Читать книгу: «Dax (Arizona Vengeance Team Teil 4)»
Sawyer Bennett
Arizona Vengeance Teil 4: Dax
Aus dem Amerikanischen ins Deutsche übertragen von Julia Weisenberger
© 2019 by Sawyer Bennett unter dem Originaltitel „Dax (Arizona Vengeance, Book #4)“
© 2022 der deutschsprachigen Ausgabe und Übersetzung by Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
© Covergestaltung: Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
© Coverfoto: Shutterstock.com
ISBN Print: 978-3-86495-544-0
ISBN eBook: 978-3-86495-545-7
Die Personen und die Handlung des Romans sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.
Dieser Roman darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches andere Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Vorwort und Widmung
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Autorin
Vorwort und Widmung
Liebe Leserinnen und Leser,
nur ein kurzer Hinweis, dass der Beginn von Dax’ Buch zeitgleich mit dem Ende von Legends Geschichte verläuft, sodass ihr einige Ereignisse wiedererleben werdet, aber aus einer anderen Perspektive. Ich hoffe, ihr genießt Dax und Regans Weg in die Liebe. Wenn ihr „Legend“ noch nicht gelesen habt, macht euch keine Sorgen. Ihr werdet der Handlung, auch ohne das vorherige Buch gelesen zu haben, gut folgen können.
Ich möchte dieses Buch zwei ganz besonderen Freunden widmen.
Erstens: Kristen Carsone, einer coolen Lady, engagierten Mutter, super Krankenschwester und mutigen Frau, die gegen paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie (PNH) kämpft. Kristen hat viel Zeit damit verbracht, mich über diese tödliche, seltene Krankheit aufzuklären, sodass ich auf den Seiten dieses Buches darauf aufmerksam machen konnte. Jede Abweichung von den Tatsachen in Bezug auf PNH ist künstlerische Freiheit, obwohl ich versucht habe, so genau wie möglich zu bleiben. Ich habe den Namen des lebensrettenden Medikaments, das sie derzeit einnimmt, geändert. Eigentlich heißt es Soliris. Es klingt unglaublich, aber es kostet wirklich über vierhunderttausend Dollar pro Jahr. Danke, Kristen, dass du dein Leben mit mir geteilt hast, damit ich meine Heldin Regan so wunderbar machen konnte wie dich.
Zweitens: meinem Freund Dr. Mark Yoffe. Dies ist nicht das erste Buch, bei dem er mir geholfen hat, und es wird auch nicht das letzte sein. Vielen Dank für alles, was du für mich tust. Ich kann mich glücklich schätzen, dich in meinem Leben zu haben.
XOXO,
Sawyer
Kapitel 1
Dax
Ich klingle an der Tür von Lance’ Wohnung in Midtown Manhattan und warte darauf, dass seine Schwester aufmacht.
Regan Miles ist sechs Jahre jünger als ich, also zweiundzwanzig, und ich kenne sie schon ihr ganzes Leben. Ihr Bruder, Lance, war mein bester Freund, so lange ich denken kann. Wir wohnten im selben Viertel und unsere Eltern schickten uns in dieselbe Freizeiteishockeygruppe. Wir wuchsen gemeinsam in diesem Sport auf, machten den ganzen Weg durch die Major Juniors zusammen. Als wir sechzehn waren, wurden wir bei den Detroit Bears aufgenommen, einem von nur acht amerikanischen Teams, die in der kanadischen Eishockeyliga für Jugendliche spielen.
Wir waren immer zusammen, bis wir beide in die NHL kamen. Lance landete bei den Vipers, wo er seine gesamte Karriere verbrachte. Ich dagegen kam zu den Toronto Blazers und wechselte später zu den Vipers, für die ich drei Jahre lang spielte. Danach wurde ich zu meinem jetzigen Team, der Arizona Vengeance, getradet.
Unsere Freundschaft hat nie darunter gelitten. Wir redeten, schrieben uns SMS und besuchten einander, wann immer wir konnten. In den Sommerferien waren wir gemeinsam unterwegs. Erst im letzten Sommer verbrachten Lance und ich fast einen Monat in Rio, um die herrlichen Strände und die noch schöneren brasilianischen Ladys zu genießen.
Ich denke an die Frau, die Regan im Laufe der Jahre geworden ist. Lance hatte sich überhaupt nicht verändert, aber ich habe seine Schwester kaum wiedererkannt, als ich nach seinem Tod nach New York flog.
Das Rasseln der Kette auf der anderen Seite der Tür lässt mich zusammenzucken. Als Regan mit einem sanften Lächeln öffnet, muss ich fast die Augen wegen ihrer Schönheit zusammenkneifen. Irgendwann in den letzten Jahren, während sie in Kalifornien ihr Studium absolvierte, ist sie erwachsen geworden.
Sie hat sich regelrecht verwandelt.
Die Sexbombe, die vor mir steht, sieht ganz anders aus als der schlaksige, vierzehnjährige Teenager, den Lance allein aufziehen musste, nachdem ihre Eltern bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Meine letzte klare Erinnerung an Regan ist, dass sie eine Zahnspange, Akne und ein paar Pfund Übergewicht hatte. Sie war schüchtern und süß und bewunderte ihren Bruder wegen all der Opfer, die er brachte, um sie bei sich zu haben, während er sich in der Welt des professionellen Eishockeysports einen Namen machte.
Die Frau vor mir ist nicht die Regan Miles, an die ich mich erinnere.
Diese Frau ist eine Zwanzig auf einer Skala von eins bis zehn. Karamellfarbenes, an den Spitzen helleres und in Wellen gestyltes Haar, das ihr über die Schultern und den Rücken fällt. Sie ist um einige Zentimeter gewachsen und hat sich an den richtigen Stellen entwickelt. Der Babyspeck in ihrem Gesicht wurde von wohlgeformten Wangenknochen und Augenbrauen ersetzt, die die schönsten grünen Augen einrahmen, die ich je gesehen habe.
Sie ist wie eine verdammte Fremde für mich, und doch habe ich ihr unterschwellig immer geschwisterliche Gefühle entgegengebracht.
Sie ist meine einzige Verbindung zu Lance.
Deshalb bin ich jetzt hier. Weil Lance bei einem gewöhnlichen Raubüberfall getötet wurde und mit Regan etwas nicht stimmt. Ich will herausfinden, was los ist, also habe ich sie auf einen Drink eingeladen. Wir hatten heute Abend ein Spiel gegen die New York Phantoms, das wir gewonnen haben, und das Flugzeug fliegt erst am frühen Morgen. Ich wollte nachsehen, wie es Regan geht, denn bei den wenigen Malen, die wir seit der Beerdigung miteinander gesprochen haben, habe ich gemerkt, dass sie mit etwas zu kämpfen hat. Ich habe versucht, es aus ihr herauszukitzeln, aber sie war stur und hat darauf bestanden, dass alles in Ordnung ist.
„Ich bin gleich fertig“, sagt sie, dreht mir den Rücken zu und geht ins Wohnzimmer. Es ist ein Schlag in die Magengrube, zu sehen, dass es leer ist bis auf eine Handvoll gepackter Kisten. Ich nehme an, dass sie den Inhalt von Lance’ Leben enthalten, den er seiner Schwester hinterlassen hat. Sie hat sich in den letzten Wochen in New York aufgehalten, um sich um Nachlassangelegenheiten und dergleichen zu kümmern.
„Hast du alle seine Möbel verkauft?“, frage ich, als sie an der Küchentheke stehen bleibt und ein Paar Ohrringe in die Hand nimmt.
Sie neigt den Kopf, um einen anzulegen. „Die meisten davon. Den Rest und seine gesamte Kleidung habe ich einem Obdachlosenheim gespendet.“
Ich zucke zusammen. „Das war bestimmt hart.“
Sie nickt und blinzelt Tränen zurück, während sie den anderen Ohrring ansteckt. „Rational gesehen weiß ich, dass es dumm wäre, die Sachen zu behalten. Ich meine … was soll ich denn mit der Unterwäsche oder den T-Shirts meines Bruders anfangen?“
„Aber innerlich willst du diese Verbindung zu deinem Bruder nicht aufgeben“, vermute ich.
Mit einem weiteren sanften Lächeln nickt sie. „Das fasst in etwa zusammen, wie die letzten paar Wochen waren. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn immer wieder verliere, während ich sein Leben hier ausmiste.“
Wir starren uns an, und ich versuche, den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. Mein Kummer über den Verlust von Lance ist immer noch rau und schmerzhaft. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es für sie ist.
Regans Unterlippe bebt, sie holt tief Luft und lacht nervös. „Lass uns über etwas anderes reden. Ich will mein Make-up nicht ruinieren.“
Ich lache nicht.
Stattdessen eile ich durch das leere Wohnzimmer und ziehe sie in meine Arme. Sie erlaubt es ohne Widerstand und drückt ihr Gesicht an meinen Hals. Ich festige meine Umarmung mit einer Hand auf ihrem unteren Rücken und der anderen in ihrem Nacken.
Es ist zu viel für sie, und sie schluchzt ein wenig, bevor sie loslässt. Bei der Beerdigung hat sie geweint, aber bei allen übrigen Gelegenheiten hat sie sich stets zusammengerissen, während sie mit den Menschen sprach, die kamen, um Lance die letzte Ehre zu erweisen. Sie hat nie die Fassung verloren, und das war meiner Meinung nach falsch.
Nicht, dass sie etwas falsch gemacht hätte, aber ich glaube nicht, dass sie jemals die Chance hatte, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Sie musste sich mit den Bestattungsvorbereitungen, der Beerdigung ihres Bruders und all den losen Enden beschäftigen, die nach dem Tod eines Menschen zurückbleiben.
Regan neigt den Kopf, sodass ihr Gesicht nun an meine Brust gedrückt wird. Ich spüre, wie die Wärme ihrer Tränen in den Stoff meines Hemdes eindringt. Ich drücke sie fester an mich und wiege sie hin und her, ohne ein Wort zu sagen, um die Katharsis ihres Kummers nicht zu unterbrechen.
Als sie sich zu beruhigen beginnt, ziehe ich mich ein wenig zurück, um sie anzusehen. Die schwarzen Spuren ihrer Mascara unter ihren Augen und auf ihren Wangen lassen sie noch zerbrechlicher und verletzlicher erscheinen.
Ich schenke ihr ein Lächeln und hoffe, dass sie es erwidert. Ich will, dass sie anerkennt, dass Weinen gut und in gewisser Weise befreiend ist.
Stattdessen kaut sie auf ihrer Unterlippe herum, während sie versucht, die Schwärze unter ihren Augen wegzuwischen. Es ist nur ein kurzer Moment, aber ich sehe, dass sie wegen irgendetwas unglaublich beunruhigt ist. Es ist genauso schnell wieder verschwunden, als sie mir ein übermäßig strahlendes Lächeln schenkt, das gezwungen und schmerzerfüllt wirkt.
„Was ist los, Regan?“, frage ich und lege meine Finger unter ihr Kinn, damit sie mich ansieht. „Etwas stimmt nicht, und ich will wissen …“
„Es ist nichts“, sagt sie in einem Tonfall, der so automatisch und roboterhaft klingt, dass offensichtlich ist, dass das genaue Gegenteil die Wahrheit ist.
„Regan … ich bin es. Du kennst mich schon dein ganzes Leben. Du weißt, was Lance mir bedeutet hat. Ich schwöre bei Gott, was auch immer falsch läuft, ich werde dir helfen, es in Ordnung zu bringen. Es ist nicht schlimm, um Hilfe zu bitten.“
„Wirklich“, betont sie und versucht, ihr Lächeln noch breiter zu machen, um mich abzulenken. „Es ist alles in Ordnung. Ich bin nur müde und will nach Hause.“
Regans Heimat ist Südkalifornien, wo sie nach ihrem Collegeabschluss als Krankenschwester geblieben ist. Lance fand es nicht gut, dass sie quer durch das Land zog, da er sie in den wenigen Stunden, die er während der regulären Saison zur Verfügung hatte, nicht besuchen konnte.
Aber Regan hat sich in den Jahren, seit ich sie zuletzt gesehen habe, offenbar von schüchtern zu unglaublich unabhängig entwickelt. Nach Lance’ Aussage liebt sie ihr Leben dort.
„Du musst nicht immer so stark sein“, sage ich und hoffe, dass ich damit ihre hartnäckige Weigerung durchbrechen kann, mir mitzuteilen, was ihr Sorgen bereitet.
Ihre Unterlippe zittert leicht, aber sie erhält ihr Lächeln aufrecht. „Es geht mir gut, Dax.“
„Nein“, erwidere ich und bin absolut sicher, dass sie lügt.
Regan presst die Lippen zu einer flachen Linie zusammen, ihr Blick verhärtet sich. Sie hat sich verschlossen und eine Mauer errichtet, und ich überlege, welchen neuen Weg ich einschlagen soll, um diese zu durchbrechen.
Eine irrsinnig irrationale Idee schießt mir in lebhaften Farben durch die Gedanken: Ich packe sie an den Schultern, ziehe sie an mich heran und küsse sie wie wild.
Ich schüttle den Kopf, blinzle und konzentriere mich wieder. Wir liefern uns einen Krieg der Blicke, aber da ich sturer bin, als Regan es je sein könnte, halte ich an meiner Entschlossenheit fest.
Ob sie es spürt oder nicht, werde ich wohl nie erfahren, doch zu meiner Überraschung fällt ihr Gesichtsausdruck in sich zusammen und sie heult praktisch: „Oh Gott … Dax. Nichts stimmt! Lance hat eine Menge Schulden angehäuft, und ich habe mit Gläubigern zu tun, die aus dem Nichts auftauchen und Zahlungen verlangen. Lance’ Konten sind leer und er hatte keine Lebensversicherung. Ich habe keine Ahnung …“
„Was soll das heißen, er hatte keine Lebensversicherung?“, werfe ich ein.
„Ich habe angerufen“, sagt sie, während ihr eine Träne die Wange hinunterläuft. Sie wischt sie weg. „Sie ist aufgelöst worden.“
Ich sehe mich hilflos nach einer Antwort auf ihre Probleme um. In den gepackten Kisten, die alles sind, was von Lance übrig ist, ist sie nicht zu finden. Ich drehe mich zu ihr um. „Das ist aber nicht deine Schuld, Regan. Du bist nicht für seine Schulden verantwortlich.“
„Ich weiß“, stimmt sie ohne Umschweife zu. „Es ist nur … Natürlich weiß ich das.“
Ich beobachte sie kritisch und überdenke ihre letzten Worte. Ihr ist klar, dass die Probleme von Lance nicht die ihren sind. Dennoch … irgendetwas belastet sie zusätzlich. Ich kann spüren, wie sie es ausstrahlt.
„Was ist sonst noch los?“, frage ich und verschränke meine Arme vor der Brust. Damit zeige ich ihr, dass ich nicht eher nachgebe, bis sie mir alles gesagt hat.
Sie öffnet den Mund, und ich spüre, dass sie es leugnen will. Ich schüttle den Kopf. „Denk nicht daran, mich zu belügen. Spuck es aus.“
Einen Moment lang starrt Regan mich mit leeren Augen an, bevor sie die Schultern hängen lässt. Sie stößt einen frustrierten Atemzug aus und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
„Einer der Gründe, warum er sich verschuldet hat, bin ich“, gibt sie leise zu und klingt weniger beschämt als resigniert.
„Du?“ Ich ziehe verwirrt die Brauen zusammen.
