Читать книгу: «Ein Leben für Ruanda»


Inhaltsverzeichnis
Geleitwort Von alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey
Vorwort
Einleitung Reise nach Ruanda 1979
Teil 1 Ein ganz normales Leben
Kontext Das obere Fricktal an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
Kapitel I Familie und Geschwister
Kapitel II Kindheit, Schulen und Internat in Belgien
Kontext Die Region Brugg-Windisch 1917–1970
Kapitel III Erwachsenenleben auf der Klosterzelg
Kontext Die katholische Pfarrei St. Nikolaus Brugg
Kapitel IV Leben am Wendepunkt
Teil 2 Aufgabe und Berufung in Afrika
Kontext Ruanda – Land und Leute
Kapitel V Hausmutter von Kabgayi
Kapitel VI Station in Solothurn
Kapitel VII Am Centre St. André
Kontext Die Kirchen und Religionen in Ruanda
Kapitel VIII Sozialer und karitativer Einsatz
Kapitel IX Flucht und Rückkehr
Kontext Bürgerkrieg und Völkermord
Teil 3 Private Entwicklungsarbeit
Kapitel X Neubeginn in Gitarama
Kapitel XI Von der Überlebenshilfe zur Entwicklungshilfe
Kontext Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in Ruanda
Kapitel XII Die Beziehungen zur Schweiz
Kapitel XIII Abschied und Kontinuität
Kontext Ruanda heute
Anhang
«Dann wird der König denen auf der rechten Seite sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist. Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr hat mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen.»
«Nimuze, abahawe umugisha na Data, muhabwe ingoma mweguriwe; kuko nashonje mukamfungurira, nagize inyota mumpa icyo kunywa, naje ndi umugenzi maracumbikira, nari ndwaye muransura, nari imbohe muza kundeba, … Ibyo mwagiriye umwe muri abo bavadimwe banjye baciye bugufi, ninjye mwabaga mubigiriye.»
(Matthäus, 25.34–36, eine der Lieblingsstellen von Margrit Fuchs in der Bibel, auf Deutsch und auf Kinyarwanda.)
Geleitwort
Von alt Bundesrätin Micheline Calmy-Rey
Ich erinnere mich gut an meine erste Begegnung mit Margrit Fuchs. Es war ein sonniger Spätherbsttag im Jahr 2005. Sie kam nach Bern, um mir und der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) die Situation ihres Hilfswerks in Ruanda darzulegen. Sie schilderte mit bewegenden Worten die Not der Kinder in diesem kleinen afrikanischen Land. Ich war sehr beeindruckt, mit welch grossem Engagement und Herz sie sich für die Armen und Bedürftigen einsetzte – und das im Alter von 88 Jahren! Sie erzählte mir auch, wie sie zu dieser Aufgabe gekommen war: Sie reiste 1970 erstmals nach Ruanda und fand in der Unterstützung von Waisen- und Strassenkindern ihre Lebensaufgabe. Insbesondere aber gefiel mir das Motto, von dem sie sich in ihrer Arbeit leiten liess: «Hilfe zur Selbsthilfe». Nur wer sich selbst zu helfen weiss, der oder die kann Armut und Diskriminierung überwinden und sich emanzipieren.
Margrit wurde 1917 in eine Welt hineingeboren, in der vorwiegend Männer das Sagen hatten. Die Frauen galten nicht als vollwertige Mitbürgerinnen; sie besassen nicht das Stimm- und Wahlrecht. Rechtlich waren sie zahlreichen Einschränkungen und Ungleichheiten unterworfen: Eine Schweizerin, die einen Ausländer heiratete, verlor die schweizerische Staatsbürgerschaft, ein Schweizer, der eine Ausländerin ehelichte, dagegen nicht. Heiratete eine Frau, verlor sie ohnehin einen Teil ihrer Mündigkeit: Die wirtschaftliche Verfügungsgewalt in der Familie lag beim Mann, dem Oberhaupt. Hatte die Frau ein Erwerbseinkommen, konnte der Mann darüber befinden. Sie konnte nur arbeiten, wenn der Mann damit einverstanden war. Eine unverheiratete Frau bewahrte zwar ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit. Doch ihre beruflichen Chancen und Aussichten waren auf subalterne Funktionen beschränkt. Führungspositionen waren prinzipiell Männern vorbehalten. Frauen konnten höchstens Chefs von anderen Frauen werden. Und Frauen verdienten viel weniger als Männer. Die Rechtfertigung war, dass ein Mann mit seinem Gehalt eine Familie zu ernähren habe, eine Frau dagegen nicht. Denn eine Frau, die arbeitete, war nicht verheiratet – so dachte man damals. Das war natürlich unzutreffend, da sehr viele Frauen, vor allem aus der Arbeiterschicht, arbeiten mussten, da das alleinige Gehalt des Mannes vorne und hinten nicht reichte, um die Familie zu ernähren, die Miete zu bezahlen und vieles mehr. Doch das änderte nichts an der paradoxen Argumentation, mit der die Lohnungleichheit gerechtfertigt wurde. Eine Frau war nur vollwertig an der Seite ihres Mannes und als Mutter. Natürlich gingen Ehe und Mutterschaft Hand in Hand. Doch diesen angeblich vollwertigen Frauen nahm man die wirtschaftliche Mündigkeit mit der Verheiratung gleichzeitig weg. Es war eine Welt voller Ungerechtigkeit und Ungereimtheiten für Frauen.
Starke Frauen wie Margrit Fuchs bahnten sich trotzdem ihren Weg. Sie heiratete nie und arbeitete gerne. Sie liebte ihren Beruf. Dabei war sie keine Rebellin, keine «Frauenrechtlerin», wie das damals in etwas abfälligem Tonfall hiess. Aber sie hatte ihre Meinung und konnte diese durchsetzen, auch und gerade in männlich dominierten Institutionen wie der katholischen Kirche. Dann, mit 46 Jahren, gab sie ihren Beruf auf, um die Mutter zu pflegen bis zu deren Tod. Deswegen, und auch später wegen ihres ersten Ruanda-Aufenthalts, erlitt Margrit Fuchs beträchtliche Einbussen bei der AHV-Rente; es gab damals noch keine Betreuungsgutscheine. Die Pflege von Kranken und Alten war (und ist auch heute noch vorwiegend) Frauensache, die unentgeltlich zu sein hatte. Staat und Gesellschaft sahen die Gratisarbeit der Frauen für selbstverständlich an. Frauen wie Margrit Fuchs lassen sich von Hindernissen, Schwierigkeiten und Ungerechtigkeit nicht abschrecken. Sie knüpfen das eigene Handeln und Tun nicht an kleinliche Kosten-Nutzen-Rechnungen, um einen möglichst grossen persönlichen Profit aus einem Engagement zu schlagen. Menschen wie Margrit Fuchs sind der Kitt der Solidarität einer Gesellschaft. Eine Gesellschaft verliert ihre Raison d’Être, wenn sie keine Solidarität mehr kennt.
Die wenigsten von uns im reichen Norden können sich vorstellen, was extreme Armut heisst. Diskriminierung, Hass und Gewalt fördern Armut, und diese Armut wiederum nährt neue Ungerechtigkeiten. Es ist ein zerstörerischer Teufelskreis, den es zu durchbrechen gilt, weil er sonst sich immer mehr ausbreitet. Wenn sich Flüchtlinge aus Afrika in zerbrechlichen Booten aufmachen, um übers Mittelmeer nach Europa und zu uns zu gelangen, dann sind diese Verzweiflungstaten eine Auswirkung dieses Teufelskreises. Darum ist Entwicklungszusammenarbeit nicht einfach ein Almosengeben. Es ist Interessenpolitik. Globale Solidarität mit dem Süden nützt uns und es nützt dem Süden zugleich.
Margrit Fuchs erlebte extreme Armut, jeden Tag. Sie leistete Not- und Überlebenshilfe, indem sie Strassen- und Waisenkinder kleidete, ernährte und medizinisch betreuen liess. Doch sie leistete auch Entwicklungshilfe zum Aufbau Ruandas. Sie baute ein Dutzend Schulen und eine Universität, sie unterhielt eine mechanische Werklehrstätte und eine Schneiderei; einer ihrer – unerfüllten – Wünsche war ein Atelier zur Ausbildung junger Mädchen. Die Kinder sollten etwas lernen können. Sie investierte damit in die Zukunft ihres Gastlandes und ihrer zweiten Heimat. Sie fand dabei Unterstützung bei Tausenden von Spendern aus der Schweiz, vor allem aus dem Kanton Aargau. Die offizielle Schweiz kommt mittlerweile der UNO-Vorgabe, 0,7 Prozent des Bruttosozialproduktes für die Entwicklungszusammenarbeit mit dem Süden bereitzustellen, recht nahe und hat ihren Anteil seit 2000 mehr als verdoppelt. Doch bei den Diskussionen um die Entwicklungszusammenarbeit geht oft vergessen, dass es neben der öffentlich-staatlichen Entwicklungshilfe von 2,4 Milliarden Franken (2015) auch eine private gibt. Und die Schweizerinnen und Schweizer sind entgegen dem, was gelegentlich gesagt und geschrieben wird, sehr spendenfreudig: 2015 gaben sie 1,8 Milliarden Franken an private Hilfswerke, und dieser Betrag ist seit 2006 kontinuierlich gestiegen. Das ist ein beeindruckender Akt der Solidarität mit den Bedürftigen dieser Welt.
Gut ausgebildete Kinder und Jugendliche können, wenn sie ins Erwerbsleben eintreten, ihr wirtschaftliches Schicksal besser in die eigenen Hände nehmen. Das schafft Vertrauen und Selbstständigkeit. Wer seinen Lebensunterhalt unter würdigen Umständen bestreiten kann, ist weniger anfällig für Hassprediger und Ideologen aller Art. Wer auf eigenen Füssen steht und die eigene Familie versorgen kann, fühlt sich sicherer. Wer sicherer ist, hat weniger das Bedürfnis, auf andere herunterzuschauen, sie herunterzumachen, bloss, weil sie eine Minderheit sind. Und wer Diskriminierung ablehnt, der schätzt die Menschenrechte. Frieden und Sicherheit, Menschenrechte und Entwicklung bedingen und bestärken sich gegenseitig. Mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement hat Margrit Fuchs ganz direkt zu dieser Stärkung in Ruanda beigetragen.
Wenige Tage vor ihrem Tod bin ich ihr ein zweites Mal begegnet. Als Bundespräsidentin war ich auf Staatsbesuch in Ruanda. Bei dieser Gelegenheit gab es einen Empfang für die kleine Schweizer Gemeinde des Landes in der DEZA-Mission in Kigali. Einmal mehr war ich beeindruckt von ihrem Tatendrang und ihrer Energie. Margrit Fuchs war inzwischen 90 Jahre alt, aber ihre Schaffenskraft für die Verbesserung des Loses der Bevölkerung, insbesondere der Kinder und Jugendlichen, war weiterhin ungebrochen. Und dann kam, eine Woche später, die Nachricht von ihrem Unfalltod. Das hat mich seinerzeit sehr betroffen gemacht.
Es ist deshalb passend, dass jetzt eine Biografie erscheint. Ihre charismatische Persönlichkeit, ihr spannendes Leben und ihr aussergewöhnliches Wirken sind inspirierend!
Genf, im Juni 2017
Vorwort
Margrit Fuchs war eine bescheidene Frau. Um ihre Person machte sie kein Aufheben, und es ging ihr bei dem, was sie machte, immer um die Sache. Diese Sache war die Hilfe für die Armen, die Bedürftigen, die Kinder. Insofern ist es vorstellbar, dass ihr eine Biografie über sich peinlich gewesen wäre. Ich habe mich deshalb in den vergangenen zweieinhalb Jahren immer wieder gefragt, ob mein Vorhaben, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben, ihr, ihrem Werk und insbesondere ihrem Geist gerecht wird. Doch bin ich zum Schluss gekommen, dass es viele gute Gründe gibt, das Leben von Margrit Fuchs in einer Biografie zu erzählen.
Da ist einmal die Tatsache, dass Margrit auch zehn Jahre nach ihrem Tod noch eine öffentliche Person ist, bekannt durch die Spendenaktionen in der Aargauer Zeitung. Ein weiterer Grund ist, dass sie bis ins hohe Alter aktiv und engagiert blieb. Sie bewies eindrücklich, dass man nie zu alt ist, um etwas anzupacken und sein Leben selbst zu gestalten. Ein dritter Grund dafür waren Margrits Mut und Stärke. Mutig war, dass sie sich nach einer Sinn- und Lebenskrise entschloss, eine neue Herausforderung im Ausland anzunehmen. Mutig war, nach dem Völkermord nach Ruanda zurückzukehren, ungeachtet der Gefahr für Leib und Leben. Mutig war schliesslich, dass sie immer weitermachte und trotz Rückschlägen nicht aufgab. Und sie war eine starke Frau, weil sie sich nie unterkriegen liess. In einem konservativen katholischen Milieu, in dem weibliche Unterordnung unter männliche Autorität «normal» war, fand sie ihren eigenen Weg. Dabei war sie keine Rebellin. Statt Konfrontation zu suchen, setzte sie ihre Intelligenz, ihre Warmherzigkeit, ihre Leutseligkeit und ihren Humor ein. Sie konnte damit Gegensätze überbrücken und sich den Respekt verschaffen sowie die Unterstützung von Vorgesetzten und Behördenmitgliedern gewinnen, mit denen sie zusammenarbeitete und auf die sie für die Verwirklichung ihrer Projekte angewiesen war.
Und zum Schluss: Margrit Fuchs war meine Taufpatin. Wir hatten ein gutes, wenn auch kein enges Verhältnis. Doch ihr Leben in einem für mich exotischen Land hat mich als Jugendlicher immer fasziniert. Sprach sie in mir ein nie gelebtes Fernweh an? Später, als ich erwachsen wurde, kam zur Faszination der Respekt vor ihrer Lebensleistung. Schon früh hatte ich die Idee, dieses Buch zu schreiben, aber erst 2014 wagte ich den Schritt. Alle diese Gründe haben mich in meinem Entschluss bekräftigt, diese Biografie zu Ende zu führen. Ich denke, das spezielle Leben der Margrit Fuchs verdient es, festgehalten zu werden.
Das Leben eines Menschen zu schildern, ist immer eine Herausforderung, besonders wenn diese Person verstorben ist und nicht mehr direkt befragt werden kann. Biografien können kein Leben vollständig wiedergeben; sie können bloss ein Auszug davon sein. Vieles, was einen bestimmten Menschen ausmacht, bleibt im Verborgenen. Und selbst wenn er oder sie sich dazu einmal gegenüber Dritten äussert, geht es oft verloren, weil letztere es nicht festhalten, sei es aus Vergesslichkeit, Desinteresse, vielleicht auch aus Verlegenheit. Die Biografie eines Verstorbenen oder einer Verstorbenen stützt sich notgedrungen auf das, was vorhanden ist: schriftliche Dokumente, mündliche Zeugnisse, Fotografien und Filme, Gegenstände. Doch gibt es Grenzen, was aus einer Quelle herausgelesen werden kann: Schriftliche Dokumente zum Beispiel sind oft unvollkommen beziehungsweise in einem bestimmten Zusammenhang entstanden und können ohne Kenntnis dieses Zusammenhangs gar nicht richtig gelesen werden. Im besseren Fall bleibt uns das Dokument dann unverständlich, im schlimmeren Fall interpretieren wir es falsch. Der Biograf könnte versuchen, Wissenslücken oder Widersprüche durch Erfundenes – Dichtung – zu überbrücken und aufzufüllen. Doch selbst wenn er dieser Versuchung widersteht und nur wiedergibt, was er durch «Fakten» belegen kann, wird er dennoch zum Dichter. Denn jede Interpretation von etwas ist ein Stück weit auch Dichtung. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat denn auch von Biografien als von «Konstruktionen von Leben» gesprochen. Die Biografie zeigt nie das «ganze» oder «wahre» Leben ihrer Protagonistin oder ihres Protagonisten. Man kann sich fragen, ob eine Biografie wirklich auch das «ganze» Leben eines Menschen aufzeigen soll oder nicht. Die meisten Leserinnen und Leser interessieren sich nur für bestimmte Aspekte eines Menschen. Eine Biografie muss deshalb relevant sein, nicht voyeuristisch.
Meine Stellung als Patenkind und die Tatsache, dass ich Margrit Fuchs aus diesem sehr persönlichen Blickwinkel kannte, stellten mich vor die Frage, wie ich diese Biografie schreiben sollte: als subjektiv gehaltenes, von Sympathie geprägtes Lebensbild oder als distanziert-objektives wissenschaftliches Werk, wie mir das meine Ausbildung als Historiker eigentlich nahelegte? Ich entschied mich für eine Art Mittelweg. Einerseits soll dieses Buch das Leben meiner Taufpatin nach wissenschaftlichen Prinzipien und Methoden sowie strikt gestützt auf Quellen dokumentieren. Ich habe also nichts hinzugefügt, das sich nicht irgendwie belegen lässt, und ich habe versucht, alle Fakten, die mir für dieses Leben wichtig scheinen – soweit bekannt – einzubeziehen, auch Fakten, die für Margrit vielleicht weniger schmeichelhaft sind. Wenn ich irgendwo nicht sicher bin, wie die Faktenlage genau ist, erwähne ich das. Andererseits habe ich mich entschlossen, mich selbst nicht auszublenden und mich als Quelle einzubringen beziehungsweise die Lebensbeschreibung durch eigene Erfahrungen anzureichern. Aus diesem Grund eröffne ich diese Biografie mit einem Kapitel zu einem Schlüsselerlebnis, das ich mit meiner Taufpatin hatte: unserer gemeinsamen Reise nach Ruanda. Und auch später trage ich aus meinen eigenen Erinnerungen und Erfahrungen zur Geschichte bei, wo mir das angebracht scheint.
Ein Leben ist nicht nur das Produkt der persönlichen Eigenschaften eines Menschen – seines Charakters, seines Temperaments, seiner Emotionen und seiner eigenen Erfahrungen. Ein Mensch ist immer auch ein Produkt seines Umfelds, mit dem er in ständigem Austausch steht und das er im Gegenzug mit seinen Handlungen (sowie seinen Nichthandlungen) ebenfalls beeinflusst, formt und prägt. Eine Biografie muss deshalb immer auch das Umfeld und die Umwelt der dargestellten Person in Betracht ziehen. Das gilt insbesondere für ein so langes und abwechslungsreiches Leben wie das von Margrit. Ich habe mich deshalb entschieden, zu einzelnen, wichtigen Themen in ihrer Vita «Kontext»-Kapitel einzubauen, die einen bestimmten Aspekt vertiefen. Eilige Leser können auf diese Hintergrundinformationen verzichten, ohne deswegen etwas von Margrits Leben zu verpassen.
Zu einigen formalen Punkten: Das Land Ruanda wird auf Französisch, Englisch und in Kinyarwanda, der Landessprache, als «Rwanda» bezeichnet. Auch im Deutschen findet sich regelmässig diese Schreibweise, und Margrit verwendete sie in ihren Rundschreiben ebenfalls. Ich bevorzuge aber die Schreibweise «Ruanda», da sie eigentlich die korrekte deutsche ist und sich auch phonetisch besser an die Aussprache des Namens in der Landessprache anlehnt. Familiennamen in unserem Sinn kennen Ruander nicht. Sie haben in der Regel einen ruandischen Namen und einen europäischen Namen, wobei dieser in der Regel einem europäisch-christlichen Vornamen entspricht (beziehungsweise einem islamischen Vornamen, wenn es sich um Angehörige der muslimischen Minderheit handelt). Traditionell wird der ruandische dem europäischen Name vorangestellt wird; im Schriftlichen wird er oft mit Grossbuchstaben geschrieben (nach belgischem Vorbild). Da es keine Familiennamen gibt, führen Eheleute wie auch Kinder und Eltern einer Familie unterschiedliche Namen. Diese Gepflogenheiten sind allerdings heute unter Druck. Das hat einerseits mit der internationalen Berichterstattung zu Ruanda tun, welche in der Regel den europäischen Namen im Sinne eines Vornamens und danach den ruandischen Namen im Sinne eines Familiennamens nutzt. Andererseits ist man unter dem Einfluss der englischsprachigen Welt dazu übergegangen, Familiennamen nach unserem Verständnis anzuwenden. Ich orientiere mich an der internationalen Berichterstattung, das heisst, ich stelle den europäischen dem ruandischen Namen voran (letzterer ohne Grossbuchstaben), mache den ruandischen Namen aber nicht zum Familiennamen, das heisst, Eheleute haben ebenso unterschiedliche Namen wie Kindern und Eltern.
2006 führte die ruandische Regierung eine Verwaltungsreform durch; dabei wurden die Namen vieler Orte und Städte mit Ausnahme der Hauptstadt Kigali geändert. Aus diesem Grund sind heutige Karten von Ruanda in Bezug auf Margrits Wirken nicht hilfreich. Ich verwende deshalb die alten Ortsnamen: Gitarama statt Muhanga, Butare statt Huye, Ruhengeri statt Musanze. Zur leichteren Orientierung ist auf Seite 109 eine Karte abgebildet, die den Zustand vor 2006 zeigt. Kongo beziehungsweise die Demokratische Republik Kongo, Ruandas westliches Nachbarland, hiess von 1971 bis 1997 Zaire. Im Text werden beide Bezeichnungen dem Zeitraum gemäss verwendet.
In der Bibliografie befindet sich eine detaillierte Aufstellung der genutzten schriftlichen und mündlichen Quellen. Es gibt einen kleinen schriftlichen Nachlass von Margrit mit Briefen und Karten, dazu ganze Säcke von (allermeist undatierten und unbeschrifteten) Fotos. Dazu kommen weitere unveröffentlichte Quellen- und Dokumentenbestände, so etwa im Archiv der Pfarrei St. Nikolaus in Brugg oder im Archiv von Interteam in Luzern. Aus Ruanda schrieb Margrit zwischen 1970 und 2007 mindestens 170 Rundbriefe. Ich weiss nicht, ob ich alle erfassen konnte. Doch sie sind wohl die ergiebigste Quelle zu Margrits Leben in Ruanda, und ich benutze sie denn auch entsprechend. Ergänzt werden sie durch über 70 Interviews und Gespräche, die ich zwischen Oktober 2013 und Januar 2017 mit Personen führte, die Margrit entweder freundschaftlich oder familiär kannten oder mit ihr in irgendeiner Form zusammengearbeitet hatten. Diese Interviews waren überaus wertvoll für meine Arbeit, und ich bin dankbar für die Freundlichkeit und Bereitschaft so vieler, ihr Wissen mit mir zu teilen und sich Zeit zu nehmen. Es gab bei den Anfragen nur ganz wenige Absagen. Einige der Interviewten wünschten, anonym zu bleiben. Eine Liste der Gespräche findet sich in der Bibliografie.
Das Buch ist dem Frieden, der Freiheit und dem Fortschritt
Ruandas gewidmet.
