Читать книгу: «Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden»
Selma Lagerlöf
Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden
Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Perlet
Nachwort von Ruprecht Volz
Reclam
Der Übersetzung liegt die Ausgabe zugrunde:
Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige.
Förkortad upplaga. Stockholm:
Albert Bonniers förlag, 1956.
1996, 2020 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG,
Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung
Coverabbildung: © shutterstock.com / Cartone Animato (Linien); © Gutentag-Hamburg (Gänse)
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961700-8
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020597-6
www.reclam.de
Inhalt
Der JungeDer KoboldDie WildgänseDas karierte Tuch
Akka von KebnekajseDer AbendDie Nacht
WildvogellebenIm Park von ÖvedsklosterDas EichhörnchenweibchenDie Aussprache
GlimmingehusSchwarze Ratten und graue RattenDer StorchDer Rattenfänger
Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg
In BlekingeIm RegenDie Treppe mit den drei Stufen
Am Ronneby-Fluss
Karlskrona
Die Reise zur Insel Öland
Die Südspitze von Öland
Der große Schmetterling
Die Kleine KarlsinselDer SturmDie SchafeDas Höllenloch
Zwei StädteDie Stadt auf dem MeeresgrundDie lebendige Stadt
Die KrähenDer TonkrugVon Krähen geraubtDie Hütte
Die alte Bauersfrau
Der große VogelseeJarro, der WildenterichDer LockvogelDie Trockenlegung des Sees
Die Prophezeiung
Ein Stück aus grobem Wollstoff
Die Geschichte von Karr und GraufellDer KolmårdenKarrGraufells FluchtGraufells Tod
Der schöne Lustgarten
In NärkeYsätters-KajsaDer Abend vor dem Markttag
Die Erbteilung
In den Bergbaurevieren
Die Eisenhütte
Der Dalälv
Der LöwenanteilDie alte GrubenstadtDie Sage von der Falu-Grube
Die Walpurgisnacht Was Moor-Kersti erzählte
Bei den Kirchen
Die Überschwemmung Die Schwäne in der Hjälstabucht Der neue Kettenhund
Die Sage von Uppland
Die Stadt, die auf dem Wasser schwimmt
Stockholm
Gorgo, der AdlerIm GebirgstalIn Gefangenschaft
Über Gästrikland weiterDer kostbare GürtelDer Tag des Waldes
Ein Tag in HälsinglandEin großes grünes BlattDie Silvesternacht der Tiere
In Medelpad
Ein Morgen in Ångermanland
Västerbotten und LapplandDie fünf KundschafterDer TraumDie Ankunft
Das Gänsemädchen Åsa und der kleine MatsDie KrankheitDas Begräbnis des kleinen Mats
Bei den Lappen
Nach Süden! Nach Süden!Der erste ReisetagAuf dem ÖstbergDie Sage von Jämtland
Eine Geschichte aus Härjedalen
Värmland und Dalsland
Ein kleiner Gutshof
Unterwegs zum Meer
Meeressilber
Die Sage von Västergötland
Die Reise nach Vämmenhög
Bei Holger Nilssons
Abschied von den Wildgänsen
Nachwort
Zeittafel
Der Junge
Der Kobold
Sonntag, den 20. März
Es war einmal ein Junge. Er war etwa vierzehn Jahre alt, lang, dünn und flachshaarig und ein rechter Taugenichts. Am liebsten schlief und aß er, und dann machte er gern dumme Streiche.
Eines Sonntagmorgens wollten seine Eltern den Gottesdienst besuchen und machten sich dazu bereit. Der Junge saß derweil in Hemdsärmeln auf der Tischkante und freute sich, dass sie nun bald das Haus verließen. »Da kann ich mir Vaters Flinte herunterholen und einen Schuss abfeuern, ohne dass mich jemand stört«, dachte er.
Doch es schien fast, als hätte der Vater die Gedanken seines Sohns erraten, denn gerade als er davongehen wollte, drehte er sich noch einmal um. »Wenn du schon nicht mit uns in die Kirche willst, könntest du wenigstens die Predigt zu Hause lesen, finde ich. Versprichst du mir das?«
»Ja«, sagte der Junge sofort. Doch natürlich nahm er sich vor, nur so viel zu lesen, wie er Lust hätte.
Noch nie hatte der Junge seine Mutter so schnell laufen sehen. Im Nu war sie am Bücherbord, nahm Luthers Postille heraus, legte sie auf den Tisch am Fenster und schlug die Predigt des Tages auf. Dann schob sie den großen Lehnstuhl heran, in dem sonst keiner als Vater sitzen durfte.
Der Junge hielt es für übertrieben, dass sich seine Mutter mit diesen Vorbereitungen so viel Mühe machte, denn mehr als ein oder zwei Seiten wollte er gar nicht lesen. Da aber schien ihn sein Vater ein zweites Mal zu durchschauen. »Dass du auch ja ordentlich liest!«, sagte er in strengem Ton. »Wenn wir zurückkommen, frage ich dich jede Seite ab, und wehe du hast eine übersprungen, dann soll es dir schlecht ergehen!«
»Die Predigt ist vierzehn und eine halbe Seite lang«, sagte die Mutter, wie um das Maß vollzumachen. »Wenn du das alles schaffen willst, musst du dich wohl sofort daransetzen.«
Dann brachen sie endlich auf, und als der Junge in der Tür stand und ihnen nachsah, war ihm zumute, als säße er in einer Falle. »Da gehen sie und beglückwünschen sich wohl dazu, dass ich die ganze Zeit, wo sie weg sind, über der Predigt hocken muss«, dachte er.
Doch seine Eltern beglückwünschten sich ganz gewiss nicht, im Gegenteil, sie hatten großen Kummer. Sie waren arme Kätner, und ihr Besitz war nicht viel größer als ein kleiner Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie zuerst nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können. Doch weil sie ungewöhnlich fleißige und tüchtige Leute waren, hielten sie jetzt auch Kühe und Gänse. Sie waren gewaltig vorangekommen, und sie wären an diesem schönen Morgen froh und zufrieden zur Kirche gewandert, hätten sie nicht an ihren Sohn denken müssen.
Der Vater klagte, der Junge habe in der Schule nichts lernen wollen und sei ein solcher Nichtsnutz, dass man ihn höchstens zum Gänsehüten gebrauchen könne. Die Mutter bestritt die Wahrheit seiner Worte nicht, doch sie bekümmerte am meisten, dass der Junge wild und ungezogen war, grausam zu Tieren und gemein zu Menschen. »Möge ihm Gott die Bosheit austreiben und einen anderen Sinn geben!«, sagte sie. »Sonst wird er sich und uns ins Unglück stürzen.«
Der Junge überlegte eine lange Zeit, ob er die Predigt nun lesen sollte oder nicht. Dann aber sagte er sich, dass es diesmal wohl am besten sei, den Eltern zu gehorchen. Er setzte sich in den Lehnstuhl und fing an zu lesen. Doch als er das eine Weile getan hatte, merkte er, dass ihm der Kopf schwer wurde.
Draußen war das allerschönste Frühlingswetter. Zwar war das Jahr nicht weiter als zum 20. März gekommen, aber der Junge wohnte in der Gemeinde West-Vämmenhög, tief unten im südlichen Schonen, und dort war der Frühling schon voll im Gang. Grün war es draußen noch nicht, doch es war frisch, und die Knospen sprießten. Alle Gräben waren voller Wasser, und der Huflattich am Grabenrand stand in Blüte. Alle Sträucher auf der Steineinfriedung des Hofes waren braun und blank geworden. Durch die angelehnte Haustür war das Tirilieren der Lerchen bis in die Stube zu hören. Hühner und Gänse liefen draußen herum, und hin und wieder muhten die Kühe, denn sie spürten die Frühlingsluft bis in ihre Verschläge.
Und der Junge las und nickte und kämpfte gegen die Müdigkeit. Doch es ging, wie es ging, er wurde vom Schlaf übermannt.
Er hatte noch nicht lange geschlafen, da erwachte er von einem leisen Geräusch im Hintergrund. Auf dem Fensterbrett vor ihm stand ein kleiner Spiegel, in dem fast das ganze Zimmer zu sehen war. Als der Junge nun den Kopf hob und sein Blick auf den Spiegel fiel, entdeckte er, dass jemand den Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen hatte.
Seine Mutter besaß eine große Truhe aus Eichenholz mit eisernen Beschlägen, die niemand als sie selbst öffnen durfte. Darin verwahrte sie alte Bauerntrachten und schwere Silberspangen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die sie besonders sorgfältig hütete.
Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, dass der Deckel der Truhe offen stand. Das war ihm unbegreiflich, denn Mutter hatte die Truhe geschlossen, bevor sie gegangen war. Es wäre ihr ganz gewiss nicht passiert, die Truhe offen zu lassen, wenn er sich allein im Haus aufhielt.
Ihm wurde richtig unheimlich zumute. Vielleicht hatte sich ein Dieb ins Haus geschlichen?
Während er vor dem Spiegel saß und hineinstarrte, bemerkte er mit Verwunderung, dass über den Rand der Truhe ein schwarzer Schatten fiel. Er guckte und guckte und wollte seinen Augen nicht trauen. Doch was er anfangs für einen Schatten gehalten hatte, wurde immer deutlicher, und bald erkannte er, dass es etwas Wirkliches war. Tatsächlich, es war ein Kobold, der rittlings auf dem Rand der Truhe saß.
Von Kobolden hatte der Junge zwar schon gehört, doch niemals hätte er sich vorgestellt, dass sie so klein sein könnten. Der da auf dem Truhenrand saß, war höchstens eine Handbreit groß. Er hatte ein altes, runzliges, bartloses Gesicht, trug einen langen schwarzen Rock, Kniehosen, einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und, um richtig geputzt und fein zu sein, weiße Spitzen um Hals und Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und Strumpfbänder mit Schleifen. Er war so in den Anblick der Truhe vertieft, dass er das Erwachen des Jungen nicht bemerkte.
Obwohl der ganz schön über den Kobold staunte, erschrak er doch nicht so heftig. Vor einem solchen Wicht konnte man sich gar nicht fürchten. Und weil der Kobold ganz mit sich selbst beschäftigt war und weder zu hören noch zu sehen schien, bekam der Junge Lust, ihm einen Streich zu spielen: ihn in die Truhe schubsen und den Deckel über ihm zuschlagen oder so etwas Ähnliches.
Er sah sich in der Stube nach einem Gegenstand um, mit dem er ihn anstoßen könnte. Er ließ seine Augen von der Schlafbank zum Klapptisch und vom Klapptisch zum Herd wandern, musterte die Töpfe und den Kaffeekessel auf dem Bord neben dem Herd, den Wassereimer an der Tür und Kochlöffel und Messer und Gabeln und Schüsseln und Teller, die in der halboffenen Schranktür sichtbar waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die an der Wand hing, und zu den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem Fensterbrett blühten. Zuletzt fiel sein Blick auf einen alten Fliegenkescher am Fensterrahmen.
Kaum hatte er den entdeckt, da riss er ihn an sich, sprang auf und schwenkte ihn über den Rand der Truhe. Und er staunte selbst, was für ein Glück er hatte, denn es gelang ihm, den Kobold zu fangen. Das arme Kerlchen lag, den Kopf nach unten, auf dem Boden des langen Keschers und konnte nicht heraus.
Im ersten Augenblick wusste der Junge gar nicht, was er mit seiner Beute anstellen sollte. Er schwenkte den Kescher nur hin und her, damit ihm der Kobold ja nicht entwischen könnte.
Da begann der Kobold zu sprechen und bat ganz inständig um seine Freiheit. Er habe den Leuten des Hauses viele Jahre Gutes getan, sagte er, und verdiene wohl eine bessere Behandlung. Wenn der Junge ihn freilasse, wolle er ihm einen alten Speziestaler, einen silbernen Löffel und ein Goldstück geben.
Das hielt der Junge für ein gutes Angebot. Er ging sogleich darauf ein und hielt den Kescher an, damit der Kobold hinausklettern konnte. Doch als dieser fast draußen war, kam dem Jungen der Gedanke, er hätte sich ganz andere Reichtümer und alle möglichen Vorteile ausbedingen sollen. »Wie dumm von mir, dass ich ihn freigegeben habe!«, dachte er und begann den Kescher von neuem zu schütteln, um den Kobold wieder hineinfallen zu lassen.
Doch im selben Moment bekam er eine so entsetzliche Ohrfeige, dass er glaubte, sein Kopf würde in Stücke springen. Er flog erst gegen die eine, dann gegen die andere Wand, schlug schließlich hin und blieb bewusstlos liegen.
Als er zu sich kam, war er allein in der Kate. Vom Kobold entdeckte er keine Spur. Der Deckel der Truhe war geschlossen, und der Fliegenkescher hing wie immer am Fenster. Hätte der Junge nicht gespürt, wie seine rechte Wange von der Ohrfeige brannte, er hätte das Ganze beinah für einen Traum gehalten.
Doch als er nun zum Tisch gehen wollte, bemerkte er etwas Sonderbares. Die Stube konnte ja unmöglich gewachsen sein. Aber wie kam es dann, dass er so viele Schritte mehr als sonst machen musste, um den Tisch zu erreichen? Und was war mit dem Stuhl los? Der sah nicht größer aus, als er eben noch gewesen war, doch der Junge musste erst die Leiste zwischen den Stuhlbeinen erklimmen und dann auf den Sitz klettern. Und mit dem Tisch war es dasselbe. Um die Tischplatte zu überblicken, musste er auf die Armlehne des Stuhls steigen.
»Um Himmels willen, was ist denn das?«, sagte der Junge. »Ich glaube, der Kobold hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube verhext!«
Die Postille lag auf dem Tisch, und dem Anschein nach war sie unverändert. Doch irgendetwas war auch mit ihr nicht in Ordnung, denn der Junge musste sich geradezu in das Buch hineinstellen, um ein einziges Wort zu entziffern.
Als er ein paar Zeilen gelesen hatte, schaute er auf. Dabei fiel sein Blick in den Spiegel, und plötzlich rief er ganz laut: »Aber da ist ja noch ein Kobold!«
Er sah nämlich im Spiegel ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps, bekleidet mit Zipfelmütze und Lederhosen.
»Der hat ja dasselbe an wie ich!«, sagte der Junge und klatschte vor Verwunderung in die Hände. Da entdeckte er, dass auch der Knirps im Spiegel klatschte.
Nun fing er an, sich an den Haaren zu ziehen, in die Arme zu kneifen und sich herumzudrehen, und augenblicklich machte jener, der im Spiegel zu sehen war, alles nach.
Der Junge lief ein paarmal um den Spiegel herum und untersuchte, ob sich dahinter irgendein Kerlchen versteckte. Doch als er niemanden fand, begann er vor Angst zu zittern, denn jetzt wurde ihm klar, dass ihn der Kobold verzaubert hatte und dass jener Knirps, dessen Bild er im Spiegel sah, kein anderer war als er selbst.
Die Wildgänse
Der Junge konnte es kaum fassen, dass er in einen Kobold verwandelt worden war. »Sicher ist das nur ein Traum oder eine Einbildung«, dachte er. »Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich bestimmt wieder Mensch.«
Er stellte sich vor den Spiegel und schloss die Augen. Ein paar Minuten später schlug er sie wieder auf und hoffte nun, dass der Zauber vorüber sei. Aber der war nicht vorüber – er war genauso klein wie zuvor. Ansonsten hatte er sich nicht verändert: Die flachsblonden Haare, die Sommersprossen auf der Nase, die Flicken auf der Lederhose und die Stopfstelle am Strumpf, alles war ganz genauso – es war nur kleiner geworden.
Nein, stillstehen und abwarten, das half nichts. Am klügsten schien ihm zu sein, den Kobold aufzuspüren und sich mit ihm zu versöhnen.
Da sprang der Junge vom Tisch und machte sich auf die Suche. Er guckte hinter Stühle und Schränke, unter die Schlafbank und in den Backofen. Er kroch sogar in ein paar Mauselöcher, doch den Kobold konnte er nicht finden.
Er weinte und flehte und versprach alles, was man sich denken kann. Nie wieder wollte er sein Wort brechen, nie wieder wollte er böse sein, nie wieder wollte er über der Predigt einschlafen. Wenn er nur wieder Mensch werden dürfte, dann sollte ein ganz prächtiger, lieber, gehorsamer Junge aus ihm werden.
Auf einmal erinnerte er sich, dass Mutter gesagt hatte, die kleinen Geister hielten sich zumeist im Kuhstall auf, und sogleich beschloss er, dorthin zu gehen. Zum Glück war die Stubentür nur angelehnt, denn das Schloss hätte er weder erreichen noch öffnen können.
Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im Zimmer war er ja auf Socken herumgelaufen. Während er noch überlegte, was er mit den großen, klobigen Holzschuhen anstellen sollte, entdeckte er auf der Schwelle ein Paar kleine Schuhe. Dass der Kobold auch daran gedacht hatte, seine Holzschuhe zu verwandeln, versetzte ihn noch mehr in Angst. Demnach sollte dieses Elend wohl recht lange dauern.
Auf der alten Eichenbohle, die vor der Haustür lag, hüpfte ein Spatz. Kaum hatte er den Jungen erblickt, da rief er schon: »Tititt! Tititt! Guckt euch mal den Gänsejungen Nils an! Guckt euch mal den Däumling an! Guckt euch mal den Däumling Nils Holgersson an!«
Sogleich richteten Gänse und Hühner ihre Blicke auf den Jungen, und es gab ein entsetzliches Geschnatter und Gegacker. »Kikeriki«, krähte der Hahn, »das ist ihm recht geschehen! Kikeriki, er hat mich am Kamm gezogen!« – »Gack, gack, gack, das ist ihm recht geschehen«, riefen die Hühner immer wieder, bis in die Unendlichkeit. Die Gänse drängten sich dicht aneinander, steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Wer mag das getan haben? Wer mag das getan haben?«
Doch am merkwürdigsten daran war, dass der Junge ihre Worte verstand. Er war so verblüfft, dass er auf der Schwelle stehen blieb und lauschte. Er konnte die Vogelsprache wohl deshalb verstehen, weil er in einen Kobold verwandelt war.
Es war unerträglich, dass die Hühner mit ihrem Spruch, das sei ihm recht geschehen, gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und rief: »Jetzt seid aber still, ihr Gesindel!«
Aber er hatte nicht bedacht, dass die Hühner vor seiner jetzigen Gestalt keine Angst mehr zu haben brauchten. Die ganze Schar stürzte auf ihn los und kakelte: »Gack, gack, gack, das ist dir recht geschehen! Gack, gack, gack, das ist dir recht geschehen!«
Der Junge wäre ihnen wohl nie entkommen, wenn jetzt nicht die Hauskatze erschienen wäre. Bei ihrem Anblick verstummten die Hühner sofort, scharrten in der Erde nach Würmern und schienen an nichts anderes zu denken.
Der Junge lief sogleich auf die Katze zu. »Liebe Mieze«, sagte er, »du kennst bestimmt alle Winkel und Schlupflöcher auf dem Hof. Sag mir sofort, wo ich den Kobold finde!«
Die Katze ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie setzte sich, ringelte hübsch ihren Schwanz vor den Beinen und starrte den Jungen an. Sie war groß und schwarz und hatte einen weißen Fleck auf der Brust, ihr glattes Fell glänzte im Sonnenschein. Die Krallen hatte sie eingezogen, und ihre Augen waren vollkommen grau, bis auf einen kleinen, schmalen Spalt in der Mitte. Die Katze sah aus, als wollte sie keinem ein Härchen krümmen.
»Wo der Kobold wohnt, weiß ich wohl«, sagte sie mit sanfter Stimme, »aber das heißt nicht, dass ich es dir erzählen will.«
»Liebe Mieze, du musst mir helfen«, sagte der Junge. »Siehst du denn nicht, wie er mich verzaubert hat?«
Die Katze öffnete ein wenig die Augen und ließ darin die grüne Bosheit glitzern, sie schnurrte vor Wohlbehagen. »Soll ich dir vielleicht dafür helfen, dass du mich so oft am Schwanz gezogen hast?«, sagte sie.
Da wurde der Junge wütend und vergaß völlig, wie klein und machtlos er jetzt war. »Ich kann dich gleich noch mal am Schwanz ziehen«, sagte er und stürzte auf die Katze los.
Die war im nächsten Augenblick so verändert, dass der Junge sie kaum für dasselbe Tier halten konnte. Jedes Haar ihres Fells war gesträubt. Der Rücken hatte sich gekrümmt, die Beine waren länger geworden, die Krallen kratzten in der Erde, der Schwanz war nun kurz und dick, die Ohren legten sich zurück. Sie fauchte, und ihre weitaufgerissenen Augen leuchteten von rotem Feuer.
Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und ging einen weiteren Schritt auf sie zu. Da aber machte die Katze einen Satz, stürzte sich auf ihn, warf ihn zu Boden, setzte ihm die Vorderpfoten auf die Brust und riss den Rachen auf, direkt über seiner Kehle.
Als der Junge spürte, wie die Krallen durch Weste und Hemd in seine Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne seine Kehle kitzelten, schrie er aus Leibeskräften um Hilfe.
Doch niemand kam, und er war fest davon überzeugt, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Da merkte er, dass die Katze die Krallen einzog und seine Kehle freigab.
»So«, sagte sie, »jetzt mag es genug sein. Der Herrin zuliebe will ich dich für diesmal laufen lassen. Ich wollte dir nur zeigen, wer von uns beiden jetzt die Macht hat.«
Damit ging die Katze ihrer Wege und sah genauso fromm und sanftmütig aus, wie sie gekommen war. Der Junge brachte vor Scham kein Wort heraus und lief schnell zum Kuhstall.
Dort standen nicht mehr als drei Kühe. Doch als der Junge eintrat, gab es ein Muhen und Brüllen, dass man hätte glauben können, es wären mindestens dreißig.
»Muh, muh, muh«, brüllte Mairose, »wie gut, dass es Gerechtigkeit auf der Welt gibt.«
»Muh, muh, muh«, brüllten sie alle drei. Sie schrien derart durcheinander, dass der Junge ihre Worte nicht verstand.
Die Kühe waren so aufgebracht, dass sich der Junge nicht vernehmlich machen und nach dem Kobold fragen konnte. Sie führten sich auf, als hätte er wieder einmal einen fremden Hund in ihren Stall gelassen. Sie schlugen mit den Hinterbeinen, rüttelten an ihren Halsketten und stießen mit den Hörnern.
»Komm nur her«, sagte Mairose, »dann sollst du einen Stoß kriegen, an den du lange denken wirst!«
»Komm her«, sagte Gold-Lilie, »dann sollst du mal auf meinen Hörnern tanzen!«
»Komm her, dann sollst du spüren, wie es schmeckte, als du mich letzten Sommer mit deinen Holzschuhen beworfen hast!«, brüllte Stern.
»Komm her, dann will ich dir die Wespe heimzahlen, die du mir ins Ohr gesteckt hast!«, schrie Gold-Lilie.
Mairose, die Älteste und Klügste von ihnen, war am zornigsten. »Komm her«, rief sie, »damit ich Vergeltung an dir üben kann, weil du deiner Mutter so oft den Melkschemel weggezogen hast, und Vergeltung für all die Tränen, die sie deinetwegen hier vergießen musste!«
Der Junge wollte den Kühen sagen, wie sehr es ihm leidtue, dass er sie so hässlich behandelt hatte. Aber sie hörten ihm gar nicht zu. Sie brüllten derart, dass er es für am besten hielt, still aus dem Kuhstall zu verschwinden.
Als er hinaus ins Freie kam, war er sehr niedergeschlagen. Er wusste nun, dass ihm niemand auf dem Hof helfen würde.
Er kletterte auf die breite Steineinfriedung, die das Gehöft umschloss. Dort setzte er sich nieder und dachte über die Folgen nach, wenn er nicht wieder Mensch werden könnte. Vater und Mutter würden sich bei ihrer Heimkehr vom Kirchgang aber wundern! Ja, im ganzen Land würde man sich wundern, und die Leute aus Ost-Vämmenhög und aus Torp und aus Skurup würden kommen, um ihn zu besichtigen.
Er fühlte sich ganz furchtbar unglücklich. So unglücklich wie er war niemand auf der ganzen Welt. Er war kein Mensch mehr, sondern ein Scheusal.
Allmählich wurde ihm bewusst, was es bedeutete, kein Mensch mehr zu sein. Von allem war er jetzt ausgeschlossen: Er konnte nicht mehr mit anderen Jungen spielen, er konnte nicht die Kate der Eltern übernehmen, und ein Mädchen heiraten konnte er schon gar nicht.
Da saß er nun und betrachtete sein Heim. Es war ein kleines, weißgetünchtes Fachwerkhaus, unter dem hohen, steilen Strohdach wie in den Boden gedrückt. Auch die Wirtschaftsgebäude waren klein, und die Äcker waren so schmal, dass sich ein Pferd kaum darauf herumdrehen konnte. Doch so winzig und ärmlich das Anwesen auch war, für ihn war es jetzt noch viel zu gut. Eine bessere Wohnung als ein Loch unter dem Stallboden konnte er nicht verlangen.
Noch nie hatte er den Himmel so blau gesehen wie an diesem Tag. Und Zugvögel kamen geflogen. Sie waren über die Ostsee gereist, hatten Smygehuk angesteuert und zogen nun weiter nach Norden. Sicher waren es viele verschiedene Vogelarten, er konnte jedoch nur die Wildgänse erkennen, deren Flugordnung einem Schneepflug glich.
