Читать книгу: «Kennen wir uns?»
Silke Weyergraf
Kennen wir uns
© 2016

1. Auflage März 2016
© 2016 OCM GmbH, Dortmund
Gestaltung, Satz und Herstellung: OCM GmbH, Dortmund
Verlag: OCM GmbH, Dortmund, www.ocm-gmbh.de
ISBN 978-3-942672-46-7
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes bedarf der vorherigen Zustimmung des Verlages. Dies gilt auch für die fotomechanische Vervielfältigung (Fotokopie/Mikrokopie) und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Inhaltsverzeichnis
1 Kapitel 1
2 Kapitel 2
3 Kapitel 3
4 Kapitel 4
5 Kapitel 5
6 Kapitel 6
7 Kapitel 7
8 Kapitel 8
9 Kapitel 9
10 Kapitel 10
11 Kapitel 11
12 Kapitel 12
13 Kapitel 13
14 Kapitel 14
15 Kapitel 15
16 Kapitel 16
17 Nachwort
18 Über die Autorin
Für Tobit, Jakob, Carlotta und Lukas
Am Ende wird alles gut. Und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Ende.
Oscar Wilde
1
Leicht gedämpft erklangen die vollen Orgeltöne vor der schweren Eichentür der Bonifatius Kirche. Zum feierlichen Einzug ihrer seit mehreren Monaten bis ins kleinste Detail durchgeplanten Hochzeit hatte Jenny sich das „Ave Maria“ von Schubert gewünscht. Dieses von einer bekannten Sopranistin gesungene Lied hatte ihre vor drei Wochen verstorbene Oma väterlicherseits immer beim traditionellen Familientreffen am zweiten Weihnachtstag aufgelegt. Erst wenn die ersten Töne erklungen waren, durften die Enkel zur Bescherung unter einem festlich mit silbernem Lametta geschmückten Tannenbaum schreiten. Ob nun die ergreifenden Orgeltöne oder der wolkenbedeckte Sommerhimmel Auslöser war; Jenny fror in ihrem champagnerfarbenen, eng anliegenden Kleid und kurz überlegte sie, ob sie nicht doch auf die Empfehlung ihrer Mutter hätte hören sollen, ein langes, bis zum Boden reichendes Hochzeitskleid zu kaufen. Das Wetter ließ sich nun mal nicht beeinflussen, aber dieser unbeherrschbare Faktor war auch der einzige, der einer perfekten Hochzeit im Wege stand. Die schwere Eichentür öffnete sich langsam und die stimmungsvolle Musik schwappte wie eine Welle über Jennys Gefühle. Sie spürte Nicks warme Hand, die das Zittern ihrer kalten Finger mit leichtem Druck zu beruhigen suchte. Ihr Blick war starr in den dunklen Innenraum der eher tristen Großstadtkirche gerichtet. Eigentlich hatte sie sich einen romantischen Rahmen, vielleicht in einer idyllisch liegenden, kleinen, romanischen Kirche, für den schönsten Tag ihres Lebens gewünscht, aber nach langen Diskussionen hatten sich Nick und sie doch für die praktische Lösung entschieden. Der katholischen Kirche schloss sich direkt anliegend ein Gemeindehaus mit großem Saal zum Feiern an. Diesen konnten sie nach der Trauung für den Sektempfang nutzen. Hinter der nun geöffneten Tür stand Markus, Jennys älterer Bruder, in dunklem Anzug und mit unbeweglicher Miene. Neben ihm standen seine beiden Töchter, die hübsch hergerichtet in ihren weißen Kleidchen wie kleine Engel wirkten. Anna und Marie setzten sich ohne Worte in ihren blank geputzten Lackschühchen in Bewegung. Die beiden Mädchen trugen lächelnd ihre Blumenkörbchen und strahlten dabei eine Gewissenhaftigkeit aus, die Jenny eine erleichternde Sicherheit gab. Langsam schritten ihre vier und sechs Jahre alten Nichten, weiße Blüten verstreuend, den langen Gang zum Altar vorweg. Eine plötzliche Aufregung überkam Jenny und ließ die Orgeltöne nur noch als undefinierbares Klangpolster erscheinen. Ein erster Blick über die Bankreihen, in denen Familienangehörige, Freunde oder sonstige an der Feier interessierte Menschen saßen, zog nun Jennys Aufmerksamkeit auf sich. Die Bänke waren nicht voll, aber gut besetzt. Von ihren fast zwanzig Arbeitskolleginnen konnte sie nur drei entdecken, aber immerhin war ihr Chef dabei, der ihr verhalten lächelnd zuzwinkerte. Beim Anblick ihrer Freundin Thea, mit der sie annähernd wöchentlich ausufernde Telefonate führte, wurde ihr warm ums Herz und ihre innere Anspannung schwand. Sie sah in die Gesichter der ihr zugewandten Menschen, die ihren Blick alle, so schien es ihr, merkwürdig ausdruckslos erwiderten. Langsam näherte sich der feierliche Tross den ersten drei Bankreihen, in denen, wie gewöhnlich, die Familien der baldigen Ehepartner saßen. Elfriede, Nicks verwitwete Mutter, saß neben ihrem ältesten Sohn und dessen hübscher, südländisch anmutenden Freundin in der dritten Bankreihe links und trocknete sich mit einem bereits ballförmigen Taschentuch die Tränen von der Wange. Wo nur steckte Marla? Ihre beste Freundin, mit der sie schon die Grundschulzeit verbracht hatte, wollte doch als Trauzeugin an ihrer Seite stehen. Auf Marla war bisher immer Verlass gewesen und es war nicht ihre Art, sich zu verspäten. Sicherlich hatte Jenny sie nur übersehen und Marla saß irgendwo, verdeckt von anderen Kirchenbesuchern, in einer Ecke hinter einer Säule. In diesem Moment setzte Jenny ihren Fuß auf die Höhe der zweiten Bankreihe, in der ihre Eltern und ihr jüngerer Bruder erwartungsvoll standen. Ihr fiel auf, dass alle Gäste ihren Blick auf Nick gerichtet hatten. Um sich von dem Unzufriedenheit auslösenden Gedanken, nicht beachtet zu werden, abzulenken, schaute sie die letzten Meter durch den Gang stur geradeaus auf den mit wunderschönen Blumengestecken verzierten Altar. Ohne dies vorher abgesprochen zu haben, löste sich Nick von ihrer Hand und drehte sich abrupt um. Er stellte sich steif vor die erwartungsvolle Gemeinde, die plötzlich gemeinschaftlich, wie elektrisiert auf ein stilles Kommando, die Hand mit gestrecktem Arm in Richtung Nick hob. Jenny sah nur den ebenso ausgestreckten Arm des Mannes, an dessen Seite sie in die Kirche geschritten war. Ein ohrenbetäubender „Heil Hitler“-Ruf, der im kalten Kirchraum gespenstisch widerhallte, riss sie aus ihrer vernebelten Wahrnehmung. Ihr Blick glitt den Arm des neben ihr stehenden Mannes entlang, bis er angsterfüllt auf den Schnäuzer eines in ihr Schauer auslösenden Gesichtes stieß. Starr und machtvoll hatte Adolf Hitler die ausschließlich ihm zugewandte Besucherschar in seinen Bann gezogen. Hilfesuchend schaute Jenny zu ihren Eltern, doch die starrten regungslos auf den angsteinflößenden Diktator. Ihr Blick fiel auf den Boden vor der ersten Bankreihe, wo zwei Menschen, unbeirrt vom lauten Hitler-Ruf der Verwandelten, engumschlungen ihren Wolllüsten nachgingen. Es traf sie wie ein Blitz, als Jenny erkennen musste, wer da vom Liebesspiel gefesselt zu ihren Füßen lag. Sie erkannte Marlas hochhackige rote Schuhe und Nicks abstehende Ohren neben dem dunklen Haaransatz. Ihre Gedanken überschlugen sich und die Kraft rann aus ihren Beinen. Sie wollte schreiend aus der Kirche fliehen, doch versagten sowohl Stimme als auch Füße. Sie stürzte zu Boden und stieß mit dem Kopf hart gegen die Kirchenbank. Nur noch schemenhaft sah sie unter aufkeimendem Tumult und panischem Schreien der Trauungsgäste ein aufgeschrecktes Reh durch den Gang Haken schlagen. Jenny landete weich und hörte noch das Splittern eines Glases. In Todesangst war das Reh durch ein tiefliegendes Kirchenfenster gesprungen, das mit großer Wucht kleine Splitter im Umkreis von mehreren Metern verstreute. Mit letzter Anstrengung öffnete Jenny noch einmal die Augen und sah über sich eine Baumkrone, die sich im Schwinden ihrer Sinneskräfte wie ein Karussell gegen einen regengrauen Abendhimmel drehte. Dann wurde es dunkel.
2
Das durchdringende Geräusch einer Autohupe riss Jenny aus einem tiefen Schlaf. So sehr sie auch ihre noch schwerfälligen Gedanken bemühte, konnte sie den penetranten Ton, der ihren Puls schneller schlagen ließ, in keinen Zusammenhang bringen. Ihre Augenlider waren schwer und bereits die Vorstellung, sie gegen eine gefühlte Kilolast anzuheben, überstieg ihre Kräfte. Ein stechender Schmerz in der Stirn überlagerte die sie umgebenden Geräusche, welche nur noch leise im Hintergrund ungeduldig klopften. Wie ein ungebetener Gast, der bereits mehrere Minuten vor der Haustür verweilt und trommelnd auf Einlass hofft. Auch den Kopfschmerz konnte sich Jenny nicht erklären. Noch nie war sie mit solch zerstörerischen Schmerzen in der Nacht wach geworden. Angestrengt öffnete Jenny die Augen einen Spaltbreit, doch das grelle Licht, das einen Schmerz wie einen Blitz neben den Schmerz am Haaransatz einschlagen ließ, machten den Versuch, sich zu orientieren, zunichte. Reflexartig wollte sich Jenny mit der linken Hand an die Stirn greifen, doch zog ein Band, das an ihrem Handrücken befestigt zu sein schien, ihren Unterarm auf die weiche Unterlage zurück. Zu dem Hupgeräusch hatten sich nun aufgeregte Menschenstimmen gemengt und plötzlich gab es einen Knall wie von einem riesigen Elektrotacker. Der Geräuschecocktail erzeugte in Jenny Angst. Wo war sie? Und wer waren diese Leute, die sich hektisch Anweisungen zuriefen? Wieso konnte sie sich nicht normal bewegen und wann würde dieser stechende Schmerz enden?
Das Hupen brach abrupt ab und die zuvor nervös wirkenden Stimmen begannen, sich in ruhigem Ton zu unterhalten. Die Worte klangen sehr technisch und für eine private Kommunikation zu eintönig. Sie erkannte eine Männerstimme und zwei oder mehr Frauenstimmen. Zudem mischte sich nun ein rhythmisches Piepen zu den entfernteren Gesprächen. Da sich dieses Piepen aber gleichmäßig an ihren Herzschlag anpasste, hatte es eine beruhigende und einschläfernde Wirkung auf Jenny. Kurz wehrte sie sich dagegen, fiel dann aber erneut in einen tiefen Schlaf.
Jenny lag verkabelt und mit Sauerstoffmaske versehen in einem Krankenhausbett auf der neurochirurgischen Intensivstation der Universitätsklinik Münster. Umgeben von diversen medizinischen Geräten, dem Geruch nach Desinfektionsmittel und alarmierenden Tönen der die Körperfunktionen überwachenden Technik, befand sie sich wieder in einer tiefen Bewusstlosigkeit. Während des Notfalls hatten die wachsamen Pfleger und Schwestern der Intensivpflege das kurze Erwachen der jungen Frau nicht bemerkt. Im Nachbarzimmer war das Herz eines Patienten in ein Kammerflimmern gefallen. Die Überwachungsgeräte hatten Alarm geschlagen und den Hupton ausgelöst. Sofort waren alle auf der Station anwesenden Pflegekräfte, einer davon mit Brett, ein anderer mit Defibrillator, zu dem lebensbedrohlich erkrankten Mann geeilt. Geübt in der Bewältigung solch belastender Stresssituationen, hatten sie die nötige Ruhe bewahrt und sich in klarem und eindringlichem Ton Anweisungen zugerufen. Das Brett wurde unter den frisch Operierten geschoben und der Elektroschlag des Defibrillators hatte eine Spannung ausgelöst, die den ganzen Körper des bewusstlosen Mannes einige Zentimeter vom Bett hochhob und erschlafft wieder zu Fall brachte. Bereits ein Schlag des Elektroschockers hatte genügt und dem im Übergang zum Tod befindlichen Patienten wieder zu einem funktionstüchtigen Herzschlag verholfen. Kurz hatten sich die Pflegenden erleichterte Blicke zugeworfen. Nachdem der diensthabende Arzt weitere therapeutische Maßnahmen eingeleitet hatte, ging jeder wieder seinen eigentlichen Aufgaben nach. Als Pfleger Andreas an Jennys Bett trat, um nach der Infusionsnadel, die sich an ihrer linken Hand befand, zu schauen, atmete seine an Kopf und Unterschenkel verletzte Patientin ruhig und die Geräte zeigten keine Veränderungen der Vitalfunktionen.
