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Robert Focken

Arnulf

Der Herr der Elbe

Historischer Roman


Focken, Robert : Arnulf. Der Herr der Elbe. Historischer Roman. Hamburg, acabus Verlag 2022

Originalausgabe

Epub-ISBN: 978-3-86282-820-3

PDF-ISBN: 978-3-86282-819-7

Dieses Buch ist auch als Print erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.

Print-ISBN: 978-3-86282-818-0

Lektorat: Michael Haitel

Cover: © Guter Punkt, München (www.guter-punkt.de)

Covermotiv: © Uwe Jahrling

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.

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© acabus Verlag, Hamburg 2022

Alle Rechte vorbehalten.

http://www.acabus-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

„Personenliste“

„Althochdeutsche und sonstige Begriffe“

„Prolog“

„Kapitel I“

„Kapitel II“

„Kapitel III“

„Kapitel IV“

„Kapitel V“

„Kapitel VI“

„Kapitel VII“

„Kapitel VIII“

„Kapitel IX“

„Kapitel X“

„Kapitel XI“

„Kapitel XII“

„Kapitel XIII“

„Kapitel XIV“

„Kapitel XV“

„Kapitel XVI“

„Kapitel XVII“

„Kapitel XVIII“

„Kapitel XIX“

„Kapitel XX“

„Kapitel XXI“

„Kapitel XXII“

„Kapitel XXIII“

„Kapitel XXIV“

„Kapitel XXV“

„Kapitel XXVI“

„Kapitel XXVII“

„Kapitel XXVIII“

„Kapitel XXIX“

„Kapitel XXX“

„Kapitel XXXI“

„Kapitel XXXII“

„Kapitel XXXIII“

„Kapitel XXXIV“

„Kapitel XXXV“

„Kapitel XXXVI“

„Kapitel XXXVII“

„Nachwort“

„Der Autor“

„Inhaltsverzeichnis“

Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,

Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,

Der heut‘ge Tag wird adeln seinen Stand!

Heinrich V. (W. Shakespeare)


Personenliste

Königliches Lager:

König Karl (Carolus Rex), Karl der Große

Prinz Karl der Jüngere, gen. Karolo

Prinz Ludwig (später: Ludwig der Fromme)

Erzkapellan Hildebald, Karls erster Berater

Einhard, königlicher Consiliarius (Ratgeber)

Ebo, Kanzlist und Königsbote

Billung, Ebos Leibwachenführer

Lager Prinz Karls d. Jüngeren (»Karolo«):

Hofkapellan Odilo

Truchsess Helisachar (»Mond«)

Iburis, Heerführer (gundfanari)

Gito, Vorleser und Lustknabe

Samson, Hofnarr

Lager Arnulfs:

Arnulf, Kriegsherr, gen. sax hamar, ehemaliger Offizier der königlichen Panzerreiter

Erika, Arnulfs Frau

Arthur, Arnulfs ältester Sohn

Grimbald, Arnulfs zweiter Sohn, gen. fersari oder humbalung,

Roswith, Arnulfs Tochter

Liudger, Missionspriester

Gallo, Marktvorsteher von Delbende

Heden, Schiffsführer, gen. wintblat

Swabo, Führer der Bogenschützen

Gea, Roswiths Freundin und Grimbalds Geliebte

Gerswind, Küchenmagd

Nordelbische Sachsen und Sonstige:

Wolfger, Bode der Holsten

Thanco, Bode der Stormarn

Ruotger, Neffe Thancos (Schänder!)

Wit Wituwa, Freundin Erikas

Ingobert, Herr der Ulzburg

Ragnar, dänischer Kriegsherr

Widukind, Herzog der Westfalen im Exil

Abodriten:

Drasco, oberster Fürst der Abodriten

Scedrag, Drascos Sohn

Agila, Priesterin

Althochdeutsche und sonstige Begriffe

Ahta: Ansehen, Ruhm, Achtung

Faz: Das männliche Geschlechtsteil

Fersari: Dichter, Liedermacher

Firinlust: Lust im fleischlichen Sinne

Foraleiso: Anführer (hier: Leibwachenführer von Ebo)

Giniscaft: Kriegertreue

Gundfanari: Heerführer (hier: Iburis)

Humbalung: Herzensbrecher, Schürzenjäger

Mahtigan: Allmächtiger

Missus domenicus: Königsbote, Sonderbeauftragter für bestimme Gebiete

Samantwist: das (ggf. intime) Zusammensein

Skaron: Schlachtordnung (sinngemäß: der kämpfende Teil des Heeres)

Snuoba: Halsband, Anhänger

Waba uwa: Fluss-Gottheit der Elbe

Skizan: Scheiße

Swonovi: Glöckchen

Tiufal Oug: Teufelsauge

Zarto: Liebling

Prolog

Mein Name ist Brun.

Ich stamme ab von Sachsen, die Land nahmen im Gau der Holsten, weit im Norden, wo schon der große Wall der Dänen am Horizont drohte. Meine Mutter kam von der Westküste, aus dem Stamm der Diutmarser. Sie waren sächsische Brüder der Holsten, zähe Leute, die von Heringen, Salzwasser und Krabben lebten. Verbrüdert waren die Holsten auch mit dem dritten Stamm der Nordelbier, den Sturimarn. Alle drei Stämme hatten einst den großen Schwur getan: Unsere Heere würden zusammenstehen, wenn die slawischen Reiter aus dem Eisenwald im Osten vorstießen oder die Dänen aus dem Norden! Die Sachsenstämme nördlich der Elbe nannte man auch nordliuti, aber es waren Fremde, Franken nämlich, die diesen Begriff erfanden.

Ich war bereits ein gestandener Mann mit Ansehen, als ich jenes Wort – nordliuti – zum ersten Mal hörte. Ein hochgewachsener Fremder in einem Gewand aus dunkler Wolle sprach es aus, denn für ihn schienen wir alle eins. Er war ein Franke aus dem Süden, aus dem Reich des Kriegsfürsten Karl. Dieser Mann trug ein Kreuz aus Bronze um den Hals und sprach mit rauer, lauter Stimme zu uns, lauter, als ein Gast es sich sonst erlauben durfte, der ohne ein Dutzend Bewaffneter erschien! Vom Gott Jesus Christus erzählte er und dass wir alle von einem Fürsten Adam und seinem Weib Eva abstammten. Von einem Feuer unter der Erde sprach er, das uns einst verschlingen würde, wenn wir nicht zu seinem Gott beteten. Da ballten die Ersten die Fäuste und schmähten ihn. So hieß ich ihn weiterzuziehen: Ich war der Vorsteher über mehrere Hofschaften und hatte für Recht und Ordnung zu sorgen. Ich konnte nicht zulassen, dass ein Fremdling vor unserer Tür erschlagen wird.

Später hörte ich, dass ein gieriger Kerl diesem einfältigen Christus-Mann auf der Landstraße das Bronzekreuz abriss. Anstatt froh zu sein, dass ihm nicht auch Wollgewand und Schuhe genommen wurden, schimpfte der Kreuzträger wie ein Irrsinniger und drohte und so ereilte ihn doch noch das Schicksal. Ich hatte keinen Anlass, an seinem Tod zu zweifeln: Der Kreuzträger war so leichtsinnig wie unbescheiden. Und ließ sein Jesusgott nicht all das ruhig geschehen?

Wir Sachsen, die wir dem alten Glauben anhängen, kämen nicht auf die Idee, dass Wodan oder Thor, Saxnoth oder Balda uns liebten. Die Götter blickten herab auf uns Menschen. Sie fochten ihre eigenen Kämpfe, hatten ihre eigenen Zwiste. Wenn wir einst als Einherjer auffahren in die Walhall, würden wir den Göttern nicht nahekommen, bestenfalls würden wir ihnen dienen! Und wir wussten, jeden von uns konnte es an jedem Tag treffen – wer wusste schon, wie lang der Lebensfaden war, an dem die Nornen am Fuß der Weltenesche webten?

Mich holte das Unheil einige Winter nach dem Tod jenes Frankenpriesters ein. War es Loki, der Schadengott, der die Sinne meines Nachbarn mit Neid vernebelte? Hunger konnte man stillen, Neid nicht! Mein Besitz, mein Vieh, mein Land – nach all dem gierte ein Edler aus alter Familie. Dieser Mann, der den Namen Wolfger trug, brach eine Fehde vom Zaun. Bald wurde sie zur Blutfehde. Im nebligen Morgengrauen eines Herbsttages überfiel er mit einer Schar Bewaffneter meinen Hof. Sie erschlugen meine Knechte, brachen in unser Haus ein und stachen auf mich ein, als gelte es, Tiere zu töten. Das Letzte, was ich sah, war Wolfger, wie er mit einer Schlinge mein Weib erdrosselte. Denn dieser Wolfger, der haben wollte, was mein war, würde später sagen: An meinen Händen klebt kein Blut! Und sie durchbohrten meine Kinder: den Ältesten, fast achtzehn Jahre, der sich noch mit einem Dolch wehrte; seinen Bruder, fünfzehn Jahre alt; meine Tochter, die noch ein Mädchen war und bis zum letzten Augenblick nach mir schrie.

Ich hörte sie sterben.

Doch ich selbst, ich starb nicht.

Abends stieg einer meiner Knechte, der überlebt hatte, in die Grube, in der man uns verscharren wollte. Er hatte meinen Atem gesehen, den Dampf in der kalten Luft. Abgedeckt mit ein paar Fellen brachte er mich auf einem Eselskarren zum Sohn eines Mannes, der einst mit meinem Vater befreundet gewesen war. Tage vergingen – Tage, in denen ich den Tod herbeiwünschte. Doch die Götter waren nicht so gnädig. Als ich soweit genesen war, dass ich einige Worte krächzen konnte, sprach mein Wirt freundlich klingende Dinge zu mir, ohne in meine Augen zu sehen. Dann ließ er mich fortbringen. Denn Wolfger war dabei, Bode der Holsten zu werden, Kriegsführer und Oberster Thing-Herr im Frieden. Und einen solchen Mann wollte man keinesfalls zum Feind haben!

Alte Freundschaften zählten nichts mehr.

Wer also hätte mich aufnehmen mögen?

Einen Mann gab es, der fürchtete nichts und niemanden. Er war nicht von sächsischem Blut, sondern ein Franke – sax hamar, so riefen sie ihn. Ein trutziger Kriegsmann, der mit dem großen Karl gebrochen hatte, um seine eigene Herrschaft zu gründen. Einer, der Männern Land zum Roden gab, wenn sie bereit waren, für ihn zu fechten. Der wusste, wann man stark sein musste und wann einfach nur klug. Ja, selbst die Dänen hatten Respekt vor diesem Mann! Ihre Schiffsführer überlegten sich dreimal, ob sie es wagten, einen seiner Handelsposten zu überfallen.

Zu diesem Mann brachte man mich. Mich, der ich nichts war als ein zerschlagener Habenichts. Ein Bittsteller von Rang, gewiss – aber ohne ein Silberstück in der Tasche! Und doch nahm der Franke mich auf. Seine Frau schenkte mir ihr Vertrauen, gab mir Pflichten und ließ mich über ihre Hörigen wachen. Sie war eine Sächsin aus großer, alter Herkunft und doch trug sie das Kreuz der Christenmenschen. In der Burg ließ sie ein Haus bauen, in der ihr Gott wohnte – oder so hoffte sie.

Fast zwölf Jahre sollte ich bei ihnen leben, auf der Burg Delbende1 auf dem Steilufer über dem mächtigen Strom. In dieser Zeit habe ich auch den großen König Karl gesehen, den Herrn der Welt, und ich sah seine Söhne mit den Kriegsscharen kommen. Ich, Brun, der Sohn des Hatto, weiß, wie sich alles zutrug. Gewiss, heute gibt es viele Geschichten darüber. Aber die meisten sind nicht mehr als das Geblöke von Lämmern. Weil sie von Franken erzählt werden oder von den Holsten oder gar den Slawen. Aber ich, ich war dabei. Ich habe alles miterlebt, bis zum Ende. Und glaubt mir: Solch eine Geschichte wie die vom Kriegsherrn Arnulf sax hamar und seinem Weib Erika wird noch in fernen Zeiten an Herdfeuern und in Thronsälen erzählt werden!

1 Lauenburg (Schleswig-Holstein)

Kapitel I

Im Jahre des Herrn 798 zeigte der Frühsommer am Unterlauf der Elbe ein mildes Gesicht. Meist war es warm, ohne heiß zu werden; alle paar Tage gingen Regenschauer über das Land, die gut waren für die Feldfrüchte, ohne die Feldarbeit zu sehr zu stören. Das Unkraut allerdings wuchs stärker als sonst, mancherorts stand es so hoch wie der Roggen und die Gerste – zumindest einige Meilen östlich von Delbende, nahe des Eisenwaldes, hinter dem die slawischen Siedlungen begannen. Die Slawen selbst – sie gehörten zum ruhmreichen Stamm der Abodriten – störte das nicht. Und die sächsischen Kaufleute, die gelegentlich im Osten unterwegs waren, kamen nicht wegen des Korns, sondern um Kupferbarren gegen Leinen und Bienenwachs zu tauschen, und Wolle gegen Bernstein. Dann waren da noch die Pferde: Die Abodriten züchteten anspruchslose, robuste Rösser mit dichtem Fell und niedriger Schulterhöhe, die wendig und genügsam waren. Und billiger als die sächsischen Pferde, die meist von der unteren Weser kamen und beste Weide gewohnt waren. Aus diesem Grunde bot der Markt von Delbende, der im Sommer unterhalb der Burg stattfand, auch abodritischen Pferdehändlern Platz.

Delbende war kein alter Markt wie etwa Bremun oder das fränkische Bardovyk2 auf der anderen Elbseite. Doch seit Arnulf sax hamar die Burg über der Uferhöhe errichtet hatte, wurden es jedes Jahr mehr Zelte, Wagen und Verschläge, die die Blockhäuser der Handelsstation umlagerten. Da waren Nordmänner mit kantigen Gesichtern und silbernen Armringen, Dänen zumeist, die Wetzsteine, Walrosszähne und Fässer mit gesalzenem Fisch feilboten; auch Holsten und Sturimarn, Sachsen also, die Eisenklingen, Hafer, Gerste und Ballen roher Schafwolle zeigten. Dann Slawen vom Mittellauf der Elbe mit gestapelten Fellen von Marder, Biber und Wolf. Nicht einmal Händler aus dem Frankenreich fehlten: Männer aus Regensburg zogen am Ende des Frühjahrs über den goldenen Steig nach Böhmen und segelten auf der Elbe hinab. Ihre Glasperlen, Silberringe und Stoffe zogen besonders die Frauen der Umgebung an.

Es schien ein Sonnabend wie viele andere zu sein, als der sax hamar genannte Burgherr von Delbende mit einigen Getreuen zwischen den Ständen hindurchschlenderte. Arnulf begrüßte Bekannte, nahm hier und da einen Becher mit dünnem Bier an und lauschte aufmerksam denen, die Neuigkeiten aus der Ferne zu berichten hatten. Auch an diesem, mit mildem Sonnenschein gesegneten Tag bemerkte Arnulf neue Gesichter zwischen den Tischen, Fässern und Ballen: Es hatte sich herumgesprochen, dass in Delbende Geld zu verdienen war. In den ersten beiden Jahren zahlten Händler keine Abgaben. Doch dann, im dritten Jahr, forderte der Burgherr von jedem, ob Franke, Slawe oder Friese, dreißig Pfund Eisenerzschlacke: Diese wurden dann alsbald von den Schmieden der Burg zu Schwertern und Äxten geschmiedet. Oder zu den gefürchteten Stoßlanzen, mit denen Arnulf einst als Führer der königlichen Panzerreiter feindliche Schildwälle zerstört hatte.

Nicht jeder, der diesen bärtigen, breitschultrigen Mann in der weinroten Tunika zwischen dem Volk sah, hätte in ihm auf den ersten Blick den Kriegsherrn sax hamar selbst vermutet. Keine der goldenen oder silbernen Ketten schmückte den Hals, die einheimische Edle so mochten. Arnulfs Gesicht mit dem kräftigen Kinn war mit zahlreichen kleinen Narben durchsetzt, die Haut war sonnenverbrannt; den Bart trug Arnulf kürzer als die meist wuchernden Sachsenbärte, das braune Haupthaar bedeckte die Ohren, ohne die Schulter zu berühren. Der Schwertgürtel wies lediglich ein paar Silberbeschläge auf, die Schwertscheide selbst war schmucklos. Aber in seinem ganzen Gebaren, den Blicken, die er mit seinen schuppengepanzerten Begleitern austauschte, war etwas, das von massivem Selbstbewusstsein zeugte und von verhaltener Kraft.

Es mag an einem der Gespräche mit den Händlern gelegen haben, dass Arnulf die Schiffe auf der Elbe zunächst nicht wahrnahm: Ein halbes Dutzend schlanker Schiffe mit geschwungenen, weit hochgezogenen Steven, die trotz einer milden Brise kraftvoll stromabwärts gerudert wurden. Tief lagen sie im Wasser, denn sie hatten Beute an Bord: Menschliche Beute, wie sich herausstellen sollte.

Die Schiffe waren vom Marktflecken aus – er lag eine halbe Meile vom Ufer entfernt, außerhalb der Hochwasserzone – kaum noch zu sehen, als Arnulf das Herz des Marktes ansteuerte: ein Blockhaus, so massiv wie der Panzer einer Schildkröte. Eine Hälfte davon diente als Warenlager, die andere war Kontor, Schenke und Vergnügungsort zugleich. In der übergroßen Türöffnung des Hauses stand ein fleischiger, wuchtig wirkender Mann Ende vierzig. Es war Gallo, der Vorsteher des Handelspostens. Gallo, ein alter Gefährte Arnulfs, war ein Neustrier, einer aus Westfranken also; es mochte an der Herkunft liegen, dass er Wert auf eindrucksvolle Kleidung legte: Ärmelborten und Kragenausschnitt seiner blauen Tunika waren mit Goldfäden durchsetzt und eine für Arnulfs Geschmack etwas alberne, dotterfarbene Mütze saß auf dem dichten schwarzen Haar. Gallo nickte Arnulf zu, hatte aber noch eine seiner Mägde zu maßregeln: »Wo hast du die Essigrüben, du Luder? Und wo sind die Honigtöpfe, he? Beweg dich, magad!«

Die Gescholtene, eine kaum achtzehn Jahre alte Frau mit filzigem, langem Haar und vielfach geflicktem Kleid, huschte in die Dunkelheit des Gebäudeinnern. Zurück blieb ein südländisch aussehender Bursche mit etwas verlegenem Lächeln – seinet­wegen hatte die Kleine getrödelt und Gallos Unmut riskiert! Der Mann musterte den grimmig wirkenden Handelsvorsteher kurz und zog es vor, rasch in der Menge zu verschwinden.

»Die Slawenmädchen sind noch fauler als die Sächsinnen!«, schnaubte Gallo, was seine gewaltigen Schurrbarthaare zittern ließ. »Irgendwann jag ich die alle zurück in die Erdlöcher, aus denen sie gekommen sind!«

»Da ist so eine Sommersprossige«, grinste Arnulf, »von der reden meine Männer. Wenn ihr die verjagt, müsste ich mir Sorgen machen! Spaß beiseite, wo ist das Erz?«

»Und ich dachte, Ihr wolltet einen Krug Wein mit mir teilen«, murmelte der andere und Arnulf konnte ohne Mühe riechen, dass es nicht der erste Wein an diesem Tag gewesen wäre. Gallo zerrte zwischen den Stoffballen, die wie eine kleine Vormauer waren, einen ersten Korb mit rotbraunen Erzschlacken hervor. Die stämmigen Männer in Schuppenpanzern, die Arnulf begleiteten, nahmen den Korb auf – nicht ohne einen forschenden Blick durch die Türöffnung ins Innere der Schildkröte zu werfen.

»Jetzt nicht, Leute«, knurrte Arnulf vernehmlich und jeder wusste, was gemeint war. Die Mädchen in Gallos Diensten verdienten sich bisweilen ein Zubrot, in dem sie nett zu den Kriegern waren; die jungen Frauen waren meist Hörige, die stumpfer Fron oder einem prügelnden Herrn entlaufen waren.

»Arnulf?«, raunte Gallo plötzlich stockernst. »Habt Ihr die Schiffe gesehen? Die Besatzung sah nach Sachsen aus … Aber woher haben die solche schlanken, schnellen Schiffe?«

Arnulfs Blick suchte zwischen den Marktgebäuden das einige Hundert Schritt weit entfernte Flussufer ab. Aber zwischen den Erlen und Weiden war nur ein rundes Fischerboot zu sehen – jemand prüfte seine Aalreusen.

»Wer weiß«, murmelte Arnulf mit einem Stirnrunzeln. »Piraten würden kaum in hellem Tageslicht vorbeisegeln, mein Freund. Weil wir ihnen auf den Schwanz hauen, sobald sie auch nur an Land spucken!«

Gallo zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wollten sie nur angeben. Wie gesagt, die waren flussabwärts unterwegs. Übrigens, was ich Euch noch sagen wollte …«

Aber der Zufall wollte es, dass in diesem Augenblick ein jüngerer Mann im Lederpanzer mit federndem Schritt durch die Menge drängte, niemand anders als Arnulfs Sohn Arthur. Arthur trug das dunkelbraune Haar lang, die Enden berührten fast die Schulter. Er war von kräftiger Statur, unterm Ärmelstoff der Tunika sah man die Wölbung der Armmuskeln, wenn er sich bewegte. Zwei Bewaffnete im selben Alter begleiteten ihn, alle drei führten Pferde an Rohhautriemen hinter sich her. Arnulf sah sie scherzen, sie hatten den zufriedenen Gesichtsausdruck von Leuten, die ein gutes Geschäft hinter sich und ein großes Vergnügen vor sich hatten.

»Ah, hier seid Ihr, beim Erz-Herrn!«, rief Arthur. Sofort begann er zu sprudeln. Er hatte fünf Rösser auf einen Schlag erworben. Bei einem abodritischen Händler-Züchter – ohne Arnulfs Meinung überhaupt erst einzuholen. Und warum auch nicht? Arthur – zehn Pfund schwerer und einen Zoll größer als sein Vater – führte bereits seine eigene Schwur-Mannschaft! Ein Schwert mit aufwendig verziertem Griff und ein Kurzschwert hingen an seinem Gürtel, beide handhabte er mindestens so geschickt wie Arnulf. Das behauptete Arthur jedenfalls von Zeit zu Zeit. Ja, Arthur war dabei, sich einen Namen im Grenzland zu machen!

Und musste es nicht genau so sein?

Arnulfs Blick glitt über die klugen Augen der Tiere, über ihr kurzes, gut gebürstetes Fell und die kräftigen dunklen Mähnen. Arthur hatte bereits einen Namen gefunden für die schönste der Stuten: »Windbraut! Ich werd’ sie selbst reiten!« Er hatte das eckige Gesicht des Vaters mit dem kräftigen Kinn und der massiven Stirn, während die eher spitze, kleine Nase an Arthurs Mutter Erika erinnerte. Von ihr hatte Arthur auch die Begeisterungsfähigkeit: Sein Grinsen hatte etwas Ansteckendes. Beide, Vater und Sohn, verspürten das Bedürfnis, diese Pferde möglichst schnell kennenzulernen und auszuprobieren. Der Burgherr vertröstete den alten Gefährten Gallo mit ein paar Worten und begann mit den jungen Kriegern in Richtung der markanten Anhöhe zu laufen, von der die Burg das Elbtal überblickte. Sie atmeten noch einmal den scharfen Geruch von grob gegerbten Häuten, getrocknetem Fisch und dem Mist von Pferden ein, während die Lanzenträger kläffende Hunde mit ein paar Stößen auf Abstand hielten.

»Für Euer Weib, Herr Arnulf!« Ein Mann in einem gelben Kaftan mit bronzefarbener Gesichtshaut winkte ihnen hinterher, wobei er eine Rolle schimmernden Stoffs hochhielt: »Seide aus Byzanz, streichelt die Haut!«

»Meine Frau wird genug gestreichelt, Elias! Habt Ihr nichts Nützliches?«

Die anderen lachten auf, doch der Kaufmann zählte mit heftigen Gesten sogleich ein halbes Dutzend edler Schmuckgegenstände auf – vergebens.

Zerlumpte Bettler steckten ihre Hände aus und junge, abgerissene Männer riefen sie vom Wegesrand aus an, weil sie in Arnulfs Dienst treten wollten.

Aber wer nicht einmal ein Kurzschwert vorweisen konnte, durfte nicht auf die Geduld des Burgherrn rechnen. Denn um ein Schwert zu schmieden, waren zehn bis zwanzig Pfund Erz nötig!

»Ihr könnt jetzt einen vollen Trupp in den Sattel bringen, richtig?«

Arnulfs Frage klang wie ein Lob, war auch so gemeint. Ein Trupp, das waren immerhin rund dreißig Mann. Das wiederum war ein Drittel einer Hundertschaft: Diese Ordnung hatten Arnulf und seine Männer aus dem Königsdienst in den wilden Norden mitgebracht.

»Wenn Ihr mir ein paar Schollen Land freihaltet, Vater«, lachte Arthur, »auf die ich meine Leute setzen kann, dann hab ich bald eine eigene Hundertschaft!«

»Dann seht zu«, grinste Arnulf mit einem Mundwinkel, »dass Ihr Kämpfer findet, die roden und entwässern und im Dreck wühlen wollen … Vor den Lohn hat der Herr den Schweiß gesetzt!«

Während dieses gut gelaunten Austauschs kamen ihnen zwei junge Frauen auf dem Burgweg entgegen: Roswith und ihre Freundin Gea. Arnulf spürte ein warmes Gefühl in der Brust, als er die kastanienbraunen Zöpfe seiner Tochter schwingen sah und ihr keckes Lachen aufnahm, das nur auf ihn gerichtet schien. Seine Tochter war fast so groß wie Erika, ihre Bewegungen, ihre unbekümmerte Miene freilich gingen eher nach dem Vater.

»Vater«, prustete sie ihnen übermütig entgegen, »wisst Ihr, wie Ihr und Arthur ausseht? Wie Krieger, die ihre Bräute heimführen! Den Pferden fehlen nur noch Schleifen aus Seide!«

»Du alberne Kröte«, rügte Arthur sie, während Arnulf sich ein Lächeln verkneifen musste. Mit einem strengen Blick zupfte er sie am Ohrläppchen.

»Weißt du, was frechen Jungfrauen passiert, Roswith?«

»War das denn so frech?« Sie machte mokante Schmolllippen, die normalerweise wirkten. »Dann bitte ich um Verzeihung!«

»Wir werden Brun fragen«, befand Arnulf augenzwinkernd. Denn mit einem Dutzend Schritt Abstand folgte den beiden eine hagere Figur am Stock, der Hofmeister Arnulfs, der die Mädchen nicht unbegleitet auf den Markt lassen durfte.

»Brun, wann hat meine Tochter zum letzten Mal die Rute gespürt?«

»Ist lange her, Herr Arnulf!« Bruns Schritte beschleunigten sich, eine Hand hielt die verblichene Filzmütze fest, die die grauen Haare bedeckte.

Arnulf freilich sah ihm an, dass er Arnulfs Ernst nicht ernst nahm; der Herr von Delbende erinnerte sich, dass Brun selbst Vater einer Tochter gewesen war, die nicht einmal Roswiths Alter erreicht hatte.

»Leute, das mit der Rute hol’ ich gerne nach«, bot Arthur fast schon fröhlich an. »Zehn übers Hinterteil, oder du und Gea bürsten zwei Wochen lang die Tiere ab! Wie wäre das?«

»Ziegendreck«, stieß Roswith augenrollend aus und die blonde Gea schlug die Hände vors Gesicht ob dieser Aussicht auf so viel Pferdeschweiß.

Doch war es keine wirkliche Drohung: Denn Freie schlug man nicht, im Gegensatz zu Hörigen und Sklaven.

»Schluss mit den Faxen«, sagte Arnulf schließlich. »Ihr seid im besten Heiratsalter, da muss man sich benehmen!«

»Gewiss, Vater.« Demütig schlug Roswith die Augen nieder. »Wir wollten Euch eigentlich um etwas bitten. Geht Ihr mit uns nach Bardovyk am Südufer? Der königliche Statthalter Graf Ekbert hält Hochzeit! Sie machen ein großes Fest mit Musik und Gauklern und Schauspiel!«

Mit zusammengekniffenen Augen sah Arnulf nach Süden, über den träge dahinfließenden blaugrauen Strom und auf Wald und Buschwerk am anderen Ufer – ganz so, als könne man den königlichen Stapelplatz Bardovyk von hier aus sehen. Aber der lag reichlich sechs, sieben Meilen südlich des Elbufers am Flüsschen Ilmenau.