Sie nickt und lächelt traurig. „Ich war krank und er hat mir bei den Ausgaben geholfen.“
„Wie bitte?“, frage ich, denn wie krank muss ein Mensch sein, um einen anderen in die Schulden zu treiben? Besonders jemanden, der so viel Geld verdient wie Lance. Und außerdem … „Hast du keine Krankenversicherung?“
„Ich war noch über Lance versichert“, antwortet sie. „Wegen meines Alters galt ich als Familienangehörige, zumal ich gerade mein Masterstudium begonnen habe. Aber jetzt, wo er tot ist …“
Ich blinzle überrascht. Ich habe nicht gewusst, dass sie wieder zur Schule geht, und auch nicht, dass sie krank war.
Wie zum Teufel konnte ich das nicht wissen?
„Lance hat nie etwas gesagt“, murmle ich.
Ihr Lächeln wird verständnisvoll. „Das war auf meine Bitte hin. Ich wollte nicht, dass es jemand erfährt.“
„Was genau?“ Ich spüre ein Gefühl des drohenden Unheils. „Was genau ist los mit dir?“
Ihr Blick schweift durch die leere Wohnung, bevor sie mich ansieht. „Vor ein paar Jahren fühlte ich mich nicht gut. Müde, kurzatmig. Nichts Weltbewegendes, aber es dauerte so lange, dass ich zum Arzt ging. Nach vielen Tests wurde bei mir eine Krankheit namens paroxysmale nächtliche Hämoglobinurie diagnostiziert.“
„Was?“ Ich fühle mich nicht nur von diesem Wortschwall überfordert, sondern aus irgendeinem Grund plötzlich auch hilflos ihr gegenüber.
Ihre Mundwinkel heben sich. „Die Abkürzung PNH sagt sich leichter. Es ist eine Krankheit, die meine roten Blutkörperchen zerstört.“
„Ist sie ernst?“ Für einen kurzen Moment möchte ich Lance noch einmal umbringen, weil er mir das nicht erzählt hat.
Regan hebt das Kinn, ihre Augen schimmern mutig. „Kann sie sein. Aber es gibt ein Medikament, das hilft.“
„Und lass mich raten“, unterbreche ich sie trocken. „Es ist unglaublich teuer.“
„Die Kosten belaufen sich für einen durchschnittlichen PNH-Patienten auf über vierhunderttausend Dollar pro Jahr“, sagt sie schlicht.
„Heilige Scheiße“, rufe ich. „Wer kann sich das leisten?“
„Die Versicherung deckt einen Teil der Kosten, aber die Ausgaben, die ich selbst tragen muss, sind ziemlich hoch.“
Und es ist klar, warum sie so verzweifelt ist. „Und jetzt ist Lance tot, deine Versicherung ist weg, und du hast nicht die Mittel, um dafür zu bezahlen.“
Anstatt zu bestätigen, was ich gerade gesagt habe, macht sie einen Rückzieher und schenkt mir ein weiteres übertrieben strahlendes falsches Lächeln. „Aber das ist nicht dein Problem. Ich bin mir sicher, dass ich eine Lösung finden werde. Deshalb wollte ich auch nicht, dass es jemand erfährt, also …“
„Sind deine Koffer gepackt?“, frage ich und schneide ihr damit das Wort ab.
Sie runzelt die Stirn. „Wie bitte?“
„Du hast gesagt, du fliegst morgen zurück nach Kalifornien, richtig?“
„Richtig“, stimmt sie langsam zu.
„Planänderung. Du kommst mit mir zurück nach Phoenix.“
„Was?“, ruft sie schockiert aus. „Bist du verrückt?“
„Keineswegs. Du kommst mit mir und wir werden heiraten. Du bist über mich versichert und ich übernehme die Kosten für dich.“
„Du bist verrückt“, stottert sie.
„Und du wirst meine Frau.“
„Nein“, zischt sie.
„Doch“, sage ich selbstbewusst. „Merk dir meine Worte.“
Kapitel 2
Dax
Regan ist krank.
Ich kann nicht einmal aussprechen, was sie hat, aber als ich PNH gegoogelt habe, bekam ich alle Informationen, die ich brauchte, um mich noch mehr zu ärgern.
Ja … als ich aus dem Uber-Fahrzeug aussteige und die Betontreppe zu ihrer Wohnung hinaufgehe, bin ich sauer.
Wütend, dass sie eine Krankheit hat, die unglaublich gefährlich ist, und dass Lance nicht einmal daran gedacht hat, mir davon zu erzählen. Mehr als zornig auf meinen besten Freund, weil er gestorben ist und seine kleine Schwester im Stich gelassen hat. Auch eine gewisse Wut auf Regan ist im Spiel, da sie sich geweigert hat, mit mir nach Phoenix zu fliegen. Stattdessen hat sie einen früheren Flug nach Encinitas genommen, der Stadt nördlich von San Diego, in der sie lebt, und mir eine SMS geschickt, als sie gerade an Bord ging.
Es blieb mir keine Zeit, sie aufzuhalten, aber ich konnte das Teamflugzeug, das nach Phoenix fliegen sollte, rechtzeitig verlassen, um den nächsten Flug an die Westküste zu buchen.
Glücklicherweise ist es das All-Stars-Wochenende, sodass wir fünf Tage lang kein Spiel haben. In den kommenden drei Tagen haben wir nicht einmal ein Pflichttraining, da Legend und Bishop sowohl am All-Stars-Geschicklichkeitswettbewerb als auch am Spiel teilnehmen. Ich denke, das ist genug Zeit, um meine zukünftige Frau abzuholen und sie von Kalifornien nach Arizona umzusiedeln.
Ich habe ebenfalls eine Einladung zu den All Stars erhalten, aber nach dem Tod von Lance war ich nicht in Stimmung und habe bedauernd abgelehnt. Tacker war auch eingeladen, doch ich bin mir sicher, dass er es gar nicht bereut hat, als er abgesagt hat. Es ist einfach nicht sein Ding. Allerdings hat er heutzutage bei so gut wie allem keinen Elan mehr.
Als ich den Treppenabsatz erreiche, gibt es einen Moment, in dem mir klar wird, wie töricht und kontrollierend ich mich gerade verhalte, aber ich werde von der absoluten Angst um Regans Leben angespornt. Vieles von dem, was ich im Flugzeug über PNH gelesen habe, war mir zu hoch, doch manches habe ich in verständliche Begriffe fassen können.
Regan leidet an einer unglaublich seltenen Knochenmarkskrankheit, bei der ihre roten Blutkörperchen zerstört werden. Sie tritt auf, weil das Proteinschild um ihre roten Blutkörperchen fehlt, sodass es die Zellen nicht vor dem Angriff des körpereigenen Immunsystems schützen kann. Ich verstehe nicht viel mehr von den Mechanismen, aber ich habe genug gelernt, um nun eine Heidenangst zu haben. PNH betrifft nur einen von einer Million Menschen und ist eine lebensbedrohliche Krankheit. Als ich gelesen habe, dass die durchschnittliche Überlebenszeit nach der Diagnose nur zehn Jahre beträgt, wurden meine Beine zu Gummi. Das hat mir im Flugzeug auf dem Weg nach San Diego den Atem geraubt und ich habe lange nachgedacht. Ich bin nicht bereit, Regan so kurz nach dem Tod von Lance zu verlieren.
Aber dann habe ich weitergelesen und Mut geschöpft, weil ich mich mit dem teuren Medikament vertraut machte, das sie benötigte.
Es kostet über vierhunderttausend Dollar pro Jahr, um Salvistis zu erhalten, das sich an die Proteine bindet, die die roten Blutkörperchen zerstören. Es rettet Leben, und sie muss es bekommen.
So einfach ist das.
Deshalb gehe ich zu ihrer Wohnungstür mit der einzigen Absicht, Regan abzuholen und sie mit mir nach Phoenix zu nehmen. Dort werde ich sie am Montagmorgen heiraten und ab dem Nachmittag wird sie bei mir mitversichert sein.
Ohne zu zögern, hämmere ich mit der Faust gegen die dünne Holztür. Wenige Augenblicke später höre ich ein Grummeln auf der anderen Seite, bevor sich die Tür öffnet und ein kleiner asiatischer Mann in zerknittertem Kittel und mit überall abstehenden Haaren zum Vorschein kommt.
„Ja?“, krächzt er und reibt sich mit der Hand über das Gesicht. Ich habe ihn eindeutig geweckt.
„Ist Regan hier?“, frage ich in der Annahme, dass es sich um einen Mitbewohner handelt. Oder, verdammt, vielleicht ist er ihr Freund? Er ist ungefähr in Regans Alter, wenn auch ein paar Zentimeter kleiner als sie, aber das ist möglicherweise nicht so wichtig.
Für mich ja, Regan allerdings kümmert sich nicht um so etwas.
Der Mann hustet, blinzelt und sieht mich an. „Ähm … ja, ich glaube schon. Ich bin gestern Abend nach der Arbeit auf der Couch eingeschlafen, also bin ich mir nicht ganz sicher.“
Er tritt einen Schritt zurück und heißt mich in dem kleinen Wohnzimmer willkommen. Die Wohnung ist karg und billig eingerichtet, aber die Lebenshaltungskosten in dieser südkalifornischen Küstenstadt sind hoch, daher bin ich nicht überrascht.
Ich schließe die Tür hinter mir, und der Mann geht in einen kurzen Flur. Ich sehe, wie er an eine geschlossene Tür pocht. „Reggie … bist du da?“
Reggie? Das klingt wirklich nach einem Spitznamen, den ihr ihr Freund geben würde. Aber andererseits … warum klopft er an und geht nicht einfach rein?
Mein Herzschlag beschleunigt sich, als sich die Tür öffnet und Regan in den Flur tritt. Sie schenkt dem Mann, von dem ich nun wieder annehme, dass er nur ihr Mitbewohner ist, ein schwaches Lächeln. „Was gibt’s?“
Ein Arm wird erhoben und ein Finger ausgestreckt, um durch das Wohnzimmer auf mich an der Eingangstür zu zeigen. Regan verdreht den Hals und ihre Augen werden vor Überraschung groß.
„Das soll wohl ein Witz sein“, murmelt sie.
„Kennst du ihn?“, fragt der Mann und kratzt sich am Kopf, bevor er gähnt.
„Er ist ein Freund der Familie“, antwortet sie und wirft ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie die Stirn runzelt. „Geh ins Bett, John. Du siehst furchtbar aus.“
Ihre Stimme ist liebevoll und warm. Der Mann, John, schenkt ihr ein verlegenes Lächeln. „Schon dabei. Wir sehen uns später.“
Er dreht sich um und geht zur Schlafzimmertür direkt gegenüber von Regans Zimmer.
Definitiv ein Mitbewohner.
Regan kommt auf mich zu, schnappt sich die Decke von der Couch, die John wohl benutzt hat, und faltet sie schnell und präzise zusammen. Sie nickt in Richtung der Spielekonsole auf dem Couchtisch. „Er zockt nach seiner Schicht die ganze Nacht Videospiele und bekommt nicht genug Schlaf. Er ist eine Gefahr für sich selbst.“
„Ist er ein Krankenpfleger, wie du?“, frage ich ohne echte Neugier, aber sie scheint ihn zu mögen.
Sie nickt und legt die gefaltete Decke auf die Rückenlehne der Couch. „Arbeitet in der Anästhesie. Wir sind jetzt schon seit ein paar Monaten Zimmergenossen.“
„Scheint nett zu sein“, murmle ich.
„Das ist er“, antwortet sie und verengt die Augen.
Gott, sie ist so schön. Ich kann immer noch nicht begreifen, warum mir das vorher nie so richtig aufgefallen ist.
„Wieso bist du hier, Dax?“
„Du weißt, wieso“, antworte ich und schlendere zum Sofa hinüber, um mich hinzusetzen. Ich winke sie zu mir und klopfe auf das Kissen neben mir. „Mir ist klar, dass ich in New York vielleicht ein wenig anmaßend dir gegenüber war, und ich bin gekommen, damit wir noch ein bisschen reden können.“
„Oh“, macht sie sarkastisch, während sie sich ans andere Ende der Couch setzt. „Du meinst, du bist nicht hier, um mich über deine Schulter zu werfen und in deine Höhle zu schleppen?“
„Wenn ich glauben würde, dass ich auf diese Weise durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen käme, würde ich es tun“, entgegne ich unwirsch, woraufhin sie schnaubend lacht.
Mit einem resignierten Seufzer lässt sie sich auf das Sofa fallen und streicht sich mit den Fingern durch das Haar an der Schläfe, bevor sie ihren Arm über die Lehne legt. Als sie eins ihrer langen Beine unter sich zieht, kann ich nicht anders, als die geschmeidige Haut in den Jeansshorts zu bewundern.
„Typisch Monahan“, murmelt sie und ihre Mundwinkel ziehen sich nach oben. „Er weiß nicht, wie man ein ‚Nein‘ als Antwort akzeptiert.“
„Willow ist viel schlimmer als ich!“
Regan lacht schallend bei der Erwähnung meiner nur anderthalb Jahre jüngeren Schwester. „Das ist wahr. Aber es ist deine Schuld. Du hattest einen schlechten Einfluss auf sie.“
„Ich übernehme nicht die Verantwortung dafür, wie Willow sich entwickelt hat.“ Ich hebe abwehrend die Hände. „Sie ist ein unerklärliches Geschöpf.“
Was auch wahr ist. Willow ist wild, herrisch, unabhängig und eine Besserwisserin. Ich fürchte, sie wird nie sesshaft werden, denn ich kann mir keinen Mann vorstellen, der mit ihr zurechtkommen könnte.
„Sie sagt, sie kommt bald zurück in die Staaten.“
Ich nicke. Meine Schwester arbeitet derzeit als Fotojournalistin und reist durch die ganze Welt. „Ende nächster Woche. Sie kommt sogar nach Phoenix, um etwas Zeit mit mir zu verbringen, also kannst du sie wiedersehen.“
Eine weitere Alphamethode – Subtilität ist nicht gerade meine Stärke. Regan reagiert, indem sie eine Augenbraue hochzieht und ihre Lippen abwehrend zusammenpresst.
Ich presche vor, bevor sie ein Wort sagen kann. „Regan … es ist eine kurzfristige Sache. Nur eine Ehe auf dem Papier. Du bist versichert, kannst dich behandeln lassen und dein Studium beenden. Wenn du damit fertig bist und einen Job mit Versicherung hast, können wir uns scheiden lassen. Es ist die einfachste Lösung.“
Sie starrt mich lange an, und ich merke, dass sie über das nachdenkt, was ich sage, aber sie ist nicht überzeugt.
