen selbstverliebten Großkotz mit Hollywoodgebiss ausfindig zu machen! An irgendeinem Schickimicki-Strand musste sich Dosch schließlich unter Palmen lümmeln oder mit seiner Yacht anlegen. Und Camaphos, der im Gefängnis schmorte, schwieg beharrlich, vermutlich aus Angst vor seinem ehemaligen Boss. Nichts war aus dem Mimesis-Cheftechniker herauszubekommen. Nicht der zarteste Hinweis auf Doschs Geheimversteck, geschweige denn auf dessen Pläne. Jorin spürte, wie das dumpfe Grollen in seiner Brust weiter anschwoll. Mit zittrigen Fingern steckte er das Foto zurück in seine Brusttasche.
Hätte er die Zwischenzeit wenigstens für eine anständige Agentenausbildung nutzen dürfen! Doch nein, von Training keine Spur. „Null, nichts, nada.“ Alles, was neben der Schule auf dem Plan gestanden hatte, war groß und fett geschriebene Langeweile. Ätzende Langeweile.
„Hier passiert aber auch echt gar nichts“, stöhnte er und gähnte erneut. Anfang der Sommerferien waren Konrad und Nele zu einem Zeltlager auf eine friesische Insel gefahren. Von dort hatten sie Jorin eine Postkarte geschickt, mit Möwen, Sandstrand und einem Leuchtturm vorne drauf. Vielleicht hätte er doch besser mitfahren sollen?
Träge verlagerte Jorin sein Gewicht in der Astgabel, um die selbst geschnitzte Steinschleuder aus dem Hosenbund zu zerren. Sein Blick glitt über die Glasfassaden der Hochhaustürme, die ihre violetten Nachmittagsschatten bis zur Schrebergartensiedlung ausstreckten, über die Gemüse- und Blumenbeete, zwischen denen alte Leute herumdackelten, und landete schließlich bei seinem Mentor2, Samuel Smuts. Oder besser gesagt, seinem Nicht-Mentor, denn gelernt hatte er von Samuel tatsächlich ...
„Nüscht.“ Jorin verengte seine Augen zu Schlitzen und hielt nach einem Ziel Ausschau.
Wenn wenigstens Fenja da wäre. Das iKID mit den schwedenblonden Haaren und den Sommersprossen auf den Wangen hatte es ihm angetan. Dabei war es schon Monate her, dass er das Roboter-Mädchen getroffen hatte. Offenbar verfolgte die A.KI.A. andere Pläne mit ihr. Jorin versuchte, die Erinnerung an Fenjas schmales, fein geschnittenes Gesicht und ihre herrlich grauen Augen beiseite zu wischen, um sich auf ein Ziel für seine Schleuder zu konzentrieren. Er atmete tief durch, spürte, wie sich der Knoten in seiner Brust zu lösen begann.
Smuts kniete zwischen Tomatenpflanzen, kehrte Jorin den Rücken zu und zog sich gerade die rutschende Hose über dem Gesäß hoch.
„Hm, nee“, entschied Jorin und ließ seinen Blick über die angrenzenden Schrebergartenparzellen wandern, wo Herrschaften in Feinrippunterhemden vor ihrem Grill saßen und den Hochsommer genossen. Jorin seufzte. Obwohl er das Idyll unerträglich fand, erschien die Zeit bei Smuts immer noch besser, als all die Jahre, die er zuvor in einer Pflegefamilie verbracht hatte, ganz zu schweigen von seinem Nachtlager auf dem Alten Friedhof.
Entschlossen griff Jorin in seine Hosentasche, friemelte einen haselnussgroßen Kiesel hervor und spannte seine Schleuder. Das linke Auge zugekniffen, die Zungenspitze zwischen den Schneidezähnen vorgeschoben, zielte er, hielt den Atem an und ließ schließlich die Zwille flitschen. Der Kiesel raste über drei, vier penibel gestutzte Hecken hinweg, um dahinter einen Plastik-Gartenzwerg von seinem Sockel zu fegen.
„Yes, Volltreffer.“ Jorin grinste, klappte sein rostiges Taschenmesser auf und schnitt eine Kerbe in den Griff seiner Schleuder. Es war die achtundzwanzigste.
Mentor = Förderer, erfahrener Berater

2. Kapitel
Der Triumph des Jägers hielt bei Jorin gerade einmal zwei Minuten an, denn plötzlich breitete sich ein warmes Gefühl auf seiner Brust aus.
Der Junge stutzte, kratzte sich durch den Stoff des T-Shirts, doch die Wärme strahlte weiter, nicht in seiner Brust, sondern tatsächlich auf ihr.
Verdutzt lupfte er den Bund des Shirts und schaute an seinem Oberkörper hinab. Da war nichts, nur Speckröllchen und der Kommunikator in Gestalt eines muschelförmigen Anhängers, der wie eh und je über seinem Brustbein baumelte. Mit ihm hatte sich Jorin auf der Eidechseninsel mit der A.KI.A. in Verbindung setzen können. Aber wie der Rest der Welt hatte seitdem auch dieses Meisterwerk der Spionagetechnik keinen Mucks mehr von sich gegeben. Argwöhnisch zog Jorin den Anhänger hervor und spürte dessen Wärme in der Handfläche.
„Was soll denn das jetzt?“ Seine Finger zitterten, als er den Kommunikator aus der Halterung löste, ihn einschaltete und sich die Keramik ins Ohr stopfte. Angenehm warm schmiegte sich die Muschelform in seinen Gehörgang, ein Knistern ertönte.
„Hallo Junge“, meldete sich sofort eine vertraute Männerstimme zu Wort, sodass Jorin vor Schreck einen Satz machte. Hilflos ruderte er mit beiden Armen und umklammerte im letzten Moment einen dürren Ast.
„He!“, schnaubte er. „Verdammt noch mal, finden Sie das etwa witzig? Ich sitz grade in einem Baum und wäre fast runtergefallen. Hätten Sie sich nicht mal zwischendurch melden können? Neun Monate tote Hose – nichts! Funkstille!“ Mit einem Mal brach der angestaute Frust aus Jorin hervor. „Ich dachte, ihr haltet eure Agenten besser bei Laune. Mit ’nem klitzekleinen Observierungs-Auftrag oder so. Aber was ist?! Ich krepiere hier vor Langeweile! Die Hälfte der Sommerferien ist rum. Hier gibt’s nicht mal ’ne Spielkonsole und Smuts redet mit Toma–“
Unwirsch unterbrach ihn die Stimme am anderen Ende.„Junge, wir haben keine Zeit für Plaudereien. Deine zweite Spionage-Mission startet in zehn, neun, acht, sieben ...“
Ein Knistern in Jorins Ohrmuschel verriet, dass die Verbindung gekappt worden war. Unwillkürlich zählte er weiter, bewegte dabei stumm die Lippen und blickte hektisch um sich.
„... sechs, fünf, vier ...“
Bei drei hörte Jorin Schritte auf dem Kiesweg.
„... zwei, eins ...“
Wie auf ein geheimes Zeichen hin bog in diesem Moment ein Mädchen um die von Faltern umtaumelte Ligusterhecke. Jorin traute seinen Augen nicht.
„Njeri?!“ War das wirklich seine Klassenkameradin aus der Mimesis-Schule, die lässige, allseits beliebte Njeri? Das Waisenkind mit kenianischen Wurzeln? Kein Zweifel, der Klamottenstil aus zerschlissener Jeans und pinkem T-Shirt mit schielendem Einhorn darauf kam Jorin sehr bekannt vor. Ebenso die kunstvoll geflochtenen Reihen unterschiedlich breiter Haarzöpfe, Njeris Cornrows, deren Enden im Nacken leicht abstanden. Wie immer umspielte ihre Lippen ein kaum merkliches Lächeln. Gerade drehte Njeri ihren Kopf über die Schulter und wandte sich an eine Person, die noch von der Hecke verdeckt wurde: „Und er weiß wirklich nichts davon? Shit, das wird ihn aus den Socken hauen! Hoffentlich verplapper ich mich nicht.“
„Das hoffe ich auch, Njeri“, antwortete eine Frauenstimme, woraufhin Jorin der Atem stockte. Seine Zunge klebte am Gaumen fest, als im Gefolge von Njeri zwei weitere Gestalten auftauchten: A.KI.A.-Agentin Annabel Biron und –
„Fenja!“
Einem Kometenschweif gleich zog der hellblonde Haarschopf des iKID-Mädchens an der Hecke vorbei und nun verlor Jorin endgültig den Halt. Wie ein betäubter Orang-Utan plumpste er aus dem Blätterdach und landete mit einem dumpfen Schlag zwischen den Wurzeln. Kurz wurde es ihm schwarz vor Augen, dann rollte er sich auf den Rücken und blinzelte heftig. Ächzend zog er den Kommunikator aus seinem Ohr. Er fingerte ihn gerade noch in die Halterung zurück, da erreichten ihn die Neuankömmlinge und schoben ihre Gesichter in sein verschwommenes Blickfeld. Annabel schüttelte missbilligend den Kopf; Njeri hielt sich die Seiten vor Lachen, wobei ihr ein baugleicher Kommunikator in Muschelform aus dem T-Shirt rutschte, um gut sichtbar an einem Silberkettchen über ihrem Schlüsselbein zu baumeln. iKID Fenja lächelte. „Hey, Blauauge, ich dachte, ihr Menschen seid schon ein bisschen länger von den Bäumen runter.“
„Ha ha“, machte Jorin, brachte ansonsten aber nur Grunzlaute zustande. Mit Annabels Hilfe rappelte er sich auf und streifte trockene Blätter von seinen Klamotten. Im nächsten Moment fiel ihm Fenja um den Hals und drückte ihn so fest, dass es Jorin die Luft abschnürte. Ihr Haar duftete nach Vanille und unter der Haut ihrer Arme erahnte er die stahlbiegende Kraft einer Kampfmaschine. Er spürte, wie seine Handflächen schwitzig wurden und ihm die Röte ins Gesicht stieg. Den Zustand kannte Jorin sonst nur, wenn er einen Löffel Cayenne-Pfeffer in seine Tütensuppe mischte. Schnell blinzelte er seine Verlegenheit weg und schluckte.