Zollikerberg, im Juni 2017
Einleitung
Reise nach Ruanda 1979
Margrit Fuchs aus Windisch war meine Taufpatin. Als ich 17 Jahre alt war, im Jahr 1979, lud sie mich auf eine dreiwöchige Reise durch Ruanda ein. Es war ein Geburtstagsgeschenk. Ich kam ins Alter, in dem Patinnen und Paten langsam ihrer Geschenkpflicht entledigt werden, also wollte sie mir wohl mit einem letzten grossen Präsent eine besondere Freude machen. Und das tat sie auch: Eine Afrikareise war damals noch einmalig. In meinem Freundeskreis war noch nie jemand auf dem Schwarzen Kontinent gewesen. Man reiste damals, wenn überhaupt ins Ausland, zum Baden im Sommer nach Italien, Spanien oder ins noch existierende Jugoslawien. Die Wohlhabenderen konnten sich Ferien im teuren Skandinavien leisten oder sogar in den USA. Aber Afrika existierte (noch) nicht auf der touristischen Landkarte. Was ich damals noch nicht wusste: Mit dieser Reise traf meine Taufpatin die letzten Vorbereitungen für ihre definitive Übersiedlung nach Ruanda, die für die Zeit nach ihrer Pensionierung geplant war. Sie wollte mit ihrem künftigen Arbeitgeber, Erzbischof André Perraudin, und anderen Verantwortlichen über ihre neue Aufgabe sprechen. Die Reise war für sie also mehr als nur ein Ferienspass. Sie war für sie eine ganz spezielle Mission.
Wir flogen mit der damaligen belgischen Fluggesellschaft Sabena über Brüssel und Nairobi nach Kigali. Wir blieben zur Akklimatisation einige Tage in Kabgayi und besuchten danach eine Reihe von europäischen Geistlichen und Missionaren. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die Visite bei einem korpulenten Ordensgeistlichen aus der Schweiz, der Kette rauchte und dessen blaues Hemd, das sich über den kugelförmigen Bauch spannte, schon voller Brandlöcher war. Denkwürdig war auch ein Besuch bei spanischen Schwestern, die auf der «Crête» eine Kranken- und Missionsstation betrieben. Als «Crête» bezeichnete meine Taufpatin den Gebirgszug von 2500 bis 3000 Meter Höhe, der Ruanda von Norden nach Süden durchzieht und die Wasserscheide zwischen Kongo- und Nilbecken bildet. Nach einer Fahrt von mehreren Stunden auf einer holprigen, ungeteerten Strasse gelangten wir zu den Schwestern, die ihren Auftrag unter sehr einfachen, wenn nicht primitiven Bedingungen erfüllten.
Nach den Besuchen, die uns alle nicht weiter als eine Tagesreise von Kigali wegführten, sahen wir uns auch die Hauptstadt selbst an. Viel in Erinnerung geblieben ist mir davon nicht, ausser dass wir im Hotel Méridien eine Erfrischung zu uns nahmen und dass mir meine Taufpatin eine Moschee zeigte, die mit Geldern des libyschen Diktators Muammar Gaddafi gebaut worden war. Wir statteten auch dem Erzbischof von Kigali einen Höflichkeitsbesuch ab. Dann verbrachten wir ein Wochenende in Kibuye am Kiwu-See im Osten des Landes. Die Reise endete mit einer Safari im Akagera-Nationalpark im Westen des Landes.
Unser Quartier bezogen wir, als eine Art Basislager, im Haus Peter Heizmanns, eines Schweizer Bekannten meiner Taufpatin, der in Kabgayi arbeitete. Es war ein einstöckiges Haus mit Ziegeldach, in meiner Erinnerung eines der wenigen weiss verputzten Gebäude, mit farbenprächtigen Blumen im Garten. Die meisten anderen Wohn- und Nutzbauten ausserhalb von Kigali, die ich in diesen zwei Wochen zu Gesicht bekam, waren unverputzt und aus den charakteristischen braunen und ockerfarbenen Ziegelsteinen errichtet, die an Ort und Stelle in pyramidenförmigen Freiluftofen hergestellt wurden. Zu unserer dreiköpfigen Deutschschweizer Gruppe gesellte sich dann oft noch Valentin Gillessen, ein älterer, gemütlicher Laienbruder aus Belgien mit schlohweissem Haar. Auf Erzählungen reagierte er regelmässig mit einem abschliessenden, Gelassenheit verströmenden «Tiens, tiens!» – ein Ausspruch, der in unserer Familie zu einem Running Gag wurde, da meine Eltern Valentin bei ihrem Besuch 1984 ebenfalls kennen- und schätzen lernten.
Ein wichtiger Punkt im Tagesablauf während des Aufenthalts im Hause Heizmann war das Frühstück. Es bot eine Synthese der Schweizer und ruandischen Küche. So gab es zwar «Konfi und Anke» aufs Brot. Doch zum ersten Mal war ich auch mit bisher unbekannten Früchten konfrontiert: Mango, Avocado, Litschi und Passionsfrucht. Ich wurde instruiert, die Mangoschnitze mit Zitrone zu beträufeln. Am besten schmeckten mir allerdings die Passionsfrüchte. Das Frühstück war eine der wenigen Gelegenheiten, bei denen ich mit der einheimischen Bevölkerung in engen Kontakt kam. Denn das Frühstück wurde von zwei Ruandern vorbereitet und aufgetragen, die – obschon bereits erwachsene Männer – als «Boys» bezeichnet wurden, die damals für einheimische Hausangestellte übliche Bezeichnung. Wieso man auf diese englische Bezeichnung verfiel, obschon in Ruanda Französisch die Verkehrs- und Amtssprache war, blieb mir ein Rätsel. Ich pflegte etwas Konversation mit den beiden, hatte aber Mühe, das für Schwarzafrikaner typische kehlige Französisch mit verschluckten Endsilben zu verstehen. Das führte denn auch einmal zu einem heillosen Durcheinander, weil die «Boys» der Meinung waren, ich hätte Salz und Pfeffer in die Küche zurückgebracht, wo sie aber nicht zu finden waren.
Wegen der Schwierigkeit, das einheimische Französisch zu verstehen, geriet ich auch in die einzige Situation während der drei Wochen, in der ich für einen kurzen Moment so etwas wie Angst empfand. Zusammen mit zwei Ruandern fuhren meine Taufpatin und ich eines Tages zum Flughafen. Ich vermute, sie wollte wegen ihres Gepäcks etwas nachfragen. Ich blieb zusammen mit den beiden Ruandern beim Auto zurück, während meine Taufpatin im Abfertigungsgebäude verschwand. Einer der Ruander, mit denen ich bislang kein Wort gewechselt hatte, sprach mich auf Französisch an. Ich hörte am Klang seiner Stimme, dass er eine Frage stellte, doch ich verstand ihn nicht. Um mir keine Blösse zu geben, sagte ich einfach «Oui», was jedoch die Frage keineswegs zu beantworten schien. Der Ruander wiederholte sie also, ich gab wieder mein «Oui» zum Besten, worauf er sichtlich ungehalten wurde – mir erschien er plötzlich aggressiv. Ich fühlte mich bedrängt und hoffte auf eine baldige Rückkehr meiner Taufpatin. Doch diese liess sich nicht blicken. Die Fragerei ging weiter, und ich fühlte mich nun wirklich in die Ecke gedrängt. Mit aufsteigender Panik sank natürlich auch meine Fähigkeit, das ruandische Französisch zu verstehen, noch tiefer. Schliesslich kam die Erlösung. Der Mann wechselte auf Englisch, das ich wesentlich besser verstand. Was er wissen wollte, war harmlos, und ich gab die gewünschte, alles bereinigende Antwort. Und in meiner bereits wieder in Richtung Übermut ausschlagenden Erleichterung fragte ich den Ruander – auf Englisch, um sicher zu gehen –, wie viele Sprachen er denn beherrsche. Er sagte kühl, fast schon etwas abschätzig mit der Sicherheit des sich seiner Bildung Bewussten, auf Französisch: «Quatre! Français, Anglais, le Swahili et évidemment le Kinyarwanda.» Ich war beeindruckt.
In meiner Erinnerung an diese Reise ist Ruanda farblich eine Mischung aus einem leicht gelblichen Grün und einem satten Rostbraun. Grün, weil das Land mir sehr fruchtbar erschien. Überall wuchsen Bananenstauden, der Garten der Missionsstation von Kabgayi war überwältigend, entlang der Strassen standen endlos mannshohe Buschhaine; fast jeder Quadratmeter des Landes war landwirtschaftlich genutzt und bebaut. Und Rostbraun, weil dies die Farbe der nackten Erde war; sie unterscheidet sich sehr vom dunklen Braun der europäischen Erde. Ich erinnere mich auch an die Leute und an ihre grosse Anzahl. Nur halb so gross wie die Schweiz, hatte Ruanda damals fünf Millionen Einwohner – und fast alle waren noch Bauern. Kein Wunder, war jeder Quadratmeter als Acker genutzt. Am eindrücklichsten bekam ich das bei unserem Besuch im Akagera-Nationalpark zu Gesicht. Der Übergang von der besiedelten Zone der Menschen zu jener der geschützten Zone der Tiere im Park verlief hier nicht graduell wie in anderen afrikanischen Ländern, sondern abrupt: Das ganze Terrain war in bebaute Felder parzelliert, und zwar bis just an die Grenze des Parks. Wir waren viel unterwegs, als wir Ruanda besuchten. Die Strassen waren permanent belebt: Männer zu Fuss oder auf klapprigen, völlig überladenen Velos, prekär balancierend auf den oft von vielen Rinnen und Furchen durchpflügten Pisten; Frauen mit stocksteifem, geradem Oberkörper und einem Turm von Lasten auf dem Kopf, dazu einem Kleinkind auf dem Rücken; Schulmädchen und -jungen in Schuluniformen. Dieser Gegensatz frappierte mich damals: Dass viele Leute arm waren, sah man an den Kleidern, die insbesondere bei den Männern selten mehr als bessere Lumpen waren. Doch die Schuluniformen waren in meiner Erinnerung immer tadellos, sassen perfekt, wirkten sauber, was bei den Jungen noch leicht möglich war, waren ihre Uniformen doch kakifarben. Doch bei den älteren Mädchen bestand die Uniform aus einem blauen oder grünen Rock und einer weissen Bluse. Die Jungen hatten den Schädel (fast) kahl geschoren, die Mädchen die Haare kurz, eine wohl verordnete Vorsorge gegen Läuse. Der Staub der Landstrasse konnte diesem tadellosen Erscheinungsbild scheinbar nichts anhaben. Die Kinder putzten sich heraus für den Schulbesuch, so wie man sich früher bei uns für den Kirchgang herausgeputzt hatte. Im Lauf unseres Aufenthalts sagte meine Taufpatin einmal, die ruandischen Kinder gingen sehr gerne zur Schule. Bei uns zu Hause, im wohlhabenden und behüteten Europa, war der Tenor unter uns Schülern ein anderer. Aber eben, wir waren (schon damals) nicht arm.
Diese Reise nach Ruanda war die erste Gelegenheit in meinem Leben, bei der ich mit meiner Taufpatin längere Zeit am Stück zusammen war. Vorher hatten wir uns einfach von Besuchen her gekannt, und die hatten vor allem stattgefunden, als ich noch ein Kind war. Natürlich war das jetzt anders, da ich mittlerweile 17 Jahre und fast schon erwachsen war. Meine Taufpatin hatte auf alle Fälle keine Probleme, sich mit einem späten Teenager zu arrangieren. Sie hatte lange kirchliche Jugendarbeit gemacht und war sich wohl einiges gewohnt. Wir gewöhnten uns rasch aneinander. Ich entdeckte, dass meine Taufpatin eine vorsichtige Frau war. Das dürfte einerseits auf ihre langjährige Erfahrung in Afrika zurückzuführen gewesen sein. Andererseits gab es wohl auch einen gewissen Beschützerinstinkt: Immerhin war sie für mich verantwortlich. In Erinnerung geblieben ist mir das anhand von zwei Episoden: Als wir auf der Hinreise in Brüssel einen Zwischenhalt machten, blieb ich vor eine Vitrine mit belgischer Patisserie stehen, von der mir der rote, grüne und gelbe Zuckerguss in Erinnerung geblieben ist, mit der sie überzogen war. Kein Schweizer Süsswarenproduzent hätte seine Ware dermassen «verunstaltet». Ich spürte denn auch kein Verlangen nach diesen eklig ausschauenden Dingern. Doch meine Taufpatin verstand wohl die Tatsache, dass ich vor der Vitrine stehen geblieben war, als Signal, dass ich einige dieser Kalorienbomben kaufen wollte. Sie packte mich sanft, doch energisch genug an den Schultern und lotste mich aus der Gefahrenzone. Dabei murmelte sie: «Das ist nichts zum Essen! Davon wird einem nur schlecht.» Dann, bereits in Ruanda, besuchten wir einen Ort, der so etwas wie eine Gedenkstätte war. Es war am Abend nach einem anstrengenden Tag mit vielen Besuchen, und ich hatte mich die ganze Zeit freundlich und höflich geben müssen. Das fällt einem 17-Jährigen nicht immer leicht; auf jeden Fall war mir noch nach etwas Ausgefallenem zumute, und so unterschrieb ich, in einem Anflug von nicht allzu ernst gemeintem Grössenwahn und im Wissen, dass wir ohnehin beim Aufbruch waren und ich wohl in meinem ganzen Leben nie an diesen Ort zurückkehren würde, im Gästebuch mit «Rolf-Napoléon de Tanneritz». Als Margrit das sah, erschrak sie. Sie setzte hastig ihre Unterschrift zu meiner und zerrte mich ins bereit stehende Auto. Als die Türen geschlossen waren, beschwor sie mich in ernstem, vorwurfsvollem Ton: «Also, so einen Blödsinn, einen falschen Namen, und dazu noch so einen grossspurigen, ins Gästebuch zu schreiben, musst du hier nicht machen. Das kann ins Auge gehen!» Doch dann, fünf Minuten später, lachte sie schallend heraus und sagte: «Ich wusste gar nicht, dass du zu derartigen Streichen aufgelegt bist.» Die Sache hatte auf jeden Fall ein Nachspiel: Als nächstes Geburtstagsgeschenk – das sie mir ja nicht mehr hätte machen müssen, da ihre Geschenkpflicht als Taufpatin mit der Ruanda-Reise eigentlich abgegolten war – bekam ich ein Abonnement der Satirezeitschrift Nebelspalter. Der ersten Nummer war ein «Nebelspalter-Spasspass» beigelegt, von meiner Taufpatin mit der Schreibmaschine ausgestellt auf einen gewissen «Rolf Tanneritzky».
Auch sonst hatten wir Momente, in denen wir viel lachten. Als ich bei der Zwischenlandung in Nairobi das Flugzeug verliess und in die wabernde Hitze hinaustrat, die mich fast erschlug, fiel mein erster Blick auf einen Angehörigen des Bodenpersonals, der in einer dicken, schwarzen Lederjacke mit Pelzkragen am Fuss der Gangway stand. Allein der Gedanke daran, hier ein solches Kleidungsstück tragen zu müssen, brachte mich gedanklich dem Hitzetod nahe. Ich erzählte Margrit davon, und wir mussten beide herzhaft lachen. Sie warnte mich: «Du wirst noch viele solche Szenen sehen.»
Mein Kopf ist heute noch voller Erinnerungsfetzen meiner Reise. Etwa, dass auf Hausmauern Glasscherben eingepflastert waren, um Diebe abzuhalten. Das machte grossen Eindruck auf mich. Kriminalität war zwar damals auch in der Schweiz bekannt. Aber zur Abwehr von Einbrechern und Dieben wurde nicht zu solch drastischen Mitteln der Abschreckung gegriffen. Dann gibt es eine Szene, die mich berührte: Wir gingen am Sonntag in eine Kirche, die schon eine halbe Stunde vor Beginn der Messe gestossen voll war. Und immer noch trafen Leute ein. Die Kirche hatte offensichtlich Wächter angestellt, die dafür sorgten, dass nur Erwachsene das Gebäude betraten. Kinder wurden verjagt, wenn nötig mit Stockhieben. Ich erinnere mich an die üblen Strassenverhältnisse und die Tatsache, dass unser gelbes Auto, mit dem wir normalerweise unsere Ausflüge unternahmen, nach jedem noch so kurzen Trip staubbedeckt war. Angeblich gab es damals in Ruanda nur zwei kurze Strassenstücke, die mit einem Belag versehen waren: eine Strecke im Osten des Landes, die von den Chinesen gebaut worden war, und schliesslich den Weg vom Flughafen zum Präsidentenpalast in Kigali. Hundert Meter hinter diesem hörte dann der Teerbelag auf und ging in die übliche Schotter- und Dreckpiste über. Mit dem Besuch in Kigali verbinde ich auch eine Kurzbegegnung mit der Frau des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana: Wir warteten im Auto an einer Kreuzung, schräg gegenüber von einem modernen Geschäft, aus dem eben eine Dame trat. Meine Taufpatin sagte: «Schau, Madame la Présidente.» In meiner Erinnerung trug sie nach landesüblicher Art ein langes, grün-rosafarbenes Gewand und einen Turban, wie ihn damals die Frauen aus besseren Schichten zu tragen pflegten. Sie wurde von zwei oder drei Soldaten, möglicherweise Leibwächtern, begleitet. Kaum war sie in der Tür erschienen, stürzte sich eine Gruppe von Bettlern auf sie. Sie schmiss ihnen ein paar Münzen oder Noten hin, und die Gruppe stritt sich um das Geld. Darauf wurde die Präsidentengattin zu einem bereit stehenden Wagen geleitet und fuhr davon. Ich fand es sympathisch, dass die Präsidentengattin offenbar in einem «normalen» Geschäft einkaufte, und dies ohne grossen Aufwand oder Begleitschutz. Es erinnerte mich fast ein bisschen an die Schweiz, wo Bundesräte auch mit dem Tram zur Arbeit und mit dem Zug zu Vorträgen im ganzen Land fahren.
Wie schon erwähnt bildeten ein Wochenende am Kiwu-See und eine Safari im Akagera-Nationalpark gleichzeitig Höhepunkt und Abschluss der Reise. Meine Taufpatin hat dieses Programm später mit vielen anderen «Margrit-Fuchs-Touristen» wiederholt, zum Beispiel mit meinen Eltern bei deren Besuch 1984. Geblieben ist mir der Anblick der zahlreichen Buchten des Kiwu-Sees auf der ruandischen Seite – und auch, dass ich mir einen zünftigen Sonnenbrand an den Füssen holte. Der See war für mein Empfinden sehr breit: Gewohnt an Schweizer Seen, bei denen man das gegenüberliegende Ufer in der Regel relativ gut erkennt, nahm ich die zairische Seite im Dunst nur sehr schemenhaft wahr. Ich fühlte mich eher am Meer als an einem See. Nach dem Abstecher an den Kiwu-See kehrten wir ins Haus Peter Heizmanns zurück, um dann ein paar Tage später in die andere Richtung, in den Osten zum Akagera-Park, aufzubrechen. Dort übernachteten wir ein- oder zweimal. Der geplante Höhepunkt war die Beobachtung eines Löwenrudels, doch erst am letzten Tag hatten wir Glück und sahen ein Rudel, das sich gerade vollgefressen und zwecks Verdauung quer über die Fahrbahn gelegt hatte – diese freizugeben, kam den Löwen selbstverständlich nicht in den Sinn. Wir mussten das schläfrige Rudel mit unseren Jeeps umfahren, indem wir von der Piste ins benachbarte Grasland auswichen.
Schliesslich kam der Moment des Abschieds. Ehrlich gesagt: Ich war nicht unglücklich, dass es wieder nach Hause ging, denn ich war von den Eindrücken richtiggehend erschlagen und auch etwas überfordert. Aber ich war auch dankbar, und ich wollte dies zeigen. Ich hatte etwas erlebt, das den meisten meiner Altersgenossen zu dem Zeitpunkt fehlte. Deshalb betonte ich mehrmals lautstark im Beisein meiner Taufpatin und anderer, wie schade ich es fände, dass die Zeit so schnell vorbeigegangen sei. Während unseres Aufenthalts war ein paarmal erwähnt worden, dass anlässlich des Staatsstreichs von 1973 der Flughafen geschlossen und die Ausreise verunmöglicht worden war. Ich griff diesen Gedanken auf und meinte spasseshalber, ich wünschte mir, es gäbe wieder einen Putsch, um so die Abreise hinauszuzögern, so ein Staatsstreich könne ja durchaus unblutig verlaufen, aber er sollte mindestens eine Woche dauern. Alle fanden das lustig und nahmen es als Zeichen, dass es mir sehr gefallen hatte. Keiner ahnte damals, wie makaber dieser Spass im Nachhinein sein sollte angesichts der dramatischen Ereignisse, die das Land 15 Jahre später tatsächlich heimsuchen sollten.

Teil 1 Ein ganz normales Leben
Kontext
Das obere Fricktal an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert
Margrit Fuchs’ Wurzeln liegen im oberen Fricktal. Sie war Ortsbürgerin von Hornussen und bewahrte ihr Leben lang eine grosse Anhänglichkeit an die Herkunftsregion ihrer Familie. Es lohnt sich deshalb, näher auf die Ursprünge der Familie sowie das damit verbundene gesellschaftliche und regionale Milieu im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert einzugehen.
Begrenzt durch den Rhein im Norden und die Höhenzüge des Kettenjuras im Süden und Osten, wird das obere Fricktal durch seine charakteristischen Tafeljura-Berge geprägt. Es ist in mehrere Geländekammern unterteilt. Sie sind durchfurcht von Bächen, die an den Abhängen der Hügel und Berge entspringen und Täler und Flure bilden. Das grösste dieser Gewässer ist die Sissle, in der sich sechs Bäche vereinen. Sie formt eine Ebene, in der auch der namengebende Hauptort der Landschaft liegt: Frick. Die Fruchtbarkeit der Böden machte die Landwirtschaft lange zur Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung. Aber auch die seit der Römerzeit wichtige Verbindungsstrasse von Basel über den Bözberg nach Brugg und Zürich bot den Strassendörfern Einkommensmöglichkeiten im Fuhr- und Gastwirtschaftswesen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand sich die Region, trotz günstiger Voraussetzungen, in einer kritischen Lage. Hatte zum Beispiel ein Reisebericht von 1844 noch die vielen schönen steinernen Häuser in Hornussen gerühmt, diese wohl als Zeichen bescheidenen Wohlstands wertend, zeigte sich danach drückende Armut. Es dominierten kleinbäuerliche Betriebe, die wenig effizient wirtschafteten. Durch Erbteilung wurden die Parzellen immer kleiner und lagen auch immer weiter verstreut, was oft lange Anmarschwege zu den Feldern zur Folge hatte. Es war aber nicht nur die betriebswirtschaftliche Ineffizienz, welche der bäuerlichen Bevölkerung zu schaffen machte. Einerseits wurde die Schweizer Landwirtschaft durch billige Getreideimporte aus dem Ausland in einen ruinösen Preiskampf getrieben. Andererseits erlebte der Weinbau im oberen Fricktal, der eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Einnahmequelle für viele Bauern war, eine Katastrophe. Drei dramatische Veränderungen setzten ihm zu: Da waren einmal die Trinksitten, die sich wandelten. Vor allem in den Städten mit ihrer immer wohlhabenderen Mittelschicht bevorzugte man nun erlesene ausländische Tropfen anstatt einheimischer saurer Landweine. Dann kam es zu einer Reihe von klima- und wetterbedingten ungünstigen Ernten. Und schliesslich waren da noch die Schädlinge. Die Reblaus, der Mehltau und der Traubenwickler breiteten sich aus. Folglich brach die Weinproduktion regelrecht ein. In Hornussen wurden zum Beispiel 1908 1500 Hektoliter Wein geerntet, 1921 waren es dann noch klägliche 153 Hektoliter – eine Abnahme um 90 Prozent in 13 Jahren!
