Читать книгу: «Mach mich stark!»
DR. DANA RINDERMANN
Mach mich stark!
MIT DEM CLICKER BIS ZUR
HOHEN SCHULE

HAFTUNGSAUSSCHLUSS
Autor und Verlag haben den Inhalt dieses Buches mit großer Sorgfalt und nach bestem Wissen und Gewissen zusammengestellt. Für eventuelle Schäden an Mensch und Tier, die als Folge von Handlungen und/oder gefassten Beschlüssen aufgrund der gegebenen Informationen entstehen, kann dennoch keine Haftung übernommen werden.
SICHERHEITSTIPPS
In diesem Buch sind Reiter ohne splittersicheren Kopfschutz abgebildet. Dies ist nicht zur Nachahmung empfohlen. Achten Sie beim Reiten bitte immer auf entsprechende Sicherheitsausrüstung: Reithelm, Reitstiefel/-schuhe, Reithandschuhe und gegebenenfalls eine Sicherheitsweste.
IMPRESSUM

Copyright © 2021 Cadmos Verlag GmbH, München
Covergestaltung: Gerlinde Gröll, www.cadmos.de
Gestaltung-Kern und Satz: Markus Bürger
Lektorat: Agnes Trosse
Coverfoto: Ines von Frantzius
Fotos im Innenteil, wenn nicht anders angegeben:
Ines von Frantzius, Dana Rindermann
Illustrationen: Dana Rindermann
Deutsche Nationalbibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.
Alle Rechte vorbehalten.
Abdruck oder Speicherung in elektronischen Medien nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Verlag.
ISBN: 978-3-8404-1091-9

DIE AUTORIN
Hallo, ich bin Dr. Dana Rindermann. Ich bin Tierärztin und betreibe eine Fahrpraxis für Pferde-Akupunktur und innovatives Training. Promoviert habe ich über Verhaltensprobleme im Nutztierbereich.
Verhalten ist unglaublich spannend. Darin liegt die Basis für eine effektive Ausbildung und ein tolles Miteinander.
Das Okapi-Training® habe ich entwickelt, um Pferden und ihren Besitzern zu helfen, den Schlüssel zu ihren Fähigkeiten zu finden.
Kladruberstute Jupiter ist sieben. Okapi-Training® ist ihr täglich Brot, seitdem sie vierjährig mit ihrer Ausbildung begann. Sie nutzt es gezielt zum Muskelaufbau, zur Versammlungsarbeit und zur Entwicklung neuer Lektionen. Sie beherrscht alle Lektionen, die du im Übungsteil findest, inklusive Piaffe, isometrischen Squat, Hinlegen und Levade, alles ganz freiwillig und ohne Equipment. Jupiter zeigt dir gerne alle Einzelschritte.
Wir haben zusammen immer Spaß: Die Stute kann Gegenstände nicht nur apportieren, sondern auch werfen. Unser Training mit Objekten hat sich so weit verselbstständigt, dass Jupiter inzwischen mit Wachsstiften Bilder auf Leinwand malen kann. Alles ist möglich – Komm mit auf die Reise!
WAS IST OKAPI-TRAINING®?
Operante Konditionierung ins Alltagstraining produktiv implementieren: Okapi-Training® ist ein effektives, wissenschaftsbasiertes Pferdetraining, bei dem Pferde völlig freiwillig mitarbeiten. Okapi-Training® steht unter Markenschutz. Ausführliche Step-by-Step-Fotoserien zeigen dir, wie du mit deinem Pferd versammelnde Lektionen bis zur Hohen Schule, Tricks, die Dir das Leben leichter machen, und spaßige Übungen erarbeitest.
VORAUSSETZUNGEN
Voraussetzung für die Arbeit mit dem Okapi-Training® ist ein gesundes Pferd, das bereits Grundkenntnisse im Umgang mit dem Menschen hat, und umgekehrt. Wer mit Pferden arbeitet, muss seine eigenen Grenzen, die seines Pferdes und das gegenseitige Maß an vorhandenem Vertrauen einschätzen. Bist du unsicher, ob dein Pferd in der Lage ist, bestimmte Lektionen zu lernen, bitte deinen Tierarzt oder Trainer um Rat.
SICHERHEIT
Pferde sind große, manchmal spontan reagierende Fluchttiere. Sicherheit muss bei der Zusammenarbeit immer an erster Stelle stehen. Alle unsere Fotos sind in gesicherter Umgebung entstanden. In nicht umzäunten Arealen müssen Pferde stets ein Kopfstück tragen.
SPRACHLICHE GLEICHSTELLUNG
Wenn du „der Ausbilder“, „der Reiter“ oder „der Trainer“ liest, ist damit gemeint: „der Ausbilder/die Ausbilderin“, „der Reiter/die Reiterin“ und „der Trainer/die Trainerin“.
Für Flora und Gismo
Hallo, ich bin’s …
…dein Buch zum Okapi-Training®!
Freiwillige Zusammenarbeit mit jedem Pferd: Dafür stehe ich.
Ich wurde gemacht, um dir zu helfen, mit deinem Pferd zusammen alles zu schaffen, was du schon immer trainieren wolltest. Was es auch sei, was dein Pferd lernen soll – irgendwo in mir steckt die Lösung dafür.
Konventionelles Pferdetraining besteht normalerweise darin, dass das Pferd vor allem menschliche Anweisungen befolgt. Weil es das muss. Wie wär’s mit einer Alternative, bei der dein Pferd mit Spaß und Eigeninitiative freiwillig mitarbeitet, und viiiiel schneller lernt? Einer Anleitung, die dir hilft, Schritt für Schritt ein superguter Trainer zu werden?
Kann man ein Pferd dazu trainieren, den Reiter am Aufstieg abzuholen, wenn man es ruft? Einen Schulhalt vom Boden am zaumlosen (!) Pferd formen, dann aufsteigen und dasselbe von oben trainieren? Kann man eine Piaffe in Einzelteilen einüben, die so viel Spaß machen, dass das Pferd später ohne Kopfstück und auf Zuruf piaffiert?
Oh ja – man kann!
Pferdeliebe beginnt mit Wissen. Meine erste Hälfte besteht daher aus wissenschaftsgestützten Hintergrundinformationen rund ums Training und Pferdeverhalten.
Ich zeige dir Neues aus der Forschung: In mir stecken über 150 Literaturquellen darüber, wie Pferde denken und lernen, die ich leicht verständlich und ohne Schnickschnack zusammenfasse. Völlig ehrlich beleuchte ich Techniken der Arbeit mit Pferden: Was funktioniert und wieso? Wie fühlt sich das Pferd dabei? Mit diesem Basiswissen bist du gerüstet, jedes Training zu planen. Wirklich jedes. Danach halte ich 18 Übungskapitel für dich bereit, vom Stillstehen über Piaffe bis zur Levade. Ich habe Hunderte Fotos an Bord, damit du dich Step-by-Step zu deinem Ziel vorarbeiten kannst. Ich erkläre dir ganz genau, wie es geht und welchen Schritt du als Nächstes üben kannst. Dann weißt du immer, was zu tun ist.
Auch Trainer machen mal Fehler und auch die zeige ich ehrlich, damit du sie von vornherein vermeiden kannst. Außerdem habe ich FAQ-Seiten für dich, damit du nachschauen kannst, falls ein individuelles Problem auftaucht. Hier findest du eine Lösung.
Ich mache dich fit, jede Idee mit deinem Pferd umzusetzen, die euch gemeinsam in den Sinn kommt. Schau dir ein Kapitel oder eine Übung an, die dir gefällt, und leg los – heute!
Mach Eselsohren in meine Seiten. Mach dir auf meinen Seiten Notizen. Nimm mich mit in den Stall, panier mich im Sand! So möchte ich aussehen, denn: Ich bin ein Buch für die Praxis.

(Foto: Alison Marburger)
Inhalt
Unser Draht zum Pferd
Vier Wege ins Gehirn des Pferdes
Ein Pferd so richtig motivieren
Schnelles Lernen
Pferd und Mensch
Muss ich Chef sein?
Hilfengebung: Was machen wir da eigentlich?
Equipment checken
Eine echte Bindung mit dem Pferd
Zeichen geben
Sinnvoll füttern!
Click! Das Marker-Signal
Here we go: Starte mit deinem Pferd!
Die wichtigste Regel, wenn du dein Pferd bestärkst
Man bekommt, was man verstärkt: Jasmin und Martin im Park
Raum und Zeit
Alles hört auf mein Kommando! — Welches Kommando eigentlich?
Equipment
Der Clicker
Targets
Objekte und Farben
Der Targetstick
Der Teppich
Die Belohnung
Die Cordeo
Das Kopfstück
Okapi-Übungen
Erste Übung: Etwas berühren (Target)
Anti-Taschenwühlen-Training: Höflichkeit lernen!
Das Genick wölben
Gehen, Stehen, Rückwärts
Untertreten
Isometrischer Squat – Versammlung im Stehen
Plié und Kompliment
Knien und Liegen
Travers und Schulterherein
Aufstieghilfe
Heben
Apportieren
Spanischer Schritt
Piaffe ohne Zwang
Schulhalt
Levade
Clickern beim Reiten
Dein eigenes Projekt

Freie Piaffe ohne Zaum—Hierfür verketten wir mehrere Teilschritte, die einzeln geformt wurden. Lust, das zu lernen?

Mareike Nieschalk mit Nelly und Al-borak

Nicoline Wiermann mit Assa und Draengur

Silke Schwaiger und Skári vom Kreiswald

Hündin Quitte

Prof. Dr. Helen Louton und Tona

Gwendolyn Schubert und Pünktchen
Mitwirkende
Mareike Nieschalk ist Diplom-Soziologin, Trainerin B FN, Kinderreitlehrerin FN sowie Reittherapeutin DKThR und hat das Okapi-Training® mitgestaltet. Ihr Deutsches Reitpony Nelly (Braune) ist 17. Durch das Okapi-Training® hat es zu sich selbst gefunden. Fuchs Al-borak ist ein 19-jähriger Quarab. Er trainiert mit Squat und halben Tritten Rücken und Geist. Lewitzermix Cheyenne (nicht im Bild) ist 21 und hält sich mit den Körperübungen beweglich und fit.
Nicoline Wiermann ist Polizistin und Freizeitreiterin. Ihre Isländer Assa (Braune) und Draengur (windfarben) sind 18 und sechs Jahre alt. Nicoline erarbeitet den Squat und Gehorsam. Übungen wie die Aufstieghilfe findet sie im Alltag besonders nützlich.
Silke Schwaiger ist Physiotherapeutin und reitet seit ihrer Kindheit. Silke und der elfjährige Skári vom Kreiswald sind seit sechs Jahren ein eingeschweißtes Team. Durch geduldiges Training lernte er, Silkes speziellen Anforderungen gerecht zu werden, denn Silke sitzt im Rollstuhl. Beide lieben Bodenarbeit und flotte Ausritte im Odenwald.
Hündin Quitte ist neun und ein sportlicher Mops-Mix. Um bestimmte Trainingssituationen zu erklären, ist ein Hund sehr hilfreich, nämlich immer dann, wenn ein Pferd nicht aufs Bild passt. Außerdem ist die Mimik von Hunden für Menschen besonders leicht zu lesen.
Prof. Dr. Helen Louton ist Tierärztin und reitet schwerpunktmäßig in der Arbeitsweise Working Equitation. PRE Stute Tona ist neun und wird in der Dressur- und Trailarbeit ausgebildet. Besonders gern wenden beide das Okapi-Training® für den Squat, an der Aufstieghilfe und in der Zirzensik an. Ob Hund, ob Pferd, ob Frosch oder Okapi – sie alle lassen sich mit Belohnung trainieren.
Musikvermittlerin und Trainerin Gwendolyn Schubert und das sechsjährige Deutsche Part Bred Shetland Pony Pünktchen sind seit vier Jahren ein eingespieltes Team. Wippen, Zirzensik und Medical Training sind Pünktchens Spezialgebiete.