Mehrere solcher Scharen waren schon vorbeigezogen. Obwohl sie in großer Höhe flogen, hörte er trotzdem, wie sie schrien: »Jetzt geht’s in die Berge! Jetzt geht’s in die Berge!«
Als die Wildgänse die Hausgänse erblickten, die auf dem Hof herumliefen, näherten sie sich dem Boden und riefen: »Kommt mit! Kommt mit! Jetzt geht’s in die Berge!«
Die Hausgänse hoben unwillkürlich die Köpfe und lauschten. Doch sie antworteten sehr vernünftig: »Wir haben es gut hier. Wir haben es gut hier.«
Wie gesagt, es war ein wunderschöner Tag, und die Luft war so frisch und leicht, dass es eine wahre Freude sein musste, darin zu fliegen. Und bei jeder neuen Wildgänseschar, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse unruhiger. Sie flatterten ein paarmal mit den Flügeln, als hätten sie Lust, den anderen zu folgen. Doch eine alte Gänsemutter ermahnte sie stets: »Jetzt seid nicht verrückt! Die da oben müssen hungern und frieren.«
Auf dem Hof war ein junger Gänserich, den bei den Rufen der Wildgänse eine richtige Reiselust ergriffen hatte. »Wenn noch eine Schar kommt, dann fliege ich mit«, sagte er.
Als nun die nächsten Wildgänse auftauchten und wie die anderen schrien, antwortete er: »Wartet! Wartet! Ich komme.«
Er breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft, aber er war das Fliegen so wenig gewöhnt, dass er gleich wieder zu Boden fiel.
Die Wildgänse mussten seine Worte trotzdem gehört haben. Sie kehrten um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er tatsächlich käme.
»Wartet! Wartet!«, rief er und machte einen zweiten Versuch.
Der Junge, der auf der Steineinfriedung lag, hörte alles mit an. »Wenn der große Gänserich wirklich davonfliegt, das wäre jammerschade«, dachte er. »Vater und Mutter werden sich grämen, wenn der Gänserich bei ihrer Heimkehr verschwunden ist.«
Wieder vergaß er, dass er jetzt klein und machtlos war. Er sprang mitten in die Schar der Gänse und umklammerte den Hals des Gänserichs mit seinen Armen. »Das lass mal schön bleiben, du fliegst nicht weg, du!«, rief er.
Doch genau in diesem Moment hatte der Gänserich herausgefunden, wie er es anstellen musste, um vom Boden abzuheben. Er hatte keine Zeit mehr, den Jungen abzuschütteln, sondern schwang sich mit ihm in die Lüfte.
Es ging so schnell empor, dass dem Jungen schwindlig wurde. Bevor er daran denken konnte, den Hals des Gänserichs loszulassen, war er schon so hoch, dass ein Sturz in die Tiefe den Tod bedeutet hätte.
Er konnte nur eins tun, um seine Lage ein wenig zu verbessern: Er musste versuchen, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Das schaffte er, obgleich nur mit großer Mühe, und es war auch gar nicht einfach, sich auf dem glatten Rücken zwischen den schlagenden Flügeln festzuhalten. Er musste mit beiden Händen tief in Federn und Daunen greifen, um nicht herunterzufallen.
Das karierte Tuch
Der Junge war von dreizehn Gänsen umgeben. Alle flatterten und schnatterten, die Flügel bewegten sich auf und ab, und in den Federn brauste es wie ein ganzer Sturm. Er war vollkommen durcheinander. Es tanzte vor seinen Augen und sauste in seinen Ohren.
Endlich kam er so weit zur Besinnung, dass er einen Gedanken fassen konnte: Er musste herausbekommen, wohin die Gänse ihn trugen. Doch als er deswegen in die Tiefe schaute, glaubte er unter sich ein großes Tuch ausgebreitet zu sehen, das in viele kleine und große, verschiedenfarbige Karos eingeteilt war.
»Um Himmels willen, wohin bin ich nur geraten?«, fragte er sich.
Er sah immer nur ein Karo neben dem anderen. Einige waren schräg und andere länglich, doch alle hatten Ecken und gerade Ränder, nichts war rund und nichts war krumm.
»Was ist denn das für ein großes, kariertes Stück Stoff da unten?«, fragte der Junge, ohne eine Antwort zu erwarten.
Doch die Wildgänse, die rechts und links von ihm flogen, riefen sogleich: »Äcker und Wiesen. Äcker und Wiesen.«
Da wurde ihm klar, dass dieses große karierte Tuch, das er gerade überflog, der flache Boden von Schonen war. Und er begriff nun auch, weshalb es so vielfarbig und kariert aussah. Die hellgrünen Karos erkannte er zuerst: Das waren Roggenfelder, die man im vorigen Herbst bestellt hatte und die unter dem Schnee grün geblieben waren. Die gelbgrauen Karos waren Stoppelfelder, auf denen im letzten Sommer Getreide gestanden hatte. Die bräunlichen waren alte Kleewiesen, und die schwarzen waren leeres Weideland oder umgepflügte Brachäcker. Es gab auch dunkle Karos, die innen grau waren: Das waren die großen, viereckig gebauten Bauernhöfe mit ihren schwarz gewordenen Strohdächern und den gepflasterten Hofplätzen. Und dann gab es Karos mit grüner Mitte und braunen Rändern: Das waren Gärten, deren Rasenflächen schon grünten, obwohl die Rinde der Sträucher und Bäume rundherum noch nackt und braun war.
Als der Junge sah, wie kariert alles war, musste er ganz einfach lachen.
Allmählich gewöhnte er sich an das Reiten und an die Geschwindigkeit und brauchte sich nicht mehr so sehr darauf zu konzentrieren, auf dem Gänserücken sitzen zu bleiben. Nun fiel ihm auf, dass die ganze Luft voller Vogelscharen war, die gen Norden flogen. Und zwischen den einzelnen Scharen wurde geschrien und gerufen.
»Aha, ihr seid heute herübergekommen«, riefen einige.
»Ja, das sind wir«, entgegneten die Gänse. »Was meint ihr, wie weit ist der Frühling?«
»Nicht ein Blatt an den Bäumen und kaltes Wasser in den Seen«, kam es zur Antwort.
Als die Gänse über einen Bauernhof flogen, auf dem zahmes Federvieh herumlief, schrien sie: »Wie heißt der Hof? Wie heißt der Hof?« Da reckte der Hahn den Kopf in die Höhe und antwortete: »Der Hof heißt Kleinfeld, in diesem wie im letzten Jahr, in diesem wie im letzten Jahr.«
Die meisten Gehöfte waren wohl nach ihren Besitzern benannt, wie es in Schonen üblich ist, doch statt zu antworten, dies sei Per Matssons oder Ola Bossons Hof, dachten sich die Hähne solche Namen aus, die ihnen passend erschienen. Die von armen Katen und Häuslerstellen riefen: »Dieser Hof heißt Kornlos.« Und von den allerärmsten schrien sie: »Dieser Hof heißt Wenigfutter, Wenigfutter, Wenigfutter.«
Den großen, wohlhabenden Bauernhöfen gaben die Hähne prächtige Namen wie Glücksacker, Eierberg und Talersiedlung.
Nur die Hähne auf den Rittergütern waren zu hochmütig, um sich etwas Lustiges auszudenken. Einer von ihnen krähte und rief so laut, als sollte man ihn bis zur Sonne hören: »Dies ist Dybecks Rittergut. In diesem wie im letzten Jahr, in diesem wie im letzten Jahr.«
Und etwas weiter stand einer, der rief: »Dies ist Svaneholm. Das möge die ganze Welt erfahren.«
Der Junge merkte, dass die Gänse keine schnurgerade Linie flogen, sondern hierhin und dahin schwebten, über ganz Söderslätt, die südwestliche Ebene von Schonen, so als freuten sie sich, wieder hier zu sein, und wollten jeden Hof einzeln begrüßen.
Sie kamen an einen Ort, wo einige große, massive Gebäude mit hohen Schornsteinen und dazu eine Menge kleinerer Häuser standen. »Dies ist die Zuckerfabrik Jordberga«, riefen die Hähne. »Dies ist die Zuckerfabrik Jordberga.«
Dann verloren sie Jordberga aus den Augen und flogen weiter über Svedala und Skabersjö und zurück über Börringekloster und Häckeberga. Der Junge bekam an diesem einen Tag mehr von Schonen zu sehen als in all den Jahren, die er bisher hier gelebt hatte.
Den größten Spaß hatten die Wildgänse, wenn sie zahmen Gänsen begegneten. Sie näherten sich ihnen ganz langsam und riefen: »Jetzt geht’s in die Berge! Kommt ihr mit? Kommt ihr mit?«
Doch die Hausgänse antworteten: »Der Winter ist noch im Land. Ihr seid zu früh aufgebrochen. Kehrt wieder um! Kehrt wieder um!«
Die Wildgänse flogen tiefer, um besser gehört zu werden, und riefen nun: »Kommt mit, wir zeigen euch, wie man fliegt und schwimmt!«
Da ärgerten sich die zahmen Gänse und schnatterten nicht einmal zur Antwort.
Die Wildgänse gingen noch weiter hinunter, so dass sie fast den Erdboden streiften, und dann schwangen sie sich blitzschnell empor, als hätte sie etwas furchtbar erschreckt. »Oj, oj, oj!«, riefen sie. »Das sind keine Gänse. Das sind nur Schafe.«
Die Hausgänse gerieten vollkommen außer sich und schrien: »Erschießen sollte man euch, alle miteinander, alle miteinander!«
Als der Junge diese Scherze hörte, lachte er. Dann aber fiel ihm ein, wie schlimm es um ihn selber stand, und da musste er weinen. Doch nach kurzer Zeit lachte er schon wieder.
In solcher Windeseile war er noch nie vorangekommen, und er war immer gern schnell und wild geritten. Natürlich hatte er sich niemals vorgestellt, wie frisch und munter man sich in der Luft fühlte und wie gut der Geruch von Harz und Humus war, der vom Boden aufstieg. Und er hatte sich auch nicht vorgestellt, wie es wäre, hoch über der Erde zu reisen. Das war, als flöge man Kummer und Sorgen und Ärger aller nur möglicher Art einfach davon.
Akka von Kebnekajse
Der Abend
Der große zahme Gänserich, der sich zu den Wildgänsen in die Luft emporgeschwungen hatte, war sehr stolz darauf, dass er in dieser Gesellschaft über Söderslätt fliegen durfte. Aber wie glücklich er auch war, so ließen seine Kräfte im Laufe des Nachmittags doch nach, und bald blieb er mehrere Gänselängen hinter den anderen zurück.
Als die Wildgänse am Ende der Schar merkten, dass der Zahme nicht mithalten konnte, riefen sie ihrer Anführerin zu: »Akka von Kebnekajse! Akka von Kebnekajse!«
»Was wollt ihr von mir?«, fragte die Leitgans.
»Der Weiße bleibt zurück! Der Weiße bleibt zurück!«
»Sagt ihm, schneller fliegt es sich leichter als langsam!«, rief Akka und verminderte das Tempo nicht im Geringsten.
Der Gänserich versuchte zwar, ihrem Rat zu folgen und schneller zu fliegen, doch er überanstrengte sich dabei so sehr, dass er bis zu den beschnittenen Weiden absackte, die Äcker und Wiesen säumten.
»Akka, Akka, Akka von Kebnekajse!«, riefen jene, die am Ende flogen und sahen, wie er sich abmühte.
»Was wollt ihr denn schon wieder?«, fragte die Leitgans und schien sehr verärgert.
»Der Weiße sinkt zu Boden! Der Weiße sinkt zu Boden!«
»Sagt ihm, hoch fliegt es sich leichter als niedrig!«, rief Akka. Und sie verminderte das Tempo nicht im Geringsten, sondern streckte sich wie zuvor.
Der Gänserich versuchte auch diesem Rat zu folgen, doch als er sich emporschwingen wollte, geriet er so in Atemnot, dass es ihm schier die Brust zerriss.
»Akka, Akka!«, riefen jene, die am Ende flogen.
»Könnt ihr mich nicht in Frieden lassen?«, schimpfte die Anführerin und schien noch ungehaltener zu sein.
»Der Weiße stürzt gleich ab! Der Weiße stürzt gleich ab!«
»Sagt ihm, wer der Schar nicht folgen kann, der soll nach Hause zurückkehren!«, rief Akka. Und sie dachte gar nicht daran, das Tempo zu vermindern, sondern streckte sich wie zuvor.
»Aha, so ist das also«, dachte der Gänserich. Auf einmal wurde ihm klar, dass die Wildgänse niemals die Absicht gehabt hatten, ihn mit nach Lappland zu nehmen. Sie hatten ihn nur zum Spaß von zu Hause weggelockt.
Es ärgerte ihn, dass er sich hatte hinters Licht führen lassen, doch gleichzeitig verlieh ihm dieser Ärger so große Kräfte, dass er nun fast genauso gut flog wie die anderen Gänse.
Lange hätte er sich auf solche Art wohl nicht bewegen können, aber das war auch nicht nötig, denn jetzt näherte sich die Sonne dem Horizont, und die Wildgänse setzten zur Landung an. Ehe der Junge und der Gänserich wussten, wie ihnen geschah, standen sie am Ufer des Vombsees.
»Hier sollen wir wohl die Nacht verbringen«, dachte der Junge und sprang vom Gänserücken.
Er stand auf einem schmalen Sandstrand, und vor ihm lag ein ziemlich großer See. Der bot einen unheimlichen Anblick, denn er war fast ganz mit einer Eisschicht bedeckt, die schwarz und uneben und voller Risse und Löcher war, wie Eis im Frühjahr immer. Dies hier würde wohl nicht mehr lange halten. Es hatte sich schon vom Ufer gelöst und wurde von einem breiten Gürtel aus schwarzem, blankem Wasser umgeben. Aber es war noch da und verbreitete über die Gegend Kälte und Winterschrecken.
Der Junge glaubte, er sei in eine Wildnis, in ein Winterland geraten, und seine Angst war so groß, dass er am liebsten laut geschrien hätte.
Er hatte den ganzen Tag nichts gegessen und war hungrig. Doch woher sollte er etwas Essbares nehmen? Im März wächst dergleichen weder auf dem Boden noch an den Bäumen.
Ja, wie sollte er seinen Hunger stillen, und wer würde ihm Obdach geben und ihm ein Bett machen, wer würde ihn an seinem Feuer wärmen, und wer würde ihn vor wilden Tieren beschützen?
Jetzt war die Sonne verschwunden, vom See kam Kälte, vom Himmel senkte sich Dunkelheit, und im Wald begann ein Rischeln und Rascheln.
Da war es mit dem frohen Mut vorbei, den der Junge hoch oben in der Luft verspürt hatte, und in seiner Angst schaute er sich nach dem Reisekameraden um.
Aber dem Gänserich ging es noch schlechter als ihm selbst. Der sah aus, als müsse er sterben. Sein Hals lag schlaff auf dem Boden, seine Augen waren geschlossen, und sein Atem war nur ein schwaches Zischen.
»Lieber Gänserich Martin«, sagte der Junge, »versuch doch mal, einen Schluck Wasser zu trinken! Bis zum See sind es keine zwei Schritte.«
Aber der Gänserich regte sich nicht.
In früheren Zeiten hatte der Junge alle Tiere gequält, doch nun sah er in dem Gänserich seine einzige Stütze und hatte die größte Angst, ihn zu verlieren. Sogleich machte er sich daran, ihn zu schieben und zu schubsen und zum Wasser zu bewegen. Der Gänserich war groß und schwer, doch der Junge merkte zu seiner Freude, dass er fast genauso stark wie vor der Verzauberung war, und er schob ihn bis in den See. Einen Augenblick blieb der Gänserich im Schlamm liegen, dann aber reckte er den Schnabel empor, schüttelte sich das Wasser aus den Augen und schnaufte. Kurz darauf schwamm er stolz zwischen Schilf und Rohrkolben davon.
Die Wildgänse waren schon im Wasser. Sie hatten gebadet und sich geputzt, und nun ließen sie sich treiben und schlürften halbverfaultes Laichkraut und Biberklee.
Als der Gänserich zufällig einen kleinen Barsch entdeckte, griff er schnell zu, schwamm damit ans Ufer und legte ihn vor dem Jungen nieder. »Den sollst du haben«, sagte er, »zum Dank dafür, dass du mir ins Wasser geholfen hast.«
Das war das erste freundliche Wort, das der Junge an diesem ganzen Tag hörte. Er freute sich so sehr, dass er den Gänserich am liebsten umarmt hätte, brachte es aber doch nicht fertig. Über das Geschenk freute er sich auch. Er glaubte zwar nicht, dass man rohen Fisch essen könnte, aber dann bekam er doch Lust und wollte es versuchen.
Er fühlte nach, ob er sein Fahrtenmesser hatte, und zum Glück hing es noch am hinteren Hosenknopf, war aber so zusammengeschrumpft, dass es nicht einmal so lang wie ein Streichholz war. Na, auf jeden Fall konnte man damit den Fisch schuppen und säubern, und es dauerte nicht lange, da hatte der Junge den Barsch verspeist.
Als er nun restlos satt war, schämte er sich, dass er es fertiggebracht hatte, etwas Rohes zu essen. »Mir scheint, ich bin kein Mensch mehr, sondern ein richtiger Kobold«, dachte er.
Gerade hatte der Junge den letzten Bissen verschlungen, da sagte der Gänserich mit leiser Stimme: »Weißt du, das Gänsevolk, an das wir geraten sind, ist so stolz, dass es alle zahmen Vögel verachtet.«
»Ja, das habe ich schon gemerkt«, sagte der Junge.
»Ich würde es mir sehr zur Ehre anrechnen, wenn ich mit nach Lappland fliegen und ihnen zeigen könnte, dass eine Hausgans auch etwas taugt.«
»Jaa«, sagte der Junge zögernd.
»Aber ich glaube, allein kann ich eine solche Reise nicht bewältigen«, fuhr der Gänserich fort, »und deshalb möchte ich dich fragen, ob du nicht mitkommen und mir helfen willst.«
Der Junge, der natürlich nur daran gedacht hatte, möglichst schnell nach Hause zurückzukehren, wusste nicht, was er darauf antworten sollte. »Ich hatte geglaubt, wir zwei wären uns feind«, sagte er. Aber das schien der Gänserich völlig vergessen zu haben. Er erinnerte sich nur daran, dass der Junge ihm eben erst das Leben gerettet hatte.
Eigentlich gefiel es dem Jungen ja ganz gut, dass er dann seinen Eltern eine Zeitlang nicht unter die Augen zu kommen brauchte. Gerade wollte er dem Vorschlag zustimmen, als hinter ihnen ein lautes Getöse ertönte. Das waren die Wildgänse, die alle auf einmal aus dem See gekommen waren und jetzt das Wasser abschüttelten. Dann stellten sie sich in einer langen Reihe auf und liefen mit der Leitgans an der Spitze auf die beiden zu.
Als der weiße Gänserich die Wildgänse nun betrachtete, wurde ihm unbehaglich zumute. Er hatte erwartet, dass sie den zahmen Gänsen ähnlicher wären und dass er mehr Verwandtschaft mit ihnen empfinden könnte. Sie waren viel kleiner als er, und keine von ihnen war weiß, sondern alle waren sie grau mit einzelnen braunen Flecken. Und Augen hatten sie, dass er sich fast davor fürchtete, die leuchteten, als brenne dahinter ein Feuer. Der Gänserich hatte sein Leben lang gelernt, es sei am schicklichsten, langsam und watschelnd zu gehen, aber diese hier gingen nicht, sie rannten eher. Sie waren munter und unbekümmert und fragten nicht danach, wohin sie traten. Ansonsten waren sie sehr ordentlich und sorgfältig geputzt, doch an ihrem Gebaren merkte man, dass sie arme Schlucker der Wildnis waren.
Die Wildgänse blieben vor ihnen stehen und neigten viele Male die Hälse, und der Gänserich tat das Gleiche, sogar noch öfter als sie. Als sie sich ausreichend begrüßt hatten, sagte die Leitgans: »Jetzt möchten wir gern wissen, wer ihr denn seid.«
»Von mir gibt es nicht viel zu berichten«, antwortete der Gänserich. »Ich wurde vorigen Frühling in Skanör geboren. Im Herbst wurde ich an Holger Nilsson in West-Vämmenhög verkauft, und dort bin ich bis jetzt gewesen.«
»Mit Ruhm scheinst du dich nicht bedeckt zu haben«, sagte die Leitgans. »Wie kannst du nur so anmaßend sein, mit Wildgänsen reisen zu wollen?«
»Vielleicht will ich euch damit beweisen, dass wir zahmen Gänse auch etwas taugen«, entgegnete der Gänserich.
»Das wäre ja gut, wenn du das könntest«, sagte die Leitgans. »Wie viel du vom Fliegen verstehst, haben wir schon gesehen. Aber vielleicht bist du in einer anderen Sportart tüchtiger. Es mag ja sein, dass du ein starker Langstreckenschwimmer bist.«
»Nein, dessen kann ich mich nicht rühmen«, sagte der Gänserich. Er hatte den Eindruck, dass die Leitgans schon beschlossen hatte, ihn nach Hause zu schicken, und es kümmerte ihn nicht mehr, wie seine Antwort aufgenommen wurde. »Weiter als über eine Mergelgrube bin ich nie geschwommen«, fuhr er fort.
»Dann erwarte ich, dass du ein Meister im Laufen bist«, sagte die Gans.
»Nie in meinem ganzen Leben habe ich eine Hausgans rennen sehen, und ich selbst habe es auch niemals getan«, sagte der Gänserich und machte die Sache schlimmer, als sie war.
Er war nun fest davon überzeugt, dass die Leitgans es entschieden ablehnen würde, ihn weiter mitzunehmen. Deshalb staunte er sehr, als sie sagte: »Du antwortest auf Fragen ohne Furcht, und wer furchtlos ist, der kann ein guter Reisekamerad werden, auch wenn ihm zu Anfang die Erfahrung fehlt. Was meinst du, willst du ein paar Tage bei uns bleiben, bis wir dich richtig kennengelernt haben?«
»Damit bin ich sehr zufrieden«, sagte der Gänserich und freute sich von Herzen.
Nun deutete die Leitgans mit dem Schnabel auf Nils Holgersson und sagte: »Aber wen hast du denn da bei dir? So einen wie den habe ich noch nie gesehen.«
»Das ist mein Kamerad«, sagte der Gänserich. »Er hat sein Leben lang Gänse gehütet und wird sich auf der Reise gewiss nützlich machen.«
»Ja, für eine Hausgans mag es ja gut sein, ihren Hüter bei sich zu haben«, antwortete die wilde. »Wie heißt er denn?«
»Er hat mehrere Namen«, entgegnete der Gänserich zögernd und wusste nicht, was er so schnell darauf antworten sollte, denn er wollte nicht verraten, dass der Junge einen Menschennamen hatte. »Er heißt wohl Däumling«, sagte er.
Es war leicht zu sehen, dass jene Gans, die mit dem Gänserich sprach, sehr alt war. Sie hatte einen größeren Kopf und dickere Beine als alle anderen. Ihre Federn waren steif, die Schultern knochig und der Hals dünn. So hatte sich das Alter ausgewirkt. Nur ihren Augen hatte die Zeit nichts anhaben können, die leuchteten heller und gleichsam jünger als bei jeder anderen Gans.
Als sie sich jetzt an den Gänserich wandte, war sie sehr würdevoll: »Wisse nun, Gänserich, dass ich Akka von Kebnekajse bin, und jene Gans, die gleich zu meiner Rechten fliegt, ist Yksi von Vassijaure, und die zur Linken ist Kaksi von Nuolja! Wisse auch, dass die zweite Gans zur Rechten Kolme von Sarjektjåkko ist, und die zweite zur Linken ist Neljä von Svappavaara, und hinter ihnen fliegen Viisi von Oviksfjällen und Kuusi von Sjangeli! Und wisse, dass diese, ebenso wie die sechs jungen Gänse, die, drei zur Rechten und drei zur Linken, am Ende fliegen, allesamt Hochgebirgsgänse aus bester Familie sind! Du sollst uns nicht für Landstreicher halten, die sich mit jedem Beliebigen zusammentun, und du sollst auch nicht glauben, dass wir unseren Schlafplatz mit einem teilen, der uns nicht sagen will, aus welchem Geschlecht er stammt.«
Als Akka, die Leitgans, auf diese Weise sprach, trat der Junge rasch vor. Es hatte ihn traurig gestimmt, dass der Gänserich, der in eigener Sache so munter gewesen war, so ausweichend geantwortet hatte, als es ihn betraf. »Ich will nicht verheimlichen, wer ich bin«, sagte er. »Ich heiße Nils Holgersson, bin Sohn eines Kätners und bis zu diesem Tag ein Mensch gewesen, aber heute Vormittag …«
Weiter kam er nicht. Kaum hatte er gesagt, er sei ein Mensch, da wichen die Leitgans drei und die anderen noch mehr Schritte zurück. Alle reckten sie die Hälse vor und zischten ihn böse an.
»Den Verdacht hatte ich gleich, als ich dich sah«, sagte Akka. »Und jetzt verschwinde schleunigst! Wir dulden keine Menschen unter uns.«
»Es ist doch wohl nicht möglich, dass ihr Wildgänse euch vor so einem Wicht fürchtet«, versuchte der Gänserich einzulenken. »Ihr müsst schon erlauben, dass er über Nacht bei uns bleibt. Niemand von uns kann verantworten, dass sich so ein armes Kerlchen nachts allein gegen Wiesel und Fuchs behaupten soll.«
Da kam die Leitgans wieder näher, aber es war ihr deutlich anzumerken, dass sie ihre Furcht nur mit Mühe bezwang. »Ich habe gelernt, mich vor allem, was Mensch heißt, ob groß oder klein, in Acht zu nehmen«, sagte sie. »Aber wenn du dich für den hier verbürgst, Gänserich, dann darf er heute Nacht bei uns bleiben. Ich glaube allerdings nicht, dass unser Nachtquartier dir oder ihm recht gefallen wird, wir wollen uns nämlich auf das schwimmende Eis zum Schlafen stellen.«
Sie hatte wohl gedacht, dass diese Nachricht den Gänserich bedenklich stimmen würde. Doch der ließ sich davon nicht anfechten. »Es ist sehr klug von euch, dass ihr euch einen so sicheren Schlafplatz wählt«, sagte er.