Andernorts konnten landwirtschaftlicher Wandel und Niedergang durch die Industrialisierung aufgefangen werden, arbeitslose Bauern wurden zu Fabrikarbeitern (auch wenn das anfänglich den wenigsten passte). Nicht so im oberen Fricktal: Die Industrialisierung, die neue Arbeitsplätze vor Ort hätte schaffen können, blieb weitgehend aus. Zwar wurde 1875 die Bözbergbahn fertiggestellt, und viele erhofften sich davon den Anschluss an die neue, moderne Welt. Aus diesem Grund beteiligten sich etwa die Gemeinden finanziell an der Bahn. Doch die Hoffnung, damit Industriebetriebe anzulocken, war vergebens. Der Aufschwung blieb aus. Immerhin erhielt Hornussen als Belohnung für seine finanzielle Beteiligung eine Bahnstation.
Um das Überleben unter diesen Umständen zu sichern, spielten Nebenerwerbe ausserhalb der Landwirtschaft eine wichtige Rolle. Für die Frauen, aber auch für Kinder und Alte, bedeutete dies vor allem Heimarbeit. Die Seidenbandweberei, die sogenannte Heimposamenterei, stand im Vordergrund. Die Basler Seidenindustrie und die Strohfabriken im Freiamt waren Hauptauftraggeber für Seidenbänder und -schleifen. Die Nachfrage war beträchtlich: Denn es war eine Zeit, da gingen die Damen der besseren Gesellschaft in den Städten nicht ohne Hut auf die Strasse – und im Sommer war ein Strohhut allemal leichter und bequemer als ein Exemplar aus dicken Stoffen, umhüllt mit schwerem Tüll. Aber auch auf dem Land trugen viele Frauen Kopfbedeckungen, schon von der Tradition her – der Strohhut ist bis heute Bestandteil vieler Trachten. Seidenbänder schmückten all diese Kopfbedeckungen. Doch auch anderswo wurden Seidenbänder benötigt, für Trauer- oder Lorbeerkränze etwa. So sehr allerdings die Heimposamenterei bäuerlichen Familien ein zusätzliches Einkommen verschaffte – die Ansätze waren oft sehr niedrig, und die Seidenbandweberei war für schlechte Bezahlung berüchtigt. Die Armut liess sich mit der Heimarbeit nur mildern, keineswegs beseitigen.
Der Hornusser Gemeinderat führte um die Jahrhundertwende kaum eine Sitzung durch, bei der nicht die Versorgung von Witwen, Waisen und Armengenössigen die Haupttraktanden gebildet hätten. Die Armut schlug sich in den Finanzen der Kommunen nieder; sie waren ebenso arm wie ihre Bewohner: Die Einkünfte aus Gemeindesteuern betrugen etwa in Gipf-Oberfrick im Jahr 1900 ganze 5000 Franken – auch unter Berücksichtigung der Geldentwertung schon damals ein geringer Betrag für eine Gemeinde. Vielen Bewohnern des oberen Fricktals blieb keine andere Wahl, als ihr Glück anderswo zu suchen. In Hornussen wanderten zwischen 1850 und 1867 fast zehn Prozent der Bevölkerung nach Nord- und Südamerika aus, und auch in Gipf-Oberfrick suchten Bedrängte eine zweite Chance in Amerika und Australien, von den Behörden oft mit Zuschüssen an die Reisekosten unterstützt. Denn es war für die Gemeinden einfach günstiger, einmal einen etwas höheren Betrag für die Auswanderung auszurichten, als über Jahre hinweg für die gleichen Armen immer wieder finanzielle Unterstützung tätigen zu müssen. Die meisten Auswanderer aus dem Fricktal zog es aber nicht nach Übersee, sondern in die aufstrebenden Industriestädte des nahen Auslands, der Schweiz und des Aargaus. Zwischen 1850 und 1900 ging die Bevölkerung in einigen Gemeinden des oberen Fricktals als Folge von Abwanderung um bis zu 40 Prozent zurück – trotz gleichzeitigen Geburtenüberschusses. Erst ab den 1920er- und 1930er-Jahren des 20. Jahrhundert kehrte der Trend, und die Anzahl der Einwohner nahm wieder zu, wenn auch vorerst nur langsam. Zum Vergleich: Dank der Industrialisierung verdoppelte sich die Bevölkerung der Region Brugg-Windisch zwischen 1837 und 1941.
Doch nicht nur die wirtschaftliche Not war gross. Das Leben war allgemein hart und entbehrungsreich. Zwar wurden grosse Fortschritte in Medizin und Hygiene gemacht. Doch betrug im Jahr 1900 die Lebenserwartung einer in der Schweiz geborenen Frau immer noch höchstens 60 Jahre, ein Mann musste sich mit weniger als 55 Jahren begnügen. Das war allerdings nur ein statistischer Wert – was die Lebenserwartung drückte, war die nach wie vor hohe Säuglings- und Kindersterblichkeit. Für die Frauen blieben Geburten trotz aller medizinischen Fortschritte ein Risiko. Die Hausgeburt war die Regel, und wenn es Komplikationen gab, musste der Arzt von weit her gerufen werden – was in der Praxis oft hiess, dass er zu spät kam. Ein Transport ins Spital war meist nicht möglich, was den Tod der Mutter und auch des neugeborenen Kindes mit sich brachte. Die sozialen Konventionen und Erwartungen waren rigid, die Geschlechterrollen in der bäuerlichen Gesellschaft klar verteilt und fixiert. Ein junger Witwer mit Kindern war meist bestrebt, so schnell wie möglich wieder zu heiraten, damit eine Frau und vor allem eine (Ersatz-)Mutter ins Haus kam. Auch junge Witwen wollten wieder unter die Haube, freilich aus anderen Gründen: Hatten sie Kinder zu betreuen, drohte ihnen häufig ein Abgleiten in die Armut, und damit stieg die Gefahr, dass ihnen die Kinder entzogen wurden. Das Verding- und Vormundschaftswesen war gerade in einer Umbruchphase: Traditionell oblag die Betreuung von Halb- und Vollwaisen der erweiterten Grossfamilie. Doch nun ging diese Aufgabe zusehends auf den Staat über. Alleinerziehung war für Mütter nur bei wirklich guten wirtschaftlichen Verhältnissen eine Option. Eine Wiederverheiratung bot die beste Gewähr, dass eine Mutter mit ihren Kindern zusammenbleiben konnte. Das Praktische stand also vor der Liebe. Die Wiederverheiratung führte oft zu Komplikationen und Konflikten, da zumindest einer der Partner, gelegentlich auch beide Partner Kinder aus früheren Verbindungen mitbrachten. Geheiratet wurde übrigens generell relativ spät, vor allem auf dem Land: Es war keine Seltenheit, dass Braut und Bräutigam schon einiges über 30 waren respektive bereits auf die 40 zugingen.
Über das sittliche und gesellschaftliche Leben wachte damals mit strengem Auge die katholische Kirche. Das Fricktal war erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur Schweiz und zum Aargau gekommen. Vorher war es Teil der österreichischen Besitzungen, gewissermassen der letzte verbleibende Rest der ursprünglichen Habsburger Stammlande südlich des Rheins. Da das österreichische Herrscherhaus während der Reformation katholisch geblieben war, hing auch das Fricktal dem alten Glauben an. Durch die Präsenz ihrer Priester in den Dörfern, den noch üblichen täglichen Kirchgang vor der Feldarbeit, die zahlreichen religiösen Rituale und Vorschriften im Alltag und insbesondere die häufigen Feiertage und Heiligenfeste war die Kirche allgegenwärtig im Leben der Menschen – sie war in vielerlei Hinsicht um einiges präsenter als der noch junge schweizerische Bundesstaat. Die Religion und damit die Kirche erhielten zusätzlichen Auftrieb durch Not und Armut; sie spendete Trost und erleichterte die Meisterung des materiell schwierigen Lebens.
Im ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde Religion in vielerlei Hinsicht eine Domäne der Frauen. Zwar war die Kirche als Organisation und Hierarchie, wie der Staat, eine ausgesprochene Männersache: Nur Männer konnten Priester werden, und selbst niedrige kirchliche Aufgaben wie etwa das Ministrieren bei der Messe war ausschliesslich eine Angelegenheit für Knaben. Noch stärker als in den reformierten Teilen der Gesellschaft waren die Geschlechterrollen eindeutig festgelegt, und die Kirche kontrollierte mit besonderem, durchaus diskriminierendem Eifer gewisse Bereiche, so zum Beispiel die Sexualität. «Fehltritte» gegen die rigiden Moralvorstellungen der damaligen Zeit, wie etwa aussereheliche Beziehungen oder vorehelicher Geschlechtsverkehr, wurden bei Frauen viel strenger geahndet als bei Männern. Die Kirche war beileibe keine Emanzipations- und Gleichstellungsbewegung.
Und trotzdem: Kirchliche und religiöse Tugenden wie Frömmigkeit, Barmherzigkeit, Fürsorglichkeit und Nächstenliebe, Demut und Hingabe, aber auch Häuslichkeit, Bescheidenheit, Fleiss und Keuschheit waren stark mit dem Bild von Weiblichkeit und Mütterlichkeit verknüpft. Die alltägliche Erziehung der Kinder war fast ausschliesslich eine Aufgabe der Frauen. Die Bildung eines spezifischen katholischen Milieus (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus Brugg», S. 84) förderte eine gefühlsbetonte Frömmigkeit, wie sie im 19. Jahrhundert zum Beispiel in der Herz-Jesu-Bewegung oder im neu belebten Marienkult zum Ausdruck kam. Gerade mit dem Marienkult erhielten die Frauen in der Heiligen Jungfrau ein Vorbild und eine Leitfigur, die im Mittelpunkt katholischer Religiosität stand. Dadurch entstanden aber in Kirche und Religion Freiräume und Entfaltungsmöglichkeiten für Frauen, die sie sonst in Gesellschaft, Staat und Wirtschaft kaum hatten. Frauen konnten regelrechte Karrieren machen in den Bereichen soziale Fürsorge, Kranken-, Kinder- und Armenbetreuung, Erziehung und auch in gewissen künstlerischen Richtungen wie etwa im (Chor-)Gesang. Die im 19. Jahrhundert aufkommenden, neuen Frauenkongregationen und -orden mit ausgesprochen praktischer sozialer, pädagogischer und missionarischer Tätigkeit, wie etwa die Ingenbohler oder Menzinger Schwestern, boten Frauen aus allen Schichten Chancen. Man hat in dem Zusammenhang denn auch von einer «Feminisierung» der Religion und des Glaubens im 19. Jahrhundert gesprochen – nicht nur im Fricktal, sondern in der ganzen Schweiz und im übrigen Europa.
Kapitel I
Familie und Geschwister
Margrit Fuchs’ Vorfahren kamen väterlicherseits aus Hornussen, mütterlicherseits aus Gipf-Oberfrick. Margrit stand der Mutter eindeutig näher als dem Vater. Ihre Mutter Ida Wilhelmine Fuchs-Hinden kam als sechstes und jüngstes Kind des Johann Baptist Hinden (1834–1906) und der Katharina Schmid (1841–1915) am 2. April 1880 in Gipf-Oberfrick zur Welt. Wie die meisten Bewohner des Dorfs waren die Hindens Bauern – «Landmänner», wie es nicht ohne Berufs- und Standesstolz in den amtlichen Akten verzeichnet wurde. Ihre Geschwister Maria Josefa, Rosa Katharina, Karl August, Alois Albert und Johann Eduard erlangten alle das Erwachsenenalter, was für damalige Verhältnisse eher aussergewöhnlich war. Bemerkenswert ist ausserdem, dass der älteste Bruder Karl August einen Beruf erlernte, nämlich den des Spenglers; er folgte damit nicht der Tradition, als ältester Sohn den elterlichen Bauernbetrieb zu übernehmen.
Nach 1887 besuchte Ida Hinden im Dorfteil Gipf die Schule, denn Gipf und Oberfrick, obwohl schon damals eine politische Gemeinde, hatten noch zwei eigenständige Schulhäuser. Sie war eine sehr fleissige und ordentliche Schülerin, die ausgezeichnete Noten nach Hause brachte. Es scheint, dass sie in Kindheit und Jugend sich zumindest zeitweise nach ihrem zweiten Vornamen Wilhelmine benannte; erst später wechselte sie definitiv auf Ida. Nach der Schulentlassung half sie im elterlichen Betrieb mit und widmete sich daneben der Seidenbandweberei. Nach der obligatorischen Schulzeit bildete sie sich in Haushaltsführung weiter: Im Jahr 1900 besuchte sie zum Beispiel als bereits 20-Jährige einen Koch- und Haushaltungskurs in Gipf. Das war schon eher aussergewöhnlich, denn damals herrschte die Meinung vor, dass Mädchen zu Hause kochen und die Haushaltsführung lernen würden, dafür musste nicht noch teures Geld für zusätzliche Kurse ausgegeben werden. Doch Weiterbildung war Ida Hinden offenbar schon damals sehr wichtig. Wahrscheinlich arbeitete sie sogar zeitweise als Hauswirtschaftslehrerin, als sie noch ledig war, auch wenn sich dafür keine handfesten Belege finden lassen. Am 8. Juni 1908 heiratete sie schliesslich in ihrem Heimatdorf Josef Fuchs.
Ida Fuchs war eine überaus liebenswürdige und verständnisvolle Person, für die die eigene Familie immer im Mittelpunkt stand. Wie erwähnt, lag ihr Bildung sehr am Herzen. Ihre eigene Weiterbildung ist ein Indiz dafür, vor allem aber die Tatsache, dass sie bei allen ihren Töchtern auf einer Ausbildung beharrte, auch bei ihrer Stieftochter Anna. Sie wollte, dass ihre Mädchen ökonomisch auf eigenen Beinen standen. Das war alles andere als selbstverständlich. In der Meinung, Mädchen würden nach der Schule ohnehin bald heiraten und eine Familie gründen, wurde eine Berufsausbildung für junge Frauen vielfach als überflüssig und Geldverschwendung betrachtet.

Der Haushalt war Ida Fuchs Königreich. Solange sie körperlich dazu in der Lage war, besorgte sie ihn selbst. Die Tage, an denen sie die Wäsche machen konnte, waren für sie geradezu Festtage. Das Haus am Kapellenweg in Windisch wurde mit grosser Sorgfalt und Liebe gepflegt – so wurden die Treppen mit Seidenpapier geputzt, um sie zu schonen. Ida Fuchs war einem einfachen, doch überzeugenden Wertekanon verpflichtet: Ehrlichkeit, Hilfsbereitschaft, Bescheidenheit, und Sorgfalt mit materiellen Dingen. Auch Margrit sollte später diesen Wertekanon teilen. «Ich tue es so, wie es mich meine Mutter gelehrt hat», pflegte sie zu sagen. Neben der Familie fand Ida Fuchs offenbar auch Zeit, für Bedürftige zu nähen und zu stricken. Sie stammte aus einer religiösen Familie, war sehr gläubig und engagierte sich in der kirchlichen Freiwilligenarbeit, etwa als Mitglied des Müttervereins. Schliesslich hatte sie einen guten Sinn für Humor, der zumindest auf Margrit und Elisabeth abfärbte. Fotografien aus ihren letzten Lebensjahren zeigen eine Frau mit spärlichem, etwas wirrem weissem Haar, einem faltigem Gesicht und einem gütigem Blick. Als Witwe ist sie ganz in Schwarz gekleidet, die Hände liegen im Schoss, sie sitzt in ihrem «Grossmutter-Stuhl» im Wohnzimmer und strahlt anspruchslose Zufriedenheit aus.
Der Vater Josef Fuchs stammte ebenfalls aus einer Bauernfamilie, und zwar aus Hornussen. Er war das siebte Kind des Josef Fuchs (1821–1897) und der Aloisia Herzog (1837–1887) und kam am 19. Juni 1867 zur Welt. Fuchs ist ein alteingesessenes Hornusser Geschlecht, es lässt sich – zum Teil auch in der Schreibweise «Fux» – bis ins 17. Jahrhundert nachweisen. Josef Fuchs war der erste Bub in der Familie, der überlebte. Zwar war schon etwas mehr als ein Jahr zuvor ein Knabe geboren worden, der den Namen Josef erhalten hatte. Doch war er bereits nach drei Monaten gestorben. Überhaupt war die Kindersterblichkeit bei der Familie Fuchs hoch. Von den acht, möglicherweise neun Kindern des Paares Josef und Aloisia Fuchs-Herzog erreichten nur fünf das Erwachsenenalter. Neben Josef Fuchs’ älterem Bruder starben zwei Mädchen am Tag ihrer Geburt. Unklar ist, ob Aloisia Fuchs-Herzog nach Josef noch einen Knaben gebar, der aber eine Totgeburt war. So wuchs Margrits Vater unter lauter Schwestern auf. Die älteste, Maria Kreszentia, heiratete in Hornussen, wo sie bis zu ihrem Tod 1938 blieb. Dasselbe gilt für seine jüngere, ledige Schwester Lina. Margaretha, die dritte Schwester, zog nach Genf und heiratete Christof Theis aus Graubünden. Einen ungewöhnlichen Lebenslauf hatte schliesslich die Jüngste im Mädchenbund, Elisabeth: Sie brachte 1902, im Alter von 30 Jahren, eine erste uneheliche Tochter namens Klara Margaretha zur Welt und drei Jahre später eine weitere, Maria. Ob der Vater in beiden Fällen derselbe war, lässt sich aus den Ortsbürgerregistern nicht erschliessen; solche «Details» wurden damals nicht aufgezeichnet, und sofern es keine Anerkennung der Vaterschaft gab, liess sich diese auch nicht zweifelsfrei feststellen. Auf jeden Fall sieht dieser Umstand nach einem handfesten Skandal auf dem Land aus, und dies ist vielleicht auch der Grund, weshalb Elisabeth schliesslich nach Stuttgart zog. Sie heiratete dort 1910 und trug fortan den Namen Elisabeth Clavel. Ob sie die Kinder mitnahm, ist unklar; zumindest für eine gewisse Zeit scheinen diese getrennt von der Mutter in der Schweiz gelebt zu haben. Ebenso unklar ist, ob ihr Mann Deutscher oder Franzose war, denn das Bürgerregister von Hornussen führte sie zuerst als deutsche Staatsbürgerin, nach ihrer Rückkehr in die Schweiz aber als Französin. Das legt nahe, dass ihr Mann Elsässer war; das Elsass war bis 1918 deutsch, danach französisch. Dagegen spricht aber, dass Elisabeth Clavel bereits im Oktober 1914, bei ihrer Anmeldung in Zürich, die französische Staatsbürgerschaft besass. Ihr Mann könnte also Franzose gewesen sein, der in Deutschland lebte und nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs in die Schweiz, die neutrale Heimat seiner Frau, übersiedelte, vielleicht, um sich dem Militärdienst in Frankreich beziehungsweise der Internierung in Deutschland zu entziehen. Elisabeth Clavel arbeitete zuerst als Zimmermädchen. Doch sie muss schon bald krank geworden sein. Sie war eine Zeit lang in der Klinik Barmelweid in Erlinsbach im Kanton Aargau, danach in zahlreichen Kranken- und Pflegeheimen in der Stadt Zürich untergebracht. Im Mai 1920 verstarb sie mit 48 Jahren im städtischen Krankenhaus Waid in Zürich.
Nach der Schule fand Josef Fuchs eine Anstellung als Bremser bei der Eisenbahn. Vermutlich brachte diese Arbeit es mit sich, dass er viel unterwegs war. Im Mai 1896 zog er nach Brugg, das damals ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt war (siehe «Kontext: Die Region Brugg-Windisch 1917–1970», S. 45). Er wohnte zur Untermiete bei einem Kondukteur Meyer. Am 13. April 1903 heiratete er die 26-jährige Josefina Baldesberger aus Gipf-Oberfrick. Wie Ida Hinden war sie das jüngste von sechs Kindern einer Bauernfamilie aus dem Dorfteil Gipf, der Vater Eduard hatte seinerzeit von Frick her eingeheiratet. Die Braut war zum Zeitpunkt der Eheschliessung schwanger, denn bereits im August, also vier Monate nach der Hochzeit, kam das Töchterchen Anna in Brugg zur Welt. Knapp anderthalb Jahre später folgte ein Sohn, der den väterlichen Namen Josef erhielt. Doch dieser verstarb an seinem ersten Geburtstag. Inzwischen war die Familie von Brugg nach Windisch gezogen. Der Tod verfolgte sie. Am 25. Juni 1907 verschied Josefina Fuchs-Baldesberger und liess Josef Fuchs als Witwer mit einer knapp vierjährigen Tochter zurück. Wegen seines Berufs konnte er sich nicht ausreichend um Annas Erziehung kümmern. Vielleicht war das der Grund, weshalb er sich ziemlich genau ein Jahr nach dem Tod seiner ersten Frau mit Ida Hinden vermählte. Da beide Frauen aus Gipf-Oberfrick stammten, stellt sich die Frage, ob sich Josef Fuchs und Ida Hinden zu Lebzeiten Josefina Baldesbergers schon kannten. Dafür gibt es allerdings keinen Beweis. Auch gibt es zwischen den Hindens und den Baldesbergers keine verwandtschaftlichen Beziehungen. Josef Fuchs war bei der Trauung bereits 41 Jahre, Ida Hinden 28 Jahre alt.
Josef Fuchs war, im Gegensatz zu seiner zweiten Frau, ein schwieriger, cholerischer und tyrannischer Mensch. Gegenüber seinen Kindern schreckte er vor Prügel nicht zurück. Das war zwar in jener Zeit nichts Aussergewöhnliches und gehörte bis zu einem gewissen Grad auch zum Rollenverständnis eines Vaters. Im Gegensatz zur Mutter, die Liebe, Nähe und Wärme verkörperte, war der Vater eine entrückte und ferne Autoritätsinstanz. Trotzdem waren nicht alle Väter jener Zeit Tyrannen, und viele Kinder behielten gute Erinnerungen an ihre Väter. Das war bei Josef Fuchs nicht der Fall. Die Geschwister Fuchs sprachen später wenig über ihren Vater, und wenn, dann wenig Gutes. Margrit sagte später bloss, sie habe ihr gutes Gedächtnis und ihre Fähigkeit, sich Geburtstage und Jahrestage merken zu können, von ihrem Vater geerbt. Seine Ehe mit Ida Fuchs war wohl wenig glücklich; letztere tönte diese Schwierigkeiten in Gesprächen mit anderen, wenn auch sehr diskret, zwischendurch an. Im Lauf der Jahre nahm Josef Fuchs’ Alkoholkrankheit mehr und mehr zu. Dazu kamen Schulden. Vor dem Hintergrund dieser Erlebnisse war es für Ida Fuchs umso wichtiger und dringender, dass ihre Mädchen auf eigenen Beinen stehen konnten und sich nicht von einem Mann abhängig machten.
