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Robert Heymann

Rasputin

Saga

RasputinCopyright © 1917, 2019 Robert Heymann und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711503584

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Vorwort.

Es war nicht die sensationelle Atmosphäre, die mich reizte, ein Buch über den seltsamen Mönch von Petersburg zu schreiben, von dem die Unwissenden sagen, er sei ein Abenteurer und Wüstling gewesen, während ihn besser Informierte leichthin als religiösen Fanatiker abtun.

Aber mit einem Schlagwort ist das Rätsel dieser Persönlichkeit nicht erschöpft. Und dieses dunkle Problem, das wie die Mondscheibe bleich und unheimlich über Sümpfen stand, hat mich gereizt.

Diese jedenfalls ungewöhnliche Erscheinung Rasputins konnte nur in russischen Verhältnissen gedeihen, von denen die Zentraleuropäer so oft annehmen, sie seien die unzivilisiertesten der Welt, während in Wahrheit grosse Kreise Russlands zu den überkultiviertesten zählen. Aber nach dem alten Sprichwort „les extrêmes se touchent“ liegen die Berührungspunkte nahe beisammen, und die Brücke, welche die Unkultur des weiten Russlands mit dem Raffinement Petersburgs verbindet, ist mit dem heiligen Bildnis des Zaren geschmückt, dem Ochrana und Synod als Fresken dienen. Die russische Unkultur ist stumpf und primitiv, die russische Überkultur ist die Brutstätte jener ungeheuerlichen Erscheinungen, für die uns Westeuropäern Verständnis und manchmal sogar der Glaube fehlt.

Rasputin kam aus den Niederungen, mit allen starken Instinkten unverbrauchter Volkskraft versehen, eine Bauernnatur, aber mit der feinen Witterung für erotische Vibrationen behaftet.

Damit wäre freilich das Charakterbild eines Abenteurers erschöpft, der ebensogut sich zu einem Cagliostro wie zu einem Grafen St. Germain entwickeln konnte. Aber in diesem Rasputin steckte zweifellos ein Funke des Geistes Savanarolas; er war mit einer jener verlorenen Seelen der „Wiedertäufer“ behaftet, die ewig zwischen himmlischer Ekstase und irdischem Derketokult hin und hergeschleudert werden. Rasputin ist der ewige Jude. Ahasver, der fluchbeladene, kam nach Petersburg, um seine Bestimmung am Hofe des haltlosen Zaren Nikolaus zu erfüllen. Rasputin — sagt man — ist tot. Aber Ahasver ist unsterblich. Und was mit Rasputin starb, war nur ein Begriff. Die fluchwürdige Idee aber lebt und wird eine neue Persönlichkeit schaffen. Liegt in dieser bereits durch die letzte Vergangenheit verbürgten Tatsache nicht ein Problem begründet, das wert ist, auch einmal den Romanschriftsteller zu beschäftigen?

Robert Heymann

Erstes Kapitel.

Es ist das eigene, wunderbare Heraustreten aus sich selbst, das die Anschauung des eigenen Ich vom andern Standpunkt gestattet, welches dann als ein sich dem höheren Willen genügendes Mittel erscheint, dem Zweck zu dienen, den er sich als den höchsten, im Leben zu erringenden gesetzt hat. Gibt es etwas Höheres, als das Leben im Leben zu beherrschen, als seine Erscheinungen, seine reichen Genüsse wie einen mächtigen Zauber zu bannen, nach der Willkür, die dem Herrscher verstattet?

E. T. A. Hoffmann

Elixiere des Teufels.

Er kam — wer konnte sagen woher?

Von Sibirien, heisst es. Aber das erscheint nebensächlich.

Er hatte einen breiten Bauernkopf mit den typischen Backenknochen der Slaven. Sein dichtes Haar war beinahe blauschwarz und in der Mitte gescheitelt. So fiel es in zwei Flügeln über die Stirne, die merkwürdig hoch und gewölbt war.

Seine Augen lagen tief in den Höhlen. Ein asketischer Glanz war ihnen eigen. Vielleicht war es das Licht, das in dieser merkwürdigen Seele brannte und ursprünglich heiligen Gedanken geleuchtet hatte. Diese Augen waren überschattet von starken, vorspringenden Brauen. Die Knochen des Schädels verrieten auch unter diesen Wulsten ihre Eckigkeit und Derbheit. Die Nase war nicht unedel, endete aber in leidenschaftliche Nüstern, von denen breite Rinnsale herabkrochen, die überstandene Leidenschaften bezeugten.

Der Mund war sinnlich, von einem mongolischen Barte überdeckt, der das trotzige Kinn frei liess und in dicken Spitzen in den Backenbart floss, der die Brust verbarg, eine hochgewölbte Brust, die machtvolle Schultern trug.

Er hatte einen zögernden Gang, in dem sich das Lauern der nie ruhenden Gedanken und Erwägungen kundtat.

So trat er an jenem Sommerabend bei dem Schuster Nikolai Issup ein, der am kleinen Prospekt ein Lädchen hatte. Im Vorderraum verkaufte er Schuhe und im Hinterraum betrieb er sein Handwerk.

Eben läuteten die Glocken der Kathedrale Maria Verkündigung.

Nikolai Issup erhob sich, als er die Türe des Ladens gehen hörte. Doch schon trat der Fremde in das Hinterzimmer. Der Schuster starrte ihn verwirrt an. Gewiss war der Fremde keine ungewöhnliche Erscheinung in diesem Lande und in diesem Viertel der seltsamen Physiognomien, wo der revolutionäre Geist kosmopolitische Gestalten zusammenpeitscht. Aber das Auge dieses Mannes ruhte mit einem gebietenden Ausdruck auf dem Schuster.

„Sie haben ein Zimmer frei“, sagte der Fremde.

„Ganz recht“.

„Hat es Aussicht auf die kleine Newa?“

„Ja, aber . . .“

Der Fremde setzte sich und musterte den Schuster. Dieser gab sich einen Ruck und reichte ihm die schwielige Hand.

Auch er war ein starknackiger Bauernsohn mit angegrautem Haar.

„Sie wollen hier wohnen?“

„Ja. Wollen Sie mir sagen, welche Einwendung Sie eben unterdrückten?“

„Sei nicht ungehalten, Bruder! Man muss so vorsichtig sein. Es gibt so viele Leute, die allerhand verfängliche Fragen stellen, sich einnisten, spionieren, die Harmlosesten in ihr Spinngewebe von politischen Erwägungen verstricken und verwickeln, bis der dumme Teufel von Muschik sich dem Judas an den Hals wirft und ihm seine Kümmernisse aus plaudert. Daraus wird ein Komplott, und der arme Kerl wird eines Tages nach dem Polizeibüro und nach der Festung geholt und wegen revolutionärer Propaganda angeklagt. Was das heisst, Bruder — —“ der Sprecher seufzte tief auf und warf einen Blick nach dem Laden, als wollte er sich vergewissern, dass kein unberufener Zeuge lauschte — „was das heisst, wissen wir: Kerker, Sibirien — oh, oh, Sibirien!“

Der Fremde lächelte, sein Gesicht bekam einen gutmütigen Ausdruck.

