Читать книгу: «Sturm des Herrn»

Шрифт:

Rudolf Stratz

Sturm des Herrn

Roman

Saga

Sturm des Herrn

Copyright © 1934, 2018 Rudolf Stratz und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

All rights reserved

ISBN: 9788711507353

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Erstes Kapitel

Der Morgen der neuen deutschen Welt hat begonnen!‘ hat unser Turnvater Jahn voriges Jahr in das Stammbuch der Wartburg da oben geschrieben. ‚Wir haben Unglaubliches erlebt und erlitten‘, hat er geschrieben, und Schlachten geschlagen, wie sie keine Geschichte kennt!‘ ‚So werden wir nun endlich an die Herrlichkeit des deutschen Gemüts glauben‘, hat er da oben auf der Wartburg geschrieben, und die Ausländerei verbannen!‘ Hört es, ihr Burschen, was er geschrieben hat: ‚Überall, wo die deutsche Zunge redet, sehnt man sich nach einem neuen deutschen Reich!‘ . . .“

Der Markt zu Eisenach war ein hundertfaches Gewimmel von jungen Gesichtern und altdeutschen schwarzen Röcken. Längs der Häuser standen in Massen die Bürger und ihre Frauen und Töchter mit wehenden Tüchern. Die Glocken der Georgenkirche läuteten. An der Ecke der Predigergasse hielt ein Reiter im Wettermantel mit dreifachem Kragen und grauem Zylinder auf dem hageren lippenfreien Kopf. Die Bartstreifen an den Wangen gaben ihm das Aussehen eines ehrbaren Kaufmanns. Er konnte durch das Gewühl nicht weiter. Er neigte sich verbindlich von seinem mageren Klepper herunter zu den Bürgern:

„Ich bin hier fremd, wie Sie sehen! Ein Musterreiter in Nankingstoffen für Sinai und Sohn in Frankfurt am Main! Wer ist wohl der junge Herr, der da auf dem Marktplatz predigt?“

Es war ein schlanker, ranker, junger Mannskerl, über die Mitte der Zwanzig, auf den der Finger des Handlungsreisenden wies. Dunkle Augen brannten über dem kleinen, dunklen Theodor-Körner-Schnurrbart in dem feurigen, bräunlichen Gesicht. Lange, dunkle Haare flatterten ihm nach neuer deutscher Burschenart um den blossen Hals, den ein breit übergelegter weisser Spitzen-Hemdkragen umschloss. Auf seinem kurzen, schwarzen, mit Goldfransen besetzten deutschen Rock schimmerte an schwarz-weissem Band das Eiserne Kreuz der Freiheitskriege. Schwarz-weisse Federn wehten von seinem Samtbarett. Die schwarzen Hosen staken in gespornten Halbstiefeln. Am Ledergürtel um die Lenden hing ihm an eiserner Kette ein Dolch mit Ebenholzgriff und silbernem Totenkopf.

„Hört, Ihr Burschen“, schrie er, „was unser zweiter Vater Ernst Moritz Arndt vor zwei Jahren gesagt hat: ‚Es sind leider gar zu wenige Menschen mit vollem festem Willen! Sonst hätten wir die Bösen jetzt so, dass wir uns vor ihren Tücken Sicherheit verschaffen könnten!‘ hat er gesagt. „Es ist besonders jämmerlich, dass Österreich bisher noch so matt ist und durchaus nicht gross in die Zeit einzuschreiten wagt!“

„Ich kenne den Studiosus nicht!“ sprach ein Bürger zu dem Musterreiter empor. „Er ist mit zweihundert andern aus Jena hierher zum Wartburgfest gekommen. Von allen Universitäten sind sie gekommen!“

„Sogar welche aus Würzburg!“

„Zwei aus Genf!“

„Vor der Stadt stehen überall auf den Strassen die Bauern in ihren blauen Hemden und winken! Die Damen fahren aus der Stadt mit Blumen den Studenten entgegen!“

„Da kommen wieder welche!“

Mit feierlich ernsten Gesichtern zogen die Kieler Studenten über den Marktplatz zum Hauptquartier, dem Gasthof „Zum Rautenkranz“. Ihr Marschgesang klang in das Glockenläuten: ‚Ein’ feste Burg ist unser Gott!‘

„Und was bezwecken diese vielen hundert jungen Herren in ihren schwarzen Röcken heute hier in Eisenach?“ frug der Musterreiter.

„Wir schreiben heute den achtzehnten Oktober 1817“, sprach gewichtig der Bürger. „Zum vierten Mal jährt sich der Haupttag der Völkerschlacht bei Leipzig. Sein Gedenken soll gebührend oben auf der Wartburg von der deutschen Burschenschaft begangen werden!“

„Der Demant“, sagt Vater Jahn, „wird nur durch den Demant geschliffen!“ hallte wieder vom Marktplatz die wilde, junge Männerstimme. „Das Volk nur durch das Volk erzogen.“ Unser Wartburgfest soll ein Fest des teutschen Volkes sein! „Ihr sollt Euch nicht knechtschüchtern im Winkel berauschen!‘ spricht der Turnvater, ‚Ihr habt auf Freude ein öffentliches Recht, wenn Ihr sie aus dem Irrgarten der Verkünstelung in einfache Lebensverhältnisse zurückführt!‘“

„Wo möchte man wohl den Namen dieses Herrn Studiosus mit dem Eisernen Kreuz erfahren?“ frug neugierig der Nankingreisende aus Frankfurt. Er sah sich und seinen mageren Klepper zur Seite gedrängt. Ein anderer Reiter lenkte mit der Sicherheit des vornehmen Herrn seinen Halbblüter auf den Markt hinaus. Zu Anfang der Dreissig hatte er das glattrasierte, verbindliche Antlitz eines jungen Hofmannes. Seine angenehme Erscheinung war von einem dunkelblauen, weiten Matin umhüllt. Unter diesem Wettermantel trug er, zu einem steifen, mit schwarzer Wachsleinmand überzogenen Rundhut, einen hellgrauen Frack, schwarze Hosen und schwarze Weste. Er überschaute aus dem Sattel das Gewoge der Federbaretts und blanken Klingen, stieg rasch ab, gab die Zügel dem nächsten ehrerbietig herbeieilenden grossherzoglich Weimarischen Polizeidiener und drängte sich zu dem wilden Sprecher auf dem Marktplatz.

„Ellerbrook — Freund — lasse Dich umarmen!“ rief er und, in seiner höfisch eleganten Kleidung zu den schwarzen Burschenwämsern um ihn, „wir sind Blutbrüder aus dem grossen Kriege — der da und ich!“

„Waren Sie auch wie der Christian bei den Lützowschen Jägern?“

„Als Herr von Helmich und ich uns im Felde trafen, war es schon 1815 und aus den Lützowschen Jägern das 6. Ulanenregiment geworden!“ sagte Christian Ellerbrook, „dunkelblau mit roten Aufschlägen statt unsrer schwarzen Todestracht!“

„Und ich ritt in der elbischen National-Kavallerie!“ meldete der von Helmich. „Wir attakierten nebeneinander vor Sonnenuntergang bei Ligny. Vater Blücher selber mit gezogenem Säbel neben unserem Lützow allen voraus, bis er stürzte. Unser Lützow gefangen! Plötzlich sehe ich selbst um mich nur noch Rossschweifhelme der französischen Kürassiere. Ein Hieb über den Kopf blendet mir mit Blut die Augen. Da hat der Ellerbrook da mir Luft gemacht und Freiheit und Leben gerettet. Dabei brauchte er sich gar nicht um den Krieg zu kümmern. Er war ja nicht Preusse, sondern aus Köln . . .“

„Aber mich hat’s zu den Preussen getrieben!“ Der Jenaer Studiosus und Lützower Leutnant lachte. Sein brünetter Rundkopf wirkte mit den feurigen Augen, der kühn geschwungenen Nase, dem festgewölbten Kinn wie der eines Römerenkels am Rhein.

An der Ecke der Predigergasse war der Musterreiter in Nanking nicht mehr zu sehen. Er hielt auf dem menschenleeren kleinen Platz dahinter und kritzelte im Sattel etwas wie Aufträge seiner Kundschaft in sein Taschenbuch: „Vorzüglich heute unter den jungen Demagogen des berüchtigten Jena zu nennen ein gewisser Christian Ellerbrook der einstigen sattsam bekannten Lützowschen irregulären Schar, der aus der Campagne überspannte vaterländische Ideen und auch sonst eine aufrührerische Gesinnung mitgebracht hat.“ Ein Punkt davor. Der hiess: An das Geheime Polizeicabinett am Ballhausplatz in Wien, zur Vorlage bei Seiner Durchlaucht dem Herrn Staatskanzler Fürsten Metternich . . . persönlich!

„Je nun — ich habe seit zwei Jahren, nach dem grössten Krieg, der je da war, den Schwarzrock mit den Totenköpfen an den Nagel gehängt und traktiere in Jena die Naturkunde. zu Füssen unseres herrlichen Oken!“ sagte inzwischen Christian Ellerbrook zu dem Waffenbruder. „Du weisst, mein Vater besitzt die alte kurfürstliche Apotheke zu den Heiligen Drei Königen in Köln, die ich ihm jetzt, unter der preussischen Herrschaft, abnehmen soll. Und Du, Karl — Du lebst wohl als Mann von Stande und weiter nichts?“

„Ich bin bestallter Assessor beim Minister-Collegio in Weimar,“ Karl von Helmich sah sich um und dämpfte die Stimme. „Dir im Vertrauen: ich bin hierher geschickt, um unauffällig Eure Feier auf der Wartburg zu beobachten und darüber zu berichten.“

„Wir feiern den Sieg über den welschen Tyrannen öffentlich und vor aller Welt“, schrie Christian Ellerbrook, und seine Augen glühten. „Seit Monaten ist unser Fest in allen Zeitblättern verkündet!“

„Und lächelt nicht unser Grossherzog, der weiseste aller Fürsten, gnädig Eurer Feier? Lässt Karl August nicht zu Eurer Speisung auf der Wartburg grossmütig seine Fischteiche öffnen, spendet er nicht zu den Freudenfeuern heute Abend freigiebig das Holz aus seinen Wäldern? Hat er nicht seinen Eisenacher Bürgern befohlen, Euch Studiosen heute um Gottes Lohn zu beherbergen?“

„Wir Bursche singen ja auch immer in Jena, wenn der Grossherzog hinkommt, unter seinen Fenstern: ‚Landesvater — Schutz und Rater — Karl August lebe hoch!‘ Aber wie ist es mit seinem Herrn Minister, unter dem Du dienst, Bruder?“

„Nun: der Herr Geheimrat von Goethe liebt an sich keine lärmenden Gassen! Aber Seine Excellenz lässt Euer wunderliches deutsches Wesen, wie er lächelnd zu sagen pflegt, gern gewähren . . . Nur: im Namen der weitherzigen Weimarer Regierung gesprochen: Lasst Euch nicht heute von irgendwelchen jungen Solonen zu unbesonnenen Taten hinreissen!“

„Da sei Gott vor! Der Lieb Pfand ist in uns mächtig, und Liebe zu Fürst und Vaterland kann nur Gutes zeugen! Erlaube, Du hoher Herr aus Weimar, dass ich Dir einige der namhaftesten Jenaer Burschen präsentiere! Hier haben wir gleich einen aus dem brandenburgischen Franken!“ Christian Ellerbrook deutete auf einen jungen hochgewachsenen Mann zu Anfang der Zwanzig in seiner Nähe. Dem fielen lange schwarze Locken vom Samtbarett bis zu den Schultern. Helle, wenig ausdrucksvolle Augen wohnten in einem bartlosen, länglichen, gegen das Kinn hin spitz zulaufenden Antlitz mit einem kleinen und hartnäckigen Mund. Er trug ein loses blaues Fuhrmannshemd mit übergeschnalltem Ränzchen. In einem eingenähten Schlistz des linken Rockärmels stak handlich ein Dolchmesser.

„Karl Sand ist uns erst dieser Tage aus Erlangen zugerpandert, wo er sich schon weidlich in der Burschenschaft getummelt hat“, erklärte der Studiosus Ellerbrook. „Wir nennen ihn den Spukmeier, weil er immer Gespenster sieht. Du siehst schon seinem ernsten Wesen, seinem schwärmerischen Blick den Gottesgelahrten an. Dann weise ich Dir weiter hier noch eine Rotte tüchtiger Kerle, die Du in Weimar rekommandieren magst . . .“

Rings um Christian Ellerbrook standen die Schwarzröcke. Ernste junge Gesichter unter den Federbaretten. Gläubige Augen, die sich auf den heissblütigen Rheinländer richteten. Der Assessor von Helmich merkte: der hatte Macht über die stürmenden Geister von Jena. Der war Einer der Führer der deutschen Burschenschaft, die sie dort im Gasthof zur grünen Tanne, am Ufer der Saale, im vorigen Jahre des Heils 1816 gegründet hatten.

Ulle Glocken von Eisenach fielen in plötzlichem Geläute Ellerbrook ins Wort. Die Bürgermädchen holten Eichenlaub aus ihren Körben und bekränzten das halbe Tausend schwarzer Burschenbaretts auf langwallenden blonden und dunklen Strähnen. Die Musik rauschte auf. Der Chorgesang schwoll an: ‚Der Gott, der Eisen wachsen liess, der wollte keine Knechte!‘

„Der heilige Zug ordnet sich!“ Christian Ellerbrook wies nach der Wartburg empor, die in der feindunstigen Silberluft der achten Morgenstunde herbstklar vor dem blassblauen Himmel ragte. „Melde es den hohen Herrn in Weimar, Kriegsbruder! Sieh — da trägt Graf Keller die teutsche Burschenfahne voraus! Die Frauen und Jungfrauen von Jena haben sie uns gestickt!“

Lang und langsam der Zug hinauf zur Wartburg. Paarweise die Schwarzröcke. Die Geistlichen. Die Professoren. Die Bürger. Die Frauen. Laubbekränzt der mächtige Rittersaal oben, und durch die Stille der Tausende die Helle Stimme des der Theologie beflissenen jungen Riemann, des Helden von Waterloo.

„Das deutsche Volk, sonst geehrt und gefürchtet, musste zum Gespött dienen dem Gemeinen — dem Edleren zum Gegenstand des tiefsten Mitleids und der Trauer. Wir wurden geknechtet und seufzten Jahre lang in schmählichen Ketten. Da allmählich ward die Sehnsucht rege nach Herstellung des zertretenen Vaterlandes.“

„Was das erwachte Volk zu opfern versprach, im Gefühl der erlittenen Schande, im Bewusstsein der verjüngten Kraft und im Vertrauen auf den allmächtigen Gott, des zeugen die Blutgefilde, wo des alten Feldmarschalls Donnerstimme den Wälschen die Flucht gebot. So seien uns gesegnet alle, welche für des Vaterlandes Wohl erglüht sind, dafür leben und mit Wort und Tat wirken. Verderben und Hass der Guten allen denen, die, um ihre Erbärmlichkeit und Halbheit zu verbergen, unserer heiligsten Gefühle spotten, Begeisterung und vaterländischen Sinn und Sitten für leere Hirngespinste, für überspannte Gedanken eines krankhaften Gemüts ausschreien. Ihrer sind noch viele, möchte bald die Zeit kommen, wo wir sie nicht mehr nennen dürfen!“

„Ewiger, allgütiger Gott, der Du Dein treues Volk erweckt hast — sieh gnädig herab auf unser deutsches Vaterland, lass es gedeihen in Freiheit und Gerechtigkeit, in Einigkeit und Treue! Amen!“

Christian Ellerbrooks heisse, dunkle Augen waren feucht, als er im Schwarm der ergriffenen schweigenden Schwarzröcke aus dem Pallas auf den sonnenhellen Hof der Wartburg trat. Er schämte sich, es den Andern zu zeigen. Er ging allein für sich ein paar Dutzend Schritt nach hinten.

Da hockte auf den Steinstufen neben der Cisterne Einer — der heulte auch. Ein Mann zu Anfang dreissig, in einem abgeschabten langen, schwarzen Kragenmantel und einem vorn geschweiften schwarzen Schifferhut, der ihm das Unsehen eines Geistlichen gab. Aber die glattrasierten Züge waren weltlich, weichlich, weinerlich. Kummervolle Fältchen um die ironischen Mundwinkel. Trübe, vertrunkene Augen. Beim Nahen des Jenensers schob er rasch ein engbeschriebenes Blatt in die Manteltasche.

„Weshalb ich Zähren vergiesse?“ sprach er. „Ich seufze nicht um Teutschland — ich seufze um mich — ich — der ewige Kandidat der Theologie — der weggejagte Hofmeister in hochgräflichen Häusern, der Harlekin für Euch Burschen, bei Fuchskommerschen in der „Tanne“ und beim Bierhock in Lichtenhain, der Euch um ein Stübchen Bier Grimassen schneidet und Schelmenlieder singt . . . wehe — was wird aus mir werden? Die Kinder singen schon hinter mir auf den Strassen in Jena: ‚Mummenthey — Mummenthey! — Rock und Hosen sind entzwei!“

„Raffen Sie sich auf!“ Der Undere riss den verbummelten Kandidaten mit kräftigem Faustgriff auf die Beine. „Am heutigen Tag wirkt Gott Wunder! Für Sie hat Vater Jahn geschrieben: ‚Das Vaterland muss Hochgefühle wecken, Hochgedanken erzeugen, ein Heiligtum sein und Heldentum werden‘!“

„Vorhin — im Rittersaal — da hab ich das Heiligtum in mir gespürt!“ Der Kandidat Mummenthey schüttelte bekümmert den unzuverlässigen Trinkerkopf. „Aber das ist bei mir Strohfeuer. Der alte Adam kehrt wieder! Ich bin ein armes Luder vor Gott und den Menschen!“ Ein plötzliches, breites, niederträchtiges Lächeln. „Bruder — pump’ mir ein paar Bauergroschen! Das Wartburgfest macht Durst! — — Was? . . . Er geht ohne Antwort weg? . . . Wartet nur, Ihr schwarzen Schreier — Ihr werdet nicht lange in Deutschland Vorsehung spielen!“

Der Studiosus Ellerbrook war sporenklirrend, straff, elastisch — in der Haltung noch der Leutnant in der Schwarzen Schar der Totenköpfe, nach dem Hauptturm hinübergeschritten. Hunderte von deutschen Burschen — vollbärtige mit dem Kreuz der Freiheitskriege und begeisterte Milchgesichter — scharten sich um ihren Oken, ihren Lehrer und Lenker. Aus ihrer Mitte schollen, leicht österreichisch gefärbt, die Worte des Jenenser Professors:

„Deutschland ruht nur auf sich selbst, auf dem Ganzen! Jede Menschenzunft ist nur ein Glied am Leibe, der Staat heisst! Ihr habt nicht zu bereden, was im Staate geschehen oder nicht soll! Nur das geziemt Euch zu überlegen, wie Ihr einst im Staat handeln sollt und wie Ihr Euch dazu würdig vorbereitet!“

Und als der Studiosus Ellerbrook am späten Nachmittag mit dem Assessor von Helmich auf dem Markt von Eisenach auf und ab wandelte — um sie die Gruppen von Burschen, die Turnerspiele übten — die Scharen aus Stadt und Land, die des Aufleuchtens der nächtlichen Freudenfeuer auf den Höhen harrten, da sprach er, in Erinnerung an die Okenschen Worte:

„Dem Staat zu dienen — wo wird dieser Vorsatz einem Jüngling deutschen Geblüts leichter und freudiger gemacht als hier in Eisenach, in Jena und Weimar, unter der gesegneten Vaterhand eines Karl August? Ich bin in Köln unter dem Krummstab geboren und unter der Franzosenherrschaft aufgewachsen. Um so mehr beuge ich mich in Ehrfurcht vor diesem Trefflichsten der deutschen Fürsten! Hat er nicht als Einziger von ihnen allen das Versprechen gehalten, das man uns Kriegern in blutigen Tagen gab, und seinem Land eine freiheitliche Verfassung verliehen! Warum können es die Andern nicht?“ Plötzlich brach der heisse Burschenzorn los. „Weil bei ihnen nicht der Genius zur Seite steht und rät wie der Herr Geheimrat von Goethe, sondern sie hausen mit Meindeutschen und Siemännlein, wie Vater Jahn sagt, umgeben sich mit Wettergänsen und Kuppelpelzen, Schürzenkrebsen und Vorgemachshasen und hören die Stimme Germaniens nicht!“

Der Assessor von Helmich hatte angenehme und offene Züge. Aber es spielte doch auf ihnen etwas von der Behutsamkeit des jungen Weltmanns und Hofmanns.

„Auch ein Karl August hat es nicht leicht!“ sprach er. „Er kann so manchem Luftzug nicht wehren, der von Spree und Newa und Donau heranweht. Sein Land ist klein. Und in der eigenen Nuss sitzt der Wurm. Es gibt Einen unter des Herzogs eigenen Landeskindern . . .“

„Ha — ich weiss, worauf Du abzielst! . . . Dieser Kotzebue . . .“

„Der Herr von Rotzebue, der schmählicher als irgend ein anderer deutscher Litterator seit Jahrzehnten sein Talent . . .“

„. . .zu feiler Lüsternheit missbraucht . . .“

„. . . ist in Weimar geboren, war Advokat in Weimar. Es zieht ihn immer wieder dorthin. Auch jetzt lebt er wieder in unsrer Mitte.“

„Mit fünfzehntausend Rubeln im Jahr als Judaslohn!“ schrie Christian Ellerbrook. „Als Spion des Zaren!“

„Als russischer Staatsrat! Jedenfalls seid auf der Hut, Ihr Jenenser!“ sprach der von Helmich, leiser und bedeutsam. „Der kaiserliche Staatsrat von Kotzebue hat den Auftrag, über alle Dinge in Deutschland geheim nach Petersburg zu berichten. Und von seinem Wohnsitz Weimar aus natürlich besonders über das so nahe Jena!“

„. . . und welchen Hass atmet er gegen uns, Deutschland liebende Burschen!“

„. . . er hat seine Zuträger da und dort! Er wäre pflichtvergessen gegen seinen Brotherrn, den Zaren, hätte er nicht auch heute eine seiner Kreaturen unter Euch gemengt . . .“

„Wehe ihr, wenn diese Faust sie zu fassen kriegt!“

„Bleibt auf dem Boden des Gesetzes, Christian, und der guten Sitte! Dann können Euch Metternich und der Zar und die Berliner Hausvogtei nicht schrecken! Aus mir spricht Weimar, Zeltbruder! Es ist der Wunsch von uns Redlichen allen an der Ilm!“

„Auf uns Burschen könnt Ihr Euch verlassen! Es wird nichts Ungeschicktes geschehen! Unsere gerechte Sache braucht keine ungerechten Mittel!“

Über den Markt vor der Georgenkirche brauste ein hundertfaches Hoch. Der Eisenacher Landsturm und die deutsche Burschenschaft standen im Halbkreis und liessen die Bürger Eisenachs leben. Durch den Musiktusch sprach der Studiosus Ellerbrook, und es war ein tiefer Ernst auf seinem gebräunten, kühn geschnittenen Jungmannskopf.