Ida und Josef Fuchs zogen nach Windisch. 1905 hatte die Brugger Baufirma Gottlieb Belart1 im Klosterzelgquartier am nachmaligen Kapellenweg 5 eine Parzelle mit einem zweistöckigen Haus bebaut. Auf dem Grundstück stand zudem noch ein Holzschuppen, der als Waschhäuschen diente. 1907 kaufte ein Büroangestellter namens Severin Keller das Haus. 1910 zog die Familie Fuchs als Mieterin in die Wohnung im ersten Stock. Die Nähe der Klosterzelg zum Bahnhof Brugg war der Grund, weshalb sich viele «Bähnler» in dem neu entstehenden Quartier niederliessen und ihm einen speziellen Charakter verliehen. Noch Ende der 1940er-Jahre waren an der Klosterzelg- und Hauserstrasse von 104 Hausbesitzern nicht weniger als 33 SBB-Angestellte. Die Beziehungen des neuen Quartiers zu den alteingesessenen Windischern waren anfänglich nicht ohne Spannungen. Denn die Bewohner der Klosterzelg wünschten einen möglichst raschen Anschluss an die von Brugg betriebene Gasversorgung: Eisenbahner mit unregelmässigen Arbeitszeiten waren darauf angewiesen, bei jeder Tages- und Nachtzeit eine warme Mahlzeit zubereiten zu können. (Koch-)Gas war da eine grosse Erleichterung: Man musste nicht jedes Mal mühsam und zeitaufwendig den Ofen mit Holz oder Kohle einfeuern. Der neu gegründete, kämpferische Quartierverein Klosterzelg-Reutenen stritt für diesen Anschluss und drohte im Falle der Nichterfüllung der Forderung gar mit Sezession nach Brugg hin; 1912/13 kam der Anschluss an die Gasversorgung.
Die Wohnung im ersten Stock des Hauses am Kapellenweg 5 verfügte über eine Küche, zwei Schlafräume und ein Wohnzimmer. Die Toilette befand sich im Zwischengeschoss und wurde von den Bewohnern beider Stockwerke benutzt. Erst in den 1960er-Jahren baute man in beiden Wohnungen separate Nasszellen ein. Das Haus hat bis heute keine grösseren Umbauten erfahren und befindet sich noch im Originalzustand. Das Waschhäuschen wurde allerdings nach der Anschaffung von Waschmaschinen zu einem gewöhnlichen Geräteschuppen umfunktioniert. Für die wachsende Familie Fuchs müssen die Platzverhältnisse im ersten Stock mit jedem weiteren Kind zunehmend beengend geworden sein. Da eines der Schlafzimmer den Eltern vorbehalten war, mussten sich die vier Mädchen auf den anderen Schlafraum als «ihr» Zimmer beschränken. Der erstgeborene Sohn Josef Fuchs schlief in einer Mansarde im Estrich. Hinzu kam, dass zumindest zeitweise eine Nichte Josef Fuchs’, die uneheliche Tochter Klara Margaretha seiner Schwester Elisabeth, bei ihnen wohnte. Josef Fuchs amtete als Vormund für das Mädchen; allerdings nur zwei Jahre lang. Als Elisabeth schliesslich aus Deutschland zurückkehrte, zog das Mädchen zu seiner Mutter. Möglicherweise brauchte man einfach Platz, nachdem Margrit geboren worden war. Das Pflegekind war eines zu viel.
Der Hausbesitzer Severin Keller starb 1929 und vererbte das Haus an seinen Bruder, der es aber noch am gleichen Tag an Ida Fuchs verkaufte. Vermutlich waren schon vorher entsprechende Abmachungen getroffen worden. Aussergewöhnlich ist, dass als Käuferin Ida und nicht ihr Ehemann Josef auftrat. Offenbar verfügte sie über ein gewisses Vermögen als separates Frauengut, auf das ihr Mann keinen Zugriff hatte. Dieser war zu dem Zeitpunkt bereits dermassen von Geldsorgen geplagt, dass er nicht in der Lage war, das Haus zu kaufen.
Anna, die Josef Fuchs als Vierjährige in die Ehe mitgebracht hatte, arbeitete nach der Schulzeit als Büroangestellte. Sie war ihr Leben lang kränklich und starb nur 39-jährig im Februar 1942 an Tuberkulose. Wie alle anderen Mädchen im Haushalt Fuchs wurde sie mit der Verkleinerungsform ihres Namens angesprochen, Anneli. Obwohl Ida Fuchs ihre Stiefmutter war, legte sie grossen Wert darauf, Anna und ihre leiblichen Kindern gleich zu behandeln – was fast so weit ging, dass sie Anna gegenüber den anderen bevorzugte. Dies könnte mit der Kränklichkeit der Stieftochter zu tun gehabt haben. Gerade aus religiöser Sicht sollte Kranken besondere Aufmerksamkeit zukommen; denn als Leidende galten sie als von Gott mit besonderer Gnade ausgestattet. Auch die drei Stiefschwestern nahmen auf Anna immer wieder Rücksicht: Als Elisabeth einmal mit dem Fahrrad stürzte und dabei ihre neuen Strümpfe zerriss, bat sie Margrit, Anna nichts davon zu erzählen, weil diese sonst in ihren Ferien – in denen Anna sich gerade befand – nicht mehr schlafen könne.
Das erste leibliche Kind von Ida und Josef Fuchs war ein Sohn. Er wurde 1909 geboren und auf den Namen Josef getauft, damit der väterliche Name weitergegeben werden konnte – der erste Sohn mit Namen Josef aus der Ehe mit Josefina Baldesberger, der Bruder der kleinen Anna, war ja ein Jahr nach seiner Geburt gestorben. Nach dem Abschluss der Schulen machte Josef eine Lehre als Schlosser und arbeitete anschliessend als Mechaniker beim damaligen Industriegiganten BBC in Baden. Er heiratete 1942 Maria Hermine Kempten in Wallisellen. Das Paar hatte drei Kinder: Josef, Marianne und Margrit. Die Familie wohnte in Wettingen, zuerst an der Landstrasse, bevor sie 1950 in einen BBC-eigenen Wohnblock umzog. Wie sein Vater war Josef Fuchs nicht immer einfach im Umgang und neigte zu cholerischen Ausbrüchen. Seinen Kindern schenkte er zu Weihnachten jeweils Silva-Bücher zu exotischen Ländern. Diese Bücher waren damals in der Schweiz überaus populär: Auf zahlreichen Verpackungen von Nahrungsmitteln und anderen Gebrauchsgegenständen, die man kaufte, fanden sich Silva-Punkte, die ausgeschnitten und als Beitrag an den Erwerb der Bücher verwendet werden konnten.
Nach Josef wurde Ida geboren. In einigen späteren Dokumenten taucht die etwas merkwürdige Schreibform «Idda» für ihren Namen auf, und sie unterschrieb manchmal auch so. Sie wird als eine grosse, kräftige Frau und reservierte Person geschildert, die manchmal schon fast verbittert wirkte. Sie arbeitete als Telefonistin beim staatlichen Post- und Telefonmonopolisten PTT, der Vorläuferorganisation der Swisscom, in Luzern. Telefonistinnen waren für damalige Verhältnisse gut bezahlt, und Ida Fuchs machte eine für eine Frau zu jener Zeit beeindruckende Karriere. Ihr bestimmtes und strenges Auftreten trug ihr den Spitznamen «Generalin im Telefonamt» ein; sie bewegte sich «beruflich souverän». Sie stieg schliesslich bis in die Leitung der Telefonbuchredaktion auf. Ida war aber offenbar auch in Handarbeit nicht unbegabt und verfertigte eigenen Weihnachtsbaumschmuck. Sie war die Patin von Josef Fuchs, dem Erstgeborenen ihres Bruders Josefs. Unter der rauen Schale schlug offenbar ein weiches Herz: Ida unterstützte, wenn auch heimlich, ab und zu die Frau ihres Bruders finanziell, da Josef Fuchs mit dem Haushaltsgeld knausrig war. Auch gab es für die Töchter von Josef gelegentlich Ferien bei «Tante Ida». Einmal stellte sie für ihre Nichten ein eindrückliches Programm zusammen, inklusive Fahrten auf dem Vierwaldstättersee. Die Herbheit, die Ida ausstrahlte, mag auch dazu beigetragen haben, dass sie – im Gegensatz zu ihren Schwestern – nicht mit der Verkleinerungsform ihres Namens angesprochen wurde.
Die 1914 geborene Elisabeth, auch «Liseli» oder «Lisel» genannt, lernte Damenschneiderin. Doch fühlte sie sich zum geistlichen Leben hingezogen und trat in die Gemeinschaft der Ingenbohler Schwestern ein, wo sie den Schwesternnamen Ida-Rosa annahm und 1945 die Profess – das Gelübde beim endgültigen Ordenseintritt – ablegte. Schwester Ida-Rosa wirkte zuerst als Haushaltungslehrerin in Bremgarten und später in gleicher Funktion in Appenzell und Schwyz. 1961 beorderte man sie ins Mutterhaus nach Ingenbohl zurück, wo sie, als gelernte Damenschneiderin, im Nähzimmer des Klosters und später des Generalats2 ihrer Gemeinschaft von grossem Nutzen war. Das Klosterleben war keine aussergewöhnliche Wahl im weiteren Familienkreis der Fuchs-Hinden: Auch eine etwas ältere Cousine mütterlicherseits, Bertha Mettauer, war Kapuzinerin im Kloster Maria Hilf auf dem zugerischen Gubel; sie nannte sich Schwester Mathilde. Und etliche Jahre später vollzog dann eine Nichte mütterlicherseits den Schritt, den Margrit nicht hatte tun können – oder wollen – und wurde Ordensfrau bei den Ursulinen in Belgien, allerdings nicht in Vilvoorde, sondern in St. Trond.
Elisabeth, oder eben Schwester Ida-Rosa, wird als jene geschildert, die in Wesen und Gemüt ihrer Mutter am meisten glich. Wie letztere, und wie auch Margrit, hatte sie einen sehr guten Sinn für Humor. Nach einem Sturz mit dem Fahrrad, der sie die Strümpfe kostete, schrieb sie in einem augenzwinkernd-feierlichen Ton: «Am 1. Juni 1934 morgens neun Uhr machte Elisabeth Fuchs ihren 1. Sturzflug mit dem Velo in der neuen Strasse.» Und dann, nach dem Fast-Zusammenstoss mit einem Auto: «Ich nahm das Velo, sass auf und fuhr zum Spiess ein paar neue Strümpfe zu holen die [ich] dann gerade dort anzog. Das ist traurig nicht wahr!!!?» Sie hatte auch eine Vorliebe für Anekdoten, Kehrreime und Wortspiele. Dazu muss sie wie Margrit über ein gutes Zahlengedächtnis sowie ein ausgeprägtes Erinnerungsvermögen für Jahrestage und dergleichen verfügt haben. Ihr Neffe erinnert sich, dass sie einmal ihn und seine Frau zum Hochzeitstag anrief und gratulierte. Er selbst habe den Hochzeitstag vergessen gehabt. Trotz ihrer Wahl, ins Kloster zu gehen, war Elisabeth sehr weltoffen. Die Beziehung zwischen Elisabeth und Margrit – den beiden jüngsten im Hause Fuchs – war in Kindheit und Jugendjahren eng: In einem Brief an Margrit betitelt Elisabeth diese als «Mein innigstgeliebter vom Himmel heruntergepurzelter Herzkäfer». Und schliesst das Schreiben mit «…Deine Dich liebende nie vergessende viel an Dich denkende Schwester».
Bei der Namensgebung in den weiteren Familien Fuchs und Hinden fällt auf, dass immer wieder die gleichen Namen auftauchen. Damals folgte die Namensgebung strengen Regeln innerhalb der Familien, wobei Traditionen und die Gedenktage von Heiligen eine grosse Rolle spielten. Fiel die Geburt eines Kindes auf den Gedenktag eines oder einer berühmten und verehrten Heiligen, erhielt das Neugeborene oft dessen oder deren Namen. Bei den Buben war wichtig, dass einer von ihnen den Namen des Vaters weitertrug, vorzugsweise der Erstgeborene, sonst jener Nächstgeborene, der überlebte. Da war kein Platz für falsche Sentimentalitäten – starb der Inhaber eines Vaternamens, wurde der nächstgeborene Sohn wieder auf den Vaternamen getauft.
Auch bei den Mädchen galt die Regel, das älteste nach der Mutter zu benennen, doch wurde das etwas weniger streng gehandhabt. Allerdings kam es bei den Mädchen auch vor, dass eine Generation übersprungen wurde: So wurde Ida Fuchs’ älteste Schwester, Maria Josefa Hinden, nach der Grossmutter mütterlicherseits benannt. Und Josef Fuchs’ älteste Schwester war nach der Grossmutter väterlicherseits benannt. Viele Mädchen wurden zudem gewohnheitsmässig auf den Erstnamen Maria getauft wobei sie im Alltag aber bloss bei ihrem Zweitnamen gerufen wurden. Auch sonst zirkulierten in den Familien Fuchs und Hinden immer wieder gleiche oder ähnliche Namensverbindungen: Ida Fuchs hatte zum Beispiel eine Nichte aus der zweiten Ehe ihres Bruders Alois Albert Hinden, die wie sie mit Vornamen Ida Wilhelmine hiess. Erst wenn der «Vorrat» an familientypischen Namen aufgebraucht war, wagte man etwas Neues: Der erwähnte Alois Albert taufte sein letztes Kind Lidia Franziska – zwei Namen, die bislang im Universum der Hinden nicht aufgetaucht waren. Allerdings war nicht jede Namenswahl von der Tradition diktiert: Josef Fuchs und seine erste Frau Josefa tauften ihr erstes Kind Anna – was zwar damals ein sehr populärer Name war, jedoch bis dahin weder in der Familie Fuchs noch in der Familie Baldesberger vorgekommen war.
Kapitel II
Kindheit, Schulen und Internat in Belgien
Margrit Fuchs kam am 28. März 1917 in der Wohnung der Familie am Kapellenweg 5 in Windisch zur Welt. Die Schwester des Vaters, die in Genf lebte, trug den gleichen Namen wie sie; Margrit war damals ein überaus beliebter Mädchenname, bei Katholiken und Reformierten. Die heilige Margrit oder Margarethe war nämlich eine Märtyrerin aus dem 3. Jahrhundert, die vor allem bei schwangeren Frauen viel Verehrung genoss. Sie versprachen sich von ihrer Fürbitte eine Geburt ohne Schmerzen und Komplikationen. Die heilige Margarethe wird auf Bildern oft mit einem Drachen dargestellt, da sie nach der Legende von einem solchen verschlungen wurde. Sie trug jedoch ein kleines Kreuz bei sich und befreite sich damit unversehrt aus dem Bauch des Untiers – eine gewisse Parallele zu Jonas aus der Bibel, der aus dem Bauch eines Wals wieder ausgespuckt wird. Wie auch ihre Schwester Elisabeth und ihre Stiefschwester Anna wurde Margrit im Familienkreis mit einer Verkleinerungsform, Gritli, angesprochen.
Unter Margrits Spielkameraden waren die Kinder der Familie Knecht, die in der Nähe des Kapellenwegs eine Fuhrhalterei betrieb; unter diesen Kindern war der zwei Jahre jüngere Walter Knecht. Damit war der Grundstein gelegt für eine Beziehung, die Margrit fast ihr ganzes Leben lang begleitete. Auf der Windischer Klosterzelg betrieben einige Frauen seit 1922 einen Kindergarten; ob Margrit diesen besuchte, lässt sich aber nicht feststellen. 1924 wurde sie in der Dorf-Primarschule in Windisch eingeschult. Rund 50 Kinder, Buben und Mädchen gemischt, wurden von einer jungen Lehrerin, Fräulein Matter, in der ersten Klasse unterrichtet. Doch eines Morgens war Fräulein Matter nicht mehr da – sie war mit einem verheirateten Mann durchgebrannt, und zwar nach Argentinien. Für die Kinder war das ein Schock. Die Erwachsenen sprachen nicht offen über die Gründe; man war peinlich berührt und wollte das vor den Kindern nicht ausbreiten. Fräulein Wacker sprang in die Lücke und unterrichtete Margrit bis zur vierten Klasse, danach übernahm für ein Jahr Lehrer Muntwiler. Er war eine markante Persönlichkeit, ein Sozialist, mit überzeugendem Engagement für die Armen und Schwachen. Später wurde er in Zürich Vorsteher des Vormundschaftsamts. Margrit konnte es aber offenbar nicht so gut mit diesem Lehrer Muntwiler. Sie empfand ihn als parteiisch und schrieb dies später dem Umstand zu, dass sie aus einer katholischen Familie stammte. Doch sie muss eine fleissige und intelligente Schülerin gewesen sein, denn 1929 wechselte sie an die Bezirksschule Brugg in die Mädchenklasse. Daneben war sie bereits in der Kirche aktiv; ein Foto aus dieser Zeit zeigt sie als stolze Erstkommunikantin.
Die Bezirksschule in Brugg war eine andere Welt. Schülerinnen und Schüler aus Windisch stellten damals das grösste auswärtige Kontingent: Eine Aufstellung nach Herkunft aus dem Schuljahr 1935/36 zeigt, dass es neben den 150 Schülern aus Brugg 84 aus Windisch gab, dazu weitere 19 aus den «Landgemeinden» des Bezirks. Die Eltern auswärtiger Kinder mussten separat bezahlen. Für die betroffenen Familien war der Besuch der Bezirksschule dadurch mit einem beträchtlichen finanziellen Aufwand verbunden. Einige der Brugger Schülerinnen und Schüler kamen aus recht wohlhabenden Familien; entsprechend auffällig waren die sozialen Unterschiede, etwa bei der Bekleidung oder den Frisuren: Die Windischer Mädchen, darunter auch Margrit, trugen noch Zöpfe, die Bruggerinnen aus vornehmen Häusern hatten modische Kurzhaarschnitte. Hinzu kam, dass Kinder aus katholischen Familien in Windisch gleich doppelt «benachteiligt» waren: einerseits als Windischer, andererseits als Katholiken. In einer nach wie vor überwiegend reformierten Gegend hielten sich die Katholiken in der Öffentlichkeit und in der Schule zurück und versuchten, keine Aufmerksamkeit zu erregen. Neun Hauptlehrer, alle männlich, sowie einige, teils weibliche, Hilfslehrerinnen und Hilfslehrer, führten ein strenges Regiment an der Schule: Der Unterricht begann jeden Tag um 7 Uhr und dauerte bis 11 Uhr, danach gab es Nachmittagslektionen von 14 bis 16, manchmal auch bis 17 Uhr. Am Dienstagnachmittag standen für die Knaben, in bester Kadettentradition, militärische Übungen, Exerzieren genannt, auf dem Stundenplan, die Mädchen hatten stattdessen Koch- und Haushaltungsschule. Das Pensum und die Fächervielfalt waren beachtlich: In der dritten Klasse galt es, Kenntnisse in 16, in der vierten in 17 Fächern zu erlangen. Die meisten entsprachen den heute noch existierenden Fächern. Mathematik allerdings war unterteilt in Rechnen, Geometrie, Algebra und Buchführung. Für die Mädchen kamen in der dritten Klasse fünf, in der vierten vier Stunden Handarbeit dazu.
Auch in der Bezirksschule war Margrit eine strebsame Schülerin. Ihre Fleissnoten waren entweder gleich gut wie ihre Leistungsnote oder sogar besser. Die besten Noten erhielt sie von Anfang an im Singen, da schwankten die Bewertungen immer zwischen einer 1 und einer 2, wobei in jener Zeit die 1 die beste und die 5 die schwächste Note war. Auch im Religionsunterricht, den sie allerdings erst ab der dritten Klasse besuchte, glänzte sie mit der Bestnote. Bei den Sprachen findet sich oft eine 2 oder eine 2–3, bei den mathematischen und naturwissenschaftlichen Fächern lagen die Noten unter diesen Werten. Insgesamt war Margrit keine brillante, aber auch keine schlechte Schülerin – sie lief im Gros der Klasse mit.
Ein Foto aus dieser Zeit zeigt Margrit in einem Zimmer des alten Hallwyler Schulhauses als ein aufgewecktes Mädchen mit freundlichem, wenn auch etwas scheuem Lächeln. Sie sitzt in einem der vordersten Bänke, die Hände liegen brav gefaltet auf dem Pult. Auf einem anderen, früheren Bild vom Jugendfest 1929 – dem ersten Rutenzug nach ihrem Übertritt an die Bezirksschule Brugg – guckt sie ernst in die Linse, mit hoch gezogenen Schultern und verkniffenem Mund – ganz im Gegensatz zu einigen ihrer Schulkameradinnen, die wesentlich gelassener, wenn nicht lässig für die Kamera posieren.
Immer im Februar fand in der Turnhalle Schützenmatt in Brugg der Ball des städtischen Orchestervereins statt, zu dem die Bezirksschüler eingeladen waren; eine erste Gelegenheit, sich für das andere Geschlecht zu interessieren, etwa beim ersten gemeinsamen Tanz. Natürlich geschah das alles unter strenger Aufsicht der Lehrer, und um 22 Uhr war Schluss. Margrit hielt sich zurück. Sie suchte keine Bubenbekanntschaften. Hingegen versuchte sie, bei einer Schulaufführung des Stücks «Die wilden Schwäne» mitzumachen. Dies stand eigentlich nur den Schülerinnen und Schülern ab der dritten Klasse offen, doch wurde die Zweitklässlerin Margrit Fuchs zugelassen – vielleicht, weil sie gut singen konnte. Die Aufführung des Stücks erwirtschaftete den stolzen Erlös von 1352 Franken und 5 Rappen, der in die Kasse für die jährlichen Schulreisen floss. Diese waren für damalige Verhältnisse recht aufwendig: So reiste die Klasse IIc, in der Margrit war, am 1. Juli 1930 von Brugg nach Schindellegi, wanderte über den Etzel, stieg nach Pfäffikon (SZ) hinunter und liess sich per Schiff auf die Insel Ufenau bringen. In der vierten Klasse waren sogar zweitägige Reisen die Regel. Für viele Schülerinnen und Schüler waren solche Schulreisen eigentlich unerschwinglich, und immer wieder gab es welche, die nicht mitkonnten, weil es trotz Zustupf aus der Klassenkasse nicht reichte. Wie erwähnt: Der Besuch der Bezirksschule war eine kostspielige Angelegenheit. Ob Margrit an diesen Schulreisen auch teilnehmen konnte, oder ob sie zu Hause bleiben musste, lässt sich nicht feststellen. Die Ferien verbrachte sie wenigstens zum Teil bei ihrer Tante mütterlicherseits, Maria Josefa, in Stein am Rhein, wo diese zusammen mit ihrem Mann ein Restaurant führte.