Dann hob Akka die Flügel und flog hinaus aufs Eis. Die Wildgänse folgten ihr eine nach der anderen.
Der Junge war traurig darüber, dass man ihn so feindselig aufgenommen hatte. »Es kommt wohl noch schlimmer, Gänserich«, sagte er. »Wir werden draußen auf dem Eis erfrieren.«
Doch der Gänserich war guten Mutes. »Das ist nicht so gefährlich«, sagte er. »Ich bitte dich nur, ganz schnell so viel altes Stroh und Gras zusammenzulesen, wie du tragen kannst.«
Als der Junge einen Armvoll trockenes Gras zusammengerafft hatte, packte der Gänserich seinen Hemdkragen, hob ihn empor und flog mit ihm aufs Eis, wo die Wildgänse schon schliefen, im Stehen und mit dem Schnabel unter dem Flügel.
»Jetzt breite das Gras aus, damit ich mich daraufstellen kann und nicht festfriere! Hilf du mir, dann helfe ich dir!«, sagte der Gänserich.
Das tat der Junge, und als er fertig war, packte der Gänserich ihn ein zweites Mal beim Hemdkragen und steckte ihn unter seinen Flügel.
»Ich glaube, da liegst du warm und gut«, sagte er und drückte ihn mit dem Flügel an sich.
Der Junge war so tief in Daunen eingebettet, dass er nicht antworten konnte, doch er lag warm und sicher und war müde, und im nächsten Augenblick war er eingeschlafen.
Die Nacht
Es ist eine Tatsache, dass Eis stets trügerisch ist und niemals zuverlässig. Mitten in der Nacht geriet die schwimmende Eiskruste des Vombsees in Bewegung und berührte an einer Stelle das Ufer. Da geschah es nun, dass Fuchs Smirre, der zu jener Zeit am östlichen Ufer im Park von Övedskloster wohnte, eben diese Stelle bei seiner nächtlichen Pirsch entdeckte. Er hatte die Wildgänse schon am Abend bemerkt und begab sich sofort aufs Eis.
Er war ihnen schon ganz nahe, als er ausrutschte, so dass seine Krallen über die blanke Fläche schurrten. Die Gänse erwachten, flatterten mit den Flügeln und wollten sich in die Luft erheben. Doch Smirre war schneller als sie. Wie ein Blitz stürzte er los, bekam eine Gans am Flügelknochen zu fassen und eilte in Richtung Land.
In dieser Nacht waren die Wildgänse jedoch nicht allein auf dem Eis, ein Mensch war bei ihnen, auch wenn er noch so klein war. Der Junge war davon aufgewacht, dass der Gänserich mit den Flügeln geschlagen hatte. Er war aufs Eis gefallen und schlaftrunken sitzen geblieben. Die Unruhe um ihn herum war ihm gar nicht zu Bewusstsein gekommen, bis er einen kleinen, kurzbeinigen Hund erblickte, der mit einer Gans in der Schnauze übers Eis davonlief.
Sofort rannte der Junge hinter diesem Hund her, um ihm die Gans wegzunehmen. Er hörte zwar den Gänserich hinter sich rufen: »Sieh dich vor, Däumling! Sieh dich vor!«, doch er glaubte nicht, dass er sich vor so einem kleinen Hund zu fürchten brauchte.
Die Wildgans, die Fuchs Smirre wegschleppte, wollte kaum ihren Ohren trauen, als sie die Holzschuhe des Jungen auf dem Eis klappern hörte. »Will dieser Knirps mich etwa dem Fuchs entreißen?«, fragte sie sich. »Als Erstes wird ihm passieren, dass er in eine Eisspalte fällt.«
Doch trotz finsterer Nacht erkannte der Junge alle Risse und Löcher im Eis genau und sprang kühn über sie hinweg, denn er besaß jetzt die guten Nachtaugen der Kobolde und konnte auch im Dunkeln sehen.
Als Fuchs Smirre die Stelle erreichte, wo das Eis ans Ufer stieß, sprang er an Land, und gerade als er sich den Hang hinaufarbeitete, rief ihm der Junge zu: »Lass die Gans los, du Strolch!« Smirre, der nicht wusste, wer da gerufen hatte, nahm sich zum Umblicken keine Zeit, sondern lief nur noch schneller.
Er eilte in einen großen, prächtigen Buchenwald, und der Junge folgte ihm, ohne an irgendeine Gefahr zu denken. Stattdessen dachte er unentwegt daran, mit welcher Verachtung die Wildgänse ihn vor ein paar Stunden empfangen hatten, und jetzt wollte er ihnen so gern beweisen, dass ein Mensch doch ein bisschen besser war als alle anderen Geschöpfe.
Immer wieder rief er dem Hund zu, er solle seine Beute loslassen. »Was bist du bloß für ein Hund, dass du dich nicht schämst, eine ganze Gans zu stehlen?«, sagte er. »Lass sie sofort los, oder du kriegst eine ordentliche Tracht Prügel!«
Als Fuchs Smirre merkte, dass er für einen Hund gehalten wurde, der sich vor Prügeln fürchtete, wurde er so vom Lachen gekitzelt, dass er die Gans fast verloren hätte. Smirre war ein großer Räuber, der sich keineswegs damit begnügte, auf den Feldern Ratten und Wühlmäuse zu fangen, sondern der sich auch bis auf die Höfe wagte und Hühner und Gänse stahl. Er wusste, dass er in der ganzen Gegend gefürchtet war. So etwas Verrücktes hatte er seit seiner Kinderzeit nicht mehr gehört.
Aber der Junge lief schnell genug, um gegen ihn aufzuholen. Endlich war er dem Fuchs so nahe, dass er seinen Schwanz erwischte. »Jetzt nehme ich dir die Gans doch weg!«, rief er und zerrte, was er nur konnte. Seine Kräfte reichten jedoch nicht aus, um Smirre aufzuhalten. Der Fuchs schleifte ihn hinter sich her, dass um ihn herum das trockene Buchenlaub aufwirbelte.
Doch jetzt war es Smirre wohl aufgegangen, wie ungefährlich sein Verfolger war. Er blieb stehen, legte die Gans nieder und stellte seine Vorderpfoten darauf, damit sie nicht wegfliegen konnte. Aber bevor er ihr die Kehle durchbiss, musste er diesen Knirps doch noch ein bisschen ärgern. »Nun lauf zum Herrn und beschwere dich, jetzt beiße ich die Gans nämlich tot!«, sagte er.
Als der Junge die spitze Nase des Hundes sah, den er verfolgt hatte, und seine heisere, böse Stimme hörte, konnte er sich vor Staunen erst gar nicht fassen. Doch als sich der Fuchs nun über ihn lustig machte, packte ihn eine solche Wut, dass er an Angst gar nicht dachte. Er griff noch fester zu, stemmte sich gegen eine Buchenwurzel, und gerade als der Fuchs den Rachen über der Gänsekehle aufriss, zog er mit aller Kraft an seinem Schwanz. Das kam für Smirre so überraschend, dass er sich ein paar Schritte rückwärtsziehen ließ und die Wildgans freigab. Sie bewegte sich schwerfällig, denn einer ihrer Flügel war verletzt und kaum zu gebrauchen. Hinzu kam, dass sie im nächtlichen Waldesdunkel nichts sah. Sie konnte dem Jungen deshalb nicht im Geringsten helfen, sondern schlüpfte durch eine Lücke im Geäst und flog hinunter zum See.
Smirre aber stürzte sich auf den Jungen. »Kriege ich die eine nicht, dann kriege ich eben den anderen«, sagte er, und seiner Stimme war anzuhören, wie groß sein Zorn war.
»Glaub bloß nicht, dass du das schaffst!«, sagte der Junge und war sehr vergnügt, weil er die Gans gerettet hatte. Er hielt den Schwanz noch immer fest, und als der Fuchs ihn zu fangen versuchte, schwang er sich damit hinüber zur anderen Seite.
Es gab einen Tanz im Wald, dass das Buchenlaub wirbelte. Smirre drehte sich fortwährend im Kreis, und sein Schwanz drehte sich mit, und der Junge hielt sich daran fest, und der Fuchs konnte ihn nicht fassen.
Zu Anfang lachte der Junge nur und machte sich über den Fuchs lustig, doch Smirre war ein alter Jäger und beharrlich, und es sah so aus, als sollte er den Jungen am Ende doch erwischen.
Da entdeckte der Junge eine kleine Jungbuche, die schmal wie eine Gerte in die Höhe geschossen war, um möglichst schnell in die freie Luft oberhalb des Daches zu kommen, das die alten Buchen mit ihren Ästen über sie ausgebreitet hatten. Blitzschnell ließ er den Fuchsschwanz los und kletterte an der Buche empor. Der Fuchs tanzte in seinem Übereifer noch lange Zeit seinem Schwanz hinterher. »Brauchst nicht mehr zu tanzen!«, sagte der Junge.
Für Smirre war es eine unerträgliche Schmach, dass er einen so winzigen Knirps nicht besiegt hatte, und deshalb legte er sich unter den Baum und lauerte ihm auf.
Der Junge saß auf einem dünnen Zweig, was nicht allzu angenehm war. Er konnte zu keinem der anderen Bäume klettern, und auf den Boden zu springen getraute er sich nicht.
Er fror so sehr, dass er fast erstarrte, und entsetzlich müde war er auch, doch aus Angst, er könnte dann hinunterstürzen, wagte er nicht einzuschlafen.
Es war grauenhaft, nachts draußen im Wald zu sitzen. Zum ersten Mal in seinem Leben erfuhr der Junge, was Nacht eigentlich bedeutet. Ihm war, als sei die ganze Welt versteinert und könne nie wieder zum Leben erwachen.
Endlich dämmerte der Morgen, und der Junge freute sich, dass alles sich wieder ähnlich wurde, obwohl die Kälte jetzt noch grimmiger war als in den Nachtstunden.
Als schließlich die Sonne aufging, da war sie nicht gelb, sondern rot. Dem Jungen kam es so vor, als wäre sie böse – aber warum sollte sie böse sein? Vielleicht weil die Nacht, als sie nicht da war, die Erde so kalt und düster gemacht hatte.
Die Sonnenstrahlen jagten in großen Bündeln heran und wollten sehen, was die Nacht angerichtet hatte, und alles schien zu erröten, als hätte es ein schlechtes Gewissen. Die Wolken am Himmel, die seidenglatten Buchenstämme, die kleinen, ineinandergeflochtenen Zweige des Walddaches, der Raureif, der das Buchenlaub am Boden bedeckte – alles erglühte und wurde rot.
Immer mehr Strahlenbündel jagten durch den Raum, und bald war das Grauen der Nacht restlos vertrieben.
Die Versteinerung war aufgehoben, und es war seltsam, wie viel Lebendiges jetzt zum Vorschein kam. Der rotnackige Schwarzspecht hämmerte mit seinem Schnabel auf einen Baumstamm los. Das Eichhörnchen huschte mit einer Nuß aus dem Nest, setzte sich auf einen Zweig und begann sie zu schälen. Der Star kam mit einer Wurzelfaser geflogen, und im Wipfel des Baumes sang der Buchfink.
Nun wusste der Junge, dass die Sonne zu all diesen kleinen Wesen gesagt hatte: »Wachet auf und kommt aus euern Nestern! Jetzt bin ich hier. Jetzt braucht ihr euch nicht mehr zu fürchten.«
Vom See waren die Rufe der Wildgänse zu hören, die sich zum Flug vorbereiteten. Gleich darauf flogen alle vierzehn Gänse über den Wald. Der Junge versuchte sie anzurufen, aber sie flogen so hoch, dass seine Stimme sie nicht erreichte. Sicher glaubten sie, der Fuchs hätte ihn längst gefressen. Sie machten sich nicht einmal die Mühe, nach ihm zu suchen.
In seiner Angst hätte der Junge fast geweint, doch jetzt stand die Sonne am Himmel, goldgelb und fröhlich, und erfüllte die ganze Welt mit Mut. »Du brauchst dich vor nichts zu fürchten oder zu ängstigen, Nils Holgersson, solange es mich gibt«, sagte die Sonne.
Noch eine Weile blieb alles im Wald unverändert, bald aber kam unter dem dichten Dach der Zweige eine einzelne Wildgans geflogen. Sie schien zwischen Stämmen und Zweigen umherzuirren und bewegte sich sehr langsam. Sowie Fuchs Smirre sie entdeckte, verließ er seinen Platz unter der Jungbuche und pirschte sich an sie heran. Die Wildgans wich ihm nicht aus, sondern flog ganz dicht an ihm vorüber. Smirre machte einen hohen Sprung, verfehlte sie jedoch, und die Gans flog weiter zum See.
Smirre kehrte zur Buche zurück, um den Knirps zu bewachen, doch als er in den Wipfel hinaufschaute, da war es dort leer. Der Knirps hatte die Gelegenheit genutzt und war geflohen.
»Heute Nacht hast du Pech, Smirre«, sagte der Fuchs zu sich selbst. »Aber diese Gänseschar wirst du sicher noch einmal treffen.«
Wildvogelleben
Im Park von Övedskloster
Dienstag bis Samstag
Am nächsten Morgen flogen die Wildgänse zum Herrensitz Övedskloster, der östlich des Vombsees in einem herrlichen Park gelegen war. Alles sah prachtvoll aus: das große Schloss, der schöne, von niedrigen Mauern und Pavillons umgebene Schlosshof und der vornehme, altertümliche Garten mit beschnittenen Hecken, geschlossenen Laubengängen, Teichen, Wasserspielen, herrlichen Bäumen und kurzgeschorenen Rasenflächen, deren Rabatten von bunten Frühlingsblumen leuchteten.
Als die Wildgänse den Herrensitz frühmorgens erreichten, war noch kein Mensch auf den Beinen. Nachdem sie sich davon gründlich überzeugt hatten, näherten sie sich dem Hundezwinger und riefen: »Was ist denn das für eine kleine Hütte? Was ist denn das für eine kleine Hütte?«
Sofort stürzte der Kettenhund heraus, außer sich vor Wut, und bellte in die Luft: »Nennt ihr das eine Hütte, ihr Landstreicher? Seht ihr nicht, dass es ein großes Schloss aus Stein ist? Seht ihr nicht die schönen Mauern, die vielen Fenster und die großen Tore und die prächtige Terrasse, wau, wau, wau? Nennt ihr das etwa eine Hütte? Seht ihr nicht den Hof, seht ihr nicht den Garten, seht ihr nicht die Gewächshäuser, seht ihr nicht die Marmorfiguren? Nennt ihr das etwa eine Hütte? Haben denn Hütten einen Park mit Buchengehölzen und Haselnusssträuchern und Wiesen mit Laubbäumen und Eichenwäldchen und Tannenwäldchen und einen Tiergarten, der voller Rehe ist, wau, wau, wau? Nennt ihr das etwa eine Hütte? Habt ihr schon einmal eine Hütte erlebt, die um sich herum so viele Wirtschaftsgebäude hat, dass es wie ein ganzes Dorf aussieht? Wie viele Hütten kennt ihr denn, die eine eigene Kirche und ein eigenes Pfarrhaus haben und über Herrenhäuser und Bauernhöfe und Pachthöfe und Landarbeiterkaten gebieten, wau, wau, wau? Nennt ihr das etwa eine Hütte? Zu dieser Hütte gehört das größte Gut von Schonen, ihr Lumpenpack! Jeder Zipfel Erde, den ihr seht, ihr Wolkenhänger, ist dieser Hütte untertan, wau, wau, wau!«
All das bellte der Hund in einem Atemzug heraus, und die Gänse kreisten währenddessen über dem Hof und hörten ihm zu, bis er eine Pause machen musste. Dann aber schrien sie: »Warum bist du denn so böse? Wir haben doch nicht nach dem Schloss gefragt, sondern nur nach deiner Hundehütte.«
Die Wildgänse flogen nun zu einem der großen Felder östlich vom Schloss, um Graswurzeln zu knabbern, und hielten sich dort mehrere Stunden auf.
Als sie endlich satt waren, zogen sie wieder hinunter zum See und spielten und vergnügten sich dort bis gegen Mittag. Sie forderten den weißen Gänserich zum Vergleich in allen möglichen Sportarten heraus und schwammen, liefen und flogen mit ihm um die Wette. Der große Zahme tat sein Bestes, wurde von den schnellen Wildgänsen jedoch stets geschlagen. Der Junge saß die ganze Zeit auf seinem Rücken und feuerte ihn an und hatte genauso viel Spaß wie die anderen. Alle schrien und lachten und schnatterten, und es war ein Wunder, dass die Leute vom Herrensitz sie nicht hörten.
Eines Tages sagte Akka zu dem Jungen, er laufe allzu leichtsinnig im Park herum. Ob er denn nicht wisse, dass er sich bei seiner geringen Größe vor vielen Feinden vorzusehen habe. Nein, davon hatte er keine Ahnung, und nun begann Akka, ihm alle diese Feinde aufzuzählen.
»Wenn du im Wald bist«, sagte sie, »dann musst du dich vor Fuchs und Marder in Acht nehmen. Am Ufer des Sees musst du an Fischotter denken. Wenn du auf der Steineinfriedung sitzt, dann darfst du das Wiesel nicht vergessen, das durch das kleinste Loch schlüpfen kann, und wenn du dich in einem Laubhaufen schlafen legst, musst du zuerst untersuchen, ob nicht die Kreuzotter darin schläft. Sobald du aufs freie Feld hinauskommst, musst du ein Auge auf Habicht und Bussard, auf Adler und Falken haben, die hoch in den Wolken schweben. Im Haselgebüsch kann dich der Sperber fangen. Elstern und Krähen gibt es überall, und denen darfst du nicht allzu sehr trauen. Und sobald die Dämmerung hereinbricht, musst du die Ohren spitzen und auf die großen Eulen lauschen, deren Flügelschlag so lautlos ist, dass sie dich erreicht haben können, bevor du sie bemerkst.«
Als der Junge hörte, dass ihm so viele Feinde nach dem Leben trachteten, hielt er seine Lage für vollkommen hoffnungslos. Vor dem Sterben fürchtete er sich nicht so sehr, aber er hatte keine Lust, aufgefressen zu werden. Deshalb fragte er Akka, was er tun könne, um sich vor den Raubtieren zu schützen.
Akka antwortete sogleich, er müsse versuchen, sich mit dem Volk der kleinen Tiere in Wald und Flur gut zu stellen – mit Eichhörnchen und Hasen, mit Finken und Meisen und Spechten und Lerchen. Wenn er sie zu Freunden hätte, könnten sie ihn vor Gefahren warnen, könnten ihm Schlupfwinkel zeigen und sich in der größten Not zusammentun und ihn verteidigen.
Doch als der Junge ein paar Stunden später diesen Rat befolgen wollte und sich an Sirle, das Eichhörnchen, wandte, um seinen Beistand zu erbitten, schlug es ihm diese Bitte ab. »Du hast weder von mir noch von den anderen kleinen Tieren etwas Gutes zu erwarten«, sagte Sirle. »Glaubst du, wir wissen nicht, dass du Nils, der Gänsejunge, bist, der im vorigen Jahr Schwalbennester heruntergerissen, Stareneier zerschlagen, Krähenjunge in Mergelgruben geworfen, Drosseln in Schlingen gefangen und Eichhörnchen eingesperrt hat? Du musst dir schon selber helfen, so gut du kannst, und froh sein, wenn wir uns nicht gegen dich verbünden und dich zurück nach Hause jagen.«
In früheren Zeiten, als er noch Nils, der Gänsejunge, war, hätte er eine solche Antwort gewiss nicht ungestraft gelassen, jetzt aber fürchtete er nur, dass auch die Wildgänse erfahren könnten, wie viel Schlimmes er getan hatte. Seitdem er in ihrer Gesellschaft war, hatte er sich nicht den kleinsten Streich erlaubt. Er hatte kein einziges Vogelnest zerstört, hatte nicht eine Feder aus einem Gänseflügel gerupft und hatte jeden Morgen, wenn er Akka begrüßte, die Mütze abgenommen und sich verbeugt.
Das Eichhörnchenweibchen
Donnerstag, den 24. März
In ebendiesen Tagen trug es sich zu, dass in einem Haselstrauch am Ufer des Vombsees ein Eichhörnchenweibchen gefangen und zu einem nahegelegenen Bauernhof gebracht wurde. Alle Leute auf dem Hof, junge und alte, freuten sich über das hübsche kleine Tier mit dem buschigen Schwanz, den klugen, neugierigen Augen und den zierlichen Füßchen. Sofort wurde ein alter Eichhörnchenkäfig zurechtgemacht und mit einem grüngestrichenen Häuschen und einem Rad aus Stahldraht ausgestattet. Das Häuschen hatte Tür und Fenster und sollte dem Tier als Ess- und Schlafzimmer dienen. Sie bereiteten ihm darin aus Laub ein Lager und gaben ihm eine Schale Milch und ein paar Nüsse. Mit dem Rad aus Stahldraht sollte das Tier spielen, sollte darin laufen, klettern und sich herumschwingen.
Die Leute glaubten, sie hätten dem Eichhörnchen alles bestens eingerichtet, und wunderten sich, dass es sich trotzdem nicht wohlzufühlen schien. Es saß nur traurig und missmutig in einer Ecke seiner Kammer, rührte weder Milch noch Nüsse an und drehte das Rad kein einziges Mal herum. »Sicher hat es Angst«, sagten die Leute vom Bauernhof. »Morgen, wenn es sich eingewöhnt hat, wird es auch fressen und spielen.«
Nun waren die Frauen auf dem Bauernhof gerade mit den Vorbereitungen zu einem Festschmaus beschäftigt. An dem Tag, als das Eichhörnchen gefangen wurde, waren sie bei der großen Bäckerei und mussten noch lange nach Einbruch der Dunkelheit arbeiten.
Es gab aber im Haus ein altes Mütterchen, das zu hinfällig war, um noch beim Backen zu helfen. Obwohl sie das selbst wusste, fand sie es schlimm, von allem ausgeschlossen zu sein. Weil sie traurig war, ging sie nicht schlafen, sondern setzte sich ans Wohnzimmerfenster und schaute hinaus. Durch die Küchentür, die wegen der Wärme geöffnet war, fiel ein heller Lichtschein auf den Hof. Der war viereckig gebaut und wurde so gut beleuchtet, dass die Alte Risse und Löcher im Putz der Mauer gegenüber erkennen konnte. Sie sah auch den Eichhörnchenkäfig, der gerade dort hing, wo das Licht am hellsten war, und sie bemerkte, dass das Tier unentwegt von seiner Kammer zum Rad und vom Rad in seine Kammer lief, ohne sich einen einzigen Augenblick auszuruhen. Sie fand diese Unruhe merkwürdig, doch sie glaubte natürlich, das Eichhörnchen könne wegen des grellen Lichtscheins nicht schlafen.
Der Hof hatte zwischen Kuhstall und Pferdestall einen breiten, überdachten Torweg, und auch der war beleuchtet. Als nun eine Zeit vergangen war, sah das Mütterchen einen winzigen Knirps leise und vorsichtig durch den Torweg auf den Hof geschlichen kommen. Er war nicht mehr als eine Handbreit groß, trug aber Holzschuhe und Lederhosen wie jeder andere Arbeitsmann. Das alte Mütterchen hielt ihn für den Kobold des Hofs und fürchtete sich nicht im Geringsten.
Als der Kobold den gepflasterten Hofplatz erreicht hatte, lief er spornstreichs zum Eichhörnchenkäfig, der jedoch so hoch hing, dass er ihn nicht erreichen konnte. Deshalb holte er sich aus dem Geräteschuppen eine Rute, stellte sie gegen den Käfig und kletterte daran empor, wie ein Seemann an einem Tau. Oben angelangt, begann er an der Tür des grünen Häuschens zu rütteln, als wollte er sie öffnen. Das alte Mütterchen blieb jedoch ruhig sitzen, denn sie wusste, dass die Kinder ein Vorhängeschloss daran angebracht hatten. Als der Kobold die Tür nicht aufbekam, sah die Alte, dass das Eichhörnchenweibchen hinaus in das Rad eilte und dort lange mit seinem Besucher beriet. Nachdem der Kobold alles gehört hatte, was das gefangene Tier ihm anvertrauen wollte, rutschte er an der Rute wieder hinunter und lief zum Tor hinaus.
Obwohl es die Alte für unwahrscheinlich hielt, dass sie den Kobold in dieser Nacht ein zweites Mal erblicken würde, blieb sie am Fenster sitzen. Nach einer Weile kehrte er zurück. In einer Eile, dass seine Füße kaum den Boden berührten, rannte er zum Eichhörnchenkäfig. Die Alte konnte ihn mit ihren weitsichtigen Augen ganz deutlich sehen, und sie sah auch, dass er in jeder Hand etwas trug, doch was das war, konnte sie nicht erkennen. Das in seiner linken Hand legte er auf das Steinpflaster, und was er in seiner rechten hielt, nahm er mit hinauf zum Käfig. Hier trat er mit seinem Holzschuh so lange gegen das kleine Fenster, bis die Scheibe zerbrach, und reichte das Mitgebrachte dem Eichhörnchen hinein. Dann rutschte er wieder hinunter, nahm das, was er auf den Boden gelegt hatte, und kletterte damit ebenfalls hinauf. Und gleich darauf eilte er so schnell davon, dass die Alte ihm kaum mit den Augen zu folgen vermochte.
Doch jetzt hielt es das Mütterchen nicht länger in der Stube aus. Sie ging ganz leise auf den Hof und stellte sich in den Schatten der Pumpe, um den Kobold abzupassen. Und es gab noch jemanden, der das kleine Wesen bemerkt hatte und neugierig geworden war. Das war die Hauskatze. Sie schlich sich lautlos bis zur Mauer und blieb ein paar Schritte vor dem hellen Lichtstreifen stehen.