„Du gehörst zur Schönen Welt von Weimar und zu denen, die uns regieren! Sag ihnen, dass sie uns begreifen sollen! Sag ihnen, dass wir nicht die Jünglinge von ehedem find, an die sie gewohnt waren, im Saufen und Raufen und Prügeleien mit den Jenaer Knoten. Wir sind Männer trotz unserer jungen Jahre. Wir kommen nicht von der Schulbank, sondern vom Schlachtfeld. In uns waltet allmächtig das Erlebnis von drei Jahren des grössten Krieges, der je über die Welt gekommen, von der Affaire bei Bautzen bis zur Gottesschlacht zum Schönen Bunde! Wir haben Deutschland befreit. Dafür hat man uns die Freiheit versprochen. Wir wollen frei in Deutschland sein.“

„Sagt es den Fürsten, Ihr vom Adel! Wir wollen nicht mehr gehorsame Untertanen sein, sondern getreue Bürger in einem neuen heiligen deutschen Reich. Sein heiliger Geist wohnt auch in den Jüngeren unter uns Burschen, die nicht mehr, wie wir beide, den Kalk zu seinem Gemäuer mit unserem Blut anrührten. Auch sie haben in sich den welschen Teufel überwunden und beten zu einem deutschen Gott!“

Christian Ellerbrook hielt inne. Eine Rotte Jünglinge kam vom „Rautenkranz“ her, langhaarig, kahlhalsig, in grauen Jacken und Hosen von ungebleichtem Drillich, so, wie sie bisher auf dem Markt den Nachmittag über die Kippe und die Wippe und das Nest gezeigt hatten.

Affenartig flink sprang ihr Führer ihnen voraus über den Rinnstein. Er war ein kleiner, schmächtiger Mensch mit einer Stupsnase in dem bartlosen, humoristischen, beweglichen Gesicht.

„Was in dem Bündel ist, das wir unterm Arm schleppen, Bruder Ellerbrook?“ sprach er lächelnd: „Makulatur! Fünf Ries Makulatur, so wahr ich Fritze Schellhase heisse. Alte Predigten, Ritterromane — eben für zehn gute Iroschen vom Buchhändler Bärecke gekauft!“

„Und was wollt Ihr mit dem Zeug?“

„Ihr werdet’s ja sehen! Heute Abend noch! Es gilt unserem Feind, dieser vielköpfigen Otter! Gott segne den König und mehre die Deutschheit!“

Der Berliner lief geschäftig mit den Seinen weiter. Der Jenenser schaute ihm nach.

„Das sind Jünger der ars tornaria — die Massmannschen Turner an der Spree, Freund Helmich“, sagte er. „Dort lebt ein verwegener Menschenschlag beisammen. Hat schon Euer Geheimrat gesagt . . .“

Und in einem plötzlichen neuen Aufleuchten der dunklen Augen sich zu dem Freund wendend:

„Der Herr Minister von Goethe hat es seinem Sohn verboten, wider den korsischen Höllensohn zu fechten. Wir lagen für Vater und Sohn draussen auf der Beimacht. Unsre Verehrung für den grossen Mann ist darum nicht minder, auch da, wo wir seinen Wegen nicht folgen können. Aber sage ihm — Du bist ja durch Deinen Vater des Zutritts bei ihm gewürdigt — sage Seiner Excellenz: In uns Burschen ist eine grosse Liebe. Die kommt nicht vom Weibe. Die kommt von Deutschland und die heisst Deutschland!“

Es war kühl geworden. Der Oktoberabend dämmerte. Durch die Massen auf dem Markt lief ein Brausen. Fern auf einer grossen kahlen Bergkuppe ob der Stadt, gegenüber der Höhe der Wartburg, erglomm eine Reihe von feurigen Punkten und wurden zu lodernden Zungen. Unten auf dem Platz flackerten Hunderte von Pechflammen auf. Jeder Bursche nahm seinen Feuerbrand zur Hand. Je zu zweit geordnet wand sich in unabsehbaren Windungen die glühende Schlange des Fackelzugs zu den achtzehn nebeneinander zum Nachthimmel schlagenden Freudenfeuern empor, die auf den Höhen des Wartenbergs zum Gedächtnis der Völkerschlacht lohten.

Die Flammentürme flackerten hin und her. Sie sprühten Funken. Sie überglühten in wechselndem Licht die Tausende von Burschen, Landsturmmännern, Professoren, Bürgern, die sich um sie scharten. In brausenden Stössen fegte der Nachtwind über die kahle Hochfläche. Christian Ellerbrook breitete die Arme aus und bot die Brust dem kalten Flügelschlag der Luft. Begeistert klang seine Stimme mit in dem Jubelgesang um ihn her:

„Die Feuer sind entglommen

auf Bergen nah und fern!

Ha — Windsbraut — sei willkommen!

Willkommen, Sturm des Herrn!“

„Die Zeit ist gekommen, wo sich niemand entschuldigen muss, wenn er vom Heiligen und Wahren spricht! Wir geloben, eines hoffenden Volkes Lehrer, Verwalter seiner heiligen Sache zu sein! So wollen wir denn tun, was bei uns steht! Du aber wirft es gut verwalten, Du über den Gestirnen!“

Die Worte des Redners verhallten in Sturm und Flammen und Nacht. Und Christian Ellerbrook rief lachend: „Burschen! Das ist wie im Felde! Rings Beiwachtfeuer und Gruppen gelagert und Becher in der Runde und Gesang!“

Um ihn waren die Schwarzröcke. Wo er ging und stand, war um ihn, den Führer, der Kometenschweif von Freunden und Brüdern. Nicht nur Jenenser. Sein Ruf ging über alle Hochschulen, durch die ganze deutsche Burschenschaft. Er erhob sich aus seiner Ruhestellung und überschaute lang und straff, wie einst als Schwarzer Jäger, die nächtige Fläche.

„Es ist wie ein Biwak vor Morgengrauen!“ sagte er. „Die Lagerfeuer verlöschen. Es wird kalt. Der Wartenberg hat sich geleert. Die meisten sind schon wieder hinunter in die Stadt. Die Professoren alle. Ich denke, auch wir gehen heim!“

„Aber dort drüben kommt ein ganzer Haufen jetzt erst aus der Dunkelheit angerückt!“

„Da ist doch der Schellhase dabei — der Berliner — und die Massmannschen Turner!“ Der Studiosus Ellerbrook schützte die Augen mit der Hand gegen den Glast eines plötzlich wieder hochflammenden Scheiterhaufens. „Da verbrennen sie doch die Makulatur, mit der sie sich heute nachmittag geschleppt haben!“

„Es ist keine Makulatur, Bruder Ellerbrook“, rief der kleine Berliner dem Heraneilenden zu. „Es ist ein Sinnbild für die Erbärmlichkeit Teutschlands!“ Er warf an einer Heugabel einen verschnürten Papierstoss in die Flammen. Rings lohte und prasselte es von verflackernden Druckbogen. „Sieh, Bruder: Auf jedem Packen steht mit fernscheinenden Buchstaben auf schwarzem Zettel der Name des Verdammten! Wir überliefern alle undeutschen Bücher der verzehrenden Flamme!“

„Vergehe, Saul Ascher, und Dein Schandwerk ‚Germanomanie‘.“ Das Feuer lohte im Wurf des Papierballens.

„Verende, Wadzek und Scherer — ihr Neidlinge der edlen Turnkunst!“ schrie Fritze Schellhase. Ein Triumphgesang hinterher: „Nicht zecken und nicht scheeren — soll uns ein fauler Bauch!“

„Nieder mit Ancillon, dem preussischen Halbfranzosen!“ Von allen Seiten strömten die Burschen herbei. Höher schlugen die Flammen. Christian Ellerbrook drängte sich mit Rippenstössen in die vorderste Reihe.

„Her mit undeutschem Geschreibsel!“ schrie er begeistert. Ein flüchtiger Blick auf den Leuchtzettel: „Von Kamptz, Codex der Gensdarmerie!“ Ein Handschwung nach dem Feuerzauber.

„Kosegartens Festrede zum Napoleonstag!“ Verklärte junge Gesichter im weissleuchtenden Flammenschein. „Wehe dem Wicht, der redekünstlich den Zwingherrn abgöttisch verehrt!“

„Der Code Napoleon! . . . Schmach, ihr Brüder: Welsche Gatzungen am deutschen Rhein!“

„Der Schmalz! . . . Der Schmalzgesell. Wider den redlich strebenden deutschen Tugendbund!“ Und wieder der Chor: „Gänse-, Schwein- und Hundeschmalz — aber alles ohne Salz!“

„Reinhard! Wider Bundesstände und gelobte Freiheit!“ Der wilde Ellerbrook schwenkte mit weissrollenden Augen ein Paket Druckbogen. „Der Gesell muss brühwarm gepfeffert und gesalzen werden!“

„Fahr’ hin, du böser Feind und Widersacher der edlen Jugendfreiheit!“

„Nun aber der Beelzebub selber — der Kotzebue, der Russenknecht, und seine Geschichte des deutschen Reiches!“. Eine Mistgabel mit Makulatur reckte sich über den Flammen. „Soll er ins Feuer?“

„Ins Feuer!“ Ein hundertstimmiger Aufschrei. „Ins Feuer!“

„Ins Feuer mit allen undeutschen Büchern!“ Flammenüberflackert stand Christian Ellerbrook da, breitbeinig, das Burschenbarett in erhobener Rechten. Die weissschwarzen Federn flatterten, die langen dunklen Haare wehten ihm um den erhitzten, bronzebraunen, jungen Römerkopf vom Rhein. Die Feuerzungen bäumten sich in sprühendem Funkenregen und überhuschten mit purpurnem Lichtspiel seine gläubig-verklärten, in diesem Augenblick jünglingsschönen Züge. Dann lachte auf ihnen plötzlich, mit zwei weissen Zahnreihen, ein weltliches Kraftburschentum des Erkennens. Er breitete die Arme aus.

„Til! . . . Kerlchen — bist Du’s bei Gott?“

Um den lohenden Scheiterhaufen herum trat aus den bläulichen Rauchwirbeln ein kleiner, schmächtiger Geselle. Er trug die schwarze Burschentracht. Die Strähne hingen ihm um das spitze, abenteuerlichunruhige Gesicht, mit den schmalen Wangen und den wilden grauen Augen. Der Studiosus Ellerbrook zog ihn stürmisch an sich.

„Das ist der Til Gustapfel! Unser kleiner Trommler vom Lützowschen Corps. Er war zu schwach, den Flamberg zu schwingen. Aber allen voraus Sturmschlagen — das konnt’ er! An dem blutigen Abend bei Kitzen — da hat er uns versprengten Jägern mit seinem Getrommel noch den Ausweg zwischen den Hausgärten rechts von der Strasse gewiesen. Brüderchen — warum sieht man Dich erst jetzt? Die Feuer brennen schon nieder! Der Berg liegt schon fast verödet!“

„Ich konnte erst heute früh mit der zweiten Bei-Chaise aus Leipzig weg!“ sagte der kleine blasse Trommler von Kitzen. „Ich brauchte erst einen Reise-Permess, um es mit meinen Gönnern nicht zu verderben. Ich habe doch eine Freistube im Alten Paulinum und einen Freitisch im Konvikt. Ich habe nichts als das königliche Stipendium von dreissig Talern im Jahr!“

„Und was traktierst Du da in der Finkenburg, Bruder Till?“

„Weltliches und kirchliches Recht! Mein seliger Vater war doch Hof- und Justizienrat. Vielleicht bringe ich es auch einmal zum Geheimen Cabinetts-Sekretarius. Das ist der Traum meiner Mutter! Aber höre, Christian! Lass Dich warnen!“ Der kleine Leipziger fasste den langen Waffenbruder von einst am Arm und führte ihn ein paar Schritte beiseite. „Drüben, hinter unserm Scheiterhaufen der Gerechten, siedet die Hölle! Dort sitzt der Gottseibeiuns selber im Gras!“

„Wie schaut er aus?“

„Der Bösewicht ist ein Kerl in den Dreissig. Er trägt einen dunklen Radmantel und einen schwarzgeschweiften Schifferhut. Er vermerkt sich beim Feuerschein jeden Feuerspruch, den Ihr hier den Schmalzgesellen verkündet, in seine Schreibtafel!“

„Hört, Ihr Burschen!“ sprach Christian Ellerbrook halblaut zu den letzten Gruppen von Studenten, die sich um ihn drängten. Denn die meisten stiegen schon mit Gesang von der dunklen, mit verflackernden Feuern leer im Nachtsturm verschwimmenden Bergfläche zu Tal. „Der Zwingherr der Hölle, der diabolus antiburschicus, hat seinen Flügelmann zu unserer Weihestunde entsandt. Hinter uns hockt ein Spitzel! Lasst mich allein mit dem Gesellen verhandeln!“

Mit langwiegenden Katzenschritten kreiste der Jenenser so eng um das Rauchgewirbel und Feuergeprassel, dass die Funken der verbrannten Schriften wie Glühwürmchen um seinen Schwarzrock stoben.

Drüben war der dämmernde Heideboden leer, schattenhaft wandelte schon ziemlich fern eine Gestalt dem jenseitigen Berghang zu. Sie verlor sich schon fast in der schützenden Nacht. Sie glich, in der dunklen Kleidung, mit dem langgeschweiften Hut, einem Landgeistlichen.

„Ha — Du! Kandidat des Teufels! Hofpfaffe der Hölle!“ Lange Sprünge des Studiosus Ellerbrook. „Steh’, Du Kreatur! . . . Glaubst Du, ich erkenne Dich nicht, Du Hofnarr von Lichtenhain? Heraus mit dem Judaszettel, den Du vollgeschrieben hast, wenn Dir Dein Leben lieb ist!“

Der abgedankte hochgräfliche Hofmeister Paulus Mummenthey drehte sich um. Die schlaffen, liederlich-wehmütigen Züge des verbummelten Kandidaten der Gottesgelahrtheit verkrampften sich im Zwielicht. Er fingerte rasch in seiner Manteltasche. Es kam kein weisses Blatt da heraus. Ein kurzer, dunkler Lauf.

„Lass Dein Pistolet im Sack! Nicht? Da!“

Schneller als der unbehilfliche, gewesene Theologe unter dem schwarzen Mantelfragen seine Waffe heben konnte, fuhr drüben in geübter Abwehr der Dolch mit Elfenbeingriff und silbernem Totenschädel aus der Scheide, gegen die pistolebewehrte Faust drüben. Die liess im Schreck die Waffe fallen und zuckte zurück. Der Stoss fegte über sie hin in die leere Luft. Er glitt in blinder Wucht weiter als Christian Ellerbrook wollte, durch den dicken Mantel in den Körper drüben.

Der Kandidat Mummenthey stiess einen weinerlichen Schrei aus wie ein getroffener Hase. Er fiel auf den Rücken und zappelte krampfhaft mit den Beinen. Der andere stand verstört vor ihm. Er rührte sich ein paar Sekunden nicht. Er fuhr sich nur mit der Hand über die Stirne, als wollte er sich aus einem dummen Traum aufwecken. Dann drehte er sich um und rannte in langen Sätzen über die Hochfläche zurück, an den letzten paar Schattenrissen von Burschen fern vor dem letzten Flammenschein vorbei, das Gänsetal hinab nach Weimar.

Ein paar Männer in flachen, breitkrämpigen Hüten, langen blauen Leinenhemden, gelben Kniehosen und Halbstiefeln kamen ihm entgegen. Bauern aus der Umgegend. Er schrie ihnen im Vorüberrennen zu: „Schaut nach dem Kerl, der verwundet oben auf dem Wartenberg liegt!“ und lief weiter.

Der Marktplatz von Eisenach war noch hell. Zwischen Kirche und Gasthof stand die Burschengemeinschaft in Gruppen. Aus ihnen eilte der Weimarer Assessor Karl von Helmich in seinen dunkelblauen Übermantel gewickelt auf den Studiosus Ellerbrook zu. Er schüttelte halblachend den weltmännisch-klugen, menschenkundigen Kopf unter dem steifen schwarzen Rundhut.

„Was habt Ihr denn noch alles da oben verbrannt, Ihr jungen Weltverbesserer? Das stand doch nicht im Programm! Es hat ja nichts weiter auf sich! Aber seht, dass nicht zuviel Staub aus den Perücken fliegt!“

„Es ist mehr geschehen, Bruder!“ sprach der schwarze Studiosus. Der andere hörte hilfsbereit zu. Als jener schloss: „Der schiefe Kerl hatte sich Courage angesoffen! Sonst hätte er’s nie gegen mich gewagt!“ forschte er: „Tot ist der Theologus nicht?“

„Nein. Ich habe es deutlich gefühlt: Mein Dolch glitt, nachdem er Mantel, Frack und Gilet zerschnitten hatte, an etwas Festem ab — vielleicht an einer Rippe — und fuhr nach links ins Leere. Dieser Schuft, Bruder, ist nur blessiert. Vielleicht schwer, ich muss aus Weimarschen Landen flüchten.“

„Das wäre das Dümmste!“ sagte der Hofmann. „Dann sind die geheimen Auftraggeber des Spitzels Mummenthey gegen Dich Meister! Im Gegenteil: Du muss sofort nach Weimar und dort selber melden, dass Du irgendeinem Kerl, der seine Fauströhre gegen Dich zückte, in Notwehr einen Denkzettel gegeben hast. Alter Waffenbruder — die beste Deckung für uns Reitersleute ist doch ein rechter Schwadronshieb!“

„Aber wer von den grossen Herren in Weimar lässt einen ehrlichen Jenenser Burschen ohne weiteres vor sich? Ich werd’ im Vorgemach heimgelöffelt, Bruder!“

„Ich amtiere doch selbst im Ministerium und habe das Ohr des Herrn Ministers von Fritsch. Sein humaner und poetisch veranlagter Geist ist aller Billigkeit zugänglich. Wir werden Dich schon herauspochen, Freund! Hast Du ein Pferd da? Eure Jenaer Philisterpferde taugen kaum für den Schinder!“

„Ich reite noch den besten aus Jungfer Saupens Marstall!“

„Dann wollen wir gleich selber aufzäumen und ohne Zeitversäumnis abreiten. Es sind neun Meilen, Bruder! Wir dürfen uns dazu halten, dass wir morgen zur Kirchenzeit in Weimar sind . . .“

„. . . ehe dort der Universitäts-Aktuarius von Jena seinen Bericht einschickt!“

Zweites Kapitel

„Grüsse Jungfer Saupen in Jena von mir.“ Der Assessor von Helmich stieg auf dem Markt in Weimar steifbeinig aus dem Sattel. „Und sie soll dem Klepper, den sie Dir vermietet hat, künftig das Gnadenbrot geben! Wir sind die Nacht durch gekrochen wie die Schnecken. Es nimmt mich Wunder, dass uns nicht der Jenaer Postwagen unterwegs überholt hat!“

„Immerhin: Wir sind vor Protokoll und Siegellack und Streusand an Ort und Stelle!“

„Und Du trittst am besten gleich hier im ‚Erbprinz‘ ab, bis es an dem ist, Dich hohen Ortes zu präsentieren!“

Aus seinem Gasthofstübchen schaute Christian Ellerbrook auf das feine Regengeriesel hinaus. Die Dachspeier des Cranachhauses drüben trieften. Um den Neptun auf dem Marktbrunnen schützten mächtige Regendächer die schwarzbebänderten, hohen Federhauben der Bäuerinnen und ihre Körbe voll roter Äpfel und weisser Eier. Der Assessor von Helmich ging unruhig die sandgescheuerten, knarrenden Dielen auf und nieder. Er blieb sinnend stehen.

„Um die Zeit zu kürzen, Bruder, will ich Dir ein Geständnis ablegen! Ich hätte es gestern schon getan! Aber im lauten Burschentrubel war dazu nicht der Ort! Wisse denn: Ich bin so gut wie versprochen! Mit dem himmlischsten Mädchen, das die Erde trägt! Friderique heisst die Göttliche!“

„Ich danke Dir für Deinen Händedruck, Christian!“ fuhr er fort. „Ich weiss, er kommt vom Freund zum Freund! Und eben als Freier kann ich mich Dir als Freund erweisen: der Vater meines Mädchens lebt hier als Major im Ruhestand der grünen Grossherzoglichen Husaren, die Ihr in Jena respektlos die Laubfrösche nennt! Er ist ein eifriger Kunstfreund und Kunstsammler und hat als solcher Zutritt zu dem grossen Mann, zu dem Herrn von Goethe selber. Da wäre für Dich als Lesstes, wenn alle Stricke reissen, die Fürsprache Seiner Excellenz!“ Er unterbrach sich. „Habe ich’s nicht gesagt: Gleich hinter uns kommt doch schon die Hauptkutsche aus Jena an! Da hält der Postwagen vor dem Stadthaus!“

„Und wer steigt da aus?“ schrie der Studiosus Ellerbrook durch das Schmettern des Posthorns und deutete auf das Gervirr von Menschen, Koffern, Gäulen um den gelben Kasten. „Da — zwischen den Philistern der fahle, übernächtige Mensch im Radmantel und Schifferhut . . .“

„Das ist . . .“

„Das ist des Teufels Kandidat! Das ist der Mummenthey! So was backt der Böse nicht zweimal! Er lebt! Er lebt!“

„Sei froh!“

„Er ist auch nicht blessiert! Der Saufbruder kann heren! Na warte!“

„Halt! . . . Halt! . . . Wohin?“ Der Herr von Helmich hielt von rückwärts mit beiden Armen den Jenenser auf seinem Sprung nach der Türe umschlungen.

