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Jahrbuch der Akademie CPH
Anregungen und Antworten
Wohlstand anders denken
Jörg Alt · Samuel Drempetic (Hg.)
Jahrbuch der Akademie CPH Anregungen und Antworten
Wohlstand anders denken
Band 7 der Reihe
Veröffentlichungen der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus
www.cph-nuernberg.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
© 2012 Echter Verlag GmbH, Würzburg
www.echter-verlag.de
Umschlag: Peter Hellmund, Würzburg
Satz: Hain-Team, Bad Zwischenahn (www.hain-team.de)
Druck und Bindung: CPI – Clausen & Bosse, Leck
ISBN 978-3-429-03473-3 (Print)
ISBN 978-3-429-04635-4 (eBook PDF)
ISBN 978-3-429-06044-2 (ePub)
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
Vorwort des Herausgebers der Reihe
Dank
Einleitung
Teil I: Situationsbeschreibung
Jörg Alt: Aus dem Ruder gelaufen – Krise des Finanzsystems und die Folgen
Gerhard Berz: Klimawandel und Naturkatastrophen – Risiken und Handlungsnotwendigkeiten aus wirtschaftlicher Sicht
Johannes Müller: Global, aber gerecht – Klimawandel bekämpfen, Entwicklung ermöglichen
Teil II: Alternative Wohlfahrtsmaßstäbe
Ulrich Spörel: Zwei Jahre nach Stiglitz – Zum Stand der Diskussion über die statistische Messung von Wohlstand und Lebensqualität
Karlheinz Ruckriegel: Subjektive Indikatoren und mehr – ein Plädoyer
Teil III: Politische Umsetzung
Einleitung
Stefanie Vogelsang: (Nachhaltiges) Wachstum und Wohlstand hängen wesentlich zusammen
Thomas Gambke / Thomas Potthoff: Wachstum nicht rein ökonomisch betrachten – und kritisch hinterfragen
Sabine Leidig: Von der ‚Astronautenperspektive‘ zu konkreten sozialen Verhältnissen
André Habisch, Stefanie Herber: Erwartungen an Wirtschaft und organisierte Zivilgesellschaft
Harald Riedel: Global denken und lokal handeln – Das Beispiel der Stadt Nürnberg
Teil IV: Einstellungen der Bevölkerung
Malte Boecker: Die Weisheit der Vielen – Wie denkt die Gesellschaft über Wachstum und Fortschritt?
Jan Grossarth: Zwischen den Extremen – Aussteiger als Impulsgeber für die Gesellschaft?
Schluss und Ausblick
Autorenbiografien
Fragen der Zeit – Veröffentlichungen der Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus
Abkürzungsverzeichnis
Bedeutung mehrfach vorkommender Abkürzungen
| Anm. d. A. | – Anmerkung des Autors |
| BIP | – Bruttoinlandsprodukt |
| CO2 | – Kohlendioxid |
| EU | – Europäische Union |
| Hg. | – Herausgeber |
| G20 | – Group of Twenty (Gruppe der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer) |
| GDP | – Gross Domestic Product |
| ILO | – International Labour Organization |
| IPCC | – Intergovernmental Panel on Climate Change |
| IWF | – Internationaler Währungsfonds |
| OECD | – Organisation for Economic Co-operation and Development |
| ONS | – Office for National Statistics (Großbritannien) |
| SOEP | – Das Sozio-oekonomische Panel |
| SSF | – Stiglitz-Sen-Fitoussi (Kommission) |
| SVR | – Sachverständigenrat (zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung) |
| UN | – United Nations |
| UNECE | – United Nations Economic Commission for Europe |
| UNICEF | – United Nations International Children’s Emergency Fund |
| VGR | – Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung |
| WHO | – World Health Organization |
Gutes Leben – eine Frage unserer Zeit Vorwort des Herausgebers der Reihe
Die Frage nach einem guten Leben und den dazu nötigen Rahmenbedingungen und Gestaltungsprinzipien wurde und wird von jeder Generation neu gestellt.
Es ist zum einen die individuelle Frage nach der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens schlechthin. Sicher hat man früher – beispielsweise vor 500 Jahren – die Frage anders gestellt. Aber mit der berühmten Formulierung „Wie finde ich einen gnädigen Gott?“ war ebenso gemeint: Wie kann mein Leben gelingen? Denn die wenigen Jahrzehnte in den diesseitigen Bahnen des spätmittelalterlichen Geburtsstandes waren die Vorbereitung auf die unendliche Erfüllung im Jenseits. Heute ist die Gewissheit um das ewige Leben und dessen Erreichung geschwunden und der Blick mehr auf individuelle Erfüllung gelenkt.
Zum anderen ist die Frage nach einem guten Leben immer eine gesellschaftliche, eine kollektive Frage. Wie gestalten wir unser Gemeinwesen, wie organisieren wir Staat, Wirtschaft und Gesellschaft, um die Rahmenbedingungen für ein Gelingen des Lebens zu ermöglichen? Am Anfang des 21. Jahrhunderts ist überdeutlich geworden, dass die Antwort in keiner Weise mehr regional, gruppenspezifisch oder in einem allgemeinen Sinne exklusiv beantwortet werden kann. Zu verschränkt sind weltweite Vernetzungen, zu dominant sind globale Interdependenzen.
Die Akademie CPH hat sich der Aufgabe gestellt, den Fragen der Zeit nachzugehen und diese Suche auch in der gleichnamigen Reihe im Echter Verlag zu dokumentieren (vgl. dazu den einleitenden Artikel im 1. Jahrbuch: Im Fokus Afrika, Würzburg 2010). Der vorliegende Band möchte aber ganz bewusst nicht nur Dokumentation, sondern vor allem eine Einladung sein, die gemeinsame Suche nach einem neuen Wohlstandsleitbild weiter mitzugestalten und im Dialog mitzuprägen. Die katholischen Akademien in Deutschland sollten Experimentalorte und Laboratorien des gesellschaftlichen Wandels sein, so forderte es paradigmatisch der Pastoraltheologe Rainer Bucher. Das steht für die Akademie CPH, welche von der Erzdiözese Bamberg und des Jesuitenordens getragen wird, auch in guter jesuitischer Tradition. Im Dekret 4 der 34. Generalkongregation und damit einem der zentralen Dokumente des Jesuitenordens von 1995 heißt es: „Ignatius [als Begründer des Ordens] liebte die großen Städte. Sie waren der Ort, wo sich der Wandel der menschlichen Gesellschaft vollzog, und er wollte, dass sich die Jesuiten an diesem Prozess beteiligten. Die ‚Stadt’ kann für uns ein Symbol sein für unser ständiges Bemühen, die menschliche Kultur zu ihrer Erfüllung zu bringen.“ So bedeutete dieser Auftrag, dass wir immer wieder neu den „Fragen der Zeit“ nachgehen und damit Anstöße und Beiträge in die gesellschaftliche, politische Diskussion, aber auch in die Gestaltung der (Stadt-) Gesellschaft einbringen.
Der Motor des vorliegenden Bandes und der damit weiterhin zu verfolgenden Diskussion ist das „Centrum für Globales Lernen“. Nach vielen Jahren der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen der Jesuitenmission und der Akademie CPH wurde dieses Centrum gegründet, um das gemeinsame Bemühen der beiden Träger um einen Beitrag für eine globale Solidarität durch Bildungs- und Begegnungsprozesse zu verstetigen. Seit 2011 leitet und gestaltet Samuel Drempetic das Centrum mit vielen (freien) Mitarbeitern/innen der Akademie CPH und der Jesuitenmission, hier namentlich mit Pater Jörg Alt SJ und Missionsprokurator Pater Klaus Väthröder SJ. An dieser Stelle sei daher nicht nur den beiden Herausgebern, sondern auch der Jesuitenmission ein herzlicher Dank ausgesprochen, dass sie durch diese Kooperation den Auftrag der Akademie mit erfüllen, in Nürnberg den Fragen der Zeit nachzugehen.
Die erkenntnisleitenden Fragestellungen dieses Bandes werden uns alle noch lange begleiten. Nie war es so deutlich, dass ein sozial-ökologisch-nachhaltiges Umsteuern und Umdenken nötig ist. Die großen Krisen des Finanzsystems, des Wirtschaftens, der Umwelt und des Klimas haben ein „Weiter so“ unmöglich gemacht. Viele Ansätze, Dinge „neu zu denken“, haben in den interdisziplinären Dialog Einzug gehalten, aber auch in die Einzelwissenschaften, wie erst kürzlich der Wirtschaftsnobelpreisträger George A. Akerlof in seinem Buch „Identity Economics“ bewiesen hat.