Nachdem Andreas sich zum Intensivpfleger weitergebildet hatte, arbeitete er seit über drei Jahren auf der Station. Er war bei den Kollegen aufgrund seiner kompetenten und ruhigen Art beliebt und der Job erfüllte ihn sehr. Gestern Abend hatte er einen ruhigen Dienst verrichtet, bis die 37-jährige Lehrerin nach einem schweren Autounfall auf einer Landstraße in Münster Gievenbeck auf seine Station gebracht wurde. Aus noch ungeklärter Ursache war sie mit ihrem Kleinwagen in einer Kurve gegen einen Baum geprallt und hatte sich dabei eine komplizierte Unterschenkelfraktur und eine bisher nicht genau einschätzbare Gehirnschädigung zugezogen. Er betrachtete das Gesicht der jungen Frau, die laut beigeführten Ausweisen in Dortmund wohnte . Ihre helle Haut war mit einigen netten Lachfältchen durchzogen. Die Mundwinkel waren leicht herabgezogen und es sah aus, als mache sich die Patientin sorgenvolle Gedanken. Die dunkelblonden Haare hatte Andreas zurückgekämmt und mit einem Haargummi zusammengebunden. Die rechte Stirnseite war mit Mullbinden aufwendig abgedeckt, da sich die Frau dort bei dem Aufprall auf das Armaturenbrett ihres Autos eine große, offene Wunde zugezogen hatte. Anscheinend war sie am Airbag vorbeigeschleudert worden. Auf der linken freien Stirnseite entdeckte er eine kleine alte Narbe. Nachdem er die Verunglückte gestern versorgt hatte und alle Körperfunktionen soweit stabil gewesen waren, hatte er die Klinik erschöpft nach zweieinhalb Überstunden verlassen. Heute, nach einer Trainingseinheit im Fitnesscenter, war er zum Spätdienst extra etwas früher gekommen, um mehr Zeit für die Kommunikation mit Angehörigen zu haben. Bisher konnte kein Familienmitglied erreicht werden. Bei der angegebenen Adresse hatte sich telefonisch nur der Anrufbeantworter gemeldet. Da es sich bei der Stimme am anderen Ende um eine männliche handelte, hatte er die Hoffnung, dass sich der Ehemann oder Freund dieser Frau heute melden würde. Hoffentlich waren keine Kinder betroffen, denn wer wusste schon, was für Auswirkungen die Hirnverletzung nach sich ziehen würde. Gut, dass die Frau noch nicht bei Bewusstsein war und keine Fragen stellen konnte. Sie hatte wirklich Glück gehabt und musste weder operiert noch intubiert werden. Lediglich eine Atemmaske und eine Infusion mit schmerzhemmenden Medikamenten wurden von den Ärzten verordnet. Vermutlich handelte es sich um ein mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma ohne innere Blutungen, aus dem der Erfahrung nach die meisten Betroffenen nach einigen Stunden wieder erwachten. Er erinnerte sich an das schlechte Wetter am gestrigen Abend. Auch er wäre beinahe auf dem Klinikparkplatz auf einigen regendurchnässten Blättern vor seinem Auto ausgerutscht. Andreas vermutete, dass die Frau einfach Pech gehabt hatte. So etwas gab es leider immer wieder. Herbstregen in der Dunkelheit. Gegenverkehr mit blendenden Scheinwerfern und rutschige Blätter in der Kurve. Pech, wenn dann am Straßenrand noch ein stämmiger Baum stand. Das war wohl Schicksal. Obwohl Frau Jenny Hilgers die Augen geschlossen hatte, lächelte er ihr aufmunternd zu und drückte ihren Arm, als wollte er sagen: „Wird schon wieder.“
In diesem Moment öffnete Jenny unter Schmerzen die Augen und ihre Gesichtszüge verspannten sich zu einer gequälten Grimasse. Sie erkannte einen in blau gekleideten, braun gebrannten und blondierten Mann vor sich, den sie noch nie zuvor gesehen hatte. Die Stimme allerdings kam ihr bekannt vor. Andreas liebte diesen Augenblick, wenn Menschen nach schweren Unfällen wieder in die Realität eintauchten, und erfreut begrüßte er die soeben aus der Bewusstlosigkeit erwachte Jenny.
„Guten Tag, Frau Hilgers. Ich bin Pfleger Andreas. Sie befinden sich auf der Intensivstation des Universitätsklinikums in Münster. Wie geht es Ihnen?“, fragte er mit leiser, erwartungsvoller Stimme. Behutsam und den Blickkontakt haltend entfernte er die Atemmaske, die Jenny bis zu diesem Zeitpunkt mit Sauerstoff versorgt hatte. Ein kurzer Blick auf das Oximeter, das den Sauerstoffgehalt im Blut darstellte, gab ihm Gewissheit, dass bei seiner Patientin alles in Ordnung war.
„Intensivstation?“, fragte Jenny mit rauer, kraftloser Stimme und schloss erschöpft die Augen.
Um Jennys Aufmerksamkeit zu halten, antwortete Andreas mit einer ausführlichen Beschreibung der Geschehnisse.
„Gestern Abend hatten Sie mit Ihrem Auto einen Unfall auf dem Horstmarer Landweg in Münster Gievenbeck. In einer Kurve sind Sie ins Schleudern geraten und vor einen Baum geprallt.“ Andreas wartete auf eine Reaktion und konnte erkennen, wie sich Jennys Augenbrauen zusammenzogen. Nach einiger Zeit öffnete Jenny die Lippen und sagte gequält: „Ein Reh, in der Kirche.“
Andreas rechnete mit allem. Viele seiner Patienten brauchten Tage bis Wochen, um wieder alle Erlebnisse, Gedanken und Empfindungen richtig zeitlich einordnen zu können. Aber scheinbar hatte Frau Hilgers seinen Wortlaut verstanden. Denn es konnte durchaus sein, dass bei einem Unfall auf der ländlichen Straße ein Reh Ursache für den Verlust der Fahrzeugkontrolle war. Aber wieso seine Patientin eine Kirche mit dem Reh in Verbindung brachte, war spekulativ. Wahrscheinlich vermischte sie verschiedene Erlebnisse und konnte ihre Gedanken noch nicht sortieren.
Andreas fragte nach: „Ist Ihnen ein Reh vor das Auto gelaufen, Frau Hilgers?“
Jenny konnte nicht antworten, denn in ihr stieg eine Traurigkeit empor, die ihren Hals wie mit einem Kloß füllte und abdrückte. Tränen rannen über ihre Wangen und verliefen sich hinter den Ohren in ihren Haaren. Gedanken überschlugen sich und unterschiedlichste Erinnerungen reihten sich wild aneinander. Eine laute Sopranstimme donnerte ein „Ave Maria“ und Bilder von den roten Schuhen ihrer besten Freundin Marla mischten sich mit ausdruckslosen Gesichtern ihr bekannter Menschen. „Es ist Schluss“, hörte sie ihren Freund Nick sagen und plötzlich erschallte ein lauter „Heil Hitler“-Ruf.
„Nein!“, schrie Jenny und stöhnte auf vor Schmerzen. Sofort reagierte Andreas und rief über Funk den diensthabenden Arzt.
Ein großer schlanker Mann in weißem Kittel erschien nach kurzer Zeit neben Jennys Bett, die erneut in einen unruhigen Schlaf gefallen war. Nachdem Andreas die Unterhaltung zwischen ihm und der Patientin wiedergegeben hatte, ordnete der Arzt an, Jenny eine höhere Dosis Schmerzmittel sowie eine weitere beruhigende Substanz zu verabreichen. Außerdem müsse sie so schnell wie möglich erneut zur Computertomografie, um mögliche Hirnblutungen auszuschließen. All dies ließ Jenny wie im Schlaf über sich ergehen. Zum Glück konnten keine Blutungen festgestellt werden. Die Medikamente bewirkten zudem eine Linderung der Schmerzen und lösten Jennys wirre Gedanken.
Mittlerweile war auch ein Kontakt zu Angehörigen aufgebaut worden. Der Vater der Patientin hatte sich telefonisch über den Zustand seiner Tochter informiert und angekündigt, gemeinsam mit seiner Frau innerhalb der nächsten zwei Stunden in Münster einzutreffen. Er schien sehr gefasst am Telefon und berichtete, von der in Münster lebenden Freundin seiner Tochter über ihre Nichterreichbarkeit informiert worden zu sein. In Jennys Wohnung habe man dann den Anrufbeantworter abgehört und die Mitteilung des Pflegers entgegengenommen. Alles wäre unbegreiflich, aber man wäre dankbar, dass es der Tochter den Umständen entsprechend gut ginge. Ob man denn den Verlobten der Tochter nicht erreicht hätte? Auf diese Frage konnte die Krankenschwester, die den Anruf entgegennahm, keine Antwort geben.
Die ärztliche Anordnung zur Veränderung der Medikamentendosierung hatte Wunder bewirkt. Der stechende Schmerz in Jennys Kopf hatte sich in ein leichtes Druckgefühl gewandelt und alles hatte seine Bedrohlichkeit verloren. Vielleicht lag es an der Tatsache, dass Jenny nun Geräusche und andere verwirrende Reize einordnen konnte. Sie befand sich nach einem schweren Autounfall auf der Intensivstation der Uniklinik Münster und lebte. Sie genoss diese Erkenntnis und wusste, dass es nun das Beste war, alles auf sich zukommen zu lassen. Die beängstigenden Gedankenausschnitte waren für einen Moment vergessen und für eine Analyse ihrer Situation verursachten die verabreichten Medikamente eine zu große Gleichgültigkeit. Pfleger Andreas versorgte eine weitere Patientin, die – nur durch einen hellblauen Vorhang von ihr getrennt – im selben Zimmer untergebracht war. Durch die sie umgebenden bunt blinkenden und rhythmisch tönenden Geräte wähnte Jenny sich in Sicherheit. Die Stimme des kleinen, muskulösen Pflegers Andreas zu vernehmen, der hinter dem Vorhang all seine Handgriffe mit freundlicher und ruhiger Stimme ankündigte, beruhigte Jenny zudem. Alles um sie herum war wie eine Symphonie. Es bereitete Jenny Freude, diesen Klängen mit geschlossenen Augen ohne willentliche Anstrengung zu lauschen.
Eine Stunde war vergangen und Pfleger Andreas hatte sich der Dokumentation seiner getätigten Pflege zugewandt. Eine Arbeit, die immer mehr Zeit in Anspruch nahm, und die er widerwillig tat. Lieber packte er an und nutze seine Arbeitszeit für das Umsorgen seiner Schäfchen. Wohl oder übel saß er nun doch am Schreibtisch des Dienstzimmers, das mit mehreren Monitoren zur Überwachung der Patienten ausgestattet war. Jeder Monitor zeigte die Vitalfunktionen der Kranken durch die Messgeräte und auf Knopfdruck konnte er das Bild einer Überwachungskamera einstellen. Jenny Hilgers und Hannelore Buchner, seine beiden Patientinnen von Zimmer drei, lagen ruhig in ihren frisch bezogenen Betten und zeigten keinerlei Auffälligkeiten. Frau Buchner würde nach ihrer Aneurysma-Operation morgen sicherlich auf die Neurologie verlegt werden. Bei der dreißig Jahre jüngeren Frau Hilgers war er sich nicht sicher. Ihre Verwirrtheit machte ihm etwas Sorgen, aber da er ein optimistischer Mensch war, hoffte er, dass Frau Hilgers „Reh“ und „Kirche“ beim nächsten Erwachen auseinanderbringen konnte. Ganz geklärt war aus ärztlicher Sicht noch nicht, ob der offene Tibiabruch am rechten Unterschenkel seiner jungen Patientin doch noch operativ versorgt werden musste. In ihrem Zustand war eine Operation nicht zu empfehlen, aber für eine konservative Behandlung mussten die Wunden schnell heilen, damit die Anlage einer Gipsschale möglich war. So vermerkte er in seiner Dokumentationsakte unter „Behandlungsziele“: Förderung der Vigilanz (was soviel hieß wie Reh und Kirche auseinanderhalten zu können) und Förderung der Wundheilung, damit einer Gipsversorgung des Unterschenkelbruchs nichts im Wege stand. Andreas wurde von dem Klingelton, der Besucher ankündigte, aus seinen Gedanken gerissen. Er hörte seine Lieblingskollegin Manuela zur Stationstür gehen. Der Besuchsempfang gehörte heute zu ihrem Dienst. Mit ihrer gewohnt zuvorkommenden Art und gewinnendem Lächeln begrüßte sie das Ehepaar Hilgers; die Eltern seiner jüngeren Patientin. Manuela war geschult im Umgang mit aufgelösten Angehörigen. Oft waren die Emotionen der nahen Bekannten der Menschen, die sich in einem Hochrisikozustand befanden, das eigentlich Belastende ihrer Arbeit auf der Intensivstation. Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Ängste und Verzweiflung mischten sich mit Erkenntnissen über die Ungerechtigkeit des schicksalhaften Lebens. Mittlerweile waren viele Intensivstationen darauf eingerichtet, dass Angehörige Tag und Nacht vor Ort blieben. Das Universitätsklinikum zumindest war mit einem Besucherzimmer ausgestattet. Vor allem nach lebensbedrohlichen Unfällen wurde dieses Angebot dankend angenommen. Natürlich brauchte es eine gewisse professionelle Distanz, um all den Belastungen langfristig Stand zu halten. Andreas war aber froh, bis heute emotional nicht abgestumpft zu sein. Gerade das Einfühlen in die Situation der Beteiligten schaffte eine wertvolle Basis für eine erfolgreiche Genesung.
