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Christina Bacher (Hg.)

SOKO Marburg-Biedenkopf

Christina Bacher (Hg.)

SOKO Marburg-Biedenkopf

Kriminelle Kurzgeschichten

zwischen Lahn und Ohm


Originalausgabe

© 2016 KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de E-Mail: info@kbv-verlag.de Telefon: 0 65 93 - 998 96-0 Fax: 0 65 93 - 998 96-20 Umschlaggestaltung: Ralf Kramp unter Verwendung von: © Max Baumhögger, © Sossi – www.fotolia.de Print-ISBN 978-3-95441-293-8 E-Book-eISBN 978-3-95441-307-2

Inhalt
VORWORT
DANIEL TWARDOWSKI: Ein Bild von Motiv

Marburger Sommerakademie

CHRISTIANE DIECKERHOFF: Frau Loths Traum

Oberhessische Presse

PETER GODAZGAR: Die Kofferträger von Amöneburg

Amöneburg

JÜRGEN HÖVELMANN: Blutmondnacht

Freilichtmuseum Zeiteninsel

RALF KRAMP: Kopflos in Biedenkopf

Biedenkopf

TATJANA KRUSE: Wenn’s in der Salzgrotte summt ...

Lahn-Dill-Bergland-Therme, Bad Endbach

ROLAND SPRANGER: Tango

Dance World, Wallau

KATHRIN LANGE: Strafe

KFZ, Roter Stern

ANNE GRIEßER: Die Seherin von Rauschenberg

Rauschenberg

KATHRIN HEINRICHS: B-Block

Schreinerei Bruder, Wenkbach

CHRISTIANE GELDMACHER: Der Ruf Gottes

Agentur für Arbeit, Marburg

WOLFGANG POLIFKA: Die Verhandlung

Schloss Rauischholzhausen

RICHARD BIRKEFELD: Play Piscator

Kulturamt Marburg

SABINE TRINKAUS: Frühschwimmen

AquaMar, Marburg

CLAUDIA ROSSBACHER: Für immer und ewig

Marburger Hof

HORST PROSCH: Dem Himmel so nah

Tanzschule Henseling, Marburg

ELKE PISTOR: Der Mittwochabend-Klub

Neustadt

NADINE BURANASEDA: A schießt auf B und trifft C

Burgwald

BEATE MAXIAN: Die Bibliothek

INOSOFT, Marburg

REGINA SCHLEHECK: Schöne Zeit und Nudelsalat

pro familia, Marburg

CHRISTINA BACHER: Blindlings in den Tod

Deutsche Blindenstudienanstalt

KLAUS-J. FRAHM: Der Schatz des Lutheraners

Niedereisenhausen

SUNIL MANN: Donna Donna

ehemalige Synagoge Wetter

ALMUTH HEUNER: Im Geheimdienst Ihrer Sparkasse

Sparkasse Marburg-Biedenkopf

ANGELA EßER: Welcome in Hessen

WELCOME HOTEL, Marburg

ROGER M. FIEDLER: Falsches Ende unter Pseudonym

SPD-Geschäftsstelle, Marburg

DANKSAGUNG

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser,

vor wenigen Monaten wurde im Botanischen Garten auf den Lahnbergen ein menschlicher Fuß im Gehölz gefunden. Die gesicherte DNA-Spur passt zu einem seit knapp zwei Jahren vermissten Mann, dessen auto all die zeit unbemerkt im nahen Parkhaus parkte. Die Ermittlungen laufen noch, eher schleppend. Als Krimiautorin schaue ich bei so einer zeitungsmeldung zwei Mal hin. zumal sich der Landkreis Marburg-Biedenkopf nicht unbedingt durch eine besonders hohe Kriminalitätsrate und bestimmt nicht durch überdurchschnittlich viele Leichenfunde auszeichnet. Passt denn Mord und Totschlag überhaupt in diese beschauliche Gegend? Denkt man an Marburg, Bad Endbach oder Rauschenberg, denkt man an Fachwerkidyll und Kopfsteinpflaster, an Schlösser und Kasematten. Um dieser Region kriminelle Abgründe anzudichten, braucht man also nicht nur ein gutes Handwerk, sondern auch eine rege Phantasie. Umso schöner, dass es uns gelungen ist, 26 Autorinnen und Autoren zu verpflichten, die sich dieser Aufgabe gestellt haben: Darunter sind zahlreiche Preisträger und Nominierte des renommierten Friedrich-Glauser-Preises aus den letzten Jahren sowie Kollegen, die sich durch besonderes Engagement in der Autorenvereinigung SYNDIKAT hervorgetan haben. Geschrieben haben zudem einige Lokalmatadoren, die den Landkreis Marburg-Biedenkopf wie ihre westentasche kennen. Beim Lesen wird schnell eines deutlich: Gerade dieses Spannungsverhältnis ist es, das den Landkreis Marburg-Biedenkopf zum perfekten Setting für einen Krimi werden lässt: warum sollte es in einer Idylle nicht auch menschliche Abgründe geben? Eben! Auf der einen Seite also die Touristen, die sich im Sommer auf der Suche nach dem besten Fotomotiv tummeln. Und auf der anderen Seite – gleicher Ort, gleiche zeit – das tote Mädchen, das in der Nähe des Flüchtlingsheims aus der Lahn gefischt wird. Oder das Treffen eines international gesuchten Verbrecherpärchens im malerischen wallau, weil man dort ganz sicher nicht gesucht wird. Das ist doch das Schöne an diesem Genre: Die soziale Realität gerät nicht aus dem Fokus. Und wenn es sein muss, darf politisch Stellung bezogen werden – ohne den zeigefinger zu erheben. Eigentlich unnötig zu sagen, dass Figuren, die eine Ähnlichkeit mit lebenden und bereits verstorbenen Personen des öffentlichen Lebens aufweisen, rein zufällig sind, nicht wahr?

Ich wage zu behaupten, dass sich der Blick der geneigten Leserschaft auf den Landkreis Marburg-Biedenkopf nach Lektüre dieses Buches maßgeblich ändern wird. aber das ist beabsichtigt – oder sogar ausdrücklich gewollt. Lassen Sie mich einen Rat vorausschicken: ziehen Sie sich in zukunft warm an, denn selbst durch die wärmste Stube zieht manchmal ein eiskalter Hauch ...

Spannende Lektüre,

Christina Bacher

Ein Bild von Motiv

SKIZZIERT VON DANIEL TWARDOWSKI

Die Tat musste bei Nacht geschehen sein und der Täter konnte nur von auswärts kommen. Kein Marburger hätte eine Leiche von der Schützenpfuhlbrücke in die Lahn geworfen, wo der Fluss so seicht war, dass im Hochsommer sogar die Fußbälle hängen blieben, die gelegentlich von den Lahnwiesen aus hineingekickt wurden. Bei Tag hätte man das gesehen und ein Einheimischer hätte es gewusst. Keinen Kilometer weiter bot zudem die Brücke an der Südspange aussichtsreichere Möglichkeiten, etwas verschwinden zu lassen. Eine so fahrlässig entsorgte Leiche sprach also weder für einen geübten Täter noch für eine professionelle Tat. Das war aber auch schon alles, was man wusste, denn der Tote hatte keine Papiere bei sich und sein Kopf sah übel aus. So übel, dass zeitweise sogar Zweifel daran aufkamen, ob es überhaupt um Mord ging. Es ließ sich nämlich nicht entscheiden, ob sein Schädel eingeschlagen wurde, oder ob der Mann vielleicht freiwillig von der Brücke gesprungen war und dabei überrascht festgestellt hatte, dass die Wassertiefe an dieser Stelle keine dreißig Zentimeter betrug. Nur der Gedanke, dass das eine reichlich blöde Art gewesen wäre sich umzubringen, wo doch nur dreißig Meter weiter – unter dem Fußgänger-Steg zum Südbahnhof – stündlich die ICs durchrauschten, führte zum Fortgang der Ermittlungen. Und natürlich die Tatsache, dass sich an den Kleidern und unter den Fingernägeln des Toten Blutreste befanden; oder jedenfalls hatte die Polizei das zunächst angenommen. Wer beruflich viel mit hingeschlachteten Zeitgenossen zu tun hat, geht ja erst mal nicht davon aus, dass rote Rückstände an einer Leiche auch ganz einfach Farbe sein können.

»Meinert«, sagte Kommissaranwärterin Judith Meinert, als das Telefon im Büro der Marburger Sommerakademie endlich nicht mehr besetzt war. »Kripo Marburg. Ich ermittle in einem Mordfall und hab eine etwas blöde Frage: Ist vielleicht einer Ihrer … Ihrer Künstler abgängig?« Der Schreck durchfuhr Britta Sprengel so kalt, als hätte sie einen Eiswürfel verschluckt, was man leicht nachvollziehen kann. Wenn man drei Wochen lang dafür verantwortlich ist, dass rund dreihundert Maler, Zeichner, Tänzer, Schauspieler, Holz- und Steinbildhauer, mit einem Wort: dreihundert chronisch vertrullerte Menschen wohnen, essen, arbeiten und zwischen diesen drei Stationen nach Möglichkeit nicht verloren gehen, irritiert einen einfach jeder Anruf von der Mordkommission. Außerdem werden in Kunstkursen zwar gelegentlich Leute zum Teufel gewünscht, aber nur sehr sporadisch wirklich umgebracht, sodass ein Mord in der fast vierzigjährigen Geschichte der Sommerakademie tatsächlich etwas Neues war. So neu, dass man das Problem im Büro nicht binnen anderthalb Stunden in den Griff gekriegt hätte, war es aber dann auch wieder nicht. Solange dauerte es, bis Britta Sprengel nach viel Telefonie und ein paar kurzen Fahrradtouren in die Außenbezirke der Sommerakademie in der Schule am Schwanhof eine kurze Vermisstenliste erstellt und an die Kripo weitergeleitet hatte. Nur die Landschaftsmaler, sagte sie der Kommissaranwärterin Meinert, wären naturgemäß noch in Feld und Flur verstreut, die würden erst zum Mittagessen hoffentlich vollzählig wieder auftauchen – was dann auch genau so geschah. Zwei der insgesamt drei Vermissten oder jedenfalls Unerreichbaren fanden sich schon im Laufe des Nachmittags wieder ein. Eine Textilkünstlerin hatte ihren Stoff zwecks künstlicher Alterung in einem Komposthaufen vergraben und damit einen so durchschlagenden Erfolg erzielt, dass sie den halben Tag unter der Dusche gestanden und ihr Handy nicht gehört hatte. Eine Druckgraphikerin hatte in Marburg, nun ja, eine Herrenbekanntschaft gemacht und aushäusig genächtigt, gefrühstückt und auch noch ein wenig genachmittagt. Verschwunden blieb nur ein gewisser Horst Weigand, der schon gestern nicht mehr in Martin Seidemanns »Malerei/Zeichnen – Akt« erschienen war. Und weil er vom Alter her der Leiche nahekam und weil der Aktkurs in der Turnhalle der Schule am Schwanhof stattfand, also durch wenig mehr als fünfzig Meter Teichwiesengraben vom Fundort der Leiche getrennt war, lohnte es sich, diese Spur intensiver zu verfolgen. Jedenfalls legte Judith Meinert das ihrem Chef, dem Hauptkommissar Dieter Lang, nach einem halben Tag Ermittlungsarbeit in Augenhöhe nahe.

In der kleinen Turnhalle stand neben der Sommerhitze ein so fühlbarer Geruch von Acrylfarben, Fixierspray und kreativer Menschheit, dass jeder Polizeihund die Fährte verloren hätte. Wenn ich mal schnell fünf Kilo Koks irgendwo verstecken müsste, dachte Hauptkommissar Lang, wüsste ich jetzt jedenfalls wo! Dann stutzte er kurz, abgelenkt vor allem von der völlig nackten jungen Frau, die in der Mitte des Raumes auf einem lederüberzogenen Turnkastendingsda saß. Er hatte natürlich gelegentlich in Etablissements zu tun, in denen die Damen ebenfalls à poil waren. Aber da stiegen sie vorher sehr langwierig aus ihrer schon vom Start weg dürftigen Bekleidung, schwülstige Musik erklang und Scheinwerfer kreisten wie wild, um aus der Nacktheit eine geldwerte Leistung zu machen. Hier genügte offenbar das bloße Sosein, und das Einzige, was kreiste, waren die Pinsel auf den Paletten und die Blicke auf der Haut. Schon das vernehmliche Räuspern des Kommissars zog aber dann die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich.

»Guten Tag, mein Name ist Lang.«

»Das macht nichts, wir haben Zeit!« Wer diese Antwort hinter einer der zwei Dutzend Staffeleien herausgehauen hatte, die dem eher breit als groß geratenen Kommissar die Sicht versperrten, ließ sich nicht feststellen. Das Lachen lief jedenfalls durch den ganzen Raum und vermittelte fast den Eindruck einer Jugendfreizeit – der in reizvollem Kontrast zu den vielen angegrauten Köpfen stand, die dabei nach und nach hinter den Staffeleien auftauchten. Der dramatische Anlass dämpfte die heitere Stimmung allerdings zuverlässig, denn anhand ihrer Kleidung wurde die Leiche auf den Fotos des Kommissars tatsächlich schnell als Horst Weigand identifiziert. Lang hatte es sich bereits gedacht, als die Künstler sich nach und nach um ihn versammelten, denn er konnte sich nicht erinnern, je zuvor so viele so erwachsene Menschen in derart abenteuerlichen Beinkleidern gesehen zu haben: die Mode der frühen 90er, ergänzt durch die Farbigkeit zweier Jahrzehnte hartnäckiger Kunstproduktion. Wenn ihre Bilder nichts werden, dachte der Kommissar spontan, könnten die auch einfach ihre Malklamotten ausstellen. Dann ließ er sich den Platz des Toten zeigen, seine Farben, Pinsel, Paletten, fertigen und halb fertigen Bilder. Aber weil er bekennender Banause war, bedeutete ihm all das weniger als die Information, dass der Verblichene die erste Woche der Marburger Sommerakademie und damit seine letzten Tage bzw. Nächte auf Erden in einem Wohnmobil auf dem Parkplatz vor dem Gassmann-Stadion verbracht hatte.