Wichtig ist uns dabei, dass wir bei der Suche nach den Fragen, Herausforderungen und Lösungsansätzen unseren Ausgangspunkt im Blick behalten. Es geht um den Menschen mit seinen Freuden und Hoffnungen, mit seiner Trauer und Angst, ganz besonders um die Armen und Bedrängten aller Art – wie es vor 50 Jahren das 2. Vatikanische Konzil beschrieb.
Im Grunde eben um ein gelingendes, ein gutes Leben für alle. Möge dieses Buch bei dieser Suche ein kleiner Meilenstein werden.

Siegfried Grillmeyer
Direktor der Akademie CPH
Dank
Zu Beginn ein Wort des Dankes: Will man Beiträge einer Fachtagung veröffentlichen, solange die dort von zwölf Referierenden präsentierten und diskutierten Inhalte noch Neuigkeitswert haben, so ist man auf die disziplinierte Kooperation vieler Akteure angewiesen.
Zunächst all jener, die Beiträge verfassen und termingerecht abliefern müssen. Dies ist umso schwieriger, je beschäftigter die Autoren sind, und dies ist bei allen, die nachfolgend das Wort ergreifen, der Fall. Dass sie ihre Beiträge dennoch ‚punktgenau’ ablieferten, ist etwas, womit wir nicht (wirklich) gerechnet haben, was uns aber umso mehr gefreut hat. Dass die Autoren sich darüber hinaus derart gut an die inhaltlichen Vorgaben der Herausgeber gehalten haben, dass es kaum zu Überschneidungen und Doppelungen kam, ist umso begrüßenswerter und erleichterte sowie beschleunigte die herausgeberische Arbeit zusätzlich.
Nicht vergessen sei ein Dank an die Personen, welche die Arbeitsbelastung der Herausgeber indirekt zu spüren bekommen haben, sei es durch Abwesenheit oder Anspannung.
Sodann danken wir den Herausgebern der Reihe „Fragen zur Zeit“ für die Aufnahme dieses Bandes sowie dem Echter-Verlag und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die unkomplizierte Betreuung des Buchprojekts. Die umfangreiche Unterstützung, die wir erhielten, erleichterte uns die Arbeit sehr.
Abschließend ein Dank an Akademie und Tagungshaus „Caritas-Pirckheimer-Haus“ sowie den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die professionelle Vorbereitung und Durchführung der Fachtagung, dem Noviziat der Jesuiten, die uns während der ‚Herausgabeklausur’ Gastfreundschaft gewährten, sowie unseren Vorgesetzten, die uns zu den erforderlichen Zeiten die nötige Flexibilität an unseren diversen Arbeitsstellen gewährten.
Einleitung
Das vorgelegte Buch präsentiert Ergebnisse der Fachtagung „Jetzt aber richtig! Lehren aus den aktuellen Weltkrisen“, die am 4. und 5. November 2011 in Nürnberg stattgefunden hat. Diese wiederum war ein follow-up zu einer Vorjahresveranstaltung, nämlich der Fachtagung „Steuer gegen Armut – Finanztransaktionssteuer“, die ihrerseits eine Reaktion auf diverse Krisen der Jahre 2007/2008 gewesen ist.
Die Veranstalter der Fachtagung und Herausgeber dieses Buches wollen der Einsicht Rechnung tragen, dass die Finanzkrise nicht isoliert von anderen krisenhaften Entwicklungen gesehen werden darf, sondern als ein Aspekt heutzutage gleichzeitig zunehmender kritischer weltweiter Szenarien in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft, Klima und Umwelt. Immer mehr Menschen erkennen: Nicht nur eine Branche, sondern unser gesamtes Produktions- und Konsummodell gerät aus den Fugen und zugleich an die Grenzen seiner ökologischen und sozialen Vertretbarkeit. Die sich zugleich aufdrängende Frage nach Alternativen ist hingegen deutlich unklarer erkennbar beziehungsweise provoziert dort, wo Vorschläge gemacht werden, heftige Auseinandersetzungen: Geht es doch um das, was wir als Gemeinschaft und jeder für sich unter „Wohlstand“ oder dem „guten“ und „gelungenen Leben“ verstehen und versteht.
Diesen Einsichten folgt auch die Struktur dieses Tagungsbands. Im (ersten) Analyseteil wird zunächst aus sozial- und naturwissenschaftlicher Perspektive eine Bestandsaufnahme der aktuellen Krisen unternommen:
Jörg Alt zeichnet die Entstehung, Strukturen und Auswirkungen des deregulierten globalen Finanzsystems nach, die Entwicklungen also, die es zu dem werden ließen, was Politik und Gesellschaft auch im Jahr drei nach dem großen Crash zu schaffen macht. In der Genese dieses globalen Netzwerks liegen auch jene Probleme begründet, die nationale Lösungen nicht mehr länger praktikabel sein lassen. Skizzenhaft wird aufgezeigt, in welche Richtung Politik und Gesellschaft gehen müssen, um durch regional oder global koordiniertes Handeln ‚die Märkte’ wieder ‚einfangen’ und erneut dem Dienst am Gemeinwohl verpflichten zu können.
Gerhard Berz zieht in seinem Beitrag Bilanz aus seiner langjährigen Leitung des Bereichs GeoRisikoForschung bei der Münchener Rückversicherung (heute: Munich Re). Er zeigt auf, wie und warum vom Menschen verursachte, atmosphärisch bedingte Naturkatastrophen in den letzten Jahren zunehmen. Projiziert man die Tendenz der letzten Jahre in die Zukunft, so ist absehbar, dass die Entwicklung selbst die Kapazitäten des weltgrößten Rückversicherers strapazieren dürfte, weshalb große Versicherungsunternehmen weltweit zu denjenigen Institutionen gehören, die an vorderster Front für das Ergreifen entschiedener Maßnahmen gegen den Klimawandel eintreten.
Versicherung gegen Risiken ist allerdings ein Luxus, den sich vor allem die Reichen dieser Welt leisten können. Diesen Zusammenhang arbeitet Johannes Müller im Rahmen eines Forschungsprojekts aus, welches die Korrelation von Klimawandel und Armutsentwicklung untersuchte. Es belegt, dass jene, die am wenigsten vom Reichtum der Welt profitieren, am meisten unter den geschaffenen Risiken leiden, dass es aber zugleich im nachvollziehbaren Interesse der armen Länder liegt, durch Wirtschaftswachstum überhaupt erst ein Wohlstandsniveau für ihre Bevölkerungen zu erreichen, das für die Reichen selbstverständlich ist. Es wird dargelegt, wie solche Dilemmata ethisch sortiert und gewichtet werden können, ebenso werden gemeinsam und zeitgleich anzugehende Lösungsstrategien vorgestellt.
Der zweite Hauptteil legt jene Initiativen, Diskussionskontexte und Theorien dar, welche sich mit einem alternativen Verstehen und Messen von „Wohlstand“ und „gutem Leben“ jenseits des klassischen Wachstumsmodells („mehr Produktion, mehr Einkommen, mehr Konsum“) beschäftigen.
Ulrich Spörel bietet eine Übersicht zu der erstaunlichen Entwicklung, die weltweit seit der Einsetzung der Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission durch den französischen Präsidenten Sarkozy im Februar 2008 auf dem Gebiet alternativer Wohlfahrtsmaßstäbe in Gang gekommen ist. Der Kommission gelang es, vorhandenes Wissen zu bündeln und, aufgrund der hohen ‚Nobelpreisträgerdichte‘ unter den 25 Kommissionsmitgliedern, publizistisch und medial jenseits einschlägiger Expertenkreise breit bekannt zu machen. Sie setzte dadurch wichtige Nachfolgeinitiativen auf der Ebene der OECD, der EU und einzelner Staaten in Gang. Seither findet das Thema zunehmend Interesse in der breiten Öffentlichkeit und ist fest auf der gesellschaftspolitischen Agenda vieler Staaten der Welt etabliert.
Diese Übersicht wird vertieft durch die Herausarbeitung der wissenschaftlichen Hintergründe. Karlheinz Ruckriegel berichtet über die Entwicklung in verschiedenen Unterdisziplinen der Wirtschaftswissenschaften und zieht eine große Linie von der (schlecht durchdachten) Konzipierung des Bruttoinlandsprodukts als Wohlstandsindikator in den USA Ende der 1920er-Jahre bis hin zu den aktuell diskutierten Konzepten der interdisziplinären ‚Glücksforschung’. Dabei verfolgt er einen starken empirischen Ansatz und belegt unter Hinzuziehung von Studien und Umfragen, was eigentlich viele schon lange wissen: Geld allein macht nicht glücklich, und mehr Geld macht nicht automatisch glücklicher. Was aber spielt eine Rolle bei der Beurteilung, ob man ein „gutes Leben“ führt? All dies sind Kriterien, die für eine alternative gesamtwirtschaftliche Ausrichtung von Bedeutung sein werden.
