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Stephan Lange (HG.)
Warum ich trotzdem glaube
Stephan Lange (HG.)
Warum ich trotzdem
glaube
Vom Zweifeln, Vertrauen und Kraftfinden
in schweren Zeiten
Die Bibelstellen wurden folgender Übersetzung entnommen:
Hoffnung für alle®, Copyright © 1983, 1996, 2002 by Biblica Inc.®.
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Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans
Gesamtherstellung: PPP Pre Print Partner GmbH & Co. KG, Köln, www.ppp.eu
ISBN 978-3-7615-6825-5 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Einleitung
Die Krankheit und der Tod seiner Schwester verstärkten die Zweifel, die Andreas (30) früher schon am Glauben hatte. „Mein Problem ist, ich habe einfach kein Vertrauen zu Gott. Ich verstehe ihn nicht. Ich verstehe seine Wege nicht, die ich verstehen möchte. Aber Gott hat sie mir nicht erklärt. Und so funktioniert eine Beziehung irgendwie nicht.“1
Was würden Sie einem Menschen wie Andreas sagen? Warum sollte er weiterhin an Gott glauben? Oder lassen Sie mich noch allgemeiner fragen: Warum sollte man überhaupt an den Gott glauben, von dem Christen sagen, er sei die Liebe in Person – der aber trotzdem zulässt, dass Andreas’ Schwester an einem Hirntumor verstirbt? Und es ist leider kein Geheimnis: Dieser Leidensweg steht exemplarisch für viele (!) weitere. Wie begegnen wir solchen Menschen, die es verdient haben, einen angemessenen Raum für ihre nachvollziehbaren Fragen und Anklagen zu bekommen?
Ich gebe ehrlich zu: Ich kann hier keine wirkliche Hilfe sein. Nicht, weil ich als Christ keine Antwort auf die Leidfrage hätte, sondern weil ich weiß, dass es meiner Antwort eindeutig an leidgeprüfter Reife fehlt. Ich wäre wie der Junggeselle, der einem befreundeten Paar Tipps für eine gelingende Ehe geben soll. Einige Gedanken könnte ich zwar beisteuern, aber wirklich wohl in meiner Haut würde ich mich dabei nicht fühlen.
Gerade das macht meinen Antwortversuch, würde ich ihn bringen, gefährlich. Denn Leiderklärungen entpuppen sich oft als kaltherzige und am wahren Leben vorbeigehende Gedankenakrobatik, auch wenn sie gut gemeint sind. Genau das geht aber am Kern des christlichen Glaubens stumpf vorbei. Mihamm Kim-Rauchholz, Professorin für Neues Testament und Griechisch an der Internationalen Hochschule Liebenzell, stellt ganz richtig fest:
Der christliche Glaube flieht nicht vor der Realität des Lebens, er entfaltet seine Stärke und sein Potenzial mitten im Leben. Seine Relevanz wird nicht in einem abgeschotteten Elfenbeinturm der theologischen Gedankengänge bewiesen – so wichtig und richtig diese auch sein mögen –, sondern da, wo die eigene Existenz betroffen ist und mit auf dem Spiel steht.2
Ich sehe in diesen Worten zwar viel Wahrheit, mich aber trotzdem nicht dazu in der Lage, Menschen in ihrem größten Leid die biblische Devise spürbar ins Herz zu sprechen: „Trauert nicht wie die Menschen, die keine Hoffnung haben.“ (1. Thessalonicher 4,13) Das können, davon bin ich fest überzeugt, nur die wirklich Leidgeprüften. Menschen, die trotz existenzieller Not ehrlich von sich sagen können: „Ich höre nicht nur vom Leid, ich stecke bis über beide Ohren darin fest. Trotzdem und gerade deshalb halte ich weiterhin an diesem Gott fest.“
Acht von diesen Menschen, acht nach wie vor überzeugte Christinnen und Christen, kommen in diesem Buch zu Wort. Sie lassen uns teilhaben an ihren bitteren Leidenswegen und ihren denk-würdigen Antworten, warum sie dennoch glauben. Ihre Gedanken sollen der Versuch sein, gerade denjenigen zu begegnen, die angespannt mit der ehrlichen Frage ringen: „Warum sollte ich Gott nicht eiskalt den Rücken kehren, wenn er doch genau das Gleiche bei mir macht?“ Darüber hinaus will dieses Buch allerdings auch ein Denkangebot für diejenigen sein, die aus der interessierten (oder gerne auch skeptischen) Distanz fragen, was einem der Glaube an den Gott, der uns in Jesus begegnet, eigentlich bringt – gerade in den Tiefzeiten des eigenen Lebens, die sich niemand von uns wünscht, die aber alle unweigerlich treffen.
Aus welcher Sicht Sie dieses Buch auch lesen mögen: Ich wünsche Ihnen in jeder Hinsicht eine gewinnbringende Lektüre.
Stephan Lange, im Herbst 2021
1 Faix, Tobias; Hofmann, Martin; Künkler, Tobias (2019). Warum ich nicht mehr glaube: Wenn junge Erwachsene den Glauben verlieren. SCM Brockhaus. S. 114.
2 Kim-Rauchholz, Mihamm (2021): Warum ein lebendiger Glaube nur im Leben selbst gelernt werden kann. SMD-Transparent 01/2021. S. 5.
Dennoch
Helena Neufeld (40) ist Ehefrau und Mutter von fünf Kindern. Daneben ist sie als freie Autorin tätig.

Es kam wortwörtlich aus heiterem Himmel. Einem blauen Himmel, an dem ein paar Zugvögel ihre geordneten Bahnen flogen, erstaunlich früh an einem erstaunlich milden Februartag. Neben mir lag mein Mann im Gras, die Hände über der Winterjacke verschränkt und gab ein paar gemütliche Schnarchtöne von sich. Ich hatte ein Lächeln im Gesicht. Mein Stift fuhr über das Notizbuch, schrieb ein Wort nach dem anderen. Dieser Ort, diese Gefühle – das musste festgehalten werden. Sorgsam packte ich Worte ein, nur ganz ausgesuchte, wie besonders schöne Muscheln, die man als Andenken von einer Reise heimbringt. Zerbrechlich und schön. Wie das Leben. Mein Gedicht endete mit den Worten: Es sieht dich der Frühling an.
Doch dieser Blick voller Zärtlichkeit und Wärme schützte uns nicht vor der eiskalten Hand der Angst, die schon am nächsten Tag nach uns greifen sollte. Wir fuhren von unserem schönen Wochenende zu zweit nach Hause, ließen die Spaziergänge hinter uns, die Restaurantbesuche am Abend bei Kerzenschein und geröteten Wangen. Unsere Herzen waren voll und doch leicht. Worte der Liebe und Wertschätzung mögen das in ihrer Menge bewirken. Im Rückspiegel wurden die Windräder immer kleiner und die grasbedeckte Weite des flachen Nordens entschwand langsam unseren Blicken.
Niemals ist es einem selbst bewusst, wenn Stunden, die man gerade erlebt, die letzten unbeschwerten sind.
Diagnose Krebs
Dabei ging es nur um einen Routinetermin. Der Hausarzt wollte sichergehen, dass er nicht falsch gelegen hatte und wirklich kein Grund zur Besorgnis gegeben war. Sicherheitshalber.
Die Sicherheit wurde halber. „Irgendetwas stimmt nicht“, sagte der Spezialist. Eine Darmspiegelung wurde für die nächsten Tage angeordnet.
Es war ein Donnerstag. Der Frühling sah uns nicht mehr an. Wir beruhigten uns und wurden beruhigt. Es würde sich sicher um eine Unverträglichkeit von Nahrungsmitteln handeln. Vielleicht eine Autoimmunerkrankung. Wir würden lernen, damit umzugehen. Es war still während der Autofahrt, still in der Praxis, still die Gebete in mir.
„Möchten Sie bei Ihrem Mann sein, wenn er gleich aufwacht?“
Die Arzthelferin lächelte mich warmherzig an. Ich legte hastig das Buch zur Seite, in dem ich gelesen hatte, stand auf und folgte ihr. Dort lag er und wieder hörte ich diese sanften, kurzen Schnarchtöne. Diesmal nicht im Gras, sondern auf einer Liege in einem Untersuchungsraum, eingewickelt in einer Decke. Ich betrachtete ihn und wartete. Die Arzthelferin guckte herein. „Möchten Sie einen Kaffee?“ Oh nein, ich wollte keinen. Meine Anspannung hatte sich gelöst. Es stimmte, was ich über diese Praxis gelesen hatte, sie waren hier äußerst freundlich.