Die Spurensicherung konnte leider nicht feststellen, ob nun irgendjemand das Wohnmobil gründlich durchwühlt hatte, oder ob Horst Weigand einfach nur ungewöhnlich kreativ gewesen war. Anzeichen für einen Kampf waren jedenfalls genauso wenig zu entdecken, wie irgendwelche Indizien, die auf einen Verdächtigen oder wenigstens auf ein Motiv hingewiesen hätten. Kommissar Lang tappte also in jeder Hinsicht in der gleichen Dunkelheit, in der die weitläufigen Sportstätten und Schulhöfe in diesem Teil der Stadt bei Nacht lagen. Nur, dass Weigand tatsächlich ermordet worden war, stand nach der Obduktion fest, denn unter der Achsel des Toten fanden sich die Abdrücke eines Elektroschockers. Das hieß, dass er vermutlich von hinten angegriffen worden war, denn von vorn lässt man Mitmenschen, die ein solches Gerät in der Hand halten, gemeinhin nicht so nahe an sich heran. Aber wo das geschehen und demnach der Tatort war, blieb unklar, auch nachdem man den weiteren Umkreis des Wohnmobils gründlich abgesucht hatte. Das hier war nämlich bei Nacht eine zwar finstere, aber eigentlich ruhige Gegend, und Dealer, Diebe und andere lichtscheue Zeitgenossen hätten sie erst mal finden müssen. Gut, auf den zahlreichen Bänken, Mauern und manchmal sogar auf der Haupttribüne des Gassmann-Stadions betranken sich gelegentlich Jugendliche, die das eigentlich noch nicht durften. Durch eine kurze Internetrecherche wusste Kommissar Lang auch bald, dass es bei den pubertierenden Schülern der umliegenden Bildungsanstalten zeitweise eine Art nächtlicher Mutprobe gewesen war, im Mittelkreis des Stadions dem Drängen der körperlichen Liebe nachzugeben – allein, zu zweit, in der Gruppe, je nach Möglichkeit, Wagemut und Alkoholkonsum. Bei Facebook waren vor zwei Jahren entsprechende Fotos aufgetaucht und hatten für einen Skandal im mittleren Bereich der städtischen Aufregungsskala gesorgt. Aber die letzten Nächte waren eigentlich zu kalt für Wiederholungstäter und zu dunkel für Aktzeichner oder andere mögliche Zuschauer gewesen. Nein, wenn man Weigand als Zufallsopfer betrachtete, konnte es sonst wer gewesen sein, und sonst wer ließ sich kriminaltechnisch immer so sauschwer ermitteln. Man musste notgedrungen nach einem Motiv suchen und es gab nur einen Ort, wo man sinnvollerweise damit anfangen konnte. Einen Ermittler inkognito als kunstbeflissen in einen Malkurs einzuschleusen, hätte aber zum einen ein entsprechendes Talent erfordert, von dem Kommissar Lang bei keinem seiner Kollegen ausging. Andererseits wäre es bei der hohen Kursauslastung der Sommerakademie mit ihren kilometerlangen Wartelisten technisch anspruchvoll geworden. Ein so prompt auftauchendes neues Gesicht würde jeden Täter wohl auch äußerst misstrauisch machen und sehr viele andere Möglichkeiten, sich unauffällig in »Malerei/Zeichnen – Akt« einzuschleichen gab es nicht. Also sagte Kommissar Lang schließlich mit etwas verkniffenem Grinsen: »Meinert, Sie machen doch FKK!?«

Schon nach einer Stunde war ihr Hintern so kalt, sie hätte ihn auf Cocktailpartys als Erfrischung reichen können. Judith Meinert merkte das aber erst, als sie sich selbst kurz berührte, denn im Kopf war ihr so warm, dass sie Angst hatte, sie wäre knallrot angelaufen. Sie machte eigentlich kein FKK, wenn man mal von ein paar lebensfrohen Sprüngen in die Ostsee absah, die sie im ersten Zelturlaub mit ihrem ersten Freund nach der ersten gemeinsamen Nacht vollführt hatte. Aber dabei hatte sie gottlob niemand beobachtet und inzwischen waren Urlaub, Freund, Nacht und Nacktheit im Morgennebel glücklich verjährt. Also sagte sie einfach nur »Nein«, als Kommissar Lang seine seltsame Frage gestellt hatte.

»Aber Sie kommen doch aus dem Osten …«, war die Erwiderung gewesen.

»Wir sagen: Mitteldeutschland, Chef«, hatte sie gesagt. »Ich bin Jahrgang 91!«

»Also jung und schön!« hatte er geantwortet, was man einerseits vielleicht als sexistischen übergriff hätte werten können, was aber andererseits kaum eine Frau rundheraus abstreiten würde. Zumal ihr sein Plan, inkognito Informationen über Horst Weigand und sein letztes soziales Umfeld zu sammeln, aus ermittlungstaktischen Gründen durchaus einleuchtete. Nach einigen einsamen Gläsern Wein und deutlich mehr langen, selbstkritischen Blicken in ihren Schlafzimmerspiegel hatte sie schließlich am nächsten Morgen zugesagt – und stand mit diskreter Unterstützung des Akademiebüros schon am Nachmittag zum ersten Mal nackt vor einem gewissermaßen zahlenden Publikum. Und obwohl sie sich immer wieder zwang, ganz Auge und Ohr zu sein, war sie dabei am Anfang doch vor allem Knie, Bauch, Brüste, Hüften, Hinterbacken, Schultern, Hände, Ellenbogen, mit einem Wort: nervös. Denn während sie sich gestern Abend vor dem Spiegel irgendwann ganz passabel gefunden hatte, kam sie sich hier wie eine schlecht zusammengesetzte Marionette vor. Besonders, weil Kursleiter Seidemann, der hinter den Staffeleien seine Korrekturrunden drehte, immer wieder Sachen sagte wie: »Da am Knie kommt noch eine ganz starke Form raus!« Irritiert sah Judith an sich hinunter und dachte: ›Um Himmels Willen, was kommt denn da für eine Form raus?!‹ Kryptisch blieb zunächst auch die Äußerung: »Das linke Bein ist eins der Schwierigsten!« Dabei fiel ihr aber schmerzhaft auf, dass sie ja seit einer halben Stunde auf dem rechten stand, ihr Spielbein also als weniger gewichtsbelastet eine malerische Herausforderung darstellte. ›Stimmt‹, dachte sie da, ›wie macht man das eigentlich?‹ Sich selbst in dieser Weise als technisch-künstlerisches Problem betrachtend, kam Judith sich eine Weile etwas weniger nackt vor. Bis die Fliege sie entdeckte. Sie dachte jedenfalls, dass es eine Fliege war, die sich unter ihre rechte Achsel gesetzt hatte und nun so gemächlich wie ein Rentner, der den Tag vor sich hat, Richtung Hüfte und Pobacke spazierte. Ein hartnäckiges Biest! Judith hatte mehrfach mit dem Schulterblatt gezuckt, die Fliege damit aber lediglich zu einer etwas schnelleren Gangart veranlasst. Das brachte sie immerhin irgendwann in Schlagweite und – Klatsch! – schlug die Kommissaranwärterin sich plötzlich auf den eigenen Schenkel, traf und zerschmetterte aber nur einen dicken Schweißtropfen. Und noch während sie überrascht registrierte, wie kalt ihre Haut war, wurde sie fürchterlich rot und dachte: ›Oh Mann, ich steh hier nicht nur mit nacktem Arsch, ich schwitze auch noch wie ein Schwein!‹ Judith Meinert schwor sich in diesem Moment, das Motiv des Mörders um jeden Preis zu finden und flüchtete sich in der Pause dankbar in ihren Bademantel.

Währenddessen zeitigten auch die weniger körperintensiven Ermittlungen immer mehr Resultate. Anwohnern des Teichwiesengrabens waren in der Mordnacht zwei Betrunkene unangenehm aufgefallen, weil sie »Einmal noch nach Bombay« gesungen hatten. Zwei Zeugen hatten sie lediglich gehört, aber eine Medizinstudentin, die wegen irgendeiner letztmaligen Gottesurteil-Wiederholungsprüfung eine Nachtschicht fuhr, hatte sie tatsächlich auch gesehen: zwei schwankende Männer, unterwegs Richtung Gisselberger Straße. Aber gesungen habe nur der, der den anderen stützen musste. Aufgrund ihrer von der Prüfungsvorbereitung zweifellos überreizten Sinne erkannte sie auf den Fotos sogar Horst Weigand als den nichtsingenden Part des Duos wieder. In dessen Leiche hatte ein sportlich herausgeforderter Gerichtsmediziner inzwischen absurd hohe Mengen Blei, Kupfer und sogar Arsen nachgewiesen, eine akute Vergiftung allerdings ausgeschlossen. Weigand musste das Zeug über Jahre hinweg aufgenommen haben, aber niemand konnte erklären, wie und warum. Niemand wusste auch, wie er seine kleine aber geschmackvolle Villa in Oberursel finanziert oder wovon der Mann überhaupt gelebt hatte. Angehörige, die diese Fragen hätten klären können, gab es nicht. Die Nachbarn redeten vage von einer Erbschaft und einem offenbar bevorstehenden Umzug. Mehrfach habe Weigand in letzter Zeit Kisten und sperrige Pakete aus dem Haus geschleppt und in sein Wohnmobil geladen. Dort hatte Kommissar Lang allerdings nichts gefunden, was auf diese Beschreibung passte. Er ging deshalb versuchsweise davon aus, dass seine Leiche noch irgendeine andere Wohnung besessen hatte. Am besten in der Nähe einer Chemiefabrik, dann ließen sich auch die giftigen Rückstände in seinem Körper erklären, dachte er missmutig. Lang war ein bisschen sauer auf sich selbst, denn die meisten dieser Ermittlungsarbeiten waren in den letzten vier Tagen an ihm hängen geblieben, während Kommissaranwärterin Meinert sich malen ließ. Und wenn sie nicht bald ein Motiv fand, wusste er auch nicht mehr weiter.

Judith war inzwischen selbst ein begehrtes Motiv geworden. Sie wurde sogar von den Kursteilnehmern privat gebucht, also abends und am Wochenende eingeladen, wenn in der Turnhalle kursunabhängig gemalt wurde. Obwohl sie es sich nicht gern eingestand, hatte das ihrer weiblichen Eitelkeit geschmeichelt, denn natürlich wusste sie nicht, dass jedes neue Aktmodell dazu eingeladen wurde. In der Sommerakademie gab es nämlich auch – vorwiegend männliche – Modelle, die man euphemistisch als Veteranen bezeichnen könnte. Alte Säcke, die schon seit zehn, zwanzig Jahren dabei waren und eigentlich nur noch gemalt wurden, um den Alterungsprozess bildlich festzuhalten. Von dieser Art Gnadenbrot war Judith noch weit entfernt – und als Modell doch bereits professioneller geworden: Nie die Arme heben, wenn es sich vermeiden lässt. Das Gewicht auf so viele Punkte wie möglich verteilen, also lieber sitzen als stehen und lieber liegen als sitzen. Und so selten wie möglich den Körper verdrehen, wie z. B. der bedauernswerte Diskuswerfer des Myron oder die Aphrodite Kallipygos. Denn der Körper hatte dann die natürliche Neigung, sich zurückzudrehen und entwickelte dabei eine völlig unbewusste Kraft, gegen die man die ganze Zeit anarbeiten musste und die einen mörderischen Muskelkater verursachte. Die meisten der künstlerischen Ergebnisse vergrößerten übrigens Judiths Ego als schöne Frau, und ein paar fand sie sogar ziemlich sexy, obwohl erotische Posen weitgehend verpönt waren. Sie zog jetzt manchmal auch in den Pausen keinen Bademantel mehr an, und zwar weil sie sich unbekleidet paradoxerweise weniger nackt vorkam. Genau genommen fühlte sie sich nur zweimal wirklich nackt: wenn sie sich auszog und wenn sie sich wieder anzog. Dazwischen kam ihr Zustand ihr inzwischen so normal vor, dass sie einmal, als ein paar der gelegentlich auftauchenden ›Werkstattbesucher‹ durch die Turnhalle schlenderten und scheue Blicke auf das Modell warfen, im ersten Moment dachte: ›Was gucken die denn so?‹ Die Ergebnisse waren es auch, die ihr schließlich den ersten Baustein für ihre Motivsuche lieferten. Denn als sie wieder einmal nackt neben all den wild gewandeten Künstlern einer von Martin Seidemanns Bildbesprechungen folgte, fragte sie sich, was so ein Bild wohl kosten würde. Sie hatte nämlich eins im Auge, auf dem sie sich peinlicherweise besonders gut gefiel.

»800«, sagte die Künstlerin, als Judith sie wenig später leise nach dem Preis fragte. »600 weil du es bist!« Und nur, weil ihrem Modell kurz der Unterkiefer herunterklappte, fügte sie selbstbewusst hinzu: »Wenn ich ›Otto Mueller‹ drunter schreibe, kann ich noch mindestens drei Nullen dranhängen!«

So etwas wie Streit gab es eigentlich nur bei den Positionswechseln. »Jetzt hab ich ja schon wieder den Rücken! Immer hab ich den Rücken. Ich will nicht drei Wochen lang nur Rücken malen. Wenn ich die ausstelle, denken alle, ich bin Pofetischistin! Dreh dich doch mal.« »Moment, jetzt hab ich aber schon angefangen!« »Ich will aber auch mal von vorne! Martin?« »Ihr könnt doch auch einfach mal euren Platz wechseln«, schlug der Kursleiter immer wieder fast schüchtern vor und löste damit gelegentlich sogar ein unwilliges Verrücken von Staffeleien, Malerbänkchen und mit Farben und Pinseln absurd voll gepackten Teewägelchen aus. Und kurz darauf die unvermeidliche Klage: »Moment! So geht das aber nicht. Ich will ja Judith malen und nicht dich. Martin?!« Nachteilig wirkte sich bei solchen Diskussionen die Tatsache aus, dass 70 % der Künstler weiblich waren. Und Frauen haben zwar einen leichteren Zugang zur eigenen Kreativität, aber auch eine unterschwellige bis tief gehende Art, Konflikte auszutragen. Außerdem waren gefühlte 80 % von ihnen Lehrerinnen gewesen oder hatten andere Berufe bekleidet, in denen sie gewohnt waren, dass ein Kompromiss etwas ist, bei dem man 90 % von dem bekommt, was man will. Judith drehte sich dann eine Weile wie ein Tanzbär hin und her, um es möglichst vielen recht zu machen, war froh, wenn sie irgendwann eine allgemein gebilligte Position gefunden hatte und ein fröhliches: »Egal wie man sich dreht, der Arsch bleibt immer hinten!« die dicke Luft in Gelächter auflöste. Bei einer solchen Gelegenheit wurde schließlich auch Horst Weigands Platz neu belegt, seine Bilder und Malutensilien in eine Ecke geräumt, bis jemand sie abholen käme – falls sie überhaupt jemand haben wollte. Judith, die dabei mithalf, um Weigands Arbeiten noch einmal aus der Nähe zu sehen, fiel jetzt zum ersten Mal auf, dass diese Bilder dilettantischer waren als die der anderen. Weigand hatte in Martins Kurs offenbar nichts gelernt und das war bemerkenswert. Denn selbst die Leute, denen sie am Anfang am liebsten geraten hätte, es vielleicht mal mit Klavierspielen lernen zu versuchen, hatten sich in den drei Tagen, die sie jetzt da war, deutlich verbessert. Sie beschloss, mit Martin darüber zu sprechen.

»Ja«, sagte der Kursleiter vorsichtig, »über Tote soll man ja nicht schlecht reden.« Er redete auch über Lebende oder gar Anwesende selten schlecht und fand noch an solchen Bildern irgendetwas verbesserungswürdig, die sogar ihre Urheber am liebsten im Wald vergraben hätten. »Der war schon sehr beratungsresistent. Dafür saßen einzelne Striche bemerkenswert gut. Ich hab manchmal gedacht, er will gar nicht besser werden.« Martin Seidemann schüttelte den Kopf. »Aber immer nur auf selbst bespannte Leinwände gemalt. Und die Pinsel vom Feinsten!« Das sah plötzlich auch Judith so, die ja die ganze Zeit Vergleiche mit den übrigen Künstlern anstellen konnte. Für einen so schlechten Maler war Horst Weigand wirklich ungewöhnlich gut ausgerüstet gewesen!