„Ich bin das, was einer Familie für dich am nächsten kommt, Regan. Und Lance würde das gutheißen. Du weißt, dass er es wollen würde.“
Ihre Augen verengen sich leicht und sie legt den Kopf schief. „Dass ich wegen des Geldes heirate und nicht aus Liebe?“
Ich sehe sie kühl und rügend an. „Du weißt, dass er das nicht tun würde, aber er würde erkennen, dass ich dieses Angebot aus Liebe mache. Es ist unkonventionell, klar, doch an dem, was du gerade durchmachst, ist nichts konventionell. Es ist ein guter Vorschlag, Regan. Es gibt keinen Grund, warum du sie nicht annehmen solltest.“
Regan sieht an mir vorbei und dorthin, wo sich die Eingangstür befindet. Sie knabbert an ihrer Unterlippe, während sie überlegt. „Ich nehme an, es ist nur ein Stück Papier“, sagt sie langsam und richtet ihren Blick wieder auf mich. „Ich habe hier eine Teilzeitstelle als Krankenschwester. Ich könnte dir das Geld auf jeden Fall nach und nach zurückzahlen. Wenn ich im Herbst den Masterstudiengang beginne, führen wir einfach Buch, und ich kann es dir geben, wenn ich eine feste Stelle gefunden habe. Oder ich lasse das mit dem Masterstudiengang. Ich könnte mir jetzt schon eine feste Stelle suchen …“
„Auf keinen Fall! Du bleibst an der Uni und arbeitest nicht, während du studierst. Du zahlst mir auch nichts zurück.“
Wieder richtet sie sich auf und starrt mich scharf an. „Ich nehme keine Almosen an.“
„Regan … ich verdiene eine Menge Geld. Lass mich …“
„Entweder ich zahle es dir zurück oder es gibt keinen Deal“, sagt sie verschnupft.
„Gut. Zahl mir das Geld zurück, wenn du willst. Aber während du an der Uni bist, lernst du und arbeitest nicht.“
„Ja, Daddy“, schnauzt sie und grinst spöttisch.
Meine Handfläche juckt. Was würde ich jetzt nicht alles dafür geben, sie auf ihren Hintern zu schlagen. Ich schiebe den Gedanken beiseite und stehe auf. „Dann ist es abgemacht. Ich kann noch einen Tag hierbleiben, um dir beim Packen zu helfen, aber danach müssen wir nach Phoenix. Ich muss am Montag zum Training zurück sein.“
Regan blinzelt mich überrascht an. „Ich werde nicht mit dir nach Phoenix gehen, Dax. Ich werde dich heiraten, aber ich bleibe hier.“
„Warum?“
„Warum?“, wiederholt sie ungläubig, während sie von der Couch aufspringt und sich vor mir aufbaut. „Weil ich hier lebe. Mein Leben ist hier. Ich habe eine Wohnung und einen Job. Hier fange ich im Herbst mit dem Studium an.“
„Diese Sachen sind leicht zu ersetzen und du kannst in Phoenix auf die Universität gehen. Hast du einen Freund oder so?“
Okay, das kam aus dem Blauen und klang gleichzeitig unglaublich defensiv. Ich spüre, wie mir die Hitze in den Nacken steigt, aber Regan schüttelt den Kopf. „Nein, ich habe keinen Freund, doch das tut nichts zur Sache. Ich liebe Kalifornien und ich bin hier an der Uni eingeschrieben.“
„Du kannst dich in Phoenix an der Uni anmelden. Das habe ich bereits überprüft. Die Arizona State University hat ein hervorragendes Programm für Pflegekräfte. Und du kannst zurück nach Kalifornien kommen, sobald du wieder auf eigenen Füßen stehst“, versichere ich ihr und ignoriere das unangenehme Gefühl in meinem Bauch bei dem Gedanken. „Aber wenn ich dich unter einem Vorwand heiraten soll, machen wir es richtig. Du musst in Phoenix in meiner Wohnung bleiben. Ich werde nicht wegen Versicherungsbetrugs ins Gefängnis gehen.“
Regan wird blass, sinkt auf die Couch und schüttelt langsam den Kopf. „Siehst du … das ist eine dermaßen dumme Idee!“
„Lance hat mich zu deinem Vormund bestimmt, falls er stirbt“, murmle ich und ziehe mein letztes Ass. Das wird für sie nichts Neues sein, denn sie musste seinen Nachlass verwalten. Ich bin sicher, sie hat es in seinem Testament gesehen. Er hat mir davon erzählt, als er es vor Jahren aufsetzen ließ. „Zugegeben … das war für den Fall, dass er stirbt, während du noch minderjährig bist, aber seine Absicht war klar. Er wollte, dass ich mich um dich kümmere, wenn er es nicht mehr kann, und genau das werde ich tun, Regan. Bitte sorge dafür, dass ich sein Andenken nicht entehren muss.“
Das sind die Worte, die nötig waren. Ich kann ihre Kapitulation daran sehen, wie ihre Schultern sinken, und ich hasse es, dass sie so abgeneigt ist, mit mir nach Phoenix zu kommen. Aber ich weiß tief in meinem Inneren, dass ich das Richtige tue. Wo auch immer Lance gerade sein mag, er nickt sicher zustimmend.
„Gut“, sagt sie schließlich mit einem Hauch von Resignation. Sie steht auf, ist zwar nicht Auge in Auge mit mir, aber nah genug, dass ich die Entschlossenheit in ihrem Blick nicht übersehen kann. „Ich werde nach Phoenix kommen. Ich werde dich heiraten, damit ich meine Behandlung bekommen kann. Ich werde in deinem Haus leben.“
„Du wirst Phoenix lieben …“
„Egal“, unterbricht sie mich abweisend und lässt mich nicht vergessen, dass sie nicht glücklich darüber ist, dass das hier notwendig ist. „Aber ich will, dass das geheim bleibt. Es ist mir zuwider, dass wir das System betrügen.“
„Wir retten dein Leben, Regan.“ Das klingt wie in ein tiefes, wütendes Knurren und lässt sie überrascht blinzeln. „Scheiß auf das System. Sie sollten kein Medikament herstellen, das fast eine halbe Million Dollar pro Jahr kostet, nur damit du leben kannst.“
Sie neigt den Kopf, sodass ein Teil ihres glänzenden Haares über ihre Schulter fällt. Es sieht so weich aus. Es juckt mich in den Fingern, es zu berühren, und mir wird mit einem Mal klar, dass es schwierig für mich sein wird, sie in meinem Haus zu haben.
Das wird ein absolutes Monster von einem Problem sein.
„Gut“, stimmt sie leise zu, und meine Aufmerksamkeit wandert von ihrem Haar zu den atemberaubend weichen Lippen, die sie auf meine Wange presst, nachdem sie sich auf die Zehenspitzen gestellt hat. Ihre Hände ruhen leicht auf meinen Schultern, und ich weiß nicht, ob ich dieses Gefühl jetzt jemals wieder vergessen werde. Sie zieht sich zurück und fängt meinen Blick ein. „Wir retten mein Leben, aber ich möchte es trotzdem geheim halten. Sag den Leuten, dass ich mir nach Lance’ Tod eine Auszeit nehme und nur eine Zeit lang mit dir abhänge.“
„Das kann ich machen.“
Und es scheint, romantischer wird es nicht. Schuldgefühle treffen mich in der Brust, aber ich verdränge sie.
Wie wir uns gerade geeinigt haben:
Wir retten ihr das Leben.
Kapitel 3
Regan
Ich stelle das Foto von Lance und mir auf die Kommode und fahre mit dem Finger über den silbernen Rand des Rahmens, während ich es anstarre. Es ist erst vor einem Jahr gemacht worden, als er für ein Spiel nach Kalifornien kam und wir danach zum Essen gingen. Unser Kellner hat es aufgenommen. Lance und ich lächeln breit, denn es sah so aus, als würde sich mein Leben nach der PNH-Diagnose ganz anders entwickeln, als wir zunächst gedacht hatten.
Nur wenige Tage bevor Lance nach Kalifornien kam, hatte Salvistis die Zulassung als Arznei erhalten und meine Versicherung hatte mir einen Fallmanager zugeteilt, um einen Behandlungsplan zu erstellen. Lance lächelt auf dem Bild, weil seine kleine Schwester nicht sterben wird, und seien wir ehrlich … ich lächelte damals hauptsächlich aus demselben Grund.
Aber auch, weil ich einfach glücklich war, mit meinem Bruder zusammen zu sein. Er und ich standen uns richtig nahe, da er mich nach dem Tod unserer Eltern aufgezogen hat. Ich war erst vierzehn und er war mit seinen neunzehn Jahren noch nicht wirklich ein erfahrener Erwachsener, doch er gab mir das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Mein Leben hatte sich so drastisch verändert. Ich habe meine Mutter und meinen Vater verloren und musste dann fast sofort nach New York ziehen, wo Lance für die Vipers spielte. Ich wechselte von einem bürgerlichen Vorstadthaus in eine Wohnung in Manhattan, von vernarrten und etwas erdrückenden Eltern zu einem Bruder, der viel reiste.
Während dieser Zeit hatte ich ein Kindermädchen, das dafür sorgte, dass ich zur Schule ging und gesund aß. Als ich älter wurde, fiel die Nanny weg und ich wohnte oft bei Freunden, die Lance guthieß und die richtige Elternteile hatten. Wir haben das vernünftig hinbekommen. Obwohl ich die meiste Zeit allein war, hatte ich nie das Gefühl, einsam zu sein. Lance und ich sprachen mindestens einmal am Tag miteinander oder unterhielten uns per FaceTime und wir schrieben uns gefühlt eine Million Nachrichten. Selbst nachdem ich nach Kalifornien gezogen war, um dort zu studieren, wurde unser Kontakt nie weniger. Er war für mich Bruder, Mutter, Vater und bester Freund. Manchmal schmerzt die Trauer über seinen Verlust so sehr, dass ich nicht atmen kann.
So wie jetzt.
Ich gehe vier Schritte zurück, setze mich auf die Bettkante und reibe meine Fingerknöchel über meine Brust, während ich mich in dem geräumigen Gästezimmer umsehe, in das Dax mich gesteckt hat. Ich werde es ihm gegenüber nie zugeben, doch ich bin dankbar, hier zu sein. Seit Lance gestorben ist, fühle ich eine solche Leere. Ich habe wirklich niemanden.
Das Schlafzimmer ist hübsch und mit schweren Eichenmöbeln eingerichtet, die Wände allerdings sind völlig kahl. Dax hat mir erzählt, er sei erst vor ein paar Monaten eingezogen. Als er hierher kam, teilte er sich mit Bishop ein großes Vorstadthaus, aber dann zog dieser mit seiner Freundin und jetzigen Verlobten zusammen, und Dax beschloss, sich etwas Kleineres zu suchen. Er hat dieses Reihenhaus mit drei Zimmern in Scottsdale vor allem deshalb gekauft, weil er keinen Rasen mehr haben wollte, den er mähen musste.
Das hat er gesagt.
Ich habe ihn schon ein paar Stunden nicht mehr gesehen. Seit wir angekommen sind.
Es waren nur sechs Stunden Fahrt von Encinitas nach Phoenix. Ich habe allein meine Kleidung, Toilettenartikel und einige Erinnerungsstücke wie das Foto von Lance und mir mitgenommen. Den Rest haben wir eingepackt und in ein Langzeitlager gebracht, das wir mit Dax’ Kreditkarte bezahlt haben. Außerdem hinterließ er John einen Scheck für sechs Monatsmieten und entschuldigte sich dafür, dass er seine Mitbewohnerin entführt hatte. John war traurig, mich gehen zu sehen, aber das Geld machte es mehr als wett. Ich rief meinen Vorgesetzten an und teilte ihm bedauernd mit, dass ich meinen Teilzeitjob mit sofortiger Wirkung kündigen müsse. Das fühlte sich nicht gut an, und ich hoffe, ich habe sie nicht zu sehr hängen lassen.
Nachdem wir in Phoenix angekommen waren, trug Dax alle meine Sachen hinein und fuhr gleich wieder weg, da er noch einige Besorgungen erledigen musste. Und jetzt sitze ich hier in einem Zimmer, in dem ich … die nächsten zwei Jahre leben soll, während ich einen Hochschulabschluss mache? Und was passiert mit meinem Privatleben? Wenn ich mit Dax verheiratet bin, ist es dann überhaupt möglich, eine Bindung mit jemand anderem zu haben?
Nicht, dass das sehr wahrscheinlich wäre. Meine einzige echte Beziehung ist im Sand verlaufen, nachdem ich meine Diagnose erhalten hatte. Als Gesamtpaket bin ich nicht besonders attraktiv. Ich meine, wer will sich schon mit jemandem zusammentun, der meine Probleme hat?
Eine Welle der Unsicherheit überwältigt mich.
Es ist nicht die erste in den vergangenen zwei Tagen, aber die stärkste. Das war eine dumme Idee.
„Regan“, ruft Dax aus dem Wohnzimmer unten. „Ich bin zurück und ich habe Abendessen mitgebracht.“
Ich erhebe mich vom Bett und werfe einen letzten sehnsüchtigen Blick auf meinen Bruder, der mich aus dem Bilderrahmen heraus anschaut. „Ich hoffe, ich tue das Richtige, Lance. Wenn nicht, musst du mir ein Zeichen geben, und zwar bald.“
***
Dax ist in der Küche und packt Lebensmittel aus und ich entdecke eine Pizza auf der Kücheninsel in der Mitte.
„Ich habe ein paar deiner Lieblingssachen besorgt“, sagt Dax und greift in eine braune Papiertüte. Er holt eine Packung Oreos heraus und schwenkt sie grinsend über seiner Schulter. Die Kekse landen auf dem Tresen und er fördert Cheetos, Dosenravioli und Pop Tarts zutage. Meine Augen weiten sich, als er das Zeug neben einer Zwölferpackung Dr. Pepper und einer Schachtel Lucky Charms abstellt.
Dax dreht sich zu mir um, streckt seine Hände schwungvoll nach den Lebensmitteln aus und fragt: „Was meinst du? Gutes Gedächtnis, hm?“
Zögernd antworte ich: „Ähm … sehr gutes Gedächtnis. Die zehnjährige Regan würde jetzt bestimmt vor Freude quietschen.“
Dax’ Lächeln wird schwächer, er runzelt die Stirn. Er wirft einen Blick auf den Haufen Junkfood und sieht dann ärgerlich zu mir. „Ich vermute, da du nicht quiekst, isst du in letzter Zeit etwas gesünder?“
Ich lache, gehe um den Tresen herum und stöbere in all den Sachen. Es gibt eine Tüte Doritos, Schokoladenpudding im Becher und Starbursts. All die Dinge, die ich als Kind geliebt habe und die mir meine Eltern gegönnt haben, was vielleicht auch der Grund für mein leichtes Gewichtsproblem und meine schlechte Haut war. Aber, bei Gott, ist das Zeug lecker gewesen.
Ich wende mich an Dax und hebe entschuldigend die Hände. „Ich weiß die Mühe zu schätzen, allerdings ernähre ich mich wirklich viel gesünder in letzter Zeit. Das PNH hat mich ein wenig wachgerüttelt, meine Ernährung etwas ernster zu nehmen.“
Dax’ Gesicht färbt sich rot und er stöhnt und schlägt sich mit der Hand auf die Stirn. „Verdammt. Daran habe ich gar nicht gedacht, und das hätte ich tun sollen. Es tut mir leid, Regan.“
Ich drücke ihm mitfühlend die Schulter. „Keine Sorge. Vertrau mir … meine Krankheit ist gewöhnungsbedürftig. Aber wie wäre es, wenn du mich einkaufen und kochen lässt? Ich verspreche dir, dich nicht mit zu viel Gemüse zu überhäufen, aber ich habe die Zubereitung ausgewogener Mahlzeiten inzwischen zu einer Wissenschaft gemacht.“
„Abgemacht“, sagt Dax und wendet sich wieder den Lebensmitteln zu. Als ich ihm helfe, die Tüten erneut zu packen, verspricht er, sie an eine Lebensmittelbank oder ein Heim zu spenden. „Ist Pizza zum Abendessen okay oder soll ich noch mal zum Supermarkt?“
„Pizza ist großartig“, versichere ich und bin erstaunt, wie wohl ich mich gerade in seiner Küche fühle.