Jasmin und Martin
WIE IST DAS SO, TRAINIERT ZU WERDEN?
Jasmin und Martin (links), Sandra und Matthias (rechts) stehen uns als menschliche „Versuchskaninchen“ zur Seite. Sie zeigen einzelne Trainingsschritte oder machen Trockenübungen für uns. Jasmin und Martin sind komplette Trainingsneulinge und beschreiben für uns, wie sich belohnungsbasiertes Training anfühlt. Ganz unvoreingenommen haben alle vier für uns Trainingsschritte „nachgeturnt“, mit hochinteressantem Ergebnis.
FUCHSI, DAS BUCHPFERD
Kennst du das? Du kaufst ein Buch und möchtest deinem Pferd die darin gezeigten Lektionen auch beibringen, findest jedoch den Anfang nicht? Oder, noch schlimmer: Das Warum und das Wie bleiben Betriebsgeheimnis? Der Autor hat scheinbar ein „Beibring-Gen“, das du nicht hast? Die Pferde im Buch haben womöglich spezielle Eignung oder sind leichter trainierbar als dein eigenes Pferd? Unsinn! Jedes gesunde Pferd kann alles lernen.

Sandra und Matthias
Das wollen wir anhand von Fuchsi beweisen. Extra für dieses Buch steht sie uns zur Verfügung. Zu Beginn ist der elfjährigen Quarter-Horse-Stute das Okapi-Training® völlig unbekannt. Fuchsis Training begann, während dieses Buch geschrieben wurde, um unterwegs sowohl Fehler, als auch ihren Erfolg und ihre Entwicklung zu zeigen. Sie ist freundlich und zugewandt, aber schreckhaft. Nach einer Western-Vorgeschichte schult sie derzeit um auf Klassische Dressur. Zu Beginn beschränkte sich ihr Repertoire auf Schritt, Trab, Galopp in der Reithalle. Fuchsi ist das „Pferd von nebenan“, und wurde ausgewählt, weil sie, wie es scheint, das ungeeignetste Pferd von allen war: Fuchsis Besitzer sagte, sie sei „eine liebe, aber wenig lernfähige Stute mit der Aufmerksamkeitsspanne einer Eintagsfliege“. Mit der Kamera verfolgten wir ihren Trainingsverlauf ab Tag eins. „Wenn es mit ihr geht“, fanden wir, „dann geht es wirklich mit jedem Pferd!“

Fuchsi

Unser Draht zum Pferd
Was möchtest du mit deinem Pferd erreichen? Hinlegen, Schulhalt, endlich mal entspannt aufs Pferd aufsteigen? Mit der richtigen Trainingsstrategie klappt alles – ganz einfacher Lernerfolg, Schritt für Schritt.
Was wünschst du dir, wenn du mit deinem Pferd arbeitest?
„Ich wünsche mir körperliche Fitness für mein Pferd, aber ich will es nicht zur Arbeit zwingen.“ „Mein Pferd soll während unserer Zusammenarbeit richtig Spaß haben!“
„Eine Verbindung zwischen uns, bei der einer den anderen wirklich versteht – das wäre großartig!“ Nun, das ist möglich! Das Okapi-Training® schlägt eine Brücke zwischen euch und respektiert das Tierwohl deines Partners. Gemeinsam Spaß haben, auch bei Lektionen auf höchstem Niveau.
VIER WEGE INS GEHIRN DES PFERDES
Gutes Pferdetraining berücksichtigt immer die körperlichen und mentalen Eigenschaften des Pferdes. Ein toller Trainer ist jemand, der zügig merkt, ob seine Strategie funktioniert oder nicht, und sie schnell anpasst und der jederzeit Rücksicht auf das Pferd nimmt. Ab jetzt wirst du dieser Trainer sein. Wenn wir Pferde ausbilden, tun wir dabei im Grunde genommen ständig zwei Dinge: Wir bringen dem Pferd bei, eine Sache mehr bzw. häufiger zu tun oder aber weniger bzw. seltener. Dafür stehen uns insgesamt vier Methoden zur Verfügung: Wir können dem Pferd etwas geben, das angenehm ist, oder unangenehm. Oder wir entziehen etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes. Alles, was wir mit einem anderen Lebewesen trainieren, lässt sich auf diese vier Elemente reduzieren. Wirklich alles. Das Angenehme kann Futter sein, Aufmerksamkeit, Sozialkontakt, Freizeit etc.

Vier Wege ins Gehirn des Pferdes
Ändert ein Pferd sein Verhalten absichtlich, um etwas zu bekommen oder zu vermeiden, wird dies operante Konditionierung [1]1 genannt. Darauf gehen wir später noch näher ein.
ETWAS HÄUFIGER ODER MEHR TUN: POSITIVE VERSTÄRKUNG
Wird ein Pferd darauf trainiert, etwas stärker oder öfter zu tun, sagt man Verstärkung dazu. Setzen wir dabei z. B. Futter ein, das unser Pferd haben möchte, ist dies eine positive Verstärkung. „Positiv“ sagt man deshalb, weil etwas hinzugegeben wird. Wenn dein Pferd beim Satteln länger stillsteht und du es dafür mit Futter belohnst, ist das positive Verstärkung.
Positive Verstärkung kommt auch im Menschenalltag dauernd vor, ohne dass wir es so richtig mitkriegen. Stell dir vor, du planst etwas und unterhältst dich mit einem Freund darüber:
„Weißt du, was ich nachher mache?“ –
„Nein, was?“
„Also, Folgendes …“
Du hättest auch einfach sofort erzählen können, was du vorhast. Stattdessen holst du dir eine Verstärkung ab, nämlich das Interesse deines Freundes. Du erzeugst Neugier bei deinem Gegenüber, das fühlt sich gut an. Interesse oder Aufmerksamkeit von Mitmenschen, die einen motivieren, nennt man soziale Verstärker2 [2].
Pferden geben wir natürlich mehr als nur Aufmerksamkeit. Wir geben ihnen etwas, das sie sehr gern haben wollen, nämlich Futter. Mit positiver Verstärkung werden Pferde schon viel länger trainiert, als man denkt. Bereits 1593 wurde „Marocco, das tanzende Pferd“ erstmalig schriftlich erwähnt. Das kleine Wunderpferd konnte Geld zählen, bestimmte Personen im Publikum finden und vor diesen niederknien und erklomm sogar den Turm der Old St Paul’s Cathedral. Mr. Banks, Maroccos Besitzer, lenkte sein Pferd mithilfe dezenter Minisignale zur gewünschten Person in der Menge [2]. Historische Aufzeichnungen von 1607 beschreiben die Ausbildung von Marocco.
Techniken wie Belohnung durch Futter, verschiedene Arten der operanten Konditionierung, Target und Signalkontrolle kamen bei Maroccos Training zum Einsatz, alles Methoden, die heute noch angewendet werden. Auf diese Begriffe gehen wir später genauer ein.

Klein anfangen, schaffbar planen:
Fuchsis erster Trainingstag. Sie lernt, ein Hütchen zu berühren. Click!

APOPO HeroRAT Zac auf der Suche nach Landminen.
Wer die HeroRATs unterstützen will, kann dies tun unter: https://www.apopo.org/en/adopt © APOPO
Trainierte Riesen-Hamsterratte Julius bei der Detektion von Tuberkulose.

Marocco und Mr. Banks (aus: Rimbauld (Hrsg.): Maroccus Extaticus or Bankes bay horse in a trance.) (Foto: gemeinfrei)
Positive Verstärkung ist ein Quell der Möglichkeiten, wenn man weiß, wie man sie nutzt. Schau dir Silke und Skári an: Ihre gemeinsame Arbeit kommt ohne Zwänge aus (Abb. hier unten und auf S. 19). Der Elfjährige ist ein hervorragendes Geländepferd und trägt Silke, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, überall hin. Belohnungsbasiert kann man Tieren praktisch alles beibringen. Nicht nur Diensthunde werden ebenfalls mit positiver Verstärkung ausgebildet. Unglaubliches leistet auch eine ganz andere Tierart: Die Gambia-Riesenhamsterratte (Abb. Seite 17 rechts oben und unten). Diese Nager können Landminen aufspüren und Tuberkulose in Laborproben identifizieren, beides vielfach schneller als der Mensch. Über 100.000 Landminen wurden mithilfe der sogenannten APOPO HeroRATs sicher entschärft. 14.000 Tuberkulosefälle, die bei Labortests durchgerutscht waren, wurden durch die Helden-Ratten gefunden [3]. Ihre Trainingsmethode: positive Verstärkung. Spürt die Hamsterratte die korrekte Geruchsprobe (TNT oder Tuberkulose-Bakterien) auf, wird sie mit Futter belohnt [4]. Belohnungsbasiertes Training ist effektiv und dauerhaft, auch bei Pferden, die Menschen helfen. 2001 trainierte Alexandra Kurland, Vorreiterin des Clickertrainings mit Pferden, ein Miniature Horse zum Blindenführpony. Der Vorteil: Ponys haben eine dreimal so hohe Lebenserwartung wie Blindenhunde. Die Stute Panda (Abb. hier rechts) ersetzt Ann, ihrer Besitzerin, bis zum heutigen Tag die Augen [5]. Panda kann alles, was ein Blindenhund kann, zeigt Stufen, Türen und Straßenkreuzungen an und lotst ihre blinde Besitzerin sicher durch die Stadt [6].
Silke lotst Skári frei ins Kompliment.

Silke hat Skári nach dem Anreiten zwanglos selbst ausgebildet.
Welche Effekte hat positive Verstärkung?
• Schnellerer Lernerfolg, der besser hängen bleibt. Wenn du mehr von deinem Pferd willst als bloßes Ausweichen, geht das Training mit positiver Verstärkung schneller und dein Pferd lernt nachhaltiger [7] als mit Druck. Eine Studie verglich Ponys, die durch Drohgebärden oder Belohnung [7] trainiert wurden. Die Belohnungsgruppe verstand die Übung viel schneller. In der Drohgebärdegruppe gab es einzelne Pferde, die die richtige Reaktion überhaupt nicht erlernten. Und wieso? Weil Stress das Lernen blockiert. Übrigens: Was Pferde positiv verstärkt erlernen, vergessen sie nicht mehr, auch nicht nach Jahren [8].
• Freude beim Pferd. Arbeit mit Belohnung ist die einzige Trainingsmethode, die echte Freude hervorruft [9]. Es gibt nichts Schöneres, als ein Pferd, das während der gemeinsamen Arbeit Glück ausstrahlt oder in der Lektion sogar freudig brummelt.
Blinden-Pony Panda führt Ann sicher durch eine Baustelle. © A.Kurland

In jedem Pferd steckt Großartiges. Hilf ihm, es zu herauszulassen – Indem du Verstärker richtig nutzt.