Zeitweise gab es vier Gertruden in der Mädchenklasse von Margrit. Der Klassengeist war gut. Gemeinsam beschwerte man sich einmal beim Rektor über die Deutsch- und Geschichtslehrerin, die einen eher rüden Umgangston pflegte – sie sprach zum Beispiel die Mädchen nur mit Nachnamen an –, einzelne Schülerinnen immer wieder hänselte und öffentlich demütigte und überhaupt als ziemlich parteiisch galt. Eine solche Aktion war in einer Zeit, in der in der Schule die Autorität der Lehrer noch sehr hochgehalten wurde, aussergewöhnlich und erforderte einigen Mut. Andere Lehrer dagegen waren Opfer von Streichen und bekamen – meist harmlose – Übernamen zugeteilt. Der Französischlehrer etwa wurde wegen seiner markanten Nase, die an einen Vogelschnabel erinnerte, als «Spatz» veräppelt. 1931 traf die Klasse eine Tragödie, als eine Kameradin starb.
Margrit schloss die Bezirksschule im Frühjahr 1933 ab. Es war eine schwierige Zeit: Die Weltwirtschaftskrise traf die Schweiz wie andere europäische Länder mit grosser Härte. Bei den regelmässigen Elternzusammenkünften der Bezirksschule war die Berufswahl ein wichtiges Thema. Im Frühling 1934 reiste Margrit dann für ein knappes Jahr nach Belgien und setzte ihre Ausbildung fort, und zwar am Ursulinenpensionat im belgischen Vilvoorde. Ob das Zwischenjahr von Anfang an so geplant war oder ob es die Konsequenz einer vergeblichen Stellensuche war, lässt sich nicht schlüssig rekonstruieren. Dass sie diese weitere Ausbildung in Angriff nahm, passt aber dazu, dass die Mutter grossen Wert auf eine gute Ausbildung ihrer Töchter legte. Sprachaufenthalte für Mädchen nach der Schulentlassung waren in städtischen Bevölkerungsschichten zwar keine Seltenheit, wenn auch dieser Sprachaufenthalt zur Erlernung und Verbesserung des Französischen vorwiegend in der Welschschweiz und nicht im Ausland absolviert wurde. Allerdings war Belgien damals ein beliebtes Ziel; in der Erinnerung meiner Mutter begaben sich in den 1930er-Jahren mehrere Mädchen aus Brugg und Umgebung dorthin. In ihrem ersten Brief aus Vilvoorde berichtet Margrit denn auch davon, dass sie ab Basel mit einer ganzen Gruppe von Schweizer Mädchen nach Brüssel gereist sei. Der Vorteil der Ursulinen lag darin, dass sie dem unentgeltlichen Mädchenunterricht verpflichtet waren. Trotzdem: Es wird wohl nicht so selbstverständlich gewesen sein, dass eine Bähnlertochter aus Windisch zur Ausbildung ins ferne Belgien reiste. Angesichts der engen Bindung an die Mutter und die Schwestern war zudem die Trennung wohl auch nicht einfach. Andererseits hatte Margrit hier zum ersten Mal Gelegenheit, den «Duft der grossen, weiten Welt» zu schnuppern. Das war nicht ohne Auswirkungen auf die spätere Ruanda-Auswanderin.
Das Ursulinenkloster im belgischen Vilvoorde nahe Brüssel war 1858 gegründet worden und unterhielt ein angesehenes, auch international anerkanntes Mädcheninternat. Als Margrit in Vilvoorde eintraf, standen Institut und Kloster unter dem energischen Regime der 77-jährigen Mère Eleonore, die seit 1905 als Oberin tatkräftig wirkte. Die Hausordnung des Instituts liest sich sehr streng. Die Mädchen waren gehalten, gehorsam, respektvoll und fleissig zu sein. Es war untersagt, sich nur zu zweit zu unterhalten oder miteinander etwas zu unternehmen. Man wollte verhindern, dass sich Freundinnenpaare bildeten, was als dem Gemeinschaftsgeist abträglich angesehen wurde. Über weite Strecken des Tages war Stillschweigen zu wahren, so etwa beim Gang zur Messe oder während des gemeinschaftlichen Essens. Die Korrespondenz wurde kontrolliert, und Ausgang gab es nur am Sonntag, im Sommer von 9 bis 18 Uhr, im Winter eine Stunde kürzer.
Margrit polierte in Vilvoorde ihr Französisch auf und vervollständigte ihre kaufmännische Ausbildung. Diese als «technische Ausbildung» bezeichnete Unterrichtsform war im Institut sehr populär; Vilvoorde nahm in diesem Bereich unter den Ursulineneinrichtungen in Belgien einen vorderen Platz ein.
Der Briefverkehr zwischen Margrit, ihren Geschwistern und ihrer Mutter, der zum Teil erhalten ist, ist aufschlussreich. Er zeigt etwa das innige Verhältnis, das die Geschwister untereinander hatten, aber auch, dass es am Kapellenweg oft recht lustig zu- und hergegangen sein muss. So endet ein Brief der Mutter vom 1. Januar 1935 mit Grüssen der Schwestern, die sich gegenseitig aufziehen: Anna schreibt, sie habe keine Neuigkeiten, und schliesst dann einen Gruss von «Idda» an, welche das Kuvert anschreibe, und von «Lisely», die bereits ins Bett gegangen sei. Worauf Ida interveniert und mit Bleistift darunter kritzelt: «nein auf der Schäselonge [Chaiselongue]», was Anna aber nicht auf sich sitzen lässt und, da der Platz auf dem Papier immer weniger wird, in zunehmend kleinerer Schrift hinzufügt: «nein auf der Ottomane!» Und eine weitere, nicht identifizierte Handschrift verlängert am Blattrand: «Wir sitzen so fröhlich beisammen wenn Du hier wärest, wären es fünf.» In den Briefen ist Margrits Schalk und Witz allgegenwärtig. Im ersten Brief schildert sie, dass sie im Zug nach Brüssel im Gepäcknetz geschlafen habe: «Das war ein bequemes Schlafen.» Und in einem späteren Brief an Ida bittet sie darin, dass die Mutter ihr Gedichte schicke: «Sage an Mutter ob sie nicht so gut sein wolle und mir die zwei Gedichte die ich auf dem Gubel (wohl anlässlich der ewigen Profess der Cousine Bertha Mettauer) aufgesagt einmal in einen Brief tun wolle.» Und sie fügt augenzwinkernd hinzu: «aber Achtung dass er nicht zu schwer ist». Der Schriftwechsel mit der Mutter ist so liebe- wie respektvoll.
Zuerst gefiel es Margrit gut in Vilvoorde. Ausser ihr besuchte nur eine weitere Schweizerin das Institut, sie sei «ein nettes Ding». Was Margrit auffiel, war vor allem die gute Verpflegung. «Hier in Belgien hat es sehr guten Kaffee, alle Tag Fleisch manchmal zweimal, Kartoffeln und Gemüse. Das Essen gefällt mir also sehr gut. Bald hätte ich noch vergessen dass es jeden Tag Dessert gibt.» Auch mit den Klosterschwestern vertrug sie sich von Anfang an gut. Trotz der strengen Hausordnung empfand sie das Leben als nicht besonders anforderungsreich: «Schaffen müssen wir nicht allzu viel. Wir haben viel freie Zeit.» Sie arbeitete in der Kapelle und erhielt dafür grosses Lob. In der 16-jährigen Louise Marijmissen, einem einfachen, lieben, vielleicht etwas naiven belgischen Mädchen fand sie eine gute Freundin. Sie schloss offenbar auch einige Kontakte mit der lokalen Bevölkerung und kannte die Familie des Vilvoorder Bürgermeisters. In einer undatierten Karte von 1934 schreibt Margrit dann allerdings, dass es «streng» sei. Die Geschwister und die Mutter schrieben zurück, berichteten vom eigenen Alltag und von Ereignissen und Routine in Familie und Nachbarschaft.
Dann kam es zu einer Veränderung. Anfang 1935 verfasste Margrit einen Brief an Ida, konnte ihn aber offenbar nicht abschicken, da sie krank wurde. Das übernahm eine Schwester M. M. Berchmans, die für Margrit eine Art Vertrauensperson geworden war. Diese fügte dem Brief einige persönliche Zeilen bei und erwähnte, dass Margrit seit einiger Zeit sehr schlecht esse. Sie habe versprechen müssen, mehr zu sich zu nehmen, wenn sie bis Juli 1935 am Institut bleiben wolle – offenbar war das der vorgesehene Zeitpunkt, an dem Margrit die Ausbildung abschliessen und in die Schweiz zurückkehren sollte. Schwester Berchmans betonte, sie sehe keinen Anlass zur Sorge. Offenbar durchlebte Margrit eine Krise – oder einen innerlichen Kampf. Die knapp 18-Jährige trug sich ernsthaft mit dem Gedanken, in Vilvoorde ins Kloster einzutreten. Ihre Freundin Louise wurde denn auch Postulantin und trat in den Orden der Ursulinen ein. Wahrscheinlich hatten die Freundinnen die Idee gemeinsam ausgeheckt, wie in einem späteren Schreiben von Louise angedeutet wird. Ob die Unlust zum Essen damit zusammenhing oder vielmehr diesen Gedanken auslöste, lässt sich nicht feststellen. Die beunruhigte Mutter verlangte von Schwester Berchmans, dass Margrit sofort einen Arzt aufsuche. Dieser stellte indes nichts Ernstes fest und meinte, Margrit könne problemlos bis Juli bleiben, wenn sie richtig esse. Er gab ihr ein Stärkungsmittel.
Die Nachrichten aus Belgien müssen zu einem ungünstigen Zeitpunkt am Kapellenweg eingetroffen sein. Anna war nun ernstlich erkrankt. Auch mit dem Vater gab es – einmal mehr – Probleme: Entweder war er krank, oder der Wunsch seiner jüngsten Tochter löste bei ihm einen Tobsuchtsanfall aus – feststellen lässt sich das nicht mehr. Auf alle Fälle wurde Margrit nun in die Schweiz zurückbeordert, vor Ablauf der regulären Ausbildungszeit. Schwester Berchmans ermahnte Margrit, sie solle sich noch gedulden mit einer Entscheidung zum Klostereintritt. Sie sei sehr jung und solle nichts überstürzen. Wenn Gott wolle, dass sie den Schleier nehme, werde er ihr das schon rechtzeitig zeigen. In der Zwischenzeit solle sie für den richtigen Weg beten. Die Ursulinen-Schwesterngemeinschaft werde das auch für sie machen.
Ende April 1935 verliess Margrit Vilvoorde wieder in Richtung Heimat. Ob sie ihre Ausbildung abgeschlossen hatte oder nicht, lässt sich nicht eruieren. Die Arbeitssuche in der Schweiz gestaltete sich schwierig. Sie nahm deshalb eine weitere Ausbildung als Zahnarztgehilfin in Angriff und fand damit Ende 1935 eine Stelle beim Brugger Zahnarzt Gloor. Dort blieb sie nur kurze Zeit; bereits am 1. September 1937 wechselte sie als Sekretärin und Buchhalterin zum Landwirtschaftlichen Bauamt des Bauernverbands in Brugg.
Kontext
Die Region Brugg-Windisch 1917–1970
Das Prophetenstädtchen Brugg war lange von der Industrialisierung unberührt geblieben.3 Doch in den zwei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg ging es dann umso schneller voran: Aus dem verschlafenen Provinznest wurde ein nicht unbedeutendes Industriezentrum, zwar hinter dem nachbarlichen Rivalen Baden, das mit der Brown Boveri & Cie (BBC) schon damals einen Weltkonzern in seiner Mitte hatte, aber doch zumindest auf gleicher Augenhöhe mit der Kantonshauptstadt Aarau und weit vor allen anderen Bezirkshauptorten und Provinzstädten des Kantons. Windisch hatte, abgesehen von der schon 1829 angesiedelten Spinnerei Kunz, keinen solchen Industrialisierungsschub; aber in Windisch wohnten viele der Arbeiter und Angestellten der Brugger Industrieunternehmen. Zwischen den beiden Gemeinden entstand, bei allen politischen und mentalitätsmässigen Rivalitäten, eine enge wirtschaftliche Symbiose. Waren die beiden Orte über Jahrhunderte physisch klar voneinander getrennt, war bis 1920 der Siedlungsteppich entstanden, den wir heute kennen. Die Einwohnerzahl Windischs betrug 1920 3491, jene Bruggs 4860. Gegenüber dem frühen 19. Jahrhundert war das eine Versiebenfachung (Brugg) beziehungsweise eine Verfünffachung (Windisch) der Bevölkerung in etwas mehr als 100 Jahren. Brugg war zudem ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt des Landes. Mit dem Bau der Bözbergbahn wurden hier die wichtigen Linien von Zürich nach Bern und von Basel nach Zürich miteinander verbunden. Nach 1882 kam noch die Strecke nach Wohlen dazu. Es gab hochtrabende Pläne, den Schienen- mit dem Flusstransport zu koppeln: Im Brugger Auschachen sollte ein grossartiges Hafenareal entstehen, die einheimischen Gewässer sollten von Basel bis zum Bodensee und bis Brugg für Lastkähne schiffbar gemacht werden.
Der Erste Weltkrieg, die Spanische Grippe und der Landesstreik von 1918 bremsten diese ungestüme Entwicklung abrupt. Die Kehrseiten der Industrialisierung traten zutage. Obwohl die Schweiz glücklicherweise von den Feindseligkeiten des Ersten Weltkriegs verschont blieb, brachen die sozialen Spannungen, die (allzu) lange unter den Teppich gekehrt worden waren, mit grosser Wucht los. Es kam zum Landesstreik vom November 1918, der in Brugg als Industrie- und Eisenbahnzentrum befolgt wurde, auch wenn es – wie im übrigen Aargau – zu keinen grösseren Zwischenfällen kam. Obwohl zumindest in seinen kurzfristigen Zielsetzungen erfolglos, löste der Landesstreik eine starke Gegenreaktion auf bürgerlicher Seite aus. Einer ihrer Anführer, der umstrittene Aarauer Arzt und Oberst Eugen Bircher, berief für den 24. November 1918 eine gesamtschweizerische Tagung ins Windischer Amphitheater ein, um gegen die Sozialdemokratie, den Landesstreik und die – wie man meinte – drohende Revolution zu demonstrieren. Dieser «Vindonissa-Tag» brachte Delegationen aus der ganzen Schweiz nach Windisch. Auf Vorschlag von Bircher und seinen Kreisen entstanden im ganzen Kanton Bürgerwehren, wobei Brugg das grösste Kontingent stellte. Der Bundesrat tolerierte die Aufstellung solcher Bürgerwehren, und im Sommer 1919 beschloss sogar die Aargauer Regierung, diese bei Bedarf zu bewaffnen. Man erwartete einen Bürgerkrieg nach russischem Muster. 1920/21 kam es in der Brugger Firma Müller AG zu einem vierteljährigen Streik, bei dem mitunter zwischen Streikbrechern und Arbeitswilligen auch die Fäuste flogen. Die Polizei musste eingreifen. Dazu kam die grosse Grippewelle von 1918/19, die die Lage weiter verschärfte. Die Aargauer Regierung erliess ein Versammlungsverbot, das bis 1920 in Kraft blieb und das öffentliche Leben stark einschränkte.
Erst in den frühen 1920er-Jahren kam es zu einer gewissen Normalisierung. Viele der Entwicklungen, die mit dem Krieg zum Stillstand gekommen waren, gingen nun weiter, aber in einem gemächlicheren Tempo. Windisch erlebte einen Bauboom, in dessen Verlauf die noch bestehenden Siedlungslücken zwischen dem alten Dorfkern und Oberburg ausgefüllt und die Gebiete von Klosterzelg und Rütenen weiter überbaut wurden. Auch im Dohlenzelgquartier und im vorderen Kirchenfeld entstanden erste Häuser. Dennoch blieb Windisch in vielerlei Hinsicht ländlich. Viele Arbeiter, die in Brugg in Fabriken ihren Lohn verdienten, hatten noch einen kleinen landwirtschaftlichen Nebenerwerb – sie hielten sich ein paar Kaninchen, vielleicht sogar ein Schwein in einem Schopf, im Garten wurden Gemüse und Früchte gezogen. Auf der Wiese, wo später die Fachhochschule zu stehen kam, weideten die Kühe des Bauernbetriebs der psychiatrischen Anstalt Königsfelden, und auch das Amphitheater wurde landwirtschaftlich genutzt.
Die SBB beschäftigte 1920 über 300 Personen in Brugg. Allerdings ging ein Teil dieser Arbeitsplätze verloren, nachdem 1928 die Bahn-Reparaturwerkstätte geschlossen wurde. Als Ersatz erhielt Brugg 1938 dafür ein Materialmagazin. Der Name der Bahnstation war lange umstritten und Gegenstand gewissermassen der Urfehde zwischen Bruggern und Windischern: Eingedenk der Tatsache, dass der Bahnhof auf Boden lag, der vor 1863 zu Windisch gehört hatte, wünschten die Windischer, dass der Halt «Brugg-Windisch» oder gar «Windisch-Brugg» lauten sollte. Doch die SBB entschieden sich für die einfachere Variante «Brugg». Anträge auf Namensänderung lehnten sie 1938 und 1948/49 ab. Margrit machte nie einen Hehl aus ihrer Meinung, dass der Bahnhof rechtens zumindest eine Referenz an Windisch in seinem Namen tragen sollte; das Thema kam regelmässig auf. Als Bähnlertochter und eingefleischte Windischerin stand sie ganz klar auf der Seite ihrer Heimatgemeinde.
Die Eisenbahner waren eine besondere Gruppe. Viele von ihnen wohnten in Windisch, sie hatten ihren eigenen Stolz und waren eine bedeutende politische Kraft. Bereits 1909 war der Eisenbahner Rudolf Iseli in den Windischer Gemeinderat gewählt worden, doch die SBB verweigerten ihm vorerst die Bewilligung zur Ausübung eines öffentlichen Amtes. Das änderte sich 1913, als er erneut gewählt wurde. Dann errang die Sozialdemokratische Partei in den ersten Proporzwahlen von 1919 auf Anhieb fast 60 Prozent der Stimmen im Arbeiterdorf Windisch. 1921 ging die Mehrheit im Gemeinderat an die Partei, und nach 1933 besetzte diese zusätzlich das Amt des Gemeindeammanns mit dem erwähnten Iseli. Die Sozialdemokraten nutzten ihre Stellung, um eigene Akzente zu setzen, soweit dies im kommunalen Kompetenzbereich lag: 1927 beschloss die Gemeindeversammlung eine Subventionierung der Arbeitslosenunterstützung, und 1933 kamen die unentgeltliche Geburtshilfe und die Milchabgabe an Schüler hinzu. Auch in anderen Dörfern um Brugg, in denen die Arbeiter der Industriebetriebe wohnten, gewannen die Sozialdemokraten kontinuierlich an Boden, wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie in Windisch. Im kleinstädtischen Brugg dagegen hielten sich Freisinnige und Sozialdemokraten die Waage; im Stadtrat dominierten die bürgerlichen Kräfte.
Ab Spätsommer 1930 machten sich in der Schweiz die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise bemerkbar. Die Zahl der Arbeitssuchenden nahm drastisch zu. In Brugg schrumpften die Arbeitsplätze in der Industrie zwischen 1929 und 1936 um fast die Hälfte. Die Maschinenfabrik Brugg AG wurde liquidiert, und die Müller AG, ebenfalls ein Unternehmen im Bereich der Maschinentechnik, kam nur dank kräftiger Zusatzfinanzierung der Banken über die Runden. Die Behörden versuchten, die Krise durch Arbeitsbeschaffungsprogramme und andere Massnahmen zu dämpfen, zum Beispiel wurde die Strasse von Brugg nach Hausen ausgebaut. Nach Fürsprache der Stadt in Bern kam es auch zu einer Erweiterung der Kasernenanlagen der Armee – eine Massnahme, die nicht zuletzt beschäftigungspolitisch motiviert war. Erst mit der Abwertung des Schweizer Frankens nach 1936 flaute die Krise, wenn auch zögerlich, ab.
Doch bereits zogen die Schatten der nächsten grossen Prüfung herauf, jener des Zweiten Weltkriegs. Am 1. September 1939 hingen an öffentlichen Anschlägen die breitflächigen weissen Plakate mit dem roten X, die zur Generalmobilmachung der Armee aufriefen. 80 000 Mann des Grenzschutzes, 430 000 Kampftruppen und 200 000 Hilfsdienstpflichtige rückten schweizweit ein – Tausende auch in Brugg. Frauen, Alte und zum Teil auch Jugendliche sprangen für die abwesenden Männer in die Lücke und übernahmen in der Fabrik und im Büro die Arbeit. Die Industrieanlagen stellten auf kriegsbedingten Minimalbetrieb um. Die Schweiz erlebte einen ersten Boom des Recyclings – wobei das damals noch schön deutsch «Altstoffsammlung» oder «Altwarenwiederverwertung» hiess. Dahinter stand bittere Notwendigkeit angesichts des stockenden Nachschubs aus dem Ausland, nicht etwa ökologisches Bewusstsein. Lebensmittel wurden rationiert, später kam die Verdunkelung in der Nacht dazu. Es waren nervenaufreibende, schwierige Jahre. Umso grösser die Erleichterung, der Jubel, als im Mai 1945 der Krieg in Europa endete. Die Kirchenglocken läuteten, die Menschen tanzten in den Strassen, auch in der Schweiz, die zum Glück einmal mehr verschont geblieben war.
Und dann machte sich die Region auf zum nächsten Aufschwung. Die Wirtschaft florierte schweiz- und weltweit, und das stark industrialisierte Brugg profitierte davon. Die Kabelwerke wurden zum Kern regionaler Wirtschaftspotenz. Die Platzverhältnisse waren für die expandierenden Industriebetriebe oft problematisch. Man wich auf unerschlossene Landreserven aus – in den Brugger Wildischachen, ins benachbarte Birrfeld. Auch ein anderer Engpass machte sich bald bemerkbar: Fach- und Arbeitskräftemangel. Viele Arbeiter wurden aus dem Ausland geholt. 1963 waren 38 Prozent der in Brugg dem Fabrikgesetz unterstellten Arbeitnehmer Fremdarbeiter. In der Spinnerei Kunz wurden immer mehr junge Italienerinnen beschäftigt. Unter der Aufsicht von Nonnen gingen sie an ihrem freien Sonntag an der Reuss spazieren. 1920 hatte der Ausländeranteil in Windisch 7,5 Prozent betragen, bis 1970 kletterte er auf fast 20 Prozent. Die Einwohnerzahlen in der Stadt und in den umliegenden Gemeinden schnellten nochmals in die Höhe. Brugg, das nach dem Zweiten Weltkrieg etwa 5500 Einwohner zählte, wies 1970 9000 aus; Windisch erlebte eine Zunahme von 4500 (1950) auf 7500 (1970). In Windisch erstellte die Eisenbahner-Genossenschaft Mehrfamilienhäuser am Römerhof beim Amphitheater, und die Georg Fischer AG baute im Bodenacker die charakteristischen Hochhaus-Wohnblöcke, die noch heute die «Skyline» im Westen Bruggs dominieren. Auch sonst wandelten sich die Ortsbilder. Das Gebiet zwischen Eisi und Bahnhof in Brugg wurde zunehmend zu einem modernen Geschäftsviertel ausgebaut, so etwa mit dem 1959 eröffneten Kaufhaus Jelmoli.