Während Dax ein paar Pappteller holt und ich mir eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank schnappe, schreibe ich im Kopf eine Einkaufsliste für den morgigen Einkauf.
Dax serviert uns klebrige Pizzastücke nach New Yorker Art und wir setzen uns nebeneinander an die Kücheninsel. Er nickt in Richtung mehrerer unterschiedlich großer Plastiktüten. „In den Tüten sind ein paar Geschenkgutscheine für dich. Target, Bed Bath & Beyond. So was in der Art. Ich möchte, dass du losziehst und alles besorgst, was du brauchst, um dein Zimmer zu deinem eigenen zu machen. Dekoriere es, kaufe eine flauschige Bettdecke … was auch immer. Ich möchte, dass dies ein richtiges Zuhause für dich ist.“
Ich erstarre mit einem Pizzastück auf halbem Weg zum Mund. Ein plötzliches Kribbeln lässt meine Lider flattern, um das aufzuhalten, was ich für eine riesige Welle von Tränen halte. Als ich nicht reagiere, dreht Dax sich zu mir. Sein Blick ist erwartungsvoll, bevor er sich mit Sorge füllt.
„Was ist los?“, fragt er auf einmal.
Ich schüttele den Kopf, bin immer noch wie erstarrt und starre ihn über die Pizza in meiner Hand hinweg an. Ich bin mir vage bewusst, dass ein Klecks geschmolzener Käse auf meinen Teller fällt. Tränen beginnen meine Sicht zu trüben. Bevor Dax völlig verschwimmt, entnehme ich seiner Miene, dass er es merkt, und er schüttelt unwillig den Kopf.
„Nicht“, befiehlt er fest und legt seine Pizza ab. Ich fange an, die Nässe wegzublinzeln, und er knurrt: „Verdammt noch mal! Wehe du heulst, Regan. Ich kann damit nicht umgehen.“
„Das werde ich nicht“, murmle ich heiser und senke meinen Blick und mein Stück auf den Teller. Eine Träne tropft auf meinen Handrücken.
„Scheiße“, grummelt Dax. Dann legt er seinen Arm um mich und zieht mich von meinem Hocker in eine enge Umarmung. Er rutscht von seinem Stuhl herunter und drückt mich fest an sich. Ich spüre seinen Mund an meinem Scheitel, während er murmelt: „Ich weiß, dass du es im Moment wirklich schwer hast, und ich habe es noch schlimmer gemacht, indem ich dich hierher geschleppt habe. Es tut mir leid, aber es ist das Richtige.“
„Darüber bin ich nicht verärgert“, sage ich an seine Brust gepresst und hebe den Kopf, damit ich zu ihm aufschauen kann. „Ehrlich gesagt … ist das für mich in Ordnung. Es ist nur … Dass du mir gesagt hast, du möchtest, dass sich das hier wie ein Zuhause anfühlt, hat mich berührt. Ich dachte nicht, dass ein ‚Zuhause‘ im Moment für mich existiert. Nicht, wenn Lance tot ist.“
„Du hast ein Zuhause hier bei mir“, versichert er. „Du bist sicher und nicht allein.“
Das ist eine starke Aussage. In Verbindung mit der Tatsache, dass wir offenbar morgen zum Standesamt gehen, um zu heiraten, trifft es mich ein wenig direkter, als es sollte.
Glücklicherweise mildert er das ab, indem er sagt: „Meine Eltern würden das Gleiche tun. Willow auch, wenn sie jemals lange genug an einem Ort wäre, um ein Zuhause zu haben, und Meredith wäre natürlich überglücklich, wenn du bei ihr bleiben würdest. Die ganze Familie Monahan ist für dich da, Regan, wenn du uns lässt.“
Und ich weiß, dass das stimmt. Mir ist klar, dass es keinen einzigen Monahan gibt, der nicht tief in die Tasche greifen würde, um mir beim Bezahlen meiner Behandlung zu helfen. Sie alle würden mich in der Familie willkommen heißen, als gehörte ich dazu. Dax’ Mutter und Vater, Linda und Calvin, sind zu Lance’ Beerdigung gekommen, und obwohl sie mein Geheimnis nicht kannten, boten sie mir an, sie zu besuchen, wenn ich eine Zeit lang einfach nur abschalten wollte. Linda sagte: „Komm mit uns heim. Lass mich dich für eine Weile betüddeln.“
Ich atme scharf ein, will, dass die Tränen verschwinden, und verflucht … warum muss Dax so gut riechen?
Ich löse mich aus seiner Umarmung und fahre mit den Händen über mein Gesicht. „Tut mir leid. Hör einfach auf, so verdammt nett zu sein, und ich werde nicht weinen. Okay?“
Dax lacht leise und akzeptiert meine Ermahnung als eine Möglichkeit, meine Verlegenheit darüber zu überspielen, dass ich vor ihm wie ein Baby heule. Ich zeige auf seinen Teller. „Jetzt setz dich. Iss.“
Er zwinkert mir zu, während er tut, was ich sage. „Du wirst eine dieser herrischen, fordernden Ehefrauen sein, nicht wahr?“
„Im Gegenteil, ich bin so dankbar für das, was du tust, dass ich sozusagen deine Sklavin bin, mit der du machen kannst, was du willst.“
Ich habe es scherzhaft gemeint – vielleicht habe ich mir eine aschenputtelähnliche Situation vorgestellt, in der ich in Lumpen den Boden schrubbe. Aber in Dax’ Augen blitzt etwas auf, so kurz, dass ich es mir möglicherweise eingebildet habe, und ich denke sofort an etwas ganz anderes.
Nackte Körper, ineinander verschränkte Gliedmaßen, und ich stelle etwas unglaublich Verruchtes mit Dax an, um meine Dankbarkeit für das, was er für mich tut, zu zeigen.
Ich blinzle heftig und hebe meine Pizza hoch. Ich nehme einen so großen Bissen, dass es ganz schön lange dauert, bis ich mit dem Kauen fertig bin und schlucken kann. Eine volle Minute des Schweigens vergeht, während Dax ebenfalls weiterisst.
Gerade als es sich unangenehm anzufühlen beginnt, vibriert Dax’ Handy auf der weiß-grau gesprenkelten Granitarbeitsplatte. Wir schauen beide darauf und ich sehe ein Bild von Willows Gesicht. Sie hat die gleichen schwarzbraunen Haare wie ihr Bruder, aber ihre goldbraunen Augen sind ein paar Nuancen heller als die von Dax.
Dax tippt auf die grüne Taste, um den Anruf anzunehmen, und drückt dann auf die Lautsprecheroption. „Du bist auf laut gestellt, Will“, sagt er zur Warnung, was bei Willow ein guter Schachzug ist. Sie besitzt keinen Filter. „Regan sitzt neben mir.“
„Reg-a-licious“, schreit sie mit übersprudelnder Begeisterung in das Telefon. „Ich kann es kaum erwarten, dich zu sehen. Ich bin am Freitag da.“
„Du kannst es auch nicht erwarten, mich zu sehen, oder?“, fragt Dax und grinst mich an.
„Nein“, erwidert Willow. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass meine ganze Begeisterung dem Reg-i-rator gilt.“
Ich kichere und lächle Richtung Telefon, auch wenn sie mich nicht sehen kann. Die Spitznamen, die sie mir gegeben hat, als wir noch Kinder waren, verursachen ein warmes Gefühl in meinem Herzen. Ich war die Jüngste in der Miles- und Monahan-Sippe. Willow ist mit sechsundzwanzig vier Jahre älter als ich. Dax ist siebenundzwanzig – genauso alt wie Lance bei seinem Tod. Meredith ist mit neunundzwanzig die Älteste und die einzige, die verheiratet ist und Kinder hat.
Aber der Altersunterschied zwischen mir und den anderen war groß. Willow, Lance, Dax und Meredith waren alle eng verbunden und ich war das vier Jahre jüngere Nesthäkchen. Willow und Lance gingen kurzzeitig miteinander aus. Meredith war die ältere Schwester, die ihnen Alkohol kaufte, bevor sie volljährig wurden, und ich war diejenige, die dumme Spitznamen wie Reg-i-moto und Reg-gae Music Girl bekam.
Ja, wir sind alle zusammen aufgewachsen und unsere Familien waren eng befreundet. Wir teilen vielleicht kein gemeinsames Blut, aber die Monahans sind jetzt alles, was ich noch habe. Ich bin mir zwar weiterhin nicht sicher, ob ich das Richtige tue, wenn ich Dax’ Plan, ihn zu heiraten, zustimme, doch ich weiß, dass Lance von Dax erwartet hätte, dass er sich um mich kümmert.
Ich werde ihn also gewähren lassen, nicht nur, weil Lance es gewollt hätte, sondern auch, weil ich Angst davor habe, was mit mir passiert, wenn ich es nicht tue. Ich muss einfach meine altmodischen Vorstellungen von wahrer Liebe und Ehe beiseiteschieben. Diese Hochzeit findet aus Gründen statt, die nichts mit Romantik zu tun haben. Das habe ich akzeptiert.
Natürlich hilft es nicht, dass ich Dax inzwischen definitiv nicht mehr auf brüderliche Weise betrachte. Er ist einfach zu … männlich. Wie ein verdammter Liebesromanheld, der muskulös, erfolgreich und alphamäßig auftaucht, um den Tag zu retten.
„Ich bin am Freitagabend da“, unterbricht Willow meine höchst unpassenden Gedanken. „Dax hat ein Spiel, also hängen du und ich ab, Reg-i-bell. Wir haben eine Menge nachzuholen.“
Ein leiser Seufzer entkommt mir, und ich lächle wieder Richtung Telefon. Ja, das haben wir. Willow konnte nicht zur Beerdigung von Lance kommen, und es ist offensichtlich, dass sie sich deswegen schrecklich fühlt. Und obwohl wir über soziale Medien und SMS in Kontakt waren, haben wir uns seit mehr als zwei Jahren nicht gesehen.
„Regan wird zum Spiel kommen“, fügt Dax kühl hinzu und ich blinzle überrascht wegen des leicht besitzergreifenden Tons in seiner Stimme.
„Oh nein, das wird sie nicht“, schnauzt Willow. „Sie kann zu einem anderen Spiel von dir gehen, und es ist ja nicht so, dass sie dich nicht schon unzählige Male hat Eishockey spielen sehen. Aber ich vermisse sie und bin traurig wegen Lance und ich will einfach nur mit Regan und ein paar Flaschen Wein bei dir zu Hause abhängen. Also komm damit klar.“
Dax’ Mund klappt zu, ein Muskel zuckt in seinem Kiefer.
„Abhängen klingt gut“, sage ich zu Willow und hoffe, dass Dax nicht sauer deswegen ist. Ich habe ihn schon oft Eishockey spielen sehen, also ist es mir ganz recht, etwas mit seiner Schwester zu unternehmen.
„Wir haben ein Date“, sagt Willow, doch dann höre ich im Hintergrund jemanden ihren Namen rufen. „Ich muss los. Ich schicke dir meine Flugdaten, aber ich kümmere mich selbst darum, zu dir nach Hause zu kommen, Dax. Bis später, Leutchen!“
Und dann hat sie aufgelegt.
„Sie ist so eine Göre“, murmelt Dax, während er sich ein weiteres Stück Pizza schnappt. „Gut, dass ich sie mag.“
„Du liebst sie“, erwidere ich lachend, schwinge mein Bein in seine Richtung und klopfe mit dem Fuß spielerisch gegen sein Schienbein. „Außerdem weißt du, dass die Hälfte der Dinge, die sie sagt, nur dazu dient, dich zu ärgern. Sie steht darauf, deine Knöpfe zu drücken.“
„Absolut“, stimmt er zu und wechselt abrupt das Thema. „Lass uns morgen gegen halb neun das Haus verlassen. Dann sind wir die ersten in der Schlange vor dem Büro des Standesbeamten.“
Meine Kehle schnürt sich zu, als sich die Last des morgigen Tages auf mich zu legen beginnt.
„Hast du deine Geburtsurkunde gefunden?“, fragt er.
Ich nicke und sage ihm, dass ich dachte, sie wäre in einer Mappe mit Papieren, die ich in meinem Schrank verstaut hatte und die ich gestern beim Packen durchgesehen hatte.
„Also gut.“ Er nickt. „Wir fahren morgen früh los, gehen zum Amt und lassen uns trauen, danach brunchen wir vielleicht noch? Dann habe ich am Nachmittag Training, also bringe ich dich hierher zurück. Klingt das gut?“
Klingt magisch, denke ich mit meiner sarkastischen inneren Stimme, aber ich lächle nur und nicke wieder. Es ist das Richtige, und ich muss einfach über die Enttäuschung hinwegkommen, aus einem anderen Grund als Liebe zu heiraten.
Kapitel 4
Dax
Ich weiß zwar, dass es für Regan das Richtige ist, aber es fühlt sich einfach falsch an.
Oder besser gesagt, ich spüre, dass mit Regan etwas „nicht stimmt“, als sie neben mir in der kleinen Lobby des Bezirksstandesamtes sitzt. Es ist ein zehn mal zehn Meter großer Raum mit vier Plastikstühlen an einer Wand und einem Empfangstresen, an dem eine gelangweilte Frau uns eingecheckt hat. Auf der anderen Seite des Zimmers können wir das Büro der Standesbeamtin sehen, das eine solide Tür, aber ein schmales Fenster hat, das vom Boden bis zur Decke reicht. Entgegen meiner ursprünglichen Hoffnung sind wir nicht die Ersten, die wegen einer Trauung kommen. Ein weiteres Paar hat gerade einen Termin.
Die beiden jungen Leute haben mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht die Arme umeinander gelegt, während die Beamtin vermutlich das Gelübde verliest. Die Braut trägt ein einfaches weißes Kleid, das leger, aber dem Anlass entsprechend gewählt ist, und sie hält einen kleinen Blumenstrauß in der Hand. Der Bräutigam kam in Jeans, Hemd, Weste und Krawatte. Sie haben sich für diesen Tag Mühe gegeben. Regan und ich nicht.
Meine Kleidung stammt zwar von einem Designer, aber ich habe mir keine Gedanken über die Jeans und das Hemd gemacht, die ich aus meinem Schrank genommen habe. Regan sieht wie immer umwerfend aus, allerdings vermute ich, dass sie einfach aus einer Laune heraus die schwarze Hose und die silberne Bluse gewählt hat.
Und ja … vielleicht ist es das, was sich falsch anfühlt. Regan ist der Typ Frau, der an so einem wichtigen Tag ein Couture-Hochzeitskleid tragen sollte, und sie sollte vor Aufregung vibrieren. Stattdessen sitzt sie auf dem Stuhl neben mir und scrollt auf ihrem Handy. Sie ist höflich, aber still an diesem Morgen, und ich habe den deutlichen Eindruck, dass ich trotz meiner edlen Absichten einen Traum zerstöre.
Bei diesem Gedanken drehe ich mich fast zu ihr, um zu sagen, dass das eine dumme Idee ist. Doch die Tür der Standesbeamtin öffnet sich und ein glücklich verheiratetes Paar kommt heraus. Sie bleiben stehen, weil sie offenbar nicht anders können, und küssen sich innig, bevor sie regelrecht aus der Tür schweben.