Martina schaute durch die immer geöffnete Tür ins Dienstzimmer und erklärte: „Hier sind die Eltern von Jenny Hilgers. Sie haben sich bereits die Kittel übergezogen und würden jetzt gerne ihre Tochter sehen.“
Sie blickte zurück in den Flur, wo Jennys Eltern unsicher standen und machte eine Handbewegung ins Dienstzimmer.
„Das ist Pfleger Andreas. Er hat Ihre Tochter gestern aufgenommen und ist am besten über ihren Zustand informiert“.
Andreas erhob sich und spannte die vom Sitzen und Schreiben ermüdeten Glieder an. Durch seine regelmäßigen Trainingseinheiten an Kraft- und Ausdauergeräten hatte er einen muskulösen Körper, was ihm in der Pflege zunutze kam. Sein Rücken war bisher von der Beanspruchung der täglichen Pflege oft lebloser, bewegungsunfähiger Körper verschont geblieben. Viele Kollegen klagten über immer wiederkehrende Rückenleiden. Andreas jedoch hoffte, dass er seine Arbeit noch viele Jahre uneingeschränkt ausüben konnte.
Mit einem kraftvollen Händedruck begrüßte er die verschüchtert wirkenden Eltern der neuen Patientin. Der Vater, ein etwa 1,90 Meter großer grauhaariger Mann mit gepflegtem Dreitagebart, stand einen Schritt vor seiner zusammengesunkenen Frau und blickte Andreas durch eine schwarzumrandete Lesebrille freundlich entgegen. Er wirkte gefasst, im Gegensatz zu seiner Frau, die mit geröteten Augen nur kurz aufblickte, als Andreas ihre schlaffe Hand zur Begrüßung drückte. Sie schien sich unter dem hellgrünen Besucherkittel verstecken zu wollen, und so folgte sie auch nur sehr langsam den beiden Männern ins Zimmer drei. Andreas ging vorweg und steuerte auf Jennys Bett zu. Diese wirkte sehr entspannt und hatte die Augen geschlossen. Ob sie wirklich schlief oder nur ruhte, war nicht auszumachen und so berührte Andreas sanft ihren rechten Arm und flüsterte: „Frau Hilgers? Jenny? Sind Sie wach?“
Kurz schaute er auf und bemerkte, dass nun Frau Hilgers Senior die Führung übernommen hatte und mit tränengefüllten Augen am Fußende des Bettes ihrer Tochter stand. Herr Hilgers hatte sich in einiger Entfernung an die Fensterscheibe gegenüber dem Fußende gestellt. Hinter ihm war der Blick ins Nachbarzimmer durch Metallrollläden verbaut. Trotz der gewünschten Transparenz und Überschaubarkeit aller Zimmer wurde somit ein wenig die Intimsphäre der Kranken gewahrt. Herr Hilgers inspizierte das Zimmer und die an seine Tochter angeschlossenen Geräte. Um Jennys Mutter einen Einstieg in die Kontaktaufnahme mit ihrer Tochter zu erleichtern, sprach Andreas in ruhigem Ton weiter: „Jenny. Hier sind Ihre Eltern. Können Sie uns ein Zeichen geben, ob Sie wach sind?“
Die junge Frau rührte sich nicht, doch hatte der aufmerksame Pfleger den Eindruck, dass sich der entspannte Gesichtsausdruck in leichten Unmut gewandelt hatte. Er wandte sich ab und munterte Frau Hilgers auf, den Arm ihrer Tochter zu berühren, um sie dann begrüßen zu können.
„Melden Sie sich bitte, wenn Sie mich brauchen“, sagte Andreas beim Verlassen des Krankenzimmers. Dann begab er sich wieder ins Dienstzimmer, schaltete aber zur Vorsicht das Überwachungsbild von Zimmer drei ein. Es war gut möglich, dass aufgewühlte Angehörige die Genesung der Schwerstkranken durch ihre Anwesenheit und unkontrollierte Emotionen störten.
Als Jenny die zaghafte Stimme ihrer Mutter vernahm, war sie sofort hellwach. Die beruhigende Symphonie hatte ihren letzten Ton erklingen lassen, und es stellte sich wieder die beängstigende Realität ein. Jenny wagte es nicht, die Augen zu öffnen, konnte aber die Worte ihrer Mutter uneingeschränkt erfassen.
„Jenny, wie kannst du uns so etwas antun?“, schluchzte ihre um Fassung ringende Mutter. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht“, sagte sie durch ein zerknittertes Taschentuch, mit dem sie sich die Nase putzte.
Jenny zeigte keine äußere Reaktion, aber Pfleger Andreas bemerkte in seinem Dienstzimmer, dass der Puls der Patientin auf Zimmer drei eine erhöhte Frequenz aufwies. Er betrachtete das Überwachungsbild, konnte aber nichts Beunruhigendes erkennen. Vielleicht freute sich die Tochter über den Besuch der Eltern, was ihr Herz schneller schlagen ließ.
Unter nun kaum noch zu unterdrückenden Tränen flüsterte Frau Hilgers: „Was ist mit Nick? Ihr wolltet doch heiraten. Warum lässt du ihn so einfach gehen?“
Nun schaltete sich der zunächst ruhig an der Scheibe stehende Vater ein und trat neben seine Frau, um sie zu beschwichtigen: „Elisabeth. Nun ist es wirklich genug. Jenny hatte einen schweren Unfall und es ist nicht an der Zeit, alle Probleme der Welt zu diskutieren.“ Er streichelte Jennys Hand und sagte weich: „He, mein Mädchen. Hörst du mich?“
Aber Jenny reagierte nicht und hielt ihre Augen geschlossen. Erneut überfiel sie eine Traurigkeit und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Frau Hilgers entdeckte eine Träne, die langsam die Wange ihrer Tochter hinunterlief, und aufgeregt sagte sie: „Siehst du, Harald. Sie hat mich verstanden. Sie weint.“ Ihre restliche Fassung war gebrochen und schluchzend lief sie aus dem Krankenzimmer. Im gleichen Moment hatte sich Andreas von seinem Stuhl erhoben, denn der Puls seiner Patientin war auf eine belastende Frequenz gestiegen. Er wollte die Eltern bitten, die Tochter kurz ruhen zu lassen, doch kam ihm auf dem Gang bereits Frau Hilgers, tränenüberströmt und geräuschvoll ins Taschentuch schnäuzend, entgegen: „Was hat meine Tochter? Warum sagt sie nichts?“
Andreas nahm die schluchzende Frau in den Arm und führte sie behutsam in eine etwas abgelegene Sitzecke. Auf einem Beistelltisch zwischen zwei Holzstühlen stand ein bunt blühender Blumenstrauß und an der Wand darüber hing ein farbenfrohes großformatiges Bild. Hier war der richtige Ort, um wieder etwas Abstand zu gewinnen, fand Andreas. Frau Hilgers setzte sich und bemühte sich um aufrechte Haltung. Nach kurzer Zeit der Stille, in der Andreas einfach nur neben ihr stand, kam auch Herr Hilgers zu der kleinen Sitzecke und nahm mit einem tiefen Seufzer auf dem noch freien Stuhl Platz. Er stellte die Ellenbogen auf die Knie und hielt sich mit beiden Händen die Stirn. Er fand als erster Worte und fragte ausdruckslos: „Was ist nun mit unserer Tochter? Ist sie schwer verletzt?“
Andreas antwortete behutsam, aber er wusste, dass Beschwichtigungen ebenso unangebracht waren wie weit vorausschauende Vermutungen.
„Ihre Tochter hatte wirklich Glück. Sie hat sich bei dem Autounfall auf regennasser Fahrbahn eine schwere Unterschenkelfraktur, also einen Bruch, zugezogen. Zudem ist sie vermutlich hart mit dem Kopf auf das Armaturenbrett geknallt und hat sich dabei ein Schädel-Hirn-Trauma zugezogen.“ Andreas bemerkte, dass beide Eltern nervös auf den Sitzflächen hin und her rutschten und fügte schnell hinzu: „Aber es sind keine Blutungen im Schädel nachzuweisen, sodass eine baldige Genesung mit großer Wahrscheinlichkeit in Aussicht steht. Alles Weitere müssten Sie aber mit dem diensthabenden Arzt besprechen.“
Nachdem die Eltern keine weiteren Fragen stellten, schlug der Pfleger vor, dass es bestimmt sinnvoll wäre, einen kurzen Spaziergang durch die frische Luft zu machen, um danach noch einmal nach der Tochter zu schauen.
„Aber bitte warten Sie auf Zeichen von Ihrer Tochter. Wir müssen alle Geduld haben.“
Mit diesen Worten verabschiedete er sich von den nachdenklichen Eltern, da seine Kollegin Manuela seine Hilfe anforderte.
Das Ehepaar Hilgers folgte dem Rat des sympathischen Pflegers und fand, nach einigen Irrwegen durch die unzähligen Gänge des riesigen Universitätsklinikums, einen Weg um das Zentralklinikum. Etwas erfrischt und der größten Last enthoben, trafen sie nach gut einer halben Stunde wieder auf der Intensivstation ein. Wie es Andreas empfohlen hatte, traten sie ohne große Worte an das Bett ihrer Tochter, umfassten fest ihre Hände und streichelten sanft ihre Wangen. Jenny behielt ihren nun wieder entspannten Gesichtsausdruck und als das Ehepaar Hilgers sich mit gegenseitigen Blicken zum Aufbruch bewegen wollte, öffnete Jenny die Augen und sagte leise: „Danke. Es tut gut, dass ihr da seid.“
Frau Hilgers wandte sich vom Bett ab, denn ihr standen erneut die Tränen in den Augen. Jennys Vater beugte sich vor, um Jenny in die Augen zu sehen und erwiderte: „Jenny, ruh dich gut aus. Bald geht es dir besser und dann können wir über alles reden.“ Liebevoll kniff er seiner Tochter leicht in die rechte Wange und endete: „Sei stark, mein Mädchen, ja? Wir kommen morgen wieder.“
Jenny schloss erschöpft die Augen. Sie war dankbar, ihre Eltern gesehen zu haben und war sich sicher, dass nun alles schnell besser würde. Den Aufbruch der Eltern zurück in ihre gemeinsame Heimat Dortmund registrierte Jenny nicht mehr. Auch die ärztliche Visite vernahm sie lediglich aus der Ferne, wobei die sie untersuchenden Mediziner dennoch zufrieden mit der Reflextätigkeit und der Vitalität der Körperfunktionen ihrer Patientin waren.
Jenny schlief tief und fest und wachte erst auf, als die Krankenschwester des Frühdienstes zum Waschen an ihr Bett trat. Die Wunde an ihrem Unterschenkel verheilte wie im Lehrbuch beschrieben und die Schmerzmedikation konnte reduziert werden. Zwar musste sich Jenny aus Angst vor Kopfschmerzen sehr behutsam bewegen, aber bereits am Mittag konnte sie etwas Gemüsesuppe schlürfen. Nach einer erneuten Visite wurde entschieden, Jenny am nächsten Vormittag auf die unfallchirurgische Station des Hauses zu verlegen. Alle waren sehr zufrieden mit der Genesung und es bestanden kaum noch Bedenken über vollständige Heilung. Jenny war etwas enttäuscht, denn sie hatte sich mit der offenen und einfühlsamen Art ihres Lieblingspflegers angefreundet und glaubte, auf der neuen Station sicherlich kein solches Glück wie mit Andreas zu haben.
Nachmittags erhielt sie erneut Besuch von ihren Eltern, die sich bemüht oberflächlich mit Jenny unterhielten. Thea, ihre Freundin aus Kölner Studienzeiten, die mit ihrem Mann und einer Tochter in der Nähe des Klinikums wohnten, ließ Grüße ausrichten. Kurz wurde ihr der schicksalhafte Abend vor Augen geführt, denn eigentlich wollte Jenny unangekündigt bei Thea nächtigen. Sie verdrängte aber diesen, ihr Kopfschmerzen bereitenden, Gedanken und ließ sich stattdessen Dortmunder Neuigkeiten berichten. Ihre sechsjährige Nichte Emely, Tochter ihres großen Bruders Markus, hatte bei ihrem ersten Handballturnier gleich drei Tore erzielt. Und ihr jüngerer Bruder Jens lebte zum Leidwesen der besorgten Mutter wieder im Elternhaus, nachdem sich seine langjährige Freundin von ihm getrennt hatte und er aus der gemeinsamen Wohnung in Bochum ausziehen musste. Besorgniserregend waren nach Aussagen der Mutter vor allem die langen nächtlichen Sitzungen ihres jüngsten Sprosses am Computer.
