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Rolf Schneider

Janowitz

Roman


Erste Auflage 2021

© Osburg Verlag Hamburg 2021

www.osburgverlag.de

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insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags

sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen,

auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form

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ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert

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Lektorat: Bernd Henninger, Heidelberg

Umschlaggestaltung: Therese Schneider, Berlin

Satz: Hans-Jürgen Paasch, Oeste

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Printed in Germany

ISBN 978-3-95510-256-2

eISBN 978-3-95510-265-4

WIESE IM PARK

(Schloss Janowitz)

Wie wird mir zeitlos. Rückwärts hingebannt

weil’ ich und stehe fest im Wiesenplan,

wie in dem grünen Spiegel hier der Schwan.

Und dieses war mein Land.

Die vielen Glockenblumen! Horch und schau!

Wie lange steht er schon auf diesem Stein,

der Admiral. Es muss ein Sonntag sein

und alles läutet blau.

Nicht weiter will ich. Eitler Fuß, mach Halt!

Vor diesem Wunder ende deinen Lauf.

Ein toter Tag schlägt seine Augen auf.

Und alles bleibt so alt.

Karl Kraus

Inhalt

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

I

Der Zug fuhr vorüber an den letzten Vorstadthäusern von Prag. Rilke sah sie, hinter dem Fenster, hinter dünnen Schlieren weißgrauen Dampfes der Lokomotive, die flüchtig das Glas beleckten. Er sah niedrige, von Moos besetzte Ziegeldächer und verwilderte Gärten. Auf den Blättern der Bäume lag flimmernde Nachmittagssonne. Der Himmel war blank.

Er hatte das Abteil für sich allein, was ihm sehr behagte. Er reiste gerne und reiste gerne allein. Die Strecke hier war ihm vertraut, böhmisches Hügelland, mit Wiesen, Feldern und Gebüschen, eine anmutige Szenerie, die er, aber das war lange her, in Versen beschrieben hatte. Dann unterbricht nur hier und da ein Baum die falbe Fläche hoher Ährenfelder. Frühe Texte. Sie waren, das wusste er, nicht vollkommen. Andere Gedichte des damaligen Bandes benannten Einzelheiten von Prag, Gebäude, Gotteshäuser, den Fluss, eine Brücke, dazu Stimmungen, Ereignisse, Personen, darunter die seiner Mutter. Sie lebte längst nicht mehr in Prag.

Er selbst kam inzwischen bloß noch gelegentlich in diese Stadt, wie eben jetzt, aus Anlass einer Lesung. Das Publikum war nicht groß gewesen, überwiegend Frauen, erkennbar wohlhabend und die meisten nicht mehr jung. Er hatte aus seinen Dinggedichten gelesen und aus seinem Roman. Er hatte parfümierte Hände gedrückt, Auskünfte gegeben, Schmeicheleien vernommen und seine Zuneigung zu Prag und zu Böhmen bekundet, die er, da er sie aussprach, als völlig wahrhaftig empfand. Aber liebte er diese Stadt? War es nicht vielmehr Hass, was er für sie fühlte? Ein Begriff wie Hass war seinem Wortschatze fremd. Er stammte aus Prag, er war dort aufgewachsen, war, nach seinen Internatsjahren, dorthin zurückgekehrt, er hatte dort Verse verfasst, sie öffentlich vorgelesen und zum Druck gegeben, hatte Pläne verfolgt und seine erste große erotische Passion dort erlebt. Das Kind René Maria. Gestern am Nachmittag war er noch, vor der abendlichen Veranstaltung, die einst vertrauten Wege schaudernd abgeschritten, Heinrichsgasse, Wenzelsplatz, Wassergasse, Graben, das Haus mit der Wohnung der Mutter, das Haus mit der Wohnung des Vaters, das Haus mit der Wohnung von Onkel Jaroslav, dem er damals einiges zu verdanken gehabt hatte, der angesehen gewesen war, als Anwalt und Politiker, den der Kaiser für seine Verdienste nobilitiert hatte. Das »von« im Namen, dazu der Titel Ritter. Er selbst hätte beides gerne getragen, er hatte viel Mühe darauf verwendet, unter seinen Vorfahren einen Adeligen zu finden, vergeblich, dabei war er sicher gewesen und war es immer noch, dass es einen ebensolchen gegeben habe.

Vor dem Abteilfenster hing die gleichbleibende Landschaft, höchst ansehnlich und ein wenig monoton. Der Samt der Polster roch schwach ranzig, nach altem Tabak, offenbar hatten vor ihm Raucher hier gesessen, er selbst nahm kein Nikotin.

Er fuhr jetzt nicht nach Lautschin, jenes andere böhmische Schloss, das er gut kannte, da er dort zu Gast gewesen war. Derzeit lebte dessen Besitzerin anderswo, in Paris oder Venedig oder Duino. Wenn sie sich in Lautschin aufhielte, hätte sie ihm ihr Automobil mit Chauffeur geschickt. Der Reichtum der Prinzessin war immens, so wie ihr Adel uralt war: geborene Prinzessin Marie Elisabeth Karoline zu Hohenlohe-Waldenburg-Schillingsfürst, eingeheiratet in die böhmische Linie der Thurn und Taxis. Sie war zwanzig Jahre älter als er, Mutter von drei Kindern und eine Person von äußerstem Kunstsinn, sie nannte ihn Dottor serafico, sie verwöhnte ihn, was er mit ausführlichen Briefen und hochgestimmten Versen zu erwidern wusste. Die Prinzessin hatte ihm ihr Schloss hoch über der Adria überlassen, für ein halbes Jahr, dass er sich dort seinen Elegien widmen konnte, dreien bislang, die Arbeit daran stockte, nun schon im zweiten Jahr, vielleicht war Janowitz der Ort, an dem er sie fortzusetzen vermochte.

Der Adel der Nádherný von Borutín war nicht so alt wie jener der Thurn und Taxis, kaum älter als der des Onkels Jaroslav, und auch der Reichtum der Nádhernýs dürfte nicht annähernd so groß sein wie der von Prinzessin Marie. Dafür hatte die Baronesse den Vorzug, erheblich jünger zu sein als die Prinzessin, zudem war sie sehr schön. Er brauchte das. Er war nach Frauenschönheit begierig, wobei er unter dieser Begierde auch litt. Er wusste, wie er Frauen für sich gewinnen konnte, fast reflexhaft, durch Sprache, durch Verse, durch Briefe, und zugleich konnte ihn die derart erregte Anhänglichkeit ängstigen, dass er lieber auswich, wie erst jetzt wieder, da er die leidenschaftlich atmende Nähe der Konzertpianistin Magda von Hattingberg (auch kein alter Adel) nicht länger ertrug.

Hinter dem Fenster stand im Himmel wie bewegungslos ein schwarzer Vogel, wohl ein Milan. In Rilkes linkem Unterkiefer begann es zu schmerzen, verursacht durch einen kariösen Zahn, dessen scharfe Kanten er mit der Zungenspitze erspüren konnte. Der gleiche Schmerz hatte ihn bereits gestern befallen, vor seiner Lesung, war dann aber vergangen. Er hoffte, es möge auch jetzt wieder so geschehen.

Die Baronesse hatte ihn wissen lassen, dass er in Janowitz stets willkommen sei, und er hatte sie rechtzeitig von seinem Kommen in Kenntnis gesetzt. Er war schon mehrfach Gast in Janowitz gewesen. Kennengelernt hatte er die Baronesse in Meudon-Val-Fleury, vor mehr als zehn Jahren, da war er Sekretär bei Auguste Rodin gewesen. Die Baronesse hatte zusammen mit ihrer Mutter das Atelier des Bildhauers besucht. Die Mutter war eine ältliche Person gewesen, mager, in sich gekehrt und, wie er bei den späteren Begegnungen erfuhr, einigermaßen bigott. Die Tochter, aufrecht in ihrer Haltung und mit anmutigem Lächeln, gefiel ihm augenblicklich. Er durfte sie herumführen, ehe Rodin, angeregt durch das Äußere der Baronesse, ihm das abnahm. Rodins Hunger auf Frauenschönheit war grenzenlos, was Rilke bewunderte und was ihn auch neidisch machte. Hier war ein Verlangen, das unermesslich war, ein Durst so groß, dass alle Wasser der Welt in ihm wie ein Tropfen vertrockneten. Er sah, wie Rodin zu den beiden Frauen sprach, die greise Hand an der Schulter der Baronesse, die das offensichtlich gerne ertrug. Rilke ging einige Schritte hinter ihnen her, im Blick immer die schöne Baronesse, die bewundernd aufschaute zu den riesigen Plastiken Rodins.

Er hatte die Baronesse anderthalb Jahre später wiedergesehen. Ihr Bruder war Zuhörer einer seiner Lesungen in Prag gewesen und hatte ihn nach Janowitz eingeladen. Das hatte er gerne wahrgenommen, wie er Einladungen von Aristokraten auf deren Schlösser immer gerne wahrnahm. Er erkannte die schöne Baronesse augenblicklich wieder, die, als er Meudon und Rodin erwähnte, sich ihrerseits dankbar zu erinnern schien. Die bigotte Mutter war ständig um sie, dazu eine andere ältliche Person, Ausländerin, frühere Erzieherin der Baronesse, wie er erfuhr, und nun offenbar deren Vertraute. Die zwei sprachen englisch miteinander.

Er fand vergleichsweise wenige Möglichkeiten, mit der Baronesse allein zu sein, was ihn verdross. Abends trug er aus seinen Gedichten vor, denen die Baronesse aufmerksam lauschte, so wie ihr älterer Bruder, und ganz im Gegensatz zu dem jüngeren, der sich bei den Lesungen gern entfernte. Rilke blieb damals bloß wenige Tage. Danach begann er, worauf er sich ohnehin besonders verstand, mit der Baronesse eine ausufernde Korrespondenz. Es ist nicht leicht für einen Brief, so zu kommen und mit dem Inhalt die Freude dieses Eintreffens noch zu übersteigen. Der Ihre hat es gekonnt.

Ein paar Jahre später hatte er sich nochmals in Janowitz aufgehalten, für insgesamt drei Wochen. Es wurde eine angenehme, eine schöne, eine erfüllte Zeit. Jetzt hatte er die Baronesse auch allein erlebt, sie hatte ihm den Park ihres Schlosses gezeigt, eine weitläufige Anlage, deren Pflege und Erweiterung ihr ein Bedürfnis war. Er hatte ihr Empfehlungen für Lektüren gegeben, denen sie gerne nachkam. Sie hatten sich manchmal berührt, eher zufällig. Die Mutter der Baronesse war kurz zuvor gestorben, bloß die frühere Erzieherin lebte weiterhin in Schloss Janowitz, Mary Cooney, gebürtige Irin, die ihm, so schien es, mit heimlichem Misstrauen begegnete. Die Baronesse durfte er jetzt Sidie nennen.

Der Zug hielt an. Der Zahnschmerz hatte sich verflüchtigt. Er las das Stationsschild Beneschau, er stand auf und verließ das Abteil. Auf dem Bahnsteig bewegte sich eine Familie mit Kindern, ein Mann mit hellgrauem Umhang und Hut auf dem Kopf kam auf ihn zu und fragte:

Herr Rilke?

Er nickte. Er deutete auf die offene Abteiltür. Der Mann stieg ein und kehrte mit einem schweren Koffer zurück. Bitte, sagte er kurzatmig und wies auf das Stationsgebäude.

Dort wartete ein Landauer. Rilke stieg ein, der Kutscher verstaute den Koffer, erklomm den Bock und fasste die Zügel. Die Fahrt führte an bäuerlichen Häusern vorbei, wechselte auf einen Weg zwischen Feldern und danach auf eine Allee unter Apfelbäumen. Rilke erkannte die Silhouette des Schlosses, unter dessen Einfahrt mit dem bunten gotischen Zierat die Baronesse stand, in den Fingern eine brennende Zigarette, die sie jetzt fortwarf und zertrat. Neben ihr hockte ein Hund.

Der Landauer hielt, Rilke stieg aus. Der Hund wollte ihn beschnüffeln, die Baronesse hielt ihn zurück. Liebste Freundin, sagte er und küsste eine Hand, die nach Tabak und Rosenöl roch. Die Mischung behagte ihm. Die Hand, sah er, war zierlich und schmal, mit sehr zarter Haut. Die Baronesse trug einen Reitdress. Sie sagte:

Seien Sie willkommen, Rainer.

Personal erschien, das ihn zu seinem Zimmer geleiten sollte. Das Schlossinnere war ausgestattet mit historisierenden Fresken und geschnitzten Figuren, ein wenig überladen, eben neureich. Das Zimmer erkannte er wieder. Hier hatte er schon bei seinen früheren Aufenthalten gewohnt. Rechts neben dem Fenster stand ein Schreibpult, er nickte, er lächelte, die Baronesse kannte seine Gewohnheiten und ging darauf ein. Sein Koffer wurde gebracht. Er wechselte die Kleidung, zum zweiten Mal an diesem Tag, am Abend würde er sie nochmals wechseln, wie gewöhnlich. Er verließ das Zimmer. Er befand sich im zweiten Stock des Schlosses. Auch die Baronesse, erinnerte er sich, hatte auf dieser Etage ihre Gemächer.

Er ging dorthin. Die Tür stand halboffen. Unten im Hof war Sidonies Stimme, offenbar redete sie mit einem Domestiken. Er trat ein. Dieses Zimmer war erheblich größer als das seine. Er sah ihr Bett, einen Schrank, eine Kommode, er ging dorthin und öffnete einen der Schübe. Er sah Wäsche, sorgfältig zusammengelegt, weiße Wäsche, zarte Stoffe, mit Spitze und Rüschen. Vorsichtig nahm er eines der Stücke heraus, befühlte es, der Stoff war kühl und seidig. Er roch daran. Der Duft schmeckte nach Rosenöl, Moschus und Honig.

Sie saßen zu dritt beim Frühstück (Croissants, Toast, Marillenkonfitüre, Butter, Rührei, geräucherte Forelle, Assam-Tee). Das vierte Gedeck am Tisch war unberührt, Rilke schlief wohl noch. Sidonies Bruder Karl, in der Familie Charlie gerufen, sagte zu seiner Schwester:

Ich habe einen Brief vom Grafen erhalten.