„Fenja ...“ Sie hatte sich so gar nicht verändert.
„Jetzt ist aber gut, Fenja, wir wollen Jorin auch begrüßen!“ Annabel befreite den überrumpelten Jungen aus der Umklammerung. Njeri blieb verlegen danebenstehen und schob ihre Hände in die Gesäßtaschen der Jeans. Keine von ihnen hatte vergessen, was Jorin auf der explodierenden Insel für ihre Rettung getan hatte. Nicht nur Annabel verdankte ihm ihr Leben.
„Wovon weiß ich noch nichts?“, wollte Jorin wissen, erntete von Njeri jedoch nur einen Stupser gegen den Oberarm, bevor diese einen raschen Blick mit Annabel wechselte.
„Äh …, dass wir da sind, das ist doch Überraschung genug, oder? Es ist so schön, dich zu sehen“, wich die zierliche Agentin aus und drückte dem verblüfften Jorin einen Kuss auf die Stirn. Dazu musste sie sich allerdings auf die Zehen stellen. Seit ihrer letzten Begegnung war Jorin ein gutes Stück gewachsen.
„Leider haben wir nicht viel Zeit zum Reden“, fuhr Annabel fort und sah sich suchend um. „Wir müssen dringend zu Smuts. Es gibt Neuigkeiten, Jorin, Camaphos hat sich bereit erklärt, mit uns zu sprechen – endlich! Wo steckt Sam denn? Hockt der Kerl etwa wieder im Gemüsebeet?“ Kopfschüttelnd ließ die Agentin mit den katzengrünen Augen Jorin unter der Ulme stehen, um den Weg in die Schrebergartensiedlung hinab zu stapfen.
„Jo“, nuschelte Jorin und betastete seine Stirn, „einfach nur Jo, wann kapiert die das endlich?“
Fenja strahlte über das ganze Gesicht. „Mensch, wie geht’s dir? Hattest du auch so eine coole Zeit? Ich sag dir, Blauauge, die Tage haben sich nur so gejagt. Es war der Hammer. Coole Frisur übrigens.“
Verlegen fuhr Jorin sich durch seine strubbeligen Haare.
Njeri verdrehte hinter Fenjas Rücken die Augen, sodass nur Jorin es sehen konnte.
„Ach ... äh ...“ Rasch schob er die Schleuder in seinen Hosenbund, denn just in dem Moment tauchte ein Rentner hinter der Hecke auf und drehte seinen Gartenzwerg in den Händen.
„Tja“, hüstelte Jorin, „hier war auch mächtig was los ...“

3. Kapitel
Hinter Annabel passierten Fenja, Jorin und Njeri das Tor im Staketenzaun zum Schrebergartenhäuschen. Smuts kehrte ihnen den Rücken zu und zuckte zusammen, als Annabel mit harter Stimme rief: „Keine Bewegung, Smuts! Wenn du auch nur mit der Wimper zuckst ...“
Samuel hob die Arme bis auf Schulterhöhe, stieß sich dann aber zu Jorins Verblüffung mit dem rechten Bein aus der Hocke ab, um hinter den Komposthaufen zu hechten. Dort tauchte sein Haarschopf erst wieder auf, als aus Annabels Kichern schnaubendes Lachen wurde.
„Sehr witzig, wirklich.“ Smuts erhob sich aus der Deckung und applaudierte mit erdverklumpten Fingern. „Hab lange nicht mehr so gelacht, Annabel.“
Jorin grinste, diese kleine Lektion geschah Smuts ganz recht.
„Spaß beiseite.“ Das herzförmige Gesicht der A.KI.A.-Agentin wurde sofort wieder ernst. „Es gibt Neuigkeiten, mein Lieber. Nachdem ich Camaphos von dem Video erzählt habe, hat er sich tatsächlich bereit erklärt, mit uns zu sprechen. Unter einer Bedingung.“ Sie deutete auf Jorin, der verdutzt in die Runde blickte.
„Video?“, fragte der. „Was für’n Video?“
Keiner beachtete seine Frage. Samuel nickte nur und sah auf seine Armbanduhr. „Phase zwei, wurde aber auch Zeit.“ Der Agent stapfte hinüber zur Gartenhütte, schlüpfte aus seinen Gummistiefeln und schob die Haustür auf. „Na los, rein mit euch, wir haben lange genug gewartet.“
Jorin klappte den Mund auf und wieder zu, um dann als Letzter über die Schwelle zu stolpern. Er kam sich geradezu unsichtbar vor. Alle redeten an ihm vorbei oder um ihn herum. Es war zum Haare raufen.
Im Inneren des Häuschens, das seit einem Dreivierteljahr das Zentrum seines Lebens bildete, wirkten die Besucher völlig fehl am Platz. Die Gruppe aus Kindern und Agenten knubbelte sich in der winzigen Koch-Wohnnische, während sich Smuts am ersten Rollladen zu schaffen machte, um das Fenster zu verdunkeln.
„Jo, wärst du so freundlich, den Damen die Räumlichkeiten zu zeigen?“
Jorin blinzelte. „Die – was?“
„Ich wäre dir wirklich sehr verbunden“, fuhr Smuts fort. „Habe hier noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen, bevor ich mich um das Wohlergehen unserer Gäste kümmern kann.“
Jorin ließ seinen Blick über die Nasszelle mit Klo und Dusche wandern, taxierte die winzigen Kammern mit den ungemachten Betten daneben und kehrte zu den erwartungsvoll lächelnden Gesichtern von Annabel, Fenja und Njeri zurück.
„Äh ...“ Der größte Luxus, den Smuts sein Eigen nannte, war ein uraltes Telefon mit Wählscheibe und spiraligem Hörerkabel. Kein W-LAN, kein Rechner, nicht einmal ein Fernseher; sie hausten hier im tiefsten digitalen Mittelalter.
„Äh, Damen“, begann Jorin und machte eine Geste, die alles umfasste: „Hütte!“ Damit war seine Wohnungsführung abgeschlossen. Hilfesuchend drehte er sich zu Smuts um, der den letzten Rollladen herabließ, woraufhin nur noch schmale Lichtstreifen zwischen den Schlitzen durchschienen. „Und jetzt?“
„Meine Güte, Sam!“ Annabel lehnte sich gegen die Tischplatte, auf der im Dämmer halbvolle Tassen und Teller mit Croissantkrümeln und Erdbeerkonfitüre zu sehen waren. „Ich muss schon sagen, du hast dich wirklich ins Zeug gelegt, um unserem jungen Freund die Umgangsformen eines wahren Gentleman nahezubringen. Jorin ist nicht nur charmant, sondern auch noch ... äh ... äußerst redegewandt.“
Die Mädchen kicherten, während Smuts die Haustür verriegelte. Er reckte sich nach einem ausgestopften Raubfischkopf, einem entenschnabeligen Hecht mit spitzen Dolchzähnen, der genau über dem Eingang hing, und drückte dessen rechtes Glasauge ein. Sofort senkte sich mit leisem Summen eine Fliese neben der Spüle in die Wand und fuhr beiseite, um eine blau leuchtende Scanfläche freizugeben. Fassungslos starrte Jorin auf das Leuchten, das Samuels Gesichtszüge aus der Finsternis schälte.
Ein weiteres „Äh“ war alles, was Jorin zuwege brachte. Neun Monate lang hatte Smuts das vor ihm geheim gehalten?! Nun presste der Agent ungerührt seine Hand gegen den Scanner, woraufhin ein Lichtbalken diese abfuhr. Sekundenbruchteile später klickte es im Boden. Die Umrisse einer Falltür zeichneten sich im zerschrammten Linoleum vor dem Kühlschrank ab.