Da standen die beiden in der kalten Märznacht und mussten ziemlich lange warten. Die Alte wollte schon ins Haus zurückkehren, als sie ein Klappern auf dem Pflaster hörte und sah, wie der Knirps abermals angetippelt kam. Wie beim vorigen Mal hatte er beide Hände voll, und was er da trug, das zappelte und piepste. Da ging dem alten Mütterchen ein Licht auf, und sie wusste, dass der Kobold zum Haselstrauch gelaufen war und die Jungen des Eichhörnchens geholt hatte und sie nun zur Mutter in den Käfig brachte, damit sie nicht zu verhungern brauchten.
Das alte Mütterchen blieb reglos stehen, um nicht zu stören, und der Kobold schien sie auch nicht bemerkt zu haben. Doch gerade als er das eine Junge auf den Boden legen wollte, um mit dem anderen zum Käfig hinaufzuklettern, sah er gleich neben sich die grünen Augen der Katze funkeln. Vollkommen ratlos hielt er inne, mit einem Eichhörnchenjungen in jeder Hand.
Er sah sich nach allen Seiten um und entdeckte nun das alte Mütterchen. Da besann er sich nicht lange, sondern ging auf sie zu und streckte ihr ein Junges entgegen.
Und das Mütterchen wollte sein Vertrauen nicht enttäuschen, sie beugte sich nieder und nahm das kleine Wesen so lange in Verwahrung, bis der Kobold mit dem anderen zum Käfig geklettert und zurückgekehrt war, um das ihr anvertraute zu holen.
Als sich die Leute des Bauernhofs am nächsten Morgen zum Frühstück versammelten, konnte die Alte unmöglich für sich behalten, was sie in der Nacht gesehen hatte. Natürlich lachten alle sie aus und meinten, sie habe nur geträumt. Zu so früher Jahreszeit gebe es noch keine Eichhörnchenjungen.
Doch die Alte war sich ihrer Sache sicher und bat sie, im Käfig nachzusehen, was sie auch taten. Und da lagen im Laubbett der Kammer vier kleine, halbnackte und halbblinde Junge, die schon mindestens ein paar Tage alt waren.
Als dann der Bauer selbst die Jungen sah, sagte er: »Was es auch damit auf sich haben mag, so ist gewiss, dass wir uns unsrer Handlungsweise vor Tieren und Menschen schämen müssen.« Und dann nahm er das Eichhörnchenweibchen und alle seine Jungen aus dem Käfig und legte sie dem Mütterchen in die Schürze. »Bring sie zum Haselstrauch«, sagte er, »und gib ihnen die Freiheit zurück!«
Die Aussprache
Samstag, den 26. März
Da wurde es Samstagabend. Seit der Verzauberung war eine ganze Woche vergangen, und der Junge war immer noch genauso klein.
Das schien ihn jedoch keineswegs zu bekümmern. Er saß in einem großen Weidenbusch am Ufer des Sees und blies in eine Pfeife aus Rohr. Um ihn herum saßen so viele Meisen und Buchfinken, wie im Busch Platz hatten, und zwitscherten ihm Lieder vor, die er nachzuspielen versuchte. Aber der Junge war nicht sehr bewandert in dieser Kunst und blies so falsch, dass die kleinen Lehrmeister, denen sich alle Federn sträubten, vor Verzweiflung flatterten und schrien. Der Junge musste so über ihren Eifer lachen, dass er die Pfeife verlor.
Er machte einen neuen Versuch, und als es nicht besser geriet, jammerten alle kleinen Vögel: »Heute spielst du schlechter als sonst, Däumling. Du bringst nicht einen reinen Ton zustande. Wo hast du deine Gedanken, Däumling?«
»Woanders«, sagte der Junge, und das stimmte. Er dachte nämlich unentwegt daran, was er tun sollte, wenn die Wildgänse nun bald Schonen verließen. Seitdem er der Eichhörnchenmutter geholfen hatte, war er sowohl mit Eichhörnchen als auch mit kleinen Vögeln gut Freund geworden, doch er konnte nicht bei ihnen bleiben.
Plötzlich warf er die Pfeife weg und sprang aus dem Busch. Er hatte Akka gesehen, die mit allen Gänsen in einer langen Reihe auf ihn zukam. Sie gingen auffallend langsam und feierlich, und der Junge ahnte sofort, dass er jetzt erfahren sollte, was sie mit ihm vorhatten.
Als sie endlich haltmachten, sagte Akka: »Du hast allen Grund, dich über mich zu wundern, Däumling, denn ich habe mich nicht dafür bedankt, dass du mich aus Smirres Fängen gerettet hast. Aber ich bin nun mal so, dass ich lieber mit Taten als mit Worten danke. Ich habe den Kobold aufgesucht, der dich verzaubert hat, und ihm erzählt, wie du dich bei uns benommen hast. Nun lässt er dich grüßen, und sobald du nach Hause zurückkehrst, darfst du wieder Mensch sein.«
Doch stellt euch vor, der Junge, der sich bei den ersten Sätzen der Wildgans so gefreut hatte, war am Ende ihrer Rede tieftraurig! Er sagte kein einziges Wort, wandte sich nur ab und weinte.
»Um Himmels willen, was ist denn das?«, sagte Akka. »Du scheinst wohl mehr erwartet zu haben, als ich dir jetzt angeboten habe?«
Aber der Junge dachte an sorglose Tage und lustige Spiele, an Abenteuer und Freiheit und Reisen hoch über der Erde, an alles, was ihm nun entgehen sollte, und schluchzte richtig vor Kummer. »Ich will nicht wieder Mensch werden«, sagte er, »ich will mit euch nach Lappland fliegen.«
»Jetzt muss ich dir eins sagen«, entgegnete Akka, »dieser Kobold ist sehr empfindlich, und ich fürchte, wenn du sein Angebot ablehnst, dann wirst du Mühe haben, ihn ein zweites Mal zu erweichen.«
Es war eigenartig mit Nils Holgersson: Er hatte in seinem ganzen Leben nie jemanden richtig liebgehabt, nicht Vater und Mutter, nicht den Lehrer, nicht die Schulkameraden, nicht die Jungen von den Nachbarhöfen. So gab es keinen, der ihm jetzt fehlte oder nach dem er sich sehnte.
Die Einzigen, mit denen er einigermaßen ausgekommen war, das waren das Gänsemädchen Åsa und der kleine Mats, zwei Kinder, die wie er auf den Feldern Gänse gehütet hatten. Doch auch sie hatte er nicht richtig lieb. Nein, bestimmt nicht.
»Ich will nicht wieder Mensch werden«, schluchzte der Junge. »Ich will mit euch nach Lappland fliegen. Deswegen bin ich eine ganze Woche lang brav gewesen.«
»Ich will es weder dir noch deinem Freund, Gänserich Martin, verwehren, mit uns zu fliegen, so weit du möchtest«, sagte Akka. »Aber überleg dir, ob du nicht doch lieber nach Hause zurückkehren willst! Es kann der Tag kommen, an dem du diesen Entschluss bereust.«
»Nein«, sagte der Junge, »da gibt es nichts zu bereuen. Mir ist es niemals so gut ergangen wie bei euch.«
»Ja, dann sollst du deinen Willen haben«, sagte Akka.
»Danke!«, sagte der Junge und war so glücklich, dass er jetzt vor Freude weinte – wie eben noch vor Kummer.
Glimmingehus
Schwarze Ratten und graue Ratten
Im südöstlichen Schonen, nicht weit vom Meer, liegt eine alte Burg namens Glimmingehus. Es ist ein einziges hohes, großes und massives Gebäude aus Stein, das in der Ebene meilenweit zu sehen ist. Obwohl es nicht mehr als vier Stockwerke hat, ist es so riesig, dass sich das gewöhnliche Wohnhaus auf dem Hof dagegen wie ein Puppenhaus ausnimmt.
Dieses steinerne Gebäude hat so kompakte Außenwände, Zwischenwände und Deckengewölbe, dass sein Innenraum fast nur aus dicken Mauern besteht. Die Treppen sind schmal, die Gänge eng, und Zimmer gibt es nicht viele. Um den Mauern nicht die Stärke zu nehmen, hat man in den oberen Stockwerken nur wenige und in dem untersten gar keine Fenster, sondern nur schmale Lichtöffnungen eingefügt.
Während der alten Kriegszeiten verschanzten sich die Menschen in einem solchen starken, riesigen Haus genauso gern, wie man jetzt in einem bitterkalten Winter in einen Pelz hineinkriecht. Als aber die gute Friedenszeit kam, wollten sie in den dunklen, kalten Steinsälen der alten Burg nicht mehr wohnen.
Zu jener Zeit, als Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land zog, gab es auf Glimmingehus zwar keine Menschen, doch an Bewohnern fehlte es der Burg gewiss nicht. Auf dem Dach wohnte jeden Sommer ein Storchenpaar in seinem großen Nest, auf dem Boden lebten ein paar Waldkäuze, in den Geheimgängen hingen Fledermäuse, im Küchenherd saß eine alte Katze, und im Keller gab es ein paar hundert von den alten schwarzen Ratten.
Ratten genießen bei den anderen Tieren nicht eben ein hohes Ansehen, doch die schwarzen Ratten von Glimmingehus stellten eine Ausnahme dar. Von ihnen sprach man stets mit Achtung, denn sie hatten den schweren Schicksalsschlägen, von denen ihr Volk heimgesucht wurde, mit großer Tapferkeit getrotzt. Sie gehörten nämlich zu einem Rattenvolk, das einmal sehr zahlreich und mächtig gewesen, jetzt aber im Aussterben begriffen war. Viele Jahre hatte Schonen wie das ganze Land den schwarzen Ratten gehört. Sie waren in jedem Keller, auf jedem Dachboden, in Scheunen und Tennen, in Vorratskammern und Backstuben, in sämtlichen Ställen, in Kirchen und Burgen, in Brennereien und Mühlen, in jedem von Menschen errichteten Gebäude zu finden gewesen, jetzt aber waren sie überall vertrieben und nahezu ausgerottet. Nur hier und da, an einem alten, abgelegenen Ort konnte man einige wenige von ihnen treffen, und nirgends gab es sie in so großer Zahl wie auf Glimmingehus.
Ein Tiervolk von ihrem eigenen Stamm hatte sie besiegt. Es waren die grauen Ratten, die im Gegensatz zu den schwarzen nicht von alters her im Land gewohnt hatten. Sie stammten von ein paar armen Einwanderern ab, die vor etwa hundert Jahren mit einem Schiff aus Lübeck gekommen und in Malmö an Land gegangen waren. Anfangs hielten sich diese heimatlosen armen Schlucker nur im Hafen auf, schwammen zwischen den Pfählen unter den Anlegebrücken herum und fraßen ins Wasser geworfene Abfälle. In die Stadt, die von den schwarzen Ratten beherrscht wurde, wagten sie sich niemals hinein.
Doch allmählich, als die Zahl der grauen Ratten wuchs, wurden sie kühner. Sie suchten ihre Nahrung in Rinnsteinen und Müllhaufen und nahmen mit allem Unrat vorlieb, den die schwarzen Ratten verschmähten. Sie waren abgehärtet, genügsam und furchtlos, und im Laufe weniger Jahre hatten sie ihre Macht so vergrößert, dass sie es schafften, die schwarzen Ratten aus Malmö zu vertreiben. Sie verdrängten sie aus Dachböden, Kellern und Lagerhäusern, ließen sie verhungern oder bissen sie tot, denn sie schreckten keineswegs vor einem Kampf zurück.
Und als sie Malmö eingenommen hatten, schwärmten sie in kleinen und großen Scharen aus, um das ganze Land zu erobern. Weshalb sich die schwarzen Ratten nicht zu einem großen, gemeinsamen Feldzug zusammentaten und mit vereinten Kräften die grauen Ratten zurückschlugen, solange deren Zahl noch klein war, das ist kaum zu begreifen. Doch sie blieben still auf ihren Besitzungen hocken, während die grauen Ratten ihnen einen Hof nach dem anderen, ein Dorf nach dem anderen, eine Stadt nach der anderen wegnahmen. Die schwarzen Ratten wurden ausgehungert, vertrieben, vernichtet. In Schonen war ihnen als Zufluchtsort nur Glimmingehus geblieben.
Wie man zugeben muss, waren die schwarzen Ratten, solange sie die Macht besessen hatten, genauso verabscheut worden wie heutzutage die grauen, und das mit vollem Recht. Sie waren über arme, gefesselte Gefangene hergefallen und hatten sie gepeinigt, sie hatten sich an Leichen gütlich getan, dem Armen die letzte Rübe aus dem Keller gestohlen, schlafenden Gänsen die Füße abgebissen, den Hühnern die Eier und frischgeschlüpfte Kücken gestohlen und tausend Missetaten verübt. Doch seitdem sie ins Unglück geraten waren, schien all das vergessen zu sein, und keiner konnte umhin, den Letzten dieses Geschlechts, die ihren Feinden so lange Widerstand geboten hatten, Bewunderung zu zollen.
Die grauen Ratten, die in der Nähe von Glimmingehus hausten, gaben den Kampf nicht auf und versuchten, jede günstige Gelegenheit zu nutzen, um sich der Burg zu bemächtigen. Wo sie nun schon das gesamte übrige Land erobert hatten, da hätten sie die kleine Schar schwarzer Ratten auf Glimmingehus in Frieden lassen sollen, könnte man meinen, aber sie dachten gar nicht daran. Sie sagten stets, es sei für sie eine Ehrensache, die schwarzen einmal zu besiegen. Doch wer sie kannte, der wusste wohl, dass etwas anderes dahintersteckte: Glimmingehus diente als Getreidespeicher, und deshalb konnten die grauen Ratten nicht eher ruhen, bis sie die Burg eingenommen hatten.
Der Storch
Montag, den 28. März
Die Wildgänse, die auf dem Eis des Vombsees schliefen, wurden am frühen Morgen durch laute Rufe aus der Luft geweckt.
»Trirop! Trirop!«, tönte es. »Trianut, der Kranich, lässt Akka, die Wildgans, und ihre Schar grüßen. Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt.«
Akka reckte sogleich den Kopf in die Höhe und antwortete: »Gruß und Dank! Gruß und Dank!«
Dann flogen die Kraniche weiter, doch die Wildgänse hörten sie noch lange über jedem Feld und jedem Waldhang rufen: »Trianut lässt grüßen. Morgen findet der große Kranichtanz auf dem Kullaberg statt.«
Die Wildgänse freuten sich über diese Botschaft sehr. »Da hast du aber Glück«, sagten sie zum weißen Gänserich, »dass du den großen Kranichtanz erleben darfst.«
»Gibt es denn etwas Besonderes zu sehen, wenn Kraniche tanzen?«, fragte er.
»Das hast du dir im Traum noch nicht vorgestellt«, entgegneten die Wildgänse.
»Wir müssen nun überlegen, was wir mit dem Däumling machen, damit ihm kein Unglück passiert, wenn wir morgen zum Kullaberg reisen«, sagte Akka.
»Wenn die Kraniche es nicht erlauben, dass er ihrem Tanz zusieht«, sagte der Gänserich, »dann bleibe ich bei ihm.«
»Kein Mensch durfte jemals an der Versammlung der Tiere auf dem Kullaberg teilnehmen«, sagte Akka. »Aber darüber können wir später noch reden. Jetzt müssen wir erst einmal daran denken, dass wir etwas in den Bauch bekommen.«
Damit gab Akka das Zeichen zum Aufbruch. Bis zu diesem Tag hatten die Gänse auf den Feldern um Öved äsen können, ohne von Fuchs Smirre gestört zu werden. Doch als sie jetzt dorthin kamen, lauerte er schon auf sie und verfolgte sie von einem Acker zum anderen, so dass sie nirgends Ruhe zum Fressen hatten. Akka begriff, dass er sie nicht in Frieden lassen würde, fasste einen raschen Beschluss, erhob sich in die Luft und flog mit ihrer Schar mehrere Meilen weiter. Erst auf den sumpfigen Wiesen etwas südlich von Glimmingehus ließ sie sich nieder.
Der Junge saß den ganzen Tag am Ufer eines kleinen Teichs und blies Rohrpfeife. Er hatte schlechte Laune, weil er den Kranichtanz nicht sehen durfte, brachte kein Wort heraus und sprach weder mit dem Gänserich noch mit irgendjemandem sonst.
Er dachte an das Eichhörnchen, dem er beigestanden hatte, und fand es bitter, dass Akka ihm immer noch misstraute.
Das sumpfige Wiesengelände, auf dem die Gänse ästen, war auf der einen Seite von einem breiten Steinwall begrenzt. Und da geschah, als der Junge am Abend den Kopf hob, um doch ein paar Worte zu sagen, dass seine Blicke auf diesen Steinwall fielen. Er stieß einen leisen Schrei der Verwunderung aus, und sofort sahen alle Gänse auf und starrten in dieselbe Richtung wie er. Im ersten Augenblick glaubten sie wie der Junge auch, dass alle grauen runden Steine, aus denen der Wall bestand, Beine bekommen und sich in Bewegung gesetzt hätten, doch bald erkannten sie, dass eine Schar Ratten darüber lief. Sie hatten große Eile und drängten sich in dichten Reihen, und so viele waren es, dass sie für eine gute Weile den ganzen Wall bedeckten.
Der Junge hatte schon damals, als ein großer, starker Mensch, vor Ratten Angst gehabt. Wie sollte er sich jetzt nicht fürchten, wo er so klein war? Bei ihrem Anblick lief ihm ein kalter Schauer nach dem anderen den Rücken hinunter.
Merkwürdigerweise schienen die Wildgänse denselben Abscheu vor den Ratten zu empfinden wie er. Sie sprachen sie nicht an, und als sie vorbeigezogen waren, schüttelten sich die Gänse, als hätten sie Schlamm zwischen die Federn bekommen.
»So viele graue Ratten unterwegs«, sagte Yksi von Vassijaure, »das ist kein gutes Zeichen!«
Der Junge wollte die Gelegenheit nutzen und mit Akka über den Kullaberg reden. Doch wieder wurde er daran gehindert, denn unter den Gänsen ließ sich blitzschnell ein großer Vogel nieder.
Dieser Vogel sah aus, dass man annehmen konnte, er hätte sich Körper, Hals und Kopf von einer kleinen weißen Gans geliehen. Doch zu alledem hatte er sich große schwarze Flügel, lange rote Beine und einen dicken langen Schnabel zugelegt, der für den kleinen Kopf viel zu groß war und ihn nach unten zog, was ihm einen bekümmerten, traurigen Ausdruck verlieh.
Akka brachte rasch ihre Deckfedern in Ordnung, ging auf den Storch zu und neigte dabei viele Male den Hals. Es erstaunte sie nicht, dass er schon Ende März nach Schonen gekommen war. Sie wusste, dass die Storchenmännchen beizeiten und noch vor den Weibchen die Ostsee überqueren, um nachzusehen, ob das Nest im Winter nicht Schaden genommen hätte. Sie konnte nur nicht verstehen, was es zu bedeuten hatte, dass er gerade sie aufsuchte.
»Ich will doch nicht hoffen, dass mit Ihrer Wohnung etwas nicht in Ordnung ist, Herr Ermenrich«, sagte Akka.
Der Storch stand lange Zeit da und klapperte nur mit dem Schnabel, bevor er sich mit heiserer, schwacher Stimme über alles Mögliche beklagte: Sein Nest, das sich hoch oben auf dem Dachfirst von Glimmingehus befand, sei von den Winterstürmen völlig zerstört, die Bauern von Schonen eigneten sich nach und nach sein gesamtes Besitztum an, legten seine Sümpfe trocken und machten seine Moore urbar. Er habe die Absicht, dieses Land zu verlassen und niemals zurückzukehren.
Während der Storch seine Klage vortrug, musste Akka, die Wildgans, die überall schutzlos und gefährdet war, unwillkürlich denken: »Wenn es mir so gut ginge wie Ihnen, Herr Ermenrich, dann würde ich Klagen für unter meiner Würde halten. Sie sind ein freier, wilder Vogel geblieben, und doch ist Ihr Ansehen bei den Menschen so hoch, dass niemand einen Schuss auf Sie abgeben oder ein Ei aus Ihrem Nest stehlen würde.« Aber dem Storch sagte sie nur, sie könne sich nicht vorstellen, dass er von einem Haus wegziehen wolle, das seit seiner Errichtung den Störchen Zuflucht geboten habe.
Da fragte der Storch rasch, ob die Gänse die grauen Ratten gesehen hätten, die nach Glimmingehus unterwegs seien. Als Akka erwiderte, sie habe das Teufelspack bemerkt, begann er von den tapferen schwarzen Ratten zu erzählen, die so viele Jahre die Burg verteidigt hätten. »Aber in dieser Nacht werden die grauen Ratten Glimmingehus in ihre Gewalt bekommen«, sagte er seufzend.
»Warum gerade in dieser Nacht, Herr Ermenrich?«, fragte Akka.
»Weil gestern Abend fast alle schwarzen Ratten zum Kullaberg gezogen sind, im Vertrauen darauf, dass sämtliche anderen Tiere auch dorthin eilen«, sagte der Storch. »Doch wie Sie sehen, sind die grauen Ratten zu Hause geblieben. Jetzt sammeln sie sich, um heute Nacht in die Burg einzudringen, denn da wird sie nur von ein paar alten Schwächlingen verteidigt, die nicht mehr zum Kullaberg ziehen konnten. Sie werden ihr Ziel wohl erreichen, doch ich, der ich so viele Jahre mit den schwarzen Ratten in guter Nachbarschaft gelebt habe, möchte höchst ungern am selben Ort wie ihre Feinde wohnen.«
Akka hob den Kopf. »Haben Sie die schwarzen Ratten benachrichtigt, Herr Ermenrich?«, fragte sie.
»Nein«, antwortete der Storch, »das hätte keinen Zweck. Bevor sie zurück sein können, ist die Burg eingenommen.«
»Da sollten Sie nicht so sicher sein, Herr Ermenrich«, sagte Akka. »Ich kenne eine alte Wildgans, die hätte schon Lust, derartige Freveltaten zu verhindern.«
Als Akka diese Worte sprach, hob der Storch den Kopf und sah sie mit großen Augen an. Das war auch kein Wunder, denn die alte Akka hatte weder Schnabel noch Klauen, die zum Kämpfen taugten. Außerdem war sie ein Tagvogel, und sobald die Dämmerung hereinbrach, schlief sie unweigerlich ein, während die Ratten ihre Kämpfe gerade in der Nacht ausfochten.
Doch Akka war offenbar fest entschlossen, den schwarzen Ratten beizustehen. Sie rief Yksi von Vassijaure und befahl ihm, die anderen zum Vombsee zu führen, und als die Gänse Einwände machten, sagte sie gebieterisch: »Ich glaube, es ist für uns alle am besten, wenn ihr mir gehorcht. Ich muss zu dem großen Steinhaus fliegen, und wenn ihr mitkommt, dann werden uns die Leute vom Hof ganz bestimmt sehen und abschießen. Der Einzige, den ich auf dieser Reise bei mir haben will, ist der Däumling. Er kann mir von großem Nutzen sein, denn er hat gute Augen und kann sich nachts wachhalten.«
Als der Junge Akkas Worte hörte, machte er sich so groß, wie er nur konnte, legte die Hände auf den Rücken, reckte die Nase in die Höhe und trat vor. Doch sowie der Storch den Jungen erblickte, geriet er in Bewegung. Bis dahin hatte er nur dagestanden, nach Art der Störche, den Kopf gesenkt und den Schnabel an den Hals gedrückt. Jetzt aber ertönte tief in seiner Kehle ein Gurgeln, als würde er lachen. Er packte den Jungen blitzschnell mit dem Schnabel und warf ihn ein paar Meter in die Luft. Dieses Kunststück wiederholte er siebenmal, während der Junge schrie und die Gänse riefen: »Was tun Sie da, Herr Ermenrich? Das ist kein Frosch. Das ist ein Mensch, Herr Ermenrich!«
Endlich setzte der Storch den Jungen auf den Boden, zum Glück unversehrt. Dann sagte er zu Akka: »Ich fliege jetzt zurück nach Glimmingehus, Mutter Akka. Alle, die dort wohnen, waren bei meiner Abreise in großer Angst. Aber sie werden sich schon beruhigen, wenn ich ihnen berichte, dass Sie und der Däumling herbeieilen, um sie zu retten.«
Dann reckte der Storch den Hals, schlug mit den Flügeln und schoss davon wie ein Pfeil von einem straffgespannten Bogen. Obwohl Akka wusste, dass er sich über sie lustig gemacht hatte, ließ sie sich nicht davon anfechten. Sie wartete, bis der Junge seine Holzschuhe wiederfand, die der Storch ihm abgeschüttelt hatte, setzte ihn dann auf ihren Rücken und flog hinter dem Storch her. Der Junge hatte sich so über den Storch geärgert, dass er vor Wut schnaubte. Diesem langen Rotbein wollte er schon zeigen, was Nils Holgersson aus West-Vämmenhög für ein Kerl war!
Ein paar Augenblicke später stand Akka im Storchennest von Glimmingehus. Es war groß und prächtig, hatte als Unterlage ein Rad und darüber mehrere Schichten aus Zweigen und Grasbüscheln. Weil es so alt war, hatten viele Büsche und Kräuter schon Wurzeln geschlagen, und wenn die Storchenmutter in der runden Vertiefung in der Mitte auf ihren Eiern saß, konnte sie sich nicht nur an der herrlichen Aussicht über einen großen Teil von Schonen erfreuen, sondern auch Heckenrosen und Hauslauch betrachten.
Beide, der Junge und Akka, erkannten, dass hier etwas Ungewöhnliches vor sich ging und jegliche Ordnung außer Kraft setzte. Auf dem Rand des Storchennestes hockten nämlich zwei Waldkäuze, eine alte, graugestreifte Katze und ein Dutzend uralter Ratten mit schiefgewachsenen Zähnen und triefenden Augen, Tiere also, die man sonst nicht eben friedlich beieinander sieht.