Welchen Grafen? Wir kennen so viele.

Ich rede von Guicciardini. Er überlegt einen Besuch bei uns. Ich vermute, er will um deine Hand anhalten.

Wieder einmal.

Seine Worte sind überaus höflich. Soll ich sie dir vorlesen?

Ich kenne seine Worte. Er benutzt sie auch mündlich. Zähle ich richtig, wäre dies sein vierter Versuch.

Er verfolgt seine Ziele mit Ausdauer und Geduld. Spricht das gegen ihn?

Seine Ausdauer ist in Wahrheit Verzweiflung, und seine Geduld ist Starrsinn. Er spekuliert auf meine Mitgift.

Das ist in unseren Kreisen bei Eheschließung das Übliche.

Sie sagte nichts darauf. Sie schob ihre Teetasse beiseite, entnahm ihrem Silberetui eine Zigarette und zündete sie an. Außer ihrem Bruder saß am Tisch Mary Cooney, ihre einstige Erzieherin und nunmehrige Vertraute, in der Familie May-May geheißen. Sidonie fragte sie, was sie von Charlies Mitteilung halte. May-May entgegnete, sie habe dazu keine Meinung. Die beiden redeten jetzt miteinander englisch.

Sidonie drückte ihre Zigarette aus und stand auf. Sie verließ das Speisezimmer. Sie verließ das Haus und ging zu den Stallungen, wo sie ihr Pferd sattelte, Yér, einen braunen Wallach. Sie führte ihn auf den Hof, bestieg ihn und ritt davon. Es war ein sonniger Morgen, an den Gräsern im Park, sah sie, hing Tau.

Sie dachte an das Gespräch mit ihrem Bruder. Den Grafen Carlo Guicciardini hatte sie während einer ihrer Italienreisen kennengelernt, einen liebenswürdigen, etwas klein gewachsenen Menschen, die meisten Männer, die sich um ihre Gunst bemühten, waren kleinwüchsig. Gab es dafür einen Grund? Sie wusste keinen. Guicciardini entstammte einer alten Florentiner Familie, mit einem hochberühmten Vertreter im Zeitalter der Renaissance, Francesco, enger Freund des Staatsphilosophen Niccolò Machiavelli. Auch Francesco hatte, wie Machiavelli, in Diensten der Medici gestanden, auch er hatte, wie Machiavelli, ein berühmtes Buch geschrieben, »La storia d’Italia«, auf der Apenninhalbinsel jedem Schulkind geläufig, und eigentlich war dies ein erstaunlicher Buchtitel, da es damals einen Staat Italien noch längst nicht gegeben hatte, der war erst vor gerade fünfzig Jahren entstanden. Von Francesco existierte eine Porträtstatue, aufbewahrt in den Uffizien, Sidonie hatte sie sich dort anschauen dürfen, natürlich in Begleitung von Carlo.

Sie galoppierte vorbei an einer gemähten Weide, auf der Landarbeiter beschäftigt waren. Als sie Sidonie erkannten, hielten sie in ihrer Tätigkeit inne, nahmen ihre Mützen vom Kopf und verbeugten sich etwas. Sidonie grüßte mit einer flüchtigen Geste der rechten Hand.

Die Agrarflächen von Schloss Janowitz waren ausgedehnt. Den letzten Zuerwerb hatte Sidonies älterer Bruder Johannes betrieben, die Verwaltung erledigte jetzt ihr anderer Bruder Charlie. Der seufzte darüber. Es war ein theatralisches Seufzen. Die Nádhernýs gehörten zu den wohlhabenden Familien in Mittelböhmen, vielleicht nicht ganz so reich wie die Thurn und Taxis, angesehen und sehr wohlhabend immerhin. So viel wusste sie. Mehr musste sie nicht wissen. Sie verstand nichts von Ökonomie. Ihre Neigungen galten der Botanik, den schönen Künsten und den Reisen in fremde Länder. Charlies wiederholte Klagen über Probleme der Landwirtschaft nahm sie ebenso geduldig hin wie seine Vorwürfe wegen der ständigen Buchsendungen, die sie erhielt und für die er aufkommen musste. Dass sie sich ein Automobil zugelegt und Unterricht genommen hatte, um es selbst chauffieren zu können, ertrug er hingegen klaglos, da es offenbar dem Ansehen der Familie zugutekam.

Sidonie und er waren Zwillinge. Charlie war kurz vor ihr zur Welt gekommen, was er bei gelegentlichen Auseinandersetzungen anzuführen pflegte: Ich bin zwanzig Minuten älter als du, außerdem bin ich ein Mann. Worauf sie erwiderte: Die Vorstellung, dass Männer wichtiger sind als Frauen, stammt aus dem Mittelalter. Dazu er: Jedenfalls gibt es sie, und sie gilt immer noch.

Charlie hielt beharrlich fest an der Idee, Sidonie müsse heiraten und dies möglichst bald, eine Ehe sei auch keine Angelegenheit von Gefühl und Zuneigung, sondern eine des gesellschaftlichen Weiterkommens. Das Haus Nádherný habe Adelstitel und Stammbaum, die es fortzusetzen gelte. Natürlich traf dies alles ebenso und eigentlich noch viel mehr für Charlie zu, der aber keinerlei Anstrengungen unternahm, sich selbst zu binden. Er sei, sagte er, nicht gesund und habe es an den Ohren.

Er sähe es gern, wusste sie, wenn sie Carlo Guicciardini ehelichte. Der Italiener hatte zwar nicht viel Geld, doch sein Adel war so alt wie jener der Thurn und Taxis. Für Sidonie zählte das nicht. Sie hielt weniger auf gesellschaftliches Weiterkommen als auf Gefühl und Zuneigung. Carlo Guicciardini war zwanzig Jahre älter als sie, seine Zähne waren schlecht, außerdem war er Witwer, hatte also bereits eine Frau verbraucht. Auf solche Einwände pflegte Charlie zu sagen, dies alles habe auch Vorteile, alte Männer seien sanft, ließen sich leiten und suchten keine Abenteuer. Sie lachte durch die Nase. Woher bezog Charlie derlei Weisheiten? Aus den Zeitungen, die er sich täglich kommen ließ? Standen solche Dinge in Zeitungen?

Sie kehrte zurück ins Schloss. Sie war eine knappe Stunde unterwegs gewesen. Sie sprang ab, ein Stallbursche übernahm das Pferd. Sie ging ins Haus, am Frühstückstisch saß jetzt Rilke, allein, in hellem Anzug mit fliederfarbener Krawatte, vor sich einen Teller Haferbrei, darauf brauner Zucker. Sie hatte der Küche eine entsprechende Anweisung gegeben, der Dichter war Vegetarier. Sie grüßte ihn. Er sprang auf, tupfte sich mit der steifen Serviette den Mund ab und grüßte zurück. Er sei dankbar, sagte er, dass man sich seiner Essgewohnheiten erinnert habe, und sagte, er habe etwas Prosa für Sidonie kopiert, einen kleinen Text über Janowitz.

Er nahm vom Tisch ein hellblaues Blatt Papier und überreichte es ihr. Sie erkannte seine fast kalligraphische Handschrift, ihr vertraut aus vielen Briefen. Sie las:

Janowitz, wie hab ich’s mir doch zu Herzen genommen. Es kommt viel in meinem Inneren vor. Das von Sidonie errichtete Zelt mit Phlox rechts und links bedeutet: Ruhe. Ein Weg, grasüberwachsen, auf der einen Seite Mauer, auf der anderen Obstbäume voller Äpfel, im Rasen stehend heißt: Freude. Flaches Gemüseland, von Hecken umrahmt, mit kleinen Wegen, Wasserläufen, einem kleinen runden Schöpfteich in der Mitte und unaufhörlichem Himmel über sich ist: Freiheit oder Glück.

Er nahm das erste Exemplar seiner »Fackel« zur Hand und blätterte darin, wieder einmal. Die Zeitschrift war jetzt fünfzehn Jahre alt. In der letzten Ausgabe hatte er an dieses Jubiläum mit dem Abdruck eines albernen Leserbriefs erinnert.

Das Heft zeigte, nun schon im dreizehnten Jahr, jenen schlichten, bloß auf Typografisches setzenden roten Umschlag, zu dem er sich nach dem Zwist mit seiner früheren Druckerei entschlossen hatte. Zuvor gab es die Jugendstilgrafik mit der rauchenden Fackel, inmitten vielen Gewölks und vor der schwarzen Silhouette einer Stadt, die man für Wien halten durfte.

Er blätterte in dem Heft. Er las: Ich habe es bisher nicht über den Ruhm hinausgebracht, in engeren Kreisen missliebig geworden zu sein. Er las: Mein Sündenregister wäre unvollständig, vergäße ich die Erwähnung des Kampfes, den ich in mehreren periodisch erscheinenden Druckschriften seit einer Reihe von Jahren gegen die periodisch erscheinenden Dummheiten und Lächerlichkeiten unseres politischen, gesellschaftlichen und literarischen Lebens geführt habe.

Er blätterte weiter. Die Texte handelten von Politik, Theater, Malerei und Literatur. Sie verhöhnten die damalige Regierung, den Wiener Bürgermeister und das Tageblatt Neue Freie Presse. Sie verhöhnten ausführlich die Literaten Josef Bauer und Hermann Bahr, etwas gnädiger behandelt wurden Arthur Schnitzler (umständliche seelische Obduktion) und Hugo von Hofmannsthal (Edelsteinsammler aller Literaturen). Es gab Fußtritte gegen den Liberalismus, den Zionismus und den Antisemitismus. So möge denn die Fackel einem Lande leuchten, in welchem – anders als in jenem Reiche Karls V. – die Sonne niemals aufgeht.

Das Heft enthielt ausschließlich Beiträge von ihm, Karl Kraus. Später hatte er auch Texte von anderen abgedruckt. Inzwischen schrieb er sämtliche Beiträge wieder allein.

Was hatte er mit alledem erreicht? Er stand da, das alte Heft in der Hand, und fragte es sich. Er war bekannt und gefürchtet. Gut. War er stolz darauf? Auch das. Tat er dies alles um seinetwillen oder der Sache wegen?

Als damals die erste Ausgabe auf den Markt kam, dreihundert Exemplare, erwiesen sich Echo und Nachfrage als so außerordentlich, dass augenblicklich und mehrfach nachgedruckt werden musste. Vorbild für das Unternehmen war »Die Zukunft«, eine Berliner Zeitschrift, herausgegeben von Maximilian Harden, mit dem Kraus zunächst eng befreundet war, ehe er sich mit ihm zerstritt, da es Harden gefiel, missliebige Politiker mit Einzelheiten aus deren Sexualleben bloßzustellen. In Sachen Sittlichkeit und Kriminalität war Kraus hochempfindlich.

Harden hatte sich gerächt und über die Liebesbeziehung zwischen Kraus und Annie Kalmar gelästert. Die schöne junge Schauspielerin, gebürtige Deutsche mit eigentlichem Namen Elisabeth Kaldwasser, hatte Kraus bei einer Aufführung des Wiener Volkstheaters entdeckt. Gegeben wurde eine fade französische Posse, ein Mitspieler war der berühmte Alexander Girardi. Annie Kalmar erschien ihm als die Herrlichste von allen.

Das Lob der »Fackel« machte sie augenblicklich bekannt. Sie bedankte sich, voller Rührung, so lernten sie und Karl Kraus sich persönlich kennen. Sie war nicht sehr gesund, sie litt an Tuberkulose, schon seit Langem. Sie spielte weiter am Volkstheater, bis 1901, Kraus setzte sich nachdrücklich dafür ein, dass sie ein Engagement am Hamburger Schauspielhaus erhielt. Ehe sie es hätte antreten können, starb sie, bloß dreiundzwanzig Jahre alt. Die Nachricht von ihrem Tod meldete »Die Fackel« mit einer Zuschrift des Schriftstellers Peter Altenberg, dessen Wortlaut Kraus gründlich überarbeitet hatte: Die schönste, genialste, sanfteste, kindlichste Frau, die wie ein Gnadengeschenk des Schicksals in diese hintrauernde Welt der Unvollkommenheiten gesendet ward, hat sterben müssen.

Sie war seine erste große Liebespassion gewesen und eine tragische dazu. Er sollte sich noch lange daran klammern und einen förmlichen Kult betreiben. An ihrer Beisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg hatte kaum jemand teilgenommen. Ihren Leichnam ließ er später umbetten und ein prunkvolles Grabmal errichtet. Als Harden die Beziehung zwischen ihm und der Toten öffentlich als Roman verhöhnte, erwiderte er: Der lebende Harden sei in Wahrheit tot, während sein eigener Roman mit der Toten lebe und die Kraft habe, immer wieder aufzuleben, denn ich verdanke ihm mein Bestes.

Er sah sie vor sich: eine schlanke Person, mit gelocktem Haar, mit der Andeutung eines Lächelns. Die Erinnerung an sie schmerzte, immer noch und immer wieder. Annie war seit dreizehn Jahren tot. Damals hatte er wochenlang nicht mehr arbeiten können und war, um sich abzulenken, nach Skandinavien gefahren, wo niemand ihn kannte und wo er niemanden kannte. Er kehrte dann zurück. Sein Verlagshaus hatte nicht mehr mit ihm gerechnet und brachte eine läppische Imitation der »Fackel« heraus, die bald scheiterte. Er suchte sich eine andere Druckerei und begann wieder zu schreiben.

Er legte das alte Heft beiseite. Er trat ans Fenster und blickte hinaus. Der Tag war sonnig, im Himmel hingen bloß ein paar Schleierwolken. Auf der Straße fuhren Kutschen. Ein Paar ging vorüber, die Frau trug einen ausladenden Hut und hielt zusätzlich einen aufgespannten Sonnenschirm in der Hand. Dies erschien ihm übertrieben, und Übertriebenes erregte sein Misstrauen.

Er war besessen von Sprache und besessen vom Schreiben. Er hasste gedruckte Phrasen und deren Urheber, er hasste verlogene Literatur. Der erste Text, mit dem er weithin bekannt wurde, erschien in einer Zeitung und verspottete die Literatenclique, die im Café Griensteidl am Michaelerplatz saß, bis es abgerissen wurde. Einer der dortigen Autoren, Felix Salten, der eigentlich Zsiga Salzmann hieß und der mit Kraus einmal befreundet gewesen war, fühlte sich durch den Text derart beleidigt, dass er Kraus auflauerte und verprügelte. Später, als »Die Fackel« erschien, würde es zu weiteren tätlichen Übergriffen auf deren Schöpfer kommen. Das Pamphlet über die Griensteidl-Literaten erschien außerdem als Broschüre, die mehrere Auflagen erfuhr.