„Ich glaub’s ja nicht!“ Jorins Augenlid begann zu zucken. Smuts kniete sich hin und öffnete die Luke, sodass ein erleuchteter Schacht sichtbar wurde, der in die Tiefe führte.
„Ladies first“, sagte der Agent mit einer Verbeugung. Wie selbstverständlich schwang sich Annabel die Sprossenleiter hinab. Fenja klatschte vor Begeisterung in die Hände und folgte ihr.
„Action“, hallte die Stimme des iKIDS aus dem Schacht. „Das ist ja der Hammer hier unten!“
Njeri atmete tief durch. „Na, dann wollen wir mal.“
Samuel tippte sich verschwörerisch gegen die Nasenspitze und kletterte seinen Gästen hinterher. Gerade, als sein Kopf auf Höhe des Fußbodens anlangte, drehte er sich noch einmal zu Jorin um, der wie vom Blitz getroffen dastand. „Bei Gelegenheit kannst du deinen Mund wieder schließen, Jo, wir warten dann unten auf dich.“

4. Kapitel
Smuts’ Geheimkammer war wirklich der Hammer. Der Raum erstreckte sich unter der gesamten Schrebergartenparzelle. Die Betonwände waren mit gepanzerten Spezialschränken vollgestellt, hinter deren Türen sich kugelsichere Körperrüstungen, Überwachungskameras, Wanzen, Peilsender, Magnetfeld-Granaten, Kampfstäbe und die unterschiedlichsten Waffensysteme befanden. Fenja pfiff durch die Zähne und musterte Schultergurte mit matt schimmernden Wurfscheiben. Daneben versammelte ein Bücherregal so ziemlich alle verfügbaren Aufsätze über seltene Gifte, Geheimsprachen, Verschlüsselungstechniken, künstliche Intelligenz und die neuesten Errungenschaften der Roboterwissenschaft.
„Jo, das ist Agenten-Kram der allerfeinsten Sorte“, flüsterte Fenja, während Jorin vor eine Pinnwand mit Verbrecherfotos trat und es immer noch nicht fassen konnte. Njeri stellte sich neben ihn, um das Who is Who3 von Projekt Mimesis zu betrachten: zuoberst Borax Dosch, der schmierige Milliardär, braungebrannt, mit Hollywoodlächeln und Unterlippenbärtchen. Direkt darunter prangte das Foto des glatzköpfigen Camaphos, dem Meistertechniker und Mann für alles Grobe. Über sein Gesicht war der Vermerk VERHAFTET geklebt.
In der dritten Reihe folgten die Lehrer und Handlanger von Doschs Organisation: Esther Zünsler – klein, rothaarig, mit blaugetönter Sonnenbrille, Ansgar Telchow – hager, hohlwangig mit Hyänenlächeln, Grit Bracken – durchtrainiert, mit Igelfrisur und markanten Wangenknochen und schließlich Leander Maria Lehmschlag, dessen Gesicht von dunklem Vollbart und Pferdeschwanzfrisur eingerahmt wurde.
Die vierte Reihe bildeten die Fotos der verbliebenen iKIDS der ersten Generation, der auch Fenja angehörte: Chloé wirkte mit ihrem Kinngrübchen und dem zu einem Kranz geflochtenen Haar, als könne sie kein Wässerchen trüben. Dorian, der blasse Hüne mit den speckigen Wangen, hatte Jorin bereits übel zugesetzt. Und natürlich Adam, der Anführer der iKIDS. Auf den ersten Blick sah er wie ein schüchterner Junge aus der Nachbarschaft aus, mit seinem welligen Seitenscheitel und den leicht abstehenden Ohren. Unter der Fassade lauerten jedoch unmenschliche Kräfte und kälteste Intelligenz.
Auf einem Beistelltisch, an dem ein Vergrößerungsglas mit Lichtring montiert war, lagen in einer Metallschale Fragmente von Bienen: Flügel, zwei Oberkörper und Köpfe. Aber es waren keine normalen Insekten, sondern Nanobots, Borax Doschs Spionagedrohnen, welche die Kinder auf der Eidechseninsel auf Schritt und Tritt überwacht hatten.
„Smuts!“, zischte Jorin aufgebracht. „Du bist echt … Ich komme um vor Langeweile und dabei mache ich meine Hausaufgaben die ganze Zeit über einer geheimen Untergrundzentrale der A.KI.A.! Wann wolltest du mir denn von dem Zeug hier erzählen, hä? Ich glaub, ich spinne!“
Der Agent legte seinen Kopf schräg, während er ein Nachtsichtgerät aus dem Regal fischte. „Befehl ist Befehl! Du solltest selbst drauf kommen, Jo, ein Test, wie gut du darin bist, den Schein zu durchschauen. Ehrlich gesagt bin ich ein bisschen enttäuscht von dir, von deiner mangelnden Hartnäckigkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das ist die erste Lektion der Agenten-Ausbildung: Nichts ist, was es zu sein scheint. Ein bisschen Rumstöbern hätte dich vielleicht auf eine Spur gebracht“, Smuts schüttelte mitleidig den Kopf, „aber du hattest ja alle Hände voll damit zu tun, Jagd auf Gartenzwerge zu machen.“
Annabel wechselte wieder einen Blick mit Njeri, während Jorin abwehrend die Hände hob. Er blies die Backen auf, doch bevor er sich für die Zwergenpirsch in der Nachbarschaft rechtfertigen konnte, knackte es in einem Deckenlautsprecher und die Stimme der A.KI.A., die Jorin zuvor in seinem Kommunikator vernommen hatte, meldete sich zum zweiten Mal an diesem Tag zu Wort.
Ohne Umschweife kam sie zur Sache: „Liebe Mitstreiter, ich bin froh, dass ihr da seid. Vor allen Dingen Njeri möchte ich in unserem Kreis willkommen heißen, da sie erst vor Kurzem rekrutiert wurde. Fenja hat bereits das gesamte A.KI.A.-Trainingsprogramm durchlaufen und Jorin ... erhält mit dem heutigen Tag die letzte Sicherheitsfreigabe.“ Es knackte im Lautsprecher und der Junge spürte, wie sich seine Gesichtsfarbe einem dunklen Purpur näherte. Ungerührt fuhr die Stimme fort: „Wie ihr von Annabel gehört habt, gibt es Neuigkeiten zu Borax Dosch. Seit der Explosion auf der Eidechseninsel ist er wie vom Erdboden verschwunden und wird mit internationalem Haftbefehl gesucht.“
Während Jorin die Worte hörte, schob sich erneut ein Kloß in seine Kehle. Die Wut auf Smuts verrauchte bei der bloßen Nennung dieses Namens: Borax Dosch, Milliardär und exzentrischer Technikfreak mit Hang zur Weltbeherrschung. Ohne es zu merken, ballte Jorin seine Hände zu Fäusten, bis sich die Fingerknöchel weiß durch die Haut drückten wie eine Schule buckelnder Belugawale.
„Seit Längerem hegen wir den Verdacht, dass die Entwicklung der iKIDS bloß der erste Schritt in Doschs Plan war. Wir glauben, dass er im Verborgenen an KI-Maschinen arbeitet, mit denen er aktiv ins Weltgeschehen eingreifen will. Zuerst waren es nur Gerüchte, jetzt liegt uns dank Njeri der Beweis vor. Annabel, würdest du bitte?“ Die Stimme der A.KI.A. verstummte, woraufhin nur ein statisches Summen in der Luft hängen blieb.
Annabel hatte die ganze Zeit über mit gesenktem Kopf dagestanden, die Arme vor der Brust verschränkt, und schien erst jetzt wieder zum Leben zu erwachen. Sie wippte auf ihren Fußballen und griff dabei in die Innentasche ihrer sandfarbenen Jeansjacke, um ein hauchdünnes Tablet hervorzuziehen.
„Vor einigen Tagen ist ein Video aufgetaucht“, begann sie, marschierte zu einem Beamer hinüber und stellte mit wenigen Handgriffen eine Verbindung zwischen beiden Geräten her. „Njeri ist zufällig darauf gestoßen und hat mich sofort informiert. Das ist auch der Grund, weshalb sie ab jetzt unser Team verstärkt.“ Sie zwinkerte dem Mädchen zu. „Jacob Mkwawa, Njeris Vormund, arbeitet als Zoologe in Skandinavien, er ist spezialisiert auf große Prädatoren, Raubtiere am Ende der Nahrungskette“, erklärte Annabel. „Hoch im Norden untersucht er den Einfluss des Klimawandels auf das Verhalten von Wölfen und Bären. Dazu hat er an einigen Stellen Kameras mit Bewegungssensoren installiert und eine der Aufnahmen war ziemlich merkwürdig.“ Sie nickte Njeri zu, damit diese weitererzählte.