Keines von ihnen wandte sich Akka zu oder hieß sie willkommen. Sie waren voll und ganz damit beschäftigt, ein paar lange graue Linien anzustarren, die auf den winternackten Feldern sichtbar wurden.
Alle schwarzen Ratten verhielten sich still. Sie wussten wohl, dass sie weder ihr Leben noch die Burg verteidigen konnten. Die beiden Waldkäuze verdrehten ihre großen Augen mit den Federkränzen und berichteten mit ihren schaurigen, scharfen Stimmen von der großen Grausamkeit der grauen Ratten. Sie mussten nun ihr Nest verlassen, weil diese Neuankömmlinge weder Eier noch frischgeschlüpfte Junge schonten. Die alte, gestreifte Katze war davon überzeugt, dass die grauen Ratten, wenn sie in so großer Zahl in die Burg eindrangen, sie totbeißen würden, und sie beschimpfte die schwarzen Ratten unaufhörlich: »Wie konntet ihr nur so dumm sein und eure besten Krieger davonziehen lassen! Wie konntet ihr den grauen Ratten nur vertrauen! Das ist überhaupt nicht zu verzeihen!«
Die zwölf schwarzen Ratten erwiderten darauf kein Wort, aber der Storch konnte es trotz seines Kummers nicht lassen, die Katze zum Narren zu halten. »Fürchte dich nicht, Hauskatze Måns!«, sagte er. »Siehst du nicht, dass Mutter Akka und der Däumling gekommen sind, um die Burg zu retten? Du kannst gewiss sein, dass es ihnen gelingen wird. Ich muss mich jetzt zum Schlafen aufstellen, und ich tu es ganz unbesorgt. Wenn ich morgen früh aufwache, wird es auf Glimmingehus bestimmt keine einzige graue Ratte geben.«
Der Junge zwinkerte Akka zu und bedeutete ihr, dass er den Storch hinunterstoßen wolle, wenn der sich nun auf den äußersten Rand des Nestes, ein Bein hochgezogen, zum Schlafen aufstellte, doch Akka hielt ihn zurück. Sie wirkte ganz und gar nicht verärgert und sagte in zufriedenem Ton: »Es wäre wohl übel bestellt, wenn man in meinem Alter nicht mit schwierigeren Situationen als dieser fertigwürde. Wenn Sie, Herr Waldkauz und Frau Waldkauz, nur ein paar Besorgungen für mich erledigen möchten, wo Sie sich doch die ganze Nacht wachhalten können, dann wird schon alles gut gehen, denke ich.«
Das wollten die beiden Käuze gern tun, und nun bat Akka den Kauzmann, die schwarzen Ratten, die zum Kullaberg gezogen waren, aufzusuchen und ihnen zu raten, schleunigst nach Glimmingehus zurückzukehren. Die Kauzfrau schickte sie zu Flammea, der Schleiereule, die im Dom von Lund zu Hause war, und gab ihr einen so geheimen Auftrag mit, dass sie ihn nur im Flüsterton anzuvertrauen wagte.
Der Rattenfänger
Nach langem Suchen gelang es den grauen Ratten kurz vor Mitternacht, eine offene Kellerluke aufzuspüren. Sie befand sich ziemlich hoch in der Mauer, doch bald sprang die tapferste Ratte hinein, mit der Absicht, Glimmingehus zu bestürmen, vor dessen Mauern so viele ihrer Vorfahren ihr Leben gelassen hatten.
Die graue Ratte blieb eine Weile in der Luke sitzen und wartete auf einen Angriff der Verteidiger. Sie nahm an, dass sich die schwarzen Ratten, die in der Burg geblieben waren, nicht ohne Kampf ergeben würden. Mit klopfendem Herzen lauschte sie auf das leiseste Geräusch, doch alles blieb still. Da fasste sie Mut und sprang in den kohlrabenschwarzen Keller.
Eine Ratte nach der anderen folgte der Anführerin. Alle bewegten sich geräuschlos, alle rechneten mit einem Hinterhalt der schwarzen Ratten.
Obwohl sie noch nie in diesem Gebäude gewesen waren, fanden sie sich ohne Schwierigkeit zurecht. Sie entdeckten die Gänge im Mauerwerk, mit deren Hilfe die schwarzen Ratten in die oberen Stockwerke gelangten. Bevor sie diese engen, steilen Stiegen erklommen, horchten sie wieder mit großer Aufmerksamkeit. Sie hätten sich vor einem offenen Kampf mit den schwarzen Ratten viel weniger gefürchtet als jetzt, wo diese sich versteckt hielten.
Schon am Eingang des ersten Stocks verspürten sie den Geruch des Getreides, das in großen Haufen auf dem Fußboden lag. Doch noch war es nicht Zeit, die Früchte des Sieges zu genießen. Sie durchsuchten zuerst mit größter Sorgfalt die düsteren, kahlen Räume und machten sich dann mit derselben Vorsicht an die Eroberung des nächsten Stockwerks. Wieder mussten sie eine mühselige, gefährliche Kletterpartie durch das Mauerwerk unternehmen, während sie atemlos vor Angst darauf warteten, dass sich der Feind auf sie stürzte. Obwohl die Getreidehaufen mit den herrlichsten Düften lockten, beherrschten sie sich und untersuchten so gründlich wie möglich den ehemaligen Raum der Soldaten mit seinen Pfeilern, dem steinernen Tisch und dem Kamin.
Noch immer waren die schwarzen Ratten nicht zu sehen. Die grauen tasteten sich hinauf zum dritten Stock mit dem großen Festsaal des Burgherrn, und sie drangen sogar bis in das oberste Stockwerk vor, das nur aus einem großen, leeren Raum bestand. Das Einzige, was sie zu untersuchen vergaßen, war das große Storchennest auf dem Dach. Dort war die Kauzfrau gerade dabei, Akka aus dem Schlaf zu wecken und ihr mitzuteilen, Flammea, die Schleiereule, habe ihren Wunsch erfüllt und das Verlangte geschickt.
Nachdem die grauen Ratten derart gewissenhaft die ganze Burg durchforscht hatten, fühlten sie sich sicher und machten sich frohen Herzens über die Getreidehaufen her.
Doch kaum hatten sie die ersten Weizenkörner verschlungen, da ertönte vom Hof der scharfe, schrille Ton einer kleinen Pfeife. Die grauen Ratten hoben die Köpfe, lauschten beunruhigt, liefen ein paar Schritte, als wollten sie die Getreidehaufen verlassen, kehrten jedoch um und fraßen weiter.
Wieder ertönte die Pfeife schrill und durchdringend, und jetzt geschah etwas Merkwürdiges. Eine Ratte, zwei Ratten, ja, eine ganze Anzahl von Ratten verließ das Getreide und eilte auf dem kürzesten Weg in den Keller, um ins Freie zu gelangen. Trotzdem blieben viele graue Ratten zurück. Sie dachten daran, mit welcher Mühe sie Glimmingehus erobert hatten, und wollten es nicht verlassen. Doch die Töne der Pfeife drangen noch einmal zu ihnen vor. Da stürzten sie in wilder Hast aus den Verschlägen, huschten durch die engen Mauerlöcher und hatten es mit dem Hinauskommen so eilig, dass sie durcheinanderpurzelten.
Mitten im Hof stand ein kleiner Knirps, der auf einer Pfeife blies. Er hatte schon einen ganzen Kreis von Ratten um sich versammelt, die ihm entzückt und hingerissen lauschten, und jeden Augenblick kamen mehr dazu. Als er einmal nur für eine einzige Sekunde die Pfeife aus dem Mund nahm, um den Ratten eine lange Nase zu machen, sah es aus, als wollten sie über ihn herfallen und ihn totbeißen, doch sobald er weiterblies, hatte er sie wieder in seiner Gewalt.
Als der Knirps sämtliche grauen Ratten aus Glimmingehus herausgepfiffen hatte, verließ er langsam den Hof und zog auf die Landstraße. Alle grauen Ratten liefen hinter ihm her, denn die Töne der Pfeife klangen in ihren Ohren so lieblich, dass sie ihnen nicht widerstehen konnten.
Der Knirps führte sie an und lockte sie auf die Straße nach Vallby. Er führte sie in allen möglichen Windungen und Winkeln und Kreisen, durch Hecken und Gräben, und sie mussten ihm folgen, wohin er ging. Die Pfeife, die er unaufhörlich blies, schien aus einem Tierhorn gemacht zu sein, jedoch aus einem so kleinen, dass es in unseren Tagen kein Tier gibt, von dessen Stirn es stammen könnte. Auch wusste niemand, wer die Pfeife hergestellt hatte. Die Schleiereule Flammea hatte sie im Dom von Lund, in einer Nische des Turms gefunden und dann dem Raben Bataki gezeigt. Beide waren sie dahintergekommen, dass dies eine Pfeife war, wie man sie in früherer Zeit benutzte, um Ratten und Mäuse zu bezwingen. Der Rabe aber war mit Akka befreundet, und die hatte auf diese Weise erfahren, dass Flammea einen solchen Schatz besaß.
Und tatsächlich: Die Ratten konnten der Pfeife nicht widerstehen. Der Junge ging vor ihnen her und blies, solange die Sterne leuchteten, und sie folgten ihm die ganze Zeit. Er blies in der Morgendämmerung, er blies, als die Sonne aufging, und die ganze Schar der Ratten folgte ihm und wurde immer weiter von den großen Kornböden auf Glimmingehus weggelockt.
Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg
Dienstag, den 29. März
Obwohl man in Schonen viele prächtige Gebäude sehen kann, muss man zugeben, dass keins von ihnen so schöne Wände hat wie der alte Kullaberg.
Der Kullaberg ist niedrig, langgestreckt und ausgedehnt, ohne einen scharfen Kamm. Auf seinem flachen Rücken erstrecken sich Wälder und Felder und ein paar Heideflächen. Hier und da ragen runde Hügel mit Heidekraut und nackte Steinbuckel auf. Dort oben ist es nicht besonders schön und genauso wie in jeder anderen hochgelegenen Gegend von Schonen.
Wer auf der Landstraße wandert, die mitten über den Berg führt, wird von diesem Anblick ein wenig enttäuscht sein. Doch vielleicht weicht er vom Wege ab, geht an den Rand der Hochfläche und schaut die steilen Hänge hinunter. Dann entdeckt er auf einmal so viel Sehenswertes, dass er kaum weiß, wie er all das mit seinen Augen aufnehmen soll. Der Kullaberg liegt nämlich nicht von Ebenen und Tälern umgeben im Land, sondern hat sich so weit ins Meer hinausgestürzt, wie es ihm möglich war. Er hat nicht das kleinste Stückchen Boden an seinem Fuß, das ihn gegen die Meereswellen schützen könnte, die bis an seine Wände schlagen und sie abtragen und formen, wie es ihnen beliebt.
Daher sind diese Felsenwände auch so reich verziert, wie das Meer und sein Gehilfe, der Wind, es vermochten. Da gibt es schroffe Klüfte, die tief in die Hänge geschnitten sind, und schwarze Felsenvorsprünge, die von den ständigen Peitschenschlägen der Brandung blankgeschliffen wurden. Da gibt es einzelne Felsensäulen, die senkrecht aus dem Wasser ragen, und dunkle Grotten mit schmalen Eingängen. Es gibt senkrechte, nackte Felsenwände und sanfte, laubbekleidete Hänge. Es gibt stattliche Felsentore, die sich über dem Wasser wölben, es gibt scharfkantige Steine, die der weiße Schaum ständig bespritzt, und andere, die sich im schwarzgrünen, reglosen Wasser spiegeln. Es gibt in den Felsen gemeißelte Riesentöpfe und riesige Spalten, die den Wanderer locken, sich in die Tiefe des Bergs hineinzuwagen.
Und über alle diese Klüfte und Klippen, hinauf und hinunter, kriechen und winden sich Ranken und Wurzeln. Auch Bäume wachsen dort, aber die Macht des Windes ist so groß, dass auch sie sich in Ranken verwandeln müssen, um sich auf den Steilhängen zu halten. Die Eichen kriechen am Boden entlang, überragt vom Laub wie von einem engen Gewölbe, und in den Klüften stehen wie große Laubzelte kurzstämmige Buchen.
Die seltsamen Bergwände, davor das weite, blaue Meer und darüber die schimmernde, klare Luft, das alles macht den Kullaberg für die Menschen so verlockend, dass sie jeden Tag, solange der Sommer dauert, in großen Scharen dorthin ziehen. Schwieriger lässt sich wohl sagen, warum er für die Tiere so anziehend ist, dass sie sich Jahr für Jahr dort zu einem großen Spiel versammeln. Dies ist jedoch seit uralten Zeiten Brauch.
Um von den Menschen unbemerkt zu bleiben, machen sich die Rothirsche, die Rehe, die Hasen, die Füchse und die übrigen wilden Vierbeiner schon in der Nacht vor der Zusammenkunft zum Kullaberg auf. Unmittelbar vor Sonnenaufgang ziehen sie alle auf den Spielplatz, eine Heidefläche links vom Wege, nicht sehr weit vom äußersten Vorsprung des Berges entfernt. Da der Platz ringsum von runden Felskuppen umgeben wird, sieht man ihn erst, wenn man ihn erreicht hat. Und im Monat März ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass sich irgendein Wanderer hierher verirrt.
Wenn die Vierbeiner auf dem Spielplatz angelangt sind, lassen sie sich auf den runden Felskuppen nieder. Jede Tierart bleibt für sich, obwohl alle wissen, dass an einem Tag wie diesem allgemeiner Friede herrscht und niemand einen Überfall zu fürchten braucht. An diesem Tag sollte ein kleines Häschen über den Hügel der Füchse wandern können, ohne auch nur einen seiner langen Löffel einzubüßen.
Schließlich haben alle ihre Plätze eingenommen und halten nun Ausschau nach den Vögeln. An diesem Tag ist immer schönes Wetter. Die Kraniche sind gute Wetterpropheten und würden die Tiere nicht zusammenrufen, wenn Regen angesagt wäre. Doch obwohl die Luft klar ist und nichts die Sicht behindert, können die Vierbeiner keine Vögel entdecken. Das ist sonderbar. Die Sonne steht hoch am Himmel, und die Vögel müssten längst unterwegs sein.
Die Tiere auf dem Kullaberg bemerken jedoch hier und da eine kleine dunkle Wolke, die langsam über die Ebene schwebt. Sieh da, eine dieser dunklen Wolken fliegt plötzlich zur Küste des Öresunds und nimmt Kurs auf den Kullaberg. Als sie mitten über dem Spielplatz ist, hält sie inne, und auf einmal beginnt die ganze Wolke zu klingen und zu singen, als bestünde sie aus lauter Tönen. Sie schwebt auf und nieder, auf und nieder und singt und klingt die ganze Zeit. Schließlich lässt sich die ganze Wolke auf einen Hügel fallen, und der ist im nächsten Augenblick über und über mit grauen Lerchen, prächtigen rot-grau-weißen Buchfinken, gesprenkelten Staren und grün-gelben Meisen bedeckt.
Gleich darauf zieht eine zweite Wolke über die Ebene heran. Sie verweilt über jedem Hof, über Landarbeiterkaten und Schlössern, über kleinen und größeren Städten, über Bauernhöfen und Bahnstationen, über Fischerdörfern und Zuckerfabriken, und jedesmal saugt sie eine dünne, wirbelnde Säule aus grauen Staubkörnchen zu sich empor. Auf solche Art wird sie größer und größer, und wenn sie endlich vollständig ist und Kurs auf den Kullaberg nimmt, ist sie keine Wolke mehr, sondern ein ganzes Gewölk, so groß, dass es einen Schatten von Höganäs bis Mölle wirft. Wenn dieses Gewölk über dem Spielplatz schwebt, wird die Sonne verdunkelt, und lange muss es auf einen der Hügel Sperlinge regnen, bis jene, die im Inneren des Gewölks geflogen waren, wieder einen Schimmer vom Tageslicht erblicken.
Jetzt aber nähert sich die größte dieser Vogelwolken. Die Schwärme, aus denen sie besteht, sind aus allen Richtungen gekommen, um sich ihr anzuschließen. Sie ist von tief graublauer Farbe, und kein Sonnenstrahl dringt durch sie hindurch. Wenn sie sich düster und furchterregend wie eine Unwetterwolke nähert, hört man den schrecklichsten Lärm, das grässlichste Geschrei, das höhnischste Gelächter und das unheilvollste Gekrächze. Alle auf dem Spielplatz sind froh, wenn sie sich endlich in einen Regen von flatternden, krächzenden Vögeln auflöst, in Krähen und Dohlen und Raben und Saatkrähen.
Was dann am Himmel erscheint, das sind nicht nur Wolken, sondern vielerlei Striche und Zeichen, und im Osten und Nordosten zeigen sich gerade, gestrichelte Linien. Es sind Waldvögel aus der Gegend von Göinge: Birkhühner und Auerhühner, die in langen Reihen, mit einigen Metern Abstand voneinander, geflogen kommen. Die Schwimmvögel, die auf der kleinen Insel Måkläppen vor Falsterbo zu Hause sind, schweben in vielen sonderbaren Formationen über den Öresund und bilden Dreiecke und langgezogene Winkel, schiefe Haken und Halbkreise.
In jenem Jahr, als Nils Holgersson mit den Wildgänsen durchs Land reiste, kam Akka mit ihrer Schar später als alle anderen zum großen Treffen auf dem Kullaberg. Das war kein Wunder, denn sie hatte auf ihrem Weg ganz Schonen überfliegen müssen. Außerdem musste sie gleich nach dem Erwachen erst den Däumling suchen, der viele Stunden seine Pfeife geblasen und die grauen Ratten weit weg von Glimmingehus gelockt hatte.
Auf der ganzen Reise rasteten sie nur ein einziges Mal, und zwar auf dem Vombsee, wo sich Akka mit ihren Reisekameraden vereinte und ihnen zurief, die grauen Ratten seien nun besiegt. Danach flogen sie geradenwegs zum Kullaberg.
Dort ließen sie sich auf jenem Hügel nieder, der den Wildgänsen vorbehalten war. Als der Junge nun seinen Blick von einem Hügel zum anderen wandern ließ, sah er, dass sich über dem einen die vielzackigen Geweihe der Rothirsche und über einem anderen die Nackenbüschel der Fischreiher erhoben. Ein Hügel war rot von Füchsen, einer schwarz und weiß von Meeresvögeln, einer grau von Ratten. Einer war mit schwarzen Raben besetzt, die unaufhörlich krächzten, ein anderer mit Lerchen, die auch nicht den Schnabel halten konnten, sondern unablässig aufstiegen und vor Freude sangen.
Wie es immer auf dem Kullaberg Brauch gewesen ist, durften die Krähen die Spiele und Späße des Tages mit ihrem Flugtanz eröffnen. Sie hatten sich in zwei Gruppen eingeteilt, die nun aufeinander zuflogen, sich begegneten, umkehrten und wieder aufeinander zuflogen. Dieser Tanz hatte viele Runden und nahm sich für die Zuschauer, die sich in seinen Regeln nicht auskannten, allzu einförmig aus. Während die Krähen auf ihren Tanz sehr stolz waren, freuten sich alle anderen, als sie damit aufhörten. Er war den Tieren ebenso düster und sinnlos wie das Spiel des Wintersturms mit den Schneeflocken erschienen und hatte sie traurig gestimmt. Nun warteten sie sehnsüchtig auf einen Auftritt, der sie ein wenig aufheitern könnte.
Sie brauchten auch nicht lange zu warten, denn sowie die Krähen verschwunden waren, kamen die Hasen gehoppelt. Sie strömten in einem langen Zug ohne besondere Ordnung herbei, manchmal einer allein, dann wieder drei oder vier nebeneinander. Alle hatten sich auf die Hinterläufe erhoben, und sie liefen so schnell, dass ihre langen Löffel in alle Richtungen flatterten. Dabei drehten sie Pirouetten und vollführten hohe Sprünge. Einige schlugen eine ganze Reihe von Purzelbäumen, andere krümmten sich zusammen und rollten wie Räder, einer wirbelte auf einem Bein herum, ein anderer ging auf den Vorderläufen. Das Spiel der Hasen war zwar ohne jede Ordnung, jedoch so lustig, dass die vielen Tiere, die ihnen zusahen, jetzt schneller atmeten. Der Frühling war da, es sollte Lust und Freude geben. Der Winter war vorbei, der Sommer nahte. Bald war das Leben nur noch ein Spiel.
Als sich die Hasen ausgetobt hatten, begannen die großen Waldvögel ihren Auftritt. Hundert Auerhähne mit hellroten Augenbrauen und glänzend schwarzbraunen Gewändern warfen sich auf eine große Eiche, die mitten auf dem Spielplatz stand. Der auf dem höchsten Zweig plusterte die Federn, ließ die Flügel sinken und streckte den Schwanz in die Höhe, so dass die weißen Deckfedern sichtbar wurden. Dann reckte er den Hals vor, und aus seiner verdickten Kehle kamen ein paar tiefe Töne, die wie »tjäck, tjäck, tjäck« klangen. Mehr brachte er nicht heraus, es gluckste nur ein paarmal tief in seiner Kehle. Dann schloss er die Augen und flüsterte: »Sis, sis, sis. Hört, wie schön! Sis, sis, sis.« Dabei geriet er in eine solche Verzückung, dass er nicht mehr wahrnahm, was um ihn herum geschah.
Während der erste Auerhahn noch sein »sis, sis« machte, stimmten die drei, die ihm am nächsten saßen, ihr Lied an. Bevor sie zu Ende gesungen hatten, begannen jene zehn, die unter ihnen saßen, und so ging es weiter von Zweig zu Zweig, bis sämtliche hundert Auerhähne sangen und glucksten und sis-sis-ten. Alle gerieten dabei in dieselbe Verzückung, und gerade das wirkte auf die anderen Tiere wie ein ansteckender Rausch. Eben noch war ihr Blut lustig und leicht geströmt, jetzt wurde es schwer und heiß. »Ja, es ist wirklich Frühling«, dachten die zahlreichen Tiervölker. »Die Kälte des Winters ist vorbei. Das Feuer des Frühlings brennt auf der Erde.«
Als die Birkhühner merkten, welchen Erfolg die Auerhähne hatten, konnten sie nicht länger ruhig bleiben. Es gab aber keinen Baum auf dem Spielplatz, auf dem sie Platz nehmen konnten, deshalb stürmten sie dorthin, wo das Heidekraut so hoch stand, dass nur ihre schön geschwungenen Schwanzfedern und ihre dicken Schnäbel zu sehen waren, und sangen: »Orr, orr, orr.«
Die Birkhühner hatten den Wettstreit mit den Auerhähnen gerade begonnen, da geschah etwas Unerhörtes. Während alle Tiere an nichts anderes als an die Auerbalz dachten, hatte sich ganz leise ein Fuchs zum Hügel der Wildgänse geschlichen. Er gelangte ziemlich weit hinauf, ohne dass ihn jemand bemerkte. Plötzlich wurde er doch von einer Gans entdeckt, und weil sie es für ausgeschlossen hielt, dass sich ein Fuchs in guter Absicht bei den Gänsen einschlich, begann sie zu schreien: »Gebt acht, Wildgänse! Gebt acht!« Der Fuchs biss ihr die Kehle durch, vermutlich um sie zum Schweigen zu bringen, doch die Wildgänse hatten die Warnung schon gehört und erhoben sich allesamt in die Luft. Jetzt sahen die anderen Tiere, dass auf dem Hügel, den die Wildgänse verlassen hatten, Fuchs Smirre stand, mit einer toten Gans in der Schnauze.
Er hatte seine Rachgier nicht bezwingen können und auf diese Art versucht, endlich an Akka und ihre Schar heranzukommen. Doch dafür, dass er den Frieden des Spieltags gestört hatte, bekam er eine so schwere Strafe, dass er es sein Leben lang bereuen sollte. Sofort wurde er von einer Schar Füchse umringt und entsprechend der alten Sitte verurteilt, derzufolge jeder, der den Frieden des großen Spieltags störte, des Landes verwiesen wurde. Kein Fuchs wollte dieses Urteil mildern, denn alle wussten, dass sie bei einem entsprechenden Versuch augenblicklich vom Spielplatz vertrieben würden und ihn nie wieder betreten dürften. Also gab es keinen Widerspruch, als über Smirre die Acht verhängt wurde. Der Aufenthalt in Schonen wurde ihm verboten, er musste Frau und Verwandte, Jagdrevier, Wohnung, Rastplätze und Verstecke, seinen gesamten bisherigen Besitz verlassen und sein Glück in der Fremde suchen. Um alle Füchse davon zu unterrichten, dass Smirre in dieser Landschaft vogelfrei war, biss ihm der älteste Fuchs die Spitze seines rechten Ohrs ab. Sobald das getan war, brachen alle jungen Füchse in ein blutrünstiges Geheul aus und fielen über Smirre her. Da blieb ihm kein anderer Ausweg als die Flucht, und mit sämtlichen Jungfüchsen auf den Fersen entfernte er sich schleunigst.
Während all das geschah, waren Birkhühner und Auerhähne mit ihrem Spiel beschäftigt und setzten es unverdrossen fort, ohne sich stören zu lassen.
Kaum hatten die Waldvögel ihren Wettstreit beendet, da ging ein Raunen von Hügel zu Hügel: »Jetzt kommen die Kraniche.«
Und dann erschienen die grauen, dämmergekleideten Vögel, mit Federbüschen an den Flügeln und rotem Federschmuck im Nacken. Mit ihren langen Beinen, den schlanken Hälsen, den kleinen Köpfen glitten die großen Vögel den Hügel hinunter wie in einem geheimnisvollen Rausch. Dabei drehten sie sich, halb fliegend, halb tanzend, hoben anmutig die Flügel, und all das mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Ihr Tanz hatte etwas Sonderbares und Fremdes und glich einem Spiel grauer Schatten, dem das Auge kaum zu folgen vermochte. Es war, als hätten sie diesen Tanz von den Nebeln gelernt, die über einsamen Mooren schweben. Darin lag Zauberei, und alle, die zum ersten Mal auf dem Kullaberg waren, verstanden, warum die ganze Zusammenkunft nach dem Tanz der Kraniche benannt war. Obwohl er etwas Wildes hatte, erweckte er ein Gefühl von süßer Sehnsucht. Keiner dachte jetzt mehr an Spielen. Dagegen wollten alle, Gefiederte und Federlose, unendlich hoch, bis über die Wolken steigen und suchen, was es dort oben gäbe. Sie wollten den schweren Körper, der sie zur Erde zog, verlassen, um zum Überirdischen davonzuschweben.
