Читать книгу: «MUSIK. Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte»

Die Autoren
Claire Badiou, Max Peter Baumann, Tobias Bleek, Camilla Bork, Felix Diergarten, Marie-Agnes Dittrich, Sabine Ehrmann-Herfort, Wolfgang Fuhrmann, Roger Harmon, Martin Kirnbauer, Michael Klaper, Ricarda Kopal, Daniel Lettgen, Stefan Morent, Ulrich Mosch, Martin Pfleiderer, Jan Philipp Sprick, Peter Wicke
Gefördert von der Ernst von Siemens Musikstiftung

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.
Die hervorgehobenen Fachbegriffe sind mit einem Glossar verlinkt.
eBook-Version 2019
© 2018 Bärenreiter-Verlag Karl Vötterle GmbH & Co. KG, Kassel
Gemeinschaftsausgabe der Verlage Bärenreiter, Kassel, und Henschel Verlag in der E. A. Seemann Henschel GmbH & Co. KG, Leipzig
Umschlaggestaltung: +CHRISTOWZIK SCHEUCH DESIGN
Lektorat: Jutta Schmoll-Barthel und Daniel Lettgen
Korrektur: Kara Rick, Eberbach
Bildredaktion: Daniel Lettgen und Diana Rothaug
Notensatz: Tatjana Waßmann, Winnigstedt
ISBN 978-3-7618-7215-4
DBV 209-07
www.baerenreiter.com
www.henschel-verlag.de
eBook-Produktion: Zeilenwert GmbH, Rudolstadt
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Einleitung
Antike Anfänge
Musikgeschichte (fast) ohne Musik – Die Antike
Mousike – Musik
Begleiter für Gesang und Tanz – Instrumente
Was die Zeit überdauert – Überlieferung
Musik festhalten – Schrift
Die Weltordnung in der Schmiede – Antike Musiktheorie
9. bis 14. Jahrhundert
»Christliches Zeitalter« oder »Mittelalter«? – Das 9. bis 14. Jahrhundert
Musik übermitteln – Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Die Anfänge des Schreibens von Musik – Neumennotation
Römische Liturgie im Frankenreich – Der gregorianische Gesang
Melodie als Textausdruck – Das gregorianische Offertorium »Vir erat in terra«
Unterweisung und Beurteilung statt philosophischer Anschauung – Musiktheorie
Große Kunst in kleiner Form – Trobadors, Trouvères, Minnesänger
Süßer Donner – Die Orgel
»Einträchtig auseinanderklingender Zusammenklang« – Frühe Mehrstimmigkeit
Kompositionen von bisher nicht gekannter Pracht – Das Ereignis Notre-Dame
»Nicht für das gewöhnliche Volk geeignet« – Die Motette
Ars nova – Neue Kunst im neuen Jahrhundert
Verfestigung der Formen – Guillaume de Machaut und das französische Lied
Seelenheil über den Tod hinaus – Machauts »Messe de Nostre Dame«
Endlich alles aufschreiben können – Ars subtilior
Ein strahlender Meteorit – Die Musik des Trecento
Meister Francesco – Der blinde Organist aus Florenz
15. und 16. Jahrhundert
Musik in wechselnden »Klanglandschaften« – Das 15. und 16. Jahrhundert
»Jubilierende Engel« – Neue Musik in England
Ein Gipfeltreffen? – Guillaume Dufay und Gilles Binchois
Kunst am Bau – Dufays Domweih-Motette
Immer wieder neu – Gilles Binchois und die höfische Chanson
Der große Gesang und der bewaffnete Mann – Formen der Messe
»Ein Meyster ob allen Meystern« – Conrad Paumann und die Instrumentalmusik
Die Sängerkapellen – Umschlagspunkte der Musikgeschichte
Noten-ABC – Die Erfindung des Musikdrucks
Der Kapelle des Ercole d’Este die Krone aufsetzen – Josquin des Prez in Ferrara
Ein Geschenk Gottes – Musik und Reformation
Alles aus einer Hand – Musiklehre und Musiklernen
Zwischen Hofdame und Kurtisane – Musizierende Frauen
»Al modo d’Orpheo« – Musik der Renaissance
Zum Privatvergnügen – Die Laute
»Allein und gedankenschwer« – Ein Madrigal von Giaches de Wert
»Tere«, »lere«, »chara« – Instrumentalmusik in Venedig
»Singen über dem Buche« – Improvisierter Kontrapunkt
Nicht für jedermann – Chromatik und Enharmonik
»Dies sanctificatus« – Eine Motette von Giovanni Pierluigi da Palestrina
Ein Kosmopolit in München – Orlando di Lasso
Geistliche Sinfonien – Venedig, der Markusdom und die Mehrchörigkeit
17. Jahrhundert
Aufbruch in eine neue Zeit – Das 17. Jahrhundert
Große Emotionen – Monteverdis »L’Orfeo« und der Beginn der Oper
Die Oper – Pures Vergnügen für die Eliten
Unvollkommene moderne Musik? – Monteverdi und Artusi
Theater der Leidenschaften – Die Epoche des Barock
»Zu guten Sitten und Lust dienende Lieder« – Deutsche Liedkunst um 1650
Den Verstand in den Fingerspitzen – Girolamo Frescobaldi, Organist und Cembalist
Nicht nur Gotteslob – Geistliche Musik in Rom um 1700
Von Italien geprägt – Heinrich Schütz
Musik als Klangrede – Musikalische »Figurenlehre«
Ein Italiener in Paris – Jean-Baptiste Lully
Der König tanzt – Das Musikleben am Hofe Ludwig XIV.
Der »eitle Irrtum der Männer« – Frauen im Musikleben
»Les Voix humaines« – Französische Instrumentalmusik um Marin Marais
Auf den Arm genommen – Die Violine
Der britische Orpheus – Henry Purcell
18. Jahrhundert
Zwischen »Barock« und »Klassik« – Das 18. Jahrhundert
Ein Mann für alle Jahreszeiten – Antonio Vivaldi
Galante Inder, wildes Orchester – Jean-Philippe Rameau
Genie auf geordneter Bahn – Johann Sebastian Bach
Wie ein großer Garten – Das »Wohltemperierte Klavier«
Musik mit Tasten – Das »Clavier«
Barocker Self-Made-Man – Georg Friedrich Händel
Halleluja! – »Der Messias« und Händels Oratorien
Orte der Musik – Hof, Kirche und Konzert
Repräsentanten der Aufklärung – Telemann und Mattheson
Publizistik und Polemik in Paris – Jean-Jacques Rousseau
»Die ganze wundertätige Kraft des Volkes« – Herder und das Volkslied
Moralisierung des Musiktheaters – Metastasio und die Opera seria
Antike als Maßstab – Gluck und die Opernreform
Vom »Lärmkiller« zur höchsten Gattung – Die Sinfonie
Der Revolutionär in der Einöde – Joseph Haydn
Haydn in London – Die Sinfonie mit dem Paukenwirbel
Gespräche unter Freunden – Kammermusik
Das erwachsene Wunderkind – Wolfgang Amadé Mozart
Kunterbuntes Welttheater – »Die Zauberflöte«
Tonkünstler oder Taschenspieler? – Der Virtuose und das Konzert
19. Jahrhundert
Der Aufstieg der Kunstmusik – Das 19. Jahrhundert
Schlüssel zum Werk – Die »Erfindung« der Studienpartitur
Wien – Hauptstadt des Streichquartetts
Musik als Utopie – Beethovens 9. Sinfonie
»Durch Leiden zur Freude« – Mythos Beethoven
Blick in die Werkstatt – Beethovens Skizzen
»Ruhm ohne Grenzen« – Rossini und die italienische Oper
»Phantasiereich und vielseitig« – Franz Schubert
Die Geburt des Kunstliedes – Schuberts »Gretchen am Spinnrade«
»Unendliche Sehnsucht« – Warum ist die Musik »die romantischste aller Künste«?
»Einwirkung höhrer Naturen« – Webers »Freischütz« und die romantische Oper
Mit dem Orchester eine Geschichte erzählen – Hector Berlioz’ »Symphonie fantastique«
»Eine völlige Neubelebung der Klaviermusik« – Frédéric Chopin und das Nocturne
Der Virtuose im Konzertsaal – Niccolò Paganini und Franz Liszt
Grand Opéra – Eine Oper für Paris
»Es flogen ihm hundert Herzen zu« – Mendelssohn Bartholdy in der Musikstadt Leipzig
Robert Schumann – »Romantischer« Komponist und Publizist
Aufsehenerregend und lukrativ – Adophe Sax und die »Erfindung des Saxophons«
Giuseppe Verdi – Musikalischer Botschafter Italiens
Richard Wagner – Von der Oper zum Musikdrama
Der Liebe ein Denkmal – Richard Wagners »Tristan und Isolde«
Beethovens Erben – Brahms oder Bruckner?
Sinfonische Dichtung als Programmmusik – Franz Liszt und Richard Strauss
Die »Zauberflöte« im Wohnzimmer – Bürgerliche Hausmusik
Der Walzerkönig – Johann Strauß
Die Operette – Die »kleine Schwester« der Oper?
Musikindustrie – Aus Noten werden Banknoten
Star mit Taktstock – Der Aufstieg des modernen Dirigenten
Musik im Schatten des Eiffelturms – Die Pariser Weltausstellung 1889
»In those cruel slavery days« – Kultur und Musik der Afroamerikaner
Gustav Mahler – Emotionale Abgründe an der Schwelle zur Moderne
Das Innenleben der Musik – Hugo Riemann und die Musiktheorie um 1900
Gründervater der universitären Musikwissenschaft – Guido Adler
Tin Pan Alley – Die Songfabrik
20. und 21. Jahrhundert
Zwischen Herausforderung und Gebrauchsgegenstand – Musik im 20. und 21. Jahrhundert
Mit dem Phonographen um die Welt – Speicherung und Archivierung von Klängen
Flucht aus Wagners Schatten – Debussy und die Befreiung der französischen Musik
Von der Bühne ins Wohnzimmer – Enrico Caruso und die Schallplatte
Der erste Star der Alten Musik – Wanda Landowska
Béla Bartók – Komponist und Volksliedforscher
Vom Hörensagen – Mündliche Überlieferung von Musik
Vom Varieté zum Kinopalast – Musik im Stummfilm
Die Suche nach dem »Ungesagten« – Schönbergs »Kammersymphonie« op. 9
Meilenstein der Moderne – Strawinskys »Sacre du printemps«
»Alles ist hin«? – Schönbergs Abkehr von der Tonalität
Künstlertragödie als Alpensinfonie – Richard Strauss
Von New Orleans nach Chicago – Die Anfänge des Jazz
»Reinigendes Gewitter« – Europas Komponisten im Jazz-Fieber
Gegen das bürgerliche Musikleben – Kritik und Reform des Konzerts
Befreiung durch Bindung – Die »Komposition mit 12 Tönen«
1923 – Ein Jahr im Fokus
Zum Abendbrot erklingt Beethoven – Musik im Radio
Nichts als Krach – Das Schlagzeug
»Bach mit Pocken«? – Strawinsky und der Neoklassizismus
Blick über den Ozean – Charles Ives und die amerikanische Musik
Big Bands – Der Inbegriff des Swing
Eine Oper über die Oper – Brecht und Weills »Dreigroschenoper«
Der »Herzog« des Jazz – Duke Ellington
Third Stream – Jazz erobert den Konzertsaal
Kultur in Bewegung – Tanz als Wissenssystem
Komponieren unter Stalin – Dmitri Schostakowitsch
Musik als Propaganda – Die Musikpolitik der Nationalsozialisten
»Kraft durch Freude« – Schlager unterm Hakenkreuz
Jam Sessions – Die hohe Kunst des Improvisierens
Befreiung des Klangs – Edgard Varèse
Musik aus der Retorte – Serielles Komponieren
Musik ganz ohne Töne? – John Cage und der Zufall
Elvis Presley – The King of Pop
Musik ohne Musiker – Stockhausens »Gesang der Jünglinge«
Miles Davis – »Birth of the Cool«
Auf den Spuren »fremder« Klänge – Musikethnologie
Ihrer Zeit voraus? – Musikalische Avantgarde
Dramatisierung der Bilder – Musik im Tonfilm
Avantgarde Jazz – Der Aufbruch der 1960er-Jahre
»Zustände, Ereignisse, Wandlungen« – Klangkomposition
Soundmagier am Mischpult – Tom Dowd
Jazz global – Die weltweite Ausbreitung des Jazz
Oper als »totales Theater« – Bernd Alois Zimmermann
Grenzgänger zwischen den musikalischen Welten – Leonard Bernstein
The Beatles – Aufbruch zu neuen Ufern
Noch Partitur oder schon Bild? – Grafische Notation
Neue Ordnungen braucht der Klang – Erweiterung des musikalischen Materials
Mythos einer Generation – The Woodstock Music & Art Fair
Reduzieren aufs Minimum – Minimal Music
Fusion – Die andere Seite des Jazz
»Lokale Musik, nicht von hier« oder Verschmolzenes – Weltmusik-Konzepte
Kulturübergreifende Identität – Musik der Türken in Deutschland
Blick ins Innere des Klangs – Spektrale Musik
»Anarchy in the UK« – Die Sex Pistols
Den Klang in die Hand nehmen – Wolfgang Rihm
»Da, Da, Da« – Die Neue Deutsche Welle
Klänge auf Wanderschaft – Die musikalische Eroberung des Raums
In the tradition – Jazz zwischen Museum und Avantgarde
Wer darf beanspruchen, modern zu sein? – Postmoderne
HipHop – Von der Straßenkultur zum globalen Jugendstil
House und Techno – Die elektronische Tanzmusik
Wirklichkeit gewordene Utopie – Mikrotöne
Industrielle Verwertung von Musik – Popmusik im Medienverbund
Musik 2.0 – Popmusik im Internet
Wer spielt? – Komponieren und neue Medien
Vom Besonderen zum Alltäglichen – Musik in allen Lebenslagen
Anhang
Die Autorinnen und Autoren
Namensregister
Sachregister
Einleitung
Dieses Buch bietet einen Streifzug durch 12 Jahrhunderte Musikgeschichte. Statt einer durchgehenden Geschichte, die auf Vollständigkeit zielt, werden 183 einzelne Geschichten erzählt: von Menschen und ihrer Musik, von künstlerischen Ereignissen, von Aufführungen, von Instrumenten oder von Orten, wo Musik gemacht wird – kurz: von Dingen, die für das jeweilige Zeitalter wichtig und charakteristisch erscheinen. Gleichwohl ergeben all diese einzelnen Geschichten zusammen, ähnlich einem Mosaik, ein facettenreiches Bild der Musikgeschichte, das auf dem neuesten Stand der Musikforschung Wesentliches auf anschauliche und verständliche Weise vermitteln möchte.
Warum ein »Streifzug«? Zum einen, weil mehr in kurzer Form nur schwer möglich ist – zu umfangreich ist das Gebiet, zu vielfältig sind die Phänomene, selbst wenn man sich wie hier im Wesentlichen auf Europa konzentriert. Zum anderen, weil diese Weise der Reduktion der geschichtlichen Komplexität erlaubt, Geschichte anschaulich zu erzählen. Die Form des Streifzugs lädt die Leserinnen und Leser dazu ein, sich selbst einen Weg durch das Buch zu bahnen und nach Lust und Laune zwischen den Texten hin und her zu springen.
Geschichte zu schreiben – auch einzelne Geschichten wie in diesem Buch – setzt Dokumente voraus, die uns etwas über die Vergangenheit verraten. Musik ist jedoch bekanntlich vergänglich. Und lange Zeit ließ sich, wenn sie verklungen war, allenfalls noch der Eindruck, den sie hinterlassen hatte, in Worte fassen. Die klingende Musik selbst blieb unwiederbringlich verloren. Zwei rund tausend Jahre auseinanderliegende Erfindungen haben das grundlegend geändert: zunächst im ausgehenden 9. Jahrhundert die Erfindung der musikalischen Schrift und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dann jene der Klangspeicherung mit technischen Mitteln.
Gäbe es die musikalische Notation nicht, so wüssten wir heute vielleicht aus bildlichen Darstellungen, aus Beschreibungen von Zeitgenossen oder durch möglicherweise erhaltene Instrumente etwas von der Musik von vor tausend Jahren oder von den Werken Johann Sebastian Bachs und Ludwig van Beethovens. Wir hätten jedoch keine Ahnung davon, wie diese Musik aufgebaut war, geschweige denn, wie sie vermutlich einmal geklungen hat. Erst die Schrift gestattete, Musik »festzuhalten«. Die Notation erlaubt es, sich eine ziemlich genaue Klangvorstellung von Musik zu verschaffen und sie singend oder spielend zum Klingen zu bringen, selbst wenn man noch nie einen Ton von ihr gehört hat – und dies auch noch nach Jahrhunderten. Ohne die Möglichkeit, musikalische Gedanken schriftlich festhalten und ausarbeiten zu können, wären auch komplexe Musikformen wie die Vokalpolyphonie oder umfangreiche Werke wie Mozarts Don Giovanni oder Gustav Mahlers weit mehr als eine Stunde dauernde 3. Sinfonie nie entstanden. Und der im 16. Jahrhundert erfundene Notendruck schließlich hat es möglich gemacht, notierte Musik wie Bücher in Form von Drucken in großer Zahl herzustellen und zu verbreiten.
Gäbe es die zweite geschichtsmächtige Erfindung – die Klangspeicherung – nicht, so hätten wir heute keine genaue Vorstellung davon, wie Ella Fitzgerald, die Beatles oder eine ungarische Bäuerin vor 100 Jahren gesungen oder wie die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler gespielt haben. Ohne solche Geräte wären all jene Formen der Musik, die keine Schriftlichkeit kennen – und das ist ein beträchtlicher Teil – sowie all das, was uns die Partitur eines notierten Werkes nicht verrät, zum Verschwinden auf Nimmerwiederhören verdammt. Aufnahmen erlauben uns aber nicht nur, die Volks-, Popular- und Kunstmusik der jüngeren Vergangenheit klingend zu erleben. Als »Tondokumente«, die von der Zeit ihrer Entstehung zeugen, gestatten sie auch, Geschichte und Geschichten der klingenden Musik nachzuzeichnen, etwa jene der Chopin-Interpretation, des Swing oder von musikalischen Ereignissen wie dem Woodstock-Festival.
Musikgeschichte ist kein kontinuierlicher und einheitlicher Strom. Wie die politische Geschichte, die Sozial- und die Wirtschaftsgeschichte ist auch sie geprägt von einem komplexen Zusammenspiel unterschiedlicher Kräfte, nicht selten verbunden mit Zufällen. Regional völlig unterschiedliche Entwicklungen mögen unvermittelt nebeneinanderstehen, »Blütezeiten« auf »Durststrecken« folgen oder plötzliche Wandlungen zu tiefen Einschnitten führen. Die Geschichtsschreibung gliederte den Verlauf der Musikgeschichte vielfach in Epochen wie Mittelalter, Renaissance, Barock, Klassik, Romantik oder Moderne. All diese Bezeichnungen, die ein herausragendes Charakteristikum als kennzeichnend für einen ganzen Zeitraum nehmen, sind aber genau deshalb in vieler Hinsicht problematisch. Das Buch ist daher unterteilt in kalendarische Zeiträume von einem oder mehreren Jahrhunderten Umfang, die – um bei der Metapher des Titels zu bleiben – kreuz und quer durchstreift werden. Renaissance, Romantik oder Moderne lassen sich so unabhängig von der Frage der Epochengliederung als historische Phänomene thematisieren.
Die 12 Jahrhunderte seit der Erfindung der Notenschrift werden mit zur Gegenwart hin zunehmender Ausführlichkeit dargestellt. Übergreifende Aspekte wie die musikalische Schrift, der soziale Ort der Musik oder die Musikinstrumente kehren dabei wieder und durchziehen das Buch als thematische Fäden von den Anfängen bis zur Gegenwart. Und immer wieder werden Musikstücke, die eine Schlüsselrolle gespielt haben, in den Mittelpunkt gerückt. Vorangestellt ist als Prolog ein Abschnitt über die Anfänge in der griechischen Antike, aus der unser Musikbegriff stammt. Da mit dem Einsatz der Klangspeicherung alle Formen klingender Musik zunehmend besser dokumentiert sind und wir deshalb auch die Geschichte von mündlich überlieferten Musikformen auf Dokumente gegründet schreiben können, ist der mit Abstand umfangreichste Teil des Buches dem 20. und 21. Jahrhundert gewidmet. Während sich die Darstellung bis zum späten 19. Jahrhundert hauptsächlich (aber nicht nur) auf den Bereich der westlichen Kunstmusik beschränkt, wird hier die Perspektive auch auf Volksmusik, Jazz und Popularmusik bis hin zur Weltmusik erweitert.
Das hier vorgelegte Mosaik einer Musikgeschichte ist nicht allein das Werk der beteiligten 18 Autorinnen und Autoren. Um es auf dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung ausarbeiten zu können, musste es sich zwangsläufig auf die Arbeiten zahlreicher Forscherinnen und Forscher stützen, deren Erkenntnisse in die Texte eingeflossen sind. Dem Charakter des Buches entsprechend können diese – ebenso wie die in den Texten vorkommenden Zitate – nicht im Einzelnen nachgewiesen werden. Verwendete Fachbegriffe werden in einem Glossar erklärt, auf das man durch Anklicken der Begriffe geführt wird. Wo das nicht der Fall ist, hilft das Sachregister am Ende des Buches weiter. Durch Volltextsuche finden Sie die entsprechenden Begriffe.
Tobias Bleek und Ulrich Mosch,
im Sommer 2018
Antike Anfänge

Orpheus besänftigt wilde Tiere, römisches Mosaik, 4. Jahrhundert © akg-images/Hedda Eid
Musikgeschichte (fast) ohne Musik – Die Antike
Im Mittelpunkt der Musikgeschichte steht normalerweise die tatsächlich klingende Musik. Von ihr sind aus den einzelnen historischen Epochen unterschiedlich viele Zeugnisse überliefert. Wollen wir die Geschichtsschreibung zurück bis auf die Musik der Antike ausdehnen, so stoßen wir auf ein grundsätzliches Problem: Tondokumente aus dieser Zeit existieren nicht. Aber auch, was damals von Musik mittels Ton- und Rhythmuszeichen schriftlich festgehalten wurde, ist fast restlos verloren. Neben Bränden oder Kriegen dürfte daran vor allem das mit der Zeit nachlassende Interesse schuld gewesen sein.
Heute sind lediglich etwa 50 Schriftfragmente mit antiker Musik bekannt – wohlgemerkt aus rund 1500 Jahren Geschichte. Diese kleine Zahl macht zunächst einmal bewusst, wie wenig wir überhaupt von der damaligen Musik wissen. Man stelle sich vor: In 2000 Jahren würde man von Mozart nur noch ein paar Takte der Zauberflöte kennen oder aus der Popularmusik vielleicht ein paar HipHop-Beats. Im Hinblick auf die Antike scheinen wir es demnach mit einem Unding zu tun zu haben: mit Musikgeschichte (fast) ohne Musik.
Wie unbefriedigend die Lage hinsichtlich antiker Musik ist, zeigt sich, wenn man sie mit der seither entstandenen Musik vergleicht. Im frühen Mittelalter nämlich vollzog sich der »Schritt in die musikalische Schrift« ein zweites Mal, und zwar mit neuem Inhalt: dem Kirchengesang. Vor allem vollzog er sich aber auf neuer Grundlage: Man verwendete jetzt nicht mehr Buchstaben, um die Tonhöhen zu bezeichnen, sondern Neumen (später Noten), die die relative Tonhöhe andeuten. Wie wichtig die Art der Schrift für die musikalische Entwicklung war, zeigt sich am Unterschied zwischen der antiken und der seither entstandenen Musik: Die neue Grundlage führte weiter. Seit dem Mittelalter wird sichtbar, wie die Schrift zwischen Gedanken und Klang, Klang und Gedanken vermitteln kann. Dies löste eine gewaltige musikalische Entwicklung aus.
Musik und die Seele
Gemäß griechischer Legende war der Urmusiker Orpheus in der Lage, durch seinen Gesang wilde Tiere und Menschen zu zähmen. Pythagoras soll die Emotionen seiner Zuhörer durch Modus-Wechsel gelenkt haben, und Platon lehrte, dass Verlangen, Zorn und Vernunft spezifischen Intervallen entsprechen und dass durch solche Intervalle die Seele gereinigt wird und aufsteigen kann. Die spirituelle Natur von Musik war also anerkannt, und auch heute noch wird der Musik in der Musiktherapie heilende Kraft zugeschrieben.
Welche Bedeutung musikalische Schriftzeichen in der Antike überhaupt hatten, ist heute schwer einzuschätzen. Klar ist nur, dass sie nicht weiterentwickelt und deshalb schließlich fallengelassen wurden. Zugleich ging damit auch jene Musik verloren, die bis dahin als erhaltenswert empfunden worden war. Dieser Verlust ist auch im Vergleich mit den antiken Schwesterkünsten auffällig. Von der Architektur und der Skulptur jener Zeit sind zahllose Zeugnisse und Monumente überliefert: Man denke an die Akropolis in Athen oder an die antike Stadt Ephesus in der heutigen Türkei. Und noch in unserer Zeit sind die Geschäftsviertel europäischer Städte vielfach mit Zitaten antiker Architektur wie Säulen und Kapitellen geschmückt, und die Theater führen griechische Tragödien auf.
Etwas Vergleichbares hat die antike Musik nicht zu bieten. Aber auch sie wirkt nach, allerdings auf anderer Ebene, nämlich in unserem Musikbegriff. Der antike Musikbegriff beginnt mit dem altgriechischen Eigenschaftswort »mousike«, in dem das Wort »Muse« steckt. Es bestimmt das Hauptwort »téchne« (»Fertigkeit, Kunst«) näher und meint »die Gesamtheit der von den neun Musen ausgeübten verschiedenen Künste«. Im Mittelpunkt des antiken griechischen Musikbegriffs stand die Einheit von Wort (Poesie), Ton (Melodie) und Bewegung (Tanz), wie sie die Solo- und Chorlyrik einst verkörperte. Die Menschen der Antike waren ergriffen von diesen Künsten und legten darüber in Bild und Wort Zeugnis ab. Diese Dokumente gestatten uns heute zu sehen, in welchen gesellschaftlichen Zusammenhängen damals musiziert wurde. Und wir lesen, was die Menschen dabei empfanden und welchen Stellenwert sie der Musik einräumten. Überraschen mag heute, welch große Bedeutung der Musik damals beigemessen wurde. Musikalische Dinge konnten selbst zur Staatsangelegenheit werden.
Zum weiteren Umfeld des Musikbegriffs gehörte auch der Logos (»lógos«). Das Bedeutungsfeld dieses altgriechischen Begriffs ist äußerst breit: Es reicht von »Gespräch« (darin enthalten: »Wort«) über »Zahlenverhältnis« bis hin zu »Verstand« und »Vernunft«. Das Zahlenverhältnis 2:1 ist ein solcher Logos. Er drückt zum Beispiel das Unterteilungsverhältnis einer Saite aus, das die Oktave hervorbringt. Auf dieser Erkenntnis beruhte die antike Zahlenharmonik oder »musica«, die man damals zur theoretischen Philosophie rechnete.
Der antike Musikbegriff umfasste demnach weit mehr als der heutige. Seine Betrachtung führt uns nicht so sehr die Kontinuität vor Augen als vielmehr die Unterschiede und den Bruch zwischen damals und heute. Um uns dem Thema »Musik in der Antike« zu nähern, lassen wir uns also auf etwas Altes/Neues, etwas teilweise Fremdes ein.ΑΩ RHa
Mousikē – Musik
Die Musen, auf die unser Musikbegriff letztendlich zurückgeht, markieren zugleich den Beginn der überlieferten griechischen Dichtung im späten 8. Jahrhundert v. Chr.: Homer ruft in der Ilias die Muse an mit der Bitte, ihn zu seiner Aufgabe zu befähigen, den Trojanischen Krieg zu besingen, und nach den Beratungen der olympischen Götter singen die Musen ihnen »mit schöner Stimme« zu. In der um 700 v. Chr. entstandenen Theogonia (»Entstehung der Götter«) arbeitet Hesiod die antike Vorstellung von den Musen heraus. Ihr Vater ist Zeus, ihre Mutter Mnemosyne (»Gedächtnis, Erinnerung«). In den Musen ist also das, was wir unter Kultur verstehen, gespeichert. Hesiod teilt ihre Namen mit und gestattet uns zuzusehen, wie sie am Berg Helikon im Reigen tanzen und singen. Sie üben also verschiedene Künste zugleich aus. Der Philosoph Platon (ca. 429–347 v. Chr.) gab der Einheit dreier Musenkünste einen Namen: Als Sokrates fragt, »welche die Kunst des Saitenspiels, des Singens und des ›richtigen Schreitens‹ [Tanzens]« sei, lautet die Antwort »mousike«, jenes Wort also, von dem unser Wort »Musik« abstammt.

Die neun Musen auf einem Sarkophag aus dem 2. Jahrhundert (einige mit ihren Attributen dargestellt): Kalliope (epische Dichtung und Wissenschaft, Schriftrolle), Thalia (Komödie, lachende Theatermaske), Terpsichore (Chorlyrik und Tanz), Euterpe (Lyrik, Flöte), Polyhymnia (Gesang), Klio (Geschichtsschreibung, Schreibtafel), Erato (Liebesdichtung, Leier), Urania (Astronomie, Himmelskugel und Zirkel), Melpomene (Tragödie, tragische Theatermaske) © akg-images/Erich Lessing
Die von Platon angedeutete Vereinigung von Musenkünsten zeigt sich in der Gattung der Lyrik. »Lyrik« ist wie »Musik« ein uraltes Wort, das im Laufe der Zeit verschiedene Bedeutungen angenommen hat. Ursprünglich bezeichnete man damit strophische Dichtung, wobei nicht nur das Versschema, sondern auch die Melodie und die Tanzschritte wiederkehren. Diese Dichtung richtet sich oft an ein »Du« oder an ein »Ihr« (das heißt grammatisch an die zweite Person) und wird, begleitet von dem Saiteninstrument Lyra, gesungen. Sollte einem das vertraut vorkommen, so liegt dies daran, dass einiges an der heutigen Musik immer noch dieser Definition entspricht: Viele Popsongs – von Bob Dylans Like a Rolling Stone bis zu Rihannas Umbrella – bedienen sich dieser Anredeform, und die begleitende (akustische oder elektrische) Gitarre ist gewissermaßen die moderne Variante der Lyra.
Die früheste, lediglich in kleinen Textresten überlieferte Lyrik stammt von Sappho und von Alkaios, die im 7. Jahrhundert v. Chr. auf der griechischen Insel Lesbos lebten. Ihre Lyrik trugen sie in den Gruppen, denen sie angehörten, selbst vor. Sapphos Lyrik handelt oft von der Liebe, die des Alkaios oft von der Politik und den Freuden des Weines. Neben der von einer Einzelperson vorgetragenen Lyrik Sapphos und Alkaios’ gab es auch Chorlyrik, die jeweils von einer Gruppe einstudiert, gesungen und getanzt wurde. Einer ihrer prominenten Schöpfer war der griechische Dichter Pindaros (ca. 522–443 v. Chr.). Er feierte damit oft die Gewinner der damaligen sportlichen und künstlerischen Wettkämpfe, zu denen auch die Olympischen Spiele zählten. Die Spiele hatten eine rituell-religiöse Dimension, die in der Chorlyrik nachhallt. Ein weiterer Schauplatz der Chorlyrik war das griechische Drama (Tragödie, Komödie, Satyrspiel), bei dem ein singender und tanzender Chor das Geschehen kommentierte. Außer ein paar Fragmenten von Tragödien des Euripides (ca. 485–406 v. Chr.) hat sich aber kein einziger Ton der Einzel- und Chorlyrik erhalten. Was das Drama angeht, haben neuzeitliche Gattungen wie Oper, Oratorium oder Passion mit dem dort auftretenden Chor versucht, die Chorlyrik des antiken Dramas wiederaufleben zu lassen.
Als der römische Dichter Horaz (65–8 v. Chr.) Jahrhunderte später Strophenmodelle von Sappho und Alkaios übernahm, schuf er nicht mehr gesungene und getanzte Lyrik für Zuschauer und Zuhörer, wie es bei seinen Vorbildern der Fall gewesen war. Vielmehr war seine Dichtung im Handel erwerbbare Kunst zum Lesen. Gleichzeitig wurde ein anderer Aspekt des »mousike«-Begriffs immer mehr herausgebildet, jener der mathematischen Disziplin »musica«. Das ursprüngliche »mousike«-Ideal der Vereinigung dreier Musenkünste ist aber nie erloschen. Es lebt noch heute fort, zum Beispiel in der Flamenco- und Soulmusik oder im Auftreten von Boy- oder Girl-Groups und anderer Popmusiker. Und es wird weiter lebendig bleiben, solange Emotionen in Wort, Melodie, Saitenklang und Bewegung zum Ausdruck kommen.ΑΩ RHa
Begleiter für Gesang und Tanz – Instrumente

Musikantin mit Kithara, Tonstatuette aus Ägina, um 275 v. Chr. © akg-images/Erich Lessing
In der Antike waren vor allem Saiten- und Blasinstrumente von Bedeutung. Mit Saiteninstrumenten begleitete man den Gesang, wobei die Melodie verdoppelt wurde, mit Blasinstrumenten hauptsächlich den Tanz. Auch von einzelnen hoch entwickelten »Werken« für ein Soloinstrument wissen wir, allerdings nur aus Beschreibungen in der Literatur. Mehrstimmiges Zusammenspiel von Instrumenten ist nicht belegt.
Unter den rund 50 aus jener Epoche schriftlich überlieferten Musikfragmenten gibt es einige, die, wie man an den verwendeten Tonzeichen erkennen kann, instrumental gedacht waren und hauptsächlich als Schriftbeispiele in didaktischen Texten dienen. Antike Instrumente hingegen haben sich nicht erhalten. Zwar gibt es noch spärliche Reste, unser heutiges Wissen darüber stammt aber hauptsächlich aus literarischen Texten und aus Abbildungen auf antiker Keramik oder aus Skulpturen.
Saiten- oder Zupfinstrumente – der Bogen kam erst im Mittelalter auf – gab es in zwei Grundformen: Die Kithara war das Instrument der Berufsmusiker (etwa die Phorminx des Homer); die Lyra war das Instrument der Laien (beispielsweise der lang gestreckte Barbitos). Beiden Instrumententypen gemeinsam ist ein Resonanzkörper, von dem sich parallel zwei »Arme« erstrecken, die durch eine Querstange zusammengehalten werden. Die gleich langen Saiten aus Schafdarm sind zwischen Resonanzkörper und Querstange gespannt. Den Resonanzkörper der Kithara bildet ein Holzkasten, jenen der Lyra der Panzer einer Schildkröte. Die Finger der linken Hand des Spielers zupften die Saiten beim Melodiespiel oder dämpften einzelne Saiten, wenn die rechte Hand mit dem Plektron darüber streifte. Bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. waren vier Saiten gebräuchlich, danach sieben, die den Tönen eines Modus entsprachen.
Während die Lyra das Instrument der Erziehung und der »Lyrik« war, traten die Spieler der Kithara, die Berufskitharöden, öffentlich auf, auch bei Wettkämpfen. Der berühmteste Kitharöde war Timotheos von Milet (ca. 450–350 v. Chr.). Er war ein Revolutionär und wagte es, bis zu zwölf Saiten auf sein Instrument zu spannen. Dies erlaubte ihm Moduswechsel innerhalb eines Stückes, eine musikalische Kühnheit, die vom Staat als sittengefährdend angesehen und daher verboten wurde. Timotheos’ bekanntestes Werk mit dem Titel Die Perser stellte die Schlacht von Salamis (480 v. Chr.) dar.