»Du weißt, Roswith, dass Graf Ekbert uns die Pest an den Hals wünscht? Der Handel auf unserem Markt, das ist Handel, der auf seinem Stapelplatz nicht stattfindet … meinst du, seine Leute flechten uns Kränze, wenn wir da auftauchen?«

»Eben dies sagte ich ihr, Herr!«, sagte Brun ruhig und gesetzt, ohne unterwürfig zu klingen. Seine linke Augenhöhle sah an Arnulf vorbei, eine Folge des Mordanschlags ehedem, auch klebte der linke Arm aus demselben Grund ungelenk am Körper. Dass Arnulfs Gattin Erika »dasselbe« sage, schob er noch hinterher, und für einen Augenblick glaubte Arnulf, ein Lächeln in Bruns Mundwinkeln zu entdecken; das konnte freilich eine Täuschung sein, denn Brun zeigte selten eine tiefere Bewegung der Seele. Eben dies, diese stille Würde, beeindruckte Arnulf insgeheim – er selbst war von Zeit zu Zeit für einen rauchenden Ausbruch gut, obwohl er dem fünfzigsten Lebensjahr näher war als dem vierzigsten.

»Vater, bitte!« Roswith gab nicht auf. »Habt Ihr nicht neulich gesagt, dass Ihr Euch einmal mit Graf Ekbert zusammensetzen müsstet?«

»Hab ich das?«

»Ja, und das Fest wäre doch eine sehr gute Gelegenheit dafür!«

Arnulfs Tochter hatte die Fähigkeit, sich scheinbar belanglose Dinge zu merken, und sie dann zur rechten Zeit auszupacken: Ganz wie ihre Mutter! Arnulf zuckte mit den Schultern und murmelte, dass man darüber noch reden könne – später, freilich. Dann drückte er den Mädchen zwei Silberstücke in die Hand. »Damit könnt ihr euch bei Elias ein paar Verschönerungen kaufen. Und verspottet keinen mehr, klar? Sonst vermähl’ ich euch mit schrumpligen Awaren hinten im tiefsten Bayernland!«

Die Mädchen nahmen das Silber wie einen Trostpreis entgegen. Dann fiel Arnulf noch etwas ein. »Brun! Da waren Dänenschiffe auf dem Fluss! Habt Ihr irgendwas gesehen?«

»Dänen? Holsten, sage ich!«, sagte Brun mit einem Unterton. »Der Mann am Steuer, im ersten Schiff – bei Wodan, der sah aus wie Wolfger!«

Er spuckte aus und schritt den Mädchen hinterher.

Einer von Arthurs Leuten, ein schlanker Bursche um die zwanzig mit schulterlangen Zöpfen und kleinen Goldkugeln an den Bartenden, riskierte die Frage: Ob Brun mit Wolfger den gleichnamigen Führer der Holsten meinte?

»Genau«, nickte Arnulf. »Der Bode der Holsten! Der Mann, der Bruns Familie ermordet hat.«

Der Frager schwieg verlegen, während Arnulf wiederum auf den Fluss hinaussah, der so scheinbar friedlich und träge der fernen See entgegenzog. Zwei hellgraue Reiher mit weißen Hälsen kamen aus dem Schilfdickicht weiter flussabwärts und stießen auf Beutefische im seichten Wasser nieder. Dunkelgrau gefiederte Gänse wiederum trieben in der Flussmitte, wo sie immer wieder kurz unter der Wasseroberfläche verschwanden. Später am Tag, spätestens am nächsten Morgen würde der Adler wiederkommen, wusste Arnulf. Dann würden die Vögel den Schutz des Schilfs suchen, um nicht in die Fänge des Ar3 zu geraten. Arnulf mochte diesen Adler, beschloss er mit einem letzten Blick auf die Windungen des Stroms im Westen, dann schloss er sich wieder mit kräftigen Schritten den anderen Männern auf ihrem Weg zur Burg an.

* * *

Erika stand mit einem schlaksigen Jüngling und zwei aufgeregt flüsternden Mägden vor der Kapelle, die man in den östlichen Wall der Burg hineingebaut hatte. Mit dünnen Armen gestikulierend rief der junge Mann zwei Arbeitern mit nacktem Oberkörper etwas zu, die auf dem Dach der Kapelle zugange waren. Die beiden schauten ab und zu fragend herunter, wischten sich Schweiß von der Stirn und ruckelten mehr oder weniger stark am schweren Metallkörper, um ihn in die Aufhängung einzufügen.

»Die muss frei schwingen, Leute, ohne Berührung!«, rief Grimbald und fügte für seine Mutter etwas weniger laut hinzu: »Den vollen Klang haben wir nur, wenn nichts den Glockenkörper berührt!« Seine großen, dunklen Augen sprühten Zuversicht und sie wollte es glauben. Ihr jüngerer Sohn spielte schließlich die Leier und Flöte und wusste, wie Klang entstand. Die alte Aufhängung im Dachgebälk, an einem Querbalken, war kein Erfolg gewesen. Ein Missionspriester hatte sie einige Wochen zuvor ermutigt, einen besseren Platz zu finden: Gott kann lauter rufen! Dabei sendete das kostbare Stück wohl den einzigen bronzenen Gottesruf nördlich der Elbe aus. Dank Erikas Hartnäckigkeit war Arnulfs Schiffsführer Heden vor dem Osterfest mit drei Seglern und einer Handvoll Krieger solange an der Küste nach Westen gefahren, bis sie in der Bischofssiedlung Bremun4 fündig geworden waren. Die Glocke hatte ein halbes Vermögen gekostet – das Arnulf andernfalls für Waffen oder Pferde ausgegeben hätte.

Schon ertönten die ersten, vollen Schläge: um wie viel lauter als zuvor! Überall auf dem Burghof wendeten die Leute die Köpfe, Christen wie Heiden. Hühner krähten aufgeregt, Kinder staunten und die massigen Jagdhunde Arnulfs bellten laut in Richtung des Klangs, als melde sich da ein neuer Rivale. Auf den Wehrgängen jubelten ein paar der schuppengepanzerten Wächter Erika und Grimbald zu. Manche bekreuzigten sich und andere riefen etwas, das allerdings mehr nach Schlachtfeld als nach Kirche klang.

Grimbald zwirbelte das Ziegenbärtchen, das sein Kinn schmückte. »Seid Ihr jetzt glücklich, Mutter?«

»Glücklich genug«, lächelte sie. »Eine kräftige Glocke ist die beste Werbung für die Botschaft des Herrn!«

Grimbald musterte wiederum den klingenden Bronzekörper. »Der Priester Liudger wird Euch preisen, Euch und die Glocke natürlich, wenn er uns wieder besucht!« Da war ein Unterton, der sie stutzig machte. Wollte er ihr etwas sagen? Doch dann sah sie die Männer im offenen Burgtor erscheinen: Arnulf, Arthur und eine Handvoll Krieger mit einigen Pferden.

»Grimbald, hast du eigentlich die Dreijährigen beschlagen lassen, wie Vater es verlangte?«

»Ich hab‘s dem Hufschmied gesagt, gestern schon.«

»Das heißt also, du hast dich nicht darum gekümmert?!«

Grimbalds Rechte begann, die Silberringe am Handgelenk zu drehen. »Soll ich dem Schmied jetzt ständig über die Schulter gucken oder was? Ich schreibe gerade die Burgunder-Geschichte weiter, mit dem Drachen und den Awaren!«

Aus Erikas Kehle kam ein Stoßseufzer. »Die Pflicht geht vor, Junge! Also los, geh hinüber zur Schmiede, bevor dein Vater fragt!«

Grimbald sah seinen Herrn und Vater auf sie zukommen und beschloss, dass der Vorschlag seiner Mutter sinnvoll war. Tatsächlich stieß er häufiger mit seinem Vater zusammen, der ihm liebend gerne öde oder gar widerwärtige Dinge aufgab, die jeder Knecht erledigen konnte. Der Geruch des verbrannten Hufhorns beim Beschlagen war grauenhaft, einmal ­abgesehen davon, dass der Hufschmied selbst ein Grobian mit dem Verstand einer Haselnuss war. Mit seinen lässigen, wiegenden Schritten setzte Grimbald sich in Bewegung; wenn er lief, hatte eine Freundin ihm neulich gesagt, sah er immer so aus, als spiele irgendwo Musik.

Erika staunte zum tausendsten Mal, wie verschieden ihre beiden Söhne waren. Der Krieger und der fersari … Prüfend berührte sie das Zopfgeflecht, das ihr Haupt wie eine Krone schmückte, und ging ihrem Mann entgegen. Er sah halbwegs heiter aus, aber da war auch etwas Wachsames in seinen graublauen Augen. Im Bart schimmerten die ersten grauen Haare, während das braune Haupthaar noch voll und kräftig wuchs wie bei einem jungen Mann. In diesem Augenblick fühlte sie etwas Warmes im Nacken, ein Gefühl wie Glück: Denn Glück hatten sie gehabt! Glück miteinander, Glück als Familie und Glück als Erbauer einer neuen Herrschaft.

»Was ist los, Weib?«, fragte er. »Ich hör’ einen vollen Klang von der Kapelle, aber Ihr seht nachdenklich aus!« Mit diesen Worten küsste er sie auf die Lippen. Als stünden sie alleine da, als wären nicht Dutzende Augenpaare auf sie gerichtet.

Sie wich einen Fußbreit zurück, halb in der Erwartung, dass seine Hände noch etwas Unschicklicheres tun würden. »Vor genau zehn Jahren, lieber Mann, sind wir hier angekommen. Und wie gut sich alles gefügt hat, durch die Gnade des Herrn!«

»… und durch die Schärfe unserer Schwerter«, lächelte er, befingerte dann aber den silbernen Kreuzanhänger auf der Brust, der genauso aussah wie das Kreuz an Erikas Hals. Ein Feinschmied hatte ihnen diese Kreuze einst gemacht, als sie die Burg errichtet hatten. »Gestern kam wieder eine Handvoll Kerle von der Weser, gute Leute! Sie sind bereit, zu roden und für uns zu kämpfen!«

Erika nickte, neue Kämpfer waren gut. Noch besser wäre es, keine Kämpfer brauchen zu müssen, aber die Dinge hatten sich nun einmal so entwickelt. »War unsere Tochter bei Euch?«

»Wegen dem Fest, ja. Besprechen wir es beim Nachtmahl! Und jetzt – ist unser Schmied nüchtern? Wir haben Erz für ihn!« Er sah sich um und sie verstand, dass er gleich zur Schmiede gehen würde. Wo nun Grimbald herumstand mit den unbeschlagenen Pferden …

»Wollt Ihr mir nicht erst die neuen Rösser vorführen?«, fragte sie schnell.

Arnulfs Braue ging überrascht hoch, dann lachte er und rief mit kräftiger Stimme Arthur etwas zu. Im Nu fand sie sich in einer aufgekratzten Gruppe von Männern und Rössern wieder, zu der nun neben weiteren Kriegern auch noch Handwerker und deren Kinder stießen, die in der Burg lebten. Arthur streichelte stolz die Doppelblesse auf der Stirn der Windbraut, deren Fell von einem glänzenden, ungewöhnlich hellen Braun war. Erika klopfte dem Tier auf den Hals und lobte Arthurs Urteil. Er nahm es gerne auf; schließlich war seine Mutter Erika eine Sächsin von Geburt, eine Westfälin, die etwas verstand von Pferden.

Dann, wie ein Zündfunke im Stroh, kam der Vorschlag für ein Rennen. Jetzt gleich, um die Rösser tüchtig zu prüfen! Arthur lachte und forderte seinen langhaarigen Kameraden mit den Goldkapseln auf, aber dann überlegte er es sich anders. »Vater, was ist mit Euch? Reitet Ihr gegen mich?«

Erika sah ihren Sohn an. Arthur hatte diesen bestimmten Gesichtsausdruck, mit leicht vorgebeugtem Kopf, die Lippen einen Spalt weit geöffnet, den sie so gut von Arnulf selbst kannte.

Der Jüngere wollte es wissen!

»Warum nicht?«, meinte Arnulf scheinbar ungerührt. Mit knappen Worten schickte er jemanden los, Sättel zu holen.

»Wozu Sättel?«, dröhnte Arthur. »Eine Burgrunde kriegen wir ohne Sättel hin, was, Hauptmann?!« Mit einer herausfordernden, vielleicht selbstgefälligen Geste streifte er sich die Haare aus der Stirn und eine markante, fast drei Zoll lange Narbe wurde sichtbar.

In der Anrede – Hauptmann – lag etwas Herausforderndes: Sie stammte aus der Zeit des Königsdienstes, als Arnulf als Hauptmann der königlichen Panzerreiter eine Hundertschaft führte. Die Narbe wiederum hatte sich Arthur in ebenjener Zeit als Jungkrieger eingehandelt, mit heldenhaftem Leichtsinn nämlich, im Wald von Worms. Die Narbe erinnerte den Vater von Zeit zu Zeit daran, wie leicht sein Sohn sich in Gefahr brachte. Aber Arnulf wusste auch, dass er genauso gewesen war, früher …

Durfte er als gereifter Mann bei solchem sattellosen Unfug mitmachen?

»Bitte sehr, wenn Ihr wollt!«, knurrte Arnulf laut vernehmlich.

Neues Gelärme wogte über den Burghof. Die Krieger riefen Anfeuerungen wie auch Warnungen, Wetten wurden abgeschlossen, schon wurden die Pferde unruhig und rissen an den Halsseilen. Erika holte Luft, wollte protestieren – doch sie biss sich auf die Zunge. Zwei Kraftkerle mussten sich miteinander messen. Ihre Worte würden keinen Unterschied machen!

»Den nehme ich!« Arnulf schwang sich behände auf den Rücken eines schwarzbraunen Tiers, das prompt ein paar Schritt vorpreschte. Grobe Lederriemen tauchten auf, die man den Pferden als einfaches Zaumzeug überstreifte. Arnulf nickte seiner Frau zu, mit einem Lächeln, das aufmunternd wirken sollte.

Dann ritten der Burgherr und sein Sohn unter dem Johlen der Delbender durchs Tor.

* * *

Die Burg saß auf einer etwa hundert Fuß hohen, steil abfallenden Anhöhe über dem Ufer. Das Tor öffnete folglich landeinwärts, nach Norden: Der rechte Weg führte in einer Schleife zum Ufer mit den Fischerkaten und der Marktsiedlung, während der linke zur sogenannten Burgrunde führte, einem Kreis von etwa zwei Meilen Länge. Sie waren fast gleichzeitig aus dem Tor gekommen und Arnulf war direkt hinter Arthur, als sie auf die lang gestreckten Gebäude des Stutenhofs zugaloppierten. Hühner und ein paar Schweine nahmen Reißaus, als die Reiter heranpreschten und Arbeiter in schmutziger Feldkluft ihre Geräte sinken ließen, um das Schauspiel zu verfolgen. Die Reiter überquerten eine Weide und durchritten ein Stück Wald, um die Jungfrauenquelle zu erreichen. Zwei Mägde vom Stutenhof waren dabei, mächtige Wasserkrüge auf einen Esel zu laden, als Arnulf und Arthur vorbeidonnerten. Bei der anschließenden Wegkehre nach Osten rutschte Arnulf fast vom Pferd. Wann war er zum letzten Mal ohne Sattel geritten?

Er folgte seinem Sohn mit nur zwei oder drei Längen Abstand und merkte doch, dass die Windbraut schlicht und einfach zu schnell war. Dann war da noch Arthurs Ungestüm: Der Bursche ritt drauflos, als gebe es keine Baumwurzeln, keine Löcher, keine Rinnen auf dem Weg, als gebe es nur eins: siegen!

Aber siegen wollte der Vater auch.

Arnulf presste dem Schwarzen die Fersen in die Flanken und beugte sich nach vorn. Lauf, Junge! Lauf! Schon waren sie in den Wiesen, die man Reitfeld nannte, wo man sonst Gruppenangriffe mit der Stoßlanze übte. Arnulf näherte sich Arthur von links hinten, während der nach rechts über die Schulter schaute: Er schien Arnulf gar nicht kommen zu sehen, wurde sogar etwas langsamer – da rief Arnulf dem Schwarzen eine Anfeuerung ins Ohr und schlug ihm mit der Rechten auf die Kruppe. Schon zog er mit Arthur gleich und an ihm vorbei.

»Aus den Tannen kommt der Wolf, Junge!«

Ein Vers aus einem Kinderlied – Arnulf hätte nicht sagen können, warum er Arthur das zurief. Vielleicht, um den vorlauten Sohn zu reizen, ihm die dreiste Herausforderung vor den Kriegern heimzuzahlen!

Dumpf donnerten die Hufe über das Gras, Kaninchen tauchten vor ihnen auf und zickzackten blitzartig davon. Aus den Augenwinkeln sah der Vater, wie Arthur die Flanken von Windbraut bearbeitete. Dann kam auch schon die kleine Anhöhe mit dem zusammengebrochenen Steingrab, ein grauer Quader, der von längst vergessenen Heidenfürsten kündete. Der Weg bog vor der Kuppe nach rechts ab; als sie sich dem Grab bis auf fünfzig Schritt genähert hatten, zog Arthur plötzlich wieder am Vater vorbei und schwenkte als Erster nach Osten ein. Arthur ritt so geschickt, dass er die Kehre fast im Galopp nahm, ohne merklich abzubremsen. Arnulf aber verlor um ein Haar den Halt und musste sich an Hals und Mähne förmlich festklammern.

Arthur führte ihn vor!

Immerhin, sein Ross war trittfest und geradezu stoisch, es rannte weiter, als sei nichts gewesen. Doch Arthur war nun schon mehr als zehn Längen vor ihm!

Arnulf sah die ersten der Kastanienbäume vorbeiziehen, die frühere Elbufer-Herren hier gepflanzt hatten. An diesen Baumreihen entlang ging es auf das Fuchsholz zu, einem südlichen Ausläufer des großen Eisenwaldes, der die Siedlungsgebiete der Germanen und Slawen, der Sachsen und Abodriten also trennte. Schnell wurde der Untergrund dann wieder feuchter: Es ging auf das Flüsschen Delvenau zu, das man auch einfach Graben nannte, denn wie ein großer Wassergraben zog die Au sich von Nord nach Süd durch die Landschaft, flach im Sommer, meterhoch dagegen im Frühjahr und Herbst. Einige Sumpflöcher auf dem Weg waren mit Planken abgedeckt: Krachend polterte Arthur über den ersten Bohlenpfad, nun öffnete sich der Blick durchs Unterholz auf den blaugrauen Elbstrom. Eine weitere Weggabelung tauchte auf, Arnulf erkannte einen Kerl mit der Axt über der Schulter, einen sehnigen Burschen mit Biberfellmütze, der ihm seit Karls Zeiten mit seinem Schwert diente. Wie zum Gruß hob er den Wetzstein in seiner Hand:

»Holt ihn Euch, hamar!«

* * *

Die Windbraut war schnell, selbst mit einem Reiter auf dem Rücken mit der kräftigen Statur Arthurs! Er würde seinen Vater nicht nur schlagen, er würde ihn deutlich schlagen! Die Leute würden reden, natürlich … Dann aber merkte Arthur, dass sein Vater nicht mehr hinter ihm war. Schlagartig machte der Jüngere sich Sorgen: Vom Pferd zu stürzen und sich den Hals zu brechen, beendete dreimal mehr Kriegerlaufbahnen als irgendeine Schlacht!

Wo blieb der Alte?

Aber dann überholte ihn der Vater auf der linken Seite, mit wölfischem Grinsen.

Arthur traktierte die Seiten der Windbraut mit seinen Fersen. Sie verstand ihn und sie hatte noch etwas zuzusetzen! Und hier, auf dem Übungsfeld der Reiterei zog Arthur jetzt einfach vorbei am Vater und donnerte mit enormer Geschwindigkeit auf das große Steingrab zu. Und wie klug und geschickt nahm die Windbraut die nächste Kehre! Im Nu hatte er den Herrn von Delbende hinter sich gelassen. Der Grund wurde feuchter, schon trommelte er über das erste Stück Bohlenweg, sah den Vater weit hinter sich! Im sanften Bogen ging es nun um eine moorige Senke, Dänengrab nannte man dieses Feld mit Birken und Sumpfgras, vielleicht weil hier irgendwann gefangene Freibeuter in den Tod gegangen waren. Ein schmaler Pfad führte hindurch, den man nur zu Fuß und nur bei Tag nahm.

Arthur schwenkte mit steigender Laune nach rechts ein, stieß endlich wieder auf den Weg zur Burg, den sie vor Kurzem zu Fuß gelaufen waren. Da hörte er ein Poltern und Krachen im Unterholz. Scharfe, kehlige Anfeuerungsrufe, die Stimme seines Vaters: Wie ein fliegender Hirsch donnerte nun ein paar Längen vor ihm Arnulf sax hamar von rechts aus den Büschen, mit rotem Gesicht – für einen Wimpernschlag nur trafen sich ihre Blicke.

Der Vater brüllte sein Ross vorwärts, während der Weg nun wieder anstieg, hinauf zum Burgtor …

Lauf, Windbraut, bei Gott, lauf!

Mit einer Länge Vorsprung ritt jedoch der Burgherr durch das Tor, nicht sein Sohn.

* * *

Am lautesten johlten die alten Gefährten: Männer mit schwarzen Halstüchern und narbigen, wettergegerbten Gesichtern, die schon zu Königszeiten in seiner Hundertschaft gekämpft hatten. Der hamar konnte es noch, Respekt! Durchs Dänengrab, ohne Sattel, das war ein Streich! Da hätten sich andere den Hals gebrochen …

Dass die Windbraut ein verdammt gutes Pferd sei, ließ Arnulf schwer atmend verlauten, als er inmitten der lärmenden Männer aus dem Sattel rutschte. Dabei sah er Arthur an, wie zur Entschuldigung. »Ihr habt die richtigen Rösser gekauft, Arthur!« Der zischte den Kameraden etwas zu, die ihn mit fragenden Gesichtern umstanden. Dann sah er seinen Vater an. Arnulf erschrak innerlich, als er in die Augen seines Sohnes sah.

»Durchs Dänengrab!«, spuckte Arthur mit bebender Brust aus. »Was würdet Ihr mit einem Weichspeer machen, der da durchreitet?«

Arnulf grinste etwas bemüht. »Den müsste man fragen, wer ihm das Reiten beigebracht hat!«

»Ich war schneller, Ihr wart einfach nur leichtsinnig!«

Das Gelächter und Geraune um sie herum wurde leiser.

»Haltet die Luft an«, knurrte Arnulf mit müde werdendem Grinsen. Er ging auf seinen Sohn zu und klatschte ihm eine schwielige Hand auf die Schulter. »Vergessen wir’s! Ihr versteht was von Gäulen, Arthur, das ist das Wichtigste!« Dann erwähnte er noch laut und deutlich, dass Gallos Leute einige Krüge mit Wein hochgeschickt hatten, Geschenk eines Kaufmanns aus Stathu5. »Warum nicht damit den Abend einläuten, Männer?«

* * *

Freilich war der Abend noch ein Stück entfernt. Und Arthur, das konnte jeder sehen, brauchte Abstand zum Gewinner des Rennens. So kam es, dass Roswith, die sich nach ihrer Rückkehr auf die Burg alles haarklein berichten ließ, alsbald ihren Bruder aufsuchte. Er hatte drei der Pferde bereits an seine Schwurmänner verteilt. Mit anfangs noch gleichmütigem Gesicht ließ er sich Roswiths Zusprache gefallen: Sie schimpfte mit gedämpfter Stimme über die Tollkühnheit ihres Vaters.

»Ihr seid der beste Reiter weit und breit, Bruder! Übrigens, hättet Ihr nicht auch Lust, heute Abend etwas zu unternehmen?«

Eine halbe Stunde später saß sie tatsächlich mit Gea zwischen kräftig rudernden Kriegern in einem knapp dreißig Fuß langen Boot. Es folgte mit geringem Abstand einem größeren, schnittigeren Ruderboot, Kiel genannt, in dem Arthur selbst stand. Roswith sah ihn am Mast lehnen, gelegentlich zurückschauen und ansonsten mit seinen Leuten und einer Magd scherzen, die er mitgenommen hatte. Sie arbeitete in der Küche der Burg, war ein lebenslustiges Ding und würde wahrscheinlich bis Weihnachten davon erzählen, dass sie mit dem jungen Herrn zu einem Fest nach Bardovyk gefahren war …

Grimbald setzte die Flöte ab, der er ein paar spielerische Töne entlockt hatte, und richtete sich aus seinem Nest aus Seilen und leeren Säcken im Heck auf. Im letzten Augenblick hatte er sich angeschlossen: Eine größere Vergnügung zu verpassen wäre eine Sünde gewesen! Seit dem Ablegen beobachtete er insgeheim Roswiths Freundin, die ebenfalls fünfzehn oder sechzehn sein mochte. Sie war die Tochter eines Hörigen, der einer holstischen Familie flussabwärts als Knecht und Feldarbeiter diente. Geas Mutter war vor Jahren verstorben und ihre Stiefmutter kam nicht gut mit dem etwas selbstverliebten Mädchen aus – so hatte Arnulf sie für zehn Schillinge ausgelöst, denn sie und Roswith waren längst wie Schwestern füreinander.

»Gea«, sagte Grimbald schließlich in harmlosestem Ton, »zu deinem Goldhaar passt kein safranfarbenes Tuch.« Er zog ein hellblaues, seidiges Stück Stoff aus seiner köcherartigen Flötentasche. »Hier, probier das!«

Gea warf einen Blick zu Roswith, halb ungläubig, halb geschmeichelt und begann an ihrem Kopftuch zu zerren, unter dem dicke blonde Zöpfe hervorquollen. »Wenn Ihr meint, Grimmo.«

Roswith stieß ihrem Bruder mit der Fußspitze in die Rippen. »Wir haben kaum abgelegt, und schon fängst du mit minne an … aufpassen, Gea!«

Ein krächzendes Lachen erklang hinter ihnen am Steuerruder. Es kam von Arthurs Gefährten Gero. Er ließ eine ledrige Hand durch seine Bartsträhnen mit den Goldkapseln laufen und rief Gea ein paar ursächsische Silben zu, verballhornt, sodass die im Fränkischen aufgewachsenen Kinder Arnulfs nur ahnen konnten, was gemeint war. Doch dann entdeckte Gero etwas und die nächsten Worte waren reinstes Fränkisch:

»Skizan! Da steht Euer Vater!«

Erschrocken sah Roswith zurück. Tatsächlich, am Holzsteg der Anlegestelle war der Burgherr erschienen. Fast hatten die Boote die Mitte des Flusses erreicht, und doch dröhnte Arnulfs Stimme deutlich über das Wasser – niemand konnte so brüllen! »Umkehren«, knurrte Gero tonlos. Dann wiederholte er das Wort als Ruf nach vorn, für Arthur. Der hatte sich ebenfalls umgedreht, angespannt starrte er zurück zur Anlegestelle, dahin war die Lässigkeit. Grimbald hörte den älteren Bruder nun leise fluchen. Ein flaues Gefühl durchlief ihn. Den Dreijährigen hatte er immer noch nicht die Eisen angepasst!

»Fahrt weiter, Arthur«, rief Grimbald nach vorn. Roswith hingegen biss sich auf die Lippen, stand auf und winkte ihrem Vater ratlos zu – zurück, umkehren, so viel war zu verstehen.

Ein kräftiger Fluch kam vom ersten Boot. »Roswith«, schrie Arthur, »hattest du nicht gesagt, du hast Erlaubnis?«

Die Schwester rang die Hände. »Ja, bei allen Heiligen, wir können auf uns selbst aufpassen!«

Gea murmelte etwas und drückte Roswiths Arm.

Ob sie das Tuch behalten dürfe, fragte sie dann noch.

* * *

Als sie endlich wieder von der Bootskante auf den Steg sprangen, stellte Arthur fest, dass sein Vater nicht mehr da war. Stattdessen stand da Brun. »Zürnt nicht, junger Herr!«, sagte der Ältere mit diesem Gesichtsausdruck, mit dem er seine inneren Regungen tarnte. »Euer Vater braucht Euer Schwert und die Schwerter Eurer Männer!«

»Was ist passiert?«

»Drasco ist hier, der Abodritenfürst. Sklavenjäger aus dem Holstengau haben seine Siedlungen überfallen und Menschen geraubt. Er bittet Euren Vater um seine Hilfe!«

Arthur spürte sein Blut schneller strömen. Mit allem hatte er gerechnet, bis hin zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Aber das, was Brun sagte, klang plötzlich nach dem Besten, was einem jungen Krieger passieren konnte: nach einer Gelegenheit, sich auszuzeichnen!

