Читать книгу: «Gestaltpädagogik im transnationalen Studium»

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EHP – Edition Humanistische Psychologie

Hg. Anna und Milan Sreckovic


„Dieses Projekt wurde mit Unterstützung der Europäischen Kommission finanziert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung trägt allein der Verfasser; die Kommission haftet nicht für die weitere Verwendung der darin enthaltenen Angaben.“

HerausgeberInnen

Jörg Bürmann (DE)

Dr. phil., Professor für Hochschuldidaktik a. D., Universität Mainz (Lehrtherapeut und Ausbilder in Gestaltpädagogik, Supervision und Gestalttherapie)

Ilse Bürmann (DE)

Dr. phil., Professorin für Allgemeine Erziehungswissenschaft i. R., Universität Osnabrück (Gestaltpädagogin und Gestalttherapeutin)

Ute Kienzl (AT)

Mag., Lehrerin i.R. für Physik/Mathematik an der Modellschule Graz (Gestaltpädagogin und Supervisorin)


© 2014 EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach

www.ehp-koeln.com

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Umschlagentwurf: Gerd Struwe, Uwe Giese

– unter Verwendung eines Bildes (Ausschnitt) von Dorothea Cyran-Daboul: ›Untitled‹ –

Satz: Edgar David Kienzl

Gedruckt in der EU

Alle Rechte vorbehalten

All rights reserved. No part of this book may be reproduced or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical, including photocopying, recording or by any information storage and retrieval system, without permission in writing from the publisher.

print-ISBN 978-3-89797-090-8

epub-ISBN 978-3-89797-600-9

pdf-ISBN 978-3-89797-601-6

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhaltsverzeichnis

Ilse und Jörg Bürmann (DE): Einleitung

Teil I: Theoretische Beiträge zu den Grundlagen des Erasmus-Projekts

Ilse Bürmann (DE): Zur Aktualität der Humanistischen Psychologie für die Pädagogik

Jörg Bürmann (DE): Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden

Wiktor Żłobicki (PL): Auf der Suche nach den philosophischen Inspirationen der Gestaltpädagogik

Ivica Kolečáni Lenčová (SK): Gestaltpädagogik und Fremdsprachenlernen

Tamara Bučková (CZ): Dramapädagogik und gestaltpädagogische Methoden im Fremdsprachenerwerb und in der interkulturellen literarischen Kommunikation

Mária Daňová (SK): Medienvielfalt und Medienfunktion in der Gestaltpädagogik

Stanko Gerjolj (SI): Identitätsarbeit in postkommunistischen Gesellschaften - Aufgaben und Chancen einer bibelorientierten Gestaltpädagogik

Teil II: Konzepte der Lehrenden und Reflektionen der Teilnehmer

Ute Kienzl (AT): Das Erasmus Intensivprogramm „Humanistische Pädagogik, Heterogenität und Persönlichkeitsbildung“ 2010 - 2013

Ivica Kolečáni Lenčová (SK): Fünf Meilensteine auf dem Weg zur Gestaltpädagogik

Ilse Bürmann (DE): Persönlichkeitsentwicklung als Schwerpunkt meiner Seminarleitung

Patricija Kožuh (SI): „Humanistische Pädagogik, Heterogenität und Persönlichkeitsentwicklung“ - Przesieka 2012

Malgorzata Sobecki (DE/PL): „Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden“ Erfahrungsbericht– Przesieka 2012

B. L. (AT): Und jetzt: Reflexion! (Grundkurs: April 2012, Przesieka, PL)

Stanko Gerjolj (SI): Die spirituelle Dimension gestaltpädagogischer Persönlichkeitsentwicklung als Schwerpunkt meiner Gruppenleitung

X. Y. (PL): Reflection work (Wroclaw 2011)

T. S. (AT): Reflektionsarbeit - Celje 2013

Monika Hagenhoferová (CZ): Abschlussreflexion zum Erasmus Intensivprogramm

Ute Kienzl (AT): Was mir als Seminarleiterin wichtig ist

Mateja Centa (SI): Personal reflection: Journal (Celje, 24. 3. - 6. 4. 2013)

Daniela Teplanová (SK): Selbstreflexion (Przesieka n/ Jelenia Góra, Polen 2012)

Eva Škufca (maiden name Markovič) (SI): final report (Hirschegg /Maria Lankowitz 2011)

Ingrid Schweiger (AT): Was mir am Herzen liegt: Menschen kommen und begegnen sich

Olga Ogurcova (LV): Meine Erfahrungen als Co-Leiterin

Martina Vykouková (CZ): Aufbaukurs I (Celje, Slowenien 24.03. - 06.04.2013)

AutorInnenverzeichnis

Basisliteratur zur Gestaltpädagogik – Positionen und Perspektiven

Ilse und Jörg Bürmann (DE)
Einleitung

In diesem Buch stellen wir Vorbedingungen, Intentionen, Reflexionen und Erfahrungen dar aus unserem dreijährigen Projekt „Humanistische Pädagogik, Heterogenität und Persönlichkeitsbildung“, das im Rahmen des Erasmus-Programms der Europäischen Kommission von 2010 – 2013 durchgeführt wurde.

1. In seiner Zielsetzung und seinem methodischen Ansatz war dieses Projekt an der „Gestaltpädagogik“ orientiert, einem humanistisch-pädagogischem Ansatz mit über 50jähriger Tradition.1 Dieser Ansatz zielt darauf ab, pädagogische Professionalität auf der Basis der Arbeit an der Persönlichkeit des Lehrenden weiter zu entwickeln. Der Aufbau von Selbstkompetenz, sozialer Kompetenz und einer prozessorientierten und kreativen didaktischen Kompetenz wird in ihm durch biografische Selbsterfahrung fundiert und mit einer Kultivierung der Wahrnehmung nach innen und außen in aktuellen und experimentellen Situationen verbunden. Dabei kommt der Aufmerksamkeit für Gefühle und Körperwahrnehmungen eine zentrale Rolle zu. Ziel ist es, die so gewonnenen Erfahrungen und Fähigkeiten zur Anregung kreativer und emotional involvierter „persönlich bedeutsamer“ Lernprozesse2 zu nutzen und die angehenden Pädagogen für ein Prozess begleitendes, offenheitstolerantes Vorgehen zu qualifizieren.

Dieser hoch individualisierte und zugleich auf das Lernen in der Gruppe gerichtete Ansatz erschien der Projektgruppe geeignet für die Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit Heterogenität. Denn die Steigerung der Fähigkeit zur Selbst- und Fremdwahrnehmung unter Einbeziehung von Gefühlen fördert Empathie-Entwicklung und Verstehensprozesse und lehrt einen produktiven Umgang mit Widerständen und Irritationen sowie vor allem auch Offenheit anderen Menschen gegenüber und Interesse an deren Andersheit.

Was den Kern unserer Projektgruppe bestärkte, dieses mit vielfältigen Belastungen verbundene transnationale EU-Projekt in Angriff zu nehmen und bis zu dieser auswertenden Veröffentlichung durchzutragen, waren die ermutigenden Erfahrungen aus unserem langjährigen Comenius-Projekt „Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden“ (1997 bis heute von der EU gefördert) und zwar:

• die durchweg positiven Evaluationsergebnisse,

• die bestärkten Überzeugungen, mit dieser „west-östlichen Brücke“, die zu bauen sich durch die Zusammensetzung der Teilnehmer als Aufgabe nach der Aufhebung der Teilung Europas als vorrangig ergab, ein Stück Versöhnungs- und Friedensarbeit im Kleinen zu leisten (saßen doch die Kinder und Enkel von Kriegsgegnern beider Weltkriege, von Tätern und Opfern, in einer Gruppe beisammen) und nicht zuletzt

• der Wunsch, die geknüpften menschlichen Beziehungen fortzuführen und die an ihren unterschiedlichen Universitäten breitenwirksamen Hochschullehrer in der Umsetzung der im Comenius-Projekt gemachten Erfahrungen und erworbenen Kompetenzen zu unterstützen.

Nicht zuletzt – und das möchten wir an dieser Stelle betonen – war es die Bereitschaft unserer langjährigen Koordinatorin des Comenius-Projekts, Ute Kienzl (AT), die umfassende Aufgabe der Antragstellung, Koordination, Berichterstattung und Abrechnung auch für das Erasmus-Projekt zu übernehmen, ohne deren engagierten und verlässlichen Einsatz beide Projekte von uns nicht hätten durchgeführt werden können.

Das in diesem Buch für den Leser erschlossene Projekt einer „Humanistischen Pädagogik“ mit den Schwerpunkten Umgang mit „Heterogenität“ und der - aus unserer Sicht dazu grundlegenden - „Persönlichkeitsbildung“ des Lehrers stellt also zum einen eine Fortführung unserer Arbeit dar an einer „Brücke zum Fremden“ und an dem Aufbau der hierzu notwendigen Lehrerkompetenzen, solche Brücken zu den ihnen immer „fremder“ werdenden Schülern für sich selbst zu gestalten. Zum anderen weiten wir damit unsere Zielgruppe auf Studierende aus (Lehrer, Sozialarbeiter, Sprach- und Kulturwissenschaftler, Psychologen und Theologen) und zum dritten rückt unsere Projektarbeit und die darin angestrebte Kompetenzentwicklung näher an die vorfindlichen Strukturen und Erwartungen der Pflichtmodule der jeweiligen beteiligten Hochschulen heran.

Aus diesen Rahmenbedingungen für unsere Arbeit ergaben sich für das Erasmus-Projekt veränderte Erwartungen, Aufgaben und Anforderungen, die in ihrer Bedeutung von uns z. T. erst im Laufe der Projektarbeit erfahren und gemeinsam reflektiert werden konnten.

Die Unterschiede zwischen dem Comenius-Projekt und dem Erasmus-Intensivprogramm wurden von der Projektgruppe nach den Erfahrungen zweier Durchgänge in folgendem gesehen: Die Studierenden haben gegenüber den praktizierenden Lehrern eine andere Einstellung zu Lernfortschritten und erwarten einen gestuften Kompetenzaufbau. Ferner ist Heterogenität ihnen vom universitären Milieu her eher geläufig und kein sie stark bewegendes Thema mehr. Auch haben die in unseren Erasmus-Seminaren vertretenen Länder eine relativ große kulturelle Nähe zueinander.

Die Comenius-Lehrerinnen haben (auch gegenüber ihrer Berufsgruppe) ein anderes Interesse an der Weitergabe ihrer persönlichen und beruflichen Erfahrungen, während die Erasmus-Studierenden eher „etwas geboten bekommen“ wollen, einen „Input“ für die eigene Entwicklung, aber auch für eine theoretische Standortbestimmung. In der freien Zeit verhalten sie sich eher als peer group als dass sie sich – wie die Comenius-Lehrerinnen – als Kolleginnen verstehen und den Austausch mit den Gruppenleitern suchen.

Die Zielsetzung für die Gruppenarbeit im Erasmus-Projekt insgesamt unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der des Comenius-Projekts und lässt sich folgendermaßen zusammenfassen. Es ging den Lehrenden – bei allen unterschiedlichen Schwerpunkten – darum,

• eine vertiefte wertschätzende Begegnung von Studierenden und Dozenten aus verschiedenen europäischen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und historisch-kulturellen Traditionen zu ermöglichen,

• nationale Heterogenität in der Gruppe als eine bereichernde persönliche Erfahrung kennen zu lernen, die zugleich eine pädagogische Ressource darstellt,

• die Erfahrung zu ermöglichen, dass familien- und bildungsbiographische Grundthematiken trotz individueller und kultureller Unterschiede einen gemeinsamen, verbindenden Erfahrungshorizont darstellen,

• die Einsicht zu vermitteln, dass eine durch biographische Selbstreflexion in die Zukunft geöffnete Persönlichkeitsentwicklung mit der Herausbildung pädagogischer Professionalität aufs engste verbunden ist,

• Erfahrungsräume und experimentelle Situationen mit kreativen Methoden zu eröffnen, um das persönliche pädagogische Methodenrepertoire zu erweitern und das individuelle pädagogische Profil zu schärfen,

• Sensibilität für Gruppenprozesse und Wahrnehmungsfähigkeit nach innen wie nach außen zu fördern und dabei insbesondere den eigenen Gefühlen wie denen der Gruppenmitglieder Beachtung zu schenken,

• Grundkonzepte und Methoden der Humanistischen Pädagogik auf der Basis konkreter Erfahrungen sowohl modellhaft zu erfahren als auch in ihren theoretischen Bezügen kennen zu lernen.

Über den Erfolg unserer Arbeit in den drei 14tägigen Intensivseminaren (2011 – 2013) zu urteilen ist nicht leicht und dürfte nach individuellen Erfahrungen und der Perspektive des Urteilenden unterschiedlich ausfallen, zumal eine methodisch anspruchsvolle Evaluation ohne gesonderte Ressourcen parallel nicht zu leisten war.

Daher haben wir uns entschieden, einen großen Teil der Erfahrungsberichte der teilnehmenden Studenten (10 von bis heute etwa 40 eingegangenen “Reflektorischen Abschlussarbeiten“) weitgehend ungekürzt in diesen Band aufzunehmen. Die Beiträge in diesem Band können - an Stelle einer zielbezogenen Evaluation - auf ihre Weise Auskunft geben über die Gedanken und Erfahrungsprozesse, die im Zusammenhang der Arbeit mit dem gestaltpädagogischen Ansatz im Erasmus-Projekt (und darüber hinaus) stehen oder einen solchen Zusammenhang herstellen. Gerade die studentischen Erfahrungsberichte enthalten eine Dokumentation der „Ergebnisse“ des Programms aus subjektiver Sicht. Die Beiträge in diesem Buch spiegeln gemäß dem Prinzip „Heterogenität und Vielfalt in der Gemeinsamkeit“ vieles von der Struktur der Zusammenarbeit der Projektgruppe, die sich immer wieder als ein Balanceakt zwischen der Arbeit an einem Konsens und der Vereinheitlichung von Vorgehensweisen sowie andererseits an der Akzeptanz von Unterschiedlichkeit darstellte.

2. Zum Aufbau des Buches:

Das Buch gegliedert sich in einen eher theoretischen und einen eher dokumentarischen Teil. Der erste Teil enthält Beiträge der Mitglieder der Projektgruppe, in denen diese ihre Grundhaltungen und Wertorientierungen und ihre Erfahrungen mit Gestaltpädagogik mit Ausschnitten sehr unterschiedlich geprägter philosophischer, psychologischer, pädagogischer, und (fach-)didaktischer Theorietraditionen und Reformansätze in Verbindung bringen. Die Unterschiedlichkeit dieser Beiträge ist im wesentlichen bestimmt durch die jeweiligen nationalen, fachwissenschaftlichen und institutionellen Kontexte der in unserem Projekt kooperierenden Hochschullehrer.3 Die damit in Zusammenhang stehenden unterschiedlichen Wege, Humanistische Pädagogik und Gestaltpädagogik einerseits auf bestehende jeweilige fachwissenschaftliche Diskurse, andererseits auf akademische Studienstrukturen und aktuelle Reformbestrebungen vor Ort zu beziehen und zu diskutieren, verdeutlichen die Vielfalt der für unser Projekt konstitutiven Bezüge und handlungspraktischen Kontexte, in denen die einzelnen Dozenten stehen. Sie lassen aber ebenso die Überschneidungen und Gemeinsamkeiten in europäischen Theorietraditionen und didaktischen Reformbemühungen erkennen und sie zeigen das je individuelle inhaltliche Profil und spezifische Engagement der Autoren.

Zu den Beiträgen im Einzelnen:

Ilse Bürmann (DE) wendet sich der Frage nach der „Aktualität der Humanistischen Psychologie für die Pädagogik“ zu. Sie rekonstruiert deren historische Entwicklung und ihre Grundprinzipien als bedeutenden und bis heute wirkungsmächtigen Paradigmenwechsel in Psychologie und Psychotherapie. Zugleich arbeitet sie am Beispiel der Ansätze von Carl Rogers, Ruth Cohn und Fritz Perls deren Bedeutung für die Pädagogik heraus und diskutiert die Leistungen, aber auch die Probleme einer pädagogischen Rezeption der humanistisch-psychologischen Ansätze.

Jörg Bürmann (DE) entwickelt in seinem Beitrag „Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden“ grundsätzliche Überlegungen zum Thema Heterogenität in ihren vielfältigen Dimensionen. Vor diesem Hintergrund beschreibt er das Prinzip der „Verständigung durch Begegnung“ als Bedingung und Aufgabe der Arbeit in den EU-Projekten. In einem weiteren Schritt entwickelt er die anthropologischen Prämissen des Gestaltpädagogischen Ansatzes und beschreibt dessen Grundprinzipien im Hinblick auf eine Qualifizierung von Pädagogen zum Umgang mit Heterogenität.

Der Beitrag von Wiktor Żłobicki (PL) zieht Verbindungslinien zu philosophischen Hintergründen der Gestaltpädagogik. Er stellt einen Ausschnitt dar aus seiner Habilitationsschrift4 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wroclaw. Die aus dem einleitenden Kapitel für diesen Band ausgewählten Abschnitte zum Buddhismus und zur Existenzphilosophie und deren Rezeption im philosophischen Diskurs in Polen zeigen Parallelen von diesen philosophischen Richtungen auf zu Grundannahmen der Gestaltpädagogik. Diese fanden ja auch über die Rezeption von Fritz Perls Eingang in die von ihm entwickelte Gestalttherapie. Meditativ-spirituelle Praktiken und eine existentielle Grundhaltung haben in vielfältigen Facetten Eingang auch in gestaltpädagogische Konzepte gefunden.

