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Richard Moss

Die Kraft der Präsenz

Im Jetzt sein – zu sich selbst finden –

Heilung erleben

Mit einem Vorwort von

Robert Dilts


VAK Verlags GmbH

Kirchzarten bei Freiburg

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Inhalt

Vorwort von Robert Dilts

Einführung

Teil I: Die Grundlagen verstehen

Kapitel 1: Die Kraft der Präsenz wahrnehmen

Kapitel 2: Das Spiel des Ego durchschauen

Kapitel 3: Die eigene Wirklichkeit erschaffen

Teil II: Das Mandala des Lebens einsetzen

Kapitel 4: Die Kraft der Präsenz nutzen

Kapitel 5: Der Mandala-Prozess – ein „Navigationssystem“ für emotionale Klarheit

Kapitel 6: Drei Fallbeispiele

Kapitel 7: Zum Gewahrsein erwachen

Kapitel 8: Die dunklen Gefühle annehmen

Teil III: Präsenz im Alltag leben

Kapitel 9: Schmerz ertragen, ohne zu leiden

Kapitel 10: Möglichkeiten und Entscheidungen

Kapitel 11: Was wir über den Tod wissen

Kapitel 12: Präsenz in Beziehungen

Kapitel 13: Neuen Wein in neue Schläuche!

Nachwort

Anhang

Notizbogen für „getrübte Wahrnehmungen“

Anmerkungen und Quellenangaben

Danksagungen

Über den Autor

Gewidmet

William Brugh Joy

(1939–2009)

Vorwort

Das Vorwort zu diesem Buch von Richard Moss schreiben zu dürfen, das ist mir eine Ehre und ein Vergnügen. Die Kraft der Präsenz bietet überzeugende Maximen und nützliche Übungen, die uns helfen, im gegenwärtigen Moment zu bleiben, die Selbstwahrnehmung zu schärfen, uns stärker mit uns selbst zu verbinden und begrenzende Denk- und Verhaltensmuster zu transformieren.

Seit rund 35 Jahren bin ich als Entwickler, Autor, Anwender und Trainer im Bereich des Neurolinguistischen Programmierens (NLP) tätig. In all diesen Jahren habe ich viel Zeit in die Erforschung und praktische Anwendung von Methoden gesteckt, mit deren Hilfe Menschen nicht nur besser kommunizieren und Probleme lösen, sondern auch flexibler handeln und bessere Leistungen erzielen können. Beim NLP geht es darum, sich die Struktur unserer Gedanken, Überzeugungen und mentalen Modelle der Welt (unsere „neurolinguistischen Programme“) bewusst zu machen und eine größere Auswahl an kreativen und effektiven Möglichkeiten zu entwickeln, mit denen wir auf die Chancen und Herausforderungen des Lebens reagieren können. Ich selbst habe mich vor allem darauf verlegt, mit NLP Menschen darin zu unterstützen, dass sie mit ihrer innersten Identität und Essenz stärker in Übereinstimmung gelangen.

In diesem Zusammenhang stieß ich eines Tages auf die Arbeit von Richard Moss, die ich als innovativ, gut umsetzbar und zutiefst transformierend erlebte. Richard ist ein meisterhafter Lehrer, Heiler und Coach, dessen höchstes Ziel darin besteht, Menschen auf ihrem Weg zu sich selbst zu unterstützen.

Im vorliegenden Buch beleuchtet Richard Moss die Wirkung der Präsenz in unserem Leben. Wie präsent wir sind, das ist oft entscheidend dafür, wie es uns gelingt, das Leben zu genießen, emotionale Wunden zu heilen, Nähe zu erleben und das Wachstum anderer zu unterstützen. Präsenz ist verbunden mit Gefühlen von Lebendigkeit, Verbundenheit, Kreativität, Zufriedenheit und mit dem, was man als Flow bezeichnet. Wenn wir nicht präsent sind und somit von uns selbst und anderen abgeschnitten, kann dies zu Gefühlen von Leere, Kontrollverlust, Distanz und Abschottung führen.

Richard Moss bringt es gerne auf den Punkt, indem er sagt: „Der Abstand zwischen uns selbst und anderen ist genauso groß wie der Abstand zwischen uns selbst und uns selbst.“ Soll heißen: Die Beziehung zwischen uns und der Welt dient als Spiegel für unser Verhältnis zu uns selbst. Je stärker wir mit uns selbst verbunden sind, umso stärker sind wir es auch mit anderen Menschen und der äußeren Welt insgesamt. Unsere Beziehung zu uns selbst wird allerdings häufig durch Gefühle eingeschränkt, die wir nicht sehen, akzeptieren, aushalten und gutheißen wollen oder können. Dies ist ein zentraler Punkt, der in diesem Buch gezielt angesprochen wird.

Im Mittelpunkt von Richards Ansatz steht unsere Fähigkeit zum Gewahrsein. [Der Begriff des Gewahrseins, wie Richard Moss ihn versteht, wird in diesem Buch noch ausführlich erläutert. Anmerkung d. Verlags] Erweitern wir diese, werden echte Entscheidungen und dauerhafte Veränderungen möglich. Schon allein das Gewahrsein hat eine transformierende Wirkung, wie Richard sagt: „Was auch immer wir wahrnehmen (können) – da gibt es, jenseits des Wahrgenommenen, etwas in uns, was gewahr ist.“ Oder, anders gesagt: „Wir sind mehr als alles, was wir über uns selbst sagen, fühlen oder denken können.“ Gewahrsein hilft somit, uns von der Tyrannei unserer eigenen Gedanken und „Programmierungen“ zu befreien.

Den Kern dieser Praxis zur Erweiterung des Gewahrseins bildet Richards ebenso schlichtes wie geniales Mandala des Lebens [engl.: The Mandala of Being]– ein Modell und Instrument, mit dessen Hilfe man begrenzende Gedanken, Einstellungen und Glaubenssätze bestimmen und loslassen sowie sich stärker mit der tieferen Essenz seiner selbst verbinden kann. Das Mandala macht uns bewusst, dass wir ständig die Gegenwart verlassen und uns in begrenzende Gedanken oder „Geschichten“ über Vergangenheit und Zukunft sowie über uns selbst und andere begeben. Diese Geschichten halten uns nicht nur davon ab, unser volles Potenzial zu erfahren und zu leben, sondern zeichnen auch eine verzerrte und kümmerliche Landkarte der Welt. Wie Richard sagt, verdecken sie in der Regel schwierige Gefühle, mit denen wir nicht umzugehen wissen.

Die Arbeit mit dem Mandala des Lebens versetzt uns in die Lage zu bestimmen, wohin wir uns begeben haben. Wir haben die Möglichkeit, die Gefühle, die unseren „Geschichten“ zugrunde liegen, zu erkennen, anzunehmen und zuzulassen. Zurückgekehrt in die Gegenwart können wir dann einfach mit dem gerade bestehenden Gefühl sein, und zwar von einem Ort aus, der tief in unserem Körper zentriert und verankert ist. Das Mandala ist womöglich das beste und reinste Beispiel eines Coachings auf der Ebene von Glaubenssätzen und Identität, das ich kenne. Meiner Ansicht nach ist es eine Methode, die jeder Coach und Therapeut in seiner Praxis einsetzen sollte.

Dieses Buch ist gut strukturiert, flüssig geschrieben und anwendungsorientiert. Richards Schreibstil ist klar, direkt und persönlich. Das gesamte Buch hindurch zeigt er anhand praktischer Beispiele und Übungen, wie Gewahrsein und Präsenz angewendet werden können, um Veränderungen bei uns selbst und anderen zu unterstützen, und schafft so eine nachhaltige Verbindung zwischen Theorie und Praxis. Er illustriert seine Techniken anhand der Protokolle von Coaching-Sitzungen und mit konkreten, berührenden Beispielen.

Die Kraft der Präsenz wird Ihnen helfen, …

• präsenter zu sein und eine stärkere Verbindung zu sich selbst und anderen zu spüren,

• ihre privaten und beruflichen Beziehungen zu verbessern,

• eleganter und müheloser mit schwierigen Situationen umzugehen,

• Energie, Kreativität, Produktivität und Flow zu steigern,

• eine solide Grundlage für Heilung in allen Bereichen Ihres Lebens zu schaffen,

• in höherem Maße Einfühlungsvermögen und wahres Mitgefühl zu zeigen,

• mehr Reichtum, Dankbarkeit und Fülle in Ihrem Leben und Ihren Beziehungen zu erleben.

Die Kraft der Präsenz ist ein fabelhaftes Buch – es ist ein Meisterwerk an Schlichtheit, Authentizität und Weisheit und außerdem die Krönung eines Lebens, das Richard der Aufgabe gewidmet hat, anderen zu dienen und sie beim Finden ihres wahren Selbst zu unterstützen. Ich kenne Richard bereits seit Langem persönlich und weiß, dass er lebt, was er lehrt. Seine Arbeit basiert sowohl auf einem reichen und erfüllten Leben als auch auf der tief empfundenen Fürsorge für andere.

Robert B. Dilts

Santa Cruz, Kalifornien

Einführung

Wenn Sie (oder ein Ihnen nahe stehender Mensch) mit einem gesundheitlichen Problem, einer Beziehungskrise oder einer anderen Situation konfrontiert sind und Sie emotional darunter leiden, hilft dieses Buch Ihnen zu verstehen, was Sie unbewusst tun, um die Situation zu erschweren. Es wird Ihnen zeigen, wie Sie dies ändern können, indem Sie einer zeitlosen inneren Kraft gewahr werden und ein tieferes Vertrauen zu sich selbst fassen. Sie werden vor allem erfahren, dass Sie auf eine universelle Energie zugreifen können, die mehr Lebendigkeit in Ihr Leben bringt, wann immer Sie völlig präsent sind.

So sehr die moderne Medizin auch häufig lebensrettend sein mag – einen Faktor berücksichtigt sie nicht: die wahre Wurzel des Leidens. Dies trifft in vielerlei Hinsicht auch auf die moderne Psychologie zu, denn sie geht von der Annahme aus, dass das „getrennte Selbst“, das Ego mit all seinen Ängsten und Hoffnungen, das sei, was Sie wirklich sind. In diesem Buch hingegen geht es um die außergewöhnliche Kraft des Gewahrseins, dank derer Sie das Ego hinter sich lassen und Präsenz leben können.

Stärker als durch Ihren körperlichen Zustand oder äußere Umstände wird Ihr Wohlbefinden davon bestimmt, wie präsent und bewusst Sie sind oder wie sehr Sie – im Gegensatz dazu – von dem beeinflusst sind, was Ihr Ego Ihnen ständig über Sie selbst und Ihr Leben erzählt. Ihr Leiden im tieferen Sinne leitet sich weniger aus dem Zustand Ihres Körpers ab als vielmehr aus dem, was Ihr Ego Ihnen über diesen Zustand erzählt. Gleiches gilt für Beziehungsprobleme. Auch hier geht es in der Regel weniger um das, was die andere Person tatsächlich tut. Entscheidend ist vielmehr, was Sie sich selbst über das Verhalten des anderen erzählen, denn dies erzeugt das stärkere Leid.

Wenn Sie den gegenwärtigen Moment zum Maßstab Ihres Lebens machen, haben Sie das Geheimnis der Kraft der Präsenz entdeckt. Im Hier und Jetzt gewinnen Sie Abstand von Ihrem Ego. Ihnen wird bewusst, dass die meisten unglücklichen Emotionen dann entstehen, wenn Ihr Ego Ihre Gedanken steuert und kontrolliert – ein Zustand, den ich als „egoisches“ Bewusstsein bezeichne. Im Jetzt hingegen werden Sie eines intuitiven Ganzheitsgefühls gewahr, das von den Umständen unabhängig ist.

Diese Wahrheit wurde mir kürzlich wieder einmal durch einen alten Freund bestätigt. Obwohl er weiß, dass seine Chance, sich von seiner seltenen und aggressiven Form von Krebs zu erholen, lediglich bei ein oder zwei Prozent liegt, hat er sich so sehr dem Leben im Moment geöffnet, dass er selbst inmitten einer intensiven Chemotherapie von innerem Licht erfüllt ist und sich nach eigenen Angaben „fabelhaft“ fühlt. Er hat in seinem tiefsten Inneren die Entscheidung getroffen, in jede Empfindung und jeden Aspekt der Chemotherapie einzutauchen und jeden Moment so zu leben, wie er ist. Er sieht sich in keiner Weise als Opfer und ist vollkommen aufrichtig, wenn er sagt, dass er sich trotz Chemotherapie und Krebs keinen Moment lang wirklich krank gefühlt habe. Für ihn stellt es in gewisser Hinsicht den krönenden Abschluss seines Lebens dar, seine vermutlich letzten Tage in dieser Tiefe zu erleben. Es ist so, als halte er das Leben in seiner linken und den Tod in seiner rechten Hand, ohne dass dies einen Widerspruch darstellt. Es gibt da kein „Entweder-oder“, lediglich einen Zustand des kindlichen Staunens.

Das Potenzial, unser Leben auch unter extremen Bedingungen so vollständig anzunehmen, besitzen wir alle. Gesundheit ist mehr als die Abwesenheit von Krankheit – sie bedeutet auch das Vorhandensein von etwas anderem, etwas Unbeschreibbarem, das in uns selbst liegt. Hat man einmal von diesem inneren „Nektar“ gekostet, lernt man sich selbst neu kennen und empfindet tiefe Dankbarkeit für das Leben, wie es ist.

Wenn Sie ein gesundheitliches Problem haben oder in einer Situation stecken, in der Ihre eigenen Gedanken Ihr emotionales Leid zusätzlich verstärken, dann sind Sie reif für eine Reise der Selbsterkenntnis und des Erwachens. Denn erst wenn Sie Ihre üblichen Überzeugungen und Verhaltensweisen ablegen, können Sie aus dem gewohnten und immer wiederkehrenden Kreislauf aus Unglücklichsein und Stress ausbrechen. Indem Sie sich für neue Möglichkeiten in Ihrem Inneren öffnen, haben Sie nur wenig zu verlieren und viel zu gewinnen. Es könnte der Weg zu den reichsten und beglückendsten Erfahrungen Ihres Lebens sein.

Mein Verständnis von echter Heilung

Wenn uns das Wort „Heilung“ begegnet, denken wir meist zuerst an körperliche Krankheiten. Bei der Entstehung dieses Buches hatte ich häufig einen Leser vor Augen, der die Fähigkeit seines Körpers zur Selbstheilung steigern möchte, indem er lernt, auf die tiefere Lebenskraft zuzugreifen, die durch vollständige Präsenz nutzbar wird. Aber Heilung bezieht sich nicht nur auf den Körper, auch der Geist bedarf ihrer und vielleicht am meisten unsere Gefühle.

Im Rahmen meiner Lehrtätigkeit reise ich um die ganze Welt. Dabei stelle ich immer wieder fest, dass auf jeden Menschen, der unter körperlichen Problemen leidet, eine Vielzahl an anderen kommt, die emotional leiden – zumeist wegen ihres Ehepartners, ihrer Kinder oder ihrer Arbeit. Aus diesem Grund verwende ich in diesem Buch Beispiele körperlichen und seelischen Leidens.

Alles Leiden – und dies schließt körperliche Leiden mit ein – hat eine mentale Komponente. Die Befreiung von dieser mentalen Komponente – dem Gefühl des Unglücklichseins, das durch Ihr eigenes Denken entsteht – ist das Ziel. Allerdings ist das Buch weit mehr als nur ein weiterer Ratgeber über positives Denken oder den Einsatz von Affirmationen, die Wunschträume in Erfüllung gehen lassen. Genau genommen hat es nicht das Geringste mit positivem Denken und Affirmationen zu tun. Es geht vielmehr um Präsenz und darum, wie man lernt, im Jetzt zu leben, denn im Jetzt wird das „egoische“ Denken erkannt und weicht dem Gewahrsein. Im Grunde genommen geht es um Weisheit. Dieses Buch geht jeden an, weil es sich letzten Endes mit Ihrem Verhältnis zu sich selbst beschäftigt.

Welche Krankheit Sie haben, warum Sie krank sind oder was Sie tun müssen, um eine schwierige Beziehung zu verbessern, all das ist weniger wichtig als das Verhältnis, das Sie in jedem einzelnen Moment zu sich selbst haben. Ändern Sie die Beziehung zu sich selbst – und alles andere wird sich ebenfalls ändern. Wie Albert Einstein schon so treffend bemerkte, kann man ein Problem nicht auf der gleichen Bewusstseinsebene lösen, auf der es entstanden ist.

Wenn Leiden das Problem ist und dieses Leiden vor allem aus Ihrem Denken resultiert, dann werden Sie Ihren Schmerz nicht lindern beziehungsweise Ihr Problem (beispielsweise Angst oder Unglücklichsein) nicht lösen, wenn Sie auf Ihrer derzeitigen Verstandesebene bleiben. Selbst wenn Sie beschließen, positiv zu denken, werden Ihre Gedanken früher oder später wie ein Pendel wieder zur negativen Seite hin ausschlagen.

Es geht nicht um das, was Ihrer Ansicht nach mit Ihnen oder einer anderen Person nicht in Ordnung ist. Sie müssen vielmehr die Ebene wechseln und vom Denken in einen Zustand gehen, in dem Sie Ihres Denkens gewahr sind. Denn dies ist die Beziehung, um die es geht: die Beziehung Ihres Selbst, das gewahr ist, zu ihren Gedanken, Emotionen und Gefühlen.

Ich habe am eigenen Leib erlebt, wie leidvoll es sein kann, schwierige Zeiten zu durchleben. Ich kenne aber auch die Erfahrung, dass sich der Großteil meines Leidens auflöst, wenn ich zu meinem Selbst zurückkehre, das im gegenwärtigen Moment gewahr ist. Ruhen wir dergestalt in der eigenen Mitte, dann verlieren die Geschichten, die der Verstand uns erzählt und die uns ängstigen und zum Opfer werden lassen, ihre Macht. Die selbst erzeugten Muster des Leidens werden sichtbar und Sie können heilsame Veränderungen vornehmen. Allein durch diese Verlagerung des Bewusstseins entsteht spontan ein Gefühl des Wohlbefindens und der Dankbarkeit für das eigene Leben.

Mir ist bewusst, dass bereits vieles über das Leben im Hier und Jetzt geschrieben wurde. Allerdings gibt es nur wenig Literatur dazu, wie man tatsächlich dorthin gelangt – wie man vollständig präsent wird und in dieser Präsenz bleibt. In diesem Buch finden Sie effektive Übungen und einen klar vorgezeichneten Weg zum Erreichen von Präsenz. Sie werden die Fülle des Moments erleben und lernen, wie Sie diesen Ort immer leichter und immer öfter erreichen können. Sie werden verstehen, wohin Sie gehen, wenn Sie nicht im Jetzt sind, und auf welche Weise Sie immer wieder aus dem Jetzt abdriften. Wenn Sie lernen, die Einsichten und Hilfsmittel einzusetzen, die Sie auf den nachfolgenden Seiten finden, werden Sie (wie viele andere vor Ihnen) sich nahezu wie ein neuer Mensch fühlen.