Eine solche Sehnsucht nach dem Unerreichbaren, nach dem, was sich hinter dem Leben verbirgt, spürten die Tiere im Jahr nur einmal, und zwar an jenem Tag, an dem sie den großen Kranichtanz sahen.
In Blekinge
Im Regen
Mittwoch, den 30. März
Es war der erste Regentag während der Reise. Solange sich die Wildgänse noch in der Nähe des Vombsees aufgehalten hatten, war das Wetter schön gewesen. Doch als sie in Richtung Småland weiterflogen, begann es zu regnen, und der Junge musste mehrere Stunden durchgeweicht und bibbernd vor Kälte auf dem Rücken des Gänserichs ausharren.
Sowie die ersten Frühlingsregenschauer auf den Boden prasselten, stimmten sämtliche kleinen Vögel in Gehölzen und Hainen ein derartiges Freudengeschrei an, dass die ganze Luft davon widerklang und der Junge von seinem Platz auf dem Gänserücken in die Höhe hüpfte. »Jetzt bekommen wir Regen, der Regen bringt uns den Frühling, der Frühling bringt uns Blumen und grüne Blätter, grüne Blätter und Blumen bringen uns Larven und Insekten, Larven und Insekten bringen uns Futter, viel und gutes Futter, das ist das Beste, was es gibt«, sangen die kleinen Vögel.
Auch die Wildgänse freuten sich, dass der Regen gekommen war, um die Pflanzen aus ihrem Schlaf zu wecken und die Eisdecke der Seen zu durchlöchern. Sogleich wurden sie lustig und riefen Scherze zum Boden hinunter.
Als sie über die großen Kartoffelfelder flogen, von denen es in der Nähe von Kristianstad so viele gibt und die noch nackt und schwarz dalagen, riefen sie: »Wacht auf und tut Nutzen! Hier kommt, was euch weckt! Jetzt habt ihr lange genug gefaulenzt!«
Auch Menschen, die vor dem Regen wegliefen, ermahnten sie und riefen: »Warum habt ihr’s denn so eilig? Seht ihr nicht, dass es Brot und Baumkuchen, Brot und Baumkuchen regnet?«
Wenn sie große Gärten unter sich erblickten, riefen sie voller Stolz: »Hier bringen wir Anemonen, hier bringen wir Rosen, hier bringen wir Apfelblüten und Kirschknospen, hier bringen wir Erbsen und Bohnen und Rüben und Kohl. Wer Lust hat, der greife zu! Wer Lust hat, der greife zu!«
So hatte es geklungen, als die ersten Schauer niedergingen und alle sich noch darüber freuten. Doch als es den ganzen Tag weiterregnete, wurden die Gänse ungeduldig und riefen den durstigen Wäldern um den Ivösee zu: »Habt ihr nicht bald genug? Habt ihr nicht bald genug?«
Das Grau des Himmels wurde immer dichter, und die Sonne verbarg sich so gut, dass niemand wusste, wo sie sich aufhielt. Der Regen fiel heftiger, hämmerte schwer auf die Flügel der Gänse und drang zwischen den eingefetteten Außenfedern bis auf die Haut durch. Die Erde hüllte sich in Regendunst ein; Seen, Berge und Wälder verschwammen in einem undeutlichen Wirrwarr, und die Wegmarken waren nicht auszumachen. Sie flogen immer langsamer, die fröhlichen Rufe verstummten, und gleich nach Mittag brachen sie die Reise ab.
Die Treppe mit den drei Stufen
Donnerstag, den 31. März
Die Gänse hatten ursprünglich vor, über Småland direkt nach Norden zu reisen, doch als sie an die Grenze kamen, erfuhren sie, dass dort der Boden noch überall mit Schnee bedeckt war. Da kehrten sie um, wandten sich ostwärts und flogen über Blekinge.
An diesem Tag ließ der Regen etwas nach, doch sein Dunst war noch immer so dicht, dass der Junge nicht erkennen konnte, wie die Landschaft unter ihm aussah. Er fragte sich, ob er wohl über ein gutes oder ein schlechtes Land reiste, und versuchte aus seinem Gedächtnis hervorzukramen, was er über Blekinge gehört haben mochte.
Plötzlich erinnerte er sich, dass der Lehrer von West-Vämmenhög ihm und den anderen Schulkindern einmal eine Sage über Blekinge erzählt hatte.
»Småland ist ein hohes Haus mit Tannen auf dem Dach«, hatte der Lehrer gesagt, »und davor liegt eine breite Treppe mit drei großen Stufen, und diese Treppe wird Blekinge genannt.
Es ist eine Treppe von großen Ausmaßen. Sie erstreckt sich acht Meilen an der Vorderseite des Småland-Hauses, und wer zur Ostsee hinuntersteigen will, der muss vier Meilen wandern.
Diese Treppe wurde auch schon vor langer Zeit erbaut. Tage und Jahre sind vergangen, seitdem die ersten Stufen aus dem grauen Fels geschlagen wurden, so gleichmäßig und eben, dass ein bequemer Fahrweg zwischen Småland und der Ostsee entstand.
Wenn die Treppe so alt ist, dann ist es natürlich, dass sie nicht mehr so aussieht wie damals, als sie noch neu war. Ich weiß nicht, wie viel Mühe man sich zu jener Zeit mit dergleichen machte, aber mit einem Besen war sie jedenfalls nicht sauberzuhalten, dazu war sie zu groß. Nach ein paar Jahren wuchsen darauf Moose und Flechten, im Herbst wehte trockenes Gras und trockenes Laub darüber, und im Frühling wurde sie mit Kies und Steinen überschüttet. Da alles ungestört liegenblieb, sammelte sich schließlich so viel Erde auf der Treppe an, dass nicht nur Gräser und Kräuter, sondern auch Büsche und große Bäume Wurzeln schlagen konnten.
Doch gleichzeitig bildeten sich zwischen den drei Treppenstufen große Unterschiede heraus. Die höchste, die Småland am nächsten liegt, wird fast überall von magerem Erdreich und kleinen Steinen bedeckt. Darauf wollen eben nur solche Bäume wachsen, die genügsam sind und die Kälte in dieser Höhe vertragen, also Weißbirke und Faulbaum und Fichte. Wie karg und ärmlich es dort ist, erkennt man am besten an den kleinen Hütten, die sich die Leute hier errichten, an den winzigen Ackerstückchen und an den großen Entfernungen zwischen den Kirchen.
Auf der mittleren Stufe ist der Boden wieder besser und leidet auch nicht so unter strenger Kälte. Das sieht man sofort an den Bäumen, die höher und von vornehmerer Art sind. Da wachsen Ahorn und Eiche und Linde, Hängebirke und Haselnuss, jedoch kaum Nadelbäume. Noch deutlicher erkennt man es an den vielen Äckern und schönen, großen Wohnhäusern der Menschen. Diese mittlere Stufe, auf der es zahlreiche Kirchen gibt, nimmt sich in jeder Weise besser und prächtiger als die darüber aus.
Doch am besten ist die unterste Treppenstufe. Sie ist reichlich mit guter Erde bedeckt, und wo sie im Meer badet, ist von der Småland-Kälte überhaupt nichts zu spüren. Hier unten gedeihen Buchen und echte Kastanien und Walnussbäume, und sie erreichen eine solche Höhe, dass sie die Kirchendächer überragen. Hier liegen auch die größten Äcker, aber die Leute ernähren sich nicht nur von Forstwirtschaft und Landwirtschaft, sondern beschäftigen sich auch mit Fischerei, Handel und Seefahrt. Deshalb sieht man hier die prächtigsten Wohnhäuser und die schönsten Kirchen, und die Kirchdörfer haben sich zu kleinen und größeren Städten ausgewachsen.
Damit ist aber noch nicht alles über die drei Stufen gesagt. Man muss nämlich auch an das Wasser denken, das irgendwohin fließen muss, wenn es auf das Dach des großen Småland-Hauses regnet, und ein Teil stürzt natürlich die große Treppe hinunter. In der ersten Zeit strömte es wohl über die ganze Breite, dann aber entstanden Risse, und allmählich gewöhnte sich das Wasser daran, in einigen gut ausgearbeiteten Rinnen zu fließen. Und Wasser ist Wasser, was man auch damit anstellt – es hat niemals Ruhe. An einer Stelle gräbt und feilt und trägt es ab, und an einer anderen spült es an. Es erweiterte die Rinnen zu Tälern, bedeckte die Talhänge mit Erdreich, und später klammerten sich Büsche und Ranken und Bäume daran fest, so dicht und üppig, dass sie den Wasserlauf, der in der Tiefe strömt, jetzt fast verdecken. Doch wenn die Flüsse zu den Absätzen zwischen den Treppenstufen kommen, müssen sie sich kopfüber hinunterstürzen. Dabei gerät das schäumende Wasser so in Fahrt, dass es mit seiner Kraft Mühlräder und Maschinen antreiben kann, und Mühlen und Fabriken wurden auch an jedem Wasserfall errichtet.
Doch damit ist noch immer nicht alles über das Land mit den drei Treppenstufen gesagt. Man muss nämlich auch erwähnen, dass dort oben, im großen Haus von Småland, einst ein ergrauter Riese wohnte. Den verdross es, dass er auf seine alten Tage die lange Treppe hinuntersteigen musste, um Lachse im Meer zu fangen. Viel besser hätte es ihm gefallen, wenn der Lachs zu ihm in seine Wohnung gekommen wäre.
Darum stellte er sich auf das Dach seines großen Hauses und schleuderte riesige Steine in die Ostsee. Er warf sie mit einer solchen Kraft, dass sie über ganz Blekinge flogen, bevor sie ins Wasser fielen. Da bekam es der Lachs so mit der Angst, dass er das Meer verließ, in die Flüsse von Blekinge schwamm, die Fluten durcheilte, mit hohen Sprüngen die Wasserfälle überwand und erst tief in Småland, bei dem alten Riesen, haltmachte.
Dass diese Geschichte wahr ist, kann man an den zahlreichen Inseln und Schären sehen, die vor der Küste von Blekinge liegen und nichts anderes sind als die vielen großen Steine, die der Riese dorthin geschleudert hat.
Man merkt es auch daran, dass der Lachs noch immer die Flüsse von Blekinge hinaufsteigt und sich durch Wasserfälle und ruhiges Gewässer bis nach Småland arbeitet.
Darum verdient dieser Riese von den Leuten in Blekinge nur Dank und Ehre, denn noch heute können sich viele von der Lachsfischerei in den Flüssen und der Arbeit in den Steinbrüchen der Schären ernähren.«
Am Ronneby-Fluss
Freitag, den 1. April
Weder die Wildgänse noch Fuchs Smirre hatten geglaubt, dass sie sich je wieder begegnen sollten, nachdem sie Schonen verlassen hatten. Doch nun hatten die Wildgänse ihre Flugroute ja über Blekinge verlegt, und dorthin war auch Smirre gewandert.
Als er eines Nachmittags ein einsames Waldgebiet im mittleren Blekinge durchstreifte, sah er in der Luft eine Schar Wildgänse fliegen. Sogleich bemerkte er, dass eine von ihnen weiß war, und da wusste er ja, mit wem er es zu tun hatte.
Smirre nahm unverzüglich die Verfolgung auf, nicht nur weil er Appetit auf eine gute Mahlzeit hatte, sondern auch um sich für all den Verdruss zu rächen, den ihm die Wildgänse bereitet hatten. Er sah, dass sie ostwärts zum Ronneby-Fluss flogen, dann die Richtung änderten und dem Flussbett nach Süden folgten. Da wurde ihm klar, dass sie sich am Ufer einen Schlafplatz suchen wollten, und er dachte sich, er könnte dort ziemlich leicht ein paar erwischen.
Doch als der Fuchs endlich den Ort fand, an dem sich die Gänse niedergelassen hatten, da war dieser Platz so gut geschützt, dass er nicht an sie herankam.
Zwar ist der Ronneby-Fluss kein besonders großer oder mächtiger Wasserlauf, doch er wird seiner schönen Ufer wegen viel gerühmt. An mehreren Stellen zwängt er sich zwischen steilen Bergwänden hindurch, die senkrecht aus dem Wasser ragen und über und über mit Geißblatt und Faulbaum, Weißdorn und Erle, Eberesche und Weide bewachsen sind. Es gibt kaum etwas Angenehmeres, als an einem schönen Sommertag auf dem schmalen, dunklen Fluss zu rudern und all das sanfte Grün zu betrachten, das sich an den schroffen Hängen festklammert.
Jetzt aber, als sich die Wildgänse und Smirre am Fluss aufhielten, war es kalter, ungemütlicher Vorfrühling. Alle Bäume waren nackt, und niemand hätte sich wohl darüber Gedanken gemacht, ob diese Ufer schön oder hässlich wären. Die Wildgänse priesen sich glücklich, dass sie unter einer so steilen Bergwand einen Streifen Sand entdeckt hatten, groß genug, um ihnen allen Platz zu bieten. Vor ihnen brauste der Fluss, der jetzt durch die Schneeschmelze reißend und mächtig war, hinter sich hatten sie eine unüberwindliche Felsenwand, und die herabhängenden Zweige waren ein gutes Versteck. Besser konnten sie es gar nicht haben.
Die Gänse schliefen sofort ein, doch der Junge konnte kein Auge zutun. Von allen Seiten glaubte er Rascheln und Prasseln zu hören, und seine Unruhe wurde so groß, dass er unter dem Flügel hervorkroch und sich auf den Boden neben die Gänse setzte.
Smirre stand mit langem Gesicht auf dem Berg und schaute zu den Wildgänsen hinunter. »Du kannst die Jagd genauso gut gleich aufgeben«, sagte er zu sich selbst. »Diese Gänse sind dir zu klug. Schlag dir eine solche Beute ein für allemal aus dem Kopf!«
Doch für alle Fälle legte er sich auf den äußersten Rand des Felsens und ließ die Wildgänse nicht aus den Augen. Während er sie betrachtete, erinnerte er sich an alles Böse, was sie ihm angetan hatten. Es war ihre Schuld, dass man ihn aus Schonen verbannt hatte und dass er ins arme Blekinge hatte flüchten müssen. Er wurde so wütend, dass er den Wildgänsen den Tod wünschte, auch wenn er sie selbst nicht verspeisen durfte.
Als Smirres Zorn ein solches Maß erreicht hatte, hörte er ganz nahe in einer großen Kiefer etwas rascheln. Ein Eichhörnchen eilte den Stamm hinunter, heftig verfolgt von einem Marder. Keins der beiden Tiere bemerkte den Fuchs, und der blieb still sitzen und sah der Jagd zu, die von einem Baum zum anderen ging. Er betrachtete das Eichhörnchen, das sich so leicht zwischen den Zweigen bewegte, als könnte es fliegen. Er betrachtete den Marder, der die Baumstämme so sicher hinauf- und hinunterlief, als wären es ebene Pfade im Wald. »Könnte ich nur halb so gut wie einer von den beiden klettern«, dachte der Fuchs, »dann dürften die da unten nicht lange ruhig schlafen.«
Sowie der Marder das Eichhörnchen gefangen und die Jagd beendet hatte, ging Smirre auf ihn zu, blieb jedoch zwei Schritte vor ihm stehen, um zu bezeigen, dass er ihm die Beute nicht wegnehmen wolle. Er grüßte ihn überaus freundlich und gratulierte ihm zu seinem Fang, wobei er sich so gewählt ausdrückte, wie es die Art der Füchse ist. Der Marder aber, der sich mit seinem langen schmalen Körper, dem feinen Kopf, dem weichen Fell und dem hellbraunen Fleck am Hals wie ein kleines Wunder an Schönheit ausnahm, war in Wirklichkeit ein ungehobelter Waldbewohner und würdigte ihn kaum einer Antwort. »Dennoch wundert es mich«, sagte Smirre, »dass sich ein so tüchtiger Jäger wie du mit Eichhörnchen begnügt, wo es doch viel besseres Wildbret in Reichweite gibt.« Hier machte er eine Pause, doch als ihn der Marder nur unverfroren angrinste, fuhr er fort: »Ist es wohl möglich, dass du die Wildgänse nicht gesehen hast, die unterhalb dieser Bergwand stehen? Oder reichen deine Kletterkünste vielleicht nicht aus, um bis zu ihnen zu gelangen?«
Diesmal brauchte er auf die Antwort nicht zu warten. Der Marder fuhr mit gekrümmtem Rücken und gesträubtem Fell auf ihn los. »Hast du Wildgänse gesehen?«, fauchte er. »Wo stehen sie? Sag das sofort, sonst beiße ich dir die Kehle durch!«
»Na, vergiss nicht, dass ich doppelt so groß bin wie du, und bemüh dich um ein wenig Höflichkeit! Nichts täte ich lieber, als dir die Wildgänse zu zeigen.«
Im nächsten Augenblick eilte der Marder den Steilhang hinunter, und während Smirre seinem schlangengleichen Körper zusah, der sich von Zweig zu Zweig schwang, dachte er: »Dieser schöne Baumjäger hat das grausamste Herz im ganzen Wald. Ich glaube, die Wildgänse können mir ein blutiges Erwachen verdanken.«
Doch gerade als Smirre schon den Todesschrei der Gänse zu hören glaubte, sah er, wie der Marder von einem Zweig fiel und in den Fluss plumpste, so dass das Wasser hoch aufspritzte. Gleich darauf ertönten kräftige Flügelschläge, und alle Wildgänse schwangen sich in eiliger Flucht empor.
Obwohl Smirre die Verfolgung sofort aufnehmen wollte, musste er doch erst erfahren, wie sich die Wildgänse hatten retten können, und blieb deshalb sitzen, bis der Marder den Berg hinaufgeklettert war. Der arme Kerl war triefend nass und machte ab und zu halt, um sich mit den Vorderpfoten den Kopf zu reiben. »Habe ich mir doch gleich gedacht, dass du ein Tolpatsch bist und in den Fluss fällst!«, sagte Smirre verächtlich.
»Ich war nicht tolpatschig, du brauchst mich nicht zu beschimpfen«, sagte der Marder. »Gerade als ich auf einem der untersten Zweige saß und schon überlegte, wie ich die Gänse zerreißen könnte, stürmte ein kleiner Knirps hervor, der nicht größer als ein Eichhörnchen war, und warf mir einen Stein auf den Kopf. Ich fiel ins Wasser, und bevor ich herausklettern konnte …«
Weiter brauchte der Marder nicht zu erzählen. Smirre war längst auf und davon und hinter den Wildgänsen her.
Währenddessen war Akka auf der Suche nach einem neuen Schlafplatz südwärts geflogen. Es gab noch einen letzten Schimmer Tageslicht, so dass sie einigermaßen sehen konnte.
Sie folgte dem Fluss, solange er wie eine schwarze, funkelnde Schlange, die sich durch die Landschaft wand, zu erkennen war. Auf diese Weise kam sie nach Djupafors, dem tiefen Wasserfall, wo sich der Fluss zuerst in einer unterirdischen Rinne versteckt und dann klar und durchsichtig, als wäre er aus Glas, in eine enge Schlucht hinunterstürzt, um sich auf ihrem Grund in glitzernde Tropfen und fliegenden Schaum zu zerschlagen. Unterhalb des weißen Falls lagen ein paar Steine, zwischen denen das Wasser in wilden Wirbeln toste, und hier wollte Akka bleiben. Auch dies war ein guter Schlafplatz, vor allem zu so später Abendstunde.
Wie auf ihrem ersten Schlafplatz dachte keiner der Reisenden im Geringsten daran, dass sie an einen schönen, weit berühmten Ort gekommen waren. Sie fanden es wohl eher unheimlich und gefährlich, auf glatten, nassen Steinen mitten in einem donnernden Wasserfall zu schlafen. Aber sie mussten ja schon zufrieden sein, wenn sie vor Raubtieren sicher waren.
Die Gänse schliefen sofort ein, doch der Junge fand keine Ruhe.
Nach einer Weile näherte sich am Ufer Fuchs Smirre. Sogleich entdeckte er die Wildgänse in den schäumenden Wirbeln, und ihm war klar, dass er sie auch diesmal nicht erreichen konnte. Doch für alle Fälle setzte er sich auf das Ufer und ließ sie nicht aus den Augen. Er fühlte sich tief gedemütigt und fürchtete sein ganzes Ansehen als Jäger gefährdet.
Auf einmal erblickte er einen Fischotter, der mit einem Fisch im Maul aus der Stromschnelle kroch. Smirre ging auf ihn zu, blieb aber zwei Schritte vor ihm stehen, um anzuzeigen, dass er ihm die Beute nicht wegnehmen wolle.
»Ich finde es merkwürdig, dass du dich mit Fischen begnügst, wo doch die Steine draußen voller Wildgänse sind«, sagte er. Der Otter wandte nicht einmal den Kopf dorthin. Er war wie alle Otter ein Landstreicher, hatte viele Male im Vombsee gefischt und kannte Fuchs Smirre sehr gut. »Ich weiß wohl, wie du es anstellst, wenn du eine Forelle ergaunern willst, Smirre«, sagte er.
»Ach so, du bist das, Gripe«, entgegnete Smirre und freute sich, denn diesen Otter kannte er als einen kühnen, tüchtigen Schwimmer. »Wenn du die Wildgänse doch nicht erreichen kannst, dann ist es mir freilich klar, dass du sie nicht einmal ansehen willst.« Der Otter, der Schwimmhäute zwischen den Zehen hatte, dazu einen kräftigen Schwanz zum Rudern und einen wasserdichten Pelz, wollte sich jedoch nicht nachsagen lassen, dass es eine Stromschnelle gab, die er nicht bezwingen könnte. Er drehte sich um, und sowie er die Wildgänse im Wasser erblickte, ließ er den Fisch fallen und stürzte sich vom steilen Ufer hinunter in den Fluss.
Wenn es schon richtiger Frühling gewesen wäre und die Nachtigallen in den Park Djupadal zurückgekehrt wären, dann hätten sie viele Nächte von Gripes Kampf mit der Stromschnelle gesungen. Der Otter wurde mehrmals von den Wellen weggedrückt und flussabwärts getrieben, doch er kämpfte sich immer wieder auf den richtigen Kurs zurück. Er schwamm durch Totwasser, er kletterte über Steine und kam den Wildgänsen näher und näher. Das war ein gefährliches Unternehmen und hätte es wohl verdient, von den Nachtigallen besungen zu werden.
Smirre folgte ihm mit den Augen, so gut er konnte. Endlich sah er, dass der Otter zu den Wildgänsen auf die Steine kroch. Da aber ertönte ein gellender, wilder Schrei. Der Otter stürzte rücklings ins Wasser und wurde fortgerissen, als wäre er ein blindes, neugeborenes Kätzchen. Gleich darauf waren kräftige Flügelschläge zu hören. Die Gänse erhoben sich und flogen davon, um sich einen neuen Schlafplatz zu suchen.
Bald kehrte der Otter zurück an Land. Er sprach kein Wort und leckte sich nur die eine Vorderpfote. Als Smirre ihn wegen seines Misserfolgs verspottete, rief er aus: »An meiner Schwimmkunst hat es nicht gelegen, Smirre! Ich hatte die Gänse schon fast erreicht und wollte gerade zu ihnen klettern, da kam ein kleiner Knirps gelaufen und schnitt mir mit irgendeinem scharfen Eisen in den Fuß. Das hat so weh getan, dass ich den Halt verlor, und dann hat mich die Strömung fortgerissen.«
Weiter brauchte er nicht zu erzählen. Smirre war längst auf und davon und hinter den Gänsen her.
Karlskrona
Samstag, den 2. April
In dieser Nacht war die Luft klar, und der Mond schien. Zu so vorgerückter Stunde hätten die Wildgänse längst schlafen müssen, doch stattdessen flogen sie über die Inseln Vämmö und Pantarholm in Richtung Karlskrona. Sie waren noch spät unterwegs, um sich im Schärengürtel einen sicheren Schlafplatz zu suchen. Auf dem Festland konnten sie nicht bleiben, denn Fuchs Smirre würde sie überall stören.
Wie nun der Junge hoch oben durch die Luft ritt und auf das Meer und den Schärengürtel sah, der vor ihm ausgebreitet lag, erschien ihm alles ganz sonderbar und gespenstisch. Der Himmel war nicht mehr blau, sondern wölbte sich über ihm wie eine Glocke aus grünem Glas. Das Meer war milchweiß. So weit seine Augen reichten, war es mit kleinen weißen Wellen bedeckt, deren Kämme wie Silber schimmerten. Von diesem Weiß hoben sich die vielen Schäreninseln kohlrabenschwarz ab. Ob sie nun groß oder klein, flach wie Wiesen oder voller Klippen waren, alle sahen sie gleich schwarz aus. Ja, selbst Wohnhäuser und Kirchen und Windmühlen, die doch sonst weiß oder rot zu sein pflegen, erschienen gegen den grünen Himmel schwarz.
Sie näherten sich einer hoch aufragenden Felseninsel, die mit großen, kantigen Blöcken bedeckt war, und zwischen diesen schwarzen Blöcken leuchteten Flecken von klarem, schimmerndem Gold. Der Junge musste unwillkürlich an den Maglesten, den großen Stein bei Trolle-Ljungby, denken, den die Trolle manchmal auf hohe goldene Säulen stellten, und er fragte sich, ob dies hier vielleicht etwas Ähnliches sei.