Ivica Kolečáni Lenčová (SK) behandelt in ihrem Beitrag die Möglichkeiten eines gestaltpädagogischen Zugangs zur Vermittlung von Deutsch als Fremdsprache. Sie arbeitet die Kompatibilität der Ziele und Methoden des gestaltpädagogischen Ansatzes mit aktuellen schul- und unterrichtsbezogenen Reformbestrebungen in der Slowakischen Republik heraus. Die Grundprinzipien einer gestaltpädagogischen Didaktik veranschaulicht sie mit Beispielen aus ihrer Arbeit in der Ausbildung von Deutschlehrern, in denen sie mit kurzen Literaturtexten (Gedichte, Parabeln) kreative Eigenaktivitäten initiiert.

Sie betont die Notwendigkeit, die Lehrpersonen für die Begleitung von kreativen und persönlich bedeutsamen Lernprozessen durch Weiterbildungen zu qualifizieren und plädiert dafür, die Möglichkeiten einer gestaltpädagogischen Aus- und Fortbildung von Fremdsprachenlehrern auch institutionell zu verankern.

Tamara Bučková (CZ) zeigt in ihrem Beitrag Möglichkeiten einer Zusammenführung dramapädagogischer und gestaltpädagogischer Methoden auf, die sie im Rahmen der Ausbildung von Lehrern an der Universität Prag im Bereich der Fremdsprachendidaktik entwickelt hat. Mit begriffsklärenden und theoriebezogenen Erläuterungen liefert sie Begründungszusammenhänge für ihren Ansatz, fremdsprachige Kinder- und Jugendliteratur dramatisierend zum Gegenstand und Ausgangspunkt mehrdimensionaler, auch die eigenen Erfahrungen der Studierenden berührender Lernprozesse werden zu lassen. Das Potential ihres Ansatzes veranschaulicht sie mit der Darstellung eines mehrstufigen Projekts zu Texten von Renate Welsh.

Mit Blick auf die Didaktik des Deutschen als Fremdsprache zeigt Mária Daňová (SK) auf, dass der Begriff der Unterrichtsmedien weit über den – oft im Zentrum der Aufmerksamkeit stehenden – Kreis der technischen Medien hinausgehend verstanden werden kann und alles umfasst, was im Prozess der Begegnung von Person und Sache (Inhalt) relevant werden kann – vom kreativen Selbstausdruck der Lernenden über Handlungsmedien (Rollenspiel, Pantomime) bis zu allen Materialien, die im Prozess der Symbolisierung von Erkenntnisaspekten eingesetzt werden können. Am Beispiel der Arbeit mit Münzen aus dem Seminar in Celje verdeutlicht sie, dass sich der Begriff des Unterrichts-Mediums nicht aus den eingesetzten Objekten selbst, sondern erst aus ihrer tatsächlichen Funktion im Aneignungsprozess der Lernenden bestimmen lässt – was der Kreativität der Erfindungen und des Einsatzes von „Medien“ einen schier grenzenlosen Raum eröffnet.

Stanko Gerjolj´s (SI) theologisch-pädagogisches Engagement ist - als Priester und Hochschullehrer - auf die intergenerative Begleitung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in ihren konfliktreichen Entwicklungsprozessen gerichtet. In seinen Ausführungen zu Aufgaben und Chancen einer gestaltpädagogischen Bibelarbeit stellt er diese Entwicklungsbegleitung in den Rahmen der keineswegs abgeschlossenen Entwicklung der slowenischen Gesellschaft als einer postkommunistischen Übergangsgesellschaft. Die den Kommunismus kennzeichnende Traditionsverleugnung und ideologische Verurteilung der Vergangenheit einschließlich der Verwerfung der religiösen Überlieferung wie der Kenntnis und Beziehung zur Geschichte haben in seiner Sicht die Verarmung von sinnstiftenden Bezügen und persönlichen Beziehungen zur Folge. Diese wirken sich auch heute noch schwerwiegend auf die Identitätsprobleme der Subjekte und die intergenerationalen Beziehungen aus.

Gestaltpädagogische Bibelarbeit könne hier die wichtige Aufgabe erfüllen, existentielle Grundfragen aufzuwerfen und im Medium alttestamentarischer Mehrgenerationen-Familiengeschichten hierzu eine generationsübergreifende Einsicht und Verantwortung zu entwickeln.

Der zweite Teil des Buches ist eher dokumentarisch und enthält - wie bereits erwähnt - ausgesuchte selbstreflexive Erfahrungsberichte von teilnehmenden Studierenden des Erasmus-Programms. Zum anderen enthält es selbstreflexive Texte der jeweiligen Gruppenleiter zu ihren handlungsleitenden Prinzipien und pädagogischen Grundorientierungen. Diesen Texten folgen i. d. R. jeweils drei Berichte von Studierenden, die an einer der von ihnen geleiteten Gruppen teilgenommen haben, so dass die Bezüge zwischen den Erfahrungen und den Prinzipien der Gruppenleitung einsichtig werden können. Die Texte der verantwortlichen Gruppenleiter offenbaren relativ ungeschützt und ohne Seitenblick auf wissenschaftsbezogene Legitimationen die jeweiligen subjektiven Überzeugungen und methodischen Schwerpunktsetzungen in ihrer Lehre und deren persönliche, erfahrungshaltige Begründungen. Gemeinsam ist den Leitern die Orientierung an den humanistisch-pädagogischen Grundhaltungen der Offenheit und Wertschätzung, der Respekt vor Andersheit, die Bereitschaft zu nicht hierarchischer Kommunikation und das Bemühen um flexible Prozessgestaltung. Andererseits bestehen Unterschiede vor allem im Ausmaß der Bereitschaft zu biografischer Tiefung sowie in der Ausrichtung auf die Transferierbarkeit in den pädagogischen Alltag. Dadurch wird der biografischen Arbeit, dem kreativen methodischen Repertoire, dem Gruppenprozess, aber auch den fachlichen und religiös-existentiellen (Stanko Gerjolj) Bezügen ein jeweils unterschiedlicher Stellenwert zugewiesen. Bedingt ist diese Differenz über die Individualität der Personen und ihre spezifischen Kompetenzen wiederum durch die jeweils unterschiedlichen institutionellen Kontexte, denen die Gruppenleiter an ihren Herkunftsorten eingebunden sind (oder waren).

Die jeweils zugeordneten studentischen Erfahrungsberichte („Reflektorischen Abschlussarbeiten“) sind Bestandteile des gestaltpädagogischen Qualifizierungsprozesses der Studierenden. Die schriftliche Versprachlichung von emotional involvierten Erlebnissen und Erfahrungen, denen von den Teilnehmern selbst pädagogische, biografische und/oder existentielle Bedeutung zugeschrieben wird, stellen eine den Lernprozess abrundende eigenständige Integrationsleistung dar. Sie geben Einblicke in Mikroprozesse von Persönlichkeitsentwicklung und in Situationen in der Gruppenarbeit, die diese in Bewegung brachten. Alle veröffentlichten Teilnehmerarbeiten wurden in der vorliegenden Form von den Autoren freigegeben (z. T. allerdings anonymisiert). Einzelne Texte wurden um rein referierende oder gedanklich unklar bleibende Passagen gekürzt und sprachlich leicht geglättet. Denn alle Teilnehmerberichte wurden – wie auch veröffentlicht – auf Deutsch oder Englisch geschrieben, d. h. in aller Regel nicht in der eigenen Muttersprache.

Die jeweilige Auswahl der Berichte folgte einerseits formalen Kriterien: es sollten alle teilnehmenden Länder/Institutionen vertreten sein und es sollte andererseits die Arbeit der hauptverantwortlichen Gruppenleiter durch i. d. R. jeweils drei Teilnehmerreflexionen widergespiegelt werden. Andererseits wurden als inhaltliche Kriterien für die Auswahl vor allem das Niveau der Erfahrungsreflexion und die hergestellten Bezüge zu deren Relevanz für die professionelle Entwicklung als Pädagoge herangezogen. Wichtig war uns ferner die Dichte der situativen Beschreibungen und die Erkennbarkeit eines Zusammenhangs zwischen den entstehenden Selbsteinsichten und dem Geschehen in der Gruppe.

Gestützt auf die schriftlichen Teilnehmeraussagen, die in den Reflektorischen Abschlussarbeiten der drei Durchgänge insgesamt enthalten sind, - ergänzt durch viele mündliche Rückmeldungen, können wir den Ertrag unseres gestaltpädagogischen Weiterbildungsangebotes im Blick auf die Entwicklung der Lehrerpersönlichkeit und auf die Kompetenzentwicklung im Umgang mit Heterogenität in folgenden Aspekten erkennen:

• in der Erweiterung fremdsprachlicher Ausdrucks- und Kommunikationsfähigkeit, durch die Exploration ungewohnter Themenbereiche (in Deutsch oder Englisch),

• in der gewachsenen Bereitschaft, sich durch die Mühen sprachlicher Verständigung zum Verstehen des Anderen hindurchzuarbeiten,

• in der Erfahrung, dass „Verstehen“ des Andern eine emotionale Basis hat und eine respektvolle Beziehung voraussetzt,

• in der Offenheit, sich auf Fremdheiten einzulassen und Vorurteile zu revidieren, (so dass aus merkwürdigen Unbekannten bedeutsame Freunde werden können - eine Basisqualifikation für Pädagogen in der Arbeit mit Minderheiten und Migranten),

• in der Erfahrung der Bedeutung von Gefühlen in Prozessen der Ausgrenzung und der Zugehörigkeit, in ihrer basalen Funktion für Lernmotivation bzw. Lernverweigerung und in ihrer Verlaufskurve in Erkenntnisprozessen,

• in den erweiterten Möglichkeiten, Gefühle und körperliche Reaktionen bei sich selbst und bei anderen wahrzunehmen, über sie sprachfähig zu werden und sie in ihrer Relevanz für Bildungs- und Erkenntnisprozesse zu diskutieren.

Die biografischen Erfahrungen und Reflexionen, so zeigen die Berichte, erstrecken sich auf Themen, die zugleich grundlegende Einsichten für Pädagogen ermöglichen, da sie sich auf die „Innensicht“ der Probleme des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen beziehen. So konnte die Bedeutung von Sicherheit und Geborgenheit in der Kindheit ebenso wie die Bedeutung abwesender oder kranker Eltern erfahren werden oder der Zusammenhang von Geschwisterbeziehungen zum eigenen Verhalten in Gruppen.

Auch die Bedeutung früher Erfahrungen in Kindergarten und Schule, von Kränkungen und Demütigungen durch Lehrer und deren langfristige Auswirkungen auf Fachpräferenzen und Studienentscheidungen konnten in der biografischen Arbeit in der Gruppe hautnah nach- oder miterlebt werden. Zudem konnten Erfahrungen, die zum Themenkomplex Ablösung und Versöhnung mit den Eltern gehören, in ihrer Bedeutung für die Bereitschaft zur Annahme der Aufgabe als Lehrer und Erzieher (Einnahme einer neuen Position im Generationenverhältnis) erfasst werden. Derartige Erkenntnisse und Erfahrungen von Zusammenhängen (die im Studium allenfalls abstrakt Erwähnung finden), konnten in unseren Intensivkursen - begleitet durch hierfür speziell weitergebildete Gruppenleiter - als persönliche Einsichten formuliert werden. Sie konnten in der begleiteten Reflexion in der Lerngruppe in ihrer Relevanz für Bildungsprozesse erkannt und in vielerlei theoretische Bezüge eingeordnet werden.

In dieser Hinsicht stellen die gestaltpädagogischen Intensivseminare des Erasmus-Projekts für angehende Pädagogen eine außerordentlich vielschichtige und tiefgehende Lerngelegenheit dar, wenngleich von den Teilnehmern deren Chancen nicht immer gleichermaßen genutzt werden können und auch die Gruppenarbeit selbst der Fragilität sozialer Prozesse nicht immer entgehen kann. Die Lernebene, die erreicht werden kann und deren Beschreibung immer fragmentarisch bleibt, ist die der biografischen Dispositionen und erfahrungsfundierten Handlungsorientierungen. Auf sie kann nicht auf direktem Weg - durch gezielte Unterweisung - Einfluss genommen werden, sondern nur mit Anstößen für einen offenen, mehrdimensionalen Entwicklungsprozess.

Teil I: Theoretische Beiträge zu den Grundlagen des Erasmus-Projekts
Ilse Bürmann (DE)
Zur Aktualität der Humanistischen Psychologie für die Pädagogik
1. Vorbemerkung

Im Folgenden thematisiere ich nicht nur Fragen der Beziehung der Humanistischen Psychologie zur Pädagogik, sondern immer zugleich auch meine eigene Beziehung zu beidem. Damit wird nur etwas expliziter, was aus erkenntnistheoretischer Sicht eigentlich immer geschieht, wenn ein Subjekt eine Sache oder einen Gegenstand aufzufassen und darzustellen versucht. Die mathematisierende Abstraktion physikalischer Zusammenhänge war in den vergangenen Jahrhunderten bestrebt, das erkennende Subjekt aus den beschriebenen Naturzusammenhängen methodisch zu eliminieren. Sie hat auch in weiten Teilen die Forschung über den Menschen geprägt. Andererseits hat bereits in den 50er Jahren Werner Heisenberg mit Blick auf das „nachklassische“ physikalische Weltbild formuliert:

„Wenn von einem Naturbild der exakten Wissenschaften in unserer Zeit gesprochen werden kann, so handelt es sich eigentlich nicht mehr um ein Bild der Natur, sondern um ein Bild unserer Beziehung zur Natur.“1

Ich betrachte es deshalb als eine forschungsmethodisch bedeutsame Perspektivenerweiterung, sich selbst als Forscher, Erkenntnissubjekt, Autor von Texten oder Vortragende ein Stück weit transparent und damit die eigene Beziehung zum „Gegenstand“ miterkennbar zu machen. Hierfür allerdings müssen die für wissenschaftliche Zusammenhänge geeigneten Formen erst entwickelt werden. Und damit bin ich eigentlich schon mitten in der Darstellung der erkenntnistheoretischen Implikationen der Sicht der Humanistischen Psychologen auf den Menschen als ein Teil der Natur, als Bestandteil des Organismus-Umwelt-Feldes, in seiner interdependenten Kontextualität oder wie die spezifische Begrifflichkeit in einzelnen Ansätzen der Humanistischen Psychologie auch immer geprägt sein mag.

2. Humanistische Psychologie – eine kurze Rekapitulation

Die Humanistische Psychologie ist in den frühen 60er Jahren in den USA als Sammelbewegung von Ansätzen an die Öffentlichkeit getreten, denen das naturwissenschaftliche Forschungsparadigma zur Erkenntnis des Menschen nicht angemessen schien.

Der damals vorfindlichen Polarisierung von Therapieformen in eine vielfach dogmatisch erstarrte Psychoanalyse einerseits und eine am Behaviorismus orientierte „lernpsychologische“ Forschung und Verhaltenstherapie andererseits wollten die Pioniere der Humanistischen Psychologie eine Alternative entgegensetzen. Diese Bewegung verstand sich aber nicht nur als Verbund undogmatischer neuer Therapieformen, sondern trat mit dem Anspruch auf, einen umfassenden Paradigmenwechsel innerhalb der Psychologie einzuleiten, indem diese als lebensgerechtere, menschengerechtere Wissenschaft vom Menschen neu zu begründen und zu entwickeln sei. Sie waren bemüht, eine solche in ersten Umrissen zu entwerfen und verständigten sich auf wertorientierte Grundpositionen mit dem Ziel, auf die menschlichen Lebensverhältnisse auf allen ihren Ebenen humanisierend einzuwirken. Fundamental war dabei die Ausrichtung an einem Menschenbild, das auf dem Zusammenhang von Leib, Seele und Geist besteht, das eine Bindung wissenschaftlichen Forschens über den Menschen an Sinn- und Wertkategorien im Dienste seiner Entfaltung fordert sowie eine Bindung des therapeutischen Handelns an die Respektierung seiner Würde und das ihm innewohnende Aktivitäts- und Entwicklungspotential.

Begriffe wie „Selbstaktualisierungstendenz“ und „organismische Selbstregulierung“ verweisen dabei einerseits auf das Aufgreifen früher biokybernetischer bzw. systemtheoretischer Ansätze (Karl Bühler, Ludwig von Bertalanffy und Kurt Lewin waren wie Kurt Goldstein wichtige Bezugstheoretiker dieser Gruppe). Andererseits erfolgte mit der Einbeziehung der geistigen Dimension des Menschen ein bewusstes Anknüpfen an Geistesgeschichte und philosophische Traditionen; ja, die philosophische Reflexion wurde als notwendige metatheoretische Ebene für fachspezifische Forschung und Praxis eingefordert, nachdrücklich vor allem von Charlotte Bühler. Insbesondere die existentialistischen Strömungen der Nachkriegszeit wurden aufgegriffen und gingen in sehr verschiedener Weise direkt (man denke etwa an Frankls Logotherapie und Existenzanalyse oder an Bugentals und Binswangers Daseinsanalyse) oder indirekt in die verschiedenen klinischen Ansätze ein. Die Orientierung an der Erfahrung, die methodischen Bemühungen um Wege zu möglichst großer Offenheit des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens, die Gestaltung der Beziehung zum anderen, speziell zum Klienten als eine nicht hierarchische Begegnung (statt zielorientierter Beeinflussung aus Distanz) - alles dies sind Elemente einer Rückbesinnung des Menschen auf den primären Modus der Teilhabe und Verbundenheit und dessen bewusste Reaktivierung, Kultivierung und Nutzung als Erkenntnisweg wie als Heilungsweg.