Er hasste Phrasen, und er liebte das Theater. Anfangs hatte er Schauspieler werden wollen und war auch in einer Inszenierung aufgetreten, die ein blamabler Misserfolg wurde. Von Bühne und Publikum mochte er gleichwohl nicht lassen. Er setzte sich in Theaterpremieren und schrieb darüber. Er probierte sich als öffentlicher Vorleser, von fremden Texten und von eigenen, die erste solche Veranstaltung unternahm er im Alter von achtzehn Jahren. Er las aus Arbeiten Gerhart Hauptmanns vor und aus Arbeiten Frank Wedekinds. Er liebte die Stücke des Possendichters Johann Nestroy und die Operetten des Komponisten Jacques Offenbach. Seine Abende waren immer ausverkauft.

Soeben war er vierzig Jahre alt geworden. Wen sah er, wenn er sich im Spiegel betrachtete? Einen kleinen, etwas verwachsenen Brillenträger mit dunklen Haaren. Er hatte eine scharfe durchdringende Stimme, die auch singen konnte, öffentlich. Er war vielseitig. Er war fleißig. Seine »Fackel« wurde gekauft und gelesen. Er hatte ein paar enge Freunde und viele erbitterte Gegner, manche von ihnen ehemalige Freunde. Er bezog eine Rente aus dem elterlichen Vermögen, wirtschaftliche Probleme kannte er keine.

Er sah, wie auf der Straße sein Automobil vorfuhr und hielt. Der Fahrer stieg aus und ging ins Haus, um das Gepäck zu holen. Kraus griff nach seinem Mantel. Er würde nach Janowitz fahren.

Sie saß in ihrem Korbsessel neben dem Fenster. Sie sah zu, wie Sidonie, in Begleitung dieses Herrn Rilke, langsam in den vormittäglichen Parkgarten hineinging. Sie mochte den Dichter nicht. Sie hatte keinen Zugang zu seinen Versen, durch die andere, darunter Sidonie, in helle Verzückung versetzt werden konnten; es war auch, dass sie ihrerseits nicht genügend Deutsch verstand. Dabei lebte sie seit dreißig Jahren hier, doch sprach sie selbst jetzt immer noch mehr englisch als deutsch, so wie die Geschwister Nádherný miteinander mehr englisch als deutsch sprachen.

Sie hatten das Englische bei ihr und von ihr gelernt. Vor fast vierzig Jahren war sie, vermittelt durch die Kirche, von Irland nach Böhmen gekommen, um sich der Nádherný-Kinder anzunehmen. Sie, Tochter eines armen Kleinfarmers aus Kildare, war von Nonnen erzogen worden, in einem Kloster, wo es streng und freudlos zuging, wo es kalt und feucht war, wo es nach Armut, Weihrauch und fauligen Kartoffeln roch. Wo Mädchen wie sie, waren sie alt genug, zu unentwegt schwangeren Ehefrauen, zu Novizinnen oder zu Krankenschwestern heranwuchsen.

Da aber sie, die kleine Mary Cooney, sich als überdurchschnittlich begabt und anstellig erwies, erhielt sie das seltene Angebot, als Nurse in ein anderes katholisches Land zu gehen, nach Österreich.

Sie beherrschte die dortige Sprache nicht. Sie würde die dortige Sprache lernen wollen. Als sie eintraf, erkannte sie, dass jener Teil Österreichs, in dem sie sich befand, gleich zwei Sprachen hatte, Deutsch und Tschechisch, so wie es auch dort, wo sie herkam, zwei Sprachen gab, Gälisch und Englisch. Das Deutsche würde sie mit der Zeit erlernen, wiewohl nicht sehr vollkommen. Das Tschechische verstand sie nur wenig.

Sidonie und der Dichter, sah sie, entfernten sich. Die hohen Rhododendronbüsche verdeckten sie bald völlig. Mary hatte keine Kenntnis davon, wie lange der Dichter sich in Janowitz aufhalten würde, er war schon mehrfach Gast hier gewesen, einmal für mehrere Wochen.

Als sie selbst damals in Prag eintraf, nach einem umständlichen Transport zunächst mit dem Schiff, danach mit der Eisenbahn, sprach sie bei der hochschwangeren Baronin Nádherný vor. Die Unterhaltung war bloß kurz, kaum eine Viertelstunde, der Baronin lag eine ausführliche Empfehlung vor. Die Baronin sprach über die anstehenden Arbeiten, ihr Englisch war nicht gut. Anschließend fuhren beide Frauen nach Janowitz.

Mary war von ihrer neuen Umgebung überwältigt. Es gab keinen Hunger. Es gab keine Armut. Es gab warme Öfen und trockene Betten. Es gab Musik, die nicht bloß Orgelspiel und Choralgesang war. Gemeinsam mit der Baronin besuchte sie das sonntägliche Hochamt, die Predigten verstand sie anfangs nicht, die Liturgie war ihr vertraut von daheim, die Gebete konnte sie mitsprechen. An den Fronleichnamsprozessionen nahm sie, umgeben von tschechisch sprechenden Dörflern, ein Jahr ums andere teil, auch jetzt noch, wogegen sie die sonntäglichen Kirchgänge, seit die Baronin nicht mehr lebte, häufig ausfallen ließ. Sidonie und ihr Bruder Karl hielten wenig auf Religion.

Das älteste Kind der Baronin war Johannes, ein reizender kleiner Junge, den sie, Mary, augenblicklich mochte. Sie sah ihn heranwachsen. Die Zwillinge kamen zur Welt und wuchsen heran. Baron Carl Ludwig Nádherný und Borutín, ihr Vater, ein eleganter, äußerst lebenslustiger Mensch und leidenschaftlicher Jäger, starb an einer Lungenentzündung, gerade sechsundvierzig Jahre alt. (Der Dorfklatsch wisperte was von Syphilis, eine Lüge!) Der Tod traf die Familie sehr. Die Baronin wurde unleidlich und flüchtete sich tiefer in die Religion. Hauslehrer kamen ins Schloss, um die Kinder zu unterrichten, später, als Halbwüchsige, besuchten die Brüder in Prag ein Adelsinternat. Sidonie wurde weiterhin in Janowitz unterrichtet.

Sie, Mary, war dann eine Weile aus Janowitz fortgegangen. Den Kindern konnte sie nichts mehr beibringen, sie fühlte sich überflüssig, sie verstand sich nicht sehr gut mit der Baronin und wollte der Familie nicht zur Last fallen. Also ging sie nach Prag, wohnte in einer winzigen Dachkammer auf der Kleinseite und brachte anderen Kindern Englisch bei. Sie fühlte sich einsam. Die Stadt blieb ihr fremd. Einmal traf sie am Moldauufer Johannes, der an der Universität studierte, der sie lächelnd begrüßte und mit dem sie derart ins Gespräch kam. Er war es wohl, der dafür sorgte, dass die Baronin einen Brief verschickte des Inhalts, wenn Mary wolle, dürfe sie gerne nach Janowitz zurückkehren, welchem Angebot Mary umgehend Folge leistete.

Seither gehörte sie dort wieder zum Hausstand. Für das Personal im Schloss zählte sie zur Herrschaft, während die Baronin sie eher zum Personal rechnete. Die Nádhernýs nahmen sie mit auf ihre Reisen, nach Tirol, nach Italien, nach Frankreich und immer wieder nach Wien, wo ein Teil ihrer Verwandtschaft lebte.

Sidonie blieb ihr Liebling. Sidonie war die Tochter, die sie selbst nicht hatte und nie haben würde, wobei sie für Sidonie, spätestens, nachdem die Baronin gestorben war, so etwas wie die Ersatzmutter wurde. Sie nahm Anteil an Sidonies Leben. Sie wusste, wie sehr Sidonie ihren Bruder Johannes liebte, es war dies eine sehr innige, eine fast schon gefährliche Zuneigung. Johannes, das wusste sie, lenkte sich ab, indem er in vornehmen Prager Familien mit gelangweilten Damen und heiratsfähigen Töchtern verkehrte und leider auch in vornehmen Prager Freudenhäusern.

Das war überaus leichtsinnig. Die Baronin, seine Mutter, wusste vermutlich davon, aber wollte es nicht wahrhaben. Auch Sidonie wusste vermutlich davon, aber da sie ihren Bruder liebte, sah sie ihm das nicht nur nach. Damals fuhr sie häufig nach Prag, besuchte Ausstellungen und Museen, nahm sich schließlich dort sogar eine Wohnung, und dies alles geschah, da sie sich von dem Kunstmaler Max Švabinsky porträtieren lassen wollte.

Er war eine Bekanntschaft von Johannes, der Švabinskys Kunst bewunderte. Das Atelier des Malers befand sich in der Altstadt, nahe dem Pulverturm. Sidonies erste Besuche dort geschahen noch in Marys Begleitung. Der Maler war groß gewachsen, zwölf Jahre älter als Sidonie und verheiratet. Bilder mit Darstellungen seiner Frau hingen mehrere in seinem Atelier. Er selbst war ein eleganter Mensch mit blondem gestutztem Vollbart, schönen Händen und ausgesuchten Manieren. Es war unverkennbar, dass ihm Sidonie sehr gefiel und dass er Sidonie sehr gefiel.

Bei den späteren Atelierbesuchen verzichtete Sidonie auf Marys Begleitung. Was sich außer Aufenthalten zwecks Herstellung eines Porträtbildnisses begeben mochte, erfuhr Mary nicht. Sie sah bloß, dass Sidonie in dieser Zeit sich fast ausgelassen benahm, sie schien überaus glücklich zu sein, was sich dann freilich jählings änderte. Fortan wirkte Sidonie nervös, fahrig und hatte immer wieder verweinte Augen. Ihre Wohnung in Prag gab sie auf. Das Gemälde, das Švabinsky von ihr verfertigt hatte, hing inzwischen in Schloss Janowitz. Es zeigte die Baronesse im Halbprofil, sitzend auf einem grünen Sofa vor rotem Hintergrund.

Das Automobil hielt in Tabor. Kraus stieg aus, der Mietchauffeur fuhr weiter, da er den Tank füllen wollte. Kraus betrat ein Kaffeehaus, das er von früheren Aufenthalten kannte, er suchte sich einen Platz und bestellte einen Mokka. Der Kellner, klein, glatzköpfig und agil, war offenbar Tscheche, erkennbar an seinem Akzent. Ein paar Tische entfernt saßen zwei Offiziere, über ihnen, an der Wand, hing ein Bildnis des greisen Kaisers Franz Joseph.

Kraus dachte daran, dass Tabor so etwas wie ein Standort des tschechischen Nationalbewusstseins war. Hier hatten sich die radikalsten Anhänger des böhmischen Reformtheologen Jan Hus versammelt, unter Führung des einäugigen Jan Žižka, auf den der erste der Prager Fensterstürze zurückging. Hatte er, Kraus, eine Beziehung zum tschechischen Nationalbewusstsein? Er war in Böhmen geboren, in Gitschin, freilich schon als Dreijähriger mit den Eltern nach Wien gezogen, seither hatte er durchgängig in Wien gelebt. Die Tschechen waren eine österreichische Volksgruppe unter anderen, sie vertraten autonomistische Ansprüche, denen man nachgeben konnte oder nicht, jedenfalls bedrohten sie damit das ohnehin höchst fragile Gefüge des Kaiserreichs Österreich-Ungarn. Immerhin gab es auch Tschechen, die sich mit den obwaltenden Zuständen konfliktlos abfanden und es dabei zu ansehnlichen Karrieren brachten. Die Nádherný von Borutín aus Janowitz gehörten zu ihnen.

Erzherzog Franz Ferdinand, der soeben ermordete Thronfolger, hatte eine Aristokratin aus Böhmen geehelicht. Das böhmische Konopischt war sein Vorzugsaufenthalt gewesen. Er hatte sich für eine stärkere Unabhängigkeit der Tschechen eingesetzt, den sogenannten Tripelausgleich, wodurch Böhmen eine vergleichbare Autonomie erhalten sollte wie Ungarn. Das Vorhaben war in Wien auf höhnische Ablehnung gestoßen und hatte Franz Ferdinands ohnehin kümmerliches Ansehen weiter beschädigt. Sein Tod in Sarajevo war am kaiserlichen Hof auf kaum mehr als allerhöflichste Betroffenheit gestoßen.

Kraus mochte den toten Erzherzog. Er sah in ihm einen ungestümen altösterreichischen Boten, der eine kranke Zeit wecken wollte, auf dass sie nicht ihren Tod verschlafe, während diese nunmehr den seinen verschlief. So formuliert es der umfangreiche Nachruf im letzten Heft der »Fackel«. Franz Ferdinand war die Hoffnung dieses Staats für alle, die da glauben, dass gerade im Vorland des großen Chaos ein geordnetes Staatsleben durchzusetzen sei.

Er blickte zum Fenster. Auf der Scheibe saßen Fliegen, dahinter war der Turm der Marktkirche. Die beiden Offiziere riefen nach dem Kellner, sie nannten ihn Herr Jaroslav, die Offiziere benötigten neuen Veltliner.

Radikale Anhänger des Jan Hus hießen Taboriten, nach der Stadt, in der Kraus sich jetzt aufhielt. Unter den ansonsten eher sanftmütigen Böhmischen Brüdern vertraten sie die Sache der Gewalt und suchten schließlich halb Mitteleuropa militärisch heim. Kraus hasste den Krieg. Von den Böhmischen Brüdern wusste er nicht viel, er hatte sich, das war jetzt drei Jahre her, in der Wiener Karlskirche römisch-katholisch taufen lassen, nachdem er zwölf Jahre zuvor aus der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgetreten war. Warum er dies getan hatte? Der gesellschaftliche Opportunismus, der den von ihm verabscheuten Heinrich Heine in die Konversion getrieben hatte, ließ sich bei ihm ausschließen. Dass er auch an der katholischen Kirche zweifelte, begann in jenem Augenblick, da er ihr beitrat. Es war möglich, dass er sie eines vielleicht gar nicht fernen Tages wieder verließ. In der »Fackel« stand: Ein Mediziner, der fromm ist? Er kann bestreiten, dass die Kirche einen guten Magen hat. Aber dass im Weihwasser Bakterien vorkommen, muss er unbedingt zugeben. Freilich hatte er dies vier Jahre vor seiner Taufe geschrieben.

