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Sanne Prag
... und dann geschah es
Ein Mystik-Krimi
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorspann
NACHMITTAG
VORMITTAG, ZWEI WOCHEN SPÄTER
MITTAG
VORMITTAG, WOCHEN SPÄTER
SPÄTER VORMITTAG
AM NÄCHSTEN TAG
NACHMITTAG, ZWEI TAGE SPÄTER
ABEND
FRÜHER MORGEN
VORMITTAG
MITTAG
NACHMITTAG
ABEND
ABEND, SPÄTER
MITTAG DES FOLGENDEN TAGES
NACHMITTAG
NACHMITTAG SPÄTER
MITTAG ZWEI TAGE SPÄTER
NACHMITTAG
EIN ANDERER VORMITTAG
SPÄT NACHTS
VORMITTAG DARAUF
MITTAG
AM NÄCHSTEN VORMITTAG
NACHMITTAG
SPÄTER NACHMITTAG
ABEND
FRÜH
VORMITTAG
NACHMITTAG
NACHMITTAG
ABEND
NACHT
MORGEN
VORMITTAG
NACHMITTAG
SPÄTER NACHMITTAG
NACHT
MORGEN
MORGEN
NACHMITTAG
NACHMITTAG SPÄTER
DER NÄCHSTE VORMITTAG
NACHMITTAG
NACHMITTAG SPÄTER
NACHMITTAG
SPÄTER
NACHT
FRÜH
VORMITTAG
NACHMITTAG
NACHMITTAG
NACHMITTAG
SPÄT NACHTS
NACH MITTERNACHT
MORGEN
MORGEN
NACHTRAG
Impressum neobooks
Vorspann
Der Ort: Ein düsteres aber sehr kostbares Treppenhaus mit einem schön gearbeiteten Geländer, das in die Höhe stieg zu einem schwachen Licht. Ein Dom, vier Stöcke hoch, blaugrau, dämmrig.
Eine Frau im blaugrauen Mantel betrat das Haus. Ihr blasser Schal, der verhüllte Kopf machte sie unsichtbar, blass angepasst schien sie im Hintergrund zu verschwinden. Sie bewegte sich mit Vorsicht. Kurzes Anhalten, Lauschen, Atempause. Dann schlich sie weiter, ging auf Zehenspitzen. Lautlos, die Füße über den Steinboden tragend mit Stöckelschuhen. Über glatten Steinboden wegen der Reinigung, große blasse Platten. Der Stöckel durfte nicht aufsetzen, musste immer freischwebend in der Luft gehalten werden. Im ersten Stock rutschte sie aus. Es hallte durch den Dom. Sie fluchte leise und verschwand in einem dunklen Gang. Man hörte Schlüssel klappern. Ein Geräusch hinter der Türe nebenan! Frau Wallraff hatte die Schlüssel gehört! Warum waren Schlüssel verdammt noch einmal aus Metall und klapperten so. Aber das Geräusch hinter der Türe entfernte sich wieder. Tiefe Erleichterung, der Atemkrampf löste sich.
Es war finster, weil die Gangbeleuchtung wieder einmal ausgefallen war. Sie tastete nach dem Schlüsselloch steckte ihren Finger hinein um dann an der Hand entlang den Schlüssel einzuführen, aber er klemmte. Sie zog und schob ihn hin und her. Er drehte sich nicht. Dann kramte sie wieder in der Tasche. Ihre Hand verschwand im tiefen Raum, ihr Arm verschwand. Es dauerte eine gute Zeit. Sie zog einen sehr großen Schlüsselbund heraus und eilte zum Anfang des Ganges, wo immerhin schlechtes Licht herrschte. Sie schaute die Schlüssel in ihrer Hand unglücklich an.
Sie hatte eine Vision, eine Erinnerung, ein Bild aus der Vergangenheit: Tante Ida mit dem Rücken zur Türe, einen Arm hoch, wie einen gebrochenen Flügel, den anderen Arm unten durch. Sie nahm wieder den ersten, den verdächtigsten Schlüssel. Dann versuchte sie die gleiche Haltung einzunehmen und fand, dass sie in dieser Haltung ihr ganzes Gewicht gegen die Türe lehnen konnte und dann den Schlüssel drehen. So ging es verhältnismäßig leicht. Sie öffnete die Türe, die in den Gang hinaus klappte – und stand vor einer Wand, einer Wand von Angesammeltem.
Visionen wie die Mauern von Jerusalem, der Berg Sinai kreisten in ihrem Kopf und ein tiefes Ohnmachtsgefühl nahm Platz in ihrem unteren Rücken. Wie sollte sie diese Wohnung durchsuchen? Hilflose Panik setzte ein, unterbrochen von einem Schrei, der in der Tiefe verhallte, langsam die Bergwand hinunter. Grässlich, panisch, nicht erreichbar.
Ihr Entsetzen war plötzlich wieder da. Es ließ sie konfus werden, hilflos den auferstandenen Gespenstern ausgeliefert. Sie würde nie mehr irgendwo hinunter schauen können. Sie sah sich selbst nach hinten kippend, fallend, in rasendem Tempo dem Tod entgegen, klar erkennend: Das war das Ende, Schmerz und aus. Die scharfen Bergzacken genau unter ihr, sie sah sich zerbrochen, im nächsten Augenblick nicht mehr menschenähnlich am Fuße der Zacken liegen. Ich – das ist Menschenkörper – das ist Hände zum Greifen, Füße zum Gehen, Sinnliches, der Geschmack einer Zitrone, der Geschmack von Fleisch und Matzes, der Duft von Veilchen, die Frühling bedeuten, Hühneraugen und Müdigkeit. Das ist Ich, und nachher ist vielleicht der Geist im Raum geblieben, aber der Körper ist zerschmettert. Der größte Teil vom „Ich“ ist damit ausgeschaltet. Etwas, das warm gewesen, wurde kalt, zu hilflosem Stein. War da noch ein Rest? War noch etwas von Tante Ida da? Sie wusste nicht ob dieser Gedanke zu Ende gedacht werden sollte…
Der Moment, als Tante Ida stürzte, kam immer wieder. Unaufgefordert stand das Bild hinter ihren Augen und zog einen Krampf im Magen nach sich, sowie dieses Gefühl von Überforderung und Ausweglosigkeit.
Die Wand, die Wohnung, die Suche waren eine Folge des Todes, des Sturzes vom Bergpfad – denn sie stand in Tante Idas Wohnung.
Tante Ida hatte gesammelt. Und Esther musste den Schmuck finden, kostbaren Schmuck, den Tante Ida immer sorgfältig versteckt hatte. Sie musste durch diese Mauer durch. Da ihr die Trompeten fehlten, um sie zum Einsturz zu bringen, Gott gerade Pause machte und sie auch keinen Bagger hatte, musste sie das Problem selbst lösen, wie sie immer alle Probleme gelöst hatte, der kleinen Ida zuliebe.
Die kleine Ida war ihre Cousine, sowie die alte Ida Schwester ihrer Mutter war. Beide trugen den gleichen Namen. Die kleine Ida war immer schon ihr Schützling gewesen. Ein dunkles Gefühl von Mutterschaft trieb sie, immer für die kleine Ida zu denken, zu tun, zu planen und jetzt den Schmuck aus diesem Berg zu holen, aus dieser Arche der Einkäufe.
Die Wohnung war riesengroß und Esther wusste, dass Tante Ida sich nicht gerne von irgendwas getrennt hatte. Immer schon hatte sie aufgehoben, was sie heimtrug, alles, ohne Ausnahme. Jetzt war Esther einige Jahre nicht mehr in der Wohnung vorbeigekommen. Die Barrieren waren gewachsen.
War das Messietum? Esther kannte liebenswerte, ein wenig chaotische Messie-Menschen, die sich nicht trennen konnten, weil immer alles in Planung war, weil sie einfach keine Entscheidung treffen konnten. Die Dinge wurden gebraucht, weil dies oder jenes damit gemacht werden sollte. So war das bei Tante Ida nie gewesen. Nein, die Dinge waren nicht verplant, nicht für Tätigkeiten gedacht. Da war eher ein Drang, etwas einzuholen, wie wenn sie ein großes Schleppnetz ausgelegt hätte. Alles, was sich darin fing, war ihres. Sie trug es heim, scheinbar ohne irgendeinen Plan, was damit gemacht werden könnte.
Und wie bitte sollte Esther in diesem gewaltigen Depot die Wertsachen finden? Sie ringelte sich durch eine schmale Passage, die in dem hallenartigen Vorzimmer geblieben war. Die Passage führte sie in eine wirklich große Küche. Die Türe ging nicht ganz auf, und Esther hatte in Erinnerung, dass man niemals mit Gewalt eine Türe in diesem Haus aufschieben sollte. Niemals! Denn hinter der Türe könnte ein Papierstoß umfallen und man war gefangen. Sie spähte ums Eck. Natürlich war ein riesiger Papierstoß im Weg. Die Mitte des Raumes wurde von einem mächtigen Tisch eingenommen, der etwa einen halben Meter hoch mit Papier bedeckt war, anscheinend nicht zu Stößen geordnet. Da und dort machten sich kleine Haufen aus der Masse davon.
Sie hob vorsichtig einen kostbaren Seidenvorhang vor einer Etagere auf. Dort stand in Tante Idas eckiger Schrift `Fetzen zum Wegwerfen´. Sie ließ den Vorhang vorsichtig zu Boden gleiten. Neben der Küche war ein palastartiges Badezimmer aus weißem und schwarzem Marmor. Hier stand in großen Körben Wäsche, viel Wäsche. Auf mehreren Sesseln und kleinen Tischen lagen hohe, wackelige Stöße von Katalogen. Eine Wand war mit Plastikbehältern zugestapelt. Sie waren voll. Die hatte es beim letzten Mal noch nicht gegeben. Unter dem Waschbecken wurden Zeitungen gesammelt. Viele Zeitungen. Sie waren in den Jahren zu drei Stößen von je einem halben Meter angewachsen, gelegentlich durchfeuchtet, hatten sie sich zu einer Masse zusammengebacken, leicht gelblich, mit gewelltem Rand. Drei Kästen enthielten Kartons mit nie verwendeten Föhnen, Super-Haarstyling-Sets, Kerzenleuchtern und Schwimmreifen, Badematten usw.
Und wieder kam der Schrei. Scharf und panisch drängte er sich vor. Eine Mahnung an das Leben. Sie spürte ihn eiskalt im Nacken.
Er hallte von den Bergwänden wieder, war aber neben ihr im Badezimmer und war sehr stark. Viel stärker als der kleinen Brust von Tante Ida zuzutrauen gewesen wäre.
Die nächste Türe hatte früher ins Schlafzimmer geführt, - in einen mächtigen, ziemlich düsteren Raum, wie sie sich erinnern konnte. Es schien weiterhin Schlafzimmer gewesen zu sein. Das gewaltige Doppelbett stand auf einer Stufe und beherbergte Puppen. Sie füllten das Bett. Wo sollte da jemand schlafen? Alle hatten teure Gewänder an und glupschten mit ihren gläsernen Augen aus den Falten der Spitze und des Brokates. Einige waren sorgfältig zugedeckt und saßen dicht nebeneinander, fest eingepackt zwischen Decke und Polster, sie steckten fest in ihrem Kokon. Einige waren perfekte Babyrekonstruktionen, die Esther die Gänsehaut über den Rücken jagten. Tote Babies, die wie lebendig aussahen. Andere waren kleine Mädchen in schönen Kleidern. Es gab keine kleinen Jungen.
Der Rest des Raumes war voll mit Kartons und Truhen, übereinander gestapelt. Es gab noch mehr Puppen, vielleicht nicht die bevorzugten, nicht die Elite, denn sie waren nicht im Bett. Sie hatten aber auch kostbare Gewänder an. Einige Teddybären lagen herum und schauten aus den Kästen, vielleicht die Haustiere?
Das war wohl der Raum, in dem die wesentlichen Dinge aufbewahrt wurden. Sie würde hier ihre Suche beginnen. Zuerst wollte sie nur kurz durch die anderen Räume schauen. Es gab noch zwei große Zimmer. Das neben dem Schlafzimmer war toter Raum war nie benützt. Es hatte den leicht modrigen Zustand unbenützter Herzeige-Zimmer, in denen lange kein Leben vorbeigekommen war. Die Spitzendeckchen vergilbt, und alles von mumifiziertem Staub bedeckt, gewaltige Kristallschüsseln, die ihre Fracht an Haarnadeln, Glückwunschbillets und einzelnen Ohrringen behüteten, und rundum war bis an die Decke Gestapeltes.
Esther hoffte sehr, dass in diesem Zimmer nichts versteckt war, aber sicher konnte sie nicht sein. Sie schaute nur kurz ins letzte Zimmer. Dort wenigstens war kein Schmuck verborgen in dunklen Ecken.
Ein völlig anderer Raum. Ein anderer Mensch. Es war in Weiß mit wenig Hellblau gehalten und absolut rein. Hier gab es kein Papier, keine Lager von irgendetwas. Das Zimmer leistete Widerstand gegen die Welt der restlichen Wohnung. Das war schon immer so gewesen. Das Zimmer der kleinen Ida.
Esther wanderte wieder ins Schlafzimmer, krempelte sich seelisch die Ärmel auf und hob den Deckel einer chinesischen Truhe. Sie hatte Visionen von kompostierten Liebhabern aus jungen Jahren, deren mumifizierte Körper hier aufbewahrt wurden. Sie musste sich disziplinieren, um den Blick hinein zu versenken. Tante Idas Geist schaute über ihre Schulter. Am Grunde lag ein Hut, sonst nichts. Ein angenehmer Geruch von Sandelholz stieg auf.
Beim Rundblick stach ihr eine Holzkiste mit der Aufschrift einer Waffenfirma aus dem zweiten Weltkrieg ins Auge. Sie fühlte sich davon angezogen, die Kiste war verdächtig. Sie hob sie aufs Bett. Drin war ein Medikamentenlager gewaltigen Ausmaßes. Auch das hatte sich nicht geändert. Sie setzte sich aufs Bett, die Puppenaugen im Rücken. Sie öffnete jede Packung, jedes Döschen, leerte den Inhalt in die Hand und dann in einen großen Sack, der neben ihr stand. Aus der Aspirin-Packung rollte ihr ein Brillantring entgegen. Eine mit Rubinen besetzte Uhr gab‘s beim Kamillentee. Wo war nur der Aquamarin? Ihr Zauberring.
NACHMITTAG
Esther betrat ein Hotelzimmer, in der Hand ein Nylonsäckchen mit Schmuck. Das legte sie aufs Bett und begann sich auszuziehen, als ob ihr die Kleidung lästig wäre. Sie steckte den blassen Schal in den Papierkorb und hängte den blaugrauen Mantel an die Türe. Sie würde ihn zur Caritas bringen. Dann holte sie das neue Stück aus dem Kasten – ihren Traumschlafrock, rot, prächtig, aber völlig unpassend für einen Todesfall.