Dies führt nahtlos zum dritten Hauptteil des Buches, nämlich den Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten politischer Verwaltungseinheiten, konkret des Deutschen Bundestags und der Kommunen. Begonnen wird mit Abgeordneten und Sachverständigen der Bundestags-Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität – Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft.“
Eine Übersicht über den Auftrag der Kommission und die Akzente der fünf Projektgruppen bietet Stefanie Vogelsang in ihrem Beitrag mit der These „(Nachhaltiges) Wachstum und Wohlstand hängen wesentlich zusammen.“ Entsprechend misst sie Wachstum auch weiterhin eine zentrale Rolle in der gesamtwirtschaftlichen Ausrichtung bei, plädiert aber dafür, dass der Wachstumsbegriff den Nachhaltigkeitsbegriff in sich aufnimmt, was die Art und Weise künftiger Wohlstandsmessung verändern würde.
Thomas Gambke geht grundsätzlicher auf die Stärken und Schwächen des herkömmlichen ‚Wachstums‘-Maßstabs ein. Ökonomische Interessen hätten es zu lange geschafft, dass ihnen andere Werte, etwa ökologische, untergeordnet wurden. Ökonomisches Wachstum darf deshalb nicht mehr länger oberster Wert in der volkswirtschaftlichen Wachstumsausrichtung sein, sondern ihm müssen weitere Indikatoren zur Seite gestellt werden. Anders gesagt: Ein Wachstum nach ökonomischen Kriterien unterscheidet sich von einem Wachstum, welches nach ökologischen oder sozialen Kriterien gestaltet wird.
Vor einer abgehoben-abstrakten Diskussion des Themas warnt sodann Sabine Leidig: Es gehe um konkrete strukturelle Probleme und konkrete Menschen, die unter diesen Problemen leiden. Sie kritisiert die Tendenz, dass der Status quo nicht grundsätzlich genug hinterfragt und das BIP als grundsätzlicher Wohlstandsindikator zwar ergänzt, insgesamt aber beibehalten werden soll. Sie mahnt eine Verständigung über Ziele an, die eine Gesellschaft braucht, bevor sie den Weg dahin beschreitet. Dies sei umso wichtiger, als der herkömmliche Weg sich als Sackgasse erwiesen habe.
Als Vertreter der Kommissionssachverständigen verweist André Habisch auf die Potenziale, die wirtschaftliche Unternehmen und die organisierte Zivilgesellschaft bei der Umgestaltung und Neuausrichtung der Gesellschaft haben. Transparenz und Öffentlichkeit trügen dazu bei, dass gute Ansätze, die Unternehmen etwa im Kontext der Corporate-citizen-Bewegung bereits umsetzen, Nachahmer finden. Ähnlich wachse auf Seiten der Zivilgesellschaft und der Bürger die Einsicht, Konsumverhalten zu verändern, was wiederum das Produktionsverhalten der Unternehmen beeinflusst. So würde auch außerhalb des staatlichen Gestaltungsrahmens Wandel konkret vorangetrieben.
Nach den Vertretern der Bundespolitik richtet Harald Riedel nun den Blick auf die unterste staatliche Verwaltungseinheit, die Kommune. Er legt dar, welch vielfältige lokale Gestaltungsmöglichkeiten eine konkrete Gemeinde trotz aller finanziellen Engpässe auch heute hat, wenn beispielsweise eine kluge Stadtteil-, Bildungs- und Stiftungspolitik ehrenamtliches Engagement mobilisieren kann. Summiert man dann vergleichbare lokale Initiativen in vielen Kommunen, die in einem globalen Zusammenhang, etwa der Agenda 21, stehen, so hat selbst Handeln auf dieser Ebene ein riesiges Einfluss- und Veränderungspotenzial.
Der vierte und letzte Hauptteil beschäftigt sich nun mit dem Dreh- und Angelpunkt jeglicher Veränderung: der Bürgerin beziehungsweise dem Bürger. Teilt er nicht Werte, Perspektiven und Ansätze der Politik, so kommt keine Veränderung zum Tragen.
Hier überraschen die Darlegungen von Malte Boecker: Meinungsumfragen belegen, dass die Bereitschaft der Bürgerin und des Bürgers, ein gesamtgesellschaftliches Umsteuern weg von quantitativem ökonomischem Wachstum hin zu einem Wachstum, welches sich an alternativen, vor allem ökologischen, Kriterien orientiert, groß ist. Von dieser grundsätzlichen Bereitschaft hin zur Konkretion ist jedoch noch ein langer Weg. Individuelle Blockaden herrschen beispielsweise dort, wo ‚man‘ zwar eine nachhaltige Gesellschaft wünscht, selbst aber nicht bereit ist, nachhaltig zu leben, wenn es die anderen nicht tun. Verbindliche politische Rahmenbedingungen kommen wiederum nicht zustande, weil kurzfristige Legislaturperioden langfristig unpopuläre Entscheidungen verhindern, da dies die Wiederwahl des Politikers gefährdet. Dennoch weist die Demoskopie auf, dass in diesem Kontext anstehende Entscheidungen mit mehr Zuspruch rechnen könnten als gemeinhin angenommen.
Natürlich gibt es immer auch Menschen, die angesichts der Größe und Dringlichkeit der Probleme nicht warten wollen, bis in den langwierigen gesellschaftspolitischen Aushandlungen Mehrheiten oder gar Konsens gefunden wird, der im Ergebnis absehbar unter den eigenen Vorstellungen liegen wird. Solche Menschen steigen konsequent und sofort aus dem Mainstream aus und leben ihr Leben nach eigenen Werten und Kriterien. Von solchen individuellen und kollektiven Aussteigern berichtet Jan Grossarth im letzten Beitrag dieses Buches.
Abschließend sei darauf hingewiesen, dass dieser Band nur die Beiträge der Referentinnen und Referenten in Artikelform beinhaltet. Weitere Informationen zu der Diskussion, zu den Ergebnissen der Abschlussdiskussion sowie ergänzende Power Point-Materialien zu den Autorenbeiträgen befinden sich auf der Website: www.cfgl.de/JetztRichtig
Teil I: Situationsbeschreibung
Jörg Alt
Aus dem Ruder gelaufen –
Krise des Finanzsystems und die Folgen
Hintergründe
Man hätte gewarnt sein können: Bereits 1996 hat eine Studie der Weltbank ergeben, dass sich allein für die Zeit seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems 96 ‚Bankenkrisen‘ und 175 ‚Finanzkrisen‘ feststellen lassen.1 Ebenso war bekannt, dass Adam Smith, der Prophet der Marktwirtschaft, in seinem Buch Wealth of Nations eine staatliche Regulierung des Bankensektors befürwortete. Denn: Er wusste aus eigener Erfahrung um die Gefahr, dass „einige wenige“ ihre Freiheit „so ausüben, dass sie die Sicherheit des ganzen Landes gefährden können“.2
Und doch gelang es den Prophetenjüngern Friedman, von Hayek, den Chicago Boys und anderen, die Politik davon zu überzeugen, dass niemand anderes als die „unsichtbare Hand des Markt“ am besten wisse, wie Ressourcen weltweit zugeteilt werden sollten – eine Folgerung der Efficient Market Hypothesis. Und so unternahmen es Politiker wie Margaret Thatcher, Ronald Reagan und andere, Regulationen abzubauen und ‚den Märkten‘ bislang ungekannte Freiheiten zu eröffnen.
Nach dem Wegfall staatlicher Regulierungen verloren auch die ‚zunfteigenen‘ Handelsplätze, die Börsen, an Bedeutung. Diese wurden einst gegründet, um dem Handel verlässliche Rahmenbedingungen zu geben und dadurch Kaufen und Verkaufen berechenbar zu machen, indem Käufern und Verkäufern gleicher Wissensstand gesichert und Abläufe transparent gemacht werden sollten. Aber bald entdeckten einige, dass man außerhalb der Börse noch schnellere und riskantere Geschäfte tätigen konnte, die entsprechend höhere Gewinne versprachen. Dieser außerbörsliche ‚Telefonhandel‘ (alias Over-the-counter- oder OTC-Handel) ist möglich für jeden, der per Internet und Telefon Zugang zu elektronischen Handelsplattformen (multilateral trade facilities) hat. So entstand der „Schattenbankensektor“, in dem Hedgefonds, Investmentfonds, Private-Equity-Firmen, private Geldverleiher und ähnliche ihre Anlagen tätigen.