Die Lösung war schließlich ein Witz, der beim routinemäßigen übermalen der weniger gelungenen Bilder gerissen wurde: »Ein reicher Amerikaner kauft in Florenz einen angeblich geklauten Tintoretto. Um ihn durch den Zoll zu schmuggeln, lässt er ihn mit einer Landschaft übermalen. Glücklich zu Hause angekommen, übergibt er das Bild einem Restaurator. Als er von dem vier Wochen lang nichts mehr hört, ruft er ihn irgendwann an: Wie siehts aus? Ja, sagt der Restaurator, die Landschaft ist weg, der Tintoretto auch, darunter war ein Heiliger, und jetzt ist bereits Mussolini zu erkennen. Soll ich noch weiter restaurieren?« Judith Meinert, die schon in den letzten Tagen viel über Malerei gelernt und gelesen hatte, recherchierte noch am gleichen Abend alles über alte Malfarben, was sie finden konnte: Schweinfurter Grün, Pariser Rot, Kremserweiß, Königsgelb. Allesamt giftig. Bleihaltig, kupferhaltig, arsenhaltig. Seit Langem nicht mehr im freien Verkauf, offiziell nur noch für Restaurierungsarbeiten gebräuchlich. Und naturgemäß bei Kunstfälschern sehr gefragt. In dieser Nacht formte sich aus all ihren Informationen allmählich – ein Motiv. Was, wenn Weigand den schlechten Maler nur gespielt hatte? Gab es ein besseres Versteck für einen Meisterfälscher, als einen Sommerakademiekurs? Warum hatte er sich versteckt? Vor wem? Und wo waren seine ›echten‹ Gemälde? Gleich am nächsten Morgen wurden sämtliche Bilder und alles, was man in Weigands Wohnmobil gefunden hatte, noch einmal einer genaueren kriminaltechnischen Untersuchung zugeführt. Und Max Pechsteins seit siebzig Jahren verschollener »Palau-Zyklus« nebst einigen seiner bislang völlig unbekannten Arbeiten unter der doppelten Bespannung der Leinwände natürlich gefunden. Es stellte sich auch schnell heraus, dass eine Sonderkommission der Stuttgarter Polizei einem unbekannten Expressionistenfälscher schon dicht auf der Spur gewesen war. Allerdings hätte die Stuttgarter Polizei ihn wohl kaum umgebracht.

»Meinert«, sagte Hauptkommissar Lang, der sich setzen musste, als er hörte, was so ein Bild im Original kostet, »jetzt wo Sie die Hosen wieder anhaben, suchen Sie doch der Form halber nach einem Kunstexperten in Sachen Pechstein, damit wir erst mal rauskriegen, ob dieses Zeug hier echt oder falsch ist.«

Sie brauchten gar nicht weit zu fahren. Professor Friedemann Schilling wohnte in Frankfurt und war der führende Experte der führenden Auktionshäuser in allen Belangen des Expressionismus. Schon in seiner Doktorarbeit hatte er sich mit Max Pechstein beschäftigt und in den letzten zwanzig Jahren immer wieder Gutachten über entsprechende Gemälde angefertigt. Pechstein war nämlich sowohl bei Kunstsammlern als auch Kunstfälschern außerordentlich beliebt. Schon die Nazis hatten viele seiner Werke als entartete Kunst beschlagnahmt, und die meisten davon waren bei Kriegsende angeblich verbrannt. Es gab also detaillierte Beschreibungen dieser Bilder, manchmal sogar Schwarz-Weiß-Fotografien. Nur die Originale waren verschollen und inzwischen natürlich siebenstellige Summen wert. Die Kommissare hatten die ›Pechsteins‹ an diesem Morgen lieblos auf dem Rücksitz ihres Dienstfahrzeugs gestapelt, denn sie rechneten fest damit, dass der Professor sie als Fälschungen entlarven würde. Womit sie nicht rechneten, war eine Entlarvung ganz anderer Art. Denn der Experte hatte sie zuerst ruhig und sachlich ins Wohnzimmer gebeten und war nur noch einmal verschwunden, um eine Lupe zu holen. Bei der Flucht durch das Fenster seines Arbeitszimmers hatte der Professor aber dann eine für einen Kunsthistoriker mittleren Alters ganz erstaunliche Behändigkeit entwickelt. Und noch während sie ihm hinterherlief, ihren eher breiten als großen Chef bereits abgehängt hatte und trotz ihres Muskelkaters auch den bereits dicht vor dem plötzlichen Herztod stehenden Akademiker schließlich erwischte, wurde Kommissaranwärterin Meinert alles klar: Der Mann hatte Gutachten erstellt, die einen Millionenmehrwert generiert hatten. Was lag näher, als einen Fälscher zu beseitigen, der jederzeit in jedes Museum spazieren und auf irgendeinen Pechstein zeigen konnte, um der Welt mitzuteilen: Das da ist auch von mir! Prozesse. Regressforderungen. Nicht zu vergessen natürlich die gekränkte Eitelkeit der kunsthistorischen Koryphäe! Sie konnte es kaum erwarten, das alles den Teilnehmern von »Malerei/Zeichnen – Akt« zu erzählen, denn immerhin war sie am Wochenende ja noch mal als Modell gebucht. Und bekam diesmal sogar zwei der entstandenen Bilder geschenkt.

Frau Loths Traum

CHRISTIANE DIECKERHOFF

Frau Loth hatte einen geheimen Traum: Nur einmal, nur ein einziges Mal wollte sie etwas wirklich Gro-ßes vollbringen. So groß und einzigartig, dass ein Bild von ihr auf der ersten Seite der Oberhessischen Presse erscheinen würde. Einmal Heldin. Mindestens für Marburg. Oder besser noch für die Welt.

Dabei ging es Frau Loth nicht um irgendeinen Ruhm. Sollte sie im Lotto gewinnen, würde sie das hübsch für sich behalten und sie würde auch niemanden umbringen, um in die Zeitung zu kommen. Obwohl? Damals, als Klaus die Neue hatte. Da hatte es sie schon in den Fingern gejuckt. Am liebsten hätte sie ihn von einer der Lahnbrücken, oder auf der Stadtautobahn aus dem Wagen geschubst. Sie hatte es dann doch nicht gemacht. Wer hätte sich dann um Jasmin gekümmert? Außerdem gab es auch nichts zu erben, keine Lebensversicherung, nichts. Und ein toter Klaus hätte keinen Unterhalt zahlen können. Das Geld reichte sowieso immer nur bis zum 20ten, in guten Monaten bis zum 25. Dann war spätestens Ultimo für Frau Loth. Also trug sie wie schon in den vergangenen neunzehn Jahren, vier Monaten und dreieinhalb Wochen frühmorgens zuverlässig Zeitungen aus und träumte in den dunklen Stunden zwischen Briefkasten und Fahrradtaschen ihren Traum vom großen Ruhm. Warum nicht mal bei der morgendlichen Runde einen überfall vereiteln, einen Mord verhindern oder zumindest ein Kätzchen retten? Es gab so viele Möglichkeiten. Irgendwann wäre sie zur richtigen Zeit, am richtigen Ort. Das wusste Frau Loth so sicher, wie sie wusste, in welche Briefkästen sie Zeitungen stecken musste. Ein Mal hätte es fast schon geklappt: Als die Mensabrücke einen neuen Namen bekommen hatte, war sie zufällig vorbeigekommen und hatte noch versucht, sich mit dem Fahrrad vor den Fotografen zu schieben. Vergeblich. Am nächsten Tag berichtete die Oberhessische Presse ausführlich, aber von Frau Loth sah man nur das Hinterrad und ihr Gesäß. Nicht gerade ihre Schokoladenseite.

An schlechten Tagen rang sie der Gedanke nieder, dass ihre einzige Chance, es noch zu Lebzeiten in die OP zu schaffen, die Jubilarehrung nach dem jährlichen Ausflug sein würde: Wenn der Chefredakteur zu Salzekuchen und Kassler einlud wurde nämlich immer ein Foto gemacht, und das kam dann auf die zweite Seite. Unter dem Bild stand dann, dass die Zusteller die Oberhessische Presse bei jedem Wetter pünktlich zu den Abonnementen brachten.

Schon wenn sie am Ausflugstag in der Druckerei an der Frauenbergstraße auf den Bus warteten, flogen die Geschichten nur so hin und her und Frau Loth knirschte vor Neid mit den Zähnen. Was da alles passierte. Man machte sich ja kein Bild. Selbst im so beschaulichen Kirchvers passierte mehr als im Südviertel. Elli aus Kirchhain hatte einen Betrunkenen vor dem Erfrieren gerettet. Im tiefsten Winter hatte sie ihn schlafend im Windfang vor seiner Haustür gefunden, den Schlüssel in der Hand. Zu betrunken, um das Loch zu finden, hatte Elli noch gedacht, aber dann hatte sie gemerkt, dass der Schlüssel nicht passte. Der Mann nuschelte nur unverständliches Zeug, als sie ihn nach seinem Namen fragte, also hatte sie in seinem Ausweis nachgeschaut und siehe da. Der Mann lag vor der falschen Haustür – kein Wunder, in diesen Neubausiedlungen sah doch ein Haus wie das andere aus – und war nicht einmal ein Abonnement. Trotzdem hatte Elli ihn an der richtigen Adresse abgeliefert. Oder Britta aus dem Südkreis. Die hatte mit ihrem Fahrrad eine Kuhherde auf die Weide zurückgetrieben. Einfach so. In Frohnhausen kannte eben jeder jeden. Nicht einmal die Zeitung war deshalb später gekommen.

Wer gar nichts zu erzählen hatte, prahlte mit dem Wetter oder angriffswütigen Hofhunden. Im Südviertel gab es weder freilaufende Hunde, noch war das Wetter so schlecht wie auf dem Dammelsberg. Also konnte Frau Loth nur erzählen, dass sie Zustellerin in der zweiten Generation war. Auch wenn das nicht ganz der Wahrheit entsprach, aber das taten die wenigsten Geschichten. Sie hatte den Bezirk damals von ihrer Schwiegermutter übernommen und ihn – im Gegensatz zu Klaus – auch behalten.

Es war also kein Wunder, dass keine dieser Geschichten in der Zeitung landeten, auch wenn sie zwischen den riesigen Papierrollen erzählt wurden, die in der Druckerei lagerten. Wer interessierte sich schon für betrunkene Ehemänner, und von den freilaufenden Rindern hatte nicht einmal der Bauer etwas mitbekommen. Nur Karin aus der Oberstadt hatte es geschafft. Wenn auch nur auf die dritte Seite, aber immerhin mit Foto. Sie hatte im Gehrengässchen einen Einbrecher überwältigt. Zumindest hatte es so in der Zeitung gestanden und so erzählte sie es auch. Seit zehn Jahren. Aber eigentlich war der Mann nur über ihren blauen Trolley mit dem Schriftzug der Oberhessischen Presse gestolpert, als er die Biege machen wollte. Die Polizei musste ihn nur noch aufheben und ein wenig abstauben. Frau Loth wusste das, aber sie gönnte Karin die Geschichte. Die dritte Seite war nicht ihr Ziel. Sie wollte es auf die Titelseite schaffen. Dort gehörte sie hin. Frau Loth seufzte. Sie ahnte nicht, wie nah sie der Erfüllung ihres geheimen Traums war.

Es war ein vernieselter Morgen im November. Handschuhwetter. Oben auf dem Dammelsberg hatte es bereits geschneit. Fröstelnd zog Frau Loth den Kopf zwischen die Schultern. Wenn sie auf ihrem Rad unterwegs war, spürte sie die Kälte nicht, aber jetzt kroch sie ihr die Waden hoch.

»Baal humer aach Schneije«, sagte Karin, mit der sie auf die Zeitungen wartete.

»Hhm«, bestätigte Frau Loth. Morgens funktionierte ihr Kiefer nur eingeschränkt. Sie war Bauchschläfer und fühlte sich noch ganz zerknittert. »Wo er nur bleibt?«

»Vielleicht huhse ‘en Babaierriss«, nuschelte Karin. Auch sie klang etwas zerknautscht.

»Vielleicht«, bekräftigte Frau Loth. Es kam immer mal wieder vor, dass eine der großen Papierrollen riss. Das dauert dann immer, bis die Rotationsmaschinen gereinigt und wieder einsatzbereit waren. Hätte sie mal in der Druckerei angerufen, bevor sie losgeradelt war, dann säße sie jetzt noch bei einer schönen Tasse Tee in ihrer warmen Küche.

»Hoste gelearse?«

»Was?«, fragte Frau Loth.

»Sai wirrer Inbraecher innerwegs.«

»Wirklich?«

»Haal die Aae off.«

»Mach ich«, sagte Frau Loth. Unwillkürlich griff sie in ihre Jackentasche. Mist, dachte sie. Ihr Handy war noch im guten Mantel, den sie gestern getragen hatte, als sie sich in der Oberstadt auf einen Kaffee mit Jasmin getroffen hatte.

»Ich wette, dai laese die Duuresozäje.« Karin erwärmte sich für das Thema. Frau Loth hatte den Verdacht, dass auch Karin sich gerne wieder in der Zeitung sehen würde. Zehn Jahre waren eine lange Zeit, und der Artikel, den sie in einer Klarsichthülle aufbewahrte und zu jedem Ausflug mitbrachte, war schon ganz gelbstichig.

Es war bereits halb vier, als der Fahrer mit quietschenden Reifen vor der Santander Bank hielt und ihnen die Packen vor die Füße warf.

Mit der Taschenlampe in der Hand suchte sich Frau Loth die Packen für ihren Bezirk heraus. Noch bevor sie ihre Zeitungen zusammen hatte, wendete der Transporter und verschwand in der Nacht. Er würde noch einige Abladestellen anfahren. Schließlich versorgte die Oberhessische Presse den gesamten Landkreis Marburg-Biedenkopf mit Nachrichten. Zuverlässig. Pünktlich. Meistens.

Mit ihrem Schweizer Messer, das mit der Taschenlampe zur Grundausstattung eines Zeitungszustellers gehörte, durchtrennte Frau Loth die Plastikbinder und verteilte die druckfrischen Exemplare in den Satteltaschen. Karin war fast schon auf dem Weg in die Oberstadt, als sie ihre Zeitungen verstaut hatte und mit der Taschenlampe in der Hand die Veränderungsliste studierte, die sie jeden Morgen von der Abonnementverwaltung bekam.

»Hoste gelaese?« Karin wickelte sich den Schal fester um die Ohren. »De aale Meermann ias aach hie. Gott huen seelig.«

»Ich weiß«, sagte Frau Lot. »Schade um ihn. Das war ein wirklich feiner Herr.« Aber das sagte sie schon zu sich selbst, weil Karin bereits unterwegs war. Und auch Frau Loth beeilte sich. Während sie die Zeitungen zustellte, musste sie immerzu an den alten Herrn denken. Seit seine Frau gestorben war, hatte er allein in dem spitzgiebeligen Haus gelebt. Frau Loth kannte ihn so gut, wie Zusteller Abonnenten kannten. Immer wenn sie vor Weihnachten anklingelte, um den Jahreskalender abzugeben, bat er sie ins Wohnzimmer und nahm einen vorbereiteten Umschlag vom Sekretär. In den ersten Jahren waren immer zehn Mark in dem Umschlag gewesen, danach zehn Euro. Und immer eine hübsche Karte dabei. Er war immer sehr umständlich gewesen, deshalb hatte Frau Loth Zeit gehabt, sich umzuschauen. Auf dem Sekretär standen Familienfotos. Trotz der Goldrahmen waren sie so vergilbt wie Karins Zeitungsausschnitt. Eins der Bilder gefiel Frau Loth besonders. Herr Meermann war darauf zu sehen. Umrahmt von seiner Frau und einem Mädchen mit dunklen Haaren, die sie sich aus dem Gesicht strich. Dabei spreizte sie den kleinen Finger ab, als hielte sie eine Teetasse. Im Hintergrund umkreisten Möwen einen Leuchtturm. Frau Loth mochte Leuchttürme und das Meer und den Wind, der einem die trüben Gedanken aus dem Schädel blies.

Sie seien immer nach Büsum gefahren, hatte der alte Herr erzählt, als Frau Loth ihre Vorliebe erwähnte. Wo denn seine Tochter jetzt sei, hatte sie ihn gefragt. Nicht mal zur Beerdigung war sie gekommen. Das wusste Frau Loth, weil sie hingegangen war. Im Ausland hatte er geantwortet und dabei so traurig ausgesehen, dass sie gleich einen Kloß im Hals gehabt hatte. Und nun war er tot. Der arme alte Mann.