Es darf Spaß machen! Nicoline und Assa üben an der Aufstieghilfe.
• Freude beim Trainer. Wer sich auf Belohnungsbasiertes Training einlässt, merkt schnell: Das macht Spaß. Die positive Emotion begünstigt den Lernfortschritt von Pferd und Mensch, sodass sich schnell Erfolge einstellen.
• Positiver emotionaler Status und Motivation. Training anhand von Belohnung führt dazu, dass dein Pferd gern mit dir zusammen ist [7], statt nur auf Befehle zu warten. Mit positiver Verstärkung trainierte Pferde sind nachweislich motivierter [10]. Körperhaltung und Ohrenspiel zeigen die positive Einstellung [11]. Eine Studie verglich das Verladen von Jungpferden unter Belohnung oder unter Zwang: Eine Gruppe bekam Futter, die andere Druck mittels Peitsche. Die Futtergruppe zeigte schon beim ersten Verladeversuch mehr neugieriges Interesse am Anhänger. Die Peitschengruppe trat bereits innerhalb einer Minute häufiger zur Seite oder nach hinten [12]. Der Trainer mit der Peitsche brauchte gar nur eine Minute, um eine „Anti-Anhänger-Einstellung“ beim Pferd zu erzeugen. Manchmal reicht also eine einzige traumatisierende Erfahrung aus, um bei Pferden eine dauerhafte Aversion zu wecken [13].
• Aufbau einer echten Bindung. Zwei Lebewesen, die eine Verbindung haben, wollen in der Nähe des anderen sein. Wer echte Freundschaft sucht, ist hier richtig: Mit Belohnung trainierte Pferde suchen wesentlich stärker den Kontakt zum Trainer [11, 14].
• Kontrollierbares Reha-Training. Bei der Arbeit ohne Zwang reduziert sich die Wahrscheinlichkeit, über den Schmerz hinaus zu arbeiten. Bei belohnungsbasiertem Training lernt der Mensch, sein Pferd besser zu lesen – und einzuschätzen, bis wohin er mit seinem Pferd gehen kann.
• Kenntnisse erforderlich. Die Arbeit mit positiver Verstärkung erfordert etwas Selbstdisziplin und Grundwissen. Die Aussicht auf Belohnung kann, zu Anfang, beim Pferd so viel Vorfreude erzeugen, dass es versuchen könnte, in der Tasche zu wühlen. Keine Sorge: Deswegen starten wir zuallererst mit dem Höflichkeitstraining.

Keine Angst vor Futterbelohnung! Höflichkeit ist trainierbar.

Du erinnerst dich: Fuchsi galt als lernschwach. Nach zehn gemeinsamen Monaten bastelt sie hier am Terre-à-terre.
Und: Pferdetraining jeglicher Art funktioniert nur dann, wenn der Mensch verständlich (und pünktlich!) Feedback gibt, damit das Pferd weiß, was es machen soll. Wie das geht? Zeigen wir dir!
• Völlig neue Kommunikation. Wenn du positive Verstärkung lernst, vergrößert sich dein Wissen über das Lernverhalten des Pferdes immens. Ganz einfach deswegen, weil diese nur funktioniert, wenn du deinem Pferd mitteilst, was das Ziel ist. Dadurch verbessert sich die Übermittlung von Informationen zwischen beiden Spezies. Weg von: „Verstehst du mich, oder soll ich lauter schreien?“, hin zu: „Wir kommunizieren miteinander“. Wir gestatten unseren Pferden, sich zu entfalten und auszudrücken.
Abgesehen von fantastischen Lektionen ist dies das Beste an belohnungsbasiertem Training: Unsere Pferde entwickeln mit der Zeit eine eigene Sprache für uns. Weil wir sie endlich hören.
• Kreative Arbeit. Pferde, die mit positiver Verstärkung lernen, zeigen mehr Trial-and-Error-Verhalten („Versuch und Irrtum“) [10], probieren also mehr aus. Das Pferd bringt sich kreativ in die Zusammenarbeit ein, statt nur aufs Ausweichen zu warten. Auch der Mensch wird kreativer. Je tiefer du in die Materie eintauchst, desto häufiger wirst du neue Wege finden, eine Lektion beizubringen.
ETWAS HÄUFIGER ODER MEHR TUN: NEGATIVE VERSTÄRKUNG
Eine andere Methode, ein Pferd dazu zu bringen, etwas zu tun, ist ein unangenehmer Reiz, dem das Pferd mit seiner Reaktion entgehen möchte. Dies nennt sich negative Verstärkung. „Negativ“, weil etwas weggenommen wird, zum Beispiel Druck. Eine unangenehme Empfindung durch Einwirkung auf das Gewebe also. Das Pferd reagiert, der Druck geht weg. Wer einem Jungpferd die Schenkelhilfen beibringt, bekommt eine Reaktion, wenn er die Fersen in die Seiten drückt. Das Pferd läuft los, der Reiter entfernt den Druck. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Pferd bei der nächsten Bewegung der Fersen wieder losgeht, wird dadurch größer [15].

„Ich kann das alleine!“ – Wir formen Lektionen Schritt für Schritt. Der Körper bekommt ausdrücklich Zeit, dem Geist zu folgen.

Werfen: Diese Übung kann mit Zwang nicht trainiert werden.
Ganz recht, diese Form der Pferdeausbildung ist auch heute noch weitgehend Standard [16]. Auch wenn es gern als „Verbindungsstück“ zwischen Mensch und Pferd bezeichnet wird, ist auch das Gebiss stets eine negative Verstärkung [17]. Für ein erfolgreiches Pferdetraining ist es wichtig, unser Tun ehrlich zu benennen und die Art, mit der wir auf das Pferd einwirken, korrekt einzuordnen. Ganz gleich, wie weich meine Hand auch ist: Das Gebiss bleibt ein hartes Objekt auf Zunge und Zahnfleisch meines Pferdes, das mehr oder weniger starken Druck auf Zunge, Unterkiefer oder die Haut der Maulwinkel ausübt (Abb. S. 26 oben). Pferde sind grundsätzlich sensibel gegenüber unbequemen Stimuli und weichen schnell aus [19]. Unannehmlichkeiten im Pferdetraining haben jedoch den Effekt, dass sich auch die innere Einstellung des Pferdes verändert. Je nachdem, wie unangenehm etwas ist, wird das Verlangen, der Situation zu entkommen, immer größer, und die Wahrscheinlichkeit, dass das Tier eine Lektion lernt wie gewünscht, wird immer kleiner [20].
Welche Wirkung hat negative Verstärkung?
• Schnelle Reaktion. Sie ist der Grund dafür, dass fast alle Reiter auf der ganzen Welt so arbeiten: Unangenehmes tun – das Pferd weicht aus – Unangenehmes fällt weg – Vorgang abgeschlossen. Wenn nur die Bewegung im Vordergrund steht, hat Druck (z. B. das Pferd wegtreiben) oftmals eine schnelle Wirkung. Betrachten wir das Longieren: Um hier rein mit positiver Verstärkung zu arbeiten, könnte man z. B. einen Kreis aus Hütchen aufbauen und das Pferd belohnen, wenn es um diesen herumgeht. Verglichen mit der gängigen Methode (Pferd nach außen treiben) ist dies durchaus zeitaufwendiger, dafür ist der Lerneffekt auch größer (Abb. S. 26 unten).
Auch beim Einsatz negativer Verstärkung muss man wissen, was man tut. Ob das immer der Fall ist, sei dahingestellt: Eine Befragung von 350 Reitern konnte zeigen, dass nur rund ein Viertel der Teilnehmer ein klares Verständnis davon hatte, wann Pferde ausweichen und wie man Druck korrekt dosiert einsetzt [21]. „Das kann doch nicht sein“, dachte ich, und befragte daraufhin 50 zufällig ausgewählte Pferdebesitzer. Es zeigte sich, dass den meisten gar nicht bewusst ist, wie viel ihrer Einwirkung tatsächlich aus unangenehmen Reizen besteht, und dass oftmals Impulse, die deswegen wirken, weil sie dem Pferd unangenehm sind, beschönigt werden (z. B. wird „Touchieren“ gesagt statt „Gerte einsetzen“). Ich roch Lunte und befragte 30 mit mir befreundete Tierärzte, die, berufsbedingt, ständigen Pferdekontakt haben und privat ebenfalls reiten. Weniger als die Hälfte konnte negative Verstärkung und positive Strafe korrekt erläutern, obwohl keiner von ihnen mit Belohnung arbeitete.

Kein Kappzaum. Keine Gerte. Piaffe, ohne Druck, nur mit Halfter, auf Stimmzeichen – und das Pferd zeigt ein Spielgesicht! Wie das genau geht, findest du Step-by-Step im Übungsteil.

Zügel- und Schenkelhilfen sind für das Pferd unangenehme Reize. Wären sie dem Pferd egal, hätten sie keine Wirkung: Das Pferd würde nicht weiterlaufen oder abwenden.
• Keine Eigeninitiative. Pferde, die nur das Ausweichen kennen, probieren irgendwann nichts mehr aus. Je nach Anspruch an das Pferd ist dieser Zustand vielleicht sogar gewollt. Die Zusammenarbeit wird dabei jedoch unkreativ. Der Reiter könnte annehmen, sein Pferd sei dumm, weil es nichts mehr anbietet [22], oder desinteressiert, dabei ist diese Passivität antrainiert.
• Erzeugung von Stress oder Meiden des Trainers. In manchen Vergleichsuntersuchungen schien die negative Verstärkung die Pferde kaum zu stören [23], in anderen führte sie dazu, dass die Pferde Angst bekamen und der Trainer gemieden wurde [7]. Ein Vergleich zweier Gruppen von Stuten in einer einfachen Trail-Aufgabe zeigte, dass mit Druck trainierte Pferde eine verspannte, abwartende Haltung gegenüber dem Trainer einnahmen und regelmäßig die Ohren anlegten. Mit Belohnung trainierte Pferde zeigten sich bei den gleichen Aufgaben freundlich motiviert und suchten viel mehr Kontakt zum Trainer [11].
„Longieren“ ohne unangenehme Reize: Pünktchen folgt dem Bällchen am Stick.