„Sibirien ist schön; Sibirien ist ein fruchtbares Land, dessen Brüste schwellen und das in melodischem Rhythmus stille, süsse Lieder der Freude atmet.“

„Du kommst aus Sibirien?“

Der Fremde schien die Frage zu überhören. Er fuhr fort:

„Wie gesagt, ich möchte von meinem Zimmer gerne auf die kleine Newa blicken. Ich möchte nachts die Lichter von Petersburg leuchten sehen. Ich habe Sehnsucht nach Petersburg. Und ich hoffe, ja ich bin sicher . . .“

Er vollendete den Satz nicht. Ein junges Mädchen trat leichtfüssig in die Werkstatt. Sie hatte — o Wunder — goldenes Haar. Das warf seine hellen Lichter noch in die dunklen Augen, die scheu den Fremden streiften.

Der Schuster nahm sie bei der Hand, küsste sie und sagte:

„Akulina, meine Nichte.“

Der Fremde erhob sich. In dem Augenblick schien er zu wachsen, eine geheimnisvolle Kraft schien ihm Fähigkeiten und Schwingen zu verleihen, die durch eine verwandte Seele ausgelöst wurden.

Akulina betrachtete den Mann mit einem forschenden Blick. Er löste die Augen nicht von den ihren. Eine geheimnisvolle Gewalt ging von ihnen aus, die der merkwürdige Mensch zu erproben schien. Akulina riss sich los, wandte sich um und sagte vernehmlich:

„Maxim kommt heute Abend!“

„Ah, ah, Maxim!“ Der Schuster war erfreut und verlegen zugleich, und um das Gespräch zu Ende zu bringen, wandte er sich wieder an seine Gast:

„Also das gewünschte Zimmer ist frei.“

„Dann werde ich es beziehen. Wegen des Mietspreises sei ohne Sorge, Väterchen!“

„Nun denn — geh voran, Bruder — es ist das letzte, das ich zu vergeben habe. Eigentlich waren es ja nur zwei. In dem andern wohnt eine junge Journalistin. Sie schreibt für den Rjetsch . . . und andere Zeitungen. Doch komm!“

Er öffnete die Türe. Der Fremde hatte sich nach Akulina umgewandt. Seine unheimlichen Augen umfassten das junge Mädchen. Sie fühlte sich hilflos und beleidigt.

Die beiden Männer schritten nun durch einen dunklen Korridor, den ein schwankendes Öllämpchen notdürftig erhellte. Dann öffnete der Schuster eine Türe und der Fremde tat einen Blick in seine künftige Wohnung. Es war ein sauberes Zimmer mit einem Fenster, durch das sich jetzt schon die Dämmerung stahl. Weisse Vorhänge verbreiteten den Duft von Reinlichkeit und Behaglichkeit. An den Wänden hingen die Bilder der Heiligen mit schönen Sprüchen.

Der Fremde las einige.

„Du bist fromm, Väterchen!“

„Wir sind alle fromm. Von wem sollte uns Heil werden, wenn nicht von den Heiligen?“

„Du hast recht:“ erwiderte der andere nachdenklich und Fetzte sich. Er hielt den Blick nach dem Fenster gewandt. „Du hast recht. Von wem sollte uns Heil werden, wenn nicht von den Heiligen? Und Mütterchen Ruskaja braucht Heil und Erlösung. Mütterchen Ruskaja ist wie eine geschändete Frau. Männer mit reinen Seelen und dem Atem Gottes in sich müssen kommen, es zu erlösen.“

Der Schuster wusste nichts darauf zu antworten.

Er ist ein Begnadeter oder ein Spion, dachte er und schloss rasch die Türe, öffnete sie aber nochmals und lud in echt russischer Gastfreundschaft den Fremdling zum Abendtisch.

„Tee und Fisch gibt es. Viel ist es nicht. Aber wer Hunger hat, ist an dem Tische dessen, der bewirten kann, willkommen. Gott schütze dich unter meinem Dache!“

Der Angesprochene nickte nur. Jetzt, in der Dämmerung, hatten seine Augen einen gewaltigen Glanz. Die wundersamen Märchen Russlands schienen aus ihnen zu strahlen.

Zweites Kapitel.

„Dies ist Manuilow — Manussewitsch“, sagte der Schuster und wies auf einen zur Beleibtheit neigenden, sehr gut gekleideten Mann in mittleren Jahren, der aber nicht bei Tisch mit ass, sondern abseits auf einem Sessel Platz genommen hatte.

„Meine Nichte Akulina ist dir bekannt. Hier — Akulinas Bräutigam, Dr. Maxim Wassilieff. Und Ratharina Zienkowskij, die Journalistin, von der ich dir sprach“.

„Ich heisse Rasputin“, gab das neue Mitglied des kleinen Familienkreises einfach bekannt.

Die Unterhaltung war bald im Gange, und es zeigte sich, dass dieser Rasputin aus Sibirien sich viel mit der Politik beschäftigt hatte. Dr. Maxim Wassilieff verwickelte sich alsbald in ein Gespräch mit ihm, indem i sie die Ursachen der letzten grossen Revolution in Russland untersuchten.

Dr. Wassilieff hielt seinen schlanken Kopf, der mit viel feinen, aber widerspruchsvollen Zügen gezeichnet war, erhitzt über den kleinen Tisch geneigt und suchte i Katharina, die Journalistin, zu einem Zeichen der Zustimmung zu bewegen. Aber das junge Mädchen verhielt sich im Gegensat zu sonst, auffallend schweigend und beantwortete keinen der dunklen Blicke, die Rasputin manchmal auf ihr ruhen liess.

Um so öfter sah ihn Akulina an. Sie lauschte seinen Worten leidenschaftlicher als denen ihres Geliebten. Rasputins Erklärungen hatten übrigens gegen die scharf durchdachten Äusserungen Wassilieffs wenig Sinn. Sie bewegten sich im allgemeinen und stellten geistige Forderungen auf, die in keiner konkreten Tatsache wurzelten. Aber wie kam das, dass dieses dunkel gefärbte Organ auf alle eine so bezaubernde Wirkung übte? Und warum hüllte sich die junge Jornalistin in ein geradezu beleidigendes Schweigen? Sie empfand gegen ihn ein klar ausgeprägtes Misstrauen, ja, eine Abneigung, die an Hass grenzte. Akulina hingegen war ihm zugetan seit der ersten Minute, und da sie die Gefahr, in die sie sich begab, nicht ahnte, so tat sie nichts, sich dagegen zu schützen.