Gerührt wischte sich Frau Loth die Nase und schob die Veränderungsliste in ihre Jackentasche. So nach und nach starben die Abonnenten weg. Die jungen Leute lasen ihre OP auf ihren Tablets. Schlechte Zeiten für Zusteller. Gut, dass ihre Jasmin Lehrerin geworden war. Sie würde nicht in dritter Generation Zeitungsbotin werden müssen. Frau Loth schob ihr Fahrrad auf die Straße und radelte los. Vielleicht, dachte sie. Vielleicht werde ich ja bald Oma. Jasmin hatte nichts gesagt, aber sie hatte Früchtetee getrunken und nicht, wie sonst, einen doppelten Espresso. Frau Loth wurde warm bei dem Gedanken. Bei jeder Zeitung, die sie in die Briefkästen und Zeitungsboxen stopfte, stellte sie sich vor, wie sie am Bett des kleinen Würmchens sitzen würde und der Kleinen – irgendwie wusste sie, dass es ein Mädchen werden würde – von dieser besonderen Nacht erzählen würde. Mit weit aufgerissenen Augen würde die Kleine ihrer Oma zuhören, die mit ihrem Rad einen bösen Mann über den Haufen gefahren und ihn mit ihrer Taschenlampe niedergeschlagen hatte. Nur das mit dem vergessenen Handy würde blöd rüberkommen, dachte Frau Loth. Das würde die Kleine nicht verstehen. Ihre Jasmin verstand auch nie, dass sie es immer wieder vergaß.

Und wenn dir was passiert?, fragte sie. Und was sollte man dazu sagen. Schließlich hatte sie ja recht. Schließlich wünschte sich Frau Loth nichts sehnlicher, als dass endlich etwas in ihrem Leben passieren würden. Und wie sollte sie dann die Polizei rufen? Ich schrei einfach, dachte Frau Loth, als sie in der Haspelstraße die Rollläden hochschob, um der alten Frau Willkamp, die nicht mehr die paar Stufen zu ihrem Postkasten schaffte, die Zeitung vors Fenster zu legen. So laut ich kann. Ne, dachte sie. Besser Feuer. Im Fernsehen hatten sie gesagt, dass die Menschen dann eher reagierten, weil sie sich selbst bedroht fühlten. Gut, dachte Frau Loth. Dann rufen die Leute die Polizei. Aber wie kam der Reporter an den Tatort? Das war ein Problem. Gab’s eigentlich noch den Polizeifunk? Oder würde sie in der Druckerei anrufen müssen. Oder in der Aboverwaltung? Frau Loth war so in ihren Fantastereien versunken, dass sie ganz automatisch eine OP in den blauen Zeitungskasten in der Wilhelmstraße schob. Erst im Weggehen fiel ihr auf, dass es der Kasten von Herrn Meermann war. Sie ging zurück, um die Zeitung wieder aus dem Kasten zu ziehen und da sah sie den Schatten zwischen Haustür und Türschloss. Frau Loths Nackenhaare sträubten sich und ihre Knie zitterten, als sei sie die Treppen zum Schloss hochgerannt. Sie streckte die Hand aus und drückte sie gegen die Haustür, die knarrend aufschwang.

An und für sich war es nicht ungewöhnlich, dass diese alten Türen mal offen standen. Holz arbeitete eben. Aber dieses Haus stand leer. Das wusste sie, schließlich war sie bei der Beerdigung gewesen.

Was hatte Karin gesagt? Ich wette, dai laese die Duuresozäje. Natürlich. Frau Loth hielt die Luft an und schob die Tür weiter auf. Alles still. Sie tastete nach ihrer Taschenlampe, wog sie in der Hand. Damit würde sie nicht einmal ihren Kanarienvogel niederschlagen können. Was dachte sie sich nur? Sie sollte die Tür schließen und die Polizei benachrichtigen. Das sollte sie tun. Aber dann dachte sie an ihre ungeborene Enkeltochter und die Schlagzeile auf der ersten Seite. Zustellerin überwältigt Einbrecher. Sie straffte die Schultern. Dies war ihre Gelegenheit und sie hatte ja auch nicht nur diese Taschenlampe, sie hatte schließlich auch ihr Messer. Wo konnte der Dieb sein? Frau Loth wischte Hand und Messergriff an ihrer Jacke ab. Folge der Spur des Geldes. Das hatte mal ein Ermittler in einer ihrer Lieblingsserien gesagt. Wo würde ein feiner Mann wie Herr Meermann sein Geld aufbewahren? Bei ihr lagen ein paar Scheinchen zusammen mit den Sparbüchern im Küchenschrank in einer alten Mehldose, in der schon ihre Mutter ihren Notgroschen aufbewahrt hatte. Aber irgendwie wusste Frau Loth, dass Herr Meermann Gotthabihnselig sein Geld wahrscheinlich nicht im Küchenschrank versteckte. Sie dachte an den Sekretär im Wohnzimmer. Das Messer fest im Griff schlich sie auf Zehenspitzen durch den Flur. Was in gefütterten Winterboots gar nicht so einfach war. Jedes Knarren der Bodendielen dröhnte in ihren Ohren. Die Tür stand einen Spalt breit offen. Im schwachen Licht der Straßenlaterne erfasste Frau Loth mit einem Blick die Bescherung. Sie war zu spät gekommen. Der Sekretär stand offen, die Fotos mit den Goldrahmen waren verschwunden und über dem Esstisch verteilt lagen Papiere. Selbst auf dem Fußboden lagen Stapel. Frau Loth wusste aus ihren Fernsehserien, dass sie nicht einfach so in den Raum hineinplatzen konnte. Vielleicht lauerte der Einbrecher im Schatten der Standuhr? Oder hinter dem Biedermeiersofa. Schritt für Schritt tastete sie sich in Richtung Telefon vor. Ein Fehler, wie sie schneller feststellte, als ihr lieb war.

»Was machen Sie denn hier?«

Der Kronleuchter flammte auf und das plötzliche Licht blendete Frau Loth. Sie fuhr herum. Im Türrahmen stand ein Mann und versperrte den Durchgang zum Flur. übrigens ein sehr großer Mann, wie Frau Loth fand. Unwillkürlich hob sie das Messer, das auf seinen Schritt zielte. Schließlich wollte sie ihn nicht kastrieren. Jung war er, dachte Frau Loth. Und wie die Einbrecher im Fernsehen ganz in schwarz gekleidet. Und er trug eine ebenso schwarze Tasche in der Hand. Frau Loth wusste sofort Bescheid. Diebesgut. In der Tasche waren natürlich die Fotos mit den Goldrahmen und alles, was er noch so gefunden hatte! Sie hatte ihn tatsächlich auf frischer Tat ertappt. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Wenn er nur nicht so groß wäre. Ein kleinerer Einbrecher wäre ihr lieber gewesen.

»Hände über den Kopf«, sagte Frau Loth mit zitternder Stimme. Irgendwie musste es ja weitergehen.

»Was soll das?« Der Mann hob nicht mal ansatzweise die Hände und seine Stimme klang weit weniger ängstlich, als Frau Loth sich das gewünscht hätte. Er benahm sich, als ob sie nicht mit einem Messer in der Hand vor ihm stehen würde. Obwohl das Wohnzimmer nicht geheizt war, perlten Schweißtropfen aus Frau Loths Haaransatz und versickerten in ihrem Schal. Auf einmal war sie sich nicht mehr sicher, dass ein Messer ausreichen würde, diesen Mann in Schach zu halten, bis die …. Mist, dachte Frau Loth. Die Polizei kommt in hundert Jahren nicht, wenn ich nicht anrufe. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie hier, der Kerl da. Sie mit dem Messer, das in ihrer Hand zur Bedeutungslosigkeit zu schrumpfen schien. Er mit der Tasche, die es ihm zu entreißen galt. Frau Loth hatte keine Ahnung, wie es jetzt weiter gehen sollte. Sie musste etwas sagen, so viel war ihr klar, aber ihr Hals fühlte sich an, wie zugeschnürt. Frau Loth kannte diesen Zustand. Wenn sie jetzt etwas sagte, würde es sich anhören wie ein abgestochenes Ferkel. Abstechen? Für einen Moment spielte Frau Loth mit dem Gedanken. Das Messer fühlte sich rutschig an in ihrer Hand. Rutschig und heiß. Und dann spürte Frau Loth Hitze in sich aufsteigen, ihr Herz raste los, als würde sie zur Rushhour die Stadtautobahn queren. Auch das noch. Wie sollte der Einbrecher sie ernst nehmen, wenn sie vor seinen Augen in einer Hitzewelle zerfloss? Scheißwechseljahre. Wie stand sie denn nun da? Frau Loth wedelte mit dem Messer. Auch wenn diese Bewegung der hilflose Versuch war, sich Luft zuzufächeln, wich der junge Mann zurück. Ein Nerv zuckte in seinem rechten Augenwinkel. Die Erkenntnis, dass er sie als Gegner ernst nahm, gab Frau Roth einiges von dem Selbstbewusstsein zurück, das die Hitzewelle fortgespült hatte.

Sie räusperte sich. »Dreh’n Sie sich um. Gesicht zur Wand.« Das klang recht gut, wie Frau Loth fand. Ihre Stimme kiekste nur an den Rändern ein bisschen. »Und Hände hoch«, fügte sie hinzu. Das hätte sie besser nicht getan, obwohl der junge Mann diesmal tat, was sie sagte, aber so schnell und mit so viel Schwung, dass Frau Loth die schwere Tasche an der Schläfe traf. Ihr Kopf wurde herumgerissen, sie strauchelte, stolperte über die Teppichkante und knallte mit dem Hinterkopf auf den Sekretär. Frau Loth hörte noch das Klappern, mit dem das Messer zu Boden fiel. Aber das Geräusch war schon ganz weit weg, so, als ginge sie es nichts mehr an. Ihr wurde schwarz vor Augen.

»Köööööööööööaaan Sieeeeee mii1eee höööööööööannnnnn?«, eine Stimme drang durch die träge schwappende Schwärze. Stöhnend öffnete Frau Loth die Augen. Ein Gesicht schwebte über ihr: silbergrauer Bart, gerunzelte Augenbrauen.

»Kann mir mal einer erklären, was hier los ist?«, fragte der Mund, der zu dem Gesicht gehörte. Der Mann, der zu Mund und Gesicht gehörte, schob sich die weiße Schirmmütze aus der Stirn. »Können Sie mich verstehen?«

Frau Loth nickte, sofort fuhr ihr ein stechender Schmerz vom Hinterkopf zum Steiß. Tränen trübten ihren Blick. Wo war der Einbrecher? Und wer war der Mann. Etwa jemand von der Zeitung? Und sie lag hier auf dem Boden. Hoffentlich hatte er noch kein Foto gemacht. Sie war wirklich nicht mehr in dem Alter, in dem man liegend gut aussah.

»Ich bin Polizeiobermeister Wernicke.« Der Mann sprach sehr langsam und tippte sich mit dem Finger gegen die Brust.

Frau Loth blinzelte. Polizei? Wie konnte das denn sein. Hatte sie etwa doch angerufen? Sie versuchte sich zu erinnern. Sie hatte Hände hoch gesagt und dann …

»Die ist hier einfach rein und hat mich mit einem Messer bedroht.«

Frau Loth schaute in die Richtung, aus der die Stimme kam. Der Einbrecher saß am Esszimmertisch und schaute ebenfalls auf sie herab. Freundlich sah er nicht aus. Und Handfesseln trug er auch nicht. Das war doch gefährlich.

»Glauben Sie dem Kerl kein Wort.« Frau Loth versuchte sich aufzurichten, sofort drehte sich der Raum wie ein Karussell. Kraftlos sank sie zurück auf das Sofakissen, das unter ihrem Kopf lag. »Er ist ein Einbrecher«, fügte sie hinzu. »Ich hab ihn auf frischer Tat ertappt.« Der Satz gab ihr Kraft. Sie hob die Hand. »Schau’n Sie in seiner Tasche nach.«

Sie starrte den Mann an, der entgeistert den Kopf schüttelte. »Das glaub ich jetzt nicht«, sagte er.

Ja, dachte Frau Loth. Spiel du nur den Unschuldigen, aber wenn sie erst einmal die goldenen Bilderrahmen und die Sparbücher in deiner Tasche finden, bist du dran.

»Wie sind Sie eigentlich reingekommen?«, fragte der Polizist. »Die Tür stand offen«, murmelte Frau Loth. Warum schaute er nicht in die Tasche. Sie an seiner Stelle hätte es schon längst getan.

»Und das haben Sie von der Straße aus gesehen?«

»Nein.« Frau Loth ärgerte sich über die Begriffsstutzigkeit des Polizisten. Warum quälte er sie mit seinen Fragen, anstatt seine Pflicht zu tun? Vielleicht war er überhaupt kein Polizist. Frau Loth musterte ihn kritisch. Nein, entschied sie. Echt ist der bestimmt. »Ich hab’s gesehen, als ich die Zeitung in den Kasten gesteckt hab.«

»Da sehen Sie, dass die Frau lügt.« Der Einbrecher strich sich die dunklen Haare aus dem Gesicht. Dabei spreizte er den kleinen Finger ab, als hielte er eine Teetasse. Und plötzlich wurde es Frau Loth warm und kalt zugleich: Das Bild mit dem Leuchtturm. Genau die gleiche Geste. Oh Gott, was hatte sie getan?

»Abbestellt hab ich sie.« Der Mann öffnete die schwarze Tasche. »Warten Sie. Hier hab ich’s. Da!« Triumphierend streckte er dem Polizisten einen Zettel entgegen. »Die Alte ist verrückt!«

»Hhm.« Der Polizist streckte die Hand aus, um Frau Loth auf die Beine zu helfen. »Dann muss ich Sie wohl mitnehmen.«

Von seinem festen Griff gestützt, verließ Frau Loth das Haus. Blaulicht. Menschen, die sie anstarrten. Ein Mann stellte sich ihnen in den Weg. Frau Loth erkannte ihn sofort. Er hatte auch die Fotos auf der Brücke gemacht. Sie drehte den Kopf weg. Zu spät.

»Verrückte Alte bedroht Erben!«, hörte sie ihn sagen, als der Polizist ihr in den Streifenwagen half. »Wenn das mal keine Headline ist.«

Die Kofferträger von Amöneburg

PETER GODAZGAR

Amöneburg also. Klar, man könnte einfach hinfahren und sich das Städtchen angucken. Bisschen rumspazieren, in einem Café einkehren, schön Käffchen trinken. Könnte man machen.

Geht aber nur, wenn man nicht mit Claus Corinth verheiratet ist. Claus Corinth fährt nicht einfach irgendwo hin. Er spaziert auch nicht einfach so rum.

Corinth bereitet sich vor. Corinth recherchiert. Corinth druckt aus. Corinth heftet ab. Und dann packt Corinth alles in seinen schwarzen Aktenkoffer. Corinth macht Ausflüge grundsätzlich nur mit seinem schwarzen Aktenkoffer. Er stand mit seinem schwarzen Aktenkoffer schon im Louvre und auf dem Brocken. Nicht ohne meinen Aktenkoffer – das ist Corinths Maxime. Und im Aktenkoffer: Leitz-Ordner. Manchmal einer. Manchmal mehrere. Und in den Leitz-Ordnern: die ausgedruckten Informationen zur Reise.

Sigrid, Corinths Frau, erinnert sich an den Brasilien-Urlaub: zwei Aktenordner, zwei Reiseführer.

Ägypten: Drei Ordner, vier Reiseführer.

Berlin: Drei Ordner, fünf Reiseführer.

Über Amöneburg gibt es keinen Reiseführer. Oder jedenfalls hat Claus keinen gefunden. Darum hat er nur einen Leitz-Ordner. Einen schmalen. Rückenbreite 50 Millimeter.