„Ida! Schaust du dann mal, was ich alles gefunden habe?“
Die `kleine´ Ida saß im Bett und hatte einen Puppenkopf in der Hand, den sie bemalte. „Das mach ich ihr zu Ehren.“, meinte sie und schaute intensiv in das Puppengesicht. Esther lächelte. „Es waren ziemlich viele im Schlafzimmer.“
„Ja, wie die von Engeln umgebene Madonna hat sie dort gelebt. Ihre Begleiter, Kinder, Diener, alles in einem waren die Puppen.“
„Schaust du trotzdem? Ich glaube, es fehlt noch Schmuck. Ich fürchte, ich muss noch einmal gehen.“
„Ich hab keine Ahnung. Hast du in den Medikamenten geschaut?“ fragte Ida zerstreut.
„Ja, da habe ich das alles gefunden, aber ich weiß nicht, ob es noch mehr gibt. Warum hat sie die Sachen eigentlich immer in die Medikamente gegeben?“
„Hat sie ja nicht“ murmelte Ida voll auf den Puppenmund konzentriert. „Waren auch mal zwischen den Büchern. Wir hatten immer Suchaktionen, wegen der Einbrecher.“
„Welche Einbrecher?“
„Sie hat‘s vor eventuellen Einbrechern versteckt, aber irgendwie nicht immer am gleichen Ort. Ich nehme an, sie wollte den Gewöhnungseffekt bei den Einbrechern vermeiden.“
„Hattet ihr denn einen Einbruch?“
„Nein, das wäre, glaube ich, schwierig geworden.“ Ida war nicht bei der Sache. Sie war sehr auf den Puppenkopf konzentriert, zu sehr. Ida wollte keine praktischen Probleme.
„Ich hab zwischen den Büchern geschaut. Gab es ein besonderes Regal?“
„Weiß nicht“ murmelte Ida. Sie malte gerade eine Braue. “Hast du den Urlaub schon gebucht? Auf den Bildern im Internet sieht man sicher, ob das Hotel rote Teppiche hat. Ich weiß eigentlich nicht, warum rote. - Sie können natürlich nicht mausgrau sein, und dunkelblau ist noch schlimmer.“
„Ida, mein Schatz, ich kann das nicht alles ausräumen. Die Wohnung hat 180 m2 und ist über vier Meter hoch, ich kann das nicht schaffen.“ Esther fühlte die Übermacht der Notwendigkeit, ein flaues Gefühl im Magen und Kreuzschmerzen beim Gedanken an die Herausforderung.
Ida malte die Braue mit großer Sorgfalt und wischte sie dann weg. „Wie kommst du drauf, dass du das machst?“
„Nun, wer sonst?“
„Ich weiß nicht“, meinte Ida und setzte den Pinsel mit großer Sorgfalt an.
Esther kam unter Druck. Sie musste eine Lösung finden. Ganz dringend eine Lösung. Die Wertsachen mussten heraussortiert werden aus dem allen, aus dem Berge Sinai. – Die guten ins Kröpfchen, die schlechten ins Töpfchen, fiel ihr ein. Nur, wo waren ihre hilfreichen Tauben? Sie lief beunruhigt im Kreis. `Selber machen´ stand in großen Lettern über ihren Gedanken, weil das immer dort stand. Allein schon der nebelhafte innere Vorwurf machte sie wütend. Sie wollte sich nicht wie ein Maulwurf durchgraben und nach Wertsachen in irgendwelchen Ritzen schnüffeln! Sie war dem Weinen nahe, aber keine Lösung in Sicht.
„Hast du Ezra schon gesagt, dass Mutter einen Unfall hatte? Wir haben ihn seit damals nicht gesehen. Das ist Wochen her. Vielleicht kann er auf einen Kaffee kommen? Ich möchte ihn gerne wieder treffen“, meinte Ida am Pinsel vorbei.
Ezra! Ja, Ezra und eine Studentenpartie. Das war die Lösung. Gut bezahlt, sehr gut bezahlt. Das war es! Für jedes Fundstück extra. Ezra war Spielgefährte aus der Nachbarschaft, Mitverschwörer, wenn auch um einiges jünger. Ezra, der immer auf Jobsuche war, um sein viertes Studium zu finanzieren, war die Lösung.
Esther machte ihrer Begeisterung Luft. „Ich bin froh, dass dir das eingefallen ist. Sehr erleichtert, denn ich muss ja in einer Woche wieder arbeiten, und dann wäre das Ganze schwierig geworden.“
Jetzt sah Ida das erste Mal von ihrem Puppenkopf auf, und sie war beunruhigt. Ihre großen, blassen Augen waren vor Schreck aufgerissen. „Wieso arbeiten?“
„Ida, ich bin eine arbeitende Frau, seit Jahren.“
„Sag deiner Firma, dass du nicht kommen kannst wegen einem Todesfall.“
„Das geht einen Tag wegen Begräbnis und Amtswegen, aber nicht viel mehr.“
Ida zog die Knie zur Brust und schlang ihre Hände um die Beine. Der Puppenkopf schaute leer mit einem Auge zur Zimmerdecke. Sie wirkte so sehr klein, obwohl sie eigentlich ein großes Mädchen war. Eigentlich war sie ja auch kein Mädchen, sie war 33, nur drei und ein halbes Jahr jünger als Esther. Aber dennoch war sie immer ein Mädchen, und das hatte sich nie geändert. „Du musst nicht arbeiten, wir haben genug Geld von Vaters Fabrik“, sagte sie fast trotzig.
„Stimmt schon, dass ich immer arbeiten musste, aber es ist befriedigend. Ich bin gut in dem, was ich mache. Mein Boss verlässt sich auf mich. Ich verstehe mich als arbeitende Frau.“
Ida dachte ernsthaft nach. Nach einer langen Pause fragte sie: „Was machst du denn da in deiner Firma?“
„Die Frage ist mehr, was ich nicht mache. Ich tue einfach alles. Überwache das Lager, erfinde Ausreden für den Boss, hindere den Polier alle 14 Tage daran, zu kündigen, stelle fest, wer in die Kassa gegriffen hat. Man nennt das Sekretärin…“
„Vielleicht kannst du meine Sekretärin werden? Ich zahl dir das Doppelte und du machst das Gleiche für mich“, sagte Ida einfach.
Esther kippte aus der Überlegung, wie sie Ida helfen, sie unterstützen, absichern konnte, in eine völlig neue Rolle. Ein Job, ein gut bezahlter Job, angemeldet und mit Krankenkasse. Pensionsberechtigt und wirklich gut bezahlt.
„Ok, aber ich habe Kündigungsfrist.“
„Sei frech, vielleicht entlässt er dich gleich. Oder sag, dass du schwanger werden möchtest.“
Ida in Not hatte viele Ressourcen.
„Was wäre denn jetzt zuerst wichtig? Ein Haus natürlich, ja. Du sagst, du willst nicht mehr in die Wohnung, und bei mir ist es auch nicht so angenehm, wolltest du ja auch nicht.“
Ida hatte ihr massivstes Problem geregelt und sah keinen Grund mehr zu planen. Sie rollte sich auf ihrem Bett ein und murmelte nur „Ja, ich glaube, wir brauchen ein Haus.“
„Wenn wir die Stadtwohnung verkaufen, geht sich ein schönes Haus aus.“
„Ich will die Wohnung nicht verkaufen. Ich will nur nicht drin wohnen.“
Esther musste Ida zwingen, das mit den Finanzen für sie sichtbarer zu machen, überblickbarer. Sie würde alles bezahlen müssen, Kostenvoranschläge einholen. Sie brauchte Unterschriften, Berechtigung für das Konto.
VORMITTAG, ZWEI WOCHEN SPÄTER
In Ezras Taschen klimperten Brillantohrringe aus der Kaiserzeit und ein Armband, von dem er nicht genau wusste, was es war - hatte er im Badezimmer in der Schüssel mit den kleinen Schwämmen gefunden, unten drunter. Es hatte sich also doch gelohnt, jedes Schüsselchen und jedes Döschen zu inspizieren. Waren es wirklich Brillanten oder nur Glas, oder vielleicht irgendein Bergkristall?
Seine Finger fühlten sich seit Tagen staubig an. Hubert hatte gestern tatsächlich die Mumie eines Hundes in einem Glaskasten gefunden. Ida musste wissen, was das zu bedeuten hatte.
Vieles wäre angenehmer, wenn Wolfgang mit von der Partie wäre, praktischer. Wolfgang, sein Kumpel aus der Volkschule, Begleiter seiner Lebensstationen bis zu diesem Tag, war ein Genie der kurzen Wege, aber leider keine Option, wenn es um Wertsachen ging. Wertsachen, die einfach irgendwo und überall auftauchen konnten, waren für Wolfgang eine Versuchung. In dieser unübersichtlichen Landschaft der Wohnung würden sie spurlos verschwinden. Edmund, Hubert und Hille musste er auch still und vorsichtig im Auge behalten. Aber die drei waren eher verlässlich und schließlich war er ziemlich sicher, dass er erkannte, wenn sie etwas gefunden hatten. Das wäre bei Wolfgang sicher nicht der Fall. Wolfgang war in jeder Hinsicht ein Profi. Ezra hätte ständig das Gefühl gehabt, dass gerade etwas in Wolfgangs Taschen gewandert war. Das kleine Plastiksäckchen mit Schmuck wäre deutlich dünner. Seine Konzentration, seine Fantasie, seine Beobachtung wären schnell überfordert, und die Wahrscheinlichkeit gering, dass er ihn erwischt hätte. Wolfgang war nicht leicht zu händeln, obwohl er die Sachen meist wieder hergab, wenn Ezra ihn direkt ansprach.
Den halben Vorraum und eine Wand im Bad hatte er mit Hille und Hubert geschafft. Edmund kam ja dann auch noch, obwohl er mehr Dichter als Arbeiter war, und der fröhliche Jörg war dann auch frei und half. Dann waren sie fünf und mussten die Herkules-Arbeit schaffen, den Augias-Stall. Es würde noch Wochen dauern.
Warum mussten Menschen so viele Kästen in einem hallenartigen Vorraum haben? Kästen, die bis an die Decke reichten. Papas Wintermäntel und Mamas Wintermäntel und Omas Wintermäntel und Wintermäntel von Personen, die es längst nicht mehr gab. Und in jede einzelne Tasche musste geschaut werden. Dann viele Koffer, noch Koffer und noch Koffer und alle voll. Ezra war gereizt und fühlte sich schimmlig, denn er hatte einige uralte Lederkoffermonster entfernt, mit einer dünnen, grünen Schicht. Job war Job, aber er mochte keine dünnen, grünen Schichten auf dickem, uraltem Leder. Die Versuchung war groß, gar nicht erst hineinzuschauen und das Ganze in die Mulde zu kippen, aber Esther hatte ihn gewarnt vor seltsamen Verstecken, Sie hatte ihm von den Einbrechern erzählt und dem Gewöhnungseffekt. Es fehlte noch einiges, auch ein Aquamarinring. Esther nannte ihn immer ihren Zauberring – und der konnte überall sein, wirklich überall.
Ezra schaute mit Abscheu auf die mächtige Küchenkredenz. Wegen der Einbrecher fehlte wohl der Schlüssel. War wahrscheinlich an einem sicheren Ort. An welchem sicheren Ort? Der Kasten war aus massiver Eiche und es ging nur das Mittelfach auf. Dort steckte ein Schlüssel, und er hatte leichtfertig angenommen, dass der auch Meister der anderen Messingschlösser war. War er nicht.
Küchenkredenzen sind aber besonders verdächtige Möbel, vor allem die Gefäße im obersten Regal. Wolfgang hatte ihm immer erzählt, dass jeder Einbrecher dort zuerst seine Hände darüber gleiten ließe. Münzen, kleine Wertsachen, Schlüssel von Bankschließfächern mit einem Zettelchen mit der Nummer, alles da.
Da kam Hille mit tief gefurchter Stirne ums Eck. „Wir haben einen Fischeranzug gefunden, und in seiner Tasche war das da.“ Er hielt Ezra ein Stück Papier hin, feines Papier. Drauf stand in großen, wackeligen Lettern: Ich weiß, dass Schluss sein muss. Keiner kann das anders regeln. Ich habe vieles versucht, vielleicht nicht alles. Aber alles ist es wohl nie. Irgendetwas bleibt immer offen. Abschied von allem, weil es sein muss, nicht weil man es so gewünscht hat.
War das ein Brief zu einem Selbstmord? Ein Abschied? Eine Drohung oder vielleicht nur eine Erklärung, bevor irgendjemand nach Amerika fuhr? Wer hatte das geschrieben?
Ezra überlegte kurz und meinte dann: „Danke Hille, ich werde es Ida zeigen.“
Verdammt noch einmal, was hatte der wirklich gefunden? Normalerweise war Hille einfach und gradlinig. Nichts Hintergründiges an Hille, aber jetzt hatte er etwas bei Seite gebracht. Er würde dann in Hilles Taschen schauen müssen beim Duschen.
Der Brief war seltsam beunruhigend, auch wenn er eigentlich nichts damit tun konnte. Papier mit einer Drohung? Ein Brief voll Bedauern, aber auch voll Wut. Papier war in diesem Haushalt das Lebendige. Es wuchs, wurde feucht, wieder trocken, wellte sich und wurde vielleicht auch einmal verwendet. Es war die lebendige Seele in diesen Räumen.
Zurück zur Kredenz.
Wo würde jemand wohl einen Schlüssel verstecken?
Auf jeden Fall in Reichweite.
Man kann nicht jedes Mal durch die ganze Wohnung laufen, wenn man in die Küchenkredenz muss.
Ezra blickte um sich und sah drei Stellagen und ein großes, breites weißes Ding, von dem er keinen Namen wusste. Nicht zu vergessen Tisch und Herd. Beide verfügten über eine Lade. Würde die alte Ida etwas in die untere Herdlade geräumt haben? Die gingen meist schlecht auf und waren sehr unbequem, so weit unten. Aber vielleicht wollte sie es den Einbrechern schwer machen?