Der Siegeszug von Computern brachte den nächsten Quantensprung: Es entstand der computerbasierte Hochfrequenzhandel, das sogenannte Algo-Trading. Der Name kommt von den Algorithmen, mit denen Händler die Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Computern programmieren und wodurch Handelsbewegungen mit großem Volumen und hoher Geschwindigkeit durch miteinander kommunizierende Computer getätigt werden.
Aber noch mehr wurde getan, um Profite zu erzielen. Findige Experten entwickelten ein „innovatives Finanzprodukt“ nach dem anderen, was zur Folge hat, dass der Finanzsektor sich zunehmend zu einer eigenen Verdienstquelle entwickelt. Das begann mit etwas, das anfänglich sinnvoll war, etwa ein Future zur Absicherung von Wechselkursschwankungen im Terminhandel. Dieses Future wurde nun wiederum beliehen, verkauft und gekauft oder versichert, in abgeleitete (von lateinisch „derivare“) und „komplex strukturierte Produkte“ verpackt, die wiederum gekauft, verkauft oder versichert werden können usw. Schlussendlich wurden diese Produkte derart komplex, dass weder die Emittenten noch die Händler noch die Käufer den Überblick bewahrten, was sie nun eigentlich kauften und wer wem etwas schuldete.
Folgen
Der schwer kontrollierbare Schattenbankensektor wuchs und wächst rapide, auch heute noch, denn: Je stärker die Regierungen der Welt versuchen, den Finanzmarkt zu regulieren, desto mehr Handelsaktivitäten werden in diesen intransparenten Markt verlegt, entsprechend steigt sein Umsatzvolumen:
– In den USA werden über den Schattenbankensektor mit 16 Billionen US$ schon jetzt mehr Kredite vergeben als über den regulären Bankensektor (13 Billionen US$),
– Das weltweite Volumen des Schattenbankensektors stieg von 25 Billionen US$ (2002) auf 60 Billionen US$ (2010),3
– Auch China hat ein Problem mit dem Schattenfinanzsektor und zwielichtigen Kreditgebaren: Hier wird der Sektor auf 400 Milliarden US$ geschätzt – das sind zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Da aber viele Kredite an Kleinunternehmer zu Wucherzinsen gingen, stehen ganze Wirtschaftszweige auf der Kippe. In der Tageszeitung Die Welt war am 14.10.2011 unter der Überschrift „China taumelt dem großen Finanzcrash entgegen“ zu lesen: „Da gleichzeitig auch das offizielle Bankenwesen Chinas in heftigen Turbulenzen steckt, könnte dies in einem Schneeballeffekt zu einer Finanzkrise in dem Land führen, die solche Ausmaße hätte, dass das Griechenland-Problem im Vergleich dazu ein Sonntagsspaziergang gewesen wäre. Die Regierung hat daher in den vergangenen Tagen hektische Maßnahmen ergriffen – ob sie helfen, darf bezweifelt werden.“
Das Geschehen auf den Finanzmärkten löst sich zunehmend von der Realwirtschaft, das heißt dem Bereich der Wirtschaft, wo reale Güter erzeugt und Dienstleistungen erbracht werden. „Das Volumen der Devisentransaktionen (ist inzwischen) fast 70 Mal so hoch wie jenes des gesamten Welthandels mit Gütern und Dienstleistungen. In Deutschland, Großbritannien und den USA ist das Volumen des Aktienhandels annähernd 100 Mal höher als jenes der Unternehmensinvestitionen, und der Handel mit Zinsinstrumenten (Anleihen, Schatzscheine etc.) übersteigt das Volumen der gesamten Realinvestitionen in noch größerem Ausmaß.“4 Nach einer Studie der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich werden jeden Tag weltweit Devisen und darauf basierende Derivate für 4 Billionen US$ gehandelt, eine Steigerung um 20% von 2007 bis 2010.5 Das Volumen von weltweit gehandelten Derivaten lag am 31.12.2010 bei 601,048 Billionen US$.6 Zum Vergleich: Das Weltsozialprodukt (gross world product) 2010 betrug 63,170 Billionen US$.7
Der Computerhandel mit seinen Entscheidungen im Nanosekundentakt überfordert zunehmend die Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten der menschlichen Akteure in den Handelsplätzen der Welt, etwa, wenn es zum Flash crash kommt: Dazu kommt es, wenn computergesteuerte Kauf- und Verkaufsprogramme Kauf- und Verkaufswellen in Gang setzen können, bevor der Mensch oder die Börsenaufsicht verstehen, was geschieht, und entsprechend eingreifen können. Bekannt war ein Ereignis am 06.05.2010, wo um 14:25 Uhr durch eine Verkaufsorder des Investmentfonds Waddel & Reed Financial innerhalb allerkürzester Zeit der Dow Jones Index um fast 1000 Punkte (das sind neun Prozent!) abstürzte, was erst durch Aussetzung des Handelsgeschehens aufgefangen werden konnte. Solche Situationen belegen zudem, dass an den Börsen keine rationalen Entscheidungen mehr getroffen werden, sondern nach ‚Gefühlslage‘ entschieden wird, vor allem, indem man sich an Trends einfach nur deshalb anhängt, um sie nicht zu verpassen.
Durch Anlageverhalten, Beteiligungen, Kauf und Verkauf von Unternehmensbeteiligungen sind Finanzmarktakteure von einer Größe und Komplexität entstanden, dass sie inzwischen als „SIFIs“ (Systemrelevante Internationale Finanzinstitutionen) bezeichnet werden, bei denen die Gefahr besteht, dass deren Probleme ganze Staaten oder gar Wirtschaftsregionen beeinträchtigen. Einer aktuellen Studie der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zufolge kontrollieren 147 Finanzkonzerne, das bedeutet 1,7% der multinationalen Unternehmen, über ihre direkten und indirekten Beteiligungen ungefähr 80% der weltweiten Umsätze. Dabei sind bekannte Namen, wie etwa die Nummer 1, die Barclays Bank, aber auch eher unbekannte Namen, wie etwa die Nummer 2, die Capital Group Companies, die Beteiligungen in Höhe von 1 Billion US$ verwaltet.8 Demgegenüber ist der weltweite Reichtum geradezu egalitär verteilt: Hier verteilen sich 80% auf fünf bis zehn Prozent der Besitzenden. Es ist offensichtlich, welche Macht eine derartige Konzentration gegenüber der Politik hat.
Dabei geht es in den Finanzkrisen nicht nur um die weltweite Vernichtung von ‚Vermögen‘ jener, die Geld für Anlagen haben. Es geht auch um reale Jobs und um Lebensmittel.
Mit den Banken geriet die Weltkonjunktur insgesamt ins Schleudern. Import, Export, Investitionen und Konsum gingen zurück, was Arbeitsplätze kostete oder Kurzarbeit und Gehaltseinbußen nach sich zog, was wiederum die Inlandsnachfrage beeinträchtigte, was die Konjunktur und Arbeitsmarktsituation erneut negativ beeinträchtigte usw. Die Weltfinanzkrise vernichtete nach Schätzungen von IWF und ILO 30 000 000 gut bezahlte Arbeitsplätze. Am meisten natürlich dort, wo überhaupt Jobs sind, aber auch dort, wo die Jobsituation ohnehin schon schlecht ist.9 Besonders hart betroffen waren exportorientierte Länder: In Sambia wurde beispielsweise ein Drittel aller Jobs in der Kupferindustrie vernichtet, einem Land ohne Arbeitslosen- und Sozialversicherung, wo jeder Job zwischen 15 und 25 Familienmitglieder ernähren muss.10 Verschärft wird die Situation dort, wo viele Jugendliche heranwachsen und Jobs suchen. Der UNICEF-Jahresbericht 2011 weist darauf hin, dass weltweit 81 000 000 Jugendliche arbeitslos waren, soviel wie noch nie zuvor, dass aber nirgends die Situation so schlimm sei wie in Nordafrika, wo bis zu 25% aller Jugendlichen betroffen sind.11
Auch der Welthunger stieg wieder an, und dies, obwohl eigentlich niemand bestreitet, dass es auf der Erde genügend zum Essen gibt. Die Preissteigerungen begannen ab der zweiten Hälfte 2007, als viele Investoren ihre Gelder in den Gütermarkt und dort beispielsweise gehandelte „Agrarrohstoffe“ umlenkten, um anderweitige Verluste ausgleichen zu können. Entsprechend berichtet der aktuelle Foodwatch-Report, dass zum März 2011 600 Milliarden US$ durch Versicherungen, Pensionsfonds und andere Anleger in Papiere investiert waren, die Investmentbanken und Hedgefonds für Wetten mit Rohstoffen, darunter Mais und Weizen, aufgelegt haben.12 Damit unterliegen nun auch Agrarrohstoffe den Preisschwankungen, die computergesteuerte Handelssysteme erzeugen, inklusive heftiger Preissteigerungen, die, je nach Berechnungsgrundlage, in den letzten Jahren zwischen 100% und 150% liegen.13 Hinzu kommt, dass Nahrungsmittelpreise in armen Haushalten ganz anders zu Buche schlagen als in reichen Haushalten: Während in einem Industrieland Nahrungsmittel typischerweise 10% bis 20% der monatlichen Haushaltsausgaben umfassen, liegt ihr Anteil in armen Ländern bei 60% bis 80%. Steigen Grundlebensmittel auf dem Weltmarkt um 50%, macht dies im Haushaltsbudget reicher Länder eine sechsprozentige, in armen und Lebensmittel importierenden Ländern eine 21%ige Steigerung aus.14
Welche Auswirkung eine Kombination von Arbeitslosigkeit und überteuerten Lebensmitteln haben kann, haben der Arabische Frühling und die Aufstände in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Ägypten gezeigt, wo bei den Ursachen auch überteuerte Lebensmittel und hohe Arbeitslosigkeit eine Rolle gespielt haben. Aber: Auch in reichen Ländern kommt es angesichts der Auswirkungen zunehmend zu teilweise gewalttätigen Protesten gegen die Sparpolitik der Staaten, die zugunsten der Banken und zulasten der Bürger geht: Was in Athen und London passierte, kann morgen in Paris, Berlin und Spanien geschehen – gerade in Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit inzwischen bei unvorstellbaren 45% liegt.