Er blieb einmal geäußerten Ideen nicht unerschütterlich treu. Er verhielt sich darin nicht viel anders als in der Beziehung zu vormals geschätzten Personen. Er bekannte sich dazu. Er achtete durchaus auch Menschen, deren Überzeugungen er nicht teilen mochte, bei denen er gleichwohl Brillanz und Genialität erkannte. Das galt etwa für Otto Weininger. Ein Frauenverehrer stimme den Argumenten von dessen Frauenverachtung mit Begeisterung zu, hatte er einst dem Autor geschrieben, nach der Lektüre von »Geschlecht und Charakter«. Was faszinierte ihn an dem Mann, der sich umgebracht hatte, da er die eigene jüdische Existenz nicht länger ertrug? War es dessen Antisemitismus? Dem er, Kraus, seinerseits anhing, irgendwie? Die Juden, hatte Weininger gesagt, hielten nie etwas für echt, unumstößlich, heilig und unverletzbar, daher seien sie überall frivol und bewitzelten alles. Dem Juden Heinrich Heine hatte er, Kraus, Vergleichbares nachgeredet, der umfangreiche Aufsatz zum Thema war in jenem Jahr erschienen, da er sich hatte taufen lassen.

No, es liegt halt Pulverdampf in der Luft!, rief einer der beiden Offiziere. Er lachte dazu und hob sein Weinglas, die beiden Männer waren offenbar angetrunken. Die Aussicht auf einen Krieg schien sie zu beflügeln, sie waren Soldaten, Krieg war ihr Geschäft. Die Mordtat von Sarajevo konnte zu weiterem Blutvergießen führen, nicht bloß am Balkan; auf einem Tisch neben Kraus lagen mehrere eingespannte Zeitungen aus, die zwei deutschsprachigen Blätter Prags, auch ein tschechisches Journal, und natürlich, Kraus sah es voller Verachtung, die Neue Freie Presse aus Wien. Er sah Schlagzeilen, die von österreichischen Drohungen gegenüber Serbien handelten. Würde es zu einem militärischen Angriff führen? Gab es keine Diplomatie mehr? War die Politik ratlos oder blindwütig? Politik, hatte er einmal geschrieben, sei das, was man mache, um nicht zu zeigen, was man sei und was man selbst nicht wisse.

Hinter dem Fenster, sah er, hielt sein Automobil. Er rief nach dem Kellner, um seinen Mokka zu bezahlen. Als er aufstand, brachen die beiden Offiziere unvermutet in angetrunkenes Gelächter aus.

Sie waren eine halbe Stunde im Park unterwegs gewesen. Der Dichter schien erschöpft, offenbar hatten ihn sein Prag-Aufenthalt und die anschließende Fahrt nach Janowitz angestrengt. Auf den Wegen zwischen den Blumenrabatten hatte er Sidonies Hand ergriffen, um sie nicht mehr freizugeben, die seine war sonderbar kraftlos und etwas feucht. Sidonie fand die Berührung zudringlich, was ihr gleichwohl gefiel, sie zog ihre Hand nicht zurück.

Unter der Tür sagte Rilke, er wolle sich jetzt auf sein Zimmer begeben, um einen Brief zu vollenden. Der Brief, sagte er, gehe an Clara Westhoff, seine Frau.

Ah, sagte Sidonie, Sie sind noch verheiratet? Wollten Sie sich nicht scheiden lassen?

Es ergab sich nicht, sagte er. Ich fühle Verpflichtungen. Auch wegen Ruth, unserer Tochter. Sie wissen, wie hochbegabt Clara ist, denken Sie nur an die schöne Büste, die sie von Ihnen geschaffen hat. Sie ist eine Künstlerin durch und durch. Leider sehe ich die beiden zu selten, Clara und Ruth. Clara hat Verständnis dafür. Sie weiß, ich besitze unstete Nerven. Immerfort treiben mich Schmerzen, Neugierde, Unruhe, Sehnsüchte, auch Frauen. Sie treiben mich hierher. Wie kann ich zugleich bei Clara sein und bei Ihnen?

Hier sind Sie jedenfalls stets willkommen.

Er lächelte matt. Er liebkoste ihre Hand, verbeugte sich etwas und wandte sich der Treppe zu. Sie suchte sich einen Korbsessel und setzte sich neben ein Fenster. Sie griff nach dem Roman, den sie sich jüngst hatte schicken lassen, »The Man of Property« von John Galsworthy, der Autor, hatte sie gelesen, galt in Großbritannien als ein bedeutendes Talent. Sie blätterte in dem Buch, las ein paar Sätze und ließ es sinken.

Die Porträtbüste, die Rilkes Frau von ihr verfertigt hatte, war in Paris entstanden, auf Rilkes Drängen hin. Clara Westhoff war eine kräftige Frau mit vorspringendem Kinn, großen Händen und tiefer Stimme, der Dichter wirkte zierlich und unscheinbar neben ihr. Sidonie dachte an die Sitzungen im Atelier der Bildhauerin, die über viele Stunden gingen und in denen sie sich möglichst wenig bewegen sollte. So wie zuvor auch bei Max Švabinsky. Die Erinnerung an den Maler war nicht sehr angenehm. Er hatte ihr geschmeichelt, er hatte ihr geschrieben, er war zu Besuch nach Janowitz gekommen, zusammen mit einer ältlichen Person, die seine Ehefrau war. Er hatte von Sidonie Skizzen angefertigt, anschließend das große Porträt begonnen und sie berührt, flüchtig zunächst, dann intensiver, immer wieder, was ihr anfangs peinlich gewesen war, ehe es sie zu schmeicheln begann. Schließlich wurde sie seine Geliebte.

Für Švabinsky war es ein erotisches Abenteuer, deren er mehrere hatte. Vielleicht dachte er, dass sie es ähnlich nahm, aber sie nahm es nicht so, vielmehr brachte sie in die Beziehung ein hohes Maß an Gefühl, Zuneigung und Anhänglichkeit ein. Sie legte sich eine Wohnung zu in Prag. Sie traf den Geliebten heimlich, Švabinsky, ein verheirateter Mann, hatte bei der gutbürgerlichen Gesellschaft Prags, in der und von der er lebte, auf seinen Ruf zu achten. Die Sache ging über eine längere Zeit, bis Švabinsky erkennen ließ, dass er die Affäre zu beenden gedachte, da er dabei war, eine neue Beziehung einzugehen, die zu seiner Schwägerin Anna Vejrychová.

Bei Sidonie hinterließ das alles eine tiefe Erschütterung. Sie fühlte sich hilflos. Sie fühlte sich gedemütigt und missbraucht. War sie wirklich missbraucht worden? Sie hatte in die Affäre eingewilligt. Sie hatte es getan, ohne zu bedenken, ob die Sache beständig sein könne. Die Verbindung einer jungen Aristokratin mit einem Künstler von eher zweifelhaftem Ruf hätte, öffentlich geworden, als gesellschaftlicher Regelverstoß gegolten. Das hätte sie gerne ausgehalten. Sie war belesen genug, um die konservativen Moralvorstellungen ihres Milieus nicht zu teilen, in einer der alten Zeitschriften, die ihr Bruder Johannes mitgebracht hatte, fand sie diesen Satz: Eine je stärkere Persönlichkeit die Frau ist, desto leichter trägt sie die Bürde ihrer Erlebnisse. Hochmut kommt nach dem Fall.

Übrigens war es Johannes gewesen, der den Kontakt zwischen ihr und Švabinsky hergestellt hatte, da er die Bilder des Malers schätzte, die persönliche Begegnung mit diesem gesucht und ihm dann den Auftrag für ein Porträtbildnis seiner Schwester Sidonie erteilt hatte.

Sidonie stürzte sich in eine Italienreise. Mailand, Genua, Siena, Venedig, Florenz. Alte Gebäude, Denkmäler, Museen, Natur. In Mailand begann sie eine Affäre mit einem jungen italienischen Advokaten, auch er verheiratet, damit wollte sie die quälenden Erinnerungen an Švabinsky betäuben, was ihr leidlich gelang. Sie kehrte nach Böhmen zurück und nach Janowitz. Im Schloss hing als unübersehbare Gedächtnisstütze das große Gemälde, das Max Švabinsky von ihr angefertigt hatte. In ihr Tagebuch notierte sie die Idee, dass die schönste erquicklichste Liebe allein jene sei, die dem Temperament folge, nicht dem Herzen. Fortan wollte sie für die Liebe ihre Freiheit nicht aufgeben und ebenso wenig die Liebe für die Freiheit.

In der Zeitschrift, die ihr Bruder Johannes zurückgelassen hatte, stand noch dieser Satz: Die Dummheit einer ganzen Welt stellt sich das Geschlechtsleben als eine Sache der Einteilung oder als die geradlinige Resultante ethischer Entschließungen vor. Der Satz entsprach völlig ihrer nunmehrigen Überzeugung. In einem anderen Heft las sie einen mit »Die Frauen« überschriebenen Vierzeiler:

Ob sündig oder sittenrein?

Lasst sie doch lieber gleich begraben!

Ich teile sie in Gefallene ein

Und solche, die nicht gefallen haben.

Es waren dies die ersten Male, dass sie mit der »Fackel« von Karl Kraus in Berührung kam.

In seinem Zimmer legte Rilke den begonnenen Brief an seine Ehefrau Clara beiseite, da er zunächst an Lou Andreas-Salomé schreiben wollte. Warum wollte er dies? Lou war seine erste leidenschaftliche Liebesbeziehung gewesen, sie hatte ihn gehalten, geführt, aufgehoben und plötzlich fallen gelassen, den tiefen Schmerz darüber fühlte er immer noch. Er schrieb ihr Briefe. Er schrieb ihr alles, was ihn bewegte, wo er sich befand, wen er traf, was und wen er liebte, wie er sich fühlte, worunter er litt. Worunter litt er derzeit? Es waren so banale, doch auch existentielle Dinge wie seine Finanzen. Er hatte nicht genügend Geld. Er unterhielt eine kostspielige Bleibe in Paris, er war häufig unterwegs und wohnte, wenn er bei keiner seiner aristokratischen Freundinnen nächtigte, in hochfeinen, also teuren Hotels. Das Unterwegssein war ihm Bedürfnis und war ebenso Flucht: vor sich selber, vor seinen Liebschaften, vor der Welt. Ich bin wie die kleine Anemone, die ich einmal in Rom im Garten gesehen habe, sie war tagsüber so weit aufgegangen, dass sie sich zur Nacht nicht mehr schließen konnte. Es war furchtbar, sie zu sehen in der dunkeln Wiese, weit offen, immer noch aufnehmend in den wie rasend aufgerissenen Kelch, mit der vielzuvielen Nacht über sich, die nicht alle wurde.

In diesem Augenblick durchfuhr ihn ein Schmerz. Betroffen war wieder der rechte Unterkiefer, also jener Zahn, dessen scharfe Kante er mit seiner Zunge erspüren konnte. Das letzte Mal hatte ihn diese Beschwernis gestern ereilt, bei der Bahnfahrt von Prag nach Beneschau, der Schmerz hatte bald nachgelassen und sich dann ganz verflüchtigt, dass er nicht mehr daran denken musste. Was sollte er jetzt tun? Einst hatte ihm seine Mutter beigebracht, Zahnschmerzen zu betäuben, indem man eine Gewürznelke in die kariöse Öffnung tat. Wie sollte er hier, in Janowitz, zu einer Gewürznelke gelangen? Sollte er hinuntergehen in die Schlossküche und das Dienstpersonal fragen? Wie hieß Gewürznelke auf Tschechisch? Hastig durchkramte er seine Unterlagen, fand das Röhrchen mit dem Aspirin, nahm eine der Tabletten und schluckte sie, nachdem zuvor sich genügend Speichel in seiner Mundhöhle gesammelt hatte.

Er unterließ es auch, jetzt an Lou zu schreiben. Briefe an die einstige Geliebte waren keine den äußeren Umständen geschuldete Notwendigkeit, sie waren ein eingeübter Reflex. Er dachte an die derzeit letzte seiner Freundinnen, vor der er geflohen war, auch hierher nach Janowitz, zu der schönen Baronesse Sidonie. Magda hatte um seinetwillen auf Konzerte verzichtet, sie hing an ihm, sie hing ihm an, er war mit ihr durch halb Europa gereist, Berlin, Innsbruck, Genf, die Lombardei, Venetien, in Paris kam es, bei einem Opernbesuch, zu der unvorhergesehenen und überaus peinlichen Begegnung mit einer seiner früheren Geliebten, der hemmungslosen Marthe Hennebert. Die war, als er erstmals mit ihr schlief, noch minderjährig gewesen. Bei Bekannten, auch bei Sidonie, hatte er damals um Geld gebettelt, das Marthe zugutekommen sollte. Nunmehr, in Begleitung von Magda, traf er sie wieder, unter der pompösen Stuckdecke des Palais Garnier.

Die Aspirin-Tablette schien zu wirken. Der Schmerz in seinem Unterkiefer ließ etwas nach. Er atmete auf.

Seine Verbindung zu Magda hatte mit inständigen Briefen begonnen, die sie ihm schrieb, adressiert an seinen Leipziger Verlag, der die Schreiben an ihn weiterreichte. Er antwortete ihr umgehend, die Korrespondenz wurde lebhaft, er nannte sie Benvenuta. Schließlich trafen sie sich, in einem Berliner Hotelzimmer, und kamen voneinander nicht los. Sie spielte für ihn, Beethoven, Bach, Scarlatti, er besuchte mit ihr die Prinzessin Marie von Thurn und Taxis, seine Gönnerin, der Magda offensichtlich gefiel, und wieder einmal fasste er den Plan, sich von Clara scheiden zu lassen, damit er Magda heiraten konnte. Benvenuta, liebes, liebes Herz – bist du nicht in Wahrheit meine jungfräuliche Mutter, mein Kind, mein liebes, liebes Mädchen? Du, mit deinem goldenen Panzer, an dem alles Unechte und Verdorbene zerschellen muss! Du wirst, du musst nicht anders können, Benvenuta, als diese reine Erhebung meines Gemütes zu dir, diese Andacht meiner Natur zu fühlen, wo du auch seist.