Andreas wachte auf. Er war noch etwas benommen von dem Schlafmittel, das er bekommen hatte. Wir hatten kaum ein paar Worte gewechselt, als auch schon der Arzt schwungvoll ins Zimmer trat. Ich werde sein Gesicht nie vergessen. Er war so sympathisch, dass es völlig absurd war, Angst vor einer schlimmen Nachricht zu haben. Wir machten uns einfach zu viele Sorgen!
Er wandte sich an mich und lächelte. „Ihr Mann hat super mitgemacht“, sagte er und ich lachte erleichtert und setzte dazu an, etwas zu erwidern. Er unterbrach mich.
Mir blieb das Lachen im Hals stecken. Für einige Tage steckte es dort fest und schmerzte entsetzlich.
„Es sieht nicht gut aus“, sagte der Arzt, „es ist Krebs. Bösartig und ziemlich großflächig.“ Der Ernst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er ergriff die Hand meines Mannes, der dasaß und ihn anstarrte.
„Sie werden das schaffen!“, sagte er und mit jedem Wort ließ er ihrer beide Hände auf den Oberschenkel meines Mannes fallen, so als wolle er ihm diese Nachricht ins Bewusstsein hämmern. Woher er wisse, dass es bösartig sei, wollte ich wissen. Müssten nicht erst die Ergebnisse abgewartet werden? Der Arzt sah mich aus seinen trüben Augen kummervoll an. „Diese Art ist immer bösartig. Ganz sicher.“ Ohne Umschweife und doch voller Hoffnung waren seine Worte.
„Viele sind vor Ihnen diesen Weg gegangen, es wird ein schweres Jahr. Vergessen Sie Ihre Arbeit. Konzentrieren Sie sich jetzt darauf, gegen den Krebs zu kämpfen. Sie werden das schaffen!“
Wir stolperten irgendwann hinaus. Derselbe Flur, dieselbe Tür, aber alles war verändert. Grauenvoll anders. Ich führte Andreas zum Auto, bemerkte dann, dass ich noch etwas liegen gelassen hatte und ging wieder zurück. Die freundliche Arzthelferin mit den dunkelblond gewellten Haaren kam mir entgegen. Sie nahm mich in den Arm und ich schluchzte hilflos.
„Frau Neufeld, wir haben hier viele Patienten, die das geschafft haben. Ihr Mann wird das auch schaffen.“
Ich schickte schnell eine Nachricht an Familie und Freunde, die darauf warteten. Sie war kurz und hart: „Es ist Krebs.“
Dann ging ich zum Auto und setzte mich ans Steuer. Andreas zitterte neben mir in seiner dicken Jacke. Der Schock saß tief. Ich umarmte ihn, so hilflos!
Wie ich es geschafft habe, den Weg nach Hause zu fahren, weiß ich nicht, aber irgendwann standen wir vor der Haustür.
Wie sollten wir unseren Kindern in die Augen sehen? Was sagt man, wenn so etwas passiert? Wie sollte ich damit umgehen? Unser ältester Sohn öffnete die Tür, sichtlich betroffen. Andreas ging hinein und geradewegs hinauf ins Schlafzimmer. Er weinte.
Erschüttert bis ins Innerste.
Es waren erst Minuten vergangen, Minuten in unserem neuen Leben, das einen grauenvollen Riss bekommen hatte. Mich packte die Angst. Ich wusste, diese Qual in den Augen meines Liebsten konnte ich nicht allein tragen. Mit zitternden Fingern tippte ich eine Nachricht an einen der Leiter unserer Kirchengemeinde. Wir brauchten Hilfe.
Die Türklingel ging. Mein Bruder und seine Frau waren da. Wir hatten uns gegenseitig bei unseren Hochzeiten begleitet, Seite an Seite unsere Häuser gebaut, unsere Kinder bekommen und nebeneinander aufwachsen sehen. Wir hatten immer alles miteinander geteilt und jetzt teilten wir das Grauen. Wir weinten und zitterten zusammen. „Das Wort Darm habe ich schon immer gehasst“, dachte ich irrsinnigerweise.
Als es das nächste Mal klingelte, war es einer der Leiter der Gemeinde. Ich schämte mich etwas für die Unordnung. Hätte ich vorher aufräumen sollen? Ich bot allen Wasser an. Wir saßen am Tisch, nippten an unserem Wasser und der schockierenden Nachricht. Schluck für Schluck sickerte sie in unser Bewusstsein und drang durch bis ins tiefste Innere unseres Körpers.
Die beiden Jüngsten waren noch bei meinen Eltern, die während der Untersuchung auf sie aufgepasst hatten. Andreas wurde mit Öl gesalbt, wie es in der Bibel im Jakobusbrief steht, und wir beteten alle. Wir baten Gott um Hilfe, um Heilung, wenn möglich. Aber vor allem um die Hilfe, die wir gerade jetzt benötigten.
Unsere Kinder weinten.
Mitten im Sturm
An diesem Tag bebte für uns die Erde, auf der wir standen. Vieles stürzte einfach in sich zusammen, weil es nie Stabilität besessen hatte. Doch da war ein Ort, ähnlich einer Festung, hoch oben auf einem massiven Felsen gebaut. Während der Boden, auf dem wir standen, also erschüttert wurde, flogen uns Steinbrocken um die Ohren. Angst ließ unsere Herzen im Galopp dahinjagen, ohne Erbarmen. Da war es selbstverständlich, wo wir Schutz suchten, die Kinder im Schlepptau, Hand in Hand mit meinem völlig geschockten Ehemann. Wir rannten, ohne zu zögern an diesen Ort: in die Gegenwart Gottes.
Wenn auch das Toben und Wüten weitergehen würde, wenn auch alles zerbrechen würde, was wir kannten, so würde er doch derselbe bleiben. Derselbe Gott, den wir aus der Bibel kannten. Der nicht eingegriffen hatte, als Josef seine Brüder anflehte, ihn nicht zu verkaufen; der zugelassen hatte, dass er verkauft und in ein fremdes Land verschleppt wurde. Es war derselbe Gott, der mitten in diesen Jahren der Furcht, Einsamkeit, Ungerechtigkeit und Tränen bei Josef gewesen war. Er ließ ihn dort, aber durch das, was Josef litt, erfüllte er einen Plan, der Josef selbst und vielen anderen Menschen das Leben rettete. Dieser Plan war größer als ein Menschenleben und schloss doch dieses Menschenleben mit ein.
Es war derselbe Gott, der Daniel in die Löwengrube werfen ließ, und der doch den Löwen nicht gestattete, ihm auch nur ein Haar zu krümmen. Derselbe Gott löschte nicht das Feuer im Ofen des Nebukadnezar, war aber selbst mitten im Feuer bei Schadrach, Meschach und Abed-Nego, sodass das Feuer ihnen nichts anhaben konnte.
Mir ist der Gott der Bibel vertraut, weil ich mit ihm lebe, seit dem Tag, an dem ich ihm die Tür zu meinem Leben geöffnet habe, deshalb ist es verständlich, dass ich zu ihm rannte. Doch ich denke, dass jeder Mensch, gerät er in eine Situation äußerster Not, in der plötzlich alle Stützen wegbrechen, instinktiv weiß, woher wirklich Hilfe zu erwarten ist. In einem abstürzenden Flugzeug ist die Zahl der Gebete deshalb höher als in einem, das sicher landet.
Muss Gott vielleicht deshalb manchmal Dinge zulassen, die Angst und Schmerz hervorbringen, damit es ins menschliche Bewusstsein dringt, wie zerbrechlich die Sicherheit und das Glück sind, in denen er sich wähnt? Es wäre möglich, scheint mir. Doch sicher ist nicht jede Art von Leid ein solches Megafon Gottes, wie es der irische Schriftsteller C. S. Lewis nannte.
Diese Nacht war ein einziger Alptraum. Schwer atmend, mit rasenden Herzen, lagen wir nebeneinander. Es ist schwer zu beschreiben. Wir waren zusammen. Ich tat mein Bestes, um meinem Mann beizustehen, aber es gibt Momente, durch die muss man ganz allein gehen. Dazu gehört das Sterben mit der Verantwortung, die jeder Mensch vor Gott hat. Es gab da plötzlich einen Abgrund im Herzen meines Mannes, den ich nicht überwinden konnte. Schwarz und drohend hatte er sich aufgetan.
Andreas war Christ. Doch die Diagnose hatte an diesem Christsein heftig gerüttelt. Ihn quälten furchtbare Fragen: „Was geschieht, wenn ich sterbe? Wo werde ich hingehen?“
Nach einer zähen, langen Nacht wachte ich morgens müde auf. Sofort holte meine Erinnerung zum Schlag aus. Mir blieb die Luft weg. Das passierte gerade wirklich. Uns.
Meine Schultern taten weh, als hätte ich Steine geschleppt. In meinem Hals steckte noch immer das Lachen des Vortages fest und schnürte mir die Luft ab.