„Genau“, fuhr das Mädchen fort. „Seit Jacob mitbekommen hat, was mit unserer Schule passiert ist, telefonieren wir regelmäßig. Beim letzten Mal hat er mir von diesem komischen Video erzählt, das er vor einem halben Jahr in der Nähe einer verlassenen Walfangstation aufgenommen hatte. Ich war die Erste, der sich Jacob überhaupt anvertraut hat. Er hatte Angst, sich seinen Ruf zu ruinieren, denn als Forscher kann er ja schlecht behaupten, einen Geist gefilmt zu haben.“ Njeri malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft. „Vor vier Tagen hatte ich das Video in der Post und es ist wirklich krass. Nicht nur der Geist …“ Sie warf einen verschwörerischen Blick in die Runde.
„Ein Geist.“ Jorin krauste seine Stirn. „Ernsthaft?“
Ein fiebriger Glanz hatte sich über Samuels Pupillen gelegt. „Wir zeigen ihn euch“, flüsterte er.
Who is Who (engl.) = Auswahl, Bestenliste, beschreibt, wer alles zu einem bestimmten Personenkreis gehört

5. Kapitel
„Ehrlich gesagt wissen wir nicht, was es ist, Jorin“, erklärte Annabel, während sich das Beamerbild an der Wand aufbaute. „Du wirst gleich verstehen, warum Jacob niemandem davon erzählen wollte.“
Der Rahmen eines Videoprogramms erschien und Annabel drückte auf Play. Sofort veränderte sich die Atmosphäre des Raumes. Als die grünlich fluoreszierende Nachtbild-Aufnahme einer kargen, winterlichen Landschaft auf der Wand erschien, hielten alle den Atem an. Ein schlangenförmiges Lichtband flimmerte über den Himmel, ein Polarlicht. Windrauschen war zu hören. Jorins Augen begannen zu tränen, so angestrengt starrte er auf die unwirkliche Szene: Ein flacher, mit kahlem Unterholz bestandener Hang, von dem sich ein Wildpfad hinabschlängelte, um an der linken Bildkante zwischen Felsbrocken und Schneeflecken zu verschwinden. Einige windschiefe Büsche begrenzten das Bild, während im Hintergrund, wie starre Wächter, eine Reihe haushoher, zylinderförmiger Tanks zu sehen waren. An einigen Stellen schienen sie durchgerostet, schartige Löcher klafften in den Wänden.
„Was ist das für ein Ort?“, raunte Jorin, wurde aber sofort zum Schweigen gebracht, indem Annabel ihre Hand auf seinen Arm legte. Und dann sahen sie das, was die Kamera ausgelöst hatte. Etwas Riesiges bewegte sich im Schutz der Felsen von links ins Bild. Pupillen glühten, als sich der mächtige Schädel eines Braunbären um die Ecke schob. Er schnüffelte, reckte den muskelbepackten Hals, hob den Kopf in die Höhe und sog die Luft ein. Frostige Atemwolken bildeten sich um seine Schnauze, die Nüstern zuckten, als hätten sie eine Witterung aufgenommen.
„Ein Bär? Schlafen die nicht im Winter?“, wagte sich Jorin mit einer zweiten Frage vor.
„Alles ist im Wandel, Jo, das Klima, das Verhalten der Tiere, einfach alles“, flüsterte Smuts. „Aber, wenn du das schon eigenartig findest ...“
Nur einen Herzschlag später wurden in der Videoaufnahme knirschende Schritte vernehmlich. Am rechten Bildrand erschien eine menschliche Gestalt auf der Hügelkuppe, die sich, in einen dicken Anorak gehüllt, den Pfad hinab auf den von Felsen verborgenen Bären zubewegte. Eine Kapuze verdeckte ihr Gesicht. Sie trug eine schuhkartongroße Kiste vor der Brust und stapfte arglos weiter, nicht ahnend, dass sie nur wenige Meter von einem riesenhaften Raubtier trennten. Die Gestalt schien tief in Gedanken versunken, doch plötzlich hielt sie inne und drehte den Kopf nach rechts. Da explodierte die Polarnacht. Der Bär brüllte, jagte aus seinem Versteck und riss das Maul auf. Reißzähne blitzten. Doch der Mensch tippte sich nur mit den Fingern an die Schläfe und machte einen Schritt zurück. Grollend richtete sich der Bär zu seiner vollen Größe auf, sodass Jorin vor Schreck die Luft anhielt.
„Jetzt“, hauchte Njeri neben ihm und presste ihre Hände vor den Mund.
Noch bevor das Tier seine Pranken auf den Menschen niedersausen lassen konnte, jagte ein flirrender Schemen ins Bild und schien sich mit knochenbrechender Wucht auf den Bären zu werfen. Dessen Körper bog sich wie von einem Kinnhaken getroffen. Sein Schädel flog zurück, Schnittwunden zeigten sich im Fell. Ein metallisches Knacken ertönte, als sei eine Messerklinge gebrochen. Der Bär taumelte unter unsichtbaren Hieben. Plötzlich erhob sich das riesige Tier wie von Geisterhand in die Luft, schwebte kurz über dem Boden und dann schleuderte ihn etwas wie ein Spielzeug in hohem Bogen Richtung Kamera davon. Das Bild wackelte, als das Tier aufschlug. Röchelndes Schnaufen war zu hören.
„Himmel“, flüsterte Jorin, „was war das?“
Die gesamte Attacke hatte sich binnen weniger Sekunden abgespielt. Neben dem Menschen kauerte nun etwas, ein Wesen, dessen Umrisse wie die Luftspiegelung einer Fata Morgana flirrten. Nahezu unsichtbar! Der schlanke Körper verschmolz mit der Umgebung. Nur wenn es sich ruckartig bewegte, bildeten die Konturen Schlieren. Jorin konnte nicht einmal sagen, ob es zwei oder mehr Arme besaß. Bloß der Schädel wirkte unnatürlich langgezogen und ganz kurz glaubte er, eine Batterie aus Augen zu erkennen, wie bei einer Jagdspinne über- und nebeneinander angeordnet.
„Krass ...“ Jorin schauderte.
Der Mensch tippte sich noch einmal mit den Fingern gegen die Schläfe, woraufhin das geisterhafte Wesen zwischen den Felsen verschwand und dabei eine feine Tröpfchenspur im Schnee zurückließ. Bärenblut? Mit einer Wendung des Kopfes streifte der Mensch seine Kapuze zurück, klemmte sich die metallene Kiste unter den Arm und setzte seinen Weg zu den Gebäuden fort, als sei nichts gewesen. Noch immer hatte er kein einziges Wort gesagt. Ein letztes Mal drehte er sich in Richtung des Bären und kehrte dabei sein Gesicht zur Kamera.
Hier stoppte Annabel das Video und fror die Gestalt ein. Fenjas Stöhnen war im Raum zu hören, Jorins Herz machte einen Satz. Beide hatten den Jungen sofort erkannt, die leicht abstehenden Ohren und die Wuschelmähne.
„Adam!“ Jorin stützte sich an der Wand ab. In der Tat, es war Borax Doschs mächtigste Waffe, Adam, der seelenlos kalte Anführer der iKIDS. Fenjas ... Bruder.

6. Kapitel
Jorin zitterte, sofort schossen ihm die Bilder der letzten Nacht auf der Eidechseninsel durch den Kopf: der Countdown vor der Sprengung und die spektakuläre Flucht mit Fenja und Konrad im Einbaum durch das dunkel gluckernde Wasser der Meeresbucht und – Adam. Adam, wie er mit Borax Dosch und den beiden anderen iKIDS, Chloé und Dorian, im Helikopter davonflog, während sich die Insel unter ihnen in ein tosendes Flammenmeer verwandelte.
„Adam“, wiederholte Jorin aufgebracht. Seine gletscherwasserblauen Augen blitzten. „Kann mir mal jemand sagen, was das für ein merkwürdiges Wesen war?“ Eiseskälte kroch seinen Nacken hinauf bei der Erinnerung an die ruckenden Bewegungen des Schemens und an die unbezwingbare Kraft, die einen riesigen Bären durch die Luft geschleudert hatte. „Ich meine, ein Geist war das offensichtlich nicht, also muss es irgendetwas anderes gewesen sein, oder?“ Fragend blickte er sich zu den Erwachsenen um.
„Wir nehmen an“, Samuel vermied es dabei Fenja anzusehen, „dass es sich hier um eine mörderische Weiterentwicklung der iKIDS handelt ...“ Der Agent spreizte die Finger, als versuche er etwas äußerst Flüchtiges zu erhaschen. „Was es auch ist, Kinder, es ist definitiv Teil von Borax Doschs Plan. Und wo Adam zusammen mit diesem ... Geist auftaucht, kann Dosch nicht weit sein.“
„Wo genau ist das Video denn aufgenommen worden?“, wollte Fenja wissen, die nach der virtuellen Begegnung mit Adam zutiefst aufgewühlt wirkte.