„Lass mich! Ich muss hinunter! Der Verräter hat ja den Zettel mit unseren Feuersprüchen von gestern Abend bei sich — mit unsern Namen.“ Christian Ellerbrook rang ungebärdig mit dem Freund. „Er soll ihn herausgeben oder verrecken . . .“

„Du bleibst hier in der Stube!“ Der von Helmich und der Jenenser taumelten atemlos im Ringkampf über die Diele. Ein Blick des Assessors dabei durchs Fenster: „Gott sei Dank! Da steigt der Kerl über den Marktplatz!“

„Er biegt um die Ecke!“ stöhnte Christian Ellerbrook und setzte sich dumpf und erschöpft auf die Bettstelle. „Nun ist der Schelm einem ehrlichen Burschen wie mir wieder entronnen!“

„Um so besser! Mit desto reinerem Gewissen kann ich Dich jetzt, nachdem ich meinen vorläufigen Bericht über das Wartburgfest im Ministerium abgelegt habe, Friderique präsentieren.“ Der Assessor lugte nach der Windischen Gasse hinüber. „Aber sei vor diesem verloffenen und versoffenen Theologus auf der Hut! Seine Wegrichtung ist verdächtig. Ich kann mir schon denken, bei wem der Judas mit seinen Waren hökern wird! Wir Weimarer haben wie die Trojaner den Feind in den Mauern!“

An einem vornehmen Bürgerhaus der Altstadt zog der Kandidat Mummenthey die Klingel. Ein Diener machte auf, nickte ihm zu und öffnete ihm schweigend die Türe zu einem weiten Wohnraum. In ihm sass ein mittelgrosser Mann am Schreibtisch, über Papierblätter gebeugt. Beim Knarren der Angel liess er den Gänsekiel sinken und wandte sich nervös um. Dichtes fahles Haar eines hohen Fünfzigers krauste sich ihm über dem bartlosen, weichlichen und schalkhaften Faunsgesicht, dem die dunklen Augen doch einen bedeutenden, weltkundigen Ausdruck gaben. Eine Art von Schwermut in ihnen widersprach dem geniesserischen Leichtsinn auf den sinnlich geformten Lippen und die noch vom Schreiben her frivol zuckenden Mundwinkel.

„Ich habe meinen täglichen Druckbogen vor dem Frühstück noch nicht fertig!“ sprach er mit hoher Stimme zu dem Diener. „Warum störst Du mich?“ Jetzt erst erkannte er den Besucher und erhob sich. Er trug unter einem vorn offenen, bis zur halben Wade reichenden Schlafrock eine schwarzseidene Weste und lange dunkle Hosen. Zwischen hohen, weissen, spiss zulaufenden Vatermördern richtete sich sein Blick neugierig auf den Kandidaten. Ein Wink an den Diener, das Zimmer zu verlassen. Ein Lächeln:

„Nun — wie war es mit den jungen Jakobinern auf der Wartburg?“

„Ach — Herr Staatsrat . . .“ Der Kandidat Mummenthey sank auf einen Sessel. Der andere trat belustigt näher.

„Tränen, mein Bester . . .?“

„Ach, Herr von Kotzebue! Ich bin ein unwürdiges Subjekt!“

„Nun — was macht denn das?“

„Mein Herz steht allem Hohen und Heiligen offen!“ heulte der Kandidat.

Der Weimarer Bürgersohn und Kaiserlich russische Legationsrat August von Kotzebue lächelte nachsichtig:

„Dafür apanagiere ich Sie nicht!“

„Ich weiss, ich gelte für einen geschickteren Säufer als Patrioten. Aber die Weihestunden gestern auf der Wartburg haben mich ins Tiefste erschüttert. Unter Zähren gelobte ich mir, künftig Teutschland zu dienen!“

Kotzebue schaute mit einem interessierten Ausdruck des Komödiendichters auf den reuigen Mann, so als spielte ihm der eine wirksame Bühnenszene vor.

„Weiter, mein Allerbester!“

„Am Nachmittag . . .“ Ein ersticktes Schluchzen, „kam bei mir die Wahrheit in der Tiefe der Flasche! Ich bekam Mut! Ich steckte eine Pistole zu mir. Ich schlich mich im Dunkel zu den Scheiterhaufen auf der Wartburg. Hier die Liste der Schriften, die öffentlich verbrannt wurden — auch von Ihnen, Herr Staatsrat, mit dem Wolfsgeheul: Wehe über Kotzebue, den arglistigen Erzknecht! . . . den grausamen Verräter!“

„Ah — sehr gut!“ Der Agent des Zaren nahm geschäftig das Blatt an sich und legte es auf den Schreibtisch.

„Ich wurde entdeckt und verfolgt!“ stöhnte der Kandidat Mummenthey. „Einer der Wildesten von Jena — und das will etwas heissen — zielte mit dem blanken Dolch nach meinem Herzen! Gottlob: Ich war durch Ihre hohen Verbindungen in Esthland, Herr Staatsrat, ein Jahr dort Hauslehrer und habe mir ein Koller aus gegerbtem Elenfell mitgebracht, wie man es in jenem Lande trägt. Dies Leder fängt jeden Stoss auf. Ich hatte es der Herbstkälte wegen untergezogen. Es hat mir das Leben gerettet!“

„Kennen Sie den jungen Ideologen, der sich so unschicklich an Ihnen vergriff?“

„Ich werde ihn dem Herrn Staatsrat in persona hiesigen Orts weisen können, denn der Monsieur ist noch vor mir heute Nacht mit einem Freund nach Weimar durchgeritten. Der Postmeister in Erfurt, der ihn kennt, hat es mir berichtet. . . .“ Ein tränenreicher Augenaufschlag. „Wie ist es mit meinem Schmerzensgeld, Herr Staatsrat?“

Als der Kandidat Mummenthey eine Viertelstunde später das Haus des Dichters Kotzebue verliess, hatte er noch feuchte Augen der Zerknirschung, aber er trällerte schon wieder liederlich vor sich hin und klingelte, auf dem Weg zu Kneipe, im Hosensack mit dem Schock harter Taler, in die sich in deutschen Landen die rollenden Rubel des Zaren gewandelt hatten.

Und drinnen schritt der Staatsrat von Kotzebue in wehendem Schlafrock auf und nieder und diktierte seinem Schreiber den eiligen Geheimbericht nach Petersburg.

„Particulièrement c’est un nommé Chrétien Ellerbrook . . .“ Er unterbrach sich. „Wenn Sie mit dem Französischen nicht so rasch ins Reine kommen, so übersetzen Sie es nachher!“ Er fuhr auf deutsch fort: „Unter den verführten Jünglingen ist vorzüglich ein gewisser Christian Ellerbrook, ehedem kurfürstlich kölnischer Untertan und schon als ehemaliger Lützower einer üblen Gesinnung verdächtig, um so eher zu nennen, als er in dem berüchtigten Jena, diesem Schlupfwinkel aller freiheitlichen Verworfenheit, studiert und sich zum Überfluss nicht entblödet, zur Zeit, in der ich dies schreibe, unmittelbar nach den politischen Saturnalien auf der Wartburg, herausfordernd das Weimarer Pflaster zu treten. Auf sotanen Ellerbrook wäre, nach meinem untertänigsten Ermessen, ungesäumt von Petersburg aus die Aufmerksamkeit einer hohen österreichischen und preussischen Central-Polizeibehörde zu lenken!“

Der Studiosus Ellerbrook wanderte inzwischen an der Seite seines Freundes Helmich in seiner verwegenen schwarzen Burschentracht mit blossem Hals und langen Haaren über weissem Umlegekragen durch die Gassen von Weimar dem Graben zu. Er schwenkte das Samtbarett mit den schwarzweissen wehenden Federn und begrüsste mit einem: „Heil, Ihr Burschinnen!“ die kichernden Bürgermädel. Er runzelte grimmig die Stirne.

„Bruder: dort kommt ein Schnürling in polnischem Rock nach welscher Mode und einem schwarzen Seidenlappen um den Hals. Ich will über die Strasse und den Gecken fragen, ob er ein Deutscher ist!“

„Du wirst hier keine Händel mit der Noblesse anfangen.“ Der Assessor und Kammerjunker zog den Widerstrebenden weiter. Christian Ellerbrook sang laut und wohltönend zu den alten Bürgerhäusern empor:

„Türme und Stürme sind wir, die Zügel und Flügel!“ . . .

„Still!“

„Es ist ein altes Vorrecht der Jenenser Burschen, mit Gesang in Weimar einzuziehen!“

„Du bist aber schon in Weimar!“ Der Assessor blieb vor einem schmalen, hochgiebligen Bürgerhaus stehen. „Wir sind am Ziel. Hier wohnt die Göttliche. Zusammen mit ihrem verwitweten Vater! Poltere vor ihm nicht, wie Ihr es pflegt, gegen Gamaschendienst und Korporalstock. Der Herr von Laubisch ist, bei aller Liberalität seines Kunstsinns, ein abgedankter Major.“ Er trat mit dem Freund ins Haus. „Ich höre Stimmen aus dem blauen Salon. Es ist schöne Welt um sie. Wir wollen sie überraschen!“ Er blieb stehen und wies verklärt durch die offene Flügeltüre —: „Da sieh!“

Es war ein halbrunder, blaugetünchter Raum, dessen hohe Fenster sich auf den herbstbunten Garten und das weithin dahinter gewellte, regengraue Thüringer Land öffneten. Sparsam und steif die weissgoldenen Empiremöbel längs der schwarzen Scherenschnitte an den Wänden. Ein halbes Dutzend junger Damen sass da beisammen, hochgegürtet, in duftig wallenden dünnen Gewändern, den Blumenaufputz der grossen Schutenhüte über Stickrahmen und Häkeleien gebeugt.

Ein junges Mädchen las mit sanfter und seelenvoller Stimme aus einem goldbepressten roten Saffianbändchen vor. Sie war die einzige, die nicht, wie ihre zu Besuch gekommenen Freundinnen, im Hut war, sondern als Haustochter unter einem weissen Spitzenhäubchen wirre braune Locken sich um die weichen, einem Pastell des achtzehnten Jahrhunderts gleichenden Züge ringeln liess. Zart und mittelgross trug sie ein mit roten Rosen und grünen Blättern besticktes weisses Empirekleid nach Wiener Mode mit fünffach gepufften Ärmeln und Rosen in dem vorn gelockten und nach hinten griechisch geknoteten Haar. Die weissbestrumpften, in gemsenfarbenen, absatzlosen Bänderschuhen steckenden schmalen Füsse waren in bewusster, plastischer Anmut gekreuzt, während sie leise las.

„Euch drückte schwer das heimatliche Land.

Ihr trugt’s nicht mehr. Drum wandertet Ihr aus!“

„Das ist sie, Christian“, flüsterte der Weimarer Kammerjunker verklärt. „Urteile selbst, Bruder: Ein monniges Kind!“

„Verklärtes Blau! O hoffnungsgrüne Flut!

Die Wunde heilt und alles wird nun gut!“

Die feine Mädchenstimme schwang in Schmerz:

„Das Schiff auf Klippen treibt, dass es zerschellt!

Die Todesangst erfasst die eben Frohen —

Sei, Himmel, Du beseligend ihr Ziel,

Sie, deren Herz gestrandet wie ihr Kiel!“

Die schöne Friderique von Laubisch schloss ergriffen. Sie hob den kindlichen Kopf. Der braune Augenaufschlag war feucht, mit dem sie dem Fremdling eine kleine, klassisch geformte Hand hinstreckte.

„Nun — was sagen Sie, als Neuling in unserem Kränzchen, zu diesem Poem, Herr Studiosus?“

„Den Leuten geschieht es recht, dass sie ertrunken sind!“ Der Schwarzrock liess sich gestiefelt und gespornt, mit gefährlich funkelnden dunklen Augen auf einem Taburett nieder. „Warum haben sie ihr Vaterland verlassen wollen?“

„Um Gottes willen!“ Friderique von Laubisch fuhr ungläubig erschrocken zurück.

„Er kommt aus Jena!“ warnte ihr Verlobter.

„Doch dies erklärt nicht die Rauheit Ihres Urteils, mein Herr!“

„Nicht ich urteile, Demoiselle! Unser herrlicher, verklärter Fichte urteilt. „Der Begriff, in welchem der Mensch sein Leben als ein Ewiges erfasst’, hat er der deutschen Nation zugerufen, ‚ist seine Liebe zu seinem Volk! Liebe, die wahrhaftige Liebe sei!‘“

„Hier handelt es sich um eine höhere Geistigkeit, mein Herr!“

„Es gibt nichts Höheres, Demoiselle! ‚Volk und Vaterland, als Unterpfand der irdischen Ewigkeit, liegt weit über alles hinaus‘ hat uns Fichte vor vier Jahren gelehrt, ehe wir in den heiligen Krieg zogen. Dafür ist er selber gestorben. Dafür sind, an meiner Seite, unser Körner, unser Friesen gefallen. Und Schill. Und Scharnhorst. Aber ihre Heldenseelen leben!“

„Mein Gott: Man könnte sich ja vor Ihnen fürchten!“ Ein blondes junges Mädchen sprang kichernd auf und schnappte mitten im Wort ab, bei dem schneidenden Klang drüben:

„Lachen Sie nicht, Demoiselle, über feierliche Dinge. Wer vom Vaterland spricht, dem ziemt Ehrfurcht und Ernst!“

Donnere meine Schwester nicht so grimmig an, Christian!“ sagte der Assessor von Helmich. „Die Theora ist ja ganz blass geworden! Die Damen sind diesen rauhen Burschenton nicht gewöhnt!“ Er wandte sich, selbst doch wieder halb lachend, zu den andern Fräulein. „Das sind die Wilden von Jena! Und dabei sind sie dort noch zahm gegen die Haarscharfen in Giessen!“

„Wir sind schöne Geister, mein Herr!“ Das feine Antlitz der braungelockten Friderique war so gekränkt und erbittert, als seine gefühlvolle Weichheit es zuliess. Der ehemalige schwarze Lützower Jäger wandte ihr seine gebräunten Züge zu. Seine dunklen Augen blitzten über dem dunklen Schnurrbart.

„Wir wollen deutsche Geister und Leiber sein, Demoiselle — Mann und Weib — und ein neues starkes Geschlecht in die Zukunft fortpflanzen!“ Er schaute sich freimütig, die weissen Zähne zeigend, im Kreise um. „Dazu helfe uns Gott!“

Die Damen schauten betreten zu Boden. Nur das Fräulein von Laubisch warf den tränenschweren braunen Ringelkopf in den Nacken.

„Wir sind hier Weltbürger, mein Herr Studiosus aus Jena!“

Der blaue Rundraumn hallte von einem heissblütigen Lachen des Zorns.

„Dies teutsche Bunt hier, in dem ein Maikäfer in fünf Minuten auf der Landkarte fünf Fürstentümer bekleckert — das ist für Euch, auf zehn Postkutschenmeilen in der Runde, die Welt! . . . Fahnenflüchtlinge seid Ihr aus der deutschen Welt! Lieber will ich Jena in Asche verkehren, als mit Euch in Weimar hausen!“

„Oh, welch ein Blauermontags-Ton“, wandte sich Friderique in bangem Kummer zu den Freundinnen.

„Weltbürger!“ rief hochaufgerichtet, breitbeinig dastehend mit flammenden Augen der Student aus Jena. „Wir — der Bruder Helmich da und ich — wir sind Weltkrieger! Wir haben die Welt in Wahrheit gesehen — aber die Welt in Waffen! Und über ihr das apokalyptische Tier, das Korsica ausspie! Wir deutschen Jünglinge haben den Drachen vom güldenen Stuhl gestürzt! Soll ich meinen heiligen Schwarzrock aufreissen und Euch meine Narben zeigen?“

Die Damen erschraken noch mehr. Das Fräulein von Helmich legte in einem leisen Schauer die Hand vor die Augen. Friderique, die Haustochter, lief auf einen alten Herrn zu, der durch die Seitentür eingetreten war. Er trug einen grauen Knebelbart in dem feinsinnigen, verwitterten Gesicht. Seine straffe Haltung verriet auch in dem bräunlichen, auf Pikeschenart mit Quasten verschnürten Oberrock den alten Husaren.

„Vater! Er weiss nicht zu leben!“ wehklagte sie. Und drüben die heisse junge Stimme:

„Aber zu sterben haben wir gewusst — bei Leipzig und Waterloo! Ihr habt’s nicht gehört, das Brausen in unseren Reihen, als drüben die Carré’s der Alten Garde wankten und wir unsere Gäule in den Bajonettwald warfen, Vater Blücher voraus!“

„Bravo!“ schrie der alte Major George von Laubisch und sein künftiger Schwiegersohn, mit einem Blick auf Christian Ellerbrook:

„Er war im Feld ein Gesell, vor dem der Teufel den Schwanz einkniff, ohne Fladduse zu melden!“

„Und was habt Ihr inzwischen hier gemacht?“ sprach der schwarze Student plötzlich unheimlich ruhig. „Ihr habt, wie man uns heimgekehrten Burschen in Jena berichtet hat, Mummenschanz getrieben und Schäferspiele veranstaltet und Scherenbilder geschnitten . . .“

„Vater! Er kränkt mich mit Bedacht!“

„Christian: Die antikischen Silhouetten an den Wänden sind doch von dem Fräulein des Hauses!“

„Die Demoiselle hätte besser Verwundete gepflegt! Aber Eure Ohren waren taub für den Sturm des Herrn! Die zweitausend Kanonen, die bei Leipzig um Deutschlands Freiheit zum Himmel brüllten, die habt Ihr nicht gehört. Doch für das Gegacker eines wälschen Sängers habt Ihr Euch im selben Jahr hier in der Komödie die Hände wund geklatscht!“

„Vater! Er zerstört unsere ganze schöne Welt!“

„Die Franzosen galten Euch wie Deutsche! Ihr habt mit ihnen scharmutziert und getafelt. Euch hat das Herz nicht geblutet, dass unser Vaterland von ihnen ausgesogen und geplündert war — dass Danzig und Hamburg französische Städte waren — dass sie in meiner Vaterstadt, dem heiligen Köln, die Marseillaise gespielt haben und den ganzen deutschen Strom hinauf die von ihnen verbrannten deutschen Burgen stehen. Bis zur Elbe herrschte über deutsche Fürsten der Antichrist. Ihr nahmt ihn für einen gnädigen Herrn! Aber wir deutschen Jünglinge sind ungnädig geworden. Wir wollten nicht länger das Gespött der Völker sein!“

„Es ist nicht die Aufgabe des Frauenzimmers, sich mit Staatsaffairen und Kriegshändeln zu befassen!“ sprach das Fräulein von Laubisch blass und mit schwankender Stimme. Der Student von Jena nickte.

„Gut, Demoiselle! Aber um Deutschland soll sich das deutsche Frauenzimmer sorgen! Habt Ihr Euch je, ausserhalb Eurer schönen Geister, Eurer Brüder und Schwestern im Volk entsonnen? War Euch der Bauer nicht ein Rüpel und der Handwerker ein Tölpel und Ihr wart in Griechenland und im Mond? Das ist bei uns anders. Wir sind im Krieg Bügel an Bügel in der Schwarzen Schar getrabt und haben den Nebenmann nicht gefragt: Bist Du ein Schneidergeselle oder ein Fürstensohn? Uns ist im Frieden jeder Deutsche ein Bruder, wenn er nur ein rechter Deutscher ist. Bei uns in Jena sagt jeder Bursch vom Grafen ab zum andern ‚Du’!“

„Eure Tempel stürzen zusammen!“ sagte der Kammerjunker von Helmich halblachend zu dem Hausherren. Der wandte den knebelbärtigen, durchgeistigten Kopf immer wieder besorgt nach dem offenen Seitenraum, aus dem ein dort neben aufgeblätterten Kupferstichen stehender Besucher ihm nicht über die Schwelle gefolgt war. Man hörte nur ein paarmal von dessen Lippen ein tiefes, unbestimmtes ‚Hm‘!

„Wir haben ihm unser Haus so willfährig geöffnet!“ Friderique schüttelte ihre braunen Locken. Tränen standen in ihren seelenvollen Augen. „Aber der junge Herr hat Manieren an sich, wie sie auf der Hauptwache üblich sind!“

Der Student von Jena sah sie freundlich, fast ermunternd an. „Das ist mein ständiges Missgeschick!“ sagte er. „Wo ich hinkomme, gebe ich den Gerechten und Selbstgerechten Anstoss und muss weiter. Ich kann meine Zunge nicht zähmen. Denn die Zeit spricht mit feurigen Zungen. Gestern Abend sind gegenüber der Wartburg die Feuer zum Himmel geschlagen, und wir Burschen taten Hand in Hand ein heiliges Gelübde zu Deutschlands Ehren!“

„Man hat an hohem Ort schon Rapport von Eurer Ketzerverbrennung erhalten!“ Wieder blickte der Major von Laubisch besorgt nach dem Gast im Nebenzimmer. Jetzt trat jener zu den Herren und Demoisellen in das blaue Gemach. Seine mehr als mittelgrosse, steif aufgerichtete Gestalt war in einen dunkelbraunen zugeknöpften Schossrock gehüllt. Um den Hals schlang sich ein weisses, kreuzweise durch eine goldene Nadel zusammengehaltenes Seidentuch. Darüber ragte das von kurzem weissgrauem Gelöckel bedeckte majestätische Haupt eines angehenden Siebzigers mit schmalen, eingefallenen Lippen und gebieterischer Hakennase. Unter einer mächtigen Stirn brannten zwei schwarze Sonnen von Augen.

Der Gast schritt in steiler Haltung, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer nach der Flurtüre. Er nickte väterlich den schönen Kindern zu, die, wie ein farbiges Blumenbeet, in einem tiefen, stummen Knicks in sich zusammenblätterten. Im Vorbeigehen ein durchdringender Sonnenblick auf den Studenten von Jena. Noch einmal, in sich hinein, dies seltsame, halb wohlwollende „Hm‘. Dann draussen seine warm klingende, tiefe Stimme zu dem Hausherrn, der ihm ehrerbietig selbst die Türen öffnete.