Die raschen Veränderungen verlangten nach städtebaulicher Planung. Eine Architektengruppe namens team brugg 2000 wollte das Wachstum der Stadt systematisch angehen, Industrie und Wohngebiete sollten ebenso getrennt werden wie Autoverkehr und Fussgänger. Es war eine Zeit der grossen Würfe: Man erwartete für die Schweiz im Jahre 2000 eine Einwohnerzahl von zehn Millionen; allein im Raum Brugg-Baden-Spreitenbach hätten sich 200 000 Menschen geballt. Seitens der Bevölkerung gab es ein überraschend grosses Echo auf die Pläne des team brugg 2000. Doch dann kam es zum grossen Drama. An einer Gemeindeversammlung gab es heftige Kritik an den Bauordnungsplänen der Stadt. Mitten in der Versammlung brach Stadtammann Arthur Müller zusammen – er starb an einem Herzinfarkt. Die Versammlung musste abgebrochen und neu angesetzt werden. Die Stimmberechtigten folgten dem Stadtrat, und so endeten die Pläne des team brugg 2000 schliesslich im Papierkorb.
Unabhängig davon waren beträchtliche Investitionen in öffentliche Bauten und in die Infrastruktur notwendig. Der Strassenverkehr nahm mit der Massenmotorisierung rapide zu. Er wurde zu einer Belastung für die Altstadt, und es gab erste Pläne für Umfahrungen. Windisch seinerseits expandierte in Richtung Hausen mit einem Siedlungsteppich von Einfamilienhäusern und grossen Wohnblöcken. Windisch gewann auch das Tauziehen mit Brugg um den Standort des neuen Technikums. Vor allem Industrielle, die in einer Zeit der Hochkonjunktur begehrte Fachkräfte binden wollten, wünschten sich das Technikum. Mit der Klostermatte konnte Windisch ein einschlägiges Areal zur Verfügung stellen. 1964 bis 1966 entstanden dort die modernistischen Glaskuben des Technikums mit ihren charakteristischen farbenfrohen Kegelskulpturen, die für einige Jahre zu einem regelrechten Markenzeichen wurden.
1970 war die Region Brugg-Windisch voll im Umbruch und im Aufschwung, wie es der Fall gewesen war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Wie damals herrschten Zukunftsoptimismus und Technikgläubigkeit. Doch wie der Erste Weltkrieg der Euphorie um die Jahrhundertwende ein Ende gesetzt hatte, würgte jetzt die Ölkrise von 1973/74 die Hochkonjunktur ab. Der Umbau von einer Industrie- in eine Informations-und Dienstleistungsgesellschaft begann. Und die Jugendunruhen von 1968 liessen eine soziale Liberalisierung ahnen, die unter zahlreichen Wehen das konservative und oft auch starre Klima der Zwischen- und Nachkriegszeit auflöste. Institutionen wie Wirtschaft, Kirche und Staat mussten sich neu definieren und legitimieren.
Kapitel III
Erwachsenenleben auf der Klosterzelg
Hausgemeinschaft am Kapellenweg
Eine undatierte Schwarz-Weiss-Fotografie aus den 1930er-Jahren zeigt Ida Fuchs mit ihren leiblichen Kindern und Anna an einem sonnigen Tag vor dem Eingang zum Haus am Kapellenweg in Windisch. Sie posieren fürs Familienfoto, allerdings ohne den Vater. In der Mitte sitzt die Mutter, um sie herum die Kinder. Aus den Kleidern zu schliessen, muss es Frühling oder Herbst gewesen sein. Die Mutter blickt etwas nach unten, als ob sie von der Sonne geblendet würde; Margrit, Ida und Elisabeth lächeln, Josef und Anna machen ernste Mienen. Auf einer anderen Fotografie, diesmal ohne Mutter, lachen alle. Josef – Hahn im Korb – geniesst es sichtlich im Kreis seiner Schwestern, Margrit hat ihn sogar untergehakt. Die Töchter der Familie Fuchs haben stattliche Figuren, ziemlich weit weg vom heutigen Schlankheitsideal. Doch es sind hübsche, fröhliche, aufgeweckte junge Frauen, die sich da um ihren Bruder scharen. Anna, die Halbschwester, hebt sich deutlich ab von den anderen. Sie hat dunkleres Haar, einen dunkleren Teint. Auch auf weiteren Fotografien fällt sie sofort auf mit ihrem intensiven, schönen Blick.
Andere Fotografien zeigen die Familie Fuchs auf Ausflügen im ganzen Land – man war offensichtlich unternehmungslustig. Die vergünstigten Fahrkarten des SBB-Angestellten Josef Fuchs mögen da mitgeholfen haben. Doch jetzt, Mitte der 1930er-Jahre, war die Jungmannschaft des Kapellenwegs erwachsen und erwerbstätig, man konnte sich also durchaus auch etwas leisten. Untereinander tauschten sich die Geschwister rege aus, schickten sich gegenseitig Karten von Ausflügen und kleine Briefchen zu Namens-und Geburtstagen. Ida schickt Ostergrüsse aus Genf und Neuenburg, wo sie ihr Welschlandjahr verbrachte. Der Umgangston unter den Schwestern war wie eh und je vertraut und liebevoll, manchmal zärtlich, manchmal aber auch mit dem gewohnten Witz. Adressatin der Schreiben war oft Anna, die mindestens seit Mitte der 1920er-Jahre kränkelte und immer wieder in Kurheime und Sanatorien musste: Amden ob dem Walensee, Wolfhalden im Appenzellischen, dann ab den 1930er-Jahren auch das teurere und höher gelegene Davos, alles bekannte Luftkurorte für Tuberkulosepatienten. In Davos waren es dann schon mehrere Monate, die Anna bleiben musste. Sie erhielt Besuche von einer Freundin, mit der sie sich gemeinsam immer wieder fotografieren liess. Ein Bild aus dem Jahr 1937, fünf Jahre vor ihrem Tod, zeigt sie bereits schwer von der Krankheit gezeichnet: Sie ist erst eine 34-jährige Frau, doch sie geht am Stock, das Gesicht wirkt verhärmt und vorzeitig gealtert. Die einstige Schönheit ist verflogen. Es war wohl nicht ohne Folge für das Leben von Margrit, mitansehen zu müssen, wie ihre 14 Jahre ältere, leidende Halbschwester langsam ihr Lebenslicht verlor. Sie hat vielleicht darum die Korrespondenz mit ihr sorgfältig aufbewahrt.
Auf einer weiteren Fotografie, die wohl ein paar Jahre später entstand, steht die Mutter im Kreis ihrer leiblichen Töchter. Margrit trägt eine Aargauer Tracht – diese taucht in den nächsten Jahren auf Bildern immer wieder auf; sie muss in diesen Jahren ihr Stolz gewesen sein. Sie zeigt vielleicht auch symbolisch Margrits Heimatverbundenheit, die sie später immer wieder an den Tag legte. 1986 schreibt sie in einem Brief an das Organisationskomitee der 100-Jahr-Feier der aargauischen katholischen Landeskirche gewohnt humorig, doch auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit, sie sei «überzeugte, ja fanatische Aargauerin». Auch die Tatsache, dass die Mutter immer wieder im Zentrum von Fotografien steht, ist symbolisch. Sie ist es, welche die Familie zusammenhält.
Der Vater dagegen lebte immer mehr sein eigenes Leben. Zumindest zeitweise scheint er gar nicht mehr am Kapellenweg gewohnt zu haben. Anfang der 1930er-Jahre verkaufte er sein Elternhaus in Hornussen, wofür er rund 7000 Franken löste. Mehr als die Hälfte ging für Schuldentilgung drauf, den Rest beschlagnahmte die Gemeinde und legte 1500 Franken zinstragend für die Kinder an. Josef Fuchs verblieben 1800 Franken, die aber für die Begleichung von Schulden gegenüber der Gemeinde ebenfalls zweckgebunden waren. Dass die Gemeinde sich zu einem solch drastischen Schritt entschloss, zeigt, wie kritisch die Situation angesichts seines Alkoholismus inzwischen war. Ob diese Massnahme mit dem Einverständnis seiner Frau geschah, ist nicht bekannt, aber naheliegend. Für später ist belegt, dass sich der Gemeinderat mit Ida Fuchs beriet, wenn es um Angelegenheiten ihres Mannes ging.
1934 stellte Josef Fuchs bei der Gemeinde den Antrag auf die Herausgabe des Geldes, das nach dem Hausverkauf für die Kinder blockiert worden war. Er schaltete sogar einen Anwalt ein. Das Gemeinderatsprotokoll hält fest: «Die Angelegenheit wird eingehend besprochen und dabei festgestellt, dass, wenn Fuchs den Betrag erhält, das Geld von ihm restlos in Alkohol umgewandelt wird. Seinen Angehörigen will er alles entziehen.»
Man fand einen Kompromiss: 1000 Franken gingen an die kranke Anna, 500 verblieben dem Vater. Alle Parteien erklärten sich damit – nolens volens – einverstanden. Da der Vater mit seiner Frau und den Kindern unter einem Dach wohnte, muss die Situation belastend gewesen sein. In der Korrespondenz, die Margrit während ihres Belgien-Aufenthalts mit ihren Geschwistern führte, finden sich zwar davon kaum Spuren. Doch ist es naheliegend, dass jedes Kind die gemachten Erfahrungen auf seine eigene Art verarbeitete. Möglicherweise gewann Margrit hier die Stärke, mit der sie später durchs Leben ging. Vielleicht hat die Präsenz eines tyrannischen Vaters auch dazu geführt, dass die Kinder eigentlich erst relativ spät von zu Hause auszogen – obwohl es damals viel üblicher war als heute, dass Kinder bis zur eigenen Heirat den Hausstand mit ihren Eltern teilten.
Josef war der Erste, der ausflog: 1930 verliess er Windisch in Richtung Brugg. Allerdings blieb er nur sehr kurze Zeit und kehrte nach wenigen Monaten zurück. Er absolvierte die Rekrutenschule und diente als Korporal bei der Artillerie. Bis zu seiner Heirat im Jahr 1942 blieb er in Windisch am Kapellenweg angemeldet. Ida, die älteste Schwester, kehrte 1930 nach einem längeren Aufenthalt aus der Westschweiz zurück. Wie ihre Schwestern war sie kirchlich engagiert und sass im Vorstand der Marianischen Kongregation, allerdings nur kurz. 1938 zog sie schliesslich nach Zug und von dort später nach Luzern. Elisabeth arbeitete nach der Schule einige Jahre in ihrem erlernten Beruf als Näherin. Von 1934 bis 1938 war sie Kassierin der Marianischen Kongregation. 1940 trat sie schliesslich bei den Ingenbohler Schwestern ein. Anna meldete sich im November 1932 nach Montana im Wallis ab. Vermutlich war es die Höhenluft, die sie ins Wallis zog. Trotzdem schritt die Krankheit weiter voran und machte weitere, «richtige» Kuraufenthalte nötig. Anna kehrte schliesslich wieder nach Windisch ins Elternhaus zurück, wo sie von ihrer Mutter und den Schwestern Elisabeth und Margrit gepflegt werden konnte.
Es ist auffällig, dass von den fünf Kindern im Haushalt nur eines heiratete und eine Familie gründete: Josef. Die Mädchen blieben alle ledig. Ihre guten Ausbildungen und beruflichen Positionen ermöglichten es ihnen, selbstständig für ihren Lebensunterhalt aufzukommen; sie waren also, im Gegensatz zu vielen ihrer Geschlechtsgenossinnen jener Zeit, nicht aus wirtschaftlichen Gründen auf die Ehe angewiesen. Doch es stellt sich die Frage, ob es noch weitere Gründe gab, weshalb keine der Töchter eine Familie gründete. Elisabeth trat ins Kloster ein, was eine Ehe ausschloss. Bei Anna mag das frühzeitige Auftreten der Krankheit ein Hinderungsgrund gewesen sein. Doch auch Ida und Margrit verzichteten auf eine Heirat. Die Ehe von Vater und Mutter muss abschreckend gewirkt haben. Das heisst nicht, dass es keine Verehrer und Bewerber gegeben hätte – Margrit hat bestätigt, dass sie «Möglichkeiten» zur Ehe gehabt hätte. Doch sie entschied sich gegen den Schritt. Nachdem 1942 der Bruder als Letzter ausgezogen und Anna im gleichen Jahr verstorben war, war sie – damals 25 Jahre jung – die Letzte, die noch zu Hause wohnte. Die Bindung zur Mutter war eng. Vielleicht hat sie auch aus diesen Gründen auf eine Heirat verzichtet. Und möglicherweise spielte die Religion eine Rolle. Viele Jahre trug Margrit an der linken Hand einen Goldring, der einem Ehering sehr ähnlich sah. Später, in Ruanda, schmückte sie ihn mit einem Goldstück. Nonnen tragen oft einen Ehering, da sie mit Gott beziehungsweise Jesus Christus «verheiratet» sind. Margrit entschied sich letztlich gegen den Eintritt ins Kloster. Doch es ist nicht auszuschliessen, dass sie sich – zumindest in jüngeren Jahren – einer Nonne nicht unähnlich als mit Jesus verheiratet sah, auch wenn sie das so wahrscheinlich nicht gesagt hätte.
Religiöse Prägung
Nach der Rückkehr aus Vilvoorde pflegte Margrit weiterhin Briefkontakt mit ihren Bekannten in Belgien, vor allem mit Schwester Berchmans und Louise Marijmissen. Beide berichten ausführlich über das religiöse Leben in Vilvoorde und machen kein Geheimnis daraus, dass sie sich einen nachträglichen Eintritt von Margrit in den Orden wünschen. Louise fantasiert, wie das doch wäre, wenn sie gemeinsam die Ausbildung zur Nonne durchlaufen könnten. Sie schildert das Leben in der religiösen Gemeinschaft, berichtet von der Freude und dem Stolz, zum ersten Mal das Kleid der Ursulinen, Habitat genannt, zu tragen, bezeugt die Liebe der älteren Schwestern für die Postulantinnen und Novizinnen und wünscht sich, dass Margrit so viel wie möglich für sie betet – sie werde es umgekehrt auch tun. Allerdings schreibt sie auch in aller Unschuld, dass sie manchmal von anderen Schwestern gehänselt und ausgelacht werde, was einen gewissen Kontrapunkt zum ansonsten offenbar glücklichen Leben hinter Klostermauern setzt. Schwester Berchmans dagegen erkundigt sich vor allem nach Margrits Befinden, erwähnt die Weihen junger Frauen, die Margrit während ihres Aufenthalts in Vilvoorde kennengelernt hat, zu vollwertigen Ursulinen und tönt immer wieder an, wie gut man sie in Belgien brauchen könnte. Und anschliessend an die Schilderung der Aufnahme von drei Postulantinnen im Frühjahr 1936 fragt sie: «Voudriez-vous faire le no. 4 ?» Immer wieder taucht in den Briefen die Frage auf, ob sie den Willen Gottes für sich kenne: «Est-ce que vous soyez bien tous les jours pour savoir ce que le Bon Dieu veut de vous ?» Beide, Schwester Berchmans und Louise, waren sich einig, dass keine der im Institut neu angekommenen Schweizer Schülerinnen das Format von Margrit hatte.
Anfang 1936 gab es Pläne, dass Margrit im Sommer nach Vilvoorde auf Besuch gehen sollte. Doch die Mutter intervenierte schliesslich mit Hinweis auf den eben in Spanien ausgebrochenen Bürgerkrieg, die Reise sei zu gefährlich. Louise äusserte weiterhin die Hoffnung, Margrit werde doch noch einmal nach Vilvoorde kommen. Im Jahr, in dem Margrit 20 Jahre alt und damit volljährig wurde, schrieb ihr Louise, sie wünsche sich inständig, Margrit könne nun die Mutter überzeugen, die Reise zu gestatten. Louise anerbot sich in ihrer kindlichen Art sogar, Deutsch zu lernen, um an die Mutter zu schreiben! Doch wieder wurde nichts daraus. Margrit bot nun Louise an, sie solle sie doch zusammen mit ihrer eigenen Mutter in der Schweiz besuchen kommen. Doch das wiederum lehnte Louise ab.
Der Briefkontakt wurde seltener. Louise schwor, sie werde Margrit nie vergessen und ihr immer treu sein. Ein letztes vorhandenes Schreiben stammt aus dem Januar 1942, in welchem Schwester Berchmans darüber berichtet, dass Louise nun Schwester Virginie sei. Daneben dominieren aber die Schilderungen über die schwierige Situation im von Deutschen besetzten Belgien. Es herrschte mittlerweile Krieg. Die Ursulinen hatten beim Ausbruch der Kämpfe im Mai 1940 das Institut verlassen, waren aber danach relativ schnell zurückgekehrt – zum Glück unversehrt. Versorgungsschwierigkeiten bestimmten den Alltag. Auswärtige Pensionärinnen konnten nicht mehr aufgenommen werden. Alle Schülerinnen aus der Schweiz waren im Herbst 1939 evakuiert worden, zuerst mit dem Autobus nach Paris, von dort mit der Eisenbahn in die Heimat. Für die Bedürftigen und Kriegsgeschädigten hatten die Ordensfrauen eine Suppenküche eingerichtet. Schwester Berchmans hoffte und betete, dass im Januar 1943 endlich Frieden einkehre und die Schweiz weiterhin vom Krieg verschont bleibe. Sie musste sich noch zwei weitere Jahre gedulden. Wenn auch der Kloster- und Ordenseintritt für Margrit offenbar an Bedeutung verlor, blieb das Thema mit dem Eintritt der Schwester Elisabeth bei den Ingenbohler Schwestern und der Cousine Bertha Mettauer doch präsent.
Margrit las religiöse Erbauungsliteratur, wie sie damals unter frommen Katholikinnen weit verbreitet war, später auch die historischen Romane des ungarisch-britischen Schriftstellers Louis de Wohl. Sie schilderten auf moderne Art das Leben von Heiligen und christlichen Helden. Vor allem religiöse Frauengestalten hatten es Margrit angetan – allerdings eine besondere Art: nämlich solche, die sozial und karitativ tätig waren. Mit vergeistigten Mystikerinnen und Wundertäterinnen konnte Margrit wenig anfangen. Louise schreibt ihr einmal, sie erwäge als Schwesternnamen entweder Virginie nach ihrer eigenen Mutter oder Imelda, da ihr die selige Imelda besonders Eindruck mache. Margrit zeigte Interesse, sodass sich Louise anerbot, Literatur zur seligen Imelda herauszusuchen. Der Imelda-Kult hatte damals in Belgien eine gewisse Verbreitung. Die Heiligenlegende geht auf das 14. Jahrhundert zurück. Imelda war ein Mädchen aus einer adeligen italienischen Familie, das schon sehr früh die Kommunion zu sich nehmen wollte, was man ihr aber mit dem Hinweis auf ihr Alter verweigerte. Darauf schickte ihr der Himmel eine Hostie, die vor Imelda in der Kirche schweben blieb. Nachdem Imelda diese Hostie zu sich genommen hatte, starb sie, überglücklich, auf der Stelle. Später wurde sie selig gesprochen, ihr Kult wurde von der Kirche im 19. Jahrhundert anerkannt und sie zur Patronin der Erstkommunikanten erhoben; ihr Leichnam ist angeblich nie verwest. Es ist eher unwahrscheinlich, dass der praktisch denkenden Margrit, bei aller jugendlichen Schwärmerei, diese fantastische Geschichte besonders Eindruck machte. Auf jeden Fall erwähnt Louise in der späteren Korrespondenz das Thema nicht mehr.
Eher entsprach Margrit das Leben der Schwester Maria Theresia Scherer. Sie war die Mitbegründerin der Ingenbohler Schwestern und eine Pionierin der sozialen, karitativen und pädagogischen Frauenarbeit. Als ein Zürcher Verlag gegen Ende des 19. Jahrhunderts eine Sammlung von Lebensbildern bedeutender Schweizer Persönlichkeiten herausgab, war sie unter Dutzenden Männern die einzige Frau. 1825 im luzernischen Meggen in einfache bäuerliche Verhältnisse geboren, begegnete sie 1844 dem Kapuzinerpater Theodosius Florentini. Dieser genoss damals einen Ruf als Sozial- und Schulreformer. Florentini betrieb zahlreiche Projekte zu Verbesserungen im Kranken-, Armen- und Schulwesen; diese liessen sich aber nur verwirklichen, wenn ihm entsprechend geschultes Personal zur Verfügung stand. Seine Idee war, speziell auf diese Aufgaben zugeschnittene Ordensgemeinschaften von Frauen und Männern einzusetzen. Er gründete deshalb die Menzinger Schwesterngemeinschaft. Als sich diese aber auf ihre Aufgaben im Bereich der Mädchen- und Töchterausbildung konzentrieren wollte, trennte er sich von ihr und rief als neue Kongregation die Ingenbohler Schwestern ins Leben. Eine von Florentinis engsten Mitarbeiterinnen war von Anfang an Schwester Maria Theresia. 1857 wurde sie zur ersten Generaloberin der Ingenbohler Kongregation gewählt und betrieb systematisch deren Aufbau, zuerst in der Schweiz, anschliessend auch im benachbarten Ausland. Als sie 1888 starb, umfasste die Kongregation fast 1700 Schwestern weltweit, 80 Schulen, 28 Waisen- und Erziehungsheime, 25 Kinderheime und -horte, 87 Armenhäuser und 149 Spitäler und Krankenpflegestationen. 1995 wurde sie von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen.
Da ihre Schwester Elisabeth in den Ingenbohler Orden eintrat, dürfte Margrit die Geschichte von Schwester Maria Theresia früh und gut gekannt haben. Die Parallelen zwischen beiden Frauen sind frappant: Beide gaben sich der Hilfe für die Armen, die Kranken und die Waisen hin, mit grösster Selbstverständlichkeit und oft (fast) bis zum Punkt der Selbstaufopferung; beide hatten einen eisernen Willen und konnten sich durchsetzen; beide waren tiefgläubig und sahen in ihrer Aktivität den Tatbeweis der Liebe; beide hatten, wenigstens in ihren Anfängen, einen kirchlichen Mentor, von dem sie sich aber mit der Zeit auch emanzipierten – bei Schwester Maria Theresia war das Theodosius Florentini, bei Margrit Erzbischof André Perraudin. Beide Frauen besassen einen guten Sinn für Humor. In Schwester Maria Theresias umfangreicher Korrespondenz finden sich Wortspiele wie «Sie machen Fortschritte wie ein alter Schuh». Oder, an eine Schwester gewandt, die von einer Sammelreise zurückkehrte: «Im Falle Sie so viel Geld sammeln, dass Sie es von Brunnen bis ins Institut hinauf nicht schleppen können, so telegrafieren Sie in Luzern, damit man Ihnen Pferd und Wagen entgegenschicken kann» – Sätze, die so auch von Margrit hätten geschrieben werden können. Und wie später von Margrit hiess es damals von Schwester Maria Theresia: «Sie galt als Mutter der Waisen.» Nur die Tatsache, dass Margrit schliesslich keinem Orden beitrat, unterschied sie.