3
Am nächsten Morgen wurden all ihre Habseligkeiten gepackt. Schwester Mia, eine gelangweilte 20-Jährige, fuhr Jenny im Bett über mehrere Flure und Aufzüge, durch geschäftiges Kliniktreiben auf die unfallchirurgische Station. Jenny durfte nach wie vor nicht aufstehen, da das gebrochene Bein noch nicht eingegipst war. Das sollte auf der neuen Station als Erstes geschehen, da die Wunde, dank der fürsorglichen Pflege von Andreas, gut verheilt war und einer konservativen Behandlung des Bruches nichts mehr im Wege stand. Ein Vorteil, nun auf der normalen Station zu liegen, war, dass Jenny endlich wieder ihr Handy nutzen durfte. Wegen der Empfindlichkeit der Überwachungsgeräte auf der Intensivstation war dort die Nutzung von Mobilfunk nicht erlaubt. Gut, dass ihre Eltern einige Hörbücher – klassische Frauenliteratur – mitgebracht hatten. Jenny liebte historische Romane, aber ihre Mutter wollte sie schonen und ihr keine zu schwere Kost zumuten. So wurde die Zeit, als Jenny schon wieder auf dem aufsteigenden Ast war, nicht zu lang. All die Gedankenfetzen, die ihr nach dem Unfall seelische Qualen zugefügt hatten, verdrängte sie aus ihrem Bewusstsein. So war sie auch nicht sicher, was sie wirklich erlebt oder geträumt hatte.
Jenny wurde bis auf Weiteres krankgeschrieben. Die Vorstellung, nach dem Krankenhausaufenthalt noch eine Rehamaßnahme verordnet zu bekommen, fand sie sehr verlockend. Denn so richtig gute Stimmung war in letzter Zeit nicht unter den Kolleginnen gewesen. Außerdem wurde der Umgang mit den Kindern (und deren anspruchsvollen Eltern) immer nervtötender. Gut, dass sie selbst keine Kinder hatte. Und gut, dass der Scheißkerl von Nick sie auch nicht mehr damit drangsalieren konnte.
Jenny versank in ihrem Krankenbett und war wütend über sich selbst. Warum hatte sie nur einen Gedanken an Nick zugelassen? Plötzlich war das Glück darüber, bei dem Unfall im Grunde nur leicht verletzt worden zu sein, in den Hintergrund gerückt. Der Tibiabruch wurde, sofort nachdem sie die neue Station erreicht hatte, mit einem sperrigen Gips versorgt. Am Nachmittag, eine Woche nach ihrer abendlichen Horrortour mit Unfall, saß sie nun allein in ihrem Einzelzimmer der neurochirurgischen Station des Universitätsklinikums Münster, als plötzlich alle Ereignisse der letzten Tage, die sie bis dahin erfolgreich verdrängt hatte, auf sie einstürzten. Jennys Herz raste und ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie. Das mit der Hochzeit musste ein Traum gewesen sein. Wahrscheinlich hatte sie alle schmerzvollen Erlebnisse in diesem Traum, der sich langsam und bruchstückartig wie ein Puzzle zusammensetzte, verarbeitet. Ihr Körper zitterte und krampfhaft versuchte sie, gegen aufsteigende Tränen anzukämpfen. Es gelang ihr nicht. Alle Muskeln anspannend, drehte sie sich zusammengekrümmt auf die Seite und weinte. Sie weinte leise in sich hinein und spürte alle Qualen dieser Welt auf ihren Schultern. Wieso ihre beste Freundin? Jenny hatte ihr vertraut. Nun verschwanden alle miteinander verbrachten Stunden mit einer Klospülung in der Tiefe der Abwasserkanalisation. Es stank. Alles stank und Ekel durchfuhr den sich vor Verzweiflung schüttelnden Körper.
Marla. Seit der zweiten Schulklasse hatte Jenny Marla ins Herz geschlossen. Dieses schon immer eigenwillige, kreative und etwas chaotische Mädchen. Sie erinnerte sich genau, wie Marla an ihrem ersten Schultag in der neuen Schule neben der Grundschullehrerin gestanden hatte. Sie war aus Hamburg ins fremde Ruhrgebiet gekommen. Ihre Mutter hatte als Schauspielerin in Dortmund eine Anstellung im Theater angeboten bekommen. Forsch, dem neugierigen Blick der neuen Mitschüler standhaltend, hatte sie ohne Hemmungen der Klasse von ihrem Umzug erzählt. An diesem ersten Tag schon hatte sie rote, halbhohe Stiefel getragen. Damals ohne Absatz, aber der Farbe war sie immer treu geblieben. Da Jenny ohne Partnerin an einer Schulbank gesessen hatte, sollte Marla sich neben sie setzen. Mit einem kräftigen Händedruck und fröhlich funkelnden Augen begrüßte sie Jenny und nahm für die weiteren zwölf Schuljahre (mit kleinen Selbstfindungsunterbrechungen in der weiterführenden Schule) neben Jenny Platz. Das aufgeschlossene, neue Mädchen war allgemein sofort anerkannt und insgeheim übertrug sich der Glanz ihrer Künstlereltern auf die ganze Klasse. Erst später konnte Jenny die Nachteile dieses so glamourös anmutenden Lebens erkennen. Zunächst war es eine willkommene Nebenwirkung der Berufstätigkeit beider Eltern ihrer besten Freundin. Marla wurde fast wie eine Schwester in das Leben der Hilgers integriert. Marlas Eltern hatten kaum Zeit und die Ferien verbrachte Marla immer in Hamburg bei ihrer Großmutter. Später wurde Jenny auch oft dorthin eingeladen und die Mädchen verbrachten glückliche Tage am Elbstrand, beim Besuch eines benachbarten Tiergeheges oder einfach faulenzend im Garten des großen Hauses der Mutter von Marlas Papa. Dieser war erfolgreicher Künstler und entschied sich, da war Marla zwölf Jahre alt, nach Amerika auszuwandern. Diese Veränderung hatte Marlas Mutter nicht verkraftet. Oder es war die Belastung auf der Bühne, immer im Fokus der Beurteilung anderer zu stehen. Sie trank zu viel. Zuerst, weil es chic war. Später, weil sie es sonst nicht mehr ertragen konnte. Sie war krank und Marla litt sehr darunter, den Verfall der Mutter miterleben zu müssen. Der Vater kam nur selten und weilte dann in Hamburg. So entschied sich Marla, sofort nach dem gemeinsam bestandenen Abitur nach Hamburg zu ziehen, um dort Kunst zu studieren.
Und nun so etwas. Welche Abgründe schlummerten nur in den Menschen. Wie herz- und gewissenlos konnte nur jemand sein, der jahrelang das Vertrauen eines ihm wichtigen Menschen genossen hatte? In diesem Moment war es ihr fast egal, dass sie eigentlich ihrem Verlobten Nick Schuld am schrecklichen Verlauf ihrer langjährigen Beziehung gab. Die für Mai kommenden Jahres geplante Hochzeit hatte ihre Liebe besiegeln sollen. Jenny ertrug keinen weiteren Gedanken mehr daran, doch die Bilder drehten sich vor ihrem inneren Auge. Sie spannte jeden Muskel an, in der Hoffnung, die Realität zerquetschen zu können. Sie presste auch das letzte bisschen Luft aus ihrem Körper, aber bei der nächsten Einatmung strömte doch wieder zarter Zukunftshauch mit dem belebenden Sauerstoff in ihren eingefallenen Brustkorb. Sich in Luft auflösen. Alles andere war für Jenny in diesem Moment nicht erstrebenswert. Nach einigen Minuten der äußersten Anspannung brach ihr Widerstand ab und der Körper erschlaffte. Selbst fürs Weinen war keine Kraft mehr übrig und so lag Jenny regungslos mit verquollenem, zum Fenster gerichteten Gesicht in ihrem Krankenhausbett.
Die Tür des Krankenzimmers öffnete sich langsam. Auf das zaghafte Klopfen hatte Jenny nicht reagiert. Erschrocken zuckte sie zusammen, als Thea an ihrer Seite stand und ihre Hand auf Jennys Schulter legte. Mit geschwollenen Augenliedern und vom Weinen gerötetem und nassem Gesicht blickte Jenny auf. Bestürzt wich Thea einen Schritt zurück und fragte besorgt: „Was ist denn mit dir, Jenny? Ich dachte, du schläfst.“
Jenny konnte keinen Ton aus der von Trauer abgedrückten Kehle hervorbringen. So sehr sie auch dankbar über die Anwesenheit eines Menschen war, dem sie noch vertrauen konnte, so sehr sehnte sie sich auf eine einsame Insel. Niemandem wollte sie in die Augen schauen, niemandem auch nur irgendetwas von sich erzählen. Dennoch brachte sie ein gequältes „Mein Kopf“ hervor und verbarg ihr Gesicht hinter beiden Händen. Thea reagierte sofort und verließ umgehend das Zimmer, um nach einer Krankenschwester zu suchen. Nach einigen Minuten erschien sie besorgt, in Begleitung einer Pflegekraft, zu ihrer immer noch wie ein Igel zusammengerollten Freundin.
Schwester Mona reagierte nicht sonderlich erfreut auf die Unterbrechung ihrer soeben begonnenen Rundtour durch die Zimmer der am Knochengerüst erkrankten Patienten. Besucher wie Thea waren ihr ein Graus. Kaum erschienen sie erstmalig auf der Station, schon nörgelten sie an irgendeiner Kleinigkeit herum und meinten, das Beste für den Erkrankten rausschlagen zu müssen. Als wenn sie sich nicht sowieso schon den Hintern für diese oft verwöhnten und nicht selten wehleidigen Erkrankten aufreißen würde. Diese Jenny Hilgers schätzte sie ähnlich ein. Die konnte doch froh sein, so glimpflich mit einem Knochenbruch davongekommen zu sein. Manch anderer, der sich schwungvoll um einen Baum wickelte, landete im Himmel. Vielleicht auf Wolke sieben oder acht, keine Ahnung.
Und diese Besucherin …
Mit ihren Klapperschuhen war ihr die Dringlichkeit ihres Gesuches schon von Weitem anzuhören. Nun folgte Mona dieser gewollt feinen Dame in Seidenstrumpfhose und bester Markenkleidung. Diese Frau kannte sicherlich nichts vom wirklichen Leben, meinte aber ohne Zweifel, die Weisheit gepachtet zu haben. Bestimmt war sie Lehrerin oder Juristin. Vor denen musste man sich besonders in Acht nehmen. Ein falsches Wort und schon hatte man eine Beschwerde bei der Stationsleitung am Hals. Mona machte diesen Job nun bereits seit sechs Jahren und hatte gelernt, sich nichts von ihrer eigentlichen Ablehnung anmerken zu lassen. Außerdem war ihr heutiger Dienst in absehbarer Zeit beendet und sie wollte keinen Ärger mehr haben.
„Was hat denn unsere Frau Hilgers?“, fragte sie mit deutlich uninteressiertem Ton beim Eintritt in Jennys Zimmer.
„Sie scheint schreckliche Schmerzen zu haben. So aufgelöst habe ich Jenny noch nie gesehen.“
Thea redete ungezwungen mit fremden Personen, denn auch sie arbeitete, wie ihre alte Studienkollegin Jenny, als Grundschullehrerin. In Köln hatten sie sich vor fast zwanzig Jahren in den gemeinsamen Vorlesungen kennengelernt und mit einer weiteren Kommilitonin eine Wohngemeinschaft in Ehrenfeld gegründet. Als sie nun die Stimme erhob, klang diese brüchig, denn der Zustand, in dem sie ihre Freundin vorgefunden hatte, war für Thea besorgniserregend.
Sie fuhr aufgeregt fort: „Sie hat sich den Kopf gehalten und verzweifelt ‚mein Kopf‘ gesagt. Kann das noch etwas mit dem Schädel-Hirn-Trauma zu tun haben?“
Auch wenn Mona diese Person nicht wirklich mochte, hatte sie grundsätzlich Nachsehen mit Menschen, die noch nie wirkliches Leid erfahren hatten. Für eine groß angelegte psychologische Studie fehlte Mona die Zeit, aber ihr gesunder Menschenverstand sagte ihr, dass diese Frau wahrscheinlich bisher meistens Glück mit ihrem durchgeplanten Leben gehabt hatte. Sie war eindeutig gut gebaut und gekleidet und sicherlich recht wohlhabend. Im Grunde empfand Mona sogar etwas Mitleid, denn wenn Kopfschmerzen einen Menschen so in Aufregung versetzten, war der unsichere Kern nicht weit hinter der äußeren Fassade versteckt. Sie bahnte sich einen Weg an der nun energisch blickenden Wohlstandsdame vorbei zum Bett ihrer Patientin. Diese lag, alle Muskeln angespannt, zitternd und sich den Kopf haltend, auf der rechten Körperseite und schluchzte. Diesen Zustand hatte Mona wirklich nicht erwartet und plötzlich regte sich in ihr echtes Mitleid. Sanft berührte Schwester Mona Jennys Schulter und fragte mit einfühlsamer Stimme: „Frau Hilgers? Was ist mit Ihnen?“
Da keine Antwort zu hören war, fragte sie: „Tut Ihnen der Kopf weh?“
Eine minimale Kopfbewegung, die wie ein Nicken zu deuten war, ließ Mona erkennen, dass die schmerzgekrümmte Frau im Bett vor ihr ansprechbar war.