Der Schuster warf nur dann und wann ein Wort dazwischen, wenn eine persönliche Erinnerung an die Wintertage von 1905 in Frage kamen. Er hatte den Zug der Zehntausend zum Winterpalast mitgemacht. Als der Name Gapon fiel, jenes Popen, der die Arbeiter verraten und vor die Gewehrläufe der sibirischen Schüben geführt hatte, da sahen sich alle einen Augenblick verblüfft an, verbunden durch einen gemeinsamen Gedanken.

Aber Gapon war tot. Thn hatte die rächende Wasse der Terroristen igendwo da oben in Finnland erreicht. Rasputin lächelte. Er hatte mit der seinen Witterung, die ihm eigen war, den Gedanken aufgefangen.

Ich bin nicht Gapon. Aber, bei Gott, ich fühle seine geistigen Kräfte verdreifacht in mir. Gapon wollte Russland helfen, aber er liess sich von zwei verschiedenen Strömungen tragen und beherrschte keine. So wurde er aus einem Retter ein Verräter. Man muss nicht das Volk beherrschen, um Russland zu helfen. Was nützte dies?“

„Man muss mit dem Volke die geistigen Güter der inneren Freiheit teilen“, unterbrach ihn Dr. Wassilieff, „und dann . . .“

„Nein,“ schnitt ihn Rasputin das Wort ab. „Man müsste den Geist der Gerechtigkeit nach Zarskoje Selo tragen . . . direkt zum Zaren . . . Gott schütze ihn!“

Es wurde still. Was Rasputin sprach, hätte unter anderen Verhältnissen dieser kleinen Tafelrunde einfach lächerlich geklungen. Aber es war etwas so stark Gewolltes in dem Reden dieses Mannes, dass ihn sogar Katharina erstaunt ansah.

Manuilow — Manusseritsch liess die Zeitung auf seinen Sessel sinken und musterte den Sprecher scharf. In seinem undurchdringlichen Gesicht malten sich Aufmerksamkeit und erhöhtes Interesse. Trotz der Lektüre war ihm offenbar kein Wort der Unterhaltung entgangen.

„Wie wollten Sie dies ausführen?“ warf er dazwischen.

„Man müsste sich selbst Eingang verschaffen in Zarskoje Selo.“

„Das ist ein guter Witz,“ erwiderte der Zeitungsleser trocken.

Rasputin würdigte ihn keiner Antwort. Seine Augen ruhten auf Akulina; er erkannte, dass sie an ihn glaubte. An seine Bestimmung, an seine schlummernde Grösse, an seine unbeugsame Seele.

Er lächelte. Ihre Augen trafen sich. Dr. Wassiliff merkte es und stockte im Gespräch. Sein durchgeistigtes bleiches Gesicht färbte sich mit einer Blutwelle.

„Akulina“ sagte er und wollte etwas Gleichgültiges hinzusetzen, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, aber sie sah an ihm vorbei, mit jenem starren, visionären Blick, den Frauen haben, die ihr Schicksal sehen, dem sie nicht mehr entrinnen können.

Der Schuster merkte nichts und mahnte, den Tee nicht kalt werden zu lassen.

Da trat Pureschkiewitsch ein.

Alle erhoben sich. Ihr Verhalten zeigte, welche Achtung dieser Mann genoss. Katharina fasste seinen Arm und hielt ihn fest, als sei sie glücklich, endlich den ersehnten Schutz gefunden zu haben.

Man stellte ihm Rasputin vor, aber Pureschkiewitsch beachtete ihn gar nicht. Er zog sich mit Katharina zurück und winkte Manuilow-Manussewitsch zu sich heran.

Aus ihrer erregten Debatte wurden mehrmals Bruchstücke vernehmbar. Es war klar, dass sie einer Partei angehörten, die sozialistische Interessen vertrat.

Pureschkiewitsch ging mit Katharina alsbald hinweg. Sie wollten den Abend bei Freunden verbringen. Rasputin erhob sich. Er wollte Katharina behilflich sein, in den Mantel zu schlüpfen. während Pureschkiewitsch sich von Wassiliff verabschiedete. Aber Katharina wand sich geschickt von Rasputin los, zu dem Manuilow-Manussewitsch trat.

Er sagte leise:

„Sie werden sich in diesem Kreise auf die Dauer nicht wohl fühlen.“

„Nein.“

„Man müsste an geeigneter Stelle auf Sie aufmerksam werden.

„Wie meinen Sie das?“

„Lassen Sie mich machen. Ich verkehre nicht umsonst hier. Es gibt Menschen in Russland, die zweierlei Seelen haben.“

„Ja, das glaube ich.“

„Es gibt auch solche, die zweierlei Körper haben; einer von den letzteren bin ich.“

Rasputin betrachtete den Mann, der so sprach, aufmerksam. Ein Instinkt sagte ihm sofort, dass er ein Wesen voll übelster Eigenschaften vor sich hatte.

„Geben Sie acht, was man hier spricht. Sie werden viel Interessantes hören,“ fuhr jener fort. „Und dann reden wir zu gegebener Zeit darüber. Gott befohlen.“

Er schloss sich Katharina und ihrem Freunde an. Rasputin kehrte an den Tisch zurück. Es wurde stiller. Der Schuster war müde von seinem Tagewerk und gähnte.

Es war Zeit, dass Wassilieff sich empfahl. Und doch zauderte er noch immer, von einer unerklärlichen Angst gefoltert. Endlich erhob er sich. Er konnte kaum atmen, als er die Augen Rasputins auf sich ruhen fühlte.

Akulina sah ihn mit einem fremden Blick an und zog ihre Hand mechanisch zurück. Wassilieff seufzte tief auf, aber in dem Gesicht Rasputins zeigte sich keine Regung von Mitleid.

Er hielt Akulina mit seinen Augen umklammert. Ihre Seele fror. Nun war sie allein. Der Schuster ging zu Bett, sie begab sich auf ihr Zimmer.

Eine Stunde später trat Rasputin bei ihr ein und bat sie um Feuer für seine Lampe.

Sie reichte ihm das Gewünschte. Er setzte sich. Akulina näherte sich ihm, ohne sich dessen vollkommen bewusst zu sein; er streichelte ihr schönes Haar, das aufgeworfenem Getreide glich.

Dabei sprach er sonderbare Dinge von Gott und Irdischem.