Kernstärke – So richtig interessant wird das Training, wenn wir Lektionen formen, die man mit Zwang gar nicht erreichen kann. Pünktchen im isometrischen Squat.
• Mögliches Übersehen von Problemen. Auf Druck basierende Arbeit kann dazu führen, dass der Mensch die körperliche oder mentale Ermüdung des Pferdes übersieht, weil das Pferd sozusagen das kleinere Übel wählt und lieber gehorcht, „… oder sonst …!“. Negative Verstärkung hat das Potenzial, Stress zu überlagern und das Wohlbefinden des Pferdes zu stören [10].
• Exaktheit erforderlich. Der Mensch verpasst gerne mal den Moment, in dem er den Druck nachlassen muss [21]. Jedes Pferd mit kahlen Stellen an den Seiten hat einen Reiter, dem für das Prinzip der negativen Verstärkung das Bewusstsein fehlt. Solch ein Reiter drückt aus Gewohnheit weiter mit dem Bein, obwohl das Pferd bereits läuft. Aus der negativen Verstärkung wird …
• … Strafe. Lässt der Reiter den Druck nicht nach, wird das Pferd über kurz oder lang die gewünschte Sache seltener tun, statt häufiger [24]. Viele Abwehrreaktionen nehmen hier ihren Anfang. Der gefährlichste Effekt dauernder Strafe ist Aggression gegen den Menschen [9]. Suboptimales Timing im Nachgeben von Druck ist der Grund für die meisten Konflikte zwischen Reiter und Pferd [25]. Ständige Strafe hemmt den Lernfortschritt des Pferdes und schädigt die Beziehung zwischen Mensch und Pferd, daher raten Experten dazu, sie zu vermeiden [26].
• Einseitigkeit. Beim Pferdebesitzer führt ausschließliches Training mit negativer Verstärkung zu einer gewissen Starre, sodass er gar nicht in der Lage ist, zu erkennen, ob oder wann ein Tier bei der Zusammenarbeit Freude empfindet [27]. Die Art und Weise, in der Pferde trainiert werden, hat Langzeitauswirkungen [7]: Zwei Gruppen von Ponys lernten das Rückwärtsgehen, eine mit Karottenpellets, die andere durch Wedeln mit der Gerte. Nach bereits drei kleinen Übungseinheiten von wenigen Minuten bekamen die negativ verstärkten Ponys Herzklopfen und zeigten Stress und Abwehrreaktionen. Die Pelletsgruppe zeigte beides nicht. Nur fünf Übungseinheiten führten dazu, dass die Gertengruppe den Trainer mied und sich misstrauisch verhielt. Die Pelletsgruppe suchte während und nach dem Training Kontakt zu den Trainern.
Besonders interessant: Bei einem Wiedersehen nach fünf Monaten waren die Effekte noch da. Auch kurze Trainingsintervalle beeinflussen also die Bindung zum Menschen stark. Was wir Unangenehmes tun, bleibt dem Pferd unangenehm in Erinnerung – na klar!
Meinem Pferd macht Druck bestimmt nichts aus!
Bezüglich unangenehmer Reize wie Schenkeldruck oder Zügelzug hört man häufig Gegenargumente wie dieses: „Das bisschen. Das stört meinen Alfie nicht.“ Hier hilft ein sachlicher Blick auf den Effekt, den der unangenehme Reiz hat: Würde Alfie der Schenkeldruck „nichts ausmachen“, würde er nicht daraufhin sein Verhalten ändern, z. B. schneller laufen oder sich biegen. Ein Pferd, dem ein Reiz egal ist, reagiert auch nicht. So einfach ist das. Wenn wir mit negativer Verstärkung arbeiten, müssen wir deren Effekte verantworten.
Darf ich positive und negative Verstärkung kombinieren?
Trainierst du eine Lektion mittels positiver Verstärkung, solltest du auf negative Verstärkung verzichten. Arbeitet man mit Belohnung und fügt unangenehme Reize hinzu, sinkt die Motivation. In der Wissenschaft spricht man von „vergifteter Hilfengebung“ [34]. Derart trainierte Tiere werden unsicher und zögern mehr [35]. Die freiwillige Mitarbeit wird immer stärker gehemmt, der Lernprozess wird gebremst.
Das Hinzufügen unangenehmer Reize ins Belohnungstraining macht den Lernprozess keinesfalls schneller, im Gegenteil! Die Wissenschaft zeigt: „Zuckerbrot und Peitsche“ ist lernhemmend.
Erst mit der Gerte auf die Pferdebrust zu pitschen, und später das Pferd für das Rückwärtsgehen mit Futter zu belohnen, führt dazu, dass das Pferd das Vertrauen in den Trainer verliert. Damit das Pferd ohne Vorbehalte lernen kann, wählen wir lieber ein weniger unangenehmes Zeichen, z. B. den Finger sanft gegen die Pferdebrust drücken. Wir wollen bewusst darauf achten, so viel wie möglich mit angenehmen oder für das Pferd akzeptablen Reizen auszukommen. Auch versehentliches Strafen, wie z. B. ein Rucken am Halfter, sollte vermieden werden. Das gilt auch, wenn wir unter Stress stehen, uns beobachtet oder geprüft fühlen oder in Eile sind: Unangenehme Einwirkung auf das Pferd wirft uns im Training zurück. Negative Verstärkung durch positive zu ersetzen, ist aber jederzeit möglich. Dies erhöht das Wohlbefinden während der Arbeit [19]. Ein Beispiel: Rosalie frischt ihre Führ-Übungen auf. Früher hat sie hauptsächlich am Strick gezogen, um Alfie anzuhalten. Jetzt clickt sie und belohnt ein gutes Anhalten, wenn Alfie aufgrund ihrer Körpersprache bremst. Sie hat unangenehme durch angenehme Reize ersetzt. Du siehst: Für belohnungsbasiertes Training musst du nicht dein Leben ändern. Aber du kannst es dadurch verbessern.

Wir respektieren die Emotionen des Pferdes. Das Pferd hat die Wahl, ob es mitarbeiten möchte. Du wirst sehen: Sobald es die Wahl hat, sagt es immer häufiger: JA!.

„Ich zeige dir, wie stark ich bin!“ Fuchsi im isometrischen Squat.
ETWAS WENIGER TUN ODER GANZ UNTERLASSEN: STRAFE
Trainiert man so, dass ein Verhalten weniger oder gar nicht mehr auftritt, nennt man dies Strafe. So harsch das Wort auch klingt, es ist der Fachbegriff für das Wenigerwerden eines Verhaltens. Auch bei der Strafe gibt es zwei Arten. Wir können, einerseits, ein Verhalten beenden bzw. reduzieren, indem wir positive Strafe [9] einsetzen. „Positiv“ sagt man deshalb, weil etwas (Achtung!) Unangenehmes hinzugefügt wird, z. B. ein Klaps. Der Begriff verwirrt, denn er klingt nach etwas Nettem, obwohl er das nicht ist. Eine zweite Möglichkeit, ein Pferd dazu zu bringen, ein Verhalten zu beenden, ist die negative Strafe.„Negativ“ deswegen, weil hierbei etwas weggenommen wird, das das Pferd gern mag, z.B. bekommt das Pferd eine erwartete Belohnung nicht. Der Begriff klingt sehr unangenehm, doch im Gegensatz zur positiven Strafe (z. B. Klaps) empfindet das Pferd hierbei keine Angst oder Schmerz. Es ist enttäuscht bis gefrustet, weil die Belohnung ausbleibt. Ob bewusst oder unbewusst: Wer mit Belohnung trainiert, setzt auch negative Strafe ein. Nämlich immer dann, wenn er eine Belohnung zurückhält, weil das Ziel noch nicht erreicht ist [36].
Aufgrund des Frusts wollen wir jedoch versuchen, auch das Maß an negativer Strafe gering zu halten. Ob man positive Strafe (Unangenehmes hinzufügen) in der Arbeit mit dem Pferd wirklich braucht, ist diskutierbar. Wird ein Pferd beim Warten an einer Straße aufgeregt und versucht, sich loszureißen, ist es wichtig, ihm das rasch zu verbieten. So mancher mag hier am Halfter rucken. Zum Glück braucht man, wenn man sein Pferd gründlich und exakt mit Belohnung trainiert, nur äußerst selten positive Strafe, da das Pferd extrem aufmerksam wird und dann z. B. ein Stehsignal gut durchkommt. Wird ein Pferd physisch bestraft, muss es verstehen können, wofür eigentlich, sonst ist kein Lerneffekt zu erwarten. Im alltäglichen Training hat ständige Strafe keinen Platz, da sie Furcht erzeugt und das Lernen blockiert.
Wie wirkt positive Strafe?
Im günstigsten Fall beeindruckt das Pferd die positive Strafe (Unangenehmes hinzufügen) so stark, dass es sein Verhalten abbricht. Oder aber man erhält:
• Kaum langfristige Wirksamkeit. Unerwünschtes Verhalten wird zwar zeitweise unterdrückt, aber nicht abtrainiert [37].
• Angstreaktionen. Sie können sich schnell etablieren, und man bekommt sie schwer wieder heraus [38].
• Ein introvertiertes Pferd. Ein Pferd, das ständig Angst hat, ist nicht kreativ. Vielleicht kennst du selbst solche Pferde. Sie noch einmal „hinter dem Ofen hervorzulocken“, ist häufig schwierig.
• Latente Aggression [39] oder negative Assoziation mit dem Menschen. In dem Fall kann man nicht mehr effektiv mit dem Pferd arbeiten [9].
• „Über die Uhr drehen“. Manche Elemente des Pferdesports werden systematisch unter Strafe eingeübt. Ein Beispiel ist der Sliding Stop in der Westerndisziplin Reining. Das Manöver wird häufig anhand eines sich wiederholenden Wechselspiels von negativer Verstärkung und positiver Strafe trainiert [40]. Ein solches Vorgehen kommt auch in anderen Reitsportdisziplinen zur Anwendung. Besitzer und Trainer müssen dies verantworten. In jeder Reitsportdisziplin werden, auch heute noch, im Wettbewerb Strafmittel toleriert: Wo vermeintliche Erfordernisse des Reitsports die Reitkunst übersteigen, kommen Ausbinder, Hebel und Knebel zum Einsatz. Diese zwingen das Pferd zur „Annahme der Hilfen“. Es herrscht ein beklagenswerter Erfindungsreichtum, oft gepaart mit Unkenntnis der Anwendung, was die Installation von Zwangsmitteln angeht, die das Pferd strafen, wenn es der Zügelhilfe nicht nachkommen will oder kann (Abb. unten).

Viel braucht es nicht für gutes Training: einen Plan, genaue Selbstbeobachtung und ein paar Karotten – Pünktchen hebt ab.
• Negative Einstellung zum Pferd. Auf den Menschen wirkt die Strafe ebenfalls: Straft er ein Pferd und dies unterbricht sein Verhalten, ist das für den Menschen ein kurzfristiger Erfolg. Er fühlt sich dadurch wirksam und mächtig. Dieses Gefühl verstärkt sein Tun [20]. Deshalb wendet er seine Technik häufiger an, ohne zu reflektieren, ob ihn das Ganze langfristig seinem Ziel näherbringt. Schlimmstenfalls sieht er sein Pferd nur noch dann als brav, wenn es gerade nicht bestraft werden muss, und beginnt, darauf zu lauern, dass das Pferd den nächsten Fehler begeht [41]. Unbewusst „vererben“ solche Pferdebesitzer diese Gefühlswelt an die nächste Generation. Durch übermäßige Strafe machen viele Pferde komplett „dicht“ und reagieren einfach gar nicht mehr. Das nennt man erlernte Hilflosigkeit [42]: „Nichts, was du tust, kann die Situation ändern.“ Eine Umfrage unter 900 kanadischen Pferdebegeisterten zeigte, dass zwar fast jedem klar war, dass Pferde Schmerz empfinden – dass dieser Schmerz die Ursache für Konfliktverhalten sein könnte, war jedoch den Wenigsten bewusst [43].

Ausbinder sind Strafmittel, sie reduzieren das Verhalten „Kopf hochnehmen“.

Übernommene negative Attitüde gegenüber dem Pferd.
Ist Maßregelung Erziehung?
Erziehung bedeutet, auf die Entwicklung und auf das Verhalten von jemandem Einfluss zu nehmen. Das kann auf vielerlei Art geschehen. Ein gut erzogenes Pferd kann viel mehr, als bei Strafe ein Verhalten abzubrechen. Es hält Abstand zu dir. Es kann stillstehen, schubst nicht und wühlt nicht in deinen Taschen. All dies lässt sich mit belohnungsbasiertem Training dauerhaft festigen.
Jetzt kennst du vier Methoden, um ein Verhalten zu verstärken oder zu verringern: Etwas Angenehmes oder etwas Unangenehmes, Hinzufügen oder Wegnehmen. Alle vier Möglichkeiten sind Varianten der operanten Konditionierung.
Wir wenden hauptsächlich positive Verstärkung an. Fortan sagen wir einfach „Bestärken” dazu.
Positive Verstärkung Es wird etwas hinzugefügt, das angenehm ist. Das Pferd empfindet Freude. Das Verhalten wird häufiger. Beispiel: Dein Pferd betritt die Anhängerklappe. Du gibst ihm Futter. Mit der Zeit wird es die Klappe schneller betreten. | Positive Strafe Es wird etwas hinzugefügt, das unangenehm ist. Das Pferd empfindet Stress, Schmerz oder Angst. Das Verhalten wird seltener. Beispiel: Beim Führen wird das Pferd zu schnell. Der Besitzer ruckt am Halfter. Erneutes Beschleunigen wird weniger wahrscheinlich. |
Negative Verstärkung Es wird etwas entfernt, das unangenehm ist. Das Pferd empfindet Erleichterung, wenn der unangenehme Reiz verschwindet. Das Verhalten wird häufiger. Beispiel: Nach dem Losgehen wird der Schenkeldruck nachgelassen. Das Nachlassen ist Erleichterung für das Pferd. Mit der Zeit wird auf Schenkeldruck das Pferd schneller losgehen. | Negative Strafe Es wird etwas entfernt, das angenehm ist. Das Pferd empfindet Frust. Das Verhalten wird seltener. Beispiel: Beim Striegeln des Halses erwidert das Pferd die Fellpflege, seine Zähne auf deinem Rücken tun aber weh. Du hörst auf, zu striegeln. Dass das Pferd wieder Fellpflege anbietet, wird weniger wahrscheinlich. |
Auch die negative Strafe kommt vor. Nämlich immer dann, wenn eine Belohnung noch zurückgehalten wird.