„Brauchen Sie ein Schmerzmittel, Frau Hilgers?“, fragte Mona freundlich.
Jenny nickte etwas deutlicher und sofort setzte sich Mona in Bewegung zum Schwesternzimmer, wo in einem verschließbaren Schrank die starken und betäubenden Medikamente gelagert wurden. Mona kannte die Behandlungspläne ihrer Patienten und wusste, dass sie Frau Hilgers bei Bedarf Schmerzmittel verabreichen durfte. Trotzdem war ihr die Sache etwas mulmig und über Funk kontaktierte sie den diensthabenden Arzt. Sie war gerade dabei, die hoch dosierte Tablette aus der Packung zu drücken, als das Diensttelefon klingelte. Doktor Behler meldete sich aus einer Chefarztbesprechung. Nachdem Mona ihm kurz die Situation geschildert hatte, bestätigte Dr. Behler die Gabe des Schmerzmittels. Von ärztlicher Seite abgesichert, kehrte sie mit der Tablette zurück ins Einzelzimmer der sichtbar leidenden Frau. Etwas unsicher stand die hübsche Besucherin neben dem Bett und hielt die erschöpfte Hand von Frau Hilgers.
Jenny hatte ihre Hände vom Gesicht gelöst und war dankbar, einen Grund für ihre desolate Verfassung genannt bekommen zu haben. Wirkliche Schmerzen kannte sie anders, doch fühlte sich ihr Kopf nach der Gedankenverknotung und dem Gefühlsausbruch dröhnend leer an. Sie wusste, dass eine Schmerztablette ihren Zustand ebenso wenig verändern würde wie die Einnahme eines Stück Apfels, doch wollte sie unter keinen Umständen erklären, wieso sie tränenüberströmt im Bett lag. Nachher würde ihr noch ein psychischer Schaden unterstellt. Und wer wusste schon, ob die Tablette ihr nicht doch Erleichterung brachte. Schwester Mona wies sie an, den Kopf etwas zu heben, steckte ihr die Tablette zwischen die Lippen und reichte ihr ein Glas Wasser, an dem Jenny unbeholfen nippte. Bereits das Schlucken der Tablette belebte Jennys Körper und auch ihr Geist freute sich über die Ablenkung.
Thea atmete innerlich auf und versprach sich zeitnahe Besserung des beängstigenden Zustandes ihrer Freundin. Schwester Mona beobachtete kurz die sich lösenden Gesichtszüge ihrer Patientin und wies Thea an, sich bei Verschlechterung des Zustandes bei ihr zu melden. Der Vorfall löste in den beiden so unterschiedlichen Frauen eine gewisse Achtung aus. Thea mochte keine Frauen mit Piercings und beim ersten Blick in Monas Gesicht wusste sie, dass diese Frau, deren Augenbraue ein silberner Ring zierte, nur auf Konfrontation aus war. Solche Menschen kannte sie aus der Schule zur Genüge. Die Grundschule, in der sie mit reduzierter Stundenzahl arbeitete, lag in einem sozial stark durchmischten Wohnviertel Münsters. Eltern mit Tattoos und Piercing gab es hier viele. Ständig fühlten sie sich benachteiligt und auf einer sachlichen Ebene war keine Unterhaltung möglich. Schwester Mona war auch so eine, aber immerhin hatte sie auf die Problemsituation professionell reagiert.
Thea richtete ihre Aufmerksamkeit auf Jenny, die wesentlich entspannter als noch vor wenigen Minuten mit geschlossenen Augen auf dem Rücken lag. Eine Weile beobachtete sie ihre Freundin und stellte sich innerlich die Fragen, die sie sich laut zu fragen nicht traute. Was war an dem regnerischen Freitagabend vor einer Woche wirklich passiert? Jenny war eine sichere und vorsichtige Autofahrerin und es passte nicht zu ihr, sich ohne Absprachen auf den einstündigen Weg zu ihr nach Münster zu machen. Nick, Jennys Verlobter, war nicht zu erreichen, aber Thea hatte nie viel Kontakt zu ihm gehabt. Vielleicht lag es daran, dass Theas Ehemann Achim, der als Internist in einer Praxis in Münster arbeitete, keinen besonders guten Draht zu Nick hatte. Zum Ende ihrer gemeinsamen Studienzeit in Köln, Nick hatte dort Architektur studiert, waren sie im Sommer oft zu viert in den Urlaub gefahren. Während sie mit Jenny und Achim gerne aktiv war oder die Gegend und Kultur ihrer Reiseziele erkundete, verbrachte Nick den Urlaub am liebsten am Strand oder an der Hotelbar. Unterschwellig lagen diese ungleichen Bedürfnisse in jeglicher Kommunikation zwischen Jenny und Nick. Einer von beiden schien immer unzufrieden mit den Wünschen und Forderungen des anderen oder fühlte sich missverstanden. Achim wurden die kleinen Machtkämpfe der beiden schnell zu anstrengend, sodass man nach vier gemeinsam verbrachten Reisen Abstand davon nahm, die Urlaubstage miteinander zu gestalten. Thea fand Nick soweit akzeptabel. Er sah vor allem gut aus und war gesellig und sportlich. Nicht sonderlich tiefgründig, aber irgendwie nett und, trotz nicht zu stillender Partylust, auch häuslich. Wie oft hatte Thea am Telefon von diversen Diskussionen gehört, die sich um das Thema Kinderwunsch drehten? Selbst als ihre nun bereits siebenjährige Tochter Klara geboren wurde (der Anblick eines Babys konnte für manch gewollt Kinderlose durchaus Auslöser für erhöhten Zeugungswillen darstellen), konnte Nick seine Freundin nicht von den Vorteilen der Gründung einer richtigen Familie überzeugen. Jenny argumentierte immer, dass sie als Lehrerin bereits einen großen Beitrag zur Kinderfreundlichkeit des Landes beitrug und ihre Nerven einfach nicht für ein eigenes Kind angelegt worden waren. Sie machte auch keinen Hehl daraus, dass sie froh über den Lebensstandard war, für den sie hart gearbeitet hatte. Diesen wollte sie unter keinen Umständen aufgeben. Ein Kind würde doch alles verändern und vor allem würde es alles durcheinanderbringen. So meinte jedenfalls Jenny.
Auch ohne Kind war nun alles durcheinandergebracht. Von Jennys Auto waren nur noch die Einzelteile auf dem Schrottplatz übrig geblieben und die angedachte Hochzeit schien annulliert. Jennys Eltern hatten erzählt, dass sie mit Nick telefoniert hatten, als in der Wohnung nach dem Unfall niemand zu erreichen gewesen war. Er war von der Nachricht, dass Jenny schwer verletzt war, schockiert gewesen, doch hatte er einen Besuch auf der Intensivstation abgelehnt. Er ließ anklingen, Jenny am Abend des Unfalls von seinen Trennungsabsichten berichtet zu haben. Er mache sich zwar Vorwürfe, aber seine Entscheidung sei klar.
„Was für ein Idiot“, murmelte Thea leise bei dem Gedanken, dass man die Frau, die man heiraten wollte, noch nicht einmal auf der Intensivstation besuchte.
Jenny öffnete die Augen und blickte Thea direkt an. Thea errötete leicht, denn die Worte waren ihr unbewusst herausgerutscht.
„Wen meinst du?“, fragte Jenny in fast beiläufigem Ton.
„Ach …“, Thea druckste und suchte nach einer Rechtfertigung. „Ich meinte die Schwester gerade. Die war ja nicht wirklich zuvorkommend, oder?“
Jenny schloss mit einem erleichterten Seufzer die Augen und erwiderte: „Ach, Mona ist schon in Ordnung.“ Mit einem zufriedenen Lächeln sagte sie noch: „Pfleger Andreas auf der Intensivstation war ein richtiger Schatz.“
Um die unangenehme Situation aufzulösen, berichtete Thea Jenny ungefragt von einigen Erlebnissen mit Schülern ihrer Grundschule. Zudem erzählte sie von den Entwicklungsfortschritten ihrer Tochter Klara und teuren Anschaffungen für ihre neue Eigentumswohnung. Ihre Fragen rund um den Unfall gingen Thea aber nicht aus dem Kopf. Sie passte einen geeigneten Moment ab, in dem Jenny entspannt den Berichten lauschte und die Tablette bereits wundervolle Wirkung erzielt hatte. Wie beiläufig fragte sie: „War Nick eigentlich schon da?“
Jennys Gesichtsmuskeln zogen sich blitzartig zusammen und schwungvoll drehte sie sich auf die linke Seite. Demonstrativ streckte sie Thea ihr mit einem Schlafanzug bedecktes Hinterteil entgegen und schwieg.
Beschwichtigend sagte Thea: „Ich weiß, dass du es schwer hast, Jenny. Aber magst du nicht erzählen, was vor einer Woche passiert ist?“
„Ich hatte einen Unfall, weil mir ein verdammtes Reh über den Weg gelaufen ist. Sonst nichts.“ Fast patzig wirkte Jennys Antwort und da Thea keinen Ton von sich gab, sagte Jenny noch: „Und Nick ist für mich gestorben. Mehr möchte ich darüber jetzt nicht sagen.“
Thea war erleichtert über das „jetzt“. Jetzt wollte Jenny nicht darüber sprechen, aber hoffentlich bei einem der nächsten Besuche. Thea spürte, dass es besser war, den Besuch zu beenden, denn Jenny war zu keinem Gespräch mehr bereit. Immerhin konnte sich Thea davon überzeugen, dass sich ihre Freundin auf dem Weg der Besserung befand.
„Ich rufe dich morgen an. Vielleicht fühlst du dich dann schon etwas stärker.“
Thea verabschiedete sich von Jenny mit einem Streicheln ihres Hinterkopfes und verließ, bedacht darauf, mit ihren Absatzschuhen nicht zu laute Geräusche zu produzieren, das Krankenzimmer.
Die Abenddämmerung eines späten Novembertages legte sich über die Zimmer der chirurgischen Station des Universitätsklinikums und hier und da wurden die ersten Lichter angemacht. Die aufsteigende Dunkelheit und das schwache Licht passten zu Jennys Gefühlen. Es gab nichts, was ihr Gemüt im Moment aufheitern konnte. Jenny fror und fühlte sich einsam. Selbst bei ihrer langjährigen Freundin Thea war sie sich der Solidarität nicht mehr sicher. Konnte sie überhaupt noch einem Menschen vertrauen? Konnte Thea überhaupt etwas von dem, was Jenny durchmachte, verstehen oder nachfühlen? In diesem Moment weilte Thea bereits wieder in der wohligen Wärme ihres trauten Heimes, einer modernen und gehoben ausgestatteten Eigentumswohnung in Münster Gievenbeck. Jennys Ziel, als sie sich vor einer Woche nach der tragischen letzten Zusammenkunft mit Nick und Marla ins Auto gesetzt hatte. Sie konnte sich des Gedankens nicht erwehren, obwohl sie wusste, dass er wie Gift für sie war. Auch konnte sie die Tragweite der Tatsachen immer noch nicht erfassen und versuchte, die Geschehnisse zu rekonstruieren. Ekelschauer erschütterten sie, als sie daran dachte, dass Nick nun endlich das bekam, wonach er sich immer gesehnt hatte. Ein Kind.
Marla war im dritten Monat schwanger, das hatte Jenny an vergangenem Freitag erfahren. Und Nick war der Erzeuger. Konfrontiert mit dieser Nachricht und Nicks Entschluss, umgehend aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen, war sie in einen Schockzustand gefallen. Nachdem das glückliche Paar die Wohnung verlassen hatte, bewegte sie sich traumatisiert und innerlich erstarrt ruhelos durch die Wohnung. An Nicks Geburtstag, am 20. September, musste es in ihrer Wohnung passiert sein. Welche Erniedrigung, welch unglaublicher Verrat. Wie schon einige Jahre zuvor verbrachte Marla zu dieser Zeit eine Woche bei ihnen in Dortmund. Tagsüber besuchte sie dann die Kunstmesse in Köln. Erstmalig wurde es ihr in diesem Messejahr ermöglicht, selbst dort Bilder auszustellen. Am 20. September hatte Marla mit Nicks Geburtstagsgästen ausgelassen ihren Erfolg gefeiert. Auch Jenny hatte fröhlich mit Marla angestoßen. Die Vorstellung, dass Nick und Marla umeinandergeschlungen in der Badewanne … vielleicht während sie die Spülmaschine eingeräumt hat …
Ein erneuter Ekelschauer überfiel Jenny und ließ sie würgen. Kurz flackerte erneut die Traumszene mit Nick und Marla in der ersten Bankreihe der Kirche vor ihren Augen auf. Deutlich erkannte sie Marlas rote hochhackige Schuhe, die sie auch bei besagter Party getragen hatte. Wie konnte ihre beste Freundin Jenny so etwas antun? Selbst im Feierrausch gab es für so ein Verhalten keine Entschuldigung. Und verzweifelt musste Jenny sich gestehen: Es gab auch keine Bestrafung. Marla zog lachend davon. Mit ihrem Verlobten und dem Glück im Bauch, von dem Nick immer geträumt hatte. Kurz machte sie sich selbst Vorwürfe und verfluchte ihre Antihaltung gegenüber eigenen Kindern. Aber nein. Nick hatte zugestimmt, sie zu heiraten. Mit oder ohne Kind. Er hatte sich bewusst für eine kinderlose Ehe entschieden. Er war der Ehebrecher. Jenny selbst musste nun alles Weitere ertragen und konnte ihn nicht mehr zurückgewinnen. Es war aus. Für immer.
