Читать книгу: «Miryams Geheimnis»
Ruth Gogoll
MIRYAMS GEHEIMNIS
Roman
© 2021
édition el!es
www.elles.de info@elles.de
Alle Rechte vorbehalten.
ISBN 978-3-95609-333-3
Coverfoto:
iStock.com/oversnap
1
Ella erwachte und stöhnte. Ihr Kopf schmerzte, als hätte sie ein Bulldozer überfahren.
Mühsam versuchte sie, die Augen zu öffnen. Grelles Licht traf sie, und noch mehr stöhnend schloss sie sie wieder.
»Ach, das ist gut. Sie sind wach.«
Diesmal öffnete Ella vorsichtig nur ein Auge zu einem Schlitz.
Eine fremde Frau stand mit einem Pappkaffeebecher in der Hand vor ihrem Bett.
Bett? Sie lag im Bett? War sie nicht eben noch auf der Straße gewesen? Im Regen? Bei Gewitter?
Sie öffnete auch das zweite Auge zu einem Schlitz. »Wer . . . Wo . . .?« Sie stöhnte erneut. »Was ist passiert?«
»Kann ich nicht sagen. Ich habe Sie im Straßengraben gefunden.« Die Frau lächelte sie an. »Da ich nicht warten wollte, bis eine Ambulanz kommt, habe ich Sie ins Krankenhaus gebracht.« Sie trank einen Schluck und schaute dann auf ihre Uhr. »Jetzt muss ich aber los. Ich war eigentlich auf dem Weg zu einem Termin.« Während sie Ella zuwinkte, drehte sie sich um, warf im Hinausgehen ihren Kaffeebecher in den Papierkorb und war verschwunden.
Ella hätte gern den Kopf geschüttelt, denn das alles erschien ihr mehr wie eine Vision denn wie die Wirklichkeit, aber als sie es versuchte, grub sich der Schmerz dermaßen in ihre Schläfen, dass sie sofort wieder erstarrte.
Kurz darauf betrat eine Krankenschwester ihr Zimmer. »Wie geht es uns denn?«
Waren Krankenschwestern nicht herzig? dachte Ella sarkastisch. Immer teilten sie das Leid ihrer Patienten.
»Was ist passiert?«, fragte sie zurück. »Ich kann mich an nichts erinnern.«
»Offenbar hat jemand Sie von der Straße abgedrängt. Sind Sie tatsächlich bei diesem Wetter Motorroller gefahren?«
Das klang so, als wäre Ella selbst schuld. Sie hätte ein Auto nehmen sollen.
»Ich habe leider nichts anderes«, sagte Ella und verzog die Lippen. Das ging halbwegs, anscheinend war sie dort nicht verletzt. Sie hatte ja auch einen Helm getragen. »Und irgendwie muss ich schließlich von einem Ort zum anderen kommen.«
Die Schwester legte ihr eine Blutdruckmanschette an und stülpte ein anderes Messgerät über ihren Finger. »Also ein Roller . . .« Anscheinend kam sie immer noch nicht darüber hinweg. »Da würde ich lieber den Bus nehmen. Und dann noch bei Regen und Gewitter. Ein Blitz hätte Sie treffen können.«
Ella seufzte. »Fragt sich, was schlimmer ist.«
Auf einmal erinnerte sie sich: Sie hatte eine Art Vorahnung gehabt. Irgendein Wagen war ihr gefolgt, immer näher gekommen, sie hatte die Scheinwerfer in ihren Rückspiegeln gesehen, sie hatten sie geblendet. Die Regentropfen und die Dunkelheit hatten noch mehr zu ihrer Unsicherheit beigetragen. Deshalb war sie ein wenig an den Straßenrand ausgewichen, und das war offensichtlich ein Fehler gewesen.
Normalerweise fuhr sie mit Absicht in der Mitte der Spur oder so weit wie möglich zur Straßenmitte hin, denn Autofahrer waren Zweiradfahrern gegenüber leider selten rücksichtsvoll. Sie quetschten sich mit wenigen Zentimetern Abstand an ihrem Roller vorbei, und schon des Öfteren hätte sie ihnen dabei gern die Scheibe eingeschlagen.
Bis jetzt hatte sie einen Unfall immer vermeiden können, aber diesmal hatte das Schicksal sie erwischt. Glücklicherweise war diese Frau vorbeigekommen . . .
Sie versuchte, sich stirnrunzelnd an das Gesicht zu erinnern, und zuckte erneut zusammen, weil ihr Kopf auf einmal wie mit Nadeln gespickt erschien.
»So«, sagte die Schwester in diesem Augenblick und zog den Clip von Ellas Finger, »das war’s. Noch etwas erhöht, aber das ist normal.«
Ella wollte leicht den Arm anheben, um ihr das Abnehmen der Blutdruckmanschette zu erleichtern, aber da folterte sie ein weiterer Schmerz. Sie gab einen gequälten Laut von sich.
»Tja, das Schlüsselbein ist gebrochen«, verkündete die Schwester augenscheinlich vergnügt. »Den Arm werden Sie eine Weile nicht bewegen können.« Sie hob die Bettdecke an. »Und den Fuß auch nicht.«
Entsetzt starrte Ella auf ihren fest einbandagierten Knöchel. Erst jetzt nahm sie richtig wahr, dass sie eine Art Schlinge um den Hals trug, in der ihr Arm fixiert war.
Oh Gott! Es war nur ein innerer Aufschrei, denn ihre Lippen waren vor Bestürzung versiegelt. »Was . . . Wie . . . Wie lange . . .?«, stammelte sie, als die Schwester schon wieder auf dem Weg nach draußen war.
»Na, so zwei, drei Monate müssen Sie schon rechnen. Besonders für den Knöchel«, teilte ihr die Schwester ungerührt mit. »Aber das kann Ihnen der Arzt genauer sagen.« Und schon war sie verschwunden.
Ella blieb allein zurück und musste sich erst einmal sammeln. Zwei oder sogar drei Monate konnte sie nicht arbeiten? Sie hatte mehrere kleine Jobs, die – nun ja – nicht mit dem Luxus einer Versicherung verbunden waren, und sie brauchte das Geld. Sie hatte keinen Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung, da sie ihr Studium abgebrochen und noch nie versicherungspflichtig gearbeitet hatte.
Bisher hatte sie keinerlei Hilfe vom Staat nötig gehabt, sie hatte sich ihren Lebensunterhalt immer selbst verdienen können. Zwar stellten viele Unternehmen keine neuen Leute fest ein, aber nicht feste Jobs ohne Sozialabgaben für den Arbeitgeber gab es genug.
Leichte Panik ergriff sie. Wie lange war sie schon hier? Inka . . .
Ihre Augen schweiften hektisch über den fahrbaren Tisch neben ihrem Bett. War da vielleicht ihr Handy drin? Dann konnte sie ihre Nachbarin anrufen –
Als Nächstes entrang sich wieder ein lautes Stöhnen ihren Lippen. Der Nachttisch stand rechts, auf der Seite, auf der sie sich das Schlüsselbein gebrochen hatte. Sie konnte ihn nicht erreichen, da sie weder den Arm heben noch die Schulter drehen konnte.
Sie versuchte, sich aufzurichten und den linken Arm zu benutzen, aber auch das war unmöglich. Schwer keuchend sank sie ins Kissen zurück. Der Knopf, um die Schwester zu rufen, war ebenfalls rechts am Bett befestigt. Sehr schlau.
Eine Uhr schien es hier im Zimmer nicht zu geben. Ihre Armbanduhr war von ihrem Handgelenk verschwunden, vielleicht durch den Unfall kaputtgegangen. Ihre Gedanken stolperten hektisch durch ihren Kopf.
Aber nein, so lange konnte sie noch nicht hier sein. Die Frau, die sie hergebracht hatte, hatte gesagt, sie wäre auf dem Weg zu einem Termin gewesen. Und offenbar konnte sie den noch wahrnehmen.
Ihr rasender Herzschlag beruhigte sich ein wenig. Auch hatte sie das Gefühl, sie wurde schläfrig. War das vielleicht der Tropf, der an ihrem Arm hing?
Mit aller Gewalt versuchte sie gegen die Müdigkeit anzukämpfen, riss immer wieder die Augen auf, auch wenn das Licht wie ein Messer durch ihre Kopfhaut stach.
Warum musste es in Krankenzimmern nur so hell sein?
2
Sinnend saß Miryam an ihrem Schreibtisch. Aber sie sann nicht über ihren Beruf nach, über die Pläne, die vor ihr auf dem Bildschirm prangten.
Was ungewöhnlich war. Denn wenn sie sich in ihrem Büro aufhielt, beschäftigte sie sich normalerweise ausschließlich damit. Sie trennte Beruf und Privates, soweit es möglich war.
Heute jedoch ging ihr einfach nicht mehr aus dem Sinn, was gestern passiert war. Es war früh, ihre Mitarbeiter waren noch nicht da, also konnte sie in Ruhe nachdenken.
Diese Frau, die sie da aus dem Graben gezogen hatte . . . Sie war jung. Sehr jung. Warum war sie nur bei diesem strömenden Regen mit dem Roller gefahren? Und das auch noch bei Dunkelheit?
Na ja, in dem Alter machte man sich noch nicht viele Gedanken über Risiken. Als Teenager hielt man sich für unsterblich. So alt war Miryam auch noch nicht, dass sie sich daran nicht mehr erinnern konnte.
Wahrscheinlich war diese junge Frau auf dem Weg zu irgendeiner Party gewesen, die ihr wichtiger war als die Wetterverhältnisse oder die Gefahren, die damit einhergingen. Miryam hatte um diese Tageszeit meistens noch berufliche Termine. An Party war da noch lange nicht zu denken.
Aber daran lag ihr auch nichts. Partys waren etwas für Leute, die zu viel Zeit hatten und zu wenig Verstand, um zu erkennen, dass sie damit ihre Zeit nur noch mehr verschwendeten, als sie es ohnehin taten.
