Читать книгу: «Selbst- und Welterleben in der Schizophrenie»

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Die Herausgeber/innen

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Psychiater und Philosoph, Karl-Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie, Universität Heidelberg.

Dr. Sanneke de Haan, Philosophin an der Universität Tilburg/NL.

Dr. Max Ludwig, Psychiater und Psychotherapeut am Zentrum für Seelische Gesundheit, Gesundheitszentrum Odenwaldkreis, Erbach.

Lily Martin, Psychologin und Doktorandin an der Psychiatrischen Klinik sowie am Psychologischen Institut der Universität Heidelberg.

Thomas Fuchs Sanneke de Haan Max Ludwig Lily Martin (Hrsg.)

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Englische Originalausgaben:

Parnas J, Møller P, Kircher T, Thalbitzer J, Jansson L, Handest P, Zahavi D (2005) EASE: Examination of Anomalous Self-Experience. Psychopathology 38: 236–258.

Sass L, Pienkos E, Skodlar B, Stanghellini G, Fuchs T, Parnas J, Jones N (2017) EAWE: Examination of Anomalous World Experience. Psychopathology 50: 10–54.

Alle Rechte vorbehalten:

©2005/2017 S. Karger AG

Für die deutschsprachige Ausgabe:

1. Auflage 2022

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-038408-8

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-038409-5

epub: ISBN 978-3-17-038410-1

Inhalt

1  Herausgeber- und Autorenverzeichnis

2  Vorwort

3  Vorwort zur deutschen Übersetzung des EASE-Interviews

4 Josef Parnas

5 Übersetzt aus dem Englischen von Lily Martin

6  1 Schizophrenie – eine Störung des basalen Selbsterlebens

7 Lily Martin, Max Ludwig und Thomas Fuchs

8  1.1 Einleitung

9  1.2 Das basale Selbst

10  1.3 Schizophrenie als Selbststörung – ein historischer Rückblick

11  1.4 Die Renaissance der Phänomenologie

12  1.5 Schizophrenie heute: Prodromalphase, Basissymptome und Selbststörungen

13  1.6 Zusammenfassung

14  Literatur

15  2 Entkörperung und Entfremdung in der Schizophrenie – eine phänomenologische Analyse zweier Fallstudien

16 Sanneke de Haan und Thomas Fuchs

17  2.1 Einleitung

18  2.2 Phänomenologie von Leib und Körper

19  2.3 Selbststörungen und Leiblichkeit in der Schizophrenie

20  2.4 Fallstudien

21  2.5 Weitergehende Analysen

22  2.6 Resümee

23  Literatur

24  3 EASE – Examination of Anomalous Self Experience

25 Josef Parnas, Paul Møller, Tilo Kircher, Jørgen Thalbitzer, Lennart Jansson, Peter Handest und Dan Zahavi

26 Übersetzt aus dem Englischen von Max Ludwig, Daniel Vespermann und Thomas Fuchs

27  Zusammenfassung

28  3.1 Einleitung

29  3.2 Allgemeine Leitlinien zur Durchführung des Interviews

30  3.3 EASE: Domänen und Item-Beschreibungen

31  3.4 EASE Itemliste und Ratingbogen

32 Übersetzt aus dem Englischen und angepasst durch Lily Martin und Thomas Fuchs

33  3.5 EASE Rating-Kriterien

34 Übersetzt aus dem Englischen und angepasst durch Lily Martin und Thomas Fuchs

35  3.6 Validierung der deutschsprachigen Version der EASE (Ludwig 2013)

36  Literatur

37  4 EASE Interviewleitfaden mit Beispielfragen

38 Lily Martin und Sanneke de Haan

39  4.1 Allgemeine Hinweise

40  4.2 Reichweite

41  4.3 Ablauf des Interviews

42  4.4 Vorgehensweise

43  4.5 Haltung der Interviewerin

44  4.6 Auswertung

45  4.7 Beispielfragen

46  Literatur

47  5 EAWE: Examination of Anomalous World Experience

48 Louis Sass, Elizabeth Pienkos, Borut Skodlar, Giovanni Stanghellini, Thomas Fuchs, Josef Parnas und Nev Jones

49 Übersetzt aus dem Englischen von Daniel Vespermann und Tim Schnitzler

50  Zusammenfassung

51  5.1 Einleitung

52  5.2 Allgemeine Leitlinien zur Durchführung des Interviews

53  5.3 EAWE: Domänen und Item-Beschreibungen

54  5.4 EAWE Itemliste

55  Stichwortverzeichnis

Herausgeber- und Autorenverzeichnis

Herausgeber/innen:

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs

Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg

Dr. Sanneke de Haan

Tilburg School of Humanities and Digital Sciences, Department of Culture Studies,

Universität Tilburg, Niederlande

Dr. Max Ludwig

Zentrum für Seelische Gesundheit, Gesundheitszentrum Odenwaldkreis, Erbach

Lily Martin

Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg

Fakultät für Verhaltens- und empirische Kulturwissenschaften, Universität Heidelberg

Autoren/innen:

Dr. Peter Handest

Department of Psychiatry, Hvidovre Hospital, University of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Prof. Dr. Lennart Jansson

Department of Psychiatry, Hvidovre Hospital, University of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Dr. Nev Jones

Felton Institute, SanFrancisco, CA, USA

Prof. Dr. Tilo Kircher

Klinik für Psychiatrie, Psychiatrie und Psychosomatik, Universitätsklinik RWTH

Aachen, Aachen

Dr. Paul Møller

Unit for Mental Health Research and Development, Division of Psychiatry, Buskerud

Hospital, Lier, Norway

Prof. Dr. Josef Parnas

Department of Psychiatry, Hvidovre Hospital, University of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Danish National Research Foundation,Center for Subjectivity Research, University

of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Prof. Dr. Elizabeth Pienkos

University of Hartford, West Hartford, CT, USA

Prof. Dr. Louis Sass

Rutgers University, Piscataway, NJ, USA

Prof. Dr. Borut Skodlar

University of Ljubljana, Ljubljana, Slovenia

Prof. Dr. Giovanni Stanghellini

G. d’Annunzio University, Chieti, Italy

Diego Portales University, Santiago, Chile

Dr. Jørgen Thalbitzer

Department of Psychiatry, Hvidovre Hospital, University of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Prof. Dr. Dan Zahavi

Danish National Research Foundation, Center for Subjectivity Research, University

of Copenhagen, Copenhagen, Denmark

Übersetzer:

Dr. Tim Schnitzler

Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg

Daniel Vespermann

Klinik für Allgemeine Psychiatrie, Zentrum für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Heidelberg

Vorwort

Die phänomenologische Erforschung der Schizophrenie hat in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Zahlreiche neuere theoretische und empirische Arbeiten haben basale Störungen des Selbsterlebens als ein charakteristisches Merkmal oder sogar als den Kern der Erkrankung identifiziert. Sie liefern gute Evidenz dafür, dass die genaue Beschreibung dieser Selbststörungen auch zur Früherkennung und -behandlung der Erkrankung genutzt werden kann, d. h. in Phasen, in denen die charakteristischen produktiven Symptome wie Wahn oder Halluzinationen noch nicht hervorgetreten sind. Von Betroffenen werden Selbststörungen zunächst als subtiles Gefühl der Entfremdung, der inneren Leere oder als Verlust der eigenen Natürlichkeit erlebt. In akut-psychotischen Zuständen können sie sich bis zu einer existenziell bedrohlichen »Ich-Auflösung« steigern. Phänomenologisch orientierte Psychopathologen verorten den Ursprung der schizophrenen Selbststörungen in einer mangelnden Verkörperung des Selbsterlebens (disembodiment). Dementsprechend lassen sich bei Menschen mit Schizophrenie meist Störungen des Körper- und Bewegungserlebens erheben, die mit Interaktionsschwierigkeiten sowie einem hohen Leidensdruck einhergehen. Dieses alternative Verständnis der basalen schizophrenen Symptomatik ist nicht nur für die Früherkennung wertvoll; es eignet sich besonders dazu, körperorientierten Therapieverfahren, die z. B. bei bislang therapieresistenten Negativsymptomen Wirkung zeigen, eine konzeptuelle Basis zu geben.

Mit der Entwicklung einer strukturierten Erhebung von Erlebnisveränderungen bei Betroffenen haben Josef Parnas, Louis Sass und ihre Teams maßgeblich zu den beschriebenen Fortschritten beigetragen: Die zwei phänomenologischen Interviews Examination of Anomalous Self Experience (EASE) und Examination of Anomalous World Experience (EAWE) sind semistrukturierte Tiefeninterviews zu verschiedenen Bereichen des Selbst- und Welterlebens, die eine Erfassung feiner Veränderungen der Erfahrung sowie eine eingehende Untersuchung der basalen Symptomatik von Betroffenen mit Schizophrenie erlauben. Die heute übliche manualisierte Diagnostik nach ICD-10 und DSM-5 erfährt dadurch eine wesentliche Erweiterung und Bereicherung, enthält sie doch kaum Items zum Selbsterleben, zu subtilen Veränderungen des Wahrnehmens und Handelns oder zu den existenziellen Erfahrungen der Betroffenen. Die phänomenologische Psychiatrie sieht aber gerade in solchen, oft nur rand- oder vorbewussten Veränderungen die eigentliche Grundlage der Erkrankung.

Um die Exploration und Erfassung dieser essenziellen Erlebnisdimension auch in deutschsprachigen Kontexten zu ermöglichen, stellen wir im vorliegenden Band die beiden Interviews erstmals in vollständiger deutscher Übersetzung vor. Die Übersetzungen wurden von der Forschungssektion »Phänomenologische Psychopathologie und Psychotherapie« an der psychiatrischen Universitätsklinik der Universität Heidelberg erarbeitet. Für ein besseres Verständnis phänomenologischer Konzepte und Entwicklungen stellen wir die Interviews in einen historischen Kontext. Darüber hinaus sollen phänomenologische Befunde aus der eigenen Arbeit als Beispiele für die Forschung mit den Instrumenten dienen. Im Rahmen der Forschungsarbeit an der Sektion ist zudem ein Interviewleitfaden mit Beispielfragen zu den einzelnen Items des EASE-Interviews entstanden, der die Vorbereitung und Durchführung des Interviews erleichtern kann.

Um eine nicht-stigmatisierende Sprache im Deutschen aufrechtzuerhalten, mussten wir an einigen Stellen vom Originaltext abweichen. Dies ist mit Fußnoten im Text markiert. Hinsichtlich der Vereinbarkeit geschlechtergerechter Sprache mit einem ungestörten Lesefluss haben wir uns nach einiger Diskussion im Herausgeberteam für einen Kompromiss entschieden. Wo es die Übersetzung ermöglichte, haben wir geschlechtsneutrale Begriffe gewählt. In den anderen Fällen alternieren männliche und weibliche Personenbezeichnungen von Seite zu Seite. Personenbezeichnungen im Plural haben wir im generischen Maskulinum belassen, um die Lesbarkeit der ohnehin komplexen Texte nicht zu erschweren.

Unser abschließender Dank gilt Ruprecht Poensgen und Anita Brutler vom Kohlhammer Verlag für die bewährte gute Zusammenarbeit bei der Vorbereitung des Bandes. Weiter danken wir Daniel Vespermann, Damian Peikert und Jannik Kuhn für die sorgfältige Redaktion des Manuskripts. Nicht zuletzt danken wir den vielen Betroffenen, die ihre Erfahrungen in zahlreichen Interviews und Studien mit uns geteilt haben.

Wir hoffen nun, dass der Band für alle in der Schizophrenie-Forschung Tätigen ebenso wie für alle, die eine intensivere therapeutische Arbeit mit Betroffenen phänomenologisch begründen möchten, eine wertvolle Unterstützung darstellen wird.

Heidelberg/Amsterdam, im November 2021

Lily Martin, Sanneke de Haan, Max Ludwig und Thomas Fuchs

Vorwort zur deutschen Übersetzung des EASE-Interviews
Josef Parnas

Übersetzt aus dem Englischen von Lily Martin

Es ist mir eine besondere Freude, nun die deutsche Übersetzung der Examination of Anomalous Self Experience (EASE) in den Händen zu halten.

Die ursprüngliche Veröffentlichung des Interviews im Jahr 2005 stieß besonders bei europäischen Psychiaterinnen und Psychiatern, die im klinischen Alltag mit der Diagnose und Behandlung von Schizophrenie zu tun haben, auf große Resonanz. Wir hatten den Eindruck, dass diese Publikation eine Lücke fülle oder gar die Sehnsucht nach einer Wiederbelebung der phänomenologischen Psychopathologie bediene. Die EASE traf auf eine diagnostische Landschaft, die wie ausgelaugt schien von einer Flut behavioral ausgerichteter Symptom-Checklisten und psychopathologischer Simplifizierungen. Zu diesem historischen Kontext gehört auch, dass zu jener Zeit eine weltweite Zunahme an Studien zur Früherkennung und -intervention bei Schizophrenie zu verzeichnen war. Diese Studien, auch als »Prodromalforschung« bezeichnet, richteten den Fokus auf das Erleben von Patienten vor der ersten Psychose. Das EASE-Interview soll jedoch nicht dazu dienen, die Entwicklung von Wahnvorstellungen und Halluzinationen vorherzusagen. Eher noch weist es eine konzeptuelle Nähe zu früheren Hochrisikostudien bei Vorläufern der Schizophrenie-Spektrum-Störungen auf (typischerweise bei Nachkommen von Eltern mit der Diagnose Schizophrenie), in denen der Schwerpunkt auf Vulnerabilitätsmerkmalen liegt, die Schizophrenie und schizotype Störungen gemeinsam haben.

Wir freuen uns besonders, das Ergebnis unserer Arbeit ins Deutsche übersetzt zu sehen, eine Sprache, die (gemeinsam mit dem Französischen) entscheidend zur Entstehung der modernen Psychiatrie, wie wir sie heute kennen, beigetragen hat, und in welcher die wichtigsten psychopathologischen Ideen und Begriffe zuerst formuliert wurden. Wir haben die Idee des beeinträchtigten Selbsterlebens in der Schizophrenie also sicherlich nicht erfunden – es gibt sie schon lange und sie ist nicht nur, aber hauptsächlich in den Schriften zahlreicher deutschsprachiger Psychopathologen gegenwärtig. Tatsächlich neu an unserer Arbeit ist, dass wir den Begriff der beeinträchtigten Selbstwahrnehmung in der Schizophrenie nicht primär durch gelehrte Lehnstuhlreflexionen wiederentdeckt haben, sondern dass der konkrete, alltägliche klinische Kontext den Anlass dazu gegeben hat. Der Begriff hat sich im Rahmen der täglichen klinischen Arbeit mit schizophrenen Erstaufnahmepatienten in Dänemark und Norwegen gewissermaßen von selbst nahegelegt. Wir haben lediglich für seine phänomenologische Präzisierung gesorgt und ihm eine empirische Validierung und klinische Substanz anhand systematisch erhobener Daten verschafft.

Nachfolgend werde ich versuchen, einige der wichtigsten klinischen und phänomenologischen Fragestellungen zusammenzufassen, die in Anbetracht unserer fast 15-jährigen Forschungs- und Lehrerfahrung mit der EASE besondere Aufmerksamkeit verdienen. Einige dieser Fragestellungen sind bereits in der Einleitung des ursprünglichen EASE-Interviews erwähnt worden, da sie jedoch die Tendenz aufweisen, den Lesern zu entgehen, möchte ich sie hier noch einmal besonders hervorheben.

Das EASE-Interview als solches ist kein diagnostisches Instrument

Obwohl wir die in der EASE beschriebenen Selbststörungen als sehr spezifische Aspekte von Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis verstehen, kann die EASE allein – in einem operationalen Kontext – nicht als Diagnoseinstrument verwendet werden. Das Interview fokussiert ausschließlich auf Beeinträchtigungen des Selbsterlebens und abstrahiert somit von anderen psychopathologischen Domänen. In unseren Forschungsprojekten sind die EASE-Interviews typischerweise in umfassendere Interviews wie beispielsweise das SCAN (Schedule for Clinical Assessment in Neuropsychiatry) eingebettet. Zudem geht dem Interview immer eine detaillierte Erfassung der psychosozialen Geschichte unserer Patienten voraus.