Mein Weg vom Arzt zum Lehrer

Ich habe Medizin studiert, ich bin fest in den Grundlagen der empirischen Wissenschaft verankert und habe meinen Respekt für den wissenschaftlichen Ansatz nie verloren. Aus diesem Grund würde ich niemals leichtfertig Behauptungen über mögliche Heilerfolge bei emotionalen und körperlichen Leiden aufstellen, die sich aus dem Erlernen des vollständigen Präsentseins in Ihrem Leben ergeben können. Alles, was ich hier schreibe, basiert auf nahezu 35 Jahren Arbeit und Erfahrung mit Zehntausenden von Menschen. Allerdings begegne ich diesen Menschen nicht mehr in einer Arztpraxis, sondern im Rahmen von Seminaren, die in Form von Retreats stattfinden und sozusagen experimentelle Abenteuer sind, bei denen man lernt, voll und ganz im Jetzt zu leben und alle notwendigen Fertigkeiten zu entwickeln, um weiterhin in der Präsenz zu bleiben. [Retreat = Rückzug, Zeit des Rückzugs, Auszeit. Im Deutschen bezeichnet das Wort in der Regel eine Zeit der Einkehr und Besinnung in einer anderen Umgebung; im Kontext dieses Buches: mehrtägige Seminare, in denen neue Konzepte erlernt und selbst erfahren werden. Anm. d. Übers.]

Mein Weg vom Arzt im traditionellen Sinne, der in Notfallambulanzen und Krankenhäusern tätig war, zum Erforscher von Bewusstsein und Herz begann an meinem dreißigsten Geburtstag mit einer Erfahrung, die ich in Ermangelung eines besseren Wortes als „Erwachen“ bezeichnen möchte. Ohne erkennbaren Grund gelangte ich da in einen Zustand reinen Seins, einen Zustand der Liebe und des Einsseins. In den darauf folgenden Wochen und Monaten folgten auf Phasen reiner Glückseligkeit Zustände abgrundtiefer Angst. Schritt für Schritt lernte ich, in mir Raum für diese Extreme zu schaffen und in jedem Fall präsent zu bleiben. Natürlich ahnte ich damals noch nicht, dass dies den Kern der Arbeit darstellte, die ich für den Rest meines Lebens tun würde.

Diese Phase meines Lebens veränderte mich grundlegend. Sie öffnete innere Türen zu neuen Ebenen meiner selbst und zu neuen Fähigkeiten. Plötzlich konnte ich die Emotionen der Menschen um mich herum mit vollkommener Klarheit spüren und manchmal konnte ich sogar erahnen, was sie gerade dachten. Ich konnte so tiefes Mitgefühl für das Leid einer Person empfinden, dass sie sich gesehen und verstanden fühlte. Auch war ich nun in der Lage, in meinen Händen Energie zu spüren und diese Energie aus den Händen sanft zu anderen Menschen strömen zu lassen; damit konnte ich häufig körperliche Schmerzen lindern.

Ich spürte einen Strom der Präsenz, der mich durchdrang, und konnte wahrnehmen, wie er sich in Abhängigkeit von meinen Gedanken veränderte: Je präsenter ich war, desto stärker war er. Diese Präsenz hatte auch Einfluss auf andere. Sie beruhigte sie und ließ sie offener und empfänglicher werden. Während sie in diese Präsenz einbezogen wurden, wurde sie auch in mir selbst stärker. Aufgrund dieses Phänomens gab ich meinem ersten Buch, das ich 1979 schrieb, den Titel: The I That Is We [zu Deutsch etwa: Das Ich, das ein Wir ist; Anm. d. Übers.].

Kurz vor diesem „Erwachen“ hatte ich – als ob ich intuitiv gespürt hätte, dass sich eine größere Veränderung anbahnte – unbegrenzten Urlaub genommen. Wie sich herausstellte, sollte ich nie wieder in die Berufstätigkeit als Arzt zurückkehren. In den nachfolgenden Monaten blieb ich einfach zu Hause, las spirituelle Klassiker (von denen ich auf einmal gar nicht genug bekommen konnte) und unternahm lange Spaziergänge. Bereits nach kurzer Zeit jedoch suchten mich einige meiner ehemaligen Patienten auf und ich begann, mich mit ihnen bei mir zu Hause zu treffen. Wir saßen erst schweigend beisammen und hielten uns einfach nur an der Hand, manchmal bis zu einer halben Stunde lang; und dann redeten wir. Eines Tages rief mich eine Psychologin an, bei der eine meiner „Patientinnen“ in Therapie war. Sie erzählte mir, dass ihre Klientin enorme Fortschritte gemacht habe, und schrieb diese der mit mir gemeinsam verbrachten Zeit zu. Auf die Frage, was ich denn da eigentlich tue, antwortete ich: „Einfach nur präsent sein.“ Daraufhin trug sie die Idee an mich heran, für sie und einige ihrer Kollegen einen Workshop abzuhalten und ihnen meine „Methode“ zu vermitteln. Auf diese Weise begann meine neue berufliche Laufbahn, ohne dass ich auch nur im Geringsten darüber nachdenken musste.

Heute verstehe ich mich als Lehrer der Seele, der über einen medizinischen Hintergrund verfügt, aber gleichzeitig weiß, dass das Bewusstsein – genauer gesagt: der Zustand des Gewahrseins, in dem man sich im Jetzt befindet – die größte aller menschlichen Kräfte ist. Wenn Sie wirklich verstehen, wie Sie Ihre Verbindung zum Jetzt immer wieder verlieren und wie Sie sich selbst wieder ins Jetzt bringen können, werden Sie genauso zuverlässig zum Wohlbefinden zurückfinden, wie Sie mit einer guten Ausbildung so schwierige Disziplinen wie Mathematik, Chemie oder Physik beherrschen können. Ich bin sicher, dass Sie mit dem, was Sie in diesem Buch lernen, zuverlässiger zu innerem Frieden gelangen als mit dem Schlucken einer Pille. Das bedeutet nicht, dass ich dem medizinischen Fortschritt und dem Einsatz von Medikamenten grundsätzlich ablehnend gegenüberstünde – im Gegenteil; aber ich weiß einfach, dass die Kraft Ihres Gewahrseins stärker ist.

Die von mir geleiteten Retreats waren und sind wie eine Art Labor und erkunden weiterhin, mit welchen Techniken und Übungen man Menschen am besten in die Lage versetzt, vollkommen präsent, voller Leben und zu wahrer Nähe und Liebe fähig zu sein. Ich habe diesen Weg im Übrigen nicht eingeschlagen, weil ich ihn zu beherrschen glaubte und wusste, dass er für andere gut war. Ich habe es vielmehr ebenso sehr für mich wie für meine „Schüler“ und Klienten getan. Ich selbst musste das alles erst lernen und Erkenntnisse sammeln, während ich Schritt für Schritt voranging. Wie jeder Forscher lerne ich nie aus.

Dieser Lernprozess hat nichts mit dem Aneignen von mehr Informationen zu tun oder mit dem Sammeln weiterer Erfahrungen. Es geht vielmehr darum, das Leben und die Welt zu entdecken, die sich uns in jedem Moment eröffnen, wenn wir wahrhaftig im Hier und Jetzt sind. Es geht darum, tiefer in das eigene Selbst vorzudringen – in den Körper, die Gefühle, das Leid, die Freude und das Verhalten. Und es geht darum, in jedem Moment mit sich selbst, mit dem Leben und mit anderen vertrauter zu werden. Und es geht darum, andere beim Leben dieses Wegs zu unterstützen.

Ich lehre und schreibe schon lange über diese Thematik. Das vorliegende Buch ist das Ergebnis der vergangenen drei Jahre, in denen ich vor allem meine „Lektionen“ über das Befreien des Herzens von negativen Emotionen und über den Umgang mit schwierigen Gefühlen weiterentwickeln konnte. Heilung und Veränderung, wie ich sie bei Tausenden von Menschen beobachtet habe, treten ein, wenn die Menschen lernen, angesichts der Gefühle, die ihr Ego am meisten bedrohen, wirklich präsent zu bleiben.

Mein Plädoyer für die Kraft der Präsenz

Präsenz ist die größte Kraft, die wir haben. Wenn wir lernen, uns entspannt auf den jeweiligen Moment einzulassen, reagieren Körper und Seele darauf. Wir können dann spontan auf unsere eigene intuitive Weisheit zugreifen und mit den so gewonnenen Erkenntnissen sogar alte und vermeintlich „therapieresistente“ emotionale Wunden heilen.

Durch die Einsichten und Übungen in diesem Buch werden Sie für sich den Unterschied erleben zwischen dem natürlichen Zustand der Präsenz und der belastenden Realität, die Ihr Denken erzeugt. Es ist von entscheidender Bedeutung, diesen Unterschied zu verstehen – den Unterschied zwischen dem Denken, das seinen Ursprung in Ihrem Ego hat, und der Person, die Sie sind, wenn Sie vollkommen präsent sind im Leben, wie es ist.

Die Medizin kümmert sich um den Körper, während es in diesem Buch um Ihr Bewusstsein geht. Ihr Bewusstsein ist Ihr stärkstes Mittel zur Heilung von Körper und Seele. Wenn Ihr Körper und Ihr Bewusstsein im gegenwärtigen Moment sind, erkennen Sie sich selbst als heil und ganz und fühlen sich häufig trotz allem, was womöglich gerade im Körper abläuft, gut. Wenn Sie lernen, präsent zu sein, öffnen Sie auch die Tür zu einer niemals versiegenden Quelle der Liebe, die Sie glücklich machen wird und sogar dazu beiträgt, das Beste in den Menschen in Ihrem Umfeld zu wecken.

Letztendlich sind Sie Schöpfer(in) Ihrer Realität. Das bedeutet übrigens weder, dass Sie beispielsweise Ihre Krankheit selbst erzeugt haben, noch bedeutet es, dass Sie die alleinige Verantwortung für eine belastende Beziehung tragen. Es bedeutet vielmehr, dass Sie sich in jedem Moment durch die Entscheidung, voll präsent zu sein, von dem durch den Verstand erzeugten Leiden befreien können.

Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich mich jedem Menschen verbunden fühle, der leidet, und weil ich weiß, dass ein großer Teil menschlichen Leidens unnötig ist und aufgelöst werden kann – wenn man mit dem angemessenen Verständnis und entsprechenden Hilfsmitteln herangeht. Ich schrieb dieses Buch auch, weil ich mir Sorgen mache um die Zukunft der Menschheit. Mittlerweile leben so viele von uns auf der Erde, dass die Fehler, die jeder Einzelne aufgrund der Ignoranz seines egoischen Bewusstseins macht, in einer Weise verstärkt werden, die wesentlich zerstörerischer ist, als dies zu den Zeiten der Fall war, als die Bevölkerungsdichte geringer und unsere Technologien weniger weit entwickelt waren.

Zwei grundlegende Fehler

Welche Hauptfehler begehen wir? Nun, zunächst einmal neigen wir dazu, uns mit unseren Gedanken zu identifizieren, und erzeugen so häufig eine destruktive emotionale Realität. Wenn wir blind unserem eigenen Denken Glauben schenken oder dem, was Familie und Gesellschaft uns eingetrichtert haben, dann geraten wir in Konflikt mit uns selbst, mit den anderen und dem Leben selbst. Der zweite grundlegende Fehler ist, dass wir vor vielen unserer Gefühle Angst haben und dass unser Ego auf der Flucht vor diesen Gefühlen einen großen Teil unseres Innenlebens und die Quelle für wahre Gesundheit abschottet.

Eine der wichtigsten Einsichten in diesem Buch betrifft die Fähigkeit, Emotionen und Gefühle voneinander zu unterscheiden. Emotionen entstehen durch Gedanken, insbesondere durch nicht hinterfragte Bewertungen in Bezug auf uns selbst und andere. Im Gegensatz dazu sind Gefühle eine grundlegende und intelligente Methode des Erkennens, die Sie auf einfache und zuweilen tiefgehende Weise mit sich selbst, mit anderen und Ihrer Umgebung verbindet.

Ihrem Ego erscheinen die Emotionen, die durch Ihre Gedanken erzeugt werden, stets als berechtigt und als Teil Ihrer persönlichen Identität. Für Ihren Körper jedoch stellen diese Emotionen – also beispielsweise der Ärger, die Ablehnung, die Furcht, die Selbstgefälligkeit oder das Minderwertigkeitsgefühl, die Ihre Gedanken erzeugen – geradezu einen chemischen Giftcocktail dar: Das Gehirn schüttet Neuropeptide aus, Ihre Muskeln spannen sich an, Ihr Blutdruck steigt, die Nebennieren schütten Kortisol aus und schon ist es nicht mehr weit bis zur Insulinresistenz. Das einfache Wort hierfür lautet Stress – die Art von Belastung, die zu Herzerkrankungen, Diabetes, Schlaganfällen und wahrscheinlich auch zu einigen Arten von Krebs führt – vom Unglücklichsein einmal ganz abgesehen.

Die Ironie dabei ist, dass das Ego zwar einerseits Emotionen wie Missgunst und Hass zulässt, die sehr destruktiv sein können, Sie aber andererseits nicht in aufbauenden Gefühlen wie Freude oder Liebe verweilen lässt. Vor bedrohlichen Gefühlen wie Machtlosigkeit flieht es sofort. Wenn Sie lernen, wie man sich für die gesamte Gefühlsskala öffnet, wird Ihnen dies wesentlich weniger Schaden zufügen, als dies bei destruktiven Emotionen der Fall ist. Im Gegenteil: Wenn Sie Ihren Gefühlen Platz einräumen, kann Ihnen dies zu einer gesunden Beziehung zu dem verhelfen, was man als unlösbare Situation ansehen könnte (wie beispielsweise einen lebenslangen Familienkonflikt). Selbst nagende Zweifel bezüglich Ihres Selbstwerts können Sie auf diese Weise ausräumen. Es ist weise, seinen Emotionen gegenüber misstrauisch zu sein und zu lernen, wie man sich von den schädlichsten unter ihnen befreit. Andererseits sollte man lernen, auf seine Gefühle zu vertrauen und selbst den dunkelsten von ihnen Raum zu geben.

Dieses Buch möchte Sie dazu anleiten, zum jeweiligen Moment zurückzukehren und sich aus einer universellen Quelle zu nähren. Es zeigt Ihnen, wie Sie von einem Ort der inneren Harmonie und des Vertrauens aus bessere Entscheidungen treffen. Es animiert Sie dazu, auf Ihre innere Wahrheit zu hören, sodass Sie sich selbst in schwierigen Zeiten wohlfühlen oder zumindest in Ihrer Mitte bleiben und Frieden empfinden. Es unterstützt Sie dabei, Ihre echten Bedürfnisse wahrzunehmen und zu erfüllen.

Früher oder später gehen wir alle dem Tod entgegen. Daher ist es wichtig, uns bewusst zu machen, wie Gewahrsein uns auch im Sterbeprozess unterstützen kann. Beispielsweise, indem wir uns fragen, was wir über den Tod wirklich wissen. Wir alle haben die Möglichkeit, eine Bitte dahingehend zu äußern, wie sehr wir in unserem Sterbeprozess präsent sein möchten und welche Art von Tod wir uns wünschen. Vielleicht wird uns diese Bitte nicht gewährt, doch lohnt es sich immer, eine Präferenz anzugeben und uns vor allem von Glaubenssätzen über den Tod zu befreien, die unsere Fähigkeit beeinträchtigen, am Ende unseres Lebens voll präsent zu sein.

Offenheit für Veränderung

In diesem Buch geht es um Heilung durch das Öffnen des Herzens für die Liebe, die im Jetzt immer präsent ist. Es geht um einen universellen Weg, den jeder einschlagen kann, der in allen Bereichen seines Lebens bewusster werden will. Wir alle, die gesamte menschliche Familie, stehen an der Schwelle zu einem kolossalen Wandel. Wir nähern uns allmählich einem Punkt, an dem die Ökosysteme unseres Planeten das (Über-) Leben – auch das Überleben der Menschheit – nicht mehr voll und ganz gewährleisten können. Was von uns gefordert wird, ist eine tiefgreifende Änderung der menschlichen Identität. Ein solcher Prozess geschieht individuell, jeder muss ihn für sich selbst durchführen, beginnend in seinem Inneren und endend im Außen. Erst durch zunehmende Bewusstheit können Sie zu einer Kraft werden, die den kollektiven Wandel unterstützt, bei dem es letztlich darum geht, wie wir uns als dörfliche Gemeinschaften, als Nationen und am Ende als planetare Gesellschaft formieren.

Vermutlich lesen Sie dieses Buch nicht, weil Sie sich als Teil eines globalen Erwachens sehen. Wahrscheinlich geht es Ihnen (berechtigterweise) zunächst darum, Ihre eigene Gesundheit wiederherzustellen oder Bereiche Ihres Lebens zu heilen, die mit Leiden behaftet sind. Doch wenn Sie die in diesem Buch angebotenen Möglichkeiten nutzen, sind Sie auf dem Weg des Erwachens und Ihre Präsenz wird einen Beitrag zum Erreichen eines höheren Potenzials für uns alle leisten – ob Sie dies nun beabsichtigen oder nicht.

Ich bin alt genug, um zu wissen, dass das größte und erfüllendste Abenteuer des Lebens zweifellos darin besteht, bewusster zu werden und liebevolle Beziehungen aufzubauen. Das Einzige, was man dazu wirklich benötigt, ist Bereitschaft. Sind Sie bereit, sich zu ändern? Ob Ihre Motivation nun Krankheit, Freudlosigkeit oder der Wunsch danach ist, das Leben so vollständig wie möglich auszukosten – den Schlüssel dazu halten Sie in Ihren Händen.

Sie werden in diesem Buch weder zum Aufgeben Ihres gesunden Menschenverstandes gedrängt, noch werden Sie aufgefordert, an etwas anderes zu glauben als an Ihre eigene Fähigkeit, mehr über sich selbst zu lernen. Das Vertrauen in Ihre Fähigkeit zur Wandlung erfordert nicht, dass Sie blind an etwas glauben müssen. Das Einzige, was Sie benötigen, ist Ihre Bereitschaft, die hier vorgestellten Instrumente zu nutzen. Sie können Ihnen dabei helfen, sich von unnötigem Leiden zu befreien und zu einem weisen und glücklichen Menschen zu werden.

Wenn Sie mit Ihrem wahren Selbst in Verbindung stehen, ist dies ein Seinszustand, der ansteckend wirkt. Ein in diesem Sinne „erwachter“, liebevoller Mensch erzeugt ein Bewusstseinsfeld, in dem andere Menschen sich sicher fühlen und selbst liebevoller werden. Ein ängstlicher oder wütender Mensch erzeugt ebenfalls ein Feld, aber dieses ist erfüllt von Trennung und Angst.

Die einfache Wahrheit ist die, dass nur wenige von uns eine Vorstellung davon haben, wie gut wir uns fühlen und wie gesund wir sein können, wenn wir eine innere Einheit bilden und lernen, stärker im Jetzt zu leben. Dieses Buch wird Ihnen zeigen, wie Sie Ihren Geist dergestalt stärken, dass die Wurzeln des Gewahrseins nicht so leicht aus der Gegenwart gerissen werden und Sie weniger schnell in destruktives oder begrenzendes Denken verfallen. Es wird Sie ermuntern, Ihren Gefühlen zu vertrauen, sodass Ihre Fähigkeit wächst, sich selbst und das Leben zu lieben. Es wird Ihnen die Möglichkeit geben, Ihr Leben selbst zu gestalten.