Jenny versank in Erinnerungen an die schlimmste Nacht ihres Lebens, in der ihr Lebensgerüst gesprengt wurde. In ihrer Not hatte Jenny den Entschluss gefasst, zu ihrer Freundin Thea nach Münster zu fahren. Zwei Stunden hatte sie bis dahin laut heulend auf dem Sofa gelegen und Fotos von ihr und Nick zerrissen, die sie zuvor an unterschiedlichen Stellen der Wohnung gefunden hatte. Sie war erschöpft gewesen, aber hatte panische Angst bei dem Gedanken daran verspürt, eine Nacht alleine in der Wohnung verbringen zu müssen. Schnell hatte sie das Notdürftigste zusammengepackt und fluchtartig den Ort des Grauens verlassen. Die Strecke nach Münster war sie wie im Schlaf gefahren, da sie den Weg gut kannte. Thea war, direkt nach ihrem gemeinsamen Studium, mit Achim dorthin gezogen und Jenny hatte sie dort schon unzählige Male besucht. Theas Eltern lebten in Greven, einer Kleinstadt in der Nähe Münsters, wo Thea aufgewachsen war. Ihre Freundin hatte stets betont, waschechte Westfälin zu sein, und legte nicht ohne Stolz immer wieder dar, dass Münster für sie die eigentliche Hauptstadt Deutschlands war. Den Weg nach Münster Gievenbeck also war Jenny ohne Navigationsgerät gefahren. Die sonore Stimme der Ansagedame wäre wohl auch kaum zu Jennys Ohren vorgedrungen, denn die gesamte fast einstündige Fahrt durch verregnete Dunkelheit hatte Jenny immer wieder das gleiche Lied gehört. „Ave Maria“, gesungen von Jessye Norman, einer dunkelhäutigen Sopranistin. Die CD mit verschiedenen von dieser Sängerin interpretierten Liedern war ein Erinnerungsstück an ihre verstorbene Oma. In ohrenbetäubender Lautstärke hatte sich der emotional aufheizende Gesang bis zum Horstmarer Landweg wiederholt. Nach der Abfahrt von der Autobahn hatte sich Jenny kurz vor Erreichen ihres Ziels befunden. Aufgelöst und in der Annahme, dass sie die Veränderungen der Zukunft nicht ertragen könne, hatten Regen und Tränen ihren vorausschauenden Blick verhängt. Wie durch Nebelschwaden hatte sie lediglich den hellsten Lichtkegel, der die Straße direkt vor ihr ausleuchtete, gesehen. Das Reh, das wie aus dem Nichts kommend, von links über die Straße rannte, war mit einem eleganten Satz ins Münsterländer Feld gesprungen. Jenny war reflexartig nach links ausgewichen, hatte kurz die Mittellinie überquert und vor Schreck das Lenkrad stark in die entgegengesetzte Richtung gerissen. Auf der regennassen Straße waren die Hinterräder ins Rutschen geraten und hatten nicht mehr auf Jennys verzweifelte Bremsversuche reagiert. Wie auf einer spiegelglatten Eisfläche war sie unaufhaltsam dem Baumstamm entgegengeschlittert, dem sie auch mit einem erneuten Herumreißen des Lenkrades nicht mehr hatte ausweichen können. Sie vernahm nur noch einen harten Stoß auf den Kopf und das Zersplittern von Glas sowie das laute Hupen ihres Autos. Dieses war, mit dem Heck im gepflügten Acker steckend, im Straßengraben zum Stillstand gekommen. Durch die völlig zerstörte Frontfensterscheibe hatte sich über ihr die Krone des stark beschädigten Baumes wie im Karussell gedreht. Jennys Kreislauf brach zusammen und sie verlor das Bewusstsein.
Nur schwer kehrte Jenny gedanklich zurück in die Realität im Krankenhausbett. Einerseits war sie erleichtert, ihr Gedächtnis voll erinnerungsfähig zu erleben, doch brachten die Bilder des Unfalls sie andererseits in erneute, tiefe Trauer. Jenny weinte still in sich hinein. Als Schwester Mona nach einiger Zeit das Zimmer betrat und das grelle Neonlicht anschaltete, hielt Jenny die Luft an und stellte sich schlafend.
„Hab hier das Abendessen, Frau Hilgers. Guten Appetit“, flötete die Pflegerin fröhlich. Dann verließ sie umgehend und geräuschvoll das Zimmer. Ohne das servierte Essen auch nur anzuschauen, drehte sich Jenny auf die andere Seite. Der Gips erschwerte die Bewegung und riss an ihrem Bein. Mit dem Gefühl fliehen zu wollen, aber von einer sich am Bein festklammernden Person zurückgehalten zu werden, schlief sie entkräftet ein.
4
Die folgenden Tage ihres Krankenhausaufenthaltes brachten etwas Ruhe. Jenny war oft in sich gekehrt, aber genoss die Zwangspause, die ihr der Unfall gebracht hatte. Insgeheim war sie sogar dankbar, versorgt zu werden und nicht mit der Wohnung und den anstehenden Problemen konfrontiert zu sein. Die Einzelversorgung, die ihr die private Krankenversicherung bescherte, empfand sie als Geschenk. Die meiste Zeit hatte sie ihre Ruhe, musste keine aufgesetzten Gespräche mit irgendwelchen neugierigen Mitpatienten führen und fühlte sich dennoch behütet und nicht allein. Als jedoch die Ärzte über ihre baldige Entlassung diskutierten, konnte Jenny sich der Realität nicht mehr entziehen. Erneut legte sich eine schwere Trauer auf ihren Brustkorb. Diese hielt bis zum Tag ihrer Entlassung und brachte ihr einige unruhige Nächte, in denen immer wieder Bruchstücke des Unfalls oder des skurrilen Hochzeitstraums in ihre Gedanken schossen.
Am Tag der Entlassung übte Jenny wieder einmal mit den Unterarmgehstützen das längere Laufen. Langsam humpelte sie den Gang der neurochirurgischen Station entlang. Der sperrige Gips, der auch die Bewegung im Kniegelenk einschränkte, machte ein unverkrampftes Laufen fast unmöglich. Schon nach einigen Minuten unsicheren Staksens auf drei Beinen schmerzten die bis dahin kerngesunden Arme und Schultern dermaßen, dass Jenny die Unzufriedenheit über ihre Ungeschicklichkeit vergaß und mit zusammengebissenen Zähnen die letzten Meter zurück zum rettenden Bett stolperte. Aufgrund der mittlerweile dreiwöchigen Zwangsruhe waren ihre Muskeln so geschwächt, dass ihre eigentliche Fitness, die sie sich durch wöchentliches Yogatraining erworben hatte, bereits gelitten hatte. Jenny meinte zumindest, eigentlich in körperlich gut trainiertem Zustand zu sein. Die Schuld an den jetzigen Muskelschmerzen und dem unbefriedigenden Muskelzittern bei längerer Nutzung der Krücken lag auf jeden Fall nicht in fehlender Übung begründet. Vielleicht waren die Stützen falsch eingestellt oder die Medikamente, die sie, eigentlich eher vorbeugend, gegen die Kopfschmerzen einnahm, schwächten ihren Körper.
Mit ihren Eltern hatte Jenny in der Zeit ihres Krankenhausaufenthaltes dreimal telefoniert. Erfreulicherweise waren sie zwei Tage nach ihrem Erscheinen auf der Intensivstation in einen zweiwöchigen, lang geplanten Teneriffa-Urlaub aufgebrochen. So fielen die Gespräche recht überschaubar aus und Jenny konnte ihrer besorgten Mutter glaubhaft versichern, wohlauf zu sein. Weitere unangenehme Fragen, zum Beispiel zu ihrer Trennung von Nick, blieben ihr erspart. Bald aber würde die Schonfrist abgelaufen sein, und mit Schrecken erwartete sie die Ankunft ihrer Eltern, die sie nach der Klinikentlassung zu ihrer Wohnung in Dortmund fahren wollten.
In den vergangenen drei Wochen hatte sie nur wenig Besuch bekommen. Thea, die quasi auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle am Klinikum vorbeikam, schaute noch einmal mit ihrer Tochter Klara vorbei, die sich als Erste und Einzige auf dem Gipsbein verewigen wollte. Da es eine willkommene Ablenkung darstellte, während Thea mit Jenny plauderte, bemalte Klara das gesamte Gipsbein mit einer bunten Blumenwiese. Natürlich nur von vorne, was bei aufrechtem Gang einen lustigen Anblick schuf. Markus, Jennys älterer Bruder, der eigentlich immer zeitlich ausgebucht war, erkundigte sich immerhin zweimal telefonisch nach Jennys Zustand. Jens, das Nesthäkchen der Familie, schickte eine SMS mit angehängtem Genesungsgruß. Von den Kollegen erreichte sie eine nette Karte, auf der fast alle unterschrieben hatten. Ihr Chef Marius hatte die Karte selbst gestaltet und eines seiner schönen Blumenfotos als Motiv gewählt. Vielleicht war das der Grund, warum Jenny sich so gut mit ihm verstand und somit oft dem Neid der anderen Kolleginnen ausgesetzt war. Beide schossen leidenschaftlich gerne Naturfotos. Jenny liebte es, mit ihrer guten Spiegelreflexkamera ausgestattet, Ausflüge in die Natur und gepflegte Parks zu machen. Ihre Leidenschaft hatte im Garten ihres Vaters begonnen, als sie zu ihrem vierzehnten Geburtstag eine Kamera, damals noch mit Filmrolle, geschenkt bekam. Minutenlang hatte sie, still im Sommerblumenbeet ihres Elternhauses stehend, auf Insekten gewartet, die auf einer Dahlie Essenspause einlegen wollten.
In diesem Moment hörte sie die Stimme ihrer Mutter durch die geöffnete Tür ihres Krankenzimmers, wo sie eine ganze Weile in Gedanken auf ihrem Bett gesessen hatte. Ihre Schultern und Arme schienen wieder entspannt. So schlimm stand es also doch nicht um ihre allgemeine muskuläre Verfassung. Frau Hilgers Stimme, die ihren Mann aufforderte, nicht so zu trödeln, folgte nun der Körper. In zaghafter Haltung blieb Frau Hilgers in der Tür stehen.
Besorgt blickte sie auf ihre veränderte Tochter. Mit einem grauen Schlabberpuli und einer aufgeschnittenen Jogginghose bekleidet, saß Jenny zusammengesunken, ohne zuvor ihre Haare mit einer Bürste konfrontiert zu haben, auf dem ungemachten Bett.
„Kind!“, klagte Frau Hilgers. „So kannst du doch unmöglich auf die Straße.“
Mit nun energischeren Schritten bewegte sie sich auf Jenny zu, die wie zur feindlichen Abwehr die Stützen vor sich aufstellte.
„Guten Morgen, Mama“, brachte sie nach einem tiefen Atemzug hervor. „Vielen Dank, dass ihr mich abholt.“
Herr Hilgers, der langsam seiner Frau nachgefolgt war, trat an seine Tochter heran und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Jenny lächelte dankbar und nickte ihrem Vater zu. Etwas schwerfällig erhob sie sich und deutete mit der rechten Stütze auf den Kleiderschrank. „Papa, könntest du bitte meine Tasche aus dem Schrank holen?“, bat sie. Ihre Mutter reagierte sofort und öffnete den Schrank, griff sich, gequält atmend, die Tasche und wetterte: „Puh, sind da Steine drin?“ Mit einem gut vernehmlichen Plumpsen ließ sie die Tasche wieder aus ihren Händen gleiten und wies ihren Mann stimmlich entkräftet an: „Harald, die ist einfach zu schwer. Jenny, was hast du da alles drin?“
Jenny ersparte sich die Antwort, obwohl sie innerlich kochte. Jetzt konnte sie nichts mehr ändern. Auch wenn sie sich schämte, als 37-Jährige wie ein Kindergartenkind von den besorgten Eltern abgeholt zu werden, war sie froh, dass überhaupt eine ihr nahestehende Person zu ihrem Transport nach Dortmund bereit war. Ihr Auto befand sich in Einzelteilen auf irgendeinem Schrottplatz Münsters und mit dem Gipsbein, das beim Laufen an Krücken knapp über den Boden schrammte, war an eine Überführung mit öffentlichen Verkehrsmitteln auch nicht zu denken. Ohne weitere Anweisungen verließ Jenny, ihre Muskelschwäche in den Oberarmen verfluchend, das Zimmer. Kurz besann sie sich, dass diese geschützte Zeit der vergangenen drei Wochen ein Geschenk gewesen war. Wehleidig verließ sie den Hochsicherheitstrakt, den sie nach dem begangenen Gewaltverbrechen an ihr bezogen hatte. Gefolgt vom Packesel und königlicher Schuldzuweisung. Insgeheim verachtete sie ihre Situation und die Rolle, die ihre Eltern spielten. Ihr Vater: herzlich, aber nichtssagend. Ihre Mutter: herrschend, aber voller Unsicherheiten. Nachdem sich der Tross im Schwesternzimmer den Entlassungsbrief abgeholt hatte, verließ Familie Hilgers schweigend die Station.