Die Beamtin kommt aus ihrem Büro und blickt zu Regan und mir hinüber. Sie ist klein und mollig und ich schätze sie auf Anfang sechzig, mit einem Kopf voller dichter grauer Locken. Ihre Augen leuchten und ihr Lächeln ist einladend, als sie fragt: „Sind Sie hier, um zu heiraten?“
Ich stehe auf und bemerke, dass Regan mir langsam folgt. Meine Hände sind schwitzig und ich wische sie an meiner Jeans ab. „Ja.“
„Nun, kommen Sie herein“, sagt sie fröhlich und winkt uns nach vorn. „Eheschließungen gehören zu den schönsten Momenten meines Tages. Haben Sie das Paar vor Ihnen gesehen? Meine Güte, das waren die süßesten. Sie waren anscheinend schon seit fast sechzehn Jahren zusammen. Sie haben zwei gemeinsame Kinder und einfach beschlossen, dass sie heute heiraten sollten. Aus keinem anderen Grund als dem, dass es sich einfach richtig anfühlte, wissen Sie, was ich meine?“
Ich werfe einen Blick auf Regan, die die Frau ausdruckslos anstarrt, aber sie beachtet uns nicht wirklich. Sie hat sich bereits in ihr beengtes Büro zurückgezogen und setzt sich an ihren Schreibtisch.
Wir folgen ihr hinein, und sie winkt uns auf zwei Plastikstühle, auf denen wir Platz nehmen können. Ich lasse Regan vor mir hergehen und schließe die Tür hinter uns.
Als wir uns setzen, stellt sich die Frau vor. „Ich bin Anita Dougald. Wir kümmern uns zuerst um die Erlaubnis und dann können wir das Gelübde ablegen. Wenn Sie Ihr eigenes mitgebracht haben, ist das toll. Wenn nicht, habe ich ein Standardset.“
Die Angestellte kramt in einer Schublade nach einigen Papieren und sieht uns dann mit einem weiteren strahlenden Lächeln an. Sie legt die Unterlagen hin und nimmt einen Stift zur Hand. „Also, lassen Sie uns das ausfüllen. Der Name des Bräutigams, bitte.“
„Calvin Dax Monahan“, antworte ich und gebe ihr einen Moment Zeit, das an die richtige Stelle des Formulars zu schreiben. „Und Regan Elizabeth Miles.“
Wenn mein Name Anita etwas sagt, zeigt sie es nicht. Aber das ist nicht verwunderlich. Obwohl es eines der heißesten Teams der Liga ist, erkennt man die meisten Vengeance-Spieler in der Öffentlichkeit nicht so leicht, es sei denn, man ist ein Superfan.
Anita sieht nicht wie ein Superfan aus.
„Okay“, kommt es von ihr, bevor sie fragt: „Geburtsdaten?“
Wir geben die von ihr verlangten Informationen an, und das sind nicht sehr viele. Sobald das einfache Formular ausgefüllt ist, nimmt sie meine Zahlung für die Urkunde entgegen, während der offizielle Schein aus dem Drucker geschoben wird. Sie bringt ein geprägtes Siegel darauf an.
Als sie damit fertig ist, fragt sie: „Haben Sie ein persönliches Gelübde geschrieben?“
Regan antwortet leise: „Nein, die traditionellen sind in Ordnung.“
Wenn Anita das Gefühl hat, dass irgendetwas nicht stimmt oder das Paar vor ihr bei diesem glücklichen Anlass ungewöhnlich zurückhaltend ist, lässt sie sich das nicht anmerken. Tatsächlich werden wir von dieser Frau mit fröhlichem Optimismus und Glückseligkeit verwöhnt.
„Nun, lassen Sie uns aufstehen.“ Sie zieht ein Blatt Papier aus einem anderen Ordner.
Wir erheben uns alle von unseren Sitzen. Ohne darüber nachzudenken, ob es das Richtige ist oder nicht, strecke ich die Hand aus und nehme Regans in meine. Das zwingt sie, zwei Schritte näher an mich heranzurücken, und ich halte sie fest. Ich spüre, wie sich der feuchte Schweiß ihrer Handfläche mit meinem vermischt, und bemerke, dass sie nicht zurückdrückt.
„Wird es einen Ringtausch geben?“, fragt Anita.
„Nein“, entgegne ich und kann nicht anders, als Regan anzuschauen. Sie dreht den Kopf und ich erhalte ein ermutigendes Lächeln zurück. Ich kann sehen, dass es sich auch für sie falsch anfühlt, aber sie ist immer noch entschlossen, es zu tun.
Anita scheint das Fehlen der Ringe nicht zu stören, und vielleicht ist das bei dieser Art von Ehe auch gar nicht so weit verbreitet. Wer weiß, und es bleibt keine Zeit zum Grübeln.
Anita wendet sich zunächst an mich. „Calvin …“
Ein Moment der Panik überkommt mich, als mir klar wird, dass ich mich für alle Ewigkeit an eine Frau binde. Zumindest im traditionellen Sinne, aber das verschwindet sofort, als ich spüre, wie Regan endlich meine Hand drückt.
„Dax“, korrigiere ich Anita. „Ich nenne mich Dax.“
„Gerne“, antwortet sie mit einem perlenden Lachen. „Dax … nehmen Sie Regan zu Ihrer Frau?“
„Ja“, sage ich und klinge fest und sicher.
Denn ich bin mir sicher.
„Versprechen Sie, sie zu lieben, zu achten und zu ehren und allen anderen für immer zu entsagen?“
Scheiße, das ist eine echte Verpflichtung, aber da ist nichts enthalten, was mich abschreckt. Das Wort „Liebe“ sollte es, doch nicht wirklich. Ich liebe sie tatsächlich.
Wie eine Schwester, versteht sich.
„Ja.“ Und dann drücke ich Regans Hand leicht, aber dieses Mal erwidert sie es nicht.
Anita wendet sich mit einem strahlenden Lächeln an meine künftige Frau. „Regan, nehmen Sie Dax zu Ihrem Ehemann?“
„Ja“, antwortet sie leise, aber sie zögert nicht.
Ich drehe mich wieder zu ihr und sehe, dass ihr Blick fest auf das Dokument gerichtet ist, das Anita in der Hand hält.
„Und versprechen Sie, ihn zu lieben, zu achten und zu ehren und allen anderen für immer zu entsagen?“
„Ja.“
Aus irgendeinem Grund durchströmt mich ein Gefühl von Wärme und Trost. Regan wendet ihr Gesicht zu mir. Einen Moment lang starren wir uns nur an. In der Stille wirkt das Ausmaß dessen, was wir hier tun, bedrückend und einladend zugleich.
„Ich erkläre Sie hiermit zu Mann und Frau“, verkündet Anita stolz und wir drehen uns beide zu ihr um. „Sie dürfen Ihre Braut jetzt küssen, Mr. Monahan.“
Ein Blitz, der sich wie pure Elektrizität anfühlt, durchzuckt mich, denn ich habe nie daran gedacht, dass am Ende dieses Gelübdes ein Kuss steht. Ich habe überlegt, ob ich einen Ring kaufen soll, es aber als unnötig verworfen. Ich habe vollkommen vergessen, dass dieser Vertrag mit einem Kuss besiegelt werden würde.
Ich drehe mich komplett zu Regan, mit einer Frage in den Augen. Sie starrt mich mit einem Blick völliger Verwirrung an. Ich spüre die Erwartung und die Aufregung, die aus Anita heraussprudeln, während sie freudig auf den besten Teil einer jeden Hochzeitszeremonie wartet.
Ja, diese Ehe ist ein Schwindel. Aber ich will nicht, dass Anita das mitbekommt. Wir heiraten, damit Regan eine Krankenversicherung erhält, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht weniger betrügerisch ist, als jemanden aus einem anderen Land zu ehelichen, um für denjenigen eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Und ich will auf keinen Fall, dass irgendetwas davon negativ auf Regan zurückfällt. Ich habe Geld und Einfluss und könnte der Prüfung und den möglichen rechtlichen Konsequenzen standhalten. Aber ihr gegenüber wäre es nicht fair, daher treffe ich ad hoc eine Entscheidung.
Ich lege die Hände auf Regans Schultern und ziehe sie zu mir heran. Ihre grünen Augen weiten sich, als sie merkt, was ich vorhabe, doch sie zögert nicht. Ihr Körper ist geschmeidig und nachgiebig. Sie folgt meinen Bewegungen, während ich den Kopf beuge. Leicht, aber mit Gefühl, streiche ich mit den Lippen über ihre.
„Also wirklich …“ Anita schnaubt laut und wir drehen uns beide zu ihr um. „Seien Sie nicht schüchtern. Das ist ein bedeutsames Ereignis. Der Kuss zur Besiegelung des Eheversprechens ist das Wichtigste für den Start einer Ehe. Los, Dax … geben Sie Ihrer Frau einen Kuss, der sagt, dass dies der glücklichste Moment Ihres Lebens ist.“
Verdammte Scheiße.
Regan beginnt, sich mir zu entziehen, aber ich werde keine Szene machen. Außerdem … kann ich nicht behaupten, dass mich die Vorstellung, Regan zu küssen, abtörnt. Im Gegenteil, ich habe in den letzten Tagen, seit sie wieder in mein Leben getreten ist, viel zu häufig darüber nachgedacht, wie es wohl wäre.
Ich lasse eine Hand von ihrer Schulter zu ihrem Nacken gleiten und lege sie an ihren Hinterkopf. Ich sehe einen Anflug von Wut oder Warnung in ihren Augen, aber ich ignoriere ihn, als ich meinen Mund zu ihrem führe.
Regan wird steif, sobald ich meine Lippen auf ihre presse. Ich streife sie nicht. Stattdessen nehme ich sie. Ich benutze den Druck meiner Hand, um sie an ihrem Platz zu halten, und mit einer Neigung des Kopfes küsse ich meine Frau.
Mein Mund legt sich auf ihren und ich öffne ihn, sodass sie das Gleiche tun muss. Ich spüre ihre Hand auf meinem Unterarm, ihre Fingernägel graben sich in meine Haut, und ich fürchte, ich könnte ein Knie in die Eier bekommen … Aber dann küsst sie mich. Sie schlingt den Arm um meinen Hals und ihre Zunge gleitet gegen meine.
Und, oh heilige Scheiße, das ist gut. Eine Welle der Euphorie erfasst mich. Ich lehne mich mit meinem ganzen Körper hinein und lege eine Hand an Regans unteren Rücken. Sie schlingt auch den zweiten Arm um meinen Nacken und hält mich fest. Der Kuss ist so tief, dass ich nicht sicher bin, ob ich wieder auftauchen kann.
Eine weitere Welle der Wärme und Zufriedenheit überwältigt mich. Alles schmilzt dahin. Es gibt nichts außer Regan, ihrem Mund und ihrer Zunge, und wenn ich jetzt erschossen werden würde … würde ich als glücklicher Mann sterben.
„Oh mein Gott“, höre ich aus scheinbar weiter Entfernung. „Das ist vielleicht der beste Kuss, den ich in den zweiunddreißig Jahren, die ich diesen Job mache, je gesehen habe.“
Regan zuckt in meiner Umarmung zusammen und beginnt, sich zu winden. Mein Körper mag das nicht. Ich versuche, mich noch weiter an sie zu schmiegen, und will, dass die dumme Stimme, die ich gerade gehört habe, verschwindet.
Doch dann liegen Regans Hände auf meiner Brust, und ich öffne die Augen und stelle fest, dass sie mich völlig überrascht anstarrt. Sie lacht nervös und tätschelt mich. „Wow, Schatz … heben wir uns das für die Flitterwochen auf, okay?“
Flitterwochen? Ja. Vollzieh die Ehe. Sex mit Regan. Ja. Ja. Ja.
Regan fängt an, mich wegzuschieben, ein bisschen eindringlicher, und ich blinzle mehrmals, als ich wieder zu Verstand komme.
Ein schäbiges Büro mit Plastikstühlen und einer völlig Fremden, die mir dabei zusieht, wie ich Regan ohne guten Grund küsse. Der erste Kuss, den ich ihr gegeben habe, hätte ausreichen müssen.
Warum zum Teufel will ich es dann noch einmal tun, um zu versuchen, den letzten zu übertreffen?
Ich lasse Regan so plötzlich los, dass sie fast stürzt. Mit einem schnellen Griff an meine Arme schafft sie es, sich aufrecht zu halten. Wir lachen beide über unsere Unbeholfenheit, und Anita fällt mit ein.
Ich stehe vollkommen neben mir, als Anita die letzten Momente unserer Zeit mit ihr damit verbringt, unsere Heiratsurkunde einzupacken, bevor sie uns gratuliert. Ich nehme Regans Hand in meine und führe sie aus dem Büro. Ein anderes junges Paar grinst uns an, als wir gehen. Ich vermute, sie haben den verdammt heißen Kuss durch das verglaste Fenster gesehen. Ich nicke ihnen kurz zu und leite Regan hinaus.
„Das tut mir leid“, murmle ich, als wir den Gang zum Aufzug hinuntergehen.
„Kein Problem“, antwortet sie und versteht, dass ich von dem Kuss spreche.
Ich halte ihre Hand so lange, bis ich sie loslassen muss, um die Abwärtstaste zu drücken.
„Hungrig?“, frage ich.
„Ich könnte etwas essen.“
„Ich kenne einen tollen Ort nicht weit von hier“, sage ich, als sich die Fahrstuhltür öffnet.
Lächelnd geht Regan vor mir hinein.
Und so beginnt unser gemeinsames Leben als Mann und Frau.
Kapitel 5
Dax
Ich bin nur einen Block von der Arena entfernt. Normalerweise wäre mein Kopf bereits beim Spiel, aber diesmal nicht.
Er ist bei Regan.
Meiner neuen Frau.
Mein Gott, die letzten paar Tage waren verwirrend. Gestern habe ich geheiratet. Ich bin zwar überzeugt, dass es richtig war, Regan zu helfen, aber ich habe nicht bedacht, was das im wirklichen Leben bedeuten würde.
Ich habe zum Beispiel eine Einladung von ein paar Spielern bekommen, mit ihnen was trinken zu gehen. Ich hätte nicht zweimal darüber nachdenken sollen, zumal meine engsten Freunde in der Mannschaft einer nach dem anderen eine ernsthafte monogame Beziehung eingegangen sind.
Aber es war kompliziert, und nach einigem Hin und Her in meinem Kopf habe ich abgelehnt. Es fühlte sich einfach nicht richtig an, Regan ganz allein zu lassen.
Weil sie erst hierher gezogen und in meinem Haus zu Gast ist.
Und weil sie mich gerade geheiratet hat.
Das hat eine weitere Komplikation mit sich gebracht, die ich nicht bedacht hatte. Ich habe Regan gegenüber ein Gelübde abgelegt – ich habe mich ihr und nur ihr versprochen. Bedeutet das, dass andere Frauen tabu sind? Ich bin zwar kein großer Freund von Dates, aber ich vögele gern und tue es auch, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Ist das jetzt überhaupt noch moralisch vertretbar?
Jedenfalls war Trinken damit erledigt.
Für den Moment.
Am heutigen Tag sind wir einander tunlichst aus dem Weg gegangen. Regan verbrachte viel Zeit in ihrem Zimmer, aber die wenigen Male, als sie herauskam, war das Gespräch gestelzt. Ich drängte sie zu nichts, weil ich nicht wusste, was ich sagen sollte. Ich dachte auch, dass sich alles irgendwann wieder einrenken würde.