Das semi-strukturierte phänomenologische Interview

Das subjektive Erleben mithilfe einer geeigneten Fragetechnik zu ermitteln, ist nicht einfach. Seitens der Interviewerin oder des Interviewers bedarf es eines grundlegenden Verständnisses der phänomenologischen Beschreibungen von Bewusstseinsvorgängen. Um also Phänomene wie beispielsweise die »Verräumlichung des Denkens« herauszuhören und zu bewerten, muss man über das Hintergrundwissen darüber verfügen, dass der übliche Bewusstseinsstrom weitestgehend transparent ist, also keine objektförmigen Qualitäten aufweist, und dass sich z. B. ein Gedanke nicht buchstäblich so anfühlen kann, als befinde er sich vor einem anderen Gedanken. Es braucht ein informiertes Zuhören, um diese Art von Phänomenen heraushören und erfassen zu können, ein Zuhören, das durch einige grundlegende begriffliche Differenzierungen, wie Jaspers hervorgehoben hat, apperzeptiv unterstützt wird. Wir wissen zwar alle, was es heißt, etwas bewusst zu erleben, d. h. phänomenales Bewusstsein zu haben. Das explizite Erfassen von Anomalien der Erfahrung erfordert jedoch zusätzliche empathische, konzeptuelle und analytische Fähigkeiten. Was in der Erzählung der Patientin oder des Patienten letztendlich als abgegrenztes psychopathologisches Phänomen (oder Symptom) hervortritt, kann nicht unabhängig von der Person verstanden werden, die ihm zuhört. Um ein hinreichendes Niveau an psychopathologischer Professionalität und eine zufriedenstellende Inter-Rater-Reliabilität zu erlangen, sind demnach Erfahrung wie auch ein Training notwendig, das die theoretische Dimension einschließt.

Das subjektive Erleben kann nicht durch Abfragen, mittels bestätigender oder verneinender Antworten, das heißt in Form eines strukturierten Interviews erfasst werden. Es kann nur im Verlauf eines Gesprächs untersucht werden, das die Spontaneität der Patienten unterstützt und Raum für die Verbalisierung von Beispielen gibt. Dennoch gehört es zur Charakteristik des semi-strukturierten Interviews, alle Symptomdomänen mithilfe gründlich nachforschender Fragen ins Visier zu nehmen, Fragen, die idealerweise nicht aus heiterem Himmel gestellt werden, sondern sich in den übergreifenden Zusammenhang des Interviews einfügen. Diese Anforderungen halten die Passivität des Interviewers in Grenzen.

Der erkenntnistheoretische Status der Selbststörungen

Das EASE-Interview erfasst anomale strukturelle Aspekte des Selbsterlebens. Was ist hierunter aber genau zu verstehen? Es bedeutet im Grunde, dass wir im Rahmen des Interviews nicht so sehr am spezifischen semantischen Gehalt (worüber die Patientin oder der Patient nachdenkt, z. B. der Inhalt seines Grübelns interessiert sind, sondern vielmehr an der Art und Weise, wie sich Erfahrungsmodalitäten des Denkens, Wollens, Fühlens etc. ausdrücken (z. B. im Fall des Denkens: Kommt es zur Gedankensperrung, Gedankeninterferenz oder Gedankenlautwerden?).

Die Unterscheidung zwischen Form (Struktur) und Inhalt ist nicht immer eindeutig und wird ab einer bestimmten Tiefe der phänomenologischen Analyse unscharf. Im Allgemeinen lässt sich jedoch festhalten, dass sich der Begriff »strukturell« auf fortdauernde Ermöglichungsbedingungen einer normalen Entfaltung von Kognition und Affektivität bezieht. Dazu gehören z. B. das präreflexive Selbstgewahrsein, das die Erste-Person Perspektive, das Gefühl einer fortdauernden lebendigen Selbstgegenwart sowie die Transparenz und Verfügbarkeit des eigenen Bewusstseins als Medium und Quelle einschließt (Parnas und Sass 2010). »Zeitlichkeit«, »Verkörperung« und »Intentionalität« des Bewusstseins sind weitere derartige strukturelle Bedingungen.

Die einzelnen EASE-Items lassen sich am besten als wiederkehrende Manifestationen einer Störung des präreflexiven Selbstgewahrseins verstehen. Aus dieser phänomenologischen Perspektive sind die einzelnen Items keine voneinander unabhängigen Symptome, wie es im medizinisch-operationalistischen Modell der Psychopathologie der Fall ist, sondern eher aspekthafte Eigenschaften eines größeren Ganzen – der ›Gestalt‹ einer veränderten Struktur des Selbstgewahrseins. Daher kann die anomale Form des Erlebens nicht ausschließlich in der atomistischen, isolierten Erfahrung als solcher (oder an sich) verortet werden, sondern ist abhängig von einem Kontext anderer, vorgängiger oder nachfolgender (diachroner) sowie gleichzeitiger (synchroner) Erfahrungen, das heißt, sie muss in Abhängigkeit vom gesamten Bewusstseinsfeld verstanden werden. Mit anderen Worten: Die mereologische (d. i. Teil-Ganzes-)Struktur dieser Gestalt impliziert, dass jede einzelne, besondere Erfahrung von jenem Ganzen geprägt ist, von dem sie sich ableitet. Jede anomale Erfahrung enthält sozusagen im Kern ein potenzielles Modell des Ganzen (der generellen Struktur).

Umgekehrt bilden die individuellen Komponenten und ihre wechselseitigen, dynamischen Beziehungen die Gesamtgestalt, die jedoch nicht in eine einfache Ansammlung einzelner Eigenschaften zerlegt werden kann. Die Gesamtgestalt oder generelle Struktur bezieht von den einzelnen Beispielen den Charakter konkreter, klinischer Verwurzelung, da die Konzeptualisierung oder Formalisierung der wesentlichen Merkmale einer Gestalt (in unserem Fall die Beeinträchtigung des Selbstgewahrseins) immer von konkreten Beispielen anomalen Erlebens gewissermaßen beherrscht wird.

Wir können uns erneut dem Beispiel der »Verräumlichung des Denkens« zuwenden. Es handelt sich bei diesem Phänomen nicht um ein isoliertes Symptom, sondern eher um eine implizite Konsequenz von Denkprozessen, die ihrer selbstverständlichen »Meinhaftigkeit« beraubt sind und so eine Art Kluft zwischen dem Subjekt und seinen Gedanken entstehen lassen, also einen Raum, einen Riss oder eine Distanz, in der das nun introspizierte Denken nicht umhin kommt, sozusagen in einzelnen Teilen zu erscheinen, wodurch sich Beschreibungen mit quasi-räumlichen Begriffen nahezu aufdrängen.

Phänomenologisch ausgedrückt ist es die gesamte Gestalt (die veränderte Struktur des Gewahrseins), die dem psychopathologischen Profil des Schizophrenie-Spektrums seine charakteristische Typizität verleiht (eine Gestalt, die im Laufe der Zeit mit variierender Terminologie bezeichnet wurde). Diese grundlegende Auffassung wurde von nahezu allen klassischen Psychopathologien geteilt. Verstehen wir diese spezifische Gestalt als eine Strukturveränderung, dann ist sie, logisch betrachtet, eine überdauernde Eigenschaft (trait), die oft mit bestimmten Beschwerden oder Verhaltensschwierigkeiten einhergeht, die bis in die Jugend oder gar frühe Kindheit zurückreichen und andauern oder aber, auch im Falle jahrelanger Krankheit, leicht und schlagartig wiederkehren können. Da die Patienten sich in chronischen Stadien an die basalen Störungen anzupassen scheinen, erreicht ihre phänomenologische Intensität in den ersten Jahren der Erkrankung ihren Gipfel und schwindet allmählich, wenn sie in weiteren Symptombildungen aufgehen (Sass und Parnas 2003; Parnas und Sass 2008).

Einsatzbereiche und Forschungsfelder

In der empirischen Forschung können die EASE-Items aufsummiert und in einem Gesamtscore zusammengefasst werden. Dies schließt Scores für die einzelnen Subdomänen der EASE mit ein. Gesamt- oder Subscores können dann, abhängig vom jeweiligen Forschungsinteresse, mit anderen Variablen in Verbindung gebracht werden (z. B. in Forschungsarbeiten zur Pathogenese, Krankheitslehre oder Behandlung von Schizophrenie). In derartigen Ansätzen werden Phänomene zum Teil auf Symptome reduziert, was für empirische Zwecke jedoch unumgänglich scheint. Eine derartige Reduktion ist nur dann zu rechtfertigen, wenn die Daten zunächst auf eine phänomenologisch informierte Art und Weise erhoben wurden. Mit anderen Worten: Nur phänomenologisch erhobene Daten werden Veränderungen in der Gestalt des Selbstgewahrseins überhaupt widerspiegeln. Deshalb sind ein Interviewtraining und eine solide psychopathologische Auffassungsgabe unabdingbar, um eine zufriedenstellende Reliabilität des EASE-Interviews im Rahmen von Forschungsarbeiten zu gewährleisten.

Die Höhe des Gesamtscores der EASE (welcher bestenfalls eine ordinalskalierte Variable darstellen kann) spiegelt wider, wie schwerwiegend und durchgängig die Veränderung des Selbstgewahrseins ist. Es widerspricht dem Gestaltverständnis, einzelne Items auf der Suche nach einem »pathognomonischen Symptom« hin zu prüfen – ein solches Symptom existiert nicht. Wie bereits erwähnt, ist es die Gesamtgestalt, in der die diagnostische Nützlichkeit und Spezifität der EASE liegt. Die Auswahl statistischer Methoden wird natürlich durch die Gegebenheiten des Analysekontextes und die jeweils aufgeworfenen Forschungsfragen bestimmt. Angesichts der Tatsache, dass EASE-Scores maximal als ordinalskaliert verstanden werden können, lässt sich dennoch festhalten, dass die angemessenste Herangehensweise für die EASE eine nicht-parametrische ist.

Wir möchten außerdem vor der verbreiteten, oft auf nicht ausreichenden Kenntnissen beruhenden Tendenz warnen, Faktorenanalysen vorzunehmen. Abgesehen davon, dass eine Faktorenanalyse parametrischer Natur ist und ein Verhältnis von 10 zu 1 zwischen der Anzahl von Patienten und der Anzahl der Items voraussetzt, besteht die EASE nicht aus kontingent zusammengesetzten, voneinander unabhängigen Items. Wie bereits festgehalten, weist die EASE Wiederholungstendenzen auf; ferner stellen Beziehungen wechselseitiger Implikation (die sich in den Bewertungsvorgaben widerspiegeln) ein wesentliches Element dar, und schließlich ist das Instrument in rational strukturierte Domänen unterteilt.

Die klinische Bedeutsamkeit des EASE-Interviews liegt in der eingehenden Einschätzung der Betroffenen sowie in der Etablierung einer therapeutischen Beziehung und therapeutischer Ziele. Das Interview gewährt uns in erster Linie einen Einblick in die grundlegenden Dynamiken der Erkrankung unserer Patienten. Gleichzeitig signalisiert es ihnen, dass der Kliniker bzw. die Klinikerin sich mit der Eigenart ihres Erlebens auskennt. Dies vermag das schmerzhafte Gefühl einer einzigartigen, existenziellen Einsamkeit bei den Betroffenen zu mildern und hilft, die spezifischen Probleme zu umreißen, die therapeutisch anzugehen sind.

Literatur

Parnas J, Sass LA (2008) Varieties of »phenomenology«. On description, understanding, and explanation in psychiatry. In: Kendler KS, Parnas J (Hrsg.) Philosophical Issues in Psychiatry: Explanation, Phenomenology, and Nosology. Baltimore: John Hopkins University Press. S. 239–277.

Parnas J, Sass LA (2010) The structure of self-consciousness in schizophrenia. In: Gallagher S (Hrsg.) The Oxford Handbook of the Self. Oxford: Oxford University Press. S. 521–546.

Sass LA, Parnas J (2003) Self, consciousness, and schizophrenia. Schizophrenia Bulletin 29(3): 427–444.

1 Schizophrenie – eine Störung des basalen Selbsterlebens
Lily Martin, Max Ludwig und Thomas Fuchs
1.1 Einleitung

Störungen aus dem schizophrenen Spektrum sind nach ICD-10 und DSM-5 als eine Agglomeration von Symptomen definiert, die sich in erster Linie an der akuten Psychose orientieren (ICD-10 und DSM-5). Retrospektive Studien an Patienten mit einer erstmaligen Episode haben jedoch gezeigt, dass den meisten psychotischen Erstmanifestationen eine im Durchschnitt etwa fünf Jahre währende Prodromalphase voraus geht (Häfner et al. 1995). Präpsychotische, subklinische Störungen von Antrieb, Affekt, Wahrnehmung und Denken wurden schon in den 1960er Jahren im Rahmen des »Basissymptom-Konzepts« von Gerd Huber und seinen Mitarbeitern beschrieben (Huber 1966). Diese subtilen Veränderungen der Selbstwahrnehmung konnten mithilfe der 1987 veröffentlichten »Bonner Skala für die Beurteilung von Basissymptomen – BSABS« erfasst werden (Gross et al. 1987).

Eine Arbeitsgruppe um den dänischen Psychiater Josef Parnas und den amerikanischen Psychologen Louis Sass integrierte diese Basissymptome seit etwa 2000 in eine umfassendere phänomenologische Theorie, die die Schizophrenie als eine Störung des basalen Selbsterlebens versteht (Sass und Parnas 2003). In ihrem Zentrum steht eine Schwächung des präreflexiven Selbstempfindens und der Selbstpräsenz, die phänomenologisch auch als »Ipseität« (Selbstheit) bezeichnet wird. Damit einher geht ein Verlust des »Common Sense« und eine sogenannte »Hyperreflexivität« (Sass 2003; Fuchs 2011). Individuelle Veränderungen der Wahrnehmung, des Leiberlebens und des Kontakts mit anderen ergeben sich danach aus einer tiefgreifenden Veränderung der Erlebnisstrukturen. Auch die Symptome ersten Ranges in der akuten Psychose (Ich-Störungen, Wahn und Halluzinationen) sind demnach als vorübergehende Manifestation der zugrundeliegenden Selbststörungen anzusehen. Dieses Modell speist sich aus Konzepten phänomenologischer Philosophen wie Maurice Merleau-Ponty und Michel Henry sowie Psychiatern wie Eugène Minkowski und Wolfgang Blankenburg.

Um die Störungen des basalen Selbsterlebens zu erfassen, entwickelte die Arbeitsgruppe um Parnas die »Examination of Anomalous Self Experience – EASE« (Parnas et al. 2005). Das semistrukturierte, qualitative Interview bildet in den fünf Domänen »Kognition und Bewusstseinsstrom«, »Selbstgewahrsein und Präsenz«, »Leiberleben«, »Demarkation und Transitivismus« sowie »Existenzielle Reorientierung« mit insgesamt 94 Items das veränderte Selbsterleben differenziert ab. Da das Leiden von Menschen mit Schizophrenie bis heute nicht in befriedigendem Maße gelindert werden kann – es gibt beispielsweise kaum Therapieverfahren, die belastende Negativsymptome nachhaltig verringern (Martin et al. 2016b) – , lohnt es sich, mithilfe der EASE die Störung des basalen Selbst als möglichen pathogenetischen Kern der Schizophrenie zu untersuchen. Dadurch können Symptomzusammenhänge erkennbar werden, die für die weitere Aufklärung der Pathogenese, für eine verbesserte Früherkennung und nicht zuletzt für die Entwicklung innovativer, z. B. körper- und kreativtherapeutischer Interventionen bedeutsam sind. 2017 veröffentlichte eine weitere Arbeitsgruppe um Louis Sass die »Examination of Anomalous World Experience – EAWE1« (Sass et al. 2017), die sich mit insgesamt 75 Items den fünf weiteren Domänen »Raum und Objekte«, »Zeit und Ereignisse«, »Sprache«, »Atmosphäre« und »Existenzielle Orientierung« widmet. Damit werden die EASE-Kategorien bedeutsam ergänzt und erweitert.

Das vorliegende Buch beinhaltet die bislang unveröffentlichten deutschsprachigen Versionen der EASE und der EAWE. Die Übersetzung der EASE wurde im Rahmen einer Fall-Kontroll-Studie am Universitätsklinikum Heidelberg erstmals an einer Stichprobe von 33 Menschen mit einer Ersterkrankung aus dem schizophrenen Formenkreis sowie an 24 Kontrollprobanden angewandt, inhaltlich analysiert sowie klinisch validiert (Ludwig 2013). Die Validierung geschah unter Einbezug bereits etablierter Instrumente wie der PANSS (Positive and Negative Symptom Scale; Kay et al. 1987), der CDS (Cambridge Depersonalisation Scale; Michal et al. 2004) und dem M.I.N.I. (Mini-International Neuropsychiatric Interview; Sheehan et al. 1998). Eine Validierung der deutschsprachigen EAWE steht noch aus.

Das Buch bettet die beiden Interviews in einen historischen und psychopathologischen Kontext ein. Die EASE wird zudem durch einen ausführlichen Interviewleitfaden ergänzt, der zum Einsatz im Klinikalltag sowie für die Forschung genutzt werden kann, ferner durch eine mehrstufige Auswertungsskala zur quantitativen Be- und Auswertung der EASE-Items. Selbstverständlich können und sollen die Inhalte des Interviews aber auch mithilfe qualitativer Methodik ausgewertet werden.