Aulosspieler, griechische Vasenmalerei, um 490 v. Chr. © akg-images/Erich Lessing
Das wichtigste Blasinstrument war der Aulos, ein Rohrblatt-Instrument phrygischen Ursprungs, bei dem zwei Rohre mit je vier Fingerlöchern gleichzeitig geblasen werden – zweistimmiges Spiel wäre also möglich gewesen, ist aber nicht belegt. Nebst der Verwendung bei Trinkgelagen (»symposia«) war das Aulos-Spiel eine Wettkampfdisziplin. Die Pythischen Spiele in Delphi gewann der Aulet Sakadas 586 v. Chr. mit einer musikalischen Darstellung des Kampfes zwischen Apollon und dem pythischen Drachen, ein Werk von für damalige Begriffe unerhörter Dramatik. Als Pythischer Nomos sollte es in die Geschichte eingehen: Dieser Nomos (hier so viel wie »Lied«, »Weise«) bildete mehrere Jahrhunderte lang das Pflichtstück bei solchen Wettkämpfen in Delphi.
Musik als Kampfdarstellung
Antike Werke mit bedeutendem Instrumentalanteil wie der Pythische Nomos des Sakadas oder Die Perser des Timotheos waren Kampfdarstellungen. Dies blieb ein beliebtes musikalisches Thema, verbunden mit dem Ausdruck nationalen Selbstbewusstseins. Man denke an Clément Janequins La Bataille (anlässlich der Schlacht von Marignano 1515) oder an Peter Tschaikowskys Ouvertüre 1812 (Erinnerung an den russischen Sieg über Napoleon).
Zu den Blasinstrumenten gehörte auch die »Hydraulis« genannte wassergetriebene Orgel. Sie wurde jedoch nicht mit den einzelnen Fingern, sondern aufgrund der Größe und Betätigungsweise der Tasten eher mit zwei Händen gespielt. Kleinere Versionen solcher Orgeln waren für den häuslichen Gebrauch bestimmt, größere wurden in Amphitheatern verwendet, um die Stimmung der Menge anzuheizen (die Heilige Katharina starb laut ihrer Märtyrerlegende, »während die Orgel donnerte«). Die Orgel bildet vielleicht das Hauptbeispiel des Nachlebens antiker Musiktradition. Denn schon früh hat die Westkirche das Orgelspiel in den Gottesdienst eingeführt, wo es sich bis heute behauptet. Viel später waren die ersten Kinos mit Orgeln ausgestattet. Und sogar in amerikanischen Baseballstadien sind sie hin und wieder zu hören. Wie in den Amphitheatern der Antike also wird die Orgel heute noch verwendet, um Emotionen zu lenken und zu steigern. Die Umstände haben sich geändert, die Rolle der Musik ist dieselbe geblieben.ΑΩ RHa
Was die Zeit überdauert – Überlieferung
In Stein gemeißelt
Die Existenz der etwa 50 altgriechischen Musikfragmente verdanken wir hauptsächlich der Robustheit ihrer Träger, Stein zum Beispiel, oder der Trockenheit der Sahara, wo Papyrus lange überdauert. Dabei ist die antike Musik möglicherweise gut weggekommen. Wird hingegen in 2000 Jahren noch etwas von den in unseren Tagen üblichen Trägern erhalten sein, von zerbröselndem Papier zum Beispiel oder von den immer schneller überholten elektronischen Datenträgern?
»Überlieferung« meint die verschiedenen Arten und Weisen, mit denen die Kenntnis von Musik von einer Person zu einer anderen gelangt. Als universal kann die mündliche Überlieferung gelten, die es immer gab und geben wird, solange eine Mutter ihrem Kind ein Lied summt. Dazugekommen sind die schriftliche Überlieferung und seit dem frühen 20. Jahrhundert jene mittels technischer Klangspeicherung. Die mündliche Überlieferung antiker Musik ist erloschen, die technische gab es noch nicht und die schriftliche beschränkt sich heute auf etwa 50 erhaltene Fragmente, die die damaligen Tonzeichen aufweisen. In einer Art »Nebenüberlieferung« zu den wenigen erhaltenen Musikfragmenten geben antike Schriftsteller Aufschluss über die Wirkung der damaligen Musik auf die Menschen.
Gut ein Drittel der antiken Musikfragmente sind Papyrusfetzen von vertonten Dramen. In der durch die Eroberungen Alexanders des Großen (356–323 v. Chr.) entstandenen griechisch geprägten Kulturlandschaft des Hellenismus, die sich von Alexandrien in Ägypten bis weit nach Osten erstreckte, fanden überall wiederkehrende Feste statt, darunter auch »musische«. Als Festplätze bauten sich zahlreiche Städte Theater. Heute nur noch leere Hülsen, waren sie damals mit der vitalen Kraft des Dramas erfüllt, vor allem der Tragödien des Euripides, die von großen Themen menschlichen Daseins handeln: von der Verantwortung des Einzelnen in der Gesellschaft, von Schuld, Sühne und Erlösung. Aufgeführt wurden sie durch »technitai«, das waren »vereinsmäßig organisierte, von Fest zu Fest reisende und über bestimmte Dramenrollen verfügende Künstler«. Das abgebildete Fragment der Tragödie Orestes von Euripides stammt von einer solchen Papyrusrolle. Sie wurde um 200 v. Chr. angefertigt, gut 200 Jahre nach dem Tod des Euripides, als seine Werke in der ganzen hellenistischen Welt aufgeführt wurden. Der Glanz währte also lange, verging aber, und die Orestes-Rolle wurde eines Tages in Hermopolis Magna (Ägypten) »recycelt« – als Mumien-Kartonage! Durch solches »Recycling« wurde schon mancher Text für die Nachwelt gerettet.

Fragment aus Orestes von Euripides, Papyrus, um 200 v. Chr. © Österreichische Nationalbibliothek/ http://digital.onb.ac.at, Euripides, Orestes 338-44 (Pöhlmann/West), Papyrus G 02315
Die jahrhundertelange Pflege und Überlieferung antiker Dramen hing zumindest teilweise zusammen mit der Macht der damaligen Musik über die menschliche Seele. Es ist schwierig, sich anhand von Musikfragmenten eine Vorstellung von dieser Macht zu verschaffen. Antike Schriftsteller können uns aber auf die Sprünge helfen. Laut der Poetik des Aristoteles zum Beispiel bewirkt die Tragödie die »Reinigung« (Katharsis) der Zuschauer von den »Leidenschaften Mitleid und Schrecken«, die sie erregt; dabei ist die Melodie »das größte der [tragischen] ›Gewürze‹«. Und Platon, der Lehrer des Aristoteles, verbannte bestimmte »Tonarten« wegen ihrer manipulativen Kraft aus seinem Idealstaat und warnte davor, dass Änderungen der Musik Umwälzungen im Staat auslösen könnten – auch die gesellschaftliche Revolution der 1960er-Jahre ging nicht ohne Neuerungen in der Musik einher.
Alle antiken Feste, ob musisch oder athletisch, waren zur Ehre einer Gottheit gefeierte religiöse Angelegenheiten. Die jeweilige Gottheit wurde durch Hymnen verehrt. Zwei davon sind mit Tonzeichen erhalten. Dabei handelt es sich um »paianes« (altgriechisch: »feierliche Gesänge«) an Apollon, aufgeführt anlässlich der Pythischen Spiele in Delphi im Jahr 127 v. Chr. und eingemeißelt am dortigen athenischen Schatzhaus. Zugleich sind es die umfangreichsten Zeugnisse antiker Musik – übertragen in heutige Notation etwa 100 bzw. 150 Takte lang. Als vielleicht einziges antikes Musikzeugnis vollständig überliefert ist die vertonte Grabinschrift des Seikilos in Tralleis (Kleinasien, heutige Türkei) aus dem 1. Jahrhundert nach Christus. Die Töne und Rhythmen des Liedes lassen sich problemlos entziffern:

Im Gegensatz zu den meisten Fragmenten, die eher die Fremdheit damaliger Musik bewusst machen, schlägt das Seikilos-Lied mit seiner volkstümlichen Einfachheit eine Brücke zu unserem heutigen Empfinden. Und seine Botschaft – »Carpe diem!« (»Genieße den Tag!«), ausgesprochen anlässlich eines Todesfalls – ist zeitlos: »Solange du lebst, leuchte. / Trauere über nichts. / Nur kurz dauert das Leben. / Das Ende fordert die Zeit ein.«ΑΩ RHa
Musik festhalten – Schrift

Das ist kein Sehtest. Nein, es ist ein antiker Melodieabschnitt, festgehalten in der damaligen Tonschrift. Töne bezeichnete man in dieser Schrift mit griechischen Buchstaben, die auch verdreht oder auf dem Kopf stehen können und durch weitere Zeichen ergänzt werden. Für Gesang und Instrumentenspiel gab es je 70 solcher Zeichen, also jeweils 70 Tonhöhen (darunter auch Vierteltöne), die einen Gesamtumfang von drei Oktaven plus Terz bilden.

Detail aus dem Orestes-Fragment, Textausschnitt mit Tonzeichen wie im Notenbeispiel übertragen © Österreichische Nationalbibliothek/ http://digital.onb.ac.at, Euripides, Orestes 338-44 (Pöhlmann/West), Papyrus G 02315
Gesangszeichen ebenso wie die Zeichen instrumentaler Begleitung wurden über die einzelnen Silben eines Textes gesetzt. Auch instrumentale Solomusik wurde auf diese Weise aufgezeichnet. Den Rhythmus, der mit den metrischen Werten der einzelnen Textsilben zusammenhängt, deutete man durch Striche, Punkte und andere Zeichen über den Tonzeichen an.
Diese Tonschrift war vom späten 5. Jahrhundert vor bis ins 5. Jahrhundert nach Christus im griechischen Sprachraum geläufig. Wir kennen sie aus Tabellen in antiken Schriften zur Musiklehre, die Zeichen und Ton-Namen zueinander in Beziehung setzen. Wir finden sie aber auch in den rund 50 Schriftfragmenten antiker Musik, die die letzten 2000 Jahre überdauert haben. Das bereits im vorangegangenen Kapitel besprochene Papyrusfragment umfasst sechs Teilverse eines Chorlieds aus der Tragödie Orestes (Athen, 408 v. Chr.) des Euripides. Die Tragödie setzt eine Episode aus dem Mythos um den Trojanischen Krieg in Szene: Um nach Troja segeln zu können, opfert König Agamemnon seine Tochter Iphigenie. Aus dem Krieg zurückgekehrt, wird er von seiner Frau Klytämnestra aus Rache ermordet, die daraufhin ihrerseits vom gemeinsamen Sohn Orest umgebracht wird. Dieser, von Rachegeistern verfolgt, verfällt schließlich dem Wahnsinn. Der Chor singt ihm ein Lied zu, aus dem die folgenden Verse stammen:

Die Chorsänger hatten aufgrund der Tonzeichen den Tonos zu bestimmen, der den Tonraum gestaltet. Die Zeichen dieses Chorliedes gehören dem lydischen Tonos an.
Ein Tonos besteht aus mehreren Tetrachorden, die wiederum je drei Erscheinungsformen (Genera, von lateinisch »genus«: »Gattung«) aufweisen: diatonisch, chromatisch und enharmonisch. Wie bei den modernen Dur- und Moll-Tonleitern sind dabei gewisse Tonstufen veränderlich, wobei neben den uns bekannten Ganz- und Halbtönen im enharmonischen Genus auch Vierteltöne und andere Intervalle vorkommen.
Unser Chorlied ist lydisch enharmonisch oder chromatisch, wobei allerdings das Zeichen Φ (über »te«) dem diatonischen Lydisch angehört. Es handelt sich also um ein »gemischtes« Genus (das Z ist ein Instrumentalzeichen, ebenfalls diatonisch, für die Begleitung). Enharmonisch galt damals zwar als das »tragische Genus«, das also in der Tragödie bevorzugt eingesetzt wurde. Das chromatische Genus jedoch, das sich laut antiken Quellen besonders für starke Emotionen eignet, soll von Euripides erfunden und eingeführt worden sein. Aufgrund der starken Emotionen des Chorliedes sind im Notenbeispiel oben die überlieferten Schriftzeichen dem chromatischen Genus entsprechend übertragen.
Eine Erfindung mit Folgen
Die antike Tonschrift war eng an Wort und Buchstaben gebunden. Erst die »Note« als ein musikalisches Zeichen, das seinen Tonhöhenwert nur im Liniensystem erhält, hat eine autonome Tonkunst ermöglicht. Denn damit konnte man eine Melodie von den ursprünglichen Tonstufen lösen und beliebig auf andere Stufen transponieren. Diese Erfindung sollte die Grundlage für die atemberaubende musikalische Entwicklung der folgenden Jahrhunderte werden.
Für die Einheit der Musenkünste von Wort, Ton und Bewegung war die antike Tonschrift ideal. Sie war nicht auf Noten (lateinisch »notae«: »Zeichen«) gegründet, die ihren Tonhöhenwert erst im Liniensystem erhalten, sondern auf die Tonhöhe direkt angebende Buchstaben. Daher kommt sie ohne Liniensystem aus und ist »textnah«. Und sie deutet auch Bewegungen an. Denn »Arsis« und »Thesis«, das metrische Auf und Ab, wird durch einen Punkt beziehungsweise keinen Punkt markiert. Auf und Ab von was? Vom Fuß des Tanzenden und Singenden (noch heute spricht man in Bezug auf das Auf und Ab der betonten und unbetonten Silben eines Gedichts vom »Versfuß«). Die antike Tonschrift verband also die Musenkünste in harmonischer Ausgeglichenheit.ΑΩ RHa
Die Weltordnung in der Schmiede – Antike Musiktheorie
Wie der Gelehrte und Philosoph Boethius in seinem Buch De institutione musica (Grundsätze der Musik) zu Beginn des 6. Jahrhunderts nach Christus berichtet, hörte Pythagoras von Samos (um 570–480 v. Chr.) eines Tages Töne, die aus einer Schmiede erschollen und bestimmte Intervalle bildeten. Er ließ die Schmiedeeisen wiegen – die Balkenwaage war damals schon bekannt –, und ihm fiel auf, dass die verschiedenen Gewichte genauen Zahlenverhältnissen entsprechen. Auf die Saiten eines Instruments übertragen, lässt sich die Gültigkeit dieser Erkenntnis leicht nachprüfen: Die Hälfte einer Gitarrensaite zum Beispiel klingt eine Oktave höher als dieselbe Saite ungeteilt. Das Verhältnis 2:1 ergibt also eine Oktave. Jedes andere Intervall lässt sich ebenfalls in einem je eigenen Zahlenverhältnis ausdrücken.
Im Zusammenhang mit der grundsätzlichen Frage, wie man zu sicherem Wissen gelangen könne, bewies diese Erkenntnis Pythagoras und seinen Nachfolgern, dass sich hinter Erscheinungen (Sinnesdaten) wie dem Oktavklang, der entsteht und vergeht, eine abstrakte, unveränderliche Ordnung verbirgt: in unserem Falle das Zahlenverhältnis (»logos«) 2:1. Dieses Verhältnis ist ewig und allein dem Verstand zugänglich. Aus einer solchen Erkenntnis geht die Definition der antiken Musiktheorie, also des antiken Faches »musica« hervor: Sie handelt von »Zahlen [Mathematik] bezogen auf Klänge [Physik]«.
Ferner beschreibt die antike Musiktheorie Tonsysteme oder Skalen, die aus so gewonnenen Intervallen bestehen. Der Tonvorrat, der antiken Melodien zugrunde liegt, heißt das »vollständige System« (»systema teleion«). Dieses System besteht aus vier Tetrachorden mit hinzugefügtem Tiefton und umfasst zwei Oktaven. Es gliedert sich durch Fixtöne (e, a, d) und veränderliche Stufen, die drei verschiedene Genera bilden. Das sogenannte »diatonische« Genus entfaltet die folgende aufsteigende Intervallreihe (G = Ganzton, H = Halbton): GHGGHGGGHGGHGG, oder in Tönen ausgedrückt: (d)efga¦abcd¦efga¦abcd. Wie die moderne Tonleiter konnte das »vollständige System« von acht verschiedenen Tonhöhen ausgehen. Eine solche Tonreihe oder »Tonos« (griechisch: »Spannung«, gemeint ist: der Saite) wird nach einem griechischen oder kleinasiatischen Volksstamm benannt (dorisch, phrygisch, lydisch und so weiter). Für eine Zeit, in der es weder die heutige Notenschrift noch die Klaviertastatur gab, muss ein solches System als eine außerordentliche geistige Errungenschaft gelten.
Musikalische Weltordnung
Noch heute verwendet die Astrophysik Metaphern, um die Weltordnung (den Kosmos) verständlich zu machen, und die Musik scheint sich dafür wie kaum etwas anderes zu eignen. In seinem Buch The Fabric of the Cosmos (Der Stoff, aus dem der Kosmos ist, 2004) beispielsweise nimmt der Astrophysiker Brian Greene die Geige als Vorbild für die »string theory« (wörtlich: »Saitentheorie«).
Laut Boethius spiegeln die Lehren von Intervall und Tonsystem zwei weitere Zusammenhänge wider, über die die antiken Menschen ebenfalls staunten: die Bahnen der Himmelskörper und die daraus entstehende »Sphärenharmonie« (»musica mundana«) einerseits sowie die »Harmonie« des Menschenkörpers und die Abgestimmtheit seiner Teile (»musica humana«) andererseits. Diesen Komplexen gemeinsam ist die Vorstellung der glücklichen »Zusammenfügung«, die hinter dem Harmoniebegriff steckt (»harmottein«, griechisch: »zusammenfügen«) – im Großen (Makrokosmos) wie im Kleinen (Mikrokosmos).
Im Lehrplan der Kloster- und Kathedralschulen des Mittelalters wiederum bildeten die »musica« und ihre Schwesterdisziplinen Arithmetik, Geometrie und Astronomie das »quadrivium« (»Vierweg«), das zu den »artes liberales« (»freien Künsten«) gehörte und als Vorbereitung für die Philosophie diente. De institutione musica von Boethius war das bevorzugte Lehrbuch dazu, das somit lange aktuell blieb und Wissen über das antike Fach »musica« aufrechterhielt; heute existieren knapp 140 Handschriften des Buches, die vom 9. bis zum 15. Jahrhundert datieren.
Bemerkenswert ist schließlich, dass sich die antike Musiktheorie von späteren Auffassungen von Musiktheorie grundlegend unterscheidet. Die antike Musiktheorie besteht nämlich in der »Betrachtung« (»theoria«) von Zahlenverhältnissen, Intervallen und Tonsystemen, die gemäß unveränderlichen Gesetzen gestaltet und deshalb notwendigerweise so sind, wie sie sind. In späteren Zeiten dagegen kann Musiktheorie zum Beispiel vorschreiben, wie eine Melodie regelgemäß zu gestalten ist, und Konventionen aufstellen, wie Töne aufeinander zu beziehen sind. Sie handelt also von Dingen, die so oder auch anders sein können. Deshalb fällt etwa die Kontrapunkt- oder Harmonielehre je nach historischer Epoche unterschiedlich aus.ΑΩ RHa
Als Antike bezeichnet man die Kulturepoche des Mittelmeerraumes von etwa 1000 vor bis 500 nach Christi Geburt.
»Dieser Mann da, der nach der großen Macht trachtet, wird die Stadt bald umgestürzt haben; sie steht ja vor der Entscheidung …« (Alkaios)
»Lasst uns trinken! Warum warten wir auf die Lampen? Der Tag dauert nur noch ›ein Fingerbreit‹. Bringe, geliebter Junge, die großen, buntverzierten Becher!« (Alkaios)
»Komm’, göttliche Lyra, rede zu mir, werde stimmhaft …« (Sappho)
»Du bist gekommen, ich habe dich heftig verlangt;
Mein Herz, das mit Sehnsucht brannte, hast du gekühlt …« (Sappho)
»Geschöpfe eines einzelnen Tages: Was ist einer? Was ist keiner? Der Mensch ist der Traum eines Schattens. Aber wann immer Zeus-gegebener Glanz kommt, so ist ein leuchtendes Licht auf den Menschen und honigsüße Lebenszeit.« (Pindaros, aus der Pythischen Ode für Aristomenes von Aigina, Gewinner im Ringen bei den Pythischen Spielen 446 v. Chr.)
Das Prinzip der Tonerzeugung mittels eines aus einem Rohrgewächs geschnittenen »Blattes«, daher der Name Rohrblatt-Instrument, hat sich bis heute erhalten. Die moderne Oboe verwendet wie der Aulos ein Doppelblatt, die Klarinette ein Einzelblatt.
Bei den Pythischen Spielen handelte es sich im Gegensatz zu den rein sportlichen Olympischen Spielen ursprünglich um künstlerische Wettkämpfe in Delphi. Mit der Zeit wurden sie auch durch athletische Wettkämpfe und Wagenrennen ergänzt. Die glanzvollen Spiele erinnerten an die Erlegung des Drachens Python durch Apollon, den Gott der Künste, und fanden jeweils zwei Jahre vor den Olympischen Spielen statt.
Ein Tonos, heute auch Transpositionsskala genannt, ist eine Tonleiter mit einer festen Abfolge von Ganz- und Halbtönen, die auf unterschiedliche Stufen transponiert erscheinen kann.
Ein Tetrachord ist eine schrittweise Folge von vier Tönen mit der Quarte als Rahmenintervall.
Die antike Musiktheorie kennt drei Genera (Mehrzahl von lateinisch »genus«): das diatonische, das chromatische und das enharmonische, die sich durch die unterschiedliche innere Gliederung eines Tetrachords unterscheiden.
9. bis 14. Jahrhundert

Die Kathedrale Notre-Dame de Paris, Baubeginn 1163, Blick ins Mittelschiff © akg-images/Rainer Hackenberg
»Christliches Zeitalter« oder » Mittelalter«? – Das 9. bis 14. Jahrhundert
Wer in unseren Tagen an die Zeit vor ungefähr 1500 denkt, dem wird dafür wohl fast unweigerlich der Begriff »Mittelalter« oder gar »finsteres Mittelalter« in den Sinn kommen: die übliche Bezeichnung für das Zeitalter zwischen der griechisch-römischen Antike einerseits, die mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches in den Jahren 475/76 durch die Vertreibung der letzten Kaiser zu Ende gegangen war, und der Neuzeit andererseits, die im 15. Jahrhundert mit der »Renaissance« anbrach.
Mittelalter zur Unterhaltung
Seit den 1980er-Jahren erfreuen sich Mittelaltermärkte, Ritterturniere oder »Rittergelage« zunehmender Beliebtheit. Dabei spielt auch die Musik eine große Rolle. Mittlerweile hat sich eine musikalische Mittelalterszene gebildet, die dabei mit Fiedel, Drehleier, Harfe, Flöte, Krummhorn oder Schalmei aufspielt. Die Musiker erheben aber keinen Anspruch auf »historische Genauigkeit«. Oberstes Gebot ihrer »mittelalterlichen Musik« von heute ist gute Unterhaltung.
Die Dreiteilung der Geschichte mit einem »Mittelalter« zwischen Antike und Neuzeit setzte sich schon im 17. Jahrhundert allgemein durch und hat sich weithin bis heute gehalten. Sie ist aber Ausdruck des Geschichtsverständnisses jener Zeit, das den rund tausend Jahren Geschichte, die der Begriff bezeichnen soll, nicht gerecht wird. Der Begriff »Mittelalter« schließt nämlich den Blickwinkel der Nachgeborenen ein: Denn die Menschen im sogenannten »Mittelalter« konnten ja nicht wissen, dass sie angeblich in einer Übergangszeit zwischen zwei Zeitaltern lebten. Das hätte die Kenntnis des Ziels der historischen Entwicklung vorausgesetzt – eben jene Neuzeit, die unter anderem mit den großen wissenschaftlichen Entdeckungen und dem allmählichen Verschwinden der weißen Flecken auf den Landkarten verbunden gewesen wäre.
Die Menschen im »Mittelalter« verstanden ihr Zeitalter, das mit einer vollständigen Umgestaltung der politischen Geografie und der Christianisierung weiter Teile Europas einherging, jedoch anders. Für sie war es das im Glauben allen anderen Zeitaltern überlegene »christliche Zeitalter«, das mit Christi Geburt begonnen hatte und aus ihrer Sicht mit dem Jüngsten Tag enden würde. Ihre Geschichtsauffassung war theologisch, das heißt in der Bibel begründet.
Diese »heilsgeschichtliche« Auffassung ersetzten humanistische Gelehrte im 15. Jahrhundert durch eine weltliche. An die Stelle der Bibel trat bei ihnen als Bezugspunkt und Maßstab die (idealisierte) Antike, an die man anzuknüpfen versuchte und der man nacheifern wollte. Das eben vergangene Zeitalter erschien im Vergleich zur antiken Kunst und Kultur als ein zivilisatorischer Rückschritt, als ein Rückfall auf allen Gebieten menschlicher Errungenschaften: der Sprache, der Dichtung, der Architektur, der gesellschaftlichen Ordnung und nicht zuletzt auch der Technik.
Schon ein flüchtiger Blick auf diesen langen Zeitraum zwischen Antike und Neuzeit lässt erkennen, dass für die Nachgeborenen kein Grund zur Herablassung besteht. Denn mit dieser Zeit verbinden wir große menschliche Schöpfungen wie die Dichtung Dantes, die Malerei Giottos, die Philosophie von Thomas von Aquin, die überwältigende Architektur der gotischen Kathedralen oder die Vokalpolyphonie, die für die Menschen in jener Zeit im wahrsten Sinne »unerhört« gewesen sein muss.
Grundlage der Entfaltung der Vokalpolyphonie war die Erfindung der musikalischen Schrift im 9. Jahrhundert. Die Musikschrift war zwar zunächst ganz praktisch motiviert durch Reformbemühungen der Kirche in Bezug auf den Choral: Die schriftliche Festlegung sollte in der christlichen Welt eine weitgehend einheitliche Ausführung des liturgischen Gesangs sicherstellen. Die Schriftlichkeit war daher von Anfang an eng verbunden mit der Kanonisierung: der Festlegung eines Kanons von Gesängen, die von höchster kirchlicher Stelle genehmigt waren.
Die Erfindung der musikalischen Notation entpuppte sich aber aus verschiedenen Gründen bald als ein für die Musikgeschichte Europas – und später der ganzen Welt – wahrhaft epochemachendes Ereignis: Zum einen erlaubt die Notation, Musik wie ein schriftlich festgehaltenes Gedicht von seinem Schöpfer zu lösen, sie an andere Musiker zu übermitteln oder einfach aufzubewahren. Die Schriftlichkeit war daher von Anfang an verbunden mit dem Sammeln: Man trug in Codices Musikstücke zusammen, die für notierenswert, das heißt für bewahrenswert gehalten wurden. Und diese Stücke konnten als Quelle der Anregung oder als Vorlage zur weiteren Verarbeitung dienen. Zum zweiten gestattete die Notation durch Ausarbeitung von Musikstücken auf dem Pergament, die musikalische Komplexität und die kontrapunktischen Künste in bis dahin ungeahnter Weise zu steigern. Und schließlich entstand durch die überall vereinheitlichte Liturgie ein umfassender Kulturraum, der den Anfang einer gemeinsamen, schriftbasierten Musikkultur markiert – eine Errungenschaft, die der französische Historiker Jacques Le Goff auf derselben Ebene ansiedelt wie die in derselben Zeit entstehende »europäische Idee«. Die Schriftlichkeit ermöglicht daher nicht nur, noch heute Musik aus dieser Zeit zu singen oder zu spielen, die sonst unwiederbringlich verklungen wäre. Sie schuf die Grundlagen für jene eigentümliche geschichtliche Dynamik, die die europäische Musikgeschichte von der anderer Kulturen unterscheidet.ΑΩ UMo
Musik übermitteln – Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Um das Jahr 730 beschrieb der Mönch Beda Venerabilis in seiner Kirchengeschichte des englischen Volkes, wie der römische Kirchengesang nach und nach in England eingeführt wurde. So habe etwa Acca, Bischof von Hexham, den Sänger Maban zu sich kommen lassen, um hier die einstimmigen liturgischen Gesänge nach römischer Tradition zu unterrichten. Maban sei zwölf Jahre in Hexham geblieben und habe seinen Schülern sowohl neue Gesänge beigebracht als auch die ihnen bereits bekannten, die mit der Zeit verändert worden waren, wieder auf ihre ursprüngliche Form zurückgeführt.
Zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit
Die Abtsgeschichte des Klosters Sint-Truiden (heutiges Belgien) berichtet, dass Rodulfus (Abt seit 1108) für den liturgischen Gesang eine Handschrift in der Liniennotation Guidos von Arezzo hergestellt habe. Dafür habe er die Melodien, wie sie in seinem Kloster Tradition hatten, leicht verändern müssen. Offensichtlich reichten die notationstechnischen Mittel nicht zur Wiedergabe der Gesänge aus, sodass die Tradition den Möglichkeiten der Notation angepasst werden musste.
Bedas Kirchengeschichte ist die erste Quelle der europäischen Musikgeschichte, in der man von einer Weitergabe von Musikrepertoires von einem Ort (Rom) zu einem weit entlegenen anderen (England) erfährt. Der Bericht über den Sänger Maban lässt erkennen, dass diese Tradierung mündlich geschah. Man verfügte damals noch über keine Notenschrift, die die Übermittlung von Musik von Sänger zu Sänger hätte unterstützen oder gar ersetzen können. Schriftlich festgehalten wurden damals bestenfalls Gesangstexte.
Tatsächlich war eine rein mündliche Überlieferung von Musik in Europa seit der Antike die Regel, sodass Musik stets auswendig gelernt werden musste. Auch im Frankenreich, wo die römischen Kirchengesänge seit etwa 750 eingeführt wurden, geschah dies ohne Verschriftlichung der Musik. Erst infolge der Reformpolitik Karls des Großen, also seit dem späten 9. Jahrhundert, fing man an, Musik schriftlich festzuhalten. In den Zeugnissen vor dieser Zeit ist von musikalischer Notation noch keine Rede. Erst spätere Autoren wie Ekkehart IV. von Sankt Gallen (erste Hälfte 11. Jahrhundert), die diese Vorgänge erneut beschreiben, bringen in ihren Erzählungen musikalische Schrift ins Spiel. Diese war in der Zwischenzeit so üblich geworden, dass man ihre Verwendung auch schon in früheren Zeiten einfach annahm. Dennoch blieb Mündlichkeit weiterhin ein wichtiger Überlieferungsfaktor, da die Notation, derer man sich seit ca. 900 bediente – die sogenannten Neumen – keine genauen Tonhöhen erkennen ließen. Für das Erlernen von Gesängen oder die Aufrechterhaltung einer Tradition blieb der lebendige Kontakt zwischen Lehrer und Schüler deshalb weiterhin unersetzlich.
Allerdings bestand seit der umfangreichen Verwendung von Neumennotation ein wesentlicher Unterschied zu früher. Wenngleich es Neumen nicht erlaubten, Musik »vom Blatt« zu singen, so konnten sie doch als Erinnerungsstütze (so Hucbald von Saint-Amand im späten 9. Jahrhundert) oder als Korrekturinstanz (so Ekkehart IV.) dienen. Denn wenn man einen Gesangsvortrag mit einer Neumenaufzeichnung verglich, konnte man durchaus bemerken, ob Melodiewendungen vergessen wurden, oder auch entscheiden, ob richtig oder falsch gesungen wurde: Tonanzahl und Bewegungsrichtung einer Melodie ließen sich mithilfe von Neumen nämlich präzise und anschaulich darstellen.

Die Elfenbeintafel des späten 10. Jahrhunderts aus Lothringen zeigt einen Ausschnitt aus der gesungenen Liturgie. Die große Figur in der Mitte ist ein Bischof, der von seinen Sängern umgeben ist. Er hält ein Buch in der linken Hand, in dem der Text steht, der gerade erklingt, nämlich der Introitus (Einzugsgesang) am ersten Adventssonntag. Die Sänger können diesen Text aber nicht sehen: Sie singen auswendig. © The Fitzwilliam Museum, Cambridge
Musik war damit unabhängig von einer Aufführung verfügbar geworden. Sie blieb zwar einerseits klingendes Ereignis, konnte nunmehr aber auch dauerhaft bewahrt und betrachtet werden. Wie und warum es zu diesem weitreichenden Schritt kam, ist ungeklärt. Womöglich hat ein gesteigertes Interesse an der Musik seit den Karolingern dazu geführt, dass man sie durch Schriftlichkeit beständig machen wollte. Damit konnten Melodien wie auch die kanonischen Texte (Bibel, liturgische Gebete und Lesungen, Gesangstexte), deren Wortlaut nicht verändert werden durfte, in einer festen Form bewahrt werden. Die Neumenschrift war zu diesem Zweck bestens geeignet, denn sie erlaubte es, auch kleinste Details des Vortrags auf dem Pergament festzuhalten. Zugleich gab es schon seit dem späten 9. Jahrhundert Stimmen, die darauf drängten, Musik solle allein auf Schrift gestützt vermittelbar sein, also ohne einen persönlichen Lehrer, der die Tonhöhen beibrachte. So entwickelte der Benediktinermönch Guido von Arezzo im ersten Drittel des 11. Jahrhunderts eine Liniennotation im Terzabstand mit Schlüsselbuchstaben, die bereits unserer heutigen Liniennotation sehr ähnlich ist.
Guidos Idee hat sich bewährt und durchgesetzt, doch spielte auch weiterhin Mündlichkeit in der europäischen Musikgeschichte eine große Rolle. So wurde etwa aller Wahrscheinlichkeit nach das mehrstimmige »Notre Dame-Repertoire« (um 1200) anfangs wohl nur mündlich überliefert und erst im Laufe des 13. Jahrhunderts nachträglich verschriftlicht. Die schriftliche Darstellung von Musik ist in unserem Kulturkreis also erst ganz allmählich vom Sonder- zum Normalfall geworden.ΑΩ MKl
Die Anfänge des Schreibens von Musik – Neumennotation

Bei dem Codex aus Kloster Einsiedeln (Schweiz) handelt es sich um eine der ältesten Gesangshandschriften. Über den Textzeilen wurde ausreichend Platz für die Aufzeichnung linienloser Neumen gelassen. Zugleich gibt der Abstand zwischen den einzelnen Silben in den Textzeilen Raum für den Eintrag längerer Tonfolgen (Melismen). © Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 121(1151), S. 5 (www.e-codices.ch)
Die Bezeichnung Neume für ein Notenzeichen leitet sich von griechisch »neuma« (»Wink«) her und ist erstmals im 10. Jahrhundert belegt. Der Name verweist darauf, dass Neumen dem Benutzer einer Musikaufzeichnung einen »Hinweis« auf den Verlauf geben, den eine Melodie nimmt.
Im ausgehenden 9. Jahrhundert machte sich der Mönch Hucbald von Saint-Amand ausführlich Gedanken über die Möglichkeiten der schriftlichen Darstellung von Musik. Er beschrieb dazu sowohl Neumen als auch Buchstaben- und Liniennotationen. Durch Buchstaben und geschlüsselte Linien konnten Melodien mit ihren genauen intervallischen Abständen Ton für Ton wiedergegeben werden. Die Neumennotation dagegen vermittelte mithilfe grafischer Zeichen (punkt- oder strichförmige Zeichen sowie deren Kombinationen) eine bildliche Vorstellung vom Verlauf einer Melodie, ohne die zwischen den einzelnen Tonelementen liegenden Abstände anzugeben.
Hucbald nannte die Neumen »übliche Zeichen« und die Buchstabenschrift »kunstgemäße Zeichen« (»artificiales notae«) – offenbar weil Letztere aus der »ars musica«, also aus der theoretischen Beschäftigung mit Musik heraus, entstanden sind. Die Neumen hingegen waren »üblich«, weil sich ihre Verwendung in der Musikpraxis seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts in weiten Teilen des ehemaligen karolingischen Großreiches durchgesetzt hatte. Anders als Buchstaben- oder Liniennotationen, die dem Mittelalter aus der Antike bekannt waren, stellen Neumen eine Erfindung der Zeit um 800 dar. Doch lässt sich erst rund 100 Jahre später ihre Verwendung auf breiter Basis, nämlich zur Aufzeichnung des sogenannten gregorianischen Chorals, nachweisen. Das kam einer medientechnischen Revolution gleich, denn bis zu dieser Zeit war Musik im europäischen Kulturkreis nur in ganz seltenen Einzelfällen aufgeschrieben worden.
Autoren der späten Karolingerzeit wie Hucbald gingen von einer grundsätzlichen Schreib- und Lesbarkeit von Musik aus – »dass man die Töne wird aufzeichnen und singen können nicht schlechter als Buchstaben schreiben oder lesen« (so die Musica enchiriadis, ein »Musikhandbuch« aus dem späten 9. Jahrhundert). Man sah also zwischen Musik und Sprache eine prinzipielle Vergleichbarkeit. Nach Hucbald war die eindeutige Lesbarkeit von Musik nur mit den »kunstgemäßen Zeichen« zu erreichen. Die Benutzung von Neumenschrift hingegen setzte immer die Kenntnis des genauen melodischen Verlaufs voraus, die durch einen Lehrer vermittelt werden musste. Ohne eine funktionierende mündliche Weitergabe und das stete Auswendiglernen der Musik von Generation zu Generation blieben Neumen sozusagen stumm.