Technische Lösungsansätze
Natürlich sind sich alle darüber im Klaren, dass ‚man etwas tun muss‘. Und natürlich gibt es technische Lösungsansätze, mit denen im nationalen, europäischen und internationalen Kontext versucht wird, die schlimmsten Auswüchse der gegenwärtigen Krisen zu mildern oder gar aufzufangen. Einige Beispiele sind:
– Einschränkung des Eigenhandels der Banken, also des Handels der Banken ohne Kundenauftrag,
– Erhöhung des Eigenkapitals bei Banken, um sie weniger abhängig von öffentlicher Stützung zu machen,
– Einschränkung des Computerhandels,
– Verbot von ungedeckten Leerverkäufen und Kreditausfallsversicherungen, die etwa beim Spekulieren gegen den Staatsbankrott eine wichtige Rolle spielten,
– Transparenz des Schattenbankensektors,
– Ermöglichen von Bankeninsolvenzen, um Risiken, die von systemrelevanten Banken ausgehen, zu verringern,
– Verbot des Handels mit Lebensmitteln,
– Und so weiter.
Probleme beim Gegensteuern
Freilich: Ein Gegensteuern ist, selbst wenn man weiß, wie es laufen könnte, nicht so leicht umzusetzen: Staaten haben es extrem schwer, die Deregulierung rückgängig zu machen, selbst dort, wo sie entschlossen dazu sind. Staaten sind an Gesetz und Verträge gebunden sowie demokratischer Kontrolle unterworfen, was ihr Vorgehen deutlich erschwert im Vergleich zu Kapitalgesellschaften, deren Vorstände wichtige Entscheidungen hinter verschlossenen Türen fällen können und bestenfalls einmal im Jahr ihren Aktionären und Anlegern Rechenschaft geben müssen. Konkret: Den eben erwähnten 147 Mega-Finanzmarktakteuren, die über eine gemeinsame Unternehmenskultur und grenzübergreifende Strukturen verfügen, stehen 194 politische Staaten gegenüber, die durch politische, gesellschaftliche, rechtliche, kulturelle und so weiter Unterschiede charakterisiert sind und sich entsprechend schwertun, bei irgendetwas zu kooperieren. Das zeigen weltweit beispielsweise die Positionen innerhalb der G20, wo Länder wie Brasilien, Indien oder China die Weltfinanzkrise (nicht zu Unrecht!) primär für ein Problem der westlichen Staaten erklären. Dann gibt es innerhalb der westlichen Staaten die unterschiedlichen Kulturen des angelsächsischen und des kontinentaleuropäischen Bankensystems, dann gibt es wiederum das sehr spezielle deutsche Dreibankensystem mit Sparkassen, Privat- und Genossenschaftsbanken.
Darüber hinaus darf man die Macht und den aktiven Widerstand der Finanzmarktakteure gegen alle Versuche, seine Profitabilität zu beschneiden, nicht unterschätzen. Verbündete haben sie durch Vertreter der universitären Lehrstühle, die immer noch der ‚orthodoxen neoliberalen Mainstream-Lehre‘ anhängen, durch Minister oder Mitarbeiter in Regierungsbehörden, die zuvor im Finanzsektor gearbeitet haben und deren Tür entsprechenden Lobbyisten weit offen steht,15 oder durch Redakteure einschlägiger Fachzeitungen. Die Regierungen nicht nur der USA und Großbritanniens stehen unter enormem Druck der Finanzmarktakteure, die drohen, ihre Geschäfte dorthin zu verlagern, wo man sie weiterhin ungestört lässt.
Und schließlich muss man die menschliche Natur nüchtern einschätzen: Es wird immer Leute und Institutionen geben, die machen, was mangels Kontrolle möglich ist, bevor es jemand anders macht, und so weiter.
Aber selbst wenn es einer nennenswerten Anzahl von Regierungen gelingen würde, eine Reihe der vorgenannten technischen Lösungsansätze umzusetzen, besteht die Gefahr, dass es sich dabei nur um Lückenstopfen und Flickwerk handelt.
Grundsätzliche Fragen
Viel grundsätzlicher wäre zu fragen, wie denn eine gerechtere, funktionsfähige, alternative gesellschaftspolitische Ordnung aussehen könnte, nachdem die reine Planwirtschaft (Sozialismus, Kommunismus) ebenso versagt hat wie die reine Marktwirtschaft. Bundeskanzlerin Merkel preist, etwa auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2009, nicht zu Unrecht die Soziale Marktwirtschaft als „dritten Weg“ an, die der Nachkriegs-Bundesrepublik zu großem Wohlstand verholfen hat und die zu wesentlichen Teilen aus der Katholischen Soziallehre inspiriert wurde. „Der Staat ist der Hüter der sozialen Ordnung, aber Wettbewerb braucht Augenmaß und soziale Verantwortung“, so Merkel.16
Aus ethischer Perspektive darf jedoch nicht übersehen werden, dass auch dieser Ansatz mit Nachteilen behaftet ist. Um nur einen zu nennen: Auch die Soziale Marktwirtschaft konnte nicht verhindern, dass national und weltweit Einkommen und Vermögen immer weiter auseinandergedriftet sind. Das Vermögen der sogenannten „High Net Worth Individuals“ stieg 2010 auf einen neuen Höchststand: Weltweit besaßen 10,9 Millionen Menschen ein Vermögen von 42,7 Billionen US$, während immer noch nahezu eine Milliarde Menschen Hunger leiden.17 Ein Grund dafür ist sicher auch, dass ein wichtiger Aspekt der Katholischen Soziallehre, nämlich die Sozialpflichtigkeit des Eigentums, nie wirklich umgesetzt wurde. Zurückgehend auf die angelsächsische Tradition stand und steht Eigentum in der Verfügung des Individuums. Vom durch unternehmerisches Handeln gemehrten Reichtum profitieren die Armen etwa durch den trickle-down-effect oder durch die Ausübung sozialer Verantwortung in freier Entscheidung, zum Beispiel durch Almosen oder Stiftungen. In der Tradition der Katholischen Soziallehre würde das Solidaritätsprinzip „der Gemeinschaft die Befugnis ein(räumen), nicht allein den Gebrauch, den der Eigentümer von seinem Eigentum machen darf, sondern das Eigentum selbst ... so zu ordnen, dass das Eigentum nicht nur seine Individual-, sondern seine Sozialfunktion erfüllt.“18 Es darf bezweifelt werden, dass ernst zu nehmende Versuche in dieser Richtung in einer demokratischen Gesellschaft mehrheitsfähig wären.
Ausblick
Es bleibt die Frage, wie trotz aller Komplexitäten und Widrigkeiten zumindest angefangen werden kann, dem Finanzmarkt wieder Regeln aufzuerlegen und das dort Geschehende wieder an den Nutzen für das Gemeinwohl rückzubinden. Nach all den Problemen, die es innerhalb der G20 gibt, legt sich nahe, zumindest für die Europäische Union einen entschiedenen Anlauf zu versuchen. Und dies aus zwei Gründen:
Zum einen ist die EU immer noch der weltgrößte Wirtschaftsraum, vielleicht sogar der weltgrößte Konsumraum. Das gibt Gewicht, um den Märkten Regeln aufzuerlegen, denn: Finanzmarktakteure werden sich gründlich überlegen, ob sie sich aufgrund beschlossener Regulierungen endgültig aus diesem Wirtschaftsraum verabschieden.