Der Schmerz in seinem Unterkiefer war schwächer geworden, doch nicht gänzlich vergangen. Sollte er eine weitere Aspirin-Tablette schlucken? Er stellte sich vor den Spiegel, der über dem Lavoir hing, und besah sein Abbild. Der linke Unterkiefer war angeschwollen, die Schwellung war nicht auffällig, doch unübersehbar. Er musste etwas unternehmen. Er kannte einen Zahnarzt, dem er völlig vertraute, der aber in Berlin saß, und wie sollte er auf die Schnelle von Janowitz nach Berlin gelangen? Er verließ sein Zimmer, ging die Treppe hinab, suchte nach Sidonie und traf sie, sitzend in einem Korbsessel und vertieft in ein Buch. Wie zufällig verdeckte er das Kinn mit der Hand. So vertraute er sich Sidonie an. Die Angelegenheit war ihm peinlich.

Sidonie nickte. Sie stand auf und ging, um zu telefonieren. Als sie zurückkam, sagte sie, dass sie einen Termin vereinbart habe.

Sie setzte Rilke in ihr Automobil und brachte ihn nach Beneschau. Während der Fahrt dorthin kehrten die Schmerzen mit Heftigkeit zurück. Er betastete die Schwellung. Sie schien größer geworden, die Haut darüber fühlte sich taub an. Entstellte ihn die Schwellung? Machte sie ihn hässlich? Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, ich war schwer von Schweiß, und es kreiste ein betäubender Schmerz in mir, als ob in meinem Blute etwas zu Großes mittriebe, das die Adern ausdehnte, wohin es kam. So stand es in seinem Roman.

Sidonie brachte ihn in die Praxis des Zahnarztes Václav Poláček, eines jungen Menschen mit breiten Schultern und muskulösen Armen. Rilke setzte sich in den Behandlungsstuhl und öffnete seinen Mund. Sidonie wartete in einem Nebenraum. Poláček injizierte ein Betäubungsmittel, dann warf er, als die Betäubung eingetreten war, seinen Bohrer an. Rilke schloss die Augen. Er vernahm das schreckliche Bohrgeräusch und fühlte es in seinem Schädel. Als er die Augen wieder öffnete, sah er nah über sich das großporige Gesicht des Arztes, der einen rötlichen Schnurrbart trug. An der Wand stand, auf einem Regal, eine Vase mit verblühenden Pfingstrosen, darüber hing ein Kruzifixus. War Poláček nicht vielmehr ein jüdischer Name? Waren die Eltern des Arztes vielleicht rechtzeitig konvertiert, dass sie ihr Kind nach dem heiligen Wenzel benennen konnten?

Der Zahnarzt setzte den Bohrer ab. In fast akzentfreiem Deutsch sagte er, dass er Rilke eine Goldplombe einsetzen wolle. Die Rechnung dafür, wusste Rilke, würde Sidonie begleichen.

Karl von Nádherný, von Angehörigen und Freunden Charlie gerufen, begab sich, als seine Schwester den Dichter Rilke in ihr Automobil gesetzt hatte, um ihn nach Beneschau zu fahren, in sein Arbeitszimmer. Auf dem Schreibtisch häuften sich Unterlagen und Akten. Seine Aufgabe war es, sämtliche wirtschaftlichen Entscheidungen der Domäne zu fällen und zu überwachen, das betraf Äcker, Weiden, Gebäude, Teiche, Viehbesitz, Ernteerträge, Fischfänge, Einkäufe, Fahrzeuge, Maschinen, Pachten und Löhne. Sidonie war an Ökonomie nicht interessiert und verließ sich dabei völlig auf ihren Bruder. Nach dem Tode des Vaters hatte zunächst sein Bruder Johannes die Verwaltung übernommen. Charlie hatte ihm bloß dabei geholfen. Johannes hatte auch den Einfall gehabt, zusätzliches Land einschließlich zweier Siedlungen zu kaufen, bezahlt aus einer auf die Familie gekommenen Erbschaft. Die Nádhernýs rückten damit zu einem der größten agrarischen Unternehmer der Region auf.

Johannes war tot. Er war der Liebling der Mutter gewesen, und ebenso hatte Sidonie sich entschiedener an Johannes angeschlossen als an ihn, Charlie, den das etwas kränkte und der sich auch sonst von der Familie zurückgesetzt fühlte.

Johannes hatte sich vor einem Jahr umgebracht. Über seine Gründe wurde ungern gesprochen, meist war von Schwermut die Rede. Gesund war Johannes schon länger nicht gewesen, er war abgemagert, hatte sich eine schwere Gelenkverletzung zugezogen und war depressiv, doch zeigte er sich dann auch wieder überraschend fröhlich und genesen. In etlichen renommierten Sanatorien hatte er Kuren angetreten, die ihm zu helfen schienen.

Johannes war liebenswürdig. Die Leute mochten ihn. Er war umfassend interessiert, las viel, besuchte Kunstausstellungen, sammelte Bilder und Möbel, an der Prager Universität hatte er Philosophie belegt. Die intime Beziehung zu seiner Schwester änderte sich, als Sidonie ihre wechselvolle Liebesbeziehung mit dem Kunstmaler Švabinsky begann, von der niemand erfahren sollte und von der die gesamte Familie gleichwohl wusste. Johannes seinerseits fasste eine leidenschaftliche Neigung zu Niny Mladota, seiner Jugendfreundin aus dem Nachbarschloss Červeny Hrádek, der er Liebesbriefe schrieb und die seine Gefühle leider nicht erwiderte. Er tröstete sich damit, dass er in Prager Bordellen verkehrte, wo er sich gleich zwei Krankheiten einfing, Gonorrhoe und Lues. Davon sollte niemand erfahren, und die gesamte Familie wusste es gleichwohl. Johannes ließ sich behandeln. Die Therapie schien anzuschlagen, aber dies war nicht von Dauer. Schwarz wie der Himmel stehe vor ihm die Welt, schrieb er in einer Notiz. Am 28. Mai 1913 nahm er sich in München das Leben.

Sidonie war unterwegs, als es geschah. Sie hatte mit May-May, ihrer Vertrauten, eine längere Reise angetreten, nach Livorno, Neapel, Sizilien und schließlich, auf einem Schiff, nach Tunesien. Als der Selbstmord geschah, befand sie sich in Paris, wo die Frau des Schriftstellers Rilke eine Porträtbüste von ihr anfertigte. Die Nachricht vom Tod ihres geliebten Bruders, wusste Charlie, erschütterte sie zutiefst. Sie war verzweifelt. Sie gab sich eine Mitschuld, da sie sich zuletzt mit Johannes mehrmals gestritten hatte. Rilke wusste sie aufs Einfühlsamste zu trösten, mit langen Briefen, die sie Charlie zu lesen gab, schon weil darin regelmäßig Grüße an ihn standen. Rilke schickte immer wieder Briefe nach Janowitz.

Er, Charlie, hatte den sonderbaren Dichter eigentlich gern. Die von ihm gemachten Verse verstand er nicht, aber der Mensch gefiel ihm, und die Eigentümlichkeiten, die Rilke an den Tag legte, fand er putzig. Rilke machte seiner Schwester den Hof, was ihr guttat, da sie es zu genießen schien, immer waren es abwechslungsreiche Tage und Abende, wenn Rilke, wie eben jetzt wieder, sich in Janowitz zu Besuch aufhielt. Auch sonst sorgte Sidonie dafür, dass Gäste kamen, es gab Gespräche, es gab Musik, sie spielte auf dem Flügel, Stücke von Frédéric Chopin, den sie sehr mochte.

Draußen hielt ein Automobil. Offenbar waren Sidonie und Rilke aus Beneschau zurückgekehrt. Charlie verließ sein Arbeitszimmer. Es war, sah er dann, nicht Sidonies Wagen, der angekommen war, vielmehr ein anderes Fahrzeug. Der Mann, der ihm entstieg, war der Schriftsteller Karl Kraus aus Wien.

Als er ausstieg, kam der Hund auf ihn zugelaufen, Bobby, Sidis Leonberger. Charlie rief das Tier zurück, Charlie reichte ihm die Hand und sagte, Sidonie sei noch unterwegs, sie bringe den Dichter Rilke zu einer Zahnbehandlung, nach Beneschau. Also gab es einen weiteren Gast in Janowitz. Kraus wusste, dass Sidi die Dichtungen Rainer Maria Rilkes schätzte, was er so hinnahm.

Er entlohnte den Mietchauffeur, der ihn nach Janowitz gebracht hatte. Der Domestik Ludvik übernahm das Gepäck. Charlie geleitete ihn ins Schloss.

Sidi kam kurz darauf. Kraus sah vom Fenster aus, wie sie vorfuhr. Der zierliche Mensch, der zusammen mit ihr dem Automobil entstieg, war der Dichter Rilke, den er flüchtig kannte, von einer Veranstaltung in Wien. Rilke hielt die linke Hand an der Wange, während er mit der rechten Sidonies bloßen Oberarm streichelte, was Kraus missfiel.

Seine Begrüßung Sidonies geschah überaus förmlich. Wenn, wie jetzt, Dritte zugegen waren, pflegten die beiden einander mit Sie anzureden. Sidonie wollte ihre zwei Gäste miteinander bekannt machen, worauf Kraus sagte, man sei sich schon früher begegnet. Rilke war sichtlich erstaunt: Ach, sagte er, wir kennen einander?

Wir sind uns in Wien begegnet.

Sehen Sie mir nach, wenn ich es vergessen habe? Ich treffe zahllose Menschen.

Ich auch.

Behalten Sie alle im Gedächtnis?

Alle.

Ich weiß nicht, ob ich Sie darum beneiden soll. Das Vergessen kann eine Gnade sein.

Worauf Kraus entgegnen wollte, dergleichen sei die übliche Behauptung von Leuten mit mangelhaftem Erinnerungsvermögen. Er unterließ es. Rilke nahm seine linke Hand herab. Kraus sah, dass die Wange des Dichters geschwollen war, es flößte ihm etwas Mitleid ein. Zudem mochte er jetzt, in Sidis Anwesenheit, Rilke nicht kränken.

Er kannte sie nun seit fast einem Jahr. Die erste Begegnung hatte im pompösen Plüsch des Wiener Café Imperial stattgefunden, wo er sich mit Thun getroffen hatte, einem guten Bekannten, der mit vollem Namen Maximilian Graf von Thun und Hohenstein hieß, aus der böhmischen Linie des Hauses. Im Widerspruch zu den Gepflogenheiten seiner Familie war er nicht Offizier geworden, sondern hatte Medizin studiert und praktizierte als Sportarzt und Spezialist für Bewegungsschäden. Er vertrat die Theorie, die ursprüngliche Gangart des Menschen sei jene auf allen vieren, was er auch als gymnastische Therapie zu verordnen pflegte, mit unterschiedlichem Erfolg. Außerdem hatte er die Absicht, sich zu Studienzwecken Affen zuzulegen, was Kraus höchst possierlich fand.

Max war weitläufig verwandt mit den Nádhernýs, wovon Kraus anfangs nichts wusste. Max und Sidonie waren an jenem Nachmittag verabredet, wovon Kraus gleichfalls nichts wusste. Er sah, dass eine groß gewachsene, sehr elegante und ungewöhnlich schöne Frau an ihren Tisch trat, wo sie von Max überschwänglich begrüßt wurde, ehe er sie mit Kraus bekannt machte. Kraus bemerkte, dass die Baronesse ihn unentwegt anstarrte, in einer sonderbaren Mischung aus Erstaunen und Erschrecken. Später würde er erfahren, dass er sie an ihren soeben aus dem Leben geschiedenen Bruder erinnerte. Sie würde ihm fotografische Bilder von Johannes zeigen, auf denen er kaum Ähnlichkeiten mit sich selbst entdecken konnte, schon da Johannes groß gewachsen war, größer noch als Sidonie und ihr Zwillingsbruder Karl. Wie auch immer, Sidonies Blicke waren fast eine Berührung. Er spürte, wie das Blut in seinen Schläfen zu klopfen begann.

Sie redeten. Sie redeten viel. Sidonies Stimme klang angenehm, ihre Äußerungen waren eigenwillig und in der Wortwahl präzis. Max mischte sich ständig ein, es wurde deutlich, dass er intensiv um Sidonies Zuneigung warb, was Kraus verstörte. Zu dritt brachen sie auf, um eine Ausstellung zu besuchen.

Der Rundgang dort dauerte eine Stunde. Sie besahen und beredeten Exponate, denen es um Schönheit, die Kultur, die Geschichte von Landschaften rund um die Adria ging. Dann musste Max sich verabschieden, zu seinem heftigen Bedauern, wie er sagte, doch seine ärztliche Sprechstunde werde in Kürze beginnen. Kraus und Sidonie blieben zusammen. Ihm war jetzt, als sei sie ihm schon sehr lange bekannt. Seit dem Tode von Annie Kalmar hatte er keine Frau getroffen, die ihn derart beeindruckte. Aber was hieß hier beeindruckt: Er war dabei, dieser Frau zu verfallen.

Er winkte einer Droschke. Es war ein schöner Septembertag. Zusammen ließen sie sich in den Prater fahren. Sie verließen das Gefährt, Sidonie nahm seinen Arm, durch den Stoff des Ärmels hindurch spürte er ihre Hand. Sie gingen und redeten. Sie erzählte von ihrem Bruder Johannes, den sie sehr geliebt habe, den sie nun vermisse und dessen unerwarteter Tod ihr weiterhin zusetze. Ihm fielen Verse ein, die er geschrieben und veröffentlicht hatte, zwei Jahre nach dem Tod von Annie Kalmar, in Erinnerung an sie und als Trost für sich selber:

Der Tod kommt bald und sicher,

Hält stets sich in der Näh.

Er ist ein fürchterlicher

Tröster im Erdenweh.

Ich hasse ihn nicht aus Liebe,

Ich liebe ihn nur aus Hass.

Wenn man unsterblich bliebe,

Wie grauenvoll wäre das!