„Eine gute Frage.“ Annabel tippte auf ihrem Tablet und auf der Leinwand erschien ein Kartenausschnitt. „Die verlassene Walfangstation liegt in der Ambra-Bucht an der Barentssee, im Grenzgebiet zwischen Norwegen und Russland. Seit Tagen versuchen wir Jacob, Njeris Vormund, zu erreichen, um Genaueres über die Hintergründe zu erfahren. Aber seine Universität in Finnland sagt nur, dass er im Feld unterwegs ist, also Daten in der Natur sammelt. Deswegen habe ich noch mal mit Camaphos Kontakt aufgenommen, um herauszufinden, was Adam dort zu suchen hatte, und vor allem, ob sich Dosch in der Nähe aufhält. Zum Glück hat er sich breit erklärt mit uns zu sprechen.“ Sie beugte sich erneut über das Tablet. „Das Gefängnis war zu einer Sondergenehmigung bereit, wir erwarten seinen Anruf jeden Augenblick.“
„Camaphos ...“ Jorin kniff die Augen zusammen. Erst Adam und das unsichtbare Monstrum und nun auch noch der Glatzkopf! Was für ein Albtraum! Seit seiner Flucht von der Eidechseninsel hatte Jorin es vermieden, an den Cheftechniker des Mimesis-Projektes zu denken. Zu schmerzhaft waren die Erinnerungen an ihr Zusammentreffen im Labor auf der Insel. Bei der Gelegenheit hatte Camaphos Jorin eröffnet, dass dessen Eltern nicht bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen waren, sondern dass Dosch sie hatte beseitigen lassen, weil sie sich gegen seine Pläne gestellt hatten. Camaphos hatte dann im letzten Moment die Seiten gewechselt und sich der Polizei gestellt.
Während Jorin auf seiner Unterlippe herumkaute, öffnete Annabel ein Programm, mit dessen Hilfe eine abhörsichere Konferenzschaltung aufgebaut werden konnte. Ihr Gesicht erschien im rechten Teil des Bildschirms, während der linke schwarz blieb.
Aufgeregt rückten Samuel, Njeri und Fenja näher heran, bis auch ihre Gesichter im Bildausschnitt zu sehen waren.
Plötzlich ertönte eine Anrufmelodie, Annabel nahm das Gespräch an, woraufhin sich vor ihren Augen eine Gestalt aufbaute: Camaphos. Sein teigiges, blasses Gesicht füllte das Bild fast vollständig aus; er wirkte kränklich, dunkle Ringe hatten sich unter seinen Augen gebildet.
Camaphos’ Blick zuckte rastlos über den Bildschirm vor sich, als suchte er etwas. Schließlich meldete er sich mit weicher Stimme zu Wort. „Frau Biron, ich hatte Ihnen doch zu verstehen gegeben, dass ich nur mit dem jungen Flugbrand sprechen werde, mit niemandem sonst. Wenn Jorin nicht da ist, lege ich unverzüglich auf.“ Nervös fuhr er sich über die Glatze und machte Anstalten, eine Taste am Rechner zu drücken.
„Warten Sie, Jorin ist hier!“ Annabel griff nach dem Jungen und zog ihn vor den Bildschirm. Einen Moment lang starrten sich die beiden an. Camaphos’ Augen weiteten sich im Wiedererkennen, dann wich er Jorins wütendem Blick aus und atmete stockend ein.
„Okay.“ Er nickte langsam. „Okay, das ist gut. Flugbrand, hör zu, ich habe mich nur bereit erklärt, dieses Gespräch zu führen, um dich zu warnen. Such nicht nach Dosch! Folge unter keinen Umständen den Spuren, die die A.KI.A. in diesem Video gefunden zu haben glaubt, sonst teilst du das Schicksal der Wanderer. Die A.KI.A. bringt dich in Lebensgefahr, die haben nicht den Hauch einer Chance gegen Dosch. Ihr habt keine Vorstellung davon, was für ein Mensch er wirklich ist. Er ...“ Camaphos brach ab, rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht und stöhnte. „Ich bin dir was schuldig, Flugbrand, dir und deiner Familie. Ich habe geschwiegen, habe weggeschaut und Befehlen gehorcht, ohne sie zu hinterfragen.“
Jorin starrte wie gebannt auf den Bildschirm.
„Wenn Dosch erfährt, was ich dir erzähle ...“ Wieder unterbrach sich der schwere Mann, um ängstlich über seine Schulter zu blicken. „Sein Plan ist bösartiger, als du es dir je ausmalen könntest. Selbst die A.KI.A. hat keinen blassen Schimmer, auf was für einen Kampf sie sich eingelassen hat! Projekt Mimesis war nur der Anfang. Es geht um viel mehr als um Täuschungsmaschinen. Im Zentrum steht ein Computer-Virus: Projekt Oblivion.“
Totenstille herrschte in der Untergrundzentrale.
„Verstehst du, Flugbrand? Oblivion, das Vergessen“, fuhr Camaphos eindringlich fort. „Borax Dosch droht mit dem totalen Vergessen, mit der Löschung von Europas digitalem Gedächtnis!“
Entsetzen breitete sich in der Kammer aus. Samuel Smuts räusperte sich im Hintergrund und schob sein Gesicht etwas näher an den Bildschirm heran.
„Nun, ich sehe, worauf Sie hinauswollen, Camaphos. Aber Sie vergessen einen wichtigen Punkt. Dank Jorins Hilfe ist es uns gelungen, Mimesis zu stoppen, den Hauptrechner im Labor zu zerstören. Es existieren lediglich vier iKIDS und eines davon steht auf unserer Seite. Ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass es Dosch gelingen wird, eine nächste Generation von künstlichen Menschen aus dem Boden zu stampfen, ohne Backup und ohne die Hilfe von seinem Cheftechniker! Oder irre ich mich da?“
Camaphos kniff die Augen zusammen und legte beide Hände flach auf den Tisch. „Richtig, Smuts, das war ein herber Rückschlag für Dosch. Jorins Einsatz hat ihn Zeit gekostet, eine Planänderung nötig gemacht. Aber Dosch ist nicht dumm, zeitgleich zum Labor auf der Eidechseninsel hat er im Norden eine Fabrik aufgebaut. Dort laufen aber keine iKIDS oder iMEN und iWOMEN vom Band, die so menschenähnlich sind, dass niemand den Unterschied erkennt. Viel zu kompliziert, viel zu zeitaufwändig! Das hat das Schulexperiment auf der Insel gezeigt. Deshalb hat sich Dosch nun von der Tarnung auf Angriff verlegt. Er wird den Oblivion-Virus nicht still und heimlich in die Metropolen tragen, sondern mit einer Invasion! Zu diesem Zweck produziert seine Fabrik seit Monaten auf Hochtouren. Flugbrand, halte dich von Smuts und dem zerlumpten Haufen von A.KI.A.-Agenten fern. Ihr habt keine Chance gegen Dosch, er hat alles bedacht, ist euch Meilen voraus! Nimm meine Warnung ernst! Dosch wird den Oblivion-Virus nach Europa bringen und zwar mit einer ganzen Armee. Dann muss er nur noch den Aktivierungscode senden und das digitale Gedächtnis Europas wird ausgelöscht, sämtliche Daten zerstört!“
Jetzt lachte Annabel hysterisch auf und schüttelte den Kopf. „Armee? Das ist doch lächerlich! Was denn bitte für eine Armee?“
Camaphos starrte düster vor sich hin. „Eine Armee aus Geistern und Dämonen.“ Danach brach die Verbindung ab und der Bildschirm wurde schwarz.

7. Kapitel
Jorins Brustkorb zog sich zusammen, als hätte man ihn in einen Schraubstock gezwängt. Er glaubte, keine Luft mehr zu bekommen. Mit einem Mal hatte sich ein Schatten auf seine Welt gelegt, unter dem sich Kälte und Furcht verbreiteten und mit geisterhaften Fingern nach seinem Herzen griffen.
„Geister und Dämonen.“ Immer noch glotzte er auf den Bildschirm, aus dem ihm lediglich die entsetzten Gesichter seiner Freunde entgegenblickten. Er fragte sich, warum Camaphos sich dazu durchgerungen hatte, ihn zu warnen. Aus schlechtem Gewissen? Oder steckte mehr dahinter?
Als Erster regte sich der blonde Agent, richtete sich mit knackenden Gelenken auf und knetete seinen Nacken.