* * *

Amöneburg also. Klar, man könnte einfach hinfahren, und sich das Städtchen angucken. Bisschen rumspazieren, in einem Café einkehren, schön Käffchen trinken. Könnte man machen.

Kevin kann das nicht. Er muss was erledigen in Amöneburg. Was Wichtiges. Keine komplizierte Sache, eigentlich. Miguel hat gesagt, er soll einfach nur den verdammten Koffer mit dem verdammten Geld nehmen und zu der verdammten Ruine gehen. Dort würde ein Mann mit einem anderen Koffer warten. Einem Koffer voller Koks. Sie würden die verdammten Koffer tauschen und sich dann wieder vom Acker machen und zwar rápido. Das müsste er, Kevin, doch eigentlich hinkriegen, auch wenn er nur das Gehirn eines verdammten Geckos besitzt, verdammt noch mal! Hatte Miguel gesagt.

Kevin ist sauer. Miguel hat immer schlechte Laune, das nervt. Und noch mehr nervt, dass Miguel seine schlechte Laune immer an Kevin auslässt. Zur Beruhigung hat Kevin vor der Fahrt eine Tüte geraucht. Und dann noch eine während der Fahrt.

* * *

Amöneburg also. Klar, man könnte einfach hinfahren, und sich das Städtchen angucken. Bisschen rumspazieren, in einem Café einkehren, schön Käffchen trinken. Könnte man machen.

Fragt sich bloß: Warum um alles in der Welt sollte man das machen?

Stulle schüttelt den Kopf. Was das nun wieder sollte. Amöneburg! Komplizierter ging’s wirklich nicht. Die Kofferübergabe hätten sie genauso gut in Marburg erledigen können. Oder gleich in Frankfurt. Aber nein, warum einfach, wenn’s umständlich geht? Na ja, schön ist’s hier ja immerhin, dieser weite Blick ins Land, hinter ihm die Burgruine. Stulle sieht sich um. Und welche Bank meinte sein Chef nun, hier gibt’s mehrere Bänke. Na ja, sie würden sich auf dem freien Gelände schon nicht verpassen. Er spaziert zu einer Bank und stellt den Koffer daneben ab. Er guckt auf die Uhr und stellt fest: Er ist viel zu früh. Ächzend sackt Stulle auf die Bank, zückt sein iPhone und schickt eine Nachricht an Estefania.

* * *

Vor seiner Pensionierung war Claus Corinth Sachbearbeiter bei einer Versicherungsgesellschaft, zuständig für die Namen »Kl« bis »Pr«. Wenn Claus Corinth nicht anwesend war, nannten ihn seine Kollegen nur bei seinem ebenso naheliegenden wie wenig schmeichelhaften aber gleichwohl treffenden Spitznamen. Ja, sein Nachname war Teil des Spitznamens.

Auf der Autobahn versorgt Claus Corinth Sigrid mit den wichtigsten Erstinformationen über Amöneburg. In Kerstenhausen, gleich an der A 49, hat er getankt. Claus Corinth hat eine Handy-App, mit der er gucken kann, an welcher Tankstelle der Sprit gerade am günstigsten ist. Sigrid muss allerdings zugeben: Die Unterschiede sind in der Tat gewaltig. Preissprünge von mehr als zwanzig Cent sind keine Seltenheit. Sigrid versucht erst gar nicht, ein System dahinter zu entdecken. Claus jedoch hat den Ehrgeiz, das System – welches auch immer – auszutricksen.

Dann erreichen sie Amöneburg. Dieser Ort ist auf seine Weise wirklich einmalig. Ein einsamer Berg … nun ja, eine Erhebung. Und obendrauf ein Städtchen.

Claus lenkt den Wagen über eine kurvige Straße die Anhöhe hinauf.

»365«, sagt er. »Das kann man sich gut merken.«

»365?«, fragt Sigrid.

»365 Meter. So hoch ist Amöneburg. 365 Meter. So hoch wie es Tage im Jahr gibt.«

»Aha. Interessant.«

»Amöneburg steht auf einem Basaltkegel.«

»So?«

»Alles Basalt.«

»Interessant. Und was ist Basalt?«

Claus schüttelt nachsichtig den Kopf. »Eine Gesteinsart: Ein Ergussgestein, um genau zu sein.«

»Ergussgestein? Das klingt ja widerlich!«

»Entsteht, wenn Magma an die Erdoberfläche gelangt und schnell erkaltet.«

Sigrid hat nur mit halbem Ohr zugehört. »Toll!«

Claus registriert ihren Sarkasmus nicht. »Nicht wahr? Es muss hier irgendwo eine Stelle geben, an der man die Gesteinsschichten sehr gut sehen kann.«

Jetzt wird Sigrid hellhörig. »Irgendwo?« Diese Gelegenheit kann sie sich nicht entgehen lassen. »Weißt du etwa nicht genau, wo das ist? Was ist denn das für eine miserable Vorbereitung?«

Claus zieht eine säuerliche Miene.

* * *

Kevin parkt seinen alten Seat am Marktplatz. Er verspürt plötzlich ein irres Hungergefühl. Gut, dass da ein Dönerladen ist. Kevin bestellt einen Döner. Und danach noch einen zweiten. Dann ist er satt. Jetzt muss er nur noch diese Burg finden.

»Wosn hier die Burg?«, fragt er den Mann hinter der Theke.

Der Mann zeigt nach rechts. »Raus und dann rechts hoch. Zwei-, dreihundert Meter.«

Kevin nickt und verlässt den Dönerladen. Draußen überlegt er, was der Typ gesagt hatte. Ja, verdammt, er hat Konzentrationsprobleme, wenn er ein paar Tüten geraucht hat! Er sieht sich um. Und geht nach links unten.

* * *

Claus Corinth parkt den Audi kurz vor dem Ortseingang, sie steigen aus, er holt den Aktenkoffer auf dem Kofferraum, dreht das Zahlenschloss, lässt die Verschlüsse aufschnappen, greift den Aktenordner heraus und öffnet ihn. Obenauf liegt ein Stadtplan von Amöneburg. Darauf eingezeichnet, mit rosafarbenem Textmarker, eine kurvige Linie. Das ist der Weg, den sie gehen werden. Claus Corinth überlässt auch an einem so sonnigen Frühlingssonntag nichts dem Zufall.

»Mich würde vor allem interessieren, wo wir Kaffee trinken«, sagt Sigrid.

»Kein Problem! Gleich neben der Burgruine gibt es ein Café. Mit Terrasse und schöner Aussicht.«

* * *

Stulle starrt auf das Handydisplay. Estefania hat ihm gerade geschrieben, wie sehr sie ihn schon wieder vermisst, obwohl sie doch erst seit zwei Stunden getrennt sind. Stulle denkt über eine passende Antwort nach. Es muss irgendwas Romantisches sein. Endlich tippt er: »Gleichfalls.«

* * *

Claus und Sigrid spazieren auf einem Weg entlang der alten Stadtmauer. Der Blick ins Land ist herrlich. Claus plappert irgendwas von einem Wasserfall, irgendeine historische Geschichte, in der die Frauen von Amöneburg die Stadt vor Angreifern gerettet haben sollen: Die Angreifer waren am Neujahrstag erschienen, als die Amöneburger Männer noch besoffen waren, aber die Frauen hatten es bemerkt, weil sie trotz der frühen Stunde schon damit beschäftigt waren, Wäsche zu waschen. Jedenfalls haben sie den Angreifern die heiße Waschbrühe über die Köpfe geschüttet und sie auf diese Weise zurückgehalten, bis die Männer einsatzbereit waren.

»Und so konnte der Angriff abgewehrt werden«, doziert Claus.

Sigrid wüsste jemanden, dem sie auch mal Waschbrühe über den Kopf schütten würde.

* * *

Kevin spürt, dass er falsch ist. Hatte der Dönermann ihn vielleicht doch nach rechts geschickt? Mist! Er blickt auf die Uhr. In zehn Minuten muss er am Treffpunkt sein. Er tritt auf ein Ehepaar zu, der Typ textet seine Alte zu.

»Wo geht’s denn hier zu dieser Burg?«, fragt Kevin.

»Sie meinen vermutlich die Burgruine? Eine intakte Burg gibt es hier nämlich nicht«, sagt der Mann.

Korinthenkacker, denkt Kevin und nickt.

Der Mann weist ihm den Weg.

Kevin dreht sich auf dem Absatz um und läuft los.

»Nichts zu danken!«, ruft ihm der Mann sarkastisch nach.

* * *

»Hier ist ein Café«, sagt Sigrid ein paar Minuten später. »Das sieht doch hübsch aus.« Das Haus klebt quasi am Berghang, es hat eine Terrasse, die von der Sonne beschienen wird.

Claus schüttelt den Kopf. »Nein, ich habe ein anderes ausgesucht.« Er ärgert sich immer noch über den Typen ohne Manieren, dem er eben den Weg gezeigt hatte.

Sigrid stöhnt.

* * *

Endlich erreicht Kevin diese verdammte Burg. Er blickt sich um, sieht eine Bank und stellt den Koffer daneben ab. Was sollte er jetzt machen? Er verspürt schon wieder ein gewisses Hungergefühl. Die Wirkung der Joints hat ihren Höhepunkt erreicht. Er muss was essen. Sofort. Wenn er nur wüsste, wo dieser Dönerladen war. Er macht sich auf den Weg.

* * *

Sigrid und Claus erreichen die St. Johann-Kirche und dann die überreste der Amöneburg. Der Wind pfeift ordentlich über die Kuppe. Claus hat seinen Aktenkoffer neben eine Bank gestellt und doziert, den aufgeschlagenen Aktenordner in der Hand: »Der Name Amöneburg leitet sich von Amana ab, das ist der keltische Namen für die Ohm.«

Sigrid hat sich auf der Bank niedergelassen und genießt den Blick in die Landschaft.

»Ohm?«

»Der Fluss.«

Sigrid schließt die Augen.

Claus vermittelt sein Wikipedia-Wissen: Merowinger, Bonifatius, Erzbistum Mainz, Zerstörung, Wiederaufbau, Dreißigjähriger Krieg, Besetzung, Rückeroberung, erneute Zerstörung, endgültiger Abriss im Jahr 1839.

»Interessant, oder?«

Sigrid öffnet die Augen. »Wo ist denn jetzt dieses Café.«

* * *

Stulle ist in eine Whatsapp-Plauderei mit Estefania vertieft. Er kennt sie seit zwei Wochen, und sie verspricht ihm gerade, dass sie ihn heute Abend richtig verwöhnen wird. Stulle grinst. Es dauert einen Moment, bis er das alte Paar sieht, das da ein paar Dutzend Meter weiter auf eine andere Bank zugeht. Der Mann plappert irgendwas. Die Frau lässt sich auf der Bank nieder und schließt die Augen.

Stulles Handy vibriert. Estefania schreibt, dass sie … Stulle muss schlucken. Estefania, also wirklich …

In Stulles Hose vibriert es ebenfalls. Stulle schaut unkonzentriert zu den alten Leutchen und wird aufmerksam. Der Opa stellt einen schwarzen Koffer neben die Bank, dann geht die Frau auf einmal los, und der Alte hastet ihr hinterher. Stulle starrt auf den Koffer. Er ist verwirrt. Estefania. Der Koffer. Er steht auf.

* * *

»Wo ist denn jetzt dieses Café«, fragt Sigrid erneut.

Claus macht ein beleidigtes Gesicht. »Gleich dahinten, hinter der Schule.«

Sigrid steht auf und marschiert los.

»He!«, ruft Claus und läuft ihr nach. »Man muss doch auch wissen, was man sieht. Man muss sich doch für die Umwelt interessieren.«

Sigrid läuft weiter. Hohes Tempo. »Ich interessiere mich ganz wahnsinnig für meine Umwelt. Aber nur, wenn in dieser Umwelt gleich ein Kaffee steht.«

»Also bitte … Was soll denn das?« Claus hastet hinter ihr her.

Sie passieren das Schulgebäude, aus dem gerade das Pausenzeichen ertönt, und laufen an einem Friedhof vorbei.

* * *

Stulle nimmt den Koffer und betrachtet ihn. Ziemlich leicht, denkt er. Er versucht, ihn zu öffnen, aber es gelingt ihm nicht, weil ein Zahlenschloss dran ist. Sein Handy vibriert. Er schaut aufs Display. Er grinst. Diese Estefania, Junge, Junge! Gedankenverloren setzt er sich in Bewegung, während er mit einer Hand eine Antwort an seine Freundin tippt.

* * *

Kevin ist stolz auf sich. Er hat den Dönerladen tatsächlich gefunden. Er will gerade eintreten, da fällt ihm ein, was Miguel gesagt hatte: Stell den verdammten Koffer hin – und nimm den anderen verdammten Koffer! Kevin betrachtet seine Hände. Sie sind leer. Beide. Kevin wird heiß. Er dreht sich um und fängt an zu rennen. Nach ein paar Metern bleibt er stehen. Wo war diese verdammte Burg?

* * *

»Und wo ist dieses Café nun?«, fragt Sigrid gereizt.

Claus bleibt stehen und blättert in dem Aktenordner. »Das muss …«, er zögert, schaut auf, blickt wieder auf die Karte, glotzt auf das Haus, vor dem sie stehen. »Das muss hier sein. Eigentlich.«

»Das ist ein ganz normales Wohnhaus.«

»Nein, das kann nicht sein. Hier …« Er hält ihr den Ordner mit dem aufgeschlagenen Plan entgegen. Plötzlich blickt er sich hastig um. »Mein Aktenkoffer!«, ruft er.

Sigrid stöhnt. Claus dreht sich um und hastet in Richtung Burgruine.

* * *

Kevin ist noch stolzer auf sich. Er hat die Ruine wiedergefunden. Wo ist denn jetzt diese Bank? Er blickt sich hektisch um. Da! Und da steht auch der Koffer! Er atmet erleichtert auf. Er greift den Koffer und stapft davon.

* * *

»Ich habe ihn an der Bank stehen gelassen«, ruft Claus über die Schulter. »Das ist nur deine Schuld! Du mit deinem blöden Kaffee!« Er hastet am Friedhof vorbei und am Schulgebäude, aus dem gerade einige Kinder herauskommen.

Sigrid trottet hinter ihm her. Sie holt ihn erst an der Ruine ein, er steht vor der Bank.

»Der Koffer ist weg«, ruft er, und in seiner Stimme liegt echte Verzweiflung.

Sie zeigt nach rechts. »Da steht er doch.«

Claus stutzt. »Aber … Ich dachte … Ich hatte ihn doch hier abgestellt.«

Er geht zu der anderen Bank, beugt sich hinab und hebt den Koffer in die Höhe. »Das ist nicht meiner«, murmelt er, und dann öffnet sich der Koffer. Dinge fallen heraus, viele Dinge. Kleine Säckchen. Gefüllt mit irgendeinem Pulver.

* * *

Stulle tippt grinsend auf seinem Display. Ein Speichelfaden läuft an seinem Mundwinkel herab. Er wischt ihn mit einer schnellen Bewegung ab.

* * *

Sigrid und Claus starren auf die Säckchen, die auf dem Boden liegen.

Sie hören Geschrei. Lachen. Rufen.

Claus blickt sich hastig um. Er bückt sich, nimmt eines der Päckchen, hebt es hoch.

Das Päckchen reißt, weißer Staub ergießt sich, der Wind bläst einen Gutteil des Staubs gegen Claus’ schwarzen Anzug. Claus entfährt ein Schreckensschrei.

Ein paar Jugendliche kommen näher. Jeder, wirklich jeder einzelne Jugendliche hält ein Smartphone in der Hand. Die Jugendlichen knuffen sich in die Seiten, sie richten ihre Handys auf Claus.

»Cool, Alter«, sagt ein Junge. »Verkaufste uns was?«

Ein paar seiner Kumpels lachen.