Auch auf der Rückfahrt fehlten zunächst die Worte und man lauschte dem Radiosender mit klassischer Musik. Nach etwa zwanzig Kilometern zurückgelegter Autobahnstrecke fand Frau Hilgers als Erste zurück zur verbalen Kommunikation. Als hätte sie die letzte halbe Stunde an einer perfekten Formulierung gefeilt, sprudelte es aus ihr heraus: „Hast du eigentlich auch mal an uns gedacht?“ Aus dem Augenwinkel konnte Jenny verfolgen, wie Frau Hilgers sich mit einem Taschentuch die Wangen abtrocknete. Jenny blickte stur aus dem Seitenfenster und ließ die Sträucher an der Autobahnböschung im Millimetertakt an sich vorbeihuschen. Weil ihre Tochter ihre Frage unbeantwortet ließ, klagte Frau Hilgers weiter. „Nick war so ein netter Mann und wir haben doch schon so viel für die Hochzeit geplant.“ Nach einer kurzen Pause, in der die beiden anderen Unheil ahnend die Luft anhielten, krönte sie ihre Anklage mit den Worten: „Und dann auch noch ein Totalschaden.“ Triefend vor Selbstmitleid schnäuzte Frau Hilgers geräuschvoll in ihr Taschentuch und setzte damit den Schlusspunkt ihrer emotionalen Rede. Mit dem Totalschaden war das Auto gemeint, doch fraß sich dieser verbale Hieb bis zum nur noch flach schlagenden Herz der eigentlich Geschädigten. Die Tränen, die in den letzten Tagen still in sie hineingeflossen waren, brachen mit einem Mal aus ihr heraus. Jenny verlor jegliche Fassung und schrie, der Ohnmacht nahe: „Meinst du, dass ich mir das alles ausgesucht habe?“
Herrn Hilgers, der bisher bemüht gewesen war, dem Straßenverkehr Aufmerksamkeit zu zollen, entglitt ebenso sämtliche Diplomatie. Mit drohender Stimme donnerte er: „Nicht in diesem Ton! Sonst könnt ihr beide aussteigen, ist das klar?“ Das zustimmende verschüchterte Schweigen der Frauen bestätigte ihm, dass seine Worte Wirkung zeigten. Schnaufend lehnte Herr Hilgers seinen Kopf zurück an die Lehne und drehte demonstrativ die Radiolautstärke hoch. Alle lauschten erstarrt den Ansagen der Moderatorin, die soeben die Zwölf-Uhr- Nachrichten verlas.
Wie froh war Jenny, als sie, nach weiteren gesprächslosen Minuten bis zur Ankunft in Dortmund und nach (wieder freundlicherer) Begleitung bis zu ihrer Wohnung in der ersten Etage, endlich die Tür hinter ihren Eltern schließen konnte. Den Angriff ihrer Mutter auf ihr Gewissen hatte sie mit letzter Kraft abgewehrt. Ihr Körper suchte Halt an der Haustür, die ihr Schutz vor weiteren Attacken ihrer Umwelt gegen sie gab. Doch war es, als lehne sie am Gittertor des Käfigs eines hungrigen Tigers. Und zwar von innen. Sie stand inmitten des Scherbenhaufens ihres einst erfolgreichen Lebens. Und die Gefahr, dass sie von der Ursache der Zerstörung erschlagen würde, war noch nicht gebannt. In jeder Ecke der Wohnung konnte das Übel lauern. Entmutigt stellte sie die Unterarmgehstützen zur Seite und testete, ob das Absetzen des Gipsbeins Schmerzen bereitete. Aber der Bruch verhielt sich ruhig. Sowieso schien dieses Problem eins von wenigen zu sein, das sich von selbst löste. An neue anstehende Herausforderungen wagte sie nicht zu denken. Sicherlich würde zum Beispiel eine fehlende Klopapierrolle, nach erfolgreicher Sitzung auf der Gästetoilette ihrer Altbauwohnung, ihr völlig die Fassung nehmen. Erschlafft sank sie zu Boden und kam mit dem Kopf auf der Tasche mit dem tonnenschweren Inhalt zum Liegen. Nichts mehr tun. Einfach abwarten. Atmen und nichts. Das war das Einzige, was jetzt noch möglich war.
Das Läuten ihres Festnetztelefons weckte sie aus dem Sparmodus. Nach dem dritten Klingeln versuchte Jenny wie ein sieben Monate alter Säugling zu der einen Meter entfernten Aufladestation zu robben, doch erreichte ihr ausgestreckter Arm das Telefon nicht, das hoch oben auf einem antiken Beistelltisch stand. So musste sie mit anhören, wie der Anrufbeantworter ihre Aufgabe übernahm und Nicks fröhliche Stimme ertönte: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Anrufbeantworter. Leider konnten Jenny Hilgers und Nick Töllner sich nicht einigen. Also, sprich doch bitte mit dem AB. Danke!“
Das war eindeutig mehr als fehlendes Toilettenpapier. Jennys Kopf fiel auf den Parkettfußboden des Wohnungsflurs und selbst durch die vor ihre Ohren gepressten Hände vernahm sie die Stimme der anrufenden Person.
„Hi, Jenny, hier ist Marla. Wenn es dir irgendwie möglich ist, lass uns bitte mal sprechen. Es belastet mich alles sehr.“ Dann war es endlich still. Mit rasendem Puls robbte Jenny zur Telefondose und riss mit zerstörerischer Wut den Stecker aus der Wand. Wie von Tollwut befallen, schmiss sie sich auf dem Fußboden wild hin und her und kam mit einem dumpfen Knall am Rahmen der Wohnzimmertür zum Liegen. Von Weinkrämpfen geschüttelt, flehte sie: „Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!“
Irgendwie musste Jenny es geschafft haben, sich trotz des sperrigen Gipsbeins in ihr Schlafzimmer zu schleppen, denn gegen Abend wachte sie, noch angezogen, in ihrem Bett auf. Ihre Beine schmerzten und nur langsam kam ihr Kreislauf in Gang. Ein Blick zur Seite zeigte ihr, dass Nick seine Bettdecke nicht mit zu Marla genommen hatte. Auch sonst schien im Schlafzimmer der geräumigen Wohnung nichts verändert. Allerdings waren auch nur noch die Umrisse der Möbel zu erkennen, da es bereits dämmerte. Wie es wohl in den Schränken aussehen mochte? Ob Nick schon all seine Sachen ausgeräumt hatte? Vielleicht herrschte in den von Nick genutzten Schränken gähnende Leere und die ganze schöne Wohneinrichtung war löchrig.
Jenny dachte an die Yogaübungen, die ihr in Stressphasen so oft zu Ausgeglichenheit verholfen hatten. Die Anspannung des Kopfes versuchte sie über den „Saure-Zitrone-Gesichtsausdruck“ zu lösen, doch wurde alles nur noch schlimmer. Nach der Anspannung sämtlicher mimischer Muskeln schmerzten das ganze Gesicht und der Kopf noch dazu. Etwas nützlicher machte sich das nasale Brummen, das selbst die Matratze leicht vibrieren ließ. Gleichmäßig mit der Atembewegung wiederholte Jenny diesen meditativen Ton etliche Male. Bis sie wirklich darüber einschlief.
Mitten in der Nacht schreckte sie plötzlich aus dem Schlaf auf und war sofort in Unruhe. Zunächst benötigte sie eine Weile, um sich zu orientieren, doch dann zog es sie aus dem Bett. Jenny knipste die Nachttischlampe an und blickte sich mit zusammengekniffenen Augen im Zimmer um. Wie ferngesteuert stand sie auf und wankte ohne Stützen, die noch im großen Flur an der Wohnungstür standen, zum Kleiderschrank auf der anderen Bettseite. Mechanisch öffnete sie die erste Schranktür und blickte ausdruckslos auf kleiderlose Bügel. Nicks Schrank war wirklich leer und auch im zweiten Schrank sah es nicht viel anders aus. Auf dem Boden standen noch zwei Kisten, auf denen einige Schuhpaare von Jenny lagerten. Jenny verließ das Schlafzimmer und erreichte über den kleinen Zwischenflur das gegenüberliegende Bad. Die Lampe über dem Waschbecken flackerte auf und Jenny erkannte auch hier den unmissverständlichen Auszug ihres Verlobten. Der Verlust dieser intimen Gegenstände wie Bademantel oder Zahnbürste schmerzte besonders. Machte die Nähe zu Rasierer und Co doch die Vertrautheit einer Beziehung deutlich. Nun standen all diese Dinge in Marlas Bad.
Während im Bad Licht brannte und die Kleiderschränke offen standen, betrat Jenny erstaunlich leichtfüßig die große Küche der 85-qm2-Wohnung. Der bei Tag lichtdurchflutete Raum mit rustikalem Holzfußboden war Jennys Lieblingszimmer. Zwei hohe Fenster und eine Tür führten auf den zum Hinterhof gelegenen Balkon, der mit Säulen und zwei Bögen gesäumt war. Jennys kleine Oase, die im Sommer südländisches Flair in die eher triste Großstadtatmosphäre des Häuserblocks brachte. In diesem Moment erschrak sie über die Dunkelheit, die sich hinter den Scheiben ausbreitete. Die Deckenbeleuchtung erzeugte ein grelles Licht und ihre sonst so wohnliche Küche zeigte ihr die kalte Schulter. Alles war anders, ausdruckslos und gespenstisch. Der Kaffeevollautomat, der sonst neben der Spüle an der Balkontür gestanden hatte, war weg. Als ambitionierte Teetrinkerin machte sie sich nicht viel aus dem Kult um den frisch gemahlenen Koffeindrink, doch fehlte ihr schon jetzt der unromantische Lärm, den die Maschine beim Zerkleinern der fettigen Kaffeebohnen produzierte. Auch mochte sie den Duft, der sich oftmals durch Flur und Wohnzimmer bis hin zu ihrem Arbeitsplatz, an dem sie Klassenarbeiten korrigierte oder Schulstunden vorbereitete, ausgebreitet hatte. Alle Sinne waren dann beruhigt, denn sie wusste, sie war nicht allein. Auch wenn natürlich die Möglichkeit bestand, dass Einbrecher in der Zeit ihrer Abwesenheit der Maschine habhaft geworden waren, so vermutete Jenny doch eher, dass Nick sich zwar von ihr, niemals aber von dem Vollautomaten trennen würde.
Im Kühlschrank befanden sich nur noch wenige Lebensmittel. Eine abgelaufene Milchpackung, vier verschrumpelte Möhren, ein angetrocknetes Stück Gouda mittelalt, drei angefangene Marmeladengläser und eine Flasche Weißwein. Dafür lohnte es sich nicht, morgens aufzustehen. Jetzt jedoch stand Jenny der Sinn nach einem kühlen Glas Wein. Genau das Richtige, um sich den Verlust des Kaffeevollautomaten schönzudenken. Mit einem erfrischenden „Plop“ befreite Jenny den Korken aus dem engen Flaschenhals. Das Glucksen der hellgelben Flüssigkeit beim Verlassen des gläsernen Gefäßes zauberte Jenny ein Lächeln auf die zuvor erstarrten Lippen und der erste Schluck des deutschen Rieslings übergoss den Abgang wie Honig. Schon bei der ersten Berührung mit dem alkoholischen Getränk fühlte sich Jenny wie betrunken. Vielleicht war das auch nur einer der pfiffigen Tricks ihres Körpers.
Wie damals, als sie als etwa Neunjährige etwas an den Kopf bekommen hatte. Es hatte sich zunächst wie ein rohes Ei angefühlt, denn eine zähe Flüssigkeit war ihr die Stirn hinuntergeronnen. Als jedoch ihre Freundin, mit der sie auf einer Wiese hinterm Grundstück ihres Elternhauses gespielt hatte, mit weit aufgerissenen Augen vor ihr stand, ahnte sie, dass sie besorgniserregend aussehen musste. Ein frecher Nachbarsjunge hatte aus Witz einen Stein in ihre Richtung geworfen, der ein Loch in Jennys Stirn geschlagen hatte. Aus diesem Loch sprudelte fröhlich hellrotes Blut. Einen Schmerz hatte Jenny erst verspürt, als sie im Krankenhaus mit einem Desinfektionsmittel behandelt worden war.