Dennoch musste sie sagen, dass diese junge Frau ihr nicht so erschien, als hätte sie keinen Verstand. Miryam hatte kaum ein paar Worte mit ihr gewechselt, und doch war ihr der intelligente Blick aufgefallen, der sie kurz getroffen hatte, bevor sie ging.
Zwar war dieser Blick noch von Schmerzmitteln verschleiert gewesen, aber Miryam war wirklich ein Stein vom Herzen gefallen, als die bleiche Gestalt da im Bett die Augen aufschlug. Es hatte sehr lange gedauert, bis sie aufgewacht war, und während der ganzen Zeit, als sie auf dem Rücksitz von Miryams Wagen lag, hatte Miryam besorgt nach hinten geschaut, so oft sie konnte. Wieso war sie nicht aufgewacht, als sie sie in den Wagen gebracht hatte? Gehirnverletzung?
Aber dann hatte sie der noch nicht ganz wache, aber dennoch wissbegierige Blick aus diesen blauen Augen getroffen, und sie war mit einem Schlag beruhigt gewesen. Obwohl er etwas verwirrt und orientierungslos gewirkt hatte – völlig verständlich, wenn man plötzlich in einem Krankenhauszimmer aufwachte und nicht wusste, wie man dahingeraten war –, sah das absolut nicht nach Gehirnverletzung aus.
Sie hatte nicht bleiben können, weil sie einem Kundenehepaar versprochen hatte, heute Abend zu ihnen nach Hause zu kommen, wenn der Mann auch einmal zu Hause war. Er kam immer sehr spät von der Arbeit, und so hatte sie bisher nur mit der Frau als Auftraggeberin gesprochen. Die war aber anscheinend nicht sicher, ob ihr Mann mit ihren Wünschen einverstanden sein würde.
Das war nicht ungewöhnlich, aber diesmal fühlte sie sich beschwingter als sonst, als sie zu der Adresse fuhr. Es war alles gutgegangen, die junge Frau würde sich erholen, und jetzt im Krankenhaus war sie erst einmal gut versorgt.
Nach ihrem Termin fuhr sie nach Hause und saß dort in ihrem Arbeitszimmer noch eine ganze Weile am Schreibtisch, um die Wünsche der Kunden auf die Pläne zu übertragen. Der Mann hatte einiges zu meckern gehabt, aber Miryam hatte den Eindruck, das tat er immer. Schon aus Prinzip. Die Beziehung zwischen den beiden war ziemlich klischeehaft. Er bestimmte, sie gehorchte.
Miryam sah das öfter, und sie fragte sich, wie so eine Beziehung funktionieren konnte. Für sich selbst wünschte sie sich das nicht und konnte es sich auch nicht vorstellen. Im Büro musste sie sehr viel bestimmen, und es lag in gewisser Weise auch in ihrer Natur, aber sie wollte nicht, dass andere immer nur gehorchten. Sie schätzte diejenigen ihrer Mitarbeiter am meisten, die nicht nur einen Auftrag ausführten, den sie ihnen erteilt hatte, sondern auch selbst mitdachten. Die auch einmal widersprachen, wenn sie anderer Meinung waren oder eine gute Idee hatten, auf die Miryam noch nicht gekommen war.
Sie wusste, dass viele Leute sie anders sahen. Sie war eine erfolgreiche Geschäftsfrau in einer Männerwelt, in der alle es völlig normal fanden, wenn ein Mann über andere bestimmte und ihnen Befehle und Aufträge erteilte, das bei einer Frau aber immer negativ betrachtet wurde. So als ob es nicht dasselbe wäre.
Zudem hatte sie nicht die ausgesprochen weibliche Art ihrer Mutter geerbt, die mit einem Lächeln fast alles erreichen konnte, sondern die eher herbe Art ihres Vaters. Man hätte es auch herrisch nennen können. Was bei ihm jeder akzeptiert hatte. Er war eben ein Mann, der wusste, was er wollte. Wenn Miryam dasselbe tat, wurde sie als mindestens anmaßend betrachtet. Wenn nicht Schlimmeres. Sie hatte da schon einiges an Bezeichnungen gehört.
Diese junge Frau da im Krankenhaus . . . Die hatte das Problem bestimmt nicht.
Miryam lächelte. Und das tat sie nicht oft. Es gab Menschen, die hatten eine Ausstrahlung, die einen einfach zum Lächeln brachte. Diese junge Frau gehörte dazu. Sie hatte kaum ein Wort mit ihr gesprochen, sie nur eine Weile betrachtet, nachdem sie ins Zimmer gebracht worden war und noch im Bett schlief, und doch hatte sie sich so ihre Gedanken über sie gemacht.
Warum, das wusste sie noch nicht einmal so genau. Die halblangen blonden Haare lockten sich etwas auf dem Kissen, vielleicht wegen der Feuchtigkeit des Regens, die sich auch unter dem Motorradhelm gefangen hatte, und Miryam erschien es so, als hätte das etwas von Engelshaar.
Sie lachte über sich selbst, als ihr dieser Gedanke kam. Denn wer stand schon auf Engel? Bisher hatte sie allerdings auch noch keine Frau kennengelernt, die dieser Bezeichnung entsprach. Angefangen bei ihrer Mutter.
Die meisten Frauen, die sie kennenlernte, hatten nichts Engelhaftes an sich. Es ging immer um einen bestimmten Zweck, den die Begegnung erfüllen sollte. Manchmal Sex, manchmal etwas anderes. Niemand ließ sich mit jemand anderem ein, wenn er keinen Vorteil davon hatte. Auch wenn es vielleicht nur ein kurzzeitiger war und man sich gleich nach dem Orgasmus verabschiedete.
Miryam war das eigentlich ganz recht, denn sie hatte nicht viel Zeit für private Beziehungen. Sie arbeitete so gut wie fast immer. Nur zum Schlafen ging sie nach Hause. Dort lief alles auch ohne sie reibungslos.
Wäre es anders gewesen, wenn dort so jemand wie diese junge Frau auf sie gewartet hätte? Abwehrend schüttelte sie den Kopf. Was für ein dummer Gedanke. Dennoch konnte sie sich nicht ganz davon lösen. Sie sah dieses weiche, noch etwas mitgenommene Gesicht vor sich, das sie aus dem Krankenhauskissen angeschaut hatte.
Das war kein Gesicht, wie sie es normalerweise sah. Es hatte etwas . . . Besonderes. Eine Art von Unschuld, von der sie glaubte, dass es sie eigentlich gar nicht geben könnte. Nicht mehr. Oder höchstens noch bei Kindern.
»Guten Morgen, Frau Marhold«, riss sie eine freundliche Frauenstimme aus ihren Gedanken.
Miryam blickte auf. »Guten Morgen, Frau Hein«, begrüßte sie ihre Assistentin. »Sie sind schon da?«
Fragend hob Ulrike Hein die Augenbrauen. »Wie immer. Ich bin nicht früher als sonst.«
Unwillkürlich warf Miryam einen Blick auf die Uhr. »Ach ja, tatsächlich«, sagte sie überrascht. Es war ihr gar nicht aufgefallen, wie die Zeit verflogen war, während sie sich in Gedanken mit all dem beschäftigte, was ihr keine Ruhe ließ.
Sie stand auf. »Dann gehe ich mal. Sie halten ja jetzt hier die Stellung.«
Ulrike Heins Stirn runzelte sich. »Aber Ihr Termin ist doch erst in einer Stunde.«
»Ja«, bestätigte Miryam. »Aber ich muss vorher noch etwas erledigen.«
3
»Ich scheine immer zu kommen, wenn Sie schlafen.« Eine leicht amüsierte Stimme drang wie durch einen Nebel zu Ella.
Ihre Augenlider, schwer wie Blei, verweigerten jeglichen Befehl, sich zu öffnen.
Auf einmal hörte sie lautes Geklapper.
»Ah, Frühstück«, sagte die amüsierte Stimme.
Ella verspürte nicht den geringsten Appetit, aber jetzt, da sie langsam wach wurde, kehrten ihre Sorgen wie in einer blitzartigen Erinnerung zurück. »Inka . . .«, stöhnte sie, ohne die Augen zu öffnen.
»Eigentlich heiße ich Miryam«, erwiderte die amüsierte Stimme.
Konzentration. Ella stellte sich vor, an ihren Augenlidern wären oben Magnete befestigt, die sie hochzogen. Es schien zu funktionieren. Aus einer sehr verschwommenen Wahrnehmung wurde ein etwas klareres Bild, und auch wenn sie die Stimme nicht gleich erkannt hatte, konnte sie sie doch sofort mit dem Bild in Verbindung bringen, als sie die Frau nun sah.
Erneut hielt sie einen Kaffeebecher aus einem Automaten in der Hand. Ein weiteres Erkennungszeichen.
Eine junge Frau stürmte mit einem Tablett herein und stellte es auf den Nachttisch. Sie drehte einen Teil des Tisches über das Bett und raste wieder aus dem Zimmer hinaus.
Ella schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen, da das Tablett rechts von ihr und viel zu weit entfernt war, um es in ihrem Zustand überhaupt erreichen zu können. Aber was auch immer sie hätte sagen können, die junge Frau, die das Tablett gebracht hatte, war längst verschwunden.
»Keinen Hunger?«, fragte Miryam.
»Das auch nicht.« Ella verzog das Gesicht. »Aber auf der rechten Seite bin ich etwas behindert«, sie wies mit ihrem Kinn auf die Schulter in der Schlinge, »und könnte noch nicht einmal essen, wenn ich das wollte, weil ich das Tablett gar nicht heranziehen kann.«
»Dem kann man abhelfen.« Miryam trat auf sie zu und drehte das Tablett ganz über ihr Bett bis fast an ihre Brust.
Ella lachte leicht verlegen und rollte die Augen. »Und alle Knöpfe sind an der rechten Seite. Würden Sie bitte auch noch das Kopfende hochfahren?«
Mit einem suchenden Blick tastete Miryam die Seite des Bettes ab, fand die Fernbedienung und fuhr das Kopfende hoch, bis Ella »Danke, das ist genug« sagte.
Dennoch begann Ella nicht zu essen, sondern schaute unruhig zur Tür.
»Erwarten Sie jemanden?«, fragte Miryam.