1.2 Das basale Selbst

Die phänomenologische und ontologische Natur des Selbsterlebens wird in verschiedenen Wissenschaften kontrovers diskutiert (Berrios und Marková 2003; Fuchs 2020). Es besteht kein Konsens darüber, ob so etwas wie »das Selbst« real erfahrbar ist oder eher eine theoretische Konzeption der Philosophie darstellt. Viele verstehen das Selbstempfinden als einen integralen Bestandteil des Bewusstseins (Damasio 1999; Zahavi 1999), der z. B. bei der Suche nach neuronalen Korrelaten von bewusstem Erleben zu berücksichtigen sei. Andere dagegen behaupten, dass es weder notwendig noch logisch sei, die Existenz eines Selbst anzunehmen (Metzinger 2003). Darüber hinaus bestehen divergierende Vorstellungen davon, aus welchen Komponenten sich das menschliche Selbsterleben konstituiert: James (1890/1950) unterscheidet zwischen einem materiellen, sozialen und geistigen Selbst; Neisser (1988) definiert ein ökologisches, ein interpersonelles, ein erweitertes, ein privates und ein konzeptuelles Selbst. Daneben gibt es Ausführungen zum ›autobiografischen, ›relationalen‹, ›fiktionalen‹ und ›neuronalen‹ Selbst ebenso wie zu einem ›Kernselbst‹, einem ›verkörperten‹, ›minimalen‹ oder ›basalen‹ Selbst (z. B. Damasio 1999; Strawson 1999; Zahavi 1999). Das Disparate der Konzepte ist sowohl problematisch als auch produktiv: Es erzeugt einen Reichtum an methodologischen Zugängen – sie reichen von der Introspektion und phänomenologischen Analyse über Gedankenexperimente, linguistische Analysen, empirische Experimente bis hin zu Studien von pathologischen Zuständen –, verhindert jedoch eine Vergleichbarkeit der Ergebnisse und Befunde sowie die Entwicklung einer einheitlichen Theorie.

Kircher und David (2003, S. 2) definieren das Selbst als »die allgemein geteilte Erfahrung, dass wir wissen, dass wir über die Zeit hinweg die gleiche Person sind, dass wir der Autor unserer Gedanken/Handlungen sind, und dass wir uns von der Umwelt unterscheiden«. Dies umfasst das sehr grundlegende, unmittelbare und implizite Empfinden, als Person eine Ganzheit zu bilden, verschieden von anderen zu sein und über die Zeit hinweg ein kontinuierliches Zentrum der eigenen Erfahrungen darzustellen. Bezug nehmend auf neuere phänomenologische, entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Konzepte wollen wir im Folgenden zwei grundlegende Formen dieses Selbsterlebens unterscheiden: (1) das basale, präreflexive oder leibliche Selbst und (2) das erweiterte, reflexive oder personale Selbst (Damasio 1999; Gallagher 2005; Rochat 2004; Zahavi 1999).

1. Das basale Selbst ist ein inhärenter Bestandteil aller Bewusstseinsprozesse. Es ist charakterisiert durch ein implizites, präreflexives (dh. unbewusstest) und verkörpertes Selbstgewahrsein (›Ich bin ich und ich selbst mache diese Erfahrung‹), das in jeder Erfahrung mitgegeben ist, ohne dass dafür eine explizite Introspektion oder Reflexion erforderlich wäre. Einen Baum zu sehen oder zu berühren, schließt immer auch das implizite Bewusstsein des eigenen Sehens oder Spürens und des eigenen Leibes im Hintergrund ein. Darin besteht die ›Erste-Person-Perspektive‹ oder ›Ipseität‹ (Klawonn 1991; Henry 1963). In der Literatur wird auch von einem »minimalen Selbst« (minimal self) oder »Kernselbst« (core self) gesprochen (Zahavi 2011; Cermolacce et al. 2007), da das basale Selbst das Minimum an Selbstsein beschreibt, das für ein subjektives Erleben erforderlich ist. Das basale Selbsterleben lässt sich nach Fuchs (2012) weiter in das ›primäre leibliche‹, das ›ökologische‹ (auf die Umwelt bezogene) und das ›soziale‹ (auf die anderen bezogene) Selbst differenzieren.

2. Das erweiterte, personale oder reflexive Selbst ist durch eine Reihe von eng miteinander verknüpften Fähigkeiten charakterisiert: (a) durch ein höherstufiges Bewusstsein der eigenen Zustände und Erlebnisse (introspektives oder reflexives Selbstbewusstsein), (b) durch die Fähigkeit, andere als intentionale Wesen zu verstehen und ihre Perspektive nachzuvollziehen (Perspektivenübernahme) (Tomasello 2002; Fuchs 2013); (c) durch die Fähigkeit, die eigenen Erfahrungen zu kohärenten Geschichten zu verknüpfen (narrative Identität) (Carr 1986; Schechtman 1996); (d) durch ein begriffliches und biografisches Wissen von sich selbst (Selbstkonzept).

Eine Großzahl neuerer theoretischer und empirischer Forschungsarbeiten beschreibt eine Störung des basalen Selbsterlebens als charakteristisch für die schizophrene Erkrankung (Ardizzi et al. 2015; Benson et al. 2019; Fuchs 2005; Møller und Husby 2000; Parnas und Handest 2003; Parnas und Sass 2011; Thakkar et al. 2011). Vielfach werden die Veränderungen des Selbsterlebens der Betroffenen auch unter dem Begriff der Entkörperung (disembodiment) zusammengefasst und als psychopathologischer Kern oder Grundstörung der Erkrankung verstanden (Laing 1960; Fuchs 2001, 2005; Stanghellini 2004; Fuchs und Röhricht 2017). Störungen der Reflexivität oder der Perspektivenübernahme (»Theory of Mind«)sind nach dieser Konzeption eher als sekundäre Folgen der basalen Selbststörung zu verstehen. Dieser Grundstörung wollen wir im Folgenden anhand der historischen Entwicklung des Schizophreniekonzepts sowie aktueller psychopathologischer Erklärungsansätze nachgehen.

1.3 Schizophrenie als Selbststörung – ein historischer Rückblick

Frühe Beschreibungen von Selbstentfremdung oder Depersonalisation in der Psychopathologie waren nicht auf die heute im Schizophreniespektrum versammelten Erkrankungen beschränkt: Ein Sich-selbst-Fremdwerden im weiteren Sinne zeigte sich als so charakteristisch für psychische Erkrankungen, dass bereits der Psychiater Wilhelm Griesinger (1861) die Entfremdung als ihr Grundmerkmal ansah und die französische Psychiatrie sie generell mit dem Begriff aliénation (Entfremdung) bezeichnete.

1.3.1 Emil Kraepelin und Eugen Bleuler – Dementia Praecox und Schizophrenie

Die Frage nach der Grundstörung in der Schizophrenie beginnt mit deren erstmaliger Konzeption bei Emil Kraepelin. Er unterteilte die endogenen Psychosen 1896 in zwei Gruppen: einerseits die phasisch verlaufenden Psychosen mit vorherrschender affektiver Symptomatik, die er als »manisch-depressives Irresein« bezeichnete (Kraepelin 1899, S. 160); andererseits die Psychosen mit paranoid-halluzinatorischen, katatonen oder desorganisierten Syndromen und progressiv-chronischem Verlauf, für die er den Begriff »Dementia praecox« wählte2. Neben der psychotischen Symptomatik beschrieb Kraepelin verschiedene prodromale Anzeichen, die der Produktivsymptomatik vorausgingen:

»Oft gehen schon lange Zeit Erscheinungen von ›Nervenschwäche‹ voraus. Die Kranken werden still, gedrückt, teilnahmslos, ängstlich, dabei reizbar und widerspenstig, klagen über […] Erschwerung des Denkens, Mattigkeit, verlieren Schlaf und Esslust, ziehen sich von ihrer Umgebung zurück, wollen ins Kloster gehen, hören auf zu arbeiten, bleiben viel im Bett liegen. Dieser Zustand der unbestimmten Vorboten kann kürzere oder längere Zeit andauern« (Kraepelin 1899, S. 160).

Die eigentliche Psychose verstand er als eine Manifestation psychischer Funktionsstörungen, der »Grundstörungen der seelischen und geistigen Leistungen«. Sie führten zu einem Verlust der »inneren Einheitlichkeit von Verstandes-, Gemüts- und Willensleistungen«. Eine Abschwächung des Wollens und eine »Zersplitterung des Bewußtseins« sei die Folge, sodass das psychische Leben einem »Orchester ohne Dirigenten« gleiche (Kraepelin 1913, S. 668–747). Kraepelin hob darüber hinaus immer wieder die »Schädigung des Gemütslebens« hervor und sprach von einer gemütlichen Stumpfheit und Gleichgültigkeit, grundlosem Lachen, einem Verlust des Mitleids, Schwinden des Feingefühls und paradoxen Gefühlen (Kraepelin 1913, S. 668). Zusammengefasst äußerte sich die »Dementia praecox« für Kraepelin in kognitiv-dynamischen Beeinträchtigungen nach Art eines persistierenden Grundsyndroms (Kraepelin 1913, S. 177). Paranoid-halluzinatorische, katatone und hebephrene Symptome stellten nur vorübergehende Überlagerungen dieses Grundsyndroms dar. Kraepelin blieb in der Ausdifferenzierung dieser Grundstörung jedoch sehr unbestimmt. Darüber hinaus fand der Frühverlauf der Dementia praecox trotz seiner eindeutigen Erwähnung insgesamt wenig Beachtung.

In Abgrenzung zu Kraepelin prägte der Schweizer Psychiater Eugen Bleuler 1911 den Begriff der »Schizophrenie« bzw. der »Gruppe der Schizophrenien«. Bleuler verstand die »Aufspaltung des Geistes« (griech. schizo = ich spalte, phren = Geist) als Kernmerkmal der Erkrankung – nicht etwa ihren Verlauf und Ausgang. Zur besagten Aufspaltung gehörten laut Bleuler hauptsächlich eine mangelhafte Einheit des Denkens, Fühlens und Wollens: Das Ich der Betroffenen durchlebe »die vielfältigsten Veränderungen«, die durch die Dissoziation psychischer Vorgänge gekennzeichnet seien und z. B. zu einer »Spaltung der Persönlichkeit« sowie einem Verlust der Gerichtetheit des Denkens führten (Bleuler 1911, S. 58, 143). Er beschrieb zudem bereits Anomalien des Selbsterlebens, z. B. einen Verlust der »Transparenz« des Bewusstseins oder den »Transitivismus« als Verlust der Ich-Grenzen (Bleuler 1911). Später formulierte Bleuler sein Konzept der Grundstörung, die vor allem in einer »Assoziationsstörung« zu sehen sei. Seine Grund- oder Primärsymptome wurden später als die »3 As« zusammengefasst:

1. Störung der Assoziation (Bleuler 1911, S. 10), wie Gedankenabbrechen, -drängen, -sperren, paralogische Verknüpfungen oder Ideenarmut;

2. Störung der Affekte (Bleuler 1911, S. 31) wie Gemütsverödung, Gleichgültigkeit, Stimmungen der Depression, Angst, Wut oder Manie, Fehlen einheitlicher Gefühlsäußerungen und Labilität der Affekte;

3. Autismus: Die »Loslösung von der Wirklichkeit mit dem relativen oder absoluten Überwiegen des Binnenlebens nennen wir Autismus« (Bleuler 1911, S. 52).

Die Auseinandersetzung des Erkrankten mit diesem kognitiv-affektiven Grundsyndrom führt nach Bleuler zu den sogenannten akzessorischen oder Sekundärsymptomen der Schizophrenie, d. h. zu Halluzinationen, Wahnideen, Katatonie oder funktionellen Störungen von Gedächtnis und Sprache (Bleuler 1911), die er für grundsätzlich reversibel hielt.

Bleuler schrieb der Schizophrenie keinen zwingend negativen Verlauf zu und legte deshalb ein besonderes Augenmerk auf den Frühverlauf der Erkrankung. Für die schleichend auftretenden und wenig charakteristischen Frühstadien, die auch lebenslang auf einem Niveau unterhalb der akuten Psychose verbleiben könnten, wählte er den Begriff der »latenten Schizophrenie«. Sie ist heute unter der Bezeichnung »schizotype Störung« (F21) in der ICD-10 als eine der schizophrenen Spektrumsstörungen berücksichtigt und kann sowohl im familiären Umfeld von Menschen mit Schizophrenie als auch im individuellen Vorfeld der akuten Psychose vorkommen. Auch Bleuler beschrieb schon 1911 einige Merkmale des schizophrenen Prodroms:

»Gelingt es, eine gute Anamnese zu erheben, findet man vor dem Ausbruch der Psychose meist Änderungen im gewohnten Wesen: Die späteren Kranken werden empfindsamer und zurückgezogener, geben persönliche Beziehungen und Interessen auf, beschäftigen sich mit abstrakten Wissenschaften, die ihnen früher fernlagen, entwickeln verschrobene hypochondrische Ideen und versagen mehr und mehr in ihrer Arbeit und familiären Aufgaben. Sie zeigen mannigfache Symptome, wie sie bei Neurosen vorkommen« (Bleuler 1911, S. 447–448).

1.3.2 Josef Berze – die »Hypotonie des Bewusstseins«

Auch der österreichische Psychiater Josef Berze vertrat Kraepelins und Bleulers Konzept einer Grundstörung der Schizophrenie. Er verstand darunter eine »Insuffizienz der psychischen Aktivität« oder eine »Hypofunktion des eigentlichen Denkapparates (der intentionalen Sphäre)«, für die er auch den Begriff der »Hypophrenie« gebrauchte (Berze 1914, IV). Psychopathologisch sei diese Grundstörung schwer zu fassen, da sie oft durch Positivsymptome und Affektstörungen überlagert und von den Betroffenen nur schwer zu beschreiben sei (Berze 1914, S. 1).

Berze versuchte zu zeigen, dass alle Symptome der Psychose aus der »Herabsetzung der psychischen Aktivität« bzw. aus der Störung der Intentionalität abgeleitet werden können. Eine »Steigerung des Passivitätsgefühls« führe zum Verlust der Intentionalität der Wahrnehmung und des Denkens, mit der Folge einer Entfremdung von Gedanken bis hin zur völligen Abspaltung im Sinne des Stimmenhörens. Mögliche Depersonalisationsphänomene erstrecken sich aber auch auf die Motorik, resultierend in dem Gefühl, ein Automat oder ein Instrument zu sein. Insgesamt zeige sich in der Schizophrenie eine »Lockerung des Ichverbandes, aus welcher sich die verschiedenen Arten der Spaltung der Persönlichkeit ergeben,« bis hin zum völligen Ichverlust (Berze 1914, S. 138).

Berze verstand somit die Transformation des Selbsterlebens als die Wurzel der Schizophrenie und leitete daraus die Vielfalt ihrer Symptome ab. Darunter finden sich viele der heute im EASE-Interview versammelten Selbststörungen, etwa die verringerte Transparenz und Präsenz des Bewusstseins (»Störungen des Persönlichkeits- oder Ich-Bewußtseins«) oder Störungen der Affektivität mit Verarmung des Gefühlslebens und der Affektmodulation, bis hin zur Dissoziation der Ausdrucksbewegungen und zur Parathymie (Berze 1914, S. 181–186). Zusammen mit Hans Gruhle entwickelte Berze später seine Konzeption weiter. In dem gemeinsamen Buch »Psychologie der Schizophrenie« wird zwischen Prozess- und Defekt-Symptomen unterschieden und die Prodromalphase der Erkrankung besonders hervorgehoben: Die »schizophrene Grundstimmung« entspreche einer sich mitunter Jahre vor einer Psychose vollziehenden »Umwandlung der Persönlichkeit« (Berze und Gruhle 1929, S. 87).

1.3.3 Karl Jaspers und Christian Scharfetter – das Konzept der Ich-Störungen

Etwa gleichzeitig mit Berze schlug Karl Jaspers in seiner »Allgemeinen Psychopathologie« (1913) erstmals eine nähere Bestimmung des »Ichbewusstseins« nach vier formalen Merkmalen vor: (1) Aktivität, (2) Einheit, (3) Identität des Ich und (4) Ichbewusstsein im Gegensatz zum Außen (Jaspers 1973, S. 101 ff.).

1. Als »Aktivität des Ich« verstand Jaspers eine alle Wahrnehmungen, Vorstellungen, Gedanken und Gefühle begleitende Tönung »des ›mein‹, des ›ich‹, des ›persönlichen‹, des eigenen Tuns«, die er auch als »Personalisation« bezeichnete (Jaspers 1973, S. 101). Störungen der Personalisation bestimmte er dementsprechend als »Depersonalisationserscheinungen« (Jaspers 1973).

2. Die beim Gesunden vorhandene »Einheit des Ich« könne im Sinne der Ich-Spaltung und Ich-Verdoppelung gestört sein, wobei Betroffene mit zunehmender Distanzierung vom eigenen Erleben ihre eigene Wahrnehmung, ihr eigenes Denken und Handeln wie von Außen beobachteten.

3. Die »Identität des Ich« verstand Jaspers (1973, S. 103) als das Bewusstsein, »in der Zeitfolge identisch derselbe zu sein«. Er bezog sich damit auf die häufige Erfahrung von Menschen mit Schizophrenie, in der Psychose eine andere Person geworden zu sein.