Und nur dies verstand Akulina:

„Das höchste Wesen ist überal. Es ist im All. Das höchste Wesen ist die wunderbare Kraft, schön und rein zu sein, sie ist die Erlösung. Wir alle haben davon einen Teil in uns, aber die Kraft ist viel zu gering, um uns zu erlösen. Also müssen wir uns dem anvertrauen, der von der göttlichen Kraft so viel Ströme in sich aufgenommen hat, dass in ihm ein Teil des göttlichen Wesens ist. In mir ist die Kraft und die Erlösung. Wer sich mir mit Leib und Seele ergibt, trinkt einen Teil dieser Kraft. Was von mir ausgeht, ist eine Lichtquelle, und was ich tue, ist rein.“

Akulina war ein einfaches Wesen. Ihre Seele war tief wie ein Brunnen. Sie liebte Gott und freute sich der Schönheit. Aber in ihr Herz waren nicht umsonst alle die Ströme von Zweifel gedrungen, die von den denkenden Geistern Russlands ausgesandt wurden. Ihre einfache Denkungsart war zerrissen von sonderbaren Vorstellungen über das, was kommen sollte, und ihre Sehnsucht war irregeführt.

Diese Sehnsucht war so stark und gewaltig wie die des ganzen russischen Volkes, das von einigen wenigen missbraucht wird. Und diese Seele ergab sich dürstend der Kraft Rasputins, die aus dem Mystizismus schöpfte, in dem die russische Volksseele schmachtet.

Drittes Kapitel.

In einem eleganten Salon, dessen Fenster einen freien Blick nach der Insel Basilius gewährte, sass General Globutschew über Akten und Briefen.

Von Zeit zu Zeit öffnete sich die Türe und der Leibjäger meldete einen jener Berichterstatter, die Globutschew mehrmals wöchentlich zu empfangen pflegte. Denn der General war der Chef der Ochrana, jener geheimnisvollen und doch öffentlichen Vereinigung von Patrioten, deren Wirken jedermann bekannt ist, ohne dass jemand imstande wäre, über die weitverzweigte Organisation dieser Regierung neben der Regierung ein klares Urteil abzugeben.

Der Diener meldete den General Trepow.

Augenblicklich erhob sich der Chef der Ochrana und ging dem gefürchteten und einflussreichen Kameraden entgegen.

Trepow reichte Globutschew herzlich die Hand und setzte sich.

„Ich möchte einige Worte mit Ihnen reden. Haben Sie bereits von dem Mönch Rasputin gehört?“

„Rasputin? Nein. — — Doch ja, — warten Sie! Ist das nicht jener Sibirier, der sich durch Predigten missliebig gemacht hat?“

„Richtig. Indes haben ihn aber Mitglieder des heiligen Synod jeder Verfolgung entzogen. Der Mönch hat eine seltene Überzeugungskraft, eine bezwingende Stärke des Ausdrucks, eine grosse suggestive Begabung. Er ist sentimental und predigt das kommende geistige Reich Russlands, dessen Führer Zar Nikolaus sein werde, der aber vorher mit allen seinen Ratgebern, den Dienern des Teufels, brechen müsse. Jeglicher Mangel an Logik würde den Mönch ungefährlich machen, wenn er nicht eben durch die Gewalt seiner Geste die Massen in Aufregung brächte . . . und ich denke, wir haben einen zweiten Gapon augenblicklich nicht nötig!

Der Chef der Ochrana lächelte verständnisvoll.

„Man hat mir über Rasputin Bericht erstattet. Manuilow-Manussewitsch war selbst bei mir und empfahl, ihn in die Ochrana zu ziehen. Versuche dieser Art sind fehlgeschlagen. Der Mönch ist ein Schwärmer ohne klare Tendenz . . . aber, Sie haben recht, darum nicht ungefährlich.“

„Ist Ihnen bekannt, dass Protopopow, das Mitglied der Regierung, auf den Mönch aufmerksam wurde und ihn in einen Zirkel einführte, wo unter anderen Persönlichkeiten auch die verwitwete Grossfürstin Sergius verkehrt?“

General Globutschew fuhr auf:

„Soll dies wirklich den Tatsachen entsprechen und mich meine Agenten darüber im Unklaren gelassen haben? Spielt Ihnen die Abneigung gegen Protopopow nicht einen Streich?

Trepow lächelte.

„Ich leugne nicht, dass Protopopow nicht mein Freund ist, aber ich bin doch weit davon entfernt, solche Märchen zu erfinden. Es ist, wie ich Ihnen sage, General. Ich habe die Nachricht verbürgt von Senator Kurlow, der sich gleichfalls bei jener Soiree befunden hat.“

„Diese Nachricht setzt mich in das grösste Erstaunen,“ erwiderte der Chef der Ochrana. „Man muss Rasputin heimlich dorthin gebracht haben.“

„Gräfin Creutz hat, Gott mag wissen wo, den Mönch gehört und ihn durch einen Brief zu sich geladen. Er kam auch ohne Scheu — und die Gräfin fand ein vielleicht sensationelles Vergnügen daran, ihn ihren übrigen Gästen vorzustellen. Was die Grossfürstin betrifft, wissen Sie ja so gut wie ich, dass sie seit der Ermordung ihres Gatten exzentrisch veranlagt ist. Hätte sie sonst damals nach dem Verbrechen es fertig bringen können, den Täter im Gefängnis zu besuchen?“

Der Chef der Ochrana nickte.

„Trotzdem hat man Elisabeth Feodorowna in Moskau eine Sympathie und Anhänglichkeit in allen Volkskreisen bewahrt, die ihr einen gefährlichen Einfluss sichern. Wie . . . wenn sie auf die Idee käme, den Mönch der Kaiserin vorzustellen?“

Trepow setzte wieder sein leises sarkastisches Lächeln auf.

„Ist geschehen, lieber Freund, Graf Dobrinski spielte den Vermittler. Auf jener besagten Soiree bei der Gräfin Creutz legte Rasputin verschiedene erstaunliche Proben seiner spiritistischen Begabung ab. Alle Anwesenden sollen rein verhext gewesen sein. Er hat die Gabe, selbst die Ungläubigen unter seinen Einfluss zu bringen. Kurz und gut, wir müssen uns in das schicken, was heute nicht mehr zu ändern ist: Die Grossfürstin Elisabeth Feodorowna stellt Rasputin heute Ihrer Majestät der Zarin vor.“

General Globutschew schob die Unterlippe vor.

„Also hätte man ihn doch rechtzeitig verhaften sollen.“

Trepow zuckte die Achseln.

„Wer weiss? Man muss abwarten und jedenfalls besorgt sein, dass der Einfluss Rasputins — vorausgesetzt, dass er bei Hofe überhaupt Fuss fassen kann — in die rechten Bahnen gelenkt wird. Ich hoffe, dass Grossfürst Nikolaj Nikolajewitsch das Seine tun wird.“

Globutschew teilte den Optimismus seines Freundes nicht.