Buchstabennotation: Die Melodie über »Alleluia« ist hier nicht nur mit Neumen notiert, sondern auch mit Buchstaben (i, m, p, c, f), die – anders als die Neumen – für bestimmte Tonhöhen stehen, die der Text im Folgenden erklärt. © Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 169(468), S. 128 (www.e-codices.ch)

Bei der von Hucbald verwendeten Liniennotation stellt, von unten nach oben aufsteigend, jede Linie eine Tonstufe dar, deren Abstände am linken Rand mit den Abkürzungen »t(onus)« für den Ganzton und »s(emitonium)« für den Halbton angegeben sind. Die eingetragenen Textsilben stehen für die einzelnen Töne und lassen so den Melodieverlauf präzise erkennen. © Einsiedeln, Stiftsbibliothek, Codex 169(468), S. 119 (www.e-codices.ch)
Trotz dieser Voraussetzung von Mündlichkeit waren es gerade die Neumen, die zur ersten musikalischen Gebrauchsschrift im europäischen Mittelalter wurden. Nach Hucbald waren sie nämlich anderen musikalischen Notationen in der Hinsicht überlegen, dass nur sie das relative Vortragstempo, die Gestaltung von Melodiebögen und Abschnitten und besondere stimmtechnische Effekte (etwa den Vortrag mit »zitternder Stimme«) festhalten konnten, was wichtige Bestandteile einer musikalischen Aufführung waren. Neumen taten das nicht nur, wie wir dies aus späteren Zeiten gewohnt sind, durch Zusatzangaben zu einem Notentext, sondern durch die Ausformung des Notenzeichens selbst. Aspekte des Vortrags von Musik galten als so wichtig, dass in der schriftlichen Wiedergabe kein Unterschied zwischen dem Verlauf einer Melodie und der Art ihres Vortrags gemacht wurde. Zwar lässt Neumenschrift das vermissen, was wir heute von einer musikalischen Aufzeichnung vor allem erwarten: die Übermittlung von Tonhöhen. Doch war die nuancierte Aufführungsweise der Musik so wichtig, dass die Neumen bis ins 11./12. Jahrhundert als das zentrale Medium der Verschriftlichung von Musik in Gebrauch blieben.
Seit ungefähr der Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert begann man zunehmend, das von Hucbald angesprochene Problem, sich bei der musikalischen Aufzeichnung entweder für eine tonhöhengenaue oder für eine aufführungsgemäße Notation entscheiden zu müssen, zu lösen: Man setzte einfach Neumen auf Linien und verband so zwei ältere Prinzipien miteinander. Die Idee von einer prinzipiellen schriftlichen Darstellbarkeit von Musik, von der wir noch heute wie selbstverständlich ausgehen, wurde nicht mehr aufgegeben. Trotz zahlreicher Veränderungen und Abwandlungen bilden so die Neumen die Basis unserer modernen Notenschrift. Eine grundlegende Innovation bei der Verschriftlichung von Musik hat es seit dem frühen Mittelalter nicht mehr gegeben.ΑΩ MKl
Römische Liturgie im Frankenreich – Der gregorianische Gesang

Die um das Jahr 1000 in Sankt Gallen geschriebene Handschrift, der sogenannte Hartker-Codex, enthält zu Beginn eine Darstellung Papst Gregors des Großen. Dieser wird links auf einem Thron sitzend gezeigt, wie er von einer Taube – dem Symbol des Heiligen Geistes – die Melodien vernimmt, die er dem rechts neben ihm sitzenden Schreiber diktiert. Der Schreiber notiert sie in Form linienloser Neumen, wie sie zur Entstehungszeit der Handschrift in Sankt Gallen in Gebrauch waren. © St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. Sang. 390, S. 13 (www.e-codices.ch)
Walahfrid Strabo, Abt des Bodenseeklosters Reichenau, schrieb um das Jahr 840 eine Liturgiegeschichte, in der er als einer der ersten von der Einführung des römischen liturgischen Gesangs im Frankenreich berichtete. Nach Walahfrid geschah dies um 755, als Papst Stephan II. beim fränkischen König Pippin III. Schutz vor den Langobarden suchte: Auf Verlangen Pippins hätten damals die Begleiter des Papstes den römischen Gesang ins Frankenreich gebracht, der sich seither fast überall ausgebreitet habe.
Was hier in knappen und nüchternen Worten beschrieben wird, war ein Vorgang von großer Tragweite. Nicht, dass man im Karolingerreich zuvor keine gesungene Liturgie besessen hätte. Walahfrid selbst schreibt, es habe bis zu diesem Zeitpunkt nördlich der Alpen (also in »Gallien«) eine gallikanische Kirche mit eigenen liturgischen Riten existiert. Die fränkische Musiktradition ist also durch die römische ersetzt worden. Warum die Franken sich zu einem derartigen Traditionsbruch entschlossen haben, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Jedenfalls wurde der römische Gesang durch die Franken spätestens seit dem ausgehenden 8. Jahrhundert als ein Besitz betrachtet, auf den man stolz war. Man gab ihm nämlich zu dieser Zeit den Namen »gregorianischer Gesang« nach Papst Gregor I. (um 540 – 604), der zumindest als Sammler, Bearbeiter und Lehrer dieser Musik galt, wenn nicht gar als ihr Komponist. Bis heute trägt sie diesen Namen, obwohl nichts für die Richtigkeit der Legende vom Papst als ihrem Schöpfer spricht. Und nach wie vor wird sie von der katholischen Kirche als die Grundlage ihrer liturgischen Musik betrachtet und besonders in Klöstern regelmäßig gesungen.
Wie einfach oder schwierig sich diese »Romanisierung« der fränkischen Liturgie gestaltete, ist unklar. Während Walahfrid nichts von Problemen berichtet, sprechen andere Autoren von Auseinandersetzungen zwischen römischen und fränkischen Sängern um die richtige Gestalt der Melodien. Handschriften, die Melodien enthalten, sind aber erst aus der Zeit um 900 bekannt und bis ins 11. Jahrhundert hinein ausschließlich aus dem Norden des Reiches. Die Melodieüberlieferung in diesen Quellen ist sehr einheitlich, sodass zumindest auf fränkischer Seite spätestens um 900 keine Differenzen mehr bestanden.
Der römische liturgische Gesang erweist sich nicht nur als einheitlich, sondern auch als systematisch geordnet. Zum einen gibt es eine Trennung zwischen Gesängen für die Messe und solchen für das Stundengebet. Zum zweiten gibt es eine musikalische Unterscheidung zwischen Gesängen, die eine liturgische Handlung begleiten bzw. den Vortrag von Psalmen umrahmen (Antiphonen), und solchen, die auf eine Lesung folgen bzw. der Meditation dienen (Responsorien): Responsorien sind melodisch aufwendiger gestaltet als Antiphonen und enthalten umfangreiche und sängerisch anspruchsvolle solistische Verse. Und schließlich sind sogar vergleichsweise einfache musikalische Vortragsmodelle, die unterschiedlichen Texten angepasst werden können, je nach ihrem Platz im Ritus abgestuft: Am schlichtesten sind diese Modelle für den Vortrag von Psalmen, ausgeschmückter für Texte wie den Lobgesang Marias und melodisch am reichsten für die Verse von Responsorien des Stundengebets. Walahfrid zufolge war es eben diese »vernünftige Einrichtung«, die zur flächendeckenden Verbreitung und Akzeptanz der römischen Gesänge führte.
Was passiert, wenn man in der Liturgie von der Norm abweicht
Papst Leo IV. wies um die Mitte des 9. Jahrhunderts einen Abt namens Honoratus auf das Schärfste zurecht, weil er den gregorianischen Gesang vernachlässigt habe. Dafür drohte ihm der Papst mit Ausschluss aus der kirchlichen Gemeinschaft. Eine Abweichung im Gesang war also ein schwerwiegendes Vergehen, das hart bestraft werden konnte.
Doch auf wieviel Zustimmung oder Ablehnung ist dieses Repertoire unter den fränkischen Sängern des 8. Jahrhunderts gestoßen, die ihre eigene Tradition aufgeben sollten? Walahfrid erwähnt nur ganz beiläufig und vom Hörensagen, dass in einigen Fällen gallikanische Gesänge unter die römischen gemischt worden seien. Offenbar haben die Franken versucht, wenigstens Teile ihrer eigenen Tradition im Verborgenen zu retten. Noch wichtiger scheint aber etwas anderes gewesen zu sein: Die Franken übernahmen den römischen Gesang nicht nur, sondern sie erweiterten ihn auch. Eine Veränderung des römischen Gesangs selbst war undenkbar, da er auf päpstlichen Ursprung zurückgeführt wurde. Daher schufen die fränkischen Sänger einen stetig anwachsenden Bestand neuer Texte und Melodien, die entweder mit den vorhandenen Gesängen verbunden wurden (Tropen) oder selbstständig waren und einen eigenen Platz in der Messe bekamen (Sequenzen). Der römische Gesang hat also in doppelter Hinsicht Wirkung gezeigt: Einerseits war er selbst geschichtlichen Veränderungen entzogen und daher stets gegenwärtig, andererseits regte er die Komposition neuer Musik an. Dieses stetige Neuschaffen von Musik sollte seit dem Mittelalter ein durchgängiges Merkmal der europäischen Musikgeschichte bleiben.ΑΩ MKl
Melodie als Textausdruck – Das gregorianische Offertorium »Vir erat in terra«
Der Geistliche Amalar von Metz kommentierte wohl in den Dreißigerjahren des 9. Jahrhunderts einen gregorianischen Gesang, der ihm wegen seines Textes aufgefallen war. Es handelt sich um das Offertorium Vir erat in terra, also um einen Gesang, der in der Messfeier die Darbringung der Gaben von Brot und Wein begleitet (»Offertorium« bedeutet »Opferung«). Sein Text erzählt vom biblischen Hiob, der »einfach, rechtschaffen und gottesfürchtig« war, aber vom Teufel auf die Probe gestellt wurde: Er verlor seinen Besitz und seine Nachkommen und wurde mit einer schweren Krankheit geschlagen. Dies wird im ersten Teil des Gesangs berichtet, dem Refrain des Offertoriums, der nach den darauf folgenden vier Versen erneut vorgetragen wird.

Offertorium Vir erat, 1. Vers, Übertragung nach der Handschrift Montpellier, 11. Jahrhundert
Der Text des Offertoriums »Vir erat« (Beginn)
(Refrain:) Es lebte ein Mann auf der Erde mit Namen Hiob, einfach und rechtschaffen und gottesfürchtig. Diesen umwarb der Satan, um ihn zu verführen. Und es wurde ihm von Gott die Macht dazu gegeben hinsichtlich seines Vermögens und seines Fleisches. Er verlor nämlich seinen ganzen Besitz und seine Kinder, und sein Körper wurde von einem schlimmen Aussatz befallen. (Vers 1:) O dass man doch meine Sünden wägen möge, o dass man doch meine Sünden wägen möge, wegen derer ich Zorn verdient habe, wegen derer ich Zorn verdient habe, und das Unglück, und das Unglück, und das Unglück, das ich erleide, und das so schwer erscheint.
Diese Verse hatten das Interesse Amalars geweckt. Anders als im Refrainteil, der von einer Erzählerstimme vorgetragen wird, vernimmt man in den Versen die Stimme »des kranken und leidenden Hiob«. Dieser beklagt hier sein Schicksal, wobei er einzelne Satzbestandteile mehrfach wiederholt: »O dass man doch meine Sünden wägen möge, o dass man doch meine Sünden wägen möge …«. Nach Amalar stellen diese Wiederholungen den Zustand Hiobs dar, denn »der Kranke, der mit seinem schwer gehenden Atem weder kräftig noch stark ist, pflegt unvollständige Wörter oft zu wiederholen«. Die Verse lassen den Hörer so direkt an Hiobs Leid teilnehmen.
Der Text von Vir erat beruht zwar auf dem Buch Hiob, doch finden sich die Wiederholungen in der Bibel nicht. Sie wurden vom »Autor des Gesangs« (so Amalar) eigens hinzugesetzt, um die soeben beschriebene Wirkung zu erzielen. Dies ist generell für gregorianische Gesänge charakteristisch: In den meisten Fällen sind ihre Texte der Bibel entnommen, normalerweise aber nicht wörtlich, sondern mit Auslassungen, Umstellungen und Umformulierungen. Erst durch diese Änderungen wurden sie für einen gesanglichen Vortrag in liturgischem Rahmen geeignet, denn sie konnten so, aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst, für sich bestehen. Wie das Beispiel Vir erat zeigt, konnte diese textliche Umarbeitung bis hin zu einem emotionalen Einwirken auf den Zuhörer gehen.
Die musikalische Fassung des Offertoriums lässt erkennen, wie sich der Komponist die textlichen Wiederholungen zunutze gemacht hat, indem er sie mit Abwandlungen, Steigerungen und Kontrasten im Melodischen verband: Sie bleiben musikalisch nicht gleich, sondern werden variiert.
Der Vers setzt relativ hoch ein (1a), mit einer Konzentration auf den Ton c als Achse: »Utinam appenderentur peccata mea« (»O dass man doch meine Sünden wägen möge«). Für die Wiederholung des Textabschnitts (1b) wird diese Achse im Melodieverlauf erstmals deutlich überboten mit einer Auslenkung zum hohen g und im zeitlichen Verlauf durch größere Ausdehnung (43 Töne beim ersten Mal, 65 Töne beim zweiten Mal). Weiter unten ist die zweimalige Wiederholung von »et calamitas« (»und das Unglück«) zu vergleichen. Diese textliche Wendung wird zunächst (2a) relativ schlicht vorgetragen, mit einem Aufstieg von f über a zum Achsenton c, der im Folgenden umspielt wird. Dann (2b) erklingt der Text in höherer Lage, ausgehend von c und mit mehrfacher, geradezu einhämmernder Wiederholung des Sprungs f–c, erneut, bevor für die abermalige Wiederkehr des Textes (2c) die Melodie vom ersten Mal fast notengetreu noch einmal erklingt. Musikalisch ergibt sich dadurch eine bogenförmige Verlaufskurve mit Steigerung und anschließender Zurücknahme.
Prinzipiell kann man die gregorianischen Melodien in der dargelegten Weise beschreiben. Bestimmte Tonstufen und Bewegungsmuster sind darin in engem Bezug auf die zugrunde liegende Textstruktur genutzt, um melodische Linien von anwachsender und zurückgehender Spannungsintensität auszubilden. Damit sind diese Melodien mehr als ein bloßes Mittel zum Vortrag eines Textes: Sie unterstützen auch dessen sprachliche und inhaltliche Qualitäten und bringen diese auf ihre eigene Weise zum Ausdruck.ΑΩ MKl
Unterweisung und Beurteilung statt philosophischer Anschauung – Musiktheorie
Der Reichenauer Mönch Hermannus Contractus (»der Lahme«) beschrieb in seiner musikalischen Lehrschrift aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts als Ziel jeder vernünftigen Beschäftigung mit Musik das Komponieren neuer Gesänge, die Beurteilung der bereits vorliegenden anhand von bestimmten Regeln und ihren angemessenen Vortrag. Wer all dies beherrsche, dürfe zu Recht ein »musicus« (»musikalischer Fachmann«) genannt werden. Dies ist insofern überraschend, als es seit der Spätantike üblich gewesen war, denjenigen als »musicus« zu bezeichnen, der sich mit den theoretischen Grundlagen von Musik beschäftigte, selbst aber keine Musik machte. Was war in der Zwischenzeit geschehen?
Seit der Antike bestand im europäischen Kulturkreis ein prinzipieller Unterschied zwischen der Musik als Wissenschaft und ihrer Ausübung. Der Musiktheoretiker untersuchte etwa die mathematischen Grundlagen von Musik wie die Proportionen der Intervalle, von denen man annahm, dass sie die gesamte, sichtbare wie unsichtbare Natur beherrschten und zusammenhielten. So existierte etwa die Vorstellung, dass die Bewegung der Planeten Töne erzeuge, denen solche Intervallproportionen zugrunde lägen. Eine Verbindung zur Musikpraxis versuchte der Theoretiker erst gar nicht herzustellen. Diese Auffassung von der Musik als einer Wissenschaft ohne Praxisbezug wurde dem Mittelalter vornehmlich durch den spätantiken Gelehrten Boethius (um 480 – 525/26) vermittelt.
Die Anfänge einer mittelalterlichen Musiktheorie liegen im ausgehenden 8. Jahrhundert, als Karl der Große im Frankenreich die Bildungsstandards zu verbessern versuchte. Die fränkischen Musikgelehrten orientierten sich an der antiken Musiktheorie, doch im Unterschied zu früher stellten sie von Anfang an einen Bezug zu ihrer Musikpraxis her, und zwar zum gregorianischen Choral. Dieser war im Frankenreich seit etwa 750 eingeführt worden, also für die fränkischen Sänger ein neues Repertoire, das sie sich erst aneignen mussten. Um dies zu vereinfachen, wandte man Elemente der antiken Musiklehre auf die einstimmigen Gesänge der römischen Liturgie an.

Das System der mittelalterlichen Modi bestand aus acht Tonarten. Zwar gab es nur vier mögliche Schlusstöne (hier als »leere« Notenköpfe dargestellt), doch konnten D-, E-, F- und G-Modus jeweils in einer relativ hoch (authentisch) und in einer relativ tief (plagal) liegenden Form auftreten. Mitunter wurden die Modi mit den antiken Namen dorisch, phrygisch, lydisch und mixolydisch belegt und die plagale Form durch den Zusatz hypo- (»unter-«) gekennzeichnet (hypodorisch usw.).
Eines dieser Elemente war die Lehre von unterschiedlichen Tonarten, die jeweils eine Oktave umfassen. Daraus leiteten die fränkischen Musiker die sogenannten Modi auf den Tönen d, e, f und g ab. Auf dieser Grundlage wiederum wurden die einzelnen Gesänge des gregorianischen Chorals tonartlich bestimmt, was für die tägliche Gesangspraxis im Kloster oder an einer Kathedrale wichtig war: etwa wenn zu einem Gesang der passende, nämlich tonartlich entsprechende Psalmton ausgewählt werden musste. Ein anderes Element war die Lehre vom zur Verfügung stehenden Tonraum und seiner Gliederung. Man übernahm die antike Vorstellung einer aus zwei Oktaven bestehenden Skala und einer Untergliederung derselben in kleinere Intervalle (wie Quarten). Der im Frühmittelalter zugrunde gelegte Tonraum wies in der Mitte (auch dies ein antikes Erbe) die Wahlmöglichkeit zwischen b und h auf. Die spätere Ausweitung dieses Prinzips auf andere Tonstufen sollte der Ursprung unserer heutigen, zwölftönig chromatischen Skala werden.

Der Psalmton ist ein melodisches Modell zum Vortrag von Psalmversen, das diese musikalisch in Anfang, Mitte und Schluss gliedert. Abgesehen von diesen melodisch herausgehobenen Positionen wird prinzipiell auf einem einzigen Ton (dem »Rezitationston«) rezitiert. Psalmtöne liegen in allen acht Tonarten vor. Hier der erste Ton nach einem Traktat aus dem 10. Jahrhundert.
In der mittelalterlichen Musiktheorie erscheinen diese Kriterien stets anwendungsbezogen. Sie wurden wie in der Antike auch von den mittelalterlichen Autoren mit vernunftbegründeten Argumenten wie etwa mathematischer Berechnung abgestützt. Im Zweifelsfall aber, wenn zum Beispiel ein als praxistauglich erkanntes Intervall mathematisch schwer zu begründen war, gab man der Praxis den Vorzug.
Der Schwerpunkt der theoretischen Beschäftigung mit Musik verschob sich also zunehmend von der philosophischen Anschauung auf die Unterweisung im Gesangsvortrag und die Anleitung zur Beurteilung von Gesängen. War Musiktheorie im Mittelalter zunächst Mittel zum Einüben von Musik, so erfasste sie spätestens mit Beginn des 11. Jahrhunderts auch das Komponieren neuer Gesänge. Sie stellte dann nicht nur Beurteilungskriterien zur Verfügung, sondern war auch Regelwerk für das musikalische Neuschaffen. So befanden sich seit dem Mittelalter musikalische Theorie und das Komponieren in einem fruchtbaren, wenn auch nicht immer einfachen Verhältnis zueinander.ΑΩ MKl
Große Kunst in kleiner Form – Trobadors, Trouvères, Minnesänger
Der berühmte Dichter Dante Alighieri äußerte sich um 1300 in einer Abhandlung über die Liedkunst seiner Zeit. Er beschrieb darin Lieder, deren Texte nicht mehr in Latein geschrieben sind – in der Sprache der Kirche und der Gelehrten –, sondern in den damaligen Volkssprachen. Dabei unterschied er nicht nur die drei Sprachregionen des Okzidentanischen (ehemals im heutigen Südfrankreich gesprochen), Französischen und Italienischen voneinander, sondern er teilte auch die in diesen Sprachen verfassten Lieder entsprechend ihres Inhalts und ihrer Form in ernste Liebes- und heitere Tanzlieder ein. Nach Dante verwendeten nur letztere Lieder Wiederholungen, die für die Begleitung von Tänzen notwendig waren.

Bernart de Ventadorn, Can vei la lauzeta mover (Lerchenlied), Übertragung nach einer Handschrift aus Toulouse, um 1300
Dante beschrieb hier das, was wir heute auf Deutsch mit Minnesang bezeichnen: eine an den mittelalterlichen Höfen gesungene Poesie, die zu einem großen Teil Liebeslyrik war. Der Minnesang ist das erste umfangreiche weltliche Musikrepertoire, von dem wir in Europa Kenntnis haben. Er tritt erstmals um 1100 in Aquitanien in Erscheinung, im 12. Jahrhundert dann auch in Nordfrankreich und Deutschland – wurde also rasch zu einem europäischen Phänomen. Die ausführenden Sänger, die nicht nur den Text, sondern auch die Melodie ihrer Lieder verfassten, bezeichnet man als Trobadors, Trouvères (französisch »trouver«: »[er-]finden«) oder Minnesänger.
Heute verbindet man mit Minnesang normalerweise ein bestimmtes Ideal höfisch-ritterlicher Liebe: Wir denken an Texte, in denen ein Sänger vom Werben um eine hochstehende, unerreichbare Dame berichtet und in denen das Leiden wegen der Aussichtslosigkeit dieses Werbens im Zentrum steht. Dies macht jedoch, wie von Dante dargelegt, nur einen Teil des überlieferten Repertoires aus. Daneben gibt es andere Liedformen: etwa Tagelieder, in denen die Vereinigung der Liebenden gelingt, aber durch den Tagesanbruch gestört wird. Oder auch Pastourellen, bei denen ein Ritter in der freien Natur auf eine Schäferin (also eine sozial unter ihm stehende Frau) trifft, mit der er sogleich schlafen will. Bisweilen kann dies auch misslingen, wenn die Schäferin ihn stolz abweist und sich dem Ritter dadurch überlegen zeigt. Das höfische Liebesideal erfährt hier dann eine parodistische Umkehrung.
Textlich zeichnet sich der Minnesang durch die Verwendung unterschiedlicher Stilebenen aus, die gemäß einem antiken Schema als »hoch« (ernstes Liebeslied), »mittel« (etwa Tagelied) und »niedrig« (etwa eine parodistische Pastourelle) galten. Dies betrifft neben dem Inhalt auch die Form, wobei die »hohe« Form bemerkenswerterweise weitgehend auf das verzichtet, was wir heute mit »Lied« verbinden: Einfachheit und Wiederholungsreichtum. Insbesondere zeigt sich das an den Melodien, die genauso wie das Strophenschema normalerweise für jedes Lied neu geschaffen wurden.
Ein Beispiel für eine »hochstehende« Melodie bietet das berühmte Lerchenlied des Trobadors Bernart de Ventadorn (zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts). Die Strophen dieses Liedes bestehen ausschließlich aus achtsilbigen Versen mit dem Reimschema ababcdcd und stehen exemplarisch für die beliebte Kanzonenform: Auf zwei gleich gebaute Teile (ab–ab) folgt ein andersartiger Schlussteil. Die einstimmige Melodie, die in den Handschriften mit diesem Text verbunden ist, überrascht dadurch, dass sie diese Textform kaum mitvollzieht: Abgesehen davon, dass die melodische Fassung von Vers 4 für Vers 7 wiederkehrt, gibt es in diesem Lied keine einzige musikalische Wiederholung. Womöglich gehörte noch nicht einmal diese eine melodische Wiederkehr zur ursprünglichen Gestalt des Liedes, sondern hat sich erst im Laufe seiner Überlieferung »eingeschlichen«. Dann entspräche das Lerchenlied genau jener wiederholungsfreien Form der »oda continua« (»fortlaufenden Liedweise«), die für Dante das Höchste in der Liedkunst darstellte.
Damit unterschied sich der Minnesang von anderen, schlichteren und populäreren Liedformen in der Volkssprache, wie sie auch für das Mittelalter angenommen werden können, auch wenn sie nicht überliefert sind. Das Ziel der Minnesänger war offenbar, sich von dieser volkstümlichen Liedkultur abzugrenzen. Denn das Ideal des Minnesangs war höchst anspruchsvoll, das Lied somit »große Kunst« in einer kleinen Form.ΑΩ MKl
Süßer Donner – Die Orgel
Die heilige Cäcilia – ein Missverständnis
Laut Legende wurde die heilige Cäcilia zur Heirat gezwungen. Während der Hochzeit spielten Musikanten mit ihren Instrumenten auf (»cantantibus organis«), Cäcilia aber besang in ihrem Herzen allein Gott. Durch einen Übersetzungsfehler wurde die Geschichte in ihr Gegenteil verkehrt: Aus dem stummen Gotteslob inmitten weltlicher Instrumentalmusik wurde ein Lobpreisen durch eine Orgel – und Cäcilia zur Schutzpatronin der Musik.
Der Mönch Notker, genannt der Stammler, erzählt in seinen Geschichten über Kaiser Karl den Großen von einem sehr wertvollen Geschenk, das die Gesandten des byzantinischen Kaisers im Jahre 812 nach Aachen mitbrachten: Besonderes Aufsehen erregte »jenes hervorragende Musikinstrument, das mit aus Erz gegossenen Laden und Blasebälgen aus Ochsenhäuten, die auf wundersame Weise durch Metallpfeifen blasen, das Grollen des Donners, aber auch die Geschwätzigkeit der Leier oder die Süße der Zimbel nachmacht«. Auch wenn er den Namen nicht nennt: Notker beschreibt hier eine Orgel, die im kalten Norden damals unbekannt war. Es handelt sich um ein bereits in der Antike erfundenes Instrument, das im byzantinischen Reich überlebt hatte und dort weiterhin in Gebrauch war. Auf diese Herkunft verweist auch sein Name: Im Griechischen bedeutet »órganon« schlicht Gerät oder Werkzeug, was auf Lateinisch »instrumentum« genannt wird. Damit handelt es sich in einem sehr wörtlichen Sinne um ein mechanisches Werkzeug, mit dem Musik gemacht wird. Das trifft letztlich auf alle Musikinstrumente zu, die ein Autor des 18. Jahrhunderts anschaulich als »musicalisches Spiel-Zeug« definierte.
Obwohl die antiken Orgeln etwas anders funktionierten als die Kirchenorgeln des Mittelalters und aus späterer Zeit, nennt Notker wichtige gemeinsame Elemente. Da ist zum einen die technische Einrichtung mit Blasebälgen, die den Luftstrom (»Wind«) erzeugen, mit dem die Orgelpfeifen zum Klingen gebracht werden. Die Verteilung der Luft auf die Pfeifen erfolgt in einem Kasten, der Windlade; dieser Mechanismus ist aber im Inneren des Instruments versteckt, sodass es tatsächlich »auf wundersame Weise« zu spielen scheint. Zu diesem erstaunlichen Effekt trägt zum anderen auch die Vielfalt und Lautstärke der erzeugten Klänge bei: Tatsächlich war der Donner bis zum Aufkommen des Schießpulvers das lauteste bekannte Geräusch, und eine klangstarke Orgel erregte entsprechendes Aufsehen. Zudem konnte die Orgel auch andere Musikinstrumente im Klang imitieren; Notker nennt ein gezupftes Saiteninstrument (Leier bzw. »lyra«) und ein von ihm als »cymbalum« bezeichnetes Instrument. Das meint hier vielleicht kleine und hell (»süß«) klingende Glöckchen. Beides, die technische Komplexität wie die Lautstärke und Klangvielfalt, waren auch Macht-Symbole und machten die Orgel so attraktiv als Geschenk für einen Herrscher – und später dann fast ausschließlich als Instrument zum Lobe Gottes, des höchsten Herrschers im Christentum. So fand die Orgel den Weg in die Kirche.

König David an der Orgel mit Kalkant, vor ihm ein Organistrum, Miniatur aus dem Rutland-Psalter, England um 1260 © akg-images/British Library
Im Mittelalter war die Orgel vor allem laut und klangstark. Die verschiedenartigen Pfeifentypen (wie Labial- oder Lingualpfeifen) konnten lange Zeit nicht einzeln gespielt werden; es erklangen immer alle Pfeifen einer Tonhöhe zugleich. Erst im 15. Jahrhundert wurde es üblich, einzelne sogenannte Register erklingen zu lassen, die oftmals den Klang von anderen Instrumenten imitierten und entsprechend bezeichnet wurden (wie zum Beispiel »Gemshorn« oder »Dulzian«). Aber auch hier galt, dass für die Erzeugung des Orgel-Winds, konkret für das Bedienen der oft riesigen Blasebälge, sogenannte »Kalkanten« benötigt wurden. Bei großen Orgeln waren hierfür bis zu zehn und mehr Personen erforderlich, die eigens für jeden Dienst besoldet werden mussten. Erst mit der Erfindung des Elektromotors im 19. Jahrhundert ist das Orgelspiel für den Organisten eine einsame Angelegenheit geworden, wird nun die Orgel doch auf Knopfdruck mit dem nötigen Wind versorgt.
Während auf der Orgel im Mittelalter zunächst vor allem blockhafte Klänge erzeugt wurden, wurde sie bald zu einem Instrument, auf dem ein Spieler allein alle Stimmen eines mehrstimmigen Stücks spielte. Diese Möglichkeit zu einem polyphonen Spiel zeichnet alle Tasteninstrumente aus und dürfte wohl auch ein Grund dafür gewesen sein, kleinere und transportable Orgeln zu bauen: sogenannte »Portative« (von lateinisch »portare« für »tragen«) und »Positive« (von lateinisch »ponere« für »stellen«). Diese konnten nicht nur im Kirchenraum am jeweils geeigneten Ort aufgestellt werden, sie fanden nun auch Platz außerhalb der Kirche und des Gottesdienstes.
Die mit großem technischen und finanziellen Aufwand errichteten Orgeln veralteten allerdings rasch, ähnlich einem teuren Computer oder Smartphone, und mussten entweder umgearbeitet oder durch ein neues, modernes Werk ersetzt werden. Erst vor knapp 100 Jahren wurden historische Orgeln wiederentdeckt, bewahren sie doch eine vergangene Klangwelt in sich auf.ΑΩ MKi
»Einträchtig auseinanderklingender Zusammenklang« – Frühe Mehrstimmigkeit
Ein »einträchtig auseinanderklingender Zusammenklang« (»concentus concorditer dissonus«) entstehe, wenn der Choral nicht einstimmig, sondern in einer mehrstimmigen Form vorgetragen werde, die man »gemeinhin Organum nenne«. So beschreibt der anonyme Autor eines im späten 9. Jahrhundert entstandenen Musiktraktats die früheste schriftlich dokumentierte Form europäischer Mehrstimmigkeit. Die paradox klingende Formulierung versucht zur Sprache zu bringen, dass der Choral dabei zwar als Ausgangspunkt und zentrale Klangachse erhalten bleibt, zusätzliche Stimmen ihn aber wie perspektivische Schatten in parallelen Quarten und Quinten klanglich erweitern. Der Effekt kann durch Oktavierungen der Stimmen noch verstärkt werden. »Auseinander« klingen die vernehmbaren Intervalle, »einträchtig« zusammengefügt werden sie durch ihre Parallelbewegung und ihre (in Übernahme antiker Tradition) einfachen und damit perfekten, deswegen als vollkommen angesehenen Proportionsverhältnisse.

Parallelorganum mit Oktavverdopplungen aus der Musica enchiriadis. Die Silben der Ausgangsstimme (PR: »vox principalis«) und der Organalstimme (OR: »vox organalis«) sind auf Linien geschrieben, die mit sogenannten Dasia-Zeichen geschlüsselt sind. Verbindende Striche kennzeichnen die Intervallschritte. © Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Var.1, fol. 55r, Foto: Gerald Raab
Der Autor beschreibt hier offenbar theoretisch ein zu seiner Zeit und auch heute noch in vielen Volksmusikkulturen weit verbreitetes Mehrstimmigkeitsphänomen, das sich etwa beim gemeinsamen Singen von Männer- und Knabenstimmen oft von selbst einstellt. Diese Vortragsart des Chorals, so der Autor weiter, diene dem Schmuck, der Erhöhung der liturgischen Feierlichkeit des Gesangs und sei – vielleicht deshalb – mit »maßvoller Bedächtigkeit« auszuführen. Insofern bildet die Mehrstimmigkeit eine besondere Form der sogenannten Tropierung, bei der der vorgegebene altehrwürdige Gesang durch neue Texte und Melodien erweitert und in neue Zusammenhänge eingebettet wurde. Auf ähnliche Weise stellt ihn die Mehrstimmigkeit des Organums in einen neuen klanglichen Raum.
Der Traktat mit dem Titel Musica enchiriadis lehrt als grundlegendes Tonsystem eine Reihung gleichgebauter Tetrachorde. Es scheint in Hinblick auf das Quintorganum entworfen, denn in ihm lassen sich von jedem Punkt aus parallele Quinten bilden. Umgekehrt gilt dies für Quarten nicht: Hier kann an bestimmten Stellen ein Tritonus entstehen. Daher wird ein spezielles Regelwerk entwickelt, das die Vermeidung ebendieses Tritonus durch Grenz- bzw. Haltetöne lehrt. Unter sie darf die Organalstimme (»vox organalis«), die stets unter der Ausgangsstimme (»vox principalis«) liegt, nicht sinken. Zur Demonstration werden die Töne auf Liniendiagrammen angeordnet, die den Melodie- und Intervallverlauf grafisch visualisieren. An diesem nach Regeln oder »artifiziell« hergestellten Organum wird sich die Lehre von der Mehrstimmigkeit in den folgenden Jahrhunderten entzünden.
Gestohlen und in einer Garage wiedergefunden
Die Zuschreibung des Codex Calixtinus an Papst Calixtus II. ist fiktiv und diente zur Erhöhung des Ansehens dieser prächtigen, zu einem Buch gebundenen Handschrift. Der Codex wird bis heute im Tresor der Kathedrale von Santiago de Compostela aufbewahrt. 2011 wurde er dort gestohlen, ein Jahr später aber auf wundersame Weise in einer schmutzigen Garage wiedergefunden. Der Täter: ein Elektriker, der in der Kirche gearbeitet hatte.
Die wohl umfangreichste Quelle für diese Form des Organums hat sich im für die Kathedrale von Winchester zusammengestellten Winchester Tropar (um 1020 – 1030) mit 174 Organa erhalten. Die Notierung in linienlosen Neumen lässt zwar keine sichere Bestimmung der Tonhöhen zu, offenbar handelt es sich jedoch um Organa im Stil der Musica enchiriadis. Eine neuere Stufe des Organums dokumentiert der sogenannte »Mailänder« Organumtraktat (um 1100, Nordfrankreich). Dieses neue Organum unterscheidet sich vom bisherigen dadurch, dass sich die Organalstimme von der Parallelführung zu lösen und als eigenständige zweite Stimme zu emanzipieren beginnt. Dazu können gegenüber den vorher starren Parallelintervallen nun bestimmte Klänge ausgewählt und bewusst als formbildende Kraft (Anfang – Mitte – Schluss) eingesetzt werden. Dies setzt neue kompositorische Gestaltungsmöglichkeiten frei. Die neue Form des Organums ist in zwei größeren Quellen bzw. Quellengruppen überliefert: In einigen Handschriften aus St. Martial de Limoges (11.–13. Jahrhundert, 70 Organa, mehrheitlich geistliche lateinische Strophenlieder in reimender Sprache) und im sogenannten Codex Calixtinus (1140–1173 zur Verehrung des heiligen Jakobus in Santiago de Compostela verfasst, zweistimmige Organa). Besondere Aufmerksamkeit verdient Congaudeant catholici, das mit drei Stimmen notiert ist, und damit die früheste Überlieferung von Dreistimmigkeit darstellt.ΑΩ SMo
Kompositionen von bisher nicht gekannter Pracht – Das Ereignis Notre-Dame
»Der Abt intonierte das Sederunt principes […]. Langsam und feierlich begann auf der ersten Silbe se ein mächtiger Chor von Dutzenden und Aberdutzenden tiefer Stimmen, deren gleichbleibender Grundton das Kirchenschiff füllte und sich hoch über unsere Köpfe erhob, wiewohl er aus dem Herzen der Erde zu kommen schien. Auch brach er nicht ab, als andere Stimmen einsetzten, um über diesem tiefen und kontinuierlichen Halteton eine Reihe von Vokalisen und Melismen zu knüpfen, sondern blieb […] so lange liegen, wie ein geübter Vorsänger braucht, um getragen und mit vielen Kadenzen zwölfmal das Ave Maria zu singen. […] Nachdem das Sederunt derart ausgesprochen, ja fast mit dumpfer Qual herausgepreßt worden war, erklang nun das principes in großer seraphischer Ruhe. […] Festlich erklang nun das adjuva me, dessen klares a sich hell durch die Kirche verbreitete, und auch das u erschien nicht mehr so düster wie eben noch das von Sederunt, sondern war jetzt erfüllt von heiliger Kraft«.