4. Als »Ichbewußtsein im Gegensatz zum Außen« bezeichnete Jaspers die Demarkation von Ich und Nicht-Ich. Ihre Beeinträchtigung führe zu Verschmelzungen der Betroffenen mit Objekten oder Personen der Umwelt (Transitivismus nach Bleuler) oder zu Phänomenen der Gedankenausbreitung (1973, S. 106).

Von diesen formalen Merkmalen des Ichbewusstseins grenzte Jaspers das »Persönlichkeitsbewußtsein« als inhaltlich ausgestaltete, auch in ihrer psychologischen Genese verstehbare Dimension ab. Er benannte Veränderungen der Persönlichkeit und nicht integrierte Triebregungen in der Pubertät, aber auch die Labilität des Persönlichkeitsbewusstseins bei Patienten mit Schizophrenie, die sich z. B. als bestimmte historische Personen erleben können (Jaspers 1946, S. 106 f.). Schließlich definierte Jaspers noch die »abgespaltenen Personifikationen«, die Betroffenen als eigenständige Anteile der eigenen Persönlichkeit innerlich oder in Halluzinationen gegenübertreten (Jaspers 1946, S. 107 f.).

Jaspers’ Klassifikation hatte nachhaltigen Einfluss, insbesondere auf das Konzept der Ich-Störungen, denen bereits im Lehrbuch der Psychiatrie von Oswald Bumke (1932) ein maßgeblicher Status für die Diagnose der Schizophrenie beigemessen wurde. Kurt Schneider verwies in seiner 1950 erstmals erschienenen »Klinischen Psychopathologie« auf Jaspers’ Kriterien, stellte aber fest, dass in der klinischen Praxis de facto nur der Aktivitätssinn gestört sei (Schneider 1950/1959). Da der Begriff der Aktivität jedoch kaum auf Gefühle und spontane Gedanken angewandt werden könne, ersetzte er das Aktivitätsgefühl durch den Begriff der »Meinhaftigkeit«. Störungen der Meinhaftigkeit wurden nun gleichbedeutend mit den schizophrenen Ich-Störungen bzw. Erlebnissen der Fremdbeeinflussung. In der letzten Ausgabe von 1992 fasste Schneider Gedankeneingebung, -entzug, -übertragung und alle Phänomene »gemachter« Gefühle, Empfindungen und Handlungen unter dem Begriff der Ich-Störungen zusammen und charakterisierte sie als eine abnorme Durchlässigkeit der Grenze zwischen Ich und Umwelt. In seinem bis heute wirksamen System nahmen die Ich-Störungen den Status von Symptomen ersten Ranges für die Diagnose der Schizophrenie ein, während subtilere, prodromale Störungen des basalen Selbsterlebens unberücksichtigt blieben.

In jüngerer Zeit schlug der Psychopathologe Christian Scharfetter eine durch »deskriptive, phänomenologische, existenzanalytische und psychoanalytisch-psychodynamische« Ansätze modifizierte Klassifikation des Selbsterlebens nach Jaspers vor (Scharfetter 1995, S. 71 ff.). Danach setze sich das Ich-Bewusstsein aus fünf basalen Dimensionen zusammen: (1) Vitalität, (2) Aktivität, (3) Kontinuität, (4) Demarkation und (5) Identität.

1. Die »Ich-Vitalität« stellt die Gewissheit der eigenen Lebendigkeit dar. Ihre Störung manifestiert sich im Gefühl des Absterbens bzw. in einem darin begründeten hypochondrischen Wahn, in der Angst vor dem Weltuntergang oder dem Nicht-mehr-Sein.

2. »Ich-Aktivität« ist das Erleben der Selbstbestimmung des eigenen Erlebens, Denkens und Handelns. Ihre Beeinträchtigung geht mit dem Erleben von Fremdbeeinflussung oder -steuerung des Fühlens, Denkens oder Handelns einher und kann in einen Beeinflussungswahn münden. Auch eine Beeinträchtigung der Intentionalität des Denkens, Gedankenabreißen oder -entzug, Echopraxie, Echolalie oder Stereotypien erklärte Scharfetter durch eine mangelnde Ich-Aktivität.

3. »Ich-Konsistenz« oder -Kontinuität bezeichnet die Zugehörigkeit wechselnder Zustände und unterschiedlicher Selbstanteile zu einem einheitlichen Selbsterleben. Störungen der Ich-Konsistenz führen zur Desintegration von Selbstanteilen oder Selbstfunktionen, wie etwa bei der Entfremdung von Leibempfindungen (Coenästhesien), von Gedanken (Stimmenhören) oder Handlungen (Willensbeeinflussung), bis hin zur Persönlichkeitsverdoppelung oder -auflösung.

4. Die »Ich-Demarkation« entspricht der Ich-Umwelt-Abgrenzung bei Jaspers und Schneider. Ihre Beeinträchtigung äußert sich in Appersonierung oder Transitivismus, Gedankenausbreitung sowie, in Reaktion darauf, in eigenweltlichem Rückzug als Schutz vor dem drohenden Selbstverlust.

5. Die »Ich-Identität« schließlich stellt die Gewissheit der eigenen personalen, leiblichen, sexuellen und biografischen Identität dar. Ihr drohender Verlust manifestiert sich in Angst vor oder der Wahrnehmung von physiognomischen und Gestaltveränderungen (Spiegelphänomen),Geschlechtswechsel, Veränderung der Herkunftsidentität (Abstammungswahn) oder Verwandlung in ein anderes Wesen.

Scharfetter kommt der Verdienst zu, die noch primär auf die Diagnostik bezogenen Störungen des Selbsterlebens in der Schizophrenie bei Jaspers und Schneider um existenzielle Aspekte erweitert und sie zum Teil einer Psychopathologie gemacht zu haben, die die persönliche Wirklichkeit der Betroffenen berücksichtigte und daraus therapeutische Schritte ableitete. Seine Ich-Psychopathologie lässt auch viele Überschneidungen mit der Psychopathologie des Selbsterlebens erkennen, auf der das EASE- und das EAWE-Interview aufbauen. Allerdings unterscheidet seine Einteilung nicht klar zwischen den gravierenden Selbststörungen – vor allem den wahnhaften Ich-Störungen – in der akuten Psychose und den subtileren Störungen des basalen Selbsterlebens, wie sie für die neuere phänomenologische Psychopathologie der Schizophrenie in erster Linie relevant wurden. Diese tiefer liegende Ebene der Erkrankung erschließt sich erst phänomenologischen Ansätzen, wie sie in erster Linie von Eugène Minkowski und Wolfgang Blankenburg entwickelt wurden.

1.3.4 Eugène Minkowski – der »Verlust des vitalen Kontakts« als Grundstörung

Anders als Jaspers und Schneider stellte Eugène Minkowski, ebenfalls Psychiater und Philosoph, nicht die produktiven Symptome, sondern den »schizophrenen Autismus« als Ausdruck einer tiefgreifenden Störung des Selbst in den Mittelpunkt seiner Untersuchungen. 1927 erschien sein erstes Werk »La Schizophrenie«, 1933 sein Hauptwerk »Le temps vécu« (»Die gelebte Zeit«, 1971). Darin beschrieb er den Verlust des »vitalen Kontakts mit der Wirklichkeit« als die Grundstörung der Schizophrenie (»perte du contact vital avec la réalité«; Minkowski 1928/1997, S. 106). Diese führe schließlich zu einer fortschreitenden Verarmung und Erstarrung der Persönlichkeit – einer Art »verarmtem Autismus« (»autism pauvre«, Minkowski 1928/1997, S. 191), in dem die Erkrankung in Reinform in Erscheinung trete.

In seinen umfangreichen Untersuchungen des alltäglichen Lebens führte Minkowski aus, was unter dem »vitalen Kontakt« zu verstehen sei, nämlich die Fähigkeit, mit der Welt und mit anderen in Resonanz zu treten, von ihnen affiziert zu werden und angemessen zu reagieren, oder mit anderen Worten, eine präreflexive »Immersion« in die soziale Welt. Von dem französischen Lebensphilosophen Henri Bergson übernahm Minkowski darüber hinaus den Begriff des »élan vital«, ein vitalistisches Prinzip der Lebensenergie, das Minkowski auch im menschlichen »élan personnel« wirksam sah; gemeint ist der Grundantrieb, das eigene Leben zu führen und zu gestalten (Minkowski 1928/1997, S. 165 ff.). Dieser personale Elan sei durch eine Polarität zwischen zwei Prinzipien charakterisiert, nämlich Verbundenheit und Trennung, die Minkowski nach Bleuler auch als »Syntonie« und »Schizoidie« bezeichnete (Minkowski 1928/1997, S. 74 ff.).

In der Syntonie erlebt der Mensch, so Minkowski, den vitalen Kontakt mit der Realität in den Phänomenen der gelebten Zeit – der Gegenwart, der Dauer, der Kontinuität, dem Rhythmus kosmischer Prozesse ebenso wie in der Resonanz und Sympathie mit anderen, als »gelebten Synchronismus« (Minkowski 1928/1997). Zum personalen Elan gehört für Minkowski andererseits ein gewisses Maß an Schizoidie, d. h. an Distanzierung, Autonomie, Für-Sich-Sein und Trennung. Schizoidie und Syntonie stehen normalerweise in einem zyklischen Wechsel und Ausgleich. Im Falle einer überhandnehmenden Schizoidie jedoch tritt ein Erkrankungsprozess ein, der schließlich zur Schizophrenie führen kann.

In der schizophrenen Erkrankung ist der primäre Zyklus von Schizoidie und Syntonie gestört: Die Immersion in die Umwelt geht verloren, und mit dem »vitalen Kontakt« schwindet auch der personale Elan. Im Verlauf ihres autistischen Rückzugs entwickeln die Betroffenen nach Minkowski einen »pathologischen Rationalismus« und versuchen, die »Beweglichkeit des Lebens im Verstand einzusperren« (Minkowski 1928/1997). Während die dynamischen, flexiblen und anpassungsfähigen Aspekte ihrer Beziehungen verloren gehen, treten die festen, statischen und rationalen Elemente hervor – eine dem Konzept der »Hyperreflexivität« verwandte Beschreibung. Den resultierenden Autismus betrachtete Minkowski als eine »Störung der innersten Struktur des Selbst« (»trouble de la structure intime du moi« (Minkowski 1928/1997, S. 114), und damit zugleich im pathogenetischen Sinn als die Grundstörung (»trouble génerateur«) der Schizophrenie, von der die verschiedenen Kardinalsymptome ihren Ausgang nehmen.

1.3.5 Wolfgang Blankenburg – der »Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit«

Auch der Psychiater und Philosoph Wolfgang Blankenburg bemühte sich »um die Freilegung dessen, was bei Schizophrenen im Grunde ihres Menschseins ›gestört‹ ist« (Blankenburg 1971, S. 4). Er verstand es als eine der wichtigsten Aufgaben der phänomenologischen Psychopathologie, »nach Abwandlungen des In-der-Welt-Seins gerade auch da zu fahnden, wo kein Wahn, wo keine abnormen ›Inhalte‹ im engeren Sinne vorliegen« (Blankenburg 1971, S. 2). Im Rahmen seines Habilitationsprojekts »Der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit« (Blankenburg 1971) interviewte Blankenburg über 400 Patienten mit Schizophrenie, die zwischen 1955 und 1967 in der psychiatrischen Universitätsklinik Freiburg aufgenommen wurden, und wählte diejenigen aus, die »einer deutlichen Wahrnehmung ihres Verändertseins Ausdruck geben« konnten (Blankenburg 1971, S. 26). Mit einzelnen Patienten konnte Blankenburg auch schon vor dem ersten Ausbruch der Produktivsymptomatik sprechen. Bei ihnen erkannte er einen hohen Leidensdruck, den er – wie andere vor ihm – als Prodromalsymptomatik zusammenzufassen versuchte:

»Das Charakteristische liegt darin, daß sie einerseits in ihrer Einbettung in die Gesamtlebensgeschichte als relativ neurosennah […] imponieren. Auf der anderen Seite erweckt die Symptomatik in ihrer starren Monotonie und Unverrücklichkeit zugleich den Eindruck einer elementaren Defizienz« (Blankenburg 1971, S. 50).

Seine Interviews führten Blankenburg zu der Einsicht, der psychopathologische Kern der symptomarmen, hebephrenen Schizophrenie sei ein Mangel an »Selbststand«, ein Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit oder des sogenannten »Common Sense«:

»Der »Mangel an ›Halt‹, an Selbststand kann geradezu als ein konstitutives Moment für den hebephrenen Wesenswandel angesprochen werden. […] Solche Patienten fühlen sich fortwährend auf eine unerklärliche Weise ›allein‹ gelassen, auf sich selber gestellt […] Auch wenn keinerlei Anforderungen an sie herangetragen werden, erleben sie sich ständig in einer ganz bestimmten Weise überfordert. Das Auf-sich-Selbst-Gestelltsein, die Spontaneität, von sich aus zu urteilen, von sich aus etwas zu tun, ja überhaupt nur zu sein, können sie nicht leisten« (Blankenburg 1971, S. 95f.).

Das »Sichselbersein« müssen die Patienten, so Blankenburg, mit einem ungeheuren Kraftaufwand eigens bewerkstelligen. Bei allem, was sie tun, fehle das entscheidende Gefühl des eigenen Selbst als Begründungsinstanz. Die Ausführungen Blankenburgs beinhalten die implizite Unterscheidung zwischen einer präreflexiven, basalen Ebene des Selbst und einem narrativen, bewussten Ich, wie er von modernen Phänomenologen ( Kap. 1.1) sowie den Autoren des EASE-Interviews vorausgesetzt wird. Um die beschriebene Ich-Schwäche von Selbstwertproblemen oder Mangel an Selbstvertrauen abzugrenzen, wie sie von Personen mit Neurosen oder Persönlichkeitsstörungen bekannt sind, unterschied Blankenburg zwischen einem »natürlichen«, »empirischen« und »transzendentalen« Selbst:

»Auch da, wo ich von mir selbst nicht viel halte, wo ich mich als ein relativ insuffizientes oder minderwertiges Subjekt entwerfe, kann dieser Entwurf doch in sich als solcher stabil und fundiert sein. Die Verunsicherung des Entwerfens ist etwas anderes als die Unsicherheit, die in einen bestimmten Selbstentwurf hineingehört. Das heißt, sie ist etwas anderes als Selbstunsicherheit in dem gewöhnlichen psychologischen Sinn des Wortes« (Blankenburg 1971, S. 100).

Die »natürliche Selbstverständlichkeit« hat nach Blankenburg zugleich »Hintergrund- und Grundlagencharakter«, sie ist »basal« (Blankenburg 1971, S. 62). Basal zum einen, weil sie sich »von dem Boden des gewöhnlichen, alltäglichen Bewusstseins nicht abhebt und deshalb meist übersehen wird; zum anderen, weil sie – mit diesem Boden identisch – als Basis die Alltäglichkeit des menschlichen In-der-Welt-Seins trägt« (Blankenburg 1971, S. 62). Blankenburg verknüpfte den Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit mit dem überlappenden Konzept des Verlustes des »Common sense«, der das implizite (Handlungs-)Wissen davon umfasst, was »sich gehört«, »sich schickt«, und was allgemein als selbstverständlich gilt. Der Begriff beschreibt die stillschweigend vorausgesetzten Spielregeln, die unser alltägliches Zusammenleben bestimmen (siehe auch Blankenburg 1969, S. 144 ff.).

Die tiefe Verunsicherung der Betroffenen führt laut Blankenburg häufig dazu, dass sie sich auf jede Aussprache oder Begegnung mit einem Menschen innerlich vorbereiten müssen. Jede einzelne Situation müssen sie vorausentwerfen:

»Diese Fragen, die den Gesunden im praktischen Leben kaum behelligen, füllen bei Kranken […] zeitweise das Bewußtsein so sehr, daß sie darüber weder zu den Dingen noch zu sich selbst noch zu den anderen Menschen finden. Sie sind ständig mit der Herstellung jener Basis beschäftigt, die der Gesunde bedenkenlos voraussetzt, um sich von dort aus den Anforderungen des konkreten Lebens zuzuwenden« (Blankenburg 1971, S. 82).

Als Folge des tiefgreifenden Verlusts von Selbstverständlichkeit und Common sense bewegen sich Betroffene fortwährend in der Alternative zwischen schablonenhafter Übernahme von Umgangsformen (z. B. floskelhafte Wendungen) und autistischem Rückzug (in extremen Zustandsbildern zwischen Echopraxie oder Echolalie einerseits, Negativismus oder Stupor andererseits). Selbstverständlichkeiten des Alltags wandeln sich zu Fragwürdigkeiten. Offensichtlich wirkt sich der Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit auch auf die Intersubjektivität im Kontakt mit anderen aus. Dies zeige sich z. B. im Unvermögen, den Blick der anderen auszuhalten. Betroffene können die Rivalität zwischen Blicken und Erblicktwerden, Vergegenständlichen und Vergegenständlicht- (d. h. »Fixiert«-)Werden nicht aufheben:

»Beim Gesunden findet sich statt der starren Alternative ein feines Oszillieren zwischen den beiden Polen der Selbstbehauptung und Selbsthingabe. In einer für das Bewußtsein unterschwellig bleibenden Form bildet dieser Vorgang die Grundlage für die Wahrnehmung des Anderen, in gröberer Form für die reale Begegnung mit ihm, sei sie nun freundlicher oder feindlicher Art. Die wechselseitige Bezogenheit der Pole ist dabei nie ganz durchbrochen. Das bedeutet: die Alternativstruktur ist stets mehr oder weniger aufgehoben, erst unter psychopathologischen Bedingungen tritt sie als solche hervor« (Blankenburg 1971, S. 109).