Da kam unser jüngster Sohn. Er hatte Hunger wie an jedem normalen Morgen. Ich stand also mit zitternden Knien auf. Längst hatte ich mich entschieden, wie ich mit der Situation umgehen wollte. Vielmehr war es keine Entscheidung, es war das natürliche Ergebnis all dessen, was ich glaubte. Da hatte es diesen einen Tag gegeben, an dem ich meinem Mann versprochen hatte, für ihn in guten und in schlechten Zeiten da zu sein. Nun, jetzt waren die schlechten dran. So gut ich konnte, wollte ich ihm mit all meiner Kraft helfen.
Ich ziehe gerne Bücher zu Rate, wenn ich mich mit Themen auseinandersetze, die mir neu sind. Dieses Thema war mir gänzlich neu. Aber alle Krebsratgeber mussten warten und wurden zur Seite geschoben. Stattdessen saß ich vor der aufgeschlagenen Bibel wie jeden Morgen. Dort fand ich Kraft. Im Gebet brachte ich Andreas vor Gott im Himmel, ja, ich kämpfte dort am Esstisch an seiner Seite.
Ein Lied, das mich schon seit Tagen begleitet hatte, wurde mir zur Gehhilfe. Während ich die Hausarbeit erledigte und das Mittagessen kochte, sang ich es aus vollem Herzen: „In Christus ist mein ganzer Halt.“ Meine Stimme zitterte bei der Zeile: „Nun hat der Tod die Macht verlor’n.“ Glaubte ich das wirklich? Ja! Dann würde ich auch so leben.
Mit der Bibel zogen wir zwei uns zurück. Wir lasen all die Stellen, die davon sprechen, wie man Frieden mit Gott bekommt. Ich schrieb sie ihm in eines der kleinen, schwarzen Notizbüchlein, die ich erst eine Woche zuvor für eine Gruppe von Teenagermädchen besorgt hatte. Stunden verbrachten wir im Gespräch, beteten zusammen und lasen die Bibel mit einem solch verlangenden Herzen wie selten zuvor.
Dann kam der Durchbruch.
Andreas und ich saßen am Esstisch und sprachen miteinander, als unser ältester Sohn nach Hause kam. Er ging direkt an das Klavier in seinem Zimmer und begann, wie er es oft tut, für sich selbst zu spielen. Die Melodie von „Wie tief muss Gottes Liebe sein“ klang zu uns herüber. Auf dem Smartphone suchte ich den Text heraus, legte ihn Andreas hin und ging zum Klavier. Wir sangen dieses wundervolle Lied, sicher war es die schönste Version, die ich je gesungen habe, obwohl sie am schäbigsten klang, zitterte doch meine Stimme so arg, dass man kaum ein Wort verstehen konnte. Doch das, was wir sangen, war der Kern unseres Glaubens.
Wie tief muss die Liebe Gottes sein, wenn er selbst herabkam und dieses Grauen, das nun über uns gekommen war, freiwillig auf sich nahm? Freiwillig ging er den Weg bis in den furchtbarsten Tod. Er hätte jederzeit sagen können: „Nein, jetzt ist es genug.“ Doch er schwieg und ertrug Schmerzen, Qual und Pein ganz allein – dort am Kreuz. Warum tat er dies? Aus Liebe zu uns.
Deshalb hatte der Zweifel an seiner Liebe keine Sekunde Raum in unseren Herzen. Der Tod hat seine Macht verloren durch Christus, Gottes Sohn.
Der letzte Ton verklang, ich wischte mir übers Gesicht und ging zurück zu meinem Mann. Doch als ich ihn sah, wusste ich, dass sich etwas verändert hatte. Seine Augen strahlten, während er weinend über dem Text saß. Diese Erkenntnis war in sein Herz durchgedrungen. Das Ausmaß dessen, was diese Stunden dort am Kreuz heute noch für eine Bedeutung für uns Menschen haben: Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus sind. Der Tod wäre nur ein Übergang in eine andere, vollkommene Welt.
Die Angst war gebrochen. Frieden erfüllte Andreas’ Herz. Seit diesem Tag ist er verändert. Es ist, als sei sein Christsein nun nicht bloße Theorie, kraft- und wirkungslos, sondern sein Leben. Er lebt nun, was er glaubt. Aber er musste selbst dahin kommen, es zu sehen.
Der Kampf beginnt
Der Arzt hatte recht gehabt, es wurde ein schweres Jahr. Wir machten einen Schritt nach dem anderen, dachten immer nur an den Tag, der vor uns lag, die Entscheidung, die gerade anstand. Welche Klinik wählen wir? Welchen Ärzten vertrauen wir?
Wir entschlossen uns, Gott darum zu bitten, uns bei unseren Entscheidungen zu helfen, und im Vertrauen auf ihn wollten wir dann jeden Schritt gehen.
So kam es, dass wir für die Ärzte beteten, die Andreas weiter behandeln sollten. Tests und Untersuchungen mussten gemacht werden. Wir beteten oft und viel. Als Paar, als Familie, die Gemeinde betete für uns, die Freunde und völlig fremde Menschen, die von unserem Schicksal gehört hatten.
Diese Gebete stärkten uns den Rücken. Es waren Menschen da, die mit uns diese Last trugen.
Wenn ein kleines Boot in einen Sturm gerät, erkennen die Menschen darin an den dunklen Wolkenmassen und der Höhe der Wellen, die sich vor ihnen auftürmen, wie groß die Wucht sein wird, die sie gleich treffen wird. Sie sehen die Gefahr, in der sie sich befinden, dass Wind und Wellen ihr Boot zum Kentern bringen können und sie alle untergehen. Deshalb setzen sie unverzüglich einen Notruf ab.
Sie rufen die Küstenwache: „Kommt schnell und helft uns!“ Ist ein größeres Schiff in der Nähe, das den Notruf hört, so ist es verpflichtet, zu drehen und Hilfe zu leisten, wo es kann.
Nun, ich denke, nichts anderes taten wir.
Vor unserer Familie – diesem kleinen Boot mit Kindern an Bord – türmten sich Wellenberge, die uns erschauern ließen. Wie Blitze zerrissen Bilder von Abschied und Tränen unsere Herzen. Das bedrohliche Grollen der Zukunft flößte uns Angst ein.
Das war zu groß für uns.
Deshalb schämten wir uns nicht, anderen Menschen von der Not zu erzählen, die über uns gekommen war. Doch uns ging es nicht um finanzielle Hilfe, sondern um Hilfe in Form von ernst gemeinten Gebeten. Wir baten darum, dass die Gemeinde, der wir angehören, für uns betete, damit wir in diesem Sturm nicht untergingen. Obwohl selbstverständlich der unbändige Wunsch da war, Gott möge all das in einem Handumdrehen von uns nehmen und den Sturm auf wundersame Weise mit einem Wort stillen, war da noch etwas anderes. Eine ruhige Gewissheit, dass Gott Pläne und Gedanken mit jedem Menschen hat, die unsere Gedanken und unser Verständnis weit übersteigen. Auch wenn wir den Sinn hinter unserem Schicksal nicht sehen konnten, wussten wir doch, dass wir Gott vertrauen konnten.
Am Geburtstag unseres jüngsten Sohnes bekamen wir die Ergebnisse: Der Krebs schien nicht gestreut zu haben. Was für eine Freude! Diese Feier bleibt der ganzen Familie unvergessen.
Jetzt galt es zu kämpfen.
Zuerst musste sich Andreas einer Chemo- und Bestrahlungstherapie unterziehen, diese Zeit verbrachte er weitestgehend im Krankenhaus. Dann folgte die große Operation, in der ihm ein Stück seines Darmes entfernt und ein künstlicher Darmausgang eingesetzt wurde. Auch diese Operation verlief gut, die Chirurgen konnten den Tumor komplett entfernen. Leider waren auch ein paar Lymphknoten unmittelbar neben dem Darm befallen gewesen, deshalb musste nach der Operation direkt wieder mit einer Chemotherapie weitergemacht werden.
Diese Zeit war zermürbend. Es half uns sehr, dass Familie, Freunde, Nachbarn und Bekannte da waren und uns zur Seite standen. Sie zogen sich nicht zurück, sondern luden uns zu sich nach Hause ein und besuchten uns in unserem Zuhause, sodass wir uns nie allein fühlten. Sie fuhren mit uns ins Philharmoniekonzert, hörten Lieder mit uns, schickten uns Karten, Bücher, Blumen, Päckchen, kochten für uns, passten auf unsere Kinder auf, weinten und lachten mit uns.