»Das … Das ist nicht von mir«, stammelt Claus.

* * *

Kevin sitzt in seinem Seat und starrt in den Koffer. Es sind Geldscheine drin. Gebündelte Geldscheine. Er versucht sich an das zu erinnern, was Miguel gesagt hatte. Sollte er nicht Koks abholen? Es dauert einige Minuten, bis er sich einen Reim drauf machen kann. Er muss da was falsch verstanden haben, sagt er sich. Wahrscheinlich ging es nicht um Drogen, sondern um Falschgeld. Er verzieht das Gesicht. Ihm soll’s egal sein. Er zündet sich einen weiteren Joint an. Dann startet er den Motor.

* * *

»Das ist nicht von mir.« Claus wiederholt diesen Satz wie ein Mantra. »Das ist nicht von mir.«

»Sie wollen uns doch nicht ernsthaft einreden, Sie hätten den Koffer hier gefunden«, sagt der Polizist.

»Hier, in Amöneburg«, ergänzt sein Kollege und verdreht die Augen.

»Doch!«, ruft Claus. Er dreht sich zu Sigrid um, aber seine Frau ist verschwunden.

* * *

Stulle sitzt in seinem Renault, der Koffer liegt auf dem Beifahrersitz. Er startet den Motor und macht das Radio an. Eine gute Stunde würde er bis nach Frankfurt brauchen. Er freut sich auf Estefania. Bis dahin würde er sich mit dem Hörbuch ablenken, das er schon auf der Hinfahrt gehört hatte. Eine total verrückte Story über einen misslungenen Drogendeal. Bereits auf dem Weg nach Amöneburg hatte er ordentlich lachen müssen über diese ganzen Deppen.

* * *

Sigrid sitzt auf der Terrasse des Cafés am Berghang und schaut übers Land. Die Sonne wärmt ihr Gesicht, der Kaffee wärmt ihren Körper. Sie trinkt einen Schluck. Claus soll jetzt erst mal ein bisschen warten. Amöneburg, denkt sie. Was für ein hübsches Städtchen.

Blutmondnacht

JÜRGEN HÖVELMANN

Einige Kilometer südlich von Marburg, am Zusammenfluss von Lahn und Allna, ist unweit des Ortes Niederweimar die »Zeiteninsel« geplant. Auf einem künstlich aufgeschütteten Areal in den Flussauen wird in der Nähe von historischen Ausgrabungsstätten ein Gelände entstehen, auf dem fünf verschiedene Zeitstationen von der römischen Kaiserzeit (um Christi Geburt) bis zurück in die Mittelsteinzeit (ca. 9000 v. Chr.) dargestellt bzw. erlebbar gemacht werden.

Die Geschichte, um die es hier geht, spielt in einem kleinen Weiler der Eisenzeit (ca. 500 v. Chr.), wie er in der zweiten Station der Ausstellung auf der »Zeiteninsel« präsentiert werden soll.

Ja, man nennt mich Peredur, das ist mein Name. Ich spüre eure fragenden Blicke und auch die Anklage, die in ihnen liegt. Viele werden mich für verrückt halten, aber sagt selbst: Wie viel verrückter wäre es wohl gewesen, den Dingen ihren freien Lauf zu lassen?

Ich lebe mit meiner Sippe am Zusammenfluss von Lahn und Allna. Früher war ich bekannt als Jäger, aber heute, wo sich mein Leben dem Ende zuneigt, bin ich für alle nur noch ein alter Mann. Sehr lange weile ich nun bereits unter den Lebenden und wer weiß schon, wie wenig Zeit mir noch bleibt, bis mich irgendeine Krankheit oder ein anderer heimtückischer Dämon endgültig dahinrafft? Es kann nicht mehr allzu lange dauern, denn ich bin einer der betagtesten Männer meiner Sippe.

Es ist schon unzählige Monde her, dass ich bei der Jagd verkrüppelt wurde. Mein rechter Arm ist seitdem ein einziges schlecht verheiltes Wundmal. Drei Finger meiner rechten Hand fehlen, und auch Teile meines Gesichts haben die Wölfe entstellt – an jenem Tag, als sie mich in einen Hinterhalt lockten, aus dem es kein Entrinnen gab. Aber das ist eine andere Geschichte. Die Ereignisse, derentwegen ich mich heute zu rechtfertigen habe, sind erst seit einigen Monden vergangen.

Seit ich entstellt wurde, bin ich kein Jäger mehr. Die Gemeinschaft lässt mich Holz sammeln, denn dazu tauge ich noch, wie auch zum Hüten der Schafe und Rinder. Keine Arbeiten für einen Mann, der einmal zu den stolzesten Ernährern der Sippe gehörte. Aber auch wenn mein Haar langsam grauer wird, so ist mir wenigstens meine frühere Muskelkraft geblieben. Die meisten von uns arbeiten auf dem Felde, aber dafür kann ich nicht mehr eingesetzt werden. Seit meiner Verwundung fehlt mir einfach das Geschick, einen Acker zu bestellen.

Immerhin genießt mein Wort bei unseren Anführern einige Wertschätzung, das kann mir niemand mehr nehmen. Der weise Myrddin lässt mich häufig an seinen überlegungen teilhaben. Oft diskutieren wir bis spät in die Nacht. Wenn alle anderen schon in ihren Hütten verschwunden sind, sitzen wir noch am Lagerfeuer und teilen einander unsere Gedanken mit.

Auch bei Koloman, der die Geschicke unserer Sippe leitet, genieße ich hohes Ansehen. Bevor er seine Entscheidungen trifft, werde ich häufig nach meiner Meinung gefragt. Das sind die Momente, in denen mir bewusst wird, dass ich doch noch zu etwas tauge. Dann denke ich manchmal, dass mein Dasein doch noch mehr bereithält, als das eines einfachen Holzsammlers und Viehhirten. Ihr seht, ich habe einen gewissen Rang in unserer Gemeinschaft. Niemand käme also auf den Gedanken, ich könnte den Verstand verloren haben.

So haben mich auch am Vorabend der Ereignisse Myrddin und Koloman wieder ins Vertrauen gezogen. Was der weise Schamane uns zu sagen hatte, war aber auch von größter Bedeutung für unser aller Leben: Er sagte, eine Krise würde heraufziehen. Die Götter hätten sich gegen uns verschworen und würden uns schon bald auf eine schwierige Probe stellen. Die Mächte der Natur sollten sich gegen uns wenden und die Götter würden nur durch eine Opfergabe wieder zu besänftigen sein.

Das sagte er mit einem Blick auf mich. Ich wusste sofort, dass ich dies als Aufforderung zu verstehen hatte, mich der Sache anzunehmen.

»Denkst du an jemand bestimmtes?«, fragte ich ihn unsicher, obwohl ich für meinen Teil bereits eine Entscheidung getroffen hatte.

»Das überlasse ich ganz deinem Willen«, antwortete er. »Aber wir wissen alle drei, wer aus unserer Sippe sicher nicht zum Wohlgefallen der Götter handelt.«

»Ihr Verhalten ist eine Schande für unsere gesamte Gemeinschaft«, sagte Anführer Koloman und wendete sich dann ganz offen mir zu. »Also meinen Segen hast du!«

Am nächsten Abend stand ich auf dem zentralen Feuerplatz unserer kleinen Ansiedlung und hatte bereits begonnen, Holz aufzustapeln. Später, wenn die Nacht Einzug hielt, wollten wir das Feuer entfachen, um uns daran zu wärmen und um wilde Tiere fernzuhalten. Ich schaute hinüber zu den Stallungen. Unweit der Stelle, wo auch wir Menschen des Weilers uns regelmäßig erleichterten, sah ich sie!

›Oh, Belana! Zu lange schon hast du meine Blicke auf dich gezogen. Kaum einen Mann der Sippe hast du jemals ausgelassen, nur an mir konntest du stets vorbeigehen.‹

Und wie sie ihr Fleisch an den muskulösen Körper Adairs drückte. Hatte ich sie nicht erst vor einigen Tagen mit seinem Bruder Alanus gesehen? Junge, gut gebaute Jäger in ihrer vollen Manneskraft konnten ihr wohl gefallen.

›Ich weiß schon, was du bei ihnen suchst, was du bei mir nicht zu finden glaubst. Können sie es dir geben?‹

Adair sagte etwas, worauf sie ihn herzlich anlachte. Ihr Frohsinn tat mir in der Seele weh. Warum konnte sie mir niemals so begegnen? Sie mit ihren wollüstigen Lippen, der langen Mähne und der weit offenen Karobluse, die großzügige Einblicke auf ihren vollen Busen bot, hätte jeden Mann der Sippe haben können – und vermutlich hatte sie bereits fast jeden von ihnen.

Am Nachmittag hatte ich ihr gesagt, dass wir beide in der Nacht an den Fluss wandern müssten. Sie hatte nur genickt, ahnte nichts mit ihrem allzu kindlichen Gemüt.

Ich stapelte weiter das Holz auf, aber konnte nicht anders, als immer wieder zu den beiden jungen Leuten hinüberzublicken, die sich immer näherkamen. Es brannte mir in den Augen und noch mehr auf der Seele, ihnen zuschauen zu müssen, aber dennoch konnte ich meine Blicke nicht von ihnen lassen.

Es wurde langsam dunkler, längst war das Feuer entfacht, das Nachtmahl eingenommen. Kälte schien vom Fluss heraufzuziehen, sich aller zu bemächtigen. Hier war der Ort, wo die Gemeinschaft gerne am Abend zusammenkam, um miteinander zu trinken und sich zu beratschlagen. In jener Nacht jedoch war alles anders. Kaum jemand sagte etwas. Obwohl Myrddin niemandem außer Koloman und mir von seiner Vision erzählt hatte, lag eine stille Spannung über dem Platz.

Wenngleich ich nah am Feuer saß, zog ich den überwurf enger über meinen Kittel, denn mir liefen kalte Schauer über den Rücken. Die Flammen malten zuckende Lichter auf die Gesichter der Anwesenden. Alle waren sie in jener Nacht gekommen, selbst die Schwachen und Kranken, die sich sonst schnell in ihre Hütten zurückzogen. Sogar die Schwachsinnigen waren an diesem Abend mit dabei. Obwohl alle stets streng darauf achteten, sich nur mit den Mitgliedern der Sippe zu paaren, damit unsere Linie bewahrt blieb, kam es immer wieder zu Fällen von Geisteskrankheit oder auch seltsamer körperlicher Gebrechen in unserer Gemeinschaft. Sie waren sonst eher Außenseiter und gingen ihre eigenen Wege, aber an jenem Abend schienen auch sie wie magisch angezogen von etwas Seltsamem, das in der Luft lag.

»Hört ihr?« merkte die alte Moja, die große Mutter, auf. Angsterfüllt und rastlos blickten ihre Augen in der Runde umher.

»Ja«, flüsterte Sirona, die nach der keltischen Göttin der Heilung Benannte, mit belegter Stimme. »Die Tiere geben seit einer Weile keinen Ton mehr von sich. Das ist unheimlich!«

Alle rückten noch ein kleines Stück näher zusammen. Das Gefühl der Gemeinschaft hatte etwas Wohltuendes an sich.

»Beruhigt euch!«, rief Koloman zur Ordnung auf und versuchte, seiner Stimme den Anschein von Gelassenheit zu geben. »Immerhin haben wir eine Vollmondnacht. Wir haben also beste Sicht. Es wird schon nichts passieren.«

Sehr überzeugend war er dabei nicht. Zu sehr konnte er sich an die Weissagung des alten Myrddins erinnern, den er nun auch sorgenvoll anblickte.

»Es hat begonnen«, raunte dieser mir im Brustton der überzeugung zu und teilte den anderen nun ebenfalls seine Vision mit. »Die Götter haben sich gegen uns verschworen, ich habe es gewusst!« Mit ruhiger, gefasster Stimme erzählte er den Mitgliedern der Sippe, was er Koloman und mir bereits am Vortag gesagt hatte.

Mit großem Entsetzen hörten ihm alle zu. Sein Wort hatte großes Gewicht in der Gemeinschaft. Viele Male schon hatte er mit seinen Voraussagen recht behalten.

Die Minuten verstrichen und immer mehr machte sich ein ungutes Gefühl in der Runde breit. In allen Anwesenden schien die Gewissheit aufzusteigen, dass sich Myrddins Prophezeiung einmal mehr als richtig erweisen sollte. Den ganzen Tag über hatten dunkle Wolken den Himmel verhangen, aber seit einer ganzen Weile ließen größere Lücken Mond und Sterne hervorscheinen.

»Da seht!«, schrie einige Zeit später eine junge Frau namens Meriel auf und deutete zum Himmel, »dort liegt ein Schatten auf dem Mond!«

Wir konnten es kaum glauben, aber die junge Frau hatte recht. Langsam, immer weiter und weiter, schien sich ein kreisrunder Schatten von links über den Mond zu ziehen, der an diesem Abend auch noch ganz besonders groß wirkte.

Es half nichts, ich musste das Versprechen, das ich den beiden anderen gegeben hatte, einhalten. Bald schon würde ich mit Belana zum Fluss gehen. Es gab keine andere Lösung, jetzt wo sich Myrddins Weissagung zu bewahrheiten schien.

»Oh ihr Götter!«, schrie die alte Moja. »Welcher Frevel mag euch erzürnt haben, dass ihr das Antlitz der Natur auf diese Weise entstellt. Ich habe schon so vieles erlebt, aber das ist mehr als mein Geist erfassen kann.«

Alle waren aufgestanden und schauten ungläubig zum Himmel. Selbst jene, die sonst immer zu allem viele Worte fanden, konnten, so schien es, nicht begreifen, wie ihnen geschah.

Immer weiter rückte der Schatten über dem Mond vor. Ein großer Teil seiner linken Seite war schon bedeckt und es wurde immer dunkler. Selbst das Feuer schien erlöschen zu wollen, als würde es sich den seltsamen Ereignissen ergeben. Myrddin fasste zwei Mitglieder der Sippe bei den Händen und ließ sie alle gemeinsam einen großen Kreis bilden. Bald wurden hektisch Gebete angestimmt. In dem Stimmenwirrwarr konnte ich nur einzelne, kaum verständliche Wortfetzen ausmachen.

Ich fasste Belana bei der Hand, zog sie aber aus dem Kreis der Betenden heraus.

»Komm, mein Kind, wir müssen gehen!«

»Ausgerechnet jetzt?«, fragte sie entsetzt. Natürlich bereitete ihr der Gedanke Angst, den Schutz der Gemeinschaft zu verlassen und mit mir hinaus ins Ungewisse zu gehen.

»Ja, es muss sein«, betonte ich. »Es ist etwas, das wir für uns alle hier tun müssen!«

Ein wenig musste ich sie hinter mir herziehen. Fast unbemerkt von den anderen konnten wir uns von der Feuerstelle entfernen, denn wie gebannt starrten alle zum Himmel. Nur Koloman und eine der älteren Frauen nahmen kurz Notiz von uns und schauten uns einige Augenblicke hinterher.

»Wo gehen wir denn hin?«, fragte die junge Sünderin.

»Schweig, mein Kind. Du wirst es schon sehen.«

Noch bevor die Kleine schreien und weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen konnte, schaffte ich sie von jenem Ort weg und einen kleinen Abhang hinab. Dahinter wurde die Landschaft wieder flacher und wir mussten unsere Schritte mit etwas weniger Bedacht setzen.

Und wieder ging mein Blick zum Himmel. Welch seltsames Schauspiel ereignete sich da? Nackte Panik stieg in mir auf. Hatte der Schamane wirklich recht, und die Götter sich gegen uns verschworen? Mittlerweile glaubte ich seiner Prophezeiung ohne jeden Vorbehalt. Hoffentlich würde meine Tat die gewünschte Wirkung erzielen. Immer widerwilliger ließ sich allerdings Belana mitführen.