„Die Gelegenheit des Einblicks in die junge Torheit war nicht so übel! Wenn nur die Alten keine solchen Esel wären! Denn die verderben eigentlich das Spiel! . . . Nun — den Rest der Kupferstiche, mein Bester, durchschauen wir morgen. Die Equipage? Nein — ich gehe zu Fuss.“

Es war, als wandelte der Landesherr selber, gemessen und bedächtig, die Hände immer auf dem Rüden, durch die Gassen von Weimar. Die Bürger dienerten ehrfurchtsvoll in ihren Ladentüren. Die Marktbauern rissen die Kappen vom Kopf. Die Stadtsoldaten standen stramm. Die Beamten nahmen von weitem den Dreispiss vom Kopf. Die Damen neigten zuerst zum Gruss die Blumenschuten. Fremde standen und starrten verklärt, wie im Mekka ihrer Pilgerfahrt angelangt, dem alten Herrn nach, bis Seine Excellenz der Grossherzogliche Staatsminister Freiherr Johann Wolfgang von Goethe auf dem Weg zum Schloss ihren Blicken entschwand.

Aus dem herbstbunten Parklaub des Ilmgeländes wanderte zu gleicher Zeit ein stämmiger mittelgrosser Mann von sechzig Jahren dem hohen, mittelalterlichen Schlossturm zu. Er hatte ein gefurchtes, bartloses Antlitz mit starker Nase, hoher Stirne, eingefallenem, willensfestem Mund mit breiten Kiefern und wuchtigem Doppelkinn. Abgetragen sein kurzer grüner Rock mit der schmal geknüpften, schwarzen Halsbinde und die langen grauen Hosen. Verschossen die preussische Soldatenmüsse auf dem dichten grauen Haar. Er hatte eine Cigarre im Mund. Ein paar mächtige deutsche Rüden sprangen bellend um ihn her. Er glich einem alten Forstmann oder Soldaten. Aber seine grossen Augen schauten seltsam selbstbewusst, innenstark in die Weite und sein Tritt war derb und fest wie bei einem, der über sein eigenes Land schreitet.

Zwanzig Schritte hinter ihm gingen zwei Leibjäger, den Hirschfänger zur Seite. Am Eingangstor des Schlosses erstarrten die wachehaltenden Husaren zu grünen, goldverschnürten Statuen mit präsentiertem, blankem Säbel. Der Landesherr stieg die steinerne Treppe zum zweiten Stock in das Bernhardzimmer empor, wo von der Wand zwischen Waffen des Dreissigjährigen Kriegs das Bildnis seines grossen Vorfahren Bernhard von Weimar auf ihn niederschaute. Ein Hauch von Wald und Feld wehte mit ihm, von feuchten Herbstblättern und in ewiger Urkraft dampfender Erde. Er warf formlos seine preussische Generalsmüsse auf den Tisch.

„Du bist doch ein närrischer Kerl!“ sprach Karl August von Weimar gemütlich zu der feierlichen Verbeugung seines Ministers von Goethe, setzte sich und griff, in der Gewohnheit rastloser Tätigkeit, nach einem Blatt Papier auf dem Tisch. Die kräftige, naturnahe Sinnlichkeit, die auf seinen derben Zügen spielte, verlor sich in das immer noch halb belustigte, halb bedenkliche Kopfschütteln des Landesvaters.

„Eine neue Niederkunft Monsieurs Oken in Jena?“

„Füglich wohl nur Einer der Paten!“ sprach Goethe gemessen. Auch er hatte Platz genommen. Aber er hielt sich kerzengrade, in der Strenge des Staatsdieners aufrecht. „Hier der erste Bericht von dem Wartburgfest gestern Abend!“ Ein leises Behagen. „Die unartigen jungen Leute haben unter anderem die Schriften des Herrn von Kotzebue öffentlich verbrannt!“

„Das gönne ich Deinem Feind!“ Der Grossherzog lachte herzlich und wurde wieder ernst, während er den kurzen Bericht beiseite legte. „Aber die Folgen? Wenn uns nun der Metternich wegen dieser jungen Feuercensoren schnickt? Du hast immer vor diesem Burschenfest gewarnt!“

„Aber nun ist es geschehen, und wir werden uns nun eben wunderlich durchdrücken müssen!“ Ein Lächeln um die Lippen des Olympiers, „Im Prinzip, Revolutionären vorzubeugen, stimme ich ganz mit den Metternichen überein, nur nicht in den Mitteln dazu; die nämlich rufen die Dummheit und die Finsternis zu Hilfe, ich den Verstand und das Licht!“

„Recht, lieber Alter!“

Und plötzlich verjüngten sich Goethes Züge in einer sonnigen Heiterkeit über das Wartburgfest.

„Es ist ein allerliebstes Wesen“, sagte er, „wie die Jugend überhaupt mit allen ihren Fehlern, von denen sie sich zeitig genug verbessert! Aber wir müssen jetzt niederschlagende Pulver anrühren, damit unseren lieben Brauseköpfchen nichts geschieht!“

Drittes Kapitel

„Es ist verdriesslich, Kriegsbruder Christian, dass ich Dir nicht vor Deinem Gasthof Adieu bieten kann, wenn Du heute Morgen wieder nach Jena abreisest. Aber es ist eine Session im ersten Departement des Staatsministeriums anberaumt, und ich bin protokollierender Assessor. Kannst Dir schon denken, worum es geht. Eure Burschenfeuer ob Eisenach machen hier uns verantwortlichen Staatsdienern seit Tagen die Köpfe heiss und werden es noch Wochen und Monate lang tun!

„Frei gesprochen, Bruder, ist es Zeit, dass Du wieder die Ilm mit der Saale vertauschst. Du hast in diesen drei Tagen hier genug Embarras in der Weimarer Geruhsamkeit angerichtet. Man fand mässigen Geschmack an Deinem wilden Wesen. Man gab zu, dass in Dir Verstand und Feuer wohnt, doch dass es sich in ungehobelter Weise, nach Eurer neuen Jenaer Art, äusserte.

„Besonders hast Du die Frauenzimmer betrübt und verwirrt! Die guten Kinder bangen sich vor Deinen aufrührerischen Worten und werden sie doch nicht los! Gestern, bei einem Schälchen Tee bei meiner Schwester, stritt die schöne Welt stundenlang darüber, in wie weit ein heroischer Mann einem gesitteten vorzuziehen sei, und beklagte, dass bei Dir der Heroismus der Sitte entbehrt. Noch vorige Woche, vor Deinem Einbruch, hätte man den Heroismus zu den Tugenden der Barbaren gerechnet. So hast Du inzwischen die Geister umgemodelt!

„Lass mich von Friderique sprechen! Noch bin ich nicht in schicklicher Form mit ihr verlobt. Aber es ist an dem, und um so mehr schmerzt es mich, dass Du sie vorgestern mit Deinem rauhen Ungestüm aus ihrem sanften Dasein gerissen hast. Seitdem ist mein Mädchen, wie sie mir gestern klagte, von Trauer und Unruhe erfüllt, dass es soviel Wildheit auf der Welt giebt. Sie ist Dir gram. Sie möchte alles — nur nicht Dir noch einmal begegnen.

„Was mich anlangt, ich stehe zwischen Euch beiden — dem Freund und der Geliebten. Ich verstehe Dich. Denn wir haben zusammen die Säbel wider den Erbfeind geschwungen, und ich verstehe Friderique. Denn ich nenne Weimar — wie Bethlehem in Juda so klein und so gross — meine Heimat.

„Na — Kerl — aus Eurem Brausen wird sich schon der Wein keltern! Mit Dir muss man freiherzig reden! Also singe und raufe Du in Jena — dafür hat es Gott nach allgemeinem Urteil erschaffen —, aber halte dich künftig in politicis zurück, als sei es heisses Eisen. Im Vertrauen: der Rotzebue hat schon einen Bericht an den Zaren gesandt. Auch die Spitzel des Herrn Staatskanzlers von Metternich waren unter Euch arglosen Burschen am Werk. Gott weiss, was sich dort überall zusammenbraut. Nun — Du erhälst von mir nach Jena rechtzeitig geheimen Bescheid, wenn hier etwas gegen Dich in Gang kommt. Auf alle Fälle wird es bis dahin Monate währen. Denn der Weg der Briefe bis Petersburg und zurück ist lang, zumal jetzt bei einfallendem Winter! Gott befohlen! Karl Helmich, einst nicht so zahm, sondern im Heiligen Krieg ein Kerl wie Du!“

Der Studiosus Christian Ellerbrook schob das Schreiben in die Tasche seines schwarzen Burschenrocks, holte statt dessen eine Pistole heraus und Feuerte einen blinden Schuss ins Leere, dass das Treppenhaus blauqualmend dröhnte.

„Eure Hausknechte sind taub. Niemand kommt, wenn ein honoriger Bursch läutet!“ sprach er zu dem heranstürzenden Wirt und Gesinde, während sich rings die Türen entsetzter Gäste öffneten. „Man soll ungesäumt meinen Mantelsack auf meinen Gaul unten schnallen.“ Er lud schon wieder geübt mit Pulver ohne Pfropf und Blei. „Sonst mache ich das ganze Haus zur Schützenbude!“

Unten vor dem Gasthof stand im Regengeriesel ein uralter Riese von einem Mietross, hängenden Haupts, knickenden Knies, aber mit knochiger Rippe beinahe den Hausknecht überragend, der ihn hielt. Christian Ellerbrook zählte dem Mann aus seinem Lederbeutel fünf thüringische Groschen als Trinkgeld auf die Hand. Er drückte sich das schwarze Burschenbarett fester auf den gebräunten Römerkopf. Über dem dunklen, kleinen Körnerschnurrbart funkelten die dunklen Augen.

„Wehe über Weimar!“ sagte er zu den verblüfften Mägden, die vom Neptunbrunnen Wasser holten, „Weimar, wache auf!“ wandte er sich an den alten Polizeidiener auf dem Bürgersteig. „Weimar — werde deutsch!“ rief er mit schallender Stimme über den Marktplatz, dass es vom Cranach-Haus widerhallte. Er schob den bespornten linken Stiefel in den Steigbügel und zog ihn zögernd wieder zurück.

Aus dem kleinen Modemagazin an der Ecke trat, von dem Kaufmann dienernd herauskomplimentiert, Friderique von Laubisch. Sie wandte ihr weiches und seelenvolles, von den braunen Locken sanft umschmeicheltes Gesicht zu dem tränenden Himmel und spannte einen kleinen bunten Parapluie auf. Er schützte kaum ihren rosenbesetzten Schutenhut vor dem Regen. Aber ihre schlanke Gestalt war eng bis zu den Knieen in einen bunten Kaschmirschal in jenem klassischen Faltenwurf gewickelt, wie ihn Madame Henriette Hendel-Schütz auf ihren mimischen Soiréen der Sozietät lehrte.

Sie führte, um nicht durch Alleingehen auf der Strasse aufzufallen, als Chaperon ein zehnjähriges Mädchen an der Hand. Der trippelnden Kleinen reichten die mit Spitzenkanten besetzten weissen Höschen unter dem Knieröckchen bis zu den Knöcheln. Völlig in ein Gespräch über den Einkauf vertieft, den das Kind trug, kamen die Beiden auf den „Erbprinzen“ zu, und in den Augen des Schwarzrocks, der neben seinem Gaul stand, war ein Lachen über das merkwürdige Spiel des Zufalls, dass der Kammerjunker von Helmich nicht zum Abschied kommen konnte und das wahrscheinlich seiner Angebeteten erzählt hatte und der Wille Gottes das Fräulein Friderique gerade jetzt hier vorbeiführte . . .

Beim Lüften seines Burschenbaretts schaute die Schöne erst auf. Sie war blass. Ihre blauen Augen ruhten mit dem Vorwurf eines leidenden Lammes auf dem verwegenen Jenaer Bursch im schwarzen Rock.

„Es ist wohlfeiler Crèpe de Chine aus Hamburg in dem Laden drüben eingetroffen“, sagte sie mit unsicherer und schmerzlicher Stimme wie zur Erklärung. „Ich kaufte einige Ellen zu einem Schärpenkleidchen für mein Schwesterchen.“ Die Kleine knickste. Wieder ein trauriger Blick von drüben. „Ich muss leider kaltsinnigen Abschied von Ihnen nehmen, Herr Studiosus!“

„Ja, ich besorge, ich habe es bei Euch verfehlt!“ Christian Ellerbrook gab lachend die Zügel seines Gauls dem Hausknecht zu halten. „Das ist mein gemeines Los. Deutschland und vorzüglich Weimar ist ein Wolkenkuckucksheim. Aber wir Schwarzen trommeln Euch schon noch wach!“

„Oh, lästern Sie nicht unser Athen an der Ilm!“ Friderique hob schmerzlich die langen, vom Schutenhut beschatteten Wimpern. „Man trifft in dieser Stadt mehr Anmut und Bequemlichkeit als irgendwo!“

„Hole der Kuckuck Anmut und Bequemlichkeit!“ Christian Ellerbrook stiefelte langsam, sporenklirrend neben Friderique von Laubisch und ihrer kleinen Beschützerin den Bürgersteig entlang. „Danach fragt ein Bursch in Jena keinen Deut, sondern nach Freiheit und Ehre.“

„Die edelsten Geister sind hier versammelt!“

„Wer wird nicht Ehrfurcht vor dem Herrn von Goethe und dem verstorbenen Herrn Professor Schiller empfinden?“ sprach der Student. „Aber der Brite stiehlt das Meer, der Wälsche stiehlt das Land, und der Teutsche schlägt indes die Leyer! Das mag in Weimar angehn. Aber es gibt viele andere Länder und Städte, soweit die deutsche Zunge klingt. In ihnen herrscht die gemeine deutsche Not.“

Er schritt in seinem Radmantel, der seinen schwarzen Rock und das Eiserne Kreuz der Freiheitskriege gegen den Regen deckte, neben dem Fräulein von Laubisch längs der Häuserreihen am Markt. Die langen Haare flogen ihm im Herbstwind um den blossen Hals. Friderique seufzte.

„Der Herr von Helmich hat Sie bei uns eingeführt — er, der gelindeste unter allen Männern!“

„Das werden die Franzosen von ihm nicht erzählen!“

„Ich hoffte, Sie wären seines schönen Schlags! Wie habe ich mich getäuscht! Man kann sich keinen schmerzlicheren Zustand denken, als der, in den Sie mich versetzt haben! Sie haben mit rauher Hand die Altäre umgestürzt, auf denen ich der Freundschaft und Schönheit opferte.“

„Das ist der Sturm von Jena, Demoiselle!“

„Das gibt mir einen traurigen Begriff von Ihrem dortigen Aufenthalt. Von Duellen und Schlägereien von dort zu hören, waren wir gewohnt, von Tumulten um das Billard und Pereatrufen auf dem Markt! Aber dass dies brausende Wesen sich jetzt in das Geistige aufbläht . . .“

„in den deutschen Geist . . .“

„. . . und dass es nicht leicht ist, ihm zu widerstehen!“ Friderique kamen die Tränen. „Es ist die kalte Verneinung der gesitteten Welt, die meine Welt ist. Und doch werde ich irre an meiner Welt!“

„Hört’s, Ihr da oben: Körner und Schill!“

„Der Herr Major von Schill war ein Preusse. Sie sind kein Preusse. Warum werfen Sie sich zum Engel mit dem feurigen Schwert auf und wollen uns aus unserem Paradies an der Ilm vertreiben?“

Sie hatten schon einmal den Marktplatz umschritten und begannen ihre Wanderung zum zweiten Mal. Das Kind trabte verfroren an Frideriques Hand nebenher.

„Ich bin in Köln, in des heiligen Reichs Pfaffengasse geboren“, sagte der Student von Jena. „Ich habe alle Ohnmacht des heiligen Reiches am deutschen Strom gesehen. Ich fand mich, einen deutschen Jüngling, vom linken Ufer des deutschen Rheins mit sechzehn Jahren als Bürger des französischen Kaiserreichs. Unter wälscher Herrschaft, mitten im Lande Wittekinds, büffelte ich als Student in Münster die Naturwissenschaften. Ich sollte eben als deutsches Kanonenfutter für die Grosse Armee des korsischen Ungeheuers ausgehoben werden, da hat ihm der Brand von Moskau den Weg zur Hölle geleuchtet. Ich sammelte Jünglinge in Münster um mich. Ich wollte in Westfalen die deutsche Freiheit ausrufen. Ich musste vor deutschen Fürstenknechten in wälschem Sold nach Preussen fliehen. In Breslau bin ich den Lützowern beigetreten. Kein Treffen, wo ich nicht dabei war. Ich bin mit Vater Blücher übern Rhein und nach Frankreich hinein und hab, wie wir geschworen hatten, mein Ross in der Seine getränkt. Ich hab ein Jahr darauf bei Ligny mitgefochten und zum glorreichen Ende bei Waterloo! Ich kam nach Köln zurück, wo meine Familie seit vielen Menschenaltern die Apotheke zu den Heiligen Drei Königen führt, und fand meinen Vater mir gram, weil ich zu den Preussen gegangen war. Er will nichts davon wissen, dass er jetzt selbst ein Preusse ist. Sein Herz hängt an der alten kurfürstlichen Bischofszeit. Immerhin schickt er mir regelmässig zu leben, so dass ich meine Studien in Jena beschliessen kann, wo allein in Deutschland unter dem edlen Karl August die Geistesfreiheit blüht!“

„So spricht ein Preusse!“ sprach Friderique schmerzlich.

„Nein. Ein Deutscher!“ schrie der Student. Er stand neben seinem regentriefenden trojanischen Pferd. „Das ganze Deutschland soll es sein!“ singt unser Arndt. Und alle guten Deutschen einander gleich! Freies Reich! Alle gleich! Heisa juchhe!“

„Die Leute laufen ja auf dem Marktplatz zusammen, Monsieur!“

„Hört’s nur, Ihr Siebenschläfer, Ihr Tuckmäuser, Ihr Bönhasen!“ Der Student kletterte in den Sattel. „Grüssen Sie Bruder Helmich von mir, mein Fräulein!“

„Ich bange schon, wenn Sie wiederkommen und von neuem unsere Residenz in Trubel bringen!“ klang es leise von unten. Ein Lachen oben unter dunklem Schnurrbart.

„Unbesorgt! Mir behagt der Markt von Jena mehr. Von dort aus streitet es sich besser gegen alle Bösen und Buben. Hier in Weimar weht mir eine zu dünne Luft. Ich komme nicht wieder. Ich wünsche wohl zu leben, Demoiselle!“

Der Studiosus Ellerbrook schwenkte das Federbarett und ritt über das Marktpflaster in der Richtung nach dem Brühl davon, und das Fräulein von Laubisch sah ihm, das Schwesterchen an der Hand, tränenschwer nach.

Viertes Kapitel

Durch die Gassen von Weimar donnerte im ersten, leisen, vorweihnachtlichen Schneeflockengestiebe eine vierspännige Glaskarosse und hielt gegenüber der grossherzoglichen Residenz, vor den Ministerien des Gelben Schlosses. Der Staatsminister Karl Wilhelm von Fritsch, ein angehender Fünfziger, ein Sohn und Enkel schon sächsischer Minister, stand zum Empfang des Besuchers hochselbst am Eingang, blossen Haupts, mit einem ehrerbietigen Lächeln auf den geistreichen, glattrasierten Zügen, die mehr den Dichter in Mussestunden als den Staatsdiener im Hauptberuf verrieten, und begrüsste voll tiefen Respekts den aussteigenden Fremden mit dem hechtgrauen Cylinderhut auf dem weissen Kopf und in einfachem rostbraunem Reisemantel und geleitete ihn in das Innere.

Gleich darauf kam eine zweite Hofequipage vor dem Gelben Schloss zum Stehen. Wieder empfing Herr von Fritsch mit gleicher feierlicher Höflichkeit einen betagten Diplomaten mit lebhaften dunklen Augen und magyarischem Gesichtsschnitt und stieg zu seiner Linken an den sich tief verbeugenden Beamten des ersten Departements des Inneren eines Grossherzoglich Weimarischen Ministerii vorbei die Treppe zum Conferenzsaal empor.

Und zur selben Zeit griff drüben am Graben im Haus des Majors im Ruhestand von Laubisch der Assessor von Helmich erschrocken nach der dünnen, um den Hals geschlungenen und über den Achatknöpfen der Blümchenmeste schaukelnden Goldkette und zog seine Uhr.

„Ich muss mich eilends empfehlen, meine Schönen, und Sie, meine Freunde! Im Gelben Schloss erwartet mich die Historie!“

„Brauchen Preussen und Österreich wirklich Deinen Rat?“ frug seine Schwester, des klassischen Namens Theora, die eigentlich Emma hiess, ein frisches blondes Mädchen. Sie stand neben der Haustochter Friderique von Laubisch in einem Kreis von Fräuleins der Schönen Welt und jungen Cavalieren in dem blauen Rundsalon vor einem künstlerischen Bühnenaufbau von leeren Stühlen und Weinkisten.

„Ich muss in der Antichambre warten, ob man mich zum Protokollieren benötigt. Meine Damen: der Ihrige!“

Der Kammerjunker von Helmich war fort. Das Stiftsfräulein von Mengershausen, das nicht mehr die Jugend drückte, gross, knochig, berühmt durch ihre scharfen Epigramme und Satiren, sprach mit tiefer männlicher Stimme:

„Wir müssen das lebende Bild ohne ihn weiter proben. Nächste Woche ist doch schon der klassische Redoutenaufzug im Stadthaus. Wir stellen an Monsieur Helmichs Plag als Apollo Musagetes einen Haubenstod! Vorwärts, Homer!“

Homer war ein ältlicher, durchgeistigter Hofmann in zeisiggrünem Frack und engen schwarzen Beinkleidern. Er setzte sich majestätisch in die Mitte, eine zusammengerollte Nummer des Ludwig Wielandschen „Patrioten“ wie eine Urschrift der Ilias auf das übergeschlagene Knie gestemmt.“

„Wir folgen in unserem Bild ‚Homers Apotheose‘ strictissime der Beschreibung, die Herr von Goethe von dem antiken, im siebzehnten Jahrhundert zu Marino gefundenen Basrelief gibt: Ilias und Odyssee knieen fromm an meiner Seite. Von hinten bekränzt mich Eumelia. Mythos als bekränzter Opferknabe. Historia streut Weihrauch. Poesie hält ein paar Fackeln — recht so, teure Helmich! Tragödia, alt und würdig — das sind Sie, meine beste Mengershausen — Comödia jung und anmutig, hebt ihre rechte Hand. So heben Sie doch die Hand, verehrungswürdiges Fräulein von Laubisch!“

Aber die schöne Friderique ging in ihrem rosa Wiener Tüllkleid beiseite und setzte sich am Fenster nieder und stützte stumm das Kinn in die Hand. Ihr zartes seelenvolles Profil zeichnete sich braunumlockt wie ein kunstvoller Scherenschnitt von dem schneegrauen Dezemberhimmel ab. Ein leidender Tross schloss die weich knospenden Lippen.