Auf jeden Fall war weder in der Herdlade noch in der Tischlade ein Schlüssel. Die Stellagen schienen ihm zu offen, zu zugängig. Schlüssel wurden nicht in Freiheit gehalten. Sie mussten tief drin in Laden und in Gefäße gesteckt werden, ganz sicher, mit festen Türen. Frischluft wäre für versteckte Schlüssel sehr gefährlich. Also machte er sich an das große, breite, weiße Ding. Es war aus solidem Holz, musste mehrere Hundert Kilo haben. Etwa wie ein kleiner Eisenbahnwaggon. Beim Hineinsehen entpuppte es sich als eine alte Spüle. Man konnte die obere Platte aufklappen, und da gab es zwei Gusseisenkessel. Ezra klappte die Platte hoch, aber das war Schwerarbeit. Die alte Ida konnte das nicht mehr gestemmt haben. Er holte seine Taschenlampe und lugte hinein, da war auch nichts zu sehen. Er öffnete die Türen unten. Natürlich konnte ein so schöner Raum in diesem Haushalt nicht unverwendet bleiben. Am Boden unter den Kesseln hatte sich Papier angesammelt. Viel Papier. Erfahrung mit den anderen Räumen hatte ihm gelehrt, keine mögliche Ablage außer Acht zu lassen. Seine Hand tastete vorsichtig an dem Eisengrat entlang, der neben den Kesseln lief. Da lag ein Schlüssel. Es lag da aber noch etwas in einem Säckchen. Darin war eine Perlenkette, dazu passende Perlenohrringe und ein Brief. Es war ein alter Brief. Das Papier hatte Flecken der Zeit. `-rücksichtslos. Dieses Geschenk soll dir Tränen bringen. Vielleicht bringt dich das dazu, einmal wahrzunehmen, wer die Menschen sind, mit denen du lebst. Einzigartige Möglichkeit zu einer Pause der Herrschaft, und dann erfährst du das, was du immer schon hättest wissen sollen´……. Ein seltsames Geschenk? Eine Verwünschung? Wer sollte eine Pause der Herrschaft machen? Wer verlangte das von wem?
MITTAG
Esther und Ida sahen gerade das zwanzigste Haus an.
Ida wünschte sich jetzt dringend ein Haus. Sie fand immer neue Gründe, warum ihr dieses oder jenes Haus wert schien, gekauft zu werden. Die Butzenscheiben in der Türe zum Hof. Der schöne Nussbaum vor dem Haus, der eingefriedete Gemüsegarten. Esther hatte das Praktische im Auge. Den nassen Keller, die Nähe zur Autobahn, den verwurmten Dachstuhl. Jetzt standen sie vor einem Anwesen, das „der Jaidhof“ hieß. Es war ein großes Anwesen und hatte seit Jahren zum Verkauf gestanden, zu einem Fixpreis. Dieser Fixpreis war vor Jahren teuer gewesen, jetzt war er normal.
Esther hatte neu gelernt, dass wenig finanzielle Einschränkungen zu beachten waren. Ida hatte ihr Zugang zu allen Konten übertragen, nur wusste sie nicht, welche Konten es gab. Während Esthers Engagement in ihrer alten Firma im Auslaufen war - sie hatte noch Resturlaub - hatte sie sich umfassend mit den Aufgaben eines Steuerprüfers auseinandergesetzt und sich in mühsamer Kleinarbeit über die Finanzlage klug gemacht.
Außer den Einkünften aus der Fabrik und einigen Tochtergesellschaften an entfernten Orten gab es Gelder, die sich unbeobachtet seit mehr als zwanzig Jahren durchs Finanzsystem geschlängelt hatten. Es waren immer neue Konten aufgetaucht. Eine Bankverbindung in die Schweiz, noch vom alten Aaron, und ein Konto in Lichtenstein, auch vom alten Aaron eingerichtet. Keine Kontobewegung seit über zwanzig Jahren. Dort schlummerten Riesensummen vor sich hin und mussten noch mit Idas Unterschriften umgelagert werden. Mehrere Bankschließfächer gab es. Esther war absolut unsicher, dass sie alle gefunden hatte. Manche enthielten gar nichts, manche Aktien. Eins hatte Zertifikate in großen Paketen, die auch mindestens zwanzig Jahre dort geschlummert hatten. Sie waren inzwischen völlig wertlos. Aber eines der Depots hatte eine große Schmuckschatulle enthalten, in der auch ihr Zauberring war. Sie musste Ida bitten, dass sie ihn haben durfte.
Jetzt standen sie vor einer Ansammlung sehr gerader Häuser. Es war so etwas wie ein alter Meyerhof. Mächtig, selbstbewusst, abweisend. Die Gebäude sahen nach dicken Wänden aus. Hinter der Eingangstüre stellte Esther fest, dass die Außenmauer einen Meter zwanzig tief war. Draußen war es warm, in der Sonne heiß. Drinnen fühlte es sich kalt an, frostig. Ida schlenderte hinter Esther her und betrachtete den steinernen Boden. Dann drehte sie sich um und ging wieder hinaus. Esther schaute kurz in die riesige Wohnküche und in eine mächtige Speisekammer. Dann ging sie auch wieder hinaus. Ida stand versunken vor dem Haus und betrachtete die Fenster im Oberstock.
„Was meinst du?“ fragte Esther.
„Schau einmal, die Fenster da oben.“ Die Fenster glitzerten seltsam, das alte Glas bildete farbige Muster. In der Sonne zeigten sich glänzende Schlieren. Ida hatte wieder etwas gefunden, warum sie dieses Haus kaufen wollte.
Esther drehte sich um und ging auf ihre Vernunfttour.
Im Gang legte sie die Hand auf die Wände. Sie waren nicht fühlbar nass. Keine weißlich pelzigen Gewächse wie letzter Schnee auf dem rauen Putz. Im ersten Stock waren ein großer Vorraum und sehr viele Türen zu Zimmern, die sie jetzt nicht anschauen musste. Eine wacklige Treppe führte aufs Dach. Sie öffnete eine löchrige, enge Türe und stand in einem Riesendachraum, gewaltig, drei Stockwerke hoch. An Schnüren sah sie noch einige Tabakblätter, die Reste der letzten Ernte vor vielen Jahren. Sie betrachtete die Balken genau. Keiner schaute verfault aus. Die breiten Holzbohlen unter ihren Füßen waren auch nicht verfärbt. Es schien keine Löcher im Dach zu geben, es würde keine große Renovierung zu erwarten sein. Riesige schwere Balken ohne Fehler.
Esther wanderte in den Keller.
Der war völlig leer und schien einfach aus Beton zu sein, besenrein. Keine nassen Wände, leer. Nur in einem der vielen Räume gab es eine mächtige Wasserzisterne. Groß und rund, wie ein Schwimmbecken. In etwa einem Meter Tiefe konnte man einen weißlichen Kalkbelag sehen. Das Becken war in den Boden eingelassen. Der Rand ragte nur etwa sechzig Zentimeter hoch.
Als sie wieder nach oben kam, war Ida nicht da.
Esther sah in der Nähe einen anderen Bauernhof. In der Hoffnung auf Information wanderte sie dorthin. Ida würde warten.
Sie öffnete das knirschende Hoftor und rief einen Gruß. Keine Antwort. Als sie hineinging, sah sie eine alte Frau, die sich die Füße in einem Plastikbecken wusch. Esther ging zu ihr. Die Frau sah von der Nähe gar nicht so alt aus. Aber sie blickte nicht auf.
Esther grüßte und bekam keine Antwort. Vielleicht hörte die nicht?
Aber Esther probierte es hartnäckig noch einmal: „Wir überlegen, das Anwesen neben ihnen dort drüben zu kaufen. Ich hätte gerne gewusst, mit welchen Problemen sie hier so täglich zu kämpfen haben?“
Da sah die Frau auf ihre Füße und sagte: „Während man gierig Dinge an sich nimmt, seine Macht vergrößert, kann man nicht zuhören, nicht wahrnehmen. Die Dinge, die man wissen sollte, erfährt man nicht.“
Esther hätte eigentlich gerne etwas über Probleme mit der Post oder dem Stromnetz gewusst. Wasser war nicht so wichtig, würde in dieser Region nicht wirklich ein Mangel sein. Sie blickte auf die Füße der Frau, die aussahen wie alte Wurzeln. Sie waren recht dunkel, und die Zehen krümmten sich schwarzblau übereinander. Erschreckend, wenn man damit gehen und arbeiten musste.
Es kam nichts weiter, kein Wort.
Als sie zurückkam, saß Ida auf einem Stein im Hof. „Wie geht’s dir mit dem Haus?“ fragte Esther.
„Ja“, sagte Ida still, „ich will es“. Das war ein Entschluss. Das war keine Frage. Die Würfel waren gefallen.
Esther kümmerte sich um den Ankauf. Man zog gleich ein, während noch die Badezimmer modernisiert wurden, und dann kam der Sommer. Man begann, sich häuslich einzurichten.
VORMITTAG, WOCHEN SPÄTER
Esther fragte sich gerade, ob sie wirklich in den Jahren alt geworden war. Vielleicht wurde sie tatsächlich eine frustrierte und eremitische alte Jungfrau? Die Vergangenheit kroch ihr gerade nach, zeigte sich wie ein schleimiges Gespenst auf Rachetour. Gottes Mühlen waren ganz langsam unterwegs, aber sie holten sie dennoch ein. Natürlich hatte sie immer das Beste gemeint, aber das sagen sie alle.
Vor ihr saß Gottes Strafe. Strafe für welche Vergehen? Für alle. Für jedes einzelne.
Da sprach ihr Gegenüber mit einschmeichelnder Stimme: „Nun ja, ein bisschen überreif bist du schließlich schon, es war schon wichtig, dass du dich hierher flüchtest in ein ruhiges Leben. Du warst immer der reife Typ. Es wäre vielleicht auch wichtig, dass du dich um einen Mann umsiehst.“
„……und sei er noch so schäbig“ vollendete Esther tapfer und voll Widerstand. Nein! Sie lief jetzt nicht zum nächsten Spiegel. Heute früh war es noch nicht so schlimm. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen Pause mit einem Spiegel und einer Antifaltencreme. Und alles wäre wieder im Lot. Ihr fiel der schwarze Schnurrbart ein, den sie immer wieder harzen musste, und der kleine braune Fleck, der nach einem Sonnenbrand geblieben war.
Gerade da vernahm sie laut und deutlich die Worte „Warum du diese scheußlichen Vorhänge da hingehängt hast, ist mir ein Rätsel“. Die Stimme war in dem Moment nicht schmeichelnd. Eher scharf ging es weiter. „Gottseidank habe ich Zeit, ich werde mich um das hier kümmern“, meinte Tante Tina - Christina - entschlossen. „So ein großes Haus muss richtig geführt werden“, sagte sie abschließend und endgültig. Esther war starr vor Schreck. Sie hatte angenommen, das wäre ein Tagesbesuch. Die Panik krallte sich in ihr Herz. Was sollte sie tun??
Vielleicht hatte der kürzlich überstandene Schock, die Begegnung mit dem Tod sie mehr mitgenommen, als sie dachte. Ihre praktischen Fähigkeiten waren lahm gelegt, hatten sie verlassen, waren einfach weg. Sie verharrte im peinlichen Moment und war absolut hilflos. Ihr Körper war zugeschnürt, nicht das kleinste Wörtchen konnte über ihre Lippen piepsen und sie spürte, wie Abschiedsschmerz auf ihren Rücken kroch. Denn gestern noch hatte sie mit Ida glücklich festgestellt, dass es in ihrer Wiese hinter dem Haus Heuschrecken gab. Eine glückliche Wiese, zwei glückliche Kinder – aus der Traum?
Die Stimme neben ihr plante weiter. „Natürlich muss ich gutes Personal einstellen und den überflüssigen Mist hinauswerfen. Der Garten schaut schrecklich aus“, stellte Tante Tina fest, die dritte Schwester. Esthers Mutter war die älteste gewesen und Tante Ida war die Jüngste, und sie, die da vor Esther saß, war die Mittlere. Und sie wollte einziehen, sie wollte sich einfach einnisten und das Glück kaputt machen.
SPÄTER VORMITTAG
Esther hatte es geschafft, Tante Tina mit rauer Stimme ein Getränk anzubieten, und eilte in den Garten, Ida suchen. Sie konnte nicht rufen, das hätte vielleicht den Feind aus dem Haus geholt. Nicht, dass Ida eine Entscheidung treffen würde. Ida hatte Wünsche, aber Entscheidungen waren ihr fern. Sie war immer bereit, Esther alles zu überlassen. Aber sie, Esther, konnte nicht Tante Tina aus Idas Haus entfernen. Sie war hier Sekretärin und brauchte Berechtigungen. Es war zu erwarten, dass bei dem Gespräch mit Ida gar nichts herauskam, dass die so schnell wie möglich davonwollte, aber dann hatte sie es ihr immerhin mitgeteilt. Hatte Ida einbezogen, auch wenn sie den Drachen alleine bekämpfen musste.
„Ida!“, zischte sie ins Gebüsch, wo Ida gestern geschlafen hatte. Nein, leer. Im alten Stadel gab es einen Haufen Heu, den Ida so liebte. Sie ging außen um den Hof, damit sie nicht vom Zimmer gesehen wurde, und hörte, dass Tante Tina die Fenster öffnete. Die machten ein eigenes Geräusch.
Ida saß am alten Heuboden schaute über die Wiese und ließ die Beine baumeln. Sie lächelte, als sie Esther sah. „Das hier ist ein Zauberhaus. Hier gibt es Geister die lieben“, meinte sie von oben herab.
Esther bereitete es fast körperliche Schmerzen, Ida aus dem Zustand herauszuholen. Es war eine Gemeinheit, so etwas war verboten, aber was sollte sie tun.
„Ida, es ist ein Malheur passiert“, fing sie vorsichtig an.
„Will dich dein Chef zurück?“, fragte Ida entsetzt.
„Nein, viel schlimmer.“ Ida hatte sichtlich keine Idee, was schlimmer sein konnte.
„Tante Tina ist da.“
Ida dachte kurz nach. „Du könntest sagen, ich musste Vorhänge einkaufen und dann übernachte ich in Wien. Ja?“
„Das löst das Problem nicht. Sie will bleiben.“ Grabesstille. Ida schien das Ganze nicht gleich zu erfassen. Sie sah Esther mit schreckgeweiteten Augen an. Dann sagte sie ganz leise: „Das geht nicht.“
„Wir können aber nicht gut sagen, dass kein Platz ist.“
„Wieso weiß sie von dem Haus?“
„Hat wahrscheinlich in der Wohnung gefragt, und Ezra kennt sie ja nicht gut. Ich denke, man muss schon irgendetwas sagen. Man kann doch eine alte Dame nicht einfach stehen lassen oder rausschmeißen – ohne Erklärung.“
Ida sah wirklich beunruhigt aus. Sie begann, schusselig Sachen hin und her zu legen. Panische Blicke. Esther kannte das bei ihr. Sie hatte das früher oft bei ihr gesehen. Esther brach es fast das Herz. Das absolute Notlaufprogramm. „Ich werde versuchen, das für dich zu regeln. Aber ich muss das mit dir besprechen. Es ist dein Haus.“
Ida richtete sich auf. Sie kletterte vom Dachboden. Mit fest zusammengepressten Zähnen sagte sie: „Wo ist sie?“
„Im Zimmer. Ich habe sie ja nicht in die Küche setzen können“, meinte Esther verteidigend.