Mit zunehmender Präsenz wird sich nicht nur wahre Gesundheit einstellen, sondern Sie werden zugleich der Veränderung der Welt in Ihrem Umfeld dienen. Präsenz ist ansteckend – und das ist ausnahmsweise eine Epidemie, die wir dringend brauchen.

Richard Moss

Ojai (Kalifornien), im Februar 2011

Hinweis: Die Beispiele und Fallgeschichten in diesem Buch sind alle wahr. Ich habe lediglich die Namen und einige Umstände verändert, um die Identität und die Privatsphäre der jeweiligen Personen zu schützen.

TEIL I


Die Grundlagen verstehen

In den ersten drei Kapiteln erfahren Sie, worauf Sie Ihre Aufmerksamkeit vor allem richten müssen, wenn Sie damit beginnen, sich von innen heraus zu heilen.

Aufbauend auf meiner jahrelangen Arbeit mit Tausenden von Menschen werde ich Sie dabei unterstützen, die zwei Herausforderungen zu meistern, die meiner Erfahrung nach zu den wichtigsten auf Ihrem Weg zur Heilung zählen.

Sie werden erkennen, wie Sie sich selbst unnötig verletzt haben, weil Ihr Denken von Ihrem Ego bestimmt wurde. Sie werden erfahren, was Ihr Ego wirklich ist. Außerdem werden Sie feststellen, dass Sie – ab sofort – Ihr physisches und emotionales Leiden wesentlich besser werden lindern können, als Ihnen bislang bewusst war.

Jeder Augenblick, in dem Sie voll und ganz im Hier und Jetzt sind, ist ein Augenblick der Heilung. Der Körper organisiert sich je nach dem Grad Ihrer Präsenz in einem stärkeren oder geringeren Maße neu. Ich werde Ihnen zeigen, wie Sie Ihre Aufmerksamkeit von Ihren Gedanken weglenken und auf den gegenwärtigen Moment richten, in welchem Sie in ein grenzenloses Feld von Wissen und Liebe eintauchen, das die größte Heilquelle überhaupt darstellt.

KAPITEL 1


Die Kraft der Präsenz wahrnehmen

Auf dieser Reise, die wir gemeinsam antreten, steht Ihnen eine enorme Kraft zur Verfügung, mit deren Hilfe Sie Ihr Wohlbefinden unabhängig von den äußeren Umständen beeinflussen können. Sich dieser Kraft bewusst zu werden und der Veränderung, die sie in Ihrem Leben bewirken kann, ist womöglich das größte Abenteuer von allen. Entscheidend ist hierbei, ob Sie in jedem Moment Ihres Erlebens präsent sein können oder ob Sie sich in dem verstricken, was Ihnen Ihr Verstand über Ihre Erfahrung erzählt.

Alles, was wir im Leben als tiefes Leid erleben, ist in der Regel nicht eine Folge dessen, was tatsächlich passiert ist, sondern resultiert vielmehr aus dem, was wir uns über das Geschehen erzählen. Es geht also beispielsweise nicht so sehr um das Kranksein an sich, sondern um Ihre Gedanken dazu. Es geht nicht darum, dass Ihr Partner Sie verlassen hat, sondern darum, was Sie sich über diese Trennung erzählen.

Ihre Identifikation mit den Gedanken darüber, was Sie nicht zu haben glauben – wie das Leben hätte sein sollen, wie es wohl weitergeht, ob Sie genügend Geld haben werden, was Ihre Familie braucht und so weiter –, ist die wahre Quelle des größten Teils von dem, was wir als „Unglück“ erleben. Sobald Sie lernen, sich von den Gedanken abzuwenden und in den gegenwärtigen Moment zurückzukehren, sind die Dinge selten so schlimm, wie sie zunächst erscheinen. Sie können sich für staunendes Betrachten öffnen und dadurch inneren Frieden erfahren.

Selbstverständlich ist es ganz natürlich, in schwierigen Zeiten auf ängstliche Gedanken zu verfallen. Den meisten ist dabei jedoch nicht bewusst, dass diese unangenehmen Gedanken nur dann vom Verstand erzeugt werden können, wenn das Bewusstsein nicht fest im gegenwärtigen Moment verankert ist. Wie ich im nächsten Kapitel erläutern werde, ist es das Ego, das Ihren Geist aus dem Hier und Jetzt abdriften lässt. Wenn Sie nichts anderes wären als Ihr Ego, hätten Sie wohl keine andere Wahl, als dies auszuhalten. Sie sind jedoch wesentlich mehr. Sie sind ein bewusstes Wesen beziehungsweise Sie werden zu einem, sobald Sie vollkommen präsent sind, und können dann unabhängig von dem begrenzten Bewusstsein des Ego agieren.

Das Gewahrsein im gegenwärtigen Moment ist die größte aller menschlichen Kräfte, auch wenn es bislang weder sehr bekannt ist noch bewusst eingesetzt wird. Es ist sogar noch bedeutsamer als das Denken, denn nur mithilfe des Gewahrseins können Sie Ihre Gedanken erkennen und sich klar machen, wie sehr diese Sie begrenzen und häufig auch verletzen.

Wenn Sie dieses Gewahrsein einmal erleben möchten, müssen Sie nur einen Moment innehalten und sich fragen: „Wer oder was denkt über das nach, was ich gerade lese?“ Nehmen wir einmal an, Ihre Antwort lautet: „Ich.“ Wer oder was ist dann dieses Ichs gewahr, auf das Sie sich beziehen?

Die Kraft des Gewahrseins im gegenwärtigen Moment (oder, um es weniger umständlich auszudrücken: die Präsenz) bedeutet, dass Sie Ihres eigenen Denkens gewahr sein können, ohne sich notwendigerweise damit zu identifizieren. Sie können Ihre Gefühle fühlen, ohne sich auf ihrer Grundlage zu definieren. Alles, dessen Sie sich bewusst sind – all Ihre Pläne und Träume, Ihre Hoffnungen und Ängste, Ihre Meinungen über Sie selbst und alles andere – all das zeigt, dass es da etwas gibt, was zwar dessen gewahr, aber gleichzeitig nicht automatisch involviert, darin verwickelt, daran beteiligt ist. Man könnte auch sagen, dass es da eine Dimension Ihrer selbst gibt, zu der Sie Zugang haben, sobald Sie im Jetzt sind. Diese Dimension befreit Sie vom verstandesmäßig erzeugten Leiden und ermöglicht es Ihnen, einen Raum zu schaffen, der groß genug für alle Ihre Gefühle ist.

Keiner weiß, wie es dazu gekommen ist, dass wir Menschen zu dieser Eigenwahrnehmung fähig sind. Einige Wissenschaftler behaupten, dass das Gewahrsein ein vom Gehirn erzeugtes Phänomen sei. Andere glauben, dass das Gehirn eine Art von hoch entwickeltem Fernseher sei, der sich auf eine mehr oder weniger unendliche Menge von Bewusstseinsströmen einstellen kann, die aus einem universellen intelligenten Feld stammen, wobei diese Ströme dann anschließend geordnet und strukturiert werden. Ich selbst vermute, dass in beiden Theorien ein Körnchen Wahrheit steckt, erkenne aber auch gerne an, dass sowohl die Quelle oder der Grund des Gewahrseins als auch das Gewahrsein selbst ein großartiges Mysterium darstellen. Ich sehe es pragmatisch: Es ist nicht erforderlich, die Quelle des Gewahrseins zu verstehen. Wichtig ist allein, dass man seine Kraft schätzt und zu nutzen weiß.

Wer sind Sie wirklich?

Bei meinen Vorträgen und Retreats stelle ich häufig eine Reihe von Fragen, damit die Teilnehmer den Unterschied verstehen zwischen dem, was wir glauben oder denken, und dem, dessen wir gewahr sind. Beispielsweise haben wir alle einen männlichen oder weiblichen Körper. Aber ist das Gewahrsein der Tatsache, dass wir männlich oder weiblich sind, ebenfalls entweder männlich oder weiblich? Na, was meinen Sie? Die Erfahrung, ein Mann oder eine Frau zu sein, ist aus offensichtlichen biologischen und gesellschaftlichen Gründen recht unterschiedlich. Aber wenn wir allein von unseren Unterschieden her argumentieren, verpassen wir das tiefer liegende Fundament des Gewahrseins, das uns alle auf einer wesentlich grundlegenderen Ebene als der des Geschlechts verbindet. Zwischen uns fließt umso mehr Energie, je präsenter wir sind.

Aber gehen wir noch einen Schritt weiter: Nehmen wir einmal an, jemand sagte zu Ihnen, Sie seien übergewichtig, und Ihr Ego formte diese Aussage sofort in das Urteil um, Sie seien „fett“. Ist das Gewahrsein des Vorgangs, dass Sie sich selbst als fett beurteilen, selbst ebenfalls fett? Auch hier frage ich Sie wieder nach Ihrer intuitiven Reaktion auf diese Frage. Können Sie erkennen, dass die Identifikation mit dem Zustand „fett“ wesentlich unangenehmer ist als das Gewahrsein Ihrer selbst als übergewichtig? Ich habe häufig beobachtet, dass bei Menschen, die ein gesünderes Leben führen möchten und sich selbst auf diese Weise angreifen, die Verurteilung mehr Schaden anrichtet als der ursprüngliche Zustand, dessentwegen sie sich so niedermachen. Wenn wir uns selbst angreifen, führt das zu einer depressiven Haltung im Leben, die das Ergreifen positiver Maßnahmen verhindert.

Lassen Sie uns als Nächstes einen Blick auf das werfen, was Sie über die Zeit wissen. Wenn Sie in Ihre Erinnerungen abtauchen, werden Sie der Dinge in der Vergangenheit gewahr – aber liegt das Gewahrsein selbst in der Vergangenheit? Ebenso machen Sie sich häufig Gedanken über die Zukunft – aber befindet sich das Gewahrsein dieser Gedanken ebenfalls in der Zukunft?

Wenn ich diese Fragen stelle, lasse ich die Menschen sie für sich selbst beantworten. Aber manchmal passiert etwas, vielleicht nur für einen Moment. Dann nehmen sie plötzlich einen Raum wahr, eine Art von Leere oder Offenheit, die sich deutlich von dem unterscheidet, wie sie normalerweise über sich denken und sich selbst erleben. Es ist ein kleiner Vorgeschmack von der Präsenz.

Wenn Sie einer Sache gewahr sind, dann deutet dies auf einen Abstand zu dem hin, dessen Sie gewahr sind. Und dieser Abstand bedeutet, dass es ein Potenzial für eine Beziehung mit dem gibt, dessen Sie gewahr sind: eine Beziehung zu Ihren Gedanken, eine Beziehung zu Ihren Erinnerungen, eine Beziehung zu Ihren Emotionen und Gefühlen.

Die meisten Menschen werden von ihren Gedanken „benutzt“, werden Opfer ihrer eigenen Überzeugungen. Sie lassen sich von ihren Emotionen und Gefühlen definieren und oft genug auch zum Opfer machen. Sie hingegen werden in den nachfolgenden Kapiteln lernen, dass Sie niemals Opfer sind: Sich selbst als solches zu betrachten, ist immer nur ein Gedanke, eine Überzeugung. Selbst wenn Sie sich wie ein Opfer fühlen, werden Sie – sobald Sie sich in den gegenwärtigen Moment bringen – feststellen, dass Ihre Gedanken zum Stillstand kommen und das Gefühl sich sehr schnell auflöst. Sie werden lernen, wie Sie sich durch die Kraft der Präsenz selbst befreien können.

Wenn Sie in das Gewahrsein des gegenwärtigen Moments eintreten, sind Sie immer mehr als das, dessen Sie sich bewusst sind. Mit mehr meine ich hier nicht „besser“ oder „wertvoller“, sondern Sie sind einfach mehr, weil Sie selbst über die Beziehung zu Ihren Gedanken und Gefühlen entscheiden können. Sie können die Wahl treffen, Ihren Gedanken zuzuhören oder nicht. Sie können beobachten, was passiert, wenn Sie etwas glauben. Sie können wahrnehmen, wie Sie sich dabei fühlen, sei es wütend, ängstlich, geliebt oder sicher. Sie müssen nicht automatisch glauben, was Sie denken, ganz gleich, ob es um Sie selbst, Ihr Leben, Ihre Krankheit oder was auch immer geht – speziell dann, wenn es Sie unglücklich macht oder bewirkt, dass Sie Unglück in das Leben anderer bringen. Sie können dieser Gedanken gewahr sein. Sie können sie hinterfragen und in Zweifel ziehen. Sie können sanft mit sich selbst umgehen, ganz gleich was Sie sich selbst denken hören. Und Sie können beginnen, Ihren eigenen Weg zu dem zu finden, was für Sie wahr und wichtig ist.

Wir Menschen glauben längst nicht mehr, dass die Erde eine flache Scheibe sei oder dass die Sonne sich um die Erde drehe. Und auch Sie müssen nicht länger Vorstellungen über sich selbst hegen, die aus Ihrer Kindheit stammen oder aus einem Erziehungsprozess, der Ihren Kopf mit den Ideen anderer Menschen vollgestopft hat, anstatt Ihnen beizubringen, wie man selbst denkt. Sie sind ein Mensch, der mit der göttlichen Gabe des Gewahrseins ausgestattet ist und sich auf dem Weg zu seiner Wahrheit befindet. Gewahrsein ist Ihr Weg zur Wahrheit, zu einer tieferen Kenntnis Ihrer selbst – es ist Ihr Weg zur Liebe.

Dieses Gewahrsein ist das Sein im „Menschsein“ und ermöglicht eine ständige Beziehung zu allem und jedem, was Sie jemals erkennen oder benennen können. Dennoch lässt es sich nicht in Zeit oder Raum lokalisieren. Sie sind weder nur Ihr Körper, noch sind Sie nur Ihre Gedanken oder Gefühle. Ihr authentisches Selbst ist das unbeschreibbare Wesen, das all dessen gewahr ist. Dadurch wird es möglich, dass Sie Ihre Aufmerksamkeit jederzeit bewusst auf einen Aspekt Ihrer Erfahrung lenken und ihn völlig neu betrachten können (– wodurch Sie sich selbst gleichzeitig ständig erneuern). Wann immer Sie dies tun, werden Sie feststellen, dass das emotionale Leid, das durch die Dinge entsteht, die Sie sich selbst erzählen, abnimmt und durch ein Gefühl der Verbundenheit ersetzt wird.

Emotionale „Verschmutzung“

Wir alle sind mit Dingen konfrontiert, die sich größtenteils unserem Einfluss entziehen, etwa Alterungsprozessen, genetischen Anlagen, der Verschmutzung unserer Umwelt, wirtschaftlichen und sozialen Missständen und anderem. Unsere Körper sind aber in jedem Moment auch der zusätzlichen Belastung einer emotionalen „Verschmutzung“ ausgesetzt, die unser Verstand erzeugt.

Jeder Gedanke erzeugt eine entsprechende Empfindung im Körper, da Körper und Geist ein zusammenhängendes Ganzes darstellen. Glückliche Gedanken lösen bei Ihnen einen Schub an Wohlgefühl aus. Sorgen über die Zukunft oder Schuldgefühle in Bezug auf die Vergangenheit werden auf der körperlichen Ebene genauso empfunden, als würden wir von einem Raubtier angegriffen. Die gleichen Kampf-oder-Flucht-Hormone werden ausgestoßen, Kortisol und andere Stresshormone strömen durch Ihren Körper, beeinträchtigen Ihr Immunsystem, Ihr Herz, Ihr Gehirn, jede Zelle in Ihrem Körper. Und Gedanken dieser Art kommen nicht gerade selten vor: Die meisten Menschen haben am Tag Hunderte, ja sogar Tausende von Gedanken, die ihnen Furcht, Wut, Schuld oder Unsicherheit einflößen, und sind so einem ständigen, vom Verstand erzeugten Stress ausgesetzt.

Ein körperliches Kranksein als solches, allein für sich genommen, reicht nicht aus, um dieses Gefühl von Bedrohung zu erzeugen. Schauen Sie sich einen Hund oder eine Katze an: Sie können verletzt oder krank sein, ohne dass Verwirrung und Stress auftreten. Diese Art von Stress kennt nur der Mensch – und er entsteht allein durch das Denken. Dass wir die Natur des Denkens nicht verstehen und nicht die Verantwortung dafür übernehmen – mithilfe der Kraft des Gewahrseins –, das ist die größte Ursache für unsere Leiden. Stärker als das reale Leiden an einer körperlichen oder psychischen Erkrankung und sogar stärker als das Leiden im Sterbeprozess ist das Leiden, das wir mit Gedanken erzeugen, die uns in uns selbst spalten oder von anderen abtrennen. Das und nichts anderes ist die größte Quelle unseres Elends.

Wenn unser Denken uns „benutzt“

Wir Menschen sind stolz auf unsere Fähigkeit zu denken. Es ist sicherlich richtig, dass wir erstaunlich fähige Geschöpfe sind, die sich immerhin die Zukunft ausmalen, geniale Maschinen erfinden, wundervolle Musik komponieren, großartige Kunstwerke schaffen und majestätische Gebäude errichten können. Stärker jedoch, als wir unser Denken zum Erschaffen dieser Wunder nutzen, werden wir die meiste Zeit von unserem Denken benutzt. Urteile, Meinungen und Glaubenssätze, die wir unhinterfragt übernehmen, bewirken, dass wir als Einzelperson und im Kollektiv (Gruppen, Unternehmen, Religionsgemeinschaften, Nationen) in Stolz, Angst, Abwehrhaltungen oder aggressives Verhalten verfallen.

Ich spreche davon, dass wir von unserem Denken „benutzt“ werden, weil wir unseren Gedanken glauben und uns mit ihnen identifizieren, ohne vorher zu fragen: „Kann ich wirklich wissen, dass das, was ich gerade denke, wahr ist?“ Wir werden von unserem Denken benutzt, weil es uns ständig mit unserem Leben in Konflikt bringt. Wir stimmen dem Leben, so, wie es ist, nur selten zu. Stattdessen „sagen“ wir ihm ständig, wie es zu sein hat. Wir lieben unseren Intellekt, sehen dabei aber nicht, dass wir ihn viel stärker dazu einsetzen, das, was uns Angst macht, zu kontrollieren, als ihn als Bewusstseinszustand für das Verstehen des Wunders unserer Existenz zu nutzen. Wir werden von unserem Denken benutzt, weil die Ängste, die in unserer Vorstellung existieren, und die Verteidigungsmaßnahmen, die wir (durch unser Denken) zu unserem Schutz erfinden, uns nicht nur häufig in eine feindliche Beziehung zu anderen Menschen bringen, sondern uns vor allem der Natur entfremden.