»Holsten, sagt Ihr?«, stieß Arthur aus. Er sah die Trupps der Sklavenjäger schon vor sich, die Gefangenen mit Peitschen vorantreibend, irgendwo zwischen Wald und Sumpf am Horizont. »Wie viel Vorsprung haben sie?«

»Nicht viel, junger Herr! Es müssen die Boote gewesen sein, die heute Nachmittag vorbeizogen, hier an unserem Ufer!«

»Satan!«, knurrte Arthur und fuhr mit einer Hand über den Bart. »Heden wintblat ist noch mit seinen Schiffen im Norden unterwegs! Mit unseren Flussbooten werden wir die Kiele kaum einholen!« Ihre Blicke gingen zu den beiden Schiffen, die weiter hinten an einem schlichten Steg vertäut waren, ohne Mast und mit eingezogenen Rudern.

»Euer Vater wird sie zu Pferde verfolgen«, fügte Brun ungerührt hinzu. »Sammelt Eure Männer und macht sie marsch­fertig!«

2 Heute ein Stadtteil von Lüneburg.

3 Althergebrachte Bezeichnung für Adler und Bestandteil des Namen Arnulf (=Adler-Wolf).

4 Bremen

5 Stade

Kapitel II

Einige Wochen vor diesen Ereignissen an der Nordgrenze des Reiches hatte der König des Frankenreiches Vertraute und Vasallen zu einem Bad in seiner Pfalz Paderburni6 geladen. Huhn, Brotviertel, Käsestücke, Honig und Quark mit Kürbiskernen warteten auf einer Anrichte nahe des Badehauses. Denkbar einfach war das, denn so mochte es Carolus Rex abseits der großen Empfänge; längst nannte man diesen Karl »magnus«, den Großen also, und das lag nicht an seiner Körpergröße von mehr als sechs Fuß. Ein solcher König hatte es nicht nötig, vor seinen Leuten zu prunken.

Das Herumpaddeln im eher flachen Quellbecken der Pader hatte Karls Gästen Vergnügen bereitet; zumindest mussten sie so tun, denn der König war mitten unter ihnen. Auf Griesgrämige und allzu Schweigsame legte er keinen Wert, das war bekannt! Gottes Werk mit Demut im Herzen und froher Seele zu unternehmen, war Devise bei Hofe seit vielen Jahren schon. Der König – nur mit einem Lendenschurz angetan – hatte im Wasser mit einigen Großen aus Rheinfranken, mit einem Markgrafen und einem Prälaten aus Italien sowie vertrauten Höflingen gescherzt und gelacht und dabei doch auch ernste Dinge angesprochen: Die Viehseuche, die westlich der Maas wütete; der Aufstand der Awaren im Südosten, hinter dem bayerischen Herzogtum; neue Lieder der Kirchenliturgie, denn der König sang laut und gerne in jedem der Gottesdienste, die er besuchte.

Freilich, Karl wusste, dass unter der Oberfläche, quasi unter Wasser, ein anderes Thema längst die Gedanken seiner Badegäste in Beschlag genommen hatte: die Frage der Thronfolge. Dreißig Jahre auf dem Thron hatte der Allmächtige dem Frankenkönig bereits gegönnt! Großartige, glanzvolle Jahre zumeist, in denen Karl, der Sohn König Pippins, von Erfolg zu Erfolg geritten war, immer neue Völkerschaften unterworfen, heidnische Seelen für Christus gewonnen und die Territorien des Reiches gewaltig vergrößert hatte. War es also nicht an der Zeit, an die Zukunft, an einen Nachfolger auf dem Thron zu denken? Ja, König Karl wusste, dass zumindest zwei seiner drei Söhne bei den mächtigsten Vasallen des Reiches heimlich ausloteten, inwiefern ein neuer Herrscher sich auf sie verlassen könnte – im Fall eines Thronwechsels …

An jenem milden Badetag also unter blauem Himmel, mit piependen Amseln und räubernden Staren in der Luft, ließ der Herrscher noch im Wasser das Wort »Reichsteilung« fallen, um seine Gäste aus der Reserve zu locken. Scharf musterte er dabei die Gesichter der anderen, doch außer unverbindlichem Gemurmel und gerunzelten Brauen erntete er kaum Reaktionen – was eben auch daran lag, dass niemand vor den Ohren anderer hier irgendwie Stellung beziehen wollte, denn: Wer wusste schon, welcher Sohn am Ende das Rennen machen würde?

Da meldete sich der Markgraf aus dem südlichen Italien zu Wort. Er war ein knochiger Mann mit einer von einem Schwertstreich verkrüppelten Hand, der geradezu klein neben dem hochgewachsenen König wirkte. Während Karl sich bereits den in den Fels gehauenen Stufen näherte, die einen bequemen Ausstieg boten, sprach der Italier laut und deutlich für die Reichseinheit: »Byzantiner und Sarazenen warten nur darauf, dass sich der fränkische Thron von Italien abwendet! Ich danke dem Herrn, dass wir mit Eurem Sohn Pippin einen tüchtigen Unterkönig haben, der den Feind von Benevent und Spoleto fernhält!«

»Gut, dass Ihr ihm dabei so tatkräftig helft«, sagte der König und bedachte den Markgrafen mit einem freundlich-­gelangweilten Blick. Dann stieg Karl endlich aus dem Wasser. Am Beckenrand streckte ihm sein Leibdiener Leinentücher entgegen, andere hatten bereits eine Holzbank aus einem hell verputzten Gebäude herbeigetragen, auf der die Schüsseln mit Essen auf die Erfrischten warteten, und begannen ebenfalls, Handtücher zu verteilen.

Je nach Schamgefühl griffen die triefenden Männer schneller oder langsamer nach dem trockenen Leinen. Der König, das Tuch über einer Schulter, löste nun mit einer Hand den nassen Lendenschurz und rief im selben Augenblick seinem altgedienten Consiliarius Einhard etwas zu. Der watete mit langsamen Schritten auf die Stufen zu – schmalbrüstig, grauhaarig, aber mit sehr wacher Miene. »Bringt den Diakon gleich zu mir, Einhard!«

In ebendiesem Augenblick streifte der König den Schurz ab und schlang mit der Rechten das Tuch um die Hüfte. Annähernd gleichzeitig geschahen diese Bewegungen, aber eben nur annähernd: Da war der wie zufällige Augenblick, kaum länger als ein halber Herzschlag, in dem die Badenden das Geschlecht Karls sehen konnten.

Einhard murmelte eine halblaute Bestätigung des königlichen Wunschs. Und vielleicht wusste er, der langjährige Vertraute, als Einziger der Anwesenden, dass diese Offenbarung der königlichen Lenden kein Zufall gewesen war: Denn das Geschlecht des Herrschers war riesig.

* * *

Etwa eine Stunde später standen vier Männer vor einer Karte des Frankenreiches, die auf eine Standtafel genagelt war. Der geflieste Raum, den man von der großen Prachthalle der Pfalz aus betrat, war mit Sitzbänken, Kissen und Wandteppichen ausgestattet, die Bonifatius’ Fällung der Donareiche zeigte und auch das spätere Martyrium, nämlich die Tötung des Missionars durch friesische Banditen. Stehend hatten die Männer eine Zeit lang die Karte betrachtet, waren mit ihren Augen von Friesland bis Akquitanien, von Septimanien7 bis nach Alemannien und vom Rhein bis an den Tiber gereist, währenddessen ein schwarzhaariger Mann mittleren Alters in konzentrierten, nüchternen Sätzen eine mögliche Aufteilung des Riesenreiches erläuterte.

Nur die abrupten Kopfbewegungen des Vortragenden und die gelegentlichen Berührungen seiner Stirn mit zwei Fingern deuteten darauf hin, dass der Vortragende unter erheblicher Anspannung stand.

»Und die Alpenpässe, Diakon?«, unterbrach der König mit den Händen in den Hüften. »Wem wollt Ihr die geben?« Mit einem Klaps auf den Kopf verscheuchte der König den braunschwarzen Jagdhund, der ihn jaulend bedrängte. Worauf das Tier wiederum mit kräftig wedelndem Schwanz nach Mäusen unter der Kartentafel zu jagen begann, wo tiefe Lücken zwischen Bodenfliesen Verstecke für kleine Nager boten.

Der Diakon Ebo hielt inne. Dann räusperte er sich und warf einen schnellen Seitenblick auf Einhard und die ein wenig abseitsstehende Gestalt des Erzkapellans, dessen Brust ein matt glänzendes Silberkreuz mit goldener Einfassung schmückte. Erzkapellan Hildebald war fast so groß wie Karl, aber deutlich schmaler und trug eine gewaltige Adlernase im Gesicht. Sein Kopf hing immer ein wenig nach vorn, als sinniere er über irgendetwas. Da er einen kurzen Hals hatte, erinnerte dieser Anblick mitunter an einen riesigen Vogel.

Es gab nur wenige Kanzlisten, die jemals vor beiden sprachen, vor dem Herrn der Welt und seinem höchsten Berater. Und offensichtlich war die Idee einer Reichsteilung, die Ebo auftragsgemäß ausgearbeitet hatte, ein guter Grund für eine vertrauliche Besprechung. Aber trotzdem wurde der Kanzlist das Gefühl nicht los, dass es hier noch um etwas anderes ging. Einhard hatte ihm eben doch nicht alles erzählt! Der kluge, ledrig-asketisch wirkende Vertraute Karls hatte ihm ursprünglich den Auftrag für die Kartenerstellung gegeben. Dieser Einhard hatte eine verbindliche, wohlwollende Art, der man leicht vertrauen konnte. Obwohl Ebo doch als Verstandesmensch wusste, dass es schlicht und einfach keinen Sinn hatte, jemandem zu vertrauen. Es sei denn, man war der Herrscher selbst – dann blieb einem nichts anderes übrig.

»Die Alpenpässe, Herr? Ihre Aufteilung folgt demselben Muster …«

Der aufdringliche Hund störte Ebos Vortrag wie ein rotziges Kind. Zumal ein ekelhafter Geruch von ihm ausging. Doch dann sagte der Erzkapellan zwei Sätze hintereinander, die die Wichtigkeit der Pässe noch einmal unterstrichen und Ebo wurde klar: Erzkapellan Hildebald hatte Magenprobleme, von ihm ging dieser Verwesungsgeruch aus!

»Herr«, begann Ebo aufs Neue, »den Reschenpass bekommt der jüngere Karl, der dann vom Rhein aus nach Italien ziehen kann. Der Lukmanier bleibt beim Herrn von Italien. Und Ludwig, der den Südwesten unter sich hat, kann von der Rhone aus den Mons Jovis8 nehmen …«

Der König nickte und klang plötzlich nicht mehr so herablassend wie zuvor. »Wie viele Leute haben diesen Entwurf gesehen, Ebo?«

Ebo spürte Schweiß unter den Achseln. »Neben meinem Schreiber, Herr, nur der ehrenwerte Consiliarius Einhard. Und der Leiter der Hofkanzlei natürlich …«

»Schon gut«, winkte der König ab. »Unser Kanzler ist mittlerweile halb blind, der weiß nicht, ob ich vor ihm stehe oder mein Pferd.« Der König ließ sich in einen massiven Holzstuhl fallen, der mit geschnitzten Verzierungen und Eberzahn-Einsätzen wie das Geschenk eines ostelbischen Heidenfürsten aussah. Prompt tauchte der Hund wieder auf, um seinem Herrn die Hand zu lecken.

»Euer Entwurf ist gut durchdacht«, sagte der Erzkapellan mit seinem federnden Nicken. »Der junge Karl bekommt mit den altfränkischen Gebieten östlich des Rheins, mit Sachsen und Neustrien mehr Land als die anderen, aber die südlichen Gebiete sind wirtschaftlich höher entwickelt. Nur – der Allmächtige dürfte Euch noch viele Jahre schenken, mein König, bevor wir dergleichen ernsthaft zu berücksichtigen haben.«

»Amen«, sagte der König trocken.

Aber warum hatten sie ihn, den Diakon aus der zweiten Reihe der Hofkanzlei, mit dem ganzen Verschwiegenheitsbrimborium befrachtet, wenn die Reichsteilung gleich wieder begraben wurde?

Ebo spürte wiederum den prüfenden Blick des Königs. Seit seiner ersten Begegnung mit dem großen Karl – damals hatte Ebo noch als Schreiber im Dienst des Erzbischofs von Moguntia9 gestanden – waren die Tränensäcke unter den dunklen Augen des Herrschers deutlich größer geworden; die schwarzen Brauen wucherten wie Gestrüpp über den Augen und gaben dem Antlitz etwas Einschüchterndes, zumal, wenn der Herrscher die Stirn in Falten legte. Der Ansatz des Haupthaars war um zwei oder drei Zoll zurückgewichen, reichlich silberne Strähnen durchsetzten das Schwarz. Der Kopf saß auf einem dicken, rötlichen Hals, der Karls Figur wiederum noch massiger erscheinen ließ.

»Einhard hat gut von Euch gesprochen, Diakon«, sagte der König langsam. »Mit Recht! Hinter einer hohen Stirn steckt doch immer wieder ein starker Verstand!« Diese auf Ebos Äußeres gemünzten Worte verstärkten dummerweise den Juckreiz über seiner rechten Braue, der alten Problemstelle. Dann stellte der König eine Frage, die wie ein Scherz klang: »Was meint Ihr, Ebo: Welcher meiner Söhne hat das Zeug, mir nachzufolgen? Wer wäre es wert, die Oberherrschaft auszuüben, am Ende meiner Reise?«

»Herr, Euch stehen größere Geister zur Verfügung, um diese Frage …«

»Nicht so schüchtern! Wenn man weiterkommen will, dann muss man auch mal etwas wagen!«

»Herr …«

»Ihr habt Karl und Ludwig und Pippin gleichermaßen erlebt«, fuhr der König nüchtern fort. »Ihr seid herumgekommen, reichlich! Und wenn ich mir Euren Überwurf mit diesem hellen Blau ansehe, dann scheint mir der eher in Pavia als in Utrecht gewebt! Ihr könnt nicht klagen … Eigentlich entstammt Ihr einer hörigen Familie, meine ich?«

»Nein, Herr!«, sagte Ebo etwas zu energisch. »Mein Großvater war ein Freier! Er begleitete den heiligen Bonifatius auf der letzten Friesland-Fahrt, wo er das Martyrium erlitt!«

»Aber Euer Vater nicht«, fiel Einhard ein, der dem Stuhl des Königs näher gerückt war und die Hände auf dem Rücken hatte, wie ein Schulmeister. Ebo spürte einen neuen Juckreiz, diesmal war es der linke Handrücken.

»Widersprecht ihm lieber nicht, Ebo«, lächelte Karl. »Der Consiliarius kennt sich aus! Gleichwohl, wir brauchen solche Leute wie Euch, versteht Ihr nicht? Eure Loyalität, Diakon Ebo, soll uns gelten, uns allein! Und nicht einer alten Sippe, die zehntausend Hufen Land hat mit fünftausend Hörigen und die beides gerne verdoppeln würde! Solche Vasallen habe ich reichlich! Und ich kann Euch sagen, dass das Verhandeln mit denen sehr anstrengend ist. Schaut unseren Consiliarius hier an: Einhards Großvater war ein Schmied!«

»… und mein Vater ein königlicher Amtmann«, fügte Einhard sicherheitshalber hinzu, damit keine Missverständnisse aufkamen. »Ich besuchte die Klosterschule in Fulda. Ihr wart in Moguntia. Guten Schülern steht die Welt offen, hieß es bei den Römern!«

Ebo lächelte etwas angestrengt, dann tauchte der Hund vor ihm auf und stieß seine Schnauze zwischen Ebos Beine, als wolle er dessen Geschlecht kennenlernen. Peinlich berührt versuchte der Diakon, das Tier mit einem Kniestoß abzudrängen.

Der König lachte, als schaue er einer Theatertruppe zu. »Er mag Euch, Ebo«, rief Karl. »Und glaubt mir, es gibt viele, die er nicht mag!«

Ebo schluckte etwas hinunter, das bitter schmeckte. Er zog den Saum des Überwurfs straff, der vom Gürtel zusammenhalten wurde, mit einem Auge auf den Hund. »Warum habt Ihr mich holen lassen, Herr?«

»Um Euch kennenzulernen, Diakon«, kam es vom König zurück, ernst und hart, vielleicht sogar respektvoll. »Einhard wird Euch einweihen.«

Der Consiliarius sah Ebo an wie einen Prüfling, der erste Aufgaben bestanden hatte und nun für Höheres infrage kam.

»Wir wollen«, begann er, »dass Ihr Euch an den Hof des Königssohns Karl begebt. Ihr werdet ihn beobachten! Unser Eindruck ist, dass er tatkräftig und willig ist, aber noch einer gewissen Reife bedarf. Ihr werdet uns also berichten, wie er sich hält, was er denkt und mit wem er näher verkehrt. Bei Bedarf werdet Ihr auch seine Hand führen!«

»Die Hand des Königssohns, des Prinzen Karl?« Ebo glaubte, sich verhört zu haben. »Aber mit welcher Autorität trete ich ihm gegenüber?«

»Abwarten!«, sagte Einhard in seiner Dozentenstimme. »Wichtig ist: Ihr gehört keiner Fraktion und keiner Sippe an und steht in keiner Abhängigkeit außer unserer! Ihr werdet uns die Dinge so schildern können, wie sie wirklich sind. Euch winkt ein Bischofshut und mehr, wenn Ihr Euch geschickt anstellt!«

Ebo kratzte sich abermals an der Stirn und fühlte eine Mischung aus Schrecken und Hoffnung. Ein Bischofshut, im Ernst?

Oder wollten ihn diese Höflinge hier in Karls Lager untergehen lassen, um damit wiederum etwas ganz anderes zu erreichen?

Ebo nahm seinen Mut zusammen, denn Mut hatte der König ihm selbst empfohlen. »Warum zum jungen Karl, Herr Einhard? Warum schickt ihr mich nicht in Prinz Ludwigs Lager? Er hat große Frömmigkeit und er zeugt Kinder und …«

»Das wird mein Sohn Karl auch tun, Diakon!«, stieß der König aus. Seine Hand landete in einer Schale mit Nüssen neben dem Stuhl, etwas zu heftig, sodass einige Nüsse auf den Boden klickerten. »Man muss ihm notfalls die richtige Schönheit vorsetzen, damit er Appetit bekommt!«

Für einen Augenblick herrschte verlegene Stille. Ebo fühlte neuen Schweiß unter den Armen: Er war zu direkt gewesen! An den kühlen Verstand von anderen zu glauben, war sein alter Fehler. Nur – dass der jüngere Karl nicht mit Frauen schlief, hatte sich am Königshof längst herumgesprochen. Und der ach so weise König tat, als sei das nur Zufall?!

»Immerhin, lieber Diakon«, kaute Karl mit angestrengter Gutmütigkeit hervor, »eben noch hattet Ihr gar keinen Favoriten, jetzt seid Ihr schon bei Ludwig!«

Einhard raunte Karl etwas zu, während Hildebald sich ruckartig zur Seite drehte, als müsste er sich übergeben.

»Herr«, sprach Ebo in die Stille hinein, »ich bin geehrt von Eurem Vertrauen! Wie lange soll meine Mission beim Prinzen Karl dauern?«

Karl schwieg kauend. An seiner Stelle antwortete Einhard: »Ein Jahr oder auch mehr, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln.«

»Und Pippin in Italien?«, überlegte Ebo laut. »Kommt der gar nicht in Betracht?«

Karl hob stirnrunzelnd die Hand und betrachtete zunächst Hildebald, der sich wieder aufrichtete und etwas von »Kolik« murmelte, wobei er über sein Brustkreuz strich, wie um sich selbst zu beruhigen.

»Pippin liebt die südliche Sonne«, sagte Karl mit einer Spur von Resignation. »Er hasst unsere Wälder, Moore und unseren Regen. Das bestätigt er mir bei jeder Gelegenheit. Lassen wir ihn erst einmal da, wo er ist! Was Euren Titel angeht, mit dem Ihr Euch bei meinem Sohn einführt … Hildebald, geht es?«

»Gewiss, Herr!« Karls erster Berater straffte sich, bemüht, Einhard keine weitere Gelegenheit zu geben, für ihn oder den König zu antworten. »Ihr selbst, Ebo, habt dem jungen Karl das gesamte Sachsenland gegeben«, sagte Hildebald in offiziellem Tonfall. »Wir könnten Euch als Boten mit besonderen Vollmachten dorthin schicken, als Begleiter eines missus domenicus oder sogar als missus selbst.« Er wechselte einen Blick mit Karl, beide sahen Einhard an, doch der reagierte nicht.

Ebo nickte und sah die Situation vor dem geistigen Auge: wie er, der Diakon aus der Hofkanzlei, den Beratern des Königssohns erklären musste, warum er fortan dem Königssohn beigeordnet war … »Ich brauche bewaffneten Geleitschutz, Erzkapellan«, sagte der Diakon mit einer gewissen Forschheit. »Ein Königsbote ohne Krieger wird nicht ernst genommen!«

»Nicht so schnell«, fiel der König ein. »Ich brauche dort hinten vor allem Euren Verstand, Ebo! Und vielleicht sogar etwas wie List.«

Der Blick des Königs, fand Ebo, bekam nun etwas Lauerndes. Gespannt wartete der Kanzlist auf die Erkenntnis, was in jener gottverlassenen Gegend so dringend zu tun war. Es konnte eigentlich nur einen echten Grund geben!

»Geht es um Arnulf sax hamar, Herr, den Abtrünnigen?«

»Um genau den.« Der König richtete sich auf. »Mein Sohn hätte sich längst um den Burschen kümmern müssen!« Der König trat nun auf den Diakon zu, bis sie nur noch eine Armeslänge trennte. »Die aufständischen Sachsen«, knurrte der Herrscher, »gehen einfach über die Elbe! Sie kriechen bei den nordliuti unter, bei Holsten und Sturimarn und wie sie alle heißen. Und am liebsten gehen sie zu diesem Arnulf, der ihnen auch noch Land gibt! Wir hätten diese Giftpflanze schon vor Jahren ausreißen müssen!«

Ebo musste den Blick ein wenig heben, um seinem König in die Augen zu sehen. Rachsucht leuchtete aus diesen Augen. Und plötzlich wusste der Diakon aus der zweiten Reihe, dass dieser Tag einen Sinn hatte und dass sein Leben in diesem Augenblick, hier und jetzt, eine gewaltige Wendung nahm.

»Dieser Arnulf, Herr, war einer Eurer Hundertschaftsführer, nicht wahr?«

»Bis er davonlief, mit einigen sehr tüchtigen Kriegern«, entgegnete der König mit bedrohlichem Unterton.

»Man sagt, sein Weib …«

»Sprecht nicht weiter!« Karls Stimme war wie brechendes Glas. »Dieser Mann trotzte mir im Angesicht des gesamten Hofes, weil ich ihm nicht den Oberbefehl über die Panzerreiter geben wollte. Alles andere sind dreckige Gerüchte!« Wie zufällig landete Karls Hand auf dem Elfenbeingriff eines langen Dolchs, den er am Gürtel trug. Dann drehte er sich zu Einhard um. »Consiliarius, ich will, dass Ihr Ebo begleitet!«

»Ich, Herr?« Einhard schien ernsthaft überrascht. »Herr, es müsste doch …«

»Nein, Einhard, Ihr seid der Richtige! Mir kommt gerade eine hübsche Idee. Kommt nach der Abendmesse zu mir!«

6 Paderborn

7 Heute etwa die Region Languedoc-Roussillon (südwest­liches Frankreich).

8 Der alte Name für den Großen Sankt Bernhard.

9 Mainz

Kapitel III

»Ihr seid plötzlich auf Drascos Seite, Weib?«

»Wenn es gegen Sklavenhändler geht, ja!«

»Wenn wir die Kerle wirklich im Holstengau stellen«, sagte Arnulf mit kehliger Stimme, »auf Wolfgers Türschwelle, werden wir ein paar Feinde mehr haben. Richtet euch darauf ein!«

»Wir werden auch mehr Freunde haben! Fast jeder verachtet die Sklavenjagd!«

»Und doch tut niemand etwas dagegen!«

Sie waren einer Meinung, was in letzter Zeit nicht oft vorkam. Manchmal stritten sie über alberne Kleinigkeiten. Aber wenn Arnulf dann in einem ruhigen Moment darüber nachdachte, stellte er immer wieder fest, dass es in Wirklichkeit darum ging, wie sie ihre Herrschaft einrichteten: Brachte es etwas, den immer wieder neuen Bettlern und Habenichtsen zu essen zu geben oder gar ein Lager? Wer ein Handwerk konnte, gar mit einer Waffe umgehen konnte, der durfte auf Arnulfs Milde rechnen. Aber die anderen? Erika hingegen wollte stets Barmherzigkeit walten lassen, »Christentum« eben, wo Arnulf nach Nützlichkeit ging. Sie hatte ein Spinnhaus eingerichtet, in dem elternlose Kinder für eine Mahlzeit am Tag arbeiten konnten – aber oft genug waren solche Kinder bald wieder verschwunden, warum auch immer. Und mitunter ließen sie dabei Dinge mitgehen, die zur Burg gehörten. Dass ein verschenktes Korn keinen Keim mehr treibt, sagte Arnulf manchmal. Das ärgerte sie umso mehr, weil das eine sächsische Wendung war, die auch in ihrer alten westfälischen Heimat gerne benutzt wurde. Die Westfalen bildeten neben den Engern und Ostfalen die Hauptstämme der Sachsen; die Nordelbier mit Holsten, Sturimarn und Diutmarser galten freilich als mindestens so stur und trutzköpfig wie ihre Brüder im Süden.

Die Sklavenjagden in ihrer Nachbarschaft mussten aufhören, darüber waren sie sich einig. Was ihn bei dieser Sache vor allem mitriss, war, dass der Fürst Drasco ihn zum ersten Mal direkt um Hilfe bat. Damit erkannte der Abodrit Arnulfs Stellung als Kriegsherr an der Elbe an! Dies, obwohl Drasco immer wieder den Verbündeten für den König Karl spielte, wenn der gegen die Nordelbier zog oder auf die anderen Slawenstämme östlich der Elbe einschlug!

Die Burg selbst hatte nur einige Dutzend Krieger, die er sofort für die Verfolgung einsetzen konnte. So jagte Arnulf seine Getreuen los, um auf den Außenhöfen und den Rodungslagern weitere Männer herbeizurufen. Arthur wiederum brachte auf Anhieb zwanzig Leute zusammen, denn die meisten seiner Männer lebten in den Mannschaftsbaracken der Burg. So kam es, dass bald eine schwer bewaffnete Kavalkade von Arnulfingern und Abodriten die Festung in nordwestlicher Richtung verließ, noch bevor die Sonne den Horizont berührte. Mit ihren Schuppenpanzern, schwarzen Halstüchern und Spangenhelmen hoben sich Arnulfs Leute von den Abodriten ab, die zumeist Lederpanzer oder Filzpanzer trugen. Nur der Fürst selbst und ein halbes Dutzend seiner wohlhabenderen Getreuen waren mit Kettenhemden angetan.

Roswith winkte ihrem Vater vom rückwärtigen Wehrturm neben dem Tor nach, zusammen mit einigen Kriegerfrauen, deren Männer auszogen. Unten im Tor standen Erika und ihr jüngerer Sohn. Dass Arnulf auch Brun mitgenommen hatte, gefiel ihr nicht, zumal der Mann an Gewaltritte nicht mehr gewöhnt war. Aber sie verstand, warum Arnulf das tat.

»Grimbald? Hast du Vater verabschiedet und ihm Segen gewünscht?«

»Dafür war keine Zeit.« Grimbald wand sich. »Ging alles holterdiepolter, er hat doch nur rumgeschrien!«

»Warum wohl«, bemerkte Erika trocken. »Vielleicht wegen der unbeschlagenen Pferde? Grimmo, gib dir mehr Mühe!«

»Ich gebe mir Mühe«, seufzte Grimbald, sah zu Boden und schoss ein paar Kiesel mit einem Fuß weg.

Die letzten Reiter verschwanden hinter einer Kurve des Wegs, der zum Stutenhof führte. »Da ziehen sie hin«, sagte Grimbald ein wenig verlegen und ließ einen der Ringe, die sonst das Handgelenk schmückten, um den Finger kreisen. Dann setzte er mit beschwingter Stimme ein:

»Hundert Mann mit Ross und Schwert, Männer von fränkisch Blut,

zogen aus unter sax hamar, zu züchtigen der Holsten Brut …«

»Noch nicht, mein Lieber«, stieß Erika mit kehliger Stimme aus. »Mit solchen Versen warten wir besser, bis sie heil wieder zurück sind!«

Der junge Mann hob theatralisch die Hände – was sollte ich hier sonst beitragen?