»Die Schwester.« Ella atmete tief durch, um sich zu beruhigen. »Jemand muss sich um Inka kümmern. Sie ist seit gestern allein in der Wohnung. Ich war gerade auf dem Weg zurück, als –«
»Ihre Tochter?«, fragte Miryam.
Schmunzelnd schüttelte Ella den Kopf. »Meine Hündin.« Dann verschwand das Schmunzeln von ihrem Gesicht, machte einem besorgten Ausdruck Platz. »Ich muss meine Nachbarin anrufen. Sie hat einen Schlüssel.« Ihr Blick wanderte zu der Schublade am fahrbaren weißen Nachttisch.
Miryam nahm den Blick wahr und zog die Schublade heraus. Als sie das Handy in die Hand nahm, runzelte sie die Stirn. »Ich glaube, es hat keinen Strom mehr.«
Für einen Augenblick wurde Ella von Verzweiflung erfasst, und sie fühlte Tränen in ihre Augen steigen.
»Wie ist die Nummer?«, fragte Miryam. »Ich rufe an.«
Ella schluckte die Tränen herunter und rief sich die Zahlen mühsam ins Gedächtnis. Sie hoffte, dass es die richtigen waren, denn normalerweise verließ sie sich darauf, dass sie alle Nummern in ihrem Handy gespeichert hatte.
Miryam reichte ihr das Handy, während die Verbindung hergestellt wurde, hielt es aber automatisch an Ellas rechte Seite, da sie auf dieser Seite des Bettes stand.
»Links bitte«, sagte Ella.
»Ja, natürlich.« Schnell korrigierte Miryam die Richtung und bewegte das Handy nun vor Ellas linke Hand, die sich ihr entgegenstreckte.
Ella nahm es und wartete darauf, dass ihre Nachbarin abnehmen würde. Aber das tat sie nicht. Immer angespannter wurde ihr Gesichtsausdruck.
»Kein Netz?«, fragte Miryam.
Ella schaute auf das Display. »Doch, aber sie nimmt nicht ab.«
»Vielleicht hat sie das Handy nicht immer dabei.« Miryam runzelte die Stirn, und obwohl Ella unruhig darauf wartete, dass ihre Nachbarin abnehmen würde, bemerkte sie, dass unter dieser Stirn ein interessantes Augenpaar sie beobachtete. Sich darüber Gedanken zu machen, warum sie das interessant fand, dafür hatte sie im Moment allerdings keine Zeit.
»Kann sein«, antwortete sie. Als das Handy auf die Ansage des Anrufbeantworters umschaltete, sprach sie hastig eine Nachricht auf. Nervös beendete sie danach die Verbindung. »Inka ist ganz allein. Sie braucht Fressen und Wasser. Und sie muss raus.« Ihr Blick wanderte zum Knopf für die Schwester. »Können Sie vielleicht die Schwester rufen?«
»Die wird sich auch nicht darum kümmern«, sagte Miryam. Sie verzog etwas das Gesicht. »Ehrlich gesagt stehe ich nicht auf Hunde, aber ich kann in die Wohnung gehen. Wenn Sie mir den Schlüssel geben . . .«
»Das kann ich nicht von Ihnen verlangen.« Ella fühlte sich hilflos und verlegen. »Es war ja schon sehr nett, dass Sie mich ins Krankenhaus gebracht haben. Und dass Sie mich heute noch einmal besuchen.« Erst jetzt war sie überrascht, als sie darüber nachdachte. Bisher hatten andere Gedanken ihre Aufmerksamkeit davon abgezogen.
»Wo wohnen Sie?«, fragte Miryam. Sie griff in die immer noch offenstehende Schublade und zog einen Schlüssel heraus. »Ist das Ihr Wohnungsschlüssel?«
Ella nickte. »Aber Sie müssen nicht –«
»Ich muss los«, unterbrach Miryam sie. Sie lächelte leicht. »Termine, Termine. Sagen Sie mir einfach, wo ich hinmuss, dann fahre ich schnell dort vorbei.«
Die Sorge um Inka ließ alles andere in den Hintergrund treten. Ella gab Miryam ihre Adresse. »Meine Nachbarin wird bestimmt da sein«, fügte sie entschuldigend hinzu. »Vielleicht hat ihr Handy auch nur keinen Strom.«
»Mit dem Schlüssel ist das kein Problem«, rief Miryam schon im Hinausgehen, während das Schlüsselbund in ihren Fingern klimperte. »Da brauche ich Ihre Nachbarin nicht.«
Die Frau lebt anscheinend auf der Überholspur, dachte Ella verblüfft. Keine Zeit, keine Zeit. Das schien ihre Devise zu sein.
Umso erstaunlicher war es da, dass sie sich um Ella gekümmert hatte. Nicht nur hatte sie sie ins Krankenhaus gebracht, sondern verschwendete ihre kostbare Zeit auch noch an einen weiteren Besuch. Und die Folgen davon, wie zum Beispiel einen Abstecher zu Inka.
Wer war sie? fragte Ella sich. Bis auf ihren Vornamen wusste sie bislang nichts von ihr. Außer dass sie ziemlich . . . nun ja . . . gut aussah. Elegant irgendwie, und doch schien es so, als könnte sie auch ganz anders sein. Ihre Durchsetzungsfähigkeit stand wohl außer Frage.
Sie war wie eine dieser Frauen, die man immer in Werbespots sah. Die morgens supergestylt das Haus verließen und abends genauso zurückkehrten, ohne dass auch nur ein Härchen der perfekten Frisur verrutscht war. Die irgendwelche Vorträge hielten, charmant und kompetent, als ob das nichts wäre.
Ella fühlte sich selten so kompetent, und charmant . . . also da spielte Miryam offenbar in einer ganz anderen Liga. Verglichen mit ihr hätte Ella sich selbst eher in die Kategorie Trampel eingeordnet, obwohl sie das durchaus nicht immer so sah. Sie konnte schon etwas aus sich machen, wenn sie wollte, nur hatte sie selten Lust dazu – und ehrlich gesagt noch viel weniger Anlass.
Früher war sie auch einmal auf die eine oder andere Party gegangen, aber mittlerweile arbeitete sie so viel, dass sie sich in ihrer knappen Freizeit eher erholen wollte als sich noch mehr zu verausgaben. Zudem gaben ihr Partys nichts. Oberflächliche Musik, oberflächliche Leute, oberflächliche Gespräche – das war nichts als Zeitverschwendung. Da schlief sie lieber ein paar Stunden mehr in der Nacht.
Sie schloss ihre Augen und stellte sich die von Miryam vor. Interessante Augen, hatte es kurz in ihrem Kopf aufgeblitzt, und wenn sie länger darüber nachdachte, wurde ihr jetzt auch klar, warum.
Miryams Augen waren grau, aber sie strahlten, als wäre Grau eine faszinierende Farbe.
4
Warum habe ich das gesagt? dachte Miryam, während sie am Steuer ihres Wagens saß und durch die Stadt fuhr. Eigentlich hatte sie gar keine Zeit für zusätzliche Aufgaben oder Erledigungen. Ihr Tag war so schon mehr als ausgefüllt, und manchmal war es sogar schwer, ein paar Minuten für das zu finden, was unbedingt besprochen oder getan werden musste.
Und hier fuhr sie nun durch die Stadt, für eine wildfremde Frau – ja, das war sie, sie kannten sich überhaupt nicht – und noch nicht einmal für sie, sondern für ihren Hund. Hilfsbereitschaft war ja eine gute Sache, aber sie musste auch Grenzen haben.
Aber nun hatte sie es versprochen, und wenn sie etwas versprach, war das für sie wie eine Kette, an die sie gelegt worden war. Es gab keinen Weg, sich von einem Versprechen zu lösen, außer es zu erfüllen. Deshalb sollte sie vielleicht besser aufpassen, was sie versprach.
Normalerweise tat sie das auch, aber diese junge Frau . . . Die löste etwas in ihr aus, das sie nicht genau benennen konnte. Sie kannte sie nicht, und doch schien es ihr manchmal so, als hätten sie sich irgendwo schon einmal getroffen. Als hätten sie sich miteinander unterhalten und festgestellt, dass sie sich verstanden, als könnten sie sich vertrauen.
Vertrauen. Miryam stieß unzufrieden die Luft aus. Wem konnte man schon vertrauen? Ja, sie verließ sich auf ihre Mitarbeiter. Was die Arbeit betraf. Sie verließ sich auf Handwerker und Lieferanten. Und fiel oft genug damit herein. Aber auch das war Arbeit. Damit musste man rechnen.
Aber privat? Konnte man privat irgendjemandem vertrauen, sich auf irgendjemanden verlassen? Die meisten versprachen viel und hielten wenig. Oder sie versprachen einem etwas, damit sie das bekamen, was sie selbst haben wollten. Eine Frau konnte Sex versprechen – und den bekam man dann auch. Aber wenn sie bekommen hatte, was sie wollte, zeigte sie ihr wahres Gesicht. Oder war gleich ganz verschwunden. Unter Umständen auch mit etwas in der Tasche, das nicht ihr gehörte.
Geschäftspartner konnte Miryam ganz gut einschätzen. Auch bei Mitarbeitern hatte sie sich selten geirrt. Aber privat . . . privat hatte sie das Gefühl, dieses Talent schon lange verloren zu haben. Falls sie es je besessen hatte. Na ja, vielleicht ganz am Anfang . . .
Aber nein, auch da nicht. Schon ihre Mutter hatte ihr Versprechen nicht gehalten, die Familie, die sie gegründet hatte, auch zu versorgen, sich um sie zu kümmern. Und ihr Vater hatte diese Absicht ohnehin nie gehabt. Er hatte eine Familie gehabt, weil sich das so gehörte. Nicht unbedingt, weil er eine wollte. Und das hatte er sie alle auch immer spüren lassen.
Deshalb waren Geschäftsbeziehungen besser. Da gab es Verträge, und die mussten beide Seiten einhalten. Wenn sie nicht eingehalten wurden, gab es legale Mittel, dagegen vorzugehen. Das war nichts Persönliches. Und es war ganz klar, was welche Seite zu leisten hatte. Was nicht im Vertrag stand, wurde auch nicht erwartet.