Ich habe sie allerdings zu dem Spiel eingeladen, da ich fand, es wäre gut für sie, mal rauszukommen. Sie liebt diesen Sport. Zu meiner positiven Überraschung sagte sie, sie würde gern hingehen. Ich besorgte ihr eine Eintrittskarte, die sie am Schalter abholen konnte, und schlug ihr vor, mit einem Uber zum Stadion zu fahren, denn ich musste viel früher los als sie. Ich sagte ihr sogar, dass wir danach mit dem Team ins Sneaky Saguaro gehen würden, um ein paar Bier zu trinken, damit sie einige der anderen kennenlernen könnte.
Und Regan schien glücklich und begeistert von unseren Plänen zu sein. Vielleicht ist das alles, was wir brauchen: eine regelmäßige Routine, um unsere Freundschaft zu festigen, während sie in meinem Haus wohnt, und um zu versuchen, dieses seltsame Durcheinander einer Ehe zu vergessen, zu dem wir uns verpflichtet haben. Das war nicht das, was wichtig war.
Die Einfahrt zum Spielerparkplatz kommt in Sicht. Ich zwinge meine Gedanken weg von Regan. Es ist an der Zeit, sich darauf zu konzentrieren, unsere Gegner heute Abend zu besiegen. Ich setze den Blinker, aber gerade als ich abbiegen will, sehe ich eine Menschenmenge, die um einen Pick-up herumsteht, der in eine Betonbarriere vor der Laderampe gekracht ist.
„Was zum Teufel …“, murmle ich.
Als ich auf den nächstgelegenen Parkplatz fahre, sehe ich ein paar Spieler und Arbeiter herumstehen. Ich steige aus dem Auto, schnappe mir meine Tasche und hänge sie mir über die Schulter.
Beim Näherkommen sehe ich Baden Oullet, unseren Ersatztorwart, der den Schaden an der Vorderseite des Wagens begutachtet. „Was ist denn hier los?“, frage ich.
„Das ist Tackers Pick-up“, antwortet er und mir läuft ein Schauer über den Rücken.
„Was ist passiert? Wo ist er?“
Baden nickt in Richtung der Eingangstür für Spieler. „Man sagte uns, wir sollten durch den hinteren Bereich reinkommen, aber er ist dort drinnen. Ein Krankenwagen wurde bereits gerufen.“
Ich antworte nicht, wende mich dem Spielereingang zu und marschiere entschlossen weiter.
Als ich die Tür öffne, sehe ich sofort Tacker auf dem Boden sitzen, an die Wand gelehnt. Legend und Erik stehen neben ihm, die Köpfe einander zugeneigt, und reden mit gedämpften Stimmen. Bishop hockt neben Tacker, der mit leerem Gesichtsausdruck nach vorn starrt. Ein Rinnsal Blut läuft über sein Gesicht, sein Handgelenk hat er gegen die Brust gepresst.
„Was zum Teufel ist passiert?“, frage ich.
Tacker beachtet mich nicht einmal, aber Bishop erhebt sich mit ernster Miene vom Boden. Er geht den Flur entlang, weg von Tacker, und ich folge ihm.
Als wir das Ende erreicht haben, bleibt Bishop an der Tür zur Umkleidekabine stehen und dreht sich zu mir um. Er ist mein engster Freund im Team. Wir waren Zimmergenossen und haben zusammen bei den Vipers gespielt, bevor wir hierher kamen. Natürlich hat sich das alles geändert, seit er sich mit Brooke verlobt hat, aber ich könnte mich nicht mehr für den Kerl freuen.
Bishop lehnt sich zu mir und hält seine Stimme leise, damit sie nicht bis zu Tacker dringt. „Legend, Erik und ich waren auf dem Parkplatz, als es passiert ist. Tacker ist auf den Parkplatz gefahren und durchgedreht. Er hat den Motor aufheulen lassen, ist nicht langsamer geworden und hat direkt auf die Absperrung zugehalten.“
„War es Absicht?“, frage ich und hoffe, dass Bishop nicht das meint, was ich denke.
„Ich glaube schon“, murmelt er. „Und er ist sturzbesoffen.“
„Scheiße“, murmle ich und werfe einen kurzen Blick in den Flur. Tacker hat sich nicht bewegt. Erik sitzt jetzt neben ihm auf dem Boden. „Wie schwer ist er verletzt?“
„Ich weiß es nicht. Er war in der Lage, zu gehen. Etwas stimmt nicht mit seinem Handgelenk, aber ich habe keine Ahnung, ob er innere Verletzungen hat. Wir hatten keine andere Wahl, als einen Krankenwagen zu rufen.“
„Stimmt“, sage ich und klopfe ihm auf die Schulter. „Weiß der Trainer schon Bescheid?“
„Ich habe Demere losgeschickt, um ihn zu suchen, kurz bevor du hereingekommen bist.“
Ich ziehe eine Grimasse in Richtung Tacker. „Er steckt so verdammt tief in der Scheiße.“
„Er wird verhaftet.“
Ich lasse meine Tasche auf den Boden fallen und stelle die Frage, die gestellt werden muss. Niemand steht Tacker besonders nahe, aber Bishop verbringt wahrscheinlich die meiste Zeit mit ihm. „Ist bei ihm Hopfen und Malz verloren, Kumpel?“
Bishop wischt sich mit der Hand über das Gesicht und seufzt. „Ich habe keine Ahnung. Er hat mich vor ein paar Minuten gefragt, wie Leute damit leben können, dass sie jemanden umgebracht haben. Anscheinend hat MJ heute Geburtstag.“
MJ war Tackers Verlobte. Sie ist letztes Jahr bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Beim Flugzeug trat ein Problem auf und Tacker war der Pilot. Es war nicht seine Schuld, aber das kann ihm niemand begreiflich machen. Er ist ein ruhiger, launischer und verstörter Mistkerl, seit er bei diesem Team angefangen hat. Man scheint ihn weder erreichen noch dazu bringen zu können, sich zu öffnen. Obwohl er auf dem Eis wahrscheinlich der beste Spieler der Liga ist, hat er zu keinem in der Gruppe eine besondere Kameradschaft. Auf dem Eis redet er die ganze Zeit über die Mechanismen des Eishockeys mit uns, und er unterstützt sein Team als Kapitän. Aber außerhalb des Stadions ist er ziemlich verschlossen.
Ich habe eigentlich gedacht, dass es Hoffnung gibt, denn erst letzten Monat haben Tacker und ich den Weihnachtsabend mit Legend verbracht, der gerade die Überraschung des Jahres erlebt hat, als er erfuhr, dass er Vater geworden ist. Es war ein ruhiger Abend. Sowohl Legend als auch ich waren überrascht, wie angetan Tacker von Charlie war, dem neugeborenen Mädchen, das gerade in Legends Leben getreten war. Ich dachte, Tacker würde sich endlich eingewöhnen und ein Teil unserer Familie werden.
Ich dachte, er würde anfangen, seinen Schmerz und seine Schuldgefühle hinter sich zu lassen.
Aber jetzt denke ich das nicht mehr.
Die Tür, neben der wir stehen, öffnet sich, und Bishop und ich treten beide zurück. Coach Perron kommt heraus, gefolgt von einem der Teamtrainer, Ronnie Nuss. Er hat einen Erste-Hilfe-Kasten in der Hand. Er geht an uns vorbei und joggt dann den Flur entlang, um Tacker zu helfen.
„Was ist passiert?“, fragt der Coach Bishop.
In jeder anderen Situation würde Bishop die Wahrheit vielleicht ein wenig strapazieren, um die Dinge etwas positiver erscheinen zu lassen, wenn möglich, aber hier gibt es nichts zu beschönigen. Außerdem ist Bishops Verlobte Brooke zufällig die Tochter von Coach Perron, also wird er seinen zukünftigen Schwiegervater auf keinen Fall anlügen.
„Er ist betrunken“, sagt Bishop.
Perron zuckt zusammen und murmelt ein Schimpfwort.
Bishop schließt mit den Worten: „Er ist mit dem Pick-up in die Absperrung gefahren.“
„Allmächtiger Gott“, flüstert der Coach voller Mitgefühl. Er weiß genauso viel über Tackers Dämonen wie wir, und obwohl er als Trainer ein knallharter Bastard ist, sorgt er sich sehr um seine Spieler.
Wir konzentrieren uns alle auf Tacker. Mit einer Schärfe, die ich noch nie gehört habe, sagt Perron: „Das endet hier. Dieser Mann bekommt jetzt professionelle Hilfe, ob er will oder nicht.“
Ein Schauer überläuft mich, als er Bishop und mich zurücklässt und den Flur hinunter zu Tacker schreitet. Wir beobachten, wie er vor seinem Starspieler, dem Kapitän unserer Mannschaft, in die Hocke geht. Er legt ihm die Hand auf die Schulter, und obwohl wir nicht hören können, was er sagt, stelle ich mir vor, dass es angemessene Worte des Trostes sind.
Als sich die Außentür öffnet, tritt ein Polizeibeamter aus Phoenix ein, gefolgt von zwei Sanitätern.
Das ist einfach beschissen.
„Ich gehe meine Sachen holen“, sagt Bishop müde. „Wir sehen uns in der Umkleidekabine.“
„Ja, klar.“ Ich wende mich von ihm ab, ziehe mein Handy aus der Tasche und wähle Regans Nummer.
Sie geht ran, als ich in die Umkleidekabine trete. „Hallo.“
„Hey.“ Ich klinge alt und müde. Ein Teil von mir ist sauer, dass Tacker unser Team aufmischt.
„Was ist los?“, fragt sie mit deutlicher Besorgnis in ihrem Ton. Offenbar hat sie meine Stimmung nach nur einem Wort erfasst.
„Hör mal … es ist zu viel, um es jetzt zu erklären, aber unser Kapitän, Tacker Hall, hatte vor ein paar Minuten einen wirklich schweren Unfall. Er wird mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus gebracht. Ich werde direkt nach dem Spiel dorthin fahren, also werden wir heute Abend nicht ausgehen können.“
„Oh mein Gott“, ruft sie aus. „Keine Sorge. Ich kann natürlich auf mich selbst aufpassen. Ich fahre einfach mit einem Uber nach Hause. Willst du immer noch, dass ich zu dem Spiel komme?“
„Ja“, platze ich heraus. „Ja, natürlich. Bitte komm und amüsiere dich. Es tut mir nur leid, dass ich danach nichts mit dir unternehmen kann. Ich gehe davon aus, dass das gesamte Team im Krankenhaus aufkreuzen wird, vorausgesetzt, dass er dort sein wird.“
„Vielleicht könnest du zu ihm nach Hause fahren, wenn er bis dahin entlassen ist.“
Oder ins Polizeirevier, um die Kaution zu hinterlegen. Aber das ist nichts, was ich Regan jetzt mitteilen sollte.
„Dax?“ Regans Stimme klingt sanft und immer noch besorgt. „Darf ich dir einen Rat geben?“
Ich zucke überrascht zusammen und verstehe zunächst nicht, warum sie das Bedürfnis hat, das zu tun. Dann mache ich mir klar, wie ich mich in diesem Moment fühle. Ich begreife zwar nicht, woher sie das weiß, aber es geht mir beschissen.
„Ja“, antworte ich.
„Versuch, dich abzuschotten. Es ist zwecklos, dir zu sagen, dass du dir keine Sorgen machen sollst, aber versuch es wenigstens. Stell dir vor, du steckst die Sorgen in eine Schachtel. Schließ sie mit einem Schlüssel ab … Dann schieb sie in eine entfernte Ecke deines Geistes. Du kannst im Moment nichts tun, um Tacker zu helfen. Ich bin sicher, er hat gute Leute, die sich um ihn kümmern. Aber du hast einen Job zu erledigen, also musst du den Kopf frei bekommen, um heute Abend der verdammt beste Eishockeyspieler zu sein, der du sein kannst. Wenn das Spiel vorbei ist, schließ die Box auf und geh zu deinem Freund.“
Ich atme tief durch die Nase ein und lasse ihre Worte auf mich wirken. Sie sind erstaunlich einfach und gleichzeitig eindringlich. Sie sind außerdem ohne Nachdenken oder Anstrengung ausgesprochen worden, und mir wird etwas klar.
„Ich würde eine Million Dollar darauf wetten, dass du diese Rede schon einmal gehalten hast“, vermute ich, während ich zu meinem Spind gehe. Es sind nur ein paar andere Spieler hier, aber niemand redet oder lacht, was bedeutet, dass sich die Nachricht über Tackers Zustand verbreitet hat.
Regan schenkt mir ein leises Lachen. „Dieselbe Rede habe ich auch Lance gehalten, nachdem wir erfahren haben, dass ich PNH habe. Er war sehr aufgewühlt und hatte ein Spiel. Wir haben ein vertrauliches Gespräch geführt, bevor er die Wohnung verließ. Es war zwar nicht wortwörtlich dasselbe, aber es hatte denselben Tenor.“
„Hat er deinen Rat befolgt?“, frage ich.
„Er hat es versucht. Hat nicht so gut geklappt. War eines der schlechtesten Spiele, die er je gespielt hat.“
Ich lache und Regan stimmt mit ein. Wir sind beide ein wenig verloren in unseren Erinnerungen an einen Mann, der ein großartiger Profisportler war, seine Schwester aber so sehr liebte, dass er zu einem stümperhaften Idioten auf dem Eis wurde.
„Ich werde es versuchen“, verspreche ich. „Das ist ein guter Rat.“
„Das ist alles, was du tun kannst. Jetzt … konzentriere dich auf das Spiel. Ich werde dich anfeuern.“
Dieses Gefühl kommt zurück. Das, das ich gestern bei unserer Hochzeit erlebt habe. Wärme und Geborgenheit. Regan wird mir zujubeln, und obwohl sie nur dem Namen nach meine Frau ist, bedeutet die Tatsache etwas, dass sie es tut, weil es um mich geht.
Ich bin mir nur nicht ganz sicher, was.
Kapitel 6
Regan
Es ist fast Mitternacht, als ich Dax’ Auto in die Einfahrt biegen höre. Er hat darauf bestanden, dass ich meines in der Einzelgarage unterbringe, als wir am Sonntag angekommen sind. Dort ist es auch geblieben, abgesehen von einer kurzen Fahrt zum Lebensmittelgeschäft heute Morgen. Ich habe definitiv genug Zeit, um mich in der Gegend um Scottsdale/Phoenix zurechtzufinden. Immerhin reise ich ja nicht so bald ab.
Dax hat mir nach dem Spiel eine SMS geschickt, um mir mitzuteilen, dass er mit dem Rest des Teams auf dem Weg zu Tacker ist, der ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Ich habe ihm gesagt, dass ich auf ein Uber warte, das mich nach Hause bringt, und dass ich ihn später sehen werde.
Ich war müde und hätte ins Bett gehen sollen, als ich hier ankam, doch ich machte mir Sorgen um Dax. Er hat heute Abend furchtbar gespielt. Aber das hat das restliche Team auch. Um mich herum in der Arena war einiges los, und viele Leute fragten sich, warum Tacker auf der Verletztenliste stand. Ich kannte ein paar Details, habe allerdings kein Wort gesagt. Ich habe nur zugesehen, gebrüllt und geschrien, aber am Ende ging ich mit all den anderen enttäuschten Fans aus der Arena. Wir haben verloren.
Dax steckt den Schlüssel ins Schloss. Ich stehe von der Couch auf, auf der ich gesessen habe, und stelle meine halb leere Tasse Tee auf den Kaffeetisch. Er sieht erschöpft aus, als er hereinkommt, und gleichzeitig immer noch umwerfend in dem dunkelblauen Anzug, den er heute trägt.