Eine »Tendenz zur Aufspaltung der Erfahrung in Alternativen« ist nach Blankenburg bei Menschen mit Schizophrenie auf vielen Ebenen erkennbar: Sie erleben sich als zerrissen zwischen Desautomatisierung und totalem Automatismus in den Bewegungen, zwischen schablonenhafter Übernahme von Haltungen oder Rollen und autistischem Rückzug in Beziehungen. Oft führe diese Verselbständigung der Alternativen innerhalb der mitmenschlichen Begegnung zum Wahn, da aus dem Vertrauensschwund Misstrauen werde und der Wahn die einzige Möglichkeit sei, mit der Übermächtigung durch das Fremde fertigzuwerden: Der andere werde in seiner Vereinnahmung zum Verfolger, Hypnotiseur, Vergewaltiger oder geheimen Geliebten.

Blankenburg beschreibt neben dem Verlust von »natürlicher Selbstverständlichkeit« sowie der damit verbundenen Hyperreflexivität zahlreiche Veränderungen des basalen, präreflexiven Selbsterlebens, die später auch in die Items der EASE Eingang fanden. Dazu gehören die Ambivalenz, das verminderte basale Selbsterleben (Verlust des Selbststands), das mimetische Erleben, die Selbstvergewisserung im Spiegelbild, der Verlust der Initiative, das Missverhältnis zwischen intendiertem und tatsächlichem Ausdruck, transitivistische Phänomene und Phänomene der existenziellen Reorientierung.

1.4 Die Renaissance der Phänomenologie

Die beschriebenen Arbeiten verhalfen den Selbststörungen zu einem zwar soliden, jedoch lange Zeit randständigen Platz im pathogenetischen Verständnis der Schizophrenie. Dass Beschreibungen schizophrener Selbststörungen in der psychiatrischen Fachwelt bis vor Kurzem eine Nischenexistenz führten, lag zum einen an den lange fehlenden englischen Übersetzungen der Arbeiten, zum anderen an dem oft hohen Abstraktionsgrad der philosophisch fundierten Texte. Sie erschienen weit entfernt vom raschen klinischen Alltag und deshalb wenig anwendbar. Von 1960–1985 gab es kaum englischsprachige Schriften, die sich mit der Phänomenologie der Schizophrenie befassten. Sowohl Mayer-Gross mit seinem »Textbook of Psychiatry« (1954) als auch Fish mit »Schizophrenia« (Hamilton und Fish 1984) versuchten phänomenologische Konzepte in die englischsprachige Psychiatrie einzuführen, allerdings mit wenig Erfolg.

Erst Sass (1992, 1994), Schwartz und Wiggins (1987), Cutting, Dunne und Shepherd (1987, 1989) sowie Bovet und Parnas (1993) griffen die phänomenologische Tradition systematisch wieder auf und verhalfen ihr zu einer Renaissance in der internationalen Psychiatrie (Sass et al. 2011). Seit 2000 erschienene englischsprachige Publikationen zur schizophrenen Erkrankung beschäftigten sich mit dem Selbsterleben (Sass und Parnas 2003), Zeiterleben (Fuchs 2005), der Wahrnehmung (Nelson und Sass 2008; Schwartz et al. 2005), dem Wahn und der Wahnstimmung (Parnas und Sass 2001; Fuchs 2020), Störungen des Common Sense (Stanghellini 2001, 2004; Stanghellini und Ballerini 2007), Affekt und Emotion (Ratcliffe 2008), Negativsymptomen (Sass 2003) sowie Persönlichkeit und Autonomie (Sass 2011). Daraus erwuchsen auch empirische Studien, welche die Störungen des Selbsterlebens als einen Kern- und Differenzierungsfaktor der frühen Schizophrenie zu kennzeichnen suchen (Møller und Husby 2000; Parnas et al. 2003; Parnas et al. 2005).

Ein wesentliches Motiv für die Renaissance der Phänomenologie stellte nicht zuletzt eine zunehmende Desillusionierung hinsichtlich der manualisierten, operationalisierten Diagnosesysteme dar, die mit dem DSM III (1980) in die Psychiatrie Einzug hielten (Sass et al. 2001). Schlüsselfiguren der nordamerikanischen und europäischen Psychiatrie beklagten in der Folge einen fehlenden Fortschritt in der Erforschung und Behandlung der Schizophrenie (Andreasen 2007). Grund sei der Verlust von Validität infolge einer Überbewertung der Reliabilitätder Diagnostik, einhergehend mit dem Verlust der reichen psychopathologischen, häufig phänomenologischen Tradition der europäischen Psychiatrie (Andreasen 2007).

Eine gewisse Ernüchterung ist auch hinsichtlich neurozentrischer und reduktionistischer Ansätze in der Psychiatrie festzustellen. Trotz intensiver Forschung in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten vermochten die Neurowissenschaften kaum diagnostisch oder therapeutisch relevante Ergebnisse für die Psychiatrie zu liefern (Fuchs 2017). Zur gleichen Zeit entwickelte sich mit den Konzepten der »Embodied« und »Enactive Cognitive Science« eine alternative Sicht auf Gehirn und Psyche, die die Verkörperung geistiger Funktionen und ihre Einbettung in die Umwelt als unabdingbar für ihr adäquates Verständnis betrachtet; damit gab sie auch der phänomenologischen Erforschung der subjektiven Erfahrung von Leiblichkeit und Intersubjektivität neuen Auftrieb (Varela et al. 1991; Gallagher 2005; Gallagher und Zahavi 2008; Thompson 2007; Fuchs 2008, 2018).

1.5 Schizophrenie heute: Prodromalphase, Basissymptome und Selbststörungen

Die phänomenologische Konzeption der Schizophrenie als basale Selbststörung steht in Einklang mit einer zunehmenden Fokussierung der Interventionen auf die Früherkennung und Prävention der Erkrankung; denn solche Interventionen sind ohne ein adäquates Verständnis des subjektiven Erlebens in präpsychotischen Phasen nicht denkbar.

Tabelle 1.1 gibt einen Überblick über die häufigsten Symptome in der sogenannten Prodromalphase (Vorläuferphase) schizophrener Erkrankungen, durchschnittlich fünf Jahre vor der ersten Psychose. Viele der Symptome sind mit einem hohen Leidensdruck und einer funktionalen Einschränkung der Betroffenen verbunden. Dies führt dazu, dass im Mittel bereits zwei bis vier Jahre vor einer Erstaufnahme der soziale Abstieg der Betroffenen beginnt. Eine frühe Behandlung im Prodromalstadium ist daher auch mit der Hoffnung auf eine positive Beeinflussung des Krankheitsverlaufs verbunden (Häfner 1995).

Viele dieser Prodromalsymptome finden sich in ganz ähnlicher Form in der EASE wieder. Dies ist nicht überraschend, da die Inhalte der EASE maßgeblich durch das Basissymptom-Konzept von Huber (Huber 1966, 1983; Huber und Gross 1989) sowie die dazugehörige Bonner Skala für die Beurteilung von Basissymptomen (BSABS, Gross et al. 1987) beeinflusst wurde. Huber ging in seinem einflussreichen Früherkennungsansatz von hirnorganischen Abweichungen bei Menschen mit Schizophrenie aus, die ihren psychopathologischen Ausdruck in Form feiner, selbst wahrnehmbarer Defizite finden. Erst sekundär kommt es, laut Huber, beim Fortbestehen ungünstiger Lebensbedingungen oder Bewältigungsmechanismen zu produktiv-psychotischen Symptomen.

Tab. 1.1: Prodromalsymptome schizophrener Erkrankungen nach einer Literaturübersicht von Yung und McGorry (1996). Mit Sternchen* gekennzeichnet: am häufigsten beschriebene Symptome in retrospektiven Erstepisoden-Studien

SymptombereichSymptom

Nuechterlein und Dawson (1984) unterscheiden in ihrem Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungs-Modell zwischen sogenannten »state-« und »trait-Merkmalen«:state-Merkmale sind nur in bestimmten Stadien einer Erkrankung (Prodrom, manifeste Erkrankung, Remission) deutlich ausgeprägt, trait-Merkmale hingegen zeigen ein dauerhaft erhöhtes Ausprägungsniveau. Vulnerabilitätsfaktoren und auch Basisymptome weisen nach dieser Konzeption trait-Charakter auf, da in ihnen eine generelle Anfälligkeit für schizophrene Erkrankungen zum Ausdruck kommt.

Auch phänomenologische Psychopathologen gehen davon aus, dass die schizophrene Vulnerabilität in einer trait-artigen Störung des basalen Selbsterlebens oder des »minimalen Selbst« besteht (Sass und Parnas 2003; Parnas und Sass 2011; Fuchs 2012; Fuchs und Röhricht 2017). Die Konzeption der Selbststörungen hat ihren Ursprung in Berichten von Beschwerden, die sowohl Jahrzehnte vor der ersten akuten Episode als auch im Vorfeld schizophrener Rezidive auftreten können. Die Arbeitsgruppe um Josef Parnas und Louis Sass entwickelte daraus ein umfassendes psychopathologisches Modell, dass sich aus dem Basisstörungskonzept von Huber, aus Konzepten von Phänomenologen wie Maurice Merleau-Ponty und Michel Henry sowie von Psychiatern wie Eugène Minkowski und Wolfgang Blankenburg speist ( Kap. 1.3).

Danach lässt sich die Grundstörung der Schizophrenie, wie bereits erwähnt, als eine Schwächung des basalen Selbsterlebens beschreiben, die zunächst das präreflexive, selbstverständliche In-der-Welt-Sein erfasst. Dieses wird gewöhnlich vermittelt durch eine transparente, im Hintergrund aller Erfahrungen fungierende Leiblichkeit. Als Ursprung der veränderten Selbstwahrnehmung bei schizophrenen Erkrankungen gilt daher auch eine fehlende Verkörperung des Selbsterlebens (disembodiment) (Laing 1960/1990; Stanghellini 2004; Fuchs 2005, 2020; Kap. 2). In der Schizophrenie scheint das präreflexive, implizite Selbstsein, die Einbettung des Selbsterlebens in den Leib in unterschiedlichem Ausmaß verloren zu gehen. Der gelebte Leib trägt und vermittelt das alltägliche In-der-Welt- und Mit-anderen-Sein nicht mehr in selbstverständlicher Art und Weise. Gewohnte Handlungssequenzen zersetzen sich und müssen nun eigens geplant oder gezielt »gemacht« werden. Die sonst durch den Leib automatisch vermittelten Lebensvollzüge verlieren ihre »Meinhaftigkeit« und damit auch ihre Transparenz (Fuchs 2015).

Zugleich lösen sich integrale Wahrnehmungsgestalten auf, störende Details treten in den Vordergrund, und die wahrgenommene Welt verliert zunehmend ihre vertrauten Sinnbezüge. Schließlich werden auch die Beziehungen zu anderen fragwürdig, und die selbstverständliche Teilnahme an der gemeinsamen Lebenswelt und ihrem »common sense« misslingt (Stanghellini 2000; Thoma und Fuchs 2018). Soziale Interaktionen mit anderen können für Betroffene zunehmend belastend oder bedrohlich werden. Vergeblich versuchen sie, diese verschiedenen Formen von Entfremdung und Selbstverlust durch zwanghafte Selbstbeobachtung, Hyperreflexivität und bewusste Steuerung des eigenen Tuns zu kompensieren.

In der akuten Psychose steigert sich die zuvor noch schleichende Entfremdung zum Erlebnis der Selbstentmächtigung. Nun treten den Betroffenen die entfremdeten Bruchstücke des eigenen Wahrnehmens, Denkens und Handelns wie von außen gegenüber, als scheinbar von anonymen Mächten ausgelöste Empfindungen, gesteuerte Bewegungen, eingegebene Gedanken oder – bei noch weitergehender Entfremdung – als akustische Halluzinationen (»Stimmen«). Die sogenannten »produktiven« Symptome der akuten Psychose (Ich-Störungen, Beeinflussungswahn, Halluzinationen) stellen demnach Externalisierungen vollständig entfremdeter und als solcher nicht mehr erkannter Eigentätigkeiten dar, die sich den Betroffenen von außen her entgegenstellen. Damit ist die phänomenologische Konzeption der Schizophrenie, wie sie den hier vorgestellten Interviews zugrunde liegt, im Überblick skizziert.

1.6 Zusammenfassung

Der historische Überblick sowie neuere phänomenologische Untersuchungen legen die Existenz einer Grundstörung der Schizophrenie nahe, die ähnlich einer Vulnerabilität schon vor dem Ausbruch der Erkrankung erfasst werden kann. Sie besteht modernen phänomenologischen Theorien zufolge in einer Beeinträchtigung des basalen, leiblich verankerten Selbsterlebens. Dies bedeutet nicht etwa, dass Erkrankte kein Selbstkonzept aufweisen, sondern umschreibt vielmehr die Tatsache, dass sie ihr Kernselbst als grundsätzlich fragil, bedroht und instabil empfinden. Nach heutigem Stand umfasst die schizophrene Grundstörung folgende pathogenetische und kompensatorische Aspekte (Fuchs 2012):

a. Störung der »Ipseität«, der »Ersten-Person-Perspektive« oder der »Selbstaffektion«

b. Schwächung des primären leiblichen Selbsterlebens

c. Störung der impliziten Funktionen des Leibes, mit der Folge einer Entfremdung des Wahrnehmens und Handelns

d. Verlust des »Common Sense«

e. »Hyperreflexivität«

f. Störung des zwischenleiblichen Kontakts mit anderen

g. sozialer Rückzug (schizophrener Autismus).

Die »Examination of Anomalous Self-Experience (EASE)« (Parnas et al. 2005) und die »Examination of Anomalous World Experience (EAWE3)« (Sass et al. 2017) stellen semi-strukturierte Interviews dar, die der detaillierten Erfassung dieser und anderer basaler Störungen des Erlebens bei Menschen mit Schizophrenie dienen. Sie haben eine hohe deskriptive, diagnostische und differenzialdiagnostische Relevanz für Störungen innerhalb des Schizophreniespektrums. Damit dienen sie besonders auch der Früh- und Differenzialdiagnostik und bieten Möglichkeiten der psychoedukativen sowie therapeutischen Unterstützung – nicht zuletzt für die Entwicklung innovativer, etwa körper- und kreativtherapeutischer Interventionen (Röhricht und Friebe 2006; Martin et al. 2016a, b; Galbusera et al. 2018). Für Betroffene bedeuten sie oft die Möglichkeit, zum ersten Mal über sonst meist unberücksichtigte, schwer beschreibbare Veränderungen ihrer Erlebniswelten Auskunft zu geben, sich darüber Klarheit zu verschaffen und sich verstanden zu fühlen.

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1 Gesprochen [í:wi]

2 »Dementia praecox« zeigt eine Unterscheidung zur altersbedingten Form der kognitiven Degeneration (Demenz) auf: Das Adjektiv »praecox« bezeichnet das »vorzeitige« Auftreten der Erkrankung während oder nach der Pubertät (Kraepelin 1899).

3 Gesprochen [í:wi]

2 Entkörperung und Entfremdung in der Schizophrenie – eine phänomenologische Analyse zweier Fallstudien4
Sanneke de Haan und Thomas Fuchs
2.1 Einleitung

Der dritte Abschnitt des EASE-Interviews betrifft die Veränderungen im Leiberleben der Patienten.5 Seit langem ist bekannt, dass viele Patienten mit Schizophrenie sowohl in Früh-, Akut- als auch in Spätstadien der Erkrankung von coenästhetischen, also fremdartigen leiblichen Empfindungen berichten, wie z. B. schwer beschreibbare Schmerzen, Stromempfindungen oder das Spüren von einzelnen Organen u. Ä. (Huber 1971; Gross et al. 1987; Jenkins und Röhricht 2007). Als Sammlung isolierter körperlicher Symptome wäre diese Dimension der Störung allerdings nicht hinreichend beschrieben. Vielmehr erscheint die generelle Beziehung der Betroffenen zu ihrem Leib, ihr leiblich vermitteltes »In-der-Welt-Sein« insgesamt in einer noch näher zu bestimmenden Weise verändert (Stanghellini 2004; Fuchs 2005). Aus phänomenologischer Sicht verliert der Leib als impliziter und damit gewöhnlich verborgener Hintergrund des Erlebens seine tragende oder vermittelnde Rolle und tritt störend und die Wahrnehmung verzerrend hervor.