Margrit war eine fromme Christin und treue Katholikin, aber keine Frömmlerin. Während Jahrzehnten ging sie jeden Tag in Brugg zur Frühmesse. Und am Sonntag gingen die weiblichen Mitglieder der Familie Fuchs geschlossen in die Kirche zum Gottesdienst. Vater und Bruder scheinen dagegen am religiösen Leben wenig bis gar nicht teilgenommen zu haben; doch das war ein altbekanntes Phänomen: Durch all die Jahre hindurch ziehen sich die Klagen seitens der Kirchenoberen, dass sich die Männer kaum am Pfarreileben beteiligten. Dass die Gebote der Kirche und des Glaubens nicht hinterfragt wurden, war selbstverständlich im katholischen Milieu (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Doch Margrit hatte ihre eigene Meinung zu vielen Dingen. Sie war keine kritische Intellektuelle, aber was sie für gut befand, das befand sie für gut, unabhängig von der Doktrin der Kirche. So wurde in der Festschrift zum Aargauer Katholikentag von 1953 noch davor gewarnt, die Frauen ins berufliche Erwerbsleben zu schicken, da ihnen sonst das Frausein abhandenkomme. Margrit kümmerte diese Gefahr wenig. Ihr Urteil über ihr Erwerbsleben war eindeutig: «Ich liebte meinen Beruf!» Geschiedene waren im katholischen Milieu kaum geduldet und wurden zum grossen Teil wie Aussätzige behandelt. Margrit kümmerte sich nicht um diese Vorbehalte und Vorurteile. Die schwierige Ehe ihrer Mutter vor Augen, hatte sie wohl Verständnis dafür, dass es manchmal sinnvoller ist, sich zu trennen, als einfach weiterzumachen um den Preis der seelischen und oft auch körperlichen Schädigung und Zermürbung der Involvierten. Sie pflegte den Kontakt zu Geschiedenen weiterhin, ob katholisch oder reformiert, und hörte sich ihre Sorgen und die oft vor allem bei Frauen wegen der Scheidung auftretenden psychischen Probleme geduldig an. Und während sie religiöse Erbauungsliteratur las, hatte sie auch eine Affinität zum kirchenkritischen bis kirchenfeindlichen Rainer Maria Rilke, den sie in ihren späteren Rundbriefen aus Afrika immer wieder zitierte. Diese Eigenständigkeit im Urteil koppelte sich mit einer sehr persönlichen und eigenen Beziehung mit Gott – «sie hatte einen eigenen Draht zum Himmel».
Kirchliches Engagement
Margrit war sehr aktiv in der Pfarrei St. Nikolaus in Brugg, welcher die Windischer Katholiken bis in den 1960er-Jahre angeschlossen waren (siehe «Kontext: Die katholische Pfarrei St. Nikolaus», S. 84). Sie engagierte sich vor allem in der Jugendarbeit, über die sie später schrieb: «Noch heute habe ich aus dieser Zeit […] schöne Freundschaften.» Durch ihre humorvolle und unkomplizierte Art fand sie leicht Zugang zu Kindern und Jugendlichen.
Grundlage ihrer kirchlichen Jugendarbeit war die Christenlehre, die sie während mehr als zwei Jahrzehnten erteilte, von Anfang der 1940er- bis Mitte der 1960er-Jahre. Sie erteilte diesen Religionsunterricht den jüngeren Primarschülern; ihr Gegenstand waren biblische Geschichten. Er fand für gewöhnlich am Sonntag nach dem Gottesdienst statt. Dass diese Aufgabe an die erst 25-Jährige übertragen wurde, verdeutlicht die besondere Vertrauensstellung, die sie in der Pfarrgemeinde bereits früh genoss. Nachdem 1965 die Pfarrei St. Marien in Windisch von der Brugger Mutterpfarrei St. Nikolaus abgetrennt und Eugen Vogel Pfarrer von Windisch wurde, führte Margrit die Christenlehre trotzdem in Brugg weiter. Ab Ende der 1960er-Jahre nahm die Beteiligung an der Christenlehre zunehmend ab.
Im Sommer 1942 wurde in Brugg eine Blauring-Sektion gegründet. Anfang der 1930er-Jahre schweizweit als Unterorganisation der Marianischen Kongregation für jüngere Mädchen entstanden, erlebte der Blauring wie andere Jugendorganisationen in dieser Zeit rasch einen beträchtlichen Aufschwung. Sein Zweck war die «Erziehung der Mädchen zu bewusstem katholischen Leben (Christusfrömmigkeit) nach dem Grundsatz: Durch Maria zu Jesus. [Die Blauring-Gruppen] sollen ihre Mitglieder anleiten zu lebendiger Frömmigkeit, selbständigem Denken und froher Hilfsbereitschaft (Pietas, Studium, Actio).» Margrit übernahm eine von zwei Gruppen des Brugger «Blaurings», die Gruppe Agnes, benannt nach der heiligen Agnes, einer mythischen Märtyrerin des vierten Jahrhunderts, Schutzpatronin junger Mädchen. Der Gruppe Agnes gehörte etwa ein Dutzend Mädchen aus Brugg und Windisch an.
Margrit als Kleinkind, vor 1920.

Margrit (vordere Reihe, l.) am Brugger Rutenzug, Ende der 1920-Jahre.

Margrit (r.) bei der Erstkommunion, 1920er-Jahre.

Margrit (1. Bank, r.) in der Bezirksschule, Anfang der 1930er-Jahre.

Ida Fuchs-Hinden, undatiert.

Ida an ihrem 80. Geburtstag mit Margrit, 1960.

Ida mit Margrit, Anna, Josef, Ida, Elisabeth (v. l. n. r.), Mitte der 1930er-Jahre.
Margrits Halbschwester Anna Fuchs, undatiert.
Margrits Bruder Josef Fuchs, undatiert.

Margrits Schwester Ida Fuchs, vermutlich 1950er-Jahre.
Margrits Schwester Elisabeth Fuchs, vermutlich 1990er-Jahre.
Maria Theresia Scherer (1825–1888), Gründerin der Ingenbohler Schwesterngemeinschaft, undatiert.
Das Ursulinenpensionat in Vilvoorde, Belgien, undatiert.

Margrit (2. Reihe, 4. v. r.) an einer Klassenzusammenkunft, 1950er-Jahre.
Margrit bei der Arbeit beim SPV, 1950er-Jahre.

Margrit mit ihrem Chef Albin Schwaller, 1950er-Jahre.
Margrit und Vikar Adolf Studer (sitzend) im Jungwachtlager auf der Galmihornhütte, 1951/52.
Bergmesse im Jungwachtlager auf der Galmihornhütte, 1951/52.
Mit grosser Sorgfalt bereitete sich Margrit auf die neue Aufgabe vor. In ihrem Nachlass findet sich eine ausführliche Aufstellung der Argumente für und wider eine Blauring-Gruppe. Unter «Dafür» stehen folgende Punkte: «Bedürfnisse der weiblichen Jugend nach Organisation, Hilfe für die Familie, Verständnislosigkeit der Eltern für viele Fragen (der Kinder), […] Führerinnenschulung in sich wertvoll.» Sie fragte eine Cousine in Basel, die eine Blauring-Gruppe mit 15-jährigen Mädchen betreute, um Rat. Diese beglückwünschte sie zu dieser Aufgabe, warnte sie aber auch vor frustrierenden Momenten. Doch im Grossen und Ganzen gelte: «[…] das Frohe und Schöne übersteigt alles und man nimmt gerne ein Opfer auf sich.» Die Cousine hatte eine Reihe von praktischen Anregungen; so solle sie die religiöse Instruktion nicht überbetonen und diese mit Spiel und Spass auflockern. Dabei verwies sie auf mehrere nützliche Schriften und anerbot sich, diese zu beschaffen. Als Margrit allerdings anfragte, ob sie einmal die Gruppe in Basel zu Anschauungszwecken besuchen dürfe, winkte die Cousine ab. «[…] ich [mache] momentan mit der Gruppe eine Krise durch […], es ist haarig.» Margrit besuchte daraufhin einen Schulungskurs in Ingenbohl, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten.
Die meist zweistündigen Blauring-Gruppenstunden fanden üblicherweise an einem Samstagnachmittag statt, ausnahmeweise auch an einem Sonntag oder einem anderen Tag. Eröffnet wurden die Sitzungen mit einem Ave-Maria oder einem frommen Lied, danach wurden die zwölf Gebote des Blaurings durchgenommen, in jeder Sitzung in der Regel ein Gebot. Daneben gab es weitere religiöse Instruktion, etwa die Dekoration eines Gabentischs, vor allem aber auch praktische Dinge wie Wundverbände, Haushaltstipps und Kochrezepte. Und dazu regelmässig Spiel und Gesang, gelegentlich Ausflüge. Im Sommer 1943 unternahm die Gruppe eine Wanderung aufs Schloss Wildegg, wo die Mädchen die Vögel im Gehege sowie die Schlossräume bewunderten. Vor Weihnachten bastelte man gemeinsam Geschenke.
Formell aufgenommen waren die Mädchen erst, nachdem sie ein Examen bestanden hatten. Dieses umfasste Blauring-spezifische Punkte, allgemeine religiöse Fragen, Heimatkundliches zu Brugg und Umgebung, aber auch Praktisches wie Erste Hilfe. Der Fragenkatalog war umfangreich und durchaus anspruchsvoll – allein die religiösen Fragen umfassten 87 Punkte. Die Ausbildung war am damaligen Frauenideal der katholischen Kirche orientiert: die Frau als Magd (d. h. Verantwortung für andere und selbstlose Hilfsbereitschaft als Hausfrau), Jungfrau (Bewahrung der eigenen Keuschheit und Beachtung von Sittlichkeit und Bescheidenheit) und Mutter (Lebensspenderin). Margrit war offenbar bestrebt, diese Worte nicht einfach schematisch weiterzugeben, sondern notierte sich gewissenhaft, wie die einzelnen Ideale mit den Mädchen besprochen werden sollten. Sie sollten ihre eigene Meinung und Ansicht dazu äussern können. Und im eigens geführten Büchlein der Gruppe Agnes finden sich denn auch zahlreiche Hinweise, man habe diese oder jene Fragen diskutiert.
Gegründet in den Kriegsjahren, spielten die Kriegsereignisse anfänglich stark in das Gruppenleben hinein. Im Jahresprogramm 1944 figurierte prominent das Motto: «I stoh zur Heimat». Dazu notierte sich Margrit in den Vorbereitungsunterlagen: «Wir dürfen und wollen uns freuen, dass wir noch freie Schweizer sein können. Jedoch nicht in Übermut ausartenlassen und gar denken, dass wir Schweizer durch unsere Verdienste […] bisher vom Krieg verschont geblieben sind. Die erwiesenen Wohltaten gegenüber Internierten, Flüchtlingen etc. waren schliesslich selbstverständliche Christenpflicht. Sie brachten uns aber auch viel Segen. Nennt einige Vorteile die wir noch geniessen dürfen, während andere schon während 5 Jahren grosse Not leiden. Fürbitte des sel. Bruder Klaus.» Das Flüchtlingsthema kommt immer wieder vor. Die Mädchen schlugen etwa vor, man könne eine gute Tat vollbringen, indem man für die Flüchtlinge etwas stricke.
Margrit war bei den Mädchen beliebt. Sie galt als fröhliche Führerin, und dass bei ihr viel gesungen wurde, gefiel den meisten. Auch sei sie nicht so ernst gewesen wie andere Blauring-Führerinnen. Im Gegenteil: Manchmal sei es bei ihr fast ein bisschen zu gewagt zu- und hergegangen, erinnern sich ehemalige Blauringlerinnen. Erst 1953, im Alter von 36 Jahren, gab Margrit ihre Tätigkeit als Scharführerin auf.
Ab und zu engagierte sich Margrit auch beim männlichen Pendant des Blaurings, der Jungwacht. 1951 und 1952 ging sie als Köchin in die jeweils einwöchigen Jungwachtlager auf der Galmihornhütte im Wallis. Im ersten Jahr nahmen etwa 35, im Jahr darauf mehr als 40 Buben und Jugendliche teil. Beide Jahre standen sie unter der Leitung des Vikars Adolf Studer. Alleine bewältigte Margrit die Verpflegung der von der Bergluft und den Lageraktivitäten hungrigen Jugendlichen. Mehr als 2000 Meter über dem Meer gelegen, war die Einrichtung der Hütte nach heutigen Vorstellungen primitiv. Die Verpflegung musste hinaufgebracht werden; jeden Tag begab sich eine Gruppe von Buben unter der Leitung eines «Führers» ins Tal, füllte die leeren Rucksäcke und kletterte wieder nach oben. Hin- und Rückweg nahmen vier Stunden in Anspruch. Entsprechend einfach war das Essen: Das Frühstück bestand aus Brot, Butter, Konfitüre und ohne Milch zubereiteten Kakao. Doch es mundete, und die Buben nannten Margrit – was damals durchaus liebevoll gemeint war – «Hausmütterchen».
Daneben war Margrit auf verschiedenste Weise in der Pfarrei tätig und so eine «tragende Säule des Gemeindelebens», wie es der spätere Windischer Pfarrer Eugen Vogel ausdrückte, der sie Anfang der 1960er-Jahre als Vikar in Brugg kennenlernte. Während Jahren schmückte sie, zusammen mit anderen Frauen, die Kirche für die Sonntagsmesse. Sie war im Kirchenchor Cäcilia aktiv, der zumindest zeitweise unter einem anspruchsvollen und fähigen Dirigenten ein beachtliches Niveau erreichte. Margrits Liebe zur Sakralmusik drückte sich auch in einer grossen Sammlung von Grammofonplatten mit Chor- und Orchesterwerken aus – ein Luxus, den sich die sonst sparsame Margrit leistete. Zu den verschiedenen Pfarrern und Vikaren, die die Pfarrgemeinde St. Nikolaus von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre sah, fand sie in der Regel einen guten Draht, so unterschiedlich diese Geistlichen von ihrem jeweiligen Naturell und Temperament her waren. Die Jugendarbeit unterstand den Vikaren, sodass sie als Blauring-Leiterin zu ihnen schon von der Funktion her einen regen Kontakt pflegte. Unter Pfarrer Fischer war sie dann auch als Katechetin tätig und unterrichtete junge Erwachsene, was ein besonderer Vertrauensbeweis war, blieb die Katechese doch normalerweise den Vikaren vorbehalten.
Margrit war rastlos unterwegs in Pfarreiangelegenheiten. Das Pfarrhaus war ihr zweites Zuhause. So half sie bei der Organisation von Anlässen, sprang bei Notfällen ein, besorgte allerlei Nützliches und machte Pfarreiangehörigen kleine Geschenke. Und ihre Freundlichkeit und Einsatzbereitschaft wurden mit Sympathie und Zuneigung erwidert. Als sie sich im Winter 1954 in Unterägeri zur Genesung aufhielt, schrieb ihr der Präsident des Kirchenchors in einem launigen Brief, er höre jeden Tag den Lawinenbericht, um zu wissen, ob sie in Sicherheit sei. Wäre Unterägeri von Schneemassen verschüttet worden, hätte er sofort alle Männer des Kirchenchors aufgeboten, «damit wir ja unsere Margrit noch lebend erwischt hätten».
Erfüllung im Beruf
Im Jahr 1900 siedelte das Schweizerische Bauernsekretariat von Bern nach Brugg über. Dies aus einem simplen Grund: Die aus Brugg stammende Frau des Sekretariatsleiters und ETH-Professors Ernst Laur wollte nicht wegziehen, und Laur selbst besass in Effingen ein schönes Landgut. Brugg wurde damit zur Schweizer «Bauernhauptstadt». Laur war eine charismatische Persönlichkeit, die den Schweizerischen Bauernverband in vier Jahrzehnten zu einer schlagkräftigen wirtschaftspolitischen Organisation formte. Obwohl er nie ein parlamentarisches Mandat bekleidete, galt er als «achter» Bundesrat. So weitete er die Tätigkeit des Bauernsekretariats laufend aus und gründete neue Unterabteilungen und Fachstellen, um die vielfältigen Bedürfnisse von Bauern und Behörden zu bedienen. Bereits in den 1920er-Jahren beschäftigte der Bauernverband mit seinen Zweigstellen 60 Personen. Die verschiedenen Abteilungen waren in immer mehr Liegenschaften zwischen Eisi und Freudenstein untergebracht, was Reibungsverluste mit sich brachte. Deshalb wurde an der heutigen Laurstrasse 10 in Brugg das stattliche Verwaltungsgebäude «Haus des Schweizerbauern» gebaut, das 1947 eingeweiht und bezogen werden konnte.
In einer dieser Zweigstellen, dem Landwirtschaftlichen Bauamt, begann Margrit am 1. September 1937 als kaufmännische Angestellte. Sie arbeitete sehr gerne dort und sollte dem Bauernverband und angegliederten Organisationen 26 Jahren treu bleiben. Das Bauamt, in der alten Post am Eisi-Platz eingemietet, beschäftigte sich mit Architekturarbeiten für landwirtschaftliche Ökonomiegebäude, Käsereien, Mostereien und Lagerhäuser. Margrit blieb acht Jahre im Bauamt und wechselte danach als Bürogehilfin zur Kasse des Bauernverbands, wo sie indes nur sehr kurz verweilte. Per 9. März 1947 trat sie in den Schweizerischen Schlachtviehproduzentenverband (SPV) ein, wo sie bis 1958 blieb.
Als kaufmännische Angestellte war Margrit beim SPV für das Abrechnungswesen zuständig. Das war nicht immer einfach, gab es doch unter den Bauern zahlreiche säumige Zahler. Ein Schwerpunkt des SPV in den 1950er-Jahren war die Ausmerzung der Rindertuberkulose: Anfällige Tiere wurden systematisch aufgekauft und insbesondere an italienische Salamifabriken, aber auch an die italienische Kriegsmarine verkauft – was heute wohl undenkbar wäre. Margrit galt als zuverlässige, verschwiegene «Schafferin». Ihre Tätigkeit in der Buchhaltung brachte es mit sich, dass sie regelmässig an den Viehauktionen in der ehemaligen Markthalle hinter dem Brugger Bahnhof teilnahm. 1956 wurde sie zur Sekretärin des SPV-Geschäftsführers Albin Schwaller befördert. Margrit hatte ein gutes und vertrautes Verhältnis zu ihrem neuen Chef, der sie wegen ihrer Tüchtigkeit schätzte. Margrits Nähe zur Kirche half ihr bei der Organisation des jährlichen Mittagessens mit den Spitzen des SPV und den von der Kirche eingesetzten «Bauernseelsorgern».
Tüchtig und zielstrebig, zeigte Margrit im Geschäft auch ihre soziale und mütterliche Seite. «Sie schaute zu den Leuten», drückte es ein ehemaliger Vorgesetzter aus. Ihm hatte sie jeden Morgen einen Blumenstrauss auf den Tisch gestellt. Die Belegschaft des SPV war klein und übersichtlich – während der elfjährigen Tätigkeit Margrits wuchs sie von acht auf etwas mehr als ein Dutzend. Unter den Angestellten befand sich seit 1948 auch der Lehrling Walter Tanner. Der 17-Jährige war eben aus dem Kanton Bern zugezogen und hatte noch kaum sozialen Anschluss. Als guter Fussballer fand er zwar beim FC Brugg Unterschlupf, doch seine seit Langem verwitwete Mutter hatte kurz vorher nochmals geheiratet; mit dem Stiefvater hatte er seine Mühe, auch wenn er sich mit ihm arrangierte. Margrit nahm den jungen Mann unter ihre Fittiche. Sie wurde für meinen Vater zu einer wichtigen Bezugsperson. In den WK schickte sie ihm «Fresspäckli». Als 1952 eine Cécile Schneider aus Würenlingen beim SPV als Stenotypistin begann und sich zwischen ihr und Walter Tanner eine zarte Romanze entwickelte, beobachtete Margrit die werdende Liaison anfänglich mit Argusaugen – sie wollte offenbar sicherstellen, dass ihr Schützling nicht an «die Falsche» geriet. Als sie aber den Ernst der Sache und die gegenseitige Aufrichtigkeit erkannte, gab sie der Verbindung ihren Segen – und wurde zu einer guten Freundin des Paares. In der Freizeit unternahmen sie zu dritt Ausflüge, so etwa ins Engadin. Als Walter und Cécile 1960 heirateten, erhielt Margrit die Zusicherung, sie werde Taufpatin des erstgeborenen Kindes sein. Im Gegenzug versprach sie, sie werde ihm – sollte es ein Bub sein – die ersten Fussballschuhe kaufen. Ein Versprechen, das sie nie einlösen musste, da sich mein Talent als Fussballer in Grenzen hielt.
1958 trat SPV-Geschäftsführer Albin Schwaller zurück, nachdem finanzielle Ungereimtheiten zu Meinungsverschiedenheiten mit dem Verbandsvorstand unter dem Luzerner Ständerat Christian Clavadetscher geführt hatten. Schwallers erzwungener Rücktritt traf Margrit hart. Für seinen Nachfolger konnte oder wollte sie nicht arbeiten. Sie wechselte deshalb zur ebenfalls in Brugg ansässigen Aargauischen Genossenschaft für Schlacht- und Nutzviehvermittlung (AGS). Dort blieb sie knapp fünf Jahre.
Grosser Bekanntenkreis
Mit dem Auszug von Margrits Geschwistern Josef, Ida und Elisabeth reduzierte sich die Hausgemeinschaft am Windischer Kapellenweg auf vier. Im Februar 1942 starb Anna, im Januar 1947 schliesslich 80-jährig der inzwischen in Muri zur Pflege untergebrachte Vater Josef Fuchs. Im Juni 1948 verkaufte die Mutter das Haus an die inzwischen 31-jährige Margrit, die die Liegenschaft bis zu ihrem Tod behielt. Margrit hatte ein gutes Gehalt, lebte sparsam und konnte sich eine solche Investition leisten. Mutter und Tochter bildeten fortan die Hausgemeinschaft. Die Mutter wusch und kochte für die Tochter, die über Mittag jeweils nach Hause kam. Sie hielt der Tochter so den Rücken frei für deren grosses kirchliches Engagement.
Für zwei Personen war das Haus am Kapellenweg aber zu geräumig. Margrit vermietete deshalb die Parterrewohnung, was ihr Einkommen aufbesserte. 1954 zog eine ältere Frau, die in Vevey als Weissnäherin gearbeitet hatte, zusammen mit ihrer Nichte ein. Die Familie stammte aus Gansingen im Fricktal. Vier Jahre später kam Martha Hollinger, die Schwester der Nichte, als dritte Partei dazu. Man hielt gute Nachbarschaft, so gut, dass Martha Hollinger, zusammen mit ihrer anderen Schwester Marie – ihre andere Schwester starb bereits 1960 –, bis heute dort wohnhaft geblieben ist, über Margrits Tod hinaus.