Sodann ist innerhalb der Europäischen Union, im Unterschied zu China und den USA, der demokratische Rückhalt für solche Reformen größer (siehe auch Boecker in diesem Band). Ebenso sind die Beziehungen, die Zivilgesellschaft und Kirchen zu Parteien und Parlamenten haben, besser geeignet, einschneidende Maßnahmen auf den Weg und zur Abstimmung zu bringen. Die Chance der gegenwärtigen Krise könnte zudem sein, dass der Zwang zur Zusammenarbeit der Europäischen Union ein Plus an Demokratie und Transparenz bringt, welches die Akzeptanz in der Bevölkerung nochmals erhöhen dürfte.
Anmerkungen
1 Caprio, Gerard / Klingebiel, Daniela (1996) Bank Insolvencies: Cross Country Experience. Policy Research Working Paper No. 1620. Washington: World Bank.
2 Kapitel II.i, Seite 94.
3 Zu diesen beiden Punkten Neue Zürcher Zeitung vom 02.11.2011: „Schattenbanken im Visier der G20“.
4 Schulmeister, Stephan (2009) Tobin or not Tobin? Die Finanztransaktionssteuer – Konzept, Begründung, Effekte. In: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung. Dezember 2009.
5 ntv (Nachrichtenfernsehen) vom 01.09.2010: „Devisenhandel schwillt an“.
6 Neue Zürcher Zeitung vom 18.05.2011: „Leicht höheres Derivate-Volumen“.
7 CIA-Factbook (2011) Chapter „Economy, Overview“. Internet: https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/xx.html
8 Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (Hg.) (2011) The Network of Global Corporate Control. Internet: http://arxiv.org/abs/1107.5728
9 IMF/ILO (Hg.) (2010) The Challenges of Growth, Employment and Social Cohesion. Discussion document. (Seite 4.) Internet: http://www.osloconference2010.org/discussionpaper.pdf
10 Green, Duncan (2009) A Copper Bottomed Crisis. The Impact of the Global Economic Meltdown on Zambia. Oxfam International Discussion Paper. Internet: http://www.oxfam.org.uk/ resources/policy/economic_crisis/downloads/ impact_economic_crisis_%20zambia.pdf
11 UNICEF (2011) The State of the World’s Children 2011 – Adolescence, an Age of Opportunity. (Seite 46.)
12 Foodwatch (Hg.) (2011) Die Hungermacher – Wie Deutsche Bank, Goldman-Sachs & Co auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren. (Seiten 13 und 36 f.) Internet: http://www.foodwatch.de/kampagnen_themen/nahrungsmittel/ report_die_hunger-macher/index_ger.html
13 Siehe ebenfalls Foodwatch, Seite 12: Zunahme von 150% bei Weizen, Mais und Reis.
14 Wahl, Peter (2008) Food Speculation: The Main Factor behind the Price Bubble in 2008. WEED Briefing Paper.
15 Die Verquickung von Regierungsposten und wichtigen Jobs im Finanzsektor ist besonders offensichtlich und wird viel kritisiert in den USA, siehe etwa New York Times vom 17.10.2009: „The Guys from ‚Government Sachs‘ “.
16 Focus vom 31.01.2009: „Soziale Marktwirtschaft als Exportschlager“.
17 „HNWIs“ sind Personen mit einem „investierbaren Vermögen“ von 1 Million US$ oder mehr. In: Capgemini/Merill Lynch Wealth Management (Hg.) World Wealth Report 2011. (Seite 4.) Die FAO schätzte die Zahl der Hungernden 2010 auf 925 Millionen (Pressemitteilung vom September 2010).
18 Nell-Breuning, Oswald von (1968) Baugesetze der Gesellschaft. Freiburg: Herder. Seite 76.
Gerhard Berz
Klimawandel und Naturkatastrophen –
Risiken und Handlungsnotwendigkeiten aus wirtschaftlicher Sicht
Die Schadenbelastungen aus Wetterkatastrophen nehmen weltweit drastisch zu. Die Ursachen sind in erster Linie steigende Bevölkerungs- und Wertekonzentrationen, gerade auch in stark exponierten Regionen, und eine erhöhte technische und wirtschaftliche Verwundbarkeit. Gleichzeitig gewinnt der rasch voranschreitende Klimawandel immer größeren Einfluss auf die Häufigkeit und Intensität von Wetterextremen. Dadurch nehmen auch die Schadenpotenziale extremer Wetterkatastrophen stark zu. In dieser kritischen Situation kommt es darauf an, das von der Menschheit ausgelöste Klima-‚Experiment‘ durch eine radikale Verringerung der Treibhausgasemissionen rasch in den Griff zu bekommen. Da der Klimawandel aber auf absehbare Zeit nicht mehr zu stoppen, sondern bestenfalls zu verlangsamen ist, müssen umgehende, nicht zuletzt auch finanzielle, Vorsorgemaßnahmen zur Anpassung an die erwarteten neuen Klimaverhältnisse und ihre Auswirkungen ergriffen werden.
Katastrophentrends und ihre Ursachen
Die Zunahme der Schäden aus Naturkatastrophen, die seit Jahrzehnten weltweit beobachtet und von der Versicherungswirtschaft akribisch dokumentiert wird, zählt zu den ersten und stärksten Indizien für die Auswirkungen der globalen, von der Menschheit verursachten Umweltveränderungen. Darüber herrscht breiter Konsens sowohl in Wissenschaft und Wirtschaft als auch in der Politik, den Medien und nicht zuletzt in der Bevölkerung. Dabei spielt die augenfällige Häufung von Wetterkatastrophen in Form von Stürmen, Überschwemmungen, Unwettern, Hitzewellen und Waldbränden eine wesentliche Rolle. Der Grund: Sie sind fast immer auf außergewöhnliche, oft sogar nie zuvor registrierte Extremwerte meteorologischer Größen wie Temperatur, Niederschlag und Wind zurückzuführen.
Das spiegelt sich besonders deutlich in den Statistiken und Analysen der Naturkatastrophen wider, welche die Münchener Rück, jetzt Munich Re, seit vielen Jahren auf der Basis ihrer detaillierten weltweiten Erhebungen veröffentlicht.1 Hier zeigt sich beispielsweise: Von den fast 20 000 Naturkatastrophen, die zwischen 1980 und 2010 ausgewertet wurden (siehe Abbildung 1), waren nur 14% Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis, also Naturereignisse, die ihren Ursprung in der Erdkruste haben. Auf sie hat der Mensch, nach allem, was wir wissen (und hoffen können), kaum Einfluss. Der ganz große Rest, nämlich etwa sechs von sieben Naturkatastrophen, entstammt der Atmosphäre – und hier besteht aller Grund zu der Befürchtung, dass sich der globale Klimawandel gerade hier immer stärker auswirkt.

Wetterextreme in allen ihren Ausprägungen sind besonders kritisch. Sie treten vergleichsweise selten auf und wir sind deshalb schlecht darauf eingestellt. Das zeigt sich bei den Schadenwirkungen dieser Extremereignisse, ob bei den Opferzahlen, wo weit über die Hälfte auf Wetterkatastrophen entfallen, oder den volkswirtschaftlichen Schäden (78%) und ganz besonders den versicherten Schäden (90%); dort schlägt sich die weltweit hohe Versicherungsdichte bei Sturmschäden nieder.
Vergleicht man die Zahlen der vergangenen Jahrzehnte (siehe Abbildung 2), wird die ganze Dramatik offenbar: Wetterkatastrophen in Form von Stürmen, Unwettern, Überschwemmungen et cetera treten dreimal so häufig auf wie noch Anfang der 1980er-Jahren, während die geophysikalischen Katastrophen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis nur leicht zugenommen haben.
Die generelle Katastrophenzunahme geht zum überwiegenden Teil auf eine Reihe sozioökonomischer Faktoren zurück:
1. Die unverminderte globale Bevölkerungszunahme ist
der ‚Motor‘ der Entwicklung: Bis Mitte des Jahrhunderts wird die Weltbevölkerung, wenn keine unvorhersehbaren Einschnitte passieren, um bis zu weitere 3 Milliarden Menschen auf 9 bis 10 Milliarden anwachsen.

2. Verstädterung und steigender Lebensstandard führen in den meisten Regionen der Welt dazu, dass sich immer mehr Menschen und materielle Werte auf engstem Raum konzentrieren, insbesondere in den großen Ballungsräumen, den sogenannten Megacitys. Hier entwickeln sich die größten Zeitbomben. Während es im Jahr 1950 auf der Welt etwa 80 Millionenstädte gab und davon die Mehrzahl in den Industrieländern lag, sind es heute über 400 Millionenstädte, von denen rund 300 in der Dritten Welt liegen.