Im Folgenden untersuchen wir die Rolle des Leibes in der beginnenden Schizophrenie anhand der Erfahrungen von zwei erstmalig erkrankten Patienten. Wir wollen zeigen, dass sich die typischen Veränderungen des Leib- und Selbsterlebens in der Schizophrenie als ein quasi-cartesianischer Dualismus beschreiben lassen, nämlich als eine Trennung der normalpsychologischen Einheit der verkörperten Subjektivität, die sich in einer grundlegenden Entfremdung von der Welt manifestiert. In der phänomenologischen Psychopathologie spricht man auch von einer »Entkörperung« (disembodiment) des Subjekts in der Schizophrenie (Laing 1990; Fuchs und Schlimme 2009). Bevor wir diese Phänomene anhand der Kasuistiken näher untersuchen, geben wir eine kurze Einführung in die Phänomenologie der Leiblichkeit (1) und skizzieren dann die Role des Leibes für die basalen Selbststörungen in der Schizophrenie (2).

2.2 Phänomenologie von Leib und Körper

Die maßgebliche Rolle des Körpers für das Selbsterleben dürfte heute unumstritten sein. Forschungen und Konzepte besonders zur »Embodied and Enactive Cognition« haben immer deutlicher gezeigt, dass sowohl Wahrnehmen, Fühlen und Handeln als auch höhere kognitive Prozesse wie Denken und Entscheiden in hohem Maß durch unsere Verkörperung bestimmt werden (Damasio 1999; Gallagher 2005). Die Frage ist allerdings, wie diese Rolle des Körpers in der Schizophrenie näher zu verstehen ist, damit auch der Zusammenhang zwischen den einzelnen leibbezogenen Symptomen klarer wird. Die phänomenologische Psychopathologie erscheint dazu besonders geeignet, insofern sie die Abwandlungen im gesamten In-der-Welt-Sein der Patienten untersucht, wie sie durch den Leib vermittelt werden: die Beziehung des Subjekts zu sich selbst, zu anderen und zur Welt (Fuchs 2010).

Die klassische Frage nach dem Zusammenspiel zwischen Leib, Geist und Welt nimmt in der Phänomenologie eine zentrale Stellung ein. Husserl (1993), der Begründer der Phänomenologie, hat darauf hingewiesen, dass das Bewusstsein immer auf etwas gerichtet, d. h. intentional ist: es ist immer Bewusstsein von etwas. Mit diesem Begriff der Intentionalität betonte er die fundamentale Korrelation zwischen Bewusstsein und Welt. Heidegger (2001) sah im Bewusstsein eine noch zu beschränkte Kategorie und führte den Begriff des ›In-der-Welt-Seins‹ ein, um die menschliche Existenz in ihrer grundlegenden Beziehung zur Welt zu bezeichnen. Merleau-Ponty schließlich entfaltete in seinem Hauptwerk »Phänomenologie der Wahrnehmung« (1966) die grundlegende Leiblichkeit unseres In-der-Welt-seins: Nicht das Denken oder Erkennen, sondern eher das Wahrnehmen und Handeln stellen unsere primäre Beziehung zur Welt her. Der Intentionalität des denkenden Bewusstseins stellte Merleau-Ponty, anknüpfend an spätere Arbeiten Husserls, die leibliche Intentionalität des »Ich kann« gegenüber, also die vom Leib ermöglichten Bereitschaften des Handelns. Bereits Heidegger hatte den Primat unseres praktischen Umgangs mit der Welt postuliert; Merleau-Ponty fügte hinzu, dass dieser sich über das Medium des Leibes vollziehe.

Detailliert beschreibt Merleau-Ponty, wie unsere leiblichen Fähigkeiten die Welt für uns erschließen und bestimmen, wie wir die Welt wahrnehmen. Wir sehen keine neutrale Ansammlung von Objekten in einem abstrakten räumlichen Koordinatensystem, sondern wir sehen eine Bäckerei, wenn wir hungrig sind, oder einen Baum zum Unterstellen, wenn es anfängt zu regnen. Wahrnehmen bedeutet für Merleau-Ponty weder die bloße Registrierung von Informationen durch einen passiven Empfänger noch eine Projektion meines Bewusstseins, so als könnte ich nur sehen, was ich selbst in meine Wahrnehmung hineingelegt habe. Es geht vielmehr um die Koppelung zwischen mir als leiblich situierter Person und den Aufforderungscharakteren (affordances, Gibson 1979) meiner Umwelt. Abhängig von meiner Geschichte, meinen erworbenen Fähigkeiten, meinen aktuellen Bedürfnissen und Plänen ziehen bestimmte Dinge mich entweder an oder stoßen mich ab. So übt ein Flügel eine andere Anziehungskraft auf einen Pianisten aus als auf jemanden, der nicht Klavier spielt oder gar nicht an Musik interessiert ist. Aber auch für den Pianisten wird es von den Umständen und seiner momentanen Verfassung abhängen, ob er zuerst sieht, dass es sich um einen Steinway handelt, oder ob er zuerst die Schale mit Obst bemerkt, die auf dem Flügel steht.

Gegen die seit jeher dominierende Darstellung des Körpers als Vehikel (Descartes 1959) oder sogar als »Gefängnis« (Platons »Phaidon«) der Seele betont Merleau-Ponty die Bedeutung des Leibes für unser Selbstsein. Der Leib ist in einem konstitutiven Sinn »Ausdruck der gesamten Existenz, nicht als deren äußere Begleiterscheinung, sondern weil sie in ihm sich realisiert« (Merleau-Ponty 1966, S. 198). Allerdings ist die menschliche Existenz durch eine grundsätzliche Offenheit und Mehrdeutigkeit gekennzeichnet. Obgleich seine leibliche Konstitution vieles bestimmt, vermag der Mensch zu sich selbst und seinem Bestimmtsein eine Haltung einzunehmen; ja er kann gar nicht anders als dies zu tun. Heideggers Begriff der Existenz bezieht sich auf eben diese Grundbedingung, dass es dem Menschen in seinem Sein um dieses Sein selbst geht (Heidegger 2001, I, § 9). Plessner (1981) spricht von der »exzentrischen Position« des Menschen: Wir fallen nie restlos mit uns selbst zusammen, sondern verhalten uns immer zu uns selbst. Die Selbstreflexion enthält zugleich die Möglichkeit der Freiheit und Selbstbestimmung.

Der menschliche Leib umfasst damit sowohl die Faktizität, das Gewordensein, als auch das Mögliche. Einerseits ist er als Organismus von biologischen Gesetzen bestimmt, andererseits ist er aber auch erlebter und erfahrener Leib und übersteigt damit die biologische Ebene. Die in der philosophischen Anthropologie geläufige, auf Plessner zurückgehende Unterscheidung zwischen Leib (als Subjekt) und Körper (als Objekt) bezieht sich auf diese Doppelnatur des »Leibkörpers«: Wir sind unser Leib und haben zugleich unseren Körper. Um zu zeigen, dass es zwei Weisen gibt, seinen Leib zu erleben, verweist Husserl (1952) auf die Doppelempfindungen bei der Selbstberührung: Fasse ich mit meiner rechten Hand meine linke an, so ist die linke Hand einerseits ein berührtes Objekt, dessen Eigenschaften wie Rauheit, Wärme usw. ich feststellen kann. Andererseits spüre ich mit der linken Hand selbst, dass ich berührt werde, d. h. ich spüre die Berührung »von innen«. Die Hand ist damit sowohl materieller Körper als auch spürender Leib.

In unseren alltäglichen Handlungen sind wir mit unserer Aufmerksamkeit meist nicht auf uns oder auf unseren Körper gerichtet, sondern auf die Welt und auf die Ziele unseres Tuns. Plessner (1981) beschreibt die Rolle des Leibes als »vermittelte Unmittelbarkeit«: Indem er selbst im Hintergrund bleibt, erlaubt er es uns, die Aufmerksamkeit auf unsere Umgebung zu richten. Diese Funktion als Medium kann der Leib aber nur dann erfüllen, wenn er wirklich ein Medium bleibt und nicht selbst zum Objekt der Aufmerksamkeit wird. Hört man z. B. die eigene Stimme wegen eines Echos im Telefon, so fällt es schwer, sich auf die eigenen Worte zu konzentrieren, und man gerät bald ins Stottern. Achtet man auf die Füße, während man rasche Tanzschritte macht, wird man leicht stolpern. Die Verschiebung der Aufmerksamkeit von der Handlung selbst auf ihre physische Umsetzung bewirkt also, dass man vom impliziten Modus des Leibseins in den expliziten Modus des Körperhabens gerät. Die Wahrnehmung des eigenen Leibes und seiner Bewegungen aus innerer Distanz macht aus ihm ein Objekt. Dies unterbricht die natürliche Flüssigkeit der Bewegung – der Leib kann unter Kontrolle nicht spontan sein.

Daraus folgt, dass Bewusstsein und Überlegung in Bezug auf unsere körperlichen Fähigkeiten nicht immer unsere Freiheit erhöhen. Wenn wir Freiheit im Sinne von Handlungsmöglichkeiten verstehen, ist die unmittelbare erfahrene Freiheit oft sogar größer in Abwesenheit von Reflexion. Überlegung behindert nämlich bis zu einem gewissen Grad die vermittelnde Rolle, die der Leib nur auf der Grundlage seiner Transparenz erfüllen kann. Je besser wir eine Fähigkeit beherrschen, desto weniger müssen wir darüber nachdenken, und umso mehr kann die Reflexion uns bei der Durchführung stören. In diesem Sinne nimmt die Erfahrung der Freiheit zu, je weniger bewusste Überlegung wir für die korrekte Durchführung der Handlung benötigen. In der Schizophrenie hingegen kann die Reflexion, wie wir sehen werden, exzessiv werden und als Hyperreflexivität das natürliche Verhältnis zur Welt beeinträchtigen (Fuchs 2011).

Obwohl der Leib in der Regel implizit und im Hintergrund tätig ist, gibt es verschiedene Situationen, in denen sich unsere Aufmerksamkeit auf den Körper als Objekt verschiebt. Teilweise geschieht dies, wenn unser Körper uns auf irgendeine Weise im Weg steht. Heidegger (2001) wies darauf hin, dass ein Werkzeug für uns erst zum Objekt wird, wenn es fehlt, defekt ist oder uns an eine unvollendete Aufgabe erinnert. Genauso tritt unser Körper in den Vordergrund, wenn er sich als verletzt oder bedürftig zeigt, nämlich im Fall von Schmerzen, Hunger, Durst, Lust, Müdigkeit usw. Außerdem können wir uns in sozialen Situationen des Blickes der anderen bewusst werden und uns selbst gleichsam mit ihren Augen sehen. Die anderen konfrontieren mich mit der Objektseite meines Körpers und können mich dadurch meiner selbst entfremden (Sartre 1962). Aber auch wenn wir eine neue Fähigkeit erlernen, wenden wir uns dem Körper zu, d. h. wir wechseln vom impliziten Erleben zu einem expliziten Fokus auf die Koordination unserer Bewegungen, bis sie uns »in Fleisch und Blut« übergegangen sind. Bewusste Aufmerksamkeit ermöglicht uns, neue Fähigkeiten zu erlernen und so unser Repertoire von Gewohnheiten zu erweitern.

Die Erfahrung des Körpers als Objekt beinhaltet eine Form der Reflexion, der Distanz vom natürlich gelebten Leib. Die zuvor genannten Situationen sind passagerer Natur; sobald wir den Hunger gestillt haben, uns angewöhnt haben, »blind« mit der Tastatur zu schreiben, oder uns nicht länger von anderen beobachtet fühlen, vergessen wir den Körper und gehen wieder in dem auf, was wir tun. Die implizite Leiberfahrung hat damit in der Regel die Oberhand; doch ist unser Lebensvollzug durch einen fortwährenden Wechsel, ja eine Ambiguität zwischen der Erfahrung des Körpers als Objekt und des Leibes als Subjekt charakterisiert. Unser Erleben pendelt beständig zwischen dem »Aufgehen in« und dem »Nachdenken über«. Jedes neue Erlernen beruht auf dieser Wechselbeziehung – Schritt für Schritt gewinnt die im Leibgedächtnis sedimentierte Erfahrung wieder die Oberhand über die bewusste Aufmerksamkeit. Unsere Freiheit liegt letztlich weder ausschließlich in dem einen noch im anderen Modus, sondern in der Möglichkeit, frei zwischen ihnen zu wechseln.

2.3 Selbststörungen und Leiblichkeit in der Schizophrenie

Die dargestellte Phänomenologie der Leiblichkeit ist nun von zentraler Bedeutung für das Verständnis der basalen Selbststörungen, wie sie in den EASE- und EAWE-Interviews erfasst werden. In ihrer grundlegenden phänomenologischen Theorie der Schizophrenie haben Sass und Parnas (2003) zwei sich ergänzende Hauptaspekte dieser basalen Selbststörungen unterschieden: (1) verminderte Selbstaffektion und (2) Hyperreflexivität. Bevor wir zu den Fallstudien übergeben, wollen wir diese beiden Aspekte kurz darstellen.

Der Begriff der Selbstaffektion beschreibt das Merkmal all unserer Erfahrungen, dass wir dabei immer schon auf eine präreflexive und nicht-vergegenständlichende Weise unserer selbst gewahr sind: Wir müssen uns also nicht erst fragen, wer wir sind, wie wir heißen oder wann wir geboren wurden, um doch unserer selbst inne zu sein. Sass und Parnas (2003) bestimmen Selbstaffektion auch als die »Intensität oder Vitalität der subjektiven Selbstgegenwart«. Sie greifen zu ihrer Bestimmung auf die Begriffe der »Ipseität« oder Selbstheit (Henry 1963/2019) und des »minimalen Selbst« (Zahavi 1999) zurück ( Kap. 1): Beide bezeichnen im Unterschied zum erweiterten, autobiografischen oder personalen Selbsterleben die Eigenschaft aller Erfahrung, in einer subjektiven, erstpersonalen Weise erlebt zu werden, also jemandes Erfahrung zu sein. Dieses basale Selbsterleben oder Selbstempfinden wird vom Leib getragen; es entspricht einem Spüren von leiblicher Präsenz und Lebendigkeit, das unsere Erfahrungen fortwährend begleitet, auch wenn wir unseres Leibes dabei nicht explizit bewusst sind. Ist diese Selbstaffektion beeinträchtigt, so resultieren die Gefühle der inneren Leere und Entfremdung bis hin zur Depersonalisation, wie wir sie in der Schizophrenie finden.

Das komplementäre Phänomen dazu ist die im ersten Abschnitt bereits erwähnte Hyperreflexivität: Sie gleicht gewissermaßen dem Versuch des entkörperten Bewusstseins, die verlorene Selbstvertrautheit der Erfahrung reflexiv wiederherzustellen, sich also seiner selbst durch ständige Selbstbeobachtung, Nachdenken, Grübeln und Reflexion zu vergewissern – ein Versuch, der freilich vergeblich bleiben muss. Die folgende Schilderung eines Patienten mit Schizophrenie gibt davon eine Vorstellung:

Sobald ihm ein Gedanke durch den Kopf ging […], musste er seine Aufmerksamkeit zurücklenken und sein Bewusstsein untersuchen, um genau zu wissen, was er gedacht hatte; er war ständig mit der Kontinuität seines Denkens beschäftigt. Er hatte Angst davor, er könnte für einen Moment zu denken aufhören, es könnte vielleicht einmal vorgekommen sein, dass »meine Vorstellung stillstand«. Eines Nachts wachte er auf und fragte sich: »Denke ich eigentlich gerade? Da es nichts gibt, das beweist, dass ich denke, kann ich nicht wissen, ob ich existiere.« (Hesnard 1909, S. 179; zit. n. Parnas und Handest 2003, S. 128; eig. Übers.)

Vergeblich versucht dieser Patient, seine existenzielle Angst vor dem Selbstverlust durch ständige Selbstvergewisserung zu bannen. Die spontane Selbstvertrautheit der Erfahrung lässt sich so nicht herstellen – Descartes’ Formel »cogito ergo sum«, die den radikalen Selbstzweifel doch überwinden sollte, erweist sich hier als wirkungslos. Hyperreflexivität ist demnach ein komplementäres Phänomen zum Verlust der leiblichen Selbstaffektion oder Entkörperung in der Schizophrenie. Wenden wir uns nun den beiden Fallstudien zu.

2.4 Fallstudien

Die beiden im Folgenden geschilderten Patienten wurden mit der erstmaligen Diagnose einer Schizophrenie nach ICD 10-Kriterien in die Psychiatrische Universitätsklinik Heidelberg aufgenommen und im Rahmen einer größeren Stichprobe mit dem EASE-Interview untersucht.6 Für die Darstellung in diesem Kapitel wurden sie aufgrund ihrer paradigmatischen Beschreibungen und ihres sehr unterschiedlichen kulturellen Hintergrunds ausgewählt. Letzteres dient als zusätzlicher Beleg für die elementare Natur der behandelten Prozesse.