Auch wenn alle ausser Margrit ausgeflogen waren, hatten die Geschwister Fuchs regelmässig Kontakt. Josef hatte inzwischen drei Kinder. Jedes zweites Wochenende besuchte er mit seiner Familie die Grossmutter und «Tante Gritli». Von Wettingen nach Windisch nahmen sie das Velo, ein paarmal gingen sie sogar zu Fuss. Angekommen, wurden die Kinder mit Limonade aus dem Keller versorgt. In Erinnerung sind auch die Tee crème, die es als Begrüssungsgetränk gab. Bei den Kindern galt «Tante Gritli» als «lieb, aber streng». Man mochte sie, weil sie – im Gegensatz zu anderen Verwandten- nicht so «tantenhaft» war, man mit ihr lachen konnte und weil sie auf die Kinder individuell einging. Auch mit der weiteren Verwandtschaft, vor allem auf der Hinden-Seite, pflegte Margrit den Kontakt. Das Verhältnis zu ihren Geschwistern war gut, vor allem zu Elisabeth, die ihr wohl am nächsten stand.
Margrit baute sich mit der Zeit einen immer grösseren Bekanntenkreis auf. In Windisch, wo sie aufgewachsen war und weiterhin wohnte, kannte sie viele Leute, an ihrem Arbeitsort Brugg hatte sie bereits die Schule absolviert und war in der Pfarrei aktiv. Seit den 1950er-Jahren fanden Jahrgängertreffen der Bezirksschule statt, an denen sie oft teilnahm. Margrit war das, was man heute eine begnadete Netzwerkerin nennen würde. Zu einer treuen Freundin wurde Josy Furter, geborene Wietlisbach, die ihre Schwestern Ida und Elisabeth in der Marianischen Kongregation kennengelernt hatten. Josy, wie Margrit mit Jahrgang 1917, war in den 1930er-Jahren bei der Brugger Apothekerfamilie Tschupp im Haushalt tätig und liess sich nach ihrer Heirat 1941 wieder in ihrem Heimatdorf Dottikon nieder.
Eine spezielle Beziehung hatte Margrit zu Bertha Knecht, der Grossmutter ihrer Firmpatentochter Ruth Knecht Hohl. Die beiden Frauen verband vieles. Bertha Knecht hatte in zweiter Ehe den verwitweten Johann Knecht geheiratet, der zwei kleine Kinder aus einer ersten Verbindung hatte – also eine ähnliche Konstellation wie im Hause Fuchs. Ihr Mann betrieb die Fuhrhalterei anfänglich als Gelegenheitsjob. Bertha Knecht hatte im Ausland eine Ausbildung genossen und brachte einen Sinn fürs Geschäftliche mit. Sie galt als die eigentliche treibende Kraft hinter dem Aufbau des Transportunternehmens Knecht. Daneben war sie sehr religiös. Margrit und Bertha Knecht kamen sich mit der Zeit näher und tauschten sich regelmässig aus; es entstand ein enges Verhältnis, und Margrit hatte wohl eine gewisse Bewunderung für Bertha Knecht. Diese wiederum pflegte zu sagen, es sei kein richtiger Sonntag, wenn Margrit nicht zu Besuch komme und sie nicht mit ihr reden könne. Das enge Verhältnis zwischen den beiden Frauen die Bande zur Familie Knecht. Als Bertha Knecht 1963 starb, traf dies Margrit sehr.
Angesichts des grossen Bekanntenkreises, aber auch ihres Rufs, eine grosszügige und freigiebige Person zu sein, erstaunt es nicht, dass Margrit immer wieder als Tauf- oder Firmpatin angefragt wurde. Taufpatin war sie ihrer erstgeborenen Nichte, Josefs Tochter Marianne, und mir. Sie wurde auch als Taufpatin für Daniel Gloor angefragt, den Sohn von Otto und Trudi Gloor, Verwandten mütterlicherseits aus Burgdorf. Tragischerweise verstarb der Junge noch im Kindsbett. Firmpatin war sie ihrer jüngsten Nichte Margrit, Ruth Knecht Hohl, Lucie Brogli, der Tochter eines Bekannten aus dem Kirchenchor, Alice Furter, der jüngeren Tochter der Josy Furter, und Regula Gloor, der Tochter von Otto und Trudi Gloor.
Kontext
Die katholische Pfarrei St. Nikolaus Brugg
Windisch war traditionell reformiertes Gebiet; die Reformation hatte die Präsenz des Katholizismus im Berner Aargau radikal beendet. Doch die Schaffung des Kantons Aargau 1803, der sich aus katholischen und reformierten Gebieten zusammensetzte, sowie 1848 die Entstehung des Schweizer Bundesstaates mit Religions- und Niederlassungsfreiheit führten dazu, dass die bisher strikte territoriale Trennung der Konfessionen aufbrach.4 Vor allem wirtschaftlich prosperierende Regionen wie Brugg-Windisch zogen Arbeitskräfte aus allen Himmelsrichtungen an. Waren 1850 erst 8,5 Prozent der Windischer katholisch, betrug ihr Anteil 1910 bereits 25,6 Prozent. Viele der Zugewanderten kamen aus den ärmeren katholischen Gebieten des Kantons (siehe «Kontext: Das obere Fricktal an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert», S. 24).
Das Verhältnis zwischen dem Aargau und der katholischen Kirche war anfänglich sehr gespannt. Der von Napoleon geschaffene Kanton war liberalen und fortschrittlichen Prinzipien verpflichtet und betrachtete die Kirche mit grossem Misstrauen, galt sie doch als Inbegriff der politischen und gesellschaftlichen Reaktion. Die Pfarrer und Bischöfe ihrerseits fürchteten den liberalen Staat, der die Gläubigen Kirche und Religion entfremdete und letztlich ihr Seelenheil im Jenseits aufs Spiel setzte. Darum galt es aus Sicht der Geistlichkeit, die Katholiken vor dem Staat und seinen religionsfeindlichen Ideen zu schützen. Die katholische Gemeinschaft sollte sich gegen aussen möglichst hermetisch abschliessen und eine eigentliche Parallelgesellschaft aufbauen, mit den kirchlichen Autoritäten an der Spitze und einer Elite aus gebildeten, frommen und vermögenden Laien an ihrer Seite. Im Lauf der Zeit bürgerte sich für diese katholische Parallelgesellschaft die Bezeichnung «katholisches Milieu» ein.
Die Auseinandersetzung zwischen modernem Staat und katholischer Kirche wird als «Kulturkampf» bezeichnet. Dabei griff der Staat zum Teil massiv in die Organisation und Führung der Kirche ein und intervenierte auch in religiös-seelsorgerlichen Dingen. Im Aargau entspannte sich die Situation erst nach 1885 mit dem Erlass einer neuen Verfassung. Diese beliess der Kirche Autonomie in inneren Angelegenheiten. In den folgenden Jahrzehnten entkrampften sich die Beziehungen zwischen Staat und Kirche zunehmend. 1927 wurde die Grundlage für die Schaffung von öffentlich-rechtlich anerkannten Landeskirchen gelegt, die damit das Recht erhielten, von ihren Konfessionsangehörigen Steuern einzuziehen. Die Erteilung des obligatorischen Religionsunterrichts in der Schule oblag neu den Konfessionen. Nach 1951 verzichtete der Regierungsrat auf sein Recht, bischöfliche Hirtenbriefe vor dem Verlesen von der Kanzel prüfen zu lassen. Die katholische Kirche gewann nun ihrerseits Einfluss auf staatliche Tätigkeiten: So fand 1949 eine Aussprache mit kantonalen Behörden bezüglich Filmzensur und Jugendschutz statt.
Wich das ursprüngliche Misstrauen einem fast schon partnerschaftlichen Verhältnis, war die Kirche dennoch bemüht, das katholische Milieu in sich geschlossen zu halten. Das kam etwa während der Aargauer Katholikentage zum Ausdruck. 1953 versammelten sich anlässlich der 150-Jahr-Feier des Kantons 15 000 Männer – Frauen waren nicht zugelassen – im Windischer Amphitheater und bekräftigten dort ihre gleichzeitige Treue zum Aargau und zum Katholizismus. Der Brugger Pfarrer Hermann Reinle schrieb dazu, man stehe mit Liebe zum Aargau als Heimat, den Staat anerkenne und akzeptiere man aus Vernunftgründen. Einerseits teilten damals noch viele Katholiken das Sendungsbewusstsein der Kirche, als auserwählte Gemeinschaft im alleinigen Besitz der absoluten Wahrheit zu sein. Andererseits fühlte man sich diskriminiert – und das nicht ganz zu Unrecht. In Staat und Verwaltung waren Katholiken im Aargau lange Zeit untervertreten – sogar in traditionell katholischen Gebieten: Am Lehrerseminar Wettingen etwa war Anfang der 1950er-Jahre von elf Hauptlehrern nur einer praktizierender Katholik, von den zwölf Hilfslehrern waren fünf katholisch. Da Katholiken im Durchschnitt einen niedrigeren Bildungsstand als Reformierte aufwiesen, hatten sie schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt – dem staatlichen wie dem privaten –, was die Untervertretung in Schule und Verwaltung erklärte. Die Katholiken sahen diese Untervertretung aber als Folge einer heimlichen oder offenen Diskriminierungspolitik seitens des Staates. Man sah sich als Opfer – was sich aber einerseits bestens mit einer spezifisch christlichen Opferhaltung, andererseits mit dem übersteigerten Sendungsbewusstsein einer auserwählten Minderheit verbinden liess.
Die Ursprünge der katholischen Brugger Pfarrei St. Nikolaus gehen auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Vorher waren die wenigen Katholiken in Brugg und Windisch formell dem Pfarrer von Birmenstorf unterstellt; seelsorgerisch wurden sie von einem Kaplan aus Gebenstorf betreut. 1898 wurde dann eine «Missionsstation» in Brugg gegründet. Brugger Katholiken gelangten mit einer Petition an den Stadtrat, Örtlichkeiten für Gottesdienste und Religionsstunden für die Kinder zur Verfügung zu stellen. Dieser reagierte positiv, und die Katholiken gründeten eine Genossenschaft, um dem Kirchenleben eine organisatorische Grundlage zu geben. Der Bischof unterstützte dieses Vorhaben. Am Neujahrstag 1899 fand im Singsaal des Hallwyler Schulhauses der erste katholische Gottesdienst in Brugg seit der Reformation statt. Im gleichen Jahr trat der erste Pfarrer, Hochwürden Fridolin Umbricht, seine Stelle an.
Die Bezeichnung «Missionsstation» bringt es auf den Punkt: Hier ging es darum, in traditionell reformiertem Gebiet eine katholische Keimzelle aufzubauen, eine sogenannte Diasporagemeinde. Die junge Brugger Pfarrei genoss denn auch die Unterstützung der Inländischen Mission der katholischen Kirche. Sie wurde zu einem ihrer wichtigsten Stützpunkte im Kanton. Die Inländische Mission war 1863 zur geistlichen, finanziellen und materiellen Unterstützung von Diasporagemeinden gegründet worden; eine ihrer wichtigsten Aufträge war die ausreichende Versorgung von Diasporagemeinden mit Priestern. Viele Geistliche in den katholischen Stammlanden fürchteten nämlich, dass Katholiken, die als Arbeitskräfte in reformierten Gebieten wohnten, bald ihrem angestammten Glauben entwöhnt würden. Schlimmer noch: Sie würden bei einer allfälligen Rückkehr in ihre Heimat die zurückgebliebene Bevölkerung negativ beeinflussen und in deren Glauben gefährden. Man war deshalb fest entschlossen, unter den Katholiken in den Diasporagemeinden den Glauben zu festigen. Allerdings war der Dienst in der Diaspora unter den katholischen Priestern oft nicht sehr beliebt; deshalb entsandte die Inländische Mission vorwiegend junge Geistliche, die gerade das Priesterseminar absolviert hatten, ins reformierte «Feindesland».
Nach der Bestellung eines Priesters stand für die Katholiken der Region Brugg Zugang zu einer ansprechenden Kirche auf der Tagesordnung. Gottesdienste fanden in profanen Bauten statt, unter anderem in der Turnhalle der Schützenmatte. Auf die Dauer galt das den Katholiken als unwürdiger Zustand. Der Stadtrat versprach finanzielle Unterstützung für den Bau eines katholischen Gotteshauses, und schliesslich wurde eine Parzelle an der Renggerstrasse erworben. 1905–1907 entstand nach den Plänen des Rorschacher Architekten Adolf Gaudy ein neubarocker, dem heiligen Nikolaus geweihter Bau. Besitzer der neuen Kirche war allerdings nicht die Kirchgenossenschaft, sondern ein privater Verein aus dem Bischof und Papst besonders treu ergebener Katholiken. Eine solche Konstruktion für den Besitz des Gotteshauses war nicht ungewöhnlich im Aargau – auch in Möhlin oder in Kaiseraugst gehörte die Kirche einem privaten Verein. Der Grund für diese Konstellation ging auf den erwähnten Kulturkampf zurück. In dessen Verlauf hatte der Kanton in einzelnen Fällen Kirchen konfisziert und den Christkatholiken5 übergeben. Mit der Schaffung eines Vereins als Besitzerin der Kirche hoffte man seitens der Geistlichkeit, eine ähnliche Situation im Falle einer neuen Konfrontation zwischen Staat und Kirche zu verhindern. Die Regularisierung der Verhältnisse der Brugger Katholiken kam schliesslich mit der Genehmigung der Errichtung einer römisch-katholischen Kirchgemeinde durch den Grossen Rat, inklusive des Rechtes auf die Besteuerung der in Brugg und Windisch wohnenden Katholiken.
Das Pfarreileben nahm mit der Bestellung eines Priesters und dem Bau einer Kirche einen beachtlichen Aufschwung. Es entstanden zahlreiche Vereine, welche praktizierenden Katholiken Gelegenheit gaben, ihre Freizeit unter Gleichgesinnten zu verbringen: Kirchenchor, Mütterverein, Marianische Jungfrauen-Kongregation, Jünglingsverein, Blauring, Jungwacht, Männerverein. Die 1920er- bis 1940er-Jahre bildeten gewissermassen den Höhepunkt dieses katholischen Vereinslebens in der Pfarrei Brugg. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft ab den 1950er-Jahren sowie das Aufkommen von Radio und Fernsehen als wichtige Gestalter des Freizeitverhaltens beendeten dann nach und nach die Dominanz der Vereine und leiteten deren Niedergang ein, wobei einige Vereine des katholischen Milieus, etwa die Jungwacht, den Niedergang besser bewältigten als andere. Übrigens war es so, dass längst nicht alle in Brugg und Windisch ansässigen Katholiken am Pfarrei- und Vereinsleben teilnahmen. In den 1920er-Jahren war es nach Schätzung des damaligen Pfarrers bloss etwa die Hälfte. Einer der Gründe für diese immer wieder beklagte, «laue» Beteiligung vieler Katholiken sah man in den Gefahren konfessionell gemischter Ehen. Darum wurde lange Zeit katholischen Ehen konsequent der Vorzug gegeben; Mischehen waren verpönt. Gerade das Vereinsleben war aus dieser Perspektive eine nicht zu unterschätzende Heiratsbörse, selbst wenn die meisten Vereine nach Geschlechtern getrennt geführt wurden. Davon ausgenommen war einzig und allein der Kirchenchor Cäcilia. Da viele Mitglieder des Kirchenchors überdies Mitglied eines oder mehrerer anderer Vereine war, entwickelte er sich zu einer Art «Superverein» des katholischen Milieus von Brugg, welcher für viele wie Margrit den Kern eines vielfältigen persönlichen Beziehungsgeflechts in der Pfarrei bildete.
Prägende Figuren der Gemeinde waren die jeweiligen Priester. Von den 1940er- bis 1960er-Jahren hatte Brugg drei davon. Sie hätten von der Persönlichkeit und vom Charakter her nicht unterschiedlicher sein können. Hermann Reinle amtete von 1941 bis 1955. Er stammte aus einer begüterten Industriellenfamilie und war eine autoritäre, stolze Figur mit intellektuellem Anspruch, der im belgischen Löwen, in Luzern und schliesslich in Rom studiert hatte. Er herrschte über seine Pfarrei als eigentlicher «Herrenpfarrer», der sich vor allem mit den Mächtigen und Einflussreichen gut stellte. Zu den einfachen Pfarreiangehörigen hielt er eher Distanz. Nach seiner Brugger Zeit wurde er an die angesehene Jesuitenkirche in Luzern berufen – ein für einen Kirchenmann seines Formats durchaus würdiger und imagegerechter Karriereschritt. Er beendete seine priesterliche Laufbahn als Domherr. Von 1961 bis 1977 präsidierte er die St. Lukasgesellschaft, eine Vereinigung von Schweizer Kirchenkünstlern und Architekten, welche das Sakrale mit der modernen Kunst zu verbinden suchte. Margrit betreute vor ihrer Ausreise nach Ruanda das Sekretariat dieser Vereinigung. Auf Reinle folgte Albin Fischer aus dem aargauischen Stetten. Der Gegensatz zwischen ihm und Reinle hätte nicht grösser sein können. Fischer war gesellschaftlich und politisch eher auf der progressiven Seite, was seinen Ausdruck etwa darin fand, dass er nach seiner Amtszeit in Brugg nach Ruanda in die Mission ging und dort Partei für den afrikanischen Nationalismus ergriff (siehe «Leben am Wendepunkt», S. 92). Von seiner Persönlichkeit her war er kein «Einfacher». Er hatte klare Vorstellungen und hielt mit seinen Meinungen nicht hinter dem Berg, was nicht bei allen Pfarreiangehörigen immer gut ankam. Auch Eitelkeit war ihm nicht ganz fern: So spendete er bei seinem Abgang aus der Pfarrei dem Jünglingsverein 500 Franken für deren Stube, verlangte aber als Bedingung, dass diese Stube fortan seinen Namen trage. Schon bald waren seine Beziehungen innerhalb der Pfarrei, insbesondere zu deren «besseren Kreisen», arg strapaziert; es ging zum Teil um kleinliche Geldangelegenheiten. Fischer hielt es denn auch nur vier Jahre aus. Lorenz Schmidlin als sein Nachfolger wiederum war eine ausgleichende Gestalt. Er hatte bereits zwischen 1954 und 1956 als Vikar in Brugg gewirkt und kannte die Gemeinde, als er die Pfarrstelle antrat. Gross gewachsen und vom Typ her distinguiert, deckte sich sein Pfarrerverständnis wieder mit dem jener Personen, die im Priester in erster Linie eine Autoritätsperson sahen und zu ihm aufblicken wollten. Unter diesen Pfarrern diente eine Reihe von Vikaren, denen, wie erwähnt, die Jugendarbeit anvertraut war. Dazu gehörte etwa in den frühen 1940er-Jahren der spätere Bischof von Basel, Anton Hänggi.
Neben dem Pfarrer und den Vikaren gab es in der Gemeinde so etwas wie einen Kreis von besonders angesehenen und vermögenden Gemeindemitgliedern, die mit der Zeit auch Teil der Brugger Elite wurden. Sie bildeten den Kern des erwähnten Kirchenvereins, dem bis in die 1970er-Jahre die Kirche gehörte. Dieser exklusive Zirkel bestand aus einer Handvoll sorgfältig ausgesuchter Männer, die alle in der Konservativen Partei aktiv waren, der Vorläuferorganisation der heutigen CVP. Neuaufnahmen gab es nur mit Zweidrittelmehrheit. An der Spitze des Kirchenvereins stand immer der Pfarrer. Zur «besseren Gesellschaft» der Brugger Katholiken zählten verschiedene Individuen und Familien, so etwa die Apotheker Max Brentano und Ernst Tschupp, Lehrer Ernst Birri, die Baumeister Carlo Tognola und Karl Neuhaus, der Windischer Arzt Dr. Casimir Willi, Rechtsanwalt Rudolf Mühlebach sowie die Familie von Max Mühlebach, dem langjährigen Inhaber des gleichnamigen Papierhandelsunternehmens. Auch der Verwaltungsdirektor von Königsfelden, Josef Mühlefluh, der Bijoutier Eduard Boutellier, der Künstler Willi Helbling sowie später der Direktor der Autofinanzierungbank Aufina, Bösch, zählten zu dem erlauchten Kreis. Diese «bessere Gesellschaft» trat immer wieder als grosszügige Spenderin in der Gemeinde auf, so etwa bei der Stiftung neuer Glocken im Juni 1962. Sie hatte auf die Integration der Katholiken in Brugg insgesamt einen positiven Einfluss: Da sie selbst nach und nach Teil der Elite wurden, verschwanden in der Bevölkerung die Trennlinien zwischen reformiert und katholisch – ein Prozess, der sich vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte. Als Sinnbild für die gelungene Integration kann die Fasnacht als speziell katholischer Brauch genommen werden: Ursprünglich nur als Pfarreifasnacht im Roten Haus gefeiert, wurde sie 1947 dank einer Initiative des – religiös unverdächtigen – Fussballclubs zu einem populären Fest für alle Brugger.
Da die Zahl der Katholiken in Windisch nach dem Zweiten Weltkrieg rasch zunahm, wurde die Idee einer eigenen Windischer Pfarrei immer dringender. Bereits 1950 erwarb der Kirchenverein neben dem Amphitheater ein Grundstück für eine allfällige Pfarrkirche. Weil man Proteste und Verhinderungsversuche seitens reformierter Kreise befürchtete, geschah dies heimlich über einen Strohmann. Es dauerte eine geraume Weile, bis nach dem Landerwerb weitere Schritte folgten. Doch schliesslich kam der Kirchenbau mit Pfarrer Schmidlin in Fahrt. Eine Baukommission unter der Leitung von Josef Studiger, dem Geschäftsführer des SPV, nahm die Arbeiten zur Errichtung der Kirche auf. Im Mai 1965 konnte das moderne Gebäude – konzipiert von einer Architektin – offiziell eingeweiht werden. Das Gespann der landwirtschaftlichen Schule Königsfelden holte die Glocken für die neue Marienkirche in der Giesserei Aarau ab und brachte sie in einem festlichen Umzug nach Windisch; der Bischof persönlich weihte sie. Pfarrer des neu geschaffenen Sprengels wurde der damals 41-jährige Eugen Vogel, der zum Aufbau der Pfarrei Windisch eigens aus Aarau, über den Umweg eines kurzen Vikariats in Brugg, geholt worden war. Er bekleidete sein Amt als Pfarrer von Windisch bis 1992 und sollte wie Margrit später das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde erhalten. Vogel leistete beträchtliche Aufbauarbeit für die anfänglich in Windisch nach wie vor nicht einfache Integration der Katholiken. Mit seiner leutseligen und unkomplizierten Art trug er viel dazu bei, dass sich das Verhältnis zwischen Reformierten und Katholiken im Agglomerationsdorf Windisch rasch normalisierte.
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