Husserls und Merleau-Ponty’s Arbeiten zur Phänomenologie haben hierfür erkenntnistheoretische Grundlagen geschaffen.

Insgesamt versteht sich die Bewegung der Humanistischen Psychologie jedoch vor allem als Aufbruch zu neuen Ufern. Das Hier und Jetzt, die lebendige Aktualität, der primäre Erfahrungsmodus wird programmatisch akzentuiert, während das Dort und Dann zunächst in den Hintergrund tritt.

Das gefühlte Erleben wird gegenüber der reflexiven Distanznahme umfassend aufgewertet und ins Zentrum therapeutischer „Wiederbelebungen“ des unter Selbstentfremdung leidenden Menschen gestellt.

Aus dem Manifest der Humanistischen Psychologie, das auf dem Gründungskongress im Jahre 1962 beschlossen wurde, gehen die programmatischen Intentionen dieser Gesamtbewegung (die mit Namen verbunden ist wie Charlotte Bühler, Ruth Cohn, Erich Fromm, Rollo May, Abraham Maslow, Fritz und Lore Perls, Carl Rogers) deutlich hervor.

1. „Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die erlebende Person. Damit rückt das Erleben als das primäre Phänomen beim Studium des Menschen in den Mittelpunkt. Sowohl theoretische Erklärungen wie auch sichtbares Verhalten werden im Hinblick auf das Erleben selbst und auf seine Bedeutung für den Menschen als zweitrangig betrachtet.

2. Der Akzent liegt auf spezifisch-menschlichen Eigenschaften wie der Fähigkeit zu wählen, der Kreativität, Wertsetzung und Selbstverwirklichung - im Gegensatz zu einer mechanistischen und reduktionistischen Auffassung des Menschen.

3. Die Auswahl der Fragestellungen und der Forschungsmethoden erfolgt nach Maßgabe der Sinnhaftigkeit - im Gegensatz zur Betonung der Objektivität auf Kosten des Sinns.

4. Ein zentrales Anliegen ist die Aufrechterhaltung von Wert und Würde des Menschen und das Interesse gilt der Entwicklung der jedem Menschen innewohnenden Kräfte und Fähigkeiten. In dieser Sicht nimmt der einzelne Mensch in der Entwicklung seines Selbst, in seiner Beziehung zu anderen Menschen und zu sozialen Gruppen eine zentrale Stellung ein.“2

Es gehörte viel Mut dazu, sich als eine Gruppe von individualistischen Außenseitern öffentlich gegen den Mainstream der herrschenden Wissenschaftsauffassung in den Humanwissenschaften und gegen die dominanten psychotherapeutischen Schulen zu wenden. Es bedurfte ebenso sehr der Stärke, nicht in einen neuen Dogmatismus zu verfallen, sondern mit der Vielfalt von Ansätzen und Sichtweisen in den eigenen Reihen offen, dialogisch und kooperativ umzugehen, ohne auf Kritik untereinander zu verzichten.

Die Uneinheitlichkeit des Ansatzes wird von dessen Kritikern nun wieder mit dem Vorwurf der mangelnden Klarheit und vor allem auch mangelnder Präzisierung und Operationalisierbarkeit seiner Begriffe sowie der Unschärfe seiner Grenzen zu außerwissenschaftlichen Erkenntniswegen verbunden.

Anhänger der Humanistischen Psychologie betonen zumeist ihre Bahn brechenden Leistungen auf dem Feld der Psychotherapie. Bevor ich darauf unter pädagogisch-praxisbezogenem Aspekt zu sprechen komme, möchte ich aus wissenschaftsbezogener Perspektive den Beitrag der Humanistischen Psychologie zum Wandel der Selbstauffassung der Humanwissenschaften herausheben. Dieser Wandel geht dahin, dass Naturbild und Menschenbild wieder in einen einheitlichen Zusammenhang eingebettet werden. Die Humanistischen Psychologen haben sich somit als Katalysator für einen Wandel der Sicht auf den Menschen erwiesen, dessen Wirkung sich auch dort entfaltete, wo ein Rückbezug auf diese Richtung nicht explizit erfolgte. Man kann es aber auch andersherum sehen, dass sie ein spezifisches und sich prägnant artikulierendes Moment in einem disziplinenübergreifenden Wandlungsprozess darstellten, der etwa seit der Jahrhundertwende in Gang gekommen ist, sich aber nur in Schüben und Verwerfungen durchsetzen konnte. Als wichtige Momente dieses Wandels möchte ich folgende hervorheben:

• Die Relativierung des forschenden wissenschaftlichen Zugangs zum Menschen als aspekthaft gegenüber der Vielfalt der Erfahrungsrealität des erlebenden Subjekts.

• Die Einbeziehung des Forscher-Subjekts in den Forschungszusammenhang nicht als zu kontrollierende Variable, sondern als unhintergehbaren und unverzichtbaren Teil, der den Forschungsgegenstand beeinflusst und mitbestimmend dafür ist, was an ihm in Erscheinung treten kann. Transparenz und Selbstreflexivität werden zu zentralen Gütekriterien.

• Die Betonung der Unentbehrlichkeit qualitativer Methoden zur Erforschung des Menschen sowie biographischer Zugänge zu seinem Verständnis. (Hier sind als Anstöße vor allem das Eintreten für die Einzelfallstudie sowie die Lebenslaufforschungen von Charlotte Bühler zu nennen).

• Das Aufgreifen von Theorien offener Systeme im Rahmen eines ganzheitlichen Verständnisses des Menschen (nach innen) und im Hinblick auf die Erfassung interdependenter Bezüge nach außen.

• Die Hervorhebung des Aspekts der menschlichen Fähigkeit zur eigenständigen und produktiven Realitätsverarbeitung (gegenüber deterministischer Vorstellungen von der Allmächtigkeit von Sozialisationsbedingungen) ebenso wie die Betonung der menschlichen Intentionalität, Sinn- und Wertgerichtetheit gegenüber Vorstellungen von seiner Determiniertheit durch Bedürfnisse und Triebe.

• Die Annahme eines menschlichen Potentials an Spontaneität und Kreativität, das mit keinen linearen Modellen abzubilden und ebenso wenig vollständig dem Willen unterworfen ist, wie es auch nicht vorausberechnet werden kann.

Diese Positionen und Akzentsetzungen haben sich im aktuellen theoretischen Diskurs wie in der neueren humanwissenschaftlichen Forschungspraxis inzwischen verbreitet durchgesetzt; die Humanistischen Psychologen mussten seinerzeit Abwertungen und Ausgrenzungen dafür hinnehmen.

3. Zur pädagogischen Dimension der Humanistischen Psychologie

In der Pädagogik ist die Humanistische Psychologie vor allem in drei sich berührenden, aber doch wiederum auch klar unterscheidbaren Richtungen wirksam geworden, und zwar zunächst im Konzept der Schülerorientierung (auch Personen- oder Teilnehmerorientierung) unter Rückbezug auf den personenbezogenen Ansatz von Carl Rogers. Dieser ist in vielen Variationen Verbindungen eingegangen mit älteren Traditionen einer „Pädagogik vom Kinde aus“, aber auch mit Vorstellungen von Schülerorientierung als politischem Basiskonzept bis hin zu so radikalen Positionen wie der Antipädagogik eines Hubertus von Schönebeck. Rogers selbst hat seinen Ansatz auf Fragen des Lehren und Lernens bewusst ausgeweitet und hat eine Grenzziehung zwischen Erziehung, Beratung und Therapie in Bezug auf sein Verständnis von „Wachstumsförderung“ grundsätzlich abgelehnt. Rogers’ „Persönliche Gedanken über Lehren und Lernen“ und seine Ausführungen „Über das Lernen und wie man es fördern kann“ zählen in meiner Sicht zu den Perlen unter den Grundlagentexten zur Allgemeinen Didaktik.

In der Erwachsenenbildung und beruflichen Fortbildung ist besonders der Ansatz der themenzentrierten interaktionellen Methode (TZI) von Ruth Cohn pädagogisch wirksam geworden. Sie selbst – von der Psychoanalyse herkommend – hat ihr Konzept programmatisch als eine „Pädagogik für alle“ bezeichnet und versteht sie als eine therapeutisch fundierte, an existentiellen Themen orientierte Gruppen-Pädagogik.

Nachhaltig und vielfältig ist die pädagogische Rezeption der Gestalttherapie unter dem Namen Gestaltpädagogik. Diese setzt vor allem in der beruflichen Weiterbildung an der Persönlichkeitsentwicklung von Pädagogen an und ist darauf ausgerichtet, auf der Basis biographischer Selbsterfahrung und Selbstreflexion das auch pädagogisch hochwirksame Methodenrepertoire der Gestalttherapie in verantwortlicher und situationsangemessener Weise im Unterricht zu erproben. Während also Carl Rogers und Ruth Cohn selbst ihren Ansatz auf den Bereich der Pädagogik ausweiteten bzw. ihn unmittelbar darauf ausrichteten, hat die Gestalttherapie in Paul Goodman einen Pädagogen als Mitgründervater gehabt. Goodman ist allerdings vor allem als radikaler Schulkritiker und Gesellschaftstheoretiker hervorgetreten und hat Fragen der Didaktik in engerem Sinne nicht vorrangig zu seinem Thema gemacht. Dennoch kann man verallgemeinernd sagen, dass die Humanistische Psychologie in einigen ihrer wichtigsten Vertreter ein sehr offenes und engagiertes Verhältnis zur Pädagogik jenseits professioneller Abgrenzungsbestrebungen aufweist. Demgegenüber hat sich die wissenschaftliche Pädagogik mit dieser Richtung nur in seltenen Fällen in einen Dialog begeben (etwa Wolfgang Schulz mit Ruth Cohn, Hartmut von Hentig mit Paul Goodman), sondern sie hat sie oftmals für suspekt erklärt. Vorherrschend war dabei das Interesse, eine Psychologisierung und Therapeutisierung der Pädagogik zu vermeiden und ihre Eigenständigkeit zu betonen, was in der Geschichte der Pädagogik als Wissenschaft ihre nachvollziehbaren Ursachen hat und auch in der Professionalitätsdebatte immer wieder aufscheint.

Unabhängig von dem Verdikt vieler Professoren hat in der pädagogischen Praxis eine lebhafte und vielgestaltige Rezeption dieser Ansätze stattgefunden. Diese hat neben vielen positiven Effekten mitunter auch gesteigerte Grade der Trivialisierung hervorgebracht. Das Aufgreifen der Teilnehmer- oder Schülerorientierung als Bemühung der Lehrenden, die lebensweltlichen Erfahrungen von Schülern ernst zu nehmen und zum Ausgangspunkt (oft auch Gegenstand) des Unterrichts zu machen, ist teilweise so weit gegangen, dass der Ruf nach Herausforderung der Schüler zu Kontrasterfahrungen und Abstraktionsanstrengungen heute kaum mehr als reaktionär gilt. Auch wurden die Rogersschen „Basisvariablen“ für eine hilfreiche Beziehung seit eh und je technizistisch verkürzt. Die TZI ist in so viele Bereiche von Gruppenarbeit eingedrungen, dass einem manches aus diesem gut durchdachten erfahrungsfundierten Ansatz in sehr verwässerter, gelegentlich auch geistlos formalisierter Form entgegentreten kann. Und bei der Gestaltpädagogik hat sich das erlebnisaktivierende Methodenrepertoire in der Rezeption von den vorrangig zu erwerbenden persongebundenen Kompetenzen oftmals abgelöst, so dass ihre Leistungen mitunter als ein bloßer Beitrag zur Kreativitätskonjunktur wahrgenommen werden. Für umso notwendiger halte ich es, die einzelnen Ansätze wie die Humanistische Psychologie insgesamt von ihren wesentlichen Leistungen und wegweisenden Impulsen her zu würdigen und die Formen ihrer Rezeption einer differenzierenden Kritik zu unterziehen.

4. Zur Bedeutung der Humanistischen Psychologie für mich persönlich

4.1 Ich beginne mit dem historischen Kontext ihres Entstehens, verbunden mit den biographischen Erfahrungen der meisten der Hauptvertreter dieser Gruppe.

Bis auf Abraham Maslow, Carl Rogers und Rollo May waren alle führenden Vertreter und Pioniere der Humanistischen Psychologie aus Deutschland bzw. Österreich emigrierte Juden. Das gilt für Ruth Cohn ebenso wie für Erich Fromm, für Fritz und Lore Perls, für Viktor Frankl, Jakob Bugental, Charlotte Bühler oder Bruno Bettelheim, dessen Werk viele Berührungspunkte mit der Humanistischen Psychologie aufweist. Sie haben mit dem Ansatz der Humanistischen Psychologie als Entkommene oder Überlebende des Holocaust und als Psychotherapeuten auf ihre Weise auch eine Antwort zu geben versucht auf die Frage: Was ist der Mensch, und was können wir tun, damit er sich zum Guten hin entwickeln kann? Während Theodor W. Adorno etwa in seiner berühmten Rundfunkrede von 1967 unter dem Titel „Erziehung nach Auschwitz“3 die Auffassung vertritt, nach Auschwitz könne man nicht Liebe predigen oder sich um Liebe bemühen, sondern man müsse seine Anstrengungen darauf richten, „der Kälte zum Bewußtsein ihrer selbst“ zu verhelfen und sich der Erforschung des Seelenlebens der Täter zuwenden, gehen die Pioniere der Humanistischen Psychologie als Psychotherapeuten einen anderen Weg. Sie versuchen, nicht nur den Menschen „neu zu denken“, sondern sich mit dem je Einzelnen auf eine Beziehung einzulassen, die alle Vormeinungen und Verallgemeinerungen besonders hinsichtlich der Bedeutung von ethnischer, nationaler oder religiöser Zugehörigkeit sowie alle vorgängigen Zielbestimmungen zu vermeiden sucht. Man kann darin auch den Versuch sehen, mit dem je einzelnen Menschen einen neuen Anfang zu versuchen, hinter Vorurteile, gesellschaftliche Konventionen, Wertmaßstäbe und Zwecksetzungen zurückzugehen und sich mit dem Risiko der ganzen Person für neue, entwicklungsfördernde Erfahrungen in der Intersubjektivitätsbeziehung einzusetzen.

Damit ist dieser Ansatz mit seinem z. T. betont positiven Menschenbild für mich nicht nur Ausdruck eines gewissen amerikanischen Optimismus - das ist er auch, zumal bei Rogers und Maslow - sondern zugleich Ausdruck der erstaunlichen konstruktiven Möglichkeiten des Menschen zur Überwindung eigener tiefer traumatischer Verletzungen und einer Gut und Böse polarisierenden Sicht auf den Menschen. Die Humanistischen Psychologen sind nicht, wie Adorno, darauf aus, den Menschen zu analysieren und über sich selbst kritisch aufzuklären, sondern sie sind bereit, sich mit ihm neu einzulassen.

Das ist mehr als nur eine abstrakte ethische Entscheidung; diese Bereitschaft hat auch Konsequenzen für die Erkenntnisse, die dabei gewonnen werden.

Erik Homburger Erikson (auch ein Emigrant mit teilweise jüdischer Herkunft), der in vielen seiner Auffassungen zwischen Psychoanalyse und Humanistischer Psychologie steht, hat seine Grundüberzeugung mit Blick auf die experimentelle psychologische treatment-Forschung, in der Affen in die Psychose getrieben wurden, einmal so formuliert:

„Man kann das Wesen der Dinge untersuchen, indem man ihnen etwas antut, aber über die eigentliche Natur lebender Wesen kann man nur etwas lernen, wenn man etwas mit ihnen oder für sie tut“4

Ein positives Beispiel aus der Tierforschung dafür, dass eine solche Auffassung zu einer höchst produktiven Erkenntnishaltung führen kann, sind Konrad Lorenz’ Forschungen an Graugänsen, zu denen er in eine ernsthafte und respektvolle soziale Beziehung trat. Für die dabei gewonnene bahnbrechend neue Sicht auf das Verhalten von Tieren wurde er Ende der 60er Jahre mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Die Pioniere der Humanistischen Psychologie, denen selbst in ihrer Mehrzahl direkt oder indirekt Schlimmstes angetan worden ist, reagierten auf diese Erfahrung, indem sie einen radikal anderen Beziehungsmodus dem je einzelnen Menschen gegenüber nicht nur einforderten, sondern selbst zu leben und in ihr berufliches Handeln zu integrieren suchten. Sie haben damit einen wegweisenden Impuls gegeben.

4.2 Ein weiteres Moment, das mir persönlich an diesem Ansatz wichtig ist, ist der Mut zur ungeschützten Offenheit für den in der eigenen konstruktiven Entwicklung blockierten Anderen. Das setzt voraus, dass der veränderte Beziehungsmodus zunächst und vor allem sich selbst gegenüber realisiert werden muss. Ungeachtet der Notwendigkeit einer sekundären Einbettung in eine professionelle Methodik besteht hierin meines Erachtens ein entscheidendes Kernstück des humanistisch-psychologischen Ansatzes. Dies ist eine Aufgabe von so hohem Anspruch an die personale Integrität, dass gerade dieses Moment sich der Trivialisierung - wie aber auch der Sicherung durch Methode - entzieht. Fasst man die von Rogers herausgearbeiteten Grundelemente einer hilfreichen Beziehung - also Wertschätzung, Empathie und Kongruenz - auf als Aspekte einer Begegnungshaltung im Buberschen Sinne, so wird deutlich, dass es sich um Haltungen handelt, die ihre Wirksamkeit in der existentiellen Aufrichtigkeit eines Subjekts haben, das sich selbst körperlich, seelisch und geistig wahrnimmt und ungeschützt in die Beziehung einbringt. Ich zitiere zur Veranschaulichung eine Ausführung des späten Rogers zur Kongruenz, die er als wichtigste Bedingung für eine entwicklungsfördernde Beziehung ansieht.