„Der Grossfürst beteiligt sich ja selbst mit Vorliebe an spiritistischen Séancen, was man draussen im Publikum weder ahnt noch für möglich halten würde. Doch sei dem wie immer, Sie haben recht: Wir müssen unsere Verbindungen aufbieten, um zu verhindern, dass Rasputin irgend nennenswerten Einfluss bei Hofe gewinnt. Ich werde heute mit einem Teile meiner Freunde, die der Ochrana angehören, konferieren, und Sie, General, sind nicht müssig und warnen die Militärpartei!“ —

Sie schüttelten sich die Hände und die Unterredung war beendet. Trepow fuhr zu seinen politischen Freunden, die übrigens fast sämtlich der Grossfürstenpartei angehörten. Damit bezeichnete man diejenigen Mitglieder der Regierung, die Nikolaj Nikolajewitsch unterstützten, der seit dem Tode des Grossfürsten Sergius einen unbestrittenen dominierenden Einfluss über den Zaren gewonnen hatte.

Viertes Kapitel.

Rasputins Aufstieg ging mit derselben Selbstverständlichkeit vor sich, die sich in dem Wesen dieses merkwürdigen Mannes ausprägte und Natur zur Unnatur, Sinnlosigkeit zur Logik werden liess.

Rasputin kehrte von Zarskoje Selo, wohin ihn die Grossfürstin Elisabeth Feodorowna gebracht hatte, mit einem siegessicheren Lächeln in das Schusterheim am kleinen Prospekt zurück.

Akulina erwartete ihn in grosser Erregung.

„Nun?“ fragte sie, als er eintrat und den schwarzen Mantel ablegte.

Rasputin nahm ihre Hände.

„Es kam, wie ich es voraussah!“

„So sprich!“

„Ich habe den Zaren gesehen!“

„Du . . . hast . . . den Zaren gesehen? Und — gesprochen?“

„Und gesprochen!“

„Und gesprochen! Ich habe den Zaren nie von Angesicht zu Angesicht gesehen. Sprich! Wie sieht er aus?“

„Er ist ein seelenreiner, aber schwacher Mann. Er sehnt sich nach der Aufklärung durch das Licht. Ich werde es ihm bringen. Ich werde meine Hände auf das Haupt des Zarewitsch legen, Tag um Tag, bis der böse Geist, der ihm Krankheit gebracht hat, daraus vertrieben ist. Und die Zarin! Unglückliche, schöne Frau!“

In seine Augen trat ein Leuchten. Seine Lippen umspielte ein Lächeln. Akulinas Arme weckten ihn zur Wirklichkeit.

„Du wirst also jetzt öfters bei Hofe erscheinen?“

„Ja, Akulina.“

„Oh, Grigori, wie bin ich stolz auf dich!“

Er hob ihre schlanke Gestalt zu sich empor. Seine Brust weitete sich. Sein Haupt hob sich . . . Und so schien er wahrhaft grösser zu werden. Die aufgeregte Phantasie Akulinas sah seine Gestalt bis zur Decke wachsen …

Von einer nervösen Leidenschaft ergriffen, presste sie ihre Lippen auf die feinen. Er hielt ihren schlanken jungen Leib mit dem selbstsicheren Griff unüberwindlicher Kraft. Akulina seufzte unter dieser Brutalität und war doch namenlos glücklich.

Der Schuster war nicht zuhause. So störte sie niemand.

Akulina atmete schwer und stammelte:

„So erzähle doch, Grigori! Erzähle!“

„Täubchen, es ist nicht viel zu erzählen. Ich wurde nicht nach Zarskoje Selo geführt. Die Zarin wünschte mich im Winterpalast zu sprechen. Ich weiss nicht warum. Man führte mich durch die Gärten der Eremitage. Ich schritt durch schwer duftende Beete von arabischen Anemonen und chinesischer Bengalrosen. Schwere klosterartige Bogengänge nahmen mich auf. Man geleitete mich über einsame, marmorne Treppen. Dann stand ich in einem Saale, der Kaiserin gegenüber. Sie ist edel und schön, mein weisser Wolf . . . ihre Augen leuchteten mir entgegen wie Sterne in der Nacht. Um sie standen mehrere Damen ihres Dienstes, die Grossfürstin Sergius, zwei Herren in Uniform, die mir nicht bekannt waren.

Die Grossfürstin benahm sich gegen mich mit derselben Freundlichkeit wie auf der Soiree. Sie führte mich zur Zarin. Ich küsste ihr Gewand. Die Zarin fragte mich mit leiser Stimme, die ebenso melancholisch wie ihr Lächeln ist, ob es wahr sei, dass ich mich besonderer Kräfte rühmen dürfe.

Ich antwortete, dem sei wohl so, denn ich sehe oft die Mutter Gottes von Kasan und habe auch sonst nächtlich sonderbare Begegnungen. Ich hätte ein Gesicht gehabt, in dem ich von Petersburg aus weit in das Land einen Strom von Blut habe fliessen sehen, viele weisse Körper seien darin getrieben . . . alle westwärts, nach Polen zu . . .

Die Kaiserin wandte sich erschüttert ab.

„Es ist noch nicht genug,“ hörte ich sie murmeln. „Es ist noch nicht genug.“

Die Grossfürstin Sergius weinte. Über alle Damen kam eine grosse Bewegung, und dies war meinem Gesicht günstig. Denn ich erkannte nun, dass Russland in Bälde in einen furchtbaren Krieg würde verwickelt werden, dessen Ausgang nicht den Wünschen des Zaren entsprechen könnte. Die Zarin sah mich mit tränenschweren Augen an.

„Ich ahne es,“ stammelte sie. Einer der Herren aus der Umgebung der Kaiserin schien von meinen Worten nicht erbaut zu sein. Er bat ihre Majestät, einige Fragen an mich richten zu dürfen, und ich merkte wohl, dass er mich prüfen wollte. So fragte er mich nach einigen Dingen, die mir nicht bekannt sein konnten, und über die nur die Anwesenden unterrichtet waren, so über den Gesundheitszustand des Zaren, über einige Regierungshandlungen seiner Majestät und über ein Vorkommnis in einer der letzten Nächte. Ich weiss nicht wie es kam — aber ich las den Anwesenden die Gedanken von den Mienen ab, und meine Antworten erschütterten die Kaiserin so sehr, dass sie befahl, ich möchte hier warten, sie begebe sich nur zu ihrem Gemahl.

Die Grossfürstin drückte mir die Hand und sagte, ich sei ein geweihter Mann mit ungewöhnlichen Gaben. Die Herren unterhielten sich flüsternd. Da trat der Kaiser ein.