Im Privatleben war das anders. Da waren die Dinge, die man zu tun und zu lassen hatte, durch Vereinbarungen geregelt, die in keinem Vertrag standen. Deshalb konnte man sie auch nicht einklagen. Erwartungen an eine andere Person konnte man haben, aber man durfte nicht damit rechnen, dass sie auch erfüllt wurden. Deshalb war es am besten, man schraubte seine Erwartungen so weit herunter, dass man gar nicht erst enttäuscht werden konnte.
Und doch machte sie sich immer wieder Hoffnungen. Manche Frauen hatten es sehr gut raus, diese Hoffnungen auszunutzen. Es schien, als hätten sie ein eigenes Organ dafür. Sie konnten sich so verstellen, dass nichts von ihrer wahren Persönlichkeit an die Oberfläche drang. Bis es zu spät war.
Machte sie sich schon wieder Hoffnungen, obwohl sie sich eigentlich vorgenommen hatte, das nie mehr zu tun?
Aber diese junge Frau . . . Nein. Das konnte nicht sein. Sie war viel zu jung. Sie hatte ganz andere Interessen, ein ganz anderes Leben. Nichts davon war wahrscheinlich mit Miryam vergleichbar.
Aber sie lebte anscheinend allein und hatte einen Hund. Viele junge Leute lebten noch bei den Eltern. Ließen sich versorgen, statt sich selbst um ihr tägliches Leben zu kümmern. Blieben solange Kinder, wie ihre Eltern es erlaubten, und kümmerten sich um nichts als sich selbst, als vielleicht den nächsten Rave, auf dem sie ihre Zeit verschwendeten, eventuell sogar noch unter Drogeneinfluss, was die Verschwendung noch massiver machte.
Diese junge Frau sah nicht so aus. Sie machte sich Sorgen um ihren Hund. Sie übernahm Verantwortung, statt sie auf ihre Eltern oder irgendjemand anderen abzuschieben. So jung sie auch war, aber sie war kein Kind mehr.
Nein, ein Kind war sie wirklich nicht . . . Miryam schluckte. Unter dem dünnen Krankenhaushemdchen hatte sie ihre Brüste gesehen. Das waren keine Teenagerbrüste, das waren die Brüste einer Frau.
An so etwas sollte ich jetzt nicht denken. Sie ist krank!
Aber eines Tages wird sie ja wieder gesund sein . . .
»Sie haben Ihr Ziel erreicht.« Die unerotische Frauenstimme aus dem Navi machte all ihre Phantasien schon im Anfangsstadium zunichte.
Sie seufzte. »Na, dann kümmern wir uns erstmal um den Hund. Alles Weitere wird sich finden.«
Alles Weitere? Was denn Weiteres?
Aber diese Frage aus ihrem Inneren beantwortete Miryam nicht, sondern stieg mit einem entschlossenen Gesichtsausdruck aus.
5
»Sind Sie Ella Cziebinsky?« Von einer ziemlich harten Stimme wurde Ella geweckt.
Etwas verwirrt öffnete sie die Augen und sah eine Frau vor sich, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. »Ja?«, murmelte sie schläfrig.
»Sie haben die Versicherungsunterlagen nicht vollständig ausgefüllt.« Die Frau trat auf sie zu und hielt ihr mit einer Gehorsam einfordernden Geste ein Klemmbrett entgegen, auf dem sich offenbar ein paar Formulare befanden.
Mit ihrer linken Hand zeigte Ella auf ihren verletzten rechten Arm. »Ich kann im Moment nicht schreiben. Ich bin Rechtshänderin.«
Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte die Frau sie an, als hätte Ella sie mit ihrer Antwort persönlich angegriffen oder beleidigt. Sie war klein und schmächtig, eine Frau in mittleren Jahren mit einem grauen Schimmer in ihrem kurzen dunklen Haar, aber von ihrer Ausstrahlung her hätte sie genauso gut der Bulldozer sein können, von dem Ella das Gefühl hatte, dass er sie hätte überfahren haben können.
»Dann diktieren Sie mir eben«, beschloss sie offensichtlich widerwillig und platzierte das Klemmbrett wieder vor ihrer eigenen, recht opulenten Brust. »Bei welcher Versicherung sind Sie?« Abschussbereit wie ein Dartpfeil lag der Kugelschreiber in ihrer Hand.
Das habe ich kommen sehen. Ella seufzte innerlich. Aber was nützte es? Sie musste die Wahrheit sagen. »Ich bin bei keiner Versicherung«, erklärte sie korrekterweise. »Ich kann mir keine Krankenversicherung leisten.«
Die bislang verkrampft zusammengezogenen Augenbrauen der Frau schossen in die Höhe. Sie waren ebenso dunkel wie ihr Bürokostüm, das sie fast wie eine Uniform als eine Verwaltungsangestellte des Krankenhauses auswies. Sonst hätte sie ja einen weißen Kittel getragen. »Und wer bezahlt dann Ihren Aufenthalt hier? Sie selbst?«
Bedauernd schüttelte Ella den Kopf. »Das werde ich wohl nicht können. Jedenfalls nicht alles auf einmal. Aber ich verspreche Ihnen, dass ich das in Raten abzahlen werde, bis alles bezahlt ist.« Sie holte tief Luft. »Egal, wie lange es dauert.«
»Dreißig Tage«, gab die Angestellte trocken Auskunft.
Entsetzt riss Ella die Augen auf. »Dreißig . . . Tage?«
»Nach Erhalt der Rechnung«, präzisierte die Hüterin der Verwaltungsunterlagen das. »Die Sie bekommen, nachdem Sie entlassen worden sind. Jetzt müssen Sie noch nichts bezahlen.«
»Na, das tröstet mich jetzt aber sehr.« So schockiert, wie Ella war, konnte sie das nur ironisch kommentieren und atmete aus. »Aber auch nach dreißig Tagen werde ich nichts zahlen können. Eine kleine Summe vielleicht, aber auf keinen Fall die ganze Rechnung. Denn die wird ja nicht nur fünf Euro betragen.«
Beinah bestürzt sah die Frau sie an. »Fünf Euro? Sie denken, die Behandlung hier kostet nur fünf Euro?«
»Nein, natürlich denke ich das nicht.« Automatisch wollte Ella den rechten Arm heben, um abzuwinken, aber da spürte sie sofort einen stechenden Schmerz, der sie im selben Moment, als sie das versuchte, erstarren ließ.
»Also, Sie können nicht bezahlen«, schloss die Verwaltungsangestellte aus dem, was sie nun an Informationen von Ella bekommen hatte, und wirkte so, als hätte Ella das Krankenhaus oder sogar sie ganz persönlich mit Absicht betrügen wollen.
»Nein, kann ich nicht.« Ella seufzte. »Das sagte ich ja schon. Höchstens in ganz kleinen Portionen. Sobald ich wieder gesund bin und arbeiten kann. Aber etwas anderes kann ich Ihnen nicht versprechen. Dann würde ich lügen.«
»Das hätten Sie gleich bei Ihrer Ankunft auf dem Formular angeben müssen.« Die Frau war offensichtlich erbost. Was bei ihrer Verständnislosigkeit für die Situation aber vielleicht auch kein Wunder war.
In meinem Zustand? dachte Ella völlig verblüfft. Wie hätte ich das denn machen sollen?
»Und was hätten Sie dann getan? Sie einfach im Straßengraben liegen lassen?«, fragte da eine Stimme von der Tür her.
»Nein, natürlich nicht.« Jetzt war die Angestellte des Krankenhauses noch mehr verärgert. »Wir leisten auf jeden Fall Erste Hilfe. Dazu sind wir verpflichtet.«
»Aha«, sagte Miryam. »Aber zu mehr nicht. Ist das richtig?«
Der Feldwebel schien überfordert.
»Auf jeden Fall brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, wer dafür die Rechnung bezahlt«, fuhr Miryam ganz geschäftsmäßig fort. »Ich bürge dafür.« Sie zog eine Visitenkarte aus der Tasche und hielt sie der Verwaltungsangestellten hin. »Hier sind meine Daten. Die können Sie jetzt gleich in Ihre Unterlagen aufnehmen, damit sie . . . vollständig sind.«
Schon vorher war die Schreibtischstute überfordert gewesen, jetzt sah man es ihr noch deutlicher an. »Sind Sie mit Frau Cziebinsky verwandt, Frau . . .«, sie blickte auf die Visitenkarte und las den Namen, »Marhold?«, fragte sie völlig verdattert.
»Geht Sie das etwas an?«, fragte Miryam leicht süffisant zurück. »Ihnen geht es doch nur darum, dass Sie Ihr Geld bekommen. Und das werden Sie. Darauf können Sie sich verlassen.« Sie wies mit dem Kopf zur Tür. »Würden Sie jetzt bitte gehen? Ich glaube, hier ist für Sie alles erledigt.«
Einen Augenblick zögerte die Angestellte noch, als ob Sie sich nicht entscheiden könnte, ob sie Miryam glauben sollte oder nicht, doch dann griff sie nach der Visitenkarte, klemmte sie auf ihr Brett, drehte sich um und verließ das Zimmer.