Solltest du planen, die Übungen statt mit Belohnung durch Druck zu trainieren oder Belohnung nur sporadisch einzusetzen: Tu’s nicht. Beim Okapi-Training® kann das Pferd sich völlig sicher fühlen. Wenn wir manchmal belohnen und manchmal Unangenehmes tun, handeln wir unfair und das Training stagniert. Entweder bist du dabei – oder nicht.
EMPOWERMENT FÜR DEIN PFERD
Großartige Bewegungen freiwillig trainieren – das ist unser Mantra.
Das Besondere: Wir machen wissenschaftliche Erkenntnisse zum Lernverhalten von Pferden für dich nutzbar. Step-by-Step mit riesigen Fotoserien zeigen wir, wie du mit positiver Verstärkung Versammlungsarbeit mit deinem Pferd trainierst, angefangen beim isometrischen Squat, bei dem das Pferd im Stehen Versammlung übt. Unsere Bilderserien zeigen nicht nur detailliert jeden Trainingsschritt, sondern auch ehrliche Fehleranalysen. Unser Trainingskonzept ist Empowerment. Damit kannst du Lektionen der Hohen Schule ebenso lernen wie Spiele oder Übungen, die das Leben leichter machen, wie z.B. an der Aufstieghilfe. Mobilisiere die innere Kraft deines Pferdes, bis hin zu Bewegungen, die dein Pferd sich selbst nicht zugetraut hätte. Operante Konditionierung ist im Pferdetraining allgegenwärtig – allerdings vielfach unbemerkt.
Das „Okapi“ in „Okapi-Training®“ steht für: Operante Konditionierung ins Alltagstraining produktiv implementieren. Das Okapi ist übrigens ein giraffenartiger Paarhufer (Abb. hier unten), auch Waldgiraffe genannt, der sich gut mithilfe positiver Verstärkung trainieren lässt [44].
WARUM DU KEINEN GURU BRAUCHST
Pferdeausbildung ist keine Zauberkunst, auch wenn sie vielfach so verkauft wird. Du brauchst keinen Guru, damit die Kommunikation zwischen dir und deinem Pferd funktioniert. Du brauchst Informationen. Wir möchten dich ermutigen, zu hinterfragen, warum wir Reiter dieses oder jenes tun. Wir statten dich mit allen wissenschaftlichen Informationen aus, die du benötigst, um dein eigenes Trainingskonzept zu entwickeln. Sprich mit deinem Pferd und erlebe, wie es dir antwortet. Pferdewissenschaftliche Texte sind manchmal knifflig zu beschaffen. Sie haben den unschlagbaren Vorteil, dass sie den Fokus auf Tatsachen legen. Wirklich wissenschaftlich ist übrigens eine Publikation, wenn Daten und Auswertung der sogenannten guten wissenschaftlichen Praxis3 unterworfen sind. Wir haben dir umfängliche Literatur zusammengestellt, die offene Fragen zum Pferdetraining, Verhalten und zur Beziehung zwischen Pferd und Mensch beantwortet.
Okapi im Leipziger Zoo.

Vom Trauerkloß zum Power-Girl: Fuchsi nach 18 Monaten Okapi-Training®
EIN PFERD SO RICHTIG MOTIVIEREN
Unser Ziel ist ein Pferd, das freiwillig und gern mit uns arbeitet. Weil es diese Zusammenarbeit schätzt und weil es merkt, dass ihm das Training guttut. Doch wie kommen wir dahin? Zeit, sich darüber Gedanken zu machen, die beste Motivation für unser Pferd zu finden. Eine Motivation kann intrinsisch oder extrinsisch sein. Intrinsische Motivation, die Motivation „von innen heraus“, spielt eine Rolle, wenn z. B. ein Pferd sich gern bewegt. Als direktes Trainingsmittel ist sie leider kaum nutzbar, denn wir können im Voraus nichts versprechen. Auch gemeinsam verbrachte Zeit ist kein direktes Trainingsmittel. Unsere bloße Anwesenheit motiviert das Pferd nicht, etwas Neues zu lernen. Dies klappt eher, wenn wir dem Pferd etwas Angenehmes dafür geben. Positive Verstärkung also. Die Futterbelohnung ist eine Motivation von außen, also eine extrinsische Motivation.
WER HAT’S ERFUNDEN?
Wir haben also vor, Belohnung einzusetzen, aber richtig! Ein kurzer Blick auf die Geschichte der Lerntheorie hilft, Tiertraining klarer zu sehen.
E. L. Thorndike beschrieb bereits 1898, wie er das Ausbruchsverhalten hungriger Katzen untersuchte, die in sogenannte „Puzzle Boxes“ eingesperrt waren. Thorndikes Ideen wurden von B. F. Skinner weitergedacht [45], der die Boxen u. a. für Ratten umbaute. Die Ratte erkundete die Box und berührte irgendwann einen Hebel, welcher Futter ausschüttete. Sie wurde immer schneller im Abrufen von Futter. Es gab auch Boxen, in denen ein Licht leuchtete, sodass die Ratte lernte: „Nur wenn das Licht leuchtet, bekomme ich durch Hebeldrücken Futter.“ Bitte merke dir dieses Detail, wir werden es später noch brauchen! Du weißt bereits: Das Grundprinzip, etwas zu tun, um eine Belohnung zu erhalten, fällt unter den Begriff der operanten Konditionierung. Die Ratte stellte eine Beziehung her zwischen ihrem Verhalten und der resultierenden Konsequenz. Das lässt sich auch im Pferdetraining hervorragend nutzen und funktioniert bereits bei Fohlen [46]. Selbstverständlich lernen nicht nur Pferde oder Ratten mithilfe der operanten Konditionierung Neues. Auch Babys [47], Hühnerküken [48], Wasserschweine, Frösche [49] und Krabben [27] können so trainiert werden. Was eine Krabbe kann, kann dein Pferd schon lange!
Wird der Hebel bedient, während die Lampe leuchtet, öffnet sich die Futterluke (modellhaft).

Die Pioniere: Marian Breland, später Marian Breland Bailey, und Keller Breland. Zur Verfügung gestellt von Robert E. (Bob) Bailey
In Form des Clickertrainings fand diese Art der Arbeit in den 1980ern verstärkt den Weg ins Hundetraining [27], in den 1990ern vermehrt ins Pferdetraining [50]. Der Clicker, ein kleiner Geräuscherzeuger, ist ein Hilfsmittel, um dem Tier zu sagen, dass genau das gezeigte Verhalten belohnt wird („Jetzt!“). Viele Trainer, die belohnungsbasiertes Training für Otto Normalverbraucher zugänglich machten, arbeiteten vormals mit Walen und Delfinen. Die Etablierung des Clickertrainings verdanken wir allerdings der frühen Pionierarbeit von Marian Breland Bailey, Keller Breland und Bob Bailey, die Verhaltensforschung und Tiertraining miteinander verbanden. Die Brelands (Abb. hier links) waren zunächst wissenschaftliche Mitarbeiter von B. F. Skinner. Sie gründeten in den 1940ern ein Unternehmen, das Tiertraining auf der Basis von positiver Verstärkung betrieb.

Wer Verstärker versteht, kann sein Pferd zu allem motivieren. Die Lerntheorie hilft uns, das Training von Anfang an richtig zu planen. Darum: Halte den Theorieteil durch – werde Trainingsprofi!.
Hier wurde der Grundstein des Clickertrainings gelegt, wie wir es heute kennen: Man trainiert ein akustisches Signal, das dem Tier signalisiert: „Das war richtig!“ Direkt auf das Signal folgt Futter. Dieses Signal dient als sekundärer Verstärker4 [47, 48]. Auf diesen Begriff kommen wir später zurück. Mithilfe positiver Verstärkung kann man Tieren praktisch alles antrainieren, was in ihrem Repertoire liegt [51]. Bob Bailey setzte die gemeinsame Arbeit fort und gilt heute ebenfalls als Schlüsselfigur des wissenschaftsbasierten Tiertrainings mithilfe von Belohnung.
KLASSISCHE KONDITIONIERUNG
Operante Konditionierung ist nicht das Einzige, was da vor sich hinwirkt, wenn wir Pferde trainieren. Die klassische Konditionierung ist eine sehr schlichte Form des Lernens. Hierbei fügt man einer natürlichen Reaktion auf einen Reiz einen zweiten Reiz hinzu, der vorher nichts mit der Sache zu tun hatte. Angenommen, ein Pferd kann mit dem Wort „Brrr“ zunächst nichts anfangen. Wenn der Reiter beide Zügel anzieht, hält das Pferd an. Der Reiter gibt nach. Das ist operante Konditionierung, die du schon kennst. Wenn er aber jedes Mal vor dem Zügelzug „Brrr!“ ruft, wird das „Brrr“ mit dem Reiz im Maul verknüpft. Bald genügt das „Brrr“ zum Anhalten. Dies ist klassische Konditionierung5: Das Pferd verknüpft den Laut mit dem Reiz. Dieser Prozess verläuft unbewusst. Auch wenn das Pferd lernt, das Geräusch des Clickers mit der Belohnung zu verknüpfen, ist dieses Teilelement eine klassische Konditionierung. Der Clicker ist einfach nur ein kleiner Geräuschgeber. Sein Knacken sagt dem Pferd: „Das jetzt ist es, was ich belohnen werde!“

Button-Clicker
Übrigens: Wer eine Weile mit positiver Verstärkung arbeitet, stellt irgendwann fest, dass ihn das Pferd zur Weiterarbeit auffordert, wenn eigentlich Feierabend ist. Ein verrücktes Gefühl, vor allem für jeden, dessen größte Belohnung für das Pferd bisher das Arbeitsende war.6 Wie sich das Pferd hierbei ausdrückt, ist ziemlich individuell. Manche marschieren weg, wenn der Mensch zum Hallenausgang geht, oder stellen sich demonstrativ in die Hallenmitte. Es kommt vor, dass man diese Aufforderung erst nach einer Weile bemerkt. Damit das Ende der Zusammenarbeit das Pferd nicht enttäuscht, etabliere für das Ende einer Trainingseinheit ein kleines Abschlussritual. Das kann z. B. etwas Futter in einem Eimer an der Seite sein, oder du belohnst dein Pferd auf dem Weg zur Box noch einmal für eine einfache Sache, z. B. die Berührung eines Targets (
Erste Übung: Etwas berühren (Target)).