»Später, Grimmo«, raunte sie mit mehr Wärme in der Stimme. »Nun geh und läute die Glocke mit aller Kraft! Dann wollen wir in der Kapelle zum Herrn beten! Roswith?! Kommt da oben herunter, zu lange winken bringt Unglück!«

Hinter ihr dröhnten nun einige Befehle über den Burghof, die eine seltsam weiche, westfränkische Färbung hatten: Arnulf hatte Gallo, seinen gewichtigen Vorsteher des Handelspostens, vorübergehend als Burgherrn eingesetzt. Erika musterte Arnulfs alten Gefährten und bemerkte, dass er an Masse zugelegt hatte. Sie zögerte, doch dann nahm sie sich ein Herz.

»Gallo? Auf ein Wort!«

Schlagartig verschwand der etwas finster-nachdenkliche Ausdruck aus Gallos Gesicht. Er zog den Saum der Tunika straff, was angesichts des stramm sitzenden Gürtels nicht so leicht war, und kam mit geschmeidigem Lächeln näher.

»Herrin?«

Gallo sprach diese sehr respektvolle Anrede sogar mit einem gewissen Schmelz aus, der auf Anhieb nicht zu dem massigen Kerl mit Walrossbart passte. Ja, gegenüber Erika zeigte er gerne etwas, das sie verstehen ließ, warum er einst in seiner Heimat westlich der Maas von einer Frauengeschichte in die andere gestolpert war – um sich am Ende in den Schutz von Arnulfs Hundertschaft zu flüchten. Dort führte er gelegentlich Krieg, war aber sicher vor seinen persönlichen Verfolgern, den betrogenen Ehemännern.

»Wir müssen einmal über Euer Dirnenhäuschen sprechen, Gallo!«

»Gute Erika, jetzt übertreibt Ihr aber!« Geradezu beleidigt sah er nun aus.

»Meint Ihr?« Leichthin nahm sie seinen Ellbogen und steuerte ihn sanft auf die Kapelle zu, deren Glocke nun einsetzte. »Diese Mädchen sind doch alle Heiden, nicht wahr? Und was sie da abends mit unseren jungen Kriegern anstellen, das ist ja wohl nichts, was unseren Kindern zum Beispiel dienen könnte, nicht?«

»Nun, ich kümmere mich kaum um deren Treiben, Edelfrau. Ihr kennt mich, ich bin einer, der jedem Schaf seine Wolke lässt, wie die Holsten sagen.«

»Veralbert mich nicht, Gallo! Eure Schäfchen, die liegen regelmäßig unter ein paar Hammeln, mit oder ohne Wolken! Und einen Teil von ihrem Erlös geben sie an Euch weiter, stimmt’s?«

»Manchmal fügt sich das so, ja, Edelfrau!« Mit Unschuldsmiene hob Gallo seine Schultern, um sie wieder sinken zu ­lassen. »Die Bälger haben ja nichts, außer … aber meine Idee war das nicht!«

»Aber Ihr zieht Euren Nutzen daraus, Mann.«

Er schwieg, denn er schien zu merken, dass es ihr ernst war. Halb erwartete sie, dass er nun Arnulf ins Feld führen würde: Ihrem Mann waren diese Dinge gleichgültig, das wusste sie. Aber Gallo erwähnte ihn nicht, wofür sie dankbar war. Als sie dann den kühlen, dunklen Innenraum des Gotteshauses betraten, schien er sogar auf ihren Vorschlag einzugehen, die Gelegenheitsdirnen in Erikas Kapelle zu schicken.

»Ihr habt mein Wort: Ich will sie gerne dazu ermutigen!«

Sie drückte seinen Arm, burschikos, wenn nicht mütterlich: »Ermutigt sie einfach so überzeugend, dass sie kommen, liebster Gallo! Ihr schafft das!«

Und so rang sie ihm das Versprechen ab, dass er mit zwei jungen Frauen – von Jungfrauen konnte man nicht mehr mit Überzeugung sprechen – zum morgigen Sonntagsgebet kommen würde.

* * *

Arnulfs Plan war so einfach wie riskant.

Die Schiffe der Sklavenjäger konnten sie nicht einholen. Aber sie glaubten zu wissen, wohin die Beutemacher wollten – wenn es wirklich Wolfger gewesen war, den Brun im Bug des vordersten Schiffes gesehen hatte. Die Horde würde dann ein gutes Stück flussabwärts von der Elbe in die Alster einbiegen und hinaufrudern bis zur Ulzburg, die die Grenze von Holsten- und Sturimarn-Gau markierte. Von dort war es nur noch ein knapper Tagesmarsch zum Hof von Wolfger weiter nördlich. Um die Täter noch einzuholen, bevor ihre Gefangenen verteilt oder verkauft wurden, mussten die fränkisch-slawischen Verfolger sie deshalb irgendwo zwischen Ulzburg und dem Ziel stellen.

Aber dafür mussten sie sich beeilen!

Der normale, halbwegs ausgebaute Weg zu den Alster-Siedlungen verlief nahe des Elbufers. Doch er war auch langwierig, würde zu Pferde mehr als zwei Tage dauern! Deshalb schlug Arnulf dem Abodritenfürsten vor, die kürzestmögliche Strecke zu nehmen, einen Weg also, der direkt von Delbende durch das wald- und sumpfreiche Hinterland auf die Ulzburg zielte.

Während der ersten Meilen ritt Drasco auf Arnulfs Höhe. Er schien begierig zu erfahren, wie viele Höfe zur Burg Delbende gehörten, wie viel Schmiede für Arnulf Schwerter schmiedeten und woher die Männer kamen, die für Arnulf kämpfen wollten. Besonders der letzte Punkt beschäftigte den Slawen, der mit nur drei oder vier Dutzend Bewaffneten in Delbende eingetroffen war. Seine Leibwache, nannte er sie. Beim Erzählen mischte er slawische mit reichlich fränkischen Brocken und verwendete sogar – etwas prahlerisch, wie Arnulf fand – ein paar lateinische Begriffe. Letztere konnte er nur von den fränkischen Heerführern haben, mit denen er bei anderer Gelegenheit gegen seine slawischen Nachbarn gezogen war! Angeblich hatte Drasco – weit weg von seiner Hauptburg Starigard10 im Nordosten – mit einem Vasallen nahe des Elbufers ein Fest gefeiert, die Feier für einen Flussgott – die Slawen hatten mehr Götter als Stroh auf ihren Hütten –, als Wolfgers Männer in ihrer Nachbarschaft zuschlugen. Um den Sklavenjägern mit größerer Streitmacht zu folgen, hätte Drasco nach Starigard zurückkehren müssen, aber ein Einholen der Holsten wäre dann unmöglich gewesen.

Die Gesichtsfarbe des Fürsten hatte einen gelblichen Ton; Arnulf bemerkte bald ein krampfhaft wirkendes Zucken der Kiefernmuskeln. Er wirkte irgendwie getrieben, als gehe es um mehr als ein paar Stammesangehörige. »Der Dorfälteste sagte uns«, fuhr er angestrengt fort, »dass sie mit sechs Schiffen kamen, mit zweihundert Mann!«

»Wir haben drei Schiffe gezählt«, antwortete Arnulf kühl. »Aber wenn man verprügelt wird, dann erzählt man später gerne, dass der Feind viel stärker war als in Wirklichkeit, nicht wahr?«

Drasco schwieg, dann wandte er den Kopf und rief den folgenden Reitern ein paar grimmig klingende Worte in seiner eigenen Sprache zu. Nur um dann wenig später festzustellen: »Ich bin dankbar, dass Ihr mit uns zieht, hamar!«

»Wahrscheinlich laufen die Kerle davon, wenn wir kommen«, sagte Arnulf nüchtern. »Die wollen Beute machen, keine Schlacht schlagen!«

Als hätten diese Worte neuen Mut beim Abodriten gezündet, sagte er fast schon zutraulich: »Mein Schwert brennt auf einen Kampf!« Dabei machte er mit dem Kopf, der von einem silbrig schimmernden Helm geschützt war, eine ruckartige Kopfbewegung nach hinten. Arnulf wurde klar, dass Drasco offenbar ein Wort verwechselt hatte, und drehte sich ebenfalls im Sattel um: Er sah Arthur im lebhaften Gespräch mit einem, der Drasco verdächtig ähnlich sah – hellbraune Haare, und ein kantiges Gesicht mit kräftigem Kiefer, die Züge freilich wirkten offener und unbeschwerter.

Mein Sohn, nicht mein Schwert!

»Mein Sohn brennt auch, Fürst«, sagte Arnulf und fügte nach kurzem Schweigen hinzu: »Die Jungen wollen immer nur kämpfen, was?« Drasco nickte vielsagend. Der Abodrit, erinnerte Arnulf sich, galt eher als Taktierer denn als großer Feldherr.

Längst hatten sie die Jungfrauen-Quelle hinter sich gelassen, die Arnulf noch einmal an den Nachmittag denken ließ: Er hatte sich selbst und das Pferd auf der Burgrunde einem idiotischen Risiko ausgesetzt, natürlich! Und wie zur Mahnung schnaubte sein Pferd – nur dass dies eben nicht das Sachsenross war, sondern sein Kriegspferd Sneo, was Schnee hieß. Arnulfs Schimmel war nicht unbedingt schneller als andere Pferde und sprang auch nicht über höhere Hindernisse. Aber er war klüger, hatte Arnulf irgendwann festgestellt. Sneo, dachte Arnulf manchmal, konnte seine Gedanken lesen.

* * *

In der Dämmerung erreichten sie die Kasseburg, den nördlichen Außenposten von Arnulfs Herrschaft. Es war nicht vielmehr als ein Rund aus Erde, Holzbohlen und Grassoden mit einigen Hütten darin, zwischen denen Gänse und Hühner herumliefen; in der Luft lag der Geruch von Schweinemist, als Arnulf durchs Tor ritt. Der Befehlshaber, ein Franke, kam ihm freudestrahlend entgegen: Erbwin trug noch das schwarze Halstuch Arnulfs alter Hundertschaft.

»Gegen die Holsten, Hauptmann? Bei Gott, nehmt mich mit, wir verrecken hier vor Langeweile!« Allein bis zur Ulzburg, erzählte er dann, würden sie am kommenden Tag zehn Stunden brauchen: »… falls ihr nicht zwischendurch im Stellmoor stecken bleibt, hamar! Besser, ihr umgeht das Moor südlich, etwa so, über die Mellenburg …« Er malte seinen Wegplan mit der Schwertspitze in den Dreck zu ihren Füßen.

»Skizan«, knurrte Arnulf. Er hatte die Entfernung unterschätzt … »Brun?«

»Herr?«

Der Ältere hatte sich im Hintergrund gehalten, nahm aber wie stets genau auf, was um sie herum vorging und wer mit wem sprach.

»Lasst Euch ein paar Decken von Erbwin geben, Hofmeister«, sagte Arnulf. »Wir werden im Freien übernachten! Erbwin, Ihr kommt mit und zeigt uns den Weg bis zur Alster!«

»Und gerne darüber hinaus!«, grinste der andere. »Mein Schwert ist rostig geworden, das ist nicht gut!«

So ritten sie bald zur Überraschung Drascos und seiner Abodriten unter einem heller werdenden Halbmond wieder los, in die Kühle der Nacht.

Das Abendessen fiel aus.

Drasco grummelte, aber Arnulf ging nicht weiter darauf ein. Wenig später bekam er Zustimmung von unerwarteter Seite: »Recht so, Vater!«, stellte Arthur fest, als er im Halbdunkel zu Arnulf aufschloss. »Mit ihren Schiffen sind die Bastarde schneller als wir. Entweder wir beeilen uns oder lassen es ganz sein!«

»Eben«, sagte Arnulf leichthin. »Wir sind ja nicht hier, um Spaß zu haben, was?«

Arthur lachte auf und zog sein schwarzes Halstuch etwas fester, denn es wurde schnell kühler. Arnulf freute sich über Arthurs gute Laune und hätte fast noch erwähnt, dass er mittags sein Ross zu sehr getrieben hatte. Aber nur fast …

»Morgen, Arthur, wenn wir die Kerle stellen, dann tut Ihr nichts, bevor ich den Befehl gebe. Ist das klar?«

»So klar wie die Nacht, Vater«, schnappte der Jüngere und trieb abrupt sein Pferd an, um Abstand zu gewinnen.

Arnulf schüttelte den Kopf.

Er hatte einen Krieger-Sohn und einen Sänger-Sohn, die beide mit ihm haderten. Der eine, weil der Vater ihm nicht genug Spielraum ließ. Der andere, weil Arnulf sich kaum für seine Schöngeistereien interessierte. Des Rätsels Lösung, beschloss Arnulf, hatte mit seinem toten Bruder Konrad zu tun, Grimbalds Oheim. Ein Tintenkleckser war der gewesen, der sich als Kind niemals geprügelt hatte! Aber eben auch ein heller Bursche, der eine Schule besuchte, schreiben, lesen, rechnen und Latein lernte und es bis zum Abt von Hersfeld brachte – ja, solche Talente gab es selbst in Arnulfs Familie. Und ausgerechnet bei seinem jüngeren Sohn tobten sie sich aus!

Die Dunkelheit und die Stille, in der die Männer langsam vorwärts trabten, ließen den Erinnerungen freien Lauf. Bewegt dachte Arnulf an Konrads Tod, damals, beim Sturm der Sachsenkrieger des Herzogs Widukinds auf die hessischen Gaue … Eben diesem Widukind hatte Arnulf zuvor in einem tollkühn-dreisten Akt Erika entrissen, Widukinds Halbschwester, um mit der Geliebten nach Süden in die Sicherheit des Frankenlandes zu fliehen. Niemand anders als Heden, der heute so schmerzlich vermisste Gefährte, war damals dabei gewesen! In Hersfeld hatten sie dann Arnulfs Bruder Konrad wiedergetroffen, denn er war Abt des Klosters. Der Versöhnung mit Konrad folgte wenig später dessen Tod in der Abwehrschlacht, die man gegen die angreifenden Sachsen schlug.

Warum hatte Arnulf nicht besser auf diesen zerbrechlich-kostbaren Gelehrten aufgepasst?

Kurz vor Mitternacht erreichten sie eine Lichtung an einer Weggabelung, die Erbwin mit Luchsaugen angesteuert hatte. Feuer wurden angezündet, Wachen für die Nacht eingeteilt. Arnulf rollte sich ein paar Meter vom Feuer entfernt in eine Erbwinsche Decke und schob das Halstuch unter den Kopf. Er ließ den Schuppenpanzer an, dessen Lederhülle eine gewisse Wärme spendete. Dieser Panzer war robuster als ein Kettenhemd, wenn auch nicht so bequem. So manches Kleingefecht hatte er in den letzten Jahren allein dadurch vermieden, dass einige Dutzend seiner Schuppengepanzerten den Gegnern mit gefällter Stoßlanze frühzeitig Angst einflößten. Morgen, spürte er, könnte es genauso kommen …

Oder auch nicht.

Bevor er die Augen schloss, erkannte er seinen Hofmeister im nassen Gras, gewärmt von Wolldecken, die ebenfalls aus Erbwins Bestand kommen mussten. Der Ältere starrte unverwandt in die Flammen, als brannten dort Antworten auf die Fragen des Lebens.

»Ist Euch wohl, Brun?«

»Ja, Herr.«

»Dann schlaft, morgen wird es anstrengend!«

Er antwortete nicht. Arnulf empfand einmal mehr Mitgefühl für den einzigen Überlebenden seiner Familie. Ein Verstümmelter, das war Brun! Erika versuchte häufiger, ihn zum Christentum zu bekehren – erfolglos.

»Ihr glaubt an Wodan und Donar, nicht wahr? Immer noch?«

»Ich huldige ihnen, ja, Herr. Aber sie sind anders als Eure Gottheiten.«

»Wie meint Ihr das?«

»Ihr Christen, Ihr erhofft so viel von Eurem Herrn Gott und seinem Sohn. Wir Sachsen, wir sind unseren Göttern gleichgültig.«

10 Oldenburg in Holstein

Kapitel IV

Nach der schlaflosen Nacht, die der Begegnung mit dem König folgte, hatte Einhard dem Diakon Ebo bald ein sauber geschriebenes und gefaltetes Pergament gezeigt, auf dem tatsächlich missus domenicus und die Namen der beiden Männer standen. Königsboten – das waren Vertraute des Königs, die den Grafen und Herzögen in fernen Gegenden Rechenschaft abverlangten! Priester und Diakone dagegen waren die Arbeitstiere der Hofkanzlei, die morgens mitunter vor den Pfalz-Knechten aufstanden, um die Tagesgeschäfte vorzubereiten.

Es war, als hätte Gott eine Schildkröte zur Schwalbe gemacht!

»Wir reisen morgen ab«, hatte der Consiliarius betont unaufgeregt verkündet. »Bringt Eure Dinge in Ordnung und sucht Euch noch einen Schreiber aus, der keine Angst vor echten Heiden hat … Pferde bekommen wir beim Marschalk.«

So ließ Ebo die Morgenmesse der Pfalz aus und besuchte das Grab seines Großvaters. In seinen sauberen Kanzleischuhen rutschte er über schlammige Wege, die noch den Regen der Nacht hielten, bis er am Rande des Grabfeldes hinter der alten Pfalzkirche den Sandstein fand. Er kniete vor dem Grabstein seines Großvaters nieder und dankte dem Allmächtigen für seine so wundersame Erhebung. Ebos Vater hatte ihn durch Dummheit und Leichtsinn in das Elend der Hörigkeit gestürzt – der Ruhm des Großvaters als einem der letzten Begleiter des Bonifatius hatte daran nichts geändert. Und nun hatte Gott ihm endlich die Mittel gegeben, sich aus dem Jammertal hervorzuarbeiten!

Du hast über mich gewacht und nun reichst du mir abermals die Hand, Heiliger Vater, um auch den nächsten Berg zu ersteigen und dort das Licht zu finden, in dem bereits mein Großvater mit seiner Familie stand!

Bei diesen Gedanken berührte Ebo die Locke des Heiligen Bonifatius, die er in einem schlichten Messingröhrchen um den Hals trug. Nach der Ermordung des großen Missionars in Friesland hatte Ebos Großvater diese Locke vom Toten genommen; später war sie auf Ebos Vater gekommen, von dem Ebo sie wiederum erhalten hatte, neben reichlich Schulden und Racheforderungen eines Ehemanns. Die kostbare Reliquie war alles, was vom Ruhm der Eboschen Vorfahren geblieben war, die einst mit den Mächtigen des Reiches verkehrt hatten!

Ebo, immer noch mit einem Knie im Dreck, atmete tief durch. Und als riefe sein Vater aus der Düsternis der Unterwelt zu ihm, begann nun sein Ohrläppchen zu jucken: Mit einem Zupfen am Ohrläppchen hatte der Vater stets seine sinnlosen Belehrungen eingeleitet, zumal wenn er betrunken war. Das Ohrläppchenstreicheln war vorbei gewesen an Ebos zehntem Geburtstag. Ebo hatte – als einziger Sohn eines Hörigen! – Aufnahme in die Schule des Erzbischofs von Moguntia gefunden. Er schauderte, wenn er an den ungeheizten Schlafsaal der Knaben dachte, an das morgendliche Eis auf der Waschschüssel, an den Stock des Griechisch-Lehrers, der immerhin die Rücksicht gehabt hatte, den Jungen beim Abfragen nur auf die linke Hand zu schlagen und die Schreibhand zu verschonen. Dass Ebo Linkshänder war, blieb dabei unberücksichtigt; dass er Linkshänder blieb, verdankte er seiner Fähigkeit, Schmerzen zu ertragen.

Aber all das hatte einen Sinn gehabt!

Denn je schneller der Schüler Ebo die Aufsätze der alten Kirchenväter aus dem Griechischen in ein anständiges Latein übertragen konnte, desto mehr Menschen waren auf seinen hellen Verstand aufmerksam geworden. Und so war hinter dem Horizont das Licht immer heller geworden: die Verheißung, die Rechte eines Freien zu erwerben und dem Hörigenstand zu entkommen. Tatsächlich hatte der Erzbischof schließlich den sechzehnjährigen Ebo später an einem Gottesdienst teilnehmen lassen, mit dem König Karl in tiefer Bewegung das Gedenken an seine verstorbene Frau, die Königin Hildegard, beging. Zu den guten Taten, die nach solchem Gedenken üblich waren, hatte Ebos Erhebung in den Stand der Freien gehört.

* * *

Später nahm er die Vesper mit Einhard ein. Der aß wenig vom geräucherten Karpfen, löffelte nur ein wenig Linsensuppe und trank einen Becher verschnittenen Weins, bevor er Ebo Einblicke in sein Inneres gab.

»Es ist wichtig, dass wir einander vertrauen, Ebo.«

»Gewiss«, stimmte Ebo zu. »Nun habt Ihr als königlicher Vertrauter im Zweifelsfall mehr Geheimnisse vor mir als umgekehrt. Also was genau meint Ihr?«

Einhard runzelte ein wenig die Stirn; Ebo war sich noch nicht darüber klar geworden, ob das ein aktives Missfallen ausdrücken sollte oder einfach zu Einhards Denkvorgängen gehörte.

»Ich galt als Freund des sax hamar, als er noch dem König diente«, sagte der Ältere schlicht und brach ein flaches Stück Roggenbrot in zwei kleine Teile.

»Ach wirklich?« Ebo überlegte. »Dann war seine Flucht oder sein Verschwinden damals für Euch eher peinlich?«

»Das könntet Ihr diplomatischer ausdrücken, guter Ebo … Ich sehe, Ihr lebt bereits ganz in Eurer neuen Rolle!«

»Verzeiht, Consiliarius«, sagte Ebo schnell. Aber worauf habe ich denn fünfzehn Jahre hingearbeitet, alter Mann? »Man sagt ja gemeinhin, bei Hofe hat man eher Verbündete als Freunde … nun ja.«

»Mag sein«, sagte Einhard etwas gutmütiger. »Deshalb rede ich nun auch vertraulich mit Euch, Diakon. Also: Der Gedanke, Teil von etwas zu werden, das mit der Tötung Arnulfs endet, behagt mir nicht. Es muss andere Möglichkeiten geben, versteht Ihr?«

Ebo knetete seine Hände, wachsam, nachdenklich. »Dann hat der König Euch eben deshalb für diese Mission ausgesucht. Ja, ich beginne es zu verstehen!«

»Was?«

»Er weiß, Ihr wollt diesem Sachsen-Hammer nicht wirklich wehtun. Und der Hammer weiß das auch … Umso eher bekommt Ihr sein Vertrauen! Und dann bin da ich, ein Diakon mit einem Ziegenhirten-Vater, einer mit Ehrgeiz – ich betrete dann zur gegebenen Zeit mit dem Dolch im Gewande die Bühne … übrigens, habt Ihr dem Erzkapellan gesagt, ich hätte magna ambitio11?«

Einhard blinzelte und legte das Brotstück auf die Tafel zurück. »Das musste ich ihm nicht sagen, Diakon. Weil es jeder weiß!«

Ebo schnaubte unwillig und blickte zum Aufsager hinüber, der in einer Ecke des Refektoriums auf einem kleinen Podest den Essern aus den Kapiteln »Könige« der Heiligen Schrift vorlas. Die Taten König Davids freilich wurden immer mehr vom Gelärme der Essenden und dem Poltern der Küchenhilfen überdeckt; ein speckiger Bursche mit tropfender Nase und offenstehendem Mund grunzte neben Einhard etwas und füllte ihre Becher auf.

»Ihr habt kaum getrunken«, sagte Einhard in versöhnlichem Ton.

»Der Trunk«, entgegnete Ebo, »vernebelt die Sinne der Menschen und lässt sie dem Teufel folgen. Sagt, Einhard: Glaubt Ihr, dass der Teufel die Dummheit erfunden hat? Um es unseren Seelen schwerer zu machen, der Stimme des Herrn zu folgen?«

Einhard lachte auf. »Damit überstrapaziert Ihr den Einfluss des Leibhaftigen! Nein, lassen wir den Beschränkten ihre Schranken, Gott kann sie niederlegen, wenn ihm danach ist!«

»Kann Gott das und will er es? Wie zuversichtlich Ihr redet«, entfuhr es Ebo. Sie tauschten einen Blick, der nichts klärte. »Aber zurück zu Eurem ehemaligen Freund«, fuhr der Diakon rasch fort. »Im Vordergrund steht, dass der Herrscher ihn büßen lassen will, scheint mir. Wobei Karl ihn wohl nicht unbedingt zu seinen Füßen haben will, denn wenn Arnulf diese Sachen mit seiner Frau verbreitet, dann …«

»Eben!«, unterbrach ihn Einhard. »Deshalb müssen wir einen Zwischenweg finden. Der dem jungen Karl ebenfalls eine Rolle gibt. Bei Hof sollte der Eindruck entstehen, dass Arnulf sich dem Sohn des Königs unterwirft, bereut und dann – wer weiß? – womöglich eine neue Aufgabe empfängt.«

»Träumt weiter«, sagte Ebo rau und biss von einem Stück Rettich ab. »Der König wirkte eher, als würde er diesen Arnulf über einem Kohlebecken rösten wollen! Was ist übrigens mit dessen Ehefrau, mit der der König … Ihr wisst schon! Ist sie wirklich mit dem Westfalen-Herzog Widukind verwandt?«

»Ja.« Einhard brauchte einen Augenblick, die Respektlosigkeit des Jüngeren zu verdauen. »Sie ist die Halbschwester Widukinds. Ich selbst habe ihr einst die Dreifaltigkeit erklärt und manches andere! Heute glüht in ihr ein Glaube, der verändern und helfen will. Ja, sie ist der Welt zugetan!«

»Und Ihr scheint sie auch zu mögen«, sagte Ebo mit einem listigen Blick. »Wäre das ein Ansatzpunkt? Habt Ihr Einfluss auf sie?«

»Das nicht, aber …« Einhard lehnte sich nun ein wenig zurück. Die hellen, klaren Augen – fand Ebo – passten nicht unbedingt in dieses furchige Knittergesicht. »Wir haben im nördlichen Sachsen eine neue Rebellion, wir hören von erschlagenen Priestern! Erika, Arnulfs Frau, kann das nicht gutheißen! Ihm selbst dürfte es peinlich sein, ja! Und deshalb werden sie uns auch Gehör schenken.«

Ein paar Schritt neben ihnen lachte jemand auf. Es waren Kanzlisten, die schon vorher hinübergeschaut hatten. Wie ertappt wurden sie ruhig, als Ebo sie musterte.

»Die Sache mit dem jungen Karl«, raunte der Diakon. »Glaubt Ihr auch, dass er noch … noch zeugen wird?«

Einhard wischte sich Mund und Bart mit einem Lappen ab. »Er ist gerade einmal fünfundzwanzig, wenn ich’s recht erinnere. Da ist noch vieles möglich. Was ist mit Euch? Habt Ihr Kinder?«

»Wie das denn? Mit wem?«, stieß Ebo aus und merkte, dass er Einhard zu nah an sich heranließ. »Bis vor einigen Jahren habe ich noch Schulden meines Vaters abgezahlt«, fügte er etwas ruhiger hinzu. »Ich hätte mir nicht mal ein Weib für eine Nacht leisten können!«

»Ihr seid nicht die Sorte, die zu Huren geht«, sagte Einhard halblaut und gleichsam versöhnlich.

Ebo lächelte nichtssagend und begann, seine Fingernägel mit einem kleinen Messer zu reinigen. Der Rest des Gesprächs waren freundliche Belanglosigkeiten.

11 Großen Ehrgeiz.

Kapitel V

Die Sklavenjäger waren nicht mehr weit vor ihnen – das erfuhren Arnulf und seine Männer von den Kriegern der Mellenburg. Ihr Erdwall war geschickt in eine Schleife der Alster eingebettet und schien nun in einem See zu stehen: Das lag noch an den starken Regenfällen des Frühjahrs. Enten flatterten vom Wasser auf, sogar ein Schwan erschien aus dem Schilf. Der Burgherr, mit dem Arnulf ein- oder zweimal im Jahr Geschenke austauschte, war bei einer Jagd. Aber ja, riefen seine Leute vom Wehrgang hinab, drei Dänenschiffe hätten am Vormittag unterhalb der Burg angelegt – um nach dem Ausbooten vieler Männer und Frauen wieder auf dem Fluss nach Süden zu verschwinden.

Die Dänen, ahnte Arnulf, hatten einen Teil der Verschleppten mitgenommen in ihre Heimat, denn das war der Preis für die Schiffsfahrt! Aber natürlich hatte Wolfger ebenfalls einen Teil der neuen Sklaven für sich behalten, die er nun über Land zu den Holstenhöfen treiben würde.