Die alte Dame saß ganz gemütlich im großen Sessel, hatte sich einen Schemel geholt und die Beine hochgelegt. Als die Türe aufging, meinte sie: „Habt ihr denn da kein wirklich kaltes Wasser, ich vertrage die Hitze so schlecht.“ Es fühlte sich tatsächlich erstaunlich warm im Zimmer an. Sonst war das Haus immer eisig. Im Ort nannten sie es das Eishaus. Aber heute war es in dem Raum wirklich sehr warm.
Da sah sie ihre andere Nichte. „Ah Ida, mein armes Kind.“ Sie wollte sie in die Arme schließen, aber die Eine schwitzte, die Andere war unwillig, und so gelang die Umarmung nicht.
„Warum, Tante Tina, möchtest du hier wohnen?“ Esther spürte, wie sich Idas Magen wölbte, als sie dem Stier an die Hörner ging.
„Nun, es ist doch selbstverständlich, dass ich mich um euch kümmere“, meinte der unerwünschte Besuch.
„Aber du hast doch deine schöne Wohnung.“
Ida schien sie in die Enge zu treiben. Esther war verblüfft.
„Ich versteh dich nicht, natürlich komme ich hierher.“
„Wieso natürlich?“ Idas Widerstand war jetzt deutlich, und Tante Tina konnte beim besten Willen nicht mehr so tun, als ob sie nichts bemerkt hätte.
„Nun, schließlich ist das auch mein Haus.“ Esther fand die Diskussion zermürbend. Wieso ihr Haus?
„Es ist kein Familiensitz. Wir sind keine Grafen“, meinte Ida still.
Da richtete sich die alte Dame auf. Sie war sehr böse. „Dieses Haus ist eigentlich mein Haus. Es gehört rechtmäßig mir. Ich war Aarons Verlobte, ich sollte ihn heiraten, als meine Schwester Ida kam und ihn mir wegnahm. Dank einer Gemeinheit und Dank eines Diebstahls sitzt ihr jetzt hier im Schloss und ich soll draußen an der Türe demütig pochen!“ Sie rauchte vor Zorn. Die Bilder der Vergangenheit schienen wie Doping zu wirken. Ida drehte sich wortlos am Absatz um und ging hinaus. Esther folgte.
„Was tun wir?“ fragte Esther. „Weiß nicht.“ Ida war wieder in der alten Rolle.
„Ich kann sie in deinem Namen rausschmeißen?“
„Das mit Vater stimmt. Ich weiß, dass es stimmt.“
„Ist das ein Argument, sich einzuladen?“
„Nicht wirklich, nein. Vielleicht hilft uns der aus dem ersten Stock?“
„Wer?“
„Wir wohnen hier ja nicht allein“, meinte Ida. Aber mehr wollte sie nicht erklären. Ida hatte, so schien es, Kontakt mit mystischen Wesen, die ihr Haus bevölkerten.
AM NÄCHSTEN TAG
Tante Tina hielt Einzug. Sie war da und vorbei war es mit dem Frieden. Was vorher ein angenehmes Miteinander war, wo jeder tat und ließ, was ihm passte, wurde zum Hindernisrennen. Ausweichen, vermeiden, höflich ablehnen. Was in ihre eifrigen Finger kam, nahm Tante Tina in die Hand. Sie korrigierte und verbesserte, wahrscheinlich mit bestem Willen und trotzdem unerträglich. Ida verschwand zunehmend in der Landschaft. Und Esther war hilflos, sie war Sekretärin, konnte nichts durchsetzen. Keine Lösung in Sicht.
Esther überlegte laut, als sie mit Ida in der warmen Wiese saß, die Tante Tina noch nicht erobert hatte. „Wenn wir Ezra und die ganze Studentenpartie einladen,… Ein Fest, sagen wir zum Abschluss der Arbeiten in der Wohnung, ein richtiges Fest, mit möglichst vielen und so als Urlaub einige Wochen. Laut, mit Musik bis spät in die Nacht. Vielleicht geht sie dann von allein.“
„Ezra soll Wolfgang mitbringen.“
„Wolfgang?“
„Er hat so schöne schwarze Haare am Rücken.“
Schwarze Haare am Rücken? Was für eine Beziehung hatte Ida zu Wolfgang? Esther hatte Wolfgang zwar sympathisch gefunden, aber seine kleinen Eigenheiten machten bei Freunden Probleme. Wo Wolfgang war, kamen Sachen abhanden. Nur in diesem Fall konnte man das vielleicht als Segen einsetzen. Wenn einmal da und dort etwas wegkam, war das doch für Tina vielleicht ein Grund, wieder zu fahren, oder? Auf jeden Fall fiel Esther im Moment keine bessere Lösung ein.
Sie sah besorgt auf Ida. Esther hatte gehofft, dass Ida in dem Haus wachsen würde, Wurzeln schlagen, sich ausbreiten. Das war auch tatsächlich der Fall gewesen, in der Heuschreckenwiese – bis Tante Tina kam. Jetzt aber spürte sie bei Ida einen Schrumpfprozess. Im ständigen Versuch, Tante Tina zu entkommen, machte die nicht mehr die Dinge, die sie machen wollte, probierte nicht mehr aus, was sie probieren wollte. Ein Rückschritt! Ein absoluter Rückschritt. Genau das, was Esther seit Monaten beunruhigt hatte, war wieder da. Sie hatte wahrgenommen, dass Ida immer weniger lebte. Ein langsames Sterben der Seele hatte sie zutiefst erschreckt. Bei lebendem Leibe gestorben, dachte Esther und spürte in den Worten die ganze Gefahr. Ida war in Gefahr, jetzt wieder, nach einer kurzen Phase des Aufblühens.
NACHMITTAG, ZWEI TAGE SPÄTER
Ezra fand es gut, seinen Studienkollegen und Helfern etwas anbieten zu können. Urlaub in einer der schönsten Gegenden Österreichs, nach einem wirklich gut bezahlten Job. Wolfgang lenkte den Kleinbus, es herrschte angenehme Stimmung. Sogar Edmund hatte sich kurz von den Sorgen der Welt lösen können. Er war zwar tieftraurig, wie immer, aber nicht hoffnungslos. Hubert und Jörg waren voll Erwartung, obwohl Hubert in letzter Zeit ein wenig unruhig gewirkt hatte. Hille schlief wahrscheinlich den Alkoholkonsum vom Vorabend aus. Sie fuhren in einer mutigen Kurve in den Jaidhof ein. Die Katze nahm den kurzen Weg übers Dach, Tante Tina blieb stehen.
Die Herren entstiegen dem Wagen, heiß und ein wenig zerknittert. In gemeinsamer Bewegung setzten sie die Trinkflaschen an.
„Meine Herrn! Was suchen sie hier?“ Tante Tina klang scharf und laut.
Ezra war von Esther mit heiserer, hektischer Stimme vor drei Tagen informiert worden. Die Panik hatte sie noch fest umschlungen und klang durchs Telefon. Sie stellte Ezra alle Seitenaspekte und alle Nebenwahrscheinlichkeiten vor, im heftigen Bemühen, einen Verbündeten zu rekrutieren. „Bitte, bitte kommt alle und bleibt hier, Wolfgang auch, und wir feiern viele Feste. Laute Feste. Und ihr benehmt euch daneben. Seid unmöglich, rücksichtslos, laut, lasst alle Hemmungen fallen! Unterlasst nichts, was euch einfällt und Freude macht.“
Er trat daher höflich, devot auf Tante Tina zu, zog im Geiste seinen Hut. „Liebe gnädige Frau, wir haben es geschafft, wir sind fertig. Wir haben tatsächlich die ungeheure Wohnung ausgeräumt, alles, bis aufs letzte Stückchen Papier. Und jetzt machen wir Urlaub hier, wie ja besprochen war. Wir freuen uns sehr. Hier ist es wirklich schön.“
Wolfgang war voll eingeweiht. Er räumte gerade sehr sichtbar zwei riesige Lautsprecher aus dem Bus. Sie hatten sie bei einem Studienfreund entliehen, der Tontechnik beim Festival in Wiesen machte. Das Ding war für Freiluftkonzerte mit etlichen tausend Besuchern geeignet und man sah es ihm an. Dann nahm Wolfgang Haltung an und fragte Ezra: „Glaubst du, sollen wir sie für heute Abend gleich draußen lassen oder soll ich sie inzwischen hineinstellen?“
Ezra dachte sichtbar nach. „Ich denke, es ist jetzt 14 Uhr. Wir fangen um 18 Uhr an und du musst das Ganze noch einrichten. Entschuldigen Sie, liebe gnädige Frau, das wird ein bisschen Lärm machen, aber wir brauchen zum Feiern Musik.“ Er wendete sich zu seinem Freund: „Lass die Anlage dort drüben, dort stört sie nicht.“ `Dort drüben´ war genau unter Tante Tinas Zimmer. „Dort kann die Anlage bleiben, das Wetter schaut gut aus.“
Da kam Esther mit strahlendem Lächeln auf ihn zu. Er mochte Esther, eine Liebe seit Kindertagen. Sie umarmten sich zärtlich. „Habt ihr es tatsächlich geschafft, die Wohnung auszuräumen. Ihr seid großartig. Eine echte Leistung. Tante Tina, ich glaube, du kennst Ezra. Ihr habt euch vielleicht in der Wohnung gesehen, als du dort warst.“, meinte sie hintergründig. „Die alle haben die Arbeit des Herkules vollbracht. Das muss gefeiert werden.“
Scharf und zornig kam die Antwort. „Ich weiß, dass meine Schwester einen Dreckstall beinander hatte, aber ich weiß nicht, was daran gefeiert werden muss, einen anderen Menschen von der Welt zu löschen.“ Sie drehte sich um und ging ins Haus.
Alle standen wortlos im Kreis. Ezra streichelte Esther fürsorglich über die Hand. Sie wirkte erschrocken, hilflos und vom schlechten Gewissen gewürgt. „Gibt’s was zum Essen?“, fragte er zärtlich. Sie schreckte aus ihren dunklen Wolken. „Ja gleich. Alles bereit.“ Keine Frage, man konnte sich darauf freuen.
Da kamen seltsame Töne aus den Riesenlautsprechern, quietschende surrende Versprechen für den Abend. Im Augenblick war es für alle Ohren eher unerfreulich. Der Ton nahm an Fülle zu, flaute dann wieder ab, fuhr Achterbahn. Rhythmisches Klopfen und dann Gabel auf Teller hundertfach verstärkt. Wolfgang drehte die Höllengeräusche herunter und kam mit einem Mikro an. „Kommt, singt mir ein Liedchen für den Pegel.“ Edmund, der Dichter, sah das Mikrofon tieftraurig an. So tieftraurig wie am Ende der Welt. „Nein“, meinte er mit Grabesstimme, „Absolut nein, ich singe kein Liedchen.“
„Dann sag halt etwas, irgendwas, sag wie du heißt und ihr auch. Ich brauch das.“
Sie sagten alle brav ihren Namen ins Mikrofon, Ezra, Esther, Edmund, Hille, Hubert und Jörg. Ida kam angelaufen und rief „Ich will auch was sagen, ja, meinen Namen.“
Sie sagten alles noch einmal, bis Wolfgang zufrieden war, und er ging und schaltete an den Geräten herum. Da klang es laut und deutlich, wenn auch ein bisschen unrein, über den großen Hof: „Ich bin Robert.“
„Was hast denn du da drauf gehabt? Von wann ist denn das?“, fragte Ezra und merkte, dass Wolfgang erstarrt dort saß. „Ich hatte nichts drauf, ich hab das grad erst neu eingelegt. Aus der Packung – neuer Chip“
Wolfgang war verwirrt. Er schaltete um. Es dauerte ein bisschen, dann sagte Edmund: „Ich heiße Edmund….“ Es klang vertraut, deutlich und klar über den Hof. Die Tonqualität war sehr gut, ausgezeichnet. Nach Ida war die Sache zu Ende und Wolfgang schaltete. Da erklang wieder das etwas undeutliche „Ich bin Robert.“
„Das ist vielleicht der aus dem Fenster“, meinte Ida.
„Wer aus dem Fenster?“ Sie standen alle beisammen.
„Da oben im Fenster ist immer wieder einmal ein Mann mit Hut. Ich habe ihn schon am ersten Tag gesehen, als wir hier waren, das Haus anschauen. Da stand er oben und schaute auf uns herunter. Ein ziemlich prächtiger Hut.“
Ezra spürte ein leises Prickeln. Wie ist das Leben mit einem Gespenst? Hatte das nur Belastungen oder konnte das auch Vorteile bieten? Schließlich hatte er hier einen Job zu machen. Tante Tina sollte sozusagen sanft entfernt werden. Esther hatte ihm die Sache erklärt. Einfach rausschmeißen kam nicht in Frage. Ideal wäre es, würde sie selbst beschließen zu gehen. Da konnte eine Geistererscheinung doch Möglichkeiten eröffnen. Das Problem war, man konnte mit einem Geist nicht vernünftig reden. In Sachen Tante Tina konnte er, richtig eingesetzt, eine große Hilfe sein. Aber wie ihm das klar machen?
Alle wanderten auf die Wiese, um das Fenster mit dem Geist zu betrachten. Das Fenster hatte ein seltsames Farbenspiel. Offensichtlich sehr alte Scheiben, die Schlieren in Rosa, Lilablau, Weiß und ein wenig Gelb zeigten, aber Ezra konnte beim besten Willen keinen Mann mit Hut erkennen. Da sagte Ida neben ihm: „Er ist gerade nicht da. Er ist immer mal nicht da und kommt dann wieder.“ Ida hatte wohl seit längerem ein Vertrauensverhältnis zu ihrem Hausgeist. Vielleicht konnte sie vernünftig mit ihm reden?
ABEND
Es wurde ein rauschender Abend. Es floss viel Alkohol und Ihnen fiel rein gar nichts ein, wie sie sich ordentlich daneben benehmen konnten, weil es gefordert war. Schließlich brach Edmund in Tränen aus, weil ihm Alkohol immer traurige Gefühle machte. Er erzählte allen, dass an der Welt grundlegend etwas geändert werden musste, dass sie so kaum länger Bestand haben konnte, und Ezra erkannte das Potential in Edmund und man brachte ihn geeint vor Tante Tinas Tür. Dort versicherte ihm Ezra, dass hinter dieser Türe der richtige Ansprechpartner war, der wirklich etwas unternehmen würde. Edmund blickte ihn durch einen Tränenschleier an und weigerte sich. Der Alkoholpegel reichte doch noch nicht aus, dass er da hineingehen würde.