Doof: Die ungewollten Verhalten „Scharren“ und „um die Matte herum gehen“ sind zeitweise Teil von Jupiters Repertoire und können immer wieder auftreten.
SCHNELLES LERNEN
Neben der operanten Konditionierung gibt es weitere wichtige Begriffe, über die wir uns unbedingt Gedanken machen sollten.
FEHLER
Wer in Ruhe üben kann, ohne dabei ständig in Sackgassen zu geraten, lernt schneller. Pferde kommen nicht automatisch mit einem Verständnis dafür auf die Welt, was der Mensch von ihnen wollen könnte [1]. Das Lesen unserer Körpersprache ist Pferden nicht angeboren [55]. Wir müssen unseren Pferden zeigen, was wir von ihnen erwarten, indem wir gewünschte Verhaltensweisen antrainieren. Was ein Fehler ist und was nicht, weiß unser Pferd eigentlich gar nicht. Deswegen werden wir Fehler fortan ignorieren, auch wenn es für dich ungewohnt sein mag.

Besser: Die Stute kann sich viele Belohnungen verdienen und versteht, was Sandra von ihr möchte. „Scharren“ und „um die Matte herum gehen“ sind nicht Teil des Repertoires geworden.

Freude, Stolz, Kraft: Unser Pferd erkundet seine starke Mitte. Versammlung, Körperbewusstsein und Ausdruck entstehen – frei von Zwang, denn wir nutzen Belohnung effektiv.
Wir können übrigens so trainieren, dass das Pferd kaum Fehler macht. Übe Neues in kleinen Schritten, sodass das Pferd die Chance hat, diese Einzelschritte sofort richtig zu machen und dafür belohnt zu werden. Passiert etwas Unerwünschtes, wird dies einfach ignoriert. Sag nicht „Nein“, sag gar nichts. Plane deine Übungen im Voraus ohne viele Stolpersteine. Dieser Punkt ist ein zentrales Element guten Trainings, bitte präge ihn dir gut ein.
Ignoriere Fehler, indem du schlicht nicht (!) reagierst auf das, was das Pferd da macht. Danach fragst du erneut nach dem Verhalten, das du sehen willst.
Ein guter Fahrlehrer erklärt einem Neuling in Ruhe die einzelnen Schritte der Bedienung des Autos und lässt ihn gemütlich üben, sodass möglichst wenig frustrierende Ereignisse auftreten. Genauso soll es beim Pferdetraining sein.
PLANEN
Hier ein Beispiel und ein Gegenbeispiel für möglichst fehlerloses Lernen. Jupiter soll auf der Matte anhalten. Sandra könnte auf zwei Arten vorgehen:
Keine Planung: 
Sandra startet, ohne sich vorher einen Fahrplan zu machen. Sie geht selbst über die Matte und versucht, Jupiter mitzuziehen (Abb. S. 41 links). Das Pferd hat Vorbehalte gegen die Matte, weswegen nicht viele Ereignisse auftreten, die Sandra belohnen könnte. Stattdessen treten einige ungewollte Verhalten auf.
Vorausschauende Planung: 
Sandra geht immer nähere Bögen an der Matte vorbei. Viele Belohnungen sind drin! Sandra und Jupiter nähern sich mit jeder Runde mehr, bis sie gemeinsam über einen Zipfel und dann über die ganze Matte gehen können (Abb. S. 41 rechts). Danach erhöht Sandra ihre Anforderung und belohnt kurzes Anhalten auf der Matte. Der Lernprozess läuft ohne Fehler ab.
EXTINKTION (LÖSCHUNG)
Wird ein Verhalten nicht beachtet und nicht belohnt, hören Individuen über kurz oder lang damit auf, da sich das Verhalten nicht lohnt. Das ist beim Pferd so, beim Hund, bei Menschen und allen anderen Spezies. Dieses Phänomen wird Extinktion [45] (Löschung) genannt. Unerwünschtes Verhalten verschwindet also, ohne dass man korrigierend auf das Tier einwirkt. Hündin Quitte zeigt uns, was gemeint ist (alle drei Abb. S.44).
Die Extinktion ist auch der Grund, warum es sich lohnt, auf richtiges Verhalten zu warten, wenn doch mal ein „Fehler“ passiert. Das Tier probiert verschiedene Bewegungen aus, nur die richtige wird belohnt. Anderes Verhalten ist einfach nur unökonomisch („Warum Energie reinstecken, wenn es dafür nichts gibt?“) und wird über kurz oder lang gelöscht. Die Extinktion hat aber einen Nachteil. So manches Verhalten wird nicht vollständig gelöscht oder tritt nach einer Weile doch wieder auf. Je nach Typ würde solch ein Hund, Pferd oder Mensch ggf. hartnäckig daran festhalten, dass eine Sache „doch eben noch funktioniert hat!“ Daher trainieren wir lieber so, dass kaum ungewollte Verhalten entstehen, die man später wieder löschen muss, damit möglichst wenig Frust im Spiel ist.
Quitte und das Spielbrett.
OBEN: Versuch und Irrtum. Mit der Pfote bewegt Quitte versuchsweise die Holzscheiben, um so an Futter zu gelangen. MITTE: Extinktionsausbruch: Das Spielzeug klemmt. Sie verstärkt ihre Bemühungen und trommelt mit den Pfoten. UNTEN: Extinktion. Quitte kann das klemmende Fach nicht öffnen und gibt auf. Das Verhalten wird also gelöscht. Wie man sieht, ist hierbei etwas Frust im Spiel.
SHAPING:
HOL MEHR AUS DEINEM PFERD HERAUS
Beim Free Shaping [51] (freies Formen) belohnt man kleinste Einzelschritte, die das Pferd in die richtige Richtung bringen. Danach muss man nur noch die Schritte zu einem Ganzen zusammenfügen (Chaining).
Wirklich freies Formen liegt, streng genommen, nur dann vor, wenn das Pferd ganz von allein darauf kommt, wie es sich den Click verdienen kann. Ein Beispiel ist das Kopfsenken: Man wartet, dass das Pferd zufällig den Kopf ein wenig senkt, und bestärkt diesen Moment. Dann ein bisschen mehr und so weiter. Free Shaping hat den Nachteil, dass dem Pferd die Anhaltspunkte fehlen und es teilweise lange dauert, bis das Pferd belohnt werden kann. An dieser Stelle könnte es schnell aufgeben, was wir um jeden Preis vermeiden wollen. Wir arbeiten beim Okapi-Training® daher mit kleinen Hinweisen: das Pferd wird durch kleine Zeichen (Zwei Abb. S. 45 rechts unten) motiviert, in eine bestimmte Richtung zu denken. Welche Zeichen das sind, zeigen wir im Verlauf jeder einzelnen Übung.
Angenommen, du möchtest dein Pferd rückwärtsgehen lassen, willst aber nicht auf einen zufälligen Schritt nach hinten warten. Wähle eine Geste aus, die ein leichtes Zurückwiegen des Pferdes erzeugt. Vielleicht drückst du die Hand auf die Pferdenase, presst den Finger leicht vor das Buggelenk (Abb. S. 46) oder Ähnliches. Das kleinste (!) Zurückwiegen belohnst du sofort. Verstärke kleinste Fortschritte. Erzeuge noch mehr Rückwärtstendenz, indem du die fütternde Hand ein wenig in Richtung Brust führst. Die Position der Belohnung wird Futterpunkt genannt. Zwang ist nicht nötig, Unannehmlichkeiten wie ein Wedeln mit Strick oder Peitsche entfallen.
CHAINING
Verkettet man erlernte Teilschritte, wird dies Chaining (Abb. S.47 Mitte links) genannt. Wir erklären dir das Chaining bei einzelnen Okapi-Übungen näher. Hier ein paar Hinweise, die beim Shaping und Chaining helfen [27]:
• Immer nur einen Schritt trainieren. Versuche nicht, mehrere Bewegungen gleichzeitig zu formen. Verkette die Teile erst, wenn die Einzelschritte sicher sitzen.
• Mache kleine Teilschritte. So winzig klein, dass dein Pferd immer die Möglichkeit hat, sich die nächste Belohnung leicht zu verdienen. Gehe erst zum nächsten Schritt über, wenn das Pferd den letzten Schritt sicher verstanden hat. Belohne den kleinsten Versuch beim neuen Schritt.
• Wenn du den nächsten Schritt in Angriff nimmst, passiert es manchmal, dass sich der vorige Schritt ein bisschen verschlechtert. Das ist ganz normal und geht wieder weg. Entspannt bleiben!
Ein Beispiel: Du übst, dass dein Pferd seinen Rumpf zur Aufstieghilfe dreht. Gestern konnte dein Pferd es von rechts. Heute übst du es von links. Dann noch mal von rechts. Dein Pferd scheint plötzlich vergessen zu haben, wie das ging (Abb. S. 47 oben links)! Das ist überhaupt kein Problem. Es ist normal. Delfintrainer bezeichnen dies als „Neuer-Wassertank-Syndrom“ [27]: Zieht ein trainierter Delfin in einen neuen Wassertank um, kommt es vor, dass er erst einmal vergisst, was er gelernt hat, bis er sich auf die neue Situation eingestellt hat. Genauso ist es für dein Pferd. Zeigt sein Hinterteil an der Aufstieghilfe plötzlich in die andere Richtung, muss es sich erst an die neue Situation gewöhnen. Das liegt daran, dass Pferde, genau wie Hunde oder Menschen, standortbezogen lernen. Versuche nicht, das zu korrigieren, übe unbeirrt weiter. Wenn die Übung von rechts wieder klappt, arbeitest du übermorgen an der Unterscheidung von rechts und links. -

Durch Shaping und Chaining erlernt das Pferd den isometrischen Squat, die Versammlung im Stehen.
Kleiner Hinweis reicht: Rückwärts, Schritt für Schritt verstärkt.
• Wenn du nicht weiterkommst, ändere die Strategie. Viele Wege führen nach Rom. Klappt es nicht auf die eine Art, klappt eine andere Methode. Ausprobieren!
• Höre nicht einfach ohne Belohnung auf, das wäre negative Strafe. Lass das Pferd zum Ende noch einen kleinen Erfolg haben, den du belohnst. Das kann auch eine andere Übung sein – egal! Erreicht ihr heute nicht das, was ihr euch vorgenommen habt, ist das gar nicht schlimm. Dein Pferd verankert nicht nur seine letzte Tätigkeit in seinem Kopf. Es durchdenkt bis morgen alles, was ihr heute zusammen geübt habt. Du wirst sehen: Morgen klappt es schon besser.
TARGETTRAINING
Verwendet man ein Zielobjekt, das das Pferd mit Gesicht, Maul, Schulter, Hüfte oder dem Bein berühren soll, nennt man dieses Objekt auch Target. Das kann ein Stab mit einer Kugel sein, unsere Hand oder irgendein anderes Objekt. Schon junge Fohlen können mit einem Target trainiert werden [46]. Targets sind elegante Hilfsmittel, um ein Körperteil des Pferdes in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Zuerst übt man, dass das Pferd das Körperteil ein kleines bisschen auf das Objekt zu bewegt, dann ein bisschen mehr und so weiter. Auch die Seitengänge kann man anhand eines Targets trainieren. Indem das Pferd lernt, seine Hüfte in Richtung des Targets, in unserem Fall die Spitze des Sticks, zu bewegen (Abb. S. 47 Mitte rechts), lernt es das Kruppeherein. Wie man mit einem Target trainiert, findest du unter (
Erste Übung: Etwas berühren (Target)).
Hinweis geben: Geringer Druck vor der Schulter erzeugt leichtes Zurückwiegen. Das genügt.
Wie ging das noch mal? Fuchsi hat kurzzeitig vergessen, was sie machen soll.
Shaping und Chaining: Für einen halben Apfel malt Jupiter ein Bild. Hierfür wurden mehrere Verhalten verkettet.

Chaining: Für das Hinlegen werden mehrere Schritte verkettet: Anwinkeln beider Vorderbeine, Absinken, Hinlegen. Wie das geht, erfährst du im Übungsteil.