Er bemerkt mich und blinzelt überrascht. „Warum bist du noch auf?“
„Ich habe auf dich gewartet. Ich wollte wissen, wie es Tacker geht.“
Mit einem Kopfschütteln wirft Dax seine Tasche auf einen Stuhl. Er schließt die Tür und dreht den Schlüssel um. „Keine Ahnung. Er hat sich im Krankenhaus geweigert, jemanden zu sich zu lassen.“
Ich runzle verwirrt die Stirn, denn ich weiß ein wenig über Teamkameradschaft. „Aber warum?“
Dax kneift sich in den Nasenrücken und schließt kurz die Augen, bevor er einen frustrierten Seufzer ausstößt. Als er mich wieder ansieht, sagt er: „Tacker war betrunken. Er ist mit seinem Pick-up absichtlich in eine Betonbarrikade gefahren.“
„Was?“, keuche ich und bin bestürzt darüber, wie Dax’ Schultern vor Müdigkeit herabhängen. „Warte einen Moment … setz dich auf die Couch und lass mich dir einen Tee holen. Das wird dich entspannen.“
Ich erhalte ein freches Grinsen zurück. Er schüttelt den Kopf und geht hinüber zu einem Schrank zwischen Wohnzimmer und Küche. „Dafür braucht man Alkohol, keinen Tee. Willst du einen Drink?“
„Gerne.“ Ich setze mich auf das Sofa und kuschle mich im Schneidersitz in die Ecke. Dax nimmt eine durchsichtige Karaffe mit einer dunklen Flüssigkeit, vermutlich Bourbon, und schnappt sich zwei Gläser. Er stellt sie auf den Tisch, und während er sein Jackett abstreift und seine Krawatte abnimmt, erlaube ich mir, jedem von uns zwei Fingerbreit einzugießen.
Nachdem er sich ans andere Ende der Couch gesetzt und die beiden obersten Knöpfe seines Hemdes geöffnet hat, reiche ich ihm das Glas. Er schenkt mir ein schwaches Lächeln und stößt mit mir an. „Prost.“
„Prost“, erwidere ich und nehme einen kleinen Schluck, der mich sofort wärmt. Ich bin keine große Trinkerin, genieße allerdings Bourbon oder Scotch pur gern mal zwischendurch und in Ruhe.
„Ich weiß, dass du dich in der Eishockeywelt gut auskennst. Wie viel weißt du über Tackers Hintergrund?“, fragt Dax.
Es stimmt, ich kenne mich mit Eishockey aus. Als Lance gedraftet wurde, war ich so unglaublich glücklich und stolz, dass ich mich in die Materie vertieft habe. Ich kannte nicht nur die Statistiken seines Teams, sondern auch die der größten Rivalen der Vipers. Ich wusste eine ganze Menge über viele der anderen Mannschaften, einschließlich der führenden Spieler der Liga. Natürlich war ich wegen Lance in erster Linie ein Vipers-Fan, aber wo immer Dax spielte, das war mein zweitliebstes Team. Daher kannte ich auch die Geschichte von Tacker, der ihr bester Spieler war.
„Vor etwas mehr als einem Jahr hatte er einen Flugzeugabsturz. Er war der Pilot und es gab ein technisches Problem. Das Flugzeug stürzte ab und seine Verlobte kam dabei ums Leben. Er wurde verletzt und verpasste den Rest der letztjährigen Eishockeysaison. Die Mustangs haben ihn beim Expansion Draft nicht geschützt und die Vengeance holten ihn. In diesem Jahr hat er bisher eine großartige Saison gespielt. Er scheint auf dem Höhepunkt seiner Karriere zu sein.“
Dax’ Augenbrauen heben sich und er lächelt in Anerkennung meines Wissens. „Nicht schlecht, aber auch nicht unbedingt überraschend. Du liebst dieses Spiel wirklich.“
„Das habe ich von Lance.“
„Ja“, stimmt er leise zu, während er die bernsteinfarbene Flüssigkeit in seinem Glas schwenkt. Er hebt es an den Mund und leert es mit einem großen Schluck. Er lehnt sich vor und gießt sich noch einmal aus der Karaffe ein, die ich auf dem Couchtisch stehen gelassen habe. „Was du nicht weißt, ist, dass es Tacker nicht gut geht. Er hat sich vom Rest des Teams abgekapselt. Es ist schwer, ihn außerhalb des Eises in Unterhaltungen zu verwickeln. Es gibt Momente, in denen man denkt: Okay, der Typ wird schon wieder, und dann zieht er sich erneut in sich zurück.“
„Klingt, als hätte er eine Depression.“
Dax nickt. „Da bin ich mir sicher. Hast du den Kampf gesehen, in den er Ende November verwickelt war?“
„Gegen die L.A. Demons. Er rammte Lars Nilsson das Knie gegen den Kopf. Er wurde gesperrt für – ich weiß nicht mehr, für wie viele Spiele.“
„Zehn“, sagt Dax und nimmt einen weiteren großen Schluck Alkohol. Ich nehme ebenfalls einen größeren, um es ihm gleichzutun, und genieße das Brennen und die Art, wie er mit mir spricht. Als wäre ich eine Vertrauensperson, bei der er sein Herz ausschütten kann. Wenn Bourbontrinken dazu führt, dann ist das eben so. Es bringt mir ein wenig von dem zurück, was ich mit meinem Bruder verloren habe.
„Jedenfalls ist er eine tickende Zeitbombe“, murmelt Dax und bleibt auf dem Rand der Couch sitzen. „Ich hatte schon die ganze Zeit Angst, dass etwas Schlimmes passieren würde. Ich bin heute Abend nur ein paar Minuten, nachdem er mit seinem Pick-up in die Absperrung gefahren ist, auf dem Parkplatz der Spieler angekommen.“
„Wie schwer ist er verletzt?“
„Er war bei Bewusstsein und hatte ein paar Schnitte und Kratzer am Kopf. Ich glaube, sein Arm oder Handgelenk ist verletzt, aber darüber hinaus … Wir wissen es einfach nicht. Ich bin nicht überrascht, dass er sich geweigert hat, uns zu sehen. Er ist echt ein Einzelgänger.“
Wir schweigen einen Moment lang. Um die Leere zu füllen, trinke ich mein Glas aus. Dax sagt kein Wort, und ich rutsche an den Rand der Couch, um mir noch einen Drink einzuschenken.
„Ist er … selbstmordgefährdet?“, frage ich zögernd und drehe mich zu Dax. Während wir uns nachgeschenkt haben, haben wir es geschafft, beide näher in die Mitte des Sofas zu rücken, aber es ist immer noch ein guter halber Meter zwischen uns. Normalerweise würde ich mir nichts dabei denken, denn Dax ist wie mein Bruder.
Nur sind meine Gefühle für ihn meist nicht schwesterlich.
„Ich weiß es nicht“, gesteht Dax, bevor er einen weiteren großen Schluck nimmt. Ich folge seinem Beispiel. „Ich meine … ja, er ist mit seinem Pick-up in die Barrikade gefahren, aber diese Schwingung habe ich nie bei ihm wahrgenommen. Ich meine … vielleicht. Scheiße … ich weiß es nicht.“
Und damit trinkt er seinen zweiten Drink aus. Ich leere meinen ebenfalls. Obwohl ich nicht so viel eingeschenkt habe, brauche ich dennoch zwei Schlucke dafür.
Dax nimmt die Karaffe und wirft mir einen fragenden Blick zu. Mit einem Nicken halte ich mein Glas hin.
Als wir beide frische Getränke haben, macht es sich Dax wieder auf der Couch bequem, und ich tue dasselbe, indem ich meine Beine unter mich ziehe. Ich wechsle das Thema, denn es gibt im Moment keine Antworten auf die Millionen Fragen. „Wie gefällt dir der Rest des Teams? Es scheint, als würdet ihr euch auf dem Eis sehr gut verstehen.“
Dax lächelt, seine Augen leuchten. Und dann beginnt er zu sprechen.
Ich erfahre einiges über seine engsten Freunde. Bishop hat sich vor Kurzem mit Brooke verlobt, der Tochter von Coach Perron – nachdem er eine falsche Verlobung vorgetäuscht hatte, weil der Coach sie in einer kompromittierenden Situation erwischte. Playboy Erik hat sich in eine Frau namens Blue verliebt, mit der er fünf Jahre zuvor eine „Begegnung“ gehabt hatte, an die er sich aber nicht mehr erinnern konnte. Dax sagt voraus, dass sie jetzt, wo Erik Hals über Kopf in Blue verschossen ist, vor Bishop und Brooke heiraten werden, obwohl sie noch nicht verlobt sind.
Am interessantesten ist, was mit dem Star-Torhüter der Vengeance, Legend Bay, passiert ist. Anscheinend kam er vor etwa sechs Wochen nach Hause und fand ein neugeborenes Baby auf seiner Veranda und eine Nachricht von der Mutter. Ich kenne Legend, da er eine Saison bei den Vipers gespielt hat, und es fällt mir schwer, ihn mir als Vater vorzustellen. Laut Dax hat er sich jedoch mit der Vaterschaft abgefunden und ist überglücklich über seine neue kleine Tochter Charlie.
Wir trinken, während er mir die verrückte Geschichte von Legend erzählt.
„Hat sich die leibliche Mutter noch mal bei Legend gemeldet?“, frage ich.
Er nickt. „Sie ist ein paarmal aufgetaucht und hat verlangt, Charlie zu sehen. Aber Legend wird sie dazu bringen, den korrekten Weg einzuschlagen. Ich glaube, er ist offen dafür, dass sie das Besuchsrecht erhält, aber er wird auf keinen Fall das Sorgerecht abgeben.“
„Das ist so süß. Klingt, als hätte er dabei eine wirklich gute Frau gefunden“, murmle ich. Dax hat mir auch von Legends Nachbarin Pepper erzählt, in die er sich verliebt zu haben scheint. Ich schaue auf mein Glas und runzle die Stirn, als ich sehe, dass es leer ist. „Sieh dir das an. Es ist ausgetrocknet.“
Dax gluckst, bevor er seinen Drink austrinkt. „Noch einen?“
„Klar, warum nicht?“, meine ich, obwohl ich auf dem besten Weg bin, mich zu betrinken. Im Moment bin ich stark angeheitert und fühle mich gut. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Dax das auch ist, wie das alberne Grinsen auf seinem Gesicht beweist, als er uns erneut einschenkt.
Wir halten unsere Gläser in die Höhe und stoßen ein wenig zu heftig miteinander an, sodass etwas von meinem Alkohol herausschwappt. Kichernd sage ich: „Ups.“
„Mein Fehler“, antwortet er lachend.
Nachdem wir beide etwas getrunken haben, kann ich nicht anders, als ihn zu necken. „Alle Vengeance-Jungs fielen den Pfeilen Amors zum Opfer. Bishop, Erik, dann Legend. Und …“
„Und nun ich – ein verheirateter Mann“, beendet Dax mit einem Grinsen meinen Satz und hält mir sein Glas entgegen. „Auf meine Frau.“
Ich kichere und stoße wieder mit ihm an, diesmal aber mit Bedacht, damit ich nichts von der kostbaren Flüssigkeit verliere. Wir nehmen beide einen weiteren Schluck. Der Schnaps wärmt meinen Bauch nicht mehr. Jetzt fließt er einfach wunderbar sanft meine Kehle hinab.
Ein Gedanke kommt mir in den Sinn. „Wie ungelenk war unsere Hochzeit gestern?“
Schmunzelnd schüttelt Dax den Kopf. „Die arme Anita. Ich glaube, sie wusste nicht, was sie mit uns machen sollte.“
Das bringt mich zum Kichern. „Sie hatte keine Ahnung.“
„Die arme Frau“, fügt er zwischen zwei Lachern hinzu. „Ich wette, sie hatte noch nie ein so wenig begeistertes Paar wie uns, wenn es ums Heiraten ging.“
„Du hast sie mit dem Oma-Kuss, den du mir gegeben hast, total schockiert“, erwidere ich und schnaube.
„Ich weiß. Sie hat uns richtig ausgeschimpft, und ich wusste nicht, was ich tun sollte.“
„Es war, als ob sie sagen würde: ‚Oh nein! Du küsst dieses Mädchen noch einmal und machst es diesmal richtig‘.“
„Diese Frau hat uns total angestachelt.“
Ich muss mein Glas mit beiden Händen festhalten, so sehr lache ich jetzt. Auch Dax ist völlig aus dem Häuschen, aber er hält inne, um einen weiteren Schluck seines Getränks zu nehmen. Er schluckt und stößt ein leises Glucksen aus. „Es war aber ein guter Kuss. Stimmt’s?“
Mein Lachen erstirbt, als mein Gesicht bei der Erinnerung daran heiß wird. Es war ohne Zweifel der beste, den ich in meinem ganzen Leben bekommen habe. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich einfach noch nicht viel Erfahrung habe oder mich wahnsinnig zu Dax hingezogen fühle. Vielleicht ist der Grund der, dass ich ihn schon ewig kenne und liebe.
Auf eine schwesterliche Art, meine ich.
„Scheiße … es war ein übler Kuss, nicht wahr?“, platzt Dax heraus, offenbar unglücklich darüber, wie lange die Antwort auf sich warten lässt.
Heftig errötend halte ich eine Hand hoch. „Nein. Er war gut.“
Seine Augen leuchten auf, sein Gesichtsausdruck wird schelmisch. „Ja? Wie gut?“
„Gut“ ist alles, was ich bereit bin, zuzugeben. Mein Gesicht fühlt sich allerdings immer noch unglaublich warm an, weil ich befürchte, dass er meine vagen Worte durchschaut.
„Gib es zu“, stichelt er und rückt auf der Couch näher heran. Er nimmt mir mein Getränk aus der Hand und stellt dann beide Gläser auf den Tisch. „Er war fantastisch, nicht wahr?“
Ich schnaube reserviert, denn mir schwirrt der Kopf, weil wir jetzt tatsächlich über den Kuss sprechen, der meine Welt so gründlich erschüttert hat. „Ich gebe hier gar nichts zu.“
„Doch, das wirst du“, verspricht er und der unheilvolle Tonfall lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen.
„Nein“, behaupte ich und recke das Kinn in die Luft.
Dax stürzt sich auf mich. Ehe ich mich versehe, liege ich auf der Couch. Er liegt auf mir, über mir, und kitzelt mich gnadenlos.
„Gib’s zu“, sagt er grinsend.
Lachend winde ich mich, schlage nach seinen Fingern und schreie: „Niemals! Du kannst mich nicht zwingen!“
Und dann kitzelt er mich nicht mehr. Er drückt meine Hände gegen die Lederkissen über meinem Kopf. Meine Brust hebt und senkt sich und Dax’ Lächeln beginnt zu verblassen.
Wir sehen uns einen langen Moment an, bevor er schließlich sagt: „Wenn du es nicht zugeben willst, muss vielleicht deinem Gedächtnis auf die Sprünge geholfen werden.“
Meine Lippen teilen sich, ein leichtes Keuchen der Überraschung und Sehnsucht entweicht. Als er es hört, weiß er, was es bedeutet.
Er beugt sich näher und küsst mich.
Kapitel 7
Dax
Ich bin nicht angeheitert genug, um dies auf den Konsum von Alkohol, die Müdigkeit vom Spiel oder die Sorge um Tacker zu schieben. Mein Gewissen sagt mir, dass das hier verdammt falsch ist. Doch anstatt mich zurückzuziehen, drücke ich ihre Handgelenke und vertiefe den Kuss.