Arnulf legte den Kopf in den Nacken. »Heißt das, Euer Freund Wolfger zieht nach Norden, zur Ulzburg?«

Die behelmten Krieger steckten die Köpfe zusammen, waren sich nicht sicher, was sie erzählen wollten oder durften. »Er ist nicht unser Freund«, schrie schließlich ein rotgesichtiger Hüne. »Sind das Abodriten?« Er zeigte mit einer Speerspitze auf Drascos Leute, die sich mit ihren schlichten Panzern aus Leder und der eher farbenfrohen Kleidung von den Arnulfingern abhoben.

Arnulf nickte.

»Seit wann führt sax hamar slawisches Gesindel durch das Sturimarn-Land?«

»Seitdem die Sturimarn holstisches Räuberpack hier durchlassen«, antwortete Arnulf und wendete sein Ross.

Krähen hackten einander kein Auge aus.

Sie gaben ihren Pferden die Sporen. Erste Aufregung machte sich jetzt unter den Männern breit, Arnulf merkte es an zu lautem Auflachen hier oder einem gezischten Fluch dort. Ein morastiger Weg führte zu einer Bohlenbrücke über die Alster. Arnulf bildete sich ein, die Fußabdrücke der Geschundenen sehen zu können; die Holsten würden sie mit der Peitsche vorwärts treiben, ohne Unterlass …

Stunden später erreichten sie endlich den breiten Heerweg, der von der Alstermündung bis zur Dänengrenze führte. Häufig kamen ihnen nun Händler entgegen mit langsam kriechenden Ochsenwagen, mit Krügen und Körben bepackte Maultiere, die von Frauen und Kindern angetrieben wurden und einzelne Reiter, die die Kavalkade misstrauisch musterten. Irgendwann fand einer im Dreck am Wegesrand etwas, das wie eine beinerne Handpuppe aussah – nur dass diese Puppe vier bärtige Köpfe hatte, die düster in verschiedene Richtungen blickte. »Swantewit«, murmelten die Abodriten erregt und die Franken ahnten, dass es um eine Gottheit der Slawen ging.

Sie sahen die Ulzburg schon von Ferne, denn der Wald öffnete sich zu einer kleinen Heidefläche, in deren Mitte die Feste saß. Sie lag auf der linken Seite der Straße, Marktstände waren dort zu sehen, buntes, betrunkenes Volk lief umher, der Geruch von gebratenem Fleisch trieb über die Straße. Aber nichts war von den Abodriten zu sehen, die die Räuber angeblich entführt hatten. Statt dessen bellten Hunde sie an und johlende Kinder kamen herbei, um ein Stück neben den Pferden herzulaufen.

Was, wenn Wolfger doch eine andere Richtung genommen hatte?

Irgendwann begann es zu regnen.

»Umkehren«, das Wort war plötzlich hier und da zu hören. Längst waren die Pferde erschöpft und ließen die Köpfe hängen. Arnulf sah Drasco mit seinem Sohn sprechen, in heftigem Ton. Arthur warf seinem Vater einen wissenden Blick zu: Hatte der Fürst noch den Willen, weiterzumachen?

»Drei bis vier Stunden bis zu Wolfgers Hof«, bestätigte Brun auf Arnulfs Nachfrage. Der Alte, der eigentlich gar nicht so alt war, war auf dem Pferderücken zusammengesunken, ausgezehrt von der ungewohnten Anstrengung.

»Mut, Männer!«, trieb Arnulf die Leute mit kräftiger Stimme an. »Wir sind nahe an ihnen dran! Irgendwo müssen sie eine Rast einlegen!«

Und genau diesen Rastplatz fanden sie etwa eine Stunde später.

* * *

Längst waren sie wieder in den Wald eingetaucht. Dann, nach der Überwindung einer größeren Bodenwelle, sahen sie vor sich eine mit Büschen und Haselnusssträuchern durchsetzte Lichtung an einem kleinen Wasserlauf. Menschen, mit Stricken und Ketten verbunden, lagen bäuchlings am Rand des Baches, um zu trinken. Bewaffnete standen mehr oder weniger sorglos herum, dehnten die vom Sattel strapazierten Glieder, kauten Brot oder pinkelten breitbeinig an den Wegesrand.

Arnulfs rechter Arm ging hoch, er zügelte sein Pferd. »Überlasst mir das Reden, Drasco, hört Ihr?! Arthur? Kommt her!«

Ein kurzer Austausch mit seinem Sohn folgte, bei dem Arthur ungläubig den Kopf schüttelte. Und während die Abodriten schon die Schwerter zogen und ein paar Formeln an Swantewit in den Himmel schickten, rief Arthur seine Leute zusammen und verschwand mit ihnen im Unterholz.

Arnulf prüfte die Gängigkeit des Schwertes in der Scheide, trocknete noch einmal den regennassen Griff ab und tastete nach dem Kopf der Streitaxt an seiner rechten Gürtelseite, dort, wo andere Krieger das Kurzschwert führen. Dann wählte er Brun und Erbwin als Begleiter aus und zog Drasco hinzu: zu viert liefen sie langsam auf den Pulk von langhaarigen, langbärtigen Holsten zu, die sich nun wie von selbst um einen Mann zu scharen begannen.

»Wolfger«, flüsterte Brun. »Wenn Ihr ihn umbringt, Herr, kann ich in Ruhe sterben!«

»Mit dem Sterben lasst Euch noch Zeit«, knurrte Arnulf. Seine Linke war unbedeckt, wurde ihm klar, sein Schild hing noch an der Flanke Sneos. Aber zunächst ging es ja ums Reden …

Er hatte diesen Boden namens Wolfger seltsamerweise noch nie zu Gesicht bekommen, bei keinem Thing, bei keinem Fest und keinem Gerichtstag, was Zufall sein mochte. Nach Bruns Erzählungen hatte Arnulf sich den Führer der Holsten anders, bösartiger vorgestellt. Der hochgewachsene Mann mit den rotbraunen, beiderseits des Gesichts zu Zöpfen geflochtenen Haaren war etwa vierzig Jahre alt, eher knochig als kräftig und hatte die Ausstrahlung eines schlecht gelaunten Abtes oder Amtmanns. Die Augenlider hingen etwas herunter, das Kinn schmückte ein Bart, der in kleinen Flechtungen auslief. Sein Schwert hing so tief am Gürtel, dass die Scheidenspitze den Dreck berührte; auf der Stirn war der rote Abdruck vom Helm zu sehen.

»Was wollt Ihr?«, grunzte er ihnen entgegen.

»Euch den Tag verderben«, sagte Arnulf trocken und nahm eine breitbeinige Stellung ein, die Hände am Waffengürtel. »Ich bin Arnulf sax hamar, der Herr von Delbende. Den Fürsten Drasco kennt Ihr, nehme ich an. Ihr habt seine Leute entführt. Lasst sie frei!«

Wolfgers Augen streiften Drasco flüchtig, bevor er Brun hinter Arnulfs kräftiger Gestalt entdeckte; eine gewisse Überraschung war seinem schläfrigen Blick nun anzumerken. Der Holstenfürst beugte den Kopf nach vorn und spuckte aus, geradezu sorgfältig wirkte das. Dann zeigte er auf die aneinandergeketteten Frauen und Halbwüchsigen, die die Ankömmlinge mit aufgerissenen Augen anstarrten.

»Dies ist Holstenland. Die Leute da, die gehören jetzt mir! Also verschwindet, solange Ihr noch gesund ausseht!«

Arnulf versuchte, die Zahl der Bewaffneten einzuschätzen. Etwa fünf Dutzend – die meisten Dänen waren mit den Schiffen zurückgesegelt!

»Wir haben mehr Krieger als Ihr, Mistkerl«, presste Drasco hervor. Doch seine Augen schienen mehr die Gefangenen zu sortieren, als die feindliche Kampfkraft abzuschätzen. »Wo ist Utrag, der Priester? Was habt Ihr mit ihm gemacht?«

Utrag?

Arnulf hatte bisher noch nie von diesem Mann gehört.

Wolfger machte ein hämisches Geräusch, eine Art Schnauben. Er wechselte drei Worte mit einem schwarzhaarigen Speerträger links von ihm, der Arnulf mit einem Jägerblick und gespanntem Grinsen beobachtete – der würde auf Arnulf losgehen, wenn es ernst wurde …

»Deinen kleinen Priester haben wir den Dänen mitgegeben. Teil ihres Fährlohns, wenn du so willst … Die wollten ihn, glaube ich, braten und beim nächsten Wodansfest an ihre Jungfrauen verfüttern.«

»Wohl eher an die Schweine«, spottete ein schlanker, hellblonder Bursche in silbrig gebürstetem Kettenhemd, der zur Rechten von Wolfger Aufstellung nahm. Seine sächsischen Wörter klangen wie gekautes Dänisch. Ein Donar-Hammer glänzte an seinem Hals, an seinem Gürtel erkannte Arnulf einen Ohrriemen: ein Lederband mit Ohrmuscheln, die er besiegten Gegnern abgeschnitten hatte. Auch bei den Franken hatte es solche Riemen früher gegeben – sie waren aus der Mode gekommen. Brun raunte Arnulf von hinten etwas zu, nannte die Familie dieses Mannes, eine Fürstenfamilie scheinbar; Arnulf konnte den Namen nicht einordnen.

»Ihr Slawen habt so viele Götterseher«, fuhr der Däne in seinem herablassenden Ton fort. »Immer, wenn Ihr in Eure Schweineställe geht, zeugt Ihr ein paar neue!«

Drasco war bleich geworden, die Kiefern mahlten, aber sein Zorn wirkte richtungslos.

»Ich bitte kein zweites Mal, Bode«, sagte Arnulf, ohne die Stimme zu heben.

»Ihr seid der Abtrünnige, der früher Karls Heere führte«, sagte Wolfger langsam und riskierte einen Blick auf die Masse der Schuppengepanzerten weiter hinten. Hinter seiner Amtsstirn kam etwas in Bewegung. »Ihr werdet bluten, wenn Ihr diese traurigen Gestalten zurückhaben wollt. Andererseits …«

»Was?«

Wolfger musterte noch einmal die Gefangenen mit dem Blick eines Kaufmanns. »Mein Angebot, hamar: Ihr kriegt die Hälfte der Leute und jeder geht seines Weges, niemand muss sterben.«

»Habt Ihr Angst vorm Sterben?«, knurrte Arnulf.

»Wir können darüber sprechen«, sagte Fürst Drasco zu Arnulfs Überraschung. »Aber wir suchen die Leute aus!«

Arnulf spürte das Blut in seinen Kopf schießen, seine rechte Hand wurde zur Faust.

Wie konnte dieser Fürst sich auf solch einen elenden Handel einlassen?

Mit mühsamer Selbstbeherrschung drehte Arnulf den Kopf zu Erbwin und raunte ihm drei Worte zu. Und während Erbwin daraufhin mit eiligen Schritten nach hinten lief, gefolgt von Brun, begann ein groteskes Gefeilsche zwischen Wolfger, ­Dras­co und dem Dänen.

Keinen Moment ließ der Bursche mit dem Speer Arnulf aus dem Auge! Vielmehr schien er nur auf den Augenblick zu warten, wenn der Bode ihm doch noch das Zeichen gab …

Drasco warf einen zögerlichen Seitenblick auf Arnulf, als man sich geeinigt hatte. »Hört doch, hamar, so verlieren wir keine Krieger!«

Aber unsere ahta verlieren wir!, hätte der Kriegsherr ihm am liebsten ins Gesicht geschrien. Stattdessen atmete Arnulf tief durch und zeigte auf einen untersetzten Sachsenkrieger, der zwei der Gefangenen vom Bach weggeschleift hatte. »Der Bursche da mit den Abodriten, der hat mir mal geschworen … Sato, so heißt er, nicht?«

Wolfger zuckte mit den Schultern. »Und wenn? Ein Sachse sollte keinem Kreuzanbeter dienen!«

»Er lief davon«, fuhr Arnulf fort, »und stahl noch ein Pferd. Er schuldet mir jetzt also zwei: das, das er von mir bekam und das, das er stahl. Gebt uns diese Pferde dazu, Bode!«

»Blödsinn«, knurrte Wolfger, dessen Augen schmaler wurden. »Was soll das?«

»Dann«, sagte Arnulf, immer noch ziemlich ruhig, »klären wir’s auf die schwarze Art.«

»Was soll das sein?«, grollte Wolfger.

Als er diese Worte aussprach, hatte Arnulf schon die Axt aus der Schlaufe gerissen. Bevor Wolfger verstand, was Arnulf auch nur vorhatte, war die Wurfaxt bereits unterwegs: ein tausendfach geübter Wurf, ohne genau zu zielen, einfach dem Gespür folgend …

Der Pferdedieb ging zu Boden, als hätte ein Blitz ihn gefällt.

»Verrat«, brüllte der Däne und riss sein Schwert hervor.

Dann kam der Speer.

Arnulf hatte einen Angriff mit erhobenem Speer erwartet, den der andere ihm in den Oberkörper rammen wollte – denn sax hamar war ohne Schild zur Unterhandlung gekommen. Doch der Holste warf seine Waffe, auf kürzeste Entfernung! Arnulf musste nach links springen, die Speerspitze sirrte an seiner Hüfte vorbei – nur weil er sich darauf vorbereitet hatte, war diese Ausweichbegegung schnell genug. Er riss sein Schwert aus der Scheide, worauf der Speermann mit dem Kurzschwert auf ihn losging. Im letzten Augenblick konnte Arnulf dessen Klingenstoß zur Seite lenken, trotzdem torkelte er vom Aufprall wiederum ein Stück zurück, gleichzeitig stieß er den anderen weg, um Raum zu gewinnen. Die Augen des Burschen waren fischartig, er hob die Rechte mit dem Kurzschwert, die Linke griff eine Ladung Dreck vom Boden, er würde versuchen, Arnulf zu blenden …

Ein sattes Geräusch beendete die Sache: Die Stahlspitze eines Pfeils durchschlug den Lederpanzer des Holsten, die Fischaugen wurden noch etwas größer, dann brach der Mann zusammen.

Hamar! Hamar!, brüllten Arnulfs Krieger, und obwohl dies sein eigener Kriegsname war, spürte Arnulf, wie sein Blut zu singen begann.

Schon klirrten Stahlklingen gegeneinander, Kampfschreie füllten die Luft, durchsetzt von den Schreckensrufen der entführten Frauen.

Arnulf sah den Dänen mit blutendem Arm zurückstolpern, Drasco hatte ihn mit dem Schwert abgewehrt; von einem Augenblick auf den anderen schien der Abodritenfürst vom Zauderer zum Löwen geworden zu sein. Er reckte sein Schwert in die Höhe und brüllte seinen Leuten kehlige Worte zu, die sie lautstark beantworteten.

Die schlauchförmige Lichtung war kaum breiter als dreißig Schritt, sodass die Überzahl der Angreifer sich nicht sofort auswirkte. Erbwin drückte Arnulf einen Schild in die Hand, sofort rammte Arnulf seine Linke durch die Halteschlaufen. »Wo ist Wolfger?«, rief er – den in die Finger zu kriegen, würde alles sofort beenden! Erbwin schüttelte den Kopf, wusste nichts, der Bode der Holsten schien vom Getümmel aufgesaugt; eine Wurf­axt prallte in diesem Augenblick vom oberen Schildrand Erbwins ab, streifte seine Stirn und ließ ihn zwei Schritte nach hinten taumeln, dann war da ein Verrückter mit fliegenden Zöpfen und aufgerissenem Maul vor ihnen, der wohl den Ruhm ernten wollte, den Kriegsherrn sax hamar zu erschlagen. Arnulf wich dem ersten Schwerthieb mit einer raschen Seitwärtsbewegung aus, verpasste dem Mann einen Schildstoß und schlug ihm das Schwert samt einiger Finger aus der Hand. Ungläubig starrte der andere seine verstümmelte Klaue an, worauf Arnulf ihn mit einem Fußtritt fortjagte – denn weiter hinten sah er irgendwo das rotbraune Haar des Boden zwischen den Kämpfern.

Er eilte los. Sah immer mehr Pfeile in die Holsten einschlagen, weil seine Bogenschützen nun von hinten nachrückten, ganz so, wie Arnulf es ihnen beigebracht hatte. Manche zielten sogar über das Getümmel, auf diejenigen, die am anderen Ende der Lichtung zu fliehen begannen, nach Norden …

Aber eben dort versperrten ihnen Arthurs Männer den Weg. Arnulfs Umgehungsplan ging auf: Die Jungmänner packten die Holsten vom anderen Ende her! Das heftige Kampfgebrüll der Jungen verriet allerdings allen, dass nach Norden kein Entkommen war. Und schon sah Arnulf ein, zwei Dutzend der Sachsen auf den Bach zuhalten. Auf der anderen Seite konnten sie rasch im Wald verschwinden!

Arnulf raste in Richtung des Wassers. Er sprang über ein weinendes Mädchen hinweg, das sich vor ihm auf den Boden warf, und stieß einen Bärtigen zur Seite, der ihm die gefesselten Hände hinhielt. Zu viele Gefangene irrten herum und hinderten sie an der Verfolgung! Er schaffte es noch, einen Fliehenden mit einem Schildstoß gegen den Kopf zu Fall zu bringen und einem anderen den Hals zu durchbohren, aber Wolfger sah er nur noch von hinten: der Bode war unter den Holsten, die durch das Wasser eilten, um im Unterholz Zuflucht zu suchen.

»Verfolgen wir die Hunde, hamar?!«

Das Gesicht des Mannes, der Arnulf diese Worte zukeuchte, war mit Blutspritzern bedeckt. Erst auf den zweiten Blick erkannte er Scedrag, Drascos Sohn.

Arnulf schüttelte den Kopf. »Zu gefährlich! Wir haben Eure Gefangenen wieder! Kämpfen können sie sogar auch noch!«

Unmittelbar neben ihnen hatten drei hohläugige Abodriten mit ihren Sklavenketten einen Holstenkrieger zu Fall gebracht, auf den sie nun mit Fäusten und Steinen einschlugen.

Arnulf sah sich um: Wolfgers Flucht so wie die Übermacht der Angreifer ließ den Kampf schnell abebben. Arnulf wischte seine blutige Schwertklinge an der Kleidung eines Toten ab, aus dem zwei Pfeile ragten; kaum hatte er das Schwert wieder in der Scheide, kam mit schnellen Schritten ein robuster, breitschultriger Kerl dazu, der einen Bogen in der einen und ein Kurzschwert in der anderen Hand hatte: Es war Swabo, Arnulfs Anführer der Bogner.

»Heil, Herr«, murmelte er mit einem halben Grinsen, »der Bursche hier zinst heute an mich!«

Rasch beugte er sich über die Leiche und schnitt einen Beutel vom Gürtel des Toten ab; zusammen mit dessen Schwert würden sie die Beute des Bogners ausmachen.

»Jedem das seine, Swabo«, sagte Arnulf. »Euer erster Schuss kam übrigens zu langsam, die Speerspitze juckte schon meinen Nabel!«

»Weil Ihr ungeschickt standet, Herr!«, kam es prompt in einem besonderen Dialekt zurück, denn Swabo war an der Isar aufgewachsen. »Ihr habt den Speermann ja abgedeckt, mit Eurem eigenen Leib!«

»Dreister Bayernschädel!«, knurrte Arnulf gutmütig, denn Swabo hätte sogar recht haben können.

Nun saugten die befreiten Männer und Frauen die Aufmerksamkeit der Befreier auf: Alle riefen plötzlich wild durcheinander und priesen das Schicksal. Der Fürstensohn Scedrag eilte auf eine junge, dunkelhaarige Frau zu, von deren Handgelenken Seil­enden hingen, um sie in die Arme zu nehmen. Schluchzend vor Erleichterung ließ sie sich fallen. Arnulf fiel auf, wie groß ihre Augen und wie schön ihre Lippen geformt waren: volle Lippen von der Farbe einer Rose!

Diese Frau schien mindestens so wichtig wie der Priester zu sein.

* * *

Ausgerechnet Brun, stellte Arnulf fest, hatte bereits darüber nachgedacht, wie man mit den Befreiten wieder sicheres Heimatgebiet erreichen konnte. Er wies Arnulf auf eine halbverfallene Kleinburg hin, die ein Stück östlich der Ulzburg an einem alten Straßenabzweig lag. So zogen also zweihundert Menschen, die Hälfte von ihnen zu Fuß, auf dem Heerweg wieder nach Süden. Erbeutete Pferde der Holsten trugen einige der schwächeren Befreiten; die wenigen Verwundeten wurden auf rasch zusammengefügte Schleiftragen gepackt, die von den Pferden gezogen wurden. Arnulf ließ den Leuten keine Zeit für Wiedersehensfreude und lange Erzählungen: Wolfger konnte mit Leichtigkeit bei den Höfen in der Nähe Verstärkung besorgen und zurückkommen …

Arnulf bildete mit Arthur die Spitze der Kolonne, irgendwann stieß Scedrag hinzu. Auch Scedrag war noch genauso aufgekratzt vom Gefecht und erzählte ähnlich lautstark wie Arthur von seinen Erlebnissen – vielleicht auch, um das peinliche Taktieren seines Vaters vergessen zu machen.

Jede Bewegung von Scedrags Pferd verursachte ein feines Bimmeln: Das waren kleine, bronzefarbene Glöckchen, die am Saum seiner Stiefel und am Gürtel befestigt waren. Die Slawen liebten solche zwonovi, die Arnulfs Männer anfangs als weibisch empfunden hatten.

Dass der verschleppte Priester Utrag ein Sohn des Abodritenfürsten selbst war, von einer Nebenfrau freilich, gab der Jüngere endlich preis. »Utrag steht in Verbindung mit den Geistern der Elbe. Er spricht sogar mit den heiligen Schwänen, heißt es.« Arnulf und Arthur tauschten einen Blick – es war der Miene Scedrags nicht anzusehen, ob er das selbst für möglich hielt.

Dann wandte Scedrag sich an Arnulf. »Darf ich Euch etwas fragen, Arnulf, Herr?«

Arnulf nickte.

»Ihr seid ein großer Krieger und Ihr habt dem mächtigsten Mann unter dem Himmel gedient. Warum habt Ihr Euch von ihm losgesagt?«

»Wenn die Großen sich streiten, Scedrag, geht es immer um drei Dinge: Land, ahta oder Frauen. Die ersten beiden waren es nicht.«

»Aber Ihr habt eine Frau … begehrte der König sie?«

»Ihr habt Mut, das zu fragen – ja, er begehrte sie. Ich kam damals von einem gefährlichen Auftrag zurück«, erzählte Arnulf, als rede er über einen Fremden. »Der König hatte mir Belohnungen versprochen, große Belohnungen sogar.«

»Das klingt nach Eurem ersten Punkt, Herr, dem Land …«

Arnulf lächelte. »Ihr hört jedenfalls gut zu! Machen wir’s kurz: Ich erfuhr, was passiert war, und sagte mich vom König los. Meine Krieger folgten mir. Es ging Schlag auf Schlag!«

Scedrag rutschte im Sattel hin und her, mit leisem Geklingel. »Man sagt, Herr Arnulf, Ihr wolltet den König töten?!«

»Dann wäre er tot«, sagte Arnulf kalt. »Genug davon! Die schwarzhaarige Schöne, ist sie Eure Braut?«

»Agila? Nein. Sie ist von niederem Blut. Wir – wir heiraten nur Fürstenfrauen.«

Arnulf bemerkte etwas Röte unter Scedrags gebräunter Gesichtshaut. Er hatte die Frage nicht wirklich beantwortet.

Aber was ging das Mädchen Arnulf an?

Arthurs Miene freilich verriet, dass er gerade sehr genau zugehört hatte.

Kapitel VI

Beschützt von zwei Dutzend Gepanzerten, rollten Ebo und Einhard von Paderburni aus in einem halbwegs bequemen Reisewagen nach Nordwesten. Die Straßen hatten kaum noch die wannengroßen Löcher wie früher; wilde Querrinnen, die Wege nach Regenfällen zerschnitten und wodurch sie zur Falle für die Reisewagen werden konnten, waren die Ausnahme geworden. »Die Barbarei hat abgenommen«, bemerkte Ebo, als sie vom Hof eines Königsvasallen nahe der Weser rollten, den Einhard für eine Mittagsrast ausgesucht hatte. »Und unser Gastgeber, Einhard, der hat Euch ja aus der Hand gefressen!«

»Wir sind auch nicht mehr in Westfalen, sondern bei den Engern!« Einhard musterte den Diakon auf der gepolsterten Sitzbank gegenüber nüchtern. Ebo schien zugenommen zu haben seit dem Aufbruch, das Gesicht wirkte weniger schmal. Zwischen den Zähnen sah Einhard noch Reste der Salbeiblätter, die Ebo häufiger kaute, weil das angeblich gut gegen Zahnfäule war.

»Die Westfalen träumen noch vom Siegruhm ihres Herzogs Widukind«, fuhr Einhard fort. »Die Engern und die Ostfalen haben sich dagegen eingerichtet unterm Kreuz: Kaum nehmen ihre Edlen die Taufe, machen wir sie zu Gaugrafen, lassen sie Recht sprechen und den Kirchenzehnt eintreiben und ihren eigenen Nutzen davon haben. Übrigens, Diakon …«

»Ja …?« Ebo raunte dem pockennarbigen Schreiber zu seiner Linken etwas zu, einem mageren Jüngling, der trotz des Geschaukels Notizen machte.

»Einem Grundherrn mit einem grauen Bart«, dozierte Einhard, »dem braucht Ihr nicht zu empfehlen, schleunigst lesen zu lernen! Das könnte man Euch als Hochmut und Bevormundung auslegen!«

Ebo legte den Kopf ein wenig schief. »Ist es nicht so, dass unser gesamtes Wirken eine Art Feldzug gegen die Dummheit ist? Und dass Lesen und Schreiben besser als alles andere hilft, die …«

»Aber nicht bei einem, der doppelt so alt ist wie Ihr, Ebo!« Einhard merkte, dass seine Stimme schärfer wurde, ohne dass er etwas dagegen tun konnte. »Solches könnt Ihr höchstens den jüngeren Herren empfehlen!«

Ebo berührte einen Punkt über seiner Braue, als müsse er sich dort kratzen. »Verzeiht, aber ich glaube, diese sächsischen Trutzschädel werden uns einmal dafür dankbar sein, dass wir sie aus der Dunkelheit rausgerissen haben. Habt Ihr diese mannshohe Holzfigur neben der Scheune gesehen? Das war noch ein Rest Heidenheiligtum, aber der Edle selbst hat ein großes Holzkreuz über seiner Tafel hängen!«

»Und wir werden weitere zwanzig oder dreißig Jahre brauchen, bevor sich das ändert! Wir bringen diesen Leuten einen neuen Glauben und somit neue Treueverhältnisse bei. So etwas dauert, nicht wahr?«

Der andere nickte lustlos und Einhard merkte, dass er wieder wie ein Schulmeister klang. Aber warum auch nicht? Ebo, der so kluge, aber menschlich etwas sperrige Begleiter, hatte nicht halb so viel Erfahrung! Was sich schon in der dunklen, erdfarbenen Bekleidung zeigte, die der Diakon angelegt hatte: Als reise man zu Pferd durch den gröbsten Dreck!

»Habt Ihr bemerkt, wie sie meinen Seidenüberwurf betrachtet haben, Diakon?«

»Ein prachtvolles Gewand, Consiliarius«, bemerkte Ebo ungerührt.

»Ich erwähne das nicht aus Eitelkeit«, sagte Einhard säuerlich, »sondern weil Ihr die Leute damit auf recht leichte Weise beeindrucken könnt! Und je beeindruckter sie sind, desto willfähriger werden sie. Und umso eher folgen sie Euch in allem, was Ihr ihnen abverlangt – und sei es Schreiben und Lesen!«

Ebo räusperte sich. »Ich verstehe Euch gut, Consiliarius, ohne dass Ihr mich wie einen Halbwüchsigen behandelt!«

Verärgert sah Einhard aus dem Fenster. Sanfte Hügel, fette, grüne Weiden, grasende Kühe, Schafe. Ein gutes, friedliches Land – so wirkte es zumindest. Er war froh, nicht reiten zu müssen. Diese Reise zu Pferde wäre ein Schrecknis geworden! Andererseits müsste er dann nicht solche Unterhaltungen führen …

Er sah, wie Ebo sich neues Grün zwischen die Zähne schob.

Du hast keine Ahnung, Junge, was auf dich zukommt!

Der junge Karl konnte grausam sein, auf seine ganz eigene Weise. Musste Einhard seinen Begleiter nicht vorbereiten?