Tona berührt die Bürste mit der Lippe. Die Bürste ist das Target.
Fuchsi traversiert auf den Stick zu. Sie bewegt ihre rechte Kruppe in Richtung der Spitze des Sticks. Wie man das trainiert, findest du im Übungsteil.

Aufbau einer Dauer: Fuchsi liegt, berührt das Hand-Target und wird dafür belohnt. Sie lernt, auf die Hand zu warten. Sie bleibt länger liegen.

Shaping, Chaining und Target – Ausdrucksvoller spanischer Schritt mit einer Stute, ganz freiwillig und in Ruhe. Der Stick dient als Target, den das Pferd mit dem Vorderbein ertastet. Vorgreifen und Weitergehen werden verkettet. Immer höhere Aktion wird geformt.

Lernen durch Nachahmung. Luì (pinke Decke) kann die Mülltonne bereits öffnen. Die anderen beobachten, wie er das macht.
(Foto: M. Merchel)
LERNEN DURCH NACHAHMUNG
Lange Zeit war unklar, ob Pferde in der Lage sind, sich Fähigkeiten von anderen Pferden abzugucken. 2013 kam der Durchbruch: Ein Experiment mit 30 Pferden, von denen fünf als „Vorzeigepferde“ trainiert wurden, bewies, dass Pferde durch Nachahmung das Öffnen eines Futterspenders lernen können [77]. Auch wir konnten ein ähnliches Verhalten beobachten (Abb. links). Mach dir diesen spannenden Aspekt zunutze, indem du ein Pferd zuschauen lässt, wie ein anderes Pferd für seine Fähigkeit belohnt wird. Achte darauf, dass dein Pferd mitbekommt, wofür das andere Pferd belohnt wird.

Lernen durch Nachahmung, wir sind live dabei: Jupiter kniet bereits seit Monaten, legt sich aber bisher nicht hin. Fuchsi legt sich hin und wird mit großem Getue dafür belohnt. Jupiter beobachtet die Szene. Nach dem Signal zum Knien legt sie sich schließlich zum ersten Mal hin (aus einer Videosequenz).
1[1] Cooper, J. J. (1998). Comparative learning theory and its application in the training of horses.
Nanu, was ist denn das? Unter den Nummern in den eckigen Klammern findest du Literaturverweise bzw. Quellenangaben zum Nachlesen. Eine Auflistung befindet sich am Ende des Buchs.
2Auch die weltweite Nutzung von sozialen Medien lässt sich durch positive Verstärkung erklären. Wer Fotos und Beiträge postet, erhofft sich Feedback zu Dingen, die er unternimmt, kocht, denkt etc. Das Lob aus der Community ist ein sozialer Verstärker: Anerkennung. Dieses virtuelle Lob bewegt die Menschheit zu den ulkigsten Aktionen: Selfie mit Hai, Picknick auf Brückenbogen etc., obwohl die Aufmerksamkeit meist nur ideellen Wert hat.
3Dies setzt ausreichend gute Daten voraus und erfordert, dass die Ergebnisse wiederholbar sind. Falls ein anderer Wissenschaftler dieselben Daten erhebt und genauso auswertet, sollte er zu vergleichbaren Ergebnissen kommen. Publiziert jemand Daten aus eigener Forschung in einer internationalen Fachzeitschrift (sogenanntes Journal), müssen sie einem Komitee von anderen Wissenschaftlern standhalten, die die Datenlage und die Brauchbarkeit der Informationen prüfen. Dieses Prozedere führt dazu, dass anstelle von Meinungen oder subjektiven Eindrücken Fakten publiziert werden.
4Bob Baileys Website informiert: „Die Brelands entdeckten früh in ihrer Karriere, dass man etwas wie eine Pfeife nutzen konnte, um [dem Tier] einen unmittelbaren Verstärker zu geben. Da die Pfeife als „Überbrückung“ vom […] Verhalten bis zur […] Belohnung diente, nannte Keller diese Art von Stimulus „Brückenstimulus“. Als Verstärker dienten Pfeifen, Clicker oder das Klappern von Fütterungsautomaten.“
5Die Arbeit des russischen Wissenschaftlers Iwan Petrowitsch Pawlow (1849- 1936) ist heute als Pawlowscher Hund bekannt: Ausgelöst durch einen Reiz (es gibt Futter) beginnt ein Hund zu sabbern. Die Reaktion ist ihm angeboren. Ertönt zur selben Zeit immer eine Glocke (ein Reiz, der dem Hund eigentlich nichts bedeutet), verknüpft er nach einer Weile die Glocke mit dem Futter und sabbert bereits beim Glockenton, auch wenn das Futter noch gar nicht da ist. Gibt es kein Futter mehr, verschwindet das glockenbedingte Sabbern nach einiger Zeit.
6„Wenn dein Pferd richtig gut läuft, hörst du auf, das ist die größte Belohnung“ – ein Standardsatz der Reiterei. Hast du darüber einmal näher nachgedacht? Wenn das Ende die Belohnung ist, bedeutet dies, dass der Reiter davon ausgeht, dass das Pferd das Ende des Trainings wünscht. Wann wünscht sich jemand das Ende des Trainings? Wenn es sehr anstrengend ist oder überhaupt keinen Spaß macht. Stell dir sich einen Sportlehrer vor, der gefragt wird, womit er die Kinder motiviert. „Die können froh sein, wenn wir mit dem Training fertig sind, das ist für die Kinder das Größte …“ Wie fändest du das?

Pferd und Mensch
Wenn wir mit unserem Pferd arbeiten, senden wir ihm eine Menge Signale. Training findet immer statt [56], und nicht nur, wenn wir gerade beschließen, dass unser Pferd jetzt etwas lernen soll. Doch wie findet unser Pferd das Training? Wie motivieren wir es dazu, unsere Kommunikation zu erwidern? Dies erfordert Kenntnisse darüber, wie Pferde kommunizieren und wie sie empfinden. Darüber, wie Pferde fühlen, gibt es eine Menge Daten. Es gibt eine große Zahl von Wahlversuchen, die belegen, welche Trainingsart welche Emotion beim Pferd erzeugt. Als Reiter ehrlich darüber zu sprechen ist nicht ganz einfach. Was, wenn Rosalie klar wird, dass Alfie die Zusammenarbeit gar nicht solchen Spaß macht, wie ihr selbst? Sie setzt doch nur wenig Druck ein, und nach getaner Arbeit gibt es Futter, das muss Alfie doch gefallen?
Mein Pferd hat Freude an der Arbeit – oder?
Wir wollen unsere Pferde so oft wie möglich gesund bewegen, beschäftigen und Kondition und Muskulatur aufbauen. Das Training soll unser Pferd lange fit halten. Aber wie fühlt sich das Pferd dabei? Wie du weißt, ruft bei positiver Verstärkung die Belohnung beim Pferd Freude hervor. Negative Verstärkung, bei der etwas Unangenehmes (z. B. Druck) hinzugefügt und wieder entfernt wird, schafft dem Pferd Erleichterung, mehr aber auch nicht. Freude und Erleichterung sind nicht dasselbe. Der Unterschied ist, dass sich die Emotionen des Pferdes bei negativer Verstärkung immer nur zwischen „unangenehm“ und „erleichtert“ befinden (Abb. S. 52 unten). Bei der positiven Verstärkung sind sie neutral bis angenehm, denn es passiert entweder nichts oder etwas Gutes. Wer von Druck und Nachgeben zu Erklären und Belohnen wechselt, kann nach einer Weile den Übergang zur positiven Emotion an seinem Pferd deutlich sehen. Die Ohren gespitzt, ein erwartungsvoller Gesichtsausdruck, vielleicht sogar ein freudiges Brummeln, und ein Pferd, das gar nicht mehr aufhören will? Diese Attribute sehen wir bei belohnungsbasierter Arbeit. Wir tragen also Verantwortung für die Gefühlswelt unseres Pferdes, je nachdem, welches Training wir betreiben.
MUSS ICH CHEF SEIN?
Weltweit kommt Druck in der täglichen Arbeit mit dem Pferd mit großer Selbstverständlichkeit zum Einsatz. Um Begriffe wie „Dominanz“, „Leittier“ und „Respekt“ kreisen viele Mythen. Die Wissenschaft zeigt jedoch: Das Konzept von Dominanz und Respekt ist total veraltet. Schauen wir es uns genauer an.
Speziell im Bereich des Horsemanship1 bestehen viele Lektionen vornehmlich daraus, dass das Pferd mittels Drohgesten von A nach B getrieben wird. Das Ganze so lange, bis das Pferd beginnt, vorherzusehen, was der Mensch von ihm will, und daher schneller reagiert. Nichts anderes als negative Verstärkung also. Oder das Pferd wird so lange gestresst, bis dessen Stressreaktion, z. B. das Rennen in einem Roundpen, allmählich abebbt. Reaktionen wie das Langsamerwerden des Pferdes, Hinwenden oder Kauen werden oft emotional fehlinterpretiert: „Jetzt haben wir eine Verbindung!“ Gerechtfertigt wird diese Methode vielfach durch Herdenverhalten, und unter der Annahme, dass Pferde nur die dominante „Sprache“ verstehen. Eine Studie untersuchte die bei vielen Horsemanship-Trainern übliche Roundpen-Technik, bei der das Pferd im Kreis getrieben wird, bis es leckt, kaut und sich zum Trainer dreht, um diesem schließlich zu folgen. Was viele für eine Unterwerfungsgeste oder für das Herstellen einer Verbindung halten, ist in Wirklichkeit antrainiert: Das Jagen im Kreis ist stressig für Pferde. Sie lernen, dass der Stress aufhört, wenn sie die gewünschten Reaktionen zeigen. Pferde kauen, um sich zu entstressen, und sie entdecken ziemlich schnell, dass der Mensch in der Mitte den Druck nachlässt, wenn sie kauen oder sich zur Mitte drehen. Wiederholt man das Roundpen-Prozedere, stellt sich der Effekt, dass das Pferd dem Trainer hinterherläuft, mit der Zeit schneller ein. Doch die Verbindung zum Menschen wird überhaupt nicht besser: Auch wenn im Roundpen schließlich gefolgt wird, auf der Weide folgen die Pferde demselben Trainer nicht [60].
Druckmachen versus Futterbelohnung: Emotionen

Aversives Verhalten des Menschen gegenüber dem Pferd
RESPEKT UND LEITPFERDE
Respekt haben bedeutet, dass ein Individuum ein anderes wertschätzt, für seine Fähigkeiten bewundert oder besonders achtet. In der Pferdewelt fällt das Wort häufig. Man hört, der Mensch müsse das Leittier für sein Pferd sein, um erfolgreich eine Beziehung herzustellen. Muss er das?
Auch wenn die Wahrheit schmerzt: Der Respekt des Pferdes vor dem Menschen ist eine menschliche Wunschvorstellung oder, schlimmstenfalls, ein Synonym für: „Mein Pferd hat ein bisschen Angst vor mir.“ Ein Übersichtsartikel über die Rolle von Lerntheorie und Verhaltenslehre in der Arbeit mit Pferden [61] trifft den Nagel auf den Kopf: „In der wissenschaftlichen Literatur gibt es keinen Hinweis darauf, dass dieses Leittier-Phänomen existiert.“ Die Idee vom menschlichen Leittier ist also eine Menschenfantasie, wie du gleich sehen wirst.