Wenn Regan still liegen würde, versuchen würde, ihren Kopf wegzudrehen oder sich auch nur aus meinem Griff zu befreien, würde ich vielleicht aufhören.
Aber das tut sie nicht.
Als meine Zunge ihre berührt, stöhnt sie, und es ist kein schüchterner oder zögerlicher Laut. Es ist eine verdammte Einladung, und ich habe genug Alkohol intus, dass ich sie nicht abweisen will.
Ich lasse meinen Körper auf ihren sinken, lege mich genau zwischen ihre gespreizten Beine und kann meine Erektion nicht verbergen. Regan windet sich unter mir, reibt sich an meinem Schwanz und verdammt … das ging von null auf hundert in Nullkommanichts. Es reicht, dass mich Zweifel überkommen, und ich unterbreche den Kuss, um sie anzusehen.
„Hör nicht auf, Dax“, befiehlt sie atemlos. „Schnapp dir einfach das fehlgeleitete Gefühl von moralischer Pflicht, das dir im Kopf herumschwirrt, und werde es los.“
Wie um sicherzugehen, dass ich das, was sie sagt, nicht missverstehe, hebt sie die Hüften und drückt sich an mich. Stöhnend neige ich den Kopf – nicht um sie erneut zu küssen, sondern um meine Stirn gegen ihre zu drücken. Ich versuche, wieder klar zu werden, und schließe die Augen. Regan zittert unter mir, unsere Oberkörper heben und senken sich, weil wir beide ruhelos vor Lust, Verlangen und Alkohol sind.
„Lance würde mich auf der Stelle umbringen, wenn er hier wäre“, murmle ich, damit sie genau weiß, warum ich zögere. „Du bist seine kleine Schwester. Er würde wollen, dass ich dich beschütze.“
Ich bin fassungslos, als Regan sich aus meinem Griff befreit, ihre Hände auf meine Brust legt und mich von sich herunterstößt. Sobald ich mich zur anderen Seite der Couch rolle, rutscht sie unter mir hervor. Mein Schwanz schmerzt protestierend wegen des Verlusts ihrer Wärme. Mehr noch … ich fühle einen dumpfen Schmerz in der Mitte meiner Brust.
Regan rollt sich vom Sofa und starrt mich mit hartem Blick an. „Lance ist nicht hier, und ich möchte annehmen, dass er, an welchem Ort auch immer er ist, nicht urteilen würde. Ich weiß, dass diese Ehe nur vorgetäuscht ist, und ich habe mich darauf eingelassen, weil du recht hast. Es ist im Moment der beste Weg, mein Leben zu retten. Aber ich werde nicht so tun, als gäbe es keine Anziehungskraft zwischen uns. Du kannst mich als kleine Schwester ansehen, wenn du willst, und von mir aus kannst du mit deinem Gewissen kämpfen bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag. Aber ich habe in den letzten Jahren eines gelernt: Das Leben ist zu kurz, um sich Gelegenheiten entgehen zu lassen. Ich werde mich nicht in Schuldgefühlen wälzen, weil ich mich zu dir hingezogen fühle. Wenn du also die Situation, die sich heute Abend ergeben hat, nutzen willst, denn der Alkohol hat einige Hemmungen gelöst, schlage ich vor, dass du mich noch einmal küsst. Wenn nicht, würde ich eine kalte Dusche empfehlen.“
Ich stoße mich langsam von der Couch ab. Meine Lippen verziehen sich zu einem fast raubtierhaften Lächeln. „Das war eine ziemliche Ansprache, die du da gehalten hast, Mrs. Monahan.“
Regan errötet, vielleicht wegen der unverblümten Erinnerung daran, dass sie, ungeachtet der komplizierten Umstände, meine Frau ist. In den Augen des Gesetzes ist es völlig angemessen, dass wir Sex haben. Aber was mich wirklich erregt hat und was mich jetzt um den Couchtisch herum zu ihr gehen lässt, war, dass sie gesagt hat, wo auch immer Lance sei, er würde es nicht verurteilen. So nahe ich Lance stand, Regan war ihm näher und kannte ihren Bruder viel besser, als ich es je könnte. Für heute Abend werde ich ihr einfach glauben.
Nur für heute Abend.
Morgen werde ich dem Alkohol die Hauptschuld geben, aber dem stelle ich mich, wenn es so weit ist. Im Moment will ich sie zu sehr, um noch auf mein Gewissen zu hören.
Ich mache größere Schritte und erreiche sie in zwei. Ich nehme ihr Gesicht in die Hand und drücke den Mund auf ihren. In dem Augenblick, in dem sich ihre Arme um meinen Hals schlingen, packe ich ihren Hintern und hebe sie hoch. Es ist eine intime, gebieterische Bewegung, und Regan reagiert, indem sie ihre Beine fest um meine Taille schlingt.
Ich küsse sie inbrünstig, während ich zur Tür marschiere, die vom Wohnbereich wegführt und hinter der sich das Hauptschlafzimmer befindet. Sie ist nicht ganz geschlossen, also gehe ich einfach durch und auf mein Bett zu. Ich schaffe es, daraufzuklettern, wobei ich sie immer noch festhalte, und platziere sie dann direkt unter mir. Mein Mund wandert von ihrem über ihren Kiefer und Hals hinunter. Regans zarte Finger gleiten durch mein Haar. Als sich meine Hüften auf die ihren legen, hebt sie die Beine und hält mich mit ihren Schenkeln fest.
Ich wandere über ihr Schlüsselbein bis zum Ansatz ihres Halses und beginne, die Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, wobei ich immer mehr Haut entblöße, je weiter ich nach Süden komme.
Als meine Lippen über eine Beule knapp unterhalb ihres Schlüsselbeins gleiten, reiße ich die Augen auf. Ich hebe den Kopf, damit ich sie sehen kann, und eine runde Ausstülpung, die sich gegen ihre Haut drückt, alarmiert mich. „Was ist das, Regan?“
Sie öffnet die Lider und blickt auf ihre Brust. Als sie lacht, bin ich etwas erleichtert.
„Das ist mein Portkatheter“, erklärt sie. Sie nimmt meine Hand in ihre und führt meine Fingerspitzen darüber. „So erhalte ich meine Salvistis-Infusion.“
„Oh“, sage ich fasziniert und berühre ihn vorsichtig. „Tut es weh?“
„Eigentlich nicht.“
„Sie stecken also einfach eine Nadel da rein?“
„So ungefähr.“
„Wow.“
Ich fahre noch einmal mit dem Finger darüber, dann neige ich den Kopf, um mit den Lippen darüber zu streichen. Die Haut ist dort genauso weich wie überall sonst, aber mit einem Hauch von Härte. Sie ist wie Regan selbst – sanft und stark.
Doch genug davon. Ich führe die Lippen weiter nach unten, vorbei an der Öffnung in ihrer Brust, durch die ihre lebensrettenden Medikamente fließen. Regan zappelt und windet sich, murmelt meinen Namen wie ein Gebet.
Ich behalte die Augen offen, beobachte sie genau, will keinen Zentimeter ihrer Haut missen. Die Wölbungen ihrer Brüste, den Spitzenrand ihres BHs. Nichts, was ich nicht schon eine Million Mal gesehen habe. Aber noch nie so wie jetzt.
Nie bei Regan.
Der Frontverschluss lässt sich leicht öffnen und ich schiebe die Ränder ihres BHs mit der Nase zur Seite. Als sich ihre Finger in meinen Haaren verkrampfen, fahre ich mit der Zunge an der Innenseite ihrer Brust entlang, über die Spitze, und schnalze gegen ihre Brustwarze.
„Dax“, schreit Regan und ich sauge sanft an ihr.
Sie bäumt sich unter mir auf, so verdammt empfindlich, und mein ganzer Körper vibriert von dem Bedürfnis, in ihr zu sein.
Aber komm schon, Dax. Sie ist Lance’ gottverdammte kleine Schwester.
Babyschwester.
Sie ist wie eine Schwester für dich.
Das ist abgefuckt und ekelhaft und sollte in einer Million Jahren nicht sein.
Ich hebe den Kopf leicht an, ihre Brustwarze poppt aus meinem Mund und ich lasse mein Gewissen durch die Leidenschaft brechen. Ich blinzle mehrmals und zögere immer noch. Obwohl mir klar ist, was ich mir gerade einzureden versucht habe, fühlt sich das hier nicht im Geringsten abstoßend oder falsch an.
Aber ich sollte aufhören. Ich weiß, dass ich das sollte.
Regan schiebt die Finger durch mein Haar, legt sie auf meinen Kopf und schubst mich. Ein deutlicher Stoß, der von einem einzigen Wort begleitet wird. „Tiefer.“
„Mein Gott“, murmle ich. Mein Schwanz ist jetzt so hart, dass ich Angst habe, er könnte meinen Reißverschluss sprengen. Die Vorstellung, dass ich den Mund über ihren Bauch gleiten lasse, meine Zunge durch ihr Geschlecht …
Ich richte mich auf, und eine Welle der Lust zwingt mich regelrecht, Regan zum Kommen zu bringen. Ich rutsche nach hinten und beginne geschickt, den Knopf und den Verschluss ihrer Jeans zu öffnen. Ich bemerke vage, dass Regan sich auf die Ellbogen stützt, um mir zuzusehen, wie ich ihr die Kleidung vom Körper reiße. Gott sei Dank hat sie keine Schuhe an, denn dadurch ist es viel einfacher, sie auszuziehen.
Es ist ein Fehler, tatsächlich zu Regan aufzublicken. Ihre Brüste ragen nach vorn, die Körbchen ihres BHs haben sich vollständig geöffnet. Ihre Bluse hängt noch an den Schultern, ihre Wangen sind gerötet und ihre Augen funkeln, während sie mich aufmerksam beobachtet. Ich habe ihr Höschen und ihre Jeans ein paar Zentimeter die Hüften hinabgezogen. Das gelobte Land ist kurz davor, enthüllt zu werden. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist fast verwegen.
Tu es, tu es, tu es, scheinen mir ihre Augen zu sagen.
Ich tue es verdammt noch mal. Ich schiebe alles von ihren langen Beinen, entblöße sie hungrig und steige vom Bett auf den Boden. Ich nehme Regans Knöchel, drehe ihren Körper leicht und spreize ihre Schenkel weit, bevor ich einen richtig guten Blick auf die Schönheit dazwischen werfe.
Ich schaue in ihr Gesicht, das jetzt nur noch aus großen Augen zu bestehen scheint. Sie knabbert voller Erwartung mit den Zähnen an ihrer Unterlippe. Ich lasse mich auf die Knie fallen, schiebe die Hände unter ihren Hintern und ziehe sie direkt an meinen Mund.
Regan schreit meinen Namen, als meine Zunge in sie eindringt und ihre Hüften sich aufbäumen. Ich lege einen Arm auf ihren Bauch, drücke sie in die Matratze und mache mich daran, ihre Muschi zu lecken.
Ich spüre ihre Finger in meinen Haaren, sie klammert sich an mich und hält sich fest. Ihre Hüften drehen sich, sie versucht, mehr von mir zu bekommen, daher knurre ich: „Halt still.“
Natürlich hört sie nicht auf mich, also fessle ich sie mit meinen Armen. Meine Zunge schlägt gegen ihre Klitoris, leckt und reibt rasch daran, um sie so schnell wie möglich aufzuputschen. Ich will, dass sie jetzt kommt und explodiert.
„Dax“, schreit Regan, als sich ihre Hüften ganz vom Bett heben und sie die Beine so hart gegen meinen Kopf presst, dass es mir in den Ohren dröhnt. Ich schiebe einen Finger in sie hinein und spüre den bebenden, pulsierende Sog ihres Orgasmus, weswegen meine Lippen sich zu einem verruchten Lächeln verziehen.
Ich hebe den Kopf und schaue an ihrem Körper hinauf. Sie starrt nicht auf mich, sondern an die Decke. Sie atmet heftig, ihre Nippel sind hart und Gott … ich muss sie ficken.
Ich nutze die Gelegenheit, während sie sich erholt, um mich zu entkleiden. Schuhe, Socken, Gürtel. Sie hebt den Kopf vom Bett und sieht mir dabei zu, wie ich an den Knöpfen meines Hemdes herumfummle und es mitsamt dem T-Shirt darunter ausziehe. Regan richtet ihren Oberkörper leicht auf und schlüpft aus ihrer Bluse und dem BH. Ich befreie mich von meiner Hose und meinen Boxershorts. Die ganze Zeit über sehen wir uns nur an. Meine Zunge sehnt sich schon wieder nach ihrem Geschmack.
Ich muss mich einen Moment von ihr abwenden, um in meinem Badezimmer ein Kondom aus dem Wäscheschrank zu holen. Ich kenne eine Menge Kerle, die sie im Nachttisch aufbewahren, aber ich bringe keine Frauen mit in meine Wohnung. Nicht mehr, seit diese durchgeknallte Nanette Pearson beschlossen hat, mich zu verklagen, nachdem wir gevögelt hatten.
Ich schnappe mir ein Kondom und will zurück, doch dann halte ich inne und kehre um.
Ich nehme noch eins.
Als ich ins Schlafzimmer komme, sehe ich, dass Regan sich mit der Bettdecke beschäftigt hat. Sie hat sie ans Bettende geschoben, sodass eine vollkommen leere Leinwand aus weißer Baumwolle zum Vorschein gekommen ist, auf der sich ihr nackter Körper träge ausgebreitet hat.
Scheiße … sie ist absolut perfekt.
Während ich mich auf sie zubewege und die Kondome in der Hand halte, wandert ihr Blick kühn an meinem Körper hinunter und konzentriert sich auf meine Erektion. Ich bin so hart, dass sie aufrecht steht. Meine Eier fühlen sich übermäßig schwer an, und ich fürchte, ich bin so erregt, dass es ein bisschen wehtun wird, wenn ich komme.
Aber das ist schon in Ordnung, denn ich glaube, dass sich das hier besser anfühlen wird als alles, was ich je zuvor erlebt habe.
Ich klettere auf das Bett, direkt an ihrem Körper hoch, während sich ihre Beine einladend spreizen. Ich lege meinen Mund auf ihren und weiß, dass sie den Orgasmus, den sie gerade hatte, auf meiner Zunge schmeckt. Sie stöhnt und erwidert meinen Kuss grob, packt meine Hüften, um mich zu ihr zu drängen.
Ich drücke ihr ein Kondom in die Hand und knie mich hin. „Zieh es mir über.“
Regan rutscht nach oben und lehnt sich gegen meine Kissen und das Kopfteil. Ich beuge mich vor und führe meinen Schwanz näher an sie heran. Innerhalb weniger Augenblicke hat sie das Gummi aus der Verpackung geholt und über meine dicke Eichel gestülpt. Die erste Berührung ihrer Finger auf mir lässt meine Eier schwerer werden.
Ich beiße in meine Unterlippe, bis es schmerzt, damit ich mich besser beherrschen kann. Sie rollt das Kondom über meine Länge und lässt ihre Finger über meine Hoden gleiten, bevor sie sich zurücklehnt.
Ich folge ihr und lasse mich auf ihr nieder. Mein Schwanz kennt den Weg und schiebt sich instinktiv in ihr Innerstes. Regans Beine spreizen sich, heben sich und ich gleite hinein.
Verdammt, ich hatte recht …
Das ist der Himmel.
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