Beginn von Perotins Organum quadruplum Sederunt principes. Über der lang ausgehaltenen Silbe »Se-« bewegen sich die drei Oberstimmen in den formelhaften Mustern der modalen Rhythmik. © Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel: Cod. Guelf. 628 Helmst., fol. 1v
So imaginiert Umberto Eco in seinem legendären Mittelalter-Roman Der Name der Rose eine Aufführung des Organum quadruplum (vierstimmigen Organums) Sederunt principes von Perotin. Doch so suggestiv Ecos Beschreibung auch klingen mag: Wir wissen weder, wie genau solche Organa in der neuen gotischen Kathedrale von Notre-Dame zu Paris aufgeführt wurden noch viel über die dort wirkenden Komponisten. Ein englischer Student berichtet Ende des 13. Jahrhunderts mit einigem zeitlichen Abstand aus Paris, dass der erste große Komponist der später so benannten Notre-Dame-Schule ein gewisser Leonin gewesen sei. Er habe besonders gute zweistimmige Organa im frei schweifenden Stil (»organum purum«) verfasst und sie in einem umfangreichen Codex (Magnus liber) gesammelt. Ihm sei Perotin gefolgt, der die Organa an bestimmten Stellen rhythmisch umgestaltet und gestrafft und zur maximal prächtigen Klangwirkung von drei und bis zu vier Stimmen gesteigert habe. Perotins Organa quadrupla Viderunt omnes zu Weihnachten und Sederunt principes zum Fest des heiligen Stephanus, die er als Beispiele zur Auszeichnung der höchsten Feiertage anführt, sind tatsächlich auch in den drei repräsentativen Handschriften der Notre-Dame-Schule erhalten.
»Zwischen irdischem Unflat und himmlischer Reinheit«
So fühlt sich Abt Suger von St. Denis im 12. Jahrhundert beim feierlichen Vollzug der Liturgie emporgehoben, wenn Sprache, Musik, die neue Architektur der Gotik, Gold und Edelsteine sowie Weihrauch alle Sinne ansprechen. Ganz in dieser Absicht waren die Sänger im Chor von Notre-Dame hinter Seidenschleiern verborgen, sodass die Organa ihre mystische Wirkung noch stärker entfalten konnten.
Jenes ältere Organum purum mit virtuoser melismatischer Oberstimme in freier Rhythmik über langen Haltetönen des zugrunde liegenden Chorals beschreibt der sogenannte Vatikanische Organumtraktat (zweites Viertel des 13. Jahrhunderts). Hier wird das Organum in eine Folge von Klangschritten zerlegt, die geordnet nach Bewegungsrichtung und Schrittgröße des Cantus firmus eine systematisierte Fortschreitung in der Oberstimme erhalten. So entsteht ein Formelvorrat, den die Sänger-Komponisten bei der Ausführung des Organums abrufen, durch Verzierung gleichwohl individuell variieren können. In den Discantus-Partien werden alle Stimmen nach den Prinzipien der sogenannten Modalnotation rhythmisch durchorganisiert: Es gibt sechs rhythmische Modelle (Modi) aus verschieden kombinierten langen und kurzen Notenwerten, die sich immer zu einer idealen Dreizeitigkeit als Abbild göttlicher Trinität ergänzen. Die entscheidende notationstechnische Innovation der Modalnotation besteht darin, dass im Gegensatz zur bisherigen Neumennotation nun die rhythmische Dimension der Musik präzise darstellbar ist, was völlig neue kompositorische Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet. Sie werden in sogenannten Klauseln erprobt, die als kurze Ausschnitte innerhalb der Discantus-Partien versatzartig ausgetauscht und eingesetzt werden können. Hierfür sind virtuose Sänger erforderlich, die die bereits im gregorianischen Choral für den solistischen Vortrag vorgesehenen melismatischen Partien in ihrem organalen Schmuck ausführen können.
Etwas außerhalb der engeren liturgischen Bindung liegt der Conductus. Als ursprünglicher Prozessionsgesang kann er in seinen Texten politische und sogar satirische Themen aufgreifen. Er ist an keinen Cantus firmus gebunden, was eine unabhängigere kompositorische Gestaltung erlaubt. Kompositorische und notationstechnische Innovation, namentlich genannte Komponisten und vor allem die mit ihnen verbundenen und in Handschriften überlieferten Kompositionen von bisher nicht gekannter Pracht und zeitlicher Ausdehnung lassen die Notre-Dame-Schule an der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert zu einem wahren musikgeschichtlichen Ereignis werden.ΑΩ SMo
»Nicht für das gewöhnliche Volk geeignet« – Die Motette

Lateinisch-französische Motette El mois d’avril / O quam sancta / Et gaudebit im Codex Montpellier. Zur Illustration der Texte ist in der Initiale des Triplum eine höfische Liebesszene mit einem Ritter zu sehen, dem in der frühlingshaften Natur von einer Dame eine Rose dargeboten wird, …
Geistliche Musik, die Maria als Mutter Gottes preist, aber auch die höfische Liebe zur auserwählten Dame feiert – und dies nicht etwa nacheinander, sondern sogar gleichzeitig und in zwei verschiedenen Sprachen? Auch wenn dies unserer Vorstellung vom doch so tiefreligiösen Mittelalter auf den ersten Blick widersprechen mag, ist es doch gerade die neue Gattung der Motette, die mit Beginn des 13. Jahrhunderts genau solche erstaunliche Gleichzeitigkeit ermöglicht und zum raffinierten Prinzip erhebt. Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass religiöse Marienverehrung und höfische Minnelyrik beide die hohe, anzubetende, aber letztlich nicht erreichbare Frau thematisieren. Um dies zu illustrieren, zeigt die Aufzeichnung der angesprochenen Motette bei den Initialen (den verzierten Anfangsbuchstaben) der beiden Oberstimmen zum einen eine höfische Liebesszene, zum anderen die thronende Gottesmutter mit Kind. Als verbindendes Fundament trägt die dritte und unterste Stimme, der Ténor, die Textmarke »Et gaudebit«. Hierbei handelt es sich um einen Ausschnitt aus dem Alleluia-Vers zum Fest Christi Himmelfahrt. Dieser spricht von der Herzensfreude der Jünger über den ihnen zugesicherten Beistand Jesu auch nach Vollendung seines irdischen Lebens. Zusammengehalten werden also alle drei Stimmen durch das Element der geistlichen wie weltlichen Freude.

… in der Initiale des Duplum ein Kleriker, der die thronende Muttergottes mit Kind anbetet.
Als Grundlage dieser Motette lässt sich eine Klausel der Notre-Dame-Schule identifizieren, die ursprünglich als Ausschnitt eines größeren Organums konzipiert wurde. Als Neuerung wird nun ihre Oberstimme zunächst mit einem lateinischen Text versehen. In der Tradition des Tropus erläutern solche textierten Klauseln den geistlichen Inhalt des zugrunde liegenden Choralausschnitts. In Erweiterung dieser Technik tritt dann eine neu komponierte dritte Stimme mit eigenem lateinischen Text hinzu. Die nächsten Steigerungsstufen bestehen darin, Textierungen und neue Stimmen nicht nur in der lateinisch-liturgischen Sprache, sondern auch in der altfranzösischen Sprache höfischer Dichtung hinzuzufügen. So entstehen bis zu vierstimmige, gemischtsprachige komplexe Gebilde, deren einzelne Stimmen und Texte in ein spannungsvolles und intellektuell anspruchsvolles Beziehungsverhältnis treten. Sie können die Aussage des ursprünglichen Choralausschnittes, auf dessen Basis das gesamte musikalische Gebäude errichtet wird, verstärken oder auch kontrastieren. Von ihrem prägenden Merkmal, der Hinzufügung von Worten (altfranzösisch »mot«) zu einer ursprünglich melismatischen Klausel-Stimme, scheint die Motette auch ihren Namen erhalten zu haben. Auch die zweite Stimme wird nun häufig selbst »motetus« genannt. Überliefert sind Motetten bereits in den Notre-Dame-Handschriften und dann in zentralen Motettenhandschriften mit Sammelcharakter aus dem 13. und frühen 14. Jahrhundert. Sie notieren die Motetten in einem typischen Layout, bei dem die Oberstimmen in Spalten nebeneinander und der Tenor als verbindendes Fundament quer darunter platziert wird.
Anspruchsvolle Unterhaltungskunst für intellektuelle Kreise
Johannes de Grocheo beschreibt um 1300 das Musikleben der Stadt Paris. Neu ist dabei, dass er auch das soziale Milieu berücksichtigt. So sei die Motette nicht für das gewöhnliche Volk geeignet, das ihre Feinheiten nicht wahrnehmen und schätzen könne. Sie solle deshalb zur intellektuellen Unterhaltung vor den Gebildeten und jenen, »die an den Feinheiten der Künste interessiert sind«, erklingen.
Mit dem Eindringen volkssprachlicher Liebesdichtung in den Oberstimmen und sogar als Ersatz für den liturgischen Cantus firmus verlässt die Motette die ursprünglich engere liturgische Bindung. Ähnlich dem Conductus behandelt sie gerne und zunehmend satirische oder politische Themen. Im 14. und 15. Jahrhundert dient sie in dieser Tradition als sogenannte Staatsmotette der feierlichen Repräsentation und Kommentierung wichtiger kirchlicher und weltlicher Ereignisse. Auch notationstechnisch löst die Motette eine Innovation aus: Durch die Auflösung der ursprünglich melismatischen Klausel-Oberstimmen in syllabisch textierte Melodien verliert die auf Gruppenbildung basierende Modalnotation ihren Sinn. Der rhythmische Wert jedes einzelnen Silbentons musste nun möglichst unabhängig von seinem Kontext durch ein grafisches Zeichen dargestellt werden. Hierzu erhalten in der sogenannten Mensuralnotation die bereits bekannte Longa (lange Note) und Brevis (kurze Note) eigene Zeichen, denen weitere für die kleineren Notenwerte der Semibrevis und Minima folgen. Letztere werden ab ca. 1300 durch die immer reicher textierten Oberstimmen notwendig, die nach schneller Textdeklamation verlangen.
Namentlich bekannt sind nur wenige Komponisten des 13. Jahrhunderts wie Adam de la Halle oder Petrus de Cruce. Im 14. Jahrhundert treten dann Philippe de Vitry und Guillaume de Machaut als bedeutende Komponisten der Motette hervor, die eine der führenden Gattungen auch dieser Epoche bleibt.ΑΩ SMo
Ars nova – Neue Kunst im neuen Jahrhundert
Auch neue Kunst wird alt …
Die Neuerungen der Ars nova provozierten auch Kritik: Papst Johannes XXII. prangert die übermäßige Verwendung kleiner Notenwerte an, und Jakobus von Lüttich beklagt die Zweiteilung, sei doch die göttliche Trinität auf die Zahl Drei gegründet. Ironie der Geschichte: Im 15. Jahrhundert hält Johannes Tinctoris seinerseits die Musik des 14. Jahrhunderts für veraltet und nicht mehr anhörenswert.
Die Musik seiner Zeit sei »so hoch gestiegen, das fast nicht zu gleuben [= glauben sei], dieselbe nunmehr hoeher werde kommen koennen«, meinte 1619 der Komponist Michael Praetorius. Über Jahrhunderte ist die europäische Musikgeschichte vom Fortschrittsglauben beseelt, fehlt es ihr nicht an der Ausrufung neuer Epochen und an Neutönern, die das Vergangene im wahrsten Sinne des Wortes »alt« aussehen lassen. Eine solche Um- und Aufbruchphase ist auch an der Wende zum 14. Jahrhundert in Frankreich erreicht: Komponisten und Musiktheoretiker nehmen sich selbst als Zeugen einer neuen Kunst wahr, die sich von der im Rückblick nun als »alt« titulierten Kunst des 13. Jahrhunderts deutlich abhebt, aber auf ihr aufbaut. Die Innovation ist nicht nur subjektiv empfunden, sondern objektiv in entscheidenden Fortschritten des Notationssystems greifbar. Es reagiert auf neue kompositorische Anforderungen und stimuliert sie gleichzeitig weiter. Eine dem Komponisten und Musiktheoretiker Philippe de Vitry zugeschriebene Notationslehre beginnt mit den Worten »Ars nova« – eine neue Kunst – und gibt damit der gesamten Epoche der französischen Musik ab ca. 1320 ihren Namen: Ars nova. Die Motette des 13. Jahrhunderts dagegen erscheint dem Musiktheoretiker Jakobus von Lüttich nun sogar als eine alte bzw. veraltete »Ars antiqua«.

Die Darstellung des Esels aus dem satirischen Roman de Fauvel, links der Tenor der ersten Motette © Bibliothèque nationale de France
Das »Neue« ereignet sich auf der Ebene der kleinen Notenwerte: Die Semibrevis, der bisher kleinste Wert, wird weiter geteilt in die Minima. Und selbst dieser dem Namen nach nun wirklich kleinste Wert erfährt schließlich eine weitere Unterteilung in die Semiminima. Andererseits sterben die älteren langen Noten Maxima und Longa langsam ab. Außerdem wird die Zweiteilung der Notenwerte gleichberechtigt zur Dreiteilung eingeführt. So entsteht ein System von vier Mensuren, in dem Zwei- und Dreiteilung systematisch kombiniert werden. Als weitere Neuerung können rot geschriebene Notenwerte als Kolorierung dreizeitige Notenwerte zu zweizeitigen reduzieren. Umgekehrt kann der neu eingeführte Punkt (»punctus additionis«) zweizeitige Werte zu dreizeitigen erweitern – so wie wir das heute noch bei punktierten Noten kennen. Das solchermaßen ausdifferenzierte Notationssystem der Ars nova konnte eine große Bandbreite von Rhythmen eindeutig notieren.
Das große Experimentierfeld für diese Neuerungen bleibt weiterhin die Motette. Der Tenor erfährt eine strenge rhythmische Regulierung nach mathematischen Prinzipien durch die sogenannte Isorhythmie. Das heißt: Ihn strukturieren bestimmte rhythmische und melodische Muster. Sie können einander überlappen und dadurch bei mehrfachem Durchlauf des Tenors verschiedenartige Gliederungen desselben Cantus firmus ergeben. Der Tenor bewegt sich am langsamsten von allen Stimmen, die Oberstimmen nehmen durch die zur Verfügung stehenden kleinen Notenwerte an Geschwindigkeit zu und erlauben eine detailliertere Textdeklamation.
Als einer der beiden herausragenden Meister der Motette gilt Philippe de Vitry (1291–1361), dem 16 Motetten zugeschrieben werden. Er hatte hohe politische und kirchliche Ämter am Hof der französischen Könige und am Papsthof in Avignon inne und genoss höchstes Ansehen als Dichter und Komponist. Eine der Hauptquellen für die Überlieferung seiner Werke ist der Roman de Fauvel, eine Polit-Satire aus dem Umfeld des französischen Königshofes, bei dem die Motetten mit Texten und Miniaturen zu einer Art multimedialem Gesamtkunstwerk verbunden sind. Die 17 vom Vorbild Vitrys angeregten Motetten Guillaume de Machauts (um 1300–1377) schließlich verstehen sich als eigenständige Kunstwerke, die keine eindeutige funktionale Bindung erkennen lassen, auch wenn einige auf politische und kirchliche Ereignisse Bezug nehmen. Auch aus Italien sind einige Motetten von Jacopo da Bologna, Marchetto da Padova und Johannes Ciconia überliefert, die meist in Bezug zu den Herrschergeschlechtern Norditaliens stehen.ΑΩ SMo
Verfestigung der Formen – Guillaume de Machaut und das französische Lied
Die Wirkung von Musik
Im Prologue äußert sich Machaut auch zu seinem Musikverständnis. Für ihn war Musik nicht nur in traditioneller Weise eine Wissenschaft, sondern auch ein klangliches Ereignis, das eine große Wirkung auf den Hörer wie auf den Musizierenden ausübt. Bemerkenswerterweise hat nach Machaut Musik stets mit Freude zu tun, auch dann, wenn etwa die Dichtung eines Liedes selbst traurig ist. In Frankreich lässt sich diese Ansicht noch im 17. Jahrhundert nachweisen.
Der Dichter und Komponist Guillaume de Machaut (um 1300–1377) ist ein herausragendes Beispiel für den »clerc-écrivain« (»Kleriker-Dichter«) des späteren Mittelalters. Für die geistliche Laufbahn bestimmt, genoss er eine Ausbildung, die ihn nicht nur befähigte, in Latein wie Französisch zu dichten, sondern auch ein- und mehrstimmig zu komponieren. Spätestens um 1350 begann er, seine Werke in eigens dafür angelegten Handschriften zusammenzustellen. Den Abschriften dieser gesammelten Werke aus den 1370er-Jahren ist eine Abhandlung (Prologue) vorangestellt, die eine der ersten Dichtungslehren in französischer Sprache darstellt. Indem er darin die Liebe zum wichtigsten Thema seiner Dichtung erklärte, reihte sich Machaut in die Tradition der Trouvères ein. Die Liebe behandelte er sowohl in Erzählungen, sogenannten Dits, als auch in Liedern, den Chansons. Anders als bei den Trouvères können die Chansons Machauts entweder vertont oder unvertont, also reine Lesedichtung, sein. Dies weist auf eine wachsende Unabhängigkeit von Dichtung und Musik. Ebenfalls neu ist, dass die vertonten Chansons meist mehrstimmig sind, wohingegen die Lieder der Trouvères stets einstimmig waren. Die ursprünglich aus der geistlichen Musik stammende Mehrstimmigkeit wurde seit 1300 zunehmend auch für die weltliche Liedkunst verwendet.

Die Abbildung aus dem Remède de Fortune zeigt in der Bildmitte eine Gruppe höfisch gekleideter Menschen im Freien, die einen Rundtanz (Virelai) ausführen. Nach dem voranstehenden Erzählabschnitt ist der Liebende der ganz rechts in der Gruppe Tanzende, der sich anschickt zu singen, wozu er von dem Blick seiner links neben ihm stehenden Dame ermutigt wird. © Bibliothèque nationale de France
Eine dritte Neuerung ist, dass die französische Liedkunst des 14. Jahrhunderts größtenteils Refrainformen benutzt, die ursprünglich aus dem volkstümlich-heiteren Tanzlied stammten und nun auch für ernste Inhalte Verwendung fanden. Diese Herkunft aus dem Tanz bestätigen die Namen der von Machaut bevorzugten Formen: Ballade (von »baller«: »tanzen«), Rondeau (»Rundgesang«) und Virelai (wohl von »virer«: »drehen«). Die Forschung hat diese drei damals beliebtesten Refrainformen mit dem Stichwort »formes fixes« (»feststehende Formen«) charakterisiert. Damit wird eine weitere wichtige Neuerung gegenüber der Trouvère-Lyrik umrissen: Zeichnete sich diese durch Formenvielfalt aus, so verband sich mit der Chanson des 14. Jahrhunderts eine Tendenz zur Verfestigung nicht nur der Form, sondern auch des Strophenbaus.
Für Machaut waren Ballade und Rondeau auf der einen Seite und das Virelai auf der anderen funktional unterschieden. Ein wichtiges Zeugnis hierfür ist ein Dit Machauts aus den 1340er-Jahren, der Remède de Fortune (»Heilmittel gegen das Schicksal«). Hier integriert der Autor in die fortlaufende Erzählung Beispiele für die von ihm benutzten Gattungen und erläutert ihre Entstehung und ihren Gebrauch, was zusätzlich durch Abbildungen verdeutlicht wird. Die Ballade verfasst die Hauptperson der Handlung, der »Liebende« (»Amant«), auf dem Weg zu der von ihm verehrten Dame. Die begleitende Abbildung zeigt ihn im Freien sitzend beim Niederschreiben des Stücks, das im Folgenden mit Notation in den Ablauf der Erzählung eingefügt wird und sich als zweistimmig herausstellt. Die Schriftlichkeit gehörte zu dieser Art von Musik offenbar unbedingt dazu, was ebenso für das Rondeau gilt.
Anders beim Virelai im Remède: Hier trifft der Liebende seine Dame in einem Park, umgeben von anderen Damen, Rittern und Jungfrauen, die miteinander tanzen, und zwar einen Rundtanz, bei dem immer eine Person als Vorsänger die Führung übernimmt und die anderen in den stets gleichbleibenden Refrain einfallen. Dabei betont der Autor eigens, dass das Virelai ohne Instrumente und Spielleute ausgeführt werde, was offensichtlich dazu dient, auch diese »Gebrauchsmusik« als höfisch herauszustellen.
Deutlich wird hier, dass die volkstümlichen Musikpraktiken, von denen sich bereits die Trouvères abgrenzten, im 14. Jahrhundert nicht einfach verschwunden waren. Denn die populären Refrainformen konnten nur aufgewertet werden, wenn sie durch ihren dichtungs- und kompositionstechnisch hohen Anspruch glänzten und damit zur Kunst erhoben wurden.ΑΩ MKl
Seelenheil über den Tod hinaus – Machauts »Messe de Nostre Dame«
Bis ins 18. Jahrhundert gab es in der Kathedrale von Reims eine Gedenktafel, auf der stand, dass zur Erinnerung an Guillaume de Machaut († 1377) und seinen Bruder Jean († 1372) samstags während der Messfeier an einem Marienaltar ein Totengebet zu sprechen sei. Die beiden Brüder hatten diese Stiftung eingerichtet, indem sie zu diesem Zweck Teile ihres Vermögens der Kirche vermachten, und so versucht, über ihren Tod hinaus für ihr Seelenheil zu sorgen. Und offensichtlich hat Guillaume de Machaut eben für diese Messe eine mehrstimmige Komposition beigesteuert, die handschriftlich als Messe de Nostre Dame, also als Marienmesse, bezeichnet ist. Dies kann man sowohl als Bezugnahme auf den Aufführungsort sehen – die Reimser Kathedrale ist Maria geweiht – wie auch als Ausdruck einer besonderen Marienfrömmigkeit der Stifter.
Der Geistliche Guillaume de Machaut war im Dienst des Hochadels tätig und bezog aus sogenannten Kanonikaten regelmäßige Einkünfte, was ihm viel Freiraum zu dichterisch-musikalischer Tätigkeit ließ. Von seinem Selbstverständnis her war er Dichter, und so verwundert auf den ersten Blick, dass sich eine anspruchsvolle vierstimmige Messe unter seinen Werken findet. Vermutlich ist sie in den 1360er-Jahren entstanden, als Machaut schon länger Kanoniker in Reims war und Vorbereitungen für die Zeit nach seinem Tod traf. Auch spätere Komponisten haben derartige Werke für ihr eigenes Totengedenken geschrieben, etwa Guillaume Dufay die Marienmotette Ave regina coelorum.

Beginn des Gloria aus Machauts Messe
Machauts Messe ist außergewöhnlich, denn ihre einzelnen Sätze, das sogenannte Messordinarium (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus, Agnus und Ite missa est), erscheinen durch ihre kompositorische Gestaltung zyklisch aufeinander bezogen. Das ist überraschend, da diese Sätze (abgesehen von Kyrie und Gloria) im Verlauf der Messe nicht direkt aufeinanderfolgen, sondern durch andere Gesänge, Gebete oder Lesungen voneinander getrennt sind. Zwar hatte man schon seit dem 11. Jahrhundert damit begonnen, einstimmige Melodien für das Messordinarium handschriftlich für sich, also außerhalb des Messablaufs, aufzuzeichnen. Allerdings lassen sich Zusammenstellungen einander ähnlicher Melodien für die verschiedenen Ordinariumstexte zu Gruppen vor dem 14. Jahrhundert kaum nachweisen. Und auch die wenigen anonym überlieferten mehrstimmigen Messen dieses Jahrhunderts lassen zyklusbildende Maßnahmen vermissen: Eher scheinen sie aus unabhängig voneinander entstandenen Einzelsätzen nachträglich zusammengestellt worden zu sein.
Kompositorisch hat sich Machaut für seine Messe zweier verschiedener Verfahren bedient. Zum einen sind die textarmen Sätze (Kyrie, Sanctus, Agnus und Ite missa est) in der Technik der Motette vertont, indem sie der Tenorstimme eine liturgische, nach bestimmten Modellen rhythmisierte Melodie zugrunde legen. Um dieses ordnende Band herum entfaltet sich dann der mehrstimmige Satz weitgehend unabhängig vom Vortrag eines Textes. Zum anderen sind die textreichen Sätze (Gloria und Credo), abgesehen von den jeweiligen Amen-Abschnitten am Ende, durch eine rasche, gleichzeitige Textdeklamation in allen Stimmen geprägt und erinnern damit an ältere Liedformen oder an einfache Formen improvisierter Mehrstimmigkeit. Während die textarmen Sätze durch wiederkehrende rhythmische Muster strukturiert werden, ist dies bei den textreichen Sätzen anders: Hier wird die Komposition durch wiederholt auftretende floskelhafte Wendungen gegliedert. Unter anderem durch derartige, über die Satzgrenzen hinweg wiederkehrende »Motive« entsteht der Eindruck zyklischer Geschlossenheit. Hinzu kommt, dass die erste Hälfte der Messe (Kyrie bis Credo) eine D-Tonalität ausprägt, die zweite Hälfte (Sanctus bis Ite missa est) eine F-Tonalität, und dass zwischen verschiedenen Sätzen zahlreiche Parallelen in klanglicher und rhythmischer Gestaltung bestehen. Als weitere strukturierende und inhaltlich ausdeutende Maßnahme ist der gelegentliche Einschub lang ausgehaltener Klangfolgen zu verzeichnen: zum Beispiel im Gloria gleich zu Beginn bei den Worten »et in terra pax« (»und Friede auf Erden«). Womöglich lässt sich dies als inbrünstige Bitte um Frieden zur Zeit des Hundertjährigen Krieges deuten.
Die zyklische Messkomposition ist im 15. Jahrhundert zu einer äußerst beliebten Gattung geworden. Ob die Marienmesse Machauts dabei als Vorbild eine Rolle gespielt hat, ja ob sie überhaupt in größerem Umfang bekannt war, ist allerdings sehr fraglich. Im 14. Jahrhundert scheint sie jedenfalls ein vereinzeltes, zugleich aber noch heute beeindruckendes Experiment gewesen zu sein.ΑΩ MKl
Endlich alles aufschreiben können – Ars subtilior
In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts äußert sich ein anonymer Musiktheoretiker zur Kunst der musikalischen Notation: Zwar hätten die älteren Meister auf diesem Feld einige grundsätzliche Dinge richtig erkannt, aber manches auch unvollendet gelassen. Dies hätten ihre Nachfolger mit »größeren Feinheiten« (»maiores subtilitates«) perfektioniert, indem sie neue kleinere Notenwerte eingeführt und Möglichkeiten ihrer schriftlichen Darstellung gefunden hätten, die zuvor unbekannt waren.

Zwei Balladen aus dem Codex Chantilly, um 1400. Die roten Kreise oder Halbkreise, teils mit Punkten, teils ohne, geben wechselnde Mensuren (unterschiedliche »Taktarten«) an. Die roten Noten sind doppelt so rasch wie gewöhnlich zu singen.
Aus theoretischen Zeugnissen wie diesem hat die Forschung den Begriff »Ars subtilior« (»scharfsinnigere Kunst«) hergeleitet, um damit einen Bestand von Musikstücken der Zeit um 1400 zu charakterisieren, die sich vor allem durch notationstechnische Besonderheiten auszeichnen: rote Noten, gleichermaßen oben und unten gestielte Notenköpfe, Zeichen wie Kreise und Punkte zur Angabe spezieller Rhythmen und dergleichen mehr. Nach dem anonymen Theoretiker handelte es sich um eine Weiterentwicklung des französischen Mensuralsystems aus der Mitte des 14. Jahrhunderts mit dem Ziel, das endlich auch schreiben zu können, »was mit dem Mund vorgetragen wird«. Ergebnis war eine bisweilen extreme Steigerung der rhythmischen Komplexität musikalischer Aufzeichnungen.
Die genannten Phänomene finden sich vor allem in Liedsätzen in der Tradition Guillaume de Machauts und verbinden sich oftmals mit weiteren Tendenzen: hinsichtlich der Liedtexte etwa mit einer dichten, bilder- und klangreichen Sprache, hinsichtlich der Musik mit der Verwendung kompositorischer Künste wie Isorhythmie oder Kanon. Ebenfalls gesteigert erscheint das bereits aus Ars antiqua und Ars nova bekannte Prinzip, andere Stücke zu zitieren, um sie in raffinierter Weise zum Ausgangspunkt für Neues werden zu lassen: etwa wenn ein Lied das Ende eines anderen als Anfangsabschnitt benutzt und den Anfang als neues Ende. Man kann daher von einem insgesamt gesteigerten Kunstanspruch sprechen, der sich nicht zuletzt im Rückbezug von Musik auf andere Musik ausdrückt.
Allerdings ist diese Ars subtilior nicht repräsentativ für eine ganze Epoche. Denn zeitgleich lassen sich ganz andere kompositorische Tendenzen im Sinne einer neuen Einfachheit nachweisen, in der geistlichen Musik wie auch im Lied. In den Handschriften sind solche einfacheren Lieder oft zusammen mit äußerst komplizierten Stücken überliefert. Auch war die geografische Verbreitung der »subtileren Kunst« auf den französischen Einflussbereich und das südwestliche Europa beschränkt. Eines ihrer Zentren scheint der Papsthof in Avignon zur Zeit des Großen Abendländischen Schismas gewesen zu sein. Das hat Anlass zu der Deutung gegeben, die Ars subtilior sei Ausdruck einer Art »Weltflucht« gewesen: also eines Rückzugs aus der »Wirklichkeit«, die als politisch instabil und krisenhaft empfunden wurde, in eine künstlerische »Gegenwelt«. Tatsächlich haben nach Beendigung des Schismas die einfacheren kompositorischen Tendenzen die Oberhand behalten und die Musikgeschichte der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts entscheidend bestimmt.
Dennoch wäre es verfehlt, bei der Ars subtilior von einer kompositorischen Sackgasse zu sprechen, denn selbst in den anspruchsvollsten Stücken sind nie alle Elemente des musikalischen Satzes gleichermaßen kompliziert: Vielmehr geht eine radikale Komplexität in der einen Richtung zumeist mit einer Vereinfachung in einer anderen Richtung einher. So gibt es Lieder, die entlegenste tonale Bereiche (mit den Tönen as, des und sogar ges) aufsuchen. Dies verbindet sich dann aber oftmals mit kurzen Motiven, schlichten Sequenzierungen oder mehrfachen Wiederholungen von rhythmischen Formeln, woraus sich eine kontinuierlich fließende Bewegung ergibt. An solchen Stellen ist die Ars subtilior von der neuen Einfachheit des frühen 15. Jahrhunderts gar nicht so weit entfernt.ΑΩ MKl
Ein strahlender Meteorit – Die Musik des Trecento
»Der strahlendste Meteorit der Musikgeschichte« – mit diesem Bild hat der Musikwissenschaftler Nino Pirrotta die italienische Musik des 14. Jahrhunderts beschrieben. Ein Meteorit kommt aus dem Dunkel, leuchtet strahlend hell und verglüht. Pirrotta wählte diese Metapher, um drei Kennzeichen der Musik des Trecento zu veranschaulichen: Das plötzliche In-Erscheinung-Treten von weltlicher, italienischsprachiger Kunstmusik in großer Zahl in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts aus einer für uns mehr oder weniger dunklen »Vorgeschichte«, das glänzende intellektuelle und künstlerische Niveau dieser Musik und schließlich ihr fast folgenloses Verschwinden zu Beginn des Quattrocento.

Das Madrigal »Osellecto selvaggio« von Jacopo da Bologna, bestehend aus drei Terzinen und Ritornello, beginnt wie eine Naturschilderung, entpuppt sich jedoch als Parodie der Musikkultur, deren Niedergang beklagt wird. Die erwähnten Musiker sind Philippe de Vitry und Marchetto da Padua. Der Anfang zeigt eine typische Satztechnik: ausgedehnte Koloratur auf der ersten Silbe, Übergang zu syllabischer Deklamation mit der zweiten Silbe, erneute Koloratur auf der letzten betonten Silbe.
Das Vöglein im Wald singt zur Jahreszeit
zarte Verse auf feine Art.
Doch dieser Schrei ist so laut, den kann ich nicht loben.
Laut schreiend singt man nicht gut,
aber mit zarter und lieblicher Melodie
macht man einen guten Gesang, und das erfordert Meisterschaft.
Die haben nur wenige, aber alle halten sich für Meister,
machen Balladen, Madrigale und Motetten,
versuchen Philippe und Marchetto zu übertreffen.
Die Erde ist so voll von kleinen Meistern,
dass kein Platz mehr ist für Schüler.
Die Blüte der Musik im Trecento steht in Zusammenhang mit dem zeitgleichen Aufstieg des Italienischen zur Literatursprache. Die Trecento-Musik, so könnte man vereinfacht sagen, wendet die neuen Mittel der musikalischen Polyphonie auf diese neue Dichtkunst an und verschmilzt beide zu einer kunstvollen Einheit: »Worte appliziert auf Stimmen« bzw. »Gesang angewandt auf Worte«, wie es in einer Schrift der Zeit heißt.
Die zentralen Gattungen der Trecento-Musik waren Madrigal, Ballata und Caccia. Vereinfacht gesprochen dominiert in der ersten Hälfte des Jahrhunderts das Madrigal, besonders an den norditalienischen Höfen, in der zweiten dagegen die Ballata mit einem Zentrum in Florenz. Meister der ersten Zeit waren Magister Piero, Jacopo da Bologna und Giovanni da Cascia, in der zweiten Nicolò da Perugia, Bartolino da Padova und Francesco degli Organi (auch bekannt als »Landini«). Bei Madrigal und Ballata handelt es sich (wie bei den französischen »formes fixes«) um poetisch-musikalische Formen, bei denen Text und Musik dem gleichen Wiederholungsschema folgen.
Das Madrigal besteht in der Regel aus zwei (manchmal drei) Terzinen (Dreizeilern) und einem abschließenden Zweizeiler, der zwar als »Ritornello« bezeichnet wird, aber nur einmal erklingt und häufig einen abschließenden Appell, eine »Moral« oder einen Kommentar enthält. Musikalisch hat es entsprechend zwei Teile: Der erste wird wiederholt (so werden die Terzinen gesungen), der zweite dient dem Ritornello. Die Texte der Madrigale handeln häufig von pastoralen Szenen, von Natur, Liebe und symbolischen Tierfiguren. Der Tenor der meist zweistimmigen Madrigale stützt in langen Notenwerten eine reich florierende (also »blühende«) Oberstimme.
Auch die Ballata besteht aus zwei musikalischen Teilen, allerdings in einem komplizierteren Ablauf von Refrain- und Strophenabschnitten (A B B’ A’ A). Sie ist dem französischen Virelai ähnlich, das auch als »chanson baladée« bezeichnet wurde. Die zwei- und dreistimmigen Ballate der zweiten Jahrhunderthälfte unterscheiden sich kompositorisch von den älteren Madrigalen. Insbesondere haben sie im Vergleich zu deren virtuoser Ornamentik rhythmisch schlichtere Oberstimmen. In ihnen zeigt sich auch zunehmend der Einfluss französischsprachiger Liedsätze, die auf der italienischen Halbinsel in großer Zahl zirkulierten.
Die Caccia (italienisch: »Jagd«) schließlich ist weniger eine poetische Form als eine musikalische Satztechnik: Zwei Oberstimmen folgen (»jagen«) einander im Kanon über einem Tenor in ruhigeren Notenwerten. Dennoch gibt es auch textlich verbindende Elemente. Tatsächlich sprechen die Texte der Caccia-Kompositionen häufig von der Jagd oder anderen bewegten Freiluft-Ereignissen: von Markt-, Schlachten- oder Feuerszenen.
Die neuen Trobadors
Die Dichter-Sänger des Trecento wurden ausdrücklich in der Tradition der Trobadors gesehen. In einer Abbildung des frühen 14. Jahrhunderts stehen Giovanni da Cascia, Jacopo da Bologna und Magister Piero in einer Reihe mit Arnaut Daniel, dem berühmten Trobador des 12. Jahrhunderts, den Petrarca als »Großmeister der Liebe« bezeichnete.
Das Ende der Trecento-Musik wird markiert von ihren großen handschriftlichen Sammlungen: Retrospektiven, die am Ende des 14. und zu Beginn des 15. Jahrhunderts in Florenz gewissermaßen schon als historische Dokumentationen erstellt wurden. In farbig illustrierten Prachthandschriften wie dem Squarcialupi-Codex leuchtet der Meteorit der Trecento-Musik in vollem Schein, bevor er verglüht.ΑΩ FDi
Meister Francesco – Der blinde Organist aus Florenz