„Je mehr der Therapeut in der Beziehung er selbst ist, d.h., kein professionelles Gehabe und keine persönliche Fassade zur Schau trägt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sich der Klient äußern und auf konstruktive Weise wachsen wird. Das bedeutet, daß der Therapeut offen die Gefühle und Einstellungen darbietet, die ihn im Augenblick bewegen. Der Begriff der Transparenz wird diesem Sachverhalt gerecht:

Der Therapeut macht sich dem Klienten gegenüber transparent; der Klient kann ohne weiteres sehen, was der Therapeut in der Beziehung ist; der Klient erlebt kein Zurückhalten seitens des Therapeuten. Was den Therapeuten betrifft, so ist das, was er oder sie erlebt, dem Bewußtsein zugänglich, kann in der Beziehung gelebt und, falls angebracht, kommuniziert werden. Es besteht also eine genaue Übereinstimmung zwischen dem körperlichen Empfinden, dem Gewahrsein und den Äußerungen gegenüber dem Klienten.“5

Die Bereitschaft zur ungeschützten Transparenz ist, wie auch im Zitat angedeutet, selbstverständlich nicht identisch mit hemmungsloser Selbstoffenbarung des Therapeuten in der Kommunikation mit dem Klienten. Ruth Cohn hat in diesem Zusammenhang treffend von „selektiver Authentizität“ gesprochen, die sie auch als pädagogische Haltung versteht. Sie ist gegründet in der Offenheit der Selbstwahrnehmung und ist von der bloßen Attitüde der Menschenfreundlichkeit gerade durch ein Zulassen auch „unerwünschter“ Regungen wie durch verantwortliche Auswahl und Differenziertheit ihrer Mitteilung zu unterscheiden. Auch ist, obgleich dies oftmals nicht genügend betont wird, im Konzept der Empathie nicht nur die menschliche Möglichkeit angesprochen, sich selbst im Anderen wieder zu erkennen, sondern Empathiefähigkeit impliziert auch, den Anderen im Anderen zu erfahren und dieses auszuhalten. So wird auch die Grenze zum Anderen transparent, d. h. zugleich durchlässig und wahrnehmbar.

In der Ausarbeitung eines Verständnisses der hilfreichen Beziehung, die nicht bemächtigend und objektivierend, sondern offen und begegnend ist, verbunden mit einer genauen Beschreibung von Grundhaltungen, die diese ermöglichen sowie des Aufweisens methodischer Wege zu ihrem Erwerb, liegt für mich die Hauptbedeutung des personenzentrierten Ansatzes von Rogers. Dessen Relevanz für das Verständnis der pädagogischen Beziehung ist meines Erachtens offenkundig und unbestritten, wenngleich natürlich nicht alle Aspekte des Pädagogischen darin aufgehoben sind.

Es bestehen im Übrigen Übereinstimmungen nicht nur mit Martin Bubers philosophischem Konzept der Begegnung, sondern auch mit Otto Friedrich Bollnows Bemühungen, die „gefühlsmäßigen Grundlagen der Erziehung“ genauer zu beschreiben, wie er es in seinem Buch „Die pädagogische Atmosphäre“ von 1964 getan hat. Viele Pädagogen meiner Generation konnten in den 1970er Jahren Rogers leichter und besser rezipieren als die existenzphilosophischen Texte zur Pädagogik in ihrer spezifischen Sprache der Schwere und Bedeutsamkeit.

4.3 Demgegenüber ist es der von Fritz und Lore Perls entwickelte und in Zusammenarbeit mit Paul Goodman theoretisch fundierte Ansatz der Gestalttherapie, der das dritte für mich wesentliche Moment der Humanistischen Psychologie besonders ins Zentrum stellt.

Das ist die Betonung des Gewahrseins, der „awareness“, der phänomenologischen Wahrnehmungsoffenheit. In ihm wird letztlich auch Erkenntnis als Begegnung aufgefasst. Heik Portele hat einmal die Gestalttherapie in Abgrenzung von anderen therapeutischen Richtungen nach ihrem jeweiligen sprachlichen Grundgestus folgendermaßen zu fassen gesucht:

„Der Freudsche Therapeut sagt: ‘Assoziiere, ich werde Deine geheimnisvollen Triebmechanismen aufdecken.’ - Reich: ‘Befreie Dich von Deinem Panzer!’ - Rogers: ‘Ich versteh Dich, ich weiß, wie das ist.’ - Und Perls: ‘Schau doch richtig hin.’“6

Das klingt vielleicht trivial, erweist sich aber immer wieder als hochbrisant, denn das „genaue Hinschauen“ im Sinne von Perls verlangt uns ab, unsere habituellen Wahrnehmungsroutinen hinter uns zu lassen, die objektivierende und analysierende Distanznahme eine Zeitlang auszusetzen und uns dem zu überlassen, was dann geschieht. Perls und Goodman prägten für eine solche phänomenologische Erkenntnishaltung den Begriff des Einlassens auf den mittleren Modus, einen Zustand zwischen Tun und Erleiden, mit dem sie das Phänomen basaler Spontaneität des lebendigen Organismus verbunden sehen.

„Spontaneität ist das Gefühl, den gerade ablaufenden Organismus Umwelt-Prozeß handelnd zu erleben, nicht nur Gestalter oder das Gestaltete zu sein, sondern darin zu wachsen. Spontaneität ist nicht gelenkt oder selbstlenkend, noch ist sie ein Dahingetragenwerden, wobei man im Grunde unbeteiligt wäre, sondern sie ist ein Entdecken und Erfinden, während man unterwegs ist, sich einlässt und anerkennt. Das Spontane ist zugleich aktiv und passiv, sowohl das, wozu man bereit ist, wie auch das, was einem zustößt. Oder besser, es ist ein mittlerer Modus zwischen Tun und Erleiden, eine schöpferische Unparteilichkeit, ein Desinteresse, nicht in dem Sinne, dass man nicht erregt oder nicht schöpferisch wäre, denn Spontaneität ist dies beides in außerordentlichem Maße, sondern als Einheit vor (und nach) der Trennung von Aktivität und Passivität, die beides einschließt.“7

Mit der Bemühung um die Beschreibung und Realisierung nicht bemächtigender Grundvorgänge der Wahrnehmung wie des Erkennens verknüpft sich bei Perls eine Tendenz zur polemischen Abwertung der kulturell-dominanten Haltung der reflexiven Distanznahme als einer habitualisierten Form der Kontaktvermeidung, deren Beweggrund die Angstabwehr sei.

Diese Sicht enthält meines Erachtens ein sehr wahres, aber genauso ein vereinseitigend falsches Moment. Soweit der Modus der reflexiven Distanznahme Herrschaft über den anderen ausübt, ist auch der Perlssche Rebellionsimpuls legitim. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass das Zulassen des mittleren Modus nicht in eine Alternative zur reflexiven Distanznahme verwandelt werden darf, sondern dass es gilt, das Verhältnis beider Zugangsmodi zur Wirklichkeit, die dem Menschen möglich sind, produktiv zu reorganisieren. „Neben“ statt „anstelle von“ ist die Gedankenfigur, die ich dabei im Auge habe. Dieser Anspruch lässt sich in unterschiedlicher Ausprägung zwar und nur bei genauem Hinsehen bei allen Autoren der Humanistischen Psychologie aufspüren – allerdings besonders dort, wo der Dialog mit der Wissenschaft gesucht und nicht für obsolet erklärt wird.

Wahrnehmungsoffenheit nach innen und außen ist nicht nur für die intersubjektive Beziehung, sondern auch für die Kunst des Unterrichtens von Bedeutung. Ich habe dies in meiner Arbeit über bildendes Lehren und Lernen8 am Beispiel Wagenscheins und an Ansätzen aus der Grundschulpädagogik herausgearbeitet und sie zugleich als das Herzstück des gestaltpädagogischen Ansatzes beschrieben, dem ich mich besonders verbunden fühle.

4.4 Was ich vom Ansatz der TZI gelernt habe - ich hatte das Glück, ihn durch Ruth Cohn persönlich als Teilnehmerin eines ihrer ersten Seminare in Deutschland kennen zu lernen - ist demgegenüber etwas bescheidener, aber von großer pragmatischer Bedeutung. Es ist das Gespür für die Dynamik einer Lerngruppe, das Vertrauen in ihre Selbstorganisationsfähigkeit, die Bereitschaft, Macht abzugeben und ein Gefühl für das, was sie dynamische Balance nennt. Hüter der dynamischen Balance zu sein, wie Ruth Cohn die Funktion des Gruppenleiters beschreibt, habe ich für mich in der Universität vor allem darauf bezogen, den Dualismus von Personenorientierung einerseits und Sachorientierung andererseits, von Erfahrungs- und Theoriebezug, aber auch von persönlicher Begegnung mit Menschen und des ebenso erforderlichen bewertenden Distanzverhältnisses in Vorstellungen von der Möglichkeit eines fluktuierenden Wechsels einzubetten. Um diese begrifflich zu erfassen bedurfte ich persönlich allerdings auch des Weges oder Umweges über erkenntnistheoretische Grundfragen. Das Kernstück der Theorie der TZI, das berühmte Dreieck in der Kugel, lädt nämlich m. E. allzu sehr dazu ein, mit einem einfachen Bild und griffigen Formeln die schwierigen Fragen des Lehrens und Lernens für beantwortet zu halten.

5. Gedanken zur Aktualität der Humanistischen Psychologie für die Pädagogik

Wenn ich nun abschließend versuche, die allgemein als charakteristisch dargestellten wie die mir persönlich besonders bedeutsamen Aspekte der Humanistischen Psychologie mit Blick auf die Pädagogik zusammenzuschauen, erscheinen mir folgende drei Punkte zentral:

1. Für die pädagogische Forschung, auch zur Zeit der neuen Blüte der Entwicklung und Verwendung qualitativer Methoden zur Erforschung des Subjekts und seiner interdependenten Bezüge bleibt die Warnung der Humanistischen Psychologen aktuell, dass die notwendige methodische Sicherung der Erkenntniswege immer auch der Gefahr ausgesetzt ist, als ein raffiniertes Instrumentarium einer Bemächtigungshaltung verwendet zu werden. Forschungsmethoden, auch qualitative, sind doppelgesichtig. Sie dienen dazu, den Erkenntnisweg transparent und nachvollziehbar zu machen, und zugleich legen sie dem Forscher mit der Notwendigkeit der Distanznahme auch immer nahe, sich von dem erforschten Gegenüber nicht selbst berühren zu lassen. Die Forscher schneiden sich damit aber allzu leicht von der Wahrnehmung ihrer eigenen subjektiven Resonanz ab, die in der Sicht der Humanistischen Psychologen als eine Erkenntnisquelle ersten Ranges zu werten ist und auch in Forschungszusammenhängen ihren Stellenwert behalten muss -durchaus in Analogie zu dem, was Gadamer für das hermeneutische Verstehen eindrücklich herausgearbeitet hat. Wahrheit und Methode stehen zueinander nicht in einem Kausalitätsverhältnis. Vor allem müssen wir bereit bleiben, uns von den Erlebnisweisen der erforschten Subjekte „etwas sagen zu lassen“.

2. Hinsichtlich der Gestaltung von Lehr-/Lernprozessen ist die mit dem humanistisch-psychologischen Ansatz verbundene Vorordnung der Haltungen des Lehrenden vor die von ihm verwendeten didaktischen Methoden m. E. eine weiterhin aktuelle und überaus anspruchsvolle Position. Sie rückt die Entwicklung der Persönlichkeit des Lehrers aus dem Status einer „auch noch“ hinzukommenden Komponente oder eines Zufallsfaktors an eine wichtige, ja zentrale Stelle auch in Ausbildungszusammenhängen. Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung müssen dabei nicht unbedingt selbst zum Thema gemacht werden, aber es ist sicherlich hilfreich, wenn Themen von Lehrveranstaltungen sich auch auf biographisch relevante Zusammenhänge richten wie Kindheit, Wandel der Familie, weibliche und männliche Adoleszenz, Alter, Fragen des Lebenslaufs und der Entwicklungspsychologie, Umgang mit Fremdheit und Differenz sowie last but not least natürlich Grundfragen der Erziehung und Bildung.

Persönlichkeitsentwicklung wird aber auch dann mitgefördert, wenn in unseren Lehrveranstaltungen nicht nur der Stoff, die Sache oder die Wissenschaft im Zentrum stehen, sondern immer zugleich auch Achtsamkeit auf die Wahrnehmung des jeweiligen Gegenübers, der Lernenden als Personen gerichtet wird. Personenorientierung kann m. E. in die wissenschaftliche Lehre besonders gut eingehen, wenn dialogische Formen des Lehrens und Lernens gepflegt werden und wenn neben der Vermittlung von Sachzusammenhängen das Denken- und Verstehenlernen mitgelehrt wird, d. h. die eigenständigen Suchbewegungen der Lernenden unterstützt werden und das aufrichtige lernende Interesse des Lehrenden finden.

3. und letztens: Das alles ist wahrlich nichts Neues. Aber die Pointe des phänomenologischen Akzents in der Humanistischen Psychologie - und das, was zugleich ihre Grundpositionen weiterhin aktuell hält - ist auch nicht so sehr die Entdeckung von „Neuland“, sondern der fragende und unvoreingenommene Blick auf Bekanntes. Dieses wird ermöglicht durch die mit diesem Ansatz verbundene Haltung der Offenheit gegenüber der jeweiligen Situation in ihrer Einzigartigkeit. Pädagogen mit humanistisch-therapeutischen Erfahrungen entwickeln besondere Kompetenzen dafür, in einer konkreten Situation den rechten Zeitpunkt und die angemessene Art pädagogischen Tuns oder Lassens zu finden - ich verzichte hier bewusst auf den technisch klingenden Begriff der Intervention. D. h. sie entwickeln die Kunst, sich mit dem Nicht-Machbaren einzulassen und die Mischung von Verursachung und Widerfahrnis zuzulassen und auszubalancieren, die pädagogische Situationen auszeichnet. Die mit dem phänomenologischen Ansatz verbundene Offenheit macht auch das Betreiben von Wissenschaft und die intersubjektive Verständigung darüber immer wieder neu zur Aufgabe mit offenem Ergebnis und nötigt uns, aus der gesicherten Ruhe von Wissensbeständen, methodischer Kontrolle der Erkenntniswege und Handlungsroutinen herauszutreten und alte Fragen nicht für erledigt zu erklären.

In diesem Sinne ist Humanistische Psychologie und die von ihr angeregte Humanistische Pädagogik keine „Pädagogik light“, sondern eine andere mögliche und optimistischere Perspektive auf den Mythos von Sisyphos, die m. E. neben der Perspektive des großen Siegfried Bernfeld ihre Berechtigung hat. Nicht nur die Vergeblichkeit und das Immergleiche ist darin zu sehen (der Stein, den wir den Berg hinaufbewegen, rollt immer wieder herunter); man kann den Mythos auch auffassen dahingehend, dass uns immer wieder von neuem der Stein entgegenrollt, den wir die Chance haben, neu zu bewegen. Jede Situation ist wie jedes Individuum einzigartig. Wie wir uns von Fortschrittsillusionen zu verabschieden haben und uns, wie uns Bernfeld belehrt hat, mit den Grenzen der Erziehung auch den Grenzen der Pädagogik und unseren eigenen Grenzen stellen müssen, so bedeutet das „immer wieder neu“ auch: immer wieder neu zu beginnen und immer wieder neu zu lernen.

So stellt sich mir die Humanistische Psychologie nicht nur dar als historisch bedeutsamer Reformanstoß, sondern als bleibende Herausforderung für den einzelnen Pädagogen zur fortwährenden Aktualisierung ihrer Einsichten und Grundhaltungen in seinen pädagogischen Theorie- und Praxiszusammenhängen.

Jörg Bürmann (DE)
Gestaltpädagogik als Brücke zum Fremden
1. Europa im Wandel und die schwierige Suche nach neuen Gemeinsamkeiten.

Wir leben in einer Zeit, in der Veränderung zur Normalität wird. Der technisch-wirtschaftliche Wandel hat in den letzten fünfzig Jahren nicht nur Produktion und Handel in den großen Städten wie nachfolgend auch in den ländlichen Bereichen Europas tiefgreifend verändert, sondern er hat auch die Lebensweise der Menschen, die familiären Strukturen, das Verhältnis der Geschlechter und die Situation von Kindern und Jugendlichen radikal umgestaltet. Hinzu kommt für die Länder des ehemaligen Ostblocks der lange Aufbruch in ein neues Gesellschaftssystem -von der Einbindung in kollektive Interpretations- und Handlungszusammenhänge in die Doppelstruktur einerseits einer individualisierten Entscheidungsoffenheit, andererseits aber einer weitgehenden Unterordnung gesellschaftlicher Entwicklungsmöglichkeiten unter die Systemzwänge globaler Märkte.