Sie halfen uns, Gottes Güte jeden Tag zu sehen, denn in jeder liebevollen Geste und in jeder Art von Hilfe sahen wir die Hand Gottes, die diese Menschen zur Liebe bewegt hatte. Mitten im Sturm kämpften wir doch nicht allein. Erleichternd und Mut machend war auch die Reaktion von Andreas’ Arbeitgeber und Vorgesetztem, der ihm jeden Druck nahm und alle Sorgen, die Arbeitsstelle zu verlieren, weit nach hinten schob.
Wir kämpften uns also durch Krankenhausaufenthalte und Therapien, bauten immer wieder Erholungszeiten ein und verbrachten ein paar Tage auf der Nordseeinsel Juist. Diese kleinen Höhepunkte im belastenden Alltag taten unseren Seelen gut und gaben uns neue Kraft.
Am Ende des Jahres wurde Andreas’ künstlicher Darmausgang wieder zurückverlegt. Es sollte die letzte Operation werden und dann, ja dann, sollte das Leben wieder in seine normalen Bahnen zurückkehren. Wir ahnten nicht, dass im Jahr 2020 die Normalität für uns alle abhandenkommen würde.
Zerschlagene Hoffnung
Golden lag das Jahr vor uns. Was für einen schweren Weg hatten wir als Familie zurückgelegt, doch nun konnten wir endlich aufatmen. Andreas erholte sich von der Operation und konnte bald wieder normale Mahlzeiten zu sich nehmen und vertragen. Er wurde zusehends kräftiger und brannte darauf, endlich wieder arbeiten zu gehen. Doch dann kam die Kurzarbeit wegen Corona und machte den langsamen Wiedereinstieg unmöglich. Andreas entschloss sich schließlich, nach Absprache mit seinem immer entgegenkommenden Vorgesetzten, im Mai wieder voll in seinen Job einzusteigen, ohne Reha oder Wiedereingliederungsprogramm. Vorausgesetzt, bei der ärztlichen Kontrolluntersuchung, die im Mai wieder auf dem Programm stand, würde nichts dagegensprechen.
Es sprach nichts dagegen. Der Ultraschall war unauffällig, die Blutwerte durchweg gut – alles sah vielversprechend aus. Es musste nur noch ein Röntgenbild gemacht werden, dafür schickte der Hausarzt ihn in die Radiologie. Mit diesen guten Nachrichten kam Andreas vom Hausarzt und trotz der allgemeinen Beklemmung wegen des Lockdowns schlugen unsere Herzen leicht und froh. Endlich, endlich begann für uns wieder die Normalität des Lebens!
Wir wollten das Leben in vollen Zügen auskosten, wussten wir doch jetzt, wie zerbrechlich es ist.
Acht Tage lebten wir in dieser schönen, alltäglichen Normalität. Ich war etwas besorgt, dass die Belastung bei der Arbeit vielleicht zu viel für Andreas’ Körper sein könnte, doch er wischte diese Bedenken weg. Er war zwar sehr müde, aber der Körper würde sich schon daran gewöhnen.
Corona beunruhigte uns, Andreas gehörte ja zur Risikogruppe. Er las einige Artikel über das Virus. Irgendwann fiel mir auf, dass er hin und wieder einen kurzen, trockenen Husten ausstieß, einem Räuspern gleich. Ich lachte und meinte, das komme davon, dass er so viel über Corona lese, die Psyche eben.
Corona verschonte uns. Doch nicht der Krebs.
Es war Sonntag, der 17. Mai 2020, ein sonnig schöner Morgen. Licht durchflutete unseren Wohn- und Essbereich, leise surrte die Dunstabzugshaube in der Küche, auf dem Herd schmorte ein Braten vor sich hin. Der Online-Gottesdienst war gerade zu Ende, als das Telefon ging. Ich hörte die Stimme des Hausarztes am anderen Ende der Leitung. Er fragte nach meinem Mann. Es dauerte ein paar Sekunden, bis mein Verstand und mein Herz einen Weg zueinander gefunden hatten. Ich begriff. Welcher Arzt ruft am Sonntag einen Patienten zu Hause an?
Eiskalt war die Hand, die nach mir griff.
Ich suchte verzweifelt in Andreas’ Gesicht nach Zeichen dafür, dass es keinen Grund zur Sorge gäbe, doch alles, was ich fand, war das Zittern seiner Stimme und der Glanz ungeweinter Tränen in seinen Augen. Er ging mit dem Hörer auf die Terrasse hinaus und schloss die Tür.
Ich ging zu Boden.
Das durfte, das konnte nicht sein! Das konnte Gott uns doch nicht antun! Nicht jetzt, nicht sofort wieder! Bratenduft schlüpfte durch die Tür ins Freie hinaus, in den Frühling, ins Leben, als Andreas wieder hereinkam, den Tod auf den Schultern.
Er hatte Schatten auf der Lunge. Der Arzt war gerade die Röntgenaufnahmen durchgegangen, die ihm aus der Radiologie zugeschickt worden waren. Es durfte keine Zeit verloren werden. Jetzt musste schnell reagiert werden. Ich weinte laut und haltlos. Alles in mir rebellierte. Betrogen fühlte ich mich, furchtbar betrogen. Der Kampf, die Hoffnung, die guten Chancen auf Heilung – wie ein einziger Hohn waren sie mir.
Es roch nach Anis, als mein Herz brach, dort neben verheißungsvoll dampfenden Töpfen. Dennoch knieten wir beide uns im Wohnzimmer hin und weinten vor Gott. Ich konnte nicht mehr sagen als: „Hilf uns, Herr Jesus!“
Es genügte.
Die Türklingel ging und der Hausarzt stand sichtlich betroffen davor. Er brachte uns die Unterlagen und ermutigte Andreas, bereits am nächsten Morgen früh in die Onkologie zu fahren.
Zeit – kostbare Zeit
Auf und zu ging die Tür zur Onkologie, Menschen gingen hinein und kamen wieder heraus, Tücher um den nackten Kopf gebunden. Ich sah dem Leben beim Zerrinnen zu, da auf der Treppe vor der Onkologie.
Dumpf war der Herzschlag in mir.
Mir fielen Geschichten ein, in denen Ärzte sich gründlich geirrt hatten und statt des erwarteten kleinen Mädchens, das sie im Ultraschall gesehen hatten, ein Junge zur Welt gekommen war. Vieleicht gab es auch eine andere Erklärung für die Schatten … die Schatten. Sie griffen nach uns, diese Schatten.
„Begleitpersonen bleiben draußen“ sagte das Schild an der Tür, und so wartete ich draußen, wie ein Hund auf sein Herrchen, bis Andreas ins Arztzimmer gerufen wurde. Das Herrchen holte den Hund vor der Tür, wir gingen dem weißen Kittel hinterher, bis sich die Tür hinter uns schloss.
Augen sahen einander an, Gesichter blieben hinter Masken verborgen. Wir waren drei Halt suchende Menschen – zwei vor und einer hinter dem Tisch. „Es ist kein Irrtum möglich.“ Der Krebs war zurück, aggressiv, schnell und tödlich.
Unheilbar, dieses Mal.
„Wie lange?“, stammelte ich. „Wie viel Zeit bleibt uns noch?“
„Das kann niemand sagen“, sagte die Ärztin und ich dachte an Gott.
„Es können zwei Tage oder zwei Jahre sein. Vielleicht sogar mehr. Wir wissen es nicht.“
„Aber er“, dachte ich, „Gott weiß es.“
Ist nicht jeder Tag eines Lebens in sein Buch geschrieben, noch bevor es beginnt? Und da wurde das dumpfe Pochen ruhiger in mir. Da war ein Vater im Himmel, der unsere Hände hielt, während heiße Tränen unsere Masken aufweichten.
Die Onkologen rieten Andreas dringend zu einer aggressiven Kombinationstherapie, die dazu dienen sollte, seine Lebensqualität und -zeit so lange wie möglich zu erhalten. Er machte diese Therapie, die insgesamt sechs Monate dauerte. Dieses Mal war er die meiste Zeit zu Hause. Die Kinder und ich waren hilflose Augenzeugen seines Leides. Doch unsere Kinder sahen in dieser Zeit nicht nur die Übelkeit und Abgeschlagenheit ihres Papas. Sie sahen auch das Leuchten seiner Augen, wenn er über den Himmel sprach und über Jesus Christus, den er seinen Retter nennt. „Er hat mir das ewige Leben geschenkt, deshalb ist der Tod für mich ein Gewinn. Wenn ich sterbe, gehe ich in eine andere Welt, die nicht weniger real ist als diese hier. Nur dass es dort keinen Krebs und keinen Tod und kein Leid mehr gibt.“ Das sagte er und sie spürten die Echtheit dahinter.
Im Dezember, nach dem Ende der Therapie, kamen die Ergebnisse der Untersuchung: Die Metastasen in Lunge und Leber waren fast vollständig weg. Was für eine Erleichterung! Die Therapie hatte ihre volle Wirkung erzielt.