„Ich fürchte, in einem Punkt hat Camaphos recht“, seufzte Smuts. „Annabel, es ist unverantwortlich, wenn wir Jo und Njeri in Gefahr bringen. Auf der Insel hatten wir Glück, das weißt du. Dosch hat mehr als einmal bewiesen, wie skrupellos er ist. Wir ... können diese Verantwortung nicht übernehmen“, sagte er laut, doch die Stimme der A.KI.A. im Lautsprecher blieb stumm.
„Stimmt“, hörte Jorin sich zu seiner Verwunderung selbst sprechen, „das könnt ihr nicht.“
Die Mädchen, Annabel und Sam drehten sich verblüfft zu ihm um.
„Das können wir nur selbst“, sagte Jorin entschieden. „Wenn es wahr ist, was Camaphos behauptet, und Dosch mit einer dämonischen Armee einen Virus in ganz Europa verbreiten will, dann sind diesmal nicht nur Kinder in Gefahr! Smuts, ich habe euch auf der Eidechseninsel geholfen und jetzt werde ich bestimmt nicht kneifen! Ich komme mit und suche diese verdammte Fabrik!“ Jorins Blick war so hart, dass ihm niemand länger als einen Wimpernschlag standzuhalten vermochte. Zu helfen, das war er dem Andenken seiner Eltern schuldig. Sie hatten sich gegen Dosch gestellt, er würde dasselbe tun, koste es, was es wolle!
Nun richtete sich auch Njeri auf, strich ihr T-Shirt mit dem schielenden Einhorn glatt und nickte. „Was auch immer ihr vorhabt – yeah! – ich bin dabei.“
Da reckte Fenja ihre Fäuste in die Höhe und rief: „Na endlich! Ich warte schon Ewigkeiten darauf, Adam in die Mangel zu nehmen!“
Annabel und Samuel starrten sich lange an. Man sah deutlich, wie sich jeder einzelne Gedanke, jedes Für und Wider, in ihren Mienen Bahn brach. Die Kinder hielten den Atem an. Eine nervöse Spannung hatte sich in der Untergrundzentrale breitgemacht. Annabel tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Unterlippe, schaute zum Deckenlautsprecher empor und fragte: „Was sagen Sie?“
Sekundenlang war nur Knistern zu hören. Dann meldete sich die Stimme wieder und Jorin hatte das Gefühl, eine bleischwere Mattigkeit habe sich ihrer bemächtigt.
„Mut und Naivität“, begann sie stockend, „das ist nicht gerade die vielversprechendste Mischung, um zu einer Mission aufzubrechen, aber wir müssen alle Kräfte mobilisieren. Folgt Doschs Spur zum Polarkreis, zu seiner Fabrik. Konzentriert euch auf den Oblivion-Virus, findet diesen Aktivierungscode, wir halten euch in der Zentrale den Rücken frei. Und, Smuts – hab ein Auge auf die Kinder!“
Samuel nickte. „Geht klar.“
Nach diesen Worten verstummte der Lautsprecher und die Freunde blieben allein zurück.
„Also gut“, Smuts rieb sich die Hände, „wenn wir Domingo sofort anrufen, hat er die Maschine in zwei Stunden startklar. Bleibt uns gerade noch genug Zeit, um die Ausrüstung zu checken.“
Annabel nickte, zog sich mit ihrem Kommunikator in eine Zimmerecke zurück und führte ein leises Gespräch, während Samuel die Türen mehrerer Schränke aufriss, die ein beachtliches Waffen- und Munitionslager bargen.
„Okay Kinder, euren Mut in Ehren, aber jetzt müssen wir gucken, dass wir euch mit heiler Haut in die Sache rein- und vor allem wieder rausbekommen. Zum Glück haben wir von der A.KI.A. ein paar Spezialanfertigungen für euch parat. Am besten ziehen wir uns direkt um.“
Ohne Vorwarnung warf der Agent Jorin einen Rucksack zu und schob ihm einen Karton vor die Füße.
Neugierig lupfte Jorin den Deckel. Seine Augen weiteten sich. Vorsichtig kniete er sich hin, fuhr mit den Händen in den Karton, schob das knisternde Seidenpapier beiseite und zog die coolsten Klamotten hervor, die er je gesehen hatte: Expeditionsstiefel und Teile einer ultraleichten Körperrüstung mit Arm- und Beinschienen sowie einer Brustplatte. Tarnfarben! Mit aufgenähten Fächern und Taschen. Hinzu kamen eine leichte, aber extrem warme Jacke, Hosen und ein Kapuzenshirt, ebenfalls tarnfarben. Der Stoff floss förmlich zwischen seinen Fingern hindurch, wirkte dabei aber so dicht gewebt, dass es Jorin nicht verwundert hätte, wenn er einen Schwerthieb aufhalten könnte.
„Domingo weiß Bescheid, er kümmert sich um die Papiere und erwartet uns“, bestätigte Annabel mit hochgestrecktem Daumen. An Fenjas und Njeris Seite wühlte sie durch weitere Kartons, um sich schließlich völlig ungeniert vor Jorins Augen umzuziehen.
Verschämt drehte der sich weg und schlüpfte aus der alten Hose, die sich um seine Fußgelenke krumpelte. „Mist!“ Dann verstaute er das Foto seiner Eltern zusammen mit dem Taschenmesser in einem mit Reißverschluss versehenen Spezialfach seiner neuen Hose. Die selbstgeschnitzte Schleuder stopfte er sich in den Bund.
Nach Minuten voll Geächze und Gezerre war Jorin Flugbrand nicht mehr wiederzuerkennen. Die Klamotten schmiegten sich wie eine zweite Haut an seinen Körper und verliehen ihm in Kombination mit der unauffälligen Körperpanzerung in Flecktarnmuster ein geradezu kämpferisches Aussehen. Zugegeben, das Aussehen eines etwas pummeligen Kämpfers mit wilder Frisur, aber daran störte sich niemand.
„Leute, wie cool ist das denn!“ Njeri betrachtete sich hingerissen im Spiegel, wobei ihr Blick auf Smuts fiel, der sich gerade ein Pistolenholster umschnallte und Kästchen mit Spezialmunition und Sprengfallen in seinem Rucksack verstaute. Anschließend nahm der Agent eine Jagdschleuder mit Unterarmstabilisator aus dem Waffenschrank, um sie Jorin in die Hand zu drücken. „Die ist schlagkräftiger als deine alte Zwille, Jo, aber mit der Munition musst du höllisch aufpassen. Die Pellets haben es in sich.“ Er reichte dem Jungen aufgewickelte Patronengurte, auf denen in zwei parallel nebeneinanderliegenden, durchsichtigen Schläuchen matt schimmernde Metallkugeln aufgereiht waren.
Probehalber schlang sich Jorin einen Gurt über die Schulter und drückte an einem Spender an der Hüfte die erste Kugel heraus. Schwer wie eine Murmel lag sie auf seiner Hand, dabei huschte ein sonderbares Irisieren wie von eingelagerten Lichtpunkten über ihre Oberfläche.
„Hey Jo, du siehst aus wie ein extrem gefährlicher Kaugummiautomat“, kicherte Njeri.
Fenja trat an seine Seite, um die Kugel in Jorins Handfläche zu betrachten. Behutsam hob sie das Projektil auf und hielt es sich vor die Augen. „Sag mal, Smuts, was können die Dinger denn?“, fragte das iKID und presste Daumen und Zeigefinger langsam zusammen.
„Nicht!“, schrien Samuel und Annabel gleichzeitig, doch es war schon zu spät – die Kugel flachte ab, Micro-Spikes4 schossen aus ihrer Oberfläche und bohrten sich durch die Kunsthaut von Fenjas Fingerkuppen. Dann explodierte die Murmel, ein blauer Kugelblitz brach hervor und das iKID sackte kraftlos in sich zusammen.
Spikes (engl., sprich: spaiks) = spitze Dornen, Stacheln

8. Kapitel
„Fenja, hörst du mich? Fenja!“ Jorin rüttelte das Mädchen leicht an den Schultern, schloss dann aber kurz seine Augen, da auf der Netzhaut immer noch das Nachbild des blauen Kugelblitzes flackerte.
Fenjas linkes Augenlid sprang auf und ruckelte wieder herunter, wie ein verhakter Rollladen. Anschließend zuckte das rechte Augenlid empor und schloss sich erneut.
„Sag doch was!“, fluchte Jorin.
Besorgt beugten sich auch die anderen über das iKID-Mädchen, dessen Finger immer noch die Reste der bizzelnden Schleuderkugel umklammerten.
Smuts schob Jorin beiseite und versuchte Fenjas Finger auseinanderzubiegen. „Die Pellets sind elektroaktive Störmunition. Sie wirken bei Mensch und Maschine, verursachen eine anhaltende Betäubung oder einen Kurzschluss und legen sämtliche Leitungsbahnen lahm. Ich hoffe allerdings stark, dass wir sie gar nicht erst einsetzen müssen.“ Er kniete sich auf Fenjas Unterarm und zwang ihren Zeigefinger so weit zurück, dass Annabel das Projektil aus den leicht berußten Fingerballen puhlen konnte.