Aversives Verhalten von Pferd zu Pferd
Beobachtungen an Pferden in freier Wildbahn geben Aufschluss. Seitdem bekannt wurde, dass auch das Przewalski-Pferd kein echtes Wildpferd ist2 [62], müssen wir uns bei der Beobachtung von wild lebenden Pferden mit der Tatsache abfinden, dass es sich um Nachkommen domestizierter Pferde handelt. Echte Wildpferde stehen leider nicht mehr zur Verfügung. Französische Wissenschaftler beobachteten Gruppen halb wild lebender Przewalski-Pferde [63]. Überraschend zeigte sich, dass das Konzept des Leitpferdes offenbar gar nicht existiert. Es konnte kein Pferd in der Herde ausgemacht werden, das alleinige Leitpferde-Eigenschaften hatte. Vielmehr entsprang etwa ein Aufbruch der Herde einer „Gruppenentscheidung“. Ein Beobachter wild lebender Pferde in den Pryor Mountains (USA) fand heraus, dass Stuten unterschiedlichen Ranges sowie dominante Hengste ihre Gruppen von Ort zu Ort führten [65]. Auch unter 300 ausgewilderten New Forest Ponys zeigte sich, dass jedes Individuum der Gruppen, auch Jungtiere, die Herdenbewegung auslösen konnte [66]. Es gibt also nicht nachweislich eine „alte Leitstute, die die Herde zu neuen Plätzen führt“, wie es oft heißt. Die Beobachter der französischen Przewalskis merkten an: „Wir stellen das Konzept des Vorhandenseins eines Leitpferds infrage, auch wenn dies die vorherrschende Ansicht ist.“ Die Wissenschaft kann also die Vorstellung, dass Pferde feste Leittiere haben oder brauchen, nicht untermauern. Im Gegenteil.
DOMINANZ UND RANG
Pferde, die in einer Gruppe leben, haben eine soziale Hierarchie, die davon bestimmt wird, wie sich die Mitglieder zueinander verhalten. Hier gibt es nicht immer Sonnenschein: Durch agonistisches Verhalten wie Drohen oder Kämpfen, wirkt ein Pferd auf ein anderes ein, sodass eine gewisse Ordnung in der Gruppe entsteht, in der einige Pferde anderen überlegen sind. Das überlegene Pferd erwirkt einen höheren sozialen Status in der Gruppe. Dies ist die Dominanz. Häufig geht es dabei um wichtige Ressourcen wie Futter, Wasser oder Schattenplätze. Zwar fechten Hengste untereinander Rangkämpfe aus, der Gewinner deckt jedoch nicht alle Stuten allein. Solche Hengste gehen nicht häufiger an der Spitze der Herde als andere Mitglieder [63]. Sie sind also dominant, aber keine Leittiere. Wild lebende Pferde sind, anders als wilde Esel oder Zebrahengste, nicht territorial [65] [67]. Zwar hütet der dominante Hengst sein Stutengrüppchen, verteidigt aber kein bestimmtes geografisches Areal, wie es Hunde, Buntbarsche oder Menschen tun würden. Pferde haben ein anderes Konzept vom persönlichem Abstand zum Nächsten (soziale Distanz) als wir Menschen [68], weil ihnen Revierverhalten fremd ist. Zwei Pferde, die sich gut leiden können, halten sich häufig dicht beieinander auf. So dicht, dass sie „ihrem“ Menschen dabei schon fast auf die Füße treten würden. Pferde haben also ein anderes Verständnis von „mein Tanzbereich, dein Tanzbereich“, was während unserer Zusammenarbeit zu Missverständnissen führen kann. Ist das Pferd dir sehr nahe, ist es also nicht etwa respektlos, sondern hat eine andere soziale Distanz als du. Wenn du willst, dass dein Pferd mehr Abstand zu dir hält, kannst du ihm das ganz einfach antrainieren: Du belohnst das Pferd, wenn es in dem Abstand, den du forderst, stehen bleibt oder sich rückwärts und seitwärts rangieren lässt.

Pferde sind so freundlich, mit uns zu arbeiten. Doch ihre Leittiere sind wir nicht.

Dominanz? Imponiergehabe? Aber nein. Erlerntes Verhalten. In seiner schönsten Form.

Je mehr du mit deinem Pferd trainierst, desto sicherer werdet ihr im Umgang miteinander sein. Gewalt ist nicht nötig.
Natürlich spielen Sicherheitsaspekte in der Arbeit mit Pferden eine große Rolle. Selbstverständlich bestimmt ein Mensch, der mit einem Pferd arbeitet, das Tempo und die Richtung, doch dies kann man auch ohne Dauerdruck tun. Sicher im Umgang wird ein Lebewesen dann, wenn es konsequent lernt, welchen Effekt sein Verhalten hat. Dies kann es durch angenehme oder unangenehme Stimuli lernen.
Negative Verstärkung ist kein Garant für ein sicheres Pferd. Eine Studie zu Unfallstatistiken bei Reitern kam u. a. zu dem Schluss, dass sich Unfälle vermeiden lassen, indem das Pferd nicht in Angst versetzt wird und der Reiter überprüft, ob das Pferd seinen Anforderungen gewachsen ist [71]. Ein Pferd ist dann sicher, wenn es zuverlässig unsere Anweisungen befolgt.
Viel verlangt: „Bitte nicht auf den Gurt reagieren“ (blaue Zone), „bitte sofort auf den Schenkel reagieren“ (orange Zone)
HILFENGEBUNG: WAS MACHEN WIR DA EIGENTLICH?
Wie Pferde Training wahrnehmen, lässt sich leicht erforschen. Wer sich tiergerechte Ausbildung wünscht, kommt nicht drumherum, Equipment und Trainingsmethoden zu hinterfragen.
Im Pferdesport spielen Dogmen eine große Rolle. Ob Pferde eingedeckt [90] oder einbandagiert [91] [92] [93] [94] werden sollen, welche Reitweise gewählt wird oder wie viel Arbeit ein Jungpferd angeblich leisten können muss: Hier ist alte Überlieferung häufig schneller zur Hand als neues Wissen. Zeit, genauer hinzusehen. Du weißt bereits, was positive und negative Verstärkung ist, wodurch sie funktioniert und wie man sie gezielt einsetzt. Damit hast du der übrigen Mitreiterschaft einiges voraus: Unter 200 australischen Reitlehrern stuften etwa 80 Prozent positive Verstärkung zwar als „sehr nützlich“ ein, aber nur knapp drei Prozent konnten erklären, wie man sie anwendet.
Matthias und Sandra geben nach

„Bitte“: Sandra übt geringen Zug aus. „Mach es!“: Als nichts passiert, geht sie zu stärkerem Zug über. Matthias spielt das Pferd, das auf das Anstehen der Zügel nachgibt. Sofort lässt Sandra ihren „Zügelzug“ nach: „Danke“.
Nelly und Mareike geben nach

Nelly zeigt das Nachgeben am Ledergebiss. Oben: „Bitte“, leichtes Annehmen der Zügel. Mitte: „Mach es!“, stärkeres Annehmen. Nelly gibt nach. Unten: „Danke“, deutliches Nachgeben der Hand. Ziel ist, hauptsächlich mit „Bitte“ und „Danke“ zu reiten.
Obwohl es ihr täglich Brot darstellt, fanden nur 20 Prozent die negative Verstärkung „sehr nützlich“. Beschreiben konnten allerdings nur zwölf Prozent, was das ist. Gleichzeitig gaben aber 80 Prozent der Befragten an, Druck und Nachgeben sei ihr effektivstes Mittel im Pferdetraining [16]. Das Bewusstsein über die eigene Arbeitstechnik der Reitlehrer war also stark verbesserungswürdig. Negative Verstärkung ist Teil der Reiterei. Zu behaupten, sie wäre nicht da, ist gar nicht nötig.
Jungpferde sollen auf den Gurt möglichst nicht reagieren (Desensibilisierung). Später, beim Reiten, soll das Pferd fein auf Schenkelhilfen reagieren (Sensibilisierung). Das ist viel verlangt (Abb. S. 57): Das Hautareal des Pferdes, an dem unsere Schenkel liegen, ist in etwa so empfindlich wie die menschliche Handfläche [67]. Zu Recht ist das Maß an Druck oder Zug ein Quell ständiger Verwirrung in der Reiterei [36]. Ein bisschen Beinkontakt braucht der Reiter, um nicht seitlich vom Pferd zu fallen. Wer aber seinen Schenkel im Dauerdruck hält, erzeugt eine Habituation, das Pferd gewöhnt sich an das, was das Bein da macht, und das führt dazu, dass die Schenkelhilfen weniger „durchkommen“. Reagiert ein Pferd nicht auf den Schenkel, hat ihm jemand diese Reaktion abtrainiert. Sandra, Matthias, Nelly und Mareike zeigen uns, wie negative Verstärkung korrekt angewendet wird.
EQUIPMENT CHECKEN
Als tierschutzbewusster Reiter sollte man regelmäßig überprüfen, ob das Equipment eigentlich dem Wohl des Pferdes dient.
Der Sperrriemen, ein überaus populärer Ausrüstungsgegenstand, schließt das Maul des Pferdes vor dem Gebiss (Abb. oben rechts), entspricht also der Definition eines Knebels. Er arretiert das Gebiss fest im Maul, und wegen seines tiefen Sitzes behindert er oftmals die Atmung, Kautätigkeit und den Abfluss des Speichels. Auf diese Art kann er zum Stressor werden [13]. Maul und Zunge des Pferdes sind äußerst sensibel [18]. Doch auch Zäumungen, die nur auf die Nase wirken, sind mit Bedacht einzusetzen: Wird ein Nasenriemen so eng geschnallt, dass nur knapp ein Finger darunter passt, statt der empfohlenen zwei, oder gar enger, entsteht beim Kauen ein Druck unter dem Riemen, der das Potenzial hat, Gewebeschäden am Nasenrücken zu erzeugen [98]. Das gilt natürlich für alle Nasenriemen. Eine Untersuchung 750 internationaler Turnierritte zeigte, dass nicht einmal 10 Prozent der Nasenriemen zwei Finger breit Platz ließen [99]. Ist er so eng, dass das Pferd nicht mehr lecken, kauen oder gähnen kann, entsteht deutlicher Stress, der sich in einer erhöhten Herzfrequenz äußert [100].
Auch Hebelgebisse gehören unter die Lupe genommen. Bereits ein einfaches Gebiss ohne Hebel ist für das Pferd, je nach Einwirkungsgrad, unangenehm bis schmerzhaft [18]. Kandaren wirken stärker ein: Stange und Kinnkette wirken als Hebel, die auf Zunge und die Unterkieferäste drücken. Was der Reiter als wenig Aufwand am Zügel empfindet, ist tatsächlich erhöhte Schmerzhaftigkeit im Pferdemaul [13]. Die Gründe für die Nutzung der Kandare sind vielfältig. Die „Verfeinerung der Hilfengebung“ wird meist als Ziel genannt. Durch eine Hebelwirkung den Druck auf das Maul zu erhöhen ist eigentlich keine Verfeinerung. Es sieht nur von außen feiner aus. Wird ein Pferd an die Kandare gewöhnt, beobachtet man meist initial Maulöffnen, verstärktes Kauen oder gar Kopfschütteln. Zeichen reduzierten Komforts also. Mittels Kandare muss der Reiter weniger Zug einsetzen, um dieselbe Einwirkung auf das Pferdemaul zu erzielen. Das ist die Physik hinter der Hebelwirkung und der Grund, weshalb die Kandare er funden wurde. Eine echte „Verfeinerung“ der Hilfengebung liegt dann vor, wenn man tatsächlich weniger Zug auf das Maul ausüben muss und das Pferd trotzdem gut reagiert. Diesen Zustand kann man mit dem Clicker erarbeiten.
Бесплатный фрагмент закончился.

Das Pferd empfindet Freude.
Das Pferd empfindet Stress, Schmerz oder Angst.
Das Pferd empfindet Frust.