Patient SN

SN ist ein 22-jähriger Mann, der sich mit überwiegend körperlichen Beschwerden in der Klinik vorstellte. Seine Eltern trennten sich, als er acht Jahre alt war, und er entschied sich, bei seinem gewalttätigen Vater zu leben. Wenn die Auseinandersetzungen mit ihm eskalierten, zog der Patient manchmal zu seiner Großmutter im gleichen Dorf. Im Alter von 15 Jahren begann er mit Freunden viel zu trinken, und mit seinen schulischen Leistungen ging es bergab. Nach zwei Jahren exzessiven Trinkens merkte er, dass er süchtig geworden war. Er hörte zu trinken auf, absolvierte aber die Schule dennoch nicht. Mit 18 Jahren zog er aus und brach den Kontakt zu seinem Vater ab. Den Kontakt zu seiner Mutter hatte er bereits Jahre zuvor verloren. Zu dieser Zeit begann er Cannabis zu konsumieren. Zuerst erlebte er dies als eine Erweiterung seines Bewusstseins, dann führte es zunehmend zu Grübeleien und Entfremdungsgefühlen. Zwei Monate vor seiner Aufnahme in die Klinik beendete er den Konsum.

Vor etwa drei Jahren hatte er erstmals gewisse Veränderungen an sich selbst bemerkt. Die Welt sah irgendwie anders aus und fühlte sich auch anders an, und er hatte seltsame Körperempfindungen und Stimmungsschwankungen. In den letzten sechs Monaten litt er an Schlaflosigkeit, unerklärlichen Schmerzen in der Haut, in Knochen und Gelenken, und war nicht in der Lage zu weinen, zu lachen oder sogar mit jemandem zu sprechen. Der einzige Kontakt bestand zu seiner Freundin, mit der er zusammenlebte. Er vermutete allerdings, dass sie seine Gedanken lesen konnte. Er dachte, dass seine veränderte Erfahrung vielleicht durch einen Gehirntumor verursacht sei, aber die neurologische Untersuchung zeigte keine Auffälligkeiten. In der Klinik wurde aufgrund von Symptomen wie Gedankeneingebung, Gedankenausbreitung, Wahnwahrnehmungen und Coenästhesien eine Schizophrenie diagnostiziert.

Patient LN

LN ist ein 23-jähriger Mann, der in fast vollständiger Isolation im Haus seiner Eltern lebte, bevor er in die Klinik eingewiesen wurde. Er litt unter schwerer Depersonalisation und Derealisation; aufgrund von Wahnwahrnehmungen und verschiedenen negativen Symptomen wurde eine Schizophrenie diagnostiziert. L.N. stammt aus dem Iran; wegen der Arbeit seines Vaters musste die Familie dort häufig umziehen. Als er 16 Jahre alt war, emigrierten sie nach Deutschland, wo sie zwei Jahre lang in einem Asylbewerberheim lebten. LN beschreibt die Umstände als sehr demütigend: Sie hätten sich ein Zimmer mit zwei Familien geteilt, und er habe in der Schlange warten müssen, um eine Mahlzeit zu erhalten. Erst nach einem Jahr durfte er zur Schule gehen. Trotz gewisser Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, war er immer ein sehr guter Schüler gewesen. Auf dem Gymnasium fand er jedoch nur schwer Kontakt zu seinen Mitschülern und hatte keine Freunde. Nach dem Abitur begann er ein Informatikstudium, wechselte dann aber bald zur Physik, da er nach mehr intellektueller Herausforderung suchte. Nach einigen Wochen brach er aber auch dieses Studium ab und wagte sich seither nur noch selten aus dem Haus.

2.4.1 Verlust des Selbst

Sorgen um das eigene Selbst- und Person-Sein nehmen in unseren Interviews einen vorrangigen Platz ein, so auch bei diesen beiden Patienten.

LN: »Es fällt mir schwer zu sagen, wer ich eigentlich bin, denn in verschiedenen Situationen fühle ich mich sehr unterschiedlich und verhalte mich auch sehr unterschiedlich. … Ich erlebe mich so ›als Einzelteile‹, nicht als ein vollständiges Ding. Nicht als eine Person, als ganze Person. Ich empfinde mich nur als Teile einer ganzen Person, aber nie gleichzeitig … Es ist schwer zu erklären.«

Der Verlust der Selbstkohärenz lässt sich nicht verdrängen; er führt vielmehr zu einem ständigen Bemühen, sich irgendwie zu sammeln und aus den einzelnen Teilen ein sinnvolles Ganzes zu bilden:

LN: »Ich muss mich die ganze Zeit fragen: Wer bin ich eigentlich? Weil das so ist, geht’s mir die meiste Zeit sehr komisch, dann beobachte ich mich selber: Wie geht’s mir jetzt, wo sind die Teile […] Ich denke so viel darüber nach, dass ich zu nichts komme. Es ist nicht leicht, wenn man sich von Tag zu Tag ändert. Als wäre man plötzlich ein ganz anderer Mensch.«

SN beschreibt einen ähnlichen Verlust des Selbstempfindens:

SN: »Also bei allem, was ich zurzeit mache, kommt es mir so vor, als wäre die Person eigentlich nicht ich. Irgendetwas Verfälschtes […] Ich bin nicht ich, wie ich hier gerade sitze.«

Beide Patienten zweifeln daran, ob sie noch die gleichen Personen, ja sogar ob sie überhaupt noch Personen sind. Wie viele Menschen mit Schizophrenie betrachten sie diesen Selbstverlust als ihr Kernproblem und sehen viele andere Schwierigkeiten als Resultat dieses basalen Verlustes. Hinzu kommen oft auch Gefühle von Leere:

SN: »Das ist unbeschreibbar. Man kann einfach nichts sagen, man hat nichts im Kopf. […] Es betrifft mein ganzes Dasein. Das spüre ich dann auch körperlich. Dass einfach nichts … irgendwie keine Substanz da ist. […] So eine Leere im Herz (fasst sich an die Brust).«

Der Selbstverlust ist auch oft von dem Gefühl begleitet, zu offen zu sein, eine »zu dünne Haut« zu haben. Dies kann in Erfahrungen des Transitivismus übergehen, also in eine Durchlässigkeit der Grenzen zu den anderen bzw. zur Umwelt, so als würden die anderen mit ihren Blicken oder ihrem Bewusstsein in einen eindringen.

SN: »Meine Haut ist extrem dünn, was meine Person angeht. Ich fühle mich ausgeliefert, so wie ein Kaninchen, das auf dem Rücken liegt.«

LN: »Ich bin halt zu empfindlich […], so hilflos, manchmal. Ich kann mich meiner Meinung nach nicht gut verteidigen.«

Scheinbar im Gegensatz zu dem Gefühl, zu offen und zu verletzbar zu sein, beschreiben viele Patienten sich auch als zu abgeschlossen zu fühlen, so als gäbe es eine Mauer oder Glaswand zwischen ihnen und der Welt. Doch diese Erfahrungen können durchaus gleichzeitig bestehen: Einerseits fehlt den Patienten der lebendige, zwischenleibliche Kontakt zu anderen Menschen, andererseits fühlen sie sich gerade aus diesem Grunde ausgesetzt und verwundbar.

2.4.2 Entfremdung

Beide Patienten beschreiben eine ausgeprägte Entfremdung von sich selbst bzw. ihrem Körper, von anderen Menschen und ihrer Umgebung.

SN: »Ich hatte generell nicht mehr so ein Körpergefühl, das ging irgendwann komplett weg. Mein Gesicht wurde mir immer fremder, was es immer noch ist. Auch meine Stimme, weil ich viel weniger geredet habe. Einfach so eine extreme Selbstentfremdung.« – »Die Welt ist nicht mehr so wirklich greifbar […] Wenn man nicht mehr daran teilhaben kann, fühlt sie sich ja automatisch anders an.«

Zu dieser allgemeinen Depersonalisation und Derealisation treten Entfremdungen der Wahrnehmung und des Handelns, die wir nachfolgend beschreiben.

Wahrnehmung

Die Entfremdung von der Umwelt kann sich zu einer erlebten Distanz gegenüber dem eigenen Wahrnehmen selbst steigern. Beide Patienten gebrauchen sogar das gleiche Bild einer Kamera, um dies zu beschreiben:

LN: »Ich habe schon das Gefühl, ich sitze auf einem fernen Planeten irgendwo, und da ist in meinem Kopf irgendwie eine Kamera, und die Bilder werden dann dahin übertragen. Als wäre ich total fern von hier, wo ich gerade sitze.«

SN: »Es war für mich so, als wären meine Augen Kameras, und mein Gehirn war schon in meinem Körper, aber so als wäre mein Kopf riesengroß, so groß wie ein Universum, und ich wäre ganz hinten und die Kameras ganz vorne. Also extrem weit entfernt von den Kameras. […] Z. B., wenn ich am Bahnhof gelaufen bin, da ist eine Menschenmenge und da ist eine Bank, ich habe dieses roboterartige Gefühl in meinem Kopf, wie durch Kameras zu gucken; dann überwacht man seinen ganzen Körper, die Schritte, die man zur Bank macht. Die Blicke der anderen wirken schon fast physisch auf einen ein. Man spürt die Blicke.«

Normalerweise fallen das Subjekt und seine Wahrnehmung zusammen, sodass wir im Wahrnehmen bei den Dingen selbst sind. Doch die Patienten sind von der Welt getrennt; sie nehmen nicht die Dinge, sondern nur noch ihre Bilder wahr, die indirekt, wie von einer Kamera übermittelt werden. Diese Distanz zwischen dem Subjekt und seinen Erfahrungen entspricht dem klassischen Bild eines Homunkulus, der »hinten im Kopf« sitzt. Die »fast physische« Wirkung der Blicke der anderen verweist wiederum auf die Gefühle von Offenheit und Verletzlichkeit im Kontakt mit anderen Subjekten.

Handlungen

Im Handeln äußert sich die Entfremdung in einer zunehmenden Desintegration von leiblichen Gewohnheiten und automatischen Abläufen. In vielen Situationen gelingt es den Patienten nicht mehr, einen flüssigen Handlungsbogen auszuführen und sich dabei auf selbstverständliche Weise ihres Leibes zu bedienen.

SN: »Es gab Phasen, wo ich mir extrem grobmotorisch vorkam, wo ich einfach eine Bewegung mit dem Arm gemacht habe, und der Arm hat weiter ausgeschlagen, als ich es wollte. Aber ich kam mir auch beim Laufen extrem stümperhaft vor. Ich habe dann die ganze Zeit meinen Gang und meine Bewegungen beobachtet. […] Das Treppenlaufen war auch extrem, wo man sich ja ein bisschen konzentrieren muss und Balancegefühl braucht. Ich habe wirklich Schritt für Schritt gedacht, quasi jede Bewegung.«

Die natürlichen Bewegungsabläufe misslingen, und die Bewegungen ermangeln der Geschmeidigkeit und Flüssigkeit. So wie S.N. versuchen viele Betroffene, dies durch die bewusste Beobachtung und Steuerung der normalerweise impliziten Gewohnheiten zu kompensieren. Ronald Laing (1990) beschrieb diese Patienten als »überbewusst« (hyper-conscious): Sie seien »zwanghaft mit der ständigen Beobachtung ihrer geistigen und körperlichen Vorgänge beschäftigt« (1990, S. 112; eig. Übers.). Das gleiche Phänomen haben wir oben bereits als Hyperreflexivität benannt, was bedeutet, dass selbst alltägliche Handlungen ständige bewusste Aufmerksamkeit erfordern (Sass 1992; Fuchs 2011).

SN: »Egal wo, das Beobachten war einfach bei allem dabei, sogar beim Computerspielen. Das fand sogar statt, wenn ich durch eine virtuelle Welt ging. Die Hand-Auge-Koordination, und das alles beobachtet man dann. Und es ist auch jetzt noch so. Einfach bei allen, was man macht, was man spricht, was man sagt.«

Auch soziale Interaktionen sind dann ständiger Beobachtung und Reflexion unterworfen:

LN: »Ich beobachte halt alles genau, was ich mache, und was um mich herum passiert. Wenn ich mit anderen rede, versuche ich immer alles zweimal zu überdenken. damit ich das richtig mache. […] Es ist, als wäre ich ein Außenstehender.«

SN: »Wenn ich zwei Sätze sagte, überlagerten sich die Sätze im Kopf so krass, weil ich bei jedem Wort, das ich gesagt habe, im gleichen Moment darüber nachgedacht habe, sodass ich kein weiteres Wort herausbrachte.«

LN geht so weit, seine eigene Hyperreflexivität oder sein »Bedürfnis zu überdenken« zu analysieren, wie er es selbst nennt. Er vermutet, dass dieses Überdenken ihn daran hindert, ganz gegenwärtig zu sein, und einem spontanen Erfassen der Welt im Weg steht:

LN: »Ich habe mir sogar überlegt, vielleicht kommt dieses Gefühl, dass ich nicht da bin und so, vielleicht kommt es von diesem ständigen Überdenken. Vielleicht denke ich so viel, dass mein Gehirn nicht mehr dazu kommt, automatisch die Umgebung zu kapieren.«

Der Verlust der Spontaneität führt in Verbindung mit der Hyperreflexivität zu der Initiativlosigkeit und Abulie (Willenlosigkeit), wie sie bei den Patienten häufig zu beobachten sind. Äußerlich gleichen sie nicht selten der Untätigkeit und Handlungshemmung in der Depression. Während sie hier aber vor allem auf einen Mangel an Energie und Antrieb zurückgehen, ist es in der Schizophrenie die innere Leere, also der tiefgreifende Verlust des Selbstseins, der die Negativsymptomatik hervorruft (vgl. EASE-Items 1.11, 2.16, 3.8.5):

SN: »Wenn es einem gut geht, dann weiß man, wer man ist, […] und was man machen will. Man kann einfach aufstehen und irgendwas machen. Und das fehlt einfach komplett. Man sitzt dann da und weiß mit nichts irgendwas anzufangen … Ich kann mich einfach nicht zuordnen; ich weiß nicht, was ich machen will, wer ich bin. […] Das ist auch mein größtes Problem zurzeit, dass ich nicht weiß, wer ich bin, was ich will.«

Andererseits kann der Verlust der natürlichen leiblichen Verhaltensweisen, das disembodiment, auch zum Gegenteil von Hyperreflexivität führen. Statt die eigenen Handlungen bewusst zu steuern, stellen die Patienten dann fest, dass ihr Körper die Bewegungen wie »von allein« vollzieht. Sie selbst sind gar nicht mehr daran beteiligt, in ihren Handlungen nicht präsent; stattdessen erleben sie ihren Körper wie eine Maschine oder einen Roboter. In Analogie zur Hyperreflexivität können wir hier von einem Hyperautomatismus sprechen. Dabei ist es für die Betroffenen nicht unbedingt unangenehm, den Körper gewähren zu lassen. Besonders wenn sie unter Hyperreflexivität leiden, kann das Ausschalten von Beobachtung und Denken durchaus eine Erleichterung bedeuten. Patient S.N. vergleicht es sogar mit einem »runner’s high«:

SN: »Ich habe bei der Arbeit den ganzen Tag Reifenrohlinge auf so einen Metallblock gelegt, acht Stunden am Stück […]. Ich war wie unter Droge. Wenn es mir nach vier Stunden Arbeit richtig schlecht ging, dann war es wie bei Läufern im ›runner’s high‹: Dann kam ich manchmal so rein in die Arbeit […], dass ich komplett abgestellt habe, mein Geist war völlig weg von meinem Körper, und ich habe nur noch gearbeitet. Manchmal tat es ganz gut, losgelöst zu sein von dem allen. […] Und ich habe gedacht, wenn so etwas möglich ist, dass es automatisch geht, dann muss es auch einen Weg geben, dass es mir wieder besser geht.«

Auch LN beschreibt, wie sein Erleben entweder durch Hyperreflexion oder durch Hyperautomatismus gekennzeichnet ist, aber gerade das Mittlere fehlt:

LN: »Alles was ich mache, mache ich mit Logik und Überdenken und so. Natürlich, von alleine, geht wenig. […] Es kann aber sein, dass ich Sachen mache und es überhaupt nicht merke. Ich stehe auf, gehe meine Zähne putzen, komme wieder zurück und weiß dann überhaupt nicht mehr, was ich inzwischen gemacht habe. Das kommt auch vor. Es ist ein Gemisch aus beidem: entweder totaler Automatismus oder totale Kontrolle.«

Am flüssigen Vollzug gewohnter Handlungsabläufe sind wir normalerweise durchaus aufmerksam beteiligt und vermögen die Bewegungen z. B. zu modulieren, zurückzunehmen oder zu intensivieren. Für die Patienten jedoch gibt es keine Modulation, keinen flexiblen Wechsel zwischen kontrollierten und automatisierten Handlungen. Der Verlust der natürlichen Leiblichkeit gilt insofern für die Hyperreflexion ebenso wie für den Hyperautomatismus.