Die Musik war ziemlich laut. Man lud Tante Tina immer wieder ein, doch mitzumachen, aber hinter Tinas Fenster rührte sich nichts. Ida war schon sehr rosig und tanzte und prostete ihrem Geist im Fenster zu, - als die Anlage ausfiel.
Wolfgang machte sich auf, den Schaden zu beheben. Er verfolgte tatsächliche und vermutete Stromleitungen im Haus und Ezra hatte das Gefühl, dass der Geist genug von der Musik hatte. Er hatte von seinem Fenster aus die Anlage abgestellt, denn Wolfgang fand den Sicherungskasten intakt. Nichts ausgeschaltet. Wieso war die Anlage ausgefallen?
Wolfgang, Ezra und Esther gingen in den Keller. Vielleicht war dort das Problem? Der Keller roch eigenartig, vielleicht am ehesten nach Vanille. Sie versuchten, die Stromleitungen zu orten. Da hörten sie ein Scharren. Wer konnte das sein? Dann gab es platschende Geräusche. Es war eisig kalt. Ein Wasserwesen hier im Keller? „Habt ihr etwas gefunden?“, rief Wolfgang. Sie trafen sich wieder bei der Kellertüre. Neugierig gingen sie zur Wasserzisterne und fanden Hille unter Wasser. Sein Körper hing in dem in der Zisterne knapp unter dem Wasserspiegel. Alle drei starteten durch und hoben ihn leblos aus dem Becken. Er lag sehr kalt auf dem Beton, seine Lippen bläulich weiß. Drei entsetzte Augenpaare hielten ihn fest, suchten Spuren von Leben. Dann stürzten sich alle gleichzeitig über ihn und massierten seine Hände Füße…
Wolfgang presste Wiederbelebung in ihn hinein. Esther rannte nach oben, um eine Decke zu holen. - Da sprang die Anlage wieder an. Während sie die Decke im Arm nach unten lief, telefonierte sie mit der Rettung. Hille lag noch immer blass auf dem Boden, aber er schien zu atmen. Alle drei massierten seine Gelenke, da murmelte Hille: „Wer hat mich gestoßen?“ Sie wickelten ihn fest in die Decke und trugen ihn auf einem Brett nach oben. Als die Rettung kam, lag er dicht eingepackt im sommerwarmen Hof.
Der Hergang wurde hinterfragt. Wer konnte das wissen? Fest, viel getrunken, in die Zisterne gefallen. War das die Wahrheit? Es war eine Wahrheit, eine mögliche Wahrheit. Was waren die anderen?
Wer konnte Hille gestoßen haben? Ezra war verwirrt. Hille war einfach, Hille war harmlos, und er trank zu viel, immer. Er verlor regelmäßig seine Gleichgewichts-maschinerie, bei jedem Fest. Das wussten alle. Meistens fand man ihn am Ende des Abends jeweils an einem entlegenen Ort. Es war schon Routine, dass sie nach einem Besäufnis zu später Stunde vor dem Heimfahren Hille suchen gingen, um ihn unschädlich zu lagern. Sie wären auch heute gegangen, das wäre aber sicher viel zu spät gewesen. Für sie, für den Abend und für Hille. Ezra hatte einen kalten Rücken und einen feuchten Klumpen im Magen und einen riesigen Bedarf an Erklärungen. Wer wollte gerade Hille umbringen und wer hatte ihn gerettet? War der im ersten Stock fürsorglich und hilfreich? Hatte er die Anlage abgeschaltet? Oder war der Hausgeist bösartig und hatte er versucht, Hille zu ersäufen? Oder war Hille Opfer einer ganz anderen Person geworden?
Hille wurde ins nahe Unfallkrankenhaus gebracht und der Notarzt versicherte allen, dass sie gar nichts tun könnten. Morgen könnten sie nachfragen. Bedrückt gingen alle schlafen. Der Mond schien warm. Man öffnete die Fenster.
FRÜHER MORGEN
Der Schlaf dauerte bis halbsechs in der Früh. Dann brach ein Höllenlärm los. Zuerst gab es sehr laute Frühnachrichten, dann war das Schieben von Möbeln im Vorraum zu hören, mit Pumpern und Knirschen. Es wurden Nägel eingeschlagen. Und eine quietschende Türe im Hof etwa fünfzig Mal auf und zu gemacht. So fühlte es sich für Ezra zumindest an. Jedes einzelne Geräusch hatte ein Echo in den Gelenken, im Kopf, im Magen. Er tauchte in die Tiefe und wieder hoch und wieder in die Tiefe. Viele Male hatte er das Gefühl: Jetzt ist es vorbei. Jetzt kehrst du in die stille Landschaft zurück, die dich zärtlich aufnimmt. Und dann wieder hoch in die wild tosenden Wasser des Alltags, der etwas von ihm wollte. Er überlegte, ob er sich splitternackt mit dem Ungeist konfrontieren sollte, versprach sich aber schließlich nichts davon, vielleicht Kastration, aber keinen Sieg in seinem Zustand. In seidenweichen Blümchenshorts – einem Geschenk von Mutter – begab er sich teilweise reaktionsfähig aus seinem Schlafzimmer auf den Kampfplatz. Im Hof traf er auf eine große, runde Gestalt im Nachthemd, die gerade einen laut scheppernden Kessel an einem Seil in die Hofmitte zog.
„Was ist los?“, presste Ezra heraus, und es war eine Kunst, die Worte hochzubringen und den Rest unten zu behalten.
„Ich habe nichts übrig für Leute, die ihr Leben verschlafen“, sagte Tante Tina laut - zu laut. Ezra wählte eine stille Form des Angriffs. „Ich sehe, sie ziehen einen Kessel über den Hof, um besonders viel Lärm zu machen.“
„Ich hatte auch keine gute Nacht“, sagte Tante Tina, indem sie auf ihn zuging, „aber ich bereite dennoch ganz alleine alles vor, damit Ordnung herrscht, wenn meine Freundin kommt.“ Sie stand ganz knapp vor Ezra und überragte ihn um einen halben Kopf.
Was für eine Freundin kommt? Er musste Esther finden. Die hatte nichts davon gesagt. Er drehte sich um und ging. Ohne Höflichkeiten. Esther konnte das nicht verschlafen haben. Auf der Treppe traf er Jörg und Hubert, die wollten fahren – sie hatten Kopfweh und genug vom Lärm. Sie waren fertig angezogen und hatten ihre Sachen gepackt. Konnte er verstehen, aber sie alle waren in nur einem Auto gekommen. Ja, er würde sie dann zur Bahn bringen. Vielleicht sollten sie noch ein bisschen in die Wiese schlafen gehen. Wo war Esther? Er klopfte an Esthers Türe. Im Hof hallte Hammer auf Kessel. Sie öffnete fertig angezogen. Er huschte ins Zimmer. Esther war eine attraktive Frau, aber schließlich kannte sie ihn auch in Badehose, jetzt in Blümchenshorts.
„Was tun wir?“, fragte er heiser. Er hatte das Bedürfnis, verschwörerisch zu wispern, ließ das aber bleiben bei dem Lärm im Hof.
„Keine Ahnung.“ Die sonst so tüchtige, umsichtige Esther war ratlos.
„Sie sagt, sie muss für ihre Freundin alles vorbereiten.“
„Welche Freundin?“
„Ich habe gedacht, du weißt davon?“
„Nein, keine Ahnung. Da kann nur Ida etwas regeln“, sagte sie hilflos.
„Dann sprechen wir einmal mit Ida.“
„Das geht nicht, die schläft noch.“
„Die schläft noch! Wie soll das gehen?“
„Wenn es unangenehm wird, geht Ida immer schlafen. Sie rollt sich ein und weg ist sie. Je unangenehmer, desto fester schläft sie.“
Ezra tauschte die Blümchenshorts und fuhr zum Bahnhof, um Jörg und Hubert abzuliefern. Hille und Spital würde er am Nachmittag machen.
VORMITTAG
Um 11.30 Uhr war es dann so weit. Ein Taxi rollte in den Hof. Ihm entstieg ein schwitzender Fahrer, der sich mit einem großen Tuch Stirne und Hals wischte. Sein Fahrgast war eine ältere Dame, sehr dünn und klein. Auf dem Rücksitz neben ihr lagen einige größere Taschen und andere Behältnisse, und wie es schien, eine große Rolle Bettwäsche. Der Rücksitz war ziemlich voll, übervoll. Ezra erwartete, dass beim Öffnen der Türe eine Kaskade aus dem Auto brechen würde, und schaute gespannt. Der Taxifahrer strebte auf ihn zu. Ezra nahm ihn mit in die Küche, um ihm etwas zu trinken zu geben. Während er die Limonade anrührte und mit Eiswürfeln versah, fragte er scheinheilig: „War es sehr schlimm?“
Das half, der Staudamm brach. „Zuerst hat sie festgestellt, dass ich rauche und dass nicht einzusehen ist, warum sie sich den Gestank antun soll, dass ich ihrer Gesundheit schade. Es gibt kein anderes Taxi, so kam sie mit allen Sachen, wirklich mit allen. Sie muss eine große Wohnung haben und die hat sie ausgeräumt. Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um alles reinzukriegen“, fauchte er wütend. Er nahm die Demütigung für sein Fahrzeug sehr übel. „Dazu hat sie aus irgendeinem Grund verweigert, etwas auf den Vordersitz zu stellen. Als ich es versuchte, weil ich es hinten nicht mehr hineinbekommen habe, hat sie gesagt `Das würde ihnen so passen, junger Mann´, keine Ahnung was sie damit gemeint hat.“ Er war gekränkt, obwohl er wahrscheinlich gar nicht auf die Idee kam, dass der Vordersitz wegen Diebstahl nicht in Frage kam. „Dann haben wir in den zehn Minuten Fahrt die Fenster vorne, hinten, rechts und links in allen Kombinationen auf- und zugemacht, weil sie so empfindlich ist.“
Gerade kamen quiekend singende Stimmen aus dem Haus. „Tinchen, mein Tinchen. Du hast an deine arme, kleine Freundin gedacht.“
Dann die tiefe Stimme von Tante Tina. „Das schönste Zimmer für dich, mein Röschen.“
„Ich hoffe, Sie kommen sie bald wieder holen“, meinte Ezra.
„Nicht ich, sagte der Taximann entschlossen. Das soll ein Anderer machen.“ Er führte die Hand leicht grüßend an den Hut und ging.
Er war aber gleich wieder da. „Die Damen sagen, ich soll zu Ihnen wegen zahlen“, meinte er. Ezra fühlte sich nicht dazu berufen und ging Esther suchen. Esther saß hinter dem Haus mit einem gesunden Brot, an dem sie lustlos kaute. Sie hatte gerade wieder Diät - auf die kleine Unzufriedenheit kam es auch nicht mehr an.
Ezra teilte ihr das Problem mit.
Es wurde wortlos behoben. Was sonst? Ida war noch immer nicht zu sehen. Im Hof lag ein gewaltiger Haufen Gepäck von „Röschen“. Und Ezra beschloss, sich davonzumachen, bevor eine der Damen auf die Idee kam, ihn als Kofferträger zu benützen.
MITTAG
Hinter dem Haus wogte die verwunschene Wiese. Eine Wiese, in der noch Elfen und Kobolde hausten. Sanft hügelig und feucht genug, dass eine Vielfalt an Gewächsen hier zu Hause war. Große, gelbe Disteln und klebrige rosa Nelken und Glockenblumen und Wiesenschaum. Es summte und war einfach schön.
Ezra hatte das Bedürfnis, sich vom Haus zu entfernen, um in Ruhe die Situation klären zu können. War Hille einem Versuch zum Opfer gefallen, ihn umzubringen? Kleine, böse Gedanken wurden wach. Waren Hubert und Jörg nur so schnell gegangen, weil sie mit der Sache etwas zu tun hatten? Hatte einer von ihnen Hille gestoßen? Oder gab es einen anderen Auslöser von Hilles Unfall? An einen aggressiven Hausgeist wollte er eher nicht glauben.
Was wusste er von Hubert? Sohn reicher Eltern, ständig in Geldnöten. Papa war für arbeiten, Hubert nicht. Trotzdem hatte er unregelmäßig viel Geld und dann wieder panisch keines. Ezra vermutete, dass er an Systemen für Glückspiel rechnete. Jetzt war gerade Ebbe, deshalb hatte er mit ihnen die Wohnung geräumt. Er hatte dabei versucht, das Schlimmste an Arbeit zu vermeiden, und rechnete ständig in kleinen Heften und vor allem auf seinem Laptop.
Und hatte er nicht Hubert einmal auf der Uni mit Vorberg gesehen? Ezra hatte eine sehr feindliche Haltung gegenüber Vorberg. Vor allem im letzten Jahr hatte Ezra Remus Vorberg immer deutlicher als etwas Übles, vielleicht sogar Bedrohliches wahr genommen. Aber wie konnte der Hille gestoßen haben? Und warum sollten er oder Hubert so etwas tun?
Und Jörg? Jörg kam aus Deutschland, war schwul und verspielt, inkonsequent. Ein großer knochiger Junge, der immer lachte, auch wenn es ihm gar nicht gut ging. Dass der plötzlich Hille umbringen wollte, war nicht leicht zu glauben.
Und Hille? Er hatte Hilles Taschen durchsucht und drei besonders schöne Köder gefunden, die der, scheint es, aus dem Fischeranzug gezogen hatte. Hatte wohl nicht widerstehen können. Die Brillantringe hatte er brav abgeliefert. Still gab er an dem Abend den Fund wieder in Hilles Tasche. Was konnte jemand gerade von Hille wollen? So bedrohlich, so rücksichtslos, so mörderisch.
Er schlenderte den Weg entlang zum Nachbaranwesen. Die Sonne brannte. Im Hof war keiner. Die Kühe schnaubten im Stall. Ezra ging nachschauen. Der Stall war ziemlich düster. Es roch süßlich und nach Heu. Die Tiere regten sich träge. Er konnte nur langsam etwas erkennen. Die Fenster waren klein und mit Spinnweben zugewachsen. Er kraulte einer Kuh die Stirne und stellte dann fest, dass sie ein Stier war.
Da sah er jemanden stehen. Eine Frau. Er begrüßte sie überfreundlich. Sie schaute ihn nur düster an, mit starrem Blick. Er konnte jetzt besser erkennen. Sie hatte ein seltsam unzureichendes Gerät in der Hand, etwas wie einen verrosteten Metallbesen. Daran klebten Reste von Stalldung, und sie schien damit den Stall reinigen zu wollen. „Sie bringen Bakterien herein, das kann ganze Herden ausrotten. Es gibt Kälber hier“, sagte sie schließlich düster. Pythia, die düstere Wahrsagerin von Mord, Totschlag und Untergängen aller Art?