Sofort schlug Fenja die Augen auf und sagte: „Blimnup puddel-dööö ...“
„Shit, ist sie jetzt kaputt?“ Erschrocken starrte Njeri auf das iKID. Da setzte sich Fenja so abrupt auf, dass Smuts eine Kopfnuss bekam und stöhnend zu Boden ging. Orientierungslos blickte sie sich um, fixierte Jorin, der immer noch ihre Hand hielt, und lächelte. Aber nur mit der linken Gesichtshälfte.
„Die Dinger sind ja der Hammer!“, stieß Fenja mit doppelter Sprechgeschwindigkeit hervor und versuchte ihren rechten Arm anzuheben. „Mensch, Leute, die hauen einen echt um, von den Socken, aus den Latschen, knipsen dir die Lampen aus. Uiuiui, Blauauge, du solltest dich besser nicht auf so ein Ding setzen.“ Sie grinste, doch das Lächeln erstarrte auf ihrem Gesicht. „Ist es eigentlich normal, dass ich meinen Arm nicht bewegen kann? Er ist ganz taub, fühlt sich an wie zerkochte Makkaroni. Oder Wackelpudding. Oder Quallenmatsch. Guck mal, Jo!“ Fenja drehte ihren Oberkörper und schleifte die leblose rechte Hand über den Boden. „Uiuiui, ob das mal gesund ist. Was meinst du, Blauauge?“
„Weiß nicht“, murmelte Jorin und sah aus dem Augenwinkel, wie sich Smuts aufrappelte und dabei eine Hand an die Stirn presste. „Vielleicht solltest du erst mal ruhig sitzen bleiben, Fenja.“
„Sitzen?“, fragte sie mit verzerrtem Lächeln. „Hocken, kauern, lungern, thronen ...“ Plötzlich zogen sich ihre Pupillen bis auf Stecknadelkopfgröße zusammen. Ein Zittern lief über ihr sommersprossiges Gesicht und hörte so abrupt auf, wie es eingesetzt hatte. Anschließend öffneten sich ihre Pupillen wieder bis auf normale Größe und das Mädchen schüttelte den Kopf. „Oh“, stöhnte sie benommen, „das war heftig.“
Erleichtert stieß Jorin die angehaltene Luft aus und lachte.
„Geht’s wieder?“, fragte Njeri, während sie abschätzig die Brauen hochzog. „Ich dachte schon, bei dir ist ’ne Sicherung durchgebrannt.“
„Sicherung?“ Das iKID löste vorsichtig ihre Hand aus Jorins und kniff die Lippen zusammen. „Ich bin doch kein Toaster, Njeri!“
„Lasst es uns mal positiv sehen“, ging Annabel beschwichtigend dazwischen, „zumindest wissen wir jetzt, dass die Munition funktioniert. Wollen wir hoffen, dass sie auch Geister außer Gefecht setzt. Meinst du, du kannst gehen, Fenja?“
Das iKID machte ein entrüstetes Gesicht, rollte sich auf den Rücken, drückte ihre Schultern durch und schnellte in einer einzigen fließenden Bewegung in den Stand hoch. „Ich hab mir die Bewegungsabläufe von Kampfsportarten aus Computerspielen runtergeladen“, erklärte sie, als sie Jorins staunenden Blick bemerkte. „Scheint zu funktionieren.“
Alles, was sie für einen mehrtägigen Einsatz in unwegsamem Gelände brauchten, verteilten die Freunde auf ihre Rucksäcke: Proviant, Wasserbeutel, Thermounterwäsche, Überlebenspakete mit Erste-Hilfe-Utensilien, Klappspaten und Axt, Biwaksäcke, zwei Satellitenhandys, Kartenmaterial, Notfallmedikamente und für Fenja eine Photovoltaikplane, die sie über den Rucksack spannen konnte, um ihre Batterien aufzuladen. Bei der Bewaffnung entschieden sich Annabel und Smuts für Pistolen mit aufsteckbaren Magazinen, in denen zahllose Kügelchen elektroaktiver Betäubungsmunition steckten; außerdem verstauten sie Wurfscheiben mit Magnetfunktion, die sich wie Mini-Frisbees schleudern ließen und eine ähnlich verheerende Wirkung entfalten konnten wie Jorins Pellets. Um sie zu aktivieren, musste man in der Mitte der Scheibe einen Schalter eindrücken und zur Seite schieben. Auch Njeri deckte sich damit ein und jauchzte kurz auf, als sie ein Paar schwarze metallverstärkte Handschuhe entdeckte, die ihr wie angegossen passten.
„Liebes, mach keinen Unsinn mit den Dingern, die sind für den elektrischen Nahkampf konstruiert worden“, ermahnte Annabel das Mädchen. „Pro Handschuh hast du zehn Kugelblitz-Entladungen, danach ist Schluss mit Gewittern.“
„Wow“, sagte Njeri andächtig und musterte ihre ausgestreckten Hände. „Ich pass schon auf, versprochen. Wie funktionieren sie?“
„Auf der Innenseite sind Kontaktsensoren angebracht, die erkennen, dass du die Handschuhe gerade trägst“, erklärte Annabel. „Um sie zu aktivieren, musst du die Handrücken wie beim Morsen aneinanderschlagen. Einmal lang, zweimal rasch hintereinander und wieder einmal lang. Bei Kontakt mit einem Fremdkörper geht dann der Blitz los.“
Jorin war mit seiner neuen Schleuder hochzufrieden, während Fenja mit einem teleskopierbaren Kampfstab liebäugelte. Zusammengeschoben hatte er die Länge einer Taschenlampe und ruhte in einem Holster an ihrer Hüfte, ausgefahren wirbelte er zwei Meter lang um ihren Kopf und schoss Kugelblitze aus beiden Enden.
Mini-Frisbees, Munition und Pelletschläuche landeten schließlich dick eingewickelt und vor Stößen geschützt in eigens dafür vorgesehenen Polstermappen mit zahllosen Einzelfächern, damit sie nicht versehentlich losgingen.
Sprachlos sah Jorin sich um. Unverhofft hatte dieser Freitagnachmittag eine Wendung genommen, die ihn aus den Gezeitentümpeln der Langeweile hinausschleuderte ins tosende Abenteuer, hinauf in den eisigen Norden. Und das Wichtigste an der Sache war, dass sie die Fährte von Borax Dosch aufgenommen hatten, dem Mörder seiner Eltern.
„Zieh dich warm an, Dosch, wir kommen!“, raunte er und rückte seine Ausrüstung am Gürtel zurecht.
Kaum, dass die fünf schwer bepackt mit den Rucksäcken die Metallsprossen des Geheimschachts hochgeklettert waren und das Schrebergartenhäuschen in seinen Normalzustand zurückverwandelt hatten, holte Jorin seine privaten Schätze aus der Kammer, den blauen Plastikstreifen mit seinem Namen darauf und das Dietrichset, welches ihm bereits auf der Eidechseninsel gute Dienste geleistet hatte. Beides verstaute er in seiner Hosentasche und trat als Erster in den Nachmittag hinaus.
Bienen schwirrten über Samuels Tomatenstauden, Grillduft waberte durch die Hecken, Lachen und Radiomusik waren zu hören. In der Schrebergartensiedlung Zum kleinen Glück stimmte man sich aufs Wochenende ein. Niemand ahnte von den Gefahren. Weder von Projekt Oblivion noch von den Heerscharen an Geistern und Dämonen, die sich in den weißen Nächten am Polarkreis zu regen begannen.
Njeri schob sich mit ihrem Rucksack an Jorin vorbei und zwinkerte ihm zu; Fenja glühte förmlich vor Tatendrang, als sie auf den Kiesweg stürmte. Annabel folgte ihr etwas langsamer und war dabei bemüht, ihre Bewaffnung vor neugierigen Blicken zu verbergen.
Als Letzter verließ Smuts das Haus, nachdem er in seinen wadenlangen schwarzen Ledermantel geschlüpft war, dessen Ärmel er mit einem wohligen Seufzen ausgeschüttelt hatte. Es knarzte leise, als er sich zu seinen Mitstreitern umdrehte und seine Sonnenbrille zückte. „Und? Bereit für die Geisterjagd?“

9. Kapitel
Schon nach wenigen Metern drückten Jorin die Schultergurte des Rucksacks und er verlagerte unauffällig das Gewicht. Er wollte sich vor Fenja keine Blöße geben, die leichtfüßig vorausging. Annabel kramte ihre Autoschlüssel hervor und Smuts setzte sich die schwarz getönte Sonnenbrille auf. Bei jeder Bewegung knarzte das Leder seines Mantels, wodurch ihr Abgang noch beeindruckender wirkte.