Wie viel Zeit ihm noch bleibt? Wir wissen es nicht. Keiner weiß es. Keiner weiß es bei irgend jemandem. Nur der lebendige Gott weiß den Tag und die Stunde, wenn es Zeit wird zu gehen – für Andreas, für mich und für jeden Menschen auf dieser Erde.
Von Geigen, Bögen und Händen, die halten
Woher nahmen wir die Kraft, das bis heute durchzustehen? Gott war diese Kraft und wird es auch in Zukunft sein. Er kennt jeden Menschen bis tief ins Herz hinein und weiß deshalb um Trost, den kein Mensch einem anderen geben kann.
Doch wie ein Violinist seine Geige in die Hand nimmt und ihr sanft süße Töne entlockt, so nimmt Gott Menschen, die bereit dazu sind, und lässt aus ihrem Leben eine Melodie entstehen, die andere tröstet und zur Ruhe kommen lässt. Ich spreche von Menschen, die uns umarmten, uns zuhörten und Raum in ihrem Leben gaben. Von Menschen, die für ein paar Stunden einem Kranken Gesellschaft leisteten, von Menschen, die für uns kochten, ihr Glück mit uns teilten und unseren Kindern schöne Stunden voller Unbeschwertheit schenkten. Menschen, die uns in den verschiedenen Tönen der unterschiedlichsten Instrumente doch ein harmonisch klingendes Lied spielten, dessen Text von Liebe handelt.
Ganz offensichtlich hat Gott unsere Gebete nicht so beantwortet, wie wir es gern gehabt hätten – der Krebs ist zurückgekehrt und die Prognosen stehen schlecht. Dennoch halten wir fest an ihm, weil seine Hand uns hält und er vertrauenswürdig ist.
Es gibt da diese Geschichte von Lazarus, einem Freund von Jesus, der unheilbar krank wurde. Seine Schwestern schickten sofort nach Jesus und baten ihn, zu kommen und zu helfen. Es mag uns schockieren, da zu lesen, dass Jesus nicht kam. Er ließ es zu, dass Lazarus starb. Der Todeskampf, die Tage der Auszehrung – das war real und schrecklich.
Aber Jesus ließ zu, dass seine Freunde da hindurchgehen mussten. Und damit kein Irrtum aufkommt, steht dort nachdrücklich: „Jesus aber hatte Marta lieb und ihre Schwester und Lazarus.“ Er liebte diese Menschen und mutete ihnen so etwas zu? Warum nur?
Wir finden die Antwort in derselben Geschichte: Damit Menschen glauben und ewiges Leben finden.
Immer wieder erkenne ich, dass das Glück auf dieser Erde zweitrangig ist im Vergleich zur Ewigkeit. Jedem Leid dieser Welt sind doch Grenzen in der Zeit gesetzt. Wenn durch die Krankheit meines Mannes auch nur ein anderer Mensch innehält und den Weg zur Rettung in Jesus Christus findet oder wenn unser Leid dazu beitragen kann, dass andere in ihrem Glauben gestärkt werden, dann ist es das wert.
Sehe ich auf die Hand, die uns hält, fallen mir die Wunden darin auf. Ich sehe Gottes Sohn, der herabkam, Verfolgung, Hass, Schläge, Schmerzen und schließlich einen schrecklichen Tod durchlitt – und er ist Gott! Er hätte sein persönliches Leid jederzeit beenden können. Doch da gab es ein großes Ganzes. Es ging um das ewige Leben. Deshalb kann ich heute sagen: „Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ (Psalm 73, 23–24)
Und süß erklingt die Melodie.
Dein Wille?
Karsten Lauenroth (54) ist seit mehr als zwanzig Jahren Lehrer an Gesamtschulen und Gymnasien für Chemie und Sport. Er lebt seit 1992 mit seiner Frau Heike in Bielefeld.

Wir sind eine typische Mittelstandsfamilie: Heike, Krankenschwester, und Karsten, Lehrer. Heirat mit Mitte Zwanzig. Zwei Töchter, Miriam und Marlena, geboren 1992 und 1994.
Heike wuchs im dörflichen Umfeld der Lüneburger Heide auf. Zum Dorfleben gehörte eine traditionelle Kirchlichkeit, deren Jugendarbeit seinerzeit aber immer noch durch die Auswirkungen vormaliger Erweckungsbewegungen geprägt war. Als wir uns kennenlernten, war uns beiden die „persönliche Beziehung zu Jesus Christus“ wichtig, wie man in unseren lutherisch-evangelikalen Kreisen zu sagen pflegte. Ich wuchs in einem derart geprägten Pastorenhaushalt auf, erst in, dann nördlich von Hamburg.
Seit ich denken kann, habe ich mit Gott gelebt. Im Alter von acht oder neun Jahren betete ich unter den Eindrücken einer Kindergottesdienststunde abends im Bett mit Herzklopfen, dass Jesus mein Leben nehmen und reinigen solle – wie einen schmutzigen Fußball. Mir war klar, dass ich das nicht konnte, Jesus aber. Er hatte versprochen, es zu tun. Deshalb ist er am Kreuz gestorben. Nur so und nur deshalb ist die Sache mit dem Tod geklärt und ich darf in den Himmel kommen.
Mit diesem ungemein simplen Bild im Kopf gab ich mein Leben allein, aber sehr bewusst, Jesus in die Hände. Existenzielle Beweggründe, Tod und Ewigkeit, waren also Teil meiner Bekehrung. Ich habe – Gott sei Dank – früh begriffen und behalten, dass ich selbst nichts tun kann, um mein Leben nach dem Tod bei Gott verbringen zu dürfen. Einzig und allein die ehrliche Inanspruchnahme von dem, was Gott in Jesus für uns am Kreuz getan hat, schafft das.
Irgendwann als junger Erwachsener wurde mir bewusst, wie privilegiert ich aufgewachsen bin und dass das nicht zwangsläufig für mein gesamtes Leben gelten muss. In unserer westlichen Gesellschaft steht das Streben nach Glück und Selbstverwirklichung, sozusagen die Abwesenheit von Leid, allerdings ganz oben. Mit unserem Gesundheitssystem und in den Pflegeeinrichtungen wird Leid behandelt – und zwar in der Regel durch andere. Das auch in unserer Gesellschaft vorhandene Leid bleibt der Mittel- und Oberschicht weitgehend verborgen. Wir erwarten vom Staat, dass er unser Wohlergehen gewährleistet.
Umso mehr trifft es uns, wenn wir Leid „außer der Reihe“ erfahren, viel zu früh und ganz nahe an uns dran. Auch Unheil kann dazukommen. „Vielleicht muss ich dazu erst 40 Jahre alt werden“, dachte ich früher bei dieser Erkenntnis. Der Gedanke ließ mich nicht mehr los, hat mich aber auch nicht geängstigt. Leid gehört zum Leben auch mit Gott dazu. Gott geht mit hindurch. Die Grundlagen meines Glaubens müssen, weil sie unabhängig von mir in der geistlichen Welt gelegt worden sind, auch dann gelten, wenn in meinem diesseitigen Leben Leid und Not auftreten. Ich habe immer gehofft, dass Gott das dann bei mir auch festmacht. Und so kam es auch.
Zwei Familienereignisse
Als unsere ältere Tochter Miriam 13 Jahre alt war, wurde bei ihr Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert. Nach der ersten, mehrwöchigen Chemo- und Strahlentherapie kam der Krebs im Herbst 2005 wieder. Die Behandlungen wurden daraufhin deutlich intensiver wiederholt. Dabei werden auch die Knochenmarkszellen getötet, sodass eine vorher entnommene Menge anschließend wieder zurücktransplantiert wird. Für mehrere Wochen ist das Immunsystem außer Kraft gesetzt. Miriam blieb so lange in einem Isolierzimmer.
Als Miriam den Arzt während der nachfolgenden sommerlichen Reha fragte, was wäre, wenn der Krebs erneut wiederkäme, begann dieser zu weinen. Auch diesmal kamen die Krebszellen noch im selben Herbst wieder. Es folgte die härtestmögliche Chemotherapie und eine Knochenmarksfremdspende – also war Miriam wieder wochenlang in einem Isolierzimmer.
Die Regenerationszeit im Frühjahr und Sommer 2007 war geprägt durch erhebliche Nachwirkungen. Ein Beispiel: Miriams Augen zuckten über Wochen (!) unkontrollierbar heftigst hin und her. Sie konnte dadurch kaum etwas fixieren. Ihr war fast immer schwindlig. Nichts half.