Abbildung von »Magister Franciscus Coecus Horghanista de Florentia« im Squarcialupi-Codex, um 1425 © Heritage Images/The Print Collector/akg-images
»Amor zeigte mir unter grünen Zweigen einen fremden Falken, der Befreiung suchte.« So heißt es in einem Madrigal der zweiten Hälfte des Trecento. »Fortuna hatte ihn erblinden lassen, und gegen dieses Schicksal brachte er alle Kunst und alles Können auf, um sein Ziel zu erreichen.« Meister Francesco, der Komponist dieses Madrigals – und vermutlich auch der Dichter des Textes –, war seit seiner Kindheit blind. Womöglich bezieht sich der Text also auch auf ihn selbst. Auch Francesco brachte alle Kunst und alles Können auf und wurde eine der angesehensten Florentiner Persönlichkeiten seiner Zeit: ein herausragender Organist, Lautenist, Sänger, Komponist, Instrumentenbauer und Dichter.
Keine zeitgenössische Quelle nennt diesen Francesco bei dem Namen, unter dem er heute bekannt ist: »Francesco Landini«. Erst Biografen späterer Jahrhunderte brachten den blinden Organisten mit der Familie der Landini in Verbindung, allerdings wohl zu Unrecht, sodass man ihn am besten mit den Namen bezeichnet, die sich in den Handschriften seiner Werke und in zeitgenössischen Berichten finden: »Magister Franciscus de Florentia«, »Francesco degli orghani«, »Cechus de Florentia« oder eben: »Magister Franciscus Coecus Horghanista de Florentia«, das heißt: Meister Francesco, der blinde Organist aus Florenz.
Francesco, der Philosoph
Francesco spielte nicht nur Orgel für gelehrte Kreise, er war auch selbst bewandert in zeitgenössischer Philosophie. So verfasste er ein lateinisches Gedicht zur Verteidigung der Philosophie des William von Ockham, eines streitbaren Denkers, der von der Kirche als Häretiker (Verbreiter von Irrlehren) betrachtet wurde.
Wenige seiner Lebensdaten und -umstände lassen sich sicher bestimmen. Geboren um 1330 in (oder bei) Florenz, wandte er sich früh der Musik zu, verbrachte offenbar einige Zeit in Norditalien, um dann in seine Heimatstadt zurückzukehren, wo er als Organist zunächst an der Kirche Santa Trinità, dann an San Lorenzo tätig war. Dort befindet sich auch sein Grab. Der Grabstein zeigt ihn in der gleichen Haltung wie die Abbildung im sogenannten Squarcialupi-Codex, eine nach seinem Tode entstandene, monumentale Prachthandschrift. Francesco hält auf beiden Abbildungen ein Portativ, dessen Tastatur er mit der rechten Hand spielt, während er mit der linken Hand (nicht sichtbar) auf der Rückseite den Blasebalg bedient.
Von keinem Trecento-Komponisten sind mehr Werke überliefert als von Francesco: Mehr als 150 werden ihm zugerechnet. Die mit Abstand meisten davon sind zwei- und dreistimmige Ballate. Nur vereinzelt finden sich auch Madrigale, Motetten sowie je ein französisches Virelai und eine Caccia. Zahlreiche zeitgenössische Dokumente belegen Francescos Ruhm. Der Humanist Giovanni Gherardi beschreibt einige Jahre nach Francescos Tod die Zusammenkünfte einer Gruppe von Intellektuellen in einer Florentiner Villa. Unter diesen Gelehrten war auch Francesco: »Als sich die edlen Herren gesetzt hatten, nahm Francesco, der guter Dinge war, seine kleine Orgel und begann so lieblich seine Liebeslieder zu spielen, dass keiner der Anwesenden nicht das Gefühl hatte, sein Herz wolle ihm wegen der Lieblichkeit dieser allerlieblichsten Harmonie aus der Brust springen.« Und an anderer Stelle: »Als die Sonne aufging, wurde es warm, und die Gesellschaft begab sich in den Schatten, wo tausend Vögelchen in den Blättern sangen. Man bat Francesco, seine Orgel zu spielen, um zu sehen, ob die Vögel durch sein Spiel mehr oder weniger singen würden. Er tat es sofort, und etwas Wunderbares ereignete sich. Sobald er begonnen hatte, schwiegen viele Vögel und kamen näher, als wären sie neugierig. Anschließend nahmen sie ihren Gesang mit verdoppelter Kraft und unbeschreibbarer Schönheit wieder auf, und eine Nachtigall setzte sich auf einen Zweig über Francescos Kopf.«
Francesco erscheint hier in der Rolle des Orpheus, der dem Mythos zufolge mit seiner Musik auch Tiere besänftigte. Francesco selbst besingt Orpheus in einem seiner Madrigale (Sy dolce non sonò), allerdings in einem etwas merkwürdigen Vergleich: »Nicht einmal Orpheus, als er singend (…) die Tiere und Vögel des Waldes anzog, klang mit seiner Lyra so lieblich wie mein Hahn am Waldesrand.« Was auf Anhieb wie ein Scherz klingt, hat wohl tiefere Bedeutung. Francescos »gallo« (italienisch für »Hahn«) ist vermutlich ein bestimmter »gallico«, ein Gallier, ein Franzose also: Philippe de Vitry nämlich, Inbegriff des gelehrten Musikers im gesamten 14. Jahrhundert und mutmaßlicher Erfinder der isorhythmischen Motette. Und tatsächlich ist Francescos Madrigal motettisch: mit einem isorhythmischen Tenor und verschiedenen Texten in den drei Stimmen. Francescos Hommage an den großen Franzosen ist charakteristisch für die Fusion von italienischem und französischem Stil am Ende des Trecento.ΑΩ FDi
Ziel der Reformpolitik Karls des Großen, seit 768 fränkischer König und 800 bis 814 Kaiser des Römischen Reiches, war, die Bildungsstandards zu heben und der Liturgiepraxis eine bessere Grundlage zu geben. Karl ließ daher unter anderem korrigierte Abschriften der Bibel herstellen und verbreiten und ermunterte den Klerus in seinem Reich zu gelehrten Studien.
Ekkehart IV. behauptet in seiner Chronik, das Kloster Sankt Gallen habe zur Zeit Karls des Großen die Kopie eines »originalen« römischen Gesangbuchs erhalten, in der »bis heute, wenn irgend im Gesang etwas nicht stimmt, wie in einem Spiegel sämtlicher derartiger Irrtum beseitigt wird«. Damit wäre Ekkeharts Aussage Beleg für die frühesten notierten Gesangbücher aus dem 8. Jahrhundert. Solche Handschriften haben sich allerdings nicht erhalten.
Als Liturgie bezeichnet man die verschiedenen Formen der Gottesverehrung bzw. des Gottesdienstes, in denen sich eine kirchliche Gemeinschaft ausdrückt. In der katholischen Liturgie sind das Gebete, Lesungen und Gesänge.
Die Messe ist die wichtigste liturgische Feier der katholischen Kirche, in deren Zentrum die Erinnerung an den Tod und die Auferstehung Christi steht. Sie setzt sich zusammen aus stets gleichbleibenden Texten (Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus mit Benedictus, Agnus Dei) und aus veränderlichen (Introitus, Graduale, Alleluia bzw. Tractus, Offertorium, Communio), die von Tag zu Tag wechseln.
Das Stundengebet trägt diesen Namen, weil bei ihm verschiedene Gebetszeiten (»Horen«, von lateinisch »hora«: »Stunde«) von der Nacht bis zum Abend über den ganzen Tag verteilt sind. Diese Gebetszeiten sind unterschiedlich feierlich und mit mehr oder weniger zahlreichen Gesängen ausgestattet.
Das Offertorium nimmt unter den gregorianischen Gesängen eine Sonderstellung ein. Insofern es eine Handlung begleitet, wäre es eigentlich den antiphonalen Gesängen zuzurechnen, die vom Chor vorgetragen werden. Andererseits erscheint es in den ältesten Quellen in Verbindung mit einem oder mehreren Versen, die für responsoriale Gesänge kennzeichnend sind, bei denen diese Verse von einem Solisten vorgetragen werden.
Die Proportionen der Intervalle konnte man zum Beispiel anhand der Unterteilung einer schwingenden Saite vorführen. Die Intervalle waren damit aufgrund unterschiedlicher Längenverhältnisse exakt überprüfbar. Als hochrangig, also als besonders harmonisch oder konsonant, galten die einfachsten Proportionen, so die Oktave (2:1), aus der die übrigen Intervalle wie Quinte (3:2), Quarte (4:3) usw. abgeleitet wurden.
Der Bezeichnung Minnesang liegt ein Begriff der älteren deutschen Sprache zugrunde, wie sie zwischen ungefähr 1050 und 1350 gesprochen wurde (Mittelhochdeutsch): die »minne« im Sinne von »liebendes Angedenken«.
Aquitanien (im heutigen Südfrankreich) war im 12. und beginnenden 13. Jahrhundert ein mächtiges und einflussreiches Herzogtum, das von der französischen Krone weitgehend unabhängig war. Als erster bekannter Trobador gilt Wilhelm IX. von Aquitanien (1071–1126).
Die dreiteilige Kanzonenform wird gelegentlich mit den Begriffen »erster Stollen«, »zweiter Stollen« – die zusammen den »Aufgesang« bilden – sowie »Abgesang« beschrieben. Diese Bezeichnungen gehen auf die Meistersinger seit dem späten 14. Jahrhundert zurück, die sich an älterer deutscher Lieddichtung orientierten und ihrer Kunst feste Regeln gaben.
Eine Windlade ist ein luftdichter Kasten, auf dem die Pfeifen stehen. Durch ihn wird die in den Bälgen erzeugte (Druck-)Luft zu den Pfeifen geleitet. Mittels Ventilen lässt sich der Luftstrom steuern und damit eine einzelne Pfeife anspielen.
Der älteste Pfeifentyp funktioniert wie eine Blockflöte, hier wird der Luftstrom gegen eine Kante oder Lippe (lateinisch »labium«) geführt (Labialpfeife). Einen anderen Typ stellen Pfeifen dar, bei denen eine flexible Zunge (»lingua«) durch den Luftstrom in Schwingung versetzt wird und diesen periodisch unterbricht (Lingualpfeife).
Durch unterschiedliche Formen und Materialien der Pfeifenrohre lässt sich eine Vielzahl von verschiedenen Klängen erzeugen. Jeweils gleichartige Pfeifen verschiedener Tonhöhen bilden ein Register.
Mit dem Begriff Organum (von griechisch »organon«: Instrument) bezeichnen theoretische und praktische Quellen vom 9. bis 13. Jahrhundert verschiedene Formen der Mehrstimmigkeit.
Die über 50 heute noch erhaltenen Abschriften der Musica enchiriadis (»Handbuch zur Musik«) bzw. der mit ihr verbundenen Scholica enchiriadis (»Glossen« oder »Auszüge zum Handbuch der Musik«) zeugen von einer sehr umfangreichen Verbreitung sogar bis ins 15./16. Jahrhundert.
Ein Tetrachord (griechisch: »vier Saiten« bzw. »Töne«) bezeichnet seit der Antike den für den Aufbau des Tonsystems zentralen Viertonraum. Während das Rahmenintervall der Quarte immer gleich bleibt, können die füllenden Tonschritte variieren. Die Musica enchiriadis verwendet hierbei die Tonfolge Ganzton – Halbton – Ganzton, die mit dem Halbton in der Mitte symmetrisch von unten wie von oben gelesen werden kann.
Tritonus nennt man die Folge von drei Ganztönen. Als Rahmenintervall ergibt sich die übermäßige Quarte, die in der europäischen Musikgeschichte lange als Dissonanz gewertet und im Mittelalter sogar als »diabolus in musica« (»der Teufel in der Musik«) bezeichnet wurde.
Ein Melisma (von griechisch »melos«: »Lied«, »Weise«) bezeichnet eine längere Tonfolge auf eine einzelne Silbe bzw. einen einzelnen Vokal.
Leonin und Perotin werden in mittelalterlichen Quellen zwar namentlich genannt. Ihre Identifizierung mit historisch nachweisbaren Personen des 12./13. Jahrhunderts, etwa dem Dichter Leonin, ist allerdings umstritten. Auch die Verbindung von verschiedenen an Notre-Dame tätigen Sängern mit dem Komponisten der berühmten Organa quadrupla, der wegen seiner Verdienste »Perotinus magnus« (wörtlich: »das große Peterlein«) genannt worden sein soll, bleibt uneindeutig.
Die Discantus-Partien bilden mit ihrer modalen Rhythmisierung aller Stimmen inklusive des Cantus firmus einen starken Kontrast zu den Halteton-Partien, bei denen die Töne des Cantus firmus zeitlich eine extreme Aufdehnung erfahren.
Die Klauseln (von lateinisch »clausula«: »Abschnitt«) schneiden Abschnitte aus den Organa heraus, um sie in immer neuen Variationen zu bearbeiten. Offenbar waren sie eine Art musikalisches Experimentierlabor. Dafür sprechen die über 400 Klauseln, die eine der Notre-Dame-Handschriften überliefert. Durch Textierung der Klausel-Oberstimmen wird sich die neue Gattung der Motette entwickeln.
Im Gegensatz zur auf der zweiten Silbe betonten Stimmlage des Tenórs bezeichnet der auf der ersten Silbe betonte Ténor die Funktion einer Stimme im mehrstimmigen Satz. Abgeleitet von lateinisch »tenere« (»halten«), »enthält« diese Stimme den als Grundlage der Komposition dienenden Choralausschnitt, den Cantus firmus, dessen Töne zudem oft zeitlich gedehnt ausgehalten werden.
Das entscheidend neue Prinzip der Mensuralnotation (von lateinisch »mensura«: »Maß«) beruht auf den verschiedenen grafischen Zeichen, die die einzelnen Notenlängen angeben. Völlig eindeutig sind aber auch sie noch nicht: In bestimmten Fällen erfordern sie Regeln zur rhythmischen Auflösung, wie sie Franco von Köln um 1280 in seinem Traktat Ars cantus mensurabilis beschreibt.
Im System der Mensuralnotation, wie es der Musiktheoretiker und Mathematiker Johannes de Muris um 1320 erläutert, ist sowohl die Brevis als auch die Semibrevis entweder in zwei oder in drei kleinere Noten teilbar. Dies ermöglicht vier Mensuren mit 2 mal 2, 2 mal 3, 3 mal 2 oder 3 mal 3 Minimen, in modernen Ausgaben oft übertragen mit den Taktarten 2/4, 6/8, 3/4 und 9/8.
Zentrale Figur des Roman de Fauvel ist ein falber Esel (französisch »fauve«: »fahlgelb«), dessen Name sich aus den Anfangsbuchstaben der Laster »flatterie« (Schmeichelei), »avarice« (Geiz), »vilenie« (Liederlichkeit), »variété« (Unbeständigkeit), »envie« (Neid) und »lâcheté« (Niedertracht) zusammensetzt. Geschildert wird sein Aufstieg und Fall in Abhängigkeit von der Gunst Fortunas. Den Hintergrund bilden die Intrigen am Hof König Philipps IV. von Frankreich.
Die Ballade ist im 14. Jahrhundert die ranghöchste Form der französischen Liedkunst. Bei ihr folgt auf zwei gleich gebaute Teile ein abweichender dritter, der auf den Refrain als Höhepunkt der Strophe hinführt. Machauts Balladen sind entweder sieben- oder achtzeilig mit jeweils festliegendem Reimschema.
Das Rondeau ist in seinem hohen Stilregister der Ballade verwandt. Im Unterschied zu dieser steht beim Rondeau der Refrain am Anfang und kehrt nach den Strophen, die musikalisch-strukturell mit dem Refrain übereinstimmen, vollständig wieder. Die von Machaut überwiegend gebrauchte Rondeauform besteht aus acht gleich langen Zeilen.
Das Virelai gehört einer niederen Stilebene an, was sich außerhalb von Machauts Œuvre an derben oder realistischen Themen zeigt, bei Machaut selbst an der überwiegenden Einstimmigkeit. Beim Virelai folgen auf den vorangestellten Refrain zwei anders gebaute, verstechnisch miteinander übereinstimmende Teile sowie ein dritter, Form und Musik des Refrains aufgreifender Teil, der zu Ersterem zurückführt.
Ein Kanonikat haben die Angehörigen eines Stifts- oder Domkapitels (Kanoniker) inne. Dieses Amt ist in der Regel mit Einkünften aus dem Stiftungsvermögen verbunden. Da ein Kanonikat im 14. Jahrhundert nicht unbedingt mit einer dauernden Anwesenheitspflicht einherging, konnten Geistliche mehrere davon zur selben Zeit ausüben.
Als Hundertjähriger Krieg wird der Konflikt zwischen Frankreich und England in der Zeit von 1337 bis 1453 bezeichnet. Wahrscheinlich spielen noch andere Werke Machauts auf die immer wieder aufflammenden Kämpfe an, etwa die Motette mit dem Tenor »Tribulatio proxima est et non est qui adiuvet« (»Die Not ist nahe, und es kommt niemand zu helfen«), die vermutlich während der Belagerung von Reims im Winter 1359/60 entstanden ist.
Das Große Abendländische Schisma spaltete die katholische Kirche, als die italienischen und französischen Kardinäle um die Nachfolge Papst Gregors XI. stritten und es 1378 zur Wahl zweier Päpste kam, deren einer in Rom, der andere in Avignon residierte. Beide Päpste beanspruchten bis zur Beendigung des Schismas im Jahr 1417, der rechtmäßige Stellvertreter Gottes zu sein, was die christliche Bevölkerung verunsicherte.
Trecento (von italienisch »[mille]trecento«: »[tausend]dreihundert«) bezeichnet im Italienischen das 14. Jahrhundert. Das 15. Jahrhundert heißt dann »Quattrocento«, das 16. »Cinquecento« und so weiter.
Der Begriff Madrigal stammt vermutlich vom lateinischen »matricalis« ab und bedeutet »Gesang in der Muttersprache«. Das Trecento-Madrigal ist nicht zu verwechseln mit dem Madrigal des Cinquecento, mit dem es praktisch nichts gemein hat – außer eben der Muttersprache.
Der Name Ballata kommt vom Verb »ballare« (»tanzen«) und zeigt, dass eine Ballata ursprünglich als Begleitung zum Tanz gesungen wurde.
Als Portativ (von lateinisch »portare«: »tragen«) bezeichnet man eine tragbare Orgel. In italienischen Quellen ist von »Org[h]anetto« die Rede.
Isorhythmisch (von griechisch »iso«: »gleich«) ist ein musikwissenschaftlicher Begriff des 20. Jahrhunderts und bezeichnet Stücke oder einzelne Stimmen, in denen ein bestimmtes rhythmisches Muster (unabhängig von den Tonhöhen) unablässig wiederholt wird.
15. und 16. Jahrhundert

Ansicht der Stadt Nürnberg, kolorierter Holzschnitt aus der Schedelschen Weltchronik, 1493 © akg-images
Musik in wechselnden »Klanglandschaften« – Das 15. und 16. Jahrhundert
Würden wir als Fremde eine spätmittelalterliche Stadt besuchen, so wären wir von Lärm, Schmutz und Gestank zunächst überwältigt. Natürlich ist der Lärm vorindustriell und stammt nicht von Autos. Doch durch laute Schmiede, über Pflaster rumpelnde Fuhrwerke und das geschäftige Treiben in den engen Gassen mit Marktschreiern, rufenden Bettlern und vielen frei umherlaufenden Tieren ist er dennoch beträchtlich – zumindest tagsüber. Im Stadtbild fallen die vielen Türme von Kirchen auf, und wir würden in der Geräuschkulisse eine Vielzahl von Glocken hören. Deren Geläute ordnet das tägliche Leben und die Arbeitszeit, vor allem aber rufen sie zu unterschiedlichen Zeiten zu Gebet und Gottesdienst. Den Bewohnern ist die Bedeutung der einzelnen Glocken wohlbekannt, und sie wissen ihre jeweilige Botschaft zu »lesen«. Geprägt wird diese klingende Tagesordnung auch durch Turmbläser, die neben nächtlichen Wachtaufgaben auch jeweils zu Tagesbeginn und abends einige Lieder zu blasen haben, je nach deren Fähigkeiten erklangen diese im späten 15. Jahrhundert auch mehrstimmig. Wie man sich diese mehrstimmige Ausführung genau vorzustellen hat, bleibt heute aber im Dunkeln.
Musik als Ehr und Zier
Die französische Stadt Dijon bat 1433 den burgundischen Herzog, das von ihr bis dahin benutzte »cor« (Horn) durch eine Trompete ersetzen zu dürfen. Adelige und Fremde würden sich über dieses Horn lustig machen, das nicht ehrenvoll sei und einen groben Klang habe. Der städtische Bläser allerdings musste dann entlassen werden, da er die neu angeschaffte Trompete nicht spielen konnte.
Das verweist auf ein grundsätzliches Problem: Unsere Kenntnis von Musik dieser Zeit stützt sich wesentlich auf musikalische Aufzeichnungen, sprich Noten. Ein Großteil der Musik wurde aber gar nie notiert, man musizierte aus dem Kopf oder improvisierte. So lässt sich vieles heute nicht mehr rekonstruieren. Auch hat sich die Musikgeschichtsschreibung lange Zeit nur auf die notierte Musik beschränkt, was zu einer notgedrungen ziemlich unvollständigen Vorstellung vom Klangbild jener Zeit führt. Quellen sind wie ein Spiegel, in dem wir erkennen, in was und wie wir hineinsehen. Was aber neben oder hinter dem Spiegel liegt, bleibt unbekannt.
Musik erklang damals vor allem in den Kirchen und Klöstern, allerdings überwiegend in Form von einstimmigen liturgischen Gesängen (Gregorianik). Die heute in Konzerten und auf Aufnahmen meist zu hörenden prachtvollen mehrstimmigen Motetten und Messen waren seinerzeit nur bei wenigen besonderen Anlässen wie hohen Festtagen zu hören. In großen städtischen Kirchen konnte es dabei durchaus zu einem akustischen Durcheinander kommen, da an den verschiedenen Altären einer (vorreformatorischen) Kirche gleichzeitig verschiedene Messen gesungen werden konnten. Ein wichtiges Element im städtischen Straßen- und Klangbild stellten auch Prozessionen dar, bei denen gesungen wurde.

Darstellung eines Turmbläsers, Nürnberg um 1425 © Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg, Amb. 317.2°, f. 6r
Musik zu hören, war aber auch in Wirtshäusern und bei Hochzeiten möglich, wo zum Tanz aufgespielt wurde. Auch das Singen von Spott- und Trinkliedern ist dokumentiert. Da man fürchtete, die Musik würde zu Sünde und Wollust verführen, griffen die städtischen Obrigkeiten hier regulierend mit strengen Regeln und sogar mit Tanzverboten ein – und sie stellten Stadtmusiker ein, die besser zu kontrollieren waren.
In den Privathäusern waren im 15. Jahrhundert wohl nur selten Musikinstrumente anzutreffen. Das änderte sich aber allmählich, insbesondere Laute und Tasteninstrumente (Clavichord und Cembalo) erfreuten sich zunehmender Beliebtheit. Gerade diese Instrumente ermöglichten einer einzelnen Person, mehrere Stimmen zugleich zu spielen. Im häuslichen Rahmen durften auch Frauen musizieren, in der Öffentlichkeit blieb ihnen dies vielerorts noch für lange Zeit verwehrt.
Im Gegensatz zu dieser »städtischen Klanglandschaft« hat man sich die musikalische Situation auf dem Land viel karger vorzustellen. Mangels Quellen wissen wir davon allerdings fast nichts. Auf vielen Bildern sind musizierende Hirten zu sehen, die sich mit einfachen Flöten oder Sackpfeifen ihre langen Tage verkürzen. Den auch hier bestehenden Bedarf an Tanzmusik werden wandernde Musiker befriedigt haben. Diesen unabhängigen Musikern begegnete man aber mit großem Misstrauen, und sie galten der Kirche prinzipiell als verdächtig und mit dem Teufel im Bunde. Daraus lässt sich vielleicht schließen, dass ihre Musik besonders verführerisch war.
Ein nochmals anderes, nun aber verfeinertes Klangbild würden wir an einem der großen fürstlichen Höfe antreffen. Hier waren nicht nur oft umfangreiche Sänger-Kapellen für die täglichen Gottesdienste und Stundengebete angestellt, sondern auch Instrumentalmusiker: von Trompetern, die die Bedeutung des Fürsten auch akustisch repräsentierten, über Schalmeibläser und später Posaunisten, die während der Mahlzeiten oder zum höfischen Tanz aufspielten, bis zu Harfenisten, Fiedelspielern oder Lautenisten, die in der fürstlichen Kammer musizieren durften.ΑΩ MKi
»Jubilierende Engel« – Neue Musik in England
Kunst über Bord!
Dank seiner schönen Stimme wurde der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Johannes von Soest von einem Fürsten entdeckt und gefördert. In seiner Lebensbeschreibung berichtet der Musiker und spätere Stadtarzt von Frankfurt am Main von einem einschneidenden Erlebnis. Als Knabe hörte er am Hofe zwei durchreisende Sänger aus England, deren Gesangskunst ihn so sehr beeindruckte, dass er eingestand: »Do vil myn konst gantz oberbort.«
Ein oft zitiertes lateinisches Sprichwort vom Ende des 15. Jahrhunderts sagt, dass die Engländer jubilieren, die Franzosen singen, die Spanier wehklagen, die Italiener (und insbesondere die Bewohner Genuas) meckern wie die Ziegen – die Deutschen aber würden heulen wie die Wölfe. Die Engländer werden dabei als »Anglici« bezeichnet, was aber auch Engel bedeuten könnte, die bekanntlich lobsingen (»iubilare«). Es spricht jedoch einiges dafür, dass hier tatsächlich die Bewohner der britischen Insel gemeint sind, da mehrere Zeitgenossen ihnen eine besondere Rolle in der Musikentwicklung des 15. Jahrhunderts zuschreiben. Der in Brabant geborene, dann aber vor allem in Neapel tätige Komponist und Musiktheoretiker Johannes Tinctoris schreibt in den 1470er-Jahren, die englische Musik sei als Quelle und Ursprung einer neuartigen Kunst zu betrachten, und er nennt hier namentlich den Komponisten John Dunstable. Dieser wurde um 1390 geboren und starb 1453, ist also fast zwei Generationen älter als der um 1435 geborene Tinctoris. An anderer Stelle weist Tinctoris darauf hin, dass eigentlich keine Musik, die älter als 40 Jahre alt sei, noch hörenswert wäre, alles Frühere beleidige die Ohren. Was war so besonders an dieser »neuen Musik«? Und was war daran »englisch«?
Das ist gar nicht so einfach zu beantworten, zumal sich gerade aus England nur vergleichsweise wenige Handschriften erhalten haben, die englische Musik dieser Zeit überliefern. Betrachtet – oder hört – man aber diese Musik, etwa Dunstables berühmte Motette Quam pulchra es (»Wie schön du bist«), so lassen sich doch einige Merkmale benennen. Es gibt hier fast keine dissonanten Klänge, alle drei Stimmen bewegen sich fast ausschließlich in wohlklingenden Intervallen. Vor allem die Terzen und Sexten spielen hier eine besondere Rolle, etwa in einer langen Kette von parallelen Terz-Sext-Klängen. Man könnte zugespitzt sagen, dass die englischen Komponisten anfangs eine Art Monopol auf diese Klänge hatten, während die Musiker auf dem Kontinent diese Intervalle noch mit Vorsicht und wie Dissonanzen behandelten, die zwingend in eine »echte« Konsonanz (Einklang, Oktave oder Quinte) aufzulösen sind. Weiter scheint der Rhythmus von Dunstables Quam pulchra es ruhig zu »fließen«, auch da alle Stimmen weitgehend im gleichen Rhythmus geführt sind (homophon) und ohne große Sprünge auskommen. Dies alles zusammen klang für die Ohren eines Tinctoris so neuartig wie hörenswert. Er ist übrigens wohl auch einer der Ersten, die ausdrücklich das eigene Hören als kritische Instanz anführen.

Ausschnitt aus Dunstables Motette Quam pulchra es mit einer Kette von Terz-Sext-Klängen
Zu dem speziellen »English sound« hat eine Gesangspraxis beigetragen, die nicht schriftlich aufgezeichnet werden musste, sondern aus dem Stegreif gesungen werden konnte. Bei dieser improvisierten Mehrstimmigkeit wird eine Melodie, etwa ein liturgischer Choral, durch einfache Parallelstimmen ergänzt. Dabei entstehen jene Terz-Sext-Klänge, die nur zu Beginn und am Ende von Abschnitten in »ruhende« Oktaven mit einer Quinte geführt werden. Da die zu singenden Töne »in sight« (in Sicht) zu einer notierten Stimme vorgestellt und nach gewissen Regeln ergänzt werden, wurde diese Praxis »Sight« genannt. Eine andere Bezeichnung lautete in England »Faburden« bzw. dann »Fauxbourdon« in Frankreich und dem übrigen Europa, was eigentlich »falscher Bass« bedeutet. Ein italienischer Theoretiker spricht hier von einem »modus« bzw. »contrapunctus anglicorum«, also wiederum einer besonderen Kompositionsweise der Engländer, die aber auch auf dem Kontinent wichtig wird.
Die neuartigen Klänge, die die Terz und die Sext als wohlklingende Konsonanzen verwendeten, beruhten wohl auch auf einer anderen Stimmung. Während des ganzen Mittelalters beschrieben Theoretiker ein Stimmungssystem mit reinen Quinten (heute als pythagoreische Stimmung bezeichnet). In der Konsequenz führt diese Stimmung aber zu viel zu großen Terzen, die tatsächlich nicht konsonant klingen. Es scheint, dass die englischen Sänger hier pragmatisch ein Weg gefunden haben, die Terzen gleichfalls »reiner« zu intonieren.ΑΩ MKi
Ein Gipfeltreffen? – Guillaume Dufay und Gilles Binchois

Dufay und Binchois in Le Champion des Dames, 1441/42 © Bibliothèque nationale de France
Zwei Männer, augenscheinlich Musiker, sind miteinander ins Gespräch vertieft. Der eine, in ein weltliches rotes Gewand gekleidet, stützt sich dabei auf eine kleine Harfe, während sein Gegenüber in der Kleidung eines Geistlichen neben sich eine tragbare Orgel (Portativ) stehen hat. Ihre Handgesten und Blicke lassen vermuten, dass sie sich etwas zu sagen haben. Die in dieser Miniatur bildlich festgehaltene Szene nennt auch die Namen der beiden: Guillaume Dufay und Gilles Binchois. Beide Musiker wurden um 1400 nur einige Dutzend Kilometer voneinander entfernt im Hennegau geboren, einer Region im heutigen Gebiet Belgiens und Frankreichs. Wohl wegen der dortigen Kathedralschulen, in denen man den kirchlichen Gesang besonders pflegte, stammten aus dieser Gegend viele der Komponisten, die man heute als »Franko-Flamen« bezeichnet (früher als »Niederländer«). Trotz der Gemeinsamkeiten in der Herkunft nahmen die beiden Komponisten aber einen ganz unterschiedlichen Lebensweg. Dufay kam nahe der heute nordfranzösischen Stadt Cambrai zur Welt und wurde dort als Chorknabe und Kleriker (Geistlicher) ausgebildet. Dann aber zog er ein erstes Mal nach Italien, um dort als Sänger in einer fürstlichen, später auch in der päpstlichen Kapelle zu wirken. In der Folge pendelt er mehrfach zwischen Italien und Frankreich, wo er mehrere sogenannte »Pfründe«, das sind geldwerte Einkommen aus kirchlichen Ämtern, erhält, die seinen Lebensunterhalt und seine Altersvorsorge darstellen. Im Alter lässt er sich wieder in Cambrai nieder, wo er 1474 stirbt.
Binchois hingegen wächst im heute belgischen Mons auf, nur 75 Kilometer von Cambrai entfernt. Er wird dort Organist, tritt dann aber als Soldat in die Dienste der englischen Besatzungstruppen, die während des Hundertjährigen Krieges den Norden Frankreichs beherrschen. Bald aber wirkt er in der Hofkapelle des burgundischen Herzogs, bis er sich 1452 auf eine Pfründe in seiner Heimat zurückzieht, wo er 1460 stirbt. Der burgundische Hof, dessen Territorium sich von seinem Kernland im Süden Frankreichs bis in die reichen städtischen Zentren der heutigen Niederlande, Belgien und Nordfrankreichs erstreckte, war stilbildend auch für die Musik. Vielleicht sind sich Dufay und Binchois tatsächlich einmal begegnet, aber das Bild will etwas anderes ausdrücken.
Diese Szene ist in einer Miniatur festgehalten, welche die wohl berühmtesten, sicher aber die am meisten diskutierten Zeilen zur Musik des 15. Jahrhunderts begleiten. Sie finden sich in einem viele Tausend Verse umfassenden Text über hervorragende Taten von Frauen (Le Champion des Dames, also »Der Kämpfer für die Frauen«), 1441/42 von dem savoyischen Hofbediensteten Martin Le Franc verfasst und dem burgundischen Herzog gewidmet. Dort liest man wenige Zeilen nach dem beschriebenen Bild: »Denn sie [also Dufay und Binchois] haben eine neue Art, angenehme Konsonanzen herzustellen in lauter und in stiller Musik, mit »musica ficta« (Vorzeichen), Phrasierungsweise und Melodiegestaltung; und sie haben die englische Art (»contenance angloise«) übernommen und sind dabei Dunstable gefolgt, weshalb wunderbare Gefälligkeit ihre Musik fröhlich und bedeutend macht.« Die englische Kompositionsweise mit John Dunstable als Leitfigur wird später auch von anderen Musikschriftstellern wie Johannes Tinctoris als wichtiges Element einer »Neuen Musik« genannt. An anderer Stelle ist von den »himmlischen Harmonien« Dufays und den »honigsüßen Liedern« Binchois’ die Rede. Da die zitierten Verse sich aber nicht an Fachmusiker richten, sondern sich vor allem reimen müssen, sind die genannten Begriffe mit Vorsicht zu interpretieren. Eindeutig ist nur, dass die zwei Komponisten Dufay und Binchois als die beiden Exponenten einer neuartigen Musik herausgestellt werden – und dies setzt die Miniatur in ein griffiges Bild um.
Blinde Harfenspieler
Martin Le Franc berichtet von zwei blinden Harfenspielern am burgundischen Hof, die außerordentlich spielten: »Ich sah Binchois sich schämen und schweigen und Dufay verdrießlich und mit runzelnder Stirn, weil er keine so schöne Melodie machen konnte.« Das erinnert daran, dass uns heute nur die schriftlich überlieferte Musik eine Vorstellung vermitteln kann, während die nicht-schriftliche und improvisierte Musik buchstäblich verklungen bleibt.
Allerdings wurde die Miniatur für eine Handschrift angefertigt, die erst Jahrzehnte nach dem Text entstand. Deshalb handelt es sich hier um kein Porträt der beiden Musiker, sondern beide werden exemplarisch dargestellt. Und auch die dargestellten Instrumente sind keine realen Abbilder, sie deuten diese nur an (so hat die Harfe zu wenige Saiten und die Orgel zu wenige Tasten und Pfeifen). Sie stehen aber zugleich für diejenigen Instrumente, die auf Bildern der Zeit meist von Engeln gespielt werden, passen also zu den »himmlischen Harmonien«.ΑΩ MKi
Kunst am Bau – Dufays Domweih-Motette
Nach jahrhundertelangem Bauen ist es endlich soweit: Am 25. März 1436 kann der Dom von Florenz geweiht werden, nachdem der Schlussstein in der kühnen Kuppelkonstruktion gesetzt worden ist. Der Architekt Filippo Brunelleschi hatte es gewagt, nach einem genauen Studium des antiken Pantheons in Rom eine selbsttragende Kuppel ungeheuren Ausmaßes mauern zu lassen: 90 Meter hoch und 42 Meter im Durchmesser – und es gelang! (90 Jahre zuvor war die Kuppel der Hagia Sophia in Konstantinopel eingestürzt.) Der Papst selbst weihte den Dom in einer feierlichen Zeremonie: Berichtet wird von den langen Zügen der kirchlichen und weltlichen Würdenträger zum Dom, von dessen Ausgestaltung (im Inneren war er allerdings noch weitgehend eine Baustelle und nicht zuletzt deshalb mit Tüchern behängt) und vom festlichen Geschehen darin.