Die Veränderungen in den Schulen Europas durch den Wandel der Bedingungen des Aufwachsens und die dadurch geprägten Schüler gehen wohl weit über die Bedeutung jeder offiziellen Institutionsreform hinaus. Lehrer und Schüler können immer weniger auf traditionelle Weisen schulischen Lernens wie des Umgangs miteinander zurückgreifen. Kaum etwas kann noch als selbstverständlich, als Konsens, vorausgesetzt werden. Lernvoraussetzungen, Regeln des Schullebens, Umgangsformen, Klassengemeinschaft, Schulklima -ja selbst die Möglichkeiten, sich in einer Sprache zu verständigen, müssen u. U. in jeder Gruppe, in jeder Klasse und Schule neu erarbeitet werden. Die Verschiedenartigkeit von Schülern und Lehrern -jeweils untereinander wie im Verhältnis zueinander - in den prägenden Erfahrungen ihres Lebens, im Blick auf die Welt und in den Entwürfen wie in den realen Perspektiven ihres Lebens stellt die Organisation gemeinschaftlichen Lernens vor wachsende Probleme. Diese können sich nur durch eine erweiterte Verständigung über Ziele und Formen, über Bedürfnisse und Wünsche sowie durch neu einzuübende demokratisch angemessene Formen der Entscheidung und Mitgestaltung aller Beteiligten in altersgestufter Verantwortung gemeistert werden.

Schule und Unterricht, in denen jeder eine Chance hat und niemand ausgegrenzt wird, haben es mit vielerlei Heterogenitäten zu tun. Die Unterschiede nationaler Kulturen sind dabei nicht das größte Problem und vielleicht gar ein eher abnehmendes.

Die Einigung Europas stellt sich dar als ein Prozess voller Widersprüche: Auf der einen Seite werden die „Reichen" in Europa (und der Welt) einander immer ähnlicher in Lebensformen und Konsumkultur.

In den internationalen Flughäfen und Hotels, an den Badestränden und in den Yachthäfen am Mittelmeer, bei den Festspielen von Salzburg oder Venedig, in den Bestsellern, Zeitschriften und Modetrends treten Tradition und Herkunft immer mehr in den Hintergrund. Auf der anderen Seite entwickeln sich Lebensformen und Erfahrungsperspektiven gesellschaftlicher Gruppen in den jeweiligen Ländern immer weiter auseinander; kulturelle Differenz wird damit verstärkt ein Problem jeweils benachteiligter Gruppen.

Für die breite Bevölkerung Europas wird kulturelle Differenz nicht nur als Problem des Aufeinandertreffens nationaler Kulturen erlebt, sondern vor allem als Auseinanderdriften heterogener Lebens- und Erfahrungswelten von Milieus und Generationen.

Das Erleben der Verschiedenartigkeit gehört immer mehr zur alltäglichen Erfahrung. Der Umgang mit ihr erfordert schon im familiären Bereich und im Nahbereich privaten und beruflichen Handelns Verständigungsbereitschaft, Offenheit, Selbstrelativierung und Neugierverhalten, welche zugleich als wichtige Bestandteile interkultureller Kompetenz anzusehen sind.

Das Finden neuer Gemeinsamkeiten in Europa kann nicht allein durch das Aufspüren verbindender Traditionen in Kunst, Kultur und Religion gelingen, zumal damit neue Ausgrenzungen nahe gelegt werden können. Vielmehr bedarf die Zielsetzung, Einheit in der Vielfalt lebbar zu machen, des Ansetzens an der Erfahrung von Heterogenität. Erst wenn die Erfahrung von Heterogenität selbst als bereichernde Vielfalt erlebt wird, kann sie tragende Basis werden für neue offene und niemanden ausschließende Wertorientierungen.

Dabei können Traditionen der europäischen Geistesgeschichte orientierend wirken, die die Idee eines kulturübergreifenden Humanismus formuliert haben.

Einer solchen Tradition ist die Humanistische Psychologie zuzurechnen, aus der sich auch die Gestaltpädagogik herleitet. Ihre Begründer haben aus den Traumata von Tod, Verlust und Vertreibung die Idee einer kosmopolitischen Humanität gerettet und diese in das zerstörte Europa zurückgetragen. In der existentiellen Begegnung mit den Anderen, bzw. in der Bereitschaft zum rückhaltlosen Beziehungsangebot sahen sie die riskante, aber Erfolg versprechende Chance einer Überwindung kollektiver Vorurteile und erlebter Fremdheit.

Diesem Ansatz fühlen sich auch die Initiatoren dieses Projekts verpflichtet. Aus diesem Grund wählten sie den mühevollen Weg, an Selbstwahrnehmung, Selbstausdruck und Selbstreflexion zu arbeiten als Basis und Voraussetzung für Offenheit und Verständigungsbereitschaft mit dem Anderen. Denn Verstehen und Akzeptieren des Anderen beginnt im Spüren und Annehmen von Fremdheit in der eigenen Person.

2. Heterogenität als Aufgabe und als Bedingung der Arbeit im Projekt - Verständigung durch Begegnung

Ein zentrales Ziel der transnationalen Lehreraus- und Fortbildungsprojekte der EU (Erasmus, Comenius u. a.) ist das in Beziehung Treten und die wechselseitige Bereicherung nationaler Lern- und Schulkulturen. Aus den Erfahrungen vielfältiger Heterogenität in den Schulklassen westlicher Großstädte (Deutschland, Österreich, Schweiz) haben wir in unserem Projekt von Anfang an „Heterogenität" nicht nur auf die unterschiedlichen Nationalitäten, Sprachen und Kulturen der beteiligten Länder - erweitert um die Sprachen und Kulturen von Zuwanderern, Kriegsflüchtlingen, Spätaussiedlern und deren teilintegrierte Nachkommen zweiter und dritter Generation - bezogen, sondern die z. T. damit verknüpften, z. T. davon unabhängigen Unterschiede in der sozialen Herkunft und in der Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit der Schüler mit einbezogen. Es konnte für uns daher nicht darum gehen, einzelne Aspekte der Problematik dieser Vielfalt auszugliedern und curricular zu bearbeiten mit dem Ergebnis, Methoden, Materialien und Medien für eine unterrichtliche Behandlung dieser Teilaspekte bereitzustellen. Dieser Weg führte uns allerdings in eine gewisse Spannung zu den formulierten Produkterwartungen an solche Projekte seitens der EU. Aus unseren langjährigen Erfahrungen mit gestaltpädagogischer Kompetenzentwicklung und deren Auswirkungen auf die Unterrichtsgestaltung, die Klassenführung und das Schulleben der beteiligten Lehrer hatten wir eine gewisse Skepsis gegen die geläufige Hochschätzung solch partieller methodischer Zugänge zur Veränderung von Unterricht und Schülerverhalten, da sie die Lehrer und Schüler zumeist nicht in ihrem subjektiven Erleben erreichen.

Aus unserer Sicht schulischen Lernens und der Vielfalt seiner Bedingungen und beeinflussbaren Vorraussetzungen heraus, lautete für uns die Ausgangsfrage: Wie können Lehrer - in Ergänzung zu einer fundierten fachwissenschaftlichen und (fach-) didaktischen Qualifikation - solche persönlichen, interpersonellen und sozialen Kompetenzen erwerben, wie sie für einen Umgang mit ihren in vielen Dimensionen so unterschiedlichen Schülern nötig erscheinen. Wir verstehen darunter zu allererst die Fähigkeit, den einzelnen Kindern zuzuhören in ihren Nöten und Sehnsüchten, die unterschiedlichen Bedürfnislagen und Erwartungsstrukturen anzuerkennen und die Spannung auszuhalten zwischen den Bedürfnislagen und dem, was in der Schule möglich ist und was notwendig auch erreicht werden muss. Auf dieser Grundlage geht es dann um die Fähigkeit, Kommunikationsprozesse zu initiieren und Lernen zu ermöglichen in einer Form, dass -trotz zunächst unüberblickbarer Verstehens- und Verständigungsschwierigkeiten - Beziehungen zwischen den Schülern entstehen und allmählich ein Gefühl von Gemeinsamkeit und von Lust auf Lernen sich entwickeln kann. Es geht darum, die Lebensprobleme der Kinder zu sehen und sie soweit aufzugreifen, dass sie die gemeinsamen Lernprozesse nicht blockieren.

Als Konsequenz aus einer solchen Sicht wollten wir in unseren Projekten Lehrer und Studenten einer analogen Erfahrungssituation aussetzen und am eigenen Leibe die Fremdheit und Unsicherheit einer kulturell und sprachlich heterogenen Gruppe erleben lassen. Sie sollten miteinander daran arbeiten, in dieser Situation neue Erfahrungen mit sich selbst und anderen zu machen, damit ein Lernen miteinander und voneinander möglich wird.

Ergänzend zu einer zeitraubenden und Distanz schaffenden Sicherung von Verständigung durch Übersetzung war es uns vor allem wichtig, den Wunsch zu stärken, sich mit den anderen im direkten Kontakt zu verstehen. Wir wollten die Bereitschaft fördern, mit den anderen in der Gruppe in Hinblick auf kleine, spielerische Vorhaben zu kooperieren, bei denen Missverständnisse keinen Schaden anrichten, sondern eher zu Heiterkeit beitragen. Wir wollten die Neugier auf die anderen Menschen, ihre Erfahrungen und ihren Blick auf Schule stärken und Freude am gemeinsamen Lernen wachsen lassen.

In unserem Leitungsteam wie auch in den drei jeweils gemischtnationalen Gruppenleitungen ging es darum, einander kennen zu lernen, Missverständnisse auszuräumen und in gemeinsamer Arbeit zueinander zu finden. Wir bemühten uns darum, Heterogenität als Bereicherung erleben zu lernen und dabei zugleich in allen Dimensionen anzuschauen:

• Beteiligt waren im Laufe der Jahre sehr viele Länder; die drei kulturellen und sprachlichen Großräume Europas (der romanische, der slawische und der germanische - soweit wir diese Begriffe heute noch gebrauchen möchten) wie die Türkei waren dabei vertreten;

• Es ging um einen Brückenschlag zwischen West und Ost (viele der beteiligten Länder gehörten für fünfzig Jahre zu den sozialistischen Staaten Europas);

• Die Wunden zweier Kriege galt es zu sehen und zu überwinden (alle beteiligten Länder hatten sich in Kriegen gegenüber gestanden, auch Väter und Großväter der Teilnehmer) und auch an den Orten unserer Seminare waren die Spuren des Krieges unübersehbar;

• Die beteiligten Regionen waren im Hinblick auf den Stand der wirtschaftlich-technischen Entwicklung, die Arbeitsbedingungen und den Lebensstandard der Bevölkerung extrem verschieden; dies erfuhren wir auch im Projekt: was für die einen „spottbillig" war, war für die anderen ein seltener „Luxus";

• Die Schulsysteme und Bildungsvorstellungen der Länder wurzelten in ganz unterschiedlichen Traditionen;

• Die beteiligten Studierenden hatten unterschiedliche Studienziele und die Lehrer kamen aus allen Formen des Bildungswesens (vom Kindergarten bis zur Universität);

• Die Teilnehmer selbst gehörten unterschiedlichen Generationen an (z. T. mehr als 30 Jahre Altersunterschied), sie waren jung und ledig, Mütter oder Großmütter;

• Projektmitarbeiter wie Teilnehmer hatten unterschiedlichen beruflichen Status: Studierende, Lehramtsanwärter, Lehrer, Schulleiter und Lehrerausbilder; Hochschullehrer und ihre Studenten saßen in einer Gruppe beieinander.

Bei so viel Trennendem stand für uns das Kennenlernen, die Verständigung und Wertschätzung sowie die Beziehungspflege unter den Projektmitgliedern stets im Vordergrund gegenüber einem möglichen Streit über die „wirklichen" Probleme heutiger Schulen oder das „richtige" Konzept zur Problemlösung. Der Wunsch, das Vorhaben gemeinsam zu wagen, das Risiko des Projekts nach innen und außen gemeinsam zu verantworten, erleichterte das Finden pragmatischer Kompromisse und die Konzentration auf den jeweils nächsten Schritt.

Die vorgängige Freundschaft einiger Projektmitglieder und ihre z. T. gemeinsamen Erfahrungen mit der Gestaltpädagogik erleichterten diese Vorgehensweise und waren eine gute Basis, die neu hinzukommenden Projektmitglieder und Teilnehmer in diesen Kreis mit aufzunehmen.

Die offene Aussprache über unsere Ideen und Erwartungen, über Enttäuschungen und Beglückendes, über Ansprüche der Institutionen „in unserem Rücken" wie über eigene Ängste, Grenzen und biografische Verletzungen erleichterte es uns, gemeinsam das Wagnis und die erhebliche finanzielle Verantwortung zu tragen, oft in Vorleistung zu gehen und evt. Finanzierungslücken in Kauf zu nehmen, da z. B. die entsprechenden Bewilligungsbescheide aus Brüssel weit hinter den verbindlich zugesagten Terminen und den bereits festgelegten Projekttreffen bei uns eintrafen. Das Modell der offenen Verständigung, getragen von Wertschätzung des anderen und dem gemeinsamen Interesse, dass es keine Verlierer geben möge, das Prinzip der Einigung auf kleine pragmatische Schritte mit der Bereitschaft jederzeit um- oder gegenzulenken, wenn es nötig erschien (d. h. ein Prinzip der „Fehlerfreundlichkeit") sowie die Verlässlichkeit, „die Suppe gemeinsam auszulöffeln", deren Zutaten wir gemeinsam ausgewählt hatten, haben uns geholfen, das Projekt schließlich zum Erfolg zu führen. Bedauerlicherweise wird die Fähigkeit in einem Streitgespräch seine Position zu behaupten, uns nicht nur in Politik, Wissenschaft und Medien weit stärker präsentiert und wohl auch in den Bildungssystemen mehr gefördert, als die Bereitschaft und die Haltung, im „Gespräch" miteinander den Erfahrungsaustausch über Perspektiven auf die Welt und den Erkenntnisfortschritt in der Sache mit der Stärkung der Beziehungen der Beteiligten im Dialog zu verbinden.

Die entscheidende Voraussetzung dafür, das „Andere" und den „Anderen" nicht als Gefährdung der eigenen Identität zu erleben und es/ihn daher zu bekämpfen, scheint uns zu sein, durch positive Erfahrungen die Hoffnung der Beteiligten zu stärken, das Fremde als mögliche Bereicherung sehen zu lernen.

3. Die Herrschaft der Vernunft, ihre psychoanalytische Relativierung und die gestalttherapeutische Sicht der Beziehungen zwischen Rationalität und innerer Erfahrung

Der Rationalismus der Aufklärung hat alle Menschen aufgefordert und gestärkt, sich von der „selbstverschuldeten Unmündigkeit" zu befreien und damit zugleich die Entwicklung demokratischer und wirtschaftlich prosperierender Verhältnisse in Europa gefördert. Er hat indirekt Europa und der Welt aber auch den Weg in die Nationalstaaten und ihre neuartigen, totaleren und entritualisierten Territorialkriege geebnet und er hat die Menschen einsam, auf sich gestellt und überanstrengt hinterlassen.

Emanzipation bedeutet stets auch eine Preisgabe, - einen Verlust an Geborgenheit, an geteilter Verantwortung, an Integration in kollektive Vorstellungen und religiöse Weltdeutungen. Die in neuerer Zeit als fortschreitende „Individualisierung" beschriebene Entwicklung stellt schließlich selbst familiäre Strukturen in Frage und lässt den Einzelnen zurück mit unbegrenzter Verantwortung für die Verwirklichung seines Lebensentwurfs in der prinzipiellen Entscheidungsoffenheit seines Daseins.

Das Individuum verantwortet sich selbst - und es wird auch von ihm erwartet, dass es seine Entscheidungen, sein Verhalten, sein Sosein erklären kann und zwar mit guten Gründen. Hieraus resultiert ein besonderer Zwang, sich nicht nur zu zeigen (wie man ist), sondern sich darzustellen und zu rechtfertigen.

An der Schwelle von Außen und Innen, zur Außendarstellung in Rede und Handeln erwarten wir von einander Eindeutigkeit; Zögern gilt als Unentschlossenheit, Ambivalentes, Diffuses, Widersprüchliches gilt als unerwachsen.

Treten wir einander aber als Individuen gegenüber mit gefestigten Ansichten von der Welt und begründeten Meinungen zu dem, was getan werden sollte, mit dogmatischen Wahrheiten oder gar „wissenschaftlich gesicherten" systematischen Theorien, ist „Streit angesagt": wer hat Recht, wer hat die besseren Gründe? - Es geht um Überlegenheit und Minderwertigkeit, um Sieg und Niederlage, um existentielle Angst und sich bedroht fühlende Ich-Identität.

In der „Selbstbehauptung" ringt das Ich um die Anerkennung seiner Einzigartigkeit durch die anderen, von ihm verschiedenen - um den Platz des Besonderen im Allgemeinen. Das nicht öffentlich Anerkannte, das nicht Sprachfähige bleibt ausgegrenzt und bedroht das Ich von Innen. Die doppelte Verteidigungsaufgabe des Ichs - nach Innen und nach Außen -‚ die ich als „Wehrstruktur des Ichs" bezeichnen möchte, wird verstärkt durch den aufklärerischen Rationalitätsanspruch des moderneren Subjekts, den es verinnerlicht hat und gegen sich selbst, seine Träume, Wünsche, Gefühle und Ängste zurückwendet.