„Setzt lieber an meine Stelle auch einen Perückenstock“, sagte sie. „Mir ist es verdriesslich, diesen alten Waldgott, den Homer, zu fetieren!“

„Was haben Sie gegen den blinden Sänger?“

„Muss es denn immer griechisch sein?“ Friderique von Laubisch schaute, den andern abgewandt, kummervoll und trotzig in das weite, kahle bereifte Thüringer Land hinaus. „Es gibt doch auch noch andere Sujets!“

„Haben Sie die Gefälligkeit, sie uns aufzuzeigen!“ bat der Homer gereizt, hoch von seinem auf Kisten stehenden Sessel. Friderique wandte den braunen, mit einem Spitzenhäubchen bedeckten Kopf leise der Gesellschaft zu.

„Wir leben doch in Deutschland“, versetzte sie sanft. „Warum wählen wir nicht ein lebendes Bild von deutscher Art?“

„. . . der ich angelegentlichst um ein Beispiel bitte, das nicht edle Naturen durch Bärenhäuterei und nordische Nebel abstösst?“

„Man braucht ja nicht in der Vergangenheit zu verweilen!“ Friderique lächelte träumerisch. „Es ist doch um uns ein Brausen der Zeit. Warum trifft unsere Wahl eines lebenden Bildes nicht den Aufruf des Königs von Preussen ‚An mein Volk‘ — wie die Jünglinge begeistert zu den Waffen strömen — wie in der Schenke in Breslau Bräute, Mütter, Schwestern die freiwilligen Jäger zum Eintritt in Lützows Wilde Verwegene Jagd segnen!“

Ein Schreckensschrei der Schöngeister durch das blaue Rundgemach.

„Friderique — Du fieberst! Was geht uns Preussen an?“

„War nicht unser Grossherzog zeitlebens mit Ruhm und Ehren preussischer General!“ Die blasse, empfindsame Friderique sprang ungestüm auf. Ihre gefühlvolle Stimme klang viel heller und lauter als sonst. „Hat nicht unser erhabener Karl August als deutscher Fürst dem Bonaparte getrogt und eben darum vor dem Ungeheuer bestanden? Nehmt Euch an seiner aufrechten deutschen Gesinnung ein Beispiel, meine Lieben!“

„Da muss ich Fridriquen beitreten.“ Ihr Vater stand im Zimmer. Er schüttelte den feinsinnigen, schnurrbärtigen Soldatenkopf. Er wandte sich halblaut zu dem Stiftsfräulein neben ihm. „Aber es ist in Wahrheit nicht Serenissimus, der ihr vorleuchtet. Der deutschschwärmerische Geist kommt ihr von anderswo . . . Und es ist doch jetzt zwei Monate her, dass der schwarze Student wieder aus Weimar abgeritten ist.“

„Wir, die Grossmächte, führen mit Studenten Krieg!“ sprach zu gleicher Zeit im Conferenzsaal des Gelben Schlosses in Weimar der vorhin vorgefahrene preussische Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg. Er war schon nahe den Siebzig. Weltlich-sinnlich immer noch, trotz des dichten, weissgewellten Haars, sein verstandesmächtiger kantiger Kopf mit den breit ausladenden Wangen und den glattrasierten, feinen, aber in den Mundwinkeln entschlossen gefurchten Lippen. Er trug, unter der weissgeknoteten Halsbinde auf dem dunklen Schossrock das Eiserne Kreuz und den hellblauen Achtspiss des Schwarzen Adlers. Er lächelte das feine ironische Lächeln eines grossen Herrn und grossen Geistes.

„In der Tat, Euer Hoheit!“ Der Minister Karl Augusts, der Freiherr von Fritsch, nickte verständnisvoll. „Die jungen Herren in Jena können stolz darauf sein, wegen ihres flüchtigen Burschenübermuts auf der Wartburg nach Monaten die höchsten Vertreter der beiden deutschen Grossmächte in unserem kleinen Weimar vereint zu sehen!“

„Wir hatten die Ehr’, Ihrem hohen Landesherrn in Audienz aufzuwarten!“ sagte als Dritter am Beratungstisch, der auch schon bejahrte Wiener Staats- und Conferenzminister Graf Karl Zichy von Vasonykeö, der nach dem Fürsten Hardenberg vor dem Gelben Schloss aus seiner Karosse gestiegen war. „Ihr erlauchter und erleuchteter Grossherzog Karl August hat mich, als Gesandten des Staatskanzlers Fürsten Metternich, recht lieb empfangen! Wissen’s, Excellenz: das war mir nicht angenehm, Ihrem Serenissimo zwei mahnende Handschreiben unserer Souveräne in Hinsicht Eures faden Wartburgfests zu überreichen. Aber der hohe Herr hat die beiden Billeterln freimütig mit einer gewissen Fröhlichkeit entgegengenommen!“

„Er ruht ganz in sich! Er kennt keine Menschenfurcht!“

„Er hat herzlich lachen müssen, als ich höchstdemselben die Worte aus der Umgebung des Fürsten Metternich wiederholte, nur mit Zittern könne ein Vater heute noch seinen Sohn auf die Hochschule nach Jena ziehen sehen!“

„Und im selben Sinn, Hoheit,“ wandte sich der Minister von Fritsch an den Staatskanzler von Hardenberg, „hat unser Grossherzog amtlich durch unsern Geschäftsträger Müller in Berlin bestellen lassen: „Vertrauen und Mut können die gegenwärtige Aufregung der Studiosen an allen Hochschulen ersticken, Argwohn und gewaltsame Massregeln aber würden Deutschland nur verwirren!“

„Vortrefflich, Excellenz! Immerhin liegt aus Berlin eine substanziierte Denunciation über die Verbrennung eines der Wartburgbücher vor. Dieses, wie sich dessen Verfasser, der Herr von Kamptz, ausdrückt, bis jetzt allein in Weimarer Landen gefeierte literarische Autodafé . . .“

Der Minister von Fritsch klingelte und winkte dem eintretenden Assessor von Helmich, ein auf dem Tisch liegendes Blatt zu ergreifen.

„Verlesen Sie die eingelaufene Beschwerde des Herrn von Kamptz!“

„Ein Haufen verwilderter Professoren und verführter Studenten“, begann der Kammerjunker von Helmich, „haben eine durch Feuer und Mistgabeln geübte Zensur . . .“

„Übergehen wir diese Einleitung . . .“

„Unreife Solone, welchen die Ruhe und Ordnung in unserem Staate ein wahrer Greuel ist, und welchen es vorteilhafter wäre, wenn, wie in Italien, so auch in Deutschland, der rechtliche Bürger die Sicherheit vor Räubern erst von diesen selbst erkaufen müsse . . .“

„Gut gebrüllt, Herr von Kampe!“ Selbst der Fürst Hardenberg musste lächeln.

„. . . haben, einem Policey-Collegium zum Hohn, eine Scene der rohesten Barbarei . . .“

Der Minister gab seinem Assessor einen Wink zu verstummen.

„Der Kern dieses Berliner Fastenbriefs“, sagte er, „ist lediglich die Verbrennung einiger Gensdarmerie-Vorschriften, darunter auch weimarischer . . .“

„Und was hat Ihr Landesherr zu diesem Frevel gesagt?“

„Karl August hat gelacht!“

„Das dacht ich mir!“

„. . . aber zugleich ernstlich befohlen, unter allen Umständen die Wiederholung solcher Dummenjungen-Streiche zu verhindern!“

„Nun — und das wird uns also in Berlin genügen!“ Der Staatskanzler Fürst Hardenberg stand auf. Graf Zichy mit ihm. Der alte Ungar hob, um das Wort bittend, die Hand.

„Als Stellvertreter Seiner Durchlaucht des Fürsten Metternich habe ich leider noch nit die Ehr’, mich für völlig beruhigt zu erklären. — Uns graust’s in Wien vor den staatsgefährlichen Professoren in Jena, die, wie man bei uns sagt, nicht volkstümlich, sondern volksdümmlich sind. Das Laster beleidigter Majestät, heisst es, geht da auf offener Strasse umanand!“

„In dieser Hinsicht“, sprach der Staatsminister von Fritsch, „möchte ich an ein goldenes Wort Serenissimi, meines allergnädigsten Herrn, erinnern, das er seiner Zeit amtlich verlautbaren liess. ‚Mein Ehrgeiz ist‘, liess sich Karl August vernehmen, dass in meinen Landen auf eine des deutschen Nationalcharakters würdige Weise sich Licht und Wahrheit verbreite‘ . . .“

„Und ist eine Hochschule nicht eben ein wahrer Leuchtturm für Wahrheit und Wissen?“ Der schöngeistige, selbst dichtende Weimarer Minister wandte sich an den alten Wiener Grafen: „Glauben Euer Excellenz wirklich, dass ein Fürst, der solch edle Principien verkündet, seine Landesuniversität Jena mit einem catilinarischen Geist sättigt, gegen den zu wüten, wie Seine Durchlaucht Fürst Metternich sich zu äussern beliebten, Pflicht aller Regierungen sei?“

„Ja — wissen ’s: Ich kenn’ das Jena ja gar nicht!“ Der Cabinettsminister Zichy schüttelte den Graukopf.

„So folgen Euer Excellenz dem Rat, den Ihnen mein Grossherzog gab: Fahren Sie hier von Weimar die paar Meilen hinüber in das winzige Musenstädtchen, das jetzt das Sorgenkind der europäischen Cabinette ist, und berichten Sie, was Sie gesehen haben, nach Wien. Ich hoffe, dass der Herr Staatskanzler dort dann ruhiger schlafen wird!“

Hunderte von Burschen gingen an dem mondhellen, linden Dezemberabend auf dem Markt von Jena auf und nieder. Aus dem Gewimmel der schwarzen, deutschen Röcke wehten die Federn von den schwarzen Baretten. Die offenen Fenster der altertümlichen kleinen Bürgerhäuser umher waren hell und mit Menschen besetzt. Ein unbestimmtes Brausen lag über der Versammlung von Jünglingen und vereinzelt schon vollbärtigen Jungmännern mit langen Haaren und blossen Hälsen über weissem Schillerfragen. Vom Turm der Stadtkirche herunter läuteten dröhnend die Glocken.

„Da haben wir’s: Ein abscheilid’s Bild der liberté und egalité!“ Der Weimarer Gesandte Graf Zichy wandte sich in seinem offenen, auf dem Platz inmitten der Schwarzröcke haltenden Reisemagen an seine beiden Weimarer Begleiter, den Grafen Edling zu seiner Linken und, ihm gegenüber, den Kammerjunker Karl von Helmich. „Die Zusammenrottung, mein Lieber, erinnert schon an die französische Revolution. Es fehlt nur noch die Guillotine mitten auf dem Platz. Gleich werden’s mit dem Barrikadenbau beginnen — die jungen Herrn!“

Der junge von Helmich lächelte. Er winkte einem der Burschen zu, der mit verwegenem schnurrbärtigem Römerkopf und feurigen, rheinisch-dunklen Augen das Gewirr der Hüte überragte. Der Studiosus Christian Ellerbrook antwortete mit einem schallenden ‚Volunto! — Wolle! —‘, dem Mahnruf der Burschenschaft an der Ofenwand des Okenschen Auditoriums — dem Kriegskameraden. Dann erhob er die Rechte — mit ihm die andern Führer der Schwarzen Röcke und entblösste gleich ihnen mit der Linken das Haupt. Feierlich klang es aus Hunderten von jungen Männerkehlen über den Markt von Jena:

„Wem soll der erste Dank erschallen?

Dem Gott, der gross und wunderbar

aus langer Schande Nacht uns Allen

in Flammen aufgegangen war . . .“

„Es ist ein Jahrhunderte altes Vorrecht der Studenten von Jena, auf den Strassen zu singen!“ sagte in den Wagen der Assessor von Helmich zu dem Abgesandten Metternichs. „Früher hörte man rauhe Saufgesänge. Schelmenliedlein. Unartige darunter. Selbst Zoten. Seit der Gründung der Burschenschaft sind sie ausser Schwang gekommen. Man hört nur noch ernste und vaterländische Weisen!“

„. . . der unserer Feinde Trotz zerblitzte.“

Es hallte andächtig von Hunderten von Lippen in das Glockengeläute aus der Höhe.

„Der unsere Kraft uns schön erneut

und auf den Sternen waltend sitzet

von Ewigkeit zu Ewigkeit!“

„Sie sehen, Excellenz: auf den Söllern des Rathauses stehen beifällig die Professoren und lauschen.“ Baltisch gefärbt das Deutsch des neuen Staatsdieners in Weimar, des geistreichen Grafen Edling. „Vor der Hofapotheke die Bürgermädchen — schmucke Kinder — unbehelligt von den ernsten jungen Männern!“

„Noch weit drüben auf dem Burgkeller“, ergänzte der Assessor von Helmich, „sitzen die Philister bei ihrem Stübchen Rosenbier und ergötzen sich an den vaterländischen Gesängen! Dort im, Gasthof zur Sonne’ haben die durchreisenden Fremden die Fenster offen. Herren und Damen hören zu!“

„Und über die aufrührerischen Vollbärte“, sprach nachdenklich Graf Zichy, „könnt’ man hinwegschauen, nachdem sich darunter das Eiserne Kreuz präsentiert.“

Es waren ehemalige schwarze Reiter Lützoms, die da standen — Christian Ellerbrook mitten unter ihnen — in ihren schwarzen Röcken jetzt noch der Uniform der Totenkopfbusaren ähnlich, Theodor Körners Kampfgenossen. Über den Platz hin hallte sein Sang:

„Vater — Dich preisen wir!

Vater — Dir danken wir,

dass wir zur Freiheit erwachten!“

„In dem Bericht unseres Staatsdepartements, Excellenz“, sagte der Assessor von Helmich, „heisst es ausdrücklich: ‚Die Jünglinge geloben sich Brudersinn und Eintracht’, und als unmittelbare Folge dieser Eintracht zeigt sich unter den Studierenden in Jena eine grosse Sittlichkeit und strenge Beobachtung landesherrlicher Gesetze . . .“

„Wie auch die Hölle braust,

Gott, Deine starke Faust,

stürzt das Gebäude der Lüge!

Führ’ uns, Herr Zebaoth!

Führ’ uns, dreieiniger Gott . . .“

„Sie hören die Begeisterung, Excellenz!“ Wärmer als sonst die Stimme des jungen Weimarer Weltmanns. „Sie kommt aus einer grossen Zeit, die nahe erst hinter uns liegt, und aus reinen Seelen. Alles Fluchen, Schuldenmachen und Hasardieren ist in der Burschenschaft verpönt, der Besuch übler Häuser, das unmässige Kommerchieren. Wehe, wer einen Philister betrügt oder sein Kegelgeld in der ‚Tanne’ nicht zahlt. Selbst das Raufen versucht man — lachen Sie nicht! — hier— hier in Jena — einzudämmen! Der Studiosus Ellerbrook, mein Blutbruder von Ligny, den ich hier Eurer Excellenz präsentiere, ist, nach dem Grafen Bocholtz, der Wildeste aller Jenenser, was immerhin etwas bedeuten mag. Er wird Ihnen Bescheid sagen, welcher Geist — ob ein böser oder guter — auf unser Jena herniedergestiegen ist!“

„Diesen Geist, alter Herr!“ Christian Ellerbrook drückte ungezwungen der Wiener Excellenz im Wagen die Rechte, „haben uns schon im Vorjahr, am zweiten Jahrestag der Einnahme von Paris, die guten Jenaer Mädchen in unser Panier gestickt. Das Panier bedeutet für uns Burschen: ‚deutsche Einheit und Volksehre!“

Der greise Staatsmann rieb sich die von dem Händedruck des Jenaer Burschen gerötete Rechte.

„Volksehre! . . . Aber freilich!“ sagte er. „Nur: wie schaut’s da nachher bei Euch jungen Herren mit dem schuldigen Respekt vor den angestammten Fürsten aus?“

„. . . die über Deutschland Rat halten, wie unser Karl August — die wollen wir recht lieben, wie wir’s schon bei jedem Kommersch singen: ‚Stosst an, Landesfürst lebe!“ Und die über Deutschland Unrat halten, die mögen sich hier in Jena an die Stiefelwichser und Billardeurs halten, aber nicht an uns freie Burschen.“

„Ja — ja — die liebe Freiheit!“ erkundigte sich neugierig der alte Graf. „Wie steht Ihr denn da zu den Gesetzen, wann Ihr so frei seid, frei zu sein?“

„Gerade weil wir frei sind, alter Herr, gehorchen wir freiwillig der Obrigkeit! Nur darf man uns nicht in dumme Geistlosigkeit hinstrecken wie die toten Klötze — wie Vater Jahn sagt! Wir wollen nicht von hochwohlgeborenen französischen Affen regiert und wir wollen nicht von wohlgeborenen lateinischen Affen belehrt werden!“

„So — so! . . . In Würzburg und den Main runter fangen’s schon überall die Juden zusammen! In Frankfurt nehmen die Tumulte kein End’! Wie haltet Ihr’s denn da mit der bürgerlichen Ruhe und Ordnung?“

„Wir sind deutsch! Weh dem, der unser Deutschtum antastet! Sonst lassen wir jedermann in Frieden!“

„No — ich dank’ schön, mein Lieber! Zerknackens mir nur nicht die Finger! Hab’ die Ehre! Ja: ich weiss nicht.“ — Der K. K. Cabinettsminister Graf Zichy wandte sich im Wagen an den Grafen Edling. „Ich kann nix Auffälliges in dem verrufenen Jena finden! Jung sind’s halt noch, die Buben! Aber das gibt sich! . . . Von Wien aus schaut das Alles viel schlimmer her. Ich werd’ in dem Sinn ungesäumt an den Herrn Staatskanzler Metternich berichten!“

Und auf dem Markt zu Jena stand der Studiosus Ellerbrook inmitten der Mitglieder des „Staatsrechtlichen Vereins“, des Decknamens für die Führer-Auslese der Burschenschaft, und lachte trotzig und begeistert mit geschwungener Faust.

„Wir haben der Metternichtigkeit den Weg gewiesen!“

„Der Knechtschaffenheit!“

„Heil die heilige Freiheit!“

„Volunto! Volunto!“

„Heil Karl August!“

„Heil unsern Lehrburschen, den Professoren! Da drüben winken sie uns vom Rathaus! Der Oken, der Fries, der Luden! Heil, Ihr alten braven Kerle!“

Daneben stand auf dem mondhellen Markt eine zweite, gedrängt und aufgeregt raunende Gruppe von Commilitonen. Das war die „Litterarische Bildungsgesellschaft“, der getarnte enge Ring der „Unbedingten“, der Allerschärfsten in der Burschenschaft. Aus ihrer Mitte trat ein junger Mann im schwarzen Rock rasch auf Christian Ellerbrook zu. Er war schlank und hochgewachsen. Lange schwarze Ringellocken hingen um das ernste, blasse, gegen das Kinn hin schmal zulaufende Antlitz mit den hellen Augen und dem seltsam kleinen, hartnäckigen Mund.

„Furchtbarer Verrat!“ murmelte er dumpf mit einem Anklang an die bayrisch-fränkische Mundart.

„Wieso, Bruder Sand?“ Der Andere lachte. „Im Gegenteil! Wir haben jetzt beim König in Berlin und beim Kaiser in Wien einen Stein im Brett!“

„Aber der Tyrann an der Nema reckt über Deutschland die Knute!“ sprach kalt und verbissen Karl Ludwig Sand, der Theologe. „Wir haben es schwarz auf weiss!“

„Horcht, was der Spukmeier meldet!“

„Sprich, Sand!“

„Wisst: der Weimarer Schandbube und Erzknecht Kotzebue hat jüngst ein Mémoire an seinen Brotherrn, den Zaren Alexander, verfasst . . .“

„Wir haben dem Schuft schon einmal ein Bündel zerbrochener Gänsekiele zur Warnung durchs Fenster geschmissen!“

„. . . ein Mémoire, in dem er erklärt, die deutsche Studentenjugend müsse durch Russland dem freiheitlichen Irrgarten entrissen werden, in dem sie jetzt herumstolpere!“

„Hast Du den Dreck selbst gelesen, Bruder Sand?“

„Er war von dem Elenden seinem Sekretär auf ekles Wälsch diktiert. Die Schreiberseele konnte einige Sätze nicht entziffern und bat einen wackeren Mann, den Litterator Lindner, der mit ihm im selben Hause in Weimar wohnt, um Hilfe. Hei! — unser Lindner wusste Bescheid, was tun? In einer Stunde schrieb er die wichtigsten Stellen ab und schickte sie hierher nach Jena an den Herrn Professor Oken! Unser Oken hat sie jetzt eben in der ‚Isis“ veröffentlicht! Man reisst sich drüben in der Druckerei um die ‚Isis’, ehe sie konfisziert wird! Man zahlt einen Dukaten und mehr für das Exemplar! Ich habe mir eines gerettet! Da seht!“

Von Hand zu Hand ging, noch druckfeucht, die Nummer der „Encyklopädischen Zeitung“, die das halbe literarische Europa im Atem hielt. Sperber- und schakalköpfig bewachten auf dem Titel des gelblichen Quartblatts Osiris und Anubis die sitzende Isis. Hieroglyphen standen im Text geheimnisvoll neben den Namen des Missfälligen. Eine krumme Nase ergänzte das Bild des Saul Ascher, eine Knute das des Janke, ein Eselskopf das des Publizisten Reinhard. Eine Gans aber, die sich mit dem rückwärts gebogenen Schnabel hinten im Darm pickte — das war der Rotzebue . . .