„Ich komm‘ von neben an, bin auf längerem Besuch und wollte nur guten Tag sagen, fragen ob ich etwas mitnehmen soll. Ich muss zu einem Freund ins Unfallkrankenhaus, da könnte ich die Dinge holen, die sie hier nicht haben.“ Ezra konnte umwerfend charmant sein. Es prallte ab. Sie schaute ihn nur böse an und kehrte verbissen an einem Kuhfladen.
Er ging vorsichtig. Als er ins Freie trat, meinte sie hinter ihm: „ - den Geist schon getroffen?“
„Ja, er hat gestern die Musikanlage auf- und abgedreht und hat gesagt, er heißt Robert.“
„Ihr glaubt, das ist ein Witz“, sagte sie Frau in ihren Hals hinein. „Das ist kein Witz.“
„Wer ist Robert?“
„Frag ihn selber.“ Sie trat auch vor die Türe und sie sahen beide zum Jaidhof hin. Im Fenster war deutlich ein Mann mit Hut zu sehen, irgendetwas war rosa, und der Hut war blau, wie ein Zylinder mit Blumen über einem weißen Kragen. „Er ist eh da“, sagte sie mit bösem Lächeln.
Warum eigentlich ein Mann? Es konnte eine Kabarettistin oder eine Zirkusdarstellerin sein mit diesem Hut und diesem weißen Kragen, aber die hießen meist nicht Robert. Die Frau ging zurück in den Stall.
Er dachte über Geister nach.
NACHMITTAG
Ezra wollte jetzt keine alten Damen vertreiben helfen, sondern fuhr zum Spital.
Hille war schon wieder guter Dinge „Ich habe überlebt, weil ich unterkühlt war, sagen die Ärzte. Wie ich es um die Jahreszeit bei den Temperaturen geschafft habe, unterkühlt zu sein, verstehen sie nicht.“ Hille hatte auch seinen Kater losgebracht und wirkte nicht einmal blass, nicht verschreckt, eigentlich lag er irrtümlich in einem Spitalsbett. Er konnte sich an rein gar nichts erinnern, nicht einmal an die Wasserzisterne, geschweige denn, ob ihn jemand gestoßen hatte, und wer. Warum er in den Keller gegangen war? Ja, er konnte das nicht so genau sagen, aber er hatte so ein dunkles Gefühl, dass irgendwas ausgegangen war. Und er brauchte Nachschub und irgendwer sagte, der sei im Keller. Beim besten Willen konnte er es nicht genauer sagen. Im Keller sind wohl meist die Flaschen. Oder nicht? Schien nicht unlogisch. Oder?
Ezra begann, mit ihm über dies und das zu reden, und lenkte das Gespräch so auf die letzten Monate. Was hatte Hille denn so gemacht die letzten drei Monate oder vielleicht vier?
Hille lief rot an. Oh das war nicht gut! Da gab es Riffe und Untiefen. Wie schwer das Problem war, konnte man bei ihm nie sagen. Er konnte Einbrüche begangen haben, mit Drogen gehandelt, vielleicht aber nur die Kassiererin von der Cafeteria in der Uni begehrt. Alles gleichermaßen sorgte mitunter für rote Flecken an seinem Hals, wie eben jetzt.
Ezra machte, als ob er nichts bemerkt hätte. „Warst recht knapp bei Kasse?“, versuchte er weiterhin in die Untiefen vorzudringen. Die roten Flecken zogen ab. Hille fühlte sich verstanden.
„Im Mai hatten sie mich zu einer Pokerrunde eingeladen und irgendwie war‘s ein schlechter Abend und dann war ich pleite mit Schulden. An denen nage ich heute noch“, meinte er unglücklich.
Ah ja, irgendwer hatte Hille gezielt ausgenommen. Keine Kunst, aber eine üble Sache. Wie auf junge Häschen schießen. „Wer war denn da?“, fragte Ezra mit Fürsorge in der Stimme.
„Naja, Remus Vorberg hat uns eingeladen. War eine ziemlich große Runde. Er fragte, ob ich in die Verbindung komme. Wollte ich doch immer schon einmal“, erzählte Hille unschuldig.
Es ging das Gerücht von einer schlagenden Verbindung mit lobbyistischen Aktivitäten dunkler Machart um, eine üble Sache. Vorberg hatte einen reichen Vater und war deshalb Anführer, Ikone dieser zweifelhaften Bruderschaft. Ezra machte einen Vermerk in seiner inneren Bibliothek, einen Vermerk über verbotenes Glückspiel. Vorberg war ein sehr mieser Typ, da gab es keinen Zweifel.
Da sagte Hille: „Jörg war auch da.“
Also Jörg war auch dabei, das konnte vieles heißen. Er hätte Jörg nicht für einen üblen Helfer böser Mächte gehalten. Der immer lächelnde, ein bisschen ungelenke Jörg als Helfer des Bösen? Das schien Ezra weit hergeholt. Er fragte weiter: „Warst du dann noch einmal dort? Ich meine bei der Verbindung?“
„Naja, ich wollte eine Stundung, weil ich ja den Job mit dir hatte. Das hätte einen Großteil der Schulden abgedeckt, anders konnte ich es ja nicht zahlen.“
„Und haben sie mit sich reden lassen?“
„Hubert hat da grade etwas abgeholt und alle waren ziemlich gereizt und Vorberg sagte zu mir: ‚Schuldner müssen draußen warten‘, und so wartete ich lange. Und dann musste ich heim, Vater helfen, und so bin ich seither nicht mehr dort gewesen. Sobald ich raus bin, zahle ich es, denn Vorberg hat gesagt, ich sollte auf meine Ohren aufpassen.“
Ezra spürte Wut hochkochen. Wie konnte dieser miese Verbindungsbruder Hille so etwas sagen? Das war eine ungeheure Frechheit, nachdem er ihn ausgenommen hatte. Und was hatte Hubert mit den Typen zu schaffen? Es war schwer zu ertragen, dass alle seine Kumpels mit Vorberg Kontakte hatten. Und die Frage war: Was für Kontakt? Hubert war ihm immer als ganz trockener, sachlicher Denker erschienen. Völlig fantasielos, fast wie ein Roboter, emotionslos. Was ist, wenn so jemand ein Spieler ist, im Poker verliert? Oder was für Geschäfte gab es da noch bei Vorberg? Wie war das mit der Verbindung?
„Hat Hubert die Unterlagen geholt?“ Keine klare Frage. Nein. War nicht gut. Hille sollte unschuldig bleiben. Aber vielleicht wusste er etwas, - etwas das nicht gleich sichtbar war, nicht leicht erkennbar, zumindest nicht für Hille.
„Keine Ahnung. Welche Unterlagen? Sah aus wie ein kleiner Werkzeugkoffer, Akkuschrauber oder so etwas, und dann hatte er seinen Laptop hergezeigt. Irgendwas war damit. Aber deshalb waren sie ja so gereizt.“
„Wegen dem Laptop?“
„Ja, Vorberg war böse. Grade als ich hereinkam, sagte er - das ist einfach nicht richtig - oder so etwas.“
„Wem gehörte denn der Laptop?“
„Weiß ich eigentlich nicht. Ich dachte, Hubert. Der hat ihn mitgenommen.“
Ezra verabschiedete sich.
Hatte Hille etwas gesehen, was er nicht sehen sollte? Er wünschte sich, Vorberg mit Händen voll fremdem Geld zu erwischen. Und dann wollte er ihn stolpern lassen, eine Bauchlandung, heftig und schmerzhaft und alle Geheimnisse lägen auf der Straße, für alle sichtbar. Das war es, was er mit Vorberg machen wollte. Harmlose Bürger ausnehmen beim Poker! Und dann präpotent und bedrohlich den armen Kerl einschüchtern wollen!
Aber vor allem stellte Ezra sich die Frage, ob Remus Vorberg eine große Nummer war. Ezra hielt ihn eher für einen Blender. Mehr Show als Mann. Hatte Vorberg Hilles Unfall auf dem Gewissen? Aber er war nicht anwesend, Hubert schon.
Was für eine Rolle hatte Hubert bei der Sache? Die Gedankenschlingen fuhren mit im Auto, ringelten sich ums Lenkrad, um den Schaltknüppel, um Hubert, um Hille – aber der schlief fest im Spital. Und Ezra kam zu keiner Lösung - es gab zu viele Möglichkeiten.
ABEND
Als Ezra zurückkam, herrschte heller Aufruhr. Er hörte von weitem Geschrei, durch das offene Autofenster flogen aufgeregte Stimmen. Als er in den Hof einbog, knallte eine Türe. Er sah Esther wirklich wütend dort stehen. Ida war nicht zu sehen. „Komm, lass das Ventil pfeifen“, meinte er und streichelte Esther.
„Linchen ist gegangen, auf nicht mehr Wiedersehen, weil Tante Tina gemeint hat, sie stielt.“ Das war die knappe Fassung von mächtigen Diskussionen, die seit drei Stunden hin und her wogten. „Was denn?“, fragte Ezra interessiert.
„Irgend ein Bild.“
„Was für ein Bild.“
„Hatte Tante Tina immer bei sich, mit Silberrahmen.“
Also, es fehlte ein Bild im Silberrahmen, es war aber absolut nicht klar, um was für ein Bild es sich handelte. Aber Tante Tina war es wichtig. Linchen war wegen böser Anschuldigungen gegangen und das war ernst, denn Linchen machte den Haushalt. Ezra musste die wirklich brennende, wichtige Frage stellen, die Frage auf die es ankam: „Wer kocht heute?“
„Tante Tina hat vor einer Stunde gemeint, ich solle ihr das Nachtmahl aufs Zimmer bringen und ich habe gesagt, wenn sie Linchen beleidigt, muss sie das selber machen. Und da hat Tina gesagt, sie werde in diesem Haus für das Pack, das wir sind, nichts mehr arbeiten.“ - Das hieß, offener Krieg war ausgebrochen.
Also keine Haushaltshilfe vorhanden wegen Diebstahl, Familienkrieg und keiner wollte die Arbeit machen. Das Problem musste gelöst werden. Ezra ging Wolfgang suchen, um wegen dem Diebstahl zu reden. In Wolfgangs Zimmer war keiner, nur ein zerwühltes Bett.
War zu erwarten gewesen. Wo könnte er sein?
Von den Dachbodenfenstern konnte man weit ins Land sehen. Dort hatte er den Überblick, konnte schauen, wo Wolfgang hingegangen war. Vielleicht war er auf einer der umgebenden Wiesen oder beim Fluss oder sonst wo im Umkreis. Er stieg die wackelige Treppe hinauf und öffnete die Holztür. Wolfgang legte gerade ein Seil über einen der Dachsparren.
Die erste, die schnellste Vision war Wolfgang beim Selbstmord. Das war naheliegend, denn warum legt wohl jemand ein kräftiges Seil über einen Balken? Der Gedanke war aber völlig abartig im Zusammenhang mit Wolfgang. Der Kumpel seiner Kindertage war nicht Selbstmord gefährdet. Die beiden waren schon miteinander in der Volkschule. Wolfgang war ein Mann der Hände, ein Mann der technischen Lösungen an Geräten, von denen Ezra noch nicht einmal gehört hatte. Wolfgang tat, was er wollte, und es fiel ihm immer etwas ein. Leider gehörten Tendenzen zum Diebstahl dazu.
Ezras Familie, Tante und Mutter, hatten immer eindringlich vor Wolfgang gewarnt. Kriminelle Familie, Vater im Gefängnis, kein Umgang für dich. Das führte schnell zu einer innigen Freundschaft, die Ezra damals mit kleinen Geschenken pflegte. Tante Rena und Mutter standen wechselweise neben ihm und entwarfen bedrohliche Szenarien dieser Freundschaft, was sie sehr vertiefte. Wolfgang war eine Fundgrube für wesentliches Wissen. Von Einbruch bis Drogenhandel war er bestens informiert. Er wusste, wie es läuft, zeigte Ezra grundlegende Fertigkeiten, hatte aber selbst keine Ambitionen was zum Beispiel Drogen betraf oder Drogenhandel. Die Mafiastrukturen des Drogenhandels waren ihm zu eng, zu hierarchisch, zu wenig kreativ. Auch der einfache Einbruch war wenig reizvoll. Nach einigen Jobs in der Personenbewachung und in Sicherheitsfirmen machte er derzeit Projektarbeit im Dienste der internationalen Fahndung. Nicht etwa verkleidet als Drogendealer im Untergrund, sondern als fähiger Techniker wurde er an die Schnittstellen versetzt und leistete dort so einige Male im Jahr besondere Arbeit.
„Willst du dich aufhängen?“, fragte Ezra.
„Nicht gleich“ brummte Wolfgang, dann strahlte er ihn an. Wolfgang war sehr dunkel und hatte das Lachen eines Seeräubers. „Wenn man die Seile befestigt, kann man von Balken zu Balken schwingen. Ich habe mir schon immer einen solchen Dachboden gewünscht. Früher haben sie Tabak hier getrocknet“, meinte er und strahlte den Dachboden an. Wolfgang war kräftig, über hundert Kilo schwer, erklomm aber behände einen der Balken und schwang sich am Seil zu einem anderen. Ezra fand, das sah gut aus, wie Tarzan im blauen Hemd.
„Warum hast du denn um Gottes Willen das Bild genommen?“ Wolfgang sah ihn kurz an, an der Grenze zum schlechten Gewissen. „Sie hatte keinen gescheiten Schmuck“, meinte er schließlich entschuldigend.
„Ja, aber sie hat Linchen beschuldigt.“
„Ach, das ist ok.“
„Wie kannst du das sagen?“
„Letzte Nacht hat mir Linchen gesagt, dass ihr der spinnerte Haufen reicht, und sie will reisen, als Stewardess anheuern oder sowas.“
„Letzte Nacht?“ Naja, Wolfgang hatte wieder einmal eine Dame beglückt. Er sprach nicht wirklich über seine Nächte, aber Ezra wusste, dass sie recht abwechslungsreich waren. „Ja, aber Linchen hat den Job hingeschmissen und Esther sieht nicht ein, dass sie jetzt die Köchin machen soll.“
Das war auch für Wolfgang ein Problem, das man bewältigen sollte. Er dachte ernsthaft nach. „Ist ok, wir machen das.“
„Ich kann nur begrenzt kochen. So echte Dreisternküche sieht anders aus.“
„Ja, ich habe auch meine Grenzen, aber für eine Woche reicht es, ich kann ein paar gute Sachen für den Notfall. Und ich denke, Esther hat dann wieder jemanden. Sie wird doch die Welt nicht ohne Linchen lassen. Oder?“ meinte Wolfgang und sah den Balken sehr genau an, während er sich gedankenverloren den Unterbauch rieb.