Der Dom zu Florenz, Kupferstich aus dem 18. Jahrhundert © akg-images/Rabatti & Domingie
Im Rahmen dieser Feierlichkeiten wird auch die vierstimmige Motette Nuper rosarum flores von Guillaume Dufay vorgetragen worden sein, die er offensichtlich eigens für diesen Anlass komponiert hatte. Der Text der beiden Unterstimmen (Tenores) übernimmt den Beginn des liturgisch für eine Kirchweihe vorgesehenen Gesangs: »Terribile est locus iste« (Schrecklich bzw. heilig ist diese Stätte). Die beiden Oberstimmen singen dazu einen gleichfalls lateinischen Text, der vielfache Anspielungen enthält: auf die vom Papst für den Dom gestiftete goldene Rose (schon mit dem Textbeginn »Jüngst schmückten Rosenblüten«), auf die Jungfrau Maria als Patronin des Doms (Santa Maria del Fiore), auf den anwesenden Papst Eugen IV. und so fort.
Bemerkenswert ist nun, wie Dufay mit diesem Text umgeht. Er umfasst vier Strophen, die auch in vier Abschnitten vertont werden. In jedem Abschnitt übernehmen beide Unterstimmen die ersten 14 Töne des liturgischen Gesangs in langen Notenwerten, der zweite Tenor in der Art eines Kanons eine Quinte über dem ersten. Obwohl die Tonfolge beider Stimmen also in allen vier Abschnitten identisch ist, variiert jeweils ihre rhythmische Gestalt, was an ältere Kompositionsverfahren der Isorhythmie erinnert. Die beiden Oberstimmen, deren Melodie Bezug auf den liturgischen Gesang nimmt, tragen darüber den Motettentext vor. Dabei ist jeder der vier Abschnitte in einem anderen Grundrhythmus notiert – im Proportionsverhältnis 6:4:2:3. Man hat vermutet, darin würden sich die Proportionen der Architektur des Florentiner Doms spiegeln. Viel passender scheint aber ein Bezug auf die in der Bibel berichteten Maße des Salomonischen Tempels, der das Ideal einer Kirche darstellt. In jedem Fall sind aber weder die rhythmischen Proportionen noch die Bauprinzipien der Tenores und Oberstimmen beim Hören bewusst nachzuvollziehen. Das gilt aber auch beim Anblick eines Gebäudes, wo so etwas ebenfalls eher unbewusst zu spüren ist.
Gebaute Muße
Die wohl bedeutendste Schrift über die Malerei der Renaissance stammt von Leon Battista Alberti, zeitgleich mit der Fertigstellung des Florentiner Domes geschrieben und seinem Architekten Brunelleschi gewidmet. Dieses Gebäude wählt Alberti auch als Schauplatz einer weiteren Schrift: Über die Gelassenheit der Seele. Ausgehend von der Wirkung der Architektur ist dabei nicht zufällig auch von dem Trost die Rede, den die Musik dem Menschen gewährt.
Trotz dieses fast baumeisterlichen Vorgehens beim Komponieren achtete Dufay sorgfältig auf die Vertonung des Textes. Beispielsweise wird bei der Nennung des Papstes, der auch als Nachfolger (»Successor«) Petri bezeichnet wird, diese Nachfolge in einem Nacheinander der beiden Oberstimmen ausgedrückt, während der direkt folgende Papstname »Eugenius« in gleichem Rhythmus klar und deutlich von beiden Stimmen gesungen wird. Das könnte auch darauf anspielen, dass Eugen als unangefochtener Papst präsentiert werden soll, dessen Person die Einheit der von Konflikten geplagten Kirche garantiert.
Anders als in heutigen Aufführungen und Aufnahmen, bei denen oftmals auch eine Vielzahl von Instrumenten zu hören ist, wurde diese Motette 1436 in Florenz höchstens von den zehn päpstlichen Sängern – unter ihnen Dufay selbst – gesungen. Bei der heutigen Aufführungspraxis handelt es sich um ein Missverständnis: Zwar erwähnt der oben genannte Bericht über die Domweihe auch Instrumentalmusiker im Zug zum Dom, und auch in der Kirche ist vom Widerhall des vielstimmigen Gesangs und vom Zusammenklang der Instrumente die Rede. Aber dort heißt es eindeutig, dass die Instrumente erst einsetzten, als der Gesang schwieg.ΑΩ MKi
Immer wieder neu – Gilles Binchois und die höfische Chanson
»In seiner Jugend war er Soldat, von ehrenvoller Weltlichkeit; doch dann wählte er den besseren Teil und diente Gott in Ehrfurcht.« So heißt es in einem Klagegesang, den der Komponist Johannes Ockeghem auf den Tod von Gilles de Bins (genannt »Binchois«) komponierte. »Die Musik hat sich in Schwarz gehüllt, die Rhetorik beklagt den Tod ihres Dieners.« Aus diesen Zeilen Ockeghems spricht die große Verehrung, die Binchois zu Lebzeiten zuteilwurde. Misst man den Ruhm von Komponisten des 15. Jahrhunderts an der Anzahl von Abschriften, die ihre Werke in zeitgenössischen Manuskripten gefunden haben, so war jener von Binchois zeitweise größer als der von Dufay, seinem großen Zeitgenossen.
Über die frühen Jahre von Binchois ist wenig bekannt. Geboren wurde er wohl um 1400 im Hennegau, einer Region im heutigen Gebiet Belgiens und Frankreichs. Von dort stammten viele der Komponisten, die man heute als »Franko-Flamen« bezeichnet (früher als »Niederländer«). Erste Berufsjahre als Musiker verbrachte Binchois wohl im Umfeld der Stadt Mons, noch heute Hauptstadt der belgischen Provinz Hennegau (»Hainaut«). In Lille (heute auf der französischen Seite der Grenze, aber noch immer als »Hauptstadt von Flandern« bezeichnet) kam er in den Dienst der Engländer, die diese Gebiete damals besetzt hielten. Später – wann genau, ist unbekannt – trat er in den Dienst des burgundischen Hofes und dessen Kapelle, wo er in einer für die Zeit typischen Mehrfachfunktion sowohl musikalische als auch administrative Aufgaben übernahm. Er wurde Geistlicher der niederen Weihen (darauf spielt der Klagegesang wohl an), nicht aber Priester. Bei seinem Tod hinterließ er ein beträchtliches Vermögen.
Besonders begehrt waren die Lieder von Binchois (die Musikwissenschaft spricht heute französisch von »Chansons«). In Abgrenzung vom »großen Gesang« der Messe und dem »mittleren Gesang« der Motette bezeichnet der Musiktheoretiker Tinctoris das Lied (»cantilena«) als den »kleinen Gesang«: Abgesehen von der kurzen Dauer spielt diese Bezeichnung wohl auf den intimen, gewissermaßen kammermusikalischen Charakter dieser Gattung an. Gegenstand der Lieder ist fast ausnahmslos die höfische Liebe, ein für die mittelalterliche Literatur zentrales Thema. Im Mittelpunkt steht die literarisch stilisierte Figur des Liebhabers. Der leidend Liebende nimmt Abschied von seiner Dame, deren hohen Wert er ununterbrochen preist, oder er grüßt sie aus der Ferne, buhlt um ihre Gunst und fürchtet oder beklagt ihre Zurückweisung. Auch die Lieder von Binchois (deren Texte er vermutlich zu großem Teil selbst dichtete) widmen sich diesem immer gleichen Thema in immer neuen Worten. Die Verse folgen dabei den drei im 15. Jahrhundert üblichen »formes fixes« (französisch für »feste Formen«): Rondeau, Virelai und Ballade, die sich jeweils durch bestimmte Reim- und Wiederholungsmuster auszeichnen. Diese poetischen Formen spiegeln sich dann direkt in den musikalischen. So hat etwa die Ballade das poetische Wiederholungsmuster AAB. Die Vertonungen zeigen dann einen wiederholten ersten (AA) und einen nicht wiederholten zweiten Teil (B).

Der Anfang von Binchois’ Rondeau De plus en plus
Der Komponist als Heiler
Binchois wurden offenbar neben seinen musikalischen auch heilerische Fähigkeiten zugesprochen. Im Juli 1437 erhielt er 28 Geldstücke, um einen Ring zu beschaffen, der Wunderkräfte gegen Zahnschmerzen besitzen sollte.
Fast alle Chansons von Binchois haben die gleiche kompositorische Gestaltung: Eine Oberstimme trägt den Text vor, begleitet von zwei untextierten Unterstimmen, die als Tenor und Contratenor bezeichnet werden. Die Dreistimmigkeit des Satzes ist tatsächlich eine erweiterte Zweistimmigkeit, das heißt: Oberstimme und Tenor bilden einen zweistimmigen Satz, der in sich vollständig ist und ohne die dritte Stimme aufgeführt werden kann. Diese Option wurde von Zeitgenossen auch genutzt. Binchois’ dreistimmige Lieder finden sich in den Handschriften der Zeit häufig zweistimmig: Es fehlt dann immer der Contratenor.
Der Anfang eines beliebten Rondeaus von Binchois lautet: »De plus en plus se renouvelle …« – »Immer wieder erneuert sich, meine liebliche, höfliche und schöne Dame, mein Wunsch, Euch wiederzusehen«. Die poetische Form des Rondeaus lautet standardmäßig: ABAAABAB. Binchois komponiert dafür also einen A- und einen B-Teil, die dann gemäß dem Reimschema mit wechselndem Text gesungen werden. In immer anderer Weise »erneuern« sich die florierenden Wendungen dieses Anfangs, der charakteristisch ist für Binchois’ fein gesponnene und kunstvolle Melodien. Offenbar schätzte auch Ockeghem dieses Lied. Er verwendete es in seiner zyklischen Missa de plus en plus. Der Tenor von Binchois’ Lied (nicht die Oberstimmenmelodie) durchzieht die Sätze dieser Messe als Cantus firmus. Ockeghems Messe ist ein musikalisches Denkmal für den Musiker, den er in seinem Klagegesang als »Vater der Freude« bezeichnete.ΑΩ FDi
Der große Gesang und der bewaffnete Mann – Formen der Messe
Seit ihren Anfängen war geistliche mehrstimmige Musik immer »Musik über Musik«: Ihre Grundlage bildeten die Melodien des sogenannten gregorianischen Chorals, zu denen die Komponisten und Sänger auf unterschiedlichste Weise weitere Stimmen hinzuschrieben oder improvisatorisch dazu erfanden. Am Anfang konzentrierten sich die Komponisten dabei weitgehend auf diejenigen Gesänge der Messe, die je nach Tag und Anlass wechseln: das sogenannte Proprium (von lateinisch »das Eigene«). Im 14. Jahrhundert wandten sie sich zunehmend auch den Teilen zu, die an jedem Tag gleich bleiben: dem sogenannten Ordinarium (von lateinisch »das Regelmäßige, Wiederkehrende«). Dazu gehören vor allem Kyrie, Gloria, Credo, Sanctus und Agnus Dei. Bis heute hat sich der Sprachgebrauch gehalten, eine gesammelte Vertonung dieser Teile der Liturgie als musikalische »Messe« zu bezeichnen. Noch zu Beginn des 15. Jahrhunderts waren allerdings solche Vertonungen des gesamten Ordinariums eher selten. Üblicher war es, nur einzelne Sätze oder Satzpaare zu vertonen. Die sogenannte Messe de Nostre Dame von Guillaume de Machaut aus der Mitte des 14. Jahrhunderts ist ein eher isoliertes Beispiel, und bei anderen frühen Messzyklen handelt es sich vermutlich um Zusammenstellungen von Einzelsätzen.
Messe in beliebiger Tonart
Missa cuiusvis toni lautet der Titel einer zyklischen Messe von Johannes Ockeghem, der besonders berühmt für seine kontrapunktischen Fähigkeiten war: »Messe in beliebiger Tonart«. Tatsächlich hat Ockeghem die Messe so komponiert, dass sie in jeder der vier damals üblichen Kirchentonarten (dorisch, phrygisch, lydisch, mixolydisch) gesungen werden kann.
Eine der erstaunlichsten Entwicklungen des frühen 15. Jahrhunderts ist vor diesem Hintergrund die Herausbildung des mehrstimmigen Messzyklus: Die Komponisten begannen nun, in großer Regelmäßigkeit eine Vertonung des ganzen Ordinariums als musikalische Einheit zu planen. Dazu verknüpften sie die einzelnen Sätze durch bestimmte musikalische Ideen miteinander. Eine solche Idee konnte einer weltlichen oder geistlichen musikalischen Vorlage entnommen sein: eine gregorianische Melodie, ein weltliches Lied (wie Ockeghem, der Binchois’ Chanson De plus en plus aufgriff), sogar eine Tanzmelodie, aber auch ein neu erfundenes musikalisches Thema mit symbolischem Bezug (wie das im Josquin-Kapitel beschriebene Thema über den Namen »Ercole«). Solch eine Tonfolge erklang dann in allen Einzelsätzen des Zyklus als sogenannter Cantus firmus: ein »fester Gesang«, der in der Regel in langen Notenwerten und meist im Tenor erklingt.
Vermutlich kam die Anregung für die zyklische Cantus-firmus-Messe aus England. Frühe Beispiele werden den Komponisten John Dunstable und Leonel Power zugeschrieben. Auf dem Kontinent griff Guillaume Dufay als einer der Ersten die neue Gestaltungsweise auf. Dufay schrieb Messzyklen über gregorianische Melodien, aber auch über eigene geistliche und weltliche Kompositionen. Dass Komponisten in ihre Messzyklen »weltliches« Material hineinmischten, eine Messe also etwa auf ein Liebeslied gründeten, mag auf den ersten Blick unpassend erscheinen. Weltliches und Geistliches waren damals jedoch nicht strikt getrennt, im Gegenteil: Das Weltliche wurde als Ab- und Gegenbild des Geistlichen gesehen, die weltliche Liebe zum Beispiel als Bild göttlicher Liebe. Zudem knüpften die weltlichen Melodien ein musikalisches Werk an einen bestimmten Anlass und Auftraggeber: So wie Mäzene sich in von ihnen bezahlten Altarbildern mitporträtieren ließen, so konnten sie auch Messzyklen in Auftrag geben, die mit ihnen verbundene Melodien enthielten. Abgesehen davon traten aber auch die Komponisten miteinander in einen künstlerischen Wettstreit (und durch sie hindurch dann ihre Auftraggeber), indem sie Messzyklen über gleiche Themen schufen wie ihre Kollegen.

Die L’Homme-armé-Melodie. Sie existiert in »Dur« und »Moll«.
Der Messzyklus entwickelte sich zu einer musikalischen Gattung mit höchstem Anspruch. Auf diesem Feld demonstrierten die Komponisten ihre Fähigkeiten, und der Musiktheoretiker Tinctoris bezeichnete die liturgischen Kompositionen als den »großen Gesang« gegenüber dem »mittleren« und »kleinen« von Motette und Lied. Ein berühmtes Beispiel sind die zahlreichen Vertonungen des einstimmigen Lieds L’Homme armé, das vom 15. bis ins 17. Jahrhundert immer wieder zur Grundlage von Messen wurde. Wenngleich das Lied vom bewaffneten Mann, den man fürchten soll, sicherlich auch symbolische oder politische Bedeutung hatte (es findet sich häufig im Umfeld des Ordens vom Goldenen Vlies, der sich der Verteidigung des Christentums und der Wahrung der Ehre des Rittertums verschrieben hatte), so spielte im Laufe der Jahrzehnte auch der kompositorische Wettbewerb eine Rolle. Mit einer L’Homme-armé-Messe reihte man sich ein in den Kreis einer immer weiter wachsenden Schar von Komponisten, die mit diesem Stück ihre Fertigkeiten zur Schau stellten.ΑΩ FDi
»Ein Meyster ob allen Meystern« – Conrad Paumann und die Instrumentalmusik

Die Grabplatte Paumanns in der Münchner Frauenkirche
In der Münchner Frauenkirche kann man einen alten Grabstein sehen, der einen Musiker beim Spiel auf dem Portativ zeigt. Er ist umgeben von weiteren Musikinstrumenten (Laute, Blockflöte, Harfe und einem kleinen Streichinstrument, »Rebec« genannt). Oberhalb des Bildes ist zu lesen: »Im Jahre 1473 (…) starb und wurde hier begraben der sehr kunstreiche Meister aller Instrumente und der Musica, Cunrad Pawmann, Ritter, blind in Nürnberg geboren. Gott sei ihm gnädig.«
Dieser blinde Organist Conrad Paumann (geboren um 1410) war eine Berühmtheit im 15. Jahrhundert: Sein Ruf reichte bis nach Italien, wo er auch gegen Ende seines Lebens in den Ritterstand erhoben wurde. Seine Karriere begann aber bescheiden, da er aus einfachen Verhältnissen stammte und wegen seiner Blindheit auf Unterstützung angewiesen war. Ein Nürnberger Patrizier erkannte seine außerordentliche musikalische Begabung und förderte ihn. Schon 1447 wird Paumann als Stadtorganist in seiner Heimatstadt angestellt, der neben Kirchendiensten auch dem Rat für öffentliche Anlässe zur Verfügung zu stehen hatte. Seine Kunstfertigkeit ist so herausragend, dass ihm verboten wird, die Stadt ohne ausdrückliche Erlaubnis zu verlassen. Man befürchtet nämlich, Paumann könnte abgeworben werden – was sich prompt bewahrheitet: Er wechselt 1450 nach München, wo er am bayrischen Herzogshof bis zu seinem Lebensende bleibt.
Unterbrochen wird seine Zeit in München durch Reisen, um entweder neue Orgeln zu begutachten oder um im Auftrag seines Fürsten als musikalischer Botschafter auf der Laute oder Orgel seine Kunstfertigkeit vorzuführen. So beschreibt ein Augen- und Ohrenzeuge seinen Auftritt in Mantua, wohin der blinde Musiker nur widerwillig zu locken war (er fürchtete, in fremden Ländern vergiftet zu werden): Dem Zuhörer stockte der Atem, und er war einer Ohnmacht nahe, so sehr überwältigte ihn »das seelische Ergötzen an der Süße der Klänge«, die der deutsche Organist hervorzauberte.
Flinke Finger
Einer der wohl berühmtesten Instrumentalisten des 15. Jahrhunderts war der Lautenspieler Pietrobono aus Ferrara. Zwar ist keine einzige Note von ihm erhalten, doch gibt es Beschreibungen seiner offenbar spektakulären Auftritte. Häufig wiederkehrendes Motiv sind darin seine über das Griffbrett »fliegenden« Hände, die virtuos von den tiefsten Saiten bis zu den höchsten Tönen agieren.
Was war das Besondere an seiner Musik? Da Paumann blind war, spielte er nicht nach Noten: »Das trägt er alles in seiner Memoria [Gedächtnis]«, bezeugt eine zeitgenössische Beschreibung, die ihn auch »ein Meyster ob allen Meystern« nennt. Wenn also seine Musik auch verloren ist, so gibt es doch musikalische Aufzeichnungen, die eine Ahnung von Paumanns Instrumentalmusik vermitteln. Dies sind zum einen sogenannte Fundamenta, in denen das Umspielen und Verzieren (Diminuieren) gelehrt wird und durch zahlreiche Beispiele zugleich geübt werden kann. Zum anderen enthalten die in Orgeltabulatur notierten Aufzeichnungen Arrangements mehrstimmiger Musik, sowohl von weltlichen deutschen und französischen Liedern wie von geistlicher Musik. In diesem vielfältigen Repertoire spiegeln sich zugleich die musikalischen Aufgaben, die Paumann als städtischer wie höfischer Orgelspieler gestellt waren: Musik zur Unterhaltung in der fürstlichen Kammer und bei höfischen wie städtischen Festen, an besonderen kirchlichen Festtagen, aber auch in der Kirche und in Kapellen.
Das Lied »Ich beger nit mer« ist im sogenannten »Buxheimer Orgelbuch«, einer umfangreichen Sammlung von Musik in Orgeltabulatur aus dem Umkreis von Paumann, mit seinen Initialen »M C. p.« bezeichnet (das »M« bedeutet wohl Meister oder Magister). Auf den ersten Blick sind die vielen Notenwerte der Oberstimme zu erkennen, die das hier zugrunde liegende Lied fast zur Unkenntlichkeit verzieren. In der ersten Zeile gibt es zwei (unverzierte) Unterstimmen, die zweite Zeile hat mit Ausnahme der Anfangs- und Schlussnoten nur noch eine Stimme. Es kann vermutet werden, dass hier ein ursprünglich einstimmiges Lied mehrstimmig arrangiert wurde.
Paumanns Grabstein zeigt neben der tragbaren Orgel noch weitere Instrumente, die er sicher auch beherrschte. Während die Orgeltabulatur auch für Laute und Harfe nutzbar ist, kann man aufgrund der allein erhaltenen Aufzeichnungen für Tasteninstrumente nur ahnen, was er auf den Melodieinstrumenten Blockflöte und Rebec spielte.ΑΩ MKi
Die Sängerkapellen – Umschlagspunkte der Musikgeschichte
Was haben ein Blasmusikensemble, ein mittelalterlicher Sängerchor, ein kleiner Sakralraum und der Mantel des heiligen Martin gemeinsam? Den Namen! Sankt Martin, Bischof von Tours im 4. Jahrhundert, gehört bis in die Gegenwart zu den populärsten Heiligenfiguren. An dessen legendäre Mantelteilung – um einem frierenden Bettler zu helfen – wird noch heute vielerorts mit Umzügen erinnert. Der Mantel des spätrömischen Bischofs ist es auch, der einen zentralen Begriff der Musikgeschichte und Musikpraxis prägen sollte.

Orlando di Lasso (links, ganz außen neben dem bärtigen Herzog Albrecht) mit der Münchner Hofkapelle, Buchmalerei, um 1565–1570 © akg-images
»Capella« heißt auf Latein ein kleiner Umhängemantel, wörtlich ein »Mäntelchen«, denn »capella« ist die Verkleinerungsform von »cappa« (Mantel). Dem Mäntelchen des heiligen Martin kam im Mittelalter besondere Verehrung zu, und so bezeichnet »capella« zunächst die Mantelreliquie des Martin (Reliquie nennt man die Hinterlassenschaften von Heiligen). Später wurde der Begriff auf die ganze mobile Sammlung von Reliquien der Karolinger übertragen, mit der das Mäntelchen gemeinsam mit den karolingischen Königen umherreiste. In einer nächsten Erweiterung erfasste der Begriff dann auch die kleinen Andachtsräume, in denen die Reliquien aufbewahrt wurden: Ein Gottesdienstraum in den königlichen Pfalzen war nun ebenfalls eine »Kapelle«. Nochmals in der Bedeutung erweitert, bezeichnete man als »Kapelle« dann auch die Angestellten, die ihren Dienst in diesen Räumen versahen, also insbesondere die am Hof tätigen Geistlichen, wie noch die heutige Amtsbezeichnung »Kaplan« (von »capellanus«) verrät. Ab dem 14. Jahrhundert bezog sich der Begriff dann zunehmend (aber noch immer nicht ausschließlich) auf diejenigen Geistlichen, die in der Kapelle einen musikalischen Dienst erfüllten, und so wurde das »Mäntelchen« schließlich der Begriff für das liturgische Sängerensemble, das vor allem den gregorianischen Choral und die einfachen Formen der (Stegreif-)Mehrstimmigkeit, schließlich dann auch die kunstvolle, notierte Mehrstimmigkeit ausführte.
Wie die reich geschmückten baulichen Kapellen so wurden auch die singenden Kapellen zu Prunkstücken der weltlichen und geistlichen Fürsten, die um die besten Sänger Europas wetteiferten. Ein geradezu Goldenes Zeitalter der Kapellen erlebte das dritte Viertel des 15. Jahrhunderts: Neue Kapellen wurden gegründet, bestehende erweitert, solange es die finanziellen Verhältnisse und die Vorlieben des Fürsten erlaubten. Johannes Tinctoris schreibt kurz nach 1470: »Als schließlich die allerchristlichsten Fürsten (…) ihren Gottesdienst vergrößern wollten, gründeten sie Kapellen nach dem Vorbild König Davids. In diese beriefen sie unter großen Kosten verschiedene Sänger, die mit ihren unterschiedlichen, aber nicht gegensätzlichen Stimmen das Gotteslob wohlgefällig und schön machten. Und da diese fürstlichen Sänger, wenn sie jene Großzügigkeit erfahren, die kennzeichnend für berühmte Männer ist, Ehre, Ruhm und Reichtümer erlangten, wurden viele Leute ermutigt, diese Art des Studiums aufzunehmen. Und so geschah es, dass zu dieser Zeit die Kunst unserer Musik einen solch wunderbaren Zuwachs erlebt hat, dass sie einem wie eine ganz neue Kunst erscheinen kann.« Tinctoris verbindet also (mit einem erstaunlich soziologischen, ja ökonomischen Argument) die Musikblüte seiner Zeit mit den Kapellen, deren lukrative Anstellungsbedingungen viele Talente in die Musik lockten.
Beruf und Privatleben
Philippe de Dortench, ein Sänger der neapolitanischen Kapelle, war mit einer Florentinerin verheiratet, die (so klagt er in einem Brief an Lorenzo »il magnifico«, den berühmten Medici-Fürsten) Heimweh nach Florenz hatte und ihm »jede Stunde des Tags« damit in den Ohren lag. Ob man in der hervorragenden Florentiner Kapelle nicht eine Anstellung für ihn habe? Ein angemessenes Haus für den Rest seines Lebens und ein Monatslohn von sechs Dukaten (das war weniger als in Neapel) seien genug. Eine Antwort Lorenzos ist nicht bekannt.
Die Sänger waren äußerst mobil und durchliefen nicht selten zahlreiche Karrierestationen in ganz Europa. Befördert wurden solche Lebensläufe durch aktive Karriereplanung seitens der Sänger (etwa mithilfe von Bewerbungsschreiben an attraktive Institutionen), aber auch durch gezieltes Scouting und Abwerben vonseiten der Arbeitgeber. Ziehende »Argumente« der Dienstherren waren das Gehalt, steuerliche Vergünstigungen, angenehme Dienstkonditionen, ja sogar Immobilien. Die hohe Mobilität der Sänger war dafür mitverantwortlich, dass sich schon im 15. und 16. Jahrhundert neue Musik und die neuesten Stile erstaunlich schnell in Europa verbreiteten. Die Kapellen wurden zu Umschlagspunkten von Musik und Musikpraktiken.ΑΩ FDi
Noten-ABC – Die Erfindung des Musikdrucks

Ausschnitt aus einem Petrucci-Druck mit einer Chanson von Josquin
Am 25. Mai 1498 beantragt ein gewisser Ottaviano Petrucci aus Fossombrone, der aber in Venedig wohnt, beim venezianischen Senat ein Schutzprivileg für eine neue Erfindung: Da er viel Mühe und Geld in ein Unternehmen investiert habe, das noch niemandem weder in Italien noch anderswo gelungen sei, möchte er während zwanzig Jahren das alleinige Recht haben, mehrstimmige Musik wie auch Musik für Tasteninstrumente und Laute zu drucken. Dieses Privileg wurde ihm im gleichen Jahr gewährt, aber eigentlich war sein Antrag zu diesem Zeitpunkt sowohl eine Lüge als auch ein bloßes Versprechen: eine Lüge, weil Musik auch schon zuvor gedruckt wurde, nämlich bald nach der Einführung des Buchdrucks durch Gutenberg in der Mitte des 15. Jahrhunderts; und ein Versprechen, weil noch einige Jahre vergehen sollten, bis Petrucci tatsächlich einen Notendruck vorlegte (bis zu einem ersten Druck mit Lautenmusik vergingen sogar fast zehn Jahre). Als dieser dann aber 1501 unter dem Titel Harmonice Musices Odhecaton A erschien (auf Deutsch in etwa: »100 harmonische Musikstücke«, das »A« bezeichnet den ersten Band einer alphabetisch nummerierten Reihe), wurde auch deutlich, was das Besondere an Petruccis neuem Produkt war.
Bis dahin wurde Musik meist als Holzschnitt gedruckt, wobei das Notenbild spiegelverkehrt in eine Holzplatte geschnitzt und dann wie ein Bild mit Notenzeilen, Noten und Text in einem Vorgang gedruckt wurde (Blockdruck). Petrucci verwendete einzelne in Metall gegossene Druckelemente (sogenannte »Typen«, deshalb der Namen Typendruck) für Notenzeilen und -zeichen usw. Das erforderte einen sehr präzisen Druckvorgang in mehreren Arbeitsgängen, erzeugte zugleich aber ein sehr klares und schönes Druckbild. Damit trat der Musikdruck, der jeweils Hunderte von identischen Exemplaren produzieren konnte, in Konkurrenz zu den mühsam abgeschriebenen – und entsprechend fehleranfälligen – Musik-Handschriften. Stellt schon die Notenschrift einen bedeutsamen Schritt zum Festhalten von Musik dar, lässt sich diese aufgezeichnete Musik nun massenhaft vervielfältigen und rasch verbreiten. Das hatte vielfache Konsequenzen, die bis heute nachwirken: Es entstand ein eigentlicher Markt für Musik, der über Angebot und Nachfrage auch den musikalischen Geschmack prägte und der wesentlich zur Verbreitung des Notenlesens beitrug. Und nicht zuletzt war Musik, die zunächst ja nur lokal wirksam war, international verfügbar. Nicht zu Unrecht kann die Einführung des Musiknotendrucks mit derjenigen der Schallaufnahme oder des PC und des Internets im 20. Jahrhundert verglichen werden.
Exklusives Massenerzeugnis
Drucken ermöglicht ein fast beliebiges Vervielfältigen. Durch ein Beschränken der Auflage kann dies aber auch sehr exklusiv werden. So machte die Stadt Nürnberg dem dänischen König 1582 ein besonders kostbares Geschenk. Er hatte einen großen Brunnen mit Figuren und Wasserspielen in Nürnberg bestellt, und als Dank wurden ihm drei Motetten gewidmet. Sie wurden in Nürnberg gedruckt – aber nur in einem einzigen Exemplar für den König.
Petruccis erster Notendruck enthält französische Chansons, die auch in Italien und andernorts sehr beliebt waren. Allerdings druckte er diese Lieder ohne die wichtigen Liedtexte – man schätzte die Musik, konnte aber nicht unbedingt Französisch. Zugleich konnte die so gedruckte Musik überall und unabhängig von der Landessprache benutzt werden.
Das Petrucci gewährte Privileg galt nur in Venedig, ein zwar sehr wichtiger, aber längst nicht der einzige Markt für Druckerzeugnisse. Bald wurde Musik an anderen Orten in ganz Europa gedruckt, die aufwendige Drucktechnik wurde stark vereinfacht (zuerst durch Pierre Attaingnant in Paris). Indem man die einzelnen Notenzeichen samt der sie umgebenden Notenzeilen in einer einzigen Drucktype zusammenfasste, ähnelte der Vorgang stark dem Drucken von Büchern. Während man dort Buchstaben aneinanderreiht, setzt man hier die Zeichen für eine Notenzeile zusammen. Dadurch wird zwar das Schriftbild unruhiger, aber der ökonomische Vorteil überwog offenbar.

Ausschnitt aus einem Attaingnant-Druck. Man erkennt die einzelnen Drucktypen an den unterbrochenen Notenlinien.
Gedruckt wurde ganz unterschiedliche Musik: von liturgischer Einstimmigkeit und Mehrstimmigkeit (Motetten und Messen) über weltliche Lieder bis zu Instrumentalmusik. Es entstanden Drucke, die nur Werke eines einzigen Komponisten enthielten, oder Lehrwerke zum Erlernen eines Instruments, die versprachen, den teuren Musiklehrer überflüssig zu machen. Es gab auch sogenannte Raubdrucke, also unerlaubte Nachdrucke, die meist viel billiger an anderen Orten hergestellt und verkauft wurden. Viele der Drucke sind trotz einer Herstellung von in der Regel mehreren Hundert Exemplaren heute verloren. Das erinnert auch daran, dass Musik eben in erster Linie Gebrauchsmusik war, die rasch ihr »Verfallsdatum« überschreiten und veralten konnte.ΑΩ MKi
Der Kapelle des Ercole d’Este die Krone aufsetzen – Josquin des Prez in Ferrara

Josquin, Holzschnitt von 1611
Die oberitalienische Stadt Ferrara erlebte im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts unter dem Herzog Ercole I. d’Este eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. Ercole erweiterte die Stadt architektonisch und machte sie zu einem Zentrum der Künste mit europaweiter Ausstrahlung. Unter anderem baute er eine neue Hofkapelle und gründete für dieses Bauwerk eine Sänger-Kapelle, die mit bis zu 20 Mitgliedern zu den größten Ensembles ihrer Zeit gehörte. Über 25 Jahre lang lag die Leitung der Kapelle in den Händen des Franko-Flamen Johannes Martini. Mit dessen Tod im Jahr 1497 begann eine lange Phase der Suche nach einem Nachfolger. Sänger und Höflinge aus Ferrara begaben sich auf eine regelrechte Rekrutierungskampagne in Europa, wie sie für Hofkapellen durchaus üblich war.
Einziges handschriftliches Zeugnis
Das einzige handschriftlich überlieferte »Werk« Josquins – wenn man so will – findet sich in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Die Mitglieder der päpstlichen Kapelle kritzelten dort ihre Namen in die Wand der Sänger-Empore. Unter den fast 400 Namen findet sich auch ein »Josquin«, von dem heute mit einiger Sicherheit angenommen wird, dass es sich um »den« Josquin handelt.
1502 schließlich spricht einer der Agenten Ercoles folgende Empfehlung aus: »Mein Herr, ich glaube, dass es weder Herr noch König gibt, der eine bessere Kapelle als unsere hat, wenn Ihr Joschino kommen lasst. Mit Joschino möchte ich unserer Kapelle die Krone aufsetzen.« Gemeint war der Sänger, dessen voller Name in der ersten erhaltenen Urkunde als Jossequin Lebloitte dit Desprez angegeben wird. Der vermutlich zwischen 1450 und 1455 geborene »Josquin«, wie er heute kurz genannt wird, war jedoch nicht der einzige Kandidat. Ein anderer Agent berichtet: »Der Sänger Isach war in Ferrara. Er schrieb eine Motette, die sehr gut ist, und er schrieb sie in zwei Tagen. Daraus kann man schließen, dass er sehr schnell in der Kunst der Komposition ist. Er ist gutartig und umgänglich. Es scheint, dass er gut geeignet sein könnte, Euch zu dienen, mehr noch als Josquin, denn er behandelt seine Kollegen besser und wird öfter neue Werke schreiben. Es stimmt, dass Josquin besser komponiert, aber er komponiert nur, wenn er will, und nicht, wenn man es von ihm erwartet. Außerdem fordert er 200 Dukaten, während Isach für 120 kommt.« Die Rede ist hier von Heinrich Isaac, der wie Josquin um 1450 geboren wurde und zur Zeit der Anfrage im Dienst des deutschen Kaisers Maximilian I. stand, jedoch viel Zeit in seiner Wahlheimat Italien verbrachte. Ercole entschied sich letztlich doch für Josquin, für den nach verschiedenen Anstellungen an Höfen in Frankreich und Italien und in der päpstlichen Kapelle Ferrara die letzte Station werden sollte, bevor er seinen Lebensabend nahe seiner Heimat in Condé-sur-l’Escaut (Nordfrankreich) verbrachte. Josquins Zeit am Hofe Ercoles währte allerdings nur ein Jahr. Die genauen Umstände seiner Abreise sind nicht bekannt, möglicherweise floh Josquin vor der Pest, der sein Nachfolger Jacob Obrecht dann tatsächlich zum Opfer fiel.

Ein Werk Josquins ist jedoch untrennbar mit dem Herzog verknüpft – wenngleich bis heute nicht nachgewiesen ist, ob es während der Zeit in Ferrara entstand: die Missa Hercules Dux Ferrariae. Der Messe liegt als Cantus firmus der Name Ercoles zugrunde, vermittelt durch die Solmisationssilben ut, re, mi und fa, deren Vokale den Vokalen des Namens Ercoles zugeordnet werden. Aus »Hercules dux ferrari[a]e« wird so das musikalische Thema re, ut, re, ut, re, fa, mi, re – in modernen Noten: d, c, d, c, d, f, e, d. Das Thema liegt der gesamten Messe zugrunde. Es erklingt in langen Notenwerten in jedem ihrer Teile.
Ferraras Bemühungen um Josquin zeigen, wie berühmt der Komponist bereits zu Lebzeiten war. Nur wenige Jahre nach seinem Tod wurde er als »classicus«, als »Klassiker« bezeichnet. Die Drucker warfen immer neue Werke Josquins auf den Markt. Dabei nahmen sie es mit deren Herkunft oftmals nicht so genau, sodass bis heute die Josquin-Forschung selbst bei zentralen Werken vor der Frage nach der Echtheit steht. Die jungen Komponisten der Generationen nach Josquin imitierten seine Werke nicht nur, sie zitierten aus ihnen und versuchten sie zu überbieten.
Geradezu religiöse Verehrung erfuhr Josquin im Umfeld Luthers, hatte der Reformator Josquin in seinen Tischreden doch immer wieder angeführt, um die Nähe der Musik zur Theologie zu belegen: Gott habe das Evangelium auch durch die Musik gepredigt, so Luther, und das sehe man bei Josquin, »des alles composition frolich, willig, milde heraus fleust [fließt]«. Josquins Musik klingt für Luther, als sei sie nicht durch Regeln eingeengt, sondern frei. Damit steht sie in seinem Sinne für die Erfahrung der Freiheit, die den Menschen durch das Evangelium Christi geschenkt ist.ΑΩ FDi
Ein Geschenk Gottes – Musik und Reformation

Martin Luther, Porträt von Lucas Cranach d. Ä., 1528
»Ich liebe die Musik«, schreibt Martin Luther in einer 1530 verfassten Skizze. »Es missfallen mir die Schwärmer [Fanatiker], die die Musik verdammen: Denn die Musik ist ein Geschenk Gottes und nicht [eine Erfindung] der Menschen; denn sie macht die Seelen fröhlich; denn sie verjagt den Teufel; denn sie weckt unschuldige Freude. Darüber vergehen die Zornanwandlungen, die Begierden, der Hochmut. Ich gebe der Musik den ersten Platz nach der Theologie.«
Als Martin Luther 1517 mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel und andere Praktiken der katholischen Kirche hervortrat, brachte er das ins Rollen, was wir heute als »Reformation« bezeichnen: im engeren Sinne die Spaltung des westlichen Christentums durch Ablösung einzelner Konfessionen von der römischen Kirche, im weiteren Sinne ein ganzes Bündel von damit zusammenhängenden politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen und Konflikten. Natürlich hatten diese Umwälzungen auch Einfluss auf die Musik. Und gerade die Rolle der Musik in den verschiedenen reformierten Kulturen macht deutlich, wie vielgestaltig diese Reformationen waren, die sich nicht auf »die« Reformation Luthers beschränken lassen. Huldrych Zwingli etwa, der Zürcher Reformator von hoher musikalischer Bildung, schloss bei seiner Neuordnung des Gottesdienstes jegliche Musik aus. Orgeln wurde abgebrochen und verkauft. Lediglich der deutschsprachige Gemeindegesang fand dann im Laufe der Jahrzehnte nach und nach seinen Weg in die reformierten Gemeinden. Etwas anders lagen die Dinge in den Gebieten, die sich der Reformation Jean Calvins anschlossen. Hier war der einstimmige und unbegleitete französischsprachige Gesang von vornherein zugelassen – allerdings als die einzige Form gottesdienstlicher Musik. Grundlage dafür war der kontinuierlich anwachsende Genfer Psalter, der 1562 komplett vorlag: gereimte französische Übersetzungen sämtlicher Psalmen, versehen mit eingängigen Melodien verschiedener Komponisten und Arrangeure. Seine weiteste Verbreitung in ganz Europa (bis in die katholischen Gebiete hinein) fand dieser Psalter in den vierstimmigen Vertonungen Claude Goudimels. Sie waren für das geistliche Singen außerhalb der Kirche bestimmt. Noch heute stehen die Melodien des Genfer Psalters in evangelischen und katholischen Gesangbüchern.
Mittel gegen die Traurigkeit
Dass die Musik die Traurigkeit vertreibt, war für Luther, der selbst mit Phasen der Schwermut zu kämpfen hatte, von ganz praktischer Bedeutung. Einem Freiberger Kantor riet er: »Darum, wenn ihr traurig seid, und es will überhand nehmen, so sprecht: Auf! Ich muss unserem Herrn Christus ein Lied schlagen auf der Orgel! (…) Und greift frisch in die Tasten und singet drein, bis die Gedanken vergehen.«
Die vielseitigste und reichste reformierte Musikkultur aber hat zweifellos das Luthertum hervorgebracht. Luther kritisierte die weitgehende Verbannung der Musik aus Kirche und Gottesdienst, wie sie die anderen Reformatoren predigten. Solch radikale Ansichten waren für ihn »Schwärmerei«. Dieser stellte er seine Theologie der Musik entgegen, wie sie aus seiner zitierten Skizze hervorgeht. In seinem Umfeld und seiner Nachfolge gingen dann Altes und Neues eine fruchtbare Verbindung ein. Auf der einen Seite war das der neue Gesang in der Volkssprache. Luther und seine Mitarbeiter – darunter Johann Walter, der 1526 in Torgau die erste bürgerliche Kantorei gründete – schufen in hohem Tempo neue geistliche Lieder. Dazu griffen sie bei Text und Musik vielfach auf ältere Gesänge vielerlei Art zurück, die sie neu zusammenfügten, ins Deutsche übertrugen und dann auch mehrstimmig setzten. So entstanden evangelisches Kirchenlied und Choral. Doch auch kunstvolle mehrstimmige Musik blieb im Gebrauch und wurde neu komponiert – lateinisch und deutsch. Während der schlichte vierstimmige Choralsatz zu evangelischen Melodien einen tatsächlich neuen Musikstil ausprägt, sind diese evangelischen Motetten (abgesehen vom evangelisch-volkssprachlichen Text) häufig nicht von ihren katholischen Gegenstücken zu unterscheiden.