Doch mit den Steinen und dem Gold wäre es wohl noch angegangen, hätten rings um die Insel nicht so viele Ungeheuer gelegen. Sie sahen wie Wale und Haifische und andere große Meerestiere aus.
Der Junge erschrak nicht wenig, als er merkte, dass sich Akka gerade auf dieser Insel niederlassen wollte. Doch bald musste er mit Verwunderung erkennen, wie sehr ihn seine Augen getäuscht hatten. Die großen Steinblöcke waren nichts weiter als Häuser. Die ganze Insel war eine Stadt, und die leuchtenden Goldflecken waren Laternen und Reihen von erhellten Fenstern. Sämtliche Meeresungeheuer, die er zu sehen geglaubt hatte, waren Boote und Schiffe, die rund um die Insel vor Anker lagen. An der Landseite waren es zumeist Ruderboote und Schaluppen und kleine Küstendampfer. Doch zur See lagen gepanzerte Kriegsschiffe, einige breit mit unglaublich dicken, nach hinten geneigten Schornsteinen, andere lang und schmal und so geformt, dass sie wie Fische durchs Wasser gleiten konnten.
Was mochte das für eine Stadt sein? Ja, das fand der Junge bald heraus, denn sein Großvater war einmal Matrose bei der Marine gewesen. Jeden Tag, solange er lebte, hatte er von Karlskrona erzählt, von der großen Marinewerft, von den Kriegsschiffen und allem, was es sonst noch in dieser Stadt gab. Deshalb fühlte sich der Junge hier gleich wie zu Hause und freute sich, dass er nun all das sehen sollte, wovon er so viel gehört hatte.
Doch er konnte die Türme und die Befestigungen, die die Einfahrt zum Hafen verschließen, nur flüchtig wahrnehmen, denn Akka ließ sich sogleich auf einem der abgeflachten Kirchtürme nieder.
Der Junge fand es selbst merkwürdig, dass er nicht liegen bleiben und den Morgen abwarten konnte, um die Schiffe zu besichtigen. Er hatte wohl keine fünf Minuten geschlafen, da kroch er vorsichtig unter dem Flügel hervor und kletterte am Blitzableiter und an den Wasserrinnen hinunter.
Bald stand er auf dem großen Marktplatz, der sich vor der Kirche ausbreitete. Wer an ein Leben in der Wildnis oder weit weg auf dem Lande gewöhnt ist, dem wird stets ängstlich zumute, wenn er in eine Stadt kommt, wo die Häuser steif und gerade stehen und die Straßen so offen sind, dass einen jeder sehen kann. So erging es nun dem Jungen. Wie er da auf dem großen Marktplatz von Karlskrona stand und die Deutsche Kirche und das Rathaus und die Große Kirche betrachtete, von der er gerade herabgestiegen war, da hatte er nur noch den Wunsch, möglichst schnell auf den Turm zu den Gänsen zurückzukehren.
Zum Glück war der Marktplatz vollkommen leer. Kein Mensch war zu sehen, falls man nicht eine Statue auf einem hohen Sockel mitrechnete. Der Junge schaute sie lange an: Es war ein großer, ungeschlachter Kerl mit einem Dreispitz, einem langen Rock, Kniehosen und klobigen Schuhen – wer mochte das wohl sein? Er hielt einen langen Stock in der Hand und sah aus, als könnte er ihn auch gebrauchen, denn sein Gesicht mit der großen Habichtsnase und dem hässlichen Mund wirkte entsetzlich streng.
»Was hat denn diese Großlippe hier zu suchen?«, fragte der Junge schließlich. Er war sich noch nie so klein und jämmerlich vorgekommen wie an diesem Abend, und deshalb versuchte er, sich durch eine kecke Bemerkung Mut zu machen. Ohne weiter an dieses Standbild zu denken, begab er sich dann in eine breite Straße, die zum Meer hinunterführte.
Doch er war noch nicht weit gekommen, da hörte er, dass er verfolgt wurde. Hinter ihm stapfte jemand mit schweren Schritten und stieß einen beschlagenen Stock auf den Boden. Es klang, als hätte sich der Bronzemann vom Markt persönlich auf die Wanderschaft gemacht.
Während der Junge die Straße hinuntereilte, lauschte er auf die Schritte und wurde sich immer sicherer, dass es der Bronzemann war. Der Boden zitterte, und die Häuser bebten. Diese schweren Schritte – das konnte kein anderer sein, und als der Junge daran dachte, was er gerade zu ihm gesagt hatte, bekam er es mit der Angst. Er getraute sich nicht, den Kopf zu drehen und nachzusehen, ob er es wirklich war.
»Vielleicht geht er nur zum Vergnügen spazieren«, dachte der Junge. »Er kann mir meine Worte vorhin doch wohl nicht übelgenommen haben. Es war ja nicht böse gemeint.«
Anstatt geradeaus zu gehen und den Weg zur Werft zu suchen, bog der Junge in eine Straße ab, die nach Osten führte. Er wollte dem Kerl, der hinter ihm her war, um jeden Preis entkommen.
Doch gleich darauf hörte er, dass auch der Bronzemann in diese Straße einbog, und da erschrak er so heftig, dass er nicht ein noch aus wusste. Wie sollte er in einer Stadt, wo alle Tore verschlossen waren, einen Schlupfwinkel finden? Da entdeckte er zur Rechten, ein Stück von der Straße entfernt und mitten in einer großen Parkanlage, eine alte Holzkirche. Ohne einen Augenblick zu überlegen, stürzte er in diese Richtung. »Wenn ich es nur bis in die Kirche schaffe, dann bin ich wohl vor allem Bösen beschützt«, meinte er.
Im Laufen erblickte er plötzlich einen Mann, der an einem Sandweg stand und ihm zuwinkte. »Der will mir sicher helfen«, dachte der Junge, freute sich sehr und eilte zu ihm. Er hatte wirklich so große Angst, dass ihm das Herz in der Brust hämmerte.
Doch als er den Mann erreichte, der auf einem kleinen Schemel am Wegesrand stand, verlor er die Fassung. »Der kann mir doch nicht zugewinkt haben«, dachte er, denn wie er jetzt sah, war der ganze Mann aus Holz.
Er blieb stehen und starrte ihn an. Der Mann war grob geschnitten, hatte kurze Beine, ein breites, rotwangiges Gesicht, glänzend schwarze Haare und einen schwarzen Vollbart. Auf dem Kopf trug er einen schwarzen Holzhut, auf dem Leib einen braunen Holzrock, um den Bauch eine schwarze Holzschärpe, an den Beinen weite, graue Holzkniehosen und Holzkniestrümpfe und an den Füßen schwarze Holzstiefel. Er war frisch gestrichen und frisch gefirnisst, so dass er im Mondschein blitzte und blinkte, und das verlieh ihm wohl auch einen so gutmütigen Ausdruck, dass der Junge sogleich Vertrauen zu ihm fasste.
In der linken Hand hielt er eine Holztafel, und der Junge las darauf:
Mit matter Stimme zwar
Bitt ich euch, seid so gut,
Reicht mir ein Goldstück dar,
Legt’s unter meinen Hut!
Aha, der Kerl diente nur als Armenbüchse. Der Junge, der etwas ganz Besonderes erwartet hatte, fühlte sich nun enttäuscht. Da fiel ihm ein, dass Großvater auch von diesem Holzmann erzählt und berichtet hatte, wie gern ihn alle Kinder von Karlskrona hätten. Das stimmte gewiss, und auch ihm fiel es schwer, sich von dem hölzernen Mann zu trennen.
Der Junge betrachtete ihn mit so viel Vergnügen, dass er den anderen, vor dem er weglaufen wollte, vollkommen vergaß. Doch jetzt hörte er, dass dieser von der Straße abbog und den Kirchhof betrat. Der Kerl kam also auch hierher! Wohin sollte sich der Junge nun wenden?
Im gleichen Augenblick sah er, dass sich der Holzmann zu ihm herunterbeugte und ihm seine große, breite Hand entgegenstreckte. Man konnte ihm ganz einfach nichts Böses zutrauen, und mit einem Satz sprang der Junge in seine Hand. Der Holzmann hob ihn empor und steckte ihn unter seinen Hut.
Kaum war der Junge in Sicherheit, kaum hatte der Holzmann seinen Arm wieder am rechten Platz, da blieb der Bronzemann vor ihm stehen und stieß den Stock so hart auf den Boden, dass der Hölzerne auf seinem Schemel erbebte. Dann fragte der Bronzemann mit lauter, klingender Stimme: »Wer ist Er denn?«
Der Arm des Holzmanns flog so schnell in die Höhe, dass es in dem alten Holzwerk knackte, und als er antwortete, legte er die Hand an die Hutkrempe: »Rosenbom, mit Verlaub, Euer Majestät. Weiland Oberbootsmann auf dem Linienschiff ›Kühnheit‹, nach beendigtem Kriegsdienst Kirchenwächter der Admiralitätskirche, schließlich in Holz geschnitzt und auf dem Kirchhof als Armenbüchse aufgestellt.«
Als der Junge den Holzmann »Euer Majestät« sagen hörte, schrak er zusammen. Wenn er recht überlegte, wusste er auch, dass die Statue auf dem Marktplatz den Gründer der Stadt darstellte. Er war an keinen Geringeren als König Karl XI. leibhaftig geraten.
»Er versteht es, über sich Auskunft zu geben«, sagte der Bronzemann. »Kann Er mir nun auch sagen, ob Er einen kleinen Knaben gesehen hat, der heute Nacht in der Stadt herumläuft? Das ist eine naseweise Kanaille, und wenn ich ihn zu packen bekomme, dann will ich ihn schon Mores lehren.« Dabei stieß er den Stock noch einmal auf den Boden und sah entsetzlich böse aus.
»Mit Verlaub, Euer Majestät, ich habe ihn gesehen«, sagte der Holzmann, und der Junge, der zusammengekrümmt unter dem Hut saß und den Bronzemann durch einen Riss im Holz wahrnehmen konnte, begann vor Angst zu zittern. Doch er beruhigte sich, als der Holzmann fortfuhr: »Euer Majestät sind auf der falschen Spur. Dieser Knabe hatte gewiss die Absicht, sich in der Werft zu verstecken.«
»Meint Er das, Rosenbom? Ja, dann soll Er nicht länger auf seinem Schemel stehen, sondern mitkommen und mir bei der Suche nach ihm helfen! Vier Augen sehen mehr als zwei, Rosenbom.«
Doch der Holzmann entgegnete mit kläglicher Stimme: »Ich möchte untertänigst darum bitten, stehen bleiben zu dürfen, wo ich stehe. Die Bemalung lässt mich zwar frisch und glänzend erscheinen, doch ich bin alt und morsch, und Bewegung bekommt mir nicht.«
Der Bronzemann gehörte wohl nicht zu jenen, die Widerspruch gut vertragen. »Was sind denn das für Manieren? Komm Er nur, Rosenbom!« Und er hob seinen langen Stock und versetzte dem anderen einen Schlag auf die Schulter, dass es dröhnte. »Da sieht Er mal, wie Er hält, Rosenbom!«
Nun brachen sie auf und schritten groß und gewaltig durch die Straßen von Karlskrona, bis sie ein hohes Tor erreichten, das zur Werft führte. Ein Matrose der Marine hielt davor Wache, doch der Bronzemann ging einfach an ihm vorbei und öffnete das Tor mit einem Fußtritt, ohne dass es der Matrose zu bemerken schien.
Als sie auf dem Gelände der Werft angelangt waren, sahen sie vor sich einen großen Hafen, der mit Pfahlbrücken abgeteilt war. In den verschiedenen Hafenbecken lagen die Kriegsschiffe und wirkten aus der Nähe größer und furchterregender als von oben, wie der Junge sie zuerst gesehen hatte. »Da war es doch nicht so verkehrt, dass ich sie für Meerestrolle gehalten habe«, dachte er.
»Was meint Er, Rosenbom, wo sollen wir mit der Suche beginnen?«, fragte der Bronzemann.
»So einer wie der könnte sich wohl am leichtesten im Modellsaal verstecken«, antwortete der Holzmann.
Auf einem schmalen Streifen Land, der sich rechts vom Tor am ganzen Hafen entlangzog, standen altertümliche Gebäude. Der Bronzemann näherte sich einem Haus mit niedrigen Wänden, kleinen Fenstern und einem stattlichen Dach. Er stieß mit seinem Stock gegen die Tür, dass sie aufsprang, und stapfte eine Treppe mit ausgetretenen Stufen hinauf. Dann kamen sie in einen großen Saal, in dem lauter kleine aufgetakelte Schiffe standen. Ohne dass es ihm jemand sagte, begriff der Junge, dass es sich um die Modelle jener Schiffe handelte, die für die schwedische Flotte gebaut worden waren.
Da gab es viele verschiedene Arten von Schiffen. Es gab alte Linienschiffe mit kanonengespickten Seiten, hohen Aufbauten vorn und achtern und einem Wirrwarr von Segeln und Tauwerk an den Masten. Es gab kleine Küstenschiffe mit Ruderbänken an den Seiten, unbedeckte Kanonenschaluppen und reich vergoldete Fregatten, Modelle von jenen, die die Könige auf ihren Reisen benutzt hatten. Endlich gab es auch die schweren, breiten Panzerschiffe mit Türmen und Kanonen auf dem Deck, wie man sie heutzutage benutzt, und schmale, glänzende Torpedoboote, die Ähnlichkeit mit langen, schlanken Fischen hatten.
Der Junge, der von dem Holzmann zwischen alledem herumgetragen wurde, staunte nicht schlecht. »Dass man so große und prächtige Schiffe in Schweden gebaut hat!«, dachte er.
Er hatte genug Zeit, um sich anzusehen, was es hier gab, denn als der Bronzemann die Modelle entdeckte, vergaß er darüber alles andere. Er nahm sie alle in Augenschein, vom ersten bis zum letzten, und stellte viele Fragen. Und Rosenbom, der Oberbootsmann von der »Kühnheit«, erzählte ihm, was er von den Baumeistern der Schiffe, von ihren Befehlshabern und von ihren Schicksalen wusste. Er berichtete von Chapman und Puke und Trolle, von Hogland und Svensksund, bis zum Jahre 1809, denn länger war er nicht dabei gewesen.
Beide Männer sprachen vor allem über die prächtigen alten Schiffe aus Holz. Auf die neuen Panzerschiffe schienen sie sich nicht recht zu verstehen.
»Wie ich höre, weiß Er nichts von diesen neuen, Rosenbom«, sagte der Bronzemann. »Deshalb wollen wir weitergehen und etwas anderes besichtigen. Denn dieses macht mir Vergnügen, Rosenbom.«
Die Suche nach dem Jungen hatte er nun wohl ganz und gar aufgegeben, und der fühlte sich auf seinem Platz unter dem Holzhut sicher und geborgen.
Darauf wanderten die beiden Männer durch die großen Werkhallen: die Segelmacherwerkstatt und die Ankerschmiede, Maschinen- und Tischlerwerkstätten. Sie sahen die hohen Kräne und die Docks, die großen Vorratshäuser, den Artilleriehof, das Zeughaus, die lange Seilerbahn und das große, verlassene Dock, das man in den Felsen gesprengt hatte. Sie gingen auf die Pfahlbrücken, wo die Kriegsschiffe vertäut lagen, stiegen an Bord und besichtigten sie – alte Seebären, die sie waren –, bewunderten und bemängelten, lobten und tadelten.
Der Junge, der sicher unter dem Holzhut saß, hörte sie davon erzählen, wie man gearbeitet und sich abgemüht hatte, um all jene Flotten auszurüsten, die hier ausgelaufen waren. Leben und Blut hatte man gewagt und das letzte Scherflein geopfert, um die Kriegsschiffe zu bauen. Begabte Männer hatten alle ihre Kräfte angestrengt, um diese Schiffe, die der Schutz des Vaterlands gewesen waren, zu verbessern und zu vervollkommnen. Als der Junge all das hörte, traten ihm ein paarmal fast die Tränen in die Augen, und er war froh, dass es ihm so gut erklärt wurde.
Zuletzt gingen sie auf einen offenen Hof, wo die Galionsfiguren der alten Linienschiffe aufgestellt waren. So etwas Merkwürdiges hatte der Junge noch nie gesehen, denn diese Figuren hatten ungeheure, furchterregende Gesichter. Sie waren groß, kühn und wild, erfüllt von demselben stolzen Geist, der die großen Schiffe ausgerüstet hatte. Sie stammten aus einer anderen Zeit als der seinen, und er glaubte vor ihnen zusammenzuschrumpfen.
Hier aber sagte der Bronzemann zum Holzmann: »Zieh Er den Hut vor denen, die hier stehen, Rosenbom! Sie haben alle für das Vaterland gekämpft.«
Und da auch Rosenbom vergessen hatte, warum sie eigentlich zu dieser Wanderung aufgebrochen waren, nahm er, ohne zu überlegen, den Holzhut vom Kopf und rief: »Ich lüfte den Hut vor jenem, der den Hafen ausgewählt und die Werft begründet und die Flotte neu geschaffen, vor jenem König, der dies alles zum Leben erweckt hat.«
»Danke, Rosenbom! Das hat Er gut gesagt. Er ist ein prächtiger Kerl. Aber was ist denn das, Rosenbom?«
Da stand mitten auf Rosenboms kahlem Scheitel Nils Holgersson. Doch jetzt hatte er keine Angst mehr, sondern schwenkte seine weiße Mütze und rief: »Hoch sollst du leben, Großlippe!«
Der Bronzemann stieß den Stock hart auf den Boden, doch was er vorhatte, das erfuhr der Junge nicht mehr, denn jetzt ging die Sonne auf. Im selben Moment verschwanden Bronzemann und Holzmann, als wären sie nur aus Nebel. Während er noch dastand und ihnen nachsah, verließen die Wildgänse den Kirchturm und kreisten schwebend über der Stadt. Mit einem Mal erblickten sie Nils Holgersson, und da schoss der große Weiße aus den Wolken herunter und holte ihn.
Die Reise zur Insel Öland
Sonntag, den 3. April
Die Wildgänse flogen zu einer Schäreninsel, um zu äsen. Hier trafen sie mit einigen Graugänsen zusammen, und diese wunderten sich über ihren Anblick sehr, denn sie wussten wohl, dass ihre Verwandten, die Wildgänse, am liebsten über das Landesinnere flogen. Sie waren neugierig und fragten so lange, bis ihnen die Wildgänse berichteten, wie sie unter Smirres Nachstellungen gelitten hatten. Darauf sagte eine Graugans, die genauso alt und genauso klug wie Akka zu sein schien: »Es ist für euch ein großes Unglück, dass der Fuchs in seinem eigenen Land geächtet wurde. Er wird euch gewiss bis nach Lappland folgen. Ich an eurer Stelle würde nicht über Småland nach Norden reisen, sondern außen herum über Öland, damit er eure Spur völlig verliert.«
Das war wirklich ein kluger Rat, und die Wildgänse beschlossen, ihn zu beherzigen. Sobald sie sich satt gefressen hatten, machten sie sich auf den Weg nach Öland. Keine von ihnen war schon einmal dort gewesen, doch die Graugänse hatten ihnen die Wegmarken gut erklärt. Sie brauchten nur direkt nach Süden zu der großen Vogelzugstraße zu fliegen, die an der Küste von Blekinge entlangführt. Alle Vögel, die den Winter an der Nordsee verbringen und sich im Frühjahr nach Finnland und Russland begeben, fliegen dort entlang, und oft machen sie Zwischenstation auf Öland.
An diesem Tag war es vollkommen windstill und so warm wie im Sommer – das beste Wetter, das man sich für eine Seereise wünschen konnte. Es war nur ein wenig verdächtig, dass der Himmel nicht ganz klar, sondern grau und verhangen war. Hier und da gab es riesige Wolkenmassen, die hinunter bis auf die Meeresfläche hingen und die Aussicht verdeckten.
Als die Reisenden die Schären hinter sich gelassen hatten, breitete sich das Meer so glatt und spiegelnd vor ihnen aus, dass der Junge bei einem Blick in die Tiefe glaubte, das Wasser sei verschwunden. Die Erde unter ihm war nicht mehr da, er war nur noch von Wolken und Himmel umgeben.
Bald hatten die Reisenden die große Vogelflugstraße erreicht, von der die Graugänse erzählt hatten. Hier kam wirklich ein Schwarm nach dem anderen geflogen, und alle verfolgten sie dieselbe Richtung, gleichsam einen abgesteckten Weg. Es waren Enten und Graugänse, Samtenten und Grilllummen, Taucher und Eisenten, Sägetaucher und Lappentaucher, Austernfischer und Trauerenten.
Die Vögel waren erschöpft und wollten möglichst schnell ihr Ziel erreichen. Keiner von ihnen schrie oder rief ein Scherzwort, und dadurch kam dem Jungen alles ganz sonderbar unwirklich vor.
»Wenn wir nun die Erde verlassen haben«, sagte er bei sich, »und hinauf in den Himmel fliegen?«
Um sich herum sah er nichts als Wolken und Vögel, und allmählich glaubte er, dass sie tatsächlich himmelwärts reisten. Das freute ihn, denn er wollte gern wissen, wie es da oben aussah.
Doch in diesem Moment hörte er Schüsse knallen und sah ein paar weiße Rauchwölkchen aufsteigen.
Unter den Vögeln entstand Unruhe und Aufregung. »Schützen! Schützen! Schützen in Booten!«, riefen sie. »Fliegt höher! Fliegt weg!«
Da erkannte der Junge endlich, dass sie sich immer noch über dem Meer befanden und ganz und gar nicht im Himmel. Auf dem Wasser schwammen kleine Boote in einer langen Reihe, und darin saßen Jäger, die einen Schuss nach dem anderen abgaben. Die ersten Vogelscharen hatten sie zu spät bemerkt und waren zu tief geflogen. Mehrere dunkle Körper sanken ins Meer, und für jeden, der fiel, stimmten die Lebenden ein lautes Klagegeschrei an.
Wenn man sich eben noch im Himmel wähnte, dann ist es seltsam, so schrecklich und furchtbar geweckt zu werden. Akka schoss in die Höhe, so schnell sie konnte, und dann eilte die Schar im größtmöglichen Tempo davon. Obwohl die Wildgänse unversehrt entkamen, konnte sich der Junge von seinem Ärger gar nicht erholen. Wie war es nur möglich, dass jemand auf Akka und Yksi und Kaksi und den Gänserich und die anderen Vögel schoss! Die Menschen wussten gar nicht, was sie da taten.
Noch ehe sie Öland in Sichtweite hatten, wehte ihnen ein leichter Wind entgegen. Er brachte etwas mit, das großen weißen Rauchwolken glich, wie von einer riesigen Feuersbrunst.
Als die Vögel die ersten weißen Wirbel erblickten, erschraken sie und flogen schneller. Doch was wie Rauch ausgesehen hatte, quoll nun immer dichter heran, und schließlich waren sie ganz und gar davon eingehüllt. Dieser Rauch war geruchlos und auch nicht dunkel und trocken, sondern weiß und feucht. Plötzlich ging dem Jungen auf, dass es nichts weiter als Nebel war.
Als sich die Schwaden so verdichtet hatten, dass man keine Gänselänge weit sehen konnte, wurden die Vögel, die zuvor in guter Ordnung geflogen waren, auf einmal ganz närrisch. Sie flatterten hierhin und dahin und lockten sich gegenseitig in die Irre. »Passt auf!«, riefen sie. »Ihr fliegt ja im Kreis! Um Gottes willen, kehrt um! Auf diese Weise kommt ihr nie nach Öland.«
Sie bemühten sich nach Kräften, untereinander Verwirrung zu stiften. »Seht euch mal diese Eisenten an!«, tönte es im Nebel. »Die fliegen zurück zur Nordsee.«
»Passt auf, Graugänse!«, schrie jemand von der anderen Seite. »Wenn ihr so weiterfliegt, kommt ihr nach Rügen!«
Für jene Vögel, die diese Gegend von früheren Reisen kannten, bestand keine Gefahr, in die falsche Richtung zu geraten. Aber die Wildgänse hatten es jetzt schwer. Als nämlich die Spaßvögel merkten, dass sie des Weges nicht sicher waren, taten sie ihr Bestes, um sie irrezumachen.
»Wohin wollt ihr denn, liebe Leute?«, rief ein Schwan. Er steuerte direkt auf Akka zu und wirkte teilnahmsvoll und seriös.
»Wir wollen nach Öland, sind aber noch nie dort gewesen«, sagte Akka. Sie hielt den Schwan für einen vertrauenswürdigen Vogel.
»Das ist ja schlimm«, sagte der Schwan. »Man hat euch in die Irre gelockt. Ihr seid unterwegs nach Blekinge. Folgt mir nur, ich werde euch den rechten Weg zeigen!«
Dann flog er mit ihnen davon, und als er sie so weit von der großen Vogelzugstraße weggeführt hatte, dass sie die Rufe von dort nicht mehr hörten, verschwand er im Nebel.
Nun flogen sie eine Weile ganz und gar blind. Kaum war es ihnen gelungen, die anderen Vögel wiederzufinden, da näherte sich eine Ente. »Es ist am besten, ihr legt euch so lange aufs Wasser, bis sich der Nebel hebt«, sagte sie. »Man merkt ja gleich, dass ihr es nicht gewöhnt seid, euch auf Reisen zu orientieren.«
Es war nicht zu leugnen, dass es den Spaßvögeln schließlich gelang, Akka restlos durcheinanderzubringen. Soweit der Junge verstehen konnte, flogen die Wildgänse eine lange Zeit im Kreis.
»Passt auf! Seht ihr denn nicht, dass ihr auf- und niederfliegt?«, rief ein Taucher im Vorübereilen. Unwillkürlich hielt sich der Junge am Hals des Gänserichs fest. So etwas Ähnliches hatte er längst befürchtet.
Niemand kann sagen, wann sie ans Ziel gelangt wären, hätten sie nicht in weiter Ferne einen dumpf rollenden Schuss gehört.