„Ok, werde ich Esther sagen, damit sie sich beruhigt. Aber warum hast du wirklich das Bild genommen?“
„Der Silberrahmen ist echt und ziemlich wertvoll.“ Wolfgang fand das logisch.
„Und was ist das für ein Bild?“
„Nur ein altes Foto, von der braunen Sorte. Ein Mann. Ich weiß nicht, warum sie so einen Wirbel darum machen.“ Wolfgang fand es immer unverständlich, warum Leute so an ihrem Besitz hingen. Warum sie nicht gutwillig akzeptierten, dass ihre Sachen verschwunden waren.
„Bringst du mir bitte das Foto?“
„Was willst du mit dem Foto?“
„Anschauen, vielleicht kommt er mir bekannt vor.“ Wolfgang war verwundert. „Wegen Hille, es muss ihn ja irgendwer gestoßen haben. Deshalb suche ich einen Grund, eine Verbindung. Ich habe keine Ahnung, warum einer Hille umbringen will, und fische im Trüben.“ Er ließ Wolfgang von Balken zu Balken schwingend zurück.
ABEND, SPÄTER
Schließlich hatten Esther und Wolfgang miteinander gekocht.
Das Kochen war schwierig, denn Wolfgang schwitzte `Mann´ aus jeder Pore. Er hatte dünne, lange Seidenhosen an und das Hemd lag am Sessel. Sein Oberkörper war stark behaart und er machte in vielen Kleinigkeiten Esther klar, dass sie begehrt war. Eine Berührung beim Zwiebelschneiden, zartes Reiben, wenn man aneinander vorbei ging. Anzüglich war Wolfgang nie! Nein, keine blöden Bemerkungen über Busen und Po. So war Wolfgang nicht. Er war eher wie ein großer Bernhardiner mit Sehnsucht. Sie wusste, er wollte sie ablecken.
Esther ging es mit ihm ein bisschen wie mit Schokolade beim Abmagern. Ein großes Bedürfnis, Lust, der Geschmack auf den Lippen verfolgte sie, aber keine gute Lösung, nein gar nicht. Bilder von zerwühlten Betten, gemeinsam Duschen, Körper spüren, weiche Haut, Haare, auch Härteres. Aber das alles war wie Schokolade entschieden ungesund. Schokolade machte unzufrieden, sie wurde fett davon und daher grantig und von Wolfgang wurde sie nur begehrt, weil sie gerade neben ihm stand. Er hatte einfach das Bedürfnis. Er mochte sie auch, natürlich mochte er sie. Sie gefiel ihm wirklich. Aber jede andere gefiel ihm auch, wenn sie in einer warmen Küche neben ihm war. Wolfgang war sehr unkompliziert - wer da war, war geil. Und so schnitt sie verbissen Karotten und rührte um und versuchte, an etwas anderes zu denken. Das ging ein paar Minuten ganz gut, bis sie bemerkte, wie er sich von hinten anschlich und begehrlich an ihr roch. In hektischer Selbstverteidigung fragte sie, ob er wohl das Kürbiskernöl gefunden hätte. Er kam mit der Flasche und verstrich ein paar Tropfen auf ihrem Oberarm.
Esther spürte deutlich ihren Unterleib und sagte: „Schau jetzt habe ich da einen dunklen Streifen!“
„Ja, furchtbar“, sagte er im gleichen Ton. „Was werden die Leute denken, wenn du da einen dunklen Streifen am Arm hast.“
Die würden vor allem etwas denken, weil er ein Stück jünger war als sie, und überhaupt war das Ganze unmöglich, unbrauchbar, weil es nie so weit käme, dass die Leute irgendetwas denken würden.
„Magst du die Kartoffeln herrichten?“, fragte sie ein bisschen zu laut und hielt zwei Kilo Kartoffel zwischen seinen und ihren Körper.
„Ich tu gerne marinieren. Schönes Fleisch marinieren“, meinte er. Man sah ihm an, dass ihm die Vorstellung gefiel, Rindfleisch, Kalbfleisch, Frauenfleisch, auch Hühnchen. „Unmariniert schmecken Hühnchen fade“, kommentierte er. Esther wurde die Küche eng, aber das Essen musste fertig werden.
Wolfgang schälte und kochte die Kartoffeln. „Das Kartoffelpüree wird besser, wenn man schon das Wasser ein bisschen würzt.“ Er nahm sie um die Schulter. „Komm, da, Gewürz riechen. Riecht wie Süden und Meer.“ Es wäre irgendwie unvernünftig, Gewürz nicht riechen zu wollen. Somit rochen sie einträchtig und eng umschlungen Gewürz über dem Kartoffeldampf. Esther spürte Schweißtropfen zwischen ihren Brüsten hinunterlaufen. Wolfgang erzählte von dem Hang von wildem Thymian, in dem er einmal auf einer Reise geschlafen hatte. „…und in der Früh hat mir die Sonne so stark auf den Bauch geschienen, dass ich davon wach geworden bin. War schön warm von innen.“ Er strich sich genüsslich über seinen Bauch, und Esther flüchtete zur Nachspeise.
Da hatte Wolfgang den Kartoffelstampfer in der Hand und drückte ihn in die weichen Kartoffeln. „Schau“, verkündete er strahlend, „das geht wie Sex.“ Er bewegte den Stampfer hinein und heraus aus dem Kartoffelbrei. Esther stand da, in einer Hand die Schüssel mit der Nachspeise, in der anderen die kleinen Schüsselchen, und schaute gebannt auf den Kartoffelstampfer.
MITTAG DES FOLGENDEN TAGES
Ezra hatte zu Hause gelernt, dass Gemeinschaft beim Essen eine kostbare Sache sei, dass diese gepflegt werden müsste. Tinchen und Röschen hatten die Vorstellung, dass Essen in Gemeinschaft dazu da war, die wichtigen Dinge abzuhandeln.
„In mein Zimmer scheint zu früh die Sonne. Es wird dadurch zu früh heiß“, stellte Tante Tina fest. „Ich brauche ein zweites Zimmer.“
„Die sind im Moment alle belegt“, meinte Esther mit vollem Mund. „Und die, die nicht belegt sind, sind voll mit Abgelegtem.“ Eisiges Schweigen. Das war kein guter Grund. Ezra assistierte. „Vielleicht kann man das Fenster nur über Nacht aufmachen und unter Tags schließen. Dann wird es nicht so heiß.“
„Ich sagte, ich brauche ein zweites Zimmer“, betonte Tante Tina mit höflicher Schärfe.
Ezra schaltete schnell. „Esther, ich könnte helfen, das Zimmer neben Tante Tinas ausräumen. Habt ihr denn auch Sachen, die man hineinstellen kann, damit es dann doch wohnlich wird?“
„Naja, es ist alles Mögliche drin. Ich habe keine Idee, was alles, aber es sind große Möbel. Sonst haben wir noch Sachen in der Werkstatt - ein paar interessante Antiquitäten von der Vorbesitzerin. Man müsste schauen, was passt und was man herrichten kann. Vielleicht müsste man irgendetwas zukaufen, das dauert dann halt ein paar Tage….“ Esther schaute Ezra suchend an. Der folgte zweifellos einem Plan, Überlegungen, die zu einem Ziel führten, nur hatte sie kein Bild davon. Irgendetwas hatte er vor. Das war klar. Vielleicht fiel ihm doch etwas ein, um Tina zum Aufgeben zu bewegen? Dass sie Urlaub hier machte, wäre kein Problem, wenn man nur wüsste, wann sie fährt.
Ida war das erste Mal wieder bei Tisch wegen Edmund. Sonst kam sie schon einige Zeit nicht zum Essen und war auch kaum zu sehen. Esther war froh, dass wenigstens Edmund sie aus ihrem Schneckenhaus holen konnte. Sie war besorgt. Ida fühlte sich nicht gut an, sie wirkte blass und durchscheinend, nahe am Versteinern. Das Problem mit Tante Tina musste gelöst werden, bald. Vielleicht hatte Ezra eine Idee? „Das Bett könnte man hinüber stellen“, sagte sie.
„Wo gibt’s denn noch Möbel?“
„Für Tante Tina vielleicht nicht. Aber es ist einiges Interessantes da. Es gibt einen prächtigen Bauernkasten und eine Truhe, die wollte ich mir herrichten, und Eva wollte die Porzellangarnitur mit dem alten Messingwaschtisch“, murmelte sie nur um etwas zu sagen.“
„Das ist gut“, sagte Tante Tina, „ihr könnt die Sachen hineinstellen.“
Esther spürte den Übergriff, die selbstherrliche Forderung, die Besitzergreifung fast schmerzlich, es schnürte sie ein. Die Sprache entzündete sich und der Hals formte einen harten Knoten. Aber sie hatte dem Übergriff eine Einladung gegeben, in Gold gerahmt und mit Blumen.
Ezra war zufrieden. Genau wie er es wollte. Esther merkte die stille Genugtuung und tappte noch immer im Dunkel. Trotz des Ärgers schien alles richtig zu laufen. Wolfgang saß daneben und schaufelte Essen in großen Brocken. Ihm schmeckte es, und er schien mit essen beschäftigt, aber immer wieder kroch ein schneller Blick unter den Brauen zu Ezra. Er kannte den Kumpel – da war etwas im Busch.
Edmund und Ida waren in ein anregendes Gespräch vertieft. Beide schienen von der ganzen Debatte nichts mitgekriegt zu haben. Edmund verbreiterte sich über die Irrwege von Korruption bei der Polizei, Falldarstellung, verhinderte Maßnahmen, wieder Falldarstellung ohne Namen, aber sonst sehr präzise. Über die Schlechtigkeit der Welt und der Behörden im Besonderen, und Ida war ganz Ohr. Völlige Hingabe, von kleinen Lauten des Staunens unterbrochen. So gefördert hatte Edmunds Darstellung Fahrt aufgenommen und schwebte deutlich hörbar im Raum. „…..und dann hat der Abteilungsleiter tatsächlich den Hörer hochgenommen und seinen Kumpel im Rathaus angerufen, um ihm zu sagen, dass es den Bericht am Laptop gab, und Vorberg sei interessiert.“
„Oh“, machte Ida voll Staunen.
„Und dann haben sie einfach nur mehr von Geldbeträgen gesprochen.“
„Nein!“
„Ja, so schlecht sind die. Auf nichts kann man bauen, nichts ist wirklich vernünftig“, meinte er zutiefst traurig.
„Wirklich“, sagte Ida. Edmund fühlte sich verstanden.
Und Ezra hatte Laptop und Vorberg vernommen. Was bitte war da in Gang? Was wusste jetzt auch noch Edmund von der ganzen Sache?
NACHMITTAG
Esther fragte Ida nach dem Essen: „Sag, du wolltest doch so dringend den Messingwaschtisch mit dem schönen Porzellankrug?“
„Ja natürlich, ich muss es nur reinigen. Habe immer etwas anderes gemacht, dadurch ist er noch nicht richtig schön.“
„Ja, aber wenn den jetzt Tante Tina haben will in ihrem Zimmer?“
„Wieso?“ Wie erwartet hatte sie von der Debatte nichts mitbekommen.
„Tante Tina hat beim Essen ein zweites Zimmer gefordert mit den Sachen aus der Werkstatt.“ Esther sah mit großem Entsetzen, wie Ida in sich zusammenfiel. Esther spürte Zorn und Fatalismus, und das zu gleicher Zeit in ihrem Magen. Ida ließ die Schultern hängen, und es schien, als ob die Flamme ausging. Wie gelöscht. Esther war sehr beunruhigt. Dass sie so heftig, so voll, reagieren würde, hatte sie nicht erwartet.
„Was ist? Ist ja nur ein Waschtisch.“ Ida saß wie ein Häufchen Elend vor ihr. Keine Energie, aus. „Ida komm. Ezra hat irgendetwas in Planung. Ich weiß nicht was. Aber es scheint ihm etwas eingefallen zu sein. Was ist mit dir?“
„Es ist, wie wenn Mutter hier wäre. Auf der einen Seite vermisse ich sie, auf der anderen habe ich gerade angefangen, selbst zu atmen. Ich glaube, sie hat all die Jahre für mich geatmet. Nichts, was ich sagte, hatte irgendeinen Wert, deshalb habe ich dann nichts mehr gesagt und habe das Atmen eingestellt.“ Ida sprach sehr leise. „Wie ein Kind in Windeln versuche ich, seelisch das Laufen zu lernen und hole wieder ganz alleine Luft.“
„Soll ich um deinen Waschtisch kämpfen gehen?“ Esther war wirklich besorgt. Es war so wichtig, dass Ida bekam, was sie wollte.
„Nein, er hat Charme, aber er ist, glaube ich, nur ein Eisbergspitzlein vom Problem.“ Sie erhob sich und ging langsam im Zimmer auf und ab. Esther wollte sie aufmuntern. „Was war das mit Edmund?“
Ida war gottseidank abzulenken wie ein Kind. Sie schenkte Esther ein schiefes Lächeln. „Er hat mir so ein nettes, romantisches Gedicht geschrieben.“
„Wann?“
„Ach, schon damals am Berg, noch bevor Mutter hinunterfiel.“
„Und wieso hast du dir dann so andächtig seine traurigen Erlebnisse in der Korruptionsetage angehört?“
„Nun, da geht es ihm gut dabei.“
„Ich hoffe, er erzählt in seiner Begeisterung nichts Strafbares. Ich meine, einiges von seiner Erzählung klingt, als ob es Leute gäbe, die das sehr bedrohlich fänden, gefährlich.“
„Ach, ich will doch nur, dass er noch mehr Gedichte schreibt.“
Esther war nicht sicher, dass das ein guter Grund war, so tief an gefährlichen Spielen beteiligt zu werden, in Dinge hineinzugeraten, die anderen den Job, das Ansehen, die Existenz kosten konnten. Sie musste aufpassen.
Edmunds Vater war ein hohes Tier im Ministerium, deshalb volontierte Edmund dort. Das bedeutete: Die Informationen waren Tatsache. Der traurige Edmund war Dichter und vielleicht Beamter, aber kein guter Geheimnisträger. Das war gefährlich. Für wen? Für viele.
NACHMITTAG SPÄTER
Ezra hatte jetzt eine klare Aufgaben im Visier - neben dem Job Tina zu entfernen. Er musste klären, was da im Ministerium und mit Vorberg lief, und ob das Hille fast das Leben gekostet hätte. Und er musste das Zimmer für Tina erstklassig, passend, in jeder Hinsicht genau herrichten.