Im Bemühen um psychische Gesundheit und um das - dafür erforderliche - Gefühl, sich als aktiv gestaltender Mittelpunkt seiner Welt zu erleben, ist das Ich zu allerlei Einseitigkeiten, spezifischen Akzentuierungen, Wahrnehmungsverweigerungen und interpretierenden Umdeutungen des Wahrgenommenen bereit, um seine Muster des Wahrnehmens und Handelns, seine „Übertragungen" früher Beziehungs-Erfahrungen und seine Art, die Welt zu sehen, zu bewahren - voller spezifischer Chancen und voll allerpersönlichster Gefahren.

Dieses Bild der Welt verteidigt der Mensch - als einzelner oder in Gruppen; seine Art, die Welt zu sehen, ist Teil seiner Identität, die er von den anderen anerkannt und bestätigt sehen möchte. Je mehr er sich bedroht, angegriffen oder auch nur durch die Herausforderung des Fremden in Frage gestellt sieht, desto mehr verhärten sich die Muster seines Handelns, die Selektivität seiner Wahrnehmung und sein Hang, kritische Rationalität und Selbstreflexion durch schützende Rationalisierung beiseite zu drängen.

Die vielfach zum Rationalismus verkürzte Aufklärung hat insofern einen ungewollten Beitrag dazu geleistet, das Trennende zwischen den Menschen zu betonen durch rationale Begründung von Nationen, Rassen oder den zwei Geschlechtern der Menschheit und deren Wesensformen und Zielbestimmungen, durch das Tabuisieren von Ambivalenzen und Ambiguitäten sowie durch den gefolgerten Zwang, alles und jedes durch einen (möglichst monokausalen) Ursache-Wirkungs-Zusammenhang erklären zu können.

Die Psychoanalyse hat dann die Selbstüberschätzung der Vernunft bloßgestellt, indem sie die konterkarierende Wirkungsweise nicht bewusstseinsfähiger bzw. nicht zum Bewussten zugelassener Wünsche, Ängste und Handlungsantrieb offen gelegt hat. Sie war zunächst aber noch zu sehr auf die Vernunft und deren Entlarvung sowie auf naturwissenschaftlich-technische Modellvorstellungen über innerpsychische Vorgänge fixiert, als dass sie unmittelbar der inneren Bilderwelt des Menschen, seinen Gefühlen, Wünschen, seinen Phantasien und seinen Träumen, seiner gespürten Leiblichkeit eine konstruktive, Leben gestaltende und Vernunft korrigierende Bedeutung und Wirkungsweise zuerkennen konnte.

Psychoanalytisch fundierte Bildungsvorstellungen zielten folglich zunächst ab auf eine Stärkung der kritischen Ich-Funktionen im Verbund mit einer Anerkennung der labilen, triebbestimmten Basis der menschlichen Persönlichkeit.

Darüber hinaus betonten bereits früh undogmatische Analytiker (Zulliger, Winnicott, Erikson) und vehement dann auch die Begründer der Gestalttherapie die Bedeutung der kreativen Funktionen des Unbewussten als Ressource: Phantasie, Spiel, kreative Gestaltung und improvisierte Bewegung werden nicht länger als ein Sektor regressiver Infantilität betrachtet, sondern als Funktionen des „Selbst", die in leiblich fundierter Spontaneität der gefühlten Wahrheit des Subjekts Ausdruck verleihen können. Sie werden einer rationalistisch verdünnten Auffassung des Ich, das durch Abgrenzung bestimmt ist, als Ganzheitlichkeit und Verbindung stiftende Persönlichkeitsfunktionen nachdrücklich gegenübergestellt.

4. Gestaltpädagogische Prinzipien und Methoden als Weg zu komplexer Begegnung mit dem Fremden

Seit Ende der 70er Jahre haben Pädagogen auf der Basis eigener gestalttherapeutischer Erfahrungen den Ansatz der Gestaltpädagogik entwickelt. In diesem haben sich folgende vier Schwerpunkte als Kern einer auf personale Kompetenzentwicklung für Lehrer gerichteten Fortbildung herausgebildet:

• biografische Selbsterfahrung und Selbstreflexion mit dem Ziel, das eigene Gewordensein besser zu verstehen und ein versöhntes Verhältnis zu sich selbst zu gewinnen (Arbeit in Richtung Integration und Reife);

• Aktivierung von Phantasie, Kreativität und nichtsprachlichen Symbolisierungen - aus der Erfahrung heraus, dass der Reichtum menschlicher Ausdrucks- und Erfahrungsmöglichkeiten in traditionellen Bildungsprozessen zumeist eher unterdrückt als gefördert wird;

• Kultivierung und Differenzierung der Wahrnehmungsfähigkeit, d. h. eines offenen Gewahrseins (awareness); nach außen als nicht zielorientiert beobachtende, sondern eher frei schwebende Aufmerksamkeit, nach innen als Spürbereitschaft für Befindlichkeiten, Gefühle, spontane Impulse und Resonanzen auf Personen und Situationen;

• Erfahrung von eigenen Handlungsschwellen und Widerständen sowie Entwicklung von Kompetenzen im Umgang mit Lernhemmungen, Verweigerungen, Kontaktschwierigkeiten und all dem, was daran hindert, sich auf Erfahrungen und das Aufgeben von Vorurteilssicherheit einzulassen.

Die biografische Arbeit wurde auf sehr unterschiedliche Weise mit Erlebnis aktivierenden Zugängen und unter Einbeziehung nichtsprachlicher Ausdrucksmöglichkeiten (Pantomime, Malen, Dingsymbolik) behutsam angeregt. Neben familiären Erfahrungen wurden besonders auch die Erfahrungen in Bildungsinstitutionen als Kinder und Jugendliche in ihrer emotionalen Qualität und Bedeutung für den individuellen Entwicklungsweg zum Gegenstand der gemeinsamen Arbeit.

Durch solche prägenden Erfahrungen wurde das Verständnis der Teilnehmer füreinander vertieft und ein Gefühl von Gemeinsamkeit bei aller Verschiedenartigkeit der Lebenswege entwickelt. Dabei entstanden zahlreiche kleine Texte und Bilder, die von den Teilnehmern mitunter auch in ihre Berichte aufgenommen wurden.

Die Arbeit mit kreativen Medien erwies sich als besonders produktiv. Dieser methodische Zugang half, die Barrieren sprachlicher Verständigung zu umgehen, da er besonders geeignet ist, Erfahrung von Verbundenheit entstehen zu lassen und den Wunsch nach Verständigung zu stärken.

Tanz und Pantomime, Malen, Dichten, Tonarbeiten sowie Körper- und Bewegungsübungen förderten die Bereitschaft zum kreativen Ausdruck und die Freude daran und schärften die Wahrnehmung von nonverbalem Ausdruck. Das gemeinsame Lernen und Singen traditioneller wie internationaler Lieder, das gemeinsame Aufgreifen und Erproben von Kinderspielen und Abzählreimen führte zugleich auf einer elementaren Ebene in kulturelle Traditionen ein, auf der kulturelle Differenzen erlebt und zugleich gemeinsame Grundmuster erfahrbar wurden.

Die Kultivierung und Differenzierung der Wahrnehmungsfähigkeit war im Wesentlichen ein mitlaufender Prozess, der gestützt wurde durch den hohen Anteil nonverbaler Verständigungsbemühungen wie der Versuche, das Gesehene, Erlebte und Miterlebte zu verbalisieren und dabei zugleich auf Nuancen zu achten.

Die Bedeutung dieser Ebene für die Moderation sozialer Prozesse konnte am Beispiel der Leiter anschaulich erlebt werden, die ihre Wahrnehmungen und Selbstwahrnehmungen der Gruppe immer wieder offen und präzise mitteilten. Die Bereitschaft, innere und äußere Wahrnehmungen auszusprechen, erwies sich in deutlicher Weise als kulturspezifisch unterschiedlich ausgeprägt bzw. entwickelt. Dies führte zu Gesprächen über historische Erfahrungen und Bedingungen für Offenheit bzw. Selbstzurücknahme. Wie wichtig eine solche vielschichtige Wahrnehmungssensibilisierung für die tägliche Lehrerarbeit ist, wurde von vielen Teilnehmern erstmals erkannt und nachdrücklich bestätigt.

Auch die Ebene der Erfahrung von Widerstand und der Entwicklung von Verhaltensweisen gegenüber dem Widerstand anderer war in den gemischtnationalen Gruppen beständig präsent. Sie wurde von Zeit zu Zeit explizit zum Thema von Reflexionen und kleinen Experimenten, z. B. zu Nähe und Distanz, Abgrenzen und Nein sagen können, zu Spielraum geben und eigene Wege finden lassen.

Die Erfahrung an der Grenze und mit der Grenze konnten so in ihrer Ambivalenz von Sicherheit und Selbsteinschränkung versus Wagnis und Entwicklungsmöglichkeit bzw. von Stabilität und Veränderung erlebt und gemeinsam reflektiert werden. Widerstand wurde als Phänomen erkannt, das in sozialen Situationen dann in Erscheinung tritt, wenn die Angst vor Verlust größer ist als die Hoffnung auf Bereicherung. Dieses gilt sowohl für die Begegnung mit dem Fremden wie auch für alle Arten schulischen Lernens

Grundvoraussetzung für einen produktiven Umgang mit den vielfältigen Formen von Widerstand ist - gerade vor diesem Hintergrund - eine Haltung von Achtung und Respekt, die darauf gerichtet ist, das Gefühl von Sicherheit und Verbundenheit zu stärken und unter Verzicht auf jeglichen Druck oder Kritik dazu einlädt, die Situation des Widerstands zum Gegenstand gemeinsamer Neugier und eines gemeinsamen Erkenntnisinteresses werden zu lassen.

5. Resümee

Die Ergebnisse solch einer Arbeit lassen sich nur schwer als „Produkte" nachweisen und vermitteln, da der Schwerpunkt der Bemühungen auf die Qualität der Prozesse einer Verständigung durch Begegnung gelegt wird sowie auf die Erfahrungen und reflexiven Erkenntnisse der einzelnen Teilnehmer als Gelenkstück für einen Transfer in ihre jeweilige berufliche Praxis. Von außen betrachtet lässt sich feststellen:

• alle Teilnehmer sind dageblieben; sie haben ernsthaft und engagiert durchgehend in ihren Gruppen mitgearbeitet;

• alle Teilnehmer haben sich um die Verständigung und die gemeinsame Aufgabe bemüht, niemand ist ausgegrenzt worden oder hat sich zurückgezogen;

• es hat keine unauflösbaren Konflikte zwischen den Teilnehmern gegeben, keine Beleidigungen oder Verletzungen;

• alle Teilnehmer waren gerne an den so unterschiedlichen Seminarorten gewesen; obwohl es ihre Urlaubszeit war und sie eigene finanzielle Aufwendungen tragen mussten, war der Aufenthalt „ein Gewinn"; es sind viele Freundschaften entstanden; Briefwechsel, Besuche und familiäre Kontakte folgten;

• alle haben eine positive Beziehung zur Region des Seminars wie zu denen Ländern der anderen Teilnehmer gewonnen;

• viele haben ihre Fremdsprachenkenntnisse weiterentwickelt und einige wollen beginnen, eine neue Sprache zu lernen.

Die gestaltpädagogische Arbeit mit den oben genannten vier Schwerpunkten hat die wichtigste Zielsetzung, die Erfahrung von Fremdheit durch vertiefte Begegnung in Neugier an den Menschen und ihrer Kultur umzuwandeln, für uns überzeugend erreicht. Darüber hinaus kann die pädagogische Substanz der gestaltpädagogischen Erfahrungen verallgemeinernd beschrieben werden als:

• Arbeit an der eigenen Persönlichkeit und an der für weiteres Lernen förderlichen Bereitschaft, sich mit seinen Ängsten, Sehnsüchten und Unzulänglichkeiten zu zeigen,

• Vertiefung des Verstehens von (eigenen und fremden) Entwicklungsaufgaben und -krisen von Kindern und Jugendlichen,

• Vervielfältigung der Zugänge zur Individualisierung des Lehrens und Lernens,

• Förderung des Verständnisses für Gruppenprozesse und Erweiterung des Repertoires für Gemeinschaft stiftende Aktivitäten,

• verstärktes Bewusstwerden der vielfältigen motivationalen Voraussetzungen und Hindernisse für sachbezogene Lernprozesse,

• Erhöhung der Bereitschaft und der Fähigkeit zu kreativer und situativer Methodenentwicklung,

• Erkenntnis der Bedeutung von Gefühlen und leiblichen Wahrnehmungen für Motivation und Nachhaltigkeit von Lernprozessen.

Viele Teilnehmer schreiben in ihren Berichten davon, dass sie große Lust haben, Impulse, Ideen und methodische Elemente aus den gemeinsamen Seminaren in ihrem Unterricht umzusetzen. Manche haben bereits konkrete Beispiele ausgearbeitet und z. T. in ihren Texten dokumentiert. Einige teilten bereits positive Erfahrungen mit solchen Experimenten mit. Die Beispiele lassen erkennen, dass es sich dabei nicht um bloße Übertragungen methodischer Elemente handelt, sondern dass einige Teilnehmer für ihre Schulklassen und ihren Fachunterricht eigene kreative Gestaltungsideen entwickelt und etwas von der Freude am Erfinden und Experimentieren mit nach Hause genommen haben.

Die meisten Teilnehmer äußerten den Wunsch, ihre Erfahrungen mit der Gestaltpädagogik zu vertiefen. Sie halten Gestaltpädagogik für geeignet, Lernen intensiver und mit mehr innerer Beteiligung der Schüler gestalten zu können. Dabei richtet sich ein besonderes Interesse auf Fragen der didaktischen Planung und methodischen Umsetzung im Fachunterricht wie auf die theoretischen Hintergründe dieses Ansatzes.

Wiktor Żłobicki (PL)
Auf der Suche nach den philosophischen Inspirationen der Gestaltpädagogik

Keiner der pädagogischen Trends ist von philosophischen Annahmen losgelöst, weil dem Wesen der Bildung die Suche nach Antworten auf eine grundlegende Frage entspringt: Was ist der Mensch? Gerald Gutek (2003, S. 15) zeigt die Abhängigkeit der spezifischen Bildungsansätze von den philosophischen Annahmen über die Natur des Universums, die menschliche Existenz, die Gesellschaft, das gute Leben. Traditionell werden die Wurzeln der europäischen Bildungs tradition in der antiken Philosophie gesehen, aber immer häufiger erscheint die Hypothese, dass die moderne Welt viel von der Integration der östlichen Philosophie und Mystik mit den kulturellen Quellen der westlichen Zivilisation und Errungenschaften der modernen Wissenschaft gewinnt, einen neuen Bereich der kulturellen Transformation und den Bau einer neuen Vision der Welt schaffend.

Überzeugt davon war auch C.G. Jung (1989, S. 77), der darauf hinweist, dass die westliche Philosophie und Psychologie aufgrund ihres geographischen und geschichtlichen Hintergrundes nur einen Teil des menschlichen Geistes darstellt. Daher sollte das Zurückgreifen auf die östliche Philosophie als ein wichtiger Schritt zum Aufbau einer gemeinsamen Wissensbasis für alle Menschen der Welt werden. Der bekannte polnische Philosoph Leszek Kolakowski (2006, S. 12-15) sieht im östlichen mystischen Denken ein großes Potenzial für die geistliche Erneuerung der modernen Welt voller Chaos. Er schreibt: "Der Buddhismus ist eine der schönsten und klügsten Religionen, die die Menschheit geschaffen hat."

Ich werde mich im Folgenden auf die Darstellung einer östlichen Quelle – den Buddhismus – und einer westlichen – den Existentialismus beschränken, da mir diese Einflüsse besonders wichtig erscheinen.

Der Buddhismus als Inspiration für die geistige und spirituelle Entwicklung des Menschen

Unter den vielen philosophischen Inspirationen, aus denen die moderne Pädagogik schöpfen kann, sollte der Buddhismus besonders erwähnt werden. Die Angabe der Kernbotschaften dieser philosophisch-ethischen Strömung scheint kognitiv wertvoll zu sein. Nun, Buddha bedeutet in Sanskrit „erweckt“, „der den Dharma, d.h. den zur Erleuchtung führenden Weg, entdeckt hat“.

Der Zweck des Dharma ist, den Menschen von Samsara zu befreien - von dem scheinbar objektiven Blick auf die Welt, in der wir leben, da sie voller Chaos, Unfälle, Kriminalität etc. ist, d.h. Ereignissen, auf die wir keinen Einfluss ausüben können. Samsara ist eine subjektiv wahrgenommene Quelle des menschlichen Leidens, und die Botschaft des Buddhismus ist es, dieses Leiden zu überwinden. Dies bedeutet nicht, dass es um eine vollständige Beseitigung des Schmerzes als eines Gefühls geht, denn es bleibt - wie die Freude - immer ein Teil des Lebens. Es geht mehr um die Überwindung des Leidens, um die Befreiung von seinem überwältigenden Einfluss. Der Zweck des Dharma ist in keiner Weise, Leiden zu entfernen, sondern durch spirituelle Praxis die Befreiung von Unwissenheit, die die Quelle dieses Leidens bildet, zu erlangen. Auf der Suche nach dem Pfad zur Erleuchtung haben Buddhisten die so genannten „Vier edlen Wahrheiten“ als wesentlich erkannt:

• Alle Wesen sind Dukkha unterworfen ( Das Leiden ist Teil des Lebens)

• Dukkha entsteht aus Verlangen und Begehren; (Dieses Leiden hat seine Ursache)

• Dukkha kann durch die Aufhebung von Verlangen und Begehren überwunden werden. (Die Ursache können beseitigt werden)

• Es gibt einen Weg, der aus Dukkha hinausführt, nämlich der „Edle achtfache Pfad“. (Der Weg, der zur Beseitigung der Ursache des Leidens führt, ist ein spiritueller Weg zur Erleuchtung).