»Das können Sie nicht tun«, protestierte Ella schon, als die Frau im dunklen Kostüm noch nicht einmal ganz aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Zuvor war ihr das vor lauter Erstaunen über Miryams Verhalten gar nicht möglich gewesen. Es hatte sie völlig auf dem falschen Fuß erwischt, so sehr hatte es sie überrascht. So etwas hatte sie noch nie erlebt. »Ich kann die Rechnung nicht bezahlen, und das heißt, Sie müssten sie bezahlen. Das geht nicht.«
»Warum sollte das nicht gehen?« Miryam legte ihre durchsetzungsfähige Oberfläche nicht ab, aber sie versüßte sie mit einem leichten Lächeln. »Es ist doch nur Geld. Geld ist nicht wichtig.«
Etliche Sekunden lang starrte Ella sie entgeistert an. »Wenn man es hat«, brachte sie dann etwas überrumpelt hervor. »Sonst kann es auf einmal sehr wichtig werden. Wenn man zum Beispiel einen Unfall hat, mit dem man nicht gerechnet hatte.«
»Übrigens: Inka geht es gut«, erklärte Miryam beiläufig, als ob sie gar nicht gehört hätte, was Ella gesagt hatte. Zumindest wollte sie offensichtlich nicht darauf eingehen. »Nur zu Ihrer Beruhigung. Ihre Nachbarin hatte sich tatsächlich schon um sie gekümmert, bevor ich kam. Sie hat für alles gesorgt, und sie ist jetzt auch bei ihr.«
Sofort vergaß Ella alles, was sie zuvor vielleicht bedrückt haben mochte. Ein großer erleichterter Seufzer entrang sich ihrer Brust. »Das ist gut. Danke.«
Abwehrend hob Miryam die Hände. »Ich habe nichts getan. Ihre Nachbarin verdient den Dank. Sie ist eine sehr nette Frau, wie mir scheint.«
»Ja, das ist sie.« Ella lächelte. »Sie redet mir immer zu, dass ich mir endlich einen festen Job mit Versicherung und allem besorgen soll. Sie ist wie eine Mutter zu mir.« Mit gerunzelter Stirn hob Ella die Augenbrauen. »Vielleicht hätte ich mal auf sie hören sollen. Aber das ist gar nicht so leicht.«
»Auf jemanden zu hören?«, fragte Miryam anscheinend verwundert.
»Einen versicherungspflichtigen Job zu finden, wenn man keine richtige Ausbildung hat«, erklärte Ella.
»Sie haben keine Ausbildung?« Das überraschte Miryam sichtlich.
»Ein abgebrochenes Studium«, sagte Ella. »Das zählt glaube ich nicht.«
»Dann nehmen Sie das Studium doch einfach wieder auf.« Für Miryam schien das die logische Folge zu sein.
»Einfach«, wiederholte Ella seufzend. »Wenn das so einfach wäre. Auch für ein Studium muss man Geld haben. Meinen Lebensunterhalt muss ich weiterhin verdienen. Und dazu noch in die Uni gehen. Was die Möglichkeit, Jobs zu finden, noch weiter einschränkt. Das kann ich mir nicht leisten. Entweder ich arbeite und kann meine Miete und mein Essen bezahlen – und das für Inka – oder ich studiere und kann gar nichts bezahlen. Was würden Sie da wählen?«
»Immer das, was auf lange Sicht sinnvoller ist«, sagte Miryam. »Und das wäre eindeutig ein Studium. Ein abgeschlossenes Studium. Oder eine abgeschlossene Ausbildung.«
»Sicherlich.« Dem konnte Ella vernünftigerweise nur zustimmen. Im Grunde genommen dachte sie ja dasselbe. »Aber es ist nicht so leicht, wieder reinzukommen, wenn man erst einmal aufgehört hat. Das habe ich schon versucht.«
»Sie haben es versucht?«
»Ja.« Ella nickte. »Aber da konnte ich schon nach kurzer Zeit meine Miete nicht mehr bezahlen. Also ging es einfach nicht mehr.«
»Ihre Eltern haben keine Möglichkeit, Sie zu unterstützen?« Fragend hob Miryam die Augenbrauen.
»Meine Eltern . . .«, Ella schluckte, »sind tot. Das heißt, meine Mutter. Wo mein Vater ist, weiß ich nicht. Er hat uns . . . schon vor langer Zeit verlassen.« Sie zuckte die Schultern oder jedenfalls eine Schulter, weil die andere nicht mitmachte. »Deshalb wollte meine Mutter immer, dass ich studiere. Damit ich auf eigenen Füßen stehen kann. Das war für sie nämlich sehr schwer, nachdem mein Vater fort war. Weil sie keine Ausbildung hatte.«
»Aber solange Ihr Vater da war, hat er Ihre Mutter versorgt.« Miryam runzelte die Stirn. »Das ist natürlich auch eine Möglichkeit.«
Ungläubig lachte Ella auf. »Sie meinen, ich sollte mir jetzt irgendjemanden suchen, der für meinen Lebensunterhalt sorgt? Weil ich das nicht selbst kann?«
»Im Moment sind Sie ja im Krankenhaus«, entgegnete Miryam mit der ihr anscheinend eigenen unwiderlegbaren Logik. »Da werden Sie versorgt.«
Ella seufzte. »Ewig werden die mich wohl nicht hierbehalten. Vor allen Dingen jetzt, wo sie wissen, dass ich meine Rechnung nicht bezahlen kann.«
»Sie haben doch gesehen, dass das für den Moment erledigt ist«, gab Miryam fast gelangweilt zurück, während sie anscheinend über etwas anderes nachdachte und ziellos in die Gegend schaute.
»Ich kann sowieso nicht hierbleiben. Wegen Inka.« Besorgt schüttelte Ella den Kopf. »Meine Nachbarin kann sie nicht dauerhaft versorgen. Sie muss auch arbeiten. Und hier ins Krankenhaus kann ich keinen Hund holen.« Sie blickte auf den Rufknopf an ihrem Bett. »Am besten, ich sage denen hier gleich, dass sie mich entlassen sollen. Ich muss nach Hause. Mir bleibt gar nichts anderes übrig.« Sie versuchte, sich im Bett hochzuziehen, wurde jedoch durch den Schmerz daran gehindert, sodass ihr Gesicht sich ganz von selbst in gequälte Falten legte.
»Das hat doch keinen Sinn so«, sagte Miryam, deren Aufmerksamkeit wieder zu Ella zurückgekehrt war. »Sie kommen einfach mit zu mir. Da können Sie auch Ihren Hund mitbringen.«
Ella wäre auf einmal plötzlich fast die Kinnlade heruntergefallen, die sie eben noch vor Schmerz verkrampft an ihren Oberkiefer gepresst hatte. »Zu . . . Ihnen . . .?«, stammelte sie entgeistert.
»Warum nicht?« Beinah gleichgültig zuckte Miryam die Schultern. »Ich habe ein großes Haus. Da ist Platz genug. Und außer mir lebt da nur noch meine Schwester. Die in Ihrem Alter ist.«
Das alles überrumpelte Ella jetzt etwas zu sehr. Sie war für ein paar Sekunden sprachlos. »Das geht nicht«, erwiderte sie dann entschieden.
»So wie es nicht geht, dass ich die Rechnung für Sie hier im Krankenhaus bezahle?« Miryam lächelte sie auf eine fast mütterliche Art an. Dann hob sie eine Hand. »Sehen Sie es doch einmal so. Jeden Tag weniger, den Sie hier im Krankenhaus sind, müssen Sie nicht bezahlen. Sie sparen also Geld, das Sie mir dann auch nicht zurückzahlen müssen.«
»Der Aufenthalt bei Ihnen wäre kostenlos?« Mit zusammengepressten Lippen schüttelte Ella erneut den Kopf. »Das geht schon mal gar nicht.«
Miryams Mundwinkel zuckten. »Gibt es bei Ihnen irgendetwas, das geht? Oder lehnen Sie jede Hilfe grundsätzlich ab? Aus Prinzip?«
»Ich brauche keine Hilfe«, erwiderte Ella automatisch.
»Aber ich«, sagte Miryam. »Mit meiner Schwester. Die zwar genauso jung ist wie Sie, aber auf keinen Fall so arbeitsam. Da ich den ganzen Tag nicht zu Hause bin, brauche ich jemand, der auf sie aufpasst. Sie sollte eigentlich studieren, aber das tut sie nicht. Vielleicht braucht sie einfach nur das richtige Vorbild.«
»Ich studiere nicht mehr«, erklärte Ella noch einmal. »Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.«
»Aber Sie würden, wenn Sie könnten.« Miryams Logik war wirklich schwer etwas entgegenzusetzen. »Meine Schwester könnte, aber sie tut es nicht.«
»Ich kenne Ihre Schwester ja noch nicht einmal.« Ellas Widerstand ließ nach. Jetzt nach dem Unfall hatte sie nicht die Kraft, solche Diskussionen zu führen.
Außerdem befand sie sich ganz eindeutig in einer Zwickmühle. Und Miryam baute ihr eine Treppe nach draußen. Sie verstand nur nicht, warum.
»Erlauben Sie, dass ich mit dem Arzt rede?«, fragte Miryam mit leicht schiefgelegtem Kopf. »Ich möchte gern abklären, was Sie zu Hause noch an Versorgung brauchen.«
Wenn sie von dieser Diskussion nicht schon so erschöpft gewesen wäre, hätte Ella am liebsten die Augen gerollt. Ein Nein schien diese Frau nicht zu akzeptieren.
Aber was für Alternativen hatte sie? Sie wollte unbedingt das Krankenhaus verlassen. Und wenn sie es einmal logisch betrachtete, konnte sie sich zu Hause allein wohl kaum versorgen. Geschweige denn Inka. Miryam rollte ihr sozusagen den roten Teppich aus.
Auf der anderen Seite war es genauso, wie Miryam gesagt hatte. Es fiel Ella schwer, Hilfe anzunehmen. Sie wollte alles allein schaffen. Immer wenn sie Hilfe annehmen musste, fühlte sie sich wie eine Versagerin.
Doch dann dachte sie wieder an Inka. Sie musste sich nicht nur Gedanken um sich selbst machen. Sie hatte darüber hinaus eine Verantwortung für die kleine Hündin, die ihr schon so viel Trost und Liebe gegeben hatte. Sie konnte sie nicht im Stich lassen.
»Na gut.« Sie atmete tief durch und seufzte. »Wenn das irgendwie möglich ist, dass ich Inka bei mir haben kann, habe ich wohl keine andere Wahl.«
Ein zufriedenes Lächeln zeigte sich auf Miryams Lippen. »Gut, dass Sie das einsehen. Ich glaube, das ist wirklich das Beste für alle Seiten.« Schon wieder etwas in Eile blickte sie auf ihre Uhr. »Und ich muss gleich zu einem Termin.«
Was auch sonst? Fast hätte Ella nun innerlich den Kopf geschüttelt. Du bist doch immer auf dem Sprung.