Am Ende der Sommerferien hatte sie sich schließlich so weit erholt, dass sie endlich wieder in die Schule konnte: Nach mehr als zweieinhalb Jahren außerhalb des normalen Lebens folgte eine Zeit größter Freude. Miriam strahlte unentwegt, beglückt über alles, was das normale Leben eines Teenies ausmachte.
Doch nach nur zwei Wochen wurde sie kraftloser und kurzatmiger. Ihre Lungenfunktion reduzierte sich sukzessive. Auf dem Weg zur Untersuchung im Krankenhaus brach sie zusammen. Zuerst genügte die Sauerstoffzufuhr über Nasensonden. Wir hofften auf Erholung. Aber innerhalb einer Woche musste Miriam auf die Intensivstation verlegt werden. Weil das maschinelle Beatmen auf Dauer erheblich zu anstrengend war, wurde sie schließlich in ein künstliches Koma versetzt. Ihre Lunge erholte sich nicht mehr. Eine zwischenzeitliche Verbesserung, die als lang ersehnter Wendepunkt gedeutet wurde, stellte sich einen Tag später als eine falsche Vorher-nachher-Zuordnung der Röntgenbilder durch den Arzt heraus.
Miriam hatte Angst. Insbesondere, weil leider einer der Ärzte auf denkbar unsensible Weise mit ihr umgegangen war. Eine wunderbare Krankenschwester, der unser christlicher Kontext vertraut war, half ihr dagegen in diesen letzten wachen Momenten sehr. Aus diesem Koma würde sie nicht mehr erwachen – obwohl wir anderes hofften.
In diesen letzten Wochen waren wir Eltern nahezu ununterbrochen im Krankenhaus. Ich hatte noch nie zuvor so viel Zeit bei und mit Miriam verbracht – jetzt, wo es zu spät war! Dennoch: Ich las ihr aus der Bibel vor – flüsternd ins Ohr. Ich betete mit ihr. Ich sprach mit ihr. Bat sie um Entschuldigung.
„Wir möchten dich, mein Kind, unendlich gerne noch bei uns haben. Aber wir können es auch so gut verstehen, wenn du dich jetzt dafür entscheidest, zu Jesus zu gehen.“ Es war für mich ein unglaublich wichtiges Abschiednehmen. Gott musste alles aufbieten, damit ich ganz am Ende noch einmal sehr nah bei Miriam war. Es war Gottes Gnade. Ich hätte mit der Last all meiner Versagensmomente viel schwerer leben können.
Als ich wieder einmal ihre Beine und Füße massierte, um die Durchblutung zu unterstützen, sah ich, wie sich das Leben langsam aus Miriam zurückzog. Wir standen als Familie um ihr Bett, als sie ihr Leben schließlich ganz verlor und das Piepen des Herzmonitors in einen Dauerton wechselte. Neben meinen Eltern war auch Marlena, zwei Jahre jünger als Miriam und 13 Jahre alt, dabei.
Befiehl du deine Wege
Die vielen Reaktionen nach Miriams Tod – Briefe, Besuche und die Teilnahme an der Trauerfeier – trösteten uns. Sie stärkten. Es tat sehr gut. Dabei waren es oft gar nicht so sehr die konkreten Worte. Aber beim Lied „Befiehl du deine Wege“ sind es die Worte – und die Melodie von Johann Sebastian Bach. Der Verfasser Paul Gerhard (1607–1676) erlebte die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges. Er hatte fünf Kinder, von denen vier bereits in jungen Jahren starben. An dieser Stelle nur drei Strophen:
Befiehl du deine Wege,
Und was dein Herze kränkt,
Der allertreusten Pflege
Des, der den Himmel lenkt!
Der Wolken, Luft und Winden,
Gibt Wege, Lauf und Bahn,
Der wird auch Wege finden,
Da dein Fuß gehen kann.
Hoff, o du arme Seele,
Hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
Da dich der Kummer plagt,
Mit großen Gnaden rücken;
Erwarte nur die Zeit,
So wirst du schon erblicken
Die Sonn’ der schönsten Freud‘.
Wohl dir, du Kind der Treue!
Du hast und trägst davon
Mit Ruhm und Dankgeschreie
Den Sieg und Ehrenkron’.
Gott gibt dir selbst die Palmen
In deine rechte Hand,
Und du singst Freudenpsalmen
Dem, der dein Leid gewandt.
Es ist uns, als wären diese Strophen direkt für und über Miriam geschrieben worden. Ich kann sie nicht singen, ohne dass mir die Stimme versagt und die Tränen kitzeln. Wir haben dieses Lied auf beiden Trauerfeiern gesungen. Ich lese es immer noch sehr häufig.
Miriam und Gott
Die meisten Menschen werden in der Lage sein, sich etwas von unserem Leid vorzustellen. Sehr viel schwieriger dürfte es sein, sich die seelischen und körperlichen Qualen bei einer Krebserkrankung und den Chemotherapien vorzustellen: Wie erlebte Miriam es, den tödlichen Krebs in sich selbst zu wissen? Wie sah ihr Hoffen und Bangen vor, während und nach der Therapie aus? Wie war es, so schmerzhaft aus dem normalen Leben auf unbestimmte Zeit herausgerissen worden zu sein, nach dem sie sich so sehnte? Was bewirkten die Nachrichten vom wiederkehrenden Krebs und von der Aussicht auf noch härtere Therapien? Es schmerzt ungemein, sein Kind in vielerlei Hinsicht leiden zu sehen und nicht helfen zu können.
Ich sehe mich nicht in der Lage, Antworten auf diese Fragen auszudrücken. Deshalb möchte ich Miriam und Marlena ein wenig über ihre Tagebucheinträge zu Wort kommen lassen. Denn sie waren ein Geschenk für uns. Sie halfen uns dabei, an diesem fremd gewordenen Gott festzuhalten. Denn im Rückblick entdeckte ich verschiedene Zuwendungen Gottes. Ich nenne sie „Vertrauenssplitter“: kleine Dinge. Dinge, die das Vertrauen in Gott Stück für Stück weiter festigten. Miriams und Marlenas Einträge stellen ziemlich große dieser Splitter dar.
Wir erlebten, wie Miriam mit Gott rang, weil sie ihm vertrauen wollte. Wir haben mit ihr zusammen gebetet. Wo es ging, war sie dabei, wenn das in der Gemeinde oder zu anderen Anlässen geschah. Sie rebellierte nie offen gegen ihn, im Gegenteil: Sie suchte ihn. Wie viel sie mit ihm allein ausmachte, lassen einige Auszüge ihrer Tagebucheinträge erahnen.
Mai 2005 nach der ersten Chemotherapie: „Gott hat die Krankheit bei mir zugelassen, um die Zeit zu nutzen, damit ich im Glauben zu ihm wachse, und es gelingt ihm. Er verändert, stärkt und baut mich auf. Er macht mich geistlich und körperlich gesund. Lob sei Gott, Dank und Ehr für seine Herrlichkeit! Er ist ein Gott voller Liebe und Güte.“
Kurz nach ihrer Taufe im Dezember 2005 war der Krebs zurück: „Du musst nur einen Satz sprechen und ich bin gesund und befreit. Ich bitte dich um diesen Satz voller Macht. Herr, ich glaube, dass du die Macht über alles hast, und ich weiß, dass du mich heilen kannst, wenn es dein Wille ist. Ich würde mich unglaublich freuen, wenn das dein Wille ist. Dein Wille soll geschehen! Herr, segne mich, segne die Ergebnisse, segne die Ärzte, schenke uns allen Weisheit. Sei mir gnädig!“
Die härtere Chemotherapie wurde durchgeführt. Anschließend erfolgte im Frühling die Stammzelltransplantation in Essen: ein völlig isoliertes Zimmer, das sie sechs Wochen nicht verlassen durfte. Zerstörte Schleimhäute, Schmerzen, unfähig zu schlucken, Isolation. Es ging ihr sehr schlecht. Besuch nur von der Familie, einzeln und in Spezialkleidung.