„Die Gans wollen wir rupfen!“ rief Christian Ellerbrook. Um ihn ein drohendes Geschrei:

„Wir haben den Kotzebue gewarnt, als er neulich seinen Sohn hier besucht hat, er solle sich nicht wieder in der Umgegend von Jena blicken lassen!“

„Der Schmalzgesell ist in solcher Hast nach Weimar abgereist, dass er seinen Mantel hier vergessen hat!“

„Der Mantel hängt noch jetzt bei seinem Sohn auf der Bude!“

„Wir holen ihn!“ schrie der Studiosus Ellerbrook leuchtenden Auges. „Burschen! Ich weiss einen göttlichen Skandal! Kommt!“

Der mondklare Markt brauste in unruhiger Erwartung der Burschenschaft. Aus den lichthellen Fenstern der verschneiten alten Giebel guckten die Spiessbürger mit Kind und Kegel. Dann wuchs von der Ecke her ein im Fackelschein sich näherndes Triumphgeschrei. Ein stürmisches Halloh aus hundert Kehlen. Gellend wie in Lützows Tagen der Befehl des Studiosus Ellerbrook.

„Rollt mal ein leeres Fass aus dem ‚Stern’ herbei!“

Dort fuhren die Damen entsetzt von den Fensterbrüstungen des Gasthofs zurück.

„Um Gottes willen! Da schleifen sie ja einen Menschen über das Pflaster! Sie schlagen auf den Unglücklichen ein!“

„Es ist nur sozusagen eine litterärische Vogelscheuche, Mesdames!“ beruhigte der Wirt. „Die durchreisenden Herrschaften müssen mit der frischen Art, in Jena zu leben, vorlieb nehmen. Jetzt steigt Einer der Verwegensten unter den jungen Herrn auf das Fass. Die Commilitonen beleuchten mit Pechbränden sein Gesicht! Sehen Sie nur, wie seine Augen über die Köpfe hin funkeln!“

„Ihr Burschen!“ schrie Christian Ellerbrook. „Ihr seht hier den Bluthund von Galgenbach, genannt Kotzebue! Wir müssen ihm einen Denkzettel geben! Er selber ist leider nicht da! Also haben wir seinen Mantel mit Stroh ausgestopft. Nun wollen wir seinem Stellvertreter mit unsern Ziegenhainern unsere Meinung sagen!“

Die Knüttel aus Hagedorn klatschten auf den still liegenden und stäubenden und knisternden Radmantel. Die Fackeln lohten. Erhitzte Gesichter lachten.

„Achtung: die Pedelle!“

Ein Massenschrei des Zorns.

„Licht weg!“

„Pereat!“

„Bursche raus!“

Jena, das alte, wilde Jena, schäumte auf. Jena war nicht gewillt, vor zwei Pudeln oder ein paar Stadtsoldaten zu weichen. Die letzte Husarenabteilung hatte der Grossherzog, der ewigen Krawalle müde, schon im Vorjahr für immer aus dem Städtchen weggenommen. Das Städtchen war der Burschenschaft selbstherrliches Reich.

„Lachst Du nicht, dass Kotzebue verprügelt wird?“ schrie begeistert im Feuerschein Christian Ellerbrook von seiner Tonne. „Hei! Bruder Sand! — Du hast keinen Sinn für Humor!“

In dem von schwarzen Haarsträhnen umwallten Antlitz des Theologen Sand regte sich keine Miene. Er sagte nur kalt:

„Für Kotzebue ist es zu wenig!“

„Es ist genug!“ Der Studiosus Ellerbrook sprang mit einem Turnersatz von dem Bierfass. „Gebt den Mantel dem Commilitonen Kotzebue zurück! Er soll ihn seinem Vater schicken! Sauber ausgeklopft sei er!“ Er brach ab. Es klangen Rufe von den Häusern her. Wilde Rufe. Studenten liefen mit langflatternden Haaren über blossen Hälsen und schrien:

„Die ‚Isis’ ist confisziert!“

„Rast nur, Ihr Büttel der Gewalt, zu der der Druck der Grossen selbst unsern Fürsten zwingt!“ Christian Ellerbrook breitete stürmisch die Arme gen Himmel. „Aber unsere Oriflamme: die deutsche Freiheit und Volksehre — die confisziert Ihr nicht!“

Fünftes Kapitel

„Als wir in Weimar uns begegneten, Herr Ellerbrook, im blauen Wohnzimmer und auf dem Markt — da riss der Herbst die Blätter von den Bäumen. Jetzt will es Frühjahr werden. Wir schreiben den März. In unserem Garten blühen die Schneeglöckchen.

„Der Winter liegt hinter mir. Wir haben ihn in alter Art mit Maskeraden und Lesekränzchen und guten Vorstellungen im Komödienhaus und Redouten der Schönen Welt im Stadthaus verbracht. Aber alle diese brausenden Belustigungen haben eine innere Wehmut nicht zu bannen vermocht, die seit dem vorigen Oktober meine Begleiterin ist.

„Ich mag mich nicht mit anzüglichen Worten blossstellen. Und doch: Es ist mir unmöglich, ohne Betrübnis an unsere, ach so flüchtigen Gespräche zurückzudenken. Ihre rauhen und strengen Worte haben ein Loch in die gefällige Mauer des Weltbürgertums gestossen, das uns hier, im Schatten des Herrn von Goethe, so freundlich umfängt — und durch diese Lücke sind die Zweifel in meine Seele gedrungen, die Keiner um mich versteht.

„Nur mich selber kann ich fragen: Friderique — lebst Du Dir selber zur Genüge, wie wir alle hier, oder bist Du Andern — Menschen ausserhalb Deines Standes — bist Du womöglich der Nation das schuldig, was Gott Dir vor Andern gab?

„Der Professor Kant, in Königsberg, dessen ‚Kritik der reinen Vernunft’ auch wir Frauenzimmer hier in schuldiger Ehrfurcht lesen, lehrt in seinem Kategorischen Imperativ: ‚Handle als Vorbild für alle!‘ Etwas von dieser Maxime strahlte mir, mein Herr, aus Ihrem Wesen, wenn Sie, dem die Natur ach so wenig Weichmut in die Wiege knüpfte, es verkündeten, dass der Mensch Pflichten gegen Volk und Vaterland habe.

„Der Docht des Lichts, das mir den Weg weisen soll, flackert unruhig im Wind! Sie haben ihn entzündet. Sie dürfen ihn nicht verlöschen lassen. Ach — ich begreife: So wie Ihre wilde schwarze Jenaer Burschentracht sich von dem dezenten Anzug unserer Weimarischen Herren abhebt, so auch Ihr stürmisches Wesen von der abgeklärten Besonnenheit hier. Trotzdem: dies ist meine Bitte: Reiten Sie einmal, in Ehrbarkeit, als Freund, den kurzen Weg nach Weimar herüber und weisen Sie nicht einer schönen Seele, sondern einer suchenden Seele, den Weg. Die ich bin, mein Herr, die Ihrige

Friderique von Laubisch.“

Der Studiosus Ellerbrook stieg an diesem blassblauen Märzmorgen des Jahres 1818 mitten in Alt-Jena die steile Treppe hernieder. Unten auf dem Eichplatz legte er das Schreiben wieder in die Falten, in denen es das Fräulein von Laubisch mit ihrem Petschaft — einem sinnenden Genius mit Säulenstumpf und Trauersweide — für die reitende Post gesiegelt hatte, und schob es in die Tasche seines nachtdunkeln Wamses.

„Was schreibt Dein Mädchen, Bruder?“ frug ein vorbeikommender Bursch und schloss sich ihm an.

„Es ist kein amouröser Brief!“ sagte der einstige Freischärler. „Und ich habe kein Mädchen! Ich habe drei Kriegsjahre für das Studium verloren. — Ich darf mich dazu halten, dass ich mir dieses Frühjahr endlich den Jenenser Doktorhut aufsesse.“

Er hatte es ganz nahe zu dem grauverwitterten Universitätsgebäude. Er stieg, im Gedränge der Studiosen, die ausgetretenen Steinstufen des uralten ehemaligen Paulinerklosters empor. Der Hörsaal des Professors Oken war wie immer überfüllt. Zwischen den einheimischen Burschen sassen die vielen studierenden Griechen — ganz vorn ein Prinz aus dem Fürstengeschlecht der Komnenen —, die zahlreichen Ungarn, die livländischen Barone. Die Gänsekiele kratzten in den Collegienheften. Der Kachelofen glühte. An die der Hisse wegen geöffneten Fenster waren Leitern gelehnt, auf deren obersten Sprossen Studenten standen und von aussen dem Professor Oken zuhörten.

Jetzt sprach da vom Katheder nicht der Herausgeber der ‚Isis’, der in ihr die zum Fusstritt erhobenen Beine vor die Namen seiner Gegner sessen liess. Ein ernster Gelehrter, schon nahe den Vierzig, erläuterte da in leicht österreichischem Sprachklang seinen Schülern das Wesen der Quallen und Knorpelfische und ermahnte sie, im Fussgetrampel des Abschieds, das jetzt eben durch die Munificenz des Herrn Ministers von Goethe neu gegründete Zoologische Cabinett fleissig zu besuchen.

Draussen vor der Türe des Hörsaales sah der Student Ellerbrook plötzlich zu seinem Missvergnügen den gefürchteten Pedellen Nitschke vor sich, dessen unheimlich listiges Augenrollen nie etwas Gutes im ewigen Kampf mit der Burschenschaft verhiess.

„Nitschke!“ sprach er. „Euer illüstres Spitzelcorps von Pferdeund Gassenjungen in Jena ist an mir verloren. Mein Gewissen ist rein. Ich habe mich nicht an der neulichen grossen Gartenbataille mit den Handwerksburschen beteiligt. Ich war nicht dabei, als dem Kaufmann Voigt am Kranz sein Putzladen gestürmt worden ist, weil der Lümmel sich geäussert hat, wir Burschen sollten von den Leipziger Kaufmannsdienern Sitten lernen! Ich habe bei allen Schlägerskandalen in lesster Zeit nur testiert, weil ich in nächster Zeit mein Doktorexamen laudabiliter absolvieren möchte!“. Er stutzte: „Wie? Ich bin trotzdem vor Seine Magnificenz citiert? . . . Mein Gott . . . was soll das bedeuten?“

Der Prorektor der Hochschule thronte grämlich in einem Lehnstuhl hinter einem mächtigen Tisch. Dessen Eichenplatte war mit Akten bedeckt. Draussen im Vorzimmer standen wartend schuldberwusste Studenten, Philister mit unbezahlten Rechnungen, Polizeidiener als Zeugen. Die Magnificenz hob streng das Haupt.

„Sie sind der Studiosus Ellerbrook, preussischer Untertan, aus Köln am Rhein. Ich erteile Ihnen namens des Senats das Consilium abeundi — den Rat —, in den nächsten Tagen die Universität und Stadt Jena gelinde und unauffällig zu verlassen, andernfalls auf dem Amtsweg . . .“

„Was habe ich denn verbrochen, Magnificenz?“

„Es liegt eine, durch den langen Weg nach Petersburg und zurück verzögerte Beschwerde vor, dass Sie vor mehreren Monaten, wie auch diesseits festgestellt, durch öffentliches Verprügeln einer Strohpuppe auf dem Markt die Person des Kaiserlich russischen Staatsrats August von Kotzebue und in ihr die erhabene Gestalt Seiner Majestät des Zaren selber freventlich beleidigt haben!“

„Magnificenz — was gehen mich denn die Russen an?“

„Sie sind ein preussisches Subjekt. Die Petersburger Beschwerde ging infolgedessen über Berlin. Der preussische Geheime Oberkriegsrat und Direktor im Polizeiministerium“, der Prorektor blätterte in einem Amtsschreiben, „Seiner Königlichen Majestät Einberufener Staatsrat und Oberkammerherr Herr Josias von Römhild, hat auf höheren Befehl das Petersburger Rescript anher weitergegeben!“

„Uber ich stehe doch dicht vor dem Examen . . .“

„. . . mit dem der Herr von Kotzebue wahrlich nichts zu schaffen hat!“

„Euer Magnificenz können doch Gnade für Recht ergehen lassen!“

„Es ist nicht meines Amtes. Der Auftrag, Sie von der Hochschule zu verweisen, lief mir unmittelbar von der Regierung in Weimar zu, Sie können nur hoffen, durch einen Fürsprecher dortselbst noch eine Milderung zu erwirken!“

Christian Ellerbrook trat langsam, verstörten Gesichts, hinaus auf die Gasse in linde Frühlingsluft, unter den blassblauen Himmel über den alten Giebeln von Jena. Und wie er da dumpf in seinem schwarzen Burschenrock dahinwandelte, da war es, als sängen um ihn die Steine:

„Und in Jene lebt sich’s bene!

Und in Jene lebt sich’s gut!“

Und die Spatzen schirpten im Sonnenschein:

„. . . bin ja selbst darin gewesen

fünf Semester wohlgemut!“

Nein! Wartet nur! So rasch werdet Ihr auch auf Ukas des Zaren mit all seinen Kosacken und Baschkiren einen ehrlichen Kerl in Jena nicht los!

Auf dem Markt stand würdevoll der dicke Postmeister in blauem Frack mit gelben Litzen und breiten gelben Streifen an den blauen Hosen. Der Studiosus Ellerbrook warf am Einschreibeschalter seine zwei Taler und zwölf gute Groschen für eine Extrapost nach Weimar hin, und der Wagenmeister lief und liess ein Cabriolet anschirren, und zwei Stunden später entstieg vor dem Cranachhaus in Weimar ein grimmäugiger langer Schwarzrock, das Federbarett kampflustig im Nacken, die kurze Burschenpfeife verbissen im Mundwinkel, und stiefelte mit langen Schritten dem Gelben Schloss zu.

Der erste Verdruss: ein Korporal von der Wache der dunkelgrünen Weimarer Jäger drüben.

„Tu’ der Herr seine Pfeife weg! Das Rauchen is Sie in der Residenz bolizeilich verboten!“

„Ich habe doch selbst den Grossherzog mit einem Cigarro auf der Strasse gesehen!“

„Nu sähen Sie: das ist Sie was Anderes!“

Christian Ellerbrook lächelte zornig unter dem kleinen, dunklen Schnurrbart und schob die ausgeklopfte Pipe neben den Burschendolch mit dem Totenkopf in den Ledergürtel. Er betrat das Ministerium. Ein Schatten tiefer Enttäuschung verdüsterte seinen trotzigen gebräunten Römerkopf.

„Der Herr Assessor von Helmich ist zur Zeit nicht einheimisch! Der ist im Auftrag vom Herrn Minister von Goethe hinüber ins Ilmenauer Bergwerk gefahren, um dort über den neuen silberhaltigen Kupferschiefergang zu berichten. Wenn seine Kutsche nicht umwirft — der Herr kennt ja die Thüringer Landstrassen — dann ist er vor Dunkelheit wieder hier!“

Jetzt läutete, inmitten der Altstadt, die graue Herderkirche erst die zweite Mittagstunde ein. Der Student von Jena stand einsam auf dem weiten freien Platz vor dem üppigen Steingerank des Bastille-Tors, und ganz Weimar, das von ihm gemiedene und verachtete Weimar, dünkte ihm so menschenleer wie der gelbe, sonnenflimmernde Sand in der Runde.

Es gab nur noch ein Menschengesicht — ein sanftes und schwärmerisches nach dazu, mit braunen Ringellocken, das er in Weimar kannte. Und in der Tasche knisterte ihm der Brief von heute morgen, mit dem antiken Genius und klassischen Säulenstumpf als Siegel. Der Studiosus Ellerbrook zuckte die Achseln und schritt darauf los. Er, der einstige Lützower aus dem Busch, fand auch ohne viel Fragens den einmal gemachten kurzen Weg nach dem Graben und vor das Haus des abgedankten Grossherzoglichen Husarenmajors George von Laubisch.

Und zu allem Glück stand hinter dem öffnenden Diener wie durch Zufall das Fräulein Friderique von Laubisch selbst. Es war eine weiche, plastische Anmut in der Bewegung, mit der sie beglückt die Hände ineinander legte. Es war ein leiser, feuchter Schimmer in den seelenvollen braunen Augen. Die zarten Züge wurden ein wenig rot und blass. Ihr hochgegürteter, sittsam mit Spitzengefältel über der weissen Haut verbrämter Busenausschnitt hob und senkte sich schneller, als es die Gelegenheit erforderte.

Der schwarze Jenaer sah das und ahnte, was das hiess. Er stand ernst und steif auf der Schwelle. Er hörte Frideriquens sanfte Stimme:

„Steckte ein Zauber in meinem Brief, dass es Sie jetzt schon von Jena hierher getragen hat?“

„Ich erhielt, mit schuldigem Dank, Ihr Schreiben, Demoiselle“, sagte der Student rauh, „als mich ein verdriessliches Geschäft in Eile hierher rief. Da präsentiere ich mich nun zu Ihren Diensten!“

Das Licht auf Frideriquens schmalem, hübschem Antlitz erlosch. Sie neigte den braunen Ringelkopf.

„Belieben Sie einzutreten! . . . Und was schafft Ihnen Ungemach?“

„Der Zar sucht mit mir Händel!“ Der Student Ellerbrook setzte sich düster nieder. „Er ist in dem Skandal der Stärkere! Er verdrängt mich aus Jena. Ich muss von dort fort — just vor meinem Examen —, wenn ich nicht noch in Weimar gewichtige Fürsprecher finde. Ich kenne hier keine Christenseele, die mir nützen könnte, ausser dem Helmich! Aber der Kerl ist über Land!“

„Was soll wohl ein Assessor gegen den Kaiser aller Reussen helfen! Da müssten andere Gewalten beschworen werden!“ Friderique lächelte wehmütig und erhob sich. „Verziehen Sie nur ein wenig! Ich lasse Ihnen ein Schälchen Tee servieren!“

Als sie nach kurzem zurückkam, war es eine Weile ganz still im Gemach. Nur die Tässchen klapperten, mit denen ihre schlanken Finger hantierten. Ein beinahe banger Augenaufschlag darüber hin bat: ‚So rede doch! Sprich über meinen Brief!‘ Der wilde Jenaer gab sich einen Ruck.

„Herrgott — ich bin kein Beichtvater!“ versetzte er rauh und unsicher zugleich. „Ich verstehe überhaupt nicht, mit Euch schönen Geistern umzugehen!“

„Das hiesige Frauenzimmer ist empfindsam. Aber mich will es doch, wie mit unsichtbaren Geisterarmen, aus dieser Rührung herausheben! Weist mir nur, wie!“

„Ich kann doch nicht reden und nichts erklären!“ Der Kandidat der Naturkunde schüttelte verzweifelt den verwegenen Kopf. „Ich kann mich nicht vor den Spiegel stellen und mich bespiegeln, wie Ihr’s hier tut! Ich bin mir nicht so interessant, wie Ihr es Euch hier seid! Ich bin ein ganz dummer Kerl . . .“

„. . . und haben doch weiss Gott genug für Ihre bescheidene Zahl Jahre getan!“

„Ja — getan!“ sagte der Bursch. „Das ist was Anderes, Demoiselle! Da braucht man nicht zu denken. Am wenigsten an sich. Aber an Deutschland! Als jetzt vor fünf Jahren die Post nach Münster kam, wo ich als grüner Jungbursch studierte, ‚Bonaparte mit dem Rest seiner Armee auf der Grossen Retirade aus Russland!‘ — da habe ich nicht lange den Finger an die Stirme gelegt und nachgedacht: Wie wirkt diese Nachricht auf mein Gemüt? sondern ich bin aufgesprungen, dass ich das Punschglas umschmiss, und hab den anderen Gesellen zugeschrien: ‚Jetzt oder nie! Leben oder sterben!‘“

„Ja — das glaube ich!“ sprach das Fräulein von Laubisch leuchatenden Auges.

„Und wie wir eben noch mit heiler Haut aus dem Königreich Westfalen echappierten und ich glücklich in Breslau in der Vorstadt vor der Wirtschaft ‚Zum Zepter‘ gestanden bin — da hab ich nicht bei mir spintisiert: Wie ist den jungen Grafen und Bauernburschen zumute, die da heranströmen und sich beim Lützow zur Campagne melden, sondern ich hab sie beiseite gestossen und gerufen: ‚Ich will mit!‘ . . . Warum, Fräulein von Laubisch — das weiss ich nicht . . .“

„. . . weil Sie ein ganzer Mann sind!“ sagte die schöne Friderique. Sie atmete schwer.

„Darum kann ich hier in der Weimarer Luft keinem sagen, wie er leben soll! Denn Ihr lebt anders. Ihr lebt vornehm abseits. Ihr sitzt wie im Komödienhaus im Parkett und lasst die Andern agieren. Ihr lest und Ihr denkt und Ihr redet und Ihr empfindet auf eine so schöne Art, wie wir gewöhnlichen Deutschen es gar nicht können. Aber davon rücken die Dinge keinen Zoll weiter!“

„Vielleicht geschieht mir heute unrecht!“ Ein lindes Lächeln drüben. Wunderlich, in dem schwärmerischen Antlitz, plötzlich der Schalk.

„Kurz und gut — so wie mir’s einmal Einer in Jena ins Stammbuch geschrieben hat: Wer ein Deutscher ist, der sagt nicht, was er tun will, sondern tut’s!“

„Was könnte wahrer sein!“ sprach Fräulein von Laubisch. „Entsagen wir also diesem Gespräch! Oh — brechen Sie nicht auf! Wo wollen Sie jetzt hin? Sie Fremdling in Athen? Lassen Sie sich von mir eine Composition vorspielen, die Zelter jüngst aus Berlin gesandt hat! Das kürzt die Zeit!“

Christian Ellerbrook blieb verwundert sitzen. Die dünnen Töne des Spinetts zitterten durch das Zimmer. Er begriff nicht, warum plötzlich die Lust zum Musizieren diesen zarten Geist im weissen Hauskleid und weissen Häubchen anwandelte. Dabei war es ihm immer, als ob Friderique, während ihre Finger über die Tasten glitten, mit hellem Ohr auf etwas draussen horchte. Plötzlich sprang sie auf, glitt flüchtig in dem langwallenden duftigdünnen Musselin zur Türe und führte ihren Vater heran. Der alte kunstsinnige Weimarer Husar lachte befriedigt über das grauknebelbärtige, verwitterte Gesicht und drückte dem Besucher die Hand.