Vielleicht der größte und bedauerlichste Beweis dafür, dass unser Denken uns benutzt, statt dass wir diese wunderbare Eigenschaft des Verstandes einsetzen, besteht darin, dass wir genau das Biosystem schädigen, von dem unser Leben und das vieler anderer Lebensformen abhängt. Das Artensterben schreitet in einem alarmierenden Tempo voran. Wir sind die Quelle dieser Zerstörung und wir wissen es auch. Dennoch fällt es uns schwer, mit unseren Gewohnheiten zu brechen – und tatsächlich die Art und Weise zu ändern, wie wir über uns selbst, über andere und die Welt denken.

Es ist eine traurige Tatsache, dass wir es nicht gelernt haben, wirklich bewusst, gewahr zu sein und somit die Realität zu hinterfragen, die unser Denken erschafft. Uns ist nicht klar, dass wir die Verantwortung für unsere Gedanken übernehmen und herausfinden müssen, ob sie wirklich wahr sind. Erst dann können wir diejenigen Gedanken beiseitelegen, die lediglich Meinungen oder Vorurteile darstellen, oder uns zumindest bewusst machen, dass sie das sind. Wir bemerken meist nicht, dass die meisten unserer Gedanken letztendlich Wertungen sind und dass das Entscheidende an jedem Urteil (wie wir später noch sehen werden) das Gefühl ist, das es in uns hervorruft.

Letzten Endes ist das Problem beim Denken nicht nur, dass Sie Ihren Gedanken glauben, sondern dass Sie Ihre Identität – ihre Eigenwahrnehmung – auf ihnen aufbauen. Es ist die Identifikation mit dem, was Sie sich über sich selbst „erzählen“: dass Sie ein guter Mensch seien (oder auch nicht), eine liebenswerte Person (oder nicht), ein kluger Kopf (oder nicht) und so weiter. Und daraus bildet sich dann tatsächlich das, was Sie zu sein glauben. Dieses aus der Vorstellung entstandene Selbst ist das Ego.

Das Ego ist kein Wesen und es ist nicht real wie beispielsweise Ihr Körper. Es ist eine Form der Informationsverarbeitung, die zu der falschen Annahme führt, dass Sie ein getrenntes Selbst seien. Auf der Ebene des Ego kommt Ihnen nie in den Sinn, dass Sie auch das sind, was all diese Gedanken wahrnehmen kann – gewahr all der Möglichkeiten, wie Sie (als Ego) Ihre Wahrnehmungen und Gefühle interpretieren. Anders gesagt: Als Ego glauben Sie, auf der Außenseite zu stehen, getrennt vom Leben und von allen anderen, anstatt sich als Teil eines höheren (wenn Sie so wollen: göttlichen) Ganzen zu sehen.

Wir wollen uns hier jedoch nicht so sehr auf das große Problem des Ego oder des Denkens konzentrieren. Es geht stattdessen darum, sich bewusst zu machen, wie Sie sich mit Ihren eigenen Gedanken jeden Tag unnötig selbst Schmerz zufügen. Sie leiden nämlich aufgrund der Gedanken, die Sie über sich selbst und die Situation haben, und nicht aufgrund dessen, wer Sie sind oder wie die Situation tatsächlich aussieht.

Ich möchte damit keinesfalls abtun, wie schwach, müde und miserabel man sich fühlen kann, wenn man krank ist. Ich leugne nicht den Schmerz, die Trauer und die Angst, die häufig mit der Diagnose einer schweren Krankheit oder Verletzung einhergehen. Auch den Schmerz, den eine Scheidung oder ein Verlust hervorrufen kann, möchte ich keinesfalls bagatellisieren. Solche Zeiten fordern uns aufs Höchste heraus (und damit auch all jene, die uns lieben). Was ich Ihnen klar machen möchte, ist, dass Sie wesentlich mehr Einfluss auf den Grad Ihres Leidens haben, als Ihnen bewusst ist. Vielleicht fühlen Sie sich im Moment noch nicht in der Lage, diese Kraft zu nutzen. Aber Sie werden es im Verlauf der Lektüre dieses Buches lernen und es wird Ihr Leben von Grund auf verändern.

Präsenz kann Schmerzen lindern

Schmerzen, speziell körperliche Schmerzen, verändern sich von Moment zu Moment – gemäß Ihrem Gemütszustand oder, genauer gesagt, mit dem Grad Ihrer Präsenz. Das Gleiche gilt für Ihre Lebenskraft. Wenn Sie von ängstlichen oder verzweifelten Gedanken erfüllt sind, kann sich der körperliche Schmerz verstärken und sie zusätzlich schwächen. Sind Sie andererseits präsent im Hier und Jetzt und beruhigen sich damit Ihre Gedanken, so kann der Schmerzpegel durchaus sinken und Ihre Lebenskraft steigt an.

Das kann innerhalb eines Moments geschehen – und das ist dann ein Moment der Heilung. Sammeln Sie solche Momente der Präsenz und des abnehmenden Schmerzes – dann verfügen Sie am Ende einer Stunde oder eines Tages über mehr Energie und sind optimistischer gestimmt! Mit zehn, zwanzig oder Hunderten solcher Momente an einem Tag verändert sich Ihre gesamte Erfahrung. Sie sind dann – zumindest in Ihren Gedanken – gesünder und weniger krank. Dies ist eine Frucht Ihres Bemühens um Präsenz, die Sie unmittelbar spüren können: Sie sind dann Ihr Selbst, das gewahr ist, und nicht mehr mit Ihrem Denken identifiziert – Ihrem Ego. Deshalb hat der große spirituelle Lehrer Sai Baba seine gesamte Botschaft an die Menschheit auch in folgenden Worten zusammengefasst: „Achte auf deine Gedanken.“

Für die meisten Menschen ist es ungewohnt, zwischen Gewahrsein und Denken zu unterscheiden. Wir haben bisher immer geglaubt, das zu sein, was unsere Gedanken uns über uns erzählen, ebenso wie die Welt für uns das ist, was unsere Gedanken uns darüber erzählen. Wenn man uns sagt, wir seien krank, und wir uns das auch selbst erzählen, glauben wir daran, dass wir krank seien. Aber der Teil von uns, der dessen gewahr ist, was wir uns erzählen, ist in sich nicht krank.

Wenn Ihr Gewahrsein Ihnen hilft, sich weniger stark mit Ihren Gedanken zu identifizieren – was nichts anderes bedeutet, als stärker präsent zu sein –, gelangen Sie in einen gesunden Zustand Ihres Bewusstseins zurück. Ohne die Identifikation mit Gedanken, die vergleichen, wie es Ihnen jetzt geht und wie es Ihnen früher ging – geht es Ihnen da aktuell nicht ganz gut?! Gibt es – wenn Sie sich nicht mit Gedanken an eine Zukunft identifizieren, in der Ihre körperliche Leistungskraft abnimmt oder Ihre Rücklagen nicht ausreichen, um in Rente gehen zu können – in diesem Moment irgendeine reale Bedrohung? Meine Überzeugung ist, dass Sie ohne Gedanken, die Emotionen wie Bitterkeit oder Hoffnungslosigkeit oder eine Opferhaltung erzeugen, in diesem Moment ganz mit sich im Frieden sind.

Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit von Ihren Gedanken abziehen und sie auf den gegenwärtigen Moment richten, finden Sie zurück zu einem Zustand der Offenheit, in dem Sie empfänglich sind für eine unbegrenzte Quelle des Wissens und ein unbegrenztes Feld der Liebe. Sie erlauben diesem Wissen und dieser Liebe, eine Verbindung mit Ihnen einzugehen und Sie zu verwandeln. Gesundheit bedeutet die Rückkehr zu einem Zustand der Ganzheit in sich selbst. Es ist zugleich der wirkungsvollste Weg, die Zukunft zu verändern.

Das Ego erzeugt – ähnlich wie eine schlechte Mobilfunkverbindung, bei der man außer Rauschen nur abgehackte Sprachfetzen hört – ständig belastende emotionale und mentale Störgeräusche, die das Signal dieser tieferen Intelligenz überdecken. Auf diese Weise schottet es Sie von einer wertvollen Quelle des Wissens ab. Und es schwächt die Verbindung Ihres Körpers zur Schwingung der Ganzheit, die den tieferen Ton der Existenz bildet. Auf der Ebene des Ego sind Sie immer mehr oder weniger „verstimmt“.

Ihr Ego macht Sie immer wieder zu der Person, die Sie waren, statt zu der, die Sie wirklich sind und die Sie sein können. Es kann sich die Zukunft nie auf eine Weise vorstellen, die ganz neu ist, sondern wird immer nur das projizieren, was ihm bereits bekannt ist. Wenn Sie präsent sind und Abstand vom Denken Ihres Ego gewinnen, richtet sich Ihr gesamtes Wesen wieder an jenem weiteren Bewusstsein aus. Dann erst entsteht Raum für neue Möglichkeiten – und dazu gehört auch die Wiederherstellung der körperlichen Gesundheit.

Sie haben mehr als einen Körper

Ein aufnahmefähiges, offenes System verfügt über Möglichkeiten des Wachstums und der Reorganisation, die für uns unvorhersehbar sind. Sowohl Ihr Körper als auch Ihr Bewusstsein sind solch offene Systeme. Wer Sie wirklich sind, das lässt sich nicht statisch, ein für alle Mal definieren. Ihre Seinserfahrung beginnt stets genau jetzt, weil Sie Ihren Bewusstseinszustand und sogar Ihren Gesundheitszustand in jedem Moment erneuern.1 Es ist daher nicht falsch zu sagen, dass Sie mehr als einen Körper haben, oder genauer gesagt, dass Ihr Körper sich in jedem Augenblick gemäß dem Bewusstseinszustand, auf den Sie eingestimmt sind, erneuern kann. Im einen Moment können Sie unter Schmerzen leiden und im nächsten schmerzfrei sein. In dem einen Bewusstseinszustand kann eine Krankheit abklingen, im nächsten kann der Krankheitsprozess fortschreiten.

Was über diesen Unterschied entscheidet, ist eines der großen Geheimnisse des Lebens. Nach langer Beobachtung kann ich jedoch sagen, dass es von entscheidender Bedeutung ist, wie präsent Sie in jedem Moment sind. Das bedeutet natürlich nicht, dass Sie das Ergebnis aller Erlebnisse und Vorgänge in Ihrem Leben gänzlich steuern könnten. Aber über die Präsenz und den Grad Ihrer Aufmerksamkeit haben Sie wesentlich mehr Einfluss, als Ihnen vermutlich bewusst ist; damit können Sie einen Ort der Heilung, der Klarheit und des Vertrauens in sich selbst finden und sogar ein neues Verhältnis zum Leben an sich.

Gefühle, denen Sie sich stellen müssen

Wenn Sie lernen, in der Gegenwart zu leben, legen sich die von Ihren Gedanken erzeugten negativen Emotionen. Sie werden auch damit aufhören, sich mit positiven Fantasien über die Zukunft zu betäuben, die lediglich bewirken, dass Sie das Leben selbst verpassen. Schon das allein ist ein großer Erfolg. Aber Ihre Fähigkeit zu fühlen geht tiefer als die Welt Ihrer vom Verstand erzeugten Emotionen. Fühlen ist ein Bewusstseinszustand, der für Ihre Kenntnis Ihrer selbst von entscheidender Bedeutung ist. Ich werde in Kapitel 8 näher darauf eingehen. Lassen Sie mich für den Moment einfach nur festhalten, dass es in der ganzen Bandbreite des Fühlens sowohl Gefühle gibt, die freudig und herzlich sind, als auch solche, die dunkler sind und bei deren Auftreten es uns schwerer fällt, präsent zu bleiben.

Niemand hat Probleme mit positiven Gefühlen – solange sie nicht zu stark werden: Dann fühlen sich manche Leute durch übermäßiges Wohlgefühl bedroht und „machen dicht“. Sie verzichten auf ihr Geburtsrecht, den Himmel auf Erden in diesem Leben zu spüren. Noch problematischer ist, dass Sie bereits seit frühester Kindheit, als Sie noch nicht in der Lage waren, sich den dunklen und bedrohlichen Gefühlen zu stellen, reflexartig vor diesen fliehen. Auf diese Weise haben Sie Ihr noch zerbrechliches Ego beschützt und erhalten. Mittlerweile sind Sie allerdings erwachsen, sodass diese Gewohnheit Sie lediglich in Konflikt bringt mit den meisten Ihrer Erfahrungen und der dunkleren Hälfte Ihres Gefühlsspektrums und zu einer inneren Spaltung führt.

Diese Spaltung ist ein permanentes Problem. Sie raubt Ihnen Energie, weil sie es Ihnen nahezu unmöglich macht, ganz präsent zu sein, sobald ein „negatives“ Gefühl auftaucht. Ich habe im Verlauf meiner Arbeit festgestellt, dass es in Bezug auf Selbstheilung und „Erwachen“ zwei grundlegende Herausforderungen gibt. Bei der ersten geht es um die Identifikation mit den Gedanken und das emotionale Leid, das dadurch verursacht wird. Die zweite Herausforderung ist die alte, unbewusste Angewohnheit, vor Gefühlen davonzulaufen, die das Ego als bedrohlich empfindet – selbst wenn sie schön und positiv sind.

Der Weg zu innerem Frieden und Wohlbefinden ist stets eine Odyssee – eine Reise zu den Gefühlen, die Sie sich für den größten Teil Ihres Lebens nicht gestattet haben. Häufig sind es Gefühle wie Melancholie, Hilflosigkeit, Machtlosigkeit oder Leere, denen Sie nie Raum gegeben haben; sobald sie zum Vorschein kamen, hat Ihr Ego sie in Emotionen wie Wut oder Scham umgewandelt. Manchmal waren es auch Gefühle tief empfundener Freude oder Liebe, von denen sich Ihr Ego abgewendet hat, sodass Sie verschlossen wurden und niemandem trauen. In vielerlei Hinsicht geht es beim Wiedergewinnen wahrer Gesundheit darum, wieder zum echten Fühlen zurückzufinden – in Bezug auf angenehme wie auf weniger angenehme Gefühle. Im weiteren Verlauf dieses Buches werden Sie lernen, wie Sie dies erreichen können.

Wenn Sie in die Gegenwart kommen und lernen, jedem Gefühl Raum zu geben, findet eine geheimnisvolle Wandlung statt. Etwas tief in Ihnen reagiert – nennen wir es einfach die Seele – und Sie öffnen sich mehr und mehr dem Leben. Beziehungen zu anderen Menschen werden authentischer, ehrlicher, direkter. Sie werden ganz von selbst spontaner und gehen die Dinge eher spielerisch an. Sie können sich selbst an den einfachsten Dingen erfreuen …

Wenn Sie mit diesem Moment im Frieden sind – damit, wer Sie sind und wie Sie sind, unabhängig von den Umständen –, erwachen Sie zu Ihrem vollen Bewusstsein. Jeder kann das. Es hat weder etwas mit Magie zu tun noch mit Wunschdenken oder mit dem Einsatz positiver Affirmationen. Es ist eine tiefgreifende und spannende Arbeit.

Sie können jetzt gleich lernen, wie Sie den Gedanken Einhalt gebieten, die Sie verletzen. Sie können eine neue Beziehung zu jedem Gefühl entwickeln, das Ihnen Angst macht. Wenn Sie das tun, werden Sie eine neue Beziehung zu sich selbst entdecken – zu Ihrer Krankheit, Ihrer Familie, Ihrer Vergangenheit und Ihrer Zukunft. Sie können immer länger in der Gegenwart bleiben und von dort aus eine bewusste Beziehung zu allem aufbauen. Es ist ein Wachwerden für die eigene Ganzheit. Und es ist eine Reise zu wahrer Gesundheit.

KAPITEL 2


Das Spiel des Ego durchschauen

Den Dingen, die in Ihrem Leben in jedem Moment geschehen, keinen Widerstand entgegenzusetzen – das können Sie jederzeit lernen, ganz gleich, ob Sie gesund sind oder nicht. Selbst wenn Sie im Krankenhaus liegen sollten und man Ihnen vielleicht sagt, Sie hätten nur noch wenige Wochen zu leben, kann die Realität des gegenwärtigen Moments – unbelastet von Gedanken, die „darübergestülpt“ werden – das Lächeln auf dem Gesicht eines geliebten Menschen sein oder eine vertraute Stimme. Es kann das gedämpfte Nachmittagslicht sein, das durch das Fenster ins Zimmer fällt, oder auch das Piepsen des Herzmonitors oder Geräusche aus dem Fernseher. Das ist die Wahrheit dieses Moments: Licht tritt in den Raum ein, eine Beziehung zu einem vertrauten Menschen ist gegenwärtig oder andere Menschen (in einem Fernsehfilm) machen gerade bestimmte Erfahrungen … Die Dinge haben alle auf ihre Weise einen Sinn, sie sind „richtig“, selbstverständlich, in Ordnung, wenn Ihr Ego sich nicht dem widersetzt, was ist.

Wenn Sie die Wahl treffen, sich fest im gegenwärtigen Moment zu verankern – also nicht in den Bildern oder Geschichten, die Ihre Gedanken erzeugen –, dann ist das die grundlegende und wichtigste aller Entscheidungen. Sobald Sie in angstvollen Gedanken oder negativen Urteilen gefangen sind, ist jedes Geschehen wesentlich schwieriger und schmerzvoller, als es wäre, wenn Sie einfach offen sein könnten für das, was tatsächlich passiert. Selbst wenn Sie die Entscheidung treffen, sich nur auf positive Gedanken zu konzentrieren, erreichen die damit hervorgerufenen guten Gefühle, auch wenn sie Ihnen willkommen sein mögen, nie die Fülle dessen, was jeder Moment bringen kann, wenn Sie es sich gestatten, tief im Jetzt zu ruhen.

Wenn Sie ganz im gegenwärtigen Moment sind, werden Sie auf eine Weise vom Leben getragen, die Ihrem Ego-Selbst nicht zur Verfügung steht, da es in seinen eigenen Geschichten gefangen ist. So sehen Annahme und Hingabe aus. Hingabe bedeutet nicht, dass Sie einen Kampf verloren haben. Sie haben lediglich aufgehört, zu kämpfen, und sich einer tieferen Wirklichkeit geöffnet: der Unmittelbarkeit des Moments. Überrascht werden Sie feststellen, dass Sie von einer sanften Präsenz in Empfang genommen und begleitet werden.

Diese Präsenz kann das, was das Ego gewohnheitsmäßig zu vermeiden sucht, willkommen heißen, ohne irgendeine weitere Reaktion von Ihrer Seite. In dieser Hingabe stellen Sie fest, dass es keinerlei Drang mehr danach gibt, irgendwo anders zu sein. Im Ego gibt es ständig das Streben nach etwas anderem als dem, was ist. Wenn Sie Ihre Erfahrung weder ablehnen noch auf irgendeine Weise verändern möchten, dann ist jeder Moment ein grenzenloses Feld an Möglichkeiten, Einsicht und tiefer Unterstützung.