Miryam war schon fast an der Tür. »Ich schaue mal, ob ich den Arzt erwische. Das mit den Entlassungspapieren dauert ja auch immer eine Weile.«
Ella nickte nur. Viel mehr konnte sie auch nicht tun, denn Miryam war schon auf den Gang hinaus verschwunden.
Als Ella nun so allein zurückblieb, gingen ihr langsam ein paar Dinge durch den Kopf, die eben vor lauter Diskussion und Aufregung keinen Platz gefunden hatten, sich zu melden.
Die Situationen überstürzten sich einfach zu sehr. Das war normalerweise nicht die Art, wie sie lebte. Sie hatte zwar viel zu tun, hetzte von einem Job zum anderen, aber sie hatte immer einen Plan. Und Ordnung war ein wichtiger Teil ihres Lebens. Vielleicht weil sie immer das Gefühl gehabt hatte, sie hätte keine Kontrolle über das, was mit ihr geschah, versuchte sie, seit sie allein lebte, immer die Kontrolle zu behalten.
Aber seit diesem dummen Unfall hatte sich das alles geändert. Was sollte sie machen? Auf einmal war sie auf eine Art abhängig, wie sie es nie hatte sein wollen.
Sie saß zwischen Baum und Borke. Sie konnte im Krankenhaus bleiben und eine große Rechnung anhäufen oder sie konnte Miryams Vorschlag annehmen und zwar keine reale, aber eine Rechnung in ihrem Kopf anhäufen.
Die dritte Möglichkeit war, sie ging in ihre eigene Wohnung zurück. Aber wer sollte sie dort versorgen? Sie und Inka.
Erneut holte sie tief Luft und atmete wieder aus. Manchmal half das beim Denken. Besonders in einer Situation, die so wenig Auswege zum Denken ließ.
Aber wie sie es auch drehte und wendete, es öffnete sich kein Schlupfloch. Solange sie im Krankenhaus war, war sie völlig hilflos. Und konnte sich nicht um Inka kümmern.
Langsam ließ sie sich ins Kissen zurücksinken und starrte an die Decke.
Auch wenn Miryam sie jetzt etwas überrumpelt hatte, konnte sie bei ihr im Haus vielleicht über eine andere Lösung nachdenken.
Hier im Krankenhaus war ihr das nicht möglich.
6
Sie ist wirklich unerbittlich. Miryam lächelte. Und dabei fiel ihr auf, dass sie fast immer lächelte, wenn sie an Ella dachte. Dass sie oft amüsiert wirken musste, wenn sie mit ihr sprach. Das war etwas völlig Neues.
Auf jeden Fall hatte sie sich nicht getäuscht. Ihr Leben unterschied sich von dem von Ella wie der Tag von der Nacht. Anscheinend war sie arm wie eine Kirchenmaus. Miryam wusste nicht, ob sie überhaupt schon einmal so jemanden kennengelernt hatte. Jemanden, der sich noch nicht einmal eine Krankenversicherung leisten konnte.
Leute, die aus dem Ausland stammten, natürlich schon. Flüchtlinge, Asylanten, Menschen, die auf der Suche nach einem besseren Leben nach Deutschland kamen. Aber Deutsche, die hier aufgewachsen waren? Da war sie immer davon ausgegangen, dass die alle eine Krankenversicherung besaßen, und wenn eine vom Sozialamt. Außer Obdachlose vielleicht.
Aber zu dieser Gruppe gehörte Ella Cziebinsky gewiss nicht. Ihr Name klang polnisch, aber es gab ungeheuer viele Menschen mit polnischen Nachnamen, deren Familien schon seit Generationen in Deutschland lebten. Alles, was sie noch mit Polen verband, war wahrscheinlich nur genau dieser Name.
Miryam hatte schon öfter sehr blonde Polinnen gesehen, und auch Ella war so blond. Ein sehr blonder Typ. Helle Haut, helle Augen und helle Haare. Miryam selbst empfand sich eher als eine Art Mischform. Ihre Augen waren zwar hell, wenn auch nicht blau, doch ihre Haare waren dunkel. Auch hatte ihre Haut einen fast olivfarbenen Ton, sobald sie mit den Strahlen der Sonne in Berührung kam.
Ellas Haut musste weich wie die eines Kindes sein . . .
Ich sollte mich wirklich schämen. Miryam verzog das Gesicht. Sie bewunderte Ella dafür, wie sie ihr Leben mit all diesen Hindernissen, die Miryam nie gekannt hatte, meisterte. In einer Konsumwelt, in der alles seinen Preis hatte, am Rande des Existenzminimums lebte, und weder ihren Stolz noch ihre Würde verloren hatte.
Auf einmal lächelte sie fast noch mehr. Ella war sehr stolz. Ja, das war sie. Wollte keinen Cent annehmen, den sie sich nicht selbst erarbeitet hatte. Das beeindruckte Miryam sehr, denn sie kannte viele Leute, für die eher das Gegenteil galt. Die gern die Hand aufhielten, ohne das Gefühl zu haben, etwas dafür tun zu müssen. Die meinten, sie hätten das Recht dazu, obwohl sie nie etwas dafür getan hatten, es sich zu verdienen.
Vielleicht war es das, was sie so für Ella einnahm. Sie strahlte nicht nur diese gewisse Art von Unschuld aus, sondern auch Ehrlichkeit. Sicherlich litt sie sehr darunter, dass sie nun auf einmal auf die Hilfe Fremder angewiesen war. Fremder wie Miryam. Sie wollte lieber für sich selbst sorgen. Für sich und ihre Hündin.
Aber irgendwann einmal im Leben war man doch immer auf andere angewiesen. Das musste auch sie lernen.
Und Miryam sah nicht ein, warum sie das nicht in ihrem Haus lernen sollte.
Deshalb würde sie sie jetzt dort hinbringen.
7
Ella wusste nicht genau, was sie erwartet hatte. Vielleicht hatte sie sich auch nicht allzu viele Gedanken darüber gemacht. Aber als Miryam von ihrem Haus gesprochen hatte – auch wenn sie gesagt hatte, es wäre ein großes Haus –, hatte Ella sich nicht gerade dieses Fast-Schloss vorgestellt, in dem sie jetzt angekommen waren.
Geradezu entgeistert blickte sie sich in der Eingangshalle um. Sie saß in einem Rollstuhl, den Miryam besorgt hatte, denn weder konnte Ella ihr rechtes Bein belasten noch ihre rechte Schulter. Das hieß, sie konnte sich auch nicht an Krücken durch die Gegend schwingen.
»Silly? Wo bist du?«, rief Miryam die Treppe hinauf, während sie die Handschuhe, die sie beim Autofahren getragen hatte, abstreifte.
Allein schon diese Treppe hätte den Umfang von Ellas Wohnung gesprengt. Aus dieser Eingangshalle, die man wirklich als nichts anderes als eine Halle bezeichnen konnte, denn sie hatte mindestens die Größe eines luxuriösen Autosalons, schwang sie sich im hinteren Bereich nach oben wie in einer Gemäldegalerie.
Der Eindruck war auf jeden Fall zutreffend, denn es hingen tatsächlich mehrere Gemälde an der weiß gestrichenen Wand hinter der Treppe. Große Gemälde. Und wahrscheinlich sehr teure. Sie sahen nicht aus, als stammten sie aus einem Kaufhaus. Einige davon mussten mindestens zwei mal drei Meter groß sein. So etwas hatte Ella noch nie gesehen.
»Silly«, rief Miryam noch einmal. Sie ging auf die Treppe zu und stellte einen Fuß auf die unterste Stufe, während sie hinaufblickte. »Bist du da oben?«
Endlich rührte sich etwas. Am oberen Rand der Treppe zeigte sich eine Bewegung. Ein junges Mädchen in Ellas Alter trat auf dem Absatz nach vorn und blickte gelangweilt in die Halle hinunter. Sie sagte nichts, sah aber aus, als hätte sie sich nur widerwillig von dem losgerissen, was auch immer sie gerade getan hatte, und fühlte sich von der Aufforderung ihrer großen Schwester ausgesprochen gestört.
»Ich habe jemanden mitgebracht«, erklärte Miryam, ohne sich von der Stimmung ihrer jüngeren Schwester beeinflussen zu lassen. »Das ist Ella Cziebinsky.« Mit einem ausgestreckten Arm wies sie auf Ella, die sich in ihrem Rollstuhl hier unten in der überdimensionalen Halle ziemlich verloren vorkam. »Sie wird jetzt für eine Weile bei uns wohnen.«
Das schien ihre Schwester etwas aus ihrer Lethargie zu reißen, und sie kam langsam die Stufen herunter. Fast wie auf einer Showtreppe setzte sie Schritt vor Schritt, als inszenierte sie einen Auftritt. Immer noch sagte sie nichts, sondern starrte Ella nur an, als versuchte sie, sich darüber klarzuwerden, was zur Hölle dieses exotische Tier in ihr Zuhause getrieben hatte.
Ella hatte den Eindruck, diese Art von Verhalten war Miryam schon gewöhnt, denn sie kümmerte sich nicht darum. »Sie braucht ein bisschen Hilfe«, setzte sie ihre Erklärung fort. »Sie hatte einen Unfall. Deshalb kann sie im Moment weder ihr Bein noch ihren Arm richtig benutzen.«
Endlich hatte Silly ihren Auftritt beendet und trat neben ihre Schwester, die jetzt von der Treppe zurückgetreten war und wieder in der Halle stand.
»Das ist meine Schwester Selina«, stellte Miryam völlig unbeeindruckt von der ablehnenden Haltung, die Selina ausstrahlte, vor, als befänden sie sich auf einem Sektempfang. »Ihr beide werdet jetzt die meiste Zeit miteinander verbringen, denn ich muss ja arbeiten.«
Na, das kann ja heiter werden! dachte Ella. Sie hasst mich. »Guten Tag«, sagte sie, höflich, wie sie war.