2.5 Weitergehende Analysen

Blicken wir auf die Schilderungen der Patienten zurück, so zeigt sich als zentrales Thema ein grundlegender Verlust der Kohärenz auf verschiedenen Ebenen. Sowohl die innere Kohärenz als auch die äußere Verbundenheit mit der Welt sind beeinträchtigt.

• Innerlich schildern die Patienten eine Fragmentierung ihres Selbsterlebens; sie erleben sich nicht mehr als einheitliche Personen. Zugleich besteht eine Getrenntheit vom eigenen Leib: Er wird nicht mehr lebendig empfunden, sondern erscheint als fremd und nimmt eine mechanische Qualität an. Wie viele Patienten mit einer Schizophrenie beschreibt auch S.N. merkwürdige körperliche Schmerzen, die als Coenästhesien, d. h. entfremdete Leibempfindungen einzuordnen sind. Schließlich besteht eine grundsätzliche Trennung zwischen dem Subjekt und seinen Erlebnissen: Beide Patienten berichten, dass sie nicht mehr in ihren Erfahrungen aufgehen; Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln sind zu quasi-mechanischen Vorgängen geworden, an denen sie kaum noch teilhaben.

• Nach außen hin beschreiben die Patienten Schwierigkeiten, mit anderen in Kontakt zu kommen; sie fühlen sich grundlegend »anders«, als Beobachter oder Außenseiter in der Welt. Die Schwierigkeit besteht sowohl darin, sich zu vulnerabel und offen zu fühlen – mit der Gefahr, sich aufzulösen (Transitivismus) –, oder aber zu abgeschlossen und unerreichbar zu sein, als gäbe es eine Mauer um die Patienten, die jeden Kontakt verhindert. Zudem ist die Beziehung zur Umwelt ihrerseits durch Entfremdung und verschiedene Formen der Derealisierung charakterisiert. Das gesamte In-der-Welt-Sein der Patienten zeigt eine grundlegende Unverbundenheit, einen Verlust der Kohärenz.

Wir untersuchen diese beiden Dimensionen nun unter dem Gesichtspunkt der Entkörperung ( Kap. 2.5.1) und der Intersubjektivitätsstörung ( Kap. 2.5.2).

2.5.1 Entkörperung

Wie können wir die Rolle verstehen, die der Leib für den erstgenannten Kohärenzverlust spielt? Wie wir zuvor gesehen haben, fungiert der Leib für gewöhnlich im Hintergrund, als stillschweigender Vermittler zur Welt. Diese »vermittelte Unmittelbarkeit« besitzt er aufgrund seiner doppelten Natur, sowohl Subjekt (erlebend, sich spürend) als auch Objekt (Teil der physischen Welt und in ihr tätig) zu sein.

Bei Patienten mit Schizophrenie ist diese Vermittlerrolle grundlegend beeinträchtigt – dies haben wir oben bereits als disembodiment oder Entkörperung bezeichnet. Die beschriebene Distanz vom eigenen Leib reicht bis zu einer regelrechten Spaltung zwischen »Körper« und »Geist«. An die Stelle der leibseelischen Einheit der alltäglichen Erfahrung tritt eine Art cartesianischer Dualität – von Ryle (1949) treffend als »Geist in der Maschine« beschrieben. Doch anders als Descartes meinte, sind wir normalerweise keine Geister in Maschinen, sondern verkörperte Subjekte. Eine psychopathologische Spaltung zwischen Körper und Geist – nicht als zwei Substanzen, sondern als zwei Pole unserer Existenz verstanden – muss dann beide Seiten dessen beeinträchtigen, was sonst eine polare Einheit bildet:

• Der Körper erscheint als entfremdetes Objekt, als mechanisch oder gar als Roboter. An die Stelle des Leib-Seins tritt nun vollständig das Körper-Haben.

• Das Subjekt andererseits, der eigenen Leiblichkeit entfremdet, bleibt entleert zurück, ohne sich selbst zu spüren und als lebendig zu erfahren, und ohne eine tiefer empfundene Verbindung mit der Welt. In sich zurückgezogen und abgeschnitten von der gemeinsamen Realität, droht das entkörperte Subjekt sich immer mehr in der Hyperreflexivität und in seiner Phantasiewelt zu verlieren.

Die Auswirkung der Entkörperung zeigt sich, wie wir bereits sahen, vor allem in Bewegungs- und Handlungsabläufen, nämlich als eine Entfremdung von den leiblichen Gewohnheiten. Es handelt sich gewissermaßen um eine Umkehrung des Lernens, bei dem sich immer ein Übergang von der bewussten Aufmerksamkeit zur automatisierten Gewohnheit vollzieht, das heißt, vom Expliziten zum Impliziten oder vom knowing-that zum knowing-how. Paradigmatisch lässt sich das an der Fähigkeit illustrieren, auf einer Tastatur zu schreiben: Zu Beginn übt man die Zuordnung von Buchstaben und Tasten bewusst ein, so lange bis die Finger die Zuordnung erlernt haben. Die Fähigkeit geht uns »in Fleisch und Blut« über, das heißt, sie wird Teil des Leibgedächtnisses (Fuchs 2000b, 2012). Die Vollzüge werden uns vertraut, und wir können unsere Gedanken wieder auf anderes richten. Wie William James es formulierte, ist es »ein allgemeines Prinzip in der Psychologie, dass das Bewusstsein alle Prozesse verlässt, in denen es nicht mehr von Nutzen ist« (James 1950, S. 496). Wir können hinzufügen, dass es gerade die verkörperte Natur des Subjekts ist, die es dem Bewusstsein erlaubt, sich zurückzuziehen und sich dem Leib zu überlassen.

In der Schizophrenie geht nun die durch das Leibgedächtnis und die Gewohnheit vermittelte Vertrautheit mit den Dingen und Situationen verloren. Sonst selbstverständliche Handlungen werden nun von den Patienten entweder im Einzelnen »gesteuert« (Hyperreflexivität), oder sie laufen gleichsam außerhalb von ihnen ab (Hyperautomatismus). Man könnte auch sagen, die Handlungen sind nicht mehr verkörpert: Das Subjekt ist nicht mehr leiblich in ihnen engagiert, es vermag sie nicht mehr zu leiten und flexibel zu modulieren. Es kann sie nur entweder bis in die Einzelbewegungen hinein »machen« oder aber wie einen fremden Automatismus ablaufen lassen.

Mit dem Verlust der leiblichen Verankerung des Selbst wird aber nicht nur der allgemeine Kontakt zur Welt beeinträchtigt, sondern auch das im Laufe des Lebens erworbene, selbstverständliche knowing how, auf das wir uns in der sozialen Welt stützen. Blankenburg (1971) hat die schizophrene Entfremdung dementsprechend als einen »Verlust der natürlichen Selbstverständlichkeit« oder auch des Common sense beschrieben. Es geht um die meist alltäglichen Fähigkeiten und Gewohnheiten, mittels deren man sich in sozialen Situationen bewegt, einschließlich eines Sinns oder Taktgefühls für das, was in einer bestimmten Situation angemessen oder am Platz ist. Wie der Name schon andeutet, ist der Common sense wesentlich intersubjektiv konstituiert: Sowohl sein Erwerb als auch seine Anwendung vollziehen sich grundsätzlich in sozialen Beziehungen (Thoma und Fuchs 2018).

Zugleich hat diese soziale Konstitution eine leibliche Grundlage: Das Wissen der natürlichen Selbstverständlichkeit ist im Grunde ein zwischenleibliches Wissen davon, wie man mit anderen auf selbstverständliche Weise umgeht. Naudin et al. (2000) beschreiben, wie manche Patienten explizite Theorien über die soziale Welt formulieren, um ihren Mangel an Common sense zu kompensieren. Sie nehmen ihre Zuflucht zu Theorien als Ersatz für das fehlende zwischenleibliche Know-how. Doch alle diese hyperreflexiven Bemühungen vermögen die natürliche Gewandtheit des Lebens in der sozialen Welt nicht wiederzugewinnen. Die in der Kognitionspsychologie häufig vertretenen Konzepte der Schizophrenie als Störung der »Theory of Mind« (Frith 1992; 2004) erweisen sich vor diesem Hintergrund als verfehlt: Was Betroffenen fehlt, ist nicht eine Theorie des Fremdpsychischen, bestehend aus Regeln, Algorithmen oder Schlussfolgerungen, sondern die Zwischenleiblichkeit der sozialen Welt, die von frühester Kindheit an in das implizite oder leibliche Gedächtnis eingeht (Fuchs 2012), und die uns auf intuitive Weise zur Verfügung steht.

2.5.2 Entkörperung und Intersubjektivität

Die zweite Form des Kohärenzverlusts in der Schizophrenie bezieht sich auf die Störung der Intersubjektivität, der grundlegenden Verbundenheit mit anderen. Wie hängt diese für das soziale Leben der Patienten so folgenreiche Störung mit der Entkörperung zusammen?

In seinem klassischen Werk »The divided self« (1990) charakterisierte bereits Ronald Laing die Schizophrenie als eine grundlegende Trennung zwischen Selbst und Leib, die zu einem entkörperten Selbst einerseits und einem verdinglichten Körper andererseits führt. Laing zufolge schließt sich die Person in der Schizophrenie von der Außenwelt ab, nämlich im Versuch, ihr Selbst zu schützen. Da aber der Leib auch Teil der Welt ist, nämlich als sichtbarer Körper für andere Menschen, bedeutet das Abschirmen des Selbst immer auch eine Distanzierung vom eigenen Leib. Doch warum muss das Selbst sich abschirmen, und wogegen muss es geschützt werden? Hier verweist Laing auf die fundamentale »ontologische Unsicherheit « von Patienten mit Schizophrenie (Laing 1990, S. 39). Betrachten wir dies etwas näher.

Das gesunde psychische Leben vollzieht sich innerhalb einer Gemeinschaft: Wir sind ständig in Beziehung zu unseren Mitmenschen und zu unserer Umwelt. Diese Beziehung hat eine dialektische Struktur: Einerseits bedarf es einer Aufgeschlossenheit und Offenheit für die Welt, für die Aktionen und Reaktionen anderer Menschen; denn nur durch seine Beziehungen kann sich das Selbst erhalten, will es nicht Gefahr laufen, in der Isolierung zugrunde zu gehen. Andererseits bedarf es der Fähigkeit zur Differenzierung und Abgrenzung, denn nur dadurch kann sich das Selbst in seiner Bestimmtheit und Eigenheit bewahren. So setzt bereits ein Gespräch mit einem anderen Menschen die Fähigkeit voraus, dessen Perspektive mitzuvollziehen, sich also bis zu einem gewissen Grad für ihn zu öffnen, sich jedoch zugleich auch abzugrenzen, um sich in der Perspektivenübernahme nicht selbst zu verlieren.

Wie Blankenburg treffend bemerkte, impliziert jede Perspektivenübernahme bereits einen potenziellen Selbstverlust, der aber in statu nascendi aufgehoben wird (Blankenburg 1965). Jede Begegnung und Interaktion mit anderen beruht auf der Fähigkeit, zwischen der eigenen, verkörperten Perspektive und der virtuell eingenommenen Perspektive der anderen zu wechseln und zugleich zu unterscheiden, also sich selbst gegenüber dem anderen zu behaupten. Eine fundamentale Gefährdung dieser Selbstbehauptung charakterisiert nun die Schizophrenie, wie in folgenden Beispielen deutlich wird:

Ein junger Mann war in Gesprächen oft verwirrt, da er nicht mehr zwischen sich und dem Gesprächspartner unterscheiden konnte. Er begann den Sinn dafür zu verlieren, wessen Gedanken von wem stammten, und hatte das Gefühl, als ob der andere irgendwie in ihn »eindringe« (Parnas 2003, S. 232; eig. Übers.).

Wenn ich in der Bahn fahre, haben die Blicke der Menschen so etwas Durchdringendes, […] und es ist dann so, wie wenn um mich herum ein Bewusstsein meiner Person entsteht; […] sie können in mir lesen wie in einem Buch. Ich weiß dann nicht mehr, wer ich überhaupt bin (eigener Patient, Fuchs 2000a, S. 172).

Patienten mit Schizophrenie verlieren ihre Verankerung im leiblichen Zentrum und damit ihre Fähigkeit zur Selbstbehauptung; sie sind nicht mehr in der Lage, zwischen Öffnung und Abgrenzung zu pendeln, ihre eigene Perspektive und die der anderen getrennt zu halten. Denn für diese zentrale Dialektik der menschlichen Beziehungen ist ein grundlegendes Selbstvertrauen erforderlich – das implizite Vertrauen auf das eigene Selbstsein, das im Leib verankert ist und standhält, und das nicht in der Gegenwart anderer, im Erblicken ihrer Blicke oder im »Bewusstsein ihres Bewusstseins« zusammenbricht.

Laing zufolge mangelt es Betroffenen an diesem grundlegenden Selbstvertrauen. Daher wird jede Öffnung gegenüber anderen, ja oft jede Begegnung beängstigend: Es droht die Überwältigung und Auflösung des Selbst durch die bloße Präsenz, die Blicke und die Intentionalität der anderen. Wie sich zeigt, ist es gerade die zentrale Fähigkeit des Menschen, sich für andere zu öffnen und ihre Perspektive einzunehmen, die ihn in der Schizophrenie anfällig macht für den Verlust seines Selbst. Intuitiv spüren die Patienten diese potenzielle Gefahr und ziehen sich daher oft schon lange vor einer Erkrankung in eine mentale Zitadelle zurück. Doch dieser Rückzug lässt sich nicht durchhalten, denn auch eine reduzierte Teilnahme am sozialen Leben stellt ihre Forderungen.

Zur erstmaligen Erkrankung kommt es daher häufig in Situationen sozialer Exposition oder emotionaler Öffnung, wenn es also in besonderer Weise darum geht, sich selbst gegen die Perspektiven und Intentionen anderer zu behaupten – etwa beim Auszug aus dem Elternhaus, beim Beginn einer ersten intimen Beziehung oder beim Eintritt ins Berufsleben. In solchen Situationen können Betroffene ihre primäre Eigenperspektive nicht mehr aufrechterhalten, und sie geraten in die radikale Verunsicherung, die Jaspers (1973) als »Wahnstimmung« beschrieben hat. Im weiteren Verlauf entwickelt sich die akute Psychose, in der sich die Patienten schließlich von allen Seiten beobachtet, verfolgt oder beeinflusst erleben (Fuchs 2020, S. 63–89, S. 263–286).

Aber auch ein Mangel an Anerkennung durch die soziale Umgebung kann die Selbstbehauptung unterminieren: Nach neueren epidemiologischen Studien sind soziale Marginalisierung, Minderheitenstatus, Migration und andere Ausschlusserfahrungen bedeutsame Risikofaktoren für eine Schizophrenie und führen zu signifikant erhöhten Inzidenzen in den betroffenen Populationen (Cantor-Graae und Selten 2005; Fearon et al. 2006; Zammit et al. 2010; Bourque et al. 2011). Obgleich der tiefgreifende Mangel an »ontologischer Sicherheit« bei zur Schizophrenie disponierten Menschen von psychologischen Problemen der Selbstbehauptung und des Selbstwertes unterschieden werden muss, kann die Brüchigkeit des Selbstseins doch auch durch Erfahrungen der sozialen Exklusion, Diskriminierung oder Deprivation verschärft werden.

Zusammengefasst können wir die ontologische Unsicherheit bei Patienten mit Schizophrenie als Ausdruck ihrer latent schon bestehenden Entkörperung verstehen: als Verlust des Vertrauens in die leibliche Verankerung des Selbst, die es uns sonst erlaubt, mit anderen in Kontakt zu treten und uns für sie zu öffnen, ohne dabei selbst verloren zu gehen. Wie Laing (1990) feststellte, besteht die Tragik der Betroffenen darin, dass sie sich immer mehr in ihre innere Zitadelle zurückziehen, um ihr Selbst zu schützen, obwohl doch dieser Mangel an Kontakt das Selbst noch weiter beeinträchtigt. Denn in sozialen Interaktionen drückt sich das Selbst aus und wird dabei auch gefördert und genährt. Merleau-Ponty (1966) hat betont, dass der leibliche und sprachliche Ausdruck nicht bloß eine äußere Form ist, in der ein von ihm unabhängig bestehendes Inneres zu Tage tritt, sondern dass er im Gegenteil selbst konstitutiv für unser Selbstsein ist. Der Ausdruck gestaltet die Existenz, ja die »Ek-sistenz« (Heidegger) ist eigentlich nichts anderes als ein fortwährendes »Heraustreten«. Wir brauchen Beziehungen, um wir selbst sein zu können. Mit ihrem autistischen Rückzug entfremden sich Betroffene jedoch mehr und mehr von der gemeinsamen Welt, und ihr Selbst verarmt. Je besser wir die grundlegend veränderte Erfahrungsweise von Patienten mit Schizophrenie verstehen, desto eher sind wir in der Lage, bei der Überwindung dieser Entfremdung zu helfen.

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19 декабря 2025
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339 стр. 33 иллюстрации
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9783170384101
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