»Diakon, etwas muss Euch klar sein«, begann Einhard in verbindlichem Ton. »Ihr hattet schon hier und da mit dem jüngeren Karl zu tun. Ihr wisst vielleicht noch, wie viel nutzloses Gepränge und Unernst dort herrschen!«

»Gewiss, Herr Einhard«, entgegnete Ebo ein wenig gelangweilt. »Aber bei Arnulf sax hamar nicht, was? Euer Freund soll eher derbe sein. Wie ein Krieger eben!«

»Es ist nicht mehr angemessen, ihn meinen Freund zu nennen«, erwiderte Einhard ein wenig müde. »Darauf hatte ich hingewiesen. Und das Wichtigste für Euch, Diakon …«

»Sprecht mich bitte nicht mehr mit ›Diakon‹ an!«, unterbrach ihn Ebo und warf einen Blick auf das Geschreibsel, das der Jüngling ihm reichte. »Missus oder ›Herr Ebo‹ wäre passender.«

»Von mir aus«, gab Einhard mit belegter Stimme zurück. Das Selbstbewusstsein des Jüngeren war nicht leicht zu verkraften, trotzdem fühlte Einhard sich verpflichtet, ihn nicht einfach in den Untergang laufen zu lassen. »Also, Ihr werdet beim jungen Prinzen Karl auf eine Art Zirkus stoßen, wenn Ihr wisst, was ich meine: Er ist umgeben von so manchem Narren und Schöngeist! Es wimmelt von Wichtigtuern und oft weiß man nicht, wer jeweils dem Prinzen Karl nahe ist … übrigens, er lässt sich von seinen engsten Favoriten Karolo nennen.«

»Interessant.« Ebo befingerte einen Anhänger unter der Tunika, die Haarlocke – er hatte Einhard davon erzählt. »Und was bedeutet das für uns?«

Bevor Einhard antworten konnte, wurde er kräftig durchgeschüttelt, die Räder des Wagens rollten durch eine Abfolge größerer Ausspülungen. Ebo verbiss sich einen Fluch, sie hörten die Rufe des Wagenlenkers, der die Pferde bremste.

»Richtet Euch ausschließlich an den einen Mann, der wirklich wichtig ist: sein Hofkapellan namens Odilo. Dieser Odilo ist wie der Erzkapellan Hildebald für den großen König, er zieht die Strippen! Also gleichgültig, zu welchen albernen Vergnügungen Ihr von den Höflingen eingeladen werdet, von wem auch immer – haltet Euch an Odilo! Übrigens, sollte König Karl einst zum Allmächtigen auffahren und der gute Prinz Karolo den Thron erben, dann wird eben dieser Odilo der mächtigste Mann im Reich sein! Weil er den Willen des Prinzen ausführt. Und ihm auch vermittelt, was eigentlich sein Wille ist! Habt Ihr mich verstanden?«

Ebo nickte mit einem höflichen Lächeln.

Er hat mich nicht verstanden!

Einhard sah in die braunen Augen Ebos und traf in diesem Augenblick eine Entscheidung. Bei der Abwägung von allem, was er nun über Ebo wusste und dem, was Einhard immer noch mit Arnulf verband, kam der Consiliarius zu dem Schluss: Für sein Gewissen war es besser, vorübergehend einen eigenen Pfad einzuschlagen.

* * *

Während der geheimen Beratungen bei Hofe über die Zukunft des Reiches hatte der junge Karl, der angehende Herrscher über den nördlichen Reichsteil, sein Lager in der Magadoburg12 am mittleren Elbufer aufgeschlagen. Von dort aus setzten seine Panzerreiter über den Strom, um aufsässige Slawen-Häuptlinge zu züchtigen, die auf dem Westufer geplündert hatten. Pflichtgemäß verheerten die Krieger Siedlungen, brannten hölzerne Burgen nieder und verwüsteten Äcker. Nach der Rückkehr der fränkischen Kriegsschar erreichten königliche Boten die Magadoburg mit einer Weisung von König Karl: Der Vater befahl seinem ältesten Sohn eine Vereinigung seiner Kräfte mit denen des Bruders Ludwig an der Weser. Beide sollten von dort nach Norden marschieren und die auflodernde Sachsen-Rebellion austreten. »Hart zu bestrafen sind auch alle, die den Schuldigen geholfen haben!«, forderte der König. Das schien auf einen gewissen sax hamar genannten Kriegsherrn an der Elbe gemünzt; für solch einen Feldzug brauchte man allerdings eine größere Menge Truppen, stellte Karls Berater, Kapellan Odilo, gegenüber seinem jungen Herrn fest: »Warten wir ab, Herr, wie viele Krieger Euer Bruder mitbringt!« Der Königssohn hatte mit seiner Kohlezeichnung – ein Reiter in schmuckvollem Ornat inmitten junger Männer, über allem ein paar Tauben – innegehalten und seinen nur wenige Jahre älteren Vertrauten kurz gemustert.

Odilos Miene legte keine besondere Maßnahme nahe, keine unnatürliche Eile, so nickte Karl nur und fuhr mit dem Zeichnen fort, wobei seine Zungenspitze die Oberlippe streichelte und fast den Schnurrbart berührte, der sich kreisförmig nach unten um das Kinn fortsetzte.

Dann, als der große Tross des Prinzen Karl mit einigen Hundertschaften der Panzerreiter tatsächlich aufbrach, erreichte sie ein Bote des Bruders Ludwig: Er werde nicht zum Treffpunkt kommen, da »vorher« noch eine fürstliche Fehde in Neustrien an der Loire zu schlichten sei. »Möge das Werk gleichwohl gelingen und möge der Herr Euch die Hand führen!« Das war offensichtlich ein scheinheiliger Wunsch: In Wirklichkeit, wusste Karl, wünschte sein Bruder ihm ein gründliches Scheitern, um seine eigenen Aussichten auf den Thron des Vaters zu verbessern.

So kam es, dass der Königssohn Karl alsbald nach Norden schwenkte, um Bardovyk anzusteuern. Vom königlichen Stapelplatz nahe der Elbe aus konnte man die Lage an der Grenze beurteilen und die Aufständischen niederwerfen. Zwei Tage später erreichte wiederum ein Eilbote vom Königshof die lang hingezogene Reiter- und Trosskolonne. Diesmal stammte das Schreiben von Karls erstem Berater, dem Erzkapellan Hildebald: Der Consiliarius Einhard sei als missus domenicus nach Nordsachsen unterwegs, um eine aktive Befriedungspolitik auch in das Gebiet der nordliuti zu tragen. Einhards Begleiter, ein Diakon der Hofkanzlei namens Ebo, sei herzlich aufzunehmen und künftig über alles zu informieren, was für die Kanzlei des Königs, »die Geschicke des Reiches« und insbesondere für »die Befriedung des Nordens« von Belang sein könne.

Briefe vom großen Hildebald wurden am Hof des Prinzen direkt an den Hofkapellan Odilo übergeben. Der runzelte beim Lesen die Stirn, was bei ihm bereits als ein Zeichen der inneren Erregung gelten musste. Er war ein Mann um die dreißig von unauffälligem Äußeren, den man in einer Ansammlung von Höflingen hätte übersehen können; am markantesten waren noch seine abstehenden, blonden Locken, in deren Mitte die Tonsur der Geistlichen geschoren war. An ein Rad des Kapellanwagens gelehnt, stieß er beim Lesen schließlich ein kleines Krächzen aus, irgendwo zwischen Unglauben und Belustigung.

»Was habt Ihr da, Kapellan?«, rief der junge Karl vom Brunnen aus, wegen dem man hier angehalten hatte. Er strich sich das nasse, schwarze Haar straff nach hinten und und wischte die Hände sorgfältig am Überwurf ab, den er über der gelbseidenen Tunika trug. »Hat mein Vater mir wieder eine Jungfrau ausgesucht? Eine magad von bestem Blut?« Mit schnellen, kleinen Schritten hielt er auf seinen Berater zu.

»Keine Jungfrau, Herr!« Odilo zupfte seinen Kehlkopf, der wie ein stecken gebliebener Knochen im Hals vorstand. »Aber ein reifer Consiliarius! Euer Vater schickt uns den guten Einhard als Verstärkung!«

»Väterchen Einhard, wirklich?«, spottete Karl und rollte mit den Augen. »Verlässlich, anständig und abscheulich langweilig! Er wird den Sachsen sämtliche Sprüche Salomos so lange um die Ohren hauen, bis sie wimmernd zu Boden gehen! Und wegen diesem Apostel der Unspaßigkeit lacht Ihr Euch öffentlich kaputt, Kapellan? Trinkt Ihr Wein auf dem Wagen, he?«

»Wer würde dann noch auf den Weg achten?«, gab Odilo fast schon heiter zurück. Dann wurde sein Ton ernst. »Erinnert Ihr Euch an den Diakon, Herr, der uns bei der Synode in Aquis­granum13die Besitzlage dieses römischen Klosters erklären sollte?«

»Kaum …« Karl legte einen Finger an die Nasenspitze, als helfe das dem Gedächtnis. »Was an ihm wäre erinnernswert?«

»Ihr hattet ihm Eure Stiefel geschenkt. Sein Schuhwerk war verschlissen.«

»Mag sein, ja. Der Bursche war etwas verhärmt. Und nun? Braucht er abermals neue Schuhe? Eine Hose?« Der Prinz kicherte. »Sollen wir für ihn sammeln?«

»Er soll uns künftig beaufsichtigen. Den Austausch mit dem Königshof anregen, sagt der Erzkapellan.«

»Was?«

Karls Züge verschoben sich und einen Augenblick lang sah er aus wie einer der Komödianten, die sonst vor dem Prinzenhof auftraten. »Unser schuhloser Diakon Sankt Elend soll mich … uns … misericordiae!«

Er zog den elfenbeinernen Griff seines Schwertes ein paar Zoll aus der Scheide und ließ ihn wieder zurückfallen, zweimal, dreimal. Dann raunte er Odilo zu: »Und wenn wir ihn verunglücken lassen? Sagen wir, ertrinken?«

»Ähm …« Odilo zupfte seinen Kehlkopf. »Wie das?«

»In der Badewanne?«

Sanft schüttelte der Hofkapellan den Kopf, die Finger seiner Linken erzeugten ein paar Klickgeräusche, als Ringe aneinanderschlugen. Prinz und Kapellan tauschten einen langen Blick aus.

»Skizan«, zischte Karl schließlich. Mitten auf der sandigen Straße stehend, riss er sein Schwert hervor wie ein Krieger und schrie etwas, das auch die Männer an den Wagen weiter vorn zusammenzucken ließ. Einer von ihnen, ein etwa fünfunddreißigjähriger Glatzkopf mit bleichem, kreisrundem Gesicht, eilte sogleich zum Prinzen, ohne Rücksicht auf die Pferdeäpfel, die er dabei breit trat. Und obwohl dieser »Mond« genannte Vertraute vielleicht besser bekannt war mit Karls wahrem Wesen als sonst irgendjemand, biss sich der Hofmann doch auf die Lippen: Zu lästerlich war der Strom von Worten, der nun aus dem Mund des Königssohns floss.

Als der Hochwohlgeborene endlich verstummt war, lehnte er sich an die Brust des Mondes, von Kummer und Zorn übermannt. Ein Schluchzen ertönte. »Ich hasse diesen Mann«, quetschte Karl hervor. Seine Leute aber wussten, dass er damit weder den genannten Diakon noch Einhard meinte, sondern den großen Vater selbst.

* * *

Wenige Tage später lag der missus domenicus Diakon Ebo auf einem nach muffiger Feuchtigkeit riechenden Bett in der Siedlung Bardovyk und leckte seine Wunden.

Über Niederlagen nachzudenken, bringt mehr als das Schwelgen in Triumphen.

Diese Prämisse eines verstorbenen Dichters hatte Ebo immer befolgt. Narren und Tölpel mochten sich über ihre Erfolge freuen. Er war dazu verdammt, aus Fehltritten zu lernen! Und so dachte er auch am Abend des Tages seiner ersten Aufwartung beim Prinzen Karl darüber nach, wie es zu dieser üblen Demütigung hatte kommen können: Man hatte ihn, den Diakon Ebo, Königsbote des großen Karls, verhöhnt und ausgelacht, wie den letzten Schweinehirten! Niemand anders als Einhard, wurde Ebo klar, hatte ihn dem Gespött preisgegeben, denn Einhard hatte ihn so gut wie nackt in Bardovyk sitzen lassen!

Er hatte diesen Consiliarius Einhard unterschätzt! Diesen halbwegs klugen und dabei etwas drögen Hofmann, der in seinem ganzen Gebaren verbindlich wirkte … ›Wir müssen einander vertrauen.‹ Der altgediente Hofmann hatte ihn getäuscht wie einen Halbgaren, der von Erwachsenen ausgetrickst wurde!

Ebo legte den Zahnstocher zur Seite, mit dem er die Reste des Salbeis beseitigt hatte, und legte seinen Kopf auf das Kissen des Bettes. Von den Balken der Decke sah er Büschel mit getrockneten Melissenblättern baumeln, zwischen denen sich eine Spinne von beachtlicher Größe herabließ. Es war eine eher große, aber feucht riechende Kammer, die er bei der Witwe eines königlichen Vasallen bezogen hatte. Draußen dämmerte es, Ebo hörte das Summen der Mücken, die durch die Fensteröffnung eindrangen. Er konnte sich nicht dazu bringen, den Rahmen mit der gespannten Schweinsblase in die windschiefe Öffnung einzufügen – er ahnte, dass sie nicht passen würde.

Der Consiliarius hatte ihn mir nichts, dir nichts in Bardovyk stehen gelassen, um mit der Masse der Leibwache zu verschwinden, also über den Fluss zu setzen und die Edlen der nordliuti zu besuchen. Morgens, vor der ersten Andacht, ohne Vorwarnung!

Ein weiterer Fehler Ebos war es gewesen, nach Einhards Verschwinden so zu tun, als würde das für ihn nichts ändern. Er war also allein als »Ebo missus domenicus« im Königshof von Bardovyk erschienen, um dem jüngeren Karl – genannt: Karolo! – seine Aufwartung zu machen. Denn noch am Tag zuvor, bei der Ankunft der Königsboten, hatte man ihnen bedeutet, dass Karl sich von einer Jagdpartie nahe der Elbe erhole.

So erschien Ebo schließlich als der Sohn eines Hörigen vor dem Sohn des großen Königs und als ein gestrandeter Diakon, der vom dienstälteren Consiliarius ausgebootet worden war. Und wiederum erinnerte er mit grausamer Klarheit jeden Satz und jede Geste, die bei seiner Aufwartung bei Karl gefallen waren.

Und an die erste brutale Erkenntnis: Der Mann auf dem üppig verzierten Hochstuhl aus Eichenholz war gar nicht Karl!

* * *

Der Raum war kleiner als die Halle in einer voll ausgebauten Pfalz, aber dadurch auch heller, denn nach vorne und hinten gingen offene Fenster auf die Terrassen; der kleine Platz vor dem Haus war angefüllt mit Besuchern, Bittstellern und den üblichen Bettlern. Es war sächsische Bauweise: Das Dach ruhte im Wesentlichen auf den Stützpfosten, die gleichzeitig den Verlauf der Außenwand markierten. Deshalb reichten im Innenraum zwei massive hölzerne Pfeiler, die den First hielten. Vor einem der Pfeiler stand der Hochstuhl, über dem eine Fahne mit Kreuz aufgehängt war. In dem mit Fell ausgelegten Sitz allerdings lümmelte jemand mit feistem, kreisrundem Gesicht im Hochstuhl, den Ebo nicht kannte; der Mann hatte einen kahlen Schädel und trug einen rostbraunen Kaftan, weit geschnitten, mit vielen Falten und Taschen. Rechts von dem Sitz standen ein paar Männer mit geschorenem Haar, in der hellen Kluft von Hofgeistlichen. Als gelte es sich auf eine Messe oder einen Bittgottesdienst vorzubereiten, sangen sie mit stark gedämpften Stimmen ein Kirchenlied. Zur Linken, aufgereiht im rechten Winkel zum Thron, standen Kerle mit derben Gesichtern, deren Hände auf den Schwertern und Äxten in ihren Gürteln lagen: Karls Leibwache.

»Ebo, missus domenicus«, lautete die Ankündigung durch einen reichlich bunt gekleideten, verdächtig hübschen Höfling mit fast weiblichen Zügen. Ebo überlegte rasch, wer hier der »wirklich wichtige« Hofkapellan Odilo war, auf den laut Einhard angeblich alles ankam. Der schmale, blonde Mann mit Kreuz und Rosenkranz am Gürtelstrick, der den Leibwachen gegenüberstand? Ebo nickte ihm zu, doch der Mann fuhr sich lediglich mit der Zungenspitze über die rasierte Oberlippe und blickte ins Nichts.

Als Ebo sich auf etwa sechs Schritte dem Karls-Thron genähert hatte, spuckte ihm jemand vor die Füße. Der Königsbote gefror in der Bewegung, als wäre er gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Eine der Leibwachen fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund, ein Teil seines Speichels hatte Ebos linke Stiefelspitze getroffen. Ihre Blicke kreuzten sich: Der Krieger war höchstens zwanzig Jahre alt, ein junges, dumpfes Mördergesicht: einer, der Vergnügen daran hat, andere zu erniedrigen.

»Wir versuchen ihnen das abzugewöhnen«, verlautete es jetzt aus dem Hochstuhl. »Aber die Kerle sind, hm, man könnte sagen: schwer erziehbar!«

Wer zum Satan war dieser Mensch, der da so leutselig heuchelte?

»Herr«, begann Ebo, »König Karl schickt mich, seinen Sohn zu grüßen und …«

»Dann vorwärts, missus, worauf wartet Ihr?« Der Mondgesichtige steckte eine Hand aus, als würde er den Handkuss von Ebo erwarten. Der sah zu dem Blondgelockten mit dem abwesenden Blick.

»Was soll das hier? Wo ist der Königssohn Karl?«

Stumm, mit einer winzigen Kopfbewegung, wies der Berater auf den Hochstuhl.

Ziegengemecker ertönte, als seien hinter dem Thron Tiere versteckt – war das draußen?

Nervös näherte Ebo sich dem Sockel des Hochstuhls, der dem Mondgesicht etwa einen halben Meter Höhenvorteil gab. Doch nun streckte der Mann ihm statt der Hand einen Fuß entgegen. »Handkuss vom Bischof und Königsboten«, dozierte er seelenruhig das Hofprotokoll, »Kniekuss vom Freien und vom Priester, Fußkuss vom Hörigen und Betrüger … stimmt etwas nicht mit Eurem Ohr?«

In Ebos Ohrläppchen explodierte ein Juckreiz. »Was soll das? Ich bin ein Gesandter des Königs Karl!«

»Das kann nicht sein!«, rief das Mondgesicht nun und stieß seinen Schuh, unter dessen Sohle Viehmist klebte, in Richtung von Ebos Gesicht. »Weil ein missus Ebo schon angekommen ist – nein, es sind sogar zwei Ebos, die sich bei uns gemeldet haben, guter Mann! Schaut selbst!«

Der halblaute Singsang der Geistlichen verstummte endlich, die Reihe der Krieger öffnete sich und hervor kam ein jüngerer Mann in dunkler Priesterkutte mit einigen Ziegen an der Leine, die bei Ansicht Ebos zu meckern begannen.

»Heil!«, rief der Ziegenführer. »Auch mich schickt ein Vater, aber ein Ziegen hütender Vater! Guter Diakon, verbindet uns das?«

»Ihr … was erdreistet Ihr Euch?!« Ebos Herz begann zu rasen, Wut lief wie ein Krampf durch seinen Magen.

Das Mondgesicht sprang nun mit einer gewissen Behändigkeit aus dem Stuhl, wobei sich die Falten und Ausbeulungen des Kaftans bewegten und der Kopf eines Hamsters in der Kragenöffnung erschien. »Ehrlicherweise, lieber missus, bin ich der Darsteller des Königs, wenn wir den Hof mit einem Schauspiel erfreuen. Ich spiele den höchsten Herrscher oder auch den Griechen-Kaiser in Byzanz. Mitunter auch den Cäsar … Demnach kam es auf mich, heute meinen Herrn, den Prinzen Karl zu vertreten!«

Der Hamster verschwand wieder.

Ebo atmete aus. »Dieser Zirkus ist böse und unwürdig!«

»Unwürdig«, erwiderte der andere ungerührt, »ist es auch, seine Vorfahren zu verleugnen. Stellt Euch vor, ein Königssohn will nicht vom König abstammen! Euer Vater war ein Höriger, der am Ende … was genau hat er getan, Ställe ausgemistet? Vieh gehütet, hörte ich?!«

»Das geht Euch nichts an!«, stieß Ebo aus und wusste doch, wie lächerlich dies war: Denn man blieb zeitlebens der Sohn seines Vaters! Die Taten der Väter und Vorväter waren es, die die Stellung der Söhne vorgaben, ein Mensch war nur ein Glied in einer langen Kette …

»Es geht uns einen Ziegendreck an, wolltet Ihr sagen!«, warf jemand neben dem Hofkapellan ein. Die Stimme eines Mannes, aber die Figur eines Zwergs!

Der Gnom stieg auf eine Kiste und von dort auf ein Schaf, das ein Diener solange festhielt. Dann ritt er mit schrillem Schrei los und schaffte es, Ebo einmal zu umrunden. Die ersten Männer im Raum begannen zu lachen. Als der Zwerg dann auch noch »Krieg den Ziegen!« schrie und ein kleines Holzschwert hochreckte, brachen alle – fast alle! – in schallendes Gelächter aus, am lautesten lachten die Krieger, ausgelassen wie Kinder.

Auch das Mondgesicht mit dem Hamster lachte.

Nur der Kapellan, auf den angeblich alles ankam, bewegte lediglich die Mundwinkel um einen halben Zoll.

»Krieg den Schafen!«, schrie nun zu allem Überfluss der Mann mit den Ziegen und schlug seinen Tieren aufs Hinterteil, worauf sie vorwärts sprangen, sodass Ebo sich plötzlich von blökenden Tieren umstellt sah, was abermals Lachsalven auslöste. Er versuchte, sich durch eine Rückwärtsbewegung aus dem Gedränge zu befreien – und blieb mit einer Ferse irgendwo hängen: Der Zwerg hatte die Leinen der Tiere nicht gelöst, sondern einfach verlängert, sodass sie zu Fallstricken für den Diakon wurden.

»Gnade für unsere Väter«, trompetete jetzt jemand über Ebo, »denn sie wissen nicht, was sie tun! Könnt Ihr dies gebrauchen, schuhloser Diakon? Wir haben gesammelt!« Ein paar Stiefel, ausgebeulte Schuhe und eine oder zwei braune Hosen samt Wickelbändern für die Waden regneten nun auf Ebo hinab. »Bleibt unten!« – Letzteres war schärfer gesprochen, so verharrte Ebo auf den Knien, dachte an das damalige Stiefel-Geschenk und hätte vor Scham und Ekel am liebsten vor den Königssohn gekotzt.

»Wenn Ihr das Zeug braucht«, lächelte der Mann über ihm, »dann glaub’ ich auch, dass Ihr der richtige Ebo seid – und die anderen Betrüger hole der Teufel!«

Ebo sah zum Antlitz des Königssohns auf: kleine, muntere Äuglein, eine Nase, die man in Ebos Heimat Stupsnase genannt hätte, ein ringartiger, sauber gestutzter Bart um die Lippen und dunkles Haupthaar, das die Ohren fast verdeckte – ein lebenslustiger Bursche Mitte zwanzig, dessen Züge nach der Mutter Hildegard kamen. Einer, der rein zufällig Sohn des mächtigsten Mannes der Welt war …

»Verzeiht mein unwürdiges Auftreten, Herr«, würgte Ebo hervor. »Euer Vater wollte es so.«

Karl lachte auf. »Dem Alten kann man schwer widersprechen! Einhard jedenfalls meinte, dass Ihr ein heller Bursche mit guten Anlagen seid, der uns ein wenig zur Hand gehen soll. Übrigens, wann erwartet Ihr Euren missus senior zurück?«

»Ich bin mir nicht sicher … er wird sicher bald …«

»Ist ja egal! Hauptsache, er schüchtert diese Holzköpfe hinter der Elbe etwas ein, damit wir nicht den Rest des Sommers hier vertun!«

Ebo nickte mit roten Ohren, unsicher, ob er nun aufstehen durfte oder nicht.

Der Prinz reichte ihm die Hand. »Ihr habt Euch jedenfalls nützlich gemacht, missus diaconissus, der heutige Tag ist geglückt! Nicht wahr, Leute?«

Zustimmendes Gelächter in der ganzen Halle war die Antwort.

Dann, endlich, zog ihn Prinz Karl auf die Beine. Sofort drückte Ebo seine Lippen auf den Handrücken.

Sie waren etwa gleich groß, stellte Ebo fest. Das Kettenhemd freilich, das der Prinz – als Verkleidung? – übergeworfen hatte, schien für einen größeren Mann angefertigt.

»Lernt meine Gefährten kennen, lieber Ebo! Hofkapellan Odilo und Truchsess Helisachar, den wir gerne Mond nennen!« Der Hofkapellan neigte ein wenig den Kopf, ohne näherzukommen.

Wollte ausgerechnet Odilo sich nicht mit Einhard einlassen?

Der Mond genannte Helisachar trat nun vor und legte einen Finger an seine Nase: »Truchsess oder Helisachar für Euch, missus!« Prompt schlug Karl ihm auf die Schulter. »Der Mond ist unser Zeremonienmeister. Er kümmert sich um vieles, der Gute. Und dieser Rundstein hier mit dem grimmigen Gesicht ist Iburis, mein oberster Kriegsmann und gundfanari14. Man nennt ihn auch Iburisbiss, weil er ein großer Bärenjäger ist, also wenn Ihr einmal Bären jagen wollt, solltet Ihr ihn unbedingt vorher fragen!«

Iburis stand neben dem pickelgesichtigen Spucker, breitbeinig, die Daumen hinter den Waffengürtel gehakt. Sein vollkommen kahler, glänzender Schädel erinnerte Ebo an eine Steinkugel, die er einmal in Ravenna auf einem öffentlichen Platz gesehen hatte. Der Kinnbart war nicht größer als die Spitze eines Schwertes, während der Schnurrbart einem schwarz-grauen Hufeisen glich, das an beiden Mundwinkeln hinunterwuchs. Wie bei so vielen Offizieren drückten seine Züge Tatkraft und Skrupellosigkeit aus. Seltsam wirkte auf Ebo eine wurstartige Kette von getrocknetem Fleisch, die neben dem Schwertgriff aus dem Waffengürtel hing.

Noch einer, auf den es laut Einhard gar nicht ankam?! Die angeblich Unwichtigen hatten Ebo gerade die Demütigung seines Lebens zugefügt!

»Willkommen«, sagte Iburis mit tiefer, kratziger Stimme.

12 Magdeburg

13 Aachen

14 Der Truppenführer des jüngeren Karls.

Kapitel VII

Die lauten Rufe der Wachen waren auch in der Webstuhlkammer zwischen Mannschaftsbaracken und der Schmiede zu hören. Dort stand Erika mit einigen Frauen um einen neuen, aufwendig gefertigten Webstuhl, der nun erstmals mit Schuss- und Kettfäden versehen wurde. Sie ließ die Frauen – Mägde, die zur Burg gehörten und Weiber der Burgmänner – allein und trat hinaus auf den Hof. Drei Tage zuvor war Arnulf aufgebrochen. Nicht lange genug, als dass sie ihn und Arthur schon wieder erwarten konnte … oder vielleicht doch?

Und wirklich kamen die Rufe nicht vom Tor her, sondern von der Plattform des Wehrturms, der sich über dem Wall auf der Flussseite erhob.

Schiffe also?

Mit leichten, schnellen Schritten lief sie über den Hof. Hühner nahmen Reißaus, dafür folgten ihr sofort die allgegenwärtigen Jagdhunde, nur um am Fuß der Stiege enttäuscht stehen zu bleiben. Sie stieg mit gerafftem Kleid die Trittlücken hinauf, die man in einen Baumstamm geschlagen hatte, und nahm oben gerne die Hand von Gallo, die er ihr entgegenstreckte.

»Unser Vermisster ist wieder da«, grinste der Westfranke. »Schaut ihn Euch an: als hätte die Welt auf ihn gewartet!«

Wie auf eine große Leinwand gemalt, kamen dort unten drei schlanke Schiffe im warmen Nachmittagslicht angesegelt: Eine gute Brise aus Westen machte es möglich, dass Hedens Kiele mit vollen Segeln gegen den Strom die Anlegestelle ansteuerten. Am liebsten hätte sie laut gerufen, aber sie war die Frau des Burgherrn und Gallo neben ihr hätte sich darüber lustig machen können. So begnügte sie sich damit, Arnulfs freiheitsliebendem Bootsführer da unten zuzuwinken. Er konnte sie offensichtlich erkennen, denn er winkte vom Heck des ersten Schiffes aus zurück, mit der Linken eingehakt hinter dem Gürtel, die Bärenfellkappe lässig in den Nacken geschoben.