Er sagte die Verse auf, ohne an Annie Kalmar nur zu denken. Sidonie nickte dankbar. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter. Er spürte, wie das Blut in seinen Schläfen stärker zu klopfen begann.

So fing es an. Sie trafen sich schon am nächsten Tag wieder. Sie trafen sich in seiner Wohnung an der Lothringer Straße, später waren sie gemeinsam auf Reisen und trafen sich in Hotels. Noch lieber fuhr er zu ihr nach Janowitz. Das Schloss wurde ihm vertraut, er liebte den Park, die Wege im Park, den Teich, die Umgebung, die von Sidonie angelegten Rabatten. Dass der Pianist, der ihn bei seinen öffentlichen Auftritten begleitete, Janowitz hieß, mit Vornamen Franz, war ein hübscher Zufall und vielleicht mehr als das.

Er lernte Sidonies Bruder Karl kennen, den er manchmal dann auch in Wien traf, wenn der junge Baron in Geschäftsdingen unterwegs war und vielleicht noch zu irgendwelcher Zerstreuung. Nach geltendem Recht hatte Karl mitzuentscheiden, wenn seine Schwester eine Ehe zu schließen gedachte. Entgegen früheren Überzeugungen, zu denen er sich in der »Fackel« wiederholt bekannt hatte, dachte Kraus jetzt ernsthaft darüber nach, ob er die Baronesse Sidonie von Nádherný und Borutín vielleicht heiraten sollte.

Am Abend, nach dem Diner, setzte sich Sidonie an den Flügel und begann zu spielen, eine Valse von Frédéric Chopin. Karl Kraus hatte sie darum gebeten. Sie spielte, so empfand es Rilke, ziemlich gut, wiewohl nicht annähernd so perfekt wie Magda von Hattingberg. Die hatte ihn mit Beethoven verwöhnt, immer wieder, die Sonaten Beethovens wurden für ihn ein Auftakt zu körperlicher Umarmung und Liebe. Verglichen damit erschien ihm Chopin als wohlklingendes Geklimper. Freilich war es, dass er, was er wusste, mit Musik nicht so gut umgehen konnte wie mit Bildender Kunst, von der er vieles kannte und wusste, zu schweigen von der schönen Literatur, in der er, wie viele ihm nachrühmten und was er ihnen gerne glaubte, eine Art gottgleicher Herrscher war.

Er saß wenige Schritte von Kraus entfernt, in dessen scharfkantigem Gesicht Sidonies Spiel einen Ausdruck vollkommener Hingebung erzeugte. Die Beziehung zwischen dem Kritiker und der Baronesse beschäftigte ihn. Gewöhnlich gingen die beiden recht förmlich miteinander um, einmal jedoch, es war dies am späten Nachmittag gewesen, die beiden wähnten sich wohl allein, vernahm Rilke ein Gespräch zwischen den beiden.

Sidonie flüsterte: Sei leise. Ich bitte dich.

Kraus fragte: Warum?

Man könnte dich hören.

Soll man doch. Sowieso werden es bald alle erfahren.

War also die Förmlichkeit zwischen den beiden bloß vorgeschoben? War sie inszeniert, um die wahre Natur ihrer Beziehung zu verbergen? Wie aber standen sie wirklich zueinander? Welche Intimität herrschte zwischen ihnen? Hatten sie ein sexuelles Verhältnis? Der Gedanke daran beunruhigte Rilke.

Kraus war zwei Jahre älter als er. In der Größe glichen sie einander, mit schöner Literatur hatten sie beide zu tun. Rilke erinnerte sich eines Textes in der »Fackel«, darin es hieß, er, Rilke, habe einen Weg erfahren zwischen sich und der Welt, und durch die vielen Wände des Bewusstseins hindurch, auch durch sie filtriert, sei Gott in seine Welt gestiegen. Das war mehr als schmeichelhaft. Es ging um das »Stundenbuch«, das Kraus in der Nachfolge des großen Angelus Silesius sah. Auch das war mehr als schmeichelhaft. Rilke hatte daraufhin der »Fackel« einen eigenen Prosatext angeboten, es ging darin um Franz Werfel, der, wie er selbst, aus Prag stammte und dessen Verse er ausführlich lobte, Kraus hatte seinerseits Werfel abgedruckt, was als ein Sympathiebeweis gelten musste. Leider hatte Rilke übersehen, dass der Lyriker bei Kraus inzwischen in Ungnade gefallen war: Er sei ein Kindheitsvirtuos, der in Prag alle befruchte, sodass dort die Lyriker sich vermehrten wie Bisamratten. Nun war es nicht so, dass Rilke eine unbedingte Begeisterung für Werfels Gedichte spürte. Werfel war nichts als ein kleiner dicker Jude aus Prag. Jedenfalls wurde Rilkes Text in der »Fackel« nicht abgedruckt und auch nicht retourniert.

Die Chopin-Valse war zu Ende. Kraus klatschte enthusiastisch, was durch Rilke eine höfliche Ergänzung erfuhr. Charlie und Mary Cooney taten es ihm gleich. Sidonie nickte und sagte, sie wolle jetzt eine Nocturne spielen, wiederum von Chopin.

Rilke empfand die Anwesenheit von Kraus als eine lästige Störung, da er selbst es gewohnt war, im gesellschaftlichen Mittelpunkt allein zu stehen. Kraus beanspruchte das Interesse der anderen durch seine bloße Anwesenheit. Die Art, wie er redete und sich im Schloss bewegte, ließ zudem erkennen, dass er mit Janowitz vertraut war, sich also häufig hier aufhielt, jedenfalls häufiger als Rilke.

Beim Diner vorhin, Rilke aß einen Salat aus Rucola und Schafskäse, dazu Weißbrot, während den anderen am Tisch Räucherfisch, kalter Braten nebst Schinken serviert wurde, hatte Kraus das Gespräch dominiert.

Irgendwann hatte Rilke ihn gefragt: Äußern Sie immerfort nur die boshaftesten Bemerkungen?

Die Antwort von Kraus war: Ich bin berühmt dafür.

Worauf Sidonie ausführlich zu lachen anfing, was Rilke kränkte.

Während er jetzt dem Vortrag der Nocturne lauschte, dachte er darüber nach, ob es vielleicht angebracht wäre, dass er baldmöglichst aus Janowitz abreiste. Dann dachte er an seine Zahnbehandlung, die noch nicht abgeschlossen war. Er griff an seine linke Wange. Die Schwellung war fühlbar zurückgegangen. Seine Zunge betastete das von Václav Poláček in seinen Molar gebohrte Loch, das demnächst mit einer Goldplombe gefüllt werden sollte. Bis dahin würde er in Janowitz zu bleiben haben. Außerdem wäre die vorzeitige Abreise das Eingeständnis einer Niederlage, was ihm sein Selbstbewusstsein verbot.

Die Nocturne klang aus. Das Ritual des Beifalls wiederholte sich. Sidonie erhob sich von ihrem Klavierschemel, lächelte verlegen und deutete eine Verbeugung an. Sie trug ein Kleid mit weitem Ausschnitt, ähnlich jenem, das sie auf dem großen Gemälde mit ihrem Porträtbildnis trug, das Ding hing im Treppenhaus des Schlosses. Rilke bedachte, dass seine vorzeitige Abreise auch ein Verzicht auf die Nähe der schönen Baronesse bedeuten würde, und das mochte er sich keinesfalls antun.

Das Gästezimmer von Kraus in Schloss Janowitz befand sich unmittelbar neben jenem von Rainer Maria Rilke. Die beiden Männer hatten sich am Abend höflich voneinander verabschiedet. In Rilkes Zimmer war alles still. Wahrscheinlich hatte sich der Dichter bereits zu Bette begeben, vielleicht las er oder schrieb einen seiner vielen Briefe. Sidonie hatte Karl Kraus die für sie bestimmten Schreiben Rilkes gezeigt, Kraus hatte sie aufmerksam gelesen. Die Schrift war schön, entschieden schöner als seine eigene, der Wortlaut war von lyrischer Eleganz, mit einem gewissen Hang zum Pathos und manchmal stark parfümiert.

Rilke umwarb Sidonie. Das war zu erkennen, aus seinen Briefen ebenso wie in seinem Verhalten hier in Janowitz. Dies alles musste Kraus nicht verunsichern, aber es verunsicherte ihn. In seinen Augen war der Dichter ein eitler Sonderling mit traurigem Walrossbart, seine zahlreichen erotischen Erfolge, von denen der Wiener Kaffeehausklatsch wusste, ließen sich durch sein Äußeres kaum erklären. Demnach waren es seine Dichtungen, die seine Wirkung auf Frauen hervorriefen. Der Enthusiasmus, mit dem Sidonie von Rilkes Versen redete, war dafür ein Indiz. Mehr bewirkte es bei Sidonie nicht. Dass es mehr hätte bewirken können, verdross Karl Kraus.

In Rilkes Zimmer blieb es weiterhin ruhig, doch im Haus gab es Geräusche. Vielleicht war noch Dienstpersonal zugange, oder Charlie war unterwegs.

Kraus mochte Janowitz. Er mochte es sehr. Ein Aufenthalt hier war für ihn der vollkommene Gegenentwurf zu seinem Leben in Wien. Dies hatte mit Sidonie zu tun, und wiewohl er sie auch anderswo traf, in Wien oder auf Reisen, bedeutete ihm erst Janowitz die Vollendung seiner Liebe zu ihr. Um dessentwillen nahm er sich ihres Bruders Charlie an, wenn der in Wien weilte, um geschäftliche Dinge zu regeln, mit dem er dann abends ins Theater ging, um ihn anschließend beim Entree des noblen Stundenhotels Orient am Unteren Graben abzuliefern. Wie hatte er einst geschrieben? In der Liebe gibt es nichts Anstößiges, solange der unbeteiligte Moralrichter nicht seine Nase hineinsteckt und die Nachtwandler zur Besinnung ruft.

Janowitz war der Gegenentwurf zu seinem Leben in Wien, Sidonie war der Gegenentwurf zu seinem früheren, auch in der »Fackel« nachlesbaren Frauenbild. Persönlichkeit des Weibes ist die durch Unbewusstheit geadelte Wesenlosigkeit. Oder auch: Nichts ist unergründlicher als die Oberflächlichkeit des Weibes. Oder: Der Mann hat fünf Sinne, die Frau bloß einen. Bloß einen? Im Weib, als dem ausschließlich sexuellen Wesen, kann auch die Abkehrung zum eigenen Geschlecht nicht antisozial wirken. Weil: Die Natur hat dem Weib die Sinnlichkeit als den Urquell verliehen, an dem sich der Geist des Mannes Erneuerung hole.

Das alles hatte er so notiert. Es war seine Überzeugung gewesen, obschon er Annie Kalmar gekannt und geliebt hatte. Erst seit er Sidonie begegnet war, sah er die Dinge anders.

Er öffnete die Tür einen Spalt und lauschte. Im Haus war alles still. Er trat auf den Flur, er überquerte den Flur, leise, niemand sollte ihn hören. Nicht nur Rilke schlief auf dieser Etage, auch Sidonies Bruder Charlie hatte hier seine Räume. Niemand durfte hören, niemand sollte wissen, was Kraus hier unternahm. Eigentlich war die Situation mehr als peinlich, eigentlich war sie unmöglich, war geradezu demütigend, und nichts war Kraus verhasster, als gedemütigt zu werden. Sidonie hatte ihn nachdrücklich um diese Vorsicht gebeten. Allein um ihretwillen verhielt er sich so, dabei war er längst entschlossen, die Sachlage zu ändern.

Vorsichtig öffnete er die Tür zu dem Zimmer, in dem Sidonie schlief, und schlich hinein.

Sie tastete nach dem silbernen Etui auf ihrem Nachttisch, öffnete es und entnahm eine Zigarette, die sie anzündete. Es war das nach einer vollzogenen Kohabitation bei ihr übliche Verhalten. Karl Kraus missfiel dies, doch mochte sie davon nicht lassen. Die Streiterei deswegen gehörte zu den kleinen Kontroversen, die es zwischen ihnen gab.

Sie sah, wie sich die ausgeatmeten Rauchwölkchen im Licht der Nachttischlampe verloren. Neben ihr griff Kraus nach seiner Brille und setzte sie auf. Mit beiden Armen umschlang er seinen nackten Oberkörper, seine rechte Schulter stand erkennbar höher als die linke.

Sidi, sagte er, hör mir zu. Ich will mich endlich nicht mehr mit dir verstecken müssen. Ich will nachts nicht mehr heimlich in dein Zimmer schleichen.

Ach, Karl. Du weißt, dass ich Rücksichten nehmen muss. Wie sehr sie mich auch quälen. Wir sind nicht allein hier, auf dieser Etage.

Du redest von Rilke?

Auch.

Wie lang will er noch bleiben?

Ich weiß es nicht. Er hat es mir nicht gesagt. Rilke kommt und geht, wie er mag, so war er schon immer. Außerdem hat er gerade eine Zahnbehandlung, in Beneschau.

Der Kerl stört mich.

Bist du eifersüchtig?

Muss ich das sein?

Manchmal kommt es mir so vor.

Ich mag ihn nicht sonderlich. Als Person. Er ist wehleidig, affektiert und verlogen.

Du bist ungerecht.

Ich sage dir meinen Eindruck.

Dann sage ich dir den meinen. Rilke ist ein bedeutender Dichter. Seine Gedichte sind voller Empfindsamkeit und Wohlklang. Sie sind schön.

Sollte dies das Einzige sein, worin wir bei Rilke unterschiedlicher Meinung sind, wäre ich es zufrieden.

Er hat ein bedeutendes Publikum.

Das habe ich auch.

Beneidest du ihn um das seine?

Nein. Das seine besteht aus verwöhnten Adelsdamen mit viel Geld. Er feiert sie samt ihren Schlössern, zum Lohn dürfen sie ihn aushalten.

Du redest auch von mir?

Ich rede von seinen anderen Blaublüterinnen. Manche sind etwas welk. Die von Thurn und Taxis zum Beispiel, ihre Sippe wurde vor dreihundert Jahren geadelt. Du bist bloß Freifrau und bist es erst anderthalb Jahrzehnte. Ich erwähne das, damit du weißt, welchen Rang du bei Rilke einnimmst.