Jorin konnte nicht anders, sein Blick haftete hingerissen an Fenjas Gestalt, wie Eisenspäne an einem Magneten. Das merkte er jedoch erst, als ihn Njeri freundschaftlich anrempelte. „Tu’s nicht, Jo!“, raunte sie mit erstaunlichem Nachdruck in der Stimme.
„Was? Was soll ich nicht tun?“
Njeri deutete mit einem Nicken auf das blonde iKID, doch Jorin schüttelte verständnislos den Kopf.
„Fenja“, presste Njeri hervor. „Verknall dich bloß nicht in den Toaster, das kann einfach nicht gut gehen!“ Damit ließ sie ihn stehen und legte einen kurzen Sprint ein, um zu Fenja aufzuschließen.
Jorin klappte der Mund auf und er bekam nur am Rand mit, dass sie ein beständiger Strom aus Murmeln und Flüstern hinter den Hecken begleitete. An mehr als einem Grill flutschten Würstchen aus den Zangen, um dampfend im Gras zu landen.
„Wie sehen die denn aus?“, raunte eine Frau hinter vorgehaltener Hand. „Helmut, schau doch mal ...“
Jorin hielt kurz inne, um das misstrauisch dreinblickende Ehepaar anzulächeln. Er ließ seine gletscherwasserblauen Augen blitzen und schlug seine Jacke zurück, damit die Schleuder zu sehen war. Als er seinen Weg fortsetzte, hörte er zufrieden, wie die beiden nach Luft schnappten.
„Was für ein Aufzug! Helmut, hundertprozentig ist das so nicht erlaubt!“, fauchte die Frau in Jorins Rücken. „Jetzt sag doch auch mal was!“
Doch bevor Helmut zu Wort kommen konnte, hatten die Freunde schon den Parkplatz erreicht, wo Jorins überhebliches Agentengrinsen wie Brandungsschaum in sich zusammenfiel. Annabel Biron steuerte nämlich auf einen sonnenblumengelben Fiat Panda zu, der im Schatten eines Sommerflieders parkte.
Agent Smuts schob seine Brille ein Stück den Nasenrücken hinab, um besser sehen zu können. „Exzellentes Undercover-Gefährt“, knurrte er. „Ich muss schon sagen, Annabel, was die Farbauswahl angeht, macht dir niemand was vor.“
„Jetzt nöl nicht rum, Sam, mein eigenes Auto ist in der Werkstatt, ich musste das von meiner Oma leihen.“
Mehr schlecht als recht bugsierten sie die Rucksäcke in den winzigen Kofferraum. Die Kinder mussten sich auf den Rücksitz quetschen, was Fenja als Einziger nichts auszumachen schien. Jorin presste seine Knie zusammen, da er sich in der Mitte zwischen den beiden Mädchen ein klein wenig überfordert fühlte; erst recht als sich Fenjas Finger kühl um sein Handgelenk schlossen. Es war, als würde in diesem Moment ein Prickeln seinen Arm hinaufschießen, bis zum Nacken empor, um dort sämtliche Härchen strammstehen zu lassen. Noch mulmiger wurde ihm zumute, als sich das iKID zu ihm hinüberbeugte und der Vanilleduft ihrer Haare seine Nase kitzelte. „Hab ich dir eigentlich schon erzählt, dass ich jetzt wasserdicht bin?“, fragte sie.
„Hä?“ Jorin blinzelte nervös, rote Flecken zeigten sich auf seinen Wangen.
„Zehn Meter!“ Fenja klopfte sich gegen die Stirn. „Die A.KI.A. hat in den letzten Monaten ein paar Schwachstellen an meiner Hardware behoben. Mein Akku hält jetzt länger und einen Kommunikator haben sie mir auch eingesetzt, direkt unter die Haut hinterm Ohr, cool, oder?“
„Sehr cool“, ätzte Njeri. Sie zupfte sich gähnend einen Fussel von der Hose, wobei sich ihr Ellbogen in Jorins Seite bohrte. „Fehlen nur noch Korkenzieher, Lupe und Nagelfeile.“
Während sich die Mädchen über Jorin hinweg anblitzten, wartete Annabel auf dem Fahrersitz darauf, bis sich Smuts zusammengefaltet hatte.
„Von innen ist das Ding ja noch kleiner“, grunzte der und legte umständlich den Gurt an. Dann endlich fuhren sie los.
Die Schrebergartensiedlung verlor sich im Rückspiegel und das Auto tauchte ins Schattenfeld der Hochhaustürme ein.
Bevor sie jedoch die verspiegelten Betonschluchten erreichten, wurden sie an einer Polizeiabsperrung gestoppt. Auf der Fahrbahn vor ihnen war ein Lastwagen ins Schlingern geraten, Teile seiner Ladung lagen verstreut auf dem Asphalt.
„Herrje, das hat uns noch gefehlt.“ Murrend folgte Annabel den Umleitungshinweisen auf eine Seitenstraße, die längs des Flussufers über den Industriehafen führte.
„Dafür haben wir jetzt echt keine Zeit“, schimpfte sie, während rechter Hand die Hochhäuser zurückblieben und gleichförmige Industriequartiere an den Fenstern vorbeizogen. Wenig später tauchten die Verladekräne des Hafens auf. Wie gewaltige breitbeinige Klammern fuhren sie Schienen auf und ab, um ihre Fracht zu bewegen. Hinter hohen, mit Stacheldraht gesicherten Metallzäunen wurden Container von Schiffen gehievt und zu bunten Wänden aufgeschichtet oder direkt auf Sattelschlepper verladen.
Gerade schwebte ein nachtblauer Container am Seilzug durch die Luft, auf dessen Seite ein sonderbares Symbol Jorins Aufmerksamkeit erregte: ein goldfarbener Stierkopf, dessen linke Hälfte sich in groben Pixeln aufzulösen schien. Kaum, dass der Kran schwenkte, verschwand auch der Container aus Jorins Sicht. Er rieb sich die Augen und gähnte, trotz der ganzen Aufregung machte ihn die stickige Luft im Auto schläfrig. Die Fahrt ging weiter, vorbei an Lastwagenkolonnen, die auf ihre Papiere warteten, bis sie endlich die Zufahrtsstraße zum Flugplatz erreichten.
„Hört mal“, Annabel fixierte die drei im Rückspiegel, „am Flugplatz überlasst ihr bitte mir das Reden. Und, Njeri, du weißt, worüber wir vorhin gesprochen haben! Kein Wort!“
Jorin sah zu dem Mädchen hinüber, das sich auf die Unterlippe biss.
„Kein Wort – worüber?“, fragte er Njeri, doch die drehte nur einen imaginären Schlüssel zwischen ihren Lippen herum und warf ihn aus dem Fenster. Jorin schüttelte genervt den Kopf. Er musste an seinen Flug mit dem auf Hochglanz polierten Privatjet von Borax Dosch denken. Damals war er offenen Auges in die Falle getappt. Zu leicht hatte er sich von all dem Prunk und Glanz blenden lassen. Diesmal würde es anders laufen.
„Wir sind gleich da, Leute.“ Annabel steuerte auf den Eingang des privaten Flugplatzes zu, an dessen Sicherheitskontrolle die Schranke herabgelassen war und sich zwei Zollbeamte am Wärterhäuschen die Zeit mit ihren Smartphones vertrieben.
Langsam fuhr die Agentin vor und ließ die Seitenscheibe herunterfahren. Sofort trat ein Uniformierter an sie heran, warf einen irritierten Blick auf das sonnenblumengelbe Auto mit seinen fünf bemüht harmlos lächelnden Insassen und öffnete den Mund. Doch bevor er seine Frage stellen konnte, hatte ihm Annabel schon ein Dokument unter die Nase gehalten und ihren A.KI.A.-Ausweis aufgeklappt.
Der Mann nahm das Papier, las die Unterschriften, scannte einen Code ein und reichte das Dokument mit einem zackigen Nicken zurück. „Guten Flug. Passen Sie auf sich auf.“
Annabel grüßte ernst und legte den Gang ein, als die Schranke vor ihnen geöffnet wurde. Die letzten Meter bis zum Hangar klopfte Jorin das Herz bis zum Hals. Zum einen, weil er in dem windschnittigen, von einem einzigen Propeller angetriebenen Flugzeug, eine Cessna Pathfinder aus seinem Quartett-Kartenspiel wiedererkannte, das zur Grundschulzeit sein ständiger Begleiter gewesen war. Zum anderen, weil neben der Frachtluke ein alter Bekannter stand. Griesgrämig wie eh und je blickte ihnen Domingo Ribeira entgegen und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Wurde aber auch Zeit“, fluchte der A.KI.A.-Agent mit den dunklen Augenbrauen, der Jorin damals mit dem Boot zur Eidechseninsel übergesetzt hatte. Unwirsch riss er den Kofferraum auf, noch bevor Annabel den Motor ausgeschaltet hatte.
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