Als er ihr wenig später mit beiden Händen die Rechte, ja eigentlich den ganzen Arm drückte, unter dem Tor, wo sie ihn empfing, strahlte er wie ein Brautwerber.

»Ihr seid wieder etwas schöner geworden, edle Erika!«

»Und Ihr flunkert wie ehedem, guter Heden!«, lachte sie.

Heden war schlanker und weniger breitschultrig als Arnulf, mit gefälligen Zügen, die auf Anhieb heiter wirkten. Er hatte volle Lippen, die das Gesicht – auf nicht unmännliche Weise – anziehend machten. Diese Lippen waren gerne in Bewegung, Heden sprach meist schnell und eher viel, wobei sein Gesichtsausdruck innerhalb von zehn Worten von heiter bis wolkig und wiederum zu heiter wechseln konnte: Es war diese stetige seelische Bewegung, die Heden interessant machte, die aber auf die Burgherrin immer auch etwas unstet wirkte.

Der Rückkehrer trug eine prachtvolle rote Tunika mit Silberborten, die Beinkleider sahen aus wie sehr aufwendig gegerbtes Leder und um den Hals klingelten zwischen der alten Bärenkrallenkette silberne Anhänger, die früher nicht dort gewesen waren.

»Ich habe herrliche Dinge gesehen, Erika, die Ihr hättet sehen müssen! Und ich hab schöne Sachen für Euch, wartet’s ab!« Er machte eine dramatische Geste, indem er mit der Rechten die Bärenfellmütze schwenkte. Hinter ihm kamen nun seine Männer heran, beladen mit Säcken und Gerätschaften, mit Körben und Krügen, Ballen und Bündeln. Gleichzeitig kam aus Richtung der Schmiede Gallo herbei, blieb mit drei Schritt Abstand vor Heden stehen, stemmte die Arme in die Hüften und tauschte eine Begrüßung aus:

»Der nutzlose Schiffsführer! Wollt Ihr Eure Wettschulden einlösen?«

»Der versoffene Handelsmann! Hatten wir gewettet?«

Grinsend tauschten sie einen kräftigen Händedruck aus.

»Ein Einhorn nicht unter fünf Fuß Zoll, mein Lieber«, frohlockte Gallo, der mit Heden vor der Abreise gewettet hatte, dass er nicht binnen vier Wochen zurückkehren würde – zwei Wochen länger, als von Heden angekündigt. »Bin sehr gespannt drauf!«

Erika räusperte sich. »Nächstes Mal dürft Ihr uns nicht so lange warten lassen, Heden! Der Herr von Delbende verfolgt holstische Sklavenjäger, zusammen mit Drascos Abodriten. Vor drei Tagen sind sie fort!«

Die Lachfalten in Hedens Gesicht glätteten sich, mit einem Anflug von Verlegenheit zog er seine schwarze Bärenfellkappe ab, ein Relikt aus der Zeit als Panzerreiter, und fuhr sich durch das Haar. »Verstehe … Ihr hättet ein paar richtige Schiffe brauchen können. Ich sage seit Jahren, dass wir mehr Kiele brauchen!«

»Das sagt Ihr gerne«, grunzte Gallo. »Aber trotzdem dauern Eure Vergnügungsfahrten zu lange!«

»Blödsinn!« Heden funkelte den alten Gefährten an. »Ihr wisst ja nicht, wen ich dabei habe. Joric! Mann, komm her!«

In dem Pulk herumstehender Männer hob ein untersetzter Kerl mit zerstrubbeltem Kurzhaar den Kopf, dem das Misstrauen aus den Augen leuchtete.

»Joric ist ein Däne! Ich habe ihn einem friesischen Edlen abgekauft, für idiotisch viel Silber! Sie hatten Streit, der Friese wollte ihm die Haut abziehen!«

»Ihr wart also nicht nur in Haithabu15, bei den Nordmännern?«, entfuhr es Erika.

»Wir waren auch in Utrecht, Edelfrau, bei den Wassermenschen! Und siehe da …«

Obwohl Erika und Gallo den Dänen namens Joric mit wachsender Neugier musterten, behielt er seinen unbeteiligt misstrauischen Blick – typisch für Sklaven, die ihrem Herrn jederzeit ausgeliefert waren.

»Und?«, frotzelte Gallo. »Scheißt der Perlen oder so was?«

Auf Hedens Gesicht kehrte das Siegerlächeln zurück, gönnerhaft schlug er Joric auf die Schulter: »Er ist ein Schiffsbauer, Leute! Der hat schon Hundert-Fuß-Boote für dreißig Ruderer gebaut, versteht Ihr? Mit Joric hier können wir unsere eigenen Schiffe bauen! Wir werden eine eigene Flotte haben und uns vor niemandem mehr verstecken!«

* * *

Einen Tag nach Hedens Auftauchen kehrte auch Arnulf zurück.

Der Burghügel lag in mondloser Dunkelheit. Das Rumpeln und Quietschen der Torflügel war laut genug, um Erika hochschrecken zu lassen. Sie hatte noch im unsteten Licht einer Öllampe im Psalmenbuch gelesen, das der Missionspriester Liudger ihr geschenkt hatte.

Eilig warf sie eine Decke über und öffnete die Tür der Kammer, die nur durch eine dünne Lehm-Flecht-Wand von der Kammer der Mädchen getrennt war. Draußen stieß sie fast mit Roswith zusammen. »Sie kommen!«, jauchzte ihre Tochter, die, warum auch immer, noch vollständig angezogen war. Sie eilten aus dem Haupthaus und hielten auf die Masse von Schemen zu, die den Burghof zu füllen begannen. Schon an den ersten Wortfetzen, am Ton der Männerstimmen, erkannten die Frauen: Alles war gut gegangen!

Erika hielt auf Arthurs Stimme zu, die aus dem Knäuel von Männern und Pferden Kommandos gab. Auch dies ein gutes Zeichen: Wenn ihr Mann dem Sohn das Befehlen überließ, dann vertrugen sie sich! Dann hörte sie das satte Klopfgeräusch, das von Männerhänden auf Männerschultern zeugte, sie hörte Gallos Stimme und entdeckte endlich Arnulf.

Im selben Augenblick trat jemand mit einer Fackel an ihre Seite, sodass Arnulf sie ebenfalls erkennen konnte.

Er war unverletzt!

»Gelobt sei Jesus Christus«, stieß sie aus.

»In Ewigkeit Amen«, grinste er und nahm sie in den Arm. Er roch nach Feldzug, nach Pferd, Leder und Lagerfeuer.

»Ging alles gut?«

»Fast zu gut, Liebes! Himmel, ich hab solch einen Hunger!«

»Hunger, mein Herr, sonst nichts?«

»Hunger auf die Herrin!«, sprach er ihr ins Ohr, aber es war eigentlich ziemlich laut gesprochen.

»Willkommen daheim, Vater!« Grimbald hielt die Fackel, bemerkte Erika.

»Heil, Grimmo«, sagte der Vater mit einem müden Lächeln. »Wie ist Euer Abodritisch?«

»Nicht so gut wie mein Latein, Vater!«

»Nun, dann könnt Ihr gerne üben mit einem, der einmal Macht haben wird. Drascos Sohn Scedrag bleibt ein paar Tage bei uns, um die fränkische Art kennenzulernen! Scedrag …? Hierüber! Dies ist mein Weib, Erika, Ihr habt sie, glaube ich, schon kennengelernt …«

* * *

Eine halbe Stunde später erfüllte Lärmen, Lachen und das Schmatzen gieriger Esser die Halle des Hauptgebäudes. Das seit Monaten erste Feuer brannte im Kamin, die Knechte stellten lange Tafeln auf und schafften Bier, Fleisch, Gurken, Käse und die schon etwas trockenen Brotlaibe herbei, die noch vom letzten Backtag übrig waren. Das Bier tat das seine, bald wurden die ersten Geschichten hin- und hergerufen, man prahlte mit seinen Taten und erzählte von störrischen Pferden, sumpfigen Wegen und Männern, die zur falschen Zeit pinkeln mussten.

Arthur saß zur Rechten seines Vaters, was ihn selbst zu überraschen schien. Dort saß normalerweise Heden oder Gallo, oder auch ein Besucher von Rang. Erika, zu Arnulfs Linken, hatte Scedrag an ihre eigene Seite genommen. Er war ein ansehnlicher Bursche, stellte sie fest, der vielleicht ein wenig dadurch gehemmt war, dass er neben der Frau des Kriegsherrn saß: Er zerteilte Brot und Fisch mit sorgfältigen Griffen und aß, ohne laut zu schmatzen. Höflich erkundigte er sich danach, wie Erika in der Burg ohne Arnulf zurechtgekommen war. Von Scedrag erfuhr Erika auch, dass Drasco es offenbar eilig hatte, nach Starigard zurückzukehren: »Wir haben uns an der Kasseburg getrennt. Aber mein Vater grüßt Euch, und – wir stehen in Eurer Schuld! Eure Tochter ist noch nicht verheiratet?«

»Noch nicht«, bemerkte Erika mit heimlicher Erheiterung und prompt drehte Scedrag noch einmal den Kopf nach links, denn sie saß nur zwei Plätze weiter auf der linken Seite. Die Slawen waren dafür bekannt, diese Dinge mit gnadenloser Direktheit anzusprechen. Bevor sie sich mit einer entsprechenden Gegenfrage rächen konnte, schlug Gallos Faust krachend auf die Tischplatte.

»Nun auf, hamar, erzählt! Wo habt Ihr sie gestellt?«

Schlagartig wurde es leiser. Drei bis vier Dutzend Menschen hatten sich in die Halle gedrängt, viele an den Tischen, andere standen. Etwa die Hälfte von ihnen war dabei gewesen, umso neugieriger waren die anderen. Erika wusste, dass Arnulf kein großer Erzähler war: Seine Geschichten endeten meist nach drei Sätzen. Aber er hatte auch gelernt, dass es manchmal nur darum ging, mit einer Erzählung die Menschen hinter sich zu scharen, um ihren Glauben an den Anführer zu stärken.

»Kurz hinter der Ulzburg haben wir sie eingeholt«, begann er und beschrieb die Geschehnisse auf der Lichtung; die Verhandlung mit Wolfger überging er, erwähnte stattdessen Arthurs Einsatz und auch Scedrags Kampfeswut. »Da waren noch ein oder zwei Dänen unter ihnen, aber die sind entkommen. Schätze, die sehen wir irgendwann wieder!«

Worauf Heden – rechts von Gallo, drei Plätze neben Arnulf – lautstark rief, dass man mit der ganzen Seeräuberei Schluss machen würde: »Wir haben jetzt unseren eigenen Bootsbauer!«

Arnulf nickte anerkennend und schnippte eine Fliege aus der kleinen Bierlache vor sich. Schon dachte Erika, dass ihr Mann fertig wäre. Doch zu ihrer Überraschung ging es noch weiter: »Der Rückmarsch, Leute, war der spannendste Teil!«

Alle beugten sich vor und machten einander Zeichen, ruhig zu sein.

Arnulf sah ernst in die Runde. »Wo verbringt man die Nacht im Holstenland, wenn man den Boden gerade verprügelt hat? Mit einer Horde schwächlicher Abodriten, Frauen vor allem, die die Kerle verschleppt hatten?«

»Auf den Bäumen?«, rief ein Scherzbold.

»Im Sattel!«

»Nein, wir lagerten hinter ein paar alten Erdwällen, die unser guter Brun noch kannte, zum Glück. Haben uns da eingeigelt, und Wetten abgeschlossen: Wann kommen sie? Mit wie viel Männern?«

Erika entdeckte Brun an der Tischreihe gegenüber zwischen zwei Kriegern. Er wirkte erschöpft, horchte aber bei der schmeichelhaften Erwähnung sichtbar auf.

Sie hatte ihren Hofmeister vermisst, wurde ihr klar.

»Nach Einbruch der Dunkelheit«, fuhr Arnulf fort, »hören wir die Hufe vieler Pferde. Und im Mondlicht sehen wir sie kommen … Aber nicht Wolfger, sondern Ingobert, den Burgherrn von der Ulzburg. Ein echtes Raubvogelgesicht, Leute. Wer einer Krähe vertraut, kann gut mit ihm, schätze ich!«

Erika spürte jemanden hinter sich und drehte den Kopf. Grimbald lächelte sie an. »Er erzählt wie ein Barde«, flüsterte ihr Sohn. »Viel besser als früher, er hat dazugelernt!« Sie drückte ihm den Arm, nicht ohne Zärtlichkeit. »Wollen wir Vater noch das neue Banner zeigen?«, schob Grimmo nach, aber sie winkte ab: Morgen!

Der Herr von Delbende trank und ließ wiederum den Blick kreisen. »Die Krähe Ingobert hatte sogar Met dabei! Wollte wissen, ob wir einen Pakt mit den Abodriten haben … Ja, Leute, wir haben Eindruck dahinten gemacht, niemand von den nordliuti hat damit gerechnet, dass wir plötzlich mit hundert Gepanzerten durch ihre Wälder toben. Ingobert verzog sich wieder und das war sicher auch besser für ihn!«

Heilsrufe tönten durch den Raum, johlend hoben die Männer ihre Becher, feierten Arnulf und sich selbst.

»Erzählt vom Königsboten, Vater!«, rief Arthur eindringlich und Erika war, als blickte ihr Sohn an Arnulf vorbei zu ihr. Arnulf nickte, setzte noch einmal den tönernen Bierkrug an und fuhr mit der Erzählung fort:

»Am nächsten Tag, als die Sonne hochstand, kam uns ein prachtvoller Tross entgegen. Pferde, Wagen, Fahnen … der königliche Consiliarius Einhard mit Begleitschutz, unterwegs als missus König Karls zu den Edlen der Sachsen!«

Das Gemurmel brandete wieder auf und ein Flackern ging durch Erikas Bauchhöhle, wie fast immer, wenn sie an den König und seine Hofleute dachte. Als Arnulf weitersprach, berührte er sie mit der Linken, als wäre es Zufall. Und in dem Augenblick wusste sie, dass etwas Größeres im Gange war, das nicht mit einem bewaffneten Vorstoß in den Holstengau zu klären war.

»Der Königsbote«, übertönte Arnulf das allgemeine Gebrumm, »will die Sachsenfürsten dazu bringen, keine ­Rebellen mehr aus dem Süden aufzunehmen. Ob ich nicht mit zu den Boden kommen wolle, fragte Einhard mich, als Verstärkung. Ich sagte: Bei denen waren wir gerade, mein Lieber!«

Gelächter und Triumphgeheul füllten wiederum die Halle. Erika aber sah unter den Männern auf den Bänken mindestens drei oder vier langbärtige Kerle, die in den letzten Monaten aus den südelbischen Gebieten gekommen waren!

»Dann wird Einhard auch nach Delbende kommen?«, fragte sie lauter als beabsichtigt.

»Und wenn schon?« Arnulf sah sie an, kämpferisch, als wäre sie nicht sein Weib, sondern ein Herausforderer, und mit demselben Blick streifte er Scedrag zu ihrer Linken. »Der Consiliarius sagte, der Königssohn Karl ist mit einem Heer nach Bardovyk marschiert. Aber« – er sprach wieder zur Halle – »trauen sich die Königlichen über den Fluss, zu uns, heh?«

»Nein, niemals«, brüllten die alten Kämpfer, viele von ihnen mit dem schwarzen Halstuch. In dem Gelärme ging die Frage von Scedrag nach der Größe des Heeres in Bardovyk gänzlich unter.

* * *

Später, als die Halle längst leer war, standen sie beim flackernden Licht einer Öllampe vor ihrem Bett. Sie hatte die Schuhe abgestreift und fühlte das drahtige Haar des Büffelfells unter den Füßen, das den Boden bedeckte. Arnulf hatte seine verschwitzte und verdreckte Tunika in die Ecke geworfen und Erika an sich gezogen.

»Hat Gallo sich benommen?«

Sie nickte lächelnd.

»Hat sich irgendjemand nicht benommen? Außer meinem Sängersohn?«

»Grimmo hatte ein wenig Pech mit einem Maultier, das ihm bei einem Handel flussaufwärts gestohlen wurde, aber sei’s drum! Nein, er hat etwas vorbereitet für Euch, etwas Größeres, im Webhaus. Es wird Euch gefallen!«

»Im Webhaus? Himmel …«

Sie legte ihm einen Finger auf die Lippen. Dann fuhr dieser Finger langsam nach unten, über den Hals mit dem silbernen Kreuz und über das Kräuselhaar zwischen den gewölbten Brustmuskeln, hinunter zu den flachen, harten Strängen der Bauchmuskeln. An einer wulstigen Stelle verharrte ihr Finger, wo einst eine Wunde schlecht verheilt war. »Der Sarazenenpfeil, nicht wahr? Beim Spanien-Zug?«

»Nein«, raunte er. »Ein Pfeil der Falen, ging durch den Panzer … in der Schlacht am Süntel.« Da war ein mokantes Blinzeln: Das wusstest du einmal besser, Weib!

»Solange du es noch weißt, großer Krieger«, flüsterte sie und zeigte mit ihrer Anrede, dass sie keine Rollen mehr einnahmen, sondern nur noch für einander da waren. Schon landete seine Rechte auf ihrem Po. Er drückte sie fester an sich und sie begann, sein Geschlecht zu spüren.

Sie küssten sich. Er roch immer noch nach Feldzug, aber das war nicht einmal das Problem. Etwas anderes hielt sie zurück.

»Was ist?«

»Dieser Scedrag … hast du ihn für Roswith vorgesehen? Soll sie eine Allianz erheiraten mit den Abodriten?«

»Der will bei uns lernen, Schlachten zu gewinnen. Aber wer weiß! Lass uns das morgen besprechen.«

Wieder küsste er sie, drängender nun. Seine Rechte fand ihren Weg durch zwei Stofflagen und landete auf ihrer Scham. Aber ihre Gedanken waren wie Hunde, die an ihren Leinen zerrten.

»Was hat der Königssohn Karl vor, Arnulf? Wenn Einhard sich die Mühe macht, die nordliuti aufzusuchen und ihnen sogar zu drohen, dann …«

»Sch-sch-sch!«, machte ihr Mann, so wie er früher Roswith beruhigte, wenn sie weinte.

»Was genau hat Einhard zu dir gesagt?«

»Weib!« Seine Hand erlahmte, und nicht nur die. »Strategie statt samantwist, ja?«

»Ich wünschte«, sagte sie etwas kleinlaut, »ich könnte meine Gedanken so weglegen wie du.«

Er lachte mit einer Prise Bitterkeit. »Mach nicht alles so schwierig! Drasco steht nun in unserer Schuld, das wiegt mehr als ein Schwur, der gleich wieder gebrochen wird! Und wenn Hedens Schiffsbauer wirklich etwas taugt, dann müssen wir nicht mehr darauf warten, dass Piraten hier einfallen, dann jagen wir sie und räuchern sie aus. Also, es läuft alles für uns!«

Sie streifte das Oberkleid ab und setzte sich aufs Bett. Die Laken rochen frisch, denn sie hatte Arnulfs Abwesenheit für eine Wäsche genutzt. »Ich hatte einen Traum«, sagte sie, ohne ihn anzusehen.

Arnulf gähnte und lehnte sich mit dem Rücken an die Außenwand der Kammer. »Tauchte der Missionar Liudger im Traum auf? Gemeinsames Glockenläuten?«

»Mistkerl!« Sie kroch auf ihre Bettseite und zog die Decke hoch.

»Beim Bonifaz, Liebes, rede!« Er breitete die Arme aus und ließ sie wieder fallen. »Oder sei still, von mir aus …« Kopfschüttelnd zog er sich die letzte Kleidung vom Leib.

Ein halb unterdrücktes Lachen kam in diesem Moment durch die dünne Wand, gefolgt von Geschiebe und Gerumpel.

Auch ihre Kinder schliefen noch nicht.

Arnulf blies das Talglicht aus und legte sich neben sie. Er war dabei, die Schwelle vom Wachsein zum Traum zu nehmen, als ihre Worte ihn wieder zurückholten.

»Als du loszogst, da träumte ich vom König. Von dem Abend in der Pfalz in Ingoldestat. Du warst weg, ich wartete auf dich. Die Königin hatte mir ihr Kleid gegeben. Ein vergiftetes Geschenk … Sie wollte, dass das passiert. Aber das Schlimmste war, dass …«

»Himmel, denk nicht mehr daran!« Er richtete sich abrupt auf einem Ellenbogen auf. »Wir sind ihm entkommen, wir haben über ihn triumphiert!«

»Ich denke auch nicht daran, Mann.« Sie drehte sich zu ihm, sah sein Gesicht nur als dunklen Schemen. »Aber Träume gehorchen uns nicht, man kann ihnen nicht befehlen!«

Sein Atem ging lauter, als würde er Arbeit verrichten. »Also, was war das Schlimmste?«

»Ich riss mich von ihm los …« Sie brach ab, tief ein- und ausatmend, bis sie wieder ruhig sprechen konnte. »Ich bin nach draußen gelaufen. Aber dort, in der Dunkelheit, standen diese Awaren mit ihren struppigen Pferden. Die trugen Schuppenpanzer, als wären sie Karls Soldaten. Sie hatten Fackeln und lange Speere. Und auf den Speeren steckte … dein Kopf. Und der von Arthur.«

Er ächzte und streckte die Hand nach ihr aus.

»Und nun«, fuhr sie mit gepresster Stimme fort, »nun sagst du, der Karlssohn steht nur zehn Meilen von hier mit seinem Heer. Da mache ich mir Gedanken, verstehst du?«

15 Ein großer Handelsplatz nahe der heutigen Stadt Schleswig.

Kapitel VIII

Kinder haben andere Sorgen als Eltern.

Im besten Falle haben sie keine Sorgen. Solch eine Zeit waren die Tage, als der Krieg schon heraufzog, aber noch nichts davon in Delbende zu sehen war. Und wenn Roswith später zurückdachte, kamen ihr diese Tage wie ein letztes unbeschwertes Spiel im Sonnenlicht vor, ein lustvolles, hoffnungsvolles Miteinander, dem eine Zeit bedrückender Dunkelheit folgen sollte.

Scedrag, der Fürstensohn, war nicht allein gekommen: Er hatte zwei Krieger dabei, nur ein paar Jahre älter als Roswith. Sie wirkten recht lässig mit ihren Reitertricks und sorgfältig gekämmten Haaren, begegneten ihr gleichwohl mit der gebotenen Zurückhaltung. Dass sie ihr hinterherstarrten, wie Roswiths Freundin Gea vermerkte, gefiel Roswith.

Dann war da Agila: eine ungewöhnlich hübsche, dunkelhaarige Frau um die zwanzig, die unter den Befreiten gewesen war. Sie war die Tochter einer Konkubine von Scedrags Vater, hieß es. Agila stand Scedrag nahe, das konnte man sehen. Aber noch deutlicher war, dass sie nicht vom selben Stand war: Wenn der Fürstensohn ritt, ging sie zu Fuß nebenher, und wenn er aß, aß sie nicht mit ihm. Roswith jedenfalls, der jeglicher Dünkel fremd war, fühlte sich von dieser etwas rätselhaften Slawin, deren große Augen etwas Wissendes, Abgeklärtes hatten, angezogen. Agila hatte im Haus des verschleppten Priesters Utrag gelebt, erzählte Scedrag, und angeblich auch an Kulthandlungen teilgenommen. Das wiederum machte sie für Roswith noch interessanter, denn Priester und Bischöfe konnte sie sich nur als Männer vorstellen – anders war es nie gewesen. So brachte Roswith der Abodritin mit jugendlicher Begeisterung immer neue fränkische Begriffe bei, sodass bald eine einfache Unterhaltung möglich wurde.

Spannender noch war, dass ihr drei Jahre älterer Bruder Grimbald immer häufiger Gea umkreiste, Roswiths sächsische Gespielin. Sie hatte nach dem Seidentuch noch einen dünnen Armring und ein Flechtband von Grimbald bekommen, außerdem dichtete er Verse für sie, über ihr blondes Haar, ihre anmutige Gestalt und – vielleicht nicht ganz der Wirklichkeit entsprechend – ihr keusches Wesen. Keusch blickte sie eigentlich nur drein, wenn Erika ihnen Bibelstellen vorlas oder im Webhaus unter Anleitung der Älteren neue Muster mit mehr als zwölf Knoten zu lernen waren. Ansonsten machte sie sogar den jüngeren Kriegern schöne Augen, wenn Roswith nicht auf sie aufpasste. »Ist doch nur ein Spiel«, befand die Freundin dann mit Verschwörermiene, blonde Strähnen zwischen den Fingern drehend. Immerhin, die Krieger waren Freie, Gea war eine Hörige: Selbst wenn eine Liebelei ins Fleischliche abrutschte und Folgen hatte, könnte sie anschließend einen Freien zum Mann nehmen.

Zumindest, wenn der Vater nicht die Vaterschaft leugnete.

Grimbald hingegen schien für etwas so Dauerhaftes wie die Ehe nicht geschaffen. Längst hatte er sich einen gewissen Ruf bei den Mädchen der umliegenden Höfe erworben: humbalung, nannte man ihn da. Das Wort war eine vielsagende Verballhornung aus ›Hummel‹ und ›Junge‹. Das Spiel mit den Blüten war prickelnd, auch für die Blume, natürlich. Tatsächlich gab es unter Roswiths Bekannten zwei Mädchen, jünger noch als sie selbst, die Kinder hatten, aber keinen Mann: Roswiths Mutter erwähnte sie gelegentlich als abschreckendes Beispiel.

Aber war ihre Mutter früher wirklich so züchtig gewesen, wie sie es einforderte? Wenn Roswith sie in einem vertraulichen Moment ausfragte, wie sie und Arnulf einander kennengelernt hatten, kamen durchaus spannende Dinge ans Licht, ohne, dass ihre Mutter ihr jemals alles erzählt hätte! Einmal, ein einziges Mal hätte ihr Vater – Jahre zuvor – fast ein paar dieser Deftigkeiten ausgeplaudert. Es war ein lauer Sommerabend gewesen, ihre Eltern hatten Wein getrunken. Zu dritt waren sie abends zur Jungfrauenquelle gelaufen, begleitet nur von Hunden und reichlich Mücken. In gelöster Stimmung hatten sie über einen älteren Burgknecht gesprochen, dessen Frau – beide waren getauft – wider Erwarten noch mit einem Kind gesegnet worden war. »Vielleicht haben sie zu lange auf die unbefleckte Empfängnis gewartet«, hatte ihr Vater gewitzelt. »Befleckt geht schneller! Wieviel Männer, liebes Weib, kanntet Ihr eigentlich vor mir?«

Erika hatte gelächelt und Roswith zugeblinzelt. »Keinen! Wahrscheinlich war ich verzweifelt. Da fiel ich auf Euch rein.«

»Nichts da«, hatte Arnulf geraunt und Erika mit einem Arm nahe an sich gezogen. »Ihr wart recht willig, wisst Ihr nicht mehr? Ich lag ja angekettet in diesem Runenmeister-Haus, bis Ihr dann …«

Sie hatte ihm den Mund zugehalten und leider hatte es keine Fortsetzung gegeben. Roswith wusste lediglich, dass beide, Vater und Mutter, aus Widukinds Lager an den Himmelsklippen16 im östlichen Westfalen geflohen waren. Erika hatte sich in den Gefangenen verliebt, was seltsam genug klang; dass aber bereits vor der Flucht engeres samantwist zwischen beiden gewesen war, hörte sie an jenem Abend zum ersten Mal – es tauchte ihre Mutter in ein neues, abenteuerlicheres Licht!

Konnte eine junge Frau überhaupt mit jungen Männern zusammen sein, ohne Unkeusches zu denken? Oder gar zu hoffen? In der Unterkunft des Gesindes war in manchen Nächten ein Stöhnen und Quietschen zu hören, wenn man rein zufällig vor den Fenstern stand, das die Fantasie zu wilden Abwegen verleitete.

Wenn Roswith also ehrlich war, verspürte sie sogar eine Prise Neid auf die Freundin: Ihre eigenen Verehrer hatten es schwerer, sie balzten unter den Augen von drei Männern! Ihr Bruder Arthur zum Beispiel trat zwar gutmütig auf, fragte aber grauenhaft öde Dinge, ob einer mit dem Schwert umgehen konnte oder wie gut er ritt. Ihr Vater wurde erst aufmerksam, wenn ein Bursche mehrere Male erschien. Die jungen Männer wurden dann schnell einsilbig und verlegen, wenn sie vor dem Kriegsherrn standen und Auskunft gaben über ihre Sippe und wem deren Loyalität galt. Und Grimbalds Spötteleien halfen sowieso niemandem.