Wenn Sie krank sind oder Ihr Leben auf andere Weise nicht nach Ihren Vorstellungen verläuft, dann ist es Ihr Ego, das sich beschwert, in den Widerstand geht, ängstlich oder wütend wird und Strategien entwirft. Sobald Sie in den gegenwärtigen Moment gehen, weg vom Ego und hinein in das Gewahrsein, sind Sie nicht länger krank, auch wenn Ihr Körper es sein mag. Als bewusstes Wesen sind Sie das Gewahrsein, das immer in Stille und Frieden existiert, und können die ständige laute Aktivität des Ego beobachten, ohne sich damit zu identifizieren. Dazu müssen Sie allerdings lernen, im Gewahrsein zu bleiben und Ihre Gedanken zu beobachten, denn sonst glauben Sie, Sie und Ihre Gedanken wären ein und dasselbe. Dann hat das Ego Sie in seinen Klauen und die Geschichten, die es erfindet, verursachen Leiden.

Wie das Ego Sie zu etwas „Besonderem“ macht

Wenn das Ego „am Drücker“ ist, besteht sein vorrangiger, selbst gewählter „Auftrag“ darin, ständig seine eigene Existenz zu bestätigen, und zwar immer wieder von Neuem. Es tut dies, indem es Sie davon überzeugt, dass Sie etwas Besonderes seien.

Für ein Kind ist es ganz normal, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Kinder werden geliebt, umsorgt und man spielt mit ihnen – sie genießen nahezu permanente Aufmerksamkeit. Kinder fühlen sich unweigerlich als etwas Besonderes: entweder in einem positiven Sinne, aufgrund all der Liebe und Aufmerksamkeit, die sie bekommen, oder (traurigerweise) im negativen Sinne, weil sie nicht ausreichend versorgt werden und zu wenig positive Aufmerksamkeit erhalten.2

Wir übernehmen die Art, in der wir als Kind unser Gefühl der Besonderheit entwickelt haben, in unser Erwachsenenleben. Zwar ist das Gefühl, etwas Besonderes zu sein – speziell in Bezug darauf, wie wir uns von unseren Eltern gesehen und geliebt fühlen –, für die ersten Lebensjahre äußerst wichtig; es wird aber im späteren Leben eher zu einem Problem. In diesem Abschnitt verwende ich die Worte besonders und Besonderheit in einem spezifischen Sinne, nämlich um deutlich zu machen, wie das Ego ständig eine falsche Identität erzeugt, die in ein Gefühl offener oder verschleierter Selbstgefälligkeit mündet. Natürlich trifft es zu, dass wir alle einzigartig und in diesem Sinne auch besonders sind, doch ist dies nicht der Aspekt, den wir hier untersuchen möchten.

Wenn Sie mit einer Krankheit oder einem emotionalen Problem konfrontiert sind, gibt es viele Arten, wie Sie sich selbst unbewusst zu etwas Besonderem machen. So kann Ihr Leiden beispielsweise besonders „furchtbar“ sein, viel schwerer zu ertragen als das von anderen, oder es ist vielleicht zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt aufgetreten. Vielleicht sind Sie auch insofern etwas Besonderes, als Sie Ihr Leiden scheinbar mühelos bewältigen, ohne Angst oder Schwäche zu zeigen, und sich nie Ihren depressiven Gefühlen beugen … Sie selbst in der eigenen Wahrnehmung zu etwas Besonderem zu machen oder in der Art und Weise, wie Sie von anderen gesehen zu werden glauben, das ist der Hauptzweck und die Haupttätigkeit des Ego. Wenn Sie sich das klar machen, haben Sie bereits einen entscheidenden Schritt getan, um sich von seinem begrenzenden Einfluss zu befreien.

Die Herausbildung des Ego ist ein wichtiger Schritt in unserer Entwicklung. Bevor wir als bewusste Wesen erwachen können, müssen wir zunächst einen Standort schaffen, von dem aus wir bewusst werden können. Das ist das Ego, das Ich-Erleben. Diese Art von Bewusstsein ist allerdings sehr begrenzt und verursacht übermäßiges Leiden, weil sein Blickwinkel uns die Erfahrung der Trennung vermittelt.

Das Ego glaubt, das Ich sei etwas ganz anderes als alles andere. Es glaubt an das „mein“: mein (getrennter) Körper, meine Gefühle, meine Ansichten, mein Gebiet, mein Besitz. Es fühlt sich von allem bedroht, was seinem eigenen idealisierten Selbstbild widerspricht, ebenso wie von allen Gefühlen, die es sich nicht erklären kann. Und es empfindet Krankheit und den Verlust von Wohlstand als Bedrohung. Kurzum: Wenn das Ego sich mit etwas identifiziert und daran anhaftet, fühlt es sich bedroht, sobald dieses Etwas infrage gestellt ist.

Zu einem späteren Zeitpunkt der bewussten Entwicklung können Sie die Illusion der Getrenntheit überwinden und wach werden für eine tiefere Verbindung zum Leben. Es ist eine Erweiterung der Erfahrung, die Sie schon oft im Leben hatten, wenn Sie ganz präsent bei dem waren, was Sie taten, und es keinen Handelnden gab, nur ein Gefühl des Seins.

Weil es keine Möglichkeit gibt zu charakterisieren, wer Sie als bewusstes Wesen sind, muss Ihr Ego einen Weg finden, Sie an Ihre eigene Getrenntheit glauben zu lassen. Das Ego kann nicht neutral sein; es kann weder Sie noch den gegenwärtigen Moment so sehen, wie sie tatsächlich sind – denn das wäre reines Gewahrsein. Also muss das Ego Sie auf die eine oder andere Weise aus der Masse herausragen und zu etwas Besonderem werden lassen. Dies tut es auf zweierlei Art: Es erzählt Ihnen Geschichten über Sie selbst, die Sie entweder zu mehr oder zu weniger machen, als Sie wirklich sind.

Wenn die Geschichten des Ego Sie „kleinmachen“, dann bezeichne ich dies als „depressive Besonderheit“ oder Depressivität [engl.: depressive specialness], im Unterschied zur „großartigen Besonderheit“ oder Grandiosität [engl.: grandiose specialness], die entsteht, wenn das Ego Ihnen ein Gefühl der Überlegenheit vermittelt.

Vielleicht neigen Sie jetzt zu der Annahme, dass ein Überlegenheitsgefühl die bessere oder wünschenswertere Form der Besonderheit sei. In Wahrheit jedoch unterbindet das Gefühl der Überlegenheit wirkliche Nähe zu anderen, fördert Verdrängung und führt in vielerlei Hinsicht zu mangelndem Urteilsvermögen. Der Glaube, Sie seien weniger wert als andere, bewirkt im Grunde genommen das Gleiche, nur auf andere Weise. In keinem Fall hilft aber das Vorhaben des Ego, Sie zu etwas Besonderem zu machen, Ihnen dabei, gesund und heil zu werden.

Worum es dem Ego geht

Sie von Ihrer Besonderheit zu überzeugen – darin besteht das geheime Spiel des Ego und es kann von diesem Spiel gar nicht genug bekommen. In dem einen Moment sind Sie die oder der Beste, im nächsten Moment sind Sie nichts wert. In der einen Situation glauben Sie, Sie wüssten es am besten, in der nächsten unterwerfen Sie sich wehrlos den Vorstellungen anderer. Ob Sie in depressive oder großartige Besonderheit verfallen, hängt vom Kontext ab. Vielleicht neigen Sie in Ihrer Ehe zur Grandiosität und dominieren oder tyrannisieren Ihren Partner. Doch kaum sind Sie bei der Arbeit, schlägt dies in depressive Besonderheit um: Sie buckeln vor Ihrem Vorgesetzten und fühlen sich als Opfer.

Das Ego ist nicht etwa eine schlechte Sache – genau genommen ist es gar keine Sache. Es ist einfach ein sich ständig neu bildendes Verstandeskonstrukt, das auf der unbewussten Identifikation mit den Geschichten basiert, die Sie sich selbst (in lediglich leicht abgewandelter Form) seit Ihrer Kindheit erzählt haben. Natürlich ist jeder von uns einzigartig und insofern auch etwas Besonderes. In diesem Kontext beziehe ich mich allerdings auf die Besonderheit, die das Ego Ihnen aufdrückt. Es geht um die emotionale Ausprägung Ihres Gefühls der Getrenntheit, egal, ob Sie sich besser oder schlechter als andere fühlen. Beide Pole haben einen starken Einfluss darauf, wie Sie sich sehen und wie Sie auf Menschen und Situationen reagieren. Wenn Sie sich überlegen fühlen, neigen Sie zu Wut und Ungeduld, im umgekehrten Fall zu Konformität und Verschlossenheit.

Das Problem ist, dass wir dieses Bedürfnis, etwas Besonderes zu sein, nur selten durchschauen und ihm kaum entgehen können. Stattdessen verbringen wir unser gesamtes Leben damit, uns wichtig oder unwichtig, glücklich oder unglücklich (und in jedem Fall irgendwie besonders) zu fühlen – verleitet von nahezu jedem unserer Gedanken. Wir identifizieren uns unbewusst mit unseren Gedanken darüber, wer wir sind (oder nicht sind), und wir werden zu dem, was sie uns einflüstern.

Wenn es um Heilung geht, hat Ihr Ego – gelinde gesagt – nicht immer Ihr Bestes im Sinn. Es ist ihm ziemlich gleichgültig, ob Sie gesund werden oder inneren Frieden verspüren. Wichtig ist ihm allein, dass Sie sich auf irgendeine Weise besonders fühlen. So erzählt es Ihnen vielleicht, dass Sie es alleine schafften und niemand anderen bräuchten oder dass Sie besondere Aufmerksamkeit und die besten Ärzte verdient hätten oder dass Sie eine Kämpfernatur seien und allen Widrigkeiten zum Trotz siegen würden. Es wird Ihnen alles erzählen, was nötig ist, um Ihr Gefühl der Überlegenheit und Selbstgefälligkeit zu stärken. Wenn Ihr Ego es nicht schafft, Ihnen Geschichten über Ihre Überlegenheit zu verkaufen, dann sucht es eben nach solchen, die Ihnen ein Minderwertigkeitsgefühl vermitteln. Es lenkt Ihre Gedanken auf Geschichten, in denen Sie sich schwach und wertlos fühlen – eine Last und Bürde für andere, ein Versager, unattraktiv, unfähig, dumm …

Dem Ego ist es ziemlich egal, dass diese Eigenbewertungen zur Folge haben, dass Sie tatsächlich entweder selbstgefällig werden oder unglücklich. Es ist ihm egal, dass die meisten seiner Geschichten harte und extreme Urteile beinhalten. Das Einzige, was ihm wirklich etwas bedeutet, ist sein eigenes Weiterbestehen, und dazu müssen Sie glauben, dass Sie eine überlegene oder minderwertige Person seien.

Es geht dem Ego um Identität – nicht um Gewahrsein oder darum, wer Sie wirklich sind. Und ob Sie nun unglücklich und beschämt oder stolz und selbstgefällig sind: Jede Identität ist auf ihre Art etwas Besonderes. Das Ego kann nicht zulassen, dass Sie vollkommen präsent werden, weil es in dem Moment, in dem dies eintritt, in den Hintergrund gerät und es nur noch reines Sein oder Gewahrsein gibt. Und das versetzt Ihr Ego sozusagen in Todesangst, weil es sein Verhältnis zum Gewahrsein noch nicht verstanden hat.

Unsere „Standardeinstellungen“

Wir alle haben in Bezug auf unsere Besonderheit eine Art „Standardeinstellung“, das heißt, eine Tendenz, die meiste Zeit über entweder in der Vorstellung einer depressiven oder in der Vorstellung einer großartigen Besonderheit zu verharren:

1. Derjenige Teil der Menschen, dessen „Sollwert“ eher in Richtung Überlegenheit geht und dessen Mitglieder manchmal als „Persönlichkeitstyp A“ bezeichnet werden, verfügt scheinbar über Stärke und Macht. Aber die Körper dieser Menschen sind offensichtlich nicht sehr glücklich, denn bei Mitgliedern dieser Gruppe treten statistisch gesehen häufiger Herzkrankheiten auf. Diese Menschen reiben sich auf, um ihre Überlegenheit immer wieder neu unter Beweis zu stellen. Sie können ihr Tempo nicht drosseln und wissen nicht, wie man zur Ruhe kommt. Sie sind stets in Aktion und brauchen das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Das Ziel, auf das sie vermeintlich zusteuern, entspricht in der Regel dem Idealbild des Erfolgs in Form von Macht und Reichtum. Dennoch ist dieses Ziel unwichtiger für sie als das, wovor sie unbewusst flüchten und was die andere Seite der Medaille darstellt: Minderwertigkeit. Der „Schatten“ des Menschen, der sich überlegen fühlt, ist sein verdecktes Minderwertigkeitsgefühl. Um dieses Gefühl zu vermeiden, treibt er sich gnadenlos voran; das führt häufig zu Burn-out oder anderen Erkrankungen.

2. Menschen, deren „Standardeinstellung“ eher in Richtung des depressiven Pols tendiert, wissen häufig nicht, wie man im Leben Stellung bezieht. Sie schwächen sich ständig selbst durch den Glauben an ihre eigenen Grenzen. Dahinter steckt der Versuch zu beweisen, dass sie in ihren Einschränkungen tatsächlich etwas Besonderes sind – stärker verletzt, bedürftiger, weniger wert. Aber auch hier gibt es einen Schatten, nämlich das Überlegenheitsgefühl, mit dem sie die Welt zu einem unsicheren oder unfairen Ort erklären. Menschen mit depressiver Besonderheit sind oft kritisch denjenigen gegenüber, die Aufmerksamkeit erhalten oder erfolgreich zu sein scheinen. Häufig glauben sie, das Leben schulde ihnen etwas. Ihr verborgenes Überle genheitsgefühl zeigt sich darin, dass sie meinen, man müsse sich um sie kümmern, oder in der Art und Weise, wie sie andere und sich selbst verurteilen und Schuldzuweisungen verteilen. Sie glauben, gefangen und hilflos zu sein, unfähig, ihr Leben zu ändern. Das Gefühl der Machtlosigkeit, das sich durch die Geschichten des Ego aufgebaut hat, ist eine der schlimmsten Formen von Belastung. (Es gibt allerdings auch ein Gefühl der Machtlosigkeit, das – im Gewahrsein empfunden – sehr wichtig für die geistige Gesundheit sein kann. Die Natur dieses komplexen Gefühls – und wie Sie damit umgehen können – wird in einem späteren Kapitel behandelt.)

Beide Arten von Besonderheit stellen eine Art von Ungleichgewicht dar, das Stress, Übermüdung und eingeschränkte Lebendigkeit zur Folge hat. Wenn Sie wirklich um Heilung bemüht sind, sollten Sie darauf achten, wann Ihr Ego Sie in Richtung der depressiven oder großartigen Besonderheit schiebt. So haben Sie die Möglichkeit, zum gegenwärtigen Moment zurückzukehren und aus Ihrem natürlichen Wesen heraus wieder von vorn zu beginnen – was sofort zu einem stärkeren Gleichgewicht führt.

Sie haben die Wahl – zwischen Ego und Gewahrsein

Das Ziel dieses Buches besteht darin, Ihnen die Wahl zu geben, ob Sie sich von Ihrem Ego steuern lassen oder sein Spiel durchschauen wollen. Es ist eine Wahl zwischen verstärktem Stress und Leiden (die das Gefühl der Besonderheit unvermeidlich mit sich bringt) einerseits und der Ganzheit des Seins andererseits, die sich einstellt, wenn Sie präsent sind und sich nicht dem widersetzen, was gerade passiert. Sobald Sie einmal verstanden haben, dass der einzige Zweck Ihres Ego darin besteht, dass Sie sich besonders fühlen, können Sie beginnen, sich aus seinem Griff zu befreien. In Kapitel 4 werden Sie eine wirkungsvolle Methode kennenlernen, die es Ihnen nicht nur ermöglicht, jederzeit ins Jetzt zurückzukehren, sondern die Sie gleichzeitig die vielen Muster, Reaktionen, Angewohnheiten und Strategien erkennen lässt, die Ihr Ego einsetzt, um Ihre Besonderheit immer wieder zu bestätigen. Sobald Sie ein wenig Abstand von diesem grundlegenden Ego-Muster gewonnen haben, werden Sie erkennen, wie ermüdend es ist, und Ihre Lebenskraft schnell wieder zurückgewinnen.

Jetzt werden Sie vielleicht sagen beziehungsweise denken, Sie seien doch gar nichts Besonderes und Sie sähen sich selbst auch nie in dieser Weise. Aber wenn Sie wachsam sind, werden Sie erkennen, wie subtil das Spiel der Besonderheit sein kann. Jedes Mal, wenn Sie feststellen, dass Sie sich in irgendeinem Punkt von anderen unterscheiden (ob Sie sich dessen voll bewusst sind oder nicht), sehen Sie sich selbst zwangsläufig als über- oder unterlegen. Das ist nichts anderes als Besonderheit. Jedes Mal, wenn Sie besondere Aufmerksamkeit erwarten, sich an der Supermarktkasse vordrängeln oder grundlos ärgerlich oder ungeduldig werden, sind Sie in ein Gefühl der Überlegenheit gerutscht. Ein guter Test dafür, für wie besonders Sie sich unterbewusst halten, ist es, wie Sie auf jemanden reagieren, der berühmt ist oder sehr reich, beispielsweise ein Filmstar oder der Vorstandsvorsitzende eines großen Konzerns: Wenn sich in Gegenwart solcher Menschen auch nur das Geringste an Ihrer Haltung ändert, dann ist dies Ihr Gefühl der Besonderheit, das sich rührt.

Wann immer Sie sich schuldig, unwichtig oder unwürdig fühlen oder glauben, die Bedürfnisse anderer hätten Vorrang vor Ihren eigenen, haben Sie sich für die depressive Besonderheit entschieden. Überlegenheitsgefühle können sich übrigens auch in Form von Gedanken wie diesen äußern: Meine Frau hat es nicht verdient, Krebs zu bekommen, sie ist so ein guter Mensch. Dahinter steckt die Idee, dass Krankheit eine Strafe ist und Gesundheit eine Belohnung. In Wirklichkeit ist es ein verstecktes Überlegenheitsgefühl: Sie selbst und alle, die Ihnen am Herzen liegen, verdienten es, von Krankheit frei zu sein. Solche Meinungen und viele andere, die Sie nach und nach erkennen werden, sind nichts anderes als Konstrukte, mit denen Sie sich unbewusst bestätigen, dass Sie als exklusives, eigenständiges Individuum existierten; Sie seien nicht einfach irgendwer – Sie seien jemand Besonderes.

In dem Maße, wie Sie das Spiel des Ego durchschauen, hört es auf, Sie zu dominieren, und Sie ruhen stärker in Ihrem höheren Gewahrsein. Dieses größere Selbst sieht beide Seiten Ihrer Besonderheit, also sowohl die Neigung, sich mit Aggressivität, Rechthaberei, Selbstgefälligkeit oder Ungeduld aufzublasen, als auch die Tendenz, in Opferdasein, Abwehrhaltung, Scham oder Hilflosigkeit zu versinken. Sobald Sie sich beider Tendenzen bewusst sind, stellen Sie fest, dass Sie mehr sind als das, und müssen sich mit keiner der beiden Seiten mehr identifizieren. Beim Entwickeln dieser Bewusstheit erwacht eine ganz neue Dimension Ihrer selbst und Sie beginnen, eine dezente Präsenz auszustrahlen.