Mich interessiert nicht, welchen Rang ich bei ihm einnehme.

Dann ist alles gut.

Er erhob sich und zog seinen dunkelblauen Nachtmantel über. Die Bekleidung machte, dass der Stand seiner rechten Schulter weniger auffiel. Auf nackten Sohlen ging er zum Fenster und starrte hinaus. Im oberen Fensterrand, sah Sidonie, stand ein blanker Dreiviertelmond.

Vor einem Jahr, sagte sie, ist mein Bruder Johannes gestorben. Du hast ihn nicht gekannt, Rilke kannte ihn. Er hat von dem Tod erfahren und hat mir umgehend geschrieben. Ich kann seinen Brief auswendig: Niemand, der weiß, was Unfassliches Ihnen widerfahren ist, kann versuchen, in Worten etwas von dem zu versichern, was er empfindet, mag ihm das Herz noch so deutlich und innig zureden.

Das klingt verschroben. Findest du nicht?

Nein.

Begreif doch, dass dieser Mensch in Wahrheit immerfort bloß von sich selber redet.

Sein Brief hat mich damals sehr getröstet.

Rilke kennt immer nur sich.

Darin unterscheidet er sich nicht besonders von Karl Kraus.

Ich liebe dich, Sidi. Die Aufmerksamkeit, die du Rilke gibst, nimmst du mir fort.

Komm endlich schlafen.

Er drehte sich vom Fenster fort und sah sie an. Auf seinen Brillengläsern lag der Widerschein des Lichts ihrer Nachttischlampe. Er sagte:

Lass uns heiraten, Sidi.

Sie zuckte zusammen. Es war, als habe man ihr einen kleinen Stoß versetzt. Sie zerdrückte den Rest ihrer Zigarette in der Schale einer Jakobsmuschel. Einst waren solche Schalen das Erkennungszeichen von Pilgern gewesen, die ins galicische Santiago di Compostela zogen, zum Grab des heiligen Jakobus. Bedeutete ihre Profanierung der Muschel zum Aschenbecher ein willkürliches Sakrileg?

Ich habe darüber nachgedacht, sagte Kraus. Ziemlich lange, und das ist das Ergebnis: Ich möchte dich heiraten, Sidi.

Das ist dein Ernst?

Mein völliger Ernst.

Da das Halten wilder Tiere gesetzlich verboten ist und Haustiere dir kein Vergnügen machen, wolltest du lieber unverheiratet bleiben. So hast du geschrieben.

Ich habe vieles geschrieben. Ich habe auch geschrieben, die Ehe sei eine Mesalliance.

Ich erinnere mich.

Man kann seine Meinung ändern. Ich habe die meine geändert. Weil ich dich kenne und seit ich dich kenne. Ich liebe dich, Sidi. Warum wollen wir nicht heiraten?

Ich denke, mein Bruder Charlie wäre damit nicht einverstanden.

Wir brauchen seine Einwilligung nicht.

Das Gesetz schreibt es vor.

Wir werden das Gesetz missachten.

Das hätte üble Folgen. Charlie würde mir alle materielle Zuwendung sperren. Augenblicklich.

Wir brauchen seine Zuwendung nicht. Außerdem dürfte er längst wissen, wie ich zu dir stehe.

Ich fürchte, er weiß es nicht. Wir haben nie darüber geredet. Eine Ehe mit dir wäre in seinen Augen ein Missgriff. Er möchte mich standesgemäß verheiraten. Er ist stolz auf unseren Adelsrang.

Der ist keine hundert Jahre alt.

Trotzdem. Oder gerade deshalb.

Er löste sich vom Fenster und kehrte zurück zu ihrem Bett. Er hockte sich neben sie und fasste ihre Hände.

Du bist mir, sagte er, immer noch eine Antwort schuldig. Sidi.

Ich weiß. Lass mich darüber nachdenken.

Rilke sollte zum Zahnarzt Václav Poláček fahren. Diesmal würde ihn nicht Sidi chauffieren, vielmehr würde er jene Kutsche benutzen müssen, die ihn vom Bahnhof Beneschau abgeholt hatte. Es war ein trüber Tag, der Niederschlag bringen konnte. Das Gefährt besaß einen Regenschutz, der fürsorglich aufgespannt worden war.

In der Kutsche würde seine Fahrt deutlich länger dauern als in Sidonies Automobil. Er trug Briefe bei sich, hellblaue Couverts, es war dies die von ihm bevorzugte Papierfarbe. Er würde die Sendungen in Beneschau aufgeben, da er vermeiden wollte, dass man in Schloss Janowitz von den Adressatinnen und dem Umfang seiner Korrespondenzen allzu viel erfuhr.

Einer der Briefe ging an Prinzessin Marie von Thurn und Taxis. Darin schilderte er eingehend seinen augenblicklichen Seelenzustand und erwähnte dabei, wie nebenher, seine finanziellen Nöte. Er hoffte, es würde der Prinzessin eine entsprechende Zuwendung entlocken. Zusätzlich wollte er erfahren, ob Marie eine neue Séance veranstaltet und ein neues Medium gefunden habe. An einer von Maries spiritistischen Sitzungen hatte er teilgenommen, und der Verlauf hatte ihn sehr bewegt.

Ein anderer Brief ging an Magda von Hattingberg. Die bestand nach wie vor auf einer raschen Wiederbegegnung, die er in ebenso höflichen wie kunstvollen Formulierungen abzulehnen wusste. Er spürte deutlich, dass er ihrer inzwischen etwas überdrüssig geworden war. Trotzdem ist alles gut, schrieb er ihr, war ich doch zutiefst in deiner Seele, in deinem Herzen, wie das Kind in der Mutter. Derart gedachte er sie zu trösten.

Der dritte Brief ging an Loulou Albert-Lazard. Sie war eine seiner jüngeren Bekanntschaften, eine Frau mit überraschend freizügigen Ansichten hinsichtlich der körperlichen Liebe, darin nicht unähnlich ihrer Vornamensschwester Andreas-Salomé. Loulou wusste einige Gedichte von ihm auswendig und ließ ihn erkennen, dass sie ihn auch körperlich begehrte, was ihn ebenso faszinierte wie erschreckte. Sie selbst war verheiratet, mit einem sehr viel älteren Münchner Fabrikanten, der durch seine Erfindungen in Sachen Fotografie und den Handel damit ein Vermögen angehäuft hatte. Es kam seiner Frau zugute und war für Rilke ein zusätzliches Motiv des Interesses. Loulou hatte ein Kind, das bei Verwandten aufwuchs. Sie liebte die Unabhängigkeit, die Kunst, den Luxus, Frankreich und Rilke. Geboren war sie in Metz, als Tochter eines Bankiers, in München hatte sie Malerei studiert. Dass Du endlich gekommen bist, schrieb ihr Rilke. Bin ich nicht von jeher auf Dich zugegangen? Loulou war allerdings nicht nur nicht adelig, sie war außerdem Jüdin.

Sie war Jüdin, wie Karl Kraus Jude war. Mit dem lebte Rilke zurzeit unter einem gemeinsamen Schlossdach und musste sich fortwährend die Frage stellen, wie es um das wahre Verhältnis zwischen Kraus und Sidonie bestellt war. Dass die beiden eine Liebesbeziehung hatten, war eindeutig. Dass sie diese Beziehung zu verbergen suchten, machte die Angelegenheit aufregend. Die Prinzessin Marie hatte ihm, Rilke, einmal geschrieben, er sei verliebt, immerzu verliebt, was die reine Wahrheit war, und derart hatte er sich in Sidonie verliebt.

Er hatte es ihr zu verstehen gegeben, in seiner Art, mit sanften Berührungen und ausführlichen Briefen. Sie schien nicht unbeeindruckt. Wem also neigte sie mehr zu, ihm oder Kraus? Rilke wusste es nicht, und dies ärgerte ihn. Noch mehr ärgerte ihn, dass er bei Sidonie einen Wettbewerber hatte, der ihm womöglich überlegen war. Gab der Umstand, dass er selbst jetzt nach Beneschau in einer Kutsche fahren musste statt mit Sidonie in deren Automobil, womöglich ein Hinweis? Oder war Sidonies Automobil bloß defekt? Solche Maschinen, das wusste er von Prinzessin Marie, verhielten sich überaus launisch.

Es begann zu regnen. Tropfen fielen auf die Überspannung und erzeugten ein Trommelgeräusch. Der Kutscher rief dem Pferd etwas zu und ließ dazu seine Peitsche schnalzen.

Rilke dachte an Kraus. Der Mann besaß einen scharfen jüdischen Verstand, für den er auch berühmt war. Seine Prosa war gelenkig, doch fehlte ihr jene Behutsamkeit, die ihm, Rilke, im Übermaß zur Verfügung stand. Worauf würde sich Sidie lieber einlassen? Sie war eine Frau, und Frauen verlangten nach Behutsamkeit, auch bei ihren Lektüren.

Die Kutsche fuhr durch Beneschau. Der Regen hatte aufgehört, Rilke bat den Kutscher zu halten. Er sprang aus dem Wagen und warf am Straßenrand seine drei Briefe in einen Postkasten. Dann stieg er wieder ein. Die Kutsche fuhr weiter, bis zu dem Haus mit der Ordination des Zahnarztes Václav Poláček.

Rilke war jetzt fest entschlossen, die Konkurrenz mit Karl Kraus durchzustehen.

Seit mehreren Jahren ließ sich Karl von Nádherný die Londoner Zeitung The Times schicken. Sie traf in Janowitz mit Verspätung ein, Charlie hatte da die wichtigen Neuigkeiten bereits den Prager und Wiener Blättern entnommen, die er sich außerdem hielt. In der Times überflog er die Wirtschaftsmeldungen, die ihn und die österreichischen Regionen selten betrafen, hauptsächlich bezog er das Blatt für May-May, seine einstige Erzieherin.

Die las The Times am späten Vormittag, unmittelbar nach deren Eintreffen. Sie las in der Bibliothek, gewöhnlich in Charlies Anwesenheit, der seinerseits in die Neue Freie Presse aus Wien vertieft war. So auch jetzt. Wie üblich suchte sie zunächst die Obituaries, die ausführlichen Nachrufe also, in denen es um Personen ging, die ihr völlig unbekannt waren. Danach las sie die Gesellschaftsnachrichten.

Auf der zweiten Seite entdeckte sie eine Überschrift betreffend die Regierung in Wien. In dem zugehörigen Artikel ging es um den Mord in Sarajevo, um Diplomatie, um Russland, Deutschland, Serbien und einen möglichen Krieg, in den auch England hineingezogen werden könnte. May-May las es und wusste nicht, ob ein solcher Krieg, wenn er denn stattfand, unmittelbare Folgen für ihre Person haben könnte, schließlich besaß sie weiterhin die britische Staatsbürgerschaft.

Sie fragte Charlie, was er von der Sache halte. Wie üblich sprachen die beiden miteinander englisch. Charlie, rauchende Tabakspfeife im Mund, ließ seine Zeitung sinken und sagte, nach seiner Kenntnis sei das Vereinigte Königreich von dem Konflikt nicht unmittelbar betroffen. May-May wollte wissen, ob man da sicher sein könne.

Sicher, sagte Charlie, sei in der großen Politik gar nichts.

Wie es denn überhaupt zu dem Konflikt gekommen sei? Was das Attentat auf den Kronprinzen damit zu tun habe?

Charlie nahm die Pfeife aus dem Mund, legte sie in einen kristallenen Aschenbecher und begann mit einer ausführlichen Erklärung.

Das Kaiserreich Österreich-Ungarn sei, wie May-May wahrscheinlich wisse, ein Vielvölkerstaat. Das sei seit Langem so, und trotz aller Schwierigkeiten und Auseinandersetzungen habe es sich in dieser Form halten können. Gleich hinter Ungarn beginne der Balkan. Das sei eine mehr als unruhige und komplizierte Gegend, spätestens seit die osmanischen Türken sich von dort völlig zurückgezogen hätten. Immerfort bloß Intrigen, Spannungen, Religionsstreitigkeiten, Verschwörungen, Bürgerkrieg. Um an der Südflanke seines Reiches Frieden zu schaffen, habe Österreich vor ein paar Jahren die Herrschaft über die Territorien Bosnien und Herzegowina angetreten. Der Friede habe auch gehalten, aber er habe gefährliche Gegner erbracht, voran das Königreich Serbien. Sarajevo, Ort des Attentats, sei die Hauptstadt von Bosnien. Dort habe der Erzherzog die Ansprüche der Krone repräsentieren sollen. Mit seiner Frau sei er im offenen Wagen durch die Stadt gefahren, was vielleicht etwas leichtsinnig gewesen sei, denn an einer Straßenecke seien die beiden dann heimtückisch niedergeschossen worden. Das habe wohl eine Art Fanal des serbischen Widerstands bedeuten wollen. Der Attentäter sei ein Verschwörer, seine Hintermänner säßen im Königreich Serbien und würden von der dortigen Regierung gedeckt. Wien warte dringlich auf eine Erklärung aus Belgrad, auf eine Entschuldigung, auf die Verfolgung und Bestrafung aller Verschwörer. Soviel er wisse, werde die Wiener Regierung dies demnächst fordern.

Was denn mit England sei, wollte May-May wissen.

Serbien und Russland seien verbündet, sagte Charlie. Russland wiederum sei verbündet außer mit Frankreich auch mit England.

Und?

Falls Serbien militärisch angegriffen werde, träten diese Bündnisse in Kraft. Gegner von Russland sei neben Österreich-Ungarn noch das mit diesem verbündete und sehr mächtige Deutschland.

Ob Serbien tatsächlich angegriffen werde?

Niemand wisse das. In Wien gebe es Kräfte, die einen militärischen Angriff unbedingt wollten. Sofern er, Charlie, die Zeitungen richtig lese, gebe es ähnliche Kräfte auch in Berlin.

Ein großer Krieg also?

Der wäre die Folge.

What will happen to me?, fragte aufgeregt May-May. Was dann aus ihr würde?

Man werde schon eine Lösung finden, sagte Charlie. I’m sure we’ll find a solution.