Ihre Mutter suchte bei Festen und Feiern, die sie regelmäßig mit den Sturimarn westlich von Delbende zusammenbrachten, seit Längerem nach einer passenden Partie für Roswith. Denn so war die Sitte: Manche ihrer Freundinnen waren verheiratet worden, ohne vorher auch nur einen Händedruck mit dem Bräutigam zu tauschen.

Es war einer dieser Abende, als Gea ihr zuraunte, dass Grimmo noch mit ihr »ans Wasser« wollte. Dann gingen die beiden einen steilen Schlängelpfad hinab, der zum minne stein führte: ein größerer, flacher Stein direkt am Flussufer, mehr oder weniger abgeschirmt vor neugierigen Blicken durch Schilf und einen entwurzelten Baum, den ein Hochwasser dort abgelegt hatte. Roswith langweilte sich folglich, bis sie Arthur und Scedrag sah, wie sie durch das Tor schlenderten. Sie nahm sich ein Herz und lief ihnen hinterher.

»Nehmt Ihr mich mit?«

Ihr ältester Bruder grinste nur und legte ihr den Arm auf die Schulter, sodass sie sich einen Augenblick wieder wie die kleine Schwester fühlte. Scedrag hingegen blieb stehen, streifte die sorgfältig gekämmten Haare nach hinten und sah ihr direkt in die Augen:

»Sollen wir Euch ein Pferd holen, junge Herrin?«

Der Abodrit hatte eine tiefe und gleichzeitig melodische, warme Stimme.

Sie spürte seinen Blick irgendwie bis in die Brust und sogar noch weiter unten.

»Nein, ich laufe gerne. Aber danke!«

Sie statteten den Marktleuten einen Besuch ab, spaßten mit einem, der Katzen verkaufte, ließen sich die Zukunft aus der Hand lesen und aßen ein Stück gebratenen Aal. Dann zogen sie ans Ufer, an der kieseligen Stelle nahe den Bootsstegen, wo Vogelknochen und Treibholz herumlagen. Die tief stehende Sonne ließ ihre Gesichter noch einmal aufleuchten und Scedrag lächelte sie an, einfach so – das Kleine-Schwester-Gefühl verflog mit der Geschwindigkeit eines Sturmvogels. Sie mochte seine männlich eckigen Züge, in denen auch stets ein gewisses Wohlwollen lag!

»Heh, Scedrag, ist das Treibholz dort ein schönes Ziel?«, rief Arthur plötzlich. »Worum wetten wir?« Er hatte etwas entdeckt, draußen im Strom, das wie ein Floß aussah. Eine primitive Plattform für das Bewegen von Lasten in flacherem Wasser vielleicht, die einem Slawen flussaufwärts davongeschwommen war. In einer Entfernung einer halben Pfeilschussweite trieb das Holz an ihnen vorbei. Auch Scredrag starrte nun aufs Wasser, mit einem Kriegerblick.

»Jeder drei Würfe?!«, rief Arthur und musterte den anderen herausfordernd. Es war nicht ihr erstes Duell, aber nach Axtwerfen, Bogenschießen und Im-Stehen-Reiten vermutlich das Harmloseste. »Ich setze mein gutes Messer gegen Euren ­rostigen Dolch, dass Ihr nicht trefft!« Dann nahm Arthur den ersten Stein auf, visierte das Floß mit der Linken an und warf mit einer kraftvollen Bewegung, die ihn zwei Schritte vorwärts stolpern ließ.

Das Geschoss tauchte etwa fünf Schritt vor dem Floß ein.

Die nächsten Würfe gingen links und rechts vom Ziel nieder.

»Skizan!«

Scedrag hatte einen würfelförmigen, schwarzen Stein aufgesammelt. Lässig warf er ihn mit der offenen Handfläche ein paar Mal hoch, etwa so, wie man einen Klumpen Gold in der Hand wiegt, jede Bewegung begleitet von einem leisen, feinen Klingeln der Glöckchen.

»Ich möchte mit Euch wetten, junge Herrin.«

»Mit mir?« Da war ein Flattern in ihrer Brust.

Arthur lachte: »Sie wirft so weit, wie Ihr einen Kirschkern spuckt!«

»Ihr sollt auch nicht werfen, Roswith«, sagte Scedrag schnell. »Aber wenn ich treffe, dann möchte ich Euer Komm-wieder-Band haben. Dagegen setze ich mein snuoba aus Bernstein ein, einverstanden?«

Ihr geflochtenes Lederband am Handgelenk – Gea hatte es ihr geschenkt – hatte keinen besonderen Wert; Jungfrauen tauschten solche Bänder oft mit ihrem Liebsten. Die Bernstein-Kette von Scedrag mit den fünf haselnussgroßen Steinen dagegen war kostbar.

Das Flattern wurde stärker.

»Abgemacht!«, rief sie, bevor Arthur das Ganze verderben konnte. Scedrag lächelte mit etwas gesenktem Kopf. Gegen ihre Gewohnheit hielt sie seinen Blick, während ihr Herzschlag plötzlich wie trommelnde Hufe war.

»Ihr trefft eh nicht«, murmelte Arthur noch, was geradezu verlegen klang. Scedrag warf aus dem Stand, ohne jede Vorbereitung, so als würde er dies täglich tun. Sein Stein flog höher als Arthurs und weiter und erzeugte ein trockenes »Klonk«, als er das Holz auf der Elbe traf.

Sie streifte langsam das Band ab. »Wir haben so einen Brauch«, hörte sie sich sagen, als sei eine andere Roswith in ihr aufgewacht.

»Und zwar?«

»Dass der Mann, der von einer Frau das Band bekommt, sie vorher küsst.«

Scedrag hielt inne, gerade lange genug, dass die andere, normale Roswith abtauchte und erste Scham empfand. Doch dann lachte er und gab ihr einen Kuss auf die Wange, als wäre das selbstverständlich. Dass es bei den Abodriten auch einen Brauch gebe, fügte er halblaut hinzu. »Für den ersten Kuss muss man etwas geben, das einem lieb ist.« Dann nestelte er den Verschluss der Kette auf und so bekam sie doch noch sein snuoba.

16 Die Externsteine im ostwestfälischen Kreis Lippe.

Kapitel IX

Peinlich und für Ebos Ansehen höchst schädlich war, dass Einhard den Großteil ihrer Leibwache mitgenommen hatte. Zurückgeblieben waren neben Ebos Schreiber noch ein Koch, ein Pferdeknecht und zwei Krieger: ein Slawe vom oberen Main, der nach Bier roch und kaum fränkisch sprach und ein sich ewig kratzender, flohverseuchter Franke von der Mosel, der offenbar taub war und auf Ebos Ansagen kaum reagierte.

Wie konnte einer ahta genießen, der mit solchen Gestalten unterwegs war?

Ebo merkte, wie die Höflinge Karls sich über diese Truppe lustig machten. Auch machte immer einmal wieder jemand das Meckern einer Ziege nach, wenn er gerade nicht hinsah; in solchen Augenblicken hasste er Einhard für sein Verschwinden und den König für diese Entsendung überhaupt. Der Königssohn Karl selbst behandelte ihn zwar halbwegs freundlich, widmete ihm aber so gut wie keine Zeit; eben dies, die mit dem Herrscher verbrachte Zeit aber war der Maßstab für das Ansehen einer Person!

Dann war da die Mäuseplage in dem Loch, in dem man ihn untergebracht hatte. In der zweiten Nacht fraßen die Nager seinen Gürtel neben dem Bett an. Morgens wachte er auf, als die Tiere ihm über den Kopf krabbelten, durch das Haar über die kurz geschorene Stelle der Tonsur. Obwohl er diese Ärgernisse für sich behielt, übergab ihm dann ausgerechnet der mondgesichtige Hamstermensch Helisachar eine Katze mit braun­gelbem Fell.

»Die Witwe des Amtmanns führt ein echtes Dreckloch! Ich will sie nicht zurück – die Katze, meine ich, ha ha!«

Die Silberstücke, die Ebo zückte, hatte der Mond sofort abgelehnt. »Münzen für meinen kleinen Vertilger, das ist mir zu profan, missus! Wenn irgendwas, dann möchte ich einmal einen Löwen dafür zurückbekommen … es eilt nicht!«

Wie üblich war nicht herauszuhören, wie ernst dieser Unsinn gemeint war.

* * *

Die Gepflogenheiten an Karls Hof waren von enormer Leichtlebigkeit: das völlige Gegenteil der sittenstrengen Frömmelei, die vor geraumer Zeit in Prinz Ludwigs Umgebung Einzug gehalten hatte! So spielte etwa Helisachar kurz nach der Katzenschenkung die Hauptrolle in einem Stück über das blutige Ende des Julius Cäsar. Bevor der römische Tyrann auf der Bühne von zahlreichen Holzdolchen getroffen wurde und spektakulär niedersank, rief er lebhaften Applaus des Königssohns mit einem Dirnenbesuch hervor. Die Hure – gespielt von einem zierlichen Kanzlisten aus Odilos Stall, dem man rote Lippen gemalt hatte – musste sich vom Mondgesicht gründlich befingern lassen. Um dann sogar auf die Knie zu gehen und das Gesicht gegen Cäsars Unterleib zu drücken. Helisachar begleitete das mit Grimassen und Ächz-Geräuschen, die nicht ohne Wirkung blieben: Karl lachte heiter, zusammen mit dem Dutzend Edlen und Höflingen, die die regelmäßigen Zuschauer abgaben. Als der eher rundliche Cäsaren-Mond dann nicht gleich wieder aufstand, erschien prompt der Zwerg. Er hüpfte auf den Steiß des Liegenden, streckte die Arme aus und verbeugte sich. »Die heilige Kuh ist geschlachtet, der Wille des Allmächtigen geschah!«

Erbost schüttelte Helisachar ihn ab, aber die Lacher hatte der Gnom auf seiner Seite.

Karl machte Ebo ein Zeichen, näherzutreten. »‘Odysseus bei der Zauberin Circe’ wollen wir nächste Woche spielen«, rief er gutgelaunt. »Wollt ihr nicht mittun?«

Die Frage war zweifellos ernst gemeint.

»Ich tauge nicht für Schauspiele, Herr, Ihr habt das bereits bei meiner Ankunft gesehen.«

»Ihr nehmt uns die Ziegen noch übel!«, seufzte Karl kopfschüttelnd. »Die Circe verwandelt Odysseus’ Männer in harmlose Schweine, glaubt mir! Da spielen keine Geißen mit, Ihr habt mein Ehrenwort!«

* * *

Das Geplänkel bei Hof war eine Sache. Aber als missus konnte Ebo mit jedem Recht verlangen, die Amtsführung des königlichen Statthalters, Graf Ekbert, zu prüfen. Doch auch das war nicht einfach zu erzwingen!

Graf Ekbert, der so fleißig Berichte über die Schandtaten der halb bekehrten Sachsen an den König geschickt hatte, war weder jung noch alt. Er trug makellose Kleidung, zahlreiche Ringe an den Fingern und hatte ein Bäuchlein unter dem Waffengürtel. Als Ebo in seiner Amtsstube saß, deren Wände und Ecken mit riesigen Büffelhörnern, Wandteppichen und Fellen geschmückt war, nahm er im Hintergrund das junge Weib wahr, das Ekbert kurz zuvor geheiratet hatte. Sie schwebte gleichsam vorbei, ohne dass der Hausherr meinte, sie dem missus vorstellen zu müssen. Ekbert hatte die Angewohnheit, Sätze nicht zu Ende zu sprechen; noch dazu war sein Tonfall ein wenig leiernd, sodass er Ebo an einen recht widerwärtigen Lehrer an der Klosterschule erinnerte. Schlimmer freilich war, dass der Statthalter meinte, dieser missus diaconissus – der Spottbegriff machte die Runde – spielte keine wirkliche Rolle.

Er speiste Ebo mit wenig sagenden, krümeligen Listen über Abgaben der Händler am Stapelplatz Bardovyk ab. »Ich habe nichts zu verbergen, gar nichts. Und wenn Einhard wieder da ist, dann können wir gerne … nicht wahr? Auf jeden Fall, bleibt gesund!«

Und damit ließ er Ebo stehen, als müsse er sich auf die Aburteilung einiger Priestertöter vorbereiten: Der nächste Tag war ein Gerichtstag. Ebo gab die Unterlagen zunächst seinem Schreiber für eine erste Durchsicht. Hedi stellte fest, dass die Listen schon Jahre alt waren. Und auch im treuäugigen Blick des Burschen las Ebo die Zweifel an der Fähigkeit seines Herrn, sich hier in irgendeiner Weise durchzusetzen.

»Was schaut Ihr so dumm drein, Junge?«

»Ich, Herr? Aber …«

Einen Augenblick kämpfte Ebo mit der Versuchung, das Pockennarbengesicht des Jungen zu ohrfeigen. Nur zum Wutablassen! Aber da war diese heitere Beflissenheit des Burschen, die jede Züchtigung grausam erscheinen ließ; und grausam war der Königsbote Ebo nicht, höchstens zielstrebig.

»Haltet Ihr den Grafen für einen klugen Mann, Hedi?«

Der Schreiber blinzelte und betrachtete seine tintenschwarzen Fingernägel. »Er mag uns nicht, glaube ich.«

»Das war nicht meine Frage!«

»Wie kann ich das wissen, Herr? Kommt es denn darauf an?«

»Auf nichts anderes, Junge!«

Der Junge nickte verunsichert und berührte unwillkürlich eine rötliche Pustel am Kinn, die von schwachem Flaum umwachsen war. Er konnte kaum älter als sechzehn oder siebzehn sein.

»Könnt Ihr nicht … ich meine – der Befehlshaber Iburis hat doch so viele Krieger, Herr!«

»Ich hatte gerade denselben Gedanken. Wir werden sehen!«

Wenig später trat Ebo hinaus an den Rand der Straße und wartete. Schräg gegenüber lag das Karls-Haus, aus dem der gundfanari irgendwann wieder herauskommen musste. Neben einzelnen, langhaarigen Reitern und Händlern mit Eselskarren war wenig zu sehen. Doch ein paar Jäger stachen Ebo ins Auge: Sie schleppten einen kräftigen Keiler, der von einem geschulterten Langholz mit dem Rücken nach unten hing. Auf der anderen Straßenseite hielten sie, um das Tragholz auf die jeweils andere Schulterseite zu wechseln. Neugierig ging Ebo hinüber. Er hatte sich noch nie viel aus der Jagd gemacht, doch dieser Eber hatte eine Art weißen Hauch auf den Flanken, die sein Interesse weckten.

»Salz, Herr«, grinste der vordere der beiden Träger, der auch noch einen schweren Spieß trug. »Ein paar Meilen von hier, am Kalkberg, da sind reichlich Salzsuhlen.«

Ebo erfuhr, dass Graf Ekbert dort zu gerne jagte, als dass er mit einer Salzsiederei hätte anfangen wollen. Salz sieden wäre für Haufen von Silber gut, würde aber das Wild vertreiben. Ebo verabschiedete sich mit ein paar freundlichen Worten und machte sofort eine geistige Notiz: Ekbert ist zu dumm oder träge, um sein Land zu entwickeln!

Als die Jäger weiterzogen in Richtung der gräflichen Küche, erschien Iburis mit zwei Kriegern und einem riesigen, braunschwarzen Hund. Das Tier bellte den Keiler einmal scharf an und blickte dann die Straße hinab – um Ebo zu entdecken. In einem seltsamen Hops-Trab hielt er auf ihn zu. Ebos Nackenhaare stellten sich auf. Dann aber sah er, dass dieses Vieh mit dem runden, zernarbten Kopf und der mächtigen Schnauze nur drei Füße hatte.

Musste man vor ihm Angst haben?

»Ruhig, Bero!«, rief der Heerführer.

Einen Schritt vor Ebo blieb der Hund stehen. Die kurzen Ohren waren zerbissen und die misstrauischen, irgendwie brutalen Augen erinnerten verdächtig stark an das Gesicht seines Herren.

»Keine Angst, missus«, sagte Iburis mit freundlicher Herablassung. »Gegen Geistliche hat er nichts! Ich glaube sogar, er mag Weihrauchgeruch.«

»Gundfanari«, begann Ebo etwas steif, »ich habe eine Bitte: Überlasst mir dreißig Eurer Männer, hört Ihr? Nur für ein paar Wochen!«

Iburis’ Kopf ruckte nach links und dann nach rechts. »Nein!« Schon setzte im Hintergrund ein albernes Geblöke und Gemecker ein. Ebo erkannte mit einem kleinen Ziehen im Unterleib den Pickeligen, der ihm auf den Schuh gespuckt hatte. Iburis schien diese Verhöhnung nicht zu hören. Er riss ein Stück von seiner Wurstkette am Gürtel ab und hielt es in Schulterhöhe. Trotz des fehlenden Vorderbeins richtete sich das Tier sofort auf und biss lautstark zu.

»Wollt Ihr auch?« Er riss ein weiteres Stück Fleisch ab.

»Danke, nein.« Ebo atmete durch. »Hört zu, Iburis, wenn Ihr mir zehn von Euren Leuten zur Verfügung stellt …«

»Bockmist, warum sollte ich?!« Ebo sah gelbe, kräftige Zähne, während der andere das Wurststück zerkaute. Der missus griff verlegen nach seiner Kette am Gürtel, einem Rosenkranz aus Elfenbein und befingerte die ersten Perlen. Warum hatte er sich nur zu dieser Bettelei herabgelassen? Er wollte schon weitergehen, da sagte Iburis in geradezu mitfühlendem Ton: »Ist nicht leicht, was?«

Ebo zwang sich, zu lächeln. »Der König hat mich hergeschickt«, sagte er und merkte selbst, wie lahm das klang.

»Ich sage Euch jetzt mal was, kluger Diakon!« Ebo zog ein Tuch aus der Tunika und wischte sich über die Stirn und den vorderen Teil des Schädels. »Dieser kleine Consiliarius Einhard, der hat Euch seinen Arsch gezeigt, hm?«

»Und wenn?«

»Wenn Ihr Kämpfer braucht, Mann, dann besorgt sie Euch! Ihr seid nicht der Erste, dem ich das sage.« Iburis Tonfall wurde geradezu vertraulich und Ebo merkte, wie der andere sich in der Rolle des Ratgebers gefiel. »Krieger, die man Euch gibt, werden Euch auch wieder genommen, missus, versteht Ihr? Nur die Männer taugen etwas, die Ihr selbst einschwört, glaubt mir.«

»Und wo findet man die hier?«

»Morgen ist Gericht«, sagte der andere achselzuckend. »Da läuft immer viel Volk zusammen.«

Und dann hatte Ebo eine geradezu irrsinnige Idee.

* * *

Unter einer weit ausladenden Eiche auf einem Hügel fand am nächsten Tag das Gaugericht statt. Eine erdfarbene Kreuzfahne hing von einem zwölf Fuß hohen Pfosten, nur gelegentlich von einer leichten Brise bewegt. In einem Halbkreis saßen ein Dutzend Richter: der Königssohn in der Mitte, der Statthalter Graf Ekbert und Hofkapellan Odilo, ein Bischof, der Heerführer Iburis und einige Edle aus der Umgebung. Ebo hatte sich den Platz zwischen dem Grafen Ekbert und dem Bischof gesichert. Auf dem etwa acht Schritt langen Tisch im Scheitelpunkt des Halbkreises stand ein massives Eisenkreuz, eingerahmt von einer Heiligen Schrift und einer flachen Holzkiste, in der gerichtliche Kapitularien oder Urkunden liegen mochten. Weiß-graue Wolken zogen sich am Himmel zusammen, als die ersten Menschen mit gesenktem Kopf vortraten. Einer der Leute Graf Ekberts trug mit schriller Stimme die Vergehen vor: Neben kleineren Diebereien, Hexerei-Anschuldigungen und einem Fall von Brautraub kam schließlich eine Frau mittleren Alters an die Reihe, die angeblich von einem der Ekbert-Leute geschändet worden war. Die stämmig gebaute, wenig hübsche Frau hatte ihr Kopftuch bis zu den Augenbrauen gezogen und glättete immer wieder mit nervösen Bewegungen die schmuddelige Schürze über ihrem Kleid.

»Wer spricht für Euch?«, fragte sie der Prinz.

Die Frau zeigte daraufhin mit grimmiger Miene auf einen der Bewaffneten am Rande der Menge und stieß irgendwelche ursächsischen Silben aus, die Graf Ekbert für Karl so übersetzte: »Sie hat keinen Leumund! Kein Mann ist bereit, ihre Anschuldigungen … sinnlos.«

Der Prinz nickte bedächtig, während seine Finger mit einem Kohlestummel einen Umriss der Frau in sein Notizbuch malten. »Dann ist der Krieger da hinten also der Beschuldigte? Einer von Euren Leuten?«

»Mag sein«, stellte Ekbert unbeeindruckt fest. »Aber sie – sie hat keinen Mann, der für sie spricht und daher …«

»… können wir weitermachen!«, ergänzte Karl, dem Ekberts Stummelsprache sichtbar auf die Nerven ging. »Anmerkungen, Ebo?«

Der geradezu melancholische Blick des Königssohns überraschte den Königsboten. »Herr?«

»Mitleid mit den Gedrückten und Gequälten, hm?«

»Wer hätte das nicht?«, sagte Ebo hölzern und beugte sich vor, sodass er an Ekbert vorbei zum Königssohn sprach. »Sollte man nicht zumindest mit dem Angeschuldigten sprechen? Ihn auf sanftere Wege bringen?«

Graf Ekbert blickte Ebo mit einem Ausdruck an, als hätte sich eine Wespe seinem Gesicht genähert. Statt einer Antwort befahl er laut, die Frau zu entfernen. Prompt scheuchten zwei Bewaffnete sie mit dem stumpfen Ende ihrer Speere vom Platz.

»Wisst Ihr, Graf Ekbert, dass gestern zu mir zwei Weiber kamen, Hörige. Ihr habt richtige Stoßböcke unter Euren Leuten, erzählten sie. Sie schänden so manche Magd mit mehreren Männern!«

»Gerede, Gerede, dummes Zeug!«, stieß Ekbert aus, dessen Gesicht Farbe bekam. »Schickt solche Leute zu mir!«

»Wirklich?«, wollte der Prinz nun wissen. »Ekbert, Ihr steht hier für das fränkische Königtum, wenn ich mich nicht irre?!«

»Herr … Die Rebellen … Wir müssen uns jetzt um sie kümmern!« Er wies nach vorn, wo die Gerichtswachen nun gut ein Dutzend gefesselter und sichtbar geschundener Männer in das Halbrund vor den Richtern trieben. Aus der Menge hinter den Wachen wurden Rufe laut, manche klangen wie Jammerschreie, andere wie Drohungen.

Diese Männer waren dem Tode geweiht.

Schon begann Ekberts Anklageleser mit seiner durchdringenden Stimme zu schildern, wie die Unholde die Zehnteintreiber des Statthalters mit Knüppeln und Äxten umgebracht hatten.

Ebo beschloss, aufs Ganze zu gehen.

»Herr, Imperator des Nordens!« Der ungewöhnliche Titel gefiel dem Königssohn Karl, sofort hatte Ebo seine Aufmerksamkeit.

»Was ist denn noch, missus?«

»Ist das nicht ein übler Gegensatz, Herr?« Ebo beugte sich wiederum vor. »Dass die Krieger des ehrenwerten Grafen Ekbert hier nichts Besseres zu tun haben, als Weiber zu besteigen? Gleichzeitig wächst auf der anderen Seite der Elbe nur ein paar Meilen weiter ein gewaltiger Handelsplatz heran, der unseren Stapelplatz schrumpfen lässt wie einen Schneeball im Frühling?«

»Schluss damit, Diakon!« Der Statthalter war rot angelaufen.

»Sprecht unseren missus hier mit dem gebührenden Titel an, Graf«, sagte der junge Karl kühl. »Was sollen die Heiden um uns herum denken, wenn wir uns nicht gegenseitig respektieren? Und was die Rebellen angeht: Dieser sax hamar am Nordufer ist einer! Warum seid Ihr dem nicht längst auf den Leib gerückt, he?«

»Krieger … er hat viele Krieger …« Ekbert rang die Arme. Und schon stieß Ebo mit einer Halbwahrheit nach: »Unsere Einnahmen am Stapelplatz sind nur noch halb so hoch wie vor fünf Jahren! Das geht aus den Verzeichnissen des Grafen hervor, leider! Eine schlechte Amtsführung ist das, ich werde dem König davon berichten!«

»Lüge, verdammt!« Wütend sprang Graf Ekbert auf, die Hand am Schwertgriff.

»Setzt Euch, Graf«, sagte der Königssohn gereizt. »Wir besprechen alles Weitere morgen mit Euch. Nun zu diesen Kerlen da vorne! Sie haben den Priester Rupert, ähm, getötet?!«

»Verletzt, nicht getötet«, gab Ebo zu bedenken, der sorg­fältige Nachforschungen angestellt hatte.

Beim hitzigen Austausch, der nun zwischen den Richtern erfolgte, ergab sich folgendes Bild: Die Beschuldigten, allesamt mit ihren Zehnt-Abgaben im Rückstand, hatten zwei Eintreiber des Grafen Ekbert getötet und einige mehr in die Flucht geschlagen. Sie waren vom Priester des Sprengels geschickt worden, dem wiederum der Bischof im Nacken saß: In seinen Scheunen und Speichern liefen die Zehnt-Abgaben zusammen.

»Die Heiden müssen begreifen, dass sie den Geboten des Herrn nicht trotzen können!«, stellte der Bischof fest, ein kurzer Mann, der in seinem Purpur-Gold-Ornat wie ein fetter Käfer schillerte. »Sie haben meinen armen Rupert krumm und lahm geschlagen, am Altar!«

»Dann meinten sie wohl Euch, Hochwürden?«, schlug Ebo nüchtern vor.

»Was?« Der Prälat musterte Ebo böse, wobei ihm unglücklicherweise ein lauter Furz entwich.

»Amen, sprach der Darm«, murmelte der Königssohn und leerte den Wasserbecher, der vor ihm stand. »Zur Sache: Die Kerle haben sich gegen uns, gegen die Kirche erhoben. Auf solche Art von Empörung steht der Tod!«

Eine Pause entstand; die Gefesselten schienen die Worte gehört zu haben, denn sie stierten die Richterbank nun mit der Miene der Verzweifelten an.

Graf Ekbert räusperte sich und stopfte ein weißes Seidentuch in seinen Ärmel. »Sind Hörige darunter, für den Ast? Sonst soll das Schwert ihr Leben beenden. Hauptmann?!« Einer der Bewaffneten zog ohne Hast sein Schwert, worauf ein runder Holzklotz in die Mitte der Gerichtswiese gerollt wurde.

»Herr?«, rief Ebo nun mit fester Stimme. »Ich möchte mit den Männern sprechen. Es gibt etwas, das geklärt werden muss!«

Prinz Karl verzog das Gesicht. »Ob sie getauft sind, vielleicht? Das tut nichts zur Sache, mein Lieber!«

Aber er schien nicht wirklich gegen diese letzte Unterredung zu sein. Bevor Karl es sich also anders überlegen konnte, eilte Ebo direkt auf den vierschrötigen, massiven Mann zu, der wie der Anführer der Verurteilten wirkte. Er hatte kaum verschorfte Platzwunden im Gesicht, am Kopf klebten dunkelblonde, fettige Haarsträhnen. Er hatte kleine, blutunterlaufene Augen und eine riesige, unförmige Nase, die aussah, als wäre sie mehr als einmal gebrochen. Der Bart wucherte auf die Brust hinab wie bei einem Greis, doch Ebo schätzte den Mann auf das eigene Alter.

»Ich bin ein Bote des großen Königs Karl, Mann. Hört mir gut zu …«

* * *

Wenig später lief Ebo mit gemessenen Schritten zurück zum Prinzen. Alle der Richter standen nun, raunten leise miteinander oder nippten an den Bechern; es war ein wenig abgekühlt, der Himmel hatte eine gelbgraue Farbe angenommen, es roch nach warmem Regen. Über einen Ast der Eiche waren zwei Seile geworfen worden, für die beiden Hörigen unter den Verurteilten.

»Ich möchte, dass Ihr die Männer begnadigt, Herr«, sagte Ebo ohne Umschweife. »Sie haben sich nach der Bluttat in den Schutz der Kirche, an den Altar geflüchtet, wie gute Christen dies tun. Dort hat der Priester sie überrascht. Aber nach dem neuen Kapitular Eures Vaters vom letzten Herbst ist allen Straftätern, die sich in den Schutz des Gotteshauses flüchten, mit Milde zu begegnen!«

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
12 ноября 2024
Объем:
562 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783862828203
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
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