Dazu musste einiges organisiert werden. Deshalb brauchte er zuerst Esther. Er fand sie in der Werkstatt, wo sie den bemalten Kasten abwischte. „Kann man, glaubst du, so ein altes Stück einfach waschen?“
„Ich denke, die Bemalung ist Lack, oder irgendetwas wie Lack.“
„Hilf mir, ihn ans Licht bringen, damit ich besser sehe.“ Sie schoben und zogen das schwere Stück in Richtung der großen Schiebetüre.
Am Rand und um den Kasten war eine Blumenbordüre. Sehr aufwendig und in vielen Farben. Und in den Türen gab es jeweils ein Bild, das aber nicht richtig zu erkennen war, denn der Kasten war von braunen, krustigen Flecken überzogen. Ezra und Esther schauten ganz genau, dann kratzten sie vorsichtig an der Oberfläche. Schließlich holte Esther einen Kübel und Lauge und eine weiche Bürste. „Wo ist denn ein bisschen ein härterer Schwamm?“ Beide schrubbten einträchtig, jeder ein Bild. Wortlos hatte man sich geeinigt, dass man wissen wollte, was der verzauberte Kasten barg. Wie war er geboren worden, wie zum Leben erwacht, wofür hatte man ihn gemacht? Wenige Linien waren zu erkennen. Ein grünes Blatt tauchte aus der braunen Kruste, ein menschlicher Kopf, ein Bein. Irgendetwas wie eine Waffe. Manche Flecken lösten sich, andere hafteten unerbittlich.
Im ersten Stock war es in der Zeit ziemlich laut.
Wolfgang hatte sich erboten, das Zimmer neben Tante Tina auszuräumen, ein sehr großer Raum mit drei großen Fenstern. Dieses Zimmer schien wirklich lange unbenützt zu sein. Ida stand in der Türe, staunend, interessiert. Wolfgang schob gerade ein Bett mit Baldachin durch den Raum. Der Baldachin staubte. Die Farbe des Stoffes war kaum zu erkennen, irgendetwas, wie Gold und rötlich. Es flogen kleine Stücke des altehrwürdigen Belages ins Licht. Schnaufend setzte er ab und rieb seine Handflächen.
„Sag mal Ida, Ezra sagt, sie haben in der Wohnung die Mumie eines Hundes in einem Glaskasten gefunden? Was war denn das?“.
Ida hatte immer Zeit für Antworten. Es dauerte. „Ich denke, das war Schneewittchen.“ meinte sie nach einer Weile. Wolfgang konnte das nicht wirklich als Erklärung annehmen. Seine Bewegung machte Pause. Er hörte wahrscheinlich sogar kurz zu schwitzen auf. „Schneewittchen?“, wiederholte er langsam.
„Eigentlich hieß sie Bienchen, wahrscheinlich, weil sie ständig am Bellen war. Stell dir einen Hund vor, der aus einer Handtasche schaut und dauernd bellt. Sie hat natürlich auch gebissen. Mutter hat immer gesagt, sie ist emsig wie ein Bienchen.“ Noch immer keine Erklärung für den Glaskasten. Wolfgang wartete.
„Irgendwer hat sie vergiftet. Der Glassarg stand lange im Wohnzimmer. Es war einige Jahre so ein Mausoleum.“ Ida blieb in der Erinnerung stehen. Sie schnupperte. Auch in diesem Zimmer roch es nach Mausoleum, genau wie damals, verlassen, gemieden, vergessen wie müde Blumen. „Sollten wir hier auch einen Glassarg mit einem toten Hund reinstellen?“ fragte sie. „Oder vielleicht kann man die Fenster aufmachen?“
Wolfgang machte die Fenster auf. Von rechts nach links. Zwei gingen auf, eines nicht. „Das ist das mit Robert“, meinte Ida zu dem Fenster, das sich weigerte. „Robert will nicht aufgemacht werden.“
Da kam Ezra.
„Braucht ihr Hilfe?“
„Robert lässt sein Fenster nicht aufmachen“, meinte Wolfgang.
„Sag, wolltest du das Zimmer herrichten wegen Robert?“, fragte Ida.
„Ja, natürlich sind wir doch froh, dass wir Robert haben.“
Bei Wolfgang lief ein Film von Möglichkeiten, technischer Natur.
„Robert ist einer von uns, wir müssen nett zu ihm sein“, meinte Ida.
„Woher willst du wissen, dass er nicht auf Seiten von Tante Tina ist“, fragte Ezra.
„Ich hab das Gefühl, dass Robert auf gar keiner Seite ist. Wenn man eine Weile tot ist, wird man egoistisch, denke ich. Man kümmert sich nur mehr um sich selbst.“
„Hast du ihn heute schon gesehen?“, fragte Ezra.
„Ich war noch nicht draußen schauen.“
„Komisch“, meinte Wolfgang plötzlich, „Hier an der Wand entlang ist eine Spur im Staub, die wir nicht gemacht haben.
„Wieso meinst du?“
„Naja, hast du solche Schuhe an? Ich nicht.“ Im Staub zeichnete sich ein Schuhabdruck nach dem anderen, erstaunlich deutlich und klar. Ziemlich groß, große Füße. Sie trugen Stöckelschuhe mit breiten Absätzen. Die Abdrücke waren farbig getönt, wirkten bläulich-lila, ein wenig. Ezra fuhr mit dem Finger darüber, aber der Abdruck blieb. Wolfgang kam mit einem feuchten Fetzen. Der Abdruck ließ sich nur schlecht entfernen. Das Tuch war nachher bläulich staubig.
Ida hatte sich eine Weile auf den Geist konzentriert, hatte über ihn nachgedacht und schlug vor: „Wir müssen ihn fragen, ob er vielleicht hinaus möchte, denn wenn er immer in dem Zimmer auf und ab geht ist das ja nicht erfüllend für so ein langes Leben nach dem Tod. Vielleicht schläft er hier und kann nie hinaus. Auch wenn man nicht essen muss, will man aus seinem Zimmer.“
„Sollen wir ihm die Türe offen lassen?“, fragte Ezra. „Ich bin mir nie sicher, wie das mit Geistern und Türen ist.“ Ezra legte Wert darauf, möglichst normal zu sprechen, aber das mit der Fußspur war schon seltsam. Nicht Schrecken, nicht Gänsehaut, schon gar nicht Panik, aber seltsam war die Fußspur schon.
„Geister schweben doch im Allgemeinen durch Wände.“ Wolfgang schob gerade eine Kommode an die andere Wand.
„Nicht immer“, meinte Ida, „Ich weiß, dass sie gelegentlich knarrend Türen öffnen.“
„Eingemauerte weiße Frauen findet man aber vorwiegend in Gängen und Treppenhäusern. Also irgendwie können sie aus der Mauer.“ Geisterkunde von Ezra.
Wolfgang steckte mit dem Kopf im unteren Fach der Kommode, und es klang hohl als er sagte: „Ich denke, sie machen vor allem seltsame Geräusche.“
„Naja irgendwie müssen sie ja `guten Tag´ sagen“, meinte Ida, „Vielleicht wollen sie wahrgenommen werden, auch wenn sie nicht mehr richtig leben. Wir fühlen uns ja alle nur bedeutend, weil uns jemand wahrnimmt.“
Wolfgang war inzwischen mit praktischen Überlegungen beschäftigt. Er hatte nicht so viel Gefühl für Geister „Wie machen wir denn das mit der weiteren Einrichtung?“, wollte Wolfgang wissen. Ida drehte sich um und ging. Ezra nahm an, sie wollte schauen, ob Robert da war, aber vor allem wollte sie keine praktischen Probleme lösen.
„Fragen wir Esther.“ So ging er Esther suchen. Ezra hatte einen Moment das Bedürfnis, die Türe offen zu lassen, damit der Geist freie Bahn hatte, entschied sich aber schließlich dagegen. Wahrscheinlich konnte er durch die Wand und die Besorgnis war überflüssig.
Ezra war auf dem Weg hinunter in die Küche. Aus dem Unterstock drang eine weinerliche Stimme hoch. Röschen stand in der Küchentüre und erklärte Esther gerade, dass das, was hier gekocht wurde, für sie nicht essbar war. „Ich habe immer schon einen empfindlichen Magen, diese fette Kost hier bekommt mir nicht. Tinchen hat gesagt, ich soll das in der Küche besprechen.“ Ein tiefer kummervoller Seufzer folgte dem gerade vergangenen. „Nur weißes Fleisch, Kalb oder Huhn, Spargel vertrage ich gut, sonst bin ich aber sehr heikel.“
Ezra fragte sich, wie Esther das bewältigen würde. Er sah über das Treppengeländer auf die kleine weinerliche Gestalt mit dem gekrümmten Rücken. Eine lebenslang dienende, die sich ihren Platz erjammert hat, immer Raum für Mitleid schaffte, das nie stattfand. Sie hatte nichts zu geben außer Forderung. Keine gute Ausgangsbasis für Mitleid. Eher ein Storchenteich für die Kinder des schlechten Gewissens - auf der Flucht. Ezra wusste, dass Esther aus den Ohren rauchte vor Zorn, auch wenn man keine Flammen sah. Schließlich hatte sie die ganze Arbeit, und dann diese weinerliche Beschwerde. Esther hatte ihre Stimme aber im Griff und sagte ganz freundlich, sie werde sich um den kranken Magen kümmern und etwas ganz Diätes bereiten.
Da steckte Ida den Kopf zur Eingangstüre herein. „Robert ist heute komisch.“, meinte sie nur und bedeutete Ezra, zu kommen. Ida ging hinaus an die Stelle, wo die Begegnungen mit Robert stattfanden. Dort war der nächste Platz, um gut das ganze Fenster zu sehen, in dem er immer auftauchte.
„Da, schau“, meinte sie, „seine Füße baumeln heute im unteren Fenster.“
Ezra war zuerst sehr verwirrt. Im ersten Stock war der Kavalier mit Hut oder die Zirkusreiterin oder was immer es war, deutlich zu sehen und im Fenster darunter zeigte die Spiegelung etwas wie zwei hängende Streifen in Blaulila. Die gleiche Farbe wie der Hut, und ganz unten fast beim Blumenkasten hatten diese Streifen rote Spitzen, wie die Schuhe auf einer Kinderzeichnung. Das ganze bewegte sich leicht.
„Schaut aus, als ob er gehen würde.“ Ida war fasziniert. Ja, es sah tatsächlich aus, als ob er Schritte machte. Das Fenster neben Robert war offen. Es war der Raum, wo sie gerade Möbel verschoben hatten.
Ezra fragte sich, wo Wolfgang war. Der musste doch in diesem Zimmer auf und ab laufen. Durch die beiden offenen Fenster hätte er Wolfgang sehen müssen, wenn der arbeitete. Er sah und hörte aber keinen Wolfgang.
„Warum, glaubst du, ist Robert da?“, fragte Ida leise im Gedanken.
„Normaler Weise geistern Geister, weil sie irgendwas psychisch nicht bewältigt haben und deshalb nicht zur inneren Ruhe finden.“
„Das heißt sie brauchen Therapie?“
„In unseren Breiten brauchen sie Beichte, Anerkennung von Schuld, Weihrauch, Priester. Die letzten paar Jahrhunderte sprach die Kirche nie von Therapie und sieht das vielleicht auch jetzt als Konkurrenzunternehmen. Aber du hast wohl recht, Geister brauchen Therapie. “
„Das heißt Robert muss beten oder braucht Therapie“, überlegte Ida.
„Ja, beten soll helfen, und ein Kreuz lässt ihn verschwinden oder lähmt ihn. Meistens muss er nicht nur beten, auch beichten, gestehen, was halt die Kirche an Therapiemöglichkeiten bietet. Den Mord an der Geliebten aus Eifersucht, oder am Vater aus Wut oder Geldgier.“
„Ja du meinst einen Mord, der nicht wirklich legitim ist“, meinte Ida nachdenklich.
„Welcher Mord kann schon legitim sein?“
Ida schaute gebannt auf Roberts Füße. „Ich denke, ein Mord, der anderen das Leben ermöglicht. Ich denke, jeder hat das Recht, zu leben, und wenn einer das anderen unmöglich macht, und wenn es auch keine Lösung gibt, so ist vielleicht richtig, den aus dem Weg zu schaffen. Eben damit andere leben können.“
Ezra überlegte und versuchte, guten und schlechten Mord einzuordnen, aber seine Beunruhigung wegen Wolfgang war inzwischen angestiegen. Er hätte etwas hören müssen. Er hätte ihn sehen müssen an den beiden offenen Fenstern. Vielleicht war er nur einmal hinausgegangen. Konnte man Wolfgang wirklich so einfach mit Robert allein lassen? Einem psychisch belasteten Geist?
Ezra rannte ins Haus und hektisch in den ersten Stock mit der Vision, ein hysterischer Idiot zu sein und Wolfgang zu finden, wie er sehr sorgsam an einer Steckdose herum schraubte. Er riss die Türe auf. Hatte schon den letzten Teil der Treppe angespannt gehorcht, ob er Wolfgang hören würde, aber es war nichts zu hören. Hinter der Tür fand er ihn am Boden liegend in einer riesen Blutlacke.
Ezra warf sich neben ihn auf den Boden und sah in den schwarzen Haaren eine große Platzwunde fast bei der Stirne. Ezras Brust krampfte sich zusammen, er suchte nach Zeichen von Leben. Auf der Stelle wurde ihm übel. Wieso Wolfgang?
Aber Wolfgang lebte, denn er grunzte und bewegte sich vorsichtig. Ezra berührte ihn. „Was ist mit dir?“, fragte er, um irgendetwas zu sagen. Kontakt aufzunehmen, festzustellen wie schlimm es war. Die Hautfarbe war nicht allzu blass, schon gar nicht bläulich. Wolfgang verschmierte das etwas geronnene Blut über den Boden mit einer Hand, die ins Leere griff.
Warum hatte Robert ihn niedergeschlagen? Was hatte er Robert getan – sein Zimmer aufgeräumt, entweiht? Die Frage kam Ezra gleichzeitig ziemlich unvernünftig vor. Sie war aber so naheliegend. Da sagte Wolfgang noch ziemlich undeutlich: „Das Ding ist plötzlich auf mich drauf gefallen.“
Robert ist von der Decke auf Wolfgang gesprungen? In Ezras Kopf lief ein oft gesehenes Bild aus Vampirfilmen. Der Untote lässt sich von einer Mauer oder einem Vorsprung, einem gotischen Ungeheuer, das aus der Mauer schaut, auf sein Opfer fallen und umschließt es wehrlos mit tödlichem Biss. Gab das Platzwunden an der Stirne?
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