„Ein Glück, dass mein Wagen gerade angespannt war! So ging’s rasch hin und zurück!“ sagte er zu ihm und weiter zu Friderique: „Ich traf den Alten gerade bei Tisch — da ist er am umgänglichsten! Er lässt sein Töchterchen grüssen und will sich denn schicklicherweise ihres Schützlings annehmen!“

„Ich habe ihn durch meinen Vater bitten lassen!“ rief Friderique beglückt. „Er sieht mich gern!“

„. . . und einem artigen Kind schlägt er nicht leicht etwas ab!“

„Ja — wer denn?“ frug hilflos der Kandidat.

„Ach so!“ Der alte Herr legte dem Andern die Hand auf die Schulter. „Tummeln Sie sich, Herr Studiosus! Excellenz von Goethe erwartet Sie!“

Dem einstigen freiwilligen Jäger Ellerbrook, der oft genug im heiligen Krieg das Weisse im Auge des Wälschen geschaut, klopfte doch das Herz in der Brust, als er die breiten Treppenstufen in Goethes Stadthaus an dem Frauenplan emporstieg. Oben stand unter der Dioskurengruppe links von der Türe der Diener Stadelmann und ordnete mit dem Kutscher Berth ein versteinertes Ammonshorn, dessen Bruchstücke sie von der Löbstädter Strasse draussen für den Geheimrat mitgebracht hatten.

Der gelehrte Kammerdiener führte den Studenten durch einen Saal in einen Besuchsraum und ging, ihn anzumelden. Christian Ellerbrook harrte und sah sich beklommen in den vier blaubemalten Wänden um. An der einen stand ein rundgeschweifter Flügel. Drüben, von der Türe her, starrte ihm das Haupt einer marmornen Riesin aus toten Geisteraugen beinahe umheimlich ins Gesicht. Dann fuhr er zusammen und verbeugte sich tief.

„Kommen also aus Jena?“ sagte Goethe kurz mit einer dunklen, wohlklingenden Stimme. Er hatte Gäste zu Tisch gehabt. Er trug ihnen zu Ehren noch den Frack aus schwarzem Tuch mit breitem Kragenaufschlag und dem Stern des Falkenordens auf der Herzgegend. Das bunte Band eines Halskreuzes schlang sich um die weissseidene, gebauschte Binde, die unter dem Kinn das mächtige graue Haupt des Olympiers abschloss. Seine Haltung war steif, wie er kerzengerade da stand, die Hände auf dem Rücken. Der Studiosus hatte drei Schritte Abstand von dem Minister. Er verneigte sich nochmals.

„Aus Jena! Zu dienen, Excellenz!“

„Hm! Hm!“

Ein Schweigen. Dann rasch:

„Hatten dort auf offenem Markt den Kotzebue brutalisiert?“

„Leider nicht ihn selber! Nur seinen Mantel!“

„So! So! Höre das ungern!“

„Der Kerl hätte eine Tracht Prügel redlich verdient, Excellenz!“ rief der Student empört. „Schon um Eurer Excellenz willen! Macht sich der Kotzebue nicht zum besonderen Geschäft, Euer Excellenz hier in Weimar in jeder Weise entgegenzutreten und in der Öffentlichkeit mit gemeinem Neid und Hass zu verfolgen?“

Der Schimmer eines seltsamen Lächelns drüben, mehr in den beiden schwarzen Sonnen von Augen als um den etwas eingefallenen Mund. Goethe winkte, Platz zu nehmen, und setzte sich selbst, steil aufrecht, ohne die mit langen schwarzen Tuchhosen bekleideten Beine zu kreuzen.

„Man kann einer flüchtigen Regung gegen einen Widersacher in sich mit heiterer Seele genug tun, ohne unziemlich zu werden!“ sagte er. „Der Herr von Kotzebue hat ebenso das Recht, nach seiner eigentlichen Weise zu existieren, wie Ihr nach der Eurigen! Ja — wären wir fünfzig Jahre jünger, so wollte ich ihm zeigen, wie man deutsche Komödien schreibt!“

„Excellenz . . .“

„So aber betrachte ich seine Existenz als ein notwendiges und zwar günstiges Ingrediens zu der meinigen! Der Herr von Kotzebue, dem man Verdienst und Talent nicht absprechen kann, hat mir als Vorsteher eines Theaters durch zwei Jahrzehnte so viele Mittel in die Hand gegeben, dass ich sechsundachtzig seiner Stücke gespielt und sechshundert Abende damit besetzt habe. Noch im vorigen Jahre habe ich vier Wochen daran gesetzt, um seinen ‚Schutzgeist‘ für den Geschmack des hiesigen Publikums einzurichten! Das vergesst nicht, Ihr junges Volk! Was in Euch an grossen Ansichten lebt, damit tappt nicht auf dem Markt herum, sondern bildet es in Euch in würdiger Weise!“

„Ich werde es mir gesagt sein lassen, Excellenz!“

„Nun! . . . Nun . . . hm . . . Man ist ewig belagert . . .“ Etwas mehr Wärme in der Kehle. Ein ganz leichter Anklang von gemütlicher Frankfurter Mundart. „Wenn Euer Wartburgfest nicht wäre . . .“ Ein bedenkliches Schütteln des viel milder gewordenen Greisenhauptes. „Jeder wohlmeinende Weltkenner konnte die Folgen bei den deutschen Regierungen mit Schrecken und Bedauern voraussehen. Jetzt verwenden sie eine gewisse hypochondrische Sorgfalt darauf, Euch unartige Kinder zu überwachen. Und in diesem Betracht ist der Herr Kaiserlich Russische Staatsrat von Kotzebue trotz seiner Nullität eine Macht, gegen die ich nichts vermag!“

„Also muss ich ungetröstet von Euer Excellenz gehen?“

„Gemach! Gemach! mein junger Freund!“ Jetzt lief ein warmer Sonnenschein von Güte über Goethes Züge. „Da wäre denn mein Vorschlag eine heilsame Translocation: Sie beenden Ihre Studien in Berlin! Ich habe dort manchen hübschen Freund, dem ich Sie empfehlen werde! Sie machen dort Besuche, wo Sie es für schicklich und artig halten!“

„Ich nenne Berlin und nicht eine näher und bequemer gelegene Akademie wie Halle oder Leipzig!“ fuhr Goethe fort. „Denn Sie gewinnen in Berlin einen deutlichen Begriff von der grossen Welt. Die grosse Stadt wird Sie zu einem emsigeren Gebrauch Ihrer Kräfte aufmuntern! Das ist ein Vorteil, der Ihnen von Andern so geschwind nicht abgenommen wird!“

„Wenn es Euer Excellenz so dünkt . . .“

„Ihre tüchtige Natur wird sich in Berlin bald zum Besten reinigen. Was an mir ist, will ich mit Freuden tun. Sie empfangen noch von mir Empfehlungsschreiben . . .“

„Ich danke Euer Excellenz!“ stammelte der Student. Goethe reichte ihm die Hand. Jetzt ging ein väterliches Wohlwollen, ein Verstehen alles Menschlichen von ihm aus.

„Wir wandeln alle in Geheimnissen! Jeder löst die Welt auf seine Weise! Probieren Sie’s auf die Ihre, mein Bester!“ sagte er. „Dem ich wohl zu leben wünsche!“

Der Studiosus Ellerbrook lief durch die Ackerwand, am Haus der Frau von Stein vorbei, hinüber zum Gelben Schloss. Jawohl: der Assessor von Helmich war jetzt aus Ilmenau zurück. Er sass in seiner Amtsstube. Er hatte ein paar Dienstschreiben vor sich liegen, die er nachdenklich betrachtete. Er machte ein sehr ernstes Gesicht, während er aufstand und den Kriegsgefährten begrüsste.

„Man hat mir gemeldet, dass Du da warst!“ sagte er. „Ich habe mir gleich Deine Akten geben lassen, von denen ich bisher nichts wusste! Bruder: das ist eine schöne Schweinerei! Sie haben Dich in Berlin gründlich von Petersburg aus verdächtigt! Sie sind in Berlin gleich bereit, wenn der Zar etwas wünscht . . .“

„Ich komme von Excellenz von Goethe . . .“

„Was kann der grosse Mann gegen Alexander und seine Kosacken? Klein ist unter den Fürsten Germaniens der meine — dichtet er selbst!“

„Aber er hat mir versprochen, meine Studien in Berlin zu fördern . . .“

„. . . . und ich habe hier einen vorläufigen Bericht unseres dortigen Vertreters, des Herrn von Müller“, sagte der Assessor von Helmich langsam, „wonach Du ein-für allemal von allen preussischen Hochaschulen ausgeschlossen bist!“

„Was?“

„Mehr! Ich möchte Dich warnen, preussisches Gebiet zu betreten. Ich habe da die Abschrift eines dortigen vertraulichen Rundschreibens. Du läufst Gefahr, als, wie es da heisst, ein für die Wissenschaft unbrauchbares Subjekt unter das Militär gesteckt zu werden, oder, wenn der p.p. Ellerbrook in aufrührerischer Gesinnung verharrt, sogar ins Gefängnis!“

„Bruder — das hat sich dort Einer als Jocus in der Besoffenheit ausgedacht!“

„Das ist unterzeichnet von dem Geheimen Oberkriegsrat und Direktor im Polizeiministerium Josias von Römhild in Berlin.“

„Schon wieder der Kerl, der mich aus Jena vertrieben hat!“

„Er gehört zu den härtesten unter den Berliner Geheimräten. Wir können von hier aus keine Vorstellungen erheben. Denn Du bist nicht Thüringer Landeskind. Du bist Ausländer. Du bist Preusse!“

„Ich bin Deutscher!“ schrie Christian Ellerbrook, „und das werde ich dieser verknöcherten Geheimratsseele verdeutschen!“

„Du willst doch nicht . . .?“

„Ich will vor den alten Mann hintreten, der einen ehrlichen Burschen zum Hundsfott machen will, und ihm sagen: Römhild! Das ist ein furchtbares Missverständnis!“

„Christian . . .“

„. . . Römhild — schauen Sie mich an! . . .“

„So höre doch . . .“

„Römhild! Denken Sie nicht an die Baschkiren, sondern an die Burschen! Römhild! Sie sind gewiss schon ein alter Knabe. Bald stehen Sie vor dem ewigen Richter! Deutschland klagt Sie an!“

„Du wirst mit den Gerichten zu tun bekommen!“

„Wer Deutschland so liebt wie ich, dem kann Deutschland nichts tun!“ sagte Christian Ellerbrook. „Du leihst mir ein Ränzel und ein wenig Wäsche, Bruder!“

„Aber die Post meldet, wenn du Dich auf dem Comptoir einschreiben lässt, Deinen Namen an die Polizei!“

„Ich wandere zu Fuss nach Berlin!“

„Es ist erst März, Christian! Du kommst in Sturm und Regen!“

„Es soll stürmen!“ schrie der schwarze Student. „Der Sturm des Herrn soll über Deutschland fegen! Davon solle der Geheimrat Römhild einen Hauch verspüren, wenn ich bei ihm eintrete! Ich fürchte den alten Kerl nicht! Ich poche auf mein gutes Recht! Ich werde ihm sagen: Römhild — wie soll ich denn einmal die Apotheke ‚Zu den Heiligen Drei Königen‘ in Köln übernehmen, wenn ich nicht zu Ende studieren darf? Und ich werde ihm sagen, darüber hinaus: Römhild! Sie und ich: Wir beide sind Deutsche! Gott mehre die Deutschheit!“

Sechstes Kapitel

Der Märzsturm johlte und pfiff und donnerte in diesen Tag- und Nachtgleichen des Jahres 1818 durch Deutschland, und der Studiosus Ellerbrook wanderte in flatterndem Mantel, kampflustig den Knotenstock schwingend, trotzig Burschenlieder der Windsbraut ins Angesicht singend, mit grossen Schritten Berlin zu.

Er überholte auf der nassen Landstrasse die langen Reihen der mit grauem Leinwandplan gedeckten vierspännigen Frachtwagen und die Fuhrleute mit ihren blauen Blusen und mit ihrem Peitschenknall und Hüah! und dem Gekläff ihrer Spisse. Er wies, ein schmucker, schlanker Bursch mit der wehenden Feder am Barett, den Dorfmädeln am Brunnen lachend die weissen Zähne, er feuerte, um die Spiessbürger zu schrecken, auf dem Marktplatz von Krähwinkel einen blinden Schuss aus seiner Pistole. Er hatte Händel mit den Handwerksburschen, den geschworenen Feinden der Studiosen, er zechte im Krug Dünnbier mit den Bauern — freundlichen Thüringern, missvergnügten Sachsen, noch von Leipzig her, wortkargen Märkern.

Und endlich sah er, auf seinen Ziegenhainer gestützt, das Ränzel auf dem Rücken, im Mittagsonnenschein vom blassblauen Himmel oben vom Kreuzberg her das dunstige Häusermeer Berlins vor sich liegen.

Da unten an der Spree, da sassen — für den Studiosus Ellerbrook — die Neidlinge deutscher Burschenschaft — da sassen Skelette in Perücken, die nichts konnten als Streusand auf tintenfeuchte Polizeiverbote schütten — da sassen Finsterlinge in Amt und Würden, die sich halb als Kammerhusaren des Zaren fühlten.

Da sass auch der Herr vom Kamptz, dessen Gensdarmerie-Codex man auf der Wartburg verbrannt hatte — gelesen hatte ihn freilich Keiner! — da sass auch der grosse Widersacher eines braven deutschen Jungkerls, der da oben im Sturm stand und zornig lachte: der Geheime Oberkriegsrat und. Direktor im Polizeiministerium Josias von Römhild.

Um zu ihm zu gelangen, musste man durch das Hallesche Tor Berlin betreten. Aber Christian Ellerbrook bog rechts ab. Er frug sich nach dem nahen Turnplatz in der Hasenhaide durch. Er war nicht schwer zu finden. Denn in dichten Reihen umsäumten die neugierigen Bürger und Bummler und Frauen und Fremde und Handwerfer und Halbwüchsige die weite Fläche, auf der sich Hunderte von Gesellen in ungebleichter Leinwandjacke und -hose tummelten. Sie klommen an hohen berwimpelten Stangen gen Himmel und kletterten an Hängeseilen und Strickleitern und hingen an schräg aufwärts gespannten Tauen. Sie liefen auf den Händen und schlugen Purzelbäume. Sie schnellten sich an langem Stab hoch über die Sprungschnur. Die wirren Mähnen flatterten ihnen im Schwung der Riesenwelle am Reck, die Körper streckten sich im Schwebehang und wippten mit steifem Ellbogen am Barren und kippten mit gespreizten Beinen über den Bock und trabten im Kiebitzlauf und flogen im Karpfensprung durch die Luft und lagen gruppenweise im Gras und Sand und sangen:

„Hei — wie schwungen sich die Jungen!

Frisch, fromm, froh, frei!“

„Platz, Ihr Kuchenbäcker!“ rief der schwarze Student. Die Spiesser umher waren den rüstigen Ton des Turnplatzes gewohnt. Sie bildeten eine Gasse, durch die Christian Ellerbrook das neue Heiligtum der Hasenhaide betrat.

Ein riesenhafter Recke ragte da breitbeinig mitten im freien Raum. Der lange, schmale Andreas-Hofer-Kopf bot ob den ergrauten Seitensträhnen die Glatze dem Wind und der Sonne. Ausdrucksvoll wie aus deutschem Eichenholz gehauen das Antlitz mit den klaren Augen, der bäuerisch-festen Form von Mund und Nase. Ergraut wallte dem erst Vierzigjährigen der mächtige Vollbart zwischen dem auch schon etwas ergrauten Schillerkragen über den freien Hals. Der Kraftmensch trug keine Weste, nur einen abgeschabten Rock über dem Leinenhemd, das die breit gewölbte Brust offenliess. Seine Stimme dröhnte mit Urgevalt, als er die Arme ausbreitete.

„Willkommen, Ellerbrook — Du franker Lützower — Du Wälschenschreck! . . . Du Kriegskamerad! Willkommen bei den Turnern und Teutonen!“

Friedrich Ludwig Jahn, der Turnvater, war wohl preussischer Premierleutnant a. D. und Führer des 3. Bataillons Lützow 1813. Er besass den russischen Wladimirorden. Grosse Geister Deutschlands hatten ihm ihre Werke gewidmet. Er war Ehrendoktor von Jena und Kiel. Aber in Wahrheit stand da — unzerstörbar in seinem eigensten Wesen — und wenn er auch studiert hatte und Lehrer der Jugend gewesen war — der mächtige Bauernsohn aus Lanz in der Priegnitz, aus deutscher Erde gewachsen, verwachsen mit Wald und Wiese, Wind und Wetter, Licht und Luft — ein Stück wandelnde deutsche Urgewalt. Wie Kobolde überkollerten sich die deutschen Worte eigener Prägung auf den polternden Lippen.

„Du bist zum ersten Mal auf einem wahren und gerechten Turnplatz, Bruder in Lützow! Da siehst Du deutsches Jungtum, wie es unser Malspruch nennt: Wahrhaft und wehrhaft — ehrlich und wehrlich — rein und ringfertig— keusch und kühn! — Ja — ich mahne die Turner immer: Seid keusch! Arge Lust wird durch Reck und Barren gekühlt!“

„Und seid mässig! Nicht Quaas und Frass — Wasser und Brot ist Turnerspeis. Milch macht den Mann!“ Der jähzornige Riese versetzte den nächsten Turnern ein paar derbe Maulschellen. „Was steht Ihr herum wie die Eckner mit dem Bahgesicht? Wollt Ihr im Sand baden wie die Hühner? Marsch jetzt in die Spree! Hinüber nach dem Oberbaum, in die Schwimmschule des Oberst Pfuel!“

„Nun — und Du, Ellerbrook!“ Der Turnvater gab dem Schwarzrock plötzlich einen fragenden Bärenstoss vor die Brust: „Du kommst aus Jena?“

„Man verfolgt mich in Jena von Berlin her. Darum bin ich hier!“

„Ha — ich kenne sie — unsere Mehrmacher und Rechenhexer und lebendigen Zahlbretter, die sich dünken, sie seien das deutsche gemeine Wesen! Sie verweigern ja auch mir das Amt eines Lektors der deutschen Sprache! Sie verweisen mich als Bauer auf den Mist. Was kann man für Dich tun? Du suchst unsern Lützower Mitbruder — den kleinen Berliner — den Schellhase? Vorhin sah ich den Gesell noch beim Weitsprung!“

Fritze Schellhase schwang sich affenartig flink an langer Stange über ein hohes Reck, landete im Schlusssprung, kam in grauleinenem Turnerdrill über dem schmächtigen Körper heran, die Stupsnase dreist in dem humoristischen, bartlosen Gesicht. Er hatte bei den Lützowern freilich nicht zu den reitenden freiwilligen Jägern in ihrer feierlichen schwarzen Todestracht gehört, sondern zu den nur mässig, mit scharlachroten brittischen Röcken ausgerüsteten Musketieren zu Fuss, aber sein Händedruck mit dem Jenaer Studenten war heute so kriegstreu wie im vorigen Herbst bei dem grossen Burschenfest auf der Wartburg.

„Ob ich Dir in Berlin zur Hand gehen kann?“ sprach er. „Klar! Mein Irossvater hat schon an den ollen Ziethen Gäule verkloppt, und der Ziethen verstand was davon! Seit Anno Toback sind die Schellhase Pferdehändler gewesen — und, Mensch, immer so redlich wie möglich . . . Wenn Einer freilich zu sehr aus Potsdam ist . . . Nun komm — ich bringe Dich nach Berlin hinein!“

Die beiden gingen. Christian Ellerbrook drehte am Rande des Turnplatzes noch einmal den jungen Römerkopf. Bis hierher drang die Stimme Vater Jahns. Er hatte eine Schar seiner Jünger um sich versammelt. Sie hockten im Kreise und horchten auf eine der täglichen runenhaften Ansprachen des berserkerstarken Getreuen Eckarts im Bart.

„Fahneflüchtlinge, Feiglinge, Kuppler haben im neuen Staat kein Bürgerrecht! Auch nicht, wer im Ausland die Volksehre befleckt — nicht, wer sich mit einer noch nicht eingebürgerten Undeutschen verheiratet — nicht, wer eine Familie ernähren kann und dennoch ein Hagestolz bleibt. Ein ausgestopfter Kuckuck gehört auf den Hagestolzensarg, kein jungfräulicher Kranz!“

Und endlich noch einmal ganz aus der Ferne wie dumpfer Donner der Weckruf eines Predigers in der deutschen Wüste:

„Erbärmlichkeit ist das Grab alles Grossen und Guten: Rhein und Rinnstein! Berlin und Berlinchen! Wien und Winzig! Leipzig und Lausig! Seid ein grosses Volk! Und das schönste Bild von einem ganzen Volk bleibt doch immer das Bild einer grossen, sich liebenden Familie!“

Die Beiden, der Student von Jena und der junge Schellhase, der sich auf der Hochschule zu Berlin der Tierarzeneikunde befliss, standen auf einer weiten, windüberpfiffenen, tellerebenen Grasfläche. Ein paar Jungen liessen Drachen steigen. Sonst war kein Mensch in der Nähe. Aber weiter drüben regten sich in regelmässigen Abständen hintereinander gereihte bunte Menschenstaffeln mit glitzernden Helmen, die Waffenröcke blau, mit weissem Leinen bekleidet die Beine, die im Musiktakt des Vorbeimarsches vor einer Gruppe Generale zu Pferd wie Glieder eines einzigen Riesenkörpers aus Reih und Glied flogen.

„Da übt die Jarde für die jrosse Frühlingsparade!“ sprach ‘Fritze Schellhase durch den windverwehten Paukenschlag. Der Schwarze furchte missmutig die Stirne. Er blickte von dem regellosen und ungebundenen Durcheinandergehüpfe und Gespringe der grauleinenen langmähnigen Turner drüben zu dem Lineal von ausgerichteten, im Gleichschritt die Erde erschütternden, im Dienst erstarrten Grenadieren des Königs von Preussen. Er überschaute finster den endlosen Tempelhofer Exercierplatz.

„Ha — der Prahlplatz!“ sprach er. „Und hier stehen zwei alte Lützower Freischärler! Das ist die zum Himmel schreiende Kluft der Zeit: Auf dem Turnplatz die Freiheit! Auf dem Exercierplatz der Gehorsam!“

„Besser Drillich als Drill!“ schrie der Turner. „Nu komm zum Halleschen Tor!“

Baumlange Grenadiere sonnten sich da auf der Bank vor der Wachtstube. Der braungebrannte Römerkopf des Studiosus Ellerbrook lugte misstrauisch auf sie nieder.