Er sah müde und abgespannt aus. Hinter ihm trat ein hoher, finsterer Mann in der Uniform eines Generals ein und musterte mich mit scharfen grauen Augen. Ich erkannte an der Nase sofort den Grossfürsten Nikolajewitsch, und nun begann der Kaiser in seiner und der Kaiserin Gegenwart, nachdem das Gefolge den Saal verlassen hatte, ein Verhör mit mir, in dessen Verlauf ich ihm viele Dinge sagte, die seinen Beifall und sein Erstaunen hervorriefen. Als ich auf mein Gesicht zu sprechen kam, das wohl den Krieg gerkündete, nickte der Grossfürst beifällig und schnitt mir jede weitere Bemerkung ab mit dem Zwischenruf: „Dieser Krieg, Majestät, wird als letztes Diadem Konstantinopel in Eure Krone fügen.“

Der Kaiser nickte und lächelte verloren, wie es so seine Art ist. Die Kaiserin wagte nicht, wie ich sofort bemerkte, zu widersprechen oder mich aufzufordern, meine wahre Meinung kundzugeben. Und ich war zu klug, sie auszusprechen. Später werde ich auch ihm die Stirne bieten.“

Das Mädchen schauerte. Rasputin sprach, als gelte es die gleichgültigsten Dinge der Welt. In der Tat hatte er die Gabe des zweiten Gesichts, und seine Äusserungen und Vorausahnungen waren geradezu erstaunlich. Aber mit dieser seltenen und wundersamen Gabe verband sich eine Eitelkeit, die zur Prahlerei neigte, eine Selbstüberhebung, die entschlossen war, jeden Weg zu gehen, der zur Höhe führte.

Akulina strich über sein Haar und legte den Schwur ab, ihn nie zu verlassen. Sie wollte weder seine Gattin noch seine Geliebte sein. Sie begnügte sich damit, ihm als Sklavin zu dienen.

Rasputin erwiderte, sie sollte seine Sekretärin werden, er wolle sie zur Mitwisserin all seiner Geheimnisse machen, denn er sei überzeugt von ihrer Treue und Ergebenheit.

Sie sass auf seinem Schosse und hielt sich an seinen Armen fest. Da ging die Tür auf und Dr. Wassilieff trat ein.

Er ging seit mehreren Tagen mit düsteren Entschlüssen umher. Das veränderte Wesen seiner Braut war ihm nicht entgangen. Er vertraute sich schliesslich Pureschkiewitsch an, der sein Freund war.

„Überzeuge Dich, ob der verdammte Mönch und Spion ihr Gemüt verwirrt hat,“ antwortete dieser. „Dann nimm ihn dir vor und vertreibe ihm die Luft, solch edles Wild zu jagen.“

Mit diesem Rat war Wassilieff nicht gedient. Aufgewachsen in Armut, von Studium und Sorgen zermürbt, mit keiner besseren Nahrung als Tee und Zwieback, war Wassilieff nicht imstande, einen Entschluss zu fassen, der Kraft zur Durchführung voraussetzte.

Er war ein armer Neurastheniker, dessen ungewöhnliche Energie nur im Geistigen wurzelte, wo ihm freilich eine bedeutende Zukunft zu winken schien.

Der Gedanke, Akulina könnte sein Vertrauen missbrauchen, raubte ihm jede Überlegung und rief eine Panik seiner Gedanken und Gefühle hervor.

So umschlich er seit Tagen das Haus, ohne den Mut zu finden, sich einmal zu überzeugen.

An diesem Tage nun trat er ein, gerade in dem Augenblick, als die helle Stimme Akulinas dem düsteren Liebhaber Treue und sklavische Ergebenheit zusicherte.

Wassilieff fand die Geliebte in den Armen dieses robusten Mönches, und augenblicklich setzte sein Herz aus. Er fühlte einen Schwindelanfall, bezwang sich aber und trat näher. Akulina war in der ersten Bestürzung von Rasputin weggerückt. Sie sah fassungslos auf den Jüngling, der bis dahin ihre Lebenshoffnung gewesen war und dem sie sich keineswegs entfremdet fühlte. Im Gegenteil, sie litt unter der Erkenntnis, dass sie ihn liebte, vielleicht ihn allein, und dass doch eine andere, fremde Macht es nicht duldete.

Dass ein fremder Wille von ihr Besitz ergriffen hatte. Dieser Wille lähmte ihre Zunge.

Die Anklagen Wassilieffs ergossen sich wie ein Strom gegen ihr Herz. Er klagte wie ein zu Tode Getroffener und verfluchte Rasputin, der diese Worte mit der Gleichgültigkeit eines Menschen auf sich wirken liess, der gegen jeden fremden Schmerz gepanzert ist.

Schliesslich stürzte Wassilieff gänzlich verzweifelt fort. Akulina wollte ihn aufhalten, da sie Schlimmes befürchtete.

Aber Rasputin hielt sie zurück. Vor seinen Augen verkroch sich ihr Wille.

Hätte sie in diesem Augenblick erfahren, dass dieser Ahasver eine Frau mit zwei Töchtern besass, sie hätte doch nicht anders handeln können, denn er behauptete: „Was ich tue, tue ich unter göttlicher Gnade. Unreines wird rein, denn die Gnade ist in mir.“

5. Kapitel.

Von nun an wurde Rasputin am Hofe des Zaren Nikolaus ein häufiger Gast, und es war nur natürlich, dass die Männer, welche dort eine Rolle spielten, die Vorgänge wachsamen Auges verfolgten.

Sie wussten alle nichts Rechtes mit Rasputin anzufangen. Weder der frühere Petersburger Stadthauptmann Trepow, noch der Chef der Ochrana, noch die Grossfürstenpartei.

Rasputins Besuche hatten zunächst nur den Zweck, dem Zaren prophetische Aufklärungen zu erteilen. Die, welche diesen Sitzungen nicht beiwohnten, schalten Rasputin einen raffinierten Betrüger, der sich die Schwächen des Kaisers zunutze mache; die, welche Zeugen der seltsamen Fähigkeiten des merkwürdigen Menschen waren, konnten sich selbst dann, wenn sein Zauber nicht mehr wirkte, dem suggestiven Einfluss, der von ihm ausging, nicht entziehen.

Freilich konnte Rasputin sich nur unter so merkwürdigen und verwickelten Verhältnissen entfalten, wie er sie am Hofe eines europäischen Autokraten mit asiatischen Instinkten vorfand.

Zudem waren an Nikolaus II., der von Natur aus nicht kräftig war, alle die aufregenden und blutigen Ereignisse der letzten Jahrzehnte nicht spurlos vorübergegangen. Und da ihm die geistige Kraft zu einem gestählten Willen fehlte, der allein durch das Labyrinth der Fäden gelangen konnte, die am Zarenhof gesponnen wurden, so ergab er sich mystischen Unternehmungen und wurde ein Opfer des Kismet.