Wenn Sie sich nicht wohlfühlen, dann sind daran meist viele Dinge beteiligt, die Sie nicht steuern können. Beim Beobachten Ihrer Gedanken und Ihres emotionalen Zustands werden Sie jedoch schnell erkennen, dass das Abrutschen in eine der beiden Formen der Besonderheit keineswegs dazu beiträgt, dass Sie innerlich im Frieden sind. Jeder wird irgendwann einmal krank. Wir alle erleben frustrierende Rückschläge und am Ende sterben wir alle. Aber wie alle anderen zu sein, das ist für das Ego nicht akzeptabel. Es braucht das Drama: „Oh nein! Warum ausgerechnet ich?“ Sofort werden Sie zum Opfer und verspüren Angst.

In dem Moment, in dem Sie diese Reaktion bewusst wahrnehmen, kann Ihnen klar werden, dass es realistischer, weniger belastend und vor allem weniger „besonders“ wäre zu sagen: „Warum nicht ich?“ Das Ego lässt Sie natürlich nicht so denken. „Warum nicht ich?“, das bedeutet aus Sicht des Ego nämlich, dass Sie nicht besonders genug sind – Ihr Leiden ist nicht einzigartig und Sie ragen folglich nicht aus der Masse heraus. Für das Ego ist dies gleichbedeutend mit Tod oder Nichtexistenz – etwas, was es um nahezu jeden Preis zu vermeiden gilt.

Wir alle wurden von Kindheit an durch den Glauben an unsere eigene Besonderheit geprägt. Deshalb ist dieses Gefühl auch nur mit Arbeit und mit viel Geduld zu überwinden. Doch sobald Sie lernen, Ihre Gedanken zu beobachten, wird Ihnen nach und nach bewusst, wo das Spiel der Besonderheit überall in Ihrem Leben auftaucht. Dann können Sie darüber lächeln, anstatt in Überlegenheits- oder Minderwertigkeitsgefühle abzudriften.

Sie können sich selbst belohnen – für Ihr Gewahrsein

Ob Sie gerade gewahr sind (oder doch eher in den Krallen des Ego stecken), merken Sie daran, dass Sie sich im ersten Fall nicht verurteilen, wenn Sie in eine „Besonderheitsfalle“ tappen. Tun Sie dies doch, dann hat das Ego wieder die Regie übernommen und gibt Ihnen das Gefühl, noch kleiner zu sein – selbst wenn Sie gerade versuchen, sich aus diesem Spiel zu befreien. Widerstehen Sie also der gewohnheitsmäßigen Versuchung, sich selbst zu bestrafen, wenn Sie sich bei dem Gefühl ertappen, auf die eine oder andere Weise etwas Besonderes zu sein. Lernen Sie stattdessen, sanft über das zu lächeln, was Sie erkannt haben, und belohnen Sie sich für Ihr Gewahrsein.

Sich selbst für Gewahrsein zu belohnen ist für die meisten Menschen eine ganz neue Vorstellung. Ich schlage immer Folgendes vor: Wenn Ihnen bewusst wird, dass Ihr Ego etwas Besonderes aus Ihnen macht – und sei es etwas, was Sie in der Regel verurteilen oder für das Sie sich schämen –, dann sagen Sie einfach „ja“ zu sich selbst, gefolgt von einem „Danke“ und einem „Es tut mir leid“.

Mit dem Ja bekräftigen Sie, dass Sie wach geworden sind und das Besonderheitsspiel erkannt haben, während das Danke eine angedeutete Verbeugung vor Ihrem bewussten Selbst ist, das Sie aufmerksam gemacht hat. Das abschließende „Es tut mir leid“ erkennt an, dass die Geschichte, die Sie sich zu erzählen begonnen haben, Leiden und Unglück verursacht hat. Es ist eine an Sie selbst gerichtete Entschuldigung. Wenn Sie nun noch ein Lächeln hinzufügen, dann wird es nicht nur auf Ihrem Gesicht erscheinen, sondern im gesamten Körper spürbar sein. Versuchen Sie das einmal: Lassen Sie aus der Tiefe Ihres Inneren ein Lächeln aufsteigen. Erzwingen Sie es nicht, lassen Sie es einfach kommen. Spüren Sie, welches Gefühl dieses von innen kommende Lächeln in Ihnen verursacht – es ist eine spürbare Möglichkeit, sich selbst für Ihr Gewahrsein zu belohnen.

Die heilende Kraft des Gewahrseins

Wenn es darum geht, die günstigsten Voraussetzungen für Heilung zu schaffen, ist es sehr wichtig, Folgendes zu erkennen: Wenn Sie von den Gedanken und Emotionen gesteuert und kontrolliert werden, die aus Ihrem Gefühl der Besonderheit entspringen, können Sie mit der tieferen Weisheit des Lebens weniger in Resonanz gehen. Das ist so, als hätten Sie einen Radiosender gewählt, dessen aufhetzende Meinungen Angst, Wut, Schuldgefühle oder Verwirrung in Ihnen verbreiten, anstatt auf einen Kanal zu wechseln, dessen Meldungen Ihnen Einsichten, Klarheit und Weisheit vermitteln.

Wenn Sie emotional hin und her gerissen sind zwischen Angst und Hoffnung oder zwischen Schuld und Vorwürfen, dann ist das anstrengend. Auch das Verteidigen Ihrer Position als etwas Besonderes kostet Kraft. Wenn die Macht des Ego, Sie ständig in emotionale Wechselbäder zu tauchen, nachlässt, können Sie wieder ungehindert in Resonanz mit dem grenzen- und zeitlosen Feld der Präsenz gehen. Dieses Feld wartet auf Sie und ist stets verfügbar, denn solange Ihr Ego es nicht überblendet, sind Sie immer ein Teil von ihm. Plötzlich fühlen Sie sich auf eine Art und Weise unterstützt, die für Ihr Ego völlig unvorstellbar ist.

Aus diesem Grund ist es für einen Menschen, der das Gewahrsein des gegenwärtigen Moments übt und pflegt, wesentlich weniger schlimm, krank zu sein. Auch der Tod ist kein großes Drama mehr, denn Sterben ist letztendlich ein völlig natürliches Ereignis. Sie können sich nicht einerseits damit identifizieren, etwas Besonderes zu sein, und andererseits gleichzeitig präsent, entspannt und im Flow sein. Echtes Wohlbefinden und das Gefühl der Besonderheit schließen sich gegenseitig aus.

Ihr Ego weiß einfach nicht, dass es Teil eines größeren Feldes aus Intelligenz, Liebe und Unterstützung ist. Es glaubt, ein eigenes Wesen zu sein, eine eigenständige Welt. Um diese Welt zu erhalten, muss es sorgfältig darauf achten, dass Sie in seinem Drama weiter mitspielen und sich entweder überproportional wichtig oder aber missachtet fühlen. Es muss (ihm unerwünschte) Veränderungen beklagen und Ängste vor dem Verfehlen der von ihm entworfenen Zukunft schüren. Es muss Ihnen sagen, dass Krankheit unfair sei, denn es kann weder Krankheit noch Tod als etwas Natürliches betrachten. Also muss es heroisch danach streben, wieder gesund zu werden, denn es versteht nicht, dass jede Konzentration auf diese Art von Geschichte ein emotionales Umfeld schafft, das Liebe verhindert – selbst dann, wenn der Austausch von Liebe Ihnen am meisten am Herzen liegt. In jedem Fall kann das Ego nicht erkennen, dass seine eigene, dem Verstand entsprungene emotionale Welt Sie in Ihrem Heilungsprozess keineswegs unterstützt.

Aus Traum und Drama erwachen!

Ist es Ihnen schon einmal passiert, dass Sie mitten in der Nacht aufgewacht sind und sich Sorgen über etwas gemacht haben? Vielleicht über ein Problem bei der Arbeit oder über einen dummen Streit. Wahrscheinlich ist Ihr Verstand wie wild hin und her gesprungen, da jeder angstvolle Gedanke Sie an etwas erinnert hat, was wiederum einen neuen Anlass zur Sorge gab. Vielleicht haben Sie plötzlich über eine unangenehme Situation mit einem Verwandten nachgedacht oder Sie haben sich daran erinnert, wie abweisend ein Kollege bei der Arbeit zu Ihnen war, und nun fühlen Sie sich gekränkt und verärgert. Sicher haben Sie auch Gespräche in Ihrem Kopf immer wieder durchgespielt und es bedauert, bestimmte Dinge gesagt oder nicht gesagt zu haben, oder Sie haben sich innerlich Sätze zurechtgelegt, die Sie sagen wollen, wenn Sie das nächste Mal in eine solche Situation kommen … Fest steht in jedem Fall, dass die gedankliche Beschäftigung mit dem Thema Sie zusätzlich aufgewühlt hat.

Vielleicht sind Sie auch aufgewacht und haben sich Sorgen über Geld gemacht, über die Rechnungen, die sich auf Ihrem Schreibtisch türmen. Wie wollen Sie das nur packen? Womöglich führte das auch zu Gedanken über andere Leute, die mehr Geld haben als Sie oder die sich um Geld keine Gedanken machen müssen. Hat das Gefühl des Neids bewirkt, dass Sie sich noch hilfloser oder wütender oder noch stärker als Opfer gefühlt haben?

Da lagen Sie also und wälzten sich ruhelos im Bett herum, erschöpft von Ihren eigenen Gedanken und Emotionen. Außerdem war Ihnen bewusst, dass Sie am nächsten Tag so einiges zu erledigen hatten – und schon gesellte sich die Angst dazu, nicht mehr einschlafen zu können. Wie sollten Sie nur den nächsten Tag überstehen – ohne ausreichenden Schlaf? Und so entstand ein neuer Teufelskreis an Gedanken, der Sie in seine scheinbare Realität hineinzog …

Wenn Ihnen das, was ich hier beschrieben habe, bekannt vorkommt, sollten Sie sich deswegen nicht schlecht fühlen. Es ist einfach eine typische Reaktion des Ego, die einsetzt, wann immer Sie sich in irgendeiner Weise bedroht oder unsicher fühlen, also beispielsweise speziell dann, wenn eine schwere Krankheit droht oder Sie sich inmitten in einer größeren Veränderung befinden. Das Ego weiß einfach nicht, wie es mit schwierigen Gefühlen (wie Verwundbarkeit oder Machtlosigkeit) umgehen soll. Wenn das Ego Regie führt, können Sie eine gewisse Dynamik beobachten: Ein Gedanke erzeugt eine Emotion, die zu einem weiteren Gedanken führt, der die nächste Emotion hervorruft … So drehen wir uns im Kreis, wie ein Hund, der seinem eigenen Schwanz nachjagt. Dabei werden wir immer nervöser und unglücklicher, auch wenn es uns ansonsten gerade gut geht und wir warm und sicher im Bett liegen. Das Interessante dabei ist, dass Sie das ursprüngliche Gefühl, dass diese ganze Gedankenlawine ausgelöst hat, nie wirklich erkennen; Sie bekommen es nicht zu Gesicht und können ihm nicht mit vollem Gewahrsein begegnen.

Damit Sie dermaßen in Fahrt kommen, muss das Ego Sie gegenüber dem gegenwärtigen Moment blind machen, denn wenn Sie im Hier und Jetzt völlig präsent sind, gibt es keinen Raum für das Ego. Aus Selbsterhaltungstrieb zerrt das Ego Sie daher aus dem Jetzt und damit aus der Realität heraus – mit jedem Gedanken ein Stückchen weiter. Wenn Sie beginnen zu beobachten, was Ihr Ego da anstellt (und dazu kommen wir in Kürze), werden Sie feststellen, dass es Sie aus dem Jetzt nur an vier andere Orte bringen kann: in die Vergangenheit, in die Zukunft, in Geschichten über Sie selbst oder in Geschichten über andere.

Die gute Nachricht ist, dass Sie dieses „Karussell“ verlassen können, sobald Sie bemerken, dass Sie nicht in der Gegenwart sind. Fragen Sie sich: „Was passiert jetzt in diesem Moment?“ Schauen Sie sich um, beobachten und lauschen Sie. Worin bestehen die Unterschiede zwischen Ihrer tatsächlichen Situation und Umgebung – Geräusche, Licht, Farben und so weiter – und der mentalen und emotionalen Welt, die von Ihren Gedanken erzeugt wird? Nehmen Sie Ihren Atem und Ihren Körper bewusst wahr. Entspannen Sie sich. Sie sind vielleicht krank, aber Sie werden nicht angegriffen – außer von Ihren eigenen Gedanken.

Erkennen Sie, was Ihr Ego getan hat? Es hat Sie aus der Gegenwart herausgezerrt, hinein in die Welt der Erinnerungen und Erwartungen. Gedanken an die Vergangenheit haben zu Emotionen wie Schuld, Vorwürfen, Bedauern oder Nostalgie geführt, Gedanken an eine imaginäre Zukunft zu Angst und Furcht. Sie wurden von lähmenden, vom Verstand erzeugten Emotionen überwältigt. Eine solch intensive Selbstsabotage kennzeichnet das Ego in seinen schlimmsten Ausprägungen. Wenn Sie jedoch gewahr werden, dass Sie gerade nicht in der Gegenwart sind, sondern sich vielmehr in der Zukunft oder in der Vergangenheit bewegen, dann können Sie aus diesem Traum und Drama erwachen.

Durch die Rückkehr in die Gegenwart legt sich der innere Aufruhr, denn Sie dämmen dadurch die Flut der Gedanken ein, die ihn erzeugt und aufrechterhalten haben. Sie zerstören die Trugbilder. Wenn Sie gelernt haben, sich mithilfe Ihres Gewahrseins in den gegenwärtigen Moment zurückzuholen, sind Sie stärker im Körper präsent, wacher für Ihr wahres Selbst und in der Lage, die Anforderungen Ihres Lebens mit Klarheit anzugehen.

Jedes Mal, wenn Sie das Jetzt verlassen, identifizieren Sie sich unweigerlich mit einer Geschichte, die Sie sich über Sie selbst, Ihre Gesundheit oder Ihr Leben erzählen. Das ist so, als wären Sie – wie die Titelfigur aus Alice im Wunderland – durch ein Kaninchenloch in eine imaginäre Welt gefallen. Aber im Gegensatz zu Alice, der bewusst war, dass sie sich in einer Fantasiewelt befand, sind die meisten von uns völlig davon überzeugt, dass diese Welt echt sei.

Es ist von entscheidender Bedeutung, sich diesen letzten Punkt klarzumachen, denn die blinde Identifikation mit Ihren Geschichten wird sich endlos fortsetzen, wenn Sie nicht das Muster erkennen und es dem Licht des Gewahrseins des gegenwärtigen Moments aussetzen. Sie können nur dann Ihr authentisches Selbst sein, wenn Sie aufwachen und Ihren rechtmäßigen Platz als das bewusste Wesen einnehmen, das die ganze Show beobachtet, aber nicht mehr in ihrem Bann gefangen ist.

Der Prozess des Wachwerdens für ein höheres Maß an Gewahrsein und Präsenz wird manchmal als Tod des Ego bezeichnet. Aber das Ego stirbt nicht, wenn Sie einen höheren Grad an Präsenz gewinnen, und sollte dies auch gar nicht tun. Wichtig ist allein, dass es Ihren Verstand nicht mehr regiert und Ihre Erfahrung nicht mehr bestimmt. Stattdessen dient es dem Gewahrsein, indem es Ihren einzigartigen Standpunkt repräsentiert – allerdings nicht länger in einer Form, die Ihre Identität definiert, Sie von anderen abtrennt und Sie zu etwas Besonderem macht. Wenn das Ego sich zurückzieht und dem Gewahrsein den Vorrang gibt, verliert Ihre Identität als Einzelperson an Dominanz und Sie können die ganze Fülle des Seins kosten.

KAPITEL 3


Die eigene Wirklichkeit erschaffen

Eine in unserer Zeit populäre Aussage lautet: „Du erschaffst dir deine eigene Realität.“ Leider wird dies oft missverstanden und so gedeutet, dass etwa ein Kranker seine Krankheit selbst verschuldet habe. Natürlich gibt es durchaus Fälle, in denen man eine gewisse Verantwortung für seine Krankheit trägt, etwa wenn man in der Vergangenheit nicht besonders gesund gelebt, wenn man geraucht oder ein Übermaß an Alkohol zu sich genommen hat. Gleiches gilt für die Einnahme von Drogen oder für Medikamentenmissbrauch. Von diesen offensichtlichen Beispielen einmal abgesehen können Sie jedoch in den meisten Fällen nicht wissen, warum Sie erkranken. Deshalb sollten Sie das Ganze nicht noch zusätzlich verschlimmern, indem Sie sich schuldig fühlen.

Die eigentliche Wahrheit, die in dem oben zitierten Satz steckt, ist die, dass Sie tatsächlich Ihre eigene Wirklichkeit erschaffen, allerdings nur gerade jetzt, in diesem Moment. Und zwar tun Sie dies mit den Geschichten, die Sie sich erzählen und mit denen Sie sich identifizieren. Sie erschaffen nicht die Szenerie, in der Sie sich befinden, sondern Ihre Reaktion darauf.

Wie das Wetter beispielsweise sich präsentiert, liegt nicht in Ihrer Hand. Aber wenn Sie die jeweilige Wetterlage und dann den ganzen Tag als „mies“ bezeichnen, verdirbt Ihnen das die Laune. Sobald Sie verstehen, dass Sie für die psychische und emotionale Realität verantwortlich sind, die Sie in diesem Moment erleben, werden Sie wach für die Natur Ihres Bewusstseins und lassen solche Gefühle wie Schuld hinter sich.

Wenn Sie sich selbst sagen: „Ich habe diese Krankheit verursacht“, dann erzeugt dies sofort ein Gefühl von Scham und Schuld. Besser geht es Ihnen damit auf keinen Fall. Selbst wenn Sie zuvor nicht immer gesund gelebt haben, hilft es im gegenwärtigen Moment nicht, sich deswegen Vorwürfe zu machen. Der Schlüssel dazu, Ihr Potenzial des Heilwerdens zu stärken, liegt in der Entscheidung, völlig präsent zu sein. Oder anders gesagt: Zerbrechen Sie sich nicht länger den Kopf darüber, was Ihre Krankheit verursacht hat, und lassen Sie sich lieber ganz auf das ein, was Ihre tatsächliche Erfahrung in jedem Moment ist.

Die Auffassung, dass Sie Ihre Krankheit selbst verursacht hätten, hat aber noch eine weitere Konsequenz: Sie werden dann vermutlich glauben, Sie könnten erst dann Heilung erreichen, wenn Sie die Ursache der Krankheit herausgefunden hätten. So stehen Sie erst recht unter Druck, denn zu Ihrem Schuldgefühl gesellen sich noch Angst und Sorge hinzu. Die Wahrheit ist also, dass Sie tatsächlich Ihre eigene Realität erzeugen, und zwar allein durch Ihr Denken. Wenn Sie glauben, dass Sie Verursacher(in) Ihrer Krankheit seien (was Sie im Übrigen wieder zu etwas Besonderem macht), führt dies nur zu unnötigem Leiden.

Wie ich bereits ausgeführt habe, geht es dem Ego um Identität. Außerdem hält es sich an die Chronologie der Ereignisse und zieht aus den Veränderungen, die sich im Laufe der Zeit einstellen, seine Schlüsse: „Ich war gesund und jetzt bin ich krank, … also muss etwas passiert sein, was dies verursacht hat.“ Sind Sie hingegen einfach präsent, so haben Sie die Zeit losgelassen und damit auch das Ego. Die Dinge sind einfach so, wie sie sind, und Sie identifizieren sich nicht länger mit Begriffen wie krank oder gesund.

An Ursache und Wirkung zu glauben, also an das Prinzip der Kausalität, das ist eine Art, wie Sie Geschehnisse und Erfahrungen interpretieren können: Wenn A stattfindet, dann resultiert daraus B, also verursacht A das B … Die moderne Medizin und die Wissenschaft ganz allgemein basieren auf diesem Prinzip der Kausalität: Wenn man die Kette der Ereignisse, die zu einer Krankheit führen, erkennen und dann ändern kann, ist man vielleicht auch in der Lage, sie aufzuhalten. Dieser Ansatz hat es möglich gemacht, viele Krankheiten in den Griff zu bekommen. Die moderne Medizin rettet jeden Tag unzählige Leben, die noch vor wenigen Jahrzehnten verloren gewesen wären.

Doch auch wenn die äußere, objektive Welt dem Gesetz von Ursache und Wirkung zu folgen scheint, verliert die Kausalität beim Wechsel in die Gegenwart – in das Sein – an Bedeutung und wird gänzlich unbestimmbar. Es ist so, als würden Sie sich immer mehr dem Zentrum eines sich drehenden Rades nähern: Am Ende dieser Annäherung liegt ein Punkt, der völlig bewegungslos ist.

Wenn Sie im Jetzt sind, hört Ihr Verstand auf, über Sie und alles andere nachzudenken, und Sie sind einfach gewahr. Die Zeit hält in gewisser Weise an oder „verlangsamt“ sich so weit, dass Ihr Selbstempfinden nicht mehr das von jemandem ist, der sich auf dem Weg irgendwohin befindet. Sie sind einfach, wie Sie sind. Ihre Situation – oder genauer gesagt: Ihr gegenwärtiger Zustand – ist nichts, was von etwas Vorausgegangenem verursacht wurde. Sie vergleichen ihn weder mit der Vergangenheit, noch treffen Sie irgendwelche Vorhersagen für die Zukunft. Sie erklären Ihre Erfahrung nicht länger und rechtfertigen, rationalisieren oder interpretieren sie auch nicht. Daher weisen Sie dem, was Sie erleben, auch keine Ursache zu – Sie sind einfach. Und in diesem Sein sind Sie stets und immer schon heil und ganz. Wichtig ist nicht, wie Sie an den Punkt gekommen sind, an dem Sie sich jetzt befinden, sondern wie präsent Sie in der jeweiligen Erfahrung sind.

Beispiel: Brustkrebs

Ich kenne eine Frau, die mittlerweile 82 Jahre alt und mir eine ständige Quelle der Inspiration ist. Ihr Körper leidet seit sieben Jahren an Metastasen bildendem Brustkrebs. Dennoch begegnet sie mir immer mit einem Augenzwinkern und ist sich selbst gegenüber vollkommen ehrlich. Sie ist sozusagen ein wandelndes Lächeln und strahlt eine unglaubliche Liebe aus.

Als sie erfuhr, dass sie Krebs hatte, beschloss sie von Anfang an, in ihrem fortgeschrittenen Alter keine Chemotherapie mehr zu machen und der Krankheit stattdessen ihren Lauf zu lassen. Sie lebt ein nahezu normales Leben und lässt an kaum einem Tag ihre leichten Tai-Chi-Übungen aus. Wenn sie es allerdings nur ein wenig übertreibt, „aktiviert“ sich ihr Krebs und es kann plötzlich zu einer lebensbedrohlichen Krise kommen. Mehrmals schon waren ihr Bauchraum und ihre Lunge so voller Wasser, dass sie auf der Schwelle zum Tod stand. Doch jedes Mal erholte sie sich auf geheimnisvolle Weise wieder.

Andererseits ist das Ganze vielleicht doch nicht so geheimnisvoll, wie es zunächst scheinen mag: Sie kämpft nicht gegen den Tod an, sondern gibt sich dem hin, was ist. Und das bedeutet, im Bett zu bleiben und ein bewusster Teil des Sterbeprozesses zu sein, wenn er denn ansteht. Sie hat sich selbst gefragt, welche Art von Tod sie sich wünscht, und gründlich darüber nachgedacht. Ihre Entscheidung lautet: „Ich will bis zum Ende alles liebend annehmen.“ Kürzlich sagte sie zu mir: „Das Leben hat vielleicht seine eigenen Pläne – wer weiß schon, wie ich wirklich gehen werde. Aber ich habe immerhin das Recht, meine Meinung zu äußern.“ Der Krebs scheint bei dieser Frau von ihrem Zustand tiefer Annahme und dem achtungsvollen Hören auf sich selbst in gewisser Weise in Schach gehalten zu werden. Für sie ist das Ja zum Leben gleichbedeutend mit dem Ja zum Tod.

Wirklichkeit bildet sich ständig neu

Wir leben in einer Welt, die von Kausalität regiert zu werden scheint; aber auf einer fundamentalen Ebene (derjenigen der bewussten Beziehung zu unserer Erfahrung in jedem Moment) greift das „Gesetz“ von Ursache und Wirkung offenbar nicht. Stattdessen gibt es dort eine in Entwicklung begriffene Realität, eine ständige Dynamik von Sein und Entdeckung. Nehmen wir beispielsweise Krebs: Krebs ist nicht nur bei jedem Menschen eine andere Krankheit, es ist auch bei jedem Menschen in jedem Moment eine andere Krankheit, denn wie bereits erwähnt organisiert sich der Körper – in Abhängigkeit davon, wie präsent eine Person ist – in einem geringeren oder stärkeren Grad von Ganzheit neu.

Wenn Sie das verstehen, können Sie sich vom Konstrukt der Kausalität verabschieden: dass irgendetwas Sie krank gemacht hat und Sie auf eine bestimmte Weise leben und spezielle Medikamente nehmen müssen, um wieder gesund zu werden. Natürlich ist dies manchmal zum Teil der Fall, aber wenn Sie nichts anderes tun, als den Anweisungen Ihres Arztes zu folgen, dann übergehen Sie Ihren inneren Arzt, der wesentlich klüger ist und eventuell sogar wirkungsvoller heilen kann.

Beispiel: Nackenschmerzen

Neulich besuchte mich eine gute Freundin, die unter chronischen Nackenschmerzen leidet. Diese hatten sich mittlerweile so sehr verschlimmert, dass es ihr weder möglich war, am Computer zu sitzen und zu arbeiten, noch konnte sie lesen oder fernsehen. Selbst im Bett zu liegen brachte keine Erleichterung. Im Laufe der Jahre war sie bei vielen verschiedenen Ärzten gewesen, die zahllose Tests und Untersuchungen durchgeführt hatten. Sie wusste, dass sie eine degenerierte Bandscheibe hatte. Einige Ärzte schlugen ihr vor, zu operieren; andere bezweifelten, dass dies helfen würde. Sie durchforstete das gesamte Spektrum der Schul- und Alternativmedizin. Manchmal war sie ein paar Stunden schmerzfrei, manchmal sogar ein paar Tage, aber die Schmerzen kehrten immer wieder zurück und wurden nach und nach schlimmer.

Als wir an diesem Tag beisammensaßen, schlug ich ihr vor, dass sie – anstatt die nächste Behandlungsmöglichkeit zu erörtern oder mir die medizinischen Gründe für ihre Schmerzen darzulegen –, einfach versuchen sollte, sie als Ausgangspunkt für eine Reise in die Gegenwart zu nehmen. Ich bot ihr an, sie intuitiv auf dem Weg in den Schmerz zu begleiten.

Als sie ihre Aufmerksamkeit auf den Schmerz lenkte, bat ich sie, die gesamte Konstellation dessen, was sie in ihrem Kopf, im Nacken und den Schultern spürte, ganz leicht mit einem inneren Blick zu „berühren“ und gleichzeitig einen Teil ihres Gewahrseins auf ihren gesamten Körper und in den Raum hinein auszudehnen. Diese letzte Komponente, das Ausdehnen des Gewahrseins, ist besonders wichtig, denn wenn man sich auf den Schmerz fokussiert, dann neigt er dazu, sich zu verstärken, sofern man nicht gleichzeitig ein Gefühl der Ausdehnung oder Weiträumigkeit hinzunimmt. Als sie den Schmerz fühlte, schlug ich ihr vor, damit so in Kontakt zu gehen, als spüre sie ihn zum ersten Mal und mache somit eine ganz neue Erfahrung.3

Plötzlich hatte meine Freundin eine Vision von einem dichten, dunklen Wald aus „Bäumen“, die aus etwas bestanden, was sie nicht beschreiben konnte. Die ganze Szene spielte sich in einer Unterwasserlandschaft ab und sie empfand an dem Ort eine merkwürdige Kraft. Nach einigen Minuten konnte ich spüren, dass sie nicht mehr in der Gegenwart war. Ich fragte sie, wohin sie abgedriftet sei, und sie erklärte, sie versuche, eine Verbindung zwischen dem Schmerz und der Vision herzustellen. Anders gesagt, sie analysierte und hatte sich damit von der Unmittelbarkeit der Vision entfernt. Außerdem hatte sie sich von ihrem Verstand in die Vergangenheit befördern lassen. Also forderte ich sie auf, zu ihrem Bild und der „seltsamen Kraft“ zurückzukehren. Ich sagte, sie solle jede Erwartung in Bezug darauf, wohin dies führen könne, loslassen und einfach nur bei ihrem inneren Erleben bleiben. Kurz darauf begann sie, leise zu schluchzen. Sie sprach von einem Gefühl der Wärme, das in ihr hochstieg, speziell im Brustraum, und die Vision des Unterwasserwaldes löste sich auf. Gleichzeitig stellte sie fest, dass die Schmerzen komplett verschwunden waren.

Die Schmerzen blieben nahezu eine ganze Woche lang aus und während dieser Zeit fühlte sie sich emotional erstaunlich gut. Es war keine komplette Heilung, aber es macht etwas sehr Wichtiges deutlich: Das grundlegende Glaubenssystem meiner Freundin baute darauf auf, dass sie nur die richtige Ursache für das Problem und die richtige Therapie finden müsse, um wieder gesund zu werden. Dies versetzte sie ständig in eine erdachte Zukunft, in der es ihr nach dem Finden der richtigen Behandlung wieder gut gehen würde. In ihrer Vorstellung würde sie wieder so sein, wie sie sich in Erinnerung hatte, bevor die Schmerzen einsetzten.

Nun jedoch hatte sie gelernt, dass eine Reise in ihr Erleben in vollem Gewahrsein und unter Zurücklassen der Vergangenheit und der Zukunft ebenfalls eine Erleichterung bringen konnte. Ein weiterer interessanter Aspekt war, dass dies auch zu einem besseren emotionalen Gleichgewicht führte. Sie hatte einen neuen Weg eingeschlagen – einen Weg der Nähe zu sich selbst im Jetzt –, bei dem die Ursache ihres Problems unwichtig und das Erzielen eines gewünschten Ergebnisses sogar kontraproduktiv waren.

Ich spreche aus Erfahrung, wenn ich sage, dass sich meine Freundin auf einem Weg der emotionalen Befreiung und vielleicht auch der körperlichen Heilung befindet – sofern sie lernt, diese Reise zum Gewahrsein jedes Mal anzutreten, wenn Schmerzen oder andere schwierige Gefühle ihren Verstand dazu bringen, in die Vergangenheit oder Zukunft abzuschweifen.

Symptome lassen sich mit Präsenz umwandeln

Die Beispiele von den beiden Frauen, die ich hier geschildert habe, zeigen, wie man mit jedem Gefühl umgehen kann, indem man präsent ist und mit Gewahrsein Zugang zur Unmittelbarkeit des eigenen Seins findet. Auch wenn Ihnen viele Ihrer Empfindungen Probleme bereiten, sollten Sie sie nicht einfach als Krankheitssymptome bezeichnen, denn dadurch berauben Sie sich der Möglichkeit, sie unmittelbar in der Gegenwart zu erleben. Wenn Sie auf unvoreingenommene Weise bei Ihren Empfindungen präsent sind, haben Sie wesentlich mehr Kontrolle darüber, wie diese sich auf Sie auswirken – und vor allem darüber, wohin sie Sie führen.

Der Schlüssel liegt darin, mit Ihrem Gewahrsein bei Ihren Empfindungen zu sein und sie zu spüren, anstatt über sie nachzudenken. Oder anders gesagt: Überlassen Sie Ihre Empfindungen nicht Ihrem Ego, sondern lernen Sie stattdessen, ihnen mit Gewahrsein zu begegnen. Das eröffnet die Möglichkeit, Ihre Symptome zu transformieren, sodass sie sich in neue Bilder, Erkenntnisse oder Gefühle verwandeln können und Sie nicht mehr so stark entmutigen oder einschränken. Forschungen haben ergeben, dass Menschen, die einfach nur ihre vorhandenen Empfindungen beobachten, anstatt ihnen das Etikett eines Krankheitssymptoms aufzudrücken, eher glauben, ihr Leben im Griff zu haben, und dass sich dies positiv auf ihre Lebensdauer auswirkt.4

Als ich vor Jahren einmal an Felsen kletterte, machte ich meine erste persönliche Erfahrung mit dem Umwandeln von Empfindungen. Mir fiel auf, dass ich mich bei dem Gedanken, ich würde aufgrund der empfundenen körperlichen Erschöpfung gleich herunterfallen, sozusagen automatisch nicht länger halten konnte. So beschloss ich irgendwann, diese Empfindung einfach nur zu beobachten und sie von der Annahme, dass ich gleich fallen würde, abzutrennen. Dabei stellte ich fest, dass ich mich – auch nachdem mein Verstand mir gesagt hatte, ich könne nicht mehr – manchmal noch minutenlang am Fels festklammern und sogar weiter hinaufklettern konnte.

Ein noch weiter führender Schritt gelang mir bei meinen Meditationsübungen; dabei kam es immer wieder vor, dass ich schläfrig wurde und gelegentlich sogar einmal kurz wegnickte. Eines Tages fragte ich mich, worin diese Erfahrung des „Schläfrigwerdens“ eigentlich genau bestand. Ich beobachtete sorgfältig, wie meine Augenlider schwer wurden und mein Blick verschwamm; ich bemerkte, wie meine Aufmerksamkeit vom Wahrnehmen meines Atems und anderer innerer Empfindungen abgezogen und meine äußere Wahrnehmung undeutlich und nebelhaft wurde. Interessanterweise stellte ich fest, dass ich durch das genaue Beobachten dieser Wahrnehmungsveränderungen und das Verweilen bei meinen tatsächlichen Empfindungen schon bald wieder wach und präsent wurde. Der erste und entscheidende Schritt bestand wohl darin, dass ich mich von der verstandesmäßigen Interpretation „Ich werde müde“ oder allein schon von dem Etikett „müde“ löste, mich sozusagen abkoppelte.

Daraufhin begann ich es mir zur Gewohnheit zu machen, mich von den Namen (oder den Geschichten), die mein Ego meinen Gefühlen oder Empfindungen gab, abzukoppeln und stattdessen das tatsächliche Gefühl wahrzunehmen. Wenn mir bewusst wurde, dass ich mir gerade selbst sagte, ich sei müde – vielleicht während meiner Mittagspause oder nach einem langen Arbeitstag –, entfernte ich sozusagen das verstandesmäßige Etikett meines Zustands und nahm das tatsächliche Gefühl bewusst wahr. Ich entdeckte, dass dieses Gefühl sehr subtil ist, beinahe so etwas wie ein Reigen verschiedener Gefühlszustände, die mit Worten wie Trockenheit, Zittern und Schwere nur unzureichend erfasst werden können. Ich stellte auch fest, dass das Identifizieren mit dem Gedanken „Ich bin müde“ – oder, wenn die Symptome heftiger waren: „Ich bin erschöpft“ – verschiedene Dinge auslöste: Zum einen wurden so die Empfindungen interpretiert und definiert, noch bevor ich ihrer gewahr geworden war, und zum anderen wurden sie zu einer Geschichte über „mich“, statt dass sie etwas blieben, was ich einfach nur wahrnahm.

Mir wurde bewusst, dass ich in einer alten Gewohnheit des Ego feststeckte: der Gewohnheit, den Dingen Namen zu geben und sich mit diesen Namen zu identifizieren. Außerdem bemerkte ich, dass mein Ego automatisch und nahezu sofort eine zweite Ebene an Gedanken erzeugte, wie beispielsweise das Urteil, ich arbeitete zu viel oder müsse meine Energie besser einteilen. Gleich darauf begann ich mir dann Sorgen zu machen, etwa, ob ich wohl fit genug sei, um das Programm des nächsten Tages durchzustehen, oder ob ich wohl krank werden würde.

Ich brachte mir also bei, aufmerksam wahrnehmend in meinem Körper präsent zu sein und die Nuancen der einzelnen körperlichen Empfindungen und Gefühle zu erleben, die sich zeigten, wenn ich Gedanken hatte wie „Ich bin müde“ oder „Ich bin in Eile“ oder auch „Mir reicht es jetzt.“ Ich entdeckte schnell, dass das Präsentsein bei diesen Empfindungen und Gefühlen sowie das Entfernen jeglicher Etiketten mich in einen leicht veränderten oder auch völlig neuen Zustand brachte. Häufig fühlte ich mich bereits besser und erholter, wenn ich es geschafft hatte, meine wirklichen Gefühle zu identifizieren – also das, was ich empfand, unabhängig von mentalen Prozessen des Benennens, Erklärens und Projizierens in die Zukunft. Selbst wenn ich tatsächlich müde war, handelte es sich nun eher um ein Gefühl des Abgespanntseins, das in seiner Natürlichkeit sogar recht angenehm war.

Ich erkannte, dass die Art, wie ich meinen Zustand benannte, zusammen mit dem Kontext anderer, unmittelbar auf die Benennung folgender Gedanken bewirkte, dass ich mir weitaus müder, erschöpfter oder ängstlicher vorkam, als dies tatsächlich der Fall war. Mit der Zeit lernte ich, dass dies für jede Empfindung und jedes Gefühl zutrifft, selbst für die dunkleren (über die wir später noch sprechen werden). Was Sie also tatsächlich erleben, ist in der Regel wesentlich weniger problematisch als die Realität, die Sie sich erschaffen, indem Sie die Dinge benennen und in einen bestimmten Kontext setzen.

Auch eine Empfindung können Sie umwandeln – jetzt!

Inzwischen vermittle ich in meinen Seminaren den Teilnehmern die Fähigkeit, körperliche Empfindungen und Gefühle umzuwandeln, indem man sie mit Gewahrsein betrachtet. Wenn Sie möchten, können Sie es gleich einmal selbst probieren. Beginnen Sie mit einer Empfindung, die Sie in Ihrem Körper wahrnehmen. Richten Sie sanft und beständig Ihre Aufmerksamkeit darauf und entspannen Sie sich gleichzeitig. Beobachten Sie, wie Ihr Verstand das Gefühl definieren möchte – welche Worte Sie verwenden, um es sich selbst zu beschreiben. Lassen Sie die Worte einfach vorbeiziehen und versuchen Sie, die tatsächliche Empfindung wahrzunehmen.

Achten Sie vor allem auf die Momente, in denen Ihr Ego Sie denken lässt, dass Sie diese Empfindung schon einmal gespürt hätten. Auf diese Weise übernimmt es nämlich die Kontrolle und hält Ihr Denken in der Vergangenheit fest. Nehmen Sie also einfach die Annahme „Ich kenne dieses Gefühl“ als eine reine Annahme wahr und stellen Sie sich vor, Sie spürten diese Empfindung zum ersten Mal. Betrachten Sie sie wie ein Naturforscher im tropischen Regenwald, der eine Blume entdeckt, die er noch nie zuvor gesehen hat. Er untersucht sie sehr sorgfältig, kann ihr aber noch keinen Namen geben. Stattdessen betrachtet er einfach ihre ganz einzigartigen Eigenschaften: die Farbe, die Anordnung der Blütenblätter, die Anzahl der Verzweigungen, die vom Stängel abgehen, und so weiter. Sehen Sie sich ihre Empfindung auf die gleiche Weise an. Seien Sie aufmerksam und offen und beobachten Sie einfach, was passiert. Ändert sich die Empfindung? Bemerken Sie irgendeine Veränderung in Ihrem Gesamtzustand?

Natürlich ist es schwierig, sich gut zu fühlen, wenn Sie unter chronischen Schmerzen leiden. Gleichzeitig gilt jedoch, dass Schmerzen nicht nur einen physischen Ursprung haben. Sie werden durch Ihren Bewusstseinszustand unterstützt und intensiviert und dieser wiederum hängt von Ihren Gedanken ab. Wenn Sie präsenter sind, ändert sich die Art, wie Sie körperliche Schmerzen erleben – in der Regel nehmen sie ab. Das Gegenteil trifft übrigens ebenfalls zu: Je mehr Sie mit Ihren Gedanken in die Vergangenheit oder die Zukunft abdriften, umso wahrscheinlicher wird sich Ihr Gefühl des Leidens verstärken.

Ihr Körper verfügt über eine hohe natürliche Intelligenz und tut sein Bestes, um Sie so gut wie möglich wieder gesund zu machen. Zunächst jedoch müssen Sie präsent sein und sich von den Geschichten frei machen, die das Ego Ihnen erzählt. Wenn es um Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden geht, dann wissen Sie eins mit Sicherheit nicht, nämlich, wie ihr gegenwärtiger Gesundheitszustand aussehen würde, wenn Sie sich nicht fortwährend durch Ihre Gedanken vom Hier und Jetzt abschneiden würden.

Ich möchte hier keineswegs sagen, dass es nicht ratsam wäre, den Grund für ihre Krankheit zu erfahren, wenn Ihnen das Handlungsmöglichkeiten erschließt, mit denen Sie Ihre Gesundheit wiedergewinnen können. Abraten möchte ich allerdings vom Suchen nach Antworten in einer Art und Weise, die Ihre Gedanken in der Vergangenheit festhält oder sie allein auf die Zukunft richtet. Es ist nicht hilfreich, über das nachzudenken, was war, wenn das nur zu Groll und Abwehr gegenüber Ihren gegenwärtigen Umständen führt. Der einzige Zeitpunkt, zu dem Sie die Fähigkeit haben, neue Entscheidungen zu treffen, und die Kraft, höheres Wohlbefinden zu erzielen, ist der gegenwärtige.

Wenn Sie einmal innehalten und die Dinge von diesem Standpunkt aus betrachten, können Sie dann erkennen, wie Ihre derzeitige „Strategie“ für Gesundung Ihnen Stress in Form von Druck, Sorgen oder Ängsten bereitet? Oder sind Sie bereits entspannt präsent und entdecken die größere Lebendigkeit, die Sie im Hier und Jetzt immer erwartet?

Ungewissheit über die Zukunft ist einer der am meisten belastenden Zustände, speziell dann, wenn Sie krank sind. Es ist ganz natürlich, wissen zu wollen, was man als Nächstes tun soll. Sie möchten einen Plan haben und wissen, in welche Richtung es geht. Aber nachdem Sie sich für Ihre Gesundheit und Ihr Wohlbefinden eine Strategie zurechtgelegt haben, haben Sie erst die halbe Arbeit getan. Natürlich ist es nicht verkehrt, eine Strategie zu haben, aber Sie müssen sich auch auf Präsenz im Jetzt einlassen, um von seinem lebendigen Strom genährt zu werden.

Wenn Sie nicht in der Gegenwart verankert sind (und somit auch nicht in Ihrem natürlichen Zustand der Ganzheit), dann besteht der angespannteste und anstrengendste Teil des Weges zur Heilung häufig darin, nach Zeichen der Besserung Ausschau zu halten und abzuwarten, was die neuesten Untersuchungen ergeben. Egal, ob die erwarteten Untersuchungsergebnisse Ihre eigenen sind oder die Ihres Kindes oder eines anderen Ihnen nahe stehenden Menschen – es ist in jedem Fall verständlich, dass sie Ihnen nicht gleichgültig sind. Aber bis Sie die Ergebnisse in Händen halten, werden Ihr Energiefeld und Ihr Gemütszustand wesentlich offener sein und Sie können sich selbst und andere wesentlich besser unterstützen, wenn Sie einfach in der Gegenwart leben.

Auch schlechte Neuigkeiten müssen Sie nicht automatisch in eine angstbesetzte Zukunft katapultieren. Untersuchungsergebnisse sind nur Momentaufnahmen, sie zeigen nie das Gesamtbild. Bleiben Sie also fest in der Gegenwart verankert – denn sonst wird Ihr Ego Sie mit Gedanken bombardieren, die Sie in ein Wechselbad aus Angst und Hoffnung tauchen. Die schlichte und ergreifende Wahrheit ist, dass es außerhalb des gegenwärtigen Moments weder ein Gefühl der Sicherheit noch ein Gefühl des Wohlbefindens gibt.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass Sie nicht auf Ihre Ärzte hören und sich nicht mehr an ihre Vorschriften halten sollten. Auch können Sie natürlich Ihr eigenes Gesundheitsprogramm weiterhin praktizieren. Es bedeutet einfach nur, dass Sie mehr sind als dasjenige Leben, das Ihr Ego Ihnen immer wieder aufs Neue vorgaukelt. Ihre grundlegende Verantwortung besteht darin, jetzt und hier präsent zu sein. Wer Sie wirklich sind, ist am Ende ein Geheimnis, das sich allen Statistiken entzieht. Das, was wichtig ist – und was manchmal sogar die Statistiken erheblich verbessern kann –, ist das, was Sie hier und jetzt leben.

Wenn Krankheit eine Form des Leidens ist, die Sie von Selbstgefälligkeit befreit oder sie zum Lernen oder Wachsen motiviert, dann liegt das Geschenk Ihrer Krankheit in ihrem Potenzial, Sie aufzuwecken. Sobald Sie einmal „erwacht“ sind, ist das Geschenk, das Sie sich selbst machen, die Aufmerksamkeit, die Sie der Erfahrung jedes Moments schenken. Die Krankheit kommt nicht, um Sie zu verändern, aber wenn Sie die damit zusammenhängende Erfahrung bewusst leben, können und werden Sie sich verändern. Durch die Entscheidung für ein Leben im gegenwärtigen Moment wird eine neue Wirklichkeit geschaffen.

Nehmen Sie mit sanfter Freundlichkeit sich selbst gegenüber einfach Folgendes wahr: Haben Sie Ihr Leben reaktiv oder mit Offenheit und Aufnahmebereitschaft gelebt? Leben Sie in der Vergangenheit, der Zukunft oder der Gegenwart? Schwanken Sie zwischen Hoffnung und Angst oder ruhen Sie in der Annahme dessen, was ist? Leben Sie für andere oder genießen Sie eine erfüllende Beziehung zu sich selbst?

Ganz gleich, wie Sie bisher gelebt haben: Es ist nie zu spät für einen Neustart, denn Sie erfinden sich selbst sozusagen jeden Moment neu – ob Ihnen dies bewusst ist oder nicht. Die Möglichkeit, die ich Ihnen im nächsten Abschnitt dieses Buches vorstelle, besteht darin, sich selbst bewusst und voll Mitgefühl neu zu erfinden. Wäre es nicht verlockend herauszufinden, wie lebendig, strahlend und gesund Sie sein könnten, wenn Sie einen größeren Teil Ihres Lebens in einem Zustand der Präsenz verbrächten?

Im Folgenden werden Sie auch lernen zu erkennen, wie genau Sie auf Abwege geraten, wenn Sie nicht vollständig präsent sind. Sie werden lernen, auf den Weg zurückfinden, der Sie immer geradewegs ins Jetzt bringt. Wenn Sie bereit sind, können wir nun damit beginnen, einen genaueren Blick auf Ihr eigenes Leben zu werfen, um festzustellen, welche Pfade Sie ohne Umwege zu Ihrem vollen Potenzial für Selbstheilung und Ganzheit bringen.

TEIL II


Das Mandala des Lebens einsetzen

Es ist nun an der Zeit, das bisher Gelernte aktiv anzuwenden, damit Sie Tag für Tag etwas für Ihre Selbstheilung tun können. Dazu müssen Sie Ihre normalen Denkmuster bewusst unterbrechen und dafür wach werden, wann Sie sich gerade eine „Geschichte“ über die Vergangenheit oder die Zukunft, über sich selbst oder andere erzählen. Ein weiterer Schritt besteht darin, die Aufmerksamkeit vollständig auf Ihren Körper zu lenken und Ihre fünf Sinne zu nutzen, um ohne das Überstülpen von Gedanken wahrzunehmen, was tatsächlich gerade im Jetzt passiert.

Zwar beschreiben und interpretieren Ihre Gedanken Ihr Erleben, Ihren Körper oder Ihre Gefühle – aber nur durch das Präsentsein im Moment können Sie all dies direkt erfahren. Im nachfolgenden Abschnitt werde ich Ihnen einen Prozess vorstellen, mit dessen Hilfe Ihnen bewusst werden wird, wie das Ego Ihr tagtägliches Erleben im Klammergriff hält und wie Sie sich daraus befreien können. Sie werden erkennen, wie tiefgreifend dies Ihre Gesundheit und alle anderen Aspekte Ihres Lebens beeinflusst. Der wichtigste Punkt jedoch wird sein, dass Sie durch die Arbeit mit diesem Prozess tatsächlich den Unterschied werden wahrnehmen können zwischen einem Leben, das auf vom Ego gesteuerten Gedanken beruht, und dem Leben in Präsenz.

Zuguterletzt werden Sie lernen, wie Sie in sich selbst auch für die „dunklen“ und schwierigen Gefühle Raum schaffen, sodass Ihr Geist unabhängig von den Geschehnissen um Sie herum stark genug ist, Sie im gegenwärtigen Moment verankert zu halten – wo Sie immer sicher, geliebt und heil sind.

KAPITEL 4


Die Kraft der Präsenz nutzen

Einschneidende Ereignisse im Leben wie eine schwere Krankheit oder eine Verletzung, eine Scheidung, finanzieller Ruin oder der Tod oder Verlust von Menschen, die uns nahe stehen, sind schwer zu verkraften. Doch sind sie nicht das Schlimmste, was uns passiert, denn am meisten leiden wir in der Regel nicht unter der Situation selbst, sondern unter dem, was wir uns selbst darüber „erzählen“.

Wenn Sie beispielsweise eine vielversprechende Sportlerkarriere aufgrund einer Verletzung aufgeben müssten, wäre das vielleicht eine schlimme Sache. Viel schlimmer jedoch wäre, wenn Sie sich selbst erzählten, das Leben sei nun nicht mehr lebenswert. In ähnlicher Weise ist es eine Sache zu erfahren, dass Ihr geliebter Sohn sich nach Jahren emotionaler Belastung das Leben genommen hat. Sie verschlimmern Ihr Leid aber nur zusätzlich, wenn Sie sich auch noch Vorwürfe machen oder gar sich oder dem anderen Elternteil die Schuld geben, weil Sie als Eltern versagt hätten – obwohl Sie alles in Ihrer Macht Stehende für Ihr Kind getan haben.

Wenn Sie aber in der Gegenwart verankert bleiben und nicht zulassen, dass Ihr Verstand Sie in diese Art von Gedanken treibt, dann gibt es da einen Teil von Ihnen, der mehr bei sich ist, der über ein tieferes Wissen verfügt und in der Lage ist, mit allem umzugehen und mit allem zu leben, was passiert. Eine Freundin und „Schülerin“ von mir formulierte es so – ein Jahr, nachdem ihr Sohn sich mit 19 das Leben genommen hatte: „Ich habe Gefühle von außerordentlichem Schmerz gespürt und bin an Orte gegangen, die ich immer noch nicht beschreiben kann und die ich niemandem wünschen würde. Aber die Wahrheit ist, dass ich keinen Moment lang gelitten habe.“ Was machte es ihr möglich, so etwas zu sagen? Die Jahre, die sie mit dem Praktizieren von Präsenz verbracht hatte.

Wenn Sie sich in Präsenz üben und sie praktizieren, sind Sie wach dafür, wann Sie anfangen, sich Geschichten über die Vergangenheit oder die Zukunft beziehungsweise über sich selbst oder andere zu erzählen; und Sie greifen ein, sobald diese drohen, sie aus der Gegenwart hinaus und in schmerzvolle und zerstörerische Emotionen hineinzukatapultieren. Sie erwachen wie aus einem Traum und werden sich bewusst, dass Sie sich selbst eine Geschichte erzählen und dass diese entweder schlimmer ist als das, was Sie derzeit erleben, oder dass sie Ihr Erleben schmälert oder verzerrt. Anstatt sich in diesen (Alb-) Traumgebilden zu verlieren, bringen Sie die volle Aufmerksamkeit zurück zu Ihrem Körper und zu dem, was gerade passiert. Wenn Sie das tun, fühlen Sie sich unterstützt und gelangen durch Präsenz wieder in Ihre Kraft.

Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit in der Gegenwart verankern, sind Sie nicht immun gegen Schmerz, aber das, was Sie fühlen, ist das wahre, unverfälschte Gefühl, das das gegenwärtige Geschehnis begleitet. Ohne eine Geschichte, ohne die von Ihrem Denken erzeugte Realität, trennen Ihre wahren Gefühle und Ihr tatsächliches Erleben Sie nicht vom Leben ab. Sie sind dann einfach nichts Besonderes.

Was tatsächlich ist, ist niemals schlimmer als das, was Sie sich vorstellen.

Wenn Sie Präsenz praktizieren, steigt ganz von selbst ein Gefühl der Verbundenheit mit allem in Ihnen auf. In diesem Zustand zu sein kann sich kostbar und heilig anfühlen, besonders in Zeiten der Trauer, wenn Ihre Gedanken Ihnen sagen, dass Sie am Boden zerstört und untröstlich sein sollten. Durch Ihre Verankerung in der Gegenwart treten solche Gedanken in den Hintergrund und Ihnen wird bewusst, dass es nur Gedanken sind. Ihr Geist ist weniger vollgestopft und Sie haben mehr Raum. Das Ego hat seine Macht verloren und kann mit seinen Geschichten weder Ihre Identität noch Ihre Wirklichkeit erzeugen. Sie nehmen wahr, dass immer noch einige Gedanken kommen und gehen, aufsteigen und sich wieder auflösen, aber Sie schenken ihnen keine Energie beziehungsweise Aufmerksamkeit mehr.

Das Gefühl der Präsenz ist wie ein zarter Energiestrom, der in Ihnen und um Sie herum fließt. Es mag sich wie eine feine Schwingung in Ihren Zellen anfühlen oder einfach nur wie ein Gefühl von Stille und Frieden. Wenn Sie Ihre Aufmerksamkeit auf dieses zarte Gefühl richten, verstärkt es sich. Sich Ihres Atems bewusst zu werden und dieses Gewahrsein mit dem sanften Strom der Präsenz zu verbinden, wird die Erfahrung noch weiter vertiefen. Nach und nach bemerken Sie vielleicht, dass es zwar einen sich ständig wandelnden Strom von Empfindungen und Wahrnehmungen gibt, aber auch ein Fundament von Wohlbefinden und ein Gefühl der Stimmigkeit. Dieser ruhige Ort kann zum Fundament Ihres Seins werden, und wenn dies eintritt, haben Sie sich vom Konflikt mit der Wirklichkeit verabschiedet und befinden sich stattdessen in Harmonie mit ihr.

Harmonie und Stimmigkeit bedeuten übrigens nicht, dass Sie sich immer gut fühlen werden. Als der Sohn meiner Freundin sich das Leben nahm, war das, was sie fühlte, keineswegs leicht zu ertragen. Natürlich empfand sie großen Kummer, aber da sie es nicht zuließ, dass ihr Denken sich in Richtung von Selbstvorwürfen und Schuldzuweisungen bewegte, waren selbst die entsetzlichen Gefühle über den Verlust ihres Sohnes Teil eines größeren Raums von Sein und Verbundenheit, in dem sie sich gehalten fühlte.

Wie das Herz Blut pumpt, so erzeugt der Verstand Gedanken. Doch wenn Sie gänzlich präsent sind, müssen Sie nicht mehr versuchen, angstbesetzte Gedanken durch positive zu ersetzen. Gedanken kommen und gehen. In der Präsenz ruhend beobachten Sie, wie die Geschichten sich bilden und wieder auflösen, bevor Sie sie gefangen nehmen können. Wenn Sie Präsenz verkörpern, befinden Sie sich in einem so natürlichen Zustand der Fülle, dass Sie sich nicht länger mit hoffnungsvollen Gedanken betrügen müssen. Durch das Präsentsein werden Sie womöglich sogar feststellen, dass der von hoffnungsvollen oder positiven Gedanken erzeugte Zustand im Vergleich zu der jedem Moment eigenen Fülle verblasst.

Indem Sie sich im Jetzt verankern, öffnet sich ein Raum. Genauer gesagt ist es eine Lücke, die zwischen einem „Reiz“ und Ihrer Reaktion entsteht. Es ist so, als hätten Sie mehr Zeit, um Ihre Reaktion auf die Geschehnisse in Ihrem Leben auszuwählen, sodass die Neigung zu Abwehr, Aggressivität, Zorn oder Angst nachlässt und Sie seltener nach einem gewohnten Schema reagieren. Auch fällen Sie keine überstürzten Urteile mehr oder treffen blinde Annahmen beziehungsweise hastige, emotional gesteuerte Entscheidungen. Ihre „Reaktionsfreudigkeit“, also Ihre Neigung zum automatischen Reagieren, hängt nicht von der Stärke des auslösenden Reizes ab, sondern vielmehr davon, wie weit Sie von Ihrem authentischen Selbst entfernt sind – also letztlich vom Grad Ihres Nichts-präsent-Seins.

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