Genauso war es vielleicht mit ihrem Herzschmerz. Der dachte gar nicht daran wehzutun, sondern tat so, als befände er sich mitten im karnevalistischen Köln. „Ein Prost auf schmerzlose Herzbeschwerden!“, rief Jenny in die Stille der steril ausgeleuchteten Küche und leerte das Glas ohne abzusetzen. So erging es auch den folgenden Glasfüllungen, bis selbst nach kräftigem Schütteln kein Tropfen mehr aus der Weinflasche zu holen war. Kurz kam ihr die Idee, ein Selfie mit ihrem Handy zu schießen, um Nick, Marla und ihren Eltern (und wer sonst noch so auf ihre Verfassung pfiff) eine eindrückliche Nachricht zu schicken, doch der Aufwand, sich auf die Suche nach ihrem Telefon zu machen, erschien ihr zu groß. Mit stark beeinträchtigtem Gleichgewichtssinn verließ sie entspannt grinsend die Küche und torkelte bis zum Bett, in das sie sich mit weit geöffneten Armen bäuchlings fallen ließ. „Wie gefallen so die Qualen“, waren ihre letzten Gedanken, als sie in einen unruhigen Schlaf fiel. In ihren Träumen der nur noch kurzen Nacht stürzte sie ohne Unterlass: in einen Haufen Kleiderbügel; in das Mahlwerk eines Kaffeevollautomaten; in den engen Flaschenhals einer mit Blut gefüllten Weinflasche.
5
Es war bereits elf Uhr am Samstagmorgen, als sie aufwachte. Alle Glieder schmerzten und nach dem Toilettengang nahm Jenny zunächst eine Kopfschmerztablette ein. Um den Anweisungen der Ärzte Folge zu leisten, holte sie sich die Krücken aus dem Flur. Zwar verspürte sie keine Schmerzen, wenn sie das Bein ohne Stützen belastete, aber bis zum ersten Besuch bei einem niedergelassenen Arzt hatte man ihr in Münster absolute Schonung verordnet. Im Flur fiel ihr Blick durch die geöffnete Wohnzimmertür. Alles wirkte normal und zarte Freude meldete sich, als sie die schöne schwarze Ledergarnitur vor den hohen Erkerfenstern sah. Die Fenster zeigten in Richtung Straße. Die Platanen, deren Blätterpracht im Sommer den Blick auf die gegenüberliegenden Häuser verdeckte, wirkten am Ende des Herbstes krank. Die Rinde löste sich großflächig ab und die Stämme sahen aus, als wären sie von einem großen Pilz befallen. Jenny liebte ihre Wohnung und es überfiel sie eine Angst, dass sie ohne Nicks weitere Unterstützung vielleicht gezwungen war, umzuziehen. Mit Tränen in den Augen betrat sie das Wohnzimmer und musste feststellen, dass Nick das großformatige Bild, das Marla ihm zum letzten Geburtstag gemalt hatte, mitgenommen hatte. Das gegenstandslose Ölgemälde hatte auch Jennys Geschmack entsprochen und so bekam es einen exponierten Platz neben dem Großbildschirm auf sonst leerer weißer Wand. Nun guckte Jenny förmlich in die Röhre und die Wand wirkte leblos und kalt. Sie fühlte sich plötzlich wie ein Fremdkörper, vor dem man schnell alles retten und unbemerkt fliehen musste. Nicht ein Wort hatte Jenny seit ihrem Unfall von Nick gehört. Ihr ganzes Leben war von einer auf die andere Minute ruiniert worden. Und der Verursacher machte sich aus dem Staub. Wie ein Dieb, der zu feige war, dem Geschädigten in die Augen zu schauen. Ob Nick wohl an ihr Grab gekommen wäre, wenn der Airbag sich nicht schützend vor Jennys Körper geblasen hätte? Sicherlich wäre er froh gewesen, eine Last weniger zu haben.
Jenny betrat durch die zweitürige Glasverbindung den ans Wohnzimmer grenzenden Raum, in dem vor dem Fenster ihr Schreibtisch stand. Wegen ihrer beruflichen Tätigkeit als Grundschullehrerin mit Schwerpunkt Deutsch, Kunst und Gestalten waren die Regale, die den Raum rundum ausfüllten, mit Büchern, CDs, Kunstobjekten und Bastelmaterial bestückt. Auf ihrem Schreibtisch herrschte immer ein gewisses kreatives Chaos. Auf dem schwarzen Bürostuhl entdeckte sie einen DIN-A4-Zettel, der Nicks Handschrift trug. Hektisch, beinahe über die Gehstützen stolpernd, bewegte sie sich zum Stuhl und nahm den Zettel mit zittrigen Händen auf. Tagelang hatte sie sich so sehr nach einem kleinen Zeichen von Nick gesehnt, insgeheim gehofft, er könne seine Entscheidung doch noch rückgängig machen und voller Reue zu ihr zurückkehren.
Aus der Küche hörte sie ihr Handy klingeln. Kurz überlegte sie, ob sie dem Ruf folgen sollte, aber sie entschied sich dagegen. Mit den Krücken wäre sie sowieso zu schwerfällig gewesen und bis zu ihrem Eintreffen in der Küche hätte der Anrufer schon die Geduld verloren. So richtete Jenny ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Brief, den Nick am 26. November 2012, also vor fünf Tagen, an sie geschrieben hatte.
Liebe Jenny, schrieb er. Jenny machte ein Saure-Zitronen-Gesicht und murmelte: „Darauf hättest du auch gerne verzichten können.“
Nick schrieb weiter:
In dieser Situation die richtigen Worte zu finden, fällt mir schwer. Ich habe meine Sachen gepackt und wohne nun bei Marla. Das weißt du. Du weißt auch, dass Marla und ich ein Kind erwarten. Ich glaube zu ahnen, wie schrecklich das für dich sein muss. Wo du unsere anstehende Hochzeit schon ins kleinste Detail durchgeplant hast. Hier liegt ein Grund für meine klare und sichere Entscheidung. In der Zeit der Hochzeitsplanung wurde mir immer mehr bewusst, wie sehr wir uns auseinanderentwickelt haben. Mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen und Selbstverständlichkeiten. Ich habe mich zu wenig mit meinen Ideen eingebracht und dich machen lassen. In gewisser Weise habe ich aber auch resigniert, da in deiner Argumentation deine Beweggründe immer die richtigen waren. Natürlich kann ich kein Kind von dir erzwingen, aber es war mir immer ein großes Bedürfnis. Ich möchte die Trennung auf keinen Fall allein an dem Unterschied im Kinderwunsch festmachen. Ich möchte mich nicht mehr rechtfertigen für meine Interessen, möchte einfach mal Spaß haben am Leben. Ich möchte nicht immer deinem Ideal nachhinken. In dir sehe ich eine große Unzufriedenheit. Daran kann ich nichts ändern. Ich bin wie ich bin. Vielleicht macht dich jemand anderes zufrieden. Es ist wirklich scheiße (dafür gibt es kein treffenderes Wort), dass ich mich gerade in deine beste Freundin verliebt habe und auch Marla fällt das alles nicht leicht.
Jenny konnte die Buchstaben kaum noch erkennen, so viele Tränen sammelten sich vor ihren Augen. Sie wischte sich einmal kräftig mit dem Handrücken durch das Gesicht und las weiter.
Aber so wenig wie sich Liebe kaufen lässt, lässt sie sich leiten oder einsperren. Lange habe ich meine Gefühle für Marla unterdrückt. Bereits zu dieser Zeit habe ich dir damit keinen Gefallen getan. Ich wollte mit dir alt werden, ja. Aber auch glücklich. Ich bin mir sicher, dass wir beides nicht geschafft hätten. So hoffe ich nun, dass wir irgendwie zu einer Aussprache kommen und unsere Beziehung nicht ganz zerbricht. Ich lasse dich und verstehe, wenn du mich verachtest. Aber ich wünsche mir, du könntest mir verzeihen. Die Wohnung werde ich zunächst weiter mitfinanzieren. Bis du für dich weißt, wie es für dich weitergeht. Ich werde mich bei dir melden, zur Klärung weiterer Fragen und weil du mir nicht egal bist.
Nick
Jenny spürte, wie jegliche Energie aus ihrem Körper wich. Der ganze Hass, den sie in den vergangenen Wochen gegen Nick und Marla aufgebaut hatte, schien in sich zusammenzubrechen. Jenny ließ sich auf den Schreibtischstuhl fallen und krümmte sich. Ungehemmt weinte sie alle Scherben ihrer zerbrochenen Welt aus sich heraus. In einem Moment überkam sie unendliche Scham; im nächsten tiefes Selbstmitleid; einen Augenblick später schäumte sie vor Wut. Wann würde dieser Horrortrip endlich aufhören? Tiefer konnte sie nun doch wirklich nicht mehr fallen.
Das aufdringliche Plärren der Türschelle ließ Jenny aus ihrer Versunkenheit aufschrecken. Unmöglich konnte sie in ihrem Zustand irgendeinen Besuch empfangen. Jenny hoffte, dass es sich nur um den Briefträger gehandelt haben möge. Doch nach einigen tiefen Atemzügen, in denen Jenny bemüht war, ihr gebeugtes Rückgrat aufzurichten, klingelte es erneut. Trotz ihrer verquollenen Augen setzte sie sich in Bewegung, um dem hartnäckigen, ungebetenen Gast die Wohnungstür zu öffnen. Mochte ihre Lage auch noch so trostlos sein. Die Vorstellung, regungslos in der Wohnung zu sitzen, während vor der Tür eine Person um Einlass bat, machte ihr Angst. An sie gestellte Erwartungen konnte sie ganz schlecht unbearbeitet lassen. Zunächst blickte sie durch den Türspion und erkannte ihren Obermieter im Treppenhaus stehen. Sie schätze Herrn Oberheim auf etwa 80 Jahre. Jenny pflegte wenig Kontakt zu ihm und grüßte ihn stets freundlich, wenn sie ihn im Treppenhaus oder auf der Straße traf. Zu Nick hatte er einen guten Draht, da beide, Nick als Architekt und August Oberheim als ausgedienter Bauingenieur, die gleiche Vorliebe für Brückenbau besaßen. Sie führten dann ausdauernde Diskussionen über die sicherste Statik oder berichteten sich von persönlichen Erfahrungen mit schwierigen Konstruktionen. Jenny verstand nicht viel davon und es interessierte sie auch nicht sonderlich.
Jenny öffnete die Tür einen Spaltbreit und war bemüht, im dunklen Flur der Wohnung zu bleiben. Herr Oberheim begrüßte Jenny höflich und erklärte sein Anliegen: „Ihre Eltern haben mich gebeten, während Ihres Krankenhausaufenthaltes nach der Post und der Zeitung zu schauen.“ Er machte eine kurze Pause, reichte ihr einen üppigen Papierstapel und fügte aufmunternd lächelnd hinzu: „Ich bin eigentlich immer zu Hause. Wenn Sie mich brauchen, scheuen Sie sich nicht zu schellen.“ Jenny hatte bisher kein Wort gesprochen. Um die Zeitungen entgegenzunehmen, musste sie wider Willen in den helleren Hausflur treten. Sie senkte den Blick und hoffte, ihr alter Nachbar sähe nichts von ihrer desolaten Verfassung. Es war ihr sehr unangenehm, in diesem Zustand unter Leute zu treten. Da sie annahm, dass seine Sehkraft ähnlich gemindert war wie seine Hörfähigkeit (wenn Herr Oberheim Fernsehen schaute, konnte Jenny an ihrem Schreibtisch sitzend jedes Wort der Natur- oder Geschichtsdokumentationen verstehen), schenkte sie ihm doch einen kurzen Blick. Herr Oberheim schaute besorgt und bekräftigte sein Hilfsangebot eindringlich mit den Worten: „Es tut mir aufrichtig leid. Wenn ich etwas für Sie tun kann, lassen Sie es mich bitte wissen.“
Jenny wollte sich schnellstens dem Anflug von Vertrautheit entziehen. Etwas barsch bedankte sie sich, zog sich in die Dunkelheit ihres Wohnungsflures zurück und schloss zügig die Tür. Zwar war ihr die nette Geste von Herrn Oberheim bewusst – er hatte ja nur seinen Auftrag der Postübermittlung erfüllt. Aber warum konnte man sie nicht einfach in Ruhe lassen? Mit dem Zeitungshaufen unterm Arm humpelte sie umständlich in die Küche. Dabei machten sich einige Werbeprospekte selbstständig und verteilten sich auf dem Küchenboden. „Verdammter Mist“, fluchte Jenny und schmiss den übrig gebliebenen Rest auf den Küchentisch. Gerade setzte sie an, die Stützen aus den Händen zu legen, um sich niederzulassen, da schellte es erneut. „Das kann doch jetzt nicht wahr sein“, stöhnte sie.
„Ihr könnt mich alle mal!“
Jenny bewegte sich fluchend zurück zum Wohnungseingang und wutschnaubend, ohne zunächst durch den Türspion zu blicken, öffnete sie die Tür. Ihr erster Impuls war es, die Wohnungstür sofort wieder ins Schloss zu schmeißen, doch hatten ihre Gefühle nicht alle Anstandsnerven außer Gefecht gesetzt. Mit einem aufgesetzt gut gelaunten Gesicht begrüßte sie ihre Eltern, die, nach einem ausgiebigen Einkauf mit Tüten und Taschen bepackt, die Treppenstufen bis zur Wohnung der Tochter erklommen hatten. Jenny wusste, dass eine Katastrophe bevorstand, aber sie konnte sie nicht verhindern. Ihr blieb nichts anderes übrig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen und ihren Eltern Einlass zu gewähren.
Бесплатный фрагмент закончился.