Um den Charakter des russischen Kaisers, der Rasputin mit der Zeit kaum mehr entbehren konnte, zu verstehen, muss man die Erziehung berücksichtigen, die dieser von Grund auf intelligente und gutmütige Charakter genossen hatte. Abgesehen von vielen anderen Quellen, die dem Autor dieses Buches zur Verfügung stehen, möge der Aktualität wegen — ein englisches Original zitiert sein: „Behind the veil“. Unter diesem Titel erschien über Nikolaus II. eine von bestinformierter Seite verfasste Artikelserie in Cassells Magazine. Diese Artikel, für die ein Graf Wasili zeichnete, tragen den Stempel der Wahrheit. Freilich wurde die Zeitschrift von der russischen Zensur wegen dieser Aufsätze auf den Index gesetzt — aber das waren noch andere Zeiten, in denen sich die Engländer noch nicht mit Kosaken, Senegalesen und Hottentotten verbrüdert hatten.

Nikolaus II. gehört zu jenen ängstlichen, unentschlossenen Naturen, die sich in wichtigen Momenten durch Nebensächlichkeiten beherrschen lassen.

Er genoss eine unvollkommene Erziehung, und noch nach seinem zwanzigsten Jahre behandelte man ihn oft als Knaben, nicht als vollendeten Mann. Dies unterdrückte frühzeitig jede Selbständigkeit in ihm. General Danilowitsch, der Nikolaus vom fünfzehnten Lebensjahre an zu erziehen hatte, war als Persönlichkeit eine Null, und auch späterhin geschah so gut wie nichts, um dem jungen Mann eine seiner Stellung und Zukunft angemessene Erziehung zu geben. Er bewohnte im Anitschkowpalast ein paar abgeschiedene Zimmer und kam mit seinen Eltern kaum in Berührung. Später als Offizier des Gardehusarenregiments vertrieb er sich die Zeit in Gesellschaft junger Kameraden und wurde immer unselbständiger und haltloser. Als Kaiser vergass er keine ihm früher zugefügte Beleidigung und wurde ein empfindsamer, von hundert Stimmungen abhängiger Mensch — kurz, ein Neurastheniker auf dem Thron.

Während Alexander II. noch regierte, herrschte im Volke Zuversicht und Sicherheit. Man durfte seinem Worte trauen, er hatte eine eigene, sichere Meinung. ob diese zutraf oder nicht, so bot sie doch für die Politik eine Richtschnur.

Schon nach wenigen Monaten der Regierung des Zaren Nikolaus II. wusste jeder, der mit ihm in Berührung kam, dass er nur das Echo jeder anderen Meinung war — und nie eine eigene besass. Seine Ansicht über einen Gegenstand wechselte er, sowie er mit einer neuen Person darüber sprach. Er glaubte die Pflichten eines Herrschers begriffen zu haben, doch fragte man sich, ob er sie überhaupt kannte. Dieses Unvermögen des Zaren wirkte überraschend; noch mehr staunte man über seine Undankbarkeit für die ihm geleisteten Dienste. — Als Stolypin nach den schrecklichsten Leidenstagen in Kiew starb, hielt sich der Kaiser eben dort auf; man erwartete, dass der Zar bei den Leichenbegräbnis seines Ministers, der sich für ihn geopfert hatte, erscheinen würde. Das Volk verlangte eine Kundgebung seiner Trauer zu sehen; aber ungerührt reifte der Zar nach der Krim ab. Es war ihm zu unwichtig, einem Minister die letzte Ehre zu erweisen, der für ihn sein Leben eingesetzt, die drohende Revolation unterdrückt hatte, die den Thron der Romanovs zerschmettern konnte. Danach wurde Rokowtsow zum Premierminister ernannt; dieser kam nach Livadia, um mit dem Zaren über die zu unternehmenden Schritte Rücksprache zu nehmen. Der Zar war gerade damit beschäftigt, die Wirkung einiger Bilder zu prüfen, die er aufgehängt hatte. Erfreut begrüsste er den Minister, den er sofort über sein Bilderarrangement befragte. Dann ging er in eine leichte Unterhaltung über, aus der beide während des dreitägigen Aufenthaltes des Ministers nicht herauskamen, denn es war diesem unmöglich, den Zaren in eine ernstere Unterredung zu ziehen. Endlich sagte ihm der Zar auch ganz offenherzig, dass er sich zu erholen wünsche und nicht mit Geschäften belästigt werden möchte, die nach seiner Rückkehr in Zarskoje Selo Erledigung finden i würden. —

Nikolaus II. bewohnte seine Hauptstadt seit dem Tage nicht mehr, an dem er vor dem aufgestachelten Volk, das von dem berühmten Gapon angeführt wurde, floh. Er hat sich auf sein Schloss in Zarskoje Selo zurückgezogen. Dort finden ihn seine Minister im Kreise einer kleinen Anzahl von Freunden, mit denen er wie ein friedlicher Gutsbesitzer lebt; zur Abwechslung geht er in das Kasino des dort liegenden Regimentes, um sich mit den oberflächlichsten Dingen i die Zeit zu vertreiben — oft bis spät in die Nacht. Viele Stunden verbringt er in seinen Parks, in denen er auf die Jagd geht; er unterschreibt auch Papiere, deren Inhalt er kaum kennt. Am liebsten beschäftigt er sich mit seinem Sohne, den er offensichtlich verehrt, aber höchst sonderbar erzieht. Niemand darf dem Kinde widersprechen, man erfüllt ihm jede, auch noch so merkwürdige Laune und befriedigt jeden Wunsch sofort. Der Zar hat eine ausgeprägte Neigung zu spiritistischen Séancen, die er an langen Winterabenden veranstaltet und bei denen die berühmtesten Medien St. Petersburgs zugegen sind. Von einem Medium, dem er besonderes Vertrauen schenkte, liess er sich sogar in den wichtigsten Staatsangelegenheiten beraten. — Wechselnd, wie alles andere, was der Zar tat, waren auch seine Beziehungen zu den verschiedenen Mitgliedern seiner Familie. Seine Mutter übte im Anfang seiner Regierungszeit einen erheblichen Einfluss auf ihn aus, der sich aber im Laufe der Zeit nicht vergrösserte. Es steht jedoch fest, dass der Zar nichts gegen den Willen der Zarinwitwe unternimmt. Besonders befreundet schien er eine Zeit lang mit seinem Onkel, dem Grossfürsten Wladimir; das änderte sich aber nach der Verheiratung dessen Sohnes, des Grossfürsten Cyrill, mit seiner Cousine, der geschiedenen Grossherzogin von Hessen. Meinungsverschiedenheiten zerbrachen die freundschaftlichen Beziehungen. In seiner kaiserlichen Freundschaft sonnte sich von nun der Grossfürst Nikolaj, der sich durch seine Brutalität so bekannt gemacht hat und vielleicht auch deshalb den Gefallen des Zaren fand. Der Zar lebt abgeschieden, und das ehedem so glänzende Hofleben ist traurig und düster geworden. Der Winterpalast hat seinen glänzenden Charakter verloren und macht auf den Besucher einen trostlosen Eindruck. Seit Peter dem Grossen ist keine Regierung in Russland so mit Unglück belastet gewesen wie diese. Unheil und Verderben kennzeichnet sie. Das Prestige des Landes, das unter Alexander III. so gross gewesen, hat fortwährend, nicht zum wenigsten durch den Ausgang des russisch-japanischen Krieges, gelitten; die Revolution von 1905 tat das Ihre. Überall herrscht steigende Unzufriedenheit. Dem Zaren selbst blieb kein Unheil erspart. Tausende und Abertausende fielen verbrecherischen Intriguen zum Opfer. Ihr Blut schreit nach Rache. Der gegenwärtige Krieg hat die düstersten Betrachtungen in Nikolaus hervorgerufen. Seine Familie ist ihm entfremdet, seine Gattin leidet an einer mysteriösen Krankheit, sein Sohn scheint einem sicheren Siechtum verfallen. Er hat keine ergebenen Berater; seine Kreaturen verfolgen mit allen Mitteln die selbstsüchtigsten Zwecke.