3. Viele dieser Großstädte liegen in stark exponierten Regionen, beispielsweise an den Küsten und ganz besonders am sogenannten ‚Feuerring‘ rings um den Pazifik, wo sich der größte Teil der weltweiten Erdbeben- und Vulkantätigkeit abspielt und die mit Abstand meisten tropischen Wirbelstürme auftreten. Aber auch in Deutschland ballen sich Siedlungs- und Industriegebiete in bekannten Überschwemmungszonen entlang der Flüsse und Küsten.
4. Moderne Gesellschaften und Technologien sind anfälliger geworden. Das haben ‚Mega‘-Katastrophen wie der Hurrikan „Katrina“ 2005 in New Orleans und das Erdbeben von Japan 2011 deutlich gemacht. Dabei galt Japan bisher als eines der am besten auf Erdbeben und andere Katastrophen vorbereiteten Länder der Welt. Es stellt sich die bange Frage, was passieren wird, wenn sich eines Tages das ‚große Kanto-Beben‘ von 1923 in Tokio, der größten Metropolregion der Welt, wiederholen wird.
5. Und schließlich kommt man nicht an den Folgen der globalen Umweltveränderungen vorbei. Überall auf der Erde hinterlässt die Menschheit immer größere Spuren. Ob es die Überfischung der Meere, die Übernutzung der Wasserressourcen, die Zerstörung der Böden, die Abholzung der Urwälder oder die Verringerung der Artenvielfalt ist – wo man auch hinsieht, verändert und zerstört die Menschheit zunehmend die Umwelt. Der menschgemachte Klimawandel hat dabei eine besondere Dimension, weil er sich wirklich global auswirkt und gleichzeitig noch viele Generationen nach uns in Mitleidenschaft ziehen wird.2
Klimawandel und Wetterextreme
Die Veränderungen in Exponierung und Vulnerabilität reichen nicht aus, die ganze Zunahme der Katastrophenschäden zu erklären. Das hat die Münchener Rück in ihrem Millenniumsbericht zur Entwicklung der Naturkatastrophen im letzten Jahrtausend nachgewiesen.3 Vielmehr weisen immer mehr Indizien darauf hin, dass die globalen Umweltveränderungen, allen voran der Klimawandel, zunehmend die Häufigkeit und Intensität von Wetterkatastrophen beeinflussen. Auch der vierte Statusbericht des Intergovernmental Panel on Climate Change misst dem Zusammenhang zwischen der globalen Erwärmung und der Häufigkeit atmosphärischer Extremereignisse herausragende Bedeutung bei.4
Denn genau hier werden die Folgen des globalen Klimawandels besonders deutlich sichtbar: Schon eine relativ kleine Verschiebung der Mittelwerte kann dazu führen, dass sich die Überschreitungswahrscheinlichkeiten kritischer Schwellenwerte drastisch erhöhen. Selbst eine harmlos erscheinende Erhöhung von saisonalen Mitteltemperaturen kann dabei enorme wirtschaftliche Konsequenzen haben. Der Hitzesommer 2003 in West- und Mitteleuropa hat das auf dramatische Weise bestätigt: Die großräumigen um mehr als 3 °C (teilweise sogar bis zu 6 °C) höheren Mitteltemperaturen verursachten riesige Waldbrände und Dürreschäden in Land- und Forstwirtschaft, große Einnahmeausfälle in der Flussschifffahrt und krisenhafte Engpässe bei der Elektrizitätsversorgung. Die wirtschaftlichen Schäden beliefen sich auf über 10 Milliarden Euro und machen – vor allem auch wegen der über 70 000 zusätzlichen Todesfälle – dieses extreme Witterungsereignis zu einer der größten Naturkatastrophen in Europa seit Jahrhunderten. Setzt sich der Erwärmungstrend wie erwartet fort, dann könnte ein derartiger Sommer in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr oder weniger zum Normalfall werden. Eisverkäufer, Biergartenwirte, Getränkeindustrie und Klimaanlagenhersteller werden das gerne hören. Aber andere Bereiche der Wirtschaft, insbesondere die Land-, Forst- und Energiewirtschaft, müssen sich auf erhebliche Probleme einstellen, für die sie sich schon jetzt geeignete Anpassungs- und Vorsorgestrategien überlegen sollten.
Gleichzeitig sind heißere Sommer meist auch unwetterträchtiger: Durch die Überhitzung werden konvektive Prozesse in der Atmosphäre verstärkt und es verschärfen sich die Gegensätze zwischen kontinentalen und maritimen Luftmassen, da letztere der Erwärmung aufgrund der thermischen Trägheit der Ozeane hinterherhinken. Die Kaltfronten, hinter denen die kühlere Meeresluft immer wieder aufs Festland vorstößt und dort die Hitzelagen beendet, beziehen aus diesen Luftmassengegensätzen ihre Energie und überziehen das Land mit Gewittern, Hagelschlägen und Starkwinden.
Die immer heftigeren Sommergewitter bringen außerdem stärkere Sturzfluten mit sich. Trotz tendenziell geringerer Sommerniederschläge können dabei lokal und kurzzeitig außerordentlich hohe Regenmengen niedergehen. In Städten und Gemeinden überfordern sie dann häufig die darauf nicht ausgelegten Kanalisationsnetze; in hügeligem oder bergigem Gelände lösen sie plötzliche Überflutungen sowie Muren und Erdrutsche aus. Die zunehmende Niederschlagsvariabilität erhöht also im Sommer sowohl das Trockenheits- als auch das Überschwemmungsrisiko – ein nur auf den ersten Blick paradox erscheinender Trend.
Heiße Sommer und schneearme Winter führen zu einem immer stärkeren Zurückschmelzen der Alpengletscher, mit erheblichen Konsequenzen für die Abflussverhältnisse in den Alpentälern ebenso wie in allen großen Flüssen, die in den Alpen entspringen. Hier haben wir langfristig starke saisonale Abflussschwankungen zu erwarten: erhöhte Werte im Winter und Frühjahr, stark verringerte im Sommer und Herbst. Durch den Anstieg der Schnee- und (Perma-)Frostgrenze werden zudem vermehrt Erdrutsche, Muren, Felsstürze und Gletscherseeausbrüche auftreten.
Im Winter zeichnet sich zudem eine Verstärkung der Sturmgefahr in West- und Mitteleuropa ab. Steigende Temperaturen verhindern hier im Flachland immer öfter eine großräumige Schneedecke, wie sie früher in den strengeren Wintern regelmäßig auftrat. Über ihr konnte sich vielfach ein stabiles Kältehoch bilden. Das wirkte dann wie eine Barriere gegen die vom Nordatlantik heranziehenden Sturmtiefs und lenkte sie überwiegend in höhere Breiten ab, bevor sie die dicht besiedelten Küstenzonen Westeuropas treffen konnten. Je milder die Winter werden, desto weiter scheinen sich die kontinentalen Kältehochs nach Osten zurückzuziehen, sodass die Sturmtiefs jetzt häufiger und tiefer aufs Festland vorstoßen können. Das hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten vor allem in West- und Mitteleuropa zu einer Reihe gewaltiger Sturmkatastrophen geführt (zum Beispiel die Orkane „Daria“, „Vivian“ und „Wiebke“ 1990, „Anatol“, „Lothar“ und „Martin“ 1999 sowie „Kyrill“ 2007).
Bei den tropischen Wirbelstürmen, den Hurrikanen, Taifunen und Zyklonen, ist die ‚Beweislage‘ bisher umstritten: Eine Gruppe von Wissenschaftlern verweist auf die Wasseroberflächentemperatur von 26 °C bis 27 °C, die als Voraussetzung dafür gilt, dass sich tropische Wirbelstürme entwickeln können. Erwärmen sich die Ozeane, dann wird diese kritische Oberflächentemperatur über immer größeren Meeresgebieten und in immer längeren Zeiträumen überschritten; das deutet auf eine steigende Anzahl von Wirbelstürmen hin. Eine andere Gruppe stützt sich auf Modellrechnungen und vertritt die Meinung, es sei eher mit einem Anstieg der potenziellen Intensität der Sturmwirbel zu rechnen. Sie belegt dies insbesondere mit den Beobachtungen der letzten Jahrzehnte im Nordatlantik, die dort eine deutlich erhöhte Anzahl vor allem der sehr starken Hurrikane zeigen. Eine dritte Gruppe hält schließlich den Einfluss der Klimaänderung für gering im Vergleich zu den starken natürlichen Schwankungen von Häufigkeit und Intensität, beispielsweise in Verbindung mit den pazifischen El-Niño- / La-Niñaoder den atlantischen NAO-Episoden (North Atlantic Oscillation). Dabei verweist sie auf die hohe Hurrikanaktivität im Nordatlantik während der 1950er- und 1960er-Jahre, die nach einer wesentlich ruhigeren Phase in den 1970er- und 1980er-Jahren erst Mitte der 1990er-Jahre wieder erreicht und inzwischen deutlich übertroffen wurde.