„Ich genieße den Augenblick, anstatt mich mit Sorgen zu belasten – obwohl die auch vorhanden sind –, aber eben nicht vordergründig. Schade ist, dass ich zu meiner Lieblingsjahreszeit im Zimmer bleiben muss. Ich glaube, Gott trägt mich gerade ganz hoch in seinen Armen und zeigt mir das Leben, seine Schöpfung, alles zu genießen. Ich preise dich, Jesus!“
Am Ende der sechs Wochen Isolierstation: „Mein Leben ganz in deiner Hand – klar: sicher geborgen, mein Leben gehört dir! Okay, dann kann nichts schiefgehen, du darfst mit meinem Leben machen, was du willst. Ja! (ich war mir in dem Moment noch nicht sicher, was das bedeutet: KRANK) Mein Leben liegt in deinen Händen … Will ich das wirklich? Ich will LEBEN! Was willst du? Wo willst du, dass ich lebe? Hier oder bei dir? Ich will dir vertrauen, dass du keine Fehler machst.“
Juni 2006: „Das Leben beginnt. Die Sonne strahlt mich warm an und sie kitzelt meine Seele. Die Blumen lachen, blühen, duften – Gott liebt mich! – Vögel zwitschern, Freude steigt auf. Das Leben ist herrlich, das Leben macht Spaß. Ich fühle Gottes Nähe. Gibt es etwas Schöneres? Ja, ich kann es mir nur nicht vorstellen: den Himmel! Ich bin noch nicht bereit für den Himmel, Herr, ich will leben für dich, hier in deiner Schöpfung, will sie noch erkunden, will alt und gesund werden, bevor ich zu dir komme. Was hast du vor mit mir? Was soll das alles? Warum wolltest du, dass ich krank werde (Tränen) Antworte! … WARUM? Ich habe, glaube ich, keine Angst vor dem Tod. Ich habe nur Angst, zu früh zu sterben – zu sterben, bevor ich mein Leben gelebt habe, zu sterben, bevor ich meine Visionen, Pläne, Hoffnungen gelebt habe. Ich bitte dich, dass ich alt werde und ein erfülltes, glückliches, von tiefem Frieden und tiefer Liebe zu dir geprägtes Leben haben werde. Ich möchte dir gehorchen, so schwer es mir fällt. Deine Miriam“
Miriam durchlebte die letzte große Chemotherapie samt erneuter Knochenmarkstransplantation und den beschriebenen Aus- und Nachwirkungen. Sie besuchte im neuen Schuljahr noch zwei Wochen die Schule, bevor sie ins Krankenhaus musste.
Anfang August 2007, ihr letzter Tagebucheintrag: „Ich will alles in diesem Leben erleben und trauere um die Jahre der Jugend, die ich krank verbracht habe. Ich habe eine bestimmte Vorstellung, wie mein Leben sein soll. Dabei kommt es nicht darauf an, alles in diesem Leben zu erleben, sondern Gott hat mit jedem seinen eigenen Plan. Ich muss nicht Grundschullehrerin werden, wenn Gott etwas anderes mit mir vorhat. Dieses Leben ist nicht alles.“
Marlena war weniger offensiv als ihre große Schwester, eher schüchtern. Sie war sehr aufmerksam, in einer Gruppe stets der ruhende Pol. Sie behandelte niemanden verächtlich, wandte sich allen zu und versuchte stets, alle einzubinden – ganz selbstverständlich und natürlich. Gerade Kinder, die von anderen schnell gemieden wurden, fühlten sich in ihrer Nähe wohl. Sie wurde dafür von allen respektiert und geschätzt.
Gott schenkte ihr nach Miriams Tod im Oktober 2007 einen Traum. Sie machte sich Vorwürfe, ob es an ihr gelegen haben könnte, ob sie nicht genügend gebetet hätte. Sie war deshalb wirklich verzweifelt. Sie schrieb:
„Himmel: Ich höre wunderschöne Lieder, meine Ohren dröhnen. Und doch höre ich alles. Um mich herum tanzen Engel und Menschen. Ich tanze mit. Dann liege ich in Gottes Armen. Es ist ganz warm. Meine Augen strahlen. Alle lachen und singen. Miriam nimmt mich bei meiner Hand und wir laufen durch Gottes Reich. Alles ist wunderschön, strahlend, hell! Nirgends ist Geschrei. Überall wird man mit offenen Armen empfangen. Lachende Menschen, Freude, Freundlichkeit, Leben. Wir laufen auf eine Blumenwiese und tanzen weiter: unvorstellbar schön, keine Krankheit. Überall, wo wir hingucken, sehen wir Gottes Herrlichkeit: unvorstellbar schön! Und Stille! Zeit mit Gott haben: unvorstellbar schön!“
Es war sehr tröstlich für uns Eltern zu sehen, wie Gott sich um Marlena gekümmert hatte, und sie in die Arme nahm. So konnte sie auch immer wieder sagen, wenn wir mal traurig waren: „Miriam geht es doch wirklich gut in der Ewigkeit, sie hätte es sich so gewünscht.“
Der geschüttelte Baum
Im Sommer 2012 erfüllte ich mir einen langgehegten Traum und wiederholte eine mehrwöchige Radtour durch Frankreich, die ich im Alter von 18 Jahren bereits gemacht hatte.
Ich fuhr bis zu einem Campingplatz an der Loire und bereitete noch am Abend neben meinem Auto ein paar Dinge vor. Ein Holländer sprach mich an, weil er den Fischaufkleber am Autoheck sah, und lud mich zum Abendessen mit seiner Familie ein. Wir hatten eine sehr schöne Gemeinschaft.
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Rad ab. Ich war glücklich und voller Vorfreude. Am übernächsten Tag wurde mir mein Portemonnaie mit allem Geld, der Kreditkarte und dem Ausweis gestohlen. So musste ich zurück zum Campingplatz und traf Lucien erneut. Er lieh mir Geld, ich konnte den Campingplatz bezahlen und hatte Benzingeld für die Rückfahrt.
Wir verbrachten noch einen langen Abend zusammen. Dabei erzählte er mir zögernd, Gott hätte ihm in der Nacht zuvor einen Eindruck über mich gegeben: „Du bist wie ein Baum, den Gott schütteln wird, damit er mehr Frucht bringt.“ Aha, dachte ich, Gott wird mich schütteln!? Was soll das heißen?
Seit dem siebten Lebensjahr spielte ich Vereinsfußball. Zwei Wochen nach der Radtour erlitt ich eine schwere Knieverletzung mit heftigen Schmerzen, Operation und allem. Zudem: nie wieder Fußball spielen. Ein harter Schlag. Anfang Oktober brauchte ich eine Zahnwurzel-Not-OP. Nicht schön. Später bekam ich zum ersten Mal in meinem Leben einen heftigen Hexenschuss. Diese Schmerzen schüttelten mich, dachte ich.
2012, fünf Jahre nach Miriams Tod, feierte Marlena im Sommer ihren 18. Geburtstag. Sie wechselte in den Abiturjahrgang. In den Herbstferien lernte sie für ihre theoretische Führerscheinprüfung. Am Morgen des 16. Oktober sollte ich sie hinfahren. Weil sie nicht zum Frühstück erschien, ging ich hoch in ihr Zimmer. Sie lag tot in ihrem Bett. Herzstillstand.
Obwohl ich die Frage: „Gott, was soll das?“ immer noch nicht beantworten kann, nehme ich das mir zugesprochene Bild des geschüttelten Baumes als weiteren „Vertrauenssplitter“. In den Tagen unmittelbar nach Marlenas Tod setzte sich zudem der Bibelvers aus Micha 6,8 bei mir fest: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“
Vielleicht ist genau das meine von Gott erwartete Lebensaufgabe. „Mehr“ nicht.
Die Zeit danach
Sowohl nach Miriams als auch nach Marlenas Tod funktionierten wir in vielen Bereichen: „Das Leben geht weiter.“ Aber das ganze Dasein, jede Faser der eigenen Existenz fühlt sich anders an. Als wäre man losgelöst von allem, das einen umgibt. Entfremdet. Denn dort hat sich ja nichts geändert, aber das eigene Leben hat ein unsichtbares, stets präsentes Loch. Von außen sieht unser Haus ganz normal aus, aber es hat voll eingerichtete, unbewohnte Zimmer.
Nach Miriams Tod waren wir noch eine kleine Restfamilie mit einem Kind, um das wir uns als Eltern zu kümmern hatten. Nach Marlenas Tod waren wir plötzlich keine Eltern mehr, zumindest ohne elterliche Aufgaben. Über allem schwebte die große Frage, was uns jetzt noch ausmachte. Sie schwebt immer noch. Unsere beruflichen Tätigkeiten nahmen wir nahezu ohne Unterbrechung wieder auf. Dort zu funktionieren, half.
Die Rückkehr in die Gemeinde war eine größere Herausforderung. Nach dem Tod eines Kindes kann man nicht mehr „ganz normal“ den Gottesdienst besuchen, auch wenn man das möchte. Wir haben – jeweils auf eigene Weise – ständig mit „diesem“ Gott und unserem Glauben an ihn gerungen. Denn er war Teil unseres Lebens, wie es unsere Kinder waren. In Gottesdiensten nähert man sich Gott aber gemeinschaftlich. Die Elemente eines Gottesdienstes werden von einigen für alle anderen ausgewählt und gestaltet: Begrüßung, Gebete, Ansagen zum Gemeindeleben oder besonderen Anliegen, Gesang und Predigt.