Ein lutherisches Psalmenlied von Cornelius Becker im vierstimmigen Satz von Sethus Calvisius, gesungen auf die Melodie Vom Himmel hoch © SLUB Dresden, http://digital.slub-dresden.de/id374650640 (CC-BY-SA 4.0)
Die Entwicklung der mehrstimmigen Musik im lutherischen Umfeld folgte über die Jahrzehnte kontinuierlich den stilistischen Neuerungen, wie sie am Ende des 16. Jahrhunderts insbesondere von Italien nach Deutschland drangen. Als Michael Praetorius im frühen 17. Jahrhundert unter dem Titel Musae Sioniae (Zions-Musen) eine über tausend Werke umfassende Gesamtschau evangelischer Musikpraxis vorlegte, umfasste diese – vom Sologesang mit Generalbass über zweistimmige Sätze und vierstimmige Choräle bis hin zu doppelchörig und mit Instrumenten begleiteten Kompositionen – praktisch alles, was stilistisch möglich war. Die Musik als ein »Geschenk Gottes« kommt hier in jeder erdenklichen Form ihrer Zeit zum Erklingen.ΑΩ FDi
Alles aus einer Hand – Musiklehre und Musiklernen
»Ihr Sohn war heute bei mir, und ich zeigte ihm einige Grundlagen der Musik.« So schreibt Schulmeister Christoph Pfäfferli, der sich latinisiert »Christopherus Piperinus« nannte, im Basel des Jahres 1546 an Bonifacius Amerbach. »Ich werde ihn nicht mit Regeln überladen, deren Gebrauch für ihn nicht notwendig ist«, berichtet der Lehrer über den 13-jährigen Schüler namens Basilius. »Ich werde ihren Sohn so unterweisen, dass er – von Gottes Wohlwollen unterstützt – mit wenig Arbeit und in kurzer Zeit der Kunst gemäß singen wird.«
Die Amerbachs waren eine bekannte Basler Bürgerfamilie. Eingewandert aus dem deutschen Amorbach (nach dem sich die Familie, die eigentlich Welcker hieß, in Basel benannte), wurde zunächst der Großvater Johannes Amerbach zu einem namhaften Buchdrucker, der unter anderem mit Erasmus von Rotterdam zusammenarbeitete. Sein Sohn war Bonifacius, ein Musikliebhaber, Rechtsgelehrter, Professor und Rektor der Basler Universität, der eine große Bibliothek sowie eine Kunst- und Musiksammlung hinterließ. Er war es, der seinem Sohn Basilius Musikunterricht bei Pfäfferli zukommen ließ.

Guidonische Hand in einem Lehrbuch des Jahres 1533
Eine der ersten Hausaufgaben für den Teenager aus gutem Hause bestand darin, aus 50 Bögen Papier einen Satz von Stimmbüchern anzulegen, in die der Junge (mit anfangs unsicherer, dann immer geübterer Hand) mehrstimmige Musikwerke seiner Zeit kopierte. Dadurch lernte er gleichzeitig Noten lesen, Noten schreiben, singen und wohl auch etwas komponieren. Vor dem Notenkopieren erfolgten jedoch einige grundlegende Anweisungen. Zunächst führte der Lehrer Basilius in das Tonsystem und die Solmisation ein, offenbar um ihm zügig das Blattsingen zu ermöglichen. Das bekannteste pädagogische Hilfsmittel für die Solmisation war die »Guidonische Hand«. Sie ist benannt nach Guido von Arezzo, dem Erfinder der Solmisation, auch wenn bei Guido selbst die Hand nicht erwähnt wird. Die Hand enthält das komplette Tonsystem, oder besser gesagt dessen Kernbereich von knapp drei Oktaven, aufsteigend vom tiefen G bis zum hohen e2. Jeder Ton des Systems wird einem Fingerglied zugeordnet: Das tiefe G war meist die Spitze des Daumens, das darüberliegende A das Mittelgelenk des Daumens und dann so weiter – kreisförmig alle Gelenke und Spitzen durchlaufend. Jeder Ton wird bezeichnet als eine Kombination von einem Tonbuchstaben und einer der sechs Solmisationssilben »ut«, »re«, »mi«, »fa«, »sol«, »la«, also zum Beispiel »A-re«. Um mit den Solmisationssilben (sechs Töne) eine Oktave (acht Töne) singend zu durchqueren, musste man also das Hexachord (so heißt die Gruppe der sechs Solmisationssilben) wechseln; drei verschiedene Hexachorde griffen dazu ineinander, und die Kunst, zwischen diesen zu wechseln, war eine Grundlage des Musizierens in dieser Zeit. Die Hand half dabei, sie war Anschauungsobjekt und Gedächtnishilfe. Während des Singens konnte der Lehrer oder Chorleiter Melodien dirigieren, indem er durch Zeigen auf die einzelnen Punkte der Hand die Tonfolge vorgab.
Die Guidonische Hand und Computer-Farben
Der tiefste Ton des Systems der Guidonischen Hand heißt »Gamut«, denn für ihn nahm man nicht das lateinische »G«, sondern das griechische »Gamma« und kombinierte es mit der Silbe »ut«. Mit dem »Gamma-ut«, abgekürzt »Gamut«, bezeichnete man dann auch das komplette Tonsystem, eine Bedeutung, die bis heute überlebt hat, wenngleich in anderem Kontext: »Gamut« nennt man heute das komplette Spektrum an Farben von technischen Geräten.
Von seinem Lehrer Pfäfferli in die Kenntnisse der Hand eingeführt, musste Basilius nur noch die Grundlagen der Mensuralnotation lernen, um an das Notieren und Singen seiner eigenen Musiksammlung gehen zu können. Gemeinsam mit seinem Lehrer kopierte er Stück für Stück eines internationalen Musikrepertoires geistlicher und weltlicher Kompositionen in sein Notenpapier.
Erst Theorie, dann Praxis also in der Musiklehre des jungen Basilius? Eine Gegenüberstellung unter diesen Begriffen wäre dem 16. Jahrhundert fremd gewesen. Notieren, Lesen, Hören, Verstehen, Komponieren, ja fast alles, was wir heute als »Musiktheorie« bezeichnen – das waren im 16. Jahrhundert keine »theoretischen« Fächer (»musica theorica«), das war »musica practica«, also selbst praktische Musikausübung. Wenn der Lehrer Pfäfferli schreibt, er wolle seinem Schüler die »Kunst des Singens« (»ars canendi«) beibringen, so bedeutet dies dem Wortgebrauch der Zeit gemäß weniger eine technische Gesangsschulung, sondern auch (ja in erster Linie) eine Unterweisung in den Grundlagen der Musik.ΑΩ FDi
Zwischen Hofdame und Kurtisane – Musizierende Frauen
»Ausschließliche« Musik
Zu den bestaunten Besonderheiten des Hofes in Ferrara gehörte ein »Concerto delle Donne«, ein Gesangsensemble, das allein aus Hofdamen gebildet und von den Musikern des Hofes ausgebildet worden war. Ein venezianischer Gesandter berichtet neidisch von einem Konzert im Februar 1579: Nachdem sich die Fürsten in ihre Gemächer zurückgezogen hatten, wurden nur die Sängerinnen hinzugebeten. Dann aber wurden die Türen geschlossen und »alle anderen blieben draußen in der Kälte«.
Ein 13-jähriges Mädchen fragt ihren Vater, ob sie ein Tasteninstrument erlernen dürfe. Seine Antwort ist deutlich: Musizieren sei nur »die Sache einer eitlen und leichtfertigen Frau«, er hingegen hoffe, dass sie die »ernsteste, tugendsamste und sittsamste Frau wird, die lebt«. Auch gibt er zu bedenken, dass das Erlernen eines Instruments mindestens zehn bis zwölf Jahre brauche, um sich damit vor anderen nicht zu blamieren. Deswegen sei es besser, so schließt er seine Ermahnungen, sie übe sich im Schreiben und im Kochen. Zu lesen ist dies in einem Brief aus dem Jahr 1541, den Pietro Bembo aus Rom an seine Tochter Elena in Padua schreibt. Pikanterweise ist Bembo zu diesem Zeitpunkt Kardinal, und seine Tochter entstammt der langjährigen Beziehung mit seiner Geliebten.
Erkennbar wird an der Reaktion des Vaters ein vielschichtiges Dilemma, geht es ihm doch in erster Linie um die Bewahrung des guten Rufs seiner Tochter. Zwar darf sie sich literarisch betätigen (wohl auch, weil Bembo selbst ein bedeutender Schriftsteller war), nicht aber musikalisch. Die Gründe hierfür liegen zum einen in der Befürchtung, die Musik würde die Sinne anstacheln und Gelüste erzeugen, sowohl bei dem Mädchen selbst als auch bei Zuhörern. Zum anderen sollte man sich vor diesen keinesfalls durch ungenügende Fertigkeiten blamieren. Und grundsätzlich steht im Hintergrund wohl auch die Sorge, mit einer »leichtfertigen« Frau verwechselt zu werden, nämlich einer Kurtisane.
Schon in dem einflussreichen Leitfaden für den idealen Hofmann von Baldassare Castiglione (Il libro del Cortegiano, erstmals gedruckt 1528 und allein im 16. Jahrhundert in fast 100 Auflagen und vielen Übersetzungen verbreitet) galt das kompetente Musizieren als schicklich, solange es nicht vor Fremden geschah. Dies galt auch für die Hofdamen, die den fürstlichen Hof und dessen Besucher zu unterhalten hatten. Für geeignet hielt man dazu neben dem Gesang gezupfte und gestrichene Saiteninstrumente (Harfe, Laute und Viola da Gamba) wie auch kleinere besaitete Tasteninstrumente wie etwa ein sogenanntes Virginal.

Marietta Robusti, die Tochter des berühmten Malers Jacopo Tintoretto, war nicht nur Malerin, sondern auch Musikerin, worauf sie mit diesem Selbstporträt hinwies. © akg-images
Auf der Grenze zwischen »ernster« Hofdame und »leichter« Kurtisane bewegten sich auch die ersten Komponistinnen, die sich im 16. Jahrhundert nachweisen lassen. Beispielhaft dafür ist Maddalena Casulana, die als erste Frau ihre Werke drucken ließ und sich so den männlichen Kollegen gleichstellte. So schreibt sie stolz in ihrem ersten Madrigaldruck von 1568, ihre Kompositionen mögen »der Welt den eitlen Irrtum der Männer beweisen, die sich so sehr für die Herren der hohen Gaben des Verstandes halten, dass ihnen scheint, diese könnten den Frauen nicht gleichermaßen zustehen«. Über ihr Leben ist wenig bekannt, außer dass sie auch als sich selbst auf der Laute begleitende Sängerin an Höfen, in Akademien und bei privaten Anlässen auftrat.
Mehr noch als im Falle der Elena Bembo stellt bei Maddalena Casulana das öffentliche In-Erscheinung-Treten einer musizierenden, hier sogar komponierenden Frau das zentrale Problem dar. Wie noch heute in anderen Kulturen üblich, war zumindest in den oberen Ständen die Frau auf das Haus und damit buchstäblich auf »Hausmusik« beschränkt.
Durch die ganze abendländische Musikgeschichte zieht sich das angeblich auf den Apostel Paulus zurückgehende Gebot, dass die Frau in den Versammlungen der Kirche schweigen müsse (»mulieres in ecclesiis taceant«), wie auch die Meinung des Kirchenvaters Hieronymus, der ihnen zwar das Singen von Hymnen erlaubte, aber zugleich empfahl, ihnen die Instrumente vorzuenthalten (»Taub sei sie für die musikalischen Instrumente. Zu welchem Zweck Orgel, Tibia, Lyra und Kithara hergestellt wurden, braucht sie gar nicht zu wissen«). Eine Folge des Verbots, laut dem Frauen öffentlich nicht auftreten und singen durften, war im 16. Jahrhundert übrigens das Aufkommen der Kastraten, die zunächst in der päpstlichen Kapelle und später dann auf den Opernbühnen Furore machten.ΑΩ MKi
»Al modo d’Orpheo« – Musik der Renaissance
1549 veröffentlicht der Koch und »Eventmanager« Cristoforo di Meßisbugo aus Ferrara ein Buch mit Anleitungen, wie Bankette und festliche Tafeln für hohe Adlige und Fürsten zu bekochen sind. Neben den ausführlichen Rezepten gibt er im Anhang beispielhafte Beschreibungen der von ihm organisierten Feste. Hier nennt er zusätzlich zu den Speisen und der Anzahl der jeweils aufgetragenen Teller auch Musiker, die zwischen den einzelnen Gängen auftraten. So erscheint etwa bei einem Fest für den Herzog von Ferrara 1529 nach dem 15. Gang und kurz vor dem Dessert ein Musiker »con una Lira cantando al modo d’Orpheo divinamente« (»mit einer Lira göttlich nach der Art des Orpheus singend«) – was ist damit gemeint?

Orpheus mit Lira da Braccio besänftigt die wilden Tiere, Darstellung zu Angelo Polizianos Favola di Orfeo, 1480 © akg-images/De Agostini Picture Library
Zentral ist der Hinweis auf Orpheus, den mythischen antiken Sänger, der mit seiner Stimme nicht nur die Menschen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Steine und nicht zuletzt die mächtigen Götter rühren konnte. Die in seiner Person verkörperte Macht der Musik ließ ihn zum idealen Helden der allerersten Opern werden, auch versinnbildlichte er »Musik« schlechthin. Seinen Gesang begleitete Orpheus auf einem Saiteninstrument, das unter anderem als Lira bezeichnet und im Verlauf der Zeit ganz unterschiedlich interpretiert wurde. So entstand in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein Streichinstrument, das wie später die Violine auf dem Arm gehalten wurde und auf dem nur Akkorde gespielt werden konnten. Diese Lira da Braccio (also die auf dem Arm gehaltene Lira) diente vor allem dem Vortrag von Erzählungen und Dichtungen. Dabei handelt es sich um eine Vortragsart, bei der von alters her Wort und Ton bzw. das Sagen und das Singen auf eine eigenartige Weise miteinander verquickt sind, und bei der das Instrument den Textvortrag nur unterstützt und für Zwischenspiele und Überleitungen dient. Daher gibt es auch so gut wie keine aufgezeichnete Musik dafür, dieses Begleiten blieb wie der Singsang dem improvisierenden Spieler überlassen.
Hinter der Bühne
In einer der ersten Opern der Zeit um 1600 tritt Apollon, der Vater von Orpheus, auf und hält in seinen Händen eine »Lira«. Da die Begleitung seines Gesangs aber eine »außergewöhnliche Melodie« erfordere, schlägt der Komponist vor, hinter der Bühne ein Ensemble von vier Viole da Gamba spielen zu lassen, während der Sänger auf der Bühne das Lira-Spiel zu dieser Art von »Playback« nur markiert.
Wohl nicht zuletzt wegen der besonderen Bedeutung, die hierbei dem Text und dem Textvortrag zukam, entdeckten vor allem die ersten Humanisten das Instrument für sich. So gehörte das »cantare in su la lira all’improvisa« (das improvisierte Singen zur Lira da Braccio) in Italien zum »guten Ton« für einen modern Gebildeten, vom Medici-Fürsten über den Universalkünstler Leonardo da Vinci bis zum modischen Edelmann. Und noch die Verfechter der sogenannten »seconda prattica« griffen um 1600 den mit dem »Singen in der Art des Orpheus« verbundenen besonderen Textvortrag auf – mit den Stichworten eines »parlar cantando« (»singend sprechen«) oder eines »quasi che in armonia favellare« (»gleichsam in Harmonie erzählen«). Tatsächlich steht dies in einer viel älteren Tradition und wurde im späten 16. Jahrhundert im bewussten Rückgriff auf eine antike Vortragsweise erneut in den Vordergrund gerückt und für die Oper wie die Monodie nutzbar gemacht.
An diesem Beispiel zeigt sich auch die Problematik des oft als Epochenbezeichnung verwendeten Begriffs »Renaissance« (französisch: »Wiedergeburt«). Er wurde erst im 19. Jahrhundert geprägt, um die im 15. und 16. Jahrhundert einflussreiche kulturelle Orientierung an der griechischen und lateinischen Antike zu bezeichnen. Wiederentdeckt wurden zunächst antike Texte, bald aber auch Bildhauerei, Architektur usw. Für die antike Musik allerdings fehlten konkrete Vorbilder, weshalb man sich an antike Texte zur Musiktheorie halten musste. Diese wiederum kannte man oftmals nur in fehlerhaften lateinischen Übersetzungen, Griechisch beherrschten nur sehr wenige. Die Folge davon war, dass man sich die antike Musik mit ganz unterschiedlichen Resultaten immer wieder anders imaginierte.
Renaissance wie Humanismus zeigen sozusagen viele Gesichter und mindestens ebenso prägend wie die kulturelle Orientierung an der Antike waren religiöse Wirren: vom Kirchenschisma bis zur Reformation und Gegenreformation. So vielschichtig und unterschiedlich sich der mit »Renaissance« bezeichnete Zeitraum darstellt – vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet ist er geeint durch die stets präsenten Elemente Kontrapunkt und Mensuralnotation.ΑΩ MKi
Zum Privatvergnügen – Die Laute

Detail aus dem Gemälde Die Gesandten von Hans Holbein d. J., 1533
Als im Jahr 1550 der erst 14-jährige Basler Buchdrucker- und Lehrerssohn Felix Platter einmal in einem Wirtshaus Laute spielt, wird er zur Rede gestellt. Getadelt wird er aber nicht wegen des unziemlichen Orts, sondern weil er vor Publikum spielte. Er solle lieber anstreben, dass andere ihm vorspielten. Worauf er keck antwortet: »Ja herr eß ist aber lustig, wans einer selbs auch kan.« An dieser Szene zeigt sich nicht nur eine alte – und noch für Jahrhunderte gültige – soziale Unterscheidung des Musizierens zwischen einem abwertenden »für andere spielen müssen« und einem erstrebenswerten »für sich selbst spielen können«. Oder anders gesagt: Berufsmusiker hatten den niedrigen Rang von Dienstpersonal, während nur das auf den privaten Raum beschränkte Musikmachen als angemessene Beschäftigung galt – ein Autor des 15. Jahrhunderts spricht hier ausdrücklich von »privatisque recreationibus«, das heißt: für die eigene Erholung. Zugleich war dieses sozusagen zweckfreie Musizieren auch ein Zeichen dafür, dass man für »unproduktives« Musikmachen die notwendige Muße aufbringen konnte und nicht damit für seinen Lebensunterhalt sorgen musste.
Das unvermeidliche Stimmen
Da eine Laute bis zu 50 Saiten aufweisen kann, gab es den bösen Kommentar: »Wenn ein Lautenist 80 Jahr alt wird/so hat er gewiß 60 Jahr gestimmet«. Das ist maßlos übertrieben, aber Darmsaiten reagieren empfindlich auf Veränderungen der Luftfeuchtigkeit und bedürfen daher besonderer Sorgfalt. »Recercar« und »Fantaisie« scheinen sich sogar aus dem Stimmen heraus entwickelt zu haben.
Für das sozial akzeptable Musizieren kamen nicht alle Instrumente gleichermaßen in Betracht; als geeignet galten hier vor allem Tasteninstrumente und gezupfte Saiteninstrumente wie die Laute. Dies hat vielerlei Gründe, etwa die Spielhaltung, die nicht zu körperbetonten Bewegungen zwingt und verunstaltet, und ihre musikalische Vielseitigkeit. So kann man auf diesen Instrumenten ganz allein mehrstimmige Musik spielen, aber auch den Gesang bei Liedern begleiten und natürlich zum Tanz aufspielen – solche Tanzsätze dürfte wohl Felix Platter im Wirtshaus gespielt haben. Neben dem Einrichten von mehrstimmiger weltlicher und geistlicher Vokalmusik für die Laute allein hat sich früh auch ein eigenständiges Repertoire etabliert, mit »sprechenden« Titeln wie »Recercar« (buchstäblich ein »Suchen« bzw. »Finden« von Tönen und Klängen), »Tastar da corda« (ein »Abtasten der Saiten«) oder »Fantasie«. Gemeint ist jeweils ein freies, dem Improvisieren ähnliches Spiel, selbst wenn es aufgezeichnet und als Komposition ausgearbeitet wurde. Es passt trefflich zum delikaten Klang der Laute und den »privatisque recreationibus«.
Wie schon der Name ersichtlich macht, handelt es sich bei der Laute um einen Import aus dem arabischen Kulturraum, dort als »al-‘ūd« bezeichnet. Ihr Kennzeichen ist ein bauchiger Korpus und ein vergleichsweise kurzer und breiter Hals; der Wirbelkasten ist im rechten Winkel dazu abgeknickt. Der Korpus ist aus dünnen Holzspänen zusammengefügt, die auf der Innenseite mit Papier- oder Textilstreifen fixiert sind. Auf der flachen Decke befinden sich eine oder mehrere Rosetten; auf ihr sind mittels eines Querriegels auch die Saiten befestigt, die beim Anzupfen mit dem Finger oder auch mit einem Plektrum (etwa einem Federkiel) die Decke in Schwingung versetzen und so den Klang über den Korpus verstärken. Gleichwohl ist die Laute stets ein vergleichsweise leises, intimes Instrument. Auf dem Hals mit dem Griffbrett sind Bünde angebracht, die beim Greifen die Saiten in (Halb-)Tonschritten verkürzen.

Als Tabulatur bezeichnet man eine Art Griffschrift, die mittels Zahlen oder Buchstaben die (Bund-)Positionen angibt, auf die die Finger für die gemeinte Tonhöhe zu setzen sind. Der Rhythmus ist separat notiert und bezieht sich nur auf die jeweils kürzesten Notenwerte; die übrigen Töne klingen weiter. So verwirrend und umständlich dies auf den ersten Blick wirken mag, tatsächlich ist diese Aufzeichnungsform sehr praktikabel und platzsparend.
Die Saiten sind mit Ausnahme der obersten in sogenannten Chören angeordnet, das heißt: Zwei meist auf gleicher Tonhöhe oder im Oktavabstand gestimmte Saiten werden gemeinsam angezupft. Der Grund hierfür liegt darin, dass die tiefen Saiten aus Darm relativ klangschwach sind und im Zusammenklang mit der Oktavsaite prägnanter wirken. Während im 15. Jahrhundert nur fünf Chöre üblich waren, gestimmt in Quarten mit einer großen Terz in der Mitte (zum Beispiel c–f–a–d1–g1), kamen bald immer mehr tiefe Chöre (bis zu 14) sowie zusätzliche Bass-Saiten dazu, die auch ganz unterschiedlich gestimmt werden konnten. Eine Besonderheit, die wohl nicht zuletzt mit dem Lautenspiel von nichtprofessionellen Musikern zusammenhängt, ist eine besondere Notationsform: die Tabulatur.
Nachdem die Laute im 16. und 17. Jahrhundert ihre Blütezeit erlebte, und zwar sowohl als Solo- und später auch als Generalbass-Instrument, starb sie danach sozusagen aus. Die im 16. Jahrhundert gebauten Lauten galten aber noch lange Zeit als die besten Instrumente. Thomas Mace hält 1676 in seiner Lautenschule mit dem verführerischen Titel The Lute made Easie (»Die Laute leicht gemacht«) klipp und klar fest: »First, know that an Old Lute is better than a New one« (»Zuerst wisse, dass eine alte Laute besser ist als eine neue«).ΑΩ MKi
»Allein und gedankenschwer« – Ein Madrigal von Giaches de Wert
»Allein und gedankenschwer, die verlassensten Felder durchmessend mit schweren, langsamen Schritten: So gehe ich dahin und blicke umher, um zu fliehen, wo sich eines Menschen Spur im Sand zeigt.« So lauten die ersten Zeilen des 35. Sonetts (»Solo e pensoso i più deserti campi«) aus dem Canzoniere von Francesco Petrarca, dem großen italienischen Dichter des 14. Jahrhunderts. Im Zuge von Humanismus und Renaissance kam es in Italien im 16. Jahrhundert zu einem regelrechten Hype um den inzwischen »klassisch« gewordenen Poeten. Viele seiner Gedichte wurden auch vertont. Mehr als 300 Jahre nach der Entstehung nahm der Komponist Giaches de Wert (1535–1596) das Gedicht und veröffentlichte eine Vertonung in seinem siebten Madrigal-Buch.
Wie der Name »Giaches« (Jacques) verrät, war de Wert einer der zahlreichen (und einer der letzten) franko-flämischen Musiker, die im Laufe des 15. und 16. Jahrhunderts in Italien die Musikkultur prägten. Geboren in Gent, kam de Wert in jungen Jahren als Sängerknabe in den Umkreis der in Mantua herrschenden Gonzaga-Familie, wo er sein Leben lang tätig blieb. In Mantua blühte die anspruchsvolle Gattung des Madrigals.

Giaches de Wert, Solo e pensoso, Anfang der Bassstimme
Der Anfang von de Werts Komposition widerspricht allen guten Regeln der Melodik seiner Zeit: Weite Sprünge in alle Richtungen machen ihn fast unsingbar. Die Absicht ist klar: Durch markierten Verstoß gegen die »guten« Regeln des Gesangs (und auch des Kontrapunkts) wird eine Idee des Textes aufgegriffen und in Musik dargestellt. Die weiten Sprünge durch den Raum und die lang gehaltene Note machen die Weite und Verlassenheit der Felder hör- und (im Notentext) sichtbar, von denen der Text spricht. Solche musikalischen Bilder sind so typisch für das Madrigal, dass sie bis heute als Madrigalismen bezeichnet werden.
»Kleiner Tod«
Viele Madrigaltexte bringen mit Metaphern und Anspielungen versteckte erotische Inhalte zum Ausdruck, die zur Zeit ihrer Entstehung nicht offen ausgesprochen werden konnten. So steht der in zahllosen Madrigalen herbeigesehnte »Tod« nicht in erster Linie für das Ende des Lebens, sondern für den Höhepunkt sexueller Erregung – noch heute im Französischen als »kleiner Tod« bezeichnet.
Das Madrigal war neben Motette, Messe und Lied die bedeutendste Gattung der Vokalmusik des 16. Jahrhunderts. Es entstand in den 1520er-Jahren und vereinte in sich alle möglichen Satztechniken: von den komplexen Imitationen der Motette bis hin zu den einfach textdeklamierenden Klangfolgen mancher Liedsätze. Madrigale zeichnen sich durch eine enge Beziehung von Wort und Musik aus. Ihre Texte sind vielfach literarisch hochstehende Liebes- und Schäferdichtungen. Die Kompositionen folgen diesen Texten Zeile für Zeile, ja bisweilen Wort für Wort: Musikalische Kontraste heben einzelne Formteile oder Zeilen des Gedichts voneinander ab, wobei der musikalische Satz häufig einzelne Bilder oder Ideen des Gedichts nachvollzieht. Die ausdrucksvollen Texte inspirierten die Komponisten dabei zu expressiven Vertonungen und damit zu Übertretungen des herkömmlichen kontrapunktischen Regelkanons. Das Madrigal wurde so zum wichtigsten Entwicklungsfeld der sogenannten »seconda prattica« (italienisch für »zweite Praxis«, der Name stammt von Claudio Monteverdi), einer neuen Kompositionspraxis, die im Laufe des 16. Jahrhunderts neben die alte »prima prattica« (»erste Praxis«) trat. Zu ihren Elementen gehörten außergewöhnliche melodische Verläufe (insbesondere Chromatik und »unmelodische« Sprünge), der intensive und neuartige Einsatz von Dissonanzen, der vielfach von Pausen und Zäsuren gegliederte Satz. Bedeutende Madrigalkomponisten waren neben de Wert Jacques Arcadelt, Philippe Verdelot, Cipriano de Rore und Adrian Willaert in einer früheren Phase, Orlando di Lasso, Luca Marenzio, Carlo Gesualdo und Claudio Monteverdi in einer späteren. Das Madrigal blieb weitgehend eine italienischsprachige Angelegenheit. Lediglich in England bildete sich um die Wende zum 17. Jahrhundert eine kleine Madrigalschule heraus, die italienische Madrigale ins Englisch übersetzte, dann aber auch eigene englische schuf. Deutsche Komponisten wie Hans Leo Hassler oder etwas später Heinrich Schütz schrieben – beeinflusst von ihren Venedig-Aufenthalten – Madrigale im italienischen Stil (und in italienischer Sprache), aber auch deutsche »Gesänge« und »Lieder«, die sich den Stil des Madrigals zu eigen machen.ΑΩ FDi
»Tere«, »lere«, »chara« – Instrumentalmusik in Venedig

Das Titelbild von Silvestro Ganassis Blockflötenschule von 1535 …
Antonfrancesco Doni, ein bekannter italienischer Schriftsteller und Freigeist, lädt 1552 für den kommenden Sonntagabend einen befreundeten Sänger zu sich ein und bittet ihn, mitsamt seinen Musikerkollegen auch »den Koffer mit den Gamben, das große Cembalo, Lauten, Flöten, Krummhörner und die Bücher mit den Musiknoten mitzubringen, damit wir am Donnerstag unsere Comedia halten können«. Es ist anzunehmen, dass auch Doni bei dieser mit vielen Instrumenten begleiteten szenischen Aufführung musizieren wollte. Er war zwar kein Berufsmusiker, aber er hatte in Venedig Unterricht im Flöten- und Gambenspiel genommen und dort sogar 1544 eine musikalische Publikation herausgegeben: einen Dialogo della Musica, der originellerweise tatsächlich ein Gespräch unter Freunden wiedergibt, die zwischen ihren Unterhaltungen singen und auf Instrumenten wie etwa Gamben musizieren (diese Musik ist im Dialogo ebenfalls abgedruckt).
Donis venezianischer Instrumentallehrer war vermutlich Silvestro Ganassi, der als Sohn eines Barbiers vom freiberuflichen Instrumentalisten zum venezianischen Stadtmusiker aufgestiegen war. In dieser wichtigen Funktion war er unter anderem bei der repräsentativen Freiluftmusik des Stadtstaats beteiligt. Dazu musste er Fanfaren auf den zeremoniellen langen, silbernen Trompeten blasen, die das akustische Herrschaftssymbol Venedigs darstellten. Aber er war mit seinen Kollegen auch für musikalisch anspruchsvollere mehrstimmige Musik zuständig, die sie auf Blasinstrumenten wie Schalmeien und Pommer oder Zink und Posaunen spielten. Analog zu den menschlichen Stimmlagen gab es die Instrumente in verschiedenen Größen, was anschaulich als (Instrumenten-)»Familie« bezeichnet wird, da es sich um gleichartige Instrumente nur in verschiedenen Tonlagen handelt.

… und das seiner Gambenschule von 1542
Während die erklungenen Fanfaren heute unbekannt sind, kennt man das Repertoire der städtischen Bläser besser. Zum einen richteten sie ursprünglich vokal konzipierte Musik für ihr Ensemble ein und trugen es sozusagen »ohne Worte« vor. Üblich war offenbar auch ein Hinzufügen von weiteren Unterstimmen, um die Musik prächtiger und klangvoller zu machen, wie auch ein virtuoses Verzieren mit Läufen und Umspielungen (Diminutionen). Zum anderen entstanden im 16. Jahrhundert auch rein instrumentale »Klingstücke«, also Sonaten (von lateinisch »sonare« für »klingen«), für solche Besetzungen.
Zum Erlernen der wichtigen Diminutionskunst hatte Silvestro Ganassi 1535 ein Lehrwerk publiziert, in dem neben dem Spiel auf der Blockflöte erstmals systematisch die melodischen und rhythmischen Verzierungsmöglichkeiten gelehrt werden. Er betont dabei, dass die menschliche Stimme das Vorbild sein müsse und dass die zwangsläufig fehlenden Textwörter auf Blasinstrumenten durch eine große Palette von unterschiedlichen Artikulationssilben (wie »tere«, »lere« oder auch »chara chare chari charo charu« und »dacha deche dichi docho duchu«) ersetzt werden sollten, um diesen Mangel wettzumachen.
Tischmusik aus dem Kopf
Maria von Bayern, die in Graz residierte, bittet 1584 ihren Bruder, den bayrischen Herzog Wilhelm, um die Musik für die Bläser, die am Münchner Hof jeweils zur Tafel erklang. Ihr Bruder antwortet, leider könne er ihr keine Noten senden, da die Trompeter »sunst nichts blasen, alls wie man Zu tisch Plast, dasselbig ist nit geschrieben, und machens nur aus dem Synn«.
Ganassi war aber nicht nur Spieler von verschiedenen Blasinstrumenten (die Spezialisierung eines Musikers auf nur ein Instrument wurde erst Jahrhunderte später üblich). Einige Jahre darauf veröffentlichte er eine weitere Instrumentalschule, nun für Viola da Gamba und Laute. Diese widmete er zwei reichen Florentinern, die aber in Venedig lebten und bei ihm Unterricht nahmen. Im Vorwort erinnert er an musikalische Treffen im Hause eines dieser beiden Schüler, die unter der Leitung des berühmten Kapellmeisters am Markusdom, Adrian Willaert, standen. Hier zeigt sich das konkrete Umfeld eines privaten Interesses an Musik und Instrumentalspiel. An einem dieser Treffen nahm auch der eingangs erwähnte Antonfrancesco Doni teil, der vor allem vom Gesang einer dort beteiligten Sängerin berichtet: »Ich hörte an einem Abend ein Konzert von Gamben und Singstimmen, bei dem sie in Gesellschaft von anderen herausragenden Geistern spielte und sang.« Die lange Zeit nur den sozial wenig angesehenen professionellen Musikern zugeordnete Instrumentalmusik wurde durch diese Art der Musikpflege sozusagen gesellschaftsfähig und sie emanzipierte sich auch zunehmend von der Vokalmusik.ΑΩ MKi
»Singen über dem Buche« – Improvisierter Kontrapunkt
Kontrapunkt: In den Ohren eines heutigen Lesers klingt dieses Wort womöglich nach schwerer geistig-musikalischer Arbeit, mit Stift auf Papier notiert. Ganz anders klingt dagegen, was der spanische Komponist und Musiktheoretiker Juan Bermudo 1555 in seiner Declaración de instrumentos musicales (Erklärung musikalischer Instrumente) berichtet: »Kontrapunkt ist eine improvisierte Kombination verschiedener Melodien über einem Cantus firmus.« Tatsächlich wurde im musikalischen Alltag von Mittelalter und Renaissance wohl mehr Kontrapunkt aus dem Stegreif gesungen als auf Papier komponiert. Der Ort dieses Stegreif-Kontrapunkts war die Liturgie, und der Kontrapunkt diente der mehrstimmigen Ausschmückung der liturgischen Melodien: ein Singen »über einem Cantus firmus«, wie Bermudo schreibt. Weil dieser Kontrapunkt »im Kopf« (nämlich nicht mit der Schreibfeder auf dem Papier) entworfen wurde, sprach man auch vom »contrappunto alla mente« (Kontrapunkt im Geiste) als Gegensatz zum »contrappunto a penna« (Kontrapunkt mit der Feder).