Das oben erwähnte Leiden bedeutet nicht notwendigerweise Qual, es ist auch keine Quelle des pessimistischen Denkens über die menschliche Existenz, sondern eine Art des Schicksals, bei dem zum Beispiel berücksichtigt wird, dass jeder - vom Moment der Geburt an - zwangsläufig altert und dass auf uns unabwendbar das Ende des Lebens wartet. Buddhisten sagen, dass die Ursache des Leidens Unwissenheit ist. Aber das kann sicherlich nicht mit Dummheit gleichgesetzt werden. Die Unwissenheit ist eher ein Zustand der Illusion, der die Menschen unterliegen, wenn sie nach dem Glück streben, und sich tatsächlich geradewegs zum Leiden hinwenden. Die Sehnsucht nach dem Glück wird oft durch Mangel an Wissen, wie es erreicht werden kann, begleitet. Dies geschieht unter anderem immer dann, wenn wir Glück mit Vergnügen identifizieren, mit Intensität der Empfindungen. Dies ist vergleichbar mit einem Lauf zum Regenbogen, um sich darin zu kleiden. Doch Glück ist eine Art des Daseins, das aus innerer Freiheit, nicht aus der Empfindung der Freude entsteht. Aber von dem Schmerz kann man sich durch kontemplative spirituelle Praxis befreien - durch den Weg zur Erleuchtung, der die Überwindung des Leidens ermöglicht. Wie die Buddhisten behaupten, ist ihr philosophisch-ethisches System eine Lehre vom Zustand des Geistes, die den Weg zu Güte, Demut und zu guten Beziehungen mit allen Lebewesen bestimmt.

In diesem Sinne ist die spirituelle Praxis des Buddhismus nicht so sehr eine Reihe religiöser Praktiken nach einer bestimmten Doktrin, sondern eine Art der Beteiligung an dem Weg spirituellen Suchens. Der Buddhismus ist eine Philosophie, eine Art von Weisheit, und nicht eine Religion, er fordert keinen blinden Glauben an seine Prinzipien oder die Bereitschaft, sie anderen aufzuzwingen. Er zeigt hingegen den Weg zur Umwandlung der menschlichen Seele. Daher beschreibt das Konzept der buddhistischen Lehre einen Zustand des Geistes, seine Erleuchtung und das Erreichen des inneren Friedens. Wie K. Jaspers (2000, S. 66), betonte, im Buddhismus “gab es nie eine Kluft zwischen Philosophie und Theologie, Freiheit des Verstandes und der religiösen Autorität." Nach Glück begehrend und Leiden vermeiden wollend unterliegen die Menschen der Illusion, dass Glück und Leid von der Außenwelt kommen. Es ist so, wie wenn man in den Spiegel blickend versuchte, den Spiegel sauber zu wischen, statt das Gesicht. Nach der buddhistischen Philosophie hängt alles von dem Zustand des menschlichen Geistes ab, und weil der Mensch sich dessen oft nicht bewusst ist, irrt er sich. Wenn ihm bewusst wird, dass die Quelle sowohl des Glückes als auch des Leidens sein Geist ist, dann - die Erleuchtung erreichend - befreit er sich von den negativen Einstellungen. Dann versteht er, dass die Quelle aller Unruhe sein Geist ist und dass paradoxerweise der größte Feind des Menschen nicht die andere Person ist, sondern die innere Unruhe in sich selbst. Man kann also einen wesentlichen Unterschied zwischen der befreienden Erkenntnis des Buddhismus und dem auf den sensorischen Erfahrungen und wissenschaftlichen Forschungen basierenden Wissen nachweisen Wie z. B. K. Jaspers (2000, S. 41-42) behauptet, sei die Quelle der befreienden Erkenntnis überhaupt nicht durch logische Folgerungen und sensorische Wahrnehmung unterstütztes Wissen, sondern das Erfahren des Wechselns von Bewusstsein und der Ebenen der Meditation. Auf dem Weg zur Erleuchtung werden Werkzeuge benötigt, dank derer dieser Zustand zu erreichen ist. Eines der wichtigsten Werkzeuge ist die Meditation, deren Ziel es ist, den Geist zu beruhigen. Der menschliche Geist lässt sich metaphorisch beschreiben als die Oberfläche des Sees bei stürmischem Wind, die es schwierig macht, seinen Boden zu sehen. Der stille See zeigt ein klares Bild davon, was im Inneren und auf seinem Boden ist. So ist es z. B. kein Zufall, dass die sieben Jahre lang tibetische Medizin studierenden Ärzte sich ein Jahr nur der Meditation widmen. Später, nach dem Beginn der selbstständigen Praxis, meditieren sie einen Monat im Jahr. Buddhistische Lehren sind daher ein Teil ihrer beruflichen Kompetenz. Dann wird ein Kontakt eines Arztes mit einem Patienten gleichzeitig zu einem Akt der Meditation und des Mitgefühls.

So meditiert der Mensch, um die wahre Natur des eigenen Geistes zu erkennen. Güte und Mitgefühl allen Wesen gegenüber sind die notwendigen Werkzeuge für die Meditation. Paradoxerweise ist es eine Abkehr von der Fokussierung auf sich selbst, um die Aufmerksamkeit auf alle Lebewesen herum zu richten. Der durchschnittliche Mensch kann eine oberflächliche Kenntnis des Wesens der Meditation besitzen.

Solch ein unvollständiges Wissen basiert auf der Überzeugung, dass der meditierende Mensch in Abgeschiedenheit, glücklich, entspannt, frei von jeglichen Gedanken sitzt. Während dessen soll die Meditation der Beruhigung des Geistes dienen und fördern, dass bewusst werden kann, was im Kopf passiert. Es erscheint dann, dass unser Geist ständig Gedanken in die Vergangenheit oder die Zukunft schafft. Man kann sie mit den Schmetterlingen vergleichen, die ankommen, sich hinsetzen und wegfliegen. Regelmäßige, tägliche Praxis der Meditation, auch nur für kurze Zeit, soll der Beruhigung des Geistes, einem subjektiven Gefühl von Frieden und der Stärkung des Selbstvertrauens dienen. Beispielsweise unterstreicht D.T. Suzuki (1991, S. 68-69), dass die Praxis der Meditation (Zazen) mit keinem religiösen Bekenntnis in Konflikt steht, da sie nicht das Lernen über Zen-Buddhismus ist, sondern das Kennenlernen seiner Selbst.

Können die jahrhundertealten Erfahrungen der buddhistischen spirituellen Praktiken einen erheblichen Einfluss auf das menschliche Leben nehmen? Diese Frage stellten sich Wissenschaftler der University of Wisconsin-Madison. Eine Forschergruppe, von Richard Davidson geleitet, hat mit Hilfe der Enzephalographie, CT und Kernspintomographie Forschungen über die Neurophysiologie der buddhistischen Mönche durchgeführt, um zu sehen, ob die fortgeschrittene Praxis des Kontemplativen wesentlich die Biologie des Gehirns verändert. (siehe U. Kraft - 2005). An der Studie nahmen acht durch den Dalai-Lama vermittelte buddhistische Mönche teil, die mindestens 1000 Stunden der Meditationserfahrungen hinter sich hatten. Einer der Erforschten, Mathieu Ricard - ein buddhistischer Mönch aus dem Kloster in Kathmandu Shechen, war ein ehemaliger Wissenschaftler aus Europa. Die Kontrollgruppe bestand aus 150 Menschen, die über keine Erfahrung mit der Praxis der buddhistischen Meditation verfügten. Die Ergebnisse dieser Studien haben unter anderem eine extrem hohe Aktivität in den Frontallappen von Mönchen gezeigt. Erwähnenswert sind die Gamma Gehirnwellen - die neueste Entdeckung von Neurologen - die Rhythmen mit einer Frequenz von etwa 30 Hz bis sogar wahrscheinlich 200 Hz aufweisen. So hohe Frequenzen wurden bei den Mönchen während der Meditation beobachtet. Und noch mehr, im Vergleich zur Kontrollgruppe war die Gehirn-Gamma-Wellen-Aktivität bei den teilnehmenden Mönchen deutlich stärker. Die Wissenschaftler nehmen daher an, dass diese Wellen vor allem im Zustand starker Erregung und gleichzeitiger maximaler Konzentration zu beobachten sind, d. h. während der Meditation, aber auch zum Beispiel bei der Arbeit mit einem außergewöhnlichen Engagement an etwas, was uns seit langer Zeit fasziniert und wo wir gerade spüren, auf eine geniale Lösung getroffen zu sein. Dieser Zustand wurde als Phänomen des Flusses (Flow) beschrieben. Im Vergleich zu der Kontrollgruppe wurden in der Struktur des Gehirns der erforschten buddhistischen Mönche solche Veränderungen entdeckt, die davon zeugten, dass die langfristige Meditationspraxis buchstäblich eine Person umgestalten kann. So ist das Erlangen der Erleuchtung, das so genannte Dharma keineswegs nur eine spektakuläre Form der religiösen Praxis, sondern ein sehr realer Zustand, den jeder dank des Einblicks in den Stand seines eigenen Geistes erreichen kann.

Daher scheint der kreative Einsatz von philosophischen und ethischen Prinzipien des Buddhismus und seine Übertragung auf den Boden der Beziehungen mit Bildungscharakter ein sehr interessanter Weg zu sein.

Die Inspiration der Existenzphilosophie

Der Existentialismus hat wesentlich zur Entwicklung der humanistischen Psychologie und Pädagogik beigetragen und spielte auch eine wichtige Rolle in der Gestaltpsychotherapie, deren Schöpfer - F. S. Perls (2002, S. 80) - fest stellte, dass die Essenz dieses Ansatzes das Bewusstsein der individuellen Person ist und dass die existentielle Phänomenologie der erste und unverzichtbare Schritt auf dem Weg zur Erkenntnis von allem ist, was es zu erkennen gibt. Ohne Zweifel ist diese Annahme der Gestaltpädagogik nahe. Die Existenzphilosophie übte einen signifikanten Einfluss auf die Geisteswissenschaften und die psychologischen Gedanken im 20. Jahrhundert. aus. Die Entstehung des existenziellen philosophischen Denkens verdanken wir Søren Kierkegaard (1988), der den abstrakten, in der Philosophie Georg Hegels enthaltenen Rationalismus kritisierte. S. Kierkegaard zeigte eine subjektive, persönliche Dimension des menschlichen Lebens auf als ein Gegengewicht zu dem Hegelschen Begriff des absoluten Geistes. Er verwendete das Konzept der existierenden Einheit, die wiederum Gabriel Marcel1 inspirierte, der philosophischen Richtung den Namen Existentialismus zu geben. Unter den führenden Existentialisten sind auch Karl Jaspers, Martin Heidegger, Martin Buber, Gabriel Marcel, Jean P. Sartre und Albert Camus erwähnenswert. Aber es ist bemerkenswert, dass die existentiellen Ideen schon in den Werken von Friedrich Nietzsche und Dostojewski enthalten waren. Auf die Vielfalt der existentiellen Gedanken wies Emmanuel Mounier (1964) in seiner Abhandlung "Eine Einführung in den Existentialismus" hin. Er betonte, dass der Existentialismus sich in zwei Hauptlinien entwickelte: der christlichen und der atheistischen. Ein Beispiel ist die Ablehnung des Dogmas und die Annahme eines eigenen, persönlichen Wegs zum Glauben -wie bei S. Kierkegaard oder wie bei J. P. Sartre -eine Negierung der absoluten Wahrheiten und allgemeingültigen Regeln sowie die Behauptung der Notwendigkeit jedes Menschen der Bestimmung der eigenen Rechte und des Beimessens der Bedeutung. In beiden Fällen sprechen wir über die grenzenlose Freiheit des Individuums beim Treffen seiner Entscheidungen.

Der Vielzahl der existentialistischen Strömungen mangelt es an einem einheitlichen begrifflichen Apparat. Die Vielfalt von Akzenten, die die Varianten des Existentialismus charakterisieren, kann die Illusion der terminologischen Verwirrung schaffen.

Aber ohne Zweifel ist der Existentialismus eine philosophische Strömung, die sich mit Phänomenen beschäftigt - zuständig für alles, was lebendig, menschlich, existierend ist. Laut Gerard L. Guteks (2003, S. 111) Definition kann der Existentialismus im Ganzen genommen verstanden werden „als eine Art philosophischer Spekulation, die auf einer Gegenüberstellung beruht von einer einzigartigen und freien Individualität und der Herde, der Menge oder Masse der Gesellschaft“.

„Der Existentialismus nimmt auch an, dass alle Menschen die volle Verantwortung für den Sinn ihrer Existenz und Selbstbestimmung tragen". Der Existentialismus weist die primäre Rolle der menschlichen Subjektivität nach und beschäftigt sich mit der philosophischen Reflexion über das Leben, deren grundlegendes Merkmal ein individueller, subjektiver Standpunkt jedes Menschen ist. Mit den Worten von M. Stras-Romanowska (1996, S. 19) nennen Philosophen Existenz „Erleben der Welt und sich selbst in der Welt, anders gesagt, ein bewusstes Dasein und die damit

verbundenen freien Wahlmöglichkeiten“. Daher ist mit dem Existentialismus untrennbar die Annahme verbunden, dass im internen emotionalen Aspekt ein Mensch immer frei ist. Der Mensch ist somit das von der Definition her freie Wesen. Die existentielle Haltung eines Menschen basiert auf seiner persönlichen Selbst-Reflexion über den Sinn seiner Existenz, über Gefühle, Ereignisse, etc. (G. L. Gutek - 2003, S. 117). Da die Existentialisten es ablehnen, die Existenz von externen Kriterien, Wahrheit und Lüge, Gut und Böse überprüfen zu lassen, so ist ein Bezugspunkt für alle gleich - der Mensch selber. Und so machen Existentialisten auch im Denken über Bildung aufmerksam auf die Bildung einer voll authentischen Person, im Bewusstsein ihrer Freiheit und dass jede Wahl ein Akt der Schaffung eines einzigartigen Wertes ist. Die Folge dieses Denkens über die Freiheit des Individuums ist der Charakter der Beziehung des Individuums zu dem sozialen Umfeld und den anderen Menschen. Ein Existentialist soll vor allem Menschen und ihre Erfahrung ernst nehmen. Einer der grundlegenden Aspekte des existentialistischen Denkens ist die Bedeutung des Individuums, weil diese als ein Individuum existierende Person für S. Kierkegaard ein grundlegendes existentiales Problem ist. Und man kann hier wichtige Grundlagen der existentiellen Gedanken angeben: die Erste ist die Bedeutung von Freiheit und Selbstbewusstsein, die Zweite - aufgrund der ersten - ist die Tatsache, dass die Verantwortung ein Ergebnis der Freiheit ist, und jeder Mensch frei und gleichzeitig verantwortlich für seine Wahl, sein Handeln und deren Authentizität ist. Es ist nämlich jeder verantwortlich für seine eigene Existenz.

Zu den wichtigsten Annahmen des Existentialismus gehört die Formel: dass der Existenz die Essenz vorausgehe. Das ist so zu verstehen, dass wir uns selbst als das Einzelne bilden. Zum Beispiel verkörpert Heideggers Denken die Behauptung, dass „(…) für jeden sein Dasein, sein Wesen (Essenz), die Art und Weise, auf welche er sein Leben prägt, seine Art ist zu existieren“; in der Formulierung von Sartre hingegen heißt es: "wir selbst >> entscheiden <<, was wir sind" (siehe T. Honderich - 1998, S. 174).

Heideggers Existenzphilosophie wird als metaphysisch bezeichnet, weil darin - im Gegensatz zur traditionellen Erkenntnistheorie - die menschliche Wahrnehmung von Realität und ihrer Existenz rein subjektiv ist.