Nach einigen Minuten erreichten wir das schilfige Randgebiet des Ufers.

»Ich will lieber zurück!«, rief sie und beschleunigte damit nur noch meine Schritte. Immer fester und unerbittlicher wurde der Griff meiner gesunden linken Hand.

›Hättest du mir nur jemals mehr Aufmerksamkeit geschenkt!‹, dachte ich bei mir. ›Vielleicht hätte ich jetzt eine andere dazu auserkoren. Es ist deine eigene Schuld, dass es so weit kommen muss.‹

Ich war häufig am Fluss, dort kannte ich mich aus. Wie oft schon war ich in einem unbeobachteten Moment hierher gekommen und hatte den Stimmen aus dem Reich der Toten gelauscht, die man hier unten am Fluss vernehmen konnte? Diese Stimmen, die ein Lied sangen von bitterer Vergänglichkeit. Sie wollten mich sanft zu sich auf den Grund des Flusses rufen. An jenem Abend hörte ich sie lauter als jemals zuvor.

›Da, ich höre sie ganz genau. Einige Augenblicke noch, dann sind wir ganz nah bei ihnen.‹

Ich verharrte an einer Stelle, um sie besser zu verstehen. Sie sprachen so klar und deutlich zu mir, wie ich gerade zu euch rede.

»Gleich sind wir da. Hörst du ihre Rufe?«, fragte ich Belana.

Die Hure schaute mich mit einem verständnislosen Blick an. Danach eilten ihre Augen panisch zwischen mir und dem Mond hin und her, dessen Fläche nun fast vollständig wie von einer zweiten flachen Scheibe bedeckt schien.

»Endet hier nun alles?«, fragte sie mit bebender Stimme, dabei schien sie allerdings weniger mit mir als mit dem Mond zu reden.

Wer war nun verrückt? Ich war es ganz gewiss nicht! Ich war vielmehr der Einzige, der die Gemeinschaft retten konnte. In meinen Händen lag unser aller Wohl und Wehe.

Ich führte sie weiter an den Rand des Flusses. Noch eine kurze Böschung und wir waren angelangt. Schon standen wir bis an die Knöchel im Wasser. Der Saum ihres langen Rockes wurde nass.

»Was geschieht denn nun?«, fragte sie wieder und ihre Augen weiteten sich, als sie sah, dass sich der Mond rot gefärbt hatte. Sie wollte noch etwas sagen, aber der Anblick hatte ihr die Stimme verschlagen. Auch ich konnte es kaum glauben und starrte wie gebannt hinauf.

»Es muss getan sein«, sagte ich. »Wir können nicht noch mehr Zeit verlieren.«

Sie zögerte kurz, wusste nicht, was sie antworten sollte. Panik schien ihre Gesichtszüge zu lähmen.

»Kannst du sie nicht hören? Die Toten am Grund des Flusses. Hörst du nicht, wie sie nach dir rufen?«

»Peredur, du bist völlig wahn…!« versuchte sie noch zu schreien, doch ich unterbrach sie.

»Euch zum Wohlgefallen!«, rief ich laut aus. Die drei Worte waren ebenso zum Mond gerichtet, wie auch an die Toten in den kühlen Fluten.

Sie wollte sich losreißen, aber ich hielt sie noch immer fest gepackt. Ihren kurzen Moment der Unachtsamkeit nutzte ich aus und zerrte sie nun vollends in das Wasser hinein.

»Ich weiß, sie rufen auch mich, aber meine Stunde ist noch nicht gekommen! Kannst du sie nun endlich hören?«

Sie wollte noch etwas sagen, aber sie brachte nur noch ein kurzes Gluckern zustande, während ich sie unter die Wasseroberfläche drückte. Ein Schwall großer Luftblasen stieg auf, als sie sich mit Händen und Füßen zu wehren versuchte. Danach folgten zahlreiche kleinere Bläschen.

»Du hättest es anders haben können, doch nun ist dein Leben verwirkt!«

Ich spürte, wie mir ihre Fingernägel einige tiefe Wunden in die Unterarme rissen, aber unbeirrt drückte ich sie weiter unter Wasser. Trotz der allgegenwärtigen Dunkelheit meinte ich, ihre weit aufgerissenen Augen dicht unter der Wasseroberfläche zu sehen. Ein Anblick, den ich lange nicht vergessen werde, obwohl ich mir selbst nicht erklären kann, warum ich ihren Todeskampf überhaupt in dieser Schattenwelt beobachten konnte.

Sie versuchte, mir in die Hände zu beißen, aber sie kam nicht heran. Zu geschickt hatte ich sie gefasst. Ein Verrückter wäre zur Planung und Ausführung der Tat niemals fähig gewesen! Auch wenn mir einige Finger fehlen, hielt ich sie unerbittlich unter Wasser. Ja, unbändige Kraft habe ich trotz allem noch!

Während ihre Zuckungen langsam ein wenig nachließen, gelang es mir, die Augen von ihr zu lassen, und den blutroten Mond zu betrachten. Völlig ungeachtet meiner Tat, hatte sich an seinem Anblick nichts geändert. Große Panik wollte in mir aufsteigen. Sollte sich die Mühe nicht gelohnt haben? Nahm das Schicksal nun doch völlig unbarmherzig seinen Lauf? Sollten wir trotz allem nicht verschont werden?

Noch einige letzte Zuckungen, ein finales sanftes Beben, und alles Leben war endgültig aus ihr gewichen. Ich beschwerte ihren Körper mit einem kleinen Felsbrocken, den ich mir schon am Nachmittag zu diesem Zweck ausgesucht hatte. War es nicht äußerst geschickt, wie ich den schweren Block mit zahlreichen Streifen Schilf an ihr festzurrte? Niemand, der nicht bei Verstand ist, bringt es zu solch einer Meisterschaft in dem, was er tut!

Ich sah ihr dabei zu, wie sie langsam auf den Grund des Gewässers glitt. ›Gehab’ dich wohl, du schönes Kind. Schade, dass wir nicht füreinander bestimmt waren! Mögen dich die Toten mit Freude empfangen. Sollen alle in Stille ruhen, bis sie auch mich dereinst in ihrer Mitte willkommen heißen!‹

Eine Weile hatte ich den Mond nicht mehr betrachtet. Jetzt, wo mein Werk vollendet war, fand sich wieder Gelegenheit dazu. Er wirkte nun nicht mehr ganz so glutrot, und der dunkle Schatten schien nach rechts aus ihm heraus zu wandern. Es hatte also ganz den Anschein, als hätte meine Tat die Götter doch noch besänftigt, ganz so, wie wir drei Eingeweihten es im Sinn gehabt hatten.

Als ich wieder an der Feuerstelle ankam, war die Angst einem angeregten Stimmengewirr gewichen. Koloman und der weise Myrddin schauten mich wohlwollend an, als ich ihnen mit einem kurzen Blick andeutete, dass die Tat vollbracht war.

Ich gesellte mich zu ihnen und blickte zufrieden zum Himmel. Der Schatten auf dem Mond war nicht mehr zu sehen, und auch seine rote Färbung war verschwunden.

Ihr seht nun: Ich habe im vollen Besitz meiner geistigen Kräfte wie auch im Sinne der Allgemeinheit gehandelt. Wie könnt ihr euch also anmaßen, über mich richten zu wollen?

Kopflos in Biedenkopf

RALF KRAMP

Nennen Sie mich ruhig Charly. Ich sage Ihnen, die Diagnose kam keinesfalls überraschend. Ich hatte schon seit geraumer Zeit diesen stetig ansteigenden Leistungsdruck gespürt, diese enger und enger werdende Umklammerung der knapp und knapper werdenden Zeit und der Anforderungen, die an mich gestellt wurden. Meine Arbeit ließ mir einfach keine Luft mehr zum Atmen. Ich erntete immer weniger Anerkennung für das, was ich tat. Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit gewesen, dass der Arzt mir die Benennung meiner Krankheit präsentierte: Burn-out.

Ja, da staunen Sie. Ich hatte auch nicht gewusst, dass auch mich in meinem Beruf so was hatte heimsuchen können. Ich bin Auftragskiller. Mein Job hat mir immer Spaß gemacht. Eine so vielgestaltige Tätigkeit, eine so kreative Beschäftigung. Aber auch dieser Berufsstand unterliegt nun einmal den Gesetzen der Globalisierung. Anstatt auf gute deutsche Wertarbeit zu setzen, auf beste Materialien und saubere Ausführung, bestellt man sich heute mühelos per Internet einen Killer aus dem Ural, der für Dumpingpreise arbeitet. Heutzutage ist es offenbar nur wichtig, dass das Opfer mausetot ist. Die künstlerische Gestaltung dieser Auslöschung scheint niemanden mehr zu interessieren.

Mitten in die lähmende Apathie, die schleichend von mir Besitz ergriffen hatte, war dann eines Tages die Nachricht vom Ableben meiner Tante Reinhilde geplatzt. Gut gekannt habe ich sie nicht. Eine Schwester meiner Mutter, und irgendwie meine einzige noch lebende Verwandte. Es war mir wie ein Fingerzeig des Schicksals erschienen, dass mir plötzlich eine Erbschaft ins Haus stand: Von heute auf morgen war ich Besitzer einer Immobilie in der stillen Abgeschiedenheit des mittelhessischen Hinterlands geworden. Ja, lachen Sie nicht, hören Sie doch erst mal zu. Ein unscheinbares Einfamilienhaus mit einer kleinen Einliegerwohnung am Fuße des Eschenbergs in Biedenkopf. Frau Breugel, die dicke alte Untermieterin, empfing mich freudig und weihte mich in den folgenden Wochen in die Geheimnisse von Biedenkopf ein. Sie ist sehr mütterlich.

Biedenkopf – das klingt schon so … bieder. Das hört sich nach Ruhe und Beschaulichkeit an. Das versprach mir in meinem Zustand rasche Genesung. Und so war es dann auch. Vom ersten Moment meiner Ankunft in dem Städtchen an der Lahn habe ich gespürt, dass Geist und Körper begannen, Energie zu tanken. Was für ein Kontrast zu meinem bisherigen Leben in den Metropolen der Bundesrepublik, mit ihren Flughäfen und Hotels, mit ihren riesigen Konzernsitzen, Mietskasernen und Parteizentralen. Was für einen Unterschied bieten diese putzigen bunten Fachwerkgassen zu den finsteren Großstadtschluchten, über die hinweg ich bisher mit seinem Nachtsichtgerät meine Ziele anvisiert hatte.

Hier trägt die Tageszeitung mit Stolz den Titel »Hinterländer Anzeiger«, und das Skigebiet den absurden Namen »Sackpfeife«, hier gibt es kein organisiertes Verbrechen und keine Großbordelle. Nicht mal Kleinbordelle. Halten sich hier nicht.

Hier gibt es Natur, schöne Aussicht und gute Luft. Und zwar jede Menge davon.

Ich konnte ja gar nicht anders, als hier gesund zu werden.

Es dauerte nicht mal ein Jahr, und ich war wieder topfit.

Ich weiß nicht, ob Sie das kennen, aber wie alles, über das man im übermaß verfügt, begann irgendwann auch die Entspannung mich zu langweilen. Immer nur spazieren gehen wird auch anstrengend. Egal ob mit oder ohne die alte Frau Breugel, die mich, glaube ich, fast adoptiert hat. Ja, es waren diese elend gemütlichen Spaziergänge, die eines Tages anfingen, mich richtig aufzuregen. Weil sie mich auf den immer gleichen Pfaden durch die Wälder rund um das Lahntal führten, hin zu den traditionellen Kartoffel-Bratplätzen und bei Wind und Wetter durch die Sträßchen der Oberstadt, wo ich die fein mit schwarzer Farbe hingepinselten Sinnsprüche in den Gefachen der alten Häuser schon fast alle auswendig kann.

So mancher geht vorüber

und nimmt es nicht in Acht,

daß jede viertel Stunde

sein Leben kürzer macht.

Ich fühlte plötzlich, dass mir etwas fehlte. Ich habe einen, wie ich finde, ordentlichen Beruf erlernt und habe ihn viele Jahre erfolgreich ausgeübt. Dazu hat mir mein großes Talent verholfen. Das Talent, das nun schon vier Jahreszeiten lang brachliegt.

Es kam mir plötzlich so vor, als sei das schon eine Ewigkeit her, dass ich zuletzt einen richtig schön sauberen Auftragsmord ausgeführt hatte. Ich erinnere mich genau. Ein Politiker. Christdemokrat. Badewanne. Der Klassiker.

Es war ein sonnendurchfluteter Junitag, an dem mein Spaziergang mich zum gefühlten dreihundertsten Mal zum Schloss hinauf führte. Ich stand an der Mauer, ließ den Blick über die bewaldeten Hügel des Hinterlandes schweifen, blickte auf die Stadt hinunter und guckte dem silbern glänzend Band der Lahn hinterher, das sich durch das bebaute Tal windet.

Hier ist alles Tradition und Folklore, hier bleibt man im Lande und nährt sich redlich. Kein Wunder, dass Karin Tietze-Ludwig mit Abstand die berühmteste Persönlichkeit ist, die aus Biedenkopf stammt.

Ich ging den Weg zum Schlosshof hinauf. Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Etwas war anders als sonst. Nicht das alte Gemäuer, nicht der trutzige, zinnenbewehrte Bergfried, nein, etwas in mir selbst. Ich versuche es mal so zu beschreiben: Eine Art vorfreudiger Unruhe, von der ich nicht wusste, wo sie herkam.

Wie von selbst führten mich meine Schritte rechter Hand durch das hölzerne Portal in die Räumlichkeiten des Museums. An diesem Tag herrschte großer Betrieb, denn das schöne Wetter hatte viele Wanderer angelockt. Ich schnappte Satzfetzen auf Holländisch und Englisch auf. Alles war mir bestens vertraut. Die riesige Esse der Burgküche, das liebevoll ausgestaltete Szenario mit der Postkutsche.

Auch in der ersten Etage war alles wie immer. Historische Gerätschaften aus den Hinterländer Haushalten, die Grenzgangstrachten – vergangene Zeiten, in Unbeweglichkeit erstarrt. Nein, trotzdem, etwas war heute anders. Als ich die Hand auf das Treppengeländer legte, sah ich, dass sie zitterte. Was war nur los?

Es ging weiter hinauf ins nächste Stockwerk. Und dort blieb mein Blick an einem großen Holzstamm und an mehreren martialisch aussehenden Äxten und Beilen hängen. Ich spürte, wie meine Fäuste sich in den Jackentaschen ballten. Das war es! Noch nie hatte ich mit einer Axt gearbeitet! Dies war das einzige Mordwerkzeug, das hierher passte, in diese Idylle. Eine ehrliche, rustikale Mordwaffe. Und im nächsten Moment durchzuckte mich ein weiterer Geistesblitz, und ich taumelte, vorbei an den überraschten Touristen, wieder hinunter in die Grenzgangs-Ausstellung.

»Der Stein, die Grenze, in Ewigkeit« Das ist die geheimnisvolle Formel, die beim Grenzgang deklamiert wird, bei diesem einzigartigen Volksfest, das nur alle sieben Jahre hier stattfindet. Ich hatte bereits schon so viele Geschichten darüber gehört. Tausende von Menschen marschieren aus einer alten Tradition heraus drei Tage lang die Grenzen des Stadtwalds ab und feiern dabei ein Fest, von dem sie sich offenbar erst einmal wieder sechs Jahre lang erholen müssen.

Und dann sah ich sie! Dort an der Wand waren sie ausgestellt: Die traditionellen Hüte und Schärpen der Grenzgang-Gesellschaften. Am ersten Tag des Grenzgangs wecken die Böllerschüsse vom Schloss die Bürger des Städtchens, und wenig später versammeln sich die elf Männergesellschaften und die acht Burschenschaften aus den einzelnen Straßen unter lauter Blasmusik auf dem Marktplatz, von wo aus das bunte Treiben sich dann seinen Weg bahnt.