Er nahm seine Tabakspfeife aus dem kristallenen Aschenbecher und entzündete sie neu. Er rauchte, griff nach seiner Zeitung, der Neuen Freien Presse, und las darin weiter. Dass er aktiv an einem möglichen Krieg teilnehmen müsse, war unwahrscheinlich, wusste May-May. Als er früher zu einer Offiziersausbildung hatte antreten wollen, war er ausgemustert worden, aus gesundheitlichen Gründen.

Am einem der folgenden Abende las Rilke aus seinen Arbeiten. Sidonie hatte ihn mehrmals darum gebeten. Zunächst hatte er sich etwas geziert und erwähnte körperliches Unwohlsein in der Folge seiner Zahnbehandlung. Inzwischen trug er seit Tagen eine funkelnde Goldkrone in seinem Gebiss, die, wenn er den Mund öffnete, so beim Verzehr seines Körnerbreis, auch zu erkennen war.

Als Sidonie Rilke gebeten hatte, war Kraus zugegen gewesen. Er hatte nichts gesagt, wiewohl ihn die Sache ärgerte. Selber hatte er eine öffentliche Lesung des Dichters schon erlebt, vor langer Zeit, in Wien, Sidonie kannte er damals noch nicht. Seine Erinnerung an jenen Abend war diffus, er wusste bloß, dass Rilke zu leise gesprochen hatte. Jetzt konnte er herausfinden, ob sich daran etwas geändert hatte. Wenn er selbst seine Texte vor Zuhörern sprach, geschah dies mit schneidend scharfer und für jedermann verständlicher Stimme. Er tat das regelmäßig.

Draußen im Park war Dämmerung. Das Dienstpersonal hatte Kerzen aufgestellt und angezündet. Die Zuhörer waren außer Kraus, Sidonie, Charlie und May-May Rilkes Zahnarzt aus Beneschau mit seiner Frau, einer hochbusigen Blondine, außerdem Sidonies Freundin Pejačevič, die erst diesen Nachmittag eingetroffen war, Kraus hatte sie zuvor nie gesehen. Rilke trug seinen hellen Anzug mit der fliederfarbenen Krawatte. Den für ihn bereitgestellten Sessel verschmähte er und wollte lieber, wie er es gewohnt war, im Stehen vortragen.

Er begann mit etlichen seiner Dinggedichte. Dazu hielt er ein Buch in den Händen, aus dem Papierstreifen als Lesezeichen heraushingen, kleine weiße Zungen. Manche seiner Verse wusste er auswendig. Seine Stimme war melodiös und hatte einen starken oberdeutschen Akzent.

Unter den Gedichten waren »Der Panther«, »In einem fremden Park« und »Die Fensterrose«. Der Park befand sich offensichtlich in Skandinavien, von einer Freiin Brite Sophie war die Rede, doch dieser Name hätte ganz gut Freiin Sidonie lauten können, eine gewisse Klangähnlichkeit war gegeben, und also war mit dem Park ebenso der von Janowitz gemeint.

Was stehst du oft? Was hören deine Ohren?

Und warum siehst du schließlich, wie verloren,

die Falter flimmern um den hohen Phlox.

Es blühte viel Phlox in Janowitz. Auch Schmetterlinge flatterten hier reichlich. Kraus drehte den Kopf zu der neben ihm sitzenden Sidonie, die ein dankbares Lächeln zeigte, offenbar hatte sie Rilkes Verse genau so verstanden wie von Kraus geargwöhnt und von Rilke wohl gemeint.

Draußen, hinter den Fenstern, breitete sich Dunkelheit aus. Sterne begannen zu flimmern. Sidonie winkte einem Diener, dass er die weißen Tüllgardinen vor die Scheiben zog, es machte den Raum intimer.

Kraus entdeckte, dass er sich der Eindringlichkeit von Rilkes Wortkunst nicht völlig entziehen konnte. Wieso war ihm niemals der Einfall gekommen, selbst derartige Verse zu verfassen? Hantierte er nicht gleichfalls mit Versmaß und Reim? Was er dann von sich selbst in »Die Fackel« setzte, klang durchweg kalt und spöttisch, in der Manier des von ihm geschätzten Frank Wedekind. Wieso schrieb er keine zärtlichen Verse über die Natur, über Landschaften, über Frauen, über die Liebe? Wieso probierte er dies nicht?

Rilke schien Sidonies dankbares Lächeln bemerkt zu haben. Sein Vortrag wurde sicherer. Er las weitere Park-Gedichte, er las ausführliche Strophen über eine Rosenschale und las »Archaischer Torso Apolls«. Hier lauteten die abschließenden Worte: Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern. Kraus bemerkte, wie Rilke ihn dabei ansah. Mit dem Menschen, der da sein Leben ändern sollte, sollte offenbar er, Karl Kraus, gemeint sein, was nichts anderes als eine sublime Frechheit war.

Rilke goss aus einer für ihn bereitstehenden Karaffe Wasser in ein Glas und trank. Dann sagte er, dass er seit Längerem an einer großen Arbeit sitze, eine Serie von Elegien, die zu vollenden ihm bislang nicht vergönnt gewesen sei. Drei habe er fertiggestellt und bereits aus der Hand gegeben, und es sei ihm ein Bedürfnis, die erste davon an diesem von ihm so geliebten Ort vorzutragen.

Er nahm ein paar hellblaue Papierbögen zur Hand und las ab:

Wer, wenn ich schriee, hörte mich denn aus der Engel

Ordnungen? und gesetzt selbst, es nähme

einer mich plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem

stärkeren Dasein. Denn das Schöne ist nichts

als des Schrecklichen Anfang, den wir noch grade ertragen,

und wir bewundern es so, weil es gelassen verschmäht,

uns zu zerstören. Ein jeder Engel ist schrecklich.

Kraus war irritiert. Was wurde denn hier ausgesagt? Es ging um einen Engel, der einen menschlichen Aufschrei hörte. Möglicherweise würde er sich des Schreiers annehmen. Um welchen Engel handelte es sich? Bekannt waren Namen wie Michael, Gabriel und Raphael, alle drei Erzengel, was zu der vom Dichter behaupteten Ordnung passen würde. Engel waren himmlische Boten. Nach Lehre des Scholastikers Thomas von Aquin handelte es sich bei ihnen um wesenlose Geschöpfe, die, weil keinen Blutkreislauf, auch kein Herz hatten, an das sie jemanden hätten nehmen können. War hier das Herz bloß eine Metapher? Wie aber konnte einer Metapher ein so starkes Dasein haben, dass jemand daran verging, also sich auflöste? Alles erhabener Unsinn. Wie aber stand es um die Behauptung, das Schöne sei bloß des Schrecklichen Anfang? Sie widersprach aller normativen Ästhetik und aller allgemeinen Erfahrung. Dass dieses Schön-Schreckliche auf Zerstörung verzichtete, nun ja, man konnte es bewundern. Dass aber sämtliche Engel schrecklich seien, verstieß gegen alle christliche Theologie. War Rilke nicht römisch-katholisch getauft, so wie er, Karl Kraus?

Draußen, vor den Fenstern, wurde es Nacht. Hinter die transparenten Gardinen hatte sich ein abnehmender Mond gesetzt. Die Kerzen flackerten, in deren Widerschein der kleinwüchsige Rilke wie ein Priester wirkte.

Von sich selbst hingerissen, skandierte er weiter. Seine im Hölderlin-Ton abgefasste Klage über menschliche Unzulänglichkeiten erwähnte Getier, Bäume, Liebende, Jungverstorbene. Der wenig bekannte griechische Halbgott Linos kam vor, ebenso Gaspara Stampa, eine venezianische Hure und Dichterin aus der Renaissance. Die überquellende Flut aus dunklen Bildern und rätselhaften Anspielungen floss, hexametrisch gegliedert, aus Rilkes schnurrbärtigem Mund. Kraus entschloss sich, das aufwendige Wortgeklingel des Dichters endgültig nicht zu mögen. Er blickte auf die neben ihm sitzenden Sidonie. Diesmal lächelte sie nicht. Kraus vermutete, dass ihr die eben gehörte Elegie Verständnisprobleme bereitete. Wenn Rilke auf sie Eindruck machen wollte, hatte er sich hier vertan.

Der trank erneut aus dem Wasserglas. Er sagte dann, er wolle mit einem früheren Gedicht schließen. Es heiße »Der Dichter«, Kraus verstand dies so, dass Rilke damit sich selber meinte:

Du entfernst dich von mir, du Stunde.

Wunden schlägt mir dein Flügelschlag.

Allein: was soll ich mit meinem Munde?

mit meiner Nacht? mit meinem Tag?

Ich habe keine Geliebte, kein Haus,

keine Stelle auf der ich lebe.

Alle Dinge, an die ich mich gebe,

werden reich und geben mich aus.

Abermals erfolgte der Vortrag auswendig. Kraus sah, dass Sidonie tief beeindruckt war, ihm schien auch, als habe sie feuchte Augen. Rilke blickte zu ihr hin, während er sein Buch schloss, um es in seine Jackentasche zu tun. Er nickte, lächelte und verbeugte sich tief. Kraus hegte den Verdacht, Rilke habe mit seiner Textauswahl, seiner Lesung, seinen Inhalten seinen unbedingten Besitzanspruch auf Sidonie anmelden wollen.

Charlie wurde zu einem Unfall gerufen. Einer seiner Pächter hatte sich bei der Arbeit an einer Maschine verletzt. Es bestand die Anweisung, dass in solchen Situationen der Gutsherr umgehend zu benachrichtigen sei. Charlie ließ sein Pferd satteln und ritt ins Dorf.

Der Unfall erwies sich als nicht so schwer, wie zunächst angenommen. Der Pächter, ein junger Tscheche, hatte sich den linken Arm gebrochen, die Fraktur war offen, aus dem Ärmel tropfte Blut. Charlie veranlasste, dass ein provisorischer Verband angelegt und eine Kutsche gerufen wurde, die den Verletzten zur ärztlichen Behandlung nach Beneschau brachte.

Nach seiner Rückkehr ließ Charlie sich einen Tee servieren. Es war jetzt später Vormittag. Er griff nach der Neuen Freie Presse vom Tag und las:

Der österreichisch-ungarische Gesandte Freiherr v. Giesl hat der serbischen Regierung Donnerstag abends um sechs Uhr eine Note überreicht. Die Antwort muss binnen achtundvierzig Stunden gegeben werden, und die Frist zu einer friedlichen Auseinandersetzung wird am nächsten Samstag um sechs Uhr abends verflossen sein. Binnen achtundvierzig Stunden wird somit die Entscheidung über Krieg und Frieden fallen.

Bei der Note, von der die Rede war, handelte es sich erkennbar um jene politische Initiative, über die seit mehreren Tagen spekuliert wurde. Die Ermordung des Kronprinzen lag inzwischen fast einen Monat zurück. Dass die Serben sich zu keinerlei Maßnahme entschlossen hatten, war ebenso merkwürdig wie die vierwöchige Zurückhaltung Österreich-Ungarns. Der alte Kaiser weilte, wie um diese Jahreszeit üblich, in Bad Ischl, seinem Sommeraufenthalt. Dies ließ sich als ein Zeichen prinzipieller Friedfertigkeit deuten. Zugleich war zu lesen von auffälligem Kommen und Gehen höchstrangiger Regierungsleute bei Franz Joseph, der seinen Aufenthalt im Salzkammergut jederzeit abbrechen konnte.

Charlie legte die Zeitung beiseite. Er nahm seine Tabakspfeife und stopfte sie. Er dachte an das Gespräch, das er mit May-May über die politische Situation geführt hatte. Der Krieg war nun wahrscheinlicher geworden. Was, wenn er tatsächlich ausbrach? Aktiv würde er, Charlie, daran nicht teilnehmen können, da er keinerlei militärische Ausbildung besaß.

Musste er sich deswegen grämen? Er war eine friedfertige Natur. Seine Familie stand allem Soldatischen eher fern. Mit ihrem slawischen Herkommen hatte das wenig zu tun, der auf staatliche Eigenstaatlichkeit drängende Radikalismus der Jungtschechen war ihr fremd. Er selbst hatte in Graz studiert, Rechtswissenschaften, er war dort promoviert worden und hatte danach in einem Prager Amtsgericht gearbeitet, für einige Zeit, bis er der Bitte seines Bruders Johannes nachkam, an der Verwaltung von Janowitz mitzuwirken. Er war Jurist, und Juristen waren patriotische Gesellen.

Karl Kraus kam vorbei, sah die Zeitung und fragte, ob er sie lesen dürfe. Natürlich durfte er.

Ich hasse das Blatt, sagte Kraus. Um es hassen zu können, muss ich es ausführlich zur Kenntnis nehmen.

Sie reden von Hass?

Ja. Der muss produktiv machen. Sonst ist es gleich gescheiter, zu lieben.

Kraus griff nach der Zeitung und hielt sich die Titelseite nahe an die kurzsichtigen Augen.

Oh, sagte er. Ziemlich dramatisch, was ich lese. Schlampig formuliert, so wie immer.

Es könnte zum Krieg kommen, sagte Charlie. Oder sehen Sie das anders?

Ich sehe es nicht anders.

Vielleicht brauchen wir diesen Krieg?

Das ist nicht Ihr Ernst.

Ich denke darüber nach. Vielleicht brauchen wir so was wie einen Aufbruch.

Einen Aufbruch? So. Und was soll er uns bringen? Die Erlösung? Den Untergang?

Um das zu erfahren, müsste man ihn angehen.

Auch wenn es den Kopf kostet?

Krieg hat immer mit Tod zu tun hat.

Vorgefasstes Töten heißt Morden. Die Mörder sitzen an der Kassa der Weltgeschichte, sozusagen, sie nehmen Siege ein und notieren den Umsatz in Blut. Wenn dieser Krieg ausbricht, lieber Charlie, werden wir alle auf einem blutigen Schlachtfeld aufwachen.

Charlie hätte hier antworten können, dass der Krieg vielleicht eine nationale Prüfung sei. Alles Kranke, Überflüssige, Verderbte, das existiere, könne durch ihn beseitigt werden. Er stärke die Kräfte. Er setze neue Ziele. Er schaffe ein anderes Bewusstsein. Das alles sagte Charlie nicht. Im Disput war er Kraus unterlegen. Der war gegen diesen Krieg, und vielleicht war er gegen jeden Krieg. Wie in allen seinen Haltungen und Meiningen verhielt er sich auch hier wieder radikal.

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