M. Heidegger nach sind alle Aspekte des Lebens jedes Menschen das Objekt seiner Wahl. Unser Wissen über die Welt ist nicht wichtig, sondern unser Dasein, unser Leben - anders gesagt - unsere Existenz. Unsere persönliche Existenz ist das, über das wir uns am meisten direkt und klar bewusst sind. Wir nehmen die Welt nicht von außen wahr, sondern wir sind in ihr. Hinzu kommt, dass wir nicht in der Welt als isolierte Individuen leben, sondern mit anderen in Verbindung treten, nach einem individuellen und unwiederholbaren Stil der Existenz suchend und ihn findend (siehe T. Honderich - 1998, S. 322-327, B. Magge - 2000, S. 211-213). M. Heidegger geht davon aus, dass die menschliche Existenz eine Existenz in der Zeit ist – so hat das Dasein eine dreifache Struktur, deren Elemente der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft entsprechen. Allzu oft aber sind die Menschen von ihrer ursprünglichen, ganzheitlichen Natur entfremdet. Die Rückkehr zur ihr stellt - wie M. Heidegger definiert – „die Erlaubnis zur Existenz" dar. Dies bedeutet nichts anderes als die Öffnung zu sich selbst. Diese Existenz muss in der Ganzheitlichkeit verstanden werden, was auch bedeutet unter Berücksichtigung des Endes dieser Zeit oder des Todes. Die Akzeptanz dieser Wahrheit verleiht dem Leben individuellen Sinn und die Zeit der Existenz bekommt dann Inhalte. Davon überzeugt unter anderem die Arbeit von Agnieszka Widera-Wysoczańska (2000), die den theoretischen und empirischen Aspekten des Lebens und des Todes gewidmet ist. Ihre Annahmen beruhen auf den Ansichten der Humanistischen und Existenziellen Psychologen, die eine ganzheitliche Sicht des Menschen unterstreichen und auch die Bedeutung des Endes des Lebens betonen - als eine bedeutende existentielle Tatsache. Ein Mensch ist also eine Person, die ein unteilbares Ganzes bildet und alle Fakten seiner eigenen Existenz durchmacht (überlebt). A. Camus (1993) betont wiederum in seinem existenziellen Denken, von Rebellion und einem Sinn für das Absurde markiert, den Relativismus, der paradoxerweise eine Art von Vertrauen der Existenz des Menschen in der Welt sein soll. Ein Lebensweg ist die Akzeptanz des Individuums, der eigenen Menschlichkeit, so wie sie ist, d. h. fragmentarisch und an seinem Dasein leidend (siehe Glossar der philosophischen Werke - 2001, S. 31). Dies legt Gedanken über die Auswirkungen der Werke von M. Proust und Nietzsches auf die Ansichten von A. Camus nahe.

Es ist auch Simone de Beauvoir erwähnenswert2 , die seit vielen Jahren in der persönlichen Beziehung mit dem mehr als sie selber bekannten J. P. Sartre einen bedeutenden Einfluss auf seine Ideen und Kreativität ausübte (T. Honderich - 1998, S. 136-137). Obwohl sie selbst unterstreicht, dass sie seine Schülerin sei, kann man eher über ihre kreative Zusammenarbeit mit J.P. Sartre sprechen, der immer ihr als erster seine Werke zur Kritik und Debatte präsentierte.

Am meisten ist sie als eine Sprecherin für den Feminismus bekannt geworden, präsentierend eine existenzielle Sicht über die Situation von Frauen, wonach die von Männern regierte Welt den Frauen den Status der Anderen zuwies und Frauen in der Tat selbst für diese Situation verantwortlich waren, weil sie „statt Selbstüberschreitung Sicherheit wählten". In ihren späteren, reifen Werken folgerte sie, dass jeder Mensch - unabhängig vom Geschlecht - in seinen Entscheidungen weitgehend von den sozialen Bedingungen abhängig ist.

Im Ausblick auf das Problem der Freiheit des Individuums, blieb sie in Opposition zu J. P. Sartre, der behauptete, dass „ein Sklave in Ketten so frei wie sein Herr ist", während ihrer Meinung nach, in diesem Sinne - uneingeschränkte Freiheit - weder eine Gefangene, noch eine Konkubine in einem Harem haben. Sie unterschied zwischen zwei Arten von Freiheit: Die erste - die Fähigkeit bestehende Verhältnisse zu ändern - und die andere - die Fähigkeit, sie richtig zu nutzen.

Die Essenz dieser Übersicht enthalten ihre Worte: „Der Mensch ist der einzige und souveräne Meister seines Schicksals, wenn er nur will, so behauptet es der Existentialismus; darin liegt wohl Optimismus." (S. de Beauvoir - 1998, S. 179). Es wird angenommen, dass J. P. Sartre gerade von S. de Beauvoir inspiriert wurde, ein wichtiges existentielles Argument über die subjektiv wahrgenommene persönliche Freiheit des Einzelnen zu formulieren, die zwangsläufig mit der Freiheit der anderen Menschen verbunden ist.

Philosophisches Denken des Existentialismus basiert also auf der Phänomenologie und betont ihre Bedeutung als primäre Grundlage für das Verständnis der einzigartigen Erfahrung des einzelnen Menschen. Daher sieht man auf die Ereignisse, die analysiert werden, auf die Realität eher aus der Perspektive der Bedeutung, welche sie für eine bestimmte Person haben, als im Sinne der objektiven Erkenntnis, einer wissenschaftlich fundierte Definition oder der Bestätigung der hypothetischen Urteile. Schlüsselhaft sind für den Existentialismus die individuelle, persönliche Art der Erfahrung der Wirklichkeit und das Sinngeben jedem erlebten Phänomen.3

Der Existentialismus wurde eine wichtige philosophische Inspiration für humanistisch orientierte Psychologie und Pädagogik4. Solche Begriffe wie Bewusstsein eigener Existenz und Subjektivität erwarben neue Bedeutungen. Die Person ist in existentieller Hinsicht ein freies, offenes, intelligentes, kreatives und reflexionsfähiges Wesen, fähig, sich selbst zu bilden. Sie erlebt sowohl Glück, als auch dass sie existenzielle Krisen und Probleme durchmacht.

Das Wesen des menschlichen Daseins ist das Bewusstsein seines eigenen Schicksals, das eine Person als Subjekt definiert.

Eine Manifestation dafür ist die Fähigkeit des Individuums zum Bewusstsein und zum Erleben der eigenen Existenz, das Fühlen seiner Besonderheit, Kontinuität, Konsistenz und Intimität.

Es ist äußerst wichtig aus der Sicht des Gestaltansatzes und in den von mir unternommenen Forschungen, das Konzept des Überlebens zu klären, als einen umfassenden, hoch komplexen Prozess des Stellungsnehmens des Menschen zu den Tatsachen der Welt um ihn herum.

Der Mensch wird als eine Gesamtheit von psychischen und menschlichen biophysikalischen Phänomenen gesehen, bestehend sowohl aus den Inhalten und den Handlungen - traditionell zu kognitiven Prozessen (z.B. Wahrnehmung, Gedächtnis, Gedanken) gezählten - als auch emotionalen Erlebnissen, körperlichen Empfindungen, Absichten und allen anderen darin eingestuften Erscheinungen (siehe A. Widera-Wysoczańska - 2000, S. 58-59). Spuren dieser Erfahrungen verschwinden nicht, sondern bleiben irgendwie in der menschlichen Psyche und Körperlichkeit eingeschrieben - und diese sind das Thema meines Forschungsinteresses. Die persönlichen Bedeutungen, die das Individuum unter dem Einflusse der individuellen Erfahrung sich selbst und der umgebenden Welt gibt, bilden ein subjektives Kriterium der Wahrnehmung und Interpretation der eigenen menschlichen Erfahrungen und der den Menschen umgebenden Wirklichkeit. Dieses Wissen benutzte A. Widera-Wysoczańska (2000) in ihrer hermeneutischen Analyse des Phänomens des Übergangs und des Endes des Lebens. Die Autorin wies darauf hin, dass viele Psychologen den persönlichen, durch die Sprache der Metapher ausgedrückten Symbolen große Bedeutung geben. Denn sie sind Vermittler zwischen persönlichen Erfahrungen und Bedeutungen des Subjekts und der außersubjektiven Realität. Daher bildet die Auffassung, dass die Inhalte der menschlichen Erfahrung symbolisiert werden, nicht nur eine philosophische Behauptung, sondern sie ist auch eine wichtige Säule der Gestaltpädagogik.

Zusammenfassend lässt sich sagen: es scheint, dass wir uns für ein volles Verständnis der Gestaltpädagogik auf die Ideen des Buddhismus, der Ganzheitlichkeit und des Existentialismus beziehen müssen. Zu einem philosophischen Leitfaden wird das Nachdenken über das gesamte Verständnis der Welt und eine Reflexion über das Leben, dem jeder Mensch einen einzigartigen Sinn gibt5.

Ivica Kolečáni Lenčová (SK)
Gestaltpädagogik und Fremdsprachenlernen
Einführung in die Problematik

Die derzeitige dynamische Entwicklung der Gesellschaft, historische Veränderungen und laufende Innovationen verlangen die Vertiefung von demokratischen Beziehungen, eine Zivilisation, in der die Meinungspluralität akzeptiert wird, Vielfältigkeit von Kulturen, Vielgestaltigkeit der Welt, die nicht ohne Toleranz, Empathie und Kulturbewusstheit zu realisieren sind (Lenčová, 2010).

Durch die gesellschaftlich-ökonomischen Veränderungen wurden in der Slowakei neue Bedingungen für eine neue „Philosophie der Schule“ geschaffen - die traditionelle, auf die Leistungen orientierte Zielsetzung wird durch die humanistische Orientierung ersetzt, in der Erziehungswerte, Erlebnissphäre des Lernenden und Attraktivität des Unterrichts einen festen Platz haben. In der pädagogischen Praxis spielen Aktivität, Selbstständigkeit, Selbstverantwortung und Kreativität der Lernenden eine wichtige Rolle. Diese werden von den Arbeitsformen und Methoden des Lehrenden mit bestimmt und sind sehr eng an seine Persönlichkeit gebunden. Funktionen des Lehrenden als Wissensvermittler oder Kontrolleur werden durch andere wichtige Funktionen als Partner, Berater und Helfer ergänzt. Das transmissive edukative Modell wird durch das kommunikative interaktive Modell ersetzt (vgl. Homolová 2004). Neben der Fachkompetenz tritt die psychodidaktische Kompetenz in den Vordergrund (geeignete Bedingungen für den Lernenden zu schaffen, sein kreatives Denken zu aktivieren,…), die kommunikative Kompetenz gegenüber den Lernenden und Kollegen, die Kompetenz der Selbstreflexion (auf Grund der Selbstreflexion zu Schlussfolgerungen zu kommen, seine Arbeit innovieren, modifizieren zu können). Nur das Ausführen von Funktionen, Kompetenzen oder Kriterien selbst reicht nicht, wichtiger ist ihre Applikation in den konkreten pädagogischen Situationen als Ausdruck von neuen Beziehungen zwischen dem Lehrenden und dem Lernenden in Form der humanistischen Unterrichtsverfahren und Interaktionen. Dominierend sind die Lernenden mit ihren Interessen, Fähigkeiten und Wünschen unter der Bedingung des gegenseitigen Verständnisses und des Respekts zwischen ihnen und dem Lehrenden.

Die Vision der Schule der Zukunft ist die kreative Schule, in der „das Gedächtnisparadigma durch das Paradigma des kreativen Denkens und des verantwortlichen Tuns - mit dem Akzent auf der emotionalen und moralischen Entfaltung der Schülerpersönlichkeit - ersetzt wird. Statt des Enzyklopädismus werden Kreativität, Humanismus und Freude am Lernen präferiert“ (Petlák 2000, S. 105).

Die heutige Philosophie und fachliche Überzeugung über die Sinnhaftigkeit der neuen Orientierung ist nach Kosová (2006, S. 10) dadurch charakterisiert, dass der Akzent gelegt wird „auf die Aktivität, die Freiheit der Persönlichkeit und ihre Kraft, ihre eigene progressive, kreative Lebensweise für das Leben im neuen Jahrtausend zu entwickeln“.

Im Jahre 2002 wurde durch den Nationalrat und die Regierung der Slowakischen Republik Das Nationalprogramm der Erziehung und Bildung in der Slowakischen Republik für die nächsten 15 – 20 Jahre, Projekt Milénium genannt, eingeführt. In diesem Projekt wurden neue Wege und Ziele der Schule angeführt - im Einklang mit der Humanistischen Pädagogik unter der Berücksichtigung der transformativen und zukünftigen Aufgaben unseres Schulwesens und der neuen Trends im Bereich Bildung und Erziehung. Die Leitidee ist die Humanisierung der Schule, die die gleichzeitige Verwirklichung im ganzen Schulsystem und in der Arbeit der Lehrkräfte konkret voraussetzt. Im Teil Allgemeine Ziele und Prinzipien des Projekts Milénium wird dargelegt, dass man neue Methoden, u.a. Methoden der Entwicklung der emotionalen Intelligenz, Metamotivation, Prosozialisation, Kreativität und der hohen ethischen Verantwortung anwenden sollte.

Fremdsprachenlernen und gestaltpädagogische Ansätze

Die aktuellen pädagogischen Fragen und didaktisch-methodischen Fragen der Fremdsprachendidaktik, die zusammenhängen, knüpfen an die Umgestaltung der Bildung und der Erziehung in Richtung Humanisierung und Förderung der Kreativität und Emotionalität an. Die Fremdsprachendidaktik spiegelt in jeder Zeit die gesellschaftlich-politischen Forderungen wider, die die Gesellschaft in den legislativen Dokumenten zum Ausdruck bringt. Sie steht in enger Verbindung mit Bezugsdisziplinen wie Neurowissenschaften, Psycholinguistik und kognitive Psychologie, deren neueste Erkenntnisse in die edukative Realität einzubauen sind. Theoretische Konsequenzen sollen in ihrer transformierten Form (als methodisch-didaktische Implikationen) in die schulische Praxis zurückwirken. Das Ideal, dem im modernen Fremdsprachenlernen gefolgt wird, ist die ganzheitliche Entwicklung der Schülerpersönlichkeit, die ausgeglichene Entfaltung der informativ-bildenden und der formativ-entwickelnden Sphären. „Eine der Aufgaben des Lehrers der humanistisch orientierten Schule ist es, offen gegenüber den Schülerbedürfnissen zu sein und die Schüler möglichst zur Orientierung an den höheren Bedürfnissen anzuregen“ (Lenčová 2006, S. 51). In einem so orientierten Unterricht fällt den künstlerischen Medien (Literatur, bildende Kunst etc.) dank ihres Reichtums an Werten, die die einfache Darstellung der Realität überschreiten, eine spezifische Funktion zu. Kunstwerke mit ihren Botschaften und Signalen geben dem Lehrenden ein wirkungsvolles Medium in die Hand, den Lernenden zu aktivieren, seine emotionalen Sphären zu fördern und dadurch den Unterricht um die Qualitäten der kreativ-humanistischen Pädagogik zu bereichern (Lenčová 2006).

Der direkte Kontakt mit Kunst findet in Form des interkulturellen Dialogs als lebendige Begegnung des Lernenden mit dem Kunstwerk statt, die an die Wahrnehmung und das Erlebnis als Grundbedingungen der Selbstreflexion und -identifikation des Lernenden anknüpft und ihm die authentische Erfahrung auf dem Such- und Entdeckungsweg gewährleistet. Durch den Kontakt mit Kunst werden Wertprozesse, kreatives Denken, non-kognitive Charakteristiken der Persönlichkeit (Gefühle, Motivation, progressive Affinität zu den Werten) unterstützt. In diesem Kontext scheinen uns gestaltpädagogische Arbeitsformen und Methoden geeignet zu sein, dem Lernenden viele Möglichkeiten für den Selbstausdruck und die Identitätsdarstellung zu bieten (Lenčová 2008).

Die Gestaltpädagogik als eines der humanistischen reformpädagogischen Konzepte verbindet die persönlichkeitsfördernden Ansätze und Methoden der Humanistischen Pädagogik und Psychologie, der Gestalttherapie, des Psychodramas und der Gruppendynamik. Mit ihrem Blick auf den Lehrenden, seine persönliche Entwicklung und berufliche Identität, seine Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion ermöglicht die Gestaltpädagogik ihm und dem Lernenden, die Begegnung mit Lerninhalten als Prozess „persönlich bedeutsamen Lernens“ erfahren zu lassen, außerschulische individuelle Erfahrungen aus den Lebensgeschichten in den Unterricht einzubeziehen, möglichst multiplex Sinnesebenen zu berücksichtigen, das aktive Zuhören, Kritik und Selbstkritik einzuüben. Durch die Verwendung von Spielen, Identifikationsübungen, „gelenkten Erinnerungen“ (Phantasiereisen) und kreativem Experimentieren wird eine positive lernanregende Atmosphäre aufgebaut. Das Nonverbale wird mit dem Verbalen eng verbunden.

Zu den wichtigen Methoden der Gestaltpädagogik gehört die Identifikation - man geht von der Voraussetzung aus, dass prinzipiell alles (Informationen, Probleme etc.) eine persönliche Bedeutsamkeit für ein Individuum gewinnen kann. Ein solches Lernen durch Identifizierung mit Personen, Gegenständen oder Bildern kann in vielen thematischen Bereichen ermöglicht werden und fördert Motivation und Gedächtnisleistung. Der Lernende kann aus einem neuen Blickwinkel das ihn Umgebende wahrnehmen und reflektieren. Phantasieübungen oder gelenkte Erinnerungen ermöglichen den Lernenden zusammen mit ihrem Lehrer Begegnungen zu erleben, bei denen die affektive Seite des Lernens betont wird, wobei das Erlebte durch szenische Darstellungen ergänzt und bereichert werden kann. Die Lernenden können sich gegenseitig besser kennen lernen, sind aktiv und die Leistungsschwächeren fühlen sich nicht diskriminiert. Im sprachlichen Bereich werden besonders stark die sprachliche Interaktion, Argumentationsfähigkeit und die Fähigkeit, eigene Gefühle in differenziertem Wortschatz zu äußern, geübt. Nicht zuletzt werden bei den Lernenden kreatives Vorstellungsvermögen, Imaginationskraft und Erfindungsreichtum gefördert. Die Methode des Körperkontakts und der Bewegung tragen dazu bei, dass in den Fachunterricht die körperliche Dimension einbezogen wird und dadurch das Körperbewusstsein beim Lernenden gefördert wird (Lenčová 2007, 2008).

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9783897976009
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