Sechstes Kapitel.

War der Zar schon von Natur aus krankhaften Neigungen unterworfen, so stellten sich diese bei Alexandra Feodrowna, seiner Gattin, infolge der schrecklichen Erlebnisse und Erfahrungen allmählich ein. Der japanische Krieg erregte sie tief. Die Revolution erschütterte ihre schwache Gesundheit, und die Jahre, welche sie um das Leben ihres Kindes zitterte, raubten ihr die letzte Kraft. Sie liess sich zuerst zu spiritistischen Zirkeln führen, da sie nirgends auf Erden mehr Trost finden konnte. Ihre Nerven litten immer mehr; Wahnvorstellungen peinigten sie, und so bestärkt sie in ihrem unsichern Wesen den unentschlossenen, wankelmütigen Charakter ihres Gatten. Grossfürst Paul, der Nikolaus lange sehr nahe stand, verbringt den grössten Teil des Jahres im Ausland. Grossfürst Michael ist wegen einer nicht standesgemässen Heirat degradiert, und so konnte Nikolaj Nikolajewitsch allmählich seinen ganzen Einfluss auf den verwirrten Kaiser geltend machen. Er ist auch Spiritist, aber kein Fatalist, ein treuer Vertreter der Autokratie, ohne Verständnis für alle anderen sozialen Forderungen. Die Leute, welche den Idealen Nikolaj Nikolajewitschs und seines kaiserlichen Neffen dienten, haben wohl fast alle ein tragisches Ende gefunden. Plehwe, ein Diener seiner despotischen Grundsätze, endete durch eine Bombe. Sein Tod bat den Kaiser nur darum nicht mehr erschüttert, weil sich fast gleichzeitig herausstellte, dass Plehwe, um über alle Vorgänge im kaiserlichen Palast unterrichtet zu sein, sich heimlich an das Privattelefon des Zaren anschliessen liess, was bei seinem Tode dem Kaiser bekannt wurde. In diesem Augenblick mag Nikolaus II. erkannt haben, wie unfrei er ist, beobachtet und von seiner Hofkamarilla abhängig. Nach Prehwes Tod begann die Revolution. Sie fand die Regierung völlig unvorbereitet, und eines der ersten Opfer war Grossfürst Sergius, der in Moskau residierte. Er fuhr trotz aller Drohbriefe mutig durch die Stadt und wurde durch eine Bombe in Stücke zerrissen. Seine Gattin, Elisabeth Feodorowna, war die Erste an der Unglücksstätte und hat von da an nur dem Anbenken an den geliebten Toten gelebt. Es konnte nicht lange i dauern, bis auch sie sich dem Spiritismus und okkulistischen Experimenten ergab. Die Regierung lag damals in Händen Witte’s, der Minister des Innern war. Witte griff zu einem ebenso verzweifelten wie echt russischen Mittel, um die Revolution niederzuhalten. Er hörte, dass der Pope Gapon das besondere Vertrauen der Arbeiterschaft genoss. Auf diesen Gapon stützte Witte seinen Plan. Er war wohl durchdacht und hat blutigen Erfolg gezeitigt. Witte wusste, dass der Pope ein gewissenloser, ehrgeiziger und prunksüchtiger Mann war. Und da der Minister glaubte, für die Massnahmen zur Unterdrückung kommender Unruhen einen kecken Vorwand finden zu müssen, besonders, um vor Europa gerechtfertigt dazustehen, so setzte er sich mit Gapon in Verbindung, der sich bereit erklärte, den agent provocateur zu spielen. Auf diese Weise sollte die Revolution im Keime erstickt werden.

Gapon überredete die Arbeiter der St. Petersburger Fabriken, dem Zaren eine Bittschrift zu überreichen. Am „Roten Sonntag“ zogen die irregeleiteten Scharen, die selbst nicht wussten, was sie wollten, in friedlicher Absicht zum Palais des Zaren und wurden wie tolle Hunde niedergeknallt. Gapon entfloh nach Paris, kehrte zurück und wurde in Finnland ermordet. Die Revolution wurde unterdrückt, aber Stolypin, dem dieser Sieg gelang, fiel einer Bombe zum Opfer. Seitdem lebt der Zar fast immer in grösster Abgeschiedenheit in Barskoje Selo; seine Tätigkeit ist sehr begrenzt, er hat keine Interessen und lässt seine Minister gewähren. Wohin sie ihn geführt, beweist der Weltkrieg. Und schwerer lastet seitdem das graue Unheil mit bleiernen Flügeln über dem Kaiserschlosse von St. Petersburg.

Es ist also verständlich, dass Nikolaus II. für die Dinge, die um ihn waren und die Vorgänge, die sich rundum abspielten, nie das klare Verständnis fand, überhaupt nie in das rechte Verhältnis zu Erscheinungen und Ereignissen treten konnte, die selbst andere, weniger abgeschlossene Beurteiler nur im schiefen Winkel sehen, weil sich die Warheit hinter Polizeikulissen und Regierungsintriguen verbirgt. Und in diesem kaleidoskopischen Wirrwarr von blutigen Tagen und unruhigen, qualvollen Nächten, in steter Angst um das Leben und in Vorausahnung meist unbegreiflicher und darum um so schreckhafterer Ereignisse, vergräbt sich Zar Nikolaus immer mehr in mystische Betrachtungen. Seine kranke, um das Leben ihres Kindes besorgte Gemahlin folgt ihm auf diesem Wege, der beide abhängig von Personen mit stärkerem Willen machte und den Kaiserpalast in eine obskure Beschwörungskammer des unaufhaltsamen Schicksals verwandelte.

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9788711503584
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