„Was bedeutet denn das ‚U’ mit der Kaiserkrone auf den weissen Achselklappen, Schellhase?“

„Na, Mensch! Alexander von Russland! Das is dem sein anjestammtes Regiment!“

„Ha — des Zaren!“

Passt Ihnen das etwa nicht, Männeken?“ frug der Corporal der Alexander-Grenadiere.

„Der Zar ist uns Burschen eingeschworener Feind! Nur Ihr deutschen Krieger tragt auf der Schulter seinen Stempel!“

„Sie sind wohl schon lange nicht arretiert worden — was?“ erkundigte sich gedämpft der schnurrbärtige Wachhabende.

„Ich bin frank und hart! Ich sage, was ich denke!“

Ein Windstoss öffnete den dunklen Wandermantel, den Christian Ellerbrook über seinem schwarzen Burschenwams trug. Auf dem wurde das Eiserne Kreuz sichtbar. Die Miene des Unteroffiziers von den Alexander-Garde-Grenadieren wurde viel milder.

„Habe ich auch! Woher Ihres?“

„Ligny!“

„War ich auch dabei! Ich war überall dabei. Aber bei Ligny — erinnern Sie sich noch? Das war an dem Abend das einzige Mal, dass es gleichzeitig am Himmel und auf der Erde geblitzt und gedonnert hat!

Na — nun gehn Sie mal weiter! Und wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf — wenn Sie drinnen in Berlin reden wollen, dann schweigen Sie! Ist besser!“

„Unser Pferdejeschäft liegt malerisch an die olle Stadtmauer jelehnt, gerade zwischen dem Halleschen und dem Potsdamer Tor“, sagte Fritze Schellhase. „Vom Futterboden oben kannst über die Mauer weg durch die freie Natur bis zum Dorf Stegliss in der Ferne sehen. Vorteil — begreifste —, dass man mit den Gäulen gleich draussen ist. Komm mit! Ich weiss gleich dabei bei ‘nem Schneidermeister ein propperes Stübchen!“

„Erst muss ich den Geheimen Oberkriegsrat und Staatsrat und Polizeirat — was weiss ich — kurz einen gewissen Römhild koramieren! Hast Du je was von dem Kerl gehört?“

‘Fritze Schellhase blieb stehen und faltete mit einem Blick zum Himmel die Hände.

„Einen jewissen Römhild!“ sprach er. „Junge — Junge! Gott erhalte Dir Deine Unschuld! . . . Einen jewissen! sagt er . . . Nicht zu jlauben! Der mächtige Mann wohnt am Gensdarmenmarkt. Den kennt jeder Schusterjunge und macht um ihn ’nen weiten Bogen. Das ist ‘n Jemütsmensch! Der verschafft Dir freie Kost und Logis in der Hausvoigtei! Ehe Du Dich versiehst!“

„Dann führ’ mich mal dahin!“

„Hör’ mal, Dir pickt’s wohl? . . . So von der Strasse weg zu Römhild — in seine Privatwohnung? Sonst biste jesund — bloss im Kopfe haste Nebenluft, wat?“

„Jetzt ist’s Mittag! Da kommt der Finsterling sicher nach Hause, um zu essen! In seinem Ministerium dringe ich doch nicht zu ihm durch. Da speist mich irgendeine Schreiberseele im Vorzimmer ab! Los!“

Mitten auf dem Gensdarmenmarkt starrte die rauchgeschwärzte Ruine des abgebrannten Schauspielhauses. Rechts und links wölbten sich die Kuppeln der Neuen und der Französischen Kirche. Gegenüber ragte in der Häuserfront ein stattliches Gebäude.

„Also krauche Du in die Höhle des Löwen!“ sagte der kleine Schellahase. „Ich habe vor den Franzosen nicht gemuckt! Das weisste! Aber hier verziehe ich mich doch lieber, ehe sie Dich rausschmeissen oder womöglich jleich dabehalten!“

„Wenn Du wieder soweit bist!“ Er wandte sich zum Gehen. „Denn frage nur den ersten besten Nante an der Ecke nach dem ollen Schellhase, dem Pferdeschmeisser an der Stadtmauer. Denn jiebt er Dir noch Jrüsse mit! Mein Vater — der is populär!“

Siebentes Kapitel

Der schwarze Student schritt, allein geblieben, über das Kassenkopfpflaster des Fahrdamms dem Hause zu. Dessen Tür gähnte offen. Der Diener, der den schweren eichenen Flügel zurückgeschlagen hatte, bemerkte den Fremdling nicht. Er stand etwas abseits an der Strassenecke und blinzelte über den Platz hin, als ob er jemanden erwartete.

Christian Ellerbrook stieg die gewundene Treppe hinauf, in seiner schwarzen Wartburgtracht, den bestaubten Mantel der Schicklichkeit halber über dem Arm. Feierlich schwiegen die Türen. Eine Magd kam stiegenabwärts. Sie legte erschrocken die Rechte vor den Mund, als sie den Burschenschafter sah. Sie wies auf seine Frage stumm mit der Linken auf die Türe, vor der er stand, und rannte die Stufen hinunter, als sei der Böse hinter ihr her.

Der Studiosus zuckte die Achseln. Er zog den porzellanenen Klingelknopf. Die Türe öffnete sich. Auf der Schwelle erschien ein weiblicher dienstbarer Geist, erblickte den Besucher im Burschenwams, wartete seine Frage gar nicht ab, schlug, ihm vor der Nase, die Türe jäh wieder ins Schloss.

Das begriff der draussen nicht. Er harrte eine gute Weile. Dann läutete er noch einmal. Er pochte gedämpft mit der Faust an das Holz. Nichts rührte sich. Er stand wie vor einer belagerten Festung. Nun hörte er durch die Stille des herrschaftlichen Treppenhauses von unten eine helle, entrüstete Mädchenstimme.

„Ein Student hat sich ins Haus eingeschlichen, sagst Du?“ Es schien der Magd von vorhin zu gelten. „Wie hat er ausgesehen? Ganz schwarz und finster — mit ’nem Dolch? Warum bist Du nicht gleich zum Polizeikommissar gelaufen, Dörte?“ Nun zum Diener: „Ik kann dor of nix för, seggste? Swieg Du man still, Du Bangbüx! Lat mi mal geben!“

Offenbar wollten die beiden Domestiken das Fräulein zurückhalten. Wieder die frische, junge, befehlsgewohnte Stimme.

„Bleibt Ihr hier unten und warnt den Herrn Geheimrat, wenn er kommt! Er soll ja nicht hinauf! Es lauerte oben Einer auf ihn! Den will ich mir jetzt mal bekieken! Wart’ nur, Jong!“

Das Landfräulein lief die Treppen hinauf, zwei Stufen auf einmal, atemlos, die Schleppe des moosgrünen Reitkleids über dem Arm, die hellblonden Haare vom Galopp zerstrubelt unter der abwärts geschweiften Krempe des schwarzen Cylinderhuts. Das hübsche Gesicht war noch vom Reiten erhitzt. Über den Westeneinsatz von feuerrotem Tuch fiel ihr in breiten Schleifen ein weissseidener Schal und umrahmte wie ein hoher, steifer Vatermörder ihre kaum zwanzigjährigen, etwas hochmütigen Züge. Sie trug ein Reitstöckchen nachlässig unter den linken Arm geklemmt. Die Sporen an ihren hohen Stiefelchen klirrten leise, während sie auf den Treppenabsatz vor der Wohnung trat. Sie blieb stehen und betrachtete aus ihren blauen Augen den Studenten kühl forschend und völlig unerschrocken. Dann wandte sie den Blondkopf zu der Magd und dem Diener, die ihr doch gefolgt waren.

„Vor allem nehmt dem Mann den Dolch weg!“ sagte sie und erhob plötzlich die Stimme und rief durch die verschlossene Tür. „Maman! Ne faites pas ouvrir! Il y a là du monde!“

„Pfui — Französisch!“ sprach der Jenaer Student finster. „Schämen Sie sich nicht?“

Das Landfräulein starrte ihn verblüfft an. Er setzte hinzu: „Was braucht ein schönes, blondes deutsches Mädchen Wälsch zu plappern?“

„Hinnik! Hür! Nimm ihm den Dolch weg!“

Aber der Diener rührte sich nicht. Der Studiosus Ellerbrook lächelte zu gefährlich — nicht zu ihm, sondern zu dem Fräulein.

„Warum soll ich vor Ihnen die Waffen strecken?“

„Weil Sie sicher nichts Gutes damit vorhaben!“ Die Reiterin trat entschlossen zwei Schritte näher an ihn heran. Es kam leise und drohend über ihre frischen roten Lippen. „Sie wollen sich an meinem Vater vergreifen?“

„An dem Herrn Geheimrat von Römhild?“

„Ich bin seine Tochter. Ich werde verhindern, dass Sie ihn hier niedermetzeln! . . . Mudding! Mache ja nicht auf! . . . Jochen, kümm vor!“

„Lassen wir den Jochen!“ sagte der schwarze Student. „Das ist ein Teekessel! Der mag vor den Amicisten bestehen, aber nicht vor einem freien Jenaer Burschen! Wir Beide haben Courage — die Demoiselle und ich!“

„Ja — Courage, sich auf meinen armen, nichtsahnenden Vater zu stürzen!“ Die gesunde, ländliche Röte auf den Wangen des Fräuleins von Römhild war doch ein wenig verblasst.

„Verdient hätte er es . . .“

„Da hört man’s!“ Die drüben legte entsetzt die beiden Hände in ihren Wildlederstulpen zusammen.

„Aber ich schleppe ihn nicht auf die Blutbank — trotz allem, was er mir angetan hat!“ schrie der schwarze Student, und seine dunklen Augen leuchteten zugleich feierlich und wild. „Ich bin ein honoriger deutscher Bursch und denk’ an unsern Herrgott, wenn es mir auch noch so sehr in den Fingern zuckt!“

„Also wollen Sie gar nicht zu meinem Vater?“

„Zu ihm und zu keinem Andern! Ich bin zu Fuss von Weimar hierher gewandert, um vor dem Herrn Geheimen Polizeirat meine Brust zu öffnen und ihm zu zeigen, wie es um die Deutschland liebende Jugend bestellt ist!“

Es war eine kurze Stille. Durch das Holz der Türe die Stimme einer älteren Dame:

„Male! . . . Est ce qu’il y a encore de danger?“

„Hei is noch alleweg da, Mudding! Snaken Sie nicht franzö’sch, dat reizt den Wüterich noch mehr!“ Wieder zu dem Studenten, mit einem langen, sinnenden Blick:

„Wenn man Ihnen trauen könnte . . .?

„Mein Ehrenwort!“

Die blonde Male Römhild erwiderte nichts. Es lag etwas in ihrem Schweigen, in einem krausen Zug um die kecke Nase: Ehrenwort? Das ist etwas für uns vom preussischen Adel! Für Offiziere Seiner Majestät des Königs. Für hohe Staatsdiener wie meinen Vater! Aber nicht für wandernde Studenten auf der Landstrasse und aus dem Volk . . . . . . .

„Nun — ich werde Ihnen beweisen, dass ich nichts Böses im Schilde führe, Fräulein von Römhild!“

„Warum lachen Sie so?“

„Kommen Sie einmal nahe heran — ganz nahe!“

Die Male Römhild stutzte einen Augenblick. Dann zuckte sie verächtlich die Schultern und stellte sich dicht vor den Studenten, gerade zum Zeichen, dass sie sich nicht vor ihm fürchtete. Die Beiden sahen sich lange und ernst in die Augen. Dann musste er wieder lachen, und nun zuckte es wider Willen auch um ihre Lippen.

„Was gibt’s denn jetzt?“

„Glauben Sie ja nicht, dass ich Ihnen jetzt ein Mäulchen raube!“ sprach der Student von Jena streng.

„Dat würde Ihnen auch slimm bekommen!“

„Strecken Sie die Hand aus — so — und fassen Sie den kleinen silbernen Totenkopf in meinem Gürtel — so — und ziehen Sie den Dolch heraus und nehmen Sie ihn in Verwahrung, bis ich mich wieder von Ihrem Vater beurlaubt habe! So! Nun ist Ihnen gelungen, was dem Napoleon selber nicht gelungen ist: Sie haben mich entwaffnet!“

„Dem Napo . . .“ Male Römhild nahm den Dolch an sich, dabei sah sie jetzt erst auf dem schwarzen Wams drüben etwas baumeln. Plötzlich wurden ihre hübschen Züge sonnig, ein wenig zutraulich. „Gotts Dunner! Das Eiserne Kreuz!“ sagte sie halblaut und achtungsvoll, mehr zu sich als zu ihm. „Meine Verwandten in Pommern haben alle unter Blücher gefochten. Ich stamme nämlich aus Pommern. Wir haben da ein Rittergut, von meiner Mutter her. Waren Sie auch unter Blücher?“

„Erst bei Waterloo!“

„Und vorher?“ Es klang hoffnungsvoll: „Vielleicht hier bei der Garde?“

„Wie käme ich — ein Köll’scher Jong — in die preussische Garde?“

„Nun — die hat doch im Krieg auch Bürgerliche genommen!“ sagte das Fräulein von Römhild etwas hochmütig.

„Uber ich habe mich nicht gemeldet!“ sprach Christian Ellerbrook schroff. „Ich bin Bursch! Frei ist der Bursch! Ich halte nichts von Wachtstubendrill und Paradewesen. Ich bin zu den Freischärlern gegangen. Ich war Freiwilliger reitender Jäger im Lützowschen Corps! Sogar Leutnant!“

Nun war wieder eine Entfremdung zwischen ihnen da. Sie sahen sich gereizt an und schwiegen. Auf der Treppe tönte ein tiefes, gewichtiges Räuspern.

„Das ist Vater!“ Male Römheld beugte sich über das Geländer. Sie rief mit heller Stimme: „Vater! Es steht Einer von der Burschenschaft hier oben! Aber kommen Sie nur herauf! Er tut Ihnen nichts!“

Ein langer, schwarztuchener Oberrock umhüllte mit schwarzen Beinkleidern die kräftig-beleibte, breitschulterige Gestalt des Geheimen Oberkriegsrats und Direktors im Polizeiministerium, auch Einberufenen Staatsrats Josias von Römhild, der, zu Mitte der Fünfzig, mit der Kurzatmigkeit des stubensitzenden Staatsdieners langsam die Stufen hinaufstieg. Auf dem Haupt trug er einen hohen, hechtgrauen Cylinder. Die Vatermörder starrten zu beiden Seiten des bartlosen, geistvoll-kaustischen Gesichts mit dem harten Zug um den mächtigen Mund und den rechthaberischen Runzeln längs der hohen Stirne. Seine feuchten und lebhaften Augen richteten sich satirisch auf den jungen Mann. Unheimlich sein Lächeln.

„Sie wollen mich umbringen — höre ich aus bester Quelle? Gut! Bitte! Nein? Sie wollen nicht? Um so besser!“

„Es würde Ihnen auch wenig nützen!“ fuhr er gedämpft fort und fasste den Studenten vertraulich am Rockknopf. „Morgen stände ein noch widerwärtigerer Kerl an meiner Stelle! Wir haben solche Geheimräte im Überfluss. Wir schwelgen darin. Wir können sie verschwenden! Das müsst Ihr jungen Leute Euch gesagt sein lassen!“

„Ich glaube, es ist ein ganz guter Mensch, Vater!“ sprach das Fräulein von Römhild. „Er gehört nur zu den Verführten!“

„Ihr Name, mein Herr Bruder Studio! Woher?“ Und als der Geheimrat mit einem schmerzhaften Zucken der linken Gesichtshälfte das Wort ‚Jena‘ vernommen, öffnete sich sofort in seinem Graukopf eines der vielen tausend Aktenstücke über verdächtige junge Männer. „Kotzebue! Ergötzt Euch doch an den Komödien dieses ungezogenen Schalks, Ihr jungen Philister, statt dass Ihr selber unzulänglich die Scherbenrichter mimt! Wie? Ich begriffe nicht, welche Gefühle Euch beseelen? Ach — mein Lieber: Ich begreife mehr, als ich wissen möchte! Aber ich bin Staatsdiener. Ich darf es nicht wissen!“ Eine sonderbare Unerbittlichkeit in dem fallenden Ton: „Ich darf es nicht wissen!“

In dieser Sekunde hatte der gefürchtete Polizeidirektor förmlich etwas Leidendes in den grauen Augen, die sonst kalt und forschend über die grosse, gebogene Nase hinweg dem Mitmenschen in die Seele drangen. Unwirsch und herrisch die Hebung des hartgehämmerten Kinns aus dem Schutz der Vatermörder.

„Was denkt sich der Musjö eigentlich, dass er mich hier in meiner Privatwohnung antritt?“

„Vater! Er ist eben ein unbedachtsamer Mensch!“ beschwichtigte die blonde Male. „Sehen Sie nur sein leichtsinniges Lächeln!“

„Eigentlich müsste ich Sie auf die Wache bringen lassen!“

„Vater! Er hat Ihnen nichts getan! Tun Sie ihm auch nichts!“

„Wenn Sie ein Anliegen haben, so wenden Sie sich am besten mit einer schriftlichen Supplik an das Ministerium! Hier halte ich keine Herberge an der Strasse!“

„Und doch möchte ich, um dessen Studienlauf es geht, um Gehörbitten!“

„Mein Freund: Ich habe Hunger!“ sprach der Geheimrat einfach. Er blickte ungeduldig auf die dickgewölbte, goldene Uhr, die er an einer Kette aus gedrehtem Frauenhaar in einer Tasche der buntgestickten Biedermeierweste verwahrte, und dann auf den Studenten. Er räusperte sich trocken und hart — ein Stück Fiskus und Polizei auf zwei Beinen, nicht gewohnt, viel Federlesens mit Untertanen zu machen.

Die Flurtüre wurde vorsichtig von innen geöffnet. Eine stattliche, etwas üppige Dame in den Vierzig ragte mit rotem, resolutem Gesicht im Rahmen der Füllung, wie ein sehr würdevolles, sehr anspruchsvolles Gemälde in einer Ahnengalerie. Das hochgegürtete schwarze Empirekleid liess sie noch grösser erscheinen.

„Was verziehst Du hier draussen noch so lange, Josias?“ Ihre Stimme war tief. „Das Essen kommt an. Die Gäste warten. Ich . . .“ Jetzt sah sie erst den jungen Mann im Schwarzrock. Sie brach ab. Eine ungläubige Missbilligung legte sich über ihre von Wind und Wetter Pommerns gesund gefärbten Züge. Sie griff instinktiv nach dem Arm ihres Mannes, um ihn aus der gefährlichen Nachbarschaft wegzureissen.

„Gottliebe — ich lebe noch!“ sagte der Geheimrat mit seinem sarkastischen Lächeln. Und die Tochter rief froh dazwischen:

„Mudding: Wir bringen Dir den Düwel ins Haus!“

Zugleich fühlte der Student von Jena einen heimlichen, aber kräftigen Rippenstoss und hörte an seinem Ohr eine helle gedämpfte Stimme.

„Gehen Sie doch hinein! Schnell! . . . Herrgott — kümmt hei langsam tau schick! . . . Nu ist er drinnen! . . . Nu werden Sie ihn nicht los, Vater! Nun müssen Sie ihn anhören! . . . Ich treck’ mich nur fix zum Mittag um!“

„Wenn Einer daun deit, wat hei deit“, sagte sie in ihrer Stube aufgeregt zu der Dörte, der pommerschen Magd, die ihr beim hastigen Umkleiden half, „denn kann hei nich mehr daun, als hei deit!“ Die hohen Stiefelchen flogen mit klirrenden Sporen auf die Dielen, „und hei deit dat und loopt extra nach Berlin.“ Das rottuchne Gilet wirbelte in die Ecke, „und mi deit hei leid!“

„Hei is ein smucker Minsch!“ sprach andächtig die Dörte, das flachshelle Kind vom Lande, und raffte das grüne Reitkleid von dem Spitzenbett, auf das es das Fräulein geschmissen. Die nickte sinnend.

„Dat glöw ik all mein Dag!“

„Und gaud von Gemüt! Wenn hei lacht und die witten Zähne zeigt — hei is garnich von bürgerlicher Figur! Hei hat ’ne Façon wie ein Edelmann!“

„Ja — da möcht’ man beinahe seine geringe Herkunft vergessen!“ Das Fräulein von Römhild trat vor den geöffneten Spiegelschrank, in dem in bunter Reihe nebeneinander die luftigen Empirekleider hingen, und stiess die Dörte, die eines der dünnen Gewebe herausgenommen hatte, entrüstet beiseite.

„Du willst mich wohl heute zur Vogelscheuche machen, dumme Deern!“ Sie legte sinnend die Hand ans Kinn und musterte das Aufgebot im Schrank. Dann streifte sie eigenhändig ein Gesellschaftskleid aus dunkelblauem Samt vom Riegel. Es war bodenfrei, als sie hineingeschlüpft war, mit ganz hoher Taille und engen Ärmeln. Ihr frisches junges Gesicht steckte mitten in einer Halskrause aus weissen Spitzen. Die Dörte knüpfte ihr noch schnell eine grosse blaue Schleife in das blonde Haar.

Dann rannte sie, Male von Römhild, in langen, unbekümmerten Sprüngen hinüber in die Gesellschaftsräume. Kein Mensch in dem steifen, weissgoldenen Empire des Salons, dem rötlich-warmen Biedermeier der Wohnstube, dem dunkelbraunen Danziger Barock der tausendbändigen Bücherei nebenan. Das Fräulein von Römhild öffnete die Tür zum Speisezimmer und stand starr.

Da waren gewohnte Freunde des Hauses — wohlgelauntes, langweiliges Alter — von schicklichem Geist und Wissen, sonst liess sie der Vater bei sich nicht gelten: die reife Hofdame von einst, seine Base — der Domprediger, der ihn schon getraut hatte, der weissköpfige Potsdamer Cabinettsrat im Ruhestand, der uralte Onkel General, der noch als dreizehnjähriger Leutnant im Siebenjährigen Krieg im Lager von Bunzelwitz gestanden hatte, samt seiner Frau.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 166,72 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
05 мая 2025
Объем:
370 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9788711507353
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги