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Regan Holdridge

Wind über der Prärie

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Wind über der Prärie

Bremerhaven, 1884

New York

St. Louis

Der Treck

Die Siedlung

Der Überfall

Veränderungen

Abschied

New York, Dezember 1886

Mc Veagh Ranch

Zuhause

New York, Mai 1889

Neubeginn

Lelia

Oklahoma

McVeagh Ranch, Januar 1891

Ivanka

Juni 1898

Verlust

Sommer 1904

Ellen

McVeagh Ranch, Frühjahr 1905

Wagoner, 1907

McVeagh Ranch, 1909

Wagoner, 1914

McVeagh Ranch, 1916

Ungewissheit

Abschied von Wyoming

Glück und Abschied

Ginger

Los Angeles, 1919

Wagoner

Auf großer Reise

Zwiespalt

Wagoner, 1922

Los Angeles, 1923

McVeagh Ranch

Los Angeles

Los Angeles

Wagoner

McVeagh Ranch

Wagoner, 1925

Los Angeles

Wagoner

McVeagh Ranch

Impressum neobooks

Wind über der Prärie

Regan Holdridge

Wind über der Prärie

Texte: © Copyright by Regan Holdridge, 2021

Herausgeber:

Regina Honold

Alpenstr. 24a

87760 Lachen

autrice.blog@gmail.com

www.autrice.art

Dieses Buch ist all den Serien und Filmen gewidmet,

die uns als Kinder beeindruckt und unsere Fantasie beflügelt haben;

die uns dazu brachten, uns in die Sättel wilder Pferde zu schwingen

und einen Stetson aufzusetzen,

um von Cowboys, Mustangs und weiten Prärien zu träumen.

Und für Norbert, weil er die Liebe meines Lebens war.

Bremerhaven, 1884

Nebel, überall Nebel, wie so häufig um diese Jahreszeit in den frühen, dämmrigen Morgenstunden. Bremerhaven war dafür bekannt, für Anfang März war es dennoch ungewöhnlich kalt. Die Luft trieb den salzigen Geschmack der See mit sich und mehrere Schiffe lagen im Hafen, kleinere und größere und dazwischen Fischerboote, die wie Spielzeuge gegen die mächtigen Überseedampfer wirkten. Majestätisch ragten ihre meterhohen Flanken aus den schlagenden Wellen. Unzerstörbar schienen ihre riesigen Rümpfe, die tausende von Menschen zu fassen vermochten, Güter und Tiere um die Erde brachten.

Das kräftige, durch den Nebel wie gedämpft hallende Glockengeläut der Sankt-Marien-Kirche verkündete, dass es soeben sechs Uhr früh wurde. Ein neuer Tag, ein entscheidender Tag, der alles verändern würde, lag vor den Menschen, die sich an diesem Morgen zur Abfahrt am Hafen eingefunden hatten, dort, am berühmt gewordenen „Point Of No Return“, dessen Name allein schon sagte, wohin die Reise gehen würde: Fort von der Heimat, in die Fremde und in eine erhoffte, bessere Zukunft – hier, am Ort ohne Wiederkehr. Familien mit Kindern, junge Männer und Frauen, Geistliche und Nonnen und ein Haufen unbändiger, umher tollender Kinder drängten sich zwischen Anlegestelle und Zufahrtsstraße. Sie stammten aus allen Gesellschaftsschichten, von der Fürstin, die erste Klasse reisen würde, um ihre Verwandten zu besuchen, bis zum armen Handlanger, der sich drüben, in der neuen Welt, Reichtum und Ruhm erhoffte.

Die „Elbe“ lag schon seit zwei Tagen im Hafen, um mit Lebensmitteln und den benötigten Vorräten beladen zu werden. Sie zählte zu den schnellsten Dampfern unter der Flagge des Deutschen Reiches und besaß zwei riesige Schornsteine, aus denen dicker, schwarzer Rauch aufstieg. Über eintausend Menschen fanden auf ihr Platz, eingeteilt in drei Klassen, wobei allein 800 Fahrplätze nur für das Zwischendeck einkalkuliert waren. Sie rühmte sich, eines der Vorzeigeschiffe des Norddeutschen Lloyd zu sein und hatte sich auch in Bezug auf ihren Komfort einen guten Ruf erarbeitet.

Nikolaus, ein schmächtiger, dürrer Junge von neun Jahren, starrte bereits seit Minuten die Bugwand des Schiffes hinauf. Er versuchte, die vielen Bullaugen zu zählen, die er entdecken konnte und wurde dabei immer wieder von Matrosen abgelenkt, die oben auf Deck, nahe der Brüstung, umherliefen. Nikolaus’ braune Augen leuchteten. Geboren in einem kleinen Ort nahe Wittenberge und auch dort aufgewachsen, hatte er solche Schiffe bisher nur auf Bildern oder aus der Entfernung bewundern können. Nun stand er hier, neben diesem modernen, erst drei Jahre in Betrieb befindlichen Dampfer, der ihn über den großen Ozean bringen sollte, in ein fremdes Land, von dem es hieß, dass dort alles schöner, größer und weiter sei als irgendwo sonst auf der Welt. Nikolaus versuchte sich das vorzustellen und gelangte zu der Annahme, sie müssten sich auf dem Weg ins Paradies befinden. Eine Hand legte sich mit einem Mal schwer auf seine Schultern und schreckte ihn aus seinen Überlegungen; es war die seines älteren Bruders.

„Bist du in Ordnung?“ Hubert lächelte fragend. Er war gerade achtzehn Jahre alt geworden, groß, schlank und von unauffälligem Äußeren, mit denselben dunkelbraunen Haaren und Augen wie der Junge..

Nikolaus nickte aufgeregt. „Wann geht’s denn endlich los?“ Gespannt schaute er zu seinem Bruder hinauf, ohne zu ahnen, wie ähnlich sie einander in diesem Moment waren.

Hubert warf einen Blick zurück, zu dem Menschenauflauf, der sich am Pier gebildet hatte. Mitten drin entdeckte er seine Eltern und ihre sechzehnjährige Schwester Juliane. Er zuckte die Schultern.

„Bald“, versprach er und betrachtete das Schiff, an dessen beiden Eingängen bereits die Holzprielen bereitlagen, über die sie treten mussten, um ins Innere des Schiffs zu gelangen. Der linke Eingang war für die Passagiere der ersten und zweiten Klasse gedacht und der andere für die des Zwischendecks. Das wenige Gepäck, das sie mitnehmen durften, war schon am Vorabend in den Rumpf der „Elbe“ verladen worden – alles, bis auf einen kleinen Handkoffer, den Friedrich bei sich trug und in dem ihre wichtigsten Dokumente, ein paar Bücher und anderer Kleinkram verstaut waren. Jeder von ihnen hatte noch eine Tasche dabei, in dem sich seine persönlichen Kleinigkeiten und frische Kleidung befanden, der Rest blieb bis zu ihrer Ankunft in New York im Laderaum des Schiffes verschwunden.

Juliane gesellte sich zu ihnen, mit bedächtigem Schritt und scheinbar gelangweilt. Sie vergaß wieder einmal, dass es sich als junge Dame nicht gehörte, vor sich hin zu schlendern und dabei auf den Zehenspitzen zu wippen.

„Das dauert noch eine Weile, bis sich alle von Vater verabschiedet haben“, meinte sie und blickte um sich, wobei sie ein tiefes Seufzen vernehmen ließ. Hunderte von fremden Menschen drängten sich am Anlegesteg und der Lärmpegel, der sie umgab, war enorm, beinahe beängstigend. Überall dröhnten Maschinen, während dazwischen die lachenden, kreischenden Stimmen der Kinder erklangen. Es gab Abschiedsszenen, Tränen und Vorfreude bei denen, die den Dampfer in wenigen Minuten betreten durften. Auf in ein neues Leben, in ein hoffentlich besseres! Auf ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten! Und daneben der Schmerz des Zurückbleibens bei denen, die nur gekommen waren, um hinterdrein zu winken. Wie gedämpft durch den Nebel, herrschte eine eigenartige Bedrücktheit über dem Pier. Nur die Weser plätscherte am Landesteg entlang, leise gurgelnd und die Mächtigkeit des tosenden Meeres verratend, wie jedesmal, wenn ein Schiff diesen Hafen verließ, am Punkt ohne Wiederkehr.

Hubert steckte seine Hände in die einfachen Baumwollhosen und runzelte die Stirn. „Meine Güte“, entfuhr es ihm. „Stell dir das einmal vor: In etwas mehr als einer Woche sind wir schon in Amerika!“

„Es ist ganz seltsam“, erwiderte Juliane nachdenklich, während ihre hellen, fast bernsteinfarbenen Augen die Seitenwand des Dampfers hinaufglitten. Es waren die Augen ihrer Mutter Luise – sie hatte als einzige die rotblonden Haare und diese seltenen Augen vererbt bekommen. Dazu das feine, etwas kantige Gesicht mit den vollen, roten Lippen und dem hellen Teint, der von kleinen Sommersprossen gezeichnet war. Sie konnte nicht als außergewöhnlich hübsch bezeichnet werden, jedoch herzlich in ihrer Ausstrahlung und bezaubernd mit ihrem fröhlichen, ungezwungenen Charakter, der ihr regelmäßig in die Quere kam zu dem, was Luise von ihr erwartete. Als Tochter eines Pastors hatte Juliane stets höflich, zurückhaltend und adrett zu sein und ihre burschikose, teils vorlaute Ader kollidierten nur allzu gern mit den Wertvorstellungen ihrer Mutter.

„Weißt du“, sagte Juliane jetzt und legte den Kopf schief. „Ich finde, es wäre nicht nötig, dass wir auswandern.“

Ein Schmunzeln bildete sich um die Lippen ihres älteren Bruders.

„Das wird Vater kaum von seinem Vorhaben abbringen können! Er ist fest entschlossen, sich dort drüben nützlich zu machen!“

Das junge Mädchen seufzte. „Ich weiß. Er sieht sich als eine Art Missionar. Trotzdem wäre ich lieber hiergeblieben. Wir sind doch hier Zuhause!“ Sie verzog betrübt das Gesicht und Hubert fasste sie bei der Hand.

„Keine Angst, Schwesterchen. Es kann dir überhaupt nichts passieren, wenn wir zusammenbleiben! Du wirst sehen, Amerika ist herrlich! Ich habe so viele Reiseberichte und Schilderungen von Auswanderern in der Zeitung gelesen...“ Sein schmales Gesicht nahm einen sehnsüchtigen Ausdruck an. „Ich freue mich unbeschreiblich darauf, all das selbst zu sehen, was dort geschrieben stand!“

„Du vielleicht“, murmelte Juliane, „aber ich kann nicht einmal mehr zur Schule gehen!“

„Die meisten Mädchen deines Standes gehen überhaupt nicht zur Schule“, wagte Hubert leise, doch hart einzuwerfen, die Stirn kritisch gerunzelt. „Weder hier in Deutschland, noch sonstwo auf der Welt!“

Störrisch warf Juliane den Kopf zurück. Ihre Augen blitzten herausfordernd. „Ich habe nicht vor, eine dieser ungebildeten, dummen, affektierten Puten zu werden, die nicht einmal wissen, dass der Rhein ein Fluss und kein neuer Staat ist! Aber einen reichen Mann heiraten – das wollen sie alle!“

Hubert konnte sich ein Grinsen nur schwer verkneifen. Er kannte den Trotz und die Sturheit seiner Schwester was die Emanzipationsfrage anbetraf. Ein Punkt, der regelmäßig zu Streit zwischen ihr und ihrer Mutter führte, die eine völlig andere Auffassung von den Aufgaben einer Frau vertrat.

Liebevoll strich Hubert das schulterlange, rotblonde Haar zurück, das Juliane meist offen trug, nur die vorderen Strähnen mit einem blauen Band zurückgehalten. Auch das war eine Sache, die Luise störte, die sie jedoch nicht in den eigenwilligen Schädel ihrer Tochter hineinbekam: Eine anständige, junge Dame steckte ihr Haar streng und glatt nach oben und verbarg es unter einer Haube, wenn sie das Haus verließ. Juliane allerdings sah darin lediglich eine Tortur und ihre persönliche Freiheit eingeschränkt und wehrte sich vehement dagegen.

Die „Elbe“ stieß drei langgezogene Pfiffe aus. Es war das Zeichen, dass die letzten Passagiere aufgefordert wurden, an Bord zu gehen. Von einer Sekunde auf die andere brach tumultartikes Chaos aus und ein großes Drängen und Schieben begann.

„Schnell!“ Hubert fasste seine beiden jüngeren Geschwister an den Oberarmen. Wie immer fühlte er sich als Ältester für sie verantwortlich. „Wir dürfen Vater und Mutter nicht verlieren!“

Sie kämpften sich durch die Menschenmenge, die es nun auf einmal, da die Zeit drängte, sehr eilig hatte, an Bord zu gelangen. Vor den Holzprielen bildeten sich lange Schlangen, die alle noch mit aufs Schiff wollten.

„...deshalb hoffen wir, dass es Ihnen im neuen, gelobten Land nur bestens ergehen wird!“, erklärte der Vorstand ihrer Kirchengemeinde jetzt und schüttelte Friedrich Kleinfeld die Hand. „Sie werden uns sehr fehlen, Pastor!“

„Sie mir auch! Alle werdet ihr mir fehlen – die ganze Gemeinde!“, versicherte Friedrich und schob seinen schwarzen, breitkrempigen Hut zurecht, den er immer auf seiner Glatze trug, sobald er aus dem Haus ging. Dazu hatte er seine lange, schwarze Kutte über seine Alltagskleidung gezogen, denn jeder sollte sehen, dass er mit Leib und Seele Geistlicher war und sich in jedem Moment seiner Aufgabe verpflichtet fühlte.

Einen Schritt hinter ihm, freundlich lächelnd, jedoch ohne sich in das Gespräch einzumischen, stand Luise. Im Vergleich zu seiner großen, breiten Erscheinung wirkte sie trotz ihrer Fülle sehr klein und unauffällig. Außer ihrem Gesicht war keine nackte Haut zu erblicken. Ihr rotblondes Haar steckte fest unter der dunkelbraunen Haube und ihre Hände wiederum in feinen Strickhandschuhen. Sie wandte kurz den Kopf, als sie ihre drei Kinder hinter sich bemerkte. Sie nickte Hubert und Nikolaus zu, bevor sie Juliane einen strengen Blick zuwarf. Das junge Mädchen ignorierte die unübersehbare Kritik gegenüber ihrem Erscheinungsbild jedoch völlig und lächelte stattdessen freundlich in die Runde der Menschen, die die Mühe auf sich genommen hatten und von Wittenberge bis nach Bremerhaven gereist waren, um sich hier von ihnen zu verabschieden. Alle waren sie angesehene Bürger der Stadt und Mitglieder des Kirchenvorstands. Ihr Vater hatte die protestantische Gemeinde kurz nach seiner Heirat übernommen. Seitdem lebte und arbeitete er dort. Es war für niemanden ein Abschied, der ohne etwas Wehmut begangen wurde.

„Ich glaube, es ist besser, wir stellen uns gleich einmal hinten an der Schlange an, bevor sie noch länger wird!“, meinte Friedrich jetzt, während er reihum ging und den Männern und deren Gattinen, die teilweise ebenfalls mitgekommen waren, zum Abschied die Hand reichte. Auch, wenn er sich zuversichtlich und voller Vorfreude gab – ein wenig Traurigkeit machte sich dennoch in ihm breit. Es war ein Abschied ohne Wiedersehen. Amerika wartete auf ihn, mit neuen, anderen Herausforderungen, die er sonst nirgendwo auf sich nehmen konnte.

„Nun“, meinte er schließlich und fasste seine Frau am Ellenbogen. „Es wird Zeit für uns.“

„Auf Wiedersehen!“ – „Schreiben Sie uns bald!“ – „Gott sei mit Ihnen!“ – „Alles Gute!“ drang es aus den Kehlen ihrer Freunde und Nachbarn. Winkend und lächelnd führte Friedrich seine Familie in Richtung Schiff. Ganz allmählich lichtete sich der Nebel und der Sonne gelang es, durch den Schleier zu brechen. Fast schien es, als ob ihre Strahlen nicht nur die Stille zerbrachen, sondern auch die Aufregung in ihnen allen weckte.

„Ich will als erster rein!“, rief Nikolaus immer wieder, während er auf der Stelle hüpfte, um zu sehen, wieviele Passagiere noch vor ihnen auf Einlass warteten. Es ging nur sehr langsam vorwärts und durch die vielen Schaulustigen, Verwandten und Freunde der Reisenden, die alle noch am Pier herumstanden, sich unterhielten und darauf warteten, dass der Dampfer ablegte, war eine Unterscheidung zwischen ihnen nicht möglich.

Luise seufzte. „Ich bin froh, wenn wir unsere Kabine haben und ich mich ein bisschen hinlegen kann!“

„Aber ich will ganz oben stehen und zuschauen, wenn wir ablegen!“, rief Nikolaus, erschrocken, das Spektakel des Auslaufens verpassen zu können.

„Ja, ja! Keine Sorge! “ Lächelnd legte Hubert ihm seine Hände auf die Schultern. „Das machen wir beide schon!“

„Ich will auch mit!“, rief Juliane laut, was ihr einen empörten Blick ihrer Mutter einbrachte.

„Wirst du dich wohl zusammenreißen? Es gehört sich nicht, in einer solchen Lautstärke herumzuschreien! Schon gar nicht, wenn es darum geht, sich mitten unter die Mannsbilder zu mischen!“

Ehrfürchtig senkte das junge Mädchen den Blick und starrte auf die Spitzen ihrer einfachen Lederriemenschuhe, die sie unter ihrem einzigen Sonntagskleid mit dem Unterrock trug. Sie verabscheute es, von ihrer Mutter belehrt und zurechtgewiesen zu werden, doch sie wagte nicht, ihr zu widersprechen, denn sie wusste, dass ihr Vater seiner Frau niemals in den Rücken fallen würde. Und wenn Luise der Überzeugung war, ihre Tochter verdiente eine ordentliche Strafe, dann erfolgte diese prompt und ohne lange Diskussionen, denn ihre Hand war schnell und schmerzhaft.

Es dauerte beinahe eine Stunde, ehe Friedrich ihre fünf Fahrkarten gegen ein Zahlenschild eintauschen konnte.

„Kabine 431“, erklärte der junge Matrose und hakte ihre Namen auf der Passagierliste ab. „Einmal die Treppe hinunter und dann nach links. Immer den Ausschilderungen folgen!“

„Gut, danke!“, erwiderte Friedrich und schob Luise vorwärts. Er drehte sich um, ob seine drei Kinder noch da waren und als er sie hinter sich herlaufen sah, beschleunigte er seinen Schritt etwas. Sie marschierten einen unglaublich langen Korridor entlang, bis sie an eine Treppe gelangten, die in der einen Richtung nach oben aufs Deck führte und in die andere nach unten, zum Zwischendeck, der dritten Klasse.

„Also schön, dann lasst uns nach unserer Kabine suchen“, sagte Friedrich, während er den Gang entlang weiter marschierte, in dem sich bereits unzählige Menschen aufhielten, einander beobachteten oder sich unterhielten. Kinder rannten auf und ab, beim aufgeregten, erwartungsvollen Spiel. Sie mussten sich vorbeizwängen, um Platz bitten und über Koffer und Gepäckstücke steigen.

„Hier ist es!“ Hubert entdeckte die Tür als Erster.

„Ah!“, machte sein Vater und drückte die Klinke der unverschlossenen Tür.

Der Raum war kurz und schmal. Es gab als einzige Einrichtungsgegenstände jeweils zwei Doppelbetten an den beiden Wänden.

„Was bin ich froh, dass wir zumindest unter uns sind!“, stieß Luise erleichtert hervor. „Wenn ich mir vorstelle, wir hätten in einem der größeren Kabinen einen Platz bekommen, mit zig fremden Menschen...“ Sie brachte den Satz mit einem abgeneigten Kopfschütteln zu Ende und deutete dafür auf die beiden Betten. „Die Kinder sollen oben schlafen, sie sind noch jung und kommen da leichter hinauf als wir beide. Was meinst du, Friedrich?“

„Du hast völlig recht!“, stimmte ihr Mann zu und befahl Nikolaus mit einer Handbewegung, die Türe zu schließen. Der Lärm und das Stimmengewirr wurden leiser.

„Schade, dass wir kein Fenster haben“, meinte Juliane und zog sich ihre Strickweste aus, um sie auf das rechte obere Bett zu werfen.

„Bullauge“, verbesserte Hubert sie grinsend. „Bullauge nennt sich das auf einem Schiff.“

„Von mir aus! Aber sowas haben wir ja auch nicht!“ Sie schaute sich um. In dieser winzigen Kammer würden sie die nächsten Tage also verbringen, bis sie hoffentlich in New York einlaufen würden.

„Juliane!“, sagte Luise streng und deutete auf die Weste. „Leg’ das ordentlich zusammen, wie ich es dich gelehrt habe! Danach kannst du die Jacken deines Vaters und deiner Brüder dort an die Haken an der Türe hängen und meinen Umhang ebenfalls.“

Eine Sekunde lang wollte das junge Mädchen aufbrausen und protestieren. Sie hasste es, für ihre Mutter die Hausarbeiten erledigen zu müssen, doch ihr Anstand und ihre strenge Erziehung verboten es ihr, sich zur Wehr zu setzen – noch, denn sie fühlte, dass der Tag nicht mehr weit sein würde, an dem sie ohne schlechtes Gewissen „Nein“ sagen konnte und ganz allein das tun, was sie für gut und richtig hielt. Im Augenblick jedoch blieb ihr nichts anderes übrig, als sich zu beugen und den Befehlen Folge zu leisten. Vielleicht war dieses Land, in das sie nun reisten ja wirklich viel freier und sie nicht mehr alles so streng geregelt wie hier.

„Hubert und Nikolaus können gemeinsam in einem Bett schlafen! Sie sind beide dünn genug, um Platz zu haben“, erklärte Friedrich jetzt, während er seinen Hut und das Cape ablegte und beides seiner Tochter reichte. Darunter trug er eine einfache Leinenhose und ein helles Hemd. Luise setzte sich auf das rechte untere Bett, über dem Juliane schlafen sollte.

„Es erscheint mir ganz unwirklich, dass wir jetzt auf diesem Schiff sind. Geht es dir nicht ähnlich?“, fragte sie und lächelte zufrieden, was ihre harten, energischen Züge ungewöhnlich weich werden ließen.

Friedrich nickte. „Das ist nur möglich, weil wir für alles, was wir nicht mitnehmen konnten, einen Käufer gefunden haben.“ Er lächelte zufrieden. „Das ist ein Zeichen Gottes, ganz gewiss! Er will, dass ich in dieses Land gehe und den Menschen dort seine Lehre und Weisheit erzähle!“

„Natürlich ist es das!“, stimmte Luise ihm eilig zu. „Du wirst eine eigene Gemeinde bekommen, mit eigener Kirche und vielen, vielen Gläubigern, die zu deinen Gottesdiensten kommen und deine Predigten hören werden!“

„Gewiss!“ Friedrich lächelte stolz in sich hinein, die Vorstellung gefiel ihm. „Wir werden Teil eines neuen Volkes sein, einer neuen Lebenseinstellung und zu den Pionieren eines neuen Staates gehören!“ Er konnte seine Euphorie über diese Tatsachen kaum verbergen. Theatralisch begann er, in der kurzen Kabine auf- und abzulaufen. „Der protestantische Glaube wird zur größten und mächtigsten Kirche aufsteigen und wir werden Frieden und Toleranz unter die Wilden bringen!“

„Und Bildungsmöglichkeiten für Frauen könntest du auch vorantreiben“, warf Juliane trocken ein und schaute ihrem Vater fest in die Augen. „Das ist ebenfalls etwas, was revolutioniert werden muss!“

Ruckartig hielt Friedrich in seiner Bewegung inne. Er starrte seine Tochter zuerst fassungslos an. Je länger er jedoch Zeit hatte, über ihre Äußerung nachzudenken, desto wütender wurde er.

„Wozu habe ich dich eine religiöse Erziehung genießen lassen? Wie kannst du es wagen, mir – deinem Vater – gegenüber solche Ungepflogenheiten von dir zu geben?!“

„Das habe ich in einer von Huberts Zeitschriften gelesen!“, verteidigte Juliane sich und wollte noch hinzufügen, dass sie hoffte, baldmöglichst wieder einen Schulunterricht genießen zu können. Doch der schmerzhafte Schlag der Ohrfeige, die sie rechts und links im Gesicht traf, ließ sie verstummen. Sie kannte das bereits. Es war nicht das erste Mal, dass sie für eine freche, unbedachte Äußerung gezüchtigt und bestraft wurde. Meistens allerdings hatte ihr Vater sie für einen Tag in den Kohlenkeller, zu den Ratten und Mäusen gesperrt. Hier, auf dem Dampfer gab es diese Möglichkeit nicht und so griff er zu einer anderen erzieherischen Maßnahme, die seine Tochter in ihre Grenzen weisen sollte. Zornig starrte Friedrich auf sie hinab. Sie war genauso klein wie ihre Mutter und reichte ihm gerade bis ans Schlüsselbein.

Fassungslos blickten die großen, bernsteinfarbenen Augen ihn an. Tränen sammelten sich für eine Sekunde darin, doch das Mädchen zwang sie energisch zurück. Auf keinen Fall wollte sie sich den Schmerz anmerken lassen, der auf ihren Wangen brannte.

„Aber, aber!“ Erschrocken war Luise aufgesprungen und stellte sich zwischen ihren Mann und das junge Mädchen. „Wir haben noch nicht einmal abgelegt! Wollt ihr euch nicht ein bisschen zusammennehmen?“ Sie fixierte ihre Tochter lange. „Und du könntest endlich einmal begreifen, dass sich ein anständiges Mädchen nicht so benimmt! Wann geht das in deinen Dickschädel?“

Juliane senkte den Kopf und schwieg. Sie wusste, dass ihr Mund wieder einmal schneller gehandelt hatte als ihr Verstand, aber es änderte nichts an ihrer heimlichen Meinung, an ihren Ansichten und ihrem Willen, diese eines Tages durchzusetzen.

„Ich möchte so gerne hier bleiben, bei meinen Freunden.“ Ihre Stimme war kaum ein Flüstern und sie hatte große Mühe, nicht laut aufzuschluchzen. „Ich bin doch hier zu Hause!“

„Ach, Kind!“ Erschüttert legte Friedrich seine Hände auf ihre Schultern. Er verabscheute es, wenn er eines seiner Kinder schlagen musste. „Ich weiß, dass es schwer ist für dich. Es wird für keinen von uns einfach sein. Wir müssen viel lernen, eine fremde Sprache zum Beispiel, und wir werden mit sehr vielen verschiedenen Kulturen und Völkern zusammentreffen. All das wird zu Konflikten und Schwierigkeiten führen, da mache ich niemandem von uns eine falsche Hoffnung.“ Der Blick aus seinen braunen Augen glitt über Hubert, Nikolaus und Luise hinweg. Er lächelte kurz. „Aber es ist doch auch eine Herausforderung, ein Stück Veränderung auf unserem Weg und vielleicht ein Ort, an dem wir unsere wahre Aufgabe finden.“

„Vielleicht“, murmelte Juliane und biss sich auf die Lippen. Es war schwer für sie gewesen mitanzusehen, wie die neuen Besitzer ihre schönen Möbel, das Porzellanservice und das Klavier abgeholt hatten. Sogar einen Teil ihrer Kleider und ihre geliebte Spieluhr in der Dose hatte sie zurücklassen müssen, weil sich dafür in dem wenigen Gepäck, das zugelassen war, kein Platz gefunden hatte. Sie hatte es einem Nachbarmädchen geschenkt, das sich sehr darüber gefreut hatte, aber das war nur ein geringer Trost für den Verlust geliebter Dinge.

Friedrich tätschelte ihr die Wangen, die sich durch die beiden Schläge rot verfärbt hatten. „Ist schon gut, mein Kind. Du hast deine Gründe, so zu denken...auch, wenn ich sie nicht verstehen kann.“

Juliane nickte tapfer und sie war froh, Hubert hinter sich zu spüren, der ihr mit einem sanften Stoß mit seinem Zeigefinger in den Rücken zu verstehen gab, dass nichts Schlimmes passiert war und sie sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Friedrich zog seine Taschenuhr hervor und schaute darauf. „Oh!“, entfuhr es ihm. „Wir sollten uns langsam aufs Deck begeben, wenn wir Bremerhaven noch einmal ‚Auf Wiedersehen‘ sagen wollen!“

Oben, unter den beiden Schornsteinen, an der Reling, hatten sich bereits Menschentrauben versammelt. Die Sonne strahlte inzwischen vom Himmel und wärmte die Gesichter der Passagiere und derjenigen, die am Pier zurückblieben. Die „Elbe“ stieß zwei langgezogene, ohrenbetäubende Pfiffe aus – es war das Zeichen zur Abfahrt.

„Kommt hierher!“ Eifrig deutete Hubert auf seinen Platz zwischen einigen jungen Männern, den er sich erobert hatte. Er schob Nikolaus vor sich, sodass der Junge über die Eisenstangen blicken konnte, hinab auf die Anlegestelle, wo unzählige Arme winkten und Taschentücher sich im Wind schwenkten. Es war ein berauschender Anblick. Die Holzprielen wurden eingezogen und die Türen mit einem lauten Schlag verschlossen. Ein paar Matrosen liefen umher und lösten die Taue, die in bedachter Ruhe eingeholt wurden. Im nächsten Augenblick ging ein Rumpeln und eine Erschütterung durch den Schiffskörper. Schwarzer, dicker Rauch stieg aus den beiden Schornsteinen empor. Langsam, sehr langsam legte die „Elbe“ vom Landungssteg ab. Es zischte und rauchte und dampfte und sie glitt durch das Wasser, der Nordsee und dem Ozean entgegen. Die Menschen, die am Pier zurückgeblieben waren, wurden kleiner und kleiner, ebenso wie die Häuser der Stadt Bremerhaven immer winziger wurden und das Spielen der Kapelle leiser – „Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus...“

„Jetzt ist es endgültig“, sagte Hubert leise, sodass nur Nikolaus und Juliane es verstehen konnten, die dicht zusammengedrängt neben ihm standen. „Jetzt sind wir für immer fort von unserer Heimat und dem Ort, wo wir geboren worden sind.“

„Denkst du wirklich, es ist für immer?“, fragte das junge Mädchen leise und schluckte. Ihr Herz fühlte sich bleiern an und sie glaubte, jeden Moment die Beherrschung zu verlieren. Sie hatten aufgehört, Deutsche zu sein. Bald würden sie zu Amerikanern werden und eine andere Nationalhymne singen. Sie würden eine andere Sprache sprechen und in einem fremden Land leben, das Glück, Erfolg und Reichtum versprach. Doch ganz gleich, wie es dort sein würde – es war nicht ihr Zuhause. Es war die Fremde, die sie ängstigte und die Gewissheit, all ihre Freunde und Nachbarn heute zum letzten Mal in ihrem ganzen Leben gesehen zu haben, die sie traurig stimmte. Die Endgültigkeit war nur schwer für sie zu fassen.

„Ja“, sagte Hubert ehrlich und starrte hinüber, zu den Häusern, die sich zu kleinen Punkten verwandelten. „Wer einmal nach Amerika ausgewandert ist, kommt nicht mehr zurück.“

Juliane schaute ihn an. „Glaubst du, wir werden es schaffen?“, wollte sie wissen und flehte, er würde sie nicht belügen. Sie wollte die Wahrheit wissen, ganz gleich, wie diese aussah.

Einen Moment biss ihr älterer Bruder sich auf die Lippen und schwieg. Er wollte sie nicht beunruhigen, aber sie hatte ein Recht darauf zu wissen, was sie erwartete.

„Nun...“ Er seufzte. „Von allem, was ich so gehört habe, ist es oft schwierig und gefährlich. Die Indianer wollen sich ihr Land nicht wegnehmen lassen und es kommt immer wieder zu Auseinandersetzungen. Nicht überall gilt bereits Gesetz und Ordnung und es gibt viele Banditen. Dieses Land ist noch nicht bezwungen und wir werden ein Teil der Geschichte werden. Vielleicht werden wir miterleben wie es ruhiger und sicherer wird, wir werden selber Geschichte schreiben.“

„Ein Teil der Geschichte“, wiederholte Juliane nachdenklich und starrte hinunter auf das dunkle, wellenschlagende Wasser. „Und welchen Preis müssen wir dafür bezahlen, Hubert? Für welchen Preis werden wir zu den Pionieren gehören? Ich habe so viel Schreckliches gelesen...“

Er wandte den Kopf und schaute sie an, verblüfft über ihren scharfen Blick für die Wirklichkeit. Er wusste darauf nichts zu erwidern, außer ihr stumm rechtzugeben. Niemand konnte ihnen sagen, wohin diese Auswanderung führen würde und er verdrängte jede Vorstellung an Schlechtes, so gut er konnte. Er freute sich auf dieses Land, auf all die Menschen unterschiedlichster Rassen, er wollte sich freuen und anstatt der Gefahren nur die Möglichkeiten sehen. In seinem Kopf entstand bereits das Bild seines eigenen Häuschens, irgendwo auf einem riesigen Stück Land, das er dann selbst bewirtschaften konnte und auf dem er Schafe züchten wollte.

Die ersten Tage auf See verliefen ohne Störungen oder Abwechslung verschaffende Zwischenfälle, zumindest abgesehen davon, dass Juliane, Hubert und Luise die ersten drei Tage unter entsetzlicher Seekrankheit litten. Danach jedoch hatten sie sich an den Wellengang gewöhnt und jeder bemühte sich, die beginnende Langeweile und den öden Anblick des immer gleichen Meeres auf irgendeine Weise zu bekämpfen und sich anderweitig zu beschäftigen. Friedrich lernte zusammen mit Luise und seinen drei Kindern jeden Tag mehrere Stunden englische Grammatik und Vokabeln. Er wollte, dass sie der Sprache halbwegs mächtig wären, wenn sie in New York einliefen. In der wenigen Zeit dazwischen ging er meistens spazieren und weil alle Passagiere ihn mit seiner langen, schwarzen Kutte sofort als Geistlichen erkannten, kam er von diesen Erkundungsgängen oft lange nicht zurück. Die Menschen vertrauten ihm ihre Probleme und Sorgen an, baten ihn um Rat oder Unterstützung und er fühlte sich ihnen verpflichtet.

Es war der sechste Tag, nachdem sie Bremerhaven hinter sich gelassen hatten. Hubert und Juliane strichen auf dem Deck umher, wo ein kalter Nordwind pfiff und ihnen den Aufenthalt bald verleidete. Nikolaus spielte mit ein paar anderen Kindern und einem Ball aus zusammengeknüpften Stoffresten. Keinem von ihnen schien kalt zu sein.

Juliane beobachtete ihren kleinen Bruder inmitten der anderen Kinder, die aus ganz Deutschland stammten und alle mit ihren Eltern nach Bremerhaven gereist waren, um von dort aus die „Elbe“ zu besteigen.

„Er ist viel kleiner als die anderen“, stellte sie auf einmal fest, während sie sich an die Reling lehnte. Hubert folgte ihrem Blick und nickte kurz.

„Stimmt“, gab er zu und betrachtete den schmächtigen Jungen mit demselben braunen Haar wie das seine. „Das wird vermutlich mit der Lungenentzündung zusammenhängen, die er als Kleinkind hatte.“

„Wahrscheinlich“, nickte Juliane nachdenklich. Sie und ihre beiden Brüder waren die einzig Überlebenden der sieben Kinder, die ihre Mutter geboren hatte. Alle anderen lagen auf dem Friedhof ihrer Kirche beerdigt, gerade einmal mehrere Wochen oder Monate alt geworden.

„Was ist?“, fragte Hubert, während er das junge Mädchen eindringlich betrachtete. „Du schaust auf einmal entsetzlich verbittert aus! He, du bist ganze sechzehn!“ Er boxte sie aufmunternd in die Seite. „Du hast dein ganzes Leben noch vor dir und nur, weil wir jetzt auswandern...daraus lässt sich etwas machen!“

„Ja, schon...“ Juliane legte den Kopf schief, ohne ihre Augen von einem unbestimmten Punkt, irgendwo hoch oben am vorderen Schornstein, abzuwenden. „Ich musste nur gerade an die anderen denken.“

Die anderen...Hubert seufzte. Er kannte das bereits. Immer wieder kam sie auf ihre verstorbenen Geschwister zu sprechen und manchmal fragte er sich, inwiefern sie der Tod all dieser Kinder geprägt und vielleicht auch verändert hatte. Sie war als zweite nach ihm geboren worden. Die beiden Schwestern, die kurz hintereinander auf die Welt gekommen waren, hatten beide nicht überlebt, erst wieder Nikolaus. Und dann waren nach ihm noch einmal zwei Mädchen gewesen, die es ebenfalls nicht geschafft hatten.

„Das ist vorbei“, sagte Hubert ausweichend und verschränkte die Arme vor der Brust. Er sah noch heute seine Mutter dasitzen, gegrämt und voller Trauer. „Das ist eben so. Das ist das Leben.“

„Ich werde das nie verstehen“, erwiderte Juliane mit einer derartigen Emotion in der Stimme, die ihren großen Bruder erstaunt aufblicken ließ. „Da quält sich eine Frau mit dieser Geburt und dann? Wozu? Damit ihr Kind gar nicht groß werden darf?“

Hubert schluckte. Das war es also – sie empfand den Tod als eine Ungerechtigkeit, aber nicht etwa gegenüber den Kindern, nein, sondern gegenüber der Mutter, der diese Qualen auferlegt wurden.

„Schau, ich verstehe auch nicht recht, wieso das sein muss. Vielleicht gehört es einfach zum Leben dazu. Mach’ dir nicht so viele Gedanken.“

„Ich muss!“, widersprach Juliane ernst. „Schließlich werde ich auch eines Tages eine Frau sein, die Kinder zu Welt bringen soll und ich möchte nicht so viele von ihnen verlieren!“

Hubert lächelte sanft. Er ahnte, welch tiefes Gefühlsleben, unendlich viele Grübeleien hinter der rebellischen, selbstbewussten Fassade seiner kleinen Schwester steckten. Er ahnte auch, dass sie sich nicht in dieses Schicksal fügen wollte.

„Irgendwann wirst du heiraten und dir keine Gedanken mehr darüber machen, weil du mit lauter Hausarbeit gar nicht mehr dazu kommst!“ Es sollte aufmunternd klingen, doch seine Schwester starrte ihn nur verständnislos an.

„Ich weiß nicht, ob ich überhaupt jemals heiraten werde“, entgegnete sie bissig und es schien ihr vollster Ernst. „Ich habe schon zu viele junge Frauen gesehen, die bei der Geburt ihrer Kinder gestorben sind und die Vater dann beerdigen musste.“

Hubert senkte den Blick. „Auch das, ja...“ Er seufzte. „Aber du wirst sehen, dass dich das eines Tages nicht mehr stört, nämlich dann, wenn du dem Mann gegenüberstehst, den du liebst und...“

„Das glaube ich nicht!“, fiel Juliane ihm trotzig ins Wort und sie zog ihren Mantel enger. Der Wind wurde immer stürmischer und kühler.

Hubert schmunzelte. „Das kannst du nur behaupten, weil du noch nie verliebt gewesen bist!“

Verdutzt und neugierig zugleich schaute Juliane ihn an. „Aha! Sag bloß, du hast damit schon Erfahrungen gesammelt!“

Mit einem verschmitzten Grinsen zuckte ihr Bruder die Schultern. „Es gab da schon das ein oder andere Mädchen...“

„Hubert Kleinfeld!“ Entrüstet stemmte Juliane die Arme in ihre schmalen Hüften. „Das hätte ich nicht von dir gedacht!“

Er lachte leise auf. „Es ist das Natürlichste auf der Welt, Julchen!“

„Nenn mich nicht Julchen! Ich bin kein kleines Kind mehr!“

„Manchmal schon. Trotzdem ist es ganz natürlich!“ Er kniff ihr frech in die Wange. „Aber ich hab’ ja keine von ihnen geheiratet!“

„Das hätten Vater und Mutter dir auch nie verziehen“, warf das junge Mädchen ein. Sie wandte sich ab und stolzierte hocherhobenen Hauptes davon, um Nikolaus von den anderen Kindern fort, in ihre Kabine zu bringen. Sie fürchtete, er könnte sich sonst erkälten.

Hubert sah ihr nach. Sie war eine junge Dame geworden, seine kleine Schwester. Irgendwann, das wusste er, würde der Mann kommen, der ihr Denken und ihre Ansicht veränderte und dann würde es ihr ganz gleich sein, ob sie einmal oder zehnmal ein Kind austragen musste. Hubert schmunzelte in sich hinein. Sie kannte den Weg, auf dem ein Kind in den Körper einer Frau gelangte noch nicht, aber er, er kannte ihn – zumindest theoretisch – und er wusste, dass es in diesem Augenblick nicht zählte, was danach sein könnte.

Er stieß sich von der Reling ab. Dieses kleine Geheimnis musste er allerdings für sich behalten, er konnte sein Wissen nicht mit ihr teilen. Derartige Dinge wurden nicht besprochen, noch nicht einmal in den Mund genommen und wenn, dann nur hinter vorgehaltener Hand. In den Augen seines Vaters, dessen war Hubert sich bewusst, war er der anständige, guterzogene Sohn, der eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Bisher hatte Hubert sich nicht dagegen gewehrt – er wusste seit Kindesbeinen an nichts anderes und dennoch...irgendetwas zog ihn weiter. Irgendetwas ließ ihn nicht zur Ruhe kommen und er fragte sich oft, was das sein konnte und ob er den Grund dafür eines Tages finden würde. Es war seine Bestimmung, ebenfalls Pastor zu werden und daran gab es nichts auszusetzen. Es war ein guter Beruf, mit dem er anderen Menschen helfen konnte, wenn auch nicht so, wie er es manchmal gerne getan hätte.

Am selben Abend gerieten sie in einen wüsten, furchterregenden Sturm. Tosende Wellen schlugen draußen an die Schiffsplanken und brachen sich an Deck.

„Ich habe Angst“, flüsterte Nikolaus und drückte sich fester an seinen großen Bruder. Beschützend legte Hubert ihm den Arm um die Schultern.

„Musst du nicht“, versicherte er. „Das ist immer so, wenn über dem Meer ein Sturm losbricht. Das ist immer schlimmer wie auf dem Festland, aber das macht dem Schiff nichts aus, überhaupt nicht! Das ist für solche Überfahrten gebaut!“

Er wusste, dass das geschwindelt war und in seinem Inneren zitterte er genauso, wie der schmächtige, zarte Junge der sich fest und voller Vertrauen an ihn presste. In seiner Sorge tat Hubert das, was er gelernt hatte zu tun: Er faltete die Hände und betete lautlos, nur für sich. Er betete, dass sie das restliche Stück Weg heil überstehen würden, dass es bald vorüber wäre mit diesem entsetzlichen Geschaukel und dass niemandem an Bord etwas zustieß. Er war noch mitten in sein Gebet vertieft, als plötzlich die Türe aufgerissen wurde und helles Licht von draußen, vom Korridor hereinfiel.

„Pastor?“, rief eine aufgeregte Frauenstimme. „Pastor, kommen Sie schnell!“

Ruckartig setzte Friedrich sich auf. Alarmiert warf er seine Bettdecke zurück und griff im Aufstehen bereits nach seiner bodenlangen, schwarzen Kutte, die immer griffbereit in seiner Nähe lag und jetzt am oberen Bett hing.

„Was ist passiert?“

„Ein junger Matrose ist die Treppe hinuntergefallen! Kein Wunder, bei diesem Tanz, den der Sturm mit uns vollführt!“

„Ich komme!“ Friedrich schlüpfte in seine Schuhe und befahl: „Los, Hubert! Steh auf!“

Sein achtzehnjähriger Sohn seufzte innerlich, doch ihm blieb keine Wahl und so zog er seinen Arm unter Nikolaus hervor.

„Ich komme so schnell wie möglich zurück“, versprach er und schwang sich vom oberen Bett hinunter. Auf eigenartige Weise fühlte er sich unwohl bei der Vorstellung, jetzt dort hinaus zu müssen, zwischen all die aufgeregten und verängstigten Menschen, um irgendwo nach einem verletzten Matrosen zu sehen. Womöglich war er sogar schon tot, wenn die Frau seinen Vater holte.

Im Halbdunkeln fingerte er nach seiner Weste und den Schuhen. Sie behielten ihre Kleidung auch nachts an, für den Fall, dass sie schnell von Bord mussten. Im Schein des flackernden Lichts, das durch die offene Tür fiel, konnte er seinen Vater mit der fremden, älteren Frau zusammenstehen sehen. Er hörte jedes ihrer Worte. Sie sprach auf Deutsch mit einem weichen, württembergischen Akzent.

„Haben Sie schon einen Arzt geholt?“, fragte Friedrich jetzt und Hubert schien es, als sei er sich auch noch nicht ganz schlüssig, wie er sich in dieser Lage verhalten sollte.

„Mein Mann ist auf der Suche nach einem“, versicherte die Frau aufgeregt und fuchelte mit dem Arm. „Aber dazu müssen wir ja erstmal bis ganz rauf, zur ersten Klasse, wo die Seeleute alle schlafen.“

Hubert verkniff sich den Kommentar, dass die Wegbeschreibung der guten Frau alles andere als stimmte: Die erste Klasse und die Mannschaftsunterkünfte lagen weit voneinander entfernt und die meisten Seeleute hausten nicht besser, als sie es hier taten, im Gegenteil, doch er schwieg. Hätte er nicht zufällig einen Blick auf die Pläne geworfen, die in jedem Gang für Notfälle und zur Orientierung aushingen, hätte er dies vermutlich auch nicht gewusst. Für die Frau, die jetzt eilig vor ihm und seinem Vater herlief, war der Schiffsarzt ganz einfach „irgendwo da oben“ untergebracht.

Sie bogen in einen Seitenkorridor ab, wo vor einigen Türen ein Menschenauflauf herrschte. Sie alle wollten wissen, was geschehen war und fragten neugierig Friedrich, den sie im Vorbeilaufen als Geistlichen erkannten, doch dieser winkte nur beruhigend ab.

„Geht wieder schlafen, Leute! Es ist bloß jemand ausgerutscht, bei einem der Hüpfer, den unser Schiff gemacht hat! Kein Grund zur Aufregung!“

Hubert hörte ihn reden und rufen und fragte sich, weshalb er seinem Vater eigentlich wie ein Handlanger, mit zwei Schritten Abstand, folgte. Eigentlich war er hier doch völlig überflüssig! Weder er, noch Friedrich verstanden sonderlich viel von Medizin, also konnten sie sowieso nichts ausrichten, ehe nicht...nein. Hubert musste sich korrigieren. Falls dieser junge Matrose keinen Arzt mehr benötigte, dann allerdings war sein Vater der Richtige. Einige Meter vor ihnen hatte sich eine große Menschentraube gebildet.

„Geht weg!“, rief die Frau mit lauter, schriller Stimme und zerrte an ein paar Hemden und Ärmen. „Ich habe den Pfarrer dabei!“

Tatsächlich machten die Neugierigen Platz und ließen Friedrich und Hubert an den Treppenabsatz treten. Dort, zusammengesunken und ohne Bewusstsein, lehnte ein junger Mann, höchstens zwanzig.

Hubert schluckte. Überall auf den weiß gestrichenen Stufen und der Wand klebte Blut. Jemand musste den Matrosen halb auf die ersten beiden Stufen gelegt und seinen Kopf mit einer Jacke gestützt haben.

„Gütiger Himmel!“, entfuhr es Friedrich leise und er ging neben dem Verletzten in die Knie.

Huberts Blick glitt die Treppe hinauf und dann zurück zu dem jungen Mann. Aus einer langen, hässlichen Stirnwunde tropfte unaufhörlich Blut und sein linker Arm wölbte sich seltsam verrenkt nach oben. Der Blutspur nach zu urteilen, musste er vornüber hinuntergefallen und mit dem Kopf gegen die gusseiserne Haltestange geschlagen sein. Hubert atmete tief durch, während er das hellrote Blut dabei beobachtete, wie es aus der Wunde, über das geschlossene rechte Augenlid hinab und über die Wange rann, um von dort auf die blaue Uniform zu tropfen.

„Achtung! Lassen’s mich durch! Ich bin Arzt! Hören’s denn nicht? Lassen’s mich doch durch!“

Hubert drehte sich zu der energischen Stimme um und stellte erstaunt fest, dass sich ein kleiner Mann von vielleicht Ende zwanzig durch die Menge schob. Sein strohblondes Haar war zerzaust, als sei er eben aufgestanden und er sprach mit deutlich österreichischem Akzent.

„Ah, geh!“, schimpfte er jetzt und schob eine Frau beiseite. „Immer diese unnützen Gaffer!“ Er nahm kaum Notiz von Hubert oder Friedrich, sondern griff sofort nach dem Handgelenk des Patienten. „Hmm“, machte er schließlich. „Stabil und gleichmäßig.“ Er nickte Friedrich zu. „Schaut nicht so aus, als bekämen’s heute noch was zu tun, Herr Pastor!“

Friedrich lächelte amüsiert. „Das will ich auch hoffen! Das sollte eine schöne Überfahrt für mich werden!“

„Das kann man sich nie aussuchen“, entgegnete der schlanke, kleine Österreicher und tupfte mit seinem Taschentuch behutsam das Blut rund um die Stirnwunde fort. „Ah, ich glaube, das wird wieder.“

„Er wird es schaffen?“, fragte Hubert und spürte, wie das Herz ihm bis zum Halse schlug. Es war das erste Mal, dass er einem Arzt bei der Arbeit zusah.

„Sicher!“, wurde er beruhigt und eine Hand forderte ihn auf, mit anzupacken. „Wir bringen ihn trotzdem auf die Krankenstation. Da kann er sich auskurieren.“

Er fasste den jungen Matrosen unter den Achseln und Hubert packte seine Knöchel. „Kommen Sie, wir werden den Weg schon finden!“

Hubert nickte und spürte, wie sein Vater ihm auf die Schulter tätschelte. „Gut so, mein Junge!“ Er lächelte und beobachtete, wie sein ältester Sohn mit dem jungen Arzt verschwand.

„Ich bin übrigens Burkhard Retzner“, sagte der Österreicher mit seinem unverkennbaren Akzent, während er sich oben, an der Treppe, für den linken Korridor entschied. „Doktor Burkhard Retzner“, fügte er mit Nachdruck hinzu.

„Angenehm“, stieß Hubert ein wenig außer Atem hervor, ehe er ihm seinen Namen nannte. Der Matrose wurde allmählich ganz schön schwer.

„Ah, ein Nordlicht!“, erkannte Doktor Retzner und schmunzelte. „Auch auf dem Weg ins große Abenteuer und das gelobte Land, was?“

„Nun...“, begann Hubert zögernd, kam jedoch nicht weit.

„Machen wir uns keine falschen Illusionen!“ Doktor Retzner stieg die nächste Treppe hinauf. „Da wartet mehr Arbeit auf uns, als mir lieb ist! Da gibt’s ja noch gar nichts! Nicht einmal eine vernünftige Organisation!“

„Nun ja...“, wollte Hubert erwidern, doch er wurde erneut von dem geschwätzigen Arzt unterbrochen: „Ich weiß noch gar nicht, wie ich mich mit meinen Patienten verständigen soll! Man muss ja schon fast alle Sprachen dieser Welt beherrschen, wenn man sich irgendwie durchwursteln will, nicht wahr?“

„Hmm, ja.“ Mehr fiel Hubert dazu nicht ein und er wollte auch nicht riskieren, ein weiteres Mal nicht zu Wort zu kommen. Außerdem ging ihm sowieso allmählich die Puste aus. Sie brachten den jungen Matrosen zum Schiffsarzt, auf dessen Station, und als dieser versicherte, es bestehe keine Lebensgefahr, verabschiedeten sie sich wieder.

Müde und erschöpft und doch gleichzeitig aufgewühlt ging Hubert in ihre Kabine zurück. Er schloss die Türe leise hinter sich und stellte fest, dass der Rest seiner Familie mittlerweile ruhig schlief. Er zog die Schuhe aus, ehe er lautlos auf das obere Bett kletterte. Obwohl er sehr behutsam vorging, wachte Nikolaus auf und rieb sich die Augen.

„Du bist wieder da?“

„Psst!“, zischte Hubert und legte ihm die Hand auf den Mund. „Du weckst ja alle auf!“

„Aber“, wisperte sein kleiner Bruder, „ich will doch wissen, was passiert ist!“

„Nichts!“, flüsterte Hubert ungeduldig. „Nur ein Matrose, der die Treppe hinuntergefallen ist und jetzt vom Arzt versorgt wird.“

„Ach so“, erwiderte Nikolaus und gähnte. „Dann kann ich ja jetzt schlafen.“

„Mach’ das und sei still!“ Hubert zog die Bettdecke über sie beide und horchte auf die Atemzüge der anderen: Von Juliane und Luise war nichts zu hören, nur Friedrich schnarchte leise und bedächtig vor sich hin. Hubert starrte an die Decke, die er in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. Das Erlebnis hatte ihn auf eigenartige Weise bewegt. Wie gerne hätte er nicht bloß dumm dagestanden und zugeschaut, wie dem jungen Mann das Blut über das Gesicht lief. Wie gern hätte er geholfen!

Ein Leben zu retten, dachte er, ist vielleicht die sinnvollste und gleichzeitig schwierigste Aufgabe, die wir übernehmen können, aber ist sie nicht auch die befriedigendste?

New York

Am späten Vormittag des 12. März 1884 dampfte die „Elbe“ im Hafen von New York ein. Alle Passagiere, die Platz fanden, hatten sich schon vor fast einer Stunde auf dem Deck, den Aussichtsplattformen und an der Reling entlang versammelt, um zu erleben, wenn sie in die berühmte Stadt im Osten der Vereinigten Staaten einlaufen würden. Wie ein Lauffeuer sprach sich die Nachricht über die baldige Ankunft herum und alles eilte und rannte hinauf, unter den freien Himmel.

„Immer mit der Ruhe!“, entschied Friedrich energisch, als seine drei Kinder ebenfalls aufgeregt davonrennen wollten. „Wir kommen genauso schnell an, wenn ihr hier bleibt!“

„Aber...wenn wir nicht gleich gehen, bekommen wir keinen Platz mehr, an dem wir etwas sehen können!“, rief Juliane und trat nervös auf der Stelle.

„Also, wirklich!“, entrüstete sich Luise und schüttelte missbilligend den Kopf, während sie sich ihr Cape umlegte. „Wir kommen noch früh genug nach oben!“

Endlich, für Nikolaus und Juliane kaum abzuwartende, zehn Minuten später führte auch ihr Weg hinauf aufs Deck. Unten, in den Korridoren und den Kabinen herrschte erregte Aufbruchstimmung.

Sie hatten nicht den Schimmer einer Ahnung, dass sie nicht sofort in Castle Garden, an der Spitze von Manhattens Insel würden anlegen dürfen. Dort befand sich die Anlegestelle für alle Immigranten. Zuerst würde ein offizieller Gesundheitsinspektor erscheinen und alle Anwesenden an Bord kurz nach irgendwelchen Anzeichen von ansteckenden Krankheiten wie Pocken, Typhus oder Cholera untersuchen. Danach würde er sich die Unterlagen der Todesfälle an Bord zeigen lassen. Wenn alles in Ordnung wäre, würde er ihnen die Erlaubnis geben, zum Zielhafen weiterzufahren, andernfalls würde das komplette Schiff erst einmal unter Quarantäne gestellt.

All diese organisatorischen Vorgänge waren den meisten Einwanderern völlig unbekannt, während sie sich wild und aufgeregt an Deck drängten. Alle wollten sie nur endlich einen ersten Blick auf Amerika erhaschen. Es herrschte dichtes Gedränge und eine Art Festtagsstimmung schien ausgebrochen zu sein. Ein paar Flaschen Wein wurden herumgereicht, einige junge, wohl bereits angetrunkene Männer sangen deutsche Volkslieder und Hubert beschloss, an einem der Stützseile der Schornsteine ein Stück hinauf zu klettern.

„Was soll denn das?“, brüllte Friedrich gegen das Stimmengewirr und den Lärm zu ihm hinauf. „Komm sofort wieder herunter!“

„Aber wieso denn?“, schrie Hubert zurück. „Von hier oben sehe ich viel mehr!“

Und er blieb, wo er war. Er konnte nicht verhindern, dass sein Herz mit jeder Minute schneller und stärker in ihm zu schlagen begann. Seine Augen hingen an den Fluten des Meeres, durch das sich der Dampfer schob und zwischen denen in absehbarer Zeit Amerika vor ihnen auftauchen musste. Hubert bekam nicht mit, was unter ihm herum geschah. Er bemerkte weder, dass Nikolaus sich ein Stück weit nach oben zu ihm getraute, noch, wie Juliane sich sanft und doch bestimmt soweit bis zur Reling nach vorn drängte, dass sie etwas sehen konnte.

„Da!“, brüllte plötzlich jemand hinter ihm und er kniff die Augen zusammen. „Land in Sicht!“

Wildes Geschrei und Jubelstürme brachen los und jetzt entdeckte auch Hubert, wie sich vor ihnen dunkle Schatten zu erheben begannen. Sie waren am Ziel und auf einmal ging alles sehr schnell. In kürzester Zeit hatten sie das Festland erreicht und der Dampfer drosselte sein Tempo merklich.

Nachdem der Gesundheitsinspektor sie für einwanderungsfähig befunden hatte, fuhren sie zunächst in gemäßigtem Tempo weiter nach Castle Garden, wo die „Elbe“ endlich Anker legte. Ein letztes Mal stieß sie ihren dumpfen, langgezogenen Pfiff aus, der zum Ende hin schrill anschwoll, dann drängten sich die Passagiere zu den Ausgängen. Sie wollten hinaus, in die kühle, windige Frühjahrsluft, die über die Insel und die Hafenanlage strich. Hinaus in das fremde, unbekannte und unvorstellbar große Land, das sie von nun an ihr Zuhause nennen würden.

In Lastkähnen und Schleppern wurden die Einwanderer vom Dampfer zum Castle Garden Anlegesteg gebracht, wo erneut einige Sanitätsoffiziere auf sie warteten und sich vergewisserten, dass sich tatsächlich keine kranken Passagiere unter ihnen befanden. Nach dieser Untersuchung und der Prüfung ihres Gepäcks, das erneut in einem separaten Raum verstaut wurde, betraten sie das runde Gebäude mit dem mächtigen Glasdom auf der Kuppel durch einen langen Gang. Sie fanden sich im Zentrum des Rundbaus wieder, wo sie sich in Reih und Glied in unterschiedlichen Abteilungen anstellen mussten, je nachdem, ob jemand der englischen Sprache mächtig war oder nicht.

„Verflixt und zugenäht!“, fluchte Juliane unbeabsichtigt und verdrehte die Augen, bevor sie sich auf eine der Holzbänke fallen ließ. „Das kann ja Stunden dauern!“ Sie beobachtete die anderen Passagiere, die ebenfalls mit ihrem Schiff angekommen waren und sich kontinuierlich durch die Türe in das Gebäude schoben und drängten.

„Juliane!“ Der empörte Aufschrei ihrer Mutter ließ sie zusammenzucken. „Wirst du wohl aufhören, dich wie ein Zigeuner zu benehmen?!“

„Ja, Mutter!“ Mit einem leisen Ächzen folgte das Mädchen ihrer Familie hinunter zu den zirkelähnlich angeordneten Schreibtischen, wo ein ganzes Dutzend Männer damit beschäftigt war, die Registrierungen der Neuankömmlinge vorzunehmen.

„Das ist...einfach überwältigend“, bemerkte Hubert nach einer ganzen Weile, in der er nichts anderes tat, als die riesige Halle genau in Augenschein zu nehmen. Balkone waren rundherum an den Wänden errichtet worden und der majestätische Dom aus Glas über ihnen erhellte das komplette Innere des Gebäues.

„Wann gehen wir denn jetzt?“, wollte Nikolaus ungeduldig wissen, während er permanent herumhüpfte und ständig in irgendwelche anderen Menschen hinein rempelte. „Gehen wir jetzt auch bald raus?“

„Ja, gleich!“ Sein Vater legte ihm seine Hände auf die Schultern und hoffte inständig, der Junge würde jetzt endlich still sein, nachdem er ihm ohnehin keine Antwort auf seine ständige Fragerei geben konnte.

Hunderte von Personen hielten sich in dem Rundbau auf, warteten, genau wie sie und bei Einbruch der Dunkelheit waren sie zwar endlich registriert, allerdings immer noch ohne Erlaubnis, das Gebäude zu verlassen.

„Amerika“, grinste Hubert sarkastisch, während er auf eine der Holzbänke sank und hinter vorgehaltener Hand ein Gähnen versteckte. „Wir sind da!“

„Was sollen wir denn jetzt tun?“, jammerte Luise und setzte sich neben ihren Sohn. „Wir haben die letzten paar Tage auf diesem schrecklichen, schaukelnden Dampfer verbracht und ich würde mir wirklich nichts mehr wünschen, als ein Bett und ein warmes Bad. Einfach nur das, sonst nichts.“ Hoffnungsvoll blickte sie zu ihrem Ehemann hinauf. „Können wir es uns nicht leisten, zumindest für eine Nacht, in einer Pension oder etwas ähnlichem zu bleiben?“

Friedrich runzelte die Stirn. „Das können wir gerne machen, obwohl ich gehofft habe, wir könnten das Geld für unsere Reise westwärts sparen.“

„Du kannst doch nicht ernsthaft vorhaben, heute Nacht noch ein Ticket für die Eisenbahn zu kaufen?“ Seine Frau schnappte nach Luft.

„Nein, nein“, versicherte er hastig. „Ich habe nur laut nachgedacht...“

Einer der führenden Offiziere der Einwanderungsbehörde betrat nun den Rundbau und informierte die versammelten Menschen, dass sie die Nacht hierbleiben dürften, sollten sie nicht anderweitig schon von Verwandten erwartet werden oder bereits eine Unterkunft haben. Ebenso wäre es ihnen gestattet, gleich die Weiterreise anzutreten, ob nach Westen, Osten, Nord oder Süd, wie auch Geld zu wechseln oder sich mit Freunden und Verwandten in Verbindung zu setzen.

Juliane konnte nur müde lächeln – sie verstand nicht die Hälfte dessen, was der Mann ihnen gerade erklärt hatte und sie spürte noch nicht einmal mehr das Heimweh, das sie während der Reise gequält hatte. Osten oder Westen, Zuhause ist’s am besten, dachte sie und schloss ihre Lider für einige Sekunden.

„Ich habe Hunger“, verkündete Nikolaus.

„Ich auch!“, schloss Juliane sich an, was ihr einen strengen, rügenden Blick ihrer Mutter einbrachte. Eilig senkte das junge Mädchen den Blick. Weshalb konnte sie eigentlich nicht einmal den Mund halten, wenn sie doch schon vorher ahnte, dass es falsch war, was sie sagen wollte? Wieso konnte sie nicht einmal an der richtigen Stelle still sein, wenn es alles andere als damenhaft war, wie sie sich gab und wenn ihr das auch noch von vorn herein bewusst war?

Friedrich fand den Inhaber einer Pension, dem es gestattet war, in dem Rundbau der Einwanderungsbehörde Werbung für seine Unterkunft zu machen, was bedeutete, dass er von der Stadt lizenziert war und ein Zertifikat besaß, welches ihm Vertrauenswürdigkeit ausstellte. So gingen sie hinüber zur Gepäckabfertigung und erhielten endlich ihre Taschen und Koffer. Danach wurde ihnen gestattet, Castle Garden zu verlassen und sie traten ihren Weg an durch die nächtlichen, aber erleuchteten Straßen New Yorks. Juliane schlurfte müde und erschöpft hinter ihren Eltern und Brüdern her, entlang einer breiten Straße, als plötzlich eine Stimme hinter ihr erklang: „Ah, geh! Das kann ja jetzt nicht wahr sein!“

Ein lachender Mann, den sie nie zuvor gesehen hatte, klein gebaut und nicht viel größer als sie selbst, mit blondem Haar und unzähligen Lächfältchen um die Augen und Mundwinkel, trat zu ihnen.

„Was für eine Überraschung! Der Pastor und seine Familie! Sagen’s jetzt nicht, Sie steuern dieselbe Pension an wie ich!“

Friedrich starrte ihn für eine Minute verdutzt an, dann fiel es ihm wieder ein: „Ach, ja! Sie sind der Doktor, der sich um den verletzten Seemann gekümmert hat!“

„Retzner“, stellte der Österreicher sich mit breitem Akzent vor und lächelte in die Runde. „Doktor Burkhard Retzner, aber bitte, lassen wir die Förmlichkeiten! Daheim nennt mich jeder bloß Hardy, also, seien Sie so frei und reden Sie mich auch so an. Dieses ganze Doktor-Getue hilft einem hier nicht wirklich weiter, im Gegenteil! Andauernd kommen dann die Leute gerannt und wollen etwas von einem!“

Er zwinkerte verschmitzt, wobei seine grünen Augen auffallend lange an Juliane hängenblieben, die ihn unverhohlen und neugierig musterte. Er wirkte sehr sympathisch und vertrauenerweckend, auch wenn er gut doppelt so alt sein mochte wie sie selbst. Seine fröhliche, humorvolle Art gefiel ihr. Sein schmales Gesicht mit der etwas schiefen Nase verzog sich zu einem Lächeln, was ihn sehr charmant aussehen ließ und sie lächelte zurück.

Friedrich räusperte sich. „Nun, wo haben Sie denn vor, die Nacht zu verbringen?“

Burkhard Retzner warf einen kurzen Blick auf das Stück Papier in seiner Hand. „Sunnyside Boarding House“, las er vor.

„Oh, wenn das kein Zufall ist!“, mischte Hubert sich nun mit einem Zwinkern ein. „Wir hatten auch vor, dort zu übernachten!“

„Warum begleiten Sie uns nicht einfach?“, schlug Friedrich vor und gab dem Doktor einen Wink, sich ihnen anzuschließen. „Wohin soll die Reise für Sie denn gehen? Wissen Sie das schon?“

„Westwärts“, erwiderte der Österreicher geradeheraus.

„Westwärts?“, wiederholte Friedrich und seine braunen Augen begannen zu leuchten. „Eine großartige Idee! Genau dasselbe hatte ich auch schon im Kopf, gleich von Anfang an! Kommen Sie, kommen Sie! Wir müssen unsere Unterkunft finden und morgen früh werden wir über die weiteren Vorbereitungen sprechen, wir beide, meine ich.“

Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis sie „Klein-Deutschland“ erreichten. Klein-Deutschland war nichts anderes, als ein Stadtgebiet inmitten des riesigen New York, mit dem Unterschied, dass dort ausschließlich deutsche und deutschsprachige Auswanderer lebten. Sie fanden in der besagten kleinen Pension ein Zimmer, wo sie vorerst bleiben konnten.

„Du lieber Himmel!“, sagte Luise und starrte mit offenem Mund auf den engen Raum und den überfüllten Flur im oberen Stockwerk. Dieselbe Idee hatten andere Einwanderer vor ihnen auch schon gehabt und tummelten sich nun bis zur völligen Auslastung unter dem Dach des geschäftstüchtigen Pensionsbetreibers. „Schon wieder so viele fremde Leute auf einem Haufen!“

„Keine Angst“, beruhigte Friedrich sie. „Ich bin sicher, wir werden nicht lange hier bleiben.“

Er ahnte nicht, wie recht er mit dieser Aussage behalten sollte, die er eigentlich nicht ernst gemeint, geschweige denn groß überdacht hatte! Das einzige, worauf er abzielte war, seine Frau davon zu überzeugen, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Nikolaus gähnte. „Wann krieg’ ich endlich was zu essen?“, wollte er wissen und rieb sich müde die Augen.

Juliane schwieg beharrlich, seitdem sie den Hafen verlassen hatten. Zum einen, weil ihr die Füße wehtaten und zum anderen, weil sie ihre Mutter nicht noch einmal verärgern wollte. Es war ihr auch alles zu viel im Augenblick. Ihr Kopf fühlte sich an, als habe ihr jemand wieder Alkohol zu trinken gegeben. Niemand durfte natürlich wissen, dass sie und ihre Freundin Annegret heimlich in deren Vaters Weinkeller eine Flasche gemopst hatten. Das war erst wenige Monate her. Sie hatten damals beschlossen, die Auswanderung zu begießen, wie Erwachsene es auch taten. Von dem säuerlichen Geschmack des Weins waren sie zum einen enttäuscht gewesen und konnten auch nicht nachvollziehen, weshalb die Erwachsenen so versessen darauf waren, das Zeug zu trinken. Zudem kam die ungewohnte Wirkung hinzu, die sie glauben ließ, nicht mehr Herr ihrer Sinne zu sein. Ganz abgesehen von den dumpfen Kopfschmerzen, der sie am anderen Tag auf Schritt und Tritt begleiteten. So in etwa fühlte Juliane sich in diesem Moment und sie konnte nicht sagen, ob sie das alles nur träumte oder ob es Wirklichkeit war.

In dem winzigen Raum, den sie sich teilen mussten, gab es nichts, außer durchgelegenen Matratzen auf dem Fußboden und einem kleinen Tisch. Luise ächzte. So hatte sie sich ihre Ankunft in dem hochgelobten Land weiß Gott nicht vorgestellt und sie schwor sich, keinen Tag länger als irgendnötig hierzubleiben.

Am anderen Morgen wachten sie zu später Morgenstunde völlig übernächtigt auf. Als Juliane und ihre Mutter den kleinen Saal betraten, in dem das Frühstück eingenommen werden konnte, waren Friedrich, Hubert und Nikolaus bereits mit ihrer ersten, amerikanischen Mahlzeit beschäftigt. Doktor Retzner hatte sich ebenfalls zu ihnen gesellt.

Jetzt, bei Tageslicht, konnte Juliane ihn genauer betrachten und sie musste zugeben, dass ihr erster Eindruck sie nicht betrogen hatte – er schien tatsächlich ein äußerst sympathischer, vertrauenswürdiger Mann zu sein.

„Nun, wie sehen Ihre Pläne für heute aus?“, wollte Friedrich nach einer Weile wissen, nachdem seine Frau und Tochter sich ebenfalls zu ihnen gesetzt hatten.

„Nun, ich werde nach dem schnellsten und günstigsten Weg suchen, um nach Westen zu kommen“, gab der österreichische Arzt zu und schmunzelte. „Denn ich habe nicht vor, unnötig Geld für teure Zugtickets auszugeben.“

Luise beäugte ihn, sichtlich irritiert. „Nein? Und wie wollen Sie dann von hier aus irgendwohin kommen?“

“Es gibt verschiedene Möglichkeiten.“ Burkhard Retzner wiegte bedächtig seinen Kopf. „Sehen Sie, ich habe gehört, dass es dort draußen irgendwo eine Stadt gibt, die sie das Tor zum Westen nennen und von dort kommen Sie überall hin, in jede Richtung dieses Landes!“

Friedrich hatte genau zugehört. „Darf ich fragen, ob es möglich wäre, dass Sie weitere Informationen über diesen Ort ausfindig machen und wie man dorthin käme?“

„Das ist genau das, was ich mir für diesen Vormittag vorgenommen habe!“

„Würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn ich Sie begleite?“

„Ganz und gar nicht!“ Der österreichische Arzt lächelte einnehmend. „Vielleicht können wir sogar einen Weg finden, uns die weiteren Reisekosten zu teilen!“

Friedrich hob eine Augenbraue, gab jedoch nicht sofort eine Antwort. „Lassen Sie uns zuerst einmal sehen, was wir alles erfahren“, erwiderte er ausweichend. Er schien noch nicht völlig davon überzeugt zu sein, ob er dem anderen Mann trauen konnte oder nicht.

„Und was sollen wir den ganzen Tag so treiben?“, fragte Hubert, ein wenig eingeschnappt, wie ein kleines Kind behandelt zu werden. Zu gern wäre er auch mit auf Erkundungstour gegangen.

„Ihr?“ Friedrich überlegte einen Augenblick. „Ihr könnt euch ja ein bisschen die Stadt ansehen. Wir treffen uns hier wieder, irgendwann heute Nachmittag und dann werden wir euch mitteilen, was wir entschieden haben.“

Es war bereits Nacht, als Doktor Retzner und der Pastor zurück zur Pension kamen. Sie versammelten sich in ihrem Zimmer, wo Nikolaus und Hubert auf einer der Matratzen kauerten, während ihr Vater eine Karte auf dem Tisch ausgebreitet hatte.

„Wir haben Neuigkeiten“, verkündete er und die Aufregung war ihm anzumerken.

„Das heißt, wir verlassen diese Stadt?“ Es war mehr eine Feststellung denn eine Frage und augenblicklich fühlte Juliane die Hand ihrer Mutter, die ihr energisch auf den Arm klopfte. Es war das Zeichen, dass sie es unterlassen sollte, die Unterhaltung der Männer zu unterbrechen. Das gehörte sich nicht für eine anständige, junge Dame. Die Männer wussten, wovon sie sprachen und die Frauen hatten sich dem zu fügen, was sie entschieden. Wieder einmal regte sich in Juliane der Trotz. Sie war nicht dumm! Sie war in in vielen Bereichen besser gebildet als mancher Mann! Weshalb sollte sie darauf nicht stolz sein dürfen und zeigen, was sie konnte und wusste?

„Welche Neuigkeiten?“, fragte nun auch Hubert und stand auf, um die Karte näher inspizieren zu können. Das lummelige Licht der Deckenlampe reichte dafür gerade aus. Es handelte sich um einen ganz neuen Druck, der das komplette Gebiet der Vereinigten Staaten umriss.

„Ihr werdet es nicht erraten!“ Die grünen Augen des Österreichers funkelten triumphierend. „Übermorgen geht ein Wagentreck westwärts!“

„Ein Wagentreck?“, wiederholte Luise gedehnt, keinen Hehl aus ihrer Abneigung machens. „Und so bald schon?“

„Ja, und glauben Sie mir, das ist nur zu unserem Besten“, nickte Doktor Retzner. „Wir müssen vor dem Herbst und dem Wintereinbruch über die Rocky Mountains sein und jetzt, im Frühjahr, stehen die Chancen am besten, dass wir von St. Louis aus einen anderen Treck finden, dem wir uns anschließen können bis Oregon.“

„St. Louis?“, fragte Juliane. Es war ihr unmöglich, ihre aufsteigende Neugier bezüglich der bevorstehenden Ereignisse zu unterdrücken. „Wo ist das?“ Wieder fühlte sie die Hand ihrer Mutter, die auf ihre Schulter hämmerte, als Zeichen, endlich den Mund zu halten, dieses Mal jedoch wesentlich energischer.

„Gleich hier, Fräulein!“ Der Österreicher deutete auf einen Punkt auf der Karte, fast in der Mitte des riesigen Landes. „Und hier ist New York.“

Hubert betrachtete abschätzend die Distanz zwischen den beiden Orten und runzelte die Stirn. „Das ist eine verdammt lange Strecke mit einer Kutsche!“

„Hubert!“, wies sein Vater ihn zurecht. „Hier wird nicht geflucht!“

„Entschuldige“, murmelte sein Sohn und wich dem strengen Blick seines Vaters aus. „Aber es ist doch so, nicht wahr?“

„Natürlich“, stimmte der Österreicher zu. „Mehrere hundert Meile, schätze ich.“

„Warum nehmen wir dann nicht einfach den Zug?“, hakte Hubert verständnislos nach. „Wäre das nicht viel einfacher und sicherer und wir würden auf jeden Fall in St. Louis ankommen, völlig unabhängig von irgendewelchen Witterungseinflüssen?“

Friedrich legte seine Stirn in Falten. Ihm gefiel die direkte Art nicht, mit der sein Sohn hier redete, obwohl er nicht leugnen konnte, dass einige seiner erwähnten Punkte durchaus Sinn machten. „Der Grund ist ganz einfach – hast du dir einmal durchgerechnet, was so eine Zugfahrt von hier nach dort für uns alle kosten würde?“

„Nun, nein“, gab Hubert etwas kleinlaut zu.

„Wir sind fünf Köpfe“, fuhr sein Vater fort. „Und unsere Ersparnisse sind nicht endlos. Wir müssen ein wenig bedacht damit umgehen.“

„Ist St. Louis das Tor zum Westen, von dem ihr gesprochen habt?“, wollte Nikolaus nun wissen.

„Ja, mein Sohn, das ist es.“ Friedrich nickte, wobei er mit dem Zeigefinger eine Linie zwischen New York und der der genannten Stadt zog. „Und in einigen Wochen wirst du es selber sehen.“

„Was für Leute sind das, die uns auf diesem Wagentreck begleiten werden?“ Luise wirkte sehr erschrocken. „Und wird es für die Kinder sicher sein?“

„Nichts ist sicher in diesem Land“, erwiderte der Arzt mit einem vagen Lächeln. „Aber machen Sie sich wegen der anderen Reisenden keine Sorgen – die haben alle nur eins im Kopf: Nach Westen ziehen und ein neues Zuhause für sich finden!“

„Das ist korrekt“, unterstützte Friedrich ihn, um die Ängste seiner Frau zu zerstreuen. „Wir haben bereits mit einigen von ihnen gesprochen und es scheinen ordentliche Leute zu sein. Sie alle sind in derselben Ausgangslage wie wir und wir werden uns einen Wagen und Maultiere kaufen und...“

„Einen Wagen kaufen?“, echote Luise verwirrt. „Und Maultiere?“

„Natürlich, meine Liebe”, sagte ihr Mann, einen Arm um ihre Schulter legend. „Du wirst doch nicht etwa laufen wollen?“

„Nein, aber...“ Sie warf Burkhard Retzner einen finsteren Blick zu, ehe sie ihre Aufmerksamkeit wieder ihrem Mann schenkte. „Das hat offen gestanden wenig damit zu tun, wie ich es mir in diesem neuen Land vorgestellt hatte...“

„Ich auch nicht“, grummelte Juliane leise, mit finsterer Miene.

„Ich finde es großartig! Wir werden unsere eigenen Maultiere haben!“ Nikolaus schien der einzige, der sich freute, während er aufgeregt auf der Matratze herumhüpfte. „Darf ich sie dann auch striegeln?“

Grinsend zerraufte Hubert seinem Bruder das dunkelbraune Haar.

„Natürlich, Kleiner, du darfst sie jeden Tag saubermachen!“

„Sehen Sie”, versuchte Doktor Retzner ihnen zu verdeutlichen. „Es ist ja nicht so, dass Ihre Ausgaben zu Ende sind, wenn Sie mit dem Zug in St. Louis angekommen sind! Von dort kommen Sie ohne Pferd oder Kutsche nirgends mehr hin und ich vermute mal, keiner von Ihnen ist erpicht darauf, Monate im Sattel zu verbringen.“

„Ganz und gar nicht!“ Luise seufzte. Es schien keine Möglichkeit zu geben, dieser Sache noch einmal zu entkommen und ihr schwirrte der Kopf ob all der unerwarteten Wendungen. Ein Wagen mit Maultieren und sie sollte damit quer durch dieses riesige Land ziehen!

„Wir könnten den Winter auch in St. Louis verbringen, uns eine Arbeit suchen, ein bisschen Geld dazuverdienen und sobald der Schnee schmilzt, suchen wir uns einen Führer, der uns sicher über die Rocky Mountains bringt.“

„Was soll eigentlich die Endstation unserer Reise sein?“, Hubert gab es nicht zu, aber er spürte durchaus ein wenig Besorgnis, wenn er sich das bevorstehende Abenteuer ihrer Reise ausmalte. Er hatte genug in den Zeitungen gelesen, um von Indianermassakern und todbringenden Krankheiten zu wissen. Er konnte nicht behaupten, sonderlich erpicht darauf zu sein, mit irgendwelchen Indianern zu kämpfen.

Friedrich lächelte. „Ich bin mir sicher, dass sich alles zum Besten entwickeln wird.“ Bilder erschienen vor seinem inneren Auge, die seine eigene Kirche zeigten in einer neuen Stadt, die er mitbegründet hatte. „Wir ziehen von St. Louis über die Town Of Kansas zum Oregon Trail.“

„Wo ist Oregon?“ Huberts Augen glitten über die Karte, doch er konnte keinen Ort mit diesem Namen entdecken.

„Hier drüben.“ Doktor Retzner half ihm, wobei er auf den Teil der Karte tippte, der sich zuweitest an der Westküste des Kontinents befand. „Wie ich gehört habe, ist es das beste Grasland und der Boden so fruchtbar, dass alles darauf wächst. Dazu müssen riesige Wälder dort zu finden sein.“

„Wir sind keine Farmer“, wagte Hubert vorsichtig einzuwerfen. „Keiner von uns hat die leiseste Ahnung von solchen Dingen.“

Friedrich schmunzelte. „Zerbrich dir darüber nicht den Kopf, mein Junge. Die Wege des Herrn sind unergründlich, wie du weißt und wer kann schon sagen, was er sich für uns überlegt hat?“

Bei Morgengrauen des vierten Tages ihres Aufenthalts in New York war es soweit. Dicke Nebelschwaden hingen über den Dächern, wobei ein kühler Wind durch die Gassen blies. Hubert wachte als erster auf und öffnete den Vorhang, um hinab, auf die noch menschenleere Straße zu blicken. Er schob das Fenster nach oben, ließ die kühle Luft herein und atmete tief durch. Der letzte Morgen, den er in New York erwachte. Er lächelte. Gestern hatten Doktor Retzner und sein Vater ihr Geld zusammengelegt und einen Planwagen erstanden, zusammen mit zwei struppigen, großen Maultieren mit langen Ohren und einer gewissen Schläfrigkeit im Blick. Für Nikolaus war es Liebe auf den ersten Blick gewesen und er hatte sie bereits „Hans“ und „Otto“ getauft, völlig unbeeindruckt davon, dass es sich um zwei Stuten handelte.

Hubert verließ das Zimmer leise und schloss die Tür lautlos hinter sich, um seine Familie nicht zu wecken, die noch fest schlief. Im Korridor angelangt, bemerkte er eine vertraute Gestalt hinter sich und drehte sich um, nur um Juliane dabei zu ertappen, wie sie gemächlich den Flur entlang schlenderte, der überfüllt war mit Einwanderern, die mangels eines freien Zimmers hier nächtigten.

„Guten Morgen! Du bist ja schon unterwegs! Gut geschlafen?“

„Kann ich nicht behaupten!“ Sie reckte ihre Arme und unterdrückte ein Gähnen. „Hab’ von unserem Treck nach Oregon geträumt...schlimme Sache, kann ich dir sagen.“

„Warum?“ Hubert konnte nicht anders, sondern musste amüsiert grinsen. Er wusste, wie theatralisch seine Schwester sein konnte, besonders dann, wenn eine Sache gegen ihren Dickkopf ging.

„Wir sind nicht in Oregon gelandet, in meinem Traum“, rief seine Schwester sich ins Gedächtnis zurück und runzelte die Stirn. „Wir haben irgendwo, an einem sehr merkwürdigen Ort eine Stadt errichtet und ich erinnere mich, dass ich vorhatte zu heiraten...vollkommen abwegig!“

Hubert lachte leise und ließ seinen Blick kopfschütteln über sie gleiten. Sie trug nur eine Bluse und einen Rock, beides zerknittert und die Bluse noch nicht einmal in ihren Gürtel geschoben, noch dazu zwei offene Knöpfe am Kragen. „Du solltest dich lieber anständig anziehen, bevor Mutter dich in dieser Aufmachung mitten auf dem Flur einer öffentlichen Pension zu Gesicht bekommt!“

Juliane gähnte erneut und begann, ihre zerknitterte Bluse glatt zu streichen und ihren Rock zu ordnen.

„Für einen Siedlertreck ist das alles ganz schön unpraktisch“, erklärte sie in ihrer offenen, ehrlichen Art und seufzte. „Wenn doch bloß diese Unterröcke nicht wären!“

„Mutter wird dir kaum erlauben, dass du Hosen anziehst!“, meinte Hubert leise und grinste, einen Blick über seine Schultern zurückwerfend, hinaus zu dem Fenster des Flurs. Dort unten, hinter der Scheibe, konnte er die Straße erkennen, wo die Stadt allmählich begann, zu erwachen und sich zu regen.

„Das befürchte ich beinahe auch“, erwiderte seine kleine Schwester gequält, wobei sie fand, dass es an der Zeit war, sich ihr Haar zu kämmen. „Aber vielleicht darf ich irgendwann die Unterröcke weglassen.“

„Solange es so kalt ist? Ich würde nicht darauf hoffen. Es wäre vermutlich auch keine besonders gesunde Idee.“

„Hmm.“ Das Mädchen hob resigniert die Schultern. „Du hast recht. Trotzdem – mir gefällt diese ganze Sache mit dem Wagentreck und den Maultieren und allem sowieso nicht. Und mir gefällt noch weniger, wenn ich daran denke, dass ich ständig auf diesen Karren klettern muss, mit all den unpraktischen Röcken und diesem hässlichen Kopftuch.“

Eine Stunde später waren Friedrich und Luise Kleinfeld zusammen mit ihren Kindern und Doktor Burkhard Retzner so weit, dass sie sich zum Treffpunkt für den Siedlertreck aufmachen konnten. Jeder trug irgendein Gepäckstück die Treppe hinab zur Rezeption, hinter der ein älterer Herr saß, um sie zu verabschieden.

„Siedlertreck“, wiederholte er gedehnt, als Friedrich ihm auf Nachfrage von ihrem Vorhaben berichtete und runzelte die Stirn. „Sie wissen hoffentlich, auf was Sie sich da einlassen?“

„Natürlich“, versicherte Friedrich mit einem zuversichtlichen Lächeln, wie nur ein Geistlicher es fertigbrachte. „Wir möchten nach Oregon oder Kalifornien, jedenfalls nach Westen.“

„Schön, schön!“ Der Rezeptionist nickte besonnen. „Meine Familie lebt jetzt in der vierten Generation in diesem Land und ich habe weiß Gott eine Menge Trecks nach Westen ziehen sehen!“ Sein Blick glitt über die ihm fremden Menschen hinweg. „Ein Spaziergang wird das nicht, das ist Ihnen hoffentlich klar?“

„Wie charmant von Ihnen, uns darauf hinzuweisen“, erwiderte Doktor Retzner und entsann sich im selben Moment, dass er ja Englisch sprechen musste, damit der Mann ihn verstehen konnte. Da er sich jedoch außerstande sah, das eben Gesagte zu übersetzen, vollendete er: „Hier im Osten ist doch kein Platz für uns alle! Wo sollen wir denn hin? Und Amerika ist so groß und gerade weiter im Westen gibt es so viel Land, das noch ungenutzt ist und...“

Der Rezeptionist nickte und brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Nun, ich sehe, das wird für einige Leute ein echtes Abenteuer. Darf ich fragen, welchem Treck Sie sich anschließen wollen?“

„Oh, das ist einer mit nur etwa zwanzig Familien, die entweder mit demselben Dampfer wie wir hier angekommen sind oder ein paar Tage zuvor schon.“

„Aha!“, machte der Mann und verzog das Gesicht. „Also ein ganzer Haufen voller Grünschnäbel, die in ihrem Leben weder einen Grizzlybären, noch einen Wolf gesehen haben!“

„Grizzlybär?“ Luise schaute schockiert. „Was ist das, ein Grizzlybär?“

„Wie der Name schon sagt, Ma’am“, half der Rezeptionist ihr auf die Sprünge, „handelt es sich um eine große und nicht sehr freundliche Kreatur. Wenn Sie dort hinausgehen und ihre Route westwärts einschlagen, werden einige sehr interessante Überraschungen auf Sie warten, mit denen Sie vermutlich nicht gerechnet hätten! Und es gibt in der Tat eine Menge an wilden Tieren und anderen Dingen da draußen, mit denen nicht gespaßt werden sollte! Aber, bitte, Sie wissen ja vermutlich selbst, was Sie wollen!“

Nun wurde auch Doktor Retzner hellhörig. „Was wollen Sie damit sagen? Dass wir zu blöd sind, um in der Wildnis zu überleben?“

„Das haben Sie gesagt, Mister“, entgegnete der Mann mit einem Grinsen. „Ich kann Ihnen jedefalls nur sehr viel Glück wünschen!“

Ein Stück außerhalb der ersten Häuser New Yorks, auf einer großen, freien Wiese, hatte sich bereits eine gewaltige Anzahl von Menschen versammelt. Dazwischen standen Maultier- und Ochsenwagen und Handkarren herum, bereit für die Abfahrt. Es mussten mindestens siebzig bis achtzig, wenn nicht noch mehr Personen sein, die darauf warteten, sich dem Treck anschließen zu können, die Kinder nicht mitgezählt. Sie stammten aus den unterschiedlichsten Ländern und redeten in den verschiedensten Sprachen. Da waren Norweger, Schweden, Spanier, Holländer und Ungarn, dazwischen ein paar Engländer und Griechen.

„Es ist unglaublich!“, fand Friedrich und schüttelte den Kopf.

„Der Rezeptionist hatte womöglich nicht ganz Unrecht“, stellte Hubert gedehnt fest und vermied es, den Blick zu heben.

„Wie meinst du das?“ Sein Vater wirbelte herum. „Inwiefern? Willst du etwa lieber hierbleiben? In dieser...dieser Stadt?“

„Nun, es fängt doch schon damit an, dass wir den Maultieren nicht zumuten können, uns alle den ganzen Weg zu ziehen. Das würden sie vermutlich kaum überleben!“

„Oh nein!“, rief Nikolaus erschrocken. „Nicht Hans und Otto!“

„Und was, bitteschön, schlägst du dann vor? Ein zweites Gespann geben unsere finanziellen Ressourcen nicht mehr her!“ Friedrich kreuzte die Arme vor der Brust, seinem Ältesten einen strengen Blick zuwerfend. Etwas ging mit seinem Sohn vor sich, er widersprach so häufig wie nie, seit ihrer Ankunft in diesem sogenannten Land der großen Freiheit.

„Wir müssen uns abwechseln. Jeder von uns muss einige Meilen pro Tag laufen und damit die Belastung für die Maultiere so gering wie möglich halten.“

„Ich ganz bestimmt nicht!“, rief Juliane entrüstet und verschränkte ihre Arme trotzig vor der Brust. Luise versetzte ihr mit der flachen Hand einen unwirschen Schlag auf die Wange.

„Sei still, wenn Männer miteinander reden!“

„Ich werde laufen“, verkündete Nikolaus eifrig, allerdings nicht wirklich glücklich und runzelte die Stirn. „Ich will nicht, dass Hans und Otto sterben müssen!“

Mit gemischten Gefühlen fuhr Friedrich sich mit den Händen übers Gesicht. Schließlich räusperte sich Doktor Retzner hinter ihm. „Verzeihung, aber...“

„Haben Sie eine bessere Idee?“

„Nein und ich denke, dass Ihr Sohn völlig richtig liegt. Wir haben keine andere Möglichkeit und jeder von uns wird sein Pensum pro Tag zu Fuß zurücklegen. Allerdings sehe ich darin keine allzu großen Probleme. Ein bisschen Bewegung ist besser für den menschlichen Körper als ständig nur herumzusitzen.“

Friedrich seufzte gereizt. Er verabscheute die Vorstellung, neben dem Wagen herzustapfen, nachdem sie ihn schon für einen Haufen Geld erstanden hatten und offenbar nur dafür, dass er trotzdem seine Beine benutzen musste!

„In Ordnung“, raunzte er den Doktor an. „Lassen Sie uns bloß hoffen, dass dieses Tor zum Westen nicht ganz so weit entfernt ist, wie es auf der Landkarte ausgesehen hat!“

Tiefe Spuren von eisenbereiften Rädern zeichneten sich auf der Art Landstraße ab, die vom Regen der letzten Tage durchweicht war. Pferde schnaubten, Atemwölkchen vor den Nüstern bildend, und hin und wieder brüllte ein Ochse. Ein paar Kinder jammerten, weil ihnen kalt war und einige junge Frauen beschwerten sich, dass sie nicht mehr gehen konnten, weil sie entsetzliche Blasen an den Füßen hatten.

„Wenn ich mir vorstelle, welchen Luxus wir in einem Zugabteil nun genießen würden“, sagte Luise inbrünstig und ein bisschen wehmütig, während sie ihre Jacke fester vor ihrer Brust zuzog. Ihr fröstelte. „Wenn ich mir ausmale, dass es täglich so weitergeht, bis Oregon...“ Sie brachte den Satz mit einem Kopfschütteln zu Ende. Sie fuhren zwischen unzähligen anderen Karren in eine Dunst von Nieselregen. Ein paar einzelne Reiter waren dazwischen zu entdecken, meist junge Männer, voller Tatendrang und Sehnsucht nach Abenteuern. Mindestens genauso viele marschierten jedoch zu Fuß, weil ihr Geld nicht ausreichte, um sich ein Fortbewegungsmittel zu erwerben.

„Geh doch nach hinten, zu Nikolaus, und ruh dich ein bisschen aus“, schlug Juliane vor, ihre Mutter besorgt beobachtend. „Du bist ganz blass. Hardy und ich schaffen das hier oben auch alleine.“

Der österreichische Arzt nickte zustimmend. „Sie sehen wirklich nicht gut aus!“

„Ich fühle mich auch entsetzlich“, gab Luise zu und erhob sich. Ihren Rock und die Unterröcke raffend kletterte sie über die Lehne des Kutschbocks nach hinten, in den von der Plane überspannten Teil des Wagens. Dort schlief Nikolaus, müde und erschöpft von der nun bereits vier Wochen andauernden Reise.

Doktor Retzner seufzte. „Diese verflixte Kälte!“

Juliane schaute ihn an. Er hielt die Zügel der beiden Maultiere fest in der Hand. Der österreichische Arzt hatte sich nicht nur als hervorragender Kutscher, sondern auch als großartiger Kartenleser und Entfernungsberechner bewiesen. „Wann, glauben Sie, werden wir endlich in dieser Stadt zum Westen angelangt sein?“

Doktor Retzner hob die Achseln, wobei sein zu lang gewordenes, strohblondes Haar sanft mitwippte. „Es sollte nicht mehr sehr weit sein.“ Überlegend richtete er den Blick gen Himmel. „Meinen Berechnungen nach, dürfte es sich nur noch um Stunden handeln.“ Er nickte zuversichtlich.

Juliane seufzte tief und warf den geflochtenen Zopf ihres langen, rotblonden Haares zurück. „Wir sind jetzt beinahe vierzig Tage unterwegs und ich habe schon jetzt keine Lust mehr. Ich frage mich, ob es den anderen auch so geht...“

Doktor Retzner lächelte. Seine grünen Augen bedachten sie mit einem liebevollen Blick. „Keine Angst, kleine Julie, lass uns erstmal in St. Louis ankommen und all die anderen treffen, die gen Westen wollen.“

„Julie?“, wiederholte das junge Mädchen gedehnt und starrte ihn irritiert an. „Was ist das?“

Doktor Retzner lachte leise auf. „Das ist die englische Form deines Namens! Du glaubst doch nicht etwa, dass ihr eure Namen hier allzu lange in der deutschen Form behalten werdet, hier, wo alles Englisch spricht? Eure Namen sind so kompliziert, dass sich die meisten die Zunge brechen würden!“

Juliane lächelte. Wenn sie mit Doktor Retzner auf dem Kutschbock saß und ihr Vater und Bruder neben- oder hinterher marschierten, verging die Zeit immer schneller. Die Quelle seiner Geschichten und humorvollen Bemerkungen schien unerschöpflich und Juliane liebte es, ihm zuzuhören. Auch sein unglaubliches Wissen faszinierte sie. Er schien immer auf alles eine Antwort zu kennen, nichts schien ihm unbekannt. So fragte sie jetzt: „Wie würden die Leute uns dann auf Englisch nennen?“

Doktor Retzner musste schmunzeln. Wie unglaublich naiv sie doch war! „Du hast nicht den Schimmer einer Ahnung, nicht wahr?“

„Ahnung? Wovon?“

„Dass sich nicht nur eure Namen mit diesem Land verändern werden, sondern auch ihr selbst...du und deine Eltern und deine Brüder und ich natürlich auch. Wir alle werden mit diesem Land, das wir besiedeln, wachsen – oder scheitern. Das steht in unserer Macht, aber wir werden unsere Vornamen auch deshalb anders aussprechen, weil wir dazugehören wollen, weil wir uns als ein Teil dieses ungezähmten, weiten Landes betrachten werden. Verstehst du?“

Juliane starrte ihn lange an. Wenn er in solch ernste, philosophische Überlegungen ausbrach, bekam sein freundliches Gesicht immer einen eigenartigen Ausdruck, als befände er sich gar nicht mehr hier, sondern irgendwo weit fort, auf einer Wolke, die ihn von einem Gedanken zum nächsten trug.

„Doch“, sagte sie schließlich, „ich verstehe. Wir werden keine Deutschen mehr sein, sondern Amerikaner.“

Ein Lächeln bildete sich auf dem Gesicht des Österreichers, das von den zurückliegenden, anstrengenden Wochen eingefallen und müde wirkte.

„Ganz recht. Wir werden alle irgendwann amerikanische Ausweise bei uns tragen. Du wirst Julie heißen, dein Vater vielleicht Frederick, deine Brüder Hugh und Nicolas und deine Mutter...nun, da bin ich mir offen gestanden nicht ganz sicher, aber ich glaube, sie müsste dann mit einem ‚ou‘ in der Mitte geschrieben werden.“

„Julie“, sagte das junge Mädchen verträumt. „Mein Name ist Julie Kleinfeld. Klingt das nicht schon sehr amerikanisch?“

Doktor Retzner schmunzelte. „Sehr!“, versicherte er mit Nachdruck. „Nur der Nachname, an dem müssen wir noch ein bisschen feilen!“

„Wie übersetzt man Kleinfeld?“, wollte Juliane wissen. Sie unterhielten sich immer auf Deutsch, was ihrer Sprachförderung nicht gerade zugute kam.

Doktor Retzner zuckte die Schultern. „Ich weiß es nicht, wirklich nicht...Julie!“ Er grinste breit, als er den zufriedenen Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht bemerkte. „Weißt du was? Von jetzt an werde ich dich nur noch so nennen!“

Ein paar Meter neben dem Wagen, abseits von dem aufgeweichten Schlamm der Straße marschierten diejenigen, die sich entweder keinen Wagen hatten leisten können oder sich mit anderen beim Fußmarsch abwechseln mussten, weil die Tiere nur eine bestimmte Anzahl von Leuten ziehen konnten.

„Bald fängt es wieder zu dämmern an“, meinte Hubert und richtete seinen Blick nach oben, zu den grauen Aprilwolken. „Ich frage mich, wann wir endlich ankommen werden.“

Sein Vater schien ihm nicht richtig zugehört zu haben. „Ja“, erwiderte er nur. „Ja, ja.“

Erstaunt zog Hubert die Brauen hoch. „Was ist denn?“, wollte er wissen und folgte dem Blick seines Vaters, der an ihrem Wagen, genauer, am Kutschbock hing, wo sich seine einzige Tochter und der österreichische Arzt angeregt unterhielten.

Hubert musste ein Grinsen unterdrücken. „Sieht fast so aus, als würden Hardys Berechnungen nicht nur auf dem Interesse einer schnellen Ankunft beruhen“, gluckste er, nur mit Mühe die Beherrschung wahrend.

Friedrich warf ihm einen strengen Blick zu. „Solche Anschuldigungen verbitte ich mir! Ich halte Hardy für einen ausgesprochen höflichen, wohlerzogenen, jungen Mann!“

„Oh, ich habe nichts Gegenteiliges behauptet!“, wagte Hubert zu widersprechen. Niemandem konnte entgehen, mit welch ungewöhnlicher Aufmerksamkeit der österreichische Arzt seine kleine Schwester bedachte. „Aber ich bin der Ansicht, er passt nicht zu ihr.“

„Passen!“, stieß Friedrich verächtlich hervor. „Was heißt hier passen? Ob ein Ehemann zu einem Mädchen passt oder nicht, haben immer noch die Eltern zu entscheiden.“

Huberts braune Augen weiteten sich. Er biss sich auf die Lippen. „Du...du meinst, Hardy und Juliane sollten...ich meine...sie sollten...“

„Warum nicht?“, unterbrach Friedrich sein Gestammel. „Nicht sofort, natürlich! Erst, wenn wir am Ziel angekommen sind und uns eine Existenz aufgebaut haben. Vorher gebe ich sie ihm nicht, aber dann – was spricht dagegen?“

Hubert atmete tief durch. Er konnte sich nicht helfen. Sicher, die Argumente seines Vaters waren durchaus vernünftig. Bisher hatte Hardy sich nur von seiner besten Seite gezeigt und Hubert bezweifelte, dass es da eine andere, eine schlechte Eigenschaft an ihm gab, die sie noch nicht kannten. Doch es gab einen Punkt, den er ganz klar in Frage stellte und den er für die Eheschließung als absolut notwendig erachtete: „Juliane liebt ihn nicht.“

Friedrich starrte ihn perplex an. „Bitte?“, fragte er. „Was hast du gesagt?“

Hubert schluckte. Er wusste, was es bedeutete, sich mit seinem Vater auf eine Diskussion einzulassen. Friedrich war gebildet und schlagfertig und zudem noch mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet, durch das er sich unangefochten als Oberhaupt innerhalb seiner Familie sah.

„Nun“, erwiderte der junge Mann gedehnt. „Ich denke, dass Juliane nicht die Gefühle für ihn hegt, die für eine Ehe wichtig wären.“

„Liebe“, sagte Friedrich und das Wort klang aus seinem Mund, als sei es ein Fremdwort. „Liebe innerhalb einer Ehe bringt meistens nur Ärger mit sich! Die Liebe kommt schon im Laufe der Jahre, wenn erst einmal Kinder da sind und die Frau weiß, wo sie hingehört! So war das auch bei eurer Mutter und mir! Unsere Eltern haben bestimmt, dass wir heiraten werden und wie du siehst, sind wir nach fast zwanzig Jahren immer noch glücklich. Was können zwei Menschen sich mehr wünschen?“

Hubert antwortete nichts darauf, sondern richtete seinen Blick stur auf den Boden vor seinen Füßen. Nun gut, es war offensichtlich, dass Doktor Retzner Interesse an Juliane zeigte. Kein Wunder, dachte er, sie ist eine reizende, junge Dame geworden, richtig erwachsen.

Dass sie ihn nicht liebte, höchstens bewunderte und verehrte, konnte Hubert allerdings nicht entgehen. Dazu war er zu sensibel und feinfühlig und dafür kannte er seine Schwester auch zu gut. Er bezweifelte nicht, dass sie sich erfolgreich weigern würde, sollte Friedrich auf den Gedanken kommen, sie – erstmal in Oregon, Kalifornien oder wo auch immer angelangt – mit dem Österreicher verheiraten zu wollen. Sie war doch noch so jung und Hardy Retzner fast doppelt so alt! Hubert seufzte leise. Nein, das Leben war weiß Gott nicht einfach, zumindest nicht für ein Mädchen. Ein Mann konnte sich aussuchen, welche Frau er haben wollte, zu ihren Eltern gehen und um ihre Hand anhalten und wenn die Eltern ihn als gut genug empfanden, gaben sie ihre Tochter frei. Wie ein Stück Vieh, schoss es Hubert durch den Kopf und ein Schauer jagte über seinen Rücken, genau wie eine Kuh oder ein Pferd. Dann wird sie an denjenigen weitergereicht, den ihre Eltern als den Besten betrachten, der sie haben möchte.

Noch am selben Abend, bei Dämmerung und einem kalten, schneidenden Frühjahrswind erreichten sie St. Louis, eine der westlichsten Städte, die noch als zivilisiert bezeichnet werden konnten. Sie überquerten den Mississippi an einer flachen Stelle und ohne, dass einer der Wagen umkippte, obwohl die Zugtiere erschöpft und müde waren und der Wasserpegel aufgrund der Schneeschmelze eine ordentliche Höhe aufwies.

„Jetzt, mein Junge“, sagte Friedrich und Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Jetzt haben wir den Osten hinter uns gelassen und nur noch der endlose, weite Westen wartet auf uns!“

Ein Engländer mittleren Alters, der die Strecke schon einmal gefahren war, es sich dann anders überlegt hatte und wieder nach New York zurückgekehrt war, um es jetzt noch einmal zu versuchen, führte sie ein Stück außerhalb der ersten Häuser der stetig wachsenden, für die Verhältnisse ausgesprochen modernen Stadt, zu einer abgeschiedenen Wiese. Dort standen, wild durcheinander und scheinbar ohne Anordnung, bereits unzählige Planwagen von anderen Trecks und dazwischen erhoben sich mindestens ebenso viele Zelte. Das einzige Gebäude in der sichtbaren Umgebung war eine mächtige Scheune.

„Wie?“, sagte Luise fassungslos. „Sollen wir etwa die ganze Zeit über hierbleiben, bis es weitergeht? Nur in unseren Wagen oder den Zelten?“

„Scheint so“, entgegnete Hubert und griff in die Zügel des Gespanns, um es anzuhalten.

„Nun“, meinte Friedrich und schaute sich um. „Es kann sich ja hoffentlich nur um wenige Tage handeln, bis wir uns einem anderen Treck anschließen können!“

„Sprich, wir sitzen erst einmal hier fest“, murmelte Hubert leise und machte ein finsteres Gesicht. Hoffentlich würde es sich nicht allzu lange hinziehen – er war ungeduldig, er wollte nicht unnütz hier herumsitzen!

Sein Vater neben ihm seufzte tief. „Ja, es hat fast den Anschein, als müssten wir es uns hier vorerst gemütlich machen.“

Hubert blickte um sich, betrachtete die Gesichter, die ihm mittlerweile schon vertraut vorkamen und die müde und erschöpft aussahen.

„Ich glaube“, murmelte er, mehr zu sich selbst, „da sind wir nicht die einzigen.“

Die anderen Reisenden ihres Wagentrecks begannen, einen Kreis mit ihren Wagen zu formen und Hubert trieb die Maultiere vorwärts, um sich ihnen anzuschließen. Danach begannen sie alle, sich bestmöglich für die Nacht vorzubereiten und die Ochsen und Pferde zu versorgen. Sie versammelten die Tiere in der Mitte der Wagen, wo die ersten auch bereits begannen, offene Feuer zu entfachen.

„Lasst uns jetzt besser anfangen“, schlug Luise vor, „bevor wir überhaupt nichts mehr sehen.“

„Das dürfte bei den vielen Feuern kein Grund zur Sorge sein“, warf Julie vorsichtig ein, wobei sie das Cape um ihre Schultern enger zog. Ihr fröstelte.

„Wir brauchen auch so ein Ding.“ Friedrich deutete neben sich, wo ein kleines Zelt aus festem Stoff mit Heringen im Boden verankert war. „Im Sommer werden wir bestimmt auch einige Gewitter und Stürme miterleben.“

„Es wäre zumindest keine schlechte Idee“, sagte Hardy Retzner leise und schüttelte den Kopf. „Es sind sicherlich einige hundert Leute hier und alle wollen sie weiter, aber kaum einer ist auch nur vernünftig gerüstet.“

„Es ist ein wenig spät für diese Einsicht.“ Friedrich klopfte ihm sacht auf die Schulter. „Wir waren unerfahren und wir haben die Naturgewalten zu wenig berücksichtigt. Das hier ist eben doch ein wildes Land voller Abenteuer, nicht zu vergleichen mit Deutschland. Wir können nur versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Die beiden Maultiere mussten abgeschirrt und gefüttert werden, was Nikolaus mit Hilfe von Doktor Retzner erledigte. Sie begannen, die Plane, die über den Wagen gespannt war, gut festzuzurren, damit möglichst kein Wind darunterfahren und sie anheben konnte. Nach vorn, in Richtung Kutschbock, verschnürten sie sie komplett. Hubert hängte zusätzlich noch eine Decke davor.

„So kann zumindest kein Wind rein“, meinte er und kroch nach hinten, wo Juliane sich bemühte, ihre viel zu knapp bemessenen Decken gerecht im Wageninneren zu verteilen. Auf einmal stieß sie einen leisen Ruf aus: „Seht mal! Dort!“

Verwundert hob ihr Bruder den Blick. Zwischen den Planwagen und Zelten hervor kam der Engländer geschritten, dessen Namen sie nicht kannten und der sie bis hierher gebracht hatte. Es schien, als wollte er genau zu ihnen. Ein weiterer Mann begleitete ihn. Er war groß und schlank, in eine Wildlederjacke gekleidet und einem Abzeichen in Form eines glänzenden, silbernen Sterns auf der Brust.

„Was tut er hier?“, wisperte Nikolaus, während er unablässig Ottos Fell striegelte. Luise trat beschützend zu ihrem Sohn, als befürchtete sie, etwas könnte ihm zustoßen. Sie war damit beschäftigt gewesen, die Pfannen, Teller, Becher und die Kaffeekanne auszupacken, um ihnen unter den gegebenen Umständen bestmöglich eine warme Mahlzeit zuzubereiten.

Friedrich war losgezogen, um Feuerholz zu sammeln und dabei in ein Gespräch mit anderen Siedlern ihres Trecks verwickelt worden. Er wollte mehr darüber erfahren, wie es die nächsten Tage weitergehen würde und er war noch nicht zurück und nirgends zu sehen, auch wenn Luise verzweifelt nach ihm Ausschau hielt.

„He! Sie da!“, sagte der Mann mit dem Abzeichen an der Jacke, als er bei ihnen angelangt war und deutete auf Doktor Retzner. „Der Typ hier meint, er sei so etwas wie euer Führer und behauptet, Sie seien Arzt!“

Der Österreicher starrte ihn lediglich fragend an. Der Mann sprach mit einem nuscheligen Akzent und er verstand keine Silbe davon.

„Er fragt, ob Sie ein Doktor sind“, wisperte Julie auf Deutsch und endlich nickte Hardy Retzner, ehe er ein wenig mühsam die Frage beantwortete: „Ja, das bin ich.“

„Der Sheriff hat angeordnet, dass sich Ärzte sofort bei ihm melden sollen, weil sie überall gebraucht werden. Am besten, Sie kommen gleich mit und wir sagen ihm Bescheid. Ich bin sein Gehilfe.“

Der Österreicher starrte ihn einen Moment fassungslos an, dann wandte er den Kopf zu Julie und Hubert um. „Ah, geh! Jetzt muss ich nur noch verstehen, was der Kerl von mir will!“ Er sprach wieder auf Deutsch. „Die Hälfte der Wörter kenn’ ich nicht!“

Julie gluckste, was ihr einen rüden Ellenbogenhieb Huberts einbrachte, der Doktor Retzner aufklärte, was von ihm erwartet wurde.

„Aha!“, machte dieser und nickte dem Hilfssheriff zu. „All right!“

„Gut, dann wäre das ja geklärt“, mischte sich der Engländer nun ein, sich am Kinn kratzend. „Nachher kommt er nochmal mit einer Liste, in der wir uns alle eintragen müssen, für das Gesetz, verstehen Sie?“

Doktor Retzner zuckte lediglich die Schultern und begann, nach seiner Tasche zu rumoren, die er im Wagen verstaut hatte.

„Sie haben’s gut“, meinte Hubert und lächelte. „Alles ist besser als hierbleiben zu müssen, auf diesem...diesem Sammelplatz.“

„Ja“, lautete die deutsche Erwiderung. „Aber ich tue das nur, weil ich einen Eid abgelegt habe, allen Menschen zu helfen die mich brauchen. Ich habe kein besonders gutes Gefühl, Sie hier zurückzulassen.“ Er warf Juliane einen langen Blick zu, die schweigend neben ihrer Mutter verharrte.

„Passen Sie auf sich auf.“ Hubert klopfte dem Österreicher auf die Schulter und konnte nicht verhindern, dass er sich dabei sehr erwachsen fühlte. Immerhin war er nun derjenige, der die Position seines Vaters einnahm, nachdem dieser nicht anwesend war. „Nicht, dass wir am Ende ohne Sie weiterreisen müssen!“

„Keine Sorge!“ Doktor Retzner lächelte. „Ich werde so bald als möglich von mir hören lassen! Und ich sehe zu, dass ich ein paar Decken oder andere Nützlichkeiten organisieren kann!“

Der Engländer gab ihm einen Wink, sich zu beeilen und sie marschierten in entgegengesetzter Richtung davon, aus der sie gekommen waren. Hardy Retzner folgte dem Hilfssheriff und gleich darauf waren sie zwischen den Wagen und Zelten verschwunden.

„Nun ja.“ Luise brach als erste das eingetretene Schweigen. Ihre Pläne mussten nun ganz andere Wege gehen, allerdings war zuallerst der Versuch an der Reihe, ein halbwegs genießbares Essen zu zaubern. „Dann brauche ich mir jetzt wenigstens keine Gedanken mehr zu machen, wie wir den Platz im Wagen einteilen. Ich habe mich jede Nacht gesorgt, dass er zu nahe bei Juliane schläft!“

Das Mädchen verdrehte die Augen. „Ach, Mutter!“

Hubert machte eine unwirsche Handbewegung. „Hört auf damit! Wir haben keine Zeit für solche Diskussionen! Wir sollten uns lieber um das Feuer kümmern und ich sehe nach, wo Vater steckt und was ihn so lange aufhält.“

Luise entzündete eine Petroleumlampe, während Juliane ihrem Bruder dabei zur Hand ging, Hans und Otto zu versorgen. Das dämmrige Licht reichte gerade dazu aus, um sie ein wenig besser etwas erkennen zu lassen, doch der nächste Windstoß bließ es bereits aus. Wenige Minuten später tauchten Friedrich und Hubert auf, beide die Arme voller Feuerholz. Sie bildeten einen Stapel und rahmten ihn mit einigen Steinen ein, ehe Friedrich das Feuer entfachte.

„Es wird eine verflixt kalte Nacht werden hier draußen“, mutmaßte Juliane, während sie ihre Hände über dem Feuer wärmte. „Können wir nicht einfach wieder in eine Pension gehen, wie in New York?“

„Aber nur für Geld“, warf ihr Bruder ein. „Und dafür reicht es nicht mehr!“

„Red’ nicht zu mir wie zu einem Kleinkind! Ich habe nur gefragt!“

„Und ich habe dir einfach nur eine Antwort gegeben!“

„Reißt euch zusammen, beide!“ Ihr Vater machte eine unwirsche Handbewegung. „Alles weitere werden wir morgen sehen und erfahren. Für heute sind wir nicht dazu bestimmt, die Lage zu ändern.“

„Bedauerlich!“ Juliane seufzte dramatisch und stützte ihren Kopf in die Hände. Sie fühlte sich verloren und da war eine Leere in ihr, die sie nie zuvor gekannt hatte. Nun schön, jetzt waren sie also hier, in diesem sogenannten Land der Verheißung, allerdings war hier nichts besser als es bei ihnen Zuhause gewesen war. Ganz im Gegenteil! Sie hatten noch nicht einmal mehr ein festes Dach über den Köpfen, sondern waren dazu gezwungen, die nächsten Wochen oder Monate in einem Planwagen zu verbringen! Sie glaubte, die Welt und das Schicksal hatten sich gegen sie verschworen, während eine Welle von Heimweh ihr Herz durchflutete.

Später, als sie zwischen ihrer Mutter und der Holzwand des Wagens lag, konnte sie unter der Plane hinausblinzeln, um in der klaren Nacht einen Blick auf die glänzenden Sterne zu erhaschen. Ihr Vater sprach ein Gute-Nacht-Gebet und gemeinsam beteten sie das Vaterunser, auch wenn Julie sich nicht auf die vertrauten Worte konzentrieren konnte. Sie dachte daran, wie sie dies Zuhause selbstständig zu tun gepflegt hatten. Als ich noch Zuhause gewesen bin, dachte sie und schämte sich, weil sie ihrem Vater nicht zuhörte. Als ich noch mein eigenes Zimmer hatte und ich wusste, dass ich meine Freunde am nächsten Tag wiedersehen werde, weil wir gemeinsam zur Schule gehen; als wir jeden Tag eine gute Mahlzeit bekamen und sicher sein konnten, was der nächste Tag für uns bereithält...nicht wie hier, wo keiner sagen kann, was die Zukunft bringen wird oder ob wir jemals in Oregon ankommen.

„Amen“, hörte sie aus den Mündern ihrer Familie und sie drehte den Kopf zur Seite.

„Und jetzt ‚Gute Nacht‘“, befahl Friedrich und wartete, bis er seine Familie rechts und links neben sich liegen und die Decken über sich gezogen sah. Dann drehte er den Docht der Lampe zurück, die er an einen Haken über seinen Kopf gehängt hatte. Es war dunkel im Wagen, dunkel und schrecklich kalt. Julie zog die Wolldecke bis an ihren Hals und drückte sie fester an die Holzwand, doch sie fror. Sie war furchtbar müde und doch viel zu aufgeregt, um gleich einschlafen zu können. Außerdem drangen die ungewohnten Geräusche des großen Lagers durch die Plane und hielten sie wach.

Morgen, dachte sie und malte sich aus, was sie da wohl erwarten würde. Vermutlich Holz sammeln, damit sie Kaffee kochen oder sonst etwas Warmes zubereiten konnten. Und dann werden wir gezwungen sein, Arbeit zu finden, wenn wir länger hierbleiben müssen, schoss es ihr durch den Kopf und sie betrachtete den sternenklaren Himmel, den sie durch den schmalen Schlitz in der Plane erkennen konnte. Irgendwo erklang der leise Schrei einer Eule und sie wunderte sich, dass es diese Vögel hier, in diesem Erdteil ebenfalls zu geben schien. Sie wurden in diesem Land so vieler Dinge beraubt, doch je länger sie darüber nachdachte, desto mehr überkam sie ein eigenartiges Vertrauen. Vielleicht würde morgen schon alles ganz anders sein! Morgen wartete vielleicht eine Überraschung auf sie oder vielleicht würde alles doch noch gut werden und sie konnten sofort glücklich und gesund weiter, Richtung Westen, ziehen.

Der Schein von Licht, der durch die Plane fiel, weckte sie am nächsten Morgen. Von draußen waren viele hundert, völlig unterschiedliche Stimmen zu vernehmen und dazwischen andere, ihr fremde Geräusche, die sie nicht einzuschätzen vermochte.

„Gütiger Himmel!“, entfuhr es Friedrich und er richtete sich auf, nach seiner Taschenuhr suchend. „Wir haben schon viertel nach sieben! Los, los! Alles aufstehen!“

Müde und verschlafen räkelten sich seine drei Kinder und rieben sich die Augen.

„Luise?“, fragte Friedrich als er ihren Platz leer und die Decke säuberlich zusammengelegt neben sich fand. Sie musste irgendwann, unbemerkt von ihnen allen, aufgestanden und über sie hinweggestiegen sein. Er schob seinen ältesten Sohn beiseite, der sich noch immer verschlafen die Hand über die Augen legte und wollte aus dem Wagen klettern. Dabei brach das hintere Holzbrett von den Seitenwänden ab, über das sie ständig zu klettern hatten. Friedrich verlor den Halt und stürzte mitsamt dem Brett in die Tiefe, auf den vom Raureif überzogenen Boden. Ein leiser Fluch entfuhr ihm.

„Vater!“ Erschrocken zog Hubert die Plane beiseite. Draußen herrschte noch Dämmerung und er stellte fest, dass jede Menge Leute sie beobachteten. „Bist du verletzt?“

„Nein!“, rief Friedrich mit Verärgerung. „Aber du wirst dich heute als erstes daran machen und diese Konstruktion hier reparieren und ordentlich festnageln! Das ist ja lebensgefährlich!“

„Ja, Vater“, entgegnete sein ältester Sohn und ließ den Stoff zurückfallen. Nur mühsam konnte er sich aufrappeln. Er fühlte sich wie erschlagen.

„Tut euch auch alles weh?“, fragte Nikolaus und rieb sich den Rücken.

„Allerdings!“, beklagte Julie sich mürrisch und schlug ihre Decke zurück. „Mehr als ein paar Tage halte ich das nicht mehr durch!“

„Da wird dir nicht viel anderes übrigbleiben!“ Hubert kämpfte sich auf die Beine und sprang hinab, auf den gefrorenen Boden. „Ich sehe mal nach unseren Mulis!“

„Ja!“, rief Julie ihm hinterher. „Und komm bloß nicht so schnell zurück mit deiner schlechten Laune!“

„Schlechte Laune“, murmelte Hubert ungehalten. „Wenn das so weitergeht, werde ich eine gewisse, verzogene Schwester von mir übers Knie legen!“

„Was war das?“, fragte Friedrich, der sich auf dem Weg befand, Feuerholz zu suchen. Diese Aufgabe stellte sich als nicht ganz einfach heraus, denn alle Siedler des Trecks waren darauf angewiesen und strömten hinaus in die angrenzenden Wälder, um dort alles zu zerkleinern, was sie finden konnten.

„Nichts“, murmelte Hubert und seufzte. „Überhaupt nichts!“

Seine Mutter hatte bereits begonnen, ein Feuer zu entfachen und lächelte zärtlich zu ihm hinüber. „Warum schnappst du dir nicht Nikolaus und ihr seht zu, ob ihr drüben bei den Tieren gebraucht werdet?“, schlug sie vor.

„Das ist das erste vernünftige Wort, das ich heute höre“, warf Friedrich mit einem strengen Blick auf seinen ältesten Sohn ein. „Nimm deinen kleinen Bruder und sieh zu, was du zustandebringst!“

„Jawohl, Sir!“ Hubert nickte, während er seinem Vater nachblickte, der zwischen den anderen Wagen und Zelten verschwand. „Was auch immer du sagst!“

„Hubert Kleinfeld!“, entrüstete sich Luise mit Nachruck. „Ist das eine Art, mit deinem Vater zu sprechen?“

„Nein, ist es nicht“, pflichtete ihr Sohn bei, ehe er seinen Kopf in den Wagen streckte. „Auf geht’s, Kleiner! Komm in die Gänge, damit wir vor dem Frühstück zurück sind!“

„Das ist eine gute Idee! Juliane ist heute so blöd!“ Nikolaus streckte ihr die Zunge heraus und kroch schnell an den Rand des Wagens, um seinem großen Bruder zu folgen.

„Selber blöd!“, rief das Mädchen und zog eine Grimasse.

„Na, na!“, machte Hubert beschwichtigend und hob seinen kleinen Bruder vom Wagen herab. „Anstatt zu streiten, solltet ihr euch lieber ein bisschen herrichten! Du siehst aus, als hättest du einen ganzen Heuschober umgegraben!“ Lächelnd zerraufte er Nikolaus das Haar. „Und so wie du im Moment aussiehst“, er deutete auf Julie, „findest du nicht mal hier in Amerika einen Ehemann!“

„Ich will überhaupt keinen Ehemann!“, rief seine Schwester entrüstet, tastete jedoch prompt nach ihren zerzausten, rotblonden Haaren.

„Komm, lass uns mal schauen, wo wir helfen können“, erklärte Hubert, um dem Zank ein Ende zu setzen und betrachtete das weggebrochene Brett, an dessen Stelle jetzt ein Loch unter der Plane des Wagens klaffte. Er musste seinem Vater recht geben – diese Bauweise war alles andere als sonderlich brauchbar, wenn sie ständig darüber hinwegklettern mussten und sobald er Zeit fand, würde er in die Stadt hinüber laufen und sich ein paar Nägel und einen Hammer besorgen. Während er im kühlen Morgen durch das Lager lief, dachte er, dass es am besten sei, wenn er sich während ihres Aufenthalts hier eine Arbeit suchte. Wer wusste schon, wie lange sie wirklich auf eine Weiterreise warten mussten?

Nikolaus folgte ihm, so gut es seine kurzen Beine vermochten und schließlich packte der Junge ihn bei der Hand. „Mach’ doch nicht so schnell! Ich bin noch nicht so groß wie du!“

Jetzt, bei Tageslicht, konnten sie die Ansammlung von Zelten und Wagen erst richtig erkennen. Es war nichts weiter als ein Lagerplatz, übervölkert mit Einwanderern. Nun wollte er aber nach ihren beiden Mulis sehen. Sie waren abhängig von den beiden Tieren. Ohne sie wären sie nie dazu in der Lage, die Rocky Mountains zu überqueren und weiter dem Oregon Trail zu folgen.

Friedrich streifte zwischen den eng beieinanderliegenden Zelten und Wagen umher. Er lächelte und nickte den anderen Siedlern zu, die ihn an seiner schwarzen Kutte erkannten und von denen er nur teilweise wusste, dass sie mit ihnen zogen. Die meisten sah er zum ersten Mal in seinem Leben. Dennoch grüßten sie ihn, denn jeder erkannte ihn als Geistlichen. Ein paar Kinder rannten im taufeuchten Gras umher, der sich über Nacht gebildet hatte. Sie lachten und freuten sich und Friedrich musste schmunzeln. Wie unbeschwert und herrlich zufrieden Kinder sein mussten! Sie lebten von einem Tag zum anderen, ohne Ängste und Überlegungen, was die nächste Woche, der nächste Monat ihnen bringen würde.

Zwischen ihrem Lager und den ersten Häusern von St. Louis bahnte ein schmaler, flacher Fluss sich seinen Weg, über den eine einfache Holzbrücke führte. Friedrich schlug diese Richtung ein. Von irgendwoher hörte er leises, helles Glockengeläut und sein Herz schlug schneller. Irgendwo musste es hier also auch eine Kirche geben! Er beschleunigte seinen Schritt und nachdem er die Seitengasse hinter sich gelassen hatte, gelangte er zur Hauptstraße – die erste Hauptstraße einer Stadt im mittleren Westen Amerikas, die er je zu Gesicht bekam: Ein Geschäft reihte sich ans andere, manche kleiner, andere größer, die meisten besaßen die sogenannten „falschen Fassaden“, die sie größer und mächtiger erscheinen ließen, als sie in Wahrheit waren. Seine Augen glitten die belebte, schmutzige Straße hinab, auf der Reiter, Kutschen und Fußgänger entlang eilten. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte er drei junge Burschen, die den Gehsteig aus Holzbohlen hinauf marschierten. Sie trugen die typische Kleidung von Cowboys, wie er es von Zuhause aus den Illustrierten kannte und ihre Sporen klirrten bei jedem ihrer Schritte. Friedrich wusste nicht weshalb, aber mit einem Mal fühlte er sich diesem Land zugetan. Alles war neu und völlig anders als in der Heimat, aber es gefiel ihm. Seine Ohren vernahmen wieder das melodische Geläut der Kirchenglocke und er folgte ihm, die Straße nach rechts hinab, wo sie leicht anstieg und schließlich abrupt hinter einem Haus endete. Linkerhand, durch eine separate Auffahrt abgetrennt, stand eine weiße Kirche mit einem kleinen Türmchen. Friedrich lächelte. Wie hatte er das vermisst! Er wollte schon den unebenen und durch die Nässe der letzten Tage durchweichten Weg hinauf einschlagen, als eine Stimme ihn zurückhielt. Eine Stimme, die Deutsch sprach!

„Hochwürden! Warten Sie einen Moment!“

Erstaunt drehte Friedrich sich um. Ein kleiner, dünner Mann mit Brille und spärlichem Haarkranz trat freundlich lächelnd auf ihn zu.

„Entschuldigen Sie, wenn ich Sie aufhalte!“ Sein Deutsch wies einen auffallenden Akzent auf und der Mann merkte es selbst. „Ich habe vom Sheriff gehört, dass unter den neu eingetroffenen Siedlern ein Pastor aus Deutschland ist. Und als ich Sie die Straße hinabgehen sah, wusste ich, dass nur Sie das sein können. Hochwürden, lassen Sie mich...“

„Kleinfeld“, unterbrach Friedrich ihn. „Pastor Friedrich Kleinfeld.“

„Entschuldigen Sie!“ Der fremde Herr lächelte. „Ich bin Joshua Hammerstein, der zweite Bürgermeister dieser...hmm, also...für gewöhnlich nenne ich sie meine persönlich allerliebste Stadt.“

„Freut mich sehr“, versicherte Friedrich, auch wenn er nicht recht erraten konnte, was der Mann von ihm wollen könnte.

„Sie ahnen gar nicht, wie sehr mich das erst freut!“, lächelte Joshua Hammerstein, dessen Name verriet, welcher Abstammung er war. „Würden Sie sich von mir zu einer Tasse Kaffee einladen lassen?“

Ein wenig verwundert schüttelte Friedrich den Kopf. „Sehr gerne, aber im Augenblick bin ich ehrlich gesagt ein wenig in Eile und...“

„Bitte, nur für fünf Minuten!“ bohrte der Bürgermeister und lächelte. „Bitte!“

Friedrich seufzte innerlich. Eigentlich war er darauf erpicht, zu seiner Familie zurückzukehren, denn er wusste, dass sie ihn erwarteten.

„Na, schön“, gab er dennoch nach, denn alles andere hätte nicht seinem Pflichtbewusstsein entsprochen. Es war seine Aufgabe, für seine Mitmenschen an erster Stelle da zu sein und erst dann sich um sich selbst zu kümmern. So folgte er der einladenden Handbewegung Joshua Hammersteins und ging mit ihm den Anstieg wieder hinab und die Straße entlang, bis zu einem kleinen Kaffeehaus.

„Nun halt doch still!“befahl Julie ungeduldig, während sie Nikolaus das dunkelbraune Haar bürstete.

„Aber das tut weh!“, rief ihr kleiner Bruder und verzog vorwurfsvoll das Gesicht, bevor er erneut versuchte, ihre Hand wegzustoßen.

„Gib mir eine Minute und dann kannst du wieder davonrennen“, vertröstete Julie ihn und tauchte die Bürste in die Schüssel kaltes Wasser, die sie extra vom Bach geholt hatte. Damit ließen sich die wilden Strähnen, die in alle Himmelsrichtungen abstanden, ein wenig besser bändigen.

„Ich möchte wirklich wissen, wo die alle stecken!“, sagte sie nun, mehr zu sich selbst und ließ von Nikolaus ab, der erleichtert vom Wagen sprang.

„Ich gehe sie suchen!“, rief der Junge mit der glockenhellen Stimme und wollte davonrennen, doch seine Schwester war schneller, sie erwischte ihn am Arm.

„Nichts da!“, entschied Julie und deutete auf die Wasserschüssel. „Du wirst Mutter jetzt um einen anderen Lappen bitten und mir helfen, hier sauberzumachen.“

Nikolaus verzog das Gesicht. „Oh, nein! Das ist Mädchenarbeit! Und Hubert wollte nur schnell Holz suchen gehen! Er hat gesagt, er kommt bald wieder und...“

„Ruhe!“, unterbrach Julie ihn energisch und raffte ihre Röcke. Nun sprang sie ebenfalls hinten vom Wagen herab. „Du hilfst mir!“

Ihre Mutter, die noch immer damit kämpfte, das Feuer am Brennen zu halten, runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Bitte, Juliane, zügle deine Ausdrucksweise und deine Lautstärke! Es ist nicht sehr vorteilhaft für ein junges Mädchen in der Weltgeschichte herumzuschreien wie ein Fischhändler!“

Ihre Tochter seufzte verzweifelt, ehe sie sich umdrehte. Immer diese Standpauken! Sie konnte doch auch nichts dafür, dass sie nicht dem Bild eines braven, zurückhaltenden Mädchens entsprach. Es lag ihr nunmal nicht, ihren Mund zu halten, wenn sie das dringende Verlangen spürte, ihre Mitmenschen wissen zu lassen, dass sie von vielen Dingen mehr Ahnung hatte als viele ihrer männlichen Genossen. Das ziemte sich nicht und obwohl sie es innerlich sich immer und immer wieder vorsagte, konnte sie in entscheidenen Augenblicken doch nicht ruhig sein. Dann brodelte etwas in ihr und es gab keine Vernunft mehr, die ihr den Mund verbieten konnte.

Als Friedrich fast zwei Stunden später den Weg über die Holzbrücke zurückging, waren zwar weder der Tau verschwunden, noch die Temperatur gestiegen, aber es schien heller geworden zu sein. Heller, was das Tageslicht anbetraf und heller, ihre nahe Zukunft betreffend. Er summte einen Choral vor sich hin, grüßte wieder alle Siedler, die ihm begegneten und merkte kaum, dass ihm der Magen knurrte. Er hatte seit dem vergangenen Mittagessen nichts mehr zu sich genommen und als er jetzt ihren Wagen erreichte, erblickte er ein kleines Feuer daneben, über dem ein Topf stand. Luise lief umher, gab ihren Kindern Anweisungen, während sie alle paar Minuten mit einem Löffel in dem Topf rührte. Friedrich stieß einen zufriedenen Seufzer aus.

„Luise, meine Perle! Wie das duftet!“ Seine Frau trug eine Schürze um ihre üppige Taille gebunden und lachte. „Du warst aber sehr lange fort! Zwischenzeitlich hatte ich Hubert hinabgeschickt zu diesem Geschäft, das sie ‚General Store’ nennen, um wenigstens die wichtigsten Dinge zu kaufen, ein paar Bohnen und Milch und Konserven!“

Julie und Nikolaus waren noch immer damit beschäftigt, den Boden des Wagens zu schrubben auf dem sie schliefen, während Hubert einen lauten Krach damit veranstaltete, das Brett wieder festzunageln.

„Keine Sorge!“, sagte Friedrich und zog einen Schemel heran, um sich darauf zu setzen. „Bald werden wir von hier fort sein, solange wir in dieser Stadt festsitzen. Der Herrgott ist sehr gütig mit uns, er hat mir heute einen sehr netten Herrn über den Weg geschickt und dafür gesorgt, dass wir in ein anständiges Haus einziehen können.“

Seine Familie unterbrach, wie auf Kommando, sämtliche Tätigkeiten, um ihn fragend und verständnislos anzustarren.

„Was für einen Herrn?“, hakte Luise nach, unschlüssig, was sie davon halten sollte. Nur ihr Arm rührte weiterhin in der gestreckten Gulaschsuppe. „Wovon sprichst du?“

Friedrich lächelte sie triumphierend an, während seine linke Hand nach dem großen, silbernen Kreuz griff, dass er immer um seinen Hals trug. „Mir wurde heute die Stelle des Pfarrers angeboten, solange wir hier sind! Der neue kommt erst irgendwann in den nächsten Wochen und der bisherige hatte einen tödlichen Unfall mit seiner Kutsche.“

„Ach, du liebe Güte!“, entfuhr es Luise entsetzt und sie fasste sich an die Brust. „Und jetzt sollst du...“

„Ganz richtig!“, bestätigte Friedrich und nickte. „Jetzt bin ich vorübergehend der Pfarrer in dieser Stadt und nicht nur das! Wir dürfen solange im Pfarrhaus neben der Kirche wohnen! Es steht nämlich derzeit leer und ich habe sogar für Hubert Arbeit gefunden!“

„Für mich?!“, echote sein Sohn stockend und schluckte. Irgendwie ahnte er, dass er die Entscheidung seines Vaters bereuen würde. Zuhause, in Deutschland, hatte er in einem Büro der Stadtverwaltung in Bremerhaven gearbeitet. Er hatte mit körperlicher Arbeit keine Erfahrung, er fürchtete jedoch, dass es genau das war, was seinem Vater vorschwebte.

„Ich habe auch einen Job!“, jubelte Nikolaus, ehe er vom Wagen herabhüpfte, glücklich darüber, dem strengen Regiment seiner Schwester zu entkommen.

„Du?! Aber...“ Luises Blick wanderte zu ihrem jüngsten Sohn, der sie zufrieden und stolz anlächelte, den tropfenden Lappen noch in der Hand. „Nikolaus ist doch noch viel zu klein und auch viel zu zart, um zu arbeiten! Es wäre völlig unverantwortlich...“

Hubert räusperte sich. „Tut mir leid, Mutter“, mischte er sich ein, den Hammer zwischen seinen Händen drehend. „Aber das war die Bedingung, damit uns gestattet wurde, die Maultiere in der Scheune unterzubringen.“

„Ich bin nicht klein!“, rief der Junge protestierend. Er hasste es, immer von seiner Mutter beschützt und zurückgestellt zu werden, als wäre er aus Porzellan und zu nichts zu gebrauchen. „Ich kann genauso hart arbeiten wie Hubert! Weißt du denn nicht, dass ich ein Meister bin im Ausmisten von Ställen und Füttern der Tiere?“

„Es ist nur morgens und abends“, warf sein großer Bruder hastig ein, als er die Sorgenfalten auf der Stirn ihrer Mutter entdeckte. „Sie brauchen dringend ein paar helfende Hände! So viele Pferde und Mulis und Ochsen, die jeden Tag kommen und gehen. Außerdem können wir so gleich ein bisschen Geld für unser neues Zuhause sparen.“

„Ich muss zugeben, damit hat der Junge nicht unrecht!“ Friedrich sprach als erster nach einer langen Minute Stille. „Jeder von uns muss seinen Teil dazu leisten. Du solltest lieber dankbar dafür sein, dass wir unsere Mulis somit in besten Händen wissen, solange wir sie nicht benötigen.“

Luise starrte hinab in ihren Kochtopf. Sie wusste aus Erfahrung, dass es sinnlos wäre, mit ihrem Mann einen Streit vom Zaun zu brechen, wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hatte.

„Und was ist nun mit mir?“, wollte Hubert wissen. Das waren Neuigkeiten, mit denen er nie im Leben gerechnet hatte! Kaum, dass sein Vater kurz in die Stadt verschwand, kam er mit Möglichkeiten zurück, die ihr Leben einmal um hundertachtzig Grad drehten. Woher das wohl kommt, fragte er sich und betrachtete das silberne Kreuz um den Hals seines Vaters, das sich deutlich von seiner schwarzen Kutte abhob. Ob es an seinem festen Glauben und an Gott liegt?

„Du kannst bei der Eisenbahn arbeiten“, eröffnete Friedrich seinem ältesten Sohn. „Dort brauchen sie immer junge, kräftige Burschen, die zupacken können.“

„Bei...der...Eisenbahn“, wiederholte Hubert gedehnt. Die Vorstellung, von früh bis abends Kohlen zu schippen, konnte bei ihm nicht wirklich Begeisterungsstürme auslösen, doch er fügte sich. Was blieb ihm auch anderes übrig? „Gut. Wann soll ich anfangen?“

„Morgen früh wirst du dich im Bahnhofsgebäude melden“, erläuterte sein Vater geduldig und nickte zufrieden. Alles schien gut zu werden und sich positiv für sie zu entwickeln und das sogar schneller und einfacher, als er es sich je erträumt hätte.

„Morgen schon?“ Hubert unterdrückte einen Seufzer.

„Und was hast du dich für mich überlegt?“ Juliane stand beim Planwagen und starrte ihren Vater mit einem eigensinnigen Ausdruck im Gesicht an.

Friedrich hob die Augenbrauen. „Wir werden sehen“, antwortete er ausweichend. „Erst einmal wirst du deiner Mutter mit den Arbeiten hier im Lager helfen. Insbesondere beim Kochen gibt es genügend Aufgaben, von denen dir noch immer jedes Wissen fehlt und das ist eine wahre Schande für mich, für deine Mutter und insbesondere für dich selbst. In deinem Alter sollte ein Mädchen zumindest über die Grundkenntnisse verfügen und wie sie ihren Ehemann zu versorgen hat.“

Das Mädchen ächzte, schwieg jedoch, da sie nicht wild darauf war, eine entsprechende Bestrafung für freche Bemerkungen zu erfahren. Zuhause bleiben mit ihrer Mutter! Es gab ganz sicher einer Schule in dieser Stadt, die sie St. Louis nannten, vielleicht sogar eine für Mädchen und ihr war nicht gestattet, dort am Unterricht teilzunehmen! Sie fühlte den Blick ihrer Mutter auf sich ruhen, zog es jedoch vor, zornig auf ihre Fußspitzen zu starren. Sie war nicht gewillt, so einfach nachzugeben! Sie war ebenso ein individueller Mensch wie ihr Vater und ihre Brüder und sie wusste ganz genau, was sie wollte und was nicht!

Luise beobachtete den Gesichtsausdruck ihrer Tochter und erkannte augenblicklich, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen war bezüglich dieses Themas. Es würde noch mehr Zank geben zwischen ihrer einzigen Tochter und Friedrich, sie fühlte es in ihren Knochen. Dieses Land, dachte sie, mit all seinen Sorgen und dem harten Leben, wird dazu führen, dass ich wieder genauso dünn werde, wie vor den Kindern.

St. Louis

Der Regen hatte nachgelassen als Julie den Weg vom General Store die Straße hinab antrat, in Richtung der protestantischen Kirche der ihr riesig erscheinenden Stadt. Sie war froh, dass sie in diesem Pfarrhaus leben konnten, auch wenn es sehr klein und beengend dort war. Immerhin konnten sie einen Ofen beheizen und ihre nasse Kleidung darüber trocknen und der kalte Wind konnte ihnen nichts anhaben. Sie empfand großes Mitleid für all die Familien, die während dieser Regenperiode, bis der Treck weiterziehen konnte, in ihren Wagen und Zelten verbringen mussten, weil sie es sich nicht leisten konnten, sich in einer Pension einzumieten.

Julie marschierte den Weg alleine, ohne Nikolaus. Obwohl sie gemeinsam losgeschickt worden waren von ihrer Mutter, um Einkäufe zu erledigen, hatte ihr kleiner Bruder auf halber Strecke andere Ideen verfolgt. Längst hatte er Freunde gefunden, mit denen er herumtobte und seine wenige Freizeit beim Spielen genoss und ein ganzer Haufen davon war ihnen auf dem Weg zum General Store vor die Füße gelaufen. Julie verschränkte die Arme vor der Brust. Ihr fröstelte. Gerade einmal fünf Tage hielten sie sich jetzt in St. Louis auf oder besser gesagt, ein Stück daneben, denn die Kirche stand auf einem Hügel, auf einer Wiese hinter den ersten Häusern. Ihr kam es jedoch viel länger vor. Nur wenige Menschen kamen ihr bei diesem Wetter entgegen, doch als sie um das Eck des nächsten Hauses auf die Hauptstraße bog, stieß sie fast mit einem kleinen Mann mit strohblonden Haaren zusammen.

„Ah, geh!“, rief dieser erfreut. „Ist das aber eine Überraschung!“

„Hardy!“ Sie lächelte. „Dass ich Sie hier treffe! Ich dachte ja eigentlich, Sie würden uns mal besuchen kommen!“

„Tja, das hatte ich auch wirklich vor“, versicherte der österreichische Arzt und hob bedauernd die Schultern. „Ich habe schon von eurem Glück erfahren, dass Ihr Vater vorübergehend als Pastor angestellt wurde. Ich wäre schon längst mal vorbeigekommen, aber ich habe so viel zu tun, dass ich gar nicht weiß, wo mir der Kopf steht!“

„Gibt es denn so viele kranke Menschen hier?“, fragte Julie und konnte den Schreck darüber nicht ganz verbergen.

Doktor Retzner lächelte. „Das Problem ist, dass es in der ganzen Gegend nur einen einzigen Arzt gibt und der ist hier in St. Louis. Im Umkreis von dreißig Meilen gibt es keinen anderen!“

„Oh!“, machte Julie ungläubig. Sie konnte kein Verständnis für diese Tatsache aufbringen, da sie gar nicht wusste, was ein Umkreis von dreißig Meilen an Fläche und Bevölkerung bedeutete.

„Ja, leider, so sieht es aus!“ Der Österreicher runzelte die Stirn. „Es gab wohl noch einen anderen Arzt, aber er starb an...wie nennen sie es hier doch gleich? Schwindsucht, glaube ich.“

„Was soll das sein?“

„Was ich herausgefunden habe, ist das der gebräuchliche Ausdruck für pulmonale Tuberkulose.“

„Oh!“, sagte Julie noch einmal mit großen Augen. Sie begriff auch das nicht, weil ihr die lateinischen Wörter fremd waren und gleichzeitig ärgerte sie diese Tatsache. Am liebsten hätte sie mit dem Fuß wütend auf den Boden gestampft, weil sie sich vorkam, wie eine dumme, törichte Gans. Natürlich, ja, sie war nur ein Mädchen und Mädchen brauchten keinen Verstand, sie mussten nur kochen können. Jetzt konnte sie den Drang nicht länger unterdrücken – ihr Fuß erzeugte auf den Holzbohlen des Gehsteigs vor den Häusern ein dumpfes Poltern.

„Und Doktor Stankovski ist auch nicht mehr der Jüngste“, fuhr der Österreicher unbeirrt fort. Er schien ihren inneren Aufruhr nicht zu bemerken. „Er leidet an Rheuma und meistens muss ich zu den Patienten auf die Farmen hinaus und zu den außerhalb gelegenen Siedlungen alleine reiten. Ach ja...“

„Wo wohnen Sie denn?“, wollte Julie wissen. „Ich habe seit dem Abend, als wir hier angekommen sind, nichts mehr von Ihnen gehört.“

„Ich weiß und es tut mir auch wirklich ungeheuer leid.“ Er fasste sie rechts und links an den Oberarmen und lächelte liebevoll. „Ich wohne bei Doktor Stankovski und seiner Frau im Haus, aber der Gute lebt schon in der zweiten Generation hier und ich verstehe so gut wie kein Wort von dem, was er sagt! Er könnte genauso gut russisch mit mir sprechen! Wir verständigen uns immer bloß durch Handzeichen und das ist nicht gerade besonders sinnvoll.“ Bedauernd hob er die Schultern. „Mein Englisch ist nicht unbedingt besser geworden. Ich hatte noch nie Talent für Sprachen.“

„Vielleicht...vielleicht kann ich es Ihnen beibringen“, schlug Julie eifrig vor. „Das ist nicht so schwer! Zu Anfang hab’ ich mir auch nicht leicht getan, aber man gewöhnt sich ganz schnell daran! Englisch ist viel einfacher als Deutsch!“

„Julie-Mädchen, wann soll ich mich um Grammatik und Vokabeln kümmern?“ Er ließ sie los und warf einen Blick auf seine Taschenuhr. „Ich bin eigentlich schon wieder spät dran.“

„Hardy, kann ich Ihnen nicht irgendwie helfen, solange wir hier sind?“ Julie schaute ihn flehend an. Zum einen fühlte sie sich verpflichtet, ihm ihre Unterstützung anzubieten, denn er war immerhin mit ihrem Vater geschäftlich verbunden. Schließlich gehörte ihm eins ihrer Maultiere und die Hälfte des Planwagens. Zum anderen mochte sie den österreichischen Arzt und ihr entging nicht, wie müde und erschöpft er aussah.

Seine grünen Augen starrten sie regungslos an, als hätte ihn soeben in dieser Sekunde eine Idee durchzuckt. „Ja“, sagte er dann leise. „Ja, Julie-Mädchen, es gibt sogar jede Menge für Sie zu tun!“

„Ja?“ Ihr Herz machte einen Satz. Seit ihrer Ankunft tat sie nichts anderes, als in dem kleinen Pfarrhaus zu sitzen und ihrer Mutter zur Hand zu gehen. Es ging ihr mächtig auf die Nerven, denn sie musste sich ständig von ihr vorwerfen lassen, nicht zur Hausfrau zu taugen! Und sie hasste diese eintönige Hausarbeit! Sie wollte sich genauso nützlichen machen, wie Hubert und Nikolaus! „Kann ich das wirklich?“

„Allerdings!“ Aufgeregt fasste Doktor Retzner sie am Handgelenk und zog sie in einen Hauseingang, damit sie nicht noch mehr durchnässten, weil der Regen erneut begonnen hatte, wie aus Eimern auf sie herabzuprasseln. „Passen Sie auf!“ Beschwörend hob er die Hand. „Sie sprechen inzwischen beinahe genauso gut Englisch wie jeder Amerikaner und Sie sind jung und geschickt! Ich könnte Sie mit zu den Hausbesuchen nehmen, damit Sie mir übersetzen! Und nach einer Weile könnte ich Sie auch alleine zu Patienten schicken, wo es nur einfache Verbände zu wechseln gibt oder ähnliches! Dann wären ich und Doktor Stankovski entlastet und könnten uns für die komplizierteren Patienten mehr Zeit nehmen! Würde Ihnen das gefallen?“

„Oh, natürlich!“, hauchte Julie freudestrahlend. Er traute ihr zu, solch wichtige Aufgaben zu übernehmen, Patienten zu verarzten und ihnen zu helfen und... Ein Schleier legte sich auf ihre jungen, weichen Gesichtszüge. „Mein Vater wird das nie erlauben!“

„Ah, geh!“ Eine abweisende Handbewegung war die Antwort, die keine Widerrede duldete. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein! Ich komme heute Abend bei Euch vorbei und schildere ihm die Situation. Er kann überhaupt nicht ablehnen! Außerdem ist es bestimmt sinnvoll, wenn Sie sich ein bisschen mit Medizin auskennen, bevor wir weiter auf den großen Treck gehen!“

„Sie kennen meinen Vater nicht!“ Unsicher wich Julie seinem Blick aus. „Außerdem kann er ausgesprochen ungehalten werden! Er hält nichts davon, wenn Frauen einer Arbeit nachgehen.“

„Papperlapapp!“, rief Doktor Retzner entschlossen. „Ach ja, können Sie eigentlich reiten, Julie?“

„Reiten? Sie meinen, auf einem Pferd?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, warum?“

Er lächelte über ihre unschuldige, ahnungslose Art, mit der sie ihn betrachtete. „Na, weil Sie sonst doch nicht hinaus kommen, zu den Patienten, die auf dem Farmen rundherum leben! Oder lassen Sie sich Flügel wachsen?“

„Ach...so“, machte Julie und ihre Freude trübte sich immer mehr.

„Ah, was soll’s“, entschied Doktor Retzner mit seinem österreichischen Akzent und lächelte zuversichtlich. „Das bringe ich Ihnen bei! Sie werden sehen, bald reiten Sie besser als jeder Mann!“

Julie kicherte, die Vorstellung gefiel ihr. „Das würde mein Vater Ihnen nie verzeihen!“

Doktor Retzner lächelte und fasste sie kurz mit Daumen und Zeigefinger am Kinn. „Er muss mit der Zeit und den Umständen gehen, Julie-Mädchen. Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben als einzusehen, dass die europäischen Werte einer Frau hier, im Wilden Westen, nicht aufrechterhalten werden können. Ganz einfach.“

„Hoffentlich“, entgegnete sie seufzend und trat einen Schritt beiseite. „Ich muss nach Hause, meine Mutter wartet. Auf Wiedersehen.“

„Bis heute Abend!“, rief Doktor Retzner ihr nach und seine Augen verfolgten sie, während ihre langen Röcke und Unterröcke über die Holzbohlen des Gehsteiges glitten.

Hubert blickte der letzten Lok nach, die heute den Bahnhof verließ. Er hörte, wie sich die Türe des Büros hinter ihm schloss, wo er heute den ganzen Tag damit beschäftigt gewesen war, neue Regale für die Dokumente einzubauen. Seit er seine Arbeit bei der Eisenbahn begonnen hatte, war er dem Zimmerertrupp zugeteilt worden, was ihn ein wenig erleichterte. Das war zwar nicht unbedingt sein Fachgebiet, aber immerhin eine Aufgabe, der er sich mit etwas Menschenverstand und logischem Denken gewachsen sah.

Die Dunkelheit brach bereits über St. Louis herein. Er war hungrig und erschöpft und trotz des klammen, feuchten Wetters spürte er, wie seine Wangen glühten. Seine Finger schmerzten, er hatte sich mehrfach Nägel in die Haut gestochen und mit dem Hammer seine Glieder malträtiert. Er konnte wahrlich nicht behaupten, der geschickteste Handwerker zu sein, soviel er sich auch bemühte.

„Hier, Junge!“ Der Zahlmeister reichte ihm ein paar Dollarscheine. „Das ist für die Überstunden und die hervorragende Arbeit! Mach’ was Schönes damit!“

„Oh, danke!“ Hubert konnte es noch nicht recht glauben. Gut, er hatte in den zurückliegenden Tagen mehr als nur gerackert, aber dass er dafür einen extra Lohn erhalten würde... Er zählte die Dollarscheine, einmal, zweimal und überlegte. Das war sein eigenes Geld, mit dem er tun und lassen konnte, was er wollte, dass er nicht nach Hause bringen musste, zu seinem Vater, wie seinen regulären Lohn. Hubert überlegte eine ganze Weile. Musik drang an seine Ohren und er wusste, dass sie aus dem Saloon kam. Der Saloon. Er lächelte. Schon seit sie hier angekommen waren, wollte er dort hinein, wie die Cowboys und die anderen jungen Männer. Niemand würde ihn vorerst zu Hause vermissen, denn sein Dienst endete immer unterschiedlich und nie zu einer bestimmten Zeit, je nachdem, was an Arbeit anfiel. Sein Herz schlug schneller. Nun gut, sein Vater hatte ihm streng verboten, in den Saloon zu gehen, in diesen „Sündenpfuhl“, wie er ihn bezeichnete, doch Hubert konnte beim besten Willen keine Sünde daran entdecken, einfach hineinzuspazieren und ein Bier zu trinken. Das war nichts anderes, als wenn er in Deutschland eine Gastwirtschaft betreten hätte. Außerdem war er kein kleiner Junge mehr und allmählich konnte er wahrhaftig für sich selbst entscheiden, was er wollte.

Entschlossen marschierte Hubert die dunkle Hauptstraße hinab. Sein Hunger und die Erschöpfung waren vergessen. Viel zu aufgeregt und neugierig beschäftigte ihn jetzt das Unbekannte. Es hatte wieder wie aus Eimern zu gießen begonnen und er stieß die verschlossene Tür eilig auf. Verrauchte, stickige Luft schlug ihm entgegen. Der Saloon war voll mit Männern, die sich dicht um Tische und die Bar drängten. Eine Kapelle, die auf einem erhöhten Podest saß, spielte Melodien mit einem flotten Rhythmus, die er nicht kannte, doch sie gefielen ihm. Eine Sekunde stand Hubert unschlüssig da und beobachtete, was vor sich ging. Die meisten Männer saßen an Tischen, tranken und spielten mit Karten. Andere hatten junge, stark geschminkte Mädchen auf dem Schoß. Sie lachten und gröhlten und übertönten dabei die Musik. Hubert gab sich einen Ruck und trat an die brusthohe Theke. Der Rest, der keinen Platz fand, stand in Gruppen daneben, sie lachten und unterhielten sich in breitem, genuschelten Englisch, das er bisweilen immer noch schwer nur verstand.

„Ein Bier“, sagte er und fand, dass er sich bereits sehr amerikanisch anhörte.

Wortlos schob der Barkeeper ihm ein großes Glas entgegen und Hubert reichte ihm im Gegenzug einen seiner Scheine, woraufhin er ein paar Münzen zurückerhielt.

„Hallo!“, sagte eine tiefe, rauchige Frauenstimme neben ihm unerwartet und berührte ihn sanft am Arm. Hubert fuhr herum. Er schluckte. Neben ihm stand eine kleine, üppige Blondine, mindestens zehn Jahre älter als er und lächelte zu ihm hinauf. „Dich kenn’ ich ja noch gar nicht! Neu hier?“

„Ja...nur vorübergehend“, brachte Hubert überrumpelt hervor. Seine Augen glitten hastig ihren Körper hinab, der in einem engen Corsagenkleid steckte, das jedoch ihre Knie gerade noch bedeckte. Darunter trug sie Netzstrümpfe und Schnürstiefeletten mit hohem Absatz. Noch nie zuvor hatte er eine Frau gesehen, die sich in der Öffentlichkeit derart freizügig kleidete und er spürte, wie sein Puls schneller zu schlagen begann. Ihr Anblick löste unbekannte Gefühlswallungen in ihm aus, irgendetwas in ihm verlangte geradezu unwiderstehlich danach, sie zu berühren und sein Verstand sagte ihm gleichzeitig, dass er sich derartige Frechheiten nicht erlauben durfte. Sie arbeitete vermutlich hier und obwohl sie es sicherlich gewohnt war, von Männern betatscht zu werden, wollte er nicht riskieren, gleich bei seinem ersten Besuch in einem Saloon unangenehm aufzufallen. „Ich...ich gehöre zu einem der Siedlertrecks vor der Stadt.“

„Ah!“, machte die Blondine und ihr Lächeln wurde breiter. „Ich hab’ schon gehört, dass wieder ein paar angekommen sind. Ist ja nichts Neues, passiert ständig. Die einen kommen, die anderen gehen... Trotzdem immer schön, wenn fremde Gesichter sich hier rein verirren – vor allem, wenn sie so sympathisch sind, wie das deine!“

Geschmeichelt wiegte Hubert den Kopf. „Na ja, ich gebe mir Mühe, nicht zu abschreckend zu wirken.“

„Das tust du nicht“, versicherte die Lady, während sie ihn eingehend betrachtete, was Hubert nicht entging. „Ich heiße übrigens Suzie.“

„Freut mich. Mein Name ist Hubert Kleinfeld.“

„Deutscher, was?“, erkannte sie sofort. Sie streckte den Arm aus und berührte seinen Oberarm, wo sie unter seinem Hemd starke Muskeln fand. Das schien ihr zu gefallen. „Hmm, nicht übel!“

Er gab sich gleichgültig. „Das kommt vom vielen Bretter durch die Gegend wuchten. Die Eisenbahn scheint nur damit beschäftigt zu sein, irgendwo irgendetwas anbauen zu müssen.“

„Sag mal, Hugh...“ Sie sprach seinen Namen ganz automatisch und ohne nachzudenken in seiner englischen Form aus, doch es gefiel ihm. Überhaupt, nicht nur, wie sie seinen Namen sprach, auch sie selbst wirkte ungeheuer anziehend auf ihn, je länger er sich mit ihr unterhielt. „Es macht dir doch nichts, dass ich Hugh sage, oder? Das ist viel einfacher für mich, ich kann nämlich nur Englisch und Ungarisch.“

„Nein“, erwiderte er und lächelte zu ihr hinab. „Im Gegenteil! Es gefällt mir!“

„Schön!“ Sie beugte sich zu ihm hinüber und gewährte ihm einen tiefen Einblick in ihr üppiges Dekolleté. „Hast du nicht Lust, ein bisschen mit mir nach oben zu kommen?“

Hubert schluckte. Sein Herzschlag setzte einen Moment aus. Er begriff. Mit einem Mal erkannte er, was sie war und dass es keine Rolle spielte, wenn er sie anfasste. Sein Vater hatte es ihm erklärt, ihn in seiner sachlichen, nüchternen Art eines Morgens darüber unterrichtet, wie Kinder zustandekamen und dass dieses „Geschehen“ außerhalb der Ehegemeinschaft absolut verboten und sündhaft sei. Vermutlich hätte Friedrich nie ein Wort darüber gegenüber seinem Sohn verloren, wenn...ja, wenn er nicht an einem Morgen aufgewacht wäre und festgestellt hätte, dass etwas anders war, ganz anders, dass sein Körper etwas mit ihm gemacht hatte, das er nicht begriff und von dem er nicht wusste, warum es geschah. Friedrich hatte ihn darüber aufgeklärt, dass er nun „ein richtiger Mann“ sei, der die Pflicht hätte, „sich zusammenzureißen und der Fleischeslust niemals die Überhand gewinnen zu lassen“. Lange hatte Hubert darüber nachgedacht, was sein Vater damit wohl meinte, mit dem Wort Fleischeslust. Dann hatte er ihn gefragt und Friedrich hatte ihm streng und sehr entschieden erklärt, dass jegliche Tätigkeit dieser Art außerhalb einer ehelichen Beziehung nicht vor Gott und der Kirche vertretbar sei, ja, dass es sich geradezu um eine Sünde handele, die bestraft werden müsste. Allerdings hatte Hubert diese Erläuterung auch nicht viel geholfen. Erst dank einem seiner Kumpel in Deutschland, der da wesentlich erfahrener schon war, hatte er alles darüber erfahren, was sich zwischen Mann und Frau so abspielte und dass es Damen gab, die damit ihren Lebensunterhalt verdienten.

Hubert atmete tief durch. Er war jetzt achtzehn und durchaus fähig, eigene Entscheidungen zu treffen. Sein Vater würde ihn vermutlich erschlagen, wenn er wüsste, was er hier trieb, dass er im Saloon stand, ein Bier trank und sich mit einer Frau namens Suzie unterhielt, die für Geld ihren Körper an Männer verkaufte, die sich nach weiblicher Begleitung sehnten.

Hubert fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Der Reiz, die Vorstellung und vor allen Dingen das brennende Verlangen, endlich zu wissen, wie es sich anfühlte, sich dieser Lust hinzugeben, die er bislang nur aus seiner Fantasie kannte, drängten ihn dazu, sein Geld in ihren Ausschnitt zu stecken, doch da war auch seine strenge, christliche Erziehung, die ihn anschrie, ihn zurückhalten wollte. Er kämpfte mit sich. Noch nie hatte ein Mädchen ihm gegenüber Interesse gezeigt und er war auch noch nie wirklich in Versuchung geraten, sich einer von ihnen unsittlich zu nähern, aber jetzt, da diese Suzie vor ihm stand und er wusste, dass er sie haben konnte, für ein bisschen Geld, ohne weitere Verpflichtungen...

„Ja“, hörte er sich leise sagen. „Ich komme gern mit...sehr gern!“

Der Duft von frischer Gulaschsuppe lag in der Luft. Der kleine Herd verbreitete eine erstaunliche Wärme und das Feuer darin knisterte laut und heimelig. Friedrich saß aufrecht am Tisch, die Bibel vor sich aufgeschlagen und las leise darin. Die Predigt für den kommenden Sonntag musste vorbereitet werden.

„Deck den Tisch, Juliane“, sagte Luise in ihrem eigenen, strengen Tonfall und ihre Tochter, die eben noch über ihren Englischunterlagen gesessen hatte, sprang hastig auf. Sie räumte das Vokabelbuch beiseite, auf die Kommode im Eck und holte die Zinnteller und das Besteck aus dem Schrank. Sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, in jeder freien Minute an ihren Sprachkenntnissen zu arbeiten.

„Die Tassen auch!“ Kopfschüttelnd betrachtete ihre Mutter ihr tun. „Kannst du noch nicht einmal einen Tisch decken?“

„Doch!“, versicherte Julie hastig. „Natürlich!“

Es lag nur daran, weil sie mit ihren Gedanken nicht bei der Sache war. Bei jedem kleinen Geräusch zuckte sie zusammen, weil sie glaubte, Hardy Retzner würde vor der Tür stehen. Es war keine gute Idee, dass er hierher kam. Je länger sie darüber grübeln konnte, desto überzeugter war sie davon. Ihre Eltern würden ihr nie erlauben, ihm zu assistieren und am Ende zerstritten sie sich womöglich noch alle und dabei wollten sie doch gemeinsam weiterziehen, sobald sich ein größerer Treck nach Westen aufmachte! Nur die schlechten Wetterprognosen und die anhaltenden Regenfälle verhinderten derzeit, dass irgendjemand es wagte, die lange, beschwerliche Reise fortzusetzen.

Luise seufzte. „Nikolaus müsste jeden Moment kommen und bei Hubert weiß man ja nie! Wir werden nicht auf ihn warten, sondern ihm das Essen auf den Herd stellen, dann kann er sich selbst nehmen, wenn er nach Hause kommt.“

„Die beiden Jungen sind unglaublich fleißig“, bemerkte Friedrich voller Stolz und schlug die Bibel zu. „Mit Huberts Lohn und dem, was ich bekomme, können wir uns in Oregon einen schönen Neuanfang leisten!“

„Trotzdem finde ich es nicht richtig, dass Nikolaus immer bis spät in die Nacht die Pferdeställe ausmisten muss“, warf Luise besorgt ein und trug den Topf hinüber an den Tisch. Sie setzte sich an ihren Platz, neben ihren Mann, als die Tür aufgerissen wurde.

„Ich bin da! Hat etwas länger gedauert!“, schrie Nikolaus. Ein Schlag ließ das Haus erzittern, als er die Tür hinter sich ins Schloss knallte.

„Mein Sohn!“ Friedrich warf ihm einen bösen Blick zu. „Was soll dieser unnötige Krach?“

„Entschuldige“, murmelte der Junge schuldbewusst und rutschte lautlos auf seinen Stuhl neben seiner Schwester, um die Hände zu falten und das gemeinsame Tischgebet zu sprechen.

Nach dem Essen begann Luise, das Geschirr zu spülen, wobei ihre Tochter ihr half, obwohl sie lieber ihre Englischkenntnisse erweitert hätte. Nikolaus verabschiedete sich ins Bett, er war sehr müde von der schweren, körperlichen Arbeit und Friedrich holte wieder seine Bibel hervor. Julie atmete auf. Es war schon so spät, da würde Doktor Retzner bestimmt nicht mehr kommen!

„Oh, es regnet schon wieder“, sagte Luise, als sie die Schüssel mit schmutzigen Wasser nach draußen, vor die Tür kippte. Das Pfarrhaus stand abgeschieden und geschützt unter Bäumen, doch die Lichter von St. Louis waren in der Dunkelheit wie unwirkliche Punkte zu erkennen.

„Und gleich wie aus Kübeln! Wenn das so weitergeht, haben wir bald Hochwasser!“ Luise blieb in der Tür stehen und schaute weiter hinaus in die Dunkelheit. Es zog kalt herein.

Julie lächelte kurz. Sehr gut, das kam ihr gerade recht. Doch der nächste Satz ihrer Mutter ließ sie zusammenzucken: „Ja, Hardy, sowas! Ja, kommen Sie doch herein! Welche eine Überraschung! Wir dachten schon, wir sehen Sie vor der Abreise gar nicht wieder!“

„Ah, geh!“, erwiderte der Österreicher und schüttelte sich die Regentropfen von der Jacke und dem Hut, ehe er eintrat. „Wer weiß, wie lange wir noch hier warten müssen, bis es endlich weiter Richtung Westen geht!“

„Kommen Sie, kommen Sie!“, bat nun auch Friedrich. Er schob die Heilige Schrift beiseite. Sein tiefer Bariton verriet, wie ehrlich er sich über den unerwarteten Besuch freute. „Setzen Sie sich! Luise, schenk’ unserem Gast Tee ein!“

„Bitte keine Umstände!“ Lächelnd nahm Doktor Retzner am Tisch Platz. Sein Blick traf Julie, die ihn ängstlich betrachtete. Ihre Hände umkrampften das Vokabelbuch, als wollten sie es zerreißen, doch er zwinkerte zuversichtlich und ihre Hoffnung auf einen friedlichen Verlauf des Abends schwand. Er würde wahrhaftig davon anfangen! Wie konnte sie es nur verhindern? Während sie noch verzweifelt nach einem Ausweg suchte, war es bereits zu spät.

„Ganz grundlos bin ich ja nicht da“, begann der österreichische Arzt jetzt und bedankte sich bei Luise, die ihm einen Zinnbecher reichte.

„Nein?“, fragte Friedrich erwartungsvoll und blickte dabei seine Tochter an, die jedoch schnell den Blick auf die Tischplatte richtete. Er glaubte, zu begreifen und unterdrückte ein Schmunzeln.

„Nein“, erwiderte Doktor Retzner und schluckte. „Wissen Sie, ich habe Arbeit und das nicht zu knapp, aber gewisse Verständigungsprobleme mit der hier ansässigen Bevölkerung.“

Begriffsstutzig starrte Friedrich ihn an. „Wie bitte?“

„Leider, ja.“ Hardy fuhr sich durch das strohblonde Haar. „Es ist zwar eine Schande für einen Arzt, aber ich bin der englischen Sprache alles andere als mächtig.“

„Oh!“, machte Friedrich verständnisvoll. „Das gleiche Problem hatte ich auch, aber seitdem ich für die Kirche tätig bin, bleibt mir nichts anderes übrig, als die Bibel auf Englisch zu lesen und jeden Tag ein paar neue Wörter dazuzulernen!“

„Natürlich“, versicherte Doktor Retzner eilig. „Nur habe ich diese Zeit leider nicht, weil es mehr Patienten gibt als zwei Ärzte bewältigen können. Mein Kollege Stankovski ist nicht mehr der Jüngste und sein Rheuma, nun ja, das erleichtert es ihm auch nicht gerade!“

„Ich habe davon gehört“, warf Luise ein und schaute von ihrer Strickarbeit auf, in die sie mittlerweile vertieft war. Sie hatte sich ihren Stuhl nahe an den Ofen gezogen, denn ihr war kalt, wie so häufig. Auch hatte sie durch die Strapazen an Gewicht verloren, was ihr deutlich anzusehen war. Sie lächelte bescheiden. „Der Doktor sah auch sehr blass aus, als er mir vorgestellt wurde.“

Hardy Retzner räusperte sich. „Aus diesem Grund bin ich hier.“

Friedrich verstand nicht, doch er nickte freundlich. „Wie können wir Ihnen helfen, Hardy? Wir tun es gern, keine Frage, aber ich sehe keinen Weg, wie...“

„Oh doch!“, warf Doktor Retzner schnell ein. Sein Blick wanderte zu Julie, deren große, bernsteinfarbene Augen ihm flehend zu verstehen gaben, nicht weiterzusprechen, doch es war nicht mehr aufzuhalten.

„Ich brauche eine fähige Krankenschwester, die mir zur Hand gehen kann und die gleichermaßen gut Englisch und Deutsch spricht, um mir zu übersetzen! Und sie muss natürlich auch ein gewisses Geschick mitbringen und den Mut, sich dieser Aufgabe zu stellen!“

Friedrich verstand augenblicklich. Er betrachtete seine einzige Tochter lange, die ihren Blick stur und regungslos wieder auf die Tischplatte gerichtet hielt.

„Juliane?“, fragte ihre Mutter jetzt und ließ keinen Zweifel daran, wie sehr sie dieser Idee abgeneigt war. „Sie wirft ja sogar beim Tisch decken mit den Tellern um sich, das ungeschickte Ding! Wie soll Sie Ihnen da eine große Hilfe sein?“

„Meine Frau hat recht“, stimmte Friedrich ihr sofort zu. Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Juliane ist wirklich nicht das Geschick in Person und von Medizin versteht sie überhaupt nichts! Ich glaube nicht, dass Sie mit ihr sehr glücklich bedient wären!“

„Oh, lieber Pastor Kleinfeld!“ Doktor Retzner hob die Hände. „Es tut mir leid, aber ich kann Ihre Meinung ganz und gar nicht teilen! Ihre Tochter ist ausgesprochen lernfähig und soweit ich sie bisher kennengelernt habe, besitzt sie durchaus die nötigen Voraussetzungen, die eine gute Krankenschwester mitbringen muss. Was natürlich für mich ganz entscheidend zu meiner Wahl beigetragen hat, ist, dass sie beide Sprachen mittlerweile beinahe fließend beherrscht!“

„Da ist allerdings was dran“, entgegnete Friedrich nach kurzem Zögern und ein wenig Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Englisch spricht sie besser als wir alle zusammen!“

„Trotzdem bin ich dagegen“, warf Luise energisch ein. „Sie ist ein Mädchen, das noch nicht einmal einen Haushalt führen könnte, wenn sie erst einmal ins heiratsfähige Alter kommt!“

„Ich bin bereits im heiratsfähigen Alter!“, stieß Julie trotzig hervor. Wieder passierte das, was sie am meisten an sich selbst fürchtete – sie konnte ihr vorlautes Mundwerk nicht beherrschen. „Auch wenn ich nicht vorhabe, mich an einen Mann zu ketten!“

„Juliane!“ Friedrichs Faust krachte auf den Tisch. „Was sind denn das für Reden? Nie wieder will ich etwas Derartiges von dir hören, haben wir uns verstanden? Jede Frau hat irgendwann zu heiraten und dafür zu sorgen, dass viele, gesunde Kinder das Licht dieser Welt erblicken!“

„Ja, Vater“, murmelte das junge Mädchen demütig und biss sich auf die Lippen. Sie war wütend auf sich selbst, aber noch wütender auf die Tatsache, nur ein Mädchen zu sein, dem so viele Grenzen aufgezeigt wurden.

Eine lange Pause trat ein. Schließlich wagte Doktor Retzner es, sich als erster weiter zu dem angesprochenen Thema zu äußern: „Vielleicht täte es Ihrer Tochter einmal ganz gut, wenn sie eine verantwortungsvolle Aufgabe übertragen bekäme und eine Arbeit, bei der sie gefordert wird.“

„Hmm“, knurrte Friedrich missmutig und fixierte seine Tochter scharf. „Sie meinen, sie bräuchte einmal jemanden, der ihr zeigt, dass es für eine Frau besser ist, Zuhause zu bleiben?“

„So in etwa“, erwiderte Doktor Retzner eilig. Er warf Julie einen kurzen, mahnenden Blick zu. „Es wäre mir allerdings ganz recht, wenn Sie sich möglichst schnell entscheiden könnten, denn sonst werde ich mich auf die Suche nach einer anderen Dame machen, auch wenn ich weiß, dass keine so gut geeignet wäre, wie Ihre Tochter.“

„Und was ist mit der Hausarbeit?“, wollte Luise wissen, korrigierte sich jedoch sofort: „Nein, das ist jetzt allerdings unwichtig. Viel entscheidender ist, dass Juliane Ihnen eine Hilfe sein kann, wenn Sie so dringlich eine benötigen!“

„Der Ansicht bin ich allerdings auch!“ Friedrich seufzte tief. „Also, schön!“ Er nickte und reichte Doktor Retzner die Hand. „Ab morgen wird Juliane Ihnen in der Praxis helfen, bis wir uns einem Treck nach Westen anschließen können! Wann soll sie dort sein?“

Überrumpelt starrte der österreichische Arzt ihn für eine Sekunde an. Er hatte nicht mit einer solch schnellen Einigung gerechnet, doch offensichtlich schien der Pastor ihm nicht nur zu vertrauen, sondern ihm seine Tochter sogar sehr gerne in Obhut zu geben.

„Es freut mich sehr!“ Er erhob sich. „Vielen Dank! Und vielen Dank auch für den Tee.“ Dann wandte er sich dem jungen Mädchen zu. „Morgen früh um sieben in der Praxis, damit ich Ihnen schon einmal alles zeigen kann!“

„Natürlich!“, sagte Julie leise und nickte ihm lächelnd zu. Sie konnte es kaum glauben! Ab morgen durfte sie ihm zur Hand gehen und was das Beste war: Sie würde eine Menge neuer Menschen kennenlernen und dazu noch jeden Tag von früh bis spät unterwegs sein – ohne ihre Mutter, die ständig an ihr herumnörgelte und sie schimpfte und herumkommandierte – ohne all die lästige Hausarbeit, die sie sowieso verabscheute!

Kaum, dass Friedrich die Haustür hinter Doktor Retzner geschlossen hatte, legte Luise ihre Strickarbeit beiseite. Sie fixierte ihre Tochter mit strengem, unerbittlichem Blick.

„Ich hoffe“, stieß sie leise hervor, „du wirst uns keine Schande bereiten!“

„Nein, Mutter“, antwortete Julie, ohne sie anzusehen. „Natürlich nicht!“

„Ich möchte keine Beschwerden von Hardy hören, dass du dich daneben benimmst und ständig dein Mundwerk aufreißt!“, grummelte ihr Vater leise, während er sich wieder zu ihnen an den Tisch setzte. Es war ihm nicht recht, dass seine Tochter dem Arzt assistieren würde und er sie somit aus seiner führenden Obhut geben musste. Er hoffte im Stillen, aus ihr eines Tages doch noch eine anständige, wohlerzogene junge Dame machen zu können, die einen geeigneten Ehemann für sich finden konnte. Nur Hardy zuliebe hatte er eingewilligt, das war der einzige Grund. Er seufzte. Nein, es war ihm ganz und gar nicht recht.

Jeden Tag, außer Sonntag, ging Julie von nun an zu Doktor Retzner in die Praxis. Sie half ihm bei all seinen Tätigkeiten, lernte Krankheiten zu erkennen und Verbände anzulegen, fuhr mit ihm und der kleinen Kutsche hinaus zu den umliegenden Farmen und da der Boden so matschig war, kamen sie häufig nur langsam voran.

„Lassen wir es gut sein“, entschied der Österreicher an diesem Tag resigniert. Er sprach mit Julie immer Deutsch, wenn sie allein waren, obwohl sie ihn darum bat, es nicht zu tun, denn so würden seine Englischkenntnisse nie besser werden!

„Aber...wir müssen doch hinaus und nach Mrs. O’Sullivan sehen!“, rief Julie verzweifelt, während sie sich an der überdachten Kutsche festhielt, als die beide Pferde stapfend und keuchend umdrehten und die Räder aus dem schmierigen Morast zerrten. Der Wagen schaukelte gefährlich.

„Mit dem Wagen schaffen wir es nicht!“ Doktor Retzner war damit beschäftigt, die Pferde unter Kontrolle zu halten, die – als sie merkten, dass es zurück in Richtung Stadt ging – durchgehen wollten. „Der Boden weicht immer mehr auf mit dem Regen und wenn es so weitergeht, bleiben wir noch irgendwo stecken! Wir müssen reiten!“

„Aber...ich kann doch gar nicht reiten!“, entgegnete Julie wahrheitsgemäß. Sie war ihr Lebtag noch nie auf einem Pferderücken gesessen – ihr Vater hätte es niemals zugelassen. Eine Tracht Prügel hätte sie sich damit eingehandelt, nichts weiter.

Doktor Retzner antwortete nicht sofort, sondern beruhigte zuerst die Pferde. Als diese wieder in gleichmäßigem Trab vorwärtsgingen, wandte er sich dem jungen Mädchen zu. Er atmete tief durch, wobei sich weiße Atemwölkchen vor seinem Gesicht bildeten. Es hatte sich dramatisch abgekühlt.

„Dann müssen wir das ändern. Hier draußen haben Sie sonst keine Überlebenschancen, wenn Sie sich noch nicht einmal im Sattel halten können!“

„Ja, aber...“, wollte Julie protestieren. „Meine Eltern!“

Der junge Arzt winkte ab. „Ah, geh! Die brauchen doch gar nichts davon zu erfahren! Ich gebe Ihnen heimlich Reitstunden und ich hoffe, Sie lernen schnell, denn wir haben nicht ewig Zeit!“ Er überlegte kurz. „Besser gesagt, in einer halben Stunde sollten Sie mit mir hinaus zur Farm der O’Sullivans reiten können!“

Julie wurde blass. Sie schluckte. Du gütiger Himmel, worauf hatte sie sich da bloß eingelassen? Sie konnte doch unmöglich mit ihm einfach hinausreiten, quer über die aufgeweichte Ebene, um Patienten zu besuchen! Was, wenn sie herunterfiel? So ein Pferd war schließlich hoch!

Ihr blieb jedoch keine Wahl. Kaum zurück in St. Louis angelangt, brachte der Österreicher das Gespann und den Wagen zurück in den Mietstall.

„War wohl nichts, was?“, lachte der Eigentümer leise. „Hätte ich Ihnen gleich sagen können, Doktor! Bei dem Morast kommen Sie nur im Sattel durch und das dürfte schon schwierig genug werden!“

„Ja, das sehe ich allerdings auch so“, erwiderte er in erstaunlich gutem Englisch. „Hätten Sie zwei Reitpferde für uns?“

„Selbstverständlich!“, versicherte der Mietstallbesitzer eifrig. „Ich sattle Ihnen gleich zwei meiner Besten!“

„Sie brauchen sich nicht zu beeilen“, sagte Doktor Retzner und fasste Julie am Arm. „Zuerst müssen wir meine Assistentin noch mit praktischerer Kleidung ausstatten!“

„Praktischerer Kleidung?“, wiederholte Julie verständnislos, ließ sich jedoch mit ihm die Straße hinabführen, in Richtung des Damenmodengeschäfts.

„Natürlich! Sie können doch nicht mit diesen fünfzig Unterröcken auf ein Pferd sitzen! Wir sind nicht am kaiserlichen Hof in Wien, wo die Damen in schicken Kleidchen durch den Park promenieren! Das hier ist Amerika!“

„Ja, aber...“ Julie wusste zwar nicht, wovon er sprach, doch sie spürte, dass es nichts sein konnte, mit dem ihre Eltern einverstanden wären.

„Ruhe!“, entschied Doktor Retzner. „Ich habe das bereits entschieden!“ Und er zog sie durch die Eingangstür des Damenmodengeschäfts.

Als sie dieses keine zehn Minuten später wieder verließen, musste zuerst der Österreicher durch die Türe und nachsehen, ob jemand unterwegs war, den sie kannten.

„Alles klar“, sagte er. „Die Luft ist rein, niemand da!“

Vorsichtig lugte Julie durch die Tür, sich selbst noch vergewissernd, dann erst trat sie hinaus ins Freie. Sie kam sich schrecklich unangezogen und nackt vor. Mit mulmigem Gefühl in der Magengegend blickte sie an sich hinunter. Der knöchellange Reitrock und die hohen Stiefel dazu waren ihr fremd und es fühlte sich eigenartig an, den dicken Webstoff bei jedem Schritt zwischen den Beinen zu haben.

„Das steht Ihnen, Julie-Mädchen“, fand Doktor Retzner lächelnd und bot ihr galant den Arm. „Aber jetzt sollten wir uns ein wenig sputen! Wir haben noch einen weiten Weg vor uns!“

Julie hatte damit gerechnet, dass es nicht ganz einfach sein würde, sich im Sattel eines Pferdes zu halten, doch dass es so holprig und unsanft sein würde, versetzte sie nun doch in Angst und Schrecken. Der Erdboden schien entsetzlich weit entfernt zu sein. Tapfer stapfte ihr Pferd hinter dem von Doktor Retzner her, den schmierigen Fahrrillen folgend, die viele Kutschen auf dem Weg hinterlassen hatten. Julie fragte sich, woher er wissen wollte, dass sie sich nicht schon verirrt hatten, während sie mit einer Hand die Zügel festhielt und mit der anderen das Sattelhorn umklammerte. Das gab ihr ein vermeintlich sicheres Gefühl, sich zumindest im Notfall irgendwo halten zu können.

„Na, alles in Ordnung?“, rief er von Zeit zu Zeit nach hinten und jedesmal antwortete Julie mit einem „Ja, ja!“, was zwar nicht ganz stimmte, aber immerhin dazu führte, dass er weiter ritt. Ihr Hintern schmerzte und sie verspürte große Sehnsucht nach festem Boden unter den Füßen. Sie betete zu Gott, er möge nicht zulassen, dass ihre Eltern sie in diesem Aufzug zu sehen bekamen und dazu noch auf einem Pferd sitzend wie ein Mann – mit einem Bein rechts und dem anderen links. Eine Sünde wäre das wohl in den Augen ihres Vaters auf jeden Fall und sie wollte sich die Konsequenzen für ihr Handeln lieber gar nicht ausmalen.

Der April verging und Julie hatte ausschließlich in den Sattel eines Pferdes zu steigen, wenn sie nach einem Patienten sehen musste, nachdem Doktor Retzner herausgefunden hatte, wieviel praktischer und schneller das ging, anstatt mit einer Kutsche zu fahren. Zu Anfang hatte sie mit dem Gedanken gespielt, deswegen nicht mehr in der Praxis zu helfen, doch mit jedem Mal fühlte sie sich dabei sicherer. Sie fand bald heraus, wie sie das Pferd am einfachsten schneller und langsamer werden ließ, es nach rechts oder links lenken konnte. Es dauerte nicht lange, bis sie nicht nur keine Angst mehr davor hatte, in den Sattel zu steigen, sondern es sogar gerne tat, sehr gerne! Sie ließ ihren Reitrock und die Stiefel in einem Hinterzimmer der Praxis, wo sie sich umziehen konnte, damit ihre Eltern keinen Verdacht schöpften. Jeden Morgen verließ sie das Pfarrhaus in ihren Röcken und einer Bluse und bisher schienen sie wirklich nichts von dem zu bemerken, was sie so alles anstellte.

„Ich muss sagen“, bemerkte Doktor Retzner an einem Donnerstag, Anfang Mai. „Diese Reitsachen stehen Ihnen wirklich ausgezeichnet, Julie-Mädchen!“

Sie lächelte und spürte, wie sie errötete. Es war das erste Mal, dass sie von einem Mann ein Kompliment wegen ihres Aussehens erhielt.

„Danke sehr“, erwiderte sie leise und starrte auf ihre Stiefelspitzen hinab. „Ich werde Ihnen das Geld dafür geben, sobald ich es habe und...“

„Nein!“, fiel der Arzt ihr entschieden ins Wort. „Das ist mein Dank für Ihre Hilfe! Ich schenke sie Ihnen! Ich will kein Geld dafür!“ Er lächelte über ihr verblüfftes Gesicht. „Ich habe Ihrem Vater übrigens nach dem Gottesdienst am vergangenen Sonntag erzählt, wieviel Sie gelernt haben und welch ungeheure Hilfe Sie mir sind. Ich glaube, er war sehr stolz.“

„Oh“, machte Julie und fühlte sich ausgesprochen geschmeichelt. „Aber er ist bestimmt nicht mehr stolz, wenn er mich auf einem Pferd reiten sieht, wie einer der Cowboys!“

„Ach was!“ Doktor Retzner winkte ab. „Das findet er doch nie heraus! Wie denn auch?“

Unsicher hob Julie die Schultern. Sie musste sich eingestehen, wirklich sehr viel neues Wissen aufgenommen zu haben in den vergangenen Wochen – mehr Nützliches, als in der Schule. Sie konnte Verbände wechseln, anlegen und einfache Diagnosen wie Mandelentzündung oder Grippe stellen. Sie kannte die Begriffe der einzelnen Instrumente und konnte sie Doktor Retzner reichen, wenn er eines davon benötigte. Oft nahm sie auch eines seiner medizinischen Bücher mit nach Hause, in denen sie dann las – auch, wenn ihre Mutter das nicht gerne sah.

„Da stehen Dinge drin, die nicht gut sind für ein junges Mädchen“, hatte sie ihr erklärt, doch Julie begriff nicht, was sie damit meinte und sie hatte es bisher auch nicht gewagt, ihre Mutter danach zu fragen. Es hätte vermutlich auch wenig Sinn gemacht. Ihre Mutter sprach immer nur dann über Dinge, die ihr unangenehm waren, wenn es keinen anderen Ausweg gab.

„Heute habe ich mir überlegt, dass es Zeit ist, Sie in die Dinge einzuweisen, für die ich Sie am meisten gebrauchen kann, Julie!“ Die warme Stimme mit dem österreichischen Akzent riss sie aus ihren Gedanken.

„Ja?“, fragte Julie vorsichtig und legte abwartend den Kopf schief.

„Ja“, bestätigte Doktor Retzner und lehnte sich an den Behandlungstisch. Es würde nicht ganz einfach für ihn werden und er überlegte schon seit Tagen, welche Worte wohl die richtigen wären. „Und zwar deshalb, weil Sie eine Frau sind und Frauen fühlen sich unter gewissen Umständen bei einer Frau besser aufgehoben, als bei einem Mann.“

„Unter...gewissen Umständen?“

Doktor Retzner schmunzelte. „Ganz recht! Haben Sie sich das Buch angesehen, dass ich Ihnen mitgegeben hatte?“

Julie blickte auf ihre kleine Ledertasche hinab, die sie immer bei sich trug. Er hatte sie ihr gegeben und alles darin untergebracht, was sie gebrauchen konnte und was er in der Praxis bereits liegen hatte und somit entbehren konnte.

„Ich...ich bin nicht sehr weit gekommen“, gab sie gedehnt zu. „Dann hat meine Mutter mir verboten, weiterzulesen.“

„Hmm“, machte Doktor Retzner und kratzte sich nachdenklich am Hals. Er hatte befürchtet, dass ihre Eltern auf diese Art reagieren würden oder womöglich noch schlimmer, wenn sie den Inhalt des Buches genauer betrachteten, aber es half nichts. Wenn sie über die natürlichsten Vorgänge in ihrem Leben nicht Bescheid wusste und keine Ahnung hatte, was in ihrem Körper vor sich ging, konnte er sie auch nicht zu einer Gebährenden schicken.

„Also gut“, meinte er schließlich. „Dann lassen Sie uns das gemeinsam ansehen. Ich verstehe die Bedenken Ihrer Eltern. Unter normalen Umständen dürften Sie dieses Buch tatsächlich nur dann lesen, wenn Sie bereits verheiratet wären und ein Kind bekommen hätten. So jedenfalls ist es bei uns geregelt: Keine Frau darf eine Ausbildung zur Hebamme machen, wenn sie nicht weiß, wovon sie spricht und das, nun...“ Er hüstelte und rang um die richtigen Worte. Es wäre tatsächlich einfacher gewesen, wenn sie zumindest im Ansatz wüsste, was zwischen Männern und Frauen alles vor sich ging. „Nun ja“, fuhr er schließlich fort. „Dies hier sind besondere Umstände, in diesem Land ist alles ein wenig anders und die medizinische Versorgung ist längst nicht so gut gewährleistet, wie in der alten Heimat. Da kann man nicht immer darauf Rücksicht nehmen, was eine junge, unverheiratete Frau wissen darf und was nicht.“

Bereitwillig und neugierig zugleich öffnete Julie die Tasche und holte das dünne Buch heraus. Das schien ja ein ganz schwieriges Thema zu sein, wenn sogar er ihr eine derartige Rede hielt! Sie reichte es Doktor Retzner, der kurz darin blätterte und die entsprechende Seite aufschlug.

„Hier“, sagte er und schob es ihr auf dem Behandlungstisch zu. „Das hier müssen Sie wissen.“

Julie betrachtete die beiden, auf der Doppelseite abgebildeten Zeichnungen und schluckte, peinlich berührt – sie stellten eine nackte Frau und einen nackten Mann dar, doch in ihrem Bäuchen waren seltsame Kringel und Kreise und Linien eingezeichnet.

„Das da“, fuhr Doktor Retzner im sachlichen Tonfall eines strengen Schulmeisters fort, „ist das, was diese Menschheit nicht aussterben lässt – die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane.“

Regungslos starrte Julie auf die Abbildungen. Sie wagte weder, den Blick zu heben, noch richtig zu atmen. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und wartete. Hier öffneten sich ihr ganz neue Ansichten über das Leben und die Dinge, die darin geschahen. Sie spürte, wie nervös Hardy Retzner mit jedem weiteren Satz wurde und hoffte, er würde nicht doch von seiner Idee abkommen, sie in die tiefsten Geheimnisse der Menschheit einzuweihen.

Der Doktor griff zu einem Bleistift und deutete auf jedes einzelne Organ, das in den beiden Körpern eingezeichnet war. Er benannte sie beim Namen und erläuterte ihre Funktion und mit jeder Minute, die verstrich, glaubte Julie, verschlimmerte sich ihr Schwindel. Sie tastete nach dem Behandlungstisch, um sich daran festzuhalten. Ihr Herz schlug laut und deutlich unter ihren Rippen, während Doktor Retzners Worte mehr und mehr Licht in den unerfindlichen Vorgang des Kinderkriegens brachte.

„Waren Sie je dabei, wenn Ihre Mutter eines ihrer Geschwister zur Welt gebracht hat?“, fragte er plötzlich.

Irritiert hob Julie den Kopf. Seine sanften, grünen Augen betrachteten sie mit einem verständnisvollen Lächeln.

„N...nein“, stotterte sie zerstreut und räusperte sich. „Wir sind immer zu Nachbarn geschickt worden, bis...bis sie gesagt haben, der Klapperstorch wäre da gewesen.“

„Der Klapperstorch!“ Doktor Retzner lachte leise auf.

Julie atmete tief durch. Sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie auf dieses neue Wissen reagieren sollte. Nun wurde ihr auch endlich klar, weshalb ihre Mutter zuerst immer einen solch dicken Bauch bekommen hatte. Die Kinder wurden nicht einfach vor der Türe abgelegt. Sie kamen auf ganz andere, ganz natürliche Weise zu Welt – wie alles ganz natürlich war, was mit dem menschlichen Körper zusammenhing. Sie schüttelte kurz den Kopf. Ihre Unsicherheit schwand allmählich und dafür erwachte das wissenschaftliche Interesse an diesem Thema in ihr. Weshalb war das so und nicht anders? Warum hatte die Natur es genau auf diese Weise eingerichtet?

„Eigentlich ist das sehr ungerecht“, sagte sie schließlich, nach einer langen Pause, und schaute Doktor Retzner fest in die Augen. „Wir Frauen müssen die ganze Arbeit leisten.“

Einen Augenblick verschlug es ihm die Sprache über so viel Nüchternheit und Sachverstand, dann lächelte er. Was konnte er darauf schon erwidern? Sie sprach die Wahrheit, mit ihrem unschuldigen, vielleicht ein wenig naiven und kindlichen Vorstellungen von Liebe und Glück.

„Ja, das stimmt.“

„Und diese Blutungen, alle paar Wochen, die haben auch damit zu tun, nicht wahr?“, fragte sie jetzt, ohne Hemmungen. Sie wollte mehr über das erfahren, was sich in ihrem Körper abspielte. Sie wollte wissen, was dort vor sich ging und weshalb.

„Richtig“, bestätigte Doktor Retzner in stiller Bewunderung. Jedes andere Mädchen wäre vielleicht beschämt nach Hause gelaufen, nach allem, über was er jetzt gesprochen hatte, aber sie nicht, nein, nicht Julie Kleinfeld. Sie war anders, offener und mit einem gesunden Menschenverstand ausgestattet und an allem interessiert, was sich ihr an neuen Erkenntnissen bot.

„Wenn eine Frau diese Blutungen einmal nicht mehr bekommt, eine verheiratete Frau, meine ich“, fügte er schnell hinzu, „kann sie mit großer Sicherheit davon ausgehen, guter Hoffnung zu sein.“

„Aha!“, machte Julie und betrachtete die beiden Zeichnungen. Sie konnte sich zwar beim besten Willen nicht vorstellen, wie ein Säugling durch diese winzige Öffnung aus einer Frau hinauskommen sollte, doch es schien ganz offensichtlich recht gut zu funktionieren. Sie überlegte.

„Haben Sie das alles begriffen?“, wollte Doktor Retzner wissen.

Julie legte den Kopf schief. „Nun ja“, begann sie zögernd. „Fast alles.“

Er lächelte ihr ermutigend zu. „Sie können mich alles fragen, Julie-Mädchen! Was haben Sie nicht verstanden?“

„Um ganz offen und ehrlich zu sein...“ Sie zog unangenehm berührt die Schultern hoch. Es kostete sie einige Überwindung, ihre Frage auszusprechen. Mit jedem Tag der vergeht, dachte sie, versündige ich mich mehr und irgendwann werde ich meinen Eltern nicht mehr in die Augen sehen können. Laut jedoch sagte sie: „Sie haben mir zwar erklärt, wie das Kind in der Gebärmutter heranwächst...“ Sie brach ab.

„Aber?“, hakte Doktor Retzner vorsichtig nach. Er wollte sie nicht drängen und gleichzeitig verlangte sein nüchterner Verstand von ihm, ihr schonungslos alles zu erzählen, auch, wenn er damit vermutlich den Zorn ihrer Eltern auf sich zog, sollten sie es herausfinden. In seiner Überzeugung allerdings besaß auch ein Mädchen das Recht, über die natürlichsten Vorgänge der Menschheit zu erfahren – ganz gleich, in welcher Position die Kirche dazu stand.

Julie schluckte. Es kostete sie einige Überwindung, es auszusprechen. „Aber...nun ja, was ich nicht verstehe ist, wie es dort überhaupt hineinkommt!“

Er erstarrte. Er hatte diesen Punkt absichtlich ausgelassen, in der Hoffnung, sie würde sich die logische Folgerung selbst zusammenreimen. Offenbar tat sie das nicht, konnte es vermutlich auch gar nicht. Er stieß einen tiefen Seufzer aus. Es half nichts, er musste sie darüber aufklären. Er konnte ihr das nicht vorenthalten, wollte er sie nicht bei einer der Frauen in eine peinliche Situation bringen. Natürlich würden die Patientinnen mit ihr anders reden und ihr Dinge anvertrauen, die sie ihm gegenüber vermutlich nicht erwähnten und dann musste sie wissen, worum es sich handelte. Ihm blieb keine Wahl und so nahm er den Bleistift wieder zur Hand und nach einer kurzen Sekunde der Überwindung setzte er ihn auf den entsprechenden Teil der Zeichnung.

„Damit“, stieß er hastig vor, „damit gelangt das Kind in eine Frau und deshalb kann nur durch beide zusammen, durch Mann und Frau, neues Leben gezeugt werden.“

Er fühlte, wie Julie neben ihm den Atem anhielt. Er wusste, dass ihr in diesem Moment sehr vieles klar werden musste und einige Erkenntnisse auf sie einstürzten, mit denen sie vermutlich nicht sofort zurechtkommen würde. Es tat ihm leid, dass er es ihr nicht irgendwie schonender beibringen konnte. Wieviele junge Mädchen hatten nicht den Schimmer einer Ahnung, was sie in ihrer Hochzeitsnacht erwartete! Wieviele böse Überraschungen gab es für sie und genau das wollte er ihr ersparen. Er wollte nicht, dass sie überfallen wurde von einem Vorgang, von dem sie nicht einmal ahnte, dass es ihn gab, erst recht nicht, wenn er ihr Bräutigam sein würde. Die Vorstellung ließ ihn lächeln. Er betrachtete das junge Mädchen, das noch immer da stand, ganz in ihren Überlegungen versunken und auf das Buch hinabstarrte. Am liebsten hätte er sie augenblicklich in den Arm genommen. Wie entzückend sie aussieht, schoss es ihm durch den Kopf, wie ungeheuer süß und einzigartig!

„Tun Sie mir einen Gefallen?“, fragte er dann, als sie auch nach einer langen Pause keinen Ton von sich gab.

„Ja, natürlich“, brachte das junge Mädchen leise hervor. Sie fühlte, wie ihr Gesicht heiß und rot wurde.

„Erzählen Sie bitte Ihren Eltern niemals etwas von dem, was ich Ihnen eben erklärt habe! Sie würden es mir vermutlich nie verzeihen!“

Unerwartet trat ein verschmitztes Lächeln auf Julies Gesicht. „Nein“, erwiderte sie leise und warf selbstbewusst den Kopf zurück, um ihn anzusehen. „Das glaube ich allerdings auch nicht!“

Am darauffolgenden Sonntag, nach Friedrichs Predigt, standen noch einige Städter vor der Kirche, wie so häufig nach dem Gottesdienst und unterhielten sich, doch nicht allzu lange, denn es regnete schon wieder und ein kalter Wind pfiff zwischen den Häusern hindurch und über das Land.

„Ein solches Wetter habe ich in Deutschland noch nie erlebt“, gab Julie zu, die langsam mit Doktor Retzner den morastigen Pfad hinab spazierte, der auf die Hauptstraße führte. „Es wird überhaupt nicht besser! Dabei sollten wir längst Frühling haben!“

„Das ist ein anderes Klima hier“, erläuterte der junge Arzt und lächelte. „Ich lese die Zeitung so oft, wie ich dazukomme und darin stand auch einmal etwas über die verschiedenen Wettergebiete dieses riesigen Landes.“

„Wirklich?“ Interessiert schaute Julie ihn an. „Was heißt das?“

„Das heißt“, erklärte er bereitwillig, „dass es in Amerika alles gibt: Grüne Wiesen, weite Wälder, hohe Gebirge und Wüsten, einfach alles! Ist das nicht unglaublich? Und das auf einem einzigen Kontinent!“

Julie versuchte, sich das vorzustellen – eine Wüste neben einer grünen Wiese, doch es wollte ihr nicht recht gelingen. Schließlich nickte sie nur. „Was Sie nicht alles wissen!“

Hinter ihnen kamen Luise und Friedrich mit ihren beiden Söhnen marschiert. Niemand wollte sich zu lange in der regnerischen Kälte aufhalten und sie beeilten sich, ihren Spaziergang heute kurz zu halten, um schnell nach Hause, ins Warme und Trockene zu gelangen. Es war schon seit Jahren zu einer Angewohnheit geworden, jeden Sonntag nach dem Gottesdienst immer noch eine kurze Runde zu Fuß zu gehen. Auch in Deutschland hatten sie das immer getan und dabei öfter zu einem Tratsch bei einem Gemeindemitglied angehalten und die neuesten Ereignisse ausgetauscht. Hier beschränkte sich der Sparziergang auf die Bewegung an der frischen Luft.

„Die beiden sehen sehr vertraut aus“, fand Luise, während sie ihre Tochter und den österreichischen Arzt kritisch beobachtete.

Friedrich schmunzelte. „Keine Sorge! Ich glaube, dass ihre Beziehung rein auf der Basis ihrer Arbeit beruht!“

„Hoffentlich!“, kommentierte seine Frau und runzelte bedenklich die Stirn. „Mit seiner Bildung wird er ja hoffentlich vernünftig genug sein und die Finger von ihr lassen!“

„Aber Luise!“, raunte Friedrich kopfschüttelnd und warf einen Blick über seine Schulter zurück, doch weder Hugh noch Nikolaus schienen etwas von ihrem Gespräch gehört zu haben, denn sie schuppsten sich gegenseitig umher. „Hardy ist ein anständiger Kerl! Er würde Juliane niemals unsittlich nahetreten!“

Seine Frau lächelte leicht, wenig überzeugt. „Vermutlich hast du recht, dennoch werde ich ein Auge auf die beiden werfen und sollte mir irgendetwas auffallen, werde ich einschreiten. Sie ist schließlich unsere einzige Tochter!“

Am Abend, noch bevor das Abendessen fertig war, musste Nikolaus wieder durch die Stadt laufen, bis zu der großen Scheune, wo die Pferde, Maultiere und Ochsen untergebracht waren. Dort half er wie jeden Tag beim Misten, wie abgesprochen.

„Ich beeile mich!“, versprach der Junge und zog sich seine Schildmütze über das braune, widerspenstige Haar.

„Warte!“ Sein großer Bruder erhob sich vom Tisch und legte die zwei Wochen alte Zeitung beiseite, die er von irgendjemandem geschenkt bekommen hatte. „Ich helfe dir, dann geht es schneller!“

„Au ja!“, rief Nikolaus und hüpfte auf der Stelle. „Das wird lustig!“

„Ihr sollt arbeiten, nicht euch amüsieren“, grummelte Friedrich, der neben dem Ofen stand, seine Frau beim Kochen beobachtete und sich gleichzeitig die Hände wärmte. „Vergesst das nicht und beeilt euch! Heute ist Sonntag!“

„Natürlich, Vater!“, kam die prompte Antwort gleichzeitig aus zwei Mündern und in der nächsten Sekunde schlug die Türe ins Schloss.

Draußen fiel wieder Regen in großen, schweren Tropfen vom schwarzen Nachthimmel herab. Der kalte Wind stieß sie während ihres Falls in sämtliche Richtungen, von rechts nach links, gegen die Hauswände und hinein in die Baumkronen, die sich sacht im Takt wiegten. Ihre noch beinahe blattlosen, kahlen Äste wirkten trübsinnig und hoffnungslos. Hugh starrte zu ihnen hinauf, soweit er sie in der Dunkelheit erkennen konnte. Er musste einige male hart und tief husten.

„Wirst du krank?“, wollte Nikolaus besorgt wissen und blickte zu seinem großen, dürren Brüder hinauf. Es schien ihm fast, als sei er noch schmaler geworden, seitdem er bei der Eisenbahn arbeitete.

„Nein, nein!“, winkte Hugh eilig ab und bemühte sich, ein weiteres Husten zu unterdrücken. „Lass uns ein wenig hinne machen, damit wir zum Abendessen wieder zurück sind!“

„Ach“, machte Nikolaus gleichgültig. „Julie ist auch nie da, wenn es Essen gibt!“

Sein großer Bruder schmunzelte. „Du nennst sie also auch schon Julie?“

Der schmächtige Junge nickte. „Natürlich! Sie hat mich selber darum gebeten und ich finde es auch schöner, genau, wie ich Nick besser finde.“

„Die Kinder in der Schule nennen dich so?“

„Ja und ich weiß, dass dich bei der Eisenbahn alle nur Hugh rufen! Das gefällt mir auch viel besser!“

„Weil es amerikanisch klingt?“

„Natürlich! Wir sind doch jetzt Amerikaner oder etwa nicht?“

„Noch nicht, aber bald, bestimmt.“

Sie umrundeten das Lager und erreichten die große, alte Scheune. Licht fiel durch die Schlitze des Tores und sie traten ein. Eine warme, streng nach Mist stinkende Luft schlug ihnen entgegen.

„Puh!“, machte Hugh und war auf einmal sehr dankbar für seine wechselnden Arbeitsplätze bei der Eisenbahn, ob nun in durch Pfeifen- und Zigarrenqualm eingeräucherten Büros, kalten, unbeheizten Eisenbahnwaggons oder zugigen Bahnsteigen. Alles war besser als dieser Gestank!

Es gab einiges für sie zu tun. Außer Nikolaus half nur einer der Ungarn aus ihrem Treck beim Misten, der zudem die Oberaufsicht über den Stall und die Tiere übertragen bekommen hatte. Die anderen Männer kannten sie nicht. Der Ungar brachte die Tiere jeden Tag nach draußen, auf eine Art Koppel, verschaffte ihnen Bewegung, striegelte sie und kümmerte sich um die Hufe und die Eisen. Miklós war ein Pferdemann gewesen in seiner alten Heimat und liebte die Tiere. Er redete in gebrochenem Englisch ohne Unterlass, während er neben den beiden Kleinfeld-Brüdern einen Verschlag nach dem anderen mistete.

Zum ersten Mal wurde Hugh bewusst, welche Schwerstarbeit sein kleiner Bruder hier zu verrichten hatte und er bewunderte ihn im Stillen dafür. Sie brauchten fast eine Stunde, bis sie sämtlichen Mist hinaus auf den Haufen gekarrt und frisch eingestreut hatten.

„Das ging wunderherrlich schnell heute“, strahlte der Ungar und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Könntest kommen jeden Tag! Würde alles immer so schnell sein!“ Er lachte fröhlich, wobei er seine dunklen Augen zusammenkniff.

„Geht nicht“, erwiderte Hugh entschuldigend. „Die Eisenbahn zählt auf mich!“

„Ah ja!“, rief Miklós und klatschte sich bedauernd in die Hände. „Die Eisenbahn! Die wird kosten eines Tages unseren Pferden das Dasein! Du wirst sehen!“ Er seufzte betrübt. „Aber was redet alter, dummer Miklós hier? Ihr müsst nach Hause, nicht wahr? Eltern warten und ist schon spät! Kommen morgen wieder! Gute Nacht!“

„Gute Nacht!“, rief Nikolaus fröhlich und drückte dem Ungar kurz die Hand. Er mochte ihn sehr und hörte unheimlich gerne seine Geschichten an, die er zu erzählen wusste.

„Gute Nacht“, sagte auch Hugh, doch nur leise, denn jedes lautere Wort hätte einen erneuten Hustenanfall ausgelöst. Er schlug den Kragen seiner Jacke hoch und schlurfte hinter seinem kleinen Bruder hinaus ins Freie. Noch immer fiel Regen vom Himmel.

„Ist das nicht schön?“, jubelte Nikolaus ausgelassen und hüpfte über mehrere Pfützen hinweg.

Hugh erwiderte nichts. Er fühlte sich ausgesprochen elend und erschöpft. Er konnte sich selbst nicht erklären, woher das kam. Am Morgen noch war er bei bester Gesundheit gewesen, das hieß, nein, eigentlich auch schon nicht mehr, wenn er ehrlich sein wollte. Einige male war ihm eigenartig schwindlig geworden und er war im Grunde ganz froh gewesen, als sein Arbeitstag sich dem Ende geneigt hatte.

Sie mussten wieder den weiten Weg quer durch die Stadt zurücklegen. Als sie das Pfarrhaus betraten, schlug ihnen der Duft von Luises Mahlzeit entgegen und drehte Hugh fast den Magen um. Er musste sich am Türrahmen festklammern. Die Welt um ihn herum begann, sich zu drehen.

„Du lieber Himmel! Wie siehst du denn aus?“ Das war Julie. Er spürte, wie ihre kleine, zarte Hand ihn fasste und stützte und die andere sich auf seine Stirn legte. „Du glühst ja! Los, leg dich sofort in dein Bett! Ich hole Hardy, du brauchst einen Arzt!“

„Mir...geht’s...gut“, brachte Hugh leise und schwerfällig hervor. „Wirklich...“

„Genauso siehst du auch aus!“, erwiderte Friedrich sarkastisch. Seine großen, kräftigen Pranken packten seinen Sohn entschlossen und zerrten ihn zur Treppe. „Rauf da! Mach’ schon!“

Nur mit letzter Kraftanstrengung und mit Hilfe seines Vaters gelang es Hugh, sich am Geländer hinaufzuziehen. Oben gab es nur zwei Räume: Im einen teilten sich die Kinder zwei Betten, im anderen schliefen Luise und Friedrich.

Hugh wankte zu seinem Bett. Seine Knie gaben unter ihm nach, er sank auf die Daunendecke und spürte, wie im nächsten Augenblick eine harte, schwarze Dunkelheit über ihm hereinbrach und er das Bewusstsein verlor.

„Schnell, Mädchen!“, rief Friedrich erschrocken nach unten, während er die Decke unter seinem Sohn hervorzog und über ihm ausbreitete. „Hol’ Hardy! Deinem Bruder geht es sehr schlecht!“

„Ja, ich laufe!“ Bereits im Hinausstürmen warf Julie sich ihr Cape über und dann rannte sie los, durch den strömenden Regen und die morastigen Straßen. Sie merkte nicht, wie sich ihr langes, rotblondes Haar mit Wasser vollsog und ihre Schuhe durchweichten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Den Symptomen nach zu urteilen musste es sich um eine schwere Grippe handeln oder womöglich um Schlimmeres. Sie atmete schnell und keuchend. Ihre Röcke waren längst völlig durchnässt und wurden mit jedem Schritt schwerer. Hoffentlich hatte sie Glück und Hardy war noch in der Praxis, sodass sie nicht bei Doktor Stankovski klopfen und diesen bei seinem Feierabend stören musste! Sie eilte die menschenleere, wie ausgestorben wirkende Hauptstraße hinab. Nur aus dem Saloon drangen Musik und Gelächter, wie jeden Abend. Um die nächste Kurve und dann war da die Praxis. Julie seufzte erleichtert – Licht fiel aus einem Fenster auf die Straße. Sie raffte ihre Röcke und eilte hinüber. Das Herz schlug ihr bis zum Hals und sie hatte das Gefühl, jeden Augenblick ohnmächtig zu werden. Ihre Faust hämmerte laut gegen die Türe.

„Hardy?“, rief sie leise. „Sind Sie da?“ Es dauerte keine drei Sekunden, dann wurde die Tür von innen aufgerissen.

„Julie!“ Erschrocken fasste Doktor Retzner sie an den Schultern. „Was ist passiert? Geht es Ihnen nicht gut? Sie sind ja ganz nass!“

„Mit mir ist alles in Ordnung!“, brachte sie keuchend hervor. „Aber Hugh...ich meine, mein Bruder ist krank! Bitte, Hardy, Sie müssen sofort mitkommen!“

„Natürlich, warten Sie!“ Er wirbelte herum, griff nach seiner Tasche und der Jacke. Die Eingangstür fiel krachend ins Schloss. Der Österreicher legte einen Arm um Julies Schulter, als fürchtete er, sie würde andernfalls den Weg zurück in der Dunkelheit und dem Regen nicht überstehen.

Als sie das Pfarrhaus erreichten, wurden sie bereits von einer aufgeregten, äußerst besorgten Luise empfangen, die sich von ihrem Mann kaum beruhigen ließ. Nur Nikolaus saß, wie unbeteiligt am Tisch, über seinem Abendessen.

„Er hat mir geholfen, den Pferdestall zu misten“, sagte der Junge zwischen zwei Bissen und beobachtete, wie der österreichische Arzt die Treppe hinauf eilte, gefolgt von Luise.

„Was meinen Sie, Doktor?“, rief sie verängstigt und faltete die Hände, wie zum Gebet. „Es ist doch nichts Ernstes?“

„Lass ihn doch erst einmal schauen!“, versuchte Friedrich sie zu bremsen und zog sie vom Bett fort. „Wie soll er etwas sagen können, wenn du andauernd dazwischenredest?“

Doktor Retzner ließ sich nicht von dem Gespräch ablenken. Er kannte das bereits und hatte schon vor vielen Jahren gelernt, einfach wegzuhören und sich nur auf seine Arbeit zu konzentrieren. Julie stellte sich neben ihn und beobachtete, wie er Hughs Atem überprüfte, seinen Puls maß und die Temperatur nahm. Schließlich richtete er sich auf. Sein schmales Gesicht legte sich in tiefe Falten.

„Was ist es?“, fragte Julie leise, jede seiner Regungen besorgt beobachtend.

„Nun“, er biss sich kurz auf die Lippen. „Er hat sich ganz offensichtlich eine Lungenentzündung eingefangen.“

Luise stieß einen kurzen, leise Schrei des Entsetzens aus. Genauso gut hätte er das Todesurteil für ihren ältesten Sohn verkünden können.

„Sind Sie ganz sicher?“, wollte Friedrich wissen, während er seine Frau an beiden Oberarmen stützte.

„Ja.“ Der Arzt nickte. „Es tut mir leid, aber ich kann nichts Großartiges für ihn tun. Das muss er alleine schaffen. Halten Sie ihn möglichst warm und flößen Sie ihm so viel heißen Tee ein, wie es nur geht und wenn das Fieber zu hoch wird – dann versuchen sie es mit Wadenwickel.“

„Aber...das kann doch nicht alles sein!“, rief Luise verzweifelt und presste sich die Hände vors Gesicht.

„Ich komme gleich morgen Früh wieder vorbei“, versprach Doktor Retzner. „Sehen Sie unbedingt zu, dass er nicht friert! Ich besorge Ihnen auch noch ein paar dickere Wolldecken und jemand muss über Nacht Wache halten.“

„Das kann ich tun!“, rief Julie sofort.

„Kommt nicht in Frage!“, donnerte Friedrich. „Du bist den ganzen Tag auf den Beinen und brauchst deinen Schlaf! Deine Mutter und ich können uns abwechseln! Du versuchst zu schlafen und keine weitere Diskussion!“

„Ja, Vater“, sagte Julie leise, wenn auch mit innerem Widerwillen. Sie verstand doch ein klein wenig etwas von Medizin mittlerweile. Sie wollte Hugh jetzt beistehen!

Doktor Retzner verabschiedete sich, unzufrieden, nicht mehr tun zu können. Manchmal, dachte er, während er die Türe hinter sich zuzog und hinaus ins Freie trat, ist es ein verdammt frustrierender Beruf. Man will helfen und kann nicht, man will Leben retten und hat keine Ahnung, wie man es anstellen soll, weil es keine Möglichkeiten gibt oder weil wir an unsere Grenzen als Mediziner stoßen, an die Grenzen dessen, was wir wissen.

Er blieb stehen, hob sein schmales, müdes Gesicht dem schwarzen Nachthimmel entgegen. Die Regentropfen fielen kalt auf seine Haut. Er schloss die Augen. Diese Aussichtslosigkeit, diese Hilflosigkeit! Wie konnte er Hubert nur helfen? Wie konnte er sein Leben retten? Nicht nur um Huberts Willen und deshalb, weil er sich als Arzt dazu verpflichtet fühlte – für Julie vor allen Dingen, für Julie wollte er den jungen Mann am Leben erhalten. Sie würde es ihm nie verzeihen, sollte er es nicht schaffen.

Langsam ging Hardy Retzner weiter. Es half nichts, er musste endlich aufhören, sich selbst zu belügen. Ein sanftes Lächeln spielte um seine Lippen, während er langsam durch die Dunkelheit spazierte. Jeden Morgen wartete er voller Sehnsucht und Vorfreude darauf, dass die Tür der Arztpraxis aufschwang und die helle, fröhliche Stimme ihn und Doktor Stankovski begrüßte. Wenn sie strahlend und glücklich, diese Arbeit verrichten zu dürfen, im Hinterzimmer verschwand, um sich umzuziehen. Verträumt suchte der junge Arzt sich seinen Weg über die matschigen Wege, durch die ausgestorbenen Gassen zwischen den Wohnhäusern bis zur Hauptstraße. Er durfte nicht länger vor sich selbst verleugnen, was dieses einfache, ehrliche und doch so besondere Mädchen ihm bedeutete, dass sie schon längst sein Herz erobert hatte, ohne es vermutlich überhaupt auch nur zu ahnen. Sie war noch fast zu jung, um zu wissen, was Liebe bedeutete, aber doch nicht zu jung und er war fest entschlossen, um ihre Hand anzuhalten, sobald sie in Oregon angelangt sein würden. Wenn er dort erst einmal seine eigene Arztpraxis eröffnet haben würde und ihr eine sichere Zukunft bieten konnte – dann würde er sie bitten, seine Frau zu werden. Er wollte sie an seiner Seite haben, jeden Tag und dieses bezaubernde Mädchen sein Eigen nennen können.

Irgendwann, dachte er, wird es soweit sein und dann wird sie vor mir stehen und ich werde sie fragen, ob sie mich heiraten will. Und sie wird mich mit ihrem eigenen, hinreißenden Lächeln ansehen und das wird der Beginn eines neuen Lebens sein!

Wände stürzten auf ihn ein, Pferde galoppierten auf ihn zu, überrannten ihn. Die Kutschenräder holperten über ihn hinweg, begruben ihn bei lebendigem Leib auf der Straße. Dann war da plötzlich Suzie. Sie stand über ihm und trug nur eine weiße, mit Spitzen besetzte Corsage...dieselbe, die sie auch bei ihrem zweiten Treffen vor einer Wochen getragen hatte. Wie schön sie aussah, wie unglaublich attraktiv und erregend! Sie hatte sich gefreut, ihn wiederzusehen und diesmal hatte er gleich gewusst, was er von ihr haben wollte. Sie hatte ihn mitgenommen, hinauf in ihr Zimmer und diesmal war es anders, intensiver und noch schöner gewesen. Hugh lächelte. Er wollte die Hand nach ihr ausstrecken, doch in dem Augenblick, da er sie berührte, löste sie sich in Luft auf und an ihre Stelle trat... Ein Offizier stand mit einem Mal über ihm, brüllte zu ihm hinab, er solle gefälligst aufstehen und nicht faul herumzuliegen. Er solle sofort die restlichen Kutschen anspannen, damit sie von hier fort kämen. Erschrocken wollte Hugh aufspringen, dem Befehl Folge leisten, doch er konnte nicht, nicht ein Glied seines Körpers gehorchte ihm. Jede Bewegung war unmöglich und er wartete angstvoll darauf, was dieser ihm völlig unbekannte Soldat nun mit ihm anstellen würde...

„Er ist entsetzlich unruhig!“, rief Luise verzweifelt durch die offene Tür hinunter, was Julie dazu veranlasste, ihr Abendessen stehenzulassen und die Stufen der Treppe hinaufzurennen, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Sie verfing sich fast in einem der Unterröcke und stieß ein leises Schimpfwort aus, das ihre Mutter zwar hörte, aber geflissentlich ignorierte.

„Er redet ununterbrochen wirres Zeug, das ich kaum verstehe und wenn, dann begreife ich nicht, was es bedeuten soll“, sagte Luise stattdessen und legte ihre Hand auf die Stirn ihres ältesten Sohnes.

„Das Fieber ist wieder gestiegen“, erkannte Julie auf einen Blick und griff nach Hughs Handgelenk, um den Puls zu fühlen. „Schnell und unregelmäßig“, stellte sie sachlich fest. „Lass uns Wadenwickel machen und ihm wieder Tee einflößen!“

„Gut, wenn du meinst, lass es uns versuchen.“ Luise richtete sich auf. Sie war nun doch sehr froh, ihrer Tochter nicht verboten zu haben, Doktor Retzner in der Praxis zu helfen. So verstand sie ein wenig von Heilkunde und wusste wenigstens gleich, was gut oder schlecht für Hubert sein würde. Seit drei Tagen lag er nun hier, in diesem Dämmerzustand zwischen Delirium und Wachphasen, zwischen Genesung und hohem, lebensgefährlichem Fieber.

„Sie müssen Geduld haben“, hatte Doktor Retzner ihnen erklärt. „Der Körper muss erst Abwehrstoffe bilden, vorher kann er nicht gesund werden. Diese Zeit müssen Sie ihm einräumen.“ Und auf Luises Frage, wie lange das dauern könnte, hatte er nur die Schultern heben können: „Vielleicht eine Woche, vielleicht auch vier, das hängt davon ab, wie schlimm es ihn erwischt hat. Das aber sehen wir erst im Laufe der nächsten Tage.“

Die Sonne kam hinter den grauen Regenwolken hervor und spiegelte sich in den unzähligen Pfützen und Teichen, die sich überall auf der Wiese und rund um die Kirche gebildet hatten. Endlich schien das schlechte Wetter gegen den Frühling und die steigenden Temperaturen verloren zu haben.

Nikolaus hüpfte die Hauptstraße der Stadt hinab, in der sie nun doch länger als ursprünglich geplant hatten bleiben müssen. Der schmächtige, braunhaarige Junge sprang über eine Pfütze und überquerte die Straße. Die Schule war wieder einmal geschafft und nun hieß es, Miklós im Stall und bei den Pferden zu helfen, eine Arbeit, die er sehr viel lieber tat als zur Schule zu gehen und zu lernen. Er liebte den Geruch der großen, kräftigen und doch so sanften Tiere und die Art, wie der kleine Ungar ihn lehrte, mit ihnen umzugehen.

Der Platz, auf dem das Lager der Auswanderer errichtet worden war und die Scheune sich befand, stand fast gänzlich unter Wasser. Bei jedem Schritt gab die durchweichte Erde unter ihm nach und er spürte die Nässe durch seine Lederschuhe. Nikolaus rannte, um die Pfützen und Teiche hinter sich zu lassen. Keine zwei Stunden später war er mit seiner vertrauten Arbeit fertig und er lief denselben Weg zurück. Er wusste, dass er spät dran war und dass seine Mutter wieder böse mit ihm sein würde. Umso weniger achtete er darauf, wohin er seine Füße setzte. Einmal rutschte er aus, als er die Brücke über den Hochwasserführenden Fluss gerade hinter sich gebracht hatte, doch er tat sich nicht weh und so achtete er auch nicht weiter auf seine Kleidung, an der nun Schlamm klebte. Schließlich erreichte der Junge das Pfarrhaus. Er stieß die Tür auf und sprang ins Innere.

„Wie siehst du denn aus?“ Der Aufschrei seiner Mutter ließ ihn zusammenzucken. „Sofort ziehst du dir die Schuhe aus und stellst sie vor die Tür und später wirst du sie saubermachen! Ach, jetzt sieh nur, was du für Dreck mit hereingebracht hast!“

„Entschuldigung“, murmelte Nikolaus betreten und entledigte sich seiner mit Erdklumpen behafteten Stiefel.

„Und dann setz dich hin und iss“, befahl Luise streng, während sie seinen Teller nahm und ihn mit der Erbsensuppe füllte.

Nikolaus verzog das Gesicht, doch er beschwerte sich nicht, sondern tat, wie ihm befohlen und begann zu essen.

„Hubert?“, rief Luise nach oben und horchte. „Willst du auch noch ein wenig etwas haben? Du musst bald wieder bei Kräften sein, vergiss das nicht!“ Sie wartete.

Oben, in seinem Zimmer, richtete ihr ältester Sohn sich langsam ein wenig auf, sodass er sich auf die Ellenbogen stützen konnte. Ihm schwindelte, doch er versuchte tapfer, das Gefühl zu ignorieren.

„Ja“, rief er leise zurück. „Aber bitte nicht zu viel!“

Es ging nur allmählich aufwärts mit ihm, nur ganz langsam hatte sich sein Zustand in der vergangenen Woche gebessert. Er hatte fast zehn Kilo verloren, was ihn völlig abgemagert erscheinen ließ und er fühlte sich auch schwach und noch weit von seiner alten Form entfernt. Seit fast drei Wochen lag er nun hier und hatte nichts außer Pfefferminztee zu sich nehmen können, aber er lebte. Die Lungenentzündung war überstanden und nun musste er zusehen, dass er schnellstmöglich wieder zu Kräften kam. Jeden Tag konnte der Aufbruch mit einem Wagentreck gen Westen bevorstehen und er konnte nicht zulassen, dass seine Familie sich diesem nicht anschließen konnte, weil er noch nicht wieder stark genug war.

Luise brachte ihm eine Schale mit Suppe nach oben und Hugh richtete sich vollends auf, um sich gegen die Wand, hinter dem Bett zu lehnen. Ohne Stütze sitzen konnte er noch nicht, dazu war er noch zu schwach.

„Hardy wird nachher noch einmal vorbeischauen“, bemerkte Luise, während sie ihm die Schale und den Löffel reichte. „Geht es?“, fragte sie zärtlich und wollte ihm zur Hand gehen, doch Hugh winkte hastig ab.

„Natürlich geht es! Keine Sorge! So weit bin ich schon wieder auf dem Damm!“

Er wollte sich nicht bemuttern lassen, dazu fühlte er sich zu erwachsen. Außerdem glaubte er wirklich, es ginge ihm schon wieder viel besser, dank der Hilfe und hervorragenden Betreuung von Doktor Retzner. Jeden Tag sei er hier gewesen, hatte Julie ihm berichtet und immer wieder hätte er andere Medikamente ausprobiert, die er von Doktor Stankovski erhalten habe und doch hätte es alles nichts geholfen.

Aber ich lebe ja noch, dachte Hugh erleichtert und aß langsam die heiße Suppe. Ich lebe und werde überleben und ich werde Oregon sehen und wir werden dort ein eigenes Häuschen besitzen.

Bei dem Gedanken lächelte er vor sich hin. Die Vorstellung ließ ihn Vorfreude verspüren und er malte sich bereits aus, wie ihr Haus sein müsste, dann jedoch kam ihm ein ganz anderer Gedanke. Wie oft hatte er während dieser Fieberphasen an Suzie denken müssen, wie oft war sie vor seinem Auge erschienen und er hatte sich gefragt, ob sie wohl wusste, dass er hier lag. Sie bedeutete ihm etwas, auch wenn er kaum annehmen durfte, dass sie dasselbe für ihn empfand. Für sie war er vermutlich nichts weiter, als eine Nummer in der Liste ihrer Freier. Nur ein junger Mann, der ihr Geld dafür bezahlte, damit sie mit ihm schlief, damit er an ihr seine Triebe ausleben konnte. Er schluckte. Niemals durften seine Eltern davon erfahren, dass er – ihr ältester Sohn, christlich erzogen – bei einer Prostituierten gewesen war und das nicht nur einmal.

Die Suppe schmeckte ihm plötzlich nicht mehr, doch Hugh zwang sich, sie hinunterzuwürgen. Den einzigen, den er dafür verantwortlich machen konnte, war er selbst. Er ganz allein trug die Schuld daran, dass es geschehen war, weil er seine Wallungen und seine Begierden nicht unter Kontrolle gehabt hatte. Am liebsten hätte er es rückgängig gemacht – und andererseits doch auch nicht. Es waren zwei herrliche, wundervolle Nächte gewesen und er war Suzie dankbar, dass sie ihm erlaubt hatte, sich an ihrem Körper zu vergnügen. Er senkte den Kopf. Irgendwann würde er ihr das sagen. Vielleicht an dem Tag, an dem sie St. Louis wieder verlassen würden, um weiter nach Westen zu ziehen.

Die Sonne besaß trotz der frühen Tageszeit bereits eine ungewöhnliche Kraft und Wärme. Langsam schlenderte Julie neben Doktor Retzner über die Brücke des einstigen Flüsschens, das mit dem Regen der vergangenen Wochen gefüllt nun mehr an einen reißenden Strom erinnerte. Sie wollten sich ein wenig im Lager umsehen und sich um ein paar Kranke kümmern.

„Kaum zu glauben, dass es eine solche Menge Wasser auf einmal geben kann“, meinte der Österreicher und betrachtete mit gerunzelter Stirn den rauschenden, gurgelnden Fluss, der sich unter ihnen seinen Weg durch die Erde pflügte.

Julie musste lachen. „Wenn der Matsch erst einmal getrocknet ist und der Sommer kommt, wären die Leute bestimmt froh, wenn sie so viel Wasser hätten!“

„Das stimmt wohl“, musste Doktor Retzner ihr recht geben. „Im August ist er höchstwahrscheinlich ausgetrocknet.“

Eine Menschenansammlung hatte sich zwischen einigen Zelten und Wagen gebildet. Alle redeten durcheinander, einige schimpften, andere hoben hilflos die Schultern.

„Was ist denn da los?“ Alarmiert schlug Doktor Retzner diese Richtung ein und Julie beeilte sich, ihm zu folgen. Nicht nur deshalb, weil sie neugierig war, was dort vor sich ging, sondern auch, weil es durchaus sein konnte, dass ihre Hilfe benötigt wurde. Julie fühlte sich ausgesprochen nützlich umd wichtig, seitdem sie so viel über die Pflege von Kranken gelernt hatte und mit einer verantwortungsvollen Aufgabe betraut war. Ihr war bewusst, wie enorm sie sich in den vergangenen Monaten weiterentwickelt hatte und dass sie sich fast wie eine ausgebildete Schwester fühlen durfte. Sie erblickte Miklós zwischen den Wartenden.

„Was ist los?“, wollte sie von ihm wissen.

Der Ungar seufzte und zuckte die Schultern. „Nichts Schlimmes. Es sein bloß so, dass bald wir werden weiterziehen. Sehr bald sogar, ich fürchte!“

Julie und Doktor Retzner wechselten einen schnellen Blick. „Wo ist dieser Engländer, der uns hierhergebracht hat?“

„Er wird nicht mehr weiter mit uns fahren“, erklärte der Ungar. „Er hierbleibt, aber das...“ Er deutete auf einen großen, dürren Mann, der nur wenige Meter zwischen den anderen stand. „Das ist ab jetzt unser Führer. Er nennen sich Charlie.“

„Was?“ Doktor Retzner starrte Miklós an. „Das ist nicht dein Ernst! Und wie soll er heißen?“

„Charlie“, wiederholte der Ungar und nickte heftig mit dem Kopf. „Und das mit großem Ernst!“

„Charlie, schön.“ Der Österreicher seufzte. „Und weiter?“

„Nix weiter“, erklärte Miklós. „Er nur heißen Charlie.“

„Aha!“ Doktor Retzner verzog den Mund. „Na, von mir aus. Hauptsache, er bringt uns nach Oregon!“

„Übermorgen, wenn die Sonne aufgeht, brechen wir auf!“, hörten sie ihren neuen Treckführer nun erklären, der sie von nun an leiten sollte. Er sprach mit verzerrtem, undeutlichem Akzent, als habe er den Mund voller Kieselsteine und mit dem selbst Julie ihre Probleme hatte. „Das heißt, ihr habt morgen noch genug Zeit, euch um eure Wagen und die Zugtiere zu kümmern! Lasst die Pferde neu beschlagen, wenn es sein muss und repariert, was repariert werden muss! Wenn wir erst auf dem Weg sind, habt ihr dazu nur noch schwer Gelegenheit!“ Er holte weit mit dem Arm aus und deutete hinter sich, nach Westen. „Dort, meine lieben Freunde, dort draußen gibt es nicht mehr viel, außer Wildnis! Ein paar einzelne Städte, ein paar Ranches und Siedlungen – mehr nicht und alle liegen über viele Meilen verstreut! Also, seht zu, dass Tiere und Wagen euch durch dieses Land bringen können! Ihr seid ganz allein dafür verantwortlich! Ich kenne bloß den Weg, mehr nicht und wer bis übermorgen nicht fertig ist, den lasse ich zurück! Ich nehme niemanden mit, der nicht anständig gerüstet ist!“

Ein Murmeln und auch Schimpfen ob so viel Unverschämtheit ging durch die Menge. Die meisten sprachen mittlerweile gut genug Englisch, um das zu verstehen, was er ihnen mitgeteilt hatte.

„Übermorgen?“, fragte Julie und ein Schreck durchfuhr sie. Sie fasste Doktor Retzner am Handgelenk. „Aber...was wird aus Hugh? Er wird eine solche Anstrengung noch nicht schaffen!“

Der Österreicher seufzte tief, während sich seine Stirn in bedenkliche Falten legte. „Wir müssen den Frühling und den Sommer nutzen, um so weit als möglich vorwärts zu gelangen.“ Er überlegte kurz. „Er wird im Wagen mitfahren müssen und jemand anderer wird seinen Platz einnehmen und zu Fuß gehen...“

„Das werde ich tun!“, entschied Julie sofort. „Nikolaus ist zu klein und Mutter hält das auch nicht durch, aber, wenn ich meinen Rock anziehe, Sie wissen schon, den zum Reiten und die Stiefel dazu, dann...“

„...dann wird mich Euer Vater vor aller Augen erschießen“, vollendete Doktor Retzner voller Sarkasmus und verzog das Gesicht. „Ich halte das für keine sehr gute Idee!“

„Aber ich!“, rief Julie störrisch und raffte ihre Röcke. „Er wird es einsehen müssen, wenn er nicht Huberts Gesundheit aufs Spiel setzen will oder vielleicht sogar sein Leben und das tut er ganz bestimmt nicht! Niemals! Verlassen Sie sich nur auf mich!“

Doktor Retzner ächzte leise. „Hoffentlich“, murmelte er, nur zu sich selbst. „Hoffentlich täuschen Sie sich da nicht, Julie-Mädchen!“

Diese jedoch hörte ihn nicht mehr, denn sie war bereits losgestapft durch den Morast und die Pfützen, zurück Richtung St. Louis, um ihren Eltern und Brüdern die Nachricht zu verkünden, sofern Friedrich und Nikolaus schon zu Hause waren. Und dann würde sie in die Praxis laufen und ihre Lieblingskleidung waschen. Oh, wie freute sie sich! Raus aus diesen unpraktischen, nervtötenden Unterröcken, die nur schwer und umständlich waren und andauernd im Weg umgingen! Raus aus diesen Schnürstiefeln, die so unbequem waren, dass sie sie geradezu verteufelte! Ha, was würden ihre Eltern für Augen machen! Sie in einem knöchellangen Reitrock, der zwischen den Beinen wie Hosen getrennt war, und dazu in Cowboystiefeln – nie zuvor hatte sie erfahren, welch herrliche Freiheit solche Kleidung bedeutete. Welch entzückende Aussichten! Julie strahlte in sich hinein. Entschlossen schritt sie vorwärts. Jawohl, überraschen würde sie ihre Familie! Übermorgen früh würde sie eher aufstehen als die anderen und wenn sie dann nachkamen – voilá! Was würden sie für Augen machen! Das Risiko einer Bestrafung würde sie auf sich nehmen. Diesmal stand sie auf der vernünftigen Seite, auf der des Siegers und sie würde gewinnen! Dieses Mal würde sie nicht dulden, dass ihr Wille gebrochen wurde, diesmal nicht!

Schon in aller Früh am nächsten Morgen, kaum, dass es hell genug war, um die Hand vor Augen erkennen zu können, erklangen die ersten Hammerschläge von der Scheune her. So gut wie alle Pferde benötigten neue Hufeisen und Miklós und ein weiterer Ungar hatten alle Hände voll zu tun, wenn sie bis zum Abend damit fertig werden wollten. Die beiden waren die einzigen, die dieses Handwerk gut genug beherrschten, um die Pferde für die lange, unvorstellbar harte Reise vorzubereiten. Auch viele der restlichen Auswanderer, die bisher nicht zu ihnen gehört hatten, machten sich daran, ihre Kutschen auf Vordermann zu bringen und ihre Zelte abzubrechen, in denen sie die vergangenen Wochen zugebracht hatten. Sie wollten sich ihrem Treck anschließen und nicht länger in St. Louis herumsitzen und auf den nächsten warten. Vor allem die Leinenstoffe der Planwagen hatten mit all der Nässe an manchen Stellen Risse und Löcher bekommen, die geflickt werden mussten. Die Räder brauchten Schmiere und die Geschirre der Pferde mussten gereinigt und gefettet werden.

Doktor Retzner packte seine Instrumente zusammen und verabschiedete sich von seinem Kollegen Stankovski, der ihn nur äußerst ungern ziehen ließ. Außerdem steckte er Julies frisch gewaschenen Reitrock und die glänzend geschrubbten Stiefel ein, um sie ihr zu bringen, auch, wenn er es noch immer für keine sehr glückliche Idee hielt. Danach würden Friedrich und Nikolaus ihn bei den Mulis und dem Wagen brauchen und somit wäre der restliche Tag damit zugebracht, ihre Weiterreise vorzubereiten.

Die Stunden flogen dahin, bald wurde es Mittag, dann Abend. Ein kalter Wind kam auf und trieb dunkle Wolken über sie hinweg, ehe die Dämmerung einsetzte und auch die letzten Verbliebenen ihre Arbeiten einstellen mussten. Ein letztes Mal half Nikolaus beim Misten der Ständer, was ihn ein wenig traurig werden ließ. Auch Miklós schwieg an diesem Abend und erzählte keine seiner Geschichten.

Friedrich und Hardy Retzner kontrollierten noch einmal die Waagscheite und Deichsel ihres Wagens, ehe sie sich auf den Weg zum Pfarrhaus und zum Abendessen machten. Diese Nacht würde der Österreicher bei ihnen in der Küche schlafen, damit er keinesfalls den Aufbruch verpasste. Die beiden Männer schlenderten nebeneinander her, jeder in seine Gedanken versunken. Hier und dort brannte eine Lampe vor einem der Häuser, ansonsten herrschte eine geradezu andächtige Stille, als wüsste jeder in der Stadt, dass es nun erstmal wieder ruhiger werden würde, ohne die Neuankömmlinge vor den ersten Häusern. Allerdings würde der Zustand nicht lange andauern und bald würden die nächsten Trecks aus dem Osten die letzte Station vor dem unendlich erscheinenden, ungezähmten Westen der Vereinigten Staaten erreichen und alles würde wieder von vorn beginnen: Einige wenige blieben, doch die meisten zog es weiter, in der Hoffnung, auf bessere Bedingungen oder Bodenschätze, auf ein Stück gutes Land, eine eigene Ranch.

„Heute hat dieser Charlie schon die erste Rate, wie er es nennt, kassiert“, bemerkte Friedrich auf einmal und verschränkte die Hände auf dem Rücken.

„Die Rate?“, fragte Doktor Retzner ahnungslos. „Wofür eine Rate?“

„Na, seinen Lohn dafür, dass er uns weiter nach Oregon bringt!“, erwiderte Friedrich ungeduldig und schüttelte kurz den Kopf über so viel Begriffsstutzigkeit. „Für den Weg, der uns noch bevorsteht, damit er auf uns achtet, damit uns nichts zustößt! Allmählich frage ich mich, ob wir diesen Trail nicht auch alleine gefunden hätten!“

„Ah, geh!“ Der Österreicher machte ein ungläubiges Gesicht. „Das kann er doch nicht machen!“

„Natürlich kann er!“, entgegnete Friedrich. „Oder denken Sie, er bringt uns zu seinem Vergnügen über die Rocky Mountains? Nein, nein, schön wäre es gewesen!“

„Wieviel wollte er denn?“

„Fünf Dollar pro Familie!“ schnaubte Friedrich entrüstet. „Stellen Sie sich vor, fünf Dollar! Wenn Hubert nicht das Geld bei der Eisenbahn verdient hätte...gar nicht auszudenken!“

„Da werden wohl einige Siedler auf halber Strecke liegenbleiben oder sie stehen bei diesem Herrn in der Kreide“, kommentierte Doktor Retzner trocken.

„Ich hab’ einem jungen Ehepaar aus Norwegen ebenfalls die Rate bezahlt“, erzählte Friedrich bedacht. „Sie hätten sonst wohl ihren Wagen verkaufen und damit entweder hier zurückbleiben oder zu Fuß gehen müssen.“

Hardy Retzner räusperte sich. „Das würde ich wohl Ihrem Beruf zuschreiben.“

„Wie darf ich das verstehen?“

„Nun, ich hätte es ihnen nur gegen einen schriftlichen Vertrag geliehen!“

Friedrich stieß ein verächtliches „Pah!“ aus. „Das ist typisch Mediziner! Kein Vertrauen in die Menschheit und die Ehrlichkeit der einfachen Leute!“

Doktor Retzner wollte protestieren, doch er kam nicht dazu, weil Friedrich ihn ruckartig am Oberarm fasste. „Sagen Sie mir die Wahrheit, Hardy, die ganze Wahrheit. Ich werde sie Luise nicht verraten, sie würde sie vermutlich nicht verkraften, aber ich will es wissen, ich muss es wissen!“ Die beiden Männer schauten sich fest in die Augen. Der Österreicher ahnte, welche Frage nun folgen würde und er musste schluckten.

„Sagen Sie mir, ob Hubert es schaffen kann. Ganz ehrlich und ohne Schönmalerei.“

Ein schwerer, verzweifelter Seufzer war die Antwort. „Ich weiß es nicht, Pastor, ich weiß es wirklich nicht! Hugh, ich meine, Hubert ist stark und jung und wenn er auf dem Wagen fährt, hat er durchaus eine Chance! Vor allem, weil er so wieder zu Kräften kommen kann.“

„Dann wird Nikolaus die langen Fußmärsche übernehmen müssen“, murmelte Friedrich gedankenverloren.

„Das dürfen Sie nicht erlauben!“, widersprach Doktor Retzner ernst. „Der Junge ist viel zu zart! Er würde das nicht durchstehen!“

„Aber...“

„Ihre Tochter, Pastor, sie kann das. Wenn jemand es durchhalten kann, dann Juliane!“

„Das Mädchen?“ Friedrichs Augen weiteten sich. Er glaubte, nicht richtig gehört zu haben.

„Ja, Pastor, sie schafft das! Sie hat einen Dickkopf und ist zäh. Das konnte ich in den vergangenen Wochen häufig beobachten. Sie hält was aus! Geben Sie ihr die Möglichkeit, sich zu beweisen!“

Zweifeld runzelte Friedrich die Stirn. „Wir haben noch bis morgen Zeit! Bis dahin werde ich mir das durch den Kopf gehen lassen, aber jetzt lassen Sie uns zum Abendessen gehen. Meine Frau wartet bestimmt schon.“

Das Wetter schien kein Einsehen mit ihnen haben zu wollen, denn es regnete in Strömen, als am anderen Morgen die aufsteigende Helligkeit im Osten die Nacht vertrieb. Das Trommeln auf dem Dach des Pfarrhauses weckte Friedrich und das erste, was er wahrnahm, war der Geruch von frischgebackenem Brot, der durch den Flur und die Zimmer zog. Meine Güte! Wie lange musste seine Frau bereits wach sein, wenn sie schon frisches Brot gebacken hatte?

Langsam richtete er sich auf. Er zog sich an und warf einen Blick durch die angelehnte Tür des angrenzenden Schlafzimmers. Hubert und Nikolaus schliefen noch, er würde sie später wecken. Juliane war nicht hier und auch ihre Wolldecke schon fort. Vermutlich hatte sie bereits begonnen, den Wagen zu beladen. Friedrich warf einen Blick die Treppe hinab, in den kleinen Wohnraum des Pfarrhauses. Dort stand Luise am Herd und kochte ein paar Eier. Hardy Retzner war ebenfalls nicht zu sehen.

Nun, dachte Friedrich, kein Wunder. Er wird die Nacht auf dem Fußboden nicht sehr angenehm verbracht haben. Wahrscheinlich hilft er Juliane.

Die Vorstellung ließ ihn schmunzeln. Wenn sich da nicht etwas anbahnte zwischen den beiden, dann fraß er einen Besen! Es war doch eindeutig, dass die zwei sich gern hatten und sobald sie in Oregon angelangt sein würden, musste er sich Doktor Retzner einmal zur Brust nehmen und ihm dringend ans Herz legen, endlich um die Hand seiner Tochter anzuhalten!

Keine vierzig Minuten später hatten auch seine beiden Söhne gefrühstückt, als es auf einmal an der Tür klopfte und ein junger Mann den Kopf zur Tür herein streckte.

„Der Doktor schickt mich! Alle sollen sofort ihre Sachen packen und zur Scheune hinüberkommen! In einer Stunde geht es los!“

„Du lieber Himmel!“, entfuhr es Luise und sie sprang hastig auf. „So bald schon?“

„Ich habe noch überhaupt nichts zusammengepackt!“, erklärte Hubert und erhob sich ebenfalls.

„Ich auch nicht!“, rief Nikolaus und beeilte sich, ihm zu folgen.

„Dann trödelt nicht länger herum!“, bat Friedrich und hob die Arme. „Wir müssen zusehen, dass wir rechtzeitig zu den anderen stoßen!“

Auf dem Platz vor dem Stall hatten sich die Wagen und Gespanne aufgereiht, fertig für die Abreise. Stimmen schrien, riefen, einige lachten, andere schimpften. Überall herrschte Hektik und Aufregung. Irgendwo dazwischen, etwas an den Rand gedrängt, standen Julie und Doktor Retzner bei ihrem Wagen und warteten.

„Haben Sie Ihre Sachen alle schon eingepackt?“, wollte er jetzt von ihr wissen.

Julie nickte. „Ja, habe ich gleich heute Morgen verstaut, bevor irgendjemand wach war.“ Sie blickte zufrieden an sich hinab. Sie trug ihren Reitrock mit den Stiefeln und dazu eine Bluse und ein Regencape darüber. Zwar ließen die Schauer ein wenig nach, je länger der Morgen andauerte, doch das Wetter zeigte noch immer keine Gnade.

„Hoffentlich bleibt es nicht den ganzen Tag so scheußlich!“ Doktor Retzner hob den Blick gen Himmel und bezweifelte, dass seine Bitte erhört werden würde. „Oh!“, machte er dann, denn seine Augen hatten vier Personen entdeckt, die zielstrebig auf sie zueilten. „Jetzt gibt’s gleich ein großes Donnerwetter!“

Julie straffte die Schultern und machte ein störrisches Gesicht. Sie war offensichtlich bereit, es auf einen Kampf mit ihren Eltern ankommen zu lassen. Hardy Retzner atmete tief durch und lehnte sich demonstrativ unbeteiligt an Hans, eines der beiden Maultiere, der gemeinsam mit seiner Kumpanin Otto die Hektik um sich herum mit stoischer Ruhe ignorierte.

„Na, alles bereit?“, rief Friedrich, noch bevor er sie erreicht hatte. „Sind wir startklar?“

„Sind wir!“, versicherte der Österreicher und kratzte sich ahnungsvoll den Hals.

„Tut mir leid, dass wir erst jetzt kommen“, entschuldigte Friedrich sich und winkte seiner Familie, damit sie die restlichen Gepäckstücke nach hinten brachten, um sie im Wagen zu verstauen. Es war nicht viel: Ihre Koffer, die sie bereits aus Bremerhaven mitgebracht hatten, das Zinngeschirr, die Töpfe und Pfannen und die restlichen Decken. Mehr besaßen sie nicht. „Wir hatten nicht damit gerechnet, dass der Aufbruch so plötzlich erfolgt. Man hätte einem wenigstens gestern Abend Bescheid geben können, dass wir in aller Herrgottsfrüh schon die Stadt verlassen.“

‚Man’ wäre ihr Treckführer gewesen, der sich jedoch seit der Eintreibung seines Vorschusses nicht mehr um sie gekümmert hatte.

„Ich glaube, es geht los!“, schrie auf einmal jemand neben ihnen und kletterte auf seine Kutsche. Tatsächlich – Charlie ohne Nachnamen ritt auf einem großen, schwarzen Hengst zwischen ihnen hindurch. Er verkündete laut brüllend, dass sich alle in anständiger Reihenfolge hinter ihm einordnen sollten, sobald er das Zeichen zum Aufbruch geben würde.

„Nun, gut“, entschied Friedrich. „Hubert, du übernimmst das Gespann! Luise, Nikolaus, rauf mit euch!“

Er half seiner Frau auf den hohen Kutschbock hinauf, ehe sein jüngster Sohn flink hinterher kletterte. Hugh musste sich von Doktor Retzner stützen lassen, um auf der anderen Seite hinaufzukommen. Er war noch zu schwach, als dass er es alleine hätte schaffen können.

Friedrich beobachtete, wie die Wagen vor ihnen sich in Bewegung setzten; einer reihte sich hinter den nächsten. Eine eigenartige Stimmung überkam ihn. Hätte er geahnt, dass vergangenen Sonntag sein letzter Gottesdienst in der Kirche gewesen war – er hätte sich gebührend von den Menschen hier verabschiedet, die ihm ans Herz gewachsen waren. Komisch, dachte er, wie schnell sich der Mensch doch an etwas gewöhnt.

Die beiden Maultiere zogen ihren Wagen mit einem Ruck an und das riss Friedrich aus seinen Gedanken. Er drehte sich herum, um zu sehen, ob Doktor Retzner und Julie ihm folgten. Sie schienen auf der anderen Seite des Wagens zu sein, denn er hörte seine Tochter mit dem Österreicher auf Deutsch reden.

Zunächst mussten sie ein Stück den Weg zurück, den sie gekommen waren, um dann auf die Hauptstraße von St. Louis einzubiegen, die sie weiter nach Westen bringen würde. Das Lager blieb hinter ihnen zurück, mitsamt all den restlichen Menschen, die voller Hoffnung waren, irgendwo in diesem Land eine bessere Zukunft zu finden. Sie würden auch nicht mehr lange hier bleiben. Einige waren schon vor ihnen aufgebrochen, immer weiter, den Oregon Trail entlang, voller Zuversicht und überschäumendem Herzen, andere warteten auf einen anderen Treck oder wollten in einer anderen Himmelsrichtung ihr Glück versuchen.

„Jetzt geht’s noch ein letztes Mal durch die Stadt“, sagte Hardy Retzner auf Deutsch mit breitem, österreichischen Akzent. „Und dann heißt es endgültig ‚Lebewohl!‘“

„Sie werden doch nicht sentimental werden?“, fragte Friedrich streng, doch es gelang ihm nicht recht, seine eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten. Auch er verspürte einen Abschiedsschmerz im Herzen. Wenn er ehrlich war, hätte er nichts dagegen einzuwenden gehabt, hierzubleiben, doch ihr Ziel hieß Westküste. Nur deswegen war er in dieses fremde Land gekommen, deshalb hatte er Deutschland den Rücken gekehrt.

Sie gingen nun hinter dem Wagen und seine Augen wanderten hinüber zu seiner Tochter, die eifrig voranstapfte. Er sah sie zum ersten Mal an diesem Tag – er stutzte.

„Was...?“ Mit drei schnellen Schritten stand er bei ihr und packte sie unsanft am Arm. „Was, in aller Welt, trägst du für fürchterliche Sachen?“, zischte er wütend, damit nur sie ihn verstehen konnte. „Woher hast du dieses...dieses sündige Zeug?!“

Selbstbewusst warf Julie den Kopf zurück. Nur sie selbst wusste, wieviel Mut ihre Worte sie kosteten: „Ich trage praktische Kleidung zum Laufen, Vater!“

„Die anderen Frauen, die keinen Platz mehr auf einem Wagen gefunden haben, können sich auch anständig anziehen!“ Ein ungeheurer Zorn ergriff von Friedrich Besitz. Er schüttelte seine Tochter heftig, ohne zu merken, dass die Gespanne an ihnen vorbeizogen und sie zurückblieben. „Sofort wirst du in den Wagen klettern und dich umziehen!“

„Nein!“, rief Julie trotzig. Sie fühlte sich tief verletzt von der Behandlung durch ihren Vater, die alle anderen nun mitbekamen. „Wenn ich diese Sachen nicht tragen darf, gehe ich keinen Schritt weiter, sondern bleibe hier! Ich kann selbst entscheiden, was ich anziehe und was nicht! Ich bin in deinen Augen immerhin erwachsen genug, dass du mich verheiraten willst!“

Friedrich starrte sie einen Augenblick fassungslos an. Noch nie hatte sie es gewagt, so mit ihm zu sprechen! Wutentbrannt und völlig außer sich hob er den Arm. „Du wirst es nicht noch einmal wagen, so mit deinem Vater zu sprechen!“

Erschrocken wollte Julie dem Schlag ausweichen, doch jemand anderer kam ihr zuvor. „Bitte, Pastor!“ Geistesgegenwärtig packte Hardy Retzner Friedrich am Handgelenk. „Das ist jetzt wirklich nicht der richtige Zeitpunkt! Wir müssen weiter!“

Die beiden Männer wechselten einen langen, herausfordernden Blick.

„Bitte, Pastor“, sagte der Österreicher noch einmal. „Wir haben keine Zeit für solche Kleinigkeiten!“

Einen Moment schien es, als würde sich Friedrichs Zorn nun gegen ihn richten, doch schließlich gab er nach. „Sie haben recht!“, stieß er, nur schwer beherrscht hervor. „Lass uns das heute Abend klären, wenn wir lagern. Wir sollten uns, glaube ich, wirklich beeilen!“

Längst waren fast alle anderen Wagen an ihnen vorbeigefahren und um die scharfe Linkskurve des Weges, hinter den ersten Häusern, verschwunden. Sie fingen an zu laufen, dann zu rennen, um ihren eigenen wieder einzuholen. Auf der Hauptstraße hatten sich rechts und links Neugierige versammelt, um den Abzug der Siedler zu verfolgen. Einige winkten, andere standen einfach nur da und schauten. Außer Atem erreichten Friedrich, Julie und Hardy Retzner ihrn Planwagen, wo Luise sie bereits aufgeregt empfing.

„Wo steckt ihr denn? Wir haben uns schon Sorgen gemacht! Um Gottes Willen, Juliane! Wie siehst du denn aus? Friedrich, unternimm etwas! Sie kann doch so nicht herumlaufen!“

„Später!“, rief ihr Mann und seufzte resigniert. „Nicht jetzt!“ Er rückte sich seinen breitkrempigen, schwarzen Hut zurecht und stellte auf einmal fest, dass es aufgehört hatte zu regnen.

Doktor Stankovski und seine Frau hatten sich vor dem Praxisgebäude eingefunden und winkten. Als sie Doktor Retzner erblickten, eilten sie ihm entgegen und drückten ihm einen großen, verschlossenen Korb mit Proviant in die Hände.

„Für Sie, mein Lieber!“, versicherte der alte, grauhaarige Arzt. „Möge Gott Sie beschützen auf all Ihren Wegen und mögen Sie dort ankommen, wo Sie es sich wünschen!“

„Vielen, vielen Dank!“ Der junge Österreicher hatte Mühe, seine Rührung zu verbergen. Er lächelte. „Das wäre doch nicht nötig gewesen!“

„Reden Sie nicht“, meinte Doktor Stankovski. „Schauen Sie lieber, dass Ihr Wagen nicht ohne Sie die Stadt verlässt!“

„Oh, ja, natürlich!“ Hardy Retzner reichte ihm kurz die Hand, danach der Frau und dann musste er fort, wenn er nicht wollte, dass sie sahen, wie er gegen die Tränen ankämpfte. Sie waren in den wenigen Wochen so herzlich zu ihm gewesen, hatten ihn behandelt wie ihren eigenen Sohn und das, obwohl er bis heute kein vernünftiges Wort Englisch zustandebrachte. Wie sollte er ihnen das je vergessen?

Er wandte sich um und eilte hinter den vorbeiziehenden Wagen her, deren eisenbereifte Räder tiefe Rillen in der aufgeweichten Erde der Hauptstraße hinterließen.

Der Treck rollte durch die Stadt, an den Häusern vorbei und den Menschen, die darin lebten. Hugh hielt die Zügel fest in der Hand. Es war ihm nicht recht, dass Julie anstatt seiner jetzt nebenher laufen musste, aber es half nichts. Er selbst war dazu nicht in der Lage, dazu fehlte ihm einfach noch die Kraft nach der schweren Erkrankung. Auf einmal stellte er fest, dass sie auf Höhe des einen, bestimmten Saloons angekommen waren. Eine Gruppe Mädchen stand davor und beobachtete die vorbeiziehenden Wagen. Seine brauen Augen glitten hastig über sie hinweg und fanden, wonach sie suchten. Suzie lächelte und schwenkte ein buntes Taschentuch. Vorsichtig, kaum merklich und nur für sie verständlich hob er kurz die Finger seiner linken Hand. Sie nickte ihm zu, ihre Blicke trafen sich ein letztes Mal und dann waren sie vorüber, der Saloon lag hinter ihnen. Hugh schluckte und starrte regungslos geradeaus. Er registrierte, dass seine Mutter neben ihm redete, doch er hörte ihr nicht zu. Sein Kopf schwirrte. Er hatte sie lieb gewonnen, sehr lieb sogar. Suzie, dachte er und musste lächeln. Erinnerungen an erregende, befriedigende Nächte drängten sich in seine Gedanken, doch er zwang sie zurück. Niemals würde er sie vergessen, das wusste er, aber ebenso war ihm bewusst, dass er sie vermutlich niemals wiedersehen würde. Zu weit lag Oregon entfernt und irgendwann würde er ein anderes Mädchen heiraten und dann war sie nichts mehr, außer einem schönen, prägenden Erlebnis aus seiner Vergangenheit. Sie war eine gute Lehrerin in Sachen Liebe gewesen, doch schon jetzt begann ihr Bild zu verblassen, bis sie nur noch ein nettes, verschwommenes Bild in seiner Erinnerung darstellte. Genau, wie diese Stadt, in der sie einige Wochen verbracht hatten und die nur eine Zwischenstation vor ihrem eigentlichen Ziel war, vor dem Land, ganz im Westen, das Oregon genannt wurde.

Der Treck

Die ersten dreizehn Tage regnete es beinahe ohne Unterlass und zwischendurch fiel in höheren Lagen sogar Schnee, wobei ein eisiger Wind blies, je näher sie den Rocky Mountains kamen. Wie weit sie auch vorwärtsdrangen, die dunklen Wolken schienen sie zu verfolgen und nicht aufhören zu wollen, ihnen das Leben schwerzumachen. Endlich, am Abend des vierzehnten Tages, als sie in einem kleinen, grünen Tal ihr Lager aufschlugen, durch das ein schmaler Bach floss, der an einigen Stellen über die Ufer getreten war, hörte es auf und die Sonne kam zum Vorschein.

„Seien wir lieber froh, dass wir nicht eingeschneit worden sind“, kommentierte Hardy Retzner in seiner eigenen, trockenen Art und zog sich den feuchten Regenmantel aus. „Sauber sehen wir alle miteinander aus!“

Julie blickte an sich hinab und musste ihm stumm rechtgeben. Ihre Stiefel und ihr Reitrock waren mit Erdkrusten überzogen und verklebt. Bis zu den Oberschenkeln hinauf wies der Stoff eine bräunlich-schmutzige Verfärbung auf und es tat ihr leid um den geliebten Hosenrock, der nun ruiniert war, aber gut, solange sie sich auf dem Trail befanden, solange würde sie ihn auch noch anbehalten.

Lagerfeuer wurden angezündet, während sich die Wagen zu einem Kreis formierten. Die Zugtiere wurden abgespannt, getränkt und in die Mitte der Wagenburg getrieben und Wachen für die Nacht eingeteilt. Gleich darauf dufteten die ersten Mahlzeiten und Schüsse fielen, weil sich drei oder vier der jungen Männer aufgemacht hatten, frisches Fleisch zu besorgen.

„Hoffentlich treffen sie nicht versehentlich irgendeine Kuh, die einem Rancher gehört“, raunte Friedrich stirnrunzelnd und setzte sich an ihr Feuer, über dem Luise eine Suppe im Topf zum Kochen brachte. Dazu gab es trockenes Brot. Die Dämmerung brach schnell und unvorbereitet über dem Land herein, das noch unter dem Einfluss des langen Winters stand und dem Frühling nur allmählich gewährte, sich durchzusetzen.

„Meinst du, es gibt hier überhaupt Ranches?“, fragte Hugh, während er sich neben seinem Vater niederließ. Die Fahrt im Wagen und die Strapazen des Trecks hatten seiner Gesundheit nicht sonderlich gut getan. Er war blass und mager und fror sehr schnell. Mindestens alle vier Stunden kontrollierte Hardy Retzner seine Temperatur und den Puls, doch bisher war alles in Ordnung und der Österreicher hoffte inständig, dass es auch so bleiben würde, denn bei einer weiteren Erkältung oder gar einer nochmaligen Lungenentzündung gab er dem jungen Mann keine Überlebenschancen. Darüber sprach er selbstverständlich mit niemandem, aber das Wissen darüber belastete ihn.

Luise machte sich daran, die letzten Konservenbüchsen mit Bohnen und Karotten zu öffnen, die sie in St. Louis eingepackt hatten, um sie in die Brühe zu schütten.

„Bloß gut, dass wir bald in der nächsten Stadt sein müssten“, seufzte sie und holte den großen Topf hervor.

Friedrich schmunzelte. „Du wirst dich daran gewöhnen müssen, wieder ohne Konserven auszukommen! Bis Oregon liegt noch ein weiter Weg vor uns und...“

Er wurde durch ein lautes Klatschen unterbrochen. Im Schein der Lagerfeuer, die neben jedem der Wagen brannten, trat Charlie in die Mitte und hob die Hände zum Zeichen, dass er Aufmerksamkeit erwartete. Zum ersten Mal, seitdem sie ihn kannten, trug er nicht seinen breitkrempigen, schmutzigen Cowboyhut. Sein ungepflegtes Haar glänzte golden im Schein der flackernden Feuer und ließ ihn auf eigenartige Weise unnahbar und gleichzeitig geheimnisvoll aussehen. Er war überhaupt ein merkwürdiger Mensch.

„Was ist los?“, wollte Julie wissen. Sie hatte sich im Inneren des Wagens ihrer schmutzigen Kleidung entledigt, die sie nun zum Trocknen außen an die Holzverkleidung hängen wollte. Morgen wollte sie alles in dem kleinen Flüsschen auswaschen. Stattdessen trug sie jetzt einen langen Rock mit dazugehörigen Unterkleid und die unbequemen Schürschuhe.

„Ah, nichts weiter!“, erwiderte Hardy Retzner auf Deutsch und hob sie vom Wagen herab. Seine Hände legten sich um ihre schmale Taille und er hielt sie einen Moment länger fest als nötig. Eine kaum zügelbare Sehnsucht überkam ihn und er musste einen Schritt von ihr zurücktreten, um nicht die Beherrschung über sich zu verlieren. Sie hatte den Zopf gelöst, der ihr rotblondes Haar für gewöhnlich zusammenhielt und nun fiel es lang und glatt bis über ihre Schultern hinab. Er verspürte große Lust, seine Finger hindurchgleiten zu lassen, doch er glaubte zu wissen, dass er dadurch mehr zerstören als gewinnen konnte.

„Was will Mister Charlie?“, fragte Julie, ihren Blick nicht von dem Mann mittleren Alters abwendend.

Der österreichische Arzt grinste, ehe er sehr leise und auf Deutsch erwiderte: „Ich fürchte, er will uns mit einer Rede beglücken!“

Julie unterdrückte ein Kichern, doch ihre bernsteinfarbenen Augen glitzerten übermütig. Abwartend standen und saßen die Siedler vor und neben ihren Wägen, rund um die Lagerfeuer und wollten wissen, was ihr Führer ihnen mitzuteilen hatte.

Noch einmal hob Charlie den Arm, dann schallte seine tiefe, von dem amerikanischen Akzent stark geprägte Stimme, über die kleine Wiese: „Morgen Mittag werden wir die Town of Kansas erreichen! Macht euch keine Hoffnungen, wir werden uns dort nicht lange aufhalten! Ihr werdet gerade genug Zeit haben, um Lebensmittel zu kaufen oder was auch immer ihr sonst benötigt! Dann geht’s weiter!“

„Wie lange werden wir denn noch bis Oregon brauchen?“, rief jemand, von der Perfektion seines Englisch her vermutete Hardy, es könnte ein Brite sein. Seine grünen Augen betrachteten ihren – vom Äußeren einem Cowboy nicht unähnlichen – Treckführer eindringlich. Er spürte, dass das noch nicht alles gewesen war, was er ihnen zu sagen hatte.

„Oregon“, wiederholte Charlie gedehnt und bemühte sich, seine zu langen, struppigen Haare glattzustreichen, was ihm jedoch nicht gelang. „Oregon ist noch sehr weit fort! Wir müssen über die Rocky Mountains und durch Indianergebiet! Wir haben zwar immer wieder Forts und Städte auf unserem Weg, an denen wir Vorräte besorgen können, aber in Oregon wird sich dann jeder einen Platz für sich suchen müssen! Das wird nicht ganz leicht!“

„Wieso?“, rief jemand anderer. „Ich dachte, in Oregon gibt es noch fast keine Siedler!“

Charlie lachte leise und bellend auf. „Wo habt ihr das gelesen? In einer von euren Zeitungen in Europa?“ Er lachte noch einmal, diesmal lauter. „In Oregon gibt es längst Städte und jede Menge Farmen! Was glaubt ihr, wieviele tausend Leute wie ihr sich in den vergangenen Jahren dorthin auf den Weg gemacht haben und alle mit derselben Hoffnung! Glaubt ihr, die lassen sich das Land von euch einfach so besetzen?“

Ein lautes, protestierendes oder ungläubiges Murmeln ging durch die Menschen. Sie wollten nicht glauben, was sie hörten.

„Und was wollen Sie jetzt tun?“, rief eine aufgebrachte Frau. „Wo sollen wir dann hin?“

„Es gibt eine ganz einfache Lösung!“, schrie ihr Treckführer, beinahe triumphierend, zurück. Er schien genau auf diese Frage gewartet zu haben. „Dieses Land ist riesig! Es werden alle genug Platz finden! Wir werden die Town of Kansas morgen nicht in westlicher, sondern in südlicher Richtung verlassen! Dort unten gibt es noch jede Menge unbesiedeltes, unberührtes Land! Wir werden uns in Richtung Arkansas River aufmachen, bis zu einem Fort, das dort errichtet ist. Da können wir bleiben und...“

„Zum Arkansas River?“, wiederholte Hardy Retzner lauter als beabsichtigt. Alle Augen wandten sich ihm zu. Er hatte die Landkarte genau vor Augen und wusste, wovon Charlie sprach. „Das ist doch alles Indianergebiet!“

„Noch!“, entgegnete ihr Führer selbstbewusst. „Noch ist es das, aber nicht mehr lange! Die Regierung will so schnell wie möglich Verhandlungen mit den Indianern aufnehmen und das Gebiet für die Siedler nutzen.“

„Aber zum jetzigen Zeitpunkt ist es doch verboten, sich dort niederzulassen!“

Charlie kniff die Augen zusammen. „Willst du mir erklären, welche Gesetze in diesem Land gelten? Welche Rechte ein Siedler hat? Schon einmal etwas von einem Heimstättengesetz gehört?“

„Allerdings“, erwiderte der junge Österreicher erzürnt und bereit, sich mit ihrem Treckführer anzulegen. „Und es besagt nicht, dass es auch für Land gilt, das den Indianern überlassen wurde! Wir haben keinerlei Rechte uns...“

„Rechte!“, brüllte Charlie unkontrolliert und die Geduld verlierend. „Es gibt schon lange Farmer dort unten, ohne dass jemand groß Notiz davon genommen hat! Und jetzt stell dir vor, was passiert, wenn das Land irgendwann zur Besiedlung freigegeben wird und wir bereits dort sind? Weißt du, was das bedeutet?“

„Und wenn es nicht freigegeben wird?“, bohrte Hardy unbeeindruckt nach. „Was dann?“

„Es wird!“, schrie Charlie wütend, die Hände zu Fäusten ballend. „Dieses ganze Land wird eines Tages von euch Einwanderern besiedelt sein! Nichts davon wird mehr wild und unentdeckt sein und kein Indianer wird mehr auf irgendeinem Besitztum pochen, weil es keinen von ihnen mehr geben wird!“

„Wollen Sie mir etwa andeuten, dass wir uns das Land stehlen sollen? Obwohl es uns nicht zusteht?“ Auch Hardy Retzner brüllte jetzt. Es war ihm unbegreiflich, dass jemand auf solch absurde, gefährliche Ideen kam. „Die Indianer werden genauso wenig begeistert sein, wie die schon angesiedelten Farmer in Oregon, wenn wir uns einfach an ihrem Besitz bedienen! Sie wollen mir doch nicht etwa erzählen, dass die sich nicht dagegen zur Wehr setzen werden? Und was wird dann aus uns? Ein Haufen Leichen in der Prärie?“

„Red keinen Unsinn, du kleiner, dummer Europäer!“ Herausfordernd stemmte Charlie die Arme in die Hüften. „Wir werden nach Süden ziehen und zwar bis in die Nähe des Forts, wo sich der letzte Stützpfosten befindet! Dort könnt ihr eine Stadt errichten, oder was auch immer ihr wollt und dort seid ihr sicher! Und jetzt gibt es keine weiteren Diskussionen mehr oder ihr könnt euch morgen einen anderen Führer suchen...falls ihr so etwas in einer Stadt wie der Town of Kansas findet!“

Seine Drohung zeigte Wirkung – alle schwiegen und starrten Hardy Retzner vorwurfsvoll und abwartend an. Rüde packte Friedrich ihn am Arm.

„Was ist denn in Sie gefahren? Das ist doch eine einmalige Gelegenheit!“

„Das ist Raub!“, stieß der junge Arzt wütend hervor. „Nichts weiter! Wir machen uns auf Land breit, das uns nicht zusteht!“

„Aber wenn Mister Charlie sagt, dass die Regierung Verhandlungen mit den Indianern führt, dann ist es das in ein paar Wochen vielleicht schon! Und wenn dann alle dorthin rennen, sind wir bereits da und haben unser Parzellen abgesteckt!“

Fassungslos legte Hardy Retzner sich einen Moment die Hand vors Gesicht. „Pastor, begreifen Sie denn nicht? Unser werter Fährtensucher hat lediglich erklärt, dass die Verhandlung bald aufgenommen werden sollen! Das ist ein gewaltiger Unterschied! Was, wenn der Regierung etwas dazwischen kommt? Oder wenn sie eine bessere Idee hat oder es zu keiner Einigung kommt? Was dann?“

„Ach, nun malen Sie den Teufel doch nicht an die Wand!“, fuhr Friedrich ihn ungehalten an. „Ich hab’ mir dieses Heimstättengesetz unzählige male durchgelesen! Wir haben das Recht auf 160 Acres Land, das sind 64 Hektar! Jedenfalls ich, weil ich ein verheirateter Mann mit Familie bin, aber das will ich gar nicht! Ich möchte lediglich ein kleines Häuschen bauen und eine Kirche errichten, in der ich zu all diesen Menschen predigen kann und auch zu all denjenigen, die noch folgen werden!“

Kopfschüttelnd wandte Hardy Retzner sich ab. Wenn nicht einmal mehr ein Geistlicher, ein Pfarrer, sich seines Unrechts bewusst war, wie konnten das dann die anderen hier? Wie konnte er ihnen nur begreiflich machen, dass es falsch war, was sie taten, dass sie mit entscheidenden, wenn nicht gar lebensgefährlichen Konsequenzen zu rechnen hatten? Er umrundete den Wagen und lehnte sich auf der anderen Seite gegen das rauhe Holz, dort, wo der Schein des Feuers ihn nicht treffen konnte. Er fühlte sich entsetzlich hilflos und sehr erschöpft. Die Kälte der Nacht kroch in ihm hoch, doch er nahm sie kaum wahr.

„Glauben Sie wirklich an das, was Sie eben gesagt haben?“, fragte auf einmal Hugh neben ihm. Der junge Mann war ihm unbemerkt gefolgt, verunsichert und durcheinander.

Hardy schaute ihn nicht an. Ihm war nicht danach, jetzt mit irgendjemandem zu streiten, schon gar nicht mit Hugh.

„Ja, das meine ich, aber bitte...“

„Warum?“, unterbrach der junge Mann ihn. „Warum glauben Sie das?“

„Bei Doktor Stankovski hatte ich genug Gelegenheit entsprechende Artikel zu lesen und die dazugehörige Wahrheit aus dem Mund eines Mannes zu erfahren, der es wissen muss.“ Er hatte seine Stimme gesenkt und Hugh musste sich anstrengen, um ihn verstehen zu können. „Immer weiter werden die Indianer zurückgedrängt, immer weiter, bis es keinen Ort mehr für sie gibt. Dieses riesige, einzigartige Land hat einst ihnen gehört, ihnen ganz allein...bis wir kamen, wir Siedler und Eindringlinge, die es ihnen fortnehmen. Immer mehr davon, immer mehr, aber eines Tages werden sie zurückschlagen. Selbst, wenn wir immer noch mehr von ihnen töten und in Reservate pferchen – eines Tages werden sie zurückschlagen und für ihre Rechte kämpfen. Das ganze Land dieser Vereinigten Staaten gehört ihnen, nicht uns.“ Er seufzte und brach ab. „Was nützt es schon, wenn ich rede? Gar nichts. Die anderen werden auf Mister Charlie hören, weil er Erfahrung hat und dieses Land schon mehrmals ohne größere Zwischenfälle in alle möglichen Richtungen durchquert hat...ein verdammt zäher Bursche. Wer weiß? Vielleicht hat er auch schon vorher Siedlertrecks in den Süden geführt, in dieses Gebiet wo auch wir hin sollen, aber selbst wenn wir unbeschadet bis zu diesem Fort durchkommen, wer sagt, dass wir dort bleiben können? Wer sagt, dass uns die dort stationierten Soldaten nicht gleich wieder davonjagen, weil sie dort sind, um Leute wie uns davon abzuhalten, über das Land herzufallen? Vielleicht kommen wir auch gar nie erst an, weil die Indianer uns zuvor überfallen. Wer weiß das schon?“

Hugh schluckt. Im Stillen bewunderte er den jungen, strohblonden Arzt mit dem schmalen, eingefallenen Gesicht und dem energischen Auftreten. Er hatte ihn von ihrer ersten Begegnung an bewundert, als er den jungen Matrosen auf dem Schiff versorgt hatte. Schon an diesem Tag hatte Doktor Retzner etwas in ihm auszulösen vermocht, das er bis dahin nicht gekannt hatte. Es war wie eine Art unstillbarer Wunsch, ein Drängen, das ihn irgendwohin führen wollte und er konnte nicht genau sagen, wohin. Ein Wunsch, den er nicht beim Namen nennen konnte, noch nicht.

„Ich...gehe...das Abendessen ist fertig“, brachte Hugh zerstreut hervor, ehe er sich abwandte und eilig zum Feuer zurückging.

Die Town of Kansas war laut, schmutzig und seine Hauptstraße mit Saloons und Freudenhäusern gesäumt, die Luise die Schamesröte ins Gesicht trieben und Friedrich blankes Entsetzen verspüren ließen.

„Lasst uns für diese armen Sünder beten“, sagte er, als sie schließlich den General Store erreichten und faltete die Hände. „Mit der Bitte, dass ihr unchristliches Verhalten ihnen verziehen wird.“

Hugh schluckte, erwiderte nichts und kletterte eilig vom Kutschbock. Er wollte jetzt nicht beten und schon gar nicht für diese Mädchen und nicht für die Männer, die ihnen Geld dafür bezahlten, damit sie sich an ihnen vergehen durften, denn er war nicht besser, nicht einen Deut besser als sie. Sein Vater hätte auch ihn in sein Gebet einschließen müssen, in seine Bitte um die armen Sünder. Hugh war froh, dass er auf der anderen Seite des Wagens stand und Friedrich nicht mehr anschauen musste. Schnell einkaufen, einpacken und dann nichts wie weiter, dachte er. So schnell wie möglich fort von hier!

Je weiter ihr Weg sie Richtung Süden führte, desto sandiger und trockener schien der Boden zu werden. Immer mehr Felsen tauchten auf und viele kleine Wälder durchzogen das weite, hügelige Land. In einigen Tälern wuchs üppiges, grünes Gras, an dem sich die Tiere erfreuten und dann gab es Gebiete, in denen die Prärien braun und ausgetrocknet waren. Der Weg war schwierig für die Wagen und die Zugtiere. Sie mussten vorsichtig fahren und hin und wieder ging eine Achse zu Bruch, dann war der Trail für diesen Tag beendet. Charlie schimpfte und fluchte, wenn etwas derartiges vorfiel und einmal ließ er einen Wagen an Ort und Stelle zurück und nahm nur die beiden Pferde mit, um Zeit zu sparen.

„Ein eigenartiges Land ist das“, bemerkte Julie an einem Abend Ende Juni, als sie ihr Lager mitten in der Prärie, weit entfernt von den nächsten Wäldern und Felsen aufgeschlagen hatten. Die meisten Siedler hatten sich längst zur Ruhe begeben und eine angenehme, fast friedlich scheinende Ruhe lag über dem Platz. Die ersten beiden Wachen hatten begonnen, ihre Runden um die Wagen zu drehen, jeder ein Gewehr geschultert und einige der Lagerfeuer begannen langsam und knisternd herunterzubrennen.

„Fremd“, erwiderte Hardy Retzner leise und starrte in seinen leeren Zinnbecher. „Fremd und so unendlich weit. Der Himmel scheint hier nirgendwo aufzuhören, nicht einmal am Horizont.“

„Ja“, flüsterte Julie und starrte hinauf zu den Sternen. Ihr fröstelte, denn die Temperaturen fielen auch jetzt in der Nacht noch recht tief. „Ich möchte wissen, wann wir endlich dieses Flusstal erreichen, wo das Fort steht.“

„Ich weiß es nicht, Julie-Mädchen“, gab Hardy Retzner offen zu. Er stellte seine Tasse beiseite. „Lassen Sie uns schlafen gehen. Es ist spät und ich bin sicher, dass unser verehrter Führer morgen wieder eine lange, mörderische Strecke für uns aussucht.“

Julie blickte auf ihre Stiefel. „Wenn wir angekommen sind, brauche ich neue Sohlen.“

Der junge Österreicher schmunzelte. „Damit wird es nicht getan sein. Da brauchen Sie ganz neue Stiefel!“

Er wollte aufstehen und sich unter den Wagen zu Friedrich und Hugh legen, denn im Inneren schliefen die Frauen und Nikolaus. Er verabscheute den Platz auf der harten, feuchten Erde, doch es gab keine Alternative, weder für ihn, noch für Hugh oder Friedrich. Da vernahm er eilige Schritte, die sich ihnen näherten.

„Oh, da kommt Mr. Stromson!“, sagte Julie erstaunt.

Greetje und Torbjörn Stromson waren ein junges Ehepaar aus Norwegen, beide Anfang zwanzig und hochmotiviert, was ihre Zukunft anbetraf. Sie stammten aus ärmlichen Verhältnissen und wollten diesen entfliehen. So hatten sie sich ein wenig Geld gespart, um mit dem Schiff nach Amerika auswandern zu können. Julie kannte die beiden recht gut, denn sie hatten sich dem Treck schon in New York, zusammen mit ihnen angeschlossen und außerdem hatte Friedrich ihnen das Geld für die Rate an ihren Führer geliehen, weil sie es nicht hatten bezahlen können.

„Doktor?“, fragte der junge Mann mit den Sommersprossen und den sehr blonden Haaren.

„Was gibt es?“ Alarmiert sprang Hardy auf die Beine. Niemand fragte umsonst nach ihm.

„Könnten Sie vielleicht einmal nach meiner Frau sehen?“, raunte Torbjörn leise, um keinen der anderen zu wecken. „Sie hat starke Schmerzen und ich weiß auch nicht...“

„Ich komme!“, fiel Hardy ihm eilig ins Wort und trat an den Wagen, um lautlos seine Instrumententasche herauszuholen. „Wo ist sie?“

„Dort hinten! Ich zeige es Ihnen!“ Besorgt rannte der junge Ehemann ihnen voraus. Ganz von selbst schloss sich Julie ihnen an, denn sie war es gewohnt, dem Österreicher immer eine Hilfe zu sein. So oft hatte er sie in der Vergangenheit schon gebraucht und vielleicht musste sie ihm auch diesmal zur Hand gehen.

Geertje lag im Inneren ihres kleinen Planwagens und wand sich vor Schmerzen. Torbjörn schob den Leinenstoff beiseite und wollte hineinklettern, doch der Arzt hielt ihn zurück.

„Lassen Sie mich und Julie nach ihr sehen! Warten Sie hier!“

Der Gesichtsausdruck des jungen Mannes verriet, dass er der Aufforderung nur ungern nachkam, doch er wagte nicht, zu widersprechen und ließ Doktor Retzner und das Mädchen gewähren. Hastig kniete Hardy sich neben die junge, blonde Frau.

„Zünden Sie eine Lampe an“, bat er Julie, die nach einem kurzen Rundumblick nur eine einzige entdecken konnte. Ihr Schein verbreitete nur schwaches Licht, doch es reichte aus, um den Ernst der Lage erkennen zu lassen.

Vorsichtig legte Doktor Retzner der jungen Norwegerin seine Hand auf die schweißbedeckte Stirn. Danach tastete er ihren Bauch ab und seufzte.

„Haben Sie gewusst, dass Sie guter Hoffnung sind?“, fragte er sehr leise, sodass Torbjörn es draußen nicht verstehen konnte.

Geertje nickte heftig. Sie schluchzte leise auf. „Ich...ich glaube schon, aber ich war mir nicht sicher.“

„Sind Sie heute gestürzt? Oder haben Sie irgendwelche schweren Gegenstände hochgehoben?“, fragte Hardy leise, sie sehr genau beobachtend.

Wieder schluchzte die junge Frau auf, diesmal unbeherrschter. „Ich...bin...vom Wagen gefallen, vorhin, als...als wir hier angekommen sind, aber...es war nicht schlimm! Wirklich nicht!“

Hardy nickte. Ein schmerzlicher Ausdruck legte sich auf sein Gesicht. Er gab Julie einen Wink.

„Sie müssen ihr so viel Whiskey einflößen, wie Sie nur fertigbringen! Verstanden?“ Er sprach nun Deutsch mit ihr, um sicherzugehen, dass niemand sonst sie verstehen konnte. Er griff in seine Tasche und brachte eine Flasche zum Vorschein.

Julie nickte nervös. Sie wollte wissen, was mit Geertje los war und wagte doch nicht, danach zu fragen, denn schon beugte Doktor Retzner sich nach draußen und befahl Torbjörn mit leiser Stimme: „Nehmen Sie einen der Männer mit, die Wache stehen und holen Sie einen Topf mit frischem Wasser! Den stellen Sie auf eines der Feuer, bis es sprudelnd kocht! Ich brauche frisches, kochendes Wasser, klar?“

„Ja...ja...“, stammelte der bemitleidenswerte, ahnungslose Ehemann und rannte davon, in die dunkle Nacht hinaus.

„Und jetzt?“, wollte Julie wissen. Sie gab Geertje einen Zinnbecher nach dem anderen zu trinken. Die junge Frau schüttelte sich.

„Ist das eine eklige Medizin!“

„Mehr!“, sagte Doktor Retzner nur, während er bereits seinen Instrumentenkoffer öffnete. „Ich wünschte, ich hätte etwas Äther bei mir, aber daran habe ich nicht gedacht, muss ich zu meiner Schande gestehen. Ich bin mir sicher, Doktor Stankovski hätte mir welchen mitgegeben.“

Der Alkohol zeigte bereits nach wenigen Bechern seine Wirkung, denn Geertje trank sonst nie und sie sank in einen weggetretenen Dämmerzustand.

„Was fehlt ihr denn?“, fragte Julie schließlich, als sie sicher war, dass Geertje nicht mehr bewusst wahrnahm, was sie sprachen und drückte den Pfropfen zurück auf die Flasche.

„Sie wird das Kind verlieren“, erwiderte Hardy ernst und schob den Rock mitsamt den Unterröcken nach oben. „Wir müssen es holen.“

Julie schluckte. „Es...holen?“

Sie war nur zweimal bisher bei einer Geburt dabei gewesen. Das erste Mal bei der Frau des Bürgermeisters. Bei dieser war es so schnell gegangen, dass sie das Kind bereits auf dem Weg ins Schlafzimmer, auf der Treppe bekommen hatte und das zweite Mal bei einer Farmersfrau. Auch bei ihr hatte es keine drei Stunden gedauert, ehe ihr zwölftes Kind das Licht der Welt erblickt hatte. Keine der beiden Frauen hatten geschwitzt oder sich vor Schmerzen gewunden wie Geertje hier und Julie fragte sich, was der Unterschied war, denn immerhin waren die beiden Säuglinge der anderen Frauen bereits voll ausgebildet gewesen und viel größer als Geertjes Kind im Augenblick noch sein musste. Unter ihren Röcken zeichnete sich nur ein winziges Bäuchlein ab.

Ein mulmiges Gefühl überkam Julie, denn sie spürte, dass dies hier etwas anderes, etwas Bedrohliches war. Sie beobachtete Hardy Retzner dabei, wie er Geertje an ihrer intimsten Stelle untersuchte, die sonst nur ihr Ehemann zu sehen bekam und sie fragte sich, wie Torbjörn wohl darauf reagieren würde, wenn er das sehen könnte.

Schließlich richtete Hardy Retzner sich auf. Er seufzte tief, als er die nächste Wehe durch den Körper der jungen Frau gehen sah und hörte, wie sie leise aufstöhnte.

„Vielleicht haben wir Glück und ihr Körper stößt den Fötus alleine aus. Wir müssen abwarten.“

Von draußen erklangen Schritte und er beeilte sich, den Topf mit heißem Wasser bereits draußen entgegenzunehmen, sodass Torbjörn nicht ins Innere sehen konnte.

„Was ist mit ihr, Doktor?“, hörte Julie ihn verzweifelt fragen. „Sie schafft es doch, nicht wahr?“

Sie merkte, wie Hardy einen Moment zögerte, ehe er antwortete: „Natürlich wird sie es schaffen! Aber bitte warten Sie draußen, ich rufe Sie dann, wenn wir soweit sind!“

Er stellte den Topf neben sich ab, aus dem das kochende Wasser dampfte und zog den Leinenstoff hinter sich zu, sodass von draußen nicht hereingesehen werden konnte. Dann krempelte er sich die Ärmel seines Hemds hoch.

„Machen Sie das auch!“, befahl er Julie, ehe er nach dem Whiskey griff, mit dem er seine Hände übergoss und die Flasche dann an Julie weiterreichte. „Wir müssen sehr sauber arbeiten, wenn wir sie retten wollen.“

Julie schluckte. Zum ersten Mal spürte sie die enorme Verantwortung, die auf den Schultern eines Arztes lastete und sie merkte, wie ihr Herz zu rasen begann. Ganz ruhig, sagte sie sich, es kann dir nichts passieren! Doch die Angst vor dem Unbekannten blieb.

Geertje stöhnte wieder auf und wand sich unter einer erneuten Wehe.

„Halten Sie sie fest! Sie macht es nur schlimmer“, sagte Hardy, während er aus seinem Instrumentenkoffer die unterschiedlichsten Geräte herausnahm und in das kochende Wasser legte.

Julie fasste die junge Frau, nur ein paar Jahre älter als sie selbst, an den Schultern und drückte sie zu Boden.

„Gut so.“ Hardy schob die Röcke über Geertjes Schenkel nach oben und schob ihre Beine auseinander. Julie schluckte, peinlich berührt. Sie fragte sich, ob es ihr wohl eines Tages auch so ergehen würde, wenn sie ein Kind erwartete und eine seltsame Reaktion der Abwehr gegen dieses Geschehen machte sich in ihr breit. Sie wusste, dass Geertje sich sehr schämen würde, wenn sie wüsste, dass ein fremder Mann – auch, wenn er Arzt war – sie dort untersuchte, wo niemand das Recht dazu hatte.

„Ich glaube, wir haben Glück“, sagte Hardy in Julies Gedanken hinein. Er atmete leise auf. „Da ist es.“

Julie brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, wovon der junge Österreicher sprach. Dann lag es vor ihr – winzig, mit einer eigenartigen Kopfform, doch eindeutig ein Mensch, mit noch unausgebildeten Armen und Beinen, der tote Fötus. Übelkeit stieg in ihr hoch und sie musste den Blick davon abwenden. Eilig wickelte Hardy es in ein Stück Stoff, der im Wagen lag, um sich dann zu dem Topf herumzudrehen, aus dem immer noch das Wasser dampfte und es unerträglich heiß werden ließ unter dem Leinenstoff des Wagens. Jedenfalls erschien es Julie so.

„Machen Sie jetzt bitte nicht schlapp!“, raunte Hardy leise, als er im Schein der Lampe ihr weißes Gesicht bemerkte. „Ich brauche Sie hier dringender als jemals zuvor!“

Julie nickte tapfer und zwang sich, ihren Blick auf Geertje zu richten, die bewusstlos vor ihr lag, die Augen geschlossen, jedoch ruhig atmete.

„Ich muss ihren Uterus ausschaben“, erklärte Hardy, als spräche er zu einem unerfahrenen Medizinstudenten, wie er es immer tat, wenn sie dabei war, wenn er arbeitete. „Sonst verblutet sie. Ich hoffe, ich erwische alles.“

Julie wollte schon fragen, wovon er alles erwischen musste, verkniff es sich jedoch im letzten Moment. Sie beobachtete den Arzt dabei, wie er mit einem anderen Instrument eines aus dem kochenden Wasser fischte und es einige Sekunden auskühlen ließ. Dann beugte er sich über Geertje und Julie senkte den Blick. Sie wollte nicht sehen, was weiter geschah. Sie hörte die junge Norwegerin leise stöhnen und drückte sie fester auf den Wagenboden. Dann wiederum hörte sie Doktor Retzner leise fluchen und die ganze Zeit über vernahm sie dieses seltsame Geräusch – manchmal schmatzend, manchmal kratzend. Sie wusste nicht, wie lange sie so dagesessen hatte, vielleicht zehn, vielleicht zwanzig Minuten oder sogar eine halbe Stunde. Endlich jedoch sagte Hardy. „Gut, Sie können sie loslassen.“

Langsam richtete Julie sich auf. Sie fühlte sich entsetzlich erschöpft und ihre Hände zitterten. Geertje war noch immer ohne Bewusstsein.

„Was ist mit ihr?“

Der junge Arzt rang sich zu einem zuversichtlichen Lächeln durch.

„Der Whiskey, die Schmerzen...sie wird es schaffen, hoffe ich.“ Er seufzte und machte einen Knoten in einen Lappen, sodass niemand sehen konnte, was darin steckte, doch Blut durchweichte ihn von innen heraus. „Wenn ich nur in sie hineinsehen könnte und wüsste, ob ich wirklich alles herausbekommen habe.“ Er schüttelte kurz den Kopf, dann übergoss es seine Hände erneut mit Whiskey und holte danach seine restlichen Instrumente aus dem Topf, um sie wieder in seiner Tasche zu verstauen. „Sagen zu müssen, ich habe alles getan, was in meiner Macht steht und doch nicht sicher sein zu können, ob sie durchkommt oder nicht – das ist das Schlimmste.“

Sacht legte Julie eine Hand auf die seine. Sie lächelte mitfühlend, doch kein Ton kam über ihre Lippen. Sie fand keine Worte für das, was sie empfand und er verstand sie auch so. Aufmunternd tätschelte er ihren Unterarm.

„Wir müssen Torbjörn Bescheid geben und uns allmählich schlafen legen. Sonst sind wir beide die nächsten Patienten.“

Er richtete Geertjes Unterröcke und deckte sie zu, dann kletterte er aus dem Wagen. Den zugeknoteten Lappen nahm er mit. Julie beeilte sich, ihm zu folgen und nahm seine Tasche an sich.

Torbjörn musste die ganze Zeit über zwischen den Wagen hin und her gelaufen sein, denn er kam von rechter Seite angestürmt, als er Doktor Retzner erblickte. „Endlich! Das hat ja ewig gedauert!“

Die meisten Lagerfeuer waren mittlerweile vollständig heruntergebrannt und Hardy konnte das Gesicht des jungen Norwegers nicht erkennen.

„Tut mir leid, schneller ging es nicht.“ Er wartete, bis Julie neben ihm stand, ehe er fortfuhr: „Ihre Frau hat das Kind leider verloren.“

Eine lange Minute herrschte Stille. „Das Kind?“, wiederholte Torbjörn verblüfft. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung davon gehabt hatte. „Sie...Sie meinen...“

„Ja“, entgegnete Hardy bedacht. „Es liegt noch drinnen, im Wagen. Ich denke, Sie werden es sicherlich morgen früh beerdigen wollen.“

„Hmm“, machte der junge Mann hilflos und biss sich auf die Lippen. „Was...was ist mit Geertje?“

Der junge Arzt musste sich einen Ruck geben. „Das werden die nächsten Stunden zeigen“, gab er ehrlich zu. „Sie wird bald wieder zu sich kommen. Passen Sie genau auf, ob Sie irgendwelche Veränderungen an ihr bemerken. Und sollte sie Blutungen oder Fieber bekommen, holen Sie mich sofort, ganz gleich um welche Uhrzeit, verstanden?“

Torbjörn nickte stumm. „Darf ich jetzt zu ihr?“

„Natürlich. Gute Nacht.

„Gute Nacht, Doktor und vielen Dank.“ Der junge Norweger kletterte in seinen Wagen und ließ Hardy und Julie allein zurück.

„Wie spät es wohl sein mag?“, fragte Julie leise und gähnte.

Hardy lächelte. „Gehen Sie schlafen, Julie-Mädchen. Es ist spät und ich weiß nicht, ob wir nicht in ein paar Stunden wieder gebraucht werden.“ Er deutete auf den seltsam anmutenden Beutel in seiner Hand. „Ich muss das vergraben. Nicht, dass noch Wölfe oder andere Tiere das Blut riechen.“

Er ging davon, um einen Spaten zu holen und ließ Julie allein zurück mit ihrer Verwirrung und den tausend Fragen, die sie beschäftigten.

Der nächste Morgen brach schneller herein als erwartet und weder Hardy, noch Julie fühlten sich ausgesprochen wohl in ihrer Haut. Sie waren müde und erschöpft von den Geschehnissen, über die Friedrich sogleich unterrichtet wurde. Geertje hatte die Nacht gut überstanden. Es waren keine Blutungen aufgetreten und auch kein Fieber und obwohl sie noch sehr schwach und blass war, konnte Hardy doch guten Gewissens behaupten, dass sie es vermutlich schaffen würde.

Zwei Männer halfen Torbjörn beim Ausheben des kleinen Grabes und noch am frühen Vormittag fand die Beerdigung für das kleine Mädchen statt, das nicht einmal ein halbes Jahr alt geworden war und nie das Licht dieser Welt hatte erblicken dürfen. Geertje wollte dabei sein, doch Doktor Retzner erlaubte es nicht.

„Sie müssen eine Woche lang im Wagen liegenbleiben, haben Sie mich verstanden?“

„Aber, Doktor...“, wollte die junge Frau protestieren, doch Hardy ließ sie nicht aussprechen: „Wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist und wenn Sie jemals Ihre neue Heimat zu sehen bekommen wollen, dann tun Sie, was ich Ihnen sage!“

Seine eindringlichen Worte zeigten Wirkung und Geertje blieb mit Julie im Wagen zurück, wo sie haltlos weinte. Hilflos saß Julie neben ihr und streichelte ihren Rücken, während Geertje von lautem Schluchzen geschüttelt wurde. Sie fühlte tiefes Mitleid mit der jungen Frau, doch konnte sie ihren Kummer nicht wirklich nachvollziehen. Sie erschrak ein wenig über dieser Erkenntnis. Hatte ihr Vater sie nicht Zeit ihres Lebens gelehrt, dass es nichts Wertvolleres gab, als das Leben selbst?

Nein, sie konnte es nicht, denn in ihrer Vorstellung wollte sie nicht zulassen, dass der Tod etwas Endgültiges, etwas alles Beendendes war. Es musste noch mehr geben, was danach kam, ein neues Leben vielleicht oder ein Dasein als Engel – irgendetwas! Julie senkte den Kopf und schloss die Augen. Nein, ihrem Vater durfte sie davon nichts anvertrauen. Es gab überhaupt niemanden, der ihre Überlegungen diesbezüglich hätte begreifen können, niemanden, mit dem sie darüber sprechen konnte und der sie vielleicht verstand.

Vielleicht, dachte sie, bin ich ein törichtes, dummes Mädchen, ohne Verstand und Benehmen. Wahrscheinlich bin ich genau das.

Die Tage zogen dahin, ohne, dass jemand es bewusst wahrnahm. Sonnenuntergang und Tagesanbruch schienen sich so schnell abzuwechseln, dass sie darüber aufhörten zu zählen, wieviele seit dem Aufbruch aus St. Louis mittlerweile hinter ihnen lagen. Bei Tage ging es ohne Unterlass durch rauhes, felsiges Land, mit all seinen unergründlichen Weiten und den unbekannten Gefahren, wie giftige Schlangen und Kojoten. Schließlich erreichten sie einen reißenden Fluss, der ungeheure Kräfte besaß und der von einem See zu einem anderen führte, wie Charlie ihnen erklärte. Sie folgten ihm ein gutes Stück in südlicher Richtung, bis in ebeneres Grasland und er sich dort in ein flaches, fast zahmes Wasser verwandelte. An einer besonders ruhigen Stelle konnten Menschen, Tiere und Wagen ungefährdet ans gegenüberliegende Ufer gelangen, wo ihr Treckführer bestimmte, dass das Lager für die kommende Nacht aufgeschlagen wurde. In zwei Tagen, so seine Einschätzung, würden sie Fort Gibson erreicht haben.

„Stimmt etwas nicht?“, fragte Julie, als sie den finsteren Blick Hardy Retzners nach der Verkündung dieser Nachricht bemerkte.

„Nein“, log dieser hastig. „Alles in Ordnung! Alles okay, wie wir jetzt sagen müssen, nicht wahr?“

Es klang ironisch und Julie zog es vor, den Mund zu halten und ihrer Mutter bei der Zubereitung des Abendessens zu helfen, wie es ihre Pflicht war. Friedrich hatte sich in ein Gespräch mit einem der anderen Siedler vertieft und so blieben Hugh und Hardy alleine am Wagen zurück, um den Maultieren den Schweiß von den Leibern zu waschen, nach ihren Hufen zu sehen und sie an den Fluss zum Tränken zu führen.

Die Striche, mit denen Doktor Retzner dem dunkelbraunen, kräftigen Tier mit dem alten Fetzen Stoff über das Fell fuhr, wurden mit jeder Minute wütender, bis Hugh es schließlich nicht länger aushielt: „Wenn Sie es meiner Schwester schon nicht anvertrauen wollen – das Vieh kann wohl kaum etwas für Ihre Laune!“

Ein wenig beschämt senkte der junge Arzt den Kopf und hielt inne.

„Nein“, murmelte er undeutlich. „Sie haben ganz recht, tut mir leid. Das Tier trifft nun wirklich die wenigste Schuld.“

„Wen dann?“ Hugh wollte nicht aufgeben. Ihn interessierte, was ihren Begleiter so sehr beschäftigte. Ihm war schon seit Tagen die Veränderung an dem Österreicher aufgefallen, die immer deutlicher zum Vorschein kam. Hardy hob die Schultern. Sein Blick hing starr irgendwo an einem unbestimmten Punkt am vom Wolken verhangenen Abendhimmel.

„Ich frage mich, weshalb noch keine Indianer versucht haben, uns aufzuhalten.“

Verständnislos runzelte Hugh die Stirn. „Glauben Sie denn im Ernst, das würden sie tun? Ich meine, was könnten die schon ausrichten?“

Kritisch blickte Hardy ihn an. „Wir sind bloß etwa siebzig Leute, die meisten davon Frauen und Kinder, gegen einen Stamm von Wilden, der womöglich ein paar hundert geübte Krieger zählt und wir befinden uns in einem Gebiet, das nicht uns, sondern denen gehört! Wir haben kein Recht, uns hier breitzumachen, einfach irgendeine Siedlung zu errichten! Das Land gehört nicht uns! Die Regierung hat es den Indianern zugesprochen!“

„Hmm“, machte Hugh nachdenklich. „Aber doch nur vorerst gehört es noch ihnen! Wenn die Verhandlungen durch sind, wird das alles anders! Vater meint, wenn wir uns eine Parzelle abstecken, dann...“

„Dann!“, unterbrach Hardy ihn ungehalten. „Dann hat er sich etwas genommen, was ihm nicht zusteht! Er hat gestohlen! Selbst diese ganzen Soldaten in diesem Fort können uns nicht zu dem machen, was wir von jetzt an nie wieder sein werden – nämlich ehrenhafte Bürger dieses Landes! Bürger der Vereinigten Staaten von Amerika, die wir von weit hergekommen sind, um ein besseres Leben zu führen! Ist es das, was wir alle wollten? Uns ein Stück Land rauben von diesem Volk, das lange vor uns hier gewesen ist und das jedes Recht besitzt, diese Ebenen bis aufs letzte Blut zu verteidigen?! Sag schon, ist es das, was wir wollten?!“

Hugh schluckte und senkte den Kopf. Schlagartig begriff er, wovon Hardy Retzner sprach. In dieser Sekunde wurde dem jungen Mann bewusst, dass nicht einmal sein Vater unfehlbar war – und diese Erkenntnis traf ihn hart, härter, als er es im Augenblick ertragen konnte.

„Von dieser Seite habe ich das Ganze noch nie betrachtet.“

„Schau“, sagte der österreichische Arzt, sehr viel sanfter als zuvor. „Wir reden immer nur von ‚diesen Indianern‘, als seien sie ein Stück Vieh. Dabei wissen wir noch nicht einmal, wie sie aussehen! Vielleicht erkennen wir sie noch nicht einmal, wenn sie vor uns stehen, aber wir rauben ihnen ihr Land und erwarten dann noch, freundlich von ihnen empfangen zu werden! Hugh, alle hier scheinen zu denken, dass die Indianer nichts weiter sind, als irgendein dummes Volk von ungesitteten, ungezähmten Wilden! Vielleicht sind sie das bis zu einem bestimmten Grad, ich kann es nicht beurteilen, denn ich kenne sie nicht und ich habe mir bisher offengestanden herzlich wenig Mühe gegeben, mich mit ihrer Kulter auseinanderzusetzen. Ich kann nur von dem erzählen, was ich über ihre Plünderungen und Morde in den Zeitungen gelesen habe und das war alles andere als erbauend. Ich lege jedenfalls bestimmt keinen großen Wert darauf, einem von ihnen gegenüberzustehen, aber wenn wir nicht umkehren, wird sich ein Zusammenstoß kaum noch vermeiden lassen!“

„Vielleicht“, begann Hugh zögernd, „lassen sie uns in Ruhe hier siedeln.“

„Vielleicht“, gab Hardy resigniert zurück und fuhr fort, das Muli trockenzureiben. „Vielleicht werden sie uns vorerst in Frieden lassen, weil ihre Häuptlinge mit Washington verhandeln wollen, aber selbst, wenn das der Grund sein sollte, traue ich diesem Frieden nicht!“

Der merkwürdig fragende Blick von Hubert entging ihm nicht. Er stand noch immer regunglos am selben Fleck, hantierte mit dem Lappen herum, den er noch eine Minute zuvor dazu benutzt hatte, um Otto, das andere Muli, zu putzen. Hardy Retzner runzelte die Stirn, während er in den Himmel hinaufstarrte.

„Ich kann einfach nicht anders. Für mich ist diese ganze Prozedur nicht richtig. Vielleicht kann es nicht aufgehalten werden, vielleicht erkennt Mister Charlie das ganz richtig und eines Tages werden keine Indianer mehr übrig sein – ausgerottet, wie manche Tierart das heute schon ist. Aber hast du dich jemals gefragt, warum es soweit kommt? Wir sind mit ein Grund dafür, nur ein kleiner, aber wir sind einer. Wir drängen uns in dieses Land und womöglich in hundert Jahren oder schon früher wird eine ehrliche, gebildete Generation auf den Bergketten stehen und das Land unter sich betrachten – weit und grün und fruchtbar. Wenn die letzten Spuren ihrer einstigen Bewohner längst mit dem Präriewind davongeweht sind und sie sagen: ‚Schau, das hier waren einst die Jagdgründe des Roten Mannes und sie sind gleichzeitig sein Grab geworden.’ Nun ja, du weißt, ich zweifle ernsthaft, dass dies jemals so passieren wird. Die Menschheit ist zu raffgierig für solcherart Erkenntnisse...“

Ruckartig wandte er sich ab. Er warf den Stofffetzen zornig neben den Wagen und stapfte davon, hinaus in die nächtliche Prärie und in die Dunkelheit. Seine Worte ließen Hugh mit einer Gänsehaut zurück und dem betäubenden Schlag der Feststellung, dass er dumm und ungebildet war und dass es an ihm ganz alleine lag, seinen Horizont zu erweitern. Nie hatte er mehr Ehrfurcht, Respekt und Anerkennung für einen anderen Menschen empfunden als in dieser Sekunde für Hardy Retzner.

Sie erreichten Fort Gibson zwei Tage später. Es war quadratisch, aus niedrigen Holzhäusern gebaut, umgeben von einer Mauer aus Baumstämmen und wesentlich kleiner, als sie erwartet hatten. Es stand auf einer kleinen Anhöhe zwischen Mischwald und Prärie, drei Meilen flussaufwärts der Stelle, wo der Arkansas, Grand und Verdigris River ineinander übergingen. Ein einziger Weg führte zwischen den Bäumen hindurch und über die Ebene bis zum Fort hinauf. Die beiden Wachtürme waren besetzt und einer der Soldaten schrie herunter, was sie wollten. Charlie hob seinen Arm und rief etwas zurück. Keine fünf Minuten später öffnete sich das Tor und ein großer, schlanker Mann mit dunklem Vollbart trat energischen Schrittes auf sie zu. Ihm folgten vier Soldaten, jeder mit einem Revolver im Holster um die Hüften. Seine Augen glitten abschätzend über die Gruppe von Siedlern hinweg. Dann wandte er sich dem Mann auf dem Rapphengst zu.

„Schon wieder welche? Hab ich dir nicht das letzte Mal schon gesagt, dass...“

„Ja, ja!“, unterbrach Charlie ihn eilig. „Sie kennen meine Ansicht, Captain! Was ist übrigens aus dem vorigen Treck geworden?“

„Oh, die sind auf die andere Seite des Arkansas gewechselt. Ich weiß nicht, was sie inzwischen machen. Habe nichts mehr von ihnen gehört“, lautete die knappe Antwort. Mit drei, vier großen Schritten trat er auf die Siedler zu. „Nun gut, jetzt sind Sie alle einmal hier!“ Er wartete auf eine Reaktion, doch alle schwiegen gespannt und gleichzeitig ein wenig ängstlich, was nun mit ihnen geschehen würde. „Dies hier ist offiziell noch immer Indianerland, auch wenn keiner sagen kann, wie lange noch! Sie haben deshalb kein Recht, sich darauf niederzulassen! Das Heimstättengesetz gilt hier nicht! Sie betreten dieses Land widerrechtlich! Ich hoffe sehr, Sie sind sich dessen bewusst! Das Problem ist, ich habe strikte Order, jeden davonzujagen, der versuchen sollte, hier einzudringen und jede Art von Ansiedlung sofort zu unterbinden!“

„Ach, kommen Sie schon!“, ächzte Charlie, die Augen verdrehend. „Sie wissen, das sind nicht die ersten...“

„Das ist mir vollkommen klar!“, unterbrach der Captain ihn scharf. „Und genau das ist der Punkt! Ich bin mir durchaus der ganzen Entwicklung bewusst, die unter Captain Paynes Leitung stattgefunden hat! Und ich weiß auch, dass niemand abschätzen kann, wieviele solcher Wagentrecks er hierher gebracht hat und ihnen gestattet hat, sich hier niederzulassen. Und ja, es gibt auch Rinderfarmen weiter nördlich, auf dem Gebiet des Indianerterritoriums! Trotzdem gibt es Ihnen nicht das Recht zu bleiben!“

„Genau das, was ich schon die ganze Zeit sage“, raunte Hardy Retzer mit einem Hauch grimmigen Triumphes.

„Ich habe keinen von Ihnen und Ihren Leuten jemals gesehen!“, brüllte der Captain jetzt, ihrem Führer einen finsteren Blick zuwerfend. „Bring sie weg und sieh zu, dass sie sich in der Nähe der Grenze zu Arkansas aufhalten!“

„Jawohl, Sir!“ Charlie grinste zufrieden. „Ich mache, was immer Sie sagen, Captain!“

Das ausbrechende Freudengeschrei wurde durch eine abrupte Armbewegung des Kavalleriemannes im Keim erstickt. „Es kann ständig zu Indianerüberfällen kommen! Bereiten Sie sich lieber darauf vor und suchen Sie sich einen fähigen Mann aus, dem Sie den Sheriffstern ans Hemd pinnen! Diese Wilden haben uns nicht gerade viel Freude bereitet im letzten Jahr! Also, machen Sie sich keine falschen Illusionen!“

„Aber das Land gehört doch der Regierung, oder etwa nicht?“, schallte eine männliche Stimme hinter einem der Wagen hervor.

„Das ist zwar korrekt“, nickte der Captain. „Aber es wurde den Stämmen zugesprochen!“

„Ich frage mich, wie lange die Regierung die Aufsätzigen noch unter Kontrolle halten kann, ohne hässliche Schlachten!“ Charlie grinste verächtlich.

Captain Harbach hob die Brauen, sichtlich verärgert. „Das ist weder etwas, das ich entscheide, noch mit dem Sie jemals konfrontiert werden! Aber solange wie ich hier die Befehle erteile, will ich Sie niemals wiedersehen oder ich schwöre, ich lasse Sie in der nächsten Zelle versauern und für organisierten Landraub anklagen! Habe ich mich deutlich ausgedrückt?“

„Klar und deutlich!“ Das Grinsen auf dem Gesicht ihres Führers wurde breiter. „Auf dem Rückweg werde ich mal bei einem der Rancher vorbeischauen, Sie wissen schon, die haben richtig gutes Land für ihr Vieh gefunden, nicht weit von der Grenze und die Indianer haben dreimal versucht, sie davonzujagen...aber sie kommen immer wieder zurück!“

Der Captain schürzte die Lippen. „Das ist eine Geschichte ganz nach Ihrem Geschmack, was?“

„Natürlich! Diese Leute haben das beste Recht, sich hier niederzulassen! Nichts von diesem wunderbaren, fruchtbaren Land wurde jemals schriftlich an die Indianer abgetreten!“

„Geht mir einfach aus dem Blick! Und rechnen Sie nicht mit irgendeiner Hilfe von meiner Seite, sollte es zum Schlimmsten kommen!“

„Jawohl, Sir!“ Es klang respektlos und er ließ seinen schwarzen Hengst auf der Hinterhand umdrehen.

Julie hatte weder ihm zugehört, noch irgendetwas überhaupt registriert, was während der letzten Minuten gesprochen worden war. Ihre Augen hingen an einem der Soldaten, die den Captain begleiteten. Ihr war schwindlig und ein seltsames Kribbeln breitete sich in ihrer Magengegend aus. Er bemerkte sie nicht hinter dem Wagen, hinter dem sie sich versteckte und sie fühlte sich erleichtert, dass er ihr keinen Blick schenkte, denn sie war zu nichts weiter in der Lage, als ihn wie eine törichte Gans anzustarren. Er war groß und schlank, mit einem feingeschnittenen Gesicht und blonden Haaren. Obwohl sie ihn noch nie zuvor gesehen hatte, erschien es ihr, als habe sie diese Reise nur angetreten, um diesem Mann zu begegnen. Nie zuvor hatte sie solche Gefühle in sich aufwallen bemerkt. Was war nur in sie gefahren? War sie mit all den Strapazen der vergangenen Wochen schon verrückt geworden? Sie konnte ihren Blick einfach nicht von ihm abwenden, als er nun mit langen Schritten dem Captain durch das Tor ins Fort folgte. Beinahe enttäuscht, wandte sie sich ab. Vermutlich würde sie ihn niemals wiedersehen und die Vorstellung erschien ihr unerträglich. Sie musste diesen Mann wiedersehen, ganz gleich, wie sie es auch anstellte! Sie musste! Julies Herz raste wie verrückt und sie nahm die anderen Menschen um sich herum kaum wahr. Sie schienen keine Bedeutung mehr zu haben, jedenfalls nicht dieselbe wie noch wenige Minuten zuvor.

Hardy Retzner stieß einen tiefen Seufzer aus, als er plötzlich neben ihr auftauchte. „Es scheint mir fast, als seien wir bei Weitem nicht die ersten, die sich hier unbefugt niederlassen.“

Hugh grinste breit. „Das heißt, wir brauchen uns keine weiteren Gedanken mehr zu machen und...“

„Doch, das müssen wir!“, fuhr der Österreicher ihn zornig an. „Ich bin nämlich noch immer nicht erpicht darauf, in geraumer Zeit von einem Indianerpfeil durchbohrt zu werden!“

„Wer ist das eigentlich?“, fragte eine Frauenstimme neben ihnen und einer der Männer antwortete: „Ich habe von ihm gelesen in der Zeitung in Kansas gelesen. Er ist ziemlich berühmt für seine Erfahrung – das ist Captain A.A. Harbach.“

Charlie führte sie hinab, bis an einen großen, ovalen See. Stellenweise war das Ufer mit hohen, alten Bäumen bewachsen und an anderer wieder spross grünes, saftiges Gras. Sie stellten ihre Wagen ab und bestaunten die ungewohnte, doch schön anmutende Gegend. Dort verabschiedete Charlie sich mit dem Einsammeln seiner letzten Rate, die er sich als Treckführer verdient hatte und niemand von ihnen bekam ihn jemals wieder zu Gesicht.

„Welch fabelhafte Gegend!“, rief Friedrich und schaute sich um. „Dort, direkt am Ufer, will ich meine Kirche haben!“

Luise hakte sich bei ihm unter und lächelte. „Wir haben es geschafft!“

„Ja!“ Ungewohnt herzlich drückte ihr Mann sie an sich. „Wir sind dort, wo wir hin wollten! Wir besitzen ein eigenes Stück Land, auf dem wir unser Haus bauen können und wo wir den Rest unseres Lebens verbringen werden!“

„Wir besitzen dieses Land nicht“, warf Hardy trocken und sehr ernst ein. „Wir nehmen es uns!“

Angespanntes, bedrücktes Schweigen trat ein und alle Umstehenden beäugten ihn abschätzend. Nur diejenigen, die ihn nicht gehört hatten, lachten und freuten sich weiterhin, am Ziel angelangt zu sein.

Innerhalb von nur einer Woche waren die ersten Häuser fertiggestellt und die ersten Bestellungen wurden zusammengetragen, um zur Bahnstation gebracht zu werden. Diese war von der Missouri-Kansas und Texas-Bahn 1871 erbaut worden, um Kansas und Fort Gibson miteinander zu verbinden. Nur ein Jahr später konstruierte einer der Angestellten eine Weiche zur KATY Eisenbahn, die sie nach Henry Samuel „Bigfoot“ Wagoner benannten. Denn es wurde dringend ein Ort benötigt, wo die Eisenbahnwaggons abgestellt werden konnten, um sie mit Walnussholz zu beladen, das an den Ufern des Grand und Verdigris River wuchs. 1883 entschieden die Kansas und Arkansas Valley Bahngesellschaften schließlich, neue Schienen durch das Gebiet zu verlegen und von diesem Tag an war die bisherige Weiche eine Kreuzung von zwei Schienensträngen geworden. Öfen, Fensterglas, Handwerkszeug, Kleidung – alles, was benötigt wurde, sollte per Eisenbahn angeliefert werden.

Friedrich entwarf eine Skizze für seine Kirche, während einige der jungen, enthusiastischen Leute aufbrachen, um sich weiter außerhalb ihre Farmen zu errichten. Die einen entschieden sich, Geschäfte zu eröffnen, während andere wiederum anfingen, einen Stadtrat zusammenzustellen und einen Sheriff zu ernennen. Schon Ende September bestand die Siedlung aus Wohnhäusern, einem General Store, einer Bäckerei, einem Schmied, einem Mietstall und einer kleinen Kirche ohne Glocke. Auch eine Bank war im Gespräch, jedoch war der betreffende Angestellte noch nicht eingetroffen, der die Filiale leiten sollte. Eine Bankgesellschaft aus Kansas hatte sogleich die Chance gesehen, eine weitere Außenstelle in ihrem kleinen Ort zu eröffnen, der stetig wuchs.

„Sie muss jeden Tag mit der Bahn ankommen“, versicherte Friedrich nach dem sonntäglichen Gottesdienst, als er die Gemeinde in einen freien Tag entließ, der vielleicht die letzten Sonnenstrahlen vor dem Kälteeinbruch brachte. „Der Captain hat mir versprochen, sie sofort vorbeibringen zu lassen, wenn sie da ist!“

„Es wird wirklich Zeit, dass wir eine eigene Glocke bekommen“, lachte Miklós und reichte dem Pfarrer die Hand. „Damit ich nicht jeden Sonntag zur Kirche rennen muss, weil ich verschlafen habe!“

Miklós betrieb den Mietstall und hatte gleich einen Teil der Pferde von den Siedlern abgekauft, die sie nicht mehr brauchten. So besaß er nun eine beachtliche Anzahl von Tieren. Trotz des Siedlungsverbotes und der Tatsache, dass dieses Gebiet noch immer den Indianern gehörte, stießen ununterbrochen neue Trecks aus dem Osten zu ihnen und ließen sich in der Stadt nieder, die sie „Gibson Town“ getauft hatten. Einige wollten auch weiter, Richtung Westen und sich dort ein Stück Land suchen, aber viele blieben. Denn unter vorgehaltener Hand sprach es sich längst herum, dass es hier, im Süden, viel einfacher war, an Land zu kommen als weiter westwärts. Manchmal kamen nur Familien an, anderes Mal bunt gemischte Trecks mit jungen Männern und unverheirateten Frauen.

Es ließ sich auch nicht vermeiden, dass keine zwei Monate später der erste Saloon mit Tanzmädchen eröffnet und auch erfolgreich betrieben wurde. Von den anfangs etwas sechzig Personen war die Stadt innerhalb von nur wenigen Wochen um fast das fünffache angewachsen.

Auch an diesem Sonntag hatte ein Siedlertreck unweit vor der Stadt die Nacht verbracht, um von dort aus weiterzuziehen. Es waren nur um die zwanzig junge Männer aus aller Welt und sie wollten bei der Eisenbahn anheuern.

„Das ist alles vollkommen verrückt!“, meinte Hardy Retzner und verzog das Gesicht. „Zuerst warnt uns dieser Captain und dann finden wir heraus, dass es längst eine Bahnstation für die Eisenbahn gibt, nicht weit entfernt und das schon seit Jahren! Ich begreife das nicht und ich habe das Gefühl, dass es mehr als nur ein paar kleine Probleme mit den Indianern gibt. Ich bezweifle, dass sie auch nur einen Cent dafür bekommen, dass ihre Walnussbäume von diesen Kerlen auf die Wagen verladen werden!“

„Ach, sehen Sie doch nicht immer so schwarz!“, bat Julie, während sie langsam neben ihm die breite, kurze Straße hinabschlenderte, an deren beiden Seiten die Häuser ihres Ortes aus dem Boden gestampft worden waren. Alles einfache, in Holzblockweise errichtete Gebäude, alle braun und nichts Besonderes, doch in jedem steckte stundenlange Arbeit, Schweiß und der Stolz, es geschafft zu haben.

Doktor Retzner hatte sich ein winziges, ebenerdiges Häuschen gebaut, wo er im hinteren Teil lebte und im vorderen eine kleine Arztpraxis eröffnet hatte. Es lag fast genau in der Mitte der Stadt, die an ihrer Größe und Einwohnerzahl gemessen eigentlich noch gar keine war.

„Ich sehe schwarz?“, erwiderte er jetzt, als sie vor seiner Haustür stehenblieben. Er schüttelte den Kopf. „Ich sehe alles völlig klar, das ist ein Unterschied! Bisher haben die Indianer uns größtenteils in Ruhe gelassen, abgesehen von diesem einen Brand, den sie im Haus der Gyllenhales veranstaltet haben. Ich fürchte allerdings, das war nur ein Anfang, denn ihnen wird kaum entgehen, wieviele neue Siedler jede Woche hier einfallen, um sich über ihrem Land zu verteilen und es für sich zu beanspruchen! Und das, obwohl sie alle kein Recht dazu haben! Ich kann es nur immer wieder betonen.“

„Sie machen mir Angst!“, rief Julie vorwurfsvoll. „Ich will nicht, dass Sie solche Dinge sagen!“

„Sie werden Ihnen ins Auge sehen müssen“, erwiderte Hardy sehr ernst. „Sie gehören zu unserem neuen Leben genauso dazu, wie die Tatsache, dass bisweilen Wirbelstürme über diese Gegend hinwegfegen.“ Er fasste sie kurz am Kinn und lächelte aufmunternd. „Das habe ich in einer Zeitung gelesen, aber vielleicht stimmt es ja nicht. Wir haben wenigstens den Vorteil, eine große Truppe zu sein! Die Farmer draußen, in der Prärie, haben es da wesentlich schwerer.“

„Ach ja“, fiel Julie bei dem Stichwort ein. „Soll ich später noch zu Geertje hinausreiten und nach ihr sehen?“

„Oh ja, das wäre schön! Ich hätte nie gedacht, dass sie gleich wieder guter Hoffnung sein würde, kaum, dass sie und Torbjörn sich eine Parzelle gesucht haben!“ Er lachte.

„Ich mache mich gleich nach dem Mittagessen auf den Weg“, versprach Julie eifrig. Sie freute sich darauf, die junge Norwegerin endlich wiederzusehen. Es lag schon beinahe sechs Wochen zurück, seit sie das letzte Mal hinausgeritten war.

„Seien Sie bitte vorsichtig!“, bat Doktor Retzner und runzelte die Stirn. „Captain Harbach meinte, dass sich die Creek und die Cherokees wieder in die Haare bekommen hätten und sie lassen das wohl nicht nur an sich gegenseitig aus!“

„Keine Sorge, ich passe schon auf!“, versicherte Julie und wandte sich zum Gehen. „Ich muss nach Hause! Auf Wiedersehen!“

Er lächelte. „Auf Wiedersehen, Julie-Mädchen!“

Großen Schrittes marschierte sie die Straße hinab. Sie wusste, dass es unschicklich aussah und dass Luise sie schelten würde, doch Julie war viel zu aufgeregt, um sich darüber groß Gedanken zu machen. Sie freute sich, wieder einmal reiten zu können und vor allem, einen Nachmittag mit den Stromsons zu verbringen. Es war immer nett bei ihnen und Geertje konnte aus einfachsten Bestandteilen herrlichstes Gebäck zaubern. Sie musste es nur noch ihren Eltern schonend beibringen, denn der Sonntag war heilig und unantastbar in den Augen ihres Vaters. Ein Tag, an dem niemand arbeitete oder etwas tat, was ihn entheiligen könnte. Julie seufzte. Manchmal hasste sie es, die Tochter eines Pastors zu sein.

Ihr Haus lag einige Meter hinter der Hauptstraße zurückversetzt. So hatte Friedrich es sich gewünscht, denn dort wuchsen hohe, alte Bäume und unter denen wollte er zukünftig im Sommer sitzen und die Sonnenuntergänge beobachten. Es war ein einfacher Bau, nur aus dem Erdgeschoß bestehend. Ein Obergeschoß sollte erst später hinzukommen, jedenfalls sah das Friedrichs Planung vor. Ein kleiner Wohnraum mit angeschlossener Küche befand sich gleich hinter der Haustür. Von dort führten drei schmale Türen in die winzigen Schlafzimmer. Mehr gab es nicht. Gebadet wurde in einer kleinen Wanne im jeweiligen Schlafzimmer und die Wäsche wurde im See gewaschen.

Als Julie eintrat, fiel ihr Blick als erstes auf Hugh, der am Tisch saß und über den Unterlagen für den morgigen Unterricht brütete. Es gab keinen Lehrer unter den Einwanderern und so hatte jemand anderer die Stelle vorerst übernehmen müssen. Zunächst war die Wahl des Stadtrats auf Friedrich gefallen, doch dieser sah sich neben seinem Kirchendienst nicht dazu in der Lage, auch noch eine Schar von knapp fünfzig Kindern zu unterrichten und zu bändigen. Nach einigen Überlegungen hatten sie schließlich Hugh gebeten, die Aufgabe so lange zu übernehmen, bis mit einem anderen Siedlertreck vielleicht ein Lehrer ankommen würde. Zu Anfang war Hugh nicht begeistert gewesen von dieser Idee. Er selbst war gerade einmal neunzehn Jahre alt und was konnte er den Kindern schon beibringen? Gut, er beherrschte am besten Englisch von allen hier, inzwischen sogar besser als seine Schwester und er hatte in Deutschland die höchste Schule besucht. Dennoch war er dem Vorschlag zunächst sehr skeptisch gegenübergestanden. Er hatte noch nie unterrichtet und er besaß auch im Umgang mit Kindern nicht viel Erfahrung. Inzwischen lagen jedoch drei Wochen zurück und er hatte sich einige Bücher zusammengeliehen, ein paar aus dem Fort, andere von Bürgern des Ortes. So hatte er zumindest eine gewisse Grundlage für das, was er neben Englisch und Rechnen noch unterrichten konnte. Er begrüßte die Entscheidung des Stadtrats sehr, schnellstens richtige Schulbücher aus dem Osten zu bestellen und konnte ihre Ankunft kaum erwarten. Für Montag nahm er sich immer Erkunde zur Brust und deshalb blätterte er jetzt eifrig in einem Atlas mit bunten Bildern und einem Buch über die Substanzen im Erdboden und den Aufbau der verschiedenen Vegetationszonen. Dass er sich diesen wertvollen Band von Captain Harbach hatte persönlich ausleihen dürfen, machte Hugh besonders stolz und er behandelte ihn mit größter Sorgfalt.

Jetzt, als er die Türe neben sich aufschwingen bemerkte, hob er kurz den Blick, um ein „Hallo Julie!“ zu murmeln und sich dann wieder über die Unterlagen zu beugen.

Seine Schwester seufzte und schenkte ihm keine weitere Beachtung. Sie hatte sich eine ganz andere Strategie ausgedacht, um auf jeden Fall von hier fortzukommen. Zu ihrer Zufriedenheit stellte sie fest, dass der Rest ihrer Familie noch vor der Kirche versammelt sein musste, um ein sonntägliches Gespräch mit den Gemeindemitgliedern zu führen. Wie großartig! Julie eilte in ihr Zimmer und befreite sich von den unbequemen Röcken, dem Korsett und der steifen Jacke. Achtlos warf sie alles auf ihr Bett, um stattdessen in die schiefgelaufenen Stiefel und den Reitrock zu schlüpfen. Dazu trug sie immer eine weite, meist farbig karierte Bluse, wie es die Männer taten. Heute allerdings zog sie noch eine ärmellose Weste darüber, denn der Wind konnte am späten Nachmittag bereits empfindlich kühl werden.

Hugh blickte nicht auf, als sie wieder in den Wohnraum zurückkam, die Tasche in der Hand, die Hardy ihr bereits in St. Louis vermacht hatte und die Julie immer begleitete, wenn sie zu einem Patienten musste.

„Ich gehe dann! Sag Vater und Mutter, dass sie nicht auf mich warten müssen, mit dem Essen, meine ich. Es könnte später werden!“ Sie eilte zur Tür.

„Moment!“, rief Hugh ihr verdutzt nach. „Wo willst du denn hin? Und was hast du gesagt, soll ich ausrichten?“

Julie verzog das Gesicht. „Du sollte ihnen sagen...ach, ist doch egal! Ich muss zu den Stromsons hinaus und nach Geertje sehen!“

„Jetzt? Heute? Am Sonntag?“

„Warum nicht?“, rief Julie trotzig. „Du arbeitest heute auch und du bist sogar gleich nach dem Gottesdienst auf und davon! Warum sollte ich nicht zu Geertje reiten und sehen, ob es ihr gut geht?“

„Weil...weil...“ Hugh fiel kein passendes Argument ein. Er machte eine ärgerliche, wegwerfende Handbewegung. „Ach, hau doch ab! Wirst schon sehen, was Vater davon hält!“

„Jawohl, ich gehe!“ Julie riss die Tür auf und stürmte ins Freie. Wütend stapfte sie den Weg zu Miklós’ Stall hinauf. Sie hoffte inständig, er würde bereits da sein. Ansonsten sattelte sie sich einfach den großen Fuchs selbst, den sie immer ritt, wenn sie auf eine der Farmen musste. Bis dahin würde ihr ungarischer Freund bestimmt zurück sein. Tatsächlich war niemand im Stall anzutreffen, obwohl das große Tor an der Frontseite offenstand. Julie seufzte. Sie hasste es, den schweren Sattel alleine auf das große Tier hieven zu müssen, aber es half nichts. Es dauerte fast eine Viertelstunde, bis sie den Fuchs gesattelt und aufgezäumt hatte und dann erschien Miklós.

„Ah!“, sagte er und grinste. „Du! Hätte ich wissen müssen! Nur du holst einfach ein Pferd!“

„Entschuldige!“ Julie band ihre Tasche am Sattel fest. „Aber du weißt ja, dass ich ihn dir zurückbringe!“

Der Ungar lachte heiser auf. „Natürlich! Reite nur zu, Mädchen! Immer auf und davon! Brauchst mir dieses Pferd auch gar nicht mehr bringen! Lässt sich sowieso bloß von dir gut reiten!“

„Na, mein Vater wäre nicht begeistert!“, meinte Julie lachend, während sie sich in den Sattel schwang. „Er findet es schon sündhaft, dass ich überhaupt reite wie ein Mann!“

„Wie ein Mann?“, rief Miklós verständnislos. „Bei uns in Ungarn alle Mädchen reiten mit einem Bein rechts und einem links! Ist doch viel einfacher!“

„Bis heute Abend!“ Julie grinste und trieb das Pferd vorwärts. Sie mochte den Stallbesitzer und seine Sprüche, die er stets auf seine lustige Art mit inkorrekter Grammatik von sich gab. Er verriet sie nie, wenn sie wieder einmal davonritt und außer Hardy niemand wusste, wohin ihr Weg sie führte. Er gab ihr auch jedesmal ohne lange Fragereien den Wallach und verlangte kein Geld von ihr dafür, weil er wusste, dass sie irgendwo außerhalb der Stadt jemanden zu versorgen hatte.

Der Weg zur kleinen Farm der Stromsons führte über unwegsames, steiniges Gelände. Einen richtigen Weg gab es ohnehin nicht, nur einen schmalen Pfad, der zur Not auch mit einer kleinen Kutsche befahren werden konnte, das allerdings nur langsam. Julie kannte die Gegend und sie träumte ein wenig vor sich hin, wie sie es meistens tat, wenn sie zu einem der Siedler hinaus ritt. Dunkle Wolken machten sich von Westen her über dem Land breit, die wohl bald Regen bringen sollten. Auf einem der Felsformationen zu ihrer Linken, weit hinter dem Wald, schien jemand ein Feuer gemacht zu haben, denn weißer Rauch zog von dort langsam gen Himmel. Julie schenkte ihm keine weitere Beachtung, denn sie hatte das kleine Farmhaus beinahe erreicht. Es lag geschützt zwischen hohen Sträuchern am Fuße eines Hügels. Aus dem einfachen Steinkamin stieg Rauch auf und die Schafherde blökte in der großzügigen Umzäunung daneben.

Julie sprang aus dem Sattel und wickelte die Zügel kurzerhand um mehrere Äste eines Busches. Sie knotete ihre Tasche los, als sich bereits die Türe öffnete und Geertje heraustrat.

„Julie! Wie schön! Komm herein! Willst du ein Stück Apfelkuchen?“

„Danke, immer gern, das weißt du doch!“ Erst jetzt fiel ihr auf, dass ihr Magen knurrte. „Ich hatte noch gar kein Mittagessen!“

Geertje hielt ihr die Tür auf und wartete, bis Julie eingetreten war.

„Setz dich“, bat sie und eilte an den Herd. „Mir geht es bestens! Du bist ganz umsonst gekommen!“

Julie lachte leise auf. „Ich werde nicht wieder fort reiten, ehe ich mir deinen Zustand angesehen habe! Das würde mir Hardy nie verzeihen und ich mir auch nicht!“

„Mir geht es wirklich sehr, sehr gut!“, versicherte die junge Frau, während sie ein großes Stück Kuchen herunterschnitt und auf einen Teller legte. „Björn müsste auch gleich hier sein. Er wollte nur noch schnell den Zaun ablaufen, damit die Schafe heute Nacht nicht entwischen, falls ein Sturm hereinbricht und danach sieht es wohl aus. Du solltest dich lieber beeilen, wieder zurück in die Stadt zu kommen.“

„Danke!“ Mit leuchtenden Augen griff Julie nach der Gabel und stach einen großen Bissen vom Kuchen ab. Sie verspürte jetzt wirklich Hunger und war froh, etwas essen zu können.

Keine fünf Minuten später öffnete sich die Hintertür und Torbjörn trat ein.

„Hallo Julie!“, rief er munter. „Ich hab dein Pferd draußen gesehen!“

„Ist nicht meins“, erwiderte Julie mit vollem Mund. „Gehört Miklós!“

„Mmh“, machte der junge, strohblonde Norweger und richtete seine Aufmerksamkeit in Richtung Herd. „Das duftet aber!“

„Setz dich!“, lachte seine Frau. „Du wirst nicht verhungern!“

„Oben, bei den Felsen, scheinen sich die Indianer breitzumachen“, sagte Torbjörn leise, sodass nur Julie es verstehen konnte. Erschrocken starrte sie ihn an.

„Die Indianer?“, wiederholte sie gedehnt. „Bist du sicher?“

„Ziemlich“, nickte Torbjörn. „Ich habe jede Menge Hufspuren von unbeschlagenen Pferden gesehen!“

Julie schluckte. Sie wusste, was das bedeutete. Oft genug war ihr von ihrem Vater und Hardy eingeschärft worden, sich sofort in Sicherheit zu bringen, sollte sie Spuren unbeschlagener Pferde entdecken. Also war es jetzt vermutlich soweit, dass sie auszogen, um sie zu vertreiben von diesem Land, das ihnen nicht gehörte, das sie geraubt hatten, wie Hardy es immer wieder formulierte.

„Alles in Ordnung?“, fragte Geertje in ihre Überlegungen hinein.

„Was?“ Verwirrt starrte Julie sie einen Augenblick an, dann rang sie sich zu einem Lächeln durch. „Ja, ja...alles okay! Ich habe nur gerade überlegt....was in der kommenden Woche so alles ansteht!“ Sie schob den leeren Teller zurück und sprang hastig auf. „Am besten, ich reite schnellstmöglich zurück in die Stadt. Komm, lass mich dich kurz anschauen.“

Verwundert hob Geertje die Schultern und ging ihr voraus, in Richtung Schlafzimmer. „Wenn du meinst...“

Julie war froh, als sie die Untersuchung hinter sich gebracht hatte und der jungen Norwegerin mitteilen konnte, dass es dem Kind gut ging, soweit sie feststellen konnte.

„Du musst dich trotzdem schonen“, ermahnte sie streng und sagte sich, es höre sich wie Hardy an. „Sei bitte vorsichtig“, fügte sie sanfter hinzu. Sie lächelte. Sie und Geertje mochten sich und wenn sie davon sprechen konnte eine Freundin zu besitzen, dann war Geertje auf jeden Fall eine von ihnen.

Ein lautes Rufen ließ die beiden jungen Frauen herumfahren. Torbjörn stieß die Türe auf. „Runter! In Deckung! Indianer!“

Geertje wurde blass und stieß einen kurzen Schrei aus. Julie besaß mehr Kaltblütigkeit und packte die junge Frau kurzerhand an den Schultern, um sie auf den Fußboden neben dem Bett zu drücken.

„Bleib hier!“, befahl sie. „Du rührst dich nicht von der Stelle!“

Sie selbst huschte in gebückter Haltung hinüber in den Wohnraum, zu Torbjörn, der in der offenen Tür stand. Seine Winchester krachte und ein Schrei erklang von draußen. Ein weiterer Schuss und es war still, verdächtig still. Vorsichtig wagte Julie es, hinter ihn zu treten. Sie blinzelte und schaute hinaus. Zwei kleine, gescheckte Pferde ohne Sattel standen im Hof. Ihre beiden Reiter lagen ein Stück daneben, regungslos. Julie überlegte einen langen Moment. Es war ihre Pflicht, Menschenleben zu retten, ganz gleich welcher Rasse, Herkunft oder Geschlechts. Das hatte Hardy ihr immer und immer wieder eingebläut, doch das da draußen waren zwei Indianer, die vielleicht nur vorgaben, verwundet zu sein. Vielleicht wollten sie sie auch nur herauslocken, um sie dann umzubringen. Galt für sie nun dasselbe? War es diese Pflicht wert, dass sie sich selbst in Gefahr brachte? Julie schwirrte der Kopf.

„Ich kann keine anderen sehen“, raunte Torbjörn jetzt und schob sich behutsam einen Schritt nach draußen. „Seltsam.“

„Vielleicht dachten sie, mehr brauchen sie für euch beide nicht!“

Julie wagte sich neben ihm ins Freie, ihre Umgebung genau unter die Lupe nehmend, um jede Bewegung sofort wahrzunehmen. Sie konnte niemanden entdecken, kein Geräusch, nichts verriet, ob sich noch mehr Indianer in der Nähe aufhielten. Langsam, jeden Schritt genau bedenkend, ging Julie vorwärts. Nichts geschah. Kein Schuss fiel, kein Pfeil traf sie und auch die beiden Indianer rührten sich nicht. Zuerst trat Julie zu dem einen, der auf dem Bauch lag. Sie scheute sich davor, ihn zu berühren. Er trug Lederkleidung und sein Haar war lang und pechschwarz. Eine Feder war hinein geknotet und er roch seltsam scharf nach Leder, Fell und als habe er neben einem Feuer gestanden, rauchig und schwer.

Sie gab sich einen Ruck und beugte sich über ihn. Es kostete sie einige Kraftanstrengung, ihn auf den Rücken zu drehen. Zwei große, schwarze Augen starrten sie an, ein Rinnsal von Blut lief aus einem Loch in seiner Stirn. Entsetzt fuhr Julie hoch. Zum ersten Mal in ihrem Leben sah sie einen toten, erschossenen Menschen. Sie atmete stoßweise. Er war jung, kaum älter als sie selbst. Vergessen war die Möglichkeit, weswegen die beiden gekommen waren, jetzt siegte ihr Mitgefühl.

Hastig wandte Julie sich ab. Vielleicht lebte zumindest der andere noch. Er lag einige Schritte entfernt, zusammengekauert auf der Seite. Sein glattes, schwarzes Haar hing ihm in langen Strähnen ins Gesicht. Mit einem Blick erfasste Julie den Steckschuss an seinem Bein. Blut floss in Strömen heraus, tropfte auf die feuchte Erde und bildete dort einen dunklen Fleck. Sie kniete sich neben ihn. Behutsam strichen ihre klammen, zitternden Finger die Haare beiseite. Das junge, auf eigene Weise sehr hübsche Gesicht war auf jeder Wange mit zwei weißen Streifen bemalt. Zwei schwarze Augen schauten sie an, doch es waren keine toten Augen, sie waren ausgesprochen lebendig und feindselig. Erschrocken sprang Julie auf, einen leisen Schrei ausstoßend.

Torbjörn hatte mittlerweile die Gebäude umrundet und verkündete, dass er keine weiteren Spuren gefunden habe. Sofort kam er nun zu ihr geeilt, das Gewehr im Anschlag.

„Lebt er etwa noch, dieser rote Teufel?“

„Nicht!“ Fassungslos packte Julie die Waffe. „Du kannst ihn doch nicht einfach erschießen!“

„Warum nicht?“, brüllte Torbjörn. „Glaubst du, er hätte sich um uns geschert?“

„Das darfst du nicht!“, rief Julie und versetzte ihm einen energischen Stoß gegen die Brust. „Das wäre Mord!“

Ungläubig starrte der junge Mann sie an. „Willst...willst du etwa behaupten, du möchtest ihn laufen lassen?“

„Zuerst muss ich die Kugel herausholen und sein Bein verbinden!“

„Ihn auch noch verarzten?“, brüllte Torbjörn. Er schlug mit dem Lauf seiner Winchester nach ihr. „Nicht hier, nicht auf meinem Grund und Boden!“

„Wo denn sonst?“ Ärgerlich schüttelte Julie den Kopf. „Mit in die Stadt nehmen kann ich ihn schlecht. Ich glaube kaum, dass ich ihn dorthin bekomme.“

„Sie hat recht!“ Unbemerkt war Geerjte herausgekommen, um nachzusehen, ob alles in Ordnung war. Keiner von beiden hatte sie kommen bemerkt. „Du kannst diesen jungen Kerl nicht einfach erschießen!“ Ihre blauen Augen ruhten vorwurfsvoll auf ihrem Ehemann. „Das wärst nicht du! Das wäre nicht mehr der Torbjörn, den ich liebe und den ich geheiratet habe!“

Er schluckte. Sein Stolz verbot es ihm, Nachsicht walten zu lassen und sein Zorn war noch immer ungebrochen. Mit einer schnellen, fahrigen Bewegung strich er durch das hellblonde Haar.

„Sie werden zurückkommen!“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Und dann...“

„Wenn du ihn erschießt, werden sie das ganz bestimmt“, erwiderte Geertje mit einer Schärfe, die ihr kaum zuzutrauen war. „Aber wenn du ihm hilfst, wird er es vielleicht weitererzählen und sie werden uns verschonen!“

Es kostete Torbjörn einige Überwindung, doch die Worte seiner Frau schmerzten ihn. Er erkannte sich ja selbst kaum wieder! Endlich nickte er. „Also gut. Bringen wir ihn ins Haus.“

Zufrieden nahm Geertje ihm das Gewehr ab, damit er Julie helfen konnte, den jungen Indianer hineinzutragen. Kaum jedoch, dass Torbjörn ihn fassen wollte, versuchte dieser aufzuspringen. Hasserfüllt starrten seine dunklen Augen sie an. Sein verwundetes Bein konnte kein Gewicht tragen, es gab unter ihm nach und er sackte zusammen, doch irgendwie gelang es ihm, sich noch zu fangen und er landete nur auf den Knien.

„Wir...wir wollen dir helfen“, sagte Julie. Die großen Augen starrten sie misstrauisch an. Er verstand ganz offensichtlich nichts von dem, was sie sagte. „Helfen!“, sagte sie erneut und deutete auf seine Wunde. Als er nicht reagierte, beugte sie sich hinab und berührte sacht die Stelle, wo die Patrone in das Fleisch gedrungen war. Er zuckte vor Schmerz zurück und Julie wunderte sich über ihren eigenen Mut. Seine unergründlichen Augen fixierten sie noch immer, doch sie glaubte, ein Verstehen darin zu erkennen.

„Komm“, sagte sie und gab Torbjörn einen auffordernden Wink. „Geertje, bitte, bring das Gewehr irgendwohin, wo er es nicht sehen kann!“

Diesmal erlaubte der junge Indianer ihnen, ihn zu stützen und ihn zum Haus zu schleifen. Julie legte ihren Arm um seine kräftigen Schultern und wunderte sich, dass er es mit solch stoischer Ruhe geschehen ließ. Wie eigenartig und fremd musste das alles für ihn wirken, erst recht, nachdem er nichts von ihrem Gespräch zu verstehen schien. Sie hatten ihm noch nicht einmal das Messer weggenommen und halfen ihm stattdessen ins Haus! War es schiere Leichtfertigkeit oder waren sie einfach nur vollkommen dumm und naiv? Julie beobachtete ihn genau. Schweiftropfen bildeten sich auf seiner Stirn und sie fragte sich, ob sie von den Schmerzen verursacht wurden oder ob ihm ebenfalls so ungeheuerlich zumute war wie ihnen.

„Legt ihn auf den Tisch“, ordnete Geertje an, die vorausgeeilt war und das Gewehr hinter den Ofen stellte. „Ich koche Wasser auf!“

„Und ich werde die beiden Pferde einfangen und seinen Kumpanen darauf festbinden, damit er ihn später mitnehmen kann“, erklärte Torbjörn mit einem letzten, kritischen Blick auf den jungen Indianer, ehe er sich abwandte und hinauseilte. Er traute dem Kerl nicht, genauso wenig wie dieser ihnen traute.

„Was wirst du jetzt tun?“, fragte Geertje. Die Aufregung und Furcht war ihr anzumerken.

„Ich muss versuchen, die Kugel zu entfernen und die Blutung zu stillen“, entgegnete Julie, während sie bereits mit einem Messer das lederne Hosenbein aufschnitt, um sich die Wunde ansehen zu können. „Reiß irgendein sauberes Leintuch in Streifen“, bat sie, ohne aufzusehen. Der junge Mann musste große Schmerzen haben, denn er ballte seine Hände zu Fäusten und hörte nicht auf, mit den Zähnen zu knirschen. Julie arbeitete flink und geschickt. Sie hatte nur ein einziges Mal dabei zugesehen, wie Doktor Retzner einem jungen Cowboy eine Kugel entfernt hatte und das war in St. Louis gewesen. Sie konnte sich jedoch an alles exakt erinnern, was er ihr damals erklärt hatte. Sie wusste, welches Risiko sie einging. Ein falscher Schnitt und das Leben dieses jungen Indianers wäre vorüber, aber sie hatte keine andere Wahl. Mit der Kugel im Bein stand es ebenso schlecht um ihn. Sie bemühte sich, die Messerschneide schnell und gezielt zu setzen, um an die Kugel heranzukommen. Bald waren ihre Finger blutverschmiert, doch sie spürte unter der Haut und dem Fleisch, dass sie diese gleich zu fassen bekommen würde.

Sie wusste nicht, wie lange sie gebraucht hatte, dann hielt sie die Kugel zwischen den Enden der Pinzette und wunderte sich, welch mächtige Geschoße ein Gewehr abzufeuern vermochte. Hastig schüttete sie etwas Alkohol über die Wunde, ehe sie ein Stück des Leintuchs darauf presste und mit einem weiteren Streifen festband.

Erst jetzt richtete sie ihre Augen wieder auf das Gesicht des jungen Indianers. Seine Augen starrten regungslos zur Decke, die Lippen zu einem schmalen Streifen zusammengebissen. Nicht ein Laut, nicht eine Klage war während der ganzen Prozedur aus seiner Kehle gekommen. Julie hatte nicht bemerkt, dass Geertje die ganze Zeit über neben ihm gestanden und ihm mit einem feuchten Lappen den Schweiß vom Gesicht gewischt hatte. Dabei waren auch die beiden weißen Streifen auf jeder Wange abgewaschen worden und jetzt wirkte er nicht mehr ganz so furchterregend. Fasziniert betrachtete Julie sein kantiges Gesicht. Es war von eigentümlich bräunlicher Farbe, wie sie es noch nie zuvor gesehen hatte. Er schien ihren Blick zu bemerken, denn seine dunklen Augen suchten die ihren. Im Schein des Feuers, das im offenen Kamin brannte, leuchteten Julies bernsteinfarbene Augen beinahe golden und sie lächelte – weshalb, sie wusste es nicht. Sie lächelte einfach auf diesen fremden, jungen Wilden hinab, dem sie womöglich soeben das Leben gerettet hatte. Es war ihr unmöglich einzuschätzen, ob er es schaffen konnte oder nicht. Sie war kein Arzt, sie war nur ein törichtes Mädchen, das gelernt hatte, einem studierten Mediziner zu assistieren. Nie wieder, das schwor sie sich, würde sie es wagen, eine Operation auf eigene Faust durchzuführen, ganz gleich unter welchen Umständen.

„Hier!“ Geertjes leise Stimme riss sie aus den Gedanken. Noch immer starrte der junge Mann sie mit undefinierbarem Ausdruck an. Kein Zucken einer Wimper verriet, was in ihm vorging.

„Oh!“, machte Julie dankbar und tauchte ihre Hände in die Schüssel kalten Wassers. Das Blut hatte bereits zu trocknen begonnen und war nur schwer wieder abzuwaschen. Sie fühlte sich furchtbar müde und wie erschlagen. Erst jetzt fiel ihr auf, wie dunkel es durch die Regenwolken draußen geworden war.

„Du liebe Güte!“, entfuhr es ihr, als sie die Bäche von Wasser bemerkte, die vom Himmel stürzten und auf das Dach des Hauses trommelten.

„Ja“, erwiderte Geertje. „Kein besonders gutes Wetter für deinen langen Heimritt!“

Julies Blick richtete sich wieder auf den Indianer. „Wir lassen ihn noch ein wenig liegen. Ich bin sicher, er wird entweder darauf aus sein, uns den Garaus zu machen oder zu entkommen. Aber ich würde sagen, er ist zu beidem nicht in der besten Verfassung.“

„Soll ich ihm etwas zu trinken geben? Vielleicht Kaffee?“, fragte Geertje.

„Lieber nicht!“ Julie schüttelte den Kopf. „Lieber Wasser, denn ich bezweifle, dass er Kaffee jemals zu sich genommen hat.“

Bald darauf kam Torbjörn zurück, durchnässt und verdreckt. Er betrachtete den ungeladenen Gast in seinem Hause misstrauisch, während er Holz nachlegte und sich an den Kamin stellte.

Julie saß auf einem Stuhl neben dem Tisch. Sie beobachtete den jungen Indianer, der ihr von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick zuwarf. Seine Miene hatte sich ein wenig entspannt, die Schmerzen schienen allmählich erträglicher zu werden. Es war Julie unmöglich, ihren Blick von ihm abzuwenden. Einerseits war sie fasziniert von seinem fremdartigen Aussehen, andererseits spürte sie eine tiefe Furcht vor ihm. Sein schwarzes Haar hing lang, bis fast auf seine Hüften hinab und jetzt über den Rand des Tisches. Behutsam streckte Julie den Arm aus, um es zu berühren. Es fühlte sich fest und dick an, fast ein wenig wie der Schweif eines Pferdes. Die großen, dunklen Augen beobachteten sie genau, doch schienen sie nicht zu wissen, was sie davon halten sollten. Schnell, über ihr eigenes Verhalten entsetzt, zog Julie ihren Arm zurück und sprang auf.

„Ich glaube, es ist Zeit, dass er versucht, aufzusitzen.“ Sie wartete nicht ab, bis Torbjörn ihr zu Hilfe kam, sondern griff nach dem muskulösen Arm und zog daran. Der junge Indianer verstand. Langsam richtete er sich auf, seine Hand griff nach seinem Oberschenkel. Kein Zucken, keine Veränderung seiner Miene verriet, ob er Schmerzen verspürte oder nicht. Er schwang die Beine vom Tisch und belastete das unverletzte rechte.

Zweifelnd runzelte Torbjörn die Stirn. „Glaubst du wirklich, dass er reiten kann?“

„Er wird müssen“, erwiderte Julie leise. „Du wirst ja kaum heute Nacht ein Auge auf ihn werfen wollen!“

„Auf keinen Fall!“, rief Torbjörn prompt und beobachtete, wie der junge Indianer zur Tür humpelte, noch immer von Julie gestützt.

Einen Augenblick zögerte er, als ihm der kalte, prasselnde Regen entgegenschlug, doch dann erblickte er die beiden Pferde an dem Strauch, neben Julies Fuchs, direkt am Haus. Zwei Schritte genügten, um sie zu erreichen. Sie ließ ihn los und trat zurück. Sie musste noch immer damit rechnen, dass er Rache nahm und das ausführte, weshalb sie vermutlich hergekommen waren – nämlich, die kleine Farm zu plündern und die Stromsons zu ermorden.

Nur mit Hilfe seiner muskulösen Arme zog er sich auf den Rücken des Braunschecken, dann griff er nach den Zügeln des anderen Pferdes. Er warf einen letzten, abschätzenden Blick zurück auf die drei Weißen, die im Eingang des Hauses standen und ihn beobachteten. Er schien ihnen noch immer nicht zu trauen, denn er trieb sein Reittier sofort in Galopp und preschte mit ihm davon, den sanften Anstieg hinauf und war im nächsten Moment hinter den Bäumen verschwunden.

„Grund gütiger!“, entfuhr es Geertje und sie atmete auf. „Was für ein Tag!“

„Einer der Soldaten aus dem Fort hat mir erzählt“, sagte Torbjörn, die Augen zusammenkneifend, „dass die Bemalung des Gesichts bedeutet, dass sie sich auf dem Kriegspfad befinden.“

„Auf dem Kriegspfad?“, wiederholte Julie, während ihr ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Um Himmels Willen! Ich muss sofort zurück zur Siedlung! Vielleicht haben sie dort auch zugeschlagen und es waren deshalb bloß zwei von ihnen hier, bei euch!“

Geistesgegenwärtig war Torbjörn ins Haus zurückgeeilt, um Julies Instrumententasche zu holen. Julies Hände zitterten, als sie diese am Sattel festknotete. Der Regen fiel noch immer in großen Tropfen auf sie herab; sie nahm es kaum wahr. Während sie einem dieser Indianer, von dem sie weder einen Namen, noch sonst etwas wusste, die Kugel entfernt hatte, war der Rest vielleicht in die Siedlung eingedrungen! Bilder, die ihr Entsetzen und ihre Panik nur noch verstärkten, erschienen vor Julies Augen. Sie konnte sich noch genau an den Brand der beiden Häuser erinnern, die durch die Pfeile der Indianer entstanden waren und sie hörte noch immer die Schüsse aus den Colts und Gewehren der Verfolger. Nie würde sie das vergessen können, niemals.

Sie winkte den Stromsons zum Abschied, ehe sie den Fuchs antrieb, der dankbar in einen runden, ausgreifenden Galopp fiel. Er stand seit über drei Stunden nun schon in der Kälte und dem Regen und er wollte nach Hause, in seinen warmen, gemütlichen Stall und zu seinem Futter.

Julie merkte kaum, wie die mittlerweile vertraute Landschaft an ihr vorbeiflog. Sicher trug der Wallach sie über Steine und Geröll, Büsche und Kaninchenlöcher hinweg ohne zu straucheln. Sie ließ ihm die Zügel lang und er suchte sich seinen Weg alleine. Er kannte ihn und sein innerer Instinkt lenkte ihn besser, als je ein Mensch dazu fähig gewesen wäre.

Hinter der nächsten Biegung des kaum sichtbaren Pfades lag die Siedlung und Julie atmete erleichtert auf, als sie alle Häuser unversehrt vor sich auftauchen sah. Sie zügelte den Fuchs und ließ ihn im langsamen Trab die Hauptstraße hinablaufen. Er schnaubte laut und keuchend und bockte ein wenig. Er schien trotz des langen, schnellen Rittes noch nicht erschöpft zu sein. Vor der Praxis von Doktor Retzner hatte sich ein Menschenauflauf gebildet und Julie kniff verwundert die Augen zusammen. Es schien ihr, als seien alle Bewohner hier zusammengekommen, sogar die Frauen und einige Kinder. Hinter den Menschen erblickte sie einige Pferde und Soldaten und in dieser Sekunde wusste sie, dass etwas geschehen sein musste.

„Juliane!“ Der Aufschrei ihrer Mutter brachte Bewegung in die Gruppe und aufgeregte Rufe und erleichtertes Geschrei schlugen ihr entgegen.

„Julie!“ Hardy war als erster bei ihr, zog sie aus dem Sattel, schüttelte sie. „Sind Sie in Ordnung? Ist Ihnen auch nichts passiert?“

Verständnislos blinzelte Julie ihn an. „Nein! Was soll mir denn passiert sein?“

Jetzt erreichten auch ihr Vater, Hugh und Nikolaus sie. Ihr kleiner Bruder umarmte sie stürmisch und presste sein Gesicht gegen ihren Bauch.

„Gott sei Dank!“ Friedrichs große, rauhe Hand fuhr ihr durch das zerzauste Haar. „Dir ist nichts geschehen!“

„Was ist denn los mit euch?“ Kopfschüttelnd blickte Julie in die Runde. Sie gab sich ahnungslos. „Ich bin doch nur zu den Stromsons hinausgeritten!“

„Die Cherokees!“, stieß Friedrich aufgeregt hervor. „Sie befinden sich auf dem Kriegspfad! Sie haben einen Siedlertreck kurz vor dem Fort überfallen und alle umgebracht, alle! Männer, Frauen und Kinder und die Tiere haben sie mitgenommen!“

„Was bin ich froh, dass dir nichts geschehen ist!“ Tränen glänzten in Luises Augen und sie streichelte kurz die Wange ihrer Tochter, eine Geste, die Julie überhaupt nicht von ihr kannte. Sie blickte in die Runde. Auch Hugh lächelte erleichtert und Nikolaus wollte sie überhaupt nicht mehr loslassen, ebensowenig wie Hardy, dessen Arm noch immer beschützend um ihre Schulter lag. Verwirrt fasste Julie sich an die Schläfen. Siedlertreck...Kriegspfad...Tote... Sie schloss die Augen. Die Erschöpfung und Aufregung der letzten Stunden war auf einmal zu viel. Sie konnte sich nicht einmal jemandem mitteilen, zumindest nicht sofort. Dabei war sie so stolz auf sich selbst auf sich und ihre Fähigkeiten!

„Sie sind ja ganz blass“, stellte Hardy auf einmal fest und dann hob er sie auch schon auf seine Arme, ehe sie überhaupt protestieren konnte. „Das muss der Schock sein! Hugh, mach’ mir die Türe auf! Ich bringe sie erstmal in die Praxis!“

Julie verspürte einen eigenartigen Schwindel und dann merkte sie nur noch, wie Doktor Retzner sie fort trug, zwischen den anderen Bewohnern ihrer Stadt hindurch und wie das Stimmengewirr über ihr zusammenschlug.

Als Julie wieder zu sich kam, war es draußen bereits finstere Nacht. Sie blinzelte, denn das schwache Licht der Petroleumlampe blendete sie im ersten Moment. Als nächstes fiel ihr Blick auf Hardy, der sich lächelnd über sie beugte und danach auf Hugh, der nur einen Schritt daneben stand.

„Na?“, fragte der Österreicher auf Deutsch und in seinem typischen, breiten Akzent. „Sind wir wieder zurückgekehrt?“

„Was...ist denn?“, fragte Julie, noch immer benommen. „Sind die Cherokees...“

„Nein, nein“, unterbrach Hardy sie beruhigend. „Sie sind mitten auf der Straße zusammengebrochen!“

„Mir geht’s gut“, versicherte Julie und wollte sich aufrichten, doch zwei Hände hielten sie zurück.

„Immer schön der Reihe nach!“ Hardy lächelte. „Erzählen Sie mir lieber, was Sie angestellt haben, dass Sie so lange weg gewesen sind! Ist mit Geertje alles in Ordnung? Sie hat das Kind doch nicht etwa verloren? Oder haben Sie bei einer Schafgeburt geholfen?“

Er hob ihre Hände hoch, damit sie sehen konnte, dass sich unter ihren Fingernägeln noch immer Blut befand. Julie verzog den Mund. Am liebsten hätte sie es vorerst für sich behalten. Sie fühlte sich viel zu müde und erschöpft, um jetzt zu berichten, was geschehen war, doch zwei Augenpaare ruhten gespannt und drängend auf ihr und sie seufzte leise.

„Nichts weiter ist passiert“, sagte sie leise, auf ihre Hände starrend. „Geertje geht es bestens.“

„Was hast du dann angestellt?“, wollte nun auch Hugh wissen und drückte ihr brüderlich den Unterarm.

Eine lange Pause entstand. Schließlich zuckte Julie die Schultern. Es hatte keinen Sinn, länger zu schweigen. Spätestens, wenn Torbjörn das nächste Mal in die Stadt kam, um im General Store Besorgungen zu erledigen, würden es alle erfahren. Diese Vorstellung war ihr unangenehm.

„Ich...ich habe einem Indianer eine Kugel entfernt“, erklärte sie leise.

„Sie haben – was?!“ Ungläubig packte Hardy sie an den Schultern. „Wissen Sie eigentlich, was Sie da reden?“

„Ja“, entgegnete Julie ernst. „Ich sage die Wahrheit. Zwei von ihnen wollten die Farm überfallen und Torbjörn hat auf sie geschossen. Der eine war gleich tot und der andere hatte einen Steckschuss im linken Oberschenkel. Ich habe ihm die Kugel herausgeschnitten und nach etwa zwei Stunden ist er auf sein Pferd gestiegen und davongeritten.“

„Gott, Julie!“ Ungläubig schüttelte Hardy den Kopf und auch Hugh musste sich mit den Händen übers Gesicht fahren. „Sie hätten tot sein können, verstehen Sie? Tot! Wenn sich diese Indianer auf dem Kriegspfad befinden, sind sie zu allem fähig! Und sie machen keinen Unterschied zwischen Mann, Frau oder Kind! Das haben Sie doch vorhin gehört!“

Tränen brannten in den bernsteinfarbenen Augen. „Aber...“, brachte sie stockend hervor. „Ich habe ihm doch bloß geholfen! Das war doch meine Pflicht! Ich konnte doch nicht zulassen, dass Torbjörn ihn erschießt!“

Zerstreut tätschelte Doktor Retzner ihr die Hand, ehe er sich durch das blonde Haar fuhr. „Nein...nein, Julie-Mädchen. Natürlich konntest du das nicht!“

Er wandte sich ab und trat ans Fenster, um hinauszustarren. Dafür setzte Hugh sich neben seine kleine Schwester und strich ihr das vom Regen zerzauste, struppige Haar aus der Stirn. Er lächelte, doch seine braunen Augen blickten besorgt. „Du bist vollkommen verrückt. Was machst du nur für Sachen?“

„Nichts“, erwiderte Julie leise und biss sich auf die Lippen. „Nichts, außer, dass ich einem Menschen vielleicht das Leben gerettet habe.“

„Er wollte euch überfallen!“ Hugh versuchte, ihr Vernunft einzubläuen, ihr begreiflich zu machen und sah sich doch außerstande dazu. „Er wollte euch umbringen! Er hätte keine Gnade gekannt!“

„Das hat Torbjörn auch gesagt.“ Julie schluckte. „Aber hätte ich ihn deswegen sterben lassen dürfen? Hätte ich das denn vor unserem Glauben, der Kirche und Gott verantworten können?“

Hugh senkte den Blick und schwieg. Er konnte darauf nichts erwidern, denn er wusste die Antwort selbst nicht. Gab es denn nicht den einen, wichtigen Grundsatz, dass alle Menschen gleich waren und damit auch die Indianer? Weshalb verfiel er nur zu gern in die Angewohnheit, sie außen vor zu lassen, sie als etwas Minderwertiges zu sehen?

Julies leise Stimme riss ihn aus den Gedanken: „Er hat doch dasselbe Recht hier zu sein, wie wir, oder etwa nicht? Eigentlich hat er sogar noch viel mehr Rechte als wir, denn das ist doch immer noch sein Land! Ihr wart doch diejenigen, die immer gesagt haben, wir hätten es uns geraubt! Hat er dann nicht jede Rechtfertigung dafür, uns fortjagen zu wollen?“

Hugh und Hardy wechselten einen langen, kritischen Blick. Sie kannten die Antwort darauf. Sie alle kannten die Wahrheit und wollten sie doch nicht aussprechen – nicht aussprechen und sie sich auch nicht eingestehen.

Die Siedlung

„Ruhe!“, brüllte Hugh aus Leibeskräften und schlug mit dem langen Zeigestock auf den einfachen Holztisch, der sein Pult darstellte. „Ruhe, habe ich gesagt! Verdammt nochmal! Ihr macht alle die doppelten Hausaufgaben, wenn ihr nicht auf der Stelle euren Mund haltet!“

Schlagartig war es mucksmäuschenstill in der winzigen Hütte, die lediglich deshalb als die hiesige Schule erkannt wurde, weil ein großes Schild über dem Eingang darauf hinwies. Ansonsten unterschied sie sich nicht von der einfachen Bauweise aller anderen Gebäude. Hugh atmete auf. Die mehr als fünfzig Kinder überforderten ihn bisweilen, denn sie merkten, dass er viel zu gutmütig war, als dass er je dazu fähig gewesen wäre, seinen Stock zur Prügelstrafe einzusetzen. Er ließ einen strengen Blick über seine Schüler gleiten, ehe er sie aufforderte: „Schlagt das Englischbuch auf! Wir machen auf Seite zweiundzwanzig weiter!“

Es gab längst nicht genug Bücher für alle und es mussten sich mindestens immer zwei Kinder ein Buch teilen. Hugh seufzte innerlich. Er war kein guter Lehrer. Er hatte nur versuchen können, das Beste aus der Situation zu machen. So hatte er die Kinder in etwa drei gleich starke Gruppen eingeteilt: Die, die noch gar nichts konnten – weder schreiben, noch lesen oder rechnen; diejenigen, die in ihrer Heimat zumindest schon einmal eine Schule besucht hatten und die größeren, die ohnehin bald zur Arbeit gehen würden, anstatt hier herumzusitzen und sich von ihm etwas sagen zu lassen.

Der Reihe nach ließ Hugh jedes von ihnen einen Satz des Textes lesen, denn es lag ihm viel daran, dass sie alle in kurzer Zeit ein perfektes Englisch beherrschten. Das war in seinen Augen das Wichtigste, wenn sie in diesem Land überleben oder es gar zu etwas bringen wollten. Sein Blick fiel auf die Turmuhr der Kirche, die schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite stand. Die ersten Gräber waren auf der Wiese dahinter hinzugekommen. Einer der älteren Männer war an Herzversagen gestorben und zwei der Kleinkinder einer Darminfektion erlegen. Langsam schlug Hugh das Buch zu. Er würde heute fünf Minuten früher aufhören, er war heute weder in Stimmung, noch besaß er die Motivation, die unruhigen Kinder zurückzuhalten, denn die wussten natürlich instinktiv, dass es jeden Augenblick für diesmal überstanden war.

„In Ordnung!“, sagte Hugh und hob die rechte Hand. „Ihr kennt eure Hausaufgaben! Wir sehen uns morgen und seid bitte pünktlich! Bei ein paar steht der dritte Strafpunkt wegen Zuspätkommens an und ihr wisst, was das bedeutet!“

Er brach ab. Von überall her ertönten die „Auf Wiedersehen!“-Rufe und mit lautem Geschrei stürzten die Kinder nach draußen. Hugh seufzte und verdrehte die Augen. Ja, seine lieben Schüler wussten ganz genau, was ein dritter Strafpunkt wegen Zuspätkommen bedeutete – nachsitzen. Ihm allerdings graute bei dieser Vorstellung noch viel mehr als den Kindern vermutlich. Er hasste es, sich mit ein paar einzelnen herumzuärgern, die ihm dann auch noch grollten und sowieso nichts anderes wollten als nach draußen, um mit ihren Freunden zu spielen. Selbst Nikolaus war heute gleich hinausgerannt, ohne auf ihn zu warten. Hugh schmunzelte. Nun, auch Nikolaus wurde im nächsten Jahr bereits dreizehn und er begann ganz allmählich, sich auf eigene Beine zu stellen und sich von seiner Familie abzunabeln.

Hugh packte seine Bücher und die Arbeitsblätter zusammen. Draußen pfiff ein eisiger Wind um die Häuser. Es war mittlerweile November und der erste Schnee lag, zwar dünn aber immerhin, auf der Prärie und den Bäumen.

„Grüß dich, grießgrämiges Brüderchen!“, sagte eine lachende Stimme vom Eingang her und Hugh musste nicht den Blick heben, um zu wissen, wer es war.

„Was für eine Begrüßung ist das denn? Du hörst dich schon an, wie einer dieser Herumtreiber!“ Er grinste sie überlegen an. „Heute gar nicht unterwegs?“, fragte er scheinheilig, wusste er doch, dass seine Schwester keine Gelegenheit entgehen ließ, sich in den Sattel des Fuchshengstes zu schwingen – zum Leidwesen ihrer Mutter.

„Ich war schon längst“, erwiderte Julie und kam zu ihm geschlendert, um sich auf sein Pult zu setzen. „Zuerst war ich bei den Stromsons, dann bin ich zu Miklós und seiner Frau, beide hat die Grippe erwischt und danach waren wir draußen, bei dem Siedlertreck, der vor der Stadt lagert. Hardy meint, ein paar hätten Typhus.“

„Typhus?“, wiederholte Hugh alarmiert und starrte sie an. „Pass bloß auf, dass du dich nicht ansteckst!“

„Ja, ja!“, machte Julie ungeduldig. „Wusstest du, dass sie sich bei uns niederlassen wollen?“

„Nein“, gab Hugh zurück und schloss seine Tasche. „Das einzige, was ich weiß ist, dass vorher ein paar Soldaten vom Fort aufgekreuzt sind und sich gleich mit Vater und Sheriff O’Connor zusammengesetzt haben.“

Burt O’Connor war Ire und gleich nach ihrer Ankunft zum Sheriff ernannt worden. In seiner Heimat hatte er bei der Gendarmerie gedient und schien somit prädestiniert für den Posten als Ordnungshüter. Zu tun gab es ohnehin nicht viel für ihn, abgesehen von den regelmäßigen Samstagabend-Schlägereien. Wenn im Saloon große Tanzabende veranstaltet wurden, bekamen sich immer wieder junge Männer in die Haare oder brachen mit ein paar Soldaten vom Fort einen Streit vom Zaun, die sich eingeschlichen hatten – verbotenerweise natürlich.

„Das bedeutet nichts Gutes“, entfuhr es Julie und ihre Stirn legte sich in viele kleine Falten.

Neckend zwickte Hugh sie in die Rippen. „Du kannst dich ja im Ernstfall bei Hardy verstecken! Der passt bestimmt sehr gern auf dich auf!“

„Bei Hardy?“ Verständnislos schaute Julie ihn an. „Wie kommst du ausgerechnet auf Hardy?“

„Jetzt tu’ doch nicht so unschuldig“, grinste Hugh. „Glaubst du, es wüsste nicht längst jeder in der Stadt, dass ihr ineinander verliebt seid?“

Julie lachte laut auf. Endlich begriff sie. „Verliebt? Ich und Hardy? Ha, das ist das Lustigste, was ich seit langem gehört habe! Verliebt! Ich in Hardy! So ein Unfug!“

Verdutzt hielt Hugh in seiner Bewegung inne. „Du meinst, ihr habt nicht die Absicht, irgendwann zu heiraten?“

„Heiraten?“, stieß Julie prustend hervor. „Ich will Hardy doch nicht heiraten! Er ist nett, sehr nett sogar, aber doch kein Mann, den ich heiraten würde!“

Hugh schluckte und kratzte sich verlegen an der Schläfe. Er kannte den österreichischen Arzt mittlerweile gut genug, um zu merken, dass dieser ganz andere Gefühle für seine kleine Schwester hegte, als diese offensichtlich für ihn.

„Hardy ich doch kein Mann für mich“, erklärte Julie jetzt, sehr ernst. „Er ist ein guter Freund, aber verliebt? Nein! Wieso sollte ich ihn also heiraten wollen?“

Hugh unterdrückte ein Schmunzeln. „Weißt du überhaupt, wie sich das anfühlt? Wenn man verliebt ist, meine ich?“

Ein verträumter Ausdruck legte sich auf das runde Gesicht seiner Schwester. „Ja, ich glaube schon und dabei weiß ich nicht einmal, wie er heißt. Ich bin ihm nur ein einziges Mal begegnet, aber als ich angesehen habe... Hugh, noch nie hat ein Mensch solche Gefühle in mir ausgelöst. Ganz plötzlich habe ich gewusst, dass ich mich in ihn verliebt habe. Ist das nicht eigenartig?“

„Nein“, erwiderte ihr großer Bruder. „Nein, ich glaube nicht. Es ist etwas ganz Natürliches, was jeder irgendwann einmal erfährt!“

„Ach, spielt ja keine Rolle. Wahrscheinlich werde ich ihn sowieso nie wiedersehen.“ Julie seufzte, ein wenig betrübt. Sie hatte immer wieder an ihn denken müssen in den zurückliegenden Monaten, seitdem sie hier angekommen waren. Jedesmal, wenn Soldaten vom Fort herübergekommen waren, hatte sie Ausschau gehalten, ob er mit dabei wäre, doch kein einziges Mal hatte sie ihn entdecken können. „Wahrscheinlich ist er längst woandershin versetzt worden.“

Hugh hielt verdutzt inne. „Einer der Soldaten vom Fort?“

Julie lächelte weggetreten. „Er war an dem Tag mit Captain Harbach am Tor gestanden, als wir angekommen sind.“

„Da waren ein paar Männer“, erinnerte sich Hugh sehr vage.

„Er war groß und blond und er hatte die blausten Augen, die ich jemals gesehen habe.“

Hugh lachte, ein wenig belustigt und kratzte sich am Kopf. „Du bist schon ein wenig zurückgeblieben, Schwesterchen. Du hast kein Wort mit ihm gewechselt und glaubst, in ihn verliebt zu sein! Sieh lieber zu, dass du dich in Hardy verliebst! Damit wäre uns allen geholfen!“

Julie schwieg. Sie wollte doch gar nicht Hardy lieben! Sie schreckte bei der Vorstellung zurück, mit einem Mann verheiratet zu werden, den ihr Vater als gut befand und für den sie aber nicht die nötigen Gefühle empfand. Sie wollte nicht heiraten, weil es praktisch war! Das Leben musste doch noch mehr zu bieten haben, als jemanden zu ehelichen, den ihre Eltern als recht und anständig empfanden, um danach als Hausfrau und Mutter zu enden. Es musste einfach noch mehr geben! Es konnte nicht alles im Leben einer Frau sein, bloß Mutter und Misses Sowieso zu werden!

„Lass uns nach Hause gehen“, meinte Hugh und schob sie zur Tür hinaus, wobei er sie aus ihren trostlosen Überlegungen bezüglich ihrer Zukunft riss. „Dann ziehst du dir erstmal diesen verdammten Reitrock und die Stiefel aus und kleidest dich, wie es sich für eine anständige Frau unserer Gesellschaft gehört! Und dann bekommst du Tanzstunden von mir, damit du dich unter die anderen jungen Leute mischen kannst und nicht ständig nur über irgendwelchen Büchern sitzt! Vielleicht ist ja unter den neuen Siedlern einer dabei, der dir als Ehemann taugt!“

Er hielt sie am Ellenbogen fest, als fürchtete er, sie könnte ihm entwischen. Nur widerwillig ließ Julie sich von ihm hinterdrein zerren. Ihr rebellisches Wesen schrie in ihr, dass sie sich das nicht gefallen lassen dürfe, dass sie anständig gekleidet war – jedenfalls für ihren Geschmack – und dass sie überhaupt nicht tanzen können wollte! Doch eher hätte sie sich die Zunge abgebissen als jetzt, hier auf der Straße und in aller Öffentlichkeit, einen Streit mit Hugh vom Zaun zu brechen. Sie wusste aus Erfahrung, dass er den größere Dickschädel von ihnen beiden besaß und nicht locker ließ, ehe er seinen Willen nicht durchgesetzt hatte.

Vor der Arztpraxis standen drei Pferde angebunden und an der Art ihrer Sättel und Zaumzeuge war zu erkennen, dass sie vom Fort sein mussten. Also war die Besprechung noch immer nicht beendet. Weder Hugh, noch Julie sprachen ein weiteres Wort, ehe sie bei ihrem Haus angelangt waren.

„Nein!“, schrie Doktor Retzner und schlug so heftig mit der Hand auf den Tisch, dass alle, die rundherum versammelt standen, erschrocken zurückfuhren. „Nein, nein, nein!“

„Aber Hardy!“, versuchte Friedrich ihn zu besänftigen. „Captain Harbach will doch nur unsere Sicherheit und...“

„Was Captain Harbach will“, fiel Doktor Retzner ihm wutentbrannt ins Wort, „ist, gegen ein Volk sein Gewehr erheben, das alle Rechte auf seiner Seite hat, uns von hier zu vertreiben!“

„Diese roten Teufel haben überhaupt keine Rechte, nach unserem Gesetz!“, rief Sheriff O’Connor.

Ein scharfer Blick Doktor Retzners traf ihn. „Nach dem Gesetzbuch vielleicht nicht, aber es gibt noch ein anderes Gesetz und zwar das des Christentums und der Menschlichkeit und das zählt in meinen Augen mehr als jedes andere! Selbst, wenn wir uns auf die Paragraphen der Vereinigten Staaten von Amerika berufen, befinden wir uns auf Grund und Boden den diese Regierung den Indianern zugesprochen hat!“

„Die Verhandlungen zwischen Washington und den oberen Häuptlingen wurden bereits wieder aufgenommen!“, mischte Captain Harbach sich jetzt ein. „Es gibt mehrere Anträge im Kongress, um das Land für die Besiedlung freizugeben. Im Moment ist alles jedoch in der Schwebe, obwohl ich fest davon überzeugt bin, dass es früher oder später passieren wird. Es ist nur eine Frage von Tagen, bis der große Run auf das Land beginnt. Wir können die ganzen Trecks jetzt schon nicht mehr kontrollieren, die über sämtliche Grenzen in das Territorium strömen. Im Übrigen, mein lieber Doktor: Wenn Sie solche Bedenken haben, weshalb sind Sie dann überhaupt hierher gekommen?“

„Offen gestanden frage ich mich das allmählich auch!“, stieß Hardy zornig hervor. „Dieser unselige Mensch, von dem wir hergebracht worden sind, hat uns hier sozusagen abgeliefert und sich dann mitsamt unserem Geld aus dem Staub gemacht! Wertvolle Dollars, die wir ihm nur dafür bezahlt haben, dass er uns in eine Gegend bringt, die uns nicht zusteht! Das einzige, was wir tun könnten wäre, wieder abzuziehen und diesen Raub rückgängig machen!“

„Dieses Land ist viel zu fruchtbar und wertvoll, als dass wir es einfach diesen Wilden überlassen können!“, rief Sheriff O’Connor aufgebracht.

„Ah, machen Sie sich nicht lächerlich!“, brüllte Doktor Retzner und fuhr ruckartig herum. „Macht doch alle, was ihr wollt!“

„Na, na!“ Beschwichtigend hob Captain Harbach den Arm. „Immer mit der Ruhe! Bisher haben wir nicht allzu viele Opfer der Indianerüberfälle zu beklagen. Ein paar einzelne Siedlertrecks und Farmen, aber ich kann Ihnen nicht versprechen, ob nicht Ihr Ort der nächste sein wird! Morgen früh werden ich und ein paar Männer hinausreiten, um mit dem Häuptling der Cherokees zu verhandeln. Vielleicht können wir sie davon überzeugen, ihr Kriegsbeil zu begraben und mit diesen verdammten Überfällen solange aufzuhören, bis es zu einer Einigung mit der Regierung kommt.“

„Nur verhandeln?“, fragte Friedrich und runzelte bedenklich die Stirn. „Meinen Sie, die hören auf Sie?“

Captain Harbach hängte seine Daumen am Revolvergürtel ein. „Verehrter Pastor! Die Strategie, mit der ich gegen die Indianer und ihre Überfälle vorgehe, müssen Sie schon mir überlassen! Die Regierung sieht es nunmal nicht besonders gern, wenn in unserem Gebiet ständig irgendwelche Trecks oder Kutschenkolonnen überfallen werden, denn das nächste könnte unsere Eisenbahn sein, die das Holz Richtung Norden liefert und das wollen wir keinesfalls riskieren!“ Er gab seinen beiden Soldaten einen Wink. „Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss zurück zum Fort. Es gibt noch eine Menge Vorbereitungen zu treffen, bevor ich morgen aufbreche. Ich werde Ihnen ein paar meiner Männer dalassen, für alle Fälle. Ich traue dem Frieden der letzten Tage nicht. Sie wissen jetzt über alles Nötige Bescheid. Geben Sie es an die restlichen Bewohner weiter und sagen Sie diesen Greenhorns vor den ersten Häusern, sie sollen ihre Wagen gefälligst in einem Kreis aufstellen und ihre Tiere in die Mitte nehmen!“

„Ist gut! Mache ich sofort!“, versprach Sheriff O’Connor und schickte sich an, hinter dem Captain und den beiden Soldaten die Praxis zu verlassen. Nur Friedrich blieb zurück und beobachtete, wie Doktor Retzner die vier Männer mit einem finsteren Blick bedachte, als sie die Türe hinter sich zuschlugen.

Müde räkelte Nikolaus sich in seinem Bett. Die Nacht brach um diese späte Jahreszeit früh herein und ein anstrengender Nachmittag lag hinter ihm, denn er hatte Miklós im Stall geholfen, nachdem dieser mit seiner Grippe kaum aufzustehen vermochte.

„Schneit es draußen?“, fragte er seine Mutter, die die beiden Wolldecken über ihm ausbreitete.

Luise lächelte sanft und strich ihm das braune, widerspenstige Haar aus der Stirn. „Ja, es schneit ganz große, schwere Flocken!“

„Ich will hinausschauen!“, rief der Junge und wollte aufspringen, doch seine Mutter hielt ihn zurück.

„Oh nein! Du bleibst im Bett und schläfst!“ Sie lächelte und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Und wenn du morgen früh aufstehst, ist die ganze Welt weiß und sagt dir, dass der erste Advent bald vor der Tür steht!“

„Und dann kommt bald Weihnachten“, sagte Nikolaus glücklich lächelnd und gähnte laut. „Nicht wahr, Mutti? Dann ist auch bald Weihnachten?“

„Ja, mein Liebling!“ Sie drückte die Decken an allen Seiten fest, damit keine kalte Luft darunter konnte und ihr jüngster Sohn sich womöglich erkältete. „Dann ist bald Weihnachten!“

Sie nahm die Petroleumlampe vom Nachttisch und ging zur Tür. Mit einem letzten, zärtlichen Blick raunte sie ein leises „Gute Nacht!“, ehe sie das Zimmer verließ.

Der Wohnraum war mit mehreren Lampen und dem offenen Kamin hell erleuchtet. Hugh saß am Tisch, noch immer damit beschäftigt, den Unterricht für die nächsten Tage vorzubereiten und Friedrich arbeitete an seinem nächsten Gottesdienst. Luise lächelte und stellte die Lampe beiseite, auf die Kommode. Nur Julie war noch immer nicht Zuhause, sondern half wieder einmal Doktor Retzner bis spät abends in der Praxis.

Alles schien so friedlich. Sie besaßen ein eigenes Haus, das sie nach und nach mit allem würden ausstatten können, was ein Haushalt brauchte. Was wollten sie mehr? Die Auswanderung und der Entschluss, Deutschland den Rücken zu kehren, waren gut gewesen, die richtige Entscheidung. Zufrieden griff Luise nach ihrer Strickarbeit und setzte sich in den Schaukelstuhl neben dem Kamin, in dem knisternd das Feuer brannte und eine angenehme Wärme verbreitete. Heute, vor dem Schlafengehen, würde sie zweimal das Vaterunser sprechen, denn es gab wirklich nichts, worüber sie sich beschweren könnte – außer vielleicht über ihre einzige Tochter, die immer mehr zum Mann mutierte, was ihre Art, sich zu bewegen und zu kleiden anbelangte. Aber gut, auch dafür würde sich eine Lösung finden und Luise war davon überzeugt, dass der Tag nicht mehr fern sein würde, an dem Hardy Retzner und Juliane von Friedrich getraut werden würden und dann hatte sich sowieso jede unnötige Auseinandersetzung mit einem Schlag erledigt.

Der Sturm pfiff eisig und unerbittlich über das Land und um die Hausecken. Er wirbelte die Schneeflocken im teuflischen Spiel umher und ließ die Bäume gefährlich nach allen Himmelsrichtungen wippen.

„Was für ein scheußliches Wetter“, meinte Hardy, während er Holz im kleinen Bullerofen seiner Praxis nachlegte. „Sieht fast so aus, als würde es immer schlimmer!“

„Bloß gut, dass ich gleich heute Morgen zu der kleinen Farm hinter der Eisenbahnlinie geritten bin“, bemerkte Julie, während sie das nächste Medikamentenfläschchen aus der Kiste nahm, die am Vormittag mit dem Frachtzug bei der Wagoner Kreuzung angekommen war. Sorgfältig notierte sie den Namen, der auf der Flasche stand, auf einer Liste, die Doktor Retzner penibel genau führte, um zu wissen, welche Medikamente er nachbestellen musste und welche er noch auf Vorrat hatte.

„Sie sollten lieber nach Hause gehen, bevor es noch schlimmer wird“, schlug Hardy vor und trat lächelnd zu ihr. Er fand, dass sie an diesem Tag, mit den zu einem Dutt hochgesteckten Haaren, ganz besonders hübsch und bezaubernd aussah.

„Das macht nichts“, erwiderte Julie, völlig auf ihre Arbeit konzentriert. „Ich mache das hier fertig und dann gehe ich. Meine Eltern wissen ja, wo sie mich finden.“

„Ich werde Sie begleiten“, versicherte Hardy eilig.

„Oh, das ist nicht nötig“, meinte Julie, ihn kurz ansehend. „Die Indianer sind bisher ja nicht aufgetaucht.“

„Hmm“, machte Hardy nachdenklich. „Mit dem Captain schon seit zwei Tage da draußen und noch immer keine Nachricht von ihm...“

„Wahrscheinlich ist es nicht so einfach, wie er es sich vorgestellt hat“, mutmaßte Julie mit einer Schärfe, die Hardy eine Sekunde den Atem verschlug. Er betrachtete ihr Profil lange, dann überkam ihn das plötzliche, unstillbare Verlangen, sie zu berühren. Er streckte seine Hand aus und strich mit den Fingerspitzen sacht über ihren unbedeckten Hals. Sie zuckte zurück. Verwirrt starrten ihre bernsteinfarbenen Augen ihn an.

„Ist...ich meine, stimmt etwas nicht?“, fragte sie schließlich zaghaft. Dieser eigenartige Ausdruck auf Hardys kantigem Gesicht jagte ihr ein wenig Angst ein. Sie hatte ihn noch nie zuvor an ihm bemerkt und sie wusste nicht, was er zu bedeuten hatte.

„Julie...“ Hardy gab sich einen Ruck. Es war endlich an der Zeit, dass er ihr die entscheidende Frage stellte. Er besaß nun eine eigene Praxis und eine gesicherte Existenz und es gab keinen Grund mehr, weshalb er nicht um ihre Hand anhalten sollte.

„Julie“, sagte er noch einmal und ergriff ihre Hände. „Seitdem ich Sie in New York, am Hafen, zum ersten Mal gesehen habe, war mir klar, dass Sie eines Tages meine Frau werden.“

Sie schaute ihn fassungslos, überrumpelt an, schwieg jedoch, was er als Zeichen wertete, fortzufahren. „Ich glaube, die Zeit ist jetzt gekommen, da ich bei Ihrem Vater um Ihre Hand anhalte, Julie-Mädchen...natürlich nur, wenn Sie das auch möchten!“ Er lächelte und wartete auf eine Erwiderung ihrerseits. Als diese nicht kam, holte er tief Luft und stieß feierlich hervor: „Juliane Kleinfeld, möchten Sie meine Frau werden?“

Endlich brachte Julie es fertig, den Mund aufzumachen. Sie konnte einfach nicht glauben, was hier vor soeben passierte! Er wollte sie heiraten!

„Frau?“, erwiderte sie gedehnt.

„Ja, natürlich!“ Enthusiastisch schlang Hardy seine Arme um ihre Taille und zog sie fest an sich. „Spürst du das denn nicht? Merkst du denn dieses gewisse Gefühl nicht, wenn ich dich berühre, so wie jetzt?“

Er beugte sich zu ihr hinab und küsste sie stürmisch. Seine feuchten Lippen pressten sich auf die ihren. Mit aller Kraft wollte Julie sich von ihm freimachen. Sie wollte ihn nicht küssen und sie wollte auch nicht seine Frau werden! Doch die Leidenschaft, die Hardy überkommen hatte, schien ihn alles vergessen zu lassen. Er küsste und küsste sie, während seine Hände ihre Taille beinahe schmerzhaft umklammerten. Endlich ließ er atemlos von ihr ab.

„Sag“, raunte er heiser und keuchend. „Spürst du das nicht?“

Julie zögerte einen Moment. Sie wollte ihn nicht anlügen, sie war immer ehrlich zu ihm gewesen und so schüttelte sie langsam den Kopf. „Nein, ich fühle überhaupt nichts.“

Sie machte sich von ihm frei. Ihr entging die Veränderung auf seinem Gesicht nicht und es tat ihr entsetzlich leid, dass sie ihn irgendwie enttäuscht haben musste, aber es war besser, als ihn zu belügen und falsche Hoffnungen in ihm zu wecken. Niemals würde sie seine Frau werden und wenn er der letzte Mann auf Erden wäre. Sie mochte ihn sehr, er war ihr ein guter und teurer Freund geworden, aber doch kein Mann, den sie heiraten, mit dem sie Kinder haben wollte!

„Bitte...“, begann sie, doch Doktor Retzners Hand, die er hastig nach oben riss, ließ sie abbrechen.

„Sei ruhig, Julie!“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Sei ruhig, ja? Das, was ich gehört habe, genügt.“

Mit klopfendem, schmerzendem Herzen senkte Julie den Kopf. Sie hatte ihn nicht verletzten wollen! Sie hatte ihn doch gern! Allerdings nicht auf die Art, wie er es sich gewünscht hätte. Dafür konnte sie aber doch nichts! Mit scheuem Blick beobachtete sie, wie er an seinen Schreibtisch trat, sich dahinter setzte und nach einem Heft griff. Sie wollte ihn nicht als Freund verlieren und spürte doch, dass genau dies jetzt geschehen war.

Vielleicht, dachte sie, ist eine Lüge manchmal doch besser, als die Wahrheit.

Ächzend streckte Hugh die Beine unter dem Tisch aus und schob den Weltaltlas beiseite.

„Fertig?“, fragte Friedrich, kaum von der Wochenzeitung aufsehend, die aus der Town of Kansas stammte und schon fast einen Monat alt war.

„Ja“, antwortete sein ältester Sohn und begann, die Schulunterlagen zusammenzupacken. „Jetzt kann ich ihnen morgen wieder etwas Neues erzählen!“

„Dieser Sturm!“, entfuhr es Friedrich und er horchte nach draußen. „Morgen kommen wir nicht mehr von hier raus, wenn es weiterhin so tut!“

„Sitzen wir dann im Schnee fest?“, fragte Luise mit ängstlichen Augen.

„Und wenn schon, wir müssen ja nirgendwohin“, erwiderte ihr Mann und lächelte.

„Ich glaube nicht, dass es hier so viel Schnee gibt“, warf Hugh ein und erhob sich. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht!“, erklang es gleichzeitig aus den Mündern seiner Eltern. Hugh betrat das winzige Schlafzimmer, das er sich mit seinem kleinen Bruder teilte und schloss die Türe leise hinter sich. Es war finster und kalt. Hugh suchte nach Streichhölzern in seiner Hosentasche, damit er die Lampe neben der Tür anzünden konnte. Verblüfft hielt er inne: Nikolaus stand am Fenster und versuchte, nach draußen zu schauen.

„Was treibst du denn da? Ich denke, du schläfst schon lange!“

„Ich will die Schneeflocken beobachten“, erläuterte der Junge. „Es schneit doch, nicht wahr?“

Hugh musste grinsen. „Es ist viel zu dunkel, als dass du irgendetwas erkennen könntest und außerdem solltest du längst schlafen!“

Nikolaus seufzte betrübt. „So ein Mist! Warum muss es auch ausgerechnet immer in der Nacht schneien? Liest du mir wenigstens noch eine Geschichte vor?“

Hugh nickte. „Klar, aber erst, wenn du brav im Bett liegst!“

Nikolaus reagierte nicht. Angestrengt horchte er in die Nacht hinein.

„Was ist?“, wollte Hugh ungeduldig wissen. „Los, los! Steh hier nicht herum! Wir gehen heut nicht mehr raus, vergiss es! Und du wirst höchstens noch krank, wenn du noch länger hier Löcher in die Luft starrst“

„Hörst du das denn nicht?“, wisperte sein kleiner Bruder mit weit aufgerissenen Augen. „Und spürst du das nicht, dieses Trommeln?“

Verständnislos starrte Hugh ihn an. „Nein“, gab er zu. „Ich höre nichts und ich spüre auch nichts.“

„Pferde!“, stieß Nikolaus hervor und fuhr zu ihm herum. „Schnell galoppierende Pferde! Sie müssen ganz in der Nähe sein!“

Besorgt trat Hugh zu ihm und legte ihm die Hand auf die Stirn. „Hast du Fieber? Bist du krank? Was fantasierst du denn da? Wieso sollten mitten in der Nacht irgendwelche Pferde herumgaloppieren?“

Die Scheibe ihres einzigen Fensters zersplitterte laut und berstend und nun hörte es auch Hugh: Das Trommeln von unbeschlagenen Hufen auf dem gefrorenen Boden, begleitet von wüstem, markerschütterndem Kriegsgeschrei.

Schweigend arbeiteten Julie und Hardy nebeneinander her. Als sie die Kiste schließlich geleert und alle Medikamente in den dafür vorgesehenen Schrank einsortiert hatte, war es bereits finsterste Nacht.

„Es...es wird Zeit, dass ich nach Hause gehe“, brachte Julie zaghaft hervor und starrte auf ihre Hände. „Meine Eltern machen sich sonst noch Sorgen.“

„Natürlich!“, erwiderte Doktor Retzner geschäftig und trat an die Garderobe, um ihr in den Mantel zu helfen. „Wir sehen uns morgen?“

Ein wenig erstaunt über diese Frage hob Julie den Kopf. Sie nickte. „Natürlich!“

Ein melancholisches Lächeln bildetet sich um Hardys schmale Lippen. „Natürlich. Soll ich Sie nicht doch nach Hause begleiten, Julie-Mädchen?“

„Nein“, versicherte sie. „Wirklich nicht! Die paar Meter schaffe ich schon alleine und so hoch wird der Schnee wohl kaum liegen!“

Das Splittern von Glas erklang irgendwo von draußen und laute, gellende Schreie mischten sich beinahe gleichzeitg darunter. Alarmiert wechselten Julie und Hardy einen Blick. Gleich darauf fielen Schüsse.

„Was ist denn da los?“ Er schob den Vorhang hinter dem einzigen Fenster zur Straße beiseite und fuhr entsetzt zurück. „Die Cherokees! Ganz viele! Mindestens zwanzig, dreißig an der Zahl! Nein, noch mehr!“

Julie schnappte nach Luft. „Um Gottes Willen! Ich muss sofort nach Hause!“

„Sie müssen überhaupt nichts!“ Unsanft packte Doktor Retzner sie an den Armen und drückte sie gegen die Wand neben dem Medikamentenschrank. „Sie bleiben hier, verdammt nochmal und wenn ich Sie festbinden muss! Ich schaue raus und sehe, ob ich irgendwie helfen kann! Aber ich warne Sie, wenn Sie es wagen, Ihre Nase nach draußen zu strecken, lege ich Sie über’s Knie!“

In dem Hinterzimmer, das er bewohnte, lag immer ein geladenes Gewehr bereit, nach dem er jetzt rannte und das er fest in seiner rechten Hand hielt, als er zur Eingangstür eilte.

„Bleiben Sie hier!“, schärfte er Julie noch einmal ein. „Ich bin bald zurück!“

Ihre großen, bernsteinfarbenen Augen spiegelten ihre Angst und das Entsetzen, doch sie nickte tapfer.

„Passen Sie auf sich auf, Hardy!“, rief sie ihm nach, als er nach einer kurzen Sekunde des Zögerns hinaushuschte in die kalte, verschneite Nacht.

In den nächsten Minuten, die Julie wie Stunden erschienen, hörte sie das wütende Geheul der Indianer von draußen und ihre Rufe in einer Sprache, die sie nicht verstand. Dann wiederum vernahm sie laute Schüsse aus Gewehren und Revolvern und sie glaubte, die Befehle eines der Soldaten aus dem Fort aus dem ganzen Lärm herauszuhören. Von irgendwoher brüllte jemand „Feuer! Feuer!“ und im nächsten Augenblick fiel ein weiterer Schuss, ganz in der Nähe.

Ein kalter Schauer jagte Julie über den Rücken. Was ging dort draußen nur vor sich? Wie sinnlos sie hier herumstand! Längst hatten die Angst und der Schrecken von ihr Besitz ergriffen. Wo blieb bloß Hardy? Sie musste nach ihm sehen!

Kurz entschlossen zog Julie den hinderlichen, bodenlangen Mantel wieder aus, warf ihn achtlos beiseite, ehe sie ihre Röcke raffte und zur Eingangstür eilte. Sie horchte mit angehaltenem Atem. Noch immer erklangen von draußen Schreie und Schüsse und ihr Verstand wusste, in was für eine Gefahr sie sich begab, aber sie konnte nicht länger nutzlos hier herumstehen! Hastig riss sie die Türe auf und mit einem Satz sprang sie hinaus, ins Freie. Unter dem Vordach der Praxis war es dunkel. Mit einem Blick erfasste sie die Situation, die sich fast am anderen Ende der Straße abspielte, denn der Schein des brennenden Saloons leuchtete weit über die Siedlung hinweg. Menschen mit Eimern rannten umher und versuchten zu retten, was noch zu retten war. Dazwischen ritten Cherokees auf ihren Pferden und Männer versuchten, sie aufzuhalten. Sie hörte das Surren von Pfeilen und Schreie von Verwundeten, doch genau erkennen konnte sie nichts. Alles schien gleichzeitig zu passieren und immer wieder krachten Schüsse, die ihr durch Mark und Bein gingen. Der Rauch der Flammen und der abgefeuerten Munition mischte sich mit dem herabfallenden Schnee und nebelte ihre Sicht ein. Sie musste husten.

Auf der Straße lagen Menschen, von denen sie nicht abschätzen konnte, ob sie noch lebten oder schon tot waren. Ihr Herz schlug laut und rasend und pochte in ihren Halsschlagadern. Was sollte sie tun? Einige Meter vor ihr kamen zwei Reiter in wildem Galopp entlang gejagt und sie erkannte, dass es Cherokees waren. Mit einem leisen Aufschrei wollte Julie sich abwenden und in die Praxis zurückstürmen, doch sie stolperte über einen Gegenstand. Hart schlugen ihre Ellenbogen auf den Holzbohlen auf. Sie achtete kaum auf den Schmerz, sondern wandte sich um. Ihr stockte der Atem.

„Hardy!“ Sie merkte nicht, dass es ihr eigener Aufschrei war, der über den Platz hallte. Auf allen Vieren krabbelte sie zu ihm hinüber. „Hardy!“

Schluchzend suchten ihre zitternden Finger nach seinem Handgelenk, nach einem Puls, einem Lebenszeichen. Er hatte die Augen geschlossen, doch als sie den langen, dünnen Pfeil entdeckte, der in seiner Brust steckte, wusste sie, dass es vergebens war. Zu oft hatte sie die Anatomiebücher durchgearbeitet. Der Pfeil hatte ihn direkt ins Herz getroffen. Am ganzen Leib zitternd wollte sie sich aufrappeln, doch da war plötzlich ein Schatten über ihr, der den Feuerschein des Saloons versperrte und sie an den Oberarmen packte und durch die Tür ins Innere der Praxis schleifte.

Völlig außer sich und nun in grenzenloser Panik, kreischte Julie auf. Sie versuchte, sich zu wehren, doch die beiden Arme waren stärker und warfen sie unsanft neben der Tür zu Boden. Schützend schlug sie die Hände über ihrem Kopf zusammen.

„Du hierbleiben!“, befahl eine tiefe Stimme in gebrochenem Englisch. Langsam wagte Julie es, den Blick zu heben. Ihr Herzschlag setzte einen Moment aus. Obwohl auf seinen Wangen die beiden weißen Striche aufgemalt waren, erkannte sie ihn. Seine schwarzen Augen blickten eindringlich zu ihr hinab und mit einem Mal hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Er würde ihr nichts tun, das spürte sie.

„Du hierbleiben“, sagte er noch einmal und deutete auf den Boden. „Sonst du tot!“

Julie wagte kaum zu atmen und starrte ihn an. Es war dasselbe Gesicht, derselbe junge Mann, doch mit einem Mal gab es da keine bedauernswerten Gefühle mehr, die sich bei ihrer ersten Begegnung in ihr Bewusstsein gestohlen hatten. Das da, dieser junge Mann da vor ihr, war ein Wilder, ein unberechenbares Individuum, dem sie nicht länger trauen konnte. Julie biss sich auf die Lippen. Er würde sie nicht umbringen, weil sie ihm damals geholfen hatte, nur aus diesem einen Grund würde er sie verschonen.

„Du verstanden?“, fragte er jetzt, deutlich sanfter, als ihre großen, verängstigten Augen ihn noch immer sprachlos beäugten.

Julie nickte zaghaft. Sein schwarzes Haar glänzte im Licht der Lampen, die überall brannten und die Federn, die hineingebunden waren, ließen es noch dicker erscheinen, als es ohnehin bereits war. Doch ehe sie dazu kam, sich zu fragen, weshalb er immer noch regungslos dort stand und auf sie hinabstarrte, wandte er sich um und verließ die Praxis. Er schlug die Tür hinter sich ins Schloss und ließ sie alleine zurück. Schutzsuchend zog Julie ihre Knie an den Körper, legte ihren Kopf darauf und begann, haltlos zu schluchzen. Gedämpft drangen die Rufe und die Schreie, Wiehern von Pferden und weitere Schüsse zu ihr hindurch, bis schließlich eine bedrückende Stille folgte. Irgendwann hörte sie auf zu weinen. Sie lauschte und glaubte, vertraute Stimmen zu vernehmen. Ruhe schien eingekehrt zu sein, was wohl bedeutete, dass die Cherokees fort waren. Julie wusste nicht, wie lange sie dort auf dem kalten Fußboden neben der Eingangstür gekauert hatte. Ihr fröstelte, doch sie wagte nicht, aufzustehen und ihren Mantel zu holen, der halb auf dem Behandlungstisch hing, halb unten auf der Erde lag.

Schnelle Schritte erklangen auf den Holzbohlen vor dem Eingang. Sie hielten kurz inne, ehe sie näher kamen. Es waren laute, klopfende Schritte von schweren Stiefeln und Julie musste lächeln. Es war vorüber. Jemand kam, um sie zu retten. Die Tür wurde aufgestoßen.

„Julie!“ Eine ihr wohlbekannte Gestalt beugte sich über sie. „Julie! Bist du verletzt? Ist dir etwas passiert?“

Ihre rotgeweinten Augen schauten ihn an. Sie brachte ein kaum merkliches Kopfschütteln zustande.

„Mir...geht’s gut“, kam es leise über ihre Lippen. „Aber Hardy...“

„Ich weiß.“ Behutsam legte Hugh seinen linken Arm um ihre Schultern und schob den rechten unter ihre Kniekehlen. „Ich habe ihn gesehen.“

Er nahm sie hoch und sie ließ es geschehen. Er trug sie hinaus, in das Schneegestöber und die Kälte, über Hardy Retzers Leichnam hinweg und marschierte mit ihr die Straße hinab. Sie schien unter Schock zu stehen, denn sie reagierte nicht auf die besorgten Fragen ihrer Freunde und Nachbarn, an denen sie vorüber kamen.

Hugh sagte nur immer wieder: „Sie ist in Ordnung! Ihr ist nichts passiert!“ und war doch selbst kaum fähig, seine Fassung zu wahren. Immer wieder verschwamm die Straße vor seinen Augen, als er versuchte, die Tränen zurückzudrängen und sich nichts anmerken zu lassen.

Die Kälte und der Schnee, der unaufhörlich auf sie herabfiel, brachten Julie aus ihrer Lethargie in die Gegenwart zurück.

„Was...was ist passiert?“, fragte sie leise und fuhr sich mit der Hand über das blasse Gesicht.

„Die Cherokees haben uns überfallen“, antwortete Hugh leise und warf einen langen Blick zurück auf die glühenden Überreste des Saloons.

„Ich weiß“, entgegnete Julie. „Deshalb habe ich überlebt...weil es die Cherokees gewesen sind.“

Hugh verstand sie nicht, doch er hatte jetzt keinen Nerv, sie danach zu fragen, was ihre geheimnisvolle Aussage zu bedeuten hatte.

„Lass mich runter“, bat Julie, doch Hugh achtete nicht darauf. Er würde kein Risiko eingehen. Es war besser, wenn er sie jetzt nicht auf ihre eigenen Beine stellte. Vor ihrem Wohnhaus standen Miklós und seine Frau. Beide weinten leise und als sie Hugh mit Julie jetzt erblickten, bekreuzigten sie sich.

„Mädchen! Oh, Gott sei Dank!“, rief der Ungar und wischte sich die feuchten Wangen trocken. „Du lebst!“

Julie versuchte ein Lächeln, das nicht recht gelingen wollte. „Ja, ich bin in Ordnung!“

„Hardy nicht.“ Hugh deutete die Straße hinab und Miklós nickte begreifend.

Äußerlich war ihr nichts geschehen, sie war unverletzt, doch der Schock und die entsetzlichen Geschehnisse pressten ihr Herz zusammen. Nur ganz allmählich fühlte sie sich ein wenig besser. Der Nebel lichtete sich. Jetzt trug Hugh sie zur Tür hinein, in den schwach beleuchteten Wohnraum. Sie hörte ihr Mutter weinen, von irgendwoher weinen und konnte sie doch nicht entdecken.

Sehr vorsichtig setzte Hugh seine kleine Schwester ab, fasste sie jedoch sogleich an den Oberarmen. Das Schluchzen kam aus der angelehnten Tür zum Jungenschlafzimmer.

„Ihr seid nicht verletzt?“, fragte Julie hastig. „Euch ist doch nichts geschehen?“

Zu ihrem Entsetzen antwortete ihr großer Bruder nicht. Seine braunen Augen starrten sie leer an und auf einmal spiegelten sich Tränen darin. Ein Schauer jagte Julie über den Rücken. „Nein!“

Mit einem Ruck machte sie sich aus Hughs Umklammerung frei. Sie lief zur Schlafzimmertür, stieß sie auf. Dort standen ihre Eltern, neben dem Bett von Nikolaus. Stützend krallte Julie sich am Türrahmen fest. Ihre Knie drohten, unter ihr nachzugeben.

„Nein“, flüsterte sie und biss sich auf die Lippen. Tränen schossen ihr in die Augen und da fühlte sie, wie Hugh seinen Arm um ihre Taille legte und sie langsam bis ans Bett geleitete. Durch den Schleier nahm Julie kaum wahr, was sie dort vor sich erblickte. Nikolaus, ihr kleiner Bruder, der ihr so unendlich viel bedeutete! Es schien, als schliefe er nur. Seine Augen waren geschlossen und seine Hände über seinem Körper gefaltet. Julie blinzelte. Die Farbe seines Gesichts war blass und Julie wusste, dass sie ihm nicht mehr helfen konnte, niemand konnte das.

„Ein Indianerpfeil“, flüsterte Hugh ihr von hinten leise ins Ohr, sodass nur sie es hören konnte. „Er ist durch die Fensterscheibe gedrungen und hat ihn genau getroffen. Er hat nicht gelitten.“

Seine Stimme brach ab und ein leises Schluchzen drang aus seiner Kehle. Julie fand keine Worte, sie fühlte sich entsetzlich hilflos und geschunden. Ihr kleiner Bruder war tot! Noch nach dem Abendessen hatte sie sich von ihm verabschiedet und er hatte gelacht und ihr versprochen, etwas vom Nachtisch für sie übrigzulassen. Bei der Erinnerung war Julie nicht länger fähig, sich unter Kontrolle zu halten. Sie warf sich herum, klammerte sich an ihren großen Bruder, der sie um einen ganzen Kopf überragte und weinte unkontrolliert. Sie merkte kaum, wie Hughs Arme sich um sie schlangen und fest an sich pressten, wie er sein Gesicht in ihrem Haar vergrub und seine Tränen hineintropften und es feucht werden ließen. Sie standen und hielten sich und wussten doch beide, dass ihr Leben nie mehr so sein würde wie zuvor.

Sie beerdigten die Toten am anderen Morgen auf dem Friedhof neben der Kirche. Friedrich war kaum fähig, die Gebete zu sprechen, doch er tat es mit mühevoller Würde und leisen, wenigen Worten. Zuerst kam Miss Tryon, eine junge Engländerin an der Reihe, die ein Zimmer in der zerstörten Pension gemietet hatte und nicht mehr rechtzeitig aus dem brennenden Gebäude herausgekommen war. Danach musste er zwei junge Männer begraben, die zu dem Siedlertreck gehört hatten, der noch immer vor der Stadt kampierte und dort auch den Winter verbringen wollte, um im Frühjahr Häuser zu bauen. Sie hatten versucht, ihre Wagen zu verteidigen und dabei unvorsichtig gehandelt. Das nächste Opfer war Penny, ein sechzehnjähriges Mädchen. Daneben stand der Sarg von Doktor Hardy Retzner und schließlich der von Nikolaus Kleinfeld, dem jüngsten Opfer des Überfalls.

Die komplette Stadt, einschließlich des Trecks, war zur Trauerfeier erschienen und füllte den Friedhof. Sie hatten Glück im Unglück gehabt und die meisten ihrer Wagen zeigten keine Beschädigungen. Die Männer, die die Löcher für die Gräber hatten ausheben müssen, standen einige Meter daneben und es war ihnen anzusehen, welche Schwerstarbeit sie verrichtet hatten. Der Boden war gefroren und jede Schaufel Erde eine Qual. Später war es ihre Aufgabe, die Gräber wieder zuzuschütten und sie mit einfachen Holzkreuzen zu versehen.

Nach der Trauerfeier wurde von allen Seiten großes Beileid bekundet, was Luise kaum zu ertragen vermochte. Friedrich stützte sie an den Oberarmen und gab sich alle Mühe, die Fassung zu wahren. Noch während sie herumstanden, begannen die Männer, die Gräber wieder zuzuschütten, denn der Himmel versprach neuen Schnee und deshalb mussten sie sich beeilen. Die gefrorenen, harten Erdklumpen schlugen auf den einfachen Holzsärgen auf und erzeugten ein dumpfes, gespenstisches Klopfen.

Die Trauergemeinde löste sich auf, jeder ging zurück zu seinem Haus oder zu den Wagen vor der Stadt. Friedrich hielt seinen Arm schützend um seine Frau gelegt, während sie die Straße hinab, nach Hause gingen.

Julie half ihrer Mutter schweigend bei der Zubereitung des Trauerschmauses und sie war froh, dass es hier nicht mehr üblich war, alle Nachbarn dazu einzuladen. So konnte jeder von ihnen still seinen Gedanken nachhängen und sich seiner Trostlosigkeit hingeben.

Julie war sich nicht schlüssig, für wen der Schmerz des Verlustes größer war: Für ihren kleinen Bruder oder für Hardy Retzner. Sie fehlten ihr beide entsetzlich und die Erkenntnis, dass sie beide niemals wiedersehen würde, zerriss ihr das Herz. Genauso schlimm empfand sie jedoch diese bedrückende Stille, die über ihrem Haus lastete. Friedrich saß im Schaukelstuhl vor dem Kamin, in dem das Feuer knisterte und las in der Bibel. Hugh hatte sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen und sie stand mit ihrer Mutter in der angrenzenden Küche und versuchte so zu tun, als würde alles wieder irgendwie in Ordnung kommen.

Julie verspürte den starken Drang, darüber zu sprechen, was geschehen war. Sie wollte, dass sie sich alle gemeinsam an die schönen Zeiten erinnerten, die sie miteinander gehabt hatten. Nikolaus’ vorlauten und doch häufig so weisen Sprüche, sein Temperament und seine wilden Phantasien. Sie erinnerte sich, wie er einmal im Frühjahr, als Kleinkind, in den Bach hinter dem Häuschen gesprungen war, das sie in Deutschland bewohnt hatten. Er hatte „Ente“ spielen wollen, wie er ihnen später erklärte und dabei war er stundenlang unbemerkt in dem niedrigen Rinnsal hin und her gepaddelt. Im Winter desselben Jahres hatte er sich auch die Lungenentzündung zugezogen, die seine Gesundheit auf ewig geschwächt und anfällig gemacht hatte.

Julie schluckte. Sie konnte nicht daran zurückdenken. Es war zu früh, für sie alle. Sie konnten noch nicht darüber sprechen, wie dankbar sie dafür sein mussten, dass Nikolaus sie – wenn auch für eine viel zu kurze Zeit – ein Stück des Weges begleitet hatte. Irgendwann würde es wieder in Ordnung kommen, denn sie mussten ihr Leben weiterführen, auch ohne ihn. Sie würden so tun, als ginge es weiter wie bisher, auch wenn es niemals wieder so sein würde und ganz gleich, wie sehr ihr Herz sich danach sehnte, dass die Vergangenheit zurückkehrte. Sie würden sich ablenken mit neuen Aufgaben und Zielen, um den Schmerz weit fernhalten zu können und wenn sie es lange genug durchhielten, dann würden sie es irgendwann akzeptieren können.

Der Überfall

Die ersten Schneeflocken fielen wieder vom Himmel als der Trupp der Kavallerie sich langsam in Bewegung setzte. Die beiden Soldaten vor dem Tor zum Fort hoben salutierend ihre Gewehre und warteten, bis Captain Harbach mit der zwanzig Mann starken Truppe hinausgeritten war und den Weg in Richtung Stadt hinab verschwand.

„Sergeant!“, brüllte er auf einmal und ein Reiter löste sich aus der Gruppe.

„Ja, Sir?“ Der junge Mann ließ seinen Dunkelbraunen mit dem Hengst des Captains Schritt halten.

„Wir werden als erstes den Sheriff aufsuchen und ihn grob über unser weiteres Vorgehen unterrichten. Nur für den Fall, dass er unsere Hilfe bräuchte. Ich hoffe aber nicht, dass das in nächster Zeit der Fall sein wird.“

„Ja, Sir.“

„Währenddessen können Sie nach unseren vier Soldaten sehen und prüfen, wie es ihnen geht! Verstanden?“

„Jawohl, Sir!“ Der junge Mann hielt sein Pferd noch immer neben dem des Captains.

„Irgendwelche Fragen, Sergeant? Irgendwelche Unklarheiten?“, fragte Captain Harbach mit deutlich unwilligem Unterton.

„Nun, Sir...Captain...“, begann der junge Mann zögernd und merkte gleich darauf, dass er besser den Mund gehalten hätte. „Ich will Ihre Fähigkeiten und Ihre Entscheidungen wirklich nicht in Frage stellen und kritisieren, Sir, aber...“

„Aber was, Sergeant?“, fiel der Captain ihm scharf ins Wort.

Der junge Mann schluckte. „Nun, Sir...meiner Ansicht nach machen Sie das Problem mit den Cherokees nur schlimmer anstatt besser, wenn Sie jetzt hinausreiten, um wieder irgendwelche Verhandlungen anzustiften und am Ende vielleicht Rache zu üben und...“

„Ihre Ansichten sind mir schnuppe!“, brüllte der Captain ihn ungehalten an. „Für wen halten Sie sich eigentlich, Sie...Sie...zweitrangiger Klugscheißer, Sie! Wofür, glauben Sie, habe ich wohl die Verstärkung bekommen? Damit sie sich in den Quartieren einen Urlaub gönnt, oder was?“

„Nein, Sir...“, brachte der junge Sergeant mit einer gehörigen Portion Mut hervor.

„Ist Ihnen entgangen, dass ich bereits vor ein paar Wochen versucht habe, eine friedliche Lösung mit den Rothäuten zu finden? Wie Sie aber jetzt feststellen müssen, offensichtlich ohne Resultat?“

„Nein, Sir!“

„Sehr spitzfindig!“, schnauzte der Captain ihn an und gab ihm mit der Hand einen Wink. „Wissen Sie was, Sergeant? Sie werden nicht mit uns reiten! Sie werden die ehrenvolle Aufgabe übernehmen und in der Siedlung für Recht und Ordnung sorgen und sich um den Treck vor der Stadt kümmern! Die sollen schon anfangen mit ihren Häusern! Ist doch egal, wie weit sie damit kommen! Solange noch keine geschlossene Schneedecke liegt, können Sie was tun! In dieser Wagenburg ist es viel zu gefährlich mit den Streifzügen unserer roten Freunde. Dort werden Sie dann auch bleiben, bis ich mit den Männern wieder zurück bin, vielleicht sogar, bis die Häuser fertig sind! Habe ich mich klar und deutlich ausgedrückt?“

„Jawohl, Sir!“, stieß der junge Mann hervor und zügelte sein Pferd, um es wieder mit den restlichen Soldaten in Zweierreihen laufen zu lassen.

Langsam wanderte Julie die Straße hinab. Sie hatte es im Haus ihrer Eltern nicht länger ausgehalten. Dieses Schweigen während der ganzen Mahlzeiten, die zwanghafte Ruhe und die andauernden, verstohlenen Blicke aller auf den leeren Stuhl – sie hatte es einfach nicht länger ertragen können. Hugh war mit rotgeweinten Augen aus seinem Schlafzimmer gekommen, das er jetzt alleine bewohnte und hatte sich still an den Tisch gesetzt.

Irgendwann war sie einfach gegangen – ohne ein Wort und ohne sich zu verabschieden. Vielleicht hatten sie auch alle geglaubt, sie wolle noch einmal hinüber zu den Gräbern sehen, die inzwischen zugeschüttet waren. Eine merkwürdige Ruhe lag über der Stadt, als hätten die Beerdigungen sie in eine Art Starre versetzt.

Julie trat unter den Vorbau der Arztpraxis – die Tür war unverschlossen. Im Inneren war es kalt, denn der Bullerofen war längst ausgegangen. Ihr schauderte und sie beschloss, Feuer zu machen, als wäre er noch immer hier, als würde sie ihm noch immer bei seiner Arbeit assistieren. Bald schon verbreitete der Ofen eine angenehme Wärme. Julie zündete die Lampe auf dem Schreibtisch an und setzte sich. Dort, in der obersten Schublade, hatte Hardy penibel genau, wie es seine Art gewesen war, eine Patientenkartei angelegt. Auf jeder Seite des Heftes stand ein anderer Name in der obersten Zeile.

Behutsam nahm Julie das Heft heraus und schlug es auf. Sie las die auf Deutsch verfassten Befunde und Behandlungen und mit jedem Buchstaben wurde ihr schwerer ums Herz. Hätte sie doch nur geahnt was geschehen würde, dann hätte sie ihn schamlos angelogen, ihm vorgemacht, dass er ihr mehr bedeutet hätte als nur ein guter Freund! Dann würde sie jetzt nicht das schlechte Gewissen plagen und die Gewissheit, dass sie ihm noch kurz vor seinem Tod so weh getan hatte – sie hatte ihm einen Traum gestohlen.

Erschöpft legte Julie ihren Kopf in die Hände. Sie wollte weinen, doch sie konnte nicht. Ihre Tränen waren versiegt, sie fühlte sich zu leer und ausgelaugt. Julie wusste nicht, wie lange sie dort, auf Hardys Stuhl hinter seinem Schreibtisch gesessen hatte. Das laute, plötzliche Aufschlagen der Eingangstür riss sie hoch – zwei Soldaten standen in der Tür. Der eine war ihr bekannt – er war von Captain Harbach mit drei anderen in der Siedlung untergebracht worden und auch vergangene Nacht hier gewesen, um ihnen zur Seite zu stehen. Jetzt trug er seinen Arm in einer Schlinge.

Der andere jedoch... Julie starrte ihn fassungslos an. Das konnte doch nicht möglich sein! Ihr Herz begann wie verrückt zu rasen und sie fürchtete, gleich ohnmächtig zu werden. Jetzt, da er so nah bei ihr stand, anstatt einige Meter entfernt, wie am Tag ihrer Ankunft in Fort Gibson, konnte sie erst erkennen, wie ungewöhnlich groß und schlank er war. Unter dem breiten, dunklen Hut schaute sein hellblondes Haar hervor und seine blauen Augen betrachteten sie abschätzend. Sein auffallend attraktives Gesicht zeigte ein feines Lächeln, das ihr Herz tief in seinem Innersten berührte. Sie konnte nicht anders, sie erwiderte das Lächeln.

„Guten Tag, Miss!“, sagte er nun und seine Stimme klang warm und herzlich, wie es zu seiner ganzen Erscheinung passte. „Können Sie Amos vielleicht den Arm verbinden?“

„Wir...wir haben keinen Doktor mehr“, erklärte Julie leise und trat langsam hinter dem Schreibtisch hervor. Sie musste sich zwingen, ihren Blick von dem großen, schlanken Mann abzuwenden.

„Ich weiß“, entgegnete dieser mitfühlend und nahm seinen Hut ab. „Es tut mir sehr leid. Gestatten Sie trotzdem, dass ich mich vorstelle? Sergeant Ron McVeagh.“

„Freut mich, Sergeant.“ Langsam trat Julie zu ihm und deutete auf den Behandlungstisch. Sie warf einen kurzen Blick auf das blasse Gesicht des anderen Soldaten. „Bitte setzen Sie sich. Was ist denn passiert?“

„Ach, ist nicht weiter schlimm“, meinte dieser, wurde jedoch von seinem Sergeant durch den Raum geschoben. „Ist letzte Nacht passiert, als ich versucht habe, das arme Mädchen noch aus dem Haus zu retten.“

Julie fiel nicht sofort eine passende Antwort ein. Schließlich fragte sie: „Wieso sind Sie denn überhaupt noch hier? Ihr Arzt im Fort könnte Ihnen viel besser helfen als ich!“

Die beiden Männer wechselten einen schnellen Blick. „Der Doktor ist zur Zeit nicht dort“, entgegnete Ron McVeagh, seinen Hut in den Händen drehend. Er beobachtete, wie Julie behutsam den Verband und die Schlinge vom rechten Arm des Soldaten löste. Er fand, dass er nichts Unrechtes tat, wenn er ihr die Wahrheit erzählte. „Er ist mit Captain Harbach und der Verstärkung zu den Cherokees geritten.“

Julie zog die Brauen hoch und starrte ihn eine Sekunde eindringlich an. „Zu den Cherokees? Wegen vergangener Nacht?“

Der Sergeant zögerte einen Augenblick. Er fuhr sich durch das blonde Haar und nickte dann. „Ja, genau deshalb.“

„Aha“, machte Julie gedehnt und überlegte. „Was hat er dort vor? Einen Krieg beginnen?“

„Möglich“, antwortete Ron McVeagh ausweichend und hob die Schultern. Das warme, freundliche Lächeln spielte wieder um seine Lippen. „Ich habe offengestanden keine genaue Ahnung von den Plänen, vielleicht Vergeltung, vielleicht Friedensverhandlungen. Wer weiß?“

„Vergeltung?“, wiederholte Julie und stockte kurz, als sie den Verband nun endgültig gelöst hatte und die schweren Verbrennungen auf dem Arm des jungen Soldaten erblickte. „In unserem Namen?“

„Ich denke.“

„Woher will er wissen, dass wir überhaupt Vergeltung üben wollen?“

Ron McVeagh verstand nicht ganz, worauf sie hinauswollte. „Er hat mit Sheriff O’Connor gesprochen.“

„Ach ja? Dann wundert mich nichts mehr.“

„Was meinen Sie?“

„Unser Sheriff ist der vehementeste Indianerhasser, den ich kenne.“ Julies bernsteinfarbene Augen fixierten den Sergeant lange. Er mochte Mitte zwanzig sein, vielleicht ein bisschen darüber, aber nicht älter.

„Sie scheinen diese Meinung nicht zu teilen.“ Er schien nicht recht zu wissen, was er von ihr halten sollte. Einerseits machte sie einen so naiven und zerbrechlichen Eindruck auf ihn und andererseits hatte sie offensichtlich keine Hemmungen, offen ihre Ansichten kundzutun.

„Was ich meine, spielt keine Rolle.“ Julie trat an den Medizinschrank, um die Brandsalbe zu holen. „Ich bin nur ein Mädchen, ich habe keine öffentliche Meinung zu vertreten. Das schickt sich nicht und es hört sowieso niemand darauf.“

Der Sergeant biss sich kurz auf die Lippen. Ein verwunderter Ausdruck trat auf sein gutaussehendes Gesicht. „Manchmal ist es besser, man wird dazu gezwungen, den Mund zu halten.“

„Sprechen Sie gerade aus eigener Erfahrung?“ Ihre Augen blickten eindringlich, doch sie grinste. „Weshalb sind Sie nicht mit den anderen Soldaten geritten?“

Er musste schmunzeln. „Nun...Captain Harbach hält nicht allzu viel davon, wenn ein kleiner Sergeant es wagt, seine Entscheidungen in Frage zu stellen und ihn außerdem noch belehren will!“

„So?“, machte Julie und konzentrierte sich darauf, die Salbe möglichst vorsichtig auf den großen Blasen zu verteilen, die den Arm bis über den Ellenbogen zierten. „Da haben Sie nochmal Glück gehabt“, meinte sie mit kritischer Miene.

„Allerdings“, gab der andere Soldat zu. „Wäre ich nicht rechtzeitig beiseite gesprungen, hätte der Balken nicht bloß meinen Arm getroffen.“

„Sie dürfen ihn die nächsten Tage mit nichts bedecken oder verbinden“, erklärte Julie ernst. „Auch nicht mit dem Ärmel eines Hemds oder einer Jacke. Es muss Luft ran können.“

Der junge Soldat starrte sie fassungslos an. „Das wird aber verdammt kalt!“

„Tut mir leid! Wenn Sie die Brandblasen ersticken, werden sie nicht heilen!“

„Du solltest auf die junge Dame hören“, schlug Ron McVeagh vor und klopfte seinem Kollegen aufmunternd auf die Schulter. „Auch das geht vorüber!“

„Ja“, knurrte dieser. „Aber erst, wenn mein Arm abgefroren ist!“

„Du bist die nächsten Tage ins Warme abkommandiert“, entschied der Sergeant lächelnd. „Dann kann dir nichts passieren!“

„Das sind natürlich andere Aussichten!“ Er ließ sich von Julie und Ron McVeagh vom Behandlungstisch herabhelfen und schritt zielstrebig zur Tür.

„Sie schreiben uns eine Rechnung, Miss, ja?“, fragte der Sergeant und nickte ihr zu.

Unschlüssig hob Julie die Schultern. „Ich...ich weiß nicht! Ich meine, ich war ja immer nur Doktor Retzners Assistentin!“

„Sieht ganz danach aus, als müssten Sie nun seinen Posten übernehmen!“, erwiderte Ron McVeagh und lächelte noch immer zu ihr hinab. Seine schlanke, durchaus imponierende Gestalt überragte sie um fast zwei Köpfe.

„Ich werde mein Bestes tun, bis wir wieder einen richtigen Doktor haben“, versicherte Julie und betrachtete ihn lange. Ein eigenartiges Gefühl überkam sie. Es war sehr intensiv und überrollte sie förmlich von ihrer Magengegend aus, ließ sie erröten. Obwohl sie sich schalt, sah sie sich außerstande, ihren Blick von ihm abzuwenden, genauso wie damals, als sie ihn vor Fort Gibson das erste Mal erblickt hatte. Es gehörte sich nicht, wenn eine junge Frau einen fremden Mann anstarrte! Doch auch seine Augen hingen unablässig an ihr und um seine schön geschwungenen Lippen spielte das warme, sanfte Lächeln, das sie vom ersten Augenblick an so sehr beeindruckt hatte. Schließlich tippte er sich mit zwei Fingern an den breitkrempigen Hut.

„Auf Wiedersehen, Miss!“

„Auf Wiedersehen, Sergeant!“

Die beiden Männer verließen die Praxis und zogen die Türe hinter sich ins Schloss. Lange verharrte Julie regungslos am selben Fleck, um ihnen hinterher zu starren. Sie hörte, wie sich die Schritte ihrer schweren Stiefel entfernten. Ron McVeagh, Sergeant Ron McVeagh, hatte er gesagt. Sie atmete tief durch. Was für ein Mann! Sie presste sich die Hände auf die heißen, glühenden Wangen und stellte plötzlich fest, dass sie viel zu stark eingeheizt hatte, aber das machte nichts. Sie würde noch länger in der Praxis bleiben. Der Sergeant hatte Recht – jetzt war sie die einzige, die den Menschen helfen konnte, wenn der Arzt aus dem Fort gerade nicht anwesend war. Sie würde sich auf die Bücher stürzen, die Hardy gehört hatten und alles lesen, was sie über Medizin zwischen die Finger bekam. Sie würde ihn würdig vertreten, bis wieder ein anderer Arzt mit einem Siedlertreck ankommen würde. Das zumindest war sie Hardy schuldig. Er hatte so unendlich viel Zeit in sie investiert und ihr die Chance zur Unabhängigkeit gegeben – ein Geschenk, das sie ihm niemals würde vergessen können, ganz gleich, wie ihr weiteres Leben verlaufen würde. Durch ihn hatte sie sie gekannt – die Freiheit. Vielleicht nur für kurze Zeit, aber sie konnte sie nun auf ganz andere Weise schätzen, denn Julie wusste nun, wie unendlich kostbar Freiheit war.

Hugh eilte die Straße hinab. Es war kalt und eisig und Schnee fiel wie kleine, harte Körner vom Himmel. Die Schule war für heute zu Ende, er hatte es überstanden. Hugh atmete tief durch und schloss für eine Sekunde die Augen. Wie hasste er diesen Beruf seit dem Überfall! Wie hasste er es, jeden Morgen das Schulhaus betreten zu müssen und auf den leeren Platz in der dritten Reihe starren zu müssen, auf den Platz, wo noch vor wenigen Tagen sein kleiner Bruder gesessen und neugierig und wissbegierig seinen Worten gelauscht hatte.

Aus dem Fenster der Arztpraxis fiel schwaches Licht auf die Straße und Hugh bremste ab. Er überlegte einen Moment, dann trat er unter den Vorbau. Stimmen drangen durch die Tür zu ihm heraus. Das eine war Julie und das andere – nun, er wusste nicht, wer das hätte sein können. Entschlossen schlugen seine Fingerknöchel gegen das Holz. Er wartete nicht ab, bis jemand antwortete. In der Praxis war es warm und es roch nach Medikamenten.

„Oh! Guten Tag, Hugh!“, hörte er seine Schwester erstaunt sagen und er schob sich ins Innere. Seine braunen Augen erfassten die Situation sofort und er runzelte die Stirn. Julie lehnte am Schreibtisch und neben ihr stand der Sergeant, der seit drei Tagen in der Siedlung stationiert war und zusammen mit ein paar anderen Soldaten aufpassen sollte, dass die Indianer nicht noch einmal zuschlugen. Als er Hugh bemerkte, nickte er ihm kurz und grüßend zu, ehe er sich von Julie verabschiedete und die Praxis verließ. Lächelnd wandte Julie ihre Aufmerksamkeit ihrem großen Bruder zu.

„Heute schon fertig mit dem Unterricht?“

„Hmm“, machte Hugh und deutete hinter sich. „Was wollte er?“

„Ach!“ Julie zuckte die Schultern und lächelte. „Nichts Besonderes, nur ‚Guten Tag‘ sagen.“

„So, so!“, erwiderte ihr Bruder gedankenverloren und seufzte. „Bist du dir sicher?“

„Hubert Kleinfeld!“, fuhr Julie ihn entrüstet und verärgert zugleich an. „Ich sage immer die Wahrheit! Er hat sich nur mit mir unterhalten...und mich für Samstagabend zum Tanz eingeladen!“

„Zum Tanz?“, wiederholte Hugh verwundert. „Die Soldaten gehen so schnell über zur Normalität? Und du schließt dich ihnen an, nach allem, was geschehen ist?“

„Ja, das tun sie!“ Julie blinzelte ein wenig beschämt. „Und ich möchte diesen Tanz unter keinen Umständen verpassen!“

Hugh seufzte. „Ich verstehe.“

„Was gibt es da zu verstehen?“

„Dass du dich unmöglich benimmst!“ Er schüttelte den Kopf und legte sich die Hand vor die Augen. „Entschuldige. Ich wollte dir keine Vorwürfe machen.“

„Ist schon in Ordnung.“ Julie trat zu ihm, legte ihr kleinen Hände auf seine Schultern. „Wir...wir sind wohl alle sehr mitgenommen.“

„Mitgenommen...“ Hugh stieß einen tiefen Seufzer aus. „Das kannst du laut sagen.“

„Was hast du denn nur?“, wollte Julie besorgt wissen. „Bist du krank?“

Sie wollte ihre Hand auf seine Stirn legen, doch er stieß sie fort. „Ach, lass das! Mir geht’s prächtig!“

„Na, ich weiß nicht...“ Abschätzend betrachtete Julie ihn mit schiefgelegtem Kopf.

„Wie...ich meine, wie läuft es denn, ohne Hardy?“

Seine kleine Schwester senkte den Kopf und biss sich auf die Lippen. „Offen gestanden bin ich der Ansicht, dass ich hier eigentlich nichts verloren habe. Ich bin kein Doktor! Ich kann den Leuten doch gar nicht wirklich helfen!“ Verzweifelt krampften sich ihre Hände ineinander. „Aber sie haben alle so viel Vertrauen in mich! Ich...ich kann sie doch nicht einfach wieder fortschicken oder sollte ich?“

„Nein“, bestätigte Hugh und zog sie an sich. „Nein, das kannst du nicht, jedenfalls nicht, solange kein anderer Arzt hier angekommen ist.“

Es war für sie alle schwer. Julie war jetzt siebzehn, kein Mädchen mehr und doch auch noch keine richtige Frau. Und er? Ihm ging es nicht viel besser. Er übte einen Beruf aus, den er nie gelernt hatte und der ihn überforderte. Er merkte, dass der Punkt gekommen war, da er den größeren Kindern nichts mehr beibringen konnte und es war an der Zeit, dass er sich eingestand, nicht glücklich zu werden als Lehrer. Es war nicht das, was er wirklich als Beruf ausüben wollte. Es war nicht das, was er sich für sein Leben gewünscht und erträumt hatte. Vielleicht, dachte er, ist es das nie und wir reden es uns immer bloß ein, damit wir inneren Frieden finden können.

Er ließ Julie allein zurück und machte sich auf den Heimweg. Er wollte fort, weg von dieser trostlosen, einsamen Siedlung in einem Gebiet, das ihnen noch immer nicht zustand und das es vielleicht nie tun würde, weil die Indianer es nicht hergeben wollten. Und dann wird es wieder einen Krieg geben, dachte Hugh. Wieder wird die Kavallerie gegen die eigentlichen Besitzer dieses Landes ausziehen und sie vernichten...immer mehr und mehr, bis keiner von ihnen mehr übrig ist.

Er schüttelte den Kopf und versuchte, die Gedanken abzuschütteln. Wie konnte er nur? Die Rothäute hatten seinen Bruder getötet! Er musste sie dafür hassen und verachten, aber er brachte es nicht so recht fertig. Er konnte es ihnen nicht einmal übelnehmen, dass sie ihren Ort überfallen hatten. Wir besitzen kein Recht hier zu sein, schrie es in ihm. Wir haben uns dieses Gebiet geraubt, genau wie Hardy es immer formuliert hat, geraubt!

Hardy – der junge, österreichische Arzt mit den strohblonden Haaren erschien vor Hughs Augen. Jetzt lag er dort hinten, auf dem Friedhof, neben der Kirche. Er konnte niemandem mehr helfen. Aber ich kann, schoss es Hugh durch den Kopf und ein heftiger Schauer der Erkenntnis durchzuckte ihn. Sein Herz begann zu rasen. Ich kann noch jemandem helfen!

Zwei Tage später war Samstag und Julie konnte sich nicht entschließen, welches Kleid sie anziehen sollte. Sie mochte die Farbe des einen nicht und bei dem anderen missfiel ihr der Schnitt. Und dann war da natürlich die Sache mit ihren Haaren, die selbstverständlich in eine entsprechende Hochsteckfrisur gebracht werden mussten.

Verständnislos schüttelte Luise den Kopf, während sie vor dem Spiegel mit den Haarnadeln und dem Kamm hantierte. „Ich verstehe dich nicht, Juliane. Wie kannst du so kurz nach all diesen schrecklichen Dingen wieder ein farbiges Kleid tragen und dann auch noch zum Tanzen gehen?“

„Mutter, bitte!“ Aufgeregt zupfte Julie an den Rüschen des dunkelgrünen Kleides, das an die Tannen des Waldes nach einem langen Herbstregen erinnerte. Es war das einzig wirklich schicke Kleid, das sie überhaupt besaß. „Ich bin eingeladen worden! Es wäre doch unanständig gewesen, wenn ich das ausgeschlagen hätte, oder nicht?“

Luise seufzte. Ihre hellbraunen Augen waren mit einem roten Rand umgeben. Sie hatte die letzten Nächte weder viel geschlafen, noch Ruhe gefunden. Sie weinte beinahe andauernd und saß apathisch in ihrem Schaukelstuhl vor dem Kamin, die Strickarbeit auf dem Schoß, ohne jedoch daran zu arbeiten. Luise betrachtete ihre Tochter lange. Sollte sie doch gehen! Weshalb sollte sie jetzt auch noch mit ihr streiten, wo sie kaum die Kraft aufbrachte, überhaupt am Morgen aufzustehen? Julie war ein junges Mädchen, das allmählich zu einer Frau heranwuchs und das sich ruhig unter die anderen jungen Leute aus der Siedlung mischen konnte. Weshalb auch nicht? Es gab keinen Grund, es ihr zu verbieten. Sie war Nikolaus‘ Schwester gewesen, nicht seine Mutter und sie trug immerhin eine dezente Farbe, nichts Helles und Auffälliges. Luise schluckte. Ihre einzige Tochter würde heute Abend zum ersten Mal mit einem Mann zum Tanzen gehen. Vielleicht bedeutete das noch nichts, vielleicht war es lediglich eine unschuldige Verliebtheit, aber irgendwann würde Juliane von ihnen fort gehen, um mit einem Mann zu leben, eine eigene Familie zu gründen. Sie konnte nur beten, dass es noch eine Weile dauern und sie ihre einzige Tochter nicht auch noch verlieren würde.

Aufgeregt drehte das junge Mädchen sich von rechts nach links, um ihre Frisur in dem kleinen Spiegel zu beobachten.

„Glaubst du“, wollte sie von ihrer Mutter wissen, „dass er mich hübsch finden wird?“

Luise musste trotz des Schmerzes und der Trauer, die sie nicht eine Sekunde des Tages verließen, kurz lächeln. „Natürlich wird er das! Du bist das bezauberndste Mädchen in der ganzen Siedlung!“

„Oh, Mutter!“ In Julies Augen war dies eine maßlose Übertreibung; doch sie spürte, wie sie bei den Worten leicht errötete. „Das stimmt doch gar nicht!“

Luise tätschelte ihre Wangen. „Nun komm! Zieh dir noch dein Cape über. Es ist kalt draußen.“

Sie beobachtete ihre Tochter bei ihrem hektischen, aufgeregten Tun und Erinnerungen stiegen in ihr hoch. Wie war es damals doch gleich gewesen, als sie mit Friedrich zum Dorffest gegangen war und zur Einweihung des neuen Pfarrhauses? Als er ihr erklärt hatte, dass er dort eines Tages einziehen würde, sobald er sei Studium zu Ende gebracht hatte? Luise erschrak und presste sich die Hände gegen die Wangen. Damals war sie ganze sechzehn gewesen und Friedrich auch nur drei Jahre älter! Beide waren sie voller Träume und Zukunftsvisionen gewesen – und das, obwohl die Ehe längst durch ihre Eltern beschlossen worden war. Sie hätte sich überhaupt keinen anderen mehr suchen dürfen, ohne, dass es zum Skandal gekommen wäre, aber sie hatte Friedrich sofort gern gehabt, von der ersten Sekunde an und deshalb war ihr das ‚Ja‘ nicht schwer gefallen.

Und jetzt, dachte Luise, jetzt ist meine eigene Tochter schon älter als ich damals. Als ich siebzehn war, hatte ich bereits Hubert auf dem Schoß sitzen und ich trug das nächste Kind unter meinem Herzen.

Wehmut überkam sie und sie musste sich abwenden. Sie tat, als würde sie den Dutt, der ihr eigenes, rotblondes Haar zusammenhielt, kontrollieren und trat an den Spiegel. Alt war sie geworden, fand sie, alt über den Strapazen, über den Sorgen und dem Leid. Jeden Moment konnte dieser junge Mann auftauchen und Juliane mit sich fortnehmen. Vorerst zwar nur zum Tanz, wer konnte ihr jedoch versprechen, dass es ihr nicht jetzt genauso ergehen würde, wie ihrer eigenen Mutter damals? Luise seufzte. Sie hatte die Sorgen ihrer Mutter nicht verstanden. Das tat sie erst jetzt, da sie ihr eigenes Kind freigeben musste, da das Leben von ihr verlangte, sich dem Schicksal zu beugen – dem Schicksal des Altwerdens und der Gleichgültigkeit, denn es erwartete sie nichts mehr, außer der Hoffnung auf Enkelkinder und darauf, dass Hubert eines Tages in die Fußstapfen seines Vaters treten würde. Das verhaltene Klopfen an der Haustür ließ Luise zusammenzucken. Nervös kam Julie zu ihr gelaufen und fasste ihre rauen, von der Arbeit mitgenommenen Hände.

„Oh, bitte, Mutter! Mach’ du ihm auf und lass ihn herein! Bitte!“

Um Luises schmale Lippen spielte ein verständnisvolles Lächeln. „Schon gut! Ich gehe!“

Sie schritt hinüber in den Wohnraum, wo Friedrich den jungen Sergeant soeben hereinbat. Er trug – wie immer – seine Uniform und hielt seinen Hut in den Händen, während er zuerst Friedrich, dann Luise höflich und zurückhaltend die Hand reichte.

„Guten Abend, Mr. Kleinfeld – Mrs. Kleinfeld.“

„Es freut uns sehr, Sie kennenzulernen!“, versicherte Friedrich und musterte den jungen Mann eindringlich von oben bis unten.

Luise spürte, wie ihr schwer ums Herz wurde. Es war das erste Mal, dass sie ihn bewusst wahrnahm. Sie hatte zwar längst mitbekommen, dass ein paar Soldaten vom Fort hier untergebracht waren, als Wachposten, doch sie hatte noch keinem von ihnen wirklich ins Gesicht gesehen, denn im Grunde gab sie ihnen die Schuld. Schuld, weil sie das wichtigste, das bedeutendste und das liebste ihrer Kinder verloren hatte, weil der Sonnenschein, für den sie so hart hatte kämpfen müssen, ihr nun doch viel zu früh genommen worden war. Luise biss sich auf die Lippen. Wieder wollten sich Tränen in ihre hellbraunen Augen drängen, doch sie lächelte.

„Meine Tochter ist jeden Moment soweit!“ Sie trat zur Schlafzimmertür des Mädchens und öffnete sie einen Spalt. „Kommst du?“, fragte sie hinein und stieß die Tür ganz auf. Es schien ihr wie endgültig und nicht mehr rückgängig zu machen, als sie nun beiseite trat und den Weg freigab.

Strahlend und hinreißend wie nie zuvor, betrat Julie den Wohnraum. Drei Schritte vor Ron McVeagh blieb sie stehen. „Guten Abend, Sergeant!“

Es dauerte einen Moment, ehe er ihr antworten konnte. Seine hellblauen Augen hingen an ihrer bezaubernden Erscheinung und er musste schlucken. „Guten Abend, Miss Kleinfeld.“

Und wieder war es da – dieses warme, herzliche Lächeln, das sie so sehr zu faszinieren vermochte. Er bot ihr galant seinen Arm und sie hakte sich bei ihm unter. Die Berührung seines Körpers durch die Jacke hindurch jagte ihr einen Schauer über den Rücken. Da war plötzlich ein Gefühl, das sie nicht kannte, eine Sehnsucht nach etwas, das sie nicht zu benennen vermochte.

Vielleicht, dachte sie, ist es das, wovon Hardy gesprochen hat: ‚Dieses bestimmte Gefühl, wenn ich dich berühre...‘ Vielleicht ist es das und ich lerne es gerade kennen.

Lange blickte Luise den beiden nach, während sie langsam in der Dunkelheit, die nur von einzelnen Lichtern vor Häusern durchbrochen wurde, die Straße hinab schlenderten und leise miteinander redeten.

„Komm“, sagte Friedrich schließlich sanft und schob sie zurück, um die Türe zu schließen. „Es wird kalt. Ich sollte nochmal Holz nachlegen, damit das Feuer nicht ausgeht über Nacht.“

„Ja“, erwiderte Luise gedankenverloren. „Tu’ das.“

Sie setzte sich in ihren Schaukelstuhl neben dem Kamin und griff, ganz selbstverständlich und ohne überhaupt darüber nachzudenken, nach ihrer Strickarbeit. Der Pullover, den sie für Nikolaus hatte stricken wollen, war überflüssig geworden. Jetzt würde Hubert ihn bekommen, er konnte ihn gebrauchen, denn wenn er das Schulhaus jeden Morgen als Erster betrat, war es eisig und bis der Ofen eine anständige Wärme abgab, dauerte es mindestens eine halbe Stunde. Meistens saß er dann dort alleine in der Kälte und kontrollierte die letzten Arbeiten der Schüler oder traf die letzten Vorbereitungen für den Unterricht.

Luises Hände ruhten auf ihrer Strickarbeit und sie beobachtete mit starrem Blick das knisternde Spiel der Flammen. Der Weg, ihr Weg, hatte weiß Gott ungeahnte Richtungen eingeschlagen.

„Ein gutaussehender und sympathischer junger Herr, dieser Sergeant“, sagte Friedrich leise in ihre Gedanken hinein.

„Ja“, flüsterte Luise, denn jedes laute Wort hätte sie in Tränen ausbrechen lassen. „Er passt zu ihr.“

Friedrich zündete seine Pfeife an und schmunzelte in sich hinein. „Hast du bemerkt, wie sie einander angesehen haben? Ich hoffe, unser Mädchen verbringt einen schönen Abend!“

„Das wird sie“, erwiderte Luise leise. „Das wird sie ganz bestimmt...sie liebt ihn.“

Langsam und in seine Überlegungen versunken schlenderte Hugh die Hauptstraße hinab. In wenigen Tagen war Weihnachten. Wie eigenartig. Das erste Weihnachten, das sie hier, in ihrer Stadt verbrachten, dabei kam es ihm viel länger vor, dass sie Deutschland verlassen hatten, wie Jahre und nicht nur einige Monate. St. Louis erschien vor seinem inneren Auge...die Erinnerung daran ließ ihn lächeln. Das Bild einer jungen, hübschen Frau erschien vor seinem geistigen Auge und die Gefühle, die sie in ihm ausgelöst hatte. Er schüttelte den Kopf, kurz und heftig. Nein, daran wollte er sich nicht erinnern. Es kam ihm vor, als läge dies schon zehn Jahre oder noch länger zurück. Alles kam ihm unendlich vor.

Die Tage waren schrecklich kurz und es herrschte mehr Nacht und Dunkelheit als Tag. Hugh seufzte und wickelte sich den Schal fester um den Hals. Er hasste den Winter mit all seiner Kälte und Trübsinnigkeit. Die Praxis von Doktor Retzner, die nun Julie nach bestem Wissen und Gewissen führte, erschien zu seiner Linken. Licht erhellte die dünnen Vorhänge von innen, die bis zur Hälfte des Fensters hinauf reichten. Hugh stoppte abrupt. Er blickte sich um. Niemand ließ sich bei diesem Wetter auf der Straße blicken, wenn es nicht unbedingt sein musste. Auch jetzt war niemand zu sehen und nach kurzem Zögern und der Frage der Richtigkeit seines Tuns, huschte er an das Fenster. Behutsam schob er sein Gesicht vor die Scheibe und blinzelte hinein. Julie stand vor ihrem Medizinschrank und sortierte irgendwelche Fläschchen und Gefäße ein, vermutlich neue Medikamente. Daneben, am Behandlungstisch, lehnte Sergeant McVeagh und beobachtete sie, während sie sich miteinander unterhielten. Hugh konnte ihre Worte nicht verstehen, das brauchte er auch gar nicht. Es war offensichtlich, jedenfalls für ihn. Da standen zwei Menschen, die einander sehr viel bedeuteten.

Seufzend richtete er sich auf und ging weiter, in Richtung ihres Blockhauses. Er hatte schon von Anfang an gespürt, dass seine Schwester niemals Hardy Retzner heiraten würde. Selbst, wenn ihm nicht dieses entsetzliche Schicksal widerfahren wäre, sie hätte ihn nicht genommen. Jetzt erst recht nicht mehr, nachdem sie diesen Sergeant getroffen hatte. Hugh musste lächeln. Etwas Eigenartiges, das er nicht beschreiben konnte, ging zwischen Julie und Ron McVeagh vor sich. Immer, wenn er die beiden miteinander sah, wusste er, dass sie zusammengehörten. Es schien ohne jeglichen Zweifel – sie liebten einander.

Hugh fasste seine Bücher fester und presste sie enger unter seinen Arm. Auch für ihn war es allmählich an der Zeit, die Wahrheit in den Mund zu nehmen. Allerdings wollte er das nicht tun, ehe er den Brief aus New York nicht in seinen Händen hielt – die Antwort auf seine Anfrage. Vorher wollte er seine Eltern nicht vor vollendete Tatsachen stellen und schockieren. Er atmete tief durch. Sie rechneten beide so fest damit, dass er in die Fußstapfen seines Vaters treten und Pfarrer werden würde, aber das konnte er nicht. Beim besten Willen, er brachte es nicht fertig. Das Predigen von Gutem und Schönem erschien ihm bisweilen so sinnlos! Nein, er wollte etwas lernen, wovon er wusste, dass er tatsächlich helfen konnte – handfest und mit erkennbaren Ergebnissen. Sollte sich für ihn die Möglichkeit auftun, würde er mit dem nächsten Zug, der wenige Meilen unterhalb von Fort Gibson hielt, in Richtung Osten abreisen. Nicht für immer – er würde zurückkehren, eines Tages, um sich hier nützlich zu machen, wo er mehr gebraucht wurde als dort, aber nicht, um Pfarrer zu sein.

Julie lachte und auf Ron McVeaghs gutaussehendem Gesicht bildete sich ein breites Grinsen. „Du bist eine ganz schön verrückte, junge Lady! So einen Unfug anzustellen!“

Sie kicherte und hob das nächste Fläschchen aus dem Karton, um es auf der Liste zu vermerken und dann in den Schrank zu stellen – genau, wie sie es von Hardy gelernt hatte.

„Was sollte ich denn tun? Entweder, ich hätte am Bach übernachtet oder ich bin eben vor dem Hengst hindurchgewatet! Das hat er noch nie getan! Ich glaube, er hat protestiert, weil wir so lange geritten sind!“

Der Sergeant schmunzelte. „Kaum zu glauben, wie weit sich die Siedler schon überall verteilt haben.“

„Wenn sich Washington und die Indianer erst einmal geeinigt haben, wird es noch viel schlimmer werden! Dann werden alle nur noch hierher wollen! Neues, freies Land! Es wird von Siedlern und Heimstättern, Gesetzlosen und Herumtreibern nur so wimmeln.“

„Das befürchte ich auch.“ Nachdenklich legte Ron den Kopf schief. Auf seiner Stirn bildeten sich kleine Fältchen. „Dann wird es genauso zugehen wie in Oregon damals, als der große Run anfing und tausende von Menschen das Land stürmten!“

„Hmm“, machte Julie und hob die Schultern. „Ich bin froh, dass wir uns nicht an so etwas beteiligt haben.“

Ron hob die Brauen. „Dafür habt ihr etwas anderes getan.“ Es klang scharf und er verbesserte sich hastig, als er ihr betroffenes Gesicht bemerkte. „Ich meine, es war ja in erster Linie die Schuld von diesem Halunken und nicht eure und...“

„Nein“, fiel Julie ihm ins Wort. „Es war auch teils unsere. Wir hätten nur auf einen Mann hören sollen, der sich erkundigt hat und der eine Ahnung hatte, aber wir wollten alle nur schnellstmöglich irgendwo ankommen.“

„Julie...“ Seine langen, schlanken Finger fassten sie an der Taille. Er richtete sich auf. Jetzt, da er direkt vor ihr stand, fiel ihr Größenunterschied umso deutlicher auf. Julie musste ihren Kopf weit in den Nacken legen, um ihn ansehen zu können. Er lächelte sanft zu ihr herab. Die Wärme und Güte, die dabei von ihm ausgingen, übermannten sie. Er vermochte Gefühle in ihr auszulösen, die sie nicht kontrollieren konnte und die sie noch nie zuvor für einen Menschen empfunden hatte. Würde jetzt ein Cherokee zur Tür hereinkommen – sie würde sich zwischen ihn und den Sergeant stellen.

„Oh, Ron!“ Hastig schlang sie ihre Arme um seinen muskulösen, sehnigen Körper und presste ihr Gesicht an sein Hemd. Sie fühlte, wie seine Lippen ihr einen Kuss aufs Haar drückten und schlagartig wurde ihr bewusst, wie ungehörig sie sich benahm. Ein Mädchen warf sich doch nicht einem Mann um den Hals! Was sollte er jetzt von ihr denken? Sie fuhr zurück.

Seine blauen Augen betrachteten sie zärtlich und voller Wärme. Er lächelte. Einen Augenblick schien er zu zögern, dann beugte er sich zu ihr hinab. Seine Lippen drückten sich sacht auf die ihren. Er wartete einen Moment ab, was geschehen würde.

Julie schloss die Augen. Abgesehen von Hardy war sie noch nie von einem Mann geküsst worden und das hier war völlig anders. Wie von alleine legten sich ihre Arme um seinen Hals und sie erwiderte seinen Kuss. Es war ein herrliches, ein unbeschreibliches Gefühl! Sie konnte es nicht länger leugnen und verdrängen – sie liebte ihn. Sie liebte Sergeant Ron McVeagh und sie empfand Dinge, wenn er in ihrer Nähe war und sie anlächelte oder berührte, von denen sie nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierten.

Immer und immer wieder suchten sich ihre Lippen und Ron wurde mutiger, seine Küsse leidenschaftlicher und intensiver. Julies Arme, die sich fest um seinen Hals klammerten, ermutigten ihn. Er presste sie fest an sich. Unter dem dicken Stoff ihres Kleides konnte er ihre runden, festen Brüste spüren und es kostete ihn einige Überwindung, endlich von ihr abzulassen. Ihre großen, bernsteinfarbenen Augen betrachteten ihn und er fragte sich, was wohl in ihrem Kopf gerade vor sich ging.

„Ich...ich muss weitermachen, sonst werde ich nicht fertig. Und dann muss ich nach Hause, meine Eltern warten“, stieß sie atemlos hervor und senkte den Kopf, damit er nicht sehen konnte, wie sich ihre Wangen rot verfärbten.

Er lächelte. „Natürlich. Ich muss auch zurück zu den Männern.“

Er löste seine Arme und gab sie frei. Ihre Hände strichen kurz über seine Brust hinab, bevor sie sich abwandte und zur Verbindungstür trat.

„Vielleicht...nun ja, vielleicht sind meine Stiefel ja mittlerweile trocken.“

Er folgte ihr zum Hinterzimmer und lehnte sich in den Türrahmen. Seine blauen Augen glitten durch den kleinen Raum, der an die Praxis angrenzte. „Hier hat Doktor Retzner gelebt?“

„Ja.“ Julie trat an den kleinen Herd, rechts hinter der Tür und betastete ihre Reitstiefel. Sie zuckte die Schultern. „Ich fürchte, das Bad im halbgefrorenen Bach hat ihnen den Rest gegeben.“

Ihre Hände griffen nach ihrem Reitrock, den sie an einer Schnur darüber aufgehängt hatte. Auch er war noch nass und sie wandte sich lächelnd dem jungen Sergeant zu. „Macht nichts. Meine Eltern sehen es sowieso lieber, wenn ich mich wie eine richtige Dame kleide.“

Ron schmunzelte, während seine blauen Augen sie liebevoll betrachten. Niemand, glaubte Julie, kann so warm und gütig und herzlich zugleich auf einen herabsehen, wie er es vermag.

„Das...das da sind alles die Medizinbücher, in denen er immer gelesen hat“, sagte sie, nur um das Schweigen zu brechen und deutete auf den kleinen Tisch am anderen Ende des schmalen Zimmers, der sich unter der Last der dicken, schweren Bände bog. „Ich lese so oft wie möglich darin, aber es hilft am Ende meist doch nicht. Ich bin eben kein Arzt und ich verstehe vieles nicht.“

Außer einem Bett, einem Stuhl und einem Schrank befanden sich keine weiteren Möbelstücke in der winzigen Stube, die für Doktor Retzner leicht ausgereicht hatte.

„Wenn wieder ein Arzt mit einem Siedlertreck ankommt“, meinte Ron, „kann er gleich hier einziehen. Es ist schon alles da.“

„Nicht ganz“, warf Julie ein und deutete auf den Schrank. „Ich habe Hardys...ich meine, Doktor Retzners Sachen verschenkt. Seine Hosen und Hemden, die Jacken und Schuhe. Er braucht sie ja nicht mehr und...nun, ich bin sicher, dass er das so gewollt hätte. Es wäre ihm nicht recht gewesen, wenn seine Kleidung ungenutzt und sinnlos herumhängt. Es gibt genügend Männer hier, die sie gerne und dankbar genommen haben.“

Ron biss sich kurz auf die Lippen. Er hörte die Wehmut und den Schmerz über den Verlust aus ihrer Stimme heraus. „Ihr...ihr seid euch wohl sehr nahe gestanden?“

Julie schluckte. Ihr Blick glitt durch den vertrauten, spartanisch eingerichteten Raum. „Er hat mir sehr viel beigebracht. Er hat mir geholfen, als ich wirklich jemanden gebraucht habe und vor allem: Er hat mir gezeigt, wer ich bin und was ich möchte. Das werde ich ihm nie vergessen.“

Rons blaue Augen schauten sie lange und abschätzend an. Er hätte gerne weiter gefragt, doch er ließ es bleiben. Er spürte, dass sie dazu noch nicht bereit war, dass die Wunde noch zu groß war, noch zu frisch. Er lächelte sein eigenes, unvergleichliches Lächeln und streckte den Arm nach ihr aus.

„Komm. Es wird Zeit, dass du mit deiner Arbeit fertig wirst und ich muss zurück zu den Männern. Sie werden sich schon fragen, wo ich mich verlaufen habe!“

„Ja“, erwiderte Julie und nahm seine Hand. „Ich muss mich beeilen.“

Er zog sie an sich, um sie noch einmal lange und leidenschaftlich zu küssen, dann wandte er sich ab und griff nach seinem Hut, der auf dem Behandlungstisch lag.

„Bis morgen, Julie.“

„Gute Nacht, Ron.“

Er ging zur Tür, fasste die Klinke, hielt jedoch noch einmal inne. Er drehte sich zu ihr herum und stellte fest, dass sie ihm regungslos nachblickte.

Er lächelte sie an. Ein äußerst zufriedenes, sehr männliches Lächeln machte sich auf seinem gutaussehenden Gesicht breit und er riss die Türe auf, um hastig hinaus in die Kälte und Dämmerung zu treten. Der eisige Windhauch, der ihm entgegenschlug, brachte ihn in die Gegenwart zurück und ließ ihn unsanft auf die harte Erde zurückfallen. Es war gut, dass er ging. Jede weitere Minute hätte ihn Überwindung gekostet und den Wunsch, ihr näher zu sein, als er im Augenblick durfte, noch verstärkt. Langsam marschierte er die Straße zur Pension hinab. Seine langen, schlanken Beine in den blauen Hosen und den hohen Stiefeln griffen weit aus und ohne es zu wissen, lächelte er vor sich hin. Sie schien so ganz anders zu sein als all die Mädchen, denen er vorher begegnet war, so natürlich und ehrlich und voller Vertrauen in das Leben und ihr Glück. Gleichzeitig war sie gebildet und zurückhaltend und dennoch mit dem nötigen Selbstbewusstsein ausgestattet. Ein Mädchen, das sich ein Mann wie er nicht einmal gewagt hatte, zu erträumen. Ein Mädchen, das vielleicht akzeptieren konnte, wer er war und wie er es bevorzugte zu leben, die es vielleicht sogar genießen konnte. Es gab nichts, was er sich in diesem Moment sehnlicher wünschte.

Julie war noch immer nicht damit fertig die Medikamentenliste zu vervollständigen, als Hugh die Türe aufdrückte und ins warme Innere trat.

„Na?“, fragte er scheinheilig und grinste. „Waren noch viele Patienten hier?“

Julie schüttelte den Kopf. „Nein, heute Abend überhaupt niemand. Nur heute Vormittag musste ich Miklós die Hand verbinden, weil er sie sich im Stalltor eingeklemmt hat und dann war ich draußen bei den Stromsons.“

„Aha! Und – wie geht es Geertje?“

„Gut! Hervorragend! Sie achtet sehr auf sich und befolgt alle meine Anweisungen!“

„Das gefällt dir, was?“ Er lachte leise auf und sprang beiseite, als sie die leere Holzkiste nach ihm warf. Sie krachte gegen die Wand neben der Tür.

„Sei still! Sag mir lieber, was du willst!“

„Dich zum Abendessen holen! Vater ist ziemlich böse, weil du schon wieder zu spät kommst!“

„Dafür kann ich nichts!“, entrüstete Julie sich aufgebracht und zog die oberste Schublade des Schreibtisches auf, um die Liste darin zu verstauen. „Ich habe schließlich hier alleine das zu tun, was Hardy und ich vorher zu zweit geschafft haben.“

„Nicht ganz“, verbesserte Hugh sogleich. „Die schweren Fälle schickst du doch schon zum Arzt in Fort Gibson.“

„Ich kann auch nicht operieren oder irgendwelche komplizierten Sachen behandeln!“, fuhr Julie ihn ärgerlich an. „Sonst werde ich noch wegen Mordes verklagt!“

Hugh grinste verschmitzt. „Ich weiß, Schwesterherz. Du bist ungeheuer mit einem gewissen jungen Sergeant beschäftigt, der jeden Tag diese Praxis aufsuchen muss! Er scheint wirklich an einer sehr ernsten Krankheit zu leiden!“

Julie schnappte nach Luft. „Oh, du!“ Sie errötete und ärgerte sich noch mehr, denn sie wusste, dass sie sich damit verraten hatte.

„Du brauchst mich nicht anzuschwindeln! Ich habe Augen im Kopf!“, lachte ihr Bruder und lehnte sich gegen die Türe. „Und ganz unsensibel bin ich auch nicht!“

„Nein“, erwiderte Julie und schaute ihn fest an. „Da merkt man unsere Verwandtschaft, also: Was ist los mit dir? Du läufst seit Tagen herum, als sei etwas geschehen!“

Hugh schluckte. Er hätte wissen müssen, dass er vor ihr nichts verheimlichen konnte. Außerdem war er eigentlich ganz froh, sich jemandem mitteilen zu können. Sein Vorhaben, von dem bisher niemand etwas wusste, und sein Gewissen quälten ihn jeden Tag mehr.

„Ich...ich werde fortgehen von hier“, murmelte er undeutlich.

„Fortgehen?“, wiederholte seine kleine Schwester fassungslos. „Aber...wohin denn? Und wieso?“

„Julie!“ Eindringlich packte Hugh sie an den Oberarmen. „Wenn ich hierbleibe, wird aus mir nie etwas anderes werden als ein Lehrer, der diesen Beruf nicht studiert hat und Vaters Nachfolger!“

„Und das möchtest du nicht“, erkannte das siebzehnjährige Mädchen leise. Sie hatte es gespürt, die ganz Zeit über schon war ihr klar gewesen, dass ihn etwas Wichtiges, etwas Entscheidendes beschäftigte.

„Nein!“ Entschlossen schüttelte Hugh den Kopf. „Ich werde nach New York gehen – um Medizin zu studieren.“

„Medizin?“ Julies Augen begannen zu leuchten. „Wirklich, Hugh? Wirklich? Du möchtest Arzt werden?“

Er lächelte. „Ja, wirklich!“

Sie fiel ihm um den Hals. „Oh, das ist großartig! Wie stolz wäre Hardy darauf, das zu erfahren!“

Eine lange Pause entstand. Hugh presste sein Gesicht in ihr weiches, rotblondes Haar, das zu einem Zopf geflochten war.

„Ich habe ihn so oft dabei beobachtet, heimlich, wenn er die Patienten behandelt hat. Noch nie zuvor habe ich eine solch sinnvolle Aufgabe gesehen – anderen Menschen zu helfen.“

„Und keine verantwortungsvollere“, fügte Julie leise hinzu. Sie wusste, wovon sie sprach. Sie erlebte es beinahe täglich und fühlte sich dabei häufig so entsetzlich überfordert und alleingelassen.

„Ich werde sehr stolz auf dich sein“, erklärte sie und strahlte zu ihm hinauf.

„Tu’ mir einen Gefallen“, bat er. „Erzähl Vater und Mutter noch nichts. Bis Weihnachten werde ich auf jeden Fall noch da sein und danach...nun, das entscheidet sich, wenn ich den Brief bekomme! Hoffentlich bald!“

„Welchen Brief?“

„Die Bestätigung der Universität, dass ich mich dort einschreiben kann zum Beginn des nächsten Semesters. Ich kann nur hoffen, dass meine Qualifikationen ausreichend sind und dass sie meine Zeugnisse aus Deutschland anerkennen.“

Julie lächelte und fühlte doch gleichzeitig einen Stich in ihrem Herzen. Er würde fort gehen und sie wusste nicht, wann sie ihn wiedersehen würde. Das jedoch, was er tun wollte, war großartig. Sie wünschte nur, sie müsste nicht ertragen, ihn gehen zu lassen.

Veränderungen

Zwei lange, verschneite und kalte Wochen vergingen, in denen nicht viel geschah. Die Kinder trafen Vorbereitungen für ein kleines Weihnachtsfest in der Schule und auf dem freien Platz vor der Kirche stellte Friedrich mit der Hilfe von ein paar Männern einen Christbaum auf. Jede Frau in der Stadt trug dazu bei, dass er mit schönen Kugeln und bunten Sternen geschmückt werden konnte. Julie ließ den Vorhang zurückfallen und drehte sich zu Ron herum.

„Das wird eine sehr schöne Feier geben“, meinte sie und wartete darauf, dass er zu ihr trat und sie in den Arm nahm. „Das erste, das wir hier verbringen, in unserem eigenen Haus, in diesem neuen Land.“

Er lächelte warm und gütig, wie er es immer tat und streckte seine Hände nach ihr aus. Seine langen, schlanken Finger legten sich um ihre schmale Taille und zogen sie an seinen Körper. Julie schloss die Augen und legte den Kopf in den Nacken. Wie erwartet, beugte er sich zu ihr herab, um sie zu küssen. Jeden Abend kam er in der Praxis vorbei. Jeden Abend besuchte er sie und sie ertappte sich dabei, ständig auf die kleine Wanduhr hinter dem Schreibtisch zu blicken, wann er endlich erscheinen würde.

„Gestern ist Captain Harbach zurückgekommen“, sagte er auf einmal leise. „Ich...ich muss morgen ins Fort zurück, genau wie die anderen Männer.“

Julie erstarrte. Ihre bernsteinfarbenen Augen glitzerten verdächtig und sie musste sich auf die Lippen beißen.

„Zurück?“, fragte sie leise. „Zurück ins Fort?“

„Ja, es lässt sich nicht ändern.“ Rons Hände glitten ihren Rücken auf und ab. Er blickte ernst. „Aber es ist ja nicht weit. Ich verspreche dir, dass ich dich so oft besuche, wie ich nur abhauen kann!“

Julie versuchte ein Lächeln. Natürlich, er konnte doch nichts dafür. Seine Aufgabe war erledigt, zumindest sah es danach aus.

„Kommen...kommen neue Soldaten?“, fragte sie leise und spielte an einem der Knöpfe seines Hemds.

„Nein.“ Ron schüttelte den Kopf. „Captain Harbach hat von den Cherokees ein Friedensversprechen bekommen, jedenfalls ein vorläufiges – bis die Verhandlungen zwischen Washington und den Häuptlingen der Stämme wegen der Landnutzung abgeschlossen sind.“

Julie schlang ihre Arme um seinen Hals und er küsste sie.

„Es ist spät“, flüsterte er schließlich und drückte sie fest an sich.

„Ich weiß“, erwiderte sie ungeduldig, „aber ich will nicht, dass du schon gehst!“

Er lächelte sanft und drückte sein Gesicht in ihr weiches, duftendes Haar. „Weißt du, eigentlich wollte ich noch eine Karte zu Weihnachten nach Hause schreiben und ein paar Geschenke schicken.“

„Nach Hause?“, wiederholte Julie und hob den Blick. All ihre Liebe und Zuneigung spiegelten sich auf ihrem Gesicht und gleichzeitig auch die Angst, ihn zu verlieren.. „Wo ist das – Zuhause?“

„Im Wyoming Territorium“, antwortete Ron leise und ein weggetretenes Lächeln spielte um seine Lippen. „Im Südosten vom Wyoming Territorium, genauer gesagt, nördlich von Cheyenne.“

„Ist das eine Stadt? Ich habe noch nie davon gehört“, gab Julie nach kurzer Überlegung zu. „Ich habe nur auf der Landkarte gesehen, wo sich das Wyoming Territorium befindet und das ist sehr weit fort von hier.“

Ron schien ihr nicht zugehört zu haben. „Es ist wunderschön dort: Weite Prärien, kleine Wälder, Sand und Staub, viel Wind, aber ich liebe es. Es gibt keinen schöneren Anblick als den vom Hügel über unserer Ranch aus. Du würdest es verstehen, wenn du es kennen würdest.“

Julies kleine Hände streichelten seine Wangen. Wie sensibel und verletzbar er in diesem Augenblick wirkte. Zum ersten Mal schien er sich ihr ganz zu öffnen.

„Kannst...kannst du mich nicht mitnehmen, wenn du das nächste Mal hinfährst?“, fragte sie zaghaft. Ihre Worte schienen ihn aus den Träumen zu reißen, denn er wandte seinen starren Blick von der Wand ab und lächelte nachdenklich zu ihr hinab.

„Wenn ich das nächste Mal dorthin reise, dann, um für immer dort zu bleiben. Dann werde ich nicht länger in der Armee sein.“

Julie erblasste. Er wollte endgültig fort, zurück ins Wyoming Territorium, wo er Zuhause war! Das konnte er doch nicht machen! Er durfte sie nicht verlassen! Sie würde es nicht ertragen, dessen war Julie sich sicher. Tränen verwischten seinen gutaussehenden Anblick vor ihren Augen.

„Nicht weinen, Liebling“, raunte er erschrocken und presste sie an sich. „Ich möchte zwar zurück nach Hause, aber ich gehe nicht ohne dich von hier fort!“

Julie drückte ihre Lippen auf sein glatt rasiertes Kinn. Sie sog seinen Duft tief ein. Es schien ihr ein einzigartiger Geruch, den nur er besaß. Sie liebte es, wenn seine Finger ihren Rücken auf- und abstrichen. Die Berührung löste unbekannte, noch nie vorher dagewesene Gefühle in ihr aus. Es war wie ein Feuer, das tief in ihrem Inneren brannte und sie dazu zwang, sich immer noch fester an ihn zu pressen. Es war, als wüsste sie genau, dass nur er dieses brennende Sehnen in ihr zu erlösen vermochte.

Seine Lippen wanderten über ihre Schläfen, zu ihrem Hals hinunter. Plötzlich störte Julie das enge, hochgeschlossene Kleid, in dem sie steckte. Sie warf den Kopf zurück. Seine hellblauen Augen betrachteten sie eindringlich. Ein seltsamer Ausdruck lag auf seinem Gesicht, den sie noch nie zuvor bemerkt hatte. Julie spürte das schnelle, heftige Pochen seines Herzens durch sein Hemd. Sie wollte nicht länger auf irgendetwas warten, von dem sie nicht genau wusste, was es war. Sie wollte nur eines – ihm ganz nahe sein, so nah, wie noch niemals einem Menschen zuvor.

„Ich...“, brachte Ron leise, stockend hervor. „Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe.“

„Nein!“ Ihre Finger krallten sich in seine Unterarme. „Bitte...bitte nicht.“

Er zögerte. Sein Verstand riet ihm, sich so schnell wie möglich umzudrehen und zur Pension zurückzulaufen, doch etwas hielt ihn zurück. Vielleicht waren es ihre großen, flehenden Augen, die ihn voller Vertrauen und Verlangen anstarrten. Vielleicht war es auch das eigene Drängen in ihm und die Erregung. Mit einem Ruck riss er sie an sich. Er küsste sie, wie er noch nie zuvor eine Frau geküsst hatte und mit einer Leidenschaft, von der er selbst nicht gewusst hatte, dass er sie überhaupt besaß. Seine langen, muskulösen Arme hoben sie hoch.

„Mach’ die Lichter aus“, raunte er heiser. „Damit niemand weiß, dass du hier bist.“

Julie lächelte, ein wenig nervös. Sie ahnte, was er meinte, aber noch wusste sie es nicht sicher. Sie kannte die Theorie, aber sie wusste nichts von der Tatsächlichkeit, von den starken Gefühlen, die zwischen zwei Menschen entstehen konnten, die einander liebten. Sie tat einfach, worum er sie bat. Er trug sie von einer zur anderen der drei Petroleumlampen, deren Docht sie der Reihe nach herabdrehte. Sie standen einen langen Moment in der Finsternis, bis ihre Augen sich daran gewöhnt hatten. Behutsam brachte Ron sie ins andere Zimmer hinüber. Dort hatte Julie im Ofen Feuer gemacht und die obere Herdplatte beiseite geschoben, sodass der Schein der Flammen den Raum erleuchtete.

„Ich habe heute schon ein wenig in den Büchern gelesen“, erklärte sie und wusste selbst gar nicht, weshalb eigentlich.

Ron erwiderte nichts. Er lächelte nur und küsste sie, während er sie zum Bett hinüber trug und vorsichtig darauf ablegte. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach. Julie schlang ihre Arme um seinen Hals, aufgeregt und neugierig zugleich. Längst hatte sie aufgehört, über irgendetwas nachzudenken. Er legte sich halb auf, halb neben sie. Das alles schien ganz selbstverständlich. Julie schluckte. Einen Moment erwachte ihr Gewissen, ihre streng konservative, gläubige Erziehung, die ihr jeden Wunsch nach weiteren Berührungen verbot. Doch das Brennen und Sehnen in ihr wurde immer stärker anstatt besser und sie fragte sich, wann es aufhören würde, was er noch tun musste, damit sie sich endlich befriedigt fühlen würde.

Seine Hände schoben sich unter ihren Körper, während seine Finger begannen, die Haken am Rücken ihres Kleides zu lösen. Er machte das mit bedachten, behutsamen Bewegungen, wie alles, was er anfasste. Julie fühlte kaum, wie sie aus dem Kleid herausschlüpfte, wie sie Ron das Hemd abstreifte. Da waren seine Lippen, die sie küssten, wild und stürmisch und seine Hände, die sie überall berührten. Julie schauderte und sie öffnete ihre Augen. Erst jetzt stellte sie ein wenig erschrocken fest, dass sie nackt war, völlig nackt, ebenso wie er. Eine Sekunde wollte sie aufspringen und sich dafür schämen, dass sie ohne einen Fetzen Stoff neben einem Mann lag, mit dem sie nicht verheiratet war, doch es gab im Grunde genommen nichts, wofür sie sich hätte schämen müssen, denn sie liebte ihn. Sie liebte ihn mehr, als irgendeinen Menschen sonst auf der Welt.

Ihre Blicke trafen sich, bevor er sie erneut küsste. Sie schlang ihre Arme um seinen Körper. Sein rechtes Knie schob sich zwischen ihre Schenkel, drückte sie auseinander. Nun gab es keinen Weg zurück und sie wollte auch gar nicht, dass er jetzt aufhörte. Sie wollte es genießen, denn sie wusste genau, dass es verboten war, was sie hier mit ihm tat. Sie war nicht mit ihm verheiratet. Sie schenkte ihm ihre Jungfräulichkeit, die Unberührtheit – das Wertvollste, was eine Frau besaß, wie ihre Mutter es auszudrücken pflegte. Aber das änderte nichts an den Emotionen, die er in ihr hervorrief, an der Sehnsucht und dem Verlangen, das sie in seiner Gegenwart empfand. Es war ihr alles gleichgültig, auch jegliche Konsequenz. Es ging nur noch darum, ihm so nahe zu sein, wie niemals einem Menschen zuvor in ihrem Leben.

Seine starken, muskulöse Arme hielten ihren Körper fest und pressten ihn an den seinen, Haut an Haut. Das Feuer im Ofen war fast heruntergebrannt.

„Ich muss nach Hause“, sagte Julie mit einem Mal und merkte, wie die Wolke schwand, von der sie eben noch getragen worden war. Die Kälte der Nacht kroch in ihr hoch. Sie drehte sich um und schaute Ron in die hellblauen Augen. Er lächelte zärtlich und betrachtete sie.

„Ich liebe dich, Julie.“

„Und ich liebe dich!“ Wie leicht diese Worte über ihre Lippen kamen und wie ehrlich sie doch auch gleichzeitig waren. „Aber das weißt du ja...“

Ron schmunzelte und strich ihr das zerzauste Haar aus der Stirn. „Ich glaube, es ist das Beste, wenn du mich heiratest, Julie!“

Ihr Lächeln verwandelte sich in ein Strahlen. „Das glaube ich allerdings auch!“

Er richtete sich auf, stützte sich auf den linken Ellenbogen und schaute nachdenklich auf sie herab. „Glaubst du denn, du kannst ein solches Leben führen?“

„Was führe ich jetzt für ein Leben, Ron?“ Sie lächelte. „Und wieviel anders wird es mit dir sein?“

„Ich werde im Frühjahr aus der Armee austreten und zurück auf die Ranch ziehen, auf der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Dieses Stück Land bedeutet mir sehr viel. Ich möchte derjenige sein, der es übernimmt!“

„Und du denkst, dafür bin ich nicht geschaffen?“

Seine Stirn legte sich in tiefe, zweifelnde Falten. „Es ist anders als hier und es ist wahrscheinlich das genaue Gegenteil von dem, was du aus deiner Heimat kennst. Es ist einsam und abgeschieden und unser Dasein wird von der täglichen, immer wiederkehrenden Arbeit geprägt sein, nichts weiter. Es wird zum Überleben reichen, aber nicht für sehr viel mehr. Ich möchte dir keine Illusionen machen. Wir werden einfache Rancher sein, nichts weiter, nichts anderes und auch nichts bedeutenderes.“

„Ron!“ Ihre kleine, zarte Hand strich ihm sacht über das Kinn und die Wange. „Wenn ich dieses Leben mit dir verbringen, mit dir teilen kann, dann ist es gut, so wie es sein wird. Das Wichtigste ist, dass du bei mir bist!“

Er lächelte und schlang seine Arme um sie. „Oh, Julie!“

Wie in Trance wanderte sie die Straße hinab. Ron war aus dem hinteren Fenster geklettert, damit niemand hatte sehen können, dass er erst zu so später Stunde die Arztpraxis verließ. Wie ein Dieb, dachte Julie und musste schmunzeln. In gewissem Sinne war er das ja auch. Er hatte ihr etwas gestohlen, das ihr niemand jemals wiedergeben konnte, doch das störte sie nicht, nicht im geringsten.

Durch die beiden Fenster neben der Tür fiel noch Licht und Julie ärgerte sich darüber. Sie wollte jetzt niemandem begegnen, schon gar nicht ihren Eltern. Womöglich konnten sie ihr ansehen, was sie getan hatte! Nach kurzem Zögern drückte sie die Haustür auf. Feuer brannte leise knisternd im Kamin und eine angenehme Wärme schlug ihr entgegen. Ihre bernsteinfarbenen Augen glitten hastig durch den Raum. Zu ihrer Erleichterung saß nur Hugh am Tisch, über einigen Büchern und hob jetzt kurz den Blick.

„Na?“, fragte er auf Deutsch und es klang ironisch. „Du bist ganz schön früh dran, findest du nicht?“

„Ja“, antwortete Julie zerstreut und lehnte sich gegen die Tür. „Ich meine...nein! Wo sind Vater und Mutter?“

„Sie sind zu Bett gegangen und schlafen hoffentlich schon. Sie könnten ein bisschen mehr davon wirklich vertragen.“ Prüfend zog Hugh die Brauen hoch. „Morgen wird ein anstrengender Tag für beide, denn die letzten Vorbereitungen für den Weihnachtsgottesdienst müssen getroffen werden.“

„Natürlich“, erwiderte Julie hastig und zog ihr Cape aus, um es an die Garderobe zu hängen. Sie bemühte sich, nicht nervös oder irgendwie anders zu wirken als sonst, doch ihr Herz schlug so laut, dass sie glaubte, ihr Bruder müsste es hören.

Hugh wollte seine Aufmerksamkeit schon wieder auf die Mathematikbücher richten, als seine Augen etwas erfassten. Ihm stockte der Atem und er hatte Mühe, nicht aufzuspringen und sie laut anzuschreien. Seine kleine Schwester schien eigenartig verwirrt und ihm kam mit einem Mal der entsetzlichste Gedanke. Sie war schon zu lange fort gewesen.

„Dein Kleid ist nicht richtig zu“, sagte er nach langer Überlegung leise und warf einen kurzen Blick zurück über seine Schultern, zur Schlafzimmertür seiner Eltern.

Julie erstarrte. Ihre Hände griffen hinter sich und versuchten, die Häkchen abzutasten, die es zusammenhielten, doch Hugh kam ihr zuvor. Seine Finger legten sich um ihre Oberarme, hielten sie fest.

„Julie!“ Beschwörend drehte er sie zu sich herum, schüttelte sie kurz. „Was ist geschehen? Hat er dir...etwas getan?“ Er ahnte die Wahrheit, doch er wollte es nicht glauben. Seine Schwester war ein anständiges Mädchen! Sie würde doch niemals vor der Ehe...oder doch? Der selige, verträumte Ausdruck auf ihrem Gesicht ließ ihn immer stärker zweifeln.

„Julie!“, stieß er noch einmal hervor und schüttelte sie erneut, diesmal heftiger. „Was ist passiert?“

Sie lächelte. „Ich werde ihn heiraten, Hugh. Und ich werde mit ihm auf seine Ranch ziehen.“

„Auf seine Ranch?“, wiederholte ihr großer Bruder verblüfft. „Wo soll das sein?“

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9783742769848
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