Selina starrte sie jedoch nur an und sagte nichts. Und auch das Anstarren hielt nur eine kurze Weile, dann schweifte ihr Blick höchst desinteressiert durch das Riesenfenster an der linken Seite hinaus. In der Tat war es nicht nur ein Fenster, sondern die halbe Wand war aus Glas. So hoch, dass Ella den Eindruck hatte, sie führte bis in den oberen Stock hinauf.
Auch Miryams Blick war mit etwas anderem als Ella beschäftigt. Sie betrachtete nachdenklich die Treppe. »Selbst wenn wir einen Treppenlift hätten, wäre das im Moment wohl nicht machbar«, murmelte sie vor sich hin. Immer noch in Gedanken versunken wanderte ihr Blick zu Ella hinunter. »Dann müssen wir mein Büro nehmen.«
Ungläubig lachte Selina auf. Es klang fast wie ein Prusten. »Dein Büro? Dein heiliges Büro?«
»Es ist nicht heilig«, gab Miryam trocken zurück. »Ich will nur nicht, dass du Sachen daraus entfernst, nach denen ich dann stundenlang suchen muss.«
Auf diese Aussage gab Selina nur ein abschätziges Geräusch von sich. »Sachen, die du gar nicht benutzt«, warf sie ihrer Schwester herausfordernd hin.
»Das spielt keine Rolle.« Miryam sah sie strafend an. »Es sind meine Sachen, nicht deine.«
»Und du denkst, sie«, Selinas dunkle Augenbrauen zogen sich zusammen, als sie Ella nun erneut anstarrte, »tut das nicht?«
Miryams Mundwinkel verzogen sich liebenswürdig, wenn auch etwas herablassend lächelnd. »Nein, ich glaube, sie tut das nicht.« Mit einem aufmunternden Gesichtsausdruck wandte sie sich nun wieder an Ella. »Mein Büro ist hier unten«, erklärte sie. »Das ist einfacher mit dem Rollstuhl. Es hat auch ein angeschlossenes Bad.«
Was auch sonst? dachte Ella. Dieses Haus konnte zehn Bäder haben, und man würde sie trotzdem kaum finden. »Was ist mit Inka?«, fragte sie mit besorgt verzogenem Gesicht. »Ich muss sie abholen.«
»Das mache ich schon.« Miryam nickte ihr zu. »Und Silly kann sich währenddessen schon einmal um Sie kümmern.«
»Ich?« Entsetzt riss Selina die Augen auf.
»Ja, du«, bestätigte Miryam jetzt wieder lässig. »Weil ich nicht hier sein werde. Aber Frau Molitor ist ja bestimmt auch noch da, oder?«
»Dann kann sie sich ja kümmern«, stellte Selina sofort fest und wandte sich schon wieder zur Treppe. »Ich gehe nach oben.«
»Oh nein«, widersprach Miryam befehlend. »Du bleibst da.« Sie begab sich unter der Treppe ein paar Schritte nach hinten. »Frau Molitor?«, rief sie. »Sind Sie hier?«
Es dauerte vielleicht ein oder zwei Minuten, dann hörte Ella Schritte. »Ich wusste nicht, dass Sie nach Hause gekommen sind«, sagte die etwas erstaunte Stimme einer anscheinend älteren Frau. »So früh schon.«
»Ja.« Miryam nickte und kam jetzt wieder zu Ella und Selina zurück. »Ich habe jemanden mitgebracht. Das ist Frau Cziebinsky. Könnten Sie bitte mein Büro für sie als Schlafzimmer herrichten? Sie kann nicht die Treppe hinaufgehen, weil sie sich den Knöchel gebrochen hat.«
»Oh, das tut mir leid«, bedauerte Frau Molitor sofort und kam hinter Miryam auf Ella zu.
»Das ist Frau Molitor, meine Haushälterin«, erklärte Miryam beiläufig in Ellas Richtung, ging aber an ihr vorbei auf die Haustür zu. »Und ich hole jetzt den Hund.«
Zack! war sie draußen, und Ella blieb mit Selina und Frau Molitor allein zurück.
»Herzlich willkommen«, begrüßte Frau Molitor Ella nun freundlich lächelnd. Sie reichte ihr die Hand. »Ich hoffe, Sie werden sich bei uns wohlfühlen.«
Zum ersten Mal in diesem Haus empfand Ella so etwas wie Wärme. Sie nahm die Hand mit ihrer linken und lächelte zurück. »Danke. Es tut mir leid, dass ich Ihnen solche Umstände mache.«
Es schien, als ob Frau Molitors Augenbrauen überrascht nach oben zucken wollten, aber dann blieb es bei dem Versuch. »Das sind keine Umstände«, behauptete sie fast schon vergnügt. »In Frau Marholds Büro steht eine große Couch, auf der sie sogar selbst schon geschlafen hat. Die ist recht bequem.« Sie wies mit einer Hand auf Ellas Fuß. »Was ist Ihnen denn passiert?«
Ella zuckte die Schultern. »Ehrlich gesagt weiß ich das nicht so genau. Ich war mit meinem Roller auf der Straße unterwegs, es hat geregnet, und dann kam ein Auto von hinten und plötzlich lag ich im Graben. Das habe ich gar nicht richtig mitbekommen.«
»Das Auto hat Sie angefahren?« Frau Molitors Augenbrauen zogen sich zusammen.
Wieder zuckte Ella die Achseln, soweit sie das konnte. »Noch nicht einmal das weiß ich ganz genau. Ich kann mich an nichts erinnern.«
Missbilligend schüttelte Frau Molitor den Kopf. »Das heißt, Sie können denjenigen noch nicht einmal zur Verantwortung ziehen?«
»Wohl nicht«, bestätigte Ella. Sie lachte leicht resigniert. »Aber selbst wenn ich das könnte, könnte ich jetzt trotzdem nicht laufen.«
Miryams Haushälterin schaute sie beinah etwas verwundert an. »Sie sind ihm nicht böse?«
»Das würde mir doch auch nicht helfen.« Tief atmete Ella ein und aus. »Was passiert ist, ist passiert. Das kann ich nicht mehr rückgängig machen.«
Wenn Frau Molitor Kinder hatte, dann war das, was sie jetzt zeigte, vermutlich das Lächeln, das ihren Kindern signalisierte, dass sie zufrieden mit ihnen war. »Ich werde das Büro vorbereiten«, kündigte sie an. »Solange kann Selina Ihnen ja den Rest des Hauses zeigen und den Garten.« Sie warf einen auffordernden Blick auf Selina, drehte sich dann um und verschwand wieder unter der Treppe nach hinten.
»Du musst das nicht tun«, sagte Ella sofort. Da Selina in ihrem Alter war, duzte sie sie, ohne darüber nachzudenken. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Frau Molitor Selina im Gegensatz zu ihrer Schwester mit dem Vornamen angesprochen hatte und wahrscheinlich ebenfalls duzte. »Ich kann hier einfach auf Frau Molitor warten.«
»Könntest du«, erwiderte Selina anscheinend ziemlich sauer. Auch sie schien keinen Sinn darin zu sehen, Ella zu siezen. »Aber ich muss das hinterher ausbaden. Nein danke. Dann zeige ich dir lieber das Haus.«
Ehrlich gesagt hätte Ella nicht gedacht, dass Selina das tun würde, jetzt, wo Miryam aus dem Haus war und auch Frau Molitor sich zurückgezogen hatte. Doch obwohl Selina sich wie ein verzogener Teenager benahm, gab es in diesem Haus anscheinend einige Regeln, an die sie sich hielt. An die sie sich gegen ihren Willen halten musste. Das überraschte Ella ziemlich nach dem Auftritt, den Selina eben hier hingelegt hatte. Als wäre sie die Königin von Saba.
»Das Haus ist sehr groß«, sagte sie. »Und ihr lebt hier ganz allein?«
Selina nickte. »Es ist das Haus unserer Eltern. Wir haben es geerbt«, antwortete sie gleichgültig. Sie entfernte sich ein paar Schritte von Ella, drehte sich aber wieder zu ihr um, als sie merkte, dass Ella ihr nicht folgte.
Entschuldigend zuckte Ella die Schultern. Beziehungsweise eine Schulter. »Tut mir leid, aber ich kann den Rollstuhl nicht allein bewegen. Ich habe keine Kraft im rechten Arm.«
»Das heißt, ich muss dich schieben?« Genervt rollte Selina die Augen.
Ella nickte. »Das musst du wohl. Beziehungsweise du musst natürlich nicht, wie ich schon sagte.«
Verärgert atmete Selina fast seufzend aus. »Doch, ich muss. Glaub mir, ich muss.« Widerstrebend kam sie zu Ella zurück und trat hinter ihren Rollstuhl. »Also dann schnallen Sie sich mal an und genießen Sie die Fahrt!«
Im nächsten Moment wünschte Ella sich, sie hätte wirklich Anschnallgurte gehabt. Selina machte eine Art Seifenkistenrennen aus der Fahrt, je schneller, desto besser.
Mit ihrem gesunden Arm hielt Ella sich an der Armlehne des Rollstuhls fest, mit dem anderen musste sie einfach auf ihr Glück hoffen, dass sie nicht in irgendeiner Ecke landen würde, weil Selina den Rollstuhl nicht mehr halten konnte. Dann würde sie sich den Arm wahrscheinlich noch einmal brechen.
Wie ein Pferd, das ein Hindernis verweigert, stemmte Selina plötzlich die Füße in den Boden und hielt an. Dass Ella nicht nach vorn aus dem Rollstuhl flog, war ein reines Wunder. Sie atmete etwas schwer von der Anstrengung, sich nicht nur die ganze Zeit, sondern jetzt zum Schluss sogar noch besonders krampfhaft festhalten zu müssen.
Es schien, als hätte Selina davon überhaupt nichts bemerkt. »Das hier ist das Wohnzimmer, wie du dir vielleicht denken kannst«, erklärte sie, während sie an Ella vorbei auf einen großen Kamin an der Wand zutrat. »Der ist nicht echt, wird mit Gas betrieben.« Ihre Stimme klang gelangweilt bis abschätzig. »Angeblich gemütlich, sagt Miry.«
»Bestimmt gemütlich«, bestätigte Ella. Ihre Stimme klang im Gegensatz zu der von Selina bewundernd.