Philipp der Gute von Burgund hört die Messe, rechts Sänger »über dem Buch«, Handschrift aus dem 15. Jahrhundert. © akg-images/De Agostini Picture Library
»Falscher« Kontrapunkt
Die schriftlosen Improvisationstechniken müssen teilweise Ergebnisse hervorgebracht haben, die uns heute sehr merkwürdig vorkommen würden. Wenn man dem Musiktheoretiker Gaffurius Glauben schenken darf, so sang man in Mailand um 1500 in Totenmessen den »contrapunctus falsus«, bei dem der Choral in parallelen Sekunden (abwechselnd mit Quarten) vorgetragen wurde.
Johannes Tinctoris spricht auch vom »Singen über dem Buche« (»super librum cantare«). Was heißt das? Die Sänger der Kapelle versammelten sich um ein Gesangbuch mit Choralmelodien und sangen dann mehrstimmig »über« dem für den aktuellen liturgischen Anlass passenden Choral: Ein Sänger (oder eine Sängergruppe) trug den Choral in langen Notenwerten vor, die anderen fügten weitere Stimmen hinzu, und zwar üblicherweise tatsächlich Oberstimmen »über« dem Choral. Nun ergibt sich dabei offensichtlich ein praktisches Problem: Jeder Sänger sieht ja nur den Cantus firmus im Buch und kann seine eigene kontrapunktische Stimme nur in Bezug auf diesen planen; die Pläne seiner ebenfalls improvisierenden Kollegen aber kennt er nicht. Wie kann es trotzdem gelingen, ein mehr oder weniger wohlklingendes Gesamtresultat zu produzieren? Verschiedene Strategien und Modelle standen zur Verfügung, um Konflikte zwischen den improvisierenden Stimmen zu vermeiden, und auf solche Modelle musste man sich vorab verständigen. So konnten sich die Sänger etwa darauf einigen, dass alle zunächst nur Konsonanzen zum Cantus firmus singen, der im Bass liegt. Hier gibt es nur einen Konfliktfall zu vermeiden: Wenn ein Sänger sich für die Quinte entscheidet, ein anderer aber für eine Sexte (beides Konsonanzen), ergibt sich als Resultat eine Dissonanz – eine der beiden muss also per Verabredung ausgeschlossen werden. Oder man akzeptiert genau diese Dissonanz als stiltypisches Merkmal. Es gibt einige Quellen, die belegen, dass im gesungenen Kontrapunkt die Toleranz von Dissonanzen weitaus größer war als im strengen schriftlichen Satz. Der improvisierte Kontrapunkt hat also vermutlich vielfach ganz anders geklungen als das, was uns heute in Notentexten überliefert ist.
Ein anderes Modell: Ein Sänger singt als Oberstimme den Choral eine Oktave höher als notiert, ein anderer Sänger singt als Mittelstimme den Choral eine Quinte höher als notiert; daraus resultieren parallele Quarten zwischen den beiden Stimmen. Die Unterstimme singt nun die Choralmelodie eine Terz höher als notiert, gelegentlich unterbrochen von einzelnen »echten«, untransponierten Tönen des Chorals – anders ausgedrückt: Sexten oder Oktaven unter der Oberstimme. Es ergeben sich dann als dreistimmiges Resultat parallele »Sextakkorde«, unterbrochen von Quint-Oktav-Klängen. Dieses Verfahren bezeichnet man als »Fauxbourdon«.
Die beiden beschriebenen Verfahren sind vergleichsweise einfach. Solche schlichten Note-gegen-Note-Sätze nach einfachen Regeln konnten aber durch kleinere Notenwerte auf vielfache Weise verziert werden. Und die Fertigkeiten der Sänger im Improvisieren von Kontrapunkt kann man sich gar nicht virtuos genug vorstellen. Bermudo berichtet: »Einige Männer haben so viel Erfahrung, Fertigkeit und Kenntnisse, dass sie mit vielen Stimmen Kontrapunkt improvisieren, und zwar so treffend und derart fugiert, dass es wie die kunstvollste Komposition klingt. In der Kapelle des Erzbischofs von Toledo sah ich, wie ich mich noch gut erinnere, so begabte Sänger, dass man ihren improvisierten Kontrapunkt als eine gute Komposition verkaufen könnte, würde man ihn aufschreiben. In der nicht weniger frommen königlichen Kapelle von Granada herrscht eine so große Fähigkeit im Kontrapunkt, dass man feinere Ohren als meine bräuchte, um diese zu begreifen, und eine andere Feder, um diese zu beschreiben.«ΑΩ FDi
Nicht für jedermann – Chromatik und Enharmonik
In einer privaten Akademie, die im Frühjahr 1551 in Rom in der Villa eines reichen Bankiers stattfand, kam es zu einem handfesten Streit: Zwei Sänger stritten sich erbittert über die Frage, ob eine Komposition »diatonisch« sei und ob der andere überhaupt wisse, was dies bedeute. Zur Entscheidung wurde in den folgenden Wochen eine öffentliche Debatte mit einem Schiedsgericht angesetzt, der Verlierer sollte eine saftige Geldstrafe von 2 Goldscudi bezahlen. Beide Kontrahenten waren erfahrene Kapellmeister, einer der beiden, Nicola Vicentino, war sogar Spezialist für dieses Thema und reklamierte für sich, der »Erfinder einer praktischen Unterscheidung der chromatischen und enharmonischen Tongeschlechter« zu sein.

Die drei Tongeschlechter (oder »Genera«) Diatonik, Chromatik und Enharmonik waren in der antiken griechischen Musik bekannt und unterscheiden sich in der Anordnung der Einzeltöne in einer Tonskala: Während Diatonik sozusagen mit den »natürlichen« Ganz- und Halbtönen identisch ist, wie sie sich auch auf den weißen Untertasten eines Klaviers finden, werden bei der Chromatik auch die mit einem Kreuz-Vorzeichen erhöhten Halbtöne verwendet. Die Enharmonik schließlich verlangt eine feinste Abstufung von Tonhöhen, die man heute als Mikrotonalität bezeichnen würde. Da sich die Genera eigentlich im Rahmen einer Quarte abspielen, ergeben sich als weitere charakteristische Intervalle auch die kleine oder große Terz für Chromatik oder Enharmonik. So argumentierte Vicentino, dass die fragliche Komposition wie auch die gesamte Musik seiner Zeit eine Mischung der drei Genera sei – eine allzu spitzfindige Argumentation, mit der er den Streit schließlich auch verlor.
Vicentino publizierte im Anschluss einen umfangreichen Traktat mit dem Titel Die antike Musik eingerichtet für die moderne Praxis. Darin beschreibt er genau, wie die drei Genera – inklusive der anspruchsvollen Enharmonik mit ihren subtilen Mikrotönen – in der Musik seiner Zeit verwendet werden können, um die sagenhaften Wirkungen der antiken Musik zu imitieren. Zu diesem Zweck enthält der Traktat nicht nur teils äußerst kühn klingende Beispielkompositionen, sondern auch eine konkrete Bauanleitung für ein Cembalo mit 31 Tonstufen in der Oktave, um die Mikrotöne spielen und Sänger entsprechend schulen zu können.
Was wäre wenn …
Vicentino stand in Diensten des Kardinals Ippolito II. d’Este, der ihn tatkräftig unterstützte. Dieser einflussreiche Kardinal war insgesamt dreimal »papabile«, also ein aussichtsreicher Kandidat für den Papstthron. Man stelle sich vor, wie die europäische Musikgeschichte wohl verlaufen wäre, wenn Vicentino seine ausgefallenen Ideen als päpstlicher Kapellmeister hätte umsetzen können …

Cembalo von 1606 mit 31 Tönen pro Oktave für diatonische, chromatische und enharmonische Musik © akg-images/De Agostini Picture Lib./A. De Gregorio
Als Vorzug einer ähnlich ausgestatteten Orgel hebt Vicentino auch die Möglichkeit hervor, Musik von »allen Völkern dieser Welt« begleiten und deren Sprachmelodien imitieren zu können. Und nicht zuletzt lösten seine Instrumente alle Stimmungsprobleme, mit denen Musikinstrumente üblicherweise zu kämpfen haben. Während heute auf dem Klavier eine »gleichschwebende« Stimmung üblich ist, bei der alle Töne im genau gleichen Abstand zueinander stehen und entsprechend »verstimmt« sind, wurde seinerzeit und noch bis ins 19. Jahrhundert hinein versucht, eine möglichst große Anzahl von »reinen« Intervallen einzustimmen. Auf einer herkömmlichen Klaviatur mit »nur« zwölf Tasten ist dies aber nur sehr beschränkt möglich, hier waren stets Kompromisse nötig (sogenannte »Temperaturen«). Vicentino löste das Problem, indem er die Anzahl der Tasten erweiterte und das Klavier so den unbegrenzten Möglichkeiten der menschlichen Stimme oder auch der Violine annäherte.
Vicentinos noch heute sehr aufregend wirkende Enharmonik wurde nur von wenigen Musikern aufgegriffen, chromatische Kompositionen hingegen finden sich ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in immer größerer Zahl – ganz offensichtlich stellten diese Ideen die Grundlage für die Erweiterung des praktisch nutzbaren Tonvorrats dar. Allerdings hatte schon Vicentino darauf hingewiesen, dass diese beiden Genera als eine »musica reservata« für den privaten Gebrauch von wenigen hohen Herren und Fürsten gedacht seien, nur diatonische Musik eigne sich für »gewöhnliche Ohren«.ΑΩ MKi
»Dies sanctificatus« – Eine Motette von Giovanni Pierluigi da Palestrina
»Motetten für die Feste des ganzen Jahres zu vier Stimmen« – so bezeichnete im Jahre 1563 ein knapp 40-jähriger Komponist namens Giovanni Pierluigi (der nach seiner Heimatstadt Palestrina benannt wurde) den zweiten Sammeldruck mit Kompositionen aus seiner Feder. Ein Jahrzehnt zuvor hatte er mit einem ersten Band, der zyklische Messvertonungen enthielt, in der Musikszene Roms ein Zeichen gesetzt, und nun folgte also die andere der beiden zentralen Gattungen der römischen Vokalmusik: die Motette. Palestrina war ein durch und durch römischer Komponist, der sein ganzes Leben im Umfeld der katholischen Institutionen dieser Stadt verbrachte und vor allem Musik für deren Gebrauch komponierte. Er war (unter anderem) Chorknabe an Santa Maria Maggiore, Kapellmeister am Petersdom und der päpstlichen (»Sixtinischen«) Kapelle und an der Lateran-Basilika. Palestrina hinterließ etwa 700 Kompositionen, darunter 94 Madrigale, ansonsten ausschließlich geistliche Kompositionen: Messen, Hymnen, Offertorien, Magnificat-Vertonungen, Lamentationen, Litaneien und eine große Fülle von Motetten.

Der Anfang von Palestrinas Motette Dies sanctificatus mit dem imitatorischen Einsatz der vier Stimmen
Palestrinas erster Motettenband enthält – wie der Titel verspricht – Werke für die großen Feste des Kirchenjahres (also für Weihnachten, Ostern, Pfingsten usw.) und für die Heiligenfeste. Da für den Advent (den eigentlichen Anfang des Kirchenjahres) keine kunstvolle Mehrstimmigkeit vorgesehen war, beginnt der Band mit einer Motette für das Weihnachtsfest: »Dies sanctificatus illuxit nobis«, zu Deutsch: »Ein geheiligter Tag ist uns aufgeleuchtet, kommt, ihr Völker, und betet den Herrn an, denn heute ist er herabgestiegen, ein großes Licht auf Erden. Dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat: Lasst uns jubeln und uns an ihm freuen.«
Die Motette steht exemplarisch dafür, was über Jahrhunderte als »Palestrinastil« gepflegt und nachgeahmt werden sollte. Eröffnet wird sie mit einer typischen Imitation, bei der die Stimmen der Reihe nach mit dem gleichen Thema (man spricht auch von »Soggetto«) eintreten. Die einzelnen Stimmen verlaufen in fließenden Bewegungen: Größere Sprünge sind selten oder werden durch Gegenbewegung ausgeglichen, rhythmische Wiederholungen zugunsten einer stetigen Abwechslung vermieden, Dissonanzen durch strenge Regeln in den konsonanten Satz eingebunden. Einzelne Passagen des Textes werden durch homophone Deklamation vom polyphonen Kontext abgehoben. So erklingen die Schlussworte »exultemus et laetemur in ea« (»Lasst uns jubeln und uns an ihm freuen«) in einem tänzerischen Dreier-Metrum.
Zu hohes Gehalt gefordert
Palestrina war schon zu Lebzeiten ein europaweit geschätzter Komponist. Ende der 1560er-Jahre wollte ihn der deutsche Kaiser Maximilian II. als Kapellmeister nach Wien an seinen Hof berufen, doch die Verhandlungen scheiterten an Palestrinas Gehaltsvorstellungen.
Ein wichtiger Hintergrund für das Leben Palestrinas ist das Konzil von Trient, eine Generalversammlung der Vertreter der katholischen Kirche, deren drei Sitzungsperioden sich von 1545 bis 1563 erstreckten. Mit dem Konzil setzte die katholische Kirche eine lange Tradition von eigenen Reformversuchen fort, die durch die Reformation neue Dringlichkeit bekommen hatten. Als das Konzil begann, hatte Giovanni Pierluigi gerade als 20-Jähriger seine erste Stelle als Organist angetreten. Als es knapp zwei Jahrzehnte später zu Ende ging, war er Musiker an der römischen Basilika Santa Maria Maggiore und bereitete die Publikation seines ersten Motettendruckes vor. Später widmete er ein Messenbuch dem spanischen König Philipp II. und damit dem König jener Nation, deren Vertreter beim Konzil besonders nachdrücklich Partei für die Musik ergriffen hatten: Einige Teilnehmer hatten nämlich die Abschaffung (oder doch zumindest starke Einschränkung) kunstvoller Musik im Gottesdienst gefordert, waren damit aber auf Widerstand gestoßen. Auf jeden Fall experimentierten Komponisten während und nach dem Konzil mit Kompositionstechniken, die eine bessere Textverständlichkeit in mehrstimmiger Musik gewährleisten sollten – denn vor allem darum war es den Reformern gegangen. Auch Palestrina nahm aktiv an diesen Entwicklungen teil. Schnell rankten sich Legenden um seine Rolle.
Palestrina hinterließ als Erster ein Werk, das in größerem Umfang eine ununterbrochene Aufführungsgeschichte bis in die Gegenwart aufzuweisen hat. Und mehr als das: An Palestrina und dem »Palestrinastil« entzündeten sich seit seinem Tod auch immer wieder Debatten darüber, wie Kirchenmusik, wie Kontrapunkt, ja wie Musik schlechthin aussehe bzw. auszusehen habe.ΑΩ FDi
Ein Kosmopolit in München – Orlando di Lasso

Orlando di Lasso, Gemälde, um 1593
Palestrina war berühmt – aber der berühmteste Komponist seiner Zeit war Orlando di Lasso. Die Zahl an Musikdrucken, die ausschließlich Werke von Lasso überliefern, übersteigt die Anzahl der Palestrina-Drucke um das Doppelte. »Orlando di Lasso« ist die italienisierte Schreibweise, die der um 1532 in Mons (Hennegau, heutiges Belgien) vermutlich als Orlande oder Roland de Lassus Geborene selbst am häufigsten verwendete. Wegen seiner schönen Stimme soll der Knabe drei Mal entführt worden sein. Mit seinem letzten Entführer, dem Vizekönig Ferrante Gonzaga, gelangte er nach Italien, wo er einige Jahre verbrachte. Mit ungefähr 20 Jahren wurde er Kapellmeister an der Lateran-Basilika in Rom. Anschließend ließ Lasso sich zunächst in Antwerpen nieder, wo er seine ersten Musikdrucke veröffentlichte – der Beginn einer langen Erfolgsgeschichte: Bis zu seinem Tod sollte durchschnittlich jeden Monat irgendwo in Europa ein Druck mit Lasso-Werken auf den Markt kommen. Kurz darauf, 1556, ging der etwa 25-Jährige an den bayerischen Hof nach München, wo er die knapp vier Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1594 tätig bleiben sollte, zunächst als Tenorist, später als Kapellmeister.
Anders als Palestrina, der fast ausschließlich im Dienst geistlicher Institutionen stand, schuf Lasso neben geistlicher Musik (Messen, Motetten, Magnificats, Litaneien usw.) auch eine große Zahl weltlicher Werke: deutsche Lieder, französische Chansons, italienische Madrigale. Lasso war ein Kosmopolit. Seine Briefe, von denen sich viele erhalten haben, sind voller Wortwitz in einem Gemisch aus Deutsch, Französisch, Lateinisch, Italienisch und Spanisch. Hinter seiner Heiterkeit, seinem derben Witz und seinem Blick für komische Situationen zeigt sich aber auch ein labiler und melancholischer Charakter. Nicht wenige Leser fühlen sich heute an einen anderen berühmten Komponisten erinnert, der zwei Jahrhunderte später von seinen Reisen Briefe schrieb: Mozart. In einem seiner Briefe dichtet Lasso ein gereimtes Sprachgemisch, das auf Deutsch ungefähr wie folgt klingt: »Speis’ und Trank mag ich nicht missen, wer mich kennt, wird das wohl wissen. Ich müsst ein arger Dummkopf sein, tränk’ lieber Wasser ich als Wein. Wenn’s mir dann im Gedärme kracht, nehm’ jeder seine Nas’ in Acht.« Aber dann in einem anderen Brief: »Durch Gottes Barmherzigkeit habe ich vor zwei Tagen erfahren, dass einige, die mir Freundschaft erzeigen, meine Todfeinde sind. Ich konnte es gar nicht glauben, aber diese gemeine, feige Welt ist so unbeständig und so schrecklich, dass man sich sozusagen nicht einmal auf sich selbst verlassen darf.«
Den derben und gewitzten Briefeschreiber vermeinen wir als Komponisten im Lied Audite nova am Werk zu sehen. Der Text beginnt mit dem lateinischen Ausruf »Hört die Neuigkeiten!«, den Lasso wie den Anfang einer ernsten lateinischen Motette setzt: Ein imitatorischer Anfang führt in einen gedehnt-ehrwürdigen Halbschluss, bevor die wichtigen Neuigkeiten auf Deutsch erzählt werden: »Der Bauer von Eselskirchen, der hat eine feiste ga-ga Gans. Das gy-ri gy-ri ga-ga Gans, die hat einen langen, feisten, dicken, weidlichen Hals.« Die feiste Gans wird im weiteren Verlauf des Liedes gerupft, gezupft, gebraten, gesotten, zerrissen und gefressen – zu Wein und Bier. Nach dem motettischen Anfang verfällt der Satz hier in die Machart der Villanellen: eher homophone Abschnitte, scharfe rhythmische Kontraste, schnell deklamierter Text mit Nonsens-Silben.
Vor Entlassung verstorben
1594 nahmen Beamte des Münchner Hofs das gesamte Hofpersonal unter die Lupe, um festzustellen, wer entbehrlich war und im Rahmen von geplanten Sparmaßnahmen entlassen werden konnte. Auf die Liste kam auch der Name Lassos, den man in den Frühruhestand versetzen wollte. Kurz darauf strich man ihn wieder – mit dem Vermerk »ist todt.«
Der melancholisch-grüblerische Lasso dagegen tritt uns als Komponist etwa in seinen Lagrime di San Pietro entgegen. Nur Wochen vor seinem Tod widmete Lasso dieses Werk Papst Clemens VIII. Die büßende Seele spiegelt sich in den Tränen, die der Apostel Petrus (nach seiner Verleugnung Christi in der Passionsgeschichte) vergossen hat und die hier in 20 geistlichen italienischen Madrigalen und einer lateinischen Motette besungen werden. Die in drei mal sieben Stücke gegliederte Sammlung ist für sieben Stimmen komponiert, und nur sieben der acht Kirchentonarten werden verwendet. Die Zahl Sieben kann in diesem Kontext sowohl für die sieben Schmerzen der Gottesmutter als auch für die sieben Todsünden oder die sieben Bußpsalmen stehen. Kompositorisch zieht Lasso hier nochmals eine Summe seines Könnens, verbindet madrigaleske Textausdeutung und Chromatik mit der zurückhaltenden Ernsthaftigkeit der Motette. Im Vorwort schreibt er, er habe dieses Werk zu seiner »eigenen Andacht in nunmehr lastendem Alter« komponiert.ΑΩ FDi
Geistliche Sinfonien – Venedig, der Markusdom und die Mehrchörigkeit
Praktische Hinweise für das doppelchörige Komponieren
Gioseffo Zarlino und Nicola Vicentino geben in ihren Kompositionslehrbüchern zahlreiche Hinweise für das doppelchörige Komponieren. So soll etwa in Passagen, wo beide Chöre gleichzeitig singen, jeder Chor in sich kontrapunktisch stimmig und alleine singbar sein. Wenn die Chöre sich abwechseln, soll der zweite in einen Schlussakkord des ersten einfallen, indem jede Stimme den Ton der entsprechenden Stimme des ersten Chores übernimmt.
So manche Binsenweisheit ist zu einfach, um vergessen zu werden, auch wenn sie sich schon lange als nicht ganz richtig herausgestellt hat. Dazu gehört die ungemein einleuchtende Idee, die gegenüberliegenden Orgelemporen im Chorraum des Markusdoms zu Venedig hätten den Anstoß gegeben zur Erfindung der Doppelchörigkeit, wie sie typisch ist für die groß angelegten Chor- und Instrumentalkompositionen der zweiten Hälfte des 16. und dann des 17. Jahrhunderts. Die Verbindung des weltweit bekannten architektonischen Denkmals mit der prachtvoll-erhabenen Festmusik ist von schlagender Einprägsamkeit, aber leider schon seit Jahrzehnten wissenschaftlich überholt. Erfunden wurde dieses Verfahren nicht in Venedig, und als man es dort einführte, standen sich die Chöre nicht auf den Emporen gegenüber.
Im Prinzip ist die Idee der Doppelchörigkeit sehr alt, denn die Praxis, insbesondere Psalmen in zwei Sängergruppen alternierend vorzutragen, lässt sich bis in die Anfänge liturgischen Singens überhaupt zurückverfolgen. Schon im 15. Jahrhundert findet sich dieses Verfahren dann auch in die Mehrstimmigkeit übertragen. Meist wird in diesen frühen doppelchörigen Werken ein Psalm oder Hymnus versweise abwechselnd vorgetragen, jeweils ein Vers »gregorianisch« einstimmig und ein Vers mehrstimmig. Daneben findet sich jedoch auch schon die Praxis, sämtliche Verse mehrstimmig zu vertonen und dann abwechselnd von zwei Chören singen zu lassen. Noch immer wechseln bei dieser Praxis die Chöre mit den Versen. Eine echte Neuerung zeigt sich dann im frühen 16. Jahrhundert, als man dazu überging, auch innerhalb der Verse die Chöre zu wechseln, ja Textwiederholungen zwischen den Chören zuzulassen und so Echo-Wirkungen und andere kompositorische Effekte einzubauen. Praktiziert wurde diese Kompositionsweise offenbar zuerst in Padua, von wo aus sie nach Venedig gelangte.

Das Titelbild von Michael Praetorius’ Theatrum instrumentorum (ein Werk zur Instrumentenkunde) zeigt vermutlich die Gröninger Schlosskapelle, in der die Kapelle des Braunschweig-Wolfenbüttelschen Hofes einen dreichörigen Psalm musiziert, wobei in jedem Chor Sänger, Instrumente und ein Generalbassinstrument vertreten sind.
Im Markusdom waren es aber zunächst offenbar gar nicht die gegenüberliegenden Emporen, von denen die »chori spezzati« (von italienisch »spezzato«: »zerstückelt«) ausgeführt wurden. Vielmehr lassen zeitgenössische Darstellungen darauf schließen, dass beide Chöre zusammen auf einer gemeinsamen Sängerkanzel aufgestellt waren. Um die Ensembles voneinander klanglich abzuheben, wurde das eine chorisch, das andere solistisch besetzt. Die Aufführung dieser mehrchörigen Werke war in San Marco besonderen Festtagen vorbehalten. Hier überschnitten sich religiöse und städtische Feierlichkeit. Markusdom und Markusplatz waren das politische wie geistige Zentrum der Republik. Mit einer eigenen Liturgie, die sich von der römischen unterschied, grenzte man sich selbstbewusst von Rom ab. In der Rivalität spielte auch die Musik eine wichtige Rolle, und so baute man die Kapelle im Laufe des 16. Jahrhunderts zu neuer Größe auf. Eine zentrale Figur war dabei Adrian Willaert, der 35 Jahre lang Kapellmeister am Markusdom war. Zu seinen Nachfolgern zählten seine Schüler Cipriano de Rore und Gioseffo Zarlino, der den meistgelesenen Kontrapunkttraktat seiner Zeit verfasste. Auch die Organisten am Markusdom spielten eine wichtige Rolle, unter ihnen Andrea Gabrieli und sein Neffe Giovanni.
Die Gabrielis führten in ihren Concerti und Sacrae Symphoniae auch die Mehrchörigkeit zu neuen Höhen. Erst im Werk dieser beiden zeigen sich die Eigenschaften, die man künftig mit dem Stichwort der »venezianischen Mehrchörigkeit« verbinden sollte: prachtvolle Klangentfaltung unter Einbezug von Instrumenten, starke Kontraste, Wiederholungen, lebhafte Rhythmik. Erst jetzt begann man offenbar auch, die architektonischen Gegebenheiten des Markusdoms in die Kompositionen und Aufführungen einzubeziehen. Dass die Mehrchörigkeit schon bei frühen Zeitgenossen als typisch venezianisch wahrgenommen wurde, liegt also vor allem daran, dass sie (wenngleich andernorts erfunden) in Venedig von besonders bekannten Musikern an besonders bekannter Stelle in besonderer Qualität und Quantität gepflegt wurde. Nördlich der Alpen griffen Heinrich Schütz oder Michael Praetorius das doppelchörige Komponieren »nach dem Exempel der Italorum« auf und entwickelten es weiter.ΑΩ FDi
Glocken spielen im heutigen Klangbild einer Stadt keine große Rolle mehr und werden oft nur noch als störende Lärmquelle empfunden. Sie gehören zu den ältesten christlichen Musikinstrumenten und dienten wegen ihres weittragenden Klangs zur Propaganda und Missionierung. Auch magische Kräfte wurden ihnen zugeschrieben: »Ich rufe die Lebenden, beklage die Toten, bezähme die Blitze«, lautet die Inschrift einer 1486 gegossenen Glocke.
Stadtmusiker sind von der Mitte des 14. bis zum 19. Jahrhundert dokumentiert. Sie waren in den Farben der Stadt gekleidet und mit ihrem Wappen geschmückt. Damit repräsentierten sie die Stadt nach außen und wurden für diplomatische Botengänge eingesetzt. Es waren vorwiegend Bläser (»Stadtpfeifer«), die aber auch andere Instrumente beherrschen mussten.
Als homophon (gleichklingend) bezeichnet man Musik, deren Stimmen alle ähnlich und vor allem auch rhythmisch gleich geführt sind. Im Gegensatz dazu steht die Polyphonie (Mehrstimmigkeit), deren Stimmen eine rhythmisch-melodische Eigenständigkeit aufweisen und die mittels Kompositionstechniken wie Kontrapunkt und Imitation organisiert sind. Anders als oft zu lesen, setzt dies keine schriftliche Aufzeichnung voraus, Polyphonie kann auch improvisiert werden.
Die pythagoreische Stimmung wird abgeleitet von dem antiken Philosophen Pythagoras, der die Intervallgrößen angeblich in einer Schmiede entdeckte. Ihm fielen die verschiedenen Tonhöhen der unterschiedlich großen Schmiedehämmer auf. Einfache Proportionen wie 2:1 für die Oktave und 3:2 für die Quinte galten als konsonant, komplexere wie 9:8 für den Ganzton oder 5:4 für die große Terz als dissonant.
Die Auswertung von Bildern als Quellen für die Musik nennt man Musikikonografie (von den griechischen Wörtern für »Bild« und »beschreiben«). Bilder können neben musikalischen Aufzeichnungen (Noten), Musiktraktaten (theoretischen Abhandlungen), Beschreibungen von Aufführungen und anderen schriftlichen Dokumenten wie Rechnungen Auskunft über Musik und ihre Aufführungsbedingungen geben.
Musica ficta (etwa »vorgestellte« oder »eingebildete Musik«) meint den Einsatz von Vorzeichen wie # oder b, die einen Ton um einen Halbton erhöhen oder erniedrigen. Zunächst brauchte man die Vorzeichen beim Transponieren (Verschieben einer Melodie auf eine andere Tonhöhe), zunehmend aber auch für Veränderung von einzelnen Tönen aus ästhetischen Gründen.
Viele Rätsel gab der Begriff der contenance angloise auf, der in einem Text von Martin Le Franc von 1441/42 auftaucht und der in keiner Musikgeschichte fehlen darf: Gemeint ist mit der »englischen Haltung« vielleicht die in England geschätzte Gesangsweise mit erweiterten Konsonanzen und dem Vermeiden von Dissonanzen, vielleicht aber auch eine besondere Form der Melodiegestaltung. Und auch die mit anklingenden »Engel« sind wohl nicht unbeabsichtigt.
Die Motette, deren Anfänge im 13. Jahrhundert liegen, hat nun immer lateinische und meist im weitesten Sinne geistliche Texte. Sie besitzt zwar keinen festen Ort in der Liturgie, kann aber dort Platz finden. Eine genaue Definition ist schwierig, auch der Musiktheoretiker Johannes Tinctoris formuliert ausweichend: »ein Gesang von mäßiger Länge, dem Worte irgendwelchen, oft religiösen Inhalts unterlegt werden«.
Als Tenor (vom lateinischen Wort für »halten«) wird die Stimme in einem mehrstimmigen Satz bezeichnet, die als Cantus firmus die Grundlage bildet und sozusagen »durchhält«. Der Name blieb für eine tiefere Stimmlage in Gebrauch, auch wenn sie zu einer höher liegenden Melodie neu konzipiert wurde. Weitere Stimmen, die »gegen« den Tenor entworfen werden, heißen Contratenor, je nach Lage unterhalb des Tenors als »bassus« oder oberhalb als »altus« bezeichnet.
Als »die Chanson« bezeichnet die Musikwissenschaft das französischsprachige Lied in Spätmittelalter und Renaissance. Der Begriff »das Chanson« dagegen wird im Deutschen für eine populäre französischsprachige Liedform seit dem 19. Jahrhundert für Stimme und Instrumentalbegleitung verwendet.
Cantus firmus ist ein »fester«, beibehaltener und meist einer fremden Vorlage entnommener »Gesang« (Melodie), der einer polyphonen Komposition zugrunde gelegt wird.
Messe ist der von den Entlassungsworten »Ite, missa est« (»Gehet, ihr seid entlassen/entsendet«) abgeleitete Name für den Gottesdienst der katholischen Kirche.
Fundamenta (von lateinisch »fundare«: »den Grund zu etwas legen«) enthalten in Form von methodischen Übungsstücken die griff- und satztechnischen Grundlagen für das Spiel auf einem Tasteninstrument. Sie können eine Einführung in das Lesen der Notenzeichen beinhalten, weiter das Bearbeiten von vokalen Kompositionen wie schließlich auch die mehrstimmige Aussetzung eines einstimmigen Tenors oder Chorals.
Mit Diminuieren (von lateinisch »diminutio«: »Verkleinerung«) wird die improvisierte Auflösung längerer in zahlreiche kleinere Notenwerte wie auch in ornamentale Verzierungen bezeichnet. Diese Technik liegt sozusagen in der Hand des Spielers und »schmückt« sein Spiel. Wie eine Vielzahl von Diminutionslehren aus späterer Zeit belegt, wurde diese Kunst von Sängern wie Instrumentalisten gleichermaßen erwartet.
Bei der Orgeltabulatur ist nur die Oberstimme in einem Notensystem mit Linien notiert, die Unterstimmen stehen mit Tonbuchstaben darunter. Zur besseren Orientierung werden rhythmische Einheiten durch senkrechte Striche zusammengefasst, woraus der moderne Taktstrich entstand. Der Begriff »Tabulatur« leitet sich ab vom Zusammenschreiben mehrerer Einzelstimmen auf einer »Tafel«, die nun mit einem Blick gemeinsam gelesen werden können.
A cappella (in der italienischen Schreibweise mit zwei p) bedeutet zwar bis auf den heutigen Tag Gesang ohne Instrumentenbegleitung, doch wurden schon in der Renaissance Instrumente Teil der Ensembles. Im Barock bezeichnete man dann auch reine Instrumentalensembles als Kapellen, deren Leiter als Kapellmeister. Erst im 19. Jahrhundert verschwand der Name »Kapelle« für ein Vokalensemble aus dem deutschen Sprachgebrauch und nahm gleichzeitig in Begriffen wie »Tanzkapelle« sogar eine leicht abwertende Haltung ein.
Neben dem Block- und dem Typendruck gab es noch andere Verfahren für den Musikdruck: Eine in der Mitte des 16. Jahrhunderts aufkommende Methode war der Notenstich, bei dem ähnlich wie beim Kupferstich die Musik spiegelverkehrt auf eine Metallplatte übertragen wurde. Der Vorteil lag darin, ein der Handschrift ähnliches Notenbild zu erhalten, der Nachteil hingegen war eine begrenzte Auflagenhöhe.
Solmisation ist eine im Mittelalter erfundene Methode, Tonstufen auf bestimmte Silben zu singen, um deren Lage im Tonsystem und das Singen zu erlernen. Der Name leitet sich von den zwei Silben sol und mi ab. Die Silben ut (do), re, mi, fa, sol, la, si entsprechen (in »C-Dur«) den Tönen c, d, e, f, g, a, h (b).
Der Begriff Choral bezeichnete ursprünglich die einstimmige Musik der katholischen Kirche, den sogenannten gregorianischen Choral (der übrigens im lutherischen Umfeld noch lange in Gebrauch blieb). Nun umfasste er auch die deutschen Kirchenliedmelodien, später dann auch deren mehrstimmigen (meist vierstimmigen) Satz, bei dem die Melodie zunächst im Tenor, später dann im Sopran lag.
Musica theorica bedeutete im 16. Jahrhundert – in der mittelalterlichen Tradition der »musica« als einer der sieben »freien Künste« – die Betrachtung des Tonsystems, und zwar insbesondere der Zahlenproportionen und deren Bedeutung für die musikalischen Intervalle. Notation, Kontrapunkt und alle darauf aufbauenden Fähigkeiten dagegen zählten zur musica practica.
Der Name der Kurtisane leitet sich von dem italienischen Namen für Hofmann (»cortegiano«) ab. Bezeichnet wurden damit Frauen, die gegen gute Bezahlung für gepflegte Gespräche und musikalische Unterhaltung sorgten, aber auch für Liebesdienste zur Verfügung standen. Sie waren sehr gebildet und beherrschten die höfischen Umgangsweisen, zu denen eben auch das Musizieren gehörte. Sie galten trotz allem als ehrbar.
Eine sehr zweifelhafte, aber bezeichnende Erklärung aus dem 15. Jahrhundert leitet den Namen Virginal von lateinisch »virgo« für Jungfrau ab, »weil es wie eine Jungfrau mit weicher und süßer Stimme singt«. Wahrscheinlicher ist eine Ableitung von dem Wort für Dorn (»virga«), da die Saiten wie beim Cembalo mit einem Kiel angerissen werden. Gleichwohl galt das Virginal als typisches Fraueninstrument.
Kastraten waren Sänger, denen als Knaben vor dem Einsetzen der Pubertät die Hoden entfernt worden waren, um den Stimmbruch zu verhindern. Gelang die Operation, so verfügten sie über eine ununterbrochene Gesangspraxis und konnten mit der Lungenstärke eines Erwachsenen atemberaubende Läufe und Verzierungen bewältigen. So waren sie Frauenstimmen überlegen, denen lange Zeit eine vergleichbare Ausbildung vorenthalten blieb.
Schon in der Antike diente eine Lira zur Begleitung von Dichtung. Daraus leitet sich auch die Bezeichnung »Lyrik« für die Dichtung in Versform ab. Kurioserweise ist diese antike Tradition so mächtig, dass man selbst noch in der heutigen Popmusik von »lyrics« für die Songtexte spricht.
Der erst im 19. Jahrhundert geprägte Begriff Humanismus (von lateinisch »humanus«: »auf den Menschen bezogen«) bezeichnet eine Bildungsbewegung, die ausgehend vom Studium der klassischen antiken Sprachen und Texte den Menschen erziehen wollte. Entsprechend bezogen sich die »studia humanitatis« (»humanistische Studien«) vor allem auf sprachliche Disziplinen wie Grammatik, Rhetorik und Poesie und revolutionierten im 15. und 16. Jahrhundert die höhere Schulbildung und die Universitäten.
Eine Rosette verziert ein Schallloch, das für einen Druckausgleich der im Korpus in Schwingung versetzten Luft nach außen sorgt. Ihre kunstvoll verschlungenen Flecht- und Knotenmuster ähneln den Fensterrosetten mittelalterlicher Kirchen, verweisen aber auf die arabische Herkunft und laden zu zahlensymbolischen Interpretationen ein. Der poetische Name »Rosette« allerdings stammt wohl von dem mittelhochdeutschen Wort »râz« ab und meint die Bienenwabe.
Die Bünde bestehen aus Resten von Saiten, die um den Hals verknotet werden und im Prinzip verschiebbar bleiben, um die Stimmung anzupassen. Nur auf der Decke sind statt Bünden massive und fixe Stege aufgeleimt, ähnlich wie bei der modernen Gitarre.
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