Formen und Inhalte passten aber nicht mehr zu uns – oder umgekehrt. Nicht nach Miriams Leiden und Sterben. Erst recht nicht nach Marlenas Tod. Denn das Tiefe und Schwere kommt in freikirchlichen Gottesdiensten kaum vor. Nicht nur, dass uns das Singen an sich für lange Zeit vertrocknet war, die Liedertexte – üblicherweise „Lobpreis“ – prallten an uns ab. Ich konnte diese Teile meistens innerlich distanziert auslassen und versuchte vielleicht ein wenig trotzig dranzubleiben. Heike gelang das kaum.
Eine mindestens ebenso große Schwierigkeit lag darin, dass ich als Person verschwand hinter dem Bild eines Elternteils, das ein Kind verloren hat. Das war meine Selbstwahrnehmung, die ich wenigstens hin und wieder gerne verlassen wollte. Es war aber auch ein permanentes Wissen darum, dass ich genauso gesehen und beobachtet wurde. Gerade in einer freikirchlichen Gemeinde, in der ja immer der Anspruch besteht, sich zu kümmern und aufeinander zu achten. Eine schwierige Gemengelage.
Es kostete uns bereits viel Kraft, mit dieser „Rolle“ unter all den Leuten, die einen kennen, bloß in einer Reihe zu sitzen, um am Gottesdienst teilzunehmen. Die Begegnungen vor- und nachher waren noch einmal schwieriger – für alle Beteiligten.
Nach Marlenas Tod war uns dann ein Verbleiben in dieser Gemeinde schlicht nicht mehr möglich. Wir haben es kurz versucht, aber es überforderte alle – uns und die anderen. Eine eigentlich gut gemeinte Aussage an meine Frau trieb es auf die Spitze: „Heike, immer, wenn ich dich sehe, muss ich weinen.“ Nach einiger Zeit fassten wir gemeinsam den Entschluss, in der Nachbarstadt Herford zum Gottesdienst einer Landeskirche zu gehen, wo uns niemand kannte.
Es war eine gute Entscheidung. Wir fanden Trost in diesem 1000-jährigen ehrwürdigen Gebäude, durch die alten Kirchenlieder und die uns vertrauten liturgischen Texte. Hier drückt sich ein Glaube aus, der die Lebens-, Erfahrungs- und Erkenntnisgeschichte von Menschen aus vielen Jahrhunderten aufnahm und abbildete. Ich kannte den Pastor ein wenig und wusste, dass Matthias Storck ein frommer Mann war, und über seine auch leidvolle Vergangenheit in der DDR eine gewisse Lebenstiefe haben musste. So waren denn seine Predigten nicht nur intellektuell anregend, sondern auch ein Ringen mit den Gottesworten der Bibel vor dem Hintergrund eines letztlich unergründlichen Gottes, der sich trotz und in allem dem diesseitigen Menschen zuwendet.
Wir konnten aufatmen und ganz dabei sein, wenn in Gottesdiensten auch Sehnsüchte, Leid- und Gotteserfahrungen zusammenkamen und sich dabei nicht alle Fragen klären mussten.
Irgendwann war die Zeit gekommen, uns aus der Anonymität von Gottesdienstbesuchern heraus- und wieder in eine Gemeinschaft hineinzubegeben. Es gab die seit Langem als fromme Gemeinde bekannte evangelisch-lutherische Pauluskirche in Bielefeld. Allerdings kannten uns dort viele Personen bereits, insbesondere über meine Schule. Das war für Heike ein schwieriger Schritt.
Die erste Predigt dort handelte von der Opferung Isaaks. Sie war geerdet und fromm, ehrlich gegenüber dem uns heutzutage doch schwer zugänglichen Verhalten Gottes. Auch sie ist einer meiner Vertrauenssplitter: ein kleiner, aber wichtiger Türöffner Gottes in seine Gemeinde hinein, wodurch unser Leben wieder etwas mehr Standfestigkeit bekam.
Leid: eine Unmöglichkeit für Christen?
Klar ist: Die Welt ist nicht, wie sie sein sollte. Das weiß und sieht jeder, egal ob Christ oder nicht. Andererseits sind gerade diejenigen, die Gott besonders nahe sein wollen, empfänglich für die Idee, mit Gott gäbe es im Leben kein Leid – und wenn, wird’s im Glauben und mit Gebet überwunden.
Das würde bedeuten, dass Miriam, Marlena, Heike und ich irgendetwas sehr grundsätzlich falsch gemacht haben, sodass Gott, wenn er uns schon nicht bestraft haben sollte, dann doch schulterzuckend unser selbstverschuldetes Leid geschehen ließ. Wir haben halt nicht richtig geglaubt. Diese Gedanken sind nicht lediglich abstrakt konstruiert. Moderne Lobpreistexte vermitteln teilweise Ähnliches. Sie wurden uns zudem auch direkt gesagt.
Wenn aber Gott entschied, durch das Leiden Jesu die ewige Erlösung (vom Leiden und seinen Ursachen) für uns Menschen zu bewirken, dann benutzt er Leid zu einem Zweck. Können wir ausschließen, dass Gott das nicht auch bei uns Menschen benutzt? Den frühen Christen wurde das zumindest von den Autoren der neutestamentlichen Briefe so mitgeteilt.
In den fast drei Jahren Ringen um Miriams Leben waren trotzdem die Gedanken immer wieder da, ob wir denn wohl genug und ausreichend inständig beten würden? Müssten wir nicht noch gelassener auf Gott vertrauen? Plapperten wir zu viel und waren zu wenig vertrauensvoll? Es war Teil unseres Leidens, hier immer wieder verunsichert zu sein.
Trost und Gerechtigkeit: richten und richtig machen
Ein großer Gedanke der Bibel ist, dass Gott Gerechtigkeit herstellen wird. Die unendlich vielen kleinen und großen Schlechtigkeiten der Menschen werden ans Licht gebracht und gerichtet. Recht wird wieder hergestellt. Das bedeutet aber auch, dass die Dinge wieder recht und richtig gemacht werden, sie werden zurechtgebracht. Ein Teil davon ist: Schuld wird vergeben sein, die Auswirkungen von Schuld – und damit auch von Leiden – werden gelöscht:
„Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3–4)
Miriam, die fast drei Jahre auf unterschiedlichste Weise gelitten hat, wird diese drei Jahre nicht mehr bedauern. Sie sind geheilt. Mein Versagen als Vater, das ich hier gar nicht ausgeführt hatte, wird ans Licht gebracht werden – wovor ich mich fürchte. Es wird angeklagt werden, und seine Auswirkungen werden behoben werden. An diesem Glauben nagt manchmal mein Zweifel. Aber ich darf wissen, dass das Wort Gottes stärker ist.
Der Himmel ist dynamisch
Es gibt Vorstellungen vom Himmel, die Karikaturen sind. Im Schlaraffenland sind Genuss und Faulheit Tugenden, Fleiß und Arbeit hingegen Sünde. Oder: Wir werden zu Engeln, die auf Wolken sitzen und unablässig auf Harfen spielen und Halleluja singen. Oder: Wir werden Teil einer unüberschaubaren Masse an Anbetern, alle gleich gewandet und ohne jede Individualität. Es gibt Menschen, die Gott auch deshalb ablehnen, weil sie kein Teil davon werden wollen. Keine Herausforderungen mehr, alles ist ewig langweilig.
Christen mit einem falschen Bild des Himmels könnten diese Versuchung auch haben. Sie würde dazu führen, dass man sich stärker an das Diesseits klammert, als es gut ist. Man will nichts verpassen, sorgt sich um Wohlstand und Urlaub. Eine Frage, die aus dieser Richtung kommt, ist: „Wieso mussten sie so früh sterben? Sie hatten doch noch ihr ganzes Leben vor sich.“
Wenn ich bedenke, welche Wirkungen Miriam und Marlena jeweils hier auf der Erde aufgrund ihrer Persönlichkeiten und ihres Glaubens noch hätten haben können, dann müsste ich annehmen, dass Gott einen Fehler gemacht hat. Oder er hat für sie eine wichtigere Verwendung in der Ewigkeit.
Es gibt nur sehr wenige biblische Hinweise, aber die Vorstellung von der Ewigkeit als etwas Statischem, wo keine Dynamik ist und wo Menschen nur Empfänger, aber nicht mehr Gestalter sind, widerspricht schon allein den Ideen Gottes in der diesseitigen Schöpfung.
Offensichtlich hat Gott Miriam und Marlena für das dynamische Geschehen in seiner Ewigkeit haben wollen. Sie werden dort so leben, wie es für uns Menschen eigentlich angelegt ist: in ungetrübter Gemeinschaft mit Gott, der selbst in Vater, Sohn und Heiligem Geist ungetrübte, innige, dynamische, herrliche, ultimative Gemeinschaft lebt und ist. Und sie werden irgendwelche Aufgaben erfüllen.
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