Ich habe sie mir nie so richtig vorstellen können, all die kauzigen Rituale, die an den Grenzsteinen vollführt werden. Ein bunt kostümierter Mohr spielt eine wichtige Rolle, so viel kann ich sagen. Und Hauptmann und Reiter und Wettläufer und all so was. Und Bier. Sehr viel Bier auch.

Diese Hüte und die bunten Schärpen zogen meinen Blick magisch an. Ich dachte wieder an die schweren Äxte, und mit einem Mal sah ich die Köpfe, auf denen diese Hüte einmal gesessen hatten. Und ich bekam in diesem Moment eine unbändige Lust, wieder einmal zu arbeiten.

Als ich am Abend den ersten Namen auf einem Zettel notierte, war mir bewusst, dass diesmal alles anders sein würde als bei den Morden früherer Tage. Damals hatte ich im Auftrag anderer gehandelt. Dieses Mal trieb mich nichts weiter an als die eigene Kreativität. Serienmörder hatten mich von jeher fasziniert. Das waren Künstler, die immer das große Ganze im Blick hatten. Das wollte ich jetzt auch mal ausprobieren. Ich saß bei einer Tasse Kräutertee am Panoramafenster meines Wohnzimmers und studierte Telefonbücher und Heimatkalender. Unten auf der Terrasse saß Frau Breugel und reckte ihr faltiges Dekolletee zum Bräunen der Sonne entgegen. Neunzehn Morde, das war kein Pappenstiel, aber schließlich hatte ich ja fast ein ganzes Jahr dem süßen Nichtstun geopfert. Ich war jetzt wieder bereit.

Ich hatte mir vorgenommen, mit den Männergesellschaften zu beginnen und mich nach dem Alphabet durchzuarbeiten. Die erste Gesellschaft trug den wohlklingenden Namen »Galgenberg«. Glauben Sie nicht? Ist aber so!

Zuerst hatte ich erwogen, mir heimlich eine der historischen Äxte aus dem Museum zu borgen, aber das erschien mir dann doch zu riskant. Mit diesen alten Dingern machte man ja außerdem unter Umständen auch mehr kaputt als nötig. Ich fuhr extra bis nach Kassel, um mir im Fachhandel eine vernünftige Spaltaxt zu kaufen. An Kohlköpfen und Wassermelonen übte ich ein paar Tage lang heimlich, bis ich glaubte, den richtigen Schwung rauszuhaben.

Und dann knöpfte ich mir also Heinz Füchtner vor. Männerführer bei der Grenzganggesellschaft Galgenberg und Kassierer im Edeka Hercules. Ich fand ihn abends in der Kneipe »Zur Gini«, gleich beim Marktplatz. Da saß der Füchtner offenbar häufig und ausdauernd. Ich trank mein Bierchen und schielte immer wieder wachsam zu der länglichen Sporttasche hinüber, die ich an der Garderobe abgestellt hatte, und in der mein Handwerkszeug verborgen war.

Irgendwann entschloss sich Füchtner dann doch, nach Hause zu gehen. Er wohnte in einem Haus am Rande des Stadtparks, unterhalb des Parkhotels. Nach all dem Bier, das er vorher in sich hineingeschüttet hatte, war es kein Wunder, dass er sich unterwegs einen Baum aussuchte, um einen Teil davon wieder hinauszulassen. Ich glaube, er sah meine Axt gar nicht, als ich mich ihm in der Dunkelheit näherte. Er drehte sich nur halb zu mir um und knurrte: »Hau ab!«

Nun gut, das ließ ich mir nicht zweimal sagen.

Es wurde viel gerätselt in Biedenkopf. Wieso der Füchtner? Wieso geköpft? Wieso war da so ein komischer Strohhut auf dem Kopf? Ich gebe zu, dass ich mir mit einem billigen Utensil aus dem Fastnachtsbedarf behalf, das nicht viel Ähnlichkeit mit der echten Grenzgang-Kostümierung aufwies. An das Original wäre ich aber nun mal nicht so ohne Weiteres herangekommen, und so etwas gehörte bei einem Serienmörder einfach dazu. Da musste es für die öffentlichkeit und für die Ermittler immer was zum Kniffeln geben.

In Stuttgart hat mal einer sieben Frauen getötet und ihnen munter die abgeschnittenen Nasen vertauscht. Und sie am ganzen Körper mit Speisequark eingerieben. Die Verfallsdaten der Quarkbecher, so fand man irgendwann heraus, ergaben in der Quersumme sein Geburtsdatum. So was ist unheimlich wichtig. Deshalb habe ich den Kopf vom Füchtner auch vor sein Haus platziert und mit einem dicken Eddingstift einen Sinnspruch auf seine Fassade geschrieben, den ich selbst gedichtet habe:

Der Tod macht gerne Überstunden,

Und ist stets da für seine Kunden.

Kassiert sie ab mit einem Schlag,

Auch gern am langen Donnerstag.

Passt doch schön nach Biedenkopf, so ein schnörkeliger Sinnspruch, oder?

Ja, ich gebe zu, das war alles ganz nach meinem Geschmack. Das war etwas anderes als Zielfernrohr und Laserpunkt. Ich spürte am Abend nach der Tat zwar ein leichtes Ziehen im Nacken, aber da half ein Wärmepflaster.

Als nächstes war die Gesellschaft Hainstraße dran. Beziehungsweise Olli Spies, der klapperdürre Kerl, der sie führte. Der Frührentner bewohnte eine kleine Etagenwohnung unweit der Stadtschule und gärtnerte sich mit viel Engagement durch eine kleine Parzelle, die er hinter dem Schwimmbad gepachtet hatte. Ich besuchte ihn am Nachmittag, als er gerade dabei war, seinen Lattenzaun um seinen prächtigen Gemüsegarten zu reparieren. Er blickte von seiner Arbeit auf und sah mich fragend an. Zwischen den zusammengepressten Lippen hatte er ein paar Nägel eingeklemmt, und ich hätte fast losgeprustet, weil mir den Spruch von den »Nägeln mit Köpfen« in den Sinn kam. Es ging bei Olli Spies fast noch besser als bei meinem ersten Delinquenten.

An den Giebel seiner Hütte schrieb ich hinterher mit akkurater Schrift:

Die Zähne kauen Möhren,

Sie malmen Kohl und Lauch.

Das kann den Tod nicht stören,

Ins Gras beißen sie auch.

Nach der zweiten geköpften Leiche stand ganz Biedenkopf Kopf. Bundesweit titelten die Zeitungen mit den Früchten meiner Arbeit. Auch das Fernsehen fiel in den kleinen Ort ein.

Ich konnte mein Glück kaum fassen. Die Zeit des Herumreisens war endgültig vorbei. Ich wollte am liebsten nur noch direkt vor der eigenen Haustür morden. Kill local lautete jetzt meine Devise. Ich wollte nicht länger ein Global Player sein, sondern arbeitete eifrig an meinem neuen Image als Hidden Champion.

Der Lehrer Markus Schlott wohnte auf der Hatzfelder Straße. Er war Führer der Gesellschaft Hasenlauf. Und ich muss auch wirklich sagen, dass er wahrhaftig lief wie ein Hase, als er plötzlich meine Axt sah. Ich erwischte ihn beim Joggen im Wald, und fast wäre er mir durch die Lappen gegangen, denn auch wenn ich Ruhe und Erholung in Hülle und Fülle genossen hatte, war meine Kondition doch eher durchschnittlich. Aber, wie gesagt, Schlott fiel dann doch meinem Axthieb zum Opfer. Ich glaube sogar, dass sein Körper noch ein paar Meter weiterlief. Für diesen Kopf fand ich einen besonders schönen Platz. Wenig später zierte er einen der Grenzsteine im Norden der Stadt. Das war ja nun wirklich absolut passend. Gottseidank war auch eine kleine Hütte in der Nähe, sodass ich meinen Sinnspruch unterbringen konnte:

Dem Hasen rinnt der Schweiß herab,

Er bricht jeden Rekord,

Doch wartet froh der Tod am Grab

Und ruft: »Ich bin schon dort!«

Beim Serienmord kommt es auf die Kontinuität an. Das baut alles aufeinander auf. Wie bei diesem Serienkiller in Bremen, der nur alle fünf Monate zuschlug und ausschließlich einäugige Männer tötete. Er füllte die leeren Augenhöhlen mit Aufzuchterde und pflanzte darin Brunnenkresse.

Jetzt kommen Sie mir nicht mit Familie und Hinterbliebenen und all so was. Natürlich ist das betrüblich. Denken Sie denn, ich habe kein Herz, nur weil ich mich zur Professionalität zwinge? Jeder wird vom Leben doch an eine bestimmte Stelle gestellt. Und ich stehe eben ganz am Ende.

Ein paar Abende später sitze ich jetzt also hier bei einer Tasse Tee über den Plänen für den nächsten Tag. »Hewwe un drewwe da Läh« heißt die Männergesellschaft. Das klingt doch mal so richtig schön hinterländisch. Wer ist denn der Kopf von der Bande? Soso, einer von den Stadtwerken. Ein breiter, bärtiger …

… irgendwie genau so einer wie der Mann, der jetzt plötzlich direkt vor meinem Wohnzimmertisch steht. Ich schrecke so sehr zusammen, dass der Tee über den Rand meiner Tasse schwappt.

»Wie sind Sie hier …?«

Er lächelt hintergründig und sagt mit einer hohen Stimme, die nicht zu seinem stämmigen Äußeren passt: »Denken Sie gar nicht drüber nach. Ich bin eben drin. Gelernt ist gelernt.«

Ach so? Was will er mir damit sagen? Wieso trägt er Handschuhe?

Er zieht etwas aus der Tasche seines Blousons, das aussieht wie ein Knäuel Draht. Während er es entwirrt, erzählt er seelenruhig: »Hören Sie, haben Sie wirklich geglaubt, Sie können hier in aller Gemütlichkeit eine Mordserie inszenieren, ohne dass Ihnen irgendjemand auf die Schliche kommt? Mir war vom ersten Moment an klar, worauf das alles hinauslaufen soll.«

»Ach ja?«, sage ich patzig.

»Die falschen Hüte! Das ist wirklich dilettantisch. Die Gedichte! Das ist doch total antiquiert. Geben Sie’s zu, Sie sind Anfänger, stimmt’s?«

Als ich nicht gleich antworte, sieht er mir unverwandt in die Augen. »Ihre Nummer mit der Axt ist ja eigentlich gar nicht übel, aber es ist nun mal eben ein typisches Anfängerinstrument.«

»Moment mal, aber ich bin kein Anfänger!«

Er lacht höhnisch. So eine Frechheit. Aber ich kann ihm natürlich unmöglich meine Profikillerkarriere auf die Nase binden.

Abfällig sagt er: »Lassen Sie mich raten, Sie waren Auftragsmörder und wollen jetzt auf Serienkiller umsatteln.«

Ich bin sprachlos.

Er nickt, wie um sich selbst zu bestätigen. »Also so einer, der sich immer sagen lassen musste, wen er wann umzunieten hat. Traurig, so was. Und jetzt soll es also gleich eine Serie mit neunzehn Opfern sein. Da haben Sie sich aber ein bisschen übernommen, mein Lieber. Und dann diese Schlagzahl. Drei in anderthalb Wochen! Das ist ein schlechter Rhythmus. Man fängt mit großen Abständen an, sagen wir mal zwei Monate, und dann macht man im Verlauf der Serie immer mehr Speed.«

Das, was er da vor meinen Augen entwirrt hat, ist eine Garrotte. Ein dünner Draht mit zwei Haltegriffen an den Enden. Mich beschleicht so eine Ahnung …

»Und ich soll also der nächste sein«, sagt er lauernd.

Ich mache einen zaghaften Versuch. Meine Stimme klingt ein wenig heiser, als ich sage: »Nun, ich könnte Sie ja vielleicht überspringen.«

»Wie bitte?« Seine Augen funkeln böse. »Überspringen? Haben Sie jemals gehört, dass ein ordentlicher Serienmörder ein Opfer übersprungen hat?« Er spuckt diese Worte regelrecht aus. »So etwas tut man nicht!«

»Sie kennen sich ja ganz schön aus.« Ob es klug ist, ihn auch noch zu reizen?

Er strafft den Draht und nähert sich mit bedächtigen Schritten. »Die Kölner Pilzsuppen-Morde aus den Neunzigern? Die Mainzer Linienbus-Mordserie von vor dreizehn Jahren?«

Ich erinnere mich. Sechzehn junge Frauen, ertränkt in ihren mit Champignoncremesuppe gefüllten Badewannen und elf Mordopfer verschiedenen Geschlechts, deren Leichen, mit Panzertape auf die Dächer der Linienbusse geklebt, tagelang durch die Stadt fuhren, bevor sie entdeckt wurden. In beiden Fällen wurde nie ein Täter gefunden.

»Sagen Sie bloß, das waren Sie?«

Er nickt und lächelt stolz. »Ich lebe jetzt seit neun Jahren hier in Biedenkopf. Es ist gemütlich, es ist bequem. Aber so langsam hätte ich wirklich Lust, noch mal eine schöne Serie zu starten.« Sein Draht ist jetzt nur eine Handbreit von meiner Kehle entfernt Er ist kräftig. Ich werde mich nicht gegen ihn wehren können. Ich hebe langsam meine Hände, obwohl ich nichts werde ausrichten können.

Nein, so habe ich mir das nicht gedacht. Außer mir ist da tatsächlich noch ein echter Serienmörder in Biedenkopf! Was für ein unglaublicher Zufall, dass wir beide hier gelandet sind!

Der Draht berührt jetzt meinen Adamsapfel. Ich rieche sein süßliches Aftershave.

Gleich ist es vorbei.

Da zuckt er plötzlich zusammen und reißt die Augen weit auf. Aus seinem Mund kommt zuerst ein grässliches Röcheln, und dann sprudeln kleine Blutströpfchen hervor. Seine Hände, in denen er die straff gespannte Garrotte hält, verkrampfen sich, er sackt zuerst auf die Knie, und dann kippt sein Oberkörper nach vorne, und er bleibt mit dem Gesicht auf dem Teppich liegen. Zwischen seinen Schulterblättern erkenne ich den Knauf eines Messers, um den herum langsam das Blut in den Stoff seines Blousons zieht.

Frau Breugel beugt sich mit einem Ächzen über ihn und tastet in seiner Halsbeuge nach seinem Puls. Was sie fühlt, scheint sie zu befriedigen. Oder besser, was sie nicht fühlt.

Sie zieht das Messer aus der Wunde, setzt ihre Lesebrille auf, die an einem geflochtenen Bändchen um ihren Hals baumelt, und betrachtet die blutige Klinge.

Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll. Sie legt das Messer auf den Wohnzimmertisch und holt sich aus dem Schrank eine Tasse. Als sie sich zu mir an den Tisch gesetzt hat, schenkt sie sich Kräutertee aus der Kanne ein. Ihre faltigen Hände hantieren ganz ruhig mit dem Porzellan.

»Das mit dem Kopf machen Sie am besten in der Badewanne«, schnarrt sie mit rauchiger Stimme. »Wo wohnt er? Sachsenhausen? Haben Sie schon einen Spruch?«

»Frau Breugel«, sage ich fassungslos. »Sehe ich das richtig? Haben Sie wirklich gerade diesen Mann erstochen?«

Sie lächelt mich mit ihren schlecht sitzenden dritten Zähnen an. »Naja, ist mal was anderes, wissen Sie. Bei den siebenundvierzig anderen habe ich es immer nur mit Gift gemacht.«

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9783954413072
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