Da reckte Akka den Hals und jagte davon, so schnell sie konnte. Die Graugans hatte ihr nämlich gesagt, dass auf der Südspitze von Öland eine Kanone stehe, mit der die Menschen auf den Nebel schossen. Nun wusste sie die Richtung, und niemand auf der Welt konnte sie jetzt in die Irre locken.
Die Südspitze von Öland
3. bis 6. April
Im südlichsten Teil von Öland liegt eine alte Domäne mit Namen Ottenby. Es ist ein ziemlich großes Gut, das sich quer über die Insel von einem Ufer zum anderen erstreckt. Das Besondere daran ist, dass es zu allen Zeiten großen Scharen von Tieren als Zufluchtsort diente. Im 17. Jahrhundert, als die Könige nach Öland zu reisen pflegten, um dort zu jagen, war das ganze Gut ein einziger großer Hirschgarten. Im 18. Jahrhundert gab es dort ein Gestüt, in dem edle Rassepferde gezüchtet wurden, und eine Schäferei mit mehreren hundert Schafen. Zu unserer Zeit hält man auf Ottenby große Scharen von Jungpferden, die für unsere Kavallerieregimenter bestimmt sind.
Es gibt gewiss kein Gut im ganzen Land, das als Aufenthaltsort für Tiere besser geeignet wäre. An der Ostküste liegt die alte Schäferwiese, die eine Viertelmeile lang und damit die größte Wiese auf Öland ist. Hier können die Tiere Futter suchen und spielen und sich frei wie in der Wildnis tummeln. Weiterhin gibt es den berühmten Hain von Ottenby mit seinen hundertjährigen Eichen, die Schatten vor der Sonne und Schutz vor dem scharfen Ölandwind bieten. Man darf auch die lange Mauer nicht vergessen, die von Ufer zu Ufer reicht und Ottenby von der übrigen Insel abgrenzt. Die Tiere können daran erkennen, wie weit sich die alte Domäne erstreckt, und sich davor hüten, ein anderes, weniger geschütztes Gebiet zu betreten.
Doch auf Ottenby leben nicht nur zahlreiche zahme Tiere. Hier halten sich auch Hirsche vom alten Stamm, dazu Hasen, Brandenten und Rapphühner sehr gern auf, und im Frühling und Spätsommer dient das Gut vielen Tausenden von Zugvögeln als Rastplatz.
Die Wildgänse ließen sich wie alle anderen auf dem Landstrich unterhalb der Schäferwiese nieder. Es war ein flacher Sandstrand mit Steinen und Wasserlachen und Haufen von angespültem Tang. Wenn es nach dem Jungen gegangen wäre, dann hätte er sich wohl niemals hier niedergelassen, doch für die Vögel war dieser Platz gewiss ein richtiges Paradies. Auf der Wiese ästen Enten und Graugänse, näher am Wasser liefen Wasserläufer und andere Strandvögel herum. Die Taucher schwammen im Meer und fischten, und das größte Getümmel herrschte auf den langen Tangbänken vor der Küste. Dort standen die Vögel dicht an dicht und pickten Futter, das es hier in unendlicher Menge geben musste, denn niemals hörte man über Mangel an Nahrung klagen.
Die meisten Vögel wollten weiterreisen und sich hier nur ausruhen. Sobald der Anführer einer Schar der Meinung war, seine Kameraden hätten sich lange genug erholt, sagte er: »Seid ihr jetzt fertig? Dann machen wir uns wohl auf den Weg!«
»Nein, warte, warte! Wir sind noch lange nicht satt«, sagten seine Gefolgsleute.
»Ihr glaubt doch wohl nicht, dass ich euch so lange fressen lasse, bis ihr euch nicht mehr rühren könnt?«, sagte der Anführer, klatschte mit den Flügeln und flog davon. Doch es geschah mehr als einmal, dass er wieder umkehren musste, weil sich die anderen nicht zum Mitkommen bewegen ließen.
Vor den äußersten Tangbänken lag eine Schar von Schwänen. Sie mochten sich nicht an Land begeben, sondern ruhten sich auf dem Wasser schaukelnd aus. Hin und wieder tauchten sie die Hälse ein und holten sich Futter vom Meeresgrund. Hatten sie etwas besonders Gutes erwischt, dann stießen sie laute Rufe aus, die wie Trompetenstöße klangen.
Der Nebel lag auf der Insel genauso dicht wie zuvor auf dem Meer. Als der Junge die Schwäne im flachen Wasser hörte, eilte er zu den Tangbänken hinaus. Er hatte Glück und kam ganz dicht an sie heran.
Er war nicht der Einzige, der die Schwäne vernommen hatte. Auch Wildgänse und Graugänse, Enten und Taucher schwammen zu den Bänken, umgaben die Schwäne wie ein Ring und starrten sie an. Die Schwäne plusterten ihr Gefieder, hoben die Flügel wie Segel und reckten die Hälse hoch empor. Manchmal näherte sich einer von ihnen einer Gans oder einem Prachttaucher und äußerte ein paar Worte. Dann sah es aus, als wagte der Angesprochene kaum den Schnabel zur Antwort zu öffnen.
Aber da war auch ein kleiner Sterntaucher, ein schwarzes übermütiges Bürschchen, das all diese Feierlichkeit nicht ertrug. Er tauchte blitzschnell und verschwand unter der Oberfläche. Gleich danach schrie einer der Schwäne auf und schwamm so schnell davon, dass das Wasser schäumte. Nach einer Weile hielt er an und wirkte nun wieder ganz majestätisch. Doch bald schrie ein zweiter Schwan genauso, und dann schrie ein dritter.
Jetzt konnte der Sterntaucher nicht länger unter Wasser bleiben, sondern erschien an der Oberfläche: klein, schwarz und boshaft. Die Schwäne stürzten auf ihn los, doch als sie sahen, was für ein armer Wicht er war, machten sie kehrt, als wäre es unter ihrer Würde, sich mit ihm anzulegen. Da tauchte der Sterntaucher ein zweites Mal unter und kniff sie in die Füße. Das tat sicher weh, und am schlimmsten für die Schwäne war, dass sie dabei ihre stolze Haltung einbüßten. Plötzlich wurde es ihnen zu viel. Sie schlugen mit den Flügeln, dass es klatschte, schienen ein langes Stück über das Wasser zu laufen, bekamen endlich Luft unter die Flügel und hoben ab.
Als die Schwäne verschwunden waren, trauerten ihnen die anderen Vögel nach, und jene, die zuvor an den Streichen des Sterntauchers ihren Spaß gehabt hatten, tadelten ihn jetzt für seine Unverschämtheit.
Der Junge kehrte an Land zurück und sah sich nun die Spiele der Wasserläufer an. Sie glichen winzigen Kranichen, hatten wie sie einen kleinen Körper, lange Beine und lange Hälse und bewegten sich leicht und schwebend, waren aber nicht grau, sondern braun. Sie standen in einer langen Reihe am Wellensaum, und sobald sich eine Welle näherte, wich die ganze Reihe zurück, um ihr dann wieder in die entgegengesetzte Richtung zu folgen. So liefen sie stundenlang hin und her.
Am hübschesten von allen Vögeln waren die Brandenten. Sie waren zwar mit den gewöhnlichen Enten verwandt und hatten den gleichen schweren, gedrungenen Körper, einen breiten Schnabel und Schwimmhäute zwischen den Zehen, waren aber viel prächtiger gekleidet. Ihr eigentliches Federgewand war weiß, um den Hals trugen sie ein breites gelbes Band, ihr Flügelspiegel glänzte grün, rot und schwarz, die Flügelspitzen waren schwarz, und ihr Kopf war schwarz-grün und schillerte wie Seide.
Sowie einige von ihnen am Strand erschienen, sagten die anderen Vögel: »Seht euch mal die an! Die können sich aber aufdonnern!«
»Wenn sie nicht so prunken würden, brauchten sie ihre Nester nicht in den Boden zu graben, sondern könnten sich offen zeigen wie andere Leute«, sagte ein braunes Stockentenweibchen.
»Sie können sich noch so viel Mühe geben, wer so eine Nase hat wie sie, der sieht nie nach etwas aus«, sagte eine Graugans. Und das stimmte wirklich. Die Brandenten hatten an der Schnabelwurzel eine große Knolle, die ihnen das Aussehen verdarb.
Dicht am Strand flogen Möwen und Seeschwalben über das Wasser und fischten. »Was holt ihr denn da für Fische hoch?«, fragte eine Wildgans.
»Das sind Stichlinge, Ölandstichlinge. Das sind die besten Stichlinge von der Welt«, sagte eine Möwe. »Willst du mal kosten?« Und sie näherte sich der Gans, den Schnabel voll von kleinen Fischen.
»Nein, pfui! Glaubst du, ich will so etwas Scheußliches essen?«, entgegnete die Wildgans.
Am nächsten Morgen war der Nebel noch genauso dicht. Die Wildgänse ästen auf der Wiese, und der Junge ging derweil am Strand entlang und sammelte Muscheln, die es hier reichlich gab. Als er daran dachte, dass er am nächsten Tag vielleicht an einem Ort landete, wo es gar nichts zu essen gab, beschloss er, sich einen kleinen Behälter anzufertigen und mit Muscheln zu füllen. Auf der Wiese entdeckte er altes Riedgras, das zäh und haltbar war, und machte sich nun daran, einen Ranzen daraus zu flechten. Diese Arbeit dauerte mehrere Stunden, aber dann war er mit dem Ergebnis auch sehr zufrieden.
Um die Mittagszeit kamen sämtliche Wildgänse gelaufen und fragten ihn, ob er den weißen Gänserich gesehen habe. »Nein, der ist nicht bei mir gewesen«, sagte der Junge.
»Eben war er noch mit uns zusammen«, sagte Akka, »aber jetzt wissen wir nicht mehr, wo er ist.«
Der Junge bekam einen großen Schreck und fuhr auf. Er fragte, ob sie irgendeinen Fuchs oder einen Adler oder einen Menschen in der Nähe gesehen hätten. Doch niemand hatte etwas Gefährliches bemerkt. Der Gänserich hatte sich wohl nur im Nebel verirrt.
Wie immer der Gänserich verschwunden sein mochte – das Unglück blieb für den Jungen gleich groß, und er machte sich sofort an die Suche. Der Nebel gab ihm zwar Schutz, so dass er überall ungesehen herumlaufen konnte, doch selbst konnte er darin auch nicht viel sehen.
Er suchte, bis die Dämmerung hereinbrach. Doch als er nun zurückwanderte, wer kam ihm da groß und weiß im Nebel entgegen? Der Gänserich! Er war völlig unverletzt und freute sich sehr, dass er nun endlich einen der anderen gefunden hatte. Der Nebel habe ihn so verwirrt, sagte er, dass er den ganzen Tag nur auf der großen Wiese herumgelaufen sei. Der Junge umarmte ihn vor Freude und bat ihn, er solle ja auf sich achtgeben und sich nicht wieder von den anderen entfernen. Und das versprach der Gänserich hoch und heilig. Er werde es bestimmt nicht wieder tun.
Doch als der Junge am nächsten Morgen am Strand Muscheln suchte, kamen die Wildgänse gelaufen und fragten ihn, ob er den Gänserich gesehen habe.
Nein, das hatte er nicht. Jetzt war der Gänserich also wieder verschwunden. Er hatte sich im Nebel verirrt wie am Tag zuvor.
Den Jungen packte ein großes Entsetzen, und sofort machte er sich ans Suchen. Doch er konnte den Gänserich nicht finden, und als es Abend wurde und er zum Strand zurückkehren musste, war er davon überzeugt, dass sein Reisekamerad verloren sei.
Auf einmal glaubte er in einem Steinhaufen eine Bewegung zu bemerken. Er schlich sich näher heran und entdeckte nun den Gänserich, der, den Schnabel voll langer Wurzelfasern, mühsam den Steinhaufen erklomm. Er sah den Jungen nicht, und der rief ihn auch nicht an, sondern wollte erst einmal herausbekommen, warum der Gänserich immer wieder verschwand.
Bald erfuhr er den Grund. Auf dem Steinhaufen lag eine junge Graugans, die einen Freudenschrei ausstieß, als sich der Gänserich näherte. Der Junge schlich sich noch dichter heran, um ihr Gespräch zu belauschen. Da hörte er nun, dass die Graugans den einen Flügel nicht bewegen konnte, dass ihre Schar ohne sie abgereist war und sie allein zurückgelassen hatte. Sie war dem Hungertod nahe gewesen, doch am Tag zuvor hatte der Gänserich ihre Rufe gehört und sie aufgesucht. Seitdem versorgte er sie ständig mit Nahrung. Obwohl beide gehofft hatten, die Graugans würde vor der Abreise des Gänserichs genesen, konnte sie bis jetzt weder fliegen noch laufen. Darüber war sie sehr traurig, aber der Gänserich tröstete sie mit der Versicherung, er werde noch lange hierbleiben. Schließlich wünschte er ihr eine gute Nacht und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen.
Der Junge ließ den Gänserich davonziehen, und sobald dieser außer Sicht war, kletterte er leise auf den Steinhaufen. Er wollte dieser Graugans sagen, dass der Gänserich ihn nach Lappland bringen müsse. Es komme überhaupt nicht in Frage, dass er ihretwegen hierbleiben dürfe. Doch als er die junge Gans nun aus der Nähe sah, verstand er, warum ihr der Gänserich zwei Tage lang Futter gebracht hatte. Sie hatte ein wunderschönes Köpfchen, seidenweiche Federn und sanfte, flehende Augen.
Als sie den Jungen erblickte, versuchte sie wegzulaufen. Aber ihr linker Flügel war ausgerenkt und schleifte über den Boden, so dass sie in allen Bewegungen behindert war.
»Du brauchst keine Angst vor mir zu haben«, sagte der Junge und war gar nicht verärgert. »Ich bin Däumling, der Reisekamerad von Gänserich Martin«, fuhr er fort.
Tiere können manchmal etwas an sich haben, dass man sich fragt, ob sie nicht verwandelte Menschen sind. So ähnlich verhielt es sich mit der Graugans. Sowie sich der Däumling vorgestellt hatte, neigte sie sehr anmutig Hals und Kopf und sagte mit einer so lieblichen Stimme, dass man nicht glauben konnte, eine Gans zu hören: »Ich freue mich sehr, dass du hergekommen bist, um mir beizustehen. Der weiße Gänserich hat mir erzählt, dass niemand so klug und gut ist wie du.«
Das sagte sie mit einer solchen Würde, dass der Junge richtig verlegen wurde. »Das kann doch wohl kein Vogel sein«, dachte er. »Das ist bestimmt eine verzauberte Prinzessin.«
Jetzt wollte er ihr wirklich gern helfen und steckte seine kleinen Hände unter ihre Federn, um den Flügelknochen abzutasten. Der war zwar nicht gebrochen, doch mit dem Gelenk war etwas nicht in Ordnung. Sein Finger spürte, dass die Gelenkhöhle leer war. »Gib acht!«, sagte er, packte den Knochen mit festem Griff und fügte ihn dort ein, wo er sitzen sollte. Er machte seine Sache recht flink und gut, doch die arme Junggans schrie gellend auf und sank zwischen die Steine, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben.
Der Junge bekam einen furchtbaren Schreck. Da hatte er ihr helfen wollen, und jetzt war sie tot. Mit einem langen Satz sprang er vom Steinhaufen und lief davon.
Am nächsten Morgen hatte sich der Nebel verzogen, die Luft war klar, und Akka gab das Zeichen zum Aufbruch. Alle anderen waren dazu bereit, nur der weiße Gänserich machte Einwände. Doch Akka hörte nicht auf ihn, sondern flog los.
Der Junge sprang dem Gänserich auf den Rücken, und der Weiße folgte der Schar, obgleich langsam und unwillig. Der Junge war sehr froh, dass sie von der Insel aufbrachen. Er hatte Gewissensbisse wegen der Graugans. Gleichzeitig wunderte er sich, dass es der Weiße übers Herz brachte, sie zu verlassen.
Plötzlich aber machte der Gänserich kehrt. Die Sehnsucht nach der jungen Gans hatte ihn überwältigt. Aus der Lapplandreise mochte werden, was wollte. Er konnte nicht mitfliegen, wenn er wusste, dass sie krank und einsam dalag, dem Hungertod preisgegeben.
Mit ein paar Flügelschlägen hatte er den Steinhaufen erreicht. Doch zwischen den Steinen lag keine graue Junggans mehr.
»Daunenfein! Daunenfein! Wo bist du?«, rief der Gänserich.
»Sicher hat der Fuchs sie geholt«, dachte der Junge. Doch im selben Moment hörte er eine liebliche Stimme dem Gänserich antworten: »Hier bin ich, Gänserich, hier bin ich! Ich habe nur ein Morgenbad genommen.« Und aus dem Wasser kam die kleine Graugans, gesund und munter, und erzählte, der Däumling habe ihren Flügel eingerenkt. Sie sei nun völlig genesen und bereit, an der Reise teilzunehmen.
Die Wassertropfen auf ihren seidig schimmernden Federn glänzten wie Perlen, und wieder dachte der Däumling, dass sie eine richtige kleine Prinzessin sei.
Der große Schmetterling
Mittwoch, den 6. April
Die Gänse flogen an der langgestreckten Insel entlang, die deutlich unter ihnen sichtbar war. Der Junge erkannte nun, dass sie im Inneren aus einer kahlen Hochebene bestand, mit einem breiten Kranz von gutem, fruchtbarem Land an den Küsten. Da wurde ihm der Sinn einer Erzählung klar, die er am Abend zuvor gehört hatte.
Er hatte gerade an einer der vielen Windmühlen auf der Hochebene gesessen und sich ausgeruht, da waren zwei Schäfer mit ihren Hunden und einer großen Schafherde im Gefolge herangezogen. Der Junge hatte keine Angst gehabt, denn unter der Treppe der Mühle war er gut versteckt. Doch nun ergab es sich, dass die Hirten auf eben dieser Treppe Platz nahmen. Da blieb dem Jungen nichts weiter übrig, als sich still zu verhalten.
Der eine Schäfer war jung und sah aus wie die meisten Leute. Der andere aber war ein seltsamer alter Kauz. Er hatte einen großen, knochigen Körper, jedoch einen kleinen Kopf und weiche, sanfte Gesichtszüge. Es schien, als wollten Körper und Kopf überhaupt nicht zusammenpassen.
Als er eine Weile stumm dagesessen hatte, begann er mit seinem Kameraden ein Gespräch. Dieser holte Brot und Käse aus seinem Beutel und machte sich an seine Abendmahlzeit. Er antwortete kaum, hörte jedoch sehr geduldig zu.
»Jetzt will ich dir etwas erzählen, Erik«, sagte der alte Schäfer. »Mir ist der Gedanke gekommen, dass in früheren Zeiten, als Menschen und Tiere viel größer waren als heutzutage, wohl auch die Schmetterlinge eine ganz unglaubliche Größe erreichten. Und da gab es einmal einen Schmetterling, der war viele Meilen lang, und seine Flügel waren breit wie Seen. Sie waren blau und silberglänzend und so prächtig, dass ihm alle anderen Tiere nachschauten, wenn er durch die Luft flog.
Natürlich war es für ihn ein Nachteil, dass er zu groß war. Die Flügel konnten ihn nur mit Mühe tragen. Doch alles wäre noch gut gegangen, wäre er nur so klug gewesen und über dem Land geblieben. Das aber tat er nicht, sondern er begab sich hinaus auf die Ostsee. Und er war gar nicht weit geflogen, da kam ihm der Sturm entgegen und zerzauste ihm die Flügel. Ja, Erik, es lässt sich leicht vorstellen, was passieren musste, als der Ostseesturm die zarten Schmetterlingsflügel in die Finger bekam. Es dauerte nicht lange, da waren sie ausgerissen und davongewirbelt, und der arme Schmetterling fiel natürlich ins Meer. Zuerst schleuderten die Wellen ihn hin und her, dann warfen sie ihn auf ein paar Klippen vor Småland, und da blieb er liegen, in seiner ganzen Größe und Länge.
Nun denke ich mir, Erik, dass der Schmetterling auf dem festen Land bald verwittert und zerfallen wäre. Aber weil er ins Meer gefallen war, wurde er von Kalk durchsetzt und so hart wie Stein. Du weißt ja, dass wir am Strand Steine gefunden haben, die waren nichts weiter als versteinerte Würmer. Und ich glaube nun, dass es dem großen Schmetterlingskörper genauso erging. Ich glaube, als er da in der Ostsee lag, da wurde er zu einer langen, schmalen Klippe. Meinst du nicht auch?«
Er wartete auf eine Antwort, und der andere nickte ihm zu. »Erzähl weiter und lass mich hören, worauf du hinaus willst!«, sagte er.
»Jetzt pass mal auf, Erik, diese Insel Öland, auf der wir beide leben, die ist nichts anderes als der alte Schmetterlingskörper. Man braucht nur nachzudenken, dann merkt man, dass sie ein Schmetterling ist. Im Norden hat man den schmalen Oberkörper mit dem runden Kopf und im Süden den Unterkörper, der erst breiter und dann schmaler wird und in einer scharfen Spitze endet.«
Hier machte er wieder eine Pause und sah den Gefährten an, als sei er unsicher, wie diese Behauptung aufgenommen würde. Aber der Jüngere forderte ihn nur nickend zum Weitersprechen auf.
»Als nun der Schmetterling in einen Kalksteinfelsen verwandelt war, kamen mit dem Wind vielerlei Samen von Kräutern und Bäumen zu ihm geflogen und wollten Wurzeln schlagen. Doch auf dem kahlen, glatten Stein fanden sie schwer einen Halt. Es dauerte lange, bis dort etwas anderes als Riedgras gedieh. Dann kamen Schafschwingel, Sonnenröschen und Dornengebüsch. Auf Alvaret, der Kalksteinebene, ist die Pflanzendecke heute noch so dünn, dass der Fels nicht überall bedeckt ist, sondern hier und da hervorschimmert. Und niemand kann davon träumen, auf dieser dünnen Erdschicht zu pflügen und zu säen.
Wenn du mir nun darin zustimmst, dass die Kalksteinebene und die Strandwälle rundherum aus dem Schmetterlingskörper entstanden sind, dann kannst du mit Recht fragen, woher das Land unterhalb davon gekommen ist.«
»Ja, genau«, sagte der Schäfer kauend, »das hätte ich gern gewusst.«
»Du musst bedenken, dass Öland schon seit vielen, vielen Jahren im Meer liegt, und in dieser Zeit hat sich alles, was in den Wellen treibt, Tang und Sand und Muscheln, rings um die Insel angesammelt und ist liegen geblieben. Und vom östlichen wie vom westlichen Strandwall fielen Kies und Steine. Auf diese Weise sind die breiten Uferstreifen entstanden, und darauf können Getreide und Blumen und Bäume wachsen.
Hier oben, auf dem harten Schmetterlingsrücken, weiden nur Schafe und Kühe und Ponys; hier wohnen nur Kiebitz und Brachvogel, und an Bauten gibt es nur Windmühlen und ein paar armselige Steinunterkünfte, in denen wir Hirten uns verkriechen. Doch unten am Strand gibt es große Bauerndörfer und Kirchen und Pfarrhöfe und Fischerdörfer und eine ganze Stadt.«
Er sah den anderen fragend an. Der hatte aufgehört zu essen und knüpfte gerade seinen Proviantbeutel zu. »Ich frage mich, worauf du mit alledem hinaus willst«, sagte er.
»Ja, ich möchte nur eins wissen«, sagte der Schäfer und senkte die Stimme fast bis zum Flüstern, während seine kleinen Augen in den Nebel blickten, müde vom Spähen nach allem, was es nicht gibt, »ich möchte nur wissen, ob die Bauern, die in den viereckigen Höfen unterhalb der Strandwälle wohnen, oder die Fischer, die den Strömling aus dem Meer holen, oder die Kaufleute in Borgholm oder die Badegäste, die jeden Sommer herkommen, oder die Reisenden, die in den Ruinen von Schloss Borgholm herumstreifen, oder die Jäger, die hier im Herbst Rebhühner jagen, oder die Maler, die auf der Kalksteinebene sitzen und die Schafe und die Windmühlen malen – ich möchte gern wissen, ob einer von ihnen versteht, dass diese Insel einmal ein Schmetterling war, der mit großen, schimmernden Flügeln über das Meer geflogen ist.«
»O doch«, sagte der junge Schäfer plötzlich, »von denen, die abends am Rand des Strandwalls saßen und die Nachtigallen im Gebüsch der Wiese schlagen hörten und auf den Kalmarsund schauten, dürfte es wohl manch einem aufgegangen sein, dass diese Insel nicht auf dieselbe Art entstanden sein kann wie die anderen.«
»Ich möchte wissen«, fuhr der Alte fort, »ob wohl ein Einziger den Wunsch verspürt hat, die Windmühlen mit so großen Flügeln zu versehen, dass sie bis in den Himmel reichten und imstande wären, die ganze Insel aus dem Meer zu heben, damit sie fliegen könnte wie ein Schmetterling unter Schmetterlingen.«
»Vielleicht ist an deinen Worten etwas dran«, entgegnete der Jüngere, »denn in den Sommernächten, wenn sich der Himmel hoch und riesig über der Insel wölbt, da ist es mir manchmal so vorgekommen, als wollte sich die Insel aus dem Meer erheben und davonfliegen.«
Doch als der Alte den Jungen nun endlich zum Reden gebracht hatte, hörte er ihm kaum zu. »Ich möchte so gern wissen«, sagte er noch leiser, »ob jemand erklären kann, warum über der Kalksteinebene so eine Sehnsucht liegt. Ich habe sie alle Tage meines Lebens empfunden, und ich glaube, dass sie einem jeden, der sich hier aufhält, ins Herz dringt. Ich möchte wissen, ob denn kein anderer verstanden hat, woher all dieses Sehnen kommt – nämlich daher, dass die ganze Insel ein Schmetterling ist, der sich nach seinen Flügeln sehnt.«
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