Nachdem sie sich von der rasenden Fahrt erholt hatte, konnte sie nun endlich ihren Blick durch diesen Raum schweifen lassen, der ihr fast so groß erschien wie die Eingangshalle. Doch im Gegensatz zu der Halle kam man sich hier nicht wie in einem Veranstaltungssaal oder in einer Galerie vor.
Das mit der Galerie stimmte nicht so ganz, denn auch hier hingen Bilder an den Wänden, die wahrscheinlich nicht billig gewesen waren, vorsichtig ausgedrückt. Zwar war Ella keine Kunstkennerin, aber solche Bilder, davon ging sie aus, kaufte man nicht im Dutzend oder als Meterware.
Vor dem Kamin standen mehrere Sessel im altenglischen Stil. Das ganze Zimmer war so eingerichtet, mit Antiquitäten, die vom Preis her auf jeden Fall zu den Bildern an den Wänden passten.
Im Gegensatz zu der lichtdurchfluteten Halle mit der Glaswand war das hier jedoch ein eher schattiger Raum, hauptsächlich in Brauntönen und dunklen Rottönen gehalten, mit einigen helleren Details, damit es nicht eintönig oder bedrückend wirkte. Die Einrichtung war ausgesprochen stimmig, nichts schien zu fehlen und alles schien am richtigen Platz zu sein.
»Hier kann man sich bestimmt wohlfühlen«, sagte Ella leise. »Abends am Kamin . . . mit einem Buch in der Hand . . .«
»Mit einem Buch?« Selinas Kommentar zu Ellas Aussage klang ziemlich entgeistert. »Du liest Bücher?«
Das riss Ella aus ihrer etwas verträumten Stimmung in die Wirklichkeit zurück. »Deine Schwester sagte, du studierst«, entgegnete sie und blickte zu Selina hoch. »Da musst du doch auch Bücher lesen.«
»Aber doch nicht in Papierform.« Herablassend schüttelte Selina den Kopf. »Ich mache das alles auf dem Tablet.«
In Gedanken musste Ella zugeben, dass die Vorstellung, mit einem Tablet vor dem Kamin zu sitzen, nicht ganz so romantisch war und nicht ganz so viel Gemütlichkeit ausstrahlte wie die, mit einem echten Buch vor dem flackernden Feuer zu sitzen und die wechselnden Schattenspiele auf den gedruckten Seiten zu verfolgen, aber zum Schluss war Lesen wohl Lesen.
»Ein Tablet«, sie räusperte sich, »kann ich mir nicht leisten. Ich habe nur ein Handy.«
Erstaunt blickte Selina sie an. Für einen Moment war sie von Ellas Aussage wie stummgeschaltet. »Du kannst dir kein Tablet leisten?«, fragte sie dann ungläubig. Das schien nicht in ihre Welt zu passen. Ein paar Sekunden lang sah sie so aus, als könnte sie sich überhaupt keinen Reim darauf machen. »Aber die sind doch gar nicht teuer.«
Wieder versuchte Ella, die Schultern zu zucken, was aber darin endete, dass eine Schulter hochgezogen wurde, die andere jedoch steif blieb, was ihr für einen kurzen Augenblick eine Silhouette verlieh, als hätte sie einen Buckel. »Teuer ist relativ«, antwortete sie. »Für dich und deine Schwester ist ein Tablet wahrscheinlich tatsächlich nicht teuer. Für mich schon. Ich habe nicht sehr viel Geld.«
Das überstieg offensichtlich Selinas Vorstellungskraft. Sie starrte Ella so an, als fragte sie sich, was für eine Art von Wesen sie war. Ob sie eventuell aus einem anderen Universum stammte. »Ich muss dir noch den Rest des Hauses zeigen«, sagte sie, trat wieder auf Ellas Rollstuhl zu und stellte sich dahinter. »Und den Garten«, fügte sie unzufrieden seufzend hinzu.
Diesmal war die Fahrt nicht ganz so wild, vielleicht hatte Selina Ella beim ersten Mal nur erschrecken wollen. Oder sie hatte einfach nicht darüber nachgedacht, und nun hatte sie keine Lust mehr, die Rollstuhlrennfahrerin zu spielen. Sie schob Ella in den nächsten Raum, der so eine Art Tanzsaal war. Hier konnte man sicherlich gut Partys feiern.
Der nächste Raum war dann Miryams Büro, wo sie auf Frau Molitor und eine junge Frau trafen, die eine Couch in ein Bett verwandelte. Verwundert stellte Ella fest, dass Frau Molitor wohl nicht die einzige Hausangestellte war, und sie fragte sich, wie viele es noch gab. Eine Köchin vielleicht oder sogar einen Butler? Der hätte auf jeden Fall zu diesem Haus gepasst.
»Wir räumen hier noch ein bisschen um, damit Sie sich hier besser mit dem Rollstuhl bewegen können«, erklärte Frau Molitor freundlich lächelnd wie immer.
Ella sah sich um. Auch dieser Raum war ziemlich groß, aber nicht so groß wie das Wohnzimmer oder gar der Tanzsaal, den sie eben schon besichtigt hatte. Es war ein eher funktionaler Raum, und doch hatte er eine persönliche Note. Miryams persönliche Note sicherlich. Die Ella ausgesprochen gut gefiel. Auch sie selbst hätte sich in so einem Büro durchaus wohlgefühlt.
Doch so, wie Miryam immer herumzischte, war sie wahrscheinlich gar nicht so oft hier. Dafür war das Büro allerdings sehr nett eingerichtet.
»Ich werde schon zurechtkommen«, erwiderte Ella mit einem Blick auf Frau Molitor dankbar. »Bitte machen Sie sich nicht zu viel Mühe. Ich bleibe nur so lange wie nötig. Ich hoffe, ich kann bald wieder nach Hause.«
»Schon gut.« Frau Molitor lächelte sie begütigend an. »Das macht keine große Mühe. Wir wollen doch, dass Sie sich hier wohlfühlen.«
Frau Molitor wollte das bestimmt, da war Ella sicher. Selina war es wahrscheinlich egal. Und Miryam? Das war die große Frage.
»Wo seid ihr denn alle?«, erklang da plötzlich eine Stimme von der Halle her.
Im nächsten Moment quietschte es, und ein Wirbelwind kam durch die Tür gefegt, der sich dann an Ellas Beinen fing und sich um sie herumwand. Unaufhörliche hohe Freudenlaute erfüllten das Zimmer.
»Inka!« Ella traten die Tränen in die Augen, als sie sich zu ihrer Hündin hinunterbeugte. »Geht es dir gut, meine Süße?«
Die kleine Hündin schien sich überhaupt nicht mehr beruhigen zu können.
»Ich glaube, jetzt geht es ihr sehr gut«, beantwortete Miryam Ellas Frage von der Tür her. »Auf jeden Fall musste ich nicht nach euch suchen. Sie wusste genau, wo ihr wart.« Sie lächelte leicht.
»Hunde wissen das immer«, ergänzte Frau Molitor das mit einem geradezu mütterlichen Lächeln. »Das ist Ihr Hund?« Trotz der Frageform war das mehr eine Feststellung, als sie Ella nun ansah.
Ella nickte und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten. »Ja, das ist mein Hund«, bestätigte sie schluckend. »Ich habe dich so vermisst«, sagte sie leise zu Inka, die sich jetzt langsam nicht mehr wie ein Kreisel um sie drehte.
»Und sie hat Sie wahrscheinlich noch viel mehr vermisst«, meinte Miryam, während sie jetzt auf die kleine Gruppe zutrat. »Obwohl Ihre Nachbarin sie bestimmt sehr gut versorgt hat.«
»Ja, bestimmt.« Dankbar lächelte Ella mit feuchten Augen zu Miryam hoch. »Danke, dass Sie Inka geholt haben.«
»Hatte ich doch versprochen«, entgegnete Miryam wegwerfend. »Sie sind hier schon soweit?« Mit fragend hochgezogenen Augenbrauen wandte sie sich an Frau Molitor.
»Noch nicht ganz«, antwortete Frau Molitor. »Ich wollte noch ein paar Sachen wegräumen, damit sie dem Rollstuhl nicht im Weg sind.«
Miryam nickte. »Ja, das müssen wir wohl so machen.«
»Ich will wirklich nicht, dass Sie solche Umstände durch mich haben.« Ella entschuldigte sich fast, obwohl sie die Entscheidung hier zu sein ja gar nicht selbst getroffen hatte. »Sie brauchen Ihr Büro doch wahrscheinlich.« Sie saß nach vorn gebeugt im Rollstuhl und streichelte Inka, weil sie sie mit einem Arm nicht auf den Schoß nehmen konnte. Deshalb blickte sie in einer etwas verdrehten Körperhaltung, die fast wie eine sportliche Dehnübung aussah, zu Miryam hoch.
»Ich habe noch ein Büro in der Stadt«, sagte Miryam und lächelte sie geistesabwesend an.
»Dao wird Ihnen beim Anziehen und Waschen helfen«, erklärte Frau Molitor gleich anschließend mit einem Blick auf die junge Frau, die jetzt von der Couch zu ihnen herüberblickte. »Sie hat schon in Thailand Leute betreut. Sie kennt sich damit aus.«
Jetzt erst sah Ella, dass die junge Frau Asiatin war. Thailänderin offenbar. Ella verzog das Gesicht. »Ich hoffe, ich kann das meiste selbst tun.«
»Ich helfe gern.« Dao antwortete ihr mit einer sehr sanften Stimme und lächelte auf diese hintergründige asiatische Art, bei der man nie wusste, was sie bedeutete. Sie kam zu Ella herüber. »Soll ich Bad zeigen?«
»Ja, tun Sie das doch bitte, Dao«, bestätigte Frau Molitor mit einem zustimmenden Nicken. »Selina und ich werden in der Zwischenzeit hier im Büro ein bisschen die Möbel umräumen.«
Selinas wahrscheinlich entsetztes Gesicht sah Ella nicht mehr, weil Dao sie schon ins Bad rollte.
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