Fasst man die Verbindungen zwischen der globalen Erwärmung und verschiedenen Auswirkungen zusammen, ergibt sich eine lange Liste mehr oder weniger gut abgesicherter Veränderungen, die schon heute in die mittel- und langfristigen Vorsorgeüberlegungen einbezogen werden sollten.

Daneben existieren aber noch zahlreiche Rückkoppelungsmechanismen in der Atmosphäre, den Ozeanen, der Kryosphäre und den Böden, von denen die Wissenschaft bisher zum Teil noch recht unsichere Vorstellungen hat. Eines der größten Fragezeichen steht hinter den möglichen Reaktionen der Ozeane, die für die weitere Entwicklung der globalen Umweltveränderungen von entscheidender Bedeutung sein können. Große Überraschungen sind deshalb vorprogrammiert. Umso wichtiger erscheint es, dass die Menschheit das ‚Experiment mit dem Planeten Erde‘, das bisher völlig außer Kontrolle abläuft, so rasch wie möglich in den Griff zu bekommen versucht. Andernfalls könnten die unmittelbaren Auswirkungen in Form von Naturkatastrophen und die langfristigen Folgen wie die Verschiebung von Klimazonen und der steigende Meeresspiegel zu einer existenziellen Bedrohung für große Teile der weiter stark wachsenden Weltbevölkerung werden.
Klimaschutz und Anpassungsstrategien aus wirtschaftlicher Sicht
Diese Konsequenzen des Klimawandels erfordern umgehende Klimaschutz- und Anpassungsstrategien, die auch die Verantwortung der Industrieländer für die entstandene Klimaproblematik gegenüber den Ländern der Dritten Welt deutlich machen. Mit Blick auf die sich zuspitzende Verknappung und Verteuerung fossiler Energieträger liegen dabei alle Energiesparstrategien „auf der sicheren Seite“ und sind gleichzeitig der wichtigste und am schnellsten umzusetzende Beitrag zum Klimaschutz. In einer umfassenden Studie des früheren Chefökonomen der Weltbank, Nicholas Stern, wurden die Kosten eines ungebremsten Klimawandels auf 5% bis 20% der globalen Wirtschaftsleistung pro Jahr geschätzt, während nachhaltige Klimaschutzmaßnahmen nur etwa ein Prozent pro Jahr kosten würden.5 Dass sich Klimaschutz ‚rechnet‘, steht aus ökonomischer Sicht also völlig außer Frage.
Die Versicherungswirtschaft hat die Plausibilität und gleichzeitig die Brisanz dieser Veränderungen längst erkannt.6 Früher als andere Wirtschaftsbereiche hat sie erstmals schon Anfang der 1970er-Jahre auf die Gefahren eines globalen Klimawandels als Folge des ungebremsten Ausstoßes von Treibhausgasen hingewiesen. Sie hat damit auch hier wieder jene besondere Sensibilität für jedwede Änderungen ihres Risikoumfelds unter Beweis gestellt, die wohl ihr wichtigstes Erfolgsrezept darstellt.
Trotz der überwiegend negativen Auswirkungen auf die Versicherungswirtschaft darf nicht übersehen werden, dass die Zunahme der Häufigkeit und Intensität von Wetterkatastrophen auch neue Marktpotenziale eröffnet. Die Innovationsbereiche in den Versicherungsunternehmen können hier attraktive neue Produkte entwickeln. Für Unternehmen, die sich geschickt positionieren (zum Beispiel mit Hilfe von Umfeldanalysen und Alleinstellungsmerkmalen), können die Auswirkungen des Klimawandels interessante Chancen eröffnen; denn die Nachfrage nach Naturgefahrendeckungen wird weiter deutlich zunehmen.
Da Länder der Dritten Welt von den Auswirkungen des Klimawandels besonders stark betroffen sind (siehe hierzu Müller in diesem Band), die Ursachen dafür aber in erster Linie von den Industrieländern zu verantworten sind, wurde bei den Klimaverhandlungen im Dezember 2008 in Posen der Vorschlag einer Klimaversicherung eingebracht, der Ausdruck einer globalen Solidarität bei der Finanzierung der klimabedingten Schäden ist. Der Vorschlag wurde von der Munich Climate Insurance Initiative (MCII), in der Versicherungsexperten und Vertreter der Weltbank, von Forschungsinstituten und von Nichtregierungsorganisationen kooperieren, entwickelt und soll nun als wichtiges Anpassungs-instrument in dem Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll verankert werden.7
Die Finanzwirtschaft hat längst erkannt, dass sie selbst einen wesentlichen Beitrag zum Schutz des globalen Klimas leisten kann, und hierzu inzwischen zahlreiche Initiativen entwickelt, die sie unter anderem in Kooperation mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen vorantreibt.8 Die größte Wirkung geht dabei von einer Umsteuerung der riesigen Vermögensanlagen aus: weg von umweltschädlichen ‚Dinosaurier‘-Industrien und hin zu nachhaltig umweltfreundlichen Wirtschaftsbereichen. Wie kaum ein anderer Wirtschaftssektor wird sie davon auch selbst profitieren können.
Ausblick
Da wir in Deutschland nicht auf einer ‚Insel der Seligen‘ leben, wo wir von Naturkatastrophen und den Auswirkungen des Klimawandels nicht betroffen wären, sondern im Gegenteil wegen der hohen Bevölkerungsund Wertekonzentrationen mit besonders hohen Schadenpotenzialen konfrontiert sind, haben wir allen Grund, umgehende und umfassende Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen. Dabei sind nicht nur Politik und Wirtschaft, sondern auch jeder Einzelne gefordert, denn nur im Zusammenwirken aller werden wir die notwendige ‚große Transformation‘ von der fossilbasierten Überflussgesellschaft zu einem nachhaltigen Lebensstil schaffen, durch die sowohl der globale Klimawandel noch unter Kontrolle gebracht werden kann als auch die gegenüber den nachfolgenden Generationen unverantwortliche Ausplünderung unseres Planeten vermieden wird. Es steht außer Frage, dass es eher Erfolg verspricht, wenn diese Ziele proaktiv angesteuert werden, als wenn erst unter dem Zwang der Ressourcenverknappung mit Notmaßnahmen reagiert werden muss.
Resümee
Naturkatastrophen nehmen weiter an Zahl und Ausmaß zu. Es wird nur schwer möglich sein, die sozioökonomischen Trends und die Auswirkungen des globalen Klimawandels in absehbarer Zeit so in den Griff zu bekommen, dass diese Zunahme gestoppt wird. Verstärkte Vorsorgemaßnahmen, insbesondere die grundlegende Veränderung der Energieversorgung und unserer Lebensstile, können allerdings den Zunahmetrend verlangsamen und die Folgen abmildern. Die Finanzwirtschaft kann hier nicht nur finanziellen Schutz vor den Schadenwirkungen des Klimawandels bieten, sondern auch aktiv und effizient zum Klimaschutz beitragen.
Anmerkungen
1 Munich Re (Hg.) (2011) Topics Geo – Naturkatastrophen 2010. Internet: http://www.munichre.com/de/reinsurance/ magazine/publications/default.aspx
2 Berz, Gerhard (2010) Wie aus heiterem Himmel? Naturkatastrophen und Klimaänderung – Was uns erwartet und wie wir uns darauf einstellen sollten. München: dtv premium.
3 Münchener Rück (Hg.) (1999) topics 2000 – Jahrtausendrückblick Naturkatastrophen. Internet: http://www.munichre.com/de/reinsurance/magazine/publications /default.aspx
4 IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) Climate Change 2007 – Summary for Policymakers. Internet: http://www.ipcc.ch/publications_and_data/ar4/syr/en/spm.html
5 Stern, Nicholas (2006) The Economics of Climate Change – The Stern Review. Cambridge: Cambridge University Press.
6 Münchener Rück (Hg.) (2004) Wetterkatastrophen und Klimawandel – Sind wir noch zu retten? Edition Wissen.
7 Höppe, Peter / Gurenko, Eugene (2007) Scientific and Economic Rationales for Innovative Climate Insurance Solutions. Climate Policy, 6, Seiten 607–620.
8 United Nations Environment Programme – Finance Initiatives (2002) Climate Risk to Global Economy. CEO Briefing of the Climate Change Working Group. Internet: http://www.unepfi.org/fileadmin/documents/CEO_briefing